Das Neichsoberhanpt und die deutsche Einheit. Frankfurt am Main. Heinrich Ludwig Brönner. 184 9 . 7 '»' < 4 L .s- «r4 !- L<)ie Zeit flieht mit mächtigen Flügelschlagen, Ereignisse drängen sich auf Ereignisse, Erfahrungen reihen sich an Erfahrungen, die all- mählig schaffenden Menschen haben sich zu eilen, wollen sie nicht zurück- bleiben und überfluthet werden. Am Horizonte zeigen sich Wolkenzüge, welche auf Unwetter deuten, Säulen und Wände beginnen zu wanken, das Haus muß gerichtet und unter Dach sein, soll eS den nahenden Stürmen trotzen. DaS Jahr 18^8 ist dahin gegangen mit seinen Freuden und Schmerzen, mit seinen Hoffnungen und Sorgen, mit seinen Wahrheiten und Täuschungen. In schöpferischer Stunde hat eS dem deutschen Reiche die provisorische Centralgewalt verlieben, aber die Wogen der Weltgeschichte haben diesen einsamen Fels im Meere unterspühlt. Von allen Erfahrungen der jüngsten Zeit ist diese die überzeugendste, das Provisorium ist unhaltbar geworden, es ist hoch an der Zeit, daS Definitivum ins Leben zu setzen. Das Jahr 18-19 hat seine Hallen geöffnet, und in banger Erwartung der zukünftigen Dinge, aber noch immer Muth und Vertrauen im Herzen betreten wir seine Schwelle. Zu seinen Erstlingen wird die Schöpfung des Desi'nitivums gehören und erlaubt ist die vorsorgliche Frage: wird es so beschaffen sein, wie es allein dem Walerlande frommt, stark, um die Freiheit zu gründen und zu schützen, stark, um die Einheit zu binden und zu Hallen, stark, um zu sein und zu gelten? Feinde und Neider gibt es in Menge, draußen und drinnen, rührig sind die Geister und geschäftig die Hände, wo es gilt, zu verderben, aber sotten jene frohlocken, * diese triumphiren? Wir wollen eS nicht fürchten, denn noch wagen wir eS zu hoffen, daß die Nationalversammlung sich ermannen wird, um sich ihrer Aufgabe gewachsen zu zeigen, sie nicht ungelöst zu lassen, daß sie die Fähigkeit besitzen wird, das Nothwendige zu erkennen, den Muth, daS Erkannte zu beschließen, die Macht, das Beschlossene zu vollbringen. Ist es denn so schwer, die Wahrheit zu ergreifen, daß selbst der Verfassungsausschuß über das Wesentliche zu keiner Mehrheit hat gelangen können? So viele verschiedene Vorschläge sind aufgetaucht, — ist denn die Wahrheit eine mehrfache oder ist es gegründet, daß die Menschen zu klein sind für diese verhängnisvolle Zeit? Es kann ja nur Eines sein, was'Noth thut, nur Eines, was zum Ziele führt, nur Eines, waS wahr ist, und dieses Eine muß gefunden werden. Vielmehr ist es schon gefunden, die Geschichte hat es klar an den Tag gelegt, Viele sind sich dessen bewußt, sie halten eS nur für ein zu kühnes Wagniß, Viele fühlen es wenigstens heraus, sie sträuben sich nur dagegen, wie gegen ein Un- willkommn.es. Diese Nebel werden schwinden, die Zaghaftigkeit, die Unentschlossenheit sind schlechte Baumeister bei einem Werke, welches Jahrhunderte überdauern soll, wer Großes für die Zukunft schaffen will, der darf nicht schwachen, ängstlichen, zweifelnden Gemüthessein oder solcher Gemüther achten, auch sie werden sich aufrichten an dem Muthe, an der Ueberzeung, an der Thatkrast Anderer. Hier handelt es sich um die größte, wichtigste und heiligste Aufgabe der Gegenwart, die ganze Zukunft des deutschen Vaterlandes hängt davon ab, der Fluch oder der Segen der Geschichte ruht darauf. Noch niemals ist Neues und Bedeutendes ohne Widerstand, ohne Kampf, ohne Schmerzen in die Welt ge- treten, wer cs um deswillen meiden will, ist nicht werth, vom Weibe, das ihn beschämt, geboren zu sein. ' Welches ist nun jenes Unvermeidliche, jenes Nothwendige, jenes Alleinige? Wir wollen sehen; eine flüchtige Prüfung des Dargebotenen, des theoretisch Möglichen wird es ergeben. Man weiß nicht, ob jener NeichSstatthalter mit dem Beisatze: „wählbar ist jeder Deutsche" mehr eine Satyre auf Deutschland oder eine Selbstironie derer ist, welche jetzt noch daran glauben. Allerdings ist * diese Idee ronsequent aus einem Prinzipe hervorgegangen, auch ist sie einfach, so einfach, daß man sie einfältig zu nennen versucht ist. Was hilft aber alle Einfachheit, wenn sie mit den Mannichfaltigkeiten des s wirklichen Lebens in schneidenden Widerspruch tritt? WaS helfen alle theoretischen Prinzipien, wenn sie Schiffbruch leiden, sobald sie sich inS Freie hinauswagen? Das Schiff versinkt, wenn eS zu schwer ist, eS schlägt um, wenn es zu leicht ist, nicht die Geschichte , welche vom göttlichen Hauche getrieben wird, nicht die Thalsachen, welche nach ewigen Gesetzen aus den Gegebenen hervorgehen, sind es, die sich beugen, die Menschen, wenn sie etwas erreichen und aus- richten wollen, müssen sich fügen. Wer einen Grashalm auf einen Baum zu pflanzen versucht, wird dieses bald verdorren sehen, nur daS NeiS vom verwandten Baume verspricht Gedeihen und Früchte, je edler aber das Reis, desto edler die Frucht. So lange die Einzelstaaten monarchisch sind, ist der republicanische Bundesstaat ein Unding, das diametral Entgegengesetzte, das unversöhnlich Feindselige wird sich stets bekämpfen. Statt der deutschen Einheit wäre damit eine neue deutsche Zwietracht gesetzt, welche nach schmerzhaften Zuckungen, nach beharrlicher Unruhe, nach schweren Kämpfen entweder zur Beseitigung der der Monarchien in den Einzelstaaten, oder wahrscheinlicher zur Abwer- fung des einheitlichen Scheinoberhaupts führen würde. Wir haben es hier mit jenen unverbesserlichen Politikern zu thun, welche gegen wirkliche und handgreifliche Thatsachen die Augen verschließen, um desto ungestörter die Eier zu brüten. Es ist die ganze Kläglichkeit deS deutschen Michel, welcher frommen Gemüthes träumt und schwärmt, wahrend die Elemente der Natur den Praktiker herausfordern, um das Verderben abzuwenden, mit welchem sie drohen. Wenn diese republicanische Spitze kein Ansehen bei den deutschen Fürsten und Negierungen, keine Geltung bei den deutschen Bolsstämmen, keine Achtung bei den auswärtigen Mächten finden wird und finden kann, wenn sie also keine Freiheit verbürgt, keine Einheit bildet, keine Macht darstellt, wenn ihr die Vergangenheit keinen Boden, bie Gegenwart keine Atmosphäre, die Zukunft keinen Himmel darbietet, wozu denn noch dieses Schattenspiel Angesichts der Hellen Wirklichkeit? Soll dies Schattenspiel etwa nur dazu dienen, um es zur Schau zu stellen und auszurusen: Seht, das ist die Frucht der Revolution, das ist das Ziel des hohen Aufschwungs! Um eS zu bessern, muß die Revolution von vorne begin- — 6 — nen, dann aber gründlich, dann darf kein Thron auf deutscher Erde bleiben! Während die Bänkelsänger mit diesem Liede durch daS Land ziehen, schmachtet Deutschland nach wie vor, ja eS hat noch weniger und leidet noch mehr, als sonst. Die Jugend mit ihrem idealen Streben und ihrem raschen Handeln, welche die Schöpfung der Einheit zu Stande zu bringen vermocht hätte, vergeht, die Blüthen der Freiheit welken und satten, an die Stelle der Büreaukrarie tritt der Militärdespotis- muS, welcher dem Werfall der Staaten vvranzugehen pflegt und die fremden Staaten wachsen, beschattend und unterdrückend, über daS deutsche Gestrüpp hinweg. Und was später? ES sei vergönnt, den Vorhang fallen zu lassen, die weitere Darstellung dieses Bildes thut dem deutschen Herzen allzu weh. In der That, man muß sehr kurzsichtig, sehr unbekannt mit der menschlichen Natur, sehr unerfahren in der menschlichen Geschichte sein, will man auf diese letzte Karte noch Hoffnungen setzen. Und kann man sie Hoffnungen nennen, diese Gedanken und Gefühle, von teuflischer Lust am Nevolutioniren ausgeboren, die keine Liebe zum Vaterlands, keine Freude an seinem Wohlergehen, keine Erhebung in seiner hohen Weltstettung kennen? Genug von der Dürftigkeit eines solchen Vorschlags! Von andrer Seite ist ein Bundesdirectorium beantragt, eS soll auS Fürsten oder deren Bevollmächtigten bestehen, es soll 3 oder 5 Mit- glieder enthalten, es soll einigen dauernd, andern nach. Wechsel oder Wahl übertragen werden. Wir vermögen in diesem Vorschläge weiter nichts zu erkennen, als ein ArmuthSzeugniß, welches die Nationalversammlung sich selbst, dem deutschen Volke und den deutschen Fürsten ausstellen würde. Sie würde damit bezeugen, daß der vielgepriesene Trieb nach deutscher Einheit zu arm sei, um dann noch vorzuhallen wenn eS darauf ankömmt, ihrer Verwirklichung ein Opfer oder auch nur den Schein eines OpferS zu bringen. Warum bei den Kleinen Opferfreudigkeit voraussetzen und in Anspruch nehmen, wenn keiner von denen, die sich groß dünken, zur Selbstentäußerung bereit und fähig ist? Mit welchem Rechte will man zu Gunsten Weniger, aber Mächtiger die Vielen, aber weniger Mächtigen ausschließen oder zurücksetzen? Hierauf antwortet nicht das Prinzip, sondern deS Herzens Härtigkeit, nicht das Wohl des Volks, sondern die Eitelkeit der Dynasten, nicht die geschichtliche Nothwendigkeit, sondern dir Begierde, für sich Geschichte zu machen. Eö würde sich noch fragen, ob dann nicht der Bundestag, durch die Regeneration der Negierungen selbst neu geboren, und gehoben durch eine neue Volksvertretung, besser gewesen wäre, wenigstens hatte er die Gerechtigkeit zum Voraus für sich. Unter den Staatskünstlern ist kein Zweifel darüber, daß die oligarchische Staatsform die schlechteste ist, eS wäre doch eine höchst traurige Erscheinung, wenn die deutsche Bewegung in dieses armselige Auskunftsmittel auSlaufen sollte. Wie viele freudige Aussichten, wie viel erreichbar Gutes, wie viel möglich Großes würde auf der einen Seite verloren, und was wäre auf der andern gewonnen? Wenn die Mächtigen im Einverständnisse sind, eine Unterdrückung der Kleinen, welche bis an die Gefährdung ihrer Existenz reichte, ein Uebergewicht, dem keine Schranken durch ein Gegengewicht gesetzt wären. Vielleicht wäre cS noch alö ein Glück zu betrachten, wenn, wie zu erwarten, jene Ueber- einstimmung der Großen nicht einträte, aber dann wäre die deutsche Einheit im Keime verdorben, erstickt und getödtet. Die Vielköpsigkeit und Vielseitigkeit der Deutschen auch im Haupte darstellen, heißt den Particularismus verewigen, daS entschiedene Wollen und das conse- quente Handeln darf nicht aus einem Kreise verbannt werden, dem eS ganz unentbehrlich ist. Neidvolles Intriguiren, eifersüchtiges Nivelli- ren, selbstsüchtiges Buhlen werden bald an den Tag treten, der redlichste Wille scheitert, das Gesammtvatcrland blutet am Eifer der Uebrigen, für sich selbst bedacht zu sein, und mit Schrecken wird man gewahr werden, daß das Ziel der, deutschen Einheit, anstatt sich zu nähern, von Tag zu Tag mehr und mehr entrückt wird. Der Vorwurf der Geschichte wird die Nationalversammlung treffen, aber der Vorwurf der Zeit wird sich auf die Fürsten werfen, ein Faden, der nicht zerreißt, eine Handhabe, die nicht versagt, so lange Fürsten eristiren. Viele Glieder, aber Ein Haupt, reiche Gedanken und volle Gefühle, aber Eine Vernunft, mannichfaltige Bestrebungen und wechselndes Treiben, aber Ein Charakter, große und schwere Pflichten, aber Ein Gewissen, so lautet daS Gesetz der menschlichen Natur, wie di« Forderung der politischen Theorie und Praxis. Doch würde eS eine ,« unvollkommene Lösung deS Problems sein, wenn die Gesammtheit s oder eine auserlesene Anzahl der Fürsten ihre Wahl und ihr Mandat r auf einen deutschen Reichsverweser übertrügen. Es wäre dies einest Fortsetzung deS Provisoriums mit seinen Uebelständen und Unzuläng- r .lichkeiten, es wäre dies ein Binden des Hauptes mit unsichtbaren r Banden und heimlichen Schlingen, ungleich bedenklicher und gefähr- i licher, als Alles, waS offen zur Schau liegt, es hieße dies den Kern j» nicht von seiner harten Schale befreien und wenn diese Schale an den ! Wurmstichen und Gebrechendes Bundestags oder deS oligarchischen , Direktoriums leidet, so weiß man, daß der Kern nicht gesund sein kann, r Nein, wir wollen Ein in sich einiges Haupt, selbstständig und um j abhängig von dem, was eS zu überwachen, zu leiten, zu vermitteln, zu vereinigen berufen ist, und Deutschland will eS nicht minder. Trieb, Bedürfniß und Einsicht drängen es darauf hin, daß nur Ein regieren« « der Fürst solcher Aufgabe gewachsen ist, und wessen Theorie sich da- i gegen sträubt, der müßte eS dennoch aus praktischen Gründen, um deS Vaterlandes willen wollen, damit jener wolle, was er soll, und ver- möge, waS er will. Man mag nun diese monarchische Spitze nennen, i wie beliebt, wir nennen sie Kaiser, so gibt es noch mehrfache Modali -1 täten ihrer Entstehung, ihrer Dauer, ihrer Bedeutung. Der Turnus, 1 möge der Wechsel nach einer bestimmten Zeitdauer oder nach lebens-^ länglicher Reichsregierung eintreten, leidet gleichfalls an dem oligarchi-; schen Elemente, welches er in den Vordergrund stellt, außerdem ist er ^ aber auch weiter nichts, als ein Zugeständniß an dynastisch-particulari-' stische Gelüste. Witt man diese wieder zu Recht einsetzen, nachdem sie! kaum auS dem Felde geschlagen waren? Sind sie zu Recht eingesetzt, dann haben sie den Schein der Befugniß, jedenfalls die Mittel, sich gellend zu machen und auszubreiten, je schneller der Wechsel eintritt, mit desto mehr Eifer wird es geschehen, je langsamer er abläuft, mit desto mehr Erfolg. Mit der Pflicht wird das Interesse getheilt, aber die Sorge für die Hausmacht, welche dauert, muß die Sorge für daS Reich, welches vorübergeht, überwiegen. DaS Neichsregiment kehrt ja wieder, kann nicht genommen werden, Beispiel, Gelegenheit und 9 eigne Versuchung bieten neuen verlockenden Reiz. Was diesem nützt, schadet jenem, waS heute nur vorgearbeitet werden konnte, verheißt morgen Befriedigung, die Lust am Mißlingen deS Einen wächst an der Freude über das Gelingen des Andern empor. Dem Eigennutze und dem Ehrgeize, dem Neide und der Eifersucht, genug allen kleinen und großen Leidenschaften der irdischen Menschen ist ein breiter Tum« melplatz geöffnet, und das Volk, welches frei, einig und mächtig sein wollte und zu sein glaubte, wird vergessen, dem unverwirklichten Traume folgt ein böses Erwachen, des Genusses seiner Güter mag eS nicht froh werden. Da mag es noch zum Segen zu gereichen scheinen, . wenn, wie eS unausbleiblich ist, ein beharrliches Dpponiren der Ausge- > schlossenen, so weit die Kraft reicht, nie wechselndes Widerstreben ,'Mächtiger und Unmächtiger im Bunde, so lange diese nicht ver- ,'schlungen sind und jene sich nicht losgerissen haben, sich einstellt, « aber — es geht ein tiefer Niß inS Herz hinein, der deutschen Einheit - 'ist ihr Grab gegraben. 5 ^ Kaum besser steht es um den andern Kaiser auf Lebenslange oder - 'auf eine bestimmte Reihe von Jahren, welcher aus freier Wahl her- / vorgeht. Die Wahl durch die Fürsten wiederholt jene oben als unge- > fügend geschilderte Form des deutschen Neichsverwesers unter anderm », Namen, die deutsche Geschichte hat diesen Modus bereits verurtheilt, »--jede neue Wahl ist eine Niederlage deS Reichs zu Gunsten der übrigen i- Dynasten, eine weitere Abirrung von dem Ziele, welches zu erreichen :r beabsichtigt wurde. Die Wahl durch das Volk hat vor dem Turnus i- voraus, daß sie den Bedürfnissen des Moments, der politischen Weis- ie heit, der tactvollen Beachtung der fortschreitenden Geschichte Möglich- 1, lichkeit, Gelegenheit, Spielraum gewährt, so wie, daß sie an diejenigen, ch welche das Ncichsregiment behalten oder erwerben wollen, die dringen- tt, dere Anforderung stellt, das Interesse des Reichs und des Volks zu wahren, lit Aber sie hat außer den Schattenseiten des Turnus besonders gegen er sich, daß die Fürsten nur mit scheelen Augen einen Kaiser über sich sehen rSwerden,-bei dessen Auswahl und Einsetzung von ihnen Umgang ge- rt-ommen ist, gefahrvoll zumal dann, wenn er zufällig zu den Kleinern ad gehören sollte, daß die Umtriebe und Vorspiegelungen, hinter dem 10 Tageslichte geübt, ein weiteres Feld der Wirksamkeit in den Wahlen erhalten, und daß eben dadurch die Rivalitäten und Eifersüchteleien mehr in das Volk eindringen und dieses tiefer zerklüsten. Das Endresultat dieser leidigen Erscheinungen kann ein doppeltes sein, entweder die Wahl geht unter neuen Kämpfen und Schmerzen auf einen Erbkaiser über, und dann ist kein Grund vorhanden, das Nichtige jetzt zu unterlassen, oder das deutsche Reich geht wiederum auseinander, und dann ist um so mehr Grund vorhanden, das letzte Mittel jetzt zu ergreifen, ehe es zu spät ist. Ist eS nöthig, noch auf jenes Mittel einzugehen, welches in langer Geschichte außer Darius Hystaspes nur seltene gelungene Beispiele aufzuweisen hat, die Entscheidung durch das Loos? Doch wozu an einen Vorschlag Worte verschwenden, welcher außer einer alterthüm- lichen Auffassung dcS Rathschlusses der Götter nicht ein Quentchen politischen Urtheils zum Fürsprecher hat? Wir meinen in Wahrheit, wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, wem Natur oder Mangel an Studium nicht die klare Einsicht in die Menschen, die Politik und die Geschichte versagt hat, wer redlichen Herzens die deutsche Einheit für die Dauer, gründen, wer aufrichtigen Willens die deutsche Freiheit unter dem Banner des Gesetzes und der Ordnung befestigen, wer der deutschen Macht und Größe eine Zukunft anbahnen will, für den kann kein Zweifel sein. Jenes Unvermeidliche, sei eS auch noch so unwillkommen, jenes Nothwendige, sei eS auch noch so unerwünscht, jenes Alleinige von allen möglichen und denkbaren Problemen, ist das Erbkaiserthum, oder, um Mißdeutungen und Jnconvenienzen zu meiden, sage man lieber, die Kaiserkrone ist mit einer deutschen Krone bleibend verbunden. So sind jene Gelüste des dynastischen Ehrgeizes, jene sondcrbündlerischen Bestrebungen, jene kleinlichen Rivalitäten und Eifcrsüchterleien, jene buhlerischen Vorspiegelungen, jene eigensüchtigen Umtriebe mit einem Schlage vernichtet. Gewonnen ist der feste Punkt, der über das Getriebe der Welt und der Leidenschaften gestellt, die Bewegungen leitet und regelt, geweckt ist das Gewissen, welches, weil ihm die höchsten und heiligsten Pflichten ganz und vollständig übertragen sind, deren beste und reinste 1 ! Erfüllung vergewissert. Die deutsche Einheit ist verwirklicht, dauernd und wachsend, der deutschen Freiheit sind die Wege gebahnt, im Gesetze und in der Ordnung, die deutsche Macht ist aufgcrichtet, zum Stolze ihrer Freunde, zur Furcht ihrer Feinde. Die Gründe der Wissenschaft, die Beweise der Geschichte, die Be^ - spiele und Bedürfnisse der Gegenwart reden zu laut, um eine ausführliche Begründung versuchen zu müssen. Zwar wendet man ein, die erbliche Monarchie sei mit dem Bundesstaate unvereinbar; wenn aber diese Behauptung bisher unerwiesen geblieben ist, so besorgen wir sehr, daß* sie eine Einflüsterung derer ist, welche die Monarchie überhaupt mit der Freiheit nicht zu vereinigen wissen, oder derer, welche dem Ehrgeize der Dynasten huldigen wollen. Die physikalische Natur bewahrheitet allerdings den Lehrsatz, daß die gleichnamigen Pole sich abstoßen, die ungleichnamigen sich anziehen, aber eine andere ist die Natur der Psyche. Hier findet sich vollkommne Gleichheit schon nirgends, mag auch im Be- sondern der Mangel des Einen durch d'ie Fülle des Andern gedeckt werden, so zeigt sich gegenseitige Anziehung doch nur da, wo in wesentlichen Grundlagen und Grundbedingungen Uebereinsiimmung herrscht, Abstoßung aber da, wo diese im Gegensatz stehen. Jenen Einwand möge also erheben, wer den Staat zu dem Mechanismus eines physikalischen Experiments herabwürdigt, der dagegen wird ihn fallen lassen, welcher in demselben organisches Leben, sich entwickelnde Geschichte, sich offen- barenden Geist erkennt. Man hat ferner die erbliche Monarchie als Schreckbild auSgebeutct, sie soll von dem natürlichen Bestreben beseelt sein, die kleinen Staaten in sich aufzunehmen, zu verschlingen, aus dem Bundesstaate allmalig einen Einheitsstaat heranzubilden. Wir im Ge- gentheil halten dafür, daß die kleinern Staaten bei jeder andern Form ungleich größern Gefahren ausgesetzt sind. Hier sind alle mittlere und größere Mächte dahin getrieben, ihre Hausmacht zu vergrößern, um ihren Einfluß und Anspruch zu steigern, im Wogen und Drängen, ohne selbsteiAne Kraft, ohne festen Anhalt bleibt den kleinern keine Wahl, als sich hier oder dort anzuschließen, und die erste Gelegenheit,, wo Schutz und Schirm mangeln, führt dahin, daß sie in die Patrone aufgehen. Denn die Gerechtigkeit ist gestorben, und die Politik, 12 die selbstsüchtige, die partikularistische, die dynastische ist allein lebendig. In der erblichen Monarchie wird die Opposition mancher Mittlern und größern Staaten nicht ganz ausbleiben, der Kaiser wird dem entgegen seine natürlichsten und vorzüglichsten Bundesgenossen in den kleinen Staaten finden und diesen wiederum eine kräftige und dauernde Stütze sein, um Dank zu spenden oder zu Dank zu verpflichten. Besorgniß er- regende Gefahren liegen darin nicht, denn die höhere Gerechtigkeit halt hier jener feilen Politik die Wage. Sollte es gleichwohl in den Geschi- *cken Deutschlands vorherbesiimmt sein, daß die kleineren Staaten verschwinden, dann wird der wahre Patriot es wünschenswerther halten, daß eö sich in Einen großen Staat sammelt und vereinigt, als daß eS in mehrere Mittelstaaten auseinander geht. . Niemand kann zweifeln, daß aus dem Prinzips heraus und auS praktischen Gründen die erbliche Monarchie der einzige Weg ist, welcher zum Heile führt und bleibenden Segen bringt; die weitere Frage, welche Dynastie mit der Kaiserkrone zu schmücken, ist nicht mehr eine Frage deö Prinzips, sondern der Macht. Der Macht bedarf es nach innen, nm die Freiheit gegen Willkühr von oben und Willkühr von unten zu schützen, um die Einheit gegen dynastische und partikularistische Widerhaarigkeit zu wahren, der Macht bedarf es nach außen, um in der europäischen Staatenfamilie den unbesetzten Platz einzunehmen und zu behaupten, welcher den Deutschen gebührt. Wer hier dynastischem Belieben das Wort redet, der entkleide sich des Namens eines einsichtigen und aufrichtigen Patrioten; nicht anders lautet die Frage: welche der beiden Großmächte, Oesterreich oder Preußen? Oesterreich erhebt den Anspruch der Geschichte, aber die Geschichte, welche ihn verlieh, hat ihn auch genommen; heutzutage, zumal in dieser Frage, sind es nicht die Urkunden der Vergangenheit, sondern die Ansprüche der Gegenwart und die. Bürgschaften der Zukunft, welche Berechtigung verleihen. Oesterreich beruft sich ferner auf die Macht; allein diese ist auf die deutschen Landestheile zurückgeführt, nicht die größte. Wodurch sie größer zu werden scheint, die Verbindung mit großen nichtdeutschen Länder- complexen, giebt Anlaß zu den erheblichsten Bedenken. Der Gährungs- prozeß der Nationalitäten, welche Oesterreich in seinem Schooße birgt, ist bei weitem noch nicht zum Abschlüsse gediehen, und Deutschland, selbst im Werden und Entwickeln begriffen, möge sich wohl hüten, ohne die äußerste Roth in jene Wirren hineingezogen zu werden, welche daraus hervorzugehen drohen. Deutschland, durch die traurigen Erfahrungen seiner eignen Geschichte belehrt, muß sich vor allen Dingen in sich selbst constituiren und einigen, ehe es seine Arme über seine Grenzen hinaus erstreckt, selbst Opfer des Raumes und der Zahl, die immerhin nur vorübergehend sein würden, dürste es nicht scheuen, denn nur so wird es in den Stand gesetzt, selbstständig und bewußt seine Zukunft zu erfüllen. Wenn daher, wie es leider den Anschein gewinnt, Oesterreich, einer andern Aufgabe zugewandt und von andern Gedanken getragen, vorläufig außerhalb des engern Bundesstaats stehen bleibt, so wünschen wir freilich, daß die noch bestehenden Bundesverhältnisse so eng, wie irgend möglich, mögen gezogen werden, aber wir würden eS als Verrath an der deutschen Sache betrachten, ein solches Oesterreich mit der Neichsregierung zu betrauen. Wir besorgen zwar nicht eine Wiederkehr der Mctternichischen Politik, indessen seiner Eomposition, seiner Lage, seiner Weltstellung nach ist Oesterreich natürlicher und noth- wendigcr Weise auf eine Politik hingewiesen, welche nicht immer mit der Deutschlands Hand in Hand geht. Diese Verhältnisse und Traditionen sind allzu gebieterisch, um sie nicht auch dann noch zu fürchten, wenn es seine deutschen Provinzen, mit seinen nichtdeutschen Provinzen nur durch die Personalunion vereinigt, in den deutschen Bundesstaat einzureihen gesonnen wäre. Wollte es aber zugleich mit seinen nicht deutschen Ländergebieten in Deutschland eintreten, so möchte wohl denen, welche die Kraft lediglich in den Massen suchend, von einem Reiche der Mitte schwärmen, oder denen, welche das centralissrte Oesterreich um jeden Preis zur Herrschaft bringen wollen, ein Gefallen geschehen, vom deutschem Standpunkte jedoch müßten wir.unS dagegen strauben. Ein solcher Schritt würde zum unwiederbringlichen Verderben Oesterreichs und Deutschlands Umschlägen, Deutschland, zu einer österreichischen Provinz herabgedrückt, würde auS der Reihe selbstständiger Nationen verwischt, und, wenn nach kurzer Freude Anderer das Verhängm'ß sich erfüllte, würde es sich sehr fragen, ob es nach den blutigsten Convul- sionen und den heißesten Anstrengungen je gelingen möchte, sich nur bis zu seinem gegenwärtigen Range wieder emporzuarbeiten. Alle Zeichen der Zeit, alle Gründe und Beweise, alle Anforderungen des Moments und alle Sterne der Zukunft weisen unverkennbar auf die andre Großmacht, auf Preußen hin und wir stimmen mit dem verehrten Dahlmann darin überein, daß es sich nicht mehr um eine freie Wahl, sondern um Ankennung und Vollzug der Geschichte handelt. Bon vielem schon Dagewesenen nur dies Wenige. Preußen, diese erste rein deutsche Macht, ist vermöge seiner Bewohner, seiner Lage, seiner Weltstellung, seiner ganzen Eigentümlichkeit bei allen Zntressen Deutschlands auf das Persönlichste beteiligt, und kann keine andern erstreben, es hat daher, seine Aufgabe begreifend, vorzugsweise und mehr alS irgend eine andre Macht, deutsche Politik geübt; wenn eS darin nicht immer glücklich, nicht immer consequent und entschieden gc. wesen, so ist der geringere Erfolg nur seiner zu zarten Rückst'chtSnahme zuzuschreiben. An Preußen stellt das Schicksal jetzt zuerst die Frage, keine abgelaufene Nergangenheit hat seine Erhebung verwirkt, eS hat Deutschland gerettet, das ist der Titel, welcher den Thatsachen die recht- liehe Form leiht. Der junge aufstrebende Adler, welcher binnen kurzer Frist aus einer unbedeutenden Provinz eine europäische Weltmacht um- gewandelt, wird auch das jugendlich aufgelebte Deutschland zu der Höhe hinanführen, welche seine Bewohner ansprechen, welche seine Lage, seine Natur, seine Kräfte bedingen. Wer es wohl meint mit Deutschland, für den giebt eS nur dies Eine, dieser Ruf tönt durch alle deutschen Gauen, dies Bewußtsein lebt in allen deutschen Seelen, dies Gefühl zuckt durch alle deutschen Herzen. Die Nationalversammlung wird die Winke der Geschichte verstehen, sie wird die Gunst des Augenblicks ergreifen, sie kann nicht anders, will sie nicht sich selbst vernichten. Zwar giebt es auch Gegenstimmen, welche nach Einfluß auf bedenkliche Ge- rnüther trachten. ES mag Oestereicher geben, welche undeutsch genug sind, um Deutschland das Gelingen seines Vorhabens zu mißgönnen, sie sollten österreichisch genug sein, um sich einen solchen Bundesgenossen zu wünschen, wie das geeinigte und erstarkte Deutschland zu wen den verspricht. DaS wäre ein reeller Vortheil statt jenes ideellen, wel« cher in der Herrschaft über einen ohnmächtig darniederliegenden Riesen gesucht wird. Was darf Lesterreich dawider haben, daß seine Bundes- genossen sich enger aneinander schließen, um so, verjüngt und centrali- sirt, ihm die Bruderhand zu reichen, und wollte es etwas dawider haben, so möge es sich nicht wundern, wenn es statt des Angebots der Freundschaft Haß und Feindschaft erndtet. Man spricht von zwei deutschen Fürsten, welche gegen ein solches Endresultat operiren und Verwahrung einlcgen; wenn es wahr ist, so wollen wir die Ursachen solchen Beginnes nicht untersuchen, ob sie in dem Ehrgeize, wenigstens einigen Antheil an der Neichsregierung zu nehmen, wenn die höchste Palme versagt ist, oder in der Eitelkeit, keinen Höhern über sich zu sehen, oder, wie wir kaum zu denken wagen, in der engen Verbindung des Einen mit einer auswärtigen Macht zu finden sind. DaS aber wissen wir, daß in gegenwärtiger Stunde nicht solches partikularistisch-dynastisches Gelüsten, sondern allein das Interesse deS deutschen Volkes maßgebend sein darf, das hoffen wir von diesen Fürsten selbst, daß sie keinen Widerstand erheben werden, wenn das Unliebsame , das sie nicht vermeiden gekonnt, ins Leben tritt; daS erwarten wir von den beiden Volksstämmen zuversichtlich, daß ihre deutsche Gesinnung dem Willen der Nation nicht zuwider sein und keine Hinderung dulden wird. Noch sucht man Gefühle der Religion anzuspornen, durch die Deutschland schon einmal verwundet, verblutet und zerrissen ist; wenn aber theils durch die Selbstständigkeit der Religion dem Staate gegenüber, theils durch die Regierung mittelst verantwortlicher Minister die Sachlage eine durchaus veränderte ist, so liegt solchem Vorwände der Verdacht nahe, diejenigen, welche ihn geltend machen, könnten von der Hoffnung, von dem Streben nicht lassen, daß ihr religigiöser Glaube dereinst der herrschende werde. Noch wird der Süden gegen den Norden aufgestachelt, der Schutzzoll wird unter andern Vorspiegelungen gegen den Freihandel in die Schlachtreihen geführt, Helfershelfer sind alle die, welche keine Macht als Centralgewalt wünschen, welche einem Prinzips zu Liebe Deutschland verderben möchten, welche einer neuen Revolution zu Gefallen die vorhandene in den Sand laufen lassen. Ständen sich wirklich 16 der Süden und der Norden so unversöhnlich gegenüber, wie eS nicht der Fall ist, so sehr man auch bemüht ist, es darzustellen und auSzubeu- ten, so müßten wir an Deutschland verzweifeln. War aber schon in der alten Zeit der Zollverein möglich, wie viel wird nicht möglich sein, und um wie viel mehr wird es nicht befriedigen, in der neuen Zeit, wo überall, im Reiche und in den Einzelstaaten acht constitutionelle verantwortliche Ministerien regieren werden? Nur ist cs nöthig, daß Jeder sich nicht als Sohn der alten Zeit, sondern als Jünger der neuen bewähre, nur versöhnliches Entgegenkommen in den Mitteln, nur bereitwillige Hingabe an das Ziel! Kein Wort mehr davon, es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir Gespenster vertreiben. Solcher Jammer wird nicht länger herrschen und bestimmen, die Nationalversammlung wird ihre Pflicht erfüllen, treu, gewissenhaft und vollständig, unverzagt und zuversichtlich. Ihrem Berufe gehorsam, wird sie das zündende Wort dreist anssprechen und es wird ein lautes Echo finden in den Bergen und Thälern des deutschen Vaterlands, die deutsche Gesinnung wird in frischem Aufschwünge sich erheben, in froher Begeisterung, in jugendlicher Hoffnung aufflammen, die Gegenwart wird es ihr danken, die Zukunft lohnen. Wir fürchten nicht Ablehnung hier, Auflehnung dort, und wäre es dennoch, so hätte wenigstens die Nationalversammlung ihre Schuldigkeit gethan, die deutsche Nation würde erfahren und wissen, wer ihre Widersacher, Diejenigen sind, welche das so nah gestellte Ziel wieder in die Ferne rücken. Solche würden den Zorn der Gegenwart auf sich laden, solche würden die Verantwortung der Geschichte über ihr Haupt rufen! Der Genius des Vaterlands wird die Herzen lenken und die Dinge zum Besten wenden! Die Zeit wartet nicht, die Zukunft drängt vorwärts!