+ Viktor Luntz wurde am 8. März 1840 in Ybbs an der Donau in Niederösterreich geboren, kam 1847 nach Wien, wo er nach Vollendung der Normalschule an der Realschule auf der Landstraße studierte und daselbst ein außergewöhnliches Talent im Zeichnen bekundete. Zu seiner weiteren Ausbildung besuchte Luntz die Technik (1856—1860), und nach Absolvierung derselben, unter den Professoren Van der Nü 11, v. Siccardsburg und Schmidt, die Architekturschule der Akademie der bildenden Künste (1860—1864), an welcher er einen Gundel- und einen Füger-Preis und ein Anerkennungs - Diplom erhielt. Während seiner akademischen Studien erlernte Luntz auch das Maurerhandwerk. An der Akademie wandte sich Luntz insbesondere und mit Feuereifer der mittelalterlichen Baukunst unter Schmidt zu, in dessen Atelier er 1864 eintrat und bis 1867 als Bauführer der St. Othmar-Kirche unter den Weißgärbern tätig war. Infolge seiner ausgezeichneten Leistungen erhielt Luntz von der Akademie das große Staats-Reisestipendium, welches ihn 1868 und 1869 nach Italien, der Schweiz Westdeutschland, Spanien, Portugal und Frankreich führte. Seine daselbst gemachten Reisestudien gehören zu den genauesten und hervorragendsten zeichnerischen Leistungen, die je von Schülern der Akademie gemacht wurden. Nach seiner Rückkehr trat Luntz neuerdings in das Atelier Schmidts, in welchem er mit Franz R. v. Neumann und Max Fleischer von 1870—1885 als Bauführer des Wiener Rathauses in hervorragendster Weise tätig und seinem Meister ein stets treuer Gehilfe war. Gelegentlich der Schlußsteinlegung bei diesem Baue wurde Luntz von Sr. Majestät das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens und von der Gemeinde Wien das Bürgerrecht verliehen. Nach dem Tode Ferstels wurde Luntz 1885 als Professor für altchristliche und mittelalterliche Baukunst an die Technische Hochschule in Wien berufen, von wo er 1891 — nach dem Ableben seines Meisters Schmidt — als dessen Nachfolger an die Architekturschule der Akademie der bildenden Künste übertrat. Sein unermüdlicher Pflichteifer und die Freude, seine Jünger in die mittelalterliche Baukunst einzuführen, sichern ihm gewiß den größten Dank seiner Schüler. Der schöpferischen Kraft Luntz’ entsprangen Bauwerke, welche in edlen Formen und Verhältnissen seine Meisterschaft in der von ihm beherrschten Stilrichtung bekunden. Nur an zwei Bauten, dem in der Reisnerstraße 48 in Wien ausgeführten Familienhause und der Staatsrealschule in Sechshaus in Wien, hat Luntz Renaissancewerke geschaffen, während er alle seine anderen Schöpfungen im Geiste mittelalterlicher Bauweise ausführte. Seine Mausoleums-Bauten in Gurkfeld und Warnsdorf, das Grabdenkmal für seine Eltern, jenes für^seine Gattin, sowie das für seinen Lehrer Schmidt, der Jubiläumsbrunnen in Scheibbs, insbesondere aber die im Baue begriffene Kaiser-Jubiläums-Kirche in Wien geben Zeugnis seiner Meisterschaft. Aber auch als Restaurator der „Spinnerin am Kreuz“ in Wien und der Kirche „Maria am Gestade“ in Wien hat Luntz sein eminentes diesbezügliches Verständnis und Können bewiesen. Für die Restaurierung und Freilegung der Minoritenkirche in Wien liegt dessen Projekt für die Ausführung bereit. Dem Vereine „Wiener Bauhütte“, zu deren Gründern Luntz gehörte, wendete er zeitlebens sein besonderes Interesse zu, so daß er deren Ehren-Mit- glied und später deren Ehren-Vorstand wurde. Als Mitglied der Zentral-Kommission für Kunst- und historische Denkmale und als Konservator hatte Luntz Gelegenheit, eine für die Erhaltung vaterländischer Baudenkmale höchst ersprießliche Tätigkeit zu entfalten, wodurch er sich viele Verdienste erwarb. Luntz wurde für seine hervorragenden künstlerischen Leistungen von Sr. Majestät dem Kaiser mit dem Orden der eisernen Krone dritter Klasse und vom König von Rumänien mit dem Ritterkreuze des Kronenordens ausgezeichnet. Viktor Luntz vermählte sich am 17. Februar 1874 mit Auguste Wiele- mans Edle v. Monteforte, Schwester des Ober-Baurates Alexander v. Wiele- mans, welche ihm jedoch schon am 2. April 1885 durch den Tod entrissen wurde. Dieser kurzen glücklichen Ehe entstammen fünf Söhne, denen Luntz nicht nur ein sorgsamer Vater, sondern auch der beste Freund war; mit ihnen führte er ein Familienleben, wie es so schön selten vorkommt. Ernst und edel in seinem Denken und Handeln — wie wenige — war Lu nt z ein durch und durch feinfühlender Künstler, dessen Können von höchster Begabung zeugte und ihm durch seine Leistungen einen ehrenden Platz in der vaterländischen Kunstgeschichte sichert. Diejenigen, die Luntz näher kannten, fühlten sich von ihm angezogen und bewunderten an ihm mit wahrer Freude nicht bloß seine feine künstlerische Empfindung, sondern auch nicht minder seinen edlen Charakter. Seine Einfachheit und seine Bescheidenheit läßt sich nicht leicht besser zum Ausdruck bringen, als in dem folgenden Spruche, welchen er seinem Monogramm-Zeichen beifügte: Rechter Winkel, spitzer Winkel, Ohne Stolz und ohne Dünkel, Schlicht und wahr in Wort und Tat, Allzeit sich bewähret hat. , Mit Viktor L u n t z ist ein Künstler dahingegangen, der in der Blüte seines Schaffens stand ; ein jäher Tod hat diesem edlen Menschen und Künstler am 12. Oktober 1903 ein vorzeitiges Ende bereitet. Der Österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein verliert in Luntz ein treues, langjähriges Mitglied, eine Zierde des Vereines. J/ttäwig Wächtler. Sonderabdruck aus der „Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines“ 1903, Nr. 48. Im Selbstverläge des Verfassers. — Druck von R. Spies & Co. in Wien.