Der endlich entdeckte Mörder des geviertheilten Frauenzimmers oder: -ie alberne Behanptnng Se-lnitzki habe die That verübt Juden und Liguorianer im ungerechten Verdacht, indem ein Barbier-Geselle der wahre Thäter. Unter allen Mordthaten, die je in Wien vollbracht wurden, hat keine ein solches Aufsehen und eine solche Entrüstung erregt, als die beinahe Welt bekannte mit unerhörter Kühnheit ausgeführte, Schauder erregende Viertheilung eines jungen Frauenzimmers. Gewiß werden sich noch viele Wiener der bekannt gewordenen näheren Details erinnern, für nicht Unterrichtete wollen wir eine kurze Skizze dieser Mordthat entwerfen Im Sommer des Jahres »8— wurden eines Morgens von den Kindern, welche aus der Schule gingen, unweit der Maria Hilferkirche auf dem sogenannten Kaunitz Berg'l auf den Stufen, vor dem Hause zum Wollbaum eine alte Butte, worin eine Nummer eingebrannt und welche mit Lumpen bedeckt war, gefunden. Die Kinder, welche Anfangs glaubten, dieselbe gehöre einem sogenannten Haderlumpen-Sammler oder Beindlstierer, warfen sie um, und man kann sich ihren Schreck vorstellen, als der Rumpf eines weiblichen Leichnams, an welchem Kopf, Hände und Füße fehlten, heraus fiel. Dieser Fund erregte unerhörtes Aufsehen, die Polizey strengte alle ihre Kräfte an, auf die Spur des Thäter- zu kommen; eine Unzahl von Personen wurde verhaftet. Am zweiten Tag darauf wurde von einem Bettler unter der Wien-Brücke ein weiblicher Kopf, welcher daselbst vergraben war, durch die heraus stehenden Haare entdeckt. Es fand sich, daß derselbe vollkommen zum Rumpfe paßte. Fast zu gleicher Zeit fand man die Füße, an der Mauer des Matzleinsdorfer Friedhofs und die Arme mit den Händen auf der sogenannten Siebenbründl-Wiesen. Alle diese Theile wurden zusammen gesetzt, im Spiritus aufbewahrt und in der Klinik des allgemeinen Krankenhauses öffentlich ausgestellt; indem man nicht einmahl ermitteln konnte, wer die gemordete Person war. Die ärztliche Untersuchung stellte heraus, daß die Gemordete ohngefähr ihr 22 . Lebensjahr erreicht haben dürfte. Den stark verstochnen Fingern und der kleinen, schönen Hand nach, ist es wahrscheinlich, daß sie sich mit Nähen beschäftigte. Gewiß ist es aber, daß sie kurz vor ihrem Tode geschändet wurde. Ihr en tarce und im Profil lithographirtes Portrait wurde an alle Bezirks-Directionen versendet, und es wurde ein Preis von 300— 5oc> fl C -M. auf die Entdeckung des Mörders gesetzt. Die unschuldigsten Menschen kamen inVerdacht, bald hieß es die Juden, bald die Liguorianer wären die Thäter; und natürlich ohne allen Grund; und es wird wohl ewig ein nicht zu erhellendes Dunkel über diese Begebenheit obwalten. Außerordentlich merkwürdig ist aber eine Angabe von einem amerikanischen Journal, welche, wenn sie wahr ist, dieses Dunk.4 vollkommen erleuchtet. Nach demselben soll der Mörder, der leibliche Bruder des Mädchens gewesen fepn; derselbe studierte früher Chirurgie, wodurch sich die regelrechte Seccirung des Mädchens erklären ließe Seine Schwester soll in Wien vom Weißnähen gelebt und von ihren Aeltern ein kleines Vermögen von einigen tausend Gulden ererbt haben; der Bruder, welcher sehr leichtsinnig lebte, forderte wiederhohlt von ferner Schwester Geld, und da sie sich endlich entschieden weigerte, seine Liederlichkeit ferner zu unterstützen, so vollbrachte er im Verein mit einem sehr anrichigen Sujet, welcher das Mädchen früher schändete, diesen unerhörten, gräßlichen Mord. Nach der Hinwegschaffung der einzelnen Körpertheile, sollen beide Wien verlassen haben und nach Hamburg gereist seyn, worauf sie sich auf einem Kauffahrer nach Amerika überschiffen ließen Der Mörder soll in dem elendesten Zustande auf dem Todtenbette zu New-York seine fürchterliche That dem Priester bekannt haben. Gedruckt bei Joseph Ludwig. Lagout. 1 .k)