Allerneuester Courier Ausführlicher Bericht der blutigen Ereiguisse i« Frankfurt. Fürst Lichiwwsk» und mchrcrc Abgcordurtc find crschostcn. Frank furt, den 19. Septbr. Wir haben gestern einen trau ^ rigen, einen blutigen Lag erlebt! Es hat sich ein Kampf eröffnet auf Leben und Tod zwischen Deutschen und Deutschen! Das ist ein trauriges,, ein tiefbetrübendes Wort! Wir hatten in unserer gestrigen zweiten Beilage noch kurz bis halb zwei Uhr berichten können, was bis zu dieser Zeit vorfiel. Wir erfuhren bald darauf, daß zu dieser Zeit zwischen zwölf und zwei Uhr in vielen Lheilen unserer Stadt, besonders in der Schnurgasse, der Döngesgasse, der Hasengasse, der Jahrgasse, später auch an der Allerheiligengasse, der alten Thei lungszeichen - und Breitengasse mit überraschender Schnelle Barn kaden aufgerichtet wurden. In der Jahrgasse allein konnte man gar bald 6—8 Barrikaden zählen. Der gegenseitige Kampf, nachdem schon am Morgen in der Nähe der Paulskirche einige Verwundungen durch Bajonettstiche vorfielen, wurde gegen 2 Uhr Nachmittags Ln der Döngesgasse und der Schnurgasse von den österreichischen Trup pen eröffnet. Besonders starkes gegenseitiges Feuern hörte man dort m der Nähe der Hasengaffe, und in der Schnurgasse am Ecke der in dieselben führenden Ziegelgasse. Ein Haus am Ecke der Hasengasse war von den Barrikadenmännern besetzt, und ununterbrochen hörte man dort das Feuern. Zwei Mann fielen daselbst, mehrere wurden verwundet. Der Kampf zog sich dann auf die Zeil in die Nähe der Konstablerwache; auch dort waren am Ecke der Bornheimer Pforte und am Ausgange der Allerheiligengaffe Barrikaden errichtet. Oe sterreichische Soldaten besetzten den Ausgang der Hasengasse nach der Zeil zu, während preußische Soldaten nach der Allerheiligengasse zu agirten. Von dort hörte man gegen 3 Uhr ein sehr starkes Pelo tonfeuer, bei welchem auf beiden Seiten eine Anzahl blieb, viele An dere wurden verwundet. Unterdessen waren von Mainz und Darm stadt frische Truppen zur Verstärkung nach unserer Stadt gerückt. Dre heffendarmstädtischen Truppen, circa 1200 Mann stark, worum ter em Bataillon Schützen und Artillerie, setzten über die neue Eisenbrücke oberhalb des Grindvrunnens und theilten sich am Untermain thore in zwei Theile. Das Bataillon Schützen marschirte im Sturm schritt Idem Mainquai herauf nach der mit Barrikaden stark ver schanzten Hohegaste. Als sie in die Nähe der Mehlwage kamen und dort eine von den Barrikadenmännern verlassene Schanze wegräu men wollten, wurden sie aus einigen Höusern mit einem starken Steinregen empfangen. Gleich darauf hörte man ein starkes Gewehrfeuer. Du^ großh. Hess. Militär nahm nun im Sturmschritte die in der Fahr gaffe aufgerichteten Barrikaden, wobei aus beiden Seiten scharf ge feuert wurde, und eine Anzahl Militärs sowie Zivilisten getödtet und verwundet wurden. Dieses Bataillon hessischer Schüßen drang bis zur Boenheimer Pforte vor. Nach 6 Uhr erschienen mehrere Mitglieder der Linken, unter Andern Rößler und Schlöffet, auf dem Kampfplätze, und begaben sich mit weißen Tüchern wehend, durch die Reihen der preußischen und hessischen Truppen nach der Allerheiligenbarn kade, woraus ein dreiviertelstündiger Waffenstillstand eintrat, wäh rend welchem Unterhandlungen zwischen den Kämpfenden Statt fanden, die aber zu keinem Ziele führten. Mittlerweile war Hessen darmstädtische Artillerie eingetroffen; die Geschütze wurden gegen die Barrikade an der Allerheiligengasse gerichtet, nnd es erfolg ten nun mehrere Kartätschensalven, welche die Einnahme der Ver schanzung von Seiten der darmstädtischen Truppen unverzüglich zur Folge hatten. Auf andern Punkten der Stadt wurde indeß der Kampf noch eine Zeit lang fortgesetzt, und erst gegen 9 Uhr stellte sich vollständige Ruhe ein, die bis jetzt in Folge des em getretenen Belagerungszustandes, fortdauert. Biele Häuser sind hart mitgenommen worden, namentlich auf der Zeil, der Fahr- gaffe, in der Hasengaffe, auf der Allerheiligengaffe rc. Dre Zahl der Todten und Verwundeten von beiden Seiten ist sehr beträchtlich. Im Heiligengeisthospitale allein lagen heute Morgens um 8 Uhr 31 Verwundete und 16 Todte, unter welch letzteren ein;un ges Dienstmädchen, das in der Fahrgasse beim Schließen eines Ladens am Fenster erschossen wurde. Fürst Lichnowsky siel wäh rend des Kampfes, als er eben im Begriffe war, bei dem neuen Thore hereinzureiten. Auch der Abgeordnete Auerswald wird unter den Gefallenen genannt. Simon von Trier ist verwundet. Fortwäh rend treffen noch Truppenverstärkungen hier ein, und in der gan zen Umgegend lagert Militär. Die im Feuer gewesene Mannschaft ist sehr erschöpft, indem sie die ganze Nacht unter freiem Himmel und unterm Gewehr zubringen mußte. Auf dem Roß markt war die Nacht hindurch ein Bivouakfeuer an dem andern. Man ist heute Morgen beschäftigt, die Barrikaden vollends hinweg zu räumeu, um die ungehemmte Cirkulation herzustellen. Die Nationalversammlung wird übrigens, wie das eben angeschlagene Programm besagt, ihre Berathungen heute Ln der gewöhnlichen Weise fortsetzen. Gegen 4 Uhr zog eine Abtheilung Oesterreicher die Fahrgaffe herab, gegen die Brücke, von der sie mit einem lebhaften Gewehr feuer empfangen wurde, welches sie zwang, sich zurückzuziehen. Bei dieser Abtheilung bemerkte man einen, wie es schien als Führer dienenden Stadtwehrmann in Uniform, der mit einem an Bewunderung gränzenden Muthe stets der Erste bei den wiederholten Angriffen gegen den genannten Punkt war. Gegen 6 Uhr, nachdem auch das Feuer schon weniger heftig geworden war, nahte hier dem Kampfplätze der Abgeordnete Rößler von Oels, eine weiße Fahne schwingend und eine halbstündige Waffenruhe verkündend, worauf an diesem Punkte der Kampf ebenfalls eingestellt wurde, um nicht wieder ausgenommen zu werden. Zwei Batterien würtembergischer reitender Artillerie, auf ihrem Rückmärsche von Schleswig-Holstein begriffen, sind hier eingetroffen. Von allen der dem Kampfe beschädigten Gebäulichkeiten ist die auf der Allerheillgengasse gelegene Löwenapotheke a.n ärgsten mitgenommen worden, indem sie die vollen Kanonenladungen empfing. An alle Läden und auch an den Rotbschildischen Hause war angeschrieben: „Heilig ist das Eigenthum." Von Seiten einer österreichischen Patrouille soll man auf einer Herberge eine Kiste voll neuer Waffen entdeckt, nnd eine nicht geringe Zahl versteckter Barrikadenkämpfer aufgehoben haben. Ber dem mehrstündigen Kampf ist des edlen Menschenblutes viel vergossen worden. (5s mögen jetzt wohl über 600n Mann deutsche Reichstruppen unsere Stadt besetzt halten. An dem Brückenköpfe sind Kanonen aufgepflanzt; die Brückenmühlen sind von den Oefterreichern besetzt Tste Urheber und Theünekmer des Aufstandes sollen sich größtenteils ent» fcrnt haben. Bereits sind viele Verhaftungen vorgenommen worden. Wien, lm September 1818. I. Gedruckt bei Franz Edlen v. Schmid.