An die braven Wiener Arbeiter. Brave, tapfere Männer! abt ihr euch in den Märztagen freudig der guten Sache für Freiheit und Recht angeschloffen, um für die Befreiung unsers schönen Vaterlandes zu wirken, so habt ihr euch damit den Dank nicht nur eurer Zeitgenossen, sondern auch eurer Kinder und Kindeskinder gewonnen, und in der Geschichte wird der Name der Wiener Arbeiter von 1848 unsterblich sortleben. Gab es in den Märztagen leider mehrere aus eurer Klasse, welche das reine göttliche Wesen der Freiheit verkannten — so habt ihr, zu denen ich rede, damals schon solche Gräuel verabscheut, und jene unter euch, bei denen noch ein unedler Wille sich kund gab, mit schlichten aber eindringlichen Worten eines Bessern belehrt, wie abscheulich und eben eines freien Volkes unwürdig ist, fremdes Eigen- thum anzutasten. Der fünfzehnte May bewies es, wie Alle unter euch von dieser Idee — (daß auch fremdes Eigenthum heilig sein müsse) beseelt waren, und mit freudigem Stolz spreche ich es aus: „Es gibt kein zweites Volk, das dem österreichischen an natürlichem gesunden Rechtssinne, an Muth in der Gefahr und an Mäßigung im Siege gleichkäme." — Wohl und Heil euch, daß seit diesem Tage keiner eurer Mitbürger sich über euch beklagen kann! daß Alle euch bewundern und lieben um eures Rechtsinnes willen. Gott stärke euch in cucrn guten Vorsätzen, in euerm Ehrgefühl, in dem Gefühle für Recht, Treue und Freiheitsliebe, unerschütterlichen Muth! Ihr werdet aller dieser Tugenden noch oft bedürfen, denn wir wissen ja nicht, was der kommende Tag uns bringt — vielleicht schon gebracht hat, bevor Ihr diese Zeilen leset. Als sich am 18. May die Kunde verbreitete, daß unser guter Kaiser entführt sei, war Anfangs Alles bestürzt, und als sich nun eine Menge Menschen, welche sonst sehr viel und laut gesprochen hatten, sich feige zurückzogen, und die Studenten, die braven, thätigen Studenten in großer Gefahr schwebten, da hatten wir wieder nur euch und hofften auf euch, daß ihr uns beistehen würdet, wenn es gelte, den Kampf wider die Feinde unserer konstitutionellen Freiheit zu wagen,— und wir standen, ruhig und zuversichtlich erwartend, wann die Stunde schlüge, die uns zum Kampfe rufen würde. Unsere Gegner waren nicht müßig. Auf die fürchterlichste Weise täuschten sie das treue Volk von Tyrol mit der lügenhaften Angabe, wir hätten unfern guten Kaiser verjagt. — Die freien tapfern Tyroler waren erzürnt, denn sie lieben ihren Kaiser wie wir, und sind wie wir keines Verraths an seiner Person und seinem Hause fähig. So kam es, daß die Tyroler bittere, uns als Aufrührer bezeichnende Briefe hieher schrieben, aber die Lüge vermochte nicht lange zu bestehen. Volkesstimme, Gottesstimme! Die Tyroler erfuhren es, daß man uns treue Wiener schändlich ver- läumdet habe, und jetzt wandte sich ihre Erbitterung wider unsere Verläumder — es soll sogar dort zum Handgemenge gekommen sein, und der Kaiser verließ Jnsbruck. Die Tyroler sind jetzt gut gesinnt! sie halten es mit den Wienern, und kämen jetzt 50,000 Ty- roler, sie kämen nicht gegen, sondern für uus! Tyroler, Mährer, Böhmen, Ungarn, alle lieben die Freiheit, verlangen sie! — Aber alle lieben auch den Kaiser, von welchem ein Wort genügt hätte, alles zu beglücken und zu beruhigen, so daß er froh und frei unter uns herumwandeln könnte. Ist es da nicht kränkend für uns, daß er von Provinz zu Provinz eilt, als halte er sich nirgends für sicher unter seinen Völkern, uns allen Gefahren der Anarchie und eines blutigen Bürgerkrieges Preis gebend? — Hätten jene Herren, die sich stets um Se. Majestät herum unter dem Deckmantel der Treue befinden, den Minister Pillersdorff frei handeln lassen, hätten sie es nicht verhindert, daß der Kaiser die volle Wahrheit dessen erfuhr, was nöthig um unsere Freiheit zu sichern, wäre der Minister in der Ausführung des Guten nicht stets beschränkt und behindert gewesen, wie es der Fall war, das schöne Wien hätte keine Barrikaden gesehen, aber Unredlichkeit und Schwäche gingen Hand in Hand, und ein Verrath, wie die Geschichte keinen ähnlichen anfzuweisen hat, sollte am 26. Mai an den Vorkämpfern der Freiheit, an dem ganzen Volke, an der von dem Kaiser verliehenen Verfassung verübt werden, verübt von solchen, welche vor allen mit dazu berufen waren, uns in unfern Rechten zu schützen, und welche freiwillig die Verantwortlichkeit dafür übernommen hatten. Da seid ihr wackere Arbeiter wieder treu uns zur Seite gestanden, und mit euch eure Weiber und Kinder. Aber indem ihr die hohe Aufgabe erfülltet, unser aller theuerstes Gut — unsere Freiheit zu schützen, schütztet ihr auch das Eigenthum jedes Einzelnen unter uns, erklärtet es für heilig, und dadurch allein schon habt ihr dem Kaiser die sicherste Bürgschaft gegeben, daß er ohne Furcht und Mißtrauen in die Burg seiner Väter zurück kehren kann. Kehre er zurück, und erlasse er: daß das Ministerium frei handeln darf, vertraue er wichtige Aemtcr keinen Männern an, über die ihr gerichtet habt, weil sie als Verräther des Kaisers, wie des Volkes das Vertrauen mißbrauchten. Diese Menschen sind euerm gerechten Zorne entkommen, darum nahmt ihr den Grasen Hoyos als Geißel, in dem Glauben, das Leben eines Ehrenmannes, der nur gezwungen der reaktionären Partei — (ohne Kenntniß ihrer Pläne) — Folge leisten sollte, müsse eurem Kaiser mehr gelten, als das Leben schon durch ihre Thaten Gerichteter. Graf Hoyos ist recht eigentlich das Opfer der Camarilla! — Ihn sandte sie nach Tyrol, während sie selber feige entfloh! Er mußte die unangenehme Botschaft zurückbringen, und er wäre fast, als er als Geißel auf die Aula gebracht wurde, unter den Mißhandlungen der wüthenden Menge erlegen, hätten ihn die Studenten und Garden nicht in ihren Schutz genommen. Zu meinem Erstaunen gewahrte ich, daß die Meisten aus dem Volk, welche wider den greisen Soldaten tobten, ihn gar nicht kannten, sondern für den Grasen Monteeuceuli, Andere für Colloredo-Mannsfeldt hielten, ich berichtigte diesen Jrrthum mit großer Gefahr, indem ich den Leuten versicherte: „daß der Herr dort weder Monteeuceuli, noch Colloredo-Mannsfeldt sei, daß ich beide von ihnen verhaßte Männer gar wohl kenne, aber auch diesen Herrn, der der Gras Hoyos und kein Gefangener, sondern nur als Geißel da sei. — Es gelang mir endlich Gehör zu erlange», und obwoh noch Manche mißtrauisch blickten, und mich vielleicht selber für einen Aristokraten ansahen, so beruhigten sie sich doch endlich, und senkten ihre Hacken, Schaufeln und sonstigen Waffen, ein Beweis, daß Hoyos persönlich nicht bei der Menge verhaßt war, und nie geworden wäre, hätte er nicht gezwungen den letzten Tagsbefehl vom 15. veröffentlichen müssen. Brüder, der Sieg ist unser! Gerechtigkeit sei jetzt unsere Losung für immer. Und wahrlich, so wenig Ihr und unsere wackern Studenten die Gerechtigkeit zu fürchten brauchen, so wenig braucht es Hoyos. Ruhige Besonnenheit suche Jeder unter euch sich zu erhalten. Dann soll es keinem gelingen, unsere Leidenschaften und Vorurtheile für seine Zwecke ausznbeuten, und sie firr uns als Falle zu benützen. Seid wach gegen unsere Feinde, aber wachet auch über euch selbst. Ihr wißt, daß ich es redlich mit euch meine, denn es ist nicht das erste Mal, daß ich zu euch rede. Gedruckt bei Edl. v. Schmidbauer und Holzwarth. -r» v