r^rrrikl»; .i.-^r1 ' " ' M ' 1 ME! Der unheimliche /Ipfelstruilel uns andere Humoresken von -I. Paul Wien 1907 verlagsbuchhanälung Larl Konegen (Ernst Ztülpnagel) Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andere Sprachen, Vorbehalten. Gesellschafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek, Wien Hl. Erdbergstraße S. Ilidall. Seite Der unheimliche Apfelstrudel.1 Ein Traum.-.H Der Stern von Gwalior.20 Eine unangenehme Geschichte. . . ..27 Die beiden Olmützer.36 Fräulein Fips.43 Der Löwe und der Laubfrosch.52 Der gebrochene Fuß .56 Das Heidenkind.67 Der Pantoffelheld.75 Der alte Bekannte.69 Die Leichenschuhe.96 Die Mensur.104 Der rechtschaffene Teufel.112 Das Geburtstagsgeschenk.121 Der geschenkte Hummer.160 Nir-'I ver unheimliche Melslruael. „Ach, Herr Doktor, Sie müssen uns die versprochene Geschichte erzählen", erklang es im Chore und sechs Damen bestürmten gleichzeitig den jungen Arzt, der vor einigen Monaten von einer langen Seereise heimgekehrt war. Doktor Schmidt leerte seine Teeschale in Ermanglung einer willkommeneren Flüssigkeit, denn bei den Jours der Frau Hofrat N. waren alle geistigen Getränke verpönt, und die einzige geistige Nahrung bestand in der mehr oder weniger geistvollen Unterhaltung, die die erschienenen Gäste zu veranstalten für gut fanden. „Es war", so fing der Doktor an, nachdem die hübschen Zuhörerinnen sich dicht um ihn gruppiert hatten, „knapp nach unserem Einlaufen in Colombo, als jener unvermeidliche Schwarm von geldlüsternen Händlern die Fallreepstreppen gestürmt hatte und sie mit ihren verschiedenartigen Waren einer Stelle auf dem Oberdecke des Lloyddampfers zustrebten, wo sie ihre Verkaufsartikel auszubreiten die Möglichkeit hatten, als ich einen Ein- A. Paul, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken, 1 — 2 — geborenen bemerkte, der ein kleines Körbchen vorsichtig unter dem Arme trug und sich ganz bescheiden in einem Winkel unter der Kommandobrücke niederließ, um das mitgebrachte Kleinod behutsam vor sich hinzustellen. Es interessierte mich, zu erfahren, welchen kostbaren Gegenstand der Indier in seinem Körbchen so sorgsam verwahrt hielt und warum er sich von seinen Gefährten gänzlich absonderte. Hier an diesem Orte konnte er unmöglich besondere Geschäfte machen. Da zog er eine kurze, hölzerne Pfeife aus seinem Gürtel und ließ eine fremdartige, nur aus wenigen Tönen bestehende Musik erklingen. Mit einem Male hob sich der Deckel des Behälters und ich, der ich neugierig gebückt dicht an den eigentümlichen Musikanten herangetreten war, hatte gerade noch Zeit, einen ausgiebigen Sprung nach rückwärts zu machen, sonst wäre mir der mitgebrachte Gegenstand ins Gesicht gefahren, denn der Fremde hatte es für gut befunden, in seinem Körbchen ein stattliches Exemplar einer Cobra verwahrt zu halten, eine jener gefürchteten Giftschlangen, deren Biß jährlich viele Tausende Menschen erliegen. Natürlich hielt ich mich auch fernerhin in respektvoller Entfernung von dem Ungeheuer, das bei gestrecktem Körper, das starre Auge auf den Indier gerichtet, unheimlich mit der Zunge spielte. Der Eingeborene lächelte über die Angst, die ich zur 3 Schau trug, setzte einen Moment die Pfeife ab, was die Schlange veranlaßte, wieder in ihrem Korbe zu verschwinden, und meinte in seinem nicht ganz einwandfreien Englisch: „Is Avoä, is Zooä, ssrxent not Kits." Trotz der abgegebenen Versicherung hielt ich es doch für angezeigt, den Musikkünstler darauf aufmerksam zu machen, daß hier an Bord nicht der geeignete Ort für Schlangenproduktionen sei, selbst wenn es sich um die Vorführung einer besonders gutmütigen Cobra handle, und daß er gut daran täte, sich samt feiner harmlosen Begleiterin zu entfernen. In dieser meiner Ansicht wurde ich übrigens kräftigst von einem Lloydmatrosen unterstützt, der unsere anglo- indischen Verhandlungen dadurch unterbrach, daß er den Schlangenbändiger beim Arme erwischte und ihm einen kräftigen Stoß in der Richtung gegen das Fallreep hin versetzte. Die angewendete Körperkraft hätte zwar ausgereicht, den schwächlichen Indier bis zur Ausgangstüre zu befördern, wenn er nicht rechtzeitig ein herabhängendes Tauende erwischte, doch mußte er hierbei das Körbchen loslassen, was die Schlange bewog, unter dem Deckel hervorzukriechen und hinter einem Taukranze zu verschwinden. Diese Szene blieb selbstverständlich nicht unbeachtet und die übrigen Passagiere sowie die Mannschaft, die sich bisher mehr um die originellen Verkaufsartikel gekümmert, i* 4 fingen mit einem Male an, für die entschlüpfte Cobra reges Interesse zu zeigen. Man mußte das gefährliche Tier ehetunlichst einsangen und unschädlich machen, darüber herrschte kein Zweifel. Aber wenn auch der Eingeborene wie wahnsinnig den Taukranz umkreiste und aus Leibeskräften seine Pfeife abquälte, um die Schlange hervorzulocken, so blieb doch die Bestie verschwunden; selbst die Stöcke und Stangen der übrigen Anwesenden brachten sie nicht zum Vorscheine und als man endlich das Tau behutsam wegnahm, zeigte es sich, daß die Cobra schon einen geeigneteren Schlupfwinkel ausfindig gemacht haben mußte. Der gefährliche Ausreißer konnte trotz allen Suchens nicht ermittelt werden. Schließlich fuhr der mit Verwünschungen überladene Schlangenbändiger ohne Schlange ans Land. Begreiflicherweise bemächtigte sich sämtlicher Ein- geschisften eine ganz ungewöhnliche Aufregung, ungeachtet der Erzählung eines Reisenden, der gehört haben wollte, wie die Ratten an Bord eines Schiffes sich einmal über eine Riesenschlange hergemacht hätten, um sie mit Haut und Haar zu verschlingen, nur konnte er nicht mit Bestimmtheit angeben, ob die Boa im lebenden oder im toten Zustande den Ratten zum Opfer fiel. Die bisher so heitere Stimmung an Bord, die gemütlichen Abendsitzungen und Spaziergänge auf Deck, hatten plötzlich aufgehört, jeder suchte abends so wie es finster wurde, so schnell als möglich seine Kabine, um nicht auf die gefürchtete Giftschlange in irgendeinem Raum zu treten. Natürlich wurden dann noch die Wohnräume, besonders von den geängstigten Damen, mit banger Miene gründlich durchsucht, bevor sie es wagten, unter die Decke zu kriechen und auch dann gab's meist keinen festen und gesunden Schlaf mehr. So vergingen mehrere Wochen. Man fing langsam an zu glauben, daß das Reptil wirklich von den Ratten aufgefressen worden war und die frühere Unbefangenheit kehrte nach und nach zurück. Da saß ich wieder einmal auf meinem Stammplatze vor dem Decksalon, gekühlt von einer herrlichen Seebrise, um mich eine Anzahl Passagiere, die meine ständige Gesellschaft bildeten. Das Gespräch fiel auf die zu reichliche Verpflegung auf den Lloydschiffen. Alle stimmten mit mir überein, daß so eine häufige Nahrungsaufnahme bei dem Mangel an Bewegung an Bord, dem Organismus nicht zuträglich sein könne. Ein dicker Herr, der, nebenbei erwähnt, ein berüchtigter Vielfraß war, erklärte sogar, wie ein englischer Arzt den Nachweis lieferte, der menschliche Körper benötige zu seiner Erhaltung, falls er untätig sei nicht mehr als fünf Bohnen und ein Glas Wasser täglich. Dabei kaute er an einem großen Stück Kuchen, was er sich, wie er behauptete, von seinem Mittagsessen abgespart hatte. — 6 — „Mir genügte zu Mittag eine einfache Suppe, ein Stückchen Rindfleisch und eine schmackhafte Mehlspeise", sagte ich „aber für solche Kost sind unsere Bordköche nicht zu haben, immer wollen sie ihre besondere Kunst zeigen und meinen dies mit einer so einfachen Küche nicht tun zu können. Gibt es zum Beispiel etwas Besseres als einen guten, ausgezogenen Apfelstrudel?" fügte ich hiezu und bemerkte, wie der Dicke andächtig zuhörte und sich eine Träne von den runden Backen wischte. „Apfelstrudel?" fragte Miß Bertrand, die in der Kochkunst wohl Bescheid wußte, „ist das faktisch eine Lieblingsspeise von Ihnen, Herr Doktor? Nun im nächsten Hafen, in welchem Äpfel erhältlich sind, will ich Ihnen selbst einen Apfelstrudel ausziehen, wie Sie ihn besser noch nicht gegessen haben." „Ich nehme Sie beim Wort, liebe Miß, mache Sie jedoch daraus aufmerksam, daß ich ein strenger Richter bin, was Kochen anbelangt", entgegnete ich lachend. — Wieder verging eine Woche. Wir hatten mittlerweile Port Said, den letzten Hafen vor unserer Rückkehr angelaufen, als knapp vor unserer Abfahrt ein Boot unter Bord kam, das mit prächtigen Äpfeln förmlich überfüllt war. Miß Bertrand erinnerte sich sofort ihres gegebenen Versprechens und besorgte, ohne mir etwas davon zu sagen, eine ausreichende Menge der für uns selten ge- wordenen Früchte und ging ebenso heimlich daran, den ersehnten Strudel nach allen Regeln der Kunst zu bereiten. Weil aber die Herstellung der Mehlspeise einige Vorbereitungen und Zeit bedurfte, gelang es der jungen Amerikanerin nicht mehr, die Speisestunde zu erreichen und sie mußte zu ihrem Bedauern das kostbare Produkt noch ungebacken bis zum nächsten Mittagsmahl aufbewahren lassen. Der Steward, dem man den Auftrag erteilte, den Strudel am nächsten Tag rechtzeitig in die Küche zu schaffen und dortselbft für mich backen zu lassen, stellte mir das noch unvollkommene Kochprodukt auf einem flachen Servierteller in meine Kabine, auf die ober meinem Bette befindliche Stellage. — Es war spät nachts, als ich mich zur Ruhe begab. Der letzte Hafen vor unserer Heimkehr, die Erinnerung an unsere teure Heimat, stimmte uns alle feierlich und als ich ins Bett stieg, konnte ich mich absolut nicht erinnern, ob ich alle drei Rheinweinflaschen, die ich dem Steward zahlte, auch tatsächlich ausgetrunken hatte. Plötzlich — ich konnte noch keine Stunde geschlafen haben — erwache ich infolge einer stärkeren Rollbewegung des Dampfers und werde entsetzt eines ekelhaft kalten Gegenstandes auf meiner entblößten Brust gewahr. Trotz der zwei oder drei Flaschen Rheinweines erlange ich sofort meine klare Besinnung wieder. 8 Das unbestimmte Ding auf meinem rasch pochenden Herzen, das gleich einem harmlosen Strudel auf meinen zitternden Körper aufgeschossen lag, das war sie, die tot- geglaubte entsetzliche Giftschlange! Wie angstbeklemmend sich der kalte Leib an mich anschmiegte! Das Ungeheuer hatte scheinbar an Körpergewicht bedeutend zugenommen, statt von den Ratten aufgefressen worden zu sein, mußte sie selbst unter dem Rattenvolke furchtbar aufgeräumt haben. Fast leblos ruhte die Cobra auf meiner Brust und war meinem Kopfe so nahe, daß ich ihren giftigen Atem zu fühlen glaubte. Ein eigenartiger Geruch entströmte ihrem naßkalten Leibe. Wäre ich imstande gewesen Reflexionen zu machen, so würde ich die Ausdünstung mit dem Gerüche frischer Äpfel verglichen haben. In meiner Todesangst lag ich unbeweglich unter dem gefährlichen Reptil und starrte meinen Bettgenossen mit weit aufgerissenen Augen an. Ich wußte, daß mir die geringste Bewegung verhängnisvoll werden mußte und so getraute ich mich kaum zu atmen, geschweige denn, meine Hand nach der nahen Klingel zu heben. Die Schlange verhielt sich übrigens sehr ruhig und ich nahm mit Bestimmtheit an, das furchtbare Tier schlafe auf meiner Brust, obwohl ich ganz deutlich die geöffneten Augen, die gleich Rosinen aus dem Kopfe traten, wahrzunehmen glaubte. 9 Endlich, nach einer qualvollen Stunde, faßte ich den tollkühnen Entschluß, mich meines Peinigers zu entledigen. Mit der größten Vorsicht, so langsam und geräuschlos als möglich, hob ich allmählich beide Hände bis an die Brust, wobei ich die Cobra, die mir bei der anbrechenden Dämmerung fast eigelb erschien, unverwandt anblickte. Dann mit einem jähen Ruck schloß ich mit Todesverachtung krampfhaft die Hände, faßte das Ungeheuer mit aller Kraft knapp unter dem Kopfe und würgte die Schlange so lange, bis ich davon überzeugt war, daß sie zu leben aufgehört habe. Nun, da ich das leblose Tier fest umklammert hielt, sprang ich auf, schob mit dem Ellbogen den Vorhang meiner Kabinenluke beiseite und warf die Cobra durch das geöffnete Fenster in weitem Bogen ins Wasser. Begreiflicherweise atmete ich erleichtert auf, als ich zurück in mein Bett kroch, und das Dankgebet, das ich vor mich hinmurmelte, kam gewiß aus dem Innersten meines endlich beruhigten Herzens. Als ich am nächsten Tage erwachte, war es schon so spät, daß ich eilen mußte, um die Mittagstafel nicht zu versäumen. Die übrigen Passagiere waren versammelt und nahmen eben die Suppe ein. Miß Vertrand, die neben mir saß, tat furchtbar geheimnisvoll, sie mußte etwas ganz besonderes im Schilde 10 führen. Ich selbst saß ziemlich teilnahmslos neben ihr, die Erinnerung an die letzte Nacht hielt meine Zunge gebannt. Man servierte die Speisen: Vorspeise, Rindfleisch, Braten, eine Art Pudding, schließlich Obst und Käse. Aber trotz aller Gesten und Winke wollte man Miß Bertrand nicht verstehen. Der Steward zog die Achseln an und schien nichts zu bemerken. Nun konnte sie sich aber nicht länger beherrschen. Als der erste Kellner an ihr wieder vorbeikam, rief sie ihm mit gedämpfter Stimme zu: „Wo bleibt der Apfelstrudel?" „Der Apfelstrudel?" entgegnete der Steward gelassen, „den stellte ich gestern, so wie mir ihn das Fräulein einhändigten, in die Kabine des Herrn Doktors. „In meine Kabine?" fragte ich ganz verwirrt und es fing an in meinem Kopfe zu dämmern. „Ja wohl, Herr Doktor, und Sie haben den ganzen Apfelstrudel heute Nacht verspeist, in der Früh fand ich nur noch einige Apfelscheiben und Rosinen in Ihrem Bette." „Um des Himmels willen", rief Miß Bertrand, schlug ihre kleinen Händchen über ihren Kopf zusammen und brach in ein schallendes Gelächter aus: „Sie haben den ganzen Apfelstrudel, der für 24 Personen bestimmt war, ganz allein aufgespeist und noch dazu im rohen Zustande." „Gewiß", sagte ich, denn daß ich ihn erwürgt und über Bord geworfen hatte, konnte ich doch nicht recht eingestehen, „der Strudel war ganz vortrefflich, wie gut hätte der mir erst gemundet, wenn er gebacken gewesen wäre." Ein Lraum. Es war auf der Fahrt von Madeira nach Gibraltar, auf einem jener luxuriös ausgestatteten, großen Dampfer der Mefsagerie maritime-Gesellschaft, den ich mir als Vergnügungsreisender für die Rückreise von Bahia nach Genua gewählt hatte. An einem schwülen Sommerabende saßen wir zu sechs im kleinen Rauchsalon auf Deck der „Boulogne" und kosteten mit Gewissenhaftigkeit verschiedene in Madeira eingekauste, schwere Weine. Die Konversation war bald ernst, bald heiter, geriet aber schließlich auf die uns am naheliegendsten Begebenheiten. Knapp nach dem Auslaufen aus Bahia starb an Bord ein junger Matrose am gelben Fieber und wurde auf hoher See bestattet. Dieses Ereignis verfehlte natürlich nicht seine Wirkung und machte speziell auf mich einen tiefen Eindruck. Als ich mich später in meine Kabine zurückzog, fühlte ich, wie 12 sehr mir der schwere Wein zu Kopf gestiegen war und wie mich die letzten Gespräche erregt hatten. Da träumte mir, daß an meine Kabinentür erst ganz leise, dann aber immer stärker geklopft werde. Ich wollte mich erheben und die versperrte Tür öffnen, war aber am ganzen Körper gelähmt und konnte » keinen Laut von mir geben. Nun hörte ich verschiedene Stimmen außerhalb meines Schlafraumes, dann wiederholte sich wieder das Klopfen und man rief mich bei meinem Namen. Die Stimme des zweiten Doktors an Bord, mit dem ich befreundet war, glaubte ich deutlich herauszuhören Er verlangte nach einem Stemmeisen. Nach einiger Zeit wurde die Kabinentür aufgesprengt. Gegen die Tür gewendet, lag ich bewegungslos da, meine Augen blickten starr auf die Eintretenden. Die Anstrengungen, die ich machte, um ein Lebenszeichen von mir zu geben, waren erfolglos. Ich lag steif und leblos wie ein Toter im Bette, nur mit dem Unterschiede, daß ich alles sah und hörte, was um mich vorging. Als erster kam der zweite Arzt in meine Kabine, hinter ihm ein Schiffsoffizier, dann sah ich noch den ersten Stewart und einige Passagiere im Hintergründe. Der Doktor ergriff meine herunterhängende Hand, befühlte sie und schüttelte den Kopf, hierauf betastete er meine entblößte Brust und beugte sich über mich, um den. 13 Herzschlag abzuhorchen, dabei kitzelte er mich mit der Zwickerschnur und ich versuchte zu lächeln, aber ich merkte, daß mein Gesichtsausdruck derselbe blieb. Nun kramte er in einem mitgebrachten Etui herum und entnahm diesem ein kleines Messer. Jetzt machte er mir einen kurzen Schnitt am Handgelenke; ich fühlte den Schmerz, doch schien es mir, als ob kein Tropfen Blut zum Vorschein komme. „Armer Teufel", hörte ich ihn zum Schiffsoffizier sagen, „er ist tot, maustot, dem kann kein Arzt mehr helfen." „Tot", wiederholte der andere und nahm seine Kappe ab, „an was ist er denn voraussichtlich gestorben?" „Herzschlag, wahrscheinlich infolge zu starken Alkoholgenusses." „Das muß ich dem Kommandanten melden, morgen könnten wir in Gibraltar einlaufeu, wenn er die zwei Reservekesseln Heizen läßt, sonst müßten wir ihn in die See versenken", erklärte der Schiffsoffizier. Die übrigen Anwesenden betrachteten mich mit teilnahmsvoller Miene. „Schade um ihn", meinte ein Passagier, „er war ein vorzüglicher Tarockspieler, jetzt ist unsere ständige Partie beim Teufel, aber er soff auch unheimliche Quantitäten zusammen, er hat ja gestern meinen ganzen Madeira ausgetrunken." 14 Eine junge Engländerin, mein ständiger Kiebitz beim Kartenspiel, die ich übrigens bisher gar nie beachtete, trat an mein Bett und schnitt mir mit einer winzigen Schere eine Haarlocke ab, dann wollte sie mir die Augen schließen, doch gelang ihr dies nicht. Ich sah, wie sie mich lange mit zärtlichem Blicke anschaute und es kam mir vor, als ob ihre Augen seucht geworden wären. Wie gern hätte ich ihr gesagt: „Liebe Miß Brown, sagen Sie doch dem ersten Doktor und dem Kommandanten, daß ich gar nicht tot bin; der zweite Arzt ist zwar ein vorzüglicher Klavierspieler und charmanter Gesellschafter, jedoch von seinem Metier scheint er nicht viel zu verstehen, sonst würde er mich nicht für tot erklären." Aber meine Lippen waren stumm, so wie mein Körper regungslos blieb. Dann kamen noch andere Passagiere, Schiffsoffiziere und Matrosen, schließlich der erste Arzt und der Kommandant. „Wir werden ihn ins Meer werfen, das wird das Beste sein, denn die zwei geheizten Reservekessel kann ich nicht verantworten", erklärte der Kommandant kurz und der Doktor nickte beifällig, ohne mich näher zu betrachten. „Hat er noch ausständige Rechnungen?" wendete er sich dann an den ersten Stewart. „O nein, der Herr Meier hat immer alles pünktlich bezahlt, er hat sogar noch ein kleines Guthaben." „Das ist gleichgültig, wenn er nur nichts schuldet, — 15 — Sie hätten sonst auf ihr Geld bis zum jüngsten Gerichte warten können." „Apropos, die Effekten des Verstorbenen müssen sogleich kommissionell verpackt und versiegelt werden." Eine halbe Stunde später brachte man mich auf Deck, wo ich achter unter der halb gehißten Flagge auf einer hölzernen Bank aufgebahrt wurde. Ein paar junge Matrosen sorgten für die Dekorierung der Bank, ein paar ältere schmückten den Raum um mich her. Ich hörte, wie die beiden Jungen im Flüsterton zusammen sprachen, wahrscheinlich aus Pietät für den Toten. Es handelte sich um einen Ring. Plötzlich fühlte ich, daß mir jemand behutsam meinen Brillantring vom Finger streifte. Sie wollten ihn als Andenken an mich haben, es war rührend. Miß Brown legte mir einen kleinen Strauß künstlicher Blumen auf die Brust. Ich hatte bei Lebzeiten niemals ein Wort mit ihr gesprochen, wie konnte ich ahnen, daß sich die schmucke Engländerin für mich interessiere. Jetzt war es allerdings zu spät, die Neigung zu erwidern. Der Bootsmann kam und gab einem der beiden Jungen eine schallende Ohrfeige, den anderen konnte er nicht erwischen, das war das Signal, daß man sie anderweitig benötigte, sowie für die Beendigung der Ausschmückung. 16 Dann erschienen nach und nach sämtliche Passagiere, auch die der zweiten Klasse und des Zwischendeckes, die Schiffsoffiziere und zum Schlüsse die gesamte Mannschaft. Jeder blieb einen Augenblick bei meiner Leiche, betrachtete mich, gleichsam um von mir Abschied zu nehmen, und schritt dann an mir vorüber. Als der letzte damit geendet hatte, wurden den Zusehern die Plätze zu beiden Seiten der Bordwand angewiesen. Ein Passagier hatte ein kleines selbstspielendes Werkel unter meine Bahre gestellt. Das fing nun flott zu spielen an. Es wunderte mich nur, daß er kein passenderes Stück ausgewählt hatte als immerfort: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus". . . Endlich kam auch der Geistliche. Zwar schienen mir seine Gesichtszüge und seine Gestalt ganz gleich jenen des Bordkoches, aber es war ja schließlich gleichgültig, wer die Einsegnung vornehme. Mir zum wenigsten lag nichts daran. Nun merkte ich, daß das Schiff gestoppt hatte. Jetzt wird's ernst, dachte ich mir. Zwei Matrosen brachten ein Ding, das ich für ein großes Stück Leinwand hielt, in Wirklichkeit war es eine Hängematte. Man legte mich auf die ausgebreitete Matte, schlug die Leinwand gleichmäßig um meinen Körper und nun ging's ans Einnähen. Hie und da rutschte die Nadel ab und fuhr mir in die Beine, so daß ich mich schon über 17 die Ungeschicklichkeit des mit dieser Arbeit Betrauten zu ärgern anfing. Mein Kopf war noch frei. Ich sah, wie man mit lebhaftem Interesse dem Einnähen folgte. Die junge Engländerin stand ganz nahe bei mir und nun bemerkte ich auch, daß eine Träne nach der anderen über ihre rosigen Wangen lies. Da kam endlich der zweite Doktor, der gute Klavierspieler, zu mir. „Sind wir bald mit der Arbeit fertig?" frug er den wackeren Schneider. Ich versuchte mit Aufwand meiner ganzen Körperkraft ein Lebenszeichen von mir zu geben und es gelang mir, ganz leise die Worte herauszustoßen: „Ich bin ja gar nicht tot, Herr Doktor, warum wollen Sie mich versenken?" „Sind Sie ruhig und blamieren Sie die Ärzte nicht", kam es von diesem zurück, dabei tat der Mensch so, als ob ihm mein Tod ganz besonders nahe ginge. Endlich war auch der Kopf verhüllt und man stellte den eingenähten Körper auf die Beine. Jemand, ich glaube es war der zweite Offizier, mußte eine astronomische Beobachtung gemacht haben, um den Schiffsort genau zu bestimmen, an welchem die Leiche versenkt werden sollte, denn einer der zwei Jungen, die mir den Ring als Andenken abgenommen hatten, sagte zum anderen: „Der Punkt muß genau bestimmt werden, damit man ihn wieder fischen kann, falls er nur scheintot war." A. Paii l. Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 2 — 18 — „Herzloses Gesindel", dachte ich mir, „wer zuletzt lacht, lacht am besten." Jetzt band man ein Ballasteisen am Fußende fest und legte den vermeintlichen Leichnam auf ein langes gegen die Bordwand gekehrtes Brett. Das Brett wurde langsam gehoben, der improvisierte Sarg kam ins Gleiten und rutschte erst langsam, dann immer schneller — „halt, halt", hörte ich Fräulein Brown hinter mir rufen — ins Wasser. Da erwachte ich und lag tatsächlich im Wasser, nur zum Glück nicht als Scheintoter und nicht in eine Hängematte eingenäht. Durch die offene Luke meiner Kabine hatte jemand eine Pütse mit Wasser hereingegossen, was mich aus meinem unheimlichen Traum erweckte. Von Deck aus war „halt, halt" gerufen worden, als der Matrose zum Reinigen der Bordwand Wasser gegen die Luke schleuderte und ich hatte das „Halt" in meinem Traume mit Fräulein Brown in Zusammenhang gebracht. „Sie entschuldigen schon, Herr Meier", hörte ich die Stimme des Matrosen von außen, als er bemerkte, was er in seinem Eifer angerichtet hatte. „O, ich bin Ihnen im Gegenteil sehr dankbar dafür", gab ich zur Antwort und reichte dem verwunderten Mann eine Schachtel Zigaretten zur Luke hinaus. 19 Als ich später beim Frühstückstische erschien, fand ich die Tafel fast ganz besetzt, auch Fräulein Brown war schon anwesend. Mein Traum war gar bald Gesprächsstoff bei Tische und Miß Brown wurde nicht wenig dabei aufgezogen. Sie, die mich bisher an Bord kaum bemerkt hatte, fing nun mit einemmal an, an mir Gefallen zu finden. Wir kamen täglich mehrmals zusammen, wozu auf der „Boulogne" reichlich Gelegenheit war, und wenn sie hinter mir beim Tarocktische saß, war ich so zerstreut, daß ich einen Pagat nach dem anderen verlor. Bei meiner Ausschiffung in Genua waren wir bereits verlobt. Heute sind es fünf Jahre, daß ich und Ellen zusammen verheiratet sind und wenn, was ja selbst in der glücklichsten Ehe vorkommt, hie und da eine kleine Differenz zwischen uns entsteht, dann brauche ich nur die Worte fallen lassen: „Ach, wäre die Geschichte damals am Dampfer nur kein Traum gewesen!" und sie ist gleich wieder weich gestimmt. Ich bin neugierig, wie lange dieses Mittel noch seine Wirkung beibehält? 2* ver Stern von Swalior. Herr Theobald Niperdei, Bürgermeister, Gemeinde- und Armenrat im Marktflecken Großröhrlbrunn, war mit allen irdischen Gütern reichlich gesegnet, ihm fehlte nur ein Ding zur Glückseligkeit, ein Ding, das ihm vom Schicksal hartnäckig versagt blieb und das trotz alles Strebens und Mühens nicht zu erreichen war. Niperdei sehnte sich nach einem Orden, wenn er auch noch so klein und unscheinbar gewesen wäre. Umsonst hatte er die Kirche im Marktflecken auf eigene Kosten restaurieren lassen. Umsonst gab er jährlich Tausende für wohltätige Unternehmungen aller Art her. Die Ortsgemeinde wußte zwar seine Verdienste wohl zu würdigen; sie wählte ihn zum Gemeinde- und Armenrat und schließlich zum Bürgermeister, aber Orden konnte sie keine verleihen und ebenso wenig verschaffen und so blieb Niperdeis breite Brust, auf welcher sämtliche in- und ausländische Orden zur Not Platz gefunden hätten, vorderhand ungeziert. 21 Was nutzte es Niperdei, daß man schon jetzt Geld sammelte, um ihm nach seinem Tode ein Standbild am Hauptplatze, der schon heute nach ihm benannt war, aufzustellen ? Da ereignete es sich eines schönen Tages, daß Groß- röhrlbrunn einen ganz ungewöhnlichen Gast empfing. Im Gasthofe „zum grünen Gattern" war niemand Geringerer abgestiegen als der Kronprinz von Gwalior. Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der ganzen Ortschaft und erregte um so größere Aufregung, als niemand, nicht einmal der Herr Oberlehrer Staberl, sagen konnte, ob Gwalior in Amerika oder in Afrika zu suchen sei. Nur der kleine Xaverl, der Sohn vom Gatternwirt, erklärte mit Bestimmtheit, Gwalior sei in Hinterindien und der Prinz daher ein hinterindischer oder kurz, indischer Fürstensohn, denn Taverl war eifriger Markensammler und kein Staat der Erde war so fern, daß er nicht gern eine Marke von ihm besessen hatte. Doch gerade Gwalior war bisher vollkommen unbeliebt in seinem Album geblieben. Der Prinz war nicht etwa in der Absicht nach Groß- röhrlbrunn gekommen, um sich hier dauernd niederzulassen oder mit Laverl in Philatelistische Beziehungen zu treten. Tenn ebenso wenig, als Großröhrlbrunn sich bisher nicht den Kopf zerbrochen hatte, wo Gwalior zu suchen sei, war auch der Prinz niemals in seinem Leben neugierig gewesen, nähere Daten über Großröhrlbrunn zu erhalten. 22 — Es war purer Zufall, daß Seine Hoheit im „grünen Gattern" Einkehr hielt und die Großröhrlbrunner verdankten diesem Umstand ihrer neugeschotterten Fahrstraße, auf welcher das Automobil des Prinzen den Gehorsam verweigerte, so daß Seine Hoheit höchst eigenhändig mit dem Herrn Obersthofmeister das Vehikel eine gute Stunde zu schieben gezwungen war. Die Wirtsleute vom „grünen Gattern" am Niperdei- platz waren in großer Aufregung, als sie die von den Fremdlingen genau ausgefüllten Meldezetteln enträtselten, da sie für den Empfang so hoher Gäste gar nicht vorbereitet waren. Nur der kleine Taverl erwartete mit Ruhe eine passende Gelegenheit, um den Prinzen um eine Marke von Gwalior anzugehen. Während man nun im Gasthofe große Vorbereitungen für das Dejeuner, das vom Obersthofmeister mit schwerer Mühe — denn in ganz Großröhrlbrunn verstand niemand englisch und noch weniger des Prinzen Muttersprache — zusammengestellt worden war, machte, hatte der Gemeindediener, Ortspolizist und Armenvater Bitterlich seinem gestrengen Amtschef und Vorgesetzten, Herrn Niperdei, die Nachricht von der Ankunft der hohen Gäste gehorsamst gemeldet. Der Bürgermeister, der gerade seine „Schweindeln" mit Nahrung versah, erschrak nicht wenig über diese Meldung. Der Besuch kam zu unerwartet und traf ihn 23 keineswegs in Empfangstoilette. Doch dem war bald abgeholfen. Die „Schweindeln" blickten ihm mit wehmütigem Gegrunze nach, als er in wilder Hast die Treppe zu seiner Wohnung hinaufeilte. Eilends vertauschte er den Hausrock mit seinem Staatsrock und zwängte die derben Hände in ein Paar viel zu enge Glacehandschuhe. Bitterlich folgte in respektvoller Entfernung, als Niperdei, so rasch es die kurzen Beine gestatteten, dem „grünen Gattern" zusteuerte. Auf der Straße und am Niperdeiplatze überall fand er erregte Gruppen von Neugierigen, die mit offenem Munde, das Auge gegen den Gasthof gewendet, dastanden. Seit dem Durchmärsche der Franzosen im Jahre 1812 gab es im Orte kein gleiches Bild. Der Bürgermeister, dem sofort klar war, daß bei dieser Gelegenheit leicht eine fremdländische Dekoration zu erwerben möglich sei, überlegte unterwegs, in welcher Weise er die fürstliche Hoheit ansprechen werde. Im „grünen Gattern" angelangt, fand er den Prinzen samt seinem Begleiter gemütlich bei einer mit allen möglichen Leckerbissen reich besetzten Tafel. Das Automobil hatte der Schlossermeister Zwack übernommen und hämmerte und feilte mit fachkundiger Hand im Hofe des Gasthauses daran herum, während Seine Hoheit samt Obersthofmeister sich warmen Schinken mit Kraut, Hühnerleber und Nierenbraten wohl schmecken ließen. Am meisten behagte ihnen jedoch der „doppeltgerebelte 68er", den der Wirt aus dem 24 Keller hervorgezaubert und der aus dem Niperdeischen Weingarten stammte. Mit tiefen Bücklingen näherte sich der Bürgermeister dem Tische, an welchem der Prinz tafelte. Er hatte das Gefühl, daß von seiner Ansprache, die er als das Ober- / Haupt der Gemeinde an den fremden Fürstensohn zu halten * beabsichtigte, die Klasse des Ordens abhängig sei — denn daß er eine Auszeichnung erhalten müsse, glaubte er sicher. Niperdei begrüßte im Namen der Gemeinde den fremden Potentaten, der so weit hergekommen sei, um Großröhrl- brunn mit seinem Besuch zu beehren und sprach die Hoffnung aus, Seine Hoheit möge den Marktflecken besichtigen und ihm, dem Bürgermeister, die Auszeichnung zuteil werden lassen, in seiner stattlichen Villa ihn aufzusuchen. Als der Bürgermeister seine wohlgedrechselte Rede geendet hatte, von der der Prinz natürlich kein Wort verstand, antwortete der Fremde etwas auf englisch und reichte Niperdei seine mit Brillantringen reich geschmückte Hand. Das Haupt der Gemeinde zerfloß in Glückseligkeit über diese Auszeichnung. Wenn er nur etwas englisch oder gar ^ indisch gekannt hätte! Eine kleine Pause in der Konversation füllte der Obersthofmeister damit aus, um durch Zeichen verstehen zu geben, daß Seine Hoheit mit dem Vorgesetzten Weine sehr zufrieden < gewesen und wünsche sich Wein schicken zu lassen. Das war natürlich Wasser auf Niperdeis Mühle. : — 25 — Endlich war ihm einmal die Gelegenheit geboten, sich einem hohen Herrn, der Orden zu verleihen berechtigt war, nützlich zu erweisen. Nach dem Dejeuner machte Niperdei mit den Fremden / einen Rundgang durch die Ortschaft und erklärte gewissen- hast alles Sehenswerte. Der Prinz nickte wohlgefällig, gab jedoch bald zu verstehen, daß es zu spät für weitere Spaziergänge sei. Das Automobil war mittlerweile so ziemlich in Ordnung. Man zahlte mit reichlicher Goldmünze, verabschiedete sich und wenige Augenblicke später erinnerte nur noch ein intensiver Benzingestank an den hohen ungewöhnlichen Besuch. Wenige Tage später erhielt Niperdei ein seinsäuberlich, noch dazu in deutscher Sprache verfaßtes Schreiben, in welchem der Bürgermeister mit einer Bestellung beehrt wurde. Man wünschte 100 Flaschen „doppeltgerebelten 68er". Adresse: Holkar, Prinz von Gwalior, Hotel Bristol in N. Wenn schon dieses Schreiben das Gemeindeoberhaupt in nicht geringe Aufregung versetzte, so war sein Erstaunen ^ und seine Freude eine noch größere, als ihm aus dem fürstlichen Kuvert ein mit einem blauweißen Stern geziertes Papier, auf welchem noch obendrein indische Schriftzeichen prangten, in die Hand fiel. / Der kleine Xaverl hätte dieses Blatt Papier für eine Weinflaschenetikette erklärt, in so wichtigen Angelegenheiten wurde er jedoch nicht um seine Meinung befragt. 26 Niperdei war keinen Augenblick im Zweifel, daß das beigelegte Etikettenmuster ein Ordensdekret sei und daß man es ihm selbst überlasse, sich nach der gesandten Zeichnung einen Orden, den „Stern von Gwalior", anfertigen zu lassen. Die Bestellung des Prinzen wurde mit ungewöhnlicher Schnelligkeit effektuiert, ebenso rasch wurde aber auch vom Goldarbeiter von Großröhrlbrunn der Stern kunstvoll kopiert und in Gold geschmiedet. Als Niperdei mit dem neuen Orden auf der Brust das erstemal im Gemeinderate präsidierte und von allen Seiten herzlichst beglückwünscht wurde, langte ein Brief aus N. für Niperdei an, in welchem der richtige Empfang von 100 Flaschen „doppeltgerebelten 68er" vom Obersthofmeister bestätigt, gleichzeitig aber auch das Befremden ausgedrückt wurde, warum man nicht die bestellten Etiketten auf die Weinflaschen geklebt habe. Zum Glück war aber dieser Brief in englischer Sprache verfaßt und es blieb daher dem dekorierten Bürgermeister eine bittere Enttäuschung erspart. Falls nun nicht ein Engländer mittlerweile nach Großröhrlbrunn geriet, was jedoch nicht recht anzunehmen ist, trägt Niperdei noch heute mit berechtigtem Stolze den Stern von Gwalior auf seiner breiten Brust. kine unangenehme Geschichte Ich war, so erzählte Leutnant Kurt in lustiger Gesellschaft, voriges Jahr in P. in Garnison. P. ist ein kleines, aber sehr lustiges Nest. Dienst war nicht viel und die Privatverhältnisse die möglichst besten. Der Kommandeur, General Rosen, ein charmanter Vorgesetzter, protegierte mich sichtlich. Am Silvesterabend traf mich leider die Kasern- inspektion, ein Dienst, der mir sonst nicht schwer fiel, aber an diesem Tage, an welchem ich an x Orten geladen und an noch mehr Orten mich prächtig amüsiert hätte, sehr unwillkommen war. Es war für gewöhnlich nicht meine Gepflogenheit, mir während des Jnspektionsdienstes besondere Bequemlichkeiten zu erlauben, aber diesmal dachte ich mir, nachdem die Retraite vorüber und der Kaserntorschlüssel sicher in meinem Zimmer am Nagel baumelte, unbehelligt zu bleiben, da ja am Silvesterabend niemand besonderes Interesse haben könne, dem vereinsamten Jnspektionsoffizier einen Besuch abzustatten. — 28 — Deshalb legte ich ganz bequem Feldbinde und Säbel ab, zog meinen Waffenrock aus und begab mich auf dem Diwan zur Ruhe. Nach einiger Zeit fing es an im Zimmer kalt zu werden. Die Ordonnanz hatte es unterlassen, Kohle im Ofen nachzulegen und ich dachte daran, meinen Waffenrock wieder anzuziehen. Da fiel mein Blick auf das Bett, das, ich weiß nicht warum, im Jnfpektionszimmer stand. Rasch entschlossen, entledigte ich mich meiner noch vorhandenen Kleidungsstücke und kroch hinein . . . Ich dürfte wohl eine Stunde in Morpheus' Armen gelegen sein, als mich eine Stimme weckte. Ich fuhr empor im Bewußtsein meines sträflich unbekleideten Zustandes und griff nach meinen am Stuhle hängenden Beinkleidern. Vor mir stand ein Unteroffizier, die Torinspektion, und meldete etwas, was ich jedoch in meinem schlaftrunkenen Zustande nicht recht verstand, nur ein Wörtchen in der Meldung brachte mich sofort zum Bewußtsein und ließ mich in wilder Hast mit unbekleideten Füßen in die hohen Stiefel fahren, es war das Wörtchen „General", das ich deutlich vernommen hatte. Die Beinkleider anzuziehen, war keine Zeit mehr, denn schon hörte ich des Kommandeurs Stimme nach dem Unteroffizier rufen. Ich warf meinen Mantel über das bloße Hemd, setzte meine Kappe auf und steckte den Säbel in die linke Mantel- 29 tasche, nahm den Torschlüssel rasch von der Wand und eilte mit dem Unteroffizier hinaus. Die Torinspektion öffnete und ich meldete mich mit möglichster Strammheit als Kaserninspektionsoffizier. „So — Sie haben heute Inspektion, Leutnant Kurt?" ^ frug mich General Rosen und schien sehr guter Laune, „wären sonst wohl in meinem Hause bei der Silvesterfeier erschienen ?" „Ja wohl, Herr General, habe mich schriftlich entschuldigt, Dienst geht vor." „Bedauere, bedauere, ja der leidige Dienst, apropos, haben Sie die Runde schon hinter sich, das ist wohl das Unangenehmste am Jnspektionsdienste, noch dazu bei einer ^ so kalten Winternacht?" Die Runde hätte ich mir zwar unter anderen Umständen zu Ehren des Silvesters geschenkt, da aber der General möglicherweise bei seiner unberechenbaren Spaziergangsmanie selbst den Posten beim Pulvermagazin visitiert und dabei erfahren haben konnte, daß die Runde noch nicht passiert sei, mußte ich die Wahrheit gestehen. ^ „Nein, Herr General, bin eben im Begriffe, sie zu machen", log ich mit militärischer Kürze. Der General hatte selbst verfügt, daß der jeweilige Kaserninspektionsoffizier im Laufe der Nacht einmal den Posten bei dem eine halbe Stunde von der Kaserne entfernten Pulvermagazin visitiere. Eine Verfügung, die schon viel Ärgernis bei den hiebei Beteiligten hervorgerufen. 30 „Ach, Sie wollten die Runde eben machen", meinte der Kommandeur und es schien mir, als ob ihn dies sehr belustigte, „da gehen wir einfach zusammen hin, ich wollte schon früher zum Pulvermagazin schauen, doch ich hatte vergessen, mir den Feldruf für heute geben zu lassen." Um Gotteswillen, dachte ich mir, jetzt soll ich in dieser Adjustierung mit Mantel, Hemd und hohen Stiefeln bei der herrschenden Kälte eine Stunde lang marschieren! Sollte er vielleicht ahnen, daß ich nur so notdürftig angezogen bin und mich aus Bosheit ins Freie hinaus befehlen? Allerdings wäre es möglich gewesen, daß der General durchs Fenster ins Jnspektionszimmer geblickt hatte und mich im erleuchteten Raume im Bette schlafend bemerkte. „Marschieren Sie nur voraus, Herr Leutnant, ich folge Ihnen nach", befahl er mir und so schritt ich lustig vorwärts, wenn ich auch nicht die liebenswürdigsten Ansprachen, allerdings nur im Geiste, an meinen hohen Vorgesetzten hielt. Brrr! War das eine Kälte! Je weiter ich mich von meinen zurückgelassenen Beinkleidern entfernte, um so kälter schien es mir. Nun setzte auch noch zum Überflüsse ein frischer Nordwind ein, der die Enden meines Mantels immer schalkhaft auseinander blies. „Das wird einen feinen Schnupfen für den Fasching geben", dachte ich. Glücklicherweise war es dunkel genug und so blieb meinem Hinter- 31 manne — wenn man einen Vordermann so nennen kann — der Anblick eines flatternden Nachthemdes erspart. Endlich waren wir beim Pulvermagazin angelangt; der Posten, der mit Ungeduld dem kommenden Neujahr, das ihm zunächst seine Ablösung brachte, entgegensah, wurde aus seinem Häuschen herausgelockt, und die ungewöhnliche Runde zog befriedigt heimwärts. Ich verwandelte mich nach und nach in einen Eiszapfen. Auf dem Rückwege wurde mein hoher Gönner Plötzlich gesprächig, auf dem Hinmärsche gelüstete es auch ihn in seinem Pelzmantel nicht, eine Konversation zu führen. „Schade, daß Sie gerade heute im Dienste sind", begann er, „Sie würden sich heute bei uns sehr wohl fühlen. Die jungen Mädchen wollen natürlich tanzen und mit den Tänzern ist es so schlecht bestellt." „Leider", entgegnete ich, „aber der Dienst." „Ja, ja, der Dienst, aber eigentlich haben Sie Ihren Dienst schon beendet, die Runde ist vorüber und die paar Stunden, die Sie sonst noch bis zur Tagwache schlafen würden, dürfte sich wohl nichts Besonderes ereignen." „Übergeben Sie einfach den Dienst der Torinspektion, wenn etwas los ist, weiß sie, wo man Sie findet, und kommen Sie mit mir in meine Wohnung." „Ganz unmöglich, Herr General", stieß ich heraus und ein Angstgefühl überkam mich; jetzt sollte ich auch noch zum Überflüsse in bloßem Hemde die Honneurs machen und tanzen. - 32 — „Die Torinspektion scheint mir keineswegs verläßlich. Wenn zum Beispiel ein Brand ausbräche oder ein Subordinationsfall ..." „Ach, so arg wird es nicht sein, bei dieser Kälte wird es nicht brennen und wenn die Leute schlafen, sind sie nicht insubordiniert. Kommen Sie nur zu uns, Sie müssen sich bei einem Glase Punsch etwas erwärmen. Ich glaube, Sie sind zu leicht augezogen." „Ich bin leider gar nicht angezogen, das heißt, nicht für eine Soiree", verbesserte ich meine vorlaute Bemerkung. Dabei hatten wir das Kaserntor erreicht. „Sie, Unteroffizier", schnarrte der Kommandeur die öffnende Torinspektion an, „Herr Leutnant Kurt wird Ihnen den Jnspektionsdienst übergeben und kommt mit mir in meine Wohnung; wenn Sie ihn brauchen, schicken Sie ganz einfach zu mir." „Zu Befehl, Herr General!" „So, und nun, Herr Leutnant, lassen Sie den Dienst beiseite und zeigen Sie sich in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit. Heute müssen Sie uns Herausreißen. Ich und meine Frau sind in großer Verlegenheit. Die Herren haben alle abgesagt und nur die jungen Mädchen sind erschienen. Wenn ich nicht irre, zwölf junge Damen und an Herren nur der pensionierte Herr Feldmarschalleutnant v. Kiesler." „Herr General", fing ich an und der Angstschweiß trat mir trotz der herrschenden Kälte auf die Stirn, „es 33 ist ganz unmöglich, daß ich der freundlichen Einladung Folge leiste, ich bin faktisch nicht in entsprechender Adjustierung, um in einem Salon zu erscheinen. Wenn Herr General gestatten, mache ich einen Sprung in meine Wohnung, in längstens zehn Minuten bin ich dann zur Stelle." „Was fällt Ihnen ein, Sie werden da lange Toilette machen. Die Damen wissen ganz genau, daß man nicht mit Waffenrock Nr. 1 Kaserninspektion hält, und wenn die Hosen auch etwas abgetragen sind, die jungen Leute sehen sich in die Augen und nicht auf die Beinkleider." Dabei hängte sich der alte Herr in meinen Arm ein und machte keine Miene, mich los zu lassen. Was blieb mir anderes übrig, als den Becher bis zur Neige zu leeren! Auf dem kurzen Wege in die Wohnung meines freundlichen Vorgesetzten, überdachte ich meine Situation. Das Einfachste wäre wohl gewesen, dem hohen Gönner die Wahrheit einzugestehen. Aber das Einfachste ist nicht immer das Angenehmste. Nun traten wir in den Hausflur. Wie hell da die Lichter brannten! Jetzt mußte man ja sehen, daß ich keinen Uniformkragen unter dem Mantel trug. Wenn ich jetzt einen Ohnmachtsanfall simulierte oder ganz einfach entwischte! A. Paul, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 3 Da öffnete sich die Salontür und Helle Mädchenstimmen klangen heraus. Einen Augenblick später umgaben mich eine Unmenge jugendlicher Gestalten und nötigten mich einzutreten. „O, der Leutnant Kurt ist zum Tanzen gekommen", riefen ein paar junge tanzlustige Damen, „Sie kommen wie gerufen; ziehen Sie sich nur rasch aus, die Musik hat schon begonnen." Dabei wollten mir die jungen Mädchen helfen, den Mantel abzulegen. „Bitte, bemühen Sie sich nicht, meine Damen", wehrte ich ab und es wurde mir immer unheimlicher zumnte; mit dem Tanzen ist es heute nichts, ich habe mich so gräßlich erkältet, daß ich den Mantel nicht ablegen kann." „Aber Sie werden bei uns doch nicht mit angezogenem Mantel im Salon sitzen", legte sich die Generalin ins Mittel, die es natürlich für unpassend fand, daß ich mich nicht entkleiden wollte. Wenn ich den Mantel ausziehe, dachte ich mir, würde sie es noch unpassender gefunden haben. Merkwürdigerweise nötigte mich der General selbst nicht abzulegen, sondern unterstützte mich sogar, indem er sagte: „So laßt doch den Herrn Leutnant, ihr hört ja, daß er stark verkühlt ist; ich habe ihn auch nur mitgebracht, um ihn ein wenig zu erwärmen, denn ich sah, wie sehr er während der Runde fror. Ein Glas warmen Punsch 35 und dann zurück in die Kaserne, der Dienst erlaubt keine längere Absentierung." Ich hätte dem wackeren alten Herrn um den Hals fallen können, so sehr sprach er mir aus der Seele. Also bei einem Glas Punsch ließ er es bewenden! Der ausgetragene warme Punsch mundete mir übrigens besser, als ich mir auf dem Wege zum Kommandanten gedacht hätte. Als ich mein Glas geleert, nötigte mich der General zum Gehen, wofür ich ihm Zeit meines Lebens dankbar sein werde. Die Dämchen rümpften zwar ihre diversen Näschen und fanden es unrichtig, daß man einen guten Tänzer so ohne weiteres laufen lasse, aber sie konnten mich nicht zurückhalten. Bei der Haustür — der Herr General begleitete mich selbst bis dahin — reichte er mir die Hand und sagte: „Mir ist es auch einmal so ergangen als Leutnant, als ich mich als Jnspektionsoffizier entkleidet ins Bett gelegt und dann sehr notdürftig angezogen meinen Obersten empfing; nur hat er mir damals, statt Punsch zu servieren, vier Wochen Kasernarrest diktiert." 3 * vle beiden Vlmütxer. Freundlicher Leser, hast du eine Cousine? ich meine nicht eine gewöhnliche Cousine, wie sie ja jeder besitzt, der selbst halbwegs Cousin ist, sondern ein Geschöpfchen, so das Mittelding zwischen Cousine und Nichtcousine, das von der Natur dazu bestimmt ist, allen zu gefallen und von allen verehrt zu werden, das, selbst wenn es mit dem leiblichen Vetter zusammen erblickt wird, für alles eher gilt, als für seine Cousine. Genau so eine Cousine hatte ich, oder habe sie noch — nur ist sie mittlerweile zur Großmutter herangereift — und daher spreche ich lieber in der Vergangenheit. Dieses Cousinchen hieß Mitzerl und war damals fünfzehn Jahre, während ich siebzehn zählte. Schlank, doch keineswegs mager, mit zwei prächtigen goldblonden Zöpfen, blauen Augen, in die man eine Ewigkeit Hineinblicken konnte, ohne daß man sich sagte: jetzt ist's aber genug! und einem kleinen kirschroten Mündchen, eben groß genug, um für einen mäßigen Kuß den Platz anzuweisen. 37 Und dieser Teint, diese Händchen und Füßchen! Selbstverständlich war ich bis über die Ohren in dieses Mitzerl verliebt, und das will viel heißen, denn meine Lehrer hatten dafür gesorgt, dieselben zu verlängern. Jeden Samstag durfte ich mein Cousinchen von der Klavierschule in der inneren Stadt abholen und bis in ihre Wohnung begleiten. Das war für mich stets ein Festtag und ich lebte nur immer von einem Sonnabend zum anderen. Glücklicherweise bezog ich auch an diesem Tage mein Taschengeld, das mir wöchentlich homöopathisch in Form einer Krone verabreicht wurde. Aber diese Krone erschien mir damals als eine bedeutende Summe, sie reichte wenigstens aus, um Mitzerls bescheidene Wünsche zu erfüllen. Einmal kaufte ich ihr Orangen, ein andermal Kastanien, dann wieder Bonbons für das Geld und jedesmal lächelte sie mich dafür glückselig an und dankte mir mit herzlichen Worten. Eines Tages hatten wir sogar den Mut, bei einem Zuckerbäcker einzutreten und gemeinsam zehn Stück Cröme- schnitten ü fünf Kreuzer zu verzehren. Sie sechs, ich vier. Mitzerl hätte sogar noch mehr gegessen, aber ich machte sie darauf aufmerksam, daß sie sich den Appetit zum Mittagsessen verderben könnte. In Wirklichkeit hatte ich jedoch kein Geld mehr. 38 Damals wünschte ich recht reich zu sein, ich hätte meiner Cousine sämtliche Cromeschnitten der Residenz serviert und ihr mit stiller Bewunderung dabei zugeschaut, wie ihre kleinen Perlenzähnchen die Süßigkeiten zu einem Brei zermalmten. Wieder war ein Samstag. Mit Ungeduld erwartete ich mein Mitzerl auf der Straße vor der Klavierschule. Vis-a-vis befand sich eine Delikatessenhandlung. Ich blickte ziemlich teilnahmslos ins Auslagefenster. Da plötzlich wurde mein Auge starr. Gerade rechts oben auf einem Faß Essiggurken stand eine angelaufene Käseglocke. Weich an einander geschmiegt, wie zu einem unbestimmbaren Ganzen gehörig, lagen unter der Glocke etliche braune halbzerflossene Dinger, die ungebildete Leute kurz „Quargeln" benennen, für mich waren es jedoch ein paar Olmützer, und zwar Olmützer bester Qualität. Schöne Leserin, hast du jemals Quargeln, das heißt Olmützer gegessen? Wenn ja, dann brauche ich dir die köstliche Speise nicht zu schildern, wenn nicht, dann rate ich dir, sie ehestens zu kosten. Es gab zu jener Zeit nichts, das mich mehr begeistert hätte, als so ein paar Olmützer. Aber da eben hiernieden kein Ding vollkommen ist, so haftet auch diesen Leckerbissen ein kleiner Fehler an. Die Olmützer haben einen, wie soll ich nur sagen, so eigenartigen Geruch, daß durch diesen fast alle ihre edlen Eigenschaften verdunkelt werden. — 39 Rasch entschlossen, trat ich in den Laden und erstand zwei Stück Olmützer, die ich sein säuberlich verpackt behutsam in meine Hosentasche schob. Als Mitzerl unter dem Haustore erschien, hatte ich die beiden Olmützer bereits vergessen. Wie sollte ich auch an etwas anderes denken? Gerade heute war sie schöner und frischer denn je. Mit ihrem blauen Käppchen, in der reizenden Matrosenbluse, die Musikmappe in der Hand, kam sie auf mich zu und hielt mir das kleine weiche Händchen zum Gruße hin. Wie gern hätte ich dem lieben Kinde einen Kuß gegeben, wozu ich als Cousin sonst das Recht zu haben glaubte, aber aus der Straße, vor den vielen Leuten, getraute ich mich nicht. Mitzerl hängte sich in mich ein und wir marschierten wacker darauf los. Sie hatte mir allerlei zu erzählen und ich paßte genau auf, kein Wörtchen zu überhören. Wir bemerkten beide nicht, daß es ganz flott regnete. „Es regnet ja", rief sie endlich ganz überrascht und streckte ihr Händchen weg, „wenn ich Geld hätte, würde ich mit der Elektrischen nach Hause fahren." Ich war glückselig ihr aushelfen zu können, und so saßen wir einige Augenblicke später in einem Wagen der elektrischen Straßenbahn. Da gabs aber ein Gedränge, alles flüchtete vor dem Regen in den Wagen und jeder wollte einen Sitzplatz haben. 40 Für Mitzerl war gerade noch ein kleiner Raum zwischen zwei wohlbeleibten Herren. Sie zwängte sich hinein. Nun verließ einer der beiden Dicken den Platz und ich setzte mich schnell neben meine Cousine, glücklich, ihr so nahe zu sein. Plötzlich kam der Dicke wieder zurück und nahm ganz ungeniert seinen früheren Sitz in Beschlag. Ich wurde dadurch wie eine Zitrone zusammengepreßt und der Druck wurde auch auf mein armes Mitzerl fortgepflanzt. Wir machten uns jedoch beide nichts daraus und lächelten stillvergnügt. Mit einem Male — ich war der festen Meinung, mein Vis-ü-vis, eine behäbige Köchin mit einem Korbe auf dem Schoße, trage die Schuld — verbreitete sich ein übler Geruch um mich und meine Cousine, der von Sekunde zu Sekunde intensiver wurde. Mitzerls feiner Nase war natürlich dieses unwillkommene Parfüm nicht entgangen. Sie neigte ihr Köpfchen so viel als möglich zurück und fächelte sich mit ihrem Battisttuche. „Eine unglaubliche Rücksichtslosigkeit", flüsterte ich ihr zu, „Sauerkraut in einem Korbe in den Wagen hereinzunehmen." „O na, junger Herr, da irren's Ihne, i Hab ka Sauerkraut net in mein' Körbel", entgegnete die Köchin, die meine Bemerkung gehört hatte, „i Hab nur a paar Kirzen und a Packel Saf d'rin, den G'stanken Hab i e a g'mirkt." Nun wurden auch die übrigen Fahrgäste unruhig. 41 Ein Herr schloß eilends ein offenes Fenster in der Meinung, der Gestank komme von der Straße herein, was jedoch nur zur Folge hatte, daß der üble Geruch zunahm. „Das ist ja nicht zum Aushalten", rief nun der Dicke und warf mir einen beleidigenden Blick zu. Ich blickte unter meinen Sitz, um eine Erklärung für diese rätselhafte Naturerscheinung zu finden. Da lag ganz friedlich ein kleiner Hund und schlief. „Verflixtes Hundsvieh", riefen mehrere Stimmen gleichzeitig und im nächsten Augenblicke war das ahnungslose Geschöpf aus dem Wagen hinansbefördert. Aber auch diese Vorsichtsmaßregel erwies sich als ganz überflüssig. Der Gestank nahm nur noch zu. Da ließ der Dicke zu meiner Linken die Bemerkung fallen; „Wenn einer alle Taschen voll Quargel hält', könnt's auch nicht ärger stinken." Ich schnellte empor wie ein Federball. Im Nu stand ich auf der Straße. Der Wagen hielt einige Zeit an einer Kreuzungsstelle und ich hatte Zeit, meine Taschen zu entleeren. Das war nnn allerdings keine leichte Aufgabe, die beiden Olmützer waren zu einer formlosen Masse zerdrückt und umgaben gleichmäßig mein Federmesser und einen Schlüssel. Als ich den Knoten entwirrt und mich meiner Peiniger entledigt hatte, kam meine Cousine zu mir. Sie wollte die vielen boshaften Bemerkungen im Wagen nicht mehr länger anhören. — 42 — Ich erklärte ihr kurz, was die Ursache des so unerklärlich gewesenen üblen Geruches war und sie atmete erleichtert auf. Natürlich waren wir beide einig, nicht mehr einzusteigen und unseren Weg zu Fuß fortzusetzen. Als ich um den Wagen herumging, um auf die andere Straßenseite zu gelangen, riß der Dicke im Wagen das Fenster auf und rief mir zum größten Gaudium der übrigen Fahrgäste nach: „No, ist Ihnen wieder besser, junger Herr?" . . . Ich brachte mein Mitzerl glücklich nach Hause, mußte ihr aber feierlich versprechen, nie mehr Olmützer einzukaufen, wenn ich sie abholte, was ich auch pünktlich einhielt. Mulein WZ Es war ein langgehegter, leider bisher unerfüllt gebliebener Wunsch, während meiner Weltreise einen kleinen Affen zu bekommen. Einen wirklichen Affen natürlich, wie solche in größeren Mengen in jeder Menagerie und an Bord jedes größeren Schiffes angetroffen werden, denn nach den anderen, bedauerlicherweise noch häufigeren Vertretern dieser Klasse, sehnte ich mich keineswegs, ich ging ihnen sogar nach Möglichkeit aus dem Wege. Obwohl ich in allen tropischen Häfen Umschau hielt und keine Mühe und kein Geld zu sparen beabsichtigte, so gelang es mir dennoch erst auf der Rückreise in Pulo Penang ein Äffchen ausfindig zu machen, das den hohen Anforderungen, die ich an dasselbe stellte, in jeder Hinsicht entsprach. Erstens mußte es ein Weibchen sein, das schien mir das Wichtigste, denn Affenweibchen sind immer reiner, anständiger, gelehriger und zutunlicher als Affenmünnchen, was die Anhänger der Darwinschen Lehre als ganz selbstverständlich erklären dürften. Zweitens verlangte ich ein vollkommen tadelloses, hübsches und möglichst kleines Exemplar, das außerdem schon über die Anfangsgründe der Dressur hinaus, aber dennoch ein gewisses Alter nicht überschritten hätte. Allen diesen Bedingungen entsprach aber das Äffchen, das ich um die verhältnismäßig hohe Summe von 8 Rupien bei einem Landgange am großen Markte erstand. Es war vollkommen zahm und so zutraulich, daß es sich sofort in meiner Rocktasche behaglich fühlte und mir gutwillig ein Stück Banane, mit welchem es bisher beschäftigt war, überließ. Ich brachte meinen künftigen Reisegefährten an Bord und kaufte vorher noch einen Zweig mit Bananen ein, denn es durfte meinem kleinen Fräulein auch in Hinkunft das Lieblingsgericht nicht mangeln. An Bord angelangt, beglückwünschte man mich wegen des Einkaufes; jedermann fand das Äffchen reizend, und „Fräulein Fips", so hatte ich es getauft, erwarb sich in kürzester Zeit die Sympathie sämtlicher Eingeschifften. Nur „Quickerl", der Bordköter, ein schwarzer Hund unbestimmbarer Rasse, konnte sich nicht beruhigen und kläffte mein erschrockenes Fräulein mit einer Wut an, die mir die Überzeugung verschaffte, er werde auch in Hinkunft mein armes Äffchen nicht freundlich behandeln. Fräulein Fips, das sich den Wutausbruch „Quickerls" nicht erklären konnte, hatte sich in seiner Herzensangst auf meine Schulter geflüchtet und hielt sich mit beiden Händchen an meinem Ohrläppchen fest. Quickerl, der nur eine mangelhafte Schulbildung besaß und bisher an Bord mit wahrer Tollkühnheit den ziemlich zahlreichen Ratten nachgestellt hatte, wobei er von allen Bordbewohnern wärmstens unterstützt wurde, hielt Fräulein Fips bei seinen geringen zoologischen Kenntnissen für eine gewöhnliche Ratte und begriff nicht, daß man ihn davon abhielt, auch dieser Kreatur den Garaus zu machen. Sehr begreiflicher Weise führte diese Feindseligkeit zwischen Hund und Äffchen sehr bald zu Differenzen bei den Besitzern beider Tiere. Quickerls Herr nahm selbstverständlich Partei für diesen, während ich mein Fräulein jederzeit in Schutz nahm, wobei ich im Einverständnisse mit allen übrigen Personen, die Fräulein Fips höher schätzten, als den struppigen Köter, handelte. Sehr bald hatte sich Fräulein Fips an die neuen Verhältnisse gewöhnt und als wir acht Tage später Pulo Penang verließen, um nach Colombo zu segeln, war das Äffchen schon vollkommen an Bord heimisch. Mich respektierte es sofort als Herrn und Gebieter, weil es in meiner Person seinen Beschützer erkannte, der es hauptsächlich vor seinem Todfeinde „Quickerl" verteidigte und weil ich für Fräulein Fips sonstige Bedürfnisse reichlich sorgte. Wenn das Äffchen nicht in der Takelage beschäftigt war, saß es in meiner Kabine in einem kleinen, durch 46 einen Deckel abschließbaren Korbe, den es mit besonderem Scharfsinn ausfindig gemacht hatte. Von diesem Korbe aus konnte Fräulein Fips alles beobachten, was in der Kabine vorging, ohne selbst gesehen zu werden. Den Weg in meinen Schlafraum kannte das Äffchen ganz genau und es überzeugte sich immer von außen, ob die Kabinenluke geöffnet sei, in diesem Falle war es natürlich leicht, in meine Kabine, respektive in drn Korb zu gelangen. War jedoch die Luke geschlossen, was bei hohem Seegang immer der Fall war, dann kam Fips vom Decke und setzte sich, falls auch die Kabinentür nicht offen stand, ganz einfach auf die Türklinke, die für das Äffchen genügend groß war. So wartete das kluge Tierchen oft Stunden lang, bis ich kam, um mich zur Ruhe zu begeben. Wenn es mich dann erblickte, so zeigte es immer große Freude, was es dadurch kundgab, daß es den Körper streckte und mit den Lippen zu spielen anfing, als ob es mir etwas in einer lautlosen Sprache zu erzählen hätte. Im nächsten Augenblicke saß es mir aus der Schulter und nachdem ich die Tür geöffnet hatte, im Korbe. Während ich mich nun auskleidete, war Fräulein Fips, wie es sich für eine junge Dame ziemt, nicht sichtbar — ob es mir bei der Toilette nicht trotzdem zusah, kann ich natürlich nicht mit Bestimmtheit behaupten; sowie ich aber die Kerze auslöschte, erschien das junge Fräulein und legte sich zu mir ins Bett, ohne Rücksicht auf das Unschickliche dieser Handlungsweise. Allerdings beanspruchte Fips nur sehr wenig Platz und benahm sich stets so anständig, daß es mir nicht in den Sinn kam, dem Äffchen diese Intimität zu verbieten. Es lag mit mir auf dem Kopfpolster und umschlang mit seinen kleinen Ärmchen meinen Hals wie ein kleines Kind, dabei verhielt es sich vollkommen ruhig, selbst wenn ich es in der Nacht anschnarchte oder anhustete. Wurde ich zur Nachtwache geweckt, so war dies auch für „Fräulein Fips" ein Alarmsignal. Vorerst, bis ich angezogen war, verschwand es in dem Korbe. Die Wache hielt das Äffchen jedoch gewissenhaft mit mir auf der Brücke in meiner Manteltasche und selbst der stärkste Regen konnte Fräulein Fips nicht bewegen, mich zu verlassen. Nach der Wache erhielt das Äffchen immer ein Stückchen Zucker, auf welches ich ein paar Tropfen Kognak träufelte, was das kleine, oft ganz durchnäßte Tierchen mit sichtlichem Wohlbehagen erfüllte. Tagsüber war Fräulein Fips weniger an meine Person gekettet und sehr viel in der Takelage anzutreffen, wo es sich in vollkommener Freiheit wähnte. Selbstverständlich war auch kein Matrose so gewandt wie Fräulein Fips, das mit unglaublicher Schnelligkeit der Mannschaft vorauslief, falls diese, um die Segel zu schließen, hinaufbefohlen wurde. Das Äffchen lief in der Takelage herum wie auf 48 ebenem Boden, es machte gar nicht den Eindruck, als ob es sich festhielte. Über Wanten und Stage gings, selbst wenn das Schiff rollte und stampfte und wenn der Wind durch das Tauwerk pfiff, daß einem Hören und Sehen verging. Oft hatte ich Fräulein Fips den ganzen Vormittag nicht gesehen, sobald jedoch die Speisestunde herannahte und ich mich auf meinen gewöhnlichen Platz zu Tische setzte, war mein Äffchen gewiß nicht fern. Allerdings mußte es, um nicht von Quickerl erwischt zu werden, sehr vorsichtig zu mir gelangen, gewöhnlich von oben durch das Scheilicht längs der Klingelleitung auf meine sichere Schulter. Alles Knurren und Bellen half dem Hund nichts, Fräulein Fips wußte genau, daß ich es schützte und dem schwarzen Unholde niemals ausliefern würde. Wie immer anständig, benahm sich Fräulein Fips auch beim Diner. Es kam ihm niemals in den Sinn nach irgendeiner Speise zu greifen oder sonstwie seiner Sehnsucht nach einem Gerichte Ausdruck zu verleihen. Fräulein Fips hatte sein eigenes Schüsserl und erhielt das Futter erst, wenn wir mit dem Essen fertig waren; doch konnte es sich nicht enthalten, jedem einzeln von meiner Schulter aus mit den Augen zu folgen, wenn die Speisen vom Teller in den Mund verschwanden, was einen urkomischen Eindruck machte. Oft konnte das Äffchen die Augen nicht so schnell — 49 — bewegen, als die Speisen vom Teller in die verschiedenen Münder wanderten. Rührend war Fräulein Fips' Verhältnis zu Murrl, dem braunen Bordkater, wenn dieses Verhältnis auch ganz aussichtslos war. Murrl schützte Fräulein Fips hauptsächlich vor Quickerl, der vor dem starken Kater einen heillosen Respekt hatte, und sah es gern, wenn das Fräulein an seiner Seite in der Sonne das Nachmittagsschläfchen hielt. Zu dieser Zeit war Fräulein Fips immer Gemeingut, da spielten die Matrosen mit dem Äffchen und freuten sich über dessen possierliches Treiben. Ein einzigesmal war Fräulein Fips unartig und bekam Schläge. In Colombo kam Damenbesuch an Bord. Die Frau des deutschen Konsuls mit ein paar jüngeren Damen. Unglücklicherweise gerieten die Fremden auf den Einfall, ihre Hüte in meiner Kabine abzulegen. Als die Damen das Schiff verließen, waren sämtliche Hüte ihrer Federn beraubt und machten den Eindruck, als wären sie gewöhnliche Eierpfannen, in die man ab und zu einen Federkiel gesteckt. Natürlich fiel es uns auch sehr schwer, ernst zu bleiben und die ohnehin sehr bestürzten Damen durch ein schallendes Gelächter noch mehr aus der Fassung zu bringen. * ->- A. Paul, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 4 50 Eines schönen Tages war „Fräulein Fips" spurlos verschwunden. Alles Nachsuchen war erfolglos; in keinem ; Raume, weder auf Deck noch in der Takelage zeigte sich mein geliebtes Fräulein. Es wurde Nacht und das Äffchen kam nicht zu mir ins Bett. Ich war trostlos. Wahrscheinlich war mein armer * kleiner Reisegefährte unbeachtet über Bord gefallen. So vergingen zwei Monate und ich gewann allmählich meine Fassung wieder. Da wird der Maschinist zum Schiffskommandanten gerufen. „Herr Maschinist", meint der Kommandant, „wieso kommt es, daß das Trinkwasser seit ein paar Tagen so geschmacklos ist; bisher mundete mir das destillierte Wasser ? vortrefflich und jetzt ist es nicht zum trinken." „HerrKommandant haben Ihren eigenenWasserkasson, ich verstehe nicht, warum das Wasser jetzt anders schmecken soll — werde aber gleich Nachsehen." Nach einer halben Stunde war die Ursache des veränderten Geschmackes ergründet. Der Wasserkasson, aus welchem bisher das schmack- . hafte Wasser genommen worden war, wurde entleert, um neu angestrichen zu werden und man hatte dem Schiffskommandanten Wasser aus einem anderen Kasson seit zwei Tagen gereicht. Als man aber den entleerten Kasson mit dem schmackhaften Wasser näher untersuchte, fand man in einem 51 Winkel desselben ein ganz kleines Skelett, das man erst nach längerer Prüfung als — das Skelett eines kleinen Asiens erkannte. Also hatte Fräulein Fips nicht nur zu Lebzeiten die Herzen erfreut, sondern auch als Toter sich noch verdient gemacht. Der Löwe und Oer Laubfrosch. Tief drinnen im innersten Innern von Afrika lebte einst ein alter Löwe. Er hatte sich eine freundliche Oase als bleibendes Domizil gewählt und lag eben im Schatten einer hohen Dattelpalme. Das Alter, noch mehr aber die Sorgen um das tägliche Fleisch und Zwistigkeiten in der königlichen Familie, deren Oberhaupt er war, hatten seine Mähne merklich gelichtet. „Was nutzen mir die zahllosen Missionäre und Forschungsreisenden, wenn ich keinen erwischen kann und wenn sie von anderen aufgefressen werden?" räsonierte Seine Majestät der Wüstenkönig und stieß dabei einen gräulichen Fluch aus, was ihm um so leichter fiel, als ihm eben jetzt die Beine an Dero Podagra erinnerten. „Quak", erlaubte sich ein Laubfrosch ganz bescheiden zu bemerken: „Eure Majestät sollten nicht so gottsjämmerlich fluchen, weil Sie ja leicht von anderen Tieren gehört werden könnten, deren leuchtendes Vorbild Sie bisher waren." „Sie haben recht, Herr Laubfrosch, aber ich glaubte 53 allein zu sein, sonst hätte ich meinen Fluch anders stilisiert. Übrigens versetzen Sie sich einmal gefälligst in meine Lage. Sie als Laubfrosch haben freilich leicht quaken, Sie finden immer noch eine Fliege zum Mittagsesfen. Stellen Sie sich vor, Sie wären der König der Tiere und Ihnen gehörte Afrika so wie mir, Sie würden alt und hinfällig, verlören die Sehkraft, so daß Sie mit Brillen auf die Jagd gehen müßten, büßten Ihre Körperkraft und Gewandtheit ein, ja sogar die Haare auf dem Kopfe . . „Das wäre entsetzlich", unterbrach ihn der Laubfrosch „mir ist gottlob noch kein Haar ausgefallen, aber ich bin noch zu jung dazu." „Ja, sehen Sie, Herr Laubfrosch, das bildete ich mir auch noch vor ganz kurzer Zeit ein, ich war sogar voriges Jahr in eine ganz junge Löwenwitwe vernarrt und glaubte, sie müßte an einem etwas reiferen Löwen mehr Gefallen finden als an so einem jungen Windbeutel. Bis ich sie einmal erwischte, wie sie mich hinterging, dann wurde ich gleichgültig fürs schöne Geschlecht, wandte weder Haarwuchsmittel noch Lebenselexiere an und ließ mich einfach gehen — Himmel, Herrgott, diese verdammte Gicht, wenn ich die nur einem anderen anhängen könnte", setzte er hinzu und zog das schmerzhafte Bein krampfhaft an, „haben Sie niemals Podagra in Ihren werten Schenkeln verspürt?" „Niemals, aber ich bin auch sehr mäßig im Essen und Trinken, insbesondere das viele Fleischessen ..." „Hören Sie mir auf mit Ihrem Fleischessen, seit drei Tagen habe ich keinen Löffel warme Suppe zu mir genommen, geschweige denn ein Stück kalten Missionärs oder sonstige Fleischkost. Glauben Sie, daß sich irgend jemand von meiner königlichen Verwandtschaft um mich noch kümmerte? Man läßt mich einfach verhungern. Wenn ich es nicht unter meiner Würde fände, würde ich Sie, Herr Laubfrosch, in Ermanglung etwas Besseren einstweilen mit Haut und Haar auffressen, nur müßte ich Sie ersuchen, mir ins Maul hineinzuhüpfen, da mir das Bücken Schmerzen verursacht." „Entschuldigen Majestät, wenn ich der freundlichen Aufforderung, beim Diner zu erscheinen, keine Folge leiste, aber ich fürchte Dero Hunger nicht ganz zu stillen. Majestät sollten eher darauf bedacht sein, eine Altersversorgung beim Menschen zu suchen, wenn Sie schon bei Dero hoher Familie keine Unterstützung finden." „Beim Menschen? Was Sie nicht sagen, Herr Laubfrosch? Der wird wohl schwerlich geneigt sein, für mich zu sorgen, wo ich doch seit jeher sein erbittertster Gegner war und ihn höchstens als Nahrungsmittel behandelte." „Majestät irren, wenn Sie den Menschen einer so niedrigen Handlungsweise, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, fähig halten. Der Mensch ist der Herr der Schöpfung und das vollkommenste Geschöpf, somit auch mit allen erdenklichen edlen Eigenschaften und Tugenden ausgestattet. Sein Grundsatz ist: „Tue Gutes deinen Feinden." 55 Im nächsten Augenblick wurde das Zwiegespräch durch wildes Geschrei unterbrochen. Der Laubfrosch, in der Meinung, man wolle ihn einfangen, hielt es für das Klügste, sich durch ein paar kühne Sprünge in Sicherheit zu bringen. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch nicht um ihn, sondern um den Löwen, der von einigen Jägern entdeckt worden war. Unfähig, sich von seinem Lager zu erheben, stieß der alte Löwe ein klägliches Gebrüll aus. Da fielen ein paar wohlgezielte Schüsse und der Wehrlose lag in seinem Blute. „Tuet Gutes euern Feinden", hauchte der alte Löwe und verschied. Der Laubfrosch aber, der aus sicherem Verstecke mit angesehen, wie man den Wehrlosen hingeschlachtet hatte, meinte: „Ich hätte sie wahrhaftig für besser gehalten, die Herren der Schöpfung, aber ich werde den Toten rächen." Seit dieser Zeit ist kein Verlaß mehr auf seine Wetterprognose. ver gebrochene fürs. Das war einmal ein gelungener Abend in . . . stadt, als wir, sechzehn an der Zahl, unten saßen im Weinkeller der „ungarischen Krone" und alle Weinfässer, die in zahlloser Menge neben- und übereinandergestaut waren, nach Herzenslust anstachen und probierten, bis dann einer nach dem anderen mit unsicherem Kurse dem Ausgange zusteuerte, um Schutz vor den Erynien des Weines zu suchen. Nur ich, ein Regimentsarzt und ein blutjunger Honvedleutnant hatten wacker standgehalten und besaßen sogar den Mut, noch ein Faß süßen Weines zu prüfen. Da erhob sich der Leutnant und machte Miene, uns zu verlassen. Weil er aber mit sich selbst nicht im Reinen war, auf welche Weise er aus dem dumpfen Weinkeller ins Freie gelangen könnte, marschierte er in einer beliebigen Richtung so stramm als möglich fort, bis ihn jemand am Weitermarsch hinderte. Dieser Jemand war jedoch ein ungeschliffenes dickbäuchiges Weinfaß ohne Lebensart, das nicht im Entferntesten ?dW! — ü7 — daran dachte, dem jungen Manne Platz zu machen und es eher auf ein Rencontre ankommen ließ. Weil nun aber der physikalische Grundsatz, daß, wo ein Körper sich befindet, nicht gleichzeitig ein zweiter sein kann, zu jener Zeit noch durch keinen Erlaß aufgehoben war, erfolgte unmittelbar darauf ein derber Zusammenstoß. Der Doktor und ich hörten einen dumpfen Fall und sprangen ziemlich gleichzeitig auf um nach unserem Kurskameraden, Leutnant T., zu sehen, fanden jedoch nur eine leblose Masse am Boden, zu Füßen des unhöflichen Weinfasses, vor. T- lag bewußtlos da, doch konstatierte der Regimentsarzt sofort, daß es sich keineswegs um eine schwere innere oder äußere Verletzung handelte. Als ich erfuhr, wie es mit T. bestellt war, kam mir in meiner Weinlaune die Idee, einen uralten Studentenulk, von dem ich einmal irgendwo gehört hatte, an unserem jungen Kameraden vorzunehmen. Es handelte sich um einen scheinbar gebrochenen Fuß, welchen wir durch einen entsprechenden Gipsverband dem Bewußtlosen ohne Schwierigkeit, wenn man so sagen kann, in die Schuhe schieben wollten. Der Doktor schaffte aus seiner nahegelegenen Wohnung Verbandszeug herbei und wir legten mit vereinten Kräften dem armen T. am rechten Beine einen korrekten Gipsverband an. Ober- und Unterschenkel wurden durch eine — 58 — lange Beinschiene zu einem starren Ganzen vereinigt, wobei aus antiseptischen Gründen mit Jodoformpulver nicht gespart wurde, so daß der sonst nach Veilchen duftende Honved einen gräulichen Geruch verbreitete und einem Kanarienvogel zum Verwechseln ähnlich sah. Hierauf schleppten wir den Bewußtlosen mit schwerer Mühe auf möglichst vom Weltverkehre abseits gelegenen Wegen in der Richtung nach dessen Wohnung. Da wir jedoch neuerlich Durst verspürten, konnten wir uns nicht enthalten, ein Restaurant minderer Qualität, im Volksmund „Beisel" genannt — auf unserer Route lagen eben keine erstklassigen — aufzusuchen. Allerdings war es mit einigen Schwierigkeiten verbunden, den Regungslosen durch den Eingang ins Extrazimmer hineinzuarbeiten. „Um Gotteswillen", rief die Wirtin, als sie den Verwundetentransport erblickte, und schlug die Hände über den Kopf zusammen: „Ein toter Offizier!" Gäste waren nicht anwesend, aber der Hausknecht und die hübsche Wirtstochter kamen heran und betrachteten mit teilnahmsvoller Miene den leblosen Körper. „Was ist denn geschehen, Herr Regimentsarzt, ist er wirklich tot, der arme Leutnant? frug das junge Ding und befühlte schüchtern T.s Stirn. „Tot, selbstverständlich tot, glauben Sie denn, wir 59 veranstalten einen Faschingsscherz im Hochsommer?" gab ich zur Antwort. „Zwei halbe Liter Abzug und einen schwarzen Rettich, aber sein geschnitten!" ergänzte der Doktor. Die Wirtin, der Hausknecht und das junge Mädchen starrten bald uns, bald den Totgeglaubten an, sie begriffen unsere an den Tag gelegte Gleichgültigkeit absolut nicht. „Wie ist denn das Unglück geschehen?" fing die Wirtstochter wieder an. „Vorerst das Bier und den schwarzen Rettich, das ist momentan das Wichtigste." Endlich brachte man uns das Gewünschte. „Er lebt ja noch!" ließ sich von neuem das junge Mädchen hören, das den hübschen Leutnant nicht aus den Augen verlor, „ich bemerkte, wie er Atem schöpfte." „Kann sein", erwiderte der Arzt, indem er ein großes Stück schwarzen Rettich in den Mund schob, „bis wir nach Hause kommen, ist er aber jedenfalls schon tot." Bald darauf schleppten wir den „Toten" nicht ohne Schwierigkeit zur Tür hinaus. Auf der Straße trafen wir Oberleutnant W. und unseren Fechtlehrer, Rittmeister G., die ihrer Wohnung zustrebten. „Ja, was ist denn los mit T. zu so später Stunde", interessierte sich der Rittmeister, indem er den leblosen Honved aufmerksam betrachtete, „mir scheint, er hat einen leichten Schwips erwischt." 60 Als wir den beiden Herren die Geschichte von dem Unfälle und dem Gipsverband auseinandersetzten, konnten sie sich nicht enthalten, laut aufzulachen, sie fanden den Witz großartig und schlossen sich sofort dem Leichenzug an. Endlich hatten wir T. über die drei Treppen hinauf in seine Wohnung geschafft. Der Bursche des Leutnants kam uns entgegen und war nicht wenig erschrocken, seinen guten Herrn in solcher Verfassung wiederzusehen. T. wurde zu Bette gebracht; und Janos, der brave Offiziersdiener, befolgte mit einer Genauigkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, die strengen Verhaltungsmaßregeln des Regimentsarztes. Vor allem hieß es, jeden Alkohol aus der Nähe des Schwerkranken schaffen. Etwa vorhandene geistige Getränke mußten kommissionell vertilgt werden. Die Kommission begann sofort gewissenhaft Umschau zu halten und fand in einer Zimmerecke zwei Flaschen Tokayer, welche auf der Stelle unschädlich gemacht wurden. Beim Weggehen wurde Janos wohl eingeschärft, seinem Herrn stündlich kalte Umschläge über die Stirn zu machen und ihm, falls er beim Erwachen Durst verspüre, ein paar Löffel Bittersalzlösung zu verabreichen. Man hatte eine Menge Fläschchen mit Medizinen, Verbandzeug, Watte und Jodoformpulver auf dem Tische zurückgelassen, das sonst so wohnliche Zimmer machte den Eindruck einer Krankenstube —- 61 Am nächsten Morgen oder eigentlich Mittag, schlug Leutnant T. seine Augen auf. Der Kopf schmerzte infolge des gestern eingenommenen Weinquantums, außerdem herrschte in dem engen Raume ein heilloser Jodoformgestank. Der Regimentsarzt und ich sowie mehrere Kameraden T.s waren schon anwesend. Mit besorgter Miene ergriff der Doktor die Hand des sehr verwunderten jungen Mannes. T. wollte etwas fragen, dochließ der Regimentsarzt nicht zu, daß er spreche. Jede Aufregung mußte vermieden werden. Dann fing der Doktor mit einem bewunderungswürdigen Ernste an zu erklären, wie T. gestern noch heiter und guter Dinge mit uns beisammen in der „ungarischen Krone" gezecht und dann plötzlich, wahrscheinlich in der Absicht nach Hause zu gehen, verschwunden sei. Wie dann eine halbe Stunde später der Wirt mit bleichem und verstörtem Gesichte zu uns gekommen und uns mitgeteilt habe, T. sei in den 20 Klafter tiefen Brunnen gefallen. Der Wirt habe ihn vom Fenster aus beobachtet und bemerkt, wie er mit unsicherem Schritt statt gegen den Ausgang in der Richtung nach dem offenen Brunnen hintaumelte. T. traten die Schweißperlen auf die Stirn und er schnappte nach Atem. „Es war wohl ein selten glücklicher Zufall", ergänzte der Regimentsarzt, daß T. mittels eines Eisenhakens wenige Augenblicke später aus dem Brunnen noch lebend und nur mit einem an drei Stellen gebrochenen Fuß herausbefördert werden konnte (der Leutnant befühlte sein bandagiertes Bein, das er erst jetzt gewahr wurde) und daß, wenn keine Komplikation hinzutritt, unser lieber junger Freund in drei Monaten das Bett wieder verlassen kann." Es fiel mir und den anderen Herren schwer, nicht mit dem Lachen herauszuplatzen, als wir des Leutnants verzweifeltes Gesicht beobachteten. Jetzt erst fing er an, sein Bein zu spüren. Der enganliegende Gipsverband war ihm natürlich äußerst lästig geworden. Er verlangte nach weiterer Aufklärung, erhielt jedoch, damit er sich nicht aufrege, von niemand eine Auskunft. Wir ließen T. auch bald zurück und gingen unserer gewöhnlichen Beschäftigung nach. Der Leutnant, der mit Janos allein zurückgeblieben war, bestürmte nun diesen mit Fragen, bekam aber auch von diesem, da der Bursche selbst nichts wußte, nur sehr unzureichende Antworten. Der Arzt hatte strenge Diät verordnet, was bisher pünktlich befolgt worden war. Selbstverständlich sorgten die Herren, die von dem Ulke Kenntnis hatten, dafür, daß sich in dem kleinen Neste die Nachricht von dem Unfälle nach Möglichkeit verbreite. Die Herren des militärischen Kurses, dem auch T. 63 angehörte, ihre anwesenden Verwandten, Bekannten und Freunde, alle taten ihr Möglichstes und am Nachmittage schon wußten es sämtliche Geschäftsleute, Gastwirte, Casetiers, Hausfrauen und hauptsächlich Haussräulein, ja selbst die Dienstmänner und Briefträger; nur Leutnant T. und Janos blieben uneingeweiht. Die jungen Damen, welche den schmucken Honved wohl leiden konnten, fanden zwar, daß man den armen Offizier nicht so übel behandeln hätte sollen, sahen aber ein, es sei besser, mitzulachen, als den Spaß zu stören. Während nun die Geschichte vom gebrochenen Fuß mit Windeseile die kleine Stadt durchflog, lag T. sehr niedergeschlagen und verzweifelt in seinem Bette und betrachtete das verbundene Bein sowie die vielen Mixturen auf seinem Tische. Mit stummer Resignation fing er an, sich seine neue Lage zurechtzulegen; die Sache war blutiger Ernst, daran zweifelte er keinen Augenblick. An ein Weiterdienen war wohl schwer zu denken, denn vollkommen würde das mehrfach gebrochene Bein doch nicht zusammenheilen, . . . daß er sich aber an gar keine näheren Details entsinnen konnte, so heftig war die Wirkung des Weines gewesen! . . . Man klopfte an die Tür. Zu seinem nicht geringen Erstaunen trat der Oberst, unser Kurskommandant, ins Zimmer. „Herr Leutnant", fing derselbe an, „ich hörte von dem gestrigen Unglücksfalle und bin gekommen, Ihnen Trost 64 zuzusprechen, es gibt eben leider Momente im menschlichen Leben, die bestimmend für unsere Zukunft sind und denen wir vergeblich zu entgehen trachten. Es ist in diesem Falle das Klügste, sich in das Unvermeidliche hineinzufinden. Mir ist einmal als Hauptmann eine ähnliche Geschichte passiert, glücklicherweise handelte es sich damals bloß um einen Scherz. Ich war (es war das einzigemal in meinem Leben) bei einem Champagnergelage nicht ganz nüchtern geblieben. Wie ich die Gesellschaft verließ, weiß ich nicht mehr, es war mir auch damals nicht vollkommen klar, als ich aber am nächsten Morgen erwachte, umstanden mich meine Kameraden mit ernsten Gesichtern und fragten mich besorgt um mein Befinden. Da bemerkte ich erst, daß mein Kopf, mein rechter Arm und mein linker Fuß bandagiert waren. Auf dem Stuhle neben meinem Bette hing ein zersetzter Waffenrock und zerrissene Hosen. Man erzählte mir mit kurzen Worten, was mir auf dem Heimwege passiert sei: Ein Paar Strolche hätten mich überfallen, mich total ausgeraubt und in diesen Zustand versetzt. Wie sollte ich an der Wahrheit dieser Schilderung zweifeln, hatte man mir doch sogar, um die Sache glaubwürdiger zu machen, Uhr und Brieftasche abgenommen. Nur einen Umstand ließen meine Kameraden außer 65 acht, sie vergaßen, meinen treuen Burschen zu hindern, mir später die Wahrheit einzugestehen ..." Als der hohe Gönner T. verlassen hatte, war der junge Leutnant nicht mehr im Zweifel, daß man sich auch mit ihm einen sehr schlechten Witz erlaubte, er sprang auf, so rasch dies sein Zustand gestattete, und riß mit möglichster Schonung seines schmerzenden Beines den Gipsverband herunter. Das Bein war zwar stark gerötet, aber vollkommen intakt. Wenige Augenblicke später hatte T. sich angekleidet und ließ den erstaunten Janos an der Türschwelle zurück. Sein erster Gedanke war, mich und den Regimentsarzt zur Rechenschaft zu ziehen, doch je weiter er schritt, desto mehr beruhigte er sich, er hatte ja selbst den anderen oft übel mitgespielt und einen Spaß verstand er gewiß — ob man aber nicht doch diesmal die Dosis etwas zu stark genommen! ? Am meisten ärgerte er sich über die Leute, die er auf der Straße traf, überall dieselben grinsenden Gesichter. Er sah ja rein aus, als ob man sich über ihn lustig machte! So sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm dennoch nicht, vollkommen stramm auszuschreiten, er fühlte, wie er das rechte Bein schwerfällig nachzog. Der leidige Gipsverband! Wer mochte nur diesen Teufelsplan ausgeheckt haben? In der Offiziersmesse wurde T. mit lautem Jubel A. Paul, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 5 66 begrüßt. Nur ich und der Doktor nahmen daran keinen Anteil, wir waren beide sprachlos. Jemand hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wäre es nach uns gegangen, so hätte T. wenigstens eine Woche das Bett hüten müssen und die strengste Diät gehalten. Nach acht Tagen würden wir dem jungen Leutnant dann feierlich erklärt haben, daß wir uns nur einen harmlosen Scherz mit ihm gestatteten, als Revanche für unzählige andere Witze, die er sich mit uns im Kurse erlaubte. Nun war alles ins Wasser gefallen! „Famos habt ihr die ganze Geschichte inszeniert", wandte sich der Honvedleutnant an uns, indem er uns die Hand hinhielt, „sogar meinen Burschen unterließet ihr einzuweihen, nur dem Kurskommandanten hättet ihr nichts sagen sollen, der hat euch den harmlosen Scherz leider verdorben." vas Waenma. In seltener Eintracht lebten Herr und Frau Stäubchen schon das siebente Jahr in glücklicher Ehe zusammen. Nicht einmal die Anwesenheit der Frau Schwiegermutter, die der gute Herr Stäubchen als Heiratsgut mitbekommen hatte, konnte dieses Eheglück stören. So nach und nach hatte sich der Stand der Familie um zwei kleine Kopfe vermehrt, die dazu beitrugen, das Glück auch für die Zukunft zu sichern. Da ereignete es sich eines Tages, daß an die Tür der Stäubchenschen Wohnung mit Ungestüm gepocht wurde. Frau Stäubchen öffnete und fand eine Person vor der Tür, die sich als Amtsperson entpuppte und vorgab, ein Organ des anagraphischen Amtes zu sein. Die gute Frau hatte bisher nie etwas von der Existenz dieser Behörde erfahren und war der Meinung, daß sich die Amtsperson in der Tür geirrt haben müsse. „Wohnt hier nicht ein gewisser Herr Stäubchen?" srug der Amtsdiener und kramte in einer Mappentasche herum, um ein ihm gehöriges Schriftstück ausfindig zu machen. 5 * — 68 - „Mein Mann ist ausgegangen", erwiderte die Frau, „in längstens einer Stunde kehrt er zurück, wenn die Sache nicht eilt, kommen Sie einfach später wieder oder geben Sie mir den Wisch, ich werde ihn meinem Manne nach dessen Heimkehr einhändigen." „O, das Dokument kann ich nicht aus der Hand geben", meinte der Amtsdiener, der sich ärgerte, daß man in so geringschätzigem Tone von seinem Schriftstücke sprach. „Ja, um was handelt es sich denn eigentlich? Mein Mann kennt das anagraphische Amt ebensowenig als ich und hat mit dieser unbekannten Behörde gewiß nichts zu tun gehabt", kam es von Frau Stäubchen in gereiztem Tone zurück. „Der Herr Gemahl hätte sich aber um dieses Amt kümmern sollen, wenn man schon Kinder in die Welt setzt, die sechs Jahre ungetanst herumlaufen, so erkundigt man sich wenigstens, ob derlei Inkorrektheiten nicht irgendwo eingetragen werden." „Kinder, die sechs Jahre ungetanst herumlaufen", stieß Frau Stäubchen, die den kleinen Fehler hatte, auf ihren Ehegemahl sehr eifersüchtig zu sein, heraus, und der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, „erklären Sie sich doch näher, mein Mann hat nur zwei Kinder und die sind gottlob getauft." „Von Ihnen hat er jedenfalls nur zwei — übrigens habe ich über diese Sachen keine näheren Auskünfte zu 69 erteilen, wenn Ihr Mann nach Hause kommt, fragen Sie ihn nur selber." Dabei schlug der unhöfliche Mensch die Tür zu und entfernte sich. Frau Stäubchen stand wie versteinert da. Also war es doch wahr, was die Schwiegermutter bei jeder Gelegenheit wiederholte, Stäubchen hinterging seine treue Gattin oder hatte sie wenigstens zu einer Zeit hintergangen, wo sie ihm solche Schändlichkeitn am wenigsten zugetraut hätte. Sie konnte sich nicht enthalten, ihren Tränen freien Lauf zu lassen und zu ihrer Mutter in die Stube zu eilen, um bei dieser Trost zu suchen. Als die Schwiegermutter über die Ursache der Tränen unterrichtet war, unternahm sie es, ihr unglückliches Kind zu trösten: „Ich hab's ja oft genug gesagt, daß du dich mit diesem Manne angeschmiert hast — o, mein scharfes Auge, das täuscht mich nie! Sie sind ja alle gleich, diese edlen Vertreter des starken Geschlechtes! Einer ist schlechter wie der andere! Glaub du nur keinem etwas! Und wie er es gut verstanden hat, dich und mich zu hintergehen! — Wo ist er nur wieder hingegangen? — Zu seinem Freunde Hartriegel, nicht wahr? O, du armes Kind! — Jetzt steckt er bei ihr — natürlich — wo denn sonst, und bei seinem unehelichen Sohne — nicht einmal taufen hat er das arme Geschöpf lassen! Ja siehst du denn nicht ein, warum er dies unterließ? — Er schämte sich — man sollte es wahrhaftig nicht glauben — er schämte sich, sein Kind taufen zu lassen, damit es nicht beim — wie sagtest du nur — beim Autographenamt oder wie es heißt, als Sohn des wackeren Herrn Hieronymus Stäubchen eingetragen werde —" Die Rede wurde durch das laute Schluchzen der armen Frau Stäubchen unterbrochen. „Und wann hat er dich eigentlich betrogen? Sechs Jahre ist das Heidenkind alt, sieben Jahre seid ihr verheiratet. — Nun? — In den Flitterwochen! O, dieses Scheusal! Damals als er dir hundertmal im Tage beteuerte, er kenne nichts als dich in der Welt. Wo ich selbst darauf bestanden habe, er möge doch auch etwas Nahrung zu sich nehmen, denn es machte mir den Eindruck, die Liebe und das Glück lassen ihn vergessen, daß er auch essen müsse." Wieder hörte man Frau Stäubchen laut weinen. Die Schwiegermutter, die rot wie eine Pfingstrose und schnaubend wie ein Dampfroß im Zimmer auf und ab eilte, hielt plötzlich inne. „Ach, dort kommt er ja", sagte sie und zeigte auf die Straße, „dort kommt er mit dem harmlosesten Gesichte von der Welt, der Komödiant! Sieh doch nur, Anna, was er für einen anständigen Eindruck macht, wenn man ihn so sieht." 71 „Ich werde mich von ihm scheiden lassen", kam's nun endlich über die Lippen der Schwergeprüften. „Die beiden Buben nehme ich zu mir und er soll mit seiner Schönen und mit seinem ungetauften Kinde hingehen, wohin er will." „Da hast du vollkommen recht, Anna, und ich bleib auch keinen Tag länger in seinem Hause und wenn er mich fußfällig darum bäte." Der ahnungslose Stäubchen, über dessen Haupte sich schwere Gewitterwolken zusammenballten, hatte nunmehr die Treppe erklommen und läutete bescheiden, wie dies seine Art war, an der Klingel. Seine beiden Buben, die von dem kleinen Intermezzo keine Ahnung hatten, öffneten ihm und begrüßten ihn mit gewohnter Zärtlichkeit. Stäubchen, der seit der Zeit, wo ihn seine Schwiegermutter daran erinnert hatte, Nahrung zu sich zu nehmen, einen gesegneten Appetit hatte, freute sich nicht wenig auf das Mittagsessen. Zu seinem größten Erstaunen fand er jedoch noch das Frühstücksgeschirr auf dem Speisetische. Da er aber niemals in die Agenden des Haushaltes eingriff, wartete er mit knurrendem Magen geduldig, bis seine bessere Ehehälfte es für gut fände, die Tafel zu decken und spielte einstweilen mit seinen beiden Buben. Nach einiger Zeit erschien die Dienstmagd, deckte den Tisch, jedoch nur für drei Personen, und brachte die Suppe. - 72 — „Was soll denn das bedeuten?" frug Herr Stäubchen erstaunt, „warum bloß drei Gedecke, wir sind doch fünf; wo ist meine Frau und die Schwiegermutter?" „Die kommen heute nicht zum Essen", war die kurze Antwort. „Geh, Willi", fing Herr Stäubchen wieder an, „frag' einmal die Mama und die Großmama, was eigentlich los ist"; dabei sann er nach, was wohl während seiner kurzen Abwesenheit vorgefallen sein konnte. Willi kam mit der Nachricht: „Die Mama und die Großmama verlangen sich heute kein Mittagsessen." „Das ist aber doch zu arg", rief Herr Stäubchen, dessen Geduld zu reißen begann und sprang auf, um bei seiner Frau und Schwiegermutter eine Erklärung zu finden. In der Küche saß Frau Stäubchen noch immer weinend neben ihrer Mutter, die kampfbereit dastand und den Eindruck machte, als wollte sie Herrn Stäubchen mit Haut und Haar verschlingen. „Feine Sachen hört man von Ihnen, Herr Schwiegersohn", stieß letztere heraus, als Herr Stäubchen eintrat, dabei trat sie so nahe an den erschrockenen Schwiegersohn heran, daß diesem ganz unheimlich zumute wurde. „Sie werden von einem Organe des Kinderautographenamtes gesucht, wegen Ihres noch nicht getauften unehelichen Kindes." Stäubchen stand da und machte große Augen, indem 73 er bald seine weinende Frau, bald seine kochende Schwiegermutter anstarrte. Schnell überflog er im Geiste seine siebenjährige Dienstzeit als Ehemann, während welcher er sich wohl nicht das geringste vorwerfen konnte, aber vorher — da waren allerdings noch ein paar kleine Rechnungen nicht abgeschlossen worden. Doch Herr Stäubchen wußte ein Mittel, das schon oft geholfen hatte, er suchte seine Frau auf seine Seite zu bringen, um mit ihr gemeinsam gegen seine Schwiegermutter ins Feld zu ziehen. „Wie Sie wieder die arme Anna gegen mich aufgehetzt haben, während ich abwesend war; die arme Frau glaubt ja wahrhaftig, an dem albernen Geschwätz sei etwas Wahres. Das verstehen Sie meisterhaft, liebe Schwiegermama! Ich werde dieses Mißverständnis sofort aufgeklärt haben, lassen Sie aber einstweilen meine Frau in Ruhe." Dabei eilte Stäubchen fort, um beim anagraphischen Amte Aufschluß zu erhalten. „Hoffentlich ist es doch nur ein Mißverständnis", dachte er sich auf dem Hinwege. „Du tust ihm unrecht, Mama", sing Frau Stäubchen an, als ihr Mann fortgegangen war, „ich bin überzeugt, an der ganzen Geschichte ist nichts daran, es ist ein Irrtum unterlaufen. Auch Behörden können sich irren." „Ja wohl, auch Behörden können sich irren, ich aber, ich irre mich niemals", und dabei ging die noch wütende Schwiegermutter ins Nebenzimmer. Nach weniger als einer halben Stunde kam Papa Stäubchen freudestrahlend mit einem Dokument in der Hand zurück. „Da hast du es", rief er zu seiner Frau, als er in die Stube trat. „Das anagraphische Amt trug unseren Willi als am 29. Dezember geboren ein und wir haben es später unterlassen, den Taufschein hinzuschicken, so daß Willi die langen sechs Jahre bei dieser Behörde als Heidenkind fungierte." „Ich hab's ja so gewußt, daß es sich nur um ein Mißverständnis handelt", rief Frau Stäubchen beruhigt und fiel ihrem Mann in die Arme ... Als die Schwiegermutter von der günstigen Lösung des Knotens unterrichtet wurde, sagte sie zu sich! „Das wird ihm wieder ein hübsches Geld gekostet haben, um seine Unschuld nachzuweisen." Der pantofMeia. An einem schönen Frühjahrsmorgen kam ich nach langen Jahren wieder einmal nach P. Hier hatte ich meine halbe Lebenszeit verbracht. An jeden Punkt der Stadt knüpfte sich eine andere Erinnerung. Wie sich aber P. mittlerweile verändert hatte! Gleich Schwämmen waren die Häuser aus dem Boden geschossen, neue, asphaltierte Straßen und Plätze waren entstanden und an einzelnen früher unkultivierten Stellen, die von der lieben Jugend mit Vorliebe für ihre lärmenden Spiele, wohl auch für andere Zwecke auserwählt worden waren, zeigten sich anmutige Gartenanlagen mit gut gepflegten Wegen und buntfarbigen Blumenbeeten. Hie und da lud eine im Grünen versteckte Bank den müden Spaziergänger oder ein nach Alleinsein dürstendes Pärchen zum Niedersetzen ein. Die löbliche Gemeinde hatte ja sogar an den Eingängen Tafeln mit allen möglichen guten Lehren und Verboten anzubringen für gut befunden, glücklicherweise in einer nicht allgemein verständlichen Sprache. 76 Als ich weiterschritt, fuhr an mir die elektrische Straßenbahn vorüber und wenige Augenblicke später pustete und tutete ein Automobil heran, das gerade noch rechtzeitig nach links abschwenkte, sonst wäre es mit einer eleganten Equipage in Kollision geraten. Eine Equipage in P.! Wem mochte die wohl gehören? Dort standen sie noch, die altehrwürdigen Überreste einer längst vergangenen Zeit, an dem braunen Gemäuer hatte sich nichts geändert, sonst war fast alles moderner und schöner zu machen versucht worden. Als ich die verwitterten und bemoosten Überbleibsel musterte, fiel mir — ich weiß nicht warum — plötzlich mein alter Jugendfreund Otto Schneider ein. Was mochte wohl aus ihm geworden sein? Das war damals ein flottes Haus, als ich ihn das letztemal sah. Seither entschwand er mir gänzlich aus dem Gesichtsfelde. Ich wußte von ihm bloß, daß er ein zweitesmal geheiratet und in P. von seinen Renten — vermutlich recht angenehm — lebte. Man zeigte mir sein Haus; eine hübsche Villa mit hohem Gitter, einer kleinen Festung ähnlich. Die hatte er also erheiratet oder hatte man sie ihm sonstwie angehängt. Da erblickte ich eine vermummte Gestalt am Fenster. Kein Zweifel, das war Schneider. Wie konnte man sich nur so geschmacklos anziehen? 77 Er trug einen blauen Schal über die Schultern und um den Hals ein rotes Seidentuch. Vielleicht war er krank oder gar geistesgestört! Ein gelinder Schauer überlief mich, als ich die Treppe hinaufeilte und an der Klingel zog. Aus dem lustigen und flotten Menschen hatte sich diese traurige Pfründnergestalt entwickelt. Nach einiger Zeit öffnete sich ein kleines Schiebfenster an der Tür und eine alte halbvertrocknete Dienstmagd srug mich nach meinem Begehr. „Ist Herr Schneider zu sprechen?" „Werde gleich die Gnädige fragen, ob der Herr heute empfängt", kam es von der Halbvertrockneten aus dem Schiebfenster heraus. Ich fing an, mich zu ärgern. Gehörte es sich, einen Besuch vor der Tür warten zu lassen und hatte denn die Gnädige zu entscheiden, ob Schneider empfange oder nicht? Wenige Augenblicke später öffnete sich abermals das kleine Fenster. Diesmal war es mein Freund selbst, der mich nach meinen Wünschen frug. Hinter ihm stand außer der alten Magd noch eine ältere Dame. „Lieber Otto", flötete ich durch die kleine Öffnung hinein, „kennst du mich denn nicht mehr, weil du mich so « 78 fremd anstarrst, lasse mich doch wenigstens eintreten, oder verlangst du Feldruf und Losung von mir?" Schneiders Züge heiterten sich etwas auf und er lächelte mir mit einer gewissen Reserve zu. Dann hörte ich ihn mit der älteren Dame ein paar Worte wechseln. Endlich wurde mir ausgemacht. Diesmal war er allein, die beiden Alten hatten sich zurückgezogen. „Lieber Freund", sagte ich und hielt ihm beide Hände entgegen, „ich ließ mir's nicht nehmen, dich anläßlich meiner Durchreise durch P. aufzusuchen, es sind nun fast 17 Jahre, seitdem ich dich das letztemal gesehen." Er schüttelte schüchtern meine dargebotenen Hände und meinte sehr verlegen: „Schade, daß du gerade heute kommst, wo meine Frau nicht empfängt und ich eigentlich auch nicht empfange ..." „Du empfängst eigentlich auch nicht, nun, bei einem so alten Freunde wirst du wohl eine Ausnahme machen müssen, um so mehr als ich nur ein paar Stunden inP. bleibe." Schneider sah ein, daß er mich nicht im Vorzimmer stehen lassen konnte und ließ mich in ein luxuriös eingerichtetes Empfangszimmer eintreten. „Was hast du denn eigentlich, lieber Otto", fing ich an, „bist du etwa krank? Wie kann man denn als Mann in einem derartigen Aufzug herumlaufen, du hieltest doch in früherer Zeit so viel aus dich." 79 „Weißt du lieber Toni, ich bin nämlich etwas verkühlt und da hat mir meine besorgte Frau ihren Schal umgehängt, ich sagte dir ja doch, daß wir heute nicht empfangen ..." Ich bemerkte sofort, welche Rolle mein schwacher Freund in seinem eigenen Hause spielte und freute mich über seine Befangenheit. „Es war ursprünglich meine Absicht, statt im Hotel ein teures Zimmer zu nehmen, direkt bei dir abzusteigen, doch getraute ich mich nicht, mit meinen beiden Cousinen in ein mehr oder weniger fremdes Haus einzubrechen." „Cousinen? Ja reist du denn mit zwei Cousinen herum?" „Freilich, wundert dich denn das so sehr, sie sind beide recht hübsch und gar nicht alt und wenn man nicht verheiratet ist — sag' einmal lieber Otto, hält dich deine Frau streng oder hast du vollkommene Freiheit?" Schneider war, wie es mir schien, über meine ungezwungenen und lauten Reden keineswegs erbaut und blickte verschiedenemal scheu zur Tür, als ob er befürchte, man könnte das, was ich sprach, ins Nebenzimmer hinüber hören. „Nun ja", erklärte mein Freund, „wir zwei, meine Frau und ich, kommen prächtig zusammen aus und in der Ehe muß eben einer dem anderen nachgeben. — Freiheit? Was heißt du denn eigentlich Freiheit?" 80 „Ich meine zum Beispiel, ob du jetzt mit mir kommen könntest und den heutigen Tag in meiner Gesellschaft verbringen darfst, oder ob du hierzu die Erlaubnis nicht bekommst?" „Du sprichst aber genau so, als ob ich der größte Pantoffelheld von ganz P. wäre." „Ich bitte um Ruhe!" hörte man eine schrille Stimme aus dem Nebenzimmer und mein Freund fuhr wie ein Pfeil in die Höhe. „Verzeihe, aber meine erste Schwiegermutter ist durch unsere überflüssig laute Konversation eben aufgewacht; sie pflegt vor und nach dem Mittagsessen je ein Stündchen zu schlafen und ist sehr übel gelaunt, wenn man sie in ihrem harmlosen Vergnügen stört." „O Pardon", sagte ich mit gedämpfter Stimme, „deine erste Schwiegermutter, du hast doch nicht zwei Schwiegermütter im Hause?" „Ja, ist dies gar so etwas Ungewöhnliches? Du weißt doch, meine gute Anna, meine erste Frau, ist vor neun Jahren so plötzlich dahingeschieden, die Ärmste", und dabei wischte er sich eine Träne von der Wange. „Und da hast du natürlich ihre Mutter zu dir genommen. Die zweite Schwiegermutter ist erst mit deiner zweiten Frau ins Haus gekommen, du gute Seele! Und die alte Dame, die ich früher die Ehre hatte, im Vorzimmer, 81 leider nur flüchtig zu sehen, war also die zweite Schwieger-- niama?" „Ach nein, das war die Großmutter, die kommt nur immer zur Tür, wenn sie läuten hört, das ist so eine kleine Schwäche von ihr." Meine Neugierde wuchs von Minute zu Minute. Die Großmutter! Ich unterließ es natürlich, zu sragen, wessen Großmutter, seine eigene konnte doch nicht mehr recht am Leben sein, vermutlich hatte er in seiner Herzensgüte eine Großmutter adoptiert. „Du hast aber einen recht netten Harem von älteren Damen in deiner Villa angesammelt. Urgroßmutter hast du wohl keine im Hause?" „Du bist noch immer der alte Witzbold! — Und wie ist es denn dir immer ergangen? Du reist viel herum — momentan mit deinen beiden hübschen Cousinen — ans Heiraten hast du noch nicht gedacht? — Aber lange darfst du auch nicht mehr warten" und dabei deutete er auf meine Haare. Er hatte es nötig, ein so delikates Thema zu berühren, wo er schon vor 17 Jahren eine Schwindelanleihe von weiß Gott wo über die kahle Stirn heraufkämmte. Jetzt allerdings trug er eine Perücke und war der Ansicht, ich halte sein Haar für echt. „Heiraten? Was dir nicht einfällt, damit mir am Ende auch so eine Kollektion ins Haus kommt, ich bin mehr für die Abwechslung — so wie du seinerzeit." A. Pau l. Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 6 82 „Lieber Freund, solche Sachen überleben sich, wenn man eine Frau wirklich gern hat ..." „Aber wer redet denn von einer Frau, es gibt doch auch noch Mädchen ..." Otto, dem dieses Thema nicht sonderlich behagte, redete nunmehr etwas vom Mittagsessen. Er würde mich gern heute bei sich behalten, aber seine Frau sei keine Freundin von Überrumpelungen und leide seit einiger Zeit an Migräne. „Wegen mir brauchst du keine Entschuldigungen auszukramen, ich bin nicht in der Absicht zu dir gekommen, um dir eine Einladung abzunötigen und wollte dich sogar bitten, mit mir im Hotel zu speisen, damit wir bis zu meiner Abfahrt um 2 Uhr nachmittags gemütlich zusammen plauschen können. Dieses Opfer kannst du mir wohl bringen." „Opfer wäre das keines, im Gegenteil, ich werde dir jedenfalls Gesellschaft leisten, das heißt, ich will nur vorerst ein paar Worte mit meiner Frau reden, weil ich nicht weiß, wie ihr Zustand eben jetzt ist." Er ließ mich allein zurück und gab mir Zeit, über das nachzudenken, was ich hier sah und hörte. „Gottlob", sagte ich mir, „daß ich nicht auf den Einsall kam, zu heiraten. So hätte ich's auch treffen können." Nachlässig durchblätterte ich ein Album und zündete mir eine Zigarre an. Lauter alte Damen und Herren. Wo mochte er nur seine Photographiensammlung aufbewahrt 83 haben? Das große Wandgemälde stellte vermutlich seine jetzige Frau als junges Mädchen dar. „Na, wenn die als Frau nicht schöner geworden ist ..." sagte ich. Da kam Schneider zurück. Der Rauch genierte ihn scheinbar und er zwang sich zu husten. „Entschuldige, ist dir der Zigarrenrauch lästig?" „O nein, keineswegs, aber hier im Empfangszimmer pflege ich für gewöhnlich nicht zu rauchen, weil meine Frau..." Ich legte die Zigarre beiseite. „Also hast du die Erlaubnis bekommen, kannst du mich begleiten?" „Natürlich, selbstverständlich — gehe nur einstweilen voraus — ich komme dann nach; nicht wahr, um 2 Uhr fährst du ab? Eventuell komme ich ins Hotel dich abholen." Er wollte mich offenbar aus seiner Wohnung draußen haben und dürfte erleichtert aufgeatmet haben, als sich die Haustür hinter mir schloß. Das Schwierigste für mich war, nunmehr die beiden „hübschen Cousinen" ausfindig zu machen, denn die Geschichte mit den zwei jungen Damen, mit denen ich angeblich zusammen reiste, hatte ich natürlich erfunden. Mir schien dies jedoch das sicherste Mittel, um den Pantoffelhelden aus seiner Feste herauszulocken. 6 * — 84 Zufälligerweise fand ich die gesuchten Cousinen in Gestalt zweier Chanteusen des Variotstheaters. Es fiel mir nicht schwer, sie in mein Projekt einzuweihen und meiner Einladung zum Diner und zu einer Wagensahrt wurde gern Folge geleistet. Auch war es selbstverständlich keineswegs meine Absicht, um 2 Uhr nachmittags P. zu verlassen, nur durfte ich dies meinem Freund nicht eingestehen. Als ich etwas vor 2 Uhr mit meinen hübschen Begleiterinnen zum Bahnhofe kam, sah ich Schneider schon in einiger Aufregung aus dem Perron auf und ab laufen und neugierig in alle Coupos Hineinblicken. Da bemerkte er mich und gab mir durch Zeichen zu verstehen, ich müsse schnell machen. „Warum soll ich mich beeilen?" rief ich ihm zu, „glaubst du denn, ich fahre wirklich schon heute nachmittag fort?" „Was, du bleibst noch hier, ja warum hast du mich denn dann zum Bahnhof herausgelockt?" „Warum ich dich herauslockte? Wie anders hätte ich dich aus deiner Wolfsschlucht herausbekommen? Übrigens habe ich die offizielle Erlaubnis von deiner Frau Gemahlin erwirkt." Ich hatte unmittelbar, nachdem ich Schneider aus seiner Villa kommen sah, einen Dienstmann mit folgendem Brief an seine Frau gesandt: _-L. 85 „Hochgeehrte Gnädige! Unvorhergesehene Umstände hindern mich daran, P. schon um 2 Uhr nachmittags zu verlassen — ich fahre erst etwas später fort — (wann, unterließ ich anzugeben). Gestalten mir Gnädige, mit meinem alten Jugendfreunde, den ich k7 Jahre nicht mehr gesehen, vor meiner Reise nach Kalifornien noch einige Augenblicke verbringen zu dürfen" usf. Die Antwort, die mir Frau Schneider durch den Dienstmann übermittelt und die ich meinem erstaunten Freunde vorwies, lautete: „Sehr geehrter Herr! Es ist ganz selbstverständlich, daß mein lieber Otto Ihnen bis zu Ihrer Abreise Gesellschaft leisten muß und ich bin wegen seines Ausbleibens keineswegs in Sorge. Leider ist mein guter Mann etwas verkühlt, was ich zu berücksichtigen bitte" . . . usf. „Nun — was sagst du dazu, zweifelst du etwa an der Echtheit des Schreibens? Apropos, ich habe dich ja noch gar nicht mit meinen Damen bekanntgemacht. Herr Otto Schneider, ein alter Jugendfreund und alter Freund der Jugend — meine Cousinen Charlotte und Hermine." Die Bekanntschaft war angeknüpft und als fünf Minuten später der Zug abdampfte, hatte Schneider schon 8v Fräulein Hermine unter dem Arm und steuerte dem Ausgang zu. Mein Freund fand sich sofort in seiner Rolle als Beschützer der Jugend zurecht, hatte zwar noch einige Bedenken wegen seiner Frau und des eventuellen Zuspätkommens, ferner wegen seines leidenden Zustandes, saß aber doch schon weitere fünf Minuten später mit mir und den beiden hübschen Cousinen in einem Wagen, in welchem so wenig Platz war, daß man nicht wußte, wo der eine aufhörte und die andere anfing. Jetzt ging's im flotten Tempo nach L., einem nahen Vergnügungsorte. Das war eine Fahrt! Schneider hatte seinen Ehering heruntergestreift und sah in seinem neuen Frühjahrsanzuge recht jugendlich aus. Kein Mensch hätte ihn wieder erkannt, doch er hatte die offizielle Erlaubnis erhalten. In L. ging's erst recht flott zu. Mein Freund, dem Fräulein Hermine sehr gut gefiel, der aber nebenbei auch Charlotte nicht aus dem Auge verlor, war voll gewinnender Liebenswürdigkeit, ließ Sekt kommen, bestellte alle möglichen Speisen und trank selbst, um den anderen Mut zu machen, am meisten. Wenn ich ihn jetzt betrachtete und mir ihn in seinem kläglichen Aufzug von heute morgens vorstellte! Nach der Jause wurde getanzt. 87 Otto machte seinem Namen Ehre, er hüpfte tatsächlich wie ein Schneider herum. Seine Frackschöße kamen nicht zur Ruhe. Dann wurden lustige Gesellschaftsspiele arrangiert. Schneider konnte nicht genug Pfänder auslösen und seine Lippen waren gleich seiner Nase stark gerötet. Schließlich verfiel man auf eine Art von Gesang, bei welchem mein Freund mit heiserer Stimme mitkrächzte, daß es eine Freude war. Endlich mußten wir aber doch an die Heimfahrt denken. Die ganze Gesellschaft war total betrunken, der Kutscher nicht ausgenommen und alle auf dem Du-Standpunkt. Es wurde noch für nötig gefunden, verschiedene Restaurants, Vergnügungslokale und Kaffeehäuser aufzusuchen. An nähere Details dieser wüsten Nacht entsinne ich mich nicht mehr, ich weiß nur, daß wir überall, wohin wir kamen, Aufsehen erregten. So war es nach und nach 5 Uhr geworden. Jetzt hätte ich mit dem Frühzuge abreisen sollen, doch kein Mensch dachte mehr an eine Abreise, ich am wenigsten. Schneider mußte heimgebracht werden, um nicht in die Hände der städtischen Sicherheitswache zu geraten. Wir fuhren gemeinsam bei seiner Villa vor. Nun hieß es, Abschied nehmen. Otto schied mit Tränen in den Augen und umarmte bald mich und meine Cousinen, dann 88 wieder den Kutscher und die Gäule; es war ein ergreifender Augenblick. Einigermaßen ernüchternd wirkte allerdings das Erscheinen seiner besseren Ehehälfte samt Schwiegermutter und Großmama, die meinen Freund seit 6 Uhr abends erwartet hatten und die es sich nicht nehmen ließen, bei dieser Abschiedsszene anwesend zu sein. Mit Familie Schneider kam ich dann nicht mehr in Berührung, obwohl ich noch längere Zeit in P. verblieb. Aber man hatte mich nicht eingeladen und unaufgefordert wollte ich keinen Besuch machen . . . Der alle kekannie. „Ja, Pepi, altes Kamel! Wahrhaftig, du bist es, und wie unappetitlich dick du geworden bist!" rief mich eine gänzlich unbekannte Stimme an, als ich in der Kärntnerstraße einen Geschäftsladen mit großem Interesse musterte; dabei erhielt ich einen so kräftigen Schlag auf meinen Rücken, daß ich mich, um nicht in den Auslagkasten zu stürzen, anhalten mußte. Rasch drehte ich mich um, in der Absicht, mir eine derartige zärtliche Begrüßung, selbst wenn sie von einem intimen Freunde herrührte, für die Zukunft ganz energisch zu verbieten, starrte aber zu meinem nicht geringen Erstaunen in ein mir vollkommen fremdes Gesicht. Vor mir stand ein kleiner behäbiger Herr, ungefähr in meinem Alter von nicht ganz einwandfreiem Äußern und hielt mir grinsend beide Hände entgegen. Ich war so verblüfft, daß ich die mir schon aus der Zunge liegende Bemerkung zu machen unterließ. „Kennst du mich denn wirklich nicht mehr, lieber alter Freund, weil du mich so anglotzt wie eine Kuh ein vor- 90 überfahrendes Motorrad? Aber alt bist du geworden — gräßlich alt. — O, das Haarfarben hilft dir nichts — das erkennt man sofort — und diese rote Nase! — Ja, pokulierst du noch immer so wahnsinnig drauf los?" Das war ein furchtbar aufrichtiger Mensch; wie konnte jedoch jemand in einer solchen Weise mit mir, einer ? Standesperson, reden, wenn er mich nicht genau kannte! War es nicht doch möglich, daß ich bei meinem elenden Physiognomiegedächtnis mich nicht sogleich eines alten Kameraden erinnerte? Während ich mechanisch die dargebotenen Hände ergriff, ging ich in rasender Eile die ganze Stufenleiter meiner ehemaligen Bekannten und Freunde durch und ^ verglich im Geiste das Gesicht des zärtlichen Freundes mit jenen meiner früheren Vertrauten. Aber all mein Nachsinnen war vergebens, diese Erscheinung glich ihnen nicht im entferntesten. „Nun also", fing der Rätselhafte an, als ich den schüchternen Versuch machte, ein wenig freundlicher dreinzublicken, „ich wußte es ja, daß du dich meiner noch entsinnst, es wäre aber auch unbegreiflich gewesen, nachdem wir so viele Jahre fast täglich zusammentrafen. — Was macht denn die Lotte, die muß schon hübsch groß geworden sein? — und deine Schwester, ist sie schon verheiratet? — Dein armer Vater hat leider so früh das Zeitliche gesegnet, aber die Mutter ist wohl noch recht rüstig? — 91 Wie oft sagte sie zu mir, wenn ich die Abende bei euch verbrachte: ,Du mußt jetzt nach Hause gehen, lieber . . Mit offenem Munde und angehaltenem Atem folgte ich diesen Reden. Der unheimliche Mensch wußte Details über mich und meine Angehörigen, die ein Fremder unmöglich besitzen konnte, er hatte also in unserem Hause viel verkehrt, meine Mutter sagte ihm sogar du — aber den Namen, den sie ihm beigelegt hatte, überhörte ich infolge des Straßenlärmes. Er schien übrigens wenig auf meinen Gesichtsausdruck zu achten, sondern faßte mich familiär unterm Arm und zog mich in der Richtung gegen die Ringstraße fort, indem er mir noch vieles erzählte, was mir immer mehr die Überzeugung verschaffte, ich habe es mit einem alten Freund zu tun. Das Einfachste wäre nun allerdings gewesen, rundweg zu erklären: „Mein lieber Herr, ich kenne Sie nicht, trotz Ihres Geflunkers", aber ich genierte mich, dies einzugestehen und hoffte immer noch, die Person an meiner Seite würde mich selbst auf die richtige Fährte führen. Selbstverständlich konnte ich die vielen Fragen, die man an mich stellte, nicht unbeantwortet lassen und so entwickelte sich ein ziemlich lebhaftes Zwiegespräch, bei welchem ich mir über die Unkenntnis des Namens einfach damit hinweghalf, daß ich ihn mit „Lieber Freund" apostrophierte, während er mich einmal „Pepi", dann wieder 92 „Altes Haus", manchmal wohl auch „Altes Kamel" zu benennen beliebte. Nun hielten wir vor Sachers Restaurant hinter der Hofoper an. „Lieber Freund", ließ sich der Unbekannte an meiner Seite hören, „du bist doch bei Sacher bekannt, nicht wahr?" Ich bejahte selbstverständlich, denn ich kannte dieses teure Restaurant nur zu gut. „Nun, dann gestatte mir, dich auf ein Glas Sekt einzuladen, beim Champagner läßt sich leichter sprechen als hier auf der lärmenden Straße, wo einem die Kehle förmlich austrocknet." Natürlich refüsierte ich mit aller Entschiedenheit, weil ich vor dem Nachtessen niemals Sekt nehme, weil ich zu Hause erwartet würde und noch als Arzt bei einem Kranken vorsprechen müsse usf., aber der Fremde ließ keinen Grund gelten. „Zehn Minuten wirst du wohl für einen alten Freund, den du 10 Jahre nicht gesehen, noch übrig haben", meinte er ganz entrüstet und nötigte mich, trotz alles Sträubens, ins Restaurant einzutreten. Die Kellner, die mich sehr gut kannten und nicht wenig verwundert waren, mich in Gesellschaft eines so fragwürdigen Individuums zu sehen, halfen uns beim Auskleiden, hüngten meinen modernen Frühjahrsüberzieher in einiger Entfernung von dem äußerst abgetragenen und altmodischen Winterrocke meines Begleiters auf, um damit 93 den Unterschied besser zu markieren und frugen uns nach unseren Wünschen. Der Fremde bestellte die teuersten Speisen, Chablis, Rheinwein, Bordeaux und ordnete an, daß man zum Überflüsse noch zwei Flaschen „Veuve Cliquot" kalt stelle. „Lieber Freund", sing ich nun an, als die Kellner fortgeeilt waren, um das Bestellte zu bringen, „was fällt dir denn ein, wir sind doch nur zu zweit — willst du mich denn unter den Tisch trinken — mache dir doch keine solchen Auslagen wegen mir — wir können ja ein andermal zusammenkommen." „Nein, nein", wehrte er ab, „wer weiß, wann ich dich wiedersehe, wir müssen den heutigen Tag feiern. Wegen der paar Kronen, die das Ganze kostet, muß ich noch lange nicht meinen Rennstall aufgeben oder meine Stadthäuser belehnen." Die Erwähnung des Rennstalles und der Stadthäuser beruhigte mich einigermaßen, wenigstens brauchte ich nicht zu fürchten, daß er sich wegen mir in Schulden stürze. Das Diner wurde aufgetragen. Es war ein durchaus erstklassiges, nur zu reichhaltiges Festessen, bei dem die Weine die Hauptrolle spielten. Der Fremde war die Liebenswürdigkeit selbst, doch ließ er sich die Speisen und Getränke ebenfalls trefflich munden, so daß ich, um nicht unartig zu erscheinen, auch wacker zugriff und meinen Mann ordentlich stellte. 94 Jetzt erfuhr ich endlich den Namen; er hieß Karl Mayer. Diese Auskunft befriedigte mich aber keineswegs, denn ich konnte mich trotz intensivsten Nachdenkens nicht an einen „Mayer" erinnern, mit dem ich je auf besonders freundschaftlichem Fuße gelebt hätte. Beim Nachtische kam ein Kellner zu mir und flüsterte mir etwas ins Ohr. Man rief mich zu einem Patienten, die Sache war sehr dringend. Als ich mich erhob, bemerkte ich zum Glück meinen alten Freund Baron Helldorf an einem Nebentische. Es war nun nicht mehr als natürlich, daß ich Helldorf mit Mayer bekannt machte, denn es schien mir nicht anständig, meinen Gastgeber allein zurückzulasfen. Helldorf war übrigens ein Freund des Champagners und gern bereit, meine Rolle zu übernehmen. Nach einer Stunde kam ich zurück, traf jedoch nur mehr den Baron an, der mit dem Zählkellner ein lebhaftes Gespräch führte. Mayer war verschwunden. „Wer ist dieser Herr, mit dem du mich bekannt machtest?" frug mich Helldorf in vorwurfsvollem Ton, als ich mich den beiden näherte. „Nun, wer anders als ein alter Freund von mir, mit dem ich meine halbe Jugendzeit durchlebte", erwiderte ich erstaunt. „Ach, dann begreife ich auch seine Ungeniertheit, mit welcher er in deinem Namen Schulden entrierte." — 95 — Zu meiner nicht gerade freudigen Überraschung erfuhr ich von Helldorf, Mayer habe sich bei ihm 100 Kronen ausgeliehen, weil ich ihm mit seiner Börse, die ich angeblich zu mir steckte, fortgegangen war, und vom Zählkellner, daß der fremde Herr die Kosten für das Diner auf mein Konto setzen ließ, da die 100 Kronen zur Bestreitung desselben nicht ausgereicht hätten. Was blieb mir nun anderes übrig als zu zahlen, und zwar mit lächelndem Gesichte, weil ich nicht eingestehen wollte, daß ich das Opfer eines geriebenen Gauners geworden war. Acht Tage später saß ich mit Helldors zusammen in einem Kaffeehaus auf der Ringstraße. „Sieh doch nur", sagte er zu mir und hielt mir das „Interessante Blatt" hin, „diese Person, die mit der Überschrift -Gefährlicher Hochstapler' unter den Polizeinachrichten abgebildet ist, gleicht doch auf ein Haar dem Herrn, mit dem du mich beim Sacher bekannt machtest." Ich nahm die Zeitung in die Hand und erkannte sofort meinen Mayer von der Kärntnerstraße trotz meines schlechten Physiognomiegedächtnisses. „Was dir nicht einfällt", entgegnete ich, „ähnlich sieht er ihm wohl ein wenig, aber der Mayer, mit dem ich damals soupierte, ist es nicht; der ist ein Ehrenmann." vie Leicbensckuke. Der pensionierte Rechnungsrat Knicker war stadtbekannt wegen seiner übertriebenen Sparsamkeit. Obwohl er von seinem Vater, der gleich ihm ein Feind des Geldausgebens war, ein recht nettes Vermögen geerbt hatte, ließ er sich von niemand daran hindern, nur von der Hälfte seiner bescheidenen Pension zu leben und die andere Hälfte samt den Interessen des väterlichen Erbteiles gewissenhaft auf die Seite zu legen. Jetzt, meinte er, mache ihm das Sparen erst eine Freude, wo er sein eigenes Geld zu dem von seinem Vater erhaltenen legen könne, jetzt gebe es auch bedeutend besser aus und habe das Geldsammeln erst eine Berechtigung, auch müsse er aus Pietät für seinen guten Vater sparen. Frug ihn dann einmal ein indiskreter Freund, für wen er denn eigentlich spare, da er, zwei leichtsinnige Neffen abgerechnet, keinerlei Verwandte besitze und man unmöglich annehmen könne, er lege mühsam durch Jahr- 97 zehnte eine rote Banknote auf die blaue, damit die beiden Neffen nach seinem längst erwarteten Ableben das Blaue und das Rote in wenigen Monaten verjubeln könnten, dann erwiderte Knicker stets, er denke vorderhand keineswegs ans Sterben und er wolle sein Geld selbst in seinen alten Tagen aufbrauchen, seine Neffen aber würden niemals in die Lage kommen, das Langersparte zu verprassen, eher werfe er sein Geld am Sterbebette auf die Straße. Selbstverständlich war des Rechnungsrats Wohnung und Lebensweise so einfach als möglich. Bedürfnisse hatte er keine und wenn ja einmal in seinem Innern ein bescheidener Wunsch nach irgendeinem Ding auftauchte, dann brauchte er sich nur vorzurechnen, daß er Geld dafür auslegen müsse, und der Wunsch erlosch sofort. Nun hatte sich aber in der Stadt das Gerücht verbreitet, Seine Hoheit der Landesfürst beabsichtige, eine größere Anzahl verdienter Männer auszuzeichnen und Knickers Name wurde verschiedenemal genannt. Tatsächlich traf Seine Hoheit wenige Tage später mit dem Hofsonderzuge ein und am nächsten Morgen schon waren viele hervorragende Persönlichkeiten zur Audienz befohlen. Der pensionierte Rechnungsrat war auch darunter. Also war es doch wahr, was man allgemein behauptete, man wolle Knicker, der das Muster eines pflicht- A. Pall l, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 7 — 98 — treuen Beamten gewesen, mit einem Streifen Ordensband dafür entschädigen, daß er, nm einem jüngeren Protektionskinde Platz zu schaffen, plötzlich um seine Pensionierung einreichen mußte. Es hieß nunmehr, die Toilette für die morgige Audienz in Ordnung bringen. Das war aber keine Kleinigkeit. Mit dem obligaten Frackanzuge ging es noch zur Not, den hatte er einmal von einem Nachlasse um ein Spottgeld erstanden und seither sorgsam verwahrt. Damals hätte er bei seiner Hochzeit eine Rolle spielen sollen. Da aber die Heirat wegen ein paar hundert Gulden, welche die Auserwählte zu wenig hatte, ins Wasser fiel und Knicker den Anzug nicht auch ins Wasser warf, war er in seinem Besitze geblieben. Einen Zylinderhut lieh er sich bei einem alten Freunde aus, nur mit der Beschuhung hatte es seine Schwierigkeit. Zweifellos konnte er nur mit Lackschuhen bei der Audienz erscheinen. Wo sollte er aber Lackschuhe hernehmen? Seit langer Zeit trug Knicker wegen seiner empfindlichen Füße Filzschuhe. Durch das Tragen dieser kommoden Schuhe waren seine Füße förmlich aus dem Leim gegangen und normale Schuhe verursachten ihm sofort Schmerz. Es blieb ihm daher nichts anders übrig, als entsprechend weite Lackstiefel ausfindig zu machen und — was das Unangenehme war — anzuschaffen. 99 Als er ein größeres Schuhwarengeschäft betrat, erfuhr er zu seinem nicht geringen Schrecken, daß unter neun Gulden keine Lackschuhe zu haben seien. Knicker verschlug diese Nachricht beinahe die Stimme. Neun Gulden für eine Audienz von fünf Minuten! Eher leistete er auf die Auszeichnung Verzicht. Bald hatte er die ganze Stadt abgegangen und in jedem Schuhladen Nachfrage gehalten. Aber überall bekam er die gleiche unwillkommene Auskunft; an einem Orte verlangte man sogar elf Gulden. Nun versuchte er sein Glück noch in der Altstadt bei den Trödlern. Hier gab es zwar bedeutend billigere Sorten, er hätte sogar zwei Paar Lackschuhe um neun Gulden bekommen, aber sie waren alle viel zu eng. Schon wollte er in seine Wohnung zurückkehren und überlegte, ob er sich nicht mit Krankheit entschuldigen sollte, als sein Blick plötzlich durch ein Paar Lackschuhe in einem Auslagefenster gefesselt wurde. Da standen ein Paar Schuhe wie sie nach seinem Geschmacke waren, groß, anscheinend neu und, was das beste an alledem, mit einem Streifen Papier geziert, auf welchem die schlichten Worte geschrieben waren: „Das Paar vier Kronen." Gerade so mußten sie sein, um seine Kauflust zu erwecken. Im nächsten Augenblick stand er im Laden. Als Knicker fein Anliegen vorbrachte, schmunzelte 100 der Besitzer des Geschäftes und meinte: „Diese Schuhe werden sür den Herrn nicht passen, die halten nur ein paar Stunden und auch nur dann, wenn der Träger derselben sich sehr ruhig verhält, es sind nämlich Leichenschuhe." „Leichenschuhe?" wiederholte der Rechnungsrat verwundert und wurde jetzt erst gewahr, daß er in eine Leichenbestattungsanstalt geraten war, „das ist's ja, was ich suche." „Ah, dann wünscht der Herr wohl auch einen Sarg und Totenkleider?" „Danke, nein, das übrige habe ich schon anderweitig besorgt, mir fehlen nur noch die Schuhe — die Leichenschuhe." Kopfschüttelnd übergab der Geschäftsmann Knicker ein Paar und, da sich der Rechnungsrat genierte, einzugestehen, er brauche die Schuhe für sich selbst, Schuhe, die viel zu eng waren. „Ich glaube", erklärte Knicker, „dieses Paar dürfte ' zu schmal sein, der Tote hat ungefähr meinen Fuß" und dabei stellte er die Schuhe neben seine eigenen auf den Boden. „Dann leidet der Arme wohl gar an Hühneraugen, nun, vielleicht paßt die Nummer 4", erwiderte der Verkäufer. Da es dem Rechnungsrat schien, daß das neu angebotene Paar die richtige Größe habe, entschied er sich — 101 — für Nr. 4, versuchte aber noch von den vier Kronen einen kleinen Teil abzuhandeln, was ihm jedoch nicht gelang. Als er seinen Kaus zu Hause genau besichtigte, bemerkte er, daß die Schuhe wohl das Aussehen vollwertiger Lackstiefletten hatten, daß sie jedoch nicht aus Leder, sondern ans lackierter Leinwand und die Sohlen aus Pappendeckel, der bloß aufgeklebt schien, erzeugt waren. „Nun, für wenige Minuten werden sie schon halten", tröstete er sich. Am nächsten Morgen begann er schon zeitig mit seiner Toilette. Der Frack und die Beinkleider saßen tadellos, aber die Schuhe! Beim ersten Versuch, sie anzuziehen, blieben ihm die Strupfen in der Hand. Gewalt durfte er keine anwenden, zum Schluffe mußte er seine Socken entfernen und sich dazu bequemen, die Leichenschuhe über die nackten Füße zu ziehen. „Das wird ein gesunder Schnupfen werden", dachte er sich, als er vorsichtig einmal in seinem Zimmer auf und abging, um die neuen Schuhe einzuweihen. Endlich machte er sich, obwohl er keine an hatte, auf die Strümpfe. Um zehn Uhr war er zur Audienz befohlen, jetzt war es halb zehn. Zum Überflüsse fing es jetzt an zu regnen. Ein anderer hätte sich einen Wagen genommen, Knicker dachte aber nicht im entferntesten daran. 102 Vorsichtig längs der Häuser manövrierte er, trotz des immer stärker werdenden Regens, bis in unmittelbare Nähe des landesherrlichen Palastes hin. Jetzt hieß es nur noch die Straße übersetzen und er war geborgen. Ganz überflüssigerweise stieg er noch zum Schlüsse mit beiden Beinen in eine große Wasserlache. Man zeigte Knicker den Weg zum Audienzsaal. Er war der letzte und erhielt seinen Platz am linken Flügel ganz neben dem stattlichen Kamin angewiesen. Die übrigen Persönlichkeiten standen schon stramm in Reih und Glied. Da flogen die Flügeltüren auf und Seine Hoheit erschien, gefolgt von mehreren hohen Würdenträgern. Vorerst eine kurze Ansprache und dann erfolgte höchst eigenhändig die Dekorierung jedes einzelnen. Knicker stand neben dem geheizten Kamine und wartete bis an ihn die Reihe kam. Da — was war das? Mit einemmal lösten sich, wie verabredet, beide Papiersohlen von seinen Schuhen los und gleichzeitig bog sich die gewaltsam nach abwärts gedrückte lackierte Leinwand nach aufwärts, um im nächsten Augenblicke die nackten Füße vollkommen frei zu geben. Jetzt hätte er sogar elf Gulden für ein Paar Lackschuhe gern gezahlt! Seine Hoheit war nur mehr wenige Schritte von ihm entfernt. Rasch entschlossen sprang er unbemerkt hinter — 103 — die Front, um im nächsten Moment durch die offene Saaltür zu verschwinden. Auf seinem Platze blieben bloß die traurigen Überreste der Leichenschuhe zurück. Als er die Treppe herunterkam, srug man ihn erstaunt : „Ja, waren Sie denn bei der Fußwaschung?" Die Auszeichnung wurde dem pensionierten Rechnungsrat in seine Wohnung zugestellt, denn wahre Verdienste finden auch bei Bloßfüßigen Anerkennung. Leichenschuhe aber kaufte er sich keine mehr. Das nächste Paar wurde ihm von seinen beiden trauernden Neffen besorgt, als er friedlich schlummernd einige Jahre später in seiner bescheidenen Wohnung aufgebahrt lag, was diese um so leichter tun konnten, als Knicker sein Geld nicht, wie er sich vorgenommen, am Sterbebette auf die Straße geworfen hatte. Me Mensur. Der Nazi und der Peperl waren die besten Freunde. Dieses innige Freundschaftsverhältnis datierte weit zurück. Schon in der untersten Taferlklasse, in jener glücklichen Zeit, wo beide noch das kleine Segel am Höschen lustig im Winde flattern ließen, wenn sie Arm in Arm von der Schule nach Hause marschierten, standen sie einander näher. Jetzt allerdings, in der Quarta, war dieses Segel, das Symbol geistiger und körperlicher Unreise, samt den kurzen Kniehöschen längst verschwunden, die Freundschaft aber war geblieben, ja sie war fast in demselben Maße, als die Beinkleider zugenommen hatten, gewachsen. Bei jeder Gelegenheit zeigte sich bei ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Falls einer von beiden herausgerusen wurde, unterließ es der andere gewiß nicht, dem Geprüften kräftigst „einzusagen". Zu Hause wurden die Hausarbeiten, sowie in der Schule die Schularbeiten, so lange miteinander verglichen, 105 bis es zum Schlüsse den Eindruck machte, der eine habe sie vom anderen abgeschrieben. Galt es aber auf der Straße bei kriegerischen Unternehmungen aller Art, sobald der eine bedroht wurde, einzuspringen, dann teilte man die Schläge, ebenso wie das Butterbrot in der Schulpause, und es schmeckte beides geteilt, viel besser als allein genossen. Manchmal entstanden zwar auch zwischen Peperl und Nazi unbedeutende Differenzen, welche jedoch niemals zu einem ernsten Zerwürfnisse führten, sondern meist an Ort und Stelle mittels einiger rasch gewechselter Ohrfeigen vollkommen ritterlich ausgetragen wurden. Nun waren aber die älteren Brüder der beiden jugendlichen Helden ebenfalls intime Freunde und schon seit Anfang des Semesters auf der Hochschule bei zwei verschiedenen Burschenschaften „eingesprungen". Die bunten Bummler und die dreifarbigen Bänder auf deren Brust verfehlten ihre Wirkung bei den beiden Quartanern nicht und ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, auch einmal so geschmückt auf der Straße herumstolzieren zu können. Ihr Gesprächsthema war seitdem natürlich ein anderes geworden; statt wie früher lebhaftes Interesse für das Skalpieren und für andere vernünftige Institutionen bei den Rothäuten zu zeigen, richteten sie nun ihre Aufmerksamkeit auf alles, was mit dem Burschenleben im Zusammenhänge stand. 106 Man hörte sie bloß von Mensuren, Schmissen, Kontrahagen und Auskneifen reden und wenn man ja einmal einen der beiden Quartaner bei einem Buche fand, dann war es sicher ein Kommersbuch oder ein Duellkodex. Als aber die beiden Hochschüler eines schönen Tages zum größten Entsetzen der diversen Mütter und Schwestern mit ganz verbundenen Köpfen nach Hause gebracht und der häuslichen Pflege übergeben wurden, da fühlten sich Peperl sowohl als Nazi in äußerst gedrückter Stimmung, nicht etwa, weil sie um ihre älteren Brüder besorgt waren, sondern aus Kummer darüber, daß sie noch so lange darauf warten mußten, bis sie ihre Eltern in gleicher Weise überraschen konnten. Beide hätten gern zehn und mehr Jahre ihres jungen Lebens für eine gespaltene Nase oder ein halbiertes Ohr hingegebeu. Was waren alle Wunden, die man bei einer noch so leidenschaftlich gehandhabten Rauferei abbekommen konnte, gegen einen so schönen Schmiß über die Nase, wie ihn zum Beispiel Peperls Bruder seinerzeit mit berechtigtem Stolze zur Schau tragen durfte? Vorderhand verhüllten leider noch Bandagen das mit 14 Nadeln kunstvoll zusammengenähte Geruchsorgan des wackeren „Teutonen", dem eine unparierte Terz seines Freundes, des „Cimbern", zuteil wurde. Ersterem war es nur gegönnt, sich mit einer bescheidenen Hakenquart zu revanchieren, ein Schmiß, der, wenn er auch eine — 107 recht stattliche Fläche des gegnerischen Schädels im rechten Winkel durchkreuzte, doch keineswegs den Effekt zu erzielen imstande war, den das hübsche Fragezeichen auf der teutonischen Nase hervorrief. Die nähere Verwandtschaft zerbrach sich zwar den Kopf, warum sich gerade die beiden Freunde zusammen schlagen mußten, wo man niemals von einer Differenz zwischen ihnen hörte, doch wurden sie ganz einfach mit den Worten abgespeist: „Es handelt sich ja bloß um eine Bestimmungsmensur!" Natürlich konnte es nicht fehlen, daß Peperl und Nazi in der Schule, nachdem sich die Kunde von der Mensur ihrer älteren Brüder genügend verbreitet hatte, als die Helden des Tages angestaunt wurden. Man besprach sehr erregt die einzelnen Phasen des Zweikampfes, den sie durch eine „Türklumsen" am Fechtboden genauestens beobachtet hatten, und demonstrierte mittels zweier Reißschienen einzelne Gänge. Peperl, der Vertreter der Teutonia, war der Ansicht, daß der Schmiß über die Nase nicht als „Abfuhr" zu betrachten sei, weil, abgesehen von der größeren ästhetischen Wirkung, ein Mensch mit gespaltener Nase noch viel eher weiterexistieren könne als ein solcher mit auseinandergeschlagenem Kopfe, bei dem das Stroh förmlich bloßgelegt wurde . . . Eine allgemeine Ruhe entstand. 108 Man war einig darüber, daß diese Bemerkung unter den obwaltenden Verhältnissen einer Beleidigung zweiten Grades gleichkomme, die nicht mit ein paar gewöhnlichen Maulschellen reingewaschen werden könne. Das Thema wurde rasch abgebrochen, wozu das Erscheinen des Professors der lateinischen Sprache in der Klasse nur in zweiter Linie beitrug. Peperl und Nazi existierten vorderhand nicht für einander und als der erstere herausgerufen wurde, unterließ es der andere, einzusagen, trotz der nicht miß- zuverstehenden Notsignale seitens des Schwergeprüften. Der unmittelbar darauffolgende Ruf „Setzen", verbunden mit einer hastig eingetragenen Note, ließ Böses ahnen, wirkte aber nur momentan abkühlend, nach der Stunde dachte man an wichtigere Sachen. Peperl und Nazi suchten sich ihre Zeugen unter den Mutigsten der Klasse aus und nun schoben die Auserwählten bald da, bald dorthin, um schließlich „draußen" an jenem Orte, der eigentlich eine andere, friedlichere Bestimmung hatte, die Ehrenangelegenheit ins reine zu bringen. Von einer Abbitte war keine Rede, so etwas konnte man bei Brüdern von Burschenschaftern nicht erwarten, es handelte sich nur noch um die Art des Kampfes und um den Ort, an welchem die Sache ausgetragen werden sollte. Als die Zeugen in die Klasse eintraten, war man auch darüber vollkommen im klaren. 109 Das Duell hatte am Boden der Peperlschen Wohnung sofort nach Schulschluß am selben Tage stattzufinden und als Waffen sollten die am Dachboden verwahrten Schläger verwendet werden; Kampfdauer fünfzehn Minuten, falls nicht vorher eine Verletzung eintrat. Als Arzt fungierte ein Quartaner, dessen Vater Apotheker war und der daher leicht Verbandzeug verschaffen konnte . . . Punkt fünf Uhr fanden sich die vier Zeugen und der kleine Arzt am Dachboden ein. Vorerst mußten einige leere Kisten weggeschafft werden, um Platz für die Kämpfenden zu gewinnen, dann markierte man mit Kreide die Plätze, auf welchen Peperl und Nazi fünfzehn Minuten ausharren sollten, wenn die Kampfunfähigkeit nicht früher eintrat. Nun legte man die Schläger zurecht. Sie waren schrecklich scharf geschliffen und ein leiser Schauer überlief sämtliche Anwesenden, als man, um die Schärfe zu erproben, ein Stückchen Papier damit zerschnitt. Der Sohn des Apothekers, dem die schwere Rolle eines Doktors zufiel, breitete das mitgenommene Verbandzeug aus und stellte eine große Flasche mit Karbolwasser auf den Boden. Nachdem alles für die Mensur vorbereitet war, verteilte der älteste der Zeugen als Unparteiischer die Rollen der Sekundanten und blickte besorgt auf die Uhr. Es waren 10 Minuten über fünf und die beiden Gegner fehlten noch. — 110 — Nach dem Duellkodex hatte man 15 Minuten auf einen Gegner zu warten, daß jedoch beide nicht erschienen oder auf sich warten ließen, war darin gar nicht vorgesehen. Endlich hörte man ein unbestimmtes Geräusch von Stimmen. Der Lärm kam vom Stiegenhause. In gespannter Erwartung standen die Zeugen mit auf die Tür gerichtetem Blicke auf ihren Plätzen. Doch obschon man das Gepolter immer deutlicher hörte und jeden Augenblick das Erscheinen der beiden säumigen Gegner gewärtigte, kam niemand zur Tür herein. Nun erkannte man auch Peperls Stimme, es waren jedoch gurgelnde Töne, die er ausstieß. Rasch sprang der Unparteiische zur Tür und öffnete. Zum nicht geringen Erstaunen sämtlicher Zeugen lagen da am Boden zwei kämpfende Gestalten, die keine Miene machten sich zu trennen. Peperl und Nazi waren, ohne sich zu beachten, schweigend nebeneinander die Treppe zum Dachboden hinaufgekommen, nun trennte sie nur noch die Tür vom Kampfplatze. Da versuchte Nazi, dem das Herz nach und nach in die Hosen gefallen war, einen Appell an seinen bisherigen Freund zu richten, er stieß so etwas wie „Aussöhnung" heraus. Das war für Peperl zuviel. Mit einem Blick, der einen anspringenden Löwen zur raschen Umkehr bewogen 111 hätte, stammelte er voll Verachtung das Wort: „Feigling!" Im nächsten Augenblick hing aber Nazi gleich einem durstigen Blutegel an Peperls Brust und ein Kampf, wie ihn die alten Dachbalken sicher noch nicht erblickt, entwickelte sich vor der Türe des Fechtbodens. Um die Sache abwechslungsreicher zu gestalten, stochten die beiden Kämpfer, so oft eine Hand frei wurde, ein paar schallende Ohrfeigen in die Ehrenaffäre hinein. Mit Aufgebot aller Kräfte gelang es den Zeugen, das Knäuel zu entwirren und die zerschundenen Gegner zu trennen. An eine Austragung der Angelegenheit mit Waffen war nicht mehr zu denken, wenn auch der blutdürstige Peperl auf die Mensur beharrte. Nazi erklärte jedoch, daß ihm vollständige Genugtuung zuteil wurde und er daher auf jeden Waffengang Verzicht leiste. Die Schläger wurden wieder versorgt und die Zeugen samt den beiden Gegnern verließen, wenn auch nur teilweise befriedigt, den Fechtboden. Im Stiegenhause klebte man aber noch ein paar Streifen englischen Pflasters über Peperls und Nazis Nasen und einigte sich, niemals den wahrhaften Ausgang der nur für die Welt stattgefundenen Mensur in die Öffentlichkeit dringen zu lassen. ver rechtschaffene Leufel. In jener weniger aufgeklärten Zeit, wo man den übernatürlichen Wesen noch nicht kleinlich nachwies, daß sie gar nicht existierten und diese unbeanstandet mit den Menschen in Verkehr treten durften, kam einmal ganz zufällig ein junges Teufelchen an die Oberwelt. Die Großmama hatte die ganze Nacht alte Sünderseelen in einer großen Pechpfanne geschmorrt und war schließlich vor Müdigkeit ein wenig in ihrem Lehnstuhle eingenickt. Sonst wäre es dem Kleinen sicher nicht gelungen, zu entwischen, denn die alte Dame hielt das junge Teufelsvolk sehr knapp und duldete vor allem nicht, daß die Jungens mit den Menschen in Berührung treten. „Von denen könnt ihr nichts Gutes lernen", meinte sie, wenn sie am Äbend im trauten Familienkreise beim Pechkessel saß, „einer ist immer schlechter als der andere, und um die paar lumpigen Seelen, die ihr mir eventuell zuführt, ist mir nicht zu tun, wir haben ohnehin keinen Platz mehr übrig." 113 Das junge Teufelchen, froh darüber, einmal aus der dumpfen Hölle ans Tageslicht zu gelangen, stolzierte flott durch die Straßen einer großen Stadt, in die es beim Aufstiege hineingeraten war und freute sich über das rege Leben und die vielen sauberen Frauenzimmer, die es erblickte. „Donnerwetter", murmelte es in seinen Bocksflaum hinein, „sind das aber reizende Dinger und wie sie einem mit ihren verführerischen Augen anschauen, die reinsten Teufelsmädel! Bei uns unten wird so etwas leider nicht geduldet." Da bemerkte Luzifer erst, daß seine Adjustierung für die Gesellschaft, in der er sich bewegte, nicht passe und trat rasch entschlossen in ein elegantes Modewarenhaus, um sich einen modernen Anzug anzuschaffen, denn sein Wams war berußt und abgetragen, ja selbst dem Teufel zu schlecht, das Beinkleid aber so viel wie gar nicht vorhanden. Das Höllenkind zahlte prompt, denn es hatte vor seinem Aufstiege seine gesamten Ersparnisse zu sich gesteckt und trat nun wieder auf die Straße. Da gab es Miethäuser und Paläste in regelloser Reihenfolge und farbenprächtige Gartenanlagen mitten darunter, da wimmelte es von Menschen aller Art, elegante und solche, die es scheinen wollten, bunte Uniformen, Helle und dunkle Damentoiletten, alles in wirrem A. Paul. Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 8 — 114 — Durcheinander, und ein Gelärme und Gesumme herrschte dabei, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Der kleine Luzifer stand ganz verwirrt mitten auf der Straße und konnte sich vor Staunen nicht erholen. So schön war es daheim denn doch nicht, wenn er auch den gewohnten Schwefel- und Pechgestank nur stellenweise wiederfand. Plötzlich stieß ein besonders elegant gekleideter Herr, scheinbar aus Versehen, den armen Kleinen auf die Seite. „Pardon", sagte Luzifer, der wußte, wie man sich den extrafeinen Leuten gegenüber zu benehmen hat, und rieb sich die beim Stoße in Mitleidenschaft gezogene Magengrube; dabei konstatierte er den Abgang seiner silbernen Taschenuhr samt Kette. „Zum Teufel, da heißt's aber aufpassen", meinte der Bestohlene, „in der Hölle ist mir so etwas noch nicht passiert, allerdings kommt da auch nicht jeder hinein." Es sing an zu dämmern. Ein alleinstehendes stattliches Gebäude lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Der Portier nahm feinen Dreispitz ab, als Luzifer das Haustor betrat und fragte artig, wen er anmelden könne. „Ei der Teufel", legte sich die Portiersfrau ins Mittel, „du kennst ja doch den Herrn Baron Gabriel." Der Name paßte dem Kleinen zwar nicht recht, doch 115 war ihm die zufällige Ähnlichkeit mit dem Barone momentan willkommen. Nur so konnte er das Klublokal betreten. Man wies ihn in ein luxuriös ausgestattetes Gemach im ersten Stocke. Vermutlich hielt man ihn für einen Spieler. Eine Atmosphäre, welche Luzifer nicht wenig anheimelte, strömte ihm entgegen. Die reinste Höllenlust! An verschiedenen Tischen wurde gespielt. Hier Whist und Tarock, in einer Ecke Hasard. Ganz seitwärts in einer Nische unterhielt man sich mit Schachspiel. Baron Gabriel — denn für diesen wurde er nun einmal gehalten — gesellte sich zuerst zu den Schachspielern. Zwei ältere Herren saßen einander beim Schachbrette gegenüber. Beide hatten die Köpfe auf ihre Hände gestützt, wie es Menschen tun, die sehr intensiv Nachdenken, und beachteten ihn nicht. Nach einer halben Stunde eifrigen Nachsinnens hob der eine einen Läufer ein wenig von seinem Platze, stellte ihn jedoch nach einiger Zeit wieder auf dessen früheres Feld, weil er bemerkte, daß dieser Zug zwecklos sei. Der andere schüttelte den Kopf und dann dachten beide mit neuer Energie weiter. „Das ist aber eine langweilige Unterhaltung", entschlüpfte es dem Pseudobaron, der im Begriffe war, zu gehen. 8 * - 116 — „Erlauben Sie mir", schrie einer der beiden Spieler den ganz verdutzten Kleinen an, „ich verbiete mir derlei Bemerkungen. Wenn jemand so wenig vom Schachspiel versteht wie Sie, sollte er sein Urteil für sich behalten; übrigens kann ich nicht weiterspielen, wenn man mir mit solchen Ansichten kommt", und dabei stieß er das Schachbrett beiseite, so daß die Figuren übereinander kollerten. Er tat dies hauptsächlich aus dem Grunde, weil er sonst mit dem nächsten Zuge matt geworden wäre und die zehn Gulden, um welche die Partie ging, nicht gern zahlen wollte. „Scheren Sie sich zum Teufel, wer hat Sie denn hergerusen", brüllte der andere, dem die zehn Gulden entgingen. Ganz beschämt schlich der so unzart Behandelte zum nächsten Tische, wo er sich bescheiden auf einige Meter- Entfernung hinstellte. „Setzen, setzen", riefen alle vier Spieler fast gleichzeitig, „nur keinen stehenden Kiebitz!" Luzifer rückte sich einen Stuhl zu den Whistspielern und setzte sich, wie ihm geheißen. Das Spiel schien ihm sehr harmlos und erregte schon deshalb seine Aufmerksamkeit, weil niemand ein Wort dabei sprach und die Karten so lautlos ausgeteilt und ebenso ausgespielt wurden, als ob sie selbst eine Art Sprache redeten. Daher war er höchst verwundert, wie 117 diese Idylle durch ein ganz unerwartetes Geschrei gestört wurde. „Carreau, Carreau!" brüllte plötzlich ein älterer Herr ganz rot vor Zorn mit geballten Fäusten sein Visavis an. „Sie werden das Spiel nie erlernen! Wie konnten Sie auf den Piquebuben verfallen?" „Ich wollte zuerst meine eigene Farbe anzeigen." „Mein Gott und Herr, Pique wollten sie anzeigen, Pique, die ich die ganze Zeit abwarf, ja, sind Sie denn wirklich so begriffsstützig?" „Wenn mir jemand zusieht, kann ich nicht spielen." Luzifer verstand den zarten Wink, stand auf und begab sich zum Nebentische, wo man Tarock spielte. Hier herrschte einige Aufregung. Eben war ein Kontra ordentlich „daneben" gegangen und das schlechte Spiel desjenigen, der das Kontra provoziert hatte, bildete allgemeinen Gesprächsstoff. Mittlerweile wurden die Karten gegeben. „Solo, zwölf Tarock, Trull, Pagat", sagte mit siegessicherem Lächeln der beschimpfte Spieler und die beiden anderen fielen wie zwei hungrige Aasgeier über den Tallon her, um die Möglichkeit zu erörtern, dem Solisten einen „Frack" auf das Spiel oder den Pagat applizieren zu können. Nach einigen lebhaften Auseinandersetzungen, bei welchen sich die beiden Gegner mit größter Ungeniertheit die Karten zeigten, entschieden sie sich für ein Kontra auf Spiel und Pagat. Als der Solospieler jedoch erkannte, wie schlecht die Chancen für ihn standen, bat er den Teufel, der mit lebhaftestem Interesse zusah, das Spiel zu übernehmen, weil er einen Moment hinausgehen müsse. Luzifer ergriff ahnungslos die Karten und spielte so gut er es konnte, aber der Erfolg war, wenigstens für ihn, kein befriedigender. Er wartete, bis der Herr zurückkomme, damit dieser zahle, doch war dies ganz überflüssig, denn der eigentliche Solospieler war längst verschwunden. Was blieb nun dem armen Teufel anderes übrig, als zwei Goldstücke aus seiner Tasche auszukramen und sie den schadenfroh lächelnden Gegnern einzuhändigen? „Morgen müssen Sie das Geld von Herrn Meier zurückfordern", belehrte man ihn. „Ja, morgen bin ich längst wieder bei allen Teufeln", dachte sich der Geprellte und seufzte tief. Ganz kleinlaut setzte sich Luzifer zum Hasardtische. Da ging es zweifellos lustiger zu als an den anderen Tischen. Die Gesichter waren alle stark gerötet und der Champagner, der ohne Unterlaß den Spielern und Zusehern serviert wurde, trug nicht dazu bei, sie bleicher zu färben. In drei Reihen umstand man den grünen Tisch und starrte mit lüsternen Blicken auf die 119 Goldstücke, die hin und her rollten. Man konnte eigentlich nicht sagen, wer gewinne. Hie und da räumte ein Spieler seinen Platz, dann hieß es immer, er trage Geld fort, er aber erklärte stets, im Verluste zu sein. Jetzt schob man auch dem Teufel ein Glas Schaumwein hin. Er kostete mit Behagen, trank aus und ließ sich neuerdings einschenken. Wie gut müßte der Champagner erst schmecken, wenn er warm gewesen, so kalk anä kalk mit Pech und Schwefel! Nun holte er auch ein Goldstück aus seiner Tasche und legte es auf eine Karte. Im nächsten Augenblick war das Goldstück vom Bankier eingestrichen. Ebenso erging es einem zweiten und dritten Dukaten. „Sie haben ein Teufelspech, Herr Baron, Sie sollten das Spiel aufgeben", sagte ihm ein Herr, der zusah, wie Luzifer noch einige Versuche erfolglos machte, sein Geld zurückzugewinnen. Endlich war der arme Teufel vollkommen blank. Der Kopf brummte ihm und seine Wangen glühten, so geschwitzt hatte er in der Hölle unten noch nicht wie hier. Dann saß er still in sich versunken auf seinem Platze und beobachtete eine lange Weile, wie das Glück den einen begünstigte und den anderen im Stiche ließ. Hütte er nur noch ein paar Goldstücke wagen können, würde er sein Geld bestimmt wieder zurück bekommen haben, so hatte er aber keine Hoffnung. 120 Plötzlich — er wußte selbst nicht wie er auf den Einfall geriet — rief er mit lauter Stimme: „Hopp die Bank!" Es war gerade in einem Moment, wo der Bankier eine Unmenge Geldes eingezogen und schon Miene machte, sich zurückzuziehen. Alle Anwesenden blickten erstaunt auf den verwegenen Spieler. Handelte es sich doch um mehrere tausend Gulden. Der Bankier warf sein Blatt auf. Er hatte neun. Mit zitternder Hand erfaßte der Teufel seine Karten. Bloß sieben und somit verloren. „Ich werde morgen meine Schuld begleichen." „Morgen?" sagte der Gewinner und schüttelte ungläubig den Kopf. „Da soll mich doch der Teufel holen, wenn ich mein Geld jemals bekomme." Am nächsten Morgen in aller Früh überbrachte Luzifer dem erstaunten Bankier von gestern die Spielschuld. Selbst holte er ihn jedoch erst später, ebenso alle anderen Herren, die er das Vergnügen gehabt, im Klubhaus kennen zu lernen. Konnte man es ihm aber verargen, daß er in Hinkunft die Seelen der Spieler mit besonderer Gewissenhaftigkeit in seiner Bratpfanne bediente und speziell bei Herrn Meier, dem durchgebrannten Solospieler die Flammen nicht ausgehen ließ? _ va§ SebilMtagsgescbenk. Der kleine Hansi Scheinpflug hatte seinen elften Geburtstag, das heißt er war gerade zehn Jahre alt, denn seinen ersten benutzte er dazu, um das elektrische Licht in der eleganten elterlichen Villa zu erblicken, die übrigen aber feierte er, respektive die sehr wohlhabende Scheinpflugsche Familie mit allen zu Gebote stehenden Mitteln. Im großen Empfangszimmer, das nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten geöffnet wurde, befand sich ein langer Tisch, auf welchem die mehr oder weniger kostbaren Gaben im bunten Durcheinander ausgebreitet waren. Spielzeug, Bücher, Zuckerwerk und Kleidungsstücke in schwerer Menge, Dinge, die wohl ein ganzes Dutzend weniger verwöhnter Kinder laut aufjubeln gemacht hätten und die alle nur für das eine Geburtstagskind bestimmt waren. Um den Tisch, mit glückseligem Lächeln, standen die verschiedenen bescherenden Familienmitglieder und erwarteten mit Ungeduld das Erscheinen des kleinen Hansi. 122 Endlich kam der Zehnjährige, ließ den Sturm von Glück- und Segenswünschen über sich ergehen, wobei er den Eindruck eines jungen Pudels machte, den man unter eine kalte Dusche hält und schielte zwischen den Rockschößen der Gratulanten hin auf die verschiedenen Kostbarkeiten. Nun hatte er den Gegenstand, nach welchem sein junges Herz augenblicklich am meisten verlangte, erblickt. Es war ein geharnischter Ritter, ein Geschenk von Tante Emerentia. Ohne Anzeichen besonderer Rührung oder Dankbarkeit beabsichtigte Hansi, das Feld zu räumen, um sich der lästigen Gesellschaft seiner zärtlichen Verwandten zu entziehen, konnte jedoch nicht umhin, im Weggehen einen kleinen Kuchen zu sich zu stecken, was ihm einen dankbaren Blick von Tante Hildegard, der Erzeugerin des Backwerkes, eintrug. In der Tür stieß das Geburtstagskind auf einen mit einer mäßig großen Kiste beladenen Dienstmann, der sich seiner Bürde mit den Worten entledigte: „Das schickt der Försteronkel dem kleinen Hansi zum Geburtstag." Hansi sah sich nunmehr veranlaßt, so lange zu bleiben, bis er volle Gewißheit über den Inhalt der Kiste erlangte. Der Dienstmann wurde mit „einem schönen Gruß an den lieben Onkel" verabschiedet und erhielt überdies ein der festlichen Stimmung angemessenes Trinkgeld. Trotzdem fand man es eigentlich sonderbar, daß der 123 Förster eine Gelegenheit förmlich bei den Haaren herbeizog, um sein verwandtschaftliches Verhältnis zu dokumentieren, denn wenn er auch ein leiblicher Bruder der Frau Scheinpslug war, so zählte man ihn doch nur ungern zur Verwandtschaft, weil er erstens ganz gegen die traditionelle Gepflogenheit ein armes Mädchen geheiratet und ein bereits bestandenes Verhältnis mit Tante Hildegard gelöst, was um so strafbarer schien, als die besagte Tante wohl nicht hübsch, aber im Besitze eines beträchtlichen Vermögens war und weil er zweitens eine Unmenge Kinder besaß, die alle ihren Teil dazu beitrugen, das Scheinpslugsche Familiengut nach Möglichkeit zu schmälern. Hansi allein hielt ihn für einen vollwertigen Onkel und hatte ihn in sein jugendliches Herz geschlossen, trotz der vielen Gründe, die man jederzeit gegen den Förster ins Feld zu führen versuchte. Mit großem Interesse betrachtete das Geburtstagskind die kleine Kiste. Es war eine Kiste wie jede andere, nur hatte sie in ihrem Deckel eine Anzahl kleiner Löcher eingeschnitten. Als man sie zu öffnen anfing, entstand in ihrem Innern Unruhe. Anfänglich war man darüber im Zweifel, von wem die unbestimmbaren Töne herrührten, doch als man beim weiteren Öffnen auf eine kleine kalte Schnauze stieß, die mit nicht zu verkennender Deutlichkeit ans Tageslicht zu gelangen trachtete, herrschte kein Irrtum mehr: die Kiste enthielt einen kleinen Hund. « 124 Endlich war es möglich, den mit Ungeduld seiner Befreiung Entgegensetzenden herauszubefördern. Ein junger brauner Dackel präsentierte sich nunmehr der erstaunten Familie. Hansi stieß einen Hellen Freudenschrei aus und ließ den geharnischten Ritter samt Kuchen unter den Tisch fallen. f „Das ist ja ein allerliebster kleiner Kerl", hieß es allgemein, selbst Tante Hildegard, die sonst nichts gut fand, was von ihrem ehemaligen Verlobten herrührte, konnte sich nicht enthalten, dem neuen Familienzuwachs ihre beringte Hand hinzuhalten, die der junge Hund galant ableckte. Ein hübsches rotes Band, in welches der Name des kleinen Dackels eingestickt war, zierte den braunen Hals. Er hieß „Schlupferl". Schlupferl, in der sicheren Voraussetzung, man würde ihn sonst wieder in sein früheres beschämendes Verhältnis bringen, zeigte sich von der günstigsten Seite und leckte mit Gewissenhaftigkeit jede sich ihm nähernde Hand ab, wobei er nicht nur mit seinem Schwänzchen in unheimlich ^ raschem Tempo wedelte, sondern auch jede Bewegung desselben mit seinem ganzen Körper zu unterstützen versuchte. Obwohl Familie Scheinpflug keineswegs besonders hunde- sreundlich gesinnt war und ganz speziell für junge Hunde > nicht sonderlich schwärmte, war sie doch der Ansicht, daß man ein so reizendes Tierchen behalten müsse, um so mehr, 125 als Hansi eine so närrische Freude über dieses Geburtstagsgeschenk zeigte. Schlupserl sand es aber sehr bald langweilig, sich von jedermann liebkosen zu lassen und war auch vom fleißigen Wedeln müde, deshalb unternahm er auf eigene Faust einen kleinen Rundgang durch das Zimmer. Hierbei stieß er auf Hansis kleinen Kuchen, den er sofort als sein Eigentum erklärte und verschwand mit diesem unter der großen Kredenz. Man wartete mit Geduld, bis Schlupferl es für angezeigt halten würde, wieder zum Vorscheine zu kommen, doch Schlupferl schien ganz anders disponiert zu haben und dachte nicht im entferntesten daran, sein gesichertes Versteck zu verlassen. Alle Versprechungen und alle Koseworte blieben ohne Erfolg. Der junge Hund fraß mit Seelenruhe seinen Kuchen und sah nicht ein, warum er Hervorkommen solle. Nach einiger Zeit, da man erkannt hatte, man müsse es Schlupferl selbst überlassen, wann er es für gut fände, die Gesellschaft durch sein Erscheinen zu ehren, drangen plötzlich ganz eigenartige gurgelnde und würgende Töne zu Ohren der die Kredenz umstehenden Familienangehörigen. Zweifellos war der Kuchen für seinen jungen Magen zu schwer gewesen und das Geburtstagskind, dem die unerwartete Musik tief in die weiche Seele drang, brach 126 aus Angst darüber, daß Schlupferls letzte Stunde gekommen sei, in ein ohrenbetäubendes Geplärre aus. Mama Scheinpflug konnte sich daher nicht enthalten, der Tante Hildegard im vorwurfsvollen Tone zu sagen: „Du hast natürlich wieder zu viele Mandeln in den Kuchen hineingetan, wenn ihn nicht einmal ein Hundemagen verträgt. Ich bin nur froh, daß unser armer Hanst nicht auf den Einfall kam, das Backwerk zu kosten." Tante Hildegard wurde rot wie ein Puter und stieß etwas heraus, was wie eine Verwünschung des jungen Dackels samt seinem Spender klang. Da der Zehnjährige nicht aufhören wollte zu heulen und das kleine Ungeheuer nicht anders herauszukriegen war, mußte man sich dazu bequemen, die schwere Kredenz gemeinsam wegzurücken. Aufgerollt wie ein Apfelstrudel und anscheinend fest schlummernd lag das nette Tierchen da, doch hatte es ein Auge ein klein wenig geöffnet und beobachtete verstohlen die sich ihm Nähernden. Neben Schlupferl lag der Mandelkuchen, allerdings in stark veränderter Form. Als Hanst sein liebes Hunderl ausheben wollte, ließ es ein nicht mißzuverstehendes Geknurre hören, wobei es recht unartig die spitzen Zähnchen zeigte. Doch der Zehnjährige hatte keine Angst und faßte den Dackel herzhaft an, um ihn mit entsprechender Zärtlichkeit so lange an seine Brust zu drücken, bis man einstimmig erklärte, 127 Hansi müsse hinauf in sein Zimmer gehen, um seinen früher weißen Anzug zu wechseln. Das kleine Vieh hatte eine ganz eigene Art, Zärtlichkeiten zu lohnen! Die Abwesenheit des Geburtstagskindes benutzte man dazu, um das ungezogene Tier, das sich im Zimmer so schlecht zu benehmen verstand, strafweise in die große Hühnersteige, in welcher eine leere Abteilung war, einzusperren. Hier sollte Schlupferl bleiben, bis die Familie Scheinpflug von einem Spaziergange heimkehrte. Als man jedoch eine Stunde später nach Schlupferl sah, war der Hühnerstall leer. Nicht nur der junge Hund, sondern auch sämtliche Hühner fehlten. Er hatte sich einen Ausgang gegraben, den auch die Hühner zur Flucht benutzten. Vergebens durchsuchte man alle Wohnräume, den Boden, die Speise und auch den Keller; Schlupferl blieb unauffindbar. Im Salon hatte er eine kurze Rast gemacht und ließ an einzelnen Stellen, die sich am wenigsten dafür eigneten, sehr deutliche Spuren seiner vorübergehenden Anwesenheit zurück. „Hätte er dies nicht auch in der Hühnersteige besorgen können", frug man sich, und suchte weiter. „Im Speisezimmer scheint er sich länger aufgehalten zu haben", meinte Herr Scheinpflug, als er ein großes, 128 frisch ausgenagtes Loch im großen Teppich entdeckte und die angebissenen Tischfüße betrachtete. Endlich fand man den kleinen Missetäter. In Tante Hildegards jungfräulichem Bette lag der junge Hund und schlief ermüdet vom Tagewerke. Da er von den Fliegen nicht belästigt sein wollte, hatte er der guten Tante mit Spitzen besetztes Nachthemd angezogen, das heißt er war in dasselbe bei einem Ärmel hineingekrochen und so weit vorgedrungen, daß er mit einem Teil seines Kopfes beim zweiten herausblickte. So groß Schlupferls Verbrechen war, so konnte man doch nicht umhin, zu lächeln, als man ihn jetzt wiederfand, denn wenn es auch niemand sich zu sagen getraute, so dachte es doch jeder, der den Hund mit der improvisierten Spitzenhaube sah — er glich der Tante auf ein Haar. Nun war aber auch des armen Dackels weiteres Geschick besiegelt, eine solche empörende Aufführung forderte strenge Bestrafung. Weil es sich aber nicht um eine gewöhnliche Tante, sondern um eine bessere Erbtante handelte, die Schlupferl in ihrer Ehre gekränkt hatte, waren seine Stunden im Scheinpflugschen Hause gezählt. Schon am nächsten Morgen wanderte die kleine Kiste samt ihrem Inhalt zurück ins Försterhaus. Alles Bitten und Weinen des armen Hansi blieb ohne Erfolg. Der Förster lächelte, als man ihm die Gabe retour- 129 vierte, als er aber Tante Hildegards beigelegten Brief las, verfinsterte sich seine Stirn. „Das Tier, ein gewiß unpassendes Geburtstagsgeschenk für einen Zehnjährigen", schrieb sie unter anderem, „hat keinen schönen Charakter, was mich übrigens keineswegs wundert — im Hause Scheinpflug aber spielen derlei Geschöpfe keine besondere Rolle und waren niemals, auch heute nicht, gern gesehen ..." Wer hätte diese zarte Anspielung nicht verstanden? Der Förster zerknitterte den Brief und warf ihn in eine Ecke. Als sein hübsches Weibchen ins Zimmer trat und die häßliche Falte auf seiner Stirn gewahr wurde, ging sie auf ihn los und ohne zu fragen, was sein Herz bedrücke, schlang sie ihre runden Arme um seinen braunen Hals und versuchte die Falte fortzuküssen. Der Förster aber vergaß die ihm zugefügte Kränkung, er gedachte weder der retournierten Gabe noch des bissigen Briefes, er sah nur zwei klare blaue Augen, die ihn treuherzig anblickten und die ihn stets daran erinnerten, daß er glücklicher sei als andere Menschen. A. Paul, Der unheimliche Apfelstrudel und andere Humoresken. 9 Der geschenkte stummer Er hieß Gottlieb Müller und war provisorischer Steueramtspraktikant mit der sicheren Aussicht, falls zwei höhere Beamte es für angezeigt erachteten, im kommenden Jahre um ihre Pensionierung einzureichen, bei tadelloser Aufführung direkt zum effektiven Praktikanten mit einem monatlichen Adjutum von 50 Kronen vorzurücken. Das war eigentlich nicht viel für einen nicht mehr jungen studierten Mann, aber er hatte es eben, so lange er auf der Hochschule inskribiert war, nicht für nötig gefunden, mit seinem Wissen zu prunken und leistete stets auf sein gutes Recht, eine Prüfung abzulegen, Verzicht, was jedoch anderseits zur Folge hatte, daß er nach 26 Semestern froh war, beim Steueramte untergebracht zu werden und sich mit der bescheidenen Stelle eines provisorischen Beamten vorderhand begnügte. Sein Protektor war einer der beiden höheren Beamten, die ihre Pensionierung gewärtigten. Mit diesem war er durch seine Tante, welche eine leibliche Cousine der Schwägerin des besagten hohen Herrn war, verwandt. 131 Sonst hätte Müller, ungeprüft wie er war, wohl kaum eine Stellung gefunden. Ein bescheidenes Vermögen sowie eine ältere kinderlose Tante, die ihren Lebensabend in Czernowitz verbrachte, erleichterten ihm wesentlich das Warten auf die zu erhoffenden Effektivitätsgebühren. Diese Tante hatte außerdem die vortreffliche Eigenschaft, mit einer unerklärlich schwärmerischen Liebe an ihrem Neffen Zu hängen und es schien, als ob sie den Augenblick gar nicht erwarten könne, wo sie ihm ihr gesamtes Hab und Gut hinterlassen durfte. Oft schrieb sie ihrem teuren Gottlieb, er möchte zu ihr nach Czernowitz ziehen, denn sie fühle, daß sie nicht mehr lange leben werde und wolle ihn in ihrer nächsten Nähe haben, wenn es mit ihr zu Ende gehe. Müller fühlte sich jedoch in Wien sehr wohl und sehnte sich um so weniger nach einer Übersiedlung, als er nicht recht an das nahe Ableben seiner guten Tante glaubte. Auch hatte er eine ganz eigentümliche Passion, die er in der Residenzstadt besser befriedigen konnte als andernorts. Er war ein leidenschaftlicher Sammler von allerlei naturwissenschaftlichem Kram. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Hunden und Katzen sowie anderen Tieren, die er sich oft um teures Geld erwarb, das Fell über die Ohren zu ziehen, 9 * M — 132 — um sie auszustopfen. Schon als ganz kleiner Knabe schwärmte er für Käfer und Schmetterlinge, und wenn er in die Lage kam, einem Kameraden einen Stein an den Kopf zu werfen, so besah er das Mineral stets vorher, ob es für diesen Zweck nicht zu gut sei. Seine Vorliebe für das Tierreich im allgemeinen ging damals so weit, daß er lieber mit seinem Hunde Cäsar im Hofe herumtollte und sich mehr für diesen als für Cäsars berühmten Namensvetter im Gymnasium erwärmte. Die Wohnung des provisorischen Steueramtspraktikanten war ganz mit ausgestopften Tieren und präparierten Bälgen angesüllt und es war bei ihm schwer, einen Winkel zu ermitteln, wo nicht eine Jnsektensammlung oder ein in Spiritus verwahrtes Reptil stand. Einmal wurde ihm von einem Freunde aus Hamburg ein selten schönes Exemplar eines Hummers zugesandt. Müller geriet in nicht geringe Aufregung über dieses Prachtstück, das leider durch schlechte Verpackung etwas Schaden genommen hatte. Die mangelhafte Behandlung des großen Krebses war auch schuld daran, daß dieser nicht nur nicht mehr lebend ankam, sondern sogar einen ganz eigenartigen Geruch verbreitete, den jeder, nicht so wissenschaftlich gebildete Mensch mit dem Worte „Gestank" bezeichnet hätte. Der Steueramtspraktikant überlegte lange, ob er das kostbare Tier seiner Sammlung einverleiben solle 133 oder nicht, und gab dem Hummer reichlich Gelegenheit, sich in seiner Wohnung auszulüften. Plötzlich verfiel Müller auf eine originelle Idee. Seine Augen leuchteten eigenartig auf und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. Weihnachten stand vor der Türe. Eine Anzahl seiner Tanten und Onkel war noch zu beschenken, weil man ja auch von ihnen Geschenke erwartete. Da hieß es vor allem Tante Hedwig in Czernowitz nicht zu vergessen. „Wie wäre es", murmelte er vor sich hin, „wenn ich ihr den Hummer schickte? Auch wenn der Krebs von mir aus Wien noch lebend expediert wurde, so kann er doch bei der großen Entfernung im Zustande vorgeschrittener Verwesung eintreffen." Sofort machte er sich daran, die kostbare Gabe zu verpacken. Ein paar zärtliche Zeilen mit: „Viele herzliche Grüße und guten Appetit!" wurden noch mit eingeschlossen. Alles weitere besorgte das Postamt. Vier Tage später traf die originelle Sendung schon in Czernowitz ein. Tante Hedwig war ausgegangen, um einige Kommissionen zu besorgen. Der Postbote hatte es merkwürdig eilig, sich der Kiste zu entledigen, ja er wartete nicht einmal ein Trinkgeld ab, sondern stellte die „kleine Überraschung" direkt ins Speisezimmer auf den Tisch. Als die gute Tante von ihrem Ausgange heimkehrte, 134 konnte sie sich den sonderbaren Geruch, der ihr beim Öffnen der Wohnungstüre entgegenströmte, nicht erklären. Das Dienstmädchen versicherte zwar, es rieche gar nichts, weil es einen „Mordsschnupfen" habe, aber die Tante hatte volles Vertrauen auf ihr eigenes Geruchsorgan und steuerte ihrer Nase nach direkt auf die Kiste los. Von hier stammte der bestialische Geruch, darüber obwaltete kein Zweifel. Nun war man auch bald über den Inhalt im klaren und wenige Augenblicke später schwamm Kiste und Hummer gemeinsam im Flusse in der Richtung gegen das Schwarze Meer zu. Nichtsdestoweniger gedachte die alte Tante mit einer Träne der Rührung ihres fernen Neffen, der ihr mit der Sendung eine seltene Überraschung bereiten wollte. „Der liebe Gottlieb", seufzte sie, „hat es so gut gemeint, aber die große Entfernung und die miserable Post. . Und nun setzte sie sich sofort zum Schreibtische und schrieb an ihren geliebten Neffen voll Zärtlichkeit unter anderem: „Der köstliche Krebs mundete mir ganz vortrefflich, du hast mir mit diesem hier vollkommen unbekannten Leckerbissen eine große Freude bereitet, doch bitte ich dich, mir in Hinkunft keinen Hummer mehr nach Czernowitz zu schicken, da es sicher nur einem glücklichen Zufalle zu danken ist, daß dein Weihnachtsgeschenk hier 135 noch vollkommen frisch eintraf"; dann legte sie eine neue Hundertkronennote ihrem Briefe bei, für die gehabten Postspesen, wie sie so nebenhin erwähnte, und sandte das Schreiben ab. Hätte sie vielleicht ihres teuren Neffen zarten Sinn verletzen sollen, indem sie ihm die volle Wahrheit eingestand ? An die Möglichkeit, daß der Hummer schon in Wien vor seiner Absendung absolut ungenießbar gewesen, ja sogar zum Präparieren nicht mehr brauchbar war, dachte sie selbstverständlich nicht. Begreiflicherweise war Gottlieb Müller nicht wenig über den Inhalt des Briefes erstaunt. „Ja", meinte er, „wenn Tante Hedwig den Hummer noch vier Tage später vortrefflich fand und ganz allein verspeiste, dann hat sie wohl einen außergewöhnlich guten Magen und ich habe es mit meiner Reise nach Czernowitz nicht so eilig." » » Neriagrducftvanaiung Lari i^onegen « » « » (krnrl Ztülpnngel). Wien I. vpernring z. » » ?ür alle Nmateurpliotograydsn äie mit wirklich könitlsriickem Crkolg arbeiten wollen, ist gsnr «nentdedrlicd vsr Amateur Illustrierte lllonatkckrikt kür klmuteur-pkotograpkis unä Projektion äenn er bietet eine ?UIIe von wertvolle« Nnregunge« unck NntrcdlSgen. Zabrlich 12 yekle mit 24 liunltbeilagen unä rablreichen cextillultrationen. Preis Mb.— inklulive Lusenäung. provenummern gratis una franko. * * * Lu beriedrn Sure» alle »ucdhnnaiunge« ** « , « sowie Sirekt von üer verlngrhnnaiung « * « "MW«I«I . :RWD' '----^ -«-;ü 8 i DWM MW >ü DiAW^ME! Ms-M,. ,«> SS»! MWMHW.!WUU! 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