Völker Oesterreichs! ä^ie Folgen verhängnißvoller Ereignisse drohen den kaum begonnenen Grnndban unseres neuen Staatsgebäudes zu erschüttern. Der aus der freien Wahl der Völker Oesterreichs hervorgegangene consti- tuirende Reichstag erkannte in den ernsten Stunden des 6. October die heilige Pflicht, die er den Völkern gegenüber zu erfüllen, uud die schwere Verantwortlichkeit, die er vor der Mit- und Nachwelt zu tragen hat. Als das Band der gesetzlichen Ordnung zu zerreißen drohte, bemühte sich der Reichstag, Kraft seiner Völkervollmacht und durch Verständigung mit dem Volke von Wien, der Reaktion wie der Anarchie entgegen zu wirken. Er erklärte sich selber für permanent und wählte zugleich aus seinen Mitgliedern einen permanenten Ausschuß zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Aber der constituirende Reichstag hielt auch die Stellung fest, die er dem konstitutionellen Throne gegenüber einnimmt und jederzeit unerschütterlich einnehmen wird. Er entsendete eine Deputation an Seine Majestät den konstitutionellen Kaiser, um im innigsten Verbände mit dem allerhöchsten Träger der Sou- veränetät die Wünsche des souveränen Volkes zu erfüllen und dessen heilige Interessen zu wahren. In stets bewährter Herzensgüte waren Seine Majestät sogleich geneigt, die Männer, welche das Vertrauen des Volkes verloren hatten, aus dem Ministerium zu entlassen, die Bildung eines neuen volksthümlichen Ministeriums zn verfügen und die aufrichtigste, den Interessen aller Völker Oesterreichs wie den Zeitbedürfnissen entsprechende Verathung der Angelegenheiten des großen Gesammtvaterlandes zuzusichern. Leider wurden Seine Majestät am 7. October zu den tiefbeklagenswerthen Entschluß bewogen, sich aus der Nähe der Hauptstadt zu entfernen. Dadurch ist das Vaterland, ist das Wohl und die so herrlich errungene Freiheit unseres hoch berufenen Vaterlandes abermals in Gefahr, Rettung und Erhaltung der höchsten Güter des Bürgers und des Menschen ist nur dadurch möglich, daß das Volk von Wien, daß alle österreichischen Völker, die ein Herz für ihr Vaterland haben, wieder jene thatkräftige politische Besonnenheit und jenen hochherzigen Edelmuth beweisen, wie in den Tagen des Mai. Völker Oesterreichs! Volk von Wien! Die Vorsehung hat uns einen eben so hohen als schwierigen Beruf angewiesen, wir sollen ein Werk vollbringen, welches, wenn es gelingt, alles übertreffen wird, was die Weltgeschichte Großes und Herrliches aufzuweisen hat; wir sotten einen politischen Staatsbatt aufführen, der verschiedene Völker zu einem brüderlichen Völkerstaat vereinigt, dessen unerschütterliche Grundlage das gleiche Recht, dessen Lebensprincip die gleiche Freiheit Aller sein soll. Völker Oesterreichs! der Reichstag ist fest entschlossen, für diesen hohen Beruf das Seinige zu thun; thnet auch Ihr das Eurige. Euer Vertrauen hat uns berufen, nur durch Euer Vertrauen sind wir stark. Alles, was wir sind, sind wir durch Euch, und wollen wir für Euch seyn! Dem Gebote der Nothwendigkeit und dem Gesetze der konstitutionellen Monarchie folgend, hat der constituirende Reichstag heute folgende Vescblüssegefaßt: ») Daß die Minister Doblhoff, Hornbostl und Krauß die Geschäfte aller Ministerien führen; nicht nur für die Ordnung in dieser Geschäftsführung Sorge tragen, sondern auch durch Beiziehung neuer Kräfte den Erfolg derselben sichern, endlich Seiner Majestät den Vorschlag der neu zu ernennenden Minister schleunigst vorlegen, und sich mit dem Reichstage in ununterbrochener Verbindung erhalten. b) Sei eine Denkschrift an Seine Majestät aus Anlaß höchst Ihres Manifestes zuIrlaffen. Darin soll der konstitutionelle Kaiser über den wahren Stand der Dinge aufgeklärt, und Ihm aus ehrlichem Herzen die Versicherung gegeben werden, daß die aufrichtige Liebe der Völker unerschütterlich für Ihn ist. Völker Oesterreichs! Europa blickt mit Bewunderung auf uns, und die Geschichte hat unsere Erhebung zur Freiheit unter ihre glänzendsten Thaten eingereiht. Bleiben wir uns selber getreu. Halten wir unerschütterlich fest an der Achtung vor dem Gesetz, an der konstitutionellen Monarchie, an der Freiheit. Gott schütze Oesterreich! Wien am 7. October 1848. Vom constituirende» Reichstage. Carl Wifer, Schriftführer. Franz Smolka, erster Vice-Prästdent.