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Ich habe mir vorgenommen, die Parthey aller sogenannten Darren zu nehmen, und gründlich zu beweisen, daß diejenigen, die gemeiniglich dafür gehalten werden, es nicht srnd, und mit einem Worte gesagt, daß es kei- A 2 nen G 4 G r»en Narrn in Men, und, wie es mein Beweis darthun wird , auch nicht einmal auf der grossen und weiten Welt gebe. Zu Beweisung dieser Wahrheit ist es ganz unumgänglich nothwendig, die Definition, oder Beschreibung, eines Narrn vorauszusetzen, und dann die sogenannten Narren selbst, nach dieser festgesetzten Definition, zu be- urtheilen. — „ Ein Thor oder ein Narr, ist derjenige, ( ich nehme hier die Definition an, die uns Herr Gottsched im io94ten §. des ersten Theils seiner Weltweisheit giebt , ) der unfähig ist , geschickte Mittel zu seinen Absichten zu erfinden, und alle feine Handlun- S) s T Handlungen mit dem letzten Zwecke zu verknüpfen. " Nun will ich einmal eine Reihe von allerley sogenannten Narren vor uns vorübergehen losten, um'zu prüfen , ob sie denn in der Thar auch Narren sind. Herr Jeßrnin treten Sie her ! Man betrachte einmal dieses artige Ge- schöpfchen — Sein Haar ist von der tändelnden Hand des französischen Friseurs so hoch in die Höhe und Breite gedehnet, daß Jeßmin nie, ohne Gefahr anzustosten, durch die Thüren gehet. Hingestreute Wolken von Puder liesten sich auf die duftend» Pomade nieder, und färbten dadurch sein blondes Haar weis. Uiber die Schul- A z lern G 6 G tern hängt eine Maschine herab, die er Haarbeurel nennet, die mit kleinen Bändern und Maschen artig ge- zieret ist. Der linke Arm zerpresset ein übergezogenes Stück Filz , und an eben der Seite hängt der polierte Degen herab. — Die gemachten Waden sind in einen seidenen Strumpf gewickelt, und ein paar schimmernde Schnallen erheben sich auf der Spitze der Zähen, und bedecken die ganze Oberfläche des Vorden'ußcs. — Ein wohlriechendes Nadelküsschen, ein seidenes Schnupftuch, einige B-lsam- büchschen und neumodische Tabaksdosen , ßini^e geraubte Strumpfbänder, oder verwelkte Blumensträusse, einige verliebte Sonneten, und erhaltene Hand- G 7 G Handschreiben, ein paar Romanen , ein Spiel Karren, ein Spiegel/ ein Kamm, eine niedliche Puderschachtel, und endlich ein Cchminkbüchschen , damit sind seine Taschen angefüllet.— Es wird gewis Leute geben, Herr Jeßmm ! die unvernünftig genug sind, Sie sür einen t^arm vom ersten Range zu halten, und dennoch sind Sie es nicht. Ein Thor ist der , der unfähig ist, geschickte Mittel zu seinen Absichten zu erfinden; Sie aber sind sehr fähig, sehr geschickt , die dienlichsten Mittel zu Ihren Absichten zu erfinden; nämlich Sich der heuriFen Mode gemäß einzurichtcn, folglich find Sie kein Narr. Treten Sie nur ab. — A 4 Herr G 8 G Herr Bellamsr kommen Sie näher. Wie ähnlich ist doch Bellas msr Jeßminen ! — Nur das ist dr'r Unterschied, daß aller Putz, mit dem Jeßmin sich geschmücket hatte, sein Eigenthum war , und daß Bellas mor auf eben die Art zu dem si'insi gen gekommen ist, als die nachge- machte Lady Elisabeth Lawrence in d?r Clarijse zu dem ihrigen gekommen war, und diele hatte ihn gemiethet.—7 Ist Bellamsr nun denn ein Narr?— Nein ! Er hatte die Absicht , den Geldkastrn einer Foja'hngerr Schönen zu erobern , folglich ist er nicht ungeschickt , dicnsame Mittel zur Erreichung feiner Absichten zu erfinden ; folglich O G 9 G ist er kein Narr. — Herr Belkamox traten Sie ab. — Dort sichet eine seltsame Figur, Es isi ein junger Mensch , er thut nichts als Lachen, — Wie ist .Ihr Name, mein Herr ! — — Endlich kommet die von einem unaufhörlichen Lachen lange niedergehaltene Antwort hervor: Ich heisse Herr Fl-ndo. — Herr Florido treten Sie her. Itzt spricht er, und was? — Ein unendlich frostiger Einfall. Er spricht wieder — Noch ein Einfall — Noch einer — Noch einer — Läppischer kann nichts seyn. Und dennoch ist Florids nichts weniger als ein Narr. — Ec hat gehört , daß heutiges Tages drrje- A s mge G io G nige, der in Gesellschaften ein ernsthaftes Gesicht behielt, oder nicht häufige Einfälle ausstreute, für einen einfältigen Menschen gehalten würde. Um nicht dafür gehalten zu werden, fetzet er sich die Absicht vor , recht häufig zu lachen, und in Erfindung witziger Einfälle recht geschäftig , und mit ihrer Bekanntmachung recht freygebig zu werden. Diese Absicht zu erfüllen , sinnet er dienliche Mittel aus, und siehet sie dadurch wirklicherfüllt. Folglich ist er kein Narr. —- Itzt , da ich mich nach einem neuen sogenannten Narrn umsehe, entsetze ich mich nicht wenig, als mir rin lang gewachsener Mensch auf einem unge- G) n G ungeheuer» hohen Pferde in die Augen fiel. Ein grosser Huth hänget ü- ber beyde Schultern herab. Von der linken derselben bis zur rechten Hüfte hänget an einem breiten ledernen Gehänge ein langer Hieber hin. Er kommt näher , Ich. Ich. mein Herr! Wer sind Sie? — ( Raufbold ) Ich heisse Raufbold. — Und sind— Raufbold. " Ein Renomist! " Ich / Ich habe alle Hochachtung für Cie , Herr Raufbold. — Raufbold. Ich heisse Bruder Raufbold. — Ihr süssen Herren möget euch Herren nennen lassen , ich hrisse Bruder-, Bruder Raufbold , und der mich anders nennet , den haue ich, bcy meiner Seele , ü- ber die Ohren.-Ich. — Nun denn G 12 G denn Bruder Raufbold! Es giebk Leute, die dich, und deines gleichen für sehr grosse Darren halten , und dennoch bist du es nicht. Nicht wahr? Du glaubest, es lasse schön , so aus- sehen, wie Du. Das hast Du dir zur Absicht gemacht. Dazu hast Du geschickte Mittel zu wählen gewußt , folglich bist du kein ^larr. Reite nur weiter, Raufbold. Lebe wrchl Bruder , leb wohl ! — ! — ! Dort hüpfet ein artiges Männchen her. Ich kenne Ihn schon. Es ist der Sohn des Herrn St ^ ^ ^ . des alten ehrlichen deutschen Kaufmanns am Markte. Er kommt mir so verändert vor ; Ach irre mich doch wohl nicht G iz G nicht ? Sind Sie nicht Heer St***. Es da hat gewesen eine Zeit, da ich mich nennte so, aber itzt mich nenne Monsieur D-ux. — Ich Verstehe Sie Herr St***. Sie wissen, daß, wenn man heutiges Tages sein Glück machen will, man nothwendig zu der Nation gehören müsse , bey welcher Sie sich, wie ich gehört habe , drey Monat aufgehalten haben. Sie machten es sich also zur Absicht, der Welt einzubilden, daß Sie zu dieser Pation gehörten, oder daß Sie wenigstens Verstand genug befassen , an den Thorheiten derselben Geschmack zu finden. Hierzu erfanden Sie dienliche G 14 O liche Mittel. , Sie sind folglich kein Narr. Hüpfen Sie fort.- Wer ist dev alte ausgedörrte Mann, der dorr langsam herkeucht ? Herr Harpax ist es , ich kenne ihn. Er ist ein reicher Mann , und hat doch seit 22 Jahren nichts als Brod und Wasser genossen, und auch dieses nur alsdann , wenn Hunger und Durst ihn ohnmächtig machen wollten. Er hat sich in alte Lumpen gehüllet; obgleich er Geld genug hätte- , sich in Goldstücken zu kleiden. Er bewohnet ein kleines Zimmer , in einer niedrigen Hütte ; obgleich es ihm nicht an dem Vermögen fehlet, Palläste zu kaufen. Ist Harpax denn ein Narr G O Narr? — Nein! Fürwahr, Er ist nichts weniger , als dieses; Har- pax sähe es eiti, daß der Reichthum das sicherste , daß er das einzige Mittel ist , sich alles , was man wünschen kann Ehre, Verdienst, Gelehrsamkeit, Gunst der Grossen , Freuuds voa allerley Arten und Geschlechts» , u. s. w. zu erwerben. Diesen Reichthum sich also zu erwerben, setzet sich Harpax zur Absicht vor, und in dieser Absicht vertieft, richtet er seine Handlungen. ein. — Ey Harpax ist kein Narr. — Kriechen Sie nur wieder in Ihr Hüttchen zurück. Herr Harpax! und fahren Sie fort zu spahren. Ich habe Sie hierum ru G 16 O zu bitten in dem Namen Ihrer gs- fälligen Erberu-- Herr von Schem > der mit al- kerley Orden behangene Mann , detz dort^von L Hengsten sich herschlepr pen läßt, ist wahrlich kein ^larr , wenn gleich manche seltsame Leuts ihn hinter seinem Rücken so nennen, db sie gleich , wenn sie sich die hohe Gnade erbettelt haben, ihm unterthä« Nigst aufwarten zu dürfen , seiNeti scharfsinnigen Verstand , unter tausend tiefen Verbeugungen nicht hoch genug zu erheben wissen. Herr von Schein wußte es wohl , daß man nichts ist , so lange man noch nicht tn vergoldeten Kasten , sich durch die die längen Gassen kann hittrollen las« ftn ; so lange man noch nicht sechs Stunden an der überhäuften Tafel lie«» gen, und zwanzigmal mehr zu essen vor sich hat, als man essen kann Z so lange man noch nicht — mit einem Worte,—so lange man noch nicht ein Herr von Schein ist. Deßwe- gen richtete er seinen Zweck der Absicht - dieses einmal zu werden, ein. Und es gelang ihm auch , daß er diese erreicht hatte, indem er sich, durch die ganz von ohngefähr ihm zugeflossene Gunstbezeuguttgen einer jungen geheimen Rä'khinn , aus dem Kammer- diener Ihres Gemahls, bis zu dem nun mit Orden behangrnen Herrn v. Schein emporschwung. Herr von Schern rollen Sie nur vorüber , und - ^ B nehmen G 78 G nehmen Sie die Versicherung in ihrer Kutsche mit, falls Ihr Bauch noch . einigen Raum übrig läßt, daß Sie kein Narr sind. — Dort nahet sich der alte Finster. Er ist , das glaube ich, weil er e< gern will , und weil sehr viele es glauben, ein gelehrter Mann : das aber glaube ich auch , weil er es nicht gern will, und weil sehr, sehr diele es glauben, daß er ein unausstehlicher Pedant isi. — Herr Finster lernte, als er zu vernünftigen Jahren kam, und dieses geschähe , weil in seinen Jugendjahren auch schon die Mode war, daß man dazu sehr spät gelanget, erst sehr spät; Herr Finster also, sage ich , lernte, als er r» G 19 s zu feinen vernünftigen Jahren kam , einsehen, daß mancher alte Jgnerant durch seine gelehrte Miye dem Pöbel von allerley Gattung und Alter einbildete , daß er in der Lhat gelehrt sey. Deßwegen erfand er Zwecke zu der Absicht, die er sich nun vorzusehen anfieng, auch einmal eine solche Mine anzunehmen. Da er diese Zwecke erfinden konnte, ist er kein Narr. Er gehe also gerechtfertigt, mit steifen abgemessenen Schritten, vorüber. Sie machen Verse, Herr Reim- reich? „ Ey ja , ich singe meinem geliebten Schutzgott BachuS zuweilen ein Liedchen, und lege dann und wann rin Opfer hin auf den Altar der Mo- degöttinn Venus. " Wäre es nicht B - un- G so T unbillig , Herrn Rermrerch einen Narrn zu schelten ? Er sah ein , daß man , wenn man in unseren Tagen gelesen werden will , wenn man hoffen will, über seine Arbeiten das Lob aller möglichen Rezensenten hinblaien zu Horen , man nichts anders schreiben darf, als Lobelieder des Sauftns , oder der Geilheit. Er wußte also seine Leyer zu solchen Liedern anzustimmen , und dadurH seine Absicht zu erreichen. Er fieng an zu spielen , und eben so häufig , als die Schilderung vom goldenen Rebensaft , oder entkleideten Nymphen , undLilren- gleichen Mädchenfthenckeln , von seiner Leyer strömten nun, von allen Seiten Lobeserhebungen von wirklichen wahre» Rezensenten , und von sy« G 21 G solchen Leuten , die auch gern Rezen- senken verstellen möchten, auf ihn zu. Ist Reimreich denn nun ein Narr? Ey, der fähig ist, geschickte Mittel zu seinen Absichten zu erfinden , der ist kein Narr. Folglich ist unser Reimreich kein Narr. Gehen Sie als- hin, Rermrerch ! und fahren Sie in Ihren aufmunrerungswür- digen Arbeiten fort- Das ganze Kollegium der Aerzte und Mundärzte hat mich ersuchet, Sie hierum , wenn Sie mir einmal aufstoffen sollten , zu bitten. Ich thue dieses hiemit, und füge noch hinzu, daß sich nicht Ihre angenehme Must dadurch stören lasse, wenn Sie etwa dann und wann, von einigen Vorwürfen einer gewissen inneren Stimme, die von etlichen blödsinni- Bz gen O 2A T jgen Leuten Gewissen genennet wird, erinnert werden^ sich einmal die letzten stunden J^res Lebens vorzusiellen , sich die Bilderoller frommen Jünglinge , die sie etwa, wie einige Wahnsinnige es nennen, verführt haben . könnten, vorzusiellen, sich einmal alle die Eigenschaften des Allwissenden vor- zustellen. Nein , Reimreich! dadurch lasset euch nicht irre machen. — Itzt geht Er weiter. — — Hier sind wir genöthiget , so diele sogenannte Thoren sich auch noch unseren Blicken zeigen, abzubrechen. Man wiederhohle nur noch einmal die Absichten , und die zur Erreichung dieser Absichten , erfundenen Mittel, aller derer Leute, die wir itzt vor O 2Z G vor uns vorüber gehen ließen. Me diese, und alle, die einige Ähnlichkeit mit ihnen haben, find wahrlich keine Narren; oder die Definition, die wir auf der 2 ten Seite dieses Stückes angeführt haben, und die man hier, um zu einer völligen Uiberzeu- gung zu kommen, daß wir die Wahrheit desjenigen Satzes , den wir zu erweisen uns vorgesetzt hatten , ganz richtig erwiesen haben, noch einmal überlesen wolle, ist falsch. Dieses ist aber nicht. Folglich ist der süsse Jeßmm , der sich nach der Mode einzurichten vorgesetzt hat; folglich der zusammengemie- thete Lellamor, der den Geldkastrn seiner Aojährigen Göttinn erobern wollte ; folglich ist der lächelnde witzig seyn wollende Fl-rmd-, der das ehrenrührige G 24 G rige Scheltwort eines Sonderlinges gefürchtet : folglich ist der ehrliche Bruder Raufbold, der glaubte, es ließ recht fein, das Ansehen eines Renomisten an flch zu tragen: folglich ist der französir- ie junge Srill, der recht wohl wußte , wie man sein Glück machen kann : folglich der alte eingetrocknete Harpax, dev den grossen Werth des Neichthums kannte: folglich ist Hr. v. Schein , den das Ohngefähr aus dem Staube zur Hoheit erhob: Hr. Finster, der auch gern gelehrt scheinen möchte: und folglich ist Reimreich - dieser Liebling der Musen, dieser bekehrte, würdige Freund, seiner bekehrten würdigen Freunde: folglich sageich, sind alle diese, und alle, die ihnen gleichen , nichts weniger, als Narren. — -ü 'i'Mk ? < t. FFr< 5X -»>'^ -"ii -'>7' 'L >FF / ^ öl X» -« tz, >S F/x >»- v ' X L'^ FF'H 5'.-FF "''' s" >5 .5-M W8 °D'^S UM WMU