Kindergarten m I t Blumen, Blüthen ^ ^ ^ . I 9 " - / ^ < " /-^ X-^ :-^L A^x >"V1„ ^L Hk H'-- /: -1 » - ' ^ - ,<.' ' >. ' - ' . - / ,^''z / ^ - >.< L> > ^ 8ist«SW«»M8SSiS mit Blumen, Blüthen und Früchten. Eine Sammlung von 200 kurzen und anmnthigen Geschichten zur Unterhaltung, Belehrung und Ermunterung für Knaben und Mädchen. Von Leopold Chimani. Mit 12 illuminieren Bildern. Wie n. Verlag der Kunsthandlung H. F. Müller, am Kohlmarkt Nr. 1149. O - Gedruckt bei I. P. Dötting« in Wien. Wohlthätigkeit und Arnruth ^ine Bettlerinn bath eine Bauerswitwe um eine Nachtherberge. Diese wies ihr ein Strohlager in der Scheune an, und gab ihr zum Abendessen einen Topf voll sauere Milch und ein Stück Brot. Als die Bauerswitwe am folgenden Morgen nach der Bettlerinn in der Scheune sah, um ihr ein Frühstückzu reichen, war diese verschwunden, und hatte ihr sechs Monathe altes Kind treulos zurückgelassen. Da diese Rabenmutter nirgends mehr aufgefunden werden konnte, nahm sich die Bauerswitwe, welche selbst arm war, des verlassenen Kindes aus Nächstenliebe an, und gelobte vor Gott, daß sie dem armen Würmchen eine treue Mutter seyn werde. Sie dachte nicht daran, welche Last sie sich dadurch aufbürde, und woher sie die Mittel nehmen werde, um das Kind zu ernähren, zu kleiden und zu verpflegen. Aber Gott gab seinen Segen zu dem guten Werke. Der Pfarrer, der Amtmann und die wohlhabenden Einwohner des Dorfes waren von der guten Handlung der armen Bauersfrau so gerührt, daß sie ihr für den Findling Nahrung, Leinenzeug, Kleider und andere Bedürfnisse immerfort schickten, und auf diese Art an dem guten Werke Theil nahmen. I 2 Die Bauersfrau erzog sich an diesem Kinde eine folgsame Tochter, die ihre Stütze und ihr Trost im Alter wurde. Der gefangene Sperling. Ein Knabe hatte einen jungen Sperling in einer Schlinge gefangen. Er band ihm einen starken Zwirnsfaden an den Fuß, und ließ ihn in der Luft flattern. Man konnte es leicht abnehmen, wie hart dem armen Thierchen dabey geschah. Der Vogel sperrte den Schnabel auf, und gebährdete sich sehr ängstlich. Clarissa, ein Mädchen von acht Jahren, sah das lieblose Spiel des Knaben mit dem Sperlinge, und erbarmte sich desselben. Sie fragte den fremden Knaben, ob er ihr den Vogel nicht verkaufen wolle. Da er einen Groschen für denselben verlangte, zahlte sie ihm denselben, übernahm den Sperling, ging einige Schritte weiter, band den Zwirnsfaden von dessen Fuße los, und schenkte dem Vogel die Freyheit. Ein angesehener Herr, welcher vorüber ging, und das, was Clarissa unternommen, gesehen hatte, lobte sie wegen ihrer Gutherzigkeit, und sagte es ihren Aeltern, wie mitleidig Clarissa an dem Sperlinge gehandelt hatte. 3 Der unschuldig Bestrafte. ^in Vogelsteller hatte an einem Herbstmorgen Schlingen, Sprenkel und Leimruthen gerichtet, um Vögel zu fangen, und sich dann entfernt. Als er nach zwey Stunden wieder kam, um nachzusehen, und die gefangenen Vögel abzunehmen, fand er, daß die Schlingen und Sprenkel zerrissen, die Leimruthen verdorben, und daher kein Vogel gefangen war. Darüber war der Vogelsteller sehr aufgebracht, und da in der Nahe ein Hirtenknabe mit der Schafheerde sich befand, so meinte er, daß dieser ihm seine Vorrichtungen verdorben habe. Er fiel über ihn her, und prügelte ihn derb durch. Der Hirtenknabe betheuerte, daß er unschuldig sey. Aber der Vogelsteller war so erzürnt, daß er seiner nicht mächtig war, und auf die Worte des armen Knaben nicht achtete. Nach einiger Zeit klärte es sich auf, daß ein Mann aus dem Dorfe, mit welchem der Vogelsteller schon lange Zeit in Feindschaft lebte, ihm diesen Streich, welchen er dem Hirtenknaben aufbürdete, gespielt hatte. Es reuete ihn, daß er ihn so lieblos behandelt hatte, und er erwies demselben in der Folge manche Wohlthat. Unter anderen schenkte er ihm einen jungen Stahr, und zeigte ihm, wie er denselben Worte nachsprechen lehren sollte. Der Hirtenknabe nahm der Stahr immer auf die Weide mit, machte ihn sehr zahm, und nach einem Jahre sprach derselbe mehrere Worte. * 1 4 Einem Kaufmanne, der bey einem Ausfluge auf das Land bey dem Hirtenknaben vorüber kam, gefiel der so gut abgerichtete und zahme Stahr so sehr, daß er ihn dem Knaben abkaufte, und gut bezahlte. Da er mit dem Hirtenknaben längere Zeit sprach, so nahm er an demselben so viel gesunden Verstand, so viel Unbefangenheit und Treuherzigkeit wahr, daß er ihn lieb gewann, zum Lehrjungen annahm, und väterlich für ihn sorgte. Aus dem Hirtenknaben wurde in der Folge der Jahre ein tüchtiger Kaufmann. So führt unverschuldet Leiden oft zum Glücke. Die Jungen im Neste. Elotilde saß mit ihrer Mutter im Garten in einer Laube. Da! kam ein Rothschwänzchen mit einer Raupe im Schnabel daher geflogen, setzte sich auf einen Zweig, und schlüpfte dann in die Hecke, indem es sich dabey vorsichtig herum sah. »Was macht denn das Rothschwänzchen mit der Raupe in der Hecke?» fragte C lotilde neugierig. »Es hat ein Nest mit Jungen in derselben,» entgegnete die Mutter, »und es füttert seine junge Brut. Das Männchen und Weibchen, Vater und Mutter, sind den ganzen Tag unablässig bemüht, Futter für die Jungen aufzufinden, und es ihnen zu bringen, damit sie größer wachsen und flügge werden, bis sie sich das Futter selbst suchen können. Sie LqÄdL; lieben ihre Jungen sehr, und suchen sie vor jeder Gefahr zu schützen. Diesen natürlichen Trieb hat ihnen der gute Gott eingepflanzt; denn er sorgt nicht nur für die Menschen, sondern auch für alle Thiere, und deckt für Millionen lebender Wesen täglich den Tisch, damit sie ihre Nahrung finden. O wie gütig und allmächtig ist Gott!» Die Camelie und die Rose. Vriederike hatte eine wunderschöne Camelie, und rühmte sie als die vorzüglichste Blume des Gartens, indem ihr keine andere an Schönheit der Blüthe sowohl als des Blattes gleichkomme. Julie zog der Camelie die schöne hundertblätterige Rose vor. Darüber entstand ein Streit zwischen den beyden Mädchen, und sie bathen die Mutter, denselben zu entscheiden. Die Mutter sagte: »Die Camelie ist eine sehr schöne und auch beliebte Blume, welche sich durch den Glanz der Farbe an der Blüthe und an dem Blatte auszeichnet. Sie wird aber nur durch die sorgfältige Pflege im Treibhause das, was sie ist, und außer der Schönheit und dem Farbenglanze ermangelt sie aller übrigen Vorzüge. Die Centifolie oder hundertblätterige Rose ist nicht nur eine ausgezeichnet schöne Blume, sondern sie hat auch einen sehr angenehmen Geruch, und aus derselben wird das wohlriechende Rosenöhl und das « Rosenwasser bereitet, welches letztere ein Heilmittel für kranke Augen wird.» »Die Rose vereiniget das Schöne und Angenehme mit dem Nützlichen; daher gebe ich ihr vor der Camelie den Vorzug. Sie gleicht einem Mädchen, welches mit körperlicher Schönheit gute Eigenschaften verbindet; da entgegen die Camelie einem Mädchen ähnlich ist, das außer dem hübschen Gesichte, dem schlanken Wüchse und den schönen Kleidern nichts Lobenswerthes an sich hat. Welchem von beyden Mädchen möchtet ihr den Vorzug geben, und welchem wollet ihr ähnlich werden?» Die Enkelinn bey der Großmutter. ^ie alte Großmutter wollte in den Garten gehen. Rosa, ihre achtjährige Enkelinn, bath, daß sie die Großmutter dahin begleiten dürfe. Als sie in den belaubten Gängen einige Zeit herum gegangen waren, wollte die Großmutter aus- ruhen, und sie setzte sich auf eine Bank unter einem schattigen Lindenbaume nieder. Aber ihre Füße konnten den Erdboden kaum erreichen. Rosa lief unaufgefordert in die Laube, und trug aus derselben einen schweren Fußschämel der Großmutter zu, damit sie ihre Füße auf denselben stellen konnte. 7 Da sagte die Großmutter beyfällig: »Rosa, Du bist ein sehr gefälliges und dienstfertiges Mädchen, das alles gern thut, was sie einem Anderen nur an den Augen absehen kann.» Rosa aber freuete sich, daß sie der guten Großmutter einen kleinen Dienst hatte erweisen können. Das Milchtöpfchen. steinaltes, armes Mütterchen, das gebückt an einem Stocke einher schlich, hatte sich ein Töpfchen voll sauerer Milch bey einer gutherzigen Frau gehöhlt, und ging mit demselben nach Hause, um die Milch mit Brot zu verzehen. Auf einmahl hörte die Alte hinter sich einen Lärm; sie sah erschrocken um, und dabey nicht vor sich; sie stolperte über einen großen Stein, fiel zur Erde; der Topf war zerbrochen, und die Milch ausgegoffen. Die Alte war so schwach, daß sie sich nicht von dem Boden erheben und nicht aufsiehen konnte. Dieses sah August, der zwölfjährige Sohn des Secretärs Weber. Er lief auf die Greisinn zu, hob sie von der Erde auf, und da sie über das zerbrochene Töpfchen und die ausgegossene Milch jammerte, begleitete er sie zu einem Töpfer, und gab ihr zwey Groschen, daß sie sich ein neues Töpfchen und auch sauere Milch kaufen konnte. O, wie dankte die Alte 8 dem guten Knaben, und wie freuete sich August, daß er der armen alten Frau eine kleine Wohlthat hatte erweisen können l Der KunsLdrechsler. Als mehrere Knaben bey nassem und kothigem Wetter mit einander aus der Dorfschule nach Hause gingen, rief sie ein wohl gekleideter Mann, der in einem einspännigen Wägelchen vorüber fuhr, an, daß einer von ihnen den Riemen, der sich an dem Pferdegeschirre losgemacht hatte, befestigen möchte. Keiner wollte dem Fremden den Gefallen thun; nur Christian, der sogleich durch den Koth auf das still stehende Pferd zuschritt, und machte, was der Fremde haben wollte. Während er damit beschäftiget war, fuhr ein Wagen schnell vorüber, und bespritzte Christian vom Kopfe bis zum Fuße mit Koth. Da er auch von dem Fremden kein Geschenk für den geleisteten Dienst erhalten, das sich Christian gar nicht verlangt hatte, lachten ihn die anderen Knaben aus, daß er für den Dienst nur Kothspritzer statt Geld erhalten hätte. Christian war aber zufrieden, daß er dem Fremden einen Dienst hatte erweisen können. Dieser war ein Kunftdrechsler, der die schönsten Arbeiten in der Hauptstadt lieferte. In der Folge suchte er einen Lehrjungen, und seine Wahl fiel auf Christian, welchen er zu einem geschickten Arbeiter ausbildete, der lange als Gesell in der Folge bey ihm arbeitete, und dann eine eigene Werkstätte errichtete. Durch Geschicklichkeit in künstlichen Drechslerarbeiten, durch Fleiß und Redlichkeit erwarb stch Christian ein bedeutendes Vermögen, und er ward ein geachtetem Mann. Der Dornbusch. Sophie ging mit ihrer Mutter durch ein Gebüsch spazieren. Ihr Kleid blieb an einer Dornhecke hängen, und bekam einen Riß. Darüber wurde Sophie ärgerlich, und rief voll Unwillen aus: »Wozu doch die Dornhecken da sind? Man sollte sie alle aushauen und verbrennen!» Als Sophie mit der Mutter eine Strecke weiter gegangen war, sahen sie einen Sperber, der eine Grasmücke verfolgte. Als dieser Raubvogel der geängstigten Grasmücke schon nahe war, flüchtete sie sich in eine Dornhecke, und rettete dadurch ihr Leben vor dem Würger. Da sagte die Mutter zu Sophie: »Weißt Du nun, wozu die Dornhecken da sind? Siehst Du nun ein, wie Alles sehr weise in der Schöpfung eingerichtet ist?» 10 Die Ameisen. Als Sophie mit der Mutter noch weiter fort ging, kamen! sie an eine Stelle, wo die Ameisen sehr geschäftig die Puppen, die sogenannten Ameiseneyer, über den Weg trugen. Zn einer geraden Linie lief eine Ameise, mit einer Puppe belastet, hinter der anderen über den Weg, und in einer zweyten Linie kehrten die anderen, welche die Puppe schon abgelegt hatten, zurück. Sophie wunderte sich über die rastlose Geschäftigkeit dieser kleinen Thierchen, und fragte die Mutter, was diese Ameisen vorhätten. Die Mutter antwortete, daß sie ver- muthlich an dem Platze, wohin sie die Puppen, welche ihre Brut sind, gelegt hatten, beunruhiget worden sind, und Gefahr für dieselben fürchten; daher sie ihre Brut eilig an einen sicheren Ort bringen. »So hat der allmächtige, höchst gütige Schöpfer," fuhr die Mutter fort, den kleinsten Thierchen Liebe zu ihrer Brut aingepflanzt, damit sie nicht hülflos verderbe. Wie viel größer ist aber die Liebe der Aeltern zu ihren Kindern, die ganz hülflos zur Welt kommen ? Ohne die sorgfältigste Pflege der Aeltern würden sie in den ersten Lebenstagen zu Grunde gehen und elendiglich umkommen. Darum sollen die Kinder unabläßlich bemüht seyn, durch Gegenliebe, Gehorsam und gute Aufführung den Aeltern diese Pflege zu vergelten.» 11 Uneigennützige Hülfe. ZOey dem großen Brande am 15., 16. und 17. May 1842 in Hamburg, welcher den vierten Theil dieser großen Stadt in Asche legte, waren auch zwey Sackträger aus der Stadt Altona zur Hülfe herbey gekommen, welche einem Kaufmanne, der mit Kleidern handelte, seine Bude und Wohnung, die in Feuersgefahr standen, ausräumen halfen. Als schon der größte Theil der Habseligkeiten gerettet und auf Wagen gepackt war, und die Flamme sich immer mehr dem Hause näherte, entfernte sich der Kaufmann, um die geretteten Habseligkeiten, seine Frau und Kinder an einen entfernten und vor der Flamme geschützten Ort in Sicherheit zu bringen, und er bath die beyden Männer, aus der Bude und der Wohnung noch so viel zu retten, als nur zu retten wäre. Diese thaten es mit größter Anstrengung und Gewissenhaftigkeit, und brachten noch Hausgeräthe und Zimmereinrichtungen, unter anderen auch ein sehr schönes und kostbares Schreibpult in Sicherheit, bis die Flamme so weit um sich gegriffen hatte, daß sie in das Haus nicht mehr dringen konnten. Für diese großen Dienste both der Kaufmann jedem dieser zwey Männer zwey Ducaten an. Sie weigerten sich aber standhaft, dieses Geschenk anzunehmen, indem sie sagten, daß sie gekommen wären, den durch Feuer Verunglückten alle mögliche Hülfe zu leisten, nicht aber ihre Dienste sich bezahlen zu lassen. 12 Die Bienen. ^tto stand oft lange bey den Bienenkörben, und sah den Bienen zu, wie sie Blumenstaub, Wachs und Honig in dieselben eintrugen. Er bewunderte oft den unermüdeten Fleiß und die Emsigkeit dieser kleinen und geschäftigen Thiere. Ein Bienenkorb hatte auch ein kleines Fenster von Glas, durch welches man beobachten konnte, wie fleißig sie in demselben arbeiteten, und wie reinlich sie Alles hielten. Otto sprach mit dem Vater oft von den Bienen, wie sie für ihre Nahrung im Winter sorgeten, und so viel Honig in den Körben aushäuften, daß sie im Frühjahre auch noch den Menschen von ihren Vorräthen mittheilen konnten. Da sprach der Vater: »Diesen unermüdet fleißigen Bienen sollst Du und alle guten Kinder an Fleiß, Ordnungsliebe und Reinlichkeit ähnlich werden. Du sollst in der Jugend so viel lernen, und Dir so viele Geschicklichkeit eigen machen, daß Du für das folgende Alter nicht nur Dir den nöthigen Unterhalt erwerben, sondern auch noch Anderen von dem Erworbenen mittheilen kannst.» Edle Rache. Adolph war muthwillig, neckisch, oft auch schadenfroh. Eines Tages versteckte er vor der Schulstunde seiner Schwe- 13 ster Emma die Strickarbeit, und ging in M Schule fort. Als auch sie in die Schule gehen wollte, fand sie nirgends ihre Strickarbeit. Mit dem Suchen brachte sie längere Zeit zu, kam zu spät in die Schule, und wurde wegen des Zuspätkommens, und daß sie ihre Strickarbeit nicht mitgebracht hatte, ausgescholten. Es klärte sich auch bald auf, daß Adolph ihr diesen Streich gespielt hatte, und der Vater gab ihm deßwegen einen derben Verweis. Adolph hatte eines Tages seine Schulaufgabe auf ein Quartblatt geschrieben. Er lief aus dem Zimmer, schlug die Thüre fest zu, und die Aufgabe, die auf dem Tische neben dem offenen Fenster lag, flog in den Garten. Emma war in demselben, und fing sie auf. Als Adolph in das Zimmer zurück kam, suchte er seine Aufgabe allenthalben, und konnte sie nicht finden. Es war schon Zeit, in die Schule zu gehen. Da kam ihm Emma mit dem Quartblatte in der Hand entgegen und übergab es ihm, indem sie sagte: »So vergilt die Schwester dem muthwilligen Bruder das Verstecken ihrer Strickarbeit.» Dienst und Gegendienst. Heinrichs Oheim, ein junger feuriger Officier bey einem Cavallerie-Negimente, war auf Besuch im Hause. Sein Reit- 14 kriecht, ein muthrvilliger Bursche, jagte eines Tages mit dem Pferde des Officiers im vollen Galoppe über Stock und Stein, daß es stolperte, auf die Kniee fiel, und sich eines derselben verwundete. Der Officier war über seinen Burschen so aufgebracht, daß er'ihn augenblicklich zum Regiments schicken und bey demselben bestrafen lassen wollte. Heinrich bath seinen Oheim so lanae, bis er seinen Zorn mäßigte, und dem Reitknechte verzieh. Dieses vergaß der Reitknecht dem guten Knaben nie mehr. Nach mehreren Jahren kam Heinrichzu dem nähmlichen Regimente als Cadet. Sein Oheim wurde bald zu einem anderen Regimente in einen höheren Rang befördert. Der Reitknecht erbath sich die Erlaubnis den jungen Cadeten bedienen und ihn in dem Dienste unterrichten zu dürfen. Auch stand er auf dem Erercier-Platze und dem Feinde gegenüber immer anHeinrichs Seite. In dem ersten Gefechte kam Heinrich in Gefahr, von den Feinden gefangen zu werden. Der Reitknecht, damahls schon Corpora!, sprengte mit seinen Leuten herbey, hieb auf die Feinde, welche Heinrich schon umrungen hatten, ein, und vefreyete ihn aus der Gefangenschaft. Unerwartete Zusammenkunft. (§in wälscher Knabe, welcher Gypsfiguren zum Verkaufe auf dem Kopfe herum trug, kam bey strengem Winter um die 15 Mittagsstunde in das Haus des Cameral-Rathes R., und both seine Waare zum Verkaufe an. Er war halb erstarrt vor Kälte. Da man ihm nichts abkaufen wollte, so bath er um eine Suppe, daß er sich durch dieselbe und in der warmen Küche erwärmen könnte. Man gab ihm eine Schale voll, ein Stück Fleisch mit Gemüse und auch Brot. Während er diese Gaben verzehrte, standen die Kinder des Cameral-Rathes um ihn herum, fragten ihn um seinen Nahmen, Vaterland, Geburtsort und um seine Lebensverhältnisse. Aus dieser Unterredung, welche der Knabe im gebrochenen Deutsch führte, ergab sich, daß dieser Knabe der Bruder des Bedienten war. Dieser war von einem Reisenden, welcher durch das Geburtsort der Beyden reifete, von demselben als Page mitgenommen, und von diesem war er nach mehreren Dienstjahren in die Dienste des Cameral-Rathes übergetreten. Da er weder lesen noch schreiben konnte, so konnte er in Briefen auch nicht Nachricht von seinem Aufenthalte geben, und die mündlichen Bothschaften, welche er nach Hause reisenden Landsleuten mitgab, gelangten nicht zu seinen Aeltern. Es war eine große Freude für die beyden Brüder, daß sie so unverhofft zusammen trafen. Die Sperlinge. Eheodor pflegte mit aller Sorgfalt einen Kirschbaum, welchen sein Vater an dessen Geburtstage gepflanzt hatte; 16 denn dieser hatte die gute Gewohnheit, für jedes Kind, das ihm geboren wurde, einen jungen Baum zu setzen. Der Kirschbaum, dessen Blüthen in den früheren Jahren der Frost, Reif und die Maykäfer verdorben hatten, brachte das erste Mahl schöne und reichliche Früchte. Theodor hatte eine große Freude daran, und wollte mit den reifen und saftigen Kirschen seine Aeltern und Geschwister bewirthen. Aber die Sperlinge kamen sehr zahlreich auf den Baum, und fraßen und pickten einen großen Theil der Kirschen an. Theodor war darüber sehr aufgebracht, und sagte in seinem Unwillen: »Wenn ich nur alle Sperlinge todt schießen und vertilgen könnte!» »Daran würdest Du sehr Unrecht thun,» entgegnete der Vater, »denn die Sperlinge nützen uns dadurch, daß sie für sich und ihre Jungen einen großen Theil der Raupen und Käfer, welche das Laub und die zarten Früchte der Kirsch- und anderen Obstbäume abfressen, verzehren. Durch diesen Nutzen wird der Schaden, den die Sperlinge anrichten, bey weitem ausgewogen, und Du darfst ihnen wohl einige Kirschen von Deinem Baume gönnen, weil sie denselben von den schädlichen Raupen bewahrt haben.» »In Amerika, wo die Sperlinge die Früchte in den Gärten und auf den Feldern sehr beschädigten, ging man damit um, sie ganz auszurotten. Aber die den Feld-und Gartenfrüchten so schädlichen Raupen und Käfer nahmen so überhand, daß man auf die Vermehrung der Sperlinge wieder bedacht seyn mußte.» 17 Die Weinrebe am Pfahle. «Julius ging im Monathe Iunius mit seinem Vater durch Weingärten spazieren, in welchen die blühenden Trauben einen Duft verbreiteten, welcher jenem der wohlriechenden Reseda ganz ähnlich war. Julius bemerkte, daß jede Rebe mit Strohhalmen an den neben dem Weinstocke eingeschlagenen Pfahl gebunden war, und er lobte die Vorsicht der Winzer; da ohne dieselbe ein starker Wind die weiche, üppig und hoch gewachsene Rebe abschlagen würde. »Dieser Rebe,» erwiederte der Vater, »gleichst Du, und ihr gleichen alle unerfahrenen Kinder, welche gleichen Gefahren wie sie ausgesetzt sind, und ohne einen Pfahl, der sie aufrecht erhält, verderben würden. Diese Pfähle sind die Aeltern und Lehrer; an diese müssen sie sich fest anklammern, ihren Lehren, Ermahnungen und ihrem Beyspiele folgen, ihrer Aufsicht sich nie entziehen, und dann werden sie vor dem Falle sicher seyn, kräftig und stark an Leib und Seele heran wachsen und gute Früchte bringen. 28 Gutherzigkeit und Dankbarkeit. «Fn dem, den Aeltern Friedrichs gehörigen Hause wohnte ein Kunsttischler, welcher seinen Lehrjungen sehr streng und hart hielt. Besonders ging es mit der Kost sehr knapp her, und man konnte sagen, daß der arme Lehrjunge mehr Scheltworts als Bissen Brot erhielt. Friedrich erbarmte sich des schmählich gemißhandelten Knaben; er gab ihm öfters von seinem Mittagsmahle und seinem Vesper-Brote, legte bey seinem Meister ein Fürwort ein, daß er den Jungen milder behandle, sprach diesem oft Trost und Muth zu, daß er die Strenge seines Meisters geduldig ertragen sollte, weil er bey demselben viel in der Kunsttischlerey lernen könnte, und Friedrich theilte ihm manchmahl von seinem Taschengelde etwas mit. Der-Junge hielt in seinen Lehrjahren standhaft aus, und als er zum Gesellen freygesprochen worden war, verfertigte er in den freyen Stunden heimlich ein niedliches Kästchen, welches er aus Dankbarkeit für die Wohlthaten, welche ihm Fried rick während der Lehrjahre erwiesen hatte, ihm zum Geschenke brachte. 19 Ruhmredigkeit. Amalie fragte die Mutter, warum die Henne in einem fort gackere, wenn sie ein Ey gelegt habe, oder eines legen wolle. »Die Ursache kann ich Dir eigentlich nicht angeben,» ent- gegnete die Mutter; »dieses anhaltende Gackern scheint den Hennen von Natur aus angeboren zu seyn. Man vergleicht sie aber in dieser Beziehung mit Leuten, welche, so oft sie etwas Gutes bewirkt haben, es ausposaunen, damit sie gelobt werden. Aber sie haben von der guten That auch keinen anderen Lohn, als dieses Lob; da entgegen der Bescheidene, welcher im Stillen Gutes bewirkt, sich mit dem Wohlgefallen Gottes und dem Bewußtseyn der guten That hinlänglich belohnt fühlt; und eben dadurch erhält die gute That erst ihren wahren Werth.» Die Aehrenleserinn. Äl^arie war die zehnjährige Tochter einer armen Witwe. Wenn die Feldfrüchte von den Bauern auf ihren Aeckern geschnitten, und in die Scheunen geführt worden waren, ging Marie auf die Felder, und sammelte die Aehren und 2 * 20 Strohhalme, welche auf denselben zurückgelassen worden waren, um einiges Korn zu gewinnen, welches sie dem Müller für Mehl gab. Bey diesem Aehrenlesen fand sie'ein Taschenmesser, und sie war sogleich entschlossen, es dem Eigenthümer zurück zu stellen. Sie forschte nach, wem der Acker gehöre, auf welchem sie das Messer gefunden hatte, und als sie erfuhr, daß der Bäcker der Eigenthümer desselben sey , ging sie in den Bäckerladen, und zeigte der Frau des Bäckers, die dort anwesend war, das Messer, welches sie demjenigen, der es verloren hatte, zurück geben wollte. Das Messer gehörte der Bäckersfrau selbst, und diese hatte ein solches Wohlgefallen an Mariens Ehrlichkeit, daß sie derselben sogleich einen Laib Brot schenkte, hinsür für das Mädchen sorgte, und als es herangewachsen war, dasselbe in ihre Dienste nahm, wo es ihr wohl erging. Der Pfau. ä^er Vater Herzberg war mit seinem Sohne Anton und seiner Tochter Emilie auf Besuch bey einem Müller in der Nähe der Hauptstadt. Der Müller hatte einen großen Geflügelhof, in welchem außer dem Hahne, vielen Hennen und Hühnern, Perlhühnern, Gänsen und Aenten, auch kale- kutische Hühner sich befanden. 21 Besonders zog aber der schöne Pfau die Augen der Kinder auf sich, der mit dem Schweife ein Rad schlug, und stolz in der Sonne einher schritt. Da rief Anton aus: »O der schöne Pfau! Wie seine Federn in der Sonne glänzen, als wenn sie mit Gold und Edelsteinen besetzt wären! Dem Pfaue gebe ich den Vorzug unter allen Vögeln. Keiner derselben gleicht ihm an Schönheit und Farbenpracht. Auch hat er eine Krone auf dem Haupte, als ob ihn schon der Schöpfer als den König der Vögel ausgezeichnet hätte.» »Es ist wahr,» entgegnete Emilie, »der Pfau hat an Schönheit seiner Federn kaum seines Gleichen unter den anderen Vögeln; aber er hat auch seine Mängel; er hat garstige Füße und ein unangenehmes Geschrey. Da lobe ich mir die Henne. Sie legt viele Eyer, die in der Küche einen hohen Werth haben, und für Gesunde und Kranke eine gute Nahrung geben; auch brütet sie die jungen Hühner aus, von denen viele Tausende jährlich verspeiset werden.» Anton wollte der Henne nicht den Vorzug lassen; er lobte immer den Pfau; Emilie vertheidigte die guten Eigenschaften der Henne, und da sie sich in ihren Ansichten nicht vereinigen konnten, bathen sie den Vater, daß er entscheiden sollte. Dieser sagte: »Ich gebe mit Emilien den Hühnern den Vorzug, wegen des Nutzens, denn sie in der Haushaltung bringen; da entgegen der Pfau nur wegen seiner Schönheit gehalten wird, und eigentlich keinen Nutzen verschafft. Man muß immer das Nützliche dem Angenehmen verziehen.» Achtung für das Alter. Audwig, des Amtmanns zwölfjähriger Sohn, studierte m der Kreisstadt Krems. Die Aeltern schickten ihm zu Anfang der Oster-Ferien eine Kutsche, welche ihn zu ihnen nach Hause bringen sollte. Auf der Straße höhlte er einen Greis ein, der einen schweren Pack trug und unter dieser Last seufzte. Ludwig ließ die Kutsche anhalten; er fragte den Greis, wohin er mit der schweren Last gehe, und als dieser ihm entgegnete, daß er den gleichen Weg mit Ludwig, aber in ein noch entfernteres Dorf mache, lud er ihn ein, in die Kutsche zu steigen und mit ihm zu fahren. O wie dankte der Greis, der unter seiner schweren Last zu erliegen schon befürchtete, dem guten Knaben, und wie freueten sich die Aeltern über die Gutherzigkeit des Sohnes l Die Kornähren. ^er Vater ging mit seinem Sohne Alb recht durch die Kornfelder spazieren. Das Getreide fing schon zu reifen an. Die Aehren senkten sich durch die Schwere der Körner, die sie enthielten; einige derselben aber erhoben sich über die 23 anderen, und standen aufrecht auf den hohen Halmen, so daß ste über die übrigen Aehren weit hervor ragten. Alb recht meinte, daß diese aufrecht stehenden Aehren die vorzüglichsten wären, weil ste so weit über die anderen hinaus reichten. Der Vater aber belehrte ihn, daß er sehr irre, indem die Aehren, welche aufrecht auf dem Halme stünden, leer, ohne Körner und daher die schlechtesten seyen. »So geht es auch bey den Menschen/ fuhr der Vater fort, »Manche die nichts im Kopfe, keinen Werth haben und dumm sind, erheben ihr Haupt über Andere; da immer Stolz mit Dummbeit gepaart ist. Die verdienstvollen Leute aber sind auch mehrentheils bescheiden, die nie von ihren Verdiensten sprechen, sich nie über Andere erheben, sich lieber zurück ziehen, als daß ste sich vorwärts drängten, und eben dadurch ihren Werth beurkunden. Welchen von beyden willst du ähnlich werden?" Die Plünderer. <5 ranz, eines Bauers Sohn, mußte Soldat werden, und nachdem er die Waffen zu gebrauchen und den Dienst im Kriege gelernt hatte, wurde er zu dem Heere geschickt, das dem Feinde gegenüber stand. Es wurde ein hitziges Gefecht geliefert: das Heer, bey welchem Franz kämpfte, blieb Sieger, und drang unaufhaltsam vor. 24 Franz befand sich bey der Vorhuth. Bey dem Vordringen fingen Franzens Kameraden an, Alles wegzunehmen, was ihnen unter die Hände kam, und zu plündern. Schon durchsuchten sie das Schulhaus, um Geld oder andere leicht weg zu bringende Sachen zu finden. Sie entdeckten den Schullehrer, der sich vor den unbarmherzigen Plünderern versteckt hatte, und wollten ihn zwingen, daß er anzeigen sollte, wo er sein Geld, seine Uhr, sein Silberzeug und derley Kostbarkeiten verborgen habe. Da stellte sich Franz vor den Schullehrer, dessen Unterricht er einst genossen hatte, und hielt seine Kameraden zurück, so daß sie ihm nichts Leides zufügten. Franz wich nicht von dessen Seite, bis die Gefahr vorüber war. Die Wald-Capelle. X^ora war die Tochter einer armen Witwe, welche sich durch Handarbeit ihren Unterhalt erwarb. Die Mutter starb und Dora stand nun ganz verlassen in der Welt da, und wußte sich nicht zu rathen und helfen. Sie klagte dem guten Gott ihre Noth im herzlichen Gebethe. Eine Verwandte nahm endlich Dora zu sich; aber es ging ihr nicht gut; denn die Verwandte war eine karge und mürrische Frau, und Dora wurde in der Kost sehr knapp gehalten, so daß sie sich oft nicht satt essen konnte. Sie bethete 25 oft zu Gott, daß. er sich ihrer erbarmen, und sie zu guten Leuten bringen möchte. Im Walde, nahe an der Hauptstraße unter schattigen Lindenbäumen, stand eine Capelle. So oft Dora in deren Nähe kam, ging sie auf dieselbe zu, kniete nieder, und bethete zu Gott um Hülfe in ihrer traurigen Lage. Als sie eines Tages mit gefalteten Händen auf dem Bethschämel dieser Capelle kniete, und mit Thränen in den Augen dem barmherzigen Gott ihre Noth klagte, ging eine fremde Frau vorüber, welche aus dem Wagen gestiegen war, um den Weg durch den Wald zu Fuß zu machen. Sie sah Dora sehr andächtig bethen, und dabey Thränen vergießen, fragte sie um ihr Anliegen, und da ihr Dora das Herz eröffnet, und der Frau ihre traurige Lage geschildert hatte, erbarmte sich die Frau des armen Mädchens, von der sie wegen ihrer Andacht und Gottesfurcht eine gute Meinung gefaßt hatte, nahm Dora zu sich, und sorgte für sie. Die Kinder des Advocaten. Ä^üller war Schreiber bey einem Advocaten, und erwarb in dieser Anstellung so viel, daß er mit seiner Frau und seinen vier Kindern nothdürftig leben konnte. Zu seinem Erwerbe trug auch die Frau durch Handarbeit bey. Der Advocat starb, 26 und überließ seine Geschäfte und die Leute in seiner Kanzeller einem Amtsgenossen, dem er letzteren bestens empfahl. Müller hatte nach dem Tode seines Herrn fortdauernden Erwerb; aber er bekam in der Folge ein Augenübel, welches ihn hinderte, die Arbeiten in der Kanzelley des Advocaten fortzusetzen. Er wurde seines Dienstes entlassen, und erhielt aus Mitleiden von dem Advocaten, bey dem er zuletzt gearbeitet hatte, eine Unterstützung, die aber gering war. Diese und der kleine Erwerb seiner Frau reichten auf die dringendsten Lebensbedürfnisse nicht hin, und Müller kam in große Noth. Als dieses die vier Kinder des verstorbenen Advocaten erfuhren, legten sie von ihrem Spargelde monathlich einen Betrag zusammen, und schickten ihn dem verarmten Schreiber ihres verstorbenen Vaters. Die Gefangenen. §)ie Stadt Pvsseg in Slavonien wurde im Jahre 1842 durch eine schreckliche Feuersbrunst verheert, welche sehr viele Häuser, die Kirchen und ansehnlichen Gebäude in Asche legte, und nahmenloses Elend verbreitete. Als die Flamme immer weiter um sich griff, und schon das Gefängniß bedrohte, machten sich die Gefangenen, welche dort verwahrt wurden, ihrer Fesseln los, erbrachen die Thü- 27 ren und setzten sich in Freyheit— nicht aber um zu entfliehen, sondern um in den Stunden der Noth Hülfe zu leisten. Sie eilten dahin, wo die Flamme wüthete, halfen den bedrängten Einwohnern der Stadt ihre Habseligkeiten retten, und das Feuer löschen. Als die Feuersgefahr vorüber war, kehrten die Gefangenen in die Gefängnisse zurück, und ließen sich geduldig die Fesseln wieder anlegen. Aus diesem Ergebnisse sehen wir,-daß selbst in dem Verbrecher der Keim des Guten nicht erstorben ist, und daß er dort zur That reift, wo eine gute Gelegenheit sich dar- biethet. Das leere Glas. Au Ende des Mittagsessens klopfte der jüngste Sohn des Kaufmanns Linden mit dem Messer sachte an sein leeres Glas, und es gab einen angenehmen und Hellen Ton. Die anderen Geschwister machten es dem jüngsten Bruder nach, und Jedes lobte den Ton, den es aus seinem Glase hervor lockte. Nur das Glas Mathildens, der ältesten Schwester, gab keinen, oder nur einen dumpfen Ton von sich; denn es war bis oben mit Wasser angefüllt. 28 Darüber verwunderten sich die Kinder. Der Vater aber sagte: »Das volle Glas, welches nicht klingt, wenn man auch auf dasselbe klopft, gleicht jenen Menschen, welche viele Kenntnisse und gute Eigenschaften besitzen. Sie sprechen nie von denselben, noch weniger rühmen sie sich derselben, wenn man auch anklopft, das heißt, wenn man sie dazu auffordert; da entgegen die leeren Köpfe und jene, denen es an Geschicklichkeit und guten Eigenschaften ermangelt, voll Ruhmredigkeit sind, sich selbst gern loben, und sich Vorzüge zueignen, die sie gar nicht besitzen. Diejenigen, welche wahren inneren Werth haben, sind mehrentheils bescheiden und still, die denselben nicht besitzen, sind anmaßend und vorlaut." Du sollst nicht stehlen. <7^ «Fn den Lehrzimmern, Speise- und Schlafsälen einer Erziehungsanstalt waren statt der Bilder kurze, mit Fractur- Buchstaben geschriebene Sittensprüche in Rahmen an den Wänden aufgehangen. Ein reisender Handwerksbursche, der in den Häusern bettelte, war unbemerkt in den Speisesaal gekommen, in welchem in einem Korbe viele silberne Eßlöffel lagen. Man sagt: »Die Gelegenheit macht Diebe." So erwachte bey dem Anblicke so vieler Silberlöffel in dem Handwerksburschen die böse Lust, einen derselben zu entwenden. Wie 29 er schon die Hand nach demselben ausstreckte, fiel sein Blick auf die Tafel, auf welcher stand: »Du sollst nicht stehlen, und was du findest, nicht verhehlen." Diese Worte machten einen solchen Eindruck auf ihn, daß er sich augenblicklich aus dem Speisesaale entfernte, und Gott dankte, daß er ihn vor der Versuchung und dem Verbrechen bewahrt hatte. Die Erben. Ein reicher Mann hatte zwey Neffen, von denen der eine leichtsinnig und verschwenderisch, der andere aber besonnen, wirthschaftlrch und in jeder Beziehung wohl erzogen war. Der Oheim zog Anfangs den leichtsinnigen Neffen, welcher ihn durch seine gute Laune zu erheitern wußte, dem anderen, der gesetzt und mehr in sich gekehrt war, vor, bis ihm dessen lustige und tolle Streiche, wie auch sein Hang zur Verschwendung bekannt wurden, wo er dann denselben immer mehr von sich zu entfernen suchte, den braven Neffen aber zu sich ins Haus nahm. Bey dem Tode des Oheims zeigte dieser einen Schenkungsbrief desselben vor, in welchem der Oheim bekannte, daß er schon bey Lebzeiten dem braven Neffen sein ganzes Vermögen geschenkt und übergeben habe. 30 Der leichtsinnige Neffe beschuldigte den anderen Neffen der Erbschleicher^, daß er dem alten und schwachen Oheime die Schenkungsurkunde abgenöthiget habe. Darüber entstand ein hartnäckiger Proceß, den aber der brave Neffe mit allem Rechte gewann. Nach Ausgang des Protestes verfügte sich der gute Neffe zu dem leichtsinnigen, und trug ihm die Hälfte des von dem verstorbenen Oheime überkommenen Vermögens an, indem er sagte, daß er den Proceß nur fortgeführt habe, um seine angefochtene Ehre zu retten. Von diesem Edelmuthe war der andere Neffe so gerührt, daß er nur den dritten Theil der Schenkung annahm. Die Erdbeeren. Änna ging in den Wald, um Erdbeeren für ihren jüngeren Bruder zu pflücken, der anfing, von den Masern zu genesen. Sie wollte ihm mit den Erdbeeren eine unverhoffte Freude machen. Nachdem sie ein Töpfchen voll gepflückt hatte, wollte sie eilig mit demselben nach Hause zurück kehren. An dem Wege im Walde saß ein fremdes armes Weib mit drey Kindern, von denen das jüngste, als es die Erdbeeren in Annens Hand sah, seine Aermchen begierig nach denselben ausstreckte. 31 »Erbarme Dich, gutes Mädchen,» bath das fremde Weib, »des armen Kindes, und gib ihm einige Erdbeeren; denn es verschmachtet vor Durst.» Anna gab dem Kinde zwey Hände voll Erdbeeren, und da die anderen zwey auch um einige bathen, theilte sie alle ihre Erdbeeren unter dieselben aus, lief wieder in den Wald zurück, und pflückte in Eile wieder ihr Töpfchen voll, damit sie auch ihren Bruder mit denselben erfreuen konnte. Vergelte das Böse mit Gutem. Adelheid war ein muthwilliges Mädchen, welches ihren Mitzöglmgen in der Erziehungsanstalt allerley Schabernack anthat, und ein Wohlgefallen daran hatte, wenn sie die Anderen necken und erschrecken konnte. Eines Tages hatte sie heimlich Kletten in dem Garten gesammelt, und sie in Chlotildens Bett gelegt. Als sich diese des Abends unbesorgt niederlegte, stachen sie die Kletten so sehr, daß sie laut aufschcie, und lange zu thun hatte, bis sie das Bett von denselben reinigen konnte. Adelheid lachte aus vollem Halse, daß ihr der Streich gelungen war. Einige Tage darauf verlor Adelheid zwey Stricknadeln im Garten, und konnte daher die aufgetragene Strickarbeit nicht vollenden. Sie sprach mehrere Mädchen an, ihr zwey Nadeln zu leihen. Diese hatten entweder keine, oder woll- 32 ten ihr den Gefallen nicht thun. Chlotilde both sich aber unaufgefordert an, ihr die zwey Nadeln zu leihen, indem sie sagte: »Man muß Böses mit Gutem vergelten.» Der zerbrochene Kaffehbecher. Äüs Rosalinde ihr Geräth für die Schule bereitete, sagte sie zu dem Stubenmädchen: »Fany, seyen Sie so gut, und bringen Sie mir das französische Gesprächbuch aus der Laube im Garten, wo ich es vergessen habe. Aber eilen Sie; denn ich habe keine Zeit zu verlieren!» Fany beschleunigte ihre Schritte, und nahm auch noch das Kaffehgeschirr aus der Laube mit herab, wo man ge- frühstückt hatte. Aber weil sie zu viel eilte, stolperte sie über ein Stück Holz, welches im Wege lag; ein Kaffehbecher fiel von der Tasse, auf welcher Fany das Kaffehgeschirr trug, auf die Erde, und zerbrach. Fany klagte Rosalinden das Unglück, welches sie gehabt hatte, und zeigte ihr die Scherben des zerbrochenen Bechers, welche nicht mehr zusammengesotten werden konnten. Da sagte die herzensgute Rosalinde: «Der Unfall ist Ihnen meinetwegen begegnet, weil ich Sie so sehr zur Eile aufgefordert habe. Hier haben Sie Geld, um einen neuen Becher zu kaufen. Thun Sie es aber heimlich, und ver- 33 bergen Sie die Scherben, damit nur die Mutter nichts davon erfahre.» Freyes Geständniß. Ädalbert nahm aus dem offenen Schreibepulte des Vaters in dessen Abwesenheit ein Quartblatt feines Papier, um auf demselben seine Schulaufgabe zu schreiben. Seine eingetauchte Feder, die er am Ohre stecken hatte, fiel auf einen Geschäftsbrief, den der Vater früher angefangen, aber noch nicht vollendet hatte, und besudelte ihn mit einem Dinten- kleckse. Als der Vater zurück kam, und den beschmutzten Brief sah, sagte er zu seinen Kindern, die im Nebenzimmer am Lehrtische saßen: »Wer ist in meinem Schreibpulte gewesen?» Da trat Adalbert mit Thränen im Auge vor, und sagte schüchtern: »Guter Vater, verzeihen Sie! Ich habe aus Ihrem Schreibepulte ein Blatt feines Papier genommen, und auf den Brief einen Dintenklecks unversehens gemacht.» Der Vater verwies es ihm in mildem Tone, und sagte: »Du hast gefehlt, weil Du ohne meine Erlaubniß ein Papier aus dem Schreibepulte genommen, und noch obendrein meinen Brief besudelt hast. Aber ich will Dir dieses Mahl wegen Deines offenen Geständnisses verzeihen.» 3 34 Wie Sophie die Aepfel vertheilt. ZOZenn die Großmutter ihre Enkel und Enkelinnen besuchte, brachte sie mehrentheils Obst, Backwerk, Spielzeug und dergleichen für dieselben mit. Eines Tages gab sie Sophien, der ältesten Enkelinn, sechs Aepfel, und sagte: »Diese sind für Dich und Deine zwey Schwestern.» Sophie theilte sie unter dieselben so aus, daß sie für sich die zwey kleinsten Aepfel behielt. Die Großmutter hatte dieses bemerkt, und sagte: »Sophie, Du als die älteste und größte Schwester hättest ein Recht auf die zwey größten Aepfel gehabt. Aber Du warst so uneigennützig, daß Du die zwey kleinsten für Dich behieltest; Du verdienst dafür einen Ersatz.» Sie langte aus ihrem Arbeitsbeutel eine große und saftige Birne heraus, und gab sie Sophien zum Lohne. Der angenommene Neffe. Als Christian acht Jahre alt war, starb sein Vater, und hinterließ seine Gattinn, und ihn in den dürftigsten Umständen. Des Vaters Bruder nahm ihn aus Mitleiden zu sich, um ihn mit seinen Kindern gemeinschaftlich zu erziehen. 35 Es wäre ihm hier in dem Hause des Oheims gut ergangen, wenn nicht Ludwig, der älteste Sohn desselben, ein muthwilliger und neckischer Knabe gewesen wäre, welcher dem Christian viel Leides zufügte, ihm manchmahl vorwarf, daß er das Gnadenbrot bey seinem Oheime esse, und manchen tollen Streich, den er Anderen spielte, auf Christian schob. Aber dieser fand an Iosephinen, der jüngeren Schwester Ludwigs, seine Vertreterin» und Dertheidigerinn. Sie behandelte ihren kleinen Vetter Christian mit zuvorkommender Gefälligkeit, schützte ihn vor den Neckereyen ihres Bruders Ludwig, vertheidigte ihn bey dem Vater und der Mutter, wenn Ludwig die Schuld ungerecht auf Christian schob, und nahm ihn, wo ste konnte, in Schutz. Dieses vergaß Christian der guten Muhme nie mehr, und nach vielen Jahren, als die Pferde im Wagen mit Josephinen durchgingen, hielt er ste mit Lebensgefahr auf, und rettete sie dadurch aus aller Gefahr. Verschiebe nichts auf morgen. Aer Hauslehrer sagte seinem Schüler Dominik und dessen Schwester Angelica, daß er am folgenden Tage ver- muthnch verhindert seyn werde, zu kommen. Er gab ihnen die Aufgaben für zwey Tage, und ermunterte ste, dieselben 3 * 36 - fleißig zu lernen und zu bearbeiten, damit er, wenn er wieder komme, alles in Ordnung und sie gut vorbereitet antreffe. Dominik, der etwas leichtsinnig, in Bearbeitung der Aufgaben aber schnell war, und leicht auswendig lernte, ließ sich gut geschehen, verschob die Bearbeitung der Aufgaben bis auf.den folgenden Nachmittag und glaubte mit denselben leicht fertig zu werden, weil der Lehrer an diesem Tage nicht käme. Und doch kam er, weil das vermeinte Hinderniß gehoben worden war. Dominik hatte keine Aufgabe geschrieben, und auf die Lehrstunde sich nicht vorbereitet. Seine Schwester Ange- lica, welche gewohnt war, alles zu rechter Zeit zu thun, hatte die Aufgabe für diesen und auch für den folgenden Tag bearbeitet, und ihre Lectionen gelernt. Dominik bekam einen Verweis, und ward angehalten, den ganzen übrigen Theil des Tages im Zimmer zu bleiben, zu lernen und zu schreiben. Der Schwester gab der Lehrer sein Wohlgefallen über ihren Fleiß und die gute Anwendung der Zeit zu erkennen. Taste den guten Ruf Anderer nicht an. auline hatte die üble Gewohnheit, die Fehler und Schwächen anderer Mädchen zu verbreiten, und sie erzählte 37 von denselben immer das Böse , selten das Gute. Deßwegen waren ihr diese auch abgeneigt, und mieden ihren Umgang. Ihre Mutter wurde diese böse Gewohnheit mit Mißfallen gewahr , und machte ihr deßwegen oft eindringliche Vorstellungen. Aber Pauline verfiel wieder in den nähm- lichen Fehler. Da sagte die Mutter eines Tages: »Der gute Ruf unserer Nebenmenschen muß uns immer heilig seyn, und wir müssen denselben mehr zu befördern, als zu beeinträchtigen suchen. Insbesondere ist der gute Ruf eines Mädchens so zart und so leicht zu verletzen, als der glatte Spiegel. Schon ein bloßer Hauch trübet ihn. Den Hauch kann man von dem Spiegel abwischen; aber nie wirst'Du den guten Ruf eines Mädchens, den Du durch böse Nachreden verunreinigt hast, wieder ganz Herstellen können. Daher hüthe D'ch, Paul ine, ferner die Fehler anderer Mädchen, die oft alle Entschuldigung verdienen, zu verbreiten, sonst wird man eben so lieblos an Dir handeln, und Deinen Umgang immer mehr fliehen.» Die Deklamation. ä^er Lehrer hatte zweyen Schülern, welche einen guten Vortrag hatten, ein Gedicht gegeben, welches sie auswendig lernen sollten. Nach vier Tagen wollte er sie überhören, und 38 derjenige von beyden, welcher es auswendig am besten würde hersagen können, sollte es bey der Prüfung öffentlich vortragen. Friedrich lernte leicht auswendig, und meinte, wenn er das ziemlich lange Gedicht täglich durchlese, und am vierten Tage ein paar Stunden dasselbe einlerne, so werde er es leicht fehlerfrep vortragen können. Aber am vierten Tage bekam er Kopfschmerzen, wo er sich mit dem Auswendiglernen nicht anstrengen durfte. Ferdinand theilte sich die Strophen des Gedichtes auf drey Tage ein, und lernte alle Tage die entfallene Zahl ein, indem er zugleich die eingelernten Strophen wiederhohlte, und die folgenden durchlas. Am dritten Tage konnte er das Gedicht fehlerfrep hersagen, und er übte sich am vierten Tage, dasselbe gut vorzutragen. Als der Lehrer die Probe zwischen ihm und Friedrich anstellte, declamirte Ferdinand das Gedicht fehlerfrep und mit Gefühl und Nachdruck; Friedrich aber, der sich am Morgen des fünften Tages alle Mühe gab, das Gedicht auswendig zu lernen, konnte damit nicht mehr fertig werden. Dem Ferdinand wurde die Ehre zu Theil, es bey der Prüfung vor einer ansehnlichen Versammlung declamiren zu dürfen. ^A"-> 39 Eine Witwe sammelt dürres Holz. «Fn dem Dorfe Waldbergen war ein Tag in jeder Woche bestimmt, an welchen die ärmeren Einwohner des Dorfes in den Wald gehen, und die dürren Zweige der Bäume abbrechen und sammeln durften. Die Witwe Gertrud, welcher der ganze Vorrath an Holz schon ausgegangen, war an diesem Tage krank. Sie ging daher an einem der folgenden Tage in den Wald, um Holz zu sammeln. Das war ihr nicht erlaubt. Als sie schon einen ziemlichen Bündel aufgelesen hatte, entdeckte sie der Jäger, welcher die Aufsicht über den Wald hatte, schalt sie aus, daß sie unbefugt Holz an diesem Tage sammle, nahm ihr den Bündel weg, und jagte sie fort. Zu diesem Auftritte kam Isidor, des Gutsbesitzers Sohn. Er hatte Mitleiden mit der armen Witwe, welche den Jäger bath, daß er ihr nur dieses Mahl verzeihen, und ihr das wenige dürre Holz lassen möchte; indem nur gänzlicher Holzmangel sie habe verleiten können, in den Wald an diesem Tage zu gehen. Isidor konnte das Verfahren des Jägers nicht mißbilligen, weil dieser die Vorschriften aufrecht erhalten mußte. Er gab daher der armen Witwe ein Geschenk an Geld, daß sie sich das nöthige Holz bis zu dem bestimmten Holzlesetag kaufen konnte. 40 Die Verwundung. Ein Taglöhner, der im Schloßgarten arbeitete, hatte sich einen spitzigen Nagel tief in die Fußsohle eingetreten. Er zog denselben heraus, und die Wunde blutete und schmerzte sehr. Dieses sah Gabriele, des Amtmanns Tochter. Sie brachte sogleich einen Kübel mit kaltem Wasser herbey, daß der Taglöhner den verwundeten Fuß in denselben stellen sollte, und eilte fort, um leinene Lappen und ein Pflaster zu hohlen, welches ihre Mutter für Wunden immer bereit hielt, und sie verband dem Taglöhner den verwundeten Fuß. O wie freuete sich der Taglöhner über die Hülfe, welche ihm die gute Gabriele geleistet hatte, und wie dankte er ihr! Sie gab ihm auch Pflaster und leinene Lappen mit, damit er sich öfter den wunden Fuß verbinden konnte. Der Kirschbanm. Ein -Greis mit silberweißen Haaren saß unter einem Kirschbaume, der seine mit Früchten und Laub beladenen Aeste weit um sich herum ausbreitete. Um den Greis herum hatten sich die Enkel desselben gelagert. Der Sohn des Greises und 4L Vater der Enkel stand auf der hohen Leiter, welche an den Kirschbaum gelehnt war, und pflückte Kirschen. Der Greis und die Enkel ließen sich die süßen und vollsaftigen Kirschen gut schmecken. Freude lächelte in dem Gesichte des Greises , und die Enkel waren wohlgemuth. Der Vater Gottfried ging mit seinem Sohne Wilhelm an dem Kirschbaume vorüber, Und sah mit Wohlgefallen diese Gruppe fröhlicher Menschen. Sie grüßten sie, und erbathen sich Kirschen gegen Bezahlung, welche sie auch gern erhielten. Der Vater Gottfried sprach zu dem Greise: »Ihr seyd heute vergnügt, und freuet Euch des reichlichen Segens, den Heuer dieser Baum bringt?» »Sollte ich mich nicht der Gaben Gottes freuen?» antwortete der Greis. »Als Knabe pflanzte ich diesen Baum, und pflegte ihn immer mit Sorgfalt. Er ist groß und stark herangewachsen, und bringt fast alle Jahre reichliche Früchte, an denen ich mich mit meinen Enkeln labe. Eine kleine Mühe, die ich in meinem Knabenalter bey der Pflanzung und Pflege des Baumes anwendete, bringt und hat schon so herrliche Früchte gebracht.» »Ich freue mich mit Euch, guter Alter,» entgegnete der Vater Gottfri ed, »und dieser Baum dient zum Beweise, daß alles Gute und Löbliche, was man in der Jugend thut und fortführt, sich immer belohnt, und noch im Alter reichliche Früchte bringt.» 42 Der Zeisig. Aeontine hatte einen Zeisig, der so zahm war, daß,ier die Hanf- und Mohnkörner aus der Hand fraß. Als sie eines Morgens seinen Käfig reinigte, entwischte er ihr aus demselben, und husch! flog er durch das offene Fenster in's Freye, und war nicht mehr zurück zu bringen. Leontine war über diesen Verlust sehr traurig, und jammerte: »Mein Zeisig, mein lieber Zeisig ist entflohen und kehrt nicht mehr zurück!» Helene, Leontinens ältere Schwester, hatte Mitleiden mit ihr, und um ihren Schmerz zu stillen, und ihr eine überraschende Freude zu bereiten, kaufte sie ihr einen schönen, goldgelben Canarien-Vogel, der so zahm war, daß er sich auf die Hand setzte, und alles Futter aus derselben pickte. Helene gab ihn heimlich in den Käfig, in welchem der Zeisig gewesen war, und stellte ihn an den nähmlichen Platz. Als Leontine den schönen Vogel sah, blieb sie wie starr vor Ueberraschung und Freude stehen, stürzte dann auf Helene zu, fiel ihr um den Hals, und bedeckte sie mit Küssen, indem sie sagte: »Diese Ueberraschung und Freude hast Du mir, gute Schwester, gemacht!» Das Eichhörnchen. 8 eo hatte von einem Verwandten ein zahmes Eichhörnchen zum Geschenk erhalten. Es war an ein Kettchen gebunden, und so kirre, daß, wenn es losgelassen wurde, dem Leo an den Beinen herum lief, sich auf dessen Schultern und Kopf setzte, dort die Nußkerne, welche es aus der Hand nahm, verzehrte, und auf diese Weise dem Leo viel Vergnügen machte. Der Vater billigte zwar dieses Geschenk nicht ganz, weil diese Thierchen oft beißig werden. Doch ließ er dem Leo das Eichhörnchen, weil er so große Freude an demselben hatte; er warnte ihn aber, mit demselben vorsichtig umzugehen, damit es ihm keinen Schaden thue. Leo war aber manchmahl muthwillig, unbesonnen, und aufbrausend. Er ging immer kecker mit dem Eichhörnchen um, und fing an, es zu necken. Da kneipte es ihn eines Tages mit den langen und scharfen Vorderzähnen so schmerzlich in den Finger, daß Blut floß. Leo erschrak, und wurde so zornig, daß er das Eichhörnchen zur Erde schleuderte. Es fiel auf den Kopf und war todt. Der verwundete Finger schmerzte ihn sehr. Da sagte der Vater: »Hättest Du meine Warnung befolgt, so würdest Du Freude an dem Eichhörnchen, nicht aber Schmerz an Deinem Finger gehabt haben." 44 Der TauSenschlag. Gregor hatte in seinem Taubenschlage schöne Haus- Feld- und Pfautauben. Diese, wenn sie in die Nachbarschaft flogen, brachten oft fremde Tauben mit zurück, die Gregor einfing, und so lange einsperrte, bis sie in den Schlag sich eingewohnt hatten. Auf diese Art vermehrte er die Zahl seiner Tauben, und zwar auf ungerechte Weise. Zn der Folge aber vermißte er von seinen schönen Tauben eine nach der anderen. Taubenliebhaber waren es gewahr geworden, daß Lev ihnen die Tauben weggefangen hatte, und vergalten Gleiches mit Gleichem. Sie fingen von den seinigen eine nach der anderen ab. Als seine Tauben immer weniger wurden, klagte er es dem Vater. Da sagte dieser: »Dir geschieht nach Verdienst. Ich habe erfahren, daß Du früher fremde Tauben eingefangen hast. Mit dem Maße, mit welchem Du ausmissest, wird Dir auch eingemessen werden. Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, thu' auch einem Anderen nicht!» Der Angeber. Earl war falsch, ein Schmeichler und Heuchler. Er war in einer Erziehungsanstalt, in welcher sich über dreyßig 45 Knaben befanden. Er schlich sich gern um den Vorsteher und die Lehrer herum, suchte sich bey denselben einzuschmeicheln, und hinterbrachte denselben heimlich, was er an den anderen Zöglingen Tadelnswerthes fand. Diese erriethen bald, wer an ihnen zum Verräther geworden sey; sie hütheten sich vor Carl, und mieden dessen Umgebung. Aber auch der Vorsteher und die Lehrer beobachteten Car ln, dessen Schmeicheleyen und Zuträgereyen ihnen verdächtig wurden, genauer, und fanden, daß er ein Schmeichler und Heuchler sey, welcher durch Zuträgereyen ihre Gunst zu gewinnen suchte. Da sprach der Vorsteher in einem ernst verweisenden Tone zu Carl: »Du wähnst durch Deine Schmeicheleyen und Zuträgereyen die Gebrechen und Fehler, welche Du an Dir hast, zu beschönigen. Du irrst Dich aber; wir sehen schärfer als Du meinst. Du zeigst den Splitter, den der eine oder andere Deiner Mitzöglinge im Auge hat, an. Heuchler! zieh' zuvor den Balken aus Deinem Auge, ehe ^Du uns auf die Fehler Anderer aufmerksam machst.» So hatte Carl durch seine Zuträgereyen die Achtung und Liebe der Zöglinge, des Vorstehers und der Lehrer verloren. 46 Der Hagel. Kirschbaum, welchen der Vater Theodors an dessen Geburtstage gepflanzt, und ihm in der Folge als dessen Eigenthum überlassen hatte, strotzte von schönen und saftigen Kirschen, die schon reif waren. Theodor lud für den kommenden Feyertag mehrere seiner Schulfreunde zum Kirschenpflücken ein, und versprach ihnen und sich ein großes Vergnügen dadurch zu bereiten. Aber des Tages zuvor kam ein fürchterliches Donnerwetter mit Hagelschlag, der alle Früchte, und selbst die Zweige des Kirschbaumes zerschlug, so daß auch für das folgende Jahr keine Früchte zu erwarten waren. Theodor jammerte, daß seine Freude so unversehens zernichtet worden war. Da sprach der Vater zu Theodor: »Lerne, mein Sohn, aus diesem für Dich so traurigen Vorfälle, daß alle Güter der Erde vergänglich sind, und deren Verlust oft von einem Zufalle abhängt. Erwirb Dir daher unvergängliche Güter: Tugend und Wissenschaft, welche ewig Dein Eigenthum sind, und die Dir Niemand rauben kann!» 47 Die durch eine Feuersbrunst verarmte Familie. §6ey dem großen Brande in Wiener-Neustadt im Jahre 1834 hatte ein Handwerksmann, der für die Familie Meyer arbeitete, Alles verloren, und mit den Seinigen nur das Leben gerettet. Er hatte fünf Kinder zu ernähren, und keinen Werkzeug, keinen Arbeitsstoff, keine Nahrung, keine Kleidung und keine Wohnung, und das Elend dieser durch Feuer verunglückten Familie war gränzenlos. Wohlthätige Menschen unterstützten sie, daß fie vor Elend und Noch nicht verschmachten durfte. Die Kinder des Herrn Meyer schickten dem Handwerksmanne alles Geld aus ihrer Sparbüchse, und die drey Töchter desselben vereinigten sich, die zwey Mädchen des Handwerksmannes mit Kleidern und Leinenzeug zu versehen. Sie theilten denselben mit Erlaubniß der Aeltern von ihren Kleidern mit, was sie entbehren konnten, und nähten Hemden, Tücher, Schürzen und dergleichen für dieselben. Die Mutter kaufte die Leinwand dazu, und die Töchter standen täglich um eine Stunde früher auf, und verwendeten alle freyen Stunden zu dieser Näharbeit. Sie kam ihnen nicht schwer an, weil das Be- wußtseyn einer wohlthätigen Handlung sie erfreute. 48 Das Geschenk des Onkels. §)er Oheim war mehrere Jahre in fremden Ländern abwesend gewesen, und alle in der Familie Frohberg freuetensich aufseine Zurückkunft, die in den nächsten Tagen erfolgen sollte. Als er ankam, brachte er seinen beyden Nichten Constantia und Natalie schöne Halsketten mit einem goldenen Kreuze mit. An die jüngste, an Louise, hatte er nicht gedacht. Sie war während seiner Abwesenheit geboren worden, und schon bis zu ihrem siebenten Jahre herangewachsen, was er nicht wußte. Sehr unlieb war es dem Oheime, daß er Louise nicht auch beschenken konnte, und er besorgte, daß sie dieses sehr schmerzen würde. Aber Louise war ein herzensgutes, anspruchsloses Mädchen. Sie freuete sich über das Geschenk ihrer Schwestern so sehr, als wenn sie es selbst erhalten hätte, besah es nach allen Seiten, und bewunderte es. Als der Oheim diese anspruchslose Herzensgüte des von aller Mißgunst und allem Neide entfernten Kindes gewahr wurde, kaufte er ihm ein viel schöneres Halsband, als die anderen zwey Schwestern erhalten hatten. 49 Selbstverleugnung. Äls das Stubenmädchen in dem Zimmer der Frau von Zimburg aufräumte, machte sie unversehens einen Schmutzflecken auf die Stickarbeit derselben. Christine, die zwölfjährige Tochter, saß an einem Seitentifche, und nähte. Die Mutter hatte mit den Dienstleuten in der Küche Verdruß gehabt. Als sie noch unwillig und schmollend.in das Zimmer und zu ihrer Arbeit kam, und den Schmutz auf derselben gewahr wurde, schmähete sie auf Christinen, indem sie meinte, daß diese ihre Stickarbeit beschmutzt habe. Christine ließ die Mutter schmollen, ohne ein Wort zu erwiedern. Sie wollte lieber ein Unrecht ertragen, als durch Widerspruch die Mutter noch mehr aufzureizen, und dem Stubenmädchen einen strengen Verweis zuzuziehen. Als sich aber der Zorn der Mutter gelegt hatte, näherte sich ihr Christine zutraulich und schmeichelnd, klärte ihr den Vorfall mit dem Schmutzflecken auf der Stickarbeit auf, und bath, daß sie dem Stubenmädchen keinen Vorwurf deß- wegen mehr machen sollte. Da zog die Mutter Chri sti nen an die Brust, küßte sie und sagte: »Durch diese SelbstverläugnUng, mit welcher Du fremdes Unrecht geduldig ertrugst, hast Du mir Verdruß und dem Stubenmädchen einen Verweis erspart. Fahre fort, und übe Dich ferner in der Selbstbeherrschung, so wirst Du Dich und Andere vor großen Unannehmlichkeiten verwahren, unv Dich bey Hohen und Niedrigen beliebt und angenehm machen.» 50 Der Schulpreis. IAenedict, der zwölfjährige Sohn des Secretärs Wilma n, behauptete in der Schule fast immer den ersten Platz; denn er war ein talentvoller, sehr fleißiger und dabey auch ein sehr gutmüthiger Knabe. Nur selten wurde ihm der Ehrenplatz durch Benno, den Sohn eines armen Schuhmachers, streitig gemacht. Ein Menschen- und Kinderfreund hatte einen Preis von fünfzig Gulden für den vorzüglichsten Schüler ausgesetzt, der ihm nach der Prüfung ertheilt werden sollte. Dieser Preis wurde mit allem Rechte Benedict als dem vorzüglichsten Schüler zugesprochen. Dieser weigerte sich aber standhaft, denselben anzunehmen, und sagte, daß er ihn gern an seinen ausgezeichneten Mitschüler Ben no abtrete, der auch mehrmahl im Jahre den ersten Platz behauptet habe, ihm an Fleiß und Geschicklichkeit kaum nachstehe, und schon deßwegen des so ansehnlichen Schulpreises würdig sey, weil seine Aeltern so arm wären, daß sie ihm kaum das nöthige Schulgeräthe und die Bücher ankaufen könnten. Als der Schulfreund diese edle Uneigennützigkeit und die Bescheidenheit Benedict's sah, gab er dem armen Schusterssohne die fünfzig Gulden, dem Benedict kaufte er aber eine Sammlung Jugendschriften und andere nützliche Bücher. Unglück und Rettung 51 §6ey dem Graben eines Brunnens zu Währing bey Wien stürzte das obere Erdreich am 13. Junius 1842 plötzlich ein, und der Taglöhner LudwigDangl wurde über acht Schuh hoch mit Erde verschüttet. Er wäre von dieser Last erdrückt worden, wenn nicht Balken und Sparren sich über einander geworfen hätten, unter welchen der Verunglückte vor dem Drucke verwahrt war, und auch leeren Raum zum Athmen hatte. Auf die Nachricht von dem geschehenen Unfälle eilten der Ortsrichter von Währing, Jacob Wagner, und der Zimmermeister Johann Schneider schnell herbey, und bothen schleunigst Arbeiter zur Hülfe auf. Durch 31 lange Stunden wurde der Schutt aus dem Brunnen unablässig und mit Anstrengung hinweggeräumt, bis man den verunglückten Taglöhner aus demselben ziehen konnte. Dieser war aber durch die Angst, den Mangel an Nahrung und an frischer Luft so erschöpft, daß er besinnungslos und einer Leiche ähnlich war. Der Doctor der Arzneykunde, Köck, war aber sogleich mit seiner Hülfe da, und wendete unablässig die zweckmäßigen Mittel zur Lebenserhaltung, des Verunglückten an, die ihm auch gelang. Bey dem Rettungsgeschäfte haben auch der Brunnengräber Jacob Spölter, der Zimmerpolier Schindelmayer und die Zimmergesellen Wächter und Blech er auf das thätigste mitgewirkt. 52 Gut angewendetes Spargeld. §ilomela sparte seit längerer Zeit ihr Taschengeld zusammen , und wollte von demselben gar nichts ausgeben. Dieses fiel den Aeltern und Geschwistern auf. Erstere vermutheten, daß Filomela einen schönen Zweck mit dem Sparen verbinde, die Geschwister aber nannten sie eine Knickerinn. Es vergingen mehrere Wochen, als eine arme Witwe, welche die Kindeswärterinn Filomelens gewesen war, zu der Mutter kam, und ihr sagte, daß ihr Filomela ein Hemd und ein Paar Strümpfe zum Geburtstage heimlich gekauft und überbracht habe. Sie setzte bey, daß, obwohl Filomela ihr verbothen habe, Jemanden etwas von diesem Angebinde zu sagen, sie doch der Mutter es verrathen müsse, damit sie wisse, was für eine wohlthätige und gute Tochter sie habe. Nun war das Geheimniß aufgeklärt, warum Filomela so lange gespart hatte. Die Mutter aber küßte die gute Tochter, und sagte ihr, daß sie das ersparte Taschengeld nicht zweckmäßiger hätte anwenden können. Der treue Hund. Lieschen gab sich viel mit dem Haushunde ab, spielte und scherzte mit ihm, theilte ihm manchen guten Bissen mit, und 53 ließ es nicht geschehen, daß er von Anderen mißhandelt wurde. Deßwegen war ihr der Hund auch sehr anhänglich, und wollte sie allenthalben begleiten, was aber nicht immer anging. Eines Tages begab sich Lieschen in den Wald, um Himbeeren für ihre Großmutter zu sammeln, welche diese sehr gern aß. Es war ein heißer Nachmittag. Lieschen drang tief in den Wald ein, bis sie Himbeeren zrw Genüge fand, pflückte ein Töpfchen voll, und trat den Rückweg an. Sie war aber erhitzt und von dem weiten Wege müde. Sie setzte sich unter einen schattigen Baum nieder, um auszuruhen. Sie schlief ein, ohne daß sie es wollte, und als die Sonne schon untergegangen, war Lieschen noch nicht zu Hause angekommen. Den Aeltern war bange, daß dem neunjährigen Mädchen ein Unfall im Walde begegnet sey, und sie begaben sich mit den Knechten und einigen dienstwilligen Nachbarn in den Wald, um sie aufzusuchen. Der Haushund war ihnen gefolgt. Lange konnten sie keine Spur von Lieschen entdecken. Da brach der Hund auf einmahl durch ein Gebüsch, und fing freudig zu bellen an. Man ging auf den Laut zu, und fand den Hund bey Lieschen, zu welcher ihn sein feiner Geruch geleitet hatte. Dem Hunde wurde zum Nachtmahle eine Wurst gebraten, und Lieschen gewann ihn noch lieber. 54 Eigensinn. Awey muthwillige und eigensinnige Knaben, die zu einander auch wenig Zuneigung hatten, bestiegen auf dem Spielplätze der Erziehungsanstalt in N. einen hochliegenden schmähten Querbalken. Zeder derselben ging von dem entgegengesetzten Ende aus, und in der Mitte des Balkens kamen sie zusammen. Jeder wollte den Anderen nöthigen, umzukehren, damit der Eine bis an das andere Ende gelange. Keiner gab nach, und sie rangen mit einander, um Einer den Anderen zu zwingen, daß er umkehre. Aber sie glitschten von dem Querbalken ab, fielen über eine Klafter hoch auf die Erde; der Eine schlug sich eine Beule auf der Stirn, und der Andere, der auf die Hand fiel, überstauchte sich den Daumen. So wurden sie für ihren Eigensinn bestraft. Der verstellte Kranke. Änton war ein schlauer Knabe, der auch zum Lernen, nicht viel Lust hatte. Wenn er von dem Lehrer lange Aufgaben zu lernen oder zu schreiben hatte, schlich er sich um die Mutter, welche aus zu großer Liebe zu ihm zu nachsichtig war, herum, und klagte ihr, daß er Kopfschmerzen habe, oder 55 der Bauch ihm wehe thue, und die Aufgabe wurde ihm dann gewöhnlich nachgesehen. Aber der Vorwand, welchen Anton gebrauchte, um von der Verfertigung oder Erlernung der Aufgaben enthoben zu werden, kam zu oft, und wurde dem Vater verdächtig. Er zog den Arzt zu Rathe. Dieser entdeckte bald, daß Anton sich nur unwohl oder krank stelle, wenn er viel lernen oder schreiben sollte, und er fand für den verstellten Kranken bald ein Heilmittel. Er verordnete, so bald als Anton ein Unwohlseyn vorgab, daß er keinen Bissen zu essen bekam, sich in's Bett legen und die strengste Diät beobachten mußte. Auch gab er ihm bitteren Thee, um dessen Hunger zu vermehren, und da half es nichts, wenn Anton auch noch so sehrbath, daß man ihm etwas zu essen geben möchte. Der Vater wachte mit unerbittlicher Strenge, daß die Anordnungen des Arztes genau beobachtet wurden. Anton, der viel Hunger leiden, und noch dazu bitteren Thee trinken mußte, stellte sich nicht mehr krank. Er wollte lieber lernen, als durch Hunger und bittere Arzney geplagt werden. Mitleid gegen Thiere. *Augo fuhr mit seinem Vater, seiner Mutter und Schwester an einem schönen Sommermorgen auf das Land, und versprach sich von diesem Ausfluge viel Vergnügen. 56 Der Vater hatte eine Lohnkutsche gemiethet. Die Pferde, welche vermuthlich des Tages zuvor zu sehr angestrengt worden waren, mußten von dem Kutscher immer mit der Peitsche angetrieben werden, daß sie im Trabe vorwärts schritten. Da sie aber bald wieder im Schritte langsam gingen, wurde der Kutscher zornig, und hieb mit aller Gewalt auf die Pferde ein. Dieses konnte Hugo nicht vertragen. Er hatte Mitleiden mit den Pferden, daß sie so unbarmherzig mißhandelt wurden. Er sagte zum Vater: »Unser Kutscher ist doch ein roher Kerl, der so grausam in die Pferde darein schlägt. Ich bitte Sie, lieber Vater, stellen Sie es ab. Es ist besser, daß wir- eine halbe Stunde später an unserem Bestimmungsorte ankommen, als daß er die Pferde so sehr mißhandelt. Er verbittert mir das gehoffte Vergnügen durch diese Rohheit.» Der Vater verboth dem Kutscher, die Pferde ferner so unbarmherzig zu schlagen, und sagte zu Hugo: »Mich freuet es, daß Du auch die Pferde in Schutz nimmst. Dieses zeuget von Deinem guten Herzen. Wer die Thiere lieblos mißhandeln kann, wird auch mit seinen Nebenmenschen nicht liebreich umgehen. Der Gerechte erbarmt sich des Viehes.» HAM .'LMM. M!A »«W»»» - L 57 Die Banknote im Buche. «Nerr von Friedheim hatte von einem Freunde ein Buch ausgeborgt. Nachdem er einen Theil desselben durchgelesen hatte, legte er eine Banknote, die auf seinem Schreibe- pulte gelegen, in das Buch, um anzumerken, wie weit er gekommen sey. Der Inhalt des Buches gefiel ihm nicht, er las nicht weiter, das Buch blieb auf dem Schreibepulte liegen, und er gedachte nicht mehr der Banknote. Lange Zeit daraufschickte der Freund Marien, diezwölfjährige Tochter des Hausmeisters, zu Herrn von Friedheim, und ließ durch dieselbe das Buch zurück fordern. Als ste mit demselben nach Hause ging, fing sie an, das Buch zu durchblättern; denn die Mädchen find gewöhnlich neugierig. Sie fand die Banknote in demselben. Zugleich kamen zwey bekannte Mädchen zu ihr, welchen ste sagte, was ste in dem Buche gefunden habe. Diese, welche es mit der Ehrlichkeit nicht so genau hielten, riechen ihr, die.Banknote zu behalten, weil Niemand an dieselbe mehr denken werde. Maria aber, die ein grundehrliches Mädchen war, ließ sich zum Unrechte nicht verleiten; obwohl ste einen schwer kranken Vater zu Hause hatte, der s nichts verdienen konnte, und er und sie an Manchem Noch leiden mußten. Sie stellte das Buch mit der Banknote dem Freunde des Herrn von Friedheim zu, und machte ihn auf Letztere aufmerksam. 0 58 Dieser gab sie dem Herrn von Friedheim zurück, welcher an Mariens Ehrlichkeit ein so großes Vergnügen hatte, daß er ihr dieselbe schenkte. Die Eseltreiber. Die Stadt Hamburg in Norddeutschland ist im Fahre 1842 durch eine erschreckliche Feuersbrunst verwüstet worden. Der dritte Theil der großen Stadt mit allen Vorräthen lag in Schutt und Asche. Dieses Unglück erregte allgemeine Theilnahme, und Zeder beeilte sich, durch Gaben die Verunglückten zu unterstützen. Der Niederwald bey Rüdesheim und Altmannhausen wird von den Lustwandelnden sehr zahlreich in der schönen Jahreszeit besucht, und der beschwerliche Weg von denselben mehrentheils auf Eseln zurückgelegt, welche von Treibern begleitet werden. Diese erhalten gewöhnlich ein Trinkgeld. Alle Eseltreiber kamen überein, das Trinkgeld, welches sie an den Pfingstfeyertagen, an denen es sehr reichlich einfloß, bekommen würden, den durch Feuer Verunglückten in Hamburg zu überlassen, und diese Wohlthätigkeit bey rohen Eseltreibern ist gewiß eine erfreuliche Erscheinung. Der Wohlthäter. 59 «^m Jahre 1842 starb in Wien ein reicher Mann, der wegen seiner Wohlthätigkeit allgemein beliebt und geachtet war. Häufige Almosen spendete er verschämten Hausarmen, welche zu betteln sich scheusten, und es gab keine wohlthätige Anstalt, zu welcher er nicht nahmhaft beytrug; und dieses that er oft im Widerspruche von Seite seiner Gattinn, welche karg war. Er besaß drey Häuser. Wenn er von einer Familie hörte, welche durch Unglücksfälle so weit herabgekommen war, daß sie die Wohnungsmiethe nicht bezahlen konnte, so nahm er sie in eines seiner Häuser auf, unterstützte sie, und gab ihr die bedungene Wohnungsmiethe heimlich, welche sie seiner Gattinn bezahlen mußte, damit diese nur nicht erführe, wie wohl- thätig er an der armen Familie gehandelt hatte. Die Leiche dieses Ehrenmannes begleiteten Hunderte von Armen, denen er im Verborgenen Hülfe gespendet hatte, und deren. Thränen auf sein Grab stoffen. Der Schatz. §8ondem Bauer Weiß mann war bekannt, daß er baares Geld vorräthig habe; er betrieb auch seine Wirthschaft mit Fleiß und Umsicht, und war sparsam in den Ausgaben. Es 60 kamen aber die schweren Kriegszeiten, und das feindliche Heer drang bis zu dem Dorfe vor, in welchem Weiß mann seine Wirtschaft hatte. Zn der Nähe des Dorfes wurde eine Schlacht geliefert, das Dorf ging in Feuer auf; Weißmann's Wein- und Obstgärten wurden verwüstet, das Haus und die Wirtschaftsgebäude lagen in Asche, und der Bauer Weiß mann mit allen Einwohnern des Dorfes waren an den Bettelstab gebracht. Er kränkte sich darüber so sehr, daß er erkrankte und starb. Seine Gattinn folgte ihm bald in das Grab. Sie hinterließen vier Kinder in dem größten Elende. Als die Ruhe wieder zurück kehrte, wurde die Brandstätte mit den Gründen zum Besten, der Waisen versteigert, und diese von mitleidigen Menschen ausgenommen. Ein junger Bauer hatte die Brandstätte mit den Hausgründen erstanden, bauete das Haus auf, und suchte die Wein- und Obstgärten wieder herzustellen. Als er einst in dem Obstgarten eine tiefe Grube machte, um einen Obstbaum in dieselbe zu setzsn, fand er einen Topf mit Silbermünzen. Er kam sogleich auf den Gedanken, daß der Bauer Weiß mann bey der Annäherung der Feinde sein baares Geld hier vergraben habe, und obwohl er selbst zum Baue des Hauses und zur Herrichtung der Gründe fremdes Geld aufnehmen mußte, und schon mit Schulden schwer belastet war, so siegte doch seine Ehrlichkeit über alle Versuchung, und er übergab dem Gerichte das gefundene Geld als das rechtmäßige Eigenthum der von Weiß mann hinterlassenen vier Waisen. 6 ! Die Kirschendiebe. »^ommt mit in den Wald,» sagte Michael zu zweyen seiner Mitschüler; »ich weiß zwey Bäume im Dickicht, an welchen die Kirschen schon reif sind.» Diese entgegneten ihm, daß der Jäger sie dabey ertappen könnte, und sie derb abprügeln würde. »Der Jäger ist in den Wald, der hier links liegt, gegangen; wir haben von ihm nichts zu fürchten," erwiederte Michael, »und er wird ohnehin nicht viel von den beyden Kirschbäumen erhalten, denn wenn wir sie nicht abpflücken, so wird bald ein ganzer Flug Stahre kommen, und die Kirschen rein abfressen.» Die beyden Knaben ließen sich verführen, und folgten Michael in den Wald. Er stieg hurtig auf den Baum, pflückte Kirschen ab, und warf sie herab. Die zwey Knaben lasen sie in ihre Hüte auf. Auf einmahl hörten sie einen Jagdhund laut ausgeben. »Michael! der Jäger kommt!» riefen sie, und liefen schnell davon. Michael stieg eilig vom Kirschbaume herab, um auch durch die Flucht sich zu retten, und trat auf einen dürren Zweig. Dieser brach ab; er fiel drey Klafter Hoch auf den Boden herab, und beschädigte sich ein Bein so sehr, daß er sich nicht erheben und von der Stelle Weggehen konnte. Er rief um Hülfe; der Jäger fand ihn in diesem Zustande, und es hatte nicht viel gefehlt, daß er ihn derb abge- 62 prügelt hätte. Michael mußte dem Jäg^r die Nahmen der zwey entlaufenen Knaben angeben. Da sagte er: »Du bist für den Kirschendiebstahl hinlänglich bestraft, und wirst ihn in Zukunft unterlassen. Die anderen zwei Buben sollen aber der verdienten Strafe nicht entgehen!» Die Vorspann. Ä)?arx wurde an einem Ferien-Tage mit einer Kutsche von der Stadt, in welcher er studierte, auf das Land zu seinen Aeltern abgeholt. Als er an die Stelle kam, wo die Straße stark bergan über einen Hügel lief, traf er einen mit Bausteinen beladenen Wagen an, welchen die angespannten zwey mageren Pferde nicht hinauf ziehen konnten. Der Knecht schlug unbarmherzig mit dem Stiele der umgekehrten Peitsche auf dieselben zu. Die Pferde strengten alle Kräfte an; aber wenn sie den Wagen zwey Schritte vorwärts zogen, so ließen sie wieder nach, und der Wagen rollte mit seiner Last wiedbr zurück, worauf der rohe Knecht noch derber die Pferde auf den Kopf schlug. Marx konnte die grausame Behandlung der Pferde nicht länger ansehen. Er verwies dem Knechte seine Rohheit, befahl seinem Kutscher, seine kräftigen Pferde vorzuspannen, und bald war der Wagen oben auf dem Hügel. 63 Marx hatte einige Zeit darüber versäumt, aber sich mitleidig gegen nützliche Hausthiere bewiesen. Edelsinn. Ä^ehrere junge Leute, dabey einige Söhne adeliger und angesehener Aeltern, waren auf einer Hirschjagd. Der junge Herr von B. erlegte mit dem ersten gut angebrachten Schüsse einen Hirschen so, daß er, wie vom Blitze getroffen, niederstürzte, und auf der ganzen Jagd machte er.nie einen Fehlschuß. Nach der Jagd gab es ein gemeinschaftliches Abendessen, wobey sich Jeder, gut geschehen ließ; denn Jeder war von den Anstrengungen der Jagd ermüdet, hungrig und durstig. Manche thaten des Guten zu viel. Man sprach von der Geschicklichkeit des Herrn v. B. auf der Jagd, und er lobte sein gutes Gewehr, das richtig treffe. Ein junger Mann aus der Gesellschaft, der des Weines zu viel genossen hatte, both ihm für dasselbe fünfzig Ducaten an. Das war der fünffache Werth; denn Herr v. B. hatte es nur um zehn Ducaten gekauft. Er sah wohl ein, daß der junge Mann nur vom Weine betäubt diesen Anboth habe machen können, und er wollte dessen Betrunkenheit zu seinem Vortheile nicht benützen. Er sagte, daß er sein Gewehr nicht verkaufe, obwohl die Anderen ihn zu bereden suchten, dem Betrunkenen das Gewehr zu überlassen. 64 Da trat nach aufgehobener Tafel der Oberförster, ein betagter Ehrenmann mit silberweißen Haaren, zu ihm, drückte ihm die Hand, und flüsterte ihm zu: «Sie haben als ein Ehrenmann gehandelt, daß Sie die Schwäche eines Betrunkenen zu Ihrem Vortheile nicht benützen wollten!" Der Leyerknabe. Aer Taglöhner Mirmann in dem Dorfe Tiefe nbach lebte ärmlich von der Arbeit seiner Hände. Wenn an Sonntagen irgendwo ein Kirchweihfest war, so ging er dahin, und spielte den Tanzlustigen die Leyer. Cr hatte zwey Söhne, von denen der eine neunzehn, der andere aber acht Jahre alt war. Den jüngeren lehrte er die Leyer spielen; der ältere wurde zum Soldaten ausgehoben, und mußte in den Krieg ziehen. Nach einigen Jahren starb der Vater, der schon seit sechs Jahren Witwer war, und hinterließ gar kein Vermögen, so daß Bonifaz, der jüngere Sohn, ganz hülflos war. Der ältere Sohn, Stephan, hatte schon lange von sich nichts mehr hören lassen, und man glaubte, daß er in einer Schlacht umgekommen sey. In der großen Noth entschloß sich Bonifaz, weiter zu ziehen, und einen Dienst als Schäferjunge oder Gänsehirt, oder einen Meister, der ihn als Lehrjungen annehme, zu suchen. Er nahm seine Leyer mit 65 sich, und der Hund , das Einzige, was er von seinem Vater ererbt hatte, folgte ihm. Er zog von Dorf zu Dorf, leyerte in den Wirthshäusern den Gästen etwas vor, und erhielt so viele Gaben, daß er sich satt essen und seinem Hunde davon mittheilen konnte. Die Nachtherberge nahm er in den Scheunen und Ställen bey mitleidigen Bauersleuten. Er litt zwar keine Noth mehr; aber er konnte auch keinen Dienst finden, was er so sehr wünschte. Bonifaz kam auf seinem weiteren Wege zu einem Schlosse. Er ging in den Hvfraum desselben, und fing, so gut er es konnte, zu leyern an. Der Thorwärter kam herbey, und der Hund, welchen der Knabe bey sich hatte, ging freudig auf denselben zu, und schmeichelte ihm. Der Thorwärter erkannte in demselben sogleich den Hund seines Vaters, und der Hund hatte ihn erkannt. Der Thorwärter war Stephan, der Bruder des Bonifaz. Er hatte dem Besitzer dieses Schlosses in der Schlacht das Leben gerettet, war aber bey dieser Heldentat so schwer verwundet worden, daß er zu ferneren Kriegsdiensten untauglich geworden war. Der Besitzer des Schlosses hatte aus Dankbarkeit Stephan als Schloßwärter angestellt, und ihm lebenslängliche Versorgung zugesichert. Groß war die Freude der beyden Brüder bey dem unverhofften Zusammentreffen, und dem Bonifaz war auf einmahl geholfen. Er wurde von dem Schloßgärtner als Lehrjunge angenommen, machte sich bald sehr brauchbar, und wurde ein geschickter Gärtnergehülfe. Die freye Zeit brachte 5 66 er bey dem Bruder Stephan zu, der ihm mit Rath und Thal an die Hand ging. Gottes Engel wachen über die Kinder. Awey kleine Mädchen aus dem Markte Halk bei Pa ff au spielten am 21 . Junius 1842 neben der Mühle, und setzten sich auf den Wafferfang des Jlzbaches, das ist: auf die Vorrichtung, durch welche das Wasser der Jlz aufgehalten und gezwungen wird, durch eine Oeffnung über eine Wehr hinab zu stürzen. Daß sich die beyden Mädchen an einen so gefährlichen Ort gesetzt hatten, war sehr unüberlegt. Eines derselben, Amalie Adler, erst sieben Jahre alt, stürzte rücklings über den Wafferfang. Sie wurde mit unwiderstehlicher Gewalt von dem durch die Oeffnung dringenden Wasser ergriffen, und gegen das Mühlrad getrieben. Sie kam glücklich durch; wurde aber zu dem großen Wasserrade der weiter unten stehenden Papiermühle fortgeriffen, welches fast bis auf den Boden.' des Flußbettes reichte. Sie wäre verloren gewesen, wenn sie von dem Wasserrads erfaßt, und bei dessen Umlaufe in die Höhe getrieben und wieder bis in den Grund hinabgeschleudert worden wäre. Aber Gottes Engel hatten über das verunglückte Kind gewacht, und es aus der augenscheinlichen Lebensgefahr errettet. Cs wurde von der Gewalt des Wassers fast bis an / 67 das entgegengesetzteUfer der Jlz getrieben. Das andere Mädchen hatte indessen ein Jammergeschrey erhoben, und nach Hülfe gerufen. Der Mühlbursche Caftulus Pofchingerkam herbey, ftürzte sich in's Wasser, schwamm auf das Kind zu, und rettete es. Das Kind war unverletzt. Nur seine Kleider waren stückweise vom Leibe gerissen und zerfetzt. Spielet mit dem Feuer nicht. ^weyKnaben zu Killwangen imCantonAargau in der Schweiz trieben ein sehr unbesonnenes Spiel. Sie warfen einander angezündete Zündhölzchen zu. Ohne daß sie es gewahr wurden, fielen einige in das Bett und auf Stroh, das zerstreut in der Stube herum lag. Die beyden Knaben entfernten sich, und bald darauf drang ein Qualm von Rauch aus der Stube; denn es brannte lichterloh in derselben. Die Mutter und Tochter eilten herbey, um aus derselben noch einige Habseligkeiten zu retten, sie verbrannten sich aber so sehr, daß sie in der Folge an den Brandwunden starben. Das Haus stand bald in vollen Flammen, und nicht einmahl das Vieh konnte gerettet werden. Dieser Unglücksfall hat sich im Junius 1842 ereignet. 86 Aberglaube. (X> den wärmeren Ländern kommen manches Mahl die Zug- Heuschrecken in Millionen angeflogen, so daß sie die Sonne verfinstern. Wo sie auf die Felder und Wiesen einfallen, verzehren sie Früchte und Gras bis auf die Wurzel. Es ziehen dann die Bewohner der Dörfer und Städte gegen diese schädlichen Thiere in zahlreichen Schaaren aus, um sie zu vertilgen. Zm Sommer des Jahres 1842 war eine Unzahl Heuschrecken nach Griechenland gekommen, und hatte ihre Verheerungen angefangen. Die Leute wurden aufgebothen, und es gelang ihnen, den ersten Anflug, der aus mehreren Millionen Heuschrecken bestand, ganz zu vertilgen. Nach einigen Wochen kam ein noch größerer Anflug dieses schädlichen Ungeziefers, welchen die vereinten Kräfte der Dorfbewohner hätten vertilgen können. Die abergläubischen Leute aber sagten, es wären diese Alles verheerenden Heuschrecken eine Strafe Gottes, der man nicht vorgreifen dürfe. Gott habe sie schon dieses Jahr mit Erdbeben und Regengüssen heimgesucht, und schicke ihnen jetzt die Heuschrecken zur Züchtigung. Man müsse diese Strafen geduldig ertragen, und nicht gewaltsam abwenden. Die Vorstellungen der Priester und die Befehle der Obrigkeiten wirkten nichts entgegen. Es kamen noch zwey Flüge Heuschrecken, welche alle Früchte auf den Feldern mehrere Meilen weit verheerten. Die abergläubigen Leute thaten 69 nichts entgegen, und wurden für ihren Aberglauben durch den Verlust ihrer Ernten bestraft. Geschwätzigkeit. Ä^alchen war ein liebes, gefälliges und fleißiges Mädchen; aber einen Fehler, der für sie und Andere lästig war, hatte sie: sie war geschwätzig. In Gesellschaft Ihres Gleichen wollte sie immer das Wort führen, und selbst bey Erwachsenen ergriff sie oft das Wort, unterbrach sie in ihren Gesprächen, und mengte sich in ihre Unterredungen. Die Folge davon war, daß sie viel dummes Zeug, oft etwas Unwahres sprach, Neuigkeiten verbreitete, welche sie lieber hätte verschweigen sollen, die Geheimnisse ausplauderte, und von Anderen oft viel Nachtheiliges erzählte, wodurch sie sich und Anderen viel Verdruß und manche Kränkung zuzog. Dadurch und durch die Vorstellungen ihrer Lehrer und Aeltern lernte Matchen ihren Fehler einsehen, und sie nahm sich vor, denselben sich abzugewöhnen, welches ihr aber nicht sogleich gelang; denn oft verfiel sie wieder in denselben. Da bath sie ihre Aeltern, Geschwister und Freundinnen, sie, wenn sie wieder anfing, plauderhaft zu werden, dadurch zu warnen, daß sie ihr gegenüber den Finger auf den Mund legten. Dieses Mittel gelang, und Matchen gewöhnte sich allmählig die Geschwätzigkeit ab. 70 Die eitle Laura. Äaura war ein hübsches Mädchen mit schönen blonden Haaren und frischen blauen Augen. Sie war zwar fleißig und anstellig, hatte aber manchen andern Fehler an sich; da- bey war sie eitel, indem sie sich auf ihr schönes Gesicht, ihren schlanken Wuchs und ihre nette Kleidung viel einbildete. Sie konnte bey keinem Spiegel vorüber gehen, ohne sich in demselben zu besehen und zu bewundern, oder an ihrem Kopfputze und Anzuge etwas zu ordnen. Ihre Mutter wurde dieses oft mit Besorgniß gewahr, und sagte zu ihr: »Laura, Laura! Du siehst oft und vielmahl in den Spiegel, um Deine äußeren Vorzüge zu beschauen. O könnte ein Künstler einen Spiegel erfinden, der Dir, wie Du in denselben blickest, Deine Mängel zeigte, wie sehr würdest Du beschämt werden, und trachten, Deine Fehler zu verbessern! Laß es Dir gesagt seyn: äußere Vorzüge sind vergänglich, und haben keinen wahren Werth. Nur Tugend, Kenntnisse und gute Eigenschaften machen uns achtungswerth, und diese Güter kann uns Niemand rauben!» Ehrlichkeit. ^in Engländer, welcher in einem Gasthofe in Wien längere Zeit gewohnt hatte, kehrte nach London zurück. Als das 71 Stubenmädchen nach seiner Abreise sein Zimmer aufräumte und fegte, fand sie hinter einem Schranke zwey Ducaten, welche der Engländer schon längst mußte verstreuet haben. Das Stubenmädchen hätte diese Ducaten leicht für sich behalten können; denn Niemand wußte von diesem Funde, und der Engländer dachte vielleicht nicht mehr daran, daß er zwey Ducaten vermißt habe. Das ehrliche Stubenmädchen aber brachte seinem Herrn die beyden Goldstücke mit der Bitte, daß sie dem Eigenthümer zurückgestellt werden möchten. Der Gastwirth schrieb dem Engländer den Vorfall; dieser aber antwortete, daß die zwey Ducaten dem Stubenmädchen zum Lohne seiner Ehrlichkeit belassen werden sollten. Spott und Strafe. «Fda hatte die böse Gewohnheit, daß sie . über Mädchen, welche körperliche Gebrechen an sich hatten, spottete. Sie suchte das Gebrechen im Rücken Derer, welche damit behaftet waren, nachzuahmen, um andere Mädchen und Knaben zum Lachen zu bringen. Hinter der Einäugigen drückte sie ein Auge zu, hinter der Hinkenden hinkte sie; hinter der Schiefgewachsenen nahm sie eine schiefe Haltung an, und auf diese Art suchte sie die mit einem Gebrechen Behafteten aus Muthwillen lächerlich zu machen, wodurch sie dieselben oft tief kränkte. 72 Aber was geschah? Als Jda eines Tages bepm Glatteise in die Schule ging, fuhr ein Wagen rasch an ihr vorüber. Ein Pferd fiel, schlug Jda mit dem Hufe auf das Knie, und zerschmetterte ihr dasselbe, daß sie niederstürzte. Die Heilung dieses Schadens, der ihr sehr große Schmerzen verursachte, ging langsam vor sich, und da sich Jda dabey nicht ruhig verhielt, blieb sie lebenslang hinkend. Die Erbschaft. >Lin Mann, welcher alles Erforderliche für den Lebensunterhalt hatte, machte unverhofft eine sehr große Erbschaft. Diese betrachtete er, als wenn sie ihm von der göttlichen Vorsehung nur anvertraut worden wäre, um dadurch Gutes zu wirken. Arme und Nothleidende zu unterstützen und wöhlthätige Stiftungen zu machen, durch welche den Hülfsbedürftigen auch noch nach seinem Tode geholfen werden konnte. Er gab große Beträge für die durch Feuer oder Ueber- schwemmungen Verunglückten; er half armen Handwerkern, welche ohne Verschulden in Noth gerathen waren, durch nahm- hafte Unterstützungen wieder auf; er suchte die verschämten Armen, welche sich nicht getrauten, das Mitleiden Anderer laut anzusprechen, in ihren Wohnungen auf, und gab ihnen, was sie brauchten; er unterstützte arme Familien, die vom Wohlstände in's Elend herabgekommen waren, durch monath- 73 liche Geschenke; er kleidete arme Studierende, und half ihnen durch Gaben an Gelde, und es gab keine wohlthätige Anstalt, zu deren Unterhalt und Emporkommen er nicht durch reichliche Spenden beygetragen hätte. An dem ersten Tage eines jeden Monathes theilte dieser wohlthätige Mann den größeren Theil seiner Einkünfte nach einer sich selbst entworfenen Liste zu Gaben für Arme und Hülfsbedürftige und für wohlthätige Anstalten ein, damit keine derselben vergessen würde. Dev Israelit. Unter vielen anderen Kuaben besuchte auch ein eikfjähriger Israelit, welcher viel Linkisches an sich hatte, dabey auch gewinnsüchtig und oft unrein war, die Schule, und machte, weil er fleißig war, einen guten Fortgang. Mehrere Knaben neckten und verspotteten denselben, und schoben, wo sie nur konnten, die Schuld auf ihn, wenn einer der Mitschüler heimlich etwas Unrechtes begangen hatte. Theodor, ein braver und wahrheitsliebender Knabe, nahm den Judenbuben immer in Schutz, und hielt seine Mitschüler ab, daß sie denselben nicht mehr neckten. Einmahl vermißte K onrad, ein Mitschüler, neben dem der Judenknabe saß, sein Federmesser, und beschuldigte denselben, daß er es ihm entwendet habe. Theodor nahm sich 74 des Israeliten an, und sagte, daß derselbe, wenn er auch arm und manchmal)! eigennützig, doch ehrlich und keiner so schlechten Handlung fähig sey, und daß er für dessen Ehrlichkeit bürge. Die Sache kam vor den Lehrer. Der Zudenknabe betheuerte, daß er von dem Federmesser nichts wisse, und Theodor behauptete standhaft, daß derselbe mit Unrecht eines Diebstahls beschuldigt werde. ' Während die Untersuchung noch weiter gepflogen wurde, fiel das Federmesser neben Konrad auf die Erde. Seine Beinkleider - Tasche, in welche er das Federmesser gesteckt, hatte ein Loch; es war durch dasselbe gedrungen, hatte stch im Unterbeinkleide verwickelt, und war endlich herausgefallen. Die Unschuld des Israeliten war zu Theodor's Freude erwiesen. Das Gewissen. ^ie kleine Beate sagte eines Tages zu ihrer Mutter: »Ich höre oft sagen: Dieser hat ein gutes Gewissen; Jener hat ein böses Gewissen. Mir ist dieser Ausdruck nicht klär. Sagen Sie mir doch, was ist denn das Gewissen?» Die Mutter entgegnete: »Das Gewissen ist eine Stimme in uns, welche uns sagt, was gut oder was böse ist, was wir thun oder lassen sollen; und wenn wir schon gehan- 75 delt haben, ob die Handlung gut oder böse war; ob wir recht oder unrecht gehandelt haben.» »Wenn Du über Dein Thun und Lassen am heutigen Tage nachdenkest, so wirst Du sogleich erkennen, ob Du recht oder unrecht gehandelt hast; Du wirst einsehen, daß Du Manches gar nicht oder anders hättest thun sollendes reuet Dich dann, das Unrechte gethan zu haben, und es freuet Dich, etwas Gutes vollbracht zu haben. Das Gewissen lehrt Dich zugleich, das Gute zu thun, und das Böse zu unterlassen. Daher befrage immer eher Dein Gewissen, ehe Du handelst, und folge der Stimme desselben.» Gleiches mit Gleichem. illibald hatte eine schöne Rose. Aus Muthwillen streuete er Pfeffer auf dieselbe, und hielt sie seiner Schwester unter die Nase, daß sie an derselben riechen sollte. Diese zog bey dem Riechen den Pfeffer in die Nase, der sie gewaltig brannte. Sie fing sehr zu niesen an, worüber Willibald lachte. Die Schwester war ein sanftes und geduldiges Mädchen. Sie schrie zwar laut auf, und verwies dem Bruder seinen Muthwillen, brachte aber darüber keine Klage bey den Aeltern an. Der Vater hatte aber den Vorgang gesehen. Nach einiger Zeit hatte Willibald Besuch von seinen Mitschülern. Einer derselben, der nicht minder muthwillig, 76 als Willibald war, hatte in einem Papiere Tabak bey sich, und strich Willibalden, ohne daß es sich dieser versah, eine ganze Prise unter die Nase. Dieser erschrak, lärmte und tobte, und lief zu dem Vater, um Klage gegen den muthwilligen Mitschüler zu führen. Dieser aber entgegnete: »Dir widerfuhr, was Du Deiner Schwester thatest. Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, thu' auch einem Andern nicht.» Die Ernte. ^er Vater Freudenberg ging eines Abends in der Erntezeit mit seinen Kindern durch die Felder spazieren. Noch waren die Landleute mit dem Abschneiden des Roggens und Weizens beschäftigt. Das Getreide lag theilweise noch in Wellen auf den Stoppeln, welche die Weiber auf Strohbänder hinlegten, und die Männer in Garben banden. Diese waren auf vielen Aeckern in Mandeln aufgestellt, und auf anderen wurden sie auf den Wagen geladen, und nach Hause in die Scheuern geführt. Alle Arbeiter waren gutes Muthes, und die Freude über die reichliche Ernte las man in ihren Mienen. Da sprach der Vater zu seinen Kindern: »Gott hat diese Leute für ihre Mühe belohnt, und sie erkennen es mit Dank gegen ihn. Sie haben das Ihrige gethan: sie haben den Acker, damit er Früchte bringe, gedünget, gepflüget 77 Md geegget. Sie haben den Samen ausgestreuet, und ihn unter die Erde gebracht. Mehr konnten sie nicht thun; sie bathen aber Gott, daß er seinen Segen gebe, damit die Früchte gedeihen. Der Allmächtige hat Regen und Sonnenschein zu rechter Zeit geschickt, er hat die Saaten vor Frost, Reif und Hagel verwahrt, damit sie wachsen und gedeihen konnten.» »An Gottes Segen ist Alles gelegen. Bethe und arbeite! sagt das Sprichwort. Dieses beachteten die Landleute, und ihre Mühe und Arbeit hat der allmächtige Gott gesegnet." Der Wolfshund. -Ln dem Dorfe Wiesmatten war ein älternlvser, armer Bursche, der blöde war, und im Reden stammelte. Er konnte keinem Dienste vorstehen, und erhielt alle Tage in einem anderen Hause das Essen, wofür er in demselben den Tag hindurch Arbeit, die er leisten konnte, verrichten mußte. Die losen Buben im Dorfe hatten oft ihr Gespvtte mit dem armen Burschen, und neckten ihn auf muthwillige Weise, bis er ihn Zorn gerieth. Da hob er oft Steine auf, und warf sie nach den Knaben, die ihren Muthwillen mit ihm trieben, aber immer davon liefen, wenn er ihnen Nacheilen oder Steine auf sie werfen wollte. Doch traf er einst einen derselben so empfindlich auf den Fußknöchel, daß der Bube lange Zeit große Schmerzen litt, und hinken mußte. 78 Peter war der der einzige Knabe im Dorfe, welcher Mitleiden mit dem armen Burschen hatte, ihn nie neckte, und auch die anderen Buben abzuhalten suchte, wenn sie ihren Muthwillen mit demselben treiben wollten. Peter wurde von seinem Vater mit einem Aufträge in die Mühle an dem Tage geschickt, an welchem der blöde Bursche sein Essen in derselben bekam. Als Peter in den Hof trat, fuhr der grimmige Wolfshund, der sich von der Kette losgemacht hatte, ihm entgegen. Aber da sprang der blöde Bursche mit einem tüchtigen Knittel zwischen ihn und den Hund, jagte denselben zurück, und verhinderte, daß Peter nicht gebissen oder schmerzlich zerfleischt wurde. Das that der blöde Bursche aus Dankbarkeit, weil Peter ihn nie geneckt, und auch Andere von Neckerbyen abgehalten hatte. Zwey brave Geschwister. Eine arme Witwe in Böhmen hatte einen Sohn und zwey Töchter. Der ältere Sohn mit der älteren Tochter zog im Frühjahre immer nach Oesterreich, um durch Ziegelschlagen sich nicht nur den nöthigen Unterhalt, sondern auch noch so viel zu erwerben, daß er Brot und Erdäpfel für den kommenden Winter für alle Vier anschaffen konnte. Im Winter spannen Alle; aber dieser Erwerb ist gering. 79 Die beyden Geschwister hatten schon mehrere Jahre nach einander den Sommer und Herbst bey dieser Arbeit in Oesterreich mit gutem Erfolge zugebracht, als ihnen die Nachricht zukam, daß ihre Mutter zu Hause immer kränkle, und einer besseren Pflege bedürfe. Sie trugen daher der jüngeren Schwester auf, die Mutter, so viel als möglich, gut zu pflegen, und keine Ausgabe zu scheuen, wenn sie durch dieselbe der Mutter Linderung ihrer Schmerzen und Erleichterung verschaffen könnte. Um die Kosten auf die Pflege ihrer Mutter aufzubringsn, arbeiteten die braven Geschwister täglich zwey Stunden länger bis in die Nacht hinein, und schickten das erworbene Geld der kranken Mutter nach Hause. Ein gefälliges Mädchen. -Ln Wien ist in manchen hochgelegenen Vorstädten in einem trockenen Sommer eine solche Wassernoth, daß die Wasser-Holenden mit ihren Geschirren oft Stunden lang bey den öffentlichen Brunnen warten müssen, bis sie Wasser erhalten. Sie stellen sich gewöhnlich in einer langen Reihe an dem Brunnen auf, und füllen in der Ordnung, in welcher sie gekommen sind, ihre Gefäße an. Elise, die sich von der Handarbeit nährte, war sckon eine halbe Stunde an dem Brunnen mit ihrem Kruge 80 gestanden, als sie an dem Ende der Reihe Marien, die einen kranken Vater zu Hause hatte, stehen sah. Als Elise so weit vorgerückt war, daß sie bald Wasser schöpfen konnte, rief sie Marien zu sich, und räumte ihr ihren Platz ein, indem sie sagte: »Zch stelle mich an Deinen Platz, und Du an den meinigen. Du wirst sogleich Wasser erhalten, und darfst nicht länger warten, weil Du einen kranken Vater zu Hause Haft, welcher Deiner Pflege bedarf. Mir thut es keinen Schaden, wenn ich noch eine halbe Stunde hier ver- weilen muß.» Warnung. sLÜenn Georg in die Schule ging, gab er oft einem Bettler, welcher auf dem Ecksteine einer Gaffe saß, von seinem Weißbrote, das er auf dem Wege aß, und wenn er zu Anfang des Monaths sein Taschengeld von dem Vater erhielt, so theilte er auch dem Bettler davon mit. Der Bettler grüßte den wohlthätigen Knaben immer freundlich, und lächelte ihn schon an, wenn er ihn von ferne kommen sah. Eines Morgens im Winter, bey Thauwetter, als Georg ganz sorgenlos durch die Gasse auf den Bettler zuschritt, stand derselbe schnell auf, und zog behende den Knaben an sich auf den Eckstein, und in dem nähmlichen Augenblicke rutschte eine Masse festen Schnees vom Dache des NMMK 81 gegenüber stehenden hohen Hauses in die Mitte der Gasse herab. Der Bettler hatte gesehen, wie der Schnee auf dem Dache zu rutschen angesangen hatte, der Georgen gewiß zu Boden geschlagen und beschädigt hätte, wenn der Bettler ihn nicht an sich auf den Eckstein gezogen hätte. Ehre den Landmann! ^in Bauer besuchte manchmahl Herrn Treuberg in der Stadt, um sich bey ihm Raths zu erholen. Er kam aber nie leer. Er brachte immer ein Körbchen Kirschen, Aprikosen, Birnen, Aepfel oder Weintrauben mit, welche sich die Kinder . des Herrn Treuberg gut schmecken ließen. Der Bauer war ein schlichter, ehrlicher MaUn, aber linkisch in seinem Benehmen und ungebildet in der Sprache und den Geberden. Dieses gab dem Sohne des Herrn Tren- berg oft Veranlassung, über den Bauer, wenn er fortgegangen war, zu spotten, und ihn lächerlich zu machen. Herr Treuberg verwies dem Sohne diesen Muthwillen, und machte ihn aufmerksam, wie nützlich der Landmann der ganzen menschlichen Gesellschaft durch seine angestrengte Arbeit werde. Er führte den Sohn auf das Land, damit er mit eigenen Augen sehe, wie der Bauer schon mit Aufgang der Sonne sein Bett verläßt, um den Acker zu bebauen, damit er Früchte bringe; wie eifrig er seine Wiesen Pflegt, um das 6 82 Futter dem Rindviehs, den Schafen, Pferden und Ziegen zu verschaffen. »Woher würden wir Städter," sagte dann der Vater, »das Mehl zum Brote und für die Küche die Erdäpfel und das Gemüse, woher Milch, Butter und Käse, woher das Geflügel, die Eyer, das Rind-, Kalb- und Hammelfleisch, woher das köstliche Obst und den Wein nehmen, wenn der Landmann nicht den Acker bebauete, die nützlichen Haus- thiere hielte, die Wiesen, Gärten und Weinberge pflegete? Wir müßten verhungern, wenn der Bauer nicht für uns arbeitete. Er ist daher ein sehr nützliches, ja unentbehrliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft." Ein Abergläubiger. Unter den Abergläubigen geht die Sage, daß der Zeisig in seinem Neste einen Stein habe, der dasselbe unsichtbar mache, und wenn man den Stein aus dem Neste nehme und bey sich trage, so könne man sich selbst unsichtbar machen. Ein Abergläubiger wollte sich einen solchen Wunder- stein verschaffen. Als er eines Tages in den Spiegel eines klaren Flusses sah, erblickte er in demselben einen Baum und auf demselben ein Nestchen. Cr schauete auf den am Ufer des Flusses stehenden Baum hinauf; sah aber kein Nest. 83 »Das Nestchen im Wasser,» sprach er bey sich selbst, »ist gewiß ein Zeisignest; denn ich habe gehört, daß man dasselbe nur dann, wenn es sich im Wasser abspiegelt, sehen könne.» Der einfältige Tropf kletterte daher auf den Baum, und sah dabey immer auf das Nestchen im Wasser. Cr stieg immer höher; sein Ebenbild im Wasser that es auch. Er kam so hoch, daß er glaubte, fein Bild im Wasser könne, wenn er nur etwas höher rückete und den Arm ausstreckete, das Nestchen ergreifen. Er that es; aber krach! brach der Ast, auf dem er gestanden, und plump! lag er im Wasser. Jetzt wurde er wirklich unsichtbar, weil er im Wasser unterging; er tauchte aber wieder auf, und weil er nicht schwimmen konnte, so wäre er gewiß zu Grunde gegangen, und dadurch unsichtbar auf immer geworden, wenn nicht ein Mann, der ihn in's Wasser hatte fallen sehen, herbey- geeilt wäre, und ihn gerettet hätte. Das Vogelnest. ^ine Grasmücke, welche sehr lieblich sang, hatte in einer Gartenhecke ihr Nest gebaut, und vier Junge in demselben ausgebrütet. Wenn Marie mit ihrer Mutter des Abends an dieser Hecke vorüber ging, hatte sie sich immer an dem Gesänge der Grasmücke ergötzet. 6 * 84 Eines Tages sah Marie, daß zwev Buben das Nest entdeckt hatten, und damit beschäftiget waren, dasselbe mit den Jungen aus der Hecke zu nehmen. Die alten Grasmücken, das Männchen und Weibchen, flogen ängstlich herum, und klagten in traurigen Tönen ihre Noth. Marie ging auf die Buben zu, und fragte sie, was sie mit dem Neste machen wollten. Einer entgegnete: »Wir werden es mit den Jungen verkaufen, und wohl vier gute Groschen dafür erhalten." »Da habet ihr vier Groschen," fuhr Marie fort, »lasset das Nest und die Jungen in Ruhe, und gebet mir euer Wort, daß ihr dem Neste und den Jungen nichts mehr an- haben wollet.» Die Buben versprachen es, und Marie freuete sich, die junge Brut aus ihren Händen gerettet zu haben. Der Oheim aus der Ferne. Ubald und Hannchen waren auf dem Holzschlage, und pflückten Erdbeeren. Dort kam ein Reisender zu ihnen, welcher ganz ärmlich aussah, und bath sie, ihm Erdbeeren zu geben, weil er sehr durstig sey, und keine Quelle finde, an der er sich laben könnte. Ubald fertigte den Fremden barsch ab, und sagte, daß er selbst noch nicht genug Erdbeeren gegessen habe, daß er 85 jene, welche er noch darüber sammle, in's Schloß tragen müsse, um ein Paar Groschen dafür zu erhalten, und daß et daher keine Erdbeeren zu' verschenken habe. Der Fremde schüttelte bey diesen Worten unwillig den Kopf, und sprach: »Bube, Du weißt nicht, was und mit wem Du sprichst.» Kännchen aber trat dem Fremden freundlich entgegen, gab ihm die Erdbeeren, welche sie gepflückt hatte, und zeigte ihm eine Quelle, aus welcher er seinen Durst löschen konnte. Der Fremde dankte dem gefälligen Mädchen herzlich, und entfernte sich. Als die beyden Kinder nach Hause kamen, trafen sie den Fremden in der Stube und im vertraulichen Gespräche mit ihrem Vater an. Cr war sein Bruder, den er schon zwanzig Zahre nicht gesehen, und der sich in fremdem Lande ein großes Vermögen gesammelt hatte, und, da er schon alt und noch ledig war, seine letzten Lebenstage bey dem Bruder zubringen wollte. Der ungefällige Ubald konnte nie mehr das Wohlwollen und die Liebe des Oheims erlangen: Kännchen war sein Liebling, und diese setzte er zur Erbinn seines Vermögens ein. Das Gewitter. Nnton hatte mit seinem Vater einen Ausflug auf das Land gemacht. Auf dem Rückwege überraschte sie ein 86 Gewitter, ehe sie das nächste Dorf erreichen konnten. Fürchterlich rollte der Donner; der Blitz durchzuckte die Wolken; es erhob sich ein heftiger Wind, welcher den Staub auf- wirbelte, und endlich siel der Regen in schweren Tropfen und so häufig, daß die finsteren Wolken in Wasser sich auf- zulösen schienen. Anton fürchtete sich sehr, und zitterte vor Angst an allen Gliedern. Er wollte laufen, um eine in der Entfernung am Wege stehende Eiche zu erreichen, unter welcher er Schutz gegen den Platzregen suchen wollte. Der Vater hielt ihn aber zurück, und sagte: »Wenn wir laufen, so werden wir uns erhitzen, und im Schweiße würde uns der Regen schaden. Zudem könnten wir durch die Bewegung der Luft den Blitz mehr anziehen.» »Du willst Dich unter die hohe Eiche stellen, um vor dem Regen geschützt zu seyn? Das wäre das Gefährlichste, was Du nur immer thun könntest. Alle hohen Gegenstände, insbesondere dicht belaubte Bäume, ziehen den Blitz an, und nicht selten schlägt er in diese und in Thürme. Wenn wir auch bis auf die Haut naß werden; wir haben ja zu Hause andere Hemden, Strümpfe und Kleider, daß wir uns trocken anziehen können.» »Du fürchtest das Gewitter, und doch ist es eine wahre Wohlthat Gottes. Es reiniget die Luft, mäßiget die Hitze, und befeuchtet die Erde. Du wirst sehen, wie die Blumen, welche bey der großen Hitze des Tages ihr welkes Haupt zu Boden senkten, und nach Regen dursteten, uns schöner und herrlicher entgegen lachen werden, wenn das Gewitter 87 vorüber seyn wird, weil der Regen sie erfrischt hat; Du wirst sehen, wie die Feldfrückte prächtig dastehen werden; wie alle Blumen und Gräser, durch die wohlthätigen Wirkungen des Gewitters erfrischt, einen balsamischen Duft verbreiten werden, und die ganze Natur, wie neugeboren, in ihrer Herrlichkeit und Pracht sich darstellen wird. Sollen wir daher nicht Gott für die Wohlthaten, welche er uns durch das Gewitter erzeugt, danken, statt daß wir uns fürchten und davor zittern?» Lohn des kindlichen Gemüthes. §Oey der Geburt Robert's hatte der Vater einen Kirsch- bäum gepflanzet. Als der Knabe sechs Jahre alt war, trug der Baum die ersten Früchte, aber nur zwey Kirschen. Als sie reif waren, pflückte sie Robert, brachte sie den Aeltern, und nöthigte sie, daß der Vater eine und die Mutter die zweyte aß. Robert kam in der Folge in eine weit entfernte Erziehungsanstalt, in welcher er acht Jahre verweilte, ohne daß er das väterliche Haus wieder betrat. Als er endlich nach Hause zurück kehrte, und in den Garten kam, sah er den Kirschbaum mit weit ausgebreiteten Aesten dastehen, deren Zweige, mit den herrlichsten, vollsastigen Kirschen behängen, sich bis zur Erde senkten. Robert hatte eine große Freude an diesem Baume, der so groß gewachsen war, 88 und so reichliche Früchte trug. Da sagte der Vater: »Auf diesem Baume, der schon vor acht Jahren Zeuge Deiner kindlichen Liebe war, ruht Gottes Segen. So belohnt vergüte Gott immer das fromme, kindliche Gemüth!» Der Staar. Ein Jägerbursche hatte einen jungen Staar aufgezogen, ihn sehr zahm gemacht, und mehrere Worte nachsprechen gelehrt. Wenn er dem Vogel zurief: »Staarlein, wo bist Du ?" so antwortete ihm dieser ganz verständlich und laut: »Hier bin ich!" An diesem Staare hatte nun der Söhn des Nachbars, der ein schlauer und diebischer Bube war, seine Freude; er besuchte den Weidjungen öfters, um mit dem Staar zu plaudern und zu scherzen. Als derselbe eines Tages nicht zu Hause war, schlich der Bube in dessen Zimmer, nahm den Staar, und schob ihn in seinen leinenen Schubsack. Als er mit demselben sich fortmachen wollte, trat der Jäger zur Thür herein, und rief wie gewöhnlich dem Staar zu: »Staarlein, wo bist Du?" Dieser schrie laut im Sacke auf: »Da bin ich!" Der Diebstahl war verrathen, und der Bube erhielt, wie er es verdiente, eine tüchtige Tracht Schläge. 89 Die Krammetsvögel. Als Ernst an einem schönen Herbstmorgen, nachdem sich der Nebel gehoben hatte, mit seinem Vater in den Tannenwalde ging, sah er an den Schlingen von Pferdehaaren, welche der Jäger an den Bäumen befestiget hatte, zwey Krammetsvögel hängen, die sich vergebens bemüheten, sich loszumachen. »Ach, die armen Vögel,» sprach Ernst, »hätten sie sich durch die Vogel- und Wachholderbeeren, welche der Jäger an den Schlingen angebracht hat, nicht anlocken lassen, und davon nicht verkostet, so wären sie nicht gefangen worden; und sie müssen nun sterben, um uns zur Speise zu dienen.» »Diese Vögel,» entgegnete der Vater, »müssen sich, vom Hunger getrieben, Nahrungssuchen, und gerathen, ohne daß sie es ahnen, in die trügerischen Schlingen, welche ihnen Tod und Verderben bringen. Wie viele Kinder aber, die in Ueberfluß leben, wissen sich im Genüsse angenehmer Speisen nicht zu mäßigen, und essen sich krank. Noch andere werden durch Naschhaftigkeit verleitet, Dinge zu kosten, die ihnen- den Tod bringen. Handeln diese nicht unvernünftiger, als die Krammetsvögel?» 90 Der schwarze Dieb. Aie Söhne des Herrn von Mannberg hatten einen zahmen Raben, der im Garten herum lief, und dort manches schädliche Thier, nackte Schnecken, Engerlinge, Mäuse, Würmer und mancherley Jnsecten aufsuchte und verzehrte. Als die Familie d*es Herrn von Mannberg eines Tages in der Gartenlaube frühstückte, was an schönen Morgen immer geschah, und das Kaffehgeschirr länger als gewöhnlich dort stehen blieb, vermißte man einen silbernen Kaffehlöffel. Es kam ein Taglöhner in Verdacht, welcher an dem nähmlichen Vormittage sich entfernt hatte, um seine kranke Mutter, welche in einem eine Tagreise entfernten Orte wohnte, zu besuchen, und es wurden heimlich Nachforschungen angestellt, ob er den Kaffehlöffel nicht entfremdet habe; man konnte aber dem Diebe nicht auf die Spur kommen. Nach einigen Tagen sah ein Gärtnergehülfe den Raben, welcher eine glänzende Glasscherbe im Schnabel hatte. Er folgte ihm mit den Augen, und wurde gewahr, daß er dieselbe hinter einen dichten Zaun trug. Er untersuchte die Stelle, und fand dort nicht nur den Kaffehlöffel, sondern auch noch mehrere glänzende Dinge, welche der Nabe dorthin zusammengetragen hatte. Nun kannte man den Dieb. Die Raben haben die schlimme Eigenschaft, daß sie Goldstücke, Ringe und andere 91 glänzende Dinge, obwohl sie dieselben gar nicht brauchen können, zusammen tragen. Sie gleichen dem Geizigen, der Geld und Reichthümer nur immer zusammen scharrt, ohne sie benützen zu wollen. Das Erntefest. Eduard ging mit seinem Vater an einem Sonntage zu Ende August durch ein Dorf. Das Glockengeläuts hörten sie schon von ferne. Sie beeilten sich, um das Dorf zu erreichen, und dem Gottesdienste, zu welchem man das Volk zusammen rief, beyzuwohnen. Sie sahen die Bewohner des Dorfes, Jung und Alt, in festlichen Kleidern und mit Blumensträußchen an der Brust, im feyerlichen Zuge nach der Kirche ziehen, und Danklieder singen. An der Spitze des Zuges wurde ein Erntekranz, mit Blumen und Bändern geziert, auf einer Stange getragen. In den Mienen aller Dorfbewohner las man Rührung, Freude und Dank. Dem Knaben gefiel dieser Aufzug sehr, und er fragte den Vater, was er zu bedeuten habe. Der Vater antwortete: »Diese guten Leute feyern heute das Erntefest; sie begeben sich in die Kirche, um Gott ihren Dank für den reichen Segen abzustatten, den er ihnen durch die reichliche Ernte gespendet hat.» 92 »Sie feyern den heutigen Sonntag mit freudigem Danke gegen den Geber alles Guten. Sie fühlen es mit gerührten Herzen., daß, wenn sie das ganze Jahr hindurch auch weder Fleiß noch Mühe gespart, und unermüdet gearbeitet hätten, es ihnen doch nichts genützt haben würde, wenn der gütige Gott nicht seinen Segen über Felder und Aecker ausgegoffen, wenn er nicht die Saaten vor Frost und Reif beschützt, nicht Regen und Sonnenschein zu rechter Zeit geschickt hätte. Darum loben sie heute den Herrn, und preisen seine Allmacht, Güte und Liebe.» Der dumme Affe. Aie Affen ahmen Alles nach, was sie den Menschen thun sehen. Ein Affe sah einem Manne im Walde zu, wie er Holz spaltete, und wie er von dem Klotze, wenn er nicht auf den ersten Hieb aus einander ging, die Art los machte, und einen zweyten Hieb führte. Der Holzhauer entfernte sich, um bey einer Quelle zu trinken. Der Affe stieg vom Baume herab, ergriff die Art, und führte mit derselben einige Streiche auf den Klotz, der dadurch einen Spalt bekam. Er hatte sich auf den Klotz gesetzt, und gerieth mit einem Hinterfuße in den Spalt. Als er aber die Art wieder heraus zwängte, klemmte sich der ' 93 Spalt wieder zusammen, und der Affe war an einem Fuße gefangen. Er bemühte sich vergebens, den Fuß loszumachen, der ihn so sehr schmerzte, daß er laut aufschrie. Auf das Geschrey kam der Holzhauer zurück, und da er den Affen in der Klemme sah, rief er andere Holzhauer herbey, mit deren Hülfe er den Affen gefangen nahm. Der gescheidte Elephant. Aer zahme Elephant ist gutmüthig und gelehrig. Er verrichtet oft Dinge, die vermuthen lassen, daß er mit Ueberlegung handle. Ein Herr hatte einen Elephanten, welcher die Worte desselben zu verstehen schien. Er zeigte ihm den Schaden an einem Kessel, und befahl ihm, daß er ihn zu dem Kupferschmiede trage, damit er ihn ausbeffere. Dieser fand die schadhafte Stelle nicht, so genau er auch den Kessel untersuchte, und wollte ihn dem Elephanten wieder zurück geben. Da nahm dieser den Kessel, ging zu einem Bottiche, der im Hofe mit Wasser gefüllt stand, schöpfte den Kessel voll an, kehrte zum Kupferschmiede zurück, hielt ihm mit den Rüssel denselben über den Kopf, damit das Wasser durch den schadhaften Theil dem Kupferschmiede auf den Kopf träufle, und er wisse, wo das Loch sich befinde. 94 Alle Umstehenden bewunderten den Verstand des Ele- phanten, und lachten den Kupferschmied aus, der durch ihn in die Traufe gekommen war. Der verlassene Neffe. Ein langer Leichenzug bewegte sich unter dem dumpfen Geläute der Trauerglocken der Dorfkirche und von da dem Friedhofe zu. Hinter dem mit einem schwarzen Tuche bedeckten Sarge, welchen vier Männer auf der Bahre trugen, schritt ein zehnjähriger Knabe mit gesenktem Haupte einher, dessen Thränen häufig flössen. Ihm folgten in langem Zuge die Männer des Dorfes, dann die Weiber paarweise nach, welche fromme Gebethe für den Verstorbenen zum Himmel sendeten. Man trug einen Invaliden zu Grabe, welcher, nachdem er für Kaiser und Vaterland tapfer gekämpft und mehrere ehrenvolle Wunden empfangen hatte, im Dorfe durch viele Jahre Gerichtsbothe, Nachtwächter und Feldhüther gewesen war. In allen Mienen war Traurigkeit zu lesen; denn der Verstorbene war ein ehrlicher, betriebsamer, dienstfertiger, gottesfürchtiger und deßwegen bey aller seiner Armuth ein geachteter und beliebter Mann. Als der Sarg in das Grab gesenket worden war, und der ganze Leichenzug an demselben für den Verstorbenen laut 95 gebethet hatte, zerstreuten stch die Begleiter und kehrten nach Hause zurück. Nur der Knabe, welcher hinter dem Sarge gegangen war, blieb bey dem Grabe stehen, fiel auf die Knie, und rief schluchzend aus: »Mein Oheim, mein guter Oheim! Du hast mich verlassen, auch Du scheidest von mir! Nun stehe ich ohne Aeltern, eine Waise, ganz hülflos hier! Ich habe in Dir meinen zweyten Vater, meinen Ernährer verloren! Gott erbarme sich meiner! Ich kann mich von Dir, lieber Oheim, nicht trennen.» Der Knabe warf stch weinend und schluchzend über das Grab des Oheims hin. Dieses Alles hatte ein Fremder aus der Stadt, welcher dem Leichenzuge gefolgt war, gehört und gesehen. Ihm gefiel die kindliche Dankbarkeit des Knaben; dessen großer Schmerz und die Hülflosigkeit, in welcher derselbe stch befand, rührten sein Herz. Er nahm den Knaben zu stch, und erzog ihn zu einem brauchbaren Menschen. Glück durch einen Hund. Ä l.b e rt, ein armer verwaiseter Knabe von zehn Zähren, der bey seinen Verwandten das Gnadenbrot aß, traf in einer lebhaften Straße der Hauptstadt einen Pudel an, welcher von einem Wagen überfahren und am Kopfe und an der Vorderpfote verletzt worden war, und einige Zeit gar nicht vom 96 Platze sich erheben konnte. Muthwillige Buben wollten den Hund mit Steinen todt werfen. Albert aber nahm sich des Pudels an, hielt die Knaben ab, ihm Leides zuzufügen, trug ihn in ein Haus, und wusch ihm das Blut von den Wunden. Der Hund erholte sich von seiner Betäubung, und folgte Alberten auf drey Füßen bis zu seiner Wohnung nach. Auf vieles Bitten erhielt er von seinen Verwandten die Erlaubniß, den Hund behalten zu dürfen. Er pflegte seine Wunden, und nährte ihn gut, indem er sich's vom Munde abdarbte, um dem Hunde hinlängliche Nahrung geben zu können. Der Pudel genas von seinen Wunden, und wurde Alberten so anhänglich, daß er sich von ihm gar nicht mehr trennen wollte. Als er eines Tages mit dem Hunde spazieren ging, begegnete ihm ein Mann, auf welchen der Pudel freudig zusprang. Dieser war sein voriger Herr. Er fragte A l- berten, wie er zu dem Pudel gekommen sey. Albert erzählte es ihm umständlich. Der Herr, welcher ein reicher Kaufmann war, hatte eine große Freude über seinen Pudel, den er schon für verloren gegeben, und über die ^ Art, wie ihn Albert beym Leben erhalten und gepflegt hatte; und da er erfuhr, daß Albert eine arme, ältern- lose Waise sey, nahm er ihn, damit er sich von dem Pudel nicht mehr trennen durfte, zu sich, ließ ihn gut unterrichten, nahm ihn dann in die Lehre, erzog ihn zu den Handelsgeschäften, und nach zehn Jahren war Albert Buchhalter bey ihm, in welcher Stelle es ihm wohl erging. 97 Ein gntmüthiges Mädchen. ^lara, eine arme Waise, welche bey einer Weißnätherinn in der Lehre stand, wurde von derselben in der Kost sehr knapp gehalten, und bekam oft nicht so viel, daß sie ihren Hunger stillen konnte. Eines Morgens nach dem Frühstücke, welches ihr sehr sparsam zugemessen worden war, wurde sie mit Arbeit zu einer Kunde geschickt. Sie kam bey einem Bäckerladen vorüber, aus welchem sie weißes Brot, welches stückweise hier verkauft wurde, sehr anlächelte. Sie trat ein, und verlangte ein Stück von dem dort angeschnittenen großen Laibe. »Für wie viel,» fragte das Ladenmädchen, »willst Du Brot? Für zwey oder drey Kreuzer?» »Ich habe nur einen Kreuzer,» entgegnete Clara. »Für einen Kreuzer haben wir kein Stück Brot,» entgegnete das Ladenmädchen. Clara, die sehr hungrig war, senkte den Kopf, und Thränen traten ihr in die Augen. Als das Ladenmädchen die Verlegenheit Clara's und ihre Thränen sah, nahm sie das Stück Weißbrot, welches sie zum Frühstücke bekommen hatte, gab es Clären, und wollte lieber entbehren, als die arme Waise weinen sehen. 7 98 Selbstgefühl. ^)eter verlor seine Aeltern durch die Cholera. Er war ein gutgesitteter Knabe, der auch in der Schule einen sehr guten Fortgang machte. Ein Verwandter nahm ihn aus Mitleid zu sich; aber dieser selbst war so arm, daß ihm die Ernährung des Knaben schwer ankam. Der Gutsherr erbarmte sich des verlassenen Knaben und wollte ihn als Bedienten für seinen Sohn, der mit Peter gleiches Alters war, in's Schloß nehmen. Peter weigerte sich standhaft, in diesen Dienst zu treten, indem er sagte: »Ich kann und will arbeiten, und durch Arbeit mir das tägliche Brot verdienen. Mein verstorbener Vater hat oft gesagt: »Die Dienstleute der gnädigen Herrschaft haben wenig zu thun, und gewöhnen sich an das Müßiggehen. Sie sind gut gehalten, und lernen das Wohlleben, daher sie leicht in Sünden und Laster gerathen. Ich willein brauchbarer, nützlicher und gottesfürchtiger Mensch werden; dazu gelange ich nur durch Arbeit.» Peter bath den Herrschaftsbesitzer, daß er ihn in dem Garten verwenden möchte, wo er schon manche leichtere Arbeit verrichten könne. Der Herrschaftsbesitzer gab den Knaben zu dem Gärtner in die Lehre, wo er mit vielem Fleiße arbeitete, und sich so ausbildete, daß er in der Folge Schloß - gärtner wurde. 99 Dienst und Gegendienst. (§mem Invaliden, welcher einen Stelzfuß hatte, der ihm das Gehen sehr erschwerte, nahm der Wind den Strohhut vom Kopfe, und trieb ihn weit fort. Vergebens bemühte sich der Invalide, dem Strohhute nachzueilen, und ihn zu erreichen. Clorinde, die auf dem Wege in die Schule war, sah, wie der Invalide keuchend dem Hute nachtrippelte. Sie lief demselben nach, erhaschte ihn, und brachte ihn dem Invaliden , der ihr recht freundlich für diesen Dienst dankte. Lange Zeit darnach pflückte Clo rinde an einem Bache Vergißmeinnicht. Sie bog sich zu sehr gegen den Wasserspiegel, glitschte auf dem weichen Boden ab, und fiel in den Bach, der damahls durch einen Gewitterregen hoch angelaufen war. Der Invalide, welcher durch einen glücklichen Zufall das Mädchen verunglücken sah, ergriff schnell einen abgebrochenen Baumast, eilte mit demselben an das Ufer des Baches, warf ihn in das Wasser, daß ihn Clorinde erfassen konnte, und zog sie an demselben an's Land. Er begleitete sie dann nach Hause zu ihren Aeltern. Clorinde hatte außer dem Schrecken keinen anderen Schaden genommen. Der Invalide aber freuete sich, daß er dem Mädchen den Dienst, welchen es ihm früher erwiesen, vergelten konnte. 100 Kenntnisse geben einen Erwerb. Ein armer Student hatte schon in den deutschen Schulen Gelegenheit, Zeichnen zu lernen, und er übte sich darin in freyen Stunden immer fort. Er gerieth während seiner Studien-Jahre in so große Dürftigkeit, daß er sich kaum die nöthige Kleidung anschaffen konnte. Ein Tischlermeister gab ihm aus Mitleiden unentgeldlich die Wohnung. Der Student gab den Gesellen desselben, wenn sie ihr Tagwerk vollendet hatten, Unterricht im Zeichnen, wofür ihm jeder wöchentlich einen Silbergroschen bezahlte. Diese machten einer, guten Fortgang, und lobten ihren Lehrmeister bey den Gesellen aus anderen Tischlerwerkstätten. Diese besuchten insbesondere an Sonn- und Feyertagen den Unterricht des Studenten, und bald hatte er an zwann'g Schüler, die ihm so viel bezahlten, daß er sich noch im ersten halben Jahre die nöthige Kleidung anschaffen konnte. Jeder Dienst belohnt sich. Ein Lehrjunge aus der Hauptstadt hatte an einem Sonntage seinen Vater in dem zwey Stunden weit entlegenen 101 Dorfe besucht. Als er des Abends zurück kehrte, wurde er von einem heftigen Donnerwetter überfallen, welches ihn nöthigte, in einem auf dem Wege gelegenen Dorfe zwey Stunden zu verweilen, bis der Regen und Sturm vorübergegangen waren. Es war indessen Nacht geworden. Als er im Dunklen seinen Weg weiter fortsetzte, gesellten sich zwey Gauner zu ihm, die ihn sehr treuherzig ansprachen, und sich erbothen, ihn bis zu seiner Wohnung zu begleiten. Der Lehrjunge war so unvorsichtig, ihnen zu verrathen, daß er zwanzig Gulden bey sich habe, welche ihm sein Vater zur Tilgung einer Schuld an seinen Lehrherrn mitgegeben hatte. Die beyden Gauner suchten den sorglosen Lehrjungen immer zutraulicher zu machen, und führten ihn, als sie bey der Zoll-Linie der Hauptstadt angekommen waren, unter dem Vorwände, den Weg abzukürzen, durch die abgelegensten Gaffen der Vorstadt, wo sie ihn berauben wollten. Dort lag mitten im Wege ein Mann, welcher von der fallenden Sucht befallen worden war, ohnmächtig und in jämmerlichen Zuckungen. Der Lehrjunge forderte seine beyden Gefährten auf, dem Unglücklichen beyzuftehen; diese aber drangen darauf, daß er ihn hülflos liegen lassen, und mit ihnen den Weg fortsetzen sollte. Da der Lehrjunge sich nicht abhalten ließ, demselben beyzuspringen, so wollten sie ihn mit Gewalt fortziehen, wogegen er sich sehr sträubte. Indessen erwachte der Kranke von seiner Ohnmacht. Der Lehrjunge höhlte Wasser, um ihn zu laben und das Blut von der Wunde abzuwaschen, die er sich durch den Fall geschlagen hatte, und er begleitete ihn nach Hause. Der Genesene 102 machte den Lehrjungen erst aufmerksam, daß ihn die beyden Gauner weit von seinem Wege in der Absicht abgeleitet hatten, um ihn zu bestehlen, und er sah nun ein, welchen Nutzen es ihm gebracht, daß er dem von der fastenden Sucht Befallenen einen Dienst erwiesen hatte. Die Gabe für DeruttglÜckte. Adolph, der zwölfjährige Sohn wohlhabender Aeltern, welche im Sommer ihr Landhaus in dem, kaum über eine halbe Stunde von Wien entfernten, anmuthig gelegenen Dorfe Döbling bewohnten, mußte von hier aus das Gymnasium bey den Schotten besuchen. Am kühlen Morgen um sieben Uhr Morgens machte er den Weg dahin zu Fuß, und kehrte am Abende um fünf Uhr wieder zu Fuß nach Döbling zurück. Damit er aber nach geendetem vormittägigen Unterrichte in der Mittagshitze den Weg nach Hause, und nach zwey Uhr Nachmittags den Weg in die Schule nicht wieder zu Fuß machen durfte, so erhielt er zwanzig Kreuzer täglich, um von dem Gymnasium um eilf Uhr zurück und in dasselbe um zwey Uhr in einem Gesellschaftswagen fahren zu können. Als Adolph das Unglück erfuhr, welches die betriebsamen Einwohner der Stadt Stey er durch eine verheerende Feuersbrunst betroffen hatte, und seine Spar-Cafse nicht 103 hinreichte, um dieselben werkthätig zu unterstützen, machte er durch einen ganzen Monath den Weg aus dem Gymnasium nach Döbling und von da in dasselbe in dem heißen Sommer des Jahres 1842 zu Fuß, um die täglich von den Aeltern erhaltenen zwanzig Kreuzer zu Gaben für die durch Feuer Verunglückten zu ersparen. Der Zank. August kehrte mit seinem Vater spat am Abende vom Lande, wohin sie einen Ausflug gemacht hatten, nach Hause zurück. Als sie durch eine enge Gaffe in einer abgelegenen Vorstadt gingen, hörten sie in einem Hause einen lärmenden Zank. Sie sahen durch das Fenster ein Weib, welches mit Ungestüm die Bezahlung für Brot und Mehl forderte, das die arme Familie, welche ein Stübchen in diesem Hause bewohnte, schon seit längerer Zeit auf Borg genommen. Adolph und sein Vater erblickten zugleich in dem Stübchen einen blaffen, abgezehrten Mann auf Stroh und nur mit einer Kotze zugedeckt, krank im Bette liegen, und vier kleine Kinder weinend herum stehen. Das erzürnte Weib, welches die Bezahlung forderte, war bis zur Wuth ergrimmt, und stieß die gräßlichsten Schmähworte und Verwünschungen gegen die arme Familie aus. 104 Vergebens wendete die Frau des kranken Mannes ein, daß derselbe seit sechs Wochen im Bette liege, und nichts erwerben könne. Sie bath das erzürnte Weib, nur noch einige Tage Geduld zu haben, bis der Mann seinem Erwerbe wieder uachgehen könne, wo sie dann die ganze Schuld ehrlich bezahlen werde. Das ergrimmte Weib aber war unerbittlich, und fuhr in ihren Schmähungen und Drohungen fort. Da sagte August zu seinem Vater: »Die Schuld beträgt, wie das böse Weib sich ausspricht, nur fünf Gulden. Ich bitte Sie, lieber Vater, bezahlen Sie demselben die Forderung. Ich will diesen Betrag mir von meinem Taschengelde in den nächsten Monathen abziehen lassen, wenn nur die arme Familie von diesem bösen Weibe befreyet wird." Der Vater drückte dem guten Sohne beyfällig die Hand, ging mit ihm in die Stube, zahlte dem Weibe die fünf Gulden, verwies ihm das ungestüme und beleidigende Betragen, und ließ noch ein Geschenk für die arme Familie zurück, welche nicht genug Worte des Dankes finden konnte. Der Vater war über den Antrag des Sohnes, die fünf Gulden von seinem Taschengelde zu ersetzen, sehr erfreuet, ließ es aber nicht geschehen; denn er wollte selbst wohlthätig handeln. A ugust aber. legte nach und; nach sfünf Gulden von seinem Taschengelde zusammen, und schickte sie, ohne daß es der Vater wußte, der.armen^Familie. 105 Die Kaninchen« (§ine alte Frau hielt Kaninchen, um manchmal)! bey ihrer Armuth doch einen Braten auf dem Tische zu haben; denn die Kaninchen vermehren sich sehr, und bringen alle fünf bis sechs Wochen Zunge. Niklas, der zehnjährige Sohn eines Küchengärtners, hatte eine große Freude an diesen Kaninchen, besuchte sie fast täglich, und brachte der alten Frau des Morgens, wenn er in die Schule ging, immer Salat-, Kohl- und Krautkopf- Blätter für dieselben. Aus Dankbarkeit schenkte ihm die alte Frau ein Paar Kaninchen. Niklas legte mit Erlaubniß seines Vaters in dem Küchengarten ein Gehege an, fütterte die Kaninchen sorgfältig, und nach einigen Monathen brachten sie ihm sechs Zunge. Diese ließ er wieder groß wachsen, und bald hatte er an zwanzig Kaninchen. Die Mehrzahl verkaufte er immer, und legte das dafür erhaltene Gelb in die Spar-Caffe. Diesen Handel, der mit jedem Zahre ergiebiger wurde, trieb er fort, bis er erwachsen war, und der Betrag für verkaufte Kaninchen war in dem Spar-Casse-Büchlein so hoch angewachsen, daß Niklas einen Küchengarten in Pacht nehmen, und auf seine Rechnung bearbeiten konnte. 106 Beschämung Ein Zimmermann hatte das Unglück, durch einen Fall vom Dache sich beyde Beine zu brechen. Er wurde schlecht geheilt, blieb an denselben lahm, und konnte seinem Erwerbe nicht mehr nachgehen. Er beschäftigte sich dann mit Korbflechten, welches ihm aber nicht viel eintrug. Er hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war ein Maurer, der leichtsinnig bey Trinkgelagen am Sonntage das vergeudete, was er die Woche hindurch erwarb. Die Tochter, ein fleißiges und emsiges Mädchen, reinigte die Wäsche für andere Leute, und ernährte von ihrem Erwerbe den Vater. Dieser wurde aber krank, und der Erwerb der braven Tochter reichte für die Pflege des kranken Vaters nicht mehr hin. Frigdian, ein Verwandter desselben; der als Schuhmachergeselle in der Nähe arbeitete, besuchte den kranken Vetter öfters, und da er dessen Hülflosigkeit sah, brachte er ihm alle Sonntage zur besseren Pflege einen Theil seines Wochenlohnes. Die gute Tochter stellte dem leichtsinnigen Bruder vor, was ihr Verwandter für den kranken Vater thue, und der Bruder wurde durch die wvhlthätige Handlung des Schuhmachergesellen so gerührt und beschämt, daß er von nun an in keine Schenke mehr ging, und dem Vater brachte, was er die Woche hindurch von seinem Erwerbe erübrigt hatte. 107 Die verlorene Handschrift. L^er Factor einer Buchdruckerey trug unter dem Arme mehrere Werke in der Handschrift, welche gedruckt werden sollten. Er verlor eines davon, ohne daß er es gewahr murde. Ambros, der zwölfjährige Sohn eines Webers, der vor Kurzem beyde Aeltern verloren hatte, und ganz hülslos war, sah es von fern, lief herbey, hob das Manuskript auf, eilte dem Factor nach, und übergab es ihm. Dieser dankte dem Knaben, und griff in die Tasche, um ihm einen Groschen zu schenken. Ambros weigerte sich, das Geschenk anzunehmen, und sagte: »Herr, Sie könnten mir für den kleinen Dienst eine viel größere Gefälligkeit erweisen, wenn sie mir Arbeit verschaffeten.» »Hast Du etwas gelernt?» fragte der Factor. »Ich kann gut lesen, schreiben und rechnen,» erwiederte Ambros. »Bist Du auch in der Rechtschreibung und Sprachlehre gut bewandert?» fragte der Factor weiter. Als Ambros dieses bejahete, forderte der Factor den Knaben auf, ihm bis in die Druckerey zu folgen, und prüfte ihn auf dem Wege über diese beyden Gegenstände. Als der Factor die Angabe des Knaben bestätigt fand, empfahl er denselben dem Eigentümer der Buchdruckerey als Lehrjungen. Ambros bildete sich zu einem geschickten Setzer aus, und hatte als solcher lebenslänglichen guten Erwerb. 108 Rettung und Dank. Wahrere Knaben, welche die unteren Claffen eines Gymnasiums besuchten, waren in die Donau an einem abgelegenen Orte baden gegangen, was streng verbothen war. Einer derselben wagte sich zu weit in den Strom hinaus, wurde von demselben ergriffen, und war in Gefahr, zu ertrinken. Alle erhoben ein Angstgeschrey, und riefen um Hülfe. Von ungefähr und zum größten Glücke ging ein Student, der ärmste am Gymnasium, der gut schwimmen konnte, vorüber. Als er die Gefahr des Studenten sah, und den Ruf nach Hülfe hörte, warf er schnell den Hut und Rock von sich, stürzte sich in's Wasser, schwamm auf den Verunglückten zu, erreichte ihn, faßte ihn mit fester Hand an, und brachte ihn glücklich an's Land. Dieser erhohlte sich bald von dem Schrecken, und dankte mit allen Uebrigen dem Retter. Sie bathen ihn zugleich, den ganzen Vorfall zu verschweigen, damit sie nicht gestraft würden. Der Student versprach es, und hielt Wort. Die Studenten, welche gebadet hatten, machten in der Folge unter sich eine Sammlung an Geld, und ließen einen vollständigen Anzug für den armen Studenten, der ihren Mitschüler gerettet hatte, verfertigen, und überreichten ihm demselben. Die Rettungsgeschichte blieb jetzt nicht länger ein Ge- heimniß. Die Lehrer erließen denen, welche sich so dankbar 109 an dem Retter erwiesen hatten, wegen ihrer Dankbarkeit gern die Strafe, und der Netter hatte sich bey den Aeltern der Studenten so empfohlen, daß sie ihn nun in seiner Armuth reichlich unterstützten, und er gemächlich seine Studien fortsetzen konnte. Edelmuth. reicher Mann in einer Provinz-Stadt hatte einen armen Waisen aus Mitleid zu sich in's Haus genommen, ihn gut verpflegt, und ihn in der Schule unterrichten lassen, wo der Knabe einen guten Fortgang machte. Der Menschenfreund, der sich des armen verlassenen Knaben angenommen hatte, trug seinem einzigen Sohne und Erben auf, daß er nach seinem Tode Vaterstelle an dem Waisen vertreten, und für dessen Fortkommen sorgen sollte. Der Sohn war aber ein hartherziger, leichtsinniger und verschwenderischer Jüngling, welcher dem armen Waisen mißgönnte, was er in dem Hause seines Vaters genossen hatte. Um des Knaben los zu werden, nahm er ihn nach Wien mit, berauschte ihn im Prater mit Meth, daß er dort in einem abgelegenen Gebüsch einschlief, und verließ ihn treulos. Der Waise fand an einem Goldarbeiter, der ihn im Prater ganz verlassen antraf, einen neuen Wohlthäter, der rio ihn als Lehrjungen annahm, ihn zeichnen lehren ließ, und zu einem geschickten Gesellen ausbildete. Nach zehn Jahren, an einem Sonntage, saß dieser Goldarbeitergesell, den wir Camillo nennen wollen, mit seinem Meister an einem Tische im Prater, und trank ein Glas Bier. Da schlich ein junger, ärmlich gekleideter Mann mit dem Hute in der Hand unter den Gästen des Wirthshauses herum, und bath um ein Almosen. Als er sich dem Tische näherte, an welchem Camillo mit seinem Lehrherrn saß, erkannte ihn dieser sogleich als den Sohn seines ersten Wohlthäters, ohne von demselben erkannt zu werden. Als der Bettler sich weiter entfernt hatte, schlich ihm Camillo nach, und als sie allein waren, stellte er sich als den Waisen vor, dessen sich sein Vater so menschenfreundlich angenommen hatte. Der Bettler erschrak, und fürchtete, zur Verantwortung gezogen zu werden, daß er gegen den Willen seines verstorbenen Vaters den Knaben treulos im Prater ausgesetzt hatte. Camillo machte ihm keine Vorwürfe, sondern lud ihn zu sich in seine Wohnung ein. Dort erfuhr er von ihm, daß er durch Leichtsinn und Verschwendung, besonders aber durch Spiel um hohes Geld, sein beträchtliches Vermögen vergeudet habe, und an den Bettelstab gekommen sev. Camillo unterstützte ihn durch längere Zeit von seinem Wochenlohne, gab ihm von seiner Kleidung, und sorgte so lange für dessen Unterhalt, bis er eine Schreiberstelle bey einem Advocaten für ihn gefunden hatte. So vergalt Camillo ihm das Böse, was er dem armen Waisen angethan hatte. III Der Spaziergang in den Garten. «Hlerr Mayberg war mit seinem siebenjährigen Sohne Maximilian in einen schönen Garten spazieren gegangen, welchen ein menschenfreundlicher Graf dem Vergnügen der Lustwandelnden geöffnet hatte. Der Vater traf in dem Garten einen Freund an, mit welchem er sich auf eine Bank niederließ, und in ein Gespräch sich vertiefte, worüber er seinen Sohn vergaß, der sich von dem Vater trennte, und in dem Garten herum schlenderte. Maximilian, der leichtsinnig und unbesonnen war, fing an, Blumen abzupflücken, was verbothen war. Ein Invalide, der die Aufsicht im Garten hatte, daß Niemand etwas verderbe, ertappte Maximilian dabey, fuhr ihn heftig an, und drohte ihm mit dem Stocke, wenn er sich nicht sogleich von den Blumen entfernete. Maximilian eilte zu dem Vater zurück, und klagte ihm, daß der Invalide ihn wegen zwey Blumen, die er abgepflückt hatte, hart angelassen, und ihm mit Schlägen gedroht habe. Der Vater aber sagte: »Der Invalide, welcher zur Aufsicht über den Garten bestellt ist, hat nur seine Pflicht gethan. Wir haben freyen Eintritt in diesen schönen Garten, um uns an dem Anblicke der schönen Blumen zu ergötzen, und die reine Luft zu genießen. Der Garten ist mit großen Kosten so schön zu unserem Vergnügen hergerich- tet. Wir dürfen daran nichts verderben. Wie würde der 112 Garten aussehen, wenn jeder Lustwandelnde nur zwey Blumen abpflückete!« Die Blumenbeete. §)er Vater räumte seinen vier Kindern, dem Titus, Valentin, der Jsabella und Genofeva, vier Beete im Garten ein, daß jedes dasselbe bearbeiten und Blumen darauf pflanzen sollte. Zsabella, Genofeva und Titus thaten es mit allem Fleiße. Sie begossen täglich die Pflanzen auf ihren Beeten, jäteten das Unkraut aus, harkten zu rechter Zeit dieselben, und suchten die Pflanzen vor dem schädlichen Ungeziefer zu verwahren. Dieses Alles thaten sie des Morgens und Abends in ihren freyen Stunden, und es kostete ihnen viele Mühe, aber diese wurde auch belohnt; denn die schönsten Blumen wuchsen auf ihren Beeten, blüheten in Herrlichkeit und Pracht, und ergötzten sie durch ihr Farbenspiel und ihren Geruch. Valentin hatte mehrentheils verkrüppelte Blumen, und deren auch nicht viele. Er hatte zu wenig Fleiß auf die Pflege derselben verwendet. Als er sich eines Tages bey dem Vater, der die Schönheit der Blumen auf den anderen Beeten bewunderte, und die Kinder über die sorgfältige Pflege derselben belobte, beklagte, daß sein Beet daS 113 unfruchtbarste sey, entgegnete der Vater: »Nickt das Beet ist Schuld, daß auf demselben die Blumen so schlecht gedeihen; Du allein bist Ursache, weil Du Dein Beet nicht so fleißig und emsig bearbeitet und gepfleget hast wie Deine Geschwister. Ohne Arbeit ist kein Gedeihen und kein Genuß. Lerne daher schon jetzt fleißig und emsig seyn, benütze Deine Anlagen und Kräfte, damit Du nicht in der Folge darbest.» Der Guckkasten. Mann mit einem Guckkasten kam in den Hof eines von vielen Familien bewohnten großen Hauses. Er stellte ihn auf, und lud mit lauter Stimme die Kinder ein, alle die Herrlichkeiten, die derselbe enthielte, gegen Bezahlung eines Kreuzers zu beschauen. Bald war eine große Zahl Kinder versammelt, welche ihren Kreuzer hinlegten, und sich vor die runde Glasscheibe stellten, um die Darstellungen in dem Kasten zu besehen, welche ihnen der Mann zugleich erklärte. Unter den Kindern befand sich auch Severin, ein Knabe mit struppigen Haaren und breiten Schultern, der sich immer vordrängte, andere Kinder zurück schob, und sich so vor das Glas stellte, daß er es mit seinem Kopf ganz bedeckte, und die anderen Kinder durch dasselbe nicht sehen konnten. 8 114 Diese bathen Severin, daß er ihnen Platz machen möchte; er aber wurde nur desto ungestümer, und verdrängte die Anderen immer noch mehr. Da nahm ihn der Mann bey dem Arme, zog ihn von dem Guckkasten weg, gab ihm seinen Kreuzer zurück und sagte: »Du ungefälliger Bube, geh' fort von hier, der Du das Vergnügen der Anderen störest; Du verdienst nicht an demselben Theil zu nehmen!» Das Unkraut. Erhard sah, wie der Gärtner mit vieler Sorgfalt das Unkraut in den Beeten ausjätete. Er fragte den Vater, wie es denn komme, daß so viel Unkraut unter den nützlichen Pflanzen und Gewächsen im Garten hervor keime. Dieser belehrte ihn, daß in dem guten Boden eben so viel Unkraut, zu welchem der Same verborgen in der Erde liegt, wachse, als die guten Pflanzen gedeihen, und daß der Gärtner deß- wegen große Mühe anwenden müsse, das Unkraut auszujäten und zu vertilgen, damit die guten Pflanzen unter demselben nicht ersticken. > »Wie auf fruchtbarem Boden das Unkraut leicht keimt,» fuhr der Vater fort, »und üppig wächst, wenn es nicht zu rechter Zeit ausgejätet wird, so ist es auch bey Kindern mit guten Anlagen. Neben den guten Eigenschaften keimt auch die Neigung zum Bösen, und wenn diese Neigung nicht gleich 115 Anfangs unterdrückt und ausgerottet wird, so erstarket sie, und läßt die guten Eigenschaften nicht aufkommen. Daher, mein Sohn, sey auf die bösen Neigungen, die in Dir aufkeimen wollen, aufmerksam, und rotte sie bey Zeiten aus, damit sie keine Gewalt über Deine guten Eigenschaften bekommen.» Der Bienenstich. HAaurus saß auf einer Gartenbank, und las in einem Buche. Da kam eine Biene, und sumsete ihm um den Kopf herum. Maurus schlug mit dem Buche nach derselben, um sie zu vertreiben; er traf sie aber nicht. Die Biene wurde immer ungestümer; Maurus erhob sich von der Bank, schlug wieder nach ihr, und fing zu laufen an, um ihr zu entfliehen, aber vergebens: die Biene verfolgte ihn, und stach ihn in die Wange. Maurus fühlte den Schmerz des Stiches, und die Wange schwoll hoch auf. Er beklagte sich, daß ihn die Biene, der er gar nichts zu Leide gethan, so schmerzlich gestochen habe. »Daran bist Du selbst Schuld,» sagte der Vater. »Auch die Biene wollte Dir kein Leid zufügen; sie sumsete nur um Dich herum, weil Du ein ihr fremder Gegenstand wärest. Aber Du schlugst nach ihr , und sie mußte sich gegen Dich mit ihrem Stachel vertheidigen. Du hast sie dazu aufgefordert. Wärest Du ruhig auf der Bank sitzen geblieben, so 8 * 116 würde sie sich bald wieder entfernt haben, ohne Dich zu stechen.» Ein Menschenfreund von hoher Geburt. ZOey dem Eisgänge auf der Donau vom 13. bis 16 . März 1838 wurde die Stadt Pesth in Ungarn größten Theils überschwemmt, und der vierte Theil der Häuser stürzte, von den brausenden Wellen in ihren Grundfesten unterwaschen, zusammen. Viele Menschen kamen in dieser allgemeinen Wassernoth um, noch mehrere geriethen in augenscheinliche Lebensgefahr. In diesen Schreckenstagen bestieg Seine k. k. Hoheit, der Erzherzog Stephan, der von Ofen zur Rettung der in Gefahr Schwebenden berbeygeeilt war, ein Schiff, und setzte mit Gefahr seines eigenen Lebens über den hoch angeschwollenen, mit Eisblöcken bedeckten und reißenden Donau- ström nach Pesth über, um Menschenleben zu retten, und Hülfe zu schaffen, wo die Noth am größten war. Aus dem Hause Nr. 102 in der llllöer-Straße, welches, von den Wellen ganz umfluthet, schon den Einsturz drohte, tönte dem Prinzen ein herzzerreißendes Jammer- geschrey entgegen. Eine Mutter mit drey Kindern und ein vierundsiebenzigjähriger Greis befanden sich in diesem Hause und riefen um Hülfe. 117 Der Prinz steuerte auf dieses Haus zu, rettete die in augenscheinlicher Lebensgefahr Schwebenden, nahm sie in seinen Kahn auf, und brachte sie in Sicherheit. Noch sehr vielen Anderen hat der menschenfreundliche und entschlossene Prinz in diesen verhängnißvollen Schreckenstagen Rettung und Hülfe gebracht. Der Storch. Aaum hatte die Frühlingssonne den Schnee geschmolzen, welcher die Felder im kalten Winter bedeckt hatte, und die Lerche, in den Lüften schwebend, sich durch ihren fröhlichen Gesang angekündiget, als auch der Storch aus den warmen Ländern über das unabsehbare Meer zurück kam, sein altes Nest auf dem Giebel des Hauses aufsuchte und durch lautes Klappern mit dem langen Schnabel seine Anwesenheit kund gab. Ernesi hatte seine Freude an der Wiederkehr des hei- mathlichen Gastes; er lief zu dem Vater hin und rief: »Der Storch ist da; er sitzt auf seinem alten Neste!» Der Vater entgegnete lächelnd: »Wir wollen ihn begrüßen, den freundlichen Gast. Wir haben ihn im vorigen Sommer friedlich sein Nest bauen und bewohnen, und Junge in demselben ausbrüten lassen. Man hat ihm die Eingeweide des geschlachteten Geflügels und anderes Eßbare hingewor- 118 fen, damit er sich und seine Jungen leichter ernähre. Wo Friede, Eintracht und Dienftfertigkeit herrscht, da kehrt man gern ein, und verweilt auch gern dort; darum wird der Storch mit jedem kommenden Frühlinge zu uns zurück kommen, wenn wir seine Ruhe nicht stören, und ihm Gastfreundschaft erweisen.» -- Die Bergsteiger. §)rey Schulfreunde, Paul, Hilarius und Felix, verabredeten sich, am nächsten Ferien-Tage den hohen Berg außerhalb der Stadt zu besteigen, um dort die weite Fernsicht zu genießen. Sie hatten eine Stunde Weges, bis sie am Fuße des Berges ankamen. Es war ein herrlicher Sommertag; die Sonne schien warm, und versprach einen heißen Mittag. Die drey Schulfreunde durchwanderten den Wald, der sich von dem Fuße des Berges bis über die Hälfte desselben hinauf zog, und alle waren froh und vergnügt. Als sie aber an die kahlep Felsen, welche sich bis gegen den Gipfel des Berges erstreckten, und durch welche sich ein schmahler und steiler Fußweg zog, kamen, verging dem Paul, der jede Anstrengung scheuste, die Lust, noch weiter hinauf zu steigen; er blieb in dem Walde zurück, um auszuruhen, und von da nach Haufe zurück zu kehren, so sehr ihn auch seine Gefährten ermunterten, ihnen zu folgen 119 weil die Beschwerlichkeit des Weges durch die weite Aussicht, welche sie auf dem Gipfel des Berges genießen werden, gewiß werde überwogen werden. Paul ließ sich nicht bereden, und verharrte in seiner Gemächlichkeit. Hilarius-und Felix setzten ihren Weg, obwohl er beschwerlich war, und die Sonne auf ihren Schei- tel brannte, unermüdet fort, und erreichten den Gipfel des Berges, wo sie durch eine wunderschöne Fernsicht belohnt wurden. Sie fanden aber dort auch große Plätze, mit reifen Erdbeeren bedeckt, an denen sie sich erquickten, und von Lenen sie noch einen guten Vorrath mit nach Hause brachten. Als sie dem Paul nach ihrer Zurückkunft erzählten, wie reichlich sie für die Mühe des Bergsteigens belohnt worden waren, reuete es ihn, daß er ihnen nicht gefolgt war. Sie aber entgegneten ihm: „Wer die Nuß will essen, muß die Mühe nicht scheuen, die Schale zu brechen.» Der Jnvali-ens-Sohn. Fabian, der zehnjährige Sohn eines Invaliden, lebte nach dem Tode des Vaters mit seiner Mutter sehr kümmerlich- Diese war durch langjährige Gichtschmerzen so übel zugerichtet, daß sie anhaltend weder nähen, stricken noch spinnen konnte. Sie hatte nur eine kleine Unterstützung von der Ar- menversorgung des Dorfes. 120 Fabian liebte seine Mutter unaussprechlich, und wenn ihreGichtschmerzen sie marterten, war er untröstlich. Er suchte der Mutter die traurige Lage durch willigen Gehorsam und alle Aeußerung kindlicher Liebe zu erleichtern. Um der armen Mutter nicht gänzlich zur Last zu fallen, verdingte er sich, da die Kinder im Dorfe nur halbe Tageweise in die Schule gehen durften, im Sommer als Gänsehirt, und hüthete die Gänse, wenn er von der Schule srey war. Im Winter zog er mit der Drehorgel, die er von seinem Vater ererbt hatte, an Sonn- und Feyertagen in die nahe gelegenen Dörfer, Flecken und Städtchen, und leyerte in den Häusern und Gasthöfen den Leuten etwas vor, um ein Stück Brot oder eine kleine Gabe an Geld zu erhalten. Wenn sein Brotsack voll war, und er einige Kreuzer von mitleidigen Menschen gesammelt hatte, kehrte er nach Hause zurück, und übergab der Mutter Alles gewissenhaft. Diese dankte dem guten Sohne, und sagte mehrmahl: »Gott wird Dir lohnen, was Du Deiner Mutter Gutes thust.» Eines Tages kam Fabian ganz erstarrt in einen Gasthof, und fing auf seiner Drehorgel zu leyern an. Ein Reisender, dem die offene Miene und das unbefangene Benehmen des Knaben gefiel, ließ sich in ein Gespräch mit ihm ein, und fragte ihn um seinen Geburtsort, seine Aeltern und Lebensverhältnisse. Fabian sprach ganz offenherzig von der traurigen Lage seiner Mutter, und daß er nur mit der Drehorgel herum ziehe, um etwas für seinen und der Mutter Unterhalt zu erwerben. Der Reisende lobte den Knaben wegen seiner kindlichen Liebe, beschenkte ihn, und da der Weg ihn 121 durch Fabians Geburtsort führte, zog er bey dem Pfarrer Erkundigungen über den Knaben und seine Mutter ein. Da ihm alles bestätigt wurde, was der Knabe ihm im Gasthause gesagt hatte, und der Pfarrer insbesondere Fabians kindliche Liebe hervor zog, wollte der Reisende sich wohlthätig an der Mutter und dem braven Sohne bezeigen. Er sicherte der Mutter eine monathliche Unterstützung an Geld zu, und gab Fabian zu einem braven Handwerksmanne in die Lehre, wo dieser sich zu einem tüchtigen Gesellen ausbildete. Ungehorsam und Unvorsichtigkeit. ^)er Vater hatte seinem Sohne Ambros verbothen, im Flusse und ohne Aufsicht zu baden. An einem heißen Sommertage sah der Knabe mehrere seiner Mitschüler im Flusse, welche lustig im Wasser herum plätscherten. Sie luden ihn ein, mit ihnen zu baden. Ambros konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er entkleidete sich schnell, und sprang in's Wasser. Cr war von dem weiten Spaziergange noch erhitzt, und hatte sich nicht gehörig abgekühlt. Kaum hatte er einige Minuten im Wasser zugebracht, als er ohnmächtig umsank. Seine Mitschüler wurden es noch zu rechter Zeit gewahr, fingen ihn auf, und brachten ihn an's Land. Er mußte nach Hause getragen werden, bekam ein Stechen in der Seite 122 und eine heftige Lungenentzündung. Er lag lange Zeit krank, und wurde nur durch die fortgesetzte Behandlung eines geschickten Arztes gerettet. Bitter mußte esAmbros büßen, daß er gegen das Verboth seines Vaters gehandelt hatte. Die Tulpen. baura war an einem Maytage mit der Mutter in dem Garten einer Freundin» gewesen. Dort blüheten dieHyacinthen und Tulpen in bunter Farbenpracht. Laura ergötzte sich an dem Anblicke dieser schönen Blumen und an dem Dufte, welche die Hyacinthen aushauchten. Laura erhielt von der Freundinn der Mutter eine Hyacinthe und mehrere Tulpen zum Geschenke, worüber sie eine große Freude hatte. Äs Laura mit der Mutter nach Hause zurück kehrte, betrachtete sie die Blumen nach allen Seiten, und sagte: »O wie schön sind diese Tulpen! Welche Abwechslung an Farben haben sie! Schade, daß siekeinen Geruch haben.» »Diese Tulpen,» entgegnete die Mutter, »gleichen jenen Mädchen, welche sich durch Putz und schöne Kleider auszuzeichnen suchen, sich oft darauf viel ei'nbilden, aber keine guten Eigenschaften, keinen inneren Werth haben; da inan entgegen die wohlriechende Hyacinthe mit jenen Mädchen vergleichen kann, welche mehr durch Tugend, Geschicklichkeit und Fleiß als durch Putzsucht zu gefallen suchen.» 123 > Eine Unvorsichtigkeit mit traurigen Folgen. Äm 15.-Juli 1842 ging ein Jägerbursche am Unters- berge bey Salzburg in eine einzeln stehende, mit Heu gefüllte Scheune, um dort auszuruhen. Er hatte sich mit f der brennenden Tabakspfeife in das Heu gelegt, und war vermuthlich eingeschlafen. Nach einiger Zeit fing die Scheune lichterloh zu brennen an, und die Flamme konnte nicht mehr unterdrückt werden, so daß die hölzerne Scheune mit dem Heu ganz verbrannte. In der Asche fand man den Jägerburschen todt, und neben ihm seinen irdenen Tabakspfeifen-Kopf. Der Jägerbursche war ganz versenget und zusammengeschrumpft. Aus der Tabakspfeife war vermuthlich ein glühender Schwamm oder eine glimmende Asche, während der Bursche einschlief, in's Heu gefallen, und hatte es entzündet. War es nicht höchst unvorsichtig, mit der glimmenden Tabakspfeife in die mit Heu gefüllte Scheune zu gehen, und mit derselben im Munde einzuschlafen? Die Wachtel. (§arl hatte im Käfige eine Wachtel, welche mit Tagesanbruch zu schlagen anfing, und den einförmigen Wachtelschlag 124 am Morgen und den Tag hindurch immer wiederhohlte. Der Käfig mit der Wachtel hing vor dem Fenster, so daß die ganze Nachbarschaft den Wachtelschlag vernehmen konnte. Zm anstoßenden Hause wohnte Franz, ein Mitschüler Car l's. Franz beklagte sich bey ihm, daß die Machtet ihn am frühen Morgen mit ihrem Schlage aus dem Schlafe wecke, und gab ihm sein Befremden zu erkennen, daß er diesen Vogel, der immer das Nähmliche wiederhohlte, um sich dulden möge. ^ Carl entgegnete lächelnd: »Die Wachtel scheint Dir zuwider zu seyn, weil Du ihre Sprache nicht verstehst. Mit Tagesanbruch ruft sie mir zu: Carl steh' auf! und ich verlasse sogleich das Bett. Dann ruft sie: Groß ist Gott! Lobt den Herrn! und erinnert mich, daß ich das Morgengebeth verrichten soll. Darauf sagt sie: Nimm das Buch! und sie ermuntert mich zum Lernen. Sie schlägt wieder: Fürchte Gott! und so erinnert mich jeder Schlag der Wachtel an die Erfüllung der einen oder der anderen Pflicht.» Dem Mitschüler Franz gefiel die Erklärung des Wachtelschlages so gut, daß auch er auf denselben mit Wohlgefallen horchte, und dadurch ermuntert wurde, seine Pflichten zu erfüllen. 125 Dev Truthahn. Agnes besuchteeine ihrer Mitschülerinnen, deren Aeltern einen großen Hühnerhof hatten, wo es Hühner, Gänse, Aenten und Perlhühner in Menge gab. Auch befand sich ein großer Truthahn mit seiner Henne dort, der leicht in Zorn gebracht werden konnte, und dann auf den Gegenstand seines Zornes los ging, dabey die Federn sträubte, den Kamm auf der Nase aufblies, und in einem fort Kudrikudri- kudri! schrie. Besonders war ihm die rothe Farbe zuwider. Agnes hatte ein rothes Tüchel um den Hals. Als der Truthahn ihrer ansichtig wurde, schlug er mit den Schweif« federn ein Rad, blies den Kamm auf, und schritt mit gesträubten Federn gegen Agnes vorwärts, indem er voll Zorn sein Kudrikudrikudri ausstieß. Die Mitschülerin« erinnerte Agnes, daß sie sich sogleich entfernen solle, weil der Truthahn in seinem Zorne ihr auf den Leib gehen werde. Agnes achtete aber nicht auf die wohlgemeinte Warnung, hob Steine von der Erde auf, und warf sie auf den Truthahn. Darüber wurde er so erboßt, daß er der Agnes auf die Achsel flog, und sie in's Gesicht pickte. Agnes erhob ein Angstgeschrey, und wäre nicht auf dasselbe die Viehmagd eilends herbeygekommen, und hätte sie nicht den Truthahn verjagt, so würde er das Mädchen übel zugerichtet haben. L26 Bruderliebe. «Joseph, der Sohn unbemittelter Bauersleute, ließ sich nicht abhalten, das Gymnasium in der nächsten Stadt zu besuchen, obwohl ihm seine Aeltern nur schwarzes Brot und Erdäpfel zu seiner Nahrung schicken konnten, und er auf dem Dachboden seine Wohnung nehmen mußte. Aber seine Begierde, durch die Studien sich über den Bauernstand empor zu schwingen, war so groß, daß er alle diese Beschwerlichkeiten gering achtete, und mit unermüdetem Fleiße in den Wissenschaften vorzuschreiten sich bemühte. Er hatte einen jüngeren Bruder- der mit ganzem Herzen an ihm hing. Um dem Bruder seine drückende Lage zu erleichtern, sammelte dieser im Sommer Erdbeeren, Himbeeren und Heidelbeeren, trug sie zum Verkaufe in die Stadt, und gab das dafür gelösete Geld dem studierenden Bruder. Auch fing er Fische im Bache, suchte die Krebse in ihren Löchern auf, und verkaufte sie zum Nutzen des Bruders. Dieser erwarb sich in der Folge durch Privatunterricht' so viel, daß er nicht mehr darben durfte, und sich anständige Kleidung anschaffen konnte. Er widmete sich dann dem geistlichen Stande, und nachdem er als Hülfspriester einige Jahre nützlich gewirkt hatte, erhielt er eine einträgliche Pfarrerpfründe. Hier unterstützte er reichlich seine Aeltern und seinen Bruder, dem er vielfach vergalt, was dieser ihm als armen Studenten geleistet hatte. 127 Pflichtgefühl. Ädalbert kam mit mehreren Mitschülern auf dem Wege aus der Schule bey einem Töpfer vorüber, welcher seine Töpfe, Dreyfüße, Deckel, Schüsseln, Teller u. s. w-, welche erst geformt worden waren, vor der Werkstätte zum Trocknen in die Sonne gestellt hatte. Die Knaben scherzten und schäkerten mit einander, und Adalbert stieß an einen Mitschüler so heftig an, daß dieser auf die Töpfe fiel, und mehrere Geschirre zerschlug. Alle ergriffen die Flucht, und verschwanden eher, als der Töpfer den Schaden, welchen sie angerichtet hatten, gewahr worden war. Adalbert mußte sich gestehen, daß er allein Ursache des Schadens war, und er hielt es für seine Pflicht, denselben zu ersetzen. Er sparte von seinem Taschengelde so lange und so viel, bis er den erforderlichen Betrag beysammen zu haben meinte, um dem Töpfer die zerbrochenen Geschirre zu bezahlen. Dann begab er sich zu demselben, gestand ihm seine Schuld, und erboth sich, den Schaden zu ersetzen. Der Töpfer lobte Adalbert wegen seines Pflichtgefühls und seiner Ehrlichkeit, und nahm von ihm nur die Hälfte von dem Werthe seiner Geschirre an. Ein glücklicher Schuß (§ine Bäuerinn mähete auf einer Wiese Gras, und setzte ihre vierjährige Tochter Marie am Rande der Wiese unter einen schattigen Baum mit dem Aufträge, dazu bleiben, bis sie zurück käme, und sie abhvhlte. Maria sah an dem Rande des nahen Kornfeldes Kornblumen und wilden Mohn, und sie ging dahin, um diese Blumen abzupflücken. Sie fand immer mehrere, sammelte sie, und vertiefte sich so weit in das Kornfeld, auf welchem die Halme mannshoch standen, daß sie den Rückweg nicht mehr finden konnte. Sie ging in demselben lange herum, und verirrte sich immer mehr. Sie setzte sich endlich in dem Kornfelde nieder, und schlief ein. Als die Mutter nach vollendeter Arbeit zurück kam, fand sie unter dem Baume ihr Tvchterchen nicht mehr. Sie wurde um dasselbe sehr besorgt, als sie nach allen Seiten gesucht hatte, und keine Spur von ihm entdecken konnte. Da hörte sie in entgegengesetzter Richtung einen Schuß fallen, und ein großer Geyer stürzte todt in das Kornfeld herab. Der Hund des Jägers drang in das Kornfeld zu dem erlegten Raubvogel hin, und fing laut zu bellen an. Der Jäger, welcher den Schuß gemacht hatte, folgte ihm, und fand das kleine Mädchen, welches durch den Schuß und den herabgefallenen Geyer aus dem Schlafe aufgeschreckt, laut zu weinen angefangen hatte, und nach der Mutter rief. 129 Der Geyer hatte Marien, wie sie schlafend im Kornfelde gelegen, durch sein scharfes Auge entdeckt, hatte sie in der Luft umkreiset, und wollte eben auf sie herab fahren , als ihn der Jäger durch einen glücklichen Schuß tödtete. Keine Rose ohne Dornen. Aettchen ging mit ihrer Mutter zwischen Weingärten spazieren. An dem Rande derselben blüheten die wilden Rosen an dem Hainebuttenstrauche, und dufteten angenehme Wohlgerüche aus. Nettchen wünschte einige dieser schönen Blumen zu haben, und suchte sie von dem Strauche abzubrechen. Aber die Dornen, welche an den Zweigen, auf denen die wilden Rosen blühten, sich befanden, stachen sie sehr, und verwundeten sie an der Hand. Sie konnte keine Rose abpflücken; doch die Mutter schnitt einige derselben mit dem Messer ab, und gab sie dem Töchterchen, das aber viele Vorsicht anwenden mußte, daß die unter denselben befindlichen Dornen es nicht stachen. Da sagte Nettchen: »Die Rosen sind so schön und riechen so angenehm; wenn sie nur keine Dornen hätten!» Die Mutter entgegnete: »Diese Rosen sind das Vorbild aller menschlichen Bemühungen. Wenn wir etwas Angenehmes und Nützliches erreichen wollen, so stoßen wir oft S 130 auf Hindernisse die uns aber nicht abhalten sollen, in unseren Bemühungen fortzufahren, um zu dem nützlichen Zwecke zu gelangen, und wenn wir das Ziel erreicht haben, so müssen wir noch vorsichtig seyn, damit wir es zu unserem Vortheile benützen können. Keine Rose ist ohne Dornen, und kein Genuß ohne Mühe und Arbeit.» Das Täubchen. käthchen, die Tochter einer Weberswitwe im Dorfe Blu menthal, saß vor dem Hause, und spielte mit ihrem Täubchen, das sehr zahm war, auf ihren Armen herum kletterte, sich auf ihre Schulter setzte, die Brosamen und Körner aus ihrer Hand pickte, fort flog, und auf ihren Ruf wieder zurück kam. Die junge Gräfinn Clarissa ging mit ihrer Erzieherinn vorüber, und sah das zahme Täubchen auf Käthchens Hand. Es gefiel ihr sehr wohl, und sie glaubte ihrer jüngeren Schwester, welche eben vom Scharlachfieber genas, und noch einige Wochen im Zimmer bleiben mußte, mit demselben ein großes Vergnügen machen zu können. Sie forderte daher Käthchen auf, ihr das Täubchen für ihre kranke Schwester zu überlassen. Käthchen wurde bey diesem Begehren blutroth im Gesichte; sie hatte das Täubchen sehr lieb, und man verlangte 131 von ihr ein großes Opfer, wenn sie sich von demselben trennen sollte. Da sie aber überlegte, daß es für die kranke junge Gräfin« verlangt werde, der dadurch ein großes Vergnügen bereiter würde, überließ sie der Gräfin» Clarissa ihr liebes Täubchen, ohne ein Geschenk dafür anzunehmen. Die junge Gräfin« sah ein, welches große Opfer K äth« >chen gebracht hatte, indem sie ihr Liebstes, was sie besaß, hingab, um der kranken Schwester eine Freude zu machen, und gewann durch diese schöne Handlung das Mädchen sehr lieb. Sie machte ihre Aeltern mit derselben bekannt, und am folgenden Sonntage erhielt Kä th chen von ihnen einen vollständigen Anzug, welcher sie sehr freute. Als die jüngere Gräfinn ganz genesen war, ließ sie Käthchen zu sich kommen, dankte ihr für das Täubchen, und schenkte ihr ein schönes Halstuch. Die gräflichen Aeltern sorgten dann für das gute Mädchen; sie bezahlten das Schulgeld für Käthchen, ließen sie in allen weiblichen Arbeiten unterrichten, und als sie herangewachsen war, nahmen sie sie in ihre Dienste. Käthchen betrug sich auch hier sehr gut, zeigte eine große Anhänglichkeit an die gräfliche Familie, und blieb so lange bey derselben, bis sie durch Heirath eine gute Versorgung gefunden hatte, wo sie von derselben auch gut aus- gestattet worden war. 9 * Die Schmetterlinge. Auf einem Spaziergange mit dem Vater bewunderte Wilhelm die bunten Schmetterlinge, welche in wunderbarer Farbenpracht glänzten, und von einer Blume zur anderen flogen. Wilhelm wollte die schöneren derselben genauer besehen; aber sie hielten nirgends an, wenn sie sich niedergesetzt hatten, und flatterten immer weiter herum. »So können doch diese bunten Sommervögel nirgends ruhig bleiben,» sagte Wilhelm, »und auf einer Blume länger sitzen, daß man sie genauer beschauen kann; immer flattern sie herum.» »Diese Schmetterlinge,» entgegnete der Vater, »zeigen uns das Bild flatterhafter Knaben, die bey keinem Gegenstände fest halten, immer zerstreut sind, mit ihren Gedanken immer herum schwärmen, alle Viertelstunden eine andere Sache anfangen, und bey keiner lange anhalten, alle Augenblicke zu etwas Anderem Neigung und Lust haben, bey keiner Arbeit ausdauern, und daher nie geschickte und brauchbare Menschen werden.» Nimm keine Nadeln in den Mund. «Hm Junius 1842 ordnete und faltete ein Mädchen in München die langen Fenstervorhänge in einem großen 133 Zimmer, und hielt dabey eine Stecknadel mit den Lippen. Die Frau trat rasch herein, und sprach das Mädchen unversehens laut an. Dieses erschrak, zog dabey den Athem ein, antwortete schnell, und verschluckte die Nadel, daß sie im Schlunde stecken blieb. Hätte das Mädchen sogleich ärztliche Hülfe gesucht, so wäre ihm vielleicht geholfen worden. Aber es gebrauchte Hausmittel so lange, bis die Stecknadel in die Gedärme drang. Da war keine Hülfe mehr möglich. Das Mädchen litt große Schmerzen durch längere Zeit, bis der Tod erfolgte. Der Schmetterlingfang. Julius und Gustav, zwey Brüder, gingen mit den Fangnetzen aus, um Schmetterlinge zu fangen. Sie hatten eine Schachtel und Stecknadeln bey sich, mit welchen sie die gefangenen Schmetterlinge in derselben aufspießten. Sie kamen auf ihrem Streiszuge zu einer blumigen Wiese, auf welcher viele und sehr schöne Schmetterlinge herum flatterten. Sie liefen denselben nach allen Seiten nach, und erhaschten mit ihren Netzen mehrere, welche sie in der Schachtel aufspießten. Je mehr Schmetterlinge sie auf dieser Wiese fingen, desto eifriger stellten sie denselben nach. Sie wurden aber in ihrem 134 Vergnügen unangenehm gestört. Es kam der Feldhüther her- bey, und verjagte sie von der Wiese, weil sie, wie er sagte, das Gras auf derselben zusammen träten. Unwillig kehrten die beyden Brüder nach Hause zurück, und klagten dem Vater, daß der Feldhüther sie von der Wiese abgeschafft, und dadurch sie um ihr Vergnügen gebracht habe. Der Vater entgegnete: »Ich kann dem Feldhüther nicht Unrecht geben, daß er euch von der Wiese vertrieben hat. Ihr habet durch euer Herumlaufen auf derselben viel Gras niedergekreten, und dem Eigenthümer dadurch Schaden zugefügt. Der Feldhüther ist ausgestellt, um allen Schaden auf den Feldern und Fluren zu verhüthen. Er hat seine Pflicht gethan, indem er euch verhindert hat, noch mehr Schaden auf der Wiese anzurichten, und man soll kein Vergnügen suchen, durch welches man Anderen nachtheilig wird.* Der Specht. ^er Vater Ehrenpreis war mit seinen vier Kindern, Franz, Johann, Minchen und Marie, in den Wald spazieren gegangen. Auf solchen Wanderungen pflegte der verständige Vater seine Kinder auf verschiedene Naturgegenstände, die sich ihren Augen darstellten, aufmerksam zu machen, ihnen dieselben, ihren Nutzen und Schaden zu erklären. 135 und sie auf die Allmacht, Güte und Weisheit des Schöpfers hinzuleiten. Auf einem solchen Spaziergange sahen sie einen schwarzen, rothgetupften Vogel in der Größe einer Lerche, mit einem langen Schnabel, der in voller Geschwindigkeit auf dem Stamme eines alten Baumes herum lief, und mit dem Schnabel auf die Rinde desselben klopfte. »Was ist denn das für ein sonderbarer Vogel?» fragten die Kinder fast einstimmig. »Das ist ein Specht, oder wie ihn die gemeinen Leute in der Volkssprache nennen, ein Baum Hacker. Er nährt sich hauptsächlich von Jnsecten und ihren Eyern, und wird dadurch sehr nützlich, daß er das schädliche Ungeziefer vertilgt.» »Der weise Schöpfer hat jedem Thiere den Jnstinct, die natürliche Anlage, gegeben, den Ort aufzusuchen und aufzufinden, wo es Nahrung erhalten kann; er hat ihm aber auch die Werkzeuge gegeben, mit welchen es der Nahrung habhaft werden kann. Der Specht liebt vorzüglich jene Raupen und Larven, welche zwischen der Baumrinde und dem Stamme oder in dem morschen Holze des Baumes sich befinden. Daher läuft er immer um den Stamm herum, klopft mit dem Schnabel auf die Rinde, und sucht dadurch zu erforschen, wo die Rinde hohl aufliegt, und wo sich in dieser Höhlung Raupen und Larven oder Würmer und Jnsecten befinden.» »Hat der Specht eine solche Stelle durch sein Klopfen entdeckt, so haut er mit seinem spitzigen Schnabel ein Loch in die Rinde oder in das morsche Holz, zieht die Raupe, 136 Larve oder das Inject heraus, und verzehrt es. Der Specht wird für die Anstrengung, mit welcher er ein Loch in die Rinde oder in den Baum hauet, immer belohnt, und findet immer reichliche Nahrung. Oft muß er sich freylich mit den Cyern der Schmetterlinge und anderer Znfecten, welche an den Baumrinden kleben, begnügen; aber eben dadurch wird er sehr nützlich, daß er dieselben vertilgt.» »Wie bey diesem Vogel, so entdecken wir bey allen erschaffenen Dingen Spuren von der Weisheit, Allmacht und Güte des Schöpfers, der täglich allen Thieren den Tisch deckt, und Millionen derselben auf eine wunderbare Weise speiset und erhält. Lob und Dank sey dem Allmächtigen!» Liebe der Tochter zur Mutter. ^ie Mutter war schwer krank gewesen, und erhohlte sich nur langsam. Rosalia, ihre gute Tochter, hatte sie durch die lange Dauer der Krankheit mit kindlicher Liebe und uner- müdeter Sorgfalt gepflegt. Die Mutter hatte während ihrer Genesung ein großes Verlangen nach Erdbeeren. Rosalia wußte, daß im Walde auf den Holzschlägen eine Menge derselben zu finden wären. Als die Mutter schlief, schlich sie sich mit einem Töpfchen fort, um Erdbeeren für dieselbe zu sammeln. 137 Der Weg führte über einen Bach, der durch den Gewitterregen des vorigen Tages hoch angelaufen war. Die angeschwollenen Fluthen hatten den Steg, welcher über den Bach führte, mit fortgerissen. Als Rosalia an den Bach kam, sah sie die Schwierigkeit ein, über denselben zu gelangen. Es gab kein anderes Mittel, als ihn zu durchwaten, welches immer gefährlich war. Die Liebe zu ihrer Mutter trieb sie an, es zu wagen. Aber in der Mitte desselben gerieth sie in ein Tümpel; die Fluthen warfen sie, sie verlor den Boden unter den Füßen, und gerieth in Gefahr zu ertrinken. Zum Glücke arbeitete ein Holzhauer in der Nähe, der sie verunglücken und mit den Wellen kämpfen sah. Er rettete sie aus der großen Gefahr, und brachte sie an das jenseitige Ufer. Jedes andere Mädchen würde nach diesem Vorfälle nach Hause zurückgekehrt seyn. Aber Rosaliens Liebe zur Mutter war so groß, daß sie nichts abhalten konnte, der Mutter das Vergnügen mit den Erdbeeren zu bereiten. Sie sammelte das Töpfchen voll auf dem Holzschlage, und schickte sich an, mit denselben zur Mutter nach Hause zurück zu kehren. Der gefällige Holzhauer zeigte ihr in dem Bache eine Stelle, wo sie denselben ohne Gefahr durchwaten konnte, und so gelangte sie glücklich zur Mutter nach Hause zurück, welche eine große Freude an den Erdbeeren hatte, und innig gerührt wurde, als sie erfuhr, mit welcher Gefahr die gute Tochter dieselben gesammelt hatte. 138 Das Gespenst. Ernestine war furchtsam, und gekrankte sich nicht im Finstern allein zu gehen. Der Vater suchte ihr diese thörichte Furcht abzugewöhnen. Eines Abends hatte Ernestine, als sie mit ihren Aeltern und Brüdern aus dem Garten zurück kehrte, in der Laube ihr Schnupftuch vergessen. Erst bey Tische, als es schon finster geworden war, vermißte sie es. Der Vater forderte Ernestinen auf, das Schnupftuch zu hohlen. Ernestine wurde blutroth im Gesichte; sie durfte sich nicht weigern, den Willen des Vaters zu vollziehen, und zitterte zugleich vor Angst, daß sie sich allein in der Dunkelheit in den Garten begeben sollte. Sie erhob sich nun langsam von dem Sessel, und blickte voll Besorgniß ihre Brüder an. Gottlieb, der älteste derselben, stand auf und winkte Ernestinen, zum Zeichen, daß er sie in den Garten begleiten wolle. Als sie in die Laube traten, glotzten ihnen ein Paar feurige Augen unter der Bank entgegen. Ernestine erschrak heftig, stieß einen lauten Schrey aus, klammerte sich * an den Bruder, und wollte entfliehen. Gott lieb aber befahl ihr zu bleiben, zog sie mit zu der Stelle hin, wo unter der Bank die zwey feurigen Augen hervor leuchteten, und fand dort die Hauskatze, welche auf Mäuse lauerte. 139 Gottlieb lachte über seine Schwester, daß sie die Katze für ein Gespenst angesehen hatte, und Ernestine nahm sich vor, ihre Furcht zu bezwingen, und auf Gegenstände, die ihr fürchterlich erscheinen, vorsichtig los zu gehen, und sie zu untersuchen. Die Raupe. Äemilian war mit seinem Vater in den Wald gegangen. Dort fanden sie auf einem Eichbaume eine schöne Raupe, und nicht weit davon flatterte ein bunter Schmetterling herum. Da sagte Aemilian: »Wer sollte es glauben, daß aus den Raupen, welche die Blätter der Bäume abnagen, so schöne Schmetterlinge entstehen?» »Alle Raupen,» entgegnete der Vater, »wenn sie mehr« mahl die Haut abgelegt haben, ziehen aus sich selbst Fäden, umwickeln sich mit denselben, und spinnen sich zu Puppen ein. Zn diesem Gehäuse bleiben sie längere Zeit wie leblos liegen, beißen dann die Decke, welche sie umgibt, durch, und gehen als Schmetterlinge hervor, welche dann auf den Blumen einige Zeit herum flattern, Eyer legen, und dann sterben. Aus diesen Eyern entstehen wieder Raupen, aus den Raupen Puppen und aus den Puppen Schmetterlinge.» »So hat es der weise Schöpfer eingerichtet, daß daS Entstehen, Seyn und Vergehen in der Natur immer 140 abwechseln. So wie aus der in der Puppe verborgenen Raupe ein schöner Schmetterling hervor bricht, so werden auch wir aus dem Grabe verklärt hervor gehen.» Die sanfte Schwester. _ ^ Vritz hieb im Garten muthwillig mit einer Gerte herum, und traf unversehens seine Schwester Therese so empfindlich in's Gesicht, daß sie vor Schmerz weinte. Das that dem Bruder sehr leid, und um seine Schwester zu besänftigen, gab er ihr die Gerte in die Hand, und sagte: »Schlag' auf mich zu, damit ich auch Schmerz empfinde, weil ich so unvorsichtig war, Dich in das Gesicht zu treffen.» »Es war nicht Dein Wille, lieber Bruder,» entgegnete Therese, »mir Schmerz zu verursachen, und wenn Du mich auch absichtlich geschlagen hättest, so würde ich Dir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Sey nur ein anderes Mahl vorsichtiger, damit Du nicht auch Anderen Schaden thuest, die es Dir nicht so leicht verzeihen würden.» Das Testament. ^er reiche Juwelenhändler Horst hatte eine arme Verwandte als ein Mädchen von acht Jahren zu sich in's Haus 141 genommen, und bis zum zwölften Jahre erzogen, wo er starb. Cr hatte ihr ein bedeutendes Vermächtniß in seinem Testamente ausgesetzt; aber sein leichtsinniger und pflichtvergessener Sohn vertilgte heimlich das Testament, und jagte Martha, so hieß die Verwandte, aus dem Hause. Eine Putzhändlerinn nahm sich des armen Mädchens in seiner hülflosen Lage an, und unterrichtete sie in den Putzarbeiten. Nach einigen Jahren wurde Martha, die sich zu einer liebenswürdigen Jungfrau ausgebildet hatte, zu einer reichen Frau, welche erst seit kurzer Zeit ihren Wohnort in der Stadt genommen hatte, mit einer neuen Haube geschickt. Der Frau gefiel das artige Betragen Martha's, und sie ließ sich in ein längeres Gespräch mit ihr ein, in welchem sie nach ihren Lebensverhältnissen forschte. Als die Frau erfuhr, daß Martha eine Verwandte des verstorbenen Juwelenhändlers Horst und nach dessen Tode von dem Sohne lieblos verstoßen worden sey, war sie sehr überrascht; denn diese Frau war Horft's Schwester, welche aber seit vielen Jahren mit dem Bruder in Zwietracht gelebt, ihn nie besucht, und entfernt von demselben auf dem Lande gelebt hatte. Horst's Sohn hatte indessen das von dem Vater ererbte Vermögen größten Theils durchgebracht. Die Frau gewann Martha so lieb, daß sie dieselbe zu sich in's Haus nahm, sie wie eine leibliche Tochter behandelte, und zur Erbinn ihres ganzen Vermögens einsetzte. Indessen war Horst's Sohn in die größte Dürftigkeit gerathen. Martha unterstützte ihn als ihren Verwandten, 142 und dieser Edelmuth beschämte ihn so sehr, daß er unter bitteren Thränen gestand, wie verbrecherisch er einst an Martha gehandelt hatte, als er das Testament des Vaters unterschlug. Die unbekannte Wohlthäterinn. 0 > «Hm Erdgeschosse eines Hauses in einer Vorstadt Wien'S wohnte ein steinaltes Mütterchen, das gar nichts mehr erwerben konnte, indem es an den Händen sehr zitterte, und nur gebückt mit dem Stocke einher gehen konnte. Die arme Frau lebte von einer kleinen Pfründe aus der Armenversorgung und von den Gaben wohltätiger Menschen. Wenn Amalie an diesem Hause vorüber ging, was fast täglich auf dem Wege in die Schule geschah, so legte sie die Semmel, welche sie zum Frühstücke bekommen hatte, oder Obst heimlich auf das offene Fenster der armen.Frau, und entfernte sich schnell, um nicht gesehen zu werden. Wenn Amalie ihr Taschengeld oder sonst ein Geschenk an Geld erhielt, so theilte sie der armen Frau immer heimlich und auf die nähmliche Art davon mit. Diese konnte nicht begreifen, woher alle diese Gaben kämen, und meinte schon, daß ein wohltätiger Engel ihr dieselben hinlege. Sie lauerte nun auf, und lernte ihre kleine Wohlthäterinn kennen, die aber sogleich sich wieder 143 entfernte, ohne daß ihr die alte Frau danken konnte; aber sie bethete zu Gott, daß er das gute Kind für die Wohl- thaten, die es ihr erwies, segnen möchte. Nach einigen Tagen saß die alte Frau auf einem Bank« lein vor dem Hause, und sah Amalien mit ihrer Mutter kommen. Sie ging ihnen mit schwankenden Schritten und auf ihren Stock gestützt entgegen, und sagte zur Mutter: »Gott hat Sie, verehrte Frau, reichlich gesegnet, daß er Zhnen eine so gute Tochter gab,» und fuhr zu Amalien gewendet fort: »Nur der Allmächtige kann Ihnen, liebes Kind, die Wohlthaten belohnen, welche Sie mir täglich spenden.» Sie erzählte nun der Mutter, wie sich Amalie wohk- thätig an ihr bezeige, und auch keinen Dank dafür ernten wolle. Die hocherfreute Mutter drückte Amalien an ihr Herz, und sprach: »Gott hat mich wahrhaftig gesegnet, wenn Du fortfahrest, immer eine so gute Tochter zu seyn!" Eile mit Weile. Äls Victor nach einem heftigen Gewitterregen auf das Feld ging, und unter hohe Pappelbäume kam, sah er einen jungen Finken, dem der Regen die Flügel und alle Federn durchnäßt hatte, der daher nicht hoch fliegen konnte, und auf der Erde im Grase herum hüpfte. 144 Victor lief ihm nach, um ihn zu fangen. Wenn er schon nahe bey dem Vogel war, flog derselbe wieder eine Strecke fort, und bekam dadurch einen Vorsprung. Victor setzte dem Vogel immer hitziger nach, sah mehr nach demselben, als auf den Boden, und fiel in einen Graben, der mit Wasser gefüllt war. Victor war von oben bis unten mit Koth besudelt, ließ den Vogel in Ruhe weiter ziehen, und kehrte beschämt nach Hause zurück. Der Zorn. HU et a war auf einen Kinderball geladen. Sie war eitel, gefallsüchtig und auch jähzornig. Sie wollte bey diesem Palle die Schönste und am zierlichsten angezogen in der ganzen Kindergesellschaft seyn. Durch acht Tage hatte sie schon den Putz zu diesem Kinderfeste vorbereitet. Als es am Ballabende zum Ankleiden kam, wollte ihr bald dieses bald jenes nicht gut passen, und als ihr das Stubenmädchen die Nosenguirlande in den Haaren befestigte, und es nicht nach ihrem Geschmacke machte, wurde Meta so böse, daß sie die Guirlande von dem Kopfe riß, und auf den Boden warf. Die Mutter hatte alles dieses im Nebenzimmer gesehen und gehört. Sie ging auf Meta zu, faßte sie bey der Hand/ führte sie vor den Spiegel und sagte: »Sieh Dich nun an, 145 wie der Zorn Deine Gesichtszüge entstellt hat, und wie garstig Du aussiehst. Du bist eitel und gefallsüchtig, und noch dabey jähzornig. Lege wenigstens den Jähzorn ab, der Deiner Eitelkeit und Gefallsucht im Wege steht. Vielleicht wirst Du dann auch vernünftiger, und suchest durch gute Eigenschaften und Geschicklichkeit mehr zu gefallen, als durch die verwerfliche Putzsucht.» Der Aprikosen-Baunr. Vritz sah den Vater, der sich in den freyen Stunden gern mit der Obstbaumzucht beschäftigte, Obstbäume in den Garten pflanzen. Er bath den Vater, daß er ihm ein Aprikosen-Bäumchen schenken möchte, das er selbst an einem schicklichen Platze im Garten setzen, und als Eigenthum betrachten werde. Der Vater that Fritzen nach dessen Willen, und half ihm das Bäumchen pflanzen. Fritz pflegte dasselbe in der Folge sorgfältig; er begoß es fleißig, reinigte es vom Unkraute und von den Raupen, und lockerte oft die Erde um den Stamm herum auf. Er hatte die Freude, daß es kräftig heran wuchs. Als es die ersten Blüthen ansetzte, mußte Fritz in eine weit entfernte Erziehungsanstalt wandern, in welcher er sechs Jahre verweilte. Als Fritz nach dieser Zeit zu seinen Aeltern wieder zurückkehrte, besuchte er auch seinen Aprikosen- 10 146 Baum, welcher von schönen und vollsaftigen Früchten strotzte. Fritz bezeigte seine Freude hierüber dem Vater. Dieser freuete sich mit ihm, und sagte: »Dieser Baum, welchen Du als Kind gepflanzt und gepflegt hast, gleicht jeder guten Eigenschaft, welche Du in der ersten Fugend angenommen hast. Je mehr und je besser Du sie pflegst, je sorgfältiger Du Alles entfernest, was nachtheilig auf sie einwirken könnte, desto reichlichere Frücbte wird sie in der Folge bringen?' Die zerbrochene Flasche. Aüalentin hatte seinen Mitschüler Arnold besucht, welcher einen zahmen Zeisig hatte, der auch angenehm sang, und ihm daher viele Freude machte. Auch dem Valentin gefiel der Vogel sehr gut, und als ihm Arnold sagte, daß der Vogelkrämer, von dem er denselben gekauft hatte, noch einen zweyten ähnlichen Zeisig habe, so kam ihm die Lust an, denselben zu besitzen. Als Valentin nach Hause zurückgekehrt war, nahm er sein Taschengeld zu sich, und machte sich auf den Weg zum Vogelkrämer, um den Zeisig zu kaufen. Ehe er zu demselben kam, sah er einen Schuhmacher- Lehrjungen, der bitterlich weinte. Er war von seinem Meister geschickt worden, um eine Maß Bier zu hohlen. Auf dem 147 Rückwege strauchelte er, siel, zerbrach die Flasche, und die Maß Bier war ausgegossen. Der Lehrjunge jammerte, daß er wegen dieses Unfalles eine tüchtige Tracht Schläge von seinem Meister bekommen werde. Valentin hatte Mitleiden mit dem armen Lehrjungen, gab ihm das Geld zum Ankäufe der Flasche und des Bieres, that gern Verzicht auf den Zeisig, und freuete sich, eine gute That ausgeführt zu haben. Die Aprikosen. §)er Gärtner hatte einen Korb voll der schönsten Aprikosen aus dem Garten gebracht, und weil die Mutter nicht zu Hause war, der Tochter Jacobine übergeben. O wie lüsterte ihr der Mund, um einige dieser süßen und vollsaf- tigen Früchte zu verkosten! Jacobine hätte auch einige davon essen können; sie waren nicht gezählt, und die Mutter hätte den Abgang derselben gar nicht bemerken können. Aber sie hatte Jacobinen verbothen, zu naschen, und Obst ohne ihre Erlaubniß zu nehmen und zu essen. Es war für Jacobinen ein harter Kampf. Die roth- backigen Aprikosen lächelten sie an, ihr Duft stieg ihr in die Nase, und schon wollte sie eine zum Munde bringen, als das Gewissen ihr sagte: »Jacobine, Du willst etwas Unrechtes 10 * 148 thun! Du willst gegen das Verbots, der Mutter handeln!» Schnell trug sie die Aprikosen in die Speisekammer, schloß sie fest zu, und freuete sich dann, daß sie der Versuchung standhaft widerstanden hatte. Schonung. Menjamin hatte im Garten in der Hecke das Nest der Grasmücken entdeckt. Schon waren die Jungen aus den Eyern ausgefallen, und das Männchen und Weibchen ätzten sie mit unermüdeter Sorgfalt. Benjamin sah den Alten oft lange zu, wie sie unermüdet Raupen suchten, und den Jungen brachten, welche die Schnäbel weit aufsperrten, wenn sie die Alten mit dem Futter ankommen sahen. Besonders gefiel ihm, daß sie die Jungen der Reihe nach, eines nach dem anderen fütterten, keines übersahen, und dafür sorgten, daß keines mehr als das andere bekam. Er hatte sich vorgenommen, die Jungen, wenn sie flügge geworden sind, aus dem Neste zu nehmen, und in einem Käfige aufzuätzen. Als er aber schon daran war, dieses zu thun, fiel ihm ein, daß er die Alten, die ihn so oft durch ihren lieblichen Gesang erfreuet hatten, sehr betrüben würde, wenn er ihnen die Jungen raubete, und daß die Jungen, wenn sie die Pflege und Aetzung der Alten entbehren müßten, leicht sterben könnten; da sie entgegen, wenn sie unter 149 dem Schutze ihrer Aeltern im Freyen heran wüchsen, ihn künftiges Frühjahr durch ihren Gesang erfreuen würden. Benjamin gab sein liebloses Vorhaben auf, und hatte seine Freude daran, wie die Jungen in kurzer Zeit mit den Alten aus dem Neste flogen, auf der Hecke herum hüpften, und froh zu zwitschern anfingen. Der Senfstrauch. Ludwig betrachtete in dem Garten einen Senfstrauch, der so hoch herangewachsen war, daß die Vögel sich auf seinen Zweigen schaukelten, und die reifen Körner heraus zu picken suchten. Er wunderte sich sehr, wie aus dem kleinen Senfkörnlein in kurzer Zeit ein so großer Strauch hervor wachsen könne, und gab seine Verwunderung dem Vater zu erkennen. »Daraus,» sprach der Pater, »kannst Du, mein Sohn, eine nützliche Lehre ziehen. Wie aus dem Senfkörnlein ein großer und nützlicher Strauch erwachsen kann, so wird auch der Same des Guten, welchen ich und Deine Mutter und Deine Lehrer in Dein zartes Herz pflanzen, gedeihen, zur kräftigen That empor wachsen, und reichliche Früchte bringen, wenn Du ihn gern aufnimmst, gut pflegest, kein Unkraut neben ihm aufkommen lassest, das ist: wenn Du jede böse Neigung neben der Neigung zum Guten unterdrückest und ausrottest; dann wird Dein Wille zum Guten erstar- 150 ken, und Du wirst gute Handlungen verrichten, die auch Anderen zum Nutzen kommen, wie der aus einem kleinen Körnlein erwachsene Senfstrauch den Vögeln des Himmels Schutz und Nahrung gibt.» Der Stechapfel. Äls der Vater mit Ludwig aus dem Garten zurück kehrte, sahen sie außerhalb dem Zaune desselben einen Stechapfelstrauch, an dessen dickem Schafte viele Zweige sich ausbreiteten, die mit trichterförmigen Blüthen und stacheligen Früchten besetzt waren. »Auch dieser große Strauch,» sprach der Vater zum Sohne, »ist aus einem kleinen schwarzen Kerne, und zwar ohne Pflege, herangewachsen; aber er bringt keinen Nutzen, sondern ist vielmehr sehr schädlich; indem die Samenkerne, welche sich in der stacheligen Fruchtkapsel befinden, ein betäubendes, ja tödtliches Gift enthalten; daher wir diesen schädlichen Strauch sogleich vertilgen wollen.» »Er ist aus einem zufällig hier in den Boden gerathe- nen Kern entstanden, und weil man die Pflanze, welche aus demselben hervor keimte, nicht sogleich ausriß, ist er zu einem mächtigen Strauche herangewachsen, der nur Schaden bringen kann, und durch den Samen, welchen seine Frucht- 15l kapseln enthalten, sich immer weiter fortpflanzen, und mehr Unheil stiften würde, wenn wir den Strauch nicht vertilgeten.» »So geschieht es auch mit dem Samen des Bösen, der sich unvermerklich in unser Herz durch Worte und böse Bey- spiele einschleicht. Wenn wir nicht sogleich demselben wehren, so schlägt er Wurzel, keimt, und wächst stark heran, daß man die Neigung zum Bösen nicht so leicht mehr unterdrücken und ausrotten kann. Diese Neigung zum Bösen, wenn sie so weit erstarkt ist, daß sie schädliche Früchte bringt, verbreitet sich immer weiter, wie aus einer Sünde immer eine andere entsteht, bis bittere Reue und Strafe folgen, welche den Willen zum Böfen zwar hemmen, aber nicht ganz vertilgen können?' «Darum, mein Sohn, wache, daß sich die Neigung zum Bösen nicht in Dein Herz einschleiche, und wo sie erwachet, wende alle Sorgfalt an, sie zu unterdrücken, bevor sie zur bösen That erstarket.» Muthwille und Strafe. An einem Hause in München zog man Wolljacke auf den Dachboden. Diese wurden an einem langen Seile mit einem eisernen Haken befestigt, und vier Stockwerke hoch hinaufgehaspelt. 152 Ein Lehrsunge sah diesem Geschäfte zu; ihm kam die Lust an, sich mit dem Wolljacke auf den Dachboden hinauf ziehen zu lassen, und er wollte sich zu diesem Ende an den Haken anhängen. Die Arbeiter widerriethen es ihm, und da er von seinem muthwilligen Vorhaben nicht «blassen wollte, jagten sie ihn mit Gewalt davon. Aber ehe sie sich's versahen, hatte der Lehrjunge, als ein Wollsack wieder aufgezogen wurde, den Haken schnell mit beyden Händen erfaßt, und hielt sich so fest daran, daß er mit demselben in die Höhe gezogen wurde. So gelangte er bis zu dem vierten Stockwerke, als ihn die Kräfte verließen, und seine Hände von dem Haken abgleiteten. Er fiel auf das Straßenpflaster herab, und beschädigte sich so sehr, daß er einige Tage darauf starb. Dieser Unglücksfall hat sich am 14 . Julius 1842 ereignet. Der Pfahl an dem Baume. ä^scar ging mit seinem Vater durch die Gärten eines Dorfes. Er sah mehrere Bäume, welche schlank und gerade gewachsen, andere aber, deren Stämme krumm und verkrüppelt waren. »Woher kommt es," fragte der Sohn den Vater, »daß nicht alle Bäume einen geraden Wuchs haben?" 153 »Dieses kommt von ihrer Zucht her," antwortete der Vater. »Die gerade und schlank gewachsenen Bäume hat man, so lange sie noch jung und biegsam waren, an Pfähle gebunden, damit sie gerade wuchsen, und wo ein Band durch den Wind oder einen anderen Zufall locker oder losgerissen worden war, hat man sogleich ein anderes wieder angelegt, damit das Bäumchen an dem Pfahle fest halte." »Bey den krumm gewachsenen Bäumen hat man dieses vernachlässiget, und sie ihrem Schicksale überlassen." »Man kann die Bäume mit wohlerzogenen, gut gesitteten und mit ungezogenen, lasterhaften Menschen vergleichen. Glücklich sind die Kinder, welche, wie das Bäumchen an den Pfahl, an ihre Aeltern, Erzieher und Lehrer sich halten, ihre Ermahnungen und Lehren befolgen, und ihr gutes Beyspiel nachahmen. An der Seite derselben und unter ihrer Leitung wachsen sie zu guten und brauchbaren Menschen heran: da entgegen jene Kinder, die ohne Obhuth der Aeltern, Lehrer und Erzieher allein dastehen, sich derselben gewaltsam entziehen, oder durch böse Beyspiele und Anlockungen von denselben entfernt werden, in Rohheit und Unwissenheit heran wachsen, ihren bösen Neigungen folgen, und daher zu lasterhaften und unbrauchbaren Menschen verkrüppeln. 154 Ein unbesonnener Scherz von üblen Folgen. Wier Handwerksgesellen in Pesth gingen an einem schwüh- len Sommertage in die Donau baden. Drey derselben konnten gut schwimmen; der vierte rühmte sich nur dieser Kunst, ohne es in derselben weit gebracht zu haben. Sie entkleideten sich auf einem Flosse. Die drey geübten Schwimmer sprangen muthig in's Wasser, und plätscherten luftig in demselben herum. Der Vierte zauderte, ihnen an dieser Stelle, wo der Strom schon tief und reißend war, zu folgen. Da ergriff ihn einer der Gesellen bey den Füßen, und zog ihn gewaltsam in den Strom. Dieser konnte sich auf der Oberfläche des Wassers nickt erhalten, wurde von dem Strome ergriffen, und ehe ihm die anderen Gesellen zu Hülfe kommen konnten, unter einen tiefer unten stehenden Floß mit fortgerissen, wo er ertrank. Höflichkeit. Eine alte, reiche Frau hatte sich in ein Dorf gezogen, um der reinen Luft zu genießen, und ihre Gesundheit besser zu pflegen. Wenn die Kinder aus der Schule gingen, so führte r ?k r ? X X 155 sie der Weg bey dem Hause, in welchem die alte Frau wohnte, vorüber. Diese saß oft auf einer Bank vor demselben. Die meisten Kinder gingen an der alten Frau vorüber, ohne auf sie zu achten; Lottchen aber grüßte sie immer höflich und freundlich, und wo sie dieselbe im Dorfe oder auf Spaziergängen begegnete, ging sie auf die alte Frau zu, und küßte ihr ehrerbiethig die Hand. Diese Höflichkeit gefiel der alten Frau sehr wohl; sie schenkte Lottchen öfters Obst und Backwerk, und ließ sie endlich nach der Schule zu sich kommen, wo sie das Mädchen im Sticken, Nähen und anderen nützlichen Handarbeiten unterrichtete. Lottchen zeigte bey denselben viel Anstelligkeit und Fleiß, und betrug sich so gut, daß die alte Frau das Mädchen lieb gewann. Als Lottchen der Schule entwachsen war, nahm sie die alte Frau in den Dienst, unterrichtete sie im «Kochen und in der ganzen Haushaltung, und erzog sich an Lottchen einen fleißigen, anhänglichen und treuen Dienstbothen. Lottchen blieb bis zu dem Tode der alten Frau in ihrem Dienste. Diese hatte Lottchen in ihrem Testamente ein beträchtliches Vermächtniß zugesichert. 156 Der Threrquäler. ZOasilius war ein mutwilliger, ungeratener Bube, der nicht nur, wo er konnte, seine Geschwister, Mitschüler und Gespielen neckte, und ihnen manchen boshaften Streich spielte, sondern auch Hunde, Katzen, Schafe, Schweine und andere Hausthiere gern mißhandelte. Nicht einmahl die Schwalben ließ er in Ruhe, welche sich doch zutraulich den menschlichen Wohnungen nähern, an den Mauern unter dem Dache, auf offenen Gängen und in den Viehställen ihr Nest bauen, und dadurch sehr nützlich werden, indem sie für sich und ihre Jungen eine unendliche Menge Fliegen, Mücken, Wespen und anderes Ungeziefer wegfangen. Em Schwalbenpaar hatte sein Nest hoch oben an der Mauer unter dem Saume des Daches gebaut, und schon Junge in demselben ausgebrütet. Basilius ärgerte sich, daß sie ihren Unrat neben der Eingangsthür fallen ließen, und dadurch diese Stelle verunreinigten. Er ergriff eine Stange, und stieß mit derselben das Nest sammt den Jungen herab. Aengstlich flog das Schwalbenpaar herum, und zwitscherte traurig, daß man so grausam ihre Brut zerstörte; aber dem lieblosen Thäter blieb die Strafe nicht aus. Wie Basilius das Nest teilweise mit der Stange herab stieß, fiel ihm Staub und Unrath in's rechte Auge, welches ihn -»schmerzte. Cr fing an, dasselbe zu reiben, und zog sich da- 157 durch eine Augenentzündung zu, welche so schlecht geheilt wurde, daß er an dem rechten Auge erblindete. Strafe des Ungehorsams. Verdinand war fleißig, und erwarb sich Kenntnisse und Geschicklichkeiten, welche hoffen ließen, daß er einst ein gutes Fortkommen in der Welt finden werde. Sein Fehler aber war, daß er sich auf dieselben zu viel einbildete, oft guten Rath verschmähte, weil er seinen Einsichten zu viel vertraute, und eigensinnig nach eigenem Gutdünken handelte. Er widmete sich den Handelsgeschäften, und fand bald einen Platz, der ihn nicht nur gut nährte, sondern ihm auch Aussichten auf eine bessere Zukunft eröffnete. Damit war er aber nicht zufrieden; denn er meinte, daß er im Verhältnisse seiner Leistungen einen noch größeren Gehalt verdiene, und da er hörte, daß unternehmende Handelsleute in kurzer Zeit in Aegypten zu großen Reichthümern gelangt seyen, entschloß er sich dahin, nach Afrika, in den fremden Erdtheil, zu reisen. Diesem seinem Vorhaben widersetzten sich seine Aeltern aus guten Gründen; Ferdinand aber ließ sich nicht abhalten, die weite Reise zu unternehmen. Bey dem Abschiede vom Vaterhause sagte die Mutter, daß Ferdinand bey seinem Plane kein Glück haben werde, weil er eigensinnig 158 gegen den Willen seiner Leitern handle. Ferdinand achtete nicht auf die Worte der Mutter z er schiffte sich auf einem Kauffahrtey-Schiffe ein. Die Seereise ging Anfangs glücklich. Das Schiff wurde aber dann durch einen Sturm überfallen, und auf verborgene Klippen getrieben, wo es scheiterte. Die größere Zahl der Reisenden und der Schiffsmannschaft wurde gerettet, Ferdinand aber von den Wellen verschlungen. Geld ohne Werth. ^re Fabel ist bekannt, daß eine hungerige Henne, welche auf dem Düngerhaufen scharrte, und einen Diamanten fand, ausrief: »Wäre dieses Edelgestein doch ein Gerstenkorn!" So kann auch das blanke Geld seinen ganzen Werth verlieren. Ein Soldat, welcher früher gute Beute im Kriege gemacht hatte, und Gold- und Silberstücke in der Tasche trug, irrte, als sein Regiment in die Flucht geschlagen und zerstreuet worden war, flüchtig in den Wäldern herum, und suchte sich vor den Feinden zu verbergen. Es fehlte ihm aber an Nahrung, und er wäre froh gewesen, wenn er nur eßbare Beeren im Walde gefunden hätte. Hunger und Durst quälten ihn, denn seit dem Anfänge der Schlacht hatte er keinen Bissen gegessen. 159 Von ungefähr griff der Soldat in die Tasche, und fand unter den Gold- und Silberstücken ein Brotrindchen, welches er begierig hervor zog und verzehrte, das aber seinen Hunger nicht stillen konnte. Da nahm er eine Hand voll Geld heraus, um zu untersuchen, ob sich nicht einige Brosamen unter demselben befänden, und rief wehmüthig aus: »O könnte ich diese Gold- und Silberstücke in Brot verwandeln!» Die Leiden bessern. «Fldephons, ein leichtsinniger Jüngling, hatte seine Zeit in Saus und Braus zugebracht, nie über sein Thun und Lassen nachgedacht, und auf die Zukunft ganz vergessen. Er hatte von seinen Aeltern ein beträchtliches Vermögen ererbt, welches ihn in den Stand setzte, auf seine Faust zu leben, ohne um einen ordentlichen Erwerb sich umzusehen. Erbrachte seine Zeit bey Eß- und Trinkgelagen, am Spieltische und auf der Jagd, mit Reiten und Fahren, mit dem Besuche großer Gesellschaften und im Taumel abwechselnder Vergnügungen zu, so daß er selten zu sich selbst kam, und über sein Treiben Nachdenken konnte. Da Jldephons im Essen und Trinken nie Maß hielt, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage machte, und ein unordentliches Leben führte, litt bald seine Gesundheit, und er verfiel in eine schwere Krankheit, welche ihn dem 160 Tode nahe brachte. Auf das Krankenbett hingestreckt und von seinen Tisch-, Spiel- und Jagdfreunden verlassen, hatte Jldephons Zeit, über seine bisher geführte Lebensart, die ihn auf das Krankenbett gebracht hatte, nachzudenken. Der Gedanke an den nahen Tod war ihm schrecklich. Er sah ein, daß er des gerechten Gottes, der vielleicht die sündige Seele bald von ihm abfordern und über dieselbe Gericht halten werde, ganz vergessen habe. Bittere Reue über den bisher geführten Lebenswandel erfüllte sein Herz. Cr bethete zu Gott um Vergebung seiner Sünden, und versprach Besserung, wenn der Allmächtige und Höchstgütige ihm die Gesundheit wieder verleihen möchte. Nachdem Jldephons zu Gott sich gewendet hatte, wurde sein Gemüth ruhiger, welches auch zur Hebung der Krankheit beytrug. Er hörte nicht auf, gute Vorsätze zu machen. Jldephons genas nach einem Krankenlager von drey Mvnathen, und hielt, was er versprochen hatte. Cr änderte seine Lebensweise, wurde ein gottesfürchtiger, thä- tiger und nützlicher Mensch, und äußerte in der Folge oft, daß er die überstandene schwere Krankheit als eine Wohlthat Gottes ansehe, indem ihn der Allgütige durch dieselbe auf den Weg der Besserung gebracht habe. j61 Bestrafter Neid. ottlieb war der vorzüglichste Schüler unter den hundert anderen Knaben, welche die nähmliche Schule besuchten; denn er hatte nicht nur gute Anlagen, sondern auch einen uner- müdeten Fleiß. Dabey war er bescheiden, verträglich, dienstfertig und wohlwollend gegen alle Mitschüler. Alle liebten und achteten ihn, bis auf Frigdian, der dem Gottlieb an Kenntnissen und gutem Fortgange nahe stand, ihn aber nie erreichen, noch weniger überflügeln konnte. Dieses erregte Neid bey ihm. Er konnte Gottlieb nie mit freundlichen Augen ansehen, und wo er dessen guten Ruf schmälern oder ihm schaden konnte, da that er es gewiß, und zwar immer so heimlich, daß er nicht in Verdacht kommen konnte. Frigdian blieb gern nach geendetem Unterrichte in dem Schulzimmer unter dem Vorwände zurück, daß er noch etwas schreiben oder eine Ausgabe vollenden wolle. Wenn Gott lieb seine Schulhefte oder Schreibbücher in der Schule zurückgelassen hatte, so verdarb ihm Frigdian oft etwas daran. Gottlieb warf einen Verdacht auf ihn, wollte aber aus Gutherzigkeit bey dem Lehrer darüber nicht klagen; doch erfuhr es dieser durch einen Schüler, mit welchem Gottlieb darüber gesprochen hatte, daß man in seiner Abwesenheit die zurückgelassenen Schulhefte ihm muthwillig verderbe. II 162 Der Lehrer beschloß heimlich aufzulauern, um dm Thäter zu ertappen. An einem Tage hatten die Schüler angefangen, die Probeschriften für die Prüfung zu Ende des Schuljahres zu schreiben. Gottlieb schrieb mit allem Fleiße, konnte sie aber nicht vollenden; auch Frigdian brachte sie nicht zu Ende, und blieb nach der Schulstunde zurück, um sie fertig zu machen. Alle anderen Schüler hatten die Schule verlassen, nur Frigdian allein befand sich in derselben. Der Lehrer hatte sich auch entfernt, und belauschte den Knaben durch das Fenster des Schulzimmers. Da sah er, wie Frigdian zu Gott lieb's noch nicht vollendeter Probeschrift einige fehlerhafte Buchstaben dazu schrieb. Frigdian wurde auf der That ertappt, und von ddm Lehrer über sein liebloses und neidisches Benehmen zur Rede gestellt. Zur Strafe sollte er den zweyten Schukpreis verlieren, der ihm zugedacht war. Doch Gottlieb, der nichts weniger als rachesüchtig, sondern sehr versöhnlich war, bath den Lehrer so lange, bis er dem Frigdian verzieh, und ihm die Strafe erließ. Lhrerquälerey. ^)er kleine Klaus fing oft Schmetterlinge, riß ihnen die Flügel aus, und ließ sie dann fortkriechen. Der Knabe mochte 163 wohl nicht daran gedacht haben, welche Schmerzen er den armen Thierchen dadurch mache, sonst würde er es gewiß unterlassen haben. Auch mit den Fliegen, die er als lästige Thiere lieber sogleich hätte todt machen sollen, ging er so hart um. Cr sollte aber dafür bestraft werden. Als er eines Tages im Garten war, sah er eine große wilde Biene von einer Blume zur anderen herum flattern. Er lief derselben nach, und suchte sie zu erhaschen, was ihm auch gelang. Aber die Biene stach ihn so schmerzlich in die Hand, daß er laut aufschrie, und dieselbe aufzuschwellen anstng. Als es der Knabe seinem Vater klagte, daß ihn die wilde Biene so schmerzlich gestochen habe, sagte der Vater: »Du hast dem Thierchen Leides zufügen wollen, es hat sich gewehrt, damit Du es los lassest. Dich schmerzt der Stich; wie viel mehr mußte es den Schmetterlingen und Fliegen Schmerzen verursachen, wenn Du ihnen die Flügel ausrissest. Denke nur, welchen großen Schmerz Du haben würdest, wenn man Dir eine Hand oder einen Fuß auszöge?» Das Gebeth. Die Witwe Martha war längere Zeit durch Krankheit verhindert, ihrem Erwerbe nachzugehen, wodurch sie in solche Noch gerieth, daß sie nicht mehr hinlänglich Brot für sich 11 * 164 und ihre vier Kinder hatte. Als eines Tages das letzte Kindchen aufgezehrt war, und die Kinder noch nicht gesättigek waren, und um Brot bathen, sagte die Mutter zu Eva, der ältesten, zehnjährigen Tochter: »Geb zur Frau Pathinn Hilmengard, und bitte sie, mir einen Laib Brot zu leihen. Sag' ihr, in welcher Noth wir sind, und sie wird Dir die Bitte nicht abschlagen.» Eva eilte fort zu der Frau Pathinn, welche in einer einsam gelegenen Mühle außerhalb des Dorfes wohnte. Aber sie traf sie nicht zu Hause an. Eva kehrte traurig nach Hause zurück. Der Weg führte sie bey einem Kreuzbilde vorüber, welches unter schattigen Linden zur Verehrung der Gläubigen aufgestellt war. Eva kniete vor demselben nieder, und bethete mit lauter Stimme: »Allgütiger Gott! Erbarme Dich meiner Mutter und unser, ihrer vier Kinder. Wir haben nichts zu essen, und wir sind doch sehr hungrig. Gib uns unser tägliches Brot. Wir vertrauen auf Dich, daß Du uns helfen wirst! Sey unser Helfer in der großen Noth!» Dieses kindliche Gebeth hatte Herr von Heldmann, der ein Landhaus in der Nähe bewohnte, hinter dem Gebüsche, welches die Linden umgab, belauscht, und er wurde durch dasselbe zum Mitleiden beweget. Er ging auf Eva zu, erkundigte sich um die Lage der Mutter und ihrer Kinder, gab ihr Geld, daß sie Brot und die nöthige Nahrung kaufen konnte, und er unterstützte sie hinsür, daß sie nicht mehr Noth leiden durften. 165 Der eiserne Topf. Aer Vater Weinmann war schon alt und gebrechlich, aber er hatte zwey erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter, welche ihn hoch ehrten, sein Alter unterstützten, und ihm, wo ste konnten, ein Vergnügen zu machen suchten. Der Vater hatte einen Weingarten, der an einen schroffen Abhang eines Berges stieß. Es kam ein Donnerwetter mit einem heftigen Platzregen, der einem Wolkenbruche glich. Dieser hatte von dem Bergabhange das Steingerölle und die Erde bis auf die Felsen weggespühlt, und in den Weingarten getragen, so daß dieser damit ganz bedeckt und dadurch verwüstet war. Der Vater Weinmann war sehr traurig, daß er in seinem hohen Alter dieses Unglück noch erleben mußte, und er grämte sich darüber so sehr, daß er auf einige Zeit bettlägerig wurde. Dieses benützten der Sohn und die Tochter, um dem Vater eine unerwartete Freude zu machen. Sie fingen, ohne dem Vater etwas davon zu sagen, an, den Schutt aus dem Weingarten weg zu räumen, und damit die andere Arbeit nicht zurück bliebe, standen sie um zwey Stunden früher auf, und legten sich um zwey Stunden später zu Bette. Als ste an einer tiefen Stelle den hoch angehäuften Schutt hinweg räumten, fanden sie unter demselben einen verschlossenen eisernen Topf, und als sie denselben öffneten, sahen sie eine Menge alter Geld- und Silbermünzen darin. Diesen Topf hatte vor mehr als einem Jahrhunderte in der Feindesgefahr jemand am Abhange des Berges vergraben, und war von den plündernden Feinden getödtet worden. Als der Sohn und die Tochter den reichen Fund dem Vater zeigten, rief dieser mit gegen Himmel gewendetem Blicke aus: »So hat der gütige Gott eure kindliche Liebe belohnt!» Der Schatz in der Erde. Als ich durch das Dorf Blumen au einst lustwandelte, sch ich vor dem Schulhause einen Greis mit silberweißen Haaren auf der Bank unter einem Birnbäume, der seine Zweige weit ausbreitete, und mit reichen Früchten behängen war, sitzen. Der Greis war von seinen vier Enkeln umgeben, welche alle die vollsaftigen Birnen sich gut schmecken ließen. Er und die Kinder waren guten Muthes. Ich grüßte den Greis, ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein, und erbath mir von ihm einige Birnen. Der Greis reichte mir die schönsten, und sagte: »So oft ich diesen Baum und seine Früchte ansehe, so lacht mir das Herz im Leibe; denn er und alle Bäume, welche Sie um das Schulhaus herum sehen, haben eine große Bedeutung für mich.» 167 Als ich mir hierüber Aufklärung erbath, fuhr der redselige Greis fort: »Vor fünfzig Jahren übernahm ich den Schuldienst in diesem Dorfe; aber das Erträgniß desselben war so gering, daß ich besorgte, ich werde mit meiner Frau und den Kindern, mit denen ich bald gesegnet wurde, nicht leben können. Ich theilte diese Besorgniß meinem Herrn Pfarrer mit. Dieser entgegnete mir, daß ich gar nicht deßwegen in Sorgen seyn dürfte; denn um das Schulhaus herum und in dem kleinen Garten, der an dasselbe stoße, liege in der Erde verborgen ein Schatz, durch welchen mir gewiß werde geholfen werden, wenn ich ihn nur zu finden wüßte.» »Ich machte große Augen; denn ich verstand die Worte des Herrn Pfarrers nicht, und meinte, er wolle seinen Scherz mit mir treiben. Er aber legte seine Rede dahin aus, daß ich sollte in die Erde um das Schulhaus herum und in den Garten junge Obstbäume pflanzen, welche mir, wenn sie herangewachsen seyn werden, durch ihre Früchte einen bedeutenden Ertrag bringen würden. Ich folgte dem Rathe meines verständigen und wohlmeinenden Herrn Pfarrers; ich setzte Obstbäume in die Erde, pflegte sie sorgfältig, sah sie zu meiner Freude heran wachsen und Früchte tragen, die sich nach Jahren so vermehrten, daß ich durch deren Verkauf jährlich eine nahmhafte Summe einnahm, die mich bey meiner zahlreichen Familie vor Noth schützte.» »Als ich durch vierzig Jahre dem Schuldienste vorgestanden hatte, übergab ich denselben einem meiner Söhne, welcher auch durch den Ertrag der Obstbäume eine Beyhülfe hat, und wenn ich mit ihm und seinen Kindern, meinen 168 Enkeln, von den Früchten dieser Bäume genieße, so segnen wir das Andenken des guten Pfarrers, der mir den guten Rath zur Pflanzung derselben gegeben hat.» Ein wohlthätiges Mädchen. (§in Taglöhner aus einer armen Gebirgsgegend Böhmens zog im Frühjahre mit seinem Weibe und seinen vier Kindern, von welchen das älteste noch nicht neun Jahre zählte, nach Oesterreich, um Arbeit zu suchen, und durch dieselbe so viel zu erwerben, daß er für den Winter Erdäpfel und Brotkorn für sich und die Seinigen ankaufen könnte. Er erkrankte in dem Dorfe Sternbach, starb nach acht Tagen, und ließ Weib und Kinder in der größten Noth zurück. Die guten Einwohner des Dorfes säumten nicht, der armen Witwe und ihren vier Kindern Brot und Eßwaaren zu bringen, damit sie in ihrer Traurigkeit nicht auch vor Hunger verschmachten müßten. In dem Dorfe Sternbach befand sich eine Witwe, welche sich und ihre zehnjährige Tochter vom Taglohne nothdürftig nährte. Auch diese schickte den Kindern der Witwe durch Lenchen, ihre Tochter, manches Stück Brot. Als Lenchen eines Tages wieder zu derselben kam, drückte sie der ältesten Tochter der Witwe ein Zehnkreuzer-Stück in die Hand. 169 Eine Frau aus dem Dorfe sah es, und fragte Leuchen nicht ohne Befremden, wie sie zu dem Gelde gekommen sey, das sie unbedachtsam verschenke, da sie es doch selbst gut brauchen könne. Lenchen wollte der Antwort ausweichen; da aber die Frau auf dieselbe drang, sagte sie erröthend und mit gesenktem Blicke: »Ich habe durch mehrere Tage eßbare Schwämme im Walde gesucht, sie im Schlosse verkauft, und dafür zehn Kreuzer erhalten. Ich glaubte, daß die arme Witwe mit ihren Kindern diese zehn Kreuzer mehr bedürfe, als ich und meine Mutter, daher gab ich sie der älteren Tochter.» Die Frau stand beschämt da, und mußte sich gestehen, daß Lenchen sie an Wohlthätigkeit weit übertroffen habe. Wohlthat und Lohn. (§in steinaltes Mütterchen, welches an einem Stocke mühsam einher schlich, wurde aus der Gasse von einer Ohnmacht befallen, und sank kraftlos zusammen. Es versammelten sich sogleich mehrere Menschen um die Ohnmächtige, und suchten ihr beyzuftehen. Besonders geschäftig war Marianne, die Tochter .eines Schuhflickers, welche sogleich mit einem Töpfchen Wasser herbey kam, mit welchem sie das Gesicht der Ohnmächtigen bespritzte, damit sie sich erhohle. Als sie die Augen 170 aufschlug, brachte Marianne eine Tasse Fleischbrühe, uns flößte dieselbe der Alten ein, und als sich diese erhohlte, führte sie sie in die Stube ihrer Aeltern, damit sie hier aus« ruhen und neue Kräfte sammeln konnte. Eine fremde Frau, welche auf der Durchreise in der Stadt erst angekommen war, war Zeuge des ganzen Vorfalls, und ihr gefiel insbesondere Mariannens wohlwollende Geschäftigkeit und Dienftfertigkeit gegen die Alte. Sie folgte ihr in die Wohnung des Schuhflickers. Dort erkannte sie die Alte als eine Bekannte; denn diese war vor vielen Jahren in dem Hause ihrer Aeltern im Dienste gestanden. Sie beschenkte dieselbe reichlich, damit sie sich besser pflegen könne. Mariannen hatte aber die Frau wegen ihrer Dienstfertigkeit gegen die Alte so liebgewonnen, daß sie dieselbe in der Folge zu sich nahm, und mütterlich für sie sorgte. Unordnung. «Fsabella war nicht an Ordnung und Reinlichkeit zu gewöhnen. Sie ließ Alles stehen und liegen, wo sie es gebraucht hatte, und immer mußte hinter ihr aufgeräumt werden. So hatte sie an dem Tage, wo sie mit ihren Aeltern und Geschwistern zu dem Großvater gehen sollte, um ihm zum Geburtsfeste Glück zu wünschen, ihren Schreibzeug, als 171 sie zum Ankleiden abgerufen wurde, auf das Fensterbret gestellt, und die beyden Flügel des Fensters waren nicht fest geschlossen. Als Jsa Hella ganz angezogen war, stellte sie sich mit dem Rücken gegen das Fenster. Es trat ihr Bruder in das Zimmer, und ließ bey einem gewaltigen Windzuge die Thür stark zufallen. Dadurch öffneten sich die beyden Fensterflügel, stießen das Tintenfaß hinab, und die Tinte floß über Isabel lens schönes Kleid, welches dadurch ganz verdorben wurde. Zur Strafe mußte Isabelle zu Hause bleiben, was sie sehr schmerzte. Man sagt, daß dieser Vorfall ihr zur Warnung gedient, und daß sie sich von nun an mehr zur Ordnung-gewöhnt habe.. Betrug und Strafe. §)er fünfjährige Otto hatte von dem Großvater zum Geburtstage ein neues blankes Zwanzigkreuzer-Stück zum Geschenke erhalten. Er stand vor dem Hausthvre, und spielte mit demselben. Ein Knabe, welcher überzuckerte Mandeln, Kastanien, Zuckerplätzchen und anderes Naschwerk in einem Korbe zum Verkaufe herum trug, both dem kleinen, unverständigen Otto von seinen Maaren an, und forderte ihn auf, ihm sein Silberstück dafür zu geben. 172 Otto, der Süßigkeiten liebte, willigte ein, und gab sein Geld für einige überzuckerte Mandeln, Kastanien und Zuckerplätzchen hin. Der betrügerische Knabe entfernte sich schnell; aber ein Mann aus dem Hause hatte von ferne gesehen, wie dieser den kleinen Otto übervortheilt hatte. Er rief den Knaben zurück, um ihn zur Herausgabe des dem Otto abgelockten Geldes zu nöthigen. Der Knabe fing zu laufen an; der Mann folgte ihm nach. Der Knabe strauchelte, und fiel mit seiner Waare ins Koth, die dadurch ganz verdorben wurde. Auch wurde er eingehohlt, und mußte das unrecht erworbene Zwanzig- kreuzer-Stück herausgeben. Alles dieses war die Strafe seines Betruges. Unverhoffte Hülfe. L^ie Frau Lachner brachte täglich der alten Bertha, welche außerhalb des Dorfes in einer Hütte wohnte, einige Nahrung und manchmahl ein Gläschen Wein. Bertha war schon bey achtzig Jahre alt, arm und so geschwächt, daß ste die meiste Zeit im Bette zubringen mußte. Bertha segnete die wohlthätige Frau Lachner, und bethete zu Gott, daß er derselben vergelten wolle, was ste an ihr, dem armen und verlassenen Weibe, thue. L'.. 173 Frau Lach ner hatte aber auch einen Kummer auf kem Herzen. Ihr Mann hatte den Staar in beyden Augen, und er war auf dem Puncte zu erblinden. Alle bisher angerven- deten Arzneymittel hatten nichts geholfen. Als Frau Lachner eines Tages von der armen Bertha zurück kehrte, begegnete sie einem Reisenden, welcher aus dem Wagen gestiegen, weil etwas an demselben zerbrochen worden war, und den Weg ins Dorf zu Fuß machte. Er ließ sich mit der Frau Lachner in ein Gespräch ein, und sie lenkte dasselbe auf das Augenübel ihres Mannes, welches sie so sehr kümmerte. Der Reisende war ein sehr geschickter Augenarzt, der in der Folge den Staar an beyden Augen des Mannes stach, und ihm auf diese Art zum Augenlichte wieder verhalf. Die Ruine. Weit war ein armer, aber gottesfürchtiger und fleißiger Mann. Er hatte sechs Kinder zu ernähren, und im Winter geringen Erwerb. Das Brennholz war ihm ausgegangen; er konnte seine Stube nicht mehr Heizen, und die Kinder zitterten vor Frost. Veit ging zum Förster, und bath ihn, daß er ihm erlauben möchte, dürres Holz im Walde zu sammeln, um seine Stube erwärmen zu können. Der Förster, ein rauher 174 Mann, schlug ihm die Bitte rund ab ; und da ihm Veit seine Noth vorstellte, und ihn zudringlicher bath, sagte er ihm barsch: »Geh' in das alte verfallene Schloß auf dem Berge, dort wirst du Holz genug finden.» Diese Ruine war aber in üblem Rufe; denn man glaubte allgemein, daß es in derselben spuke, und Gespenster und Hexen dort ihr Wesen treiben. Muthige Männer hatten sich einige Mahle in das verfallene Schloß gewagt, waren aber durch Poltern und Kettengeraffel zurückgeschreckt worden. Veit mußte Holz haben, wenn seine Kinder nicht erfrieren sollten. Er war nicht abergläubig, und vertraute auf Gott, der ihm in jeder Noth beystehen würde. Er nahm Axt und Säge, und machte sich auf den Weg in die Ruine. Dort angekommen, fing er an, einen hohlen Baum zu fällen. Nach mehrstündiger Arbeit gelang es ihm, und welch' ein Wunder! in dem hohlen Klotze befand sich Geld, Gold- und Silbergeschmeide und andere Sachen von hohem Werthe. Diebe hatten alles dieses in dem hohlen Baume verborgen, und Gespenster gespielt, damit sich Niemand in die Ruine wage, und sie entdecke. Die Eigenthümer dieser gestohlenen Sachen meldeten sich bald, und belohnten Veit reichlich, der nun Holz zur Erwärmung der Stube, und Geld auf Nahrung für sich und seine Kinder hatte. 175 Zwey Studenten auf der Ferien - Reife. Owey Studenten aus guter Familie und mit Geld reichlich versehen, machten eine Fußreise ins Hochgebirge. Als sie durch einen großen Wald zogen, fanden sie einen alten Bettler, der von einer Uebelkeit befallen worden war, und kraftlos im Grase lag. Sie erbarmten sich seiner, labten ihn mit dem Weine, welchen sie in einer Reiseflasche bey sich hatten, und verweilten so lange bey ihm, bis er seinen Weg weiter fortsetzen konnte, auf welchem sie ihn eine Strecke begleiteten. Da sagte ihnen der Bettler, daß er zwey Räuber im Wirthshause, in welchem die zwey Studenten früher eingekehrt hatten, belauscht habe, welche sich verabredeten, den zwey Reisenden aufzulauern und sie zu berauben. Der Bettler rieth ihnen daher, umzukehren, und einen anderen Weg einzuschlagen, was sie auch thaten, und sich dadurch von dem Anfalle der Räuber verwahrten. So hat der Dienst, welchen die beyden Studenten dem Bettler erwiesen, ihnen reiche Früchte getragen. Der Blitzstrahl. «Hn einem Walde, welcher in weiter Ausdehnung das Schloß Ulmenstein umgab, wohnte ein Holzhauer mit seinem 176 Weibe im hohen Greisenalter. Beyde waren bey der Abnahme ihrer Kräfte zur anhaltenden und schweren Arbeit unfähig. Ein braver Sohn unterstützte sie, und theilte mit ihnen gern, was er im Schweiße seines Angesichtes erwarb. Victoria, die zwölfjährige Tochter des Schloßherrn, hatte diese zwey durch ihr Alter ehrwürdigen Leute in besondere Obsorge genommen; sie besuchte sie öfters, und kam nie, ohne ihnen eine Gabe an Eßwaaren oder an Geld mitzubringen. Ein Besuch von dem edlen Burgfräulein erfreute den Holzhauer und sein Weibsehr, und sie betheten oft zu Gott, daß er es demselben, das so große Mildthätigkeit an ihnen übe, immer möchte Wohlergehen lassen, und ihm die Wohlthaten vergelten möchte, welche es ihnen erweise. An einem schwülsten Nachmittage war Victoria wieder in Begleitung eines Bedienten in den Wald zu dem greisen Holzhauer gegangen, und hatte ihm von dem Mittagsmahle Braten und Backwerk mitgebracht. Während sie in der Hütte des Holzhauers verweilte, zog ein schreckliches Ungewitter heran, bey welchem sich die schwarzen Wolken in einen furchtbaren Platzregen auflöseten, der die Bäche des Waldes zu reißenden Strömen anschwoll. Victoria mußte das Ungewitter in der Holzhauerhütte abwarten, und konnte den Rückweg in das Schloß erst antreten, als das Gewitter sich verlaufen hatte. Im Schlosse traf Victoria ihre Aeltern in großer Bestürzung und Besorgniß an. Der Blitzstrahl war auf das Schloß und gerade in das Zimmer gefahren, in welchem Victoria wohnte, und um diese Stunde zu arbeiten pflegte. Er harte 177 gezündet; die Flamme war aber sogleich wieder gelöscht worden. Wäre Victoria im Zimmer gewesen, so hätte sie wahrscheinlich durch den Blitz den Tod gefunden. Durch ihre Wohlthätigkeit war sie aber beym Leben erhalten worden. Eigennutz. ^Daul hatte von seiner Mutter acht schöne, vollsaftige Aprikosen zum Frühstücke bekommen, die er auf dem Wege in die Schule mit einem Stücke Brot verzehrte. Es kam der achtjährige Fritz zu ihm, der ein schönes Federmesser hatte, welches Paul schon längst zu besitzen wünschte. Fritz war lüstern nach den süßen Aprikosen, und bath Paul um ein Stück. Paul both ihm vier Stücke an, wenn er ihm sein Federmesser dafür gebe. Der lüsterne Fritz ließ sich zu dem ungleichen Tausche bereden, und gab das schöne Federmesser für die angebothenen vier Aprikosen hin. Nach zwey Tagen entdeckte Paul's Vater das Federmesser bey dem Sohne, und dieser mußte gestehen, auf welche Art er zu demselben gelangt sey. Der Vater verwies es ihm, daß er Fritzens Lüsternheit benützt habe, um ihn zu über- vortheilen, und befahl ihm, das Federmesser Fritzen sogleich zurück zu tragen, und es ihm ohne Entgeld einzuhändigen. 12 178 Fritz kam aber auch nicht leicht davon. Seine Aeltern »erwiesen ihm seine Lüsternheit, durch die er sich zu einem ungleichen Tausche hatte verleiten lassen. Die Eigensinnige. ^ur Fastnachtszeit kam eine Schüssel voll Krapfen auf den Tisch. Es waren in derselben große und kleine. Die Mutter legte jedem Kinde zwey kleine vor, sie selbst nahm zwey große. Clärchen wollte durchaus große Krapfen haben; denn sie war eigensinnig. Der Vater sah die Tochter scharf an; da sie aber in ihrem Verlangen fortfuhr, sagte er, daß man ihr nach ihrem Willen gewähren sollte. Clärchen bekam zwey große Krapfen, und auf jeden Teller der anderen Kinder wurde noch ein dritter gelegt. Als sie dieselben anbrachen, sahen sie, daß sie mit Eingesottenem von Aprikosen und Johannisbeeren gefüllt waren. Clär- chens große Krapfen waren aber von demselben leer; sie hatte nur zwey Stücke erhalten, und bekam an diesem wie an den folgenden Tage nie mehr, und immer ungefüllte Krapfen. So hatte der Vater ihren Eigensinn bestraft. 179 Die Nußschalen. Aie Kinder hatten von der Mutter zum Vesper - Brote Nüsse erhalten, und dieselben im gedeckten Gange an der Speisekammer verzehrt. Alle räumten die Nußschalen auf, nur Cassian nicht, der sie auf den Boden warf. Cassian war auch ein Näscher, der seine Lust nach Obst und Backwerk nicht bezähmen konnte, und schon einige Mahle heimlich in die Speisekammer geschlichen war, um dort etwas zu mausen. Er hatte gesehen, daß in derselben eine große Zahl saftiger Kaiserbirnen sich befänden. Als es finster geworden war, schlich er durch den Gang leise zu der Thür der Speisekammer, trat aber dabey auf die Nußschalen, die er liegen gelassen hatte. Diese knackten, und wie er eine vermeiden wollte, gerieth er wieder im Finstern auf andere, die laut knackten, so daß die Mutter durch den Lärm aufmerksam gemacht, mit dem Lichte herbey kam, und den Näscher ertappte, der eben die Thür der Speisekammer aufschließen wollte. Nun war der Näscher, den man schon lang gesucht hatte, entdeckt. Cassian wurde hart bestraft. Die Sünde entdeckt sich oft durch sich selbst. E 180 Das weiße Kleid. 8^osa hatte von der Mutter ein schönes weißes Kleid zum Angebinde an ihrem Geburtstage erhalten. O wie freuete sich das gute Mädchen über dieses Geschenk! Rosa zog sogleich das weiße Kleid an, um ihre Freundinnen in demselben zu empfangen, und sie zweifelte nicht, daß Alle es bewundern würden. Aber das unbedachtsame Mädchen machte sich Geschäfte in der Küche, streifte an einem rußigen Topfe an, und das weiße Kleid war beschmutzt. Rosa klagte traurig der Mutter den Unfall, der ihr begegnet war. Diese aber sagte: »Laß Dir es zur Warnung dienen, und sey hinfür vorsichtiger. Du kannst aus diesem Vorfälle ein gute Lehre ziehen. Das weiße Kleid gleicht der Unschuld des Herzens, welche Mädchen immer sorgfältig bewahren sollen. Wie Du unvorsichtig in der Küche, wohin Du dich in Deinem Anzuge gar nicht hättest begeben sollen, Dein Kleid beschmutzt hast, so wirst Du in böser Gesellschaft, wenn Du dieselbe nicht meidest, Deine Unschuld verlieren.» Bestrafte Eitelkeit. Ernestine hatte sich für eine Abendgesellschaft, zu welcher sie geladen war, gar schön herausgeputzt, und sie hoffte, daß 181 sie die Blicke aller Anwesenden auf sich ziehen werde. Sie hörte auch zwey Frauen, hinter deren Rücken sie stand, mit vielem Beyfalle von einem Mädchen sprechen, und eine derselben rief aus: »Welch' ein schöner Wuchs! Wie herrlich das niedliche Kleid dem Mädchen paßt! Wie angegossen steht es ihm!» »Die Mutter,» entgegnete die andere Frau, »kann eine Freude an dieser guten Tochter haben; denn sie ist eben so liebenswürdig durch ihr Talent, ihre Kenntnisse und guten Eigenschaften, als sie hübsch und nett ist, so daß man sägen kann, eine schöne und edle Seele wohnt in diesem schönen Körper.» Ernestine glaubte fest, daß von ihr die Rede sey, und bildete sich darauf viel ein. Sie machte mehrere Schritte vorwärts, um den beyden Frauen vor die Augen zu kommen, und noch ein größeres Lob zu hören. In diesem Augenblicke aber rief eine der Frauen Constantia zu sich, liebkosete sie, und sagte: »Gutes Mädchen, wir Beyde haben unser Augenmerk auf Dich geworfen und gefunden, daß Du unter Allen am liebenswürdigsten erscheinst. Fahre so fort, und Du wirst die Freude und der Trost Deiner Aeltern seyn.» Ernestine hatte diese Worte gehört, und in die Erde versinken mögen, daß sie sich so sehr getäuscht hatte.. 182 Lohn der Dankbarkeit. Änna, die Tochter eines Taglöhners, der im Schloßgarten arbeitete, war lange Zeit an dem Wechselfieber im Frühjahre krank, und als sie zu genesen anfing, und die Eßlust wieder zurück kehrte, schickte ihr die Frau Amtmanninn täglich ein Töpfchen Suppe oder eine andere leichte Speise, welche Anna schon vertragen konnte. Gewöhnlich brachte ihr Ottilia, die eilfjährige Tochter des Amtmanns, diese Gabe. Als Anna genesen war, wollte sie sich an Ottilia dankbar bezeigen. Sie erfuhr, daß dieselbe die Erdbeeren sehr gern esse. Sie begab sich in den Wald, und sammelte Erdbeeren für dieselbe. Als sie schon ein Töpfchen voll hatte, schien es ihr noch nicht genug; sie suchte einen anderen Platz auf, wo mehrere standen, von denen sie die größten und reifsten pflückte. Da sah sie etwas unter den Blättern der Erdbeer-Stau- den glänzen, und fand eine Busennadel, welche die Gräfinn, die Besitzerin»! des Schlosses, vor einigen Tagen verloren hatte, und ungeachtet alles Nachsuchens nicht gefunden werden konnte. Anna eilte nach Hause, brachte Ottilien die Erdbeeren, mit welchen sie ihr eine große Freude machte, und zeigte ihr die gefundene Busennadel, welche Ottilia sogleich als jene der Gräfinn erkannte. Sie führte Annen zu derselben. 183 Die Gräsinn belobte Annen wegen ihrer Ehrlichkeit, gab ihr ein ansehnliches Geschenk, und behielt sie so gut im Andenken, daß sie das ehrliche Mädchen in der Folge in ihre Dienste nahm. Die Georginen. Aie Mutter besuchte mit ihrer Tochter Philippine eine Freundin», und sie brachten den Nachmittag und Abend sehr angenehm in dem Garten derselben zu. In einem Beete standen neben einander drey wunderschöne Georginen, eine weiße, eine feuerrothe und eine blaue Philippine konnte sich daran nicht satt sehen. Um ihr ein Vergnügen zu machen, gab ihr die Freundinn der Mutter von jeder Gattung eine. Philippine nahm sie mit nach Hause, stellte sie in frsiches Wasser, um sie länger blühend zu erhalten, und ergötzte sich oft an dem Anblicke derselben. Da sagte die Mutter zu ihr: »Diese drey schönen Georginen sollen Dich an drey gute Eigenschaften erinnern, nach welchen Du immer streben sollst. Die weiße erinnere Dich, daß Du die Unschuld des Herzens immer bewahren sollst. Die feuerrothe ermuntere Dich, mit glühendem Eifer nach allem Guten zu streben. Die blaue, das Sinnbild der Bescheidenheit, belehre Dich, daß alle Vorzüge des Herzens und 184 Verstandes keinen wahren Werth haben, wenn man nicht Bescheidenheit damit verbindet.» Die Nachtigall. Konstantin besuchte einen Schulfreund, den Sohn reicher Aeltern, der ihn durch mehrere schön eingerichtete Zirm mer führte. In einem derselben stand auf dem Fensterbrett eine Nachtigall in einem unansehnlichen Käfige, welche C o ri- stant-in nicht kannte. Er gab dem Schulfreunde seine Verwunderung zu erkennen, daß man in diesen prächtigen Zimmern einen Vogel halte, der nicht schöner als ein Sperling sey, da es doch viele Vögel gebe, die das schönste Gefieder haben, und besser zu den zierlichen Mahlereyen in den Zimmern paßten. In diesem Augenblicke fing die Nachtigall zu schlagen an, und entzückte den C onftantin durch ihre schmelzenden Töne in wunderbarer Abwechslung. Da rief er aus: »Wie sehr habe ich mich an dem Vogel geirrt, den ich nach seinem Aeußeren beurtheilte l» »So geschieht es oft,» entgegnete der Vater des Schulfreundes, der diese Worte gehört hatte, »daß unter einem unscheinbaren Aeußeren große Tugenden verborgen liegen, wie ein schlechter Kittel oft ein edles Herz bedeckt. Deßwegen darf man Andere nie nach dem Scheine beurtheilen.» Das gerettete Mädchen. 185 (^s «Hulie, die kleine Tochter des Bäckers, und Toni, die , Tochter des Krämers, saßen vor dem Hause ihrer Aeltern, und spielten mit Steinchen. Auf einmahl stürzte Kunigunde, eine arme, alte Frau, aus dem gegenüber stehenden Hause, ergriff Julie, und zog sie mit sich fort in das Haus, indem sie eilig das Thor hinter sich zuschlug. In dem nähm- lichen Augenblicke kam ein scheuer Ochs, den Kunigunde schon früher gesehen hatte, von den Metzgern und ihren Hunden verfolgt, angerannt, faßte Toni auf die Hörner, und schleuderte sie in die Luft. Im Herabfallen zerbrach sich das arme Mädchen ein Bein, und verletzte sich schmerzlich am Kopfe., Der Ochs wurde von den Hunden gefangen, von den Metzgerknechten gefesselt, und dadurch unschädlich gemacht. Juliens Aeltern dankten der alten Kunigunde herzlich für die Rettung ihres Kindes. Andere Leute fragten Kunigunde, warum sie nicht auch Toni in Sicherheit gebracht habe., »Dazu hatte ich weder Zeit, noch auch die Kräfte," antwortete Kunigunde, »aber die nahe Gefahr zog mich unwillkührlich zu Julien hin. Das gute Mädchen hat mir, als ich vor zwey Monathen krank im Bette lag, täglich stärkende Nahrung von ihrer Mutter gebracht, mich immer freundlich und liebreich behandelt, und mir oft ihr Weißbrot, das sie zum Frühstück erhalten hatte, dazu gelegt. Ein,Dienst ist des anderen wertst" 186 Der Blinde. < 7 ^ «Fn dem Dorfe Had res lebte noch vor mehreren Jahren eine Blinder, welcher sich im Dorfe und in der herum liegenden Gegend überall zurecht fand, und jeden Weg sicher ging- Es kamen einmahl Fußreisende in das Dorf, welche sich verspäteten, bis es Nacht wurde. Der Weg, welchen sie zu gehen hatten, führte durch einen Wald, in welchem sie sich bey der Dunkelheit der Nackt leicht verirren konnten. Die Fußreisenden verlangten einen Wegweiser. Man wies ihnen den Blinden zu Dieser führte sie auf dem kürzesten Wege durch den Wald. Da sagte einer der Fußreisenden: -'Es ist doch wunderbar, wie der gütige Gott Jedem seine Gaben ertheilt, und Jedem auf einer anderen Seite ersetzt, was ihm auf der einen abgeht. So hat der Allgütige dem Blinden, welcher das Augenlicht entbehrt, ein desto schärferes Gedächtniß und feineres Gefühl gegeben, daß er jede Krümmung des Weges genau weiß, und durch den Zug der Luft zwischen den Bäumen sich zurecht findet.» Eine hartherzige Frau. (§m alter Bettler kam vor die Thüre des Amtshauses. Man gab ihm ein Stück Brot; er aber verlangte mit dem 187 Amtmanne selbst zu sprechen. Man sagte ihm, daß derselbe nicht zu Hause sey. Der Bettler erwiederte, daß er, ihm eine wichtige Angelegenheit kund geben müsse, und daß es sich der Mühe lohne, ihn hohlen zu lassen. Man lachte den Bettler nun aus, daß er mit dem Amtmanne etwas Wichtiges zu besprechen habe, und hieß ihn seine Wege gehen. Ec aber bestand darauf, daß er mit dem Amtmanne, oder wenigstens mit seiner Gattinn sprechen müsse. Man hinterbrachte ihr dieses, und zugleich, daß der Bettler hartnäckig auf seinem Begehren bestehe. Die Amtmänninn war eine stolze und hartherzige Frau, welche mit dem Bettelvolke nichts zu thun haben wollte. Sie befahl, daß man den ungestümen Bettler abweisen, und wenn er sich nicht entferne, den Hofhund auf ihn Hetzen sollte. Der Bettler hatte diese letzten Worte gehört, und entfernte sich schnell, indem er in seinem Unmuthe sagte, man werde es bereuen, daß man ihn nicht gehört habe. In der Nacht brachen Räuber in das Amtshaus ein, und plünderten die herrschaftliche Casse. Der Bettler hatte die Räuber im Walde belauscht, wie sieden Einbruch verabredeten. Er hatte dieses dem Amtmanne hinterbringen wollen. Hätte die Amtmänninn ihn angehört, so hätte man leicht Anstalten machen können, den Einbruch zu verhüthen und die Räuber zu fangen. 188 Die durch Feuer Verunglückten. Aas Dorf Authal war durch eine verheerende Feuersbrunst ganz niedergebrannt worden, wodurch die Bewohner desselben in große Armuth geriethen. Sie mußten Geld borgen, um ihre Häuser wieder aufzubauen, ihren Viehstand und ihre Ackergeräthe wieder herzustellen. Es war nicht voraus zu sehen, wann sie ihre Schulden werden bezahlen können. Ein Jahr nach dem Brande, und zwar zur Winterzeit, kam ein Bettler ins Dorf, und ging von Haus zu Haus, um Almosen zu sammeln. Einige Einwohner gaben ihm ein Stück Brot, bey anderen Häusern wurde er mit rauhen Worten abgewiesen, indem die Leute sagten: »Die Feuersbrunst hat uns Alles genommen. Wir haben für uns selber nicht genüg; wie sollen wir müßigen Bettlern noch mit- theilen.» Der Bettler merkte die Nummern aller Häuser auf, von welchen er barsch weggewiesen worden war, und wo er eine Gabe empfangen hatte. Er kam zu einem kleinen Hause, -vo man zu Tische gehen wollte, und wo die Suppe schon aufgetragen war. Der Bettler zitterte vor Kälte, und bath um eine Gabe. Die Bäuerinn rief ihn in die warme Stube, damit er sich erwärmen könne, gab ihm einen Teller voll Suppe, und hieß ihn dieselbe verzehren. Der Bettler dankte für die 189 wohlmeinende Gabe, und entfernte sich, nachdem er die Suppe genossen, und sich erwärmt hatte. Nach zwey Tagen kam ein Herr in alle Häuser, in welchen der Bettler eine Gabe empfangen hatte, und ließ ansehnliche Geschenke an Geld in denselben zurück. Dem Bauer aber, wo der Bettler freundlich in die Stube aufgenommen, und mit einer Suppe betheilt worden war, gab der Herr so viel Geld, daß er alle Schulden, die er bey dem Brandunglücke hatte machen müssen, bezahlen und sich noch Vorräthe hatte anschaffen können. Dieser Herr, welcher aus dem Dorfe Authal gebürtig war, hatte sich in Amerika, wohin er schon in seiner Jugend ausgewandert war, große Reichthümer gesammelt, und war in sein Vaterland mit denselben zurückgekehrt. Als er das Unglück erfuhr, welches das heimathliche Dorf durch die Feuersbrunst erlitten hatte, nahm er sich vor, die Bewohner desselben zu unterstützen. Um sie zu prüfen, welche seiner Unterstützung würdig seyen, verkleidete er sich als Bettler, kam vor ihre Thüren, und belohnte Jene reichlich, von denen er eine Gabe empfangen hatte. Die zwey Lastträger. ^in Krämer hatte auf dem Jahrmärkte verschiedene Maaren eingekauft, und band sie in zwey Bündel. In dem einen 190 waren Messing- und Eisengeschmeide, Bley und Schrott und dergleichen, welche wohl schwer waren, aber nicht viel Umfang hatten; in dem anderen befanden sich Tücher, Zeuge und Leinwand, insbesondere eine Menge Badschwämme. Der Bündel hatte nicht mehr Gewicht als der andere, war aber durch seinen großen Umfang unbequem zu tragen. Der Krämer miethete zwey Bursche, welche ihm die Bündel über das hohe Gebirge nach Hause tragen sollten. Der eine derselben war listig, und erkannte sogleich, baß der Bündel mit den Eisen- und Messingwaaren leichter als der andere fortzubringen sey, und wählte diesen. Mit der Last auf dem Rücken traten die beyden Bursche den Weg über den Berg und durch die großen Wälder an. Es überfiel sie ein Donnerwetter mit einem starken Platzregen. Die Schwämme, welche der andere Bursche trug, wurden durch den Regen durchnäßt und daher die Last viel schwerer. Der Bursche, welcher in dem Bündel das Eisen- und Meffinggeschmeide hatte, lachte den anderen aus, daß das Gewicht seines Bündels an Schwere durch den Regen immer zunehme, das seinige aber immer gleich bliebe. Sie kamen an den Waldbach, welcher durch den Regen sehr hoch angeschwollen war. Sie versuchten es, denselben zu durchwaten, wurden aber von dem reißenden Strome ergriffen, und umgeworfen. Jener, welcher das Eisen- und Meffinggeschmeide trug, wurde durch die Last zu Boden gedrückt und ertrank. Die Badschwämme des anderen aber saugten sehr viel Wasser ein, hielten den Träger auf der Oberfläche des Wassers, und verhinderten, daß er nicht 191 unter- und zu Grunde gehen konnte. Der Gießbach riß ihn mit sich fort, bis er zu einem ins Wasser hängenden Baume kam, welchen er erfaßte. Durch denselben gelangte er an's Ufer, und konnte sich auf das Land retten. Bestrafter Aberglaube. ^in fremder Mann hielt sich lange in der Gegend des Dorfes Riedleuthen auf, und verkaufte den Landleuten Arzeneyen. Dieses ist ein verbotenes Gewerbe; denn die Bereitung und der Verkauf der Arzeneyen, welche der Arzt verordnet, ist nur geprüften Apothekern erlaubt. Der fremde Mann gab sich auch für einen Wunder- Doctor aus, der alle Krankheiten bey den Menschen und Haussieren heilen könne, und er suchte die sorglosen Landleute auf verschiedene Art zu bethören. So machte er einem leichtgläubigen Bauer weiß, daß in dem alten, verfallenen Schloß, oben auf dem Berge, ein Schatz in der Erde verborgen sey, den er mit Hülfe des Bauers hohlen könne, und den sie dann mit einander theilen wollten. Der einfältige Bauer ließ sich dazu bereden. Er mußte nach Anordnung des fremden Mannes sein bestes Kleid am ziehen, seine Taschenuhr und alles Geld mitnehmen, und sich mit Grabwerkzeugen versehen. So schritten sie um die eilfte 192 Stunde bey finsterer Nacht in die Ruine, und fingen an dem Orte, wo der Schatz verborgen seyn sollte, zu graben an. Mit dem Schlage Zwölf sollte sich der Schatz zeigen. Aber einige Minuten früher fielen zwey Räuber über den Bauer her, nahmen ihm das Geld und die Uhr ab, zogen ihm seine Kleider aus, banden ihn an Händen und Füßen, und ließen ihn hülflos liegen. Der fremde Mann entfernte sich mit den Räubern, die sich in dieser Gegend nicht mehr sehen ließen. Er war mit denselben einverstanden, und bey dem Verkaufe der Arzeneyen kundschaftete er aus, wo etwas zu stehlen war. - ^ Hätte der Bauer nicht seinem Weibe das Geheimniß '"anvertraut, daß er mit dem Arzneykrämer in das alte Schloß gehe, um einen Schatz zu heben, so wäre er vielleicht dort hülflos vor Hunger und Durst verschmachtet. Da er aber am anderen Tage nicht nach Hause kam, so suchte sie ihn in der Ruine, und fand ihn dort in der elenden Lage, in welche ihn die Räuber gebracht hatten. Das Ungewitter. Ein Kaufmann, welcher wichtige Geschäfte in einer entfernten Stadt hatte, wurde auf einer Reise in dieselbe von einem heftigen Donnerwetter überfallen, und war froh, daß er unter Hagel und Regen noch ein Dorf erreichen konnte, 193 in welchem er übernachten mußte. Ihm war es sehr unlieb, daß er dadurch auf seiner Reise aufgehalten worden war; indem er, wie er versprochen hatte, zur bestimmten Stunde in der Stadt nicht eintreffen konnte. Am folgenden Morgen machte er sich auf den Weg, der durch einen großen Wald führte. Als er wieder einkehrte, erfuhr er, daß ein Reisender, welcher in entgegengesetzter Richtung durch den Wald kam, während des Donnerwetters dort von Räubern überfallen und rein ausgeplündert worden sey. Das Nähmliche hätte ihm geschehen können, wenn er nicht in dem Dorfe eingekehrt und übernachtet hätte. Wie dankte er Gott, daß er durch das Ungewitter dazu genöthiget worden war. Die Kirchweihe. ^in Mann, welcher mit kurzen Maaren, mit Nadeln, Scheren, Federmessern, Stiften, Bändern, Spiegeln, Uhrketten und dergleichen handelte, war einen ganzen Tag von Dorf zu Dorf herumgezogen, und hatte gar nichts von seinen Maaren verkaufen können. Abends, als er sich in einer Dorfschenke auf einen Bund Stroh schlafen legte, und über den abgelaufenen Tag nachdachte, wurde er traurig, daß er für ihn verloren sey. Zugleich erinnerte er sich, daß er an diesem Tage gar nicht gebethet hatte. Er bethete nun seinen Abendfegen, und schlief ein. 13 194 Bey seinem ersten Erwachen am folgenden Morgen waren seine Gedanken auf Gott gerichtet, und er bethete wieder mit wahrer Andacht des Herzens. Dann machte er sich aus den Weg in das nächste Dorf, und sang im Gehen ein geistliches Lied. Als dieser Krämer an einen Scheideweg kam, höhlte er eine Bäuerinn ein, mit welcher er sich in ein Gespräch einließ. Diese rieth ihm, daß er mit ihr nach dem Dorfe Freu- denthal gehen möchte, wo ein großer Zusammenfluß von Menschen sey, weil dort das Kirchweihfest gefeyert werde. Der Krämer zog dahin, und fand dort einen größeren Absatz seiner Maaren, als er nur immer hoffen konnte. Da sprach er bey sich selbst: »Das war ein glücklicher Tag, weil ich ihn mit Gott angefangen habe.» Dev Hund. ^in halbgewachsener Hund großer Gattung, welcher seinen Herrn auf der Reise verloren hatte, kam, denselben suchend" in das Städtchen Frauenberg. Mehrere muthwillige Buden verfolgten denselben mit Steinwürfen; Victor aber lockte ihn an sich, führte ihn nach Hause, und war Willens, ihn zu behalten, bis der Eigenthümer desselben sich meldete. Dieser aber kam nicht mehr zum Vorscheine; der Hund blieb bey Victor, wurde demselben sehr anhänglich, und wuchs, zu einer schonen großen Dogge heran. 195 Victor wurde von seinem Vater mit einem Aufträge in das nactche Dorf geschickt, und die Dogge begleitete ihn. Als er in dasselbe kam, trieb der Hirt das Rindvieh von der Weide nach Hause. Unter demselben befand sich ein Stier, der sehr stößig war, und leicht scheu wurde. Die Dorfbuben hatten denselben geneckt, und er trabte brüllend einher und auf Victor zu. Als dieser sich nach dem Stiere umsah, war ihm derselbe schon nahe am Leibe. Aber im gleichen Augenblicke warf sich die treue Dogge dem wüthenden Thiere entgegen, faßte es beym Ohre, und hielt es so lange fest, bis Victor sich in ein Haus gerettet hatte. Ohne die schnelle Hülfe des Hundes würde der Stier Victorn niedergestoßen, auf die Hörner gefaßt, und weit von sich geschleudert haben. Böses Beyspiel. Ein junger, muthwilliger Bock, der mit der Schafheerde auf die Weide getrieben wurde, sprang auf dem Abhange eines Berges über eine tiefe Kluft, und kam glücklich hinüber. Ein Widder, welcher denselben verfolgte, that es ihm nach, fiel in den Abgrund, und brach sich ein Bein. Die Schafe haben die Gewohnheit, dem Leithammel Alles blindlings nachzumachen, was sie denselben thun sehen. Ein Schaf nach dem anderen sprang ihm über die Kluft nach; 13 * 196 mehrere derselben fielen in den Abgrund, und beschädigten sich bedeutend; nur wenige gelangten glücklich hinüber. Zum Glücke kam der Schäfer mit seinem Hunde noch zu rechter Zeit herbey, um jene zurück zu treiben, welche den Sprung noch nicht gewagt hatten. Ein Herr, welcher mit seinem Sohne in der Gegend, wo dieser Vorfall sich ereignete, spazieren ging, und Alles mit ansah, sagte zu demselben: »Hast Du gesehen, was das böse Beyspiel wirkt? Die Schafe haben sich sehr beschädiget, und manche werden es mit dem Leben büßen müssen, daß sie den muthwilligen und unbesonnenen Sprung des Bockes nachgemacht haben. Laß Dich niemahls verleiten, das böse Beyspiel loser Buben nachzuahmen.» Allzuviel bringt Schaden. Tielicitas machte immer große Anforderungen an die Dienstleute, und legte ihnen oft mehr auf, als sie leisten konnten. An einem Morgen räumte das Stubenmädchen das Kaffeh-Geschirr von dem Tische in der Gartenlaube ab, wo Felicitas mit ihren Aeltern und Geschwistern gefrüh- stückt hatte. Das Stubenmädcben wollte alle die Kaffeh- Schalen, Kannen, Teller, Flaschen und Gläser in zwey Gängen in die Zimmer des oberen Stockwerkes tragen. Als sie die Hälfte derselben auf die Tasse gestellt hatte, und damit 197 fortgehen wollte, legte Felicitas noch mehrere Gläser auf dieselbe, so daß zu besorgen war, es möchte eines oder das andere von der Taffe herab fallen und zerbrechen. Das Stubenmädchen bath Felicitas, daß sie ein oder anderes Stück von der Taffe herab nehmen möchte, weil es leicht herab fallen und zerbrechen könnte. Anstatt diesen guten Rath zu befolgen, legte Felicitas noch die Zuckerdose auf das andere Kaffeh-Geschirr, lief davon, und ließ im Laufen ihr Schnupftuch auf die Erde fallen. Das Stubenmädchen strauchelte über das Schnupftuch, welches ihr im Wege lag; das Geschirr, welches auf der Taffe war, fing durch die Erschütterung zu rollen an; mehrere Stücke fielen auf die Erde, und zerbrachen. Felicitas, die an dem Unfälle Schuld war, bekam von der Mutter einen derben Verweis, und unter den zerbrochenen Schalen war auch jene, welche sie von ihrer Großmutter zum Angebinde an ihrem Geburtstage erhalten hatte. Der Sauerdorn. W?enn der Vater Liebhold mit seinen Kindern spazieren ging, lehrte er sie die Gräser, Blumen, Gesträuche und Bäume kennen, welche sie auf dem Wege antrafen, sprach von den Eigenschaften derselben und dem Nutzen, welchen sie den Menschen verschaffen, leitete dabey die Gedanken der 198 Kinder auf die Allmacht und Güte des Schöpfers, dessen Weisheit wir in dem kleinsten Pflänzchen, wenn wir es genau betrachten, bewundern müssen, und der Vater suchte dabey auch den Kindern manche nützliche Lehre zu geben, an welche sie sich, wenn sie die nähmliche Pflanze, Blume, den nähmlichen Strauch oder Baum wieder sähen, erinnern sollten. So kam der Vater Liebhold mit seinen Kindern zu einem Sauerdorn- oder Weinschädling-Strauch, der ganz mit Hellrothen, traubenförmigen Früchten behängen war, die neben und unter den grünen Blättern sich gar schön aus- nahmen. Die Kinder pflückten von dem Strauche einige Früchte ab, gaben aber dabey Acht, daß sie sich an den vielen Dornen, mit welchen die Zweige chesetzt waren, nicht an der Hand ritzten. Prosper, der älteste Sohn, konnte sich nicht enthalten, die schöne rothe Frucht zu kosten; aber er spuckte sie sogleich aus, und zog den Mund gewaltig zusammen; denn die länglichten rothen Beeren waren sehr sauer. Da sagte der Vater: »Ich hätte es Dir sogleich sagen können, daß der Saft dieser Früchte, die durch ihre Schönheit zum Genüsse einladen, sauer ist; ich wollte aber, daß Du bey Deinem Hange zur Genäschigkeit selbst die Erfahrung machtest. So sauer der Saft des Weinschädlings ist, so angenehm und erquickend wird er, wenn er mit Zucker versetzt wird. Mir kommt er vor, wie eine schwere Arbeit, die dadurch versüßet wird, wenn man sie mit Lust und Liebe verrichtet; und die Ruhe, welche auf Arbeit und Anstrengung folgt, ist dann doppelt angenehm und erquickend?' 199 Die blumige Wiese. Auf einem anderen Spaziergange kamen der Vater Liebhold wnd seine Kinder zu einer großen Wiese, deren schönes Grün mit sehr vielen bunten Blumen besäet war. Die Kinder konnten sich an denselben nicht satt, sehen, und pflückten die schönsten derselben, um sich Sträußchen zu binden. »Auf dieser Wiese," sprach der Vater, »könnet Ihr, lieben Kinder, die Allmacht und Güte Gottes bewundern. Alle Gräser und alle die schönen Blumen auf dieser Wiese wachsen ohne Pflege und im Ueberflusse. Gott der Allmächtige hat bey der Schöpfung der schönen Erde den Samen zu diesen Gräsern und Blumen ausgestreuet. Er gab Regen und Sonnenschein, daß der Samen keimen konnte. Er wuchs zur Pflanze und Blume empor, und die Gräser und Blumen, nachdem sie verblüht hatten, ließen den Samen wieder auf die Erde fallen, damit er im künftigen Frechlinge, wenn die Sonnenstrahlen die Erde erwärmen, keime, und zum Grase und zur Blume empor wachse." So geschieht es alle Jahre; der allmächtige und allgütige Schöpfer.hat es so weislich in der Natur eingerichtet. Sollen wir nicht bey dem Anblicke der Wiese ihm dafür mit frohen Herzen danken? Aber zu noch größerem Danke werden wir aufgefordert, wenn wir bedenken, daß der allgütige Gott im Sommer so viele Feldfrüchte, Gemüse, Obst, Wurzeln 200 und Kräuter wachsen läßt, daß nicht nur wir immer, auch im Winter, wo die Erde vor Frost starret, hinlängliche Nahrung finden; sondern auch unzählige Thiere in der Luft, auf und unter der Erde sich davon nähren können. Und wie viele von diesen Thieren hat der Allmächtige wieder zu unserem Nutzen und'Gebrauche erschaffen? Lob, Ehre, Preis und Dank dem allmächtigen, höchst weisen und gütigen Schöpfer!» Die Zeitlose. ^ie Kinder waren an einem Herbsttage mit dem Vater zu einem großen Wiesenfelde gekommen, auf welchem einzelne Kühe weideten. Alle Gräser und Blumen waren schon früher abgemähet, getrocknet und als Heu und Grummet zum Winterfutter für das Hornvieh und die Pferde nach Hause auf den Heuboden gebracht worden. Nur die Zeitlose oder der wilde Safran war schon mit dem veilchenblauen Kelche aus der Erde emporgeschossen, und zierte noch die ehemahls blumige Wiese. Die Kinder besahen die Blumen, dessen blauer Kelch auf einem weißen Stiele saß, und schöne rothe Staubfäden einschloß. Der Vater belehrte die Kinder, daß die Zeitlose aus einer Zwiebel hervor wachse, welche aber Gift enthalte. »Durch diese Zeitlose," sagte der Vater, »erinnert uns der allmächtige Schöpfer an das Scheiden des Blumenrei- 201 ches. Das Schneeglöcklein hat uns im ersten Frühlings, sobald der Schnee geschmolzen war, angekündiget, daß die Natur aus ihrem Winterschlafe erwacht ist, und daß Blü- then und Blumen uns bald erfreuen werden. Durch den ganzen Sommer hat uns der allgütige Schöpfer mit den mannigfaltigsten Blumen in der schönsten Abwechslung, mit Kräutern und Früchten ergötzt, und durch balsamischen Duft, welchen die Blüthen und Blumen, die Gesträuche und Bäume aushauchten, erquickt. Die Zeitlose kündigt uns an, daß die schöne und fruchtbare Jahreszeit abgelaufen ist. Danken wir dem Schöpfer für alles das Gute, was er uns in derselben bereitet hat, und erforschen wir uns, ob wir es mit Verstand benützt, und zu unserm Besten verwendet haben! Der kleine Buckelige. Ulrich Müller war dem Körper nach ungestaltet. Er war für sein Alter klein, bausbackig, schielend, hatte einen großen. Kopf und breiten Mund und noch dazu einen Höcker auf dem Rücken. Seine Stimme war kreischend und unangenehm. Mit acht Jahren besuchte er die öffentlicke Schule. Anfangs lachten die muthwilligen unter den Schülern über seine Mißgestalt, die verständigeren bemitleideten ihn. Der Lehrer schützte den armen Knaben vor den Spöt« tereyen der Anderen, und sagte, daß der gute Gott dem 202 Knaben das, was er ihm an Ausbildung -es Körpers versagt, an herrlichen Geistesgaben vielfach ersetzt habe, und daß sie den mißgestalteten Knaben wegen seiner vorzüglichen Eigenschaften bald lieben und achten würden. So war und so geschah es auch. Ulrich Müller, der schon früher zu Hause einen guten Unterricht erhalten hatte, übertraf in einigen Monathen alle seine Mitschüler an Kenntniß und Geschicklichkeit. Sein gutes Talent unterstützte ihn in Erlernung aller Gegenstände. Sein Vater hatte ihn belehrt, daß er das, was ihm an Schönheit des Körpers abgehe, durch Ausbildung der Geistesgaben, durch Kenntnisse, Geschicklichkeit und gute Eigenschaften ersetzen müsse, und dahin trachtete Ul rich Müller mit allem Fleiße. Dabey war er sehr gefällig, dienstfertig und verträglich, sanft und bescheiden, so daß ihn alle seine Mitschüler liebgewannen und achteten. Ulrich Müller ging in der Folge zu den höheren Studien über, und wurde ein sehr geschickter und gesuchter Arzt, als welcher er insbesondere den Kranken aus der ärmeren Volks-Classe gern menschenfreundliche Hülfe leistete, welches seinen Ruf, den er sich als Arzt erworben hatte, noch viel erhöhete. 203 Die Gabe mit zarter Schonung. ^ie Baroninn E eine Majors-Witwe, war durch verschiedene Unglücksfälle in Dürftigkeit gerathen. Sie begab sich in ein Landstädtchen, und lebte dort zurückgezogen und kümmerlich von der Arbeit ihrer Hände. Da sie, so lange ihr Gemahl gelebt hatte, ein großes Haus geführt, so waren ihr jetzt die Entbehrungen, welche sie sich auferlegen mußte, um so drückender. Zugleich war sie zu verschämt oder auch zu stolz, um Personen ihrer Bekanntschaft, von denen sie Hülfe hätte hoffen können, ihre traurige Lage zu klagen. Doch war es nicht unbekannt, wie sehr sich die Umstände der Baroninn C* verschlimmert hatten. Der Graf Reichhorst, welcher früher im Regiments unter dem Major Baron E* gedient, von demselben manchen Freundschaftsdienst erhalten, und die traurige Lage seiner Witwe erfahren hatte, reifete absichtlich durch das Landstädtchen, in welcher dieselbe wohnte. Cr suchte sie auf, und sie war durch seinen Besuch um so mehr überrascht und erfreut, da sie bisher von allen Bekannten ihres verstorbenen Gatten vernachlässiget worden war. Der Graf sprach lange mit der Baroninn, ohne nur mit einer Sylbe ihrer traurigen Lage zu erwähnen. Zm Gespräche bath er sie um ein Glas Wasser, indem er vorgab, daß er sehr durstig sey. 204 - Da die Baroninn keinen Dienstboten hatte, so mußte sie es selbst aus der Küche hohlen. In ihrer Abwesenheit legte der Graf eine Banknote von fünfhundert Gulden in das Fach ihres Nähkissens, und nahm bald darauf Abschied von der Baroninn. Man denke sich die freudige Ueberrasckung derselben, als sie die mit so vieler Zartheit hingelegte Gabe des Grafen fand. _— ^ Ein Dienstboth seltener Art. «>8n dem Städtchen Langenleithen lebte eine alte grämliche Witwe, welche man ihrer Zanksucht wegen gewöhnlich die Brummliese nannte. Sie besaß so viel Vermögen, daß sie ihr gutes Auskommen hatte; aber durch ihr feindseliges Benehmen gegen Andere verbitterte sie sich selbst das Leben. Sie war zornmüthig, mißtrauisch, zänkisch, geizig, verläumderisch und unverträglich; daher Niemand mit ihr Umgang pflegen wollte. Keine Magd konnte es in ihrem Dienste aushalten, und sie wechselte alle Monathe mit ihren Dienstboten, so, daß sie zuletzt keinen mehr erhalten konnte. Zn dieser Zeit fing die Witwe zu kränkeln an, und sie bedurfte um so mehr einer guten Pflege. Da entschloß sich Bertha, in den Dienst der Witwe zu treten. Sie kannte sehr gut die Beschwerlichkeiten desselben; aber sie nahm sich 205 vor, Gttt zu Liebe dieselben zu ertragen, und der durch ihre Böswilligkeit unglücklichen Witwe in ihrer Verlassenheit Liebesdienste zu erweisen. Auch hoffte Bertha, durch standhaftes Aushalten, durch Sanftmut!) und Geduld die unerträgliche Gemüthsstimmung ihrer Herrinn zu verbessern. Den Zorn, in welchem die Witwe bey der geringsten Veranlassung aufbrausete, suchte Bertha durch ausharrende Sanftmuth und freundlicher Entgegenkommen zu entwaffnen; das Mißtrauen der Witne durch Treue und Ehrlichkeit bey dem Einkäufe und Vermei dung des Vorgegebenen zu verringern, und nach und nach Zuwauen bey derselben zu gewinnen. Fing die Witne zu zanken an, so schwieg Bertha, und vermied alles Einreden; den vorherrschenden Geiz der Witwe beschwichtigte Bertda durch sorgsame Sparsamkeit im Hauswesen; wenn dieWitve von Anderen übel sprach, so trachtete Bertha das Gespriich auf einen anderen Gegenstand zu leiten, und da sie sich aller Zuträgereyen enthielt, und nie der Witwe berichtete, was andere Leute von ihr sprachen, so gerieth diese auch weniger mit den Nachbarinnen und anderen Leuten in Zwietracht, Zank und Streit. Durch dieses besonnene und vorsichtige Benehmen, durch Sanftmuth und Geduld und durch eine unermüdete treue Pflege brachte es Bertha dahin, daß die Witwe viel von ihrer Bösartigkeit verlor, Bertha lieb gewann, und ihr viel Zutrauen schenkte, wodurch der guten Bertha der Dienst bey der bösen Frau viel erträglicher wurde. Diese wurde immer kränklicher, so, daß sie zuletzt das Bett nicht mehr verlassen konnte. Bertha pflegte sie länger 206 als ein Jahr mit unermüdeter Sorgfalt, und als die Witwe starb, setzte sie Bertha, den treuen Dienstbothen, zurErbinn ihres ganzen Vermögens ein. Der Ring. _ MMM MM ela nie, die zehnjährige Tochter des Grafen Adlern kamp f, war von dem Schlosse in die sine halbe Stunde entfernte Meierey mit ihrer Erzieherinn gegangen, um dort ein Glas süßen Rahm mit gutem hausbackenen Brote zu nehmen. In der Meierey befand sich Rosa, eine arme zwölfjährige Waise, welche dort zu allerley kleinen Hausarbeiten verwendet wurde, und ein flinkes, schmuckes Dirn- chen war. Rosa trug gewöhnlich auf den Tisch unter dem großen Apfelbaume, nachdem sie denselben mit einem schneeweißen Tuche gedeckt hatte, den süßen Rahm und das Brot auf. Melanie richtete immer freundliche Worte an dieselbe, und ergötzte sich an den unbefangenen Antworten, welche Rosa gab. Gewöhnlich beschenkte Melanie das geschäftige Mädchen mit einem neuen Silbergroschen, welchen Rosa in ihre Sparbüchse legte, um in der Folge ein neues Paar Schuhe anzukaufen. Nachdem sich eines Abends die junge Gräfin» mit ihrer Erzieherinn schon längst aus der Meierey entfernt hatte, und A 207 Rosa bey dem Tische unter dem Apfelbaume aufräumte, fand diese im Grase ein goldenes Ringelchen, welches, der Größe nach zu urtheilen, die junge Gräfinn mußte verloren haben. Rosa brachte sogleich Alles von dem Tische in Ordnung, und eilte auf dem kürzesten Wege ins Schloß, um der jungen Gräfinn den Ring zurück zu stellen. Sie kam dort ganz mit Schweiß bedeckt an, und wurde zu Melanie geführt. Diese hatte den Ring noch gar nicht vermißt, und war um so mehr erfreuet, ihn durch Rosa zu erhalten, da es ein Geschenk von ihrer gräflichen Großmutter war. Sie lief zu ihren Aeltern, um ihnen das Vorgefallene zu erzählen, und dabey pries ste Rosa's Ehrlichkeit hoch an. Die Aeltern ließen sich die arme, aber grundehrliche Waise vorstellen, welche ihnen durch ihr angenehmes Aeußere und durch die verständigen Antworten auf ihre Fragen sehr wohl gefiel. Sie nahmen sich von nun an derselben an, ließen sie in den weiblichen Arbeiten gut unterrichten, und gaben sie, als ste mehr herangewachsen war, der jungen Gräfinn Melanie als Stubenmädchen, wo sie sich einer sehr guten Behandlung zu erfreuen hatte, und lebenslänglich versorgt wurde. 208 Besserung. Ein unbemittelter Weber starb mit seiner Gattinn an der damahls allgemein verbreiteten Brechruhr, und hinterließ vier unversorgte Kinder, von denen Panl, der älteste Sohn, neun Jahre alt war. Vier Menschenfreunde nahmen sich der armen verlassenen Waisen an, und theilten sie unter sich. Herr Engelmann wählte Paul, und versprach ihm, wenn er sich gut ausführe, ihn wie seinen Sohn zu behandeln, und er hielt auch Wort. Paul war aber in seiner Kindheit vernachlässigt und nicht sorgsam überwacht worden, und hatte sich neben anderen Fehlern das Naschen angewöhnt. Da er von dem Herrn Engelmann, seinem Pflegevater, gut behandelt wurde, so gewann er denselben lieb, und unter seiner Aufsicht und durch seine Belehrung gewöhnte er sich manchen Fehler ab, so daß er immer besser gesittet wurde. Auch in den Lehr- gegenständen machte Paul den erwünschten Fortgang; zugleich wurde er ehrliebend, und an dem Bepfalle seines Pflegevaters und an der Achtung, welche ihm Andere zu erkennen gaben, war ihm viel gelegen. Aber das Naschen konnte Paul sich nicht abgewöhnen, so ernstlich er sich auch bemühte. Sein Pflegevater drohte, ihn augenblicklich aus dem Hause zu jagen, wenn er ihn wieder bey einer Näscherey ertappete. Es stand nicht lange an, als Paul wieder einen schönen reifen Pfirsich im Garten ohne Crlaubniß abpflückte und ver- 209 zehrte. Der Vater, von dem er vermuthete, daß er ausgegangen sey, war in der Laube verborgen, und hatte ihn belauscht. Dieser nahm ihn zu sich auf sein Zimmer, stellte ihm mit ernsten Worten die Größe seines Vergehens vor, und sagte, daß er augenblicklich aus dem Hause gehen sollte, indem er ihn als einen Näscher nicht länger in demselben dulden könne. Paul weinte, und bath um Schonung und um Vergebung, indem er versprach, nie mehr in den Fehler zurück zu fallen. Umsonst waren seine Bitten, fruchtlos stoffen seine Thränen: Herr Engelmann blieb unerbittlich. Da fiel Paul auf die Kniee, umfaßte jene des Vaters, und bath unter Schluchzen, daß er ihm nur dieses einzige Mahl noch vergeben möge, indem er bey Gott und allen Heiligen versprach, daß er nie mehr naschen werde. Der Vater ließ sich lange nicht erweichen, endlich sagte er: »Paul, Du hast eine große Sünde begangen; Du hast wieder genascht; Du warst ungehorsam und undankbar gegen Gott und mich. Du hast es verschuldet, daß ich Dich augenblicklich aus dem Hause jage, und mit Verachtung werden die Leute auf Dich, ungerathener Sohn, sehen." . »Doch Deinen großen Fehler, Deine ehrlose Thabwiffen nur ich und Du. Noch kannst Du Deine Ehre retten, wenn Du unablässig Dich bemühest, den groben Fehler ganz abzulegen. Ich will mich erbitten lassen, und es noch einige Zeit mit Dir versuchen. Fällst Du nicht mehr in denselben Fehler zurück, so ist das Geschehene vergessen, und wir bleiben wieder bepsammen; wo nicht, so jage ich unerbittlich 14 210 Dich fort, und Du darfst Dich nicht mehr vor meinen Augen sehen lassen.» »Bitte Gott täglich des Morgens, daß er Dir Kraft verleihe, jeder Versuchung zum Naschen zu widerstehen.» Diese Worte des wohlwollenden Pflegevaters wirkten bey dem ehrliebenden Pflegesohne. Es war seine Ehre vor den Leuten gerettet; er nahm sich ernstlich vor, den Fehler abzulegett, bethete täglich zu Gott um Beystand in der Versuchung, und mit Gottes Hülfe gelang es ihm, die alte Gewohnheit des Naschens auszurotten. Unter der Aufsicht und Leitung seines verständigen Pflegevaters wurde Paul ein brauchbarer und nützlicher Mensch, an welchem Herr Engelmann in der Folge sein Wohlgefallen hatte. Dienst und Lohn. Athanasia, ein zwölfjähriges Mädchen, wurde von ihrer Mutter geschickt, um ihren kleinen Bruder aus der Schule abzuhohlen. Auf dem Wege dahin sah sie eine alte Frau, welche einen schweren Korb mit Vorräthen für die Küche vom Markte nach Hause trug, straucheln und fallen. Athanasia, immer gewohnt, Jedem beyzustehen, der ihrer Hülfe bedurfte, eilte zu der alten Frau hin, half ihr auf, sammelte schnell Alles, was aus dem Korbe gefallen 211 war, legte es in denselben, und both sich an, die alte Frau nach Hause zu begleiten, und ihr den Korb bis dahin zu tragen, was diese gern geschehen ließ, weil sie sich im Fallen das Knie so beschädiget hatte, daß sie hinken mußte. Der Korb war scbwer, und Athanasia strengte sich bey dem Tragen desselben so sehr an, daß sie sich erhitzte, und in Schweiß gerieth. Die alte Fran dankte dem dienstfertigen Mädchen für den Gefallen, welchen es ihr erwiesen hatte, und wollte ihm einen Groschen schenken, den es aber durchaus nicht annahm. Athanasia eilte nun zum Schulhause, um ihren Bruder abzuhohlen, wodurch sie sich noch mehr erhitzte. Der Unterricht dauerte dieses Mahl länger, sie mußte auf den Bruder im Gange neben dem Schulzimmer warten, setzte sich da der Zugluft aus, und zog sich dadurch eine Lungenentzündung zu, welche ihr lebensgefährlich wurde. Die alte Frau, welcher Arhanafia den Korb getragen hatte, erfuhr, daß diese krank darnieder liege, und besuchte sie. Sie fand, daß Athanasiens Aeltern in Dürftigkeit lebten, noch sechs Kinder zu ernähren hatten, und daher die Krankheitspflege für die schwer kranke Tochter kaum arttbringen konnten. Die gute alte Frau sorgte für Arzt, Arzney und gute Pflege, verweilte täglich mehrere Stunden an dem Krankenbette Athanasiens, und trug viel zur Genesung derselben bey. Da sie hier sah, mit welcher Geduld Athanasia ihre Schmerzen ertrug, und da sie dieselbe als ein gutes und gehorsames Mädchen kennen lernte, nahm sie Athanasia, als sie genas, zu sich ins Haus, behandelte 14 * 212 sie als ihre Tochter, und setzte sie bey ihrem Tode zur Erbin» ihres ganzen Vermögens ein. Der Kirschendieb. -Ä^m Saume eines Waldes, weit von dem Dorfe entfernt, stand ein Kirschbaum, reich mit Früchten behängen. Er gehörte dem Nachbar Veit, der bey der Nacht, wenn die Kirschen reiften, gewöhnlich unter demselben wachte, bey Tage aber seiner Arbeit nachging. Caspar, ein genäschiger und muthwilliger Knabe, war lüstern nach den schönen Herzkirschen, die auf dem Baume hingen. Er machte sich am frühen Morgen, wo er ver- muthete, daß Veit auf die entfernten Gründe zur Arbeit gegangen sey, auf, schlich sich zu dem Kirschbaume, kletterte auf denselben hinauf, pflückte Kirschen, und aß von denselben nach Herzenslust. Er wollte sich davon auch die Taschen vollstopfen, wählte dazu die schönsten, die hoch oben gegen den Gipfel des Baumes hingen, kletterte immer höher, und als er eben nach einem entfernten Zweige langte, fiel in der Nähe ein Schuß. Caspar erschrak darüber so sehr, daß er den Zweig, an dem er sich festgehalten hatte, ausließ, mehrere Klafter hoch herab stürzte, und sich einen Arm brach. Der Schuß war von dem Jäger, welcher Caspar auf dem Baume nicht vermuthete, auf einen Hasen gerichtet, 213 der in der Nähe des Kirschbaumes vorüberlief. Er fand den Hafen, todt im Grase hingestreckt, und unfern desselben Casparn mit dem zerbrochenen Arme, der darüber ein großes Wehegeschrey erhoben hatte. Die zerbrochene Tasse. (§lise und Julie, zwey Schwestern von acht und zehn Jahren, spielten im Zimmer Ball, welches ihnen von der Mutter verbothen war, weil sie durch ihr Spiel leicht einen Schaden dort anrichten konnten. Nachdem sie einige Zeit den Ball sich einander zugeworfen, und denselben wieder aufgefangen hatten, fiel derselbe bey einem unvorsichtigen Wurfe auf eine schöne Kassels-Tasse, mit welcher ein auf dem Schranke stehendes Glas zugedeckt war, und warf die Tasse zu Boden, daß sie in Scherben zersprang. Die beyden Mädchen waren wie gelähmt vor Schrecken; denn es war die Taffe, aus welcher die Mutter täglich Kassel) zu trinken pflegte. Sie beriethen sich nun, was sie anfangen sollten, um dem Verweise zu entgehen, der ihnen bevvrstand, weil sie gegen das Verboth der Mutter, welche kurz vorher ausgegangen war, Ball im Zimmer gespielt, und dabey die Tasse zerbrochen hatten. Julie meinte, sie sollen geschwind die Scherben auflesen, an einen Ort, wo sie nicht aufgefunden werden könn- 2!4 ten, tragen, und gar nichts erwähnen, daß die Taffe zerbrochen worden sey. Elise, die älter und verständiger war, sagte, daß die Mutter die Taffe immer vermissen, und nachforschen werde, wohin sie gekommen sey, und vielleicht einen Verdacht auf die Dienstleute werfen könnte, daß sie die Tasse zerbrochen oder enttragen haben. »Wir können auch sagen.» entgegnete Julie, »daß die Katze die Taffe zerbrochen habe.» »Wir sollen die Mutter belügen?» fiel ihr Elise in's Wort; »das werbe ich nie thun. Ich glaube, das Beste ist, wenn wir der Mutter bey ihrer Zurückkunft Alles offen und unaufgefordert gestehen. Wenn sie auch ein wenig auf uns schmollt, so wird der Verweis doch nicht zu streng und bitter seyn, weil wir unser Vergehen gestanden, und um Verzeihung gebethen haben.» Bey diesen Worten öffnete sich die Thür des Zimmers, und die Mutter, welche schon zurückgekommen war, und im Nebenzimmer Alles mit angehört hatte, trat herein. Elise ging ihr mit gesenktem Blicke entgegen, sagte ihr, was vorgefallen, und bath sie mit Thränen im Auge um Nachsicht. Die Mutter zog Elise an ihr Herz, küßte sie und sagte: »Ich habe euer Gespräch belauscht, und Dir eher verziehen, als Du Dich angeklagt hast. Fahre fort, auch bey Fehlern gegen Deine Aeltern offenherzig zu seyn; Du wirst dieselben leichter ablegen, und Dir viel Verdruß ersparen. Du aber, Julie, lerne von Deiner Schwester die Wahrheit lieben, und hüthe Dich, jemahls einen Fehler 215 durch Lügen beschönigen zu wollen. Wahrheit besteht, Lüge vergeht!» Ehrlichkeit. ! ^riedmann, ein betriebsamer und wohlhabender Kauf- ! mann in der Hauptstadt, sucbte einen Lehrjungen in seine Handlung, und meinte, denselben auf dem Lande, wo noch viel Ehrlichkeit und Biederkeit unter dem Volke verbreitet war, zu finden. Er machte an Sonn- und Feyertagen öfters Ausflüge in die Gebirgsgegenden, die er zu Fuß durchwanderte. In einer Bergschlucht traf er einen Hirtenknaben mit der Heerde an, in dessen Gefichtszügen sich Einfalt des Herzens und Ehrlichkeit abspiegelten. Der Knabe gefiel dem Kaufmanne, und er wünschte ihn als Lehrjungen zu bekommen. Er stellte ihn auf die «Probe. »Wolltest Du mir nicht,» sprach Friedmann zu ihm, »das weiße Lämmchen verkaufen, welches dort allein graset?» ^ »Das darf ich nicht,» entgegnete der Hirtenknabe; »es gehört nicht mir, noch meinem Vater: ich bin nur der Hirt dieser Schafe.» Friedmann. «Wenn ich es Dir aber doppelt bezahle?» Hirtenknabe. »Auch dann nicht. Was nicht mein ist, darf ich weder verschenken noch verkaufen.» 216 ' Friedmann. »Ich will Dir aber fünf Gulden dafür geben. Das Lamm gefällt mir. Fünf Gulden sind wohl der fünffache Werth des Lammes und ein schönes Stück Geld, für welches Du Dir einen ganzen Anzug kaufen kannst.» Hirtenknabe. »Ich kann und darf es nicht verkaufen. Was würde der Bauer von mir sagen, dem es gehört? Er würde mich einen Dieb und einen Betrüger schelten, und mich zur verdienten Strafe ziehen.» Fried mann. »Du könntest ja vorgeben, daß es Dir der Wölf geraubt hat, oder daß es in einen Abgrund gesprungen und dort verunglückt sey.» Hirtenknabe. »Da wäre ich nicht nur ein Dieb, sondern auch ein ehrloser Lügner.» Fried mann. »Was willst Du aber machen, wenn ich Dir das Lamm mit Gewalt nehme.? Ich bin der Stärkere, und Gewalt geht vor Recht.» Hirtenknabe. »Versuchen Sie es nicht; ich werde mich dagegen wehren, so lange ich kann, und Lärm machen, bis Leute mir zu Hülfe kommen. Da wird es Ihnen schlimm ergehen. Sie werden mit Prügeln auf Sie losschlagen, Und Sie als einen Dieb zum Amtmanne und in's Gefängniß führen. Vergreifen Sie sich nicht an dem Lämmchen, sonst stehe ich für nichts gut.» Diese letzten Worte sagte der Knabe mit drohender Stimme, indem er dabey seinen Hirtenstab schwang. ' Der Kaufmann näherte sich dann dem Knaben mit freundlich lächelnder Miene, und sagte, indem er ihm ein Stück Geldes in die Hand drückte: »Braver Knabe, Du 217 hast die Probe gut bestanden; fahre fort, immer so ehrlich zu seyn und zu handeln, und Du wirst gut in der Welt fort- kommen." Der Kaufmann erkundigte sich im Dorfe nach der Aufführung des Knaben, und hörte nur Lobenswerthes von ihm. Er nahm ihn mit sich in die Stadt in die Lehre, ließ ihn im Lesen, Schreiben und Rechnen gut unterrichten, und erzog sich an ihm einen sehr brauchbaren Handlungsgehülfen, der sich insbesondere durch Ehrlichkeit, Redlichkeit auszeichnete, und in der Folge durch die Unterstützung Friedmann's ein im guten Rufe stehendes Handlungshaus gründete. Ungehorsam. jAie Mutter hatte ihrem zehnjährigen Sohne Lambert und ihrer jüngeren Tochter Rosalia verbothen, daß sie nicht ohne Erlaubniß und allein in den an ihr Landhaus stoßenden Wald gehen sollten, weil sie sich leicht in demselben verirren oder anderen Schaden nehmen könnten. An einem Nachmittage hatte die Mutter die beyden Kinder tief in den Wald geführt, wo viele reife Erdbeeren waren, von denen sie ganze Körbchen voll pflückten. Als einige Tage darauf die Mutter zum Besuche bey einer Freundinn abwesend war, beredete Feli.r seine Schwester Rosalia, mit ihm in den Wald auf den Platz zu den Erdbeeren zu gehen. Sie schlichen sich ungesehen fort, kamen bey demselben an, aßen viele Erdbeeren, und sammelten auch mehrere in das Körbchen. Während sie mit dem Pflücken der Erdbeeren beschäftiget waren, verfinsterte sich die Sonne; der Donner fing zu rollen an, und der Regen fiel in Strömen. Die Kinder flüchteten sich in eine Felsenhöhle, um in derselben den Regen abzuwarten, der aber nicht aufhören wollte. Es wurde immer dunkler, und die Dämmerung brach ein. Sie mußten im Regen den Rückweg antreten, und verirrten sich auf demselben. Die Kinder waren schon ganz durchnäßt, und zitterten vor Angst. Da sahen sie ein Feuer im Walde auslodern. Sie gingen auf dasselbe zu, indem sie meinten, dort ein Haus zu finden. Es waren aber schwarze und lumpige Zigeuner um das Feuer gelagert, die den beyden Kindern alle Kleider bis auf das Hemd auszogen, und sie dann fortjagten. Man stelle sich die Angst und den Schrecken der beyden Kinder vor, welche befürchteten, von den wilden Zigeunern, welche sich aber nach dem an den Kindern begangenen Raube schnell entfernten, umgebracht zu werden. Die beyden Kinder irrten noch längere Zeit in dem Walde herum, ohne den Ausweg zu finden. Es war schon dunkle Nacht geworden. Endlich sahen sie in der Entfernung Licht, und Leute mit Laternen auf sie zukommen, welche der Vater der Kinder ausgeschickt hatte, um sie aufzusuchen. Wie froh waren sie, als sie dieselben erblickten, von denen sie sicher nach Hause geleitet wurden. 2L9 Die Kinder bekamen von dem Vater einen strengen Verweis; sie waren aber durch den Schrecken und die Angst, welche sie im Walde ausgestanden hatten, hinlänglich bestraft. Die zwey reisenden Geschwister. Gebhard war in dem Dorfe Steinhügel Feldhüther, Bothe und Musicant. Er erwarb so viel, daß er mit seinen beyden Kindern Ubald und Johanna nothdürftig leben konnte. Sein Weib hatte Gebhard schon vor sechs Jahren verloren. Er selbst starb, vom Schlagflusse berührt, als Ubald dreyzehn, und Johanna eilf Jahre alt war, und hinterließ denselben nichts als den Ruf der Ehrlichkeit, in welchem der Vater gelebt hatte, und auch gestorben war. Ubald hatte von dem Vater die Leyer spielen gelernt. Er machte den Wan, mit seiner Schwester in die Hauptstadt zu reisen, und dort für sich einen Platz als Lehrjunge bey einem Handwerker zu suchen, und seine Schwester als Kindesmagd irgendwo unterzubringen. Auf dem Wege hoffte er durch Leyern so viel zu erwerben, daß er für sich und seine Schwester die nöthige Nahrung ankaufen könnte. Anfangs ging alles gut. Ubald spielte auf der Leyer in den Wirthshäusern, vor den Thüren und auf der Straße, wenn Wagen mit ansehnlichen Leuten vorüber fuhren, erhielt immer eine kleine Gabe an Geld, vor den Thüren ein 220 Stück Brot oder einen Topf saurer Milch, so daß er und seine Schwester nie hungern durften. Das Nachtlager erhielten sie bey gutherzigen Bauersleuten in der Scheuer unentgeltlich. Sie kamen in eine unfruchtbare und wenig bewohnte Gegend, wo die Dörfer mehrentheils aus zerstreuten Häusern bestanden, die sehr weit auf Bergabhängen aus einander lagen. Dort ging es den beyden Geschwistern übel; die Gaben flössen sehr sparsam ein, und sie bekamen nicht so viel Brot, daß sie sich satt essen konnten. Ganz ausgehungert erreichten sie ein einsam gelegenes Schloß. Ubald trat mit seiner Schwester in den Hof, und fing zu leyern an. Niemand zeigte sich, denn alle Hausleute waren mit Auspacken und Ordnen beschäftiget, indem die Herrschaft erst vor zwey Stunden hier aus der Hauptstadt angekommen war. Ubald fand im Erdgeschosse alle Thüren offen, ging in das erste, dann in das zweyte und auch in das dritte Zimmer. Ueberall lagen werthvolle Sachen herum, und im dritten ein Haufen Eßwaaren mit Semmeln und Kipfeln auf- gethürmt. »O, wenn wir nur Jedes ein Stück davon hätten,» sagte Ubald zu seiner Schwester, »wie sehr hungert mich!* Die zwey Geschwister rührten nicht das Geringste in allen drey Zimmern an, und wollten sich wieder entfernen, als ihnen der Herr des Schlosses entgegen trat, der sie seit ihrem Eintritte genau beobachtet hatte, und dem ihre Ehrlichkeit sehr wohl gefiel. Er fragte sie um ihre Herkunft, und um den Zweck ihrer Reise. Sie antworteten ihm offen und 221 unbefangen, und gewannen das Zutrauen des guten Herrn, der sich vornahm für Beyde zu sorgen. Er gab Ubald zu dem Schloßgärtner in die Lehre, wo er gut gehalten wurde, und sich zu einem geschickten Gärtner ausbildete; Johanna aber wurde zu leichten Verrichtungen im Schlosse verwendet, in den weiblichen Arbeiten, endlich im Kochen unterrichtet, und fand bey ihrer Herrschaft lebenslängliche Versorgung. Großmnth. ommer und Felder waren Jugendfreunde. Pommer widmete sich dem Handelsstande; Felder wurde Soldat. Als Pommer schon selbstständig Handelsgeschäfte und mit gutem Erfolge betrieb, vertraute ihm Felder, der schon zum Officiere befördert worden war, sein väterliches Vermögen an. Felder mußte mit seinem Regiments ins Feld ziehen. Pommer schickte ihm durch mehrere Jahre die Zinsen von dem ihm anvertrauten Capitale. Nach längerer Zeit kam Feldern die Nachricht zu, daß Pommer Banquerott gemacht, und nach Amerika geflohen sey. Man sagte ihm noch, daß er große Summen Geldes mitgenommen, und um dieselben seine Gläubiger betrogen habe. Felder hatte durch diesen schmählichen Banquerott sein ganzes väterliches Erbe verloren. Viele Jahre hörte man von Pommer nichts lmehr. Als einst Felder in Aufträge seines Generals in Begleitung eines Dragoners durch einen Wald ritt, überraschte er drey Räuber, welche einen Reisenden überfallen, ihn und dessen Kutscher schwer verwundet § und wehrlos gemacht hatten, und damit beschäftiget waren, dessen Kutsche rein auszuplündern. , Felder und sein Dragoner schossen ihre Pistolen auf ( die Räuber ab, tödteten den einen, und verwundeten die ss zwey anderen, welche die Flucht ergreifen wollten, aber von Felder und dem Dragoner gefangen, gebunden und dem Gerichte überliefert wurden. Nun sorgte Fe lder, daß der ^ verwundete Reisende und sein Kutscher in das nächste Dorf ^ gebracht, ihre Wunden verbunden und ste selbst gut verpflegt wurden. . Felder ritt mit dem Dragoner schnell weiter, um dem Aufträge seines Generals nachzukommen. Auf dem Rückwege besuchte er die zwey Verwundeten, und erkannte in ' einem derselben seinen Jugendfreund Pommer. Dieser hatte sich in Amerika durch glückliche Handlungsunternehmungen ein bedeutendes Vermögen gesammelt, war unter einem fremden Nahmen nach Europa zurückgekehrt, und wollte sich durch Frankreich, wo Felder im Jahre 1814 mit seinem Regi- ! mente lag, nach der Schweiz begeben, um dort so ruhig, f als es sein schuldbewußtes Gewissen zuließ, seine Tage zu verleben. Feld er hatte Pommern erkannt, suchte aber dieses so viel möglich zu verbergen. Auch Pommer mockte Feldern erkannt haben; aber er verrieth es nicht, weil Fel- 223 der Rache an ihm hätte nehmen, und ihn zur verdienten Strafe ziehen können. Felder brachte den Arzt seines Regimentes zu Pommer, und wendete alle Sorgfalt an, Laß dessen Wunden gut geheilt und er gut gepflegt würde. Er besuchte Pommer täglich, dessen Genesung den gewünschten Fortgang nahm. ^ Pommer that noch nichts dergleichen, daß erFeldern erkenne, denn er fürchtete, von ihm erkannt zu werden. Pommer war so weit hergestellt, daß er schon kleine Spaziergänge machen konnte. Er begab sich öfters zu den großen Linden vor dem Dorfe, welche eine kleine Capelle beschatteten. An einem schwülsten Nachmittage schlief er dort auf der Bank, wo er gewöhnlich ausruhete, ein. Felder war ihm nachgeschlichen, und da er ihn dort fest schlafend fand, schnitt er ihm eine Haarlocke ab, und legte einen Zettel hin, auf welchem die Worte standen: »Felder wird sich nie an seinem Zugendfreunde Pommer rächen.» Jetzt war Pommer überzeugt, daß er schon längst von Felder erkannt worden sey, der zu edelmüthig dachte, als daß er sich an ihm rächete, wozu er jetzt vielfältige Gelegenheit gehabt hätte. F'elder's Großmuth rührte ihn so sehr, daß er denselben sogleich in seinem Zimmer aufsuchte, ihm um den Hals fiel, ihn um Verzeihung des früher Vorgefallenen bath, und ihm das väterliche Erbtheil mit allen verfallenen Zinsen auszalstte. Auch ließ er sich von Felder bewegen, andere Gläubiger, welche er um ihre Schuld bey dem Banquerotte betrogen hatte, zu befriedigen, so daß er 224 dadurch seine Ehre rettete, und unter seinem wahren Nahmen wieder erscheinen konnte. Die Amsel. Alaus und Hanns gingen nach einem heftigen Gewitterregen in den Wald, um die Ziege, welche weit auf den Bergabhängen herum schweifte, nach Hause zu treiben. Sie sahen eine junge Amsel, welche, weil die Federn durch den Regen durchnäßt waren, nicht gut fliegen konnte. Sie setzten derselben nach, jagten sie von einer Staude zur anderen, und Klaus kam ihr so nahe, daß er sie mit seinem Hute, den er nach ihr warf, erreichte, und fangen konnte. Er steckte sie, nachdem er seine Weste aufgeknöpft hatte, in den Busen, damit sie sich erwärme und abtrockne. Nun entstand ein Streit zwischen den beyden Knaben über den Besitz der Amsel, die Jeder haben wollte. Klaus eignete sich dieselbe zu, weil er sie gefangen, und Hanns machte Anspruch auf dieselbe, weil er sie dem Klaus zugejagt habe. Hatte nicht jeder der beyden Knaben gleichen Anspruch auf die Amsel, und hätten sie stickt den Streit durch einen Vergleich beylegen können, daß einer von ihnen die Amsel behalten, und den anderen dafür entschädiget, oder daß sie den Vogel verkauft, und das aus dem Verkaufe gelösete Geld getheilt hätten? 225 Aber so verträglich und versöhnlich waren sie nicht. Sie erhitzten sich vielmehr durch den Zank so sehr, daß sie in Zorn geriethen, und auf einander mit Fäusten schlugen. Ja, Klaus fiel in seinem Jngrimme dem Hanns mit beyden Händen in die Haare. Der Amsel waren indessen die Federn getrocknet, und wie sich Klaus gegen Hanns hinbog, um ihn bey den Haaren zu rütteln, entwischte die Amsel, und flog auf einen hohen Baum. Nun hatte der Streit und die Schlägerey ein Ende, und die beyden Knaben machten die Erfahrung, daß Streit, Zank und Proceß immer beyden streitenden Parteyen Schaden bringen. Inhalt. Seit« Wohlthätigkeit und Armuth.. . . . 1 Der gefangene Sperling .. 2 Der unschuldig Bestrafte. 3 Die Jungen im Neste.. 4 Die Camelie und die Rose. 5 Die Enkelinn bey der Großmutter. 6 Das Milchtöpfchen...- 7 Der Kunstdrechsler .. 8 Der Dornbusch. 9 Die Ameisen. 10 Uneigennützige Hülfe. 11 Die Bienen .. 12 Edle Rache.. 12 Dienst und Gegendienst. 13 Unerwartete Zusammenkunft. 14 Die Sperlinge.15 Die Weinrebe am Pfahle .. 17 Gutherzigkeit und Dankbarkeit. 18 Ruhmredigkeit. 19 Die Aehrenleserinn .. 19 Der Pfau. 20 Achtung für das Alter.. 22 Die Kornähren. 22 Die Plünderer. 23 227 Seit« Die Wald-Capelle... 24 Die Kinder des Advocaten.. . . . 25 Die Gefangenen. ...... 26 Das leere Glas..27 Du sollst nicht stehlen... . 28 Die Erben.. 29 Die Erdbeeren ... 30 Vergelte das Böse mit Gutem...- - 31 Der zerbrochene Kaffeh-Becher.. 32 Freyes Geständniß....- .. 33 Wie Sophie die Aepfel vertheilt.. 34 Der angenommene Neffe. 34 Verschiebe nichts auf morgen.. 35 Taste den guten Ruf Anderer nicht an -. 36 Die Declamation...37 Eine Witwe sammelt dürres Holz. 39 Die Verwundung ... . ... 40 Der Kirschbaum... 40 Der Zeisig.. . . . .. 42 Das Eichhörnchen ... 43 Der Taubenschlag... 44 Der Angeber... 44 Der Hagel . -... 46 Die durch eine Feuersbrunst verarmte Familie.- - 47 Das Geschenk des Onkels...- - 48 Selbstverläugnung . 49 Der Schulpreis. 30 Unglück und Rettung .. 31 ' Gut angewendetes Spargeld. 32 Der treue Hund... 32 Eigensinn.. 24 228 «eite Der verstellte Kranke. 84 Mitleid gegen Thiere. 55 Die Banknote im Buche. 57 Die Eseltreiber. 58 Der Wohlthäter. 59 Der Schatz. 59 Die Kirschendiebe. 61 Die Vorspann. 62 Edelsinn. 63 Der Leyerknabe. 64 Gottes Engel wachen über die Kinder -. 66 Spielet mit dem Feuer nicht. 67 Aberglaube. 68 Geschwätzigkeit. 69 Die eitle Laura. 70 Ehrlichkeit .. 70 Spott und Strafe. 71 Die Erbschaft. 72 Der Israelit. 73 Das Gewissen. 74 Gleiches mit Gleichem. 75 Die Ernte. 76 Der Wolfshund. 77 Awey brave Geschwister. 78 Ein gefälliges Mädchen. 79 Warnung .. 80 Ehre den Landmann.81 Ein Abergläubiger. 82 Das Vogelnest. 83 Der Oheim aus der Ferne. 84 Das Gewitter. 85 229 Seite Lohn des kindlichen Gemüthes. 87 Der Staar. 88 Die Krammetsvögel.. . 89 > Der schwarze Dieb.90 Das Erntefest .. 91 Der dumme Affe ..92 Der gescheidte Elephant. 93 ^ Der verlassene Neffe. 94 Glück durch einen Hund. 95 Ein gutmüthiges Mädchen. 97 Selbstgefühl. 98 Dienst und Gegendienst. 99 Kenntnisse geben einen Erwerb.100 Zeder Dienst belohnt sich. 100 Die Gabe für Verunglückte.102 Der Zank.103 Die Kaninchen. 105 Beschämung.. 106 Die verlorne Handschrift.107 Rettung und Dank.108 Edelmuth. 109 Der Spaziergang in den Garten.111 Die Blumenbeete ..112 Der Guckkasten.113 A Das Unkraut. 114 ^ Der Bienenstich. 115 Ein Menschenfreund von hoher Geburt.116 Der Storch.117 Die Bergsteiger.118 /Der Znvalidens-Sohn.118 ^ Ungehorsam und Unvorsichtigkeit.121 230 Die Tulpen.122 Eine Unvorsichtigkeit mit traurigen Folgen.123 Die Wachtel. 123 Der Truthahn ..12S Bruderliebe. 126 Pflichtgefühl.127 Ein glücklicher Schuß. 128 Keine Rose ohne Dornen. 129 Das Täubchen. 130 Die Schmetterlinge .. 13S Nimm keine Nadeln in den Mund ..- 132 Der Schmetterlingfang .. 133 Der Specht.. 134 Liebe der Tochter zur Mutter.136 Das Gespenst. . . .. 138 Die Raupe.. 133 Die sanfte Schwester ..IW Das Testament. IW Die unbekannte Wohlthäterinn.142 Eile mit Weile .. 143 Der Zorn ..144 Der Aprikosen-Baum ..145 Die zerbrochene Flasche.,..146 Die Aprikosen. 147 Schonung .. 148 Der Senfstrauch . . .. 149 Der Stechapfel.150 Muthwille und Strafe. 151 Der Pfahl an dem Baume.. . . 152 Ein unbesonnener Scherz von üblen Folgen.154 Höflichkeit . . . .. 154 G 231 Seite Der Thierquäler ..156 Strafe des Ungehorsams..187 Geld ohne Werth ....188 Die Leiden bessern ... 189 Bestrafter Neid ..... 161 Thierquälerey ... 162 Das Gebeth ..... 163 Der eiserne Topf.. 165 Der Schatz in der Erde ... 166 Ein wohlthätiges Mädchen ................ 168 Wohlthat und Lohn.>69 Unordnung.... 170 Betrug und Strafe ..171 Unverhoffte Hülfe...172 Die Ruine ....173 Zwey Studenten auf der Ferien-Reise.175 Der Blitzstrahl ....175 Eigennutz.....177 Die Eigensinnige ....178 Die Nußschalen.. 179 Das weiße Kleid.. 180 Bestrafte Eitelkeit.180 Lohn der Dankbarkeit.... 182 Die Georginen.. . 183 Die Nachtigall...184 Das gerettete Mädchen.185 Der Blinde ..186 Eine hartherzige Frau..186 Die durch Feuer Verunglückten.188 Die zwey Lastträger. ..189 Bestrafter Aberglaube . . ... 191 232 Seite Das Ungewitter . ..... - 192 Die Kirchweihe . .. 193 Der Hund. 194 Böses Beyspiel .. 1^5 Allzuviel bringt Schaden .. 196 Der Sauerdorn.197 Die blumige Wiese.199 Die Zeitlose ..200 Der kleine Buckelige.201 Die Gabe mit zarter Schonung.203 Ein Dienstboth seltener Art . .. 204 Der Ring ..206 Besserung. 208 Dienst und Lohn . .. 210 Der Kirschendieb. 212 Die zerbrochene Tasse. 213 Ehrlichkeit. 215 Ungehorsam. 217 Die zwey reisenden Geschwister.2l9 Großmuth. 221 Die Amsel.224 'iMWBr kTMM Wien iLMK NMM Verlag der Kunsth and-urig H. F. Müller, am Kohlmarkt Nr. 11^9. WMB N.W..H §>^o M Ms ZM MM 2 LW W)0ösd?i