GESUND WOHNEN UND FREUDIG ARBEITEN PROBLEME UNSERER ZELT VON OBERBAURAT LEOPOLD BAUER - V; i 9 i 9 KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & CO. G. M. B. H. IN WIEN ■* ' - J - .- I Wiener Stadt-Bibliothek 6 7005 A * - - .- # GESUND WOHNEN UND FREUDIG ARBEITEN PROBLEME UNSERER ZEIT VON OBERBAURAT LEOPOLD BAUER E. PROF. D. AKADEMIE D. B. K. ZU WIEN 19 19 | KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & CO. G. M. B. H. IN WIEN // COPYRIGHT xgig BY KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & CO., WIEN. DRUCK: CHRISTOPH REISSER’S SÖHNE, WIEN V. »Not ist unser sechster Sinn . . .« (Logau’s Sinngedichte). EINLEITUNG. esundes Wohnen ist die Vorbedingung für die Ge- VJI sundheit der Familie; die gesunde Familie ist wieder ihrerseits die Grundlage für das Gedeihen eines Staates. — Widerwillig geleistete Arbeit — Sklavenarbeit — ist die unausgiebigste aller Arbeit. Die menschliche Arbeit wieder zu einer freudigen zu gestalten, heißt daher soviel, als ihr Ergebnis zu vervielfachen und ein Volk im wahrsten Sinne des Wortes »reich« zu machen. Die Lösung dieser beiden Probleme scheint für die Zukunft unseres Volkes, ja überhaupt des ganzen Menschengeschlechtes, unendlich wichtig zu sein. In den folgenden Abhandlungen wird versucht, die Mittel und Wege, die zu diesen Zielen hinführen könnten, anzugeben. Eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse für die Gesamtheit des Volkes erheischt vor allem die Notwendigkeit, allen Menschen gesunde und angenehme Wohnstätten zu bieten. Dies ist aber — insbesondere im Gebiete der Großstadt — ohne eine durchgreifende Bodenbesitzreform nicht zu erreichen. Es wird als bekannt angenommen, daß die sogenannten Sozialisierungsbestrebungen auf industriellen Gebieten keine wirklich sachverständigen Fürsprecher haben. Bedeutende Fachleute auf sozialpolitischem Gebiete haben diese Fragen nach allen Richtungen erwogen und sind zu dem Resultate gekommen, daß eine Sozialisierung der meisten Betriebe eine gewaltige Herabminderung 3 der Leistungen zur Folge haben müßte und daher eine allgemeine Sozialisierung für die Volkswohlfahrt unbedingt verhängnisvoll wäre. In Bezug auf Arbeit und Arbeitsmittel wird daher der Privatinitiative immer ein großer Spielraum gewährt werden müssen, um technische und kulturelle Fortschritte nicht aufzuhalten. Ebenso irreführend und trügerisch als die Versprechungen bezüglich Gewinnanteilen an den Unternehmungen sind aber auch die Schlagworte über das angeblich berechtigte und begrüßenswerte Verlangen der Arbeiter nach stets sich steigernden Löhnen. Weder durch hohe Löhne noch durch Gewinnanteile kann für die große Masse das Problem, um das es sich handelt, gelöst werden. Dem Volke Banknoten statt Brot und Wohnung zu bieten, ist nicht besser als ihm Steine statt Brot zu geben. Denn Geld an sich ist ja nicht das erstrebenswerte Gut der Welt, sondern es stellt nur eine Anweisung auf die wirklichen Güter, deren der Mensch zu seinem Leben bedarf, dar. Wie aber, wenn diese Anweisungen nicht durch richtige Werte eingelöst werden können? Dann ist der Lohn, dann ist das Geld überhaupt nichts als eine Ziffer! Durch die stetige Erhöhung der Lohnforderungen verschiebt sich nur der Wert der Geldeinheit, und binnen kurzem ist wieder der frühere Zustand hergestellt, der es dem Arbeiter nach wie vor nicht möglich macht, seine Lebensführung auf ein höheres Niveau zu bringen und irgendwelchen Wohlstand zu begründen. Denn durch die höheren Löhne wird nicht ein Kilogramm Ware mehr erzeugt, ja im Gegenteil, die Produktion wird durch sie erschwert und der Begriff über Geldwert in folgenschwerer Weise verwirrt. Hinterdem Geld steht eben als unerbittlicher Währungsfaktor die menschliche Arbeit. Arbeitet ein Volk zu wenig, so geht die Produktion an Nahrungsmitteln und Gütern 4 zurück, der Geldwert verschlechtert sich, und der Arbeiter ist trotz des hohen Lohnes um den Ertrag seiner Arbeit betrogen. Wäre also auf dem Gebiete der industriellen Arbeit das Prinzip einer kommunistischen Gemeinwirtschaft undurchführbar und gefährlich, so verhält es sich mit dieser Frage bezüglich Grund und Bodens ganz anders. Wenn wir einen Augenblick davon absehen, auf welche Art und Weise sich im Laufe der Jahrtausende das Recht auf Grund und Boden herausgebildet hat, so müssen wir gestehen, daß nach göttlichem und natürlichem Recht der Boden gemeinsames Eigentum aller Menschen ist: er ist kein Erzeugnis der Menschen, er wurde nicht durch Arbeit eines Einzelnen oder Vieler gewonnen, er war von jeher vorhanden, und mithin müßte jeder Mensch sozusagen mit seiner Geburt ein Anrecht auf einen Teil dieses Gutes erhalten. Alle Reformen, die sich diesen Grundsatz zum Leitstern nehmen, sind daher gerecht und müssen umsomehr angestrebt werden, als sich hier der einzige Weg zeigt, der aus dem Elend des unseligen Systems, einen Großteil der Menschen in den entsetzlichen Quartieren der Großstadt zusammenzupferchen und daher zu einem menschenunwürdigen und freudenlosen Dasein zu verdammen, herausführen könnte. Eine wirkliche Verbesserung der materiellen Lage aller Volksschichten kann sich nur ergeben durch 1. eine Reform des Wohnungswesens, 2. eine Reorganisation der Arbeit mit dem Ziele, einen möglichst großen Teil derselben zu einer angenehmen Tätigkeit zu gestalten, 3. Teilnahme der Stadtbevölkerung an der Nahrungsmittelerzeugung, was durch eine Boden- und Wohnungsreform ermöglicht werden soll, 5 4- eine Steigerung der Ergiebigkeit der Arbeit durch technische Fortschritte, 5. Aufschließung neuer Energiequellen, 6. Ersparnisse jedes unnützen und überflüssigen Verkehrs und 7. Beschränkung der derzeit üblichen maßlosen Verschwendung an Energie und wichtigen Rohstoffen. Nur jene Regierung, die sich nicht damit begnügt, auf demokratischer Grundlage zu stehen, sondern die von vornherein auch derartige Leitsätze in ihr Programm aufnimmt und mit allen Mitteln bestrebt ist, diesen Leitsätzen entsprechend zu handeln, wird den Aufgaben unserer Zeit gerecht werden können. Vor allem müßte sie sich darüber klar werden, daß jene glänzenden Agitatoren, die vortrefflich dazu geeignet waren, das Alte und Morsche der früheren Institutionen zu stürzen und die vermöge ihrer hervorragenden Rednergabe das Volk leicht zur Begeisterung hinreißen können, nicht immer dazu befähigt sind, schöpferisch und aufbauend zu wirken. Wir brauchen aber viel notwendiger Männer, die handeln, als Politiker, die reden können; denn nur Taten werden uns aus dem Schrecken und Wirrsal der heutigen Zeit einer besseren Zukunft entgegenführen. Es müßte demnach die erste Sorge der Regierung sein, sich der Mitwirkung aller wahrhaft schöpferischer Geister zu versichern und diese der Volkswohlfahrt dienstbar zu machen. Zu diesen schöpferischen Kräften gehören vor allem die Pioniere aller Arbeit: die Techniker und Architekten. Gerade diese Elemente treten politisch nur wenig hervor; sie arbeiten und schaffen in der Stille, aber sie bieten sich niemandem an, auch nicht dem Volke, daß sie so sehr benötigt. Sie müssen vielmehr gesucht und an den richtigen Posten gesetzt werden; und diese Aufgabe obliegt der Regierung, da das allgemeine Wahlrecht niemals als 6 Bürgschaft dafür angenommen werden kann, daß die außerordentlichen und begabtesten Menschen, die ein Land besitzt, vom Volke gewählt werden. Denn bekanntlich erkennt die große Menge ihre bedeutenden Männer meistens erst dann, wenn sie schon im Grabe ruhen. Auch der jetzigen Nationalversammlung hat das allgemeine Wahlrecht nur ganz vereinzelt bedeutende Männer aus diesen Gebieten zugeführt, obwohl ganz fraglos die wichtigsten Probleme, welche die Regierung in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen werden, zum größten Teil technischer, finanzieller und sozialer Natur sind, zu deren Lösung unbedingt ganz hervorragende Fachkenntnisse auf dem Gebiete aller technischen Wissenschaften gehören. Es wäre zu erwägen, ob bei künftigen Wahlen der oben erwähnte Fehler nicht vermieden werden könnte, etwa in der Art, daß technische und wissenschaftliche Korporationen ihre hervorragendsten Mitglieder den politischen Parteien namhaft machen, damit die Wählerliste in passender Weise ergänzt werde. Man verlange aber dann nicht etwa, daß solche Männer, die gewiß jeder Volksvertretung zur Zierde gereichen würden, sich der Parteipolitik irgend einer Partei unterstellen. Wissenschaft und Technik streben nach ewigen Zielen zur Erlösung der Menschheit. Die Ziele einer politischen Partei hingegen umfassen fast stets nur die beschränkten Ziele der Partei, und nichts ist vom Standpunkt der Menschheit unfruchtbarer als bloße Parteipolitik. Der Politiker muß stets das Programm seiner Partei im Auge behalten, wenn er seinen Einfluß nicht verlieren will; die Wohlfahrt der Menschheit darf ihm nur insoweit als erstrebenswert gelten, als sie in den Rahmen seiner Partei paßt. Daher schafft auch jede Partei nur für den Tag, nicht für die Dauer und sucht vor allem die Stimmen der Massen zu gewinnen, was ihr als Höchstes dünkt. Der Kampf um die Gunst des Volkes erdrückt und lähmt aber jede positive Tätigkeit, 7 welche das Volk doch wieder anderseits in erster Linie benötigt. Positive Arbeit wird vor allem von den Männern der Technik, Wissenschaft und Kunst geleistet; ihre Wirksamkeit ist der allgemeinen Volkswohlfahrt gewidmet und müßte daher unabhängig erhalten bleiben von den politischen Gesichtspunkten und Bestrebungen der Parteien. VOM GESUNDEN WOHNEN. B ringt den Menschen aus dem Häusermeer der Stadt wieder zur Natur zurück! Zurück zu Bäumen und Wiesen und ihren tausend Wundern und laßt ihn wieder so recht aus voller Lunge frische Luft atmen — und ihr habt aus einem stumpfen, mißgelaunten Arbeitsmenschen einen Glücklichen gemacht! Schon einleitend wurde dargelegt, daß und aus welchen Gründen eine Reformierung des Besitzes an Grund und Boden wünschenswert ist und dieselbe jeder Reformierung des städtischen Wohnungswesens vorangehen müßte. Durch die große Bevölkerungszunahme, welche die Städte gerade im 19. Jahrhundert erlebten, sahen sich die Stadtvertretungen mangels besserer Einsicht dazu bewogen, die Baugründe aufs äußerste ausnützen zu lassen. Die Städte (deren Einwohnerzahl im Deutschen Reich im Verlaufe von 100 Jahren nach den Darlegungen von Damaschke um annähernd 36 Millionen gewachsen ist) haben sich alle bedeutend ausgedehnt. Die alten Festungswälle, wo sie etwa noch vorhanden waren, mußten fallen, aber ein schlimmerer Wall, als ihn jene alten Befestigungen für die gesunde und naturgemäße Weiterentwicklung der Stadt ergeben hatten, erstand durch die neuen Vorstädte, welche nun wie ein steinernes Meer den Stadtkern umgeben. Da das Wachstum der Städte in erster Linie durch die Ausbreitung der industriellen Arbeit bedingt worden war, so gehören 9 die Einwohner dieser neuen Stadtteile meistens dem Arbeiterstande an; das Wohnungselend hängt mithin innig mit der Mechanisierung der menschlichen Arbeit zusammen, und fast zur gleichen Zeit, als die Arbeit eben durch die Mechanisierung zu einer freudlosen Beschäftigung wurde, entstanden auch die tristen Massenquartiere der Proletarier. Ein großer Teil der Bevölkerung sah sich daher gleichzeitig von zwei Seiten bedrängt: die tägliche Beschäftigung bot keine Freude und die Wohnstätte keine Heimat mehr! Welchen Klang hatten in früheren Zeiten für das Volk die Begriffe: Vaterhaus, Geburtsort, und wie viele heilige Erinnerungen der Kindheit knüpfen sich an diese Worte! Selbst der Begriff »Vaterland« baute sich auf den Gefühlen auf, die durch das seelenverschlingende Ungeheuer der Großstadt mehr oder minder entwurzelt oder ertötet worden sind. Auch der Bemittelte, der sich ja bessere Wohnungsverhältnisse vergönnen konnte als der Proletarier, blieb von der allgemeinen Not der Zeit nicht verschont; auch er kennt heute, soweit er in der Stadt lebt, kaum ein wirkliches »Zuhause« und ist ein unsteter Wanderer geworden. Daß aber die besitzlosen Klassen, welche von dem Ertrag ihrer körperlichen oder geistigen Arbeit ihre Lebensführung bestreiten müssen, unter diesen Zuständen am tiefsten leiden, ist klar. Für sie sind jene Massenquartiere des Elends, jene Massengräber der Volkswohlfahrt erbaut worden: die heutigen Vorstadtzinshäuser. Da sich eben unsere Bauordnungen bis heute gegen den Bodenwucher geradezu unverzeihlich milde gezeigt haben, so mußte die Entwicklung unaufhaltsam dazu führen, daß mit der zunehmenden Nachfrage nach Grund und Boden dieser immer teuerer wurde. Ein zu teuerer Baugrund wird aber bis zur letzten Möglichkeit ausgenützt. Viele Stockwerke werden auf- einandergetürmt, von freien Gartenflächen ist keine Spur vorhanden, sogenannte Lichthöfe und Schächte erhellen dürftig io die rückwärtigen Zimmer. Und selbst diese ungesunden und unfreundlichen Quartiere sind infolgeWohnungsmangels übervölkert und jeder Raum ist von 3, 4 oder noch mehr Menschen bewohnt. Was nützen daher den Arbeitern die hohen Löhne, was nützen ihnen die durch die Verkürzung der Arbeitszeit gewonnenen freien Stunden, solange sie auf solche Weise wohnen müssen? Sie haben begreiflicherweise keine Lust, länger als notwendig in dieser traurigen Umgebung zu verweilen; es drängt sie hinaus ins Wirtshaus und in politische Versammlungen, und dort ertönt heute ihr Schrei von der ungerechten Verteilung der irdischen Güter und der freudenlosen Gestaltung ihres Lebens. Die Großstadt steht also heute vor einer entscheidenden Krise: denn die Frage, auf welche Weise sie der Gesamtheit ihrer Einwohner erträgliche WohnungsVerhältnisse bieten könnte, wird nie mehr zu beschwichtigen sein, sondern im Gegenteil immer dringlicher werden. Vermag sie diesem Begehren nicht nachzukommen, so ist sie nicht wert, länger bestehen zu bleiben, sondern muß einer zeitgemäßeren Form menschlichen Siedlungswesens weichen. Mögen die Wohnungsverhältnisse auf dem Lande manchmal auch nicht geradezu ideale sein, so sind sie doch weitaus natürlichere. Die Bevölkerungszunahme auf dem Lande ist zudem eine viel langsamere als in der Stadt. Damaschke äußert sich in seinem Buch über die Verhältnisse im Deutschen Reich folgendermaßen: »Die landwirtschaftliche Bevölkerung umfaßte 1816 rund 18 Millionen Menschen, sie beträgt heute rund 26 Millionen, das heißt nur etwa 8 Millionen mehr. Die städtische Bevölkerung aber, die 1816 etwas über 6 Millionen Menschen zählte, beträgt heute rund 42 Millionen.« Diese Daten beweisen, daß hauptsächlich die relativ rasche Zunahme der städtischen Bevölkerung die ungesunden Wohnungs Verhältnisse gezeitigt hat. Anderseits ist aus ihnen 11 auch zu ersehen, daß vor ioo Jahren 18 Millionen ländliche, zumeist ackerbautreibende Bevölkerung nur 6 Millionen Städter zu ernähren hatten, während heute 26 Millionen Landbewohner für die Nahrung von 42 Millionen Städtern zu sorgen haben. Eine so ungleichmäßige Verteilung der Bevölkerungszunahme konnte natürlich für die Ernährungsverhältnisse der Städte nicht ohne ungünstige Folgen bleiben, und so müssen aus den geringsten Störungen des Bahnverkehrs sofort große Schwierigkeiten für die Ernährung der städtischen Bevölkerung hervorgehen. Auch dieser Erkenntnis sollte bei der Gestaltung von Stadterweiterungsplänen künftig bestimmender Einfluß eingeräumt werden. Stellen wir einmal mit kurzen Worten fest, was als ideale Wohnstätte für einen arbeitenden Menschen und dessen Familie gelten kann: Eine der Kopfzahl der Familie entsprechende genügende Anzahl freundlicher, licht- und luftzugänglicher Räume und ein Zusammenhang dieser Wohnung mit der Natur durch Angliederung eines großen, nutzbar zu machenden Gartengrundes. Das Luftreservoir, dessen die Großstadt zur Erhaltung der Gesundheit ihrer Bewohner bedarf, soll in Befolgung des Grundsatzes der Wirtschaftlichkeit in der Hauptsache nicht durch öffentliche und private Parks, sondern zum größten Teil durch ausgedehnte, nutzbar zu machende Gartenflächen geschaffen werden. Die den Familien zugewiesenen Gärten dürfen also durchaus keine bloßen Luxusgärten sein, sondern sie müssen Erträge liefern, sei es durch Bepflanzung mit Gemüse- und Obstkulturen, durch Anlage von Glashäusern für Blumen- und Frühgemüsezucht, oder durch Errichtung von Ställchen und Futterplätzen für Kleintierzucht etc. Ein auf solche Art nutzbar gemachter Garten brauchte aber durchaus nicht häßlich auszusehen; welch reizenden Anblickbieten oft manche der Schrebergärten dar! Schönheit und Ertragfähigkeit 12 entspricht eben unserer Zeit so genau als einst der Begriff: Schönheit und Nutzlosigkeit dem Zeitalter der Barocke entsprochen hat. Die Kleinhaus- und Klein Wohnungsfrage ist in den letzten Jahrzehnten von den hervorragendsten Fachleuten des In- und Auslandes studiert worden und speziell das Siedlungswesen in Deutschland hat uns eine Reihe trefflicher Ausführungen gebracht. Doch weisen fast alle diese Kleinwohnungskolonien, inbesonders alle Arbeiterhäuser, bisher viel zu kleine Gartenflächen auf. Grund und Boden in der Stadt sind eben teuer, und da bisher derartige Siedlungsanlagen ihr Entstehen meist der Initiative von Einzelpersonen, Aktiengesellschaften oder bestenfalls Gemeinden zu verdanken hatten und diese nicht die nötige Macht besaßen, um sich Grund und Boden in ausreichendem Maße zu verschaffen, so blieben alle diese Bestrebungen auf halbem Wege stecken. Durch dieselben konnte natürlich bisher auch nur einem verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung geholfen werden, und trotzdem haben die bereits bestehenden Anlagen ungeheuere Kosten verursacht. Es stünde daher zu befürchten, daß die Lösung des Problems absolut über unsere wirtschaftlichen Kräfte ginge. Neue Ziele können nicht nach einem veralteten Recht angestrebt werden. Der Grund und Boden, den eine Stadt, insbesonders eine Großstadt, zu ihrer Entwicklung braucht, muß ihr eben zur Verfügung stehen, und zwar möglichst billig. Dieses Resultat ist zu erreichen durch eine möglichst hohe Steuer auf baureifes Land (Steuer nach dem Realwert) und durch Expropriationsgesetze, welche die Verbauung von Gründen für Zwecke der allgemeinen Volkswohlfahrt auch gegen den Willen des Besitzers ermöglichen. Denn der Besitz ausreichenden Baugrundes ist für jede Stadt in der nächsten Zukunft von größter Wichtigkeit. Anderseits aber soll, wie schon früher erwähnt, dieser Baugrund auch in seinen unverbaut 13 bleibenden Teilen durch Anlage großer Nutzgärten ebenfalls auf rentable Weise verwertet werden. Im Rahmen des Wohnungsproblems stellt natürlich die Grunderwerbung für jede Stadtverwaltung nur den ersten Schritt vor. Die Durchführung der Siedlungspläne, die Anlage der Verkehrswege, die Planung für die Wohnhäuser und für die anderen notwendigen Bauten müssen sich der Grunderwerbung sofort anschließen. Die hervorragendsten Architekten müssen herangezogen werden, um ihre Kräfte in den Dienst dieser eminent wichtigen Aufgabe zu stellen, nämlich möglichst ökonomische und schöne Baupläne zu schaffen. Diese Verbauungspläne müßten insbesonders nach dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit verfaßt werden. Denn nur durch die Wirtschaftlichkeit, das ist durch geringe Anlage- und Verwaltungskosten wird es möglich sein, solche Ansiedlungen überhaupt ins Leben zu rufen. Die Stadtbaukunst steht heute in ähnlicher Situation als die Industrie um die Mitte des ig. Jahrhunderts stand: der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit erhält nämlich vor allen anderen Problemen überragende Bedeutung. Es müßten daher neue Anlagen, welche rationeller als die alten arbeiten, eventuell sogar auf Kredit ausgeführt werden, weil die im Laufe des Betriebes erzielten Ersparnisse eine Amortisation sicher gewährleisten und eine Beibehaltung des alten Systems ständige Verluste verursachen würde. Die Verwaltung der Großstadt befindet sich also heute auf einem Scheidewege. Will sie mit alten, unzureichenden Mitteln weiter wirtschaften, dadurch die Entwicklung hemmen, die Gesundheit eines großen Teiles der Bevölkerung aufs Spiel setzen und trotzdem finanziell Schiffbruch erleiden, oder will sie in großzügiger Weise Gesetze schaffen, welche die besprochenen Reformen ermöglichen und damit auch gleichzeitig durch Ersparnisse in den neuen Stadtteilen die Anlagekosten hereinbringen? H Denn — noch einmal sei es gesagt — Vermeidung aller Verschwendung muß das Schlagwort sein, unter dem die Erweiterung der Großstadt vor sich gehen muß. Die Großstadt in ihrer heutigen Gestalt verschwendet: 1. das kostbarste Material, das wir besitzen: den Menschen, da dieser infolge der schlechten Wohnverhältnisse frühzeitig seine Widerstandskraft verliert und dem Siechtum verfällt; 2. die Zeit ihrer Einwohnerschaft durch schlechte Verkehrsverhältnisse und besonders durch die überflüssige Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsstätten; 3. ein Bedeutendes von den unentbehrlichsten Rohstoffen, z. B. Kohle, durch Nichtausnützung der Abfallenergien der verschiedensten Industrien; 4. speziell Wien verschwendet ferner durch Nichtausnützung der Kanalabwässer die Dungstoffe, die 2 Y 2 Millionen Menschen zu liefern imstande sind; 5. endlich verschwendet abermals Wien durch Nichtausnützung des so nahe vorbeifließenden Stromes eine ungeheuere Naturkraft, die imstande wäre, die Stadt mit Elektrizität und Gas zu versorgen und dadurch zum wesentlichen Teil vom Kohlenmangel zu befreien. Gelänge es, auch nur einen Teil der hiermit angedeuteten Vergeudungen, die in dem heutigen Stadtorganismus begründet sind, zu vermeiden, so wären durch die damit zu erzielenden Ersparnisse die Herstellungskosten ganzer neuer Stadtteile gedeckt. Denn es muß sich natürlich in erster Linie um Aufschließung neuer Stadtteile handeln, nicht etwa um Umbauten der alten Stadtteile, die in ihrer heutigen Trostlosigkeit wohl noch auf lange Zeit hinaus Zeugnis ablegen werden von der Rückständigkeit unserer Bauweise. Will man der Bevölkerung gesunde Wohnungen bieten, so muß also energisch dezentralisiert werden. Ein rascher Verkehr zwischen den neuen und den alten Stadtteilen muß 15 den Zeitverlust, der durch Zurücklegung der Entfernungen für die Einwohner entstehen könnte, auf ein Minimum reduzieren. Grundsätzlich sollte jedoch bei neuen Siedlungen stets angestrebt werden, den Wohnstätten entsprechende Arbeitsstätten zu benachbaren, auf daß jeder unnötige Verkehr vermieden werden könne. Die räumliche Ausdehnung solcher Siedlungen wäre eine bedeutend größere als die unserer heutigen Stadtbezirke (die gleiche Einwohnerzahl angenommen!), und hier müssen wir also fragen, ob es überhaupt möglich ist, eine Zweimillionen-Stadt nach solchen Prinzipien zu erbauen. Amerika gibt uns darauf Antwort. Dort existiert eine Stadt, etwa so groß wie Wien, in welcher auf ri Familie, das heißt praktisch genommen, fast auf jede Familie ein Wohnhaus fällt. Die Stadt heißt Philadelphia. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß in dieser Stadt die verschiedensten Menschenrassen, auch viele Neger wohnen, und doch ist hier die Wohnungsfrage auf glückliche Weise gelöst. Nehmen wir also für Wien bei einer Einwohnerzahl von 2 l j 2 Millionen, verteilt auf Familien ä fünf Köpfe, einen Bedarf von 500.000 Wohnungen an, und bringen wir in jedem Haus zwei solcher Wohnungen unter, so ergibt dies einen Bedarf von 250.000 Wohnhäusern. Rechnen wir für jedes Wohnhaus 800 m 2 Gartenfläche und nehmen wir ferner für öffentliche Gebäude und Straßen nochmals denselben Bedarf an Baugrund an, so erhalten wir eine quadratische Stadtfläche, deren Seitenlänge etwa 20 km beträgt. Der Mittelpunkt der Stadt würde mithin von den Seiten dieses Quadrats etwa 10 km entfernt sein, das heißt, die Fläche, die eine solche gut verbaute Stadt einnähme, wäre bezüglich des Verkehrs nicht schlechter daran als das heutige Wien, gute Verkehrsmittel vorausgesetzt. Die Herstellung eines entsprechenden Schnellverkehrs ist aber ein Gebot der absoluten Notwendigkeit, denn in der Großstadt ist der Schnellverkehr 16 die Vorbedingung für gute Wohnverhältnisse! Die durch Einrichtung eines solchen für die Bevölkerung sich ergebenden Ersparnisse an Arbeitszeit würden im Jahre einen Wert von vielen Millionen Kronen repräsentieren. Eines der Hauptübel der Großstadt liegt ja darin, daß die Einwohner durch Zurücklegung großer Wegstrecken so viel von ihrer Zeit verlieren müssen. Diesem Übelstjand kann einerseits durch Einführung eines gut funktionierenden Schnellverkehrs abgeholfen werden, radikaler aber noch durch Befolgung des Prinzips, bei künftigen Stadterweiterungen Wohnviertel unmittelbar an Industrieanlagen und andere Arbeitsstätten anzugliedern. Dadurch würde nicht nur einem großen Teil der Bevölkerung die tägliche Zurücklegung weiter Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort erspart bleiben, sondern durch eine solche Dezentralisierung der Industrie würde es vor allem möglich gemacht werden, die kostbaren Abfallenergien der Industrieanlagen für Zwecke der einzelnen Haushaltungen zu verwerten. Eine nähere Erörterung dieser wichtigen Fragen folgt weiter unten. Wie schon gesagt, wird es sich bei der Wohnungsfürsorge meistens darum handeln, schon bestehende Städte zu erweitern; selten wird eine solche neue Siedlung den Charakter einer selbständigen, kleinen Stadt haben. Die Wohnungsneubauten müssen sich daher an die alten Stadtteile anschließen, und zwar hauptsächlich an den Verkehrsanlagen entlang, welche von der Stadt strahlenförmig nach allen Richtungen ausgesendet werden. Denn als Maßstab für die Entfernung vom Stadtmittelpunkt muß die Zeit betrachtet werden, die zur Zurücklegung des Weges benötigt wird, niemals die tatsächliche räumliche Entfernung. Ein Punkt, von dem aus vermittels einer guten Verkehrsverbindung das Zentrum der Stadt in 20 Minuten erreicht werden kann, ist praktisch der Stadt näher gelegen als ein i anderer, der vielleicht tatsächlich weniger weit entfernt ist, von dem aus die Fahrt in die Stadt aber etwa eine halbe Stunde dauert. Jeder moderne Stadtplan zeigt uns daher die Fortentwicklung der Stadt längs der Verkehrsadern; das strahlenförmige Stadtgebilde, das sich daraus logischerweise ergibt, darf nun in der Entwicklung nicht behindert werden. Jede kreisförmige Einschließung der Stadt ist also ein. Hindernis für deren Entwicklung. Ein solches Hindernis waren die früheren Festungswälle, ein solches Hindernis für Wien wäre jedoch auch der Wald- und Wiesengürtel, wenn er tatsächlich in der heutigen Form belassen würde. Denn durch die Einschaltung einer völlig unverbauten Zone würden die künftigen Stadterweiterungen unnötig weit hinausgeschoben werden müssen. Eine Zerlegung des Wald- und Wiesengürtels in große keilförmige Parks ist daher ein Gebot der Notwendigkeit und entspricht auch weit mehr der natürlichen Entwicklung der Stadt. Je dichter ein Stadtteil verbaut ist, desto enger ist das Straßennetz, und desto ungünstiger steht das Verhältnis zwischen Garten- und Bauplatz zur Verkehrsfläche. Die neuen Siedlungen werden daher straßenarm sein müssen. Eine Unterscheidung zwischen Verkehrs- und Wohnstraßen wird unbedingt notwendig sein, ebenso werden Baulinie und Straßenfluchten absolut nicht zusammenfallen. Die Wohnstraßen könnten sehr schmal angelegt werden; 5 bis 10 m dürften in den meisten Fällen genügen. Durch die geringe Breite der Straßen würden sich sowohl bei Herstellung als auch bei Instandhaltung der Straßen große Ersparnisse erzielen lassen; außerdem wäre dadurch der hygienische Vorteil erreicht, daß die stauberzeugenden Flächen bedeutend vermindert würden. Die Ansicht dieser Straßenzüge wäre natürlich gänzlich verschieden von den heutigen Vorstadtstraßen. Die letzteren, meist 15 m, manchmal noch breiter angelegten Straßen bilden ein einziges 18 ('*sr;3:: man !Sm&s Beispiel einer Wohnstraße mit Querbauten als Windschutz. großes Staubreservoir und leider auch die einzige * Licht- und Luftquelle für die Häuserfenster, denn bei der jetzt üblichen Verbauungsmethode bleibt nur ausnahmsweise Raum für entsprechend große Höfe oder Gartenanlagen. Erhalten jedoch in den künftigen Siedlungen die Wohnhäuser große Grundflächen zugewiesen, so können sowohl längs der Straße als auch hinter den Häusern geräumige Nutzgärten angelegt werden, die gleichzeitig in ausgiebiger Weise für Licht- und Luftzufuhr sorgen würden. Die Häuser müßten als Reihen-Häuser erbaut werden und außer dem Parterregeschoß einen ersten Stock und vereinzelte auch Mansardengeschosse erhalten. Ein Zusammenhang der einzelnen Wohnungen mit dem Garten wäre unerläßlich und durch entsprechende Stiegenanlagen herzustellen.— Der Wanderer, der durch eine solche künftige Großstadtstraße schritte, müßte den Eindruck haben, als führe ihn sein Weg durch lauter Gärten. Aber mit der bloßen Schaffung von hübschen und sani- .* i9 tären Wohnungen ist das Problem der künftigen Großstadtsiedlung noch nicht gelöst. Man kann den Bewohnern nicht zumuten, behufs Einkaufs von Lebensmitteln oder der sonstigen zahllosen Gebrauchsgegenstände für das tägliche Leben jedesmal ein Verkehrsmittel benützen zu müssen. Es ist daher nötig, den Wohnhäusern in zweckmäßiger Weise Geschäftsladen, Schulen, Badeanstalten, Theater, Sport- und Turnplätze etc. etwa in demselben Maße, in dem die heutige Kleinstadt damit versorgt ist, anzugliedern. Denn darin besteht die eigentliche Lösung des Problems: die Großstadt in geschickter Weise in einzelne Siedlungen aufzuteilen, von denen jede den Charakter der Kleinstadt trägt und wo den Bedürfnissen der Bevölkerung mindestens in dem Rahmen des heütigen Kleinstadtlebens Rechnung getragen wird. Die neuen Großstadtelemente müssen daher einzeln selbständig existieren können; in ihrer Gesamtheit werden sie jedoch durch das Band eines gut angelegten Schnellverkehrs zur Großstadt vereinigt. Bis zu einem gewissen Grade ist auch die heutige Großstadt auf ähnliche Weise entstanden, dadurch, daß die Dörfer, die ehemals der Stadt benachbart waren, allmählich in das Stadtbereich einbezogen wurden. In den auf diese Art entstandenen Bezirken liegen die Wohnverhältnisse auch heute bedeutend günstiger als in jenen, wo die Stadt ihr Häusermeer über das völlig freie, unverbaute Gelände ergießen konnte. Man vergleiche z. B. in Wien die Wohnverhältnisse von Grinzing, Döbling, Hietzing, St. Veit, Hütteldorf — Bezirke, die aus ehemaligen Dörfern entstanden sind — mit denen von Fünf haus, Sechshaus, Hernals, Favoriten, Brigittenau etc.! In dieser Hinsicht kann der moderne Städtebau aus der Betrachtung der historischen Entwicklung der Stadt auch viel für die Zukunft lernen. Überall dort, wo die Teile der Großstadt sich organisch aus kleinen Orten 20 entwickelten, ist eine natürlichere, gesundere, schönere Bauweise zu finden; die wahre Scheußlichkeit der Großstadt kommt erst dort zum Ausdruck, wo der Bau- und Wohnungswucher sich auf unbebauten Flächen breit machen konnte. > Von größter Wichtigkeit wird die Energiewirtschaft für die Gestaltung der Siedlungsanlagen sein. Da die menschliche Arbeit von der Maschine nicht mehr zu trennen und die Erzeugung von Massengütern ohne Maschinenkraft undenkbar ist, verfügt ein großer Teil der Arbeitsstätten über maschinelle Kräfte. Diese werden durch Dampfmaschinen erzeugt oder durch Anschluß der Fabriksanlagen an städtische Elektrizitätswerke gewonnen. Dort, wo das Elektrizitätswerk durch Wasserkraft betrieben wird, ist der Standort der Kraftquelle von der Natur gegeben. Wird aber die Kraft durch Kohle erzeugt, so ist der Standort nicht fixiert, höchstens nur insoferne bestimmt, als für solche Kraftwerke stets Bahnanschluß erwünscht ist. Für die künftige Errichtung kohlenkonsumierender Industrie (z. B. Elektrizitätswerke) wird der Platz mit großer Sorgfalt gewählt werden müssen. Dies geht aus den folgenden Erwägungen hervor. Wird nämlich die Dampfmaschine zur Erzeugung von Kraft benützt, so kann die der Kohle innewohnende Energie nur zu io Prozent verwertet werden, 90 Prozent gehen unaus- genützt im Kühlwasser verloren. Ingenieur Moritz Ger bei hat in seinem bekannten Werke: »Kraft- und Wärmewirtschaft in der Industrie« diese Tatsache von wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Standpunkt aus besprochen. Er erwähnt auch, daß die sogenannte Abfallenergie der Wiener Elektrizitätswerke imstande wäre, ein Drittel der Stadt Wien zu beheizen, ohne daß hiefür neue Brennstoffe verwendet werden müßten. Diese Wärmemenge fließt heute völlig nutzlos in den Donaukanal ab. Bedenkt man, daß dies auch jetzt noch, 21 in der Zeit ärgsten Kohlenmangels, geschieht, in der fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt den Winter in unbeheizten Zimmern verbringen muß, so erscheint Einem dieser Umstand geradezu grotesk. Leider ist in diesem Falle eine Abhilfe nicht leicht möglich; in der örtlichen Lage des Elektrizitätswerkes ist das Hindernis für Verwendung seiner Abfallenergien gegeben. Es wäre daher viel besser gewesen, das Werk in drei bis vier Teile zu gliedern und die einzelnen Abteilungen dorthin zu stellen, wo diese ‘Kräfte ausgenützt werden könnten. Eine neuerliche Erweiterung des Elektrizitätswerkes müßte unbedingt von vornherein einem neuen Wohnviertel angeschlossen werden, so daß dessen Abfallenergien zur Beheizung sämtlicher Bauten, zum Betriebe von Bädern, Wäschereien u. dgl. dienen könnten. Die Möglichkeit, Wärme ökonomisch zu transportieren, ist praktisch eine ziemlich beschränkte: über i 1 /« km wird man hiebei wegen des großen Wärme Verlustes nicht gehen können. Es ergibt sich daraus die interessante Lehre, daß Kraftstationen, also fast alle Fabriken und Arbeitsstätten, eigentlich immer den Mittelpunkt einer Siedlungskolonie bilden sollten, damit die kostbaren Abfallenergien ausgenützt werden können. Die heutige Städtebaukunst hat jedoch bisher diesem Prinzip gerade entgegengehandelt, denn es wurden einerseits ausschließliche Fabriksviertel, anderseits reine Wohnviertel geschaffen. Dieses Prinzip hat vor allem einen verstärkten, völlig unnützen, die Zeit der Arbeiter verschwendenden Verkehr gezeitigt und außerdem die oben erwähnte Vergeudung wertvoller Rohstoffe und Kräftemengen zur Folge. Als Grund für diese Art der Stadteinteilung wurde stets geltend gemacht, daß jede Fabrik Ruß- und Rauchplage mit sich bringe, daher aus der Nähe menschlicher Wohnungen möglichst verbannt bleiben müsse. Nun geschieht aber die Ver- 22 Beispiel einer Arbeitsstätte als Zentrum einer Siedlungsanlage (z. Z. im Bau). brennung der Kohle in einem großen industriellen Betrieb auf weitaus rationellere Weise und erzeugt daher bedeutend weniger Ruß und Rauch als in den Ofen und Kochherden der Häuser. Eine bestimmte notwendige Kohlenmenge, in 1000 Feuerungen von Wohnhäusern verbrannt, macht sich durch Rauch- und Rußentwicklung viel unangenehmer bemerkbar, als dieselbe Menge, durch eine einzige großangelegte Fabriksheizanlage verfeuert. Es lag gewiß ein Hochmut früherer Zeiten darin, daß man den rußigen Gesellen: die Fabrik, gerne an die äußerste Peripherie der Stadt stellte, damit er durch sein Dasein die Schönheit der übrigen Stadt nicht beeinträchtige. Aber die äußere Gestalt der Fabrik hat sich in den letzten Dezennien sehr verändert, und war es einstmals vielleicht noch berechtigt, einen Fabriksbau als häßlich anzusehen, solange die Archi- 23 tekten seinen eigentlichen Stil nicht gefunden hatten, so ist es dies heute gewiß nicht mehr. Aus den ehemals schmutzigen, unhygienischen Arbeitsstätten hat der Architekt und Techniker Bauten geschaffen, denen es an natürlicher Schönheit und Kraft keineswegs gebricht. Vielmehr stellt der Fabriksbau eigentlich den einzigen wirklich originellen und neuen Bautypus unserer Zeit dar. Auf der Suche nach einem der Gegenwart entsprechenden, charakteristischen neuen Baustil experimentierten wir an den verschiedensten Gebäudearten herum: an Kirchen, Schlössern, Palästen, Wohnhäusern etc. Die Tradition und der Umstand, daß frühere Zeiten alle die mit dem Zweck dieser Gebäude verbundenen Probleme schon unzählige Male trefflich gelöst hatten, ließen eine wahre Emanzipation von den alten Baustilen und die Entwicklung eines ganz originellen, wirklich neuen Baustiles nicht zu. Anders stand es jedoch beim modernen Fabriksbau! Dieser ist tatsächlich ein Kind der Gegenwart, von keinerlei Tradition beschwert und auf keinerlei alten Vorbildern fußend. Hier mußten und müssen Bauwerke geschaffen werden, die ganz aus dem Geiste unserer Zeit geboren sind; daher ist der Fabriksbau zweifellos das für die Gegenwart charakteristischeste Bauwerk. Was in den antiken Städten die Tempel, in den mittelalterlichen die Dome waren, das ist für die Stadt der Gegenwart die Arbeitsstätte: die Fabrik. Sie muß also das Zentrum neuer Siedlungen sein, sowohl vom Standpunkte des Verkehrs als auch von dem der Energiewirtschaft; endlich aber auch vom Standpunkt der Ästhetik, da sie das charakteristische und dominierende Bauwerk darstellt. Schließlich ist es auch durchaus logisch und begreiflich, daß zu einer Zeit, in der der Arbeiterstand politisch zur Macht gelangt ist, in analoger Weise auch 24 die Arbeitsstätte unter den Gebäuden der Stadt die ihr gebührende Stelle erhalten muß. Die Rauch- und Rußplage macht jede Großstadt in allen ihren Teilen mehr oder minder zu einem unleidlichen und ungesunden Aufenthaltsort. So lange in deren Betrieben Kohle verwendet wird, kann dieser Übelstand durch allerlei zweckmäßige Vorkehrungen zwar vermindert, niemals aber gänzlich beseitigt werden. Wer in der Nähe von Bahnhöfen zu wohnen gezwungen ist, erliegt gewiß oft der Verführung, die mit Kohlendunst geschwängerten technischen Fortschritte der Menschheit zu verwünschen, und wer je Reisen in elektrisch betriebenen Bahnen zurückgelegt hat, der weiß, welch unbeschreibliche Annehmlichkeit diese Art der Beförderung gegenüber der durch mit Kohlen beheizten Loko- motivbahnen mit sich bringt. Welche Sauberkeit, welch gesunde Atmosphäre herrscht überall! In ähnlicher Weise würden sich auch die Sauberkeits- und Luftverhältnisse der Großstadt verbessern, wenn die Verwendung der Kohle zum größten Teil entbehrlich gemacht würde. Wien nun wäre in der glücklichen Lage, durch vollständige Ausnützung des Donaustromes, besonders durch Ausnützung von dessen sommerlichen, fast konstanten Hochwasserständen, zirka 40 Prozent der jährlich erforderlichen Kohlenmenge zu entbehren. Ein Kraftwerk, nur auf den niederen oder mittleren Wasserständen der Donau basierend, würde eine zu geringe Kraftmenge liefern, um außer den Kraft- auch einen Teil des Wärmebedarfes der Stadt zu decken. Ganz anders stellen sich jedoch die Berechnungen, wenn auch die höheren Wasserstände ins Kalkül gezogen werden. Nun ist aber natürlich der Kraft- und Wärmebedarf der Stadt im Winter wesentlich größer als im Sommer; die Donau als Kraftquelle liefert jedoch den weitaus größten Teil ihrer Energiemenge im Sommer. Denn der Wasserstand fällt im Winter bis auf 700 m 3 per Sekunde, während er im Sommer 3000, 25 zeitweise ja sogar 4000 m s per Sekunde beträgt. Unsere Technik ist nun wohl imstande, durch Ausnützung dieser Hochwässer eine Kraftanlage zu schaffen, welche einige Monate hindurch ganz bedeutende Energiemengen liefern könnte. Damit ist aber das Problem noch nicht gelöst, denn es bedürfte in diesem Falle großer Anlagen, welche imstande wären, diese Energiemengen aufzuspeichern, um sie im richtigen Augenblick verwendbar zu machen. Jedoch auch dieser Schwierigkeit wäre die Technik bereits gewachsen. Nach Angaben Gerbeis hat Professor Bauer in Zürich allen Ernstes den Vorschlag gemacht, den ganzen Leuchtgasbedarf der Schweiz mittels der sommerlichen Hochwasserstände der dortigen Wasserkräfte decken zu lassen, durch Erzeugung von Wasserstoffgas auf elektrolytischem Wege. Auch für Wien wäre die Durchführung dieser Idee aufs dringendste zu empfehlen. Mit einem Schlage wäre die Frage einer hygienischen Beheizung der Stadt gelöst, und unser schon bestehendes Gasrohrnetz würde zudem fast durchgängig ausreichen, das nötige Quantum an Wasser- stoffgas den einzelnen Wohnungen zuzuführen, weil Wasserstoff per Gewichtseinheit die größte Heizkraft entwickelt, die irgend ein irdischer Brennstoff entwickeln kann. Eine Aufspeicherung von etwa 70 Millionen Kilogramm Wasserstoff würden den Kohlenbedarf eines Wiener Winters zum größten Teil ersetzen; da es zudem möglich ist, Gasometer mit einem Fassungsraum von einer Million Kubikmeter zu bauen (nach Angaben der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg), so könnten in absehbarer Zeit die nötigen Gasbehälter beschafft werden. Die Donau als alleinige Kraftquelle könnte diese ideale Beheizung leider nicht ermöglichen, da die ausbaufähigen Wasserkräfte etwa 170.000 bis höchstens 200.000 P.S. nicht überschreiten dürften. Wird jedoch ganz Deutschösterreich in Betracht gezogen, dann stellt sich die Sachlage außerordentlich günstig dar. Der gesamte jährliche Energiebedarf 26 ir* Deutschösterreichs beträgt 13*8 Milliarden P. S. / Stunden (Kraftbedarf inklusive Wärmeerfordernis). Die Wasserkräfte Deutschösterreichs sind nach den vorsichtigen Schätzungen Walther Conrads mit 1*5 Millionen P.S., nach optimistischen Schätzungen mit über 3 Millionen angenommen worden. Die Techniker haben sich ziemlich allgemein auf eine Schätzung von 2’5 Millionen P.S. geeinigt. Nehmen wir eine Ausnützung dieser Wasserkräfte zu 8000 Stunden jährlich an, so ergibt sich eine Energieerzeugung von 20 Millionen P.S. / Stunden, also bedeutend mehr als der derzeit notwendige Energiebedarf Deutschösterreichs. Aus dieser Tatsache ergeben sich folgende Schlüsse: einmal, daß mit dem fortschreitenden Ausbau der Wasserkräfte nicht nur die Kohlennot allmählich verringert werden würde, sondern daß wir durch unsere Wasserkräfte unseren Energiebedarf völlig decken, daher der Kohle fast gänzlich entbehren könnten. Dieses günstige Resultat wäre aber nur dann erzielbar, wenn wir die Wasserkräfte kontinuierlich im Betriebe er hielten; wir benötigen daher große Anlagen zur Aufspeicherung der Abfall energiemen gen. Bei Verwendung dieser Abfallenergie würde der elekto-chemischen Industrie die Hauptrolle zufallen durch Herstellung von künstlichen DungstofFen aus der Luft, von Kalkstickstoff, von Kalziumkarbid etc., in erster Linie käme aber wohl die Erzeugung von Wasserstoffgas in Betracht, das zur Beheizung und Beleuchtung der Städte dienen könnte und die Gasanstalten entbehrlich machen würde. Welch ideale Perspektive für jeglichen Stadthaushalt: alle Heizungen ohne Ruß (da Wasserstoffgas bekanntlich lediglich zu Wasser verbrennt), jeglicher Kraftbedarf auf elektrischem Wege erzeugt; die Städte Deutschösterreichs müßten nach vollendetem Ausbau der Wasserkräfte die gesündesten und saubersten Städte der ganzen Welt sein. 27 Vom wirtschaftlichen Standpunkt ist noch in Betracht zu ziehen, daß das rollende Material, welches zur Verfrachtung der Kohle dient, für andere Zwecke frei werden würde und daß der Bezug teurer Kohle aus dem Ausland, welcher unsere Valuta dauernd bedroht, unterbleiben könnte. Doch dieses Problem ist nur dann lösbar, wenn sämtliche Länder Deutschösterreichs Zusammenwirken, denn nur die gesamten Energiemengen des Landes ergäben den oben erwähnten Überschuß. Es wird daher eine der wichtigsten Aufgaben der Politik sein, diesbezüglich einen eventuellen Widerstand der Länder zu brechen und die Energiewirtschaft vom Standpunkt des Gesamtbedarfes des Reiches zu regeln. Ein besonderes Kapitel ergäbe ferner die Frage der Verwertung der Kanalabwässer. Es ist bekannt, daß durch das Schwemmkanal-System der Volkswirtschaft jährlich Milliardenwerte verloren gehen. Alle Versuche, die Kanalabwässer auszunützen, haben jedoch bisher gerade vom finanziellen Standpunkt kein gutes Ergebnis gehabt. Jedenfalls ist aber die Angelegenheit wichtig genug, um immer wieder den Versuch zu rechtfertigen, dieses schwierigen Problems Herr zu werden. Wollte jemandeinem Bauern auf dem Lande zumuten, den Dünger seiner Tiere und den Inhalt der Senkgrube in den Bach zu schütten, so würde er den Städter, der ihm diesen Vorschlag machte — ein anderer Mensch als ein Stadtbewohner könnte niemals auf einen solchen Gedanken kommen! — für wahnsinnig halten. Trotzdem also der ungeheure Wert animalischer Düngung für die Ertragfähigkeit des Bodens auch von dem Ungelehrtesten klar erkannt wird, so werden im Deutschen Reiche allein die DungstofFe von etwa 40 Millionen Menschen, in Deutschösterreich von etwa 4 Millionen Menschen unausgenützt gelassen. Es wäre daher sehr zu erwägen, ob durch die angestrebte Veränderung der Großstadt, respektive durch Angliederung 28 großer Gartenflächen an die Wohnhäuser nicht auch diesem Übelstande abgeholfen werden könnte. Eine gute Trinkwasserleitung vorausgesetzt und angenommen, daß alle Infektionsspitäler, welche in den Fäkalien etwa Krankheitskeime führen könnten, außerhalb des eigentlichen Siedlungsgebietes lägen, so wäre es ohne Gefahr für die Volksgesundheit wohl möglich, statt der kostspieligen Kanalisationsanlagen das Senkgrubensystem wieder einzuführen. Die Tagwässer und gewöhnlichen Schmutzwässer könnten in der gebräuchlichen Weise abgeleitet, die Fäkalien hingegen in Senkgruben gesammelt, um später in Komposthaufen verarbeitet zu werden. Also auch zur Lösung dieses wichtigen Problems wäre eine Änderung der jetzt üblichen Bauweise in dem besprochenen Sinne vorteilhaft. Nun zur finanziellen Frage: wie soll die Durchführung aller dieser Arbeiten ermöglicht werden? Wir dürfen diesem Problem keineswegs verzagt gegenüberstehen. Während des Krieges haben wir eine finanzielle Kraft entwickelt, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Diese Geldmittel, für einen besseren Zweck aufgewendet, hätten unser Land zu einem Paradies auf Erden umwandeln können, in welchem Not und Hunger unbekannt gewesen wären. Und jetzt, wo es gilt, dieses Land zu retten, soll unsere Kraft versagen? Ein Bruchteil des Erlöses einer früh eren Kriegsanleihe kann unseren Wohnungsreformen zur Durchführung verhelfen! Jetzt heißt es, kulturelle und wirtschaftliche Werke zu schaffen, und für diese muß eben Geld da sein! Wir sind nicht arm — solange wir wirklich ernstlich arbeiten! Nur einVolk, das sich selbstaufgibt, indem es zu arbeiten aufhört, ist verloren. Denn der Reichtum eines Landes besteht nicht aus Ziffern, aus Bankeinlagen u. dgl., sondern aus seiner Kraft und seinem 29 Willen zur Arbeit. Arbeiten wir mehr als unsere Feinde, dann sind wir in kürzester Zeit die Reicheren und die eigentlichen Überwinder und Sieger! Arbeiten wir aber weniger, und ist unsere Arbeit schlecht organisiert und geleitet, dann müssen wir zu gründe gehen, welche Regierung immer das Schicksal des Volkes lenken möge. Unsere Zeit schreit nach Arbeit! Überall werden Arbeiten und Arbeiter benötigt: die Warenlager sind erschöpft, die Industrie brennt darauf, ihre Betriebe in Gang zu bringen, der Bauer auf dem Land benötigt Knechte, der Handwerker Gesellen u. s. w. Auch die Lösung unseres Problems, die Herstellung von Volks Wohnungen, könnte Tausende beschäftigen. Und dennoch gibt es viele Tausende von Arbeitslosen! Das ist kein gutes Zeichen. Man will sogar Arbeiter nach Frankreich und Belgien exportieren; das ist wiederum kein gutes Zeichen. Als Ursache dieser Erscheinung wird stets die Kohlennot und Materialmangel angegeben. Ja, sind denn diese Mängel nicht ebenfalls teils aus der allgemeinen Arbeitsunlust, teils aus den Maßnahmen der Regierung hervorgegangen, die leider einer technisch - sachlichen Einsicht entbehren ? Arbeitslosigkeit und Arbeiterexport sind als die wahren Verschwendungen anzusehen, durch die jeder Staat zugrunde gerichtet wird. Unserer jungen Republik kann daher nicht oft genug zugerufen werden: du bist ein Arbeiterstaat, also beginne doch endlich mit der Arbeit! Das ganze Land benötigt deren Ergebnisse. Durch bloße Umzüge, durch immer erneute Bekräftigungen der Treue zur Republik kommen wir keinen Schritt weiter. Von der Politik des Redens hinweg muß endlich der Weg zum Handeln und Schaffen beschritten werden. Alle technischen Intelligenzen unseres Staates warten schon lange sehnsüchtig darauf, endlich mit fruchtbringender Arbeit beginnen zu können. 30 Die Kosten einer großzügigen Aktion zur Schaffung von Volkswohnungen sind wohlangelegte Volksvermögen, da sie für keinen unproduktiven Zweck ausgegeben werden, sondern dringenden Notwendigkeiten dienen, welche eine sparsamere Verwaltung der Städte ermöglichen und außerdem dem Volke die Fähigkeit und Möglichkeit böten, mehr zu arbeiten. Mehr zu arbeiten ohne ausgebeutet zu werden! Mehr zu erzeugen, ohne Schädigung der Volksgesundheit und ohne das Volk zu Arbeitssklaven zu machen! Volksgesundheit und geweckte Arbeitslust sind aber Resultate, die jeder Finanzminister auch durch die größten Opfer und Kosten erkaufen muß. Denn auf diese Art verwendete Gelder sind der Staatskassa nicht verloren: sie kehren doppelt und dreifach wieder, da ein arbeitendes und produzierendes Volk in der Lage ist, höhere Steuern zu zahlen. Um das Gesagte zu rekapitulieren, könnte man zusammenfassend sagen: Das Volk benötigt dringend einer einschneidenden Verbesserung der Wohnverhältnisse. Die Wohnungen müssen vor allem gesund, luftig und geräumig gestaltet, sie müssen aber auch mit Rücksicht auf Vermeidung unnötigen und lästigen Zeitverlustes durch Verkehr möglichst in die Nachbarschaft der Arbeitsstätten verlegt werden. Schließlich müssen sie auch im Hinblick auf wirtschaftliche und Ernährungsverhältnisse mit großen Nutzgärten versehen sein. Die Planung solcher Siedlungsstätten muß also von vornherein unter dem Gesichtspunkt bewußter Zweckmäßigkeit durchgeführt werden. Endlich müßte eine wohlausgedachte Energiewirtschaft den Haushalt einer solchen Siedlung ökonomisch gestalten, noch deutlicher gesagt, die Energiewirtschaft müßte das Band sein, welches jedes Gebäude mit dem Organismus 3i der ganzen Siedlung verbindet. Und wie der Blutkreislauf im menschlichen Körper auch das kleinste Glied desselben vermittels der Adern versorgt und ernährt, so müßten die durch den Menschengeist gebändigten Naturkräfte in Form von nützlichen Energien die Stadt durchströmen, ohne auch das kleinste Wohnhaus zu vergessen, und dadurch allen Einwohnern den Nutzen unserer technischen Fortschritte zugute kommen lassen und die äußere Gestaltung ihres Lebens auf ein höheres Niveau zu heben. Alle Menschen ohne Ausnahme sollen an diesen Früchten des menschlichen Geistes und der menschlichen Arbeit ihren Anteil haben! Darinliegt dieGröße der Aufgabe und auch ihre moralische Stärke. fm. KÜNSTLERISCHE FRAGEN DES STÄDTEBAUES. ie Werke der Baukunst verdanken ihre Ent- J—S stehung nicht dem Willen der Künstler allein, denn mehr als jeder andere ist der Baukünstler von den politischen, sozialen und finanziellen Verhältnissen des Landes abhängig. Infolge dieser Abhängigkeit ist daher die Baukunst stets ein getreues Spiegelbild ihrer Zeit, eine Art von in Steinen geschriebener Geschichte des Landes. Jedes Volk, oder besser gesagt, jede Volksschichte, welche zur Herrschaft gelangt, ist bestrebt, ihrer Macht durch Errichtung monumentaler Bauwerke sinnfälligen Ausdruck zu geben. Die Pyramiden sind ebenso Machtsymbole als es die Tempel der Griechen, die Paläste, Thermenanlagen und Theater der Römer, die Dome, Burgen und Bürgerhäuser des Mittelalters, und schließlich in der Gegenwart die großen Werks- und Fabriksgebäude, die Bureauhäuser, Wolkenkratzer und die Arbeiterstädte sind. In Zeiten, in denen die Machtverhältnisse in einem eindeutigen Sinne gelöst erschienen, gab es auch in der Baukunst stets eine streng organische, übersichtliche Gliederung; solche Zeiten besaßen daher auch eine ihnen eigentümliche Kultur und ihren charakteristischen Stil. Heute stehen wir mitten im Kampf, den die verschiedenen sozialen Bevölkerungsschichten gegen- 3 33 jfe&SM mmmmm. '■mmM '!«i?r<}?ijj%j iükimjj Ihmwh. Beispiel einer monumentalen Arbeitsstätte (Projektiertes Schiffahrtsgebäude an der Donau). einander führen; alle Gesetze der Regierungen versuchen zu vermitteln, auszugleichen und zu versöhnen. Daher drücken sich auch in unserer Kunst diese konstanten Beschwichti- gungs- und Ausgleichsversuche aus, und aus der gleichen Ursache hat auch die Städtebaukunst unserer Zeit noch keinen ausgesprochenen Stil. Erst wenn das für die Gegenwart besonders charakteristische Gebäude, die Fabrik, die ihm zukommende Stelle im Stadtbild erhalten wird, ist die Grundbedingung für eine künstlerische Gestaltung des Städtebaues gegeben. Denn schon in seiner Anlage muß derWillezur Arbeit und die Bedeutung, die derselben in dem modernen Arbeiterstaate zugemessen wird, zu klarem Ausdruck kommen. Jede Kunst wird durch Gesetze, welche ihre Freiheit beeinträchtigen geschädigt, und unter solchen hemmenden 34 Gesetzen hat hauptsächlich die Baukunst zu leiden, trotzdem gerade diese Kunst einer unbeschränkten Freiheit nach allen Richtungen bedarf, um wirklich große Leistungen hervorbringen zu können. Man stelle sich vor, es würde ein Gesetz erlassen, demzufolge von nun an alle Tonstücke nur in einer bestimmten, gleichmäßigen Tonstärke gespielt werden dürften (etwa mit Rücksicht auf die Ohren der Nebenmenschen); damit wäre das Todesurteil über die Musik gesprochen, die ohne dynamische Schattierungen nicht existieren kann. In Bezug auf die Städtebaukunst besteht aber in Österreich ein ähnliches Gesetz, das Gesetz nämlich, das eine einheitliche Maximalhöhe der Häuser vorschreibt, wodurch eine künstlerische Gestaltung des Stadtbildes unmöglich gemacht wird. Das Gesetz fixiert allerdings nur die Maximalhöhe der Häuser und läßt der Höhenentfaltung nach unten zu freien Spielraum, doch wird bei der Teuerung der Baugründe diese Maximalhöhe natürlich von jedem Bau-Ausführenden aus finanziellen Gründen eingehalten, so daß sich praktisch durch diese Umstände eine ganz gleichmäßige Höhe ergibt. Das ungünstige Verhältnis von Straßenbreite zu Haushöhe, die Form der Baublöcke, welche eine künstlerische Gestaltung des Stadtbildes so sehr erschweren — alle diese Momente sind in einschlägigen Fachwerken, insbesonders in dem Werk über den Städtebau von Camillo Sitte ausführlich besprochen worden. Das Hauptübel liegt aber in der allzu gleichmäßigen Höhe aller Gebäude, wodurch die Begriffe »malerisch« und »künstlerisch« für das Stadtbild total ausgeschaltet werden. Denn was durch schlechte Grundrißgestaltungen an den Städten bisher verfehlt wurde, hätte nur durch volle Freizügigkeit der Höhenentwicklung einigermaßen ausgeglichen werden können. Die malerischste Stadt der Welt ist die alte italienische Stadt Gimigniano, deren Silhouette noch heute das Ent- 3 * 35 Querschnitt durchs Stadtzentrum vom Kohlmarkt bis Kärntnerstraße in Wien. zücken aller Reisenden erregt. Es mag nun sonderbar erscheinen, nichtsdestoweniger ist es Tatsache, daß die Silhouette von New-York, vom Meere aus gesehen, große Ähnlichkeit mit Gimigniano aufweist. In der kleinen italienischen Stadt errichteten deren Beherrscher, die adeligen Geschlechter, als Symbol ihrer Macht hochragende Wohn- und Festungstürme; der amerikanischen Weltstadt wiederum drücken die Wolkenkratzer der Zeitungen, die Bureautürme der Trustgesellschaften, also ebenfalls die dominierenden Gebäude der großen Machtfaktoren das charakteristische Gepräge auf. Mögen auch die Details dieser amerikanischen Bauten, im Gegensatz zu denen des altitalienischen Städtchens, geringen künstlerischen Geschmack aufweisen, so ist doch hier wie dort das für die künstlerische Gestaltung des Stadtbildes so eminent wichtige, ja unentbehrliche Verhältnis von Überordnung und Unterordnung aufrechterhalten. In der Kunst, und wahrscheinlich auch in der Politik, bedeutet das Streben nach gänzlicher Gleichmacherei Tod und Vernichtung. Denn das Leben entsteht nur aus Gegensätzen. Würden z. B. im Weltall alle Wärmeunterschiede ausgeglichen, dann könnte nach einem bekannten Naturgesetze keine Wärme von einem Körper zum anderen fließen, wodurch jedes Leben auf der Welt ersterben müßte (Wärmetod der Welt). Kein Staat, möge er monarchisch oder republikanisch, kapitalistisch oder sozialistisch regiert werden, vermag der Gliederung zu entbehren, und organische Gliederung ist das Gegenstück von Gleichmacherei. Ohne 36 Querschnitt durch Schottenring und Kaiviertel in Wien. Über- und Unterordnung gibt es aber gar keine Ordnung; das liegt in den Worten klar genug ausgedrückt. Bei einem richtig konstruierten Bauwerk ist jeder einzelne Stein notwendig, das Fehlen eines einzigen könnte das ganze Gebäude gefährden oder seine Schönheit beeinträchtigen. Trotzdem können aber keineswegs alle Steine gleich gewertet und an die gleiche bevorzugte Stelle gesetzt werden; manche müssen die Fundamente bilden, manche die Schwibbögen stützen, und bloß einer kann als Kreuzblume des Turmes verwendet werden; nur bei einer Trümmerstätte gilt jederStein gleich viel. In diesem Sinne ist also ein Bauwerk der vollendete Ausdruck einer vernünftigen Organisation. Auch auf dem Gebiete des Städtebaus läßt sich die Notwendigkeit von Über- und Unterordnung klar erkennen. Zur Verständlichmachung des Folgenden dienen beistehende Zeichnungen, welche Querschnitte durch Wiener Stadtteile (Zentrum und Kaiviertel) darstellen. Da wir uns auf dem Erdboden bewegen, sind wir natürlich geneigt, denselben als Ausgangspunkt für die Höhenbemessung anzusehen. Uns erscheinen die Häuser als hoch, denn wir sind gewohnt, an ihnen emporzublicken; betrachtet man aber die moderne Stadt aus der Perspektive des Kaminfegers, der auf den Dächern spaziert, so ergibt sich ein ganz anderer Eindruck. Für diesen stellt nicht die Erdbodenfläche A die Ebene vor, von der alles in die Höhe strebt, sondern ihm wird sich die Ebene B, die in der Höhe der Dächer liegt, als Oberfläche des Häusermeeres darstellen, und die Wohnungen 37 i» | » > g» « ggg M g ^ gaMaw^gi»2«jg»jgMgt»e^f aagw‘ Querschnitt durch eine ideale Stadtanlage die nach wirtschaftlichen Grundsätzen projektiert ist. der Menschen werden ihm als tief in Abgründen und Schluchten gelegen erscheinen. Dieser Eindruck ist der viel richtigere, und jeder, der einmal von einem Dache aus über die Großstadt hinweggeblickt hat, wird die Empfindung haben, daß wir eigentlich in Tiefen und Kellern wohnen, über die Licht und Luft nur oberflächlich hinwegstreifen können. Von einem der Gesundheit wahrhaft zuträglichen Wohnen kann also trotz aller Baugesetze nicht die Rede sein. Bei künftiger Planung moderner Städte müßte daher die Schaffung eines ganz neuen Stadtquerschnittes als unbedingt notwendig erkannt werden. Sowohl das Verhältnis von bebauter und unbebauter Fläche zueinander, als auch die differenzierte Höhengliederung der Gebäude dürfte die Versuchung gar nicht aufkommen lassen, statt des Erdbodens eine imaginäre, über die Dächer gelegte Ebene als Oberfläche des Stadtbildes anzusehen (siehe den Querschnitt durch eine ideale Stadtanlage). In Amerika hingegen hat zu große Freiheit ein Zuviel an vertikaler Gliederung ergeben, wodurch merkwürdigerweise ganz ähnliche Übelstände als bei der bei uns üblichen Bauweise entstanden. Es werden daher dort Maßnahmen erwogen, die geeignet wären, den Bau von Wolkenkratzern einzudämmen. Denn so sehr das Stadtbild durch einzelne wenige Gebäude von beherrschender Höhe verschönt und interessant gestaltet wurde, so bedenkliche Folgen zeitigte das System der vielen, dicht nebeneinander aufschießenden Wolkenkratzer. Abgesehen von dem sich dadurch ergebenden höchst ungünstigen ästhetischen Eindruck, entstehen auch 38 viele praktische Nachteile. In einer von solch hohen Häusern gebildeten Straße New-Yorks wurde zur Mittagsstunde eines wolkenlosen Augusttages die Beobachtung gemacht, daß 75% der Fenster künstlich beleuchtet waren, und ähnlich schlecht als die Lichtverhältnisse müssen sich bei enger Nachbarschaft vieler derartiger himmelragender Bauten auch die Verhältnisse der Luftzufuhr gestalten. Aus diesen Umständen ergibt sich, daß zweckmäßigerweise die Höhe der Gebäude überhaupt nicht durch Gesetze geregelt werden kann, sondern vielmehr in jedem einzelnen Falle durch Sachverständige, d. h. Techniker und Künstler bestimmt werden sollte. Im Rahmen des heutigen Stadtorganismus wäre eine solche Freizügigkeit der Baugesetze und Übertragung der Verantwortung auf bestimmte Sachverständige mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Protektionsbestrebungen und Einflußnahme würden von allen Seiten einstürmen und es den mit der Verantwortung betrauten Männern schwer machen, die nötige Nackensteifheit zu bewahren; die durch kein Gesetz beschränkte Freiheit würde daher gewiß wieder andere Übel gebären. Anders stünde jedoch die ganze Frage nach erfolgter Reorganisation der Grund- und Bodenwirtschaft. Durch eine solche würde im Laufe der Zeit der Bodenwucher und mit ihm die unverhältnismäßig hohen Grundpreise verschwinden, und damit wäre eine der verhängnisvollsten Ursachen aller Häßlichkeiten des Städtebaus, nämlich die gewinnsüchtige Ausschrotung des Baugrundes, ausgemerzt. Doch ist nicht zu erhoffen, daß allein die Reorganisation der Grund- und Bodenwirtschaft dazu genügen würde, um eine künstlerische Gestaltung des Stadtbildes zu ermöglichen. Diese kann vielmehr nur durch genaue Anpassung des Städtebaus an alle praktischen Erfordernisse unseres Lebens • erreicht werden, weil erst dann wieder in der äußeren 39 -JU 1 m TTT 1 m = jjl I in n i i i tu TT i 1 f. Grundriß einer Stadtanlage die nach wirtschaftlichen Grundsätzen projektiert ist. Erscheinung des Stadtbildes alle Machtverhältnisse innerhalb des Volkskörpers zu klarem Ausdruck kommen könnten. Mehr als jemals wird unser ganzes Volksleben von dem Begriffe »Arbeit« beherrscht — in diesem Zeichen müssen sich alle streitenden Parteien vereinigen. Mithin müssen also auch vom ästhetischen Standpunkte aus die der Arbeit gewidmeten Bauten im Stadtbild eine überragende Bedeutung erlangen. Wohngebäude sind unhygienisch und unpraktisch, wenn sie zu viele übereinanderliegende Stockwerke enthalten; das Ideal solcher Häuser wäre, wie schon oben erwähnt, mit einem Hochparterre und einem einzigen darüber aufgebauten Geschoß erreicht, denn nur auf diese Weise läßt sich ein Zusammenhang der Wohnung mit dem Garten erzielen. Hingegen können Fabriksgebäude, Bureau- <1 ft häuser und andere Arbeitsstätten sehr zweckmäßigerweise eine bedeutende Höhenentwicklung erhalten. Bei solchen Gebäuden erweist sich eine Aufeinan'dertürmung von 6 bis 8 Stockwerken keineswegs als unpraktisch; denn es wird dadurch einesteils die bebaute Fläche verringert, andererseits ist eine Konzentration der Betriebe auf diese Weise leichter durchzuführen. Der Arbeitsprozeß erfordert oft direkt eine bedeutende Höhenentwicklung; denn in der modernen Industrie soll ein Fabriksbau sich stets an das Arbeitsdiagramm anschließen. Es wurde schon ausführlich dargelegt, daß es aus wirtschaftlichen Gründen wünschenswert, ja sogar notwendig sein wird, in künftigen Stadtanlagen Arbeitsstätten und Wohnhausgruppen unmittelbar aneinander anzuschließen, so daß die einzelnen Siedlungsgebiete nicht mehr ein rein zufälliges Nebeneinander von Häusern der verschiedensten Kategorien aufweisen würden, sondern daß von vornherein der Rücksicht auf eine bewußte, zweckmäßige Organisation der Stadtanlage ein bestimmender Einfluß auf deren Gestaltung eingeräumt werden müßte. Damit ist aber auch ein entscheidendes, künstlerisches Motiv gegeben: die Errichtung eines durch Höhen- und Breitenmaß gleich hervorstehenden zentral gelegenen Hauptgebäudes: der Arbeitsstätte, im Gegensatz zu den umgebenden niederen Wohnhausbauten mit weitausgedehnten Gartenflächen. Alle anderen Gebäude, wie etwa Schulen, Kirchen, Badeanstalten, Geschäftsläden, Theater etc. müßten vom künstlerischen Standpunkte aus zu einer Vermittlung zwischen den oben erwähnten Gebäudegruppen dienen. Bei einer solchen Stadtanlage wäre die triste Gleichmacherei, die durch unsere heutigen Gesetze angestrebt oder zumindest unterstützt wird, nicht durchführbar, und damit verschwänden auch deren Resultate: die ab- wechslungs- und charakterlosen, modernen Straßen. Vom 4i Perspektive einer Stadtanlage die nach wirtschaftlichen Grundsätzen projektiert ist. ^^///// HM J //I il i i /TTTTTTtttt i i i i i i i l lbl£?ig*'fä<» a §iS ES« HMrjUi-Jnl: WutSiMFi ästhetischen Standpunkt aus werden heute moderne Straßen, ob es sich nun um Wohn- oder Verkehrsstraßen handelt, ob in deren Häusern Wohnungen, Geschäftsläden, Bureaus oder gar Fabriksbetriebe untergebracht sind, ganz gleichartig ausgebildet, und es wird keineswegs Rücksicht genommen auf die organische Schichtung, die notwendig wäre, um die Häuser ihren jeweiligen Zwecken voll anzupassen. Die beistehenden Zeichnungen sollen ersichtlich machen, wie abwechslungsreich dagegen eine Wohnungskolonie in Verbindung mit Industriebauten gestaltet werden könnte, wenn hiebei der Grundsatz der strengen Wirtschaftlichkeit konsequent beobachtet bliebe. Die W i r t- 42 schaftlichkeit eines Stadthaushaltes setzt sich nämlich ganz andere Ziele als die bloße Wahrung der Privatinteressen der Haus- und Grundbesitzer, wie sie durch die heutigen Baugesetze vielfach angestrebt wird. Die Wahrung der Privatinteressen durch Gesetze erfordert stets die Tendenz zu der verhängnisvollen und unkünstlerischen Gleichmacherei, um es nur ja bestimmt unmöglich zu machen, daß sich der private Egoismus des einen zum Schaden der anderen Interessenten betätige. Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit des ganzen Stadthaushaltes hingegen läßt jede künstlerische Freiheit zu. Wohl sind daher Baugesetze notwendig, nicht aber solche, die der künstlerischen Freiheit Abbruch tun. Moderne Baugesetze müßten vor allem die wirtschaftlichen Richtlinien des künftigen Stadthaushaltes festlegen, also z. B. den Industrien ermöglichen, ihre gesamten Abfall-Energien nutzbringend zu verwerten. Sie müßten durch Anordnungen über Zusammenlegung von Arbeits- und Wohnstätten die Vermeidung unnötigen Verkehrs anstreben; auch eine Bestimmung darüber, daß bei Wohnhäusern sich nur ein oder höchstens zwei Stockwerke über dem Parterregeschoß befinden dürften, wäre sehr zu begrüßen. Ebenso sollte die Minimalgröße der Gartenflächen durch ein Gesetz festgestellt werden. Hingegen dürften Art und Höhe aller übrigen Gebäude keinerlei Beschränkungen unterliegen; dies ebensosehr aus wirtschaftlichen als aus ästhetischen Gründen. Denn für den Städtebauer gilt mehr als für jeden anderen Künstler das Naturgesetz, daß alles, was nützlich und vernünftig ist, auch den Keim der Schönheit in sich birgt. 43 VOM FREUDIGEN ARBEITEN. S ehen wir uns irgend einen Gegenstand alter Handwerkskunst an: ein Möbel, ein geschliffenes Glas, ein Schmuckstück, einen Bucheinband u. dgl., so entzückt uns an all diesen Dingen das hohe handwerkliche Können und der sichere Geschmack des Verfertigers, der auch bei dem einfachsten Gebrauchsgegenstand zum Ausdruck kommt. Doch würden allein diese Eigenschaften den solchen Werken früherer Zeiten innewohnenden Reiz nicht genügend erklären können; erst eine gebräuchliche Redewendung führt uns auf die richtige Spur: »Man sieht, das ist mit Liebe gearbeitet.« Mit Liebe und Freude arbeiten, darin lag das Berufsgeheimnis jener von uns bewunderten Handwerker. Fragen wir nun, warum es der Gegenwart so selten gelingt, mit ihren Erzeugnissen auch nur das mittlere Niveau dieser alten Handwerksarbeiten zu erreichen, so ist die Antwort leicht gegeben: unserer Zeit fehlt die Liebe des Arbeiters zu seinem Werk, fehlt die Freude des Arbeiters an seiner Tätigkeit. Heute schafft der Arbeiter widerwillig und lustlos. Diese Tatsache ist nicht etwa durch die systematische Verhetzung der Arbeiterschaft allein zu erklären, denn in noch größerem Maße ist die Mechanisierung der Arbeitsmethoden daran schuld. Der erstere Einfluß, der in jedem Arbeiter das Gefühl erweckt, ausgebeutet zu werden, ist schwer zu bekämpfen, solange der Arbeiter nicht unter 44 besseren materiellen Verhältnissen und vor allem nicht in einer gesunden und behaglichen Wohnung lebt. Aber dem zweiten Grundübel ist noch schwerer beizukommen; denn die Verrichtung einer mechanisierten Arbeit kann nicht leicht zu einer anregenden und freundlichen Beschäftigung umgestaltet werden. Andernteils ist es uns unmöglich, die mechanisierte Arbeit auch nur auf kurze Zeit zu entbehren, ohne unsere Lebensmöglichkeiten in die größte Gefahr zu bringen. Die moderne Arbeit ist nun einmal mechanisiert, und zwar nicht allein die körperliche, sondern auch die geistige, die oft nur zu Unrecht diese Bezeichnung führt. Die Mechanisierung ist notwendig, um die Ergiebigkeit der Arbeit zu vervielfachen und um die menschliche Arbeit in Verbindung mit Maschinen zu bringen, welche heute die unentbehrlichen Helfer der Menschen geworden sind. Die ganze Existenz unserer modernen Zivilisation beruht auf der Organisation der maschinellen Arbeit. Da wir die letztere also nicht missen und sie anderseits auch nicht zu einer angenehmen Beschäftigung umwandeln vermögen, so gibt es nur den einen Ausweg, bei dieser Art von Arbeit die Arbeitszeit energisch zu verkürzen. Je dichter ein Land bewohnt ist, desto mehr bedarf es der maschinellen Tätigkeit, um die vielfachen Bedürfnisse des V olkes befriedigen zu können. Die schon jetzt fühlbare teilweise Verbesserung der materiellen Lebenshaltung des Volkes verdankt es in erster Linie der größeren Ergiebigkeit der Arbeit, welche uns die Verwendung der Maschine gebracht hat; die Kulturfortschritte der Massen hängen also eng mit den technischen Fortschritten der Arbeitsmethoden zusammen. Auch die kapitalistische Gesellschaftsordnung hängt wieder eng mit der technischen Arbeit zusammen und fügt der Ergiebigkeit derselben noch die Ausnützung zweier Naturtriebe hinzu: den persönlichen Egoismus, welcher Gewinn sucht und stets auf neue Verbesserungen der Gütererzeugung bedacht 45 ist und ferner den menschlichen Ehrgeiz, der um des Ruhmes und der Ehre willen auf immer neue Erfindungen und Entdeckungen sinnt. Dadurch birgt das Arbeitssystem des Kapitalismus den unleugbaren Vorteil in sich, die Ergiebigkeit der Arbeit in unübertroffener Weise gesteigert zu haben. Die Entwicklung der Dinge kann daher wohl über den Kapitalismus hinausgehen und ein System anstreben, welches die menschliche Arbeit noch ergiebiger macht und die Leistungsfähigkeit der Menschheit durch weitere technische Fortschritte noch mehr steigert! Doch niemals können wir dauernd zu Zuständen zurückkehren, durch welche die Güter- und Nahrungsmittelerzeugung verringert wird. Denn es ist klar, daß durch eine Verringerung der Arbeitsleistung allmählich Hunger und Elend alle Klassen der Bevölkerung erfassen müßten und daß der Kampf um die wichtigsten Erfordernisse des täglichen Lebens die Existenz des ganzen Volkes untergraben würde. Wir erleben ja gerade jetzt in der Kriegsund Nachkriegszeit schaudernd ähnliche Zustände und sollten daraus warnende Lehren für die Zukunft ziehen. Fragen wir uns nun, warum die mechanisierte Arbeit so geist- und freudetötend wirkt, so gibt uns der Besuch irgend eines Fabrikssaales sofort unmißverständliche Antwort: denn bei Beobachtung der Maschine und des sie bedienenden Arbeiters fühlen wir uns versucht, die Maschine, welche die Arbeit erzeugt, beinahe intelligent zu nennen, während der dabeistehende Arbeiter seine Intelligenz zu einer maschinellen Tätigkeit erniedrigen muß. In vielen Fabriken (bei Zündholz-, Papiererzeugung, Webereien u. s. w.) besteht die Arbeitsleistung des Arbeiters nur aus einer genauen Beaufsichtigung der automatisch arbeitenden Maschine; der Arbeiter scheint fast beschäftigungslos zu sein, und doch muß er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Maschine konzentrieren, um jeden Fehler rechtzeitig zu bemerken. Sosehr also die Maschine den Menschen die schwere körperliche Arbeit abgenommen hat, so ist die Beaufsichtigung der Maschine nichtsdestoweniger eine sehr ermüdende und anstrengende Tätigkeit. Auch die geistreichste Maschine arbeitet doch nur mechanisch, und ein Fehler des Arbeiters wird durch die rasche Leistungsfähigkeit der Maschine gleich ins Ungemessene vergrößert. Daher ist angestrengteste Aufmerksamkeit des Arbeiters nötig; hiezu kommt noch die Eintönigkeit der Beschäftigung und die Unmöglichkeit, sich bei der Maschine individuell zu beschäftigen. Gerade der letztere Umstand bewirkt jene lähmende Ermüdung, von der die Arbeiter nach stundenlanger maschineller Tätigkeit befallen werden. Auch die' schönsten modernsten Fabriksbauten können an diesem Zustand nichts ändern; durch dieselben werden auch ganz andere Ziele angestrebt. Man will die Arbeitssäle luftig und hygienisch gestalten, um die vorerwähnten unvermeidlichen Übel der maschinellen Arbeit nicht durch ungeeignete Arbeitsräume noch unnötig zu verschärfen. Der moderne Fabriksarchitekt schafft auch ferner diverse hygienische Einrichtungen, Waschräume, Dusch- und Wannenbäder, Gaderoben, Ruhe- und Speiseräume etc., etc. Aber durch alle diese Erleichterungen vermag er trotzdem nicht die freudlose mechanisierte Arbeit zu einer lustvollen, mit Liebe zu leistenden Tätigkeit umzuwandeln. Daher haben alle Arbeiterorganisationen und auch alle sozialdenkenden Regierungen sich stets für Verkürzung der Arbeitszeit eingesetzt. Dem i 2 stündigen Arbeitstag folgte der iostündige — jetzt sind wir beim 8stündigen angelangt und schont plant man für manche Arbeitsleistungen Einführung des östündigen. Leider wurde aber bisher viel zu wenig Rücksicht auf die Art der Arbeitsleistung genommen. Die Verkürzung der Arbeitszeit, die bei einem Kohlenbergbau- 47 arbeiter, bei einem Kanalräumer oder bei anderen körperlich sehr anstrengend arbeitenden Leuten vollauf berechtigt ist, wird schon bedenklich, dort wo es sich um Saisonarbeiten, wie etwa beim Baugewerbe oder bei der Landwirtschaft, handelt. Ohne Zweifel werden heute die so wichtigen Fragen der Differenzierung der Arbeiten allzu leichtfertig behandelt. Die Arbeit im Baugewerbe z. B. bietet gewiß so vielerlei Abwechslung, daß sie mit einer Fabriksarbeit, mit dem stumpfsinnigen Beobachten einer Maschine, oder mit einer Kohlenbergbauarbeit absolut nicht verglichen werden kann. Das Baugewerbe verlangt von seinen Arbeitern stets eine gewisse selbständige geistige Tätigkeit. Man beobachte z. B. einen Zimmermann bei seiner Arbeit: das Ausstemmen der Zapfenlöcher, das Schneiden der Kehrungen und Kehlungen, das Aufstellen eines Dachstuhles etc. erfordern einige Kenntnisse der darstellenden Geometrie und der technischen Konstruktionen, sind daher anregend und abwechslungsreich und nichts weniger als langweilig. Auch hängen alle Arbeiten des Baugewerbes innig mit der Witterung zusammen; wider Willen müssen oft Regenfeiertage eingeschaltet werden. Zudem ist in unseren klimatischen Verhältnissen die für diese Arbeiten geeignete Jahreszeit ziemlich kurz, so daß der ganze Winter und ein Teil des Frühjahrs und Herbstes für dieselben nicht in Betracht kommt. Es wäre also sehr zu beklagen und als durchaus ungerechtfertigt anzusehen, wenn bezüglich der Arbeitszeit zwischen diesen Arbeiten und der Fabriksarbeit nicht ein Unterschied gemacht würde. Denn die zu kurze Arbeitszeit bedingt beim Baugewerbe eine enorme Verteuerung, bedingt eine sehr geringe Ausnützung des Inventars, erfordert daher hohe Amortisationskosten für dasselbe und verlängert die Bauzeit außerordentlich, wodurch Interkalarzinsen auflaufen. Eine so bedeutende Verteuerung des Bauens trifft gleichmäßig alle 4 8 Klassen der Bevölkerung und erschwert die Gesundung der Wohnverhältnisse der arbeitenden Klassen. Wer in der letzten Zeit mit Bauarbeitern verkehrt hat, wird erfahren haben, daß dieselben mit einer Verkürzung der Arbeitszeit durchaus nicht einverstanden sind. Die meisten von ihnen wollen die Möglichkeit haben, im Sommer mehr Geld zu verdienen, um im Winter dafür mit ihrer Familie andere Geschäfte betreiben zu können, wozu sie ein Betriebskapital brauchen, oder auch um überhaupt für die Winterszeit einen Sparpfennig zurücklegen zu können. Bei der mechanisierten Arbeit übernehmen die Maschinen den größten Teil der Tätigkeit, so daß die menschliche Arbeitskraft durch die Technik sozusagen vervielfacht wird. Wenn z. B. eine Packmaschine, die von einem Arbeiter bedient wird, die Arbeitsleistung von 25 Arbeitern ersetzt, so ist es ohneweiters möglich, die Arbeitszeit energisch zu verkürzen. Denn ein findiger Techniker kann demnächst eine Maschine konstruieren, die die Arbeitsleistung von 50 Leuten ersetzt, so daß der Arbeitsverlust wieder hereingebracht wäre. Anders liegen die Verhältnisse jedoch bei den Gewerben, insbesondere beim Baugewerbe und speziell bei der Landwirtschaft, wo noch mehr als beim Baugewerbe die Witterung eine große Rolle spielt und unaufschiebbare Arbeiten während der Anbauzeit und Ernte sich oft auf wenige Tage zusammendrängen. Bei diesen wie bei allen anderen gewerblichen Arbeiten können die Maschinen nur in beschränktem Maße angewendet werden. Der Ersatz der Menschenkraft durch Arbeitsmaschinen ist prozentuell genommen ein viel geringerer als bei der Großindustrie, daher wäre eine einheitliche Verkürzung der Arbeitszeit für diese Arbeitskategorien direkt verhängnisvoll und würde alle gewerblich her gestellten Artikel sowie auch 49 alle Nahrungsmittel ins Ungemessene verteuern. Die größte Zahl der Arbeiter ist jedoch in Fabriks- und Werks-Unternehmungen tätig, um Rohstoffe und Massengüter zu erzeugen. Bei diesen Unternehmungen wurde zum Zwecke der Ausnützung aller Kräfte eine schonungslose Mechanisierung eingeführt, und mit Recht wurde daher hier, wie schon oben erwähnt, die Arbeitszeit von io auf 8 Stunden verkürzt und wird noch eine weitere Verkürzung angestrebt. Damit ist aber die Entwicklung auf einen Punkt gelangt, wo eine einschneidende Reform der menschlichen Arbeit möglich und notwendig ist. Ein Mensch, der 12 Stunden des Tages arbeitet, ist gewiß nachher zu keiner anderen Arbeit fähig; die übrigbleibende Zeit wird zum Essen und Schlafen, zu Ruhepausen und zur Besorgung persönlicher Angelegenheiten verwendet. Eine 8 oder sogar östün- dige Arbeitsdauer läßt jedoch so viel Zeit frei, daß es wohl berechtigt ist zu überlegen, auf welche Weise diese freie Zeit durch angenehme und anregende Tätigkeit ausgefüllt werden könnte, durch welche auch gleichzeitig vom national-ökonomischen Standpunkte aus Nützliches und Wertvolles geleistet wäre. Verrichtet ein Mensch täglich durch eine gewisse Anzahl von Stunden eine zwar unangenehme, aber für die Wohlfahrt des Volkes notwendige Arbeit, und sucht er dann für seine Mußestunden noch eine andere Art nützlicher Beschäftigung, so muß diese ihm vor allem unbedingt Freude und Anregung gewähren. In Betracht kämen also hier hauptsächlich zweierlei Arten von Arbeit: eine solche landwirtschaftlichen Charakters, also Gartenarbeit, Gemüse-, Obst- und Kleinviehzucht und zweitens eine Betätigung in den verschiedensten Gewerben als freier Handwerker, wodurch er in die Lage versetzt wäre, wieder 50 KÖCHE- -ZIMMEJ2 ZIMMEP GAOTEN Schematischer Grundriß eines Wohnhauses mit Stallungen und Nutzgarten. jene ^tausend Dinge des persönlichen und kulturellen Bedarfs hervorzubringen, zu deren Herstellung die früheren Generationen so viel Liebe aufgewendet haben. Heute stellt sich diesen beiden Betätigungen durch die Wohnverhältnisse ein großes Hindernis entgegen, da eine Verrichtung solcher Arbeiten in und bei den derzeitigen Wohnungen selten möglich ist, denn soll die freie Zeit wirklich voll verwertet und nicht durch unnützen Verkehr verschwendet werden, dann muß die Betätigungsmöglichkeit in oder in der Nähe der Wohnung gegeben sein. Eine landwirtschaftliche Arbeit wird wenig Befriedigung gewähren, wenn deren Vornahme stets eine stundenweite Reise zu einem Schrebergarten vorangehen muß. Ebensowenig wird auch eine gewerbliche oder kunstgewerbliche Tätigkeit sehr verlockend sein, wenn der Wohnung nicht eine entsprechende Werkstatt angegliedert werden kann oder sich eine solche zumindest in deren Nähe befindet. Daher wurde auch in dem vorigen Kapitel die Forderung aufgestellt, daß eine weitschauende Wohnungsreform sich das Ziel stellen müsse, neben der gesunden und ausreichenden Wohnung jedem einzelnen Haushalt eine größere Gartenfläche oder eine Werkstatt zur Verfügung zu stellen. Der Arbeitstag eines Arbeiters zerfiele mithin in zwei verschiedene Teile: der eine gälte der schweren maschinellen, unumgänglich notwendigen Arbeit, und mit Recht muß angestrebt werden, diese Arbeitszeit durch den Ausbau der technischen Errungenschaften immer mehr verkürzen zu können. Der zweite Teil der Arbeitszeit wäre nach freier Wahl irgend einer anregenden, aber auch nützlichen Tätigkeit gewidmet. Durch die erstere Arbeit sichert sich der Arbeiter seine materielle Existenzmöglichkeit und ist hier auch nur 52 Kleinwohnungsbauten mit Stallungen für Kleinvieh und großen Nutzgarten (für die »Solo A. G.n im Bau). dienendes Glied eines Ganzen; bei seiner zweiten Betätigung ist er sozusagen selbständiger Unternehmer und produziert nur für sich — oder falls er die Produkte seiner Arbeit verkauft, fällt ihm allein der Erlös zu. Durch eventuelle landwirtschaftliche Tätigkeit erleichtert er sich und seiner 53 Familie die Lebensführung, und auf dem Gebiete des besseren Handwerkers hängt es von seinem Fleiß, seiner Geschicklichkeit und anderen persönlichen Eigenschaften ab, ob er sich einen reichlichen oder minder reichlichen Nebenverdienst verschaffen und daher hoffen kann, einen angenehmen Wohlstand zu begründen. Die Entwicklung einer solchen Arbeitsteilung müßte über den reinen Kapitalismus hinausgehen; der Kapitalismus wäre sozusagen nur der Steigbügel zum Aufschwung zu einem Arbeitssystem, das der Menschheit wieder das Glück zurückbrächte, mit Lust und Liebe an ihre Arbeit gehen zu können. Wenden wir uns nun nochmals der Frage zu, wieso es möglich war, daß die gewerbliche Arbeit früherer Zeiten kaum jemals als bedrückend empfunden wurde, obwohl die Arbeitszeit damals durchschnittlich eine viel größere war als sie es heute ist. Auf allen Gebieten, auf denen heute der Großbetrieb mächtig geworden ist, herrschten damals viele kleine Meister, die heute eben durch den Großbetrieb verdrängt worden sind. Die Arbeit eines solchen Meisters und seiner Helfer war nun ganz anders organisiert als die heutige Fabriksarbeit. Herrscht jetzt eine Arbeitsteilung bis ins kleinste Detail, so war es damals üblich, daß jeder Arbeiter oder doch zumindestens jeder Meister das von ihm verfertigte Werk vollständig durchführte, so daß er es unter seinen Händen wachsen sah, Ein Schuhmacher z. B. nahm Maß, schnitt das Leder zu. wählte die Fasson nach seinem Geschmack und führte im Laufe eines Tages eine Reihe von Arbeiten aus, die bald seine Geschicklichkeit und sein handwerkliches Können, bald seinen Geschmack in Anspruch nahmen; der Materialeinkauf erforderte Verständnis und einige kaufmännische Schulung — kurzum, ein solcher Mann hatte keine Ursache, 54 über Eintönigkeit seiner Beschäftigung zu klagen. Und hatte er ein Paar Schuhe fertiggestellt, so genoß er die Freude, den Erfolg seiner Mühe in sichtbarer Gestalt vor sich zu sehen und eventuell ein Lob desBestellers entgegenzunehmen. Ein Büchsenmacher führte in ähnlicher Weise sein Werkstück von A bis Z durch; ein Tischler, dem noch kein Innenarchitekt mit haargenauen Zeichnungen die Herstellung eines Möbels vorschrieb, konnte seine Werke nach seinem eigenen Geschmack ausgestalten, weil sein Geschmack gleichzeitig auch der der Zeit war und sich seine Arbeit im Rahmen eines allgemeinen Stiles bewegte. Allen diesen Handwerkern wurde die Genugtuung und Befriedigung zuteil, die jede schöpferische Arbeit mit sich bringt. Daher war auch zur Blütezeit der Gewerbe eine Mißstimmung, wie sie die heutigen Arbeiterkreise erfaßt hat, etwas gänzlich Unbekanntes. Arbeit galt als Ehre und Vergnügen, und jeder, der es sich nicht hätte angelegen sein lassen, gute, liebevoll ausgeführte Arbeit zu liefern, wäre recht schlecht angesehen worden. Allerdings hat diese Zeit ihre Arbeiter auch nicht ausgebeutet, sondern jedem einen angemessenen Teil des allgemeinen Wohlstandes zugewiesen. Erst das Aufkommen der maschinellen, also der Fabriksarbeit, hat diesen Zustand verändert. Die Tätigkeit eines heutigen Schuhmachers, der in der Schuhfabrik bei der Maschine steht und jahraus, jahrein denselben Schuhteil bearbeitet, ist nicht zu vergleichen mit der oben geschilderten eines Schuhmachers aus früheren Zeiten. Der Büchsenmacher von heute steht in der Waffenfabrik und macht vielleicht jahrelang immer wieder eine und dieselbe Ein- fräsung an dem Lauf eines Maschinengewehres. Ähnlich verhält es sich bei allen anderen Gewerben, die im Großbetrieb aufgegangen sind: überall finden wir den Zwang zur Ausschaltung des individuellen Ge- 55 schmacks, der individuellen Leistung und damit den Verzicht auf Betätigung gerade der besten und edelsten Eigenschaften des menschlichen Geistes. Dies vor allem gestaltet die mechanisierte Arbeit zu einer so niederdrückenden. Die Industrie war nun bestrebt, außer Massengütern auch Dinge des persönlichen Geschmacks und der persönlichen Bedürfnisse zu erzeugen. Es wurden unter großen Opfern Etablissements gegründet, welche die Menschen mit allen Gegenständen persönlichen Geschmacks und persönlicher Kultur versorgen sollten. In erster Linie wurden von diesem Gesichtspunkte aus Möbel und andere Wohnungseinrichtungsgegenstände erzeugt. Da offenbarte sich aber das Fiasko unserer Zeit; denn alles, was auf diesen Gebieten bisher geschaffen wurde, ist eine plumpe Nachahmung der Handwerksstücke aus früheren Jahrhunderten. Es wurde jeder Stil versucht, man geriet von einem Irrweg auf den anderen. Bald wurden Möbel und Gebrauchsgegenstände mit Ornamenten überladen, bald wurde Glätte und Ornament- losigkeit als das Ideal gepriesen. AlledieseBestrebungen mußten im Sande verlaufen, denn die Wurzel des Übels liegt darin, daß alle Arbeit heute von Lohnsklaven ohne Lust und Liebe vollbracht wird. Auch die vielen fach- und kunstgewerblichen Schulen, die zur Hebung der gewerblichen Leistungen gegründet wurden, konnten keine Abhilfe bringen, sondern vermehrten im Gegenteil Verwirrung und Geschmacklosigkeit, weil letztere sich jetzt noch kecker in verborgtem Gewände breitmachen konnte. Einen Erfolg hatten nur jene Künstler aufzuweisen, die sorgsam die Herstellung aller kunstgewerblichen Gegenstände studierten und mit Hintansetzung aller persönlichen Vorteile rein aus Liebe zur Sache bestrebt waren, einen Stil der Zeit zu schaffen. Dieses große Vorhaben ist 56 ihnen wohl nicht gelungen, aber diesen Mühen verdankten sie es, sich selbst einen persönlichen Stil erobert zu haben! Die Wunderblume einer wirklichen allgemeinen Kultur und eines neuen Zeitstils wird erst dann erblühen, wenn die Reorganisation der Arbeit Zustände geschaffen haben wird, die dem Menschen ermöglichen, seine Arbeit wieder mit Freude und innerer Anteilnahme zu leisten. Ein Beispiel für viele: es könnten sich unter den Arbeitern eine Reihe Gleichgesinnter zusammenfinden, die anschließend an ihre Wohnungen oder doch mindestens in nächster Nähe derselben eine kleine Werkstatt errichten, um hier Bücher wieder handwerksmäßig richtig einzubinden. Dadurch würde den großen maschinellen Betrieben keine Konkurrenz erwachsen, denn es wird stets Arbeit genug für diese geben, da Einbände für Schul- und Geschäftsbücher, Parlamentsreden etc. natürlich nach wie vor nur von ihnen hergestellt werden würden. Aber es gibt andere Bücher, deren Inhalt sie für den Besitzer zu einem kostbaren Eigentum, zu einem persönlichen Freunde stempelt, sei es nun die Bibel, seien es Werke der Literatur oder Philosophie — gleichviel — und solche Bücher sollten ein individuelles, handwerklich tüchtiges Gewand erhalten. Es ist in weiteren Kreisen unbekannt, welche Verkommenheit gerade auf dem Gebiete der Bucheinbinde-Industrie herrscht und daß gerade die sogenannten Prachtausgaben, mit denen das Volk von den großen Instituten überschwemmt wird, das technisch und künstlerisch Schlechteste darstellen, was jemals auf diesem Gebiete erzeugt wurde. Für den Kenner bildet die Betrachtung eines gut eingebundenen Buches einen Genuß — aber diesen Genuß kann er heute recht selten bei modernen Büchern finden, er muß zu alten Büchern greifen — dort kann er sich daran ergötzen, wie gut es genäht, wie leicht es sich aufschlagen läßt, wie 57 sorgsam der Lederrücken behandelt ist, mit welchem Geschmack Vorsatzpapiere angebracht sind, welch einfache, klare, mit wenig Eisen herstellbare Muster die Golddrücke aufweisen u. s. w. Es ist nicht einzusehen, warum solch gute Leistungen des Handwerks dauernd in Verfall und Vergessenheit geraten sollen. Man hat auch bereits hie und dort Wiederbelebungsversuche der Buchbinderkunst gemacht und sofort war eine große Nachfrage nach solcherart gebundenen Büchern zu verspüren. Diese Erfahrung würde sich gewiß auch auf vielen anderen Gebieten des Handwerks wiederholen. Um aus dem Nebelkreise der verschiedenen Anschauungen über die Reform unserer Wohn- und Gewerbekultur herauszufinden, müssen wir uns vorerst eine Frage vorlegen: wo ist die Grenze zwischen den Dingen, die durch maschinelle und solchen, die hauptsächlich durch Handarbeit hergestellt werden sollten? Zweifellos liegt hier die Grenzscheide in dem Begriff »persönlich«. Alles was für eine bestimmte Person erfunden oder gearbeitet werden soll, oder Gegenstände, zu deren Herstellung persönlicher Geschmack erforderlich ist, werden schwerlich auf maschinellem Wege erzeugt werden können. Die Maschine ist imstande, einen Kleiderstoff zu weben, aber um diesen Stofl zu einem für einen bestimmten Menschen passenden Gewände zu verarbeiten, muß Handarbeit hinzukommen. Wer auf gute Fußbekleidung hält, weiß, daß ein angemessener und mit der Hand verfertigter Schuh viel besser sitzt und und weit längere Lebensdauer hat als ein Fabriksschuh. Am allermeisten werden die Vorzüge der Handarbeit bei jenen Erzeugnissen zu bemerken sein, welche außer einem Gebrauchswert auch einen Persönlichkeitswert durch den Verfertiger erhalten sollen, z. B. Schmuckstücke, kunstgewerbliche Gegenstände in reicherer Ausführung u. dgl. Hier handelt es sich also um Herstellung von Dingen, die 58 in ähnlicher Vollkommenheit wie sie die wundervollen Erzeugnisse alter Handwerkskunst aufweisen, nur dann gelingen können, wenn deren Verfertiger mit Freude und Liebe an der Arbeit war. Erlauben neue Wohnverhältnisse der städtischen Bevölkerung, auch Bodenkultur zu betreiben, so wäre diese Tätigkeit nicht nur für den geistig Arbeitenden oder den mit einer »sitzenden Lebensweise« Behafteten ein wahrer Segen, sondern würde auch geradezu als Hauptfaktor einer vernünftigen Kindererziehung anzusehen sein. Vor allem aber böte sich der Frau ein neues und natürliches Arbeitsfeld dar. Die Arbeit im Hausgarten entzöge sie nicht ihrer Familie und ihrem Haushalt, wie es die Fabriksarbeit tut. Erschreckend ist das Elend, welches die Statistik gerade in Bezug auf Fabriksarbeiterinnen aufdeckt. Damaschke sagt mit Recht: »Die verheiratete Frau muß entweder den Haushalt vernachlässigen oder sich selbst aufreiben, d. h. sie kann weder dem Mann noch den Kindern das sein, was eine Frau und Mutter sein soll. Die Ernährung in solchen Häusern muß die denkbar schlechteste sein. Es kann nur das gekocht werden, was am schnellsten zuzubereiten ist. Die Männer werden ins Wirtshaus getrieben — und die Kinder? Was bedeutet für sie diese Entwicklung? Unzählige Reihen von Kindergräbern geben darauf Antwort.« Und trotz dieser entsetzlichen Folgen steigt von Jahr zu Jahr die Anzahl der verheirateten Frauen, die in Fabriken Beschäftigung suchen. Die natürliche Tätigkeit der Frau besteht ja doch darin, sich der Erziehung ihrer Kinder und ihrem Haushalte zu widmen. Eine Beschäftigung in einem der Wohnung angeschlossenen Nutzgarten wäre der Arbeit im Hause gleichzustellen und böte außerdem den unschätzbaren Vorzug, der Gesundheit der Frau zuträglich zu sein; die Gesundheit der Frau verbürgt aber die Gesundheit des Volkes. 59 Zusammenfassend: Mechanisierte Arbeit, also Fabriksarbeit, ist freudlose Arbeit; sie schaltet individuelles Denken aus und verzichtet auf die edelsten Eigenschaften des Menschen, auf seine schöpferischen Kräfte. Zu Arbeiten, von denen angenommen werden kann, daß sie von den Menschen gerne und mit Lust verrichtet werden, gehören landwirtschaftliche Arbeiten (Gartenarbeiten) und freie gewerbliche Arbeiten (insbesonders auf dem Gebiete des Kunstgewerbes), die nicht mechanisiert sind. Die Zeit, welche auf mechanisierte Arbeit verwendet wird, soll möglichst abgekürzt werden zu Gunsten jener Arbeiten, welche den Menschen innere Befriedigung gewähren. Dieses Ziel kann erreicht werden durch Steigerung aller mechanischen Produktionsmittel, um auf solche Weise Menschenkräfte für höherstehende Arbeitsleistungen frei zu machen. Der Erlös dieser letzteren Arbeitsleistungen soll möglichst zur Gänze ihren Urhebern zufallen — je mehr sie arbeiten, desto größer soll ihr Gewinn sein, desto wohlhabender sollen sie werden. Die Güter, welche solcherart durch höherstehende, persönliche, schöpferische Arbeit hervorgebracht werden, wären eine äußerst wertvolle Ergänzung der staatlichen Produktion. Eine neue Kultur unserer Zeit und unseres Volkes kann sich nur auf dieser persönlichen schöpferischen, daher mit Lust und Liebe geleisteten Arbeit aufbauen und entwickeln. 60 ERZIEHUNGSFRAGEN. ur politischen Reife wird ein Volk erzogen durch Er- weckung seines Verständnisses für den Aufbau des Staates. Kenntnis der menschlichen Arbeit im allgemeinen, besonders aber der landwirtschaftlichen, gewerblichen und Fabriksarbeit ist notwendig, um die Jugend zu diesem Verständnis führen zu können. Die Beschäftigung der städtischen Bevölkerung mit Gartenarbeiten und handwerklichen 'Arbeiten, welche durch die angestrebte Wohnungsreform ermöglicht werden soll, erfordert aber auch eine entsprechende Vorbildung. Den Schulen erwächst daher eine neue Aufgabe. Außer den zur Erzielung einer allgemeinen Bildung bisher gelehrten Unterrichtsgegenständen wird dem Lehrplane auch eine Unterweisung in landwirtschaftlichen Arbeiten und in verschiedenen Gewerbezweigen mit praktischen Übungen beigefügt werden müssen. Der Einseitigkeit einer nur den Intellekt des Kindes in Anspruch nehmenden Erziehungsmethode würde durch eine solche Erweiterung aufs günstigste vorgebeugt. Ein solcher Unterricht schlösse natürlich ein rein theoretisches Erörtern des Gegenstandes vollkommen aus. Wie ein Feld bebaut, wie Blumenkulturen gezogen werden, kann nicht durch Erzählungen, sondern nur durch praktische Ausführungen klargemacht werden. Daher müßten auch die Schulen mehr Raum zur Verfügung haben als jetzt, um einerseits Ver- 61 Suchsfelder, Gartenkulturen, Glashäuser etc. anlegen, andererseits auch kleine Werkstätten für den praktischen, gewerblichen Unterricht angliedern zu können. Die Absolventen der Volksschulen würden die Schule daher nicht bloß mit einigen theoretischen und wissenschaftlichen Kenntnissen verlassen, sondern sie wären auch in der Lage, eine nützliche, praktische Arbeit zu leisten. Der Satz: daß für das Leben, nicht für die Schule gelernt werde, würde dann kaum mehr in der ironisierenden Umkehrung angewendet werden. Größer als der praktische Gewinn wäre aber der ideelle. Denn einem Menschen, der wohlfundierte Kenntnisse der verschiedensten Arbeitskategorien besitzt, erschließt sich das Verständnis für wichtige Fragen des Lebens viel leichter. So ist das Verständnis für das Handwerk die Grundlage für das Verständnis der Künste. Nur wer die materiellen Schwierigkeiten kennt, die der praktischen Durchführung einer Idee entgegenstehen, vermag die Höchstleistungen des Menschengeistes, die in Kunstwerken ihren Ausdruck finden, zu würdigen und selbständig zu beurteilen. Jeder Künstler sollte dahervorerst ein guter Handwerker sein, sonst hängt sein Schaffen in der Luft. Ohne Mitwirkung durch neue Erziehungsmethoden wäre auch die Wohnungsreform und Reformierung der Arbeit nur Stückwerk, denn die Freude an der Arbeit wächst mit denKennt- nissen. Der Unwissende wird nur zu leicht durch unvermeidliche Mißerfolge entmutigt; erst wirkliche Kenntnisse vermögen dem Menschen der Arbeit gegenüber freudige Ausdauer anzuerziehen. Nur eine Erziehung des Volkes in diesem Sinne, auf einer so breiten vernünftigen Grundlage, könnte mit Recht eine Erziehung zur allgemeinen Bildung genannt werden. Ja, mehr als das: es wäre eine Erziehung zum Handeln, und dieser bedürfen wir mindestens ebensosehr als einer Erziehung zum Denken und Reden. 62 SCHLUSSWORTE. I n dieser Zeit der bitteren Not und des Umsturzes aller staatlichen und sozialen Einrichtungen unseres Volkes heißt es sich vor allem darüber klar zu werden, durch welche Umstände ein so elementares Aufflammen der Unzufriedenheit mit den bisherigen Verhältnissen entstehen konnte. Der Einsichtige weiß, daß nicht allein der Krieg als Ursache dieser großen Volksbewegung angesehen werden kann. Schon vor dem unseligen Kriege war das Volk wenig glücklich und ist dessen Unzufriedenheit' bald da, bald dort zutage getreten, aber erst die besonders drückenden Verhältnisse der fünfjährigen Kriegszeit haben die revolutionären Stimmungen, die unter normalen Verhältnissen vielleicht noch jahrzehntelang fortgeglommen hätten, mit einem Schlage zur Explosion gebracht. Und wie jede zu schnelle Entwicklung auch zerstörend und schädlich wirkt, so bringt auch dieser gewaltsame Umsturz nicht immer richtige Ideen und nicht überall die richtigen Männer an die Oberfläche. Durch die Mechanisierung der Arbeit hat der Staat im verflossenen Jahrhundert eine ständige Veränderung seiner sozialen Struktur erlitten, und zwar, im großen und ganzen genommen, nicht zum Vorteil der Allgemeinheit. Ganze Bevölkerungsschichten, die ehemals selbständig waren, sind untergegangen in der großen Menge der Industriearbeiter, und mancher Bürger, der sein gutes Einkommen hatte, sah 63 seine Kinder rettungslos der Proletarisierung verfallen. Zuerst wurden den Menschen ihre Heimstätten genommen, die Bürger- und Meisterhäuser der Städte verschwanden ebenso wie ihre Inwohner: die kleinen Handwerksmeister, und während an der Peripherie der Stadt die Fabrik erbaut wurde, entstanden in den Vorstädten die Massenquartiere der Arbeiter. Dürfen wir uns daher wundern, daß der Mensch, dem zuerst sein Heim und dann die Freude und das Interesse an seiner Arbeit genommen wurde, der schließlich an dem Ertrag seiner Arbeit ganz unbeteiligt blieb, weil die durch ihn hergestellten Waren von dem Fabrikseigentümer verwertet wurden, dürfen wir uns wundern, daß dieser Mensch endlich zum Bewußtsein seines unglücklichen Lebens kam und nun mit allen Mitteln eine Besserung seiner Lage erkämpfen will ? Er hat ein Anrecht darauf, so viel von den Gütern dieser Erde zu verlangen, daß sein Leben dadurch wieder Inhalt bekommt und ihm als lebenswert erscheint. Die Möglichkeit eines glücklichen Daseins hängt freilich nicht allein von materiellen Gütern ab, und der Staat hat das Schicksal des einzelnen nur in Bezug auf die materiellen Vorbedingungen des Lebens in der Hand. Diese jedem einzelnen zu gewähren ist seine Pflicht. Fragen wir nun, was das Volk als materielle Vorbedingungen eines zufriedenen Daseins ansieht und was es begehrt, so lautet die Antwort: Gesunde Wohnung im Zusammenhang mit der Natur, Arbeit, die Freude und Befriedigung gewährt, die den Fähigkeiten des einzelnen angepaßt ist und Erfolge sehen läßt, und endlich persönliches Besitztum an Nutz- und Wertobjekten, an die sich die menschliche Seele so gerne hängt. Jeder Einsichtige wird diese Wünsche als vollauf berechtigt empfinden und sich dafür einsetzen, daß der Staat dieselben erfülle. Aber 64 Leistung bedingt Gegenleistung, und wenn der Bürger von dem Staate Wohltaten (wohlverstanden, nicht Almosen!) empfangen will, so muß er auch dem Staate geben, was des Staates ist! Und was benötigt der Staat vor allem, wodurch kann er überhaupt erst in die Lage versetzt werden, die Wünsche des Volkes zu erfüllen? Durch Arbeit, Arbeit, Arbeit, und zwar durch nützliche, schöpferische Arbeit! Haben wir vor dem Kriege täglich io Stunden arbeiten müssen, um das Gleichgewicht zwischen Bedarf und Güterund Nahrungsmittelproduktion herzustellen, so können wir nach einer fünfjährigen Verwüstung und Verschwendung all unseres Vermögens keinesfalls mit einer geringeren Arbeitszeit lebensfähig bleiben. Es ist möglich, diese Arbeit gerechter zu verteilen, es ist möglich, durch technische Einrichtungen den Menschen die schwere Arbeit in noch höherem Maße abzunehmen, als es bis jetzt geschehen ist, — ja, wir können einen möglichst großen Teil der Arbeit zu einer angenehmen Tätigkeit umzugestalten trachten, — (denn vom Standpunkt der nationalen Wirtschaft aus handelt es sich lediglich um möglichst große Erzeugung von Werten, und jede Mehrproduktion ist gleich willkommen, auf welche Weise immer sie erreicht worden sein mag!) Aber eines ist unmöglich: dem Volke die Vorbedingungen einer angenehmen Existenz, also jedem einzelnen gesunde Wohnung und alle Bedarfsgüter versprechen und andererseits die Produktion des ganzen Landes verringern durch Einführung einer viel zu knapp bemessenen Arbeitszeit und Einführung unrationeller Arbeitsmethoden! Es muß einmal klar ausgesprochen werden, daß alle diejenigen Verräter am Volkswohle sind, die in irgendwelcher Form die Arbeit verhindern oder durch ungeeignete Maßnahmen den Erfolg der Arbeit vermindern. 65 Denn auf diese Weise wird das Volk unrettbar den Weg zu einem neuen, noch tieferen Elend geführt. Niemand im ganzen Staate, und am allerwenigsten die Arbeiter, wünschen jedoch diesen Zustand herbeizuführen. Das Volk will Führer, die seine Wünsche verstehen, Führer, welche es zu neuer, froher und ergiebiger Tätigkeit anregen und alle seine geistigen und materiellen Kräfte so zu organisieren wissen, daß Not und Elend der Gegenwart überwunden werden. Es will Arbeit und Menschen, welche die Arbeit leiten können. 66 ■irtjiwÄptM'rMx. KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & CO. G. M. B. H. IN WIEN LEOPOLD BAUER DER KÜNSTLER UND SEIN WERK Herausgegeben von FERDINAND VON FELDEGG Groß-Folio: Textheft mit 84 Abbildungen und 63 Lichtdrucktafeln. In Mappe M. 120*— Besonders interessant für jeden Fachmann sind die hier zum erstenmal umfassend veröffentlichten Entwürfe und durchgearbeiteten Grundrisse zum Neu- bau der Ö sterreichisch-Ungarischen Bank, der allein etwa 30 Abbildungen und 6 Tafeln gewidmet sind. Daneben werden große Repräsentationsund Zweckbauten (Schü^enhaus in Jägerndorf, katholische Pfarrkirche in Bielitz, katholische Filialkirche in Taschendorf, Prießnitz-Sanatorium Gräfen- berg, Handels- und Gewerbekammer in Troppau, Konkurrenzprojekte für das Kriegsministerium, für das Gebäude des Wiener Bankvereins, für das Landesmuseum in Innsbruck u. s. w.), Villen und Schlösser, neben Gesamtansichten wichtige Detailaufnahmen: Fassaden, Portale, Hallen, Stiegenhäuser, Interieurs, Terrassen und einzelne kunstgewerbliche Arbeiten (Gitter, Stuckdecken u. s. w.) gezeigt * LEOPOLD BAUER VON DAGOBERT FREY Mit 34 Abbildungen Enthalten in: Der Architekt, XXII. Jahrgang, Heft 7 (Juli 19x9). M. 2*50 Die Preise erhöhen sich am den jeweiligen Tenernngssaschlsg