Wie soll man -en Kaiser empfangen. war eitle schöne mondbeglänzte Mainacht, die treuen Wiener ruhten auf ihren verdienten Lorbeeren. Sie glaubten auch ihren geliebten konstitutionellen Kaiser im süßen Schlummer träumend von dem Glücke seiner Völker. Allein, anders ward es im weisen Rathe der geheimen Kämmerer und Hosschranzen beschlossen. Und als wir des Morgens erwachten, war E r begleitet voll den lichtscheuen aristocratischen Nachtvögeln ohne Lebewohl aus seiner schönen Residenz geflohen. Allgemein war die Bestürzung, allgemein der panische Schrecken, der am 18. Mai-Morgen die ganze Bevölkerung ergriff. Von dem jungen Freiheitsbaume fielen plötzlich einige Blätter, färbten sich schwarz gelb, wurden zu schmählich knechtischen Petitionen benützt, patriotische Weiber bekreuzten sich, und schlugen statt der Wallfahrt nach Maria-Zell, den Weg zu den Jesuiten nach Jnspruck ein. selbst die geistigen Vertreter des Volkes, unsere Poeten machten denselben Spaziergang. Man wollte den ohne Grund entführten konstitutionellen Kaiser um jeden Preis zurück haben. Umsonst — die politische Luft wurde immer schwüler, immer unheimlicher, der Barometer - Stand der akademischen Legion siel auf Null herab, sie ward ihrer Auflösung nahe. Das eben war einigen Judas der Universität, einigen aristocratischen Rummelpuffs und schwarzgelben kurzsichtigen Selbstsücht- lern für ihre säubern Pläne gerade recht. Aber wer einem Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Der 26. Mai der dem zarten Freiheitskinde den Gnadenstoß geben sollte, der hat's gerade auf die Beine gebracht, der hat's erst recht gekräftigt! Der Tag wird ein ewig denkwürdiger in der österreichischen Geschichte bleiben, der Tag ist der schönste Edelstein in dem Diadem unserer Revolutionen, an dem Tage erhoben sich selbst die rohen Pflastersteine, sonst von feuchtohrigeu, aristokratischen Buben, und den Hufen ihrer Vollblut getreten, zn feurigen Dolmetschern des mächtigen Volkswillens. An dem Tage wurden die Wiener wieder die Helden des Märzes, feierten auf hohen Barikaden das Verbrüderungsfest mit unseren tapferen Studenten, mit dem unter Met- ternich's Knute so verachteten Proletarier der sowohl durch die großen inhaltsschweren Worte: „Heilig ist das Eigensihum" als durch seine edle Haltung und That bewies, daß er den schönen Namen eines Bruders, Kameraden und freien Bürgers vollkommen Werths sei! Wie gewaltig müßten sich unsere Jnsprucker Flüchtlinge geschämt haben, wären sie unsichtbare Zeugen jenes Tages gewesen? Was hätte der Kaiser was die müßigen vom Volksschweiße sich üppig mästenden Hosschranzen dazu gesagt, wenn sie es rnit angehört hätten, wie aus allen Barikaden die Vollshymne mit Begeisterung angestimmt wurde? Sie haben's auch bald genug erfahren , aber sie wollen halt wie alle große Herren nichts lernen, also nichts vergessen. Nichts lernen von der Stimme des Volkes, nichts lernen von den blutigen Beispielen der Geschichte - nichts vergessen, von ihren nichtigem Rang und Titeln, von ihren geharnischten Ahnen, von ihren mittelalterlichen Thorheiten, wollen sich nicht gewöhnen an die heiligen Menschenrechte, an die göttliche Dreieinigkeit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und nun genug von der Vergangenheit, gehn wir zur wichtigen Lebensfrage der nächsten Zukunft über. Seit dem glorreichen 26. Mai sind nun wieder mehr als zwei Monate verflossen, die wärmsten Petitionen scheiterten an den Jesuiten - Ränken des Brandts-Loyola, scheiterten an den starren Gletschern Jnsprucks; und dennoch ward die Geduld meiner guten Mitbürger nicht erschüttert, selbst das Stocken alles Verkehres, selbst das Hinsterben alles Handels und Gewerbes konnte ihre Treue und Liebe zu Ferdinand bis jetzt nicht wanken machen, ja so weit erstreckt sich ihr Edelmuth, daß sie den Pallast jenes Prinzen bewachen, der am 13. März das kostbare Blut ihrer Brüder muthwillig opferte. Doch jetzt wollen und können wir nicht länger warten. Der großsinnige, ganz im Geiste des Volkswillens gefaßte Entschluß unseres Reichstages ist bereits ins Leben getreten — das Volk fordert seinen constitntionellen Kaiser, und zwar mit vollem Rechte zurück. Wenn er nun endlich einwilligen sollte, endlich kommen dürfte oder wollte (???)wie wollt, wie werdet ihr ihp empfangen, wollt ihr ihn etwa empfangen mit dem heiligen Zonie der verletzten Volksmajestät? wollt ihr, wozu ihr jede gerechte Ursache hättet, ihm sagen, welch' gewagtes Spiel man mit dem Leben seiner treuen Wiener, mit dem Glücke aller seiner Völker, mit dem Throne gespielt? wollt ihr ihm sagen, daß jeder Tropfen des in Prag vergossenen Blutes, daß die Folgen des unseligen Bürgerkrieges in Ungarn auf die Häupter jener zurückfallen, die schlecht genug waren, ihn aus der Burg seiner Väter zu entführen? Wahrlich thätet ihr dieses, ihr übtet nur die gerechteste Volksjustiz! Aber ich kenne euch Wiener, euere Rache würde Groß- muth, euere Vergeltung — Verzeihung sein. Aber es gibt auch räudige Schafe unter euch, politische Renegaten, das heißt, gesinnungslose Ueberläufer, die mit der politischen Witterung auch ihr politisches Glaubensbekenntniß stündlich wechseln — denen gleich den Anbetern des goldenen Kalbes der Anblick der sechs spanischen Schimmel knechtisches Kriechen und zu Bodenwerfen abzwingt. Es gibt räudige Schafe unter euch, denen die balsamische Atmossäre der Freiheit zu kräftig, zu scharf, deren Engbrüstigkeit nur parfümirte Hofluft verträgt, gesinnungslose Krämer, die von der Rückkehr der Hosschranzen die vollen Fleischtöpfe Aegyptens erwarten. Vor denen hütet ench, denn die werden euch, ich weiß es, zu servilen Katzenbuckeln und Reverenzen, zu hündischem Kriechen, zu, eines freien Volkes unwürdigen Handlungen bestimmen wollen, die würden, verlaßt euch darauf, den Flüchtlingen einen Empfang bereiten, der die besternten von Volkes Gnaden bestehenden Hoflakeien höhnisch aufjauchzen, die Märtyrer und echten Apostel der Freiheit mit tiefem Schmerze erfüllen, vor Scham erröthen ließe. Ein richtiger Takt, eine durch und durch gesunde Volksgesinnung hat Euch vom 13. März bis jetzt durch alle Klippen und Brandungen des Freiheitssturmes glücklich und glorreich geleitet, dieser Gesinnung v ertraue ich, diese möge euch auch diesmal vor allen schwarzgelben Versuchen bewahren und schützen. Erinnert euch daran, und vergesset es nimmer, daß ihr durch euer kostbares, in den schönen Märztagen so bereitwillig hingeopfertes Blut ein souveränes Volk geworden, erinnert euch, daß die verklärten Opfer weinend vom Himmel auf jeden Erniedrigungsakt herabsehn möchten. Rosse haben sie aus Wien entführt — Rosse, aber nicht freie Menschen mögen sic in die Mauern unserer Hauptstadt wieder zurückbringen. Amen! Johann Arnold. Druck von I. Stöckholzer v. Hirschfeld Zu haben im Bureau des „Omnibus," Stadt, Liliengaffe. Nr. 8S8. F.5> ifool?