Rkionvi- 81s(i1-SIbI!o1!i«Ic von der ältesten bis auf die gegenwärtige Zeit. --GVD- Von A. A. Schimmer. Wien, 2H-L-Z-. Druck und Verlag von I. P. Sollinger. (Tuchlauben Nr. 139.1 1 r t I i ! l t ! i VOI^ L^IU. LII0II8I MIMM QOQQ» Druck und Verlag von I P. Sollinger. M---- ^' 1 .- Seiner Hochwürden und Gnaden, dem hochwohlgebornen, hochgelehrten Herrn, Herrn des Benedictiner-Stistes zu den Schotten in Wien und ju Telky in Ungarn Abt, Jndigena des Königreiches Ungarn, Seiner kaiserlichen, königlichen apostolischen Majestät Rath, Doctor der Theologie und Mce-Director der theologischen Studien an der Wiener Hochschule, Ausschußrath des niederösterreichischen ständischen Collegiums, Mitglied der k. k. Landwirthschafts- Gesellschaft in Wien, ehrfurchtsvoll gewidmet vom Verfasser. Vorrede. Hvrmayr's obzwar gediegenem, doch aber zu voluminösem Werke: »Wien, seine Geschichte und Denkwürdigkeiten" (1823 — 1825, in 9 starken Bänden), ist keine Geschichte Wiens von Bedeutung mehr erschienen, und eine solche ist nunmehr wirklich schon um so mehr zum fühlbaren Bedürf- niß geworden, als das genannte Werk einerseits seiner Vielbändigkeit wegen, trotz deS bedeutend herabgesetzten Preises, für Viele zu kostspielig, andererseits wohl auch wegen der, nur für Fachgelehrte interessanten, oder gar nur verständlichen — Ueberhäufung von Urkunden, Citaten rc. und des häufigen RaisonncmentS wegen, zu weitläufig und ermüdend ist. Auch ereigneten sich seit dessen Erscheinen so viele und wichtige Begebenheiten, den österreichischen Kaiserstaat und vorzugsweise Wien betreffend, daß es schon dieser Hinsicht wegen hoch an der Zeit war, den Faden wieder aufzunehmen und die fühlbare Lücke auszufüllen. Aus diesem Grunde hat sich der Verfasser entschlossen und wohl auch berufen gefühlt, die Geschichte der ehrwürdigen Kaiserstadt von ihren» Ursprünge bis auf die Jetztzeit in würdiger, umfassender, doch auch nicht weitschweifiger, vor Allem aber parteiloser Darstellung zu unternehmen und auszuführen. Vor Allem war der ! Verfasser bemüht, die von selbst sich als nothwendig und wichtig ergebende ! Rücksicht zu beobachten, daß, je mehr der Gang der Geschichte sich der neueren > Zeit und der Gegenwart nähert, desto umfassender und ausführlicher auch die Darstellung seyn müsse, da uns doch immer im Leben das kürzlich Vergangene i oder selbst Erlebte am meisten anspricht, und da auch wirklich die neuere Zeit, mit ! deren Beginn wir die Mitte des verflossenen Jahrhunderts bezeichnen wollen, mit so großen und wichtigen Begebenheiten, auch in Hinsicht auf die Haupt- und Residenzstadt, erfüllt ist, daß deren Beschreibung mehr Interesse erwecken dürfte, als jene der früheren Geschichte, deren wichtigsten Momenten jedoch dessenungeachtet die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wurde und auch gewidmet werden konnte. Denn schon von frühester Jugend an war die alte ^ und neue Geschichte Wiens des Verfassers Lieblingsstudium. Zu einer Zeit, i wo er noch durchaus nicht daran dachte, mit seinen Elaboraten vor das Publicum zu treten, hat er schon eine Masse Materialien darüber, Literarisches und Artistisches, aus reiner Liebe zur Sache gesammelt, die ihm bei der gegenwärtigen Arbeit trefflich zu Statten kamen. Die neuere Geschichte hat er theilnehmend selbst durchlebt und war Augenzeuge der wichtigsten Begebenheiten, die erbeschrieb; ein, wie ihm scheint, unentbehrliches Erforderniß zur Würdigung gleichzeitiger Begebenheiten. Zu keiner Partei, als jener der Wahrheit und Unbefangenheit, sich bekennend, hofft der Verfasser auch gegen keine zu verstoßen; er dringt Niemand eine absolutorische Meinung auf, läßt sich aber auch von keiner, ihre Außenseite sei so glänzend als sie wolle, verblenden und bestechen. Wien hat des Großen, Schönen und Guten zu Vieles und in die Augen Springendes, als daß es nöthig wäre, jede Einzelheit mit lobpreisendem Posaunenton hervorzuheben, und eben so wenig lassen sich dadurch die etwaigen Mängel und Unvollkommenheiten, ohne welche die Geschichte, so wie das innere Leben einer so großen und volkreichen Stadt, nicht denkbar ist, verschleiern und unbemerkbar machen. Von der zu schlichten, leicht- und starkgläubigen Darstellungsweise der älteren Chronisten und des übrigens höchst verdienstvollen Pater Fuhrmann (den Hormayr mit Unrecht fast geringschätzend behandelt, während er ihm doch als bedeutendste Quelle diente), so wie von der allzu glänzenden, oft unangenehm blendenden Raisonnements- und Reflerions- prosa des Letzteren abweichend, hat sich der Verfasser daher zur Aufgabe gestellt, die Thatsachen, wie sie waren und sind, in ungezwungenem, aber klarem Style darzustellen, ohne parteisüchtige Krittelei, ohne überflüssige Parallelisirung und oft unangenehm berührende Seitenhiebe, die durchaus nicht zu dem Ernste und der Würde der Geschichte gehören. I» diesem Sinne hat der Verfasser mit dem redlichsten Willen und der reinsten Liebe zur Sache seine Aufgabe unternommen und ausgeführt; die freundliche Aufnahme feines Werkes, welcher er vertrauensvoll entgegen sieht, wird ihm der süßeste Lohn seiner Bestrebungen und die erfreulichste Aufmunterung sein, seine j Kräfte fortan zum Preise des Vaterlandes und dessen großartiger Jnstitu- ! tionen anzuwenden, des wahren Spruches eingedenk: Der ehrt sich j selbst, welcher sein Vaterland und seine Fürsten ehrt. Wien, im November 1843. Karl August Schimmer. Geschichte von Wien von der ältesten bis auf die gegenwärtige Zeit. ,' z >t >1 > i ^rste HöLHeikung. Vorzeit. Cr st es Kapitel. Einleitung. — Ur- und Römerzeit. WMei einem so äußerst wichtigen und ernsten Vorhaben, die Geschichte einer j so alten und ehrwürdigen Stadt, wie Wien zu schreiben, ist es immer eine etwas mißliche und prekäre Sache, die Urzeit aufzuhellen, und aus der Menge von widersprechenden Meinungen, ja selbst Quellen, die richtigste und wahrscheinlichste heraus zu sichten, da uns ja immer wieder die Evidenz für unsere eigenen, vielleicht richtigen, vielleicht auch unrichtigen Ansichten fehlt. Die Geschichte, so fern sie mit Ernst und Würde behandelt werden soll, und von einer solchen ist auch nur die Rede, wie wäre es sonst auch Geschichte, duldet keine fremde Beimischung, keine Ausschmückung noch Entstellung, keine Hypothese, sie muß klar seyn, wie das Licht der Sonne, der Glaube muß sich in diesem Falle streng an bewiesen Wirkliches halten, von dem Worte der Geschichte läßt sich nicht nur kein Iota rauben, sondem auch keines dazu setzen. Mit Autorität, bestände auch eine solche, ist in diesem Felde durchaus nichts zu erlangen, sonst wäre wohl noch hie und da in der Brandung widersprechender Ansichten und Meinungen, ein Strohhalm zu erfassen, sich nothdürftig daran zu klammern. Die Geschichte ist und soll Wahrheit seyn, Wahrheit im strengsten Sinne, bei weitem strenger, als manche neuere Institutionen. Welche menschliche Autorität könnte aber für in grauer Zeit wirklich Geschehenes bürgen? Sehen doch oft Zeitgenossen bei Weitem nicht hell genug, um Dinge der Wahrheit getreu darzustellen, die unter ihren Augen, oft mit eigener Mitwirkung vorfallen. In " dieser Hinsicht hat sich die Geschichte vorzugsweise als Weltrichterin bewiesen, und eine Autorität nach der andern, mit dem eisenen Fußtritt, mit welchem sie rücksichtloS durch die Welt schreitet, zermalmt. Aber auch ihre Satelliten haben sich in dieser Art nicht unthärig gezeigt. Meinungen von Heute stürzen mit mehr und minderem Gewichte Meinungen von Gestern, und spätere Hypothesen verschlangen frühere, ohne sich selbst mehr als eines ephemeren Lebens zu erfreuen. Wo sich nun aber durchaus nichts Festes aufstellen läßt, ist es, freilich eine vage, doch die beste und einzig mögliche Aushilfe, sich 1 2 mit den wahrscheinlichsten Vermuthungen, und, inn'stisch gesprochen, mit j übereinstimmenden Ueberlicferungen zu helfen. Mit einem Worte, weil die ! Geschichte gerade da aufhört, wo sie anfängt, müsse» wir den Faden, wo sie ihn ! fahren läßt, selbst fortspinnen, und nur Farbe und Consistenz so viel möglich, ^ coäqual beizubehalcen suchen. Nun müssen wir den Knäuel bald zu runden ver- , suchen, nur dürfen wir nicht dunkle Vermuthungen älterer Schriftsteller, oder ^ wohl gar selbstgcschaffene Hypothesen, wenn auch mit noch so viel anscheinender j Wahrscheinlichkeit baren Ernstes als wirkliche Thatsachen annehmen, fortspinnen, j und manchanisch ritterlich dnrchfechten wollen. Die Geschichte ist ewig wie die ^ Welt, Meinungen aber werden jeden Tages zu Dutzenden zum Besten des conventionellen und convcrsationellen Lebens und Wirkens geboren, aber drucken soll man sie nicht lassen, am allerwenigsten in ein Werk des tiefsten Ernstes, in ein Geschichtswerk. Nach dein Vorausgegangenen erhellt wohl von selbst, daß der Ursprung und die früheste Geschichte Wiens in so unerleuchtetem Dunkel liegt, wie i jene der meisten alten deutschen Städte. Selbst die guellengiltigsten und stimmfähigsten Geschichtschreiber älterer und neuerer Zeit, so z. B. Bonfinius, Aeneas Sylvius, Laz, Lambecius, Küchelbecker, Leopold Fischer, Pater Fuhrmann; bis auf Weiskern, Pezzl, und den tüchtigen, leider etwas zu ! weit ausholenden Hormayr, erschöpfen sich in dieser Hinsicht allcsammt selbst nur in dunklen Vermuthungen, unbeglaubigten Hypothesen und entstellten Traditionen, ohne irgendwie ei» volles Licht, ja kaum ein erträgliches Halbdunkel in die Sache zu bringen. Selbst die Geschichte von dem Ursprünge des I Namens der herrlichen Kaiserstadt ist so schwankend, unklar, unbefriedigend und widersprechend, daß es gewiß höchst belustigend seyn dürfte, die verschiedenen Hypothesen, und mehr oder minder begünstigten Probabilitäten zusammen zu stellen, und die Musterung paffiren zu lassen. Daß die Urbewohner dieser Gegend Wenden (Winden) gewesen seien, ist aus vielen Erhebungen und alten Urkunden freilich zur höchsten Wahrscheinlichkeit, fast zur Gewißheit gediehen; ob aber der uralte Name Vinäobons wirklich »ach dem ziemlich modernen Worte W inden-Wohnung, ^ wie Einige wollen, latinisirt sei, müssen wir gläubig oder ungläubig dahingestellt seyn lassen, eben so und noch mehr eine andere, höchst treuherzige Hypothese, die freilich erst in der neuern, aufklärungswüthigen Zeit gewagt wurde: daß nämlich die Römer von dem in dieser Gegend wachsenden guten Wein ihre neue Pflanzstätte und Niederlassung im südlichen Germanien Vino bono ^ genannt, woraus denn in der Folge sich Vinäoliona gestaltet, tzuost erat ilvmon8lra»«Ium! — wieder gordische Knoten oder das Ei des Eolumbus. Der geistreiche Entdecker dieser etymologischen Progression hat nu^unglücklicher Weise den kleinen Umstand vergessen oder außer Acht gelassen, daß die Römer selbst erst unter Kaiser Probus (also etwa I SO Jahre nach der Gründung Vindobona's) die ersten Weinreben in Oesterreich gepflanzt, und deren l Eltrag wahrlich nicht par V in « don « genannt haben mochten, es müßten denn damals die österreichischen Weine bei Weitem süßerer Natur i gewesen seyn, um sie dem Falerner, dem Ehier und andern italischen und griechi- ! j scheu Gewächsen vorzuziehen, von deren Lobe die römischen Dichter überfliegen. ^ ^ Den sonderbaren Einfall Lazens und nach ihm Fuhrmanns, auf einige i ^ in Gumpendorf aufgefundene hebräische Denkmale fußend, phönizische Hebräer seien Wiens Ureinwohner gewesen, hat schon Hormayr in seiner ganzen ' i Nichtigkeit, nur vielleicht mit einem zu großen Aufwand von Gelehrsamkeit, bei ! Weitein mehr als die Sache werth war, dargestellt; folglich will ich darüber, so wie über mehre Fabeln über Wiens Ursprung, um so eher schweigen, als mit § derlei weitläufigen Widerlegungen verschollener Meinungen dem gebildeten Publikum schwerlich gedient ist. Ueberhaupt sagt schon der alte Rabcner mit großem Recht, wie erstaunlich leicht es sei, gelehrt — und langweilig zu schreiben. Darum überhebe ich mich ein für alle Male der undankbaren Mühe, gelehrte Abhandlungen, Abwägung verschiedener Meinungen, gehäufte Eitate j und langgestreckte Parallelen aufzutischen, so wie das Publikum der Geduld, sie zu verdauen, oder mindestens zu überschlagen. Gewiß, Niemand wird es mir verdenken, wenn ich bei einer Zeit, die so sehr außer unserem Gesichtskreise und Interesse liegt, mich kürzer fasse, umso mehr, dass wenig Beglaubigtes davon zu sagen ist, und hingegen die spätere Zeit, von dem Momente an, als Oesterreich und Wien eine gegründete Existenz bekamen, die Geschichte des letzteren um so ausführlicher behandle. Genug also des nutzlosen Forschens und Muthmaßens, gewiß ist, daß die welterobernden Römer unter Kaiser Augustus auch in Ober-Pannonien, dem heutigen Lande unter der Enns, bis Melk aufwärts sich festsetzten, und Vindobona, mochte es nun seinen Namen woher immer haben, wurde mit dem nahen Carnuntum (bei Altenburg und Petronell), ein Hauptpunkt des großen römischen Cordons an der Donau, und em Waffenplatz der dreizehnten und später der zehnten doppelten Legion. Beweise davon liefern die häufig in und um Wien ausgegrabenen römischen Mauerziegel, mit darauf bezüglichen Inschriften, so daß sich der Spruch auch hier bewahrheitet, daß die Steine sprechen, wenn die Geschichte schweigt. Später schlug hier die Fabianische Cohorte ausschließend ihr Lager auf, wovon Wien noch bis zur Zeit der Babenberge den Namen b'nbisna (b'avisna) erhielt, woraus man denn wieder durch die Stufenleiter von bavisna, Viana, Vivna endlich den Namen Wien durch allmälige Eorruption im Volksmunde herzuleiten glaubte. Dieser Muthmaßung ist indessen nicht viel Beglaubigtes entgegen zu setzen, somit mögen wir sie denn immer auf Treu und Glauben annehmen, was zwar keinen Nutzen, aber auch durchaus keinen Schaden bringt. Bis zur Zeit des Kaisers Gallienus (253 n. Ehr.) blieb Vindobona in ziemlich ruhigemZustande unter der Römer Herrschaft, wo hingegen bereits unter dem weise» MarkAurel (161 n.Chr.), der in Wie» starb, sich, trotz dessen große» * I 4 l I Triumphes über die Markomanen und Quaden in der Wunderschlacht (angeblich am Marchfelde), das ganze schauderhafte Geheimniß des entschiedenen Verfalles der Römerherrschaft ahnen lief. Gewaltsam begannen die Geschicke zu drängen, Rom, bei den meisten Völkern verhaßt und nur zu bald, der sich von Innen offenbarenden Schwäche wegen, verachtet, wurde verhältnißmäßig sehr schnell gestürzt. Das einzige Mittel zur Erhaltung: Ewige Zwietracht ! unter seinen Gegnern, welches der große Tacitus aussprach und auch die ! i staatskluge Politik des römischen Senates lange genug befolgte, fristete freilich > noch durch mehre Jahrzehente kümmerlich die römische Weltherrschaft, doch > endlich gebot die gemeinsame Noth gemeinsames Zusammenwirken und mit . ! Eins stürzte das gefürchtete Phantom, noch obendrein nicht mit gewaltigem, ^ ^ welterschütternden Falle, wie es nach dessen langer Dauer und fester Em- j wurzelung wohl zu befürchten stand, ohnmächtig und leblos zusammen. i Wien aber sah sowohl Roms Größe, als auch dessen Verfall und Sturz. Unter Gallienus begann die große Völkerwanderung oder eigentlich der Erobe- rungszug nördlicher und östlicher Volksstämme, und Wien wurde nach und nach ! zum Spielball verschiedener kampflustiger Barbaren. Die Markomanen, die sich , durch die Zeit von ihrer Niederlage wieder erholt hatten, gingen (261 n.Chr.) aufs Neue über die Donau und bemächtigte» sich der Provinz Ober-Panno- j nien mit Vindobona und Carnunt, welche ihnen von Gallienus in dein darauf ^ folgenden Frieden auch überlassen wurde. Kaiser Probus (276 — 282 ) verjagte diese Völker wieder aus Pannonien und machte sich, wie bereits erwähnt, für i diese Provinz noch besonders dadurch merkwürdig, daß er die ersten Weinstöcke l aus Griechenland hieher verpflanzte. Nach dessen Tode singen jedoch die Feind- ^ seligkeiten von Neuem an, und währten ununterbrochen fort, da die Römer, selbst im Innern des Reiches zerrüttet, nur mehr schwachen Widerstand leisten konnten. Mit Anfang des fünften Jahrhunderts überschwemmten die wilden Volksstamme der Alanen, Vandalen, Hunnen und Gothen diese Gegenden, I unterjochten und plünderten Pannonien und mehre römische Provinzen. Um > die Mitte des fünften Jahrhundertes überließen endlich die römischen Kaiser, s welche nun ihre entfernten Provinzen nicht länger behaupten konnten, Pannonien durch einen förmlichen Vertrag den Rügen (Rugiern), einem gothischen Volksstamme, der von der Ostsee gegen die Donau vorgerückt war, und somit ! hatte die römische Herrschaft in diesen Gegenden ihr Ende erreicht, nachdem ! sie Pannonien und Vindobona über IVO Jahre besessen hatte. i — ! ' Zweites Kapitel. ^ Einführung des Christenthums. — St. Severin. — Karl der Große. Die christliche Religion scheint in diesen Gegenden bereits gegen Ende des fünften Jahrhunderts Eingang gefunden zu haben, nachdem schon um die Mitte desselben das neue Licht Bekenner und Märtyrer zu Lorch (Usurvscum), in der 5 Gegend des heurigen Enns, gefunden harte. Um 450 aber erschien der heilige Severin, Oesterreichs Apostel, ein afrikanischer Mönch in den Donaugegenden, und predigte zuerst in dem, den Grenzmarken Ober-Pannoniens und des Ufernorikums nahen Städtchen Asturis, dann zu Comagena, endlich in den gesunkenen Ueberresten Vindobona's, zu Fabians. Er mar bald von einem Kranze frommer und wohlthätiger Männer umgeben, die seine Bekeh- rungs- und Liebeswerke fortsetzen sollten, wenn er einst nimmer wäre. Das erste und größte Kloster baute er zu Fabiana außer den Stadtmauern (extra inuros), das zweite in weiterer Entfernung von der Stadt gegen Nordwest. Das erstei e gilt insgemein für St. Johann am Alserbache, das andere für das Dorf Heiligenstadt, das diesen Namen von den vielen Heiligen, Sr. Severins Schülern, erhalten haben soll. Unweit davon hatte Severin zwischen entlegenen Rebenhügeln, ein kleines, abgeschiedenes Bethaus in einem obst-, wein- und steinreichen Gelände. Noch klingt uns sein Name dort mächtig an in dein, eine Stunde von Wien entfernten Dorfe Sievering, und als ein Denkmal der ältesten Bauart, scheint die dortige ehrwürdige Steinkirche so alterthümlichentUrsprungelz nicht zu widersprechen. Nicht nur die in der Nähe wohnenden Ansiedler erfreuten sich des Segens und der Vorsorge des frommen Apostels, auch aus der Ferne kamen Trost- und Rathsuchende oft zu ihm. So erschien auch einst, wie die Legende berichtet, ein Haufe kriegslustiger Heruler in Severins friedlicher Klause, um seinen Segen zu erbitten, da sie eben auf gefahrvolle Abenteuer gegen Italien zogen. Einer aus ihnen, ein thatenlustiger Jüngling, schlank wie die Ulme des Waldes, vernahm von dem hciligen Greise die inhaltsschweren Worte: »Zieh' hin in Deinen armseligen Thierfellen; Italien lauscht Dir sie für köstlichen Schmuck, und Vielen magst Du dann große Gaben spenden." Und dieser Jüngling war Odoaker, der Herulerfürst, und wurde in der Folge König Italiens, gewaltig von der Meerenge Siciliens bis an die Donau; auch sein Name klingt in jenem, des nicht ganz eine Stunde von Wien entfernten Dorfes Ottakrin wieder, obschon derselbe sich wohl auch ohne Zwang auf den mächtigen Böhmenkönig Ottokar beziehen ließe. Den 8. Jänner 482, nachdem Severin beinahe durch drei Jahrzehente dem Lande in den fürchterlichste» Nöthen ein rettender Gott erschien, entschlief er endlich sanft, unter Lobgesängen der Seinigen, und noch zur Stunde wird in Oesterreich an diesem Monatstage sein Fest gefeiert. Die Rügen erfreuten sich nicht lange der Herrschaft Pannoniens. Schon 487 wurde» sie von den Herulern bekriegt und überwunden, Fabiana erlitt dabei eine gänzliche Zerstörung, und die Einwohner geriethen in schmähliche Gefangenschaft. Bald darauf ergoßen sich die Langobarden, ein mächtiger Volksstamm aus Norddeutschland, über Pannonien, und Fabiana blieb mir seinem Bezirke bis 558 in deren Besitz, bis auch diese von den vielgefürchteten Hunnen und Avaren verdrängt wurden. Zweifelhaft ist es übrigens, ob 6 elftere unter dem mächtigen und furchtbaren Attila, der Geißel Gottes, auf ihrem großen Zuge nach Frankreich und Italien, auch groß^Unheil/ in den Gauen Pannoniens verübten, ja ob fte selbst Fabiana durchzogen. Obschon ^ durch mehre Jahrhunderte der Schrecken seines NamcnS so hervorragend war, daß der Untergang aller oberpannonischen, norischen und rhätsschen Städte, darunter auch Fabiana's, immer nur Attila zugeschrieben wird, so ist die Sache doch ziemlich unbeglaubigt, denn gerade in den zwei Jahrzehcnten nach dessen Tode kommt Fabiana in St. Severins Legende häufig vor, ohne daß ^ irgend einer Zerstörung darin gedacht würde. . Unter dem Drucke dieser mannigfachen Barbarenstämme blieb nun ! Fabiana bis zur Erscheinung des berühmten und gewaltigen Heidenbekehrers mit Feuer und Schwert, Kaiser Karl des Großen, welcher 7S1 gegen die ! Avaren zog, und einen blutigen Vertilgungskrieg führte. Er schlug die Avaren zurück bis in ihren Ring an der Theiß, setzte wider ihre Einfälle eine eigene ! Mark, die Ostmark (pIsK» oi ivnlalis) genannt, bevölkerte das Land durch slavische Colonien und durch Deportation der nach dreißigjährigem Kampfe endlich überwundenen und christianisirten Sachsen, gründete Gotteshäuser und > gab reiches Besitzthum dem schon bereits früher errichteten Bischofstuhle zu ^ Paffau, worunter auch zwei Kirchen zu Fabiana (der Sage nach, die von Karl 800 erbaute Kirche zu St. Peter, dann die St. Ruprechtskirche, schon um 770, von einem Missionäre des heil. Ruprecht, dem Apostel Salzburgs, erbaut). ! Die Metropoliten des alten Bisthums Lorch, welches im Sturme der Zeiten zerstört, und dessen Ehren an Passau übertragen worden waren, grün- ; beten nun auch ein Bisthum zu Fabiana, wie zu Neutra, Altenburg und ^ > Wellehrad, zur Civilisirung und Christianistrung der Avaren und Marhanen. j Kaiser Karl regulirte in seinen Capitularien den Waffenhandel der Kaufleute, ^ und führte viele andere, zuin Theile sehr zweckmäßige Einrichtungen und > Verordnungen ein. Zwischen der Ostmark und dem großen mährische» ! Reiche, unter dem Könige Swatopluk, bestand zu Kauf und Tausch eine ! große jährliche Messe; die Ostmark und damit auch Wien, kam an das i j große fränkische Reich, und der Kaiser, welcher seine Provinzen zur besseren Verwaltung und Vertheidigung des Landes in mehre Bezirke (Gauen oder ! Grafschaften genannt) theilre, denen ein Gaugraf Vorstand, welcher die richter- , liche und militärische Gewalt ausübte, erhob nun auch die hiesige Gegend zu j einer Markgrafschaft (von Mark, Gränze) gegen das Land der Avaren, nannte sie Ostiirieln (das gegen Osten liegende Land), woraus sich in der Folge unser Oesterreich bildete. Guntram, Graf von Erdingau, war zuerst darüber gesetzt, nahm jedoch seine Residenz in Tuln (Oumsxvna), eine der ältesten römischen Niederlassungen in Oesterreich, und das verödete Land erhielt aus Franken, Baiern und Sachsen viele neue Ansiedler. 7 ! Drittes Kapitel. i Die Markgrafschast Oesterreich. — Die Magyaren. — Schlacht am Lechfclde. i ^ Kaum hatte sich indessen das Land durch einige Zeit der Ruhe und des ^ ^ Friedens erfreut, al^ es durch Kaiser Arnulphs unvorsichtigen Schritt, wider das großmährische Reich des mächtigen Königs Swatopluk, fremde Hilfe ^ herbei zu rufen, von Neuem in Noth und Elend gestürzt wurde. Um das Jahr 900 mälzten sich die wilden streit- und eroberungslustigen Scharen der Magyaren oder Ungarn, die sich kurz vorher, aus den Steppen Asiens kommend, in Nieder-Pannonien festgesetzt hatten, nach Oesterreich, gefielen sich in dessen fruchtbaren Gauen, und verheerten durch Raub und Mord, und indem sie die Einwohner als Sclaveu mit sich schleppten, bald ganz § Deutschland, von wo sie sich bis nach dem untersten Italien und Burgund § verbreitete». Fabiana ging nochmals unter, und die Enns wurde zu wieder- ^ holten Malen Gränzfluß, den die wilden Horden jedoch oftmals willkürlich überschritten, um räuberische Slreifzüge zu unternehmen. Sie waren so eben wieder im Frühlinge des Jahres S55 aus ihre» unabsehbare» Ebenen herauf über das komagenische Waldgebirge, und über den Gränzstrom, hunderttausend Mann stark, nach Schwaben gedrungen und belagerte» Augsburg, das alte ^»xu8la vindoliearum. Vergebens aber trieben ihre Heerführer Lehel und Verbults täglich frische Scharen zum wilden Sturme an. Kaiser Otto I., genannt der Große, zog mit den Franken und Baiern, Sachsen und Schwaben ! zum Entsätze heran, und bot ihnen den 10. August SS5 auf dem großen Lechfelde eine Schlacht an. Nachdem der wilde Ungestüm der Magyaren und ihre große Ueberzahl anfangs den Vortrab des kaiserlichen Heeres über- j rennt, und auch den Nachtrab wanke» gemacht hatte, entschieden die Baiern, Franken und Sachsen mit löwenherzigcr Tapferkeit den vollständigsten Sieg. Die Ungarn wurden in einem wilden Knäuel an den Lech hingedrängt, niedergemetzelt oder ins Wasser gestürzt. Nur sieben Mann sollen aus ^ dieser ungeheuren Niederlage lebendig davon gekommen, und von den ! Deutschen mit abgeschnittenen Ohren als Boten der Schmach nach Hause geschickt worden seyn. Unermeßlich war, alte» Urkunden nach, die Beute an Gold und Silber, Juwelen und Münzen, Prunkkleidcrn und kostbare» Gefäßen. Der rauhen Sitte jener Zeit gemäß, wurden alle Gefangenen, worunter auch die beiden Heerführer, schmählich ermordet. Dieser blutige Tag ergoß Schrecken und Wehen über das ganze Land der Magyaren, und die Furcht des deutschen Namens wurde mit einem Male so ungeheuer groß, als vorher dessen Verachtung gewesen. Die bis nach Frankreich und Italien ausgedehnten Raubzüge hörten plötzlich auf; die Gränzen wurden jedoch in Eile entweder befestigt oder wüste gelegt. Besonders wurden von den Magyaren die alten Hunnensitze an der Leitha und ain . Neusiedlersee von den wehrhaftesten Stämmen besetzt, die ganze Strecke 8 aber von der Leitha bis zur Erlaf wurde zur Einöde gemacht. Indessen blieb noch immer Wien und die ganze Strecke von Nieder-Oesterreich bis Melk, (Medelikke), der Gränzfeste, in den Händen der Magyaren. ! In dem wieder eroberten Theile von Oesterreich, ward ein neuer ^ Markgraf, Durkard, Pfalzgraf von Regensburg, angestellt, auch ward der ! christliche Cultus erneuert, und eine baierische Colonie dahin verpflanzt. Der Name Oesterreich (Oslirriclii), welchen die wiederhergestellte Markgrafschaft nach ihrer politischen Stellung zum deutschen Reiche erhielt, kommt zuerst im Jahre 996 in einer kaiserlichen Urkunde von Otto III. vor. Markgraf Burkard ^ begleitete noch den Kaiser Otto II. zu dessen Kriegszug nach Italien, und fiel daselbst im Kainpfe gegen die Griechen und Araber. Ihm folgte in der Würde ^ als Markgraf von Oesterreich, Leopold Graf von Babenberg, womit dieses edle, für Oesterreich und Wien so rühm- und segenbringende Geschlecht seine > Herrschaft in den Gauen der Ostmark begann. Viertes Kapitel. Die Babenberge. — Wicdererstehung Fabiana'S. Das Geschlecht der edlen, ritterlichen Babenberge war fränkischen Ursprunges, sein Name wird durch glaubwürdige Schriftsteller von Baba, einer ^ sächsischen Prinzessin von seltener Schönheit, Gemahlin des fränkischen Grafen z ! Heinrich, Ahne Lcopold's, hergeleitet. Ihr Gemahl hatte an der Rednitz eine ^ Burg erbaut, und sie ihr zum liebenden Andenken Babenberg genannt, woraus in der Folge Bamberg entstanden ist. Der von frühester Jugend an dem kaiserlichen Hofe lebende Leopold, später der Erlauchte genannt, rettete einst (nach Conrad von Witzenberg), dem Kaiser Otto l. auf der Jagd das, Leben durch Erlegung eines wüthenden Ebers, und erhielt darauf das kaiserliche Versprechen des ersten erledigten Reichslehens zuin Danke, welches ihm sodann von Otto II. zu Theil ward. Das alte, muthmafilich noch aus der i Römer Zeiten (wovon ihre le^io alsuilarum einen Beweis liefert) herstammende Wappen der ersten Markgrafen Oesterreichs war ein herzförmiges (in der neuern Heraldik sogenanntes burgundisches), oben mit einem gekrönten einfachen Adler geziertes Schild, mit fünf goldenen Lerchen im blauen Felde. Hormayr bestreitet zwar diese Meinung der römischen Abstammung, die größte Mehrzahl von Historikern aber pflichtet ihr bei, und so lange wir nicht > vollkommen Giftiges dagegen zu setzen haben, möchte es wohl unfruchtbare und ^ verlorne Mühe seyn, allgemein als beglaubigt Anerkanntes anzufechte». Durch volle 38 Jahre blieb noch der östliche Theil von Oesterreich mit der Gränz- festung Melk in den Händen der Magyaren, die indessen durch zahlreiche Missionäre größtentheils christianisirt worden waren, bis der erlauchte Leopold nach oft wiederholten Kämpfen 985, die von dem ungarischen Heerführer 9 > ^ Geysa vertheidigte Gränzfestung Melk, von wo aus die Magyaren unaufhörlich das flache Land beunruhigten, im Sturm eroberte, die festen Mauern brach, und die stolzen Thürme in den Staub warf. Er bemächtigte sich der nach Nomadensitte dort aufgehäuften großen Schätze, baute aus dem Schutte der stolzen Magyarenburg eine Kirche, und gründete daselbst ein Stift regu- lirter Chorherren. Nach diesem glorreichen Resultate drängte er die Ungarn vollends über die March zurück, welcher Fluß bis auf die heutige Zeit Gränze zwischen Ungarn und Deutschland blieb. Wahrscheinlich schlug auch Leopold der Erlauchte zu Melk seinen Wohnsitz auf, obschon ältere Geschichtschreiber davon nichts erwähnen, indessen wird schon unter seinem Sohne und Nachfolger Heinrich, Melk als landesfürstliche Residenz genannt. Mit den Babenbergen waren auch mehre Edle und andere Ansiedler aus Baiern und Franken nach Oesterreich gezogen, durch welche in den verödeten Gegenden, und somit auch in Wien, aus den Ruinen neue Gebäude entstanden; ^ obschon sich letztere Stadt noch lange nicht von ihrem Verfalle erholen konnte, ! und anfänglich nur ein Jagdschloß, den sogenannten uralten Berghof, und einige unbedeutende Häuser nebst einem Paar Kirchlein aufzuweisen hatte. ^ Höchst interessant ist in dieser Hinsicht eine Stelle aus einer Chronik, die schon ! der erste österreichische Geschichtschreiber Wolfgang Laz (gestorben 1565 ) als ! uralt anführt, und welche manche richtige Ahnung, obzwar nicht selten im > dunklen Style, über die allmälige Wiederaufnahme der Stadt, dann deren ! Namensursprung und die zeitweise Veränderung desselben enthält. Ich hoffe, den Lesern durch Mittheilung dieses höchst schätzenswerthen Bruchstückes eines leider verloren gegangenen Ganzen, in mancher Rücksicht nicht unwillkommen ^ zu seyn. Es lautet mit höchst nölhiger Beibehaltung der alten Schreibart, wie folgt: Hier emphor was Österreich Ze Ware und stcherleich Nit wann am Haydenschafft, Vnd hett an christen »it die krafft, Vnd was es ze Ware Klayn vnd enge gare *) Tulln was des Landtes Hauptstadt, Als man mich es dichten pat, Darnach vber manche Jar Ward am Stadt zewar Erbawen, hiez Fabiana Sy ward so schön umbmawret ja, Vnd ward Wienna genannt Als sie noch hewt ist bekandt, Da rinnet am Waßer nachent bey -) Nämlich von Melk bis an dieEnnS, **) Auf der andern Seite. Zwar das ist nicht namens frey, Das wird Thunawe genannt. Als cS noch hewt ist bekandt, Enthalbe mere vnd bey dem Rhein Erkennet man des Wasser Namen schein, Anderhalbe **) bey der Stadt Rynnet ain kleines Wasser drat, Das ist Wienne genannt, Al- es noch hewt ist bckhandt, Der Herr« daiinne was, Wann ich seinen Namen nicht laß, Thun ich nun wol bedeuten Allen gueten Lewten So sagt ich gern an der Frist Wie Wienne her gestiftet ist, da das heutige Ober-Oesterreich bairisch war. l 1 « Vnd auch Österreich des Landt, Deß ist mir wan ain thail bekhandt Davon muß ich ein wenig sageu Mein Zung will es nit vertagen, Wienne was ain Haydenschafft Vnd heit an Lewten nit die krafft, Wenn da nit cuoc ain hoff lach Es war ain Hayden, der sein pflagch Der hoff, der ward der perkhoff genannt Er ist noch mannichen wol bekandt, Wann sich der nam vorkeret hat Zu Wienne in der gueten Stadt Vnd hieß er Fabians Vnd lach auch nit mehr Hewser da, Wann der hoff besundcr, Da gir manich khinder Zn ainem werde, der lach darben Schwie derselbe werd nun bloß sey Da stunden doch Pawuie ohn Zall In dem werde ybcrall Darin das wilde hett gnet gemach Viel mannicher mann da lauffen sach, Der hier der Hayden genuech Viel manches er »iederschlnech, Das macht er doch gern seyn Er stifft ain wenigS Stetelein, Das hieß er Faviana Seit ward es schon umbmaurct da, Vnd ward Wienna genannt Die ward so weiten erkanndt. Fünftes Kapitel. Leopold der Heilige. — Die Kreuzfahrer. — Wiens Emporhebung. Nach Leopold des Erlauchten Tode S94, gelangte dessen ältester Sohn Heinrich I. der Starke zur Regierung, starb aber kinderlos 1018. Ihm folgte der jüngste noch übrige Sohn Albrecht I., der Tapfere, (starb 1056) unter dessen Herrschaft nach mehrjährigen Kämpfen gegen die Magyaren die Leytha, als beständige südliche Gränze zwischen Ungarn und Oesterreich bestimmt wurde. Dessen Sohn Ernst I., genannt der Tapfere, fand 1075 in der Schlacht an der Unstrut, die er an der Seite des Kaisers Heinrich IV. gegen die aufrührerischen > Sachsen mitfochr, seinen Tod. Unter seiner Regierung erlangte Oesterreich ^ große Rechte und Privilegien, er selbst aber durch seine feste Anhänglichkeit s an den Kaiser den Titel des förderisten und getrewesten Fürsten des ^ römischen Reiches. Leopold III. sein Sohn und Nachfolger (starb 10961, ! hatte harte Kämpfe mit den Böhmen und Mähren zu bestehen, die in ! Oesterreich mit Heeresmacht einfielen, und die ganze Gegend zwischen der Thaya und der Donau verheerten, doch besiegte er ste endlich in einer blutigen Schlacht. Alle diese genannten Fürsten residirten theils auf dem Schlosse zu Melk, wo sie auch begraben liegen, theils in Herzogenburg, woher auch der Name dieses Ortes entstanden seyn soll. Erst Leopold IV., der Heilige, Gründer Klosterneuburgs durch die romantische Begebenheit mit dem verwehten ! Schleier der schönen Agnes von Hohenstaufen, seiner Gemahlin, erbaute auf der vordersten Spitze des Kahlenberges *) eine neue prächtige Burg, und ^ bestimmte sie zur künftigen Residenz, um seiner neuen Schöpfung nahe zu ! seyn. Um 1106 erbaute auch Leopold, dessen Aufmerksamkeit nun das so *1 Dieß ist der jetzt sogenannte Leopoldsberg, die jetzt allgemein unter dem Name» Kahlenberg genannte Höhe hieß damals Schweinsberg. LI nahe liegende verödete Fabiana nicht entgehen konnte, daselbst ein Jagdhaus, welches auf dem Platze, wo sich jetzt das fürstl. Esterhazy'sche Haus in der Wallnerstrasie befindet, gestanden seyn soll. Dieses Jagdhaus, aufier dem damaligen Bezirke Wiens, war mit Gesträuchen und Waldungen umgeben, welche die Jäger, mit den nahe wohnenden Landleuten vereint, nach und nach immer mehr ausrotteten, und sich daselbst mehre Hütten und Häuser erbauten. Zum Andenken an die ehemalige Wildnifi blieb ein einziger Baumstamm stehen, welcher in der Folge mit Eisen beschlagen und befestigt wurde, und noch heut zu Tage unter dem Namen »der Stock im Eisen" die Aufmerksamkeit der Fremden erregt, und zu vielen abenteuerlichen Sagen und romanhaften Ueberlieferungen Anlaß gab. Uebrigeus halte zu Leopold des Heiligen Zeit der Beginn der Kreuzfahrten bereits mächtigen Einfluß auf Wiens allmälige Emporhebung in ihrer Wechselwirkung auf den Handel und auf den häufigen Verkehr mit dem Morgenlande, besonders aber mit Constantinopel und Venedig, wo es als Mittelstadt so vielen Ländern Zufluß schicken konnte. Nachdem noch Leopold, nach Kaiser Heinrich V. Tode, auf dem Concilium zu Worms, die ihm angebotene Kaiserkrone ausgeschlagen, starb er den 15. November 1136 und wurde in Klosterneuburg begraben, wo noch jetzt seine prachtvolle Grabstätte zu sehen ist. >48-1 wurde er den Heiligen beigezählc, und sein Fest, als des Landespatrons, wird in Nieder-Oesterreich feierlich begangen. Sechstes Kapitel. Heinrich Jasomirgott. — Wiens Aufnahme als landesfürstlichc Nefidenz. Leopold des Heiligen dritter Sohn Heinrich, genannt Jasomirgott*), trat nach dessen Tode, und dem Tode seines älter» Bruders Leopold V., der 1141 kinderlos starb, die Regierung an. 1156 vereinigte Kaiser Friedrich der Rothbart »ach der Aechtung Heinrich des Stolzen, Herzogs von Sachsen und Baiern, das bisher zu letzterem Reiche gehörige Land ob der Enns bis an den Inn mir Oesterreich, welche beide Länder zum Herzogrhume mit ausgedehnten Freiheiten und Rechten erhoben wurden. Herzog Heinrich erwählte sich gleich nach seinem Regierungsantritte, der romantischen Lage wegen, das Bergstädrchen Wenne oder Wiens, wie es in gleichzeitigen Urkunden genannt wird, zu seiner Residenz, und baute sich unweit von demJagdhauseLeopolds IV. auf dein nämlichen Platze, wo später das obere Jesuiten-Eollegium stand, heut zu Tage aber das Hofkriegsrathgebäude sich befindet, eine Hofburg, wovon dieser Platz den Namen »am Hof" führte, und bis auf unsere Tage beibehalten hat. So viel ihm die häufigen und blutigen Kämpfe gegen die Ungarn, die 1146 selbst Wien bedrohten, Zeit übrig ließen, verwendete Heinrich Jasomirgott *) Also genannt von dessen sprichwörtlichen Betheuerung: Ja so mir Gott (helfe)! die er immer im Munde zu führen Pflegte. 12 auf die Vergrößerung und Verschönerung seiner neuen Residenz. Zu seiner Zeit, um 1160 hatte Wien folgende Umgränzung: Vom Heidenschuß, wo sich das erste Thor befand, lief die Stadtmauer neben der heutigen Naglergasse, bis zum Peilerthor (abgebrochen 1732 ), von da dem Graben entlang, bis zu dem ehemaligen Freisinger- jetzt Trattnerhofe, welcher von dem Bischöfe Otto von Freisingen, einem Bruder Jasomirgotts, zuerst erbaut wurde. Die heurige Naglergasse und die Straße am Graben bildeten von dieser Seite den Wallgraben. Zwischen dem Schlossergäßchen und dem Hause zum Rebhuhn in der Goldschmidgasse, stand das dritte Thor. Von dort zog sich die Mauer über die Brandstätte, den Lichtensteg und Haarmarkt hinunter, zwischen welcher Strecke sich daS vierte Thor befand, welches in die Wollzeile führte. Dann ging sie aufwärts gegen den Lazen- und Gamingerhof, bis an den Seitenstettenhof zum fünften Thore, und von da hinter St. Ruprecht über den heutigen Salzgries bis zum sechsten Thore, und endlich neben dem tiefen Graben bis zum Heidenschuß zurück. Die heutige Häuserreihe vom Ausgange der Bogncrgasse bis an das Ende der Brandstätte steht meistens auf den Grundfesten der uralten Stadtmauer, die bei Ausgrabungen noch sichtbar werden. Außer den hier angeführten sechs Hauptthoren, gab es noch zwei kleinere Einlaßthore, das eine unter St. Ruprecht, das andere an der Fischerstiege, durch welche man an die Donau gelangen konnte. Innerhalb dieser Umgrän- zung waren schon damals folgende Gebäude, zumeist von Heinrich erbaut, und Plätze merkwürdig: der Hof, damals am Herzoghof genannt, und die daselbst befindliche landesfürstliche Residenz sammt der Kirche zum heiligen Pankraz, in der Gegend der heutigen Nunciatur; die Peterskirche, der ^ Judenplatz, der hohe Markt mit dem Berghof, die Kirchen zu St. Ruprecht und Maria am Gestade, dann der Freisinger- und Passauerhof. Außer den damaligen Stadtmauern war die, 1144 bis 1147 ebenfalls unter Heinrich erbaute Kirche zu St. Stephan, ungefähr halb so groß wie heul zu Tage (nämlich vom Riesenthore mit den beiden sogenannten Heidenchürmen, bis gegen das mit einem Gitter eingefaßte Chor), die Wollzeile, die von Leopold V. erbaute Kirche zum heil. Jakob auf der Hülben in der heutigen Riemerstraße, das deutsche Ordenshaus in der Singerstraße, die St. Johannis - Capelle der Johanniter-Ritter in der Kärnthnerstraße. Auf der entgegengesetzten Seite hinter der Wollzeile das Tempelhaus, in der Gegend der heutigen Dominikanerkirche, das von Heinrich 1158 für die, aus Schottland hierher gekommenen Benedictiner-Mönche gegründete Schottenstift, und das bekannte Jagdhaus Leopold des Heiligen. Am Salzgries floß ein starker Arm der Donau, am Fuße des ob der heutigen Kohlmeffergaffe beginnenden, bis zum Arsenale und den Schotten hinziehenden erhöhten Ufers, wovon die Kirche Maria am Gestade ihre Benennung erhielt. Nachdem noch Heinrich Jasomirgott die unglückliche dritte Kreuzfahrt mitgemacht, und sich die griechische Prinzessin Theodora als Braut mitgebracht 13 hatte, kam er 1176 mit den Böhmen und Mähren in Streit, die verheerend in Oesterreich einfielcn, und Brand und Raub ausübten. Heinrich zog ihnen über die Donaubrücken mit Heeresmacht entgegen; da er jedoch ihrem übermächtigen Andrange sich auf offenem Felde nicht gewachsen fühlte, wählte er bald geschlossenen Rückzug nach Wien, und planvolle Gegenwehre aus festen Plätzen. Doch den 10. Jänner 1177 stürzte er mit dem scheuen Pferde auf einer morschen Brücke, und brach das Bein. Drei Tage darauf starb er, und wurde in seiner Stiftung bei den Schotten begraben. Lange Zeit war indessen die eigentliche Stätte der Ruhe des ersten christlichen Wiederherstellers von Wien gänzlich unbekannt, bis man in neuerer Zeit beim Graben eines Gewölbes, im Bereich des alten Gotteshauses, auf eine kleine Gruft kam, die drei Gerippe in sich schloß, ein männliches und zwei weibliche, an deren ersterem das Fußbein gebrochen war, woraus man mit ziemlicher Gewißheit schließen konnte, die Gebeine des großmüthigen Stifters, seiner Gemahlin Theodora und seiner Tochter Agnes, Gemahlin des Königs Stephan von Ungarn, seien damit entdeckt. Siebentes Kapitel. Leopold der Tugendhafte. — Oesterreichs neuer Wappenschild. Heinrich's Sohn und Nachfolger, Leopold VI., der Tugendhafte *) genannt, der tapfere Streiter in Palästina, vergrößerte die Stadt Wien an der Ostseite und umgab den neuen Zuwachs mit einer Ringmauer, welche bei dem sogenannten Dempfmger- (Pempflinger-) Hofe ihren Anfang nahm, sich in einem Halbzirkel über den alten Fleischmarkt neben dem Dominikanerkloster gegen das Stubenthor, über die Singerstraße und den Stockimeisen, dann von da bis zum Freisingerhofe hinzog, wo sie sich wieder an die alte Stadtmauer anschloß, folglich schon die St. Stephanskirche in die innere Stadt zog. 1186 erwarb dieser Fürst die Steiermark durch Vertrag, 1190 zog er nach Palästina und zeichnete sich bei der Eroberung von Ptolomais durch persönliche Tapferkeit so glänzend aus, daß sein weißer Wappenrock ganz mit Blut befleckt war und nur unter dem breiten Gürtel die weiße Farbe beibehielt; der höchst romantische Anlaß zu Oesterreichs neuem Wappenschild« des weißen Querbalkens im rochen Felde. Diese glänzenden Waffen- thaten des Herzogs Leopold erregten in dem löwenherzigen König Richard von England solche wüthende Eifersucht gegen den Nebenbuhler seines Ruhmes, daß er das österreichische Banner vom Wall herunterreißcn und durch den Koth schleppen ließ. Wüthend über die ihm zugefügte Schmach, die Leopold an Ort und Stelle nicht zu rächen im Stande war, kehrte er bald nach Wien zurück, glühende Rache brütend, die auch nicht lange ausblieb. Bald darauf *) Virtuos»», was wohl füglich eher mit: »Der Tapfere» zu übersetzen ist. 14 1 verließ auch Richard Palästina, und stieg bei Aquileja ans Land, um von da seine Reise zu Land nach England fortzusetzen. Schon auf der Reise durch I Kärnthen vernahm er, wie er allenthalben, seiner unüberlegten Lhat wegen, gehaßt werde, auch stellten ihm mehre Spione seines aufrührerischen Bruders Johann nach. Da warf er sich in gemeine Kleidung und kam I I 92 nach § Wien, wurde jedoch in Erdberg erkannt, ergriffen, einige Zeit in Dürren- stein gefangen gehalten und dann an den Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert, der ihn I >94 gegen schweres Lösegeld entließ. Den 26. Decembcr desselben Jahres brach Leopold VI. bei einem Turniere zu Grätz ein Schenkelbein und starb einige Tage darauf an den Folgen dieses Sturzes. Er wurde der Erste > in der von Leopold dein Heiligen gestifteten Abtei zu Heiligenkreuz begraben. Dessen Sohn, Friedrich, der Katholische, folgte ihm in der Regierung, zog jedoch 1196 nach Palästina und starb daselbst unverehlicht IIS8. Seine Gebeine wurden ebenfalls in Heiligenkreuz beigesetzt. Achtes Kapitel. Leopold der Glorreiche. — Wien als Handelsstadt. — Die neue Burg. ^ Friedrich's Bruder, Leopold VII., mit vollem Rechte der Glorreiche ! (xloriosus) genannt, hatte schon bei dessen Abgang nach Palästina die Zügel ^ der Regierung übernommen und folgte ihm in derselben. Dieser vortreffliche Fürst sammelte sich unsterbliche Verdienste um Wien und arbeitete mit rastlosem Eifer an der Emporbringung seiner Residenz. Durch ihn wurde Wien zuerst zu einer Handelsstadt erhoben und erhielt volle Stapelgerechtigkeit, in Kraft welcher alle auf der Donau herabkommenden Schiffe ihre Waaren nicht weiter als bis hieher führen durften. Er setzte auch eine Art Magistrat ein, welcher aus 24 Bürgern bestand, die im Kaufen und Verkaufen gute Ordnung halten, und in Allem, was zur Ehre und zum Nutzen der Scadt ^ gereichen konnte, fleißig Obsicht tragen sollten. Ueberhaupt gab er der Stadt zuerst mehre bürgerliche und politische Gesetze, welche zum Zwecke hatten, die Bürger wohlhabend zu machen und sie vor Uebervortheilung der Fremden zu schützen. Bereits unter der ruhmwürdigen und segensreichen Regierung dieses Herzogs gab Wien als Stapelplatz, als Markt und als Münzstätte Gesetze im oberen Deutschland; es schickte seine Handels-Factore mit jene» der Regensburger, nach Kiew, nach Constantinopel und in das deutsche Kaufhaus nach Venedig. Die meiste Kunde über Deutschlands Zwischeu- commerz, über Rußland und Byzanz schöpften die Geschichtschreiber seines Handels aus österreichischen Quellen. Indessen waren Juden und Kowertschen (Cahorsiner, Wechsler, Geldmäkler) schon zur Zeit der Markgrafen ein Gegenstand kaiserlicher Satzungen und Privilegien, und Kaiser Friedrich II. erließ 1213 eine höchst merkwürdige Ordnung für die Wiener Juden. L5 ^ Im Jahre 1200 legte Leopold VII. auch eine neue Burg auf demselben Platze an, wo noch die heutige kaiserliche Residenz steht und baute 1221 in der Nähe derselben die Kirche zuni heiligen Michael. Beide Gebäude lagen aber damals noch ansier den Ringmauern der Stadt. Auch vereinte dieser ! Herzog einen Theil der vollkommen ausgebauten Vorstädte, so z. B. die Wollzeile, von den dort ansäßigen Wollhändleru also genannt, mit der Stadt und umfaßte diese neuerdings mit Mauern und Gräben, welche sich vom Stock im Eise» durch die ganze heutige Singerstrasie, dann am Stubenthor vorüber bis zur jetzigen Biberbastei und von da wieder bis zum Thore . am ehemaligen Katzensteige zogen. Zugleich wurden auch unter Leopold'S Regierung die noch nicht zur Stadt gezogenen Vorstädte beträchtlich vergrößert. 1224 führte er die Minoriten, 1226 die Dominikaner in Wien ein, welch' Letzter« in der Folge Kirche und Wohnung der Tempelherren eingeräumt ! ! wurde. Auch dieser Herzog unternahm, dem Zeitgeiste gemäß, zweimal Züge - nach Palästina, von wo er glücklich wiederkehrte, 1230 aber trat er eine i Reise nach Italien an, um den Kaiser Friedrich II. mit dem Papste ! Gregor IX. auSzusohnen und starb daselbst den 28. Juli desselben Jahres. ! Sein Leichnam wurde nach Oesterreich geführt und in dem Stifte zu Lilien- ! feld beigesetzt, welches sein Grab noch immer bewahrt. Leopold'S wohlver- ^ ^ dientes Ehrengedächtniß aber feierte der berühmte Minnesänger Walther von ! der Vogelweide, den er, nebst vielen andern hochbegabten Dichtern seines ! Zeitalters, z. B. Heinrich von Ofterdingen, Wolfram von Eschenbach, ! ! Reimar von Zweter rc. an den ininniglichen Hof zu Wien berief und fürstlich hielt, mit folgenden schönen Versen: ^ , Leupold, Herr« zweier, zu Oesterreich und zu Steyer, ^ ! Niemand lebt, den ich zu ihm geleiche, > l Sei» Lob ist nicht ein Loblein, er niag, er hat, er thut, j ! Er ist als wie sein Vetter, der milde Welf ') gemuth , ! ^ Deß Lob war groß im Leben und nach dem Tode gut. ! Neuntes Kapitel. Friedrich der Streitbare. — Erlöschen des glorreichen Stammes Babenberg. Leopold'S jüngster und letzter Sohn, Friedrich II., genannt der Streitbare (dolliconu»), folgte nun in der Regierung, der letzte aus dem herrlichen und glorreichen Stamme der Babenberge, im 20. Lebensjahre. Er trat dieselbe unter vielen Widerwärtigkeiten an, welche ihn bis au sein Ende in fortdauernde Kriege verwickelten. Daher, wie von seiner persönlichen Tapferkeit, sein Beiname. 1235 entspann sich ein blutiger Krieg mit den Ungarn, nachdem Friedrich früher schon den aufrührerischen Stamm der *) Herzog von Braunschweig. 1 « Kuenringer lange bekämpft und endlich bezwungen hatte. In Wien hatte sich der Herzog durch seine Prachtliebe, so wie durch ein noch ziemlich im Dunkel liegendes Abenteuer mit einer schonen und tugendhaften Wienerin, Namens Brunhild oder Braunhild*)» nicht sehr beliebt gemacht, deshalb empörten sich seine eigenen Unterthanen gegen ihn und trugen dem Kaiser Friedrich II. ihre Klagen vor, den sich der Herzog schon früher zum Feinde gemacht hatte, indem er mit den lombardischen Städten zusammen hielt, die gestützt auf den Haß des Papstes gegen den Kaiser, dessen Absichten widerstanden. Da beschloß Letzterer die Demüthigung des mächtigen Herzogs, er belegte ihn 1236 mit der Reichsacht und mehre deutsche Fürsten drangen mit ihren Heeren in Oesterreich vor. Das Land ob der Enns fiel in die Hände des Herzogs Otto von Baiern; der Kaiser erklärte Wien zur Reichsstadt, ernannte zur Verwaltung des besetzten Oesterreichs einen Statthalter, ließ sich selbst zu Wien huldigen, ertheilte der Stadt mehre Privilegien und errichtete auch eine lateinische Schule daselbst, welche als die Grundlage der jetzigen Universität angesehen werden kann. Herzog Friedrich war nichts mehr als sein kleines Heer und die allezeit getreue Wiener-Neustadt als letzter Zufluchtsort geblieben. Doch nach dem baldigen Abzüge des Kaisers von Wien, den die immer ernsthafter werdenden Unruhen nach Italien riefen, sammelte und vermehrte der Herzog aufs Neue seine Truppen und eroberte wieder alle seine Provinzen, somit auch Wien, wo er sich neuerdings huldigen ließ. Unterdessen wurde auch der Kaiser durch die Schritte des Papstes gegen ihn immer mehr bedrängt, und söhnte sich 1240 mit dem Herzog aus. Wiens reichsstädtisches Privilegium ward vernichtet, und 1245 erhielt Friedrich auf dem Reichstage zu Verona von dem Kaiser die feierliche Bestätigung aller in früher» Urkunden dem österreichischen Staate ertheilten Vorrechte und Privilegien. Selbst die königliche Würde wegen Oesterreich und Steiermark war ihm vom Kaiser zugedacht, wenn er in die Vermählung Gertraud's, der Tochter seines Bruders Heinrich, mit dem Kaiser einwilligen würde. Friedrich aber hatte sie bereits an Uladislaus von Mähren versprochen und entsagte eher einer Krone, als daß er wortbrüchig werden wollte. Nach diesen Vorfällen genoß der Herzog zwar einige Zeit Ruhe, aber sie war nur von kurzer Dauer. Bereits 1246 eröffnete König Bela IV. von Ungarn einen neuen Krieg gegen ihn; eingefallene Tartarscharen hausten fürchterlich an den österreichischen Gränzen und bedrohten bereits Wiener- *) Eine uralte Chronik erzählt dasselbe mit folgenden Worten: Herzog Friedrich sach ainS Tages ain schöne Frawe, dp hiez Brawnhilt» in der Lieb er ward inhizziglich entzündet, dy mocht er nit überchomen, weder mit Gab noch mit Chlainoden. Darnach er ain gelobten Tanz öffentlich liez berußen und gepot mit großer Penn ze Wien« allen Burgern, wann sy hörte» die Pfeiffen und Posaunen, daz sh mit ihren HauSfrawen darzue chemen. Dy Burger Westen niez des Tanzes Haimlichkeit, mit ihren Weibern, schen berait, sh erberlich darzue chemen. Darzue cham auch die schöne Fraw Brawnhilt, dy ward mit Gewalt von dan gezucket rc. 17 j Neustadt. Da zog ihnen Friedl ich mit Heeresmacht entgegen und erfocht auch am Steinfelde bei der genannten Stadt einen glänzenden Sieg, allein in einem erneuerten Angriff ward er von einem fliehenden Kumanen tödtlich verwundet und mit seinem bald darauf erfolgten Tode erlosch der Babenbergische Stamm, welchem Oesterreich und Wien so Vieles zu verdanken hatte. Zehntes Kapitel. Da- österreichische Interregnum. — Der große Ottokar. Nach dem Tode des streitbaren Friedrichs fielen die Länder, welche bisher das Haus Babenberg besessen hatte: Oesterreich, Steiermark und Kram, welch' letzteres Herzog Friedrich 1234 erworben hatte, als erledigte Reichslehen dem Kaiser anheim. Zwar hatte ein Gnadenbrief Kaiser ! Friedrichs I. (Barbarossa) vom Jahre 1156, die weibliche Nachkommenschaft > des babenbergischen Geschlechtes, nach Abgang des Mannsstammes, für regierungsfähig erklärt; allein Friedrich der Streitbare hinterliefi keine Tochter, sondern nur zwei Schwestern, wovon die ältere, Margaretha, früher mit dem römischen Könige Heinrich VII. vermählt gewesen war, nach dessen Tode als Witwe zu Trier im Kloster lebte, in der Folge aber den § großen Ottokar heirathete. Friedrichs zweite Schwester, Constantia, vermählt mit dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen, war bereits vor ihm (1243), mit Hinterlassung zweier Söhne, gestorben. Die Bruderstochter ! Friedrichs endlich, Gertrud, lebte in der Ehe mit dem Markgrafen Uladislaus ! von Mähren, dem Sohne des Königs Wenzel von Böhmen und Ottokars Bruder. — Unter diesen Verhältnissen betrachtete Kaiser Friedrich U. das babenbergische Erbe als erledigtes Reichslehen, das er, bei dem damals schon bedeutend geschmälerten kaiserlichen Fiscus, durch einen in Wien, das als Reichsstadt hergestellt ward, eingesetzten Statthalter verwalten ließ. Als > ! aber Gertrud von Mähren, nach dem Tode ihres Gemahls, sich mit dem i Markgrafen Hermann von Baden, dem Schwestersohne des Herzogs Otto ? von Baiern, vermahlte; so übertrug sie ihrem Gemahle ihre angeblichen ! Erbschaftsrechte auf Oesterreich, und Otto wirkte selbst dahin, daß mehre ! österreichische Städte sich für Hermann erklärten, der auch, vom Papste anerkannt, von Wien aus einen Theil des Landes regierte. Doch starb er schon 1250, nachdem ihm Gertrud einen Sohn, Friedrich*) geboren hatte, auch ») Dieftr Friedrich, der sich Herzog von Oesterreich nannte, ohne irgend einen Anspruch behaupten zu können, flüchtete sich nach dem Tode seines VaterS nach Meißen und zog 1267 mit seinem Jugendfreunde, dem unglücklichen Conradin von Hohenstaufen, nach Neapel, um demselben gegen Karl von Anjou sein rechtmäßiges Erbe erkämpfen zu helfen. Er wurde jedoch mit diesem nach der unglücklichen Schlacht bei Tagliacozzo gefangen und den 2S. October 1268 zu Neapel nebst seinem Freunde enthauptek, wodurch die erlauchten Häuser Hohenstaufen uud Babenberg gänzlich erloschen. 2 18 I-'-- I ! waren ihm die Anhänger des Kaisers in Österreich abgeneigt und die Ungarn unter Bela IV. zu einem Einfall in das Herzoglhum gereizt worden. Dieser ! Krieg brachte das Land in große Unordnung, die sich noch mehr durch des Kaisers Tod und das bald darauf eintretende große Reichs-Interregnum steigerte, weil ^ nun auch Graf Meinhard von Görz die ihm von Kaiser Friedrich II. über Oesterreich und Steiermark ertheilte Statthalterschaft niederlegre. Die verwitwete Gertrud flüchtete sich mit ihrem Sohne nach Meißen; Baiern nahm das Land ob der Enns in Anspruch, und der schon damals sehr mächtige Erzbischof von Salzburg wollte sich innerhalb Steiermark mehrer angeblich heimgefallener Lehen bemächtigen. Zu solcher Zeit der Noth versammelten sich nun die österreichischen Landstände, beschloßen, einen entfernten Anverwandten ihres letzten Landesherrn zum Regenten zu wählen und schickten mehre Abgeordnete § an den Markgrafen. Heinrich den Erlauchte» von Meißen, mit der Bitte, daß er einen seiner Söhne, Albrecht oder Dietrich, als Kinder der verstor- j denen Constantia, zum Herrn der österreichischen Länder ernennen möchte. Allein die Abgeordneten wurden bei ihrer Durchreise durch Prag von dem ' KönigeWenzel von Böhmen auf solche Weise gewonnen, daß sie seinen Sohn Ottokar, den Gemahl der ältesten Schwester Friedrichs, Margaretha, als Regenten anerkannten, der sich unverzüglich mit einem bedeutenden Heere nach Oesterreich begab, wo er ohne allen Widerstand in den Besitz der Hauptstadt und bald darauf in jenen des ganzen Landes kam. Gertrud suchte noch einmal > Hilfe und flehte den Schutz Bela's an, der wieder bis an die Thore Wiens streifte und dessen Heer die unmenschlichsten Grausamkeiten verübte, wie ^ denn in der Kirche zu Mödling fünfzehn hundert Männer, Weiber und ' Kinder verbrannt wurden, ohne indessen für Gertrud einen Endzweck zu erreichen. Als endlich Ottokar nach seines Vaters Tode den böhmischen Thron j bestiegen hatte, wurde Friede zwischen den beiden Königen, und Ottokar blieb unbestritten in Oesterreichs Besitz. Wien wünschte sich Glück, endlich einmal ^ wieder in einen Zustand der Ruhe und Sicherheit gekommen zu sein, und ! legte freudig seine Reichsunmittclbarkeit dem mächtigen Ottokar zu Füßen, ^ dessen Ruhm von der Ostsee bis zum adriatischen Meere erschallte. Unter der z Regierung dieses Königs wurde das Land mehrmals durch Mißwachs, Hungers- noth, durch Ueberschwemmungen und Fenersbrünste heimgesucht, worunter jene ! zu Wien, den s. August 1258 besonders verheerend war, indem dadurch die Stephanskirche mit ihren Glocken, das deutsche Haus und St. Johannesspital in der Kärnthnerstraße und das Dominikanerkloster in Asche gelegt wurden. Bald ^ darauf wüthete eine fürchterliche Pest in Oesterreich, so daß man die Tobten, namentlich in Wien, wegen ihrer großen Anzahl, nicht ordentlich begraben konnte, sondern nur große Gruben machen, sie hincimverfen und mit Erde ^ bedecken mußte. Bei allen diesen verheerenden Landplagen suchte Ottokar doch immer seine neuen Unterthanen für die ausgestandenen Drangsale nach Kräften zu entschädigen, und bot Alles auf, Wien immer mehr und mehr zu 19 1 l vergrößern und zu verschönern. Er zog die bisher vor der Stadt (extr» muros) gelegene Burg und Michaelskirche, das Schottenkloster und dessen Kirche zur Stadt; baute den heutigen Kohlmarkt, ließ auch zwischen der Burg und dem heutigen Schottenthore viele Gebäude anlegen und zog um ! diesen neuen Anwachs der Stadt Mauern und Gräben, welche auch durch > Thürme befestigt wurden. Auch stellte Ottokar die durch wiederholte Feuers- ^ brünste zerstörte Stephanskirche schöner und größer wieder her, als sie vordem gewesen. Er bewilligte der Stadl einen Freimarkt auf sechs Monate l ohne alle Mauthabgaben, gab der Bürgerschaft einen Wald frei, um sich ! das nölhige Bauholz daraus zu schlagen und erließ allen Einwohnern der Residenz auf fünf Jahre lang alle Steuern und Abgaben, durch welche > Begünstigung sich Wien wieder beträchtlich von den Unfällen erholte, die es ^ seit mehren Jahren gelitten. Doch wurde die Stadt 1276 wieder durch drei ^ kurz auf einander folgende Feuersbrünste, bis auf ungefähr 150 Häuser in ! der Gegend des neuen Marktes, verwüstet, wobei selbst die Thürme der , Stadtmauern zum größten Theile dergestalt ausbrannten, daß sie theils ein- ^ stürzten, theils den Einsturz drohten. Zur selben Zeit begannen die Flagellanten, eine schwärmerische Secte, die scharenweise mit verhülltem Haupte, ! doch bis zum Gürtel nackt, sich mit scharfen Geißeln grausam zerfleischend, , ! durch die Länder zogen, auch in Oesterreich ihr Unwesen zu treiben, welchem j ^ sich Ottokar kräftig entgegensetzte, so daß sie in kurzer Zeit verschwanden. Auch traf er nachdrückliche Maßregeln gegen den Uebermuth und Wuchergeist i . der Juden, der damals, durch die beständige Geldnoth der Fürsten, einen solch' ^ : übermäßigen Grad erreicht hatte, daß ein königliches Dekret selbst den Großen ! Ungarns verbieten mußte, Juden zu werden, und daß 1274 ein allgemei- ^ nes Klagegeschrei den Passauer Bischof Gottfried nölhigte, auf einer Synode zu St. Pölten den Juden zu verbieten, sich christliche Sklaven zu halten. Bereits 1261 hatte sich Ottokar von der alternden und kinderlosen Margaretha getrennt, und sich mit Kunigunden, einer Tochter des Herzogs zu Machaw und Bosnien, Enkelin des Königs Bela von Ungarn, vermählt. Das Beilager wurde mit außerordentlichem Glanze und Pompe in Wien vollzogen, Margaretha starb 1267 und wurde zu Lilienfeld begraben, allein > von dem Augenblicke seiner zweiten Heirath schien auch Ottokars strahlender Glücksstern von ihm gewichen und dunkle Wolken zogen sich um den Horizont i seines Glückes, um ihn immer mehr und mehr zu verfinstern. 1 Eilftes Kapitel. Rudolph von Habsburg. — Die Marchfeld - Schlacht. > Nach dem langen unheilvollen Reichs-Interregnum wurde 1273 Graf ! j Rudolph von Habsburg zum römischen Kaiser erwählt, nachdem Ottokars i » 2 20 s ! i unbeugsamer Stolz diese ihm früher zugedachte Würde verscherzt hatte. ! Sogleich nach seiner Thronbesteigung forderte Rudolph den König Ottokar auf, die auf unrechtmäßige Weise, ohne kaiserliche Belehnung an sich gebrachten l österreichischen Lander wieder abzutreten. Allein der stolze Böhmenkönig, im j Vertrauen aufseine Macht, weigerte sich, und nun kam 1276 Rudolph mit einem erlesenen Heere selbst vor Wien und belagerte die Stadt. Ottokar, der nun einsah, daß er dem Kaiser mit Gewalt nicht widerstehen könne, ging endlich eine Unterhandlung ein, und nahm die kaiserliche Belehnung über Oesterreich, Steiermark, Karnthen und Krain. Nicht vollkommen geschicht- " lich beglaubigt, auch mit Rudolphs edlem Charakter nicht übereinstimmend ist der von mehren Geschichtschreibern angeführte Umstand, daß der Kaiser Ottokarn bei der Belehnung in seinem Zelte dem öffentlichen Spotte Preis j gegeben habe, indem er die Vorhänge fallen ließ, während Ottokar vor ihm ! auf den Knien lag. Schon der Umstand allein, daß er durch Waffengewalt zu dem demüthigenden Schritte gebracht worden war, ist Impuls genug, daß ^ Ottokar von dieser Zeit an glühenden Groll im Busen nährte und nur auf i günstige Gelegenheit wartete, ihn ausbrechen zu lassen. Diese glaubte er 1278 ! gefunden zu haben, in welchem Jahre er mit einem zahlreichen Heere, trotz > seiner eingegangenen Verbindlichkeiten, aufs Neue gegen den Kaiser zog. Den ! 26. August desselben Jahres stießen die Heere auf dem Marchfelde zusammen, und es entspann sich eine blutige Schlacht, in welcher die Böhmen gänzlich ! geschlagen wurden und Ottokar selbst, verrathen von dem Anführer der mährischen Truppen, Milota, das Leben verlor. Sein Leichnam wurde von Marchegg nach Wien gebracht und blieb bei den Minoriten etwa dreißig Wochen aufbewahrt, wo dann Abgeordnete aus Böhmen ihn nach Znaim abführten. Rudolph drang nach diesem Siege zwar in Mähren und Böhmen vor, doch ward noch in demselben Jahre unter Vermittlung des Markgrafen von Brandenburg zu Colliu ein Vergleich abgeschlossen, nach welchem Wenzel, ^ der minderjährige Sohn Ottokars, Böhmen und Mahren behielt, und die > schon 1276 mit Ottokar verabredete Vermählung Wenzels, mit Rudolphs Tochter Jutta, und dem Sohne des Letzter», Rudolph, mit der böhmische» Prinzessin Agnes, von Neuem bestätigt und 1286 auch vollzogen wurde. Kaiser Rudolph nahm nun sogleich Besitz von den österreichischen Ländern und versicherte sich von der Treue der Bürger, besonders in der Hauptstadt, dadurch, daß er ihnen nicht nur ihre alten bürgerlichen Rechte und Gewohnheiten bestätigte, sondern auch das Privilegium Kaiser Friedrichs II., wodurch Wie» zur Reichsstadt erhoben wurde, erneuerte. Der Nachlaß der Babenberger ward von vielen Fürsten eifrig gesucht, aber Rudolph, der ihn seinen Söhnen bestimmt hatte, gab jederzeit die ausweichende Antwort, er habe gelobt, ohne der Kurfürsten Einstimmung zu keiner Verleihung zu schreiten. Ehe er 1281 Wien verließ, erklärte der Kaiser seinen Erstgebornen, Albrecht, zum Reichsverweser des babenbergischen Erbes und gelobte den 21 Landherren von Oesterreich, ihnen auf dem nächsten Reichstage, unter dem Beitritte der Kurfürsten einen Regenten zu ernennen. Bald darauf erlangte der Kaiser von den Kurfürsten die Bewilligung, seine beiden Söhne, Albrecht und Rudolph mit den Herzogtümern Oesterreich, Steier und Kram zu belehnen, was auf dem Reichstage zu Augsburg geschah. Später aber wurde auf die Einwendung der Stände Oesterreichs, die nicht gerne zweien Herren dienen wollten, Albrecht allein und dessen Mannsstamm mit Oesterreich und Steier belehnt, wodurch das Haus Habsburg auf den österreichischen Thron verpflanzt war, den es durch 500 Jahre glorreich zierte und in weiblicher Nachkommenschaft noch gegenwärtig besitzt. Die übrigen Kinder Kaiser Rudolphs waren: Hartmann, sein Liebling, dem er die burgundische Krone unter dem Namen: das Königreich Arelar (von der Hauptstadt Arles) zudachte, und der mit einer Tochter Königs Eduard von England verlobt war. Bei einer Fahrt über den Rhein jedoch schlug das Schiff um und Hartmann, erst 18 Jahre alt, ertrank 1280 mit noch 13 Edlen. Von den acht Töchtern Rudolphs war Jutta an den König Wenzel von Böhmen, Clementia an den berühmten Karl Martell, Prinzen von Anjou und König von Ungarn, Mechtild an den Herzog Ludwig von Baiern, Agnes an Kurfürst Albrecht von Sachsen, Hedwig an Markgraf Otto von Brandenburg, und Katharina an Herzog Otto von Baiern vermählt. l weite Hötheikurrg. 128 « — 1458 . . j , Erfies Kapitel. Albrccht I. — Der Aufstand in Wien. UlAachdem das Haus Habsburg ungestörten Besitz von dem babenbergischen »«^Erbe, Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Kram und der ^ mindischen Mark genommen hatte, wurden die den österreichischen und steier- ^ märkischen Ständen in letzterer Zeit ertheilten größeren Vorrechte wieder ' aufgehoben, und Wien verlor sein reichsstädtisches Privilegium, was sich ! zum Theil wohl von selbst verstand, da es wieder zur Haupt-- und Residenzstadt eines selbstständigen Reiches geworden, ävrnr demungeachtet machten ^ diese Schritte böses Blut im Volke und ließen in etwas die Segnungen verkümmern, die der gerechte und milde Sinn Kaiser Rudolphs nach einer ! sturmbewegten wirrenvollen Zeit über Oesterreichs Lande hervorgerufen hatte. ! Albrecht, trotz vieler hervorragender, besonders ritterlicher Eigenschaften, ! konnte sich durchaus nicht der Liebe seiner Unterthanen erfreuen. Stolz und ! streng von Gemüth, sich auf seine Schätze und die Macht der Waffen < veilassend, unterließ er es auch, darum zu werben. Die Unzufriedenheit mit Albrechts Walten im Innern des Landes griff immer weiter um sich. ^ Keineswegs beschwichtigend war der Umstand, daß seine vornehmsten und vertrautesten Räthe, Eberhard von Wallsee und Hermann von Landenberg aus Schwaben gebürtig, folglich landesfremd waren, und fast mit unumschränkter Macht in Oesterreich schalteten, wohl heilsame Verordnungen und Gesetze einführten, dieselben aber mit Strenge und rücksichtslos ins ^ Werk setzten, und die Bereicherung und Vergrößerung ihrer Familien nicht vergaßen. Dadurch wurde» auch die Landstände unwillig, klagten laut über Zurücksetzung, Verletzung ihrer Privilegien und wandten alles Mögliche an, die Ausländer bei dem Volke verhaßt zu machen. Besonders wirkte bei der stets leichtbeweglichen Menge die Vorstellung, daß ihr Landesfürst eigentlich nur Gefangener der Schwaben wäre, den sie vor seinen Unterthanen verschlossen hielten, so daß Niemand als sie Zutritt bei ihm erlangen könnte; daß sie ferner ungehindert das Land aussaugten und ihnen endlich die besten , » s 23 Güter im Lande durch Heirath zugefallen wären, die doch bei ihrer Ankunft nicht so viel Eigenthum im Lande gehabt, worauf sie ihren Fuß hätten setzen - können. Endlich traten die Stände emmürhig vor den Herzog und begehrten ! ungescheut, er solle die Schwaben aus seinein Rathe entfernen, es wären wohl viele unter ihnen selbst, die solchen Aemtcru besser und ziemlicher vorstehen könnten. Da sie jedoch kein Gehör fanden, und der Herzog kurz darauf nach Steiermark ging, bildete sich eine mächtige Verschwörung gegen ihn, an deren ^ Spitze die edlen Herren Lutold von Khuenriug, Conrad von Sumerau, Niclas von Liechtenstein, Cuno von Falkenstein aus Oesterreich, dann Friedrich und Wolfgang von Stubenberg, Hardneid von Wildau und Ulrich von Pfannen- berg aus Steiermark standen. JhrePläne waren, Albrecht und seine Schwaben zu vertreiben, und die Regierung dem König von Böhmen, Wenzeslaus II. anzntragen. So für alle Fälle gerüstet, gingen die Stande noch einmal trotzig vor den Herzog, und begehrten die Bestätigung aller ihrer alten Freiheiten, Rechte und Gewohnheiten, mit dem Beisatze, daß alle Ausländer von Hof und Rath entfernt, und ihre Stellen mit Eingebornen besetzt werden sollte». Albrecht erwiederte Anfangs, er wolle ihrem Begehren willfahren, nur sollten sie ihm unter den Fremden allein Hermann von Landenberg, dann Eberhard ^ und Heinrich von Wallsee lassen, die sich wohl verdient gemacht hatten, und ! auch wohl dem Lande selbst durch Heirathen vielfach befreundet und verschwägert wären. Da jedoch die Stände darauf mit Festigkeit erklärten, sie wollten lieber hundert andere, als eben diese drei dulden, brach der verhaltene Zorn des Herzogs mit Umgestüm los, und er entließ sie mit den Worten: Er sey fest entschlossen, ihrer Drohungen wegen, auch nicht einen Stalljungen , zu entlassen. Ihm gezieme es zu gebieten, und nicht Befehle anzunehmen, ihnen aber stehe es zu, zu gehorchen und nicht Gesetze zu geben. Sie sollten über diese Angelegenheit auch nicht ein Wort mehr verlieren, oder seiner ' äußersten Ungnade gewärtig seyn. Auf diesen entscheidenden Auftritt brach der laute und allgemeine Unwille des durch die Stande aufgeregten Volkes in Wien mit Macht los. Man fing an, die Hofleute zu schimpfen und zu schmähen, sich den herzoglichen Geboten geradezu zu widerfetzen, sich auf den Gaffen zusammen zu rotten, und gegen den Herzog sowohl als seine fremden Rathe, laute Schmähreden und Drohungen i auszustoßen. Besonders thätig zeigten sich bei dieser Gelegenheit mehre Zunft- gcnossen, unter denen am lautesten die Schuster, deren einige sich tobend j ^ vernehmen ließen: Wenn der Herzog gar so unzugänglich wäre, so wollten sie den Schloßgraben mit ihren Leisten ausfüllen, um ihren Weg darüber zu nehme». Da der Tumult zusehends wuchs, so redete man dem Herzog zu, zur Beschwichtigung des rasenden Pöbels in Etwas nachzugeben, um wenigstens zu ernstlichen Mitteln Zeit zu gewinnen. Er antwortete aber festen und unerschrockenen Sinnes: Er wolle sich durchaus durch die Drohungen seiner Unterthane» nicht schrecken oder einschüchtern lassen; in kluger Voraussicht, , 24 r i ^ daß, wenn er im Geringsten nachgebe, dieß die freiheitslüsternen Bürger nur ! zu noch ausschweifenderen Forderungen steigern, und nimmermehr zur Unterwerfung führen würde. Nur schickte er endlich einen Parlamentär ab, der nach der Ursache des Auflaufes fragen mußte, und dem man mit großem Geschrei erwiederte, daß augenblicklich die Fremden entfernt, und die Freiheiten und Privilegien der Bürger bestätigt werden sollten, sonst künde man dem Fürsten sogleich den Gehorsam auf, und er hatte sich die weiteren Folgen selbst zuzuschreiben. Während nun der lärmende Haufe auf günstigen Bescheid wartete, verließ Albrecht schnell und geheim seine Burg und Wien, begab sich mit seiner Familie und den Hofleuten auf den Kahlenberg in die alte Residenz der Babenberge, mahnte durchs ganze Land alle seine Getreuen auf, und schrieb auch an seinen Vater und seine Freunde, die ihm schnell Hilfe zuschickten. Nun ließ er die Donau sperren, umgarnte die Stadt zu Wasser und zu Lande, die sich auf keine Belagerung vorgesehen hatte, weshalb bald der fürchterlichste Mangel an Lebensmitteln einriß. Die Stände hatten zwar von den Königen von Ungarn und Böhmen, wie auch vom Herzog Otto von Baiern und dem Erzbischof von Salzburg Hilfe erwartet und auch versprochen bekommen; demungeachtet aber blieb dieselbe aus, und somit war alle Hoffnung verloren. Die erst am meisten wüthenden Handwerksleute und Taglöhner drangen nun in die Häuser der Reichen, und verlangten, man solle ihnen Brot schaffen, oder sie wollten dieselben gefangen und gebunden vor den Fürsten führen. Anfangs vertrösteten die Stände und der Rath das Volk auf Hilfe und Zufuhr, die in wenigen Tage» ankommen würden. Da jedoch die Nothund Theurung täglich zunahmen, so griffen endlich die Hungrigen zu den Waffen, und es wäre in der Stadt zu blutigem Gemetzel gekommen, wenn sich nicht einige Geistliche ins Mittel geschlagen, und der Rath versprochen hätte, daß sie, wenn in Zeit von sechs Tagen keine Hilfe erfolge, mit dem Herzog unterhandeln würden. Nach fruchtlosem Verlauf dieser Zeit, sandten endlich die Häupter den Abt von den Schotten an die Herzogin Elisabeth, ihre Fürsprache zu erlangen, die sie auch mit Freuden gewährte, aber von dem erzürnten Herzog nur erlangen konnte, daß drei Tage und drei Nächte die Abgeordneten der Stadt freies Geleite vor den Thron des Fürsten haben sollten, jedoch nicht zur Unterhandlung, sondern seine Befehle zu vernehmen. Die reichsten und j mächtigsten Bürger zogen dahin, bekamen aber nur die Rathe des Herzogs, die ! verhaßten Fremden zu sehen, die ihnen auf ihr Anerbieten, eine viel größere Abgabe als vorher zu bezahlen, wenn sie die Bestätigung ihrer Freiheiten erlangen würden, nur erwiederte», sie sollten augenblicklich nach Hause kehren, und nicht eher Sühne und Gnade hoffen, bevor sie nicht alle ihre Privilegien ! auslieferten. Zugleich müsse die Stadtmauer an zwei Stellen, dem Burgthore § gegenüber, eingerissen werden, und innerhalb zwei Tagen beides vollstreckt i seyn. Noch riethen die Häupter der Verschwörung zur Standhaftigkeit, und wollten, daß die Nahrungslosen sogleich die Stadt räumten, und diese sich auf eine Belagerung gefaßt mache; allein die Volkswuth, durch dringende Noth 25 i i i j für jede Vorstellung taub gemacht, verwarf tobend diesen Vorschlag. Die ! Abgeordneten mußten eilig wieder auf den Kahlenberg zurück, und mit bloßen Häupten und Füßen um Gnade flehen. Albrecht gewährte ihnen dieselbe, ließ sich jedoch alle ihre Privilegien zustellen, dieselben ablesen, und welches des Fürsten Machtvollkommenheit nur um ein Haar hatte gefährden können, wurde vor der Bürger Augen in Stücke zerrissen und vertilgt. Nur die ihm ganz unschädlichen wurden ihnen zurück gegeben. Zugleich mußten Bürgerschaft und Rath Albrecht und seine Erben als ihren wahren Herrn und Herzog Gehorsambriefe ausstellen, mit Entsagung aller öffentlichen und heimlichen Bündnisse, und mit Verzicht auf jene, von Kaiser Rudolph selbst verliehenen Privilegien, widrigens sie sich selbst als meineidige Empörer, und ihre Personen und ihr Habe dem Herzog verfallen erklärten. Kurz darauf erklärte auch Kaiser Rudolph seine 1288 verliehenen Privilegien, wodurch Wien als freie Reichsstadt bestätigt wurde, für erloschen, die ihm und dem Reich geleisteten Eide für aufgelöst, und auf seinen Sohn Albrecht, den neuen Herzog übertragen. Zweites Kapitel. Der Wiener Treue und Lohn. — Vollendung der neuen Burg. Kaiser Rudolph starb den 15. Juli I2SI, ohne die von ihm gewünschte Wahl seines Sohnes Albrecht zum Nachfolger als Oberhaupt des deutschen Reiches von den Kurfürsten erreicht zu haben. Wenig beliebt, wie sich letzterer auch durch seine Vergrößerungssucht bei den meisten deutschen Fürsten gemacht hatte, wählten sie auf dem angestelltcn Wahltag zu Frankfurt den Grafen Adolph von Nassau zum Oberhaupt des deutschen Reiches, der kurz darauf ln Achen gekrönt wurde. Albrecht, welcher sich gegründete Hoffnung auf die Kaiserkrone gemacht hatte, fand sich dadurch auf das Empfindlichste getäuscht. Doch kaum hatte Adolph sechs Jahre regiert, als er sich durch mancherlei, seine Würde erniedrigende Maßregeln, wozu er sich oft durch Habsucht verleiten ließ, den Haß der deutschen Fürsten zuzog. Auf dem Wahltage zu Mainz l298 wurde beschlossen, Adolph abzusetzen und die Krone an Albrecht zu übertragen. Kaiser Adolph, über dieses Verfahren erbittert, sammelteein Heer, und zog dem Herzog entgegen. Den 2. Juli 1298 kam es bei Gelheim zur Schlacht, in welcher Adolph das Leben verlor. Albrecht wurde hierauf zum Kaiser erwählt, und in Achen gekrönt. So kam die erhabene Würde eines Oberhauptes des deutschen Reiches zum ersten Male an Oesterreich, um, nach einer Unterbrechung von einem vollen Jahrhundert, für immer mit demselben vereinigt zu bleiben. Während dieser ganzen Zeit blieb es in Wien durchaus ruhig. DieWiener beobachteten ihr neues, wohl mitunter drückendes, Verhältnis, fortan mit unverbrüchlicher Treue. Als 1296 der Adel in Oesterreich und in Steiermark aufstand, vom neuen Kaiser, Adolph von Nassau 26 s j angeregt; als selbst Herzog Albrechts vertrauteste Räthe, ja selbst einige der ! hochbegünstigten Schwaben, vom Strome mit fortgeriffen wurden, traten die Wiener zusammen, erinnerten die Stände ihrer treulosen Anhetzung, und ! gaben dem Herzoge kund, sie wollten ihm williglich dienen, sei es auch mit ! ihrer Gefahr und Schaden. Daß er aus den vorder» Landen Kriegsvolk be- < rufen habe, sei unnöthig, sie wollten ihm treu und fest zur'Seite stehen in > Noch und Tod. Durch diese Beweise von Treue und Ergebenheit wurde selbst Albrechts hartes Gemüth gerührt, und er ertheilte der Stadt Wien eine grofie Handfeste, in deren Eingänge es heißt: »Wien sei es wohl werth, gepriesen und gefördert zu werden, um seiner Treue willen, und als Haupt und Säule des neuen Fürstenthums," und durch welche der Stadt wieder einige Gerechtsame aus den fridericianischen und rudolphinischen Privilegien ^ zurück gegeben wurden, so z. B. vom Sradtrathe keine weitere Appellation ; zu gestatten, die Bestätigung der beiden großen Jahrmärkte, welche damals ^ sieben Tage vor, und sieben Tage nach Lichtmesse, dann vierzehn Tage vor Jakobi gehalten wurden rc. Albrechts Bemühungen, die durch Erlöschung der einheimischen Dynastie» § bald nach einander erledigten Kronen Ungarns und Böhmens auf seinem ^ Haupte zu vereinigen, führten schon 1291 zu einem Kriege mit ersterem Reiche, ^ j und 80,000 Ungarn fielen ins Land, von der Leitha bis Wien und Neustadt, ^ Alles mit Raub, Feuer und Schwert verheerend bis in die Vorstädte Wiens. j Doch kam bald zwischen Albrecht und dem Könige Andreas von Ungarn ! Friede zu Stande, und 1296 vermählte sich letzterer zu Wien mit Albrechts Tochter Agnes, wobei ein prachtvolles Beilage»' gefeiert wurde. 1298 kain j Andreas mit seiner Gemahlin abermals nach Wien, sammt dem Könige ! Wenzel II. von Böhmen, den Fürsten von Sachsen, Brandenburg und Kärnthen, > den Bischöfen von Pafsau, Freising, Seckau, Chiemsee, Constanz und Basel, um die Verlobung des Königs von Böhmen mit.der zarten Tochter des Ungarkönigs zu feiern. Alle Welt erstaunte über den Zusammenfluß von Pracht und Glanz in Wien. Besonders zeichneten sich schon in jenen Zeiten die in großer Menge herbeigekommenen Ungarn durch ihre reiche orientalische Tracht aus. Doch verübten sie auch manches Ungebühr, so daß viele blutige Händel ! entstanden, die nicht selten mir Todtschlag endeten. ! ! 1299 ward unter Albrecht der Bau der neuen Burg vollendet, und er j stiftete auch eine Kapelle darin, die jedoch erst später in ihrer jetzigen Gestalt ! hergestellt wurde. Unter seiner Regierung entstanden noch die Kirche der Mi- § noriten und das Clarenkloster unfern des Kärnthnerthores, beide durch die französische Königstochter Blanca, Gemahlin des ältesten Sohnes Albrechts, Herzog Rudolph. Ueberhaupt nahm Wien an Wohlstand bedeutend zu, obschon der Stadt durch die Wuth der Elemente mancher Schade zugefügt wurde; so fand z. B. 1295 eine große Ueberschwemmung Statt, wobei die Kranken des BürgerspitaleS nur mit Noth gerettet werden konnten. Dasselbe Jahr wüthete i ! 27 im September ein furchtbarer Sturm, der viele Gebäude und selbst die Ste- phanskirchc beträchtlich beschädigte. 1297 war reich an schweren Ungewittern, deren eines acht Personen auf einmal im Felde erschlug. 1302 war ein Mißjahr ohne Gleichen, die Trauben kamen gar nicht zur Reife, und alles Obst mißrieth. 1304 war ein außerordentlich dürrer Sommer, so daß allgemeiner Wassermangel entstand, und die Donau so klein wurde, daß man bei Klosterneuburg und Krems an drei Orten darüber fahren und reiten konnte. Nach Erlöschung des Stammes der Przemysliden mit Wenzel IH. nahm Albrechts Erstgeborner, Rudolph, Besitz von Böhmen, starb jedoch schon das folgende Jahr, ohne daß es dem Kaiser gelingen konnte, weder durch Unterhandlungen noch durch Heeresmacht, dieses Reich seinem Hause ! zu sichern, und so blieb es erst Albrechts Nachkommen nach zwei vollen Jahrhunderten Vorbehalten, Ungarn und Böhmen mit dem Habsburgischen Erbe zu vereinen, i ! - Drittes Kapitel. Albrechts Lod. — Gestalt der Stadt zu dieser Zeit. Obschon Albrecht durch einstimmige Wahl der Kurfürsten auf den deutschen Kaiserthron gelangt war, so erregten doch bald seine willkürlichen Schritte, ^ seine offenkundige Vergrößerungssucht und die maßlose Willkür, mit welcher ! er im deutschen Reiche wie vorher in seinen Erblanden gegen die Stände ! verfuhr, die Stimmung der deutschen Fürsten gegen ihn. So wollte er den ! vier rheinischen Kurfürsten die Rheinzölle entreißen; die Grafschaften Holland, , Seeland und Friesland nach dem unbeerbten Tode des Grafen Johann von ^ Holland als erledigte Reichslehen behandeln; die niederländische Erbfolge nicht ! anerkennen, und sic dem nächsten Verwandten von weiblicher Linie, dem Grafen I ! von Hennegau, entziehen; aus Thüringen und Meißen die rechtmäßigen Besitzer j ! verdrängen, weil Adolph von Nassau mit dem alten Landgrafen Albrecht von Thüringen, der seine Söhne haßte, einen ungiltigen Kauf über jene Länder j abgeschlossen hatte, und die Schweizer durch den Druck seiner Landvögte ^ dahin bringen, sich der Oberhoheit seines Hauses zu unterwerfen. Allein ! Albrechts Feldzug nach Holland blieb fruchtlos; sein gegen Thüringen gesand- ^ tes Heer ward von den Landgrafen Friedrich und Diezmann geschlagen; die ! Schweiz begann, seit dem bekannten Bunde am Vierwaldstättersee, den ^ 1. Jänner 1308, den langen aber erfolgreichen Kampf für ihre Freiheit, und ^ als Albrecht zur Unterdrückung des Aufstandes der Schweizer, von Thüringen ^ nach dem Oberrhein aufgebrochen war, siel er den I. Mai 1308 durch seinen ^ Neffen Johann von Schwaben, Sohn seines Bruders Rudolph, dem er seine ^ Familiengütcr vorenthielt, und durch einige mit demselben verbundene deutsche Ritter, bei Rheinfelden, durch Meuchelmord. Die That ward auf Anregung 28 seiner Witwe Elisabeth, und seiner Tochter Agnes von Ungarn, an den meisten Theilnehmern blutig gebüßt, nur über Johanns Schicksal herrscht Ungewißheit. Einige geben an, er habe 1313 sein Leben in einem Kloster zu Pisa geendet, Andere, er sey nach einem halben Jahrhunderte in das, von der Königin Agnes an der Stelle, wo ihr Vater fiel, erbaute Kloster Königsfelden gekommen, und dort am Hochaltäre verschieden. Der wienerische Geschichtschreiber Thomas von Haselbach, Pfarrer zu Perchtoldsdorf, gibt an, daß Johann Parricida, wie er seiner blutigen That wegen genannt ward, bei unstetem Herumirren durch Wald und Wüsten, mit einer Hirtin einen Sohn, Lothar, gezeugt, welch' letzterer in den Tagen Rudolph IV. und Albrecht III. zu Wien am neuen Markte als ein blinder Bettler mit weißem Haare, durch Lieder aus der Vorzeit, und durch die Kunde seiner verhängnißreichen Abkunft die neugierige Menge um sich versammelte, und sein armseliges Leben durch Almosen fristete. Mit seiner Gemahlin Elisabeth, Tochter des Grafen Meinhard von Tirol, hatte Albrecht folgende Kinder: 1. Rudolph, König von Böhmen, starb 1307 ohne Erben; 2. Friedrich der Schöne, Nachfolger in der Regierung; 3. Leopold der Glorreiche; 4. Albrecht II.; 5. Heinrich der Freundliche; 6. Otto der Fröhliche, und fünf Töchter. Bei Albrechts Tode war die Gestalt der Stadt Wien, so wie ihr Umfang beinahe wie heut zu Tage, nur daß in ihrer Mitte viele leere Bauplätze, zahlreiche Hausgärten und Backstuben für Juden und Christen waren, und daß große Thürme an den Thoren und an der Burg, kleinere aber an den kleinen Thoren sie befestigten und verfinsterten. Die meisten Straßen hatten schon damals ihre jetzigen Namen, nur wurden einige derselben in der Folge im Munde des Volkes verdorben, und erlangten in letzterer Eigenschaft das nene Bürgerrecht, so z. B. verwandelte sich die Wallichstraße (von Wallich, Wallisch, fremd im Gegensätze zu deutsch) in Wallnerstraße; die Römerin Riemerstraße; die Nadler- in Naglergasse; die Wildwerker- in Wipp- lingerstraße rc. Was in der Stadt (damals inkra oder intra muros) Straße oder Platz hieß, ward in den noch unansehnlichen Vorstädten (extra muros) Lucken genannt; an der Wieden war die Neulucken, die Revellucken, die Schebenzerlucken; vor dem Kärnthnerthore die Kothlucken; vor dem Stu- benthore die Kleberlucken; vom Kärnthnerthore zum Burgthore die Rosen-, Brunn- und Katerlucken rc. Selbst in der Stadt gab es die Schaufel- und j Ofenlucken, woran uns noch die Schauflergasse, und noch mehr das fast synonimeOfenloch erinnert. Die Eintheilung der Stadt in vier Viertel, in das Schotten-, Staben-, Kärnthner- und Widmer oder Holzviertel (scotorum, studarum, esrintlnanorum, Ii'xnorum), stammt nach aller Wahrscheinlichkeit aus der Erneuerung und Erweiterung WienS durch Ottokar, nach den großen Feuersbrünsten (wovon noch heute die Brandstätte Zeugniß gibt), und wurde zum Aufgebot und Aufruf gegen Feuer oder Fehde also verfügt. Die Namen der Straßen und Plätze entstanden wie überall, entweder nach den am 2 » j meisten darin beschäftigten Gewerben, z. B. die Bäckerstraße, die Münzer-, Seiler-, Schlosser-, Goldschmid-, Krüger-(Hafner) gasse, die Wollzeile, > der Hafnersteig, der alte Fleischmarkt, der Haar-(Flachs) markt, Kohl-, ! Kienmarkt rc., der Bauernmarkt von der äußern Zufuhr vom flachen Lande; i oder von der Oertlichkeit, z. B. der Graben, hohe Markt, tiefe Graben, die ^ hohe Brücke, am grünen Anger rc., dann ferner von Namen ausgezeichneter ! einzelner Bürger und Edlen, z. B. die Teinfaltstraße, Bräunerstraße rc., ^ endlich von nahe liegenden Klöstern, z. B. die Schottengasse, Augustiner-, Kapuziner-, Dorotheergasse rc. Schon in den Tagen der Babenberge war jedem wichtigen Artikel des Handels und Wandels sein eigener Platz angewiesen, wie es zum größten Theile nur mit veränderter Bestimmung, noch jetzt ist, so war z. B. am St. Stephans-Freithof Markt für Geflügel und Wildpret, am hohen Markt für Fische, am Petersplatz für Hühner und Eier, am Graben für Grünzeug, am Michaelsplatz für Holzgeschirr und Weinlesegeräth. Südlich und östlich vor der Stadt breiteten sich zu jener Zeit mächtige Wein- ! gelände aus, vom Laaerberge aber bis gegen Schönbrunn dehnte sich ein ^ dichter Wald, das Gatterhölzel genannt, das bis in die Zeit Maria There- ^ siens, als Aufenthalt von Räubern, in bösem Rufe stand. Viertes Kapitel. Friedrich der Schöne, dessen Kämpfe, Mißgeschick und Tod. Nach dem Tode Kaiser Albrechts trat dessen ältester Sohn Friedrich I., genannt der Schöne, die Regierung der österreichischen Länder gemeinschaftlich mit seinen Brüdern an. Albrechts Verfahren als Oberhaupt von Deutschland hatte eine solche Furcht vor dem Hause Habsburg rege gemacht, daß Deutschland, so heilig auch Allen Rudolphs Andenken war, durch mehr als ein Jahrhundert keinen Kaiser aus diesem Hause mehr aufkommen ließ. Darum wählten die Kurfürsten schnell nach Albrechts Tode, Heinrich, Grafen von Luxemburg, unter dem Namen Heinrich VH. zum Kaiser. Obwohl in seinen Hoffnungen getäuscht, eilte Friedrich doch sogleich in das kaiserliche Hoflager, um die Lehen zu empfangen. Da verbreitete sich in Wien das Gerücht, der Kaiser habe dem Herzog die Belehnung verweigert, und sie seien in Unfrieden geschieden. Friedrichs Abwesenheit benutzend, verbanden sich viele österreichische Edle, vornehmlich die Herren von Eytzing und Pottendorf, in Hoffnung, Wien wieder als freie Reichsstadt zu erblicken, gegen Friedrich. Sie wurden ^ von dem niederbaierischeo Herzoge Otto unterstützt, und schon war der Plan 1 verabredet, daß den verschwornen Landedlen am frühen Morgen die Thore Wiens geöffnet werden sollten, um Stadt und Burg zu überfallen, und aus ! letzterer die zwei jungen Herzoge als Geißel wegzuführen. Doch die Treue ^ der Wiener blieb unerschütterlich; der herzogliche Hubmeister Greif Zolm 30 trat entschlossen an die Spitze der Freunde des Herzogs, und verbarg die jungen Prinzen in seinem eigenen Hause. Sie schwuren aufs Neue den Eid der Treue, und versicherten sich der Mauern, Thore und Thürme, um die Rebellen , zu hindern, das verabredete Lärmzeichen zu geben. Die Edlen, erbittert über diesen unvorhergesehenen Widerstand, übten an den Bürgern alle erdenkliche ^ Rache, nahmen an den Heerstraßen alle Kaufmannsgüter, verwüsteten die ! Weinberge und thaten der Stadt allen möglichen Abbruch. Mittlerweile war die Kunde von diesem Aufstande zu dem Herzoge gelangt, er warb Völker, und schlug die herannahenden Baiern zurück, während der Landeshauptmann von Steiermark, Ulrich von Wallsee, mit den treuen Steierern sieghaft in Oesterreich vordrang. Bald traf Friedrich, der die Lehen empfangen hatte, in Wien ein, ächtete die untreuen Adeligen, zog ihre Schlösser ein, und nahm, jenen rauhen Zeiten gemäß, die grausamste Rache an den ungetreuen Bürgern durch Tödten, Verstümmeln und Blenden. Zugleich aber belohnte er die bewiesene Treue auf das Reichste. Nachdem in den Jahren 1310 und I3I I durch eine unerhörte Menge Würmer und Käfer alle Saat, ja alle Bäume und Weinstöcke in Oesterreich verheert worden waren, riß 1312 durch gänzlichen Mißwachs eine furchtbare Hungersnoth in Wien ein, so daß die Theurung unerschwinglich war, viele Menschen Hungers starben, und Unzählige sich aus Drang der Noth dem Räuberhandwerk ergaben, wodurch im Lande solche Unsicherheit entstand, daß der Herzog endlich ein Gebot ergehen ließ, man solle durch das ganze Land streifen, und jeden ergriffenen Räuber nach kurzem Verhör an den nächsten besten Baum hängen, er sei nun Edler, Bürger oder Bauer. Das Jahr 1313 hingegen war wieder so fruchtbar, daß, um nur ein Beispiel für viele zu gebe», der Metzen Weizen, der im vorigen Jahre ein halbes Pfund Sil- i ber gekostet hatte, um 6 Pfennige verkauft wurde. Wein gab es in solchem : Ueberfluß, daß man für ein leeres Geschirr, so viel es hielt, Wein gab. ^ Kaiser Heinrich VII. starb 1313. Nach seinem Tode bewarb sich Herzog Friedlich auf das Eifrigste um die Kaiserkrone, hatte aber einen mächtigen ^ Nebenbuhler an Ludwig, Herzog von Oberbaiern. Beide fanden Parteien; Friedrich wurde den 15. November 1314 zu Bonn, Ludwig aber den 6. Jänner 1315 zu Achen gekrönt. In Folge dieser Spaltung des Reiches entspann sich zwischen Oesterreich und Baiern ein blutiger Krieg, der erst nach acht Jahren des erbittertsten Kampfes durch die Schlacht bei Mühldorf entschieden wurde, in welcher Friedrich selbst, sein Bruder Heinrich, sein Oheim Heinrich von ^ Kärnthen und bei 1500 Fürsten, Grafen, Freiherrn und Edle in Ludwigs Gewalt fielen. Eine große Zahl Ritter und Edle bliebpn todt auf dem Schlachtfelde, unter ihnen allein zwanzig aus dem uralten Hause der Trautmannsdorf, drei wurden gefangen, und theilten Friedrichs Loos auf der Veste Trausnitz. Durch volle drei Jahre wurde der Herzog daselbst gefangen gehalten, während sein Bruder Leopold Alles zu seiner Befreiung aufbot, und Friedrichs Gemahlin, 31 Jsabella von Arragonien, im Trauergewand und mit bloßen Füßen, von einem Gnadenbilde zum andern wallfahrtete, und, wie die allen Chroniken erzählen, vor heißen Thränen um Friedrich das Licht ihrer Augen verlor. Die Regierung der habsburgischen Länder besorgten indessen Friedrichs andere Brüder, Albrecht und Otto, und Wien hatte während dieser Zeit harte Prüfungen durch Elementarereignisse zu bestehen. 1316 fand eine furchtbare Ueberschwemmung Statt, so daß die meisten Saaten ertränkt, viele Brücken zerstört und ganze Dörfer mit Menschen und Vieh fortgerissen wurden. 1317 riß durch Mißwachs abermals große Theurung und Hungersnoth ein, daß selbst die Reichen keine andere vegetabilische Nahrung als Hafer- und Gersten- brot hatten. 1318 und I31S entstanden heftige Fcuersbrünste; die erste verheerte zwei Drittheile der Stadt, die letztere aber, von einem rasenden Orkan begünstigt, verbreitete sich über die ganze Stadt, und nur allein die Häuser am neuen Markte blieben aus der allgemeinen Zerstörung übrig. Nebst mehren Kirchen brannte auch die zu St. Michael gänzlich ab, und drei Glocken schmolzen. Herzog Leopold erreichte endlich nach langem Kampfe und unermüdeten Bestrebungen, nach der Schlacht bei Burgau Friedrichs Erlösung den 13. März 1325, unter den Bedingungen: auf die Kaiserwürde zu verzichten, alle Reichsgüter heraus zu geben, und gegen die Feinde des Kaisers zu kämpfen. Im April 1325 kam Friedrich nach Wien, und wurde von seinem Volke mit gränzenlosem Jubel empfangen. Allein Herzog Leopold hielt diese Ueber- einkunft für unrühmlich, und setzte den Kampf gegen Ludwig fort. Da nun Friedrich sich außer Stand sah, seine eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, stellte er sich freiwillig wieder als Gefangener in München ein. Von solcher Treue über gegebenes Wort gerührt, schloß Ludwig mit Friedrich den Bund der Freundschaft und einen Vergleich zur gemeinschaftlichen Regierung des Reiches. Beide sollten mit gemeinschaftlichem Siegel, in welchem der Name des Freundes obenan zu stehen komme, siegeln. Nach einem weiteren Vertrage sollte Friedrich während der Römerfahrt Ludwigs allein in Deutschland herrschen. Indessen hatten diese Verträge keine Folgen, weil sie ohne Zustimmung der Kurfürsten geschlossen worden waren, auch zeigte es sich nach dem, den 13. Februar 1326 erfolgten Tode des Herzogs Leopold nur zu klar, daß es Ludwig nicht vollkommener Ernst damit gewesen. Herzog Heinrich war ebenfalls nach seiner Entlassung aus der strenge» Haft in Böhmen, wohin ihn Ludwig ausgeliefert hatte, 1327 gestorben, und mit seinem jüngsten Bruder Otto dem Fröhlichen war Friedrich in Mifihelligkeit gekommen, da dieser Anspruch auf einen Theil des väterlichen Erbes gegen den von Kaiser Rudolph ausgestellten Grundsatz der Erstgeburt und Untheilbarkeir machte, und ihm wirklich auch die schwäbischen Familiengüter abnöthigte. Von so vielen Täuschungen und Kränkungen niedergebeugt, versank Friedrichs Gemüth in unendlichen Schmerz. Er zog sich mit seiner Gemahlin nach dem einsamen 32 Waldschlosse Gutenstein zurück, wo er seine übrige Lebenszeit in der Stille zubrachte, den 15. Jänner 1830 daselbst starb, und in der von ihm gestifteten Karthause Mauerbach begraben wurde. Er hinterließ keine Erben, da seine Sohne in zarter Jugend gestorben waren. In Wien hatte dieser Herzog noch das Augustinerkloster gestiftet und die Kirche und das Kloster der 1312 aufgehobenen Tempelritter den Dominikanern eingeräumt, die es noch heute besitzen. Fünftes Kapitel. Albrecht II. der Weise, Wiens Gesetzgeber und Wohllhäter. — Otto der Fröhliche und dessen luftige Räthe. Dem Herzog Friedrich folgten dessen noch lebende Brüder, Albrecht II. und Otto gemeinschaftlich in der Regierung, deren Zügel jedoch vorzugsweise der ältere, Albrecht der Lahme, auch Weise genannt, führte. Der erstere Beiname rührte daher, weil der Herzog zwei Monate nach dem Tode seines Bruders Friedrich bei einem Mahle zu Wien Gift bekam, und davon zeitlebens an Händen und Füßen lahm blieb; den zweiten aber seiner wirklich vortrefflichen Eigenschaften wegen, die bestimmt waren, mitten in rauher Zeit die Segnungen des Friedens durch kluge Bestrebungen in seinen Ländern zu verbreite». Herzog Albrecht II. hielt fest an den Kaiser Ludwig, obschon dieser von dem Papst in Bann gethan war, und erhielt zweimal dessen Besuch in Wien. Für die Stadt Wien zeigte sich Albrecht als großer Wohlthäter, und erließ mehre Municipalgesetze zum Besten der Bürger. So erließ er z. B. eine Fleischhauer- und Fischerordnung, erwirkte den österreichischen Kaufleuten freies Geleit durch Tirol und Brandenburg, erleichterte drückende Steuern und Umgelder, schied durch eine eigene Ordnung Kaufleute und Krämer, führte eine Art legaler Sensale (Unterkäufel genannt) ein, und erneuerte den Brief seines Vaters über Stapel- und Niederlagsrecht in Wien. Merkwürdig ist die von Albrecht II. eingeführte Weingartenordnung, worin der Lohn auf folgende Art festgesetzt wurde: Für Schnitter und Jnschneider 6, für Hauer und Gruber 5 Pfennige. Niemand darf nach diesem Gesetz einen Weingarten vermiethen. Die Eigenthümer sollen sämmtliche Arbeit durch eigene Leute oder Taglöhner thun. Die Arbeit dauert von Sonnenaufgang bis Niedergang, und nur an gewissen Stätten war es den Arbeitern vergönnt, Mittags unter Dach zu gehen. Die Spuren dieser alten Satzung reichen bis auf unsere Tage. 1335 ereignete sich in Oesterreich das seltene und furchtbare Schauspiel einer Heuschrecken-Ueberschwemmung, die Laub und Gras, Blüthen und Saaten, Blätter, Blumen und Kräuter bis auf den Grund verheerten, und die blühenden Fluren Oesterreichs fast gänzlich verödeten. Nur die Weingärten blieben von diesen schlimmen Gästen verschont. Sie kamen von Osten, und flogen in so dichten Schwärmen, daß sie im eigentlichsten Sinne die Sonne 33 verfinsterten und gleich großen schwarzen Wolken anzusehen waren. Sie erhoben sich mit Sonnenaufgang, flogen in gemessenen Räumen und Abteilungen, waren mit sechs Flügeln versehen, und ihre Zähne sollen wie Edelsteine geglänzt habe». Kaiser Karl IV., damals noch Markgraf in Mähren, erzählt in seiner Selbstbiographie, daß er bei Pulkau zu Pferde ihr Lager abgemessen und es 35,000 Schritt breit gefunden habe, die Länge jedoch war man nicht im Stande, in Einem Tag abzureiten. Gegen Herbst und Winter verloren sie sich, kamen aber die vier nächstfolgenden Jahre, jedoch in immer schwächerer Anzahl, wieder, bis sie ganz ausblieben. Noch lebt die traditionelle Sage in Wort und Schrift, daß es ein Ritter gewagt habe, in den dichtesten Schwarm zu reiten, und man habe ihn und sein Roß nur als Gerippe wieder gefunden. Um dieselbe Zeit herrschte eine so' wunderliche Kleidertracht in Wien, dass sie fast an das Fabelhafte gränzte, wären nicht alle Chronikenschreiber darüber einstimmig. Einige trugen Röcke mit Ermeln von zweierlei Tuch, wovon einer länger als der andere, oder wenn sie gleich lang, war der linke Ermel niit vielen buntfarbigen, ellenlangen Bändern verziert. Andere trugen einen von Gold, Silber und Seide gestickten Flecken auf der Brust, ! oder auch ein gesticktes oder ein gemaltes Bild. Einige waren ganz mit helltönenden Schellchen oder silbernen Röhrchen an Seidenschnüren behängen. Wieder Andere suchten sich durch äußerst knappe und enge Tracht auszuzeichnen, und ließen Brust und Rücken fast ganz bloß. Auch ließ man sich die Haare ganz kurz verschneiden. Statt den stattlichen Schärpen trug man lederne Riemen um die Hüften, und die Mäntel waren so kurz, daß sie kaum an den Gürtel reichten, die Ermel nur an den Ellenbogen, von wo ein zierlicher ! Lappen, gleich einem Fähnlein, bis auf die Hüften herunterhing. Daß diese sonderbaren Moden Original, nicht einer fremden Nation nachgeahmt waren, springt in die Augen. Letzteres ist eine neuere Erfindung. lieber den Ursprung derselben aber weiß uns keiner der ältere» und neuen Annalisten etwas zu sagen und alle führen nur die Facta an. Ich glaube keine zu gewagte Hypothese aufzustellen, wenn ich den Grund in einer muchwilligen Laune des lustigen Hofstaates Herzog Otto des Fröhlichen suche. Zwei der vertrautesten Genossen des scherzliebenden Herzogs haben sich durch muthwillige Streiche aller Art durch Jahrhunderte zu berühmt gemacht, um nicht auch diesen getrost auf ihre Rechnung schreiben zu können. Da man nicht von Herzog Otto sprechen kann, ohne dieser seiner beiden lustigen Räthe zu gedenken, und ihre Schwänke auf die Geschichte Wiens selbst eingreifen, so ist es keine Abschweifung, die ersteren zu nennen, und einige der letzteren anzuführen. Der Eine hieß Nydhardt (Neidhardt) Fuchs, genannt der Bauernfeind, der Andere Weigand (Wigand) von Theben, genannt der Pfaff vom Kahlenberg. Ueber den eigentlichen Stand und Charakter des Letzteren schwebt noch ziemliches Dunkel, obwohl ihm schon Sebastian Münster in dessen Cosmographey M 3 34 ('Basel 1564), den »seltzsam Pfaff und Pfarrhcrr von Calenberg" nennt, »von dem man durch daß gantz Deutschlandt weiß zu sagen." Am gegründetsten scheint die Vermuthung, daß er, unbeschadec seines geistlichen Standes, sich größtenthcils am Hofe des Herzogs Otto als lustiger Rath aufgehalten, j und dessen besondere Gunst genossen habe. Von den vielen ergetzlichen ^ Schwänken, welche in den zahlreichen gleichzeitigen und späteren Sammlungen § derselben enthalten sind, möge das sonderbare Mittel hier Platz finden, womit I er als Pfarrherr vom Kahlenberg seinen großen Vorrath säuern und halbverdorbenen Weines an Mann gebracht haben soll. Er ließ nämlich affeinem > heißen Sommertage das Gerücht verbreiten, daß er vom Kirchthurme über die Donau fliegen wolle, und versammelte auf diese Art eine ungeheure Menge von Landleuten, die von fern und nahe kamen, das unerhörte Spectakel mit anzusehen. Das versammelte Volk sah neugierig den mancherlei geheim- nlßvollen Anstalten und Vorbereitungen des muthmaßlichen Tausendkünstlers ! aufmerksam zu, und trank, durch die große Hitze durstig geworden, begierig > seinen schlechten Wein. Als dieser zu Ende war, fragte Weigand die Bauern ! vom Thurme herab ganz ernsthaft, ob sie wohl schon einen Meuschen hätten ^ fliegen gesehen. Auf ihre verneinende Antwort stieg er ganz gelassen vom Thurme herab, und sprach: Wenn ihr also noch keinen Menschen fliegen j gesehen habt, so werdet ihr mich auch nicht fliegen sehen; worauf die Bauern ! murrend von dannen zogen. Ueber Geburt und Tod Weigands ist nichts Zuverlässiges aufzufinden, jedoch ist wahrscheinlich, daß er zu Neuberg in ! Steiermark, dem letzten Aufenthaltsorte Otto des Fröhlichen, gestorben sei. — ! Nydhardt Fuchs, der Bauernfeind, aus Franken geboren, hielt sich stets als ! ^ lustiger Rath am Hofe Herzogs Otto auf, und von seinen vielen, an mehren Orten beschriebenen Schwänken, hebe ich nur jenen tragikomischen Vorfall ^ i aus, der ihm seinen Beinamen »Bauernfeind" erworben. An Otto's Hofe bestand der zarte Gebrauch, daß, wer das erste blaue Veilchen im Frühling gefunden, sich den Ort merkte und es sogleich dem Herzog anzeigte, worauf ! sich unverzüglich der ganze Hof an die Stelle verfügte, und mit Tanz und ! Fröhlichkeit daselbst die Wiederkehr des Frühlings feierte. Nu» fand Nydhardt j ^ einstmals das erste Veilchen, bedeckte es mit seinem Hut, und eilte schnell ! nach Wien, um dein daselbst anwesenden Herzog die Nachricht zu bringen. ! Alsbald machte sich der ganze Hof auf, und begab sich auf die bezeichnet« ! Stelle. Mittlerweile aber hatte ein arglistiger Bauer den Hut gefunden, das ^ Veilchen weggenommen, ein anderes, minder wohlriechendes Zeichen hingesetzl ^ und wieder sorgfältig mit dem Hute bedeckt. Da nun Alt und Jung im fröhlichen Tanze den Hut aufhob und die Frühlingsblume brechen wollte, fand man mit großem Gelächter eine andere, nicht botanische Merkwürdigkeit unter demselben. Der Hof aber gab Nydhardt Schuld, als habe er den Herzog äffen wollen, er mußte sich schnell durch die Flucht retten, entbrannte aber in , solchen Grimm gegen die Bauern, daß er einige in der ersten Hitze erschlug, 35 und fortan keinen Bauern mehr leiden mochte, woher sein Beiname. Nach kurzer Zeit kam Nydhardt wieder zu Gnaden, und ward nach seinem Tode bei St. Stephan begraben, und bei dem Thore neben dem großen Thurme ist noch heute sein, leider, aus unverzeihlichem Muthwillen, arg verstümmeltes Grabmahl zu sehen. Sechstes Kapitel. z DaS Erdbeben und die verheerende Pestseuche in Wien und Oesterreich. — Albrechts Tod. > Herzog Otto starb den 17. Februar 1339, und nun war Albrecht II. ! Alleinregent in Oesterreich, Steier und Krain, welchen Ländern er noch Kärnthen durch Erbschaft beigesellte. 1340 gab er der Wiener Bürgerschaft eine große Handfeste, welche die Privilegien der Herzoge Leopold und Albrecht, dann der Kaiser Rudolph und Albrecht erneuernd, noch manche andere Vorrechte und weise Satzungen dazu fügte, so z. B. das Verbot, ungarischen und welschen Wein in den Wiener Burgfrieden zu führen, geregeltes Maß und Gewicht rc. Bald darauf erließ er einen Schneiderbrief, der den unbefugten Arbeitern Einhalt that. Auch ließ sich der Herzog die Erweiterung und Vergrößerung der St. Stephansklrche sehr angelegen sein. Er errichtete einen Chor und erweiterte den untern Theil der Kirche, indem er, die vordere Ansicht bcibehaltend, ihre beiden Seiten Herausrücken ließ. 1340 wurde die 1319 abgebrannte Michaelskirche wieder hergestellt. Die folgenden Jahre wurde Wien von Elementar-Unfällen hart mitgenommen, so fiel 1341 schon Ende Herbst eine so grimmige Kälte ein, daß viele Menschen und Vieh erfroren, sie währte bis gegen den Mai. Der folgende Sommer brachte furchtbare Wafser- güsse und Ueberschwemmungen. 1343 riß durch Mißwachs Theurung und Hungersnoth ein. 1348 im Jänner aber wurde das ganze Land mit einem so äußerst heftigen Erdbeben heimgesucht, daß, nach den bewährtesten Quellen, in Oesterreich, Steier, Kärnthen und Krain mehre Städte und Ortschaften ganz ! zerstört und verschüttet wurden. Viele Menschen und eine Menge Vieh wurden > unter den Steinhaufen begraben, von den fallenden Felsen bedeckt und von der gespaltenen Erde verschlungen. 1348 wälzte sich vonAsiens dürren Steppen über ^ ganz Europa die schrecklichste Geißel des Menschengeschlechtes, die Pest, mit ^ der verheerendsten Gewalt, so daß, nach Albertus Argentinensis, seit ! der Sündflut der Tod noch nicht schrecklicher auf Erden gewürgt. Von Europa's ! Bewohnern soll mehr als der dritte Theil dieser furchtbaren Seuche zum Opfer I gefallen seyn. Damit war auch die rothe Ruhr verbunden, und diese Seuche j wurde damals allgemein der schwarze Tod genannt, weshalb man in neuerer ! Zelt Aehnlichkeit mit der Okolora morbus muthmaßte. 1349 drang sie auch in die österreichischen Länder ein, und verursachte fürchterliche Verheerungen, deren Beschreibung ich mit folgenden Worten der alten deutschen Chronik am 3 3 « füglichsten gebe *): »Do wart der sterb in allem Oesterreich gar groß und doch besunder daß Wienn, also daß man alle Lewt, arm und reich, muestlegen inn den Gotsakker ze Sand Colman**). Und stürben so viel Lewt, an amen tag zmelliff hundert leich, die gelegt wurden inn den gotsakker, und wurden daselbst sechs grueb gegraben, nutz auff das Wasser, und man legt inn die ain grueb vierzehn tausend leich, on die haimleich begraben wurden inn den Klöstern und andern Kirchen, wann der Hertzog floch aus der Statt gen Purchartsdorff und verbott, daz man niemandt torft gelegen auff dye Freythöff überall in der Statt. Und auch fluhen viel Lewt aus der Statt, der vil auff dem lanndr stürben. Und auch hueb sich der sterb an den Lewten also: An welchen Lewten rote sprinckel oder schwartze erhüben, die stürben all an den driten tag. Und was auch der jammer so groß, daz die Lewt barfueß kirchferten gingen und teten große pet. Daz halff alles nit. Und es werat der sterb von Ostern untz gen Sand Michaelstag und was manig Haus datz Wienn, da siebenczig Mensch aussturben und mer, also, daz manig Haus öd stunt, daz die Lewt all tod derauß waren. Und vil gutes und Erb wart so gar Erblozz, daz niemand was, der sich sein unterwünd, wann alle Lewt sprechen, sy hätten gar genueg, sollten sy nur Leben. Und wie groß der sterb was, so macht man sich vor ain Wahrheit ain erfarn, dacz an Gorsleichnam ye firr Menschen stürben; und doch der Laypfaffen so vil stürben, also, daz ze Sand Stephan stürben vier und funfczig Pfaffen. Auch stürben Münnich und Nunnen vil in den Clöstern, also daz grosser Mangel war an Gotsdienst, und datz Sand Clären starb nur ain Nun, dy was gar alt." Dem finstern Zeitalter gemäß, schrieb man allgemein den Ausbruch der Seuche den Juden zu, indem man sie beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben, und man tödtete deshalb auch in blinder Wuth viele tausende, was jedoch Albrecht in Wien verhinderte. Der alte Chronist erzählt die Sache treuherzig folgender Weise, indem er zu seiner Ehre am Schlüsse selbst die Beschuldigung bezweifelt: »Und daz der sterb so groß was, daz gab man den Juden scholt, daz dy hetten pulver und giffr vereint in klainen sakkleyn oder pälgleyn und hetten dy geworfen in die prunn, und daz fand man inn manige» prunn. Auch ward manig kristen begriffen mit pulver und gifft, den dy Juden darum gaben, daz sy es trugen den kristen zu. Die brannt man darum. Dy versahen***) alle, daz yn die Juden darum geben hetten. Dazu verdürbet man in Oberlanden und in den Reichstetten vil tausend Juden, dy versahen, daz sy die prunn hetten gefelscht. Sy wurden aber nur Frag ****) und mit Urtail aus irr mund selber uberwunden, daz sy schuldig waren. Doch glawb mir, *) ^.nn». Leobens. 6bronie. L. 6. **) Bor dem Kärnthnerthore, an derStelle, wonach vor wenig Jahren eine alte steinene Säule stand. '**) gestanden. ***') Folter. 87 ----- --, daz der sterballermaist war von Gates Czornund vonsaynen Slag.» Herzog?1lbrecht aber, wie gesagt, war weise genug, selbst in jener Zeit über das allgemeine Vorurtheil und alle Gehässigkeit erhaben zu seyn, und ^ ein strenges Beispiel, das er gab, hätte ihn allein eines erleuchteteren Jahr- , hundertes würdig gemacht. Die Städte Krems, Stein und Mautern glaubten sich nämlich berechtigt, dem Beispiele mehrer deutschen und schweizerischen Städte zu folgen, wo man die Juden zu Tausenden todtschlug, verbrannte und ersäufte. Ihre Einwohner brachen die Häuser der Juden auf, zerstörten und plünderten Alles, ermordeten die Inwohner auf das Grausamste, und zündeten einige Häuser an, in welche sich die übrigen Juden gerettet hatten, und ließen sie lebendig verbrennen. Da entbrannte der Zorn des edlen Herzogs, er schickte einen Erecutionszug nach diesen Städten, ließ die Rädelsführer ergreifen und hinrichten, und büßte die Städte um große Geldsummen, eine Maßregel, die ihm freilich Eintrag in der Meinung seiner Unter- thanen that, aber seinem Geiste und Herzen nichtsdestoweniger sehr zur Ehre gereicht. I35S fiel um Pfingsten so häufiger Schnee, daß alle Blüten und Früchte an den Bäumen und Weinstöcken zu Grunde gingen, doch da derselbe in großer Menge die Felder bedeckte, und bald darauf wieder warme Witterung einsiel, so litten die Feldfrüchte wenig Schaden. 1357 um Lichtmeffe, erhieltHerzog Albrecht einen Besuch von dem mächtigen Ungarkönig Ludwig 1., genannt der Große, der sich sammt der'Königin und dem gesammten Hofstaat durch die ganze Fasten in Wien aufhielt, um Unterhandlungen in Reichsangelegeuheiteu zu pflegen, wobei es in der Hauptstadt lebhaft genug zuging, und viel Verkehr gepflogen wurde. Zur selben Zeit wurde auch die noch bestehende größere Hofkapelle erbaut, und da sich nicht ferne davon, auf der Stelle, wo jetzt die kaiserliche Bibliothek steht, das alte Widmer- oder Holzthor befand, so wurde dasselbe geschloffen, und dafür rechts neben der alten Burg das Burgthor auf dem damals freien Platz eröffnet. Nachdem Albrecht durch die ganze Zeit seiner Regierung gegen die Schweizer ohne Erfolg und mit großen Kosten gekriegt hatte, so daß er schon 1354 gezwungen war, eine beträchtliche Kriegssteuer auszuschreibe», welche besonders die Weingärtenbesitzer hart traf, so schloß er endlich Anfangs des Jahres 1358 Frieden mit den Schweizern, genoß aber den Zustand der Ruhe nicht lange, da er schon den 20. Juli desselben Jahres in Wien starb, und in dem von ihm gestifteten Karthäuserkloster zu Gaming begrabe» wurde. Von seiner Gemahlin Johanna, gebornen Gräfin von Pfirt, hatte er folgende Söhne: Rudolph IV., sein Nachfolger; Albert III. (Stifter der albertimschen § Linie, die mit Kaiser Albrecht II. erlosch); Leopold der Biederbe, Stifter der leopoldinischen Linie; dessen Sohn, Ernst der Eiserne, mit seiner Gemahlin Cimburga von Maffovien, Friedrich V. (als römischer Kaiser III.) erzeugte, i 38 > welcher die Güte beider Linien wieder vereinte, und die Grundlage zur ^ ausgebreiteten Herrschaft des österreichisch - habsburgischen Stammes legte; ^ endlich Friedrich III., starb schon im IS. Jahre durch einen Schuß auf der Jagd. Siebentes Kapitel. Rudolph IV., der Stifter. — Gefürstete Dompropstei in Wien. i Nach dem Tode Herzog Albrechts gelangte Rudolph IV., dessen ältester Sohn, zur Regierung, die er, obwohl nur berathend, mit seinen Brüdern theilte. Schwiegersohn des römischen Kaisers und Königs von Böhmen, Karl IV., legteer sich schon mit Antritte seiner Regierung die Titel eines Erzherzogs und Pfalzerzherzogs, dann Fürsten zu Schwaben und in Elsaß bei, obschon er letztere auf Kaiser Karls Andringen wieder ablegte, und auch der Erzherzogstitel von Oesterreich erst unter seinen Nachfolgern, namentlich Kaiser Marimilian I. bleibend wurde. Dieser Fürst erwarb auch Tirol, durch Vertrag mit der letzten Erbin dieses Landes, Margaretha Maultasch, die ihr launenhaftes und unstetes Leben in Wien beschloß. Doch am meisten glänzte Rudolph durch seine vielen und weisen Einrichtungen, Stiftungen und Verschönerung Wiens durch großartige Gebäude, weshalb er auch den ehrenvollen Beinamen: der Stifter (kunüator) erhielt. Sein erstes Augenmerk richtete er auf die Vergrößerung und Verschönerung der hehren St. Stephanskirche. Er vollendete nicht nur den, von seinem Vater angefangenen Bau des untern Kirchentheiles mit gänzlicher Schließung der Gewölbe, und mit Aussetzung des hohen Daches, sondern begann auch einen neuen erweiternden Bau in dem oberen Theile mit dem Thekla-und Frauenchore (damalsZwölfbothen- fApostel) und unserer lieben Frauen-Abseit genannt), wozu er, laut seines eigenen Briefes vom 7. April 1359, den ersten Grundstein legte. Was diesen Fürsten aber vorzugsweise unsterblich iu den Annalen Wiens macht, ist, daß er die beiden hohen Thürme zu bauen begann, welches Riesenwerk auszuführen, dem kunstreichen Meister Georg Hauser aus Klosterneuburg übertragen wurde, bei dessen Tode § auch der ausgebaute Thurm bis auf zwei Drittel in die Höhe gebracht war. ! Heinrich Kumpf, ein Hesse, und Christoph Horn aus Baiern, besorgten bei i diesemBaue die künstliche» Arbeiten der Zierrathen und Bildsäulen. Ungeachtet ^ des damals sehr geringen Lohnes der Arbeiter (ein Steinmetz erhielt täglich 5, ^ ein Werkmann 3 Pfennige Lohn) waren aber dennoch dieAuslagen so groß, daß ^ man selbst das Volk um einen Beitrag ansprechen mußte, und der Bischof Petrus ! von Marchopel verlieh 1359 allen denjenigen Ablaß auf vierzig Tage, welche bei ! deinKirchen- undThurmbaue hilfreicheHand leisteten. Das Baumateriale bezog man von Mannersdorf, Liesing, Rodaun und Burg Schleinitz. Den S. August 1364 erlangte Herzog Rudolph durch Papst Urban V. die Bulle über die Erhebung der Stephanskirche zu einer gefürsteten Propste! mit 24 Chorherren. 3 » f Der erste Propst war Johann Mayerhofer, zugleich Pfarrer zu St. Stephan, und in dieser Beziehung noch immer von dem Bischöfe von Paffau abhängig. Uebrigens aber war er berechtigt/ Jnful und Stab zu führen, und hatte die hohe Gerichtsbarkeit über alle.seine Unterthanen. Sein Titel war: Von Gottes Gnaden, Propst zu Allerhslligen *) in Wien, Erzkanzler von Oesterreich. Er trug auch ritterliche Kleidung und Harnisch, hatte 1600, seine Würdenträger, der Custos, Dechant und Cantor 150, die übrigen Domherren 100, die Ca- plane 4V Goldgulden. Die Kleidung der Domherren bestand aus einem rothen Talar, rothem Mantel und Kappe, nach Sitte der Cardinale, über dem Talar ein weißes Rocchet, und auf der linken Seite ein goldenes Kreuz, in der Folge traten einige Modifikationen ein. Zur Wohnung wurde ihnen der Zwettelhof angewiesen, den Rudolph 1361 von dem Kloster Zwettel zu diesem Zwecke erkauft hatte. Au gleicher Zeit übertrug der Herzog seinen beträchtlichen Reliquienschatz ebenfalls nach St. Stephan, der in dem 1700 abgetragene» Nebengebäude der Stephanskirche, der Heilthumstuhl genannt, aufbewahrt wurde, und noch heute in derSchatzkammer daselbst zu sehen ist. Den 12. März 1365 stiftete Herzog Rudolph die hohe Schule in Wien, und ernannte den jeweiligen Propst von Allerheiligen zu ihrem beständigen Kanzler. In dieser wurden anfänglich alle auf Universitäten üblichen Wissenschaften, mit Ausnahme der Theologie, vorgetragen, welch letzteres Studium die Eifersucht Kaiser Karls I V. verhinderte, auf daß Wien nicht vollkommen mit der neu errichteten hohen Schule zu Prag gleich gestellt sei. So rühmlich Herzog Rudolph für Wien und Oesterreich gewirkt hatte, so daß es bereits in jener Zeit die Aufmerksamkeit und den Neid des Auslandes an sich zog, so kurz sollte auch leider seine Laufbahn seyn. Er reiste im Frühjahr I36S nach Mailand, für seinen Bruder Leopold die Herzogstochter Viridis als Braut abzuholen, ward aber daselbst von einem hitzigen Fieber ergriffen und starb den 24. Juli desselben Jahres. Sein Leichnam wurde nach Wien gebracht, und in die von ihm neuerbaute Gruft bei St. Stephan, die er laut Urkunde von 1363 für sich und seine Nachkommen zur Grabstätte erwählt hatte, beigcsetzt. Sein und seiner Gemahlin Katharina aus Stein gehauene Bildsäulen sind noch in der Eingangshalle rechts der Stephanskirche, gegen das Ehorhaus zu, zu sehen. i ! ! Achtes Kapitel. Albrecht III., mit dem Zopfe. — Die Erbtheilung. — Flucht deS Kaisers Wenzel aus seiner Haft in Wien. — Albrecht IV., das Wunder der Welt. Da Herzog Rudolph kinderlos gestorben war, so fiel die Regierung an seine nachgelassenen Brüder Albrecht III. und Leopold, genannt derBiederbe, *) Da Rudolph ursprünglich die Propstei für die Burg-Kapelle bestimmte, wegen deren zu engen Raume aber dieselbe auf die alte Pfarrkirche zu St. Stephau übertrug. 40 I auch die Blume der Ritterschaft. Der zahlreichen Familie des Letztem wegen wurde ein neuer Theilungsvertrag gemacht, wonach Albrecht bloß Ober- und Unter-Oesterreich für sich behielt, die übrigen Länder aber, mit Einschluß von Tirol, an Leopold überließ, der sich fortan Graf von Tirol und Herzog von Schwaben nannte, seine Residenz aber zumeist in Gratz hatte, und die tiro- lisch-steiermärkische Linie stiftete. 1381 riß eine pestartige Seuche in Wien ein, so daß bei St. Stephan allein über 15,000 Personen begraben wurden. Die Weiupreise wurden, des geringen Verkehres wegen, so gering, daß man ein Faß Wein (10 Eimer) um 12 Schilling Pfennige erhielt, und die Weingärten um Wien fielen sehr im Preise, da es an Menschen zu deren Pflege mangelte, hingegen stiegen die Arbeitspreise um so höher. Mittlerweile wurden dem- ungeachtet die Arbeiten bei St. Stephan unermüdet fortgesetzt. 1383 wurde zuerst eine Art von Tranksteuer eingeführt, indem jedes nach Wien gebrachte Fuder Wein ein Pfund Pfennig bezahlen mußte, wovon selbst Ritter und Geistliche nicht ausgeschlossen waren. 1384 endlich erlangte die Universität zu Wien auch die Errichtung einer theologischen Facultät, und sie wurde von St. Stephan in die Nähe der Dominikaner, beiläufig an die heutige Stelle, > übertragen. Um dieselbe Zeit stiftete der Magistrat zu Wien, bei St. Hieronymus, den heutigen Franciskanern, das Haus der büßenden Schwestern von St. Magdalena, in welches jene Frauenzimmer aufgenommen wurden, die einem unzüchtigen Leben freiwillig entsagten. Sie mußte» die Klostergebete in deutscher Sprache verrichten, und sich übrigens mit verschiedenen Arbeiten beschäftigen. Wenn sich Gelegenheit fand, daß sich eine der Büßerinnen anständig verehlichen konnte, so stand cs ihr frei, das Kloster wieder zu verlassen, und es durfte bei Leib- und Geldstrafe keinem der Gatten ein Vorwurf gemacht werden. Im Kloster war die Disciplin sehr strenge, und wenn eine Büßerin dasselbe verließ, um sich neuerdings unordentlichem Lebenswandel zu ergeben, so wurde sie, nach Aeueas Sylvius, in der Donau ersäuft. 1392 trat, ^ besonders für den Wein, ein totales Mißjahr ein. Der Sommer war so frostig, daß kein Weinstock zur Reife gelangen konnte, und der gewonnene Wein war von einer so merkwürdigen Säure, daß ihn selbst die ärmsten Leute nicht genießen konnten, und man im Kloster Melk wundershalber ein Faß aufbewahrte, wovon man bis zum Jahre I5I I Proben haben konnte. 1394 wurde König Wenzel von Böhmen, Sohn Kaisers Karl IV. und erwählter römischer Kaiser, nachdem er von den Böhmen wegen willkürlichen Grausamkeiten, worunter auch der Mord Johannes von Nepomuk, in Prag gefangen gehalten wurde, an Herzog Albrecht zur Verwahrung geschickt, der ihn zu Wien in dem sogenannten Fachthurin nächst dem Auwinkel gefangen hielt. Dort saß er Ein und ein Viertel-Jahr wohl gehalten, und mit der Freiheit , in gewählter Zeit und mit guter Bedeckung die Umgegend zu besuchen. Auf diese Art fand er Gelegenheit, Verständnisse anzuknüpfen und er entkam, entweder 41 durch den Abtritt oder nach Durchbrechung des Bodens durch den Stall aus seinem Gefängnisse an die Donau, wo ein Fischer ihn schnell überführte. Die ^ eigentliche Art seiner Flucht ist indessen noch ungewiß, und es herrschen viele widersprechende Meinungen darüber, gewiß aber, daß ihn zu Stadlau Hans von Liechtenstein mit 50 Schützen erwartete, und über Nikolsburg nach Prag ! führte, wo er noch durch kurze Zeit sein Unwesen fortsetzte und 1419 starb, ohne Kinder zu hincerlasscn. Bereits 1400 wurde er von seiner Kaiserwürde feierlich entsetzt und der Pfalzgraf Rupert statt seiner gewählt. Nach dessen Tode (1410) aber erlangte Wenzels Bruder, Sigmund, sowohl diese Würde als auch die böhmische Krone , mit welcher er in der Folge auch jene von Ungarn vereinigte. Der Fachthurm aber wurde fortan zur Erinnerung an König Wenzels Gefangenschaft, das Praghaus genannt, und erst in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts abgetragen. Albrccht III. aber starb den 17. August 1395 in seinem neu erbauten Lustschlosse Larenburg (dem noch dort befindlichen alten Schlosse) am Durchfall. Seine Gemahlin war die schöne Beatrip von Zollern, von deren langem Haare er stets mehre Flechten um den Hals geschlungen trug, woher sein Beiname mit dem Zopfe (cum triea), welche ihm einen einzigen Sohn, Albrecht IV. hinterließ, der die Regierung des Herzogthums Oesterreich ob und unter der Enns übernahm. Beatrix aber erhielt ihren Witwensitz in dem landesfürstlichen Schlosse Perchtoldsdorf, woselbst sie bis zu ihrem Tode residirte. Herzog Leopold aber hatte die alte Fehde mir den Schweizern wieder ausgenommen, und war schon, ein Opfer seiner allzu großen Zuversicht und Verachtung des »Bauernhäufleins", den 9. Juli 1386 mit der Blüte seiner Ritterschaft bei Sempach gefallen, und hatte von seiner Gemahlin Viridis von Mailand folgende Söhne hinterlassen: ! Wilhelm, Leopold IV., Friedrich IV. und Ernst, genannt der Eisene, welche ! die Regierung ihrer Länder gemeinschaftlich übernahmen. Gleich nach Antritt seiner Regierung wandelte Albrecht IV. ein unbezwingbares Gelüst an, das heilige Land zu besuchen; er setzte daher seinen Vetter, Herzog Wilhelm, einstweilen zum Interims-Regenten ein, und langte 1396 glücklich in Syrien an, woselbst er von den Saracenen zu Ptolomais viele» Nachstellungen ausgesetzt war, denen er glücklich entging. Anfangs blieb er iin strengsten Jncognito, da er jedoch Jerusalem und die heiligen Orte besucht ^ hatte, auch zum Ritter des heiligen Grabes geschlagen worden war, ließ er ! auf sein Schiff eine Fahne, worin die Wappen der österreichischen Länder gestickt waren, aufstecken und fuhr unter lautem Trompetenschall davon. 1398 kam er wieder glücklich nach Oesterreich und ward zu Wien auf das feierlichste empfangen. Von den glücklich überstandenen Fährlichkeiten auf seiner Reise, mit welcher sich, der Meinung jener Zeit gemäß, manches wunderbar Abenteuerliche verknüpfte, dann der mikgebrachten Seltenheiten, und auch wohl j seiner ausgezeichneten Kunstfertigkeit wegen, mit der er musikalische und ! andere Instrumente verfertigte, ward ihm der Beiname : das Weltwunder 42 (miraliilia munüi). Nach seiner Rückkehr ließ Albrecht auf das Eifrigste an der Ausbauung des großen Thurmes zu St. Stephan arbeiten , der durch ihn fast seine ganze jetzige Höhe erhielt. 1402 hatten so heftige Wassergüsse in Oesterreich Statt, daß die Donau auf unerhörte Weise aus ihren Granzen trat, und den Tulnerboden, so wie das Marchfeld gänzlich überschwemmte und verheerte. An manchem Orte war sie beinahe eine Meile breit, verschlang mehre Dörfer, zerstörte weit und breit die Saaten und veranlaßte eine unerhörte Theurung, so daß Hafer-, Linsen- und Erbsenbrot schon zu de» leckersten Speisen gehörte und der Hungertod nichts Seltenes war. Zu diesem Drangsale gesellte sich auch noch die Geißel des Krieges. Marggras Prokop in Mähren, Brudersohn Kaisers Karl IV., stritt mit seinen Bruder Jodokus um den Besitz von Znaym, dessen er sich endlich auch bemächtigte. Um den Besitz desto gewisser zu behaupten, zog er ! einen Haufen Raubgesindel an sich, die im nördlichen Oesterreich bis an die Donau Alles mit Feuer und Schwert verheerten, und bis an die Thore Wiens I streiften. Erzürnt über diesen Unfug, schrieb Albrecht eine große Kriegssteuer aus, und zog mit 16,000 Mann zu Fuß und zu Roß gegen Znaym, das er einschließen und beschießen ließ. Prokop starb bald darauf an beigebrachtem Gifte, und seine Raubgesellen behielten nun Znaym für sich. Nach wiederholten heftigen Stürmen, da sich auch König Sigmunds Heer jenem des Herzogs beigesellt hatte, schien Znayms Fall nicht mehr zweifelhaft, als ein meuchlerischer Bösewicht den beiden Fürsten Gift beibrachte. Sigmund genas nach harter Cur, Albrecht wurde aber dadurch so geschwächt, daß er sich in einer Sänfte nach Wien zurücktragen ließ, kaum aber Klosterneuburg erreichte, wo er den 14. September 1404 starb, und zu Wien in der Fürstengruft begraben wurde. Von seiner Gemahlin Johanna von Baiern hinterließ er einen einzigen Sohn, Albrecht V., der jedoch bei seines Vaters Tode erst sieben Jahre zählte. Neuntes Kapitel. Albrecht V. _ Der Bormundstreit. — Unruhen und Spaltungen in Wien. — Hinrichtung des Bürgermeisters Conrad Vorlauf und der Rathsherren. Nach dem Tode des Herzogs Albrecht IV. wurde von den österreichischen Ständen dessen Oheim Wilhelm, genannt der Ehrgeizige, und nach dessen baldigem Tode (1406) Leopold I V. zum Vormunde des minderjährigen Herzogs Albrecht eingesetzt. Da sich jedoch Herzog Ernst dadurch zurückgesetzt fühlte, so ward er ebenfalls zum Mitvormunde bestellt. Nun entstanden aber in Oesterreich große Zwistigkeiten, indem es einige Landsassen mit Leopold, die andern mit Ernst hielten, wieder andere aber mit keinem von Beiden zufrieden waren. Nachdem die Kohlen der Zwietracht längere Zeit unter der Asche 43 fortgeglüht hatten, brach 1407 die offene Flamme eines verderblichen Bürgerkrieges aus. Einige Land stände beklagten sich gegen Herzog Leopold, als hätte er sich zu viel Gewalt angemaßt, und sich nicht für den Vormund, sondern für den Herrn selbst geachtet. Wien selbst war in der wildesten Parteiung. Der Rath und die reichen Bürger nahmen die Partei Ernsts, daS gemeine Volk jene Leopolds. Kein Tag verging ohne Lhätlichkeiten, so daß sich der Rath endlich zur Strenge genöthigt sah. Den 4. Jänner l 408 wurden die Rädelsführer und ärgsten Schreier auf dem hohen Markt enthauptet. Herzog Ernst benutzte diese Stimmung und begab sich eilends von Gratz nach Wien. Leopold aber ging, innern Grimmes voll, in die Neustadt, woselbst er Volk anwarb, und jene Edlen und Geistlichen, die es mit Ernst hielten, mit Mord und Brand auf ihren Gütern heimsuchte. Die Unsicherheit nahm in Oesterreich immer mehr zu, alle Straßen und Gebüsche waren mit Wegelagerern besetzt, und Niemand vermochte ohne Gefahr sich von einem Orte zum andern zu begeben. Der wilde Pöbel in Wien wurde nur durch die Ueber- macht gewältigt, und glühte heimlich Rache gegen die Edlen und den Rath. Um diesen Wirren endlich ein Ziel zu setzen, schrieben die Landstände eine Zusammenkunft in Klosterneuburg zu gütlichem Vergleiche aus, bei welcher Herzog Leopold die Oberhand erhielt, doch so, daß Wilhelm nicht ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen wurde. Ernst sah sich nun genöthiget, wieder nach Steiermark abzugehen, während Leopold wie im Triumphe einen festlichen Einzug in Wien hielt. Allein die Ruhe dauerte nicht lange. Friedrich von Wallsee, ein dem jungen Herzog Albrecht und dem Herzog Ernst treu ergebener Minister, wurde durch Schießpulver, das man unter sein Bett verborgen und angezündet hatte, ermordet, und die allgemeine Stimme maß Leopold diesen Mord zu. Herzog Ernst eilte nun wieder nach Wien. Es ward zwar wieder ein neuer Tag zu Neustadt, und dann zu St. Pölten ausgesetzt, um einen friedlichen Vergleich herbeizuführen, allein alle Unterhandlungen zerschlugen sich. Als jedoch die Wiener Abgeordneten, ihren würdigen Bürgermeister Conrad Vorlauf an der Spitze, von St. Pölten abgezogen, wurden sie am dießseitigen Fuße des Riederberges von einem Haufen Reisiger überfallen und die meisten gefangen genommen. Man warf sie vorerst im Schlosse Kogel, dann in Kreuzenstein und zuletzt in Turberg ins Gefängniß. Erst nachdem sie 2000 fl. Lösegeld bezahlt hatten, ließ man sie wieder nach Wien ziehen. Herzog Leopold aber folgte ihnen auf dem Fuße, und begehrte, man sollte ein Stück von der Stadtmauer »iederreißen, auch die Sperrketten von den Straßen abnehmen; in welches Begehren der wilde Pöbel einstimmte, das aber der Rath aus guten Gründen beharrlich verweigerte. Eine im Drange der Zeit nothwendige Maßregel, nämlich eine Auflage auf den Wein, die Fässer und das Lesegeräthe, erbitterte das Volk noch mehr gegen den Rath. Ein wilder Haufe drang laut schreiend und klagend vor den Herzog und begehrte Blenderung des Rathcs. Des großen Haufens versichert, und Rache brütend, 44 ließ Leopold nun den Bürgermeister Vorlauf, die Rathsmänner Johann Rock, Conrad von Rampersdorf, Rudolph von Angerfeld, Schrul, Mosbrunner und den alten Sticht, einen Kirschner, in das Gefängniß werfen. Trotz allem Zureden seiner eigenen Räthe und Vorbitte der Weiber, Kinder und Freunde der Gefangenen wurden sie den II. Juli 1408, Früh Morgens auf die am heutigen Bürgerspitalplatze errichtete Blutbühne geführt, wobei sich besonders der Bürgermeister durch kühnen Muth und Standhaftigkeit auszeichnete. Er ^ drängte sich zuerst zum Richtplatz mit den Worten: »Ich bin Euer Aller Rath- ^ geber, Führer und Vorlauf in dieser Sache gewesen, wofür wir zwar den > Tod nicht verdient haben. Da es aber mit uns dahin gerathen, so halte ich für billig, daß ich mich auch zuerst opfere, und Euch auch, wie mein Name besagt, im Tode vorlaufe." Damit streckte er das Haupt hin, und empfing zuerst den Todesstreich, worauf ihm dieAndern nachfolgten. Die Leichen blieben ! bis gegen Abend auf dem Blutgerüste, dann wurden sie von den Ihrigen nach dem Stephans-Freithofe gebracht. Noch ist ihr Grabstein von rothem Marmor mit messingenen Wappen und Buchstaben, nahe dem Mausoläum Kaiser Friedrichs Hl. , in der St. Stephanskirche zu sehen, worauf die Worte stehen: 8t», Ile, PI»NK«, Keine luortalis lionio, IkKS, disce, tzuid I»I>or, »Ique iides, quid muiidi Klori», quid «pes, kroiis, diviti»«, quid Iionor prosit, triduatqus! Lcce drevi 8sxo tres cives sepultos, Doursduni Voclaulk, Lunr Itxmpersdorlter et 8»»s Nock, IU»K»iIicos eteoii» cunetis k»c urds priores, Olkiciis eelebres, quos virtus, uonien donvris, Lmeritos vexit; fvrlnnse sed rot» s»II»x, Kceplislos keri» dedit un», quos »mor unus, Koedoro civil! consunxit sic; quod nlrinqoe, kiic Prior, Ule Prior contendiint llectere coli»! 8ustulit i»f»ustum sed Vorlaulk, tone priorstui», K.o. 0oi. IUO666 vet»vo post stl»rK»rctl>»c. Zehntes Kapitel. Fortsetzung und Ende der Zwistigkeiten. — Pest in Wien. — Tod Leopold IV. — Religionsspaltung. — Judenverfolgung. — Kaiser Llbrechts Tod. Herzog Leopold wurde wegen seiner, wenn nicht ganz ungerechten, doch sicherlich in Anregung des ersten Zornes übereilten Strenge nicht nur der Mehrzahl seiner eigenen Unterthanen, sondern auch auswärtigen Fürsten verhaßt. Rembert von Waldsee mit einigen andern Landständen erregte einen Aufstand gegen ihn, im Namen des jungen Albrecht, dem sich auch Herzog Ernst anschloß. Die Fürsten zogen bereits ernstlich gegen einander zu Felde, und die Wirren des innerlichen Krieges begannen aufs Neue die Ruhe des Landes zu stören, als noch durch Vermittlung Georgs von Liechtenstein, Bischof zu 45 Trient und Dompropst zu Wien, ein Vergleich zu Stande kam, wobei König Sigmund von Ungarn und Böhmen zum Obmann und Schiedsrichter gewählt wurde. Nach langen Verhandlungen kam endlich 1409 der Friede zu Stande, und der Vertrag wurde dahin abgeschlossen, daß Herzog Leopold die Obhut über den unmündigen Prinzen Albrecht beibehalten, und sich mit ihm nach Neustadt verfügen, Herzog Ernst aber ihm in der Regierung des Landes beistehen, und die Stände zum Frieden und zur Ruhe verhalten solle. Bald darauf hielten die beiden Herzoge mit dem jungen Prinzen ihren Einzug in Wien, und die Stände schworen ihnen aufs Neue gemeinschaftlich den Eid der Treue. Im Sommer 1409 hatten die Herzoge Leopold, Ernst und Friedrich eine Zusammenkunft in Wien, und theilten die erworbenen Schätze der Herzoge Albrecht III. und IV. mit keineswegs zu ängstlicher Gewissenhaftigkeit , da dem jungen Albrecht nur der vierte Theil blieb. 1410 hatte in Wien in der Nacht vor dem Pfingstsonntage ein furchtbares Erdbeben Statt, das mehre Gebäude hart beschädigte. Dasselbe Jahr brach auch die Pest mit erneuerter Gewalt wieder in Wien aus, so daß oft täglich über 80 Leichen am Stephans - Freithofe beigesetzt wurden. Besonders wählte die Seuche ihre Opfer aus der Jugend; sie wüthete dergestalt unter denStudiren- den, daß über 1000 weggerafft wurden, und sich fast die ganze Universität auflöste, da die Uebriggebliebenen ihr Heil in der Flucht suchten. Der jungeAlbrecht wurde nach der Veste Starhemberg gebracht, um in der reinen Gebirgsluft von der Seuche verschont zu bleiben. Leopold hielt sich seiner daselbst so sehr versichert, wie in der festen Burg zu Neustadt, indessen zeigte der Erfolg, daß er sich dießmal verrechnet habe. Die Veste öffnete den treuen Freunden Albrechts, worunter besonders Rembert von Waldsee und Leopold von Eckardsau, ihre Thore und die Beiden führten den jungen Herzog auf Umwegen nach Eggenburg, wohin sie eiligst die Stände des Landes entboten, und ihm als unumschränkten Alleinherrscher die Huldigung leisteten. Leopold wüthete auf diese Nachricht, und dachte zuerst seinen Grimm an den Wienern auszulaffen, als er den 3. Juni 1410 durch Aufbrechung einer übereilt zugcheilten Wunde am Schenkel plötzlich starb. Er war mit Katharina, der Tochter Herzogs Philipp des Kühnen von Burgund, verehelicht gewesen, starb aber kinderlos. Kurz darauf hielt der vierzehnjährige Albrecht an der Spitze seiner Getreuen seinen festlichen Einzug in Wien, und wurde mit lautem Freudenjubel empfangen. Eine unzählbare Volksmenge begleitete und umgab den jungen Herzog, von allen Thürmen wehten Fahnen, alle Glocken ertönte», und zahlreiche Musikchöre ließen auf den Gassen und aus den Häusern frohlockende Töne erschallen. Die Geistlichkeit zog ihm mit allen Heiligthümern, die Ritterschaft zu Pferde, so wie Bürgermeister und Rath mit den Schlüsseln der Stadt bis vor die Thore entgegen. Aller,'Herzen bemächtigte sich beim Anblicke des jungen schöne» Herzogs die freudigste Hoffnung, und ein Dominikanermönch hielt folgenden Tages eine lange Predigt über die zu erwartenden 4 « Segnungen von dessen Regierung, wobei er nach der Sitte der damaligen und noch viel späteren Zeit, wacker mit den Worten spielte, und unter andern andeutete, Albrecht bedeute eigentlich: allweg recht, er sei auch Allen recht und bringe auf allen Wegen Recht rc. Mittlerweile war König Sigmund auch zum römisch-deutschen Kaiser erwählt worden, und er erklärte den 13. October 1411 den jungen Herzog, wegen Nothdurft des Landes, für mündig. Die Hoffnungen des Landes fanden sich durch die ersten Maßregeln Albrechts auch keineswegs getäuscht, er handhabte die Gesetze mit unverbrüchlicher und, wo es nöthig war, unerbittlicher Strenge, steuerte allem Unwesen, dämpfte die, Land und Straßen in den unruhigen Zeiten unsicher machenden, Raubritter, zerstörte ihre Burgen, und ließ inehre derselben hinrichten, endlich wirkte er durch weise Gesetze höchst wohlthätig auf die Sitten, den Handel und die Gerechtigkeitspflege von Wien. So z. B. ließ er über Weinbau und Handel, Ein- und Ausfuhr von allerlei Produkten und Fabrikaten, so wie über das Handwerks- und Zunftwesen sehr zweckmäßige Verordnungen ergehen; auch regelte er die Donauschifffahrt und ließ mehre Brücken erbauen, lieber Eherecht und Fürsorge für Witwen und Waisen gab er ebenfalls weise Gesetze, und endlich ist als Beweis von echter Humanität, die in jenen Zeiten ohne Beispiel ist, anzuführen, daß'er in einer Verordnung vom I I. September 1428 für die, schwerer Verbrechen beinzichtigten, Gefangenen im Kärnthnerthurm Sorge trug, menschlichere Behandlung anbefahl und für ihre Nahrung, zuweilen ! selbst mit Wein und Bier, und im Krankheitsfälle für gute Pflege bedacht ! war. j In die Zeit des Regierungsantrittes Albrechts fällt auch die Religionsspaltung durch Johann Huß in Prag. Jeder Studirende, der die Universität zu Wien bezog, mußte, bevor er immatriculirt wurde, einen feierlichen Eid ablegen, daß er sich nicht zur hussitische» Secte bekenne. Dem ungeachtet aber fand Hußens Lehre auch in Wien theilweisen Anklang, wurde jedoch sogleich mit Strenge unterdrückt. 1420 war große Theurung, wegen vorhergegangenen Mißjahren, in Wien, welcher jedoch bald durch die ausnehmende Ergiebigkeit und Frühreife von Saat und Wein in demselben Jahre gesteuert wurde. Am Ostersonntage, welcher den 7. April fiel, hatte das Getreide schon gekeimt , den I. Mai sah man bereits Rosen in Fülle, die Kirschen reiften um i die Mitte Mai und den 1. September begann man die reichliche Weinlese. ! Das folgende Jahr hatte in Oesterreich das traurige Ereigniß einer Juden- j Verfolgung Statt, durch den wüthendsten Fanatismus geleitet. Es hatte sich nämlich schon 1420 das Gerücht verbreitet, ein reicher Jude zu Enns, Namens Israel, habe von einer dortigen Meßners-Frau einige geweihte Hostien gekauft, und dieselben zur spöttischen Nachahmung der christlichen Ceremonien unter seine Glaubensgenossen vertheilt. Die Erbitterung des in Religionssachen besonders leicht erregbaren Pöbels überstieg alle Gränzen um so mehr^ als 47 sich die Juden schon längst durch ihre, wohl zu allen Zeilen gleiche Erpressungssucht, durch ihrenAlles verschlingendenWucher und rücksichtslos zusammengebrach- ten Reichthum, wie auch, weil sie die meisten Regalien, Domänen, Steuern und Zolle gepachtet, darauf große Vorschüsse geleistet hatten, und jede Leistung mit unerbittlicher Strenge eintrieben, den allgemeinen Haß zugezogen, der bei dieser willkommenen Gelegenheit mit unwiderstehlicher Macht sich verheerende Bahn brach. Der Herzog selbst mußte dem allgemeinen Grimm nachgeben. Am Donnerstage vor Pfingsten, im Jahre 1420, wurden alle Juden in ganz Oesterreich gefänglich eingezogen, ihre sämmtliche Habe confiscirt, die Geringer» sogleich aus dem Lande gejagt, die Vornehmeren aber, nachdem sie sich standhaft geweigert, sich taufen zu lassen, in den Gefängnissen zu einem Beispiel des Schreckens und der Strafe aufbewahrt. Ihr endliches Schicksal bei der allgemeinen Aufregung ahnend, legten viele derselben gewaltsame Hand an ihr Leben. Viele erstachen oder erwürgten sich selbst, andere ließen sich von ihren Freunden die Adern öffnen, und mehre Jüdinnen zu Mödling und Perchroldsdorf, in welchen Orten sich viele reiche Juden-Familien aufhielten, erhängten oder erdroßelten sich. Endlich geschah die furchtbare Katastrophe dieser ungeheuren Verfolgung. Den 12. März 1421 wurden in Wien, zu Erdberg, auf einer Wiese, wo gewöhnlich die Hinrichtungen durchs Feuer geschahen, 110 Juden beiderlei Geschlechtes verbrannt. Herzog ! Albrecht erklärte aber in einem Decrete, daß alle Häuser der Juden in Wien dem Magistrate zugefallen seien, und Bürgermeister und Rath darüber ihr Jnsiegel setzen lassen sollten. 1422 wurde zu Wien das prachtvolle Beilager des Herzogs Albrecht mit Elisabeth, der einzigen Erbtochter des römischen Kaisers Sigmund, unter dem Jubel einer zahllosen Menschenmenge, feierlichen Bewillkommung der Bürgerschaft, der Universität und vieler ungarischer und böhmischer Großen vollzogen. Die Braut brachte nicht nur dem Herzog eine Aussteuer von baaren 100,000 Goldgulden (zu dieser Zeit eine ungeheure Summe), sondern Kaiser Sigmund trat ihm noch bei Lebzeiten das Markgrafrhum Mähren ab, und erklärte ihn zugleich zu seinem Nachfolger in den Königreichen Ungarn und Böhmen, wie auch in dem Fürstenthume Schlesien. Herzog Ernst hatte sich bisher ruhig und im besten Einvernehmen mit Albrecht zu Gratz aufgehalten, woselbst er auch den S. Juni 1424 verstarb. Von seiner dritten Gemahlin Cimburga von Maffovien, welche von ausgezeichneter Leibesstärke soll gewesen seyn, und deren aufgeworfene Lippe» an das ganze habsburgische Geschlecht vererbten, hatte Ernst der Eisene fünf Söhne, Ernst, Rudolph, Leopold, die in der Kindheit starben, dann Friedrich (nachmals Kaiser) und Albrecht VI. 1433 wurde endlich der hohe Stephansthurm durch Meister Anton Pilgram aus Brünn vollendet und der Knopf darauf gesetzt, nachdem über dessen gänzlichen Bau vier und siebzig Jahre verflossen waren. Diesem kunstvollen Meister, der mit großem Genie und ausgebreireten Kenntnissen begabt war, 48 hat die Kirche auch den schönen Chor auf der linken Seite und die prachtvolle Kanzel zu verdanken, an welchen beiden Werken sich sein nach dem Leben vortrefflich in Stein gehauenes Brustbild befindet. Mittlerweile hatte der verderbliche Huffitenkrieg mit unerhörter Grausamkeit von beiden Seiten in Böhmen und Mähren fortgewüthet und auch in Oesterreich große Summen gekostet, da Albrecht als Schwiegersohn und erklärter Nachfolger Sigmunds Thcil daran nahm, auch waren die Hussiten zu verschiedene» Malen in Oesterreich eingefallen, streiften bis Krems und verübten furchtbare Gewaltcharen. Durch die Schlacht bei Böhmisch-Brod den 30. Mai 1434 wurden dieHussiten endlich besiegt und zur Unterwerfung gezwungen, obschon sie unter dem Namen der Calfttiner (von calix, Kelch, dessen Genuß beim Abendmahle Hauptartikel ihrer Lehre war) noch lange mehr oder minder geduldet fortbestanden. 1437 starb Kaiser Sigmund; Albrecht wurde den I. Jänner 1438 zum König von Ungarn ^ bald darauf auch zum König von Böhmen gekrönt, und dasselbe Jahr zum römischen Kaiser erwählt, und ließ sich als solcher bei St. Stephan in Wien huldigen. 1439 zog er »ach Ungarn gegen die Türken zu Felde, übernahm sich jedoch zu Neszmil im Genüsse von Melonen, wurde von der Ruhr befallen und starb in deren Folgen daselbst den 27. Oktober 1439. Eilftes Kapitel. Die Herzoge Friedrich und Albrecht als Landesverweser. — Die TürkennoLH. — Ladislaus Pofthumus. Da Kaiser Albrecht seine Gemahlin Elisabeth schwanger hinterlassen hatte, so wurde alsobald nach seinem Tode von den Ständen ein Landtag im landesfürstlichen Schlosse zu Perchtoldsdorf abgehalten, wozu auch die Herzoge Friedrich V. und Albrecht VI. , Söhne Ernsts des Eisenen und Stammhalter der Leopoldinischen Linie, berufen wurden. Daselbst ward der letzte Wille des Kaisers eröffnet, und ihm zu Folge der Beschluß gefaßt, daß Herzog Friedrich, wenn die Kaiserin von einem Prinzen entbunden würde, bis zu dessen Volljährigkeit die Regierung vormundschaftlich führen sollte, würde sie aber eine Tochter gebären, sollten die Herzoge Friedrich und Albrecht das Land erblich besitzen. Zur Bekräftigung wurden gegenseitig Briefe aufgesetzt und besiegelt, worauf die beiden Herzoge den 6. Deccmber 1439 ihren feierlichen Einzug in Wien hielten. Bei der immer drohenderen Türkengefahr und in der irrigen Meinung, welche Elisabeth mit fester Ueberzeugung hegte, daß sie eine Tochter gebären würde, schickte sie Gesandte nach Polen, um ihre Hand dem König UladislauS zu biecen, um durch die Vereinigung zweier mächtiger Reiche, Ungarn und Polen, der Christenheit eine Vormauer gegen den Andrang orientalischer Barbarei zu geben, und vielleicht das schon in den i 4 » letzten Zügen liegende oströmische Reich zu retten. Wahrend aber die Unter- ! Handlungen in Krakau vor sich gingen, wurde Elisabeth den 22. Februar 1440 zu i Eomorn von einem Prinzen entbunden, dem der Name Ladislaus, der Nachgeborne (p»8tl>um»8), in der Taufe beigelegt wurde, klm demselben nun sein Erbe nicht zu entziehen, berief sie die Landstande und widerrief in deren Gegenwart die projectirte Vermahlung, auch erklärte sie alle Unterhandlungen der Gesandten ^ für null und nichtig. Tie Stände führten hierauf die Königin mit dem vier ! Monate alten Prinzen nach Stuhlweifienburg, woselbst er auf dem Schoße ! seiner Mutter zum König von Ungarn gekrönt wurde. Mittlerweile war Herzog ! Friedrich den 2. Februar 1440 zum römisch-deutschen Kaiser erwählt worden, ! und hatte bei Annäherung des Königs UladiSlauS mit einem polnischen Heere ! sowohl Elisabeth als auch den jungen Prinzen in seine gewöhnliche Residenz " nach Neustadt zu sich genommen. UladiSlauS aber ließ sich ebenfalls zu Stuhl- ! weißenburg krönen, fiel jedoch schon 1443 gegen die Türken vor Varna. Die ! verwitwete Kaiserin Elisabeth starb dasselbe Jahr zu Raab, nach damaliger allgemeinen Meinung an beigebrachtem Gifte. LadislauS aber blieb fortwährend unter der Obhut seines OheimS Friedrich, obschon ihn, besonders nach dem Tode UladiSlauS, die Ungarn als ihren König laut reklamieren und verlangten, er solle in Ungarn erzogen werden. Den >4. October I44S erschlug ein furchtbares Ungewitter viele Menschen und Vieh; ein Blitzstrahl fuhr in den St. SlephanSrhurm und verbrannte das berühmte Hornwerk, welches eine ungeheure, mit einem BlaSbalg versehene Pfeife war. Wenn sie erscholl, durfte sich Niemand mehr ohne Licht auf der Gaffe sehen lassen.'Auch die große Uhr ging damals mit zu Grunde, die von einem eigens dazu bestellten Thürmer alle Viertelstunde angeschlagen wurde. Den 22. August 1450 legte der Propst von Klosterneuburg in Gegenwart mehrer Bischöfe mit großer Feierlichkeit den Grundstein zum zweiten unauS- gebauteu Thurm bei St. Stephan. Anfangs 1451 schrieb Kaiser Friedrich eine» Landtag nach Wien aus, um während seiner beabsichtigten Reise zur Krönung nach Rom, einen interimistischen Landes-Gouverneur zu bestellen. ^ Allein die Stände widersetzten sich cinstimmig, und verlangten mit den Ungarn und Böhmen nur die Auslieferung deS jungen Königs. Da jedoch der Kaiser diesem Antrag durchaus kein Gehör gab und sich wieder nach Neustadt verfügte, ging der Landtag unverrichteter Sache auS einander. Dasselbe Jahr entstand in Wien große Mißhelligkeit zwischen den Bürgern und Studenten, die sich fast zu offenbarem Aufstande gestaltete, und wobei eS häufig zumBlut- vergießen kam. Sieben Studenten wurden in der Riemerstraße, wo der Aufruhr anfing, von den Bürgern gefangen, und von dem Rathe in die Kerker der gemeinsten Verbrecher geworfen. Da jedoch dieses Verfahren den Privilegien der Universität ganz entgegen war, wurden alle Schulen zugleich geschloffen ! und die Universität beklagte sich bei dem Kaiser, durch dessen Vermittlung die Sache wieder gütlich beigelegt wurde. 1451 kam der berühmte Glaubens- und ! 4 5 « 1 Kriegsheld, der Franziskanermönch Johann Capistran, als Abgesandter des Papstes und Kreuzprediger gegen die Türken, nach Wien, wo er auf den Straßen und Platzen bei einem unermeßlichen Zulaufe predigte. Das Gerücht von Zeichen und Wundern, die er geübt, ging ihm voraus, das Volk umgab in unzähliger Menge seinen Weg, feierliche Prozessionen kamen unter Glockengeläute, mit Vorkragung der Reliquien, ihm entgegen, und Kranke wurden zu ihm gebracht, daß er durch Händeauflegen sie heilen sollte. Der deutschen Sprache nicht mächtig, konnte er nur lateinisch predigen, allein er wußte durch eine lebhafte Geberdensprache Sinn in seine, den Zuhörern unverständlichen Worte zu legen, so daß ihm das Volk stundenlang zuhörte. Was er lateinisch gesprochen hatte, übersetzte, obgleich mit geringerer Wirkung, ein Dolmetscher in die Landessprache. Noch sieht man au dem äußern, dem Zwettelhofe gegenüber liegenden Theile der St. Stephanskirche die steinene Kanzel, von welcher er oft herabgedonnert. Acht und zwanzig Tage predigte Capistran zu Wien, dann wendete er sich nach Mähren und Ungarn. Von allen Seite» fanden sich Kreuzfahrer zu ihm, die er unter dem berühmten ungarischen Heerführer Johann Hunyad selbst mit gläubigem Feuereifer anführte, und namentlich in der Schlacht bei Belgrad Wunder von Tapferkeit verrichtete *). Im Herbst 1451 reiste Kaiser Friedrich, in Begleitung des jungen Königs Ladislaus und mehrer Staudesherren von Oesterreich, Ungarn und Böhmen zur Krönung nach Rom und um sich daselbst mit der Prinzessin Eleonora von Portugal zu vermähle». Während seinerAbwesenheit aber bildete sich durch Anstiftung Ulrichs Grafen von Cilly, eines Oheims des jungen Königs von mütterlicher Seite, und Ulrich von Eytzing eine Verschwörung, um den Kaiser mit Gewalt zu zwingen, Ladislaus frei zu geben. Kaum war Friedrich in die Neustadt zurückgekommen, so begehrten sie durch Abgesandte dessen Freilassung. Da er sie jedoch mit der Ausflucht abfertigte, der Prinz sei noch zu jung und der Regierung unfähig, kündigten sie ihm Fehde an und begaben sich wieder nach Wien zurück. Daselbst versammelten sie ein Heer von 16,000 Mann, worunter allem an 5000 Wiener, zogen gen Neustadt und begannen die Stadt zu belagern. Selbst der Bannstrahl, den Papst Nikolaus V. auf Friedrichs Anregung nach Wien schleuderte, blieb erfolglos. Die Wiener warfen den Notar, der ihn verkünden sollte, nach vielen Mißhandlungen ins Gefängniß, und hefteten ein Edict an das Riesenthor der Stephanskirche mit der Appellation: A n einen besser zu unter richtenden Pap st und an eine allgemeine Kirchenversammlung. Mittlerweile hatte sich das Heer bei Neustadt bis auf 24,000 Mann gemehrt und die Führer verwarfen jede Unterhandlung, jeden Waffenstillstand, bevor nicht Ladislaus herausgegeben sei. Den 2. August 1452 drangen die Belagerer mit ungestümem Siegesgejauchze an das Wienerthor und auf die Zugbrücke, und hatten zweifelsohne die Stadt *) Nach langem, ruhmvollen Kampfe starb Johann Capistran den S3. Oktober 1456 am Lagerfieber im FranciSkanerkloster zu Jllok in Slavonien. 51 erstürmt, da das Häuflein der Vertheidlger Immer kleiner ward, hätte nicht der Ritter Andreas Baumkircher mit riesenhafter Anstrengung und unerhörter , Tapferkeit so lange Widerstand geleistet, bis die Zugbrücke abgeworfen und das > Schutzgitter herabgelassen werden konnte. Nun, da sich der Kaiser überzeugte, > daß an ferneren Widerstand nicht zu denken sei, ließ er sich in Unterhandlungen > ein. Durch Vermittlung einiger Reichsfürsten, vorzüglich den Markgrafen Karl von Baden, entschloß sich endlich der Kaiser, den jungen König freizugeben; de» 10. September 1452 wurde Letzterer, ein dreizehnjähriger Jüngling, der Vormundschaft ledig erklärt, und beim steinenen Kreuz, außer dem Wie- nerthore, durch vier kaiserliche Näthe an seinen Oheim, den Grafe» von Cilly, übergeben. Zwölftes Kapitel. Di» Häuser Hunyod und Podiebrad. — Graf von Cilly und Ulrich von Eytzing.— Tod des Königs Ladislaus. Freude und Frohlocken verbreiteten sich im Lager, wie im ganzen Lande über die Entlassung des jungen, schönen, vielversprechenden Königs. Tausendstimmiger Jubelruf des aus Oesterreichern, Böhmen und Mährern bestehenden Heeres schallte ihm entgegen, und alsobald setzte sich der Zug, Ladislaus in der Mitte, in Bewegung. Das Nachtlager hielt man in dem Schlosse zu Perchtoldsdorf, von da aus zog man des andern Morgens nach Wien, wo der junge König im Triumph eingeführt wurde. Der Jubel des Empfanges war unbeschreiblich; die Geistlichkeit, der Rath, die Universitäts-Corporation, eine unermeßliche Menge Volkes, 4000 weißgekleidete Knaben und Mädchen, die Ritterschaft an der Spitze, zog ihm von der Stadr bis zum Wienerberg entgegen. Die vornehmsten Edelfrauen drängten sich um Albrechts ersehnten > Sohn, ihm Hände und Füße zu küßen. Ladislaus benahm sich höchst anstands- und würdevoll, duldete weder Lästerrede »och Spott gegen den Kaiser, dessen Ansehen bei dem durch günstigen Erfolg seiner Beharrlichkeit übermüthigen Volke sehr gesunken war, und erprobte bei den wochenlangen fröhlichen Festen und Gelagen zur Feier seiner Freilassung die höchste Mäßigkeit und Klugheit. Den 6. November 1452 entstand nach einem wunderschönen Tag des Nachts ein furchtbares Ungewitter, mit Blitz, Donner und Hagelschlag, das sich zumeist über Wien entleerte. An mehren Orten schlug der Blitz ein und es brannten mehre Gebäude ab; unter andern wurde auch der Thurm im Jakober-Nonnenkloster getroffen, welcher nicht allein gänzlich abbrannre, so daß alle Glocken schmolzen, sondern es verlor auch eine Nonne dabei ihr Leben. ^ Den 10. November wurde ein Landtag in Wien gehalten, um die Regierung von Oesterreich, Ungarn und Böhmen festzusetzen, wobei mehre * 4 52 > ausländische Fürsten, viele deutsche Prälaten und die Stände aus den ungarischen, böhmischen und österreichischen Ländern, dann auch Gesandte des Kai- I sers, worunter dessen berühmter Geheimrath, der Bischof Aeneas Sylvius Piccolomini (nachmals Papst Pius II.), erschienen. Aus Ungarn war auch ^ der berühmte Kriegsheld und Statthalter, Johann Hunyad Cervinus zugegen, ! der seine Statthalterschaft niederlegte, und zum Erbgrafen von Bistritz mit dem unmittelbaren Range nach dem Könige ernannt, zugleich auf Lebenslang ! zum Statthalter der ungarischen Lande wieder erklärt wurde. GrafUlrich von ^ Cilly ward Statthalter in Oesterreich, der tapfere Kriegsheld Georg Podiebrad ^ von Böhmen. ! Den 6. Jänner 1453 gab Kaiser Friedrich ein Decrel heraus, daß für- > derhin jeder Prinz des österreichischen Hauses den Titel: Erzherz og führen l solle, welcher fortan ununterbrochen gebraucht wurde. Vier Monate darauf siel ! endlich Constantinopcl in die Hände der Türken, das oströmische Reich hatte dadurch sein Ende erreicht, und da die siegtrunkenen Eroberer laut verkündigten, sich ganz Europa zu unterwerfen, auch immer weiter nordwärts verdrängen, so entstand von dieser Zeit an der durch mehre Jahrhunderte fortgesetzte Kampf gegen den allgemeinen Erbfeind der Christenheit, der Anfangs durch Uneinig- > keit der christlichen Mächte nur zu unthätig betrieben wurde. So z. B. blieb der große Sieg Johann von Hunyads und des eifrigen Glaubenshelden Eapi- strans bei Belgrad fast ganz unbeuützt, um so mehr, da bald darauf beide ruhmgekrönten Heerführer einer bösen Lagerseuche zum Opfer sielen. Dasselbe Jahr erhob sich gegen Ulrich, Grafen von Eilly, dem Landes- j Verwalter Oesterreichs, der sich eine unbeschrankte Gewalt anmaßte und viele ^ Gewaltthätigkeiten verübte, eine bedeutende Partei, an deren Spitze sein j vormaliger Waffengenosse, Ulrich von Eytzing, stand. Der König gab selbst der ! allgemeinen Stimmung nach und verbannte den Grafen aus Wien. Bald dar- ! auf aber trat Eytzing selbst in dessen Fufitapfen, strebte nur Schätze zu sammeln, ^ und gefährdete Wiens wohlerworbene Privilegien, so daß die Wiener aufs ! Neue die gerechteste Ursache zum Mißvergnügen hatten. Nachdem sich Eytzing, ! dem allgemeinen Grolle weichend, freiwillig auf seine Schlösser zurückgezogen ^ hatte, kam GrafUlrich von Eilly >455 wieder nach Wien zurück, und erfreute sich ^ wieder des Königs höchster Gunst, die ihm Letzterer wohl nur unfreiwillig entzogen hatte. Die öffentlicheMeinung aber konnte der Graf von Cilly nie mehrwieder für sich gewinnen, und bald nahte sich auch seineKatastrophe. Von jeher aus Eifersucht und Ehrgeiz ein Feind deS glorreichen Hauses Hunyad, strebte er den beiden ritterlichen Söhnen des Helden, Ladislaus und Mathias, nach dem Leben. Durch aufgefangene Briefe wurden diese von seinem Mordplan in Kenntnis! gesetzt, sie schwuren ihm glühende Rache, und bald fand sich Gelegenheit, diese anszuführen. JmOctober 1456 kam der Graf in Auftrag des Königs nach Belgrad , wo sich Ladislaus Corvinus befand. Bei einer Versammlung entspann sich ein heftiger Wortwechsel und GrafUlrich wurde von Ladislaus und mehren 53 ff ^ ' > ! ungarischen Edlen mir vielen Glichen ermordet. Mir ihm erlosch sei» Geschlecht. Die Brüder Corvinus eilten nach Wien, warfen sich dem König zu Füßen, sich mit gerechter Nothwehr entschuldigend, und die Beweise seiner finstern Anschläge darlegend. Der König gewährte ihnen volle Verzeihung, umarmte sie brüderlich, und theilte auch zum Zeichen der Versöhnung eine Hostie mit ihnen. Ladislaus nahm er sogar an seinen Hof auf. Allein bald lies; er sich von den Feinden ^ des Hauses Hunyad anders bestimme», setzte beide Brüder in Haft und lies; ! Ladislaus vor seinen Augen hinrichteu. Mathias aber ward in Ketten gelegt, ! auf einen Wagen geschmiedet und auf das Schloß Gutenstein gefangen gesetzt. ^ Durch diese Maßregel, in welcher der junge König seine schwankende Gemüths- stimmung zu erkennen gab, wendeten sich die Herzen vieler Ungarn von ihm, welche das glorreiche Geschlecht der Huuyade mit Recht hoch verehrten. 1457 ward ein Landtag zu Wien gehalten, auf welchem die Abgeordneten ^ aller drei Nationen dem König vorstellten, das? es nun an der Zeit sei, zu seiner Vermählung zu schreiten. Nach langem Rathschlagen fiel seine Wahl aufMagda- lena, die TochterKönigs Karl VII. aus Frankreich. Sogleich ward ein Gesandter dahin abgeschickt, der auch bald das Jawort brachte. Nun erheb sich aber ein Streit zwischen den drei Nationen, an welchem Orte das Beilager zu halten sei. Die Ungarn meinten, ihr Land sei das mächtigste unter des Königs Reichen, folglich muffe das Beilager in Ofen seyn. Die Oesterreicher äußerten, der König sei ein Deutscher und aus österreichischem Geblüke, also müsse Wien der Ort seyn. Die Böhmen aber sagten, wenn er das Beilager nicht in Prag vollzöge, so bewiese er eine Geringschätzung gegen sie. Mittlerweile kam der Statthalter von Böhmen, Georg Podiebrad, mit 800 Reitern vor Wien an, schlug § sein Lager am linken Gestade der Donau auf, und lief; den König um ein Zwei- ^ gespräch bitten. Anfänglich schlug Ladislaus dessen Bitte, in Prag das Bei- j lager zu halten, ab, weil er Wien vorzog; da jedoch Podiebrad erzürnt von j dannen ritt und der König einsah, er habe sich durch die Hinrichtung Ladislaus ^ Corvinus ohnehin schon genug Feinde gemacht, riefer ihn wieder zurück, willigte in > sein Begehren und befahl, in Prag alle Anstalten zur Vermählung zu treffen. In; ^ Februar 1458 brach Ladislaus mit einem großen Gefolge von Wien auf, wurde in ! Prag auf das Festlichste empfangen, von wo man auch eine Gesandtschaft nach ; Paris schickte, um die königliche Braut abzuhclen, dann auch alle Anstalten zu einem herrlichen Beilager machte, und Kaiser Friedrich und viele Reichsfürstcn dazu einlud. Um die Möglichkeit einer Flucht oder Befreiung zu verhindern, lies; ! Ladislaus auch den gefangenen Mathias Corvinus gefesselt nach Prag führen, wo er ihn der Obhut des Statthalters anvertraute. Da erkrankte plötzlich der junge König und starb nach 36 Stunden, den 23. November 1458, an heftigen Magenschmerzeu, nicht ohne Verdacht, von der hussitischen Partei Gift bekommen zu haben, da der Statthalter selbst ein eifriger Huffit war. Mit La- ^ dislaus erlosch die albertiuische Linie in Oesterreich. i 54 Hbiheikung. 1459 — 1493 . Erstes Kapitel. Georg Podiebrad und Mathias Corvinus, Könige von Ungarn und Böhmen. — Zeitgemäßes Gemälde von Wien. eber den plötzlichen Todesfall des jungen, hoffnungsvollen Königs Ladislaus entstand in Wien großes Wehklagen, um so mehr, da die in das Erbe eintretende leopoldinische Linie, oder vielmehr deren jetzige Repräsentanten, Kaiser Friedrich, dessen Bruder, Herzog Albrecht und Sigmund von Tirol, der Sohn Friedrichs, genannt mit der leeren Tasche, sich keineswegs der allgemeinen Liebe und Zuneigung zu erfreuen hatten. Böhmen und Ungarn erkannten deren Erbrecht ganz und gar nicht an, und bedienten sich gleich nach dem Tode Ladislaus ihres Wahlrechtes. Die Böhmen wählten ihren Statthalter, Georg Po- ! diebrad, die Ungarn aber denHeldenjüngling Mathias Eorvinus zum Könige, ^ der denn auch sofort aus seinem Gefängnisse zu Prag entlassen, mit großem Pompe - nach Ofen geführt und gekrönt wurde, auch mit König Georg von Böhmen 1 ein Freundschaftbündm'ß schloß und dessen Tochter Katharina ehlichte. Ehe ich in der weiteren Geschichte zu den Verwicklungen und Wirren, die dem Tode Ladislaus folgten, fortschreite, mag es den Lesern nicht unangenehm seyn, aus dem Munde eines gleichzeitigen Schriftstellers ein Bild von der Gestalt und dem Zustande Wiens in diesem Zeitalter zu erhalten. Es ist dieses der schon besprochene große Gelehrte und Kirchenfürst Aeneas Sylvius, dessen Worte, da er Latein schrieb, ich in der alten Uebersetzung Alberts von Bonstetten (1491) mit wenigen nöthigen Abänderungen, der bessern Verständlichkeit wegen, hier wieder gebe: »Wienn verfasset mit der Rinkmauer bey zweytausent Schritt, aber si hat, zumal viel großer Vorstett, ansichtig auch mit Graben umbgeben. Die Statt hat am vil großen Graben und hoch dicke Zinnen, daran vil thürnen und boll- werk zu den, krieg geschickt. Der burger Häuser sind hoch und wol gezieret, von gutem und starkem gebäuwe, weite Säle, in denen si geheizte gemach haben, und von inen stuben genennt werden, denn die scherffe des wintters bezwingt si deß. Durch die erleuchten alleuthalb glasine Venster und die Thüren sind schier 55 ! alleEysin und singen die vöglin in den stuben. In den Häuser n ist vil köstlichen ^ Hausgerätes; den pfcrden und dem vich allerhand geschlechtes sind geschickte ställ. Hoch sind der Häuser angesicht und zierlich anzuschauen, allein ist dieser Ding entzierung, das die Häuser vast mit schindle» gedeckt sind, klainer sitten, die andern gebaue sind aus stainer Maur und die Hauser alle innen und außen gemalet. Wo du in ain Haus gehst, vermainest dich aingehn eines Fürsten hauß. Der Edlen und der Prelaten Häuser sind alle frei und der gewallt der Stat hat in denen nichtz zu handlen. Die meinkeller sind als weit und tieff, das man spricht, das Wiene nit minder unter, als auff der erden gebaut sei. Die strafen und gaffen sind besetzt mir hartem gestaine, das die nit durch die reder der wagen zerbrochen mügen werden. Den himelschen heil'gen und dem ewigen gott sinnd gestiftet groß, weite und köstliche tempel mit Dugstain (Quadern) gebauen, wundersam von der ordnung der säulen und ansichtig. Die heil'gen haben auch alda viel köstliches hailtumS mit silber, golde und edlem gestain verklaidet, die kirchen haben zumal groß gezirde und reichliche klainod; die Priester haben vil guts (Vermögen). Den gewallt über die Priesterschafl hat ain Propst zu Sant Steffan und ist allain unter ainem römischen Kaiser. Die Statt ist im bistum von Passau und die tochter ist grösser dann die mutter. Vil Häuser in der Statt ^ habent in ihnen geweihte Kirchen und Kappellen und aigen Priester. Da sind I die vier bettelorden, aber bettlerey ist weit von ihnen. Die schotten, gaistlich ! korherrn Sant Augustin Ordens, die werden all für reich gehalten; auch klo- sterfrauen und gaistlich gewillct junckfrauen; alda ist ain kloster zu Sant Jheronimen genannt, darin empfaht man allein bekerte offen Dirnen, die tag und nacht in teukscher jungen ihr lobgesang verbringen und wo die aine widerumb in sünnd siele und daS auskündig, ward die in der tunau ertrenckt; aber sie füren ain hailig, schämig leben und wird selten böseS auSgehn gehört von iren mund. Allhir ist auch ain hohe schul, in den freien künsten, in der göttlichen geschrifft und in den gaistlicheu rechten. Es ist ain neu studium und vom Papst Urbano dem Sechsten erst zuegelassen. Ain groß schar der studenten flüffet da zu aus Ungar- und obertentschen landen. Ich Hab alda gewesen syn, zween fürbündig Theologen erfaren, Hainrichen von Hessen, der zu Parys gestudirt und Doctor worden, ist im Anfang des studiums dahin kummen, und der erst, der den stul besessen und geregiert hat; und vil bücher, die wohl zu merken, geschrieben; der ander ist gewesen Nicolaus von Dinkelspichel, ain Schwab, aines guten lebens und in sainer lere clar, des predigen noch heut begirlich von den geirrten wird gelesen; und ist noch da Thomas Haselbach, nit ain untauglicher theologus, des könnt ich wol loben, wo er mit 22 Jahre an dem ersten Capitel Jsaiae hett gelesen und ist noch nit an das ende koinmen. Das allergröst laster des studiums ist, das si zu vil hohen fleifi in derDyalectik ! haben und die Zeit in sachen nicht grosser Früchten verzerren. Die da in den i freien künsten Maister, werden auch allain in denselben eraminiret und bethö- ^ ret, haben weder in der musick, noch in der rhetcrick, noch in der arithmetik 56 käme» fleifi, wiewol si etlich vers und epistel, die ander gemacht habe», » unzierlich zu maistern zwingen. Die Oratorie und poetric ist bei ihnen ganz unerkannt; den all ihr fleiß ist in elvnclii« und unnützen schwazen, wie wol der vil sind, die die Bücher Aristoteles und ander Philosophen haben; doch gebrauchen sie sich darüber ander Commentar; über das so geben die studenten j der wollust groß acht und fleiß, sind des weins und der speis beging. Wenig ^ kommen dafür gelert, werden auch nit in straff gehalten, lauffen hin und her- ! wieder, und thun den Bürgeren vil Widerwärtigkeit an, darzu thut si das gesprech ! der frauen bringen. Das volk der Statt wird geacht, seyn fünfzig thausent ^ Comunicanten. Der rat wird von 18 mannen erwellet und dann der Richter, ! der den rechten ob ist und der Burgermaister, dem die Sorg der statt befohlen; die nimpt der Fürst, welche er vermaint, die ihm allertreuwest scheinen, und die müssen dann im insunderheit schweren. Khain Maisterschafft oder amptherrn sind da sunst, dann die Zoll und den brauch des Weines innemend, wird denen alles gehörig, denen der Gewalt jährlich ist. Es ist unglaublich zu sehen, wie vil der sind, die täglich speis in die Statt füren; von ayren und von krepsen ihim vil wegen voll ankommen; gebachen brod, fleisch, fisch, vogel on zal und ehe vesperzeit kommt, so ist nichts mehr verkauffiges auff dem markt. Der Weinles währt bey 40 tagen, unter denen ist khain tag, da wägen mit Most gehn zwey- oder dreymal hin und über zwelffhundert roß braucht man auch täglich in Weinles auff den Dörffern. lieber Sant Martinstag ist jedermann frei, den Wein aus alle land zu füren. Es ist nit glaublich zu sagen, mir was großer menge Wein eingeführt wird, der allda zu Wienn getrunken wird, oder weiter den natürlichen Fluß die tunau aus in ander lande mit großer arbeitt gefüret. Von dein wein, der zu Wienn verkauft wird, ist der 10. Pfennig des Fürsten, darvon im järlich zwelff thausent gülden in die kammer fallen. In übrigen haben die Burger wenig beschwerniß. Aber weiter als in ainer so großen und edlen statt werden zumal vil unbillicher suchen gehandlet. Tag und nacht so sind Händel, stoß und zwietracht, jetz die Handwerker wider die studenten, jetz die Hofleut wider die Hantwerker, aber dann die Handtierer und arbeite»' wider ain ander thun sich wapnen. Selten khain heilger Tag verrückt ohne todschlag und wo ain aufrur, ist niemand, der da schaide; weder Burgermaister noch Fürst hat fürscrg, als billig wär, zu solchen bösen dingen. Wer scynen Wein im Haus verkaufst, dem schadt es nit an seinem gclüche und guten leumund. Schier alle Burger achten des Wcinhauses und ! der taferne, machen warm stuben, rüsten zu voll Kuchen und laden zu ihnen ! gut trinckcr und leichte frölen und geben inen etwas umsunst zu essen, das sie ! desto baß mögen trincken, geben inen aber desto ain mindere maß. Das volk ist ganz dem laib genaigt und ergeben und was die Wochen mit der haut und schwerer arbait gewunnen hat, das thut es ain feurtag all verzeren und ist ain ! unzierlich Gemaind. Guter dirnen ist ain große schar, khain frau hat selten an ^ ain man begnügen und so die edlen zu den Burgern kommen, so ziehen sie ire ! 57 Weiber zu inen in haimlich rede und so sie wein auffgetragen, so gehn sie aus dem Hause, weichend den edlen. Vil töchteren nehmen inen ohne wissen irer vetter Menner und die Wittiben unter dem Jar der klag und des laydtS vermehln sich anders nach iren willen. Wenich sind in der Stat, der Urahne in der Nachbarschafft erkennt hat, da ist selten ain alt geschlecht, es sind alles Fremde und neu Herkommen leute. Tie raichcn kauffleut, so die alt worden sind, nehmen meyde zu der Ehe, die bald darnach Wittiben werden verlassen; dieselbigen nehmen dann ire Hausknecht zu mannen; als wer gester arm gewesen, heut raich gefunden; und dawieder dieselbigen, so die ihre Weiber überlebt haben, neinmen sie aine ander und macht sich also je ains dem andern nach. Es ist selten ain Son, der seinem Vater erbe. Es ist ain gesetz unter innen das ain jeglicheFrau den halbtail ires abgestorbenen mannes den nachkomnienden halben gibt; alle Testament sind da frei, also dasi die manne iren Weibern und her- wieder die weiber iren mannen ihr Gut testiren oder vermachen. Der Erbschaft- Empfaher (Erbschleicher) sind gar vil, die alten leutten darum liebkosen, das si erben verschrieben werden. Sie sagen auch, daß vil Frauen gewesen, die ire > manne, so si inen überflüssig worden sind, mit vergifflung abweg richten. Es ! ist offen, daß vil Burger erschlagen sind von den Edlen, die ire weiber mit werten geschreckt, der liebhaber an Hof gewesen sind. Ueber das leben si on > alle geschriebene gesetz, sprechend, sie Hallen und gebrauchen der alt Sitten und gewohnheitten die si auch offt nach irem Sinn darthun oder auslegen. Da ist die gerechtigkeit käuffig; wer mag, sündet on pön, die armen und blossen strafft allain das gericht. Offene schwüre und aid tun si beguemlich halten, das da geschworen setz ist, wo das mag geläugnet werden, hat khain krafft. Leihen Parschaft und geld aus auff etwas zeit, also, was si des schadens empfahe», so daß ziel aus ist, thun si mit dem Aid, was summa des schadens si behalten l und bringen die schuldner dadurch zu große» kosten. Die Pfand, so man thut s versetzen, was die bringen, wirk nichts geacht. De» Wucher und den bann 1 fürchten sie nit, wie der dann das thut verkündigen. Die Diebstahl, so bei dem Dieb gefunden, kommen dem Richter. Ueber das thun sie auch die hailig zeit mit khainer Geistlichkeit eren. All hoch zeit verkaufst man fiaisch und dieFurleut feiren kain tag. In Oesterreich sind sunst vil fletce, doch khaine großes namens, viel landherren mächtig und Edel unter denen zum ersten den höchsten namen hat, die grafen von Schaumburg und Maidburg, mit Reichlhum aber sind über sie geacht die von Waldsee, Liechtenstaw, Buchheim und nit ainen klainen namen haben die Pottendorfer, Stahrembcrg, Ebersdorfe, Eckardsauer, Hochenberger, Volkenstorfer und ander mer. Aytzinger, wie ivol die bey den letzten sind, werde» si doch heut an macht und gewallt die andern übertreffen und bey den ersten gehalten. Allda sind viel Gotshäuser grosser und reicher, über das die bistum Salzburg, Passau, Regensburg, Freysiugen, die da auch viel großlandes und Schlosser in Oesterreich inhalten und besitzen und zierliche , Häuser, sind alle der Fürsten von Oesterreich Räte und thun die als ihre 58 obern vereren. Man wolle kriegen oder frölich Hof halten, so thun sie doch die Fürsten von Oesterreich wie künige in irem Fürstenrhum halten.^ Zweites Kapitel. Erbstreit in Oesterreich. — Wiens neues Wappen. Sobald König Mathias den ungarischen Thron bestiegen hatte, schickte er eine Gesandtschaft an Kaiser Friedrich, um die von diesem noch immer in Gewahrsam gehaltene ungarische Krone, und da sie der Kaiser nicht auslieferu wollte, kam es zum ersten Bruche mit dem Ungarkönig, und nur die inneren Zwistigkeiten einer-, die Türkennolh andrerseits verhinderten für diesimal den verheerenden Ausbruch der Zwietracht. Da nun jede Hoffnung verschwunden war, Ungarn und Böhmen dem Hause zu erhalten, so handelte es sich allein um die Besitznahme der österreichischen Stammländer, allein auch hier lief es nicht ohne Kampf und Blut ab. Weil, zufolge der Hausordnung Kaiser Rudolphs, das österreichische Erbe nie getheilt seyn sollte, sprach Kaiser Friedrich als Oberhaupt des Reiches, Lehenshcrr und ältester Erbfürst, sämmtliche Länder für sich allein an. Herzog Albrecht jedoch, von jeher eifersüchtig auf den Besitz seines Bruders, herrsch- und lustgierigen Gemüthes, machte ihm, im Verein mit dem Vetter Sigmund von Tirol, diese Erbfolge streitig. Deshalb ward zu Wien ein Landtag angeordnet, wobei die vier Stände Oesterreichs zusammentraten, um in Gegenwart der competirenden Fürsten den Erbstreit zu schlichten. Da jedoch die Städte und Stände keinem derselben vor ihrem Vergleich huldigen wollten, so zog Herzog Albrecht erbittert aus Wien, mit der Drohung, er werde mit Gewalt suchen, was er durch das Recht nicht erhalten könne. Indessen wurde die Sache noch gütlich beigelegt und ein neuer Landtag anberaumt. Auf diesem erschien Herzog Albrecht zwar pünktlich, doch kam er dieses Mal nicht allein, sondern brachte zur Unterstützung seiner Ansprüche 3000 Reiter mit sich, die in der Stadt und in den nahegelegenen Ortschaften ein- guartiert wurden, und durch die er, um den Wienern guten Willen zu zeigen, das Land von dem überhand genommenen Raubgesindel säubern liefi. Kaiser Friedrich kam bald darauf, ebenfalls in Begleitung von 2000 Mann zu Rof. und Fuß, in Wien an. Die Wiener aber, argwöhnisch gemacht durch die drohende Stellung der Fürsten, hatten die Burg mir starker Besatzung versehen, die Zugbrücken derselben aufgezogen und erklärten bestimmt, nicht eher einen der drei Fürsten hineinlaffen zu wollen, bis sie sich nicht über die Erbfolge verglichen haben würden. Bei so bewandten Umständen blieb den Fürsten nichts anders übrig, als Privatwohnungen zu beziehen. Kaiser Friedrich wohnte bei dem Bürger Peter Straßer, Herzog Albrecht im Praghaus, und Sigmund beim Bürgermeister Lorenz Hayden in der Gegend der Freiung. Der Kaiser fügte sich dieser Anordnung, die beiden Herzoge aber verdroß der Uebermuth 5S der Bürger, wie sie ihn nannten, und sie legten einen voreiligen Eid ab, nicht eher den Fuß in ihre Wohnungen zu setzen, bis sie in der Burg das Nachtmahl ^ gehalten. Die von ihnen ins Werk gesetzte Ueberrumpelung der Burg mißlang ! jedoch durch die Wachsamkeit der Bürger, und so mußten sie, um ihren Eid nicht zu brechen, von den Bürgern dieBewilligung erbitten, mit wenig Personen sich in die Burg verfügen und daselbst einen kleinen Imbiß zu sich nehmen zu dürfen, nach welchem sie sich wieder in ihre Wohnungen begaben. Am bestimmten Tage ward der Landtag im Augustinerkloster abgehalten, auf welchem ! beschlossen wurde, daß der Kaiser Unter-, Herzog Albrecht Oberösterreich, und Sigmund Tirol und einen Theil von Kärnthen behalten, die Stadt Wien ihnen aber gemeinschaftlich gehören, und Jeder seine Wohnung für sich in der Burg haben solle. Nicht lange aber dauerte dieser Zustand der Ruhe. Schon das folgende Jahr, I45S, verbanden sich mehre Edle, unter denen besonders der berüchtigte Eytzinger, mit Herzog Albrecht gegen den Kaiser. Ersterer erschien mit einem starken Heere unvermuthet vor Wien, ließ das Stadtthor einsprengen, und versicherte sich vor Allem seines Freundes Eytzinger, den er, Rückfalls und geheimen Einverständnisses mit dem Kaiser beschuldigend, in Ketten legen und gefangen nach Oberösterreich führen ließ. Friedrich blieb unterdessen unthätig in der Neustadt, da jedoch Eytzinger persönlicher Freund > des Böhmenkönigs war, so drang dieser mit einem mächtigen Heere zu dessen ! Befreiung in Oesterreich ein, verheerte Alles mit Feuer und Schwert bis Krems und Korneuburg, bis durch Vermittlung des Kaisers Eytzinger wieder losgelassen wurde, worauf das böhmische Heer sich znrückzog. Dasselbe Jahr nahm Kaiser Friedrich der Stadt Wien das ihr bisher eigenthümlich gewesene Münzrecht, und gab die städtische so wie die kaiserliche Münze in Pacht. Die Münzmeister sahen natürlich nur auf ihren eigenen Vortheil, wurden ungeheuer reich und verschlechterten allmälig das Geld so sehr, daß man die von ihnen ausgeprägten Münzen aus Spott und Ingrimm nur schlechtweg Schinder- linge hieß, und daß der Gulden in kurzer Zeit von I auf 12 Pfund Pfennige stieg. Die schlechte Münze und eine äußerst ungünstige Witterung erzeugten endlich 1460 eine ungeheure Theurung, so daß Kaiser Friedrich sich genöthigt sah, die fremden Münzmeister fortzujagen und der Stadt Wien ihr Münzrecht wieder zurückzugeben. Gleichsam als Vergütung der erlittenen Unbilden bestätigte er der Stadt auch ihre alten Freiheiten und Privilegien, und ertheilte ihr 1461 ein neues Wappen, nämlich statt des bisherigen einfachen Adlers einen doppelten goldenen Adler in schwarzem Felde. So auch gab er der Hofkanzlei die Weisung, daß sie sich hinfort in den Decreten an die Wiener der Formel bediene: »Ehrsame, Weise, besonders Liebe, Getreue." r. 61 > ! Drittes Kapitel. l Kaiser Friedrichs Noth. — Der erzwungene Vergleich. Trotz mehrer abgeschlossenen Verträge und Vergleiche hielt sich dennoch nicht lange das friedliche Verhältnis; zwischen den, ruhigschlaucn Kaiser Friedrich und dein raschen, herrschsüchtigen Albrecht. Die Verschwendung des ^ Letzteren überstieg so sehr alles Maß und Ziel, daß ihm die Einkünfte des ! Landes ob der Enns nicht mehr genügten. Sein Bestreben war deshalb auch ! auf jenes unter der Enns gerichtet, und er brachte daher mit unermüdeter Thätigkcit einen neuen Bund wider den Kaiser zusammen, dem sich auch Sigmund, ja selbst die Könige von Ungarn und Böhmen, und einige Reichsfürsten anschlofien. Die Wiener selbst, vielleicht noch eingedenk der ihnen zugefügten Unbill in Hinsicht des Münzwesens, waren auf Albrechts Seite und lagen ihm an, daß er sie und ihre Freiheiten in Schutz nehmen solle. Albrecht ließ in aller Eile Völker werben, zog der mißvergnügten Edlen Hilfe an sich, rückte vor! Tuln und sandte Boten nach Wien, Abgeordnete verlangend, welche seine Willensmeinung vernehmen sollten. Bereitwillig versicherten ihn die Wiener ihrer Hilfe, und Herzog Albrecht kam Anfangs August 1461 in Wien an, faßte auf der Landstraße Posto, besetzte das Nikolaerkloster und drang gegen das Stubenthor. Die kaiserliche Besatzung mit den noch treuen Bürgern machten jedoch einen Ausfall; auf der Brücke vor dem Stubenthor entspann sich ein heftiges Gefecht, das drei Stunden dauerte, und das Heer des Herzogs wurde in die Flucht geschlagen. Bald darauf trafen jedoch 4000 Ungarn, welche König Mathias dem Herzog zu Hilfe schickte, im Lager desselben ein, und andererseits schickte König Georg von Böhmen Abgeordnete > nach Wien, um einen Waffenstillstand zn vermitteln, der rom 6. September ! 1461 bis 24. Juni 1462 dauern, und demzufolge Herzog Albrecht alle von ! ihm in Unterösterreich besetzten Ocrter behalten sollte. Durch die Noth gezwnn- ! gen, ging der Kaiser denselben ein; da indessen mittlerweile einige österreichische j Standesherren sich von Albrecht zu dem Kaiser gewandt hatten, wurde schon Anfangs 1462 der Waffenstillstand gebrochen > nd der innere Krieg ging von Neuem an. Albrecht wurden wieder einige Städte abgenommen, und beide Theile wücheten mit unerhörter Grausamkeit. Der Gehorsam gegen den einen Theil wurde mit Feuer und Schwert von dem andern bestraft. Flecken und Dörfer wurden menschenleer; alles Vieh wurde weggetrieben, Kirchen und Häuser geplündert, ja selbst Kinder von drei bis vier Jahren geraubt undLöse- geld dafür gefordert. Den 26. Juli ward ein neuer Landtag zu Wien angesctzt, wozu auch der Kaiser Gesandte schickte. Der dabei anwesende Stadtrath war auf des Kaisers Seite, das Volk aber hielt es mir Albrecht, auf dessen An- stiften ein Haufe in den Sitzungssaal drang, Bürgermeister und Rath anklagte, daß sie nur ihrem Eigennutz fröhnten, nicht aber auf das allgemeine Beste ! dächten. Ohne irgend eine Gegenrede anzuhören, überwältigten die Aufrührer 6 , den Bürgermeister Christian Premier mit sieben Rathsherren, warfen sie ins j Gefängnisi und setzten eigenmächtig den damaligen Münzmeister, Wolfgang Holzer, einen ränkevollen, Albrecht ergebenen Mann, der ehemals Viehhändler ! gewesen, als Beschützer ihrer Gemeinde und ersten Viertelmeister ein. Die i Getreuen des Kaisers baten ihn nun, selbst nach Wien zu kommen und dem Unwesen wo möglich zu steuern. Friedrich zog also von Gratz aus mit seiner Gemahlin und seinem vierjährigen Prinzen Maximilian, unter Bedeckung von lOVV steirischen Reitern, nach Wien. Die Wiener aber, sich ihrer Uebermacht bewusit, schlosien ihre Thore, so daß der Kaiser in St. Marx übernachten mußte. Sie schickten jedoch Abgeordnete an ihn, und, nachdem man sich vollkommen von seinen friedlichen Absichten überzeugt hatte, wurden ihm den dritten Tag die Thore geöffnet. Seine erste Sorge war, die Ruhe wieder hcrzustellen, und zu diesem Zwecke eine Aussöhnung zwischen dem Rath und der Bürgerschaft zu bewirken. Allein tumultuarisch begehrte letztere vor Allem eine Aenderung des Rathcs. Der Kaiser bewilligte endlich eine neue Rarhswahl unter dem Vorsitz seiner Commiffarien, allein auch diese fiel nicht nach dem Geschmacke des Volkes aus, sie schrien, es sei dabei die alte Ordnung verletzt worden; der neue Bürgermeister, Sebastian Ziegelhäuser, dankte freiwillig ab und beredete den Kaiser selbst, eine neue Wahl einzuleiten. Diese fiel nun, wie es denn auch von vorn herein darauf abgesehen war, auf den bisherigen Viertelmcister, Wolfgang Holzer. Friedrich glaubte nun, da er seine Nachgiebigkeit bis zu diesem Grade getrieben hatte, das Volk ganz zufrieden gestellt und zu seinen Gunsten gewonnen zu haben. Er ließ daher seine steirischen Reiter abzichen, und bezog ruhig seine Wohnung in der Burg. Da er, nach damals sehr häufigem Beispiele, seine Söldner jedoch nicht bezahlt hatte, ver- ^ legten sich diese auf das Räuberhandwerk, nahmen im Lande umher, was sie nur habhaft werden konnten, verwüsteten Felder und Weingärten, nahmen das Zugvieh und die Herden, ließen den Wein ausrinnen, ja sengten und brannten, und verübten selbst mehre Mordthaten. Dieser Unfug gab den Wienern, die ohnedies! dein Kaiser nie besonders günstig gesinnt waren, will- ! kommenen Anlaß zu neuen Unruhen. Sie vertrieben Friedrichs Freunde aus kein Rath, legten Beschlag auf die kaiserlichen Gefälle, kündigten ihm den ^ Gehorsam auf und sandten endlich einen förmlichen Absagebrief in die Burg, ! in welcher sich nur 20V Ritter nebst mehren treugebliebencn Bürgern mit dem ! Kaiser befanden. Die Belagerung derselben wurde nun auf das Ernstlichste ^ betrieben, man führte ringsum Vcrschanzungen auf und feuerte aus grobe«! ! Geschütze vorzüglich auf die Wohnzimmer der Kaiserin und des Prinzen Maxi-- j milian, deren freien Abzug die Wiener angeboten, welcher aber von dein Kaiser nicht angenommen worden war. Da man sich bei der unvorgesehenen Belagerung nicht hinlänglich mit Lebensmitteln versehen hatte, so riß bald der bitterste > Mangel in der Burg ein, und selbst die kaiserliche Familie mußte sich durch I längere Zeit bloß mit gerösteter Gerste zum Mahle begnügen, bis durch die ! «2 gewagten Unternehmungen eines kaiserlichen Hofdieners, Namens Kronberger, der aus Mitleid gegen den über so karges Mahl sich beklagenden jungen Prinzen mitten durch die feindlichen Scharen Geflügel einzuschwärzen wußte, die kaiserliche Tafel wieder mit angemessenerem Mahle bestellt werden konnte *). Kaiser Friedrich forderte inzwischen das deutsche Reich, den König von Böhmen und die Steiermärker und Kärnthner zu seinem Beistand auf. Als schon die Noth am dringendsten wurde, erschien König Georg von Böhmen mit einem großen Heere zum Entsatz. Herzog Albrecht, die geheime Triebfeder aller dieser Unruhen, erschien im Lager des Böhmenkönigs, um eine Unterhandlung anzuknüpfen, und endlich kam ein Vertrag zu Stande, den Albrecht selbst von der Kanzel bei St. Stephan dem Volke verkündigte und wodurch Letzterem ganz Unterösterreich auf acht Jahre zugesprochen wurde, wofür er jedoch dem Kaiser jährlich 4000 Goldgulden zahlen und die eroberten Schlösser zurückstellen mußte. Viertes Kapitel. Die Umtriebe und das blutige Ende des Bürgermeisters Holzer. Beim Auszuge des Kaisers aus der Burg betrug sich das Volk ziemlich roh und unartig, wahrscheinlich auf Holzers Anstiftung, der mit dem geschlossenen Frieden keineswegs zufrieden war und meinte, man hatte das Ziel weiter verfolgen sollen, da man ihm schon so nahe gewesen war. Auch ließ er nach dem Abzüge des Kaisers alle Häuser derjenigen plündern, die dem Hofe gefolgt waren. Albrecht ließ sich am Stephanstage 1462 in Wien huldigen, zeigte jedoch gleich Anfangs keinen Willen, den Vertrag von Korneuburg zu halten. Er gab die Schlösser nicht zurück und zahlte das bedungene Jahrgeld nicht. Nun hielt sich auch der Kaiser nicht gebunden und die Kriegesflamme brach von Neuem aus. Friedrich schickte den ritterlichen Andreas Baumkircher mit einem Heere nach Oesterreich, der Korneuburg eroberte und von da durch häufige Ausfälle den benachbarten Orten, die es mit Albrecht hielten, großen Schaden zufügte. Albrecht rüstete sich ebenfalls seinerseits, und da bei seinem Hange zur Verschwendung und schlechten Finanzverwaltung immer Ebbe in seinem Schatze war, griff er zu den drückendsten und empörendsten Maßregeln, um die Rüstungskosten zu decken. Er legte den Bürgern zu Wien, die ihm doch so eifrig und bis zur Unbill gegen Friedrich gedient hatten, unerschwingliche Steuern auf, und als ihm deshalb von dem Rathe Gegenvorstellungen gemacht wurden, ließ er einigen Bürgern, die ihm als kaiserlich gesinnt verdächtig waren, mit Gewalt in die Häuser fallen und sie ihrer Habe berauben. Wieder andere beschuldigte er nach Gutdünken des Meineids gegen ihn, ließ *) Diese Treue blieb auch nicht uiibclohnt. Kronberger-Sohn, ein Student, wurde in der Folge geadelt und erhielt mehre geistliche Probenden. «3 !-- ^ -- 1 ^ i s sie ins Gefängniß werfen oder wohl gar die Finger abhauen und aus dem ! Lande jagen, worauf er sich ihrer Barschaft bemächtigte. Stets waren es ! ^ aber natürlicher Weise nur Reiche, die sich solcher Vergehen schuldig gemacht ! haben sollten. Mittlerweile hatte sich Kaiser Friedrich ob des ungerechten Ver- > ^ fahrens seines Bruders bei dem eben versammelten Reichstage zu Regensburg s beklagt und die Acht über Albrecht und die Wiener ausgesprochen; ja auf sein ^ Ansuchen belegte Friedrichs alter Freund, Papst Pius II. (Aeneas Sylvius), ^ Albrecht und Alle, die an der Belagerung Theil gehabt hatten, mit dem > Bannfluch. Nachgerade wurde der unerhörte Druck auch der Mehrzahl der I Wiener unerträglich, und selbst der treueste Diener Albrechts, der Bürger- ! Meister Holzer, suchte die Stadt dem Kaiser wieder in die Hände zu spielen, ! bei dessen versöhnlichem Gemüth, besonders wo es der Drang der Umstände ^ forderte, leicht Verzeihung für das Vorhergegangene hoffend. Er berief daher ^ die Rathsherren heimlich zu sich, klagt« über des Herzogs bisherige Bedrückungen, drückte seine Besorgnis; über noch schwerere aus, und zeigte ihnen als > einziges Rettungsmittel, daß man 400 kaiserliche Reiter, die sich unter dem Hauptmann Augustin Tristam unferne von der Stadt befanden, heimlich in dieselbe einlassen sollte, wobei gewiß vorauszusehen sei, daß bei Friedrichs Namen das bedrückte Volk gemeinschaftliche Sache machen und Wien den Bedrückungen Albrechts entziehen werde. Die Räthe waren mit diesem Vorschläge wohl zufrieden; obschon indes? dieser Plan sehr geheim gehalten wurde und sich kein Verräther fand, so scheiterte er doch an der Unvorsichtigkeit Holzers, indem er im Augenblicke der Ausführung das Volk in Unwissenheit über den eigentlichen Zweck des ganze» Vorganges ließ. Als am Charsamstage Morgens der Reiterhaufe in die Stadt zog, Holzer mit dem bloßen Schwerte vor ihnen her, und sich das Volk bei dem unerwarteten Ereigniß, das sie für neue Gefährdung ihrer Sicherheit hielten, anfangs nur staunend und unthätig zeigte, ließ Albrecht, schnell von diesem Eindringen in Kenntnis; gesetzt, auf > Anrathen Rcimbots von Ebcrsdorf sogleich bei St. Michael Sturm läuten ! und in allen Gassen ausrufen, der Fürst und die Stadt seien durch das fremde l Kriegsvolk in Gefahr. Zugleich schickte Albrecht seine Räche zu dem Bürger- ! meister, mit der Anfrage, was diese Bewegung zu bedeuten habe. Auf Holzers ! ausweichende Antwort, daß er das Volk nur zur Beschirmung der Stadt hereingebracht habe und nichts gegen den Fürsten selbst unternehmen wolle, ließ ihn der Herzog bedeuten, er solle die Reiter augenblicklich wieder aus der Stadt führen und sich zur Verantwortung in die Burg begeben. Während Holzer an der Spitze der Reiter vom Hofauf den Hohenmarkt zog, ohne daß sich irgend eine Bewegung zu seinen Gunsten geäußert hätte, ließ der Herzog bei dem Stubenthor eine Fahne ausstecken und Alle dahin berufen, denen der Fürst und das gemeine Wohl lieb sei. Alsobald versammelte sich daselbst ein großer Haufe Volks, fiel die Reiter mit gähem Ungestüme an, und lärmte, angefeuert durch gegebenen Impuls, wie bei dem Pöbel gewöhnlich, laut über «r I ! ! Verrätherei und Betrug. Anfänglich leisteten die Reiter gute Gegenwehr, da ! sie jedoch bald, von der Menge umgeben, in Gefahr standen, übermannt zu ! werden, und da man bereits aus den Fenstern und von den Dächern mit l Steinen auf sie warf, zogen sie sich in geschloffener Reihe über den lichten > Steg und alten Fleischmarkt gegen das Stubenthor zurück. Zu ihrem Schrecken ! fanden sie dasselbe aber geschlossen, musiten sich nach dreistündigem Gefechte ergeben und wurden sämmtlich in den Burggraben und den Kärnthnerthurm in die Gefängnisse geführt. Holzer mit einigen Rathsherren waren im Getümmel zu andern Thoren hinausgesprengt. Der Herzog belobte die Bürger ihres guten Eifers willen und erlaubte ihnen, des Bürgermeisters reich angefülltes Haus zu plündern, was denn auch sogleich vom Boden bis zum Keller geschah. Die Reiter wurden bald darauf wieder freigelassen, ihr Hauptmann aber im Ge- fängniß zurückbehalten. Im unbegreiflich blinden Vertrauen auf seine Macht über das Volk, kam Holzer zur Nachtzeit wieder an das Stadtthor, Einlass ' begehrend, der ihm aber verweigert wurde. Darauf ließ er sich über die Donau setzen und begab sich auf das Schloss Weideneck, das er vom Herzog Albrecht zum Geschenke bekommen hatte. Von Unruhe gepeitscht, verkleidete er sich aber den folgenden Tag in die Tracht eines Hauers (Weinbauer), und ging mit drei Knechten nach Nufidorf, um die Lage der Dinge in Wien zu erfahren. Hier ward er aber von einem Fleischer erkannt, von den Bauern gefangen genommen und dem Herzog nach Wien ausgeliefert. Gefesselt vor Albrecht gebracht, sagte er trotzig, er könne keiner Uebelthat bezüchtigt werden, wovon der Herzog nicht Urheber und Mitwisser gewesen sei. Selbst auf der Folter- bekannte er nichts, als was man ohnedies wusste, und gab keinen seiner Gehilfen an. Doch wurden noch mehre Rathsherren und Bürger, die an der Verschwörung Theil genommen hatten, eingefangen und ihnen der Prozess gemacht. Den 24 . April 1463 wurden der Reirerhauptmann Tristans, der vorige Bürgermeister Sebastian Ziegelhäuser, die Rathsherren Reichwolff, Purkhauser, Odenacker und Hollabrunner enthauptet, Holzer aber geviertheilt, und die Vicrtheile an den Stadtthoren aufgehangen. Die klebrigen wurden gegen Erlegung eines Strafgeldes von 24,000 Gulden begnadigt. Fünftes Kapitel. Gestörter Landfriede. — Tod des Herzogs Albrecht. Zur selben Zeit, als sich in Wien dieser Aufstand und die blutige Ahndung desselben zutrug, herrschte auch im Lande selbst durch den unseligen Bruderzwist die grösste Aufregung. Die Kaiserlichen streiften unablässig um Wien, ! nahmen Alles weg, was der Stadt zugeführt wurde, und machten viele Wiener, ! die sich heraus wagten, gefangen, schweres Lösegeld von ihnen erpressend. Die ! Wiener zogen hierauf gegen Neustadt, wo sich Kaiser Friedrich befand, lockten 65 die Kaiserlichen in einen Hinterhalt und schlugen sie. Der unglückseligen Fehde war kein Ende vorauszusehen, obschon sich Papst Pius kl. und die Kaiserin Eleonore alle Mühe zur Vermittlung gaben. Indessen ging der Landtag zu Tuln, bei welchem der päpstliche Legat alle Beredsamkeit anwandte, umFriede und Eintracht wieder herzustellen, durch Friedrichs Zaudern fruchtlos vorüber, der um so mehr die Hoffnung auf glücklichen Erfolg im Kampfe nicht aufgab, als er durch Auslieferung der ungarischen Krone sich König Mathias zum Freunde gemacht zu haben hoffte. Herzog Albrecht dachte ohnehin nie aufrichtigen Sinnes an eine friedliche Ausgleichung, und sein immerwährender, von bösen Räthen noch mehr angeschürter Groll äußerte sich endlich in einer Art von unbegränzter und zweckloserWuth, so daß er manchmal, seines Verstandes kaum mehr mächtig, in wilder, Unsinnigkeit, die sich an dem nächst besten Gegenstände Luft zu machen suchte, seine treuesten Diener von sich jagte. Er hielt sich, nach echter Tyrannenweise, vor Niemand sicher, weshalb auch Niemand vor ihm sicher war. Der päpstliche Legat kam selbst nach Wien, um in Beiseyn des Rathcs und der vornehmsten Bürger Albrecht zu einem Vergleich mit dem Kaiser zu bewegen. Er mußte jedoch gänzlich unverrichteter Sache wieder abreisen, und der Herzog rüstete sich eben auf's Neue wieder zum Krieg, dessen Folgen unübersehbar für das ausgesaugte Land zu werden drohten, als er den 2. December 1463 nach furchtbarem Todeskampfe plötzlich starb. Nach seinem Tode lief sein Leichnam hoch auf und abscheulicher Unrath quoll ihm zur Nase und Mund heraus, woraus man allgemein die Vermuthung einer Vergiftung hegte, und zwar um so mehr, als sein Arzt Hans Kirchheimer und dessen Schwager, der Apotheker, beide Holzers Schwäger waren. Doch sagt eine alte, ihn e n ergebene Chronik, den Verdacht der Vergiftung hindanwei- send, wahrer und treuherziger Weise: »ich fürcht leider, daß Gott derAllmechtig über den großmuettigen Fürsten ain solchen schnellen Tod verhengt Hab, darumb, daß er an den Burgern das unschuldig bluett mehr durch des zeitklichen guettes dann von Verschuldung wegen liß vergiesse», das täglich von dem Erdtreich zu Gott umb rach über ime geschryen hat." Herzog Albrecht war mit Mechtild, Pfalzgrasin und Witwe des Grafen Ludwig von Würtemberg, vermählt gewesen, starb aber kinderlos, weshalb nun Friedrich Alleinherr in Oesterreich blieb, da sich Sigmund von Tirol mit Geld abfertigen ließ. Von Albrecht erzählt man eine berühmt gewordene, charakteristische Anekdote, die ich den Lesern per psrentliesin nicht glaube vorenthalten zu dürfen : Als ihm nämlich einst Kaiser Friedrich mit 2000 Reitern auf dem Wege nach Wien begegnete, Albrecht aber 3000 bei sich hatte, soll sein Oberster zu ihm gesprochen haben: »Gnädiger Herr, wenn es Euch gefällt, will ich Euch heute leicht zu einem Herrn der Stadt Wien, ja von ganz Oesterreich machen, denn was sollte uns hindern, daß wir den Kaiser und alle die Seinigen gefangen nehmen, und dadurch allen Streit wegen der Erbtheilung aufheben." Worauf der Herzog sophistisch geantwortet haben soll: »Wenn du es ohne mein Wissen getha» s 6 « hättest, so hätte ich dir wohl verzeihen können, nun aber steht mir nicht zu, dir einen solchen Frevel anzubefehlen." Sechstes Kapitel. Parteizwist. — Wiens neues Banner. Mit Herzog Albrechts Tode konnten sich die seit so langer Zeit parteigespaltenen Gemülher nicht mit Eins wieder an Ruhe und Ordnung gewöhnen. Durch die Auflösung der in dem langen Parleikampfe aus allen Enden zusam- mcngerafften Söldner bildeten sich zahlreiche Haufen herrenlosen Raubgesindels, die um Wien und im Lande herumstrichen, Wege und Straßen unsicher machten und vom Fanstrechte lebten. Die Mehrzahl der Wiener Burger fühlte, wie in so allgemeiner Bedrängnis; festes Zusammenhalten Noth rhue, und es bildete sich zum ersten Male in Wien eine bewaffnete Bürgercorporation unter vier Hauptleuten nach den Vierteln der Stadt, die für deren Sicherheit wachen und auf den ersten Ruf bereit seyn mußte. Die Söldner ihrerseits bildeten nun ebenfalls einen Verein unter eigenen Hauptleuten und nannten sich die »Brüder", die kaiserlich Gesinnten aber wurden von ihnen anfangs schimpfweise »die Heuchler" genannt. Im Verlaufe der Zeit wurden jedoch diese Benennungen stabile Losungsworte und die Bürger nannten ihre Partei selbst ohne Aerger und Anstoß Heuchler. Die Unsicherheit im Laude »ahm indessen dergestalt zu, daß die Boten des Kaisers, der sich noch immer ziemlich uuthatig in Neustadt aufhielt, und der Wiener zwischen Wien und Neustadt nicht ohne starke Bedeckung und großen Zeitverlust hin und wieder kamen, da an jedem Wasser und Hohlwege, bei jedem Graben und Gebüsch Freibeuter lauerten. Friedrichs Aufforderung zum Einlaß und Huldigung in Wien fand Anfangs vielen Widerspruch von dem noch heftig tobenden Parteigeiste der Wiener, die wohl auch nach unbedingter Unterwerfung des Kaisers Rache für die ihm so oft zugefügten Kränkungen fürchten mochten. Doch endlich drang der weise Zuspruch des Rathes durch, wozu auch die dringende Noth und unsichere Lage der Stadt beitrug, so wie die milden und versöhnlichen Gesinnungen des Kaisers, die den Wienern durch Briefe bekannt wurden. Es wurde demnach unverzüglich eine Gesandtschaft von 70 Bürgern, den Bürgermeister Friedrich Ebner an der Spitze, zur Unterwerfung und Abbitte nach Neustadt gesandt. Die Neustädter Bürger empfingen dieselbe zwar mit den schmählichsten Vorwürfen und Schimpfredeu, der Kaiser verbot jedoch jede Kränkung der Abgesandten bei schwerer Strafe. Als die Deputaten beim Kaiser zur Audienz kamen, fielen sie auf die Knie, flehten um Verzeihung des Vorgefallencn und um Gewährung einiger Bitten, die sie schriftlich übergaben, besonders aber um Lossprechung von der Reichsacht und von dem Kirchenbann. Der Kaiser nahm sie gütig auf, und ercheilte ihnen den Bescheid, er wolle die Güte der Rache vorziehen. «7 Wenn sie ihm und seinen Erben sich mit dem Eide der Treue verpflichten würden, solle ihnen Alles verziehen, und, wenn sie ihre Pflichten erfüllten, Alles vergessen seyn. Nach Angelobung der Treue kehrten die Abgeordneten den 3. Februar 1464 nach Wien zurück, fünf kaiserliche Räthe und zwei päpstliche Legaten begleiteten sie. Den 6. Februar erscholl Morgens die grosse Glocke vom Stephansthurme, die kaiserlichen Rathe empfingen im Propsthofe die Huldigung und den Eid der Treue, und versprachen an Kaisers Statt die Bestätigung der Freiheiten. Die Reichsacht wurde aufgehoben und die päpstlichen Legaten verkündigten feierlich die Lösung des Bannes. Von allen Thürmen ertönten die Glocken, auf den Plätzen brannten Freudenfeuer und die Heiligthümer wurden in feierlicher Prozession herumgetragen. Obschon nunmehr das wichtigste Hiudernifi der Ruhe und des Friedens beseitigt war, so brauchte es doch noch längere Zeit, bis sich die schwankenden Wogen der Zwietracht beschwichtigen ließen. Selbst im Innern der Stadt gab es noch Spaltungen. Jene Bürger, die mit dem Kaiser die Belagerung der Burg ausgehalten, und, so lauge Albrecht lebte, landflüchtig seyn mußten; jene, die dem Kaiser ergeben geschienen und deshalb beraubt und vertrieben worden waren, verlangten die Wiedereinsetzung in ihre alren Rechte; die mit ihren Gütern Betheilten verweigerten die Herausgabe; die Gährung wuchs und der Unfriede drohte von Neuem überhand zu nehmen. Doch traf der Rath hier mit Energie die geeignetsten Maßregeln, ließ die Anführer des Tumultes gefänglich einziehen, setzte die Vertriebenen in ihre Güter wieder ein, und schickte eine neue Deputation an den Kaiser, ihn der standhaften Treue zu versichern, worauf Friedrich den Wienern ein neues Banner mit dem zweiköpfigen Adler verlieh. Mittlerweile hatten sich von Oberlaa am Wienerberge feindliche Anfälle gegen Wienergeben. Der Besitzer des Schlosses, Thanhauser, ein um des Kaisers willen vertriebener Bürger, fiel ohne Absage in die Weingärten, raubte die Kaufmannsgüter auf den Straßen und zerstörte der Wiener Felder und Aecker. Die Wiener zogen nun scharenweise vor Oberlaa, belagerten und beschossen das Schloß und legten es an mehren Stellen in Schutt. Thanhauser entwich, die Belagerten aber mußten sich, da das erbitterte Volk bereits stürmend in den Zwinger drang, auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie wurden gefangen nach Wien geführt, 17 als Räuber am hohen Markte enthauptet, die übrigen aber in das Gefängnifi geworfen, aus welchem sie erst später, auf kaiserlichen - Befehl, wieder erledigt wurden. Nun erst schienen sich für Wien ruhigere Tage ! zeigen zu wollen, die jedoch bald wieder durch Stürme von Außen her unter- ! krochen wurden. «8 Siebentes Kapitel. Ungarisch-böhmischer Krieg. — Das Raubgesindel in Oesterreich. — Andreas Baumkircher. Noch im Jahre 1464, welches so vielen Unruhen nnd Drangsalen ein Ziel setzte, hatte ein schaudervolles Eleinentarereignisi Statt. Durch häufigen Platzregen schwoll die Donau so hoch an, daß die Lobau und andere Inseln und Auen ganz unter Wasser standen und kaum die höchsten Baume aus der Flut hervorragten. Die niederen Gegenden um Wien, so z. B. der obere und untere Werd (Roßau und Leopoldstadt), waren ganz überschwemmt. 1468 brannte die ganze Weihburggasse ab, nur das Kloster der büßenden Schwestern blieb unversehrt. Dasselbe Jahr reiste Kaiser Friedrich nach Rom ab, wohin er sich in den Drangsalen seiner Belagerung in der Burg verlebt hatte. Die Kaiserin Elconera aber war schon ein Jahr vorher gestorben. 1473 kam eine ungeheure Menge Heuschrecken ans den südöstliche» Gegenden »ach Oesterreich und zerstörte bis Linz hinauf alle Saaten. 1474 erhob sich den 2S. Juni plötzlich ein so heftiger Sturm, daß dieKirche zu St. Ulrich zusammen-- stürzte, und den Pfarrer und Kaplan am Altäre und dreißig Personen unter ihren Trümmern begrub. Wahrend dieser Zeit ging der Bau des zweiten großen Thurmes bei St. Stephan, jedoch sehr langsam, vorwärts, indem er größtentheils nur von den wenigen frommen Vermächtnissen nnd wöchentlichen vier Pfund Pfennige», die der Laudesfürft dazu gab, bestritten werden mußte, auch der Arbeitslohn so bedeutend stieg, daß man kaum zehn bis zwölf Personen dabei beschäftigen konnte. Mittlerweile hatten sich von Außen her neuerdings trübe Wolken über den politischen Horizont Oesterreichs zusammengezogen. Kaiser Friedrich konnte nie seine Ansprüche auf Ungarn und Böhmen vergessen, und spielte deshalb zu verschiedenen Zeiten mit den Beherrschern dieser Reiche ein ziemlich zweideutiges Spiel. Zwar hatte er schon 1463 mit König Mathias einen Vergleich geschlossen, weil er außer Stande war, seine Ansprüche auf die ungarische Krone mit Gewalt durchzusetzen und seine Partei unter den ungarischen Großen nur klein war. Friedrich hatte sich in diesem des Königreiches begeben, doch mit Beibehaltung des königlichen Titels und des Rechtes der Nachfolge für sich und seine Erben, wenn das Geschlecht des Mathias erlöschen sollte. Doch begannen bald neue Zwiste und Fehden zwischen diesen beiden benachbarten Regenten, die sich an politischen Ansichten und individuellen Richtungen so ungleich waren. Papst Pius II. widerrief das von seinem Vorgänger, Eugen IV., den Böhmen eingeräumte Recht des Kelchgenusses, sprach den Bannfluch über König Georg nnd lud ihn nach Rom vor. Papst Paul II. ging noch viel weiter, er entsetzte Georg feierlich der Königs- würde und regte dessen eigene Unterthanen gegen ihn auf. Ja, dieser Papst schickte das gegen die Türken aufgebolene Kreuzheer nach Böhmen, wo es aber, schon im Beginne seiner mit unmenschlichen Verwüstungen begleiteten Unternehmungen, eine schimpfliche Niederlage erhielt und sich eiligst zurückziehen 69 s-'" ! mußte. Alle deutsche» Fürsten eiferten gegen dieses Verfahren wider den König, nur Friedrich verblendete die Hoffnung, auf diese Weise auf den böhmischen Thron zu gelangen, so sehr, daß er alle Schritte des Papstes billigte. König Georg, der den Kaiser aus seiner Gefangenschaft zu Wien befreit halte, ward darüber so erbittert, daß er seinen Sohn Victorin 1468 mit einem böhmischen Heere nach Oesterreich sandte und bis Krems und Korneuburg Vordringen ließ. Friedrich wandte sich nun in der Noth schnell an Mathias, versprach diesem die unbestrittene Nachfolge in Böhmen und rief ihn zum Schutze auf. Mathias, der sein Augenmerk schon lange auf Böhmens Krone gerichtet hatte, vergaß der nahen Verwandtschaft und des freundschaftlichen Benehmens des Königs von Böhmen, erschien mit einem Heere in Oesterreich, drängte seinen Schwager Victorin zurück, verfolgte ihn nach Mähren, ließ sich zu Brünn zum König von Böhmen krönen und empfing daselbst auch die Huldigung der katholischen Schlesier, welche Georg von jeher abhold gewesen. Den 22. März 1471 aber starb König Georg, und die Böhmen wählten mitUeber- gehung seiner beiden Söhne, Victorin und Heinrich schickten Boten über Boten an den Kaiser nach Linz und flehten um Hilfe, i welcher sie jedoch immer nur vertröstete, daß er erst aus Deutschland Hilfs- j Volker erwarten müsse, ehe er zu ihrer Rettung herbei eilen könnte. Sein ritterlicher Sohn Marimilian befand sich damals eben, seiner Heirath mit der burgundischen Maria wegen, in den Niederlanden. Die Ungarn machten indeß immer weitere Fortschritte. Im Octobcr 1177 fiel auch Tuln und bald darauf Korneuburg in ihreHände. Daselbst schlug der König ein festes Lager auf und schickte ein starkes Corps bis vor Krems und Stein, welches die ganze Gegend mit Feuer und Schwert verheerte. Ob solcher großen Noth zeigte sich endlich der Kaiser zu Friedensunterhandlungen geneigt und schickte zu diesem Zwecke Gesandte in's ungarische Lager. Stephan Bathory und Paul Kinisy aber, die obersten Führer der Truppen, gaben ihnen zur Antwort, sie seien des Krieges wegen da und nicht um Frieden zu unterhandeln, der sei beim König in Korneuburg zu suchen. Durch Vermittlung des päpstlichen Legaten kam jedoch endlich ein Friedensvertrag zu Stande, worin Oesterreichs Räumung mit schwerem Gelde, 100,000 Goldgulden, und der Bedingung erkauft wurde, daß, würden die Zahlungstermine nicht gehalten, sich Mathias auf jede Weise von Wien und von den Ständen bezahlt machen könne. Mathias erhielt zugleich die Lehen als König und Kurfürst von Böhmen. 1180 wurde die, schon 1168 vom Papst Paul 11 . bewilligte Errichtung des Bisthums von Wien zur Ausführung gebracht, nachdem ein Jahr zuvor der vom Papst Sixtus bereits ernannte erste Bischof in Wien, Leo von Spauer, verstorben war. Die Verkündigung der päpstlichen Bullen geschah den 17 . September 1180 mit großer Feierlichkeit. Alexander, Bischof von Forli, der päpstliche Nuntius, nahm, von 16 Diaconen und der gesammten Clerisci umgeben, seinen Sitz vor dem Hochaltars zu St. Stephan, und ließ, in Gegen-- wart der kaiserlichen Räthc, von seinem Secretäre die Bulle» zum Lobe Gottes 72 und zu Ehre» des Kaisers öffentlich ablesen. Dann wurde Thomas Prekokar von Cilly als Dompropst eingesetzt und der Nuntius hielt, unter Vortragung der päpstlichen Bullen und in Begleitung des Erzbischofes von Gran, einstweiligen Verwalters des neuen Bisthumes Wien, des hohen Adels, der Universität und der Ordensgeistlichen, einen prachtvollen Umgang durch die Stadt. Nach der Zurückkunft in die Kirche wurden beide Bullen durch die Notarien unter dem neuen unausgebauten Thurme angeheftet und ein Hochamt, das der Nuntius zu Ehren des heiligen Geistes absang, beschloß das Fest. An demselben Tage verließ das passauische Consistorium Wien, und an seiner Stelle ward ein neues geistliches Gericht errichtet. Auch wurde die Zahl der Pfarren, die künftig zu dieserDiöcese gehören sollten, festgesetzt. Das Bisthum aber wurde bis 1482 von Johann, Erzbischof zu Gran, provisorisch verwaltet, wo dann Bernhard von Rohr das Erzbisthum von Salzburg freiwillig an denselben abtrat und dafür das Wiener Bisthum übernahm, in welchem er auch von Papst Jnnocenz VI. bestätigt wurde. Es ließ sich von mehr als einem Artikel des von Friedrich nur im Drange der höchsten Noch eingegangenen Friedens voraussehen, daß seine Haltung nicht lange dauern würde. Die Geldnoth, in welcher sich der Kaiser befand, und welche die ungestümen Forderungen seiner habsüchtigen Söldner noch vermehrten, der Trotz der Anhänger des Ungarkönigs, denen er die eingezogenen Güter wieder zurückgeben mußte, die allgemeine große Erschöpfung des Landes, machten es Mathias leicht, bei dem geringsten Anlaß die Fackel des Krieges über Oesterreich zu schwingen, und dieser fand sich denn auch gar bald, besonders da er auf'S Eifrigste gesucht ward. Den bereits genannten Erzbischof von Salzburg, Friedrich Bernhard von Rohr, hatte der Kaiser, zu Gunsten Johann Peckenschlagers, des gewesenen Erzbischofs von Gran, der sich, gefährlicher Anschläge gegen Mathias verdächtig, mit allen seinen Schätzen nach Wien geflüchtet, zur Abdankung überredet. Bald darauf reuete jedoch Bernhard dieser Entschluß, und der Kaiser ergrimmte darüber in solchem Grade, daß er Bernhard mit Waffengewalt zurAbdankung zwingen wollte und feindlich in Salzburg einsiel. Da rief der Erzbischof den König von Ungarn um Hilfe an, welcher eben mit einem Heere an der Save stand, die Türken zu beobachten, die unlängst einen räuberischen Streifzug bis in die Steiermark gewagt hatten. Mathias war diese Gelegenheit höchst willkommen, er drang mit seinem Heere in Untersteiermark und Kärnthen ein und verlangte die Wiedereinsetzung Bernhards. Friedrich wollte jedoch durchaus in diesem Punkte nicht nachgeben und nun erfolgte alsogleich die Kriegserklärung. Nur der Umstand, daß Mathias seinem Schwiegervater, König Ferdinand von Sicilien, bei der Nachricht von einer zu fürchtenden Landung der Türken in Italien einen bedeutenden Heerhaufen zu Hilfe schickte, brachte noch eine kurze Waffenruhe zu Stande; als jedoch diese Gefahr mit Ende Juni 1481 verschwunden war, wendete, sich Mathias mit ganzer Macht gegen Oesterreich. -3 Neuntes Kapitel. Wien in den Händen Mathias Corvinus, dessen Tod. ! Der Kaiser verliest mit mehren Edlen Wien schon den 27. April, und floh, wie die Gefahr näher rückte, nach Linz, Gratz und endlich nach Innsbruck, um nie wieder nach Wien zurückzukehren. In wenig Wochen schwärmten die ungarischen Reiterhaufen in Oesterreich nach allen Richtungen im Lande umher, der Stadt Wien wurde zu Wasser und zu Lande die Zufuhr abgeschnitten. Bruck an der Leitha, Korneuburg, Klosterneuburg, Perchtoldsdorf, Baden und ^ das Kahlenberger Schlost fielen bald in die Hände der Ungarn, die Sverre ! der Stadt ward immer enger, der Mangel immer größer. Das Brot kostete ^ statt S Pfennige 20, das Pfund Rindfleisch statt 2, 10, ein Huhn 40, ein Ei 3 Pfennige. Kalb- und Lammfleisch war gar nicht mehr zu haben. Wer nur fliehen konnte, entfloh. Die Straßen nach Böhmen und Mähren waren ganz i mit Flüchtigen bedeckt, die auch wohl zum Theile in die Hände der Ungarn ! fielen, deren Scharen Wien immer dichter umschlosten. Hoffnung reichen Gewinnes hatte viele Landleute vermocht, zu Wasser und zu Lande Versuche zu machen, Lebensmittel in die Stadt zu bringen ; die meisten derselben endeten sich indessen mit einem Blutbade durch die aufmerksamen Belagerer. Nachdem sich die Ungarn der ganzen Umgebung von Wien versichert und Wien durch lange Zeit bloß geängstigt und abgesperrt hatte», warfen sie den 4. December 1484 bei der mittleren Donaubrücke im untern Werd, und bald darauf auch beim neuen Donaucanale Schanzen auf, den 6. Jänner 1485 aber begann die engere Einschließung. Der König selbst hatte sein Lager von dem Schotten- thore bis gegen den Döblingerbach ausgedehnt. Sein Oberfeldherr, Stephan Zapolya, wohnte im Schlosse zu St. Veit, und das Heer breitete sich bis zur Spinnerin am Kreuz aus. Im März langte ein neues Heer an, erstürmte den Tabor, und breitete sich längs der Donau aus. Die Brücken waren abgerissen, der Strom auf das Sorgfältigste bewacht, folglich die Noth bei mehr als dreijähriger Sperre außerordentlich groß in der Stadt. In den Fleischbänken sah man fast nur mehr Pferdefleisch; die ärmeren Klassen schlachtete» Hunde, Katzen und Mäuse, ja sättigten sich an noch ekelhafterer Kost; Alles schrie nach Unterhandlung und Uebergabe. In der Stadt selbst waren indessen die Feinde des Kaisers geschäftig, ja Mathias selbst soll sich, nach dem einstimmigen Ausspruche gleichzeitiger Ehro- nisten, kühn gemacht durch seinen zahlreichen Anhang, unter dem Schutz eines kurzen Waffenstillstandes, als Wagner verkleidet in die Stadt gewagt und in der Schenke zu den drei Raben im Rothgäßchen mit den Häuptern seiner Partei sich besprochen haben *). *) Das im zweiten Stocke des Eckhauses der Tuchlauben in die Landskrongaffe, beim sogenannten WinterbierhauS, befindliche Standbild soll ren König, derSage nach, in der Verkleidung, wie er sich in die Stadt geschlichen, vorstellen. 74 Bald wahrte auch dem König die Zeit der Belagerung zu lange, er schritt jetzt zu offener Gewalt, erstürmte den Wall an der Landstraße, zerstörte de» Verhau, nahm das feste Kloster der Nikolaerinnen und drang bis zur steinenen Brücke am Stubenthor. Den l3. April Nachts wurden die eroberten Vorstädte und unzählige Landhäuser den Flammen Preis gegeben; zugleich erstürmten die Ungarn den Werd und machten gegen die Stadtmauer selbst wüthende, obwohl vergebliche Angriffe. Die feindlichen Kugeln flogen bereits zahlreich in die Stadt, die beinahe i täglichen Ausfälle wurden immer wüthender empfangen und zurückgeworfen; Mangel und besonders innere Zwietracht (nach Mathias Ausspruch seine treue- > sten Bundesgenossen) hatten in furchtbarem Grade überhand genommen, und immer lauter ward der Ruf des auf's Aeufierste gebrachten Volkes »ach Unterhandlung und Uebergabe. Endlich den 14. Maiwurde, trotz des Widerstrebens der kaiserlichen Hauptleute, eine aus den Abgeordneten der hohen Schulen bestehende Deputation, welche den Propst von St. Dorothea und den Prior der weißen Brüder am Hof an der Spitze hatte, hinaus zum König gesandt, um wegen der Uebergabe der Stadt zu unterhandeln. Sie wurden auf das Freundlichste empfange» und es kam ein Vertrag zu Stande: würde bis Ende des Monates Mai kein Entsatz kommen, so sollten dem König den l. Juni ! die Thore der Stadt offen stehen. Die kaiserliche Besatzung sollte mit Hab' ! und Gut, Roß und Harnisch freien Abzug haben, und die Stadt bei ihren alten Rechten, Freiheiten und Gewohnheiten belassen bleiben. ^ Da an Entsatz indessen durchaus nicht zu denken war, so lieferte der ! anbrechende Morgen des ersten Juni 1485 die Stadt Wien unbestritten in die > Gewalt der Feinde. Zuerst zogen 8060 Mann der besten Truppen, meist Reiterei, langsam und vorsichtig durch das Stubenthor in die Stadt, und ! besetzten alle Posten, Wälle und Thore. Ungefähr zwei Stunden darauf hielt j König Mathias unter dem tausendstimmigen Siegesjauchzen der Ungarn seinen ^ feierlichen Einzug in Wien. Bürgermeister und Rath mit den Schlüsseln der ! Stadt, die gesammte Geistlichkeit mit den Heiligthümern von St. Stephan, 1 die Hochschule nach ihren Nationen und Facultäten, empfingen ihn an der ! steinenen Brücke vor dem Stubenthore. Der König war zu Pferde, in die ^ halborientalische Tracht seiner Nation gekleidet, von Gold und Edelsteinen j schimmernd, strahlend von freudigem Stolze, und von den Großen Ungarns, ! Mährens und Schlesiens umgeben. Das Volk, durch lauge Entbehrungen ^ abgestumpft und ungeduldig geworden, staunte über den prachtvollen Zug und ! fiel freudejauchzend über die zahlreichen Wagen mit Lebensmittel her, die auf . des Königs Geheiß den Kriegerscharen nachfolgten und dem Volke Preis gegeben wurden. Am nächstfolgenden Sonntag , den 5. Juni, hielt auch die ^ Königin, Mathias zweite Gemahlin, Beatrix von Sicilien (dieerste, Kunigunde ! von Böhmen, war schon 1461 gestorben), ihren feierlichen Einzug in Wien. ! Noch denselben Monat leisteten der Rath von Wien und die Stände des Landes ! 75 ! " - i j ihre Huldigung. Neustadt und Krems waren die einzigen Plätze von Bedeutung I in Unterösterreich, welche damals »och nicht in König Mathias Gewalt waren. Im Herbste desselben Jahres versuchte es zwar ein kaiserlicher Heerhaufen, sich der Hauptstadt zu nähern, wurde jedoch bei Melk total geschlagen, und so blieb Mathias ungestört in deren Besitze. Er bestätigte die alten Freiheiten und Handfesten Wiens, und nannte sich nun Köuigzu U n g a r n u n d B ö h- men, Herzog zu Oesterreich und Schlesien, Markgraf zu Mähren und in der Lausitz. Doch wohnte er nicht in der kaiserlichen Burg, sondern erbaute sich einen eigenen Palast in der Kärnthnerstrasie, dem Eingänge der Weihburggasse gegenüber, den er seine Burg nannte. Späterhin nannte man dieses Haus das Hasenhaus (vermuthlich von den Wald- und Jagdscenen, womit es irgend ein nachfolgender Eigenthümer bemalen liest); gegenwärtig hat es das Schild zu den drei Löwen, es war jedoch ursprünglich viel gröster, wurde aber durch neue Bauten vielfach verengt und verschmälert. Den 15. November I486 wurde bei St. Stephan zum ersten Male das Fest des heiligen Leopold gefeiert, dessen Heiligsprechung König Mathias auf das Eifrigste betrieben hatte. Im August 1487 wurde auch die Neustadt nach hartnäckigem Widerstande durch Hunger bezwungen, wodurch denn Mathias ganz Oesterreich unter der Enns in seine Gewalt bekam, nur allein Krems ausgenommen, das einer jahrelangen Belagerung mit Erfolg trotzte. Unter den Schicksalen Wiens, während Mathias im Besitze dieser Stadt war, sind vor Allem zwei groste Feuersbrünste bemerkenswerth, wovon die eine den 7. Juli 1488 im Hause eines Alchymisten (deren Kunst der König sehr begünstigte) entstand und über 100 Häuser sammt dem Schottenthore in Asche legte; die zweite harte am Ostersonntage 1489 Statt : das Feuer kam bei einem Bäcker am hohen Markte aus und verzehrte über 200 Häuser. Uebrigens hatte die Stadt dem Ungarkönig manche Verschönerung zu verdanken, unter ihm kam auch der bis dahin noch unvollendete Bau des obern Kirchentheiles bei St. Stephan vollends zu Stande. Die letzte Zeit seines thatcn- und ! glorreichen Lebens brachte Mathias meistens in Wien zu, konnte sich aber um ^ so weniger der Liebe dessen Bürger erfreuen, als er sie, besonders in letzterer ! Zeit, mit fast unerschwinglichen Steuern belegte. Zu Anfang des Jahres 1489 begann der König zu kränkeln, besonders ^ litt er an podagrischen Anfällen. Obwohl er dessen ungeachtet , so viel es in seinen Kräften stand, sich am Hof zu Wien mit Turnieren und Ritteripi'elen ergetzte, so erinnerte ihn doch steigende Schwäche an seine herannahende Auflösung. Gerne hätte er noch seinem natürlichen Sohn, dem Herzog Johann Eorvin (seine beiden Ehen waren kinderlos geblieben), die Nachfolge gesichert, doch fehlte ihm, bei dein gänzlichen Mangel alles Rechtes, nunmehr auch sowohl Kraft als Zeit, diesen seinen Lieblingsplan mit Nachdruck durchzusetzen. Von Tag zu Tag stieg seine Schwäche. In der Eharwoche 1490 ließ er sich noch, mit königlichem Schmucke angethan, in einer Sänfte in die prachtvolle > _ _ _ _ ^ _ Kapelle tragen, die er in seiner Burg erbaut hatte, und wohnte, so übel er sich bereits fühlte, durch sechs Stunden der ganzen kirchlichen Andacht bei. Darauf ertheilte er dem Botschafterder Republik Venedig die Abschiedsaudienz. In sein Gemach zurückgekehrt, begehrte der König, vom langen Fasten ergriffen, das er gewissenhaft hielt, italienische Feigen, seine Lieblingsspeise. Der Kämmerer konnte in der Eile keine andern, als alte und fast schon faule auf- treiben, worüber Mathias in den heftigsten Zorn gerieth, welchen die eintretende Königin vergebens zu beschwichtigen suchte. Auf einmal klagte der König, ihm vergehe das Gesicht und ein heftiger Schwindel befalle ihn; kaum hatte man ihn in sein Schlafgemach und auf das Bett gebracht, so rührte ihn der Schlag. Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelligkeit durch Burg und Stadt, und schnell versammelten sich alle Großen des Reiches um das Sterbelager des Königs, der in namenlosen Qualen da lag, unfähig ein Wort her- vorzubringen, als nur die wildesten Schmerzenslaute, die er in furchtbarem Todeskampfe ausstieß. Dieser unerwartete und schreckliche Anblick hatte auch alle Umstehenden so überrascht und ihre Thätigkeit gelähmt, daß Niemand dem Sterbenden nur die geringste Hilfe leistete. Die Königin behielt noch die meiste Geistesgegenwart, sie warf sich, selbst-in Todesangst, über ihn, brach mit Gewalt die mit Riesenkraft geballte Faust, die fest auf einander gebissenen Zähne auf, flößte ihm Lebensessenzen ein, erwärmte und rieb ihm die Glieder, doch alle Mühe blieb vergebens. Durch die ganze Nacht bis an den Hellen Morgen währte der tobende Schmerz, dann fiel der König in einen kurzen, unruhigen Schlaf. Den ganzen Tag lag er auf dem Rücken, völlig wach, doch unfähig zu sprechen, so gern und heftig er es auch zu wünschen schien. Gegen Abend stellte sich wieder kurzer, unterbrochener Schlummer ein. Ein Beweis von des Königs großer Lebenskraft, dauerte dieser qualvolle Zustand bis in den dritten Tag, wo er ihm endlich, den 5. April 1490, zwischen 7 und 8 Uhr Früh unterlag. In der Stunde seines Todes, so spricht die Sage, trat die Donan aus ihren Ufern, die Löwen des königlichen Schloßgartens starben, und die Raben (die Abzeichen des Geschlechtes Eorvinus) flogen mit schauderhaftem Gekrächze gen Stuhlweißenburg, wo die ungarischen Könige begraben wurden. Kaum hatte der heldenmüthige Mathias seinen Lebensathem ausgehaucht, so wandte sich das Glück wieder auf des Kaisers, oder eigentlich auf seines ritterlichen Sohnes, des jüngst gewählten römischen Königs Maximilian, Seite. Zahlreiche Boten, von Wiens Bürgern gesendet, luden diesen zur Rückkehr in seine Erblande ein und versicherten ihn der bereitwilligsten Aufnahme. Wirklich fand Maximilian auch beim ersten Schritte alle Herzen und ; ! Thore offen; er warb Völker in Schwaben, hielt in Linz Heerschau über 6000 j > Mann, und rückte dann ungehindert bis Klosterneuburg vor. Nachdem der ! ungarische Kronfeldherr, Stephan Zapolya, um der neuen Königswahl beizu- j wohnen, Wien verlassen und die Stadt zur Treue ermahnt hatte, erließen den ^ 77 24. Juli auch die in Ofen versammelten Herren und Prälaten ein Schreiben an Wiens Bewohner, worin diese verständigt wurden, es sei Uladislaus, König > von Böhmen, zum Ungarkönig und Herzog von Oesterreich erwählt worden, i und selbst Herzog Johann Corvin sei der Wahl beigetreten. Allein die Wiener, ^ ihr Geschick nicht auf's Neue einem Fremdling vertrauen wollend, besetzten die ^ Lhore ihrer Stadt und riefen Maximilian herbei, welcher auch den 19. August im untern Werd (Leopoldstadt) erschien. Vordem rothen Thurm empfing ihn der Bürgermeister, der gesammte Rath, die Clerisei, die Hochschule und eine zahlreiche Menschenmenge, die ihn nach St. Stephan begleiteten, wo ein feierliches Tedeum abgehalten wurde. Die ungarische Besatzung hatte sich in die Burg zurückgezogen, welche unverzüglich berannt und beschossen wurde. Sie . leistete den tapfersten Widerstand, und obgleich die Mauer an verschiedenen j Stellen zertrümmert war, schlug sie doch wiederholte Stürme ab; bei einem derselben wurde Marimilian selbst in die Schulter verwundet. Doch da kein . Entsatz zu hoffen, indem Ungarn selbst durch Parteien zerrüttet war, so erbot sich! die Besatzung am zehnten Tage der Belagerung zur Capitulation gegen freien Abzug, welche auch angenommen wurde, worauf die kaiserlichen Truppen die Burg besetzten. Den 29. September ließ sich Maximilian in Wien huldigen und bestätigte alle Rechte und Freiheiten der Stadt. Obschon er aber ganz Oesterreich wieder in seiner Gewalt hatte, so konnte er doch seine Ansprüche auf Ungarns Krone nicht behaupten, und erlangte nur im Frieden, welcher den 7. November 1491 geschlossen wurde, den ungarischen Königstitel und das Versprechen der Erbfolge, im Falle Uladislaus ohne männliche Erben mit Tod abgehen sollte. Uebrigens wurden in diesem Frieden auch alle Eroberungen des Königs Mathias zurückgegeben, des Ungarkönigs Burg aber.überließ Marimilian dem Eigenthümer des früher an derselben Stelle gestandenen Hauses. Zehntes Kapitel. Tod Kaiser Friedrichs III. — Gemälde von Wien aus dessen Zeit. Kaiser Friedrich, der sich von Linz fortan nicht mehr entfernte, erkrankte daselbst 1493 durch einen Schaden am Fuße, zu dem sich der kalte Brand gesellte, und mußte sich denselben, nach vielen vergebens angewandten Arzneimitteln, endlich abnehmen lassen. Da er jedoch eben in der Cur begriffen war, übernahm er sich im Genüsse seiner Lieblingsspeise, der Melonen, bekam die rothe Ruhr und starb in einem Alter von 78 Jahren und nach einer 69jährigen Regierung (seit seines Vaters, Ernst des Eisenen, Tode) den 19. August desselben Jahres. Sein Leichnam ward bei St. Stephan beigeseßt, woselbst ihm auch Maximilian das prachtvolle Monument errichten ließ, das noch heute eine der größten Zierden dieses Domes bildet, und worauf sich, wie auf vielen Gebäuden Kaiser 78 Friedrichs, dessen Symbolum, die Vocale H.. k. I. v. v. befindet, welches seither Gegenstand so vieler, oft ziemlich vager Auslegungen und Vermuthungen gewesen ist. Ehe ich zur Beschreibung der fegen- und glorreichen Regierung ! des herrlichen Maximilian schreite, sei es erlaubt, aus der Chronik des berühm- ! ten, zur Zeit Mathias Corvinus an dessen Hof lebenden Gelehrten Anton > de Bonsinis eine Stelle anzuführen, worin derselbe die Gestalt der Stadt Wien und das Leben in derselben beschreibt, ein würdiges Gegenstück der etwa 5V Jahre älteren Beschreibung von Aeneas Sylvins. »Wien gehört gewiß unter die schönsten Städte der Barbaren, obwohl viele an Ausdehnung sie weit übertreffen. Sie liegt in einem Halbmond an der Donau, und gleich als strebte dieß mächtige Wasser der Stadt zu größerer Zierde zu seyn, bildet- es Werder oder Inseln, darin viele schöne Gärten mit schönen Fruchtbäumen die Bürger erlustigen, zu Gastmahlen und zu Tänzen einladen, und die Freude der Jugend sind. Die Stadtmauer hat wohl über 2000 Schritte und doppelte Wälle, damit das grobe Geschütz ihnen weniger Abbruch thue. Rings um die Wälle ist ein schöner Spaziergang, auch sieht man dort viele schöne Thürme, einige ganz von Quadern und viereckig, andere aus gebrannten Ziegeln, mit schönen Gittern und Fenstern geziert und mit eisenen Pförtlein versehen. In den Gräben sind mehre Quellen, und es ist leicht, sie schnell ringsum mit Wasser zu füllen. Neben den Stadtthoren stehen große viereckige Thürme, haltbar gegen den wüthendsten Angriff. Die eigentliche Stadt liegt wie ein Palast inmitten der sie umgebenden Vorstädte, deren mehre an Größe und Schönheit mit ihr wetteifern. Betritt man die Stadt, so glaubt man nur zwischen verschiedenen Gebäuden einer ungeheuren Königsburg hin und her zu wandeln. Fast jedes Haus hat seinen Vor- und Hinterhof, weite Säle und gute Winterstuben, denn von den nahen Bergen blasen oft gar rauhe Winde. In alle Fenster sind Gläser eingeschnitten *), viele sehr schön bemalt und durch Eisenstäbe gegen Diebe beschirmt. Unter der Erde sind weite Weinkeller, heimliche Gewölbe und viel Raum für die Vorräthe der Handelsleute. Die Gewölbe über der Erde sind den Apotheken, Niederlagen, Kramläden und Miechwohnungen für Fremde und Einheimische gewidmet. In den Sälen und Sommerstuben halten sie so viele Vögel, daß der, so durch die Straßen zieht, wohl wähnen möchte, er sei inmitten eines lustigen grünen Waldes. Auf den Marktplätzen, Straßen und Kreuzgassen wogt ein lebendiges, gefälliges Treiben. Die Kirchen und Stifter stehen herrlich und in ungeheurer Verschwendung da, vornämlich St. Stephan und unserer Frauen-Kirche (Maria am Gestade), wo billig Alles, worauf der Blick fällt, Bewunderung erregt. Die Priesterhäuser, die Studienanstalten, die Mönchs- und Nonnenklöster mehren die Herrlichkeit der Stadt. Betrachtet man die Schottenabtei sammt der Kirche und einige Paläste der Fürsten, so mag man allerdings glauben, der Stolz *) Also auch damals noch eine Selleicheit. 79 der Römer sei zu den Nordländern gewandert. Hieher haben jene Geschlechter ihre Flucht genommen, die zu Padua, zu Verona, zu Vicenza und in der Lombardei weit und breit geherrscht. Hier haben die Carrara's, die Scaligers Häuser und hier prangen noch ihre Wappen ; hier sind die Denkmalervieler Adels- geschlechter, deren Angehörige in den Römcrfahrten Friedrich Barbarossa's und anderer Kaiser, Burgen und Land in Italien erhalten und sich daselbst niedergelassen haben. — Vor den letzten verheerenden Kriegen wurden ohne Kinder und unerwachsene Jugend 50,000 Seelen und 7000 Studenten gezählt. Neben dem inneren Rache, welcher aus achtzehn Personen besteht, sind zwei Obrigkeiten, der krnvtor urbanus (Stadtschultheis), der des Volkes Streithändel schlichtet und Bürgermeister heißt, und der Ousestor cspitnlium criminum (Stadtrichter), der den Blutbann übt über die Verbrecher. Außer diesen zweien sind keine Vorgesetzten, als der Tranksteuer-Einnehmer.—Jeder Bürger mag in seinem Hause Gastgeb seyn ohne Unehre; ja jener gilt vorzugsweise für reich und adelig, dem Alles dazu Nöthige auf eigenem Grund wächst, denn das Land hat herrlichen Weinbau und das Volk trinkt ihn gerne, vermehrt sich fleißig und liebt alle Genüsse des Lebens. Daher übt an Festtagen der Wein solch blinde Macht, daß Zank und blutige Schlägereien dabei ganz gewöhnlich sind, und es nicht allein bei Nacht, sondern unter Tags eine mißliche Sache ist, unbewehrt umherzugehen. Das im Verlauf des ganzen Jahres durch Mühe und Arbeit Verdiente wird in der Fastnachtzeit lustig dem Bacchus geopfert. Hat einmal der Wein die Köpfe erhitzt, so beginnt bald der offene Kampf zwischen Hofleuten und Handwerkern, Bürgern und Bauern, den Studenten und dem Volk, und Niemand von der Obrigkeit bekümmert sich um den Zwiespalt. So groß ist die Menge und der beständige Wechsel der Fremden, daß auch die aus der nächsten Nachbarschaft einander kaum kennen. Eben darum sind hier auch wenig alte Familien *). Das peinliche Gericht ist sehr grausam. Die zum Feuertode Verurtheilten kommen lebendig auf.den Scheiterhaufen und werden langsam den Flammen zum Raube. — Es wird hier unermeßlich viel Geld verdient, aber Alles geht wieder drauf, auf die Tafel, auf den Putz und auf schöne Bauten, die Weiber handeln gleich den Männern und besuchen ohne Errölhen alle Plätze des Handels und Wandels. — Wiens ganzes Gebiet ist ein ungeheurer, herrlicher Garten, mit schönen Rebenhügeln und Obstbäumen gekrönt. An diesen liegen anmurhige, lustige Vorberge, geziert mit den lieblichsten Landhäusern, geschmückt mit Fischteichen, Jagdbarkeit, Villen und Gärten, mit jedem Bedürfniß und jedem Genüsse des Lebens. Die nahen Bergeshöhen erfreuen des Wanderers Auge unbeschreiblich kinüiarum »Iitiquit»?, welche» Pater Fuhrmann, um den guten Leumund von Wien ja nicht zu nahe zu treten, treuherzig genug durch »man findet hier viel uralte Geschlechter" übersetzt. — Die nächst folgende Stelle von den Kaufleuten und ihren Ehen ist wörtlich dem Arnea» SylviuS nachgeschrieben, weshalb ich fie auch ausgelassen habe. 8V l durch die Menge von Burgen und Edelsitzen, von Dörfern und blühenden Ort- schäften. Betritt man das Gelände zwischen Neustadt und Wien, um welche eine große Ebene sich breitet, würde man diese Gegend an Freundlichkeit und Abwechslung leicht jeder andern vorziehen, und deckte nur der goldene Frieden > seine warmen milden Fittige über diese Gauen, so würde man das Wiener Leben selbst dem südlichen Himmel vorziehen und lieber in Oesterreich, als in Italien wohnen." So weit die Schilderung Bonfinis; sie ist wohl höchst interessant, sowohl in dem, worin sie mit jener des Sylvius zusammentrifft, als auch wo sie von ihr abweicht. Die Gestalt der innern Stadt Wien war bei Kaiser Friedrichs Tode fast wie heute, nur lagen die damaligen Vorstädte viel näher an der Stadt, zum Theil auf dem Boden der später nach den Erfordernissen der neuen Kriegskunst angelegten und viel weiter hinausgerückten Festungswerke. Die bereits schon erwähnten Lucken lagen hart an den Thoren und Gräben, dann erhoben sich einigeKlöster, Hospitäler undHöfe in- und auswärtiger Abteien. Am weitesten, doch kaum zu einem Drittel ihrer heutigen Länge, dehnten sich die Vorstädte Wieden und Landstraße. An sie stießen wieder mehre Dörfer und herrschaftliche Gründe mit Edelsitzen und Herrenhäusern, die erst Anfangs des achtzehnten § Jahrhunderts Vorstädte wurden, wie Erdberg, Matzleinsdorf, Margarethen, der Sonauer Grund mit dem Hundsthurme, Rampersdors, Nikolsdorf, Gumpendorf, Schöff (Mariahilf), Zaismannsbrunn (St. Ulrich), Altlichten- werd (Liechtenthal), Siechenals (Thury) u. a. Dazwischen lagen sehr viele Weingärten, deren letzter Ueberrest in der Gegend des rothen Hofes in der Josephstadt erst zu Ende des letzten Jahrhunderts gänzlich verbaut wurde. Große Zwischenräume nahmen die Gärten ein; besonders war der untere Werd (Leopold-- stadt) voll schöner Obst- und Ziergärten, Lust- und Gasthäusern. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt selbst zehn öffentliche Bäder: das Schottenbad, Röhrenbad, Hafnerbad, Neubad (wovon noch der Name übrig), jenes bei der Burg, am Schweinmarkt (Lobkowitzplatz), an der Himmelpforten, in der Wollzeile, bei St. Stephan und im Rothgäßchen. Schon zu Kaiser Marimilians Zeiten hatten die verschiedenen, nach Wien kommenden Nationen und Fuhrleute ihre eigenen Einkehrwirthshäuser auch in der Stadt, so z. B. die Ungarn beim goldenen Hirschen und goldenen Löwen; die Böhmen beim Rössel; die Schlesier und Mährer beim braunen, die Steirer und Kärnthner beim goldenen Lamm und beim Strauß in der Kärnthnerstraße; die Wälschen beim rothen Krebsen am hohen Markt; die Schiffleute bei der goldenen Sonne und dem weißen Rössel nahe dem Salzthor und Schänzel rc. Nach Aeneas Sylvius und Bonsin waren damals alle angesehenen Bürgerhäuser mit schöne» Frescogemälden bemalt oder mit Steinbildern geziert, von welchen sich einige noch bis auf die heutige Zeit, von andern aber nur die Namen erhalte» haben, z. B. zum Winter, wo der Heid schießt (Hcidenschufi), wo der Basilisk gefunden, in der 81 Schönlaterngaffe, zum Esel in der Wiegen, wo die Kuh im Bret spielt, zum Stock im Eisen, wo der Wolf de» Gänsen predigt, zum Schabdenrüßel, zum Kühfuß, zum Stoß im Himmel, zumKüßdenpfenning rc., Bezeichnungen und Benennungen, die schon unter Kaiser Friedrich Stall gefunden, und von welchen sich jene, wo der Wolf den Gänsen predigt, in der Wallnerstraße, in einer komischen Darstellung bis auf unsere Zeiten erhalten hat. Auch das ziemlich verwitterte Standbild des Basilisken ist noch heute zu sehen. Der wichtigste Moment unter der langen Regierung Kaiser Friedrichs war wohl, nebst der Eroberung von Constantinopel durch die Türken und der Entdeckung von Amerika, die Erfindung der Buchdruckerkunst, die einen so allgemeinen Umschwung in das gelehrte, so wie politische Leben brachte. Friedrich, in ruhigen Tagen jederzeit Gönner und Beschützer der Künste und Wissenschaften, setzte, im Gefühl der unzuberechnenden Wichtigkeit dieser Erfindung , die Buchdrucker den Gelehrten gleich, adelte sie, erlaubte ihnen Gold zu tragen, und verlieh den Setzern und Druckern ein eigenes Wappen mildem ! offenen Helm. Diese Kunst fand auch frühzeitig Eingang in Wien. Ulrich ! Haan, ein geborner Wiener, Schüler von Faust und Schoeffer, führte 1466 ! die Buchdruckerkunst in Rom ein. Johann Wienner und Stephan Koblinger, j von Wien, druckten schon 1476 in Vicenza den Virgil. Nach dem Zeugnisse ! des gelehrten Denis bestand schon kurze Zeit vor der Belagerung Wiens durch ! Mathias Corvinus eine Druckerei in Wien, und er achtet den Tractat der > Distinction von Dr. Hanns, Pfarrer zu Maygen, Domherrn zu Wien und zu l Paffau, vom Jahre 1482 für den ältesten Wiener Druck. Kurz vor dem Tode ! Kaiser Friedrichs (I4S2) entstand die Druckerei des Hans Winterburg, der unter andern ein sehr schönes, jetzt schon äußerst selten gewordenes Werk über die Schätze des Heilthumstuhles, mit vortrefflichen Holzschnitten, auf Pergament herausgab. Endlich erwarb sich Kaiser Friedrich noch bleibendes Verdienst durch die erste Einführung eines geregelten Postwesens in Oesterreich. 6 gierte Hötßeikrmg. 1494 — 1576 . Crftes Kapitel. Maximilian I. — Neue Seuche in Wien. — Die Wechsclheirath. K^Harimilian, der nach seines Vaters Tode unangefochten den deutschen MAN Kaiserthron bestiegen hatte, trachtete nun vor Allem, die glänzende» Aussichten, die sich ihm schon durch seine Vermählung mit der reichen burgundischen Erbin Maria und durch die Vermählung seines einzigen Sohnes Philipp (der Schöne genannt) mit Johanna, der Erbin von Castilienund Arragonien, eröffnet hatten, noch weiter zu verfolgen. Zwar seine Absicht auf Ungarns Thronfolge war ihm, durch die schnelle Erwählung Uladislaus', fehlgeschlagen, doch erneuerte er mit demselben 1494 den geschloffenen Vertrag, und errichrete ein Frieden- und Freundschaftbündniß mit ihm. Da Maximilians erste Gemahlin, Maria von Burgund, schon 1481 starb, so vermählte er sich den 16 . Mai 1494 mit der mailändischen Prinzessin Blanca, die ihm einen sehr beträchtlichen Brautschatz zubrachte. 1495 riß in Oesterreich eine neue furchtbare Krankheit ein, von der man früher keine Spur gehabt hatte und welche, allen Anzeichen nach, die aus dem neu entdeckten Amerika herübergebrachte, damals noch in vollerBösartigkeit wüthende Lustseuche war. Alte Chroniken beschreiben dieses Uebel als einen abscheulichen Zustand, die damit Behafteten bekamen am ganzen Leib böse Geschwüre und Aussatz, womit Mancher oft Jahr und Tag behaftet war, und woran Viele eines elenden Todes starben. Da die ganze Krankheit eine durchaus neue Erscheinung war, so wußten Anfangs natürlich auch die Aerzte schlechten Rath, und man behalf sich mit Baden, Salben und einigen Hausmitteln, die mitunter das Uebel noch ärger machten. Wie bei ähnlichen Gelegenheiten, nolhgedrängt, sich denn endlich ein halb wundervolles Specisicum findet, so war es auch hier der Fall. Ein Hauer bei Krems entdeckte nämlich in seinein Weingarten ein kristallhelles Brünnlein, welches als das wirksamste Gegengift gegen diese Seuche befunden ward. Der Zulauf zu dieser Heilquelle war daher unermeßlich, und am Ende ward das Wasser wie Balsam für bareS Geld verkauft. Uebrigens war der erste Einbruch dieser verderblichen Seuche 83 so gewaltig, daß auf der Universität die Vorlesungen unterlassen und alle ! Schulen durch lange Zeit gesperrt waren. ! 1496 starb Herzog Sigmund von Tirol ohne Erben, und Maximilian ! vereinigte nun sämmtliche österreichische Besitzungen unter seinen Scepter. 1499 war in Oesterreich eine so unerhört reichliche Weinlese, daß man nicht Fässer und Geschirre genug auftreiben konnte, und daher in Eile aus den nächst besten Bretern starke viereckige Geschirre zimmern mußte, die man Weinstuben ! nannte. In Wien galt durch ein ganzes Jahr die Maß Gebirgswein zwei, die Maß Landwein einen Pfennig, die noch vor einigen Jahren zwanzig und mehr Pfennige gekostet hatte. Auch hatte dieser reichliche Segen zur Folge, daß sich Viele im Genüsse des Weines Übernahme», und sich durch Unmäßigkeit den Tod zuzogen. 1506 starb Maximilians Sohn, Philipp, und der Kaiser nahm dessen hinterlassene Kinder, Karl, den Erben von Spanien, Ferdinand und Maria zu sich, und vollendete ihre Erziehung unter seinen Augen. Dasselbe und das folgende Jahr hatte eine große Pestseuche in Wien Statt, woran viele Menschen starben, und mefiwegen eine große Anzahl Studenten von Wien hinweg zog. 1513 war ein äußerst kalter Winter, so daß die Donau so fest gefroren war, daß man mit schwer beladenen Wagen hin und wieder fahren konnte. Kaiser Maximilian hatte unablässig an dem Plane gearbeitet, wenigstens für die Folge seinem Hause die Erbfolge in Ungarn zu sichern, und zu diesem Zwecke schon seit mehren Jahren über eine Doppelheirath eines seiner Enkel mit der ungarischen Prinzessin Anna, so wie seiner Enkelin Maria mit dem Prinzen Ludwig, unterhandelt. Der alte Uladislaus zeigte sich dem Plane nicht abgeneigt, und entschloß sich endlich 1515, mit seinen Kindern und seinem Bruder, dem Polenkönig Sigmund, persönlich »ach Wien zu reisen. Kaiser Marimiliau hatte nicht sobald Nachricht von diesem Besuche erhalten, als er den Reichstag zu Augsburg verließ, mittlerweile eine Gesandtschaft an die beiden Könige nach Preßburg schickte, und, kaum in Wien angelangt, alle Anstalten zu einem feierlichen Empfange traf. Den 16. Juli 1515 hatte die erste Zusammenkunft bei dem Schlosse Trautmannsdorf Start. Der Kaiser war von allen seinen Ministern und dem hohen Adel umgeben, in seinem Gefolge befanden sich allein 2000 Mann der erlesensten Reiterei. Uladislaus begleiteten die herrlich gekleideten ungarischen Magnaten, Sigmund hatte ein glänzendes Gefolge von Polen und Tartaren, alle neu gekleidet, mit hohen wehenden Fcderbüschen geziert, und jede Nation war mit eigenthümlicher Feldmusik versehen. Anfangs erschraken die Ungarn, da sie ein so stattliches und wohlgerüstetes Heer dem Kaiser folgen sahen, schrien über Verrath und riethen umzukehren, doch beschwichtigten sie die beiden Könige im Vertrauen aufKaiser Maximilians ritterliches Gemülh. Der Zug war herrlich anzusehen, Kaiser Maximilian saß in einer purpurbehangenen und goldgeschmückten Sänfte; Prinz Ludwig erschien in roth scharlachenen, mit Gold durchwirkten Kleidern * 6 84 ! auf einem kostbar geschirrten Rosse, ihm folgte seine Schwester Anna in herrlichem Schmucke auf einem durchaus vergoldeten Wagen, den acht weiße, auserlesene Pferde zogen. Dann ritt König Sigmund, mit rothem, flatternden Scharlach angethan, ein weiß sammtenes, roth gefiedertes Barett auf dem Kopf; den Beschluß machte König Uladislaus, in einer reichen Sänfte von rothem Sammt, mit Gold ansgeschlagen und in dem reichen Schmuck der ungarischen Könige. Die erste Unterredung dauerte anderthalb Stunden, worauf nach einer kleinen Jagd der Uugarkönig mit den Kindern zu Traut- " mannsdorf, der König von Polen zu Enzersdorf, der Kaiser aber in Laxenburg übernachtete. Frühmorgens, den 17. Juli 1515, hatte der feierliche Einzug in Wien Statt. Die Beschreibung desselben entlehne ich aus der Chronik des berühmten Gelehrten, Historiographen des Kaisers Maximilian, Johann Spießhammer (Ouspinisnus nach damaliger Sitte latinisirt). Gegen 1500 Bürger, alle roth gekleidet, zogen dem Kaiser und den Königen auf eine Viertelmeile Wegs entgegen, vor ihnen her ritten sechs Rathshcrreu in Harnisch. Nach diesen kamen 500 Mann Fußvolk von den Reichstruppen mit langen ! Spießen und Handröhren. Bis ans Thor ging die gesammte Ordensgeistlichkeit, l welche alle Heiligthümer ihrer Kirche mit sich trug. Dieser folgten die Schulkinder in großer Menge, deren jedes ein Fähnlein, mit den österreichischen, ungarischen und polnischen Wappen, schön geziert und gemalt, trug. Dann kam die übrige Geistlichkeit, hierauf alle Studenten, Professoren und Doctoreu der ! Universität, endlich die Zechen- oder Handwerkszünfte mit ihren Fahnen, deren ! an sechzig gezählt wurden. Von außen gegen die Stadt eröffnet« den Zug eine ! starke Abtheilnng Reiterei aus den verschiedenen Nationen, ungarische und > polnische Edelleute mit ihrer Nationalmusik. Diesen folgten die ersten Minister ^ und Räche des Kaisers und der Könige, nach ihnen ritten die kaiserlichen z Trompeter. Unmittelbar darauf ritten Prinz Ludwig und König Sigmund, dann der Kaiser und König Uladislaus, in ihren Sänften getragen, die Reichsbarone zu Fuß an ihren Seite». Endlich erschien die Prinzessin Anna in ihrem vergoldeten Wagen. Den Nachzug bildeten 800 prachtvoll gekleidete Reiter, denen ein langer Zug Reiter und Wagen, doch ohne Ordnung, nachfolgte. Der Einzug währte über zwei Stunden, der Pferde, welche unmittelbar dazu gehörten, zählte man bei 3500, jene aber, welche außer der Ordnung des Zuges nachfolgten, waren über 600. In der Stadt ging der Zug durch die Wollzeile nach St. Stephan, wo unter dem Riesenthore der Bischof Georg von Slatkonia mit seiner Clerisei die Fürsten erwartete und ihnen den Segen ertheilte, worauf die kaiserliche Kapelle das 1^ üvum anstimmte. König Uladislaus mit seinen Kindern wohnte in der kaiserlichen Burg, König Sigmund aber im Hasenhaus, der Residenz des Königs Mathias. Mehre Tage vergingen nun unter öffentlichen Lustbarkeiten und Vergnügungen mancherlei Art. Endlich aber kam, nach mancherlei Unterhandlungen, die Wechselheirath zwischen den erhabenen Häusern zu Stande, um dem Hause Habsburg und dießmal für 85 l ' ! ! immer, die Nachfolge auf den Thronen von Ungarn und Böhmen zu sichern. ^ De» 22. Juli ISIS geschah die feierliche Vermählung bei St. Stephan. Zuerst ließ sich der Kaiser selbst im Namen eines seiner beiden, in Spanien und den Niederlanden abwesenden Enkel, mit der Prinzessin Anna trauen. Nach der Trauung hielt Maximilian folgende Anrede an sie: »Wiewohl Wir jetzt Ew. Liebden das Wort gegeben, daß Ihr Unsere Gemahlin seyn solltet; so ist doch solches geschehen im Namen Unseres abwesenden Enkels und in der Meinung, Ew. Liebden an Einen von denselben zu vermählen, dem Wir auch hiermit Euch ehelich versprechen. Und weil mein Enkel Karl die Königreiche Eastilien und Arragonien, sein Bruder Ferdinand aber das Königreich Neapel zu erben und zu erwarten hat, so erklären und nennen Wir hiermit Ew. Liebden eine Königin und wollen Euch zu einer solchen gekrönet haben." Hierauf setzte er ihr j eine goldene Krone auf das Haupt. Dann erfolgte die wirkliche Vermählung j der Prinzessin Maria mit dem Prinzen Ludwig durch den Primas von Ungarn. Die wirkliche Vermählung der Prinzessin Anna mit dem Erzherzoge Ferdinand aber hatte erst 1521 Statt. Nach Beendigung der Trauungen erhielten mehr als 20V Jünglinge den Ritterschlag, und ein feierliches l'« «loum luuüamms beschloß das Freudenfest. Nach der Tafel war aus dem neue» Markte, der durch viele lebendige Gebüsche in einen Wald verwandelt schien, so wie die Häuser durch Aushängung von köstlichen Tapeten, Blumenguirlanden rc. in Prunksäle verwandelt schienen, vor einer unzählbaren Menge Volkes, prachtvolles Turnier und Scharfrennen. Des Abends feierte noch Maximilian die Heirath seines hochgeachteten Günstlings, des weisen und mannhaften Sigmund von Dietrichstein, mit der Tochter Georgs von Rottal, Landmarschalls und Hofmeisters der Prinzessin Maria. Der Kaiser selbst und König Uladislaus ! führten die Braut zum Altäre. Bei der Tafel, über welche an Gold, Edelsteinen und Silber die ganzen Reichthümer der neuen Welt ausgegossen schienen, saß ! die Braut zwischen dem Kaiser und dem König, so wie auch der König von ! Polen, die Neuvermählte» Fürstenkiuder, die eben anwesende Königin von ! Dänemark, die Herzoge aus Baiern, Braunschwcig und Mecklenburg, der ^ Markgraf von Brandenburg, zwei Cardinäle, dreizehn Bischöfe, sechzehn Fürsten und eine große Anzahl von Grafen und Edlen daran Theil nahmen. Einige der folgenden Tage wurden noch mit Hoffestcn und Ritterspielen ! gefeiert, dann zogen die beiden fremden Könige wieder in ihr Land. ! Zweites Kapitel. Luther s Reformation. — Maximilians Tod. — Seine persönlichen Eigenschaften. Den 13. März 1516 starb König Uladislaus, und Ludwig bestieg den durch uneinige Vormünder, erbitterte Parteien und die immer mehr um sich greifende Türkcngefahr erschütterten Thron Ungarns. 86 Den 7. Juli 1518 entstand eine heftige Feuersbrunst in Wien, wodurch fast die ganze Singerstraße in Asche gelegt wurde. Leider sollte das deutsche Reich und Oesterreich die segnenden Einflüsse eines so weisen als kräftigen Fürsten, wie Maximilian, nicht lange genießen. Die beginnende Reformation durch Martin Luther, so wie die siegreichen Fortschritte der Türken, durch welche sich König Ludwig II. immer mehr bedrängt fühlte, hatten 1518 einen Reichstag zu Augsburg zu Folge, bei welchem der Kaiser persönlich zugegen war, wo aber in beiden Angelegenheiten wenig ausgerichtet wurde. Der dahin berufene Luther reiste »ach einigen erfolglosen mündlichen Disputationen wieder nach Wittenberg zurück, und die Beihilfe der Reichsstände zum Kriege gegen die Türken wurde hartnäckig verweigert. Mifimuthig verließ der Kaiser den Reichstag, schon während desselben hatte ein schleichendes Fieber an ihm genagt. Bei seinem Zuge durch Innsbruck erfuhr er noch die Unbill, daß die Bürgerschaft, weil ihre vieljährigen Forderungen an seinen Hofstaat niemals befriedigt worden waren, sein Gefolge gar nicht unter Dach kommen ließ. In einein Lande, das er so geliebt, wie Tirol, fühlte er die Schmach doppelt; sein Zustand verschlimmerte sich zusehends, und da er sich nie einem Arzte anvertraut hatte, wollte er, wie er bisher gethan, sich selbst curiren. Da er aber die Mißlichkeit seiner Umstände bald einsah, trachtete er nur noch nach Wien zu kommen und fuhr zu Wasser nach Wels. Da zwang ihn das vermehrte Fieber, anzuhalten. Durch übermäßige Leibesbewegung, Jagden und Reigerbeizen hoffte er des Uebels ! Meister zu werden, aber es verzehrte ihn mehr und mehr, und bald war er nicht mehr im Stande, sich vom Lager zu erheben. Nun bereitete er sich auf das Gefaßteste zum Tode, und nachdem er von seinen Rächen und Dienern den rührendste» Abschied genommen, starb er zu Wels den 12. Jänner 15 IS, im 60. Jahre seines Alters und im 26. seiner Regierung. Sein Leichnam i wurde, seiner Anordnung gemäß, in den schon fertig stehenden Sarg, welchen ! er schon seit mehren Jahren allenthalben mit sich geführt, gelegt, und in der Schloßkirche zu Wiener Neustadt neben seiner geliebten Mutter Eleonore dergestalt begraben, daß Kopf und Herz unter die Füße des messelesenden Priesters zu liegen kamen. Seine Erben in Oesterreich waren seine Enkel, Karl (zugleich König von Castilien und Arragonien und Herr der Niederlande) und Ferdinand, welcher in der Folge seinem Großvater das berühmte Grabmahl in der Hofkirche zu Innsbruck setzen ließ. Obschon nicht zur Geschichte von Wien gehörig, in welcher Stadt Maximilian die kürzeste Zeit seines Lebens, ja selbst seiner Regierung zubrachte, und welche von diesem großen Fürsten weniger Denkmale aufzuweisen hat, als manche kleine Landstadt, ist sein Name doch durch seine vortrefflichen Eigenschaften im Herzen jedes Oesterreichers so theuer und unauslöschlich geworden, daß es gewiß meinen Lesern nicht unwillkommen ist, wenn ich zum Schluffe dieses Kapitels einige Züge auS seinem Leben und von seinen Eigenschaften 87 anführe. Kaiser Maximilian war von ansehnlicher Größe, stark und schön gebaut, sein Anstand wahrhaft kaiserlich, sein Gang fest und herrisch. Aus den beständig unruhigen blauen Augen blitzte ein liebliches Feuer, doch fürchterlich aufflam- inend im gereizten Zorne. Die um Brust und Nacken flatternden Haare waren von dem schönsten Goldgelb, wnrden aber frühzeitig weiß. In der Farbe seines Gesichtes hatte sich mit den Rosen der Jugend bräunliche, männliche Kraftfülle gepaart. Seine Adlernase bildete mit der, über den Bogen der Augenbrauen stark ausgewölbten Stirne, dem ungemein angenehmen Munde und sanft vorgebogenem Kinn, den vollendetsten Ausdruck von Kraft und Würde. Er war von sanguinischem Temperamente, glühendem Blute, überaus reizbar, in der ersten Aufregung sehr stürmisch, aber von der ihm innewohnenden Güte sogleich wieder besänftigt. Durch seine edlen, Ehrfurcht gebietenden Eigenschaften genoß er so ausgezeichnete Achtung von Freunden und Feinden, daß selbst König Ludwig XI. von Frankreich, einer seiner heftigsten Widersacher, cs nicht duldete, wenn ein geschmeidiger Höfling verächtlich von Maximilian sprechen wollte. Einst sagte jener zu einem derselben, welcher Maximilian nur den Bürgermeister von Augsburg nannte: „Sprich nicht so schimpflich von Max; glaube mir, wenn dieser Bürgermeister die Glocke ziehen läßt, so ist ganz Deutschland in Harnisch, und Frankreich zittert." Selbst gründlicher Gelehrter und Schriftsteller, war Maximilian auch Freund und Kenner der Wissenschaften und Künste im reinste» und edelsten Sinne des Wortes. Es hatten sich nicht nur viele Künstler, Gelehrte und Schriftsteller seiner Aufmunterung und Unterstützung, sondern einige der Ausgezeichnetsten auch seines nähern Umganges, ja seiner Freundschaft zu erfreuen. Unter letzter» sind besonders der große Dürer, dic Cranach, Wilibald Pirkheimer, der gelehrte Cuspinian, Eonrad Celtes, der wackere Georg Fronspergcr anzuführen. Weit entfernt, wissenschaftliche Aufklärung als eine Feindin der öffentlichen Ruhe unterdrücken zu wollen, benützte er sie vielmehr zum Glanze und Glücke seines Reiches, und verachtete nur jene Wissenschaften, die nach seiner richtigen Ansicht die Geister inehr verwirren und vom gesunden Verstände ableiten, als sie zum Rechten zu führen und wahrhaft Nützliches zu befördern. Wo er aber einen Gelehrten fand, der sich in seinem Fache wirklich mit Nutzen auszeichnetc, konnte derselbe, ohne Rücksicht auf hohe oder niedere Gebnrt, seiner Auszeichnung gewiß sey». Auf dem Reichstage zu Frei- bürg, 1498, erlaubte er den Gelehrten, Gold auf ihren Mützen und Wämsern zu trage», wo hingegen dem nieder» Adel nur Silber erlaubt war. Selbst äußerst wissenschaftlich gebildet und durch de» Umgang mit den erlesensten Geistern unter seinen Zeitgenossen angeregt, konnte es auch nicht fehlen, daß sich Maximilian selbst auf Schriftstellerei verlegte, doch dictirte er größtentheilS und hielt es auch für unziemlich, als großer Monarch unter seinem eigenen Namen als Schriftsteller oder auch nur als Held in seiner eigenen Lebensbeschreibung aufzutreten, die wir, trefflich erzählt, unter dem Namen »der 88 weiß Kunig," voll von Pseudonymen, besitzen. Er dictirte sie seinem Secretär Marx Treitzsaurwein, und sie reicht bis an das Jahr I5l3. Eine Geschichte seiner Abenteuer verfaßte, nach seiner Angabe, 1517 Melchior Pfinzing, unter dem Titel: »Thewrdankh," ebenfalls voll allegorischer Namen. Außer dem schrieb Maximilian auch ein Buch von der Natur einiger Thiere. Große Sorgfalt verwendete Maximilian auch, im Gefühle seiner hohen Würde und mit Recht seiner alten Abkunft und des Glanzes seines Hauses sich bewußt, auf die Abfassung der Ahnentafeln desselben. Allein wie er jederzeit beim Namen Rudolphs von Habsburg, seines großen Ahnherrn, das Barett zog und tief sich neigte, und wie er beim Gedächtnis? Friedrichs des Schönen jederzeit Thronen über dessen unglückliches Schicksal vergoß, so durfte man auch in seiner Gegenwart niemals seinen Oheim Albrecht nennen, dessen Habsucht und Ehrgeiz so viel Unheil über Oesterreich und Wie» gebracht. Deutschland und insbesondere Oesterreich hat diesem großen Kaiser Vieles zu verdanken. Er machte dem Unwesen des Faustrechts ein Ende; er ist der erste Stifter der kaiserlichen Bibliothek in Wien; von ihm sind die ersten vollständigen Polizei-Ordnungen, die ersten Dicasterien, die ersten Armenanstalten ; er errichtete den Reichshofrath für die wichtigsten Reichs-und Rechtssachen, dann Regiment und Kammer zu Wien, Gratz und Innsbruck. Für die Verbindung der Länder, zur schnellen und sicheren Beförderung seiner Befehle und Nachrichten, errichtete er, zuerst in den Niederlanden, regelmäßige Posten. Sein letztes Werk war die Einführung einer allgemeinen Landesbewaffnnng, einer imposanten Infanterie-Reserve, des Aufstandes in Masse (.auf den Glockenstreich). Maximilian war Selbstherrscher im eigentlichen, edleren Sinne dieses Wortes. Unverkennbar ward unter seiner Regierung der Grund zu dem politischen Gleichgewichte der österreichischen Monarchie im europäischen Staatensysteme gelegt. Die Lebhaftigkeit seines Geistes, seine Gewandtheit in den Unterhandlungen zum Nutzen seines Hauses und wohl auch glückliche Verhältnisse, wie z. B. das Aussterben der Seitenlinie in Oesterreich selbst und die große Sterblichkeit in der spanischen Königsfamilie, durch welche sein Sohn Philipp zum Throne von Castilien gelangte, trugen gemeinschaftlich dazu bei, dem österreichischen Staate seit jener Zeit jene innere Festigkeit und äußere Haltung zu geben, welche denselben an Macht, Einfluß und Glanz weit über alle andern deutschen Staaten erhoben, von denen einige der größeren bis dahin nicht ohne Erfolg mit den Herzogen von Oesterreich gewetteifert hatten. 89 s > Drittes Kapitel. Karl V. und Ferdinand I. — Unruhen in Wien. — Der Türkenkrieg und die Schlacht de! Mohacs. Kaum war Kaiser Maximilians Leiche zu Neustadt beigesetzt, so wurde bei der Abwesenheit dessen beider Enkel von den Ständen ein Landtag angesetzt, nach dessen Beschlus;, dem kaiserlichen Testamente zuwider, die Räthe des Kaisers unter dem Vorwände ungetreuer und eigennütziger Verwaltung, abgesetzt und neue an ihrer Statt verordnet wurden. Persönliche Herrschsucht, Habsucht und Rachgier, wahrscheinlich auch fremder Einflus; von dein sich gegen Karl um die Kaiserkrone bewerbenden König Franz 1. von Frankreich, waren die Hebel dieses empörenden Gewaltstreiches. Abermals war Oesterreich und Wien in zwei erbitterte Parteien getheilt; die Mehrzahl der Prälaten und des Adels traten auf die Seite der Neuerer, an deren Spitze die Barone Eytzinger und Buchhaim, dann der abgesetzte Stadtrichter, Doctor Koppln, gewöhnlich Siebenbürger genannt, standen; das gemeine Volk trat ebenfalls, wie gewöhnlich, der stärkeren Partei und den größten Schreiern bei. Die von ihren Posten vertriebenen Mitglieder der Landesverwaltung hatten sich nach Neustadt begeben, von wo aus sie den Erzherzogen Karl und Ferdinand den Umsturz ihrer Verwaltung meldeten und um Hilfe flehten. Mittlerweile war Erzherzog Karl zum Kaiser gewählt und den 23. October IS20 zu Aachen gekrönt worden. Dahin sandten auch die Aufrührer ihre Gesandten um Bestätigung der alten Freiheiten und Privilegien Wiens. Karl beschied dieselben auf spätere Zeit und befahl nur einstweilen dem aufrührerischen Pöbel, von der eigenmächtig gesetzten Verwaltung abzustehen und dieselbe wieder in die Hände des Rathcs zu übergeben. Den 28. April 1521 geschah aufdcm berühmten Reichstage zu Worms (wobei bekanntlich Luther zur Vertheidignng seiner neuen Lehre erschien) die Theilung des habsburgischen Erbes. Karl behielt Spanien, Neapel und Sicilien, Indien, die Niederlande; Ferdinand die Lande ob und unter der Enns, Steiermark, Kärnthen und Kram, die adriatischen Küsten, die Vorlande, Elsas; und das von dem geächteten Herzog Ulrich anheim gefallene Würtemberg. 1522 betrat Erzherzog Ferdinand sein Erbland, und vollzog zu Linz feierlich die Vermählung mit der ungarischen Prinzessin Anna. Von Linz kam Ferdinand den 12. Juni in Klosterneuburg an, wollte aber vor Beilegung der Unruhen nicht Wien betreten, sondern begab sich vorerst nach Neustadt, wohin er die alten und neuen Regenten zum Rechtsspruche vorlud. Die Verhandlung wurde auf öffentlichem Platze gepflogen und den 23. Juli das Urtheil gefällt, wodurch jene, die, dem Testamente Maximilians zuwider, die alte Regierungsform umgestoßen, als Rebellen und Verräther erklärt, das durch sie verführte Volk aber begnadigt wurde. Die Hauptanstifter der Verschwörung wurden sogleich gefangen gesetzt, ihnen der Proceß gemacht und den S. August die > i l rro Barone Eytzinger und Buchhaiin, Doctor Siebenbürger, Hans Rimer, der Gärbcr und vom Pöbel aufgeworfener Bürgermeister, sammt noch einigen Bürgern in Neustadt enthauptet, Doctor Gampp aber, der Stadtrichter und Wortführer, des Landes verwiesen; die übrigen in Untersuchung genommenen Bürger wurden zwar begnadigt, doch aber mit dem Verluste ihrer Freiheiten bestraft. Bald darauf hielt Erzherzog Ferdinand seinen Einzug in Wien, und die öffentliche Ruhe wurde fortan nicht wieder gestört. Die neue Lehre Luthers hatte bei seinem kräftigen Auftreten und grosien Erfolg in Norddeutschlaud auch in Wien unter Adel und Bürgerschaft Eingang gefunden. Bei St. Jakob, bei St. Lorenz und bei derHimmelpforte entsprangen mehre Nonnen. Selbst viele Geistliche ließen sich von dem neuen Lichte blenden, entsagten ihren Gelübden und nahmen Weiber. Um durch eine Religionsspaltung nicht abermals Unruhen in Oesterreich entstehe» zu lassen, besonders da die von dem neue» Apostel gepredigte Lehre nicht eben Duldung und Verträglichkeit war, mußte Ferdinand zu strengen Maßregeln greifen, um das Uebel im Keime zu ersticken. So wurde der reiche Bürger, Caspar Tauber, einer der eifrigste» Wortführer des neuen Glaubens, nachdem er vor ein Glaubensgericht gestellt und widerrufen hatte, später aber neuerdings wieder abfiel, im September 1524 durch den Feuertod hingerichtet. Einige Jahre darauf wurde Balthasar Huebmer, ehemaliger Professor in Ingolstadt, mit zwei seiner Anhänger, einem Bauer und einem Schuster, nachdem man alle Mittel versucht hatte, sie zum Widerruf zu bringen, bei Erdberg lebendig verbrannt. Einige Tage darauf wurde auch Huebmers Weib in der Donau ertränkt. Demungeachtet gelang es nicht, das Uebel mit der Wurzel auszurotten, und nur andere wichtige Begebenheiten und allgemeine Gefahr ließen es durch längere Zeit unter der Asche glimmen, bis es in späteren Tagen wieder auf die heftigste Weise und lange hin unheilvoll nachwirkend hervorbrach. Noch ist aus dieser Zeit eine furchtbare Feuersbrunst zu erwähnen, welche den 18. Juli 1525 zu Wien ausbrach, und fast den dritten Theil der Stadt in Asche legte. Die St. Michaelskirche, so wie das Nonnenkloster bei St. Jakob und das Kloster der büßenden Schwestern bei St. Hieronymus wurden dadurch fast gänzlich zerstört. 1526 wurde Oesterreich und Wie» durch die Nachricht von dem unglücklichen Ausgange der Schlacht bei Mohacs und den dabei erfolgten Tod des Königs Ludwig von Ungarn in große Bestürzung versetzt. Seinem Vater Uladislaus nacheifernd, welcher mehre glückliche Kämpfe gegen die Türken bestanden hatte, berechnete Ludwig seine Kräfte zu «venig; jugendlicher Feuereifer und wohl auch die Noth bei den siegreichen Fortschritten des gewaltigen Soliman II., verleiteten ihn, mit einer Armee von kaum 20,000 Mann und wenig Geschütz, bei Mohacs einer mehr als zehnfachen Uebermacht der Türke» die Spitze zu bieten. In weniger als einer und einer halben Stunde hatte Soliman einen entscheidenden Sieg erfochten, der ihm den Weg, wohin SI er sich mir wenden wollte, freigab. Der Kern des ungarischen Heeres, die meisten Großen des Reiches, die meisten Anführer blieben auf dein Platze, das ungarische Heer war vollständig zerstreut und suchte sein Heil in schneller und unordentlicher Flucht. Ludwig selbst gericth in überstürzter Flucht in einen Sumpf und endigte sein Leben auf die kläglichste Weise. Nur der königliche Reiherbusch, auf dem schilfigen Moore flatternd, führte auf die Spur seines Leichnams. Neue Verwicklungen entstanden aus diesem unvorhergesehenen unglücklichen Ereignisse, und führte» wieder Jahre voll Elend und Unheil über Oesterreichs Gefilde herbei. Viertes Kapitel. Ferdinand, König von Ungarn und Böhmen. — Annäherung der Türken. — Bertheidigungs- maßregeln. Mit dem Tode König Ludwigs war der Mannsstannn des neuen königlichen Geschlechtes erloschen und die rechtmäßige Erbfolge rief das österreichischhabsburgische Haus auf den Thron von Ungarn und Böhmen. Erzherzog Ferdinand wurde demnach Anfangs des Jahres 1527 zu Prag zum König von Böhmen, und noch dasselbe Jahr zu Stuhlweißenburg zum König von Ungarn gekrönt. Allein im letzteren Reiche erhob sich an Johann Zapolya, Grafen von Zips und Woywoden von Siebenbürgen, welcher von vielen Magnaten begünstigt wurde, ein gefährlicher Nebenbuhler gegen ihn. Johann wurde schon den I I. November 1526 zu Stuhlweißenburg gekrönt. Ferdinand sandte nun unter der Anführung des tapfer» Helden Niclas Grafen von Salm ein Heer wider ihn, welches den Gegenkönig den 21. August 1527 schlug und bis Siebenbürgen drängte. Nun lag Zapolya's einzige Rettung in einem Bunde mit dem mächtigen Soliman, welcher, nach erfolgter Einladung, mit unglaublicher Schnelligkeit auf den verhängm'ßvollen Ebenen von Mohacs, mit einem Heere von 300,000 Streitern erschien. Zapolya zog ihm entgegen und leistete ihm die Huldigung als seinem Schntzherrn, wogegen ihm der Sultan zwar königliche Ehren erwies, jedoch die zweideutige Versicherung gab, daß sein und Ungarns künftiges Verhältniß erst nach Eroberung Wiens bestimmt werden sollte. Der mächtige und in Rücksicht auf seine Nation und sein Zeitalter große und geistvolle Beherrscher der Osmanen war von dem kühnen Gedanken einer Weltherrschaft erfüllt. Er verweigerte Karl V. den Kaiscrtitel. Wie nur ein Gott im Himmel, eine Sonne am Himmel sei, so solle auch auf Erden nur ein Kaiser und Herr seyn. Das waren seine eigenen Worte. Er haßte die Barbarei seiner Nation, las in seiner Sprache Alexanders Heerfahrten und Cäsars Thaten, denen er nachzueifern strebte, und handelte oft so sehr gegen den Geist der öffentlichen Meinung und der Vorurtheile seines Volkes, wie nur ein Mann von solcher Größe und Charakterstärke es wagen durfte. Darum war ihm der Ruf »ach Ungarn willkommen; darum scheute 92 W V s i' >1 > ! er keine Hindernisse, sein vorgesetztes Ziel zu erreichen. Mancherlei Stimmen erhoben sich, ihn aus wichtigen Gründen von diesem Unternehmen abzuhalten, doch sie blieben unbeachtet; ja sein Günstling, der Vezier Ibrahim, büßte seinen Widerspruch mit dem Leben. Rasch, wie sein Entschluß, sollte auch die That seyn, mit reißender Schnelligkeit verfolgte er die ihm geöffnete Bahn. Den ersten thäcigen Widerstand fand er vor den Mauern Ofens, welches an Thomas Grafen von Nadasdy einen tapfern und entschlossenen Eommandanten hatte. Nach vielen vergeblichen Stürmen öffnete ihm jedoch Feigheit und Meuterei der Besatzung wider Willen ihres Obersten die Thore. Doch fand hier die Untreue sogleich ihren Lohn. Die Besatzung wurde, des gegebeuen Wortes ungeachtet, niedergemetzelt, und nur Nadasdy, dessen Heldensinn und Treue gegen seinen König, Soliman's hohes Gemüth ergriff, auf freien Fuß gesetzt und mit Lob entlassen. Für Wien war der Verzug des türkischen Heeres vor Ofen höchst vortheilhaft, indem es sonst leicht dürfte unvorbereitet gefunden worden seyn; denn gleich einem Bergstrom stürmte der Sultan mit seinem unermeßlichen Heere heran, zum Erstaunen rasch bei dem pomphaften asiatischen Troß. Gran, Wissegrad und Raab wurden ohne Schwertstreich genommen. Ein panischer Schrecken schien sich bei Annäherung des türkische» Heeres der meisten Gemüther bemächtigt zu haben. Nur Bruck an der Leitha und Wiener- Neustadt hemmten einen Augenblick die drohende Flut. Ersteres erklärte auf die Aufforderung zur Uebergabe, daß es sich Wien zum Beispiel nehmen werde. Letzteres antwortete nur mit dem Donner des Geschützes. In Ungarisch- Altenburg wehrte sich die böhmische Besatzung ebenfalls auf das Tapferste, mußte sich aber endlich ergeben. Soliman, welcher Tapferkeit auch an Feinden ehrte, ließ sie frei ziehen, und behielt nur einige bei sich, um von ihnen über ! die Lage der Stadt Wien und deren Vertheidigungsmittel Kunde einzuziehen. Er erhielt von ihnen zur Auskunft: vor den andern Städten hätte er sich wenig zu scheuen, Wien aber sei gut befestigt, und es herrsche daselbst ein kriegerischer Geist; jedoch zähle die Besatzung nur 2000 Mann und die Stadt wäre nur auf zwei Monate verproviantirt. Bekäme er Wien in seine Hände, ! so würden die andern Städte von selbst fallen. König Ferdinand sei nicht im j Lande, sondern nach Deutschland gegangen, um neue Truppen anzuwerben. ! Dieses Geschäft erfordere aber noch lange Zeit. Der Sultan hörte diese ! Worte mit Wohlgefallen, und er nahm sie für Vorboten des nahen Sieges. - Unterdessen sah es in Wien verwirrt genug aus. Weder Fürst noch Volk hatte sich eines so nahen und schrecklichen Feindes versehen, die Festungswerke waren alt und verfallen, die Mauern kaum sechs Schuh dick und die Palis- sadirung ihrem Zwecke so wenig durch Festigkeit entsprechend, daß der Name »Stadtzaun", wie dieselbe in den städtischen Schriften dieser Zeit benannt wird, im buchstäblichsten Sinne zu nehmen war. Zudem war das Geschütz nicht zum Besten bestellt, und die Besatzung zählte wirklich kaum 2000 Man». Schon gegen Ende August 1529 verkündeten die in der Ferne aufsteigcnden ! « _> 93 Feuersäulen die Nahe des furchtbaren Feindes; von Angst und Entsetzen ergriffen, versuchte eine bedeutende Zahl der Einwohner Wiens ihr Heil in der Flucht; ei» großer Theil davon, 500V an der Zahl, wurde aber zwischen Tnln und Traismauer von dem türkischen Vortrab, jenen schrecklichen Würgern, Stra- dioten genannt, erreicht und zusammengehauen. Dieser Vortrab bestand aus mehren Streifcorps unter dem Befehl des blutgierigen Pascha Mihal Oglu, welche dem türkischen Heere voranzogen, und ihre Bahn allenthalben mit Blut und Feuer bezeichneten. Diese wilden, nur mit Mord, Brand und Plünderung beschäftigten Horden waren unter dem Namen »der Sackmann" noch lange in der Erinnerung des Volkes ein Gegenstand des Schreckens, ja in noch viel späterer Zeit bediente man sich unter dem Landvolke der Drohung: »der Sackmann kommt," zur Beschwichtigung ungeberdigcr Kinder. Dem auf dem Reichstage zu Speier zum obersten Feldhauptmann ernannten Friedrich, Pfalzgrafen bei Rhein und Herzog i» Baiern, gelang cs wegen deS Andranges der türkischen Macht nicht mehr, nach Wie» zu kommen, darum wurde dessen Vetter, Pfalzgraf Philipp, welcher drei Tage vor Ankunft des türkischen Heeres mit einer bedeutenden Zahl deutscher und spanischer Krieger in Wien angelangt war, zum Stadt-Commandanten erwählt. Eine auserlesene Schar Reiter eilte aus Oberungarn über das Marchfeld herbei, angeführt von dem greisen Helden Niclas Grafen von Salm, welchem Ferdinand vor Allem die Vertheidigung der wichtigsten Vormauer der Christenheit anvertraute. Ihm zur Seite standen die bewährten Krieger Wilhelm von Roggendorf, Leonhard von Völs, Niclas von Thurn, Hector von Reischach, Hans Katzianer, Sebastian Schertet und noch mehre versuchte Officiere. Aus den bei Krems gelagerten Rcichstruppen waren zwei edle Jünglinge, Ruprecht Graf zu Manderscheid und Wolf Graf zu Oettingen, von solcher Kampflust gegen die Ungläubigen beseelt, daß sie, nachdem die Stadt bereits geschloffen war, über die Donau schwammen und am Fischerthore den Wall hinaufgezogen wurden. Die ganze Besatzung zählte nun von Oestcrreichern, Reichstruppen, Spaniern, Böhmen rc. über 20,000 Mann Fußvolk und 2200 Pferde. Da aber diese Macht dennoch zu schwach befunden wurde, im freien Felde dem Feinde zu stehen, so wurde im Kriegsrath beschlossen, Alles zur Befestigung und Vertheidigung Wiens aufzubieten, und in wenigen Tagen waren auch schon mit fast übermenschlicher Anstrengung die nörhigsten Anstalten gemacht, die man freilich viel früher hätte bedenken sollen. Die Werke wurden verbessert, die am Wall liegenden Häuser und Barraken niedergerissen, überall Lärmzeichen und Sicherheitswache» gesetzt, und alles vorräthige Holz schnell zu zwei- und dreifachen Palissaden verwendet. Vom Karnthnerthore bis zum Stubcnthore ward hinter dem Wall ein 20 Schuh breiter Graben und hinter demselben wieder ein Wall angelegt, die schwachen Stellen an der Donauseite, besonders die Linie vom rothen Thurm bis zum Salzthurm (neues Thor) wurden stark befestigt, und was nur an Lebensmitteln, Vieh, Getreide, Wein rc. »4 ! aufgetrieben werden konnte, in die Stadt geführt; auch eine Klassensteuer ausgeschrieben, vermöge welcher jeder Stand seinen Kräften angemessene Beiträge ^ zur Bestreitung der großen Auslagen leisten mußte. Eine traurige, aber uoth- wendige Maßregel war es auch, daß man, nach Preisgebung des weitläufigen j Walles, welcher an der Stelle der jetzigen Linien, jedoch in viel engerem Um- ! kreise, die Vorstädte umschloß, diese selbst, deren Häuserzahl sich dainals auf ^ beiläufig 800 belief, in Flammen steckte, und so viel als möglich zerstörte, um 1 dem Feinde jede Gelegenheit zu benehmen, in der Nähe der Stadt befestigte Stellungen einzunehmen. Obschon Vieles von dem Hab und Gur der Vorstadt- bcwohner in die Stadt geflüchtet wurde, so konnte es doch bei dem damaligen ! Zeitalter und dem aus so vielen fremden Nationen gemischten Kriegsvolk nicht ^ fehlen, daß das Meiste von den Soldaten geplündert und auf andere Art zer- ^ stört wurde, wodurch viele wohlhabende Familien an den Bettelstab kamen. ! So wurde z. B. der meiste Wein ausgelassen, so daß man in den Kellern bis I an die Knöchel in Wein watete, und vieles Geld, Kleinodien und kostbare ! Gefäße, welche die Vorstädtcr retten wollten, rißen ihnen die Soldaten aus ^ den Händen, ja die Säckel von dem Hals, und selbst die Kirchen waren vor ! Plünderung nicht sicher. Die Demolirung der Vorstädte währte vier Tage, ^ vom 16. bis 20. September. Das Bürgerspital vor dem Kärnthnerthore, die ^ Frauenhäuser vor dem Burgthcre, der prächtige Klosterneuburgerhof sammt der Kapelle, die Klöster zu St. Nikolas auf der Landstraße, zu St. Magdalena vor dem Schottenthor, der Franciskaner zu St. Theobald, Kirche und Spital in Siechcnals (Thury), und viele andere ansehnliche Gebäude wurden den Flammen zum Raube und standen noch in voller Glut, als sich den 21. Morgens um S Uhr schon die blutgierigen Scharen des furchtbaren Sackmannes, untei Mihal Oglu's Anführung, welche ihre Annäherung schon in den vergangenen Nächten durch die von allen Seiten emporlodernden Flammensäule» verkündigt hatten, bei St. Marpzeigten und ihre Gegenwart durch ein donnerndes Allahgeschrei den ängstlich harrenden Bewohnern Wiens kund gaben. Man verrammelte nun in größter Schnelligkeit die noch offenen Thore, nur die, obschon auch von den türkischen Tschaikisten (Naffadisten, Bootführer) stark bedrohte Communication gegen den unteren Werd (Leopoldstadt) blieb noch bis 2S. September offen, an welchem Tage noch zwei Fähnlein Nürnberger mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele in die Stadt zogen, welche erzählten, daß sie zwischen Tuln und Traismauer einem Haufen Flüchtlinge, über S000 zu Fuß und 3000 zu Schiffe, meistens Weiber, Kinder und Ordensleute, begegneten, welche aber sämmtlich den folgenden Tag von Mihal Oglu's Blutbande eingeholt, geplündert und ermordet worden seien. Ueberhaupt sagen uns die vorhandenen gleichzeitige» Quellen einstimmig, daß in diesen Schreckenstagen fast zwei Drittheile der Bevölkerung des Landes unter der Enns der Feindeswuth zum blutigen Opfer fiel oder in die Sklaverei geschleppt wurde. Gewiß war es keineswegs Soliman's Absicht und Willen, seine sieg- 95 !- ! reichen Fortschritte mit solchen Gräuelthaten zu beflecken, allein sei» wildes und I fanatisches Volk war seinen Planen noch nicht reif geworden, und wer ver- j möchte auch der blinden Wuth einzelner Strcifcorps, hier noch obendrein > asiatische Horden, des Mordeus gewohnt und gegen Glaubensfeinde wüthend, i Einhalt zu thun. ! Nunmehr rüstete man sich in der Stadt auf das Eifrigste zum Empfange ! des Feindes und zur herzhaften Gegenwehr. Die daselbst befindlichen 100 großen und gegen 300 kleinen Stücke wurden zweckmäßig vertheilt, Feldschlange» auf die Thürme und unter die Dächer der dazu geeigneten Häuser gepflanzt, und jedem Corps wurde seine bestimmte Stellung angewiesen. In > der Burg stand an der Spitze der Kerntruppen Graf Salm; Leonhard von j Völs und Wilhelm von Roggendorf ihm zur Seite. Vom Rothenthurm bis j § zum Stubenthor und dem Iakoberhof befehligte der Pfalzgraf Philipp; — ! ^ der schwächste und dem Angriff am meisten ausgesetzte Theil der Stadt, vom ! ! Iakoberhof bis zum Kärnthnerthor und weiter bis zur Augustinerkirche, war ! dem wackern Hector von Reischach anvertraut; die steirischen Truppen unter Abel von Holleneck hielten das Augustinerkloster besetzt. Von dein Burggartcn ^ (in neuerer Zeit sogenannten Paradiesgarten) bis gegen das Schottenthor commandirten die Brüder Leyser. Die Bürgerschaft hatte das Schotrenviertcl zu bewahren. Vom Werder- und Salzthor bis zum rothen Thurm stand böhmisches Fußvolk unter Warteuberg und Brandenstein. Die Reiterei wählte die geräumigsten Plätze. Da indessen die Gefahr zwischen dem Kärnthnerthore und den Augustinern am dringendsten schien, beorderte Graf Salm noch die, Anfangs am Salzgries gestandenen Spanier, den jünger» Leyser, eine Abtheilung Böhmen und den Katzianer mit Steirern und Kraiuern zur Verstärkung dahin. Also gerüstet, erwartete die heldenmüthige Besatzung de» Andrang des Feindes. Fünftes Kapitel. Die Türken zum ersten Male vor Wien. — Der große Soliman. — Graf Niclas Salm. Den 23. September schwärmte bereits türkische Reiterei von St. Marx bis auf die Landstraße und den Rennweg, da verlangte die in der Stadt befindliche Cavallerie stürmisch eine» Ausfall. 500 Mann mit dem Fähnrich Christoph von Zedlitz wurden dazu beordert, durch ihre übereilte Hitze aber geworfen, einige niedergemacht, der Fähnrich selbst mit sechs Reitern gefangen. Drei von diesen wurden die Köpfe abgeschlagen, an Lanzen gesteckt, und die drei übrigen mußten diese Köpfe dem eben von Bruck (welche Stadt sich mittlerweile auf Capitulation ergeben hatte) heranziehenden Sultan entgegen tragen. Der Cornet Zedlitz, welcher den Zug, doch mit leeren Händen, begleiten mußte, fand durch seine schöne Gestalt und Unerschrockenheit große Gnade in den Augen des Sultans. Er behielt ihn fortan immer um seine Person und 96 ! befragte ihn über mancherlei, unter Anderem, wie stark die Besatzung der Stadt ^ sei, warum die Vorstädte verbrannt worden wären und ob es ihr denn auch > Ernst mit dem Widerstande sei, dann wo sich Ferdinand aufhalte, denn ihn wolle er aufsuchen, wenn er sich auch in Deutschlands fernsten Winkel verberge. l Zedlitz antwortete freimüthig und unerschrocken, er stellte die Lage der Stadt j auf das Günstigste dar, und sprach mit Zuversicht vom nahen Entsätze durch ! das Reichsheer, worüber zwar der Großherr etwas betroffen war, jedoch dem ^ Cornet deshalb seine Gunst nicht entzog. ! Den 24. September kam der Großherr endlich mit seiner Hauptmacht - ! vor Wien an und das Lager des türkischen Heeres, ein Meer von Gezelten, ^ von der Donau bei Nußdorf bis wieder an die Donau bei Schwechat reichend, wurde auf folgende Weise abgesteckt: Ueber Alles prächtig funkelnd, stand das reiche Zelt des Sultans bei Simmering, von Innen mit Gold, Sammt, Perlen, Rubinen, Saphire» und den herrlichsten Tapeten geziert, von Außen mit goldene» Knöpfen prangend. Rings herum waren viele, minder prächtige, doch ebenfalls reiche Gezelte seiner Minister und Günstlinge errichtet. Das Ganze war von einer großen Anzahl Geschütz und den ersten Leibwachen des Sultans umgeben *). 12,000 Janitscharen, der Schrecken ihrer Feinde und nicht selten auch ihrer Beherrscher, lagerten um dasselbe. Der Pascha von > Rumelien stand vor dem Stubenthore bis an die Donau, und bedeckte das ! Gepäck und den Troß der Armee, wie die in den Auen weidenden Kamehle, ! Rosse und Maulthiere. Das Lager des Großveziers, Ibrahim Pascha, reichte von Simmering über den Wienerberg bis zur Spinnerin am Kreuz, von da die Anhöhe herunter bis zur Wieden und Landstraße, vor das Stuben-und Kärnthncrthor. Der Pascha von Bosnien besetzte die Linie an der Wien, von St. Ulrich und St. Theobald bis gegen Penzing hinaus. Der Pascha von Romainen mit vielen Renegaten schloß sich an ihn. Von Döbling bis St. Veit bildete sich das zweite Treffen unter dem Pascha von Scutari und Semendria; das Lager des Pascha Nastarzky, mit vielen gefangenen Christen, breitete sich am Sporkenbühel (Himmelpfortgrund) aus. Das Corps des Pascha von Belgrad, welches sich von Schönbruun bis über La.renburg dehnte, deckte den Rücken der Belagerungsarmee; die Hut des großherrlichen Gezeltes war dem Pascha von Natolien übertragen. Die Auen und Inseln von der Lobau bis nach Nußdorf waren vom Schiffsvolk der am 28. September angekommenen türkischen Donauflottille erfüllt, um die Ufer zu bewachen und die Zufuhr zu verhindern. Die abgebrannten Vorstädte aber wurden von den Janitscharen und Asapen besetzt, welche in Eile Schanzgräben aufwarfen und mit ihren Pfeilen und Handröhrcn die Wälle mit solcher Aufmerksamkeit beobachteten, Die genaue Gestalt und Lage des prachtvolle» GezelteS zeigte das, an derselben Stelle erbaute Neugebäude, welches von Rudolph lk. erbaut und auch von den Türken 1683 als ein Andenken an ihren großen Sultan in heiliger Ehrfurcht verschont wurde. . > 97 daß sich Niemand ohne die größte Gefahr darauf sehen lassen durfte. Als geübte Schutzen waren sie ihres Zieles so gewiß, daß ihre Pfeile häufig durch die Schießscharten der Mauern flogen und großes Unheil anrichtcten. Bald nach der Ankunft des großen türkischen Heeres erfolgte nach einem heftigen Pfeilregen, welcher im wörtlichsten Verstände die Sonne verdunkelte, die erste Aufforderung zur Uebergabe der Stadt, bald darauf die zweite und dritte. Da dieselben jedoch unbeantwortet blieben, schickte Soliman vier Gefangene, reich gekleidet und beschenkt, mit dem Anerbieten der günstigsten Capitulation in die Stadt. »Wenn ihm die Schlüssel derselben überreicht würden, so verspreche er nicht nur Sicherheit des Lebens und Eigenthums der Einwohner, sondern er würde, ohne daß ein Türke die Stadt betreten solle, an ihr vorbei seinen Zug in's Reich nehmen, um daselbst Ferdinand, gegen den er allein Krieg führe, aufzusuchen; bestehe man aber hartnäckig aufWider- stand, so würde er nach der Eroberung keines Alters noch Geschlechtes schonen, die Befehlshaber unter den grausamsten Martern hinrichten, die Stadt bis auf den Grund zerstören, und den Platz, wo sie gestanden, mit Salz und Asche bestreuen lassen." Der wackere Salm schickte ihm eben so viele türkische Gefangene, gleichfalls in neuen Kleidern und reich beschenkt zurück, ohne den sieghaften Sultan einer Antwort zu würdigen. Voll Ingrimm und Zorn sandte Soliman abermals einen Gefangenen mildem höhnenden Antrag in die Stadt, er wolle den Belagerten die 300 Böhmen, die sich in Altenburg an ihn ergeben, wieder zustellen, damit die Besatzung doch etwas starker würde. Sogleich aber ließ ihm Pfalzgraf Philipp erwidern, er habe mehr Volk in der Stadt, als ihm lieb wäre, deshalb möge der Sultan diejenigen, die sich ihm ergeben hätten, nur behalten, und mit ihnen machen, was er wolle, die Stadt Wien könne solch' einen kleinen Verlust wohl verschmerzen. Nunmehr begann die ! Belagerung mit aller Wuth. Da die Türken zwar mit vielem Geschütz ! versehen waren, jenes von großem Kaliber jedoch in Ungarn zurückgelaffen hatten, indem es der bereits eingetretenen regnerischen Witterung wegen nicht zu transportiren war, so beschränkten sie ihre Angriffe vorzüglich auf den Minenkrieg und ununterbrochenen Pfeilregen. Es wurden mehr als vierzig unterirdische Gänge eröffnet, der heftigste Angriff war auf den Wall von dem Kärnthnerlhorc bis zu den Augustinern. Das Vertheidigungsgeschütz aber wurde auf die zweckmäßigste Weise in der Stadt ausgestellt, besonders hatte man jene Linie, die den heftigsten Angriffen ausgesetzt war, geschützt und befestigt; die Posten waren an allen Orten gehörig besetzt. Durch einen türkischen Ueberläufer, welcher von christlicher Geburt und nur aus Furcht von dem Glauben seiner Väter abgefallen war, erfuhr man die Zahl, die Stellung der Feinde und die gefährlichsten Mittengänge. Sogleich wurden die thätigsten Gegenanstalten getroffen, alle Keller mit Wachen besetzt, die Mauer» zunächst dem Feinde mit tiefen Gräben umgeben; Trommeln und Erbsen darauf oder gefüllte Wasserbecken an verdächtig; Orte gestellt, um jedes ferne Klopfen und 7 98 Graben sogleich durch die Bewegung anzuzeigen und um unverzüglich entgegen ! arbeiten zu können. Durch diese Vorsichtsmaßregeln entdeckte man viele feind- ^ liche Gange, verschüttete durch Gegenminen die Arbeiter oder hieb sie nieder ! und bemächtigte sich des bereits gelegten Pulvers. Ferner wurde, um jede ! Verwirrung zu verhüten, das Geläute sämmtlicher Glocken eingestellt, bis auf ^ die große Glocke bei St. Stephan, welche Sturm oder Feuer anzeigen sollte, alle Uhren standen still und nur das Primglöcklein des Stephansthurmes zeigte die Viertelstunden an. Den 29. September geschah ein Ausfall unter dem biedern Hccror von Reischach, wodurch mehre Laufgräben der Feinde zerstört wurde». Den 3. October begann eine fürchterliche Kanonade von Seite der Türken gegen die Stadt, welche Tag und Nacht währte, und wobei derKärnthnerthurm und die Kärnthnerbastei große» Schaden litten, in ihren Minen wurde dabei, trotz den wirksamsten Gegenaustaltcn, auf's Eifrigste gearbeitet und Alles deutete auf einen nahen, allgemeinen Sturm. Den 6. October Morgens wurde ein Ausfall mit 8000 Mann vom Salzthore unternommen und Anfangs mit dem größten Erfolge gekrönt. Schon waren die feindlichen Hauptbatterien im Rücken geblieben, die Soldaten warfen sich wüthend auf den Feind; mit Waffen aller Art (worunter nach der damaligen Kriegssitte auch Morgensterne, Streitäxte und Kolben) begann ein fürchterliches Blutbad, als auf einmal durch das Geschrei einzelner Feiglinge die Furcht erwachte, abgeschnitten zu werden, und der Rückzug in solcher Unordnung und verwirrter Eile vor sich ging, daß im Gedränge Viele über die Brücke stürzten' und schwer verwundet dem Feinde zum Opfer wurden. Diese, unselige Verwirrung benützend und von Rachelust angetrieben, ließen die Türken ungesäumt in der Nähe des Kärnthnerthores eine Hauptmine springen, welche die Mauer in einer Breite von ungefähr 30 Klaftern niederwarf und dadurch eine gefährliche Bresche öffnete, worauf der Generalsturm mit furchtbarer Wuth begann. Wie rasend stürzten die Türken gegen den Wall, mit gleicher Wuth wurden sie zurückgeworfen; mehrmals gelang es ihnen, das Parapet zu erklimmen, ja einmal prangten schon stolz zwei Roßschweife als Siegeszeichen darauf, doch für die Belagerten galt eS das Aeußerste; jeder Einzelne focht mit dein Muthe eines gereizten Löwen, ein Hagel von Kugeln und Steinen, wüthende Schläge mit Morgensternen, Keule» und Flintenkolben warfen die Stürmenden wieder zurück; der tapfere Salm, Hector von Reischach und mehre der Anführer thaten Wunder der Tapferkeit und spotteten der hageldicht fallenden Pfeile. So ging für dießmal die Gefahr glücklich vorüber. Folgenden Tages schleppten die Türken Lasten von Bäumen, die sie in der ganzen Umgebung umgehauen hatten, so wie auch eine ungeheure Anzahl Faschinen herbei, theils um damit die Gräben auszufüllen, hauptsächlich aber zur Bedeckung und Brüstung ihrer Laufgräben. Nachts darauf wurde plötzlich das ganze' feindliche Lager von vielen tausend Fackeln erleuchtet, und es erhob sich ! ein großes Geschrei und Getöse in demselben, doch ohne weitern Erfolg; »9 wahrscheinlich war die Feier irgend eines Festes Ursache dieser ungewöhnlichen Regung. Nachdem vorsichtweise die Garnison auf ihren Posten versammelt war, eröffnet« ihnen Graf Salm, das; er durch einen schlauen Boten, welcher in der Stunde der Mitternacht über die Donau geschwommen war, einen Brief erhalten habe, worin vom König Ferdinand und Pfalzgrafen Friedrich baldiger Entsatz versprochen wurde. Obschon sich nun Jedermann der freudigsten Hoffnung hingeben könne, so sei es doch mehr als je Noch, auf die Erhaltung Wiens mit allen Kräften bedacht zu sein, und jede Saumseligkeit werde auf das Nachdrücklichste bestraft werden. — Noch an demselben Tage wurde an zwei Lanzknechten, welche während des Allarmrufes bei vollen Bechern schwelgten, ein eremplarisches Beispiel gegeben und Beide als Verräther an einen auf dem Lugeck errichteten Galgen gehängt. Den 8. October ließen die Türken alle ihre Geschütze spielen und feuerten ununterbrochen auf die Stadt. Das hölzerne Bollwerk am Karnthnerthore gerieth dadurch in Brand, und die Mauern drohten, der Brüstung entblößt, in die Stadt zu fallen. Um diesem Unheile, welches von den gefährlichsten Folgen seyn konnte, abzuhelfen, stützte man sie mit Bäumen und ungeheuren Balken, und errichtete mit größter Schnelligkeit ein neues Bollwerk am Karnthnerthore. Den 9. rüsteten sich die Türken zu einem neuen Sturme. Da aber die meisten Minen im Entstehen entdeckt und zerstört wurden, so gelang es ihnen nur, einige Klafter Mauer, dem St. Clarakloster gegenüber, zu sprengen. Der hierauf versuchte Sturm wurde von Salm und Katzianer auf's Tapferste abgeschlagen, die Mauern schnell wieder ausgebessert, durch Pfosten, Balken und Schanzkörbe gesichert, eine neue Mauer aufgeführt, die derselben zu nahe stehenden Häuser abgerissen und mit deren Schutte die hölzenen Brustwehren gefüllt. Nach.jedem abgeschlagenen Sturme ertönten dem Feinde zum Hohne Trompeten undHeerpauken von dem Stephansthurme, und fröhliche Kricgsmusik von den Straßen und Plätzen. Den I I. October geschah der stärkste Angriff auf die Stadt. Früh Morgens um acht Uhr sprang eine Mine zwischen dem Stuben- und Kärnthncr- thore und verursachte eine ungeheure Bresche, fast in Thorgestalt, in der Mauer; zahllose Feindeshaufen drangen zum wüthenden Sturme heran; beim Stuben- thore sprang eine zweite Mine, und es sollen an dieser Seite die Feinde wirklich schon in die Stadt gedrungen seyn. Doch so verzweifelt und wüthend als der Angriff, war auch die Gegenwehr; durch drei Stunden wahrte der rasende Kampf, über 1290 Leichen waren in den Breschen aufgethürmt, und obschon der Feinde Zahl durch Beiziehung immer neuer Scharen fast aus der Erde zu wachsen schien, und die Bollwerke von den Augustinern bis zum Schottenthor durch stets erneuertes Minensprengen Schutthaufen glichen, so scheiterte doch die rasende Wuth der Osmanen an der eisenen, uncrmüdenden Tapferkeit der Besatzung und der Bürger Wiens. Von allen Plätzen wurden die Reserven herbeigezogen und jeder neue Angriff mit unerschütterlicher 7 10 » ! Beharrlichkeit abgeschlagen. Nun bemächtigte sich Entmuthigung der feindlichen Scharen, der Aberglaube fing an sein finsteres Spiel zu treiben, der felsenfeste Widerstand des kleinen Häufleins christlicher Helden dünkte den sieg- j gewohnten Barbaren überirdisch, und a» die Stelle trunkener Begeisterung ! trat verzweifelte Muthlosigkeit. Mit Säbeln, Sperren und Peitschen auf's Neue zum Angriff getrieben, rannten sie in blinder Furcht eher in die Waffen ihrer eigenen Offiziere, als sich noch einmal gegen die Stadt zu wenden, die ihnen unter mehr als irdischem Einflüsse zu stehen schien. Spät am Abend wurde der Angriff zwar abermals erneuert, doch leichtes Spiel fanden nunmehr die im Gefühle ihres eigenen Werthes erstarkten Krieger der Besatzung gegen die erschlafften Feinde, und ohne große Anstrengung wurden die Stürmenden auf's Neue zurückgeworfcn; doch hatte dieser heiße Tag auch den Belagerten zahlreiche Opfer gekostet; bei der Musterung vermißte man allein ! über 60V Bürger, und mit heißer Sehnsucht sah man der Stunde der Befreiung ^ entgegen. Die Ruhe des feindlichen Lagers den 13. October deutete gleich einer beängstigenden Windstille auf den nahen Ausbruch eines furchtbaren Ungewitters. Der Zorn des Sultans war auch durch die Verzögerung der Einnahme Wiens auf's Höchste gestiegen, er tobte, bat, versprach und drohte mit den grausamsten Strafen, um den gesunkenen Muth seiner Scharen wieder zu heben, und brachte dadurch auch wirklich eine Art verzweifelter Begeisterung für einen neuen, entscheidenden Angriff zu Stande. Nur die Janitscharen, bekanntlich eine Gattung freiwilliger Soldaten, welche das Vorurtheil hatten, nicht über eine gewisse Zeit vor einer Festung zu kämpfen, murrten und drohten abzuziehen. Doch durch Geschenke und Birten fügten sich auch diese und es ward sonach der nächste Morgen zu einem allgemeinen Hauptsturme bestimmt, i Auch iu der Stadt fühlte man, daß es setzt das Aeufierste gelte; die Entmu- I thigung der türkischen Truppen war kein Geheimnis; geblieben und die Hoffnung > eines baldigen Entsatzes belebte Alle, für die Erhaltung Wiens — dieses ! ^ wichtigen Bollwerkes der Freiheit Deutschlands, ja vielleicht Europa's — das ^ ! Aeufierste zu wagen. Während die Soldaten mir gezogenen Wehren in steter § Bereitschaft standen, wurde den 13. bis spät in die Nacht mit unerhörter ^ Anstrengung von Weltlichen und Geistlichen, Männern, Weibern und Kindern , Hand angelegt, der Schutt hinweggeräumt, neue Gräben aufgeworfen, die Bollwerke ausgebesscrt, die Brüstungen ausgefüllt und die Breschen verschüttet. ^ So brach in banger, doch standhafter Erwartung der Morgen des verhängniß- > vollen und entscheidenden 14. Octobers an. Früh Morgens begann der Anmarsch ^ der Feinde in mehren Treffen, voran die Janitscharen, am Schluffe die ! Reiterei; doch kaum war der erste Angriff abgeschlagen, als sich auch die ! Muthlosigkeit der Stürmenden erneuerte, und nur mit den größten Zwangs- ! maßregeln und der Drohung, die eigenen Geschütze im Falle des Weichens ! auf sie zu richten, gelang es, sie zum Stehen zu bringen. Mitten unter den ! verzweifelten Gegenkämpfen ereignete sich eine Begebenheit, würdig in dem 1t>1 ! großen Epos der Belagerung Wiens als glanzende Episode genannt zu werden : Zwei Soldaten von der Besatzung, ein Deutscher und ein Portugiese, hatten sich nach erbittertem Wortwechsel über die Vorzüge ihrer Nationen gefordert und stiegen wuthentbrannt den Wall hinan, Jeder nach des Andern Blute dürstend. Doch kaum hatten sie die Mordgewehre, von Haß entzündet, gezo- ! gen, so entstand ein neuer Anlauf, ein Janitschar erklomm den Wall und > pflanzte seinen Rosischweif darauf. Da rief der biedere Deutsche: »Wäre es ! nicht mehr Ehre, unser Blut für das gemeine Beste, als eines elenden Privat- I streites willen zu vergießen?" Der Portugiese, die Wahrheit dieser Worte ! fühlend, umarmte ihn feurig und Beide stürzte» vereint dem Feinde entgegen. I Der Deutsche erfaßte den Janitscharen, warf ihn den Graben hinab und hieb auf die neu andringenden Türken los, wobei ihm der Portugiese thätig beistand. Auf einmal wurde dem Deutschen der linke Arm mit dem Schilde weggehauen und der Portugiese mit einem Pfeil in den rechten Arm geschossen, so daß er gezwungen war, das Schwert fallen zu lasse», ein Janitschar drang auf ihn ein und würde ihn unfehlbar gelobtet haben, wäre nicht der Deutsche zuvor- . gekommen und hätte den Türken niedergestoßen. Nun fochten Beide, Einer an ! den Andern gedrängt, mit ihren gesunden Armen heldenmüthig, obschon mit ^ zerstümmelten Gliedern und gebrochenen Waffen fort, bis sie endlich, von viele» Wunden bedeckt, sich umklammernd und verblutend, zur Erde sanken. — Um zwei Uhr Nachmittags geschah der heftigste, aber auch letzte Angriff auf die Stadt; aus allen feindlichen Geschützen sprühte ein Feuerregen, und hart am Kärnthnerthore stürzte ein beträchtliches Stück Mauer ein; doch so wüthend ! und verzweifelt das Stürmen darauf erfolgte, so mannhaft und unerschütterlich wurde es abgeschlagen. Dieser neue, mit großeni Verluste verbundene und vergebliche Versuch zur Eroberung der Stadt, das dadurch vermehrte Murren der Janitscharen und die angelangte Nachricht von der Ankunft eines großen christlichen Heeres unter Pfalzgraf Friedrich, vermochten endlich Soliman, die Belagerung aufzuheben und abzuziehen, doch nicht ohne vorher seinem Grimme furchtbare Opfer gebracht zu haben. Er allarmirte noch um 11 Uhr Nachts die Stadtdurch einen ungeheuren Lärmen, ließ alle christlichen Gefangenen in seinem Lager, deren über 1000, meistens Weiber und Greise, waren, niedermetzeln, die Kinder aber an Pfähle und Zäune spießen. Das ganze Lager wurde darauf in Brand gesteckt, so wie die wenigen Reste der Vorstädte, endlich ließ er alle Obstbäume und Weinreben um die Stadt verderben und aushauen. Nach dieser barbarischen Rache über das Mißlingen seines mit so großer Zuversicht gefaßten Planes zog Soliman seine Streitkräfte zusammen und schickte sich zum Abzüge an. Sechstes Kapitel. Abzug der Türken. — Neue Bauten. — Mihal Oglu's Niederlage. Den IS. October Früh begann der Abzug des türkischen Heeres, welches sich langsam über den Wienerberg bewegte; der Großvezier deckte mit seinen Truppen den Rücken der Armee. In der Stadt entstand wegen der glücklich überstandenen Gefahr ein unbeschreiblicher Jubel. Kaum waren die Türken eine Meile entfernt, so wurde zum feierlichen Dankfeste geschritten und von allen Wallen das Geschütz losgebrannt. Soliman beantwortete dieses Siegeszeichen durch Salven aus seinem sämmtlichen Feldgeschütze und schickte den immer mit seiner besondern Gunst beehrten Cornet Zedlitz, sammt noch einigen Gefangenen, mit dem an die bekannte Fabel vom Fuchs und den Weintrauben, erinnernden Bemerken in die Stadt: »Es wäre gar nicht seine Absicht gewesen, etwas Bedeutendes und Ernstliches gegen die Stadt zu unternehmen, er hätte bloß den König Ferdinand herbei locken wollen, um in offener Feldschlacht das Schicksal Ungarns zu entscheiden." — Unterdessen hatte «hm diese Belagerung, eingerechnet jener, von der durch das naße Herbstwetter entstandenen Seuche dahin gerafften Truppen, über 40,000 Mann gekostet. Die Belagerten hatten 1500, die Bürgerschaft über 700 Mann Todte zu beklagen; außerdem aber waren fast alle Orte in Niederösterreich (ausgenommen Neustadt, Klosterneuburg und Perchtoldsdorf, welche sich durch tapfere Gegenwehr gehalten hatten), verbrannt und zerstört, und nebst den zahllosen Opfern, die unter dem Schwerte der Barbaren gefallen waren, wurden bis 100,000 Einwohner von Oesterreich und Steiermark, meistens Jünglinge und Jungfrauen, in die Sclaverei ^ geschleppt. ! Kurz nach dem letzten Generalsturin wurden in Wien einige von dem ! Feinde zur Brandlegung erkaufte Bösewichter gefänglich eingezogen, wovon > den 17. October drei zur Strafe ihres furchtbaren Verbrechens lebendig geviertheilt wurden. Noch einen großen unersetzlichen Verlust erlitt die Sache der Christenheit an dem tapfern Helden Niclas Grafen von Salm, welcher, nachdem er während der ganzen, durch 24 Tage dauernden Belagerung sich stets den größten Gefahren blofigestellt hatte, beim letzten Sturm durch einen abspringenden Stein gefährlich am Schenkel verwundet wurde, und den 5. Mai 1530 auf seinem Schlosse Marchegg an den Folge» dieser Wunde starb, j Wenige Tage nach der Aufhebung dieser welthistorischen Belagerung entstand ^ eine furchtbare und wegen der Nähe des Feindes höchst gefährliche Empörung > unter den Truppen, welche, da sie fünf Hauptstürme abgeschlagen hatten, auch den fünffachen Sold forderten. Nach vielen gütlichen Versuchen und dem Versprechen eines dreifachen Soldes wurde diese Meuterei zwar beschwichtigt, jedoch erst nach Hinrichtung der Rädelsführer gänzlich gestillt. Nachdem nun Soliman die. Belagerung von Wien aufgehoben hatte, 103 ! richtete er seinen Zug nach Ungar», empfing in Ofen auf's Neue die Huldigung und de» Dank des Königs Johann Zapolya und kehrce dann nach Constantinopel zurück. In Wien aber wurde nach dem Abzüge der Türken auf das Eifrigste an der Wiederherstellung der Festungswerke gearbeitet. Die Gebäude, welche zu jener Zeit sowohl das Glacis, als auch den ganzen Raum der heutigen Festungswerke bedeckten, wurden größtentheils abgetragen und der Erde gleich gemacht, eben so die nach der Belagerung noch stehende» Mauern des vor dem Karnthnerthore bestandene» Bürgerspitales, wogegen die Bürgerschaft mit dem St. Clarakloster, dem heut zu Tage noch sogenannte» Bürger- spitale in dcrStadt, entschädigt wurde. Die Vorstadtam linke» Ufer derWien, vom Karnthnerthore bis zur steinenen Brücke, wurde ebenfalls, so wie die Kirche ^ zu Allerheiligen, das Spital zum heiligen Geiste, die Kapelle zu St. Eoloman i und das Kirchlein zu St. Anton demolirt und der Erde gleich gemacht. Das Dominikanerkloster, welches sehr gelitten hatte, wurde fast ganz neu hergestellt, die zerstörten Vorstädte und Gründe wieder aufgebant, nur Siechenals blieb über ein Jahrhundert öd liegen, bis Johann Thury 1646 das erste Haus wieder daselbst erbaute und dieser Vorstadt dadurch in der Folge feinen Name» vererbte. Später wurde auch die Burg erweitert und verbessert, das schöne Portal hergestellt, die neuen Festungswerke und Basteien erbaut, derKärnthner- und Slubenthurm als überssüfiig abgetragen, das Werderthor am Elend verschüttet und die Stadt auch gegen die Donau auf's Zweckmäßigste befestigt, so daß man also nunmehr mit bei weitem größerer Sicherheit einem neuen Versuche der Türken, sich der Stadt zu bemächtige», entgegen sehen konnte, an welchem übrigens, der Nähe des Feindes wegen, der sich in Ungarn einmal festgesetzt hatte, nicht zu zweifeln war, und der Erfolg lehrte in kurzer Zeit, wie gegründet die Vermuthung wenigstens einer Annäherung gewesen war. Schon im Frühjahr 1532 brach Soliman, der die Schmach der aufgehobenen Belagerung Wiens nicht vergessen konnte, neuerdings mit größerer Macht, als das erste Mal, in Ungarn und Steiermark ein und lagerte fich vor Güns, das, ! obwohl ein geringes Städtlein, doch durch den Heldenmuch des Eommandanten ! l Jurechich so tapfer» Widerstand leistete, daß die türkische Macht 23 Tage > ^ davor lag, ohne es bezwingen zu können. Mittlerweile hatte der Sultan den gefürchteten Mihal Oglu mit einer bedeutenden Macht über den Semmering nach Oesterreich geschickt, der die alten Mord- und Brandscenen erneuerte und die Gräuel der Verwüstung bis gegen Linz und Wien verbreitere. Jedoch waren ^ diefimal auch die Fürsten vorsichtiger gewesen. Der unterdessen zum römische» ^ König gewählte Ferdinand hatte Kaiser und Reich um Beistand angerufen und eine zahlreiche Macht versammelt, die sich von Krems und Korneuburg gegen das Marchfeld zu ausbreitete. Um Wien waren durch Roboten Schanzen aufgeworfen und die Stadt vor dem ersten Anfalle sicher gestellt worden. ! Mihal Oglu trachtete nun, auf erhaltenen Befehl, sich mit dem Heere des ! Sultans zu vereinigen und brach über das Gebirge bei Pottenstein gegen die 104 Neustädte»- Heide hinaus, mit reicher Beute und 4000 Christensclaven beladen. Pfalzgraf Friedrich aber hatte Nachricht von diesem Zuge und stellte sich bei Enzesfeld, wo er wußte, daß die Mordbande vorüber mußte, mit einer bedeutenden Heeresmacht auf. Den tapfern Kriegsobersten Sebastian Schertet aber schickte er mit einer Anzahl von Hakenschützen in's Gebirge, um die Feinde in Rücken zu nehmen. Die Türken geriethen über diesen unvermutheten Angriff in Unordnung, und ließen sich's vor Allem angelegen seyn, die 4000 gefangenen Christen, auf deren Erlösung es vorzüglich abgesehen war, aufdasGrausamste »iederzumetzeln, so daß die Stelle einem Blutsee glich. Nun aber wurden die wilden Horden von dem sie umzingelnden Christenheere immer mehr in die Enge getrieben, sie geriethen den IS. September im dicken Nebel theils unter ! das Geschütz des Pfalzgrafen, theils in den Sumpf bei Schönau, und wurden sammt und sonders zusammengehauen. Der furchtbare Mihal Oglu focht wie ! ein Löwe und streckte eine bedeutende Anzahl christlicher Soldaten mit eigener > Faust zu Boden, bis auch er endlich, mit Wunden bedeckt, fiel. Sein Roß- > schweif und sein von Juwelen blitzender Turban mit den großen goldenen ! Geierflügeln, sammt seinem langen, vierschneidigen, hohlgeschliffenen Stecher ! in einer ganz silbernen und vergoldeten Scheide, wurden dem König zugeschickt, ^ und letzterer befindet sich noch heut zu Tage unter den Schätzen derk.k.Ambra- sersammlung. Inzwischen hatte Graf Ludwig Lodron hinter Lapenburg und der aus der Steiermark heranziehende Katzianer das heftige Feuer vernommen , waren mit verhängtem Zügel herbeigesprengt, und was dem Pfalzgrafen entging, fiel in ihre Hände. Ein kleines Häuflein Türken, die sich in's Schwarzathal hinein zu retten glaubten, wurden von den erbitterten Bauer» aufgefangen und den hohen Felsen bei dein Schlosse Sebenstein hinabgestürzt, wovon diese Stelle noch heute den Name» »der Türkensturz" trägt. Mittlerweile waren Kaiser Karl und König Ferdinand auf einem prachtvoll gezierten Schiffe von Linz zu Wien angekommen, wo sie den 3. Oktober unter dein Donner des Geschützes, dem Geläute der Glocken und dem Jubel einer zahllosen Volksmenge ihre» feierlichen Einzug hielten. Sie begaben sich sogleich über die große Donaubrücke in das Lager und hielten Heerschau, wobei der Kaiser, um sich bei der ungarische» Nation beliebt zu machen, in ungarischer i Tracht erschien. Ein in der Stadt entstandener Aufruhr der deutschen Lanz- l knechte, die sich dem Befehle widersetzten, Wien zu verlassen und sich in's Lager ? zu begeben, wurde durch strenge Maßregeln Wilhelms von Roggendorf bald gestillt. Soliman aber, der Nachricht von den großen Rüstungen der Christen erhielt, hob die Belagerung von Güns auf, und zog sich gegen Steiermark zurück. Als ihm jedoch hier Kunde von dem Verderbe» der schwarzen Scharen Mihal Oglu's kam, ergriff das ganze türkische Heer panische Furcht. Der schnelle Rückzug wurde beschlossen und in solch wilder Unordnung fortgesetzt, daß, hätte Kaiser Karl den Vortheil benutzt und mit seinem großen Heere die Türken verfolgt, das Schicksal Ungarns für immer entschieden gewesen I1>5 wäre. Allein den Kaiser trieb es, der bevorstehenden allgemeinen Kirchenversammlung zu Trient wegen, mächtig nach Italien, weil ihm die Religions- spaltung allzusehr am Herzen lag, und so ging der günstige Augenblick verloren. Johann Zapolya blieb König in Ungarn und wurde von 60,000 Türken beschützt, die jenseits der Drau stehen blieben. Den 24. Februar 1538 kam der Friede zu Großwardein zu Stande, in welchem Ferdinand, Johann als König von Ungarn in dem, demselben unterworfenen Theile dieses Reiches und als Großfürst von Siebenbürgen anerkannte, wogegen Johann versprach, jedem Bündnisse wider das Haus Habsburg zu entsagen und daß nach seinem Tode sein Land an Ferdinand fallen, wofern er aber einen Sohn hinterließe, derselbe mit den großen Erbgütern des Hauses Zapolya und der Grafschaft Zips sich begnügen solle. Siebentes Kapitel. Innere Einrichtungen und Verfügungen. — Wachsender Protestantismus. — Maßregeln dagegen. 1540 starb König Johann von Ungarn, nachdem er sich ein Jahr vorher mit Jsabella von Polen vermählt hatte, welche ihm einen Sohn, Johann Sigmund, gebar. Nach dem Tode seines Vaters wurde dieser, dem geschlossenen Frieden zuwider, zum König von Ungarn ausgerufen und dein Schutze Soli- mans übergeben, welcher indessen Mutter und Sohn nach Siebenbürgen schickte und sich selbst deS von Johann Zapolya besessenen Theiles von Ungarn bemächtigte und es zum türkischen Sangiakat erklärte. Dadurch erhob sich i neuerdings in Wien große Furcht wegen eines türkischen Einfalles, man ! befestigte die Stadt auf's Neue, führte Ravelinen auf und versah sie mit starken ^ Außenwerken. Doch blieb es für dießmal bloß bei der Furcht, da Soliman in ! Ungarn zu sehr beschäftigt war. 1541 brach abermals eine verheerende Pest- i seuche in Wien aus, die fast den dritten Theil der Einwohner hinwegraffte und bis Lichtmeffe 1542 anhielt. 1543. ließ König Ferdinand wegen des immer weiter Umsichgreifens Verkehre Luthers ein strenges Edict ergehen, wornach alle Buchdrucker und Buchhändler, welche ketzerische Bücher in Oesterreich verbreiteten, ertränkt, die Bücher aber verbrannt werden sollten. Demungeachtet aber gewann die Lehre Luthers so viele Anhänger, daß gegen das Jahr 1550 beinahe eben so viele Lutheraner als Katholiken in Wien gewesen seyn sollen. Um der Ausbreitung dieser Lehre recht wirksam entgegen zu arbeiten, ließ Ferdinand 1551 die ersten Jesuiten nach Wien kommen, die Anfangs bei den Dominikanern wohnten. Später erhielten sie das leer gewordene Kloster der Carmeliten auf dem Hof, das sie unverzüglich in ein Collegium verwandelten und in sechs Elasten die lateinische Sprache lehrten, wofür ihnen zu ihrem Unterhalte vom Hofe jährlich ein Beitrag von 1200 rheinischen Gulden geleistet wurde. 106 Dasselbe Jahr gab Ferdinand auch ein Patent heraus, nach welchem de» Juden befohlen wurde, an dem Oberkleide auf der linken Brust eine» runden Fleck von gelbem Tuche als Unterscheidungszeichen von den Christen zu kragen. 1552 kam der älteste Sohn des Königs, Erzherzog Marimilian, mit ! seiner neu angetrauten Gemahlin Maria, Tochter Karl's V., aus Spanien in Wien an und wurde mit allgemeinem Jubel empfangen. Bei dieser Gelegenheit wurde nebst andern Freudenbezeigungen der Stcphansthurm bis an die Spitze durch zahllose Laternen erleuchtet. Nebst andern Seltenheiten aus Westindien und Amerika brachte dieser Prinz auch den ersten Elephante» nach Wien, der j ^ solche Aufmerksamkeit erregte, daß er in dem Hause an der Ecke vom Graben gegen den Stockimeisenplatz, das noch jetzt zum Elephanten genannt wird, in Basrelief abgcbildet und später als Gemälde in Lebensgröße erneuert wurde, j welche Abbildung erst 1789 übertüncht und nicht wieder hergestellt ward. ! 1553 starb die letzte Oberin der Büßerinnen bei St. Hieronymus, und das Kloster löste sich gänzlich auf und blieb durch mehre Jahre einsam und verlassen, bis es später den Franciskanern eingeräumt wurde. 1555 ließ der gelehrte Jesuit, Peter Canisius, in Wien seinen Katechismus drucken, der nachher nicht nur in den österreichischen Erblanden, sondern auch in dem ganzen > katholischen Europa als Lehrbuch aufgenommen wurde. 1558 starb Kaiser Karl V., und Ferdinand wurde zum römisch-deutschen Kaiser erwählt. Dasselbe Jahr erging eine Verordnung des Wiener Magistrates, daß Niemand außer ^ der Stadtmauer ein Gebäude von Stein, Ziegel oder Holz aufführen dürfe, > das nicht wenigstens 5V Klafter weit vom Stadtgraben entfernt sei. 1560 > hatte in Wien so große Theuerung und Weininangel Statt, daß Kaiser ! Ferdinand durch ein öffentliches Decret Jedermann die Erlaubnis; gab, die Weine nach Belieben ohne irgend eine Abgabe von wo immer her frei einzu- führen, wodurch eine Menge ungarischer, Rhein-und Neckarweine nach Wie» gebracht wurden, die auf allen Plätzen und Straßen von Wägen herab zu wohlfeilen Preise» ausgeschenkt wurden. Zur selben Zeit wurden für den Erzherzog Mar die ehemaligen Hofstallgebäude nächst der Burg zur Wohnung hergerichtet, welches Gebäude noch heute davon den Namen der Stallburg hat. 1562 wirkte Kaiser Ferdinand, dessen Eifer gegen die lutherische Lehre i etwas gemäßigt geworden war, auf dem wieder eröffneten tridentim'schen Conci- z ! lium seinen Unterthanen mehre religiöse Freiheiten, unter anderen die Commu- ^ »ion unter beiderlei Gestalten aus, und betrieb fortan eifrigst, obwohl vergeblich, die Vereinigung der sich bildenden Religionsparteien. Dasselbe Jahr ließ er > seinen Sohn Marimilian zum römischen Könige krönen. Den 25. Juli 1564 starb Kaiser Ferdinand I. nach einer fünfundvierzig- jährigen Regierung und wurde zu Prag neben seiner Gemahlin begraben. Seine hinterlassenen Söhne waren: Maximilian II., Nachfolger in der Regierung; Ferdinand, Erzherzog von Oesterreich und Grafzu Tirol — vermählt zum ersten Male mit Philippine Welser, Patricierstochter von Augsburg ! _ _. ! IV7 ! (Kinder: Karl, Markgraf zu Burgau und Nellenburg, und Andreas, Cardinal und Bischof zu Paffau und Briren), zum zweiten Male mit Anna Katharina, Prinzessinn von Mantua (Kinder: Anna, spater Gemahlin des Kaisers Mathias, und Katharina, welche den Schleier nahm) — dann Karl, Herzog von Steiermark, Karnthen und Krain, Stifter der österreichisch -steiermärkischen Linie. — Die Stadt Wien hatte dem Kaiser Ferdinand Vieles >zu danken. Außer dem, durch Noth und den Drang der Umstände herbeigeführten Bau der Festungswerke, und erste Bildung eines regelmäßigen Glacis, führte er auch zuerst die Pflasterung einiger Straßen und Plätze ein; von ihm ist die älteste Dienstboten-Ordnung, publicirt den 24. October 1550. Vortrefflich ist die von ihm eingeführte Pestordnung, wobei besonders Rücksicht auf den ungarischen Handel und auf die Jahr- und Viehmärkte genommen ward. Ueberhaupt waren, trotz der verderblichen Kriege und Feindeseinfälle, die Wiener Bürger unter ^ Ferdinands Regierung sehr wohlhabend, wozu besonders der ausgebreitele Wein- > bau und Weinhaudel beitrug. Ueber den Zustand Wiens zu diesen Zeiten enthält das bekannte Lobgcdicht Wolfgang Schmälzels, Schulmeister bei den Schotten in . Wien(IS48),eineintereffante und höchst charakteristische Schilderung. Hormayr § hat in seinem »Wien" das 4600 Verse lange Gedicht ganz abgedruckt; ich be- ! ^ gnüge mich, mir einen Abschnitt daraus zu entlehnen, der mir am besten zu dem Zwecke zu dienen scheint, meinen Lesern ein getreues Bild des Volkslebens in dama- > liger Zeit zu geben, ohne sie durch die weitschweifige Poesiejener Tagezu ermüde». ^ ! — Kayser Marimilian ! ' Ein treffentliche Red het than, i Er het ein landt mit gnldnen bergen, Die straß daselbst ganz shlbern war, Auch sprach er offt, o Oesterreich, > Wo mag man finden dein gelcich? ^ Kein landt mir baß gefallen hat, ^ Dn hast den namcn mit der that. ^ Der Pest sajfran in aller weldt Wechst neben traid, wein auff dem feldt, Zn gmain jaren ein Überfluß, ^ Wers sieht, es billig loben muß,- Wie mancher fremder, armer knecht ^ Wird hier i» Er und gut gesetzt, Wer sich zu Wien» nlt neren kann Ist übrall ein verdorbner mann.- , Schau, wie ein zutragn und frieren, Die Wägen mög'n sich nit berucrn, ! Nur heut auff diesen markt allein Geladen wägn feint gange» ein, Drei und zwainzig, siebenhundert, Ich sprach, von Herzen mich das wundert, Wo das landt so viel traidt nur nimmt,- Wo ist ein landt, das solchs vermocht, 108 On Abgang z'speisen souil knecht (Soldaten), Wie than bat Wienn, die edle Stat, An- welcher man gefueret hat Acht und viertzig tausend Emer Mit gutem landtwein in das leger, Und obgleich schier zum andern mal Das landt verwüst ist überall- Ein kreutzer laib den muß man pachen, Deß mocht je manch khriegSmann wo! lache», Dabaimen mußt er waffer trinken, Den wein so knollet hier thet schlicken, Als, was doch wollt vonnöten seyn, Bon traid, fleisch, schmaltz, käs, stsch und wein, Was aller ding ain Notdurft gnug, Ein achtring man um vier austrug. — — Hier sind viel sing>r, savtenspiel. Allerlei Gsellschaft, Freuden vil, Mer musikos und instrument Findt man gewiß an keinem endt — — An das lugeck kam ich ongfähr, Da traten Kaufleut hin und her, Alle Nation in ihr claidung, Da wird gehört manch sprach und zungz Ich dacht, ich wer gen Babel khumen, Wo alle sprach ain anfang gnummen, Hebräisch, griechisch und lateinisch, Deutsch, französisch, türkisch, spanisch, Böheimisch, windisch, italianisch, Hungarisch, guel niederländisch, Natürlich syrisch und crabatisch, Raizisch, polisch und chaldaisch. Des Volks auch war ein große meng, Ich macht mich bald aus dem gedreng.- Und wie ich bsich die stat mit fleiß, Meint ich, ich wer im paradeifi. Wie gwaltig Höf und Heuser ich fandt, Wie kaum in einen anndern landt. An Heusern außen und innen gmäl, AIS werenS eitel fürstensäl. Mit thürmen, festen giebelmauer», Für fcindt und feuer wol fürtauer», Die Ziegeldach ganz schön mit Zinnen, Schier paß erbaut in der Erdt darinnen, Als oberhalb daS glaub du mir, Nit gmacht auff glantz und augenzier, Die ganze stat ist gar durchgraben, So weit und tieff« Keller haben, Voll angesteckt mit kühlem wein, Möchten gar nit besser sein. Ivs Alls gmäner von guten zeug und staln, Die fenster gittert mit eisen zain, Der Vögel gsang so schön erschallt. Als ging ich durch den grünen waldt »e. Achtes Kapitel. Maximilian II. — Gestalt von Wien in dessen seit. Ferdinands Nachfolger, Maximilian II., einer der trefflichsten Fürsten, durch Gerechtigkeit, Milde und Mäßigung gleich ausgezeichnet, erhielt 1564 die römisch-deutsche Kaiserkrone, nachdem er bereits 1562 zum König von Böhmen, 1563 zum König von Ungarn gekrönt worden war. Des noch immer fortwährenden Türkenkrieges wegen berief er 1566 einen Landtag nach Wien, auf welchem der Kaiser zugleich den bereits von Karl V. geschloffenen Religion»-' frieden bestätigte. 1567 gestand Maximilian sowohl den Protestanten in Oesterreich und Ungarn, als auch den Utraquisten in Böhmen freie Religion» Übung zu. Den Protestanten wurde auch in Wien die Minoritenkirche ein geräumt. Ueberhaupt griff unter Max II. die lutherische Lehre in Wien und Oesterreich am meisten um sich; Alles strömte den protestantischen Predigern zu, die sich nicht eben durch reine Toleranz auszeichneten und allenthalben gegen den Papst, den Katholicismus überhaupt, besonders aber gegen die Jesuiten donnerten. In Folge der sogenannten Religionsreinigung, die Anfangs eigentlich nur in Abstellung weniger, nur vorübergehender und für das Ganze nicht verderblich wirkender Maßregeln bestehen sollte, schien eine gänzliche Auflösung aller Ordnung und alles Bestehenden einzutreten. Es fanden sich viele Prälaten, die das heilige Stiftungsgut unter einander theilten, es verschuldeten, vertauschten und nach Belieben verkauften, und die Prädikanten munterten sie dazu öffentlich von der Kanzel auf und belobten sic deshalb. Erst in den letzten Jahren seines Lebens sah Kaiser Maximilian durch seine allzufrüh erklärte Duldung den Abfall von der katholischen Lehre so gefährlich um sich greifen, daß er selbst noch zu Einschränkungen und zu Gegenmafiregeln gezwungen war. 1568 gründete Kaiser Max durch Einlösung von den verschiedenen Grundbesitzern den Prater in Wien, der Anfangs jedoch als Lustwald und Jagd- gehege ausschließend kaiserliches Eigenthum war. >570 baute er das alte Jagdschloß Schönbrunn, dessen Abbildung noch in Matthäus Vischcr's schätzbarer Topographie von Unterösterreich zu sehen ist. Auch zeichnete sich der Kaiser durch mehre weise Verordnungen und Satzungen aus, so z. B. das Verbot von Rumor- und Fechthändeln im Burgfrieden der Stadt Wien und den Vorstädten, die Polizeiverordnung vom Jahre 1568 gegen die Kleiderpracht, den Luxus dex Tafeln und die Leichtfertigkeit der Sitten; das Verbot des Viehhandcls während der Pest; die Marktordnung rc. 11 « s-'-! 1570 wüthete die Pest in Wien, und wurden deshalb im Monat August § alle Schulen geschlossen. 1574 entfloh Heinrich von Anjou, der 1572 König von Polen geworden war, auf die Nachricht von dem Tode seines Bruders Karl IX., dessen Nachfolger er war, heimlich aus Krakau und kam im Juni desselben Jahres in Wien an. Die Erzherzoge Karl von Steiermark und Maximilian, Sohn des Kaisers, fuhren ihm bis jenseits der Donau entgegen, j der Kaiser selbst bis an den Tabor; er wurde in Wien auf das Festlichste ^ empfangen, und verweilte daselbst fünf Tage unter allen erdenklichen Aus- ! zeichnungen, wobei er versprach, einem der Erzherzoge zur polnischen Krone zu verhelfen. Auch wählte der polnische Senat in der Folge den Kaiser selbst, allein die Mehrheit des Volkes widersetzte sich, und Stephan Bathory, Woywod von Siebenbürgen, bestieg den polnischen Thron. 1566 fiel die ewig denkwür- > dige Vertheidigung Szigeth's durch Niclas Zriny und dessen Opfertod vor. Vor derselben Festung starb auch in demselben Jahre der große Soliman und dessen Nachfolger, Selim II., schloß sogleich Waffenruhe. Johann Sigmund Zapolya starb ebenfalls 1571, und Stephan Bathory folgte ihm durch Wahl der Stände in Siebenbürgen nach. Den 12. October 1576 starb Kaiser Maximilian auf dem Reichstage z» Regensburg, und hinterließ folgende männliche Erben: Rudolph und Mathias, j seine Nachfolger; Maximilian, Hoch- und Deutschmeister, und Albrecht, Cardinal und Statthalter der Niederlande. Die Gestalt der Stadt Wien unter dem Kaiser Ferdinand I. und Mar II. wird am besten aus dem von Augustin Hirschvogel nach der ersten Belagerung Wiens gezeichneten und 1566 zu Venedig in Kupfer gestochenen Plan der Stadt Wien ersichtlich, in welchem folgende Werke und Theile angeführt sind: Die Jacoberbastei; die Predigerbastci (der Dominikaner-Orden hieß damals Prediger-Orden); die Biberbastei, von dem dicht daranstehenden Biberthurm also genannt; der Rothethurm oder vielmehr Rottenthurm, welcher seinen Namen von den sich hier versammelnden Bürgerrotten (Compagnien) erhielt; das Salzthor (jetzt Fischerthor); die Werderbastei und das Werderthor ! (Neuthor) ; die Elendbastei ; der Judenthurm beim Schottenthore; das ! Schottenthor; die Melkerbastei; die Löwelbastei; das Burgthor und die daran ! liegende Bastei; die Augustinerbastei; die Helmers-, jetzt die Wafferkunstbastei; I das Kärnthnerthor; das Stubenthor. Die Umgebungen der Stadt, so z. B. ! die heutige Roßau im obern, und die Leopoldstadt im untern Werd genannt; ! ' die Jägerzeile, auch VenedigerA» genannt, waren zu dieserZeit gröfitentheils ^ ! von Fischer» und Jägern bewohnt. Bereits unter der Regierung des Kaisers ^ Maximilian II. aber hatten sich im untern Werd viele Juden angesiedelt, die i sich in der Folge daselbst eine Synagoge bauten, und bald war diese Vorstadt ausschließend von Juden bewohnt und Judenstadt genannt. Die Gegend der heutigen Währingergaffe, Alservorstadt und Josephstadt bestand damals bloß aus Wäldern und Weingärten, zwischen denen der sogenannte rothe Hof lag. Ill In der Gegend der heutigen Laimgrube befanden sich längs dem linken Ufer der Wien mehre Ziegelöfen, über der Laimgrube waren Windmühlen. In der Gegend von Nikolsdorf stand schon vor der ersten türkischen Belagerung ein Dorf, welches St. Bernardsthal genannt wurde; die ganze übrige Gegend bestand aber aus Feldern, in deren Mitte ein Schloß mit einer der heiligen Margaretha geweihten Kapelle lag. Das Dorf Bernardsthal stand in der Nahe des alterthümlichen Spinnerkreuzes, welche schöne gothische Säule 1547 statt einer früher daselbst befindlich gewesenen hölzenen Säule aufgerichtet wurde. Die Ursache der Benennung dieser Säule gab zu verschiedenen gegründeten und ungegründeten Muthmasiungen Anlaß. Die triftigste Meinung scheint wohl zu sein, daß die Grundformen des Denkmals, aus einem unsichtbaren Netz entspringend, ein Sechseck bilden, das mit dem Gewebe einer Spinne viele Ähnlichkeit hat. Auf jeden Fall hat die sonderbare, aber zierliche Außenform der Denkmale vor Wien und Wiener Neustadt am allerwahrscheinlichsten Veranlassung zu deren Benennung gegeben, da alle anderen Vermuthungen viel zu weit hergeholt erscheinen, jener, die an das Gebiet des Märchens gränzen, gar nicht zu gedenken. Rechts von der Kapelle der heil. Margaretha stand der einzelne Hundskhurm; eigentlich ein Rüdenhaus für die Jagdlust im Schlosse Schönbrunn, von Kaiser Marimilian II. erbaut. Die heutige Landstraße hieß damals Nikolai-Vorstadt, und war noch wenig, und bloß nur gegen die Stadt zu, mit Wohnhäusern bebaut. Die meisten andern Vorstädte und Grunde habe ich schon früher besprochen. ! Linste Hbtherkmig. 1577 — 1682 Crstes Kapitel. Rudolph II. — Aufnahme des Luthcrthoms 1» Oesterreich. — Der Majestätsbrief. — Türkenkrieg. aiser Rudolph II. lebte beständig in Prag und beschäftigte sich vorzugsweise mit wissenschaftlichen Gegenständen, worunter er besonders der Astronomie, wohl auch der Astrologie mit fast übertriebenem Eifer ergeben war. Sein Bruder Ernst verwaltete indessen in Wien als Statthalter die Regierungsgeschäfte. Unter der Regierung dieses Kaisers fielen wohl große und wichtige Begebenheiten vor, da ich mir jedoch zum Vorwurf gemacht habe, eine Special-Geschichte von Wien und nicht eine Staatsgeschichte von Oesterreich zu schreiben, so genüge es, dieselben nur anzudeuten, um den Zusammenhang beizubehalten, und nur jene Begebenheiten, die Wien allein betreffen, sollen ausführlicher behandelt werden. Die Reformation, welche unter Mar II. so feste Wurzel in Oesterreich gefaßt halte, begann sich durch die Unthätigkeit Rudolphs immer mehr und mehr in Wien und Oesterreich auszubreiten, zumeist verwehrte wohl auch die noch immer fortwährende Türkcngefahr jede ernste Maßregel gegen dieselbe, da man im Falle der Noth sich des Beistandes der deutschen protestantischen Fürsten versichert halten mußte. Concessionen nach Außen gebaren Ansprüche und Forderungen von Innen, und so wagten es I S7S eine Schar von mehr als 5000 Lutheraner aus Wien und den nächsten Ortschaften, auf dem Burgplatze in Wien zu erscheinen und tumultuarisch zu verlangen, daß die den ständischen Mitgliedern ertheilte Religionsfreiheit auf alle Bewohner Wiens und Oesterreichs ausgedehnt werden solle. Erzherzog Ernst versprach darüber dem Kaiser zu berichten, wodurch sich für den Augenblick der Tumult beschwichtigte. Der Kaiser gab jedoch diesem Begehren keine Folge, ja nach Verlauf von einiger Zeit wurden die Anführer ausgekundschaftet, gefänglich eingezogen und des Landes verwiesen. Der berühmte Melchior Clesel, damals Bischof von Neustadt, später Cardinal und Bischof von Wien, führte, mit Beihilfe der Erzherzoge Leopold, Bischof von Passau und Ferdinand, wieder 113 ! den Gebrauch des Abendmales unter einerlei Gestalt ein, obgleich aber auch I der Kaiser selbst eine Gegenreformation, oder vielmehr eine Gleichstellung der Katholiken mit den Protestanten beabsichtete und mehre Maßregeln gegen ! ^ das weitere Umsichgreifen der lutherischen Lehre in's Werk setzte, so waren ! dieselben doch von nur schwachem Erfolg, hatten nur Zwistigkeiten und ^ Gehässigkeiten zur Folge, und es blieb einer späteren Zeit überlassen, durch gewaltsame Mittel den Zweck zu erlangen. Im Jahre 1579 wurde auch der unausgebaut gebliebene zweite Stephansthurm, nachdem er weit über ein ^ ^ halbes Jahrhundert unbedeckt den Raubvögeln zum Aufenthalte gedient hatte, von dem Baumeister Hans Saphoy mit einem kleinen Aufsatze überbaut und mit einem Kupferdache versehen. ! 1582 stiftete die verwitwete Königin Elisabeth von Frankreich, Tochter ^ Maximilians >1., daS nach ihr genannte Königkloster mit der Kirche zu Maria, ! Königin der Engel», nächst der kaiserlichen Stallburg, auf dem Platze, wo sich , jetzt die protestantischen Bethäuser und der ehemalig gräfl. Fries'sche Palast ! befinden, und stand diesem Kloster auch bis zu ihrem Tode als Aebtiffin vor. i ! 1586 hatte die Pest wieder auf eine furchtbare Weise in Wien ringe- ; ! rissen, so daß eine große Menge Einwohner starb. Besonders traf das Uebel ! ^ das Frauenkloster zur Himmelpforte; die Nonnen starben bis auf eine, und i ^ das Kloster mußte durch andere Schwestern aus dem Jakoberkloster neu besetzt werden. Den 24. April 1590 kam unweit vom Stubenthor Feuer aus, und nahm dergestalt schnell überhand, daß ein großer Theil der Stadt von den Flammen verzehrt wurde. Den 15. September desselben Jahres hatte ein furchtbares Erdbeben Statt, die meisten Häuser wurden beschädigt, das Wirthshaus zur goldenen Sonne stürzte ein und erschlug eilf Menschen; j der Thurm des Jesuiten - Collegiums am Hof stürzte ebenfalls herab und selbst ^ i der Stephansthurm litt beträchrlichen Schaden, ja von diesem Naturereignis ! j soll sich die Krümmung der Spitze desselben herschreiben, was jedoch vielleicht ^ ^ nur von der Helmstange, worauf der Knopf ruhte, zu verstehen ist. Die Stöße ! j wiederholten sich mit mehr und minderer Gewalt bis zum 17 ., worauf ein > anhaltender Platzregen erfolgte. i 1591 wurde auf die Spitze des Stephansrhurmes statt der bisherigen ! steinenen eine kupferne, vergoldete Halbkugel mit einem Sterne und beweg- > lichem Halbmonde aufgesetzt. Ueber die Ursache dieser Thurmzierde gibt es noch j > heute verschiedene Meinungen, worunter die allgemeinste, daß man es Soliman ! bei der Belagerung versprochen habe, um den Thurm vor dem gänzlichen ! Untergange zu schützen. Es ist übrigens schlechterdings nicht zu glauben, daß man Solimans Manen 62 Jahre nach der Belagerung dieses Compliment gemacht ! habe, überdies ist in keiner Chronik zu finden, daß die Stadt mit dem Feinde ! parlamentirt habe, eher möchte man die Vermuthung hegen, daß man bei wieder- ! kehrender Gefahr, die zu jener Zeit noch immer nicht sehr weit entfernt war, dadurch den Thurm vor Zerstörung zu schützen suchte. Hormayr's Angabe, daß die 8 114 s" > Mondessichel damals eine sehr gewöhnliche Verzierung der Thurmgiebel war, scheint mir eben auch nicht genügend, wenigstens habe ich bei keiner der viele» alten Ansichten, die ich theils selbst besitze, theils gesehen habe, dieselbe auf christlichen Thürmen bemerkt. Am wahrscheinlichsten dünkt mir, daß schon 1529 während der ersten türkischen Belagerung ohne weitere Verhandlung Mond und Stern auf den Thurm zu dessen Schutz gesetzt und 1591 nur erneuert wurden, da auf einer Abbildung von 1548, die ich besitze, sich dieselben schon darauf befinden. 1595 brach in Unter- und Oberösterreich wegen der verweigerten freien Religionsausübung ein höchst verderblicher Bauernkrieg aus; die katholischen Priester wurden allenthalben verjagt. Die Abtei Lilienfeld, so wie mehre Dörfer, Schlösser und Klöster wurden von den Aufrührern eingenommen und geplündert, ja selbst St. Pölten förmlich belagert. Ein kaiserlicher Heerhaufe, an welchen sich viele Wiener Bürger und Studenten anschloßen, schlug endlich die Rebellen bei Wilhelmsburg, die meisten derselben wurden niedergemetzelt, viele Anführer jedoch gefangen und am Hof zu Wien hingerichtet. Die Türken hatten unterdessen wieder neue Fortschritte in Ungarn gemacht, zu ihren sieghaften Waffen gesellten sich noch mehre Fälle von Feigheit und Treulosigkeit kaiserlicher Anführer, die auf das Strengste und mitunter auf grausame Weise, des abschreckenden Beispieles wegen, bestraft wurden. 1596 fürchtete man schon eine Belagerung Wiens, und es wurde Tag undiNacht an den Schanzen gearbeitet. Der Feuerwerker, Franz Diano, der sich ver- rätherischer Weise erboten hatte, sobald sich ein türkisches Streifcorps vor Wien zeigen würde, die Bastei vom Rothenthurm bis zum Schottenthor zu sprengen, büßte diesen Frevel mit dem Leben. 1600 wurden 12 Offiziere von der Besatzung von Papa, welch' letztere wegen ausständigen Sold meuterisch geworden und die Festung an die Türken verkaufen wollte, in Wien hingerich-- tet, nachdem die Besatzung selbst an Ort und Stelle ihren Lohn erhalten hatte. 1601 verlor Georg Paradeiser, der Canischa ohne Noth übergeben hatte, ebenfalls in Wien Haupt und Hand. Trotz aller dieser strengen Maßregeln aber blieben die Unordnungen im Reiche, die drohende Feindesgefahr und die Religionsspaltung in ungestörtem Fortschritte. Der Kaiser blieb ruhig, ja mit ängstlicher Beharrlichkeit isolirt auf seinem Schlosse zu Prag. Seine mitunter abstracten Studien, gänzlicher Mangel an activer Thätigkeit und Bewegung erzeugten bald düstere Hypochondrie und Misanthropie. Das von so vielen Seiten bedrängte Land seufzte laut um Rettung; jahrelang warteten Generale und Statthalter auf Verhaltungsbefehle, gräßliche Verwirrung riß in allen Zweigen der Staatsverwaltung ein, da brach, durch alle diese Umstände begünstigt, das schon lange gährendeMißverständniß zwischen dem Kaiser und dessen Bruder, Erzherzog Mathias, in offene Fehde aus. Schon 1577 war Mathias von den im Aufstand gegen Spanien begriffenen Niederländern zum Statthalter gewählt worden; er legte diese Würde ! jedoch 1580 miedee nieder, und ging nach Deutschland zurück, wo ihn Kaiser ! Rudolph kalt empfing und ihm Linz zum Aufenthalte anwies. Spater erhielt ! Mathias jedoch wieder das Commando in Ungarn gegen die Türken und nach Erzherzog Ernst's Tode (1605) die Verwaltung von Oesterreich. Die Untha- tigkeit, mit welcher Rudolph allen politischen Ereignissen zusah, bestimmte die , Erzherzoge des österreichischen Hauses, in einer Urkunde vom 25. April 1606, den Erzherzog Mathias zum Oberhaupte ihres Hauses zu erklären. Ergrimmt ! darüber, wollte der Kaiser, mit Uebergehung seiner Brüder, die Nachfolge in > den österreichischen Staaten der steiermärkischen Linie zuwenden. Dieß bewog Mathias, im Juni 1608 mit einem Heere nach Böhmen zu gehe», und Rudolph ^ zu nöthigen, ihm Oesterreich, Mähren und Ungarn abzutreten, ja ihm selbst ! l den Titel eines designirten Königs von Böhmen zuzugestehen. Weil Erzherzog l ! Mathias dabei von den Protestanten vorzüglich unterstützt worden war, so ! j ertheilte er denselben in Oesterreich völlige religiöse Freiheit. Dadurch ermu- > thigt, nöthigten die Utraquisten in Böhmen den Kaiser, ihnen in dem soge- ! nannten Majestätsbriefe ebenfalls freie Religiousübung zu verstauen. Bereits ! zum Könige von Ungarn gekrönt, zog Mathias 1611, aufgerufen von den böhmischen Ständen, mit einem starken Heere nach Böhmen, und der Kaiser mußte ihm auch dieses Reich, so wie die Lausitz und Schlesien abtreten, so daß Rudolph nichts blieb, als der Kaiscrtitel und eine Pension von 300,000 Ducaten, ! die jedoch seinem künstlerischen Aufwande nicht genügte, so daß er genöthigt l war, das Reich um einen standcsmäßigen Unterhalt anzusprechen. Während sich aber die deutschen Fürsten selbst über Rudolphs Absetzung beriethen, starb er zu Prag »»vermählt den 20. Jänner 1612. Bald darauf vermählte sich Mathias in einem Alter von 54 Jahren zu Wien mit großem Prunke mit ^ seiner Nichte, der Prinzessin Anna, Tochter des Erzherzogs Ferdinand von ^ ! Tirol, und noch in demselben Jahre erhielt er auch die kaiserliche Würde. ! I ! Zweites Kapitel. Mathias I. — Cardinal Siesel. — Der Fenstersturz zu Prag. — Ferdinand II. — Beginn des dreißigjährigen Krieges.—Des Kaisers Noth und Rettung. Kaiser Mathias verlegte die Residenz von Prag nach Wien zurück. Nach der Rückkunft von der Kaiserkrönung zu Frankfurt am Main hielt er den 25. November 1612 mit seiner Gemahlin einen prachtvollen Einzug zu Wien. Der Kaiser war zu Pferde, vor ihm ritt der Landmarschall mit dem bloßen Schwerte, hinter ihm die Großen des Landes und die reichsten Bürger. Durch dichte Reihen ungarischer und deutscher Krieger ging der Zug aus dem untern Wert» bis zum Rothenthurm, woselbst ihn der Stadtrath empfing, dessen Obere einen prachtvollen Baldachin über ihn bis zum Bischofhof trugen, wo der Kaiser vom Pferde stieg, von der Geistlichkeit empfangen und von der 116 Hochschule bis in die Kirche und aus derselben wieder bis an's Ende des Stephan - Freithofes, gegen den Stock im Eisen, begleitet wurde, wo er wieder zu Pferde stieg, und sich unter Begleitung des Stadtrathes in die Burg begab. Dasselbe Jahr »och gründete Mathias das noch heute bestehende Hospital der barmherzigen Brüder in Wien. 1617 adoptirte er, da er keine Aussicht auf Erben hatte, seinen Vetter Ferdinand, Sohn des Erzherzogs > Karl von Steiermark, und brachte auch zu Stande, daß die übrigen Erzherzoge ! demselben ihr Recht zur Nachfolge überließen, wornach Ferdinand bereits den 29. Juni desselben Jahres zum König von Böhmen und den 1. Juni i 1618 zum König von Ungarn gekrönt wurde. Bei letzterer Krönung wurde ! Ferdinand von dem Bischöfe von Wien, Cardinal Clesel, des Kaisers Rath ^ und Liebling, empfindlich beleidigt, indem Letzterer die ungarische Krone und l andere königliche Kleinodien in seinem eigene», statt in dem königliche» Leib- ! wagen zur Kirche führe» ließ; überdieß hatte er sich, da er bei Gelegenheit des Religionszwiespaltes jederzeit für Duldung und Nachgiebigkeit stimmte, sowohl ! bei Ferdinand, als auch bei dem Erzherzog Maximilian, verhaßt gemacht. Sie ließen ihn daher ohne Wissen des Kaisers in der Burg zu Wien gefangen nehmen und in der Stille nach dem Schlosse Ambras in Tirol abführen, wo er durch zwei Jahre in Verhaft gehalten, später aber nach Rom entlassen wurde. Der Kaiser war bereits kränklich, als ihm dieser Vorgang und dessen Ursachen von den Erzherzogen mitgethcilt wurde, er sprach kein Wort und ' preßte nur die Bettdecke unwillig an den Mund. Die Kaiserin aber konnte , sich nicht enthalten, einige bittere Worte über die Eigenmächtigkeit dieses ! Verfahrens auszuftoßen. Die Reibungen zwischen den Katholiken und Utraquisten in Böhmen hatten indessen immer mehr zugenommen, und der verhängnisvolle 23. Mai 1618, an welchem bei der außerordentlichen Versammlung zu Prag die kaiserlichen Räthe Slawata und Martinitz aus den Fenstern der Burg gestürzt wurden, gab die Losung zu einem Aufstande in Böhmen, ^ der sich in mehre Erbländer verbreitete, Deutschland allgewaltig zündend j erfaßte, und so die nächste Veranlassung zu dem unheilvollen dreißigjährigen ! Religionskriege gab, durch den beinahe ganz Europa in Bewegung gerieh, der i höchst verderblich auf die seit der Segenszeit Maximilians I. so herrlich blühende j Kultur in Deutschland wirkte, und künstlerische, so wie wissenschaftliche Bildung ! gewiß um ein Jahrhundert zurück drängte. ^ ! Stets inein Ziel fest im Auge, kann es meine Aufgabe nicht seyn, die Hebeln ! ! und Triebfedern, den Ursprung und Fortgang dieses unseligen Kampfes folgerecht ^ vorzuführen; nur in sofern dessen Wirkungen sich unmittelbar auf Wien und ^ Oesterreich erstreckten, soll er hier genau,^md quellengiltig dargcstellt werden.' ! Kaiser Mathias starb kinderlos den 20. März 16 IS, und Ferdinand II. bestieg i unter den mißlichsten Umständen den Thron seiner Vater. Fast keines seiner Län- > der blieb ihm beim Antritte seiner Regierung unbestritten. In dem von den ^ Türken noch nicht occupirten Theile Ungarns hatte sich der Siebenbürgcrfürst j 117 Bethlen Gabor festgesetzt, Böhme» und Mahren waren in vollem Anfstaiide gegen ihn, und selbst sein eigener Bruder Leopold, Bischof zu Passau, entsagte dem geistlichen Stande und machteAnspruch auf die tirolischen und vorarlbergi- schen Lander, die er auch später durch Vertrag erhielt. Die österreichischen protestantischen Stände machten alsobald Gemeinschaft mit den böhmischen und mährischen, und dachten den Kaiser, den kein bedeutendes Heer zu Gebote stand, einzuschüchtern und ihre Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. Mathias, Graf von Thurn, derHauptanstifrer des Aufstandes in Prag, eilte ihnen mit einem. Heere zu Hilfe. Schon den 5. Juni 1619 erschien er vor Wien und schlug sein Hauptquartier im Schlosse zu Margarethen auf. Bei St. Ulrich wurden Batterien aufgeführt und die Burg von da aus beschossen. Die Scharen Bethlen's, den man ebenfalls zu Hilfe gerufen hatte, schwärmten schon über die Fischa herauf; Wie» war in der höchsten Gährung. Da traten, die günstige Gelegenheit benützend, mehre protestantische Landherren, an ihrer Spitze Andreas Thonrad- l tel und Erasmus Tschernembl, in die öde, von böhmischen Kugeln durchlöcherte Burg, vor den Kaiser, unbedingte Glaubensfreiheit, Bestätigung und Erweiterung des rudolphinischen Majestätsbriefes und mehre entehrende Conceffionen ihm abzuzwingen. Die getreuesten Räthe Ferdinands, ja selbst die Jesuiten riethen zur Unterhandlung und Nachgiebigkeit, doch Ferdinand blieb in dieser höchsten Zeit der Noth unerschüttert und verschmähte sogar den Rath, Wien zu verlassen und sich in Sicherheit zu begeben. Zu dieser Zeit der Bedrängnis! war cs, das; Ferdinand, von dem Crucifir, welches noch jetzt die kaiserlicheSchatz- i kainmer bewahrt, auf sei» inbrünstiges Gebet die Worte zu vernehmen glaubte: 1 »b erllinanüv, N»II t« üvnvrnm» (Ferdinand, ich werde dich nicht verlassen). ^ Selbst bei dem ungestümen Eindringen der Rebellen und ihrem rohen Betragen ^ blieb Ferdinand standhaft. In dein Augenblicke aber, als ihm Thonradtel ! eine Schrift mit den Eoncessionen aufdringen wollte und ihn mit frechen > Worten zur Unterschrift aufforderte, ertönte Trompetenschall auf dem Burg- l platze. Das Cürassier-Regimcnt Dampierre war aus der Gegend von Krems auf ! der Donau nach Wien gekommen und durch das Fischerthor mit Hilfe der treuen ! Bürger in die Stadt gedrungen, willkommene Rettung bringend. Zugleich ^ erscholl die frohe Kunde, die kaiserlichen Feldobersten Bucquoy und Dampierre ! hätten den Heerführer der Protestanten, Grafen Ernst von Mannsfeld, ge- ! schlagen und bedrohten Prag, auf welche Nachricht Graf Thurn sogleich die Belagerung Wiens aufhob und abzog *). Zum zweiten Male bedrohte noch in dem- ! selben Jahre Wien eine noch bedeutendere Gefahr. Bethlen Gabor schloß mit den ^ böhmischen und mährischen Ständen einen Bund, seine Truppen drangen über Easchau vor, nahmen mehre Festungen und endlich auch Preßburg ein. Da Fer- ^ dinand in Frankfurt anwesend war, um die Reichskrone zu empfangen, hatte dessen ») Von dieser Zeit an erhielt das Dampierre'sche Cnraffier - Regiment (jetzt Hardegg) ^ das Vorrecht, mit klingendem Spiel durch die Stadt zu ziehen, sich auf dem Burg- 1 platz aufznstellen und daselbst unter Trompeteuschall durch drei Tage zu werben. ! i < ! ! 118 Bruder, Erzherzog Leopold, die Statthalterschaft in Oesterreich. Er berief alsbald ein starkes Heer aus Böhmen zur Deckung der Hauptstadt, diesem folgte aber Graf Thurn mit seiner Heeresmacht auf der Stelle, und so war die ! Stadt bald von mehr als 80,000 Mann umzingelt, da inzwischen auch Bethlen ^ angekommen war. Ueberdieß war Wien durchaus auf keine lange Belagerung ^ vorgesehen, die Ungarn gingen scharenweise zu Bethlen über, und mehre i Gefechte in der Nähe der Hauptstadt fielen zum Nachtheil der Kaiserlichen aus. Ferdinand hatte sich indessen bei seiner Rückkehr mit dem Baierherzog Maximilian verbündet, der die oberösterreichischen Rebellen bezwang und dann mit einem Heere in Böhmen einrückte, woselbst Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz, von den aufrührerischen Ständen zum König gewählt worden war. Ein bedeutender Sieg des königlichen cknävx cuiiav in Ungarn, Georg Hommoney, über Bethlen'S Truppen bei Caschau, rettete dieHauptstadt, indem Letzterer die Belagerung von Wien aufhob und sich nach Ungarn begab, wo er ! zum Könige gewählt wurde. Er ließ sich jedoch nicht krönen und schloß bald ! darauf Waffenruhe mit dem Kaiser. Graf Thurn zog ebenfalls von Wien ab, ^ theils weil er ohne den mächtigen Beistand der Ungarn nichts zu unternehmen ! vermochte, theils und hauptsächlich, weil seine Gegenwart in Böhmen noth- j wendig war, wo sich die kaiserlichen Heere durch Succurs aus Baiern und ! Sachsen immer verstärkten, und da auch 24,000 Mann Spanier aus den Niederlanden in die Rheinpfalz eingedrungen waren. > Den 7. August 1620 kam ein Palentzu Wien heraus, welches zur Sicher- ^ heit der Stadt gebot, nicht mehr so nahe von den Vorstädten gegen die Stadt ^ i zu bauen, alle innerhalb der gesteckten Markstange befindlichen Häuser nieder- ! ^ zureißen, die Keller zu verschütten und alle Anhöhen und Tiefen gleich und > eben zu machen. Die Angelegenheiten in Böhmen nahten sich einem entscheidenden Schlage, ! der denn auch den 8. November 1620 durch die Schlacht am weißen Berge vor Prag ausgeführt wurde, in welcher die protestantische Partei eine ent- ! schiedene und vollständige Niederlage erlitt, und das kurzeKönigthum FriedrichV. ! für immer niederstürzte, der, weil es nur einen Winter gewährt hatte, den j Namen Winterkönig erhielt. Dieser Sieg hatte die unbedingte Unterwerfung und Huldigung Böhmens, Mährens und Schlesiens zur Folge. Friedrich war gezwungen, nach Holland zu fliehen, und Ferdinand betrieb nun mit strengem Eifer die Gegenreformation in seinen Ländern. In Wien und Oesterreich wur- ^ den die Prädicanten vertrieben, die Minoritenkirche wieder dem katholischen ! CultuS zurückgegeben, das lutherische Bethaus im Landhause geschloffen und den protestantischen Unterthanen nur die Wahl zwischen Uebertritt zur katholischen Lehre oder Answandernng gelassen. Viele Wiener Bürger zogen letztere vor, ihre Stelle ward jedoch durch zahlreiche Einwanderungen aus dem Reiche wieder ersetzt. In Prag machte Ferdinand die Rechte des Sieges durch die strengsten Maßregeln giltig. Er zerschnitt eigenhändig den Majestätsbrief, hob 119 alle ständischen Vorrechte auf, stellte die Jesuiten wieder her, opferte die ! bedeutendsten Männer auf dem Blutgerüste, erklärte Böhmen für ein Erbreich § und vertrieb Alle, die nicht zum Katholicismus zurückkehren wollten, nach sechs- ^ monatlicher Frist, aus dem Lande. ^ 1622 begann in Wien der Bau des schon von Kaiser Mathias und der Kaiserin Anna gestifteten Kapuzinerklosters in der Stadt mit der kaiserlichen Gruft, in welche dieselben auch zuerst beigesetzt wurden. 1625 übergab Ferdinand den Jesuiten das Universitäts-Collegium, woselbst sie sich die Universitätskirche erbauten, später erhielten sie auch das Collegium bei St. Anna. Dasselbe Jahr wurde auch der protestantische Cultus, der noch immer, trotz wiederholtem Verbote, in Hernals fortbestanden hatte, aufgehoben, und weil der Besitzer des Ortes, GrafJörger, sich unter den protestantischen aufrührerische» Landständen von jeher bemerkbar gemacht hatte, zog Ferdinand seine Güter ein, verjagte die protestantischen Prediger aus Hernals und schenkte diesen Ort sammt dem Schloß dem Wiener Domkapitel. Den I I. April 1627 kam durch die Unvorsichtigkeit einer Magd beim Schmalzsieden in der Riemerstraße Feuer aus, welches 147 Häuser, darunter das Jakoberkloster, die Riemer-, Grünangcr- und Schulenstraße, fast die ganze Wollzeile rc. in Asche legte, ja das Feuer flog sogar über die Schlagbrücke und verzehrte in der Judenstadt zehn Häuser und mehre Donauschiffe. Den 20. November desselben Jahres wurde der älteste Sohn des Kaisers, Ferdinand, zum König von Böhmen gekrönt, nachdem er schon zwei Jahre vorher die ungarische Krone erhalten hatte. 1628 kehrte Cardinal Clesel nach zehnjähriger Abwesenheit von Rom zurück, wurde in Wien auf daS Feierlichste empfangen, und von dem Kaiser, der sich mit ihm durch Vermittlung ^ des Papstes Urban VIII. ausgesöhnt hatte, in seine vorigen Würden und Ehren wieder eingesetzt. Kaiser Ferdinand stiftete auch das Kalmaldulenser- ! kloster auf dem Kahlenbergs, berief aus Montserrat in Spanien Benedictiner , nach Wien, denen er ein Kloster vor dem Schottenlhore (die sogenannten l Schwarzspanier) einräumte; errichtete ein Kloster der Carmeliterinnen zu ^ ^ St. Joseph (das heutige Polizeihaus), und nahm auch die Serviten in der ! ! Roßa» auf. Unter seiner Regierung nahmen auch die Prozessionen nach Maria ! Zell ihren Anfang , zuerst zu dem Zwecke, seinen Waffen Segen zu erflehen. Drittes Kapitel. I Die Schweden in Deutschland. — Gustav Adolphs Tod bei Lützen. — Ferdinand III. — ! Die Schweden vor Wien. I Durch die Unterdrückung der Unruhen in Böhmen und Mähren war keineswegs das Ende des erbitterten Religionskampfes herbeigeführt worden; ^ ja Ferdinands Strenge nach dem erfochtenen Siege hatte seine zahlreichen Gegner noch erbitterter geinacht. Der berühmte Schivedenkönig Gustav Adolph H. mar von der protestantischen Partei zu Hilfe gerufen worden, der 1631 mit einem mächtigen Heere in Deutschland erschien und stch der protestantische» Sache mit Eifer annahm. Die Ereignisse dieses neuen und blutigen Kampfes sind zu wichtig und liegen zu fern von meinem Ziele, als daß hier auch der gedrängteste Auszug genügen und nicht zu weit führen würde. Da überdieß vorauszusetzen ist, daß jedem gebildeten Leser die Großthaten und Gräuel des unseligen Religionskrieges aus den vielen Geschichtswerken, die wir darüber besitzen, hinlänglich bekannt sind, so beschränke ich mich, dieselben nur in allgemeinen Umrissen zu geben, um wenigstens der Zeitfolge getreu zu bleiben, da eben auch während dieser Epoche in Wien selbst Alles ruhig war und nichts sonderlich Merkwürdiges vorfiel. Den 7. September 163 l wurde der kaiserliche Feldherr Tilly, der sich durch die Zerstörung Magdeburgs einen gefürchteten Namen erworben hatte, ^ bei Breitenfeld in Sachsen geschlagen und das protestantische Deutschland ! feierte in dem Könige von Schweden seinen Retter, dessen Heer (obschon der ! König selbst den 6. November 1632 in den Ebenen bei Lützen seinen frühzei- ! tigen Tod gefunden hatte) die siegreiche Bahn verfolgte und in Böhmen ein- ! drang. Des Königs goldene Kette und sein ledernes blutbeflecktes Koller wurden ! dem Kaiser nach Wien gesandt, und letzteres befindet sich noch unter den ^ Trophäen des kaiserlichen Zeughauses. Es ist ein schöner Zug, daß Ferdinand ! bei dessen Anblick Thränen der Rührung vergoß. Selbst Gustavs würdiger i Nebenbuhler, der große Kriegsheld, der allgewaltige Wallenstein, fand au ^ Herzog Bernhard von Weimar, Gustavs Schüler, einen ihm ebenbürtige» > Gegner, und erst als Wallenstein durch Mißbrauch seiner Macht und den Versuch, das Heer dem Kaiser abwendig zu machen, den 25. Februar 1634 seinen gewaltsamen Tod zu Eger gefunden hatte, neigte sich unter König Ferdinand, dem erstgebornen Sohne des Kaisers, in der gewonnenen Schlacht bei Nördlingen (27. August 1634) das Glück wieder auf Oesterreichs Seite. Durch den Prager Frieden 1635 verband sich auch Sachsen wieder mit Oesterreich. Das vereinigte österreichisch-sächsische Heer wurde jedoch den 24. September 1636 bei Wittstock von dem schwedischen Feldherrn Banner besiegt, und auch Frankreich, welches während der Zeit der früheren Kämpfe freundschaftliche Gesinnungen gegen Oesterreich geheuchelt hatte, warf nun die Larve der Freundschaft ab, und trat mit mächtigen Heeren in die Reihen der Feinde. Nur die Türken verhielten sich ruhig, deren Einfall zu jener Zeit bei dem unbewehrten Lande die größte Verwirrung hätte hervorbringen können. Im December 1636 wurde der Sohn des Kaisers zum römisch-deutschen König gewählt. Kurz darauf, den 15. Februar 1637, starb Kaiser Ferdinand, ohne das Ende eines erbitterten Kampfes zu sehen, welcher die politische Stellung der europäischen Mächte wesentlich veränderte und dessen Ausgang noch sehr ungewiß war. Er fand seine Ruhestätte in Gratz, wo er auch geboren war. s > 121 Ferdinand war zweimal verheirathct, mit Maria Anna, Prinzessin von Baiern, welche 1616 starb, und dann mit Eleonora, Prinzessin von Mantua, die ihn achtzehn Jahre überlebte. Aus seiner ersten Ehe überlebten ihn zwei Söhne: König Ferdinand und Erzherzog Leopold Wilhelm; seine zweite Ehe blieb kinderlos. Sein Bruder Leopold starb schon 1632 und hinterließ die Söhne: Ferdinand Karl, der ihm in Tirol nachfolgte, und Sigmund Franz, Anfangs Bischof von Gurk und Trient, nach dem Tode seines Bruders aber legte er die geistlichen Würden ab und folgte diesem in dessen Besitzungen. Ferdinand III., der bald nach dem Tode seines VaterS die kaiserliche Würde erhielt, setzte den Krieg mit Nachdruck und ungleichem Glücke fort; dabei versäumte er es aber nicht, für die Wohlfahrt seines Landes und seiner Hauptstadt unermüdet zu sorgen. 1637 — 1639 erschienen in Wien mehre Verordnungen für die Reinhaltung der Gasse» und öffentlichen Plätze, für das Wegschaffen des Schnees und Aufhackeir des Eises durch jeden Hausherrn; die Marktordnungen wurden erneuert und eine eigene Mehl- und Getreide- Marktordnung gegeben. Zugleich wurde befohlen, die Durchgänge, Durchhäuser und engen Gäßche» zur Abendzeit zu sperren, um dem vielen verdächtigen Gesindel, das zur Nachtzeit die Straßen unsicher machte, jeden Schlupfwinkel zu benehmen. Da die Gesetze der Stadt von 1639—1610 eigene Verfügungen enthalten, auf welche Weise die Protestanten den Eid vor Gericht abzulegcn hatten, so läßt sich daraus schließen, daß dieselben wieder geduldet waren. 1610 erbaute Kaiser Ferdinand III. das Schanzelkhor an der Donau, und ließ auch die Werke vom Rolhcnthurm bis zum neuen Thore befestigen. Der Krieg wüthete indessen ununterbrochen im Norde» fort, und die siegreichen Fortschritte der schwedischen Waffen unter dem Herzog Bernhard von Weimar bedrohten bald auch die Erblande, ja das Herz der Monarchie. Den 31. Mai 1612 schlug er die Kaiserlichen bei Schweidnitz und drang unaufhaltsam in Schlesien und Mähren vor. Olmütz capitulirte durch die Verzagtheit und die schlechten Anstalten des Commandanten Miniati, und die Feinde drangen nun auch in Oesterreich ein, ja fünf kühne schwedische Reiter wagten sich bis an die Wiener Donaubrücke, wo sie gefangen wurden und den Wienern durch ihre ungewohnte Tracht und Sprache ein seltsames Schauspiel gaben. Die an der Spitze des kaiserlichen Heeres stehenden Anführer, Erzherzog Leopold Wilhelm und Ocravio Piccolomini, drückten den Feind zwar wieder nach Sachsen zurück, wo sie jedoch den 2. November 1612 bei Leipzig die Schlacht gegen den schwedischen General Torstenson verloren, der nun neuerdings in Mähren einrückte und auch den Fürsten von Siebenbürgen, Georg Rakotzy, aufforderte, ihm die Hand zu bieten. Noch einmal entfernte sich die Gefahr, da Torstenson einen neuen Feind an den Dänen erhielt und deshalb einen Zug aus Mähren nach Holstein machte. Doch bald hatte er hier seinen Zweck erreicht und trieb nun den kaiserlichen General Gallas, der ihm gefolgt war, von der Ostsee wieder über die Elbe und in das böhmische Gebirge. 122 De» 6. Marz 1645 hatte die mörderische Schlacht bei Jafkowitz Statt, worin die Schweden, trotz des tapferste» Widerstandes der Kaiserlichen unter Erzherzog Leopold Wilhelm, den vollkommensten Sieg erfochten. Die Trümmer des geschlagenen Heeres warfen sich in wilder Flucht nach Tabor und Prag, welch' letztere Stadt der daselbst anwesende Kaiser eilig verließ und über Regensburg »ach Wien eilte. Torstenson's Sinn war nun allein auf diese Hauptstadt gerichtet, uin Ferdinand daselbst den Frieden vorzuschreiben, wodurch allein Prag gerettet wurde, und wirklich stand er auch, schon acht Tage nach der Schlacht, a» der Donau. Jglau und Znaim wurden im Sturmschritte genommen, den 16. März eroberte er Stein an der Donau; Krems, das Oberst Ranfft heldenmüthig vertheidigte, mußte sich den IS. auf Diskretion ergeben. Der wichtige Donaupaß Dürrenstein wurde gesprengt, daS (jetzt verfallene) Schloß Kreutzcnstein besetzt, und den 29. März auch Korneuburg erobert, wo die Sieger reiche Beute an Mundvorrath und Kricgsbedürfnissen fanden; außerdem nahmen sie der Stadt 12,000 Reichsthaler Contribution ab. Raschen Schrittes vorwärts drängend und auf die Beihilfe Rakotzy's bauend, der mit 22,000 Mann bei Preßburg stand, wurde die schnell aufgeworfene Wolfsbrücken-Schanze an der Donau durch das heftigste Feuer und durch förmliche Approchen gleich einem festen Platze belagert und genommen, worauf Torstenson für's Erste sein Hauptquartier in Mistelbach nahm und Wien beobachten ließ. In dieser Stadt hatte das schnelle Verrücken das Feindes und die drohende Gefahr einer Belagerung die größte Bestürzung veranlaßt. Die kaiserliche § Familie, die Schatzkammer und das Archiv wurden auf das Eiligste nach ! Gratz geflüchtet, viele Einwohner, besonders aus den höher» Ständen, flohen ! mit ihren Schätzen bis Salzburg und Venedig, nur der Kaiser beschloß, voll ritterlichen Sinnes, in Wien zu bleiben und des Aeußerste zu erwarten. In größter Eile wurden die zweckmäßigsten Vertheidigungs-Anstalten getroffen, jedes Haus mußte zur Stromeshut einen Mann stellen; die Stände bewilligten den fünfzehnten Mann, die Artillerie und gerüstete Giltpferde. Die Bürgerschaft »nd die Studenten bewährten den trefflichsten Geist, und mehre Versuche der Schweden, bei Schwechat und bei Hainburg über die Donau zu setzen, wurden vereitelt. Erzherzog Leopold Wilhelm, der das Commando der wenigen, in der Stadt befindlichen Truppen übernommen hatte, war beständig im Lager in der damals sogenannten Wolfsau ain alten Tabor, wo sich die Donaubrücken befanden. Als er am Morgen des Brigittentages betend auf den Knien lag, flog eine schwedische Kanonenkugel in sein Gezelt, jedoch ohne den mindesten Schaden zu thun. Zum ewigen Gedächtnisse dieses Ereignisses ließ der Erzherzog später an eben der Stelle und nach der Form seines Gezeltes eine Kapelle zu Ehren der heiligen Brigitta bauen, von welcher seit dieser Zeit die Wolfsau Brigittenau genannt wurde. § De» 4. April schickte Torstenson einen Trompeter nach Wien, die schnelle ^ 123 Ranzionirung der zahlreichen gefangenen kaiserlichen Generale und hohen j Offiziere vorzuschlagen, widrigenfalls er gezwungen wäre, sie nach Schweden ! zu schicken. Das Geschäft kam bald zu Stande, und der von Torsicnso» dabei bewiesene Edelmuth, so wie die gute Behandlung, welche die Gefangenen, ihrer Aussage nach, im feindlichen Lager erfahren hatten, bewogen den Kaiser, zu gestatten, daß der schwedische Feldherr seinen Kammerdiener unter kaiserlichem freien Geleite nach Wien schicken durfte, um Geschmeide für seine Gemahlin, und prächtige Sättel und Reitzeug, zusammen im Werthe einiger tausend Reichsthaler, einzukaufen. j So drohend sich indessen die schwedische Invasion in Oesterreich und Wien ! gestaltet hatte, so unvermuthet nahm die Gestalt der Dinge auf einmal eine andere, günstigere Wendung. Torstenson, welcher den ganzen April mir Ungeduld der Entschließung Rakoßy's entgegen gesehen und während dieser Zeit nichts Ernstliches gegen Wien unternommen hatte, wurde endlich ungeduldig, brach unversehens und ohne weitere zureichende Ursache von Wien auf, und beschloß, zuerst den in seinem Rücken gelassenen, noch von den Kaiserlichen besetzten wichtige» Waffenplatz Brünn zu nehmen und darauf wieder nach Wien zurückzugehen. Der tapfere Commandant dieser Festung jedoch, Ludwig Rattuit de Souches, vertheidigte und behauptete sie auf das Hartnäckigste, von der Bürgerschaft und den Studenten rühmlich unterstützt. Nom 4. Mai bis zum 15. August lag Torstenson vor Brünn und unternahm mehre furchtbare Sturme, die aber alle auf das Tapferste und mit großem Verluste der Schweden abgeschlagen wurden. Am letztgenannten Tage, dem Feste Maria Himmelfahrt, an welchem von den Brünnern noch heute das Andenken des Murhes und der Standhaftigkeit ihrer Ahnen gefeiert wird, hob Torstenson die Belagerung auf, und begab sich, um die erlittene Schmach nicht zu geste- ^ Heu, in sein altes Hauptquartier nach Mistelbach. Den Generalmajor Wittem- l berg aber schickte er mit 3000 Reitern bis an die Donaubrücken Wiens vor; I deren ganze Heerfahrt beschränkte sich jedoch darauf, das Schloß Kreutzenstein zu sprengen und sich dann hinter Olmütz zurückzuziehen. Im folgenden Jahre wurden auch Krems und Korneuburg, nach hartnäckigein Widerstande, von de» Kaiserlichen wieder erobert. Uebrigens dauerte die Verwegenheit der schwedischen Parteigänger, die von Olmütz bis vor Wien auf Beute streiften, noch lange Zeit fort. Man konnte von Wien kaum mehr anders, als in zahlreichen Karavanen nach Brünn reisen, und selbst diese Vorsicht war oft unzureichend, so griff z. B. noch im Mai 1646 eine schwedische Partei gleich außer den Donaubrücken 15 Wagen mit mehr als 80 Personen an, tödtete deren 16, verwundete Viele, schleppte die Vornehmsten um des Lösegeldes willen mit sich und machte reiche Beute. Da diese Streiftruppen wie gewöhnlich aus dem Auswurf der Soldateska bestand, und wegen Mangel an ordentlichen Anführern keine Art Disciplin unter ihnen herrschte, so konnte es an Gräuel», Raub-, Mord- und Brandscenen nicht fehlen, weshalb sich denn !_ 124 auch das Andenken an diese Einfälle lange traditionell im Munde des Volkes ! erhielt und mehre Sagen von dem Schrecken der Schwedenzeit fast bis auf ^ unsere Tage heraufreichen. Viertes Kapitel. I Der westphälischc Friede. — Leopold I. — Die Judcnvertreibung. — Die ungarische ^ Verschwörung. Im Monat August 1647 trat in Wien, in Folge mehrer heftiger Ge- ! Witter, wobei der Stephansthurm durch Blitzstrahl beschädigt wurde, eine , furchtbare Ueberschwemmung ein, wodurch großer Schaden angerichtet, auch j eine Donaubrücke weggerissen wurde. Dasselbe Jahr hatte in Wien eine , Erecution von einem kaiserlichen Officier, mehren Unterofficieren und Soldaten ! aus dein Buchheim'schen Corps Statt, welches in wilder Zügellosigkeit die ^ Straßen von Wien nach Gratz durch Raub unsicher machte und sogar einige ^ kaiserliche Hofwagen beraubt hatte. l Den 14. October 1648 trat endlich der gesegnete Tag ein, welcher ^ Deutschland und Oesterreich den lange und sehnsuchtsvoll erwarteten Frieden ! wieder schenkte. Die Eroberung der Kleinseite von Prag durch die Schweden i beschleunigte den lange verzögerten Abschluß, bei welchem sich, ungeachtet ! vieler und schmerzlicher Opfer, welche Oesterreich bringen mußte, der berühmte ! Staatsmann, Maximilian Graf von Trautmannsdorf, unsterbliche Ver- ' dienste erwarb. Dieser Friede wurde zu Osnabrück mit Schweden, zu ! Münster mit Frankreich geschlossen, weshalb er auch der westphälische hieß, i Die Hauptpuncte desselben waren: Abtretung des Elsaß, des Sundgaues und ^ der Festung Breisach an Frankreich; Anerkennung der Freistaaten Schweiz ^ und der vormals spanischen Niederlande als selbstständige, von Deutschland getrennte Staaten, so wie der bürgerlichen Gleichheit von Katholiken und Protestanten in Deutschland. Doch dehnte der Kaiser diese kirchlichen Freiheiten nicht auf seine Unterthanen in Böhmen und Oesterreich auS, sondern gestand bloß den Protestanten in Schlesien und dem protestantischen Adel in ^ , Oesterreich eine beschränkte Ausübung ihrer Confessio» zu. Den 24. October 1648 hielt der Ueberbringer der Friedensbotschaft, Oberst Ranfft, derselbe, ! welcher Krems gegen Torstenson vertheidigt hatte, unter dem Geläute aller ! Glocken, dem Donner des Geschützes und schmetterndein Trompelenschall, so wie unter dem fröhlichen Zujauchzen einer unzähligen Volksmenge vom rothen Thurm seinen feierlichen Einzug in die Stadt und in die Kaiserburg. Ferdi- ! nand aber belohnte ihn für seine segenreiche Botschaft mit einer goldenen ; Gnadenkette und mit dem köstlichsten Ring von seinem eigenen Finger. j Den 2. Juni 1649 entstand ein furchtbarer Auflauf der Studenten gegen ! die Inden, und zwar, weil eine Schildwache an der Schlagbrücke auf einen ^ Studenten, der ihr nicht Rede stehen wollte, geschossen hatte. Obgleich nun ! 125 s an diesem Vorfall die Juden sicherlich ganz unschuldig waren, so mehrte sich doch der Tumult so sehr, dasi selbst Drohungen mit den strengsten Mafi- i regeln nichts fruchten wollten. Die Studenten rotteten sich zusammen und j erlaubten sich thatliche Mißhandlungen gegen die Jude», ja selbst gegen die zu deren Sicherheit in die Häuser gelegten Soldaten. Der Kaiser ließ ein Edict ergehen und öffentlich auschlagen, worin den Studenten bei großer Strafe verboten wurde, die Juden fürder zu beunruhigen. Erstere brachten l hierauf eine schriftliche Klage bei der Regierung an, und die Juden mußten ^ zu ihrer Sicherheit über einen Monat eine Schutzwache, 300 Mann stark, ' deren jedem sie täglich zwölf Kreuzer zahlen mußte», bei ihren Gewölben und in der Judenstadt halten. 1650 wurde eifrig an den Festungswerken gearbeitet und täglich 700 Mann damit beschäftigt. 1651 wurde der älteste Sohn deS Kaisers, Ferdinand IV., zu Regensburg zum römische» König, früher schon zum König von Ungarn und Böhmen, gekrönt. Dieser vielversprechende Prinz starb aber schon in seinem 21. Jahre den 9. Juli 1654 an den Pocken, und die Thronrechte gingen auf dessen Bruder Leopold über, berauch 1655 zum König von Ungarn und1656 zum König von Böhmen gekrönt wurde. Im letzteren Jahre vollendete man auch den neuen Bau des Schottenthores und der Löwelbastei. Anfangs 1657 befiel Kaiser Ferdinand eine heftige Krankheit, die so schnell zunahm, daß er den 23. März verschied. In der Stunde seines Todes kam in der Burg Feuer aus, das nur mühsam gelöscht wurde und die Bestürzung nicht wenig vermehrte. Von seiner ersten Gemahlin Maria, Tochter König Philipps III. von Spanien, stammte sein Thronfolger Leopold; von der zweiten, Maria Leopoldine, Tochter ^ des Erzherzogs Leopold von Tirol: Karl Joseph, Hochmeister des deutschen ! Ordens; von der dritten, Eleonora von Mantua: Ferdinand Alois, der jedoch ! schon 1658 im zarten Kindesalter starb. Der Kaiser wurde bei den Kapuzinern ^ in Wien beigesetzt. Vor seinein Tode hatte er noch seinem sechzehnjährigen ! Sohn Leopold von allen Ministern den Eid der Treue leisten lassen und ihn j der Leitung seines Bruders Leopold Wilhelm und der Kaiserin empfohlen. ! Da Leopold bei dem Ableben seines Vaters noch nicht zum römischen König j gewählt worden war, weil ihm das statutenmäßige Alter (18 Jahre) mangelte, so verzögerte sich durch Schwedens und Frankreichs Einfluß die Wahl eines l Reichsoberhauptes, welche Ludwig XIV. gern auf sich gelenkt hätte. Doch , aller Hindernisse ungeachtet, hatte Leopold die Stimmen auf dem Tage zu Frankfurt ausschließlich für sich, er wurde 1658 zum Kaiser gewählt und den j 5. August desselben Jahres in Frankfurt gekrönt. ! 1659 gab Kaiser Leopold eine Polizei- Ordnung heraus, daß fürderhin ! Niemand erlaubt seyn sollte, silberne und goldene Spitzen, auch keine mit Gold oder Silber eingewirkte Borden, Bänder, Wehrgehänge, so auch keine ! weißen Niederländer Spitze» zu tragen. Dasselbe Jahr wurde auch der Bau ^ der Burgbastei vollendet. 126 j Der Krieg mit den Türken brach 1661 auf's Neue aus, deshalb wurde ! gegen einen möglichen Einfall befohlen, 300 Schritte weit von der Stadt alle E Hauser und Gärten zu rafiren; zugleich wurde kundgemacht, daß sich Jeder- l mann in Wien auf Jahr und Tag mit dem nöthigen Unterhalt zu versehen ^ hätte. 1663 machten die Türken bedeutende Fortschritte in Ungarn und fielen ^ auch i» Steiermark ein, wodurch in Wien große Bestürzung eintrat und unter andern Maßregeln zurVertheidigung und Verproviantirung auch geboten wurde, daß alles herrenlose Gesinde, sowohl weiblichen als männlichen Geschlechts, sich binnen acht Tagen von Wien entfernen sollte. Zugleich wurden auch mehre Dörfer um die Hauptstadt demolirt, wodurch sich großer Schrecke» unter dem Volke verbreitete. Der Sieg bei St. Gotthard den 22. Juli 1664 hatte jedoch einen auf 20 Jahre abgeschlossene» Waffenstillstand zur Folge und entfernte für einige Zeit die Gefahr. 1666 fand die Vermählung des Kaisers Leopold mit der spanischen Infantin Margaretha Theresia in Wien Statt, die mit solcher Pracht vollzogen wurde, daß man bis dahin nichts Aehnliches in der Hauptstadt gesehen hatte. Ungeheure Summen wurden auf Kleidung, Feuerwerke, Schauspiele (größten- theils italienische), Jagden, Aufzüge, Ballete rc. verwendet. Besonderer Aufwand wurde bei derAufführung einer damals sehr berühmten Oper: »>I pomo ü'orv" genannt, gemacht, welche mit einem Reiteraufzug und Ballet schloß, die an Pracht und Glanz Jedermann in Erstaunen setzten. Den 23. Februar 1668 kam in dem sogenannten leopoldinischen Tract der kaiserliche» Burg, der erst kürzlich vollendet war, Feuer aus, welches das ganze Gebäude in kurzer Zeit in Asche legte. Um zwei Uhr Nachts schlugen die Flammen bereits zu allen Fenstern heraus, und es blieb kaum so vielZeit, die verwitwete Kaiserin mit ihren zwei Prinzessinnen zu retten. Die in ihren Gemächern befindlichen köstlichen Tapeten, Gemälde, Kleider, Silbergeschirre und andere werthvolle Sachen aber wurden den Flammen zum Raube. Der Schaden, welcher durch diesen Brand angerichtct war, wurde auf 500,000 Gulden (in damaliger Zeit eine enorme Summe) geschätzt. Glücklicher Weise schützte der zwischen der neuen und alten Burg stehende Thurm mit seinen Mauern letztere vor dem Verderben. Den 30. Juli 1669 begann die allgemeine Judenvertreibung aus Wie». Man beschuldigte sie des Einverständnisses mit den Türken, des Wuchers, des Betruges, ja sogar der Wegnahme von christlichen Kindern, um dieselben im Jndenthume zu erziehen. Deshalb ward am obgenannten Tage in allen Gassen von Wien ausgerufen, daß sich alle Juden, die nicht mit Haus oder Kaufmannsgütern angesessen waren, binnen 14 Tagen von Wien entfernen mußten. Neuere, vom Zeit- und Parteigeiste hervorgebrachte Beschuldigungen hatten endlich den 14. Februar 1670 einen Aufruf auf allen Plätzen und Straßen von Wien unter Trompetenschall zur Folge, worin allen Juden ohne Ausnahme befohlen wurde, sich für immer von Wien weg zu begeben, und daß sich bis ! 127 ! ^ zum nächsten Frohnleichnamstage bei Lebensstrafe kein Jude mehr in Wien sehen lassen dürfe. Nach ihrer Entfernung wurde die Synagoge in der Judenstadt niedergcriffen und an ihre Stelle die heutige Pfarrkirche zum heiligen Leopold gebaut. Die eingezogenen Häuser kaufte der Stadtmagistrat an sich und verkaufte sie daun wieder an einzelne Besitzer. Die Vorstadt, die von , dieser Zeit an Leopoldstadt hiesr, erhielt auch bald darauf einen großen Frei- heiksbrief und mehre Marktgerechtigkeiten. >67l wurde in Ungarn eine weit verzweigte Verschwörung gegen den > Kaiser entdeckt. An ihrer Spitze standen die Grafen Franz Nadasdy, Zriny, Frangipani und Tättenbach. DerZweck derselben war, ganz Ungarn dem Hause Oesterreich zu entziehen und es, gegen Abreichung eines jährlichen Tributes, unter türkischen Schutz zu stellen. Der Hof traf die schleunigsten Maßregeln, z die genannten vier Hauptanführer wurden gefangen genommen, Ariny und Frangipani nach Neustadt, Tättenbach nach Gratz, Nadasdy aber nach Wien gebracht. Daselbst wurde ihm der Prozeß gemacht, das von dem kaiserlichen ! Kammergericht gefällte und von mehren Universitären bestätigte gräßliche Todesurtheil jedoch von dem Kaiser dahin gemildert, daß er seiner Würden und seines Adels entsetzt und den 30. April desselben Jahres durch das Schwert hingcrichtet wurde. Gleiches Schicksal hatten seine Mitschuldigen in den genannten Orte» ihres Gefängnisses. Fünftes Kapitel. Die große Pest in Wien. ! Die Jahre ! 672—1678 verstoßen ziemlich ruhig, ohne besonders hervor-' ^ tretende Ereignisse. Nur wurde das Kärnthnerthor neu hergestellt und die ! Kirchen zu St. Margarethen unter den Weißgärbern und zu Nikolsdorf i (damals Bernardsthal genannt) gegründet. Auch erschienen strenge Gesetze ! gegen die damals so häufigen Tumulte in Gasthäusern, dann gegen de» Zwei- i kämpf; endlich wurde den Behörden gemäßigtes Verfahren in Eriminalsachen ^ empfohlen, besonders geboten, bei den widersinnigen Hepenvrozesscn nie ohne i Anzeige an die Regierung vorzugehen. > Das Jahr I67S aber brachte neues, unübersehbares Unheil über Wien. ! Scho» im vorigen Jahre hatte sich die Pest, diese verheerende Geißel des ! Menschengeschlechtes, in Ungarn gezeigt, und war mit so leisen, aber schnellen ! Schritten bis nach Oesterreich und Wie» vorgedrungeu, daß, mit der Kunde davon, auch das Uebel zugleich anlaugte. Schon im Jänner I67S zeigten sich s bedenkliche Fälle, mit dem Sommer aber nahm die Seuche in furchtbarein . Grade zu. s De» 9. August verfügte sich Kaiser Leopold mit dem ganzen Hofstaat ! auf den Kahlenberg, um daselbst zu der Kapelle im alten Schlosse des heilige» 128 Leopold den Grundstein zu legen *). Den 17. aber reiste der Kaiser mit seiner dritten Gemahlin Eleouora Magdalena Theresia, Prinzessin von Pfalz-Neu- bürg, nach Mariazell, um Bitten und reiche Opfer zur Abwendung der Gefahr > darzubringen, und verfügte sich von da nach Prag, welche Stadt wahrend der ! Zeit der Gefahr zum Hoflager bestimmt war, welches aber später nach Linz ! verlegt wurde. Anfangs hatte man diese schreckliche Seuche bloß als ein Uebel betrachtet, welches durch die Unmäsiigkeit und Unreinlichkeit des gemeinen ! Volkes entstanden sei und also seine Opfer auch nur unter diesem suche; bald aber breitete sie sich schonungslos über arm und reich, hoch und niedrig aus. Der Zustand des Schreckens und der Verwirrung war unbeschreiblich. Wer nur konnte, trachtete von Wien weg zu kommen, das mit einem Male dem unabsehlichsten Elende Preis gegeben war. Mit allen Glocken wurde täglich geläutet, bestimmte Andachten wurden gehalten, und sonst alle nölhigen Vorkehrungen getroffen, die bei dem unerwartet schnellen Schlag nur immer möglich waren. Alle Botschafter und Gesandten entfernten sich schnell von Wien, und ein türkischer Tschausch, der in den ersten Tagen des Septembers als außerordentlicher Botschafter eintraf, eilte den andern Tag wieder von dannen. Den S. September wurde auf allen Gassen und Plätzen unter Trommelschlag ausgerufen: wer sich in den Lazarethen gebrauchen ließe, sollte reichen Lohn erhalten. Niemand aber wollte sich zu dieser gefährlichen Beschäftigung hergeben. Endlich mußten die Stadtsoldaten, Aerzte und Wundärzte mit Gewalt, ja sogar mehre gefesselt, in die Spitäler führen. Zu den gemeineren Verrichtungen in den Lazarethen mußten zuletzt Verbrecher aus den Gefängnissen verwendet werden, da sich das Uebel so contagiös zeigte, daß sich die nächsten Nachbarn, ja Verwandten scheuten, sich zu berühren oder > mit einander umzugehen. Stadt und Vorstädte, Straßen und Plätze, Basteien, § Gärten und Weingärten wimmelten von Kranken und Sterbenden. Zum ! Kochen, zur Wartung und Pflege mar Niemand zu finden, man hörte von § allen Seiten nur die Schreckenslaute: Der stirbt, der ist gestorben, jener ^ wird sogleich sterben. Zuletzt war man gezwungen, auch selbst die Classe der Todtcngräber mit Gewalt zu besetzen, und Leute, welche obendrein reichlich besoldet wurden, zu diesem Geschäfte zu pressen, wie in England dieMatrosen. Das Elend war allgemein und ohne Gränzen. Wer nur immer auf der Gasse ging, war beim nächsten Schritte seines Lebens nicht sicher, denn jeder Athem- zug konnte das verheerende Gift auch in den gesundesten Körper verpflanzen, und häufig geschah es, daß Leute, welche ganz gesund aus ihrer Wohnung gingen, an der nächsten Straßenecke plötzlich von der furchtbaren Seuche ergriffen, rettungslos niedcrstürztcn. Uebrigens ist nicht zu läugnen, daß die Harpyeu: Schrecken und Mutlosigkeit, dein Todcsengel eifrigft in die Hände *) Seit dieser Zeit wurde der eigentliche Kahlenberg der Leopoldsberg, der Josephs- > berg aber sehr uneigentlich Kahlenberg genannt. > I2S ! arbeiteten, und häufig ergaben sich Falle, wo Gelassenheit, Muthund gehörige ! Vorsicht der drohendsten Gefahr entgingen; nur leider waren in diesen Tagen j des Elends und Jammers die wenigsten Gemüther fähig, den erforderlichen i Grad von Stärke zu bewahren und dem Uebel gefaßt zu begegnen. Ich kann ! nicht umhin, meinen Lesern folgenden schauderhaften Grad von roher Seelen- ! i stärke mitzutheilen: Ein z» jener Zeit sehr beliebter Sackpfeifer und Bänkel- ! sänger, Namens Augustin, wie die Meisten dieser Classe sehr der Trunkenheit ! ergeben, lag im starken Rausche wie leblos vor dem Burgthore, und wurde ^ von den Ziehknechten, welche eben mit dem Pestwagen vorüber fuhren, für ^ todt mit aufgeladen und dann in die Pestgrube geworfen. Weil aber eine solche Grube, nichtsehr löblicher Weise, nicht eher verschüttet wurde, als bis sie ganz mit Leichen angefüllt war, so erwachte dieser Mensch, nachdem er die ganze Nacht in dieser gräßlichen Lage zugebracht hatte, des andern Morgens Früh, arbeitete sich unter den tobten Körpern hervor, und schrie und schalt so lange, bis ihn die Pestknechte, mit einer neuen Fuhre kommend, herauszogen. Uebrigens blieb er, fast unglaublicher Weise, so gesund, wie vorher, und lange Jahre nachher war sein entsetzliches Abenteuer noch das Themaseiner Gespräche auf Bierbänken und in Tanzsälen, wo er munter anfspielte. Daß dieser Fall übrigens zu den wunderbarsten Ausnahmen gehört und einen seltenen Grad der rohesten Gefühllosigkeit bewies, ist durch sich selbst und durch mehre Fälle des Gegentheils klar, wo oft nur die leiseste Berührung Ansteckung mit sich führte. Z. B. ein Herr, welcher bei dem Schottenthore einem bereits angesteckten Bettler Almosen zuwarf, schleuderte zugleich einen so eben erhaltenen Brief heraus. Der Bettler reichte ihm denselben wieder und in wenigen Stunden waren Beide verschieden. l Oft, wenn ein Familienvater auf den Pestwagen geworfen wurde, lag ^ die Mutter bereits in Zügen, einen Säugling an der Brust, und die größer» ! Kinder standen, um Brot schreiend, um ihr Lager; ja am Wege nach Himberg ! fand man ein Kind, welches gierig an den Eutern einer Ziege sog, und von dessen Eltern Niemand etwas wußte. In Scharen liefen die Kinder den Wagen ! nach, auf welchen ihre Eltern und Freunde hinausgeführt wurden, und die Zahl dieser verlassenen Waisen wuchs zu einer solchen Menge, daß der Stadtrath ganze Wagen voll dieser armen Geschöpfe auf's Land führen und dort auf öffentliche Kosten verpflegen ließ. Bei der Abnahme der Seuche fand man ! bei angeordneter Haussuchung viele, bereits vermoderte, Leichname noch in ! den Betten und am Boden liegen, worunter viele der reichsten Kaufleute und Bürger waren. Die fürchterliche Gefahr des Augenblicks hatte alle Bande der häuslichen und geselligen Ordnung gelöst, das Gesinde hatte sie verlassen, ihre Angehörigen waren gestorben oder ebenfalls geflohen, und so überfiel sie der Tod in gräßlichster Verlassenheit, ohne Nahrung und Pflege. Viele Aerzte und Geistliche, besonders Kapuziner und Augustiner, wurden Opfer ihrer i Menschenliebe. Auch in den Vorstädten und auf dem flachen Lande um Wien 9 13 « raste die Seuche mit fürchterlicher Wuth. Im Umkreise der alten Wieden waren nicht siebzig gesunde Personen zu finden, im großen Starhembergischen Gebäude (seit 1683 Freihaus) waren allein über 300 Todte. Um dieErbar- mung Gottes über die unglückliche Stadt herbei zu rufen, ließ der Stadt- Magistrat mit Bewilligung der Stände auf dem Graben eine hölzerne Säule zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit errichten, wohin sich den 18. October alles Volk in feierlicher Prozession begab, um das Ende dieser furchtbare» Seuche zu erflehen. Die Regierung ließ auch einen strengen Befehl ergehen, worin unter Androhung der Todesstrafe geboten wurde, alleHauser, worin mindestens drei Personen an der Pest gestorben, sogleich zu sperren. Diese Maßregel konnte jedoch in der Lange aus dem Grunde nicht befolgt werden, weil sonst in ganz Wien höchstens zwanzig ungesperrte Häuser geblieben wären. Im Monate November begann die Seuche nachzulassen, und es kamen in kurzer Zeit über 600 Personen, alle von der hiesigen Kaufmannschaft neu gekleidet, aus dem Lazareth heraus. Die strengsten Maßregeln wurden aber gegen Jene genommen, welche sich vor völliger Genesung davon schleichen wollten. Stadt und Vorstädte wurden auf das Engste palissadirt, und Wachen gestellt, damit die noch ungeprüfte» Einwohner weder heraus, noch Fremde herein konnten. Auch in den Spitälern wurde auf genaue Ordnung gesehen, und einige Aufseher, die sich Mißhandlungen gegen die Kranken oder andere ungesetzliche Maßregeln hatte» zu Schulden kommen lassen, mit dem Tode bestraft. Man wagte es zwar noch nicht, den damals üblichen Katharinamarkt in der Stadt abzuhalten; doch aber wurden vom Monat November an wieder die gewöhnliche» Wochenmärkte zwischen dem Stuben- und Kärnthuerthore zu halten angefangen, auch fingen die Gerichtssitzungen wieder an, die durch längere Zeit suspendirt gewesen waren. Bis Ende November war die Zahl der in diesem Jahre nur in der Stadt allein von der fürchterlichen Seuche dahin Gerafften folgende: Im Jänner . .... 410 V Februar . .... 359 D März . . .... S797 )!) April . . . . . . 4963 » Mai . . .... 5727 Juni . . .... 6557 » Juli . . .... 7507 V August . . .... 4517 September .... 6774 D October . . . . . 6475 November . .... 2400 49,486 sammt den Vorstädten aber betrug die Zahl der Opfer 122,849 Personen, welche in 77, eigens dazu aufgeworfenen Gruben von großem Umfange begraben wurden. Nachstehender, aus Original-Urkunden gezogener Ausweis der 131 Verstorbenen und der Grabstellen dürfte meinen Lesern in Hinsicht der Oert- lichkeiten gewiß interessant seyn. In drei Gruben in der Roßau wurden begraben. 6000 Bei den drei Kreuzen daselbst. 130 Im Auersperg'schen Garten. 11 Am Kreuz darneben. 140 In der Spittelau.1100 Auf dem Berget neben dem alten Lazareth, in zwei Gruben . . . . 17000 Im alten Lazareth, in neun Gruben.25000 Zm neuen Lazareth, in drei Gruben.12401 Im Kirchhof beim neuen Lazareth.2000 In der Alsergaffe bei de» drei Kreuzen. 246 Bei St. Ulrich, in zwei Gruben. 5763 Auf dem Felde daselbst. 2699 Auf dem Schotten - Freithof. 3409 Auf dem Wege, bei dem Garten vorbei. 850 Bei dem Croaten-Dörfel (Spitalberg).1500 Hinter den Zäunen daselbst.1400 Bei einem Kreuz auf der Laimgrube. 6800 Auf dem Felde daselbst hinter den Gärten. 370 An der Wien, bei einem Weingarten.1200 Auf der Wieden.1026 Hinter den Zäunen daselbst. 2300 Im Spital-Friedhof.1632 Auf dem Friedhofe bei Nikolsdorf und auf der Heide am Wienerberg 1500 Bei einem Kreuz außer dem Klagbaum auf der alten Wieden . . 159 Auf dem Weg hinter der Favorite.1100 Auf der Landstraße in einer Grnbe.1800 Auf dem Friedhof daselbst.' 7000 Bei den drei Kreuzen daselbst. 310 Unter den Weißgärbern. 759 In der Lcopoldstadt, in zwei Gruben. 4900 Auf dem Friedhof daselbst. 2006 Auf dem neuen Friedhof.1660 Auf der Miese bei der Fahnenstange. 189 Am Tabor. 638 Im Prater.'. 16 Im Stadtgut (gegenwärtig Augarten). 24 In der Brigittenau. 1100 An einem Kreuz bei der Kapelle. 186 In Gumpendorf.1700 Auf dem St. StephanS-Freithof. 853 Im Bürgershital. 864 Im Kaiserspital (in der Stadt). 172 Bei den Schotten in der Stadt. 140 Bei den Barmherzigen. 17 Zu Hernals im Friedhof. 400 Zu Währing. 250 * S 132 > > i Bei dcn Schotter, Geistliche. 12 Landhäuser detto (Minoriten). 19 Augustiner in der Stadt. 18 Kapuziner. 38 Carmeliter in der Lcopoldstadt und auf der Laimgrube. 44 Michaeler. 11 Servilen. 12 Jesuiten. 36 Dominikaner. 13 Barmherzige Brüder. 18 Augustiner auf der Landstraße. 29 Geistliche im spanischen Kloster (dem jetzigen Waisenhause) .... 7 Dorotheer. 2 Paulaner. 12 Weltpriester. 172 Gewahr für die Richtigkeit dieser für die damalige Bevölkerung Wiens allerdings unglaublichen Anzahl gibt ein kaiserliches Patent vom 26. Februar 1681, welches das in den Kirchen eingerissene Schwätzen verbietet, um nicht den göttlichen Zorn auf's Neue aufzureizen, durch welchen im Jahre I67S durch grausame Pestilenz in kurzer Zeit über Hundert Tausend Seelen allein in Wien hinweggerissen worden. Gleich verheerend hatte die Seuche auch in den nahen Umgebungen Wiens, besonders in den nördlichen und nordwestlichen Gegenden gewüthet. Im Monate December endlich nahm das Uebel so sehr ab, daß in und vorder Stadt wöchentlich nur 2 bis 3 Personen daran starben. Die Lebenslust regte sich wieder, der erstorbene Muth kehrte in die Busen der Geängsteten zurück, auf der Donau schwammen aus dem Reiche ganze Colonien Ansiedler herunter, und am Weihnachtstage wurden bei St. Stephan allein wieder 95 Paare getraut. Besonderen Ruhm erwarb sich während dieser Zeit des Schreckens, durch Aufrechthaltung der Ordnung und Fürsorge für Gesunde und Kranke, der wackere Fürst Ferdinand Wilhelm von Schwarzenberg, welcher, da Alles geflohen war, standhaft aushielt, täglich Vor- und Nachmittags auf allen Gassen und Plätzen herumritt, Alles mit eigenen Augen leitete, und sowohl durch reichliche Beisteuer, als auch durch nöthige Maßregeln der Strenge für die genaueste Beobachtung der Ordnung wachte. Im Anfänge des Jahres 1680 verschwand die letzte Spur dieser furchtbaren Geißel Gottes, bei welcher man noch die Bemerkung gemacht hatte, daß durch sie bei weitem mehr Frauenpersonen als Männer hinweggerafft worden waren, wahrscheinlich des zarteren Gemüthes und dadurch veranlafiter größerer Furcht und Entsetzens wegen. Sechstes Kapitel. Strenge gegen die ungarischen Mißvergnügten und Protestanten. — Die Kuruzzen. — Neue Türkengefahr. Als die Gefahr für Wien gänzlich verschwunden war, kam den I I. April 1680 Kaiser Leopold wieder von Linz in Wien an. Es wurden grofie und prachtvolle Dankfeste gefeiert, die Stadt blieb aber doch noch immer, da die Pest in Mähren und Böhmen wüthete, in einer Art von Quarantaine, auch wurden die Gruben, worin die an der Seuche Gestorbenen begrabe» lagen, noch mehr mit Erde überschüttet, da die Aerzte ziemlich spät bewiesen, daß sich aus selben ein schädliches Miasma entwickle. Den 23. April 1680 kam in St. Ulrich Feuer aus, wodurch in weniger als vier Stunden über 30 Häuser in Asche gelegt wurden. Zu gleicher Zeit entstand auch in der Stadt selbst an drei verschiedenen Orten Feuer, wodurch die nicht ungegründete Muthmaßung einer Brandlegung eintrat. Dasselbe Jahr fand in ganz Oesterreich eine ungemein reichliche Weinlese Statt, so daß kaum Geschirre genug aufzutreiben waren. Der Abt von Heiligcnkreuz ließ allein 100 Eimer Wein der Stadt-Quardie (eine Art von Polizeisoldaten) verabreichen. Den 14. December erhob sich in Wien ein unerhört heftiger Sturm, welcher Dächer und Gebäude einriß, die meisten Feuermanern nie- derstürzte und viele Menschen beschädigte, ja einige tödtete. Ei» Wagen mit vier Pferden und zwei Passagieren stürzre durch die rasende Gewalt des Windes von der Taborbrücke in die große Donau. Den 21. August 1681 ereignete sich in der Schottenkirche in Wien ein sonderbarer und trauriger Vorfall. Während des Gottesdienstes liefen einige Knaben aus Muthwillen auf dem Kirchengewölbe herum und balgten sich, so daß aus dem Gewölbe durch ein offenes Loch viel Staub und Sand in die Kirche hinunter fiel. Jedermann glaubte entsetzt, die Kirche werde zusammen- stürzen, die Frauenzimmer erhoben ein Geheul und Alles drängte sich in wilder Unordnung der Thüre zu. Da die Kirche ganz voll war, und Jeder der Erste heraus seyn wollte, so entstand ein solches Gedränge, daß mehre Menschen, worunter fünf aus angesehenen Häusern, dann eine Bürgersfrau mit zwei kleinen Kindern und »och ein Mädchen von 13 Jahren erdrückt wurden. Viele wurden mehr oder minder beschädigt, Stühle und Bänke zertreten, und eine eisene Thüre, die nur halb offen stand, zersprengt. Außerdem war noch der Schaden an Schmuck und Kleidern ungeheuer, und die Kirche war vom Eingang bis zum Hochaltar mit Hüten und Mänteln, Ohrringen, Halsketten und Stücken von Kleidern bedeckt. Nach Unterdrückung der Unruhen in Ungarn und Hinrichtung der wichtigsten Triebfedern derselben, übte Kaiser Leopold trotz der dringenden Vorstellungen mehrcr Patrioten, worunter auch Prälaten, auf die strengste Weise das Recht des 134 Sieges in diesem Lande. Den Protestanten wurden Kirchen und Schulen weggcnommen, ihre Prediger vorgeladen, und die den Revers nicht unterschrieben, fürder kein Lehramt auszuüben, verhaftet, verbannt und wohl gar auf die Galeeren geschickt. Dieses Verfahren machte furchtbar böses Blut in Ungarn. Statt, wie es bei milderer Behandlung wahrscheinlich gewesen wäre, daß sich die tobenden Wellen des Aufruhrs allgemach beschwichtigt hätten, brausten diese auf'S Neue und furchtbarer auf, als je. Wilde Horden, unter dem Parteinamen der Kuruzzen (welcher Name von Kreuzer, Kreuzfahrer, herstammte), dann Labanzen (von dem deutschen Landsknecht), stellten sich de» kaiserlichen Heeren entgegen und ein schrecklicher Vertilgungskrieg begann. An die Spitze dieser Scharen trat Graf Emerich T'ökely, der schon an der ! Verschwörung Theil genommen hatte, aber entflohen war; er siegte in mehren ^ Treffen über die kaiserlichen Feldherrn und ließ seine Tartarhorden bis vor j Neustadt und in's Marchfeld, ja bis tief in Mähren streifen. Raub und Mord, ! Brand und Plünderung begleiteten die Schritte dieser wilden Scharen, und ! noch heute gibt es alte Leute, welchen die Gräuel der Kruzzen (Kuruzzen), aus ^ dem Munde ihrer Großeltern überliefert, frisch im Andenken sind. Das gegenseitige Wüthen ward immer wilder; die Gefangenen beider Theile wurden I unter den grausamsten Martern dem Tode geweiht, und obschon der kaiserliche Hof auf dem Oedenburger Reichstage 1681 gemäßigtere Gesinnungen äußerte, l mehre alte Vorrechte wieder herstellte, allgemeine Amnestie und den helvetischen ! und augsburgischen Religionsverwandten gesetzliche Religionsfreiheit sicherte, ! so kam diese Maßregel nunmehr zu spät. Tökely ließ die bereits erlangten ! Vortheile nicht fahren, besonders da die Machtboten des Hofes unzeirige ^ Racheplane durchschimmern ließen; er begab sich mit seinen Anhängern unter j türkischen Schutz, und wurde von Sultan Mohammed IV. 1682 als König von ! Ungarn anerkannt. Die Politik Ludwigs XIV. von Frankreich, dem Oester- ! rcichs wachsende Größe stets ein Dorn im Auge gewesen, ließ kein noch so I grelles Mittel unversucht, derselben entgegen zu arbeiten; er empfing den Abgeordneten der Mißvergnügten wie den Botschafter einer legitimen Macht, und die Emissäre des allerchristlichsten Königs ermangelten nicht, im Divan zu Coustantinopel allen Einfluß aufzubieten, um die Pforte zum Kriege gegen Oesterreich zu reizen. Diese selbst, durch keine auswärtigen Kämpfe abgehalcen, ergriff die willkommene Gelegenheit, Ungarn stand offen, das unter sich selbst uneinige Deutschland war durch die schwedischen und französischen Kriege erschöpft, und von König Ludwig XIV., der Pforte und der ungarischen Mißvergnügten thätigem Bundesgenossen, bedroht. Der Kaiser hatte überdies; kein Heer auf den Beinen, einem gewaltigen An drange die Spitze zu bieten. Deshalb erhielt Graf Caprara, der mit Friedensvorschlägen nach Constantinopel gegangen war, nur die erniedrigsten Gegenvorschläge zur Auskunft, wobei vorauszusehen war, daß sich der Kaiser nie dazu verstehen würde und konnte, ohne die Ehre seines Hauses und die Sicherheit des ganzen Christenthums für immer IS5 zu vernichten. So verlangte man z. B.: Oesterreich solle durch jährliche» Tribut der Pforte huldigen, die jetzigen Rüstungen der Pforte bezahlen, seine Gränz- festungen schleifen, und ihr alles Land zwischen der Theiß und Waag abtreten. Tökely sollte Fürst von Oberungarn seyn, in gleichem Range wie der Fürst von Siebenbürgen, Michael Apafi, der bereits der Pforte zinsbar war, und als solcher die Hauptplätze Raab und Komorn, Szathmar, Trentsin und Neutra besetzen. Diese entehrenden Bedingungen konnten natürlich nicht angenommen werden, und so entwickelte sich auf's Neue ein furchtbarer, ver- ! derbendrohender Krieg, dessen Folgen von der außerordentlichsten Wichtigkeit waren. Ich verspare daher die Beschreibung desselben für die folgendeAbtheilung. Noch bleibt zu bemerken, daß in Folge der zu jener Zeit häufig stattfin- denden Duelle Kaiser Leopold im Juni 1682 ein scharfes Mandat erließ, worin Diejenigen, welche bei einem Duell ertappt oder dessen überwiesen wurden, sammt ihren Secundanten das Leben durch das Schwert verlieren, denen im Lande Begüterte» ihre Güter confiscirt werden, und selbst Jene, die den Degen zum Duellircn nur entblößten, an den Pranger gestellt werden sollten. eikrmg. 1683 — 169 «. Crftes Kapitel. Eindringen der Türken in Oesterreich. — Vertheidigungsmakregeln. IlWicber hundert fünfzig Jahre waren feit der ersten türkischen Belagerung LÄ« Wiens verflossen; schwächere und an Kraft ärmere Sultane waren dem großen Soliman gefolgt; die Blütezeit, der Zenith des osmanische» Reiches war vorbei, doch erlosch in den Herzen der Muselmannen nicht der Christenhaß, nicht die lodernde Flamme der Eroberungssucht. Nur, statt wie früher, in wildem Siegeszuge rastlos vorzudringen und unberechnete Schläge auszuführen, hatte in neuerer Zeit Erfahrung auch den Divan gelehrt, vorsichtig zu seyn und günstige Gelegenheit zu erwarten. Manche in fester Zuversicht auf die Uebermacht und die von wildem Fanatismus befeuerte Tapferkeit ihrer Krieger unternommene und aber dennoch verunglückte Eroberungszüge hatten der Pforte besonnenere Politik kennen gelehrt, und nicht mehr aus eigener Kraft allein, sondern auch durch Einflüsse von Außen, wurden die Plane des Divans gelenkt und ausgeführt. Indessen wandten die Osmanen noch immer ihre gierigen Blicke nicht von dem westlichen Kaiserthron, diesem starken Wall, der allein die Fluten der Barbarei zurückhielt und das ganze christliche Europa vor ihrer schrecklichen Ueberschwemmung schützte und rettete. Von Ungarn aus, wie bereits erwähnt, drohte nun auf's Neue ein fürchterliches Ungewitter, und Deutschland, ja ganz Europa, das Cabinet des allerchristlichsten Königs ausgenommen, sah mit ahnungsvoller und ängstlicher Erwartung dessen Ausbruch entgegen. In Schrift und Wort, von der Kanzel, vom Katheder, wie aus dem Munde des Volkes, ward der Erbfeind christlichen Namens und Stammes zugleich verkündet und verwünscht. Die Lage der Dingewarindessen ungünstig genug für den Kaiser. Ungarn, dieses natürlichste Bollwerk gegen den Andrang der Türken, war bereits zur Hälfte in deren Händen, zurHälfte im Aufstande gegen den Kaiser und im Bunde mit den Türken begriffen, nur einige der wichtigeren Plätze und Festungen befanden sich noch in kaiserlichen Händen. Wien war bei der ersten verlornen Schlacht den Feinde» bloßgestellt, > und fiel diese wichtige Schutzwehr der Christenheit, so vermochte nichts mehr, den weiteren Siegeszug der Barbaren in das Herz von Deutschland zu hemmen. Bereits den 8. December 1682 kamen einige Leute von der Dienerschaft des Grafen Caprara, de» man selbst gefangen in Constantinopel zurück gehalten hatte, und der bestimmt war, den Siegeszug der Türken bis vor Wien zu begleiten, in Wien an, und verbreiteten daselbst die größte Bestürzung durch die Erzählung von den ungeheuren Rüstungen der Türken, sowohl in ihrem Lande, als auch in Ungarn. Der Großvezier KaraMustapha, einCaramanier von niedriger Geburt, aber voll Hochmuth, Ehrgeiz und Habsucht, hatte den Oberbefehl der ganzen türkischen Macht übernommen; verließ Anfangs April 1683 seinen Waffenplatz Adrianopel mit 200,000 Mann und vereinigte sich zu Ofen mit den mißvergnügten Ungarn unter Tökely's Anführung, den er als Fürst von Ungarn begrüßte. Der den Türken zinsbare Tartarcha» war mit 80,000 Tartaren im Anzüge, Sultan Mohammed IV. aber, ein Mann, der wohl den Willen, nicht aber, wie Soliman II., die Kraft besaß, sich zum Herrn des Weltalls zu machen, war, des Erfolges harrend, mit einer hinlänglichen Truppenmacht zu Belgrad zurückgeblieben. Doch auch am kaiserlichen Hofe war man, so viel es der Drang der Umstände erlaubte, nicht unthätig geblieben. Mit den norddeutschen Fürsten, mit Schweden und Sachsen, und besonders, da man sich von Seite Frankreichs nicht viel Gutes versah, mit Baiern und den vereinigten Niederlande» wurden Bündnisse geschlossen; vor Allem aber versicherte man sich der Freundschaft und des Beistandes Polens, dessen König, Johann III. (Sobieski), den Türken bereits mehrmals furchtbar geworden war. England war unter der Regierung Karl II. bedeutend gesunken, so daß sich von dieser, sonst furchtbaren Seemacht kein Beistand zu versprechen war. Die Festungswerke um Wien wurden eiligst ausgebessert und sämmtliche mannbare Landleute der ganzen Umgebung der Hauptstadt aufgeboten, um Bäume zu Palissaden zu fällen und an den Verschanzungen zu arbeiten. Ferner ward in Wien ein Patent publicirt, nach welchem sich alle Hausbesitzer für sich und die Ihrigen innerhalb vier Wochen auf Jahr und Tag mit Mundvorrath zu versehen hatten. Den 20. März 1683, an einem Sonnabende, strömten in Folge des Aufgebotes von allen Seiten Landleute nach Wien, und die Arbeiten an der Fortification wurden mit außerordentlicher Schnelligkeit fortgesetzt. Den 6. Mai wurde auf dem Felde bei Kittsee in Ungarn große Heerschau von dem Kaiser selbst über die dort stationirte kaiserliche Armee gehalten, und Leopold übergab persönlich dem tapfern und berühmten Kriegshelden Herzog Karl von Lothringen das Commando derselben. Uebrigens zählte sie kaum 50,000 Mann nach den Armeelisten, in Aktivität und unter den Waffen kaum 33,000 Mann; dennoch hatte der Herzog von dem Hofkriegsrathe den Auftrag, mit dieser geringen Zahl den Zug des sechsfach überlegenen türkischen Heeres aufzuhalten und noch obendrein Besatzungen in die Festungen Raab, Komorn und Leopoldstadt 138 zu weifen; ja selbst eine Schlacht anzunehmen, falls die Türken sie anbieten sollten. Im Kriege geübt und mit allen Listen dieses Wagespieles bekannt, gebrauchten die Osmanen jedoch auf's Neue ihren so oft mit Erfolg versuchten Kunstgriff der Betäubung und Ueberrumpelung durch Blitzesschnelle. Unmittelbar hinter dem gellenden Angstgeschrei: »Der Feind kommt!" brausten auch schon dessen Scharen, wie des Dammes entbundene Wogen heran, AlleS überschwemmend, verheerend und mit sich fortreißend. Allenthalben auflodernde Feuersäulen verkündeten des Erbfeindes furchtbare Nähe, den man erst im Anmarsche begriffen glaubte. Nur Bruck an der Leitha, Eisenstadt und Oeden- burg entgingen der Einäscherung, indem sich diese Orte unter Tökely's Schutz begaben. Das Vordringen der feindlichen Gesaimntmacht geschah mit solch' reißender Schnelle, daß sich die noch immer bei Koinorn stehende kaiserliche Armee bald überflügelt und abgeschnitten gefunden hätte, daher mußte der Herzog von Lothringen seinen vorgefaßten Plan, dem Feinde den Donauübergang zu wehren, aufgeben und auf den schnellsten Rückzug bedacht seyn, um, wo möglich, die Hauptstadt zu decken. Da diese Bewegung in Eile geschehen mußte, ! uahm sie der Großvezier für übereilte Flucht, und schickte seine flüchtigen ! Tartaren zum Nachsetzen oder vielmehr zum Zuvorkommen, welche auch zwischen Petronell und Elend in einem Waldgrunde aufden Vortrab des kaiserlichen Heeres stießen. Der heftige Andrang und noch mehr die Furcht, die ganze ! türkische Armee sei zugegen, brachten wirklich gefährliche Verwirrung unter ^ die Kaiserlichen, und obschon der kluge Kriegsheld Friedrich, Markgraf von Baden, die Ordnung wieder herstellte, kostete dieser Ueberfall doch vieler Mensche» Leben, unter andern auch das zweier jungerund vielversprechender Helden aus fürstlichem Geschlechts, eines Herzogs von Savoyen und eines Prinzen j von Aremberg. Das Gerücht dieses Uebcrfalls, vergrößert und verschlimmert, ! wie es bei üblen Gerüchten immer der Fall ist, verbreitete nun auch nicht , geringen Schrecke» in Wien. Jin ersten Augenblicke hieß es sogar, die ganze ^ kaiserliche Armee sei total geschlagen und der Feind bereits vor den Thoren, l bis den 7. Juli die Ankunft des Fürste» Montecuculi und des General Caprara > Licht über den wahren Stand der Dinge verbreitete. Jedoch wurde nunmehr ^ die Abreise des Kaisers mit seiner Familie von Wien beschlossen, welche noch I denselben Tag, Abends um acht Uhr, über die Taborbrücke der Donau entlang, vor sich ging. Zuerst wurde Linz zum einstweiligen Aufenthalte des Hofes ! bestimmt, da aber die Tartaren, während der Kaiser am linken Donauufer ^ reiste, ihn am rechten mit Mord und Brand bis nach Oberösterreich begleiteten, wurde der Hofstaat nach Paffau verlegt. Die Entfernung des kaiserlichen Hofes von Wien gab nun das Signal zur allgemeinen Flucht. Wer nur im Stande war, allenfalls durch doppelte und dreifache Bezahlung Wagen und Pferde aufzubringen, entfernte sich mit 139 seiner Habe aus Wien, ja nach gleichzeitigen Chroniken währte der Zug der Flüchtigen, Wagen an Wagen, über 6 Stunden, von S Uhr Abends bis 2 Uhr Morgens, welche» die Flammen des von den tartarischen Streifhorden in Brand gesteckten Kalmaldulenser-Klosters auf dem Kahlenberge in finsterer Nacht gräßlich beleuchteten, indem sich die Glut in den Wogen der Donau unheimlich spiegelte. Den 8. Juli Morgens kam die Cavallerie der kaiserlichen Armee bei St. Marz' an und begab sich über de» Donauarm durch die Leopoldstadt in die große Donauinsel, um daselbst die Vereinigung mit der Infanterie abzu- warten, welche vom Marchfelde heranmarschirte. Die Nähe dieser Truppen belebte wieder den gesunkenen Muth der Einwohner Wiens. Zugleich vernahmen sie mit großer Freude die Ernennung des tapfer« und verständigen Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg zum Stadtcommandanten, welchem noch ein Rathscollegium aus erprobten und einsichtsvollen Männern beigegebcn wurde. Die Anführung der in die Stadt gerückten Truppen wurde ebenfalls erfahrnen Kriegshelden anvertraut. Zu diesen Helden aber, welche mit starkem Arme und unerschütterlichem Muthe das große Geschäft unternommen hatten, die Haupt- und Residenzstadt der Monarchie, die Vormauer und das Bollwerk des ganzen gebildeten Europa gegen den heftigsten Andrang der Barbarei zu vcrrheidigen, hatte sich ein Mann gesellt, dessen Name mit Ehrfurcht genannt werden soll, welcher in den Annalen unseres Vaterlandes einen der vordersten Plätze behauptet, und der den Herzen der Bewohner Oesterreichs ewig unvergeßlich seyn wird. Es war dies; der hochverdiente Kirchenfürst Leopold Graf von Kollonitsch. In früher Jugend dem Malteser-Orden geweiht, zeichnete er sich in den Kriegen dieses Ordens mit den Türken auf das Glänzendste aus, und war der Erste, welcher den auf den Wällen von Candia wehenden Roßschweif abriß und zur Eroberung der Festung am meisten beitrug. Nun war er Bischof von Wiener-Neustadt, schloß sich aber im Augenblicke der Türkengefahr sogleich an die edlen Vertheidiger Wiens, fest entschlossen, alle Gefahren zu theilen, für die innere Ordnung zu wachen, und den Bedrängten, so viel in seinen Kräften lag, zu helfen. Er stand dem Stadtcommandanten aufdasThätigstebei, begleitetes» täglich auf die gefährlichsten Posten, ermunterte durch sein Beispiel und seine Ermahnungen die Krieger, pflegte die Verwundeten und tröstete die Sterbenden. Ihm verdankte man die pünktliche Leitung der Löschanstalten, so wie er auch strenge über die Beischaffung und die Preise der Lebensmittel wachte und jedem Wucher steuerte. In den überfüllten Spitälern, wo der Tod am drohendsten lauerte, erschien er unerschrocken als rettender Engel und brachte himmlischen Trost, wo irdische Hilfe unmöglich war. Weiber, Kinder und Greise, diese leider fast überlästigen Bewohner einer belagerten Stadt, verwendete er zur Verfertigung von nöthigen Kleidungsstücken für die Soldaten und überhaupt solchen Handreichungen, die dem Waffendienste keinen brauchbaren Arm entzogen. Die Folge so zweckmäßiger Anstalten war, daß man 14 « diesmal dem Andrange der Feinde mir größerer Faßung entgegen sah, obgleich > man sich auch nicht verhehlen konnte, daß feindlicher Seits die Vorkehrungen ^ ernster, und die Gefahr, der Menge ihres Geschützes so wie der entfernteren i Hoffnung des Entsatzes wegen, furchtbarer als im Jahre 1529 war. Zweites Kapitel. Die Türken zum zweiten Male vor Wien. — Katastrophe von Pcrchtoldsdorf. In und um Wien wurde fortwährend an den Anstalten zur Vertheidigung gearbeitet. Den 10. und I I. Juli wurden Schanzen aufgeworfen, die Basteien ausgebessert und die der Stadt nahen Häuser und Gebäude in den Vorstädten demolirt. Mittlerweile waren auch die in der Stadt befindlichen Truppen an ihre ! bestimmten Posten beordert, so wie auch die Bürgerschaft organisirt worden. Die Linientruppen waren bei 14,000 Mann stark, dieZünftemit den Kaufleuten ! 4012, die Studenten unter dem Oberbefehle des Rectors der Universität 700, ! die Hofdiener und Hofbefreiten 1000 und die übrige Bürgerschaft 2380, so daß also eine Gesammtmasse von beinahe 22,000 Mann zur Vertheidigung der Stadt beisammen war. Die öffentlichen Sanitätsanstalten waren, Dank den weisen Leitern, für diese Zeit bewunderungswürdig. Es wurde streng auf die Reinlichkeit der Gassen undPlätze gehalten, alle Keller und Magazinewur- den untersucht und auf die Preise der Lebensmittel Satzung gelegt. Daß diese bei einer, einer Belagerung gewärtigen Stadt natürlich nicht sehr gering seyn konnten, beweiset folgende Angabe aus den Annalen von 1683: Das Pfund Rindfleisch galt 6 Kreuzer, Kalbfleisch 9 kr., Schweinfleisch 8 kr., ein paar Hühner 24 kr., eine Gans 54 kr., die Maß Wein 3 bis 10 kr., daS Achtel Mundmehl 24 kr., Semmelmehl 18 kr., Pohlmehl 17 kr., ein Pfund Schmalz ' 16 kr., Butter 15 kr., ei» Pfund Kerzen 9 bis 10 kr. rc. *) ^ i Zu gleicher Zeit, als der Hof Wien verließ, übersetzte der Grofivezier mit seinem Heere die Raab; ain 10. Juli langte er in Altenburg an, und schon den 12. sielen die türkischen Streifhorden zum ersten Male bei St. Marr ein, und verheerten und verbrannten Alles, was ihre Hände erreichen konnten. Mit Schaudern erblickten die Vertheidiger Wiens von den Wallen unzählbare Feuer- und Rauchsäulen; von Baden und der Leitha bis zum Kahlenberge stand Alles in Glut und Flammen. Bis tief in die Gebirge streiften die Barbaren mit Plünderung, Brand und Mord, und führten über 40,000 Weiber, Knaben und Mädchen, worunter 200 von angesehenen Adelsgeschlechtern, in die Sclaverei. Den 13. Juli Früh streifte die feindliche Reiterei schon bis in die Nähe der Stadt. Nun erst ließ Starhemberg (freilich etwas spät) ^ die Vorstädte in Brand stecken und in wenigen Augenblicken stand der obere *) Gegen Ende der Belagerung trat natürlich größere Theuerung ein, ein Pfund Rindfleisch galt S4 kr.,, eine Gans 4 fl., ein Indian 8 bis 10 fl., ein Ei 7 bis 10 kr. »SIMS j 141 Weid (Roßau), Alsergasse, St. Ulrich, das Croatendörfel (Spitalberg), Gumpendorf, Wieden, Rennweg, Landstraße und Erdberg mit allen Kirchen, Klöstern und Palästen in lichten Flammen, wobei es denn leider auch nicht fehlen konnte, daß manche Schätze der Kunst und Wissenschaft, werthvolle ! Manuscripte und Büchersammlungen, welche nicht früher gerettet waren, dem verheerenden Elemente zum Raube wurden. Den 14. Juli früh Morgens endlich verbreitete sich die ganze türkische Macht in unabsehbarer Ausdehnung um Wien herum. Schwer wurde es dem schärfsten und geübtesten Auge, die Menge von Gezelten, das Gewimmel von Menschen, Pferden, Kamehlen und Proviantwagen zu überblicken und auseinander zu sondern. Bei St. Ulrich prangte das reiche Gezelt des Großve- ziers in grüner Seide, von Gold und Silber starrend, im Innern mit Perlen, Edelsteinen und kostbaren Tapeten herrlich geziert und in seinem Mittelpunkte die heilige Fahne des Propheten bergend. In seinem Umkreise fehlte es auch nicht an Badestuben, schnell gepflanzten Blumengärten, Brunnen und endlich hatte er auch eine Menagerie seltener fremder Thiere mit sich genommen. Das i reiche Gezelt war mit so vielen Abtheilungen umgeben, daß man es eine kleine Stadt nennen konnte. Unter St. Ulrich, gegen das Burgthor zu, hatte sich der Jamtscharen-Aga gelagert; den Umfang von St. Ulrich bis zur Roßau nahm Kara Mehmed Pascha mit den Tartaren ein. Die übrigen Paschen lagerten sich gegen das Kärnthner- und Stubenthor, und die Stadt wurde von fünf Seiten zugleich bedroht. i Den 15. Juli ereignete sich ein großes Unglück, das, wenn nicht Gottes Hand sichtbar über der Stadt gewaltet, unvermeidlich ihr Verderben herbei- i geführt hätte. Mitten unter dem Donner des türkischen Geschützes, welches an diesem Tage zum ersten Male die Stadt beängstigte, ertönte der furchtbare ! Ruf: Feuer! und versetzte die Einwohner in die größte Verwirrung. Im ! Schottenkloster entstand Nachmittag uin zwei Uhr der Brand durch unbekannte > Ursache und verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit in den daranstoßenden ! Gebäuden. Die Glocken des Thurmes zerschmolzen vor großer Hitze und die i schönsten Gemälde im Oratorium wurden von den Flammen verzehrt. Was 1 aber das Unglück auf den höchsten, ja auf einen wirklich verzweiflungsvollen § Grad steigerte, war, daß sich die Flammen dem uahegelegenen Zeughause ! näherten, worin 1800 Fässer Pulver lagen. Schon hatte das Feuer zwei ! Fenster desselben ergriffen, und die Brände und glühende Kohlen flogen gefahr- ! drohend umher, als die fast übermenschliche Anstrengung der Werkleute die schrecklichste Katastrophe verhütete. Die Fenster wurden bei fast unerträglicher Hitze in größter Eile zugemauert und der schon brennende Gang gelöscht; ein schneller Wechsel des Windes trieb das Feuer nach der entgegengesetzten Seite und es ergriff die gräflich Auersperg-, Palffy- und Traun'schen Paläste, welche erst nach drei Tagen ganz ausglommen. Da nun die größte Gefahr abgewendet und der erste Schrecken vorüber war, erwachte die Wuth des 142 j Volkes gegen Alle, die man nur auf entfernte Weise der Brandstiftung bearg- ! wohnte. Mehre Menschen, vorzüglich Ausländer und hauptsächlich Ungarn, wurden an diesem unglückseligen Tage traurige Opfer der Volkswuth. Ein ! Jüngling, den man aus unbekannter Ursache in Frauenkleidern entdeckte, ward in Stücken zerrissen; ein armer Tropf, Namens Thanon, spottweise Baron Zwiefl ! genannt, der in seiner Einfalt oft bei vornehmen Tafeln Spaß treiben musite, > wurde, weil er in seinem Aberwitz mit einer Pistole nach dem Feuer geschossen ! hatte, auf den St. Peters-Freithof geschleppt und dort auf barbarische Weise ^ ermordet. Nur durch die größte Anstrengung gelang es endlich den Behörden, i die in solch' furchtbarem Augenblicke nicht ohne Grund aufgebrachte Menge ! wieder zu beschwichtigen. Während die Türken alle Anstalten machten, die Stadt auf das Engste einzuschließen und zu beschießen, nahmen die Gräuelscenen auf dem flachen Lande ihre» weiteren Fortgang. Dießmal glückte es im Umkreise Wiens bloß der Neustadt und Klosterneuburg, die Feinde durch tapfere Gegenwehr und Ausdauer von ihren Mauern abzuhalten. Der landesfürstliche Markt Perch- toldsdorf aber, welcher sich 1529 glücklich der Barbaren erwehrte, ging dießmal einer traurigen Katastrophe entgegen. Als ein Denkmal der unerhörtesten Treulosigkeit von Seite der Türken sei es mir erlaubt, das Schicksal dieses Ortes, eines der bedeutendsten im Umkreise Wiens, zu erzählen. Die Bürgerschaft hatte sich nebst mehren Fremden auS der Umgebung wie 1529 innerhalb ihrer Ringmauern verschanzt, und dem Andrange des Feindes, wohlbewaffnet und verproviantirt, entgegen gesehen. Den 9. Juli kam das erste türkische Streifcorps vor den Mauern von Perchtoldsdorf an und begann die Belagerung. Da jedoch von den Bürgern tapfere Gegenwehr geleistet wurde und die Türken bereits fünf Tage fruchtlos gestürmt hatten, so zogen sie den 15. Verstärkung an sich und griffen den Ort wüthend von allen Seiten an, zugleich schleuderten sie Brandkugeln und Pechkränze hinein, so daß an verschiedenen Orten die Häuser in Brand geriethen. Theils wegen Uebermacht der Feinde, theils wegen Mangel an Pulver waren nun die Bürger gezwungen, den Ort preiszugeben und sich in die mit starken Mauern wohl verwahrte Kirche und Veste mit ihrem besten Habe zurück zu ziehen. Sogleich wurde von den Feinden der Markt von allen Seiten in Brand gesteckt. In banger Erwartung harrten die Belagerten des kommenden Morgens, während zur Nachtzeit die Flammen der brennenden Gebäude die Kirche und die Veste gräßlich erleuchteten. Den 16. Juli Nachmittags kam ein Türke in einem deutschen Reiterkollet, sonst aber türkisch gekleidet, von der Hochstraße, ein weißes Tuch schwingend, gegen die Kirche, und forderte in türkischer und ungarischer Sprache die Bürger zur Uebergabe auf. Er gab ihnen die Versicherung ihres Lebens und Eigenthumes, und versprach eine Sicherheitswache, wenn sie die Veste übergeben und die Huldigung leisten würden. Die dringende Noch, die große Macht der Feinde und die Hoffnungs- 143 ! losigkeit eines Entsatzes bewog den Rath und die Bürger, die Bedingungen ! anzunehmen. Ein Mann und ein Weib, die der ungarischen Sprache mächtig > waren, machten dem türkischen Abgesandten diesen Entschluß kund und am j Thurme wurde eine weiße Fahne zum Zeichen der Uebergabe ausgesteckt. Den 17. Juli früh Morgens kam ei» Pascha mit einer bedeutenden Anzahl neuer i Truppen von dem Lager von Wien in Perchtoldsdorf an, setzte sich auf einen j rothen Teppich bei dem Hause des Marktrichters, Adam Strenninger, auf den ! Platz und ließ durch den ermähnten Dolmetscher de» Bürgern folgende lleber- gabs-Bedingungen zu wissen machen: »Erstens sollten zwei Männer aus der Festung heraus und zwei Türken Hineingelaffen werden, zum Unterpfande der Uebergabe. Zweitens sollte zum Zeichen, daß dieser Ort noch von keinem Feinde bezwungen worden, eine Jungfrau in fliegenden Haaren, mit einem Kranze auf dem Haupte, dem Pascha die Schlüssel überreichen. Drittens sollte der Ort 6000 fl. Brandschatzung zahlen." Die Bürger willigten gern in diese Forderung, nur wurde nach einigen Unterhandlungen die Brandschatzung auf 4000 fl- ermäßigt, wovon die Hälfte sogleich bar erlegt, die andere Hälfte ! aber bis Johann Enthauptung zu zahlen versprochen wurde. Die Tochter , des Marktrichters übergab auf vorgeschriebene Weise die Schlüssel der Veste, l Als das Geld überreicht war, begehrte der Pascha, daß sich die gesammte ! wehrhafte Mannschaft auf dem Platze zusammenstellen solle, damit er ermessen könne, wie stark die Sicherheitswache seyn solle. Als jedoch auch diesem Verlangen Folge geleistet wurde, postirten sich die Türken in großer Anzahl vor das Thor und nahmen jedem Heraustretenden die Waffen weg; die sich deß weigerten, wurden bei den Haaren herausgezogen, mit dem Vorgeben, sie ^ hätten nunmehr gehuldigt und bedürften fürder keiner Waffen. Die Gewehre aber wurden auf Wägen geladen und sogleich hinweggeführt. Als die ganze Mannschaft waffenlos auf dem Marktplatze stand, stiegen etwa SO Türken ab und durchsuchten sie auf's Genaueste, ob sie nichts von Geld und Kostbar- > keiten bei sich führten. Da nun einige der Bürger, durch dieß Verfahren ! mißtrauisch gemacht, sich durch die Flucht retten wollten, stand der Pascha von dem Tische auf und gab mit lauter Stimme das Zeichen zum Einhauen, indem er zugleich selbst der unglückseligen Jungfrau mit einem Streiche de» Kopf abhieb. Zuerst fiel dann der greise Markcrichter unter dem Kirchenthore. Das gräßliche und völkerrechtwidrige Gemetzel dauerte über zwei Stunden, lleber 3500 Personen wurden auf das Grausamste zusammengehauen, so daß im vollsten Sinne des Wortes das Blut in Strömen floß. Die in der Kirche zurückgelassenen Weiber und Kinder aber wurden in die Sclavcrei geschleppt. Nur wenige Einwohner (der Sage nach nur drei, worunter Jakob Holzer und Hanns Schimmer) waren klug genug gewesen, sich vor dem Einfall der Feinde durch die Flucht zu retten *). Thurm und Kirche steckten die Barbaren *) HannS Schimmer, ein Schneider, begab sich nach Mariazell, Jakob Holzer aber soll sich, nach der Traditio», unter dem Kirchendache, ein Dritter in dem Brunnen 144 I in Brand und verließen dann die verödeten Räume. In der Folge ward , ! Perchtoldsdorf wieder von einer Colonie Steiermärker bevölkert. ! Drittes Kapitel. Schrecken der Belagerung. — Koltschitzki. Nach dieser Abschweifung, die mir jedoch zur Geschichte dieser Tage und selbst zur ganze» Darstellung der Belagerung Wiens nöthig schien, kehre ich ! wieder zu den Begebenheiten in der Hauptstadt zurück. Den 16. bis 18. Juli wurde in den Laufgräben und Minen der Feinde eifrig gearbeitet, wie bei den Belagerten thätig entgegen gewirkt. Den 18. Abends steckte eine Bombe eine Stallung nächst der Burg in Brand, welcher jedoch, trotz des unausgesetzten Feuers der Türken, bald wieder gelöscht wurde. Den IS. wurde in der Stadt öffentlich ausgerufen, daß Derjenige, welcher sich mit Briefen über die Donau zum Herzog von Lothringen wagen würde, von der Stadl mit 100 Ducaten belohnt werden sollte, allein vor der Hand fand sich Niemand zu diesem Wagestück bereit, um so mehr, als schon den 17. Juli General Schulz von dem Feinde überfallen, vertrieben und Wien somit gänzlich eingeschloffen worden war. Auch hatten die Türken unverzüglich Batterien bei den Barmherzigen aufgeführt, und setzten der Stadt auch von da aus durch Bomben heftig zu. Dieschönen neu erbauten Kirchen und Paläste in der Leopoldstadt wurden von Grund aus zerstört und der Garten der alten kaiserlichen Favorite (Augarten) ganz verwüstet. — Den 20. Juli erschien ein türkischer Parlamentär mit dem Bedeuten vor der Stadt: Der Großvezier suche um einen Waffenstillstand an, um seine Tobten begraben zu lassen, zu- > gleich ließ er die Stadt wiederholt auffordern, sich zu ergeben, mit der Drohung, ! daß er im Falle einer Einnahme durch Sturm das Kind im Mutterleibe nicht ^ schonen würde. Graf Starhemberg ließ ihm aber antworten: Da man in ! der Stadt lauter gesunde Soldaten habe, und daher keine Tobten zu begraben, l so wolle er von keinem Waffenstillstände etwas wissen; übrigens mache man ! sich auf das Aeußerste gefaßt und würde die Stadt bis zum letzten Blutstropfen vertheidigen. Den 22. geschahen einige glückliche Ausfälle; diesen und die folgenden Tage spielte das türkische Geschütz unaufhörlich auf die Stadt, ja den 24. siel eine Kugel in die St. Stephanskirche und prallte an einem Pfeiler ab, ohne jedoch außer dem Schrecken Unheil anzurichten. Die anfängliche Furcht und Bestürzung hatte überhaupt wieder so abgenommen, daß man den 26. mehre der gesperrten Läden eröffnete, um die unentbehrlichsten Dinge auf ordnungsmäßigem Wege wieder beziehen zu können. der Thurmlialle versteckt haben, ich ziehe aber die obige Angabe der größer« Wahrscheinlichkeit wegen vor. 145 — — — , Vom 1. bis 8. August sprangen ununterbrochen Minen, und mehrmals ^ wurde mit verzweifeltem Muthe Sturm gelaufen; jedoch jede Anstrengung des Feindes durch die tapfere Gegenwehr der Belagerten abgeschlagen. — Unter- > dessen hatten aber in der Stadt, als natürliche Folgen einer langen Belagerung, ! Theuerung und Krankheiten eingerissen; besonders hatte sich durch den häufigen ! Genuß von geräuchertem oder wohl gar nur gedörrtem Fleisch eine bösartige ! Ruhr entwickelt, welche viele von der Besatzung und den Einwohnern, unter letzteren auch den Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg hinraffte, und selbst den Commandanten befiel. Nur die von dem heldenmüthigen und menschenfreundlichen Bischöfe Kollonitsch besorgten Spitäler und strenge Gesundheitsmaßregeln vermochten den verderblichen Fortschritten dieser Seuche Einhalt zu thun. Endlich fanden sich auch durch persönliche Aufopferung braver Soldaten und Burger Mittel, von dem Zustande des kaiserlichen Heeres Kunde zu erhalten. Schon mar ein Cuirassier des Götz'schen Regimentes, und nach ihm ^ der Lieutenant-Gregorowitsch glücklich genug gewesen, über die Donau zu gelan- l gen, um den Herzog von Lothringen von dem Zustande der Stadt in Kenntniß ^ zu setzen, als es der ehrenwerthe Pole, Franz Koltschitzki, ehedem Dolmetsch j der orientalischen Compagnie, folglich dieser Sprachen kundig, nun Kaufmann in der Leopoldstadt, wagte, in türkischen Kleidern bei Sturm und Ungewitter, ! ein lustiges türkisches Lied singend, durch das ganze Lager bis an den Kahlenberg zu ^ streifen, wo er von dem Nußdorfer Richter, welcher sich mit seinen Nachbarn eine Donauinsel zur Zufluchtstätte gewählt hatte, über den Fluß gesetzt wurde. Den 17. August kam er denselben Weg glücklich, doch nicht ohne Gefahr, mit einem ^ l Schreiben des Herzogs durch die Palissade» am Schottenthore wieder in die ! ^ Stadt, worin dieser sein tiefstes Mitgefühl über deren Lage und über den Verlust so vieler wackeren Leute kund gab, zugleich aber auch versicherte, er werde einen Ort von solcher Wichtigkeit niemals der Willkür der Feinde Preis geben. Graf Tökely sei indessen zweimal geschlagen worden, und täglich strömten aus dem Reiche neue Hilfstruppen herbei; er erwarte nur noch Ende August den König von Polen mit seinen Scharen, dann würde er auch keinen Augenblick mehr mit dem Entsätze säumen. Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, mit welcher Freude diese Nach- - richten in der bereits sehr geängstigten Stadt ausgenommen wurden. Bei Tage gab man durch dicken Rauch und des Nachts durch aufsteigende Raketen von dem Stephansthurme des Segensboten glückliche Rückkehr dem Herzoge zu erkennen. — Da nunmehr auch im feindlichen Lager der Mundvorrath abzunehmen begann, so gab der Großvezier den grausamen Befehl, alle gefangenen Christen zu ermorden. Durch drei Tage währte die Metzelei, und das weite Feld um Wie» war von den Leichen der unglücklichen Schlachtopfer bedeckt. Den 18. August sing man einen Knaben von ungefähr zehn Jahren auf, der ganz langsam von dem feindlichen Lager in die Stadt ging. Anfangs redete er sich aus, daß seine Eltern im türkischen Lager wären und daselbst arbeiten 10 146 musiten. Bald darauf begegnete ihm >edoch seine Mutter, schall ihn aus und klagte, daß er ein liederlicher Schelm wäre, der nie Gehorsam leisten wollte, auch Härte sie ihn schon über 14 Tage nicht gesehen. Auch wies sich aus, daß sie schon seit langer Zeit Witwe sei. Man befragte ihn hierauf, was er im türkischen Lager gemacht habe, und er antwortete keck, er sei freiwillig hinaus- gegangen und habe den Türken schon mehrmals Botschaft gebracht, wie es in der Stadt zugehe, so z. B-: daß schon mehre Geschütze unbrauchbar geworden ; daß die Bäcker nicht mehr so weiße Semmel und Brot backen, als vorher, daß das Commißbrot besonders schwarz und ungenießbar sei, daher auch viele Soldaten davon erkrankten und starben; daß die Garnison bereits den Muth zum Fechten verloren rc. Dem Stadtgerichte übergeben, zeigte er durch allerlei verschmitzte Ausreden und Winkelzüge solche Bösartigkeit und Verderbtheit, daß ihm trotz seiner zarten Jugend das Henkerschwert zuerkannt wurde. Den 21. August war der mackere Koltschitzki eben wieder im Begriff, sich durch das türkische Lager zum christlichen Heere zu begeben, als ein desertirter , und wieder eingefaugener Reiter, schon unterm Galgen, mit dem Strick um ^ den Hals, gestand, er habe ihn dem Feinde auf's Genaueste beschrieben und er solle sich daher ja nicht mehr hinaus wagen. Doch übernahm nach ihm sein ! Diener, Georg Michailowitz, ein Armenier von Geburt, noch einige Male derlei kühne Ausflüge mit gutem Erfolg. So gute und tröstende Nachrichten , aber durch diese Kundschafter einliefen, so sehr verschlimmerte sich die Lage der i Dinge in der Stadt selbst. Feindliches Geschoß und Krankheiten hatten die j Besatzung geschwächt; durch häufiges Minensprengen waren viele Wälle entblößt und nur zur Noch wieder hergestellt worden. Raketen über Raketen kündeten l die Noth der bedrängten Stadt und das Flehen um baldigen Entsatz, denn nun begann sich auch Mangel an Lebensmittel» furchtbar anzukündigen. Das Rindfleisch fing an selten zu werden, auf einigen Basteien wurde heimlich statt Rindfleisch, Eselfleisch ausgehackt und um wohlfeileren Preis gegeben; ja die Soldaten fingen allenthalben Katzen zusammen, die sie gleich auf offener Straße brieten und für Hasen verkauften. Den 23. August setzten die Türken auch über die Donau, überschwemmten das Marchfeld, und legten Lang-Enzersdorf, Stammersdorf, Leopoldau, Kakran, Ebersdorf, Gerasdorf und andere Dörfer in Asche; ja sie würden noch weiter mit Mord und Brand gedrungen sein, wären sie nicht noch denselben Tag von ^ dem Herzog von Lothringen bei Stammersdorf geschlagen und zurückgedrängt l worden. ! Den 22., 24. und 26. August hatten wieder heftige Stürme Statt, ^ wobei der Angriff um so wüthender war, als sich auch im feindlichen Lager bereits- ^ die Janitscharen über den Verzug der Belagerung unwillig zeigten; sie wurden jedoch alle mannhaft abgeschlagen. Ueberhaupt hoffte derGroßvezier immer noch, I Wien durch Capitularion in seine Hände zu bekommen. Er hatte die österreichischen Länder bereits als ein ihm gehöriges Paschalik betrachtet und Wien zu seiner ! 147 Hauptstadt erkoren. Darum vermied er es, zum Glücke der Christenheit, so , viel wie möglich, die Stadt im Sturme zu erobern, die in diesem Falle unvermeidlich der Zerstörung Preis gegeben worden wäre. Da er jedoch nunmehr auch Kunde von dem Heranrücken des Entsatzes erhielt, so setzte er seine schonenden ! Rücksichten mehr bei Seite und trachtete nur vor der Ankunft des christlichen Heeres uni jeden Preis Meister der Stadt zu werden. De» 28. August, Nachmittags um fünf Uhr sprang eine Mine am Burgravelin, und ein erneuter Sturm folgte. Des Nachts stiegen über dreißig Raketen vom Stephansthurme auf, welche vom Herzog von Lothringen durch Helle Feuer vom Bisainbcrge tröstend beantwortet wurde». Mit banger Ahnung erwartete man in der Stadt den Tagesanbruch des 2S. August. Diesen Tag, Johann Enthauptung, hielten die Türken für besonders geheiligt und glückbringend. An diesem Tage eroberte der große Soliman Rhodus, Belgrad und Ofen; an diesem Tage fiel die verderbende Schlacht bei Mohacz vor, in welcher König i Ludwig kl. Krone und Leben verlor. Darum »ersparten die Türken meistens ^ auf diesen Tag ihre wichtigsten Unternehmungen, und man fürchtete einen allge- ! meinen Sturm; jedoch ging der Tag, wie die darauf folgende Nacht, außer ! dem Sprengen einiger Minen und dem Spielen des türkischen Geschützes auf ! den Stephansthurm und die kaiserliche Burg, ohne bedeutende Unternehmungen vorüber. De» 31. sprangen drei Minen vor dem Burgthore ohne sonderlichen Schaden; denselben Tag bemerkte man auch große Bewegung im feindlichen Lager; viele Munitionswagen und Geschütze wurden gegen de» Wiener Wald transportirt, woraus man schloß, daß die Türken sich zum Kampfe gegen das aurückende Befreiungsheer bereit machten. Ausgesandte Kundschafter brachten auch Nachricht, daß man sich im türkischen Lager auf ernsten Kampf und großen Widerstand gefaßt mache. Da nun auch zu erwarten stand, daß die Feinde ihre ganze Kraft anwenden würde», sich der bereits sehr geschwächten Stadt noch vor Ankunft des christlichen Heeres zu bemächtigen, so wurden in selber alle Anstalten getroffen, jedem Anfalle kräftig widerstehen zu können, und da nun von der Frist weniger Tage das Schicksal der Hauptstadt, ja der Monarchie abhing, so wurde beschlossen, sich bis auf das Aeußerste zu verthei- digen. Das Innere der Stadt wurde barricadirt, alle zehn Schritte wurden Abschnitte, Graben und Brustwehren errichtet; die Kärnthuerstrafie, der Kohl- markt und Graben glichen einem permanenten Feldlager; das Schlafen wurde den diensthabenden Offizieren und Soldaten bei Todesstrafe untersagt. Häufige Ausfälle und Gegenminen zerstörten die Arbeiten des Feindes, wie denn durch letztere allein nach und nach viele hundert Centner Pulver und Munition j erbeutet und viele Türken getödtet und verschüttet wurden. Alle Glocken schwie- j gen, außer zur Zeit der höchsten Noth; in allen Häusern waren Gefäße mit ! Wasser und Trommeln mit darauf gestreuten Erbsen aufgestellt, »m die ! geringste unterirdische Bewegung zu bemerken und sogleich wirksam entgegen j arbeiten zu können. ^ 10 148 Den 4. September sprang eine Hauptmine an der Burgbastei. Die Wirkung dieser Explosion war fürchterlich; eine ungeheure Bresche entstand, und mit ! wüthendem Allahgeschrei begannen die Türken, von dem Großvezier selbst mit I dem Sabel in der Faust angetrieben, über die zertrümmerten Mauern und das ! Erdgerölle einen der verzweifeltsten Stürme unter Staub und Dampf und einem I Hagel von Geschütz und vergifteten Pfeilen. Jedoch die äußerste Gefahr, so wie die > Hoffnung einer nahen Rettung flößte auch den Belagerten fast übermenschlichen > Muth ein. Unter den Augen des Commandanten, der selbst an die gefahrvoll- ! sten Posten geeilt war, geschahen Wunder der Tapferkeit, und die Türken, ' welche die Bastei bereits erklommen und zwei Roßschweife darauf gepflanzt hatten, wurden mit großem Verluste wieder- in ihre Verschanzungen zurückgeschlagen. Indessen den 6., 7. und 8. September sprengten sie neuerdings Minen an der Burg- und Löbelbastei, hatten sich bereits bis unter die Minoritenkirche durchgegraben und verdoppelten ihre Stürme und ihr Feuer mit einer Wuth, welcher die Belagerten am Ende doch hätten unterliegen müssen, hätte nicht die Hoffnung des nahen Entsatzes ihren Muth bei den ungeheuersten ' Anstrengungen gestärkt und aufrecht erhalten. Viertes Kapitel. ! Die Schlacht des Entsatzes. Den 7. September kam das polnische Heer, unter dem eigenen Oberbefehl des Königs Johann, bei Krems an und vereinigte sich daselbst mit den bayrischen, sächsischen und fränkischen Hilfstruppen. Den 8. hatte der Donauübergang des ganzen Heeres bei Tuln Statt, und dann der weitere Marsch gegen Klosterneuburg und den Kahlenberg, ohne daß allen diesen Operationen, unbegreiflicher Weise, von dem Großvezier auch nur das geringste Hinderniß in den Weg gelegt wurde, welches bei dessen noch immer bei weitem stärkeren Macht um so leichter hätte bewerkstelligt werden können, als der Anmarsch auf zum Theil sumpfigem, zum Theil steilem, überall durchschnittenem und ungünstigem Terrain vor sich gehen mußte. Den II. September wurde das Kahlengebirge erstiegen und die Truppen in den Wäldern aufgestellt. Der linke Flügel, unter dem Commando des Herzogs von Lothringen, postirte sich am Leopoldsberge; das Centrum, welches der Kurfürst von Bayern, Maximilian Emanuel, und Fürst Waldeck befehligten, auf dem Kahlen- und Langenberge (heutigen Cobenzel-oder Reisenberge); der rechte Flügel, unter dem eigenen Oberbefehle des Königs von Polen, dehnte sich über den Hermannskogel. Wenig Erfreuliches war aber für die edlen Retter von ihrem erhobenen ^ Standpunkte aus zu erblicken. Die Stadt lag in einem Chaos von Feuer, j Dampf und Rauch begraben, und wirklich war noch selbst in diesem Augenblicke, i gleichsam im Angesichte der Befreier, Alles für sie zu fürchten. Nur die äußerste 14 » Anstrengung und beispiellose Tapferkeit hatte bis jetzt mit Noth noch die Trümmer der Burg- und Löbelbastei erhalten. Die zertrümmerten Basteien wurden in möglichsterEile ausgebcfsert, aus Dachstühlen und Balken Palissaden gemacht, die der Gefahr am meisten ausgesetzten Gasten durch Ketten und Querwälle gesperrt; ja aus den meisten Fenstern die Gitter gerissen, und an den gefährlichsten Stellen als Bollwerke auf einander gehäuft. Vom Stephansthurme flogen Raketen über Raketen empor, um dem christlichen Heere die Noth der Stadt ^ und ihre Sehnsucht nach Befreiung anzudeuten. Mit anbrechender Nacht kam j ein Reiter über die Donau geschwommen, welcher dem Herzog von Lothringen einen vom Grafen Starhemberg eigenhändig geschriebenen Zettel überbrachte, ! des kurzen, aber bedeutenden Inhalts: „Keine Zeit mehr verlieren, ^ gnädigster Herr, ja keine Zeit mehr verlieren!" j Um dieselbe Zeit ließ der Großvezier seine Truppen mustern; man fand j deren Specification in türkischer Sprache nachgehends in seinem Gezelte, und es dürfte wohl in mehrfacher Hinsicht interessant sein, dieselbe meinen Lesern i hier mitzutheilen: Unter Kara Mustapha's eigenem Oberbefehl.6000 Mann. Kara Mehmed, Vezier und Pascha von Mesopotamien, mit 5000 » Chydir, Pascha von Bosnien .. 6000 » Ibrahim, Pascha von Ofen..5000 » Hussein, Pascha von Damast. 3000 » Hussein, Pascha von Temeswar.1000 , Mustapha, Pascha von Silistria.1S00 » Scheit Oglu, Pascha von Magnesia. 1000 , Hogia Oglu, Beglerbeg von Sophia. . 6000 , Bechir, Pascha von Aleppo. 1000 , Achmed, Pascha von Natolien. 1000 HarmoS, Pascha von Mentechesia.500 » Achmed, Pascha von Lyrena. 600 » Hassan, Pascha von Harmyt. 800 , Ali, Pascha von Theben.500 » Achmed, Pascha von Muras. 1000 ». Ali, Pascha von Caramanien. 1000 » Mustapha, Pascha von Erzerum. . 200 » Hassan, Pascha von Bolizza. 600 Emir, Pascha von Athen. 200 » Hassan, Pascha von NicopoliS. 1000 , Ali, Pascha von Sebastiopel. 1000 » Ali, Pascha von Ancyra.. 200 » Hassan, Pascha von Nissa. 500 » Ali, Pascha von Brussa. 800 » Hassan, Pascha von Könnend . . . . ,. 300 „ Jurigi, Pascha von Erlau . .. 6000 » Omar, Pascha von Karahysar. 1000 » Osman Oglu, Pascha von Chintai. . 1000 » Ibrahim, Pascha von Großwardein. 600 » 15 « Mustapha, Aga der Zanitscharen.16000 Mann. Osman, Aga der Spahis. 12000 » Dyllu, Aga der Lehensleute. 5000 , Aga der Freiwilligen. 5000 , Topschid - Pascha (Artillerie). 1500 » Cobegi, General-Proviant-Meister.-000 , Egypter. 8500 » Besoldete DtineurS. 5000 , Unbesoldete, meist gehuldigte Bauern. 20000 « Tartaren. 20000 » Ungarn. 15000 » Michael Apafi, Fürst von Siebenbürgen. 6000 » Servan, Woywod der Walachei.-000 » Der Woywod der Moldau. 2000 » wonach sich also das türkische Belagerungsheer auf noch 168,000 Mann belief. Die christliche Macht, die zum Entsätze heranrückte, bestand in Allein nur aus 85,600 Mann (kaiserliche Cavallerie 17,200, Infanterie 9900, polnische Hilfstruppen 26,600, Reichstruppen 31,900). Die den 10. und I I. September noch von Wien ausgeschickten Kundschafter waren nicht wieder zurückgekommen, wodurch die hartbedrängte Stadt über die Stärke, die Zeit, ja selbst über die Gewißheit des Entsatzes in die fürchterlichste Unruhe versetzt wurde, welcher Zustand der Bestürzung sich erhöhte, da die Türken noch den 10. September eine Mine an der Burgbastei, obzwar ohne besonderen Erfolg, sprengten, und den I I. der Stadt von früh Morgens bis Nachmittags unausgesetzt mit Stücken, Mörsern und Karthaunen zusetzten. Unmöglich ist es daher, das allgemeine Entzücken zu beschreiben, als denselben Tag auf die dringendste Aufforderung ganze Büsche von Raketen von der Spitze des Hermannskogels aufprasselten, und drei heftige Kanonensalven erschallten, welche sogleich von der Melkerbastei beantwortet wurden. Fast in demselben Augenblicke wurde auch auf dem Gemäuer des Leopoldberges eine große rothe Fahne mit weißem Kreuz, zugleich Oesterreichs Farben und das Signal der ! christlichen Religion tragend, zum Trotz und zur Aufforderung gegen Mahomets Blutfahne aufgepflanzt. Bereits den 10. und II. September bereitete sich das christliche Heer zur Schlacht und nahm die verschiedenen Stellungen ein, welche von den Befehls- j habern zum Behuf« des Kampfes am zweckmäßigsten gehalten wurden. Endlich ! mit Anbruch des 12. Septembers, eines Sonntags, hielt der fromme Kapuziner ! Marcus d'Aviano das Amt der heiligen Messe in der St. Leopoldcapelle auf dem i Kahlen berge, welchem alle Befehlshaber beiwohnte», »nd nach deren Beendigung ! der König von Polen seinen ältesten Sohn Jacob zum Ritter schlug und dann ^ durch eine kurze Anrede das gaiche Heer begeisterte. Nach Beendigung dieser > feierlichen Handlung ging der Marsch langsam in geschlossenen Reihen bergab; ! zwei Bataillone wurden voraus beordert, um den Engpaß des Berges zu um- j gehen und an dessen Fuß Posto zu fassen. Sobald diese Truppen das Thal 151 erreicht hatten, fanden sie gegen Grinzing nnd Heiligenstadt bei 4000 Türken in verschiedenen Abtheilungen, worauf sich alsobald ein heftiges Scharinützel entwickelte. Die Hohlwege bei Nusidorf und Heiligenstadt, jedes Haus, ja jeder Schutthaufen wurde von den Türken init äußerster Hartnäckigkeit vertheidigt. Zudem fügte die errichtete große Redoute bei Döbling und Währing (noch heut zu Tage die Türkenschanze genannt und für immer historisch merkwürdig), welche mit zehn Kanonen bepflanzt war, dem Christenheere vielen Schaden zu, und obschon um zwei Uhr Nachmittags dessen rechter Flügel mit den Polen aus den Wäldern von Dornbach hervorbrach und sich mit Löwenmuth auf die feindlichen Massen warf, so schwankte dennoch das Geschick des Tages, und schon glaubte der Großvezier den Sieg in den Händen zu haben, als auf einmal der Herzog von Lothringen, den rechten Augenblick gewahrend, allgemeinen Sturm auf den rechten Flügel der Türken befahl, selben in Unordnung brachte, mit rasendem Feuer die Türkenschanze erstürmen liest, und nüt dem weichenden Feinde zugleich in Döbling, Weinhaus und Währing eindrang. Nun war das Schicksal des blutigen Kampfes entschieden. Die Polen bekamen Luft und fochten mit unglaublicher Tapferkeit, in ihrer Mitte der König, welcher eigenhändig viele Türken erlegte und einen Rofischweif erbeutete. Die Feinde wurden mit vielem Blutvergießen durch Hernals bis an ihr Lager in der Roßau zurückgeworfen. Der Markgraf von Baden drang mit den Reichs- truppen, bei welchen sich auch als Oberstlieutenant der damals neunzehnjährige, nachmals so berühmte Prinz Eugen von Savoyen befand, bis vor das Schottenthor und forderte mir Trompetenschall die Besatzung zum Ausfälle heraus. Freudig erfüllte man sein Begehren, zerstörte die wichtigsten Approchen und brachte, obwohl nur nach dem heftigsten Widerstande, die türkischen Geschütze, welche noch immer auf die Stadt feuerten, zum Schweigen. Bald bemächtigte sich panischer Schrecken des ganzen Heeres, welches sich nun von zwei Seiten angegriffen fand. Vergebens hielt der Großvezier den wilden Strom noch etwa eine halbe Stunde bei St. Ulrich auf, ohne ihn jedoch mehr zum Stehen bringen zu können. Alles wogte und tobte in der wildesten Unordnung, in feiger und verwirrter Flucht durch und wider einander. Da nun vollends Kara Mustapha in verblüffter Hast, ohne auf sein Zelt und seine Schätze zu denken, oder, da er von den christlichen Truppen von allen Seiten gedrängt wurde, ohne auch nur daran denken zu können, der Stadt den Rücken zukehrte, war weder vom Halten noch von Ordnung mehr die Redez alle Paschas und Befehlshaber folgten aus das Eiligste seinem Beispiele. Die Flucht der Türken ging über den Wienerberg, ohne Rast, ohne irgend einen Versuch, die zerstreuten Scharen zusammen zu halten, bis in die Gegend von Raab, von nur zwei österreichischen Dragoner-Regimentern bis an die Fischa verfolgt, da die ganze Armee der Ruhe so äußerst bedürftig war. Der Feind ließ über 25,000 Todte, viele Gefangene, seine ganze Artillerie, Kriegsvorrath und das unermeßlich reiche Lager, welches man auf viele Millionen schätzte, zurück. 152 i r Der Verlust der Türken an Mannschaft vom Anfänge der Belagerung bis zu erfolgtem Entsätze aber betrug laut des im Zelte des Großveziers vorgefun- , denen Verzeichnisses über 70,000 Mann, worunter sich drei Paschas, 16 Ja- nitscharen-Oberste und über 500 Offiziere befanden. Natürlich aber wurde ein ! solcher Sieg und eine so lange Belagerung auch mit großen Opfern von Seite ! der Christen bezahlt, denn von der zu Anfang der Belagerung über 22,000 Mann zählenden Besatzung waren am Ende kaum 4050 übrig geblieben; der ^ größte Theil der Umgekommenen war jedoch durch Krankheiten hingerafft worden; überdieß waren in der Schlacht des Entsatzes über 4000 von der Befreiungsar- ^ mee gefallen. — Nach dem Abzüge der Türken hielt der Herzog von Lothringen i die Soldaten noch die ganze Nacht unter dem Gewehre beisammen, und der ^ Glanz der vielen Lichter und Feuer, welche die Soldaten im feindlichen Lager anzündeten , erleuchtete durch die Nacht die ganze Gegend weit umher. Ob nun aber zwar im Lager Ueberfluß an Lebensmitteln gefunden wurde, so mußten doch viele daselbst, wie auf de» Ravelinen und Vorwerken der Stadt, großen Durst leiden, da Niemand, außer hohen Kriegs- und Staatsbeamten, noch vor der Hand «erstattet wurde, in die Stadt hinein oder heraus zu gehen, und die Feinde alle Brunnen in den Vorstädten verwüstet und verschüttet hatten, so daß während dieser Nacht eine Maß Wasser für zwei Silbergroschen bezahlt wurde und großes Gedränge darum war. Sogleich nach geendigter Schlacht schickte der Herzog von Lothringen seinen Adjutanten, einen Grafen von Auersperg, mit der Siegesnachricht an den Kaiser. Fünftes Kapitel. Die Beute der Sieger. — Bischof Kollonitsch. — Einzug der Befreier. Die Katastrophe war für die Türken so schnell und unerwartet gekommen, daß nicht allein die große heilige Fahne des Propheten, viele Standarten, Roßschweife und alle Vorräthe des Lagers den Siegern in die Hände fielen, sondern sogar in den meisten der 15,000 erbeuteten Zelte noch die Speisen auf den Tischen und das Brot in den Backöfen gefunden wurde. Das Wichtigste und Kostbarste der ganzen Beute, — des Großveziers unschätzbar reiches Zelt mit einem baren Schatze von zwei Millionen in Gold, gegen 600 Säcken voll Piaster, seine von Gold und Edelsteinen schimmernden Waffen, sein kostbar geschmücktes Leibpferd und seine geheime Kanzlei voll der wichtigsten Documente wurde dem König von Polen zugesprochen. Einem ämtlichen Verzeichnisse zu Folge wurden, da noch obendrein Vieles unvermeidlicher Weise verschleppt worden war, folgende Gegenstände ber reichen Beute in die Wiener Zeughäuser und Rüstkammern abgeliefert: 2000 Centner Pulver, 4000 Centner Blei, 18,000 metallene und 20,000 eisene Handgranaten, 10,000 Schaufeln, 20,000 Brandkugeln, 50 Centner Harz und Pech, 153 - ^ 5000 Centner Leinöl, 30,000 Stück verschiedenes Minirgeräthe, 200,000 ^ i Sandsäcke, 130 Centner Hufeisen und Nägel, 1000 Pechpfannen, 4000 ! Schaffelle, 2000 Hellebarden, 400 Sensen, 500 Flinten, 600 Säcke Baum- > wolle, 10,000 ungefüllte Wollsäcke, 2000 eisene Schildplatten, 2000 Pulverhörner, 1000 große Bomben, 18,160 verschiedene Kugeln, 200,000 Brand- röhren und 8000 leere Munitionswagen. Ferner wurden erbeutet: 10,000 Stück Büffel und zahme Ochsen, 5000 Kameele, 100,000 Malter Früchte aller Art, und eine große Menge von Maulthieren, Schafen und Rindern, von welchen Naturalien der größte Theil den Soldaten überlassen wurde. De» 13. September mit Tagesanbruch wagten sich die Wiener wieder das erste Mal aus der Stadt. Viele kletterten gleich über den Schutt der an der Burgbastei gesprengten Mauern in den Stadtgraben und von da über die zerstörten Contrescarpen und Palissaden in das feindliche Lager; Andere, deren Neugier nicht so heftiger Natur war, nahmen ihren Weg durch das einzige bereits wieder geöffnete Schottenthor, wo aber' bald ein solches Gedränge entstand, daß es fast lebensgefährlich war, durchzukommen. Obschon die Soldaten bereits das Kostbarste und was am leichtesten transportabel war, aufgeräumt hatten, so waren doch die Vorräthe im feindlichen Lager so ungeheuer, daß den Wienern noch eine reichliche Nachlese blieb und dadurch auf einmal in den Preisen der Lebensmittel eine mächtige Verminderung eintrat. Noch den Tag zuvor hätte Mancher gerne das Pfund Rindfleisch um einen Gulden bezahlt, wäre es zu haben gewesen; nun wurde es in der Stadt um 4 Kreuzer, vor der Stadt gar ^ um 6 Pfennige ausgeboten, und die bisherige bittere Noth verwandelte sich mit i Eins in Ueberfluß. Tie Vorstädte fand man in dem betrübtesten Zustande, die ! Gemächer voll todter Menschenkörper, die Fässer in den Kellern zerschlagen, so i daß man noch an einigen Orten bis an die Knöchel in Wein waten mußte; doch fand inan in manchen Zimmern und Gewölben auch große Vorräthe von Fleisch, Unschlitt, Schmalz, Oel, Getreide, Ochsenhäute, Eisen und Holz, welche den ! vielen Hausbesitzern trefflich zu Statten kamen. Eine neue Epoche im Felde der Wiener Gastronomie verursachten die im türkischen Lager Vorgefundenen ungeheuren Vorräthe von Kaffee, welcher seit dieser Zeit zum Lieblingsgetränke in Wien geworden ist. Der wackere Franz Koltschitzki aber wurde zum Lohne für seine wichtigen Dienste mährend der Zeit der Belagerung mit dem Befugnisse eines öffentlichen Kaffeehauses belohnt, welches sich im Schloffergäßchen, im Hause zur blauen Flasche, durch viele Jahre erhielt. Während aber Alles nun freude- und siegestrunken der Beutesanunlung ! und dem langentbehrten Vollgenusse der Güter des Lebens sich überließ, zeigte ! sich der edle, fromme Sinn und die uneigennützige Menschenliebe des Bischofs ! Grafen Kollonitsch im glänzendsten Lichte. Gegen 500 arme Christenkinder, : welche zerstreut im türkischen Lager dem schrecklichsten Elende Preis gegeben, deren Eltern theils getödtet, theils in die Sclaverei geschleppt worden waren, i sammt allen armen, erkrankten und verwundeten Christen, welche in unermeß- 154 i i - kicher Anzahl im Lager und auf den Feldern umher schmachteten, ließ er ! in eigene» Wagen auf seine Kosten in die Stadt bringen und sorgfältig ver- ! pflegen. ! Den 13. September Vormittags ritt Graf Starhemberg mit der ganzen ! Generalität durch das Stubenthor in das Lager. König Johann von Polen umarmte ihn vor dem Zelte des Großveziers aufs Herzlichste, und besah an i seiner Hand das ungeheure Labyrinth der feindlichen Approchen und Minen. . Mittags hatte der prachtvolle Einzug, ebenfalls durch das Srubenthor, unter dem Jubel der frohen, geretteten Einwohner, in folgender Ordnung Statt: Zuerst erschien die, von schwerem Golde schimmernde, griinseidene Fahne des Propheten, von den erbeuteten Standarten und Roßschweifen umgeben; dann folgte nach einer Abtheilung polnischer Cavallerie mit schallender Kriegsmusik der König von Polen, ihm zur Linken Graf Starhemberg; nach ihnen die Kurfürsten von Sachsen und Bayern, Prinz Jacob von Polen, die Groß- offiziere der Krone, die übngen deutschen Fürsten und die Generalität. Das prächtig geschmückte Leibpferd des Großveziers wurde dem Zuge nachgeführt. Dieser ging durch die Wollzeile, Bischofgasse, über den Stephansplatz, durch die Kärnthnerstraße, den neuen Markt, Planken- und Dorotheergasse in die Hofkirche der Augustiner, wo der König nach angehörter Messe selbst das Tedeum anstimmte, welches sodann im vereinten Chore unter lautem Jubel zu Ende gesungen wurde. Die dem Tedeum folgenden 300 Kanonenschüsse donnerten Nahen und Fernen, welche noch immer in ungewissem Zagen des Ausganges der Dinge harrten, Trost und Freude zu. Die Fürsten traten nach beendigtem Gottesdienste unter dem allgemeinen Zujauchzen der versammelten Volksmenge aus der Kirche. Jedermann bemühte sich, des Königs Hand, seinen Mantel zu küssen, ja nur zu berühren, und die jubelnde Menge begleitete die Retter bis in die Wohnung Starhembergs, wo ein herrliches Mahl die Helden erwartete und den freudevollen Tag beschloß. Der Herzog von Lothringen führte unterdessen die Armee aus dein Lager nach St. Marx, wo sie sich über Simmering bis gegen Schwechat ausbreitete, und wo Abends auch der König von Polen wieder eintraf. — Kaiser Leopold aber hielt den 14. September, von Nußdorf aus, durch das türkische Lager unter dem Geläute der Glocken und dem Donner der Kanonen seinen feierlichen Einzug in die Stadt, und empfing am Stubenthore von dem Stadtmagistrate ^ die Schlüssel derselben, welche er jedoch, mit gerührter Anerkennung der ge- ! schehcncn Thaten, wieder zurückstellte. Bei St. Stephan wohnte er einem ! vom Bischof Kollonitsch abgehaltenen Tedeum bei, und von da ging der Zug ^ in die kaiserliche Stallburg, wo der Kaiser die Kurfürsten von Sachsen und Bayern bewirthcte. Des andern Tages besuchte er, auf erhaltene Einladung, das Lager des christlichen Heeres, und noch bezeichnet eine Pyramide an der ^ Straße bei Schwechat die Stelle der Zusammenkunft des Kaisers mit dem ^ Könige von Pole». Den folgenden Tag aber reiste Kaiser Leopold wieder nach l k k 1L5 Linz, um zur Wiederherstellung der Burg und anderer Gebäude, so wie zur Reinigung der Straßen und überhaupt Wiedereinführung der alten Ordnung die nöthige Zeit zu gewähren. Der König und der -Herzog von Lothringen aber zogen mit ihren Heeren dem Feinde gegen Raab nach, um ihre so glorreich erfochtenen Vortheile weiter zu verfolgen und die Wiedereroberung des Königreiches Ungarn zu bewerkstelligen. Die edlen Helden und Retter erfreuten sich bald des innigsten und werk- thätigen Dankes des Vaterlandes und der gesammten Christenheit. Graf Slarhemberg erhielt von dem Kaiser den Marschallstab, die Würde eines Staats- und Conferenzministers, 100,000 Reichsthaler, einen kostbare» Ring und die Erlaubnis;, den Stephansthurm in seinem Wapen zu führen. Auch von den Standen Oesterreichs wurde er ansehnlich beschenkt, und sein Haus auf der Wieden (das davon genannte Freihaus) auf ewige Zeiten von allen Abgabe» befreit. Papst Jnnocenz XI. drückte ihm in einem Breve den Dank der ganzen Christenheit aus. Der edle und ritterliche Bischof Kollonitsch aber erhielt von Rom den Cardinalshut, welcher ihm den 28. October 1684 in der Hofkirche der Augustiner in Gegenwart des Kaisers feierlich überreicht wurde. Dein Großvezier Kara Mustapha erreichte aber noch im Jahre seiner Niederlage sein endliches böses Geschick. Sultan Mahomed IV., welcher in Belgrad in gewisser Hoffnung auf Wiens Fall gewartet hatte und deshalb ungeheure Zurüstungeu zu einem glänzenden Triumpheinzuge machen ließ, ergrimmte über das gänzliche Fehlschlagen dieser Hoffnungen auf das Heftigste; er eilte wutherfüllt nach Constantinopel zurück. Obschon Kara Mustapha Anfangs durch reiche Geschenke und indem er die Schuld der Niederlage auf Tökely schob, den Zorn des Sultans zu beschwichtigen wußte, so brach derselbe doch bei den wiederholten Siegen der Christen auf's Neue los, und der stolze Vezier wurde den 25. December 1685 zu Belgrad auf Befehl des Sultans erdrosselt. Als diese Stadt nach fünf Jahren von dem Herzog von Lothringen erobert wurde, schickte dieser Kara Mustapha's Kopf an den Cardinal Kollonitsch , wodurch sich die Rache des Himmels an dem verwegenen Frevler kund that, welcher 1683 seinem Sultan versprochen hatte, ihm des Bischofs Haupt auf einer Lanze zu überschicken. Nebst vielen anderen türkischen Trophäen ist dieser Kopf noch heut zu Tage, sammt der rothseidenen Schnur und dem Portrait des Großveziers, mit gar erbaulichen Versen geziert, im Wiener bürgerlichen Zeughause zu sehen. Auf die Belagerung Wiens und den glücklichen Entsatz der Stadt aber wurde eine große silberne Denkmünze geschlagen, auf deren Avers das Bild der Stadt während der Belagerung, auf dem Revers aber die Jnschnft zu sehe» war, in welcher die seit Kaiser Friedrich III. durch unzählige, mehr und minder gelungene Erklärungen berühmt gewordenen fünf Vocale A. L I. v. k/. eine neue, nach dem Geiste der damaligen Zeit bis zum Uebermaße wortspielende Auslegung erfuhren. Sie lautete also: 156 8o»nm Omen. ^4u8triuciLrunl Imperii Ottomanici Vietore8.— 8eä guancko? I'mio qusoäo Vocsles licnt Oon8onantv8 et i» unum koecjus contra l'ur- cain convvnient 8equentes: ^tustriaci— Lmannei—/osnnes — Oävs- j csle»—Venetav!—Ll-xo et primum 8peran<1um. Zu Deutsch: Gutes ! Vorzeichen. Die Oesterreicher werden Sieger der Ottomanen seyn. Aber wann ? i Wenn diese Vocale zu Consonanten (wortspielend mit übereinstimmend) werden und in ein Bündniß gegen die Türken sich vereinen: Austrier, Ema- nuel (Kurfürst von Bayern), Johann (König von Polen), Odescalchi (der . damalige Papst Jnnocenz XI.) und Venedig. Also jetzt erst ist zu hoffen. Sechstes Kapitel. Die neue Zierde des Stephansthurmes. — Fortschritte des christlichen Heeres in Ungarn. — Czar Peter in Wien. Während das christliche Heer seine Siegesbahn in Ungarn weiter verfolgte, arbeitete man in Wien auf das Eifrigste an der Wiederherstellung der Festungswerke und der beschädigten Gebäude. Nach dem Entsätze brachte man täglich viele gefangene Türken ein, welche theils in Wäldern, theils in den nieder- gebrannten Vorstädten, in den Minen und verdeckten Wegen sich verborgen gehalten hatten, und diese mußten nun, sammt den vorher gefangenen, die tobten Körper und den Unrath wegschaffen, auch die von den Türken aufgeführten Batterien und Schanzen schleifen und überhaupt an den Festungswerken arbeiten. Noch im November desselben Jahres erscholl die frohe Kunde von dem Uebergange der Festung Gran in Ungarn an die Christen, und dieselbe lieferte abermals eine beträchtliche Anzahl türkischer Gefangener zu den Festungsarbeiten in Wien, so daß größtentheils diejenigen, welche die Werke zerstört hatten, wieder' zu deren Herstellung gezwungen wurden. Zugleich wurde Befehl gegeben, alle Gebäude und Ruinen, welche nicht über 600 Schritte weit von den äußersten Schanzen und Stadtgräben entfernt waren, innerhalb vier Wochen der Erde gleich zu machen. Die dadurch gewonnenen Steine aber wurden zu den Festungswerken verwendet. Im August 1684 traf auch Kaiser Leopold wieder von Linz zu Wien ein, und bald darauf langte die Nachricht von der siegreichen Schlacht bei Eperies daselbst an, wodurch die Türken zur gänzlichen Reinigung von Ober-Ungarn gezwungen wurden. Zum fortwährenden Andenken an die glückliche Befreiung WienS vcrordnete Kaiser Leopold, daß jährlich den 12. September eine feierliche Pro- cession von der Peterskirche zur Dreifaltigkeitssäule auf dem Graben vorgenommen und dort ein öffentliches Dankgebet für die Rettung der Hauptstadt sollte abgehalten werden. Den 12. September 1684 hatte dieselbe zum ersten Male Statt, und diese Feier wurde fort und fort durch volle hundert Jahre 157 begangen. 1685 und 1686 folgte in Ungarn Sieg auf Sieg. Im Monat Juni des letzteren Jahres wurde auch Ofen, welche Stadt sich 146 Jahre in den Händen der Türken befunden hatte, mit stürmender Hand wieder erobert, und diese Eroberung brachte die freudigste Sensation in Wien hervor, da man nun der Befreiung von ganz Ungarn mit Zuversicht entgegensehen konnte. Den 14. Juli 1686 wurde auch der Stern mit dem Halbmonde, welcher seit I5S1 die Spitze des Stephansthurmes zierte, herabgenommen, und an dessen Stelle den 14. September desselben Jahres ein spanisches Kreuz aufgesetzt. Da dasselbe jedoch unbeweglich war, so warf es der Sturm schon nach drei Monaten wieder herab und der Thurm blieb bis zum 31. Octo- ber 1687 ohne Zierde, an welch letzterem Tage er mit dem beweglichen kupfernen Doppeladler und dem Kreuze darauf geschmückt wurde. Stern und Halbmond aber wurden im bürgerlichen Zeughause aufbewahrt, wo sie noch heute zu sehen sind. Den 13. August 1687 siel die Schlacht bei Mohacs vor, worin die Türken abermals eine vollständige Niederlage erhielten, und welche den Fall der wichtigen Festung Erlau, das einzige Besitzthum, welches die Türken noch in Ober-Ungarn inne gehabt, zur Folge hatte, und nun ließ der Kaiser seinen ältesten Sohn, den Erzherzog Joseph, den S. December desselben Jahres zu Preß- burg zum Könige von Ungarn krönen. 1688 machten die christlichen Waffen neuerdings die wichtigsten Fortschritte, selbst der Hospodar der Walachei unterwarf sich dem Kaiser, Siebenbürgen folgte demselben Beispiel, den 13. Mai fiel Stuhlweißenburg, und bald darauf eroberte der Kurfürst von Bayern Belgrad mit stürmender Hand, womit denn Ungarn nicht nur gänzlich vom Feinde befreit, sondern auch der Krieg in Feindesland geführt wurde. Auf Anordnung des damaligen Statthalters in Niederösterreich, Quintin Grafen von Jörger, wurde den 5. Juni 1688 die Stadt Wien zum ersten Male mit öffentlichen Laternen erleuchtet; wie denn dieser verdienstvolle Staatsmann mehre höchst ersprießliche und wohlthätige Anstalten, z. B. die Feuerlöschordnung, Rumorwache (jetzige Polizei), eine Marktordnung rc. einführte. De» 24. September 1689 hatte die berühmte und siegreiche Schlacht bei Niffa Statt, in welcher bei 10,060 Türken blieben, und wodurch die kaiserliche Armee Herr von beinahe ganz Serbien wurde. 1690 machten jedoch die Türken wieder einige Fortschritte und eroberten im Oktober dieses Jahres selbst Belgrad wieder mit Sturm. Den 4. December desselben Jahres hatte in Oesterreich und Wien ein zwar nur kurzes, aber furchtbares Erdbeben Statt, wodurch besonders der Stephansthurm solchergestalt erschüttert wurde, daß man sich genöthigt sah, dessen oberen Theil mit den stärksten eisenen Klammern zu befestigen. Den 20. Mai 1691 brannte Kirche und Kloster der Kapuziner auf dem neuen Markte ab, doch griff das Feuer nicht weiter um sich. Dasselbe Jahr drohten die Türken auf's Neue mit einer furchtbaren Macht in Ungarn einzufallen, 158 wurden jedoch durch den Markgrafen Ludwig von Baden (der Herzog von Lothringen war 1690 gestorben) bei Salankemen nach blutigem und hartnäckigem Gefechte total geschlagen und in die Flucht getrieben. Den 31. August kam Graf Thierheim als Courier mit dieser Siegesbotschaft in Wien an, wurde mit allgemeinem Frohlocken empfangen, und brachte die wichtigsten Trophäen dieses Sieges mit, welche in 14 Fahnen, Standarten und vier Roßschweifcn bestanden, darunter die grüne Fahne des Großveziers, die rothe des Seras- kiers und dieblaue, mit dem goldenen Apfel, desJanitscharen-Aga. In demselben Jahre drohte von Ungarn aus wieder die Pest in Oesterreich einzu- driugen. Es wurden jedoch sogleich die wirksamsten Gegenanstalten und Gesundheilsmaßregeln ergriffen, und die Gefahr ging für diesmal glücklich vorüber. 1693 wurde auf dem Graben, auf der Stelle, wo früher die von Holz errichtete Dreifaltigkeitssäule gestanden hatte, die. noch heute bestehende von Marmor aufgenchtet, wozu Kaiser Leopold schon 1687 den ersten Stein gelegt hatte; mehre der damals berühmtesten Künstler arbeiteten daran, am meisten der Bildhauer Rauchmiller. Die Wolken und besonders die größeren Engel an denselben sollen von ausgezeichnetem Kunstwerthe sein. Ich kann dieser Meinung nur a priori, mit Rücksicht auf die damalige Zeit beistimmen, erkläre aber die von mehren Schriftstellern gemachte Angabe, daß ein auswärtiger Gesandter für einen dieser Engel einen silbernen von gleicher Größe angeboten, für ein gläubig nachgebetetes traditionelles Märchen, wobei, nähme man die Sache als wahr an, mehr zu bewundern, daß man in den Vorschlag nicht einging, als daß er denselben gemacht. 1694 wurde der Tabakapaldo inWien eingeführt, auch die Straßenpflasterung und Reinhaltung der Straßen auf daS Eifrigste betrieben, endlich an der Ecke der Währingergafse, wo sich jetzt die kaiserl. Gewehrfabrik befindet, eine Akademie zur Bildung der adeligen Jugend (sogenannte Landschaftsakademie) gegründet. Den 7. Juli 1697 ward das Madonnenbild von Pötsch in Ungarn nach Wien gebracht und mit einer außerordentlich prachtvollen Procession bei St. Stephan zur Verehrung ausgesetzt. Den 18. September desselben JahreS traf Graf Dietrichstein mit der Nachricht des durch den Prinzen Eugen von Savoyen erfochtenen, herrliche» Sieges über die Türken bei Zentha in Wien ein, und brachte 87 feindliche Fahnen und 7 Roßschweife als Siegeszeichen mit. Große Festlichkeiten waren die Folge dieses höchst wichtigen Sieges. Den 6. Juni 1698 kam der große Czar Peter 1. von seiner Reise nach England und Holland, in Begleitung seines ersten Ministers und Günstliugs Lefort, inWien an. Obschon sich der Czar vorgenommen hatte, das strengste Jncognito zu beobachten, so wurde er doch vom Kaiser Leopold auf das Glänzendste empfangen; viele Ehrenbezeigungen wurde» ihm angethan und manche Ueberraschungen bereitet. Den 29. Juni, an seinem Namensfeste, wurden 159 , ihm in seiner Wohnung zu Gumpendorf, im gräflich Königseck'schen Gebäude, ^ das für ihn und sein Gefolge prächtig zugerichket worden war, von sämmtlichen Hofcavaliere» und Damen feierliche Aufwartung gemacht. Abends darauf wurde ein glänzender Ball veranstaltet, wobei alle Minister, Hofcavaliere, Damen und die anwesenden fremden Botschafter, zusammen über 600 an der Zahl, in größter Gala erschienen. Um U) Uhr wurde unter Trompeten- > und Paukenschall ein prachtvolles Feuerwerk abgebrannt, dessen Hauptfronte die Buchstaben V. k. L. Al. (Vivat kvtrus Laar lUoacvviav) mit herrlichen Verzierungen bildeten. Den II. Juli veranstaltete Kaiser Leopold seinem hohen ^ Gaste in der kaiserlichen Favorite (Theresianum) eine glänzende Maskerade, damals Wirthschaft genannt, bei welcher mehr als hundert höchste und hohe i Standespersonen in den reichsten und gefälligsten Anzügen aller Nationen ! erschienen. Türken und Spanier, Franzosen und Croaten, Schweizer und ! Tartaren, Engländer und Afrikaner, drängten sich in buntem Gemisch; ja i »ach dem plastischen Witze der damaligen Zeit fehlte eS auch nicht an Juden ! und Sclaven, Gärtnern, Schäfern und Zigeunern, ja selbst Marktschreier und Schornsteinfeger trieben ihr loses Spiel. Der Kaiser und die Kaiserin Eleonore stellten Wirth und Wirthin vor. Erzherzog Joseph erschien in der Maske eines Egyptiers, Erzherzog Karl als Niederländer, der hochberühmte Prinz Eugen von Savoyen begnügte sich mit einer Dienerrolle. Der Czar selbst aber hatte sich als friesländischer Bauer die schöne Gräfin» Johanna von Thurn zur Gefährtin gewählt, er zeigte sich außerordentlich vergnügt, sang russische Lieder und tanzte bis an den Hellen Morgen. Der Kaiser als Wirth stand von der zweckmäßig geordneten Tafel auf und trat mit einem herrlichen Krystall-Pokale zum friesländischen Bauer, ihm des bekannten Czar's Gesundheit zutrinkend, worauf ihm dieser den Pokal vom Mund wegnahm und selben mit diesen Worten, in ziemlich gutem Deutsch, auf einen Zug auSstürzte: »Ich muß allerdings gestehen, daß ich den Czar von Moskau in- und auswendig gar wohl kenne; er ist ein Freund Ihrer kaiserlichen Majestät und ein Feind Dero Feinde, ja so für dessen Interesse und Liebe portirt, daß er, wenn gleich dieses Glas voll Gift wäre, dasselbe auf seine Gesundheit doch austrinken wolle."—Den nächsten Morgen schickte der Czar Couriere nach Venedig und Rom, um seine nahe Ankunft zu melden; inzwischen gebrauchte er durch ein paar Tage die Bäder von Baden. Da er von den Jesuiten viel gehört hatte, besuchte er ihre Collegien am Hofe und bei St. Anna, dann ging er mit dem Pater Wolfs, einem ihrer scharfsinnigsten, weltkundigsten Männer, nach Preßburg und besah die reizenden Umgebungen j dieser Stadt. — Die feierliche Audienz hatte sich bisher noch deshalb verzögert, weil die Geschenke noch nicht angekommen waren, die aus dem köstlichsten Pelzwerk, aus persischen Shawls und Tapeten, aus Silber- und Goldstoffen, Pferdedecken, Satteln und Reitzeug, so wie auch künstlich gearbeiteten, mit morgenländischen Steine» verzierten Säbeln und schönen Pferden bestanden. 160 Sogleich nach deren Ankunft wurde der 28. Juli zur feierlichen Audienz bestimmt. Die Geschenke wurden von 48 der angesehensten, ganz gleich in schwarzen Sammt gekleideten Wiener Bürger des äußeren Rathes getragen l und geführt. Da aber Peter noch ferner sein halbes Jncognito beibehalten wollte, so wohnte er seiner eigenen Gesandtschaft nur als Attache bei. Sie erschien säipmtlich in der alten russischen Nationaltracht, nur der Czar und Lefort ohne lange Barte. Nach geendigter Audienz wurde die Gesandtschaft auf Befehl des Kaisers zu einem kostbaren Mahle gezogen und in derselben Ordnung wieder nach Hause begleitet. Des folgenden Tages wollte der Czar nach Venedig abreisen, er empfing jedoch noch an demselben Abend Nachricht von dem Aufstande der Strelitzen in seinem Reiche. Daher eilte er nach kurzem Abschiede durch Polen nach Moskau zurück und ließ nur den General Czereme- toff als außerordentlichen Gesandten in Wien. Auch hatte er nicht ermangelt, die ihm beigegebene Dienerschaft auf das Reichlichste zu beschenken. , Siebentes Kapitel. Beilager Joseph I. — Erste Zeitung in Wien. — Eugen von Savohen. Den 15. Juli I6S8 kam ein kaiserliches Edict hinsichtlich der Regulirung des Wiener Burgfriedens heraus, wodurch derselbe erweitert wurde, da man zu dieser Zeit kaum 556 ordentliche Bürgerhäuser in der Stadt und 450 vor der Stadt zählte; die übrigen waren nach und nach theils zu Collegien und Klöstern verbaut, theils durch landesherrliche Bewilligung von allen bürgerlichen Steuern und Abgaben befreit, theils auch zur Erweiterung und Sicherung der Fortification abgebrochen worden. In demselben Jahre kamen auch , di« Pianisten nach Wien, erhielten in der Josephstadt ein Collegium nebst ^ Kirche, zu welcher Erzherzog Joseph als bereits erwählter römischer König den Grundstein legte, und fingen sogleich an sich dem Unterrichte der Jugend zu widmen. Den 23. Februar 1699 kam die Prinzessin Amalia Wilhelmine von Braunschweig-Lüneburg als Braut des Königs Joseph in Wien an, und hielt den folgenden Tag einen prachtvollen Einzug von der kaiserl. Favorite aus in die Stadt. Die Trauung ging in der Augustiner-Hofkirche mit seltenem Glanz vor sich. Ueberhaupt wetteiferte bei dieser Gelegenheit Alles, um dem Hof durch Pracht der Equipagen und Kostbarkeit der Anzüge Ehre zu machen, ! in welch' letzterer Hinsicht sich besonders die ungarische Cavallerie, wie jeder- ! zeit, hervorthat. Die Carrosse, worin die hohe Braut den Einzug hielt, kostete allein 50,600 ss.; die Prachtkleidung des Kaisers aber hielt man fast für unschätzbar, und nur die Knöpfe daran sollen allein auf 160,000 Thaler zu stehen gekommen sein. Abends wurde die Stadt auf das Prachtvollste erleuchtet und die Festlichkeiten währten durch mehre Tage, worunter sich besonders 161 eine große Serenade auf dem Bnrgplatze so sehr durch verschwenderische Pracht auszeichnete, das? deren Darstellung von van der Steen in Kupfer gestochen wurde, wie ich denn selbst ein Eremplar davon besitze. Mit großem Auf-- wande waren schöne Gallerten errichtet, Bassins gegraben und alle heidnischen ! Götter und allegorischen Personen fignrirten dabei in den prachtvollsten Costü- men. Es gab große Schiffe, Berge und Felsen, dann 13 Triumphwagen ! von ungemein schöner Arbeit, worunter sich besonders drei, jene des Hymen, des Apoll und der Venus, durch Größe und Schönheit auszeichneten. Den Schluß machte ein Concert bei Fackelbeleuchtung, das durch volle drei Stunden wahrte. Die Musiker, so wie die Sänger und Sängerinnen waren ebenfalls in reichem, mythologischen Costiime. Den folgenden Sonntag war große Oper in dem von Kaiser Leopold an derStelle des jetzigen Amalienhofes erbauten großen nnd prachtvollen Opernhause, welcher ein glänzendes Feuerwerk folgte. Dinstags darauf wurden die Festlichkeiten durch ein prachtvolles Mittagsmahl und einen überaus glänzenden Ball geschlossen. Den 16. Juli desselben Jahres kam in dein neu erbauten prächtigen ! Opernhause Feuer aus, wodurch das Gebäude, dessen Hauptbestandthcile, > unbeschadet der Schönheit desselben, aus Holz bestanden, ganz in Asche gelegt wurde; nur durch die alten Thürme wurden die Flammen von der Burg abgehalten. Den 13. August starb der bereits erwähnte, fromme Kapuziner, Marcus d'Aviano, Freund und Beichtvater des Kaisers. Dessen Leichnam wurde in der Sacristei bei den Kapuzinern öffentlich ausgesetzt und von der Kaiserin und den Hofdamen mit Rosen geziert. Das Volk, bei dem er bereits bei lebendigem Leibe im Rufe eines Wunderthäters stand, drängte sich in so ungeheurer Menge zu seinem Sarge, daß die kaiserliche Garde zu deren Abhaltung ' mußte aufgestellt werden. Zu Ende dieses Jahres ließ der Stadtmagistrat eine ^ neue große Uhr auf den Stephansthurm setzen; sie wurde von dem geschickten ! Uhrmacher Jacob Oberkirchner für 1200 Gulden verfertigt und ist noch bis ! heute daselbst. Indessen schlägt sie nur die Stunden, die Viertelstunden aber i ^ müssen dieThurmwächter schlagen, hauptsächlich um sie desto gewisser mach und ! aufmerksam zu erhalten. Deshalb werden auch die vier Viertel nicht angeschla- ! gen, sondern nur die Stundenschläge von dem Wächter repetirt, wodurch das > noch im Munde des Volkes lebende Märchen hinlänglich widerlegt wird, ! als habe Kara Mustapha geschworen, ehe die vier Viertel schlügen, müsse I er Wien in seiner Gewalt haben, und so habe man denn seit dieser Zeit dieses ! Schlagen unterlassen. Die Höhe der Uhrtafel beträgt übrigens 2 Klafter 5 Zoll, die Breite l Klafter 5 Schuh 3 Zoll. Die Ziffer» halten in der Länge 2 Schuh, in der Breite 2 Zoll. Da diese Uhr die Richtung für alle übrigen Uhren angibt, so sind neben ihr mehre Sonnenuhren, seit 1742 ist auch eineMittagslinie dabei angebracht. In neuester Zeit wird sie jedoch von der kaiserl. Sternwarte aus geleitet. 11 162 I-"- ^ Anfangs des Jahres 1700 entstand in Wien um unbedeutender Ursachen Willen ein gefährlicher Auflauf, der sich mit Blutvergießen endete. Die Juden ! hatten sich um diese Zeit in Wien wieder ziemlich eingenistet, das Haus (577) am Peter gehörte damals einem sogenannten Hofjuden, Samuel Oppenheimer. Ein jüdischer Bewohner desselben wurde von zwei Schornstein- i feger-Jungen verspottet, er holte daher einige Rumorknechte (Polizei-Soldaten), ! um sich Ruhe zu verschaffen, wobei einer der Schornsteinfeger einige Streiche ^ erhielt, weil er sich widersetzte. Das Volk nahm sich hierauf des Christen an, j und fand es unbillig, daß er eines Juden wegen geschlagen wurde. Einige ! Gassenjungen nahmen einer dort sitzenden Bäuerin die Eier weg und warfen sie : in die Fenster des Judenhauses. Als diese zu Ende waren, griff man nach ! Steinen, endlich wurde von dem sich immer mehrenden Volkshaufen das Haus ^ mit Gewalt erbrochen und geplündert, ohne daß die unweit davon entfernte Hauptwache auf dein Petersplatze dem Unfug steuerte. .Alle Schriften und j Handelsbücher wurden entzwei gerissen, Gold und Silber zu den Fenstern hinausgeworfcn, allen Weinfässern die Böden eingeschlagen und das ganze Habe des Juden geplündert. Die Einwohner selbst flüchteten sich indessen in feste Gewölbe und Keller, um wenigstens ihr Leben zu retten. Endlich wurde auf ausdrücklichen kaiserlichen Befehl die Hauptmache zum Einschreiten comman- dirt, doch nur, als einige Male scharf Feuer gegeben ward und einige der Tumultuanten gefallen waren, verliefen sie sich ein wenig. Gegen Abend aber j fing der Tumult auf's Neue an und Steine flogen in allen Richtungen auf ! den Gassen umher, so zwar, daß man genöthigt war, fünf Stücke mitKar- ^ kätschen aufzuführen, um die Gassen aller Orten bestreichen zu können; auch ward das Haus des Hofjuden stark mit Wache besetzt. Des andern Morgens wurden die Haupt-Rädelsführer, ein Schornsteinfeger und ein ! Schwertfeger, aus dem Bette geholt und eine Stunde darauf Beide an die Fenstergitter des Judenhauses aufgeknüpft, und Jeder, der einen neuen j Tumult erhöbe, mit gleicher Strafe bedroht, worauf denn endlich Ruhe ^ wurde. Folgenden Tages wurde unter Trompetenschall ausgerufen, auch von ! den Kanzeln verkündigt, wer etwas von Briefschaften oder anderen Sachen des Oppenheimers habe, solle es auf das kaiserliche Stadt- und Landgericht auf die sogenannte Schranne (am hohen Markt) bringen, und damit pardonirt sein. Obwohl nun auf diese Weise Vieles wieder zurückgebracht j wurde, berechnete man den Schaden des Juden doch über 100,000 Gulden. ! Mit dem Jahre 1700 nahm auch die Wiener politische Zeitung ihren Anfang. Sie wurde von dem zu Antwerpen gebürtigen Johann van Ghelen, seit 1672 kaiserl. Hofbuchdrucker, gegründet und in unbestimmter Zeitfolge, so oft sich etwas politisch Wichtiges ereignete, herausgegeben. Drei Jahre ! später gab Ghelen die erste regelmäßige Zeitung unter dem Titel: Posttäg- ! licher Merkurius, alle Mittwoche und Sonnabende, einen Bogen stark, in ! Quart-Format heraus. Diese Unternehmung erfolgte als Wirkung eines öffent- 163 - sichen Anschlages, in welchem die Regierung zu einer solchen Herausgabe aufforderte, und demjenigen, welcher sich dazu entschlöße, sehr einladende Vor- theile zusagte. Schon den 8. August desselben Jahres gab Ghelen eine zweite i politische Zeitung: Das Wienerische Diarium, ebenfalls posttäglich im Quart- § Formate heraus, welche in der Folge allein fortbestand, das Organ der öffentlichen Verlautbarungen wurde, darauf ihren Titel in k. k. privilegirte Wiener- ^ Zeitung verwandelte und unter diesem und derselben Firma noch heute fort besteht. Der vollständige Titel dieser Zeitung lautete zur Zeit ihres Beginnes § wörtlich nach einem vor mir liegenden Exemplare: ^ »iVr. — Wienerisches Diarium, Enthaltend alles dasjenige, was »von Tag zu Tag, sowohl in dieser Residenzstadt Wien Denkwürdiges und »sich Neues zugetragen; Als auch wes dergleichen nachrichtlich allda eingeloffen, ! »sammt einen Anhang jedermaliger Verzeichnis; Erstlich deren täglich Allhier »Ankommenden; Zweitens deren in- und vor der Stadt getauften Kindern, »Drittens derer Verehlichten und Viertens derer verstorbenen Personen. »Mit Ihrer Römisch -Kaiserlichen Majestät Freiheit. »Gedruckt in der Kaiserlichen Reichs- und Hof-Buchdruckerey. »Zu finden im roten Dgel." Die eigentliche Zeitung war einen Bogen stark, 3 Blätter enthielten gewöhnlich die politischen Nachrichten, das Uebrige füllten die AnkunftS-, Tauf-, § > Verehelichungs- und Sterbelisten aus. Oft wurden auch Beilagen von Verkaufs- ! oder Miethgegenffänden, Pfänderverkaufe vom Versatzamte und Anzeigen , von dem kaiserl. Frag- und Kundschaftsamte beigegeben. Sonderbarer Weise ! ^ wird in dem Todtenverzeichnisse jedes unverehelichte Frauenzimmer niederen Standes mit dem Prädicate: Lediges Mensch betitelt, welche Benennung ungefähr bis 1750 hinaufreicht. Auch findet man in demselben leider noch oft genug Anzeigen, um ein Beispiel für alle zu geben: Ein unbekannter ^ Mann in der Leopoldstadt, welcher den IS. dieß gestochen und vom kaiserlichen ! Stadtgericht beschaut worden, alt bei 50 Jahre. — Schließlich möchte es wohl i nicht uninteressant sein, meinen Lesern eine Verkaufsanzeige aus dem kaiserl. ! Frag- und Kundschafts- und Versatzamte, aus verschiedenen Nummern hier j beizugeben und zwar sowohl der damaligen Moden, als auch der Wein- und ^ Kleiderpreise wegen, und überhaupt von dem Luxus der damaligen Zeit einen Begriff zu geben, der ohne Frage den heutigen noch weit überstieg: i Ein in der Stadt neu gebautes, herrliches HanS.73,000 fl. Eine ganz aus Kronawetholz gemachte Badwanne.SO Reichsthlr. 8 vor dem skärnthnerthor gelegene Häuser » 1SOOO und . . . 8000 fl. Ein ganz neu Croditor mit Gold gesticktes Skleid.120 fl. Ein Tafel-Spiegel mit Dukatengold vergoldet.100 fl. Ein Wagen. 230 fl. Zwei in Glas allein 2 Ellen hohe, 1 und eine halbe Elle breite Venetianer-Spiegel, mit weiß und blau geschnittenen, gläsernen Rahmen .. 1000 fl. 164 Ein Paar Henimct Knöpfet mit Diamanten.< 6 ff. 3 kr. Ein Nadel mit 1 Rubin, Spüret und Diamant.SS9 fl. 1t) kr. Ein Paar junge schöne köstenbraune Hengsten pr.100 Dukaten. 100 Emer Brunner Wein, gutes Gewächs ».10 fl. 4 Emer Tokeyer Ausbruch, den Eimer ä.150 fl. Rot prokatellene Spalier auf 2 Zimmer Pr.SSO fl. 6 Stuck Mahlerehen aus dem alten Testament, von einer ziemlichen Grüß, alle 6 . 1500 fl. Ein sehr schöner Copeewagen, mit rot geblümten Sammet, i nebst verbrämt goldenen Borten und 5 venetianischen Glä- j fern Pr. 1000 Thalern. 5 sehr schöne türkische mit vorder und hinder Zeug versehene Pferd Zäum, wovon der Bigl mit dickbeschlagenem Silber sehr reich pr.ISO fl. 6 rot damastene Sessel mit Silber- und Goldfiguren pr. . . ISO fl. Closterneuburger Bürgwein, 18. Gewächs 100 Emer » . . . 11 fl. Ein Canape, dieLähn von diesem ist eine 8Iiit»t» zu Venedig mit 44 Figuren, stimmt Bauern, Häuseren, Wässeren, sehr kostbar von Seiden und Garn verfertigt. 800 fl. I 200 Emer Frehendorfer Wein, gutes Gewächs ».Off. Bisamberger Wein, 1704 Gewächs, ungefähr 500 Emer, den Emer pr.14 fl. Ein ponso goldreicher Manto und Frauenrock.148 fl. 58 kr. Ein schönes Frauenkleid auf die schönste Modi. 250 fl. Ein schön goldenen Frauenborten, eine halbe Ellen hoch, von Crepin-Arbeit gemacht auf ein Rock. 600 fl. 820 Emer Müdlinger Wein, der Emer pr.6 fl. Ein schöne« und rares Paar Pistolen mit vergoldten Schlössern und ertra schöner Arbeit pr.56 fl. Eine reiche Weste pr.40 fl. SO Paar seidene Mannsstrümpf.81 fl. 34 kr. > Das herrschaftliche Schloß zu Jnzersdorf mit Garten, Ueber- ländgründen sammt ein Wohleingerichten Mayerhoff. . . 12000 fl. Eine gold-englische Minutenuhr.114 fl. 35 kr. ! Der ganze erste Stock Haus Nr. 579 in der Stadt wird zu verlassen gesucht, monatlich um.150 ff. S Viertel Weingärten bei Lainz in ein Stuck pr. 800 Reichsthlr. Diese Preise müssen um so bedeutender erscheinen, da das Geld zu jenen Zeiten noch nicht im Allgemeinen zu solcher Wohlfeilheit gelangt war, wie heutiges Tages. Uebrigens fehlte es auch schon damals nicht an jenen bom- bastischen Anpreisungen von neuen Erfindungen, unfehlbaren Mitteln rc., so lesen wir z. B. Bericht von der zu Rcgensburg gemachten Prob einer zu Augsburg neu erfundene Machine, alles Feuer in einer Geschwindigkeit leschen zu können rc., dann: Weilen die Corneuburgische Gold- und Corallen Tinctur »och immerfort eine solche Wirkung genommen, daß sowohl von gemeinen als auch vornehmen Standespersonen und mittelst Abheilung derselben in diese und weitentlegene Lander nach Curirung gefährlicher Zuständen und lang ein- 165 gewurzelter Krankheiten der Vorrath abermals völlig abgangen, alls sind nun- § mehr beide Tincturen wieder ganz frisch rc. rc. ! Endlich finden wir schon 1721 die erste Spur von öffentlichen Güter- ! Ausspielungen, indem ein gewisser Herr seine Besitzung zu Weinhausen I (Weinhaus) durch 42 Lose, darunter 14 treffende und 28 fehlende, das ! Los zu 50 fl., ausspielte, wobei der erste Treffer die Besitzung gewann, ^ dafür aber 500 fl. herauszahlen mußte, welche unter die andern dreizehn ! Treffer von 100 bis 20 fl. vertheilt wurden. ! Noch ist zu erwähnen, daß im Jahre 1700 der sogenannte Heilthum- > stuhl in Wien abgetragen und die St. Peterskirche neu in ihrer jetzigen ' Gestalt aufgebaut wurde. Ersterer war ein schwibbogenartiges Gebäude mit ! 15 Fenstern auf jeder Seite, das sich vom Haupteingange oder dem Riesen- ! thor der Stephanskirche bis gegen die Brandstätte erstreckte. Darin wurde die Schatz- und Reliquienkammer des St. Stephansdomes aufbewahrt. Alljährlich am ersten Sonntag nach Ostern wurden die reich geschmückten Reliquien und andere Heiligthümer aus den Fenstern deS Heilthumstuhles herab dem andächtigen Volke gezeigt, und zuletzt mit dem darunter befindlichen Partikel des Kreuzes Christi der Segen gegeben. Nach Abtragung deS Heilthumstuhles wurden die Reliquien, welche größtentheils durch Herzog Rudolph IV. gestiftet waren, in die gegenwärtige Schatzkammer an der Epistelseite des Hochaltares zu St. Stephan übersetzt, wo sie sich noch aufbewahrt befinde». Die Erbauung des Heilthumstuhles fällt ungefähr in das Jahr 1364, da die Reliquien schon 1365 im feierlichen Zuge von der Burgkapelle dahin übertragen wurden. ^ 166 i ieberite ^ötheikung. 170 « — 178 «. Crstes Kapitel. Spanischer Erbfolgekrieg und dessen Folgen. — Einfall Rakoczy'L. — Die Linien Wiens. — Losepli I. er Beginn des achtzehnten Jahrhunderts brachte nach kurzer Ruhe wieder unruhige Tage über Oesterreich und Wien. Durch den Tod § Karls II., des letzten Habsburgers auf dem spanischen Throne, begann der spanische Erbfolgekrieg. Das unmittelbare Recht zur Erbfolge beruhte nach ^ den Gesetzen der Legitimität und der Erstgeburt unbestritten auf dem Habs- burgisch-österreichischen Stamme, weshalb sie der Kaiser auch sogleich seinem zweitgebornen Sohne, dem Erzherzog Karl, übertrug und ihn als Karl III. zum König von Spanien und beider Indien erklären ließ. Auch schiffte sich letzterer unverzüglich nach Spanien ein, wo indessen durch die französische Partei ein Testament des verstorbenen Königs producirt wurde, in welchem derselbe, mit Uebergehung des Hauses Oesterreich, den Herzog Philipp von Anjou, zweiten Enkel Ludwigs XIV., der nur durch seine Großmutter, eine Schwester Karls II., also viel entferntere Ansprüche hatte, zum Erben der spanischen Monarchie ernannte, und welcher auch sofort, durch französische Waffen in das Land eingeführt, davon Besitz nahm. Oesterreich jedoch, im Bündnisse mit England, Holland, dem deutschen Reiche, Portugal und Savoyen, widersetzte sich dieser Verfügung und eröffnete den Krieg, > der mit großer Erbitterung und abwechselndem Erfolge geführt wurde. Dessen Geschichte gehört nur in so ferne hieher, als der allerchristlichste König auf's Neue kein Mittel unversucht ließ, sein widerrechtliches Vorhaben durch- ! zusetzen und selbst den österreichischen Thron wankend zu machen. Seine Emissäre reizten die Türken zum Bruche und fachten in Ungarn neue Unruhen ! an. Der junge Franz Rakoczy, ein Enkel der Fürsten Siebenbürgens, trat an die Spitze dieser unheilvollen Bewegungen. Selbst der Held des Tür- kcnkrieges, einer der tapfersten Befreier Wiens, der Kurfürst Maximilian Emanuel, von französischen Versprechungen verlockt, trat auf die Seite der ! Feinde des Kaisers und wurde deshalb in die Reichsacht erklärt. Rakoczy, über den ebenfalls die Reichsacht erging, wurde zwar zu Tokay überfallen und ^ ' .... ' 167 zur Haft nach Neustadt gebracht, von wo er jedoch bald Gelegenheit fand ! zu entfliehen. Während nun die kaiserlichen Völker in Deutschland, Italien ! und Spanien gegen die Franzosen und deren Verbündete kämpften, eilte ! Rakoczy aus seiner Haft nach Warschau, warb daselbst Truppen und wandte ! sich wieder nach Ungarn, wo seine Macht von Tag zu Tag anwuchs. Viele ^ mißvergnügte Edle vereinigten sich mit ihm, und bald streiften seine Scharen bis gegen Preßburg, das Marchfeld und die Fischa, ja bis in das Gebirge l um Baden, ihren Weg durch Brandsäulen bezeichnend. Noch kurze und für ^ Oesterreich segenbringende Zeit hielten sie sich nach den Plänen des Kurfür sten ! von Bayern von Wien entfernt, der Rakoczy's Macht allein zur Belagerung i der Hauptstadt für zu schwach hielt und ihm deshalb über Tyrol die Hände ! bieten wollte. Dieß Vorhaben scheiterte jedoch an der Tapferkeit und Treue , der Tyroler, welche das Heer des Kurfürsten nach blutigen Kämpfen zurück- ! wiesen und den Eingang in ihr Land verwehrten. Drohender erschien Rakoczy ! ' mit seinen wilden Horden Anfangs des Jahres 1704 vor Wien, zu dessen ! Vertheidigung, da die Stadt des spanischen Successionskrieges wegen von ! Truppen völlig entblößt war, schnell die Festungswerke arrsgebessert wurden. ' Die Bürgerschaft rüstete sich zur Vertheidigung und gegen den ersten Anfall wurde, vom Donauarnn bei St. Marx über den Wienerberg, um ! alle Vorstädte herum, bis wieder an die Donau hinter Liechtenthal, ein 12 § Schuh hoher, eben so weiter, I /2 Klafter tiefer, mit Aufziehbrücken versehener Graben, die sogenannten Linien, gezogen und durch mehre Redouten i verstärkt *). Schon den 13. April, am Ostersonntag, umschwärmten zahlreiche Haufen dev Ungarn die Vorstädte, streiften von St. Marr über ! die Landstraße und erschossen den Wirth zum Hahn. Man traf die eiligsten Anstalten zur Gegenwehr und noch denselben Nachmittag ritt der römische König Joseph, kn Begleitung der Dürgermiliz und vieler Edlen, über den Wienerberg bis St. Marx; doch waren die Streifhorden bereits so schnell wieder verschwunden, als sie gekommen waren. Nachdem man sich in Wien ! stets auf das Sorgfältigste auf einen Ueberfall gefaßt machte, erschien den S.Juni Rakoczy's Feldoberster, Graf Kawlyi, mit mehr als 5000 Reitern, eine ! Unzahl jammernder Landleute vor sich hertreibend, auf's Neue auf der Land- > straße und sprengte mit einigen Wagehälsen bis vor das Stubenthor. Doch schnell war die Wiener Bürgerschaft, auf welcher allein das Heil der Stadt beruhte, § in den Waffen, sie besetzte die Wälle und zog den Feinden muthig ent- ^ gegen, die sich eiligst wieder entfernten, worauf die Wiener an den Linien Posto faßten. Dadurch blieb den wilden Horden keine Zeit, die Vorstädte in Brand ^ zu stecken; sie zogen sich gegen die Schwechat zurück, rötheten den Himmel durch die Flammen der umliegenden Dörfer, zerstörten das bei Simmering ! liegende kaiserliche Lustschloß Ncugebäude, welches 1683 selbst die Türken auS ! ! *) Mit Ziegeln auSgemauert wurden dieselben jedoch viel später, und zwar erst 173Z. ! 168 I-- ^ - Achtung gegen ihren großen Sultan Soliman II. verschont hatten, würgten die ausländischen Thiere in der daselbst befindlichen Menagerie und schmückten ihre Anführer mit den Häuten der erschlagenen Leoparden, Tiger und Löwen. Von dieser Zeit an wagten es die Rebellen nicht wieder, sich den Linien Wiens zu nähern. Den 20. Dcceniber 1704 erfocht der kaiserliche Feldherr Graf Siegbert Heister bei Tyrnau einen entscheidende» Sieg über Rakoczy, wodurch jede Gefahr für Wien schwand; demungcachtet blieben aber fast ganz Ungarn und Siebenbürgen in dessen Händen. Er wurde zu Stuhlweißeii- burg zum Fürsten von Siebenbürgen, zu Saczyn zum Oberhaupt und Herzog des ccnföderirten Ungarns, und endlich gar zu Lublin, doch ohne I Erfolg, zum König von Polen erwählt. Der Krieg in Ungarn aber würhete i immer fort, wobei von beiden Theilen die unmenschlichsten Grausamkeiten ^ an den Gefangenen begangen wurden. In Spanien neigte sich daS Kriegs- l glück entschieden auf die Seite der Franzosen, während welcher Zeit in : Deutschland von den vereinigten kaiserlichen und britischen Heere» unter Eugens und MarlboroughS Oberbefehl mehre herrliche Siege, besonders glänzend jener bei Hochstädt (oder Bleichen») erfochten wurden. Kaiser Leopold erlebte jedoch den AuSgang deS erbitterten Kampfes nicht, er starb den 5. Mai 1705 im 65. Lebensjahre und im 49. seiner sorgenvollen Regierung. Von seiner dritten Gemahlin Eleonora Magdalena Theresia hincerließ er zwei Söhne: Joseph, seinen Nachfolger, und Karl III-, König von Spanien. Die ersten Schritte deS hochherzigen Joseph 1. war die Pacisication von Ungarn durch väterliche Mäßigung. Er unterließ kein Mittel zur Versöhnung der aufgeregten Gemüther, ja er bot selbst Rakoczy zum Pfände deS Friedens die Markgrafschaft Burgau als Reichsfürstenthum, welches dieser jedoch nicht amiahm. Von dem Kriegsglücke immer mehr verlassen, suchte Rakoczy nun, jedoch vergebens, die Gunst der Pforte für sich zu gewinnen. Verlorne Schlach- i ten und die Pest rieben sein Heer auf; Neuhäusel und andere Festungen gingen an die Oestcrreicher über, worauf er sich zu gütlichen Unterhandlungen bereit erklärte, die jedoch nicht inehr angenommen wurden. , Der Fortgang deS Krieges in Deutschland und Italien war indessen für ' die österreichischen und britischen Waffen sehr günstig gewesen: Neapel war erobert, Eugen und Marlborough waren bereits in den Niederlanden eingedrungen und selbst in Spanien hatte die Lage der Dinge eine günstigere Wen- ^ düng genommen, als auf einmal eine höchst unerwartete Veränderung im britischen Ministerium einlrat, Marlborough in Ungnade fiel und zurückberufen wurde, wodurch der Ausgang des Krieges wieder zweifelhaft war. In Wien waren inzwischen durch die segenvolle Vorsorge des Kaisers mehre wohlthätige und fruchtbringende Anstalten in's Leben getreten. Die bereits von Kaiser ^ Leopold errichrere Bank wurde vollständig consclidirt und an den Wiener Stadt- rarh übertragen. 1705 wurde die Akademie der bildenden Künste errichtet, I 17 07 das Versatz- und Fragaml eröffnet, um dem übermäßig um sich greifenden 16 » Wucher zu steuern. Dasselbe Jahr wurde auch Salz und Tabak zum kaiserlichen Monopol erklärt. Die Protestanten in Schlesien erhielten die seit lange vergeblich angesuchten Rechte; überhaupt zeigte sich Joseph bei alle» seinen Handlungen höchst tolerant und väterlich gegen jeden seiner Unterthanen. Den 23. April 1708 kam die Prinzessin Elisabeth Christine von Braun- schweig-Wolfenbüttel, nach dein Urtheile vieler Zeitgenossen, unter andern auch der geistreichen Lady Montague, eine der schönsten Damen ihrer Zeit, als Braut des Königs Karl III. von Spanien in Wien an und wurde in Abwesenheit des Letzter» in der Kirche zu Maria-Hietzing dem Kaiser, der Bräutigamsstelle vertrat, mit grosien Feierlichkeiten angetraut. Nach zwei Tagen, die unter ausgesuchten und prachtvollen Festen verflossen, begab sie sich über Genua nach Barcelona, wo König Karl Hof hielt. Zu gleicher Zeit fiel auch die Trauung der Erzherzogin Maria Anna, Schwester des Kaisers, mit König Johann V. von Portugal vor, wobei der Kaiser ebenfalls die Stelle des Bräutigams vertrat. Die Ergötzlichkeite» am Hofe Kaiser Joseph 1. bestanden meistens in prachtvollen Turnieren, wobei sich der Kaiser selbst jederzeit auf das Rühmlichste im Lanzenrennen und mit derPistole auszeichnete. 1710 zeigten sich abermals Spuren von der Pest in Oesterreich und Wien, worüber sogleich die kräftigsten Maßregeln genommen und Verhaltungsbefehle erlassen wurden, so daß dadurch dem Umsichgreifen des verheerenden Hebels glücklich Einhalt gethan wurde. Der Krieg in Ungarn wurde indessen mit gutem Erfolge wider Rakoczy fortgesetzt, mehre Große unterwarfen sich wieder ihrem rechtmäßigen Oberherrn und Ersterer war gezwungen nach Polen zu fliehen, wo er die Hilfe Peter des Großen, jedoch ohne Erfolg, anrief. Die übrigen Mißvergnügten unterwarfen sich der Gnade des Kaisers; General Palffy, von Joseph I. abgesendet, unterhandelte »Hl ihnen den Frieden. Hohe Mäßigung und Klugheit bestimmten die Bedingungeti desselben und verfehlten nicht den Zweck: Allen, selbst Rakoczy, wenn er binnen drei Wochen sich dem Kaiser unterwerfen und den ! Eid der Treue leisten wolle, wurde völlige Amnestie bewilligt; Ungarn und ' Siebenbürgen wurden die alten Rechte und Freiheiten, freie Religionsaus- ! Übung, Besetzung der Aemter mit Eingebornen und Abstellung mehrer . Beschwerden zugesichert. So wurden durch Josephs Weisheit und kluge Mäßi- ! gung die langjährigen, verderblichen Mißhelligkeiten beigelegt und dem Hause Oesterreich fortan der ruhige Besitz von Ungarn und Siebenbürgen gesichert. Leider sollte der großherzige und edle Monarch, dessen Regierung für seine väterlichen und erleuchteten Gesinnungen viel zu kurz war, den völligen Abschluß dieses Friedens, der den 29. April 1711 zu Szathmar Statt hatte, nicht mehr erleben. Die Kinderpccken oder bösartigen Blattern, ein Uebel, gegen das man, von der Türkei aus und durch die Erfahrungen der genannten Lady Montague*), ! *) Nach ihren schätzbaren Briefen, hatte sie die Impfung in der Türkei kennen gelernt und an ihren eigenen Kindern mit Erfolg versucht, bemühte sich auch viel mit der Weiterverbreitung dieser wohlthätigen Maßregel. ! 17 « eben ein specifischcs Mittel zu ahnen begann, setzte dem Leben des vortrefflichen Monarchen ein allzu frühes Ziel. Den 12. April I7II hatte der Kaiser bei den Carmeliten auf der Laimgrube dem Gottesdienste beigewohnt und das Mittagsmahl eingenommen. Er äußerte dabei schon Mangel an Eßlust und allgemeines Unbehagen, das sich weder durch scharfes Reiten noch durch die Jagd, die er sehr liebte, mindern wollte. Folgenden Tages zeigten sich die Pocken. Schnell angewandte ärztliche Mittel ließen zwar Hoffnung erblicken und getröstet reiste Prinz Eugen nach den Niederlanden; doch wenige Stunden nach dessen Abreise nahm das Uebel in so furchtbarem Grade zu, daß der Kaiser, nachdem er die Regierung einstweilen seiner Mutter, der Witwe Leopolds, übergeben hatte, Morgens den 17. April 1711 im 33. Jahre seines Lebens und 7. seiner Regierung starb. Er hinterließ von seiner ihn überlebenden Gemahlin Amalie Wilhelmine (von welcher der Amalienhof in der kaiserk. Burg den Namen trägt) nur zwei Töchter, Maria Josepha, vermählt an August III., König von Polen und Kurfürsten von Sachsen, und Maria Amalia, vermählt an Karl Albrecht, Kurfürsten von Bayern, daher die Erbfolge unmittelbar an Karl III., König von Spanien, des Kaisers einzigen Bruder, siel. Zweites Kapitel. Karl VI. —Die Pest abermals in Wien. — Die KarlSkirche. Der Tod Kaiser Josephs I. gab der europäischen Politik plötzlich eine andere Richtung. Da vom ganzen Hause Habsburg nur der einzige König Karl als Erbe übrig war, und da den deutschen, ja europäischen Interessen die Vereinigung so vieler Kronen auf einem Haupte nicht entgegen war, so eilte Karl aus Spanien nach Deutschland zurück, um sich dessen Kaiserkrone zu sichern, die ihm auf Herzog Eugens Betrieb bereits zu Theil geworden war. Den 22. December I7II wurde er als Karl VI. zu Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt und kam den 26. Jänner 1712 zu Wien an, wo er mit vielen Freudenbezeigungen empfangen wurde. Den 21. Mai desselben Jahres wurde er zu Preßburg zum König von Ungarn gekrönt und bestätigte den Vertrag von Szathmar. Während seiner Abwesenheit wurde das innere Burgthor gegen den Kohlmarkt neu und zierlich mit Trophäen und Zierathen mancher Art erbaut, wie es noch in Pfeffels Ansichten zu sehen ist; doch wurde es noch unter Karl VI. Regierung, wegen der großen Bauten, welche der kunstsinnige Kaiser beabsichtigte und zum Theil auch ausführte, wieder weggerissen. Den 8. November desselben Jahres hatte die feierliche Erbhuldigung in Wien Statt, welche zuerst durch ein pompöses Werk in Folio mit vielen gelungenen Kupferstichen, worunter einer in Großfolio, den Krönungszug vorstellend, beschrieben und, so weit Papier und Druck reichen, verewigt wurde. Anfangs 171 des JahreS 1713 bl ach noch eine bedeutende Pestseuche, die letzte bis auf unsere Zeit, in Oesterreich und Wien aus. Sie war aus der Türkei nach Ungarn gekommen und von da durch eine arme Weibsperson in Wien eingeschleppt worden. Vorzüglich wüthete sie in den Vorstädten, verschonte aber auch die Stadt nicht und verbreitete sich bald über alle benachbarte Ortschaften. Nebst den gewöhnlichen Andachtsübungen gebrauchte man diesnnal durch die besondere Vorsorge des Kaisers, der fortwährend in Wien blieb, bessere Vorsicht und s Rettungsmittel, und die Seuche wurde daher minder verderblich als jene von ^ I67S. Alle öffentlichen Schulen in und vor der Stadt wurden gespeist, in , den Wirthshäusern die gewöhnlichen Zusammenkünfte untersagt, die Apotheken in und vor der Stadt geschloffen und den Leuten die verlangte Arznei durch ein Fenster herausgegeben. Den Trödlern wurde das Aushängen und der Ver- ! kauf von Kleidern und Möbeln, so lange die Seuche währte, strenge ! untersagt und über die Reinlichkeit die beste Fürsorge getragen. Den 22. Octo- . ber legte der Kaiser bei St. Stephan zur Abwendung der Pest das feierliche j Gelübde ab, zu Ehren des heil. Karl Boromäus eine Kirche zu bauen. Mit Eintritt der kälteren Jahreszeit ließ die Seuche nach, verschwand aber erst im Februar 1714 gänzlich. Der an diesem Uebel in der Stadt und den Vor- ' städten Dahingerafften zählte man 8644. In den nahegelegenen Ortschaften ^ ^ Döbling, Dornbach, Sievering, Salmansdorf, Grinzing, Weidling, Her-- ^ j »als, Währing, Ottakrin und Neulerchenfeld starben zusammen 1154 Personen. Ein kleiner Auszug aus einer zu dieser Zeit erschienenen Jnfeccions- > Tabelle der um die Stadt liegenden Ortschaften möchte noch das Ncbenintercsse ' der Vergleichung der damaligen und jetzigen Häuserzahl mit sich führen. ^ Häuserzahl 1713 1840 Penzing. 70 194 Hietzing. 14 180 Hütteldors - - - - 60 123 Burkersdorf - - - 43 90 Neulerchenfeld - 45 157 Währing - - - - 41 ISO Hernals. 95 165 Ober-Döbling - 81 202 Unter-Döbling - 40 53 Sievering. 67 117 Gestorben 83 Grinzing. 30 Perchtoldsdorf - 9 Mödling. 94 Fi schamend- 152 Stockerau - - - - 27 Larenburg - - - - 134 Dornbach. 13 Traiskirchen - - 52 M. Lanzendorf - 267 Simmering — Häuserzahl Gestorben , 1713 1840 70 99 129 240 306 6 169 283 20 75 106 12 208 283 102 27 94 12 60 84 131 80 138 46 19 36 22 106 234 87 Aus dieser setzten Pestzeit schreibt sich auch die Errichtung der meisten Dreifaltigkeitssäulen in Oesterreich. Seit dieser Zeit aber wurde durch errich-- ^ tete Cordone und Sanitäts-Anstalten an der türkischen Gränze, besonders ! aber durch die zweckmäßige Einrichtung der Militärgränze, welche schon unter j - Leopold und Joseph 1. Statt hatte, jedem Weitergreifen dieses furchtbaren ! 172 Uebels gesteuert und es ergriff seitdem nur noch (und auch diefi äußerst selten) einige wenige Gränzörrer. Anfangs 1714 erging ein scharfes Verbot aller Hazardspiele und zwar namentlich des Pharao, Färbeln, Würfeln, Bastei, Landsknecht, Trenta- quaranta- und Passadieci, die sich an vielen Orten bis zur Gefährlichkeit ein- geschlichen hatten. Die ausgesetzte höchst bedeutende Strafe ist ein Beweis des Umsichgreifens und der dadurch bewirkten Schädlichkeit dieser Spiele, so sollte z. B. der Banguier um 1000 Ducaten, die Pointeurs um 1000 Reichsthaler, und derjenige, in dessen Hause oder mit dessen Zulassung das Spiel Statt hatte, ebenfalls um 1000 Ducaten gestraft werden. Den 13. März hatte wegen gänzlicher Befreiung von der Pestseuche ein feierliches Dankfest Statt und zu dessen Gedächtniß wurde eine Münze mit folgender, dem wortspielenden Witze der damaligen Zeit angemessener und höchst geschmackloser Inschrift geprägt: Auf dem Avers das Chronostichon: Sle Ist letzt Vnter VM StlhVtz Gottes slOhcr. Umher stand Wien ohne W. Ein Weh ist weg von Wien, das Wohl wird dranf erscheinen, Gott schenkt den Freuden-Wein und man hört auf zu Weinen. Gott geb, daß Stadt und Reich hinfort in Wohlstand steh, Und Wien, wie auf der Müntz, sey ewig ohne Weh. Auf dem Revers aber standen in einem Kranze, unter dem Namen Jehova, folgende sinnreiche Reime: Gott ließ den Kaiser nicht, wie er nicht ließ die Seinen, Die Pest ließ nach in Wien, das Best wird bald erscheinen. Wahrscheinlich hat sich der geistreiche Erfinder dieser Inschrift Vieles darauf zu Gute gethan. Der spanische Erbfolgekrieg war auch »ach der Abreise Karls VI. von Barcelona mit wechselndem Glücke fortgesetzt worden; als jedoch nach dem Rückzüge des englischen Heeres die übrigen Verbündeten 1713 zu Utrecht Frieden mit Frankreich schloffen, Unterzeichnete der Kaiser 1714 ebenfalls zu Rastadt den Frieden, erkannte das Haus Anjou auf den spanischen Thron und behielt sich nur die europäischen Nebenländer, wodurch ihm der Besitz von Neapel, Mailand, Mantua, Sardinien (in der Folge gegen Sicilien vertauscht) und der spanischen Niederlande gesichert wurde. Der Kaiser behielt aber den Titel eines Königs von Spanien bei. Nach geschloffenem Friede» ließ sich der Kaiser sehr angelegen sein, die Gewerbsthätigkeit und den Handel seiner Unterthanen zu beleben und zu begünstigen. Er gründete den Freihafen zu Triest, legte große Straßen an, errichtete die levantische Handelsgesellschaft und baute mehre Häfen an der Küste des adriatischen Meeres, so z. B. Fiume, Buccari und Porto Re. Der zunehmende Handel brachte auch wieder viele Juden nach Wien, die denselben nicht wenig belebten und auch bei der ' Gründung der noch heute bestehenden Linzer Wollen zeugfabnk (17 IS) sehr thätig waren. Für die schon 1701 entstandene kaiserliche Spiegelfabrik ließ Kaiser Karl 1713 kunsterfahrne Arbeiter auS den Niederlanden und aus Venedig kommen. Die kaiserliche Porzellanmanufactur in der Roßau wurde später ebenfalls von einem Niederländer errichtet. Ueberhanpt hat Wien in physischer und moralischer Hinsicht dem weisen und kunstsinnigen Kaiser Vieles zu verdanken. In ersterer durch seine herrlichen Bauten, die noch bis heute die größte Zierde der Residenz bilden, so z. B. die prächtige Karlskirche als Folge seines Gelübdes, wie die Aufschrift besagt: Vota rvüilsin in conspvctu limontium üsuni, die Reichskanzlei, das herrliche Gebäude der kaiserl. Bibliothek, die große Sommerreitschule, sämmtlich durch den berühmten Fischer von Erlach in verschiedene» Zeitperioden erbaut; auch das majestätische Gebäude der kaiserl. Marställe und das große Spital in der Alsergasse verdanken dem Kaiser ihre Entstehung, so wie die verschiedenen kaiserl. Kunstsammlungen wichtige Bereicherungen. Unsterbliches Verdienst für die Verschönerung Wiens erwarb sich auch der große Eugen durch den Bau des herrlichen Belvederes, des Palastes in der Stadt, dem jetzigen kaiserl. Hofkammerpalast in der Himmelpfortgasse rc. In moralischer Hinsicht wirkte der Kaiser äußerst wohlthätig für die städtische Gesetzgebung, innere Polizei und Sitten. So erschien z. B. 1716 eine Ordnung für die Lehenkutscher und für die Ab- und Zufahrt der Markt- und Bauernwagen, später ein Befehl zur Säuberung der Gassen und Plätze, Aufhacken des Eises, Aufspritzen wider den Staub und zur Abschaffung der alten, oft bis in die Milte der Straßen reichenden Dachrinnen; strenge Verordnungen wegen der Pafsir- und Aufenthaltsscheine, um die seit längerer Zeit eingerifsene Unzahl herrenlosen Gesindels zu mindern, das erwähnte Spielverbot, strenge Gesetze gegen das müßige Bettelwesen, die bis zur Ungebühr überhand genommenen Raufhändel u. a. m. Drittes Kapitel. Friede zu Paffarowitz.— Die pragmatische Sanction. — Wien als Erzbisthum. Den 19. April 1713 erließ Kaiser Karl VI. die weltberühmte Urkunde der pragmatischen Sanction, kraft welcher nicht nur die durch ältere Grund- ! gesetze eingeführte Untheilbarkeit der österreichischen Erbstaaten bestätigt, son- ! der» auch die Erbfolge der regierenden Dynastie nach den in jeder Linie dcrsel- > ben damals vorhandenen Personen bestimmt wurde. Es ward nämlich festgesetzt, ! daß, in Ermanglung männlicher Descendenten, die Succession fallen solle: I. Auf die Erzherzoginnen, Kaiser Karls Töchter; 2. auf die Erzherzoginnen, Kaiser Josephs Töchter, Kaiser Karls Nichten; 3. auf die Erzherzoginnen, Kaiser Leopolds Töchter, Kaiser Karls Schwestem, und endlich 4. auf alle abstammenden Erben beiderlei Geschlechtes, durchaus nach den Grundsätzen 174 der Primogenitur und Lineal-Succeffion. So wenig indessen die pragmatische Sanclion Neues in die österreichische Staatsverfassung einführte, da deren Grundsätze schon seit dem Privilegium Kaiser Friedrich I. galten, so wurde ! sie dennoch in der Folge erst nach großen Opfern von den europäischen Haupte Mächten anerkannt. Kurz, aber in hohem Grade glorreich war der 1716 auf's Neue begonnene Krieg gegen die Pforte, welche die Halbinsel Morea dem Freistaate j Venedig entrissen und des Kaisers Verwendungen zu Constantinopel zurück- ^ gewiesen hatte. Die Siege des großen Eugen bei Peterwardein den 5. August i 1716, und bei Belgrad den IS. August 1717, führten zu dem Frieden von Passarowitz, in welchem Oesterreich die Stadt und das Banat Temeswar, ganz Servien, die Walachei bis an den Alutafluß, den türkischen Antheil an Slavonien und Bosnien bis an die Save gewann. Den 13. April 1716 wurde dem Kaiser ein Prinz geboren, welche Begebenheit in Wien und im ganzen Lande mit Jubel gefeiert wurde. Ihm ward in der Taufe der Name Leopolb beigelegt und der Titel: Erzherzog von Oesterreich und Prinz von Asturien gegeben. Die Festlichkeiten über dieses frohe Ereigniß dauerten im ganzen Lande durch mehre Monate fort. Zum allgemeinen Leidwesen aber starb der Prinz wieder den 4. November nach ^ kurzer Krankheit. ^ Den 17. Mai 1717 wurde dem Kaiser wieder eine Prinzessin, und zwar > die große Theresia geboren und mit großer Feierlichkeit von dem Wiener Bischöfe j ! Sigmund Grafen von Kollonitsch, einem Neffen des berühmten Cardinals ^ ! Leopold Grafen von Kollonitsch, getauft. An demselben Tage legte die ver- l ' witwete Kaiserin Maria Amalie feierlich den Grundstein zu dem prächtigen I ! Kloster der Salesianerinnen auf dem Rennwege, welches sie in der Folge bezog, - ! um sich der Einsamkeit zu widmen und bis an ihren Tod (1740) bewohnte. ^ Den IS. October kam Prinz Eugen von seinem siegreichen Feldzuge wieder j ! nach Wien, wurde daselbst mit allgemeinem Frohlocken empfangen und vom i ^ Kaiser mit einem, reich mit Diamanten besetzten Degen beschenkt. ^ ' Den 4. September 1718 wurde die zweite kaiserliche Prinzessin Maria ! Anna geboren, welche sich in der Folge mit dem Herzog Karl von Lothringen ^ vermählte. Den 17. August 1720 langte der türkische Großbotschafter Ibrahim Pascha in Wien an und hielt daselbst einen prachtvollen Einzug, der um ! so mehr von einer unzähligen Menge Volkes angcstaunt wurde, als es der i erste dieser Art war. Er hatte ein Gefolge von 763 Personen, dann 64S Pferde, 100 Maulthiere und 180 Kamehle mit sich- Im goldenen Lamm in 1 der Leopoldstadt, dem dainals gewöhnlichen Absteigeorte der türkischen Gesandten, ! bezog er eine prachtvoll für ihn zubereitete Wohnung. Das Militär machte vor den Thoren Spalier. In der Stadt war die Bürgermiliz in den verschiedenen Gassen und Plätzen in acht Compagnien aufgestellt. Viele Musikchöre, dann alle Trommeln und Trompeten ertönten und wurden aus des Botschafters ! 175 Gefolge mit morgenländischer Kriegsmustk beantwortet. Nachdem der Kaiser schon 1718 die Ingenieur-Akademie gestiftet hatte, erbauten 1721 die niederösterreichischen Stande auf ihre Kosten die in der Leopoldstadt befindliche Rcilercaserne. In demselben Jahre wurde auch die Pfarrkirche zu St. Ulrich und 1722 von dem Kaiser das spanische Spital sammt der Kirche Maria de Mercede gegründet, welche Gebäude in der Folge zum Waisenhause gewidmet wurden. Den 19. Jänner 1720 starb die Mutter des Kaisers, Eleonora Magdalena Theresia, in einem Alter von 65 Jahren. Sie hatte seit dem Tode ihres Gemahls die Trauerkleider nicht wieder abgelegt und wurde, nach ihrer eigenen Verfügung, in dem Costüme des Ordens der Sclavinnen Maria's, in einem weißen Habil, himmelblauem Scapulier und weißem Schleier, mit einer eisenen Kette um den Leib, woran ein Todtenkopf hing, in der kaiserlichen Gruft beigesetzt. Ebenfalls nach ihrer letztwilligen Anordnung wurde auf ihren einfachen hölzenenSarg bloß die Aufschrift gesetzt: Lloonoi-niHsAÜsIvna Vliervsis, srme Künüorin *). Den 9. November 1720 wüthete ein furchtbarer Sturmwind in Wien und der Umgebung, der viele Häuser abdeckte, Schornsteine Herabriß, Bäume entwurzelte und den neu erbauten Kirchthurm zu Maria-Brunn herabwarf. 1722 wurde auf das Ansuchen deS Kaisers das BiSthum Wien von Papst Jnnocenz XIll. zum Erzbisthum erhoben. Den 19. Juni überbrachte ein kaiserlicher Courier von Rom das Pallium, das Kreuz und die andern erz- bischöflichen Abzeichen. Den 23. Februar geschah die feierliche Einsetzung des nunmehr mit dem erzbischöflichen Pallium bekleideten bisherigen Bischofs Kollo- nitsch durch den Bischof von Neustadt,'Johann Moriz Grafen von Manderscheid. Neustadt wurde Suffragan von Wien, das später durch Benedict XIII. auch für den jeweiligen Generalvicar und Offizialen (Weihbischof) die bischöfliche Würde erhielt. In demselben Jahre wurde in der Rauhensteingasse ein neues Amthaus gebaut, wobei noch die sonderbare Sitte vorkam, daß den Meistern und Gesellen, die daran arbeiteten, befohlen werden mußte, daß Keiner dem Ander» wegen dieses Baues einen Vorwurf machen sollte, ja durch drei Hammerschläge, die jeder Arbeitende feierlich an das Gebäude machen mußte, ward es gleichsam erst für frei und ehrlich erklärt. Dieses Haus, das uns Pfeffel in seinen schönen Abbildungen aufbewahrt hat, war das zweite links vom Eingänge der Himmelpfortgasse in die Rauhensteingasse und hatte zur äußeren Wandverzierung eine Art dreifacher Steinlaube, den Oelberg vorstellend mit Christus inmitten der Schächer am Kreuze, von den heiligen Frauen *) Ihre erhabene Enkelin, Maria Theresia, ließ jedoch diesen Sarg in der Folge mit einem dem kaiserlichen Begräbnißorte angemesseneren vertauschen. 176 umgebe». Ein Thürmche» schmückte es *). Die ersten Bewohner dieses Hauses waren zweifelsohne Schuhknechte, welche sich eben zu jener Zeit, vielleicht eingedenk des mannhaften Benehmens ihrer Vorvordern unter Albrecht I., äußerst tumultuarisch gezeigt hatten. Alle wiederholten Ermahnungen, lange Haft und körperliche Strafen wirkten nichts bei diesen kühnen Kämpen, ja sie widersetzten sich mehrmals thatlich der Wache, bis man sich endlich genöthigt sah, einige der Rädelsführer dieser Schwindelköpfe zu ergreifen und nach kurzem Prozesse aufzuknüpfen, worauf dann die Ruhe wieder hergestellt war. Viertes Kapitel. Karls VI. großartige Bauten und zweckmäßige Einrichtungen. — Polnischer Erbfolgekrieg.— l Lod Eugens. — Friede zu Belgrad. ! Im Jahre 1723 wurde die neuerbaute Kirche zu Liechtenthal zur Pfarrkirche erhoben und von jener zu Währing getrennt, welcher sie bis dahin sammt dem Thury zugehört hatte. Fürst Hans Adam Liechtenstein , der Besitzer des Grundes, gab nun dieser Vorstadt dem Kaiser zu Ehren den Namen Karlstadt, zur Nacheiferung der nach Kaiser Joseph I. also benannten Josephstadt, allein dieser Name wollte nicht mundgerecht werden und verlor sich nach einigen De- cennien wieder. Die Ursache davon ist nicht weit herzuholen. Die Josephstadt war eine ganz neu entstandene Vorstadt, durch Bebauung von Feldern und - Weingärten, Josephstadt ihr primitiver Name; folglich war keine alte Gewohnheit im Munde des Volkes zu besiegen, wie bei Liechtenthal der Fall, welcher Name ja selbst noch heutigen Tages mit der Urbenenmmg: Wiese im Kampfe liegt. Ein Anderes war es nut der Judenstadt. Die Bewohner derselben hatten sich bei den Wienern so verhaßt gemacht, die Stadt selbst hatte bei der Umwandlung Nutzen gezogen, der Werd war längst verschollen, folglich machte sich die Leopoldstadt bald mundgerecht. 1724 wurde das äußere Schottenthor neu erbaut. Den 18. October desselben Jahres hatten die Wiener das seltene Schauspiel des Einzuges eines Gesandten von Tripolis, welcher wegen der Unterhandlungen über die Sicherheit der österreichischen Flagge in den Barbareskenstaaten nach Wien kam. Den 30. April 1725 wurde ein Vertrag mit Spanien geschlossen, wonach dieses Reich die pragmatische Sanktion und die von Karl VI. in Ostende gestiftete ost- und westindische Handelsgesellschaft anerkannte, dagegen aber die Zusicherung der Nachfolge in Parma und Piacenza erhielt, deren Regenten, die Farnese, kinderlos waren. Dasselbe Jahr wurden zu Wien mehre Statuen Johannes von Nepomuk, dessen Heiligsprechung Kaiser Karl eifrigst *) Unter Maria Theresia wurde das Gericht in das Stadthaus am hohen Markte verlegt, und das Amthauszu einem PrivatgeLäude gewidmet. ! ! ! I betrieb, aufgerichtct, und die ersten feierlichen Andachten am Vorabende seines Festes dabei begangen. Vorzüglich glänzend war die Feier vor der schonen Statue dieses Heiligen am Schänzel, wobei sich der ganze Hof nebst einer ! unzähligen Volksmenge versammelte, nnd von einer aus mehr als 100 Perso- ! neu starken Musikbande eine solenne Litanei abgehalten wurde. i 1726 wurde die Akademie der bildenden Künste auf eine ganz neue Art § zweckmäßig eingerichtet, und der rühmlichst bekannte Maler Jacob van Schuppen zum Dircctor darüber gesetzt. Unter Karl VI. Regierung, der die ! Künste und Wissenschaften vorzugsweise begünstigte, fehlte es auch Wien nicht § a» mehren wacker» Künstlern. Besonders gab es aus der tüchtigen belgischen ! Schule sehr geschickte Kupferstecher hier, die wohl, besonders im Fache der Zeichnung, den Vergleich mit neuen Künstlern dieser Art durchaus nicht zu scheuen hatten; so z. B. Franz Stampart und Anton Joseph von Premier, die das höchst verdienstvolle Kupferwerk der kaiserlichen Gemäldegallerie, bei i weitem das beste dieser Art bis jetzt, Herausgaben. Im Portraitfache j zeichneten sich die Brüder Andreas und Joseph Schmuzer rühmlichst aus. I. G. Müller lieferte verdienstvolle Copie» von Gemälden, und in Architek- l turstücken war besonders Johann Adam Delsenbach ausgezeichnet, der eine meisterhafte, noch bis jetzt unübertroffene Reihe von Prachtgebäuden Wiens, nach des berühmten Architekten Fischer von Erlach eigenen Zeichnungen, in Kupfer stach. Der Kaiser selbst war nicht allein Beschützer und Beförderer, sondern auch Kenner und selbst ausübender Künstler. Besonders leidenschaftlich liebte er die Musik. Seine große italienische Oper mar ausgezeichnet zu neunen, und er dirigirte nicht selten bei Privatvorstellungen in der kaiserlichen Favorite am Flügel, während seine Prinzessinnen die Bühne betraten. 1729 wurde eine höchst preiswürdige Verfügung getroffen, indem verboten wurde, die Tobten ferner, wie bis dahin geschehen, auf dein Stephansfriedhofe, also mitten in der Stadt, zu begraben. Für die Verstorbenen dieser Pfarre wurde ein eigener Kirchhof außer dem Schottenthore angebracht. Dasselbe Jahr wurde auch das alte Peiler- oder Pfeilerthor am Eingänge der Bognergaffe abgebrochen, wie auch der Krotenthurm im Auwinkcl. Gegen Ende des Jahres war die Kälte so groß, daß sich hungrige Wölfe bis an die Linien gewagt und Menschen und Vieh angefallen haben sollen. Auf diesen ! gewaltigen Frost folgte Anfangs des folgenden Frühjahres so plötzliches Thau- > werter, daß der häufige Schnee und das Eis mit Eins schmolz und eine verheerende Ueberschwemmung der Donau verursachte, so daß sie die meisten Brücken zerriß, die Leopoldstadt, Roßau, Weißgärber und Erdberg überflutete, und an Schiffen, Gebäuden, Kellern und Gärten großen Schaden veranlaßte. Der angeschwollene Fluß trieb mancherlei Trümmer und Hausgeräthe von zerstörte» Ortschaften bei Wien vorbei, und man fing unter Anderem zwei Wiegen auf, in deren einer ein todtes, in der anderen aber ein noch lebendes Kind lag. Nach dem Tode August II. von Polen (1733) erklärten sich Oesterreich und Rußland für dessen Sohn August III.; Frankreich, Spanien und Sardinien aber für Stanislaus Lescinski, worüber sich der polnische Erbfolgekrieg entspann, der jedoch unglücklich für Oesterreich aussiel. Die Franzosen siele» in Lothringen, die Spanier in Italien ein, und obschon sich August III. in Polen behauptete, so verstand sich doch der Kaiser zur Abtretung der Königreiche Neapel und Sicilien (wofür er nur Parma und Piacenza erhielt) an den spanischen Jnfanten Carlos. Lothringen wurde gegen Toscana vertauscht und die pragmatische Sanction nun auch von Frankreich, Neapel und Sardinien anerkannt. Dänemark, Großbritannien, die Niederlande und das deutsche Reich hatten dieselbe schon früher anerkannt, doch mit Widerspruch von Bayern und Sachsen. Den 12. Februar 1736 fand in der Augustiner-Hofkirche die feierliche und prachtvolle Vermählung der Erzherzogin Maria Theresia mit dem Herzog Franz Stephan von Lothringen, Grofiherzog zu Toscana, Statt. Große Festlichkeiten aller Art folgten diesem freudevollen Ereignisse, wobei niegesehene ! Pracht herrschte. Zugleich wurde der Herzog zum Reichs-Generalfeldmarschall ! und Generalissimus der kaiserlichen Heere ernannt. Den 21. April 1736 starb der große Kriegsheld Prinz Eugen von Savoyen , dessen Name in den Annalen Oesterreichs unvergänglich ist. Von den näheren Umständen seiner letzten Stunden weiß man nichts Weiteres, als daß er den Tag zuvor noch sehr munter und aufgeräumt war, und in Gesellschaft ^ von 12 Personen zu Mittag speisete. Abends spielte er noch bis 9 Uhr mit einigen Freunden und Freundinnen Piguet, war jedoch schon sehr übel, redete wenig nnd konnte kaum Athem holen. Des andern Morgens fand man ihn todt im Bette. Nachdem der Leichnam des großen Helden durch vier Tage in seinem Palaste in der Himmelpfortgasse init großer Pracht öffentlich ausgestellt war, verordnete der Kaiser das Leichenbegängniß wie für einen Erzherzog. Der Zug ging von der Himmelpfortgasse zu den Augustinern, über den Kohl- I markt und Graben bis St. Stephan. Vierzehn Feldinarschall-Lieutenants ! trugen die Bahre. Eugens Grabstätte befindet sich in der Kreuzcapelle der St. ^ Stephanskirche; sein Gedächtnis; bewahrt ein schönes, auS grauem Marmor mit Goldverzierungen errichtetes Monument. Da Eugen nie verheirathet war, so ging sein großes Vermögen auf seine Nichte, die Prinzessin von Savoyen über. I Seine schönen Paläste in derHiminelpfortgaffe und das Belvedere am Reunwege wurden in der Folge voin kaiserlichen Hofe angekauft; seine reichen und ge- ^ wählten Sammlungen von Büchern, Handschriften, Landkarten und Kupfer- ' stichen kaufte der Kaiser zur ansehnlichen Vermehrung der Hofbibliothek von dessen Erbin für eine lebenslängliche Jahresrente von 10,000 fl.; Beweis des > großen Werthcs derselben. Gewiß wird es meinen Lesern nicht unangenehm j sein, kurzgefaßt Näheres über die Persönlichkeit dieses hochberühmten Mannes zu erfahren. Eugens Aeußeres war nicht empfehlend zu nennen; er war klein, 179 fehl- mager, hatte schwarze, durchdringende Augen, eine hervorftehende Nase ! und schwarzes, von einer großen Allongeperrücke bedecktes Haar. Weil er stark schnupfte, pflegte er immer den Mund offen zu halten. Ungeachtet seines lebhaften Temperamentes sprach er bedächtig und langsam. Noch in seinem späten Alter war er ein höchst gewandter Reiter. Obschon Kunst und Wissenschaft in allen Zweigen schätzend und ehrend, waren doch Mathematik und Geschichte seine Lieblingsstudien. Das Wiener Zeughaus bewahrt noch des Helden an so vielen großen Tagen getragenen unscheinbaren Ueberrock und ein Büschel seiner Haare. Eine Eigenheit deS großen Mannes war seine Unterschrift in drei Sprachen: LuA«,«-, von 8svo>«, da er italienischen Ursprungs, französischer ! Geburt und Erziehung war, und endlich in Deutschland Ruhm und Glück errungen hatte. Sein bestes Portrait in Kupferstich ist jenes in kl. Folio von ! Joseph und Andreas Schmuzer mit der Unterschrift: LuSvniu-, Imporutvi' ! Lxvreitus. ! Kraft eines früheren Vertrages mit Rußland wurde Karl VI. 1737 ! wider Willen in Krieg mit der Türkei verwickelt. Kein Eugen stand jedoch mehr an der Spitze der österreichischen Heere; des Kaisers Feldherren, Seckendorf, Königseck und Wallis wurden von den Türken geschlagen, und der Hof eilte ! um so mehr mit der Pforte Frieden zu schließen, weil Karls bereits hinfällige Gesundheit sein nahes Ende voraussehen ließ, bei welchem der Erbin seiner > Krone, Maria Theresia, ein ruhiger Zustand des Reiches sehr erwünscht war. ^ Feldmarschall Neipperg, mit geheimen Aufträgen versehen, schloß den Frieden ^ zu Belgrad den 18. September 1739. Die ungünstigen Bedingungen dieses ! Friedens weckten eine schmerzliche Erinnerung an die früheren glänzenden Frie- ! densverträge, welche der große Eugen der Pforte abgedrungen hatte. In dem j gegenwärtigen wurde ihr Belgrad und Alles, was jenseits der Save und ^ Donau Oesterreich gehörte, nebst der Walachei bis an den Alutastrom abgetreten, und ein Waffenstillstand auf 27 Jahre bedungen. Den 4. November 1739, am Geburtsfeste des Kaisers, wurde der Springbrunnen auf dem neuen Markte in Wien, mit den herrliche» Statuen Raphael Donners geziert, zum ersten Male eröffnet. Karl VI. begann bereits mit Eintritt des Jahres 1749 zu kränkeln und i starb den 29. October desselben Jahres, als der letzte männliche Sprosse des Hauses Habsburg, welches seit 1282 die österreichischen Staaten beherrscht hatte. Fünftes Kapitel. ! Maria Theresia. — Oesterreichischer Erbfolgekrieg. — Friede zu Breslau. ! Mit dem Regierungsantritte der einzigen rechtmäßigen Erbin des Stam- ! mes Habsburg, Maria Theresia, bewahrheitet sich der Ausspruch Eugens bei 1 Errichtung der pragmatischen Sanction: »Was sollen die Tractate? Nur mit > __ __ 12 * I 18N ! I 100,000 Mann und einem gefüllten Schatze läßt sich die pragmatische Sanktion i garantiren!" Maria Theresia nahm sogleich nach dem Tode ihres Vaters in Folge der pragmatischen Sanction den Titel Königin von Ungarn und Böhmen an und erklärte ihren Gemahl zum Mitregenten. Allein kaum war dieser Schritt gethan, als die meisten Fürsten in Europa ihre Anerkennung der pragmatischen Sanction vergasten und das reiche österreichische Erbe, wo möglich, an sich zu ziehen suchten. Die ersten Ansprüche machte der Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, der einzige Fürst, welcher auch nie jenes Gesetz anerkannt hatte, und seine vorgeblichen Näherrechte auf die Abstammung von Ferdinand 1. ältester Tochter Maria und seine eigene Gemahlin Maria Amalia, Tochter Kaiser Joseph 1., gründete. Schon den Morgen nach Karl VI. Tode ben'ef der bayerische Gesandte in Wien, Graf Törring, mittelst Decrete die Chefs sämmtlicher Hofstellen zu sich, in welchen er sich als Bevollmächtigter des Kurfürsten Karl Albrecht — des nunmehrigen Herrn und Landesfürsten — kund gab. Die Decrete wurden ihm jedoch unerbrochen zurückgesandt, und er selbst nmstte binnen sechs Stunden, unter starker Bedeckung, Wien verlassen. Weitere Ansprüche erhob auch König August III. von Polen, weil er Josephs 1. ältere Tochter, Maria Josepha, zur Gemahlin hatte, wobei er vergast, daß ihm nur die Waffen Karl VI. den polnischen Thron verschafft hatten. Spanien sprach die Lombardie für den Jnfanten Don Philipp an, obschon Karl VI. dessen Garantie der pragmatischen Sanction mit so theuren Opfern erkauft hatte, und Frankreich, stets eifersüchtig auf Oesterreichs Macht, erhob sich, trotz des Widerspruches des Cardinals und ersten Ministers Fleury, drohend für Karl Albrecht, den Sohn seines treuen Bundesgenossen, Map Emanuel. Der erste Angriff auf Oesterreich geschah übrigens von einer Seite, von der man sich vielleicht am meisten gesichert glaubte. Friedrich II. von Prensien, der kurz vorher- in einem Alter von 28 Jahren unter den heiligsten Freundschafts- versicherungcn gegen Oesterreich den Thron bestiegen hatte, fiel, während sich seine Abgeordneten noch in Wien befanden, mit gewaffneter Hand in die j österreichischen Staaten, und forderte die Fürstenthümer Liegnitz, Brieg, ^ Wohlau und Jägerndorf, auf welche er Ansprüche zu haben behauptete. Jeden Vergleich und Zusicherung von Hilfe seinerseits gegen Abtretung dieser ! Provinzen aber schlug die hochherzige Frau mit den Worten aus: sie habe den ! Thron nicht bestiegen, um ihn zu zerstückeln; weder das Ganze, noch die Hälfte von Schlesien könne sie abtreten, und wolle der König Freundschaft halten und sich vergleichen, so müßten seine Heere vor Allem die Erbstaaten , räumen. Maria Theresia war die Gefahr wohl bekannt, in welcher ihr kaum bestiegener und von allen Seiten bestürmter Thron schwebte; allein der Ge- ! danke, daß man dem Weibe zu entreißen suche, was man gewiß dem Manne gelassen hätte, »erstattete ihr nicht nachzugeben, obwohl ihr kluge Staatsmänner riethen, die Bedingungen anzunehmen, vorzüglich als der König später 181 > I ! erklärte, er wolle sich mir Niederschlesien begnügen. Eben als die Feinde von ^ allen Seiten andrängten, erlitt die Stadt Wie» durch Wassernoth großes Ungemach. In Folge heftiger Ungewitter und Wolkenbruch schmoll im Sommer 1741 die Wien und die Donau so heftig a», das; sie den S. Juni alle Dämme brachen und eine furchtbare Ueberschwemmung verursachten. Auch die durch einige Vorstädte fließenden Bergbäche wurden so angeschwellt, daß sie in die längs denselben liegenden Gärten, Keller und Häuser drangen, alle dortigen Vorrälhe und Gerathschaften verdarben und die Bewohner zwangen, die Rettung ihres Lebens ans den Dachboden zu suchen. Besonders aber wurde der Wienfluß so angeschwellt, daß er schon bei seinem Ausfluß aus dem Wiener Walde die beiderseitigen User von Burkersdorf an bis nach Wie» überschwemmte, , allenthalben an Gebäuden, Gärten und Mühlen Verwüstungen aurichtere, ! Mauern niederriß, Planken, Stege, Holz und Hausgerärhe sorcschwemmte, j und bis zu seinem Ausflüsse in die Donau unsäglichen Schade» anrichtete. i Noch nach 10 Uhr Nachts drang das Wasser in die ersten zur Vorstadt Land- ^ straße gehörigen Häuser und Gärten, zwang die schon Schlafenden sich eilig auf die Dachböden z» flüchten, warf einige Gartenmauern um, strömte in das Krankenspical der Elisaberhineriimen, ersäufte daselbst fünf Frauenzimmer, i und verdarb alle Arzneien in der Apotheke, so wie auch den meiste» Weinvor- ! rach in den Kellern. Die Donau überschwemmte die Roßau, Leopoldstadt, ! das Liechtenthal, die Weisnzärbervorstadt mrd Erdberg, und trieb mehre Leichname und viele Geräthschaften und Trümmer vor der Stadt vorbei. Unter- i dessen hatten die Feinde die drohendsten Fortschritte gemacht. Im Jänner I 1741 war bereits ganz Schlesien, bis auf die Festungen Glogau, Brieg und j Neisse, in preußischer Gewalt. Bald darauf drangen die bayerischen Truppen, ! von den Franzosen unterstützt, in Oesterreich vor, eroberten Linz, wo sich KarlAlbrecht als Erzherzog von Oesterreich huldigen ließ, und bedrohte» Wien; die Franzosen und Sachsen drangen in Böhmen ein und eroberten Prag, woselbst Karl Albrecht zum König von Böhmen gekrönt wurde und die Huldigung empfing; die Spanier machten in Italien siegreiche Fortschritte. Nach der Eroberung Schlesiens drangen die Preußen tief in Mähren ein; gegen Ende August waren die Bayern bereits bis St. Pölten vorgerückt und ließen das unvorbereitete Wien auffordern; die Gefahr stieg mit jedem Tage. Allein, ob sich die große Maria Theresia auch von allen Seiten verlassen und bedrängt ! sah, und an ihre Schwiegermutter schrieb, sie wisse keinen Ort, wo sie ihre bevorstehende Entbindung *) ruhig abwarten könne, so verlor sic dennoch den ^ Murh nicht. In Wien wurden schnell die zweckmäßigsten Vcrcheidigungsan- stalren getroffen, die Werbungen fanden ungeheuren Zulauf, die Bürger und ^ Studenten griffen zu den Waffen, der Enthusiasmus für die geliebte Herrscherin war ohne Gränzen. Wer sich nicht den Waffen widmen konnte, arbeitete * l ) Erzherzogin Maria Christina; Joseph II. war schon im März 17'tl geboren. 182 ' an den Festungswerken, >a selbst die ersten Magistratspersonen und reiche Bürgersfrauen sah man beim Abbrechen der hohen Hauser zwischen dem neuen Thor und rochen Thurm Hand anlegen. Die nächsten Dörfer um Wien wurden geleert und die Donau gesperrt. Maria Theresia aber, von ihren siegtrunkenen Feinden nunmehr nur die Grosifürftin von Toscana genannt, begab sich im Vertrauen auf Gott, ihre gute Sache und die Liebe ihrer Völker auf den Landtag nach Preßburg, wo sie drei Monate früher die heilige Krone Ungarns empfangen hatte, und trat den I I. September 1741 in den Ver- sammlungssaal, voll Ernst und Würde, legte den treuen Ungarn ihre Rechte, ! ihre Gefahr und die Treulosigkeit ihrer Widersacher an das Herz und empfahl ihnen sich, ihren Sohn, ihre Kronen, Ehre und Freiheit *). Von dem Anblicke der im blühendsten Reize strahlenden Königin und von ihrer innigen Rede bewegt, bemächtigte sich der glühendste Enthusiasmus der getreuen Magyaren, tausendstimniig erscholl der begeisterte, in Oesterreichs Geschichte so berühmt gewordene Ruf: »lUorisim»'pro roxv nostro stlaris Tllioresiu!"— alle Schwerter siegen aus der Scheide und schnell folgte auch die That den begei- ^ sterten Worten. Mehr als 3000 Edelleute stiegen zu Pferde, und das ungarische Volk eilte in Massen für sie zum Kampfe. Den I I. December kehrte Maria Theresia, zu Pferde in ungarischer Kleidung, mit einem zahlreichen Gefolge ungarischer Großen, nach Wien zurück und wurde mit entzücktem Jubel empfangen. Bei ihrem Eintritte bei den Linien sowohl, als bei ihrer Ankunft in der alten Kaiserburg, aus der sie ihre Feinde vertreiben wollten, ertönten alle Glocken und donnerte das Geschütz. Der Jubel des Volkes bei dem Anblicke der schönen und hochherzigen Fürstin war nicht unglaublich, aber unermeßlich. Von dieser Zeit an neigte sich das Glück der Waffen wieder auf Theresiens Seite. Graf Khevenhüller übernahm den Oberbefehl ihrer Truppen, drängte bald den Feind über die österreichischen Granzen, und zog an demselben Tage (den 24. Jänner 1742), als Karl Albrecht zu Frankfurt als Karl VII. die Kaiserkrone empfing, siegreich in dessen Hauptstadt München ein. Auch fanden sich bald unvermuthet wichtige Bundesgenossen, die sich für Theresiens Rechte waffneten. Besonders energisch sprach sich die Theilnahme für die bedrängte hochherzige Frau in England aus; das edelmüthige britische Volk schoß unaufgefordert ungeheure Summen für sie zusammen; die Londoner Damen Unterzeichneten allein 1,500,000 Gulden. Mit edlem königlichen Stolze schlug jedoch Maria Theresia diese Gelder mit den Worten aus: »Sie werde keine andere Unterstützung annehmen, als welche ihr der König und das Parlament bewilligen würde." — Bald darauf,nahm sich auch Georg II. wirklich *) Ter schon längst bezweifelten, dennoch aber von vielen bewährten Geschichtschreibern wiederholten Angabe, Maria Theresia habe bei ihrer Anrede den Erzherzog Joseph (damals ein halbjähriges Kind) auf dem Arme gehabt, wurde in neuerer Zeit überzeugend widersprochen. > _ ihrer Sache an: ein zahlreiches Heer Brite», Hannoveraner und Hessen rückte ! in die Niederlande ein, und auch die Generalstaaten, Rußland und Sardinien, ! griffen für ihre Sache zu den Waffen. Nach der hartnäckigen, doch unentschiedenen Schlacht bei Ezaslau kam endlich durch Englands Vermittlung den l I. Juni > 1742 der Friede zu Breslau mit Preußen zu Stande, durch welchen Letzteres Ober- und Niederschlesien nebst der Grafschaft Glatz erlangte. Sachsen trat ! ebenfalls diesem Friede» bei und schloß später ein Bündniß mit Oesterreich. ! f i I Sechstes Kapitel. Siege in Bayern. — Donauübersckwemmung in Wien. — Franz I., römisch-deutscher Kaiser. — Stiftungen und Bauten Maria Theresiens. Durch den Frieden mit Preußen von dem gefährlichsten Feinde befreit, wandte Theresia ihre ganze Macht gegen Bayern und Frankreich, und das Kriegsglück wendete sich jetzt ganz auf Oesterreichs Seite. Die Franzosen mußten Böhmen, die Spanier Italien räumen; Eger und Prag wurden wieder erobert, Maria Theresia in letzterer Stadt zur Königin von Böhmen gekrönt; die österreichischen Armeen drangen in Bayern vor, und Theresia ließ sich während der Zeit, als sich Karl VIl. unthätig in Frankfurt verhalten mußte, in München huldigen. Den 2. Jänner feierte die große Regentin Oesterreichs und Böhmens Befreiung und die Eroberung Prags durch ein pracht- und glanzvolles Frauen - Carroussel in der Reitschule zu Wien. Acht reitende und acht in stark versilberten, mit Sammt und Silberstoff gefütterten, mit allegorischen Basreliefs verzierte» Phaetons fahrende Damen aus den höchsten Ständen bildeten das schöne und seltene Schauspiel. Die Quadrillen unterschieden sich durch die Farbe der Kleidung, der Eguipagen und der Helmbüsche. Die Königin führte die erste reitende Quadrille und zeigte sich durch große Gewandtheit in allen ritterlichen Uebungen der ersten Preise würdig, welche in kostbaren und künstlich gearbeiteten Putzstücken und Tischgeräthen bestanden. Nach Beendigung der glänzenden Feierlichkeit fuhr Maria Theresia mir ihren Amazonen durch die Dorotheergaffe über den Graben und Kohlmarkt in die Burg zurück und speisete mit ihnen an öffentlicher Tafel. Das Ganze beschloß ein festlicher Ball. Ueberhaupt zeigte sich die Königin bei jeder Gelegenheit des ritterlichen Geistes ihrer großen Ahnen würdig; das Militär wurde von ihr besonders begünstigt; es hatte ihr Erhöhung des Soldes, Verbesserung der Verpflegung und Bekleidung u. a. zu danken; sie erschien bei allen großen Uebnngslagern, und eine 1743 geschlagene Münze nannte sie matvr oastrvrui» (Mutter des Heeres). Anfangs März 1744 hatte Wien neuerdings eine furchtbare Ueber- schwemnumg zu erleiden. Der im vorigen Winter häufig gefallene Schnee, so wie das Eis auf den Gewässern um Wien, thautcn durch plötzlich cinfallende 184 , warme Tage so schnell auf, das; alle Flusse und Bäche mit reißender Gewalt j austraten und unsäglicher Schade dadurch verursacht wurde. Der Wienfluß und i Alserbach zerrisse» die darüber angelegten Stege und überschwemmten die ihnen nahe gelegenen Häuser. Den 4. März um 10 Uhr Abends brach das Eis auf allen Armen der Donau und zerstörte sowohl die Schlagbrücke, als auch die Taborbrücke. Das Wasser überschwemmte die Vorstädte Liechtenthal, Roßau, ! Leopoldstadt und Weißgärber, schwemmte alles an dem Ufer gelegene Bauholz, mehre hundert Klafter Brennholz weg, zerdrückte Schiffe und Flöße, und riß sie mit sich. An den nächsten Tagen schwoll der Fluß durch Anhäufung von i Treibeis in den unteren Gegenden zu einer lange nicht erhörten Höhe an; die Bewohner der nahen Vorstädte mußte» sich in die oberen Stockwerke und auf : die Dachböden retten; man fuhr in allen Gassen derselben auf Kähnen herum > und reichte den Nothleidenden, auf Kosten der Regierung, Lebensmittel > an Stangen durch die Fenster und auf die Dächer. Die Königin selbst und ihr ! Gemahl leiteten persönlich die Rettungs- und Hilfsanstalten. Letzterer, ein ! würdiges Vorbild seiner erhabenen Enkel, war einer der thätigstcn Helfer und ' Retter. Mit äußerster Lebensgefahr fuhr er auf einem kleinen Schiffe zwischen ! den Häusern der Roßau, des Thury und der Leopoldstadt herum und theilte ! den in die oberen Stockwerke und auf die Dachböden geflüchteten Einwohnern i eigenhändig auf Stangen Lebensmittel mit. Erst den 8. März fing das Wasser wieder zu falle» an, nachdem es unberechnenbaren Schaden angerichtet hatte. ! Die Festigkeit, womit Maria Theresia die französisch-bayerischen Friedens^ anträge verwarf, und das zu Worms (1743) zwischen Oesterreich, Großbritannien und Sardinien geschlossene Bündnis; veranlaßte 1744 Frankleichs förmliche Kriegserklärung an Oesterreich und England, wie auch die Eröffnung des zweiten schlesischen Krieges von Friedrich II., nachdem er, für die Behauptung des eroberten Schlesiens bei den Fortschritten der österreichischen Waffen besorgt, sich mit Frankreich verbunden hatte. Diesen Feldzug beendigte jedoch schon den 25. December 1745 der Friede zu Dresden, in welchem blos der Breslauer Friede bestätigt wurde. Kaiser Karl VII. war schon den 20. Jänner desselben Jahres gestorben und dessen Sohn, Maximilian Joseph, schloß darauf ebenfalls mit Oesterreich Fneden, welches ihm, gegen Anerkennung der pragmatischen Sanction, seine Länder garantirte. Nun stand der Kaiserwahl des Gemahls der Königin nichts mehr im Wege; Franzi, wurde den 4. Octo- ber 1745 zu Frankfurt gekrönt. Maria Theresia hatte ihn dahin begleitet und bei ihrer Zurückkuuft, den 27. October, hielt das Kaiserpaar unter dem Donner i der Kanonen, dem Geläute der Glocken und dem Jubel einer zahllosen Volksmenge durch drei prachtvolle Triumphpforten (in der Wollzeile, am Stockim- ! eisen- und gegen den Michaelsplatz) seinen Einzug in Wien. Drei Tage nach ! einander war die Stadt festlich erleuchtet, und der Stadtrath ließ am Graben rothen und weißen Wein fließen und Brot und Braten auswerfen. Endlich führten auch die Erschöpfung der französischen Finanzen, die Thronbesteigung 185 Ferdinand VI. in Spanien, »reicher sein Heer aus Italien zurückrief, und der Vertrag der russischen Kaiserin Elisabeth mit Maria Theresia zu dem Abschlüsse des Aachener Friedens, in welchen» die Kaiserin Parma, Piacenza und Guastalla an den spanischen Jufante» Philipp überliefi. Wahrend der nun achtjährigen Ruhezeit ließ es sich Maria Theresia auf das Eifrigste angelegen sein, durch ^ wohlthätige Einrichtungen und weise Stiftungen für das B^ohl ihres Volkes ! zu sorgen. Sie legte das Waisenhaus (dainals am Rennwege) an, ließ das ! kaiserl. Schloß; Ebersdorf zu einein großen Armenhause einrichten und verwandelte 1746 den bisherigen kaiserlichen Sommerpalast, die Favorite, Leopolds I. und Karls VI. Lieblingsaufenthalt, in ein Erziehungshaus für adelige Jünglinge aus allen Lheilen des Kaiserstaates, wovon es bis heute den Namen Theresianum führt. Die schon unter Leopold I. und Karl VI. beschrankten Asylrechte, wonach ein Verbrecher, wenn er sich an geweihte Stätte flüchtete, Sicherheit fand, wurden ganz aufgehoben. Die Leitung der auswärtigen Geschäfte wurde von jener der inneren getrennt, und viele sehr zweckmäßige und wirksame Pelizei- eiurichtungen getroffen. 1748 ließ die Kaiserin bei den Kapuzinern iu der Stadt eine neue Gruft für ihre Familie Herstellen. I74S gründete die Witwe des Herzogs Emanuel von Savoyen, geborne Fürstin von Liechtenstein, in der Vorstadt Laimgrube eine Akademie zur Erziehung adeliger Jünglinge, welche gewöhnlich die Emanuel'sche Stiftung genannt, in der Folge mit dem Theresianum vereinigt und das Gebäude zur heutigen Ingenieur-Akademie verwendet wurde. In demselben Jahre wurde von dem Stadtmagistrate die große Caserne auf dem SalzgrieS erbaut und dafür die Stadt für immer von militärischer Einquartierung befreit. 1751 wurde die Caserne in der Alsergasse gebaut, i» der Folge aber noch bedeutend vergrößert. Dasselbe Jahr ließ sich die Kaiserin bewegen, zur Abwendung des häufigen Einsetzens in fremde Lotterie», das Mißbräuche und Uebervortheilung aller Art zur Folge hatte, die noch jetzt bestehende Zahlen-Lotterie in Wien einzuführen, die damals I-otlo üi 6enova genannt wurde; verbot jedoch auf das Schärfste alle anderen Lotterien und Glücksspiele, so wie auch das Einsetzen in solche außer Landes. Der berühmte Gerhard van Swieten, Leibarzt der Kaiserin, erhielt 1752 auf seine Vorstellung der noch ziemlich mangelhaften Lehranstalten in Oesterreich den Auftrag, das ganze Studien wesen auf einen bessern Fuß zu setzen, was er sich besonders angelegen sein ließ. Nach seinein Plane genehmigte Maria Theresia die Verbesserung und Vermehrung der Lehrstühle bei den drei weltlichen Facultäten, und auch die unteren Schulen erhielten eine bessere Einrichtung. 1754 ließ die Kaiserin das gegenwärtige Univcrsitätsgebäude neu Herstellen und zu öffentlichen Vorlesungen aus allen Fächern bequem einrichten, auch den botanischen Garten am Rennweg anlegcn. In demselben Jahre wurde auch die schöne böhmischösterreichische Hvskanzlei in der Wipplingergasse erbaut, endlich die bei St. Stephan befindliche alte Gruft der österreichischen Herzoge erweitert und verschönert , und die dort befindliche» Leichen in neue Särge übersetzt. 18 « Wählend der letzten Jahre hatten in und um Wien wieder bedeutende j Elemcntar-Unfälle Statt gefunden. Den 25. Juni 1749 zog ein furchtbares Unge- ^ Witter über Perchtoldsdorf, wo es bedeutende Verheerungen durch Hagelschlag ! und Wolkenbruch anrichtete, gegen Wien, der Blitz schlug in die Kirche der - Jesuiten bei St. Anna und entzündete sie, wobei ein Noviz im Thurme ver- ^ j brannte. Den I^i. December 1752 fing daS Salpeter-Laboratorium an der > ?lugustinerbastei auf unbekannte Weise plötzlich Feuer, welches die Salpeter- ! fässer nebst einer Menge Bomben, Granaten und Feuerballen entzündete. j ! Die Erplosion war furchtbar, die Gewölbe, so wie die dicke Basteimauer ^ wurden zerschmettert, und die Trümmer flogen auf dasKärnthnerthor und das Bürgerspital. Eilf Menschen gingen bei diesem schrecklichen Ereignisse zu Grunde. Siebentes Kapitel. Siebenjähriger Krieg. — Feuersbrunst i» Wien. — Joseph II. Durch die Bemühungen deS nachmals so berühmten StaatSministers Wenzel Fürsten von Kaunitz kam endlich Frankreich durch den Vertrag von Ver- , sailleS (1756) mit Maria Theresia in freundschaftliche Verhältnisse. Dadurch ! erwachte die Eifersucht des Königs von Preufien auf's Neue. Er hatte dasselbe j Jahr ein Bündnisi mit England, welches durch die Verbindung Oesterreichs ! ! mit Frankreich erbittert war, geschlossen und rückte in Böhmen ein, wodurch : ! das Signal zu einem neuen Kriege gegeben war, der unter dem Namen des ! siebenjährigen bekannt genug ist, und welcher Preufien zweimal an den Rand ! des Verderbens brachte, aus welchem es nur das überwiegende Genie und > die Geisteskraft seines grossen Königs rettete. In diesem Kampfe trat eine gänzlich veränderte Politik der europäischen Hauptmächte ein: Frankreich und Rufiland waren mit Oesterreich verbunden, das deutsche Reich und selbst Schweden stellten Hilfstruppen, dagegen wurde Prenfien durch englische Sub- ! sidien und die Truppen mehrer norddeutscher Fürsten unterstützt. Der Krieg ! wurde mit abwechselndem Glücke geführt und in demselben trat zum ersten Male ! der so berühmt gewordene London bedeutend auf und zeichnete sich durch die grofiarrigsten Waffenthaten aus, welche den Dank seiner Monarchin und selbst die Bewunderung seines grossen Gegners zur Folge halten. Während der Dauer dieses Krieges drohte Wien eine höchst bedeutende Gefahr. Den 24. Juni 1759 entstand im fürstlich Starhemberg'schen Frei- ^ Hause auf der Wieden Feuer und verzehrte dasselbe beinahe gänzlich, nebst i »och drei gegenüber stehenden Häusern. Der eben heftig wüthende Nordwind ^ trieb glühende Kohlen und Brände in die auf dem Heumarkte damals befind- > ^ lichen kaiserlichen Postställe, welche schnell vom Feuer ergriffen, und sammt j I den grossen Vorräthen von Heu, Stroh und Getreide, ja selbst mit einigen 187 I Wagen, Pferden und Maulthieren indische verwandelt wurden. Von hier aus erreichte und zerstörte der Brand einige benachbarte Stallungen, Getreide-- Magazine und Häuser, der heftige Wind trug die Flamme bis in die Vorstadt Landstraße und in die Ungargasse, wo sechzehn verschiedene Gebäude theils stark beschädigt, thcils niedergcbrannt wurden. Von dieser Vorstadt ^ drang das Feuer bis gegen die Donau in das damalige Dorf Erdberg, wo cs noch 32 Häuser gänzlich einäscherte. Der wüthende Brand dauerte den 24., die ganze Nacht und den 25. fort, und war eine der größten Feuersbrünste in ^ Wien seit de» Tagen Friedrichs des Schönen. Der Schrecken war allgemein, als den 25. auch die Flamme in der Leopoldstadt, Ankergasse, aufloderte; doch i waren die Vorsichtsmaßregeln bereits so gut getroffen, daß dieser Brand, nach- j dem er jedoch vier große Häuser verzehrt hatte, gelöscht wurde. Zum Glücke ! bei all diesem Unheile ging kein Menschenleben zu Grunde, doch waren viele ^ Familien dadurch an den Bettelstab gebracht. 1761 brannte das ganze Thcater- gebäude nächst den Kärnthnerthore ab, wobei der Cassier und seine Frau das , Leben verloren. Den 1. Oktober 1760 hielt die Braut des Kronprinzen Joseph, Jsabella Prinzessin von Parma, ihren feierlichen Einzug in Wien, wobei zum ersten Male die neu errichtete ungarische Leibgarde paradirte. 1763 erfolgte auch die ! Stiftung der deutschen Freieren-Leibgarde. Der siebenjährige Krieg, dessen Detailgeschichte nicht hieher gehört, wurde nach mehren bedeutenden Schlachten, z. B. bei Prag (6. Mai 1757), Roßbach (5- November 1757) und Leulhen (5. Deccmber 1757), worin Preußen, bei Collin (18. Juni 1757), Hochkirchen (^4. Oktober 1758) und Landshut (23. Juni 1760), worin Oesterreich die Oberhand behielt, beendigt und 1763 der Friede zu Hubertsburg geschlossen, ohne daß sich in dem Staatensysteme der kriegführenden Mächte irgend eine wesentliche Veränderung ergab. Bemerkenswerth bleibt aus diesem Kriege die Stiftung des Maria Theresicn-Ordens, von der Kaiserin zum Andenken der siegreichen Schlacht bei Collin gegründet. Bald darauf stiftete sie auch den ungarischen St. Stephans-Orden für verdiente Staatsmänner. Den 27. November 1763 starb Josephs geliebte ^ Gemahlin Jsabella, nachdem sie ihm zwei Töchter, Theresia und Christin« ! geboren hatte, die sie nicht lange überlebten. 1765 vermählte er sich zum ^ zweiten Male mit Josephs, Prinzessin von Bayern, der Tochter des Kaisers ! Karl Vll., die ebenfalls nach kurzer Ehe kinderlos starb. I Bereits den 3. April 1764 war der Kronprinz Joseph zum römischen Könige gekrönt worden, die Angelegenheiten der großen Monarchie waren ! berichtigt und das Kaiserhaus schien nun der ungestörtesten Ruhe genießen zu ! können, als dieselbe durch den plötzlichen Tod des Kaisers Franz I. auf's Neue ! getrübt wurde. Mitten unter den prächtigen Vermählungs-Feierlichkeiten des i zweiten Sohnes des Kaisers, Erzherzogs Leopold, Großherzogs von Toscana mit der spanischen Infantin Maria Ludovica, starb Kaiser Franz den 18. August 188 > ! 1765 zu Innsbruck am Schlagflusse, eben als er aus dem Theater nach seinen Zimmern zurückkehrte. Der Leichnam wurde auf der Donau nach Wien gebracht und von heißem Schmerz wurden die Umstehenden erfüllt, als er den 28. August in der Rofiau an eben der Stelle ans Land gesetzt wurde, wo er eils Jahre früher bei der großen Ueberschwemmung für die Nothleidenden das j Leben gewagt hatte. Die Kaiserin war untröstlich, ja sie wollte im ersten heftigsten Schmerze die Regierung niederlegen und in dem von ihr an dem j Orte des schmerzlichen Unfalles gestifteten adeligen Damenstifre als Aebtissiu ! j daS Leben enden. Nur die dringendsten Vorstellungen ihrer getreuesten Räthe ! , vermochten sie von diesem Entschlüsse abzubringen. Non des Kaisers Todestage an aber legte Maria Theresia die Trauerkleidung nicht wieder ab; sein Sterbe- ! zimmer ließ sie in eine Capelle verwandeln. Kaiser Franz wurde in den österreichischen Staaten allgemein und aufrichtig betrauert. Obschon ihm als Mit- regcnte» nur immer ein sehr gemessener Wirkungskreis blieb, so verdanken ! ihm Wiens öffentliche Anstalten, Gebäude und Kunstsammlungen manche j nützliche Einrichtung, viele Bereicherungen, manche ausgezeichnete Kunstschatze. Er war in einem vorzüglichen Grade wissenschaftlich gebildet, äußerst human und besaß einen höchst liebenswürdigen Charakter. Das Münz-, Mineralien- und Naturaliencabinet bereicherte er mit de» kostbarsten Sammlungen, manche unschätzbare Seltenheit hat ihm die kaiserliche Bibliothek, einen großen Theil ihres Reichlhmns die kaiserliche Schatzkammer zu verdanken. Für die Belebung der Industrie in den österreichischen Staate» nahm er großen, wirksamen An theil. Er ließ auf seine Kosten aus England, Frankreich und den Niederlanden geschickte Arbeiter in verschiedenen Industriezweigen kommen, ermunterte und belebte Manufaktur und Fabrikation in allen Branchen. Das häusliche Leben und die gegenseitige Liebe des hohen Ehepaares war musterhaft, in dem Kreise ihrer zahlreichen Familie fanden die erhabenen Gatten die einzige Erholung von Staatsgeschäfcen. Joseph II. folgte seinem Vater ungehindert in der Kaiserwürde und wurde von Maria Theresia den 23. September zum Mitregcnten ihrer Staaten erklärt. 1766 wurde durch Veranstaltung des Kaiser Josephs der Prater in Wien, welcher bisher nur dem Hofe und dein hohen Adel zur Jagdlust offen stand, dem gesammten Publicum für immer geöffnet und ihm dadurch einer der anziehendsten und reizendsten Belustigungsorte und Spaziergänge gewidmet. Den 16. August 1766 verspürte man in Wien ein ziemlich heftiges Erdbeben. Der erste Stoß schon verursachte ein Schwanken der Gebäude von Norden nach Süden; darauf folgten schnell hinter einander mehre Stöße von unten, die den Gebäuden eine zitternde Bewegung mit- theilren, während welcher Fenster und Hausgeräthe klirrten und sich bewegten. Dabei war ein unterirdisches Brausen, dem Sturmwinde ähnlich, vernehmbar; indessen dauerte diese Erscheinung kaum 15 Sekunden und lief ohne Schaden ab. I», Mai 1767, in ihrem fünfzigsten Lebensjahre, wurde die Kaiserin von , den Pocke» befallen, die sich Anfangs ziemlich gefährlich zeigten. Die Theil- 189 >- -! »ahme ihrer Unterthanen an diesem betrübenden Ereignisse war ungehcuchelt ! nnd allgemein; Alles drängte sich in die Kirche, um durch inniges Gebet die ! drohende Gefahr von der geliebten Herrscherin abzuwendcn. Die frohe Kunde von ihrer Wiedergenesnug wurde mit lautem Jubel aufgenommen, in allen Kirchen wurden Dankfeste abgehalten, zu welchen alle Elasten von Einwohnern , sich drängten. Den 22. Juni begab sich die Kaiserin selbst, begleitet von dein Kaiser Joseph und den anwesenden Erzherzogen und Erzherzoginnen in feierlichem Zuge nach St. Stephan, um ihr Dankgebet darzubringen. Eigene, auf diese freudige Begebenheit geprägte Denkmünzen wurden unter das Volk aufgeworfen, das durch lauten Freuderuf ihr Entzücken au den Tag legte. Noch wurden in diesem Jahre die ungarische Hofkanzlei und die päpstliche Nun- ciatur neu hergestellt. Die von Kaiser Joseph I. gestiftete Akademie der bildenden Künste hatte schon 1766 und 1767 bedeutende Verbesserungen und neue zweckmäßige Einrichtungen erhalten. 1768 übernahm der Hof- und Staats- kanzler Fürst Kaunitz das Protectorat derselben, überreichte den 22. Jänner desselben Jahres dem damaligen Director Jacob Matthäus Schmuzer das Diplom über die von der Kaiserin der Akademie ertheilten Statuten und Freiheiten, und ließ in seiner Gegenwart die erste Preisvertheilung vornehmen, welche seitdem regelmäßig in bestimmten Terminen abgehalten wird. Achtes Kapitel. Aufhebung des Iesuiten-Ordens. — Weise Stiftungen und Einrichtungen des Kaisers. — Der Pulverthurm. — Tod der großen Theresia. — Deren Charakteristik. Bei dem nunmehr fest begründeten Friedensstande und den, durch Maria Theresia'? liebevolle Sorgfalt täglich wachsenden Wohlstände des österreichischen Staates, der erst unläugbar durch diese große Frau die eigentliche Stabilität und Integrität erhalten hatte, blieb nur Ein Wunsch noch übrig, dessen Erfüllung sowohl der Hof als die Unterthanen sehnsüchtig entgegen sahen, ! nämlich die Geburt eines männlichen Stammhalters. Josephs beide Ehen ! waren ohne männliche Erben geblieben, darum richtete» sich nunmehr alle Blicke nach Florenz, von woher bereits die Kunde von dem gesegneten Zustande der Großherzogin erschollen war. Den IS. Februar 1768 befand sich eben ein gewähltes und zahlreiches Publicum im Burgtheater zu Wien, als auf einmal die Thürx der Hofloge aufflog, die Kaiserin im einfachen Nachtge- ! wände hereiustürzte und dem Publicum mit lauter Stimme zurief, ihrem - Leopold sei ein Sohn geboren worden *). Der Enthusiasmus, den sowohl diese ! freudige Nachricht, als auch zumal die herzliche Art und Weise, wie sie kund ^ gegeben ward, hervorbrachte, ist unbeschreiblich. Jauchzender Jubel erhob sich in der ganzen Versammlung, zahllose Freudenchränen stoßen und beur-- *) Der nachmalige Kaiser Franz li. (1.1 > 190 ^ kündeten das schönste Verhältnis;, die rührendste Uebereinstimmung zwischen j der geliebten Herrscherin und dem dankbaren, liebenden Volke. Maria Theresia hat sich in ihrer vierzigjähngen Regierung oft als eine liebevolle Mutter ihrer Unterthanen, oft als eine wahrhaft große Frau gezeigt, allein diese Scene ! bleibt immer die schönste Perle an ihrer mit so vielen Tugenden geschmückten Krone. j Den 21. Marz 1768 legte Kaiser Joseph II. den Grundstein zur dama- ! ligen Waisenhauskirche am Rennweg. Bei deren Einweihung, den 7. Decem- ! ber desselben Jahres, dirigirte der damals zwölf Jahre alte Mozart eine von ihm selbst componirte Messe, die von den Waisenknaben ausgeführt wurde. Auch wurde in diesem Jahre das Gebäude der Hof- und Staatskanzlei auf dem Ballplatze erbaut. I76S wurde die Thierarzneischule auf der Landstraße errichtet, die den j Bibliothekplatz von der Augustinerkirche bis zur Reitschule einschließende Mauer ! abgebrochen und der dadurch gewonnene Platz hieß von nun an Josephplatz. ! 1770 wurde das bis dahin mit Schlamm und Unrath bedeckte, gänzlich ! wüste Glacis auf Veranstaltung Kaiser Josephs gereinigt, mit Chausseen und ! Fußsteigen durchschnitten und bald darauf auch mit Alleen und Laternen besetzt. In demselben Jahre wurde auch die Real-Akademie angelegt; Anfangs eine Unterrichtsanstalt für Jünglinge, die sich dem Handelsstande widmen wollten, die jedoch in der Folge auf mehre Gewerbszweige ausgedehnt und endlich der polytechnischen Schule einverleibt wurde. 1773 hatte die Aufhebung des Jesuiten-Ordens in Wien Statt. Den 14. September dieses Jahres fuhr der Cardinal-Erzbischof Graf Migazzi ^ in das Profeßhaus bei St. Anna, zu den oberen Jesuiten in das Profesihaus j am Hof und zu den unteren Jesuiten bei der Universität, und theilte ihnen den j Beschluß der Aufhebung mit, welchen Papst Clemens XIV. in der berühmten ! Bulle: Dominus so lleüomptor nosler erlassen, und in welchen die Kaiserin ! gewilligt hatte. In ihr ältestes Collegium am Hof kam der Hofkriegsrath, nach ^ St. Anna die Real- und Kunstakademie, so wie die durch Abt Felbiger neu und zweckmäßiger eingerichteten deutschen Schulen; in jenes nächst der Universität der griechische Clerus, das Piaristen-Convict nebst den Gymnasien. ^ Aus dem Ertrage ihrer allenthalben eiugezogenen Güter erhielten sie lebens- ^ längliche Pensionen. 1 Im nämlichen Jahre wurde der uralte Freisingerhof auf dem Graben abgetragen und von dem Wiener Buchdrucker Thomas Edlen von Trattnern i der noch jetzt eine Zierde der Stadt bildende Trattnerhof gebaut. Zur selben ^ Zeit wurden mehre Vorstädte durch neue Anbaue verschönert und vergrößert, ! wie denn die höchst mäßigen Preise der Lebensmittel unter der segenreichen > ! Regierung Maria Theresia's immer neue Anwohner nach Wien zog. ^ Kaiser Joseph hatte schon lange die Absicht gehabt, das Schauspielwesen in Oesterreich auf einen bessern Fuß zu bringen. Bis auf diese Zeit hatte das regel- ! _ ___ 191 § mäßige deutsche Schauspiel in Wien kaum noch Wurzel gefaßt und immer mit der Lust an ertemporirten Posten zu kämpfen. Der auch in anderer Hinficht hochberühmte Sonnenfels verwendete sich mit Wort und Schrift für das regel- > mäßige deutsche Schauspiel. Baron Bender, von dem Gedanken beseelt, der Kaiserstadt, selbst mit Aufopfernng seines Vermögens, ein würdiges Theater ! zu geben, übernahm die Leitung des deutschen Schauspieles und vermehrte die Gesellschaft durch vorzügliche Mitglieder. Sein Nachfolger, Graf Kohary, verwendete ebenfalls bedeutende Summen auf die Emporbringnng des Nationaltheaters. Die glänzendste Epoche trat jedoch 1774 ein, in welchem Jahre Kaiser Joseph das deutsche Theater unter seinen unmittelbare» Schutz nahm; die bisher stabile italienische Oper, das französische Schauspiel und das Ballet ! ! wurden entlassen, das Burgtheater unter der Benennung Hof- und National- ^ ! theater auf Rechnung des Hofes fortgeführt und die Rollenfächer auf das ^ i Zweckmäßigste besetzt. Den vortheilhaft bekannten Hofschauspieler Müller ! sandte Joseph durch ganz Deutschland, um die geschicktesten Schauspieler für die Hofbühne anzuwerbcn, auf welcher damals deutsches Schauspiel abwechselnd mit Singspielen gegeben wurde, bis in der Folge die Oper ausschließend in das Theater nächst dem Kärnthnerthore versetzt wurde. Den 30. April 1775 wurde auf Joseph >1. Veranstaltung die von Kaiser Ferdinand III. angelegte, sogenannte alte Favorite, jetzt der Augarten genannt, dem Publicum mit einer passenden Festlichkeit für immer geöffnet, wobei der Feuerwerker Girandolini seine pyrotechnischen Künste producirte, und auf das Portal die einfache, sinnige und herzliche, wenn auch nicht ganz grammatikalisch richtige Inschrift gesetzt wurde: „Allen Menschen gewidmeter Erlnstigungsort von ihrem Schätzer." Dasselbe Jahr wurde die bisher bestandene Rumorwache ^ als nicht mehr zeitgemäß aufgehoben, und dafür die noch bestehende Polizei- : wache eingeführt, so wie auch die kaiserliche Gemäldesammlung aus der Stall- ^ bürg in das Belvedere übersetzt und dem Publicum an bestimmten Tagen ! zum Besuche geöffnet. Der Hofrath von Sonnenfels, ein Mann von ausgezeichnetem Geiste, den der Scharfblick Maria Theresia's aus Vielen zur Beförderung ihrer weisen Pläne erkor, hatte auch auf Verbesserung der städtischen Gesetzgebung, Ausbildung der Sprache, des Geschmackes rc. mächtigen Einfluß, und auf seine eifrige Verwendung wurde 1776 die Tortur gänzlich abgeschafft und die i Todesstrafe auf die schwersten Verbrechen beschränkt. Nachdem schon 1772, ! trotz des Widerstrebens von Maria Theresia's Rechtgefühl, die erste Theilung ! ^ des durch innere Unruhen zerrütteten und zerfallenen Königreiches Polen Statt ^ gehabt hatte, wobei Oesterreich Galizien und Lodomerien erwarb, brach 1777 ! ein neuer Krieg aus. In diesem Jahre erlosch mit dem Tode des Kurfürsten Marimilian Joseph der Wittelsbach'sche Mannsstamm in Bayern. Oesterreich machte gegen den Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz Ansprüche auf die erledigten Länder. Joseph II. faßte die große, in ihren Folgen unübersehbare 1S2 - - ' - § ^ Voltheile bringende Idee der Vertauschung der österreichischen Niederlande ! gegen die bayerischen Länder, welche jedoch die Eifersucht Friedrichs II. und die Einsprüche der pfalz-zweibrücken'schen Linie vereitelten, und so entspann sich der bayerische Erbfolgekrieg, welcher sich aber ohne vieles Blutvergießen 1779 mit dem Frieden zu Teschen endigte, in welchem Oesterreich ! daS Jnnviertel erwarb, Karl Theodor hingegen in den ungestörten Besitz von Bayern kam. Dasselbe Jahr schickte Kaiser Joseph, der bei seiner Anwesenheit zu Paris > (1777) die Taubstummenschule des berühmten Abb« de l'Epee besucht hatte, ! den Weltpriester Johann Friedrich Stark dahin, um sich die Lehrart desselben > eigen zu machen. Nach dessen Zurnckkunft wurde auch i» Wien ein Taubstum- ! men-Jnstitut gegründet und zuerst im Bürgerspitale eröffnet, wo sechs Knaben ! und sechs Mädchen unentgeltlich unterrichtet und verpflegt wurden. Vorerst ! war dies nur erst eine Probeanstalt zu nennen, und sie wurde in der Folge ! vollkommener ausgebildet. ! Den 26. Juni 1779 sprang früh gegen neun Uhr das unweit der Nufi- ! dorfer Linie befindliche Pulvermagazin mit furchtbarein Knall in die Luft. Die wahre Ursache dieses schreckliche» Unfalles wurde nicht ermittelt. Einige gaben die Schuld auf die starken Nägel in den Schuhen eines Artilleristen, I die auf den Steinen Feuer gegeben haben sollten, Andere, und bei weitem ! wahrscheinlicher, auf unvorsichtiges Tabakrauchen. Die Erplosion war furcht- ! bar, 25 Handlanger und Eonstabler wurden so zerrissen, daß man ihre Körper ^ ! nur stückweise fand, viele Personen auf der Straße, in den nahen Feldern ! und Wiesen wurden durch die in zahlloser Menge herumfliegenden Kanonenkugeln, Haubitzen und Granaten getödtet oder schwer verwundet. In der Brigittenau und im Augarten zersplitterten die stärksten Bäume, viele Häuser ! in den Vorstädten Liechtenthal, Thury und Himmelpfortgrund wurden zerstört oder unwohnbar gemacht. In der ganzen Stadt spürte man eine Erschütterung wie von einem gewaltigen Erdbeben; Dächer und Fenster der nahen Vorstädte, selbst in der Stadt und den benachbarten Dörfern, wurden zerstört. Sonderbar genug, aber durch die Gewalt der Erplosion, die natürlich zumeist in die Ferne hinwirkte, leicht erklärlich, blieb die dicht am Pulvermagazine stehende Schildmache ganz unverletzt, außer daß sie durch den gepreßten Luftstrom umgeworfen wurde und das Gehör verlor. Seit dieser Zeit durfte kein Pulvermagazin mehr in der Nähe der Stadt errichtet werden, l Denselben Monat hatte die hundertjährige Jubelfeier der großen verheerenden Pest bei der Dreifaltigkeitssäule am Graben Statt, welcher die Kaiserin in dem reich decorirten Gewölbe zur weißen Taube beiwohnte. Eine , höchst wohlthätige, zeitgemäß vorarbeitende Maßregel war auch, daß Maria Theresia die Begräbnisse i» und an den Kirchen und Grüften theils untersagte, ! theils beschränkte, und dieselben sowohl auf die Friedhöfe, als auf die großen leeren Räume der Vorstädte verlegte. 193 ! ! > > ! Anfangs des Jahres 1780 wurde das Magistratsgebäude in der Wipp-- j lingerstrafie gegen den hohen Markt zu vergrößert und verlängert, indem das i sogenannte St. Salvator-Zinshaus darangebaut wurde, und erhielt somit seine heutige Gestalt. ' Den I. Juni wurde in Wien eine allgemeine Tranksteuer cingeführt, eine ! an sich nothwendige Maßregel und keineswegs überspannte Abgabe; da man jedoch unter Maria TheresienS milder Regierung eher Minderung als Vermehrung der Lasten gewohnt war, so machte diese Besteuerung einen unangenehmen Eindruck auf das Volk und die leicht bewegte Menge war undankbar genug, darüber zu murren, und nahe daran, über diese einzige Maßregel die vielen Wohlthaten und Erleichterungen zu vergessen, die ihr unter der segenreichen ! Negierung der großen Frau zugeflossen waren. Doch erstreckte sich diese Unzufriedenheit nur auf die unterste Elaste des Volkes, die von jeher sich berufen fühlt, neue Verordnungen zu bekritteln und die Sache jederzeit besser zu verste-- j Heu glaubt, als der Gesetzgeber selbst; eine Classe, die uns schon Shakspeare in seinem Julius Cäsar mit all' ihrer Conseguenz meisterhaft geschildert hat, ! und die von der Gottlob nicht kleinen Zahl von vernünftigen und billig denken- ^ den Bürgern übersehen wird und unbeachtet bleibt. > Seit dem Tode ihres Gemahls hatte die Kaiserin sehr oft dessen Sarg ! i» der kaiserlichen Gruft besucht und daselbst ihre Andacht verrichtet. In letzterer ! Zeit wurde sie, auf einem Stuhle sitzend, mit einem Seile in dieselbe hinab- ! gelassen. Als sie Anfangs Oclober 1780 eben wieder diese fromme Pflicht > erfüllte, riß, als sie fast schon am Boden angelangt war, das Seil des i ! Stuhles. Diesen Zufall nahm die gläubige Kaiserin als eine Vorbedeutung ! baldiger Vereinigung mit dem geliebten Genialste, und leider betrog sie ihre j Ahnung nicht. Den 20. November wnrde die Monarchin von einem heftigen i Brustkatarrh befallen, welcher sich trotz aller angewandten ärztlichen Hilfe ! bald so sehr verschlimmerte, daß sie den 29. Abends gegen neun Uhr in den > Armen ihres ältesten Sohnes und Nachfolgers, Joseph II. verschied, nachdem sie drei und sechzig Jahre gelebt und vierzig Jahre regiert hatte. Den 3. Decein- ber wurde sie mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten unter allgemeiner trauernder Theilnahme in der Kaisergruft neben ihrem Gemähte in dem Sarge beigesetzt, welche» sie sich selbst schon vor mehren Jahren hatte errichten lassen. Ihrem Sohne hinterlicß sie eine im Innern trefflich emporgehobene und nach Außen fest begründete Monarchie. Unvergeßlich, wie all' ihr Wirken und alle Handlungen dieser großen Frau, bleiben uns so viele wohlrhätige Einrichtungen, weise ! Stiftungen und herrliche Gebäude, welche Oesterreich und besonders Wien ihrer segenvollen Regierung zu danken hat. Viel ward für die Verbesserung des Schulwesens, viel für die Belebung der Gewerbe, so wie für jeden ein- ! zelnen Zweig der Gesetzgebung gethan. Vom Throne herab verbreitete sich ein > ! milder und erhaltender Geist über alle Provinzen des großen Reiches. Sie ermun- j terte die Gelehrten und Künstler durch Belohnungen und Auszeichnung, wie > >3 den» auch unter ihrer Regierung treffliche Leistungen in jedem gelehrten und künstlerischen Fache zu Tage gefördert wurden. Erst unter Maria Theresia gestalteten sich Buchdruckerei und Buchhandel in Oesterreich zu solcher Bedeutung, dass beide Kunstzweige in der neuesten Zeit jenen unter der Regierung Maria Theresiens bei weitem nicht gleichkommen. Eine mächtige Reihe imposanter, großartiger Werke trat damals ans Licht und mit den besten Leistungen des Auslandes in die Schranken, so z. B. Jacquin's lliotoriu «lirpium »mvi-i- csnarum, Hort»« Vinüobvnonsia, Obuvrvativnos botanicss mit IOO Kupfern, ß'Iors Austriaca in 5 Banden mit 500 ausgemalten Kupfern, leones plsntsi um rsriorum mit 649 Kupfern rc.; Herrgott s IUvnuinvnlu I)nmu.>, sliütriaeae in 4 Theilen, Großfolio mit vielen Kupfertafeln, worin alle Bildniffe, Münzen, Grabmale und sonstige Monumente, auf Oesterreichs Regenten bezüglich, enthalten ; Denis': Osstan und Sined's Lieder, eine Prachtauflage der schönsten Art; endlich Meninski's großes orientalisches Wörterbuch, 2. Auflage, bei welchem die Kaiserin selbst mit 8000 Gulden auf 100 Eremplare pranumerirte. In gleichem Grade zeigte sich die große Frau als Beschützerin der anderen Künste und Wissenschaften. Musterhaft als Frau, Gattin und Mutter in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens, wie in den Tiefen ihrer schönen Seele, ist Maria Theresia vorzüglich uuver- ^ gefilich als Regent,» und Herrscherin. Mit Englands Elisabeth gleich an starkem Geiste und Besiegung der ungünstigsten Verhältnisse, übertraf sie ! jene doch weit an wahrhaft frommem, gottergebenem Sinn und Gerechtig- ! keitsgefühl. — 2h>'e körperliche und Gesichtsbildung, besonders ehe die letztere durch die Blattern etwas entstellt wurde, war ausgezeichnet zu nennen. Ihr Angesicht war ein schönes Oval, belebt durch milde und doch feurige Augen; . ihre Nase war auf habsburgische Art gebogen, ihr überaus lieblicher Mund j hatte die aufgeworfene massovische Lippe nicht mehr; ihr Haar war blond; im Ganzen glich sie in der Körperbildung mehr ihrer, durch ihre ausgezeichnete Schönheit berühmten Mutter, als ihrem Vater. Ihr Anstand war majestätisch, ja heroisch, wie ihr Thun; ihr Temperament rein sanguinisch; die Stimme hell, die Sprache rasch, mit vieler und lebhafter Geberde, der feurigste ! *) Leider sind diese Abbildungen manchmal sehr weit von der Wahrheit entfernt, so z. B. jene der herrlichen Glasfenster in der Cistercienser-Abtei Heiligenkreuz mit den Bildnissen der Familie des Markgrafen Leopold IV., noch zumeist im byzantinischen Style, welche nicht einmal in den Umschriften die nöthige Genauigkeit haben; von Aehnlichkeit der Bildniffe ist so viel als gar keine Spur zu finden. Vorzüglich fand es der damalige Zeichner gerathen, das ihm vielleicht nicht zusagende byzantinische Eostunie mit genialer Rücksichtslosigkeit in ein recht artiges ! modernes umznwandeln, und so erhielt denn die Herzogin Agnes eine neue Kopfbedeckung; di« Hüte runden sich hübsch ab und der Jnfuln Otto's und Konrad's könnte sich jeder neuere Bischof ohne Anstoß bedienen. Die unvergleichlich schönen Zierathen aber ließ der damalige Künstler vielleicht als überflüßigcn Trödel ganz aus. Besser find die Porträts nach Gemälden und Seulpturen. 195 Ausdruck in jeder Bewegung. Ihre wenigen und gewiß auf das Wohl ihrer Unterthancn nicht den mindesten Einfluß nehmenden Fehler waren durchaus nicht ihrem Gemüthe, sondern ihrer Erziehung, dem Zeitalter und ihren Schicksalen beizumessen. Manche derselben waren auch wohl nur anscheinend. Unter ihrer Regierung kam ein compilirter Strafcode.r, die »Theresia»«" 'genannt, heraus, welcher noch mit den empörendsten Vorstellungen aller Martergrade in Kupferstichen angefüllt war, und dennoch war es Maria Theresia, welche, wie bereits erwähnt, die Folter ganz abschaffte, und die Todesstrafe ^ nur auf die größten und gefährlichsten Verbrecher beschrankte. Fest in allen ihren Entschlüssen und Handlungen, blieb sie auch ihrem schönen Wahlspruche: >1»«iili» vt (Aemvntia, durch ihr ganzes Leben getreu. Ihrem Gemahle, dem Kaiser Franz, hatte sie folgende Kinder geboren: Elisabeth, geboren 1737, ! gestorben 1740. — Maria Anna, geboren 1738, Aebtissin zu Prag, gestorben ; ! 1789. — Charlotte Ernestine, geboren 1739, gestorben 1741. — Joseph II., > ! römisch-deutscher Kaiser, geboren 1741. — Maria Christine, geboren 1742, ! vermählt mit Albrechc, Herzog von Sachsen-Teschen, königlichem Prinzen von ! Polen, gestorben 1798. — Maria Elisabeth, geboren 1743, gestorben 1808. ' 1 — Karl Joseph, geboren 1744, gestorben 1761. — Maria Amalia, geboren i 1746, vermählt mit Ferdinand, Herzog von Parma, gestorben 1804. — " 2 Leopold II., römisch-deutscher Kaiser, geboren 1747. — Johanna Gabriele, geboren 1750, gestorben 1762.— Maria Joseph«, geboren 1751, verlobt mir Ferdinand IV., König beider Sicilien, gestorben im Brautstande 1767. — Maria Carolina, geboren 1752, vermählt mit Ferdinand IV., König beider Sicilien, gestorben 1814. — Ferdinand Karl, geboren 1754, General-Gouverneur der Lombardie, Stifter der Tertio-Genitur Oesterreich-Este, gestorben 1806. — Maria Antonia, geboren 1755, Gemahlin des Königs Ludwig XVI. von Frankreich, gestorben 1793. — Ma.rimilian, geboren 1756, Kur- ^ fürst und Erzbischof von Cöln, gestorben 1801. — Ihre Mutter, Elisabeth Christine, war schon den 21. December 1750, 59 Jahre alt, gestorben, nachdem sie den Orden ihres Namens gestiftet hatte, welchen ihre große Tochter erneuerte. Dieser Orden, die Elisabeth-Theresienstiftung genannt, ist ^ nur für verdienstvolle Generale und Obersten der österreichische» Armee bestimmt, j da eine bedeutende Jahrespension damit verbunden ist. Zu seiner Erlangung j . berechtigen hohes Alter, lange Dienste, vor dem Feinde erhaltene Wunden, ! dann Leibesgebrechen, wobei noch dürftige Vermögensumstände vorhanden seyn ^ müssen. ! >3 ' ötheikun g. 1781 179 « Cr fies Kapitel. ? Joseph U. All-inregent. — Maßregeln in geistlichen und weltlichen Angelegenheiten. — ! Loleranz-Edict. ?MDaise>' Joseph II., bereits durch seine ausgezeichnete» und seltenen Geistes- ! NWS gaben, durch viele wohlthätige Einrichtungen und Verbesserungen ein I Liebling des Volkes, übernahm nach dem Tode seiner grosien Mutter im 39. Jahre die Alleinregierung der österreichischen Monarchie. Nicht leicht hatte ein Fürst unter günstigeren Umständen die Regierung angetreten, wenige besaßen wohl so viel Kraft und Willen, ihre Unterthanen glücklich zn machen, und waren auch mehre seiner Plane zu überstürzt, das Zeitalter, in dem er lebte, noch nicht reif zur Ausführung derselben, unvergänglich ist sein Ruhm als Vater seines Volkes, als Beförderer dessen Wohlstandes, als Symbol der Kraft und ^ Milde, der Liebe und der Gerechtigkeit. Schon lange hatte der vielseitig ! gebildete Kaiser, der auf seinen Reisen die Verfassungs- und Verwaltungs- formen der meisten europäischen Reiche, und die Bedingungen der Fortschritte der Völker in der physischen und geistigen Cultur als Grundlage ihres Na- ticnalwohlstandes näher kennen lernte, große Verbesserungsplane für das Innere seiner Monarchie aufgefaßt, die er nun vielleicht nur in zu kurzer Zeit verwirklichen wollte. Scho» die ersten Tage seiner Regierung gezeichneten viele Abänderungen im Staate und in der Kirche. Er führte die Conduitenlisten bei den Beamten ein, um die mittelmäßigen von den guten Köpfen zu unterscheiden; erleichterte die Büchercensur und setzte dabei die, freilich für manche Individuen > lästige Norm fest, Kritiken, wenn sie anders keine eigentlichen Schmähschriften waren, nicht zu verbieten, sie mochten nun den Landesherrn selbst oder den letzten Unterthan betreffen. Schon den 21. Februar 1781 erhielten dieHauseigenchümer ^ der Stadt Wien eine wesentliche Erleichterung ihrer Lasten. Es ward das über zweihundert Jahre bestandene Befugniß des Hofes, in jedem bürgerlichen ^ Hause ein freies O.uartier für Beamte und Hofleute zu fordern, gegen eine billige Ablösung an barem Gelde für immer aufgehoben. Den I I. Juli erschien eine kaiserliche Verordnung, welche alle Verbindung der Klöster in der Monarchie, deren bei 2100 waren, die gegen 70,000 1S7 ! Mönche und Nonnen enthielten, mir Rom, mit den Ordensgcneralen und mit ^ auswärtigen Congregationen untersagte. Bald darauf wurde das Verbot ' erneuert, keine päpstliche Bulle ohne landesherrliches Placitum aujuiiehmcn. Die beiden Bullen HniKenilus und Clemens XIII.: In coen» Seelsorge und Unterricht der in neuerer Zeit so stark angewachsenen Volkszahl ! neue Pfarren, Localkapellaneien und Schulen errichtet werden sollten; eine für das ganze Land durch vermehrte Volksbildung höchst wohlthätige Maßregel. > Den 12. October erschien das allgemeine Toleranz-Edict, welches ! , den Lutheranern, Reformirten und nichtunirten Griechen die Uebung ihres Glaubens, das Recht, Bürger zu werden, Grundstücke zu erwerben und zu Staatsämtern zu gelangen, ertheilte. Fernerhin ergingen auch Satzungen, welche das Schicksal der Juden dadurch linderten, daß alle früher gebräuchlich gewesenen entehrenden Bezeichnungen von denselben genommen, und ihnen die ! Wege der Bildung, die Mittel des Gewerbes, Handels, Eigenthums, und, ! ^ bis auf einen gewissen Grad, sogar die Aussicht auf Aemter und Würden des Staates, sowohl im Civil als Militär, geöffnet wurden. Den 1. November ^ hob der Kaiser die von Maria Theresia schon sehr gemilderte Leibeigenschaft in seinen Staaten, besonders aber in Böhmen, Mähren und Galizien, völlig auf. und zog durch diese weise Maßregel viele Coloniste» in das Land. Ferner wurde die Anwendung der Todesstrafe beschränkt, der Hof- und Civil-Etat vermindert, > eine neue zweckmäßige Finanzverwaltung und eine neue Gerichts- und Concurs- ^ ordnung eingeführt; überhaupt alle Zweige der Staatsverwaltung, die öffent- z liche Erziehung, die Polizei, das Kirchenwesen und der Landbau, erhielten s die zweckmäßigsten Verbesserungen, welche größtentheils in den Gedanken des ! Kaisers selbst ihren Ursprung hatten und schnell, trotz verschiedener anstem- inenden Hindernisse, durchgesetzt wurden. ! Den 10. November traf Herzog Friedrich Eugen von Würtemberg 1 mit seiner Gemahlin, dem Prinzen Ferdinand und der Prinzessin Elisabeth , ! in Wien zum Besuche des Kaisers ein; den 21. empfing Joseph auch den Großfürsten Thronfolger Paul von Rußland mit seiner Gemahlin Maria, Tochter ^ ' des Herzogs von Würtemberg, an seinem Hofe. Letztere reiseten unter den Namen ! eines Grafen und einer Gräfin von Norden. Die hohen Gäste besahen alle 198 > ! > Merkwürdigkeiten der Hauptstadt, wohnten verschiedenen, ihnen zu Ehren gegebenen Hoffesten bei und reifete» in den ersten Tagen des folgenden Jänners wieder ab. Anfangs 1782 erklärte der Kaiser 627 Klöster in der österreichischen Monarchie (die meisten Nonnen- und viele Mönchsklöster) für aufgehoben, wonach die Zahl der Ordenslcute von beinahe 70,000 auf 27,000 sank, und bestimmte die Einkünfte derselbe» für wohlthätige, kirchliche und Erziehungsanstalten. Aus den Gütern der aufgehobenen Stifte und Klöster wurde nämlich in jeder Provinz der sogenannte Religionsfond gebildet, aus welchem zuerst den ausgetretenen Individuen derselben die zugewiesenen Pensionen bezahlt, der Ueberschusi aber und nach ihrem zeitweiligen Absterben die Einkünfte zu obigen Zwecken verwendet wurden. Von den Ueberschüssen der einzelnen Fonds wurde eine Centralcasse in Wien errichtet, aus welcher die Provinzen nach Erforderniß unterstützt wurden. Bereits den 12. Jänner 1782 wurde in Wien das Königskloster nächst der Burg, die Nikolaerinnen in der Singerstraße, die Siebenbüchnerinnen bei St. Joseph in der Sterngafse,aus dem Carmeliterorden, aufgehoben. Das Gebäude der Ersteren wurde ganz abgetragen und an dessen Stelle der damals gräfliche Fries'sche Palast, so wie die beiden protestantischen Bethäuser erbaut; das zweite wurde zum Baue bürgerlicher Häuser verwendet und sein Name lebt nur mehr in dem Nikolaigäßchen in der Grün- angergafse; das dritte behielt seine Gestalt bei und wurde zum Polizeihause verwendet. Auch auf dem Lande und in den Provinzen fanden die Aufhebungen der Klöster ungehindert Statt. Leider aber geschahen alle diese Schritte mit so reißender, vielleicht wohl in mancher Hinsicht nöthiger Rapidität, daß dadurch, vorzüglich in den böhmischen und mährischen Klöstern, viele Kunstschätze des Alterthums, schätzbare Manuscripte, seltene Druckwerke, Gemälde re. entweder ganz verloren gingen oder in Auctionen verschleudert und in das Ausland verschleppt wurden. Man hatte viele Beispiele, daß ganze Bibliotheken und Archive, voll der wichtigsten Urkunden, zerrissen und verworfen oder in die Papiermühle und au Krämer als Maculatur abgegeben wurden. Von dem unermeßlichen Reichthume dieser verschleuderten Schätze kann man sich einen genügenden Begriff durch den Umstand machen, daß man noch heut zu Tage, wovon ich selbst mehrmals Augenzeuge war, hier und da Pergameuturkunden in den Händen von Krämern und dergleichen antrifft, die sich nur durch diesen gewaltsamen Umschwung nach manchen Schicksale» dahin verloren haben können. Die goldenen Bullen und silbernen Kapseln wurden von den Urkunden gerissen, eingeschmolzen und in den Buchhaltungen als Empfangsposten aufgeführt; werthvolle Kupferplatten mit und wie Küchenkupfer versteigert; zahllose Denkmale des Alterthums und der nationalen Kunst zerschlagen und als Pflaster- oder Baumaterial verwendet; wieder andere von auswärtigen Emissären und Kunsthändlern für ein Spottgeld erkauft und von dannen geführt. Selbst kirchliche Monumente und > 199 Fürstengräber erhielten in dieser Zeit der überstürzenden Neuerungswuth keine Schonung, und viele der ausgezeichneten Grabinäler österreichischer Regenten und deren Familien eristiren seither nur mehr in des gelehrten Benedicti- ncrs Herrgott in dieser Hinsicht unschätzbarem Werke, das eben noch zur rechten Zeit erschien, um wenigstens das Andenken an diese schönen und historisch-wichtigen Monumente zu retten und den Ort zu bezeichnen, wo sie einst gestanden. Kaiser Josephs Wille war freilich dieser empörende Vandalismus nicht, allein, stets nur seinen Hauptzweck vor Augen, bekümmerte er sich weniger ! um die geeigneten Mittel zur Erreichung desselben, und so ging für die Geschichte ! > und Kunst so manches Herrliche und Wichtige unwiederbringlich verloren. ! ^ Höchst betrübt erging es auch bei der beabsichtigten schnellen Umstalrung der ^ Prager Burg zu einem Waffenplatze, wobei die herrlichen Kunstschätze von ! Rudolph II. Kunst- und Schatzkammer für geringes Geld veräußert, jedoch glücklicher Weise ziemlich ungetheilt von Johann Ferdinand Ritter von Schönfeld erstanden wurden und sich gegenwärtig im Besitze der Familie des Freiherrn von Dietrich befinden. Trotz des Einspruches einiger Individuen der höher» Geistlichkeit gingen die Klösteraufhebungen und kirchlichen Veränderungen ihren Schritt ungehindert fort, und nur die der Seelsorge, der Erziehung und der ^ Krankenpflege gewidmeten Orden, so z. B. die Benedictiner, Plansten, Cister- ^ cienser, Salesianerinnen, Ursulinerinnen, Elisabethinerinnen und barmherzigen > Brüder, wurden in ihrer schönen Wirksamkeit belassen, nebst einigen wenigen ^ Klöstern der Kapuziner, Franciskaner und andern ähnlichen Orden. > . Alle diese Veränderungen konnten in der Länge der römischen Curie unmög- lich gleichgiltig bleiben. Papst Pius VI. entschloß sich daher zu dem ungewohnten ! Schritte, selbst nach Wien zu reisen, um den Kaiser von weiteren Schritten, > wo möglich, abzuhalten. Da die Reise eines Papstes nach einer fremden Hauptstadt, und obendrein zu solchem Zwecke, ein in der Geschichte unerhörtes ! und interessantes Ereignis; ist, so glaube ich durch ausführlichere Beschreibung ! i derselben sammt jener seines Aufenthaltes in Wien, nach den bewährtesten ! Quellen, meinen Lesern keine unwillkommene Gabe zu bieten. Zweites Kapitel. Papst Pius VI. in Wien. — Das Osterfest. — Abreise des Papstes. Den 25. Februar 1782 hielt der Papst ein geheimes Consistorium in Rom, worin er den versammelten Cardinälen seinen Entschluß, die Reise nach Wien anzutreten, kund gab. Zur Bestreitung der Reisekosten wurden aus verschiedenen Lassen des öffentlichen Schatzes 80,000 Thaler erhoben; außer der dreifachen Krone wurden zwei kostbare Jnfuln, zwei prächtige goldene Kelche, ! vier Cardinalshüte und zum Geschenke an verschiedene Personen 800 Stück goldene Denkmünzen, jede 15 Thaler an Werth, auf einer Seite mit den _ _ ! 200 l Bruststücken der Apostel Peter und Paul, auf der anderen mit jenem des Papstes geschmückt, eingepackt, und den 27. Februar die Reise in einem sechsspännigen Wagen mit einem anständigen Gefolge angetreten. Die Bulle Ilbi ! kspa, ibi Itvnis wurde aufgehoben und eine andere des Inhalts entworfen, daß, im Falle Pius VI. auf seiner Reise sterben sollte, das Conclave vorzugsweise vor allen andern Orten zu Rom gehalten werden solle. Vom Tage der Abreise des Papstes an, wurde in Rom in achtzehn Kirchen das Veuerabile von Früh Morgens bis Abends ausgesetzt, um eine glückliche Reise zu erflehen; auch wurde bei allen Messen eine Collecle pro Uinvrsntv kio VI. angeordnet. Die Reise ging über Foligno, Tolentiuo, Loretto und I Siuigaglia nach Cesena, dem Geburtsorte des Papstes, wo er den 5. Marz eintraf und mit großen Feierlichkeiten und Ehrenbezeigungen empfangen wurde, und der Domkirche einen prachtvollen goldenen Kelch zum Andenken hinterließ. Die weitere Reise ging über Jmola, Bologna, wo er von dem Herzog von Parma und mehren hohen Personen bemillkommt wurde, i nach Ferrara, wo bereits eine Botschaft des Kaisers Joseph mit der Nachricht > angelangt war, daß in den österreichischen Staaten schon alle Anstalten zum würdigen Empfange des heiligen Vaters getroffen wären. In Chioggia angelangt, wurde Pius VI. von einer Gesandtschaft der Republik Venedig feier- ^ lichst empfangen, und setzte von da seine Reise weiter über Treviso, Sacile und Udine bis Görz fort, wo ihn der kaiserl. Vice-Staatskanzler, Ludwig Graf ! i von Cobenzl, mit dem päpstlichen Nuntius am Wiener Hofe, Cardinal Garampi, § ! und einer Abtheilung der adeligen Leibgarden erwartete und weiter geleitete. ^ § Den 19. traf Papst Pius VI. in Gratz ein, wo ihm ebenfalls ein feierlicher ^ Empfang zu Lheil wurde. Den 22. kam er in Neunkirchen an, bis wohin ! ihm Kaiser Joseph nebst dem Erzherzog Maximilian entgegengefahren waren. Der Kaiser empfing de» heiligen Vater auf das Herzlichste und ersuchte ihn, sich zu ihm in den kaiserlichen Hofwagen zu setzen, welches der Papst auch mit vielem Vergnügen annahm. Durch unübersehbare, dicht gedrängte Reihen von Menschen ging nun der Zug, nach kurzem Aufenthalt zu Wiener-Neustadl, nach Wien. Nächst der Spinnerin ani Kreuz erwartete wieder ein Theil der ungarischen und der neu errichtete» polnischen Leibgarde denselben, und geleitete ihn unter dem Geläute von allen Kirchthürmen Wiens durch die Vorstädte nach der Kaiserburg, wo er um drei Uhr Nachmittags anlangte. Beim Absteigen auf der sogenannten Bellaria waren daselbst alle kaiserl. Minister, geheimen Räthe, Kämmerer und Truchsesse versammelt, welche den Papst und den Kaiser in ihre Zimmer geleiteten. Nach einer kur- " zen Weile erhoben sich die höchsten Herrschaften in das Oratorium, die Minister und Räthe aber in die Hofkapelle, und wohnten daselbst dem von der Hofmufik abgesungenen Tedeum bei. Die Wohnung war dem hohen Reisenden in den Zimmern der verstorbenen Kaiserin auf eine seinem erhabenen Range wür- ^ dige Art zugerichtet worden. i l-—> 201 Den 25. Mär;, am Feste Maria Verkündigung, fuhr der Papst mit drei Wagen zur Kirche der Kapuziner in der Stadt. Vor dem Leibmagen ritt der päpstliche Kreuzträger mit dem Kreuze, neben demselben der Scapatore. Beim Eingänge befand sich ein Commando kaiserlicher Infanterie mit einem Officier, um das Spalier zu formiren. Am großen Thore standen die Ordensgeistlichen mit ihren Guardian und begleiteten den heiligen Vater bis ^ zum Hochaltäre. Vor demselben betete der Papst eine Zeitlang, las dann ! in der Frauenkapelle eine Messe und begab sich endlich in die kaiserliche Gruft, wo er vor dem Sarge Maria Theresiens ein Gebet verrichtete, sodann die ganze ehrwürdige Halle und die Särge, wo die Asche so vieler Beherrscher ! Oesterreichs aufbewahrt wird, aufmerksam besah. Den 28. März, am Grün- ! donnerstage, las der Papst in der Hofkammerkapelle eine stille Messe, welcher sowohl der Kaiser als auch der Erzherzog Maximilian beiwohnten, und nach welcher Beide aus den Händen des Papstes das heilige Abendmahl empfingen. Dann ging Pius unter Vertretung der kaiserl. Kämmerer und Truchsesse, und in Begleitung der adeligen Garden, zu Fuße durch das von dem Militär gemachte Spalier in die Augustiner-Hofkirche, woselbst er an zwölf Greisen feierlich die Fußwaschung vornahm. Nach vollendetem Acte kehrte der Papst in seine Zimmer zurück, um die Paramente abzulegen. Während dieser Zeit setzten sich die alten Männer in dem daranstoßenden Spiegelzimmcr zu Tische; dann erschien der heilige Vater wieder, gab ihnen den päpstlichen Segen, nahm die Speisen den Truchsessen ab und setzte sie den Greisen selbst vor. Die zwölf Männer, von welchen der älteste, Mathias Garhammer, 93 Jahre und die beiden jüngsten, Wiesner und Grünes, jeder 77 Jahre alt waren, erhielten außer den gewöhnlichen Spenden von dem Papste jeder eine goldene und sil- ^ berne Medaille, von dem Kaiser jeder zwölf Ducaten. Der Kaiser und der Erzherzog Maximilian aber sahen der ganzen Ceremonie incognito zu. Den ^ 29. am Charfreitage Nachmittags besuchte Pius zu Fuß in einigen Kirchen das heilige Grab. Dies geschah unter Vertretung sowohl der päpstlichen als kaiserlichen Livreebedienten, der kaiserl. Kämmerer und Bedeckung der kaiserl. Leibgarden. Eine hinlängliche Mannschaft an Cavallerie und Infanterie eröff- nete und beschloß den Zug, und formirte an beiden Seiten Spaliere, um die ! in Menge herbeigeströmten Zuschauer in Ordnung zu halten. Den 31. März, ; am Ostersonntage, hielt der Papst das Hochamt bei St. Stephan mit folgen- ^ den pompösen, in Rom üblichen Ceremonien: Morgens um 9 Uhr fuhr Pius VI. ^ in einem sechsspännigen Hofwagen aus der kaiserl. Burg unter Begleitung der Leibgarden nach St. Stephan. Er war ganz weiß gekleidet, nämlich in einem weißen Talar und Röchet, weiß seidenem Pelzkragen, weißem Häubchen ^ und einer goldgestickten weißen Stola. Ihm gegenüber saßen die Cardinale Migazzi und Batthyany, der Primas von Ungarn, mit Rocheten, rothen j Mantelcttcn und rothen Schuhen. Voraus ritt der päpstliche Kreuzträger. Bei dem Eintritte in die Kirche, während welchem mit allen Glocken geläutet 202 wurde, reichte Cardinal Migazzi dem Papste das Weihwasser, welcher damit sich selbst und dann alle Umstehenden besprengte. Hierauf wurde dein Papste in der Katharinenkapelle die übliche Kirchenbekleidung angelegt, von dem ersten Cardinal-Diakon Batthyany die dreifache Krone aufgesetzt und nach gesegnetem Weihrauch ging der Zug in folgender Ordnung nach dem Passionschor, wo das Venerabile ausgesetzt war: Die erzbischöfliche Geistlichkeit; das Domkapitel; der päpstliche Medicus und ein Cameriere in rothen, mit weißem Pelz ausgeschlagenen Kappen; zwei Domherren, welche auf roth sammtene» Postamenten zwei bischöfliche Jnfuln trugen; ein Domherr mit dem Rauchfasse; ein ! päpstlicher Subdiakon mit dem päpstlichen Kreuze, neben und um denselben sieben Domherren mit Wachskerzen; der Weihbischof in der Mitte eines griechischen Diakon und Subdiakon; die Prälaten; die Bischöfe, ein Patriarch und Erzbischof, welche zwei letzteren mit aus Rom gekommen waren, dann ein griechischer Bischof; der Cardinal Erzbischof Migazzi als kreslivter sn»!- 8l«-n8 im Röchet, Pluvial, rolhem Häubchen und glatt weiß damastener Jnful; zur linken Seite desselben der päpstliche Nuntius; der Papst in langem, weißem, mit Gold durchwirktem Pluvial, mit der dreifachen Krone auf dem Haupte, in der Mitte der Cardiuale Batthyany und Herzan, welche als Diakone die vorder» Theile des päpstlichen Pluvials hielten; der päpstliche Schleppträger, der Ceremonienmeister und endlich der Kreuzträger. Nachdem der Papst in dem Passicnschor das Venerabile kniend eine Zeitlang angebetet hatte, begab sich der ganze Zug in den Speisechor, wo sich der Papst auf einen Thron niederließ und die Cardinale demselben die Hand, die Bischöfe die Knie und die Prälaten den Fuß küßten. Hierauf stimmte der Papst die Terz durch das Dvu« in silchituri»», an, worauf die kaiserliche Hofmusik responsirte und mit dem Domkapitel und der Churgeistlichkeit den Chorgesang bis zum Oratorium fortsetzte. Darauf holte der Weihbischof als lateinischer j Subdiakon die Pontisicalstrümpfe und Schuhe, mit einem Velum bedeckt, vom Altäre ab, und trug sie zu dem Papste, welchem sie voin Cameriere angezogen wurden. Bei dem Händewaschen wurde der Papst abwechselnd von den Fürsten Schwarzenberg und Auersperg bedient, und der päpstliche Medicus brachte auf einer goldenen Tasse das Tuch zum Abtrocknen. Nun wurde den Domherren, als Akolythen, die päpstliche Meßkleidung übergeben, welche dieselben zum Throne brachten und dem Nuntius überreichten. Dieser kleidete sodann den Papst mit Beihilfe der beiden assistirenden Cardinale an. Der Subdiakon übergab das päpstliche Pallium, der Diakon setzte ihm die Jnful aufs Haupt und Cardinal Migazzi steckte ihm den Pontificalriug an, worauf der Zug in voriger Ordnung beim Speisechor hinaus und zum Altäre ging, wo die feierliche Messe gehalten wurde. Dieser Altar war zu dem feierlichen Pontisicalamte besonders errichtet worden. Er bestand nur aus einein acht Schuh langen, und vier einen halben Schuh breiten Opfertische, welcher vor- l und rückwärts mit reichen Behängen ausgeschmückt war. Auf demselben 203 stand nur ein silbernes Crucisir, nebst sieben Leuchtern von gleichem Metalle. Der eigentliche Hochaltar war ganz abgetragen und an dessen Stelle ein kostbarer, mit fünf langen und breiten Stufen erhöhter und mit einem goldreichen hohen Arm- und Lehnsessel, nebst blauem damastenen Fufigestell versehener Baldachin für den Papst errichtet worden. Nahe daran waren zwei Stocksessel für die Cardinal« Batthyany und Herzan, dann ein größerer Sitz auf der obersten Stufe des Thrones für den Cardinal Migazzi; zur Linken ganz unten eine überzogene Bank für den päpstlichen Ceremonienmeister und die Kaplane; dann außer dem Throne noch einige überzogene Banke für die Bischöfe und Prälaten. Der zu dieser feierlichen Messe eigens errichtete Altar stand dem päpstlichen Throne gerade gegenüber, so daß der Papst auf dem Throne sitzend denselben von der Seite, wo die Messe gelesen wurde, gerade vor Augen hatte. Zwischen dem Seitenaltar und den Mittlern Kirchenstühlen war eine eigene Bühne für die Hofmusik errichtet, und vor derselben ein Schämel für die obersten Hofämter gesetzt. Die mittleren Kirchenstühle aber waren von den Hofcava- lieren, das Hoforatorium, wie auch der Musikchor, von den Damen besetzt. Nun begann das Pontisiculamt, welches in vielen Stücken wesentlich von dem Pontisicalamte eines Bischofs oder infulirten Prälaten verschieden war, so z. B. als der Papst das erste Mal den Altar bewuchert hatte, und selbst vom Diakon incensirt worden war, umarmte er bei der Epistelseite die drei Car- dinale, nach dein Agnus Dei gab er ihnen den Friedenskuß und der Cardinal Migazzi gab ihn den andern Bischöfen. Die lateinischen Diakone sangen in lateinischer, die griechischen in griechischer Sprache die Epistel und das Evangelium ab. Nach geendigten Evangelien hielt der heilige Vater sitzend, mit der Jnful auf dem Haupte, eine lateinische Rede, worin er sich mit großer Salbung über die Wichtigkeit des Osterfestes aussprach, und zur Reue und Buße ermahnte. Bei der Communion genoß der Papst nur die Hälfte der Hostie, und theilte die andere Hälfte in zwei Theile, mit welchen er die beiden Diakone communicirte. Eben so trank er mittelst eines goldenen Röhrchens nur einen Theil des Weines, den andern genossen ebenfalls die beiden Diakone rc. Nach Beendigung der heiligen Feier ging der Zug in voriger Ordnung wieder aus der Kirche, und PiuS VI. begab sich mit den Cardinalen Migazzi und Batthyany auf den Hof, wo er vom Balcon der daselbst befindlichen Kirche dem'in unermeßlicher Menge versammelten Volke, die man auf beiläufig fünfzigtausend schätzte, den päpstlichen Segen und vollkommenen Ablaß ertheilte. Erzherzog Marimiliaii wohnce sowohl dieser Feierlichkeit, als auch jener in der Metropolitankirche incognito bei; Kaiser Joseph war jedoch durch ein Augenübel daran gehindert. Die übrigen Tage, welche Pius noch in Wien zubrachte, besah er alle Merkwürdigkeiten der Kaiserstadt, verfügte sich auch nach Schönbrunn, Klosterneuburg, hielt ein päpstliches Consistorium in Wien, wobei den Car- diualcn Batthyany und Firmian der rothe Hut aufgesetzt wurde, und ertheilte 204 täglich dem zahlreich vom Lande und aus den benachbarten Provinzen nach Wien gekommenen Gläubigen vom Balcon der Burg den päpstlichen Segen. Den 22. April endlich reifete der Papst von Wien ab. Kaiser Joseph und Erzherzog Maximilian gaben ihm das Geleit bis Maria Brunn, wo der herzlichste Abschied Statt fand. In der Folge wurde zum Andenken dieses seltenen Ereignisses eine Marmortafel mit einer Inschrift bei der Kirchthüre daselbst angebracht. Auch lies; Kaiser Joseph auf die Anwesenheit des PapsteS goldene und silberne Denkmünzen prägen. PiuS VI. aber reifete, ohne seinen eigentlichen Zweck nach Wunsch erreicht zu haben, über Linz, München, Augsburg, JnnS- ^ bruck und Venedig nach Rom zurück. Drittes Kapitel. ^ Politische Verfügungen. — Die Influenza. — Die neue Pfarreintheilung. — Regulirung des Wiener Magistrates. > ! Den 3. April 1782 erschien ein Regierungsedict, nach welchem von nun ! an keine Leichen mehr in den Kirchen und Grüften begraben werden durften, > auch wurde verordnet, die Leichname zur Beförderung der Verwesung mit ^ Kalk zu überstreuen. Im Monate Mai wurden zwei neue Brücken über die > Donau angelegt: die eine bei der Rosiau nach der Augartenstrasie, die zweite ! bei der Vorstadt Weisigärber gegen den Prater. Durch beide ward die Gemein- ! schaft zwischen der Stadt und den Vorstädten sehr erleichtert; letztere aber vorzüglich für die nach der Hauptmauth gehenden schweren Güterwagen bestimmt. Den 16. April gab der französische Botschafter in Wien, Baron Breteuil, zur ! Feier der Geburt deS Dauphin von Frankreich (deS unglücklichen Ludwig XVII.) einen prachtvollen Maskenball im Liechtenstein'schen Palaste in Wien und ein glanzvolles Feuerwerk im Prater, wobei von drei Seiten eines eigenen Gerüstes Wein rann, so wie auch Brot und Braten unter daS Volk auSgeworfen wurde. Mit Anfang Juni wurde zum ersten Male verordnet, dafi zur Dämpfung des häufigen Staubes täglich zweimal vor allen Häusern in der Stadt aufgespritzt werden sollte. Zugleich betrieb man das Setzen der Alleen zwischen der Stadt und den Vorstädten sehr eifrig. Dasselbe Jahr hob Joseph ^ durch ein neues Crüninalgesetzbuch die Todesstrafe gänzlich auf, an deren ! Stelle das Schiffzieheu und das Anschmieden in ewigen Gefängnissen kam. > Schwere Verbrecher, die der Todesstrafe nicht unterlagen, wurden mit öffentlicher Gassenarbeit in Fesseln bestraft, wobei Joseph mir Begierde den Gesichtspunkt erfaßte, daß kein Stand vor Strafe und Schande schütze und die Gerechtigkeit für jeden dieselbe sei. Der Erfolg entsprach übrigens seiner Absicht nicht ganz; das Ehrgefühl ganzer Stände und Familie» schien unter dieser Behandlung zu leiden. Die ungarische Nation fand sich besonders dadurch gekränkt, daß sich Joseph nicht, wie alle seine Vorfahren, in ihrer Mitte krönen 205 lies; und die großen Vorrechte derselben nicht beschwören wollte; ja, das; er sogar die heilige Krone von Pr es; bürg nach Wien bringen ließ, denn es lag in in seinem Plane, Ungarn, wie alle übrigen Theile der Monarchie, durch Einführung der deutschen Sprache im Geschäftsstyl, Verfassung und Sitte, zu germanisiren und zugleich auch daselbst unumschränkt zu regieren; wobei er freilich die großen und sehr verschiedenen Privilegien der einzelnen Lander seiner Monarchie nicht genug berücksichtigte. Ueberdies hatten die Ungarn noch zu sehr die wichtigen Dienste zur Zeit der Bedrängnisse Maria Theresiens, so wie die Begünstigungen dieser Fürstin, welche ihr Dankbarkeit gegen ihre Retter eingab, im Auge und machten sie jeder, ihrer Constitution nahe tretenden, Neuerung abgeneigt. Nachdem Anfangs April 1782 bereits ziemliche Wärme eingetreten war, i erfolgte zu Ende dieses Monats ein so schneller Wechsel derselben, daß es den ^ 29. stark zu schneien anfing und den 30. bereits der Kahlenberg mit Schnee i bedeckt war. Anfangs Mai gab es sogar Eis, die Kälte stieg auf einen höchst empfindlichen Grad, und dauerte bis in die Mitte Juni. Die Folge davon war eine ungewohnte epidemische Krankheit, die ganz Wien befiel, und welche man die Influenza oder den russischen Katarrh (als neuerer Gast Grippe) nannte. Obzwar nicht eben gefährlich wirkend, war sie doch so allgemein, das; über 30,000 Menschen davon befallen wurden, die Mannschaft auf den Militärposten abgelöst, und sogar die Theater auf mehre Tage geschlossen , werden mußten. Im Laufe des Sommers verlor sich jedoch diese Krankheit I wieder. Den 4. October kam der Großfürst Paul mit dem Herzog von Wür- ! temberg und der Prinzessin Elisabeth von seinen Reisen wieder in Wien an. Letztere, zur Braut des Erzherzogs Franz, Erbgroßherzogs von Toskana (nachmaligen Kaisers) bestimmt, blieb fortan in Wien. Sie bezog ihre Wohnung einstweilen bei den Salesianerinnen am Rennweg, den 17. November aber die in der Hofburg für sie bereiteten Zimmer. Den 26. December, am ! Stephanstage, legte sie in der Hosburgkapelle feierlich das katholische Glaubens- ! bekenntniß ab. Kaiser Joseph widmete, wie seinem Neffen, so auch dieser Prinzessin, die zärtlichste väterliche Liebe und die Verbindung Beider war einer ! seiner Lieblingsplane. Mit Ende dieses Jahres wurde das Chorherrnstift bei St. Dorothea in Wien aufgehoben und mit jenem zu Klosterneuburg vereint. Das Klostergebäude und die entweihte schöne Kirche aber wurden später zum ^ Locale des kaiserlichen Versatzamtes bestimmt. Den 20. Februar 1783 kam i ^ ein marokkanischer Gesandter, Abdul Malek, in Wien an, um mit dem Kaiser ! ! einen Friedens- und Handelstractat abzuschliesien. Der seltene Gast machte ! großes Aufsehen in Wien und zum Andenken seines Besuches erhielten mehre s neu angelegte Gassen in Wien den noch heute bestehenden Namen: Marok- ! kanergasse, und viele Haus- und Wirthsschilde: Zum Marokkaner, entstanden. Dasselbe Jahr wurde der Vorstadtgrund Schottenfeld angelegt, welcher nebst einer schonen Kirche, bequeme, gerade Straßen und viele und zierliche Gebäude, 206 besonders aber große Fabriksanstalten erhielt. Auch wurde den Invaliden das ehemalige Johannesspital auf der Landstraße, das noch bestehende Jnvalidenhcspital, eingeräumt und zweckmäßig eingerichtet, so wie auch die in verschiedenen Spitälern zerstreuten Waisenkinder in das große Waisenhaus am Rennwege versetzt wurden, von wo sie später in das sogenannte spanische Spital in dcrAlservorstadt, Karlsgasse, kamen. Zum Director desselben wählte der Kaiser schon früher den würdigen Propst Ignaz Parhamer, welchem die Anstalt eine bessere Ordnung, die Einführung vortrefflicher Erziehungsanstalten und namhafte Vermehrung der ! Fundationsgelder verdankt. ! Joseph II. erkannte auch das hohe Interesse des Handels für seine Staa- ! ten, für welchen auch schon Karl VI. und Maria Theresia die weiseste» und zweckmäßigsten Verfügungen getroffen hatten. Er hob den Seehandel auf dem adriatischen Meere, gab mehren belgischen Städten bedeutende Handelsvor- rcchte und erhob Ostende zum Freihafen. Selbst auf die Stiftung von Colo- nien in Ostindien war sein Sinn gerichtet, so sehr er auch durch diese Anstalten , die Handelseifersucht Englands und der vereinigten Niederlande erregte. Zu ^ sehr auf die Dauer des großen Bundes mit Frankreich vertrauend, ließ der Kaiser sowohl die Grenzpässe in Tyrol, als auch mehre niederländische Festungen ! schleifen, mit welcher Schleifung der Barrieren-Tractat und das, seit dem spanischen Erbfolgekriege hergebrachte Besatzungsrecht der Generalstaaten in denselben von selbst hinwegfielen, welche letzteren auch nach einigen Einwendungen ihre Truppen aus den offenen Plätzen zogen. Uebrigens unternahm ^ schon im August 1783 der Pontonier-Hauptmann Lauterer die Fahrt von Wien ins schwarze Meer und von da nach Triest zurück, die Consulate in der Levante wurden vermehrt und der Handel hatte sich überhaupt der größten Begünstigungen zu erfreue». Mittlerweile gingen die Reformen im Innern der österreichischen Monarchie fort. Die sogenannten Schwarzspanier vor dem Schottenthore in Wien wurden mit den Schotten vereinigt und ihr Gebäude zu einem Militärmagazin bestimmt. Die Nonnenklöster zur Himmelspforte in der Himmelpfortgaffe, zu St. Jakob in der Riemerstrafie und zu St. Lorenz auf dem alten Fleischmarkte wurden aufgehoben. An die Stelle des ersteren traten Privatgebäude, das zweite und dritte wurden zuDikasterial-Gebäuden verwendet. Die Theatiner oder Cajetaner auf der hohen Brücke, die Philippi-Neriauer im Lazenhofe verschwanden gleichfalls. Die der Erlösung gefangener Christen- sclaven mit seltener Aufopferung sich widmenden Trinitarier (Weißspanier) i» der Alsergafse schienen bei den neuesten Verhältnissen mit der Pforte und den Barbaresken ebenfalls überflüßig und wurden aufgehoben. Ihr Kloster bezogen , die Minoriten, deren Gebäude in der Stadt hinwieder die uiederösterreichische ! Landesregierung einnahm. Die meiste» Hauskapellen wurden entweiht und geschlossen, und zwar die St. Georgenkapelle im Freisinger- oder Trattnerhof; die Andreaskapelle im Liechtensteiu'schen Palaste in der Herrengaffe; die Har- rach'sche in der Herrengasse; die Neipperg'sche auf der Freiung; die uralte 2V7 Katharinakapelle iin Zwettelhof; die zu St. Peter im Althann'schen Palast in der hinter» Schenkenstraße; zu St. Thomas im Gundeshof, zu St. Niklas ! im Seizerhof, zu den heil, drei Königen im Schwarzenberg'schen Palaste und > zu Maria Verkündigung beim goldenen Hirschen am Graben. Den 20. April ! 1783 begann eine neue und zweckmäßigere Pfarreintheilnng in der Stadt und den Vorstädten, welche bis auf kleine Acnderungen noch heute besteht. Es gab sonach folgende Pfarren in der Stadt: Bei St. Stephan, in der kaiserlichen Burg, bei St. Michael, bei den Schotten, bei den Augustinern, bei den Franziskanern, welche jedoch in der Folge wieder aufgehoben und mit jener bei St. Stephan vereinigt wurde, bei St. Peter, bei der Kirche am Hof und bei den Dominikanern. In den Vorstädten wurden die Pfarren auf folgende Art eingctheilt: Bei den Augustinern auf der Landstraße, zu Erdberg, im Waisenhaus am Rennweg, bei St. Karl auf der Wieden, bei den Paulanern daselbst, bei St. Florian zu MatzleinSdorf, zu Margarethen, in Gumpen- ^ dorf, zu Mariahilf, bei den Carmelitern auf der Laimgrube, zu St. Ulrich, > im Schottenfelde, im Altlerchenfelde, in der Josephstadt bei den Plansten, in der Alsergafse, im Liechtenthal, in der Roßau bei den Servicen, in der Leopoldstadt bei St. Leopold, ebendaselbst bei St. Joseph, wozu in der Folge noch die Pfarre in der Jägerzcile bei St. Johann von Nepomuck und jene in derWeißgärbervorstadt zu St. Margaretha kam. — Bald darauf wurden die vielen , seil ein Paar hundert Jahren eingeführlen sogenannten geistlichen Bruderschaften, deren Zwecke nicht mehr zeitgemäß und die zu leerem Ceremenienspiele und vielem Mißbrauch auSgeartet waren, aufgehoben. Ihrer bestanden bei den Kirchen der Stadt Wien allein 58, in den Vorstädten 53, sehr zahlreiche auf dem Lande. Dafür wurde das wohlthätigeInstitut zur lhätigen Liebe deS Nächsten eingeführt, welches in einer auS religiösen Gründen zu entrichtenden Almosengabe bestand und sich in der Folge mit dem noch bestehenden Armeninstitute vereinigte. Dasselbe Jahr wurde auch in allen höheren Unterrichtsanstalten der gesammten Monarchie die deutsche Sprache ausschließend als Sprache des Vortrages eingcfnhrl. Auch erfolgte das wohlthätige Verbot des Wetterläucens, welches > oft für die Läutenden von verderblichen Folgen gewesen war. Die Aufhebung dieses überflüssigen und schädlichen Gebrauches, der nichts für sich hatte als eine uralte Gewohnheit, erregte jedoch viel Aufsehen unter dem gemeinen Volke, j daS, wie immer, mit blinder Vorliebe, wohl auch Vertrauen, an verjährten Vorurtheilen hängt. Den >4. September 1783 hatte auf kaiserlichen Befehl zum hundertsten und letzten Male die feierliche Procefsion wegen der Befreiung i ! WicnS von den Türken (1683) Statt, wobei daS Bürgermilitär mit den i s alten, bei jener Belagerung gebrauchten Fahnen paradirte und von allen Wällen ! der Donner deS Geschützes erschallte. ! Den 1. November hörte die Tranksteuer, die in Theresiens letzten Tagen j so viel Unzufriedenheit erregt hatte, bis auf jene für das Bier, auf, und die ^ vor Einführung jener Steuer bestandenen Abgaben traten wieder an ihre s _ ! 208 I Stelle, bis auf die Schuldensteuer und das Stadtsperrgeld. Auch wurde in diesem Jahre das Bethaus für die protestantisch-evangelische Gemeinde eröffnet, welche bisher ihre» Gottesdienst in den Häusern der schwedischen und holländischen Gesandten abgehalten hatte. Die Eröffnung des protestantisch-helvetischen Bethauses hatte zwei Jahre später Statt. Ende 1783 erfolgte eine gänzliche z Umstaltung der bisherigen Gerichtsstände und der Jahrhunderte alten Ver- ^ fassung des Wiener Magistrates. Die bisher üblichen Gerichtsbarkeiten des > Hofmarschallamtes und Obersthofgerichtes, des Landmarschalls, der Universität, der Consistorien rc. wurden aufgehoben, und der Magistrat wurde die ^ allgemeine Gerichtsstelle für Unadelige, jedoch nicht als eine landesfürstliche Stelle, sondern wie bisher als Municipalbehörde unter der Benennung: Magistrat der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien. Sein Wirkungskreis wurde in drei Senate abgetheilt: jener in politisch-ökonomischen, jener in bürgerlichen ! Rechtssachen und jener in Criminalangclegenheiten. Es durften nur ein Bürger- ! meister, zwei Vice-Bürgermeister und 4 2 Räthe seyn; 12 im politisch - ökonomi- ^ > scheu, 12 im Criminal-, 18 im Justizsenate. Den Bürgermeister und die ! Vice-Bürgermeister wählt, unter dem Vorsitze eines Appellations- und Regie- rungs-Commiffärs, der Ausschuß der Bürgerschaft, und der Kaiser bestätigt ste. ^ ! Auch die Räthe wählte der Bürgerausschuß. In der Folge traten einige Ver- ^ änderungen ein, so z. B. wurde die Wahl der Räthe dem Rathsgremium allein übertragen, ferner die Zahl derselben vermehrt rc. Der erste Bürgermeister > des Josephinischen Magistrates war der verdienstvolle Joseph Georg Hörl, " der sich durch langjährige, thätige Amtsführung rühmlichst auszeichnele. Viertes Kapitel. Erzherzog Franz, Erbgroßherzog von Toskana, in Wien. — Weitere politische Verfügungen und Einrichtungen. — Ueberschwemmung in Wien. ! Nachdem bereits unter Maria Theresia die Begräbnisse in und an den Kirchen und Grüften theils untersagt, theils sehr beschränkt worden waren, ! wurde im Beginne des Jahres 1784 jedem Bezirk sein Kirchhof außer den ^ Linien angewiesen, und die bisherigen Gottesäcker in den Vorstädten gesperrt, auch bewilligt, daß sie nach Verlauf eines vollen Jahrzehends verbaut werden durften, was auch geschehen ist. Dieselbe Einrichtung hatte auch in den Provinzen Statt. Den Kirchenvorstehern wurde ferner geboten, alle Bekleidungen der Crucisire, Marien- und Heiligenbilder, wie auch die so häufigen, oft mit gräulichen und ekelhaften Vorstellungen überhäuften Votiv-Tafeln und Opfer hinweg zu nehmen. Um dieselbe Zeit erschien auch ein neues Ehepatent, das die Grenzen der weltlichen und geistlichen Gerichtsbarkeit bei diesem für Sittlichkeit i und Erziehung so wichtigen Gegenstand mit festen Umrissen vorzeichnete. Die j vermeinte Schande unehelicher Geburt und gewisser, gleichwohl unentbehrlichen 209 Beschäftigungen wurde als aufgehoben, die Zwangsvorschriften bei den Zünften und Handwerken wurden für erloschen erklärt. Mit Anfang des Jahres 1784 trat in Wien eine so heftige Kälte ein, daß den 7. Jänner das Thermometer bis auf l8 Grad unter dem Eispunkte fiel, eine in diesen Gegenden höchst ungewöhnliche Erscheinung. Noch den 10. Februar stand es auf I2'/r Grad. Auch fiel eine ungeheure, sich stets wieder erneuernde und vermehrende Masse Schnee. Man hat berechnet, daß der allein inner den Linien gefallene Schnee auf einen Quadratfuß 14 Pfund 11'/« Loth wog, welcher geschmolzen 10 Maß IV, Seidel Wasser gab; daß folglich binnen den Monaten Jänner und Februar auf die ganze Oberfläche der Stadt (nach dem Nagel'schen Plane auf 367,500 Q.uadratklafter angenommen) I8 9,819'/rEent- ner Schnee gefallen sind, die etwa 3,423,262 Eimer Wasser gaben. Den 24. Februar trat plötzliches Thauwetter ein und die ungeheure Masse des dadurch entstandenen Wassers schwellte alle Bäche und Flüsse in solch' furchtbarem Grade an, daß die Donau weit aus ihren Ufern trat, allenthalben große Eisschollen von zwei bis drei Fuß Dicke absetzte, die Vorstädte Roßau, Liechtenthal, Leopoldstadt, Weißgärber und Erdberg, wie auch den Fischmarkt und Salzgries in der Stadt unter Wasser setzte, und die große Brücke am Tabor gänzlich wegriß. Noch zu Anfang April war die Kälte empfindlich und eine weitere ungewöhnliche Erscheinung dieses Jahres war, daß man zu Anfang August auf den Gebirgen um Wien noch Schnee liegen sah. Den 30. Juni kam der Erzherzog Franz, Erbgroßherzog von Toscana, in Wien an, um sich unter den Augen seines großen Oheims vollständig auszubilden, und blieb fortan daselbst. Den 16. August wurden das allgemeine Krankenhaus, das Irren-und Gebärhaus in der Alsergasse eröffnet, und alle übrigen Krankenhäuser, jene der barmherzigen Brüder und der Elisabethinerinnen ausgenommen, geschlossen. Das Bürgerspital in der Kärnthnerstraße wurde zu Privatwohnunge» bestimmt und die Pfründner nach St. Marx übersetzt. Mit dem im Herbste eintretenden neuen Schuljahre hörten die bisher ganz unentgeltlichen Vorträge auf, und es trat das, mit einigen Abänderungen noch beste- hyide Unrerrichtsgeld ein, das zum Theile zu Stipendien, zum Theile zuin Lohne ausgezeichneter Verwendung und Fähigkeiten verwendet wurde. Auch hob Joseph, der nicht viel Werth auf collegialische Erziehung legte, die Theresianische Ritterakademie und die damit verbundene Emanuelisch-savoyische Stiftung auf. In das Gebäude der erster«» kam die Ingenieur-Akademie, jenes der letzteren bezog die Artillerie. Die Stiftlinge des Theresianums erhielten Stipendien, besuchten, von der Philosophie an, die Universität, und für die ritterlichen Leibesübungen wurden Anstalten in der Stadt für sie getroffen. Die inländische Industrie suchte der große Monarch ebenfalls durch einen raschen Machtspruch gegen die ausländische, nämlich durch ein streng gehandhabtes Prohibitivsystem emporzuheben. Zu Ende des Jahres 1784 erging das Verbot der Einfuhr aller Fabrikate und vieler roher Erzeugnisse des Auslandes. Der Kaiser selbst, allenthalben 14 2U> mit eigenem Beispiele vorleuchtend, schickte die ausländischen Eßwaaren und fremden Weine der Hofküche und des Hofkellers in das allgemeine Krankenhaus. Die Putzsucht, die leider noch jetzt eristirende Wuth für das Ausländische, die Ebbe und Fluth der Modcthorheiten überlieferten viele Contrebande, welche nicht, wie sonst, öffentlich versteigert, sondern auf dem Glacis öffentlich verbrannt wurden. Die wohlthätigen Folgen dieser Maßregel zeigten sich bald; eine Fabrik erhob sich nach der ander», rühmlicher Wetteifer erzeugte bessere Pro- ducte, tausend und tausend fleißige Hände vermehrten die Bevölkerung und große Betriebskapitalien kamen ins Land. Während dieser unermüdeten Sorgen für das Wohl seiner Unterthanen, für das Größte und Kleinste im Innern, beschäftigten Joseph auch zugleich wichtige auswärtige Angelegenheiten. Noch 1784 folgte der Streit milden Holländern über die freie Schifffahrt auf der Schelde und die, obwohl vergebens, erneuerten Unterhandlungen, um die Niederlande gegen Bayern umzutauschen. Letzteres vereitelte leider die Eifer- j ! sucht Friedrichs II. von Preußen durch die Stiftung des deutschen Fürsten- i bundes, der indessen zwar mit vielem Eifer vorbereitet und mit großem Pompe ! ^ angekündigt wurde, doch aber mit geringem Erfolge sich wieder auflösete. Noch wurde im Jahre 1784 das Bisthum zu Wiener-Neustadt nach St. Pölten j übertragen und diesem eine eigene Diöcese angewiesen. ! 1785 schuf Kaiser Joseph das Taubstu minen-Jnstitut in Wien nach dem ! Muster jenes von Paris, ferner wurde die sogenannte Schranne oder das ! Gerichtshaus auf dem hohen Markte vergrößert und erweitert. Das Waisen- ! Haus wurde vom Rennweg in das spanische Spiral in der Währingergasse über- ! seht und weltlicher Direction übergeben. Das frühere Local desselben wurde für ^ die Militär-Oekonomie bestimmt. Das uralte Spital zum Klagbaum auf der Wiede» wurde aufgehoben, die Barmherzigen und die Elisabethinerinnen erhielten das Recht einer allgemeinen Sammlung. Dasselbe Jahr wurde auch j eine allgemeine zweckmäßige Steuer-Regulirung ausgeführt, nachdem schon 1784 ! vorbereilungsweise Ausmessungen Statt gehabt hatten. Der Sommer 1785 > brachte neue Elementarunfälle über Wien und seine Umgebungen. Im März j war eine ungewöhnlich strenge Kälte eingetreten. Den I. stand das Thermometer ! auf 17 Grad unter dem Eispunkte und mehre Menschen kamen vor Kälte auf den Landstraßen um. DasselbeMonat fiel auch eine große Menge Schnee und die Kälte dauerte in beinahe gleichein Grade bis April fort. Noch den 28. und 29. dieses Monats waren die Felder und Berge um die Stadt dicht überschneit. Erst im Mai fiel Thauwetter ein, welchem im Juni so anhaltender Regen folgte, daß den 21. die Donau ihre Ufer übertrat, das nahe Gelände und die an ihr liegenden Vorstädte überschwemmte. Nach einem bei Tuln den 29. Juli gefallenen Wolkenbruche schwoll auch der Wienfluß höher an, als es seit Menschengedenke» geschehen war. Mit reißender Gewalt überstieg er seine Ufer und bedeckte die nahe liegenden Vorstädte mit einer acht Fuß hohen Wasserfluth, die in alle Häuser bei Fenstern und Thüren eindrang, Brücken, 211 Stege, Planken, Hütten und am Magdalenagrund sogar gemauerte Häuser niederriß; Balken, Bäume, Fässer, Waaren, Hausgeräthe, Pferde und Rindvieh, auch Kinder und todte Menschen daher schwemmte. Auch der Alser- bach und selbst die Donau traten aus ihren Ufern und richteten bedeutende Verheerungen an. Erst nach Verlauf von sechs bange durchlebten Stunden begann das Wasser zu fallen. Den 7. November wurde die neu erbaute und von dem Kaiser mit den herrlichen anatomischen Präparaten und allen nöthigen Hilfsmitteln zum Behufe des Studiums reich ausgestattete medicinisch-chirurgische Josephsakademie in der Währingergasse mit großer Feierlichkeit eröffnet und zwar im Beiseyn der ersten Minister, Generäle, vieler Standespersonen, Beamten, Officiere, Aerzte, Wundärzte und von 300 Zöglingen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die eigens zum Andenken dieser Feierlichkeit geprägte goldene Denkmünze, 40 Du- caten schwer, ausgetheilt. Endlich wurde im Jahre 1785 die Identität des weltlichen Gebietes und der geistlichen Sprengel festgesetzt, und jener des Erz- bisthumes Wien mächtig erweitert. Fünftes Kapitel. Di» Steuer - Rcgulirung. — Die niederländischen Unruhen. — Krieg mit der Pforte. — Loudon. — Die Eroberung von Belgrad. 1786 stattete Kaiser Joseph der Kaiserin Katharina II. von Rußland neuerdings einen Besuch zu Cherson in der von ihr neu erworbenen Krimm ab, wo ihm die Kaiserin die glänzendsten Feste gab, und die Wiederherstellung des griechischen Reiches ein Hauptgegenstand der Unterhandlungen war, was in der Folge den Türkenkrieg herbeiführte. Nach der Rückkehr des Kaisers begann eine Reihe von widrigen Ereignisse», welche die Früchte seiner langen und eifrigen Bemühungen gänzlich zu zerstören drohten, und sicherlich großen Einfluß auf seine bereits geschwächte Gesundheit übten. Das erste derselben war die allgemeine Unzufriedenheit mit seiner gewiß gut gemeinten, aber vielleicht nicht so gut berechneten Steuer-Regulirung. Der Kaiser hatte mit großen Kosten das ganze Reich bemessen lassen, damit der wahre Ertrag ausgemittekt werden konnte, und bei dem neuen Steuerfuß wurde der Grundsatz angenommen, daß jeder Unterthan, gleichviel ob adelig oder nicht, von hundert Gulden Grundertrag, mit Einschluß der Kosten der Beurbarung, gleich besteuert werde und gleichen Genuß für sich behalten solle. Fünf Jahre hatte in Allem diese Arbeit gedauert, und als sie, dennoch nicht ohne Uebereilung und nicht überall durch die wohlwollendsten und geeignetsten Werkzeuge, vollendet war, so waren nicht nur alle Güterbesitzer unzufrieden, und die gebirgigen Provinzen, besonders Tyrol, voll Klagen, sondern auch die meisten Bauern höher besteuert als zuvor, und allenthalben gab es Streit und Widerspruch. Bald darauf begannen, als Folge von Josephs Schritten gegen die katholische Geistlichkeit und gegen die 14 * 212 alten Vorrechte der Belgier, bedeutende Unruhen in den Niederlanden, die mit der beginnenden Volksbewegung der Franzosen in genauer Verbindung standen. Die ausführliche Geschichte dieser Unruhe» gehört nicht hieher, darum führe ich, um die österreichische Staatsgeschichte nicht aus de» Augen zu verlieren , nur an, daß sich in der Folge die Niederländer für frei erklärten und die kaiserlichen Truppen aus allen Provinzen vertrieben, so daß am Ende nur noch die Festung Luxemburg in der Gewalt des Kaisers blieb. Kaiser Joseph zeigte sich zwar zur Nachgiebigkeit und Versöhnung bereit, allein die Empörer wiesen alle Vorschläge trotzig von sich, und der Kaiser sollte das Ende dieses Aufstandes nicht mehr erleben. Für Wiens Geschichte ergaben sich für das Jahr 1786 nur dürftige Resultate. Es zeigte sich ein lange anhaltender und strenger Winter, so daß den I. Mai noch die nahen Berge mit Schnee bedeckt ! waren; ja den 3. fiel in der Stadt »och Schnee. In demselben Jahre hatten auch mehre Ueberschwemmungen Statt. Den 28. Juni überschwemmte die, durch in Tyrol und Salzburg häufig geschmolzenen Schnee, angeschwollene Donau die Vorstädte Liechtenthal, Roßau, Leopoldstadt und Weißgärber. Den 10. Juli erfolgte eine zweite, den 4. August eine dritte, den 20. endlich eine vierte Ueberschwemmung, die mehr oder minder Schaden anrichteten. Am Ostersonntage 1786 wurde die neu verzierte Kirche der ehemaligen Minoriten, die zur italienischen Nationalkirche bestimmt wurde, feierlich eröffnet. Auch wurden in diesem Jahre die kaiserlichen und Kremnitzer Ducaten, welche bisher zu 4 fl. 16 kr. und 4 fl. 18 kr. in Umlauf waren, gleichförmig auf 4 fl. 30 kr. gesetzt, welchen Werth sie noch gegenwärtig haben. Im October 1786 übernahm der Hof die Zahlenlotterie, die vorher verpachtet gewesen war, auf eigene Rechnung und Verwaltung. Im Laufe des Jahres 1787 wurden die Klostergärten der Kapuziner und Franciskaner in der Stadt, der Augustiner und Dominikaner auf der Landstraße, der Earmeliten > in der Leopoldstadt und an der Windmühle, der Plansten in der Josephstadt ! und der Kapuziner bei St. Ulrich eingezogen, an die Meistbietenden verkauft ! und in der Folge größtentheils mit Häusern überbaut. Den 7. October wurde ! das im Starhemberg'schen Freihause an der Wien von Roßbach erbaute Thea- ^ ter zum ersten Male geöffnet, das später an den Theaterdichter Friedel und i endlich an . den bekannten Emanuel Schikaneder kam, der zuerst von Kaiser j Joseph förmlich privilegirt wurde. Den 16. November bestätigte der Kaiser ! die Grundverfaffung der, von den Fürsten von Schwarzenberg und Colloredo- ! Mansfeld und dem Grafen Friedrich von Nostiz errichteten octroyirten Commerzial-, Leih- und Wechselbank. Mit dem I. December hörte das bisherige Zimentirungsamt auf; die Ortsobrigkeiten übernahmen die Obhut und Aufsicht über Maß und Gewicht, und im Magistratsgebäude zu Wien entstand ein eigenes Zimentirungsamt. Den 6. Jänner 1788 harre zu Wien die feierliche Vermählung des Erz- i Herzogs Franz mit der Prinzessin Elisabeth von Würtemberg Start. Aus diesem >^ 213 Grunde hatte auch der Kaiser, der gehäufte Feierlichkeiten nicht liebte und deshalb schon früher die vielen sonst bei Hofe üblichen Galatage auf den einzigen Neujahrstag beschränkt hatte, für dieses Mal die Neujahrsgala auf den obigen Tag verlegt. Die Trauung verrichtete der Erzherzog Marimilian, Kurfürst von Köln. Der Kaiser freute sich innigst seines auSgeführten Lieblingsgedankens , es war einer der wenigen Plane, die ihm ganz gelangen und vielleicht die letzte frohe Begebenheit, die er noch erlebte. Im April machte die Influenza oder der sogenannte russische Katarrh zum zweiten Male seinen Besuch in Wien und verbreitete sich über ganz Europa. Bis zum 2S. des genannten Monates waren gegen 30,000 Menschen damit behaftet, die Krankheit dauerte von drei bis sieben Tage, zeigte sich jedoch im Ganzen durchaus nicht gefährlich. Schon den 10. Februar 1788 war, im Bündniß mitRußland, der Krieg an die Pforte erklärt worden. Sein Fortgang führte jedoch zu keinen so glänzenden Resultaten, als man nach den großen Rüstungen und der persönlichen Gegenwart des Kaisers mit seinem geliebten Neffen erwartet hatte. Die Heere der Russen und Oesterreicher sollten vom schwarzen bis zum adriatischen Meere eine ununterbrochene Kette bilden, deren Verbindungsglied in der Festung Choczim sich befinden sollte. Feldmarschall Lacy's Rath zu einem bloßen Nertheidigungskriege gewann unglücklicher Weise in der Stimmung des sonst so raschen Kaisers das Ucbergewicht; London, welcher zu einem Kampfe gegen die Türken unstreitig die größten Talente hatte, blieb Anfangs ganz unbeschäftigt. Durch diese verderbliche Maßregel wurde das kaiserliche Heer, dein kein früheres an Geist und Kraft sich vergleichen ließ, in den ungesunden Gegenden bei Semlin durch Lagerseuchen angegriffen und hart mitgenommen. Das geschwächte Hauptheer zog sich nach Lugos zurück, und der Feldzug war im Ganzen verunglückt, obschon Prinz Friedrich Jesias von Coburg auf dem linken Flügel die Festung Choczim erstürmt und einen Theil der Moldau erobert hatte. Der Kaiser selbst kam, erschöpft und niedergebeugt durch das Unglück seiner Heere, im October 1788 mit Lacy krank in Wien an. Nun mahnte die Noth an London, der an Hadik's Stelle den Oberbefehl der kaiserlichen Heere übernahm, und welcher sogleich ganz andere Maßregeln ergriff und die Offensive wählte. Schon im Sommer 1789 stand das Heer durch verstärkte Märsche auf türkischem Boden, Prinz Coburg siegte im Vereine mit Suwaroff den 22. September bei Martinestie; Loudon ließ Belgrad einschließen, die Vorstädte mit Sturm nehmen und den 9. October capitulirte dieser überaus wichtige Platz, auf welchen der Erzherzog Franz die erste Kanone abgefeuert hatte. Den 12. October ritt Loudon's Neffe, der Feldmarschall-Lieutenant Klebeck, mit dieser erfreulichen Kunde in Wien ein, von 24 blasenden Postillonen begleitet. Die allgemeine Freude war um so größer, da der Kaiser bereits wieder so weit hergestellt war, daß er am 14. mit dem gesammten Hofstaate dein, überaus glänzenden Tedeum bei St. Stephan beiwohnen konnte. Seit langen Jahren versenkte keine Nachricht Wien in solchen Freudentaumel, wie die von der 214 Eroberung Belgrads. Freiwillig und ohneVerabredung wurde die folgendeNacht mit Eins die ganze Stadt auf'das Festlichste beleuchtet und viele Häuser herrlich verziert. Nur der Türke an einer Ecke des Heidenschufses war mit schwarzen Floren verhüllt. Um neun Uhr Abends zogen die Schüler der juridischen und medicinischen Facultät, gegen 900 an der Zahl, unter Fackelbeleuchtung in die Burg, dann vor Londons Haus und brachten Serenaden mit Instrumentalbegleitung und vielstimmigem Lebehoch. Der in dem, trotz Aufhebung der Censur, ziemlich magern Dichterkreise Oesterreichs einen der ersten Platze behauptende Blumauer dichtete bei dieser Gelegenheit das damals und noch lange Zeit nachher in jedem Munde lebende Lied von Belgrad nach der Melodie: >lsildorouKk s'vn vs-t-en xuvrrv*); der kaiserliche Leibarzt von Pasgua- lati ließ auf sein neu erbautesHaus die Worte setzen: »Da Belgrad wieder österreichisch und Joseph wieder hergestellt war, ward dies Haus vollendet. So lange davon ein Stein auf dem andern, bleibe Belgrad österreichisch und unser Kaiser gesund." Leider zeigte sich nur zu bald die Unzulänglichkeit beider Wünsche. — Den I. November ward in Wien eine neue Häusersteuer eingeführt, nach welcher jetzt das Sechstheil des ganzen Ertrages bezahlt werden mußte; auch ward in diesem Jahre zum ersten Male der Preis des Rindfleisches von sechs auf sieben Kreuzer für das Pfund erhöht. Sechstes Kapitel. Tod Josephs II. — Persönlichkeit und Charakteristik des Kaisers. Zu Ende des Jahres 1788 war in den Gegenden Wiens ungewöhnlich große Kälte eingefallen; den 19. December stand das Thermometer bereits auf 17 Grade unter dem Eispuncte. Mit wenigen Abwechselungen dauerte dieKälte bis in den Monat März 1789. Mehre Menschen erfroren auf de» Straßen und Feldern; die Wölfe wagten sich in bewohnte Dörfer nicht weit von der Hauptstadt. Scharen von Waldvögeln flogen, Nahrung suchend, in die Dörfer um Wien, ja ein Flug Rebhühner wagte sich sogar in den botanische» Garten am Rennwege. Hingegen mar der Winter von 1789 auf 1790 wieder in ungewöhnlichem Grade gelind. Schon gegen Ende Jänners war die Wärme der Sonne so stark, daß mehre Gewächse zu keimen und zu sprossen begannen. *) Die erste Strophe dieses so vielbeliebten Liedes, das sich zu jener Zeit ganz zum Volksliede erhob, lautete; Wir sah'n den Kaiser wieder Gesund in unserm Wien, Der Türke liegt darnieder, Es schlug Held Coburg ihn. Und Belgrad danken wir, O großer London, dir! 215 Im botanischen Garten auf dem Rennwege, so wie in mehren Privatgärten ! Wiens, blühten schon Anfangs Februar verschiedene, im Freien stehende Blumen- ! sorten. ! Der Türkenkrieg ward unterdessen mit vielem Eifer, doch mit nicht gleich günstigen Resultaten fortgesetzt. Mit der Kunde von Belgrads Fall waren zwar auch Nachrichten von Siegen Coburg's und Suwaroff's, denen später die Einnahme von Jassy und Bucharest folgte, eingelaufen, doch führte Rußland den Krieg nur mit halbem Eifer. Auch dauerten die Unruhen in den Niederlanden fort. Bald erwachte auch die Eifersucht Friedrich Wilhelms II. von Preußen (Friedrich II. war bereits 1786 gestorben), er sah mit Verdruß die innige Verbindung der beiden Kaiserhöfe, garantirte den 31. Jänner der Pforte die Untheilbarkeit ihrer Staaten, und begünstigte offenbar den Aufruhr der Niederländer, so daß der Ausbruch eines Krieges zwischen Oesterreich und ! Preußen fast als unvermeidlich vorauszusehen war. Die Gesundheit des Kaisers schwächte sich indeß mit jedem Tage. Zwar hatte er sich im Laufe des Sommers ! 178!» so ziemlich erholt, allein Anfangs December bekam er einen äußerst heftigen Rückfall. Seine Kräfte zehrten sich auf, er wurde außerordentlich mager ! und sah sich fast gar nicht mehr ähnlich. Die Unheilbarkeit seines Uebels ^ war entschieden, so wie um das neue Jahr 1790 die Nähe seines Endes. Er nahm die Nachricht davon mit Muth nnd voller Ergebung auf, obschon I es ihn wohl schmerzen mochte, aus der Mitte seiner zumeist unvollendeten ! Plane, die eine neue, unerwartet heranstürmende Zeitepoche alle wieder zu zerstören drohte, herausgerissen zu werden. Seine letzten Tage bezeichnete er, in , ruhiger Ergebung in das eisene, unabänderliche Schicksal, durch die feierliche ^ Zurücknahme mehrer seiner Neuerungen, die er, durch bittere Erfahrung belehrt, nun selbst theils als zu frühzeitig, theils als zu unvollständig zu betrachten begann. Den 28. Jänner 1790 verhieß er den Ungarn den gesetz- s mäßigen Reichstag, die Krönung, das Jnauguraldiplom, und setzte die öffent- j liche Verwaltung in Staats- und Rechtssachen wieder in den Stand zurück, ^ ! in welchem sie sich bei seinem Regierungsantritte befunden hatte. Den 13. Februar verlangte der Kaiser das heilige Abendmahl, und ging dem Burgpfarrer, > als derselbe im feierlichen Zuge kam, cs ihm zu reichen, so schwach er war, in , , Uniform bis an die Thür entgegen. Den 15. Früh empfing Joseph das Sacra- , ment der letzten Oelung. Der unerwartete Todesfall der Erzherzogin Elisabeth, seit 1788 die Gemahlin seines geliebten Neffen Fränz, die den 18. Februar 1789 im Wochenbette starb, war das empfindlichste der letzten Leiden des Kaisers. Sie sah ihn noch wenige Tage vor seinem Tode, und mußte sich ohnmächtig von ihm wegtragen lassen, weil sie den Anblick seiner blassen, abgezehrten Gestalt nicht ertragen konnte. Bald darauf empfand sie ihre herannahende Entbindung, gebar mit vielen Schmerzen eine Tochter, die sie nicht lange überlebte, und starb den folgenden Morgen um 6 Uhr. Der Kaiser ordnete die Leichenanstalten für sie noch selbst an, und befahl damit zu eilen, damit für seine Leiche Platz 216 würde. Denselben Tag wurde die heilige Reichskrone Ungarns unter dem Jubel der begleitenden Magyaren von Wien wieder nach Preßbnrg abgeführt. Joseph hatte seine» Bruder und Nachfolger Leopold aus Florenz an sein Sterbebett berufen; da aber die Hoffnung schwand, dessen Ankunft zu erleben, so stellte der Kaiser die Minister- Conserenz wieder her, und übertrug die Unterschrift an seinen Neffen Franz. Zu Mitgliedern derselben ernannte der Kaiser die Fürsten Kaunitz, Starhemberg, Rosenberg und den Grafen Lacy. Den letzten Tag ^ seines Lebens, den 19. Februar, opferte Joseph noch der Freundschaft. Er nah», j Abschied von Lacy und Rosenberg, von der Armee durch den Hofkriegspräsiden- ten, Grafen Hadik, und von dem Zirkel der Wiener Damen, den er gewöhnlich mit Lacy, Rosenberg und dem Fürsten Karl Liechtenstein besuchte, durch einen Brief voll Innigkeit und Seelengroße an die Fürstin von Liechtenstein, Mutter des i» Oesterreichs Geschichte so hochverdienten Johann von Liechtenstein. Dem Fürsten Scaatskanzler Wenzel Kaunitz versicherte er seiner höchsten Achtung und seines Dankes, und empfahl ihm das Vaterland in diesen bedrängten Zeiten. Die arbeitenden Secretäre blieben den ganzen Tag über bei ihm bis um IO Uhr Nachts. Schon um die Mittagszeit hatte der Kaiser eine Anwandlung von Ohnmacht, er ergriff jedoch sein Riechfläschchen und ermunterte sich wieder. Um 10 Uhr entließ er die Secretäre und legte sich zu Bette. Nur ein Kammerdiener durfte an demselben wache», in einem Nebenzimmer aber ruhte» die kaiserlichen Leibärzte Stork und Brambilla, und ein vor wenigen Tagen zum Beichtvater ernannter Geistlicher des Augustiner-Ordens. Der Kaiser fing an zu schlummern, jedoch unterbrochen, unruhig und mit halbem Bewußtseyn, von den > Niederlanden, von Ungarn und Tyrol, von den Türken und Preußen phan- tasirend. Bald ermunterte er sich wieder zu Hellem Bewußtseyn, sprach einige Worte kräftig und bestimmt, fiel wieder in träumende Erschöpfung und ruhte dann sanft. Morgens den 20. Februar uni 5 Uhr wurde er vollkommen wach, fühlte sich jedoch sehr übel. Er verlangte Suppe, man brachte sie und ließ zugleich die Aerzte in das Zimmer treten. Scörk fühlte dem Kaiser de» Puls und fand beinahe keinen mehr. Ohne dem Monarchen diesen bedenklichen Umstand zu entdecken, sagte er bloß, daß der Beichtvater in, Vorzimmer sei, j wenn ihn der Kaiser etwa sprechen wolle. Joseph verstand den Wink und ließ de» Augustiner rufen, der ihm aus einem Erbauungsbuche vorlas. Noch wollte er vo« der gebrachten Suppe etwas nehmen, vermochte es aber nicht mehr. Er sank auf das Bett zurück, hatte etwa fünf Minuten lang Zuckungen und nach halb 6 Uhr Morgens war er verschieden. Bei dem Schalle der großen Glocke zu St. Stephan ging ein Eisesschauer durch alle Herzen der Bewohner Wiens, die der große Kaiser so sehr geliebt und für die er so viel gethan hatte. Alle Leidenschaften und selbstischen Rücksichten schwiegen, man vergaß die unstreitig mancherlei üblen Folgen seiner zum Theil überstürzten Neuerungen, selbst an de» Zustand des Staates, der seit dem Tode der unvergeßlichen Maria Theresia manchen Rückschritt gemacht hatte, ward nicht gedacht; nur die großen 217 Eigenschaften des unsterblichen Kaisers, sein fester Wille, das Glück seiner Unterthanen dauernd zu gründen, bildeten eine Glorie um seinen allverehrten Namen, und Eine Wehmuth, Eine aufrichtige und ungeheuchelte Trauer um seinen Verlust erfüllte alle Gemüther. Jetzt lagen zu gleicher Zeit zwei Leichen des erhabenen Kaiserhauses auf der Bahre, Joseph der regierende Monarch, und Elisabeth, die Gemahlin seines Neffen, des nunmchngen Kronprinzen. Der Kaiser hatte verboten, sowohl ihren, als auch seinen Leichnam zu öffnen, mit dem Beisätze: Beider Krankheit sei zu sichtbar gewesen, man werde also durch die Oeffnung der Leichname nichts weiter lernen. Den 22. Februar wurde der Leichnam des Kaisers in Feldmarschalls-Uniform in der Hofcapelle öffentlich ausgesetzt und noch an demselben Tage um 7 Uhr Abends aus der Burg zu den Kapuzinern auf dem neuen Markte geführt und in der kaiserliche» Gruft mit den üblichen Eere- monien feierlich beigesetzt. Das Testament des Kaisers war ein redender Zug seines einfachen und großen Charakters. Es bestand nur aus sechs Zeilen und enthielt nichts Anderes, als daß er seinen Bruder Leopold zum Universal - Erben erkläre. Das Codicill enthielt die Verfügung, daß seine Secretäre und diejenige» Hofleute, welche unmittelbar seine Person umgeben hatten, lebenslänglich ihren ganzen Gehalt beziehen sollten. Gewiß wird es keinem meiner Leser unangenehm seyn, beim Schluffe dieser Abtheilung Einiges über den Charakter und das gewöhnliche Leben eines so außerordentlichen Monarchen zu erfahren, welchem der österreichische Kaiserstaat , vor Allem aber Wien, so viele weise und zweckmäßige Einrichtungen, so viele Verbesserungen in der Gesetzpfiege und Handhabung, so viele herrliche Anstalten und Gebäude zu danken hat. Wenn es nach dem AuSspruche eines geistreichen Gelehrten äußerst schwierig ist, die Gesinnungen und Lhaten eines so außerordentlichen Regenten, wie Joseph war, richtig zu beurtheilen, da man sich zu diesem Zwecke nothwendig ganz in seine Zeit, seine Lage und Umgebung, in seine Ansichten und Eigenthümlichkeiten, ja mit einem Worte ganz in ihn selbst versetzen müßte, so bleibt doch so viel gewiß, daß Einheit des Staates von Innen und nach Außen das Streben und der Schlußstein seiner großen öffentlichen Laufbahn, ja der Zweck seines ganzen Lebens war. Jede seiner Handlungen trug, wie sein Siegelring und seine Münzen, das Gepräge seines bedeutungsvollen Wahlspruches: Virtulv vt vxemplu (durch kräftigen Muth und Beispiel). Er leuchtete vor und trieb an, und scheute nichts, wo das Gute winkte. Es kann von keinem Glieds des Staates gesagt werde», daß es je für sich selbst so viel gearbeitet und so wenig genossen habe, als dieser große Kaiser für den Staat und von dem Staate. Darum war er so groß- müthig mit seinem Privatgute und so haushälterisch mit dem Staatsvermögen; darum achtete er Vergehungen gegen seine Person für gering und glaubte gegen Vergehungen wider den Staat nicht strenge genug seyn, zu können; darum 218 bemaß er die Zurechnungen minder nach dem bösen Vorsatze und nach den mildernden Umständen, als nach dem Schaden, der für das Allgemeine entstand, oder auch nur hätte entstehen können. Unvergeßlich bleibt in den Annalen Oesterreichs seine selbstvergessende, bis zum letzten Athemzuge unermüdete Thätigkeit, sein, dem geringsten Krieger vorleuchtendes Beispiel von Aufopferung in allen Beschwerden des Krieges, in den Pestsümpfen Sirnüens; seine großartigen Anstalten für Erziehung und Bildung, für die Wohlchätigkeit und für den Kriegsstand, und wenn Jahrhunderte verrollen, so werden ans dem achtzehnten noch Theresia's und Josephs Namen wie heilige Sterne strahlen, den Herzen aller Oesterreicher theure Symbole der Kraft und Milde, wie der Liebe und Gerechtigkeit. Schließlich noch Einiges von des unsterblichen Kaisers Aeußerlichkeiten, die wohl stets an ausgezeichneten Personen interessant erscheinen und nicht selten im innige» Zusammenhänge mit ihrer Charakteristik stehen. Joseph war von mittlerer Größe, sehr gut gebaut, stark und kräftig, ursprünglich in üppiger Gesundheitsfülle blühend. Seine Haare waren lichtbraun, die Nase auf Habsburger Art groß und gebogen, die Augen feurig blan und doch voll sanfte» Schmelzes, so daß ihre Farbe den Wienern noch heut zu Tage als Kaiseraugenblau im Gedächtnis; ist. In späteren Jahren verlor der Kaiser seine frische Gesichtsfarbe, sie wurde rothbraun, und selbst die Züge seines Angesichtes entstellten sich nach und nach durch die übermäßigen Beschwerlichkeiten des Kör- i pers und durch die zunehmenden Leiden der Seele. In seinem Anzuge war Kaiser Joseph immer sehr einfach, aber nett und reinlich. Als Knabe trug er, nach dem Willen seiner Mutter, ausschließlich ungarische Kleidung, als Jüngling das Costume seines Husaren - Regimentes oder deutsche, als Mann ausschließend deutsche Kleidung, entweder die weiße Uniform seines Füsilier-Regimentes mit pompadourrothen Aufschläge», oder noch öfter die grüne seiner Chevaur-Legers mit rothcn Aufschlägen, bei feierlichen Anlässen aber stets die Feldmarschall-Uniform mit allen Orden. Zu Hause oder auf Reise» bediente er sich eines schlichten braunen oder blauen Frackes, nach Beschaffenheit der Jahreszeit auch eines dunklen Ueberrockes; stets aber trug er Stiefeln mit Sporen, eine Frisur, zwei ungekünstelte Seitenlocken und ein kurz abgeschnittenes Toupet mit dem damals üblichen Zopfe. Die Perücke, die er seit 1783 trug, um rheumatischen Kopfübeln zu steuern , benäh»; ihm nicht wenig von der ihm eigenen Grazie. — Seine Stimme war hell und durchdringend, er sprach meist hastig und laut, und wenn er sich ereiferte, was nicht selten geschah, mit starrem glühenden Auge, heraufgezogener Oberlippe, so daß man die Zähne sah. Außer der Musik, der Schaubühne und der Jagd waren nur Reisen Erholung und Vergnügen für ihn. Jeden Morgen ging, ritt oder fuhr er einige Zeit spazieren, Abends besuchte er das Theater oder den erwähnten Damenzirkel. Die Reigerbeize und die Jagd trieb er bis in die letzten Jahre mit Leidenschaft; zweimal kam er in die augenscheinlichste Gefahr, von verfolgten 21S Hirschen gespießt zu werde», die sich gegen ihn und sein Pferd setzten. Bis in daS Jahr seines Todes schlief er bloß auf Strohbetten, und nur mit Mühe brachte man ihn endlich dahin, sich einer Matratze zu bedienen. Um 5 Uhr im Sommer, vor 6 Uhr im Winter stand er auf, zwischen l l und 12 Uhr ging er zu Bette; sein Tag verfloß unter Arbeit ohne Unterlaß, die Tafel wahrte kaum eine Stunde. — So lebte Kaiser Joseph einfach, anspruchlos i Garden, Wachen und äußern Prunk entfernte er, so viel als mit seiner hohen Stellung vertraglich war. Die früher vor dem Monarchen üblichen Kniebeugungen verbot er, als welche nur vor Gott ziemten. Keine Vergleichung mit den größten Männern vor seiner Zeit brauchte Joseph zu scheuen, indessen braucht Josephs Geschichtschreiber (nach Johannes von Müller's gewichtigen Worten) Niemand gegen ihn herunterzu setzen, Niemand gegen ihn zu beneiden; nicht Cäsar war er, nicht Alexander, nicht Trajan und nicht Marc-Aurel, er war Oesterreichs Joseph, an dem die Natur zeigen wollte, daß solche Männer hervorzubringen sie jetzt nicht minder gewaltig ist, als je im hohen Alkerthume. Selbst darin gilt das von Joseph, was derselbe große Mann von Preußens Friedrich gesagt hat: Er war so groß, daß man durchaus frei von ihm reden kann. Kaiser Joseph II. war, wie bereits angedcutet, zweimal vermählt gewesen, ohne Erben zu hinterlassen, folglich gelangte die Secundo-Genitur des österreichischen Hauses in Toscana in gerader Linie zur Nachfolge. Seine erste Gemahlin war Maria Jsabella, Prinzessin von Parma, geb. SI- December 1741, gest. 27. November 1763. Mit ihr hatte er zwei Prinzessinnen erzeugt: die erste, Maria Theresia, wurde geboren den 20. März 1762, und starb den 23. Jänner 17 70; die zweite, Maria Christine, wurde geboren und starb den 22. November 1763. Die zweite Gemahlin Kaiser Josephs war Maria Jo- sepha, Tochter des römischen Kaisers Karl VII., Kurfürsten von Baiern, geb. den 30. März 1739, gest. den 28. Mai 1767. Außer Kaiser Leopold waren bei dem Tode Kaiser Josephs zwei seiner Brüder am Leben: Ferdinand, der als Herzog von Modena die Tertio-Genitur: Oesterreich-Este, stiftete, geb. I. Juni 1754, gest. 24. December 1806, und Maximilian, Kurfürst und Erzbischof von Köln, geb. 8. December 1756, gest. 27. Juli 1801. 1790 — 1805 . eilurrg. Erstes Kapitel. Leopold II. — Convention zu Rcichenbach und ihre Folgen. — Friede zu Szistow. — Tod Leopolds. 12. März I79Ü kam Josephs Nachfolger, Leopold II., der sich IN ^^^einer Reihe von 25 preiswürdigen Regierungsjahren durch die weisesten Einrichtungen und Verbesserungen, die noch heute wohlthätig nachwirken, unsterblich und unvergeßlich in Toscana gemacht hatte, in Wien an und übernahm als König von Ungarn und Böhmen, Erzherzog von Oesterreich rc., die Regierung der Erbstaaten. Noch vor seiner Abreise von Florenz legte er in einer vortrefflich gearbeiteten Schrift Rechenschaft über seine Staats- und Reichsverwaltuug in Toscana ab, durch die er sich als weiser und väterlicher Regent ein unvergängliches Denkmal setzte. Den 6. April hatte die feierliche Erbhuldigung in Wien Statt, und zwar zum letzten Male mit den üblichen Ceremonic» nach uraltem Herkommen. Am Graben sprang nämlich nach Veranstaltung des Magistrates weißer und rother Wein; Brot, Braten und Backwerk, so wie die kleinen Huldigungsmünzen wurden unter das Volk aus- geworfen. An demselben Tage erfolgte die Aufhebung der Josephinischen Steuer-Regulirung und der alte Steuerfuß kain wieder an deren Platz. Im Monate Mai kam auch Leopolds Gemahlin Ludovica mit ihren andern Söhnen in Wien an. Groß war die Aufgabe, die Leopold als Regent der österreichischen Monarchie zu lösen hatte. Er war zu einer Zeit an die Spitze derselben gestellt, wo sich der unermeßliche Staatskörper, für den er zu sorgen hatte, i» großer Verwirrung befand; das Gleichgewicht Europa's durch den Schrecken der französischen Revolution mächtig erschüttert, und der ganze Erdtheil in gegenseitige krampfhafte Spannung gebracht war. Es konnte hier nicht sogleich die Rede von hausväterlicher Güte und Weisheit seyn, mit welcher er Toscana wie eine zahlreiche einige Familie regierte; erst mußten Kriege geendet, Aufruhr gestillt, empörte Gemüther besänftigt werden. Auch in dieser Hinsicht waren Leopolds Maßregeln weise und durchgreifend. Schon den 27. Juli wurde zu Reichenbach mit Preußen eine Convention, so wie mit einer unter Fürsten ungewöhnlichen Entsagung Friede mit den Türken geschlossen. Der Aufruhr in den 221 Niederlanden wurde theils durch die Gewalt der Waffen, theils durch kluge Mäßigung glücklich gestillt, und noch in demselben Jahre schloß Leopolds Minister im Haag, Graf Mcrcy, milden Gesandten der vermittelnden Mächte, Preußen, Großbritannien und Holland, eine Convention, nach welcher den Niederländern vollständige Amnestie und die Herstellung ihrer alten Verfassung und Privilegien, wie sie zur Zeit Maria Theresias bestanden, zugesichert und dadurch dieses Land im Innern durch Leopolds Weisheit und Mäßigung gänzlich beruhigt ward. Den 15. September kam König Ferdinand IV. von Neapel mit seiner Gemahlin und den beiden ältesten Prinzessinnen Maria Theresia und Louise Amalie in Wien an. Den IS. September wurde erster« mit dem Kronprinzen Franz, die zweite mit dem Erzherzog Ferdinand, der nach der Thronbesteigung seines Vaters die Regierung des GroßherzogthumeS ToScana als Secundo- .Genitur übernommen hatte, vermählt. Zugleich wurde auch die Erzherzogin Elementine, zweite Tochter Leopolds, dem neapolitanischen Kronprinzen Franz Januar verehelicht. Die königliche Familie von Neapel blieb durch längere Zeit in Wien und wohnte allen Festlichkeiten bei. Den 9. October wurde Leopold in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt und kam den 22. wieder nach Wien zurück. Den IS. November hatte die feierliche KönigSkrönung zu Preßburg Statt, bei welcher Leopold wieder die alten Vorrechte des Königreiches beschwor, auch in seinem Sohne Leopold Alexander die Würde eines ReichspalatinS wieder herstellte, die seit 1766 unbesetzt geblieben war. Den 20. November hielt Leopold als gekrönter Kaiser und König von Ungarn seinen feierlichen Einzug in Wien, bei welchem große Festlichkeiten Statt fanden. Zum letzten Male wurde bei dieser Gelegenheit auch noch die alte Sitte beobachtet, nach welcher dem Monarchen zwei prachtvolle Triumphpforten, eine auf dem Stockimeisenplatz, die zweite auf dem Kohlmarkte, von der Stadt Wien und dem Handelstande errichtet wurden. DaS Bürger-Regiment zog nach seinem alten Rechte mit fliegende» Fahnen und klingendem Spiele über de» Burgplatz. TagS darauf war Tedeuin bei St. Stephan und eine glänzende Beleuchtung der Stadt und der beiden Triumphpforten, welche den 24. November wiederholt wurde. Als Oberhaupt deS deutschen Reiches verwendete sich Kaiser Leopold bei Ludwig XVI. für die betheiligten Interessen der deutschen Reichsstände im Elsaß; doch ohne bei der Nationalversammlung seinen Zweck zu erreichen, welche nur zur Entschädigung für die klagenden Reichsstände, nicht zur Wiederherstellung des vorigen Zustandes sich geneigt erklärte. Anfangs März I7SI begab sich die königlich-neapolitanische Familie wieder nach Italien zurück, welcher bald darauf auch der Kaiser folgte, um seinem zweitgebornen Sohn, dem Erzherzog Ferdinand, in Florenz persönlich die Regierung von ToScana zu übergeben. Hier erreichten ihn die Nachrichten von den traurigen Vorfällen in Frankreich, wie von der mißlungenen Flucht Ludwigs XVI. aus Paris, von welcher jedoch der Kaiser abgerathen hatte. 222 Nun erließ Leopold aus Padua das berühmte Umlaufschreiben an alle europäischen Hofe, daß sie des französischen Königs Sache als die ihrige ansehen und jede Kraft anstrengen sollten, der alle Throne bedrohenden Zerrüttung und Auflösung durch gemeinsames Zusammenwirken ein Ziel zu setzen. Den 27. April hatte die Zusammenkunft des Kaisers und des Kronprinzen, Erzherzogs Franz, mit dem König von Preuße» und dem Kurfürsten von Sachsen, zu Pillnitz Statt, wo sich auch der Graf von Artois (nachmals Karl X.) und mehre Emigranten einfanden, und wo zwischen Oesterreich und Preußen, in einer neuerlichen Convention, nicht nur die bisher zwischen ihnen bestandenen j Mißverständnisse gehoben, sondern auch im Allgemeinen solche Maßregeln ^ in Beziehung auf Frankreich verabredet wurden, durch welche die Rechte des französischen Thrones mit dem Wohle der Nation verbunden werden könnten. Uebrigens zeigte sich Kaiser Leopold immer geneigt, wo er nur den geringsten Schein von Hoffnung erblickte, den Weg der Güte und Versöhnung einzu-, schlagen. Er war der erste Souverain, welcher die Bewaffnung der Ausgewanderten verbot und die dreifarbige Flagge anerkannte; allein in dem wild bewegten Frankreich hörte man auf keine Stimme der Mäßigung, Krieg gegen alle Könige war das allgemeine Gebrüll der dominirenden Jakobiner.— I7SI wurde die im Jahre 1782 errichtete galizisch-adelige Leibgarde wieder aufgehoben und statt derselben 40 Jünglinge aus jenem Königreiche auf Staatskosten in der Militärakademie zu Wiener-Neustadt erzogen; auch 30 Edelleute als Garden, zwei als Secondwachtmeister, einer als Officier bei der deutschen Garde angestellt. Den 6. Juli hatte zum großen Erstaunen und Vergnügen der Wiener die erste Luftfahrt durch den berühmten Aeronauten Blanchard in Wien Statt. Er erhob sich gegen Mittag im Prater und senkte sich mit seinem Ballon um 1 Uhr Nachmittags bei Großenzersdorf wieder zur Erde. DerZudrang der Zuschauer war unermeßlich. Den IS. August restituirte Kaiser Leopold, um die Wünsche der Landstände und des Publikums zu erfüllen, theilweise die Theresianische Ritterakademie in Wien. Der Kaiser vereinigte mehre adelige und m'ederösterreichisch - ständische Stiftungen mit ihr und nannte sie Theresianisch-Leopoldim'sche Ritterakademie. Sie glich der ursprünglichen Stiftung in dem Aufnahmsjahre, der Uniform und den Geräthschaften, welche die Stiftlinge mit zu bringen hatten; in der Aufsicht des Rectors und der Präfecten jedoch, in dem Unterrichte, dem Besuch der Universität von de» größer» Zöglingen, dann in der Erlernung der andern Wissenschaften für ein bestimmtes Unterrichtsgeld, war sie der Josephinischen ähnlich. Nach Abschluß des Friedens von Szistow mit der Pforte hielt den II. Februar >792 ein neuer türkischer Gesandter seinen feierlichen Einzug von der Schwechat, bei der St. Marrerlinie über den Rennweg, das Glacis nach der Leopoldstadt in Wien, in welch' letzterer Vorstadt er seine Wohnung bezog. Kaiser Leopold suchte fortwährend, mit der angestrengtesten Thätigkeit und dem kräftigsten Willen, Ordnung und Ruhe in allen europäischen Staaten, 223 I bei der immer fortwährenden und wachsenden Erschütterung Frankreichs, zu erhalten. Vieles, was Josephs rascher Geist zu vorschnell zerstört hatte, baute er wieder auf, um den Forderungen des Zeitgeistes mit kluger Mäßigung nach zu geben. Was er in einem, von seinem bisherigen so verschiedenen Wirkungskreise, in einer so bedenklichen Lage, während seiner kurzen Regierungszeit leistete, ist gewiß aller Achtung und Bewunderung werth, und wer könnte ihm in einer so sturmbewegten Zeit, von deren Ereignissen auch die ruhigsten Gemüther hingerissen und auf mancherlei Weise bewegt wurden, vor Allem aber bei den sich allenthalben offenbarenden Einflisterungen französischer Emissäre, die den giftigen Samen der neuen Lehre sorgfältig auszustreuen sich bemühten, wer konnte es dem so wohlwollenden Kaiser verargen, wenn er endlich, gereizt und in allen seinen segensreichen Planen gestört, sich dem Mißtrauen hingab. Den 28 . Februar 1792 wurde Kaiser Leopold von einer Entzündungs- krankheit befallen, die trotz aller angewandten ärztlichen Hilfe so schnell um sich griff, daß er schon am andern Nachmittag, den 1. März 1792 seinen Geist aufgab; zu einer Zeit, als eben die gegenseitige Spannung zwischen Frankreich und Deutschland aufs Höchste gestiegen und die Entscheidung derselben den diplomatischen Unterhandlungen und der anerkannten Friedensliebe des zu früh verewigten Kaisers entzogen wurde. — Kaiser Leopold hatte von seiner Gemahlin Maria Ludovica, die ihm zwei Monate darnach im Tode folgte, folgende Kinder: Maria Theresia, nachmals Königin (Anton) von Sachsen, starb 1827 ; Franz, sein Nachfolger; Ferdinand, Großherzog von Toscana, starb 1824 ; Karl Ludwig, der berühmte Feldherr; Leopold Alexander, Palatin von Ungarn, starb 1795 ; Albrecht, starb 1774 ; Maximilian, starb 1778 ; Joseph Anton, Palatin von Ungarn; Clementine, vermählt mit dem Kronprinzen von Neapel, starb 1801 ; Anton, Hoch- und Deutschmeister, starb 1835 ; Johann Baptist, Director des Geniewesens; Rainer, Vicekönig des lombardisch-venetianischen Königreichs; Ludwig, General- Artillerie-Director, und Rudolph, Cardinal und Erzbischof von Olmütz, > starb 1831 . ! Zweites Kapitel. Franz II. — Verschönerung des Stephansplatzes. — Der erste franzöfische Krieg und dessen Folgen. Nach dem Tode Leopolds II. bestieg dessen ältester Sohn, Franz II., Zögling Josephs, in der Blüthe des Lebens, mit reinem Sinne für Gerechtigkeit und mit Vaterliebe für seine Völker den Thron seiner Ahnen. Mit seiner Thronbesteigung begann der drei und zwanzigjährige Weltkampf gegen die Anmaßungen Frankreichs, der, als nicht zum Hauptzwecke dieses 224 Buches gehörig, wenn auch nicht in allen Details hier aufgeführt, doch wenigstens in seinen Fortschritten und Folgen angedeutet werden muß. Schon den 20. April 1792 erklärte die französische Nationalversammlung dem Könige von Ungarn und Böhmen de» Krieg. Den 25. April hatte die feierliche Erbhuldigung in Wien zwar nach alter Weise Statt, allein Franz, Josephs II. würdiger Nachfolger, verbat sich die bisher üblichen Triumphbogen und verlangte, daß dafür und statt des gewöhnlichen Brot-- und Fleisch- auswerfens und der Wein spendenden Brunnen auf dem Graben, das hiefür bestimmte Geld unter die Armen vertheilt werden sollte. De» 6. Juni geschah in Ofen die feierliche Krönung zum König von Ungarn; den 14. Juli die letzte Kaiserkrönuug in Frankfurt am Main; den 9. August in Prag zum König von Böhmen. Den 19. August hielt der Kaiser und König seinen feierlichen Einzug in Wien. Abends war die Stadt auf das Festlichste beleuchtet, jedoch statt der sonst bei dieser Gelegenheit errichteten Triumphpforten wurde von dem Magistrate, mit Bewilligung des Monarchen, die hiezu bestimmte Geldsumme zu dem Zwecke verwendet, die vielen unansehnlichen Häuschen und Kaufbuden, welche bis dahin den Stephansplatz verstellten und verunzierten, niederreisien, und so den schönen Platz um die Metropolitankirche Herstellen zu lassen. Zum Angedenken dieser höchst wohlthätigen Verfügung wurde von dein geschickte» Künstler Karl Schütz die Ansicht der Stephanskirche mit dem Platze in Kupfer gestochen und dem Kaiser durch eine Deputation des Magistrates überreicht. Dieser Kupferstich hat die Inschrift: »Dem Andenken Franz II., neu gekrönten römischen Kaisers, der durch Erweiterung und Verschönerung dieses Platzes die Bequemlichkeit seiner Bürger, die Zierde seiner Hauptstadt, Ehrenbogen vorzog, gewidmet von den Bürgermeistern, Rathen, und der Bürgerschaft der Stadt Wien im Jahre 1792." Dieses Blatt ist auch bis heute noch die beste und getreueste Abbildung der herrlichen Domkirche und des Thurmes von St. Stephan. Die furchtbaren Ereignisse der in Frankreich wüthend fortschreitenden Revolution hatten besonders im Jahre 1793 die wildeste Wendung genommen. Der Mord des Königs und der Königin, die Schreckensregierung, das Blutbad so vieler tausend unglücklichen Opfer der Parteiwuth bezeichneten das verhängnisvolle Jahr. Bereits im November 1792 hatte das deutsche Reich den Reichskrieg gegen Frankreich beschlossen. Kaiser Franz war persönlich bei der Armee in den Niederlanden zugegen, die sich unter seinen Augen durch glänzende Waffenthaten auszeichnete. Der humane Kaiser dachte zu schonend, um durch eine Kriegssteuer die nöthigen großen Kosten des erbitterten Kampfes zu decken. Mit der edelmüthigsten Aufopferung bestritt er durch zwei Jahre dieselben aus seinem und seiner Familie Privatvermögen, ja er ließ zu diesem Zwecke das in der Schatzkammer befindliche große goldene Tafel - Service einschmelzen und in Münze verwandeln. Solch' edles und erhabenes Beispiel wirkte mächtig auf die Herzen seiner Unterthanen. Nebst unzähligen Privatbeiträgen 225 zeichneten sich besonders sämmtliche bürgerliche Innungen und Zünfte dadurch aus, dasi sie, nebst reichlichen freiwilligen Beiträgen an Geld, alle ihre grosicn silbernen Willkommsbecher dem Staate zur Deckung der Kriegskosten zum Opfer brachten. Gerührt über diese schöne patriotische Handlung, ertheilte der Kaiser den 7. April dem bürgerlichen Officiers - Corps, ihren Obersten, den würdigen Bürgermeister Hört an der Spitze, und den Vorstehern der Innungen eine feierliche Audienz und übergab ihnen, als Denkmal seiner Huld und seines Dankes, eigenhändig einen prachtvollen silbernen, mit des Monarchen Bildniß und reicher Vergoldung gezierten Becher, mit der Inschrift inwendig auf dem Deckel: »Zum ewigen Andenken der besonder« Liebe aller bürgerlichen Innungen, Meister und Gesellen in Wien, für Ihn und ihr Vaterland, und zum Beweise seiner Gegenliebe und Erkenntlichkeit, widmet Franz II. diesen Becher allen seinen lieben Bürgern 1793." Darauf wurde das bürgerliche Officiers-Corps und alle Jnnungsvorsteher im großen Redouren- saale mit einem prachtvollen Mittagsmahle bewirthel, während welchem der Kaiser mit der Kaiserin erschien und mündlich seine innige Zufriedenheit aus- drückke. Der Bürgermeister trank aus dem neuen Becher die Gesundheit des Kaiserpaares, die mit Jauchzen vom Munde der Anwesenden wiederhallte. Das kostbare Ehrengeschenk aber wurde sodann zum ewigen Angedenken im bürgerlichen Zeughause aufbewahrt. Den 19. April wurde die Kaiserin von dem Erbprinzen Ferdinand, gegenwärtig regierendem Kaiser, entbunden, und diese frohe Begebenheit durch mancherlei Feste und den allgemeinen Jubel des Volkes gefeiert. Zur selben Zeit entstand durch Anregung des Fürsten Karl v. Liechtenstein, und mit thätiger Beihilfe des Adels und der Bürgerschaft, das österreichisch - steyerisch -Wurmser'sche Freicorps, das von Oesterreichs Adel und Wiens Bürgerschaft unterhalten wurde, und sich im Feldzuge dieses Jahres mehrmals rühmlich auszeichnete.—Gegen das Ende Januars >794 zeigte sich in Wien ein bisher unerhört schneller Temperarurwechsel. Das Barometer, welches den 22. auf 29 Zoll 10 Punkte stand, siel bis 25. auf 27 Zoll 8 Linien 5 Punkte. Den 25. zur Nachtzeit erhob sich ein furchtbarer Sturm, ^ der wieder ein Steigen des Barometers zur Folge hatte. Den 6. Februar , spürte man in Wien ein schwankendes Erdbeben, das etwa acht Secunden j anhielt, jedoch aber ohne Schaden ablief. Die nahen Berge zeigten sich bei l dieser Naturerscheinung ganz in Nebel eingehüllt. Der Winter war übri- ! gens in diesem Jahre äußerst gelinde, das Thermometer fiel nur an sechs 1 Tagen unter den Eispunkt, die größte Kälte erreichte nur fünf Grad. Der Sommer war hingegen sehr heiß, den 26. Juni stieg das Thermometer über 26 Grad und die Hitze hielt gleichmäßig bis Ende August an. — Der Krieg nahm gegen Ende 1794 eine weniger günstige Wendung. Das französische Aufgebot in Masse hemmte die Fortschritte der verbündeten Heere. Die Niederlande gingen verloren, wodurch Holland und das linke Rheinufer preisgegeben war. Preußen, Spanien und Hessen trennten sich von der allgemeinen Coalition 15 226 und schlosse» Separat-Friedcnsverträge mit den« National-Convente, wodurch Oesterreich genöthigt war, in Verbindung mir der Reichsarmee, den Kampf allein forkzusetze». Im Spatjahre 1794 hatte sich, angefacht durch falsch verstandene, sogenannte liberale Ideen, durch Einflisterungen französischer Emissäre, und verblüfft von den erstannenswerchen Fortschritten der französischen Waffen, j wie mehrfach in ganz Deutschland, auch die erste und einzige Verschwörung ! einiger Schwindelköpfe, jedoch nicht aus den geringsten Classen, in Wien anqesponnen. Zum Glück wurde diese jedoch im ersten Keime entdeckt, die Nerräther eingezogen und der verdienten Strafe überliefert. In den ersten Monaten des Jahres 1795 wurden dieselben theils am Leben, theils durch Ausstellung auf der Schandbühne und durch Festungsarrest und Landesverweisung bestraft. Das mit dem regsten Abscheu und Befremden über solche ungewohnte Verbrechen verbundene, ruhige Benehmen des Volkes bei diesen Acten der Gerechtigkeit zeigte hinlänglich, daß derlei Plane in Oesterreich in > keinem Augenblicke nur die geringste Popularität oder irgend eine beunruhigende ! Ausbreitung gewinnen konnten, daß sie eben so sehr dem gesammten Volke, als dem edleren Theile desselben fremd geblieben waren und daß irgend ei» Versuch zur Wiederholling durchaus unmöglich sei. Leider erhielt durch dieses verab-- scheuungswürdige und auch allgemein verabscheute Ereigniß der gesellschaftliche Umgang in Wien eine unangenehme und mißtrauische Stimmung, die noch lange nachher fortdauerte. — Anfangs 1795 wurde auf den Vorschlag mehrer patriotisch gesinnter Männer, worunter besonders Graf Anton Appony, der Wiener Großhändler Bernhard von Tschoffen und der Hofagent Reiter zu nennen, der Wiener--Neustädter Schifffahrts-Lanal mit kaiserlicher Genehmigung zu bauen angefangen, um den Transport der Steinkohlen und des Holzes zu erleichtern. In der Folge geschah die Ausführung dieser Unternehmung auf kaiserliche Rechnung. Anfangs 1796 wurde in Wien eine eigene Studien-Hofcomniiffion errichtet. Den 9. Januar dieses Jahres kam die französische Prinzessin Maria Theresia, nachherige Herzogin von Angouleme, Tochter Ludwig XVI. und der Königin Maria Antoinette, in Wien an, nachdem sie gegen die von dein General Dumouriez an Oesterreich überlieferten französischen Convent-Deputirten ausgewechselt worden war. Sie blieb einige Jahre daselbst. Zu derselbe» Zeit legte der als Sieger in mehren Schlachten und durch die Eroberung von Mainz ruhmgekrönte Feldherr, Graf Clerfayt, den Oberbefehl in der Armee nieder, welchen zuerst der als Feldherr, Gelehrter und Mensch im edelsten Sinne des Wortes gleich ausgezeichnete Erzherzog Karl, der würdigste Nebenbuhler Napoleons, übernahm. Den 1. September 1796 brannte das in der Weißgärber-Vorstadt gelc- ^ gene Hetz-Amphitheater, seit langen Jahren ein Lieblingsschauspiel der Wiener, ! bis auf den Grund ab. Das Feuer brach um acht Uhr Abends in einer dazu gehörigen Scheune aus und griff, da sämmtliche Gebäude fast ganz von Holz 227 waren, so schnell nm sich, dasi an keine Rettung zu denken war. Alle die zahlreichen, zum Theile auch sehr kostspieligen Thiere, unter andern auch zwei Löwen, ein Tiger, ein Panther, eine Hyäne und mehre grosie Bären, kamen unter furchtbarem Gebrülle in den Flammen um, nur zwei retteten sich. Ein schlauer Fuchs vergrub sich mitten auf dem Hetzplatze in die Erde, und lauerte, bis die Gefahr vorüber war; der Auerstier aber trabte furchtsam davon und stellte sich freiwillig in den Ochsenstall eines Fleischhauers ein. Nur durch die unvergleichlichen Löschanstaltcn wurde die Vorstadt gerettet, die ,'n der größten Gefahr schwebte; auch verlor kein Mensch das Leben dabei, obschon viele bei dem große» Zulaufe und dem verwirrten Hin- und Herwogen mehr oder minder beschädigt wurden. Drittes Kapitel. Die Wiener Freiwillige». — Feindesgefahr. — Das allgemeine Aufgebot. — Vertheidigungs- > maßregeln. — Friede zu Campo Formio. > i Bei den siegreichen Fortschritten der französischen Waffen in Italien 1796 wurde noch zu Ende dieses Jahres dem Kaiser Franz von mehren patriotischen ! Bürgern Wiens, den Altgrafcn Hugo Salm-Reifferscheid und den Grafen j ! Wenzel Paar an ihrer Spitze, ein genialer Plan zur Volksbewaffnung und ! ! zur Heranbildung der verschiedenen Classen der Nation zum Waffenstande i ! vorgelegt und genehmigt. Die beiden Grafen sammelten die Unterschriften i ^ und schnell waren an 11,000 Angeworbene beisammen, die vom Staate nichts > ! forderten, als Waffen; das klebrige aber thcils selbst, theils durch Beiträge Anderer bestritten. Der damalige Regierungspräsident Graf Saurau beförderte mit rastloser Thätigkeit dieses edle und patriotische Unternehmen. Es ! wurde ein 1400 Mann starkes leichtes Fuselier-Bataillon unter dem Namen: Corps der Wiener Freiwilligen, gebildet, das unter Anderem auch die Begünstigung genoß, den Grenadiermarsch schlagen zu dürfen und für die darin dienenden Beamten und Studirenden, die sich in großer Anzahl dazu gemeldet hatten, ihre Gehalte und Stipendien während ihrer kriegerischen Dienstleistung beizubehalten. I» Stockerau war der Sammelplatz, der Commandant desselben Major Kowosdy. Die Fahnenweihe hatte mit rührender Feierlichkeit ! auf dem Glacis zu Wien Statt. Das Corps marschirte sodann über Klagen- furt und Brsren nach Trient zum Heere des Feldzeugmeisters Alvinzy, welches den, durch die Schlacht von Arcole mißlungenen Entsatz Mantua's neuerdings versuchen wollte. Hier kam es unter das Commando deS Generals Provera und zeichnete sich bei Bevilagua und Minerbe, bei dem Etsch-Übergang und unter den Mauern der Vorstadt von Mantua, San Giorgio, auf das Heldenmüthigste aus. Am letztgenannte» Orte wurde jedoch der ganze linke Flügel der Armee, bei welchem es sich befand, durch die Niederlage bei Rivoli 15 * 228 I abgeschnitten und mußte, gleich diesem, das Gewehr strecken; ein Umstand, ^ der den Franzosen so merkwürdig schien, daß sie desselben in ihren Kriegs- > berichten als einer höchst ehrenvollen Trophäe ihres Sieges erwähnten. Nach ^ einem kurzen Aufenthalte in Legnago und Castellara wurden die Tapfer» , wieder ausgewechselt und begaben sich in ihre Heimat zurück. Nachdem den ! 2. Februar 1797 die wichtige Festung Mantua in die Hände der Franzosen gefallen war, drang General Bonaparte, dessen seltener Glücksstern in Italien aufzugehen begann, über die Piave und den Tagliamento; ihm ent- ! gegen stand nur der Erzherzog Karl mit den Trümmern des bei Rivoli geschlagenen Alvinzy'schen Heeres und die Gefahr zeigte sich im höchsten Grade dro- ! hend für die Erbstaaten, ja selbst für Wien. Bereits mit Anfang April waren ^ die siegenden Feinde schon in das Innere von Sleyermark eingedrungen. Die ersten Nachrichten davon verursachten große Bestürzung in der Hauptstadt der ^ Monarchie; viele Adelige und Reiche reiseten ab; die Schulen und einige Tassen wurden gesperrt. Der Regierungspräsident Graf Saurau forderte den 4. April Wiens Bürger, falls alle Bemühungen zum Frieden, an welchem gearbeitet wurde, fehlschlügen, dazu auf, jene muthvolle Treue wieder zu beweisen, welche ihre Altvordern in so mancher drohenden Gefahr siegreich bewiesen hatten. Ein allgemeiner Landsturm in den Vierteln ober und unter dem Wiener Wald, so wie die schnelle Approvisionirung Wiens und die Anlegung eines großen verschanzten Lagers wurde zur Vertheidigung der Stadt und des Landes beschlossen; zu gleichem Zwecke wurde die ungarische Jnsur- rectio» aufgebocen. Der Aufruf erweckte allgemeine Begeisterung; die Einschreibung zur Landesvertheidigung hatte den erwünschtesten und schnellsten Fortgang. Die Bürger, welche ihr Eid zur persönlichen Vertheidigung verband, stellten sich selbst oder ihre Söhne, Diener und Geselle», welche sie auf ihre Kosten kleideten, bewaffneten und verpflegten. Zugleich fing man auch an, große Quantitäten Mehl, Hafer, Heu und Stroh, Speck, Essig, Käse, Hülsenfrüchte, Wein und Branntwein, mit Einem Worte, alle nöthigen Belagerungsbedürfnisse in feuerfeste Gewölbe der Stadt zu bringen. Die Studenten, von dem damaligen Rector Magnificus, dem berühmten Quarin angeeifert, traten scharenweise in die Reihen der edlen Landesvertheidiger. Der eben in Wien angelangte Commandirende von Inner-Oesterreich, Herzog Ferdinand von Wür- lemberg, ließ sich als Freiwilliger zum Aufgebot einschreibe» und gewann durch seinen glühenden Eifer und die zweckmäßigsten Förderungen dieser patriotischen Maßregel allgemeine Achtung und Anhänglichkeit, so daß Kaiser Franz nur den Wünschen des Volkes zuvorkam, als er den Herzog zum Oberbefehlshaber des Aufgebotes ernannte. Den 8. April wurde ein öffentlicher Befehl in Wien angeschlagen, daß die Bancozettel, das seit Maria Theresia in Oesterreich eingeführte Papiergeld, wie bisher bei allen Staatskassen nach ihrem Nennwerthe angenommen werden; daß sie demnach, auch im Privatverkehre als bares Geld angenommen werden müssen; daß Jedermann größere in 22S kleinere verwechseln könne und daß, nach dem Verhältnis; der verlangten Summe, dieselbe durch fünf bis zu fünf und zwanzig Gulden in klingender Münze vollzählig gemacht werde. Zugleich erging auch eine Kundmachung, wodurch alle Fremden aus Wien abgeschafft und ihnen Böhmen, Mähren und Galizien zum Aufenthalte angewiesen wurden. Eben so wurde durch eine Kundmachung im Namen des Kaisers jeder Bürgerswitwe, deren Manu bei gegenwärtigen Umständen vor dem Feinde bliebe und der kein eigenes Vermögen besäße, eine lebenslängliche Pension zugesichcrt, und auch Ersatz für die durch die Vertheidigungsanstalten an den Häusern verursachten Beschädigungen versprochen. Schon den I I. April rückten über 1000 Studenten und bei 7300 Freiwillige auf das Glacis und paradirten vor dem Kaiser und der Kaiserin. Den 12. April waren bereits 37,000 Mann ausgezeichnet; viele dar- ! unter konnten jedoch trotz ihres Eifers aus Mangel an Waffen nicht eintreteu. Zur vollständigen Equipirung wurden nun sowohl Waffen als Pferde von den Privaten abgefordert. Die Vertheidigungsmaßregeln wurden rasch betrieben, ^ die Zugbrücken vor den Thoren in guten Stand gesetzt, der bedeckte Weg mit Paliffaden geschützt, selbst die Linien um die Vorstädte gegen einen ersten Anlauf gesichert. Schon war auch im Antrag, die schönen Alleen um das Glacis umzuhauen, nur die ernste Verbürgung des damaligen Stadt-Unter- kämmerers, nachmaligen Bürgermeisters Wohlleben, daß dieselben beim Eintritt einer wirklichen Belagerungsgefahr sogleich weggeschafft werden würden, rettete diese schöne Zierde der Stadt. Obschon bereits den S. April die Nach- ! richt von dem zwischen dem Erzherzog Karl und Bonaparte abgeschlossenen ! Waffenstillstand zu Judenburg in Wien anlangte, so wurden doch die Ver- rheidigungsaustalten fortgesetzt. Den 14. rückte die Mannschaft, 32,000 Mann stark, in die am Wienerberge, im Prater und in der Brigittenau durch mehr als 14,000 Arbeiter aus allen Ständen schnell angelegten Ver- schanzungen ein. Die Mitglieder der Akademie der bildenden Künste unter ihrem wackern Director Jacob Matthäus Schmuzer, schloffen sich ebenfalls den ! Reihen der Landesvertheidiger an; die Werbung der niederösterreichischen Stände für ein eigenes Corps, jene des Fürsten Johann von Liechtenstein für die Rei- ! terei des Aufgebotes, hatten die erwünschtesten Folgen. Die Mitglieder des ! Handelstandes griffen ebenfalls zahlreich zu den Waffen; der Adel, die Bürger , Reiche und Arme wetteiferten, sich an Gemeinsinn zu übertreffen. Gleichen Erfolg hatte das Aufgebot auch auf dem flachen Lande gehabt, wobei jede Gemeinde eine eigene Corporation bildete. Besonder» Eifer hatte die Innung der bürgerlichen Tischler in Wien an den Tag gelegt, welche fünf Compagnien, bei 1500 Mann stark, unter Waffen stellte, die sich durch einen besondern Eid verbunden hatten, nicht von einander zu weichen und jeden Fei- ^ gen für immer aus ihrer Mitte auszuschließen. Sie erhielten bei dieser Gele- j genheit eine eigene Aufgebotsfahne, die sie noch jetzt bei der Frohnleichnams- j procession führen. Den 16. April, am Oster-Sonntag, rückte der Rest dsr i kaiserlichen Armee mit einem großen Zuge Artillerie in das verschanzte Lager. Den 17. April hatte auf dem Glacis vom Schotten- bis zum Stubenthore > die feierliche Fahnenweihe durch den damaligen Wiener Weihbischof, Grafen i Arzt und Vassegg, in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin» Statt. Die Mannschaft formirte dort einen Halbmond um das eigens zu diesem Zwecke errichtete Capellenzelt, wo um 10 Uhr eine Messe gelesen, die Fahne» geweiht und auch der Diensteid abgelegt wurde. Um 12 Uhr begann der Ausmarsch zur Nußdorfer Linie. Voraus die beiden schönen Schwadronen Reiterei, dann das Universitäts-Corps mit den, ihm noch von der letzten türkischen Belagerung zustehenden Fahnen, darauf sieben starke Brigaden und ein auserlesenes Iägercorps. Das Hauptquartier kam nach Klosterneuburg und der Marsch sollte nun weiter über Lilienfeld bis nach Steyermark fortgesetzt werden. — Die Lage der Dinge hatte sich jedoch indessen wesentlich verändert. Den 18. April waren zu Leoben die Friedenspräliminarien unterzeichnet worden; in Folge dessen kehrte das Aufgebot den 3. Mai wieder nach Wien zurück. Es stellte sich auf dem Glacis zwischen dem Schotten- und Burgthore in drei Treffen auf. Mit einer kraftvollen und rührenden Anrede entlief? nun der ! Herzog von Württemberg die ganze Mannschaft und ertheilte ihrem Patriotismus, wie ihrer musterhaften Ordnungsliebe und Sittlichkeit das schönste Zeugnis;. Die Brigaden begaben sich nun auf ihre Versammlungsplätze, ^ die Waffen wurden abgegeben und Jeder kehrte ruhig zu de» Seinigen zurück. Die Anführer und Beförderer des Aufgebotes erhielten von dem Kaiser mancherlei Gnadenbezeigungen; auch wurde dem Herzog von Württemberg i und dem Grafen Saurau von dem Wiener Magistrate das Bürgerrecht ertheilt, wofür Jeder derselben dem Magistrate einen großen silbernen Pokal mit paffenden Inschriften verehrte, welche fortan bei den übrigen Denkwürdigkeiten der Stadt aufbewahrt werden. Auch wurden die Bildnisse dieser beiden ausgezeichneten Patrioten in dem Rathssaale der Universität, so wie auch im bürgerlichen Zeughause aufgestellt. Im Juli und September darauf wurden die Ehrenmedaillen, welche der Kaiser eigens für die Aufgebot-Mannschaft hatte prägen lassen, sämmtlichen Mitgliedern derselben mit dem Zugeständnisse ausgetheilt, diese Medaillen an einem schwarz und gelbseidenen Bande auf Lebenszeit zu tragen. Der Herzog von Würtemberg, Graf Sau- rau, die Kreishauptleute und Regierungsräthe, so wie die Professoren der ! Universitälsbrigade erhielten goldene, die Officiere große und die Mannschaft kleinere silberne Medaillen. Auf dem Avers derselben war das Bildnis; des . Kaisers mit der Umschrift: Franz II., römischer Kaiser, Erzherzog von Oesterreich; auf dem Revers in einem Kranze von Eichenblättern die Worte: Den biedern Söhnen Oesterreichs des Landesvaters Dank. Noch verdient bemerkt zu werden, daß die bei Gelegenheit des Aufgebotes von allen Seiten zuge- ! strömten Geldbeiträge so reichlich waren, das; 1798 von dem Ueberreste derselben die häßlichen, stinkenden Gräben, rechts und links der Fahrstraße durch 231 die Jägerzeile in den Prater, in gedeckte Canäle verwandelt, ihnen ein regelmäßiger Ausstich in die nahe Donau gegeben und dadurch einem schon lange schmerzlich gefühlten Ucbelstande abgeholfen wurde. Viertes Kapitel. Die dreifarbige Kahne. — Zweiter französischer Krieg. — Friede zu Luneville. Die Witterung im Sommer 1797 war ungemein heiß, das Thermometer wechselte in den Monaten Juni und Juli zwischen 25 und 27 Grad, weshalb es auch ein vortreffliches Weinjahr wurde. Im October riß in Wien auf . einmal eine höchst sonderbare Seuche unter den Katzen ein, deren viele Hunderte zum Opfer wurden. Diese Hausthiere wurden auf einmal traurig, verloren die Eßlust, schwollen an, bekamen Erbrechen und Durchfall, und starben ! ohne wüthend zu werden oder Jemand im Geringsten zu beschädigen. Weder auf andere Hausthiere, »och auf Menschen hatte indessen diese Seuche den mindesten Einfluß. Ich führe dieses sonderbare Ereignis; hauptsächlich deshalb ! an, weil mir diese Krankheit viele Aehnlichkeit mit der, freilich viel später bekannt gewordenen Brechruhr zu haben scheint, die ja in Indien auch zuerst nur Thiere und namentlich Katzen ergriff. Nachdem Kaiser Franz im December dieses Jahres die Theresianische l Ritter-Akademie wieder vollständig nach dem Plane seiner Großmutter hergestellt hatte, ward in demselben Monat auch das von dem Monarchen mit besonderer Vorliebe neu angelegte und reich ausgestattete zovlogisch-physicalisch-astronomifche Cabinet auf dem Josephsplatz zum ersten Male dem Publicum eröffnet. Ten 7. December überbrachte Fürst Moriz von Liechtenstein die Natisications-Urknn- ! den des am 17. October zu Campo Formio geschlossenen ersten Friedens mir ! der französischen Republik, durch welchen Oesterreich die Niederlande und die j Lombardie verlor, aber dafür Venedig mir Istrien und Dalmatien erwarb. In Folge dieses Friedensschlusses kam de» 8. Februar 1798 unvermuthet der General Bernadotte (nunmehriger König von Schwede») als Botschafter der französischen Republik in Wien an und bezog als Gesandtschafts-Hotel das nachmals Geymüller'sche Haus Nr. 272 in der Wallnerstraße. Bei einem Hochzeitfcste, welches der Gesandte den 15. April einem seiner Secretäre gab, wurde man plötzlich die dreifarbige Fahne auf dem Balten jenes Hauses gewahr. Diese ungewohnte und unerwartete Erscheinung lockte eine Menge Neugieriger herbei, die sich in Muthmaßungen darüber erschöpfte und endlich in der Meinung zusammenrraf, es sei auf ei» Zeichen zu einer revolutionären Bewegung angesehen. Der Volkshaufe vermehrte sich immer mehr und mehr, und war schon zu Tausenden angewachsen. Anfangs machte er seiner Indignation blos durch erbitterte Worte Luft, die sich endlich bis zum Tumulte steigerten. Die Polizei schickte zwei angesehene Beamte 232 hin, um den Botschafter durch höfliche Vorstellungen zur Einziehung der Fahne zu bewegen. Da er es jedoch verweigerte, erreichte der Zorn des Volkes den höchsten Grad. Man forderte wüthend die Entfernung des verhafte» Zeichens und da demselben nicht Folge geleistet wurde, so warf man aus Mangel an Steinen mit Kupfermünzen dieFenster ein, stieß das Hausthor mit Brunnenröhren ein und riß die Fahne vom Balcon. Der Volkshaufe drang nun in das Haus, nahm einige unbedeutende Sachen aus demselben und schleppte sie nebst der Fahne durch einige Gassen nach der Freiung, machte auf offenem Platze schnell ein Feuer und verbrannte sie mit Triumphgeschrei. Mittlerweile hatten sich die Polizeibeamten auf dein Platze versammelt und das Militär rückte an, die Ordnung wurde jedoch erst am folgenden Morgen wieder hergestellt, da die Thore gesperrt wurden und die ganze Garnison unter Waffen trat. Der Botschafter hatte indessen den IS. April seine Abschiedsaudienz beim Kaiser und wurde von seinem Hotel über den Kohlmarkt und Michaelsplatz bis an die Treppen der Hofburg, ja bis in das kaiserliche Audienzzimmer durch eine Spalier von Grenadieren geschützt. Die Plätze waren mit starken Cavallerie- posten besetzt. Das Volk, obschon es in großen Scharen zusammengeströml war, verhielt sich indessen vollkommen ruhig und schweigend. Noch an demselben Tage reisete der Botschafter unter starker Cavallerie-Bedeckung von Wien ab. Da bei Gelegenheit des Aufgebotes verordnet wurde, daß der 17. April künftig alljährlich als ein politischer Festtag gefeiert werden sollte, so wurde zwei Tage nach der obigen Begebenheit die erste Jahresfeier zwar unter ungeheurem Volkszulaufe, doch ohne die mindeste Störung begangen; ein neuer jener unzählbaren Beweise, daß dem Oesterreicher Ehrfurcht und Ergebenheit gegen das Gesetz und den Fürsten, aber auch gerechte Indignation gegen jeden, auch nur anscheinenden Versuch einer Aufwiegelung gegen dieselben angeboren sei. Den 24. Juni 1798 starb zu Wien die durch ihre vorzüglichen Geistesgaben und ihre Wohlthätigkeit allgemein so hochgeschätzte Erzherzogin» Maria Christine, Tochter Mana TheresienS und Gemahlin des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen. Viele der nützlichsten Stiftungen und Anstalten haben dieser Fürstin das Daseyn zu verdanken, worunter sich vor Allem die so höchst wohlthätige Wasserleitung aus mehren Bergquellen hinter Hütteldorf bis in die lonst fühlbaren Wassermangel leidenden Wiener Vorstädte Mariahilf, Neubau, Schottenfeld rc. auszeichnet, wozu die Erzherzogin in ihrem Testamente ein beträchtliches Legat bestimmte und deren Ausführung ihr Gemahl in der Folge mit königlicher Freigebigkeit zu Stande brachte. Große Verdienste um diese gemeinnützige Unternehmung erwarb sich auch der damalige Stadt-Unter- kämmerer Wohlleben, welcher im Hütteldorfer Gebirge geeignete Quellen dazu entdeckte und überhaupt thätig dabei mitwirkte. Der Winter des Jahres 17S8 war ungemein streng und die große Kälte dauerte bis Januar und Februar 1799 fort. De» 26. December des ersteren 233 Jahres stand das Thermometer über 18 Grad unter dem Eispunct, der tiefste i Stand, den man je in Wien erlebte, seitdem Beobachtungen dieser Art gemacht wurden. Gegen Ende Februar aber trat plötzliches Thauwetter ein und das häufige Eis auf der Donau verstopfte den Ablauf des Wassers so, dafi es mächtig austrat und nicht nur viele Ortschaften am Marchfeld, sondern auch 1 die nahe der Donau liegenden Vorstädte überschwemmte, ja selbst durch das Schanzelthor in die Rothenthurmstraße, auf den Fischmarkt und Salzgries in die Stadt selbst eindrang. Durch die Vorsorge des Kaisers, der durch seine persönliche Gegenwart alle Anstalten belebte, wurde vieles Unheil verhütet, und der Monarch, so wie der Adel und die Bürgerschaft spendeten der ärmeren Elaste in den überschwemmten Vorstädten reiche Gaben, um der dringenden Noth zu steuern. Durch die willkürlichen Verfügungen Frankreichs in Italien bildete sich ! unter Englands Vermittelung 1799^:ine neue Coalition zwischen Oesterreich und Rußland gegen Frankreich, irr Folge der im März russische Hilfscolonnen j durch Wien und seine nächsten Umgebungen nach Italien zogen, das zum Kriegsschauplätze bestimmt war. Die gute Haltung dieser Truppen, besonders aber die ungewohnte und eigenthümliche Erscheinung der Kosaken, machten damals viel Aufsehen und man ergötzte sich an dem treuherzigen, originellen Benehmen dieser asiatischen bärtigen Natursöhne, mit ihrer sonderbaren Nationalkleidung und den haushohen Lanzen. Im Mai dieses Jahres wurden zuerst bei der Taborbrücke zwei große Badehäuser auf Kosten der Regierung errichtet, eines für Männer, das andere für Frauenzimmer, die sich deren unentgeltlich - bedienen konnten; dagegen wurde das Baden in der offenen Donau streng ^ verboten. Zu selber Zeit entstand auch durch die thätige Verwendung Wohllebens eine Wasserleitung aus den Quellen bei Ottakrin und Hernals, mit ! drei öffentlichen Wasserbehältern, wodurch nicht allein das allgemeine Krankenhaus, das Militärspital und das Waisenhaus besser mit Wasser versehen, ' sondern auch dem oft eintretenden Wassermangel in der Alser- und Währin- gergasse abgeholfen wurde. Die dazu nöthigen, großen Kosten wurden theils ' durch freiwillige Beiträge, theils von den Wiener Großhändlern bestritten. ! Der Krieg wurde 1799 mit vielem Glücke geführt, die Franzosen waren ! fast aus ganz Italien vertrieben; Mailand und die wichtigsten Festungen ! > fiele» dem österreichisch-russischen Heere in die Hände. Den 26. September i i aber erfocht der französische Marschall Massena bei Zürich einen bedeutenden l Sieg, wodurch die russische Armee fast aufgelöset und Erzherzog Karl, der ^ bis an den Rhein vorgeschritten war, gezwungen wurde, sich an die schweizerische Grenze zurück zu ziehen. ! Den 1. November 1799 erschien in Wien ein kaiserliches Patent, ! wodurch zur Deckung der bedeutenden Kriegskosten die sogenannte Classen- steuer eingeführt wurde, mittelst welcher alle Einwohner nach ihren: Einkommen, Vermögen und Verdienst in Classen getheilt und nach Verhältniß 234 besteuert wurden. Mittlerweile hatten zwar die österreichischen Corps unter Melas und Kray wieder einige Vortheile in Italien errungen, allein die Ankunft des zum ersten Consul ernannten Generals Bonaparte bei der französischen Armee in Italien gab der Lage der Dinge schnell eine andere Wendung. Nach der Schlacht bei Marengo (14. Juni 1800) fiel ganz Italien I wieder in die Gewalt der Franzosen, und die aus ihrem Reiche vertriebene Köni- ^ gin Karoline von Neapel kam mit dem größten Theile ihrer Familie bereits im ! August in Wien an. Durch die Schlacht bei Hohenlinden (5. December 1800) wurde dem Feinde abermals der Weg nach Oesterreich geöffnet , die Franzosen rückten unaufgchalten vorwärts und bedrohten noch im December neuerdings die Hauptstadt. Es wurden zwar mehre Friedensvorschläge gemacht, aber immer von einer, wie von der andern Seite wieder verworfen. Der zweimal geschlossene Waffenstillstand wurde jederzeit von den Franzosen wieder aufgekündigt, und schon zogen sich die kaiserlichen Truppen gegen die Enns zurück. Bei dieser augenscheinlichen Gefahr für Wien wurden daselbst wieder alle Sicher- hcits- und Vertheidigungsanstalten, wie 1797, getroffen. Schon Anfangs December waren die Wiener Freiwilligen mit der Garnison von Wien zur Armee aufgebrochen , die sie jedoch bereits auf dem Rückzuge fanden. Die Stadt Wien wurde mit Belagerungsvorräthen versehen, das Publicum zu Beiträgen an Waffen und Geld aufgefordert, die auch reichlich dargebracht wurden. Alle Pferde wurden beschrieben, die Fremden wieder von Wien abgeschafft. De» 27. und 28. December zogen die zahlreichen Truvpen der ungarischen Jnsurrection, von den nächst gelegenen Comitaten, durch Wien und wurden in der Umgebung bequartiert. Auch wurde Ende December wieder das allgemeine Aufgebot angeordnet, und an den Schanzen thätig gearbeitet. Den 31. December erschien eine Ankündigung, daß das Hauptquartier der österreichischen Armee nach Schönbrunn verlegt sei; zugleich wurden die Bewohner Wiens und des umliegenden Landes anfgefordert, der nahestehenden Armee, welche durch die beschwerlichsten Märsche und alle erdenklichen Ungemächlichkeiten bei der rauhen Winterszeit im höchsten Grad ermüdet sei, und an den meisten Lebensbedürfnissen empfindlichen Mangel leide, mit Beiträgen an Geld, Lebensmitteln, Wein, Branntwein, Wäsche, Kleidungsstücken, Heilmitteln, Feldgeräthschaften, Spitalersordernissen, Leinfasern rc. an die Hand zu gehen, welches Alles bereitwillig und reichlich beigetragen wurde. Doch auch dieses Mal ging die drohende Gefahr glücklich vorüber. Dem bereits den 25. December zu Steycr in Oberösterreich abgeschlossenen Waffenstillstand folgte bald der Friede zu Lune- ville, worin Oesterreich noch die Secundogenitur seines Hauses, Toscana, an den Erbprinzen von Parma abtrat und dafür den Grvßherzog von Toscana, Ferdinand, mit Salzburg entschädigte. Die übrigen Bedingungen dieses zweiten, mit Frankreich abgeschlossenen Friedens waren auf jene des ersten zu Campo Formio gegründet, nur wurde auch Modena, die TerliogeuiturOesterreichs, an Frankreich abgetreten und Erzherzog Ferdinand durch den Breisgau entschädigt. 235 Fünftes Kapitel. Innere Einrichtungen und Verfügungen. — Die Bancozettel. — Die Gesetzgebungscommiffion. Den 25. April 1801 wurde ein kaiserliches Handbillet an alle Chefs der Hofstellen erlassen, welches das Gebot enthielt, allen k. k. Beamten einen eidlichen Revers abzunehmen, daß sie in keiner geheimen Gesellschaft seien, oder im entgegengesetzten Falle sich sogleich davon lvsmachen sollten, weil die Erfahrung gelehrt habe, daß geheime Gesellschaften und Verbrüderungen j eine der Hauptauellen waren, wodurch die verderblichsten Grundsätze verbreitet, die wahre Religion untergraben, die Moralität, wo nicht ganz verdorben, wenigstens sehr verändert, der Parteigeist durch alle möglichen Kunstgriffe angefeuert und folglich auch die häusliche Ruhe und Glückseligkeit gestört worden ist; weil auch die vielleicht in guter Absicht errichteten öfters ausarten, und folglich in jedem Staate so unschicklich als gefährlich sind, indem sie einen auch sonst redlich denkenden Diener in strenger Ausübung seiner Amtspflichten entweder hindern oder wenigstens in Verlegenheit setzen. — Den 13. Juni wurde das 1797 — 1800 neu erbaute, große Schauspielhaus an l der Wien, unter der Direktion Emanuel Schikaneders, mit der nun verschollenen großen Oper: Alexander, Musik von Teyber, bei großem Zuströmen des Volkes eröffnet, das bisher bestandene Theater im Freihause aber geschlossen. Den 18. August geschah auf dem Glacis, zwischen dem Burg- ! und Schottenthore, die feierliche Vertheilung der, vom letzten Ordenskapitel zuer- ! kannten Theresienkreuze durch den Kaiser selbst, in Gegenwart des ganzen Hofes und einer unzählbare» Volksmenge, bei welcher Gelegenheit die ganze Garnison unter den Waffen stand, auch die Invaliden und die Zöglinge aller militärischen Erziehungshäuser zugegen waren.—Den 1. September wurde im Findelhause zu Wien das so zweckmäßige Säugammen-Institut eingeführt. Den 16. September legte der Kaiser eigenhändig den Grundstein zur Franzensbrücke über die Donau, nächst den Weißgärbern. Unter dein Bette des Flusses wurde mitten in der Donau ein Rost auf Falzbürsten gelegt und der j Grundbau mit ungeheuren Quadersteinen aufgeführt; auch wurde auf dem ! einzigen Mittelpfeiler zuerst ein Waffermesser (Hydrometer) nach Fuß, Zoll und Linien angebracht. In den Grundstein waren üblicher Weise mehre ' Münzen und eine Bleiplatte gelegt worden, auf welcher die Namen der dabei anwesenden Prinzen und Minister gegraben waren. — Im Jahre 1801 hatte auch zur Deckung der großen Kosten, die den Staat in den Feldzügen der vergangenen Jahre betroffen hatten, eine Vermehrung des Papiergeldes, nämlich der Bancozettel, Statt. Obschon der Kaiser selbst in den ersten Feldzügen auf das Großmüthigste unermeßliche Opfer aus seinem Privatvermögen gebracht hatte, so konnten doch diese nicht hinreichen, die Ausgaben fast unausgesetzter Feldzüge zu decken. Die Auflagen konnte» ebenfalls nicht nach dem Stufengang derselben erhöht werden, folglich mußte zu dieser norhwendigen, wenn gleich 236 in ihren Folgen bedrängenden Maßregel gegriffen werden; denn die Vermehrung des Papiergeldes half zwar freilich den Verlegenheiten der Staatsverwaltung ab und setzte die Regierung in den Stand, alle die ungeheuren Hebel in Bewegung zu setzen, welche die Selbsterhaltung und die Erhaltung der allgemeinen Ordnung mit eisener Nothwendigkeit gebot, allein der Staat hatte fortan auch mit allen den unglücklichen Erscheinungen zu kämpfen, die das, in ungewissem Werthe schwankende Papiergeld fast in alle Verhältnisse des Staatsund Pnvathaushaltes einführte. 1801 ward auch in Wien eine Wohlfeilheits- commission eingeführt, um den in allen Geschäftsverhältnissen mächtig hervortretenden Wucher wirksam zu bekämpfen, der sich in der Miethe der Wohnungen, in der Theurung und Verfälschung der Lebensmittel, wie in vielen andern Geschäftszweigen nur zu fühlbar zeigte. Man hatte z. B. große Wohnungen, ganze Stockwerke, auch wohl ganze Häuser gemiethet, um sie im Einzelnen mit Wucher wieder zu vermiethen. Darum ward nun strenge ! geboten, gemiethete Quartiere selbst zu bewohnen und nicht mehr als ein Drit- ! theil davon durfte an Afterbestandnehmer verlassen werden. Die Aeranal- häuser, die den öffentlichen Anstalten, den Abteien rc. gehörige» Häuser, wurden zum löblichen Beispiele zu Wohnungen für Staatsbeamte, die der Wucher vorzugsweise drängte, vermiethet und so trug diese wohlthätige Maßregel gleich Anfangs die erfreulichsten Früchte. 1802 begann zuerst die von Kaiser Franz angeordnete Gesetzgebungscommission, deren thätigste Mitarbeiter Freiherr von Martini und Hofrath Zeiller waren, ihre Berathschkagungen über die, von allen Universitäten und Ländercommissionen erhobenen Einwendungen und Bemerkungen, wodurch Oesterreich in der Folge die Wohlthat eines der vollständigsten und vollendetsten Gesetzbücher in Europa, zweckmäßiger als der berühmte 6o<1« IVspo- loon und besonders aber die englische Gesetzgebung, erhielt. Auch wurde in demselben Jahre das allgemeine militärische Appellationsgericht gegründet, damit auch der Kriegerstand die Wohlthat dreier Instanzen genieße. Viele Obsorge ward auch durch kaiserliche Verordnung (20. März und 5. Juli 1802) für die Einführung und Verbreitung der Schutzpocken-Jmpfung getragen, wie durch die ganze Regierung des Kaisers Franz alle Zweige der Staatsverwaltung mit Rücksicht auf das Wohl der Unterthanen wesentlich verbessert. In dieses Jahr fällt noch die höchst wichtige und zweckmäßige Reform, daß statt der bisherigen, lebenslänglichen Dauer des Militärdienstes eine Capitulation eingeführt wurde, die Ansangs für die Infanterie auf 10, für die Cavallerie auf 12 und für die Artillerie auf 14 Jahre festgesetzt wurde. 1802 wurde auch der Gebrauch der sogenannten Rumford'schen Suppe für arme Elasten in Anregung gebracht, die sich jedoch nur kurze Zeit hielt, da man in Oesterreich nicht genöthigt war, zu so außerordentlichen Mitteln zu greifen und deshalb auch dem einfachen Präparate durchaus keinen Geschmack abgewinnen konnte. Das Recept zu derselben war, wie folgt, und nach den damaligen Preisen berechnet: 237 Ingredienzen auf 24 Personen: Wasser 20 Pfund, 16 Loth, Werth — Weinessig — , S6>/r » V »Vs kr. Salz — N 1t » V IV» » Erdäpfel S v 10 » » » Erbsen 1 26 » D »V» » Gerste 1 1» D SV» » Brot 1 A 20 D 6V» wornach sich der Werth des Ganzen auf 47^, kr. stellte, folglich auf die Person nicht ganz auf 2 kr. kam. Die Anwendung war folgende: Alle genannten Ingredienzen wurden in einem Kessel gesotten, mit Ausnahme des in kleinen Stücken gerosteten Brotes, welches am Ende in jede Portion Suppe, beinahe eine Handvoll, gegeben wurde. Der gesegnete Boden Oesterreichs jedoch, wie die Betriebsamkeit der Landesbewohner machten, wie gesagt, dieses frugale Nahrungsmittel gänzlich überflüssig.—In demselben Jahre wurden auch die ehemaligen Convicte wieder hergestellt, und Jene darin ausgenommen , welche gestiftete Stipendien genossen. Das ehemalige Carmeliterhaus auf der Laimgrube wurde in das noch bestehende Zwangs-Arbeitshaus verwandelt, auch ein, schon in früheren Zeiten bestandenes, aber wahrscheinlich vor der zweiten Türkenbelagerung wieder vermauertes Thor nächst dem Kärnth- nerthore (das jetzt sogenannte neue Kärnthnerthor) wieder hergestellt, das von da an nur für die aus den Vorstädten hereinfahrenden Wagen, so wie das alte Karnthnerthor nur für die herausfahrenden bestimmt ist, wodurch einem großen Uebelstande abgeholfen wurde, indem zwischen diesen bisher, besonders an Markttagen, große Unordnungen verfielen. Gegen Ende des Jahres erschien auch eine Verordnung einer genaueren Polizeiaufsicht über die Fremden, deren Anzahl sich in Wien stets vermehrte. Jeder Ankommende mußte von dieser Zeit an binnen vier und zwanzig Stunde» der Polizei angezeigt werden und jeder Fremde von der Polizei - Oberdirection eine Aufenthalts-Erlaubnis! auswirken. Anfangs des Jahres 1803 wurde in der kaiserlichen Reitschule ein prachtvolles Carroussel von Cavaliere» und Officieren gegeben, und dreimal unter allgemeinem Beifalle wiederholt. Die dritte Vorstellung war zum Besten der Armen und trug bei 18,000 Gulden ein. Den 30. April sah man das prächtige Leichenbegängnis des CardinalS und Erzbischofes von Wien, Grafen von Mi- gazzi, der im 89. Jahre seines Lebens und im 47. seines Episcopates den 27. gestorben war. Er hatte unter der Kaiserin Maria Theresia sein hohes Amt angetreten und es unter der Regierung dreier nachfolgender Kaiser mit vielem Ruhme verwaltet. Sein Nachfolger wurde der Bischof von St. Pölten, Graf von Hohenwart, früher zu Florenz Lehrer der jungen Erzherzoge, und unter diesen auch des Kaisers Franz. Im Juli wurde zu Wien die Rettungsanstalt für Scheintodte, und gerichtliche Leichenbeschau; im October die 238 > Wohlthätigkeits-Anstalt errichtet. Die Stadt und die Vorstädte wurden dem j zu Folge in 25 Haupkbezirke und 90 kleinere Armenbezirke eingetheilt. Die ! j Pfarrer wurden als Haupt-Directoren, weltliche Beamte als Unter-Directoren ! ! aufgestellt und diesen 323 Armenväter untergeordnet, welche zum Zwecke ! ! hatten, den Zustand der Armen zu untersuchen, die Hilfsbedürftige» aufzu- ! finden, die muthwilligen Bettler anzuzeigen und in das Zwangs-Arbeitshaus > bringen zu lassen. In demselben Monat wurden auch die noch am Ste- ! phansplatz gegen den Stockimeisenplatz gestandenen kleinen Häuser abgerissen, das Chur- und Alumnatshaus mit dem Eckhause in eine Linie gebracht, I so wie der ganze Platz geebnet und gepflastert. Den 7. November hatte die > feierliche Eröffnung der neu hergestellten Franzensbrücke Statt, über welche ! zuerst der Kaiser mit der kaiserlichen Familie, sodann die Minister fuhren. Den ! 2. December wurde das von Kaiser Joseph aufgehobene Wucherpatent wieder ! eingeführt. Die von einem Capitale zu fordernden Interessen wurden gesetzlich bestimmt und ohne Hypothek auf 6, mit Hypothek auf 5 Percent festgesetzt. — Uebrigens zeichnete sich das Jahr 1803 durch häufigen, besonders in den Sommermonaten fast ununterbrochenen Regen aus, wie man sich dessen seit Jahrhunderten sowohl traditionell als auch urkundlich nicht erinnerte. Darum war es auch, besonders in Hinsicht aus den Weinbau, eines der entschiedensten Mißjahre zu nennen, da hingegen im vergangenen Jahre ein vorzüglicher Wein gewachsen war. Sechstes Kapitel. Das Erbkaiserthum Oesterreich. Die bedeutenden Veränderungen, welche trotz der auf Erhaltung des Bestehenden gerichteten Bemühungen Oesterreichs in Deutschland und Europa vor sich gegangen waren, veranlaßten in weiser Voraussicht auch Kaiser Franz, die kaiserliche Würde in seiner Familie erblich festzustellen. Den 10. August 1804 berief der Kaiser einen außerordentlichen Staatsrath, dem die Erzherzoge Karl und Joseph, die Minister und Chefs der Hofstellen, die obersten Hofämter und einige ungarische Großwürdenträger beiwohnten. Den folgenden Tag erschien das Pragmatical-Gesetz, worin sich der Monarch Franz 11 . römischer und Erbkaiser von Oesterreich nannte, um als Regent ! des Hauses und des gesammten Staates, dieselben in vollkommener Gle>ch- I heit des Titels und der erblichen Würde mit den ersten Mächten zu erhalten. ! „Eine Gleichheit," hieß es weiter in dem Gesetze, „welche Oesterreichs Herr- ! schern durch völkerrechtliche Hebung und Tractate gesichert ist, und welche dem uralte» Glanz deS Erzhauses, wie dem Umfang und der Bevölkerung ihres, so große Königreiche und unabhängige Fürstenthümer umfassenden Rei- ! ches gezieme. Diese erbliche Kaiserwürde solle auf dem unzertrennlichen Ge- ! sammtbesitz aller, die österreichische Monarchie bildender Länder auf der Primo- 239 genitur für ewig haften, jedoch unbeschadet der Verfassungen und Vorrechte der einzelnen Lander und der gesetzlichen Krönungen in Ungarn und Böhmen. Außer in dem Falle, wenn der ganze Stamm, männlichen und weiblichen Geschlechtes erlischt, und sodann für Ungarn und Siebenbürgen unbedingt, für Böhmen und Mähren bedingt das Wahlrecht eintritt, erlischt die Kaiserwürde nie." Die unmittelbaren Nachkommen des Kaisers, und kraft einer nachträglichen Haussatzung auch die Brüder des Kaisers und ihre Descendcnten erhielten den Titel: Kaiserliche Hoheiten, wodurch derselbe auch derSecundo- genitur von Toscana verblieb. Der durch Maria Theresia eingeführte Titel: Königliche Hoheit, blieb fortan nur mehr der Tertiogenitur von Oesterreich-Este und ihren Descendenten. Den 7. December wurde das gedachte Pragmatical- Gesetz durch Regierungs- und magistratische Commissäre unter Trompeten- und Paukenschall, dann Paradirung der Truppen und der Bürgerschaft feierlich proclamirt, und zwar in der Stadt vom Balcon der Kirche am Hof und vom Balcon des Eckhauses vom Graben in die untere Bräunerstraße, in den bedeutendsten Vorstädten auf schicklichen Platzen von schön verzierten, mit den Farben Oesterreichs, roth und weiß, geschmückten Tribunen. Wahrend dieser Publication stattete eine Deputation der »iederösterreichischen Stände und zwei Deputirte der Stadt Wien ihren Glückwunsch am Throne deS Kaisers ab. Den folgenden Tag war bei St. Stephan das öffentliche Dankfest über die Einführung der erblichen Kaiserwürde in Oesterreich. Der feierliche Zug ging von der Burg überden Michaelsplatz, durch die Herrengasse, über die Freiung, den Hof, Graben und Stockimeisenplatz in die Metropolitankirche in folgender Ordnung: Zuerst kamen die k. k. geheimen Räthe und Kämmerer, der innere und äußere Hofstaat in großer Gala und in sechsspännigen, prachtvollen Gala- wagen, jeder von zwei Läufern und sechs Bedienten in großer Gala begleitet, darauf die Wagen der kaiserlichen Familie, der Erzherzog Ferdinand von Oesterreich-Este mit seinen Söhnen , die Erzherzoge Johann, Ludwig, Rainer und Rudolph, von ihren Obersthofmeistern und Kämmerern zu Pferde begleitet, dann im kaiserlichen Prachtwagen Kaiser Franz und die Kaiserin Maria Theresia, von den obersten Hofämtern und Gardecapitänen umgeben, zu beiden Seite» die Trabantenwache, hinter dem Wagen die deutsche und ungarische Garde, endlich die Obersthofmeisterin der Kaiserin mit den Palastdamen. Ein Reiterregiment und ein Grenadierbataillon schloßen den Zug. Auf den Straßen machte das Militär Spalier; auf den Plätzen war die Bürgerschaft in Parade aufgestellt. Bei St. Stephan hatten sich indessen die Ordensritter, die übrigen geheimen Räthe, Kämmerer und Truchsesse, die Regierung, die Landstättde, die Universität und der Stadtmagistrat versammelt. Nach der Ankunft des Monarchen wurde das Tedeum von dem Erzbischöfe angestimmt, während welchem das Grenadierbataillon drei Salven gab, die von den um die ganze Stadt auf den Basteien aufgeführten Kanonen beantwortet wurden. Nach Vollendung des feierlichen Gottesdienstes, ging der Zug wieder in 24V derselben Ordnung in die Burg zurück. Zu gleicher Zeit wurde auch in allen Pfarrkirchen der Stadt und der Vorstädte ein feierliches Tedeum gehalten. An > den zunächst folgenden Tagen wurde auch von den Gemeinden der augsburgi- > scheu und helvetischen Eonfession in ihren Gotteshäusern, so wie von der Juden- ^ schaft in ihrer Synagoge ein Dankfest gefeiert. Zum Andenken an dieses Ereignis? wurden einige goldene und silberne Medaillen geprägt, die auf der Vorderseite das Bild des Kaisers mit der Umschrift zeigen: kranciscus kam. vt Austria« Iinpei at„r. Auf der Rückseite steht zwischen zwei in einen Kranz 1 gebogenen Lolbeerzweigen: Uilsritss publica Vl. 16. Oec. HIV666IV. und die Umschrift: Ob ^uslrism Uavr. Imp. üixnilatv ornstam. Den 16. De- cember stattete der nach der Jubilirung Hörl's neu gewählte Bürgermeister Wohlleben, der sich um Wiens Wohlthätigkeitsanstalten und Verschönerung so j verdient gemacht hatte, in Begleitung der beiden Vice-Bürgermeister und eines > Ausschusses dem Kaiser und der Kaiserin feierlich die Glückwünsche der Stadt ab. — Noch entstand in diesem Jahre die Hof- und Staatsdruckerei unter der Direction des rühmlich bekannten Vincenz Degen (nachmals Regierungsrath ^ und Edler von Elsenau), der sich durch die Ausgabe mehrer ausgezeichneter Prachtwerke berühmter Dichter, z. B. Wieland, Vondi, Utz rc. so viele Verdienste um die Typographie in Oesterreich erworben hatte. Siebentes Kapitel. Die AlbertLnische Wasserleitung. — Der BackerLumult. ! ! ! - Im Jahre 1805 wurde das grosse und wohlthätige Werk der Alberti- nischen Wasserleitung vollendet, an welcher seit dem Tode der Erzherzogin Ehristine, die ihr mohlthätiges Project noch auf dem Todtenbette ihrem Gemahle empfohlen hatte, unablässig gearbeitet worden war. Die südwestlichen Vorstädte Wiens, namentlich Mariahilf, Laimgrube, Windmühle, Schottenfeld, Neubau, St. Ulrich, Josephstadt und Spitalberg waren bis dahin ihrer Hähern Lage wegen immer ziemlich karg mit Wasser versehen und in trockenen Sommern musste man es sogar oft theuer kaufen. Ueberdies waren durch zufällige Ursachen, wohl auch Nachlässigkeit, nach und nach mehre Brunnen versiegt und seit den Zeiten Maria Theresiens und Kaiser Joseph II. hatte sich in jenen Gegenden die Zahl der Häuser und der Einwohner sehr beträchtlich vermehrt, und der Wassermangel wurde immer drückender. Um so wohlthäti- ger war die Abhilfe durch das grossmüthige Fürstenpaar, das sich dadurch um Wien unsterblich verdient inachte. Die Arbeit wurde mit einer grossen Anzahl Menschen, 600 bis 900 täglich, angefangen. Das Wasser ward aus mehren Bergquellen, deren zwei höher als der Stephansthurm liegen, hinter Hüttel- dorf von der hohen Wand erst in einen grossen Wasserbehälter geleitet, und dann in eisenen Röhren durch eine Strecke von 7155 Klaftern unter der Erde, i_ 241 bis in die genannte» Vorstädte geführt und so vertheilt, das; Gumpendorf 2, Mariahilf 3, die Laimgrube 2, die Josephstadt 2, dann die Gründe Neubau, Schoctenfeld und St. Ulrich jeder einen Brunnen mit gutem trinkbaren Wasser besitzen, das aus eben so vielen, zu diesem Zwecke errichteten steinene» Wasserbecken sich ergießt. Das vorzüglichste dieser Wasserbecken steht vor der Kirche zu Mariahilf und hat folgende Inschrift auf der Vorderseite: ^guso . korvnno». ! VII»ieL>V.äb.vrb«. Uvxsp. , tlonloetae. ^ tlivium. 8uburb . Oommoüo. ! Din . Dxoptstur» . hinaus . I e«ni8nivä. IklsAnao . Urorosis« . kilia. Lonstiluil. Votum . Dxnris . Lxplovit. j äDLKU'rv«. j kVA. kol . Dux. 8axo . Vvscli . j >ID666V. Auf den übrigen Brunnen steht nur die einfache Inschrift: /Iguav. Okristinisnav. ^Ibortinso. 1805. Das Ganze hatte über 400,000 Gulden Conventionsmünze gekostet. Den 7. Juli 1805 entstand in Wien ein bedeutender Auflauf, der sogenannte Bäckertumult (vulg-o Backen-Rummel). Die Ursache und der Verlauf davon waren urkundlich folgende: An demselben Tage, einem Sonntage, forderte ei» fremder Handwerksbursch bei dem Bäckermeister Zeirelhofer auf der Wieden Hauptstraße, unweit des Transporthauses, ein Groschenbrot, wovon eben keines mehr vorräthig, obwohl anderes Brot im Ueberflnsse vorhanden war. Der Handwerksbursche fing nun, wahrscheinlich vorsetzlich, Streit mit dem Bäcker an. Sogleich gesellte sich ein, schon bereiter und müßig herumlaufender Haufe Pöbels zu ihm, schimpfte und lärmte, drang endlich mit Gewalt in den Bäckerladen, plünderte die Casse, die Mehl- und Brotvorräthe, gab sie den Umstehenden Preis, und würde den Bäcker mißhandelt haben, wenn sich dieser nicht eilig mit den Seinigcn geflüchtet hätte. Während dies im Hause geschah, mehrte sich der Pöbel von Außen so zahlreich, daß ihm die herbeigeeilte Polizeiwache nichts anhaben konnte; man begann das Haus förmlich zu stürmen, schlug alle Fenster ein und fing sogar an, das Dach abzureißen und die Mauern zn zerstören. Nun rückten Abtheilungen der Garnison zu Fuß und zu Pferde an. Anfangs suchte man den Weg der Güte einzuschlagen und die Meuterer durch Vorstellungen zu beschwichtigen; dies half jedoch nichts und nun beging man den Fehler, blind auf den Haufe» zu feuern. Der ; 16 242 > Pöbel, nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt und überzeugt hatte, dasi es noch auf keinen Ernst abgesehen war, wurde nun noch machender und erwiederte das Feuer mit einem Hagel von Steinwürfen, wodurch mehre Officiere und Soldaten verwundet wurden. Nun ließ man erst scharf feuern, ! wodurch mehre Meuterer getödtet und verwundet wurden; aber auch dies schreckte den einmal in Wuth gesetzten wilden Pöbel nicht, sie fuhren fort, dem Feuer der Truppe» Steinwürfe entgegen zu setzen, und so dauerte dieser hartnäckige Kampf bis gegen zehn Uhr Nachts, um welche Zeit sich endlich die Haufen zerstreuten. Den folgenden Tag, unglücklicher Weise einem (blauen) Montag, erneuerten sich ähnliche Auftritte in verschiedenen andern Vorstädten. Zuerst ging der Unfug in Mariahilf an, und zwar eben wieder bei einem Bäcker und aus derselben Ursache, wie den vorigen Tag. Auch hier wurde das einschreitende Mili- > tär mit einem Steinhagel begrüßt, und war endlich gezwungen, scharf zu feuern. Abends brach der Tumult mit verstärkter Gemalt aus und verbreitete sich über die Vorstädte Neubau und St. Ulrich bis in die Josephstadt, wo allenthalben die Bäckerladen förmlich geplündert wurden. Nun ließ man einige hundert Mann Truppen aus dem Lager bei Simmering in die Stadt rücken. Man drohte mit standrechtlicher Et'ecutio» und befahl strenge allen Hausvätern und Gewerbs- leuten unter persönlicher Dafürhaftung, ihre Söhne, Gesellen, Arbeitsleute rc. zu Hause zu behalten. Zugleich wurden aber auch höchst zweckmäßig gegen den Uebermuth und die Uebervortheilung der mit Victualien handelnden Gewerbsleute strenge Maßregeln ergriffen. Der Unfug endete jedoch erst den 8. gegen Mitternacht und Tags darauf, so wie fort an, blieb es ruhig. Die Empörer waren übrigens durchaus aus dem niedrigsten Pöbel, vorzüglich brotlose Fabriksarbeiter, und man durfte aus einigen wichtigen Gründen vermuthen, daß fremde Hände unter den damaligen politischen Umständen mit im Spiele waren und der Brotmangel hier, wie anderwärts, nur zum Vorwände zu beabsichtigten Unordnungen dienen sollte. So fand man z. B. unter den Tobten einen ganz unbekannten Mann, der mit einer Art dreifarbiger Fahne einen Haufen angeführt hatte. De» 10. Juli zog das Militär gänzlich ab und den I I. wurde in denselben Vorstädten, die einige Tage vorher das Schauspiel der wildesten Unordnung gegeben hatten, und welche gleich einer in Belagerungsstand gesetzten Stadt vom Militär besetzt und gesperrt waren, in größter Ruhe und Ordnung das Geburtsfest des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen gefeiert, bei welcher Gelegenheit zum ersten Male aus den neuen Brunnen das lang ersehnte Wasser floß. Es braucht kaum einen weiteren Beweis, daß jedem rechtlichen Bürger und den Wienern überhaupt jenes tolle Unwesen gänzlich fremd und verabscheuungswürdig war. 243 Achtes Kapitel. Dritter französischer Krieg. — Die Katastrophe von Ulm. — Invasion der Franzosen und Besitznahme Wiens. — Friede zu Preßburg. Die größte und so folgenreiche Begebenheit des Jahres 1805, der Krieg mit Frankreich und die französische Invasion in Oesterreich und Wien, macht eine kleine Vorerläuterung nothwendig. Die Gewaltmaßregeln des neuen Kaisers der Franzosen sowohl in Deutschland als in Italien; das sichtbare Streben nach Vergrößerung der Macht der neuen Dynastie; der sich offenbar entfaltende rücksichtlose Nepotismus, gleich nachdem der erste Consul die kaiserliche Würde angenommen hatte, konnten den übrigen europäischen Hauptmächten nicht gleichgiltig bleiben. England hatte bereits, nach einem nicht langer» als einjährigen Friedensstande mit Frankreich, 1803 den Krieg aufs Neue erklärt, worauf sogleich die Besetzung des deutschen Kurstaates Hannover, als englisches Besitzthum, von Seite der Franzosen erfolgte und mit großer Thätigkeit, vielen Anstrengungen wurden in Frankreich Vorbereitungen zu einer Landung in England gemacht. Um diesen drohenden Schlag abzuwenden, der in seinen Folgen vielleicht die unabhängige Stellung aller europäischen Mächte gefährden konnte, bildete sich den I I. April 18ÜS ein Bund zwischen Großbritannien und Rußland, dem sich den S. August desselben Jahres auch Oesterreich anschloß. Die Hauptarmee unter Erzherzog Karl stand in Italien, jene in Deutschland befehligte der ! Erzherzog Ferdinand von Este, welchem General Mack zur Seite stand. Der Krieg begann mit dem Eindringen der Oesterreicher in Bayern, noch vor der Ankunft der Russen, wobei zum Theile auf die Vereinigung und Mitwirkung des deutschen Reiches gerechnet wurde. Der Erfolg täuschte jedoch diese Erwartung. — Die süddeutschen Kurstaaten, Bayern, Würtemberg und Baden, traten - sogar auf Napoleons Seite und der deutsche Norden blieb neutral. Napoleon ^ eilte schnell mit einem erlesenen Heere aus Frankreich herbei, brach auf der ! kürzesten Linie in den Rücken der in Bayern eingedrungenen österreichischen I Armee, und siegte den 14. und 15. October bei Elchingen an der Iller, wodurch General Mack gezwungen ward, um mit seinem bedeutenden Corps nicht aufgerieben zu werde», sich schnell in die Stadt und Festung Ulm zu werfen, die von den Franzosen sofort enge eingeschlossen ward. Obschon Ersterer den Vorsatz ausgesprochen hatte, sich daselbst auf daS Aeußerste zu vertheidigen, so erfolgte doch schon den 17. October die Capitulation. Mack wurde auf sein Ehrenwort entlassen, die 20,000 Mann starke Besatzung aber kriegsgefangen nach Frankreich abgeführt *). Nachdem solchergestalt die Hauptkräfte der in *) Bei seiner Rückkehr nach Wien, angeblich als Friebensvermittler, wurde Mack zu i Hütteldorf verhaftet und dieser Capitulation wegen vor ein Kriegsgericht gestellt, ! das ihn zum Tode verurtheilte. Kaiser Franz milderte jedoch dieses Urtheil auf ! Cassation und Festungsarrest. 1808 wurde ihm die noch übrige Straf« erlassen ! und er in der Folge in seine vorigen Würden wieder eingesetzt. 16 * 244 Deutschland wirkende» österreichischen Armee zersplittert waren, blieb nichts ! übrig, als auf einen schnellen und möglichst vortheilhaften Rückzug zu denken. Ein Theil der Reiterei rettete sich unter dem Erzherzog Ferdinand und dem ! Fürsten Karl Schwarzenberg über Nürnberg nach Böhmen. Obschon inzwischen ! auch das russische Hilfsheer am Inn angekommen war und Erzherzog Karl bei Caldiero einen bedeutenden Sieg erfochten halte, so waren doch nunmehr die ! gesammten, den Franzosen entgegen zu sehenden Streitkräfte zu schwach, um deren raschem Vordringen ein Ziel zu setzen. Bereits den 28. October erschien ein Publicandum in Wien, wodurch die : Jünglinge vom Adel und von der Bürgerschaft aufgcfordert wurden, sich zur Erhaltung der Ordnung und Sicherheit in der Residenzstadt auf die Dauer der gegenwärtigen Zeitumstände der Bürgermiliz einzuverleiben und Garnisonsdienste zu leisten. Zugleich wurde allen Fremden aufgetragen, sich binnen sechs Tagen, ^ bei Strafe der Verhaftung, aus der Stadt Wien, und innerhalb zehn Tage» aus ganz Niederösterreich zu entfernen. Darunter wurde» auch jene Individuen ^ begriffen, welche zwar aus andern erbländischen Provinzen gebürtig waren, aber sich wegen Beruf, Amt oder Gewerb nicht nothwendig in Wien aufhalten - ! mußten. Nur die Unterthanen des Kaisers von Rußland, der Könige von - ^ Preußen, England, Schweden, Dänemark und der Kurfürsten von Sachsen ! ^ und Hessen waren ausdrücklich von dieser Verfügung ausgenommen. Endlich I wurde auch auf alle Pferde und Fuhrwägen Beschlag gelegt. Anfangs No- ! vember bildete sich in Wien ein neues bürgerliches Cavalleriecorps und das zweite > Bürger-Regiment oder die sogenannten Decretisten. Nun wurden auch die kaiser- l liche Bildergallerie, die Münzcabinete, Archive und Staatscassen eingepackt und I theils nach Ungarn, theils nach Mähren in Sicherheit gebracht. Nur die ständische und die magistratische Lasse blieben zur nöthigen Aushilfe in Wien. Die Zahl der Flüchtenden war sehr bedeutend; Ofen, Pesth, Troppau und Teschen waren ihre vorzüglichsten Zufluchtsorte. Der Hofcommissär, Franz Graf von Saurau, widmete den Privaten zur Fluchtung ihrer Kostbarkeiten ein eigenes großes Schiff unter Haftung des Aerariums, um dieselben in eine ungarische j Festung zu bringen, worin diese Gegenstände von kaiserlichen Beamten übernommen und bescheinigt wurden. Die Furcht vor dem andringenden Feinde, dem man freilich wohl nach den noch so nahe vor Augen liegenden Vorfällen der § Revolution nicht eben viel Mäßigung zutrauen konnte, war so groß, daß selbst fast alle kupfernen Scheidemünzen versteckt und vergraben wurden, was der ! allgemeinen Circulation nicht wenig Nachthcil brachte, und wodurch es besonders ! bei den Victualienhändlcrn bedeutende Unordnung gab. Um diesem Uebelstande > für den Augenblick abzuhclfcn, ließ der Hofcommissär Münzzettel zu 12 und ^ 24 Kreuzer verfertigen, welche sowohl bei de» Staatscassen als von Privatleuten angenommen werden mußten. — Kaiser Franz hatte den 7. November den ungarischen Reichstag zu Preßburg in Person geschlossen, und ging dann über Brünn dem Kaiser Alexander nach Olmütz entgegen. Die Kaiserin Maria ! _ , ' ___ . _ ! 245 Theresia aber verlies; erst den 8. November Wien und begab sich nach Ungar». Mittlerweile war die Gefahr der feindlichen Invasion immer naher geruckt. Bereits de» I. November besetzte Prinz Mnrat Linz, den 5. Davcust die Stadt Steyer. Das Corps des Generals Meerveldt, welches sich von dieser Stadt gegen die steycrischen Paffe zog, wurde den 7. bei Mariazell gänzlich gesprengt. Die Russen »nter Kntusoff mußten sich vor der feindlichen Uebermacht gegen Krems und von da auf das linke Donauufer znrückziehen, und so war den Franzosen durch eine Folge von unvorhergesehenen unglücklichen Begebenheiten die große Straße nach der Hauptstadt des österreichischen Kaiserthuines gänzlich frei gegeben, welcher sich auch das feindliche Heer mit Riesenschritten näherte. Die raschen Fortschritte desselben erlaubten keine ernsthaften Maßregeln zur Vertheidigmig Wiens, denn schon den 8. November erschien der französische Vortrab in Burkersdorf und das große Heer folgte demselben auf dem Fuße nach. Da mm die französische Hauptmacht nur mehr einige Meilen l von der Residenz entfernt war, so begab sich de» 9. November Abends eine ständisch-städtische Deputation, aus dem Fürsten Prosper Sinzendorf, dem Abte von Seiten stellen, den Verordnet«!» Grafen Veteran! und Stephan von Keeß, dann dem Bürgermeister Wohlleben, dem Oberkämmerer Schwuiner ^ und dem Rath Pöltinger bestehend, zum französischen Vortrab »ach Burkersdorf, wo Prinz Murat bereits sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Sie wurde sogleich vorgelassen und eröffnete demselben in; Namen des Kaisers, daß er seiner Hauptstadt das Ungemach einer Belagerung ersparen wolle und deshalb die Deputation ermächtigt habe, Wien dem Kaiser der Franzosen ^ in vollem Vertraueii auf dessen Großmulh und Rechtlichkeit, gegen Versiehe-- , ru»g des Schutzes der Religion, der Personen, des Eigenthums und aller öffentlichen Anstalten, zu übergeben. Die Deputation würdevoll Mnrat sehr höflich empfangen, doch fragte er hastig, ob die Taborbrücke noch bestehe, mit ^ dem Beisätze, daß das Heil der Stadt davon abhänge, sie noch unversehrt zu finden. -— Den 10. November zog das letzte, noch in Wien befindliche Militär, Infanterie und Kürassiere, über die Taborbrücke ab und die Bürger übernahmen die Hauptwache. Den II. rückten die feindlichen Massen hart an Wien mid noch an demselben Abend mußten für 50,000 Mann Brot, Fleisch, Wein, Branntwein und Fourage geliefert werden. Auch kam denselben Abend noch General Sabatier mit mehren Comnnssärcn und Officieren in die Stadt, und ! besichtigte das Zeughaus und das Landhaus. Den 12. November ging eine zweite Deputation in Napoleons Hauptquartier nach Sieghardskirchen ab, dem Sieger selbst die Schonung der Stadt im Namen des Kaisers anzueni- pfehlen. Sie bestand aus dem Landmarschallamts-Verweser, Landgrafen Für- j stenberg, dem Fürst-Erzbischof Hohenwart, dem Propste zu Klosterneuburg, dem Fürsten Sinzendorf, den Grafen Trautmannsdorf und Brenner, dem Vicebürgermcister Weber, dem Oberkämmerer Schwuiner und den Maqi- stratsräthen Ech und Wildgans. Der französische Kaiser nahm die Deputation 246 sehr freundlich auf und versicherte, die Wiener hätten wegen ihrer rühmlichen Anhänglichkeit an ihren Herrn den Schutz der Personen und des Eigenthuines wohl verdient und auch sicher zu erwarten. Trotz der in diesen Tagen ausgestreuten und ziemlich allgemein gewordenen Gerüchte von Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen zog den 13. November Vormittags um II Uhr ganz unvermuthet der feindliche Vor- trab, 15,000 Mann von allen Waffengattungen, in Schlachtordnung, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele, Murat und Marschall Lannes an der Spitze, von der Mariahilfer Linie herein, durch die Stadt über den Kohlmarkt, Graben und Stephansplatz zum rothen Thurm. Unter dem Schleier der absichtlich ausgestreuten Friedensgerüchte war es den feindlichen Befehlshabern auch gelungen, die Abbrennung der Taborbrücke zu verhindern, die schon mit brennbaren Materialien belegt und zum Anzünden bestimmt war. Die Franzosen zogen auch sogleich im Sturmschritte hinüber, nahmen das jenseits der Brücke stehende österreichische Detachement gefangen und erbeuteten die dicht daneben stehende bedeutende Artillerie-Reserve. Nun faßten sie jenseits der Donau Posto und stellten einen ausgebreiteten Artilleriepark auf, wodurch die rctirirenden Russen in die äußerste Gefahr kamen, abge- schnitten zu werden. In der Stadt waren nur 3000 Mann als Garnison zurückgeblieben. Die Gefahr erkennend, welche der russischen Armee drohte, schloß General Winzingerode mit dem französischen Befehlshaber General Belliard einen Waffenstillstand, kraft dessen die Russen sich in Etapenmär- schen aus Deutschland zurückziehen, die Franzosen aber ihren Marsch gegen Nikolsburg einstellen sollten. Kaiser Napoleon verwarf zwar, in Ahnung einer Kriegslist, diese Uebereinkunft, aber die Russen hatten indessen dennoch Zeit und Vorsprung gewonnen, um sich auf der Brünner Straße ohne bedeutenden Verlust zurück zu ziehen. Napoleon selbst hatte Anfangs die für den Kaiser Alexander bereiteten Zimmer im Amalienhofe beziehen wollen, aber plötzlich änderte er seinen Entschluß und verlegte sein Hauptquartier nach Schönbrunn, wo er den linken Flügel des Schlosses bezog. Ueberhaupt zeigte er eine unerklärbare Scheu gegen Wien, das er nur bei Nacht oder im tiefsten Jncognito, oder in unvermuthe- tem raschen Durchritt, umgeben von zahlreicher Cavallerie-Bedeckung, betrat. De» IS. November erschien ein Manifest, wodurch ganz Ober- und Niederösterreich unter französische Verwaltung gesetzt wurde. General Clarke ward zum Generalgouverneur Oesterreichs, Staatsrath Daru zum Generalintendanten ernannt. General Hulin erhielt das Stadtcommando und nahm seine Wohnung im Palaste des Fürsten Lobkowitz; Prinz Murat bezog jedoch jenen des Herzogs Albert auf der Bastei; die Burg blieb unbewohnt. Diet Bürgermiliz hatte den Dienst und die Patrouillen zu versehen, doch wa»en - ihr weder geladene Gewehre noch Pulver und Blei gestattet. Die Hall^- eigenthümer mußten durchaus die Kosten der Einquartierung tragen. Die 247 Stimmung der Gemüther war wahrend dieser Zeit in der Hauptstadt bange und niedergeschlagen. Wien war ganz abgeschnitten und man konnte durchaus nichts Zuverlässiges von dem erfahren, was in der Nahe der Stadt verging; aus der wiederholten Herbeiführung von Verwundeten und Kriegsgefangenen schloß man indes;, daß in der Nähe immer noch gefochten wurde. Auch verbreitete sich den l 7. November die falsche Nachricht von einem Siege durch die Russen mit Blitzesschnelligkeit in der Stadt, welche bald Anlaß zu beunruhigenden Auftritten gegeben hätte. Die Franzosen ihrerseits schlugen häufige Bulletins und Armeeberichte an, worin die Lage der Dinge, wie gewöhnlich, so sehr zu ihrem Vortheil angegeben wurde, daß sie am Ende durchaus keinen Glauben mehr fanden und man sich mehrmals darüber lustig machte. Der Wahrheit gemäß muß man indessen gestehen, daß sich die Franzosen im Ganzen, so weit es siegenden Feinden nur möglich war, anständig und gesittet betrugen und alle Ercesse in der Hauptstadt vermieden; dem ungeachtet aber konnte doch mancher bedeutender Schade nicht vermieden werden, so z. B., da man bei Annäherung der feindlichen Armee versäumt hatte, die Vorräthe des kaiserl. Zeughauses, so wie der Casematten in Sicherheit zu bringen und die in dem Stadtgraben liegende Artillerie wegzuführen, bemächtigten sich die Franzosen aller dieser Vorräthe, ein Verlust, der mehre Millionen an Werth betrug. Bei dieser Lage der Dinge in der Hauptstadt hatten die kriegerischen Operationen im Norden immer ihren Fortgang gehabt. Den 2. December wurde die Schlacht bei Austerlitz geliefert, welche trotz der außerordentlichen Tapferkeit der Oesterreicher und Russen mit einen vollkommenen Siege Napoleons endigte und an deren unglücklichem Ausgang zumeist eine ungünstige Zerlheilung der Streitkräfte Schuld war. Den 3. wurde dieser Sieg in Wien durch öffentlichen Anschlag verkündigt. Die Russen zogen sich nun capituka- tionsmäßig sogleich zurück und noch in. derselben Nacht kam Fürst Johann Liechtenstein an die französischen Vorposten) einen Waffenstillstand zu begehren, den Kaiser Napoleon auch zugestand, nachdem er den 4. December Nachmittags eine Unterredung mit dem Kaiser Franz außer dem Dörfchen Nasedlowitz, bei einer Mühle auf der Landstraße, unter freiem Himmel gehabt hatte. Obschon nun im Felde Waffenruhe eingetreten war, so begann die Stadt Wien erst vollends die drückende Last einer feindlichen Besatzung zu empfinden. Bald nach der Schlacht von Austerlitz kam eine solche Menge Verwundeter in Wien an, daß man kaum Mittel genug fand, sie unterzubringen und ihnen die nöthige Hilfe zu leisten. Indessen erfolgte» auf einen öffentlichen Aufruf, für die verwundeten Franzosen und Russen Spitalbedürfnisse zu sammeln, so reichliche Beiträge, daß sogar der französische Redacteur der Wiener- Zeitung gerührt ausrief: »Wenn es gleich ausgemacht ist, daß edle Herzen den Lohn ihrer Wohlthätigkeir in sich selbst suchen und finden, so liegt doch auch in dem Gedanken etwas Belohnendes, daß die Bewohner der Seine und der Newa sich lange mit Erkenntlichkeit an den Edelnmth der Wiener Bürger 248 erinnern werden." Eine drückende Last hatten die Wiener auch durch die fortwährenden Requisitionen zu trage», welche durch die Eigenmächtigkeit der Soldaten und die Gewinnsucht einzelner Individuen aus dem Volke sich dis zur Indignation steigerte; so verkauften z. B. die Soldaten, wenn sie, wie häufig geschah, die Casernen wechselten, alle dahin gelieferten Utensilien, Leinenzeug, Bettwäsche, Holz, Küchengeschirre rc. wie ihr Eigenthnm, und der einrückenden Truppe mußten alle diese Artikel wieder neu augeschafft werden. Ein scharfes Edict verbot endlich Verkauf und Kauf auf das strengste, womit dieser Uebelstand beseitigt wurde. De» II. December wurde noch von der französischen Verwaltung den Ständen Oesterreichs und der Stadt Wien, unter Androhung der Auflösung aller inländischen Behörden, 32 Millionen Francs Contribution aufgelegt und Tags darauf einstweilen die ständische, städtische und Bancalcasse in Beschlag genommen, in welchen sich etwa noch zwei Millionen Gulden befanden. Den 14. drang Graf Dar» auf unverzügliche Zahlung des Restbetrages, wovon 14 Millionen allein auf die Stadt Wien kamen. Ein gezwungenes Anlehen, von den österreichischen Ständen garantirl, schaffte in möglichst schonender Form diese Summe herbei. An demselben Tage war großes Coucert in Schönbrunn, wobei der berühmte Cherubim dirigirte und mehre Mitglieder des Karnthnerthortheaters, worunter auch die gefeierte Sängerin Madame Campi, sich vor dem Kaiser Napoleon producirten. Bald entstand auch in Wien drückender Fleischmangel, da das Heer des Erzherzogs Karl, wie natürlich, die Zufuhr in die von dem Feinde besetzten Gegenden sperrte. Napoleon erliesi dagegen den 18. December eine heftige Erklärung mit folgenden merkwürdigen Stellen: »Se. Majestät der Kaiser Napoleon haben befohlen, einen Parlamentär nach Ungarn zu schicken, um anzufragen, ob man Lebensmittel nach Wien kommen lasten, oder diese Stadt als eine feindliche betrachten wolle. — Wenn man dieser Stadt ferner die nöthigen Nahrungsmittel versagt, die sie gewöhnlich aus Ungarn bezog; wenn man vergißt, daß sie die Hauptstadt von Oesterreich ist; wenn auch diese Stadt solchergestalt von ihrem Souverain verlassen wird, so hält sich der Kaiser Napoleon für verpflichtet, sie unter seinen Schutz zu nehmen und für ihre Verwaltung Sorge zu tragen. Dann wird es aber nothwendig sey», die bisherige Verfassung der Hauptstadt zu verändern und ihr eine solche zu geben, die den Zeitumständen mehr angemessen ist. Kau» man sich aber schmeicheln, daß diese neue Verfassung mit dem Systeme und den Marimen der österreichischen Regierung in Harmonie stehen werde? daß sie die Schranken, worin dieselbe den Gemeingeift hielt, aufrecht halten, daß diese Verfassung endlich in keiner Hinsicht die Gewohnheiten der Nation verändern werde? Für Oesterreich würde» vielleicht daraus Andenke n z u r ü ck b l e i b e n, d i e dauerhafter wärcn, als die ein unglückli- chcr Krieg demselben Hinte »lassen könnte rc." — Da dem Erzherzoge 249 indessen selbst die traurige Lage kund wurde, die für die Bewohner Wiens aus dieser Absperrung folgte, so wurde dieselbe bald wieder aufgehoben. Den 19. Tecember liest Napoleon seinen Soldaten nebst dem rückständigen Sold ansehnliche Geschenke ercheilen. Die meisten derselben ergaben sich dadurch solcher Schwelgerei, dast bald ein böser Typhus unter ihnen einrist, der Hunderte als Opfer hinwegraffre und auch einen Theil der Einwohner WienS befiel. Das Uebel zeigte sich so gefährlich und ansteckend, dast man die Bette» der Verstorbenen haufenweise verbrennen mustte. Nach mehr als vierzehntägiger Unterhandlung kam endlich den 26. December der Friede zu Preßburg zu Stande, welcher, obwohl in demselben Oesterreich viele und schmerzhafte Opfer brachte, doch wenigstens das feindliche Heer aus Wien und Oesterreich entfernte. Der Abmarsch desselben begann den 28. December und währte bis zum l 3. Januar 1806. Kaiser Napoleon reifete schon am erstgenannten Tage von Schönbrunn ab, nachdem er sich noch mit dem Erzherzog Karl im Jägerhause zu Stammersdorf mit voller Anerkennung dessen ausgezeichneter Eigenschaften besprochen und folgende charakteristische Proclamaticn an Wiens Bewohner erlassen hatte: „Bewohner Wiens! Ich habe den Frieden mit dem österreichischen Kaiser unterzeichnet. Im Begriffe in meine Hauptstadt zurückzu kehren, wünsche Ich noch, Euch die Achtung, welche Ich für Euch hege, und die Zufriedenheit zu erkennen zu geben, die Ich über Euer gutes Betragen während der Zeit, als Ihr unter meinen Befehlen standet, empfinde. Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, das in der Geschichte der Völker noch unerhört ist. Zehntausend Mann von Eurer Nationalgarde sind unter Waffen geblieben und haben Eure Thore bewacht. Euer Arsenal wurde vollständig in Eurer Gewalt gelassen und während eben dieser Zeit habe Ich mich den abwechselnde» Laune» des Krieges blosgestellt. Ich habe mich auf Eure Gefühle von Ehre, von Treue, von Redlichkeit verlassen. Ihr habt mein Zutrauen gerechtfertigt rc." — „Bewohner Wiens! Ich ! habe mich wenig unter Euch gezeigt, nicht aus Geringschätzung, oder aus ^ einem eitlen Stolze; sondern Ich habe Euch von keinem der Ge- ! fühle abwenden wollen, dieJhr einem Fürste» schuldig wäret, ^ mit dem Ich die Absicht hatte, einen schnellen Frieden zu ^ schliesten. Empfanget bei meiner Abreise als ein Geschenk, das Euch meine > Achtung beweiset, unberührt Euer Arsenal zurück, das die Rechte des Krieges ^ zu meinem Eigenthum gemacht haben; bedient Euch immer desselben zur Er- ^ Haltung der Ordnung. Alle die Uebel, die Ihr erlitten habt, schreibet dem ! Unglück zu, das von dem Krieg unzertrennlich ist; alle die Schonungen, mit denen meine Armeen Eure Gegenden betreten haben, verdankt Ihr der Achtung, ^ die Ihr Euch erworben habt. Napoleon." Die Resultate des Presiburger Friedens waren kurz folgende: Venedig, die österreichischen Vorlande, Tyrol, Eichstädt und der österreichische Theil von Paffau wurde von Oesterreich an Frankreich, Bayern, Würremberg und 25 « Baden abgetreten, der deutsche Orden im Reiche wurde aufgehoben, dagegen Salzburg und Berchtesgaden erworben. Kurfürst Ferdinand von Salzburg wurde durch Würzburg entschädigt, Bayern und Würtemberg wurden zu Königreichen erhoben und Baden für souverain erklärt. Nach amtlichen Erhebungen hatten die ordnungsmäßige Verpflegung, Equipirung und Fourage der französischen Truppen derProvinz Niederösterreich während der Zeit derJnvasion täglich zwischen 7- und 800,000 Gulden, folglich die ganze Zeit hindurch gegen 50 Millionen, die Contribution ungerechnet, gekostet. Die Stadt Wien hatte im Ganzen durch zweiundsechzig Tage feindliche Besatzung gehabt und noch den 28. December waren bei 40,000 Mann und gegen 9000 Pferde hier untergebracht; auch hatte die feindliche Garnison, ganz den Begriffen entgegen, die man sich von französischer Reinlichkeit machte, allenthalben so viel Unrath aufgehäuft, daß mehre Tage emsiger Arbeit nach deren Abzug erforderlich waren, denselben wieder wegzuschaffen und die Gassen zu reinigen. Doch hatten wohl auch manche Gewerbs- und Kaufleute, Gastwirthe und Geldmäkler wieder bedeutenden Gewinn durch die Anwesenheit der fremden Truppen gezogen. Kaiser Franz hatte bereits den 15. Januar 1806 ein Patent aus Feldsberg an die Bewohner Wiens erlassen, dessen rührender Inhalt die Drangsale des Volkes während der Invasion beklagt und dessen Bewohner belobt, so wie Vertrauen auf Gott und ähnliche Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland bei allen vorkommenden Gelegenheiten empfiehlt. Um seine ersehnte Ankunft nicht allein durch festliches Gepränge, sondern auch durch wohlthätige Handlungen zu feiern, wurde von den Ständen und dem Magistrate eine Subscription eingeleitet und die dadurch eingegangene Summe von 48,000 Gulden unter die dürftigste Volksclasse und jene Familien vertheilt, welche durch unglückliche Schicksale in ihrem Erwerbe gestört worden waren. Den 16. Januar hielt der Kaiser mit der Kaiserin den feierlichen Einzug in Wien. Das Kaiser- paar wurde von einer unzähligen Masse mit allgemeinem Jubel begrüßt und empfangen; die Liebe der Unterthanen zeigte sich bei dieser Gelegenheit im schönsten Lichte. Eine Deputation der Stände, nebst den Bürgermeistern von Wien und Neustadt, dann eine fünfzig Mann starke, berittene Ehrenwache, von den niederöstei-reichischen Ständen gebildet, erwarteten den Monarchen zu Floridsdorf am jenseitigen Donauufer und von da ging der Zug durch eine von der Taborbrücke an ununterbrochen bis zu St. Stephan gebildete Spalier der Bürgermiliz durch die Leopoldstadt, woselbst alle Häuser mit Bäumen, Blumenguirlanden und Teppichen verziert waren, an den rothen Thurm, wo der Bürgermeister von Wien den Kaiser mit einer Glück- wünschungsrede empfing, die von demselben auf das Herzlichste beantwortet wurde. Hierauf donnerten die Kanonen von den Wällen und unter dem Geläute aller Glocken ging der Zug über das Lugeck, hohen Markt, Wipplingerstraße und Renngasse, Freiung, Hof und Graben nach St. Stephan, wo das Kaiserpaar von dem Clerus, den Erzbischof an der Spitze, und fünfzig weißgekleideten 251 Mädchen Empfangen wurde, die ein Gedicht überreichten und den Weg durch die Kirche bis zum Altäre mit Blumen bestreuten. Nach feierlich abgehaltenem Tedeum ging der Zug wieder durch die Kärnthnerstraße, über den neuen Markt, Lobkowitz- und Josephplatz in die Burg zurück. Abends war Freitheater undFrei- redoute. An diesem Tage waren die adelig- ständische Garde und die Bürger die einzige bewaffnete Macht; erst den 18. rückte wieder österreichische Garnison in Wien ein. Erzherzog Karl, ihr ruhmgekrönter Führer, wurde von dem Magistrate an der steinenen Brücke über die Wien empfangen. Bald darauf wurden in Gegenwart des Kaisers die Tapferkeitsmedaillen an die verdiente Mannschaft des Heeres von Italien auf dem Glacis vertheilt. Auch erhielt jedes Mitglied der ganzen bewaffneten Bürgerschaft zum Andenkyi für sich selbst und seine ! Nachkommen ein gedrucktes Danksagungsschreiben für die erprobte Treue und ! thätige Dienstleistung während der feindlichen Invasion. j Noch ist zu bemerken, daß dieses Jahr (1805) eines der größten Miß- ! jahre war, die je in Oesterreich erlebt wurden, besonders aber hinsichtlich des ^ Weinbaues. Gegen Ende Oktober waren die Trauben noch nicht einmal halb reif, die Weinlese begann erst, nachdem einige starke Fröste Statt gehabt - hatten, den 4. November, und da es bereits den 5. heftig zu schneien anfing, so war man genöthigt, die Trauben unter dem Schnee hervorzukratzen, und das Product dieses Jahres war von so schlechter Beschaffenheit, daß es zu Wein ganz und gar nicht, aber auch nicht einmal zu Branntwein oder Essig tauglich war. Wie es von Zeit zu Zeit wohl einzutreffen pflegt, so folgten in dieser Hinsicht vier Fehljahre aufeinander, nämlich 1803 bis 1806 inclusive. Des nassen und kalten Sommers wegen aber war im Jahre 1805 auch an Korn und andern Sommerfrüchten entschiedener Mißwachs, wodurch, verbunden mit den drückenden Lasten der feindlichen Invasion, bedeutende Theuerung ^ entstand. Während der letzteren wurde das Brot so klein gebacken, daß man i sich einzelne Semmeln, Laibchen rc. als Curiosität und zum Angedenken durch viele Jahre aufbewahrte. HölHeikutt g. 1806 — 1814 . Erstes Kapitel. Franz I., Kaiser von Oesterreich. — Großer Sturm in Wien. — Joseph II. Denkmal. — Die Landwehre. MMach der Zurückkunft des Kaisers Franz i'm Jahre 1806 erhielt die Bür- üÄMgermiliz ei» neues Reglement. Jene Corps, welche noch keine Fahnen besaßen, erhielten dieselben aus den Händen der Kaiserin und von dieser Zeit datirt sich die vollständige Organisation, schone Eguipirung und zweckmäßige Einrichtung des Bürgercorps. ?lußer der allgemeinen Anerkennung der Zufriedenheit , welche der Kaiser in seinen Handschreiben aus Hollitsch und Feldsberg mit dem Benehmen von Wiens Bewohnern während der feindlichen Invasion kund gegeben hatte, erfolgte auch Belohnung einzelner Individuen, die sich bei dieser Gelegenheit besondere Verdienste erworben hatten. So hatte sich, um nur Ein Beispiel zu geben, die Schlossermeisterin Franciska Klähr, während ihr Gatte den Dienst bei der Bürgermiliz versah, mit ihren Kindern, Gesellen und eigens gemietheten Wärtern im Augustiner- und Michaelerspital, als eben der Typhus am heftigsten wüthete, und mehre Aerzte, Wärter und Geistliche schon dahingerafft hatte, ganz der Pflege kranker und verwundeter Oesterreicher und Russen gewidmet, viele derselben wieder hergestellt, auch sich der Gefangenen thätigst angenommen und vielen derselben die Freiheit verschafft. Deshalb ward ihr die Auszeichnung der großen goldenen Medaille mit der Kette, die ihr auf kaiserliche Verordnung vom Bürgermeister bei versammeltem Rath feierlich umgehangcn wurde. Den 6. August erschien ein kaiserliches Manifest, worin Kaiser Franz kund gab, daß er, nach Stiftung des Rheinbundes, den römisch-deutschen Reichsverband für gänzlich aufgelöst erkläre, dem zu Folge er die von ihm getragene deutsche Kaiserkrone und kaiserliche Regierung niederlegte, alle Reichsstände ihrer bisherigen Reichspflichten entband, aber auch seine deutschen Provinzen von allen Verpflichtungen gegen das deutsche Reich loszählte. Von mm an nannte er sich Franzi., Erbkaiser von Oesterreich rc. Titulatur und Wapen wurden verändert und das tausendjährige deutsche Reich, das durch eine Reihe von 366 Jahren ununterbrochen, im Ganzen aber 395 Jahre 253 von Fürsten aus dem Slannne Habsburg regiert worden war, erreichte sein Ende. An dem preußisch-französischen Kriege, 1806 —1807, nahm Oesterreich keinen Antheil. Den 15. April des letztgenannten Jahres starb die zweite Gemahlin des Kaisers, Maria Theresia, an den Folge» zu früher Entbindung. In der Nacht vom 30. September auf den l. October wücheke ein furchtbarer Sturm ans Nordwest in Wien und der Umgebung. Gegen eilf Uhr Nachts erhob sich derselbe, seine größte Stärke war um drei Uhr; er legte sich erst den folgenden Abend gänzlich und richtete allenthalben die größten Verwüstungen an Gebäude», Bäumen und Pflanzungen an. In Wien warf er die Kuppel des Augustinerthurmes herab; eine Menge von Schornsteinen, Mauern rc., besonders in den Vorstädten, wurden umgestürzt, vom großen Stephanschunu eine Bildsäule herabgeworfen, fast alle Dächer beschädigt, viele ganz abgetragen. Tausende von Fenstern wurden zerschellt, die meisten Gärten verwüstet, im Prater, dem Augarten und der Brigittenau wurden die stärksten Bäume entwurzelt und zersplittert durch einander geworfen, so daß sie das Ansehen von Verhauen hatten. Auch in den Umgebungen Wiens raste der Sturm mit gleicher Heftigkeit und richtete unberechnenbaren Schaden an ; doch ging bei diese», furchtbaren Elementarereigniß nicht Ein Menschenleben zu Grunde. Den 24. October war die feierliche Enthüllung der Statue Kaisers Joseph II. auf dem Josephplatze in Wien. Kaiser Franzi, ehrte durch dieses Denkmal seinen großen Oheim und Erzieher, ein Denkmal, das den, der es errichtete, nicht weniger als denjenigen ehrt, dem es errichtet wurde. An dem erwähnten Tage waren die beiden Seiten des Josephplatzes nach Art eines Amphitheaters zugerichtet, auf dessen mit grünem Tuche behangenen Gerüsten sich über 6000 Zuschauer befanden. Die kaiserliche Familie, die höchsten Hofämter, die Minister, die fremde» Botschafter, die hohe Geistlichkeit und ein zahlreicher Adel wohnten der Ceremonie bei. Die Statue war durch eine Art von Zelc bedeckt, ihr zur Rechten stand die deutsche Garde, zur Linken die ungarische, vor- und rückwärts die Trabantengarde. Ein Grenadierbataillon bildete das äußere Viereck. Auf dem Michaelsplatze war die Bürgermiliz, auf dem Lobko- witzplatze ein Bataillon Infanterie aufgestellt. Auf ein gegebenes Zeichen fiel das über die Statue gezogene Gezelt nieder; im gleichen Augenblick trat durch einen freundlichen Zufall die Sonne aus den Wolken. Trompeten und Pauken und ein tausendstimmiges Vivat kündigten den Augenblick der sichtbar gewor- ^ denen, im Sonnenglanze schimmernden Statue an. Rauschende Musikchöre fielen ein; die Grenadiere gaben dreimalige Salven, von den Basteien donner- i ten die Kanonen und das Geläute aller Glocken in der Stadt und den Vorstädten beschloß die herzerhebende Feierlichkeit. ' Noch im Laufe desselben Monats wurde in Wien, das bisher an zwei , Tagen der Woche einen Landkörncrmarkt gehalten hatte, auch ein Wasserkörner- ! markt eingeführt und zu diesem Zwecke in der Leopoldstadt ein geräumiges, j zweckmäßiges Magazin erbaut. 254 Den 6. Januar 1808 vermählte sich Kaiser Franz zum dritten Male mit der Erzherzogin Maria Ludovica, Tochter des Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich-Este und der Erzherzogin Maria Beatrix. Die Trauung geschah bei den Augustinern zu Wien durch deren Bruder, den Erzherzog Karl Ambros, bald darauf Primas von Ungarn. Große Festlichkeiten hatten bei der Vermählung Statt, rlisLtr« pars, Freiredoute, ein Carroussel der Bürgercavallerie in der kaiserlichen Reitschule rc.; doch auch mit edlen Werken der Wohlthätig- keit wurde nach des Kaisers Sinne diese erfreuliche Begebenheit gefeiert. Der Magistrat und der Handelsstand in Wien statteten achtzig arme Mädchen aus, worunter sich auch vier israelitische befanden; die Armen des Bürger- spitales, ja sogar die Gefangenen wurden von eigens gebildeten Gesellschaften gastlich bewirthet und betheilt. Bei dieser Gelegenheit stiftete der Kaiser den Leopoldorden als österreichischen Verdienstorden für alle Stände, dessen Hauptzweck die öffentliche Anerkennung und die Belohnung der um den Staat und das Erzhaus erworbenen Verdienste ist; daher können den Orden nur Diejenigen erhalten, welche sich durch entscheidende Beweise von Anhänglichkeit an ihr Vaterland und den Landesfürsten , durch angestrengte erfolgreiche Bemühungen, das Wohldes Staates zu befördern, durch ausgezeichnete, zum Besten des Allgemeinen wirkende und die Nation verherrlichende Gelehrsamkeit oder durch andere große und gemeinnützige Unternehmungen ausgezeichnet haben. Den 10. Januar wurde von dem verdienstvollen Mechaniker Wolffssohn zum ersten Male der i» der Zieglergasse im Schottenfeld neuerbaute prachtvolle Apollosaal eröffnet, ein Tanzsaal, der, wenigstens zur Zeit seines Entstehens, gewiß seines Gleichen nicht in Europa hatte. So viel Schönes, Bezauberndes, Originelles hatte man bis dahin in einem Ball-Locale noch nicht vereinigt gesehen. Die Größe desselben, er hält 112 Schritt Länge, und die verschwenderische Ausschmückung setzten Jedermann in Entzücken und Bewunderung. Selbst lebendige Bäume, Wasserfälle, natürliche Grotten waren angelegt; der ganze Frühling mit seinen Reizen war hier ausgebreitet. Alle diese Herrlichkeiten konnten gleich beim Eintritt von der geräumigen Terrasse übersehen werden, was eine unglaubliche Ueberraschung hervorbrachte. Die Blätter des In- und Auslandes erschöpften sich in Beschreibungen dieser nie gesehenen Pracht; der Zulauf war ungeheuer *). Den 15. Februar wurde im Jnvalidenhause auf der Landstraße der Geburtstag des Kaisers (am 12. Februar) eben so rührend als prachtvoll gefeiert. Der Donner der Kanonen verkündigte mit Tagesanbruch die Feier des Festes; die Garnison zog mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele heran. Das Haus selbst war auf das Pracht- und sinnvollste geschmückt, der Hauptsaal mit Büsten und Rüstungen berühmter Kriegesfürsten aus Oesterreichs Kaiserhaus und österreichischen Helden geziert, worunter auch *) Der Saal, noch immer einer der schönsten und größten in Wien, ging in der Folge auf andere Eigenthümer über und ward in seiner Einrichtung oft verändert. Gegenwärtig befindet stch die Fabrik der Millykerzen in demselben. 255 die prächtigen Rüstungen Rudolphs von Habsburg und Karls V. Der Kaiser und die Kaiserin wurden von den Erzherzogen empfangen und begaben sich durch die Reihen der Invaliden zu dem Throne. Der Aelteste des Hauses, Ignaz Bachmann, welcher 108 Lebens- und 69 Dienstjahre zahlte, überreichte ihnen ein einfaches herzliches Gedicht, das seine und seiner Waffenbrüder Empfindungen des Dankes ausdrückre. Ein dreimaliges Mvat, von Militär- musik und dem Donner des Geschützes begleitet, folgte der huldreichen Antwort des Kaisers. Darauf wohnten Kaiser und Kaiserin dem feierlichen Gottesdienste bei und unterhielten sich mit mehren der ehrwürdigen Veteranen. Abends war das Gebäude festlich beleuchtet und stand durch drei Tage dem Besuche des Publikums offen. Bei dieser Gelegenheit strömten dein Jnvalidenfond reiche Geschenke zu, die den Betrag von 30,000 Gulden überstiegen und wobei die Bürgermiliz, die Bürgerschaft und die Direction der Hofbühne mit rühmlichem Beispiele voranginge». Den 12. Mai erschien ein kaiserliches Patent zur Errichtung von Militärreserven; den S. Juni eines zur Errichtung der Landwehre; bei dem neuen gespannten Verhältnisse mit Frankreich eine »othwendige und höchst zweckmäßige Maßregel, welche durch die Thätigkeit des Erzherzogs Karl, seit 1806 Generalissimus aller österreichischen Armeen, ins Leben trat. Wien allein stellte zur Landwehre sechs Bataillons, welche bereits den I. November aufdem Glacis vor dem Erzherzog-Generalissimus aufdas trefflichste manövrirten. Zweites Kapitel. Vierter französischer Krieg. — Erzherzog Karl. — Neue Feindesgefahr. — Vertheidi» gungsmaßregeln. Nachdem die siegreichen Waffen des Kaisers Napoleon 1806 —1807 Preußen besiegt hatten und Frankreich mit so großem politischen Uebergewicht aus dem Frieden von Tilsit getreten war, konnte Oesterreich, ohne seine eigene Sicherheit und Integrität aufs Spiel zu setzen, des französischen Kaisers weit aussehenden und dem ganzen Continente Gefahr drohenden Planen nicht gelassen zusehen. Wollte sich aber der österreichische Kaiserstaat der nahen, furchtbaren Gefahr entziehen, so mußte es der nicht zu überbietenden Uebermacht Ver- theidigungSkrafte nebst und außer der Armee und eine gesteigerte Nationalität entgegen setzen. Dem Kaiser Napoleon, damals in Spanien beschäftigt, entgingen die Rüstungen und Vorbereitungen im österreichischen Kaiserthume keineswegs. Die angeknüpften Unterhandlungen zerschlugen sich mit dem Frühjahre 1809 und Oesterreich versuchte, mit der Kriegserklärung vom 9. April desselben Jahres, gestützt auf seine gute Sache und seine neugestärkten § Kräfte, die Wiederherstellung der vorigen politischen Ordnung der Dinge in ! Deutschland und Italien. Preußen, noch zu tief im Innern erschüttert und ! in seinen Kräften noch zu sehr geschwächt, blieb während des Krieges neutral ^ 256 und dkl- Kaiser von Rußland trat, in Felge des 1808 mit Napoleon zu Erfurt > geschlossenen Bündnisses , gegen Oesterreich auf, obzwar das in Galizien einge- ! rückte Heer keinen ernsthaften Kampf führte. Italien und der 1806 gestiftete i Rheinbund dienten dem mächtigen Kaiser der Franzosen. Der gefeierte Kriegs- ! Held Erzherzog Karl übernahm als Generalissimus den Oberbefehl der sämmt- ^ lichen österreichischen Heere und es entwickelte sich ein Enthusiasmus unter Oesterreichs Bewohnern, der in der Geschichte einzig in seiner Art zu nennen ist. Nach einem großgedachten Plane wurde der Feldzug in Deutschland von ! den, Erzherzog - Generalissimus, in Italien von dem Erzherzoge Johann und ! in Polen von dem Erzherzoge von Ferdinand-Este eröffnet. Den S. März übernahm die wohlgeübte Bürgermiliz sämmtliche Militärposten in der Stadt und den ! Vorstädten. Den 9. März war die feierliche Fahnenweihe der sechs Wiener Landwehrbataillone, wobei die Kaiserin selbst Fahnenmutter war; der Ausmarsch erfolgte den folgenden Tag. Der Bürgermeister von Wien hatte zugleich > die Bürgerschaft zu freiwilligen Beiträgen für die zurückbleibenden Familien der ! Landwehrmänner aufgefordert, die so reichlich einflosse», daß sie in Zeit von vier Tagen über 60,000 Gulden betrugen und in der Folge diesen Betrag noch bei weitem überstiegen, indem ein einziger edler Ungenannter dem Erzherzog Maximilian zu diesem Zwecke 30,000 Gulden übergab. Den 6. April verließ der Generalissimus Wien, den 8. der Kaiser selbst und schon den 9. drang Erzherzog Johann rasch aus Oberkärnthen durch das Pusterthal in Tyrol ein und dem Hauptpunkte Briren zu. Vom II. bis 16. April erfolgte der Aufstand i» Tyrol und schon den 12. befand sich Innsbruck in den Händen der energisch insurgirren Massen der ihrem alten Landcsfürsten getreuen Tyroler. Den 10. und II. ging auch das Hauptheer bei Braunau, Schärding und Wasserburg über den Inn und drang in Bayern vor. Schon hatten die Oesterreicher den 16. April München besetzt und in Italien, nach dem Gefechte bei Sacile, den Vicekönig Eugen über die Piave zurückgedrängt, als Napoleon den 18. April zu Ingolstadt erschien und die Oesterreicher den 20. April bei Abensberg, den 21. bei Landshut, den 22. bei Eckmühl und den 23. in der entscheidenden Schlacht bei Regensburg besiegte, lieber diese Schlacht erschien den 29. April der eilfte Tagesbericht der kaiserlichen Armee, dessen Inhalt wie folgt lautete und in Wien große Bestürzung veranlaßte: »Die Nachrichten, welche von der Schlacht vom 22. im Hoflager Sr. Majestät des Kaisers eingetroffen waren, hatten zu den besten Hoffnungen ! berechtigt. Der Ausgang dieser blutigen Schlacht war unerwartet. Eine große Ueberzahl an Eavallerie hat am Abende dieses Tages, als der Courier vom Schlachtfelde schon abgegangen war , ungünstig für unsere Waffen entschieden. Der linke Flügel war gezwungen zu weiche». Nach einer Anzeige Sr. kaiserlichen Hoheit des Generalissimus von der Höhe von Regensburg vom 23. hat die große Armee die Donau daselbst passirt und sich auf der Straße nach Waldmünchen ausgestellt. So endete nun eine der blutigsten Schlachten, welche fünf 257 Tage fast ununterbrochen dauerte. Oft war das Glück abwechselnd, der Verlust auf beiden Seiten außerordentlich.... Wir sind für diesen Augenblick aus der Offensive in die Defensive versetzt." Bereits den 24. April trat Erzherzog Karl den Rückzug über Cham und Waldmünchen nachBöhmen an, wahrend dieFranzosen, indem siedas geschlagene Heer ruhig ziehen ließen, unter beständigen Gefechten mir den Corps unter den Generalen Jellachich und Hitler die gerade Straße nach Wien, welche diesen zu decken oblag, einschlugen. Die Unfälle an der Donau nöthigten auch den Erzherzog Johann sich zurück zu ziehen, der blutige Kampf in Tyrol konnte von Oesterreich nicht mehr nachdrücklich unterstützt werden und dieses Land mußte aufs Neue seinem Schicksale überlassen bleiben. Die Polen unter Poniatowski verdrängten die österreichische Armee aus dem Herzogthume Warschau und dehnten sich in Galizien aus, woselbst auch die Russen eingerückt waren. Des Feindes Abhaltung von Wien beruhte nun allein auf der Wiedervereinigung des Hauptheeres mit dem linken Flügel unter Hitler; allein die Franzosen drangen so unaufhaltsam vorwärts, daß Hiller den Donauübergang bei Linz nicht mehr vollbringen konnte, sondern sich bei Ebersberg nach einem mörderischen Gefechte, wobei sich die Wiener Landwehre höchst ruhmvoll auszeichnete und großen Verlust erlitt, hinter die Traun ziehe» mußte. Solchergestalt war die Straße nach Wien und sonach in das Herz der österreichischen Monarchie völlig bloßgegeben. Schon den 30. April verkündigte der, in Abwesenheit des Kaisers die inneren Staatsgeschäfte leitende Erzherzog Rainer eine bedeutende Gefahr. Ein Aufruf vom I. Mai berief Freiwillige, einer vom 2. legte den Bewohnern der inneren Stadt ans Herz, die Ausnahmen und Begünstigungen ruhiger Zeit, wie sie in den Tagen der Noch immer gethan, in diesem äußersten Drange zu vergessen und mit den Vorstädten zugleich die Vorspann- und Transportlasten zu theilen. Schon begann das Flüchten Einzelner und das Retten der Schätze, Archive und Kunstsammlungen, alsderErzherzogMa.rimilianden 4. Mai mit dem Befehle eintraf, Wien zu vertheidigen. Eine Stelle aus der von ihm folgenden Tages an die Einwohner Wiens deshalb erlassenen Proclamation lautete: »Eure Vorfahren haben unter Ferdinand und Leopold einen mächtigen Feind von den Mauern der Hauptstadt vertrieben. Wenn es dem, der uns heute bedroht, vor einigen Jahren gelang, in diese Mauern zu dringen, so hatten Unglücksfälle von ganz außerordentlicher Art ihm den Weg dazu gebahnt. Aber jetzt, wo eine Masse von Kräften zusammenwirkt, die dem Kriege eine uns günstige Wendung zu geben im Stande ist — jetzt sollten wir ihm diese ehrwürdige Stadt, diesen Mittelpunkt der Monarchie—ohne Widerstand überlassen? — Die Gefahr, der wir Trotz bieten wollen, wird, wenn sie wirklich eintritt, in keinem Falle von langer Dauer seyn. Die Armeen werden von allen Punkten herbeieilen, um unser» Anstrengungen ein glückliches Ziel zu setzen rc." — Wirklich, obschon die Stadt Wien lange schon aller ernstlichen Rücksichten auf die Erfordernisse militärischer Haltbarkeit, schon ihrer schönen und weitläufigen 17 258 Vorstädte wegen verzichtet hatte, war es aber doch eine Möglichkeit, wenn sie sich nur 8 bis 10 Tage hielt, dasi das über Budweis, Zwettel und Horn heranrückende Hauptheer noch zeitig die Donaubrücke gewinnen und die Rettung des Staates unter den Mauer» der Hauptstadt erstreiten würde. Aber von gleichem Grunde geleitet, trachtete auch Napoleon nach der raschen Besitznahme Wiens. Es geschah nun von Seite der Stadt alles Mögliche, was in so kurzer Zeit geschehen konnte. Die Kaisen» mit der kaiserlichen Familie verliest Wien den 4. Mai und begab sich nach Ungarn. Der Landsturm wurde nun aufgeboten, die Walle wurden mit Kanonen besetzt, die der Bastei zu nahen Gebäude am Rothenthurm und Schänzel abgebrochen; der Prater wurde verschanzt und verhaut. Unaufhörlich flutheten Durchmärsche und Einquartierungen; die Verwirrung war grost. Von allen Seiten wurde Approvisionirung zugeführt; die Bürgermiliz, die Freiwilligen, ein Cavalleriecorps und alle waffenfähigen Vorstädter wurden organisirt, an welche, zur Verwahrung der Lünen gegen einen Handstreich, an 70,000 Gewehre ausgctheilt wurden. In der kürzesten Zeit waren die zweckmäßigsten Vertheidigungsanstalten getroffen; bis auf jenes ain rochen Thurm wurden alle Thore gesperrt. Den 10. Mai Frühmorgens bezog die Bürgerschaft dieWälle; an demselben Tage wurde die Augartenbrücke, einen Tag zuvor die Franzensbrücke abgebrannt; alles Glockengeläute war eingestellt. Die Garnison bestand aus 16,000 Mann Linientruppe» und Landwehre, 1000 Studenten und Künstlern, der Bürgermiliz und einiger Aufgebotsmannschaft , und so erwartete man gefaßt de» Andrang des Feindes. Drittes Kapitel. Beschießung Wiens. — Uebergabe und französische Besitznahme. Bereits den 8. Mai war Napoleons Hauptquartier in St. Pölten, den S. jenes des Marschalls Launes in Sieghardskirchen, und die Vorposten reichten bis Hükteldorf. Den 10. schon sprengten feindliche Chasseurs von Gumpendorf und Mariahilf keck an das Glacis und versuchten die a» der Wienbrücke vor dem Karnthuerthor aufgestellte» Pulverkarren wegzunehmen, welches jedoch der kühne Bürgerwachtmeistcr Wieser hinderte. Ilm 7 Uhr Morgens schickte Marschall Lannes seinen Adjutanten als Parlamentär mit einem Trompeter vor das Burgthor, der jedoch abgewiese» wurde, bei seiner Rückkehr unter die streifenden Husaren siel und von einem Handwerksmanne vom Pferde geschlagen und mißhandelt ward. Zugleich mit den rückkehrenden Husaren sprengten auch vier Chasseurs tollkühn durch dasKärnthnerthor in die Stadt. Einerderselben ward iin Komodieugäßchen von einem Fleischerknecht erschlagen, die anderen wurden in der Kärnlhnerstraße, am Graben und am Haarmarkt, schwer verwundet, gefangen genommen. Obgleich nun die Gassen mit Geschütz besetzt und von den Franzosen i» Mariahilf Kanonen mit Kartätschen aufgcführt waren, so 25S war die Neugierde der Einwohner doch so stark, das; Tausende derselben die Linienwälle bedeckten, »m das feindliche Lager zu betrachten. Da der Adjutant des Marschalls LanneS nicht zurückkam, sandte Fürst Berthier ein Aufforderungsschreiben durch den Richter von Gumpendorf an den Erzherzog Marimilian, des Inhaltes, das; der Kaiser Napoleon den Wienern gern alle Schrecknisse des Krieges ersparen wolle und eS unerhört finde, daß man von der Stadt auf die Vorstädte feuere rc. Das Schreiben schloß mit der Drohung, wenn man mit dem Schießen fortfahre, so würde binnen 36 Stunden die Stadt durch Bomben und Haubitzen in einen Schutthaufen verwandelt seyn. Die Aufforderung wurde jedoch mit ein Paar höflichen Zeilen wieder zurückgeschickt, worauf förmliche Anstalten zur Beschießung der Stadt getroffen wurden. DaS französische Heer breitete sich von der Donau bei Döbling über Währing, Ottakrin gegen Napoleons Hauptquartier Schönbrunn und von dort gegen die Spinnerin an; Kreuz bis in die Ebene von Simmering wieder an der Donau auS, hatte also beinahe dieselbe Stellung, wie die deS TürkcnheereS 1683. Die VertheidigungSlinie war ebenfalls dieselbe, wie zu jener Zeit, nämlich von der Wasserkunst- biS zur Löbel- und Melkerbastei. In den Vorstädten besetzten die Franzosen bloS die Hauptstraßen und die zur Verbindung nöthigen Nebengassen und entsendeten allenthalben Streifpatrouillen. General Andreossy wurde zum Gouverneur von Wien noch vor der Capitulation ernannt und nahm sein Hauptquartier zu Mariahilf im damaligen fürstlich Kaunitz'schen, nun Esterhazy'schen Palast. Den I I. Mai, am Christi-Him- melfahrtStage, Nachts mit dem Schlage 9 Uhr, begann von jeder feindlichen Batterie auS 20 Haubitzen die Beschießung der Stadt. Die Franzosen hatten übrigens nur Feldgeschütz und würden durch eine förmliche Belagerung eines Platzes von solcher Starke der Wälle und Werke nimmermehr in so kurzer Zeit Meister geworden seyn; allein sie rechneten auf die wenige Zeit, welche der Stadt zur Vorbereitung und Approvisionirung gegönnt war und wohl auch, daß, wenn erst einmal der Donauarm überschritten war, Niemand mehr an eine längere Vertheidiqung denken werde. Zu gleicher Zeit geschah auch ein heftiger Ausfall auS der Stadt bis gegen Mariahilf, bei welchen; von beiden ! Theilen tapfer gefochtcu wurde. Gleich im Anfänge des Bombardements gerieth ! daS Kaiserstein'sche HauS in der untern Breunerstraße in Flammen, darauf die ! sogenannte Brandstätte, der Tratcnerhof, mehre Häuser am Graben, das ! Palffy'sche Haus in der Wallnerstraße, eines im Steinl- und eines im ! Schlossergäßchen, in Allem 14 Häuser, wobei >7 Personen getödtet und verwundet wurden. Einige derselben wurden indes; zumeist der Unvorsichtigkeit ^ oder wohl gar Neugierde zum Opfer, da sich mit Anfang der Belagerung Alles, was nicht wehrhaft oder zu irgend einem gemeinnützigen Zwecke verwendbar war, in feuerfeste Keller und Gewölbe geflüchtet hatte. Von den Wällen ward gleichfalls gegen die feindlichen Batterien stark gefeuert, mehre Personen in den Vorstädten wurden vom Geschütze der Stadt getödtet, auch schlugen _ _, . , _ 17 * 2«0 einige Bomben in die Häuser von Mariahilf, namentlich in jenes zu den zwei weißen Kreuzen. In dieser furchtbaren Nacht zeichnete sich die Bürgermiliz, vorzüglich das berittene Corps, besonders aus. Von S bis 12 Uhr dauerte die Beschießung ununterbrochen, dann trat eine Pause von einer starken Viertelstunde ein, worauf sie noch heftiger anfing und bis 2*/r Uhr fortwährte. Ueber >500 Haubitzgranaten und glühende Kugeln waren binnen jener Zeit in die Stadt geflogen. Endlich gegen 3 Uhr steckte man die weiße Fahne aus mid ließ den feindlichen Vorposten melden, die Stadt sei bereit sich auf Capi- tulation zu ergeben. Ein unvorhergesehenes Ereigniß beschleunigte die Ueber- gabe. Beim Beginne des Bombardements begab sich Kaiser Napoleon mit dem Marschall Mafsena über Simmering zum Donauarm beim Lusthaus im Prater. Er beorderte sofort zwei Compagnien Voltigeurs dasselbe zu besetzen. Mehre schwammen ans jenseitige Ufer, besetzte» das Lusthaus und schlugen eine Eil- brücke, während das Bombardement alle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Zwar widerstanden die im Prater aufgestellten Grenadiere tapfer, aber vergebens, bei dem heftigen Kartätschenfeuer vom jenseitigen Ufer und der immer nachrückenden Feindesmacht. Mafsena drang in den Prater und es stand auf dem Punkte, daß die Besatzung der Stadt von der Brücke abgeschnitten wurde. In demselben Augenblicke übergab der Erzherzog Maximilian dem General O'Reilly das Commando, zog mit dem größten Theile der Linientruppen und der Landwehre auf das linke Ufer der Donau und ließ alle Brücken hinter sich abbrennen. — Von der Seite des Burgthores stellte der Feind auf die gemachte Meldung sogleich jede weitere Feindseligkeit ein; nach dem Abzüge der Truppen fielen jedoch zwei französische Divisionen in die Jägerzeile ein und begannen zu plündern, worauf auch auf der Rothenthurmbastei die weiße Fahne ausgesteckt ward. Mit Aubruch des Tages begab sich eine Deputation, bestehend aus dem Fürst-Erzbischof Hohenwart, dem Landmarschall Grafen Joseph Dietrichstein, den Prälaten von den Schotten und von Klosterneuburg, dem Grafen Veteran,', den Freiherren von Bartenstein, Haan und Mayenberg, dem Stadchauptmann Freiherrn von Lederer, dem Bürgermeister von Wohlleben und den Magistratsräthen Egger, Pink und Heyß, nach Mariahilf zum ! Gouverneur Andreofsy, von dem sie zu Fürst Verthier und endlich nach Schön- brunn zum Kaiser Napoleon geführt wurden. Dieser sagte der Deputation zwar einige harte Worte über Ursache und Entstehung des Krieges, beklagte auch das traurige Schicksal, das Wien ohne seine Schuld zugezogen worden sei, beschloß aber seine Rede mit der Versicherung seines Schutzes für Personen, Eigenthmn und öffentliche Anstalten, wie sich Wien desselben >805 erfreut habe. Den >3. Mai um 7 UhrMorgens besetzten die Oudinot'schen Grenadiere die Thore und um 9 Uhr rückte die ganze französische Armee in Wien ein. Die Truppen mit ihren Officiercn wurden in die Vorstädte, die Generale, der Stab, die Commiffäre, Armee-Beamten rc. in die Stadt einquartiert. Die Hausbesitzer mußten auf ihre Kosten die Einquartierten unterhalten. Das 261 Platzcommando erhielt General Razout. Das wenige, noch übrig gebliebene österreichische Militär marschirte aus und streckte kraft der abgeschlossene» Capi- tulatio» auf dem Glacis zwischen dein Burg- und Kärnthnerthore als kriegs- gefangen die Waffen. Einige kurz darauf ergriffene feindliche Maßregeln ließen jedoch bald Besorgnisse hinsichtlich des zugesagten Schutzes eintreten. Die magistratischen und die auf das Rathhaus geflüchteten Aerarialcasse» mit ungefähr 12 Millionen wurden weggenommen; alle Kriegs-, ja selbst Luxuswaffen mußten bei Todesstrafe in das bürgerliche Zeughaus abgeliefert werden. Den 14. Mai erschien ein drohender Aufruf an die österreichische Landwehre, worin dieselbe aufgefordcrt wurde, binnen vierzehn Tagen ihre Fahnen zu verlassen und an ihren Herd zurück zu kehren. Wer diesem Aufruf nicht Folge leistete, dessen Haus solle niedergebrannt und seine Habe eingezogen werden. Den 15. erging Napoleons merkwürdiger, ja berüchtigter Aufruf an die Ungarn, sich auf dem Felde RakoS zu versammeln und einen neuen König zu wählen, der jedoch bei der treuen und großmüthigen ungarischen Nation ganz ohne Erfolg blieb. Den 17. Mai dekretiere der französische Kaiser von Schönbrunn auS die gänzliche Einverleibung des Kirchenstaates in das französische Reich; bald darauf ward auch Papst Pius VII. nach Frankreich abgeführt. Seit dem Einrücken der französischen Truppen in Wien erschien die Wiener Zeitung ohne kaiserlichen Adler und wurde von einer französischen Redaction geleitet, deshalb waren auch die ersten, hochprangenden Worte derselben: »Die Siege Napoleons des Großen sind nicht nur die Wunder und der Stolz des Jahrhunderts, sie sind auch das Glück und die Wohlthat der Nationen" u. s. w. Nachdem Einrücken der Franzosen wurde in Wien der Mangel an Brot, Fleisch, Mehl und Milch immer drückender, das Gedränge vor den Läden und Bänken war groß; während der ganzen Nacht harrten die Armen dort auf Gassen und Plätzen des kommenden Morgens, der oft nicht einmal Befriedigung ihrer dringendsten Bedürfnisse brachte. Auch fehlte es mitunter nicht an unruhigen Auftritten; so z. B. wurde im Liechtcnthal auf die Franzosen, die eben einen gefangenen Landwehrmann escortirten, geschossen, und es entstand gewaltiger Tumult. Die Franzosen verhafteten nun die Gemeindevorsteher und schleppten sie in das Stabsstockhaus, von wo sie jedoch nach 48 Stunden wieder entlassen wurden. Ein Baron Sala, der mit seinem Sohne ruhig im Augarten spazieren ging, wurde von den Frau, zosen zur Arbeit angchalten, und da er sich weigerte, sogleich niedergeschossen. Nebstdem hielten sie den Sohn noch durch mehre Stunden zur Arbeit an. Durch kräftiges Einschreiten der österreichischen Behörde» und der Bürgergarden wurden jedoch fernere Gewaltmaßregeln verhütet. 262 Viertes Kapitel. Schlacht bei Aspern. — Begebenheiten in Wien. — Schlackt bei Wagram. — Das Napoleonsfest. — Die drei goldenen Bliebe. Der Kriegsschauplatz zog sich nunmehr auf das linke Donanufer. Kaiser Napoleon verlegte sei» Hauptquartier nach Ebersdorf. Schon den 13. Mai versuchte der Feind einen Donauübergang von Nusidorf gegen die sogenannte schwarze Lacke, wurde jedoch, vorzüglich durch die Tapferkeit der Wiener Landwehre, mit bedeutendem Verluste zurückgeschlaaen. De» 19. gelang jedoch der Uebergang über die Insel Lobau und den 21. und 22. Mai, au den Pfmgst- feiertagcn, fand die ewig denkwürdige Schlacht bei Aspern und Esilingen Statt, wo Napoleon gegen den Erzherzog Karl einen so bedeutenden Verlust erlitt, das; ihm die Vereinigung mit der über den Semmering vorgedruugenen italienischen Armee, welche nach einigen Tagen Statt harte, sehr erwünscht kam. Hier Wales, wo zum ersten Male derGlaube anseine Uuüberwiudlichkeit erschüttert wurde, und wo er die Tapferkeit der Oesterreicher in solchem Grade keimen lernte, das; er nachher selbst erklärte: „Wer die Oesterreicherbei Aspern und Esilingen nicht gesehen hat, hat nichts gesehen." Während der Schlacht herrschte zu Wien, wo jeder Kanoneuschusi so deutlich vernommen wurde, das; die Fenster davon klirrten, grosse Spannung. Alle Thürme, Dächer und Anhöhen waren mit Menschen besetzt, die, viele mit Fernröhren versehen, jede Bewegung der streitenden Heere mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgten. In der Stadt drohte indessen der immer steigende Brotmaugel mit den bedenklichsten Folgen. Ausicr den Linie» waren bereits alle Felder mit den schönsten Früchten zu Pferdefutter abgemähc worden. Die Franzosen stellten sich zahlreich bei den Läden und Bänken an, und nahmen den; Volke seinen ohnedies schon geschmälerten Bedarf weg und einige Male machte sich dieses tobend Luft, weshalb eine heftige Proclamaticn Andreossy's gegen den bösen Geist donnerte, der sich auf einmal in Wien zeige, und auch mehre Gewaltmasiregeln ergriffen wurden. So ereignete sich den 23. Juni ein großer Aufialff am Spitalberg wegen der in den kaiserl. Stallungen eingeschlossenen und darbenden Gefangenen. Der Anführer der Bürgerwache, Peter Teil, ein Tischler, trieb das Volk nicht schnell genug aus einander, darüber ergrimmte ein französischer Officier und zog de» Säbel gegen ihn. Unvorsichtiger Weise entriß ihm Tcll denselben, brach ihn über das Knie und warf ihm die Stücke vor die Füße. Des andern Tags wurde der Tischler aus seiner Wohnung abgeholt, standrechtlich behandelt und erschossen. Den 26. Juni ward auf derselben Stelle auch der Sattlermeister Eschenbach von der Wieden, der gegen das strenge Verbot zwei österreichische Kanonen in seinem Hause vergrabe» hatte, erschossen. Endlich erfolgte auch eine mittelbare Entwaffnung der Bürgcrmiliz. Die Gewehre blieben im Zenghanse, und auf den Allarmplatzen mußte sie die Mannschaft jedes Mal abholcn und wieder abgeben, wodurch sich der allgemeine Volksunwille bis zur offenen Gährung 263 steigerte, zumal, da mit dem I. Juli die Preise aller Lebensmittel unglaublich i» die Hohe gingen. Auf dem Kriegsschauplätze hatte Napoleon unterdessen die Sachsen unter Bernadette und andere bedeutende Verstärkungen an ssch gezogen, und erfocht den 5. und 6. Juli bei Wagram in einer der blutigsten Schlachte» einen so erfolgreichen Sieg, daß die Oestcrreicher von Ungarn abgeschnitken und zum Rückzuge nach Mähren und Böhmen genöthigt wurden. Durch mehre ! Tage kamen große Massen von Verwundeten und Gefangenen in Wien au, i welche von den Bürgern die menschenfreundlichste Unterstützung fanden, die selbst § von den französischen Behörden mehrfach belobt wurde. Ja mehre Bürger, worunter der Magistratsrach und nachmalige Bürgermeister Leeb, begaben sich bis auf das Schlachtfeld, um den armen Verwundeten Hilfe zu bringen. Viele Tausend Erwerblose wurden zum Charpiezupfen verwendet und ihnen große Locale, so z. B. der Augustinergang, die Redoutensäle rc., zu diesem Zwecke angewiesen. Den 14. Juli ward endlich, »ach einem hitzigen Gefechte bei Znaym, wobei der Sieg zweifelhaft blieb, daselbst ein Waffenstillstand abgeschlossen, um den beiderseitig erschöpften Heeren Rast zu gewähren. Dieser ließ die Lande ob und unter der Enns, einen bedeutenden Theil Mährens und Ungarns mit Brünn, Preßburg und Raab in FeindcShand und räumte ihm Lyrol und Vorarlberg. Beide Galizien waren ohnedies bereits verloren, und der Erzherzog Ferdinand hatte sich in die mährisch-schlesische Provinz zurückgezogen. Die Dauer der Waffenruhe war ein Monat mit vierzehntägiger Aufkündigung. Der Erz- ^ Herzog Karl hatte schon den 13. Juli zu Littau den Oberbefehl des HeereS niedergelegt, an dessen Spitze Fürst Johann Liechtenstein trat. ^ Die Stadt Wien, wie Oesterreich überhaupt, aber mußte noch lange alle Leiden einer feindlichen Besatzung dulden. Bis zum Waffenstillstand hatte der Feind von der Stadt allein zehn Millionen Gulden und zahlreiche Reauisiten in Natural-Lieferung, unter Anderem allein 150,000 Ellen Leinwand für seine Verwundeten, abgefordert. Den 21. Juli begehrten die Franzose» abermals zwei Millionen Francs und reguirirten 5000 Klafter Holz, 30,000 Centner He», 40.000 Centner Stroh, gegen 200,000 Ellen Tuch und Futter, 70,000 Elle» Leinwand und 30,000 Pfund Leder. Den 26. abermals 73,000 Metzen Hafer, 20.000 Centner Heu und Stroh, 10,000 Eimer Wein und für 40,000 Mann Bettgeräthschaften. Bei dieser allgemeinen Noth machten aber demungeachtet mehre Kauflcute sehr vortheilhafte Geschäfte, da die Mehrzahl der Franzose» überflüßig mit Geld versehe» war, bedeutende Einkäufe machte und sich wenig um den Preis kümmerte. Gleich nach der Schlacht bei Wagram harre Napoleon auch eine große Contribution auf alle eroberten Provinzen ausgeschrieben , die Wie» ebenfalls reichlich mitbelraf. Den 20. Juli wurde der Prater, der Augarten und andere bisher geschlossene öffentliche Gärten und Vergnügungsorte wieder geöffnet und hatten sich fortan häufigen Besuchs zu erfreuen. Seit längerer Zeit hakten sich mehre Mäkler und Trödler den Stephansplatz zum Sammelplätze erkoren, auf demselben wurden Beutesachen, i 264 Gold-- und Silbergegenstände, Kleider rc. verkauft und Geschäfte aller Art gemacht, wobei der Wucher vorzüglich sein verächtliches Spiel trieb. Da den öfteren Verboten dieses Unwesens nicht Folge geleistet wurde, so liest der Gouverneur Andreossy eines Tages die ganze Marktgesellschaft, Käufer und Verkäufer, Civil und Militär, arretiren und verbot jedem Soldaten, auf öffentlicher Straste das Geringste zu kaufen oder zu verkaufen, ausgenommen er habe eine Erlaubnistkarte seines Chefs. Um dieselbe Zeit erschien auch ein Befehl, daß die Priester auf dem Lande, die sich im Drange der Umstände geflüchtet hatten, zu ihren Pfarreien zurückkehren und eifrig dahin wirken sollten, daß auch die Landleute wieder zu ihren Geschäften zurückkehrten. Den 14. August sprang um 10 Uhr Vormittags das französische Pulverlaboratorium auf der Schottenbastei durch Unvorsichtigkeit in die Luft. Die Stadt und die Vorstädte wurden dadurch im höchsten Grade allarmirt, mehre gefüllte Granaten fielen und sprangen auf der Freiung und in der Renngasse, ohne jedoch großen Schaden anzurichten. Den 15. August wurde der Napoleonstag in Wien, wie an allen Orten, wo französische Garnison lag, mit großem Pompe gefeiert. Am frühen Morgen flaggten alle Donauschiffe, um 8 Uhr begannen sie zu feuern. Um 9 Uhr, als die große Parade Statt hatte, wurde in Wien mit allen Glocken geläutet und von den Wällen geschahen 60 Kanonenschüsse. Nachmittags um 3'/r Uhr erschien der Viceconnetable und Major-General Bcrthier mit dem Generalstab und mit dem Hofstaat am Burgthore, wo ihn das General-Gouvernement und Platz- commando empfing und mit ihm zum Herzog Albert'schcn Palaste, der Wohnung des Vicekönigs Eugen, zog, um diesen abzuholen, der sich auch zwischen Spalieren von Linientruppen und Bürgermiliz, zu Pferde zum Tedeum nach St. Stephan und in gleicher Ordnung wieder zurückbegab. Der Gouverneur Andreossy gab darauf im Rittersaale der kaiserlichen Burg große Tafel in Gala. Die französischen Soldaten erhielten an diesem Tage Freiporlionen und Zulage an Geld, die sie jubelnd verzehrten. In den Vorstädten und an vielen Orten auf dem Lande waren Ehrenbogen mit Festons errichtet, unter welchen große verzierte Tafeln mit einem transparenten IX hingen und bei welchen Pistolenschüsse abgefeuert wurden und die französischen Musikchöre spielten. Abends wurde zwischen dem Burgthore und den kaiserlichen Stallungen ein imposantes Feuerwerk abgebrannt und nach 8 Uhr begann die Beleuchtung der Stadt und der Vorstädte, die von zahlreichen Patrouillen durchzogen wurden. Außer mehren schmeichelhaften, mitunter aus lateinischen Dichtern entlehnten Devisen an den Wohnungen der feindlichen Officiere, so z. B.: Uie smes üiei pater stgus princeps, die sich unter diesen Umständen sonderbar genug ausnahmen, prangte in treffender Ironie ein Bürgerhaus zu Mariahilf mit der Inschrift: Aur Weihe ^n IVapoleons Oeburtstage, deren riesengroße Anfangsbuchstaben den versteckten eigentlichen Sinn angaben. Eine Deutung anderer Art wurde aus dem in großen Buchstaben transparenten Worte W. I. k, IX. heraus- gegrübelt, dessen geflissentlich abgctheilte Buchstaben, vor- und rückwärts gelesen, 265 die freilich nicht erfüllte Prophezeiung enthalten sollte: Was Ist's klnde IVapoleons? Napoleons knde Ist Wien. I» der Wiener Zeitung las man am folgenden Tage eine Beschreibung der ganzen Feierlichkeit, worin auf französische Weise des Weihrauchs nicht gespart wurde und in welcher unter Anderem folgende Stelle vorkam: „Nimmermehr hatte man geglaubt, daß die Stadt, die gestern von Freudenlichtern glänzte und von Fröhlichkeit tönte, vor drei Monaten von Belagerungsfeuern brannte und von Angsttönen widerhallte. Aber das schöne Fest verdiente auch schön gefeiert zu werden.- Ganz Frankreich war an diesem Tage wonnetrunken; England sah es und knirschte. — Seit den Tagen Josephs war in Wien kein Fest mit so allgemeiner Theilnahme gefeiert w orden." An demselben Tage vertheilte Napoleon auch mehre Orden und Würden. Den Marschall Davoust ernannte er zum Fürsten von Eckmühl, Mafsena zum Fürsten von Eßlingen, Berthier zum Fürsten von Wagram. Auch verkündete er von Schön- brnnn aus die Errichtung eines Ordens der drei goldenen Vließe. Brüssel, Madrid und Wien, als die drei Orte, die er für die Wiegen dieses Ordens hielt, sollten auf einem dreifachen Widderfelle mit den Jahreszahlen ihrer Eroberungen, 1797, 1808 und 1809, stehen. Das reiche O.uecksilberberg werk zu Jdria wurde zur Dotation des Ordens bestimmt. Uebrigens ließ er diese Schöpfung bald wieder fallen, wenigstens erschienen die versprochenen Ordensstatuten nicht, und man kann die ganze Sache wohl für nichts weiter, als für einen Anfall von Uebermuth nehmen, der ihn bewog, seinen beiden Orden der Ehrenlegion und der eisenen Krone noch diesen dritten an die Seile zu setzen, um wenigstens für den Augenblick die alte ehrwürdige burgundische Stiftung zu überstrahlen. Fünftes Kapitel. Harte Maßregeln der Franzosen in Wien. — Friedrich Diaps. — Demollrung eines Theiles der Festungswerke in Wien. — Wiener Friede. Den 17. August wurden endlich zu Deutsch-Altenburg die Friedensunterhandlungen eröffnet, die jedoch durch geraume Zeit nicht vorwärts schritten, ja mehrmals schien der Bruch derselben nahe. Denselben Tag erschien ein Aufruf des Kaisers Franz aus Komorn an seine Armee und seine Völker mit der Erklärung, daß er zwar bereit sei, einen anständigen Frieden zu unterzeichnen, nie aber Bedingungen unterzeichnen würde, die seine Ehre und die Unabhängigkeit seiner Krone gefährden könnten. Mittlerweile hatten in Wien mehre harte Maßregeln Statt gefunden, so z. B. Plünderungen im kaiserlichen Thiergarten, die Besetzung und Durchsuchung aller Aerarialgebäude, aller Klöster, die Grundbücher besaßen, selbst einiger Häuser des höheren Adels, wo alle Lassen und Archive versiegelt wurden; die Verwüstungen am Tabor und im Prarer; die Verschleppungen aus Archiven, Bibliotheken und Gallerien rc. Baron Dominique 266 Vivant Denen, General-Directvr des kaiserlichen Museums in Paris, nahm allein aus der kaiserlichen Hofbibliothek für jene zu Paris 943 Bände hinweg, worunter sich 246 orientalische Handschriften, 393 Bande griechische, lateinische, französische und deutsche Manuscripte, 230 Bände alte und neuere Druckwerke, 42 Bände alte Erbauungsbücher, 12 Bände gemalte und gezeichnete Werke ohne Text, 20 Bände mit Holzschnitten und Kupferstichen befanden. Auch die i kaiserliche Bildergallerie und andere Cabincre wurden ausgebeutet *). Den 1. September ging der Kaiser Napoleon zur Heerschau nach Raab, den 7. nach Krems und Melk, den 16. nach Brünn, bei welcher Gelegenheit er auch das Schlachtfeld von Austerlitz wieder besuchte. Den I. October besichtigte er Baden und das Helcnenthal, den 5. Abends um 9 Uhr kam er nach Wien, und besuchte die Kaisergruft bei den Kapuzinern, woselbst er ziemlich lange verweilte und Alles genau besichtigte, den 6. ging er nach Wiener-Neustadt und machte von da einen Ausflug nach dem Semmering, dann begab er sich wieder »ach Schönbrunn zurück. Schon Anfangs September wurde die Censur in Wien aufgehoben und der Druck, so wie die Vorstellungen auf dem Theater freigegebcn. In demselben Monat wurde auch in Wien eine neue berittene Gendarmerie eingeführt, deren Existenz von kurzer Dauer war. Den I I. October wurde ein sonderbares Attentat auf das Leben des Kaisers Napoleon zu Schönbrunn beabsichtigt. Als er eben von den Stufen des Schlosses in den großen Hof zur Heerschau herabschritt, drängte sich ein junger wohlgebildeter Mann, Namens Friedrich Staps, ein Predigerssohn aus Erfurt, durch die Menge von Zusehern und suchte so nahe als möglich an den Kaiser zu kommen. Dem General Rapp, der immer vor dem Kaiser herging, sielen die stechenden Blicke und die Verwirrung des jungen Mannes auf, er ergriff ihn und fühlte auch sogleich einen langen Dolch unter seiner Brusttasche. Befragt, was er damit beabsichtige, gestand er sogleich, daß er die weite Reise von Erfurt hieher gemacht habe, um Napoleon zu ermorden und so der Welt den Frieden zu schenken. Er antwortete auf alle Fragen, die Napoleon selbst an ihn stellte, gefaßt und ruhig, doch mit einem Anstnch von Schwärmerei, und als ihm der Kaiser endlich die Frage stellte, wenn er ihn zu sich nähme und mit Wohlthaten überhäufe, ob er ihm dann ein eben so treuer Diener seyn »volle, als er sich jetzt als unsinniger Feind zeige, war die schnelle Antwort, es werde stets wieder der alte Vorsatz in ihm erwache». Staps wurde darauf einem Arzte übergeben, der ihm öfters den Puls fühlen, ihn über seinen Zustand und sein früheres Leben befragen mußte. Da er sich jedoch durchaus besonnen und ruhig, nur von Iciner Idee eingenommen zeigte, ward er fortgeführt und außer der Mariahilfer Linie, rückwärts der Gewehrfabrik, erschossen. An demselben Tage hatte ein kleiner Tumult im Kärnrhnerthor-Theaccr Statt. Es war ein Ballet angekün- digt worden und deshalb eine Menge französischer Officiere versammelt. Napoleon *) Die>e Schätze wurden jedoch ISIS größtentheilS wieder zurückgestcllt. 267 ließ jedoch das Balletcorps zu sich nach Schönbrunn komme» , worüber die Offi- ! ciere so ergrimmte», daß sie über das Orchester auf die Bühne stiege», mehre > Instrumente zertrümmerten und nur nach vielen Vorstellungen wieder beschwichtigt werden konnten. I» diesen Tagen wurde auch ein französischer Soldat in der Kirche am Braunhirschengrunde beim Kirchenraube ertappt und von seinem General an den Stufen des Altars niedergesäbelc. Den 14. October, Vormittags um 9 Uhr, wurde endlich von dem Fürsten ! Johann Liechtenstein und dem französischen Minister Champagny, Herzog von - Cadore, der Wiener Friede unterzeichnet, wodurch Oesterreich abtrat: West- ! galizicn und Krakau, Salzburg und Berchtesgaden mit dem Jnnviertel, Croa- ! tien bis an die Save, die deutschen und ungarischen Küstenlande, Triest, Görz, ^ Krain und den Nillacher Kreis von Kärnthen, aus welch' letzteren Ländertheilen Napoleon in der Folge die illyrischen Provinzen bildete. Auch erkannte Kaiser Franz alle Veränderungen, welche in Spanien, Portugal und Italien theils , Statt gefunden hatten, theils noch Statt finden würden, an und trat dein Conti- ! nentalsysteme bei, mittelst welchem die Einführung aller englischen Waaren verboten wurde. Die Wiener Zeitung vom 25. October verkündigte den Frieden und trug zum ersten Male wieder das österreichische Wapcn. Doch selbst nach geschlossenem Frieden war die Rache der Feinde noch nicht gesättigt. Gleichsam zur Strafe, daß Wien cs auch nur einen Augenblick gewagt, ! dem Unüberwindlichen zu widerstehen, wurden den 16. October die Festungswerke der Stadt vom Kärnthnerthore bis über das Schottcnthor hinaus zur Elcndbastei mit großer Gefahr für die Stadt gesprengt und in Schutt gelegt. So wurden z. B. häufig aufgebrochene Pulverfässer vergessen und eine große Menge Pulvers verschüttet, so daß die Bürger gezwungen waren, dasselbe mit Wasser zn begießen, die Fässer aber schnell zu verstopfen und hinweg zu führen. Den 29. November endlich erfolgte der Abzug der französischen Truppen; den 26. rückte wieder die erste österreichische Garnison ein und wurde unter ungeheurem Zulaufe jubelnd empfangen und vom Magistrate beschenkt. Den 27. ließ der kaiserlich bevollmächtigte Hofcommiffär Rudolph Graf von Wrbna folgende Kundmachung an allen Ecken der Plätze in Wien anschlagen: »Da der Unterzeichnete so eben durch einen Courier die für das Herz eines jeden treuen Untcr- thans höchst erfreuliche Nachricht erhielt, daß Se. Majestät unser allgeliebter ! Laudesvater heute Nachmittag in unsere Mitte zurückkehren, so säume ich nicht, ! dem Publicum dieses beglückende Ereigniß vorläufig bekannt zu machen." Diese i Nachricht wurde mit allgemeinem Entzücken aufgeuommen. Nachmittag um 4 Ubr erschien der Monarch in einer einfachen Kalesche, ohne Hofstaat und kriegerische Begleitung, und wurde mit unermeßlichem Jubel empfangen. Beim Aussteigen des Kaisers aus dem Burgplatze überstieg der Enthusiasmus alle § Grenzen, der Kaiser wurde im eigentlichsten Sinne auf den Händen in seine ' Gemächer getragen, und alle schweren Wunden schienen urplötzlich geheilt und vergessen. Be! ciubrcchcnder Nacht waren binnen einer Stunde, ohne alle 268 Veranstaltung oder Verabredung, die ganze Stadt und alle Vorstädte festlich erleuchtet. Der Kaiser durchfuhr gerührt die Stadt ohne andere Begleitung als einer kleinen Abtheilung der Bürgercavallerie, und die Menge jauchzte ihm frohlockend zu. Die Kaiserin war wegen Unpäßlichkeit mit der übrigen kaiserlichen Familie noch in Ofen zurückgeblieben. Den 29. November wurde bei St. Stephan ein feierliches Tedeum wegen der glücklichen Rückkehr des Kaisers abgehalten und Abends darauf waren Stadt und Vorstädte abermals beleuchtet. Den Ü I.December kam auch der Erzherzog Karl wieder nach Wien, nachdem sich bereits Fürst Johann Liechtenstein von der Armee beurlaubt hatte, die wieder in ihre Friedensstationen zog. Sechstes Kapitel. Marie Louise. — Wiederaufbau der Festungswerke. — Finanzpatent. Den 15. December i sos erklärte Napoleon in einer Famili'enversammlung zu Paris, das Glück seiner Völker begehre, daß er ihnen Erben seiner Liebe, daß er seinem Throne Kinder hinterlasse, und da seine langjährige Ehe mit der Kaiserin Josephine kinderlos geblieben sei, er dieselbe auflöse. Am folgenden Tage erklärte sich auch der Senat für diese Scheidung, die denn Anfangs Januar 1810 vor dem geistlichen Officialate zu Paris vor sich ging. Napoleons neue Wahl traf die österreichische kaiserliche Prinzessin Marie Louise, älteste Tochter des Kaisers Franz. Bereits den 7. Februar wurde durch den Minister Champagny und de» österreichischen Botschafter Karl Fürsten von Schwarzenberg das Ehe- verlöbniß unterzeichnet. Durch die Einwilligung in die Verbindung Napoleons mit der kaiserlichen Prinzessin hatte Kaiser Franz das Recht einer neuen Dynastie in Frankreich bestätigt, indem er den Versuch unternahm, den Beherrscher dieses Reiches, da sich die äußere Macht, ihn zu zähmen, nicht hinlänglich zeigte, durch moralische Motive zu beschränken. Bei diesem überraschenden Schritte zeigte sich die reine Politik des Kaisers Franz in ihrem eigenthümlichsten Lichte; denn entweder gelang es, Napoleon durch die Aufnahme in die Reihe der europäischen Fürstenfamilien für deren Geist zu gewinnen und ihn so zur unbedingten Anerkennung der Rechte und Unabhängigkeit anderer Staaten zu nöthigen, oder er mußte sich, falls sei» unbeugsamer Geist fortfahren würde, sich allen diesen Einflüssen widerstrebend zu zeigen, in eine Reihe von Widersprüchen verwickeln, welche seine neue Stellung mit seinem alten Systeme nothwendig erzeugen und über kurz oder lang seinen Sturz von selbst herbeiführen mußte. Der Großkanzler Cambaceres aber zeigte dem Senate den Abgang des Fürsten Berthier als Brautwerber mit folgender Erklärung an: »Napoleon habe auf eine ausgezeichnete Weise zur Wohlfahrt des gegenwärtigen Geschlechtes beitragen wollen. Bisher hätten die ewigen Feinde des festen Landes auf neuerliche Entzweiung und Zerrüttung desselben ihre Hoffnung gesetzt. Von jetzt an würden 2«S sie wenigstens aufhören muffen, ihm Plane anzuschuldigen, die den Banden und Pflichten der neugeknüpften Verwandtschaft mit den, österreichischen Kaiserhause widerstrebten." Den 4. März traf Fürst Berthier als Großbotschafter in Wien ei» und stieg in der Reichskanzlei ab. Der feierliche Einzug geschah Tags darauf vom fürstlich Schwarzenberg'schen Palast auf dem Rennweg über die neu erbaute sogenannte Bcrthier-Brücke über die Wien und das Glacis in die Kaiserburg, wo Fürst Berthier seine erste Audienz hatte. Abends darauf erschien er im Gefolge des Kaisers und der Erzherzoge im Apollosaale. Den 6. war große Familientafel bei Hofe, zu welcher nebst dem Fürsten Berthier auch der französische Gesandte Graf Otto und die Generale Narbonne und Lauriston mit den obersten Hofämtern beigezogen waren. Abends folgte ein herrlicher Freiball in den festlich geschmückten Redoutensälen, wobei sich nebst der ganzen kaiserlichen Familie auch die kaiserliche Braut eiufand. Den 8. Abends um 6 Uhr geschah die feierliche Anwerbung, worauf große Gala bei Hofe folgte. Den S. Marz legte die kaiserliche Braut den üblichen Entsagungseid in Folge der österreichischen Erbfolgeordnung und pragmatischen Sanction ab, bei welcher feierlichen Handlung nebst dem Kaiser und dem Großbotschafrer auch der Erzbischof von Wien, sämmtliche Minister und Chefs der Hofstellen, dann die geheimen Räthe zugegen waren. Abends war im Theater an der Wien prachtvolles lAöLtrk psrö, wobei die Oper Jphigenia auf Tauris von Gluck aufgeführt wurde. Sonntags den 11. Marz Abends um 6 Uhr erfolgte die feierliche Vermählung durch Procuration bei den Augustinern durch den Fürsten Erzbischof, wobei der Erzherzog Karl, auf Napoleons eigenes Ansuchen, die Stelle des kaiserlichen Bräutigams vertrat. Denselben Abend war in allen Theatern freier Eintritt und die Stadt wie die Vorstädte waren herrlich beleuchtet. Den 12. März reifete der Großbotschafter nach dem Ucbergabsorte Braunau ab. Den 13. erfolgte die Abreise der Neuvermählten Kaiserin. Erzherzog Karl führte sie an den Wagen, an dessen Schlag der damalige Stadtcommandant Fürst Johann Liechtenstein mit gezogenem Degen ritt. Ihre Obersthofmeisterin, Gräfin Lazansky, begleitete sie. Von dem in Menge versammelten Volke wurde die hohe Neuvermählte mit Liebe zum Abschiede begrüßt und sie dankte mit Thräne» der Rührung. Der Zug ging zwischen Spalieren von Militär und Bürgermiliz langsam über den Kohlmarkt, Graben und die Kärnthnerstraße nach der Mariahilfer Linie. Die Wagen der kaiserlichen Kämmerer und des Uebergabs-Commissärs, Fürsten Trautmannsdorf, eröffneten ihn; jene der Palastdamen folgten. Bei der 'Ankunft an den Linien wurden die Kanonen auf den Basteien abgeschossen. Den 4. October, am Namenstage des Kaisers, schenkte derselbe der Bürgerschaft Wiens sechs neu gegossene Kanonen zum Ersätze für jene in gleicher Zahl, welche Kaiser Leopold I. nach dem Entsatz von Wien 1683 den Bürgern geschenkt, die Franzosen 1809 aber weggenommen hatten. Sie wurden in das bürgerliche Zeughaus gebracht und werden noch jetzt bei festlichen Gelegenheiten benutzt. Jede derselben trägt auf dem Schilde die Aufschrift: »Franz I. den Bürgern der Stadt 27 « Wie» für erprobte Treue, Anhänglichkeit und Biedersinn. 1810." Auch erhielten viele Mitglieder des Magistrates und des Bürgermilitärs verschiedene Aus- ! zeichnungen für ihr patriotisches Wirken während der feindlichen Invasion, und zwar durch erhöhte Würden, den Adel, durch Ehrenmünzen und Belobungs- i decrcte. Schon im Jahre 1810 wurde die Wiederherstellung der im Schutte lie- ! genden Ausienwerke beschlossen. Der Anfang wurde mit der Courtine zwischen der Melker- und Löbelbastei gemacht, in deren Mitte, dem Eingänge in die ^ Teinfaltstrasie gegenüber, ein neues Thor, Franzensthor genannt, für Fuß- ! ganger eröffnet und so die Communication mit der Joseph- und Alservorstadt um Vieles erleichtert wurde. Auch wurde die Löbelbastei auf ihrem vorigen ^ Punkte wieder hergestellt, in der Folge das sogenannte Paradiesgärtchen cassirt, ! und das darin befindliche Gartenhaus zu einein Kaffeehause bestimmt. Ferner ^ wurde eine schmälere Brustwehre errichtet, und die Strecke von der Burg bis zur ! Melkerbastei geebnet und mit einer schönen Allee besetzt, wodurch eine ange- j nehme Promenade gewonnen ward. ! Im Laufe der langwierige» und äusierst kostspieligen Kriege, in welche ! Oesterreich gegen das Ende des vorigen und im ersten Jahrzehent des gegenwärtigen Jahrhunderts verwickelt war, war die Masse der Bancozettel allmälig so sehr vermehrt worden, daß sich im Monate Februar 1811 die gesammte Summe derselben, die bei ihrer Entstehung unter Maria Theresia zwölf, und 1785 zwanzig Millionen Gulden betrug, auf 1,060,798,753 Gulden belief. Diese Vermehrung machte den Credit derselben so sehr fallen, daß der Staat nothwendig fand, in Betreff dieses Papiergeldes neue Maßregeln zu treffen. Ein unterm 20. Februar 1811 ausgefertigtes, und den 15. März publicirtes Patent setzte also die Bancozettel auf das Fünftheil ihres Nennwerthes gegen den Ncnnwerth eines neuen Papiergeldes, der sogenannten Einlösungsscheine, ! herunter. Die alte Kupfermünze, bis auf die Kreuzer-, Halbe- und Viertel- ! Kreuzerstncke, erlitt ebenfalls eine Modisication, so galten fortan die Dreißig- krenzerstücke 6 Kreuzer, die Fünfzehnkreuzerstücke 3 Kreuzer, die Groschen 2 Kreuzer, die Sechskreuzcrstücke kamen ganz außer Cours, dafür wurden neue Groschen geprägt. Den 27. März war zu Ehren der am 20. Statt gefundenen Geburt des Sohnes Napoleons, der schon in der Wiege als König von Rom begrüßt ward, große Gala und Appartement in der kaiserlichen Burg. Später gab der französische Botschafter, Graf Otto, zu Folge dieses erfreulichen Ereignisses mehre glänzende Feste. Eins derselben zeichnete sich vorzüglich durch außerordentliche Pracht ans. Das Gesandtschaftshotel war auf das Herrlichste beleuchtet; ein vor demselben errichteter prachtvoller Triumphbogen war allein durch 40,000 Lampen beleuchtet. Den 16. September erfolgte zum ersten Male die feierliche Vertheilung I von Prämien für Dienstboten, welche 25 Jahre in Wie» und 10 Jahre bei 271 einer »nd derselben Familie gedient haben. Diese Verthcilungen, welche die Landesregierung besorgt, wurden seit dieser Zeit fortgesetzt; eine Prämie beträgt ISO fl., welcher auch gewöhnlich noch die Gesellschaft der adeligen Frauen »ach Verdienst einen Anschuß beifügt. Der Sommer I8II zeigte sich ungewöhnlich anhaltend heisi, obschon mit vielen, oft schweren Gewittern, und erzeugte einen außerordentlich guten Wein in bedeutender Quantität. Anfangs des Jahres 1812 kam das neue allgemeine bürgerliche Gesetzbuch in allen Provinzen Oesterreichs, mit Ausnahme von Ungarn und Siebenbürgen, in Ausübung; ein Werk, daS sich durch Klarheit und Gemeinfaßlichkeit auf das Höchste auszeichnet und welches allein schon hinreichend wäre, daS Andenken deS Kaisers Franz in dein Herzen jedes seiner Unterthanen zu erhalten. Siebentes Kapitel. Ruffisch-französischer Krieg. — Die Verbündeten. — Oesterreich's Beitritt. — Schlacht bei Leipzig. — Einnahme von Paris. Der AuSbruch deS russisch-französischen Krieges in diesem Jahre, zu welchem Oesterreich dem Kaiser Napoleon ein HilfscorpS von 50,000 Mann mit 60 Kanonen stellte, erregte allgemeine Spannung in Wien, und bei den ungeheure» Hilfsmitteln, welche der französische Kaiser aufbot, und der pomphaften Sprache der Armcebulletins glaubten Viele schon den Untergang des russischen Reiches für gewiß annehmen zu dürfen, um so mehr, da Napoleons unermeßliches Heer in kurzer Zeit in die alte Ezarenstadr, Moskau, einrückte. Um so größer war aber die Ueberraschung, als nach dem Brande der heiligen Stadt die große Armee in die bedenklichste Lage gerieth, die mit alle» ängstlichen Wendungen nicht mehr zu verbergen war und endlich durch daS merkwürdige 29- Bulletin vom 3. Deccmber aus Molodetschno nach dem verderblichen Uebergang über die Beresina offenbar am Tage lag. Napoleons SiegeSgestirn war erblichen, seine Uebermacht gebrochen und schon regten sich uni diese Zeit frohe Hoffnungen in Deutschland »nd Oesterreich, die so lange und schmerzlich getragene Gewaltherrschaft abzuschütteln und wiede, frei athmen zu können. In Rücksicht auf Productivität, besonders auf Weinbau und Handel, zeigte sich daS Jahr 1812 besonders merkwürdig. Der kühle Sommer und Herbst brachten zwar in der Qualität nur mittelmäßigen Wein, aber in so großer Menge hervor, daß er zur Zeit der Weinlese für geringen Preis verkauft werde» konnte. Durch die kriegbewegte Zeit aber und Verführungen desselben in die vom Militär occupirten Provinzen stieg der Preis in kurzer Zeit so außerordentlich bedeutend, daß sich viele Händler und bedeutende Producenten in diesem einzigen Jahre beträchtliches Vermögen erwarben. I» der Weinlese galt der Eimer 3 bis 3'/o Gulden und in Zeit von sechs bis acht Monaten darauf wurde er bereits für 20, 25 bis 30 Gulden verkauft. In der Folge 2-2 stieg er »och höher und ich selbst weiß mich noch recht gut eines Verkaufes von Wein dieses Jahrganges, den Eimer zu 57 Gulden zu erinnern. Ein Ereigniß, daS gewiß ohne Beispiel in der Weinproduction Oesterreichs in vergangener Zeit ist und sich wohl auch nicht leicht mehr wiederholen dürste. Durch den langen und äußerst strengen Winter von 1812—1813, in welchem so häufiger Schnee fiel, übertrat bei dem Eisgänge der Donau, den 20. Februar 1813, dieser > Fluß seine Ufer und überschwemmte die Leopoldstadt, Roßau und alle tief liegenden Vorstädte. Als nach dem Rückzüge der Franzosen aus Rußland auch Preußen gegen Napoleon aufstand , und als Kaiser Franz durch die fruchtlosen Unterhandlungen in Prag überzeugt war, daß es auf diese Weise zu keinem dauerhaften Frieden kommen könne, trat auch Oesterreich auf die Seite der verbündeten > Mächte und legte dadurch das entscheidende Uebergewicht in die Wagschale des Krieges. In der deshalb im August erlassenen Kriegserklärung Oesterreichs an ! Frankreich hieß es unter Anderem: »Für seine Völker, für derMenschheit heilige Interesse», als Schutzwehre gegen unabsehbare Uebel gab der Monarch daS Theuerste hin! Wenn diese frohen Hoffnungen unerfüllt blieben, so kann Oesterreich kein Vorwurf darüber treffen. Nach vieljähriger, vergeblicher Anstrengung , nach unermeßlichen Aufopferungen aller Art, gab es Beweggründe genug zu dem Versuche, durch Vertrauen und Hingebung Gutes zu wirken, wo bisher Ströme von Blut nur Verderben auf Verderben gehäuft hatten rc." Nach dem letzten Siege Napoleons in Deutschland , bei Dresden, zeigte sich fortan das Waffenglück günstig für die verbündeten Heere. Den 4. September ritt der Oberstlieutenant Graf Paar mit der Siegeskunde der Schlacht von Kulm als Courier in Wien ein. Eine Abtheilung kaiserliche Cavallerie und 30 blasende Postillons ritten vor ihm her, Bürgerwache und Militär schloß den Zug, den das in Menge herbeigeströmte Volk jubelnd begrüßte. Den 16. bis 19. October wurde die ewig denkwürdige siegreiche Riesenschlacht bei Leipzig geschlagen. Die Siegesnachricht brachte Graf Neipperg den 24. Oktober nach Wien. Er hielt mit großem militärischen Gefolge einen prachtvollen Einzug, von 36 blasenden Postillons und 6 Postofficieren umgeben. Das in unzählbarer Menge versammelte Volk begleitete ihn unter Vivatrufen bis zur ^ kaiserlichen Burg, wo er der Kaiserin einen eigenhändigen Brief des Kaisers übergab. Den 28. October wurde bei St. Stephan ein großes Dankfest gefeiert, während welchem die Kanonen von den Basteien donnerten und das aufgestellte Militär Salven gab. Die Kaiserin, der ganze Hof und die obersten Behörden wohnten der Feierlichkeit bei. Den 7. Januar 1814, nach dem Rheinübergang der verbündeten Heere, begab sich eine Deputation von Wien, den Bürgermeister Stephan Edlen von Wohlleben an der Spitze, in das Hauptquartier des Kaisers zu Freiburg im Breisgau, um ihm wegen des glücklichen Fortganges der Waffen ihre Theil- nahme zu bezeigen. Den Fürsten Metternich und Schwarzenberg überreichten >' i 273 sie Ehrenbürger-Diplome der Stadt Wien. Den 11. Februar kam GrafWoyna als Courier mit der Siegesnachricht von Brienne nach Wien, und hielt seinen Einzug von 40 Postillons und mehren Postofficieren begleitet. Tags darauf, am Geburtsfeste des Monarchen, war die Stadt festlich erleuchtet. Die letzt? bedeutende Schlacht in diesem entscheidenden Kampfe war jene bei Fere-Chaiu- ponaise den 21. Marz, in welcher die Franzosen vollständig geschlagen und genöthiget wurden, sich in Unordnung gegen Paris zurückzuziehen, wohin ihnen die Verbündeten auf den Fuß folgten. Im Angesichte dieser Hauptstadt entwickelte sich neuerdings ein hartnäckiges Gefecht, das mit der Eapitulation des Marschalls Marmont sMi Ende erreichte, in dessen Folge die Verbündeten den 31. März in Paris einzogen. Kaiser Napoleon Unterzeichnete den 11. April die Abdankungsacte und ihm wurde nach seinem eigenen Verlangen der Kaisertitel, die Insel Elba mit völliger Souveraiiütät, jährliche zwei Millionen Francs rc. zugestanden, worauf er unverzüglich nach seinem bestimmten Aufenthaltsorte abreisete. In Frankreich aber erfolgte die Wiederherstellung der Dynastie Bourbon und Ludwig XVIII. hielt bereits den 3. Mai seinen Einzug in Paris. Mir diesen Ereignisse», die des Zusammenhanges wegen nöthig waren anzuführen, hatte der Krieg natürlich von selbst ein Ende und es bleibt nur noch übrig, die Folgen des am 15. Juni mit Frankreich zu Paris geschlossenen Friedens und die Ereignisse vor und nach dieser Zeit in Wien anzuführen. ! Bereits den 12. April überbrachte der Oberstlieutenant Landgraf von Fürstenberg die frohe Kunde des am 31. März Statt gehabten Einzuges der Verbündeten in Paris. Bei dessen feierlichem Einzuge machte die Bürgermiliz Spalier in den vorzüglichsten Gassen und Plätzen. Voraus ritten die bürgerliche Cavallerie, eine Abtheilung Husaren, 106 blasende Postillons und mehre Postbeamte in Uniform. Den 14. April ward wegen dieser wichtigen Begebenheit bei St. Stephan ein feierliches Hochamt mit Tedeum abgehalten. — Schon den S. April war ein Waffenstillstand mit allen französischen Befehlshabern geschloffen. Die meisten, außer den Grenzen des alten Frankreichs gelegenen Festungen öffneten ihre Thore; die anhMn, innerhalb derselben gelegenen, erkannten Ludwig XVIII. an. Die Kaiserin Maria Louise aber, nebst ihrem Prinzen, reifete unter österreichischem Schutze von Frankreich nach den österreichischen' Staaten ab. ! ! Sikftr HStheitung. 1814 — 1829 . —- ^ Crstes Kapitel. Einzug des Kaisers i» Wien. — Beleuchtung Her Stadt. Folge des so glücklich beendeten Feldzuges ertheilte Kaiser Franz noch seiner Rückkehr viele Gunstbezeigungen an seine tapfere Armee und ihre Führer. Die Fürsten Metternich und Karl Schwarzenberg, welche ihren Fürstentitel unter den Donnern der Leipziger Schlacht erhalten hatten, erhielten noch den Herzschild Oesterreichs in ihre Wappen. Ferner stiftete der Kaiser ein eigenes Civilehrenkreuz in Gold und in Silber, wovon Die Fürsten Metternich und Schwarzenberg die einzigen Grofikpeüze waren, und für jeden Krieger, ohne Unterschied des Ranges, welcher die'beiden Feldzüge 1813 und 1814 mitgemacht hatte, das Ehrenzeichen eines mit Lorbern umflochtenen Kreuzes ans dem Metalle der eroberten Kanonen. Den 9. A^ai hielt der Herzog von Wür- temberg, damals commandirender General in Niederösterreich, Heerschau über das gesammte Bürgermilitär auf dem Glacis zwischen dem Schotten- und Burgthor, das mit fliegenden Fahnen und kliiigendem Spiel, 6000 Mann stark, aufzog. Den 30. Mai war der Friede zu Paris geschlossen worden, wodurch Frankreich auf seine Grenzen von >792 reducirt wurde. Die allgemeinen Verhandlungen über das Schicksal der eroberten Provinzen aber, so wie die Herstellung eines politischen Eichgewichtes in Europa, blieb dem bald darauf Statt habenden Congresse zu Wien Vorbehalten. Der abgeschlossene Friede ward den 12.^uui zu Wien durch einen höchst feierlichen Gottesdienst mit Tedeum bei St. Stephan unter Abschießung der Kanonen von de» Wallen und zahlreichen Gewehrsalven gefeiert, den 15. Juni aber in Wien öffentlich kundgemacht. Kaiser Franz verließ Paris bereits den 2. Juni, die Kaiserin Maria Ludovica erwartete ihn auf dem kaiserl. Familiengute Persenbeug und den 15. kam das Kaiserpaar in Burkersdorf an. Seit längerer Zeit waren in Wien schon Anstalten zu einem festlichen und glanzenden Empfange gemacht worden. Am Morgen des 16. Juni hielt der Kaiser den feierlichen Einzug in Wien. Vom Theresianum an, von wo der Zug ausging, bis zum Karuthner- thor waren Bäume gepflanzt und der ganze Weg mit Gras und Blumen bestreut. Eine unermeßliche Volksmenge hatte sich versammelt, um dem mit den schönste» ! Siegeskranze heimkehrenden Monarchen zu bewillkommnen. Den Zug, der ^ ^ sich nach S llhr in Bewegung setzte, er'öffnete die bürgerliche Cavallerie, ^ > dann folgte ein ganzes Regiment Kürassiere, dann Hofcrompeter und Hof- ! beamte zu Pferde, die Hoflivree, die Edelknaben und Truchsesse zu Fuß, die niederösterreichischen Stände, die kaiserlichen Kämmerer, die geheimen Räthe, ^ alle zu Pferde und in Gala, der Herzog Albert von Sachsen-Teschcn, dann die sämmtlichcn Erzherzoge und der Erzherzog Kronprinz zu Pferde in Gala- Uniforme», von ihren Obersthofmeistern zu Pferde begleitet. — Kaiser Franz , war ebenfalls zu Pferde in der Feldmarschalls-Campagne-Uniform. An der j Seite deS Kaisers und der Erzherzoge ging die Trabantengarde und ausser der- selben ritt der Militär-Gouverneur, Herzog von Würtemberg. Nun folgten ^ die obersten Hofämter, die GardecapitänS, der General-Adjutant des Kaisers, Graf Kutschera, die deutsche, die ungarische und die böhmisch-ständische Garde, ein zweites Cavallerie-Regiment und den Zug schloß eine zweite Abtheilnng bürgerlicherReiterei. Alle Glocken der Stadt und der Vorstädte wurden geläutet, ^ und fortdauernder Kanonendonner ging rings um die Wälle. Tausendstimmiger : Vivatruf begrüßte den Kaiser von Schritt zu Schritt. Am alten Kärnthner- thore hatte der Wiener Magistrat eine prachtvolle Ehrenpforte errichtet, auch ! die Brücke war herrlich verziert; zu beiden Seiten erhoben sich Geländerstege ! mit Orangenbäumen besetzt. An der Triumphpforte stand der gesammte Stadt- ! Magistrat mit 500 Knaben und Mädchen in den Farben des österreichischen i Wappens, weiß und roth gekleidet, Palmen und Lorberzweige in den Händen. ! Der Bürgermeister von Wohlleben hielt eine angemessene Rede, die der Kaiser ' auf folgende Weise erwiederte: »Meine lieben Wiener haben mir zu allen Zeiten, ! im Unglücke wie im Glücke, Beweise ihrer Liebe und Treue gegeben. Immer i war ich froh in derselben Schooss zurückzukommen, am meisten freut es mich heute, nachdem ich einen Frieden geschloffen habe, der mir die gerechte Hoffnung gewährt, wie ich immer gewünscht habe, den Wohlstand meiner getreuen I Völker und meiner lieben Hauptstadt dauerhaft zu befestigen. Ich rechne dabei ! auf den wirksamen Beistand des Magistrates und trage Ihnen, Herr Bürgermeister, auf, die Bürger und Einwohner von Wien meiner Liebe zu versichern.» Mit tausendstimmigem Jubel wurde diese Rede des Kaisers aufgenommen. Der Zug ging nun durch die ganze Kärnthnerstrasse in die Singerstrasse (wo die Kaiserin aus den Fenstern des deutschen Hauses denselben sah), ferner durch die Riemerstrasse, durch die Wollzeile über den Lichtensteg, Hohenmarkt, durch die Wipplingerstrasse, Futterergasse über den Judenplatz und Hof, über die Freiung durch die Herrengasse, über den Kohlmarkt und Graben nach St. Stephan, wo ein feierliches Tedeum unter den Salven des Militärs und des Geschützes auf den Basteien abgehalten wurde; worauf der Zug über den Stockimeisen- platz durch die Kärnthnerstrasse, Spitalgaffe, über den neuen Markt, durch ! die Klostergaffe, über den Spitalplatz, Augustinerplatz, Josephplatz, durch die ^ obere Breunerstrasse über den Graben und Kohlmarkt in die Hofburg ging, 276 woselbst er kurz vor 2 Uhr ankam. Der Kaiser ritt mit de» Erzherzogen, den obersten Hofämtern, Gardecapitäns und den Generaladjutanten in den Schweizerhof, wo auf den errichteten Tribunen die Waisenkinder und die Kinder mehrer Institute aufgestellt waren. Am Peristole stieg der Monarch vom Pferde und verweilte eine Zeitlang bei den festlich geschmückcen Kindern; dann begab er sich in die Appartements, wo in den äußersten Zimmern kaiserliche Institute und Zöglinge von Privat-Erziehungsanstalten, in den inner» Zimmern die kaiserlichen Staatsbeamten und in der Rathsstube der höhere Hofstaat, endlich in den innersten Zimmern die Kaiserin mit der kaiserlichen Familie den Empfang machten. In sämmtlichen großen Straßen, durch welche der Zug ging, waren Musikchöre auf den decorirten Balcons angebracht, welches namentlich auf dem Burgplatz an mehren Orten und im Schweizerhofe ebenfalls der Fall war. Auf dem Burgplaße war ei» O.uarree von Grenadieren gebildet, damit die Hälfte des Platzes, vom Thore der Reichskanzlei an, während des ganzen Zuges frei blieb. Die Masse des zugeströmten Volkes war unzählig. Nicht nur alle Gaffen und Fenster, Balcone und errichteten Tribunen waren gedrängt voll Zuschauer, selbst von den Dächern und Schornsteinen schallten begeisterte Vivats herab. Es war ein höchst imposanter Anblick, welchen das schönste Wetter begünstigte. Mit einbrechender Abenddämmerung waren alle Häuser der Stadt und Vorstädte auf das Prachtvollste beleuchtet. Man hatte seit längerer Zeit schon mit großem Eifer und beträchtlichem Aufwand Anstalten zu dieser Illumination gemacht, welche durch Pracht und Glanz wirklich einzig in ihrer Art war, früher nie gesehen wurde und sobald auch nicht wieder gesehen werden dürfte. Jedermann beeiferte sich, durch passende Inschriften , durch sinnige allegorische Transparente die Beleuchtung zu verherrlichen. Viele Gebäude, ja selbst manche ! Straßen boten de» Anblick von Feentempeln und Zauberhainen. Vorzüglich zeichneten sich die Paläste der Erzherzoge, des Herzogs Albert von Sachsen- Teschcn, der Erzherzogin Beatrir; der Fürsten von Trautmannsdorf, Liechtenstein und Schwarzenberg (besonders jener auf der Landstraße); der Grafen Erdödy und Appony, das ständische Landhaus, das Magistratsgebäude in der Wipplingerstraße und mehre andere aus. Entzückend war der Anblick rings von den Basteien, von wo die weitläufige» Vorstädte den Anblick eines Lichtermeeres boten. Um 10 Uhr Nachts fuhr der Kaiser mit der gesammten kaiserlichen Familie in Begleitung des nähern Hofstaates in sechs sechsspännigen Wagen, von tausendfachem Jubel umtönt, in den Gaffen umher. Das frohe Gewimmel der begeisterten Menge dauerte bis an de» folgenden Morgen. Der unbeschreibliche Glanz des Hofes, die Pracht und der Rcichthnm in den Uniformen des begleitenden Adels, vorzüglich die ausgezeichnete reiche Nationalkleidung der ungarischen Cavaliere, die unzählige Menge der aus allen Provinzen, ja selbst aus fremden Ländern herbeigeströmten Menschen, verbunden mit der großen Einwohnerzahl, erhoben den allgemeinen Antheil und Jubel dieses Tages zu einem, in der Geschichte der Monarchie, wie der Haupt-und Residenzstadt unvergänglichen 277 Momente, dessen Glanz gewiß noch auf die feinsten Geneeationen zurückstrahlen wird. Den 17. mar großer Cercle bei Hof, worin der Kaiser die Glückwünsche des diplomatischen Corps und des sämmtlichen appartemeutmäßige» Adels, alle in größter Gala gekleidet, empfing. Den 18. war öffentliches Hofschauspiel im Karnthuerthortheater, wobei der Kaiser mit dem Erzherzog-Großherzog Ferdinand von Würzburg und der gesammten kaiserlichen Familie erschien. Das Theater war im Innern prachtvoll erleuchtet und beim Eintritt in die herrlich geschmückte Hofloge wurde der Kaiser von der in Gala gekleideten Versammlung aus de» vorzüglichsten Ständen mit unbeschreiblichem Enthusiasmus begrüßt, welcher sich noch steigerte, als nach dem Schlüsse der Vorstellung das Volkslied abgesungen wurde. Zweites Kapitel. Der Congreß in Wien. — Ankunft der Monarchen. Bald »ach den erwähnten Feierlichkeiten wurden die Anstalten zur Eröffnung des großen Congresses in Wien getroffen. Dem ersten Obersthofmeister, Fürsten Ferdinand von Trautmannsdorf, wurde vom Kaiser aufgetragen, zur Abhaltung der schon vorläufig bestimmten Hoffeste das Erforderliche einzu- leiten, nebstdem aber die Bewohnung so vieler Höfe und ihres zahlreichen Gefolges sowohl in der Hofburg als in der Stadt, dann die zweckmäßige Möbli- rung aller dieser Wohnungen vorbereiten zu lassen. Wegen der Unterkunft der ankommenden Höfe wurden alle entbehrlichen Parteien aus der Hofburg ausquartiert und für sie Wohnungen in der Stadt bestellt, sodann wurde die Eiiitheiliing der Quartiere folgendermaßen vorgenommen: für den Kaiser und die Kaiserin von Rußland der zweite Stock des Amalienhofes; für den König von Preußen der erste Stock des Schweizerhofes; für den König von Dänemark die vormalige Wohnung der Kaiserin im zweiten Stocke des Schweizerhofes gegen die Bastei; für den König und die Königin, so wie für den Prinzen Karl von Bayern das Gebäude der Reichskanzlei; für den König von Würtemberg der erste Stock des Anialienhofes; für den Großfürsten Constantin eine Wohnung im zweiten Stocke des Schweizerhofes neben der geheimen Ca- binetskanzlei; für die Großfürstin Marie, Herzogin von Weimar, der linke Flügel des Reichskanzlei-Gebäudes; für die Großfürstin Katharina, Herzogin von Oldenburg, die Wohnung im ersten Stocke jenes Burgflügcls, welcher der schwarze Adler genannt wird; für den Kronprinzen von Bayern eine Wohnung im Schweizerhofe, nächst der Säulen stiege; für den Prinzen Wilhelm von Preußen eine Wohnung im Schweizerhofe gegen die Sommerreirschule rc. Wegen der beschlossenen Hoffeste wurde insbesondere das wegen seiner architektonische» Vorzüge für öffentliche Feste vorzüglich geeignete Gebäude der kaiserlichen Wintcrrcitschule mit den anstoßenden Redoutensälen in Verbindung 278 gebracht. Zur sorgfältigen Vermeidung einer Verunstaltung der prachtvollen Architektur wurden nur dicGallerien mit in Silber gewebten Draperien decorirt. Von der Mitte herab hingen in den drei Plafondsabtheilungen S große, 25 mittlere und 16 kleine versilberte Lustres, an der ersten Gallerie waren 70 Armlustres, 18 große Wandleuchter, 16 Gypssiguren mit Leuchtern und 33 Girandolen, an der zweiten Gallerie 36 große, 30 kleine Wandleuchter und 44 Vasen angebracht. Mil Einschluß der in den Redoutensälen, die ebenfalls geschmackvoll renovirt waren, aufgerichteten Häng- und Wandleuchter brannten in diesen Localitäten bei 10,000 Kerzen. Am Obertheile des Gebäudes war das Orchester für 100 Musiker errichtet und der Boden des Saales mit Pargueten belegt worden. Der erste der ankommenden Gaste war König Friedrich von Würtemberg, der de» 22. September in Wien eintraf, nachdem ihm Kaiser Franz bis Schönbrunn entgegen gefahren war. Denselben Tag Nachmittags traf auch König Friedrich VI. von Dänemark in Wien ein. Kaiser Franz fuhr ihm bis außer dem Tabor entgegen. Abends desselben Tages kam auch die ! Großfürstin, Herzogin von Weimar, in Wien an. Der König von Preußen war bereits nebst der Herzogin von Oldenburg den 23. September in Wölkersdorf, zwei Posten von Wien, angelangt und verweilte daselbst, um den Kaiser Alerander zu erwarte», welcher den 25. Vormittags nach 10 Uhr in Wölkersdorf eintraf. Ui» halb 11 Uhr empfing Kaiser Franz, in Begleitung der sammt- lichen Generalität, die Monarchen außerhalb des Tabors, welche nach herzlicher Begrüßung die vorgeführten Hofpferdc bestiegen und sich zu der auf dein Vorplatze des Praters aufgestellten Truppenmaffe begaben. Dort war einige Augenblicke Heerschau und um 12 Uhr Mittags begann der feierliche Einzug in die j Stadt. Denselben eröffnete ein Uhlanen-Regünent, an dieses schlossen sich, ! sechzehn Mann hoch, achtzehn Grenadier-Bataillons. Zwei Infanterie- und - zwei Kürassier-Regimenter folgten darauf. Nun kamen die drei Monarchen zu ' Pferde, Kaiser Franz in der Mitte, in Feldmarschalls-Uniform mit umhän- ! gendem Grofikrcuz des Theresienordens, ihm zur Linken der Kaiser von Rußland > in grüner einfacher Uniform mit dem Alexander-Newski-Orden, rechts der König von Preußen in blauer einfacher Uniform mit dem schwarzen Adlerorden geschmückt. An sie schlossen sich nebst ihrer zahlreichen Suite die kaiserlichen Garden. Der Zug, der über eine Stunde dauerte und während dessen 1000 Kanonenschüsse abgefeuert wurden, ging durch die Praterstraße, die Rothenthurmstraße, Bischofgaffe, über den Stephansplatz, Graben und Kohlmarkt in die Hofburg, woselbst die Monarchen an der Hauptstiege von den Erzherzogen, den obersten Hofämtern und dem in Halbgala versammelten Hofstaate empfangen wurden. Den 27. September kam auch die Kaiserin Elisabeth von Rußland aus München in Wien an, welcher Kaiser Franz und die Kaiserin bis Mariabrunn entgegenfuhren. Den 28. September trafen der König und die Königin von Bayern mit dem Prinzen Karl in Wien ein, welchen Kaiser , Franz bis Hütteldorf cntgegenfuhr und, wie früher die Könige von Würtemberg 27S ^ und Dänemark, mit Ceremonie in die Residenzstadt einführte. Außer den bereits genannten Souveräns trafen in diesen Tagen noch folgende Fürsten ! und Notabilitäten in Wien ein: Prinz Georg von Anhalt-Dessau; Großherzog ! von Baden; Herzog von Braunschweig-Oels; die Prinzen Ernst und Wilhelm ! von Hcssen-Philippschal; Kurfürst und Erbprinz von Hessen-Cassel; die Erb-- > Prinzen von Hessen-Darmstadt und Homburg; Landgraf von Hessen-Rothen- ! bürg; die regierenden Fürsten von Hohenzollern-Hechingen und Sigmaringen, dann von Nassau-Weilburg; die Prinzen August und Wilhelm von Preußen, dann August von Neuwied; die Erbprinzen von Löwenstein, Mecklenburg-Stre- litz und Nassau-Weilburg; Großfürst Constancin; die regierenden Fürsten von Reuß-Ebersdorf, Reuß-Greitz und Reuß-Schleitz mit ihren Erbprinzen; Fürst von Salm-Kyrburg und Schaumburg-Lippe; die Herzoge Ferdinand und Leopold von Sachsen-Coburg; Herzog von Sachsen-Weimar; Erbprinz von Solms- Braunfels und Kronprinz von Würtemberg. Außerdem hatten sich die ersten europäischen Staatsmänner und Minister zu dem Congresse in Wien versammelt, und zwar: vom Papste Cardinal Consalvi; von Oesterreich Fürst Metternich und Freiherr von Weffenberg; von Rußland Fürst Rasumoffski, die Grafen Ncffelrode und Stackelberg; von Großbritannien Lord Castlereagh, dann Herzog von Wellington und die Lords Cathcart, Clancarty und Stewart; von j Preußen Fürst Hardenberg und Baron von Humbold; von Frankreich die Fürsten > Talleyrand und Dalberg; von Bayern Fürst Wrede und Graf Rechberg; von Hannover Graf Münster; ferner die außerordentlichen Gesandten von Spanien, ! Portugal, den Niederlanden, von Dänemark, Schweden, Sardinien rc. Bei den Congreßverhandlungen, die sofort begannen, hatte Fürst Metternich den Vorsitz und der Hofrath Friedrich von Geutz führte das Protokoll. klm bei dem gleichzeitigen Zusammentreffen so vieler Souverains, Prinzen und Prinzeffincn re. die fast unvermeidlichen Anstände so viel möglich zu beseitigen, wurde für jeden der ankommenden Monarchen und Prinzen zur ! Hcfdieustleistung ei» besonderer Hofstaat bestimmt, welcher, abgesondert von allen übrigen, nur die Dienste an dem ihm zugewiesencn Hofe zu besorgen halte. Nebstdem wurden für jeden Hof insbesondere mehre sechs-, vier- und zweispännige Staats- und Campagne-Equipagen, wie auch Reitpferde, dann zahlreiche Hof- und Kammerwagen zu ihren Diensten aufgestellt. Für den Hof überhaupt aber waren fortwährend acht achtspännige und viele zweispännige Sraats- ! züge; acht sechsspännige englische Züge, 25 sechsspännige Dienstzüge, 20 vier- l spännige Cavalierzüge, 50 Paar zweispännige Dienstpferde, nebst einer großen j Anzahl von Reitpferden in Bereitschaft. Auch wurden nebst der vergrößerten ^ Hofloge in allen Theatern Logen für das höhere Gefolge abonnirt, der höheren ! Dienerschaft Kammerlogen gegeben und allen ankommenden Suiten der hohen Gäste die Theaterfreihcit cingeräumt. Endlich wurde mittelst kaiserlichen Cabi- netsschreibcns an den Obersthofmeister, Fürsten von Trautmannsdorf, angedeutet, da die Regenten in dem freundschaftlichsten Vereine beisammen seien, 280 finde nach ihrem eigenen Wunsche gar kein Rang Statt; nur der Kaiser von Rußland dürfte bei öffentlichen Gelegenheiten mit dem Kaiser und de» beiden Kaiserinnen, von Oesterreich und Rußland, den ersten Platz einnehmen. Die Hoftrauer für die Anfangs September zu Hetzendorf verstorbene Königin Karo- line von Neapel wurde bei der Anwesenheit der hohen Gäste in Wien abgelegt. Bei den Monarchen hatte die kaiserliche Garde den Wachdienst und an ihren Wohnungen waren Hauptwachen, jede aus einer Compagnie Grenadiere bestehend, und zwar eine Hauptwache am Amalienhofe für den Kaiser von Rußland und den ebenfalls daselbst wohnenden König von Würtemberg; eine am Reichs- kanzlei-Gebäude für den König von Bayern und eine am Schweizerhofe für die Könige von Preußen und Dänemark. Zu den Vorbereitungen der Festlichkeiten gehörte noch, daß alle kaiserlichen Jagdbahnen zu großen Jagden hergestellt und daS ganze Jägerpersonale neu uniformirt ward und alle kaiserlichen Lustschlösser zu den Statt habenden Festivitäten neu eingerichtet wurden. Drittes Kapitel. Festlichkeiten. — Das Volksfest im Prater. Die Festlichkeiten, welche der auserwählten Versammlung gegeben wurden, fingen den 29. September mit einer prachtvollen Fahrt in den Prater zu einem glänzenden Feuerwerke an, nach welchem die Jägerzeile und die Stadt beleuchtet waren. Den 30. September hatte eine große Wachtparade im Prater Statt. Sonntag den 2. October war glänzende Kirchenparade am Glacis, folgende Nacht große Hofredoute in den erwähnten Lokalitäten, wozu >0,000 Personen gegen BilletS Eintritt hatten; Jedermann mußte aber in ausgezeichneter Kleidung und Schuhen erscheinen. Den 3. October war großes Artillerie-Manöver zu Simmering, Abends glanzendes Ballfest bei dem Fürsten Metternich. DaS NamenSfest deS Kaisers Franz, den 4. October, wurde nur in freundschaftlichem Cirkel bei Hofe gefeiert. Den 5. October war große SchweinSjagd im Auhofe bei Mariabrunn, wobei über 80 Schweine, mehre Füchse und Dachse getödtet wurden. Den 6. fand ein Volksfest im Augarten Statt, wobei sich die Künstlergesellschaft des Kunstreiters de Bach producirte, 400 Veteranen der österreichischen Armee bewirthct wurden und ein Feuerwerk und glänzender Ball den Schluß machte. Vorzüglich schön und geschmackvoll geordnet war bei dieser Gelegenheit der viereckige, mit den Flaggen der verbündeten Machte gezierte Platz, wo sich über 13,000 Zuschauer befanden, nebst der kaiserlichen Hofloge. Den 7. war Manöver der Sappeurs, MineurS, PionnierS und zweier EScadro- nen Kürassiere in Bruck an der Leitha, wobei eine Belagerung und Minen- sprengung vorgestellt wurde. Den 8. October fand eine Fahrt nach Larenburg j Statt. Sonntag den Sl war Kirchenparade, AbendS großer Lsl psve in dem ! 281 Reitschulsaale, wobei alle anwesenden Souveräne und Prinzen, Minister:c. und 4000 Personen aus den vorzüglichsten Standen, die Männer in Staatskleidern und Uniforme», die Frauen in ausgezeichneter Ballkleidung, versammelt waren. Den 10. October besuchten die Monarchen in Begleitung deS Erzherzogs Karl das Schlachtfeld bei ASpern, welcher sie mit der damaligen Stellung derArmeen bekannt machte; dann war Ball und Nachttafel bei dem Fürsten von Metternich. Den I I. hatte ein ausgezeichnet glänzendes Fest in der kaiserlichen Orangerie und dem Theater zu Schönbruun Statt. Erstere war zu diesem Zwecke zu beiden Seiten der Lange nach mit einem amphitheatralisch gebildeten Wald von Orangenbäumen, untermischt mit Blumen aller Art, geziert, und niedere Säulengeläuder umfassten dag ganze Gebäude. Von dem Gewölb herab hingen ! durch die ganze Länge der Orangerie 21 grofie und 40 kleine silberne Häng- ! leuchter, welche leichte .Zweige mit Laubwerk vorstellten, und zwischen den Oran- j genbäumen waren an zierlichen Pfählen 38 Candelaber und 108 Laternen ! angebracht, in welchen zusammen 3136 Lichter brannten. An den beiden äußer- ! sten Wänden waren grosse Spiegel angebracht, welche das ganze innere Gebäude alS beinahe endlos darstellten. Noch enthielt daS Innere einen natürlichen Wasserfall, einen prachtvollen Tempel der Flora, einen Springbrunnen und zwei beleuchtete Obelisken. Die äußeren Umgebungen erleuchteten 28,000 Lampen. In der Orangerie waren der Länge nach zwei Haupttafeln gesetzt, an deren einer Kaiser Franz, an der andern die Kaiserin die HonnenrS machten. Die Zahl der hohen Gäste war an ersterer 59 , an der zweiten 64 . In den Nebengemächern waren noch acht Tafeln für Personen des Gefolges errichtet. Vor der Tafel wurde im prachtvoll geschmückten Schlosstheater die Oper Johann von Paris mit Ballet von dem Personale deS HofcheaterS nächst dem Karnthnerthore gegeben. — Den 12. October war Hasen- und Fasanjagd im kaiserlichen Leibgehege zu La.renburg ; den 13 . Hofball, den 15 . grosse kaiserliche Mittagstafel. Sonntags den 16 . führten 700 Mitglieder der neu gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde im kaiserlichen Reitschulsaale das große Oratorium »Samson« von Händel auf, wobei die Solopartien von ausgezeichneten Dilettanten vorgetragen wurden. Die Zahl der sämmclich in Gala gekleideten Zuhörer war viertausend. De» 18. October hatte das große Volksfest im Prater zur Jahresfeier der siegreichen Schlacht bei Leipzig Statt. Schon am Vortage wurden die sämmtlichen Militärwachen durch die uniformirten Bürgercorps abgelöst. Die aus 14,000 Mann bestandene Garnison stellte sich den 18 . Frühmorgens neben dem Eircus Gymnasticus im Prater zur feierlichen Kirchenparade in einem ! langen Viereck in folgender Ordnung auf: Acht Grenadier-Bataillons bildeten ^ das Innere dieses Vierecks und zwar dergestalt, daß je drei und drei Bataillons ! die eine und andere lange Seite bildeten, und die beiden andern Flanken jede durch ein Bataillon geschlossen wurden. Hinter den beiden Flanke» stellten sich die sechs ungarischen Infanterie-Bataillons; die beiden Cavallerie-Regiinenter . aber in einer Linie, als drittes Treffen auf. Das sämmtliche Geschütz war gegen- 282 über des Vierecks am Panorama aufgestellt. Die Mineurs, Sappeurs und Pionniers bildeten das zweite Treffen der kurzen Flanke des Vierecks. 200 schnell auf einander folgende Kanonenschüsse und ein Lauffeuer von der ganzen Jnfan- ! terie bezeichnete» die Ankunft der Monarchen und den Anfang des Tedeums, ^ während dessen das Geschütz von den Basteien der Stadt bis zu Ende desselben fortdauerte. Die Garnison formirte sich dann in Colonnen in folgender Ordnung: die beiden Cavallerie-Regimenter; eine Grenadier-Brigade; eine Brigade-Batterie; diezweite Brigade; der Rest des sämmtlichen GeschützeS; die Mineurs, SappeurS und Pionniers und die übrigen Militärzweige bildeten den Schluß der Colonne. Die ganze Garnison marschirte in dieser Ordnung zum Lusthause ! und desilirte unweit desselben vor den Monarchen. Das Lusthaus war durch drei Pontonsbrncken mit der Simmeringer Haide verbunden, die alle drei mit Geländern, aus eroberten Gewehren, Tannenreisern und östel-reichischen Wimpeln geschmackvoll zusammengesetzt, versehen waren. Alle Durchschnitte, welche die Aussicht nach dem Lusthause öffnen und den sogenannte» Stern bilden, waren mit ungeheuer langen Tafeln für die Grenadiere besetzt. Mit ganz besonderem Geschmacke war das Lusthaus von Innen und Außen mit Trophäen und Lorbcr- kränzen verziert. Beide Säle stellten im Innern ein großes, reiches Zelt vor, rings auf Trophäensäulen ruhend, aus den schönsten eroberten Armaturen gebildet. Die ganze Mannschaft, die sechs Grenadierbataillons ausgenommen, welche diesseits der Donau blieben, begab sich nun unter den Augen der Monarchen über die Pontonsbrücken nach der Simmeringer Haide, auf welcher zwei architektonische Obelisken, mehre aus Kanonen aufgeführte Trophäen und aus Tan- ncnreisig zusammengestellte Obelisken errichtet waren. Wo man aus den Durchschnitten auf den Lusthausplatz kam, stand eine Pyramide, ans Tannenreisig zusammengesetzt, auf deren Spitze eine eroberte französische Fahne wehte und an deren Fuß ein geharnischter Mann aufgestellt war. Nachdem die Monarchen auf dem Balcon des Lusthauses nochmal die vor- überzichenden Truppen besehen hatten, wurde das Mittagsmahl eingenommen. Zu ebener Erde machte der Erzherzog Karl den Wirth, daselbst speiseten alle Erzherzoge, die auswärtigen Prinzen und einige ausgezeichnete Generale des In- und Auslandes, unter ihnen der berühmte englische Admiral Sidney Smith. Im ersten Stock machte Kaiser Franz selbst die Honneurs und daselbst speiseten die Monarchen mit ihren Gemahlinnen, die gekrönten Fürsten, die Krön- und Erbprinzen, die hohen Damen und einige andere Notabilitäten. Die kaiserliche Trabantengarde umgab das Lusthaus, formirte bei Ankunft der hohen Gaste die gewöhnlichen Spaliere und hielt an den Eingängen die Wache. Die Gewehre der Mannschaft wurden nun in Pyramiden, die Harnische und Piken der Kürassiere und Uhlanen vor die Fronte gestellt und das gesammte Militär begab sich ebenfalls zu Tische. Vom Feldwebel abwärts erhielt jeder Mann eine Suppe mit Knödel, ein Pfund Rindfleisch mit Sauce, drei Viertel Pfund Braren, drei Krapfen, drei Semmel» und eine halbe Maß Wein. Für die Generalität war 283 auf den Gallen'en des Lusthauses die Tafel bereitet, die Officiere hatten ihre Tische um das Lusthaus herum, zu ebener Erde, wobei der Großfürst Constantin als Oberster seines Kürassier-Regiments mitspeisete. Bei Gelegenheit, wenn die Souveräne Gesundheiten ausbrachten, wurde das Zeichen durch die am Lusthause aufgestellten Batterien gegeben und von den Batterien bei den Truppen wiederholt, welche letztere gleichmäßig von den Tischen durch Vivatrufen und Gesundheittrinken ihre Theilnahme an der hohen Feier des Tages ausdrückten. Die Zahl der Zuschauer bei diesem Feste wurde weit über 60,000 geschätzt. Nach aufgehobener Tafel ritt und fuhr die gesammte hohe Gesellschaft durch das ganze Garnisonslager und kehrte dann in die Hofburg zurück. Den festlichen Tag beschloß ein glänzender Ball bei dem Fürsten von Metternich in seinem Sommerpalais am Rennwege. Den IS. October feierte noch der Kaiser von Rußland den Sieg bei Leipzig durch eine glänzende Mittagstafel von 700 Gedecken in dem Reitschulgebäude des Rasumoffski'schen PalaiS aus der Landstraße, das mit ausnehmender Zierlichkeit in einen Speisesaal umgeschaffen und durch 6000 Lampen erleuchtet wurde. Die Tafel war mit allegorischen Sinnbildern und Trophäen geschmückt. Die Gäste waren alle anwesenden Monarchen, Fürsten und Prinzen, wie auch alle in Wien garnisonirenden Generale und Stabsofficiere. Den 20. October war große Jagd in der Aue des Praters, den 21. Kammerball bei dem Kaiser, wozu sämmtliche Monarchen mit ihren Familien und ein großer Theil des Adels geladen waren. Viertes Kapitel. Fortsetzung. — Napoleons Wiedererscheinen und Katastrophe. — Resultate des Congresses. Den 24. October reifete Kaiser Franz mit dem Kaiser von Rußland und dem Könige von Preußen nach Preßburg und Ofen, woselbst mehre Feierlichkeiten , Manövers, Lai parö, Beleuchtung, Weinlesefest rc. Statt fanden, und kehrte mit seinen hohen Gästen den 29. wieder nach Wien zurück. Mittlerweile halten in Wien den 26. zur Geburtsfeier der Kaiserin-Mutter von Rußland und den 28. wegen des Geburtsfestes des Königs von Dänemark große Hoftafeln Statt gefunden. Den 3. November war Kammcrball bei Hofe, den 4. große Jagd auf dem gräflich Almasy'schen Gute Ebcrgassing, den 5. wurde bei den Augustinern das jährliche Militär-Trauerfest in Gegenwart der Souveräne ! abgehalten. Den 8. war prachtvolle Militärparade auf der Schmelz, Abends ! großer Maskenball bei dem Fürsten von Metternich, welches Ballfest sich durch ! die vom hiesige» Adel gewählten prächtigen National- und Charakter-MaSken ! vorzüglich auszeichuete. An demselben Tage reifere der Großfürst Constantin ! wieder von Wien ab. Den 10. war große Schwcinsjagd im Lainzer Forste, ^ Nachtsliväouto pLrö, wobei über 7000 Personen mit Billets betheilt waren. 284 Der Hof erschien dabei in Uniform. Den 12. bis 21. November hatten verschiedene Familientafeln und Ballfeste Statt. Den 23. wurde ei» prachtvolles Carroussel i» der reichbeleuchteten Winterreitschule abgehalten, welche aus einem Ballsaale schnell zu einem Turnierplatz umgestaltet worden war. Alle Gallerien waren mit Rüstungen und mit den Flaggen der verbündeten Mächte geziert. Das Carroussel wurde von 24 Cavalieren in reichen Rittercostumen mit reich ausgerüsteten Pferden mit einem festlichen Einzuge eröffnet, mit mannigfaltigen Ritterübungen ausgeführt und mit einem Contretanz beschlossen. Gegenüber der Hofloge war eine Tribüne, worin die von den Rittern sich erbetenen 24 costumirten Ritterdamen fasten; auf den übrigen Gallerien war das in Gala gekleidete Publicum. Nach dem Carroussel kleideten sich die Ritter in leichtere Ritterkleidung und führten ihre Damen in den zu einem Rittersaale umgestalteten, mit Siegestrophäen decorirteu kleinen Redoutensaal, wo sie ein Souper einnahmen. Die 24 Carrousselritter mit ihren Damen waren in vier Quadrillen getheilt und hienach auch in Farbe und Kleidung verschieden. Nach der Tafel war maskirte Hofredoute. Das Carroussel wurde den 1. December wiederholt, nach demselben war grostes Souper mit eilf Tafeln im kaiserlichen Ceremonien- saale. Den 5. December wurde es ebenfalls ganz gleichförmig wiederholt. De» S. war französisches Schauspiel in der Redoute. Man gab: I« kaeli» >Io Huresn«, ou I'gniiliv de» ksmines, wobei die Rollen durch den hohe» Adel besetzt waren. Darauf folgten mehre ausgezeichnete Tableaur, ebenfalls durch den hohen Adel dargestellt. Den 12. December war feierliche Fahnenweihe des Regiments Kaiser Alerander auf dem Glacis in Gegenwart des hohen Inhabers. Den 20. war ebenfalls französisches Schauspiel mit ^sblvsux monvsim, so auch den 22. Den 23. wurde grostes Concert im kaiserlichen Ceremonicnsaale gegeben, wobei der gesammte Adel in Halbgala erschien. Den 24. feierteKaiser Franz das Ramensfest der Kaiserin von Rußland mit einer großen Mittagstafel auf 120 Personen im Cereinoniensaale. Den 26. reifete der König von Wür- temberg incognito von Wien ab. Den 1. Januar I81S war große Hoftafel und Hofball. Die folgenden Tage dieses Monates füllten Tafeln und Bälle aus. Sonntag den 22. Jänner war prachtvolle Hofschlittenfahrt, wobei der Adel aufgefordert wurde, sich an die Hofschlitten anzuschliesten. Um 2 Uhr hatte die Versammlung in der geheimen Rathsstube in der Burg Statt; die Schlitten stellten sich auf dem Josephplatze auf. Bei dem Eintritte in die zweite Ante- kammer zog jeder Mitfahrende, mit Ausnahme der Monarchen und des Grost- herzogs von Baden, die Nummer, welche seinen Platz im Schlittenzuge bestimmte. Gegen 3 Uhr fuhr der prachtvolle Schlittenzug ab. Den Zug cröffnete ein Commando Cavallerie, dann kamen die Hofeinspanier, zwei Hof- fouriere und ein Beamter des obersten Stallmeister-Amtes zu Pferde. Darauf eine sechsspännige Wurst mit den Hoftrompetern und den Paukern, zwei Futterknechte und ein kaiserlicher Oberbereiter mit mehren kaiserlichen Bereitern zu Pferde, dann der Schlitten des obersten Stallmeisters, von vier Bereitern 285 umgeben, worauf die Monarchen und die andern hohen Gäste und der Adel folgten. Die Umgebung der erster» bestand aus kaiserliche» Edelknaben, ungarischen Garden, Bereitern und Reitknechten, die der zweiten auS Edelknaben und Bereitern, die der letzten aus Bereitern und Reitknechten. Zum Schluffe folgte ein Reserveschlitten und ein großer sechsspänniger Schlitten mit türkischer Musik. Kaiser Franz fuhr mit der Kaiserin von Rußland, der Kaiser von Rußland mit der Fürstin Gabriele von Auersperg, der König von Dänemark mit der Großfürstin von Weimar, der König von Preußen mit der Gräfin Zichy-Feste- tics, der Großherzog von Baden mit der Gräfin Lazanzky, der Erzherzog Palatin mit der Herzogin von Oldenburg, der Kronprinz von Oesterreich mit der Erzherzogin Leepoldine, Prinz Eugen Beauharnais mit der Gräfin Appony, Erzherzog Karl mit der Gräfin Esterhazy-Roisin, der Kronprinz von Bayern mit der Gräfin Keglevich-Zichy rc. Es waren in Allem 33 Schlitten. Der Schlittenzug, der sich durch die Pracht der Hofschlitten und daS reiche Goldgeschirr der Pferde vorzüglich auszeichnete, nahm seinen Weg über den Kohlmarkt, Tuchlauben, Wipplingerstraße, Judenplatz, Hof, Freiung, Herrengasse, Michaelsplatz, Josephplatz, Kärnthnerstraße, Stockimeisenplatz, Graben und Kohlmarkt, durch das Burgthor nach Schönbrunn, wo gespeiset und dann im Schloßtheater noch der Oper „Aschenbrödel,» mit Ballet, beigewohut wurde. Die Kaiserin von Oesterreich und der König und die Königin von Bayern kamen m sechsspännigen Wagen nach Schönbrunn. Nach dem Schauspiele fuhr der Zug auf dem mit Pechpfannen beleuchteten Wege unter dem Fackelscheine der begleitenden Reiter wieder in die Hofburg zurück. — Den 25. Januar, am Geburtstage des Kaisers von Rußland, war großes Diner bei Hofe und Abends Concert. Den 31. reifete die Königin von Bayern incognito von Wien ab. Die folgenden Tage wechselten mit Bällen, Tafeln und Concerten. Den 22. Februar war französisches Schauspiel in dem Redoutensaale mit verschiedenen Scenen und 1'sdlvsux mouvsns, von dem hohen Adel dargestellt. Den 23. wurde diese Unterhaltung wiederholt. Den 4. März war eine glänzende Hofpirutschade, welche sich an Pracht und Eleganz der Schlittenfahrt gänzlich gleichstellte. Die Wahl der Damen war bis auf wenige Ausnahmen dieselbe, wie bei jener. Der Zug ging über den Kohlmarkt, Graben, Stephansplatz, Bischofgasse, durch die Wollzeile zum Stubenthor hinaus, durch das Theresienthor herein, über die Schlagbrücke in den Prater, an das dortige Rondeau, von da zurück über die Leopoldstadt und Taborstraße durch das rückwärtige Thor in den Augarten, durch die Hauptallee und rechts durch das Gitterthor in den Hof des Augartens, wo am Mittelthore abgestiegen wurde. Dann war Hoftafel und Theater, und um 16 Uhr begab sich der Zug auf der mit Pechfackeln beleuchteten Dammstraße durch die beleuchtete Leopoldstädter Hauptstraße unter Fackellicht wieder in die Stadt zurück. Den 7. März war abermals Schauspiel mit Ballet und rablesux mvuvsnls im großen Redoutensaale. Den S. reifete die Kaiserin von Rußland von Wien ab, welche die Kaiserin von Oesterreich bis Kemelbach begleitete. 286 Den 18. war wieder Schauspiel mit Pantomime und Ballet im Redoutensaalc. Den 7. April reifete der König von Bayern in seine Staaten zurück. Den 14. Mai war große Mittagstafel im Augarten. Den 15. Mai reifete der König von Dänemark, den 25. Mai auch der Kaiser von Rußland und der König von Preuße» im strengsten Jncognico von Wien ab, nachdem schon früher die übrigen Fürsten und Dignitäten diese Residenzstadt verlassen hatte». Somit war der große Congreß in Wien real geendigt, der an Würde, Glanz und Bedeutung alle je Statt gehabten Congresse übertroffen hatte und dessen Glanzerscheinung wohl kaum je mehr wiederholt werden dürfte. Mitten unter den Festlichkeiten und Zerstreuungen ward von den Ministern eifrigst an dem großen Zwecke gearbeitet, Europa den so lang ersehnten Frieden und den großen Staaten das physische Gleichgewicht zu geben, wonach derselbe dauernd erhalten werden konnte. Während sich jedoch die Congreßacte dem Abschlüsse nahte, verbreitete sich auf j einmal die überraschende Nachricht von Napoleons Flucht aus Elba und dessen j Wiedererscheinen und Fortschritten in Frankreich. Schon den 16., 17. und 18. April wurden wegen des neuen Ausbruches des Krieges öffentliche Andachten und Bittgänge in Wien gehalten, am letzteren Tage wohnte denselben auch der kaiserliche Hof bei. Den 26. Mai vertheilte der Kaiser eigenhändig in der Burg die neuen goldenen und silbernen Civilkreuze, wobei der Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine passende Rede hielt. Den 27. reifete der Kaiser mit der Kaiserin nach München. Der Kaiser begab sich hierauf in das Hauptquartier der Verbündeten nach Heilbronn. Schon den 31. Mai langte der Hauptmann > Davidovich in Begleitung von 24 Postillons als Courier in Wien an, die Nachricht von dem Einzuge der österreichischen Armee in Neapel und der Beendigung des italienischen Feldzuges überbringend. Die Angelegenheiten auf dem ! großen Kriegsschauplätze in Frankreich neigten sich ebenfalls bald ihrem Ende zu. ! Nach einigen für Napoleon vortheilhaften Gefechten erfolgte den 18. Juni die ! große und entscheidende Schlacht bei Waterloo, wodurch Napoleons Katastrophe i unvermeidlich hcrbeigeführt wurde. Den 27. Juni waren die Sieger bereits Herren der nach Paris führenden Hauptstraße und rückten, nach einem mehrstündigen blutigen Gefechte bei Jssy, den 7. Juli zum zweiten Male daselbst ein. Den 14. ergab sich Napoleon in englischen Schutz und ward nach St. Helena abgeführt. Seine große Rolle hatte er ausgespielt. Die Acte des Wiener Congresses wurde schon den S. Juni geschlossen und von Oesterreich, Rußland, Großbritannien, Preußen, Spanien, Portugal und Schweden unterzeichnet. Mit Ausschluß der Niederlande erhielt Oesterreich dadurch Alles wieder zurück, was es in den Friedensschlüssen von Campo Formio, Luneville, Preßburg und Wien verloren hatte, und erhielt noch dazu das lombar- disch-venetianische, so wie das illyrische Königreich mit allen Küstenlanden, dann Ragusa und das Veltlin. Das Großherzogthum Toscana wurde wieder Secundo-, das Herzogthum Modena Tertiogenitur. Die Kaiserin Maria Louise aber erhielt auf Lebenszeit die Herzogthümer Parma, Piacenza und Guastalla 287 mit dem Prädicate Majestät. Napoleons Sohn aber blieb fortwährend am kai- ! serlichen Hofe in Wien und erhielt in der Folge den Titel: Herzog von Reichstadt, mit dem Range unmittelbar nach den Prinzen des kaiserlichen Hauses. Fünftes Kapitel. DaS polytechnische Institut. — Die Nationalbank. — Die Kaiserin Maria Karoline Auguste. Den 12. August 1816 erfolgte durch lange anhaltenden Regen eine große Ueberschwemmung der Donau in Wien, wodurch die Leopoldstadk, Roßau, Weißgarbervorstadt und Erdberg unter Wasser gesetzt wurden. Erst den 16. verlief sich dasselbe völlig wieder. Den 6. November ward das neu errichtete polytechnische Institut im Bciseyn der Minister, Amtsvorsteher und vieler Staatsbeamten feierlich eingeweiht, und die Errichtung eines neuen großen Gebäudes zur Aufstellung der verschiedenen Sammlungen beschlossen. Noch in demselben Jahre fand auch eine Regulirung des Laufes und der Mündung des WienflusseS Statt. Das Bett desselben ward ausgegraben, die Ufer abgedacht und mit Weiden besetzt, auch wurden die Wehren unter den Kärnthnerthor- und Stubenthorbrücken zweckmäßig verbessert. Ein Theil der Festungswerke am Rothenthurm und das sogenannte Therestenthor wurde abgebrochen und dadurch viel an Raum und Schönheit gewonnen. Den 22. November kam der Kronprinz, jetzt regierender Kaiser, der sich ebenfalls bei der Armee befunden und dann eine Reise durch das südliche Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland gemacht hatte,— den 19. Decein- ber Erzherzog Karl mit seiner Neuvermählten Gemahlin, Henriette Prinzessin von Nassau-Weilburg, nach Wien zurück. Den 13. April kamen auch die Erzherzoge Johann und Ludwig von ihrer durch Frankreich, England, Schottland und Norddeutschland gemachten Reise wieder in Wien an. Den 26. April langte die Leiche der den 7. April zu Verona verstorbenen Kaiserin Maria Ludovica hier an. Dieselbe blieb im verschlossenen Sarge durch zwei Tage in der Burgcapelle öffentlich ausgestellt und ward den 28. Abends mit dem üblichen Gepränge in der kaiserlichen Gruft bei den Kapuzinern beigesetzt. Den 1. Juni erschien ein kaiserliches Patent zur Errichtung der privilegirten Nationalbank, von welcher Zeit an auch alle Operationen derselben begannen. De» 10. Juni erfolgte die Rückkunft des Kaisers, der sich, von dem kaiserlichen Familien- schloffe Persenbeug kommend, sogleich durch die Vorstädte Liechtenthal über das Glacis, dann Mariahilf nach Schönbrunn begab. Den 18 . Juli wurde zu Schönbrunn die Vermählung der kaiserlichen Prinzessin Maria Elementine mit dem Prinzen von Salerno, zweiten Sohnes des Königs von Neapel, feierlich vollzogen. Den 14. Oktober legte der Kaiser selbst unter angemessenen Feierlichkeiten den Grundstein zu dem Gebäude des polytechnischen Institutes. In die Aushöhlung 288 des Grundsteines wurden mehre gangbare Münzen, die Salvator- und andere Medaillen nebst einer Pergamentrolle gelegt, welche die Worte des Kaisers enthalt: „Als Denkmal Meines Strebens, wissenschaftliche Aufklärung unter allen Ständen zu verbreiten und insbesondere die gemeinnützige Ausbildung Meines lieben und getreue» Bürgerstandes zu befördern, habe Ich diesen Grundstein im Jahre 1816, den 14. October, eigenhändig gelegt und gemauert." Dieser Feierlichkeit wohnten nebst dem kaiserlichen Hofe die sämmtlichen Minister und Chefs der Hofstellen, der Staatsrath, die Chefs der Landesregierung, die Mitglieder der Studien-Hofcommission und der allgemeinen Hofkammer, das diplomatische Corps und der hohe Adel bei. Der Volkszulauf war unermeßlich. Die geistlichen Functionen dabei verrichtete der Fürst-Erzbischof, Graf von Hohenwart, von dem Commandeur der Kreuzherren zu St. Karl mit 12 Priestern und 2 Leviten umgeben. Während der Handlung ertönte Trompeten- und Paukenschall, ein feierliches Tedeum machte den Schluß. Den 10. November schritt Kaiser Franz zur vierten Ehe mit Karoline Auguste, königlichen Prinzessin von Bayern. Den S. langte die kaiserliche Braut in Schönbrunn an und hielt folgenden Tages Vormittag ihren prachtvollen Einzug vom Theresianum aus bis nach der Augustiner-Hofkirche unter Paradirung der Bürgermiliz. Während der feierlichen Trauung, die von dem Erzbischöfe verrichtet wurde, gab die aufgestellte Infanterie Salven, die von den Kanonen auf der Bastei beantwortet wurden. Mehre ! dem erfreulichen Ereignisse angemessene Feste hatten darauf Statt. Der Kaiser ! selbst ließ, seinem anerkannten Wohlthätigkeitssinne gemäß, bei dieser Gelegenheit 20,000 Gulden Wiener Währung unter die Armen Wiens und nebstdem noch eine bedeutende Summe an verdiente Krieger vertheilen. Auch die Kaiserin bewährte gleich Anfangs ihre noch heute hochgepriesene Milde gegen Arme und Bedürftige. In diesem Jahre fand auch die erste öffentliche Ausstellung vaterländischer Kunstwerke bei St. Anna Statt, die in neuerer Zeit so erfreuliche Früchte getragen hat. Schon diese erste Ausstellung brachte die schönen Gemälde i von Krafft: der Abschied und die Rückkehr des Landwehrmannes, die noch heute nicht geringe Zierden der kaiserlichen Gemäldegallerie bilden. Sechstes Kapitel Wiederherstellung der Festungswerke und Berschönerung der Stadt. — Der Persische Gesandte. Im Anfänge des Jahres 1817 wurden die Arbeiten mit Einreißen der Festungswerke und zur Verschönerung der Stadt eifrigst betrieben. Die gesprengten Außenwerke vom Paradiesgärrchen bis zum Kärnrhnerrhore wurden gänzlich geschleift und geebnet; die Contre-Escarpen, die früher mit einer Mauer befestigt waren, mit Rasen belegt und mit schattenreichen Alleen besetzt. Von der Löbel- bis zur Augustinerbastei wurden die neu aufgeführten Stadtmauern mit 289 auf das Glacis hinaus genickt, wodurch der große und schone äußere Burgplatz, nebst dein Hof- und Volksgarten, gewonnen ward. Auch die alte Brücke vorder Hauptmauth wurde abgetragen und dafür eine weit bequemere eingerichtet, kurz für die Verschönerung der Stadt und Wiederherstellung ihrer Außenwerke alles Mögliche geleistet. Den 12. Februar, am Geburtstage des Kaisers, gründete sich in Wien ein Verein aus allen Standen der Einwohner zur Unterstützung der durch den harten Drang der Zeitumstande (vorzüglich durch die Mißjahre von 1813 bis 1816 inclusive, und der dadurch verursachten höchst fühlbare» Theuerung der Lebensmittel) vermehrten hiesigen Nothleidenden. Den 9. April i kam die Prinzessin Karoline von Großbritannien, Gemahlin des damaligen Prinz- Regenten und nachmaligen Königs Georg IV., unter dem Namen einer Herzogin von Wales incognito in Wien an und nahm ihr Absteigequartier im Gasthofe zur Kaiserin von Oesterreich in der Weihburggasse. Den 12. ging sie jedoch wieder ab, um ihre Reise nach Italien fortzusetzen. Den 13. Mai hatte in der Augustiner-Hofkirche die feierliche Vermahlung der Erzherzogin Leopoldine, zweiten Tochter des Kaisers, mit dem Kronprinzen Dom Pedro von Portugal und Brasilien (nachmals Kaiser von Brasilien) durch Procuration Statt, wobei Erzherzog Karl die Stelle des Bräutigams vertrat. Glänzende Feste folgten der Vermählungsfeier, worunter sich besonders jenes durch höchste Pracht und Glanz auszeichnete, welches der brasilische Botschafter, Marquis von Marialva, de» I. Juni Abends im Augarten in einem eigens zu diesem Zwecke errichteten Gebäude gab, und wobei der ganze Garten auf das Prachtvollste erleuchtet war. Den 3. Juni erfolgte die Abreise der hohe» Neuvermählten nach Livorno, von wo sie sich nach Brasilien einschiffte. In demselben Locale im Angarten wurden späterhin zum Besten der Nothleidenden Wiens ein Ballfest und ein Concert gegen Eintrittsgeld gegeben. Den 4. October, am Namens- feste des Kaisers, wurde das nächst der Seilerstätte durch die Festungsmauer gebrochene Thor für Fußgeher, das Karolinenthor genannt, eröffnet. Zugleich entstand auf dem Glacis außer demselben eine Mmeralwasser-Curanstalt, mit einem Tempel, mehren Blumenabtheilungen und einem Kaffeehause, welche Abtheilung des Glacis noch heute eine abendliche Lieblingspromenade bildet, stets > zur Sommerszeit durch Harmoniemusik belebt wird und noch immer den Namen - Wasscrglacis beinhalten hat, obschon heutiges Tages die Trinkcur die Minder- > zahl von Besuchern anlockt. Den 18. October wurde der vierte Jahrestag der ! Schlacht bei Leipzig im Jnvalidenhause mit besondere» Feierlichkeiten begangen und bei dieser Gelegenheit ein großes Oelgemälde von Peter Krafft, den Augen- ! blick bezeichnend, in welchem Fürst Schwarzenberg den drei Monarchen die Siegesknnde bringt, daselbst ausgestellt. Seit dieser Zeit ist dem Publicum jährlich den 18. October der freie Eintritt in diesen Saal gestartet. Anfangs November kamen der Kaiser und die Kaiserin von einer fast sechs Monate lau- ^ gen Reise nach Galizien und de» südlichsten Provinze» der Monarchie wieder nach Wien zurück. Das Jahr 1818 verfloß größtentheils ohne besonders wichtige IS 29V Begebenheiten für Wien, außer daß an den Festungswerke» und den Verschönerungen auf das Eifrigste gearbeitet wurde. Den I.Juli wurde die auf das Zweckmäßigste wiederhergestellte Franzensbrücke, welche 1809 fast gänzlich zerstört worden war, eröffnet, dafür jedoch an eben dem Tage die sogenannte Schlagbrücke gesperrt und bald darauf die beabsichtigte Umbauung derselben unternommen. Den 3. Deccmber kehrte Kaiser Franz von dem zu Aachen gehaltenen Congresse wieder nach Wien zurück, nachdem er seit dem 18. September abwesend war. Den 12. December kam auch Kaiser Alexander von Rußland wieder, jedoch ohne alles Gepränge, in Wien an, daS er den 23. wieder verließ, um in seine Staaten zurückzukehren. Den 8. Februar I8IS erlebte die Schaulust der Wiener ein Schauspiel ganz cigenthümlicher und höchst seltener Art. Der von England über Wien reisende persische Gesandte, Mirza Abdul Hassan Chan, hielt nämlich einen feierlichen und pompösen Einzug zur Audienz bei dem Kaiser und der Kaiserin. Der prachtvolle Zug ging von der Wohnung des Gesandten, im Kaiserhause auf der Wieden, in folgender Ordnung durch das alte Kärnthuerkhor, die Kärnthner- straße, Stockimeisenplatz, Graben und Kohlmarkt in die kaiserliche Burg: I. Eine Abtheilung Cavallerie; 2. ein Hauptmann mit vierzig Grenadieren; 3. acht mit dem schönsten türkischen Reitzeug geschmückte Handpferde, jedes von zwei kaiserlichen Stallleuten geführt; 4. ein kaiserlicher Bereiter; 5. drei von Maulthieren getragene Senften, auf welchen sich die Geschenke für den Kaiser befanden. Die erste trug ein Porträt des Schah Feth Ali auf einer mit Milch- Chalcedon emaillirten Platte, mit Spinellen rund herum besetzt, welchen ein Kranz von großen Perlen zur Einfassung diente. Auf der zweiten lag ein prachtvoller, von Timurleng (Tamerlan) auf Schah Abbas und sofort an Feth Ali Schah gelangter Damascener-Säbel, in einer mit Edelsteinen reich gezierten Scheide. Dabei lag das von einem königlich geehrten persischen Dichter, dem der Schah seinen eigenen Namen beigelegt hatte, verfaßteSchehinschahnamefBuch des Königs der Könige), das in achtzigtausend Distichen die Heldenthaten der regierenden Familie von der Zeit des Nadirschah an bis auf die heutige Zeit enthält. Auf der dritten Senfte befanden sich zwei prachtvolle und kostbare Caschemir-Teppiche. Neben jeder Senfkegingen zwei kaiserliche Leiblakaien. 6. Sechs andere, welche auf großen Tassen Caschemir-Shawls der schönsten Art trugen. 7. Ein sechsspänniger Hofwagen, worin der Botschaftssekretär das königliche Schreiben in einem gold- durchwirkten und mit Musselin umwundenen Sacke auf einem Polster aus Goldstoff emporhielt. Vor dem Wagen gingen sechs Botschaftsofficiere, neben dem Schlage zwei kaiserliche Leiblakaien. 8. Der sechsspännige Galawagen, worin der Botschafter oben und ihm gegenüber der kaiserliche Cgznmissär und Hofdolmetsch von Hammer unten saß. Vor den Pferden gingen zwei Bediente des kaiserliche» Commiffärs in Gala-Livree, neben dem Schlage auf jeder Seite zwei kaiserliche Leiblakaien und hinter denselben zwei persische Bediente. Der Botschafter trug ein rosafarbenes, mit Silber durchwirktes Kleid, auf dein Haupte 29L drei Rosen von Juwelen, um den Hals die Decorationen alle»' drei Elasten des persischen Sonnenlöwen-Ordens, sammt dem Porträte des Schah, reich in ! Perlen gefaßt. Diesem Wagen folgte abermals ein sechsspänniger Hofwagen, der gewöhnliche des Gesandten, darauf kamen vier Ofsiciere des Botschafters zu Pferde, der Wagen des kaiserlichen Commiffärs und zum Schlüsse wieder eine Abtheilung Militär. In den Gassen und Plätzen, durch die der Zug ging, machte ^ das Militär Spalier; bei der Ankunft vor der kaiserlichen Burg paradirte die Burgwache. Die Audienz wurde mit den gewöhnlichen feierlichen Ceremonien ertheilt, und nachdem der Botschafter das Schreiben des Schah überreicht und vor dem kaiserlichen Throne die Geschenke niedergelegt hatte, ging der Zug wieder in derselben Ordnung nach dessen Wohnung zurück. Um 4 Uhr ward der Botschafter mit seinem Personale von dem Fürste» Metternich mit einem glänzenden Gastmahle bewirthet, wozu auch das ganze diplomatische Corps, die Staatsminister und ersten Hofämter geladen waren. Auch besuchte der Botschafter während seiner Anwesenheit in Wien einige Male die Theater und fand besonders großes Vergnügen an dem damals im Theater an der Wien bestehenden, wirklich ausgezeichneten Kinderballete. Siebentes Kapitel Die Ferdinandsbrücke. — Die Liguorianer. — Bauten in Wien. — Der Volksgarten. — Die erste Kettenbrücke. — Des Kaisers Krankheit. Nachdem im Sommer 1819 der Bau der neuen Brücke, welche die Com- munication der Stadt und der Leopoldstadt unterhält, schon ziemlich weit gediehen war, so wurde den 19. Juni von dem Kronprinzen der Grundstein in die dazu gelassene Oeffnung feierlich gelegt. Die Brücke erhielt zugleich den Namen: „Ferdinandsbrücke." Den 2. August kam der Kaiser mit der Kaiserin und der Erzherzogin Karoline von ihrer Reise nach Florenz, Rom und Neapel wieder in Schönbrunn an. Den 2. September fand die zweihundertjährige Gcdächtniß- feier des Kürassier-Regiments Nr. 7, (Dampierre, 1819 Großfürst Con- stantin, nun Hardegg) Statt, dessen Reiter 1619 den Kaiser Ferdinand II. aus großer Gefahr gerettet hatten. Das genannte Regiment nebst einem Theil der Garnison war zu dieser Feierlichkeit auf dem Glacis zwischen dem Burg- und Schottenthore aufgestellt. Hier waren auch zwei Zelte aufgeschlagen, deren eines, und zwar jenes des Großveziers Mehemed Pascha, das Prinz Eugen vor Belgrad erbeutet hatte, für den kaiserlichen Hof nebst den eben anwesenden ! Kronprinzen von Preußen und Prinzen von Oranien, das andere aber zur Abhaltung des Gottesdienstes bestimmt war. Nach Beendigung desselben wurden drei Salven gegeben, das Regiment defilirte sodann vor dem Kaiser und den übrigen Prinzen zum Burgthore hinaus. Der Oberst aber kehrte mit einer halben Escadron und den Standarten in die Burg zurück, bezog die ihm 19 * 292 bestimmte» Zimmer in der Reichskanzlei, und brachte die dem Regimente von ! Kaiser Ferdinand II. ertheilte Freiheit, in der kaiserlichen Burg durch mehre , Tage Werbung zu halten, in Ausübung. Das ganze Ofsiciercorps speisete Mittags an der kaiserlichen Tafel, und der Kaiser ließ unter die Mannschaft des Regimentes die ansehnliche Summe von 2000 Ducaten vertheilen. Den ! 26. September fand die feierliche Trauung der Erzherzogin Karoline mit dem Prinzen Friedrich August (jetzigem Könige) von Sachsen durch Procuration Statt. Bräutigamsstelle vertrat Erzherzog Johann. Den 28. September empfing Erzherzog Rudolph, Erzbischof von Olmütz, in der Hofburgcapelle den ihm vom Papst Pius VII. aus Rom übersandten Cardinalshut aus den Händen des Kaisers im Beiseyn des Hofes und der hohe» Geistlichkeit. Den 4. October wurde die erste österreichische Sparcaffe in Wien eröffnet, welche durch mehre wohldenkende und bemittelte Männer aus allen Stände» gegründet worden war. Den 24. October wurde die neuerbaute Ferdinandsbrücke schon für Fußgänger, den 28. auch für Wagen eröffnet. Im Jahre 1820 traf sich der seltene Fall wieder, daß die Pfingsttage, wie 1809, auf den 21. und 22. Mai, folglich an den Jahrestagen der Schlacht bei Aspern sielen. Dieses seltene Zusammentreffen würdig zu feiern, schoß die Wiener Bürgerschaft die Summe von 40,000 Gulden W. W. zusammen und bestimmte dieselbe zum Ankauf und Aufstellung eines großen Gemäldes, jene merkwürdige Schlacht vorstellend, welches jenem von der Schlacht bei Leipzig im Jnvalidenhanse als würdiges Gegenstück beigesellt wurde. Den 22. Juni kamen der Kaiser und die Kaiserin von einer längeren Reise nach Böhmen und Oberösterreich nach Wien zurück. Der Kaiser begab sich jedoch bald darauf wieder zum Congreffe nach Troppau. Den 8. December erschien ein Patent wegen Verleihungen ausschließender Privilegien auf Entdeckungen, Erfindungen und Verbesserungen im Fache der Kunst und der Gewerbe, das auch bald zahlreiche und erfreuliche Früchte trug. Schon im April dieses Jahres war der Orden der Redemptoristen oder Liguorianer durch ein kaiserliches Decret in de» kaiserliche» Staaten aufgenommen worden. Zugleich wurde der Congregation in Wien der obere Passauerhof als erstes Ordenshaus angewiesen und ihr die reno- virte Kirche Maria am Gestade (Maria Stiegen) eingeräumt, welche den 23. December von dem Wiener Weihbischofe derselben nebst alle» bisher darin aufbewahrten Kirchen-Ornaten, Gefäßen und Scifcbriefcn übergeben und Tages darauf durch denselben Prälaten feierlich eingeweiht wurde. Den 28. Deceinber kam Kaiser Franz von Troppau wieder in Wien an; de» 30. traf auch Kaiser ! Alerander hier ein. Den 2. und 3. Januar 1821 reiseten sie jedoch wieder zu dem Congreffe nach Laibach ab. Den 3. April überbrachte der Rittmeister, Graf Ladislaus von Wrbna, als Courier die Kunde von der vollständigen Niederlage der Neapolitaner nach kurzem Feldzuge, wodurch der in Italien seit einiger Zeit um sich gegriffene Carbonarismus gänzlich ausgeroltet ward. Er hielt seinen Einzug in Begleitung von 24 blasenden Postillons. Tags darauf war 293 bei St. Stephan Tedeum unter Gewehrsalven nnd Kanonenschüssen. I» diesem j Jahre wurde der Ravelin nächst dem Kärnthnerthore rasirt und geebnet, und > über dem Wallgraben eine neue Brücke gebaut. Auch erhielt die alte, schadhafte, steinene Brücke vor dem Kärnthnerthore über die Wien eine neue Herstellung und wurde mit einein vierfachen eisene» Geländer versehen. Zuerst wurde in ! diesem Jahre auch die Hauptfahrstraße zwischen der Stadt nnd den Vorstädten ! mit kubikförmigen Granitsteinen gepflastert. Den 25. Juli legte der Kaiser ! unter großer Feierlichkeit den Grundstein zu dem schönen Gebäude der Nationalbank, wobei der Cardinal und Erzbischof von Olmütz, Erzherzog Rudolph, die kirchlichen Functionen vollzog. Den 22. September erfolgte die feierliche Grundsteinlegung zu dem neuen, schönen Bnrgthore. Den 13. Februar 1822 wurde die Leiche des den 1V. Februar in einem Alter von 84 Jahren verstorbenen Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen in der kaiserlichen Familiengruft mit de» üblichen Feierlichkeiten beigesetzt. Dessen große Besitzungen mit allen« übrigen Reichthmne, wozu auch der prächtige Palast in Wien mit allen seinen herrlichen Kunstschätzen gehört, erbte der Erzherzog Karl. Den 13. und 14. Mai hatte zum ersten Male die Ausstellung von veredeltein Rind- und Schafvieh und die damit verbundene Preisvertheilung im Hofe des AugartengebäudeS Statt, welche seither, durch die k. k. LandwirthschaftS-Gescllschaft veranstaltet, alljährlich wiederholt wird. Den 7. September kam abermals Kaiser Alerander nach Wien, welchem Kaiser Franz bis Wollersdorf entgegen gefahren war. Beide Monarchen begaben sich Anfangs October zum Congresse nach Verona, von wo der Kaiser den 4. Januar 1823 wieder in Wien eintraf. Noch gehören zum Jahre 1822 mehre Verschönerungen der Stadt. So wurde z. B. der Schwibbogen, durch welche» man vom Fischmarkte auf den Salzgries gelangte, abgebrochen, daS GlaciS wurde gereinigt, neue Alleen auf demselben angelegt; ^ neue, schöne Gebäude entstanden sowohl in der Stadt als in den Vorstädten. - Den 13. Februar 1823 geschah die feierliche Eröffnung deS allgemeinen Witwen- und Waisen-Jnstitutes im fürstlichen Schwarzenberg'schen Palaste am neuen Markte. Den I. März winde, da die bisherige Regulirung der Thurmuhren in Wien sehr unrichtig war, angcfangen, täglich die mittlere Mittagszeit auf der kaiserlichen Sternwarte auf folgende Weise anzugeben : Zwei Minuten vor dein Mittage wird durch das Läuten einer Glocke auf der obersten Terrasse der Sternwarte daS Zeichen gegeben, um die Aufseher der Thurmuhren aufmerksam zu machen. Vier und zwanzig Secunden vor dem Mittage fängt die Glocke zu schlagen an, alle zwei Secunden ein Schlag, so daß der letzte genau der Augenblick deS Mittages ist. In diesem Augenblicke fängt die Thnriniihr der St. Stephanskirche die zwölfte Stunde an zu schlagen und nach ihr werden alle übrigen gerichtet. Im Sommer 1823 wurde die schöne Statue des Theseus: Ueberwindung des Minotaurus, von Canova, im Volksgarten aufgestellt und derselbe dein Publicum geöffnet. Den 17. November legte der Erzherzog Kronprinz den Grundsteinzu dem herrlichen neuen Gebäude des Thier-Heil-Jnstitures 294 auf der Landstraße, wobei große Feierlichkeiten Statt fanden. Auch wurden in diesem Jahre die zwei neuen Vorstädte, Breitenfeld und der Schaumburgergrund, angelegt. Den 18. October 1824 wurde das schöne, neue Burgthor zum ersten Mal eröffnet. Au demselben Tage trat die erste österreichische Brand- schadenversicherungs-Anstalt ins Leben, welche einer Gesellschaft von Actionären ihre Gründung verdankt und die später mehre andere wohlthätige Anstalten dieser Art ins Leben rief. Den 4. November erfolgte die feierliche Trauung des Erzherzogs Franz Karl mit der königlichen Prinzessin Sophie von Bayern in der Hofkirche zu den Augustinern, welche durch den Erzherzog und Cardinal Rudolph vollzogen wurde und mehre Festlichkeiten zur Folge hatte. Den 6. November wurde die medicinisch-chirurgische Josephakademie in der Währin- gergasse, die durch mehre Jahre wegen neuer Organisation geschlossen gewesen war, mit großer Feierlichkeit wieder eröffnet. Den 4. Januar 1825 wüthete in Wie» und der Umgebung ein furchtbarer Sturmwind, der in seinen Wirkungen fast jenem von 1807 nahe kam. Auf den Straßen wurden mehre beladene Wagen , ja selbst Menschen umgeworfen, die Dachziegeln flogen in solcher Menge auf den Gaffen herum, daß man kaum wagte, vor das Hausrhor zu gehen, viele Baume wurden zersplittert und umgerissen, ja am Thurme der Michaelskirche lösete sich ein Theil des Kupferdaches ab und drohte herabzustürzen. Indessen fielen demungeachtet keine bedeutenden Unglücksfalle vor. — Nachdem schon vor einigen Jahren die Vorstadt Spitalberg durch Anlegung eines Bassins in der breiten Gasse mit Wasser versehen worden war, wurde auch den 25. Juli dieses Jahres für die Bewohner der Laimgrube ein neuer Brunnen eröffnet, der sein Wasser aus der Röhrenleitung der kaiserlichen Stallungen erhält. Den 4. October ward die durch eine i Actiengesellschaft errichtete erste Kettenbrücke in Wien, vom Prater in die I Wcißgärbervorstadt und auf die Landstraße führend, eröffnet und ihr der Name ! »Sophienbrücke" beigelegt. Den 16. November kamen der Kaiser und die Kai- - serin von Preßburg zurück, wo den 25. September die Krönung der Kaiserin ! zur Königin von Ungarn Statt gehabt hatte. Abends darauf war die Stadt Wien festlich erleuchtet. Den 9. März 1826 zu Nacht erkrankte Kaiser Franz i plötzlich an einem entzündlichen Fieber, welches schnell einen so gefährlichen ! Charakter annahm, daß man ihm die heiligen Sterbsacramente reichte und in ! allen Pfarren Wiens öffentliche Betstunden für seine Genesung gehalten wurden. Vom 14. Mär; an wurden auch alle öffentlichen Schauspiele eingestellt. Bei > dieser Gelegenheit sah man die Liebe des Volkes zu seinem Herrscher auf daS ^ Unverkennbarste. Tausende und Tausende drängten sich auf dem Burgplatze zu > dem Schweizerthore, um bei der dort aufgestellten Burgwache Näheres über den Zustand des erlauchten Kranken zu erfahren. Die ängstlichste Besorgniß ! und die größte Theilnahme las man in allen Blicken. Mit lautem Jubel ! wurde die Nachricht ausgenommen, als es den 17 . März verlautete, das Leben ! des Kaisers sei nunmehr außer Gefahr, und das Tages darauf bei St. Stephan L»L abgehaltcne Tedeum wurde mit allgemeiner Theilnahme und Rührung gefeiert. Die erste Ausfahrt des Kaisers war einem Triumphzuge zu vergleichen, eine unermeßliche Menge Volkes umgab und begleitete mit lautem Jubelrufe den Wagen. Glänzende Freude sprach aus allen Zügen und der Monarch selbst ward durch diese »»geheuchelte und allgemeine Theilnahme bis zu Thränen gerührt. Abends darauf waren die Stadt und die Vorstädte auf das Festlichste erleuchtet. Den 13. April Vormittags wurde zur Feier dieses glücklichen Ereignisses auf dem äußeren Burgplatze große Kirchcnparade und ein Tedeum in einem Capellenzelte abgehalten, während welchem Militärsalven Statt fanden und die Kanonen von den Wällen der Stadt donnerten. Alle in Wien anwesenden Erzherzoge, die ganze Generalität und der Hofkriegsrath nebst einer unzähligen Menge Volkes wohnten dieser Feierlichkeit bei. Der Kaiser war Zeuge der erhebenden Handlung von den Fenstern der Burg. Die ausgerückte Mannschaft aber erhielt, vom Feldwebel und Wachtmeister abwärts, eine dreitägige Gratislöhnung. Unter den vielen freudigen Ergüssen, welche die Wicdcr- geuesung des Monarchen zur Folge hatte, ist nachstehendes Gedicht des vaterländischen und gefeierten Dichters Grillparzer so tief gefühlt, wahr und dabei von so ausgezeichnetem poetischen Geiste durchdrungen, daß ich mir die Mittheilung desselben nicht versagen kann, auch der Meinung bin, daß es bei seinem hohen Werlhe recht eigentlich in einer Geschichte von Wien an seinem Platze sei: Vision. Zu Mitternacht, in HabsburgS alten Mauern, Geht ei» Verhüllter, räthselhaft zu seh'n! Man sieht ihn schreiten, blicken um und lauern, Dann heben seinen Fuß und weiter geh n. Vom Haupte zu den trägen Fersen nieder, Umhüllend rings, fließt nächtiges Gewand, Die Falten scharf, so zeichnen sich nicht Glieder, Wo Leben noch die straffen Sehnen spannt. Was hält er? ist'S ein Stab? es blinkt wie Waffen, Des Schnitters Waffe haltend zieht er ein! Und wo des Mantels Säum' im Gehen klaffen, Blickt kahl entgegen fleischentblößt Gebein. Ich kenne dich, du Würger der Lebend'gen, Was suchst im Heillgthume, Scheusal du? Hier darf das Alter nur die Tage end'gcn, Die Pflicht zu leben gibt ein Recht dazu. Jetzt steht er still, dort, wo das Pförtchen schließet, O schließe gut, o Pförtchen, schließ' ihn aus ! Doch aus dem Kleide, das ihn rings umfließet, Streckt er die dürre Knochenhand heraus. 296 Wie an die Flügel er die Finger stellet, Da springen sie weitgähnend aus dem Schloß, Und ein Gemach, von Lampenschein erhellet, Liegt seinem Aug', liegt seinem Arme bloß. Und d'rin ein Mann auf seinem Schmcrzenbette, Wie ist die edle Stirn von Tropfen feucht; Zwei Frauen neben ihm, wer säh's und hatte Die Gattin nicht erkannt, die Mutter leicht? *) Und eine Krone liegt zu Bettes Füßen, »Das ist ein König," spricht der bleiche Gast, »Und zwar ein guter, soll ich glauben müssen, Das früh ergraute Haar spricht nicht von Rast.» »Wohl auch als Gatte mocht' er sich bewähren, Darum bewacht die Gattin jeden Hauch, Durch'S Schloß erschallen Seufzer, fließen Zähren, Ein guter Herr und Vater also auch. Und dennoch kann das Alles mich nicht hindern, Der Gattin Thränen halten mich nicht auf, Den Vater raub' ich täglich seinen Kindern, Was vorbestimmt ist, habe seinen Lauf.» Und er tritt ein, da summen leise Klänge Vom Schloßhof her in sein gespanntes Ohr, Dort woget Volk, kaum faßt der Raum die Menge, Und Zeder forscht und Zeder blickt empor. Ein Weinender fragt Einen, der da weinet, Und Thränen machen ihm die Antwort kund, Ob Hoffnung sei? — Was trüb der Blick verneinet, Pflanzt durch die Menge sich von Mund zu Mund. Und alle Hände sind zum Fleh'» gefaltet, Auf jeder Lippe zittert Ein Gebet, Der Todespfeil, der Einen Busen spaltet, Den blut'gen Weg zu Aller Herzen geht. — Ta hält der Würger an, sieht nach dem Kranken, Dann nach der Menge, wogend ohne Ruh; Es stockt der Fuß, der Arm beginnt zu wanken Und endlich — schreitet er der Thüre zu. Schon hört er nicht mehr das Gebet der Menge, Die Beff'rungskunde jubelnd zu sich ruft, Und an dem Ende der verschlung'nen Gänge Schwingt er, ein Nachtgespenst, sich in die Luft. *) Die Kaiserin und die eben anwesende Königin von Bayern verließen das Lager des Kaisers keinen Augenblick. > 297 Im Gehen aber scheint er noch zu sprechen: »Nicht über meinen Auftrag geht die Pflicht; Ich ward gesandt, ein einzig Herz zu brechen, So viele tausend Herzen brech' ich nicht! >' Achtes Kapitel. Beethovens Tod. — Das Lager bei Traiskirchen. — Unglücksfall durch Minensprengung. Den 29. März 1827 hatte zu Wien das feierliche Leichenbegängnis des den 26. verstorbenen großen Tondichters Beethoven Statt. Eine unermeßliche Menge Menschen begleitete den Trauerzug, bei welchem Wiens erste Künstler und andere ausgezeichnete Männer den Reigen führten. Der Leichnam wurde nach dein schönen Friedhofe zu Währing gebracht und an seinem Grabe hielt der rühmlich bekannte Hofschauspieler Heinrich Anschütz eine von Grillparzer verfaßte, vortreffliche Trauerrede. Ein einfach schönes Denkmal, mit der gelungensten aller Grabschriften, nämlich dem einzigen Worte: „Beethoven," schmückt seine Ruhestätte. Im Juli 1827 wurden in der Sandgrube unweit der Ungargasse durch zufälliges Graben Zähne und Knochen eines riesigen, wahrscheinlich urwelckichen Thieres aufgefunden, das an Bildung fast dem Elephanten gleich zu seyn schien. Sogleich wurden weitere sorgfältige Nachgrabungen unternommen, die jedoch erfolglos blieben. Den 6. December dieses Jahres reisete Dom Miguel, Prinz von Portugal, nachdem er drei Jahre in Wien zugebracht hatte, wieder nach Lissabon zurück. Im Laufe des Sommers 1828 kamen als Geschenk des NicekönigS von Aegypten, Mehemed Ali, an den Kaiser, zwei ägyptische Kühe, drei schöne weiße Ziegen und eine ausgezeichnet schöne Girafe unter der Leitung eines Arabers in Wien an und wurden in die Menagerie nach Schönbrunn gebracht. Besonders das letztere schöne Thier, welches höchst selren in Europa lebend gesehen wird, machte eine Art von lebhafter Sensation. Man strömte schaarenweise nach Schönbrunn, um de» seltenen Gast zu sehen, dem man daselbst eigens eine niedliche Wohnung gebaut hatte; ja selbst auf die Mode hatte dessen Ankunft bedeutenden Einfluß, die Damen trugen eine lange Zeit hindurch Hauben, Hüte, Kleider, Tücher rc. ü la 6irake. Leiderhielt dieses prächtige Thier das. ungewohnte Klima nicht lange aus und ist jetzt ausgestopft, neben dein älteren, durch seine kolossale Höhe ausgezeichneten Exemplare, in dem kaiserlichen Naturaliencabinete zu sehen. Den 21. August legte der damalige Regierungspräsident, Freiherr von Hochkirchen, den Grundstein zu dem herrlichen Gebäude der jetzigen Universitätsbibliothek.^— Im September wurde in der Nähe von Traiskirchen ein großes Lust- und Uebungslagcr gehalten, wodurch Wien bei dem Durchzuge des häufigen Militärs und dem Zuströmen vieler Fremden sehr belebt wurde. Leider wurde dasselbe durch das in Mitte dieses Monates eingefallene und anhaltende Regcnwetter nicht wenig gestört. Auch die Prinzen Wilhelm und August von 298 Preußen, nebst mehren hohen Notabilitäten, waren bei dieser Gelegenheit nach Wien gekommen. Den 27. November ereignete sich in Wien ein höchst beklagenswerther Unfall. An einem alten, gegen das Glacis der Roßau sich hinziehenden Minengange wurde auf Befehl des Genie-Directors Erzherzog Johann, der für den Minenkrieg höchst wichtige Versuch gemacht, Minen durch chemische Vorrichtungen, ohne die sonst dabei angewandten Zündmürste zu sprengen. Erzherzog Johann selbst, so wie sämmtliche andere Erzherzoge und mehre hohe Militärs waren dabei gegenwärtig. Um sich so schnell als möglich von der Wirkung zu überzeugen, begab sich der Oberstlieutenant, Freiherr von Hausier, mit zwei Oberlieutenants vom Geniecorps, Reuter und Kerestury, zu frühzeitig in das Gewölbe und wurden daselbst durch das angehäufte Gas sogleich betäubt und erstickt. Alle schnell angewandten Rettungsmittel blieben fruchtlos, ja zwei Pionniers verloren bei den Rettungsversuchen ebenfalls ihr Leben. Im Mai 1829 entstand in Wien ein Verein zur Beförderung der Missionsangelegenheiten in Amerika, welcher zum Andenken der verstorbenen Kaiserin von Brasilien den Namen: »Leopoldinen - Stiftung" erhielt. Die Central- Direction, welche sich in Wien befindet, verwendet die eingehenden Almosen für die dringendsten Bedürfnisse der amerikanischen Missionen, wie ihr dieselben aus authentischen Berichten und sorgfältigen Nachforschungen bekannt werden, nach einer vorläufigen gemeinsamen Berathung, und Übermacht dieselben auf die mindest kostspielige Weise. Das Stiftungsbureau ist in der erzbischöflichen Con- sistorialkanzlei. Den 17. November hatte die feierliche Beisetzung der Leiche der den 14. verstorbenen Erzherzogin Maria Beatrix von Oesterreich-Este, Herzogin von Mafia und Carrara, in der kaiserlichen Familiengruft Statt. Den 29. December starb auch die allverehrte Erzherzogin Henriette, Gemahlin des Erzherzogs Karl, nach kurzer Krankheit, und ward unter allgemeiner Theilnahme den 31. December ebenfalls in der kaiserlichen Gruft bei den Kapuzinern bestattet. Das Jahr 1829 hatte sich hinsichtlich der Witterung als eines der ungünstigsten gezeigt. Im Sommer herrschte durchaus unfreundliches und unbeständiges Wetter, nicht minder in dem kurzen Herbste, denn schon um die Mitte Octobers trat fast ununterbrochene strenge Kälte ein, die im Laufe der folgenden Monate immer fort stieg. Das Thermometer stand im December mehrmals zu 20 und mehr Grade unter dem Eispunkt. Gegen Ende des Jahres fiel so häufiger Schnee, daß oft die Straßen dadurch unfahrbar wurden. Zwölfte Hötheituug. 1830 — 1835 . Erstes Kapitel. Die große Ueberschwemmung. ^^^in furchtbares Elenientarunglück ereignete sich in den ersten Monaten Jahres 1830 in Wien. Der häufige Schneefall und der lange anhaltende strenge Winter, so wie der dadurch bewirkte niedrige Wafserstand der Donau, ließe» schon bei dem, Ende Februar plötzlich eingetretenen, Thauwetter einen gefährlichen Eisgang vcrmuthen. Von Seite der Behörden waren freilich zweckmäßige Anstalten für diesen Fall getroffen, allein die Nebcnumftände waren Anfangs von so beruhigender Natur, daß man sich nimmermehr auf das Aeußerste gefaßt zu machen glauben konnte. Den 28. Februar setzte sich der Eisstoß in Gang, und Abends, nachdem schon ein Theil des Praters mit der Hälfte der Praterstraße bis zur Johanneskirche vom Wasser Überflossen, die große Donaubrücke zerstört war und die Donau bereits mehre Stellen ihres linken Ufers am Marchfelde überschritten hatte, fand auf einmal ein starkes Fallen des Wassers Statt. Dieses, einem Eisgänge gewöhnliche und naturgemäße Ereigniß beruhigte die meisten Anwohner der Donau, und da sie schon, von den Bezirksdirectione» wiederholt gewarnt und auf die Gefahr aufmerksam gemacht, einige Nächte aus Vorsicht durchwacht hatten, so war es erklärlich, daß die Mehrzahl derselben, die von den Behörden gebotenen Vorsichtsmaßregeln nicht mehr für nölhig erachtend , sich ruhig den 28. Februar Abends dem Schlafe überließ, aus welchem sie auf so schreckliche Arr geweckt werden sollten. Selbst von erfahrnen Leuten wurden die getroffenen Vorsichtsmaßregeln schon für überflüssig erklärt, und nicht nur waren die Gasse» der Leopoldstadt und anderer Vorstädte an diesem Tage, einem schönem Sonntage, Abends mit Neugierigen gefüllt, um Zeuge» der Ueberschwemmung der Jägerzeile und des Praters zu seyn, sondern ganze Züge begaben sich in die Brigittenau und längs dem Ufer des Donaucanales bis an die äußerste Spitze der Au, Nufidorf gegenüber, von wo aus man die Wirkungen der ausgetretenen Fluthen der großen Donau überblicken konnte. Der Verfasser befand sich selbst unter der Zahl dieser unvorsichtigen Schaulustigen und hatte nicht nur einen schon ziemlich gefährlichen Rückweg zu bestehen, sondern ist auch vollständig überzeugt, daß, wäre das 3V0 schreckenvolle Ereigniß der folgende» Nacht nur wenige Stunden früher eingetreten, mehre tausend Menschen, die auf Wegen gewesen, von welchen sie unmöglich einen Zufluchtsort hätten erreichen können, gewiß vom Wasser rettungslos fortgerissen worden waren. Die Bewegungen der Strom- und Sicherheitswächter abgerechnet, zeigte übrigens der Anbruch der Nacht das Bild der tiefsten Ruhe und es herrschte allgemeine Stille. Nur Kranke, Wachen und Nachzügler, die sich in den Wirths- häusern verspätet hatten, fand die Mitternacht noch wach. Alles klebrige lag im tiefen, lang entbehrten Schlummer, nicht ahnend die schrecklichen Ereignisse, die in den nächsten Minuten über sie Hereinbrechen sollten. Das starke Fallen des Wassers, welches den vorigen Abend so beruhigend gewirkt hatte, rührte jedoch nicht von dessen wiedergewonnenem freien Laufe, sondern von einer Stockung des Eisganges in der oberen Gegend bei Klosterneuburg her. Nach Mitternacht brach mit Eins das dort aufgehäufte Eis mit dem geschwellten Wasser los , überströmte das Marchfeld und andererseits die an der Donau liegenden Vorstädte und rasete mit der furchtbarsten Gewalt des nach langem Widerstande entfesselten Elementes. Zugleich erhob sich ein furchtbarer Sturm aus Nordwest, und schon um ein Viertel auf ein Uhr brach das grenzenlose Unglück über die sorglosen Schläfer herein. Die aufwärts des Donaucanales ausgestellten Wächter kamen athemlos mit der Meldung, man vernehme von der Brigittenau her ein fürchterliches Gekrache, das alle Beschreibung übertreffe, und man höre dazwischen das Brausen des Wassers wie von einer ungeheuren Wehre, es müsse daher in wenig Augenblicken ein fürchterliches Ereigniß eintrcten. Ehe man nur Zeit hatte, das Schreckliche dieser Nachrichtzu fassen, war das Unglück auch schon da, durch die dichte Finsterniß der Nacht und den tobenden Sturm auf de» furchtbarsten Grad gesteigert. Die ausgestellten Wachposten konnten kaum ihren Alarmruf ertönen lassen; viele derselben retteten sich nur mit äußerster Lebensgefahr in die benachbarten Häuser. Der Gang der Uebcrschwem- mung nahm folgende Richtung: In dem nämlichen Augenblicke, als die Nachricht kam, daß die Dämme der Brigittenau durchbrochen seyn mußten , indem sich von der Gegend des dortigen Jägerhauses her eine ungeheure Wassermasse gegen den Eanal wälze, stieg das Wasser des Donaucanales wieder über das Ufer und stürzte sich mit reißender Heftigkeit in die Niederungen der Roßau, so daß in wenigen Augenblicke» die ganze Vorstadt unter Wasser stand und die Höhe desselben in mehren Gassen 6 bis 7, ja in einzelnen Häusern über 8 Schuh erreichte. Zu gleicher Zeit war der ganze Allhangrund, die Spit- telau, Wagner-, Bad-, Schnüd- und Zwcifechtergasse, beide Kirchengassen und ein Theil der Hauptstraße im Liechtenthale, mehre Häuser am Thury und die derRoßau zunächst liegenden Hauser derAlservorstadt überschwemmt. Manche Gegenden der Roßan, wie die Gestätten-, Donau-und Holzstraße, die letzten Häuser der Hahngasse, zum Theil auch die Häuser am Glacis und die Drei- ! mohrengasse wurden, von ungeheuren Eisblöcken und fortgeschwemmten Holz- 301 «nassen so verlegt, daß sie in elfterer Zeit den Fahrzeugen ganz unzugänglich waren. Fast zu gleicher Zeit brach das Unglück auch über die Leopoldstadt herein , da das Wasser in wenigen Minuten zu der fast unglaublichen Hohe von 17 bis 18 Schuh im Donaucanale gestiegen und mit riesigen Eisblöckcn über die Ufer getreten war. Zugleich kamen auch die Fluthen von der nördlichen Seite, nachdem alle Schutzdämme durchbrochen waren, und in Zeit von vier bis fünf Minuten waren die Leopoldstadt und die Jägerzeile der Art unter Wasser gesetzt, das; die höheren Punkte eine Wasserhöhe bis 3 Schuh, die niederen Gegenden aber von mehr als 6 Schuh erreichten. Auch in den Vorstädten Weißgärber und Erdberg waren alle Straßen bis wenige Fuß unter dem ersten Stocke der Hauser mit den verderbenbringenden Fluthen bedeckt. Die Kirche bei St. Leopold in der Leopoldstadt wurde bei keiner der früheren Überschwemmungen vom Wasser erreicht, 1830 stand das Wasser im Schiff der Kirche über 20 Zoll hoch. In dieser fürchterlichen Nacht, in welcher obendrein wieder bedeutende Kalte zur Steigerung des Unglückes eintrat, vereinten sich das Brausen und Toben der Wafferfluthen, das Heulen des rasenden Sturmwindes, das Angst- geschrei der Bewohner des Erdgeschosses, die Alarmschüsse und Rufe der Wachen und das Sturmgeläute von den Kirchthürmen zu einein Bilde des Entsetzens ohne Gleichen. Fürchterlich war der Anblick der Verheerung den folgenden Morgen. Die Eismassen lagen wie ungeheure Trümmer zerstörter Bollwerke auf dem Strome und in den Gassen; die genannten Vorstädte standen mehr oder weniger tief unter Wasser; die Fluthen hauseten schrecklich und tobten gegen die Mauern; der Sturm, welcher noch am ganzen Vormittage des ersten März fortwüthete, warf an manchen Häuser» die Wellen bis an die ersten Stockwerke. Eistrümmer von ungeheurer Größe brachen durch Mauern und Planken, und von Secundezu Secunde krachten die anprellenden Massen gräßlich durch das Gezische der Wogen. Das brausende Gewässer führte Hausrhore, Planken, Fässer, Balken und allerlei Geräthe mit sich fort. Die zahlreichen Küchengärten in der Roßau, Leopoldstadt, Erdberg und den Weißgärbern boten ein Bild der schaudervollsten Zerstörung. Auf den Straßen, noch häufiger in den Ställen, lagen todte Pferde, Kühe, Schafe und anderes Nutzvieh, das in dem unaufhaltsamen Strome seinen Tod gefunden hatte. Entsetzlich war der Anblick der Zerstörung der Fluthen und des Eisganges in der Augartenstraße, Taborgasse, Neugasse, Donaustraße und der Einbruch der Hochfluth am linken Ufer über die Holzlegstätte, Gestättengasse, Holzstraße u. s. »v. in die Roßan. Die Eismasse» hatten den ganze» Donaucanal bis an die Ferdinandsbrücke verlegt und thürmten sich zu einer beispiellosen Höhe. Selbst in die Stadt drangen die Fluthen, beim Rochenthurm und am Salzgries wurde auf Kähnen gefahren. Das Traurigste bei diesem schreckenvollen Ereignisse war jedoch, daß bei dein unvermuthel fürchterlichen Andrange der Wogen viele Menschenleben, ja ganze Familien, besonders in den unteren Gemächern der Häuser zu Grunde gingen. Die Anzahl der Individuen belief sich, ämtlich erhoben, auf 74, worunter IS Kinder. Obschon wir in diesem Buche mehrmals erwähnt, daß die der Donau nahe liegenden Vorstädte oft durch den Eisgang und die dadurch verursachte Überschwemmung grofien Schaden erlitten, so haben doch die Jahrbücher Wiens keine ähnliche, wie jene von 1830, aufzuweisen, und bei keiner der früheren Ueberschwemmungen Wiens, wie schrecklich sich manche derselben auch gestalten ^ mochten, wie z. B. 1744, 1768, 1784 und I7S9, war der angerichtete ^ Schade weder so bedeutend und allgemein, noch gingen so viele Menschenleben ! dabei zu Grunde, wie bei dieser. Zweites Kapitel. Folgen der Ueberschwemmung. — Die Kinderbewahr - Anstalten. — Die Dampfschifffahrt in Oesterreich. t So furchtbar und gräßlich Jammer und Noth durch die ungeheure Ueberschwemmung in den genannten Vorstädten Wiens herrschten, so zeigte sich dieses unheilvolle Ereigniß auch als der Probstein der edlen und wohlthätigen Gesinnungen des Kaiserhauses, des Adels und der sämmtlichen Bürger Wiens. Kaum war am Morgen des I. März die Kunde des schrecklichen Unglücks erschollen, der sich auch die traurigsten Nachrichten von den Ueberschwemmungen in den Ortschaften des Marchfeldes beigesellten, so sah man bereits die Erzherzoge von Oesterreich, den damaligen Kronprinzen, jetzt regierenden Kaiser Ferdinand, die Erzherzoge Franz Karl und Anton Victor auf leichten Pontons, ohne den Sturm der Elemente, ja die wirklich noch sehr gefährliche Fahrt zu scheuen, die Vorstädte durchschiffen, um den Bedrängten Hilfe, Rettung und Trost zu bringen. Ja der hochherzige Kronprinz unternahm selbst die gefährliche Fahrt über die große Donau nach Jedlesee im Marchfelde, um sich von den dortigen Verheerungen zu überzeugen und als rettender Engel zu erscheinen. Auch viele vom hohen und höchsten Adel folgten diesem erhabenen Beispiele, und vor Allen muß hier der edelmüthigen Baronin Pereira, gebornen Arnstein, gedacht werden, deren wohlthätige Handlungen sich bei vielen Gelegenheiten schon auf das Glänzendste bewährten. Hunderte durch dieses schreckliche Ereigniß um ihre ganze Habe gekommene und furchtbarem Mangel preisgegebene Familien hatten dieser hochverehrten Frau augenblickliche Labung und Hilfe zu verdanken, die ebenfalls auf leichtem Kahne die gefährlichen Stellen durchfuhr und mit vollen Hände» Lebensbedürfnisse ausspendete. Kaiser Franz selbst wies schon den I. März eine Summe von 40,000 Gulden, die Kaiserin 12,000 Gulden für die ersten Bedürfnisse an, die Erzherzoge gaben ebenfalls bedeutende Summen, die vier Großhandlungshäuser: Rothschild, Geymüller, Arnstein-Eskeles und Sina spendeten zu gleichen Theilen 30,000 Gulden, die übrigen Großhändler 3V3 28.000 Gulden, und Jedermann bestrebte sich nach allen seinen Kräften zur Milderung des großen Elendes beizutragen, so daß die in einigen Tagen zu diesem Zwecke eingelaufenen Beiträge schon die höchst bedeutende Summe von 358.000 Gulden betrug. Der Verlauf des ungeheuren Wasserschwalles ging ziemlich langsam von Statten. Vom I. März Früh 8 Uhr, wo der Wiener Donaucanal seinen höchsten Wasserstand mit 17 Schuh über Null erreicht hatte, bis den 2. Morgens 2 Uhr betrug die Abnahme desselben nur 1 Schuh 1 Zoll. Der folgende Tag war jedoch warm und heiter, und dies hatte zur Folge, daß das Eis im Canale sich nach und nach in Bewegung setzte, und um 2 '/r Uhr Nachmittags war endlich der Eisstoß abgegangcn. So viel man auch für die vier Donaubrücken über den Canal fürchtete, so wurde dennoch keine derselben beschädigt, obschon es an der Ferdinandsbrücke oft nicht eine Spanne fehlte, daß die Eisblöcke die Ennsbäume derselben erreicht und sie weggerissen hätten. Das übrigens noch immer sehr hohe Wasser führte eine Menge Scheiterholz, Floßbäume und Breter mit sich fort, wodurch die Holzhändler bedeutenden Schaden litten, obgleich von Seite der Polizei alle Verschleppungen so viel möglich verhindert wurden. Den 4. März endlich war das Wasser in der Leopoldstadt, Roßau, Erdberg und den Weißgärbern fast aus allen Gassen gewichen, und da nun Alles in den geregelten Gang wieder zurücktrat, so richtete die Polizei-Obcrdirection ihre Blicke vorzüglich auf wahre Dürftige, da früher Reiche wie Arme augenblicklicher Hilfe und Lebensmittel bedurften. Es wurden zu diesem Zwecke zahlreiche Subscriptionen und Sammlungen eingeleitet, wodurch neuerdings, auch aus den Prosinzen, ja selbst vom Auslande, zahllose Beiträge zur Unterstützung der Unglücklichen einliefen, welche durch dieses unheilvolle Ereigniß ihre ganze oder den größten Theil ihrer Habe eingebüßt hatten. Für gerechte Vertheilung derselben sorgten die Behörden, und so geschah Alles, was nur im Bereiche der Möglichkeit stand, die ferneren betrübenden Wirkungen dieses furchtbaren Unfalles aufzuheben. Durch festere Herstellung der Dämme in der Brigittenau und andere neue zweckmäßige Bauten und beruhigende Sicherheitsmaßregeln wurde auch künftigen ähnlichen Unfällen auf die möglichste Weise vorgebeugt. — Die vielen edlen Menschenfreunde, die häufig mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens und Vermögens jene ihrer bedrängten Mitbürger retteten, erwähne ich hier nur im Allgemeinen, weil die einzelne Aufführung derselben hier zu weit führen würde, besonders aber, weil sich dergleichen hochherzige Thaten am schönsten selbst belohnen und nicht nachträglichen Lobpreisens zu ihrem Ruhme bedürfen. Als einen der ausgezeichnetsten unter diesen vielen edlen Rettern aber muß ich den Wiener bürgerlichen Schiffmeister Johann Laffingleuthner nennen, der durch Unerschrockenheit und Beharrlichkeit mit Gefahr seines eigenen Lebens während der ersten drei Tage des Schreckens 126 Menschen aus der gefahrvollsten Lage rettete, in welcher die meisten derselben offenbar den gewissen Tod vor Augen hatten. 304 Im Monate Marz trat in Wien die erste, so wohlthätig wirkende Klein- kinder-Wartanstalt durch den Schutz und die Freigebigkeit der Kaiserin, so wie durch die Bemühungen des hiesigen adeligen Damenvereines ins Leben, worauf später noch mehre ähnliche Vereine errichtet wurden. Den 22. Mai wurde in der kaiserlichen Hofburg das vierhundertjährige Stiftungsfest des erhabenen Ordens vom goldenen Vließe durch ein solennes Generalcapitel unter dem Vorsitze des Kaisers, als Chef und Souverän desselben, gefeiert, bei welcher Gelegenheit mehre höchste und hohe Personen den feierlichen Ritterschlag empfingen und mit den Insignien des Ordens bekleidet wurden. Den 18. August wurde die Erzherzogin Sophie von ihrem ersten Prinzen entbunden, der in der Taufe den Namen seines kaiserlichen Großvaters, Franz Joseph, erhielt. Den 6. September legte der Erzherzog Anton, Hoch- und Deutschmeister, feierlich den Grundstein zu dem schönen Gebäude des Musikvereins. Den 28. September erfolgte die Krönung des Kronprinzen zum König von Ungarn zu Preßburg mit aller bei solchen Gelegenheiten üblichen Pracht und Feierlichkeit. Seine Titulatur war nun nach einem kaiserlichen Decrete: Ferdinand V., jüngerer König von Ungarn, Kronprinz der übrigen österreichischen Staaten, mit dem Prädicate: Majestät. Im Herbste dieses Jahres wurde das erste Dampfschiff, Franzi., vom Stapel gelassen, und befuhr von dieser Zeit an den Donaustrom von Wie» bis Pesth und von da bis Semlin und Moldawa, auch aufwärts. In kurzer Zeit kam die Donau-Dampfschifffahrt zur größten Vollkommenheit, und gegenwärtig befahren den Fluß viele Dampfschiffe nach allen Richtungen. Den 27. Februar 1831 hatte der feierliche Einzug der königlich sardini-- schen Prinzessin, Maria Anna, in Wien und deren Vermählung mit dem jüngeren Könige von Ungarn Statt, welch letztere von dem Cardinale Erzherzog Rudolph, Erzbischof von Olmütz, vollzogen wurde. Nachdem in diesem Jahre auch die in Folge der französischen Juli-Revolution entstandenen Unruhen in Italien weniger durch die österreichischen Waffen, als durch das bloße Erscheinen des österreichischen Militärs unterdrückt worden waren, und die Ruhe auf das Schnellste wieder hergestellt war, so drohte auf einmal aus dem äußersten Osten aufs Neue ein furchtbares, bisher kaum dem Namen nach bekanntes Unheil den österreichischen Staaten, nämlich die sogenannte Okoler» morbus, deren unheimlicher Annäherung Alles mit Furcht und Schrecken entgegen sah. Die Beschreibung dieses Uebels und seines Eindringens in Oesterreich erfordert eine etwaS weitere Aushölung. 3»5 Drittes Kapitel; Die Cholera im österreichischen Kaiserstaate und in Wien. j Die verderbenbringende Senche der lUiolova ninrdns, eine Krankheit, ! die in früheren Zeiten, wenigstens sporadisch, in einigen Theilen von Europa i nicht so ganz unbekannt war, da sie viele Aehnlichkeit mit dem im fünfzehnten ^ Jahrhunderte wüthenden sogenannten schwarzen Tod hat, ging schon 1817 von j ihrer Wiege, dem östlichen Indien, mit solcher Heftigkeit aus, daß ihr daselbst ! wöchentlich bei zweihundert Menschen zum Opfer fielen, zunächst verbreitete sie sich nach Kanton und einigen anderen Orten des chinesischen Reiches. 1820 wüthete sie an den Küsten des Meerbusens von Tunkin und brach 1821 zu Peking selbst aus. Uebcrhaupt verheerte sie China durch ungefähr fünf Jahre. Im December 1826 erschien sie zu Kuba in der Mongolei. Noch früher gelangte die Krankheit westlich nach Persien und befiel, längs des Tigris aufsteigend, Bagdad und die zwischen dem Euphrat und Tigris liegende Gegend, worauf sie sich an der westlichen Küste des caspischen Meeres ausbreitete und in Astrachan eindrang. In den Jahren 1827 bis 1829 brach sie auf einmal mit Heftigkeit in Tauris aus, erreichte Tiflis im August 1830, verbreitete sich in den Gegenden deS Kaukasus, stieg die Wolga in die Höhe und erreichte Moskau bereits im September desselben Jahres. Südlich ging im russischen Reiche ihre Verbreitung von den Küsten des schwarzen Meeres nicht nur am Dnieper und Dniester hinauf, sondern selbst bis Volhynien, und bedrohte am Schlüsse desselben Jahres schon Galizien. In Erwägung der schnellen Fortschritte dieser Seuche und der drohenden Gefahr für die Erbstaacen ernannte Kaiser Franz durch Eabinetsschreiben vom 22. October 1830 eine eigene Central-Sanitäts-Hofcommission, welche sich mit Berathung über diese Krankheit zu beschäftigen und die zweckmäßigsten Mittel zur Hintanhaltung des Eindringens derselben in die Monarchie dem Kaiser selbst vorzuschlagen hatte. In Gemäßheit der gepflogenen Beobachtungen wurden die geeignetsten Vorsichtsmaßregeln getroffen und Sanitätscordone gegen Rußland und Polen aufgestellt, welche mit der ebenfalls eingeleiteten Absperrung Ungarns und Siebenbürgens gegen Galizien in Verbindung gesetzt wurden. Allein trotz allen Absperrungen und den auf das Strengste beobachteten O.uaran- tainen drang die Seuche unaufhaltsam weiter vor. Sie übersprang den Cordon am Wislokaflusse, zwang zu dessen gänzlicher Auflösung, drang im Monate Mai 1831 in Galizien ein und zeigte sich auch an solchen Orten, die sich aus eigenem Antriebe abgespcrrt hatten. Gleiche Unwirksamkeit aller Cvrdone und Absperrungen zeigte sich auch in Ungarn. Den 13. Juni kain die epidemische Brechruhr zu Tisza und Ujlak im Ugocser Comitate zum Vorschein, was um so mehrAufnierksamkeit erregen mußte, da sie die dazwischen liegenden Beregher und Marmaroser Gespanschaften ganz übersprungen hatte. Die Krankheit drang nun mit Blitzesschnelle unter furchtbaren Verheerungen die Theiß abwärts, 20 306 gegen die Donau zu. Bereits den IS. Juni brach die Seuche mit verheerender Wuth in Pesth aus und verbreitete neue Schrecken und Besorgnisse, da alle Sicherheitsmaßregeln der thätigen Behörden, welchen die Gemeinden und Städte, mit wenigen Ausnahmen, bereitwillig die Hand boten, frucht-und erfolglos blieben. Gleichsam aller Verwahrungsanstalten spottend, drang die Seuche unaufhaltsam vor, und nirgends stand die Zahl der Erkrankten in abgesperrten Orten im günstigeren Verhältnisse gegen unabgesperrte, ja oft ergab sich gerade das Gegentheil. Uebrigens wurden in allen Provinzen und Orten der Monarchie, wo die Cholera entweder ausgebrochen war, oder auszubrechen drohte, zur Unterstützung der Kranken, Armen und Arbeitlosen, so wie zur Anschaffung der inneren Einrichtung der neu organisirten Choleraspitaler Sammlungen veranstaltet, und es kamen bei dieser Gelegenheit namhafte Beitrage durch edle Menschenfreude zusammen, besonders aber wurde der dringendsten Noth durch die väterliche Fürsorge des Kaisers selbst gesteuert, welche sich zu dieser Zeit der schweren Prüfung aufs Neue im schönsten Lichte zeigte. So wurde z. B. der umfangreiche Bau der Unrathscanäle am ganzen rechten Ufer des Wienfluffes anbefohlen und sogleich ins Werk gesetzt, wodurch nicht nur einem längst fühlbaren Uebelstande, nämlich der bisherigen üblen und höchst lästigen Ausdünstung dieses Flusses bei niedrigem Wasscrstande abgeholfen, sondern auch einer unzähligen Menge erwerbloser Individuen durch lange Zeit Unterstützung und Brot gegeben wurde. In Betracht, das? die zweckmäßig errichteten Einleitungen und Vorbereitungen bereits getroffen waren, und um das Eindringen der Brechruhr in die noch verschonten Provinzen möglichst zu verhüten und ihrem Vordringen überhaupt Grenzen zu setzen, wurde Anfangs September die Central-Sanitäts-Com- mission aufgelöset und ihre Geschäfte der vereinigten Hofkanzlei übertragen. Doch auch Mähren und Oesterreich konnten, ungeachtet der geschärften und verstärkten Sanitätscordone, nicht von dieser Seuche bewahrt bleiben. Nachdem sie in der Gegend von Rohrau die österreichische Grenze überschritten hatte, brach sie nach mehrtägigem Regenwetter endlich auch in der Nacht vom 13. auf den 14. September plötzlich und mit größter Heftigkeit in Wien und zwar in der Stadt selbst aus. Die allgemeine Bestürzung, die Furcht vor ! de» nähern Absperrungen rc. vermehrte» die Gefahr. Zahlreich waren die > Opfer der ersten Tage, worunter Viele aus den höheren Ständen, wckche ! gewiß keine Vorsichtsmaßregeln versäumten, noch schneller Hilfeleistung em- kehrten. Bei unausgesetzter strenger Anordnung der Absperrungen stieg übrigens die Zahl der an der Brcchruhr Erkrankten fast täglich. Den 13. September betrug dieselbe 5, den 14. schon 41, den 15. 139, den 16. 127, den 17. III, den 18. 130. — Der einzige Trost in diesen Tage» des Jammers war die unausgesetzte Fürsorge des Kaisers, welcher, nachdem er den Aufenthalt zu Baden mit dem im Lustschlosse Schönbrunn vertauscht hatte, häufig in die Stadt kam, theils die öffentlichen Arbeiten, theils die -- -- »» - 3»7 für den Ausbruch der Cholera seit längerer Zeit vorbereiteten Spitäler besuchte, die gewöhnlichen Audienzen ertheilre und, von der Kaiserin und der übrigen kaiserlichen Familie begleitet, mehre Male im Hofburgtheater erschien. Die Commum'cation mit dem kaiserlichen Lustschlosse Schönbrunn blieb fortwährend offen. Wäre übrigens die Sache nicht schon an sich eine traurige Erscheinung gewesen, so hätte man den beim ersten Eintritte des Nebels angepriesenen und angewandten Präservativen und einzelnen Privatcernirungen leicht eine lächerliche Seite abgewinuen können. Eines schützte sich mit Warm, das Andere mit Kalt; der Eine mit Wasser, der Andere mit dem vielgepriesenen Camomillen- Oel gegen die Einflüsse des verderblichen Miasma; ansehnliche Quantitäten des nach langer Ruhe auf einmal wieder in Credit gekommenen sogenannte» Vierräuberessigs wurden consumirt und einzelne Producenten der am meisten in Schwung gehenden Antidote befanden sich bei der allgemeinen Consternation gar nicht übel. Fast jedes Haus besaß eine ziemlich reichhaltige, von den heterogensten Gerüche» duftende Privat-Cholera-Apotheke, und die Anhänger und Gegner des berühmten und berüchtigte» !>lsA>8tvi i»in vismutlii, so wie jene der Contagiosität und Nichtcontagiosität führten hitzige Federkriege. Die, wenige Monate darauf in dem schnell wieder lebensfrohen Wien erschienene» Abbildungen von Cholera-Präservativ-Menschen waren zwar allerdings Caricature», die sich aber nur quantitativ, gewiß aber nicht qualitativ von der Wahrheit entfernten. Das größte Uebcl bei der Sache war, daß mit der Zunahme der Acngst- lichkeit der allgemeine, so wie der gesellige Verkehr abnahm, die Geschäfte stockten , und die üblen Folgen dieses gespannten Zustandes wären für Handel und Wandel unberechnenbar gewesen, hätte nicht die Regierung mit rühmlicher Festigkeit das einzige Mittel ergriffen, wodurch dem Umsichgreifen dieser furchtbaren Seuche allein die sichersten Schranken gesetzt, und der übertriebenen Furcht und Aengstlichkeit gesteuert werden konnte. Es war dies der bereits den 18. September ausgeführte weise und höchst wohlthätige Beschluß der Aufhebung aller Sperren und die unbeschränkte Wiederherstellung aller gesellschaftlichen Verhältnisse, deren Störung durch die Absperrungen am meisten Sorge, Angst und eine gewisse unheimliche Spannung und Stimmung der Gemüther hervorgebracht und Letztere recht eigentlich für das verderbliche Miasma empfänglich gemacht hatte. So war es denn auch hier Oesterreichs erleuchtete Regierung, welche der drohenden Gefahr am wirksamsten begegnete und allen anderen Staa- j teil dadurch zum wohlthätige» Beispiele wurde. Mit Aufhebung der Sperre kehrten wieder Muth und Vertrauen, Ruhe und Besonnenheit in die Herzen der Bewohner der Hauptstadt, so wie des ganzen Landes zurück. Willig, ohne Furcht und Scheu, brachte wieder Jedermann den Erkrankten Hilfe und Rettung, neue Lebenslust kehrte in die niedergedrückten Gemüther zurück und äußerte die wohlthätigsten Wirkungen. Schon den 20. September, als dem 20 * 308 zweiten Tage nach Aufhebung der Sperren, minderte sich die Anzahl derErkrank- ten auf 99, den 21. auf 76, und den 22. auf 60. — Eine eben so günstige Acnderung in den Krankheitsverhaltnissen zeigte sich auch auf dem flachen Lande und in den Provinzen. Den 17. November kehrte der Kaiser und die Kaiserin aus Schönbrunn wieder in die Hofburg zurück, und wurden von ihren dankbaren Unterthanen feierlich empfangen und mit lautem Enthusiasmus bewillkommt. Die Cholerafalle wurden nun bei der strengen Kalte von Tag zu Tag seltener und verloren sich im Monate December fast gänzlich. Die Zahl der in der Stadt Wien und den Vorstädten vom 13. September bis Ende December an der Cholera Erkrankten war 4093, wovon bis zu dieser Zeit 2136 genasen, 1953 starben und 4 in ärztlicher Behandlung verblieben. Noch bleibt zu erwähnen übrig, daß den 4. October, am Namenstage des Kaisers, mitten unter der Zeit der Gefahr, die Arbeiter am Canale an der Wien ihren Dank durch eine Art festlicher Beleuchtung ihrer Arbeitsplätze und durch Absingung deS Volksliedes mit großer Theilnahine und Rührung des zahlreich versammelten Publicums ausdrückten und den 3. November, als dem Vorabend des Namenstages der Kaiserin, durch Beiwohnung des Gottesdienstes in den, ihren Arbeitsplätzen am nächsten liegenden Kirchen würdig feierten. Die durch die niederösterreichische Regierung schon im September gegründete allgemeine UnterstützungSanstalt, zu welcher der Kaiser allein 30,000 Gulden Couv. Münze beitrug, trat den 16. December durch einen Beschluß des Monarchen mit dem Privatvereine für brotlose Menschen in Verbindung, wodurch bedeutende Beiträge für Kranke und Nothleidcnde zusammen kamen, die auf das Zweckmäßigste von den Behörden vertheilt wurden. Viertes Kapitel. Vierzigjährige Regierungsfeier des Kaisers Franz. — Tod des Sohnes Napoleon-, — Attentat gegen de» Kronprinzen. — Versammlung der Naturforscher in Wien. Den 1. März 1832 wurde die Feier des vor vierzig Jahren erfolgten Regierungsantrittes des Kaisers, zwar nicht prunkvoll, da sich der Monarch jede öffentliche Festlichkeit verbeten hatte, doch mit allgemeiner Rührung und der herzlichsten Theilnahine begangen. Den 5. März empfing der Kaiser 300 Deputate aus 34 Comitaten Ungarns, die sich im prachtvollen Zuge, der aus mehr als hundert Wagen bestand, von der königlich ungarische» Hofkanzlei in die Burg begaben, um durch den Patriarchen, Erzbischof von Erlau, Pyrker von Felsö-Eör, ihre Glückwünsche zu dieser Feier darzubringen. Den 17. März wurde in allen Kirchen Wiens ein Trauergottesdienst für alle an der Cholera Verstorbene» gehalten, worauf den folgende» Tag in alle» 30S Kirchen ein feierliches Dankamt mit Tedeum wegen der glücklichen Beendigung dieser Seuche begangen wurde. Im Monat April war der große Saal der Reichskanzlei dem Besuche des Publicums auf Befehl des Kaisers geöffnet, um die daselbff von dem rühmlich bekannten Künstler Peter Krafft ausgeführten drei großen Wandgemälde in enkaustischer Manier zu beschauen. Die Gegenstände dieser Gemälde waren von der Kaiserin Maria Karolina Augusta gewählt worden und stellten merkwürdige Momente aus dem Leben des Kaisers vor. Das erste hat die Zurückkunft des Monarchen in seine Hauptstadt nach dem verhängnißvollen Feldzuge 1809 zum Gegenstände, das zweite dessen feierlichen Einzug eben daselbst im Jahre 1814, das dritte die erste Ausfahrt des Kaisers nach seiner Wiedergenesung 1826. Sowohl die Gegenstände als die sinnige Ausführung erregten allgemeine Teilnahme. — Mit Eintritt des Frühlings zeigte sich die Cholera wieder und zwar mit erneuerter Wuth, den ganzen Sommer durch andauernd. Besonders in den Vorstädten, auch auf dem flachen Lande fielen ihr eine bedeutende Anzahl Opfer. Doch verlor sie fortan allgemach jenen lähmenden Charakter des Schreckens, der sich allerorts verderblicher als die Seuche selbst bewiesen hatte. Mit Eintritt des Winters verließ sie Wien und Oesterreich gänzlich und richtete ihren unheilvollen Lauf, immer westlich fortschreitend, nach Frankreich, England und bis in die andere Hemisphäre. Den 22. Juli starb im Schlosse zu Schönbrunn der Herzog von Reichstadt , Sohn Napoleons und Maria Louisens, zur größten Betrübnis! des Hofes und Jedermanns, derben talentvollen, geistreichen Prinzen kannte. Der Kaiser war eben auf einer Reise in Oberösterreich abwesend, die Mutter des Prinzen aber war tiefbetrübter Zeuge seines Hinscheidens. Er starb nach einer langwierigen Krankheit, die Anfangs den Charakter eines galligen Flußfiebers annahm, dann in ein tägliches Wechselfieber überging, und in demselben Zimmer, das 1809 seines Vaters Schlafgemach gewesen war. Den 24. Juli Abends um 5 Uhr wurde der Leichnam des Prinzen mit den üblichen Feierlichkeiten in die kaiserliche Gruft bei den Kapuzinern in Wien beigesetzt und auf seinen Sarg folgende Inschrift in lateinischer Sprache gesetzt: „Dem ewiges Gedächtnisse Joseph Karl Franz, Herzogs von Reichstadt, Sohnes Napoleons, Kaisers der Franzosen, und der Erzherzogin Maria Louise von Oesterreich, geboren zu Paris den 20. März 1811, in der Wiege mit dem Titel König von Rom gegrüßt, in der Blüthe des Alters, begabt mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers, mit herrlicher Gestalt, mit edler Jugend im Antlitz, mit seltener Anmuth der Sprache, ausgezeichnet durch kriegerisches Wissen und Streben, von der Lungensucht ergriffen, erlag er schmerzlichem Tode im Kaiser- schloffe zu Schönbruun bei Wien den 22. Juli 1832." Den 9. August verbreitete sich in Wien die höchste Bestürzung über die Nachricht eines ruchlosen Attentates, welches in Baden gegen das Leben des jüngeren Königs von Ungarn verübt worden war. Am Morgen desselben Tages 310 machte der König in Begleitung seines Dienstkämmerers Grafen von Salis seinen gewöhnlichen Spaziergang. In der Bergstraße, ungefähr hundert Schritte von dem letzten Hause in der Richtung nach dem Helenenthale, feuerte ein pen- sionirter Hauptmann, Namens Franz Reindl, ein Lerzerol auf den König ab. Die Kugel traf denselben auf dem linken Schulterblatte, erstarb aber glücklicher Weise in dem Futter des Ueberrockes und verursachte nur eine leichte Prallung. Der Mörder wurde, nachdem er fruchtlos versucht hatte, sich selbst zu entleiben, von drei Männern, auf die er ein drittes Terzerol abfeuerte, das jedoch versagte, ergriffen und in sichere Gewahrsam gebracht. Er hatte sich, durch unordentliche Lebensweise in seinen Verniögensumständen zerrüttet, vor nicht langer Zeit mit einem Bittgesuch um Verabreichung von neunhundert Gulden Conv. Münze an den jüngeren König von Ungarn gewendet und auch ein Gnadengeschenk von hundert Gulden Conv. Münze erhalten. Die Verweigerung der vollen, von ihm geforderten Summe hatte ihn, seinem eigenen Geständnisse nach, zum höchsten Ingrimm gebracht und zu dem gräßlichen Mordversuche verleitet. Er wurde nach dem mit ihm auf dem Rathhause zu Baden vorge- nommcnen summarischen Verhöre nach Wien abgeführt und dem Militärgerichte überantwortet. Nur die augenblickliche Verhaftung und Abführung vermochte den Frevler vor der Wuth des über sein Verbrechen im höchsten Grade erbitterten Volkes zu schützen. Er wurde zu lebenslänglicher Festungsgefangenschaft verurtheilt. Im Monate September 1832 hatte zu Wien die große Versammlung der Naturforscher und Aerzte Statt, nachdem sie 1831 der ausgebrochenen Cholera wegen unterblieben war. Nicht nur aus den österreichischen Staaten, sondern aus allen Ländern Europa's, ja selbst aus andern Welttheilen strömten Vereins- ^ glieder herbei, um, nach dem Zwecke dieser Versammlungen, theils sich näher ! kennen zu lernen und dadurch einen rascheren wissenschaftlichen Verkehr herzustellen , theils Ideen auszutauschen und gemachte Entdeckungen zu sicher«. Die ! Gesammtzahl der anwesenden Gelehrten war über 460 , darunter aus dem , österreichischen Kaiserstaate 333, aus den übrigen europäischen Staaten 82, «unter welchen aus Preußen 26, aus Bayern 10, aus Hannover 5, aus > Sachsen 5, aus Großbritannien 6, aus Frankreich 3, aus Rußland 2, aus ^ Spanien 2. Ein Mitglied war aus der Türkei, eines vom Cap der guten Hoffnung, ! eines von Baltimore und eines von Montevideo. Zum Präsidenten mar der ! Professor der Chemie und Botanik, Joseph Freiherr von Jacquin , in Wien, > zum zweiten Geschäftsführer der Direktor der Wiener Sternwarte, Professor ^ I. I. Littrow, ernannt worden. Die erste Sitzung fand den 18. September im großen Saale der Universität Statt. Den 22. September wurde die zweite, den 26. die dritte und letzte allgemeine Versammlung im erwähnte» Locale abgehalten , wobei jederzeit wichtige Verhandlungen vorgenommen wurden. Die kaiserliche Bibliothek und das Mineraliencabinet standen der Gesellschaft täglich offen; das zoologische und botanische Cabinct, das brasilianische Museum und 311 die Geinäldegallerie im Belvedere waren ausschließcnd für sie an drei Wochentagen geöffnet. Ueberhaupt geschah mit kaiserlicher Munificenz Alles, was den Fremden ihren Aufenthalt in Wien angenehm machen konnte. Täglich standen Wagen bereit, sie nach dem Augarten zur Mittagstafel gegen bestimmte Preise zu fahren. Den 22. September wurde die sännntliche eigentliche Mitglieder- schaft von dem Fürsten von Metternich zu einer Abendversammlung geladen, bei welcher sich auch die Minister nebst den Mitgliedern des diplomatischen Corps einfanden. Den 23. fuhren sännntliche Mitglieder in 39 kaiserlichen Eil- wagen nach Baden, woselbst sie der Magistrat auf das Glänzendste beipirthete.' Den 25. ward der Gesellschaft die Auszeichnung zu Theil, zu einer auf Befehl des Kaisers im Lustschlosse Laxenburg veranstalteten Tafel geladen zu werden, wohin sie sich auf mehr als 70 Eil- und Postwagen, die von dem obersten Hofpostverwalter selbst geleitet wurden, begaben. In Laxenburg standengegen 50 Hofwagen in Bereitschaft und fuhren die Gesellschaft bis zur Stunde des Mittagstafel im Parke herum. Das Ritterschlosi und die sämmtlichen Lustgebäude waren geöffnet, die kaiserlichen Gondeln flaggten, Feldmusik ertönte, und eine Abtheilung Pontoniers stand mit Booten auf den Teichen und Canälen in Bereitschaft. Das Mittagsmahl wurde an drei großen Tafeln unter einem eigens zu diesem Zwecke errichteten schönen Zelte iin Freien eingenommen. Der Obersthofmeister der Kaiserin, Graf Wurmbrand, führte dabei im Aufträge des Kaisers den Vorsitz. Fürst Metternich und mehre Minister und hohe Staatsbeamte wohnten dein Mahle bei. Den 27. gab der oberste Kanzler und Präsident der Studienhoftommiffion, Graf von Miltrowsky, der Gesellschaft ein glänzendes Mittagsmahl, bei welcher Gelegenheit jedes Mitglied ein Exemplar der Denkmünze erhielt, welche der Wiener Magistrat zu ihrem Andenken hatte prägen lassen. Diese Münze, in der Größe der kaiserlichen Zweiguldenstücke, enthält auf der eine» Seite die Schutzgöttin Wiens mit der Mauerkrone, in der rechten Hand eine Kornähre haltend, die linke auf einen Schild mit dem Wappen Wiens gestützt. Von dem neben ihr stehenden Donaugotte wird ihr ein Kranz aufgesetzt. Rings um dieses Bild steht: Vinüokona pli^w- lobis und unten Kvptembri 5H)660XXXll. Die Kehrseite enthält in einem Kranze aus den verschiedene» Gattungen der von Dr. Pohl in Brasilien gefundenen Francisceen das Wort (Gruß). Den 28. September wurden die Mitglieder des Vereines noch von dem Fürsten Mercernich zur Abendtafel geladen und mit eben so viel Aufwand als gastlicher Liberalität zum Abschiede bewirthct, womit diese merkwürdige, seit ihrem Beginne zehnte, Versammlung geschloffen war. I 312 Fünftes Kapital. ' Die Grippe in Wien. — Feierlicher Einzug des Kaisers in'Wien von einer Reise nach Böhmen. — Brand von Wiener-Neustadt. Den IO. Octcber 1832 wiederholte der Ritter von Aldini seine bereits in der Versammlung der Naturforscher angesteUce» Versuche, der Gewalt des Feuers auf eine bei Feuersbrünsten höchst nützliche Weise zu widerstehen, in Schon- brunn vor dem Kaiser und dem ganzen kaiserlichen Hofe. Die von ihm abgerich- ' teten Grenadiere und Feucrwächter, mit Drahtgitter- und Asbestmasken versehen, setzten ihre Köpfe der Flamme von Wachsfackeln, welche der Stärke von 48 Kerzen gleich waren, so wie derjenigen des Holzes und des Weingeistes aus. Mit doppelten Asbesthandschuhen angethan, trugen sie rothglnhende Eisenstangen, und mit ganzer Asbestkleidnng durchschritten sie drei Reihen brennender Strohmasten und trugen unbeschädigt Thiere und leblose Gegenstände in den dazu bereiteten Körben. Auch holten sie eine schon glühende eisene Caffe aus den Flammen, retteten Papiere rc., um die Anwendbarkeit dieser Methode bei vorfallendem Brande recht augenscheinlich darzulegcn. Alle diese Versuche wurden zur höchsten Zufriedenheit ausgeführt. Ende December dieses Jahres wurde der jüngere König von Ungarn von einer gefährlichen Krankheit befallen, wodurch große Bestürzung in Wien entstand; doch ging durch schnelle und verständig angewandte ärztliche Hilfe die Gefahr glücklich vorüber und es wurden deshalb in allen Kirchen Dankfeste gehalten. Kaum war die Furcht vor der Cholera mit dem allmäligen Verschwinden dieser verheerenden Seuche in der österreichischen Monarchie gewichen, als sich im Frühjahre 1833 ein neues, zwar nicht in so hohem Grade gefährliches, doch durch seine allgemeine Ausbreitung und wegen mehrer einwirkender Nebenumstände sehr lästiges und keineswegs ganz gefahrloses Uebel zeigte. Es war dieses die sogenannte Grippe, ein epidemisch-kartarrhalisches Leiden, welches man in Europa, und auch in Oesterreich und Wien namentlich in den achtziger Jahren, bereits unter den Namen Influenza und russischer Kartarrh kannte, das jedoch, begünstigt durch den plötzlichen und schnell auf einander folgenden Witterungswechsel, zu Anfang des genannten Jahres so bedeutend auftrat, daß es durch die große Schnelligkeit, mit welcher es von Norden nach Süden hinzog, so wie durch seine große Verbreitung die Aufmerksamkeit der Aerzte und Naturforscher in hohem Grade erregte. Anfangs März brach diese Epidemie in Wien und zwar mit solcher Heftigkeit aus, daß sie, was ohne Uebertreibung behauptet werden kann, drei Viertheile der Einwohner dieser Stadt in mehr oder minderem Grade ergriff und nur äußerst wenige Häuser ganz davon verschont blieben. Doch war die Krankheit in den meisten Fällen gutartig zu nennen. Nur schwache Kinder oder sehr bejahrte Personen, oder aber an chronischen Nebeln leidende Kranke wurden meistens entweder das Opfer derselben oder hatten mehr von den Folgen der Krankheit als von ihr selbst zn 313 > ! befürchten. Im geringsten Grade äußerte sich die Grippe nur durch Mattigkeit, Schnupfen,'.Husten, tauben Kopfschmerz und Beklemmungen auf der Brust. In heftigeren Fällen, besonders wo schon eine entzündliche Reizung der Organe des Kopfes oder der Brust zugegen war, zeigten sich auch bedenklichere Erscheinungen. So stellte sich z. B. oft auch ein starker, der Gehirnentzündung sich nähernder Kopfschmerz mit Deliriren rc. ein, auch kam die Grippe manch-- . mal verlarvt in Gestalt anderer Krankheiten vor, z. B. der Kolik, der Brustkrämpfe, der Rheumatismen rc., endlich auch in Verbindung mit andern Krankheiten, und hatte dann oft den Tod zur Folge. Nachdem diese Seuche die meisten Provinze» der österreichischen Monarchie durchzogen und sich in Wien über drei Monate aufgehalten hatte, wanderte sie über Deutschland nach ! Frankreich und England, hinterliefi aber bei vielen Individuen von schwacher körperlicher Constitution, oder solchen, die mit chronischen Leiden behaftet waren, die unangenehmsten Folgen, die noch durch lange Zeit gefühlt wurden. Den 25. Juli reifete der Kaiser in Begleitung der Kaiserin nach Prag, ! und begab sich von da nach Münchengräz in Böhmen, wo er mit dem Kaiser Nikolaus von Rußland eine Zusammenkunft hatte. Den 29. October traf das Kaiserpaar wieder in Wien ein und wurde von den Bewohnern der Hauptstadt auf das Festlichste und Herzlichste empfangen. Die schon früher erhaltene Nachricht, daß der Kaiser auf seiner Reise von einer Unpäßlichkeit befallen und glücklich wieder hergestellt war, vermehrte die Freude des Wiedersehens. Von der Mariahilfer Linie an waren rechts gegen die Stadt die uniformirten Bürgercorps in zwei Brigaden aufgestellt. Auf der linken Seite der Mariahilfer Straße erwarteten die Geistlichkeit der Stadt- und Vorstadtpfarren, die Gemeindeglieder mit der Schuljugend und die Zünfte mit ihren Fahnen die Ankunft der hohen Reisenden. Die bürgerliche Cavallerie ritt bis Fünfhaus vor der Linie und begleitete den Wagen, zur Hälfte vor, zur Hälfte hinter demselben, bis in die Hofburg. Während des festlichen Zuges wurde mit allen Glocken geläutet und der Donner des Geschützes ertönte von den Wällen. Der Freudenjubel einer unzählbaren Volksmenge erschallte ununterbrochen. Am Abend darauf setzte sich der zu einer, dem Kaiserpaare von der Bürgerschaft zugedachien Serenade bestimmte Zug vom Hofe der königlich ungarischen Garde aus in Bewegung. Die Janitscharen-Musikbanden des Grenadier-Bataillons , des ersten und zweiten Bürger-Regimentes und des akademischen Corps, dann die beiden Trompetercorps der Scharfschützen und der Cavallerie, 220 Mann stark, marschirren auf der unter den Fenster» der kaiserlichen Appartements liegenden Wiese am äußeren Burgplaße in einen Halbmond auf und trugen mehre Musikstücke, unter Anderem einen großen Trom- petencoups mit 108 Blechinstrumenten, endlich einstimmig das Volkslied vor, in welches die in ungeheurer Anzahl versammelte Volksmenge jubelnd ein- l stimmte. Am Ende der Festlichkeit erschien über dem neuen Burgthore ein weiß j und rother Flammenstern, und eilf bengalische Lichter verbreiteten zum Abmarsche 314 !--- ^ Hellen Tagesglanz. Tags darauf war unter Paradirung daS Bürger-Militärs ^ und Abfeuerung seines Geschützes feierliches Hochamt und Tedeum bei St. ! Stephan. ^ In demselben Jahre wurde auch in Wien von Ignaz Ritter von Schönfeld ein Ausstellungs-Bureau aller Natur- und Kunstproducte des Kaiser- , rhums Oesterreich nach einer umfassenden Idee gegründet und hatte sich, besonders Anfangs, vielen Besuches zu erfreuen. Es bestand indessen nur bis zum Herbste 1834, wo sodann der Plan der großartigen allgemeinen Gewerbspro- ducten-Ausstellung, unmittelbar unter kaiserlicher Acgide, vorbereitet wurde, die in der Folge in der Geschichte der vaterländischen Industrie eine neue, höchst wirkungsreiche Bahn gründete. Das ganze Frühjahr, Sommer und Herbst 1834 zeichneten sich durch so anhaltende warme Witterung aus, wobei sich in ^ den Sommermonaten die Temperatur auf 29—30 Grad Reaumur steigerte, das; dieses Jahr zu den seltensten Erscheinungen in unserem gemäßigten Klima gehört. Besonders günstig war es für die Weinproduction. In Hinsicht auf Menge sowohl, als auf Güte des Weines gehört es zu den vorzüglichsten Jahr- > gänge» dieses und des vergangenen Jahrhunderts. Anfangs September kam ! der erste Dampfwagen, den Deutschland sah und Oesterreich besaß, durch den Mechaniker Voigtländer aus London nach Wien und wurde dem Publicum zur Besichtigung aufgestellt, auch mehre Proben damit vorgenommen, die alle zur ! größten Zufriedenheit ausfielen. Im Laufe dieses Monates fand der Wohl- ! thätlgkeitssinn der Wiener aufs Neue Gelegenheit, bedrängten Mitmenschen Trost und Hilfe zu verschaffen, und es geschah in überschwenglich reichem Maße. Den 8. September brannte nämlich die altberühmte und vielgetreue Schwesterstadt Wiener-Neustadt bis auf wenige Häuser ab, wobei auch viele Menschen zu Grunde gingen. Sogleich wurden von allen Seiten Sammlungen eingeleitet, Eoncerte und andere Unterhaltungen zum Besten der Verunglückten gegeben rc., wodurch wirklich in kurzer Zeit unermeßliche Summen zusammen kamen. Wie gewöhnlich gaben der Kaiser und die kaiserliche Familie das großmüthigste Beispiel durch sehr bedeutende Gaben. Sechstes Kapitel. ! Krankheit und Tod deS Kaisers Franz. — Charakteristik dieses Monarchen. 1 Den 31. Januar 1835 erschien in der Wiener Zeitung auf kaiserlichem ^ Befehl eine Einladung an alle Fabriks-, Manufacturs- und Gewerbs-Unterneh- mer der österreichischen Monarchie zur Theilnahme an der ersten Gewerbspro- j ducten-Ausstellung in Wien, deren Anfang für den ersten September dieses ! Jahres bestimmt wurde. Diese, die vaterländische Industrie auf die wohlthä- rigste Weise fördernde Maßregel war leider die letzte, welche dem Monarchen für das Wohl seines großen Reiches, besonders aber für seine geliebte Haupt- und Residenzstadt zu veranlassen vergönnt war. Nachdem noch den 12. Februar des Kaisers Geburtsfest, wie alljährlich, mit allgemeiner herzlicher Theilnahme begangen worden war, und er sich auch seit längerer Zeit zur Freude seiner Unterthanen im besten Gesundheitszustände befunden hatte, wurde er auf einmal den 24. Februar von einem entzündlichen Fieber befallen, das gleich Anfangs einen bedenklichen Charakter zu äußern schien. Die schnellste ärztliche Hilfe wurde zwar angewendct, doch schon den folgenden Tag steigerte sich der Krankheitszustand dermaßen, daß dein Kaiser auf sein eigenes Verlangen das heilige Abendmahl gereicht werden mußte. Während des Verlaufs der Krankheit zeigte sich aufs Neue die allgemeine Theilnahme des Volkes an dem geliebten Monarchen. Durch den ganzen Tag wimmelte es auf dem Burgplatz von Menschen und allenthalben gab sich die ängstlichste Besorgnis; kund. An demselben Tage noch wurden die während des Carnevals üblichen Hoflustbarkeiten eingestellt und das Burgtheater geschlossen. Den 26. Februar steigerte sich das Fieber neuerdings, wobei ein mehrmaliger Husten eintrat. Endlich am I. März trat die Steigerung des Fiebers schon zu Mittag ein, und die Gefahr vermehrte sich auf den höchsten Grad. Am Abend desselben Tages empfing der Kaiser die letzte Oelung und er verschied, nachdem er noch von allen Anwesenden seiner Familie den rührendsten Abschied genommen hatte, den 2. März um auf I Uhr Morgens, nachdem er 67 Jahre 17 Tage gelebt und gerade 43 Jahre regiert hatte, also um drei Jahre länger als seine Großmutter, die Kaiserin Maria Theresia; von seinen Vorgängern nur von Leopold I. (1657 bis 1705) an Zahl der Regierungsjahre überboten, (da Friedrich III. erst 1457 die eigentliche Regierung der Erblande antrat und 1493 starb). Des Kaisers ältester Sohn und Thronfolger, der jetzt regierende Kaiser Ferdinand I., erließ noch am Todestage des Kaisers Franz mehre Edicte, mit der Erklärung, daß die Regierung im Geiste seines verklärten Vaters fortwirken werde, zugleich bestätigte er alle Organe der Hof- und Staatsverwaltung unter ausdrücklicher Erlassung der Eides-Erneuerung. Der Leichnam des verstorbenen Kaisers wurde den 3. März im Beiseyn der Leibärzte geöffnet, einbalsamirt und ain Abend desselben Tages in die Hofburgpfarrkirche feierlich übertragen, wo er vom 4. bis 7. Vormittags unter ungeheurem Zudrange des Volkes öffentlich ausgesetzt blieb und denselben Tag Nachmittags um 4 Uhr mit den gewöhnlichen Cere- monien in der kaiserlichen Gruft bei den Kapuzinern am neuen Markt feierlich beigesetzt wurde. Der Volkszudrang bei dieser Gelegenheit war so ungeheuer, daß trotz aller genommenen Vorsichts- und Sicherheitsmaßregeln einige Beschädigungen und Verletzungen durch Quetschung nicht verhindert werden konnten. Die nächsten Tage darauf hatten die Epequien mit üblichem Gepränge Statt. Die große Hoftrauer wurde von diesem Tage durch 6 Monate mit 4 Abwechselungen angeordnet. De» 6. Marz erschien in der Wiener Zeitung auf kaiserlichen Befehl folgender Auszug aus dem Testamente des verstorbenen Kaisers, welcher 31 « auch auf anderen Wegen veröffentlicht wurde: »§. 14. Meine Liebe vermache ! ich meinen Unterthanen. Ich hoffe, daß ich für sie bei Gott werde beten können und ich fordere sie auf zur Treue und Anhänglichkeit gegen meinen legitimen Nachfolger, so wie sie mir dieselben in guten und schlimmen Tagen bewiesen haben. Ich sage meiner treuen Armee meinen herzlichen Dank für die Dienste, welche sie mir erwiese» und durch welche sie meinen Thron erhalten hat. Ich fordere sie auf, meinem Nachfolger dieselbe Treue und Anhänglichkeil immerfort zu beweisen. Allen Staatsdienern, die mir gut dienten, bezeige ich hiemit meinen Dank." Mit seiner ersten Gemahlin, der Prinzessin Elisabeth von Würtemberg, ! hatte Kaiser Franz eine Prinzessin, Ludovica Elisabeth, erzeugt, welche jedoch ein Jahr nach ihrer Geburt starb; die dritte und vierte Ehe waren kinderlos geblieben. Von der zweiten mit der Prinzessin Maria Theresia von Neapel stammten folgende Kinder: Maria Ludovica, Herzogin von Parma, Piacenza und Guastalla, Witwe Napoleons, geb. 1791. — Ferdinand, Thronfolger, geb. 1793. — Karoline Leopoldiue, geb. 1794, gest. 1795.— Karoline Ludovica, geb. 1795, gest. 1799. — Leopoldine, geb. 1797, Kaiserin von Brasilien, gest. 1826. — Clementine, verm. Prinzessin von Salerno, geb. 1798. — ! Joseph Franz, geb. 1799, gest. 1807. — Karoline, verm. Prinzessin von ^ Sachsen, geb. 1801, gest. 1832. — Franz Karl, geb. 1802, Generalmajor. — Maria Anna, geb. 1804. — Johann Nepomuk, geb. 1805, gest. 1809. — Amalie, geb. den 6., gest. den 7. April 1807. — Der vierte Bruder des Kaisers, Erzherzog Anton Victor, Hoch- und Deutschmeister, folgte ihm nach Monatsfrist, den 2. April 1835, von einem gefährlichen, rheumatisch-entzündlichen Fieber befallen, im Tode nach und ward der höchst ausgezeichneten Eigenschaften seines Geistes und Herzens wegen allgemein auf das Innigste betrauert. Da ich bei jedem der ausgezeichnetste» Monarchen des österreichischen Erzhauses eine kurze Schilderung seiner persönlichen Eigenschaften beigefügt habe, so kann ich es bei dem Kaiser Franz um so weniger unterlassen, da sein gesegnetes Andenken noch so frisch in den Herzen seiner Unterthanen und also auch in meinem lebt, und er vor Allen die Gabe besag, nebst dem Gefühle seiner hohen Stellung auch eine seltene Popularität zu bewahren. Seine Gestalt und seine Gesichtszüge, die mehr seinem grosien Oheim Joseph, als seinem Vater glichen, vereinte Beider ausgezeichnete Eigenschaften in hohem Grade. Nebst der ange- bornen und im Glücke wie im Unglücke fest behaupteten kaiserlichen Hoheit strahlte die innigste Gemüthlichkeit aus seinem Antlitze. Er wusite, ohne im Grunde Prunk und feierliche Darstellung zu lieben, dennoch, wo es nöthig war, sich strenge nach den Vorschriften des Ceremoniels zu benehme». Gewöhnlich aber erschien er, das Haupt der erhabenen Familie eines der glänzendsten Höfe Europa's, schlicht und einfach, jedoch Ehrfurcht gebietend durch sein ehrwürdiges Aussehen und die Majestät seiner Gesichtszüge, immer den Anstand eines grosien 317 Monarchen mit der herzlichen Milde eines Familienvaters vereinend. Unermü- det war der Kaiser beschäftigt, für das Wohl seiner Völker zu arbeiten. Dnrch die strengste Mäsiigkeit und Ordnung hatte er die, von Natur nicht allzu starke Beschaffenheit seines Körpers so abgehärtet, daß sie den ununterbrochenen Geschäften deS Staates eben so, wie früher den Beschwerlichkeiten des Krieges gewachsen war. In den öffentlichen Audienzen hörte und beantwortete er, oft mehre Stunden hinter einander stehend, die Klagen und Bitten seiner Unter- thanen, ohne Unterschied des Ranges und Standes. Jedem Bedürftigen gab er, wenn nicht augenblickliche Hilfe, doch Trost, Rath und Beruhigung mit den liebreichsten Worten und bequemte sich dabei nach der Muttersprache eines Jeden. Durch sein vortreffliches Gedächtniß, welches man die Controlle der Monarchie nennen konnte, erinnerte er sich an Vieles, sogar Persönliches der Bittsteller, ermahnte und belehrte Jeden auf väterliche Weise. Freilich war es ihm nicht möglich, Allen und Jeden All' und Jedes zu gewähren und den selbstischen Erwartungen einzelner Individuen zu Gefalle» die Verfassung zu ändern, allein seine Privatcafse stand dem wahrhaft Unglücklichen immer offen. Ohne jene Ziererei, welche fürstliche Herablassung gewöhnlich zu begleiten pflegt, ! mischte er sich, wo es die Gelegenheit gab, ohne lästiges Gefolge gern unter j seine Unterthanen und gefiel sich, bei Promenaden (besonders iu den Prater) in der Reihe der Wagen zu fahren, wie es die Verordnungen der Behörden seiner Hauptstadt Jedermann zur Pflicht machen. Wer den Kaiser als Familienvater und überhaupt in seiner ganzen Humanität kennen lernen wollte, mußte ihn bei seinem Aufenthalte in Baden und Larenbnrg, welche Orte er als Sommeraufenthalt vorzugsweise liebte, oder im Kreise seiner Familie auf seinen Patrimonialgütern, z. B. Persenbeug, Weinzierl rc., gesehen haben. — Obzwar Kaiser Franz in den verschiedenen Landessprachen seiner Provinzen, so wie in mehren fremden recht gut bewandert war, so liebte er die deutsche Sprache doch vor allen anderen, er sprach sie mit Vorliebe in dem eigenen Dialekte seiner Hauptstadt und erlangte dadurch, wie überhaupt durch sein leutseliges Betragen jene Vclksthümlichkeit, welche ihn mit dem herzlichen Namen: »Vater Franz" so treffend und wahr bezeichnete. — Wenn man die lange Rcgicrungsperiode dieses Monarchen mit einiger Aufmerksamkeit durchgeht, so erstaunt man, welche Sorgfalt er selbst in den bewegtesten Zeiten der weisesten Gesetzgebung gewidmet und dadurch bewirkt hat, daß die österreichischen Civil- und Criminalgesetze als Muster und unübertroffen in ganz Europa dastehe». — Trotz der so hochgepriesenen Affisen und öffentlichen Verhandlungen in anderen Staaten ist es in Oesterreich fast eine absolute Unmöglichkeit, daß ein wahrhaft Unschuldiger verurtheilt werde, ja auch nur eine lange Untersuchung zu fürchten habe, wie es leider in jenen noch immer der Fall seyn kann und ist. — Schon 1792 wurde das Grundbuchpatent für Obcrösterreich, 1794 das treffliche Landtafelpatent für Böhmen kund gegeben. .1796—1797 erschien i» dem damals erworbenen Westgalizien 318 das Strafgesetzbuch, die Gerichtsordnung, das bürgerliche Gesetzbuch und die Wechselordnung, so wie nebst noch anderen wohlthätigen Einrichtungen die Aufhebung der bis dahin noch bestandenen Leibeigenschaft angeordnet wurde. 1803 wurde das treffliche neue allgemeine Strafgesetzbuch in allen deutschen, polnischen, böhmischen und italienischen Ländern eingeführt, und 1811 das ruhmvolle Werk eines allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches verkündigt. Die Gesetze und Verordnungen, welche bis auf die neueste Zeit erschienen, liefern den Beweis der unausgesetzten väterlichen Vorsorge des Kaisers Franz für die Befestigung der Grundlage seiner Staaten und zeuge» auf die unwidersprechlichste Weise von der Milde, Weisheit, Festigkeit und Gerechtigkeit des Monarchen, dessen Wahlspruch: ckustitia reAiwrum kunüsnwntum sein unverrücktes Ziel von dem Tage seiner Thronbesteigung war und blieb. Darum genoß auch Oesterreich während einer sturmbewegte» Zeit, welche die meisten anderen Reiche in neueren Tagen mehr oder weniger berührte, allein der festesten Ruhe, eine nothwendige und unbestreitbare Folge der weisen Einrichtungen des Kaisers Franz und der wechselseitigen Liebe zwischen Herrscher und Unterthanen, die sich auch, fortgepflanzt durch den Erben seines Thrones und seiner Tugenden, bis auf die gegenwärtige Zeit erstreckt und sich auch für die fernste Zukunft, dafür sind uns die erhabenen Eigenschaften des ganzen österreichischen Kaiserhauses und die Loyalität des Volkes Bürge, fort und fort vererben wird. Der Leichnam des verewigten Kaisers wurde in der kaiserlichen Gruft bei den Kapuziner» in der neuen Abtheilung, welche 1824 rechts von der neuen Gruft und Maria Theresiens Ruhestätte erbaut wurde, in einem reichen, mit den kaiserlichen Insignien verzierten Sarge auf hohem Fußgestelle beigesetzt. Bald nach dessen Tode erschien eine Bekanntmachung des jetzt regierenden Kaisers Ferdinand wegen Errichtung eines öffentlichen Monumentes für den verewigte» Monarchen, und eine Aufforderung für Künstler, Skizzen davon einzusenden. Sogleich nach geschlossener Eoncurrenz erfolgte dessen Ausführung. Endlich bleibt noch zu erwähnen, daß nach dem Tode des Kaisers Franz, die kaiserliche Witwe, Marie Karoline Auguste, welche ihrer wohlthätigen Gesinnungen wegen in Oesterreich so allverehrl ist, den Titel Kaiserin-Mutter annahm und fortan im Kreise der kaiserlichen Familie lebt. 3IS Siebentes und Schluß-Kapitel. Dem ursprünglich gefaßten Plane zu Folge endigt diese Geschichte von Wien mit dem Tode des Kaisers Franz, eines Theils um ein, mit einer bestimmten Periode abgeschlossenes Werk zu liefern, andern Theils, weil die seit dieser Zeit vorgefallenen Begebenheiten noch zu frisch im Gedächtnisse der Zeitgenossen sind, als daß es nöthi'g wäre, sie schon jetzt durch den Druck wieder in Erinnerung zu bringen. Die ausführliche Fortsetzung der Geschichte von Wien seit dem Regierungsantritte des Kaisers Ferdinand bleibe daher entweder einer neuen Auflage oder einem zweiten Bande des Werkes in Zukunft Vorbehalten. Da sich jedoch dessen Drucklegung aus manchen Gründen verzögerte, und gegenwärtig schon neun Jahre seit dem Tode des Kaisers Franz verflossen sind, so halteich es für nothwendig, wenigstens eine kurze übersichtliche Andeutung, und zwar n u r der wichtigsten Begebenheiten bis zum Schluffe des Buches zu geben, um auch der Zeitfolge ihr Recht widerfahren zu lassen und wenigstens den Grund zu einer künftigen ausführlicheren Beschreibung zu legen. Diese allgemeinen Umrisse sind folgende: Den 14. Juni 1835 hatte in Wien die feierliche Erbhuldigung des Kaisers unter angemessenen Festlichkeiten Statt, zu deren Andenken von dem Wiener Magistrate die Ausführung einer großen Wasserleitung aus dem Donaucanale durch Filtrirung beschlossen wurde, wodurch mehr als SO neue Brunnen in den Vorstädten entstanden und jedem in Zukunft allenfalls drohenden Wassermangel für immer begegnet wird. — Den I. September desselben Jahres hatte die erste Gewcrb-Ausstellung in Wien Statt, die 1839 wiederholt wurde. Schon früher hatte der Kaiser sein reichhaltiges technisches Cabinet dem öffentlichen Besuche gewidmet. — 1836 zeigte sich die Cholera aufs Neue in Wien, besonders in manchen Vorstädten, und raffte zahlreiche Opfer dahin. Seit dieser Zeit erschien sie jedoch nicht wieder und dies schien glücklicherweise ihr letzter unheilvoller Besuch gewesen zu seyn. — Dasselbe Jahr begann der Bau der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, als die erste Eisenbahn mit Dampfwagen in Oesterreich, die im Juli 1839 schon bis Brünn befahren werden konnte und gegenwärtig bis Olmütz und Prerau reicht. — Im Mai 1836 trafen die französischen Prinzen, die Herzoge von Orleans und Nemours, in Wien zum Besuche ein. Bald darauf kam auch König Ferdi nand 11. von Neapel hier an, der sich 1837 mit der Erzherzogin Maria Theresia, Tochter des Erzherzogs Karl, vermählte. — Den 14. März 1837 verspürte man in Wien eine bedeutende Erderschütterung. — Im Juli 1838 wurde auf dem äußeren Burgplatze das Modell eines Denkmales ausgestellt, welches Kaiser Ferdinand dem Andenken seines verklärte» Vaters zu errichten beschlossen halte; die Arbeiten dazu begannen jedoch erst 1842 auf dem inneren ! 320 Burgplatze, als dem künftigen Standpunkte desselben. — Zu den Verschöne- i rungen Wiens, die in der neuesten Zeit Statt hatten, gehören vorzüglich: der ! vollendete Bau des Münzamtgebäudes am Canale, des Magistratsgebäudes am Alserglacis, der schönen Häuserreihe am Glacis in der Josephstadt und an der Donau in der Leopoldstadt, des herrliche» Landhauses in der Stadt, des herzoglich Coburg'schen Palastes am Karolinenthore, der schönen Bahnhöfe vor den Linien , der noch im Baue begriffenen Kirche in der Jägcrzeile, des Schot- tenthores rc., dann vor Allem dieAbbrechung der beiden Häuser Nr. S6S und 570 am Graben, wodurch der Platz ungemein an Größe und Schönheit gewann. — 1839 begannen auch die Arbeiten an der damals so genannten Wien- Raaber-Eisenbahn, die den 5. Mai 1840 zuerst von Baden bis Wiener-Neustadt, den 29. von Mödling und den 20. Juni von Wien aus dahin eröffnet wurde; 1841 ging sie bereits bis Ncunkirchen, 1842 bis Gloggnitz und nahm 1843 den zweckmäßigeren Namen: »Wien-Gloggnitzer Eisenbahn" an. — Den 3. Marz 1839 besuchte auch der Großfürst Thronfolger von Rußland Wien. — Im Mai desselben Jahres begann die nothwendig gewordene Abtragung der Spitze des Stephansthurmes und deren dauerhaftere Wiederherstellung, die bereits im October 1842 vollendet war, seit welcher Zeit der neue j Adler und das neue Kreuz von demselben blinken. — Im August 1839 bildete sich in Wien em Actien-Verein zur Beleuchtung mehrer Vorstädte mit Gas, welcher sogleich thätig ins Werk trat. — Im Juli 1841 machte der Fall des seit 1781 in Wien accreditirtcn und allgemeines Vertrauen genießenden Grofi- handlungshauses Geymüller und Comp, ungemeine Sensation. — Der 18. Juli 1841 wai''m meteorologischer Hinsicht säcularisch merkwürdig, indem die Hitze an diesem Tage^sö außerordentlich war, daß das Thermometer im Schatten > auf 32, in der Sonne auf 38 Grad stand; zugleich erhob sich ein ganz unge- I wohnlich heißer Wind, der bis gegen Abend anhielt. Die furchtbare Hitze, ver- ! bunden mit dieser Art Samum, machte den Aufenthalt im Freien fast unerträglich und beide wirkten auch höchst nachtheilig auf Feld- und Gartcnfrüchte. — Den 22. December 1841 erschien eine Bekanntmachung in Rücksicht auf die Eisenbahnen, worin angezcigt wurde, daß deren weitere Fortführung mit Staatskräften geschehen solle, und zwar vorerst von Wien nach Prag, nach Triest, durch das lombardisch-venetianische Königreich, dann in der Richtung gegen Bayern. Aus dieser Unternehmung, die sogleich durch Vorarbeiten ins ! Werk gesetzt wurde, sind in der Folge die wichtigsten Resultate zu erwarten. — Den 3. März 1842 gab der seit 1838 z» bohren begonnene artesische Brunnen ! auf den Gctreidemarkc zu Wien zum ersten Male Wasser. — Außer vielen ^ neuen Vcrschönerungsbauten in der Stadt und den Vorstädten von Wien wurde i endlich auch eine Vergrößerung der Stadt durch Zubau eines ganz neuen Stadtviertels auf dem GlaciS zwischen dem neuen und Fischerthore projcctirt, ! deren Ausführung zu erwarten steht. 321 Angelangt nun an dem vollständigen Ziele meines Welkes, bleibt mir § nichts mehr übrig, als im Vereine mit sämmtlichen Bewohnern des gesegneten i österreichischen Kaiserstaates, der theilwcise trüben Vergangenheit vergessend, mich an der schönen Gegenwart zu erfreuen und der Zukunft froh und hoffend entgegen zu blicken. Die Stadt Wien, von welcher in so vieler Hinsicht das alte, einfache und wahre Sprüchlein gilt: »Es ist nur ein Wien," ist ! in unserer Zeit durch innere Kräfte und unter dem Schutze und Einflüsse weiser ! Regenten zu einer Größe und Bedeutung gelangt, um durchaus keinen Vergleich j mit was immer für einer Hauptstadt Europa's scheue» zu dürfen. Ja in Hin- j sicht auf Vortrefflichkeit der inneren Einrichtungen, Gemüthlichkeit und Loya- ! litat der Bewohner, herzliches Verhältniß zwischen Fürst und Volk, Unge- ^ zwungenheit des geselligen Lebens und herrschenden w a h r en guten Ton möchte ! Wien wohl manche der gepriesensten derselben weit übertreffen. Die Wahrheit I dieser Behauptung ergibt sich aus der Geschichte selbst, und unparteiische Ausländer, die sich durch längere Zeit in Wien aufhielten, bestätigen sie auch aus vollem Herze». Parteisüchtige Klätscher und wandanstürmende Neuerungs- süchtler, welche die unbedeutenden Fata ihres ephemeren Aufenthaltes eben so ephemeren Klatschblättern und oberflächlichen Broschüre» anvertrauen und meist schon von großen Vorurtheilen befangen nach Wien kommen, werden hier, wie anderorten, um so weniger beachtet, als der Kreis ihres Treibens und Wirkens ihnen in der Regel keinen geeigneten Standpunct erlaubt, über das Leben und die Verhältnisse einer so großen Stadt mit auch nur einem Schatten von Autorität abzusprechen. Wie unsere Kaiserstadt jetzt dasteht, geziemt es wohl jedem Bewohner derselben, mit erhebendem Stolz auf sie zu blicken. Die Masse der herrlichen alterthümlichen und neuen Gebäude, die Vorzüge ihrer Institutionen und des geselligen Lebens, Pracht und Glanz des Hofes und des Adels, Wohlhabenheit der Bürger, gesegnete Industrie, Manufactur und Fabrikation, blühender Handel und Wohlstand der Gewerbe, frommer Glaube und Sitte, so wie endlich die Mannigfaltigkeit der reizenden Umgebungen machen unsere Hauptstadt zu einem der angenehmsten und wünschenswerthesten Wohn- plätze, wofür auch die Menge von Ansiedelungen aus den Provinzen und fremden Staaten die überzeugendsten Beweise liefern. Darum ist auch der Wiener mit Recht stolz auf seine Kaiserstadt; fest wie der Stephansthurm in die Erde, ! ist die Liebe zu ihr und seine Herrscherfamilie, die durch Jahrhunderte so viel ! Schönes und Herrliches geschaffen, in seine Brust gewurzelt, welcher es weder ! unsinnige Neuerungswuth, noch erträumtes Scheinglück, da er im Besitze des wahren, jemals zu entreißen im Stande seyn werden. 2k l I 322 s I I Anhang zur Geschichte Wiens. I. Sammtliche Kirchen und Klöster Wiens, mit einem gedrängten Abriß ihrer Geschichte. Die noch bestehenden Kirchen und Klöster in der Stadt. I. Die Domkirche z« St. Stephan. Alldem die Gründung und der Bau dieser höchst merkwürdigen Kathedrale, der größten Zierde der Residenz, bereits in der Geschichte Wiens so ausführlich als möglich behandelt wurde, so ist es überflüßig, über dieselbe noch einmal ins Detail zu gehen, um so mehr, als es zur vollen Würdigung dieses unter den schönsten Denkmalen mittelalterlicher Baukunst einen der würdigsten Platze einnehmenden Monumentes nöthig wäre, wie Hormayr, ein ganzes Buch zu schreiben. Es genüge daher, anzudeuten, daß der Bau derselben 1144 unter Oesterreichs erstem Herzoge Heinrich Jasomirgott begonnen, und 1147 schon die alte Kirche mit den beiden vordem sogenannten Heidenthürmen vollendet war. Sie wurde von dem Bischof Reimbert von Passau, als Patronatsherrn derselben, eingeweiht. Ihre ursprüngliche Gestalt kann man sich noch versinnlichen, wenn man zu beiden Seiten der Heidenthürme, welche ohnedies durch hohe Pfeiler bezeichnet sind, eine senkrechte Linie zieht, und sich die später hinzugefügten, für den erweiterten Bau berechneten großartigen Ornamente wegdenkl. Ganz aus dieser Zeit stammt noch außer den genannten Thürmen der steinene Chor bei dem Haupt- und Riesenthore. Nachdem die Kirche in den Jahren 1258, 1265 und 1276 durch Feuersbrünste großen Schaden gelitten hatte, begann im letztgenannten Jahre unter dem großen Ottokar die Wiederherstellung und Erweiterung, und der Bau wurde von dennachfolgende» Landesfürsten thätig befördert, und unter König Matthias Corvinus 1481 vollendet. Der große ausgebaute Thurm wurde 1359 unter Herzog Rudolph IV. zu bauen angefangen, 1433 unter Kaiser Albrecht II. vollendet. Der Bau des zweiten unausgebauten Thurmes wurde zu gleicher Zeit mit dem ausgebauten begonnen, 1511 jedoch, nach manchen Unterbrechungen der großen Koste» wegen, ganz aufgegeben, und erst I57S wurde er von ! dem Baumeister Hans Saphoy mit einem kleinen Aufsatze überbaut und mit einem Kupferdache versehen. Der erste Baumeister der alten Kirche soll Octavian ! Falkner (auch Wolzner kommt in einigen Urkunden vor) aus Krakau gewesen > seyn. Die Zubauten wurde» von verschiedenen Meistern vollendet. Den Bau i der großen Thürme begann der kunstreiche Meister Wenzla aus Klosterneuburg, 323 auch nennt inan Georg Khlaig, Hauser aus Klosterneuburg, Johann Buchs- bäum rc. als weitere Arbeiter. Die Vollendung schreibt man dem ausgezeichneten Anton Pilgram aus Brünn zu, der auch an den und gerade herrlichsten Zubauten großen Antheil nahm, wie sein vortrefflich gearbeitetes Brustbild an der wunderschönen Kanzel und an dem kunstvollen Seitenchore links beweiset. ^ Mehre neue Schriftsteller wollen diese Ehre anderen Meistern, besonders dem in neuer Zeit, unbewußt wie, sehr in Gunst gekommenen Buchsbaum zuweisen, und auch die Brustbilder diesem im Reiche der Sage figurirenden Meister vindiciren; allein da uns in dieser Hinsicht genaue Nachweisungen fehlen, und Pilgram sich in Schrift und Tradition besserer Gewährleistung erfreut, so wollen auch wir ihm diese Ehre zuerkennen, und unersprießliche Forschungen aufgcben, um so mehr, da Pilgram als geschickter Baumeister allgemein bekannt ist. — Die Außenseiten der Kirche sind mit mehren alten Grabmalen geziert, worunter jenes des berühmten Gelehrten Conrad Celtes des Gegenstandes wegen besonders merkwürdig ist. Die Eingänge sind mit schöner Steinmetzarbeit geschmückt, an der Nord- ! seite befindet sich die steinene Kanzel, worauf Johann Capistran predigte (siehe S. 50). Nahe an dem ausgebauten Thurme befinden sich zwei vorzüglich schöne Hautreliefs, ein großes und ein kleines, die Beurlaubung Christi von seiner Mutter vorstellend. Das größere derselben ist mit kleineren plastischen Arbeiten umgeben, es wurde 1540 errichtet, in der neueren Zeit geschickt ausgebessert, ! und in neuester mit Oelfarbe übertüncht. Das kleine Hautrelief, naher dem ! Thurme, soll das große an Kunstwerth noch übertreffen. Das Innere der Kirche, ein düsteres, ehrfurchtgebietendes Riesengewölbe, . von achtzehn hoch emporstrebenden Pfeilern gestützt, erregt durch den kühnen > majestätischen Bau Bewunderung, und einen unverlöschlich erhebenden Eindruck von dem einfachen und doch so großartigen Kunstsinn unserer Vorfahren, der j sich sowohl in dem herrlichen Bau als auch durch den aller Orten sich darstellenden Reichthum an ehrwürdigen Ueberresten alter Kunst ausspricht, welchem Gefühle jedoch unstreitig die an den hohen Pfeilern angebrachten, größtentheils modernen Altäre störend entgegen wirken. Gemälde von ausgezeichnetem Kunstwerth sind zwar an den Altären nichc zu finden, desto mehr jedoch plastische Meisterwerke des Alterthums, so z. B. die kunstreichen Chorstühle, die unvergleichlich " schöne Kanzel, der herrliche alte Orgelchor mit dem Brustbilde Pilgrams und dem kühnen und schönen Bogengewölbe u. a. Im Allgeineinen ist hier, besonders an der Kanzel, der herrliche alte Baustyl in Blätter- und Pflanzenform eben so ^ kunstreich als edel einfach vorherrschend. Unter den Monumenten ist vor Allen jenes des Kaisers Friedrich IH. vor dem rechten Seitenaltare aus salzburgischem Marmor bemerkenswerth, das mit mehr als zweihundert und vierzig, mitunter etwas phantastischen Figuren geziert ist. Außer dem Hochaltäre, den zwei Seitenaltären und den bereits erwähnten kleinen Altären enthält die Kirche auch eine Kapelle; in der soge- 21 * 324 s nannten Krcuzkapelle befindet sich das Grabmal des berühmten 'Eugen von ! Savoyen, dann bewahren einige Fenster Ueberreste kostbarer alter Glasmalereien, die in andern wieder durch moderne ersetzt sind. An den Eingangshallen ^ befinden sich vortreffliche Bildhauerarbeiten, besonders in jener nächst der Kreuzkapelle das schöne Cenotaph des Herzogs Rudolph IV. mit seinem und' seiner ! Gemahlin Standbildern. Unter der Kirche gegen die Rückseite derselben befinden sich die dreißig Katakomben, mir der von Rudolph IV. gestifteten Fürstengruft, worin nebst diesem und seiner Familie mehre Fürsten habsburgischen Stammes beigesetzt sind. Diese Gruft kam in der Folge ganz in Vergessenheit, und wurde erst 1645 durch einen Zufall wieder entdeckt. Seit dieser Zeit werden, da schon die neue Gruft bei den Kapuzinern erbaut war, hier die Eingeweide aller verstorbenen Mitglieder des kaiserlichen Hauses in kupfernen Urnen aufbewahrt. Die Kirche hat auch zwei Sacristeien, wovon die untere eine Stuccaturarbeit von hohem Kunstwerth enthält. Die Reliquienkammer nächst dem Hochaltäre bewahrt in zwölf Kästen die ehemals in dem I45<1 erbauten, 1700 abgebrochenen, sogenannten Heilrhumstuhle befindlich gewesenen Reliquien, über 200 an der Zahl, und durch Alter und Bedeutung ausgezeichnet. Die Spitze des großen Thurmes wurde I83S abgenommen, da man aus dessen schiefer Richtung und die im Innern sich zeigende Verwitterung Unheil be- , fürchtete, und 1842 war der Wiederaufbau mittelst eines eisene» Gerippes nach ursprünglichem Maßstab vollendet. Die weiteren Daten über Kirche und Thurm sind in der Geschichte zu finden, nur bleibt noch zu erwähnen , daß sich in den beiden vorderen Thürmen sechs Glocken befinden; die ^ größte, 1772 gegossen, wiegt achtzig Centner. Der große Thurm enthält fünf Glocken, worunter jene, 1711 aus erobertem türkischen Geschütz gegossen, vierhundert und zwei Centner wiegt, und eine der größten in der Welt ist. I» ^ dem neu ausgebauten Thurme hängt nur eine Glocke, die sogenannte Pumme- rin, welche zweihundert acht und einen halben Centner wiegt. > Ursprünglich war die Kirche zu St. Stephan eine bloße Pfarrkirche, unter dem Patronate des Stiftes Passau. 1365 wurde sie zu einer Propstei und ! Ccllegiatkirche erhoben, und sollte von da an nach Herzog Rudolphs IVl Willen fortan zu Allerheiligen genannt werden; dieser Name wollte jedoch nie recht Wurzel fassen, und verlosch nach dessen Tode gänzlich wieder. Der Propst war gefürstet und durfte ritterliche Wehr und Harnisch tragen, eben so hatte er auch die hohe Gerichtsbarkeit über alle seine Untergebenen. 1468 wurde die Propste! durch Verwendung Kaisers Friedrich III. zu einem Bisthume, das jedoch noch immer unter dem Patronate von Passau stand. Endlich wurde durch Verwen- ^ düng Kaisers Karl VI. 1726 Wien zum Erzbisthume erklärt, von Passau unabhängig gemacht, und erhielt nebst seinem eigenen Sprengel, dem Viertel Untcr-Wiener-Wald und Unter-Manhartsberg, die Bischöfe von Neustadt ! (spater St. Pölten) und Linz als Suffragane, und ein Domkapitel von zwölf Domherren. Die vollständige Aufzählung der Pfarrer von St. Stephan ist sowohl I > > überssüßig, als auch unmöglich, da aus den Tagen der Babenberge die kleberlieferun- gen äußerst dürftig und mangelhaft find. Uebrigens war Meister Leopold Pfarrer zu Wien von 1240 bis 1282, Protonotar Friedrich des Streitbaren, und noch in größerem Ansehen bei dessen Nichte Gertrud und ihren: Gemahle Hermann von Baden, weshalb er nach der Occupatio:: Ottokars auch seiner Stelle entsagte. Einer der ausgezeichnetsten Männer war Meister Gerhard unter König Ottokar, welcher fromme Stiftungen machte, und auch das alte Hospital zu St. Hiob am Klagbaum auf der Wieden gründete, dessen Namen sich bis auf heutige Zeit erhalten hat. Bernard oder Werner von Prombach bekleidete diese Würde von 1270 bis 1288, in welchem Jahre er Bischof von Passau wurde. 1308 wurde Herzog Albrecht von Sachsen, Schwestersohn des Kaisers Albrecht, Pfarrer bei St. Stephan und blieb es bis 1320, in welchem Jahre er den Bischofsitz zu Passau erhielt. Meister Heinrich, sein Nachfolger, war zugleich oberster Kanzler der Herzoge von Oesterreich; er nahm an den damaligen Bege- ! benheiten großen Antheil, und machte 1334 eine bedeutende Stiftung für den i feierlichen Frohnleichnamsumgang. Albrecht von Hohenberg, 1338—1352, zeichnete sich ebenfalls durch mehre Stiftungen aus. Leopold von Sachsengang, 1352—1364, war der letzte Pfarrer vor Errichtung der Propstei in Wien. Er stiftete ein ewiges Licht und einen Jahrtag in der Kapelle im Pfarrhofe zu Wien, und bedachte auch die Spitäler reichlich. Pröpste zu Wien. 1. Johann Mayerhofer erlangte diese Würde 1365, stiftete einen Jahr- tag, gab den: Kapitel dafür einen Wald zu St. Veit und einen Hof zu Spei- , sing, und verließ 1376 die Propstei für den Bischofsitz zu Gurk. 2. Berthold von Wähing, wurde 1381 Bischof zu Freising. ! 3. Georg von Liechtenstein, aus dem berühmten Heldengeschlechte, wurde ! 1390 zum Bischof von Trient erwählt. 4. Anton Wachinger, war besonders für das Gedeihen der Wiener Hochschule thätig. Er starb 1406. 5. Wilhelm Thurs (Thurso) Freiherr von Aspern, wurde wegen seiner Fürsorge für die Gerechtsame seiner Propste: wegen gerühmt. Er starb 1439. 6. Alexander, Herzog von Massovien, zugleich Patriarch von Aquileja ^ und Administrator des Bisthums Trient, starb 1444. ^ 7. Albrecht Graf von Schaumburg, starb 1471. Nach seinem Tode blieb ! die Propste: durch sechs Jahre erledigt. 8. Johann Pekenschlager, wurde 1477 Propst, 1479 Erzbischof von Salzburg. Da im Jahre 1480 das Bisthum errichtet wurde, so erhielt der in dem- ! selben Jahre neu erwählte Propst Thomas Prekokar den Titel eines Dom- j ! Propstes und den unmittelbaren Rang nach dem Bischöfe. Diese Würde hat ! j sich bis auf den heutigen Tag unter diesem Titel erhalten. 326 i Bischöfe zu Wien. ' 1. Leo von Spauer, früher Pfarrer von Perchtoldsdorf, wurde schon 1471 durch Papst Sixtus IV. zum ersten Bischöfe Wiens ernannt, erlebte jedoch die feierliche Verkündigung der neuen Kathedrale nicht, sonder» starb in einem Alter von kaum 40 Jahren. 2. Bernhard von Rohr, früher Erzbischof von Salzburg, bekannt durch seine Mißhelligkeiten sowohl mit Kaiser Friedrich NI., als auch Matthias Cor- vinus. Ersterer zwang ihn, das Erzstift Salzburg aufzugeben und dafür den Bischofsitz von Wien anzunehmen. Bei der Annäherung des Letzteren, 1485, entfloh er jedoch wieder nach Salzburg, wo er 1487 starb. Nach seinem Tode blieb das Bisthum über ein Jahr erledigt. 3. Urban Doczy, Freund und Vertrauter Matthias Corvinus, durch > diese» 1488 eingesetzt, nach der Wiedereroberung Wiens aber durch den römischen König Maximilian wieder entsetzt. 4. Johann Vitez, früher Bischof von Wesprim, welche Stadt er beim Anrücken des Heeres Maximilians an diese» übergab, und dafür zum Bischof von Wien ernannt wurde. Er zeichnete sich durch Strenge des Wandels und der Kirchenzucht, und durch Schonungslosigkeit gegen alle Irrlehren aus, und starb 14SS. 5. Bernhard von Pollhaimb, eigentlich nur Administrator des Wiener Bisthums, da er nur die minderen Weihen hatte, Liebling Maximilians 1-, j ! starb 1504. ^ 6. Franz Bakats, früher Bischof zu Raab, starb 150S, und der Bischofsitz ^ ; blieb bis 1513 unbesetzt. ! 7. Thomas von Slatkonia, ein berühmter Gottesgelehrter und Ton- ! künstler, Dichter und Literat, von Kaiser Marimilian sehr hoch geachtet, starb den 26. April 1522. Sein Grabmal befindet sich in der Stephauskirche neben dem St. Antons-Altare. 8. Johann von Revellis, Beichtvater und Almosenier Ferdinands I-, früher Domherr zu Granada, starb nach bereisten türkischen Belagerung, die er mit aushielt, 1530. > 9. Johann Faber, ebenfalls Rath und Beichtvater Ferdinands I, grün- j dete eine Stiftung für zwölf Studenten bei St. Niklas in der Singerstraße, ^ die jedoch nicht lange währte, starb im Jahre der großen Pest 1541. Sei» Grabmal ist neben dem Altäre der heil. Ursula. > 10. Friedrich Nausea, Rath und Hofprediger Ferdinands I., berühmter j Schriftsteller in der Geschichte, im bürgerlichen, Staats- und kanonischen Rechte, ^ in der Gottesgclehrtheit, Grammatik, Dicht- und Redekunst, und sogar in ^ den Naturwissenschaften, Eiferer für den Frieden und die Einheit der Kirche. Er starb während der Kirchenversammlung zu Trient, 1552. An dem Pfeiler neben , dem Katharina-Altäre ist eine hölzene Tafel mit seinem Bilde angebracht. 327 11. Christoph Wertwein, Ferdinands I. geheimer Rath und früher Bischof zu Neustadt, erregte treffliche Hoffnungen, starb jedoch schon 1553, und der Bischofsttz blieb durch fünf Jahre unbesetzt, während welcher Zeit der berühmte Jesuit Peter Canisius, der durch seinen Katechismus allbekannt ist, denselben administrirte, nachdem er aus Demuth diese hohe Würde ausgeschlagen hatte, die ihm Ferdinand an trug. 12. Anton von Müglitz, oberster Meister der ritterlichen Kreuzherren mit ^ dem rothen Stern, ein Zögling der Wiener Universität und ein sehr gelehrter Mann, wurde 1562 Erzbischof von Prag. 13. Urban, Bischof von Gurk und Administrator des Wiener Bisthums. Wer seine Eltern gewesen, wußte Niemand, er selbst nicht. Er war eines der zahllosen Christenkinder, welche die Türken 1529 in die Sclaverei wegschlepp-- ten, und man fand ihn nach Aufhebung der Belagerung auf dem Wienerberge. Er war ein Liebling Ferdinands I. und Maximilians II., und besaß ein großes ! Rednertalent. 14. Kaspar Neubeck, früher kaiserlicher Hofprediger und berühmter Kanzelredner. Er starb 1594. Das Bisthum blieb durch vier Jahre unbesetzt. 15. Melchior Clescl, ein durch seine Geisteskräfte und sonderbare Schicksale gleich ausgezeichneter Mann. Er war zu Wien 1553 geboren, Sohn eines ! Bäckers. Seine Eltern bekannten sich zum Lutherthume, und auch er wurde ' darin erzogen, durch einen Priester aus der Gesellschaft Jesu aber der katho- j lischen Religion zugeführt, verwendete er sich mit solchem Eifer auf das Studium der Theologie, daß er in kurzer Zeit die höheren Kirchenwürden erreichte. 1589 wurde ihm die provisorische Leitung der Bisthümer Wiener-Neustadt und i Wien übertragen, in deren wirklichen Besitz er 1614 durch Papst PaulV. bestätigt wurde, 1616 erhielt er auch die Cardinalswürde. Kurze Zeit darauf wurde er als Director des geheimen Rathes des Kaisers Matthias dem Erzherzoge Ferdinand (nachmaligem Kaiser Ferdinand II.) verdächtig, welcher ihn ohne Wissen des kranken Kaisers nach Tyrol als Staatsgefangenen in das i j Schloß Ambras abführen ließ, von wo er später die Erlaubniß bekam, nach ! ! Rom zu gehen. Als aber Ferdinand zur Regierung kam, versöhnte sich derselbe ! durch Vermittelung des Papstes Urban VIII. wieder mit Clesel, und dieser hielt ! ! den 25. Januar 1628 unter dem Geläute der Glocken und dem Jauchzen des ! i Volkes seinen Einzug in Wien. Er starb zu Wiener-Neustadt den 18. September ^ 1630. Sein Grabmal befindet sich in der großen Frauenkapelle bei St. Stephan. ^ 16. Anton Wolfrath, ein thätiger, verständiger und gelehrter Mann. ^ Er war der erste Bischof von Wien, der den Titel eines Fürsten des heiligen ! römischen Reiches, welcher ihm von Kaiser Ferdinand II. ertheilt wurde, 'öffentlich führte. Er erbaute den noch bestehenden Bischofhof, stiftete eine reichhaltige Bibliothek für das Bisthum. Ferdinand II. vollendete vorzüglich durch ^ ihn das Werk der Gegenreformation. Er starb den I. April 1639. Die auf . seinem Grabsteine in der Katharina-Kapelle befindlichen Anfangsworte seines ! ! Epitaphes sind von ihm selbst verfaßt und lauten: Vui ^bbss, Lpiscopus, ^ krineeps. l8um pulvis, umbra, niliil. ! 17. Friedrich Graf von Brenner, früher Propst zu Wien, und Weihbischof zu Olmütz. Er errichtete den gegenwärtigen Hochaltar bei St. Stephan und erbaute das Schloß zu St. Veit an der Wien, das noch gegenwärtig ini erzbischöflichen Besitze ist. All sein Reichthum war zur Verherrlichung des Gotteshauses und Gottesdienstes geweiht. Er starb den 22. März 1669. 18. Wilderich Freiherr zu Waltersdorf, zugleich Reichsvicekanzler. Unter ihm hatte eine neue Pfarreintheilung Statt. Er starb den 4. September 1680. 19. Emerich Sinellius, aus dem Kapuziner-Orden. Er harte als Missionär und Prediger großen Ruf erworben, und war sogar Conferenzminister Kaisers Leopold I. geworden. Bei der Annäherung der Türken 1683 verließ er mit dem Hofe Wien und kehrte erst mit demselben wieder zurück. Der hochherzige Bischof von Wiener-Neustadt, Leopold Graf von Kollonitsch, besorgte > indessen, nebst seinen übrigen Aufopferungen für das allgemeine Wohl, die ! kirchlichen Angelegenheiten (siehe Seite 139). Sinellius starb Anfangs 1685, als er eben den Cardinalhut erhalten sollte. 20. Ernest Graf von Trautson, zeichnete sich durch Freigebigkeit gegen die Armen und durch die Ausschmückung der Kathedrale aus. Von ihm ist die schöne Trautson'sche Kapelle, und er ließ auch eine für Stamm-und Wappenkunde höchst merkwürdige Aufzeichnung der Grabsteine und Denkmale Wiens verfertigen. Er starb den 7. Januar 1702. Sein Grabmal ist vor den Stufen der großen Frauenkapelle. 21. Franz Anton Graf zu Harrach, wegen seiner Mäßigung und Selbst- verläugnung in Wien sehr beliebt. Nach Leopolds 1. Tode, 1706, legte er das Bisthum nieder, und wurde in der Folge Erzbischof von Salzburg. 22. Franz Ferdinand von Rumel, war Erzieher des römischen Königs, nachmaligen Kaisers Joseph I. Unter ihm wurde der Gebrauch des Sterbe- (Zügen-) Glöckchens in Wien eingeführt. Er starb 1716. Sein Nachfolger war Sigismund Graf von Kollonitsch, welcher, nachdem Papst Jnno- cenz XIII. 1723 das Bisthum zum Erzbisthume erhoben hatte, auch der erste Erzbischof von Wie» wurde. Erzbischöfe von Wien. I. Sigismund Graf von Kollonitsch, ein Brudersohn des berühmten Leopold, welcher sich während der türkischen Belagernng so sehr ausgezeichnet hatte. 1726 erhielt er durch Papst Benedict XIII. die Cardinalswürde, und 1738 den Titel eines Protectors von Deutschland. Er starb I7SI, und sein Grabmal befindet sich in der großen Frauenkapelle bei St. Stephan. Sein dabei ange- brachres Brustbild wurde von dem berühmten Künstler Raphael Donner ver- ferriget. In seinem Testamente ernannte er die armen Waisenkinder zu seine» Universalerben. 329 2. Johann Joseph Graf von Trautson, wurde 1756 Coad>utor seines Vorgängers und nach dessen Tode Erzbischof. 1756 erhielt er den Lardinalhur. Erstarb 1757. Sein Grabmal befindet sich ebenfalls in der großen Frauen- ! kapellc. 3. Christoph Anton Graf Migazzi von Waal und Sonnenthurm, wurde 1756 Bischof von Waitzen, 1757 Erzbischof von Wien; 1761 erhielt er den Cardinalpurpur. Um Verbesserung des Schul- und Kirchenwesens machteer sich sehr verdient in Oesterreich. Au Ostern 1782 hatte er die seltene Freude, den Papst Pius VI. in seinem Dome zu empfangen. Er stand seiner Di'öcese beinahe ei» halbes Jahrhundert vor, begleitete die irdischen Ueberreste Franz 1., Maria Thereslens, Josephs II. und Leopolds II. zu Grabe, denen er selbst den 27. April 1803 im 89. Jahre nachfolgte. 4. Sigmund Anton Graf von Hohenwart und Gerlachstein, war Lehrer der Enkel Maria Theresiens, Kinder des Kaisers Leopold II. Sein erhabener Schüler, Kaiser Franz, ernannte ihn 1792 zum Bischof von Triest, 1794 zum Bischof von St. Pölten, und endlich zum Erzbischof von Wien. Dem Schul- und Kirchenwesen widmete er große Sorgfalt. Er starb den 30. Juni 1820 im 90. Jahre. 5. Leopold Maximilian aus dem Hause der Grafen und Herren von Fir- mian, wurde 1797 Weihbischof zu Passau, 1818 Administrator des Erz- bisthums Salzburg, 1821 Erzbischof von Wien. Er war mit vielen vortrefflichen Eigenschaften des Geistes und des Herzens begabt, und starb den 29. November 1831 im 66. Jahre. 6. Vincenz Eduard Milde, der gegenwärtige Fürst-Erzbischof, begann seine Laufbahn 1810 als Pfarrer zu Wolfpassing in Niederösterreich, wurde 1814 Pfarrer und Dechant in Krems, und von da 1823 auf den bischöflichen Stuhl zu Leitmeritz berufen. 1831 ernannte ihn Kaiser Franz in Anerkennung seiner Verdienste zum Fürst-Erzbischof von Wien. s. Kirche und Kloster bei St. Michael. Diese alte und ehrwürdige Kirche wurde schon 1220 von Leopold dem Glor- , reichen aus dem Geschlechts Babenberg gegründet. 1276 verzehrte sie eine ^ Feuersbrunst, und Albrecht 1. stellte sie 1289 mit Erweiterungen wieder her. 1319 brannte sie abermals ab, 1340 wurde fie neu erbaut und mit dem hohen Chore versehen, der jedoch erst unter Albrecht V. 1416 gänzlich zur Vollendung kam, nachdem die Kirche in der Zwischenzeit neuerdings durch Feuer ^ gelitten hatte. Anfangs besorgte den Gottesdienst daselbst der Pfarrer mir den ^ Kaplänen. Kaiser Ferdinand II. übergab sie jedoch 1626 den regulieren Priestern von St. Paul, welche vor einem Jahrhunderte in Mailand entstanden waren, und von deren erster Kirche zu St. Barnabas, die sie daselbst erhiel- I ten, sie noch jetzt Barnabiten genannt werden. Unter Kaiser Ferdinand II. und 111. erhielt die Kirche, besonders aber der eigenthümlich gestaltete Thurm, mehre Verschönerungen und Zubauten. Die Vollendung des Baues jedoch mit der schönen Eingangshalle und den Statuen von Mattielly fand erst unter Karl VI. um 1730 Statt, da die Ansicht der Kirche von Pfeffel vom Jahre 1718 dieselbe noch in alter Gestalt darstellt. Das Innere der Kirche ist schön, besonders der großartige Hochaltar. Kanzel und Gemälde sind meistens modern. Unter den plastischen Denkmalen ist besonders das Grabmal des berühmten Kriegshelden und Reisenden Sigmund von Herberstein (gest. 28. Marz 1566) merkwürdig. Das Collegium der Barnabiten besitzt nebst mehren Grundbüchern auch die beiden Michaelerhöfe. 3. Augustiuer-Hofkirche. ! In Folge eines Gelübdes Friedrich des Schönen, während dessen Gefangenschaft auf der Feste Trausnitz (siehe Seite 30), wurde 1339 diese Kirche j zu Ehren des heil. Augustin erbaut, und den beschuhten Augustinern mit weiten i Ermeln (Calceaten üv Isrxa msnics) , die deshalb aus München hieher beru- l fen wurden, übergeben. Kaiser Ferdinand II. übergab jedoch Kirche und ! Kloster den unbeschuhten Augustinern, die er von Prag hieher versetzte, und ! erhob die Kirche zur Hofkirche. 1786 erhielt sie ihr jetziges inneres, prachtvolles l Ansehen, da sie früher finster und durch eine mitten darin angebrachte Loretto- i Kapelle verstellt war, um welche eine Menge türkische Trophäen hingen. Nach dem Aussterben der Augustiner um 1830 wurde das an die Kirche stoßende Kloster zur Bildungsanstalt für Weltpriestcr bestimmt. An Merkwürdigkeiten enthält die Kirche das herrliche Denkmal der Erzherzogin Maria Christina von Canova, und in der nebenan sich befindenden sogenannten Todtcnkapelle die Grabmale des Kaisers Leopold II. und des Feldmarschalls Grafen Daun. Hier werden auch in der Loretto-Kapelle die Herzen der verstorbenen Mitglieder der ^ kaiserlichen Familie in silbernen Urnen aufbewahrt. An wichtigen geschichtlichen ! Momenten ist diese Kirche reich. Nicht nur werden in ihr mehre Kirchenfunctio- ; neu, welche Personen des Kaiserhauses betreffen, namentlich aber Trauungen gefeiert, weshalb auch ein eigener bedeckter Gang aus der Hofburg in die Kirche führt, sondern hier wurde auch 1683 nach der Befreiung Wiens von König Johann Sobieski von Polen selbst das Tedeum angestimmt, wobei er den als Befreier Wiens ihm dargereichten Lorber an die Loretto-Kapelle befestigte. Hier wird alljährlich am Allerseelentage ein feierliches Todtenamt für alle im Felde gebliebene» oder sonst verstorbenen österreichischen Krieger abgehalten. Hier im Kloster lebte und wirkte der als Volköredner und Schriftsteller hochberühmte Pater Abraham » 8s»cta tülsrs, als Hofprediger der Kaiser Leopold I. und Joseph I., über 20 Jahre. Von dem großen Sturme im September 1807 wurde der Thurm abge- wcrfen und durch einen neuen ersetzt. 331 4. Kirche und Abtei der Venedictiner zu den Schotten. Zu den Zeiten dee Kreuzfahrten hatten sich besonders die schottischen Bcnedictiner mit glühendem Eifer der frommen Pilger zum heiligen Grabe und der ritterlichen Kreuzfahrer angenommen, und deswegen viele Missionen nach allen Richtungen gesandt. Schon 1064 waren sie zu diesem Zwecke nach Bamberg und von da nach Regensburg gekommen. Bereits 1111 wurde von ihnen in der letzteren Stadt das Kloster zu St. Jakob gegründet, und es hatte an Zucht und Beispiel, an Sorgfalt für den Gottesdienst und Unterricht i der Jugend seines Gleichen nicht. 1158 wurden sie auch von Herzog Heinrich Ja- ! somirgott in Wien ausgenommen, ihnen Kloster und Kirche erbaut, welche zu einer ^ Abtei zu Ehren der heiligen Jungfrau und des heil. Gregorius erhoben, und mit ! vielen Freiheiten und Gerechtsamen begabt wurden. So wurde ihnen die Gerichtsbarkeit über ihre leibeigenen Knechte und Mägde, in allem Streit über beweglich , und unbeweglich Gut, in allen Vergehen und Verbrechen, mit Ausnahme des i Blutbannes zugestanden, was dem herzoglichen Landgerichte Vorbehalten bleiben sollte. Ferner, wer sich aus was immer für einer Furcht oder wegen was immer für eines Vergehens innerhalb der Klostermaucrii rettete, der sollte Freiung genießen, und Niemand an ihn Hand anlegen, noch mit Gewalt hinwegnehmen dürfen, wovon die an das Kloster stoßende Gegend noch heut zu Tage Freiung > genannt wird. Die schottischen Mönche blieben bis 1418 im Besitze der Kirche ! und des Klosters, seit dieser Zeit traten deutsche Mönche des Benedictiner- ^ Ordens an ihre Stelle, doch blieb der Name. Nach mehren theilweisen Feuer- § Verheerungen brannten Kirche und Kloster 1683 während der türkischen Bela- ! gerung gänzlich ab. I6S0 wurden sie wieder hergestellt, 1722, 1822 und 1832 ! renovirt, und das Klostergebäude von 1827 bis 1832 ganz neu erbaut. Durch ! viele milde Stiftungen und eigene Wirthschaftlichkeit besitzt das Stift viele Güter, Zehenten und große Grundbücher, darunter in Wien selbst den weit- ! läuftigcn, mit Prälatur und Convent, dem Gymnasium, der Hauptschule, der Kanzlei und zahlreichen Mietwohnungen verbundenen, aus drei Höfen und zwei Gärten bestehenden Schottenhof, Nr. 136, das an die Stiftkirche gebaute ^ Privrathaus Nr. 137, die Stadlpfarre zu den Schotten mit den Filialen Roßau und Alscrvorstadt, dann die Grundherrlichkeit über viele Hauser in der Stadt. Die Grundherrlichkeit in den Vorstädten über St. Ulrich, Neu- ' bau, Schottenfeld, Breitenfeld, einzelne Häuser in der Roßau, Alsergrund, > Josephstadt, Weisigärber, Landstraße, Gumpendorf rc. Die Pfarren St. ! Ulrich, mit dem Filiale Altlerchenfeld; St. Aegid zu Gumpendorf mit den Filialen Reindorf und zum Theile Margarethen; St. Laurenz im Schottenfelde, Pulkau, Gaunersdorf, Stammersdorf, Zellerndorf, Eggendorf im Thale, Kleinengersdorf, Breitenlee, Waitzendorf, Platt und Watzelsdorf, Enzesfeld, Martinsdorf, Höbesbrunn, Enzersdorf im Thale zum Theile mit Filialen, dann Besitzthümer und Grundbücher zu Enzersdorf am Gebirge, zu ^ 332 Grinzing, zu Währing, zu Ottakrin, zu Perchtoldsdorfrc. Bei den Schotten ist auch theils in der Kirche, theils im Kreuzgange die Ruhestätte vieler edlen Geschlechter des Landes, z. B. außer jener des herzoglichen Stifters, gest. 13. Januar 1177, seiner Gemahlin Theodora, gest. 2. Januar 1184, eines Sohnes Heinrich von Mödling, gest. IS. Januar 1233, und Tochter Agnes, Gemahlin Stephans III. von Ungarn, mehre Rosenberg, Lamberg, Eytzinger, mehre Liechtensteins, die berühmte weiße Frau, Bertha von Rosenberg, endlich Wiens tapferer Vcrtheidiger in der zweiten türkischen Belagerung, Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg. Die Aebte zu den Schotten bis auf den heutigen Tag ! waren folgende: I. Sanctin starb 1169. 2.Fintan st. 1195. 3. Gregor st. 1202. 4. Ulrich st. 1204. 5. Marcus st. 1208. 6. Matthäus st. 1222. 7. Johann ! st. 1228. 8. Dirmicius st. 1232. 9. Felirst. 1247. 10. Philipp st. 1278, zuerst ^ insulirt. II.Wilhelm st.I280. 12.Thomas st. 1287. 13. WilhelmII. st. 1309. ! 14. Niklas st. 1136. IS. Johann II. st. I3IS. I6.Moriz st. 1339. 17. Heinrich st. 1343. 18. Niklas II. st. 1346. IS. David st. 1347. 20. Philipp II. st. 1349. 21. Wilhelm III. st. 1349. 22. Clemens st. 1376. Er hatte die Besitzungen des Klosters sehr vergrößert. 23. Donat st. 1380. 24. Donald st. 1392. 25. Heinrich II. st. 1397. 26. Patrik st. 1400. 27. Albrecht st. 1401. 28. Johann III. st. 1403. 29. Thomas II., der letzte Abt aus dem ursprünglichen Stamme der Schotten. 1410 ging das ganze Schottenkloster in Flammen auf, welcher Umstand, da die Wirtschaft auch seit längerer Zeit in Verfall gerathen war, endlich die Aufhebung der Abhängigkeit dieses Klosters von dem schottischen Mutterkloster zu Regensburg herbeiführte, und deutsche Benedictiner traten nun an ihre Stelle. Abt Thomas erhielt achtzig Ducaten Pension, und 1418 verließen die Schotten das seit ihrer Entstehung inne gehabte Kloster. Indessen lösete erst 1448 PapstNiko- laus V. völlig die Bande der Abhängigkeit, und I486 kamen die Schotten unter das Wiener Bisthum. Der erste deutsche Abc war 30. Niklas von Respitz aus dem KlosterMelk, st. 1428. 31. Johann IV. st. 1446. 32. Martin, der sich großes Verdienst um Kirche und Kloster, vorzüglich aber um den Schatz der Bücher und Handschriften erwarb, st. 1455. 33. Hieronymus st. 1466. 34. Johann V. st. 1467. 35. Matthias Fink resignirte 1475. 36. Leonhard st. 1479. 37. Stephan st. 1480. 38. Placidus st. 1482. 39. Christoph st. 1485. 40. Gallus st. 1486. 41. Johann VI. st. 1500. 42. Johann VII. resignirte 1518. 43. Benedict Cheledonius, Musophilus genannt, Kaiser Mari- milians I. vertrauter Freund, von ihm vielfach in Skaatsgeschäften und zu Gesandtschaften gebraucht, Historiograph und gekrönter Dichter, st. 1521. 44. Michael st. 1527. 45. Conrad Weirelbaum, einer der vortrefflichsten Männer seines Zeitalters, beliebter Kanzelredner. Als Jüngling selbst Kriegs- Held unter dem berühmten Georg von Fronsberg, st. 1541. 46. Wolfgang ^ Traunstein st. 1562. Er zeichnete sich durch edle Gastfreiheit, Oekonomie, ! ungetrübte Glaubensreinheit und weise Sorge für Kunst und Wissenschaften ^ aus. 47. Johann (VIII.) Schretel st. 1583. 48. Georg Striegel resignirte 1608. 333 49. Augustin Pitterich st. 1629. SO. Johann (IX.) Walderfinger st. 1641. Er war ein ausgezeichneter Seeleuhirt und Oekonom, der alle verfallenen j Gebäude, auch de» 1637 eiugestürzten Kirchenthurm, wieder herstellte. 51. Anton ! Spindler, Erbauer der noch heute bestehenden Stiftskirche, st. 1648. 52. Peter Heister, Erbauer des Heinrichsbrunneus im Schotteuhofe, st. 1662. 53. Georg ! Mörth st. 1664. 54. Benedict Schwab resignirte 1669. 55. Johann (X.) Schmiedberger st. während der türkischen Belagerung 1683, ohne den Entsatz zu erleben. s56. Sebastian Faber liest am Neubau den langen Keller graben, ^ und darüber das noch heute bestehende Versorgungshaus errichten, st. 1703. ! 57. Sebastian Vogelsinger st. 1705. 58. Karl Fetzer st. 1750. Gründer der ! Bildersammlung, nachdem er im Schottenhofe und auf den Pfarreien viele ! kostspielige Gebäude aufgeführt, und das Gymnasium, so wie eine philosophische ! Lehranstalt errichtet hatte, welche jedoch wieder unter Maria Theresia eingingen. 59. Robert Stadler, Erbauer der Kirche St. Ulrich, st. 1765. 60. Benno Pointner erbaute die Gumpendorfer Kirche, das Priorathaus auf der Freiung, den schönen ehemaligen Bibliotheksaal, das Gymnasialgebäude, und zwei Vorstädte Wiens, Schottenfeld und Breitenfeld, verdanken ihm ihre Entstehung. Er starb 1807. 61. Andreas Wenzel, erbaute den Schottenhof in seiner gegenwärtigen imposanten Gestalt, unter ihm wurde 1807 auch das Gymnasium wieder eröffnet. Erstarb 1831. Die Aebte Augustin Pitterich (49), Johann Walderfinger (50) und Johann Schmiedberger (5 5) waren zugleich Weihbischöfe zu Wien. Der gegenwärtige Abt Sigismund Schuttes wurde erwählt den 26. Januar 1832. Unter Abt Sebastian Faber kam 1700 die Abtei Telky bei Ofen in Ungarn an das Stift Schotten, und die Schotten-Aebte besitzen seit dieser Zeit das Jndigenat des Königreichs Ungarn. S. Kirche zu Dt. Peter. Nach einer, jedoch unbegründeten Sage, soll die alte St. Peterskirche schon 800 durch Karl den Großen gegründet worden seyn. Jedenfalls aber scheint sie noch vor den Zeiten der Babenberge erbaut worden zu seyn. In ! Vogels und Merians Ansichten ist uns ihre alte Gestalt aufbehalten. Die Kirche scheint danach klein und unbedeutend, desto imposanter jedoch der mächtige altdeutsche, mit Spitzthürmchen gezierte Thurm gewesen zu seyn. 1702 wurde ^ die alte baufällige Kirche abgebrochen, und mit Beibehaltung der alten Fayade, ! wie aus den Pfeffel'schen Ansichten ersichtlich, nach dem Vorbilde der St. Peterskirche in Rom, jedoch in sehr verjüngtem Maßstabe neu erbaut. 1734 aber > ^ wurde auch die alte Fayade abgebrochen und eine ganz neue, obschon der alten E ziemlich conforme, hinzugefügt. Die Kuppel der Kirche und die gewölbten Decken der Kapellen sind in Fresco gemalt. Sie enthält außer anderen merk- ! würdigen Monumenten auch das Grabmal des berühmten österreichischen Histo- ! rikers Wolfgang Laz. ^ 334 8. Maria am Gestade, auch Maria Stiegen genannt. Eine der ältesten Kirchen der Stadt, von ausgezeichneter mittelalterlicher Baukunst. Merkwürdig ist, dafi sich indessen weder die Zeit ihrer Entstehung, noch der Name des Baumeisters mit Gewißheit ausmitteln ließ. Allgemein wird jedoch angenommen, daß sie im neunten Jahrhunderte erbaut wurde. Um 1158 stand sie urkundlich als Filiale unter dem Patronate der schottischen Bene- ! dictiner, dann wurde sie Eigenthum der Ritterfamilie Greif, von wo sie in der Folge an das Hochstift Paffau kam, bei welchem es auch bis zu dessen Säcnla- risirung 1805 blieb. Seitdem wurden von den vorhandenen Stiftungen täglich ! Messen gelesen. Bei der zweiten französischen Invasion I80S wurde die Kirche ! zum Fruchtmagazin verwendet, und dadurch sehr beschädigt und verwüstet. 1820 ^ geschah die Wiederherstellung und Einweihung der Kirche, und deren Uebergabe ! an die neu aufgenommene Congregation der Redemtoristen, welche sie noch gegenwärtig besitzen, und nahe daran ein Kloster erbauten. Das Innere der Kirche, obwohl geschmackvoll, ist im Gegensätze zu dem herrliche» Aeußern etwas zu sehr modernisirt. Besonders merkwürdig ist das schöne Portal und der im herrlichsten mittelalterlichen Style gebaute, dreißig Klafter hohe, siebeneckige Thurm. 7. Kirche und Kloster der Kapuziner. Nachdem vom Kaiser Matthias schon 1600 die Kapuziner in der Vorstadt St. Ulrich ausgenommen worden waren, wurden für dieselben 1622 Kirche und Kloster in der Stadt erbaut, und daselbst auch die neue Fürstengruft gegründet, in welcher seit dieser Zeit alle Mitglieder des kaiserlichen Hauses mit wenigen Ausnahmen beigesetzt liegen, und welche in der Folge bedeutend vergrößert wurde. Kirche und Kloster sind sehr einfach. Letzteres war früher viel weitläufiger, unter Kaiser Joseph II. wurde jedoch ein Theil des Klosters und der ganze Garten zu Wohnungen verbaut. Die sogenannte kaiserliche Kapelle besitzt mehre Reliquien und Alterthümer. In neuester Zeit wurde gegen die Klostergasse zur Vergrößerung ein neuer Bau geführt. i 8. Kirche und Kloster der Dominikaner zu St. Maria Rotunda. Einer eben nicht glaubwürdig verbürgten Sage nach soll um 1186 auf ^ diesem Platze ein Kloster für die Tempelherren erbaut worden seyn. Urkundlich gewiß aber ist, daß schon der Babenberger Leopold der Glorreiche 1226 die ersten Predigermönche (Dominikaner) in Wien aufgenommen und den Grund zu Kirche und Kloster gelegt habe, die während der Anwesenheit Kaisers Frie- ^ drich II. ausgebaut wurden. 1258 wurde Kirche und Kloster durch eine Feuersbrunst verzehrt, und erst 1302 neu aufgefnhrt. I52S während der ersten türkischen Belagerung wurden sie abermals zerstört, und von Kaiser Ferdinand I. 1530 wieder hergestellt. Der neueste Bau geschah unter Ferdinand II. 1639. > Die Kirche enthält nebst mehren merkwürdigen Monumenten auch das Grabmal der Kaiserin Claudia Felicitas, zweiten Gemahlin des Kaisers Leopold 1. In den 335 weitläufige» Gebäuden des Klosters sind auch Bureaus verschiedener Behörden, und das Dominikanerhaus ist ein Zinshaus. S. Kirche zu Maria Königin der Engel am Hof. Herzog Albrecht Ni. erbaute >386 auf die Stelle der alten Residenz der österreichischen Landesfürsten Kirche und Kloster für die Carmelitermönche. Zur Zeit der Reformation war das Kloster ganz öde geworden, und es befand sich nur noch ein einziger Geistlicher in demselben, der als Pfarrer nach Bisamberg versetzt, und das Kloster IS54 den Jesuiten eingeräumt wurde, welche es sammt der Kirche vergrößerte» und verschönerten. Kaiser Ferdinand II.'bestimmte ! 162Sdas Kloster zum Profesihause, und seines Sohnes Ferdinand III. Gemahlin i lies; 1662 den jetzigen prachtvollen Fronton der Kirche erbauen. Nach Aufhebung ! der Jesuiten wurde 1779 das bisherige Profeßhaus zur Hofkriegsrathskanzlei ^ verwendet, und die Kirche zu einer Pfarre erklärt. Von dem Balcon über dem ! Eingänge ertheilte Papst Pius VI. 1782 den Segen. Die Kirche ist von Innen ! sehr geräumig und freundlich, und hat ein besonders schönes Chor. 10. Die Kirche der Italiener. Leopold der Glorreiche berief 1224 die Minoriten nach Wien, wo ihnen König Ottokar 1276 Kirche und Kloster erbaute. Bau und Stiftung wurden jedoch erst 1330 vollendet. Die Minoriten standen in solchem Ansehen, daß man ihre Vorstände bei den wichtigsten Handlungen als Zeugen berief. Unter Kaiser Marimilian II. wurde sie in Folge dessen Edicts der freien Religionsübung den Protestanten eingeräumt, und die Minoriten wurden also verdrängt, ! daß sie von ISO auf 7 schmolzen, und ihnen kaum der Gottesdienst in der ^ Katharina-Kapelle gestattet war. Durch Kaiser Ferdinand ll. wurden aber I 1620 die lutherischen Prädicanten aus ganz Oesterreich verbannt, und die Kirche den Minoriten wieder übergeben. Kaiser Joseph ll. versetzte 1786 die Minoriten in die Alservorstadt, und übergab die Kirche der in Wien befindlichen italienischen Gemeinde, welche das Innere derselben nach dem neuen Geschmacke einrichten ließ, wodurch aber manches alterthümliche werthvolle Denkmal ver- i loren ging. Das Aeußere der Kirche, besonders das Portal, ist durch herrliche antike Bauart mit schöner Steinmetzarbcit sehr ausgezeichnet. In früheren i Zeiten nannte man diese Kirche auch die Landhauskirche, woher auch die Geist- j lichen gemeiniglich Landhäuser genannt wurden. Im Klostergebäude befinden sich > gegenwärtig die Amtslocalitäten der niederösterreichische Landesregierung. ! ll. Kirche zu St. Anna. l Im Jahre 1320 stiftete eine fromme Bürgersfrau aus Wien eine Kapelle zu Ehren der Mutter Maria, und erbaute daneben eine Herberge für Kranke und Pilger. 1415 fand sich wieder eine reiche Bürgersfrau, Elisabeth War- > tenauer, welche das Pilgerhaus reich beschenkte und aus der Kapelle eine Kirche 336 schuf. Nach der ersten türkischen Belagerung 1529 wuiden die aus dem St. Clarakloster geflüchteten Nonnen (siehe Seite 103) nach St. Anna versetzt, den Pilgern aber die Einkehr ins ehemalige Clarakloster, nunmehrige Bürgerspital (siehe Seite 103) angewiesen. Wahrend der grosien Pest 1541 starben die Clarissinerinnen ganz aus, und die Ritter von St. Stephan kamen in Besitz von St. Anna. 1582 übergab Rudolph II. Kirche und Kloster den Jesuiten. Sie bezogen es jedoch erst unter Ferdinand II. 1622. Als dieselben 1773 aufgehoben wurden, übergab Kaiser Joseph II. das Kloster der Akademie der bildenden Künste und der Normalschule; die Kirche aber wird seitdem durch Weltpriester vesisehen. Sie besitzt reiche Paramente, unter Anderem eine von Kaiser Leopold I. hieher dotirte, reich mit Brillante» besetzte Monstranze. Alle Sonntage wird hier eine Predigt in französischer Sprache gehalten. 12. Kirche der deutschen Ritter in der Dingerstraße. Leopold der Glorreiche berief schon 1225 die deutschen Herren nach Wien. Die Kirche ward 1326 erbaut, und zu Ehren der heiligen Elisabeth eingeweiht. Um 1410 wurde sie erneuert, I7IS aber in ihrer jetzigen Gestalt hergestellt. Das Innere ist schön und bewahrt manche merkwürdige Monumente, unter welchen ein Hautrelief (der Abschied Jesu von seiner Mutter zu Bethania) besonders schätzbar ist. 13. Kirche zum heil. Johann sin der Kärnthuerstraße. Von den Rittern des Johannesspitales zu Jerusalem wurden schon !m Jahre I ISO Haus und Kirche in Wien gestiftet, die in den großen Feuersbrünsten unter Ottokar zu Grunde gingen, aber bald wieder erbaut wurden. In der Folge wurde der Bau erweitert, und 1806 mit dem schönen Fronton geziert. Sie enthalt auch merkwürdige Monumente, worunter das wichtigste jenes des berühmten Großmeisters La Valette. An Sonn- und Feiertagen wird hier in ungarischer Sprache gepredigt. 14. Kirche und Nonnenkloster zu St. Ursula in der Johannesgasse. Kaiserin Eleonore, Witwe Ferdinands III., berief im Jahre 1660 Ursuli- nernonnen aus Lüttich nach Wien, und ließ ihnen Kirche und Kloster bauen. Die Nonnen besitzen auch eine Mädchen-Erziehungsanstalt. 15. Die Universitätskirche. Nachdem Kaiser Ferdinand II. die Wiener Universität den Jesuiten übergeben hatte, baute er ihnen 1627 Kirche und Collegium an der Stelle, wo vorhin das alte erzherzogliche Collegium, von Albrecht III. gestiftet, gestanden hatte. Von dieser Zeit an hieß es hier bei den unteren, am Hof bei den oberen Jesuiten. Bei deren Aufhebung 1773 wurde die Kirche Universitälskirche. In den Klostergebäuden befindet sich das Convict und mehre Zweige der hohen 337 Schule. Das Aeufiere der Kirche ist noch ganz im ursprünglichen Geschmacks der Jesuitengebäude, inwendig ist sie sehr geschmackvoll. Die Decke und Kuppel ! sind mit schönen Fresken von dem Jesuiten Frater Pozzo gemalt (1834 von ! Peter Krafft renovirt). > ! I«. Franziskaner zu St. Hieronymus. ! Diese Kirche gehörte früher zu dem Hause der Büßerinnen, und wurde nach deren Auflösung I4S I den Franziskanern eingeräumt. Die heutige Kirche wurde 1603—1614 erbaut. Ihre äußere und innere Gestalt ist im Geschmacks ! dieses Zeitalters. Das daran stoßende Klostergebäude ist auf eigenthümliche, ! bizarre Art gebaut; gegenwärtig befinden sich auch einige Aerarial-Dikasterien in demselben. 17. Kirche zu St. Ruprecht am Ruprechtsteig. Die Entstehung derselben ist leider ungewiß, die Sage macht sie zur ältesten der Stadt Wien, und die Jünger des heil. Ruprecht: Cunald und Gisalrich sollen sie 740 erbaut haben. Diese Angabe ist jedoch nicht hinlänglich beglaubigt; daß diese Kirche jedoch sehr alt sei, bestätigt folgende Stelle aus der Reim- chronik des Wiener Bürgers und Dichters Joh. Ennenkel, geb. 1227, gest. um 1300: Die chirich stet nidert so wol sam gegen den Werd auf der Haide Do hat sie schön augenweide Do ward di« grundfest gegraben Und auch die chirich schön erhaben Und ward geweiht also Here in Sank Ruchprechz cre alz san noch heut ist bechant in Wien sie die pfare wart genannt. Durch die Zeit ganz verfallen, wurde sie 1430 durch Georg von Auersperg wieder hergestellt. Weitere Renovationen fanden 1627, 1703, 1790, 1812 und 1834 Statt, in welch' letzterem Jahre sie einen neuen Fronten erhielt, der indessen zu dem einfachen altcrthümlichen Innern der Kirche wenig paßt. Die Glasgemälde sind neuere Arbeit. Der Gottesdienst wird von einem der St. Stephanskirche untergeordneten Direktor besorgt. 18. Rathhauskirche zu St. Salvator. Die adeligen Brüder Otto und Haymo vom Hohenmarkt gründeten diese Kirche zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Von ihren Gründern hieß sie lange die Kapelle Ottenheim, ja das hölzene Bild des Erlösers auf dem Hochaltäre wurde selbst als St. Ottenheim verehrt, bis Papst Leo X. 1515 dies in einem Breve rügte, und der Kirche den Namen St. Salvator gab. Vergrößert wurde sie 1360. Der neue Salvator-Altar wurde 1795 errichtet. Die zierlichen Säulen und Steinbilder von vortrefflicher mittelalterlicher Arbeit sind sehens- 22 338 werth. Von dieser Kirche stammt die St. Salvator-Ehrenmedaille des Wiener Magistrates, und die Salvatorgasse. Hier werden auch zur Fastenzeit Predigten in polnischer Sprache gehalten. IS. Kirche der «nirte» Grieche« zur heil. Barbara auf dem Dominikaner-Platze. Diese wurde durch die Kaiserin Maria Theresia im Jahre 177S gegründet. Inneres und Aeusieres ist äußerst einfach. 20. Kirche der nicht unirten Griechen ans dem Fleischmarkt. Dieses Gotteshaus entstand in neuerer Zeit. Ihr Inneres, besonders der Altar, ist sehr schön; mit ihr ist auch eine Schule verbunden. Sie ist für österreichische Unterthanen bestimmt; für nicht unirte Griechen fremder Nationen ist auf dem Hafnersteig eine Kirche ohne Glockenthurm, die russische Kapelle aber ist in der großen Schulenstraße. 21. Bethaus der evangelischen Gemeinde augsbnrgischer Confesfion, Dorotheergasse Nr. 1113. Wurde 1783 eröffnet und ist von Innen sehr geschmackvoll decorirt; in demselben Gebäude befinden sich auch die Wohnungen der Priester und das Schulhaus. 22. Bethaus der reformirten Gemeinde helvetischer Confesfion, Dorotheergasse Nr. 1114. Wurde 1784 eröffnet, und ist ebenfalls sehr geschmackvoll decorirt. Hier wird auch zuweilen in französischer Sprache gepredigt. 23. Jüdische Synagoge. Dieselbe befindet sich neu erbaut und äußerst geschmackvoll decorirt in der Seitenstättengasse 494 ; mit ihr ist auch eine Schule verbunden. Eine kleinere Synagoge, ausschließlich für polnische Juden, befindet sich im Lazenhofe. Kapellen in -er Stadt. Die Hofburgkapelle im sogenannten Schweizerhofe. Die erste Gründung einer Kapelle in der Hofburg geschah schon durch Herzog Rudolph, erwählten König von Böhmen, Sohn Alb rechts I. Herzog Rudolph IV., der Stifter, erneuerte sie als Allerheiligen-Kapelle und setzte ihr einen eigenen Propst vor. 1448 wurde sie durch Kaiser Friedrich III. in ihrer jetzigen Gestalt hergestellt. Sie ist ein schönes altdeutsches Gebäude, im Innern einfach, aber geschmackvoll decorirt. Der Musikchor derselben wird von den ausgezeichnetsten Künstlern besorgt. Die weiteren Kapellen sind: Die kaiserliche Kammerkapelle im leopoldini- schen Tracte der Hofburg, 1757 neu hcrgestellt, wird nur bei besonderen Gele- 339 genheiten geöffnet. — Die Kapelle des savoyen'schen Damenstiftes in der Johannesgasse. — Jene zur unbefleckten Empfänglich im gräfl. Harrach'schen Hause auf der Freiung. — Die Kapelle zum heiligen Andreas im erzbischöflichen Gebäude, 1638 erbaut. Noch gibt es mehre andere Kapellen in der Stadt, die jedoch gänzlich geschlossen sind. In jener im Kurhause in der Pfarrwohnung zu St. Stephan finden zuweilen Trauungen Statt. Pfarren in der Stadt sind neun: Die Hofburgpfarre, jene bei St. Stephan, bei St. Michael, beiden Schotten, bei St. Peter, zu Maria Königin der Engel am Hofe, bei den Dominikanern, bei den Augustinern und die griechisch-unirte Pfarre zu St. Barbara. Aufgehobene Kirchen und Klöster in der Stadt. ! I. Die alte Kirche zu St. Pankraz, an der Stelle der jetzigen Nunciatur, ward in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts abgebrochen. — 2. Das söge- § nannte Königskloster zu St. Maria Königin der Engel, nächst der kaiserlichen Stallburg am Josephplatze, 1582 von Elisabeth, der Tochter Kaisers Maximilian II. undWitweKönigs KarlIX. von Frankreich, für Nonnen gestiftet, war ein nicht eben ansehnliches, vielwinkliges Gebäude mit einem kleinen Glockenthurm. Später wurde auch die Stallburg damit vereinigt; 1782 wurde das Kloster aufgehoben, die vorderen und Nebengebäude abgebrochen, die Bauplätze verkauft, und an deren Stelle der ehemalige gräfl. Fries'sche Palast, dann die beiden evangelischen Bethäuser erbaut, und dadurch die obere Bräunerstrafie, welche vorhin nur bis an dieses Kloster ging, bis zum Josephplatze verlängert. Das Marien- ! bild aber kam zu den Augustinern. — 3. Die Kirche zu Allerheiligen, auch zum ! heil. Geiste genannt, weil nach der Zerstörung des heil. Geistspitales vor dem ! Kärnthnerthore durch die Türken I52S dieses Spital in das heutige Bürger- ^ spital übersetzt wurde, befand sich gegenüber des Kärnthnerthor-Theaters, und > reichte bis in die jetzige Komödiengaffe hinein. Von Heinrich I. von Babenberg j schon 1150 gestiftet und zu einer Pfarre erhoben, wurde sie um die Mitte des ^ achtzehnten Jahrhunderts abgebrochen, und durch die Erweiterung des Bürger- spitales überbaut. Ihre Gestalt war eben nicht ansehnlich, mit einem hohen spitzen Thurm. — 4. Kirche und Kloster der Himmelpförtnerinnen in der Rauhensteingasse, wurde schon 1230 von Constantia, Tochter Bela's III. von Ungarn und Witwe Ottokars!, von Böhmen, gestiftet, von Agnes, Königin von Ungarn, Tochter Kaisers Albrecht I., 1320 erneuert. Der Name „Himmelpförtnerinnen" stammt aus einer schönen Legende, wonach einst eine Pförtnerin, von den Lüsten der Welt verlockt, das Kloster soll verlassen haben und nach langer Zeit reuevoll zurückkehrte, wo ihr die Himmelskönigin, die während ihrer Abwesenheit das Pförtneramt selbst verwaltete, im vollen Glanz erschien, und ihr die Schlüssel wieder zustellte. Das Stift war von mehren Edlen und Bürgern reich begabt, und besaß Grundbücher in der Stadt, den Vorstädten, beson- * 22 340 ders übe»- den noch heute sogenannten Himmelpfortgrnnd. 1783 aufgehoben, wurden Kirche und Kloster abgebrochen, die Bauplatze verkauft und zu Privat- wohnungen verbaut. Das Aeußere von Kirche und Kloster, schwarz und alter- thümlich, bot in Rücksicht auf Architektur nichts Ausgezeichnetes dar; crstere hatte einen kleinen blechgedeckten Thurm. Das wunderthätige Gnadenbild der Kirche, allgemein unter dem Namen der Hausmutter bekannt, wurde nach St. Stephan übertragen. — 5. Kirche und Nonnenkloster zu St. Nikolaus in der Singerstraße. Die ersten Svuren davon finden sich schon im Jahre 1275, in der Folge wurden Kirche und Kloster bedeutend vergrößert. Erstere war ein recht hübsches, obschon nicht großes Gebäude, mit Doppelfenstern und einem netten i blechgedecktcn Thurm an der Ecke in die Grünangergasse. 1782 wurde Kirche ! und Kloster aufgehoben, abgebrochen, und der Platz mitPrivathäusern verbaut. — 6. Kirche und Kloster zu Sc. Joseph in der Stcrngasse. An diesem Platze hatten unter Kaiser Ferdinand II. die Juden unbefugter Weise den Grundstein zu einer Synagoge gelegt. Der Fiscus confiscirte diesen Platz und die Kaiserin Eleonore stiftete daselbst 1628 ein Kloster der heil. Theresia für Carmeliterinnen. Indem das Kloster aus mehren Häusern zusammengebaut wurde, von welchen eines das Schild zu den sieben Büchern führte, so nannte man es auch fortan bis zur Aufhebung: zu den Siebenbüchnerinnen, welcher Name sich im Volksmunde auch in Siebenbürgerinnen verwandelte. Nach der Aufhebung 1783 wurde Kloster und Kirche, deren Gestalt jedoch fast ganz unverändert blieb, zu einem Unter- suchungs- und Strafort für politische Vergehen, das sogenannte Polizeihaus, verwandelt. — 7. Kirche und Kloster der Jakoberinnen in der Riemer- und Jakobergasse. Schon Leopold V., Sohn des heil. Leopold, erbaute auf diesem Platze eine Kapelle zu Ehren des heil. Jakob. Bald darauf entstand auch ein Kloster daselbst. Nach dem großen Brande 1256 erfolgte der neue Bau. 1627 ! abermals durch Feuer zerstört, wurde Kirche und Kloster von Neuem aufgebaut, i 1700 wurde die letzte Hand angelegt, da diese Jahreszahl auf dem Kirchendache ^ in Pfeffels schätzbaren Abbildungen zu sehen ist. Nach der Aufhebung 1783 ! wurde die nicht eben ansehnliche Kirche und der sogenannte Jakoberhof abge- ! krochen und verbaut, im Klostergebäude und dem Nebenhause aber das kaiserliche Stempelamt und Labakapaldo, dann die Staarsgüter-Administration und die orientalische Akademie untergebracht. — 8. Kirche und Nonnenkloster zu St. Lo- ^ renz auf dem alten Flcischmarkte, wurden um 1320 von Friedrich dem Schönen gestiftet, und von Rudolph IV. erweitert. 1630 erfolgte abermals eine Ver- ! größerung. Die Canonissimien weihten sich auch der Erziehung adeliger weiblicher Jugend. 1783 erfolgte die Aufhebung, und an die Stelle von Kloster, Kirche und den Zuhäusern wurde später das sogenannte große Lorenzergebäude hergestellt, worin sich das Bücherrevisionsamt und mehre Buchhaltereien befin- ! den. — s. Kirche oder Kapelle der Theatiner zu St. Eajetan. Dieselbe befand > sich, 1703 durch den Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz, Cardinal und Bischof zu Raab, gestiftet, neben der Hohenbrücke rechts an der zweiten Ecke, 341 und wurde 1782 aufgehoben. — 9- St. Katharinakirche im Kaiserspitale, hart an s der Minoritenkirche, wurde 1251 ocnLeopold dem Glorreichen erbaut. 1551 mit ' dem Spitale vereinigt, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts aber abgebrochen. — 10. Kirche und Chorherrenstift zu St. Dorothea, durch Albrecht II. 1357 gestiftet, durch Kaiser Albrecht II. 1410 in ein Chorherrenstift verwandelt und bedeutend vergrößert. Seit dieser Zeit nahm auch die früher sogenannte Farbergasse den Namen Dorotheergaffe an. 1705 wurde die Kirche abermals renovirt, erhielt zwei zierliche blechgedeckte Thürme und einen schönen Fronton, Links und rechts schlossen sich die stattlichen Dorotheerhöfe an. Die Vorsteher des Stiftes waren infulirte Pröpste, es besaß große Güter und Grundbücher. 1782 wurde das Stift St. Dorothea mit Klosterneuburg vereinigt, die Kirche ent- ^ weiht, in derselben und dem Stiftsgcbäude das Versatzamt untergebracht, und aus den übrigen Gebäuden der große Klosterneuburgerhof hergestellt, und die Neuburgergaffe zur unmittelbaren Verbindung der Spiegel- und Dorotheergaffe eröffnet. Die Form der Kirche, so wie die Gestalt dessen Frontons, ist noch ersichtlich. — II. Kirche der Philippi-Nerianer zur heil. Dreifaltigkeit im sogenannten Lazenhofe, welche schon unter Leopold dein Glorreichen 1204 gegründet, 1701 aber den genannte» Geistlichen übergeben wurde. 1783 erfolgte die Aufhebung.— 12. Kapelle der Hieronymiter im Kölnerhofe, entstand um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, und wurde ebenfalls 1783 aufgehoben. — 13. Kirche zu St. Magdalena auf dem Stephansfrcithofe gegen die Kärnthnerstraße, war ein uraltes Gebäude, muthmaßlich älter als die Stephanskirche selbst, lieber die Zeit ihrer Gründung findet sich nichts Urkundliches. Baufällig und dem Einsturze nahe, wurde sie nach dem Brande 1781 abgebrochen. Voch bestehende Kirchen und Klöster in den Vorstädten. 1. Pfarrkirche zu St. Karl Borromeo auf der Wieden, von KaiserKarl VI. 1736 in Folge eines Gelübdes während der Pest im Jahre 1713 im schönen Style erbaut, worauf auch die Inschrift auf dem Portale weiset: Vota mea reüilam in eonspvel» timentiuni »l«um. Sie ist den Krenzherren mit dem rothen Stern, dessen Generalat sich in Prag befindet, übergeben. — 2. Pfarrkirche zu den heil. Schutzengeln aus der Wieden, sogenannte Panlanerkirche, wurde 1627—1651 für den Paulaner-Orden erbaut, welcher schon im ersteren Jahre in Wien ausgenommen worden war. Nach dessen Aufhebung 1784 wurde die Kirche zur Pfarre. Das Aeußcre ist noch ganz unverändert; 1834 aber erhielt die Kirche einen neuen kupfergedecklen Thurm. — 3. Kirche zur heil. Thekla mit dem Ordenshause der Piaristen auf der Wieden, 1754 erbaut. — 4. Pfarrkirche zu St. Florian in Matzleinsdorf, wurde 1725 erbaut, und hat daS Eigene, daß sie in der Mitte der Straße steht. — 5. Kirche zur heil. Thekla und Ordenshaus der Piaristen auf der Wieden, Hauptstraße, 1754 erbaut. — 6. Pfarrkirche zu 342 ! St. Joseph in Margarethen, auch wegen einer grafl. Sonau'schcn Stiftung unter den Namen Sonnenhof bekannt, wurde 1768 erbaut. — 7. Pfarrkirche zu St. Aegid in Gumpendorf, in ihrer jetzigen Gestalt 1765—1770 erbaut. — ! 8. Pfarrkirche zu St. Joseph ob der Laimgrube, 1692 für die Carmeliter neu erbaut. 1784 nach deren Aufhebung wurde die Kirche zur Pfarre, in das Klostergebäude aber kam die große Arbeits- und Besserungsanstalt. — 9. Kirche zum heil. Kreuz ob der Laimgrube, zu der Ingenieur-Akademie gehörig, wurde 1736 erbaut, 1749 erneuert. Die Bauart des Thurmes ist besonders schon. — 10. Pfarrkirche zu Mariahilf, 1689 statt einer früher an dieser Stelle befindlichen Kapelle erbaut und in der Folge mehrmals erneuert, den Barnabiten eingeräumt. — 11. Pfarrkirche zu St. Ulnch, auch Maria Trost genannt, wurde 1721 neu erbaut, in der Folge einige Male renovirt. — 12. Kirche zu Maria Schutz, mit dem Ordenshause der Mechitaristen zu St. Ulrich, wurde 1600 j für die Kapuziner erbaut, 1684 neu hergestellt, und 1810 den Mechitaristen übergeben, welche sich 1835 ein prachtvolles Klostergebäude errichteten. — 13. Pfarrkirche zu St. Lorenz auf dem Schottenfeld, 1784—1787 erbaut. — 14. Pfarrkirche zu den sieben Zufluchten genannt (Gott Vater, Sohn und heil. Geist, das Sacrament des Altars, die Jungfrau Maria, alle Heiligen, und alle abgeschiedenen Christgläubigen) in Altlerchenfeld, 1779—1782 erbaut. — 15. Pfarrkirche zu Maria Treu in der Josephstadt, mit dem Collegium der Plansten, erbaut 1698.—16. Pfarrkirche zur heil. Dreifaltigkeit mit dem Kloster der Minoriten in der Alservorstadt, 1695—1702 erbaut von den Trinitariern, einem Orden zur Erlösung der gefangenen Christen, nach deren Aufhebung 1784 den Minoriten übergeben, die aus der Stadt hieher versetzt wurden.— 17. Kirche zur heil. Dreifaltigkeit, zum Waisenhaus gehörig, in der Alservorstadt, ^ 1722 zu dem damaligen sogenannten spanischen Spital erbaut. —18. Kirche zu ! St. Johann dem Täufer in der Alservorstadt, zu dem allgemeinen Krankenhaus i gehörig, 1579 erbaut. — 19. Pfarrkirche zu den 14 Nothhelfern im Liechtenthal, 1712 erbaut. — 20. Pfarrkirche zu Maria Verkündigung mit dem Kloster der Scrviten in derRoßau, 1661 von Fürst Octavio Piccolomini gestiftet, 1770 neu erbaut. — 21. Pfarrkirche zum heil. Leopold in der Lcopoldstadt, wurde 1670 nach der Vertreibung der Juden an der Stelle ihrer Synagoge erbaut, 1723 vergrößert. — 22. Pfarrkirche zur heil. Theresia und Kloster der Carmeliten in der Leopoldstadt, 1624 erbaut, 1639 vergrößert.— 23. Pfarrkirche zum heil. Johann in der Leopoldstadt, Praterstraße, 1780 erbaut. Gegenwärtig ist an deren Stelle eine größere Kirche für die Vorstadt Jägerzeile im Bau begriffen. — 24. Kirche und Kloster der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt, mit dem Krankenhause 1624 gegründet, 1692 neu erbaut.— 25. Pfarrkirche zur heil. Margaretha in der Weißgärber-Vorstadt, 1690 erbaut, jedoch erst 1746 eingeweiht. — 26. Pfarrkirche zu St. Peter und Paul in Erdberg, 1771 an der Stelle der alten Pfarrkirche, die schon 1394 entstanden war, ne» erbaut, 1813 erneuert. — 27. Pfarrkirche zu St. Rochus und Sebastian auf der Landstraße, 343 1642 erbaut und den Augustinern eingeräumt, nach der türkischen Belagerung 1684 neu hergestellt. In der französischen Invasion 1805—1809 diente das Kloster als Feldspital. Die wenig übriggebliebenen Augustiner wurden in den Bürgerhäusern untergebracht, bis 1812 das Los der Aufhebung über sie erging. — 28. Die Pfarrkirche zu Maria Geburt auf dem Rennweg, 1786 erbaut.— 29. Kirche und Kloster der Salesianer-Nonnen auf dem Rennweg, 1719 gegründet. — 30. Kirche zur heil. Elisabeth mit dem Kloster und Krankenhause der Elisabethinerinnen, 1710 gegründet. — 31. Kirche und Kloster der Redemto- ristinnen, 1834 neu in geschmackvollem alt-italische» Style gebaut. — 32. Kirche zum heil. Kreuz am k. k. Gartengcbäude auf dem Rennweg, 1755 erbaut. Von den Kapellen in den Vorstädten sind die merkwürdigsten: St. Brigitta-Kapelle in der Brigittenau, 1642 an der Stelle erbaut, wo das Zelt des Erzherzogs Leopold Wilhelm während der schwedischen Belagerung gestanden hatte (siehe Seite 122). — Kapelle zum heil. Markus (St. Marx) im schonen altdeutschen Style, 1410 erbaut.— Kapelle zur heiligen Rosalia im Srarhemberg'- schen Freihause auf der Wieden, 1660 erbaut. — Kapelle zum heiligen Johannes den Täufer in der Vorstadt Thury, 1713 erbaut, 1764 vergrößert.—Kapelle zur heil. Theresia mit dem Reconvalescentenhause der barmherzigen Brüder auf der Landstraße, erbaut 1734. Aufgehobene Kirchen und Klöster in den Vorstädten. Viele Gotteshäuser und geistliche Stiftungen gingen bei der zweimaligen türkischen Invasion 1529 und 1683 zu Grunde, da beide Male die Wiener Vorstädte theils vorsichtsweise von den Belagerten selbst, theils durch den wüthenden Feind zerstört wurden. Nach Lazius (k«r. Vien.) gehören unter diese Zahl: Das große Frauenkloster zu St. Nikolaus vor dem Stubenthore, das Frauenkloster zu St. Margareth, ein Gotteshaus zum heil. Geist und zu St. Anton, dann die Kirchen zu St. Johann, zu St. Loloman, zu St. Wolfgang, zu St. Philipp und Jakob, zu St. Martin, welche größtentheils auf der Landstraße, Wieden und in den sogenannten Lucken oder Häuserreihen, welche damals das ganze Glacis und die Stadt bedeckten, gestanden. Ferner das Frauenkloster zu St. Magdalena außer dem Stubenthore, endlich die Kirche und das Franziskanerkloster zu St. Theobald auf dem sogenannten Getreidemarkt, welche von den Türken 1529 zerstört, 1620 wiederhergestellt und 1683 von den Türkenabermals so beschädigt wurden, daß an keine Wiederherstellung mehr gedacht wurde. Gegenwärtig befindet sich das städtische Kornmagazin darin. Der Bau zeigt jedoch noch deutlich eine gewesene Kirche an. Die in neueren Zeiten aufgehobenen Kirchen und Klöster sind: Kirche und Kloster zu St. Maria de Monteserrato der Benediktiner, sogenannten Schwarzspanier, 1632 gestiftet und 1690 neu erbaut. Damit war der sogenannte 344 ' kaiserliche oder Mariazeller Gottesacker mit einer Kapelle verbunden, auf welchem ^ sich doppelt gedeckte Gange mit vielen Monumenten befanden. Pfeffel hat uns in seinem geschätzten Werke dessen Ansicht aufbehalten. 1782 erfolgte die Aufhebung. Die Kirche wurde Anfangs Garnisonskirche der Alserkaserne, aber in der Folge entweiht, und enthalt jetzt ein großes Militärmagazin. Die Klostergebäude wurden an Private verkauft, der Gottesacker überbaut. Das Kirchlein zu Maria Heimsuchung zum Klagbaum auf der Wieden wurde sammt dem Spirale daselbst schon 1267 gestiftet, IS81 und 1684 neu hergestellt. Durch Kaiser Joseph II. wurde das Spital aufgelassen, die Kirche abgetragen, und nur die noch heute bestehende Klagbaumgaffe erhält ihr Andenken. Die kleine Kirche zu St. Augustin, welche sich auf dem Bürgerspitals- Gottesacker in der Nähe der Karlskirche befand, sie wurde 1S71 erbaut. Als im Jahre 1784 die sämmtlichen Gottesäcker innerhalb den Linien aufgehoben wurden, wurde die Kirche abgebrochen und der Platz mit der Karlsgasse und i später mit dem polytechnischen Institute überbaut. Die St. Nikolauskirche auf > dem Gottesacker der Landstraße, 1698 erbaut, wurde zu eben der Zeit abgebrochen. Außerdem wurden, wie bereits erwähnt, aufgehoben: Die Trinitarier oder sogenannten Weißspanier in der Alservorstadt, die Kapuziner bei St. Ulrich, I die Carmeliter ob der Laimgrube, die Paulaner auf der Wieden, die August!- ! ner auf der Landstraße, doch blieben die Kirchen wie sie waren und nur die > Klostergebäude erhielten eine andere Bestimmung. H. Die Bürgermeister von Wien bis auf die heutige Zeit. Seit Ertheilung der großen Handfeste Kaisers Albrecht II. (siehe S. 26), war dem Rathe der Stadt ein Bürgermeister als Hääpt vorgesetzt. Früher, besonders zur Zeit der Babenberge, war bald dieser, bald jener Beamte das Oberhaupt, so z. B. 1204 Gottfried der Stadtkämmerer, 1209 Dietrich der Münzmeister, 1242 Otto der Stadtrichter. Der erste Bürgermeister, den die Annalen aufbewahreu, hieß Konrad Poll und wurde 1280 erwählt; ihm folgten: 1306 Heinrich Krönest, 1327 Stephan Kriegler, 1308 Heinrich von Meißen, 1329 Heinrich Lang, 1312 Niklas von Effing, 1333 Hermann Snetzel, 1317 Nikolaus Poll, 1334 Hermann Hussein, 1318 Hermann Hussein, 1836 Dietrich Urbetsch, 1319 Otto von Wilsersdorf, 1837 Konrad von Eßling, 1324 Nikolaus Poll, 1340 Konrad Wildwerker, 345 l 1344 Hagen von Spillberg, l 1345 Heinrich Zaunrieder, ! ^Friedrich von Tirna, Dietrich Flußhardt, 1353 Heinrich Würffel, 1354 Dietrich Flußhardt, 1355 Leopold Polz, 1356 Heinrich Streicher, 1357 Haunold Schuchler, 1358 Leopold Polz, 1360 Nikolaus Poll und Heinrich Streicher, 1361 Haunold Schuchler, 1363 Hans von Tirna, 1364 Friedrich Rüschl, 1365 Lukas der Hansgraf, 1367 Thomas Schwemlein, 1368 Nikolaus Würfel, 1372 Ulrich Rossel, 1873 Paul Holzkäufel, 1374 HanS am Kienmarkt, 1576 Paul Holzkäufel, 1377 Konrad von Eßling, 1378 Michael Gepkrammer, 1381 Hans am Kienmarkt, 1386 Paul Holzkäufel, 1389 Michael Gepkrammer, 1396 Paul Holzkäufel, 1397 Paul Würfel, 1398 Jakob Dorn und HanS der Rock, 140» Paul Holzkäufel, 1401 Berthold Lang, 1402 Paul Würfel, 1403 Haunold Schuchler, 1404 Konrad Vorlauf, 1405 Paul Würfel, 1406 Rudolph Angerfelder, 1407 Konrad Vorlauf, 1408 HanS Feldsperger, 1410 Albrecht Zietter, 1413 Rudolph Angerfeldcr, 1415,. Stephan Scherfenberger, 1420 Hans Wüsterer, 1424 Konrad Holzler, 1426 Hans Scherfenberger, 1427 Paul Würfel, 1429 Niklas unterm Himmel, 1430 Konrad Holzler, 1434 Haus Steger, Ritter, 1438 Hans Haringseer, 144t HanS Steger, 1442 Andrä Hildtbrand, 1444 Hans Haringseer, 1446 Niklas Täschler, 1447 Hans Steger, 1449 Georg Schuchler, 1450 Konrad Holzler, 1451 Leopold Teschler, 1452 Oswald Reicholf, Ritter, 1453 Thomas Schwarz, 1454 Oswald Reicholf, 1455 Konrad Holzler, 1456 Niklas Teschler, 1458 Lorenz Hayden und Jak. Stark, 1451 Christian Brenner, . (Sebastian Ziegelhaußer, ^"^Wolfgang Holzer, ,^„l Friedrich Cbmer, Ulrich Matzleindorfer, 1467 Andreas Schonbrukner, 1473 Johann Haindl, 1474- Ulrich Matzleindorfer, 1475 Johann Haindl, 1480 Stephan Oen von der Landstraße, 1481 Lorenz Hayden und Niklas Teschler, 1485 Stephan Oen, 1437 Lorenz Radauer, 1488 HanS Watzlauer, 1491 Paul Keck, 1494 Friedrich Gelrich, 1496 Leonhard Radauner, 1497 Paul Keck, 1501 Wolsgang Rieder, 1503 Wolfgang Zauner, 1506 Paul Keck, 1509 Wolfgang Rieder, 1510 Paul Keck, 1511 Hans Sieß, 1513 Hans Kuchler, 1514 Friedrich Pursch, 1515 Hans Kaufmann, 1516 Hanns Sieß, 1517 Leopold PudmannSdorfer, 1519 Hans Riener gegen Joh. Sieß, 1522 Gabriel Gutrath von Lausten, 1524 Johann Sieß, 1526 Sebastian Sulzböck, 1527 Roman Staudingcr, 1528 Wolfgang Trotz, 346 1531 Marti» Eißler, 1532 Wolfgang Troy, 1534 Johann Pulcheimcr, 1536 Wolfgang Troy, 1538 Hermann Schallautzer, 1540 Paul Bernsns, 1542 Stephan Denk, 1547 Bastian Schrantz, 1549 Bastian Huetstocker. 1551 Christoph Heide», 1553 Bastian Huetstocker, 1556 Franz Uibermann, 1558 Georg Brandstetter, 1569 Thomas Siebenbürger, 1562 Hermann Bayer, 1565 Matthias Brunhofer, 1566 Johann Uibermann, 1568 Georg Brandstetter, 1579 Johann von Tan, 1576 Christoph Huetstoker, 1578 Johann von Tau, 1589 Bartholomä Prantner, 1582 Johann von Tau, 1584 Bartholomä Prantner, 1586 Oswald Hnetendorfer, 1588 Johann von Tau, 1599 Georg Fürst der Aeltere, 1592 Bartholomä Prantner, 1596 Paul Steyrer, 1598 Oswald Hnetendorfer, 1699 Andreas Rieder und Georg Fürst, 1692 Georg Fürst, 1694 Augustin Hafner, 1698 Lukas Lauser, 1619 Daniel Moser, 1614 Veit Rösch, 1616 Daniel Moser, 1623 Paul Wiedemann. 1626 Daniel Moser, 1638 Christoph Faffalat, 1649 Konrad Pramber, 1646 Kaspar Bernhard, 1649 Hans Georg Dietmayer, 1654 vr. Thomas Wolf Pucheneggcr, 1656 Johann Georg Dietmayer, 1669 Johann Christian Holzner, 166t Johann Georg Dietmayer, 1668 Johann Christian Holzner, 1679 Daniel Lazar Springer, 1674 vr. Peter Sebastian Fügcnschuch, 1678 Daniel Lazar Springer, 1689 Joh. Andrä von Liebenberg, 1684 Simon Stephan Schuster, 1678 Daniel Fokz, 1692 Johann Ferdinand Peikhart, 1696 Jakob Daniel Tepser, 1799 Johann Ferdinand von Peikhart, 1794 Jakob Daniel Tepser, 1798 Johann Ferdinand von Wenighofer, 1713 I. Lorenz Trunk von Guttenberg, 1717 vr. Joseph Hartmann, 1721 Franz Johann Hauer, 1725 Johann Hartmann, 1727 Franz Johann Hauer, 1729 Johann Franz Purk, 1731 vr. Franz Daniel Edler v. BartuSka, 1733 Andreas Ludwig Leitgeb, 1737 Johann Adam von Zahlhaimb, 1741 Itr. Peter Joseph Koffler, 1764 Leopold Gruber, 1765 Johann Anton Bellefini, 1767 Leopold Gruber, 1773 Joseph Georg Hörl, 1894 Stephan Edler von Wohlleben, 1823 Anton Lumpcrt, 1835 Anton Edler von Leeb, 1838 Ignaz Czapka Ritter von Winstetten. l l 1 347 ! ILI. Kurze Geschichte der Entstehung der Wiener Vorstädte. Das eigentliche stabile Daseyn der Vorstädte Wiens datirt sich erst seit ungefähr ILO Jahren, wo nach dem Verschwinden der Türkengefahr sich allmä- lich die schöne Hülle um den Kern der Stadt zu runden begann, welche gegenwärtig in ihrem weiten Umfange nicht nur die innere Stadt an Größe und Häuserzahl weit überbietet, sondern auch die herrlichsten Prachtgebände, die i zweckmäßigsten öffentlichen Anstalten, Kunstsammlungen rc. umfaßt. I» älterer t Zeit waren es theils einzelne, nur zufällig der Stadt nahe liegende Dörfer, wie z. B. Erdberg, Zaismannsbrunn, Sporkenbühel, das Croatendörfel, Gum- pendorf rc., oder wohl gar nur einzeln liegende Höfe und Wirthschaflgebäude, ^ wie z. B. der Hundsthurm, Margarethen, der rothe Hof rc. Die eigentlichen Vorstädte bestanden damals in Gewerbhallen, kleinen Häuserreihen und Gruppen (sogenannten Lucken), welche auf dem heutigen Glacis standen, und theilweise bis hart an den Graben, an die Thöre und Thorthürme stießen, und welche in alten Ansichten, z. B. von Merian, M. Bischer rc. noch ersichtlich sind. Die bedeutendsten dieser Lucken, deren Namen sich noch zum Theil bis auf die jetzige Zeit erhalten, waren die Kleberluckcn vor dem Stubenthore, die Neulucken an der Wien, die Refel-, Koth-, Schebenzerlucken vor dem Kärnthnerthore, die Kater-, Schaufler-, Brunn- und Kumpflucken, vom Kärnthner- bis zum Widmer-, Holz- oder gegenwärtigen inneren Burgthor; die Rosenlucken gegen das Schot- ! tenthor rc. Sie waren meistens mit Zäunen umfriedet und zwischen den Häusern mit Bäumen bepflanzt. Bei dem großen Ausbuge der Wien, hinter der Kleber-, ! Neu- und Refellucken, zwischen dem Kärnthnerthore und dem heutigen Karoli- ! nenthore, befand sich damals der Ochsenmarkt. Bei der ersten türkischen Belagerung 1529 wurde» die meisten dieser Lucken abgebrannt und zerstört. Nothdürftig wieder hergestellt, und durch neue größere Gebäude in weiterer Entfernung von der Stadt vermehrt, erlitten sie bei der zweiten 1683 dasselbe Schicksal und wurden nun gänzlich rasirt. Nach dieser Zeit entstanden erst die meisten heutigen Vorstädte, die über 600 Schritte durch das Glacis von der Stadt getrennt, und in Folge der Einfälle der mißvergnügten Ungarn 1711 durch die Linienwälle (von der Donau bei Erdberg bis wieder an die Donau bei Liechtenthal) in einem Umkreise von 7080 Klaftern vom offenen Lande abgeschlossen wurden. Die einzelnen Vorstädte sind in dieser Reihenfolge nachstehende: 3L8 1. Erdberg, als Dorf und landesfürstliches Eigenthum bereits unter den Babenbergen urkundlich bekannt. Hier wurde 1199 König Richard der Löwen- herzige von England in der Verkleidung eines Koches entdeckt und gefangen genommen. (Siehe S. 14.) Gegenwärtig hat es 4V8 Häuser mit 7171 Einwohnern. Das Siegel ist nach der Sitte des siebenzehnten Jahrhunderts, in welchem erst die Vorstädte mit Wappen und Siegel begabt wurden, gesucht analogisirend eine Erdbeere, weil diese Vorstadt in dem Munde des Volkes auch gewöhnlich Erdbeer genannt wurde und wohl noch wird. Grundherrschaft ist der Magistrat. 2. Weisigärbervorstadt war ebenfalls schon als Dorf 11S8 unter dem Namen Weihrochberg bekannt, woraus sich vielleicht der jetzige Name eben so gut und vielleicht besser ableiten läßt, als von den Lederern und Weisigärbern, die vor der ersten türkischen Belagerung daselbst gewohnt habe» sollen. Gegenwärtig besteht der größte Theil der Bevölkerung aus Fleischhauern und Kuchengärtnern. Die Vorstadt, welche 116 Häuser und 1900 Einwohner enthält, hat unter allen Vorstädten das dorfmäßigste Ansehen. Das Wappen ist: Zwei über einen Strauch springende Böcke, auch symbolisirendeS Zeichen der Weißgärber. Grundherrschafl ist der Magistrat. 3. Landstraße, wozu gegenwärtig auch der Rennweg und die Ungargasse (erstere noch 1710 selbständige Vorstadt) gehöre». Bewohnt war diese Gegend auch schon unter den Babenbergen; ihr Name ist uralt und stammt wahrscheinlich schon von dem großen Straßenzuge von Vindobona nach Carnunt. Die steinene Brücke über die Wien baute schon Herzog Albrecht IV. 1400. Der Name des Rennweges stammt daher, weil daselbst der Turnplatz, der Ort des damals so beliebten Wettlaufens und des sogenannten Scharlachrennens gewesen. Unter Ferdinand I. erfolgte die Vergrößerung dieser Vorstadt, die in heutiger Zeit so zugenommen hat, daß sie gegenwärtig über 671 zum Theil sehr prachtvolle Häuser und 26,995 Einwohner zählt. Hier bestand auch i» dem jetzigen Gerichtshause auf dem Platze zwischen der Hauptstraße und Ungargasse durch längere Zeit im vorigen Jahrhunderte ein Schauspielhaus, das mit der Entstehung von jenem auf der Wieden (im Freihause) wieder aufhörte. Das Wappen ist St. Augustin, von dem hier bestandenen Augustinerkloster. Die Grundherrschaft ist der Magistrat. ! 4. Wieden (Alte und Neue). Vielleicht die älteste eigentliche Vorstadt ^ " Wiens, so wie die größte, indem sie in 921 Häusern bei 40,000 Einwohner ! ! zählt. Ueber den Ursprung des Namens gibt es verschiedene, mehr oder weniger beglaubigte Vermuthungen. Nach Einigen rührt er davon her, daß hier einst ! eine Viehweide gewesen, Andere beziehen ihn auf die Nähe des Widmerthores, ^ Beides ziemlich vage Vermuthungen. Hormayr muthmaßt vielleicht mit mehr Recht, es sei blos der slavische Name einer Stadt, Wjden, obwohl man nicht ! weiß, woher wieder gerade hier ein slavischer Name kommen soll. Vielleicht aus Ottokars Zeit? — Obschon seit 1211 urkundlich bekannt, was obiger Ver- 34S muthung mehr Raum gibt, erhielt diese Vorstadt erst in neuerer Zeit ihre gegenwärtige Gestalt. Die neue Wieden ist natürlich der neueste Bau, indem die Gegend derselbe» noch um 1700 von Weingärten überdeckt war. Die Paniglgasse soll die älteste Gaffe seyn; sie hieß vor Zeiten Planklergasse, woraus wohl ihr jetziger Name geradebrecht ist. Das Starhemberg'sche Freihaus (siehe S. 155) bildet eine eigene Herrschaft, Konradswerth. Siegel der Wieden ist abermals ungeschickt symbolisirend: ein Wcidenbaum (im Munde des Volkes Wieden genannt). Grundherrschaft ist der Magistrat. 5. Schaumburgergruud, eine kleine, erst vor Kurzem angelegte Vorstadt mit S1 Häusern und 2397 Einwohnern. Siegel ist das gräflich Starhemberg'- ! sche Wappen, welches adelige Geschlecht die Grundherrlichkeit besitzt. , 6. Hungelbrunn oder Hungerbrun», eine bereits 1443 erwähnte, mit Weingärten bebaute Gegend, die einen Brunn enthalten haben soll, der sich aber nur in Mißjahren erschloß, woher der Name. 1609 entstanden die ersten Häuser daselbst, deren Zahl noch gegenwärtig nicht mehr als I I mit 1l13Ein- j wohnern beträgt. Magistratischer Freigrund. 7. Lorenzergrund, entstand fast gleichzeitig mit dem eben genannten, und war Eigenthum des Klosters der Lorenzerinnen in der Stadt, woher sein Name. Erzählt 16 Häuser mit nur 546 Einwohnern. Das Siegel ist der Rost des heil. Lorenz. Magistratischer Freigrund. 8. Matzleinsdorf, bereits schon urkundlich in den Tagen Herzogs Al- brecht II. 1305, war jedoch damals fast durchaus mit Weingärten überbaut. Anfangs des achtzehnten Jahrhunderts hatten die meisten BautenStatt. Die Vorstadt hat 131 Häuser und 12,636 Einwohner. Siegel ist St. Florian. Grundherrschaft der Magistrat. 9. Nikolsdorf, kommt zuerst als Weingartengrund 1486 vor, zu welcher Zeit diese ganze Gegend Bcrnhardsthal hieß. Später gehörte der Grund zu dem in der ersten türkischen Belagerung zerstörten Frauenkloster St. Nikolaus vor dem Stubenthore, woher sein Name. Hier befand sich auch das Lager des Ungarkönigs Matthias Corvinus, als er Wien belagerte und eroberte (siehe S. 74). Die Vorstadt zählt gegenwärtig 48 Häuser mit 1300 Einwohnern. Siegel ist St. Nikolaus. Magistratischer Freigrund. 10. Margarethen. Hier befand sich schon in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts ein von Weingärten umgebenes Schloß, welches 1363 die bekannte Margaretha Maultasche (siehe S. 38) bewohnte, und ihm wahrscheinlich den Namen gab. M. Bischer bewahrt uns in dessen werthvoller Topographie (1672) dessen Ansicht. Es war von kleinen Häuser» umgeben. Erst Anfangs des achtzehnten Jahrhunderts bildete sich die Vorstadt, welche jetzt 177 Häuser ! und 5781 Einwohner zählt. Siegel ist St. Margaretha. Magistratischer Freigrund. ! 11. Hundsthurm. Unter Kaiser Matthias, welcher das alte Jagdschloß ^ Schönbrunn erbaute, entstand hier ein thurmähnliches Gebäude für die Jagdhunde, der Hundsthurm genannt, dessen Ansicht uns ebenfalls Bischer in seiner 351 » oftgenannten Topographie aufbewahrte, und welcher den Grund zu dem noch heute- ! bestehenden herischaftliche» Gebäude legte. Anfangs des achtzehnten Jahrhun- ! dertes entstanden neue Häuser auf dem ausgebreiteten Weingartengrunde. Die ! Vorstadt zählt jetzt 160 Häuser mit 4SSL Einwohnern. Das mühsam gesuchre Siegel ist ein Thurm mit offener Pforte, in deren Mitte ein Hund steht. Die Vorstadt bildet eine eigene Herrschaft, welche im Jahre 1842 der Magistrat von dem Herrn von Seidel erkaufte. > 12. Reinprechtsdorf, als Eigenthum der Bürgerfamilie der Rampers- ^ dorfer schon 1363 bekannt, und mit Weinreben bebaut. Anfangs des achtzehn- > ten Jahrhunderts als Vorstadt angebaut. Sie enthält 25 Häuser und 753 Einwohner. Das Siegel ist ein Reichsapfel mit dem Kreuze. Grundherrschaft ist der Magistrat. ! 13. Magdalenengrund, im gemeinen Leben Ratzenstadtl genannt, ein alter ! Grund, mit 27 Häusern und 1264 Einwohnern, welcher zu der Magdalenakirche gehörte, und im siebzehnten Jahrhundert mit Häusern bebaut wurde. Das j Siegel ist St. Magdalena. Grundherrschaft der Magistrat. ! 14. Gumpendorf, eine der ältesten Vorstädte Wiens, schon unter den Babenbergen Dorf-Eigenthum der Herren von Gumpendorf. Hier wurden auch viele römische, ja alt-hebräische, und wie Einige wollen, z. B. Lazius, nach ihm Fuhrmann, phönizische Denkmale gefunden. In neuerer Zeit bedeutend vergrößert, enthält die Vorstadt jetzt 484 Häuser mit an 16,000 Einwohnern. Siegel: drei Lilien. Magistratischer Freigrund. 15. Windmühle, ist ein noch übriger Theil der alten Brunn-, Kater- und Kothluckcn, die aber weiter gegen die Stadt zu reichten. Auf der Höhe gegen Gumpendorf zu standen vor Zeiten mehre Windmühlen, welche zu der neuen Benennung nach der ersten türkischen Belagerung Anlaß gaben. Sie hat 110 Häuser und 7464 Einwohner. Siegel ist St. Theobald, von der Kirche , dieses Namens am Getreidemarkt (siche S. 343). Grundherrschaft ist der ! Magistrat. > 16. Laimgrube, ist urkundlich schon seit 1303 bekannt. Der Name soll ! ! von de» daselbst bestandenen Ziegelhütten herstammen, zu deren Behuf hier ! ^ Lehm (i>»8l, iscv Laim) gegraben wurde. Die ganze Gegend war jedoch 1551 noch unbebaut, und bestand blos aus Wein- und Safrangärten. Gegen 1630 § erfolgte erst der Aufbau von Häusern, und seit 1777 vergrößerte sich die Vorstadt zusehends. Sie zählt in 202 Häusern 8994 Einwohner. Das Siegel ist eine Kirche, ein Mönch und ein Blumenstock. Grundherrschaft der Magistrat. ! 17. Mariahilf. Diese mit einzelnen Häusern und Weingärten anfangs ^ bebaute Gegend hieß vorher »im Schöff," angeblich von der Einkehr der aus Bayern und Schwaben kommenden Schiffleute, die gewöhnlich hier ihre Her- ! berge nahmen, und vielleicht selbst in ihrer eigenen Mundart dem Orte den ! Namen gaben, der dann im Volksmunde bleibend ward, und bis gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gehört und geschrieben wurde. Seitdem 1660 ! _ ____ 35L ^ die Barnabiten das Gnadenbild dorthin versetzten, nahm es mit der Zeit den heutigen Namen an. Die Vorstadt hat IS8 Hauser mit 10,672 Einwohnern. Das Siegel ist noch immer ein Schiff mit vollen Segeln. Grundherrschafr ist das Metropolitankapitel zu St. Stephan. 18. St. Ulrich, gewöhnlich auch das Platzel und Maria Trost genannt. Hier stand vor Alters ei» Dorf, Zaismannsbrunn genannt; nach dessen Zerstörung bei der ersten Türkenbelagerung nothdürftig wieder hergestellt, erlitt es 1683 dasselbe Schicksal, und der Großvezier Kara Mustapha hatte hier sein reiches Gezelt. Von der Kirche nahm es in der Folge den Name» an. Die Vorstadt hat gegenwärtig 157 Häuser mit 6977 Einwohnern. Das Siegel ist Stift St. Ulrich. Grundherrschaft Stift Schotten. 19. Neubau und Neustift war früher ein Theil der vorigen Vorstadt, St. Ulrich obern Guts, wie jenes untern Guts genannt, erst in neuerer Zeit erfolgte die Trennung. Es hat 328 Häuser mit 17,797 Einwohnern. Das Siegel ist ein rothes Kreuz, darunter ein wachsender Mond. Grundherrschaft Stift Schotten. 20. Schotteufeld, eine erst durch den Schottenabt Benno seit 1780 entstandene Vorstadt, deren Boden vor dieser Zeit wirklich noch Feld war. Sie ist eine der schönsten und regelmäßigsten Vorstädte Wiens mit 507 Häusern und über 20,000 Einwohnern. Das Siegel ist jenes der Benediktiner-Abtei Schotten, welche auch Grundherrschaft ist. 21. Altlerchenfeld, eine alte Vorstadt, die schon urkundlich 1337 verkommt, und wie aus der Bauart mehrer Häuser, besonders in der Hauptstraße, zu entnehmen ist. Die ganze Gegend von Alt-, und dem vor der Linie liegenden Neulerchenfeld soll daher seinen Namen haben, daß hier einst ein mächtiger Lärchenwald ausgereutet und zu Felde gemacht worden sei; eine indessen nicht sehr glaubwürdige Angabe, indem sich diese Localität wohl zu keiner Zeit sehr zum Lärchenwuchs geeignet finden dürfte, und dieses ächte Gebirgsnadclholz nirgends in der Nähe mehr zu finden ist, sondern erst bei Heiligenkreuz und in der Nähe des Schneeberges. Treffender möchte die Vermuthung seyn, daß einst auf diesen ausgebreitcten Flächen ein großer Lerchenfang zum Vergnügen des Hofes ! errichtet war. Das alte Lerchenfeld zählt 238 Häuser mit 9303 Einwohnern. Das Siegel ist ein geviertes Feld, eins und vier leer, zwei und drei mit Querbalken, im Hcrzschilde eine Lerche. Grundherrschaft der Magistrat. 22. Josephstadt. Diese Gegend kommt unter dem Namen Buchfeld schon 1280 urkundlich vor, bestand jedoch bis zur zweiten türkischen Belagerung blos aus Weingärten, Ackerfeld und Gärten. 1690 wurde die Vorstadt durch den italienischen Marchese Malespina angelegt, und erhielt dem damaligen römische» ! Könige Joseph 1. zu Ehren ihren Namen. Seit einige» Jahren wurde sie durch Zubau prachtvoller Häuser gegen das Glacis bedeutend vergrößert und verschönert. Die Häuserzahl ist 230 mit 11,000 Einwohnern. Das Siegel ! St. Joseph. Grundherrschaft der Magistrat. S52 > -7'' j 23. Strozzischer Grund, wurde 1702 von dem, aus dem berühmten florentinischen Geschlechts stammenden Grafen Strozzi angelegt. Er zahlt 57 Hauser mit 2527 Einwohnern. Siegel: der österreichische gekrönte Bindenschild von zwei Löwen gehalten. Magistratisch. ! 24. Alsergrund. Die ganze Gegend hat ihren Namen von dem hier vor- ! beifließenden Bache Als (Alserbach), dessen Name schon im dreizehnten Jahrhunderte urkundlich verkommt, und mehren an seinen Ufern gelegenen Orten > den Namen gab, z. B. Hernals, Siechenals. Bebaut wurde dieser Grund schon ^ Anfangs des vierzehnten Jahrhunderts, seine Vergrößerung gehört jedoch neuerer ! Zeit an. Das große Spital, obschon nicht in jetziger Ausdehnung, bestand schon 1730, wie aus den Pfeffel'schen Ansichten erhellt. Mit der in der neueren Zeit damit vereinigten Währingergasse (daher auch Alser- und Währingergrund) zahlt man gegenwärtig daselbst 333 Hauser mit 16,360 Einwohnern. Das Siegel ist in Folge einer lächerlichen Namensverdrehung eine Elster (Alster im Munde des Volkes). Grundherrschaft der Magistrat. 25. Breitenfeld. Laut Urkunden vom Jahre 1281 hieß diese Gegend Eselhartsried, und bestand grofientheils aus Aeckern. Die Vorstadt entstand erst Anfangs des jetzigen Jahrhunderts durch den schon mehrmals genannten Schottenabt Benno Poinrner, und eben jetzt ist es im Werke, eine Kirche daselbst anzulegen. Sie hat 93 Häuser und 4573 Einwohner. Das Siegel ist jenes der Schotten-Abtei. 26. Michaelbeuernscher Grund. Derselbe kommt schon urkundlich 1226 vor. In früherer Zeit hing er jedoch mit dem Dorfe Währing zusammen, von dem er erst 1703 durch die Anlegung der Linien abgeschnitten wurde. Seinen Namen hat er von der ehemaligen Grundherrschaft, der Salzburgische» Benediktiner- Abrei Michaelbeuern. Die Zahl der Häuser ist 47, jene der Einwohner 1900. Siegel: St. Gebhard. Grundherrschaft der Magistrat. 27. Himmelpfortgrund, war früher ein Dorf, Namens Sporkenbühel, seinen jetzigen Namen erhielt es von den ehemaligen Besitzerinnen, den Chorfrauen zur Himmelspforte. Er hat 86 Häuser und 3281 Einwohner. Das Siegel ist ein Osterlamm. Grundherrschaft der Magistrat. 28. Thury. Früher ein Dorf, Siechenals oder St.Johann im Siechenals genannt, dessen Spuren bis zur Zeit der Babenberge reichen. 1529 durch die Türken zerstört, wurde bald darauf durch den kaiserlichen Hofdiener und Ziegelschaffer Johann Thury der neue Grund angelegt und erhielt dessen Namen. i Noch ist auf einem Hause die Inschrift zu lesen: Vor Alters hier ein Dorf stand Welches Siechenals genannt; Als man zälet 1529 Jar Von den Türken zerstöret war; Anjetzo als man 1546 sagt Johann Thury dies Haus erbauet hat. 353 ! Möge moderner, alles übertünchender Vandalismus dieses Denkmal unberührt lassen, obschon mir nach neueren Vorgängen dieser Art leider daran zweifeln müssen. Gegenwärtig zählt Thury 117 Häuser und 3954 Einwohner. Das Siegel ist St. Johannes der Täufer. Grundherrschaft der Magistrat. 29. Liechtenthal, im gemeinen Leben auch die Wiese genannt, da auf dessen Stelle vor Zeiten eine große Wiese stand, ist ein uraltes Liechtenstein'sches Eigenthum, und wurde von dem Fürsten Hans Adam Liechtenstein um 1702 zuerst mit Häusern bebaut. Da Kaiser Karl VI. 1712 den Grundstein zur Kirche legte, wurde der Vorstadt der Name Karlstadt gegeben, der jedoch den älteren nicht verdrängen konnte, und jetzt bis auf die Erinnerung verschwunden ist. Sie hat gegenwärtig 21 l Häuser mit 7032 Einwohnern. Sprichwörtlich bekannt ist die zahlreiche Kinder-Population in dieser Vorstadt. Das Siegel ist höchst gesucht symbolisirend: ein tiefes Thal zwischen zwei Bergen, auf deren jedem ein Haus steht, und zwischen welchen die Sonne scheint. Grundherrschaft ist Fürst Liechtenstein. 39. Althanngrund, hat seinen Namen von Gundacker Grafen von Althann, welcher diesen Grund uin 1790 zuerst bebaute. Er hat gegenwärtig 38 Häuser mit 853 Einwohnern. Siegel: ein links gehender Hirsch. Grundherrschaft ist der Magistrat. 31. Roßau, früher der obere Werd, auch die Fischervorstadt genannt, als ersterer schon um 1219 urkundlich bekannt, und obschon damals noch zumeist Weideplatz, doch mit mehre» Fischerhütten versehen. Nach der zweiten türkischen Belagerung erhielt sie nach und nach den gegenwärtigen Namen, der von einer daselbst vorhanden gewesenen großen Pferdeweide herstammen soll. Sie zählt 172 Häuser mit 6466 Einwohnern. Das Siegel ist eine mit Gesträuch und Bäumen bewachsene Au. Grundherrschaft der Magistrat. 32. Leopoldstadt, am linken Donau-Ufer. Sie hieß von der Zeit ihrer Entstehung, urkundlich um 1209, der untere Werd. 1620 wurde sie von Kaiser Ferdinand II. den in Wien zerstreuten Israeliten zum ausschließenden Aufenthalte angewiesen, wonach sie den Namen Judenstadt annahm. Die Juden hatten daselbst eine Synagoge und einen eigenen Richter. 1668 vertrieb Kaiser Leopold I. alle Juden aus Wien und Oesterreich (siehe S. 126), ließ die Synagoge niederreißen, an ihrer Stelle die heutige Pfarrkirche zum heil. Leopold erbauen, und von da an erhielt die Vorstadt den Namen Leopoldstadt. In der Folge wurde sie bedeutend vergrößert und verschönert, so daß sie gegenwärtig 696 Häuser mit 26,990 Einwohnern zählt. In ihrem Umkreise liegt auch der beliebte Erlustigungsort Prater. Das Siegel ist St. Leopold. Grundherrschaft der Magistrat. 33. Jägerzeile. Diese Gegend hieß früher die Venediger Au, war mit Gesträuch und Bäumen, bewachsen und hatte eine Durchfahrtsallee für den Hof zu der bis Mitte des vorigen Jahrhunderts ihm ausschließlich vorbehaltenen Praterfahrt. Die Vorstadt entstand erst um die Hälfte des vorigen Jahrhun- 23 354 dertes und zählt gegenwärtig 67 meistens prachtvolle Häuser mit 2670 Einwohnern. Eine große neue Kirche zum heil. Johann von Nepomuk ist im Baue. Das Siegel ist ein rechts gehender Hirsch mit einem Kreuz zwischen den Geweihen. Herrschaftlicher Besitz. 34. Spitalberg (Spittelberg), zwischen Mariahilf und St. Ulrich, in dieser Reihe der Vorstädte die achtzehnte, früher Croatendörfel genannt, hat 146 Häuser mit 5500 Einwohnern. Eigenthum des Wiener Bürgerspitales. Grundobrigkeit der Magistrat. Siegel ein Reichsapfel auf einem Hügel. Endlich bleibt zu bemerken, daß seit 1791 die Vorstädte in acht Polizeibezirke abgetheilt sind und zwar: I. Leopoldstadt mit Jägerzeile. 2. Landstraße mit Weißgärber und Erdberg. 3. Wieden mit Margarethen, Matzleinsdorf, Nikolsdorf, Reinprechtsdorf, Hundsthurm, Hungelbrunn, Lorenzer- und Schaumburger-Grund. 4. Mariahilf mit Laimgrube, Windmühle, Gumpendorf und Magdalenengrund. 5. St. Ulrich mit Spitalberg, Neustift und Schottenfcld. 6. Josephstadt mit Strozzischen Grund und Altlerchenfeld. 7. Alservorstadt mir Michelbeuernschen Grund und Breitenfeld. 8. Roßau mit Liechtenthal, Thury, Himmelpfort- und Althanngrund. Politische Behörde ist ein aus den Hausbesitzern gewählter Grundrichter mit geschworenen Beisitzern und Ausschüssen. Inhalt. Erste Iibtheitung. Vorzeit. Erstes Kapitel. Seite Einleitung. — Ur- und Römerzeit. i Zweites Kapitel. Einführung des Christenthums. — St. Severin. — Roms Sturz. — Karl der Große « Drittes Kapitel. Die Markgrafschaft Oesterreich. — Die Magyaren. — Schlacht am Lcchfelde . . 7 Viertes Kapitel. Die Babenberge. — Wiedererstehen Fabiana's. 8 Fünftes Kapitel. Leopold der Heilige. — Die Kreuzfahrer. — Wien's Emporhebung.10 Sechstes Kapitel. Heinrich Jasomirgott. — Wien's Aufnahme als landesfürstliche Residenz .... 11 Siebentes Kapitel. Leopold der Lugendhafte. — Oesterreichs neuer Wappenschild.13 Achtes Kapitel. Leopold der Glorreiche. — Wien als Handelsstadt. — Die neue Burg .... 14 Neuntes Kapitel. Friedrich der Streitbare. — Erlöschen des glorreichen Stammes Babenberg ... 15 Zehntes Kapitel. Das österreichische Interregnum. — Der große Ottokar.17 Eilftes Kapitel. Rudolph von Habsburg. — Die Marchfeld-Schlacht. 19 Zweite Libtheilnng. 1280 - 1438 . Erstes Kapitel. Albrccht I. — Der Aufstand in Wien...22 Zweites Kapitel. Der Wiener Treue und Lohn. — Vollendung der neuen Burg.25 35 « l ! - ^ Dritte- Kapitel. Seite > Albrecht» Tod. — Gestalt der Stadt zu dieser seit.27 ! Viertes Kapitel. Friedrich der Schöne, dessen Kämpfe, Mißgeschick und Tod.29 Fünftes Kapitel. Albrecht II. der Weise, Wiens Gesetzgeber und Wohlthäter. — Otto der Fröhliche und dessen lustige Räthe.32 Sechstes Kapitel. Das Erdbeben und die verheerende Pestseuche in Wien und Oesterreich. — Albrechts Tod. 35 Siebentes Kapitel. Rudolph IV., der Stifter. — Gefürstete Dompropstei in Wien. ....... 38 Achtes Kapitel. Albrecht III., mit dem Jopfc. — Die Erbtheilung. — Flucht des Kaisers Wenzel aus seiner Haft in Wien. — Albrecht IV., das Wunder der Welt.39 Neuntes Kapitel. Albrecht V. — Der Vormundstreit. — Unruhen und Spaltungen in Wien. — Hinrichtung des Bürgermeisters Konrad Vorlauf und der Rathsherren. .... 42 Zehntes Kapitel. Fortsetzung und Ende der Zwistigkeiten. — Pest in Wien. — Tod Leopold IV. — Religionsspaltung. — Judenverfolgung. — Kaiser Albrechts Tod.<4 Eilftes Kapitel. Die Herzoge Friedrich und Albrecht als Landesvcrweser. — Die Türkennoth. — Ladislaus Posthumus.48 Zwölftes Kapitel. Die Häuser Hunyad und Podiebrad. — Graf von Eilly und Ulrich von Eytzing. — Tod des Königs Ladislaus.SI Dritte Äbtheitung. 1459 — 149 ». Erstes Kapitel. Georg Podiebrad und Matthias Corvinus, König- von Ungarn und Böhmen. — Zeitgemäßes Gemälde von Wien.34 Zweites Kapitel. Erbstreit in Oesterreich. — Wiens neues Wappen. ..58 Drittes Kapitel. Kaiser Friedrichs Noth. — Der erzwungene Vergleich.SO Viertes Kapitel. Die Umtriebe und daS blutige Ende des Bürgermeisters Holzer.32 Fünftes Kapitel. Gestörter Landfrieden. — Tod Herzogs Albrecht.64 Sechstes Kapitel. Partelzwist. — Wiens neues Banner.SS 357 Siebentes Kapitel. Seite Ungarisch-böhmischer Krieg. — Das Raubgesindel in Oesterreich.— Andreas Baumkircher 88 Achtes Kapitel. Die Ungarn in Oesterreich. — Bisthum in Wien. — Friede von Korneuburg und erneuter Kampf...70 Neuntes Kapitel. Wien in den Händen Matthias Corvinus. — Dessen Tod. 73 Zehntes Kapitel. Tod Kaiser Friedrichs III. — Gemälde von Wien aus dessen Zeit . 77 Vierte Äbtheilung. 1494 - 1376 . Erstes Kapitel. Maximilian I. — Neue Seuche in Wien. — Die Wechselheirath.82 Zweites Kapitel. Luthers Reformation. — Maximilians Tod. — Seine persönlichen Eigenschaften . 85 Drittes Kapitel. Karl V. und Ferdinand I. — Unruhen in Wien. — Der Türkenkrieg und die Schlacht bei Mohärs.8S Viertes Kapitel. Ferdinand, König von Ungarn und Böhmen. — Annäherung der Türken. — Ver- theidigungsmaßregeln. 91 Fünftes Kapitel. Die Türken znm ersten Male vor Wien. — Der große Soliman. — ErafNiclaS Salm 95 Sechstes Kapitel. Abzug der Türken. — Neue Bauten. — Mihal Oglu's Niederlage .102 Siebentes Kapitel. Innere Einrichtungen und Verfügungen. — Wachsender Protestantismus. — Maßregeln dagegen.195 Achtes Kapitel. Maximilian II. — Gestalt von Wien in dessen Zeit .199 Fünfte Ltbthei lnng. 1577 - 1682 . Erstes Kapitel. Rudolph II. — Aufnahme des Lutherthums in Oesterreich. — Der Majestätsbrief. — Türkenkrieg.112 Zweites Kapitel. Matthias I. — Cardinal Clesel. — Der Fenstersturz zu Prag. — Ferdinand II. — Beginn des dreißigjährigen Krieges. — Des Kaisers Noth und Rettung . . 115 358 Drittes Kapitel. Seite Die Schweden in Deutschland. — Gustav Adolphs Tod bei Lützen. — Ferdinand III. Die Schweden vor Wien.IIS - Viertes Kapitel. Der wcstxhälische Friede. — Leopold I. — Die Judenvertreibung. — Die ungarische Berschwörung. 124 Fünftes Kapitel. Die große Pest in Wien. 12? Sechstes Kapitel. Strenge gegen die ungarischen Mißvergnügten und Protestanten. — Die Kuruzzen. — Neue Türkengefahr. 1L3 Sechste Abtheilung. 1683-I6SS. Erstes Kapitel. Eindringen der Türken in Oesterreich. — Bertheidigungsmaßregeln.ISS Zweites Kapitel. Die Türken zum zweiten Male vor Wien. — Katastrophe von Perchtoldsdorf . . 140 Drittes Kapitel. Schrecken der Belagerung. — Koltschitzki .. «... 144 Viertes Kapitel. Die Schlacht des Entsatzes . ....148 Fünftes Kapitel. Die Beute der Sieger. — Bischof Kollonitsch. — Einzug der Befreier .... IS2 Sechstes Kapitel. Die neue Zierde des Stephansthurmes. — Fortschritte des christlichen Heeres in Ungarn. — Cjar Peter in Wien.ISS Siebentes Kapitel. Beilager Joseph I. — Erste Zeitung in Wien. — Eugen von Savoyen .... ISS Siebente Abtheilung. 1700-178«. Erstes Kapitel. ^ Spanischer Erbfolgekrieg und dessen Folgen. — Einfall Rakoczys. — Die Linien Wiens. — Joseph I.ISS Zweites Kapitel. Karl VI. — Die Pest abermals in Wien. — Die Karlskirche.170 Drittes Kapitel. Friede zu Passarowitz. — Die pragmatische Sanction. — Wien als Erzbisthum . 17S Viertes Kapitel. Karl VI. großartige Bauten und zweckmäßige Einrichtungen. — Polnischer Erbfolgekrieg. — Tod Eugens. — Friede zu Belgrad.17S 35S Fünftes Kapitel. Seite Maria Theresia. — Oestcrreichischer Erbfolgekrieg. — Friede zu Breslau ... 179 Sechstes Kapitel. Siege in Bayern. — Donauüberschwemmung in Wien. — Franz l., römisch-deutscher Kaiser. — Stiftungen und Bauten Maria Theresiens.183 Siebentes Kapitel. Siebenjähriger Krieg. — Feuersbrunst in Wien. — Joseph H.I8S Achtes Kapitel. Aufhebung des Jesuiten-Ordens. — Weise Stiftungen und Einrichtungen des Kaisers. — Der Pulverthurm. — Tod der großen Theresia. — Deren Charakteristik . 189 Ächte Äbtheilung. 1781-I7S0. Erstes Kapitel. Joseph II. Alleinregent. — Maßregeln in geistlichen und weltlichen Angelegenheiten. — Toleranz-Edict.19S Zweites Kapitel. Papst Pius VI. in Wien. — Das Osterfest. — Abreise des Papstes.199 Drittes Kapitel. Politische Verfügungen. — Die Influenza. — Die neue Pfarreintheilung. — Regulirung des Wiener Magistrates.201 Viertes Kapitel. Erzherzog Franz. Erbgroßherzog von Toscana, in Wien. — Weitere politische Verfügungen und Einrichtungen. — Uebcrschwcmmung in Wien.208 Fünftes Kapitel. Die Steuer-Regulirung. — Die niederländischen Unruhen. — Krieg mit der Pforte. Loudon. — Die Eroberung von Belgrad ..211 Sechstes Kapitel. Tod Joseph II. — Persönlichkeit und Charakteristik des Kaisers.211 Aevnte Äbtheilung. 17S0-1805. Erstes Kapitel. Leopold II. — Convention zu Reichenbach und ihre Folge». — Friede zu Szistow. — Tod Leopolds.220 Zweites Kapitel. Franz II. — Verschönerung des Stephansplatzes. — Der erste französische Krieg und dessen Folgen.223 Drittes Kapitel. Die Wiener Freiwilligen. — Feindesgcfahr. — Das allgemeine Aufgebot. — Ver- theidigungsmaßregeln. — Friede zu Campo Formio.227 Viertes Kapitel. Di« dreifarbige Fahne. — Zweiter französischer Krieg. — Friede zu Luneville . . 231 Fünftes Kapitel. Seite Innere Einrichtungen und Verfügungen. — Die Bancozettel. — Die Gesetzgebungs- commisflon .23- Sechstes Kapitel. Das Erbkaiscrthum Oesterreich.238 Siebentes Kapitel. Die Albcrtinische Wasserleitung. — Der Bäckertumult.24» Achtes Kapitel. Dritter französischer Krieg. — Die Katastrophe von Ulm. — Invasion der Franzosen und Besitznahme Wiens. — Friede zu Preßburg.243 Zehnte Abthe klung. 1806-1814. Erstes Kapitel. Franz I., Kaiser von Oesterreich. — Großer Sturm in Wien. — Joseph II. Denkmal. — Die Landwehre.2-2 > Zweites Kapitel. Vierter französischer Krieg. — Erzherzog Karl. — Neue Feindesgefahr. — Ver- theidigungsmaßregeln.2-- Drittes Kapitel. Beschießung Wiens. — Uebergabe und französische Besitznahme.2-8 Viertes Kapitel. Schlacht bei Aspern. — Begebenheiten in Wien. — Schlacht bei Wagram. — Das Napoleonsfest. — Die drei goldenen Vließe.2Sr Fünftes Kapitel. Harte Maßregeln der Franzosen in Wien. — Friedrich Staps. — Demolirung eines Lheiles der Festungswerk« in Wien. — Wiener Friede.283 Sechstes Kapitel. Marie Louise. — Wiederaufbau der Festungswerke. — Finanzpatent.288 Siebentes Kapitel. j Russisch-französischer Krieg. — Die Verbündeten. — Oesterreichs Beitritt. —' acht i bei Leipzig. — Einnahme von Paris. . . 271 Eilfte Abtheilung. 1814-182». Erstes Kapitel. Einzug des Kaisers in Wien. — Beleuchtung der Stadt.274 Zweites Kapitel. Der Congreß in Wien. — Ankunft der Monarchen.277 Drittes Kapitel. Festlichkeiten. — Das Volksfest im Prater.28» Viertes Kapitel. Fortsetzung. — Napoleons Wiedererscheinen und Katastrophe.— Resultate des Congreffes 283 361 -, Fünftes Kapitel. Seit« Das polytechnische Institut. — Die Nationalbank. — Die Kaiserin Maria Karsli»« Auguste.287 Sechstes Kapitel. Wiederherstellung der Festungswerke und Verschönerung der Stadt. — Der persische Gesandte.288 Siebentes Kapitel. Die Ferdinandsbrücke. — Die Liguorianer. — Bauten in Wien. — Der Volksgarten. — Die erste Kettenbrücke. — Des Kaisers Krankheit.2Sl Achtes Kapitel. Beethoven's Tod. — Das Lager bei Traiskirchen. — Ungläcksfall durch Minensprengung 297 Zwölfte Llbtheilung. 1830 — 1833 . Erstes Kapitel. Die große Ueierschwemmung.299 Zweites Kapitel. Folge» der Ueberschwemmung. — Die Kinderbewahr-Anstalten. — Die Dampfschifffahrt in Oesterreich..302 Drittes Kapitel. Di« Cholera im österreichischen Kaiserstaate und in Wien.305 Viertes Kapitel. Vierzigjährige Regierungsfeier des Kaisers Franz. — Tod des Sohnes Napoleons.— Attentat gegen den Kronprinzen. — Versammlung der Naturforscher in Wien 308 Fünftes Kapitel. Die Grippe in Wien. — Feierlicher Einzug des Kaisers in Wien von einer Reise nach Böhmen. — Brand von Wiener-Neustadt.312 Sechstes Kapitel. Krankheit und Tod des Kaisers Franz. — Charakteristik dieses Monarchen . . . 314 Siebentes und Schluß-Kapitel. Begebenh der neuesten Zeit in kurzen Umriffen.319 Anhang. I. Sämmtliche Kirchen und Klöster Wiens.322 II. Die Bürgermeister von Wien bis auf die heutige Zeit.344 III. Kurze Geschichte der Entstehung der Wiener Vorstädte ........ 347 Berichtigungen Seite 2. Zeile 4 von unten statt nun lies nur. » 3. » 1 » oben statt vino dono l. vinum bonuw. » 5. » 17 » oben statt alterthümlichen Ursprunges l. alterthümlichem Ursprünge. » 6. » 2 » oben statt große Unheile l. großes Unheil. »39. » 8 » oben nach Goldgulden setze: jährliches Einkommen. » 65. » 17 » unten statt ihnen l. ihm. »122. »1» oben statt Jarkowitz l. JankoWitz. » 233. » 15 « oben statt in Folge der l. in deren Folge. I