Halt' Umschau, o -mtschcs Volk! 28arum ringest Du nach Einigkeit, o deutsches Volk? Weil Einigkeit stark macht, und weil Du der Stärke bedarfst, um würdig zu stehen.und zu bestehen unter den Nationen. Kraft bedarfst Du nach innen, damit Du Dauer und Gedeihen erlangest, Kraft bedarfst Du nach außen, um Dich zu schützen, um Dir Achtung zu verschaffen in der Reihe der Nationen. Jetzt ist Sturm, jetzt mußt Du vor Allem nach innen Dich einigen, um stark zu seyn nach außen; den Bau des Gedeihens nach innen wirst Du erst später ausbauen können, dann, wann Du den äußeren Sturm bewältiget hast. Darum, o deutsches Volk, halt' Umschau, schaue, was von außen droht, und erwäge den Umfang der Kraft und der Mittel, deren Du nach außen bedarfst! Laß uns der einzelnen Fälle einige kurz betrachten. 1) Der Däne greift nach Schleswig, nach einem Lande deutscher Nation, deutschen Bundes. Schleswig hat sich zum Kampf erhoben für seinen deutschen Selbstbestand, Preußen reicht ihm deutschnachbarliche Hilfe. Preußen hat es für einen Kriegsfall erklärt, wenn der Däne das deutsche Gebiet feindlich betritt; der Däne hat es feindlich betreten, also steht Preußen im Krieg mit Dänemark. Der deutsche Bund muß hierin nach Bundespflicht den Preußen, wenn sie deren bedürfen, Hilfe leisten. 2) England hat es für einen Kriegsfall erklärt, wenn Preußen den Schleswigern gegen die Dänen Hilst; Preußen hat die Hilfe schon zugesagt, wird sie leisten und geräth in Krieg mit England; auch in diesem Krieg muß der deutsche Bund den Preußen Hilfe leisten. Der Russe steht im Hintergrund, er wird zu den Dänen halten; im baltischen Meer zeigt sich eine russische Kriegsdamps- flotte, die Engländer senden ebenfalls eine Flotte; die nordischen Seehäfen Deutschlands sind in Gefahr. 3 ) Die Polen drängen nach Herstellung ihres Reiches, Frankreich und Deutschland sagen ihnen moralische (vielleicht auch militärische) Hilfe zu; Posen, Krakau, Gallizien werden vielleicht nicht mehr gehalten werden können, aber Rußland wird sein Polen nicht lassen; des Kaisers Nikolaus Manifest droht Krieg bis zur äußersten Anstrengung Allen, welche Lust hätten, seines Reiches Gränze zu bedrohen und Polen zählt er zu seinem Reich; ein Krieg mit Rußland hat mehr Wahrscheinlichkeit für als gegen sich. 4 ) Frankreich sagt: „wir sind friedlich und wollen keinen Krieg" aber es läßt seine eigenen und die bei ihm bisher beherbergt gewesenen fremden Proletarier, Socialisten, Kommunisten und Republikprediger los und schaut ruhig zu, wie sie auf allen Punkten Herausströmen, um Dir, o deutsches Volk, die Glückseligkeiten zu bringen, von denen der an der Thüre stehende französische Staatsund Privatbankerott, die verdoppelte Besteuerung, das Pressen nach republikanischen Wahlen und das stromweise Auswandern der Beaüterten ein kleiner Vorgeschmack ist. Noch blitzen keine französische Bajonette am Rhein, schon aber, o deutsches Volk, mußt Du Deine bewaffneten Söhne an diesen ehrwürdigen Strom stellen, um den Banden jener herausgelassenen Freiheitsapostel entgegenzutreten; wie lang wird es dauern, und es werden auch französische Linienwaffen am Rhein blinken? 5) Die Lombardei und Venedig sind von Oesterreich abgefallen, Sardinien, gestern noch sich in Freundschaftsversicherungen gegen Oesterreich erschöpfend, hilft heute zu den Lombarden; Oesterreich ist unser Bruder; ist es Dir gleichgiltig, o deutsches Volk, daß dieser Dein Bruder seine reichsten Besitzungen in Italien verliert und daß dadurch zugleich dem deutschen Seewesen und Handel eine sehr tiefe Wunde geschlagen wird? 6) Italien wirft seine lüsternen Augen bis an den Brenner, bis in deutsche Marken; Frankreich rüstet 60000 Mann, um den italienischen Bestrebungen zu Hilfe zu kommen; nahe ist die Gefahr, daß fremde Gewalt sich des Hafens von Triest bemächtigt; was sagst Du dazu, o deutsches Volk, wenn man so Deine Seeplätze im Norden und Süden bedroht? Das sind einige der Gewitter, die von allen Seiten heranziehen; Gott weiß, welche ihnen noch folgen! Nach allen Seiten hin greift man Dich an, von allen Seiten her möchte man Dich lähmen, theilen, entmuthigen; die Augen aus, o deutsches Volk, und erkenne recht lebhaft und klar Deine Lage! Und wenn Du sie erkannt hast, was würde dann Dein schlimmster Feind seyn, stärker, als alle äußeren? Die innere Spaltung! Schau' nach Frankfurt, dort hat sie ihre gefährlichen Anfänge gezeigt; danken wir Gott, daß sie der gesunde, kernhafte Sinn der Mehrheit niedergekämpft hat, aber erstorben sind sie noch nicht; und nicht blos in Frankfurt suche sie, Du triffst sie auch an andern Punkten. O halte fest zusammen, deutsches Volk, gegen alle Parteiung, gegen allen innern Hader, halte fest zusammen an dem Grundsatz der dem deutschen Wesen entsprechenden konstitutionellen Monarchie, an dem Grundsatz der gesetzlichen Freiheit, halte fest zusammen gegen Sonder-Jnteressen, gegen Herrschgelüste, verkappt unter dem Gewände der Freiheit, gegen Anarchie und Willkühr; es thut noch, o deutsches Volk, daß Du nach Einigkeit und kraftvoller Gesetzlichkeit ringest, denn mächtige äußere Stürme brausen über Deinem Haupte heran! » » LN « Druck von I. Georg Weiß in München.