Wiener Stadt-Bibliothek, • HYMNUS an FLORA. DEM FREYHERRN VON SPIELM-ANN GEWIDMET. WIEN. GEDRÜCKT BEY FR. ANT. SCHRÄMBL. MDCCXCVIL JF'LORA! dich feyert mein Hymnus, dich schönste, doch seltner als deine Schwestern, des hohen Olympos Bewohnerinnen, gesungen! Jauchzend gebahr dich die Erde dem alten Chaotischen Winter, Dich, du Erstling, und Stolz und Wonne der fühlenden Schöpfung. Selig priesen sich damals in deiner Götterumarmung Jupiter Pluvius und Hyperions heilig Vermögen. Ihnen gebahrst du Proserpinens Mutter, und später Pomona, Beyde zwar schön, doch schöner als beyde, die blühende Mutter. Flora! du kleidest die Erde mit hellem smaragdnen Gewände, ' Schön durchwebet und bunt mit Farben des himmlischen Bogens; Siehe, wie glänzt durch die Nacht so prächtig der funkelnde Gurt hin, Welcher den blauen Talar des alten Cölus. umwallet; Aber viel reizender geht am offenen Tage die Tellus, Von dir, Flora! geschürzt mit leichtem Blumengehänge. Spielmann! belohnt mich Dein Lächeln, dann lächelt das Chor mir desPindus, Denn in Deinem Gefolge sind alle pierische Musen; Neige voll Güte Dein Ohr, an die Huldigungen des Volkes, An der Edleren Beyfall gewöhnt, an der Aoniden Zaubertöne gewöhnt, die den Kenner, Beschützer und Liebling Preisen in Dir, zu Tönen bescheidenen, ländlichen Inhalts! Zahllos ist die Menge der blumentragenden. Pflanzen, Die am säugenden Busen der allernährenden Mutter Mit der obern Fläche der vielfach gebildeten Blätter Trinken der Sonne Licht, den nächtlichen Thau mit der untern. Von den beschneyten Gebiirgen der nordischen langen Polarnacht Bis zur erdumgiirtenden Zone des heifsen Äquators Ist kein Raum so gering im weiten Gefilde der Schöpfung, Keine der Alpen so steil und keine der Steppen so sandig, Dafs sie nicht nähre Geschlechter der Lage geeigneter Pflanzen. Pflanzen iiberweben das Bett der Quellen und Ströme, Andere nähret der Rhein, und andre der Orellana, Selbst in den finstern Tiefen des erdumgiirtenden Weltmeers, Wo kein Orkan sie empört, wohin kein Senkblej hinabfiel, Scherzen in weiten Fluren, umwallt von ragenden Hainen Seltsam gebildeter Pflanzen, die Heerden der Amphitrite. Sterbliche haben gewähnt zu zählen die Kinder der Flora, Ihre Geschlechter zu ordnen und ihre Namen zu nennen; Zwar wer hat sie besucht des Orients grünende Wüsten? Wer die Quellen des Ganges und siebenarmigen Nilus? Wer die geheimeren Fluren der Ozeaniden des Aufgangs? Ihre Gestade beschifften mehr Wuchrer, als forschende Weisen. Und wer sah sie die Kränze, mit welchen die Nereiden Ihre grünlichten Locken umwinden, im Schoofse des Weltmeers? Wer hat je die Flechten — wer hat die Moose gezählet, Deren Frühling beginnet, wenn Fröste den Herbst entblättern; Deren üppiger Wuchs die Scheitel ätherischer Alpen Da, wo sie Flora verläfst, mit tausend Farben bekleidet? Hier vergönne, Jaquin! der dankbarverehrenden Muse, Dafs sie umkränze das Haar mit der Dir geheiligten Blüte l ). Von dem gigantischen Kokos, umstürmt vom tropischen Weltmeer, Bis zu den Zwillingsglocken der kleinen Linnäa *) des Eispols Drang Dein tief ergründender weitumspannender Scharfblick Tiefer, als sonst keiner der Dioskoriden der Vorzeit, In der Pflanzen Wesen und ihrer Erzeugung Geheimnifs. Siehe, es windet Dir Flora, die Liebende dem Geliebtem, Duftende Diademe von Blüten aus jeglichem Welttheil, Wann Du vom Donaustrande zur fernsten Scheitel der Alpen i) Jaquinia armilaris Linnaei. 2) Linnaea borealis , ein nordisches Gewächs. Österreichs Pflanzen *) mahltest mit augentäuschender Wahrheit; Oder mit mehr als herkulischem Muthe, mit Muthe des Weisen, Suchtest am fabelhaften Gestade des Rio del Plata *) Der verborgneren Falten am Schleier der gröfsten der Mütter Einige zu enthüllen in Kolombona’s Entfernung; Oder wann in dem Garten der prächtigen Vindobona 3 ) Staunende Nymphen des Rheins, des Ganges und Missisippi Früchte Dir spenden und Blüten aus unerschöpflichem Füllhorn. Lehre mich, weiser Forscher! Gesetze voll Einfalt und Tiefsinn, Wie sich Blumen mit Blumen, gleich Thieren mit Thieren, begatten, Und doch, im Gedränge der immer ändernden Schöpfung, Unveränderlich treu sich bleiben ihre Geschlechter; Also zeuget nur Adler der Adler, nur Palmen die Palme. Zwar man hatte versucht, (was wagte klügelnder Witz nicht?) Ungleichartige 4 ) Blumen zu paaren, Pasiphae’s Täuschung Nachzukünsteln mit Blumen, und kränkelnde Pflanzen erzwungen, Zwittergestalten, der Kraft der Wiedererzeugung entbehrend; Also vernichtet die weise Natur die Träume der Menschen.— Flora, wo deine Hand mit hymenäischem Bande Nicht im Lenz vermählte der Tellus zahllose Kinder, Trauret umher die Natur, in nahrungentbehrender Öde, Wein-und gesanglos ist dann Autumnus, es darbet Pomona, Nichtiges Stroh entfaltet des Sirius Fackel Demeter 5 ), Freudenlos ist der Hain, der Chaonischen Eicheln entbehrend. Denn es ergrauet schon spät im April die Hofnung des Jahres Oft vom nächtlichen Reif, anhaltende Regen verwaschen Oft den schwängernden Staub, und kältende Stürme verwehn ihn. Günstig ist oft dem Käfergeschlechte der mildere Winter, Dafs es mit Sumsen umschwärmt den vergebens blühenden Obstbaum, Oder ein Honigthau, den kränkelnden Blättern entquollen, Locket an sich Myriaden Insekten mit trügrischer Siifse; j) Jaquins Flora Austriaca. 4) Köhlreuters Versuche aus verschiedenen Aral Jaquins Stirpes Americanae. ten Bastardpflanzen zu zeugen. 3) Desselben Hortus Vindobonensis . 5) Ceres. Glücklich der Hirte, der durch gesicherter Habe Bewufstseyn, Der durch leitende Weisheit und Güte des Staates veredelt, Lernte der Ämsigkeit Werth und zukunftahnende Vorsicht; Ihn ergreifen, mit eisernem Arm, des darbenden Jahres Schrecken nimmer, ihm spendt, wie dem übrigen Zug- und Schlachtvieh, Nicht die kärgliche Kost der unfreygebige Frohnherr; Oder ihn treibet der Hunger aus thränenloser Despoten Ländgen, aus Deutschland nicht zu des fernen Astrakans Oden, Siehe, der reiche Gewinn von tiefer geackerten Eignen Saaten und üppiger Wiesen sich stets erneurender Kleewuchs Daur’t ihm von besseren Jahren, er theilt den Überfiufs willig Mit dem hiilflosen Volk angränzender Sklavenländer; Aber die Treue des Jahres und wiederkehrender Monden Milderer Einflufs ersetzt den schnell vergessenen Mifswachs. Siehe, im wärmeren Strahle der rückwärtskehrenden Sonne, Die uns zum Frühlinge macht des südlichen Poles Winter, Freut sich die Blumengöttin bey ihrer Kinder Entwicklung, Öfnet die Kelche der Blüten und schmücket die bräutliche Tellus; Zwar es entfalten früher die Schattengewächse der Haine, Ehe das Laub sie bedunkelt mit seiner kühlen Umwölbung, Ihre zärteren Blumen dem ersten Strahle des Lenzes. *) Blaue Hepatika, dich, und das herzerfreuende Veilchen Euch erziehn die Dryaden zu ihren frühesten Kränzen, Sie durchweben eu’r Blau mit dem Golde des Frühlings-Crocus Und mit den Silbersternen der Anemone der Haine. Früher blühet die Nieswurz, die strenger duftende Daphne, Und der Aurikeln Geschlecht, verpflanzte Töchter der Alpen; Aber die späteren Blumen verschliefsen die duftenden Glocken Noch dem nächtlichen Froste, dem Störer ihrer Befruchtung. Wärmere Liift’ umathmen den üppiger schwellenden Frühling. Wann, von den Horen umtanzt, der Wagen des Sonnengottes *) Anemone Hepatica , Viola odorata, Crocus Vernus , Anemone nemorosa , Heleborus ni- ger , Daphne mezereum , Primula , Auricii - la, die ersten Frühlingsblumen. Steilerem Pfad entrollt an dem hohen Bogen des Äthers, Wann in dem jungen Laube die Vögel sich alle begatten, Wann in den lauen Bächen sich paarend verfolgen die Fische: Öfnen die Blumen sich auch der allbefruchtenden Liebe; Bräutlich pranget im weifs-, und röthlichen Kleide der Obstbaum; Wärmende Sonnenblicke, sanftwechselnde Regenschauer Überweben mit tieferem Grün, mit dichteren Blumen Sonnigte Gipfel und duftende Wiesen, in welchen sich zahllos Wankende Blumen mit Blumen und Gräser mit Gräsern vermählen; Hymen herrschet im Hain, es neigen sich liebesehnend Weibliche Blütenzweige zu männlich befruchtenden Ästen. Siehe, der Tannenwald raucht; es öfnet die feuchte Nymphäa Über den Wellen den Schoos der zeugungbefördernden Sonne. Feuerfarbener Mohn und blütenbestäubter Waizen Taumeln unter einander, verwebt mit blauen Cyanen; Honigsuchende Bienen und laue Lüfte befördern Ihren geheimeren Bund, doch ohne der Arten Verwirrung. Leichter hat das süfse Geschäfte der Wiedererzeugung Flora den Blumen gemacht, bey denen dieselbe Korolle In dem ambrosischen Bette, voll Honigs und stärkender Düfte, Mit den befruchtenden Männern die weibliche Zeugungskraft einschlofs. Phöbus Strahl entwickelt die Kraft der Zugleichgebohrnen, Liebesehnend empfängt von den sie befruchtenden Männern, Die sich neigen zu ihr, die weibliche Blütenscheide In dem Schoos die Atome geheimnifsreicher Begattung. Einige Blumen verschliefsen Ein Paar nur der liebenden Gatten, Viele Männer umgeben in mehreren Blumen das Weibchen. Klein ist unter den Menschen die Zahl der gnügsamen Schönen, Die, mit dem Liebesgenusse des Einzigen innigbeglückten * Gatten zufrieden, sich nie nach fremden Umarmungen sehnen; Klein auch in Flora s Gebieten die Zahl Einmänniger Blumen*). Andre Geschlechter enthalten, doch an verschiedenen Ästen, Staubige Männerblumen, getrennt vom weiblichen Fruchtkeim; *) Die Linnäische Klasse Monandria. Beyde Geschlechter wohnen oft in verschiedenen Pflanzen, Kaum erreichbar ist oft der Liebesbund der Getrennten ; Also entfaltet umsonst die weibliche, unvermählte Palme die Blütentrauben in schattenentbehrender Wüste; Aber der Araber holte, der schmachtenden Braut sich erbarmend. Oft aus Palmenhainen befruchtende Männerblumen; Öfter bringt ein behaartes Insekt, und auf goldgefleckten Federn ein Colibri, gebadet im Blumenstaube, Die befruchtende Kraft des meilenentferneten Gatten. Weise hast du, Natur! der Pflanzen Erzeugung geordnet, Gütig und weise die Kräfte der erdeverscliönernden Pflanzen; Nicht der Schüler allein der rettenden Göttin Hygea Kennt sie die heilenden Kräfte der aromatischen Staude, Fern am Ganges geholt und vom Haupte der Cordilleras, Öfter verkannt an Ufern der vaterländischen Bäche: Sichrer weifs der Wälde die schmerzenlindernde Wüirzel Und den geheimeren Stand der fieberheilenden Rinde; Aber er kennet sie auch die tödtenden Gifte der Pflanzen, Kennt der Euphorbien Kraft und der giftigem Mancinella l ), Die den geflügelten Pfeil mit schnellerem Tode bewaffnet, Als das gorgonische Scheusal der schlangenbehaarten Echidna.— Friedlicher Hütten Bewohner! die ländlichen Gärten umbluhn äucli Tödtende Kräuter zuweilen, vermischt mit nährenden Pflanzen. Zwar es meidet das Vieh den Schierling 2 ), das Ecpiisetum 3 ) Und der Zeitlosen 4 ) Anbifs, es meidet die Wiesenranunkel 5 )? Durch den eignen Instinkt vor dem herben Tode gesichert. Aber zu oft verkannte der harmlosspielende Knabe, Falbes Stramonium 6 )! dich und die Beere der Belladonna 7 ), Der frühblühenden Daphne 8 ), der rankenden Dulkamara 9 ); 1) Hippomane mancinella. 6) Datura stramonium. 2) Cicuta aquatica. 7) uitropa belladonna. 3) Equisetum arvense. 8) Daphne mezereum. 4) Colchicum autumnale . 9) Solanum dulcamara. 5) Ranunculus Jlammula , lingua etc. Tödtet sorgsam die Pflanzen, ihr Hirten, des blauen Napellus *) Stauden tödtet sie auch und die der vielarmigten Wolfsmilch 4 ). Aber auch heilende Kräuter entsteigen den heimischen Hügeln; Heilend ist der Hohlunder 3 ) an Früchten, Blüten und Rinde, Sanftauflösend der Mohn 4 ) und die rosenfarbnen Althäen 5 ). Blaue Veronica 6 ), dich, und die Kerze des hohen Verbascum 7 ), Des Taraxacon 8 ) Gold, der wuchernden Graswurzel 9 ) Aufgufs, Herber Cichorien 10 ) Saft und des Löffelkrauts 11 ) bittere Blätter, Eure lindernden Kräfte verkennt der weisere Arzt nicht, Sorgsamwählend, es sind des Bescheidenen Heilungsmittel, Einfach wie die Natur, und Deutschlands Himmel erzeugt sie. Allen Zonen die ihnen geeigneten Kräuter gewährend, Gab die Natur des Betels Gewächs den Völkern am Indus, Und die Rhabarber ) dem Tartar der kalten Tungusischen Stepp Gab der Ginseng 13 ) Wurzel dir, feuchtes Sinesisches Reisland, Liefs die Dolde der Squilla Kanopischen Sümpfen entblühen, Und in Balsamthränen zerfliefsen die Staude der Myrrha, Schenkte dem armen Bewohner des reichen Potosi die Coca, Ihm des Guayaks 14 ) Gummi, den fieberheilenden Baum 15 ) ihm, Und den Sikulischen Hirten die Perlentropfen der Manna 16 )._ Aromatischen Balsam entathmen die Pflanzen der Hügel; Duftende Calamintha 17 ), der blaue Salbey 18 ), der Thymus 19 ) Und die Melisse" 0 ) sind Bienen auf sonnigten Bergen ein Labsal, Wo sich der Rosmarin vermählt mit hohem Lavendel; Jenen Blüten entwenden sie Narbonensischen Honig 11) Cochlearia offic. 12) Rheübi palmatum. 13) Sium Ninsi. 14) Guayacurn offic. 15) Cinchona offic. 16) Fraxinus ornus. 17) Melissa calamintha, 1H) Salvia offic. 19) Thymus serpyllum. 20) Melissa grandiflora officin. etc. 1) Aconitum napellus . 2) Euphorbiae diversae. 3) Sambucus nigra . 4) Papaver rhaeas . . 5) Althaea offic. 6 ) Veronica offic. 7) Veirbascum Thapsus . 8 ) Leontodon taraxacon. 9) Triticum repens . io) Cichorium intybus . Und den fernherathmenden Nectar Hymettos und Hybla’s. Doch wer kennet sie alle die Kräfte der heilsamen Pflanzen, Oft vergessene Kunde der sorgsamforschenden Vorzeit, Oder nach Säkeln Erfindung der Dioscoriden der Nachwelt? Wann, von alten Systemen entfesselt, bescheidner der Forscher Einst von Hirten auch lernt und ergrauenden Alpenbewohnern; Wann er nicht stolz den Bergmann verschmäht und des Gemsenjägers Nicht stets fabelnde Kunst und angeerbtes Geheimnifs : Siehe! dann werden Conture voll Anmuth und Farbenverschwendung Blumenfreunde nicht fesseln allein, der Genzianella *) Tiefgesättigtes Blau, der Lobelia 4 ) flammende Röthe, Noch der Purpur und Saffran der strahlenden Poinciana 3 ); Nicht der Aurikel Sammt und die Strahlen der Ringelblume 4 ), Wann sie die goldenen Augen dem thauenden Morgenroth aufschleufst, Fesseln allein den Günstling der Flora, den Sammler der Kräuter: Thätige Weisheit umstrahlet des — dann nicht mehr kälteren Forschers Seele mit schönerer Wonne, zu nützen dem Menschengeschlechte.— Reich seyd ihr an Pflanzen von mannigfaltigen Kräften, Quellentrunkne Thäler und sonnigte Höhen der Alpen! Neben dem Aconit 5 ) entfalten die Genzianen 6 ), Töchter desselben Hügels, die heilenden Saffranglocken. Siehe! den Teneriff und den Flammengipfel des Ätna, Caucasus Felsenhaupt, und dich, höheren Chimborasso, Decket ewiges Eis, seit euch die Sündfiuth umstürmte; Eure beschneyte Scheitel, der hundert Quellen entstürzen, Welche das hohe Gewölbe des Himmels zu tragen uns scheinet, Kleidet sich über den Wolken in reine ätherische Bläue. Flora’s Reich beginnt am Rande des ewigen Schneereichs, Grönlands kurzen Sommern entbliihen hier Grönlands Gewächse, Mallaga’s Reben umranken den Fufs der Gebürge, die Höhen Decket der Saxifragen 7 ) und der Diappensia 8 ) Mooswuchs. 1) Gentiana acaulis. . 2) Lobelia cardinalis. 3) Poinciana pulcherrima, 4) Calendula . 5) Aconitum napellus. 6 ) Gentiana lutea . 7) Saxifragae diversae und 8) Diappensia Laponica , die höchsten Alpen* pflanzen. Kurz ist die Lebensdauer der weifsen Pygmäengeschlechter *), Welche das Rennthiermoos *) umkriecht und die Alpenbirke 3 ). Tiefer vermählet der kleine Myrtill 4 ) und des Rhododendrum 5 ) Purpurdolde sich mit dem erdwärtskriechenden Krummholz ö ). Ihre Schatten verbergen die Alpenmaus und das Schneehuhn; Tiefer erhebet der Taxus 7 ) sein Haupt und der dunkle Wachholder 8 ), Früher, als diese, die Birk’ 9 ) und der Larix, des Winters entblättert 10 ). Ihrem Fufs entsteigt, gedeckt von ihrer Umschattung, Ein unzähliges Heer balsamischer Pflanzen der Alpen Auf durchwässerten Höhen und üppigen Wiesengefilden; Heerden irren hier in schwelgendem Überflüsse Um die genügsame Sommerhütte der Freygebornen; Phöbus Strahl entbindet aus tausend würzigen Pflanzen Reinere Lebensluft und rosenfarbne Gesundheit. Baut, ihr ämsigen Hirten! ihr, denen weitschichtigentlegnes Sandfeld kraftlos darbt, oder du, dem auf engerer Weide Wenige Kühe schmachten, des Klees rothblühende Fülle, Und der Lucerne 11 ) tiefwuchernden Wald und der Esparsette 1 ’). Freudiger Überflufs wird immer die Arndten verdoppeln Und den reichen Ertrag der daheimgemästeten Milchkuh. Aber die Heerden entbehren der Sonne, der thauenden Kühle Und des siifsen Gemisches verschiedengearteter Kräuter. Siehe! der Melilot 13 ), der honigathmende Bergklee 14 ), Goldne Cytisusdolden 1S ) und bisamduftendes Ruchgras 16 ), Üppiger Wiesenhafer 17 ) und würzige Pimpinelle lS ) Geben am Jura der'Milch, in fetten Lombardischen Triften j) Diese Gattungen sind, wie die Alpenthiere, meistens weifs und zwergartig. 2) Lichen rangiferinus . 3) Betula nana fol. orbiculari . 4) Vaxinnium Myrtillus, 5) Rhododendrum hirsuturn, ferrugineum et«. 6) JPinus mugo . 7) Taxus baccata . 8) Juniperus . 9) Betula alba. jo) Pinus Larix. 11) Medicago sativa. 12) Hedysarum onobrychis . 13) Trifolium melilotus ojficin. 14) Trifolium montanum. Cytisus austriacus. 16) Anthoxanthum odoratum, 17) Arena elatior . 18) Poterium sanguisorba. Ihr den Hymettischen Balsam, die Riesengröfse der Heerde, Die im Überflufs schwelgt und die tonvollen Thäler verherrlicht.— Kühlende Lüft’ umwehen euch, Söhne heiliger Alpen, Würziger Pflanzen Duft umsäuselt euch in der Kühlung; Aber betäubender ist der Duft von Auranzienhainen, Welchen der Wind ins Meer entführt von Portugalls Küsten, Oder von Rosengebüschen des zweymalblühenden Pästum; Selbst bemoosten Felsen entsteigen dort Veilchengerüche 1 ). Lieblicher seyd ihr noch, ihr Blüten heifserer Zonen, Tausendfarbige Töchter der senkrecht strahlenden Sonne, Deren Hauch mit Balsam die schwüleren Lüfte beschwängert. Dichter sangen nur Rosen, nur Gärten der Hesperiden, Niemand feyrte die Schöne der tropischen Blüten des Aufgangs. Wer sang den Nyctanth.es *), die Zierde der Gangesgestade, Wer, Gardenia 3 )! dich, die Königinn aller Gewächse, Und ambrosischer duftend als beyde, den Ohlbaum 4 ) aus China? Wer der Bromelia • 5 ) Gold, und die Früchte der Mangustana 6 )?- Staunend verweilt die Muse beym Stamm der keuschen Mimosa 7 ), Reizbar wie die Thiere, des Pflanzenreichs erste Stufe. Seyd mir gegrufset im Feyergesang, ihr Seltnergesungnen! — Und wer sang von euch, ihr Amboinischen Haine 8 ), Welche der Golddurst mehr, als des euch umstürmenden Weltmeers Brandung, rings verschleufst dem harmlosen Freunde der Flora? Mitten im brennenden Sande erhebt sich eu’r dunkles Gewölbe, Neben der höchsten Sonnengluth die nächtlichste Kühlung. Nicht der Muskatbaum 9 ) allein und die aromatische Nelke 10 ), Auch des Brodbaums 1X ) Stamm und die Riesenhöhe des Cocos 15 ) 1) Die Felsen sind in Sicilien mit dem nach Veilchen riechenden Byssus Iolitkus bewachsen. 2) Nyctanthes sambac, 3) Gardenia Jlorida . 4) Olea fragrans . 3) Bromelia ananas. 6) Garcinia Mangustana, die beste Frucht Ostindiens . 7) Mimosa pudica. 8) Die Holländer entfernen alle Fremden von ihren Gewürzinseln. 9) Myrislica nucifera. 10) Caryophillus aromaticus . 11) Artocarpus . 12) Cocos nucifera. Trotzen der Wuth der Orcane, verwebt mit schlanken Lianen; Feyerliches Dunkel umhüllt die romantischen Zauberhaine, Keine Blumen entsprossen dem Schoofse der nächtlichen Dämmrung; Aber seidener Mooswuchs und buntgemarmelte Schwämme Decken den Armadill und die vielfachgeringelte Schlange; Statt der Nachtigall Lieder erschallet der Papagayen Und der Affen Geschrey aus ferner Gipfel Umwölbung.— Lafs mich, holde Natur! den Sohn der kälteren Zone, Deiner Wunder mich immer erfreuen im Reiche der Flora, Zwiefach ihrer mich freuen auf schönen Pannonischen Fluren; Denn schön sind sie die Ufer, an welchen sich Vindobona Spiegelt in dem Silber des mächtigen Kaiserstromes, Sind mit ihren Gebiirgen der schönste der Gärten Jehovahs. Aber dann heben sie sich zum reizenden Ideale, Wann von der feinsten Empfindung, wann von des reinsten Geschmackes Sichrer Hand geleitet, ein Lascy oder Cobenzel Gärten wie Oberon schaffet, und Paradiese wie Milton; — Gruppen, wie hingezaubert von Grotten und Wasserfällen, Überwölbende Schatten und duftende Labyrinthe Seltsamgebildeter Bäum’ und Blüten wärmerer Zonen, Scheinbare Disharmonie, die in süfsesten Wohllaut sich auflöst, Wo in ihren höchsten Triumphen unsichtbar die Kunst wird —*). Wo mit Austria’s Flur die fetten Pannonischen Auen *) Sich vermählen an Ufern der silberströmenden Leytha, Ruht, von Floren geliebt, im Dämmer romantischer Haine, Üppiggrünend ein Thal, durchwebt mit rinnenden Bächen. Aber die Wässer ertränkten die Saat, Sqhilf hemmte den Graswuchs, Feuchtende Nebel umschwebten die quellentrunkenen Wiesen. Harrach winkte: sein schaffender Wink bezähmte die Finthen; Da entstiegen den weichenden Fluthen gebesserte Wälder, Schwellende Saaten und Weiden und paradiesische Gärten; Was Delille gedichtet, wäs kühner der Britte gewagt hat, 1) Dörnbach und der Cobenzel-Berg. «) Gartenanlagen des Grafen Johannes von Harrach und seiner Gemahlinn , gebornen Für- stinn von Lichtenstein in JBruk. Sah und genofs durch ihn der freyerathmende Landmann, Itzt beglückter durch ihn, und durch sein Beyspiel veredelt. Also erwirbet durch strahllose Thaten man Nachkommendank sich. Ganz ihrer Mutter Bild, die Wonne der dankbaren Gegend, Wandelte hier Josepha mit ihm durch die Schatten des Lebens. Froher besuchen euch nun die Musen, ihr Ufer der Leytha! Denn, wo Josepha verweilt, verweilen die himmlischen Musen Und die Grazien gerne; der holden Schwester sich freuend, Weihet ihr jede der Künste den Kranz, es leget ihr jede Höhere Tugend, wie jede Kamöne, zu Füfsen die Palme. Blühender lächeln die Fluren durch sie, denn erdeverschönernd, Liebet sie euch, ihr Blumen, weifs aller Namen zu nennen.— Festlicher prangen die Fluren durch ihn, denn menschenbeglückend, Ward ein Segen der Fluren der wohlthunathmende Grundherr. Die ihr im Staubgewölk’, Rauch und Getümmel der Städte, Zwischen phantastisch gruppirtem Gedränge von theuererkauften Pflanzen aus Karolina, die sterbend schmachten, ein Wörlitz Oder ein Ermenonville zu schaffen gebietet dem Künstler, Welcher mit Tempeln, Pagoden, Einsidlerklausen, Moskeen, Grünbemäntelten Teichen und zwecklosmäandrischen Gängen Euch noch mehr verenget den Kerker, aus dem ihr schwerathmend Zu den umgebenden Mauren, Rauchfängen und Thiirmen hinaufblickt, Gehet nach Ernestbrunn, seht die verschönerte Landschaft 1 )» Wie von Woollet gezeichnet, in unabsehlicher Gröfse, Alles im Einzelnen schön, und alles harmonisch im Ganzen: Oder behaget euch nicht des unverkiinstelten Schönen Klassisches Feingefühl, so kehrt zu kleinlichen Scenen Eurer Villa zurück, bespannt mit wölbenden Brücken Wasserentbehrende Bäche, streckt rüstig der säklenalten Schattengänge Gewölb’, der Ahnherrn Stolz, in den Staub hin, Und ersetzet mit fremdem Gestripp die heimischen Schatten, Schaffet Gräber, der Todten, und Urnen der Asch’ entbehrend, Tempel ohne Götter, und Grotten ohne Begeistrung , Dürftige Katarakten und gestern erbaute Ruinen. l) Verschönerte Landschaft auf einer Herrschaft des Grafen Prosper von Sinzendorf. Kaunitz! in Deinen Garten empfindet die Muse voll Ehrfurcht Österreichs Genius Einflufs und eines Unsterblichen Nahe; Denn, was Thronen sichert und Königreiche beglücket, Nachkommendank verdient und Mäcenate verewigt, Fesselt nicht stets Dein Herz, die himmlische Pansophia Sieht auf den strahlenden Tempel nicht stets Dein Auge geheftet, Ländliche Freuden ergötzen Dich auch, die Spiele der Hirten Und die Flöte Virgils; doch wünschte der Civischen Krone, Welche Dich zieret, es wünschte den Diademen der Musen, Die Dich umduften, auch Flora den ländlichen Kranz zu vermählen.— Und der Du dem wankenden Staate mit Kaunitz, o Loudon *)! Hülfreich erschienst, wie sinkenden Schiffen der Tyndariden Zwillingsgestirn in Orcanen erscheint, wie soll die Kamöne Ländlicher Scenen Dich singen, mit welchen Namen Dich nennen? Nicht den Schlachtengewinner, den mächtigen Vestenzertrümmrer Wag’ ich zu singen, (ihn sangen des Phöbus erste Geweihten) Aber den ländlichen Weisen in Hadersdorfs blumigem Thale Sing’ ich inniggerührt, und die Alcinoischen Gärten;’ Also ruhten von Siegen Eugen und Marlbrough in Gärten, In so reizenden nicht; denn Loudon ist unerreichbar, Wenn Er Fluren verschönert, wie wann Er Schlachten entscheidet.— Edle Kinsky*)! Du sammelst in Gärten, wie die der Armida, Jene Blüten umsonst, die der westlichen Atlantide Milderen Sonnen entblühen und jenen des rosigten Aufgangs. Siehe! von allen Blumen, die Deinen Tritten entsteigen, Die Dein schaffender Wink, genährt von Hyperions Strahlen Und den Thränen Aurorens, dem Schoofse der Tellus entrufet, Ist doch keine wie Du so schön. — Wefs sind diese Gärten, Blühender Fremdlinge voll, die die Woge des Isters umgürtet? Chotek hat sie gepflanzt, der, Erdengröfse verschmähend, Eigener Gröfse gewifs, von des Ruhmes strahlender Laufbahn Sich, selbstgenügsam, zurück in die Schatten der ländlichen Ruh zog, Und der häuslichen Wonne, mit mehr als Tugend des Römers.— a) Loudons Galten in Hadersdorf. 2) Die exotischen Pflanzungen der Gräfinn von Kinsky, gebornen Gräfinn von Harrach. Schön ist des Morgens Erröthen auf Bergen Galizins, die Aussicht Unermefslich, und siifs die wollustathmenden Schatten In dem Quellengelispel, wenn rings die Acacien blühen, Und in Amerika’s Büschen die Deutsche Nachtigall flötet.— Doch wer vermag sie zu singen die Freuden alle, die Flora Ihren Geweihten enthüllt, in den milden Pannonischen Auen? Aber auch ihr sejd schön, meines nordischen Vaterlandes Quellentrunkene Thäler und grünende Blumengestade; Flora liebet euch mehr als alle der kälteren Zone Fluren, sie webet in euch sich ihre seltneren Kränze. Reizend ist die Aussicht, gelagert in dunkler Umschattung Überwölbender Buchen und Eichen aus Odins Zeiten, Welche das Meer umstiirmt, zu sehen im Wellengetümmel Hundert züngelnde Flaggen und windgeschwängerte Segel; Über den Wogen die Heldengestade des felsigten Schwedens, Rauch von ihren Städten und Gipfel von ihren Gebürgen, ln dem röthlichen Schimmer des sinkenden Sonnenwagens. Sey mir gegriifset, du miitterlichs Landl im Feyergesange, Wo mich die Blume des Feldes, als Knaben, schon mehr entzückte Als Hyazinthenprunk und eitle Tulpenästhetik, Blüten ohne Frucht, des Batavischen Krämers Erfindung.