§ Ä W 8 § rr über die völlige Gleichstellung der Confessionen in Oesterreich. Versaßt über den öffentlichen Aufruf zur Unterschrift einer in dieser Angelegenheit für Se. Majestät den Kaiser bestimmten Adresse. Boa einem Katholiken. 1^. F., Wien. Druck and Verlag von Job: Rep. Fridrich / Josephstadt Nr. 53 X^ie Ereignisse der verflossenen bedeutungsvollen Tage haben den Volksverhältnissen in Oesterreich eine andere Gestalt gegeben. — Trugbilder zerstoben vor der Macht des Volkes und die reelen Interessen der Nation machten sich auf vereinte Weise geltend. Die positiven Bedürfnisse nationaler Selbsterhaltung in reliöser, politischer und industrieller Hinsicht treten in den Vordergrund und man begreift die Nothwendizkeit das persönliche Interesse dem Ge- sammtwohle zu opfern. Eine Riesenhand hat Oesterreich's Volk auö dem lähmenden Schlummer gerüttelt und dasselbe in eine ehrenvolle Thätigkeit gebracht. Eine Lebensfrage verdrängt siegreich die andere; alle Quellen zum Wohls der Nation sind erfolgreich gefunden, und Jedem, der über die nächste Gegenwart hinauözublicken vermag, wird klar, was die Folgen und Früchte dieser erwachten Nationalkräfte sein werden. Ein Wunsch der Nation verkündet sich noch mit lauten Tönen. Es ist: Sr. Majestät dem Allergnädigsten Kaiser die Bitte zu überreichen, womit Höchstderselbe huldreichst genehmigen wolle, daß in Oesterreich alle Glaubens- Confsssionen völlig gleich gestellt werden, zu welchem Behufs die dießfällige Adresse in allen Buchhandlungen zur Unterschrift bereit liegt. Dies ist ein Wunsch, mit dem des Sieges Krone zu erringen, — ein Zeichen, daß die höchsten Interessen immer wieder im Laufe der Zeit austauchen. Es wird wohl Jeder, der im kirchlichen Sinne auf der Höhe der Ideen steht, der die Kirche als großes organisches Ganzes im Auge hat, die Nealisirung dieses, an mannigfaltige Interessen geknüpften Wunsches, der seine lebhafteste Theilnahme in Anspruch nehmen muß, für möglich halten; der Zweifler aber, dem die Bewunderung seiner selbst das Auge gegen die freis seelige Aussicht auf daß allgemeine Wohl geschloffen hat, wolle bedenken, daß so vieles Mächtiges, daö auf den ersten Blick unerreichbar schien, im Leben gelöset wurde, daß viele Unterschiede, die vor Jahrhunderten eine kräftige Stimme führten, jetzt nicht mehr gekannt, kaum dem Nahmen nach vorhanden sind. Wohl könnte dieses heißen Wunsches schönstes Licht getrübt und verdunkelt werden von dkm persönlichen Hasse des Einzelnen gegen den Einzelnen, von den Verdächtigungen und der Rechthaberei des Einen gegen den Andern, von der nicht gewissenhaften L e i d e n- sch aft, die ihren persönlichen Verdruß zur Sache des Ganzen, und für unchristliche Feindschaften verantwortlich macht. Kein nothwendigereö und dringedereS Wort hat man in dieser Sache zuzurufen, als daß Jeder scheiden möge die Selche von der Person, die ewige Wahrheit von vorübergehender Gaukelei, das Gefühl für veraltetes Vorurtheil, von dem Feuer für die Wahrheit und für daö Wohl der Menschheit, welches im lauteren und uneigennützigen Herzen flammt; — daß sich keiner gebrauchen lasse, eine Gewissenssache in den Kreis der Leidenschaften herabzuziehen, oder die verhöhnende Geringschätzung und Verunglimpfung Anderer für die Sprache der Wahrheit zu nehmen. Die Gleichstellung aller Confessionen in Oesterreich ist eine echt religiöse die Herzen adelnde Gesinnung und kann unserer gekrönten Zeit nur eine höhere Weihe geben. Der schärfste Verstand kann nicht laugnen, daß in dem Glaubens »Inhalt aller Völker und aller Jahrhunderte ein unverwüstlicher Kern höchster Wahrheit enthalten sei. Die Uebereinstimmung vieler Lehren, welche sich im Glauben der ältesten Völker wieder finden, erhöht noch die Bedeutung des religiösen Gesammt-Bewußtseinö. Durch genauere Kenntniß der orientalischen Religionen wird auch die jüdische Religion mehr verständlich, und dadurch viele Lehren, Einrichtungen und Ceremonien der:christlichen Kirche, die schon im Judenthum ihre Wurzel haben, ja zum Theil aus der Urzeit der Menschen stammen. Wer die Natur mit dem Auge des Geistes betrachtet, der sieht, daß sie Gottes Jnnerweltlich- keit bezeuget, daß die innere Zweckmäßigkeit, die sich überall erweisende objektive Vernunft auf ein absolut vernünftiges Ursubjekt, auf die Ueberweltlichkeit Gottes hinweiset. Nur der G otte ö beg riff, die Religion, — nicht aber Gott kann verschieden sein! Wir alle, Juden, Christen, Mohamedaner — sämmtliche Menschen — sind zu einem und demselben Zwecke hervorgebrachte Geschöpfe Eines Gottes. Einer NeligionS-Sekte vor der anderen des Glaubensbekenntnisses wegen Vorrechte einzuräumen ist Mcnschenhaß, streitet gegen alle Natur- und Vernunft-Gesetze, wird durch keine Lehre unseres Erlösers und Heilandes Jesu gerecbtfertigct. Nicht bloS unter den Christen, sondern auch von Anhängern anderer Glaubensbekenntnisse werden LiebeScrweisungen dem Nächsten geübt. Sorge für Armen- und Krankenpflege, Herablassung zu den Verwahrlosten, zu den Gefangenen, zu den Entarteten, — das Alles ist, als in der Religion gegründet, wie ein mildes, wärmendes, edle Früchte hervorrufendes Sonnenlicht auch übe»' andere Cor-ftssi^^m ausgegangcn: und von den untersten Ständen au bis in erhabene Regionen zeigt sich in jeder Confession die Fülle thatbereiter Hände und eines wahrhaft menschlichen auf gutem edlen Grunde ruhenden Gefühles. Möge demnach jene Scheidemauer, welche Jahrhunderte lang, in der That nicht zum Nutzen und Frommen unserer vaterländischen Interessen, zwischen Cvnfessionen bestand, erschüttert von dem Geiste der Zeit, bald niederstürzen; und dem Ernste der Wahrheit, der Gluth der brüderlichen Liebe, der edlen freien Forschung nach den unverfälschten Wahrheiten der Religion Raum geben! Gleiche Vorrechte allen Genossen aller Konfessionen in ^efkerretch! so rufe von Hundert Tausenden Jeder mit mir,, dem das Wohl der Religion, der Wissenschaft uud des Vaterlandes am Herzen liegt, der das was zu allen Zeiten als wesentlicher Inhalt des Glaubens anerkannt wurde, begreift ohne Verblendung und Irreleitung aufzufassen vermag, und der mit dem Zeitgeiste gleichen Schritt haltend, zu der vollen moralischen Ueberzeugung gelangte, daß er im Umgänge und in den mannigfaltigen Lebensverhältnissen immer nur mit dem Menschen, ob als Vorgesetzten, Untergebenen, nie aber mit dem Glaubensgenossen im Verkehre stehe, und daß die im Vvlköwahne derzeit noch keimenden Dor- urtheile gegen manche Glaubensbetcnntnisse oder einzelne Anhänger verschiedener Religionen nur dann gehoben werden können, wenn die von Christo gebothene brüderliche Liebe allen Con- fessionen gleiche Rechte zugesteht.