Tagsbefeht vom 1». Oktober, Abends s Uhr. Vs ist Jedermann bekannt, daß der hohe Reichstag das Ober-Commando mit dem bestimmten Aufträge betraut, die von Gefahren mannigfacher Art bedrohte Stadt Wien sammt Umgegend in Vertheidigungsstand zu setzen. Garden! die Aufgabe ist schwer —für die kurze Dauer meines Ober-Commandos, doppelt schwer. Die nächste, dringendste Gefahr hat die öffentliche Meinung bereits genau bezeichnet. Sie heißt: die croatischen Truppen des Banus, welche zu einer Waffenentscheidung gegen ihre Feinde, die Ungarn nach Vuda-Pesth marschiren sollten, sind vor ihren Siegern flüchtig in die Gränzen unseres österreichischen deutschen Vaterlandes eingebrochen. Mit welchen Absichten? Als Feinde oder als Freunde unserer konstitutionellen Freiheiten, unseres konstitutionellen Kaisers, unserer — wie alle Welt es weiß, mit außerordentlichen Anstrengungen schwer erworbenen Errungenschaften?! Freunde sollen nach allem Völker- und Privatrechte, mit offenen Armen empfangen werden. Die Umgebung Wiens, organische Theile unserer schönen großen Stadt, gibt mit ihren Klagen über gewaltsame Entwaffnung der Volkswehr Antwort, über die Freundschaftsversicherungen des Banus. Von dem ungarischen Reichstage ist Baron Jella- chich als der gemeinsame Feind aller konstitutionellen Freiheiten, aber noch mehr als der Feind aller volksthümlichen Errungenschaften feierlich ausgerufen worden. Die lesende Bevölkerung unserer Stadt hat sich über den feierlichen Inhalt dieses Manifestes ausgesprochen. Der Banus von Kroatien wird von der ungarischen Armee unter den Feldherren Csani und Moga verfolgt, und das Ober-Commando glaubt demnächst einen Zusammenstoß zwischen beiden Armeen befürchten zu müssen. Die erste Kriegsregel, Vorsicht, weiters, meine mir von der hohen Reichsversammlung übertragene Aufgabe für die Stadt Wien und Umgebung durch die umfassendsten Vertbeidigungs-Maßregeln Sorge zu tragen, zwingt mich im ersten Augenblicke der Verwirklichung jenes außerordentlichen Moments, die ganze waffenfähige Bevölkerung Wiens aufzurufen. Die Art und Weise meines Verfahrens ist den Herren Bezirks-Chefs in einer Hauptbesprechung mündlich erklärt worden. Von ihnen werden die Garden Aufklärung erhalten, so weit ich durch schriftliche Befehle mich vor der gesammten Garde nach Maß der, von Stunde zu Stunde sich ändernden Verhältnisse, werde aussprechen können. Offenheit und Wahrheit knüpft mich an die Volkswehr unseres schönen Vaterlandes. Die Führer der mobilen Abtheilungen und unserer Brüder, der begeistert zur Hilfe geeilten nicht heimischen Nationalgarden werden, von mir besonders verständiget werden. Auch nicht die kleinste Abtheilung wird ohne Kenntniß bleiben. Die Herren Bezirks-Chefs wollen für die Sicherheit der Außenwerke Sorge tragen, sonst aber allen ihren Garden empfehlen, mit Ausnahme der unumgänglichsten Bereitschaften sich zur Ruhe zu begeben. Erfolgt bis 4 Uhr Morgens kein Alarm, so wird ein solcher aus dem mehrfach ausgesprochenen Beweggründe vorläufig nicht stattfinden. Diese Ansprache des Führers an seine Garden wird morgen durch öffentlichen Anschlag der gesammten Bevölkerung bekannt gegeben werden. Modenhäuser, provisorischer Ober-Comman-ant. Aus der k. k. Hof- und Staats-Druckerei. ex.