LS Mai Nachts 2 Uhr. Das waren wieder die bravcn St«i>mtc>>. 2)a sitz' ich denn wieder an meinem einsamen Tischchen, kaue an der Feder und bring' keinen Satz zu Stande, der das ausdrücken könnte, was meine Brust erfüllt. Das menschliche Herz ist so sensitiv, daß es jeden Eindruck, dem der Freude und dem des Schmerzes unterliegt. Gerade sind es heute 2 Monathe, da saß ich zur selben Stunde an demselben Tische und wollte mich zwingen Freude zu fühlen, denn wir hatten damals zum Geschenke von unserem geliebten Monarchen Constitution erhalten, und doch preßte es mir die Brust zusammen, ein unheimlich Gefühl beengte mich. Ich mahlte mir das Wort Constitution mit den schönsten Farben aus, allein nutzlos, immer verwandelten sich diese Farben in schwarze und ich sah nichts als eine große Bahre, welche die Geister der am 13. März Gefallenen umstanden mit gesenkten Häuptern und verhülltem Antlitz, und aus den Bahren stiegen riesige Gestalten mit Stürmern und Pickelhauben heraus. Ihre Hand hielt krampfhaft die Waffe, die sie drohend gegen einen Haufen schwenkten, der ihnen gegenüber stand, und sich um eine Fahne mit der Inschrift „Reaction" gesammelt hatte. Dieses Bild drückte wie ein Alp meine Brust, kalte Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, bis ich endlich entschlief. Des andern Morgens verwischten gar bald die freudigen Mienen, die sich auf jedem Antlitz zeigten die trüben Gedanken, die meinen Geist umschwebten. Es kamen Fackelzüge, Paraden, unser geliebter Monarch erschien auch in unserer Mitte, meine Brüder jauchzten und sangen, und so mußte sich jeder Mißmuth verscheuchen. Allein nicht lange dauerte es, man rüttelte uns bald aus dem Taumel und nur zwei Monate Zeit sind verstrichen, und schon standen wir auf dem Punkte, das ganze Gebäude wie eine Seifenblase zerplatzen zu sehen. Sehr richtig hatten sie, die Freude des Volkes, die Sclaven des Egoismus, die Achilles-Ferse gefunden. Sie wußten es, unsere größte Schwäche ist das zu große Vertrauen. Und während wir mit Offenheit und Biedersinn das Licht des Tages nicht scheuten, während wir Alle, als unsere Brüder umarmten, unser Herz, die Aula Allen öffneten, agirten sie im Finstern, rechten die Gemüther gegen uns, erregten Mißtrauen der Schwachen und suchten durch Phantome die Starken zu zähmen. Es war ihnen leider zu gut gelungen. Sie hatten bereits große Siege errungen. Da ermannte sich der kräftige Geist noch einmal. Der Löwe, die Universität, schüttelte seine Mähnen; mächtig, wie er schon einmal sich gezeigt, streckte er seine Glieder, und seine Feinde, die großen und kleinen, wie Spreu zerstoben sie, und gaben kein Zeichen des Daseins. Und so sitz' ich hier wieder am Tischchen und kann mich nicht fassen, meine Gedanken nicht ordnen. Freude! die höchste, reinste Freude durchströmt mein Herz und glühend heiß schlägt der Puls in meinen Adern. Die gute Sache hat ja gesiegt; wir haben den Monarchen uns erhalten, dessen Thron durch den Eigensinn starrköpfiger Bureaukraten mächtig gerüttelt wurde. Fest steht er jetzt und keine Macht soll ihn uns entreißen. Man hat Euch, Brüder! immer glauben machen wollen, die Studenten, diese Jungen, die Nichts verstehen, und nur von ihrem Feuer sich Hinreißen lassen, die Nichts zu verlieren und Alleszugewinnen haben, die werden durch ihr Treiben, durch ihre Beharrlichkeit Gefahr für das Land und für die Dynastie herbeiführen. Wir haben es Euch geschworen, das sei ferne von uns, nur Euer Wohl und das Wohl des Monarchen haben wir im Auge. Viele glaubten uns, und haben sich nicht geirrt. Aber jene Verläumder, die uns verdächtigten, unsere Ehre zerfetzten, auf sie fällt der Fluch zurück, den sie über unsere Köpfe beschworen und würde zentnerschwer auf ihnen lasten, wenn ihr Streich gelungen wäre. Sie haben das Gewitter herbeigezogen, das über Habsburgs Zinnen sich entladen hätte, und nur Dank, ewigen Dank den braven Studenten, die der kräftigste Ableiter waren. Sie haben das Vertrauen, das zwischen dem Volke und dem Minister Pillersdorf bestand, anatomenweise aufgelöst, sie haben ihn beirrt, und auf dem schweren, mühevollen Wege, durch ihre Reaktion auf Abwege geführt, und haben ihm ein schweres Stück Arbeit bereitet, um es wieder im vollen Maße zu erlangen. Und möge er sich eben so sehr bestreben, unser Vertrauen und unsere Liebe zu gewinnen, wie es unser innigster Wunsch ist, ihm selbe gewähren zu können. — Möge die Nationalgarde und die Bürger, die in großer Zahl sich uns anschlossen, und sich nun überzeugt hatten, daß die Studierenden nicht für sich, sondern für den Staat ihr Leben zum zweiten Male zu opfern bereit waren, möge sie, sage ich, ein inniges Band an uns schließen; ein Band der Liebe, Treue und Brüderlichkeit, und möge dieses Band sich nie mehr durch Abfall einiger perfiden Compagnien lockern lassen. Mögen aber auch diese zur Einsicht gelangt sein, daß sie in ihrer jetzigen Zusammensetzung keine Haltbarkeit haben, weil sie keine Achtung besitzen, und daß ihre Auflösung noth- wendig sei. Entweder möge die bessere Minorität aus denselben austreten und sich anderen Compagnien einreihen, oder sie möge kräftig genug austreten, um die aus reaktionären Elementen zusammengesetzte Majorität zum Austritt zu zwingen. Die Nationalgarde muß als ein reiner, achtunggebiethen- der Körper jene Stellung einnehmen, die ihr vom Monarchen, von Gott angewiesen ist. Die Studenten aber (und ich bin überzeugt, meine Gesinnung ist in diesem Punkte die Gesinnung Tausender) schwören es heilig, unser ganzes Streben ging und geht dahin, daß Oesterreich im Namenkranze europäischer Staaten einer der ersten Plätze annehme, daß unserem konstitutionellem Kaiser von allen freien Völkern jene Achtung gezollt werde, die ihm gebührt, daß endlich jeder Sohn des Vaterlandes, vom Fürsten bis zum Arbeiter durch gleichen Antheil am Menschenrechte zur wahren Erkenntniß der Menschenwürde gelange! Für das Verlangen wir Nichts, denn uns ist es genug, wenn wir uns, Mitbürger! Eure Liebe erworben haben, und in Euerer Brust die Worte nie erlöschen: Das warm die braven Studenten! E. K Druck von U. Klopf »vn. und Ater. Enrich, Wollzeile Rr. 782.