Sylvester Jakob Ramarm's moralischer Unterricht i n durch Beyspiele und Erzählungen erläutert. Zn einer zweckmäßigen Auswahl für die liebe Jugend herausqegrben vvn Johann Heinrich Fischer/ vormaligen Schullehrer Ln Neumarkt,. Wien 1793, bey Aloys Doll, Buchhändler. Vorrede. Sprichwörter sind kurz und stark aus- ^ gedrückte Wahrheiten, die gemeiniglich eine moralische Lehre enthalten, und durch öfter« Gebrauch im täglichen Leben eine gewisse Sanktion und Autorität bekommen haben. Schon in den ältesten Zeiten der Vorwelt zog man gewisse Erfahrungen, Grundsätze und Belehrungen, denen man ein Gewicht und eine Art von Perennitat geben wollte, in kurzen Sentenzen zusammen, und stellte sie in einer gewissen Kraftsprache dar. Man fand darinn nicht allein eine Uebung des Verstandes und Witzes, sondern auch eine Bequemlichkeit, bey der man die Armuth der ersten Sprachen weniger suhlte. Überhaupt gefielen solche Sentenzen sowohl X 2 dgrch ^ (o) z? durch chre Rürze, mit der man eine Mahr, heit vorgelegt bekam, so daß man sie gleich übersehen, und heraus finden konnte, und einiges Nachdenken brauchen mußte, um die richtige Deutung und Anwendung zu machen; als auch durch die Rraft, mit der sie sich ans Herz drangen, und dem, selben Beyfall nnd Folgsamkeit, vermit, telst einer angenehmen Überraschung, abnöthigten» Von jeher bedienten sich deswegen die Meisen des Volks dieses Mittels, durch kurze und kraftvolle Sprüche auf den Verstand und Willen ihrer Zeitgenossen zu wirken. Zuweilen warfen sie diese Sentenzen nur gleichsam verloren hin, und ließen jeden selbst die Belege dazu aufsuchen, und dann die Deutung und Anwen, düng machen. Zuweilen belegten sie aber auch ihre Aussprüche mit Erzählungen und Beyspielen, die zugleich ein Licht über die Sache verbreiteten, und DieWahrheit und Richtigkeit des Satzes erhärteten. Viele Fabeln des Merthums und der neuen (°) Ä- neuen Zeiten, vom Aesop bis LoLmann, und von Diesem bis auf Gellere, haben solchen Sentenzen ihren Ursprung zu verdanken. Indianische, persische, arabische, israelitische, griechische, römische und go- thische Weisheit wurde in moralische Sprüche eingekleidet, und unter dem Vertritt oder Gefolge einer gefälligen Erzählung dem Volke insinuirt. Doch wir brauchen die Beweise von dem Werthe und der Nutzbarkeit der Sprüchwörter so weit nicht herzuholen, da sie uns noch vor Augen liegen, und jeder sie täglich um und neben sich finden kann. Wie oft schließt der Vater die Ermahnung oder den Verweis, den er seinen Kindern giebt, mit einem Sprüchworr te? Wie oft unterstützt der Freund die Belehrung, Ermunterung oder Zurechtweisung seines Freundes mit der Energie einer solchen Sentenz? Wie oft zieht man in gesellschaftlichen Gesprächen und vertraulichen Unterhaltungen über die Beges becherten des Tags, und die großen oder klei- co) F kleinen Stadtneuigkeiten, das Ganze in einen bekannten Kraftspruch zusammen, der gleichsam das Resultat der abgeschlos, senen Verhandlungen verstellt^ — Es ist also ein Erfahrungssatz, daß man nicht allein selbst sich gern durch Sprüchwörter ausdrücke, sondern auch andern eineEni- pfänglichkeit dafür zutraue und voraus- setze, daß jeder es gern höre, wenn mit wenigen viel gesagt wird, und gern an- nehme, was ihm nicht als das Urtheil eines Einzigen, sondern als die vereinigte Summe so vieler Verständiger vorgelegt wird» Denn auch das giebt den Sprichwörtern vor andern Aussprüchen einen Werth, und vermehrt ihre Kraft und Wirksamkeit, daß man sie als das allgemeine Urtheil ganzer Zeiten - Völker und Gesellschaften betrachten kann. Was ein einziger Mann gesagt hat, und wenige rachgesprochen haben, das nennt man noch kein Sprüchwort, sondern ein Spruch- wort erhalt erst dadurch seine Legitimation, . ^ (o) F tion, wenn es unter dem Volke, wenig- stens in einem großen Zirkel von Menschen bekannt, gebräuchlich, gang und gebe wird; wenn es von der Menge im Munde geführt, und bey vielen Gelegenheiten wiederholt wird. Ein Sprüchwort ist gleichsam die einmüthige Sprüchstimme des Publikums. Wenn ich mich also eines Sprüchworts bediene, um meine Meinung dadurch auszudrücken, so gebe ich damit zugleich zu verstehen, daß nicht ich allein so denke und urtheile, sondern daß viele dieser Meinung sind, und das Publikum mit mir übereinstimme; denn wäre dieses letztere nicht so, so würde das angezogene Sprüchwort kein Sprüchwort geworden seyn. Schon das Sprüchwort als Sprüchwort ist ein Zeugniß, daß die Wahrheit, die darinn liegt, allgemeinen Beyfall erhalten habe, und vom Publikum erkannt und gebilligt worden sey. Ein Sprüchwort hat also immer eine wichtige Autorität für sich, und da man sich doch gern nach dem Urtheile der Menge richtet, besonders wenn man auch verständige Hk und giebt seinen Vorstellungen ein Gewicht ! mehr, wenn man sie mit einem Spruchs Worte bekräftigen kann. . Unstreitig sind also Sprüchwörter auch ein wirksames und zweckmässiges Mittel zur Belehrung und Bildung der Jugend, da Hey derselben das nämliche Verhältniß Start sindet, das jene alten Weisen ber stimmte, ihre Zeitgenossen durch solche Sprüchwörter zu unterrichten; denn sie betrachteten ihr Volk als Menschen, die sich in Ansehung des Verstandes, der ! Kenntnisse und Grundsätzen noch in dem Stande der Kindheit befänden» Durch Sprüchwörter ist es leicht der - Jugend gewisse Grundsätze einzupragen, da sie wegen ihrer Kürze und Rundung, oft auch durch den Reim, leicht zu behal- een sind: Eine lange moralische Predigt wird bey jungen Leuten wenig Nutzen stiften, und das Ende mit dem Anfänge vers gesscn (o) M gessen werden. Aber ein Sprüchwort bleibt hangen, und noch im Alter weiß der Mensch zu erzählen, was sein Vater oder Großvater für ein Sprüchwort im Munde führ rete, und bey dieser -der jener Gelegenheit seinen Kindern zu empfehlen pflegte. Sprüchwörter wachen auch gemeiniglich einen stärker« Eindruck auf die junge Seele, da sie in einer gewissen Kraftspra- che und Naivität ausgedrückt, und doch dabey so deutlich und faßlich sind, daß der Hauptgedanke, der darinnen liegt, sogleich ins Auge springt, und keiner weit- laustigen Entwickelung oder Entzifferung bedarf. Es gehört nur ein kleines logisches Gefühl, und das hat jeder Mensch schon von der Natur empfangen, dazu, um die Wahrheit, die darinnen liegt, zu empfinden. Da bey jedem Sprüchworte gewisse Fakta zum Grunde liegen, von denen es das moralische Resultat ist, so wird dessen Wirksamkeit verstärkt, wenn man jedesmal ^ c o) F , mal ein Faktum damit zu verbinden weiß, das die Wahrheit erläutert und bekräftiget. Daher ist auch im gemeinen Leben ein Sprüchwort meistentheils der Anfang eines Fadens, an den man eine Erzählung anspinnt, oder das Ende desselben, das dadurch gleichsam verknüpft und haltbarer gemacht wird. Kindern eine Menge Sprüchwörter vorzusagen, oder auswendig lernen zu lassen, wie eine Reihe Vokabeln oder eine Phrasensammlung, wür, de freylich wenig Vortheil gewähren, und der Eindruck des einen von dem unmittelbar folgenden, wieder ausgelöscht werden. Die Menge der Ideen, die sich auf einander drängen, würde keine zu einer gehörigen Deutlichkeit kommen lasten. Sind sie aber mit Beyspielen und Erzählungen verwebt, so muß die Seele bey jedem eine Zeitlang verweilen, und kann die Hauptseite davon besser und richtiger ins Auge fassen. Doch muß auch in diesem Falle nicht zu viel auf einander gehaust, sondern eine gehörige Eintheilung gemacht werden, damit die Kost immer einen gewissen ^ (o) Ä-k wissen Reiz behalte und nicht verschweigt werde. Die Spruch Wörter mit Erzählungen zu verbinden , ist auch um deswillen bey Kindern rathsam, weil man vermittelst der letztem die rechte Anwendung der erstem zeigen, und ihnen die nöthigen Bestimmungen geben kann. Ein Sprüchwort ist zwar in so ferne immer ein wahr Wort, als bey jedem eine Wahrheit zum Grunde liegt; aber diese Wahrheit ist doch bisweilen zu allgemein, zu unbestimmt und schwankend ausgedrückt, daß es nöthig ist, einige nähere Bestimmungen hinzufügen , um einer möglichen schiefen Anwendung vorzubeugen, welches durch Bey- spiele und Erzählungen am besten geschehen kann. Das Unternehmen, eine Anzahl von Sprüchwörtem zu sammeln, und jedes derselben mit passenden und erläuternden Erzählungen zu belegen, ist also immer eine Sache, durch deren gute Ausführung man (o) ^ man sich ein Verdienst um die Jugend erwerben, und ihren Erziehern die Bildung und Belehrung derselben erleichtern kann. 3n- Deikt l ^--in Sprüchwort, ein wahr Work» Eine Hand wäscht dir andere» L Ehrlich wahrt am längsten» / Nach gerhaner Arbeit ist gut ruhen» H Kleider machen Leute» LH Ein Sparer will einen Aehret haben» Der Seih ist eine Wm;el alles Uebels» Ll Die Mittclstrasse ist die beste» Lg Bethc u«rd arbeite» ZS Das Werk lobt den Meister» ZZ Wie die Arbeit, so der Lohn« 40 Wer lang Suppe ißt, wird alt» 4L Laug geborgt, ist noch nicht geschenkt» 46 Wie man kragt, so wirb man berichtet» 48 Wenn die Noch am größten, ist Gott am nächsten. ZS Hunger ist der best« Koch. Az ^ c o) ^ Seite Undank ist der Welt Lohn. A6 Wie gewonnen, so zerronnen. Z9 Unter zwey liebeln muß man das kleinste wählen. 62 Der Krug geht so lange rum Brunn, bis er zer, bricht. 6Z Die Nacht ist Niemands Freund. 6g So viel Köpfe, so viel Sinne. 76 Hvchmuth geht vor dem Fall. 84 Der Klügste giebt nach. 88 Der sich in Gefahr begiebt, kommt leicht um. 91 Das Ei will klüger seyn als die ^wnne. 97 Jung gewohnt, alt getban. 99 Lrau'r schaü' wem? - io/ Mit Schaden wird man klug. l2S Einen Fund verhehlen, ist so gm als stehlen. 12) Es ist nichts zu klar gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen. 126 Ein Handwerk hat einen gvldnen Bode». IZI Wer nicht hören will, muß fühlen. 138 Ein ^ (->) s? Seite Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. 140 Wer die Wahrheit geigt, dem schlagt man den Fidelbogen um den Kopf. 146 Auf eine Lüge gehört eine Ohrfeige. lZ 2 Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. rZ 8 Lust und Liebe zu einem Ding', macht alle Mühe und Arbeit gering. 169 An Gottes Segen ist alles gelegen. 1 74 Auf Regen folg r Sonnenschein. r 8! Allzuviel ist ungesund. 186 Ls ist kein Unglück so groß, daß nicht wieder ein Glück dabey ist. IYI Eile mit Weile. * 99 Die Morgenstunde hat Gold im Munde. 202 Die Zeiten andern sich, und wir mit ihnen. 204 Schuster bleib bey deinem Leiste» 212 Tute Baume tragen zeitig. 219 Was ein guter Hacken werden will, krümmt sich bey Zeiten» 226 Bürger (a) ^ Hunger und Bauer trennt nur die Mauer» Der viel anfängi, endet wenig. Man braucht den Teufel nicht an dis Wand in?!en, er kommt wohl so. Reker LZZ LZ9 ru Ä4L 'Ein Sprichwort, ein wahr Wort« (§iu Freund des Verfassers pflegte oft mit ^ feinen Kindern das bekannte Sprichwör- terspiel zu spielen. Der Verfasser, der sich gern mit unter die Kinder mischt, weil er sie lieb hat, nahm immer Antheil daran, und freute sich , w^nn die lieben Kleinen fo recht vergnügt ivaren, und noch mehr, wenn sie den Sinn des Sprichworts faßten, und sich entschlossen, das Gute und Empfehlende, da§ durch selbiges gelehrt werden sollte, zu thun, und im Gegentheil das Böse und Unschickliche zu lassen. Oft erzählte er ihnen blos eine Geschichte , und nun mußten sie das Sprichwort erra- then. Oft trafen sie es, oft auch nicht. Unter andern that er das einmal bey einer stets fortlaufenden Erzählung, wo er den grösten Theil der bekanntesten Sprichwörter anführte ^ und sie errarhen ließ, was es für eins fey, da kam denn heraus r Ein Sprichwort, ein wahr Wort. Der Verfasser glaubt nun, daß es auch andern Kindern ein Vergnügen machen wird, wenn er ihnen einen Beytrag von lehrreichen A Er- ^ ( 2 ) Z- Erzählungen liefert, die sie zur Belehrung für sich, und zur Unterhaltung bey ihren Spielen gebrauchen können. Fast alle Völker haben die allgemeinsten Wahrheiten in Sprichwörter eingehüllt, und ich kenne keins, das nicht etwas lehrreiches enthielte, woher denn auch das Sprichwort Nus sich selbst entstanden ist: Ein Sprichwort, ein wahr Wort. Wenn ihr nun, meine sieben, den Sinn des Sprichworts recht fasset, und euch auch bestrebt, nach der gefaßten Wahrheit zu Han, deln, so werdet ihr auch gewiß immer besser und glücklicher in der Welt werden. Und geben sie euch Gelegenheit, euch zur Unterhaltung zu dienen, wobey ihr eure unschuldigen und sorglosen Herzen Vergnügen könnet, so wird es dem Verfasser auch keine geringe Freude seyn. Eine Hand wascht die andre. ^s ist nun einmal so in der Welt, daß man ^ gegen den gefällig ist, der sich gegen uns gefällig erzeigt, und daß man sich bestrebt, ihm wieder zu Gefallen zu leben. Eine Gesellschaft von etlichen Knaben, aus einer bekannten Stadt, gieng in die Kirschen , um sich ein Vergnügen zu machen, und diese herrlichen und gesunden Früchte zu gemessen. Unterwegens trafen sie einen Bauerknaben ^ ( 3 ) ben und ein Bauermädchen an , Bruder und Schwester^ die die Gesellschaft freundlich und höflich grüßten. Nun glauben manche einfältige Knaben in den Städten, sie waren was bessers als Kinder auf dem Bernde, und halten es wohl gar für erlaubt und schön, Bauerkinder verspotten und aufziehen zu dürfen. Das rhaten denn nun auch einige von dieser Gesellschaft und machten sich ausserordentlich lustig über ihren Anzug , über ihre Sprache und so weiter. Nur zween darunter waren vernünftige und artige Knaben. Sie nahmen sich der gemishandel- ten Kinder an, und ließen sich mit ihnen in ein freundschaftliches Gespräch ein. Das freute denn diese Kinder ausserordentlich. Sie erzählten nun ihnen wiederum in einem treuherzigen Tone von ihrem Dorfe, von ihren Spielen und erklärten ihnen sogar die verschiedenen Früchte aufden Aeckern, die sie antrafen, wie sie gepflanzL und bearbeitet werden müßten. Da lernten denn die beyden artigen Knaben auch manches, was sie noch nicht wußten. Da sie nun eine Strecke mit einander gegangen waren, kam ein Seitenweg, der nach ihrem Dorfe zugieng. Sie nahmen höflich Abschied, und baten die wohlgesitteten Knaben , sie doch auch einmal in ihrem Dorfe zu besuchen, entweder in der Zwetschgenzeit oder auf der Kirmse. Ihr Vater, setzten sie hinzu, würde es recht gerne sehen. Er freute sich A L alle- -K (4) Z? allemal, wenn er gute Kinder kennen lernte. Betrugen sich diese Kinder nicht recht artig? Waren sie nicht besser, als die ungezogenen Knaben aus der Stadt? Es wollte sich aber immer keine Gelegenheit finden, um dieses gütige Anerbieten zn gebrauchen. Einmal fuhren die Aeltern dieser benden guten Knaben weg. Sie nahmen sie mehren- theils mit, weil sie ihnen niemals Verdruß machten, sondern vielmehr Freude durch ihr höfliches und artiges Betragen. Da traf es ^ sich denn, daß sie grade vor dem Dorfe, aus dem die beyden lieben Bauernkinder waren, ein Rad zerbrachen. Nun wußten sie nicht, was sie anfangen sollten. Endlich sagte der Aeltste, Namens Fritz: ,, sieber Vater, ich kenne einen Knaben hier in diesem Dorfe, mit dem ich'einmal ein Stück gegangen bin. Er hat mich zu sich gebeten. Vielleicht hilft uns sein Vater. " Sie erkundigten sich nach diesem Manne, und fanden ihn. Er freute sich außerordentlich, die Aeltern dieser guten Kinder, Von denen ihm die seinigen so viel erzählt hatten, kennen zu lernen, und nahm folglich gar keinen Anstand, ihnen jetzt aus ihrer Noch zu helfen. Er würde es vielleicht auch so ge- than haben, aber er that es doch um so lieber , weil seine Kinder erst vorher, so artig und gut waren behandelt worden. Und so kömmt man mit Artigkeit und Höflichkeit immer Hier weiter in der Welt fort, als durch ein l grobes und ungeschliffenes Betragen. ! Einst, erzählte mir ein Freund, hatte j ich eine ziemliche Reise zu machen. Es war ! mitten im Sommer, und zwar sehr heiß. Fast war ich nicht mehr im Stande, fort zu kommen, als ich in einem Dorschen anlangte, wo ich eine erbärmliche Schenke antraf. Ich wußte nicht, ob ich bleiben oder weiter gehen sollte. Müde war ich, aber es war mir unmöglich an diesem elenden Orte zu übernachten. Ich entschloß mich also, weiter zu gehen. Wie ich aus dem Hause heraus war, sähe ich einen Mann unter einer Lande sitzen, der mir ein Weilchen nachsah , auf einmal auf mich zu kam, und sich sehr höflich nach meiner Reise erkundigte. Sie scheinen, sagte er, sehr müde ^ zn seyn. Warum bleiben Sie nicht hier? Sie haben noch etliche Stunden auf das nächste Dorf. Ich schilderte ihm den schlechten Zustand des Nachtquartiers. Wollen Sie, fuhr er fort, bey mir vorlieb nehmen mit einer sandkost , und schlechtem doch reinlichen Bette. Ohne viel Umstande zu machen, nahm ich das gütige Anerbieten an. Wir wurden bekannter und vertrauter, erzählten einander viel; und natürlich bat ich ihn recht inständig, wenn er einmal in meine Gegend käme, bey mir doch auch einzusprechen, Durch das gute Nachtquartier und noch mehr durch die gütige Aufnahme gestärkt, reißte ich des Morgens unter dem (6) Z» ^ dem wärmsten Danke ab. Lange beschäftigte ich mich mit diesem gastfreyen Manne, und ^ erinnerte mich an die ersten Zeiten der Men- ! schen, an einen Abraham, wie er unter der j Laube sitzt, und Fremde, die vor ihm vorbey reisen, sehr höflich zu sich einladet, um bey ihm zu übernachten. Ich fühlte den Werth einer Tugend, der Gastfreundschaft, die zwar bey uns wenig geübt wird, aber doch immer viel schönes hat. ^ Schon waren etliche Jahre verflossen, ! als ich einen Brief von diesem freundschaftlichen Wirthe empfieng. Er meldete mir, daß er sich in der Nähe befände, aber eine Unpäßlichkeit hielte ihn ab, mich zu besuchen. ^ Natürlich eilte ich diesem braven Mann, der > mich mit so vieler Gütigkeit ausgenommen hat- j te, einen freundschaftlichen Kuß aufzudrücken. Aber wie entsetzte ich mich, als ich ihn blaß und entstellt antraf. Er war ganz krank, und - erzählte mir, daß er in dieser Gegend eine Geschäftsreise hätte thun müssen, aber es wäre ihm unmöglich gewesen weiter zu kommen. Ich machte nun gleich Anstalt, daß wir in mein Haus kamen. Er mußte sich zu Bette legen und wurde sehr gefährlich krank. Durch Gottes Hülfe und unsre gute Wartung und Pfle- ! ge, denn alles m meinem Hause bemühte sich/ ^ diesem redlichen Manne Freundschaft und Ge- i falligkeit zu erzeigen, wurde er bald wieder, ( hergefteckt. Unsere Freundschaft wurde noch > fester ^ «K (7) Z? fester und inniger. Er reiste gesund und wohl zu den Seinigen zurück. Niemals ist mir in meinem Lieben eine That besser gelungen, als diese, einem redlichen und lieben Manne meine Dankbarkeit und Freundschaft bezeigen zu können. So weit mein Freund. So oft er auf ihn zu sprechen kam, wurde er äußerst lebhaft und konnte nie den Dienst vergessen, den er ihm gechan hatte. Aber auch der andre wurde durch seine Gefälligkeit belohnt. Und wenn auch der sohn für unsre gute Handlungen nichL immer gleich erfolgt, so ist doch das Bewußt- seyn, gut und edel gehandelt zu haben, für den rechtschaffnen Mann Belohnung genug. Ehrlich wahrt am längstem ^>ie Ehrlichkeit ist gar eine schöne Tugend an ^ den Menschen. Sie steht großen und kleinen fein. Und auch dem ärmsten Menschen schadet sie nichts, ja sie hilft ihm noch mehr. Ehrliche j^eute werden allgemein geschätzt, und selbst der Betrüger kann dem ehrlichen Manne seine Hochachtung nicht versagen. Diese für- tresiiche Tugend muß sich nun jeder Mensth eigen zu machen suchen, weil sie jeden beglückt. Vergiß, liebes Kind, nie den Denkspruch: Gut, brav und ehrlich seyn, Stehet Alt und Jungen fein. - / Und (8) S Und doch kannst du in deinem seöen oft ! in Versuchung kommen, dieser schönen Tugend L ungetreu zu werden. Tritt nun dieser Fall r rin, so sey nur standhaft. Und gewöhnst du, l dich früh an diese Tugend, so wirst du auch l gewiß alle Versuchungen überwinden. Höre ^ einmal folgende Geschichte von zween armen aber ehrlichen Kindern an: Ein deutscher Fürst hielt sich auf feinen ' Reisen einige Zeit in Venedig auf. Er gieng einmal über den Markusplatz , wo ihn ein Bet- ! Leljunge um einen Denar, nach unserm Geldr ! etliche Pfennige, cmsprach. Ich habe nichts einzelnes, sprach der Fürst. Ich will wechseln , antwortete der Knabe. Dem Fürsteu ; siel das auf. Du willst doch sehen, dachte er , ! bey sich , was er thun wird , und gab ihm ei- i uen Dukaten, um ihn zu verwechseln. Einige Zeit wartete der Fürst auf ihn, und glaubte j schon von einem listigen Betteljungen hintergangen zu feyn, als er auf einmal zu seinem Erstaunen wieder kam, und wirklich einzeln Geld brachte. So viele Ehrlichkeit hatte er sich von einem Betteljungen nicht vermuthet. Höre, lieber Zunge, sprach der Fürst, es ist Schade um dich, daß du betteln gehst. Zch > wollte dich wohl glücklich machen, wenn ich wüßte, daß du gut thun, und mit mir reisen wolltest. O ja, erwiederte er, ich wäre es wohl zufrieden, wenn es nur mein Vater that, dem- muß ichs sagen. Der Vater willigte gern ^ ( 9 ) ^ gern ein. Der Fürst ließ dem Knaben alles lernen, wozu er ^ust und Neigung hatte: und was er lernte / lernte er recht. Auf diese Art wurde er ein angesehener und geehrter Mann, und niemand hatte geglaubt/ wenn man es ihm gesagt hatte/ daß er vorher betteln gegangen wäre. Eine arme/ aber ehrliche Wittwe schickte ihre kleine Tochter von acht Jahren aus, um für einen Groschen Milch zu holen, davon sie ein Mittagsbrod für sich und ihr Kind zubereiten wollte. Da das Mädchen vor die Thür kam, wo es die Milch holen sollte, grif es in die Tasche, und fand zu seinem Schnecken den Groschen nicht. Es suchte, und suchte ganz ängstlich, aber er war weg. Da fieng es an zu weinen. „ Ach! wo will, sagte es, wo will die gute Mutter einen andern Groschen hernehmen? Ich unglückliches Kind! Ach ! , die arme Mutter ! Ach! was habe ich mit meinem Leichtsinne eingerichtet l " Eine menschenfreundliche Dame hörte ihm von ferne zu, und, um die Ursache seines Weinens und Kummers zu wissen, rief sie selbiges zu sich. Offenherzig erzählte es der Dame ihren Unfall, und setzte noch hinzu, daß es von der Mutter zwar nicht geschlagen würde, aber es gienge ihm doch so nah, weil die Mutter wohl keinen Groschen mehr haben würde. Hier Kind, sagte die Dame, hast du einen andern Groschen, aber sey künftig vor- ^ ( I» ) z? vorsichtiger. Das Mädchen bedankte sich recht herzlich dafür, kaufte Milch, und kehrte nach seinem Häuschen zurück. Uncerweges aber untersuchte es nochmal ihre Tasche, und fand den Groschen, der sich in die Falte geschoben hatte. Sogleich kehrte es um, und brachte der Dame den Groschen zurück. „ Hier, liebe > Madam, sagte sie, haben Sie den Groschen j wieder, ich habe den meinigen gefunden. " Ich habe ihn dir za geschenkt, behalte ihn nur, ! antwortete die Dame. „Nein! erwiederte das Mädchen, Sie gaben mir ihn deswegen, weil ich den meinigen verloren harte; nun ich ^ aber ihn wieder habe, so muß ich ihn auch zurück geben." ^ Die"Dame freute sich noch mehr über das gute und ehrliche Mädchen, als dies über ! den gefundenen Groschen. Sie erkundigte sich ^ nun genauer nach seiner Mutter, und'gab dem Mädchen einen Gulden zum lohne ihrer Ehv j lichkeic. Anfangs weigerte es sich, aber auf s Zureden nahm es ihn doch an. Zugleich ver- ^ sicherte die Dame, daß sie zu ihrer Mutter > selbst kommen würde. Sie that es auch wirklich , und lernte eine brave und ehrliche Frau mehr kennen. Sie unterstützte diese in der Folge reichlich, und benahm ihr manchen Kummer, den sie sich sonst wegen ihrem fer- ! nern Unterhalt machen mußte. Das brave > Mädchen mußte oft in das Haus der Dame, > welche auch Kmder von ihrem Alter hatte, j kom- j ^ c ii) zK komme«/ und sich mit ihnen in mancherley Epielen unterhalten. Das Mädchen wurde nun größer/ und immer besser. Durch die Unterstützung der liebreichen Dame heurathete es einen braven Handwerksmann. Es gieng ihm wohl bis an sein Ende / weil ehrliche !eute niemals Noch haben/ und immer Arbeit/ Brod und Hülfe finden. Nach gethaner Arbeit ist gut ruhen. ^>iese goldne Regel gab Herr tMldner be-" ständig seinem lieben Christel. Und dieser war auch so klug / diese Regel auszuüben. Er gewöhnte sich früh daran/ erst alle Geschäfte zu besorgen / ehe er an das Spiel gieng / oder sich ein ander Vergnügen machte. Hatten ihm seine sehrer ein Rechenepempel/ oder was zum Abfchreiben gegeben/ oder mußte er etwas auswendig lernen, so machte er erst das alles fertig/ und dann gieng er in sein Gärtchen/ jätete oder begoß seine Blumen. Auf solche Art machte er sich niemals Verdruß. Wenn der sehrer in der Schule herum fragte/ wer seine Arbeit oder Aufgabe gemacht hätte / da war Christel immer der Erste. Natürlich ge» wann er sich dadurch auch die siebe seines seh- rers / und alle serrte hatten ihn gern / weil er überdem noch ein guter und wohlgesitteter Knabe war. Dabey genoß er immer das mehrste Vergnügen. Wenn er mit manchen seiner Freun- ( r- ) ^ Freunde und Bekannten spielte/ so konnte.er ^ immer am vergnügtesten seyn, da jene oft in i ihrer Freude gestört wurden / wenn sie bedach- > ten, daß sie ihre Arbeit noch nicht verrichtet ! hatten. Christel war aber immer lustig. ^ Er wurde nun von seinem Vater Ln die j sehre gethan/ uni die Handlung zu erlernen. Da blieb er auch der Regel seines lieben Vaters getreu, nach gethaner Arbeit ist gut ruhen. Sein sehrherr war mit ihm sehr zufrieden. Daher erlaubte er ihm auch manches j Vergnügen/ das seine Kammeraden nicht ge- i nießen konnten. Da waren sie auf ihn nei- j disch. // Ja/ sagten einige/ wenn wir die Gabe hatten/ uns einzuschmeicheln, wie Monsieur Mildner, so würde uns auch manches erlaubt seyn. " Das that ihm auch wehe. j Daher sagte er einmal zu ihnen: Seht/ ich ^ will euch sagen/ wie ihr es eben so gut haben könnet, wie ich. Mein lieber Vater hat mir von Jugend an gelehrt, alle Arbeiten, die ich l zu rhun habe, erst zu verrichten, ehe ich an das Spiel dachte. Und da folgte ich ihm. ^ Daran habe ich mich denn so gewöhnt, daß ich alles, was mir mein Herr bestehlt, gleich thue, upd dadurch habe ich mir seine siebe erworben. Da antwortete ein Vernünftiger darauf: Mildner hat wirklich recht. Ich werde es auch so machen. Und in der Folge hatte er es eben so gut. Da A (-3) F Da nun Cbristel ausgelernt hatte/ so blieb er noch einige Jahre bey seinem Herrn. Um aber doch auch andere Städte und sander zu besehen/ und sich noch mehrere Kenntnisse zu sammeln / bat er dann um seinen Abschied» Diesen erhielt er auch, und sein Herr entließ ihn nicht ohne Thranen, und mit der Versprechung/ ihn künftig/ wo er könnte/ zu unterstützen / wenn er sich ferner so brav halten Müde. Da fein Vater nicht reich war / und ihm also keine Handlung kaufen konnte, so mußte er sich blos durch seine gute Aufführung und Arbeitsamkeit eine verdienen. Sein ehemaliger sehrherr schrieb nun einmal an ihn/ er wolle sich in Muhe setzen, und ihm seine Handlung übergeben. Er wüßte sie keinem Menschen besser anzuvertrauen / als ihm; denn / fetzte er hinzu/ er wäre ohnftreitig noch seinem Sprich- Worte getreu: nach gerhnner Arbeit ist gut mben. Es könnte ihm auch nicht fehle»;/ daß er bey seiner Ordnung und Geschäftigkeit ein glücklicher Mensch seyn würde. Der junge MUdner kehrte darauf zu seinem sehrherrn zurück, übernahm die Handlung, und Heurathere dessen einzige Tochter. Er wurde allenthalben als ein redli^er und ordentlicher Mann bekannt, und jederman bot ihm seine Dienste an. Er lebt auch jetzt noch sehr glücklich, und gewöhnt auch seine Kinder an diese gyldne Regel / welche gewiß eben so brave 1 ^ d4) F brave und redliche Männer einst seyn werden, wie er ist. Kleider machen Leute. ^>ie kleine Jette Rettzen putzte sich von Ju- gend auf gerne/ und ihr liebster Zeitvertreib war der Spiegel. „ Äehe mir doch aus dem Wege, ich habe ja ein neues Kleid an ," sagte sie zu Wilhelm; und zu Christel«: „O so rühre doch meinen schönen Rock nicht an." ,, Da stößt mich der alberne Christoph an meine! Haube, liebe Mutter. " Es gab immer was zu zanken, und keiner von ihren Brüdern getraute sich sie anzufassen, und mit ihr ein Spielchen zu machen; denn sie mußten immer befürchten, ausgescholten zu werden, wenn sie ihr nur ein wenig zu nahe kamen. Bey solchen Vorfällen sagte dann nun die Mutter zu ihr: du wirst dir durch dein einfältiges Betragen aller Menschen siebe entziehen. Wenn du deine Kleidung in Ordnung und Reinlichkeit erhältst, so thuft du recht wohl. Nur mußt du auf Kleider nicht mehr halten, als auf dich selbst. Aber Jercchen glaubte, wenn sie nur schön geputzt wäre, so gefiel sie auch den seuten. Alles was sie that, bezog sich auf ihre Kleidung. Sie war bey nichts so aufmerksam, als wenn man ihr lehrte , wie sie ihren Putz recht schön zubereiten könnte. Das war alles recht gut z denn ein Mäd- ^ ( -s ) F Mädchen sollte ihren ganzen Anzug selbst verfertigen können, aber ste war nur zu eitel, und zog den Putz allen andern weiblichen Tugenden und Geschicklichkeiten vor. Sie lernte nicht kochen, backen, und so weiter. Bescheidenheit, Demuth, Freundlichkeit, Gefälligkeit u. s. w. waren ihr ganz unbekannte Dinge. Wenn man sie einmal recht vergnügt sehen wollte, so durfte man nur kommen, wenn sie sich eine Haube steckte, oder wenn sie den Hut mit Flor aufputzte. Das Wesen trieb sie denn nun immer so fort. Ja selbst da sie größer wurde, war sie noch eben so kindisch. Ihre ehemaligen Gespielinnen und Freundinnen entzogen sich ihrer ganz, weil sie bey allen Spatziergangen und anderen Vergnügungen Verdruß mit ihr hatten. Bald schimpfte sie auf den Baum, an dem sie sich von ohngefahr stieß, und beklagte sich über die Menschen, daß sie Baume zu nahe an den Weg setzten; bald schien die Sonne zu heiß, und zog ihr das Roth aus dem Bande; bald war es zu naß, und bald machte der Staub alle ihre Kleider voll. Mit einem Worte, sie war in ihrem Betragen unausstehlich. Jede Mode, die sie sah, machte sie mit, ohne darauf zu sehen, ob auch französische Schamlosigkeit einem deutschen Mädchen anstünde, oder nicht: denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, daß sie sich durch alle mögliche Moden, die nach und nach aufkamen, in Ansehen setze, und glaubte, der c >6 ) ^ der Beyfall sey in den Kleidern zu suchen. Sie gefiel sich selbst außerordentlich, wenn dielen- ! te ihr zunickten, und ihren Anzug begasten. j Nach und nach aber wurde sie doch ge, ^ wahr, daß etwas mehr dazu gehöre, andern Menschen zu gefallen, als ein schönes Kleid, eine gepuderte Haartour, oder ein Cül de Pa, ! ris, den wir nicht einmal mit dem deutschen ! Namen nennen wollen, weil es für die Deut, ! sehen eine Schande ist, dergleichen französische Possen nachgeahmt zu haben: denn, ohnge- ^ achtet ihrer schönen Kleider, wurde sie doch ^ von Vernünftigen nicht geachtet, und von j Spöttern oft verlacht. Sie nahm daher, da > es ihr nicht am Verstände fehlte, das einzusehen, ein ganz anderes Betragen an, klei- chete sich nicht mehr so widersinnig als vorher, ! sondern so, wie es einem deutschen Mädchen ! ansteht, natürlich, reinlich und sittsam. Auf k ihren Spatziergängen zog sie nun Kleider an, die auch eine kleine Widerwärtigkeit erdulden konnten. Da fehlte es dann auch nicht, daß sie wieder Umgang erhielt. Und man fand sie i bey ihrer natürlichen und ungekünstelten Klei- düng weit schöner als vorher bev allen ihren ! französischen Tandeleyen und Moden. Und nun sähe sie erst recht ein, wie Kleider Leute machten, nämlich, wenn man bey einer reinlichen , anständigen und natürlichen Kleidung, sich auch verständig und sittsam beträgt: und daß zwar schöne Kleider in den Augen einfältiger ^ ( -7 ) -O kiger Menschen einen großen Werth haben. Vernünftige und Tugendhafte aber Unschuld des Herzens und jungfräuliche Bescheidenheit noch weit mehr schätzten. Kleider können zwar einfältige Menschen zur Achtung verleiten; allein ohne Tugend sind - sie blos das Gewand eitler und oft schlechter Menschen. Ein Sparer will einen Zehrer haben. ^aS kömmt daher, daß Kinder reicher Ael- ^ tern oft nicht wissen, wie sauer es diesen , geworden ist, ehe sie nur die ersten hundert Thaler zusammen brachten. Statt in ihre Fußstapfen zu treten, und sich an Ordnung und Arbeitsamkeit zu gewöhnen (denn das glauben sie nicht nöthig zu haben) verschwenden sie das Geld ohne Noch. Das sieht man aus folgender Geschichte: Christoph Rrtthl hatte sehr reiche Aeltern, die durch Genauigkeit und eine ordentliche Haushaltung, und zugleich durch einen glücklichen Handel sich ein großes Vermögen gesammelt hatten. Er war nur der einzige Sohn. Eie wendeten alles an, um aus ihm einmal einen braven Mann zu machen, und sparten daher keine Mühe und kein Geld. Da nun Christoph größer wurde, merkte er bald, daß feine Aeltern vermögende senke waren, besonders als andere einfältige Menschen ihn des- B wegen ^ ( 18 ) F wegen lobten. Wenn er irgend eine Arbeit thun mußte, so sagten sie zu ihm „Je! Monsieur Christoph, warum plagen sie sich denn so? Das haben sie ja nicht nöthig. Sie bekommen einmal Geld genug zusammen, und brauchen nicht zu arbeiten. Für Geld kann ^ man alles in der Welt erhalten. " r Das Gesinde schmeichelte ihm, und suchte dadurch manches zu erhalten, seider! war Christoph schwach genug, sich durch solche i Schmeicheleyen und Lobeserhebungen einneh- § men zu lassen, und oft mußte sein Vater ihn i mit Gewalt zur Arbeit anhalten. Da ergrös- > ser wurde, wollte er sich nun auch vornehmer und reicher kleiden , und glaubte sich dadurch ein Ansehen zu geben: denn er cheng an, sich ^ auf seinen Reichthum was einzubilden, und j freute sich außerordentlich, wenn die senke sich ^ tief vor ihm bückten. Diese handelten frey- lieh eben nicht vernünftig; denn vor reichen Kleidern braucht man sich nicht zu bücken, wohl aber vor den Verdiensten. Indessen wollten sie sich bey ihm einschmcicheln, um von seiner Eitelkeit Genuß zu haben. Da nun sein Vater genau war, und keine Ohren hatte, wenn er immer viel Geld forderte, so machte er Schulden. Gewinnsüchtige seute fanden sich schon, die ihm Geld , vorschossen, weil er es reichlich verzinste. Er i mußte nun auch allerhand Mittel hervorsuchen, ^ seine guten Aeltern zu betrügen. Dadurch siel er ( ly ) er nun immer tiefer. Weinschenke und Wrr- the lockten ihn an sich, und nahmen ihm durch ihre Komplimente einen Thaler um den andern aus seiner Tasche. Nun gesellte er sich auch zu Spielern, die es auch nicht daran fehlen ließen, sich in sein Geld zu cheilen. Sein armer bedauernswürdiger Vater wendete alles an, ihn noch zu retten. Er bat, ermahnte, warnte und strafte, aber er hörte doch nicht. Ja! sein guter Vater lebte ihm diel zu lange. Sein Wunsch wurde doch bald erfüllt. Sein Vater starb, und kurz darauf auch seine Mutter. Er kam dadurch in den Besitz eines großen Vermögens Nun fienz er an zu schwelgen, und gewöhnte sich immer mehr an eine unordentliche und liederliche Lebensart. Eine Menge Schmarotzer waren seine Gesellschafter, die seine Speisen sehr niedlich fanden, und ihn nicht genug erheben konnten: denn seine Köchin konnte ihm die Speisen nicht prächtig genug zubereiten. Er hakte noch einen einzigen Freund, der ihm wegen seiner Lebensart Vorstellungen machte, und ihm deutlich zeigte, daß er zuletzt den Bettelstab ergreifen müßte, wenn er so fort lebte, aber das konnte er gar nicht glauben. Nach und nach lernte er doch ernsehen, daß es nicht so fortgehen könnte; aber er hatte sich schon zu sehr an eine unordentliche und schwelgerische sebensart gewöhnt, daß es ihm unmöglich fiel, eine andere und bessere zu er- B 2 wah- ^ ( 2O ) ^ Wahlen. Es gieng ein Kapitälchen nach dem andern hin; zuletzt gieng es auch an die Grundstücke. Er war kaum einige zo Jahre alt, da war fast alles fort. Arbeiten hatte er nicht gelernt, kostbar zu leben war er gewohnt, und da gieng es denn natürlich zu, daß er ! noch fo lange in den Tag hinein lebte, bis i alles alle war. s In der Folge mußte er die bitterste Ar- muth erleben. Wenn er einmahl in großen l Nöthen war, fo wendete er sich an feine Freun- ! de und suchte Hülfe, aber diese hatten ihn mit dem Verluste feines Geldes schon langst vergessen, und machten ihm noch dazu Vorwürfe. Da weinte er manchmahl über feine ^ Verschwendung und suchte nun durch Ordnung j und Sparsamkeit feine zerrütteten Umstande wieder herzustellen , aber es war alles vergeblich. Er mußte Bankerot machen und andere um Unterstützung bitten. Mancher gab ihm ein Paar Groschen, aber mancher ließ sich auch verläugnen, wenn er kam, oder schlug > das Fenster zu, wenn er ihn sah. Nur noch » der einzige Freund, der ihm manchmal Vor- > stellung wegen feiner Lebensart gemacht hatte, ^ war mitleidig genug, ihn nicht ganz verhungern zu lassen. Er hatte ein glücklicher Mensch seyn können, wenn er seinen guten Aeltern gefolgt wäre, und nicht den Schmeicheleyen seiner sogenannten Freunde, denen es mehr um sein Geld, ^k, ( 21 ,) Geld, als um seine Person, zu thun war. Da aber auch sein einziger Freund gestorben war, mußte er vor den Thüren betteln gehn, und alle Aeltern stellten ihn ihren Kindern zum Exempel dar. So wurde an ihm das Sprichwort in so fekne wahr, daß ein Sparer einen Zehrer haben will, weil er dem Beyspiele seiner Aeltern nicht folgte. Der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels. ifhristian Falz sammelte sich von Jugend an ^ alle Pfennige und Dreyer, (denn chm war die Sparsamkeit eingepredigt worden) und hatte seine Sparbüchse lieber als sein se- ben und seine Freunde. Alle Tage zahlte er sie durch, und nichts konnte ihn mehr entzücken, als wenn sein Geld um einige Groschen zugenommen hatte. Der Verlust eines Drei)- ers hingegen konnte ihn auf eine ganze Woche niedergeschlagen und mürrisch machen. Wenn sein Vater Ducaten oder ganze Thaler zahlte, so lachte ihm das Herz vor Freude im keibe, und gierig sah er nach ihnen hin, wie ein Hund nach einer vollen Schüssel. Einst wurde in der Schule für einen ar- . ^ men Knaben von andern wohlchatigen Kindern " ^' Geld zusammen gelegt, um ihm eine Bibel und ein Paar Schuhe zu kaufen, aber Falx wollte durchaus nichts dazu geben, indem er meinte, der arme Junge sollte hübsch sparsam seyn, da da würde er sich aucb was kaufen könne«?. Da sagte der Lehrer: „Lieber Falz, du berufst dich immer auf die Sparsamkeit, und das ist eine schöne Tugend, aber eben deßwegen sollen wir ja sparsam seyn, um von dem Gesammelten Unglücklichen und Hülfj?osen beystehn zu können. Du bist nicht sparsam, sondern geitzig." Und zu den andern Knaben sagte er: „Zur Wohlthatigkeit muß man niemanden zwingen. Wer Arme in der Noch verlaßt,! den wird Gott auch wieder verlassen. " ! Nun wollte doch Falz nicht geitzig geheißen seyn, er gieng also nach Hause, und ^ schloß seine Sparbüchse auf. Erft höhlte er einen Groschen heraus und dachte, das ist ja genug, wenn jeder einen Groschen bringt: da kriegt Michel genug zusammen. Schon war er zur Thür hinaus, als es ihm einfiel, daß ein Gro-chen zu viel wäre, er wendete also um, und nahm statt des Groschens einen Sechser: aber auch dieser dünkte ihm noch eine zu reichliche Gabe zu seyn. Der Sechser mußte daher in die Sparbüchse zurückwandern, und ein Drcyer sollte die Güte seines Herzens beweisen. Mit niedergeschlagenem Herzen und dem größten Kummer im Gesichte, brachte er seinen Dreyer. Wenn nicht der Lehrer den andern Knaben ein ernsthaft Gesicht gezecht hatte; so würden sie überlaut gelacht haben. Ein Spottvogel nannte ihn von dieser Stunde c 2z) gP Stunde an nur Filz, weil man mit diesem Namen einen Geitzigen bezeichnet. Mit dem Alter nahm nun auch sein Ger'tz zu, und so auch sein Unglück. Des NachtS konnte er nicht schlafen, weil ihm träumte, Nachbars Jakob wäre ihm über die Sparbüchse gerathen, oder er hatte sich wohl gar im Schlaf eine ganze Hand voll Haare aus dem Kopfe gerauft, weil er sich einbildete, er hielt einen Dieb feste. Statt der Erquickung, die der Schlaf dem Fröhlichen und Zufriedenen gewährt, war er des Morgens matt und kraftlos. Alle die schrecklichen Folgen des Geitzes drückten sich auf seinem ganzen Gesichte aus, denn er sah aus, wie der leibhaftige Hunger. Er getraute sich nicht einmahl ein Paar neue Schuhe zu kaufen, und ließ die alten so lange flicken, als möglich war. Wenn nun jemarid zu ihm kam und sie betrachtete, so gab er vor, er trüge sie deßwegen gern, weil sie ihm bequem wären , und neue Schuhe immer drückten. Er pflegte auch wohl wacker auf die Schuhmacher zu schimpfen, die jetzt die Schuhe viel zu enge machten. Nach seines Vaters Tode wurde er ekn reicher Mann, und doch glaubte er noch Hungers sterben zu müssen. Zu seinem noch größer» Unglücke starb ein Bruder von ihm in einer benachbarten Stadt ganz unvermuthet, den er beerbte. Seine Freude war außerordentlich, aber nun trat «tz ( 24 ) ^ trat auch der Kummer ein, wem er Vollmacht gäbe, die Gelder zu hohlen. Er fand nach seiner Meinung keinen einzigen ehrlichen Mann in der Stadt: denn schlechte Menschen beur- theilen alle andere Leute nach sich. Er entschloß sich endlich selbst dazu, nachdem er seinen Geldkasten mit tausend Schlössern und Riegeln versehen hatte. Einer alten Köchin versprach er alles mögliche, wenn sie recht sorgfältig das Haus, und vorzüglich den Liebling seines Herzens, den Geldkasten bewachte. Mit der größten Wehmuth nahm er von ihm Abschied, sähe sich nochmals nach ihm um, und reiste ab. Seine Geschäfte giengen ziemlich von statten, und nach einigen Tagen konnte er auch schon wieder zurückfahren,. nachdem er auch alles mögliche, es mochte noch so klein seyn, verkauft, hatte. Bey der Rückfahrt nun fuhr der Fuhrmann im Walde irre. Dieser hatte sich kaum bey der Hinfahrt aus dem Walde gefunden; er verlangte also setzt einen Bothen, aber Herr Falz berechnete ihm die Unkosten, die ihm so die ganze Reise kostete, und schlug es ihm also ab. Die Nacht brach.herein, und noch fuhren sie im Walde herum, bis sie endlich an einen Berg kamen, wo weder Weg noch Steg war. E^ wurde immer dunkler. Der Fuhrmann tobte und fluchte, und Herr Falz versprach dem lieben Gott, er wolle ein neues Kru- rtz c-S) S? Krucisix von lauter Silber machen lassen, Wenn er ihm glücklich aus dem Walde helfen würde. Der Thor! als wenn sich Gott von einem Geitzhalfe bestechen ließ. Wenn er doch noch gelobt hätte, künftig wenig geitziger und habsüchtiger zu seyn. Allein es wollte sich kein Weg finden, und doch war es schon ganz finster. Todesangst durchlief alle seine Adern. Der Fuhrmann lärmte, und er bethete alle Sprüche und Gebethe her, die er in seiner Jugend gelernet hatte. Auf einmal that es einen Schlag, da lag auch die Kutsche um. Herr Falx schmiß heraus, und fiel sich ganz zu Schande. Da haben wir es, sagte der Fuhrmann, hatten sie einen Bothen mitgenommen, so hatten wir das Unglück nicht, aber in meinem seben will ich keinen Geitzhals wieder fahren. Sie mußten die Nacht liegen bleiben. Der Fuhrmann spannte seine Pferde ab, und ließ sie am Holze waiden. Fal? legte sich mit dem Kopfe auf den Koffer, und stand tausend Angst aus. So wie sich ein Büfchchen bewegte, so fuhr er auch zusammen. Spitzbuben, Räuber, Diebe und Mörder schwebten ihm immer vor Augen, und solche Gesellschafter müssen nothw'endig Furcht und Angst erwecken. An seine Wunden dachte er gar nicht. Endlich brach der so sehnlich gewünschte Tag an. Mitten im Walde waren sie. Nun! Herr Falz sagte der Fuhrmann, ich muß ein Dorf, i ^ c 26) Dorf, oder einen Weg suchen, geben sie mir auf die Pferde acht. Ach! Lhriftopb, erwie- derte er, ich bitte ihn um alles in der Welt willen, verlaß er micb nicht. Wenn nun Räuber kamen. Das wäre gut, versetzte Lhri- ftoph , da würden sie vielleicht für ihren Geitz bestraft: brummte noch was in seinen Bart, und gierig fort. Endlich nach zwey Stunden kam er wieder, brachte ein paar Bauern und zwey Pferde mit, die er zur Vorspanne mitgenommen hatte. Der Fuhrmann hatte schon den Bauern den Charakter des Herrn Last i geschildert. Sie legten also eher keine Hand an, als bis er jedem einen saubthaler aus- . zahlte. Anfänglich wollte er nicht; da sie ihm j aber drohten, ihn hier sitzen zu lassen, so ließ k er es sich denn gefallen , wiewohl ihn der Ver- s lust von zwedn saubthalern sehr schmerzte. Durch die Hülfe der Bauern kamen sie wieder in den Weg und glücklich zum Holze hinaus. Wer war froher als Herr Falz. Nach etlichen Stunden langte er in seinem Hause wieder an, und umsieng mit aller möglichen ^ Freude seinen zurückgelassenen Schatz. Seiner ; alten Anne erzählte er nun die Noch und das § Unglück, das ihn betroffen hatte. Sie bat ^ ihn auch, nach einem Arzt zu schicken, weil er wirklich viel Schaden an seinem Körper erlitten hatte, aber er meinte es würde sich ! schon wieder geben , und da irrte er sich gtt ! waltig. - ! Den (-?) sp Den folgenden Tag mußte er das Bette hüten, indem er ganz krank war. Er nahm seine Zuflucht zu Hausmitteln, die aber seine Krankheit noch verschlimmerten. Durch das viele Zureden seiner Köchin ließ er es sich endlich gefallen, einen Arzt holen zu lassen. Er kam, und fand ihn sehr schlecht. „ Herr Falx, sagte er, sie sind wirklich sehr krank. Wollen sie etwan ihren letzten Willen aufsetzen, so thun sie es. Gesunde sterben, und Kranke nsch eher." Er erschrack heftig bey dieser Ankündigung; aber er konnte sich doch nicht bereden, daß er zu früh sterben würde. Seiner Köchin , die ihm wirklich sehr getreu gedient hatte, hatte er versprochen, sie in dem Testamente zu bedenken: diese bat ihn darum, aber er berechnete schon wieder die Kosten, die dies alles verursachen würde, und so verschob er es von einer Zeit zur andern, bis endlich der Tod seinem geitzigen seben ein Ende machte. Das ganze Vermögen bekamen arme Anverwandte, die mit Freuden zur seiche gierigen, und allen seuten selbst gestanden, daß Herr Falz sich durch seinen Geitz getödtet, und sie in den Besitz eines großen Vermögens -gesetzt habe, welches sie recht gut gebrauchen konnten. So macht der Geitz gewöhnlich den Menschen selbst unglücklich, und das Sprichwort ist ganz richtig: der Geitz ist eine Wurzel alles Nebels. Die ^ (28) ^ Die Mittelstrasse ist die cheste. ^Meister Liebmann hatte sich durch Fleiß, Sparsamkeit, Ordnung und Redlichkeit so viel Vermögen erworben, daß er in seinen alten Tagen recht bequem und ruhig leben konnte. Er hatte acht Kinder, die schon, alle wieder berheurathet waren und die er reichlich ausgestattet hatte. Sie machten ihm alle viel Freude, weil sie sich ihn zum Muster genom, men hatten. Auf seinem Geburtstage kamen denn nun alle seine Enkel zusammen, von ^ dem größten bis zum kleinsten, und gratulir- , ten dem lieben Großvater zum Geburtstage. Und gewiß! es war keins unter ihnen, das j nicht seinen Wunsch von Herzen gethan hatte. § Da machte er nun seinen Kindern wie, > der eine Freude, nahm sie mit in den Gar, ten, ließ sie spielen, und zuletzt führte er sie j in das Gartenhauschen, wo für jedes ein Ge, schenk bereit lag. Bey jedem machte er nun eine Erinnerung, wenn er es seinen lieben Kleinen gab. Den einen mahnte er zum Fleiß, den andern zur Reinlichkeit, und den dritten zur Ordnung ; st nachdem einer besonders ei, . rren Fehler an sich hatte. „Höre, sagteer, lieber Fritz, du bist zwar ein guter Junge, aber ich merke, daß ! du deine Sachen nicht in Acht nimmst, und i daß du kein Geld in der Tasche leiden kannst. I Du wirst nicht weit in der Welt kommen, wenn ( 29 ) g? wenn du nicht genauer und sparsamer wirst. Denke an das traurige Beyspiel von Christoph Rrahl. Und du, -Heinrich, hast das Geld zu lieb, und solche Menschen wenden es gemeiniglich nicht gut an. Sie sammeln es auf Haufen, leiden Noch dabey, und am Ende machen sie sich selbst elend, wie Herr Lglx." Ihr Beyde verfehlt die rechte Strasse. Ich bin in meiner Zugend steißig gewesen, habe mir durch Fleiß und genaue Ordnung etwas erworben, und Gott hat meine Arbeit gesegnet; aber ich habe mich nie vom Geitze Hinreißen lassen. Meine armen Mitbürger habe ich unterstützt, so gut ich konnte; daher haben sie mich lieb. Ihr wißt noch, wie der arme HLbsihmann einst mit seiner ganzen Familie zu mir kam und wie sie sich insgesammt bey mir bedankten für die Hülfe, die ich ihnen in ihrer Noch angedeihen ließ. Ich sage das nichts um mich etwa zu loben, sondern euch nur daran zu erinnern, daß man sich durch Wohlthatigkeit viele Freundschaft und laebe erwerben kann. Ich habe weiter nichts gethan, als meine Pflicht. Ich gebe euch allen daher noch die Regel, denn wer weiß, ob ich über das Jahr wieder die Freude erlebe, euch alle da um mich zu sehn, ich bin alt und kann sterben: da schmiegten sie sich an ihn, und baten ihn, daß er doch noch nicht sterben möchte. Er fuhr fort: Arbeitet und seyd sparsam, aber vergeßt nie dabey der Noch- ^k- c zo ) ; Nochleidenden. Bemüht euch immer, rechtschaffen uud fromm zu leben, und dann kann es auch nicht fehlen, daß es euch bey Fleiß und Redlichkeit wohlgehen wird. Da versprachen sie ihm insgesammt, recht brav und gut zu werden, zwar sparsam zu seyn, aber auch wohlchatig. Da gab er einem jeden einen Kuß und erinnerte sie nochmahls an ihr Versprechen. Alle beschlossen den Tag in Freude und Vergnügen. Fritz wurde haushalriger und sparsamer, doch ohne geitzig zu seyn, und -Heinrich schlug zur Freude des Großvaters auch diesen Weg ein. Beyden geht es wohl, sie leben vergnügt, und werden als gute Menschen von andern geliebt. Bethe und arbeite. triefen vortrefflichen Spruch hatte Meister —^ Siegfried in seinem Hause an alle Thü- ren mit großen Buchstaben anschreiben lassen. Des Morgens versammelte er sich mit seiner Frau und Kindern, sprach ein Gebeth aus ^ dem Herzen laut zu Gott, sang mit ihnen ein paar Verse aus einem schönen siede, und ! dann wurde ein jedes an sein Geschäfte gewie- ! sen. In seinem Hause arbeitete alles so emsig, wie die fleißigen Bienen. Zur rechten Zeit gieng er zu Tische, und gemeiniglich wurde durch ein heiteres und fröhliches Gespräch die Mahlzeit noch schmackhafter gemacht. Kinder, ^ der, sagte manchmahl der Vater, vergeßt nur den lieben Goit nicht, da wird er euch auch nicht vergessen. Ohne Gottes Segen kömmt der Mensch nicht in der Welt fort. Aber freylich muß man auch die Hände nicht in den Schooß legen, sondern man muß die Kräfte, die uns Gott gegeben hat, gebrauchen. Nun wurde noch ein Stündchen ausgeruht und geplaudert, dann gieng ein jedes wieder an seine Arbeit. Der Abend wurde wieder mit Gesang und Gebeth beschlossen. Wenn eines seiner Kinder einen Fehler gemacht hatte, so bath er es, ihn doch ja nicht wieder zu thun, weil es sich sonst unglücklich mache. Zugleich erinnerte er es , den lieben Gott um Vergebung des Fehlers zu bitten, damit es ruhig schlafen könne» Des Sonntags besuchte er den Gottesdienst mit all seinen Kindern. Nach beyden Kirchen führte er sie aufs Feld, wenn das Wetter etwas leidlich war, unterhielt sich mit ihnen von der Predigt und andern Sacken, je nachdem das Gespräch darauf kam. Da gieng Meister Siegfrieden alles gut. Seine Arbeiten segnete der liebe Gott, und ec wurde immer wohlhabender. Das merkte denn nun sein Nackbar Meister Fritsch. Herr Nachbar, sagte dieser einmahl zu chm, ick sehe, daß ihm alles gelingt, was er anfangc. Er hat ein gutes Aus- (Z2) ^ Auskommen, seine Kinder sind brav, reinlich und ordentlich gekleidet/ und doch kauft er sich noch manches Aeckerchen. .Sage er mir nm> wie er es macht. Bey mir will es gar nicht blecken. Da nahm ihn Meister Siegfried bey der Hand, und wies ihm an allen Thären seinen Denkspruch. Gut! dachte Meister Fritsch, das sollst du nicht umsonst gesehen haben. Du mußt brav berhen, dann wird dir es auch so wohl gehen. Nun gelobte er/ keine Kirche/ keine Bethstunde zu versäumen / alle Tage viermal zu bethen/ und nichts ohne Gebeth anzufangen. Das that er auch. Er sang des Mor- gens drey sieder/ las viele Gebethe aus einem Buche her/ sie mochten auf seinen Zustand passen oder nicht. Sobald der letzte Schlag der Glocke klang / saß er in der Kirche. Und doch wollte es mit ihm nicht vorwärts gehen. Er mußte sich immer mit Kummer und Angst ernähren/ und in seinem Hause war immer die liebe Noch. Herr Nachbar/ sprach er zu Meister Siegfried, ich habe seinen Wahlspruch befolgt/ aber ich sehe keinen Nutzen davon. Herr! antwortete dieser/ das ist nicht wahr. Wer den befolgt, dem muß-es auch wohl gehen. Nun sage er mir doch/ wie er seine Tagezm bringt. Da ^ (ZA) W Da erzählte ihm denn Meister Fritsch- wie vielmal er deö Tages bethe. Das glaube ich/ erwiederte er/ wenn er es so macht, da kann es ihm freylich nicht gelingen. Es steht ja auch dabey: arbeite. Sehe — er Meister! da der liebe Gott den ersten Menschen gemacht hatte, setzte er ihn in einen Garten, daß ec ihn bauen sollte, und da mußte er ja auch arbeiten. Der liebe Gott will also haben, daß wir in der Welt thatig seyw sollen, und wenn wir das thun, so giebt er auch seinen Segen dazu. Nun erzalte er seine ganze Einrichtung» Meister Frirsch, dem es ein Ernst war, glücklich zu werden, sähe ein, daß er zwar fleißig gebethet, aber nicht fleißig gearbeitet hatte» Er nahm sich nun seinen Nachbar zum Muster und befand sich bey dieser (ebensart recht wohl» Das Werk lobt Den Meister. ^err IunLer war ein wohlhabender men- ^ schenfreundlicker Mann, und dabey em guter Bürger im Staate. Jede gute Anstalt, die zum Besten der Menschen von der Obrigkeit erschien, half er gleich durch sein Beyspiel unter seinen Mitbürgern befördern. Es erschien ein Plan zu einer Armen-Kaste, und er war der erste, der sich zu einem monathli- chen Beytrag, der sehr ansehnlich war, unter- C schrieb» c 34 ) -O schrieb. So gerne er den Armen gab, so unangenehm war es ihm doch, wenn schamlose und liederliche Bettler wärklichen Armen das Drod Wegnahmen. Er war auch der Mey- nung, daß jeder Gesunde arbeiten müße, und wenn er das nicht thate, dürfe er sich auch nicht beklagen, wenn er nichts zu essen hatte. Würkliche Arme und Nothleidende hingegen, die sich schämten, andere mitleidige Herzen anzusprechen, und dabey oft das größte Elend erlitten, hatten alle Unterstützung zu hoffen. Oft suchte er sie auch auf, und andere Men, schenfreunde, die weiter nichts gaben, als was sie durch Bitten und Vorstellungen bey anderen ausrichten können, waren ihm sehr willkommen, wenn sie ihm solche Nothleiden- de zuwiesen. Er schickte ihnen reichlich, und oft wußten sie nicht von wem es kam. So dachte, so handelte der menschenfreundliche Mann Herr Junker. Seine einzige Tochter wilhelminchen dachte und handelte ganz wie der Vater. Einsmals war eine kleine Gesellschaft bey ihm in dem Garten um sich zu vergnügen und durch lehrreiche Gespräche zu unterhalten. Von ohngesahr kamen ein Mann und eine Frau mit fünf wohlgebildeten Kindern hinein und giengen auf Herr Junkern zu mit einer Freude, die in ihrem ganzen Gesichte zu lesen war, wie man einem Freund entgegen geht, der lange von uns entfernt gewesen ist, und dm ^ ( 96 ) M den man das erstemal wieder erblickt. „ Verzeihen Sie, sagte der Fremde, ich komme mit meiner ganzen Familie zu Ihnen, um Ihnen als dem Erretter derselben zu dan- ken. „ „Wer sind Sie denn? fragte Herr Junker freundlich. Ich kenne Sie ja nicht." „Desto edler, antwortete jener, daß Sie uns nicht kennen, und uns doch vom Elende und vielleicht vom Tode gerettet haben." Der gute Mann konnte die Sache gar nicht zusammen reimen. Dem Fremden rollte eine Thrane über die Wange herab. „O! sagte dieser, nun ist mir der Engel, den sie besitzen, noch verehrungswürdiger, lassen sie doch Ihre Mademoiselle Tochter rufen, daß ich mich ihr zu Füßen werfen kann. Sie wird uns gar wohl kennen: denn sie hat uns oft in unserm Elende besucht. Ihr haben wir nächst Gott allein unsere Errettung zu verdanken. Sehen Sie hier Menschen, die noch vor kurzem in den Armen des Todes waren, aber durch die Güte Ihrer Mademoiselle Tochter die Freuden des Lebens und der Gesundheit wieder fühlen." Noch war ihm alles rathselhaft. Wahrend dieses Gesprach's kam immer eins ums andere von der Gesellschaft naher, und auch Wühelmmchen wollte doch zusehn, was es in jenem Theile des Gartens gäbe. Von ohn- gefähr erblickten sie die Kinder, welche sich C s auf K (36) ^ auf einmal von dem Vater und der Mutter losrissen, auf sie zueilten, ihre Knie umfaßten, und wilhelmmcheits Hände mit Thrakien bedeckten. Sie konnte nicht wehren, daß ihren schönen Augen einige Thränen entwischten. „Nu! meine liebe Tochter, sprach der Vater, kennst du denn diese guten ^euke so genau? Du bist ja, setzte er nm einem liebreichen fächeln hinzu, sehr geheim mit deinen Freunden. Komm, und erzähle mir, wie du sie hast kennen lernen." „lassen sie mich das thun, sagte der Fremde,, sie wird gewiß manchen schönen Zug ihres edlen Herzens unberührt lassen. Wir haben sie schon von der besten Seite können gelernt. Sie ist wohlthätig ohne Geräusch. Wir kommen von Breslau. Eigne Schuld und das damit verbundene Elend, ich erzähle alles offenherzig, brachten mich unter die Soldaten. Anfänglich wollte mir diese febensart nicht gefallen, doch, dachte ich, du bist einmal darunter, mußt dich in die Verfassung schicken, und wenigstens nun durch Folgsamkeit und ein gutes Betragen dein Schicksal erleichtern. Auf diese Art erwarb ich mir bald das Zutrauen meines Offiziers. Ich wär auch jö glücklich, bald Fourier zu werden. Da heurathete ich meine Frau. Nach einigen Jahren wünschte ich in mein Vaterland zurückjukehren, indem ich hoffte, meinen ( 37 ) Vater, der noch lebt, gut gesinnt gegen mich anzutreffen: denn ich weiß / daß er alle den Kummer vergißt/ den ich ihm gemacht habe/ so bald er mich erblickt. Ich hatte mir einig e Thaler gesammelt/ und ein Freund machte IOO Thaler Versicherung/ daß ich abreisen durfte. Bis hieher gieng altes glücklich / aber setzt wurden meine Frau und Kinder vielleicht von der Beschwerlichkeit der Reise sehr krank. Das mehrfte Geld hatte ich schon ausgegeben/ und noch habe ich eine ziemliche Reise zu thun. Ich hoffte/ daß es des andern Tages besser werden sollte, aber es verschlimmerte sich. Unmöglich konnte ich alleine abreisen/ und die Lieblinge meines Herzens fremden Menschen überlassen / die vielleicht nicht einmal so barmherzig gewesen waren/ und sie ohne mich geduldet hatten. Sie wurden kranker / und mein Kummer stieg: denn das wenige Geld/ das ich noch hatte/ war alle. Im Gafthofe war mir alles zu enge/ und mit Thranen gieng ich aus/ um meinem bangen Herzen suft zu machen. Guter Gott! sprach ich in meinem Herzen / der du den Raben ihre Speise giebst/ du wirst mich doch setzt in meinen Nöthen nicht verlassen! Ach! zeige mir^doch einen Weg und Mittel/ mich setzt in meinem Elende zu retten! Ein heißer Strom Thranen stoß mir über die Wangen herab. Ich lag an einem Garten hinter einem Gebüsche auf lneine« ^ < S» ) Knleen , und da ich mich umsah, sah ich ein Frauenzimmer hier stehn. Guter Mann, sagte sie, was fehlt Ihnen ? Kann ich Ihnen Minderung verschaffen, so sagen Sie es. Mitleidig blickte sie mich bey diesen Worten an. Ich weiß nicht, wie mir auf einmal wurde. Mein Herz erhob sich und schien mir zu sagen: das ist der Engel, der dich retten wird. Ich erzählte ihr mein Anliegen, und sie begleitete mich ungefedert zum Gasthofe. Hier eröfnete sie den Geldbeutel, bath mich, ruhig zu seyn, und versprach bald wieder zu kommen. Sie war kaum weg, als ein Mann m die Stube trat, der mich freundlich grüßte und nach den Kranken fragte. Ich erriech gleich, auf wessen Geheiß er käme. Er sagte mir, daß die Kranken nicht gefährlich wären, und daß sie mit der Hülfe Gottes bald hergestellt werden sollten. Da ich etwas wegen der Bezahlung äußerte, so bath er mich, ja davon stille zu seyn, er werde schon bezahlt werden, und es sey ihm eine Freude, Unglücklichen zu helfen. Sie kam oft in der Gesellschaft dieses menschenfreundlichen Arztes zu uns; und meine Kinder freuten sich allemal recht herzlich, wenn sie selbige erblickten. Da nun alle wieder gesund waren und ich gegen sie äußerte, daß ich meine Reise forrse- Hen wölbe, so kam sie noch einmal, machte mir ein ansehnlich Geschenk, doch mit der Be- ^ ( z? ) zK Bedingung, daß ich niemanden etwas davon sagen sollte, weil es der Mühe nicht werth wäre. Ich kann aber unmöglich abreisen, ohne mich auch bey Ihnen bedankt zu haben. Ich weiß, daß Sie sich über diese edle Handlung Ihrer Mademoiselle Tochter freuen werden: da Sie mir auch als ein wohlthätiger Mann geschildert worden sind. Ich glaubte. Sie wüßten um alles, aber wie ich höre, hat ! dieses edle Frauenzimmer alles im Stillen ge- than. Gott sey mit Ihnen, und nie werde ! ich vergessen, wem ich meine Errettung zu verdanken habe, heben Sie wohl und verzeihen Sie, daß ich Ihnen noch beschwerlich gefallen bin." Herr Junker umarmte seine Tochter und nannte sie seine beste wilhelmine. Weiter konnte er nichts sagen. Da der Fremde sich > empfehlen wollte, sd hielt er ihn auf und sagte: Warten Sie, ich muß das meinige auch noch thun. Bleiben Sie heute bey uns, und erzählen Sie uns etwas von Ihren Reisen und Schicksalen. Diese lieben Kleinen mögen sich hier im Garten Vergnügen. Die ganze Gesellschaft brachte denn nun der guten Wilhelm«,e hobeserhebungen, sie bath aber sehr inständig, nichts weiter davon zu erwähnen, sonst würde ihre Freude verbittert werden. Sie habe ja, setzte sie hinzu, weiter nichts gethan, als was jeder Menschenfreund auch thun würde. Der ^ (4<- ) M Der Fremde reiste des anderen Tages ab/ wurde von seinem Vater gütig ausgenommen/ und noch segnen sie mit Freudenthranen und mit Gebeth die gute Wühelmme. Wie die Arbeit/ so der Lohn. HHfui! über das häßliche Laster/ sagte Mel- 'v ster Sctimidt/ die deutsche Zeitung in der Hand haltend. Man sollte gar nicht glauben/ daß es solche neidische Menschen gäbe. Was ist es denn / Vater! fragte Lude- wig und Rudolph. // Hört Jungen! antwortete er / ich habe euch immer gesagt, daß der Neid ein häßliches saster ist / wenn einer den anderen um irgend etwas beneidete, ihr habt mir aber nicht glauben wollen. Er macht den Menschen krank, elend und äußerst unglücklich. Er verführt sie oft zu den abscheulichsten Thaten, aber wie die Arbeit so der Lohn. " „Nun Vater erzähle es uns doch." Ein wohlhabender Bauer in Schlesien wollte seinem Sohne/ der das Schmiedehandwerk erlernt hatte, in dem Dorfe eine Schmiede bauen. Der Schmidt nun / der da alleine wohnt / ob er gleich bey Vermögen ist / und auch keine Kinder hat/ für die er sparen könnte/ will das nicht zugeben/ aber die Obrigkeit erlaubte es dem Bauer doch. Darüber wur- ^ ( 4- ' ZP wurde der Schmidt so aufgebracht/ daß er auf die abscheulichste Rache sinnt / die man unter Wiloen und Barbaren nicht antrifft/ geschweige unter Christen. Er- geht in die nächste Stadt in die Apothecke und fordert zwey Pfund Gift; aber de.r Apothecker will es ihm nicht geben/ doch da andere heute dabey sind/ und sagen, daß er ein Schmidt sep / der cur-ire-- so giebt er ibm ein Pfund. Ein anderes Pfund holt er in einem anderen Orte. Nun wollte er damit den Brunnen seines Mithandwerkers vergiften/ so rasend machte ihn der Nahrungsneid/ aber es fallt ihm doch ein , daß er dadurch auch andere unschuldige Menschen ums heben bringen könnte. Endlich fallt ihm ein/ das Gift auf die Wiese des Bauers zu streuen/ und er thars auch. Alles darauf gehütete Vieh siel nun plötzlich darnieder. Man untersuchte die Wiese und fand Kleyen mit Ar- senicum vermischt/ darunter. Nun besann sich der Kühjunge/ daß der Schmidt einmal zu ihm gesagt habe/ deinem Bauer soll das Schmiedebauen wohl vergehen. Er wurde nun in Verhaft genommen / und bekannte seine Un-- that: gestand auch/ daß er erst das. Haus habe anstecken wollen/ aber blos die Furcht/ daß er auch mit abbrennen könne/ habe ihn. davon abgehalten. Nun muß er in das Ge« fangniß wandern / und wird vor seine Arbeit, die ihm der häßliche Neid eingegeben hat/ auch feinen hohn empfangen. Bey ^ (42) F Bey dieser Erzählung schimpfte Ludewig und Rudolph recht auf den garstigen Neid. Nu! setzte der Vater hinzu/ merkt es euch nur hübsch und laßt euch niemahls von ihm leiten/ da werdet ihr auch nickt in Gefahr seyN/ schlecht zu handeln. Wenn auch neidische Menschen nicht immer so gegen ihren Nächsten handeln/ so schaden sie sich doch selbst. Ich habe eine Weibsperson gekannt/ die am Neide starb. Wenn sie ein anderes in einem neuen Kleide sah / so wurde sie allemal krank. Neid und der damit verbundene Aerger zog ihr eine Auszehrung zu. Sie sah ihre Thor- heit ein/ aber der böse Neid hatte nun einmal so tiefe Wurzeln in ihrem Herzen gefaßt / daß sie ihn nicht ausrotten konnte. Kein Gebrechen zeichnet sich mehr auf dem Gesichte aus / als der hämische Neid. Gott bewahre jeden vor eijiem solchen häßlichen Gesichte. Wer lang Suppe ißt, wird alt. gewisser sehrer nahm einmal die besten ^ und artigsten Kinder/ denen er immer gerne eine Freude machte / mit auf das sand / zu einem Freund/ von dem er wußte/ daß er Kinder gern um sich sähe. Ob er gleich sehr alt war/ so wußte er sich doch in die saunen seiner lieben kleinen Gesellschaft so zu schicken/ daß er bey allen Spielen der Rathgeber und Anführer seyn mußte, und der gute Alte ließ ^ (4Z) es sich auch gefallen. Da hatten sie denn eine herzliche Freude, wenn der Alte so mit machte Ueber Tische sagte er nun: „Kinder eßt Suppe. AVer lange Suppe ißt, wird alt." Da fragte -Hänschen, wie das zugienge? ,,Je nu! ist es denn nicht wahr? Wer lange Suppe ißt, der wird alt." Da mußte er ihm endlich recht geben. Aber sagte der alte Kinderfreund : nun will ich euch auch sagen, wie man lange Suppe essen, oder wie man alt werden kann. Mein Vater ist sehr alt geworden, und hatte seinen völligen Verstand bis an sein letztes Ende. Er wurde 88 Jahre alt. Der gab mir nun immer die Regel: sey mäßig in allen Stücken: im Essen, im Trinken, in der Freude, im Schmerz, im Gehn, im saufen, im Schlaf und in der Ruhe. Diese Regel, sagte er, hat mir dein Grosvater gegeben, und ich bin gesund und hoffe auch alt zu werden, und wenn du, mein Sohn, das nämliche thust, so wirst du auch alt werden. Da gewöhnte ich mich auch an die Mäßigkeit. Freylich sündigte ich manchmal wider meines Vaters Geboth, aber ich besann mich doch gleich wieder, oder er wieß mich zurechte. Mein Vater hatte mir z. B. ein Gärtchen , das am Hause war, überlassen, in dem ich diele Blumen hatte. Einmal war ein Schwein hinein gekommen, und hatte das, was es nicht ^ (44) Z? nicht gefressen hatte, umgewühlt, und zugleich alle meine Blumen zerstört. Da wurde ich sehr zornig, und wollte das Schwein todtge- siochen haben. Mäßige dich doch in deinem Zorne, sagte mein Vater, und bedenke doch, daß es ein unvernünftig Thier ist. Durch Fleiß kannst du es bald wieder Herstellen, und dann wirst du auch wieder Freude daran haben. Und überdem hast du ja wohl gar die Thür selbst aufgelassen, und bist also selbst daran Schuld. ^ Ich sähe gar wohl ein, daß mein Vater recht halte. Und nun hütete ich mich, daß ich nicht wieder so zornig wurde: dem er hielt mir zugleich einen Spiegel vor, und wieß mir, wie ungestalt und häßlich zornige i Menschen aussahen. § Ein Vetter kam einmal und brachte sei- > ue Kinder mit. Es gieng gleich ans Spiel. ! Wir konnten es nicht satt kriegen. Wir spiel- , ten im Garten das Haschen. Ich hatte mich ! erhitzt, und mein Kopf that mir weh. Ich j klagte es meinen Vater. Hast du denn, sprach ! er, schon wieder die Regel, die ich dir gegeben und oft erinnert habe, vergessen: sey mäßig in allen Stücken, und also auch in der ^ Freude. Und nun besann ich mich erst wieder ! darauf. Aber je größer ich wurde, je mehr gewöhnte ich mich an die Mäßigkeit. Ich kann auch nicht sagen, daß ich eben groß krank ge- ! we- !' (45) Ä- wesen wäre. Arzeneyen habe ich wenig gebraucht : denn ich gewöhnte mich hart, und machte mir beständig körperliche Bewegungen, doch ohne in Unmaßigkeit zu fallen. Und auf solche Art bin ich ein alter Mann geworden, aber Gott Lob und .Dank! ich bin noch so gesund, wie mancher in seinen Dreyßigern, und denke noch, wenn es Gott gefallt, ein Stückchen weg zu leben. Wollet ihr also auch so alt werden, und so lange Suppe essen, wie ich, so müßt ihr es auch so machen. Erzählen Sie uns doch, liebes Väterchen, noch was von der Mäßigkeit, sagte Wilhelm. Zn meiner Jugend, fuhr der Alte fort, gieng ich einmal mit meinen Freunden spazieren. Da nun die Hitze sehr groß war, und wir alle den heißesten Durst empfanden, so sprachen wir in einem Hause ein, wo man Bier schenkte. Ich bath die anderen, die sich gar nicht mäßigen konnten, doch erst ein wenig auszuruhn, und einen Bissen Brod zu essen, aber da half kein Zureden. Komm her, sagte ich zu einem meiner Freunde, wir wollen uns lassen eine Schüssel geben, uns Brod reiben und eine kalte Schaale machen. Wir thaten es und genossen sie also nach und nach. Am anderen Tage vernahm ich zu meinem Schrecken, daß zwey krank wären. Anfänglich schien es nichts zu bedeuten, aber sie fielen in eine hitzige Krankheit, woran der eins ^ (46) ,4» starb und der andere mit Mähe'gerettet wurde. Beyde sahen ein, daß die Unmaßigkeic sie krank gemacht hatte. 'Auch der andere lebte nicht lange/ weil er sich niemals mäßigen könnt?. Da nahmen sich denn die lieben Kleinen vor/ recht mäßig zu seyn, und wollte Gott! ein jeder Mensch lebte mäßig. Dann würde viel Unglück und Elend in der Welt wegfallen. Lang geborgt/ ist noch nicht geschenkt. bbEopk) Funke konnte kein Kind/ welches vor seinem Hause vorbey gieng/ ungeneckt lassen. Bald spritzte er mit einer sogenannten Spritzbüchse nach den Kindern, bald warf er mit Steinen nach ihnen/ bald schimpfte er sie, > ja wenn sie kleiner waren als er/ so schlug er sie wohl gar. Dadurch machte er sich denn bey allen Menschen verhaßt/ und die ganze ! Nachbarschaft nannte ihn nur den tückische» Christoph. Einmal kam ein Betteljunge gelaufen/ und hatte eine Semmel in der Hand / welche ihm ein Bäcker geschenkt hatte. Das sähe ! Christoph. Husch holte er sein Blaserohr/ ! und schoß ihm die Semmel aus der Hand. Der arme Junge weinte/ und er/ er freute ! sich / als wenn er eine große That gethan hat- > te. Warte nur, sagte dieser/ ich werde dich > schon auch einmal wo antreffen / wo du dafür ! büßen sollst. Da lachte ihn der Schadenfroh > Lhri- ^ ( 47 ) .O Christoph noch aus. So trieb er denn seilt Unwesen fort, ohne zu bedenken, daß lange geborgt nicht geschenkt ist, wie man im Sprichwort sagt. Unterdessen getraute er sich doch nicht, alleine aus zu gehn , denn er konnte nicht viel Gutes erwarten, da er sich allenthalben Feinde gemacht hatte. Nur in Gesellschaft seines Vaters ließ er sich sehen. Aber einmal mußte er doch rlleine Weggehen. Er mußte für seinen Vater in einem Garten, der vor dem Thors lag, einen Handkorb voll Kirschen hohlen. Da er kein gutes Gewissen hatte, so sah er sich beständig ängstlich um, jedoch begegnete ihm nichts widriges, und er kam glücklich zum Thore hinaus. Er ließ sich die Kirschen geben und kehrte zurück, aber mit eben der Furcht, mit welcher er hinaus gegangen war. Seine Furcht war auch gegründet: denn der nämliche Betteljunge, dem er die Semmel aus der Hand geschossen hatte, hatte ihn schon erblickt, und einstweilen andere seines Gelichters zusammen gerufen. Christoph erblickte sie und riß aus, aber die Jungen immer hinterher. In der Angst gab er nicht Acht, was ihm in Wege lag, und siel über einen großen Stein. Da lag der Bursch, und die Kirschen um ihn herum.' Das war denn nun recht für die Betteljungen. Sie höhneten Wd spotteten ihn ans, ja sie gaben ihm mit (48) -O unter auch einen Stoß. Er weinte/ er barh, er flehte/ aber es half alles nichts. Zeder hatte seine Beschwerde anzubringen > und jeder glaubte sich an ihm rachen zu müssen. Unterdessen er sich mit den Zungen herumzankce und schlug/ kamen andere, und machten sich über die Kirschen her, so daß er nur wenig übrig behielt. Nun kam er wieder nach Haust/ aber mit leerem Korbe und rochen Augen. Er erzählte sein Unglück/ bekam aber noch ein paar Ohrfeigen dazu / mit der Erinnerung/ künftighin andere Kinder hübsch ungehudelt zu lassen. Wie man fragt, so wird man berichtet. Dringe heute haben oft den Fehler an sich, «>) daß sie sich über Alte/ über Gebrechliche und Arme/ oder auch über solche/ die unter ihrem Stande sind/ luftig machen. Manche sind bey solchen Gelegenheiten unerschöpflich in ihrem Witze, Es finden sich auch wohl Thoren/ die solchen elenden Witz belachen und sie in ihrem Muchwillen starken. Fehlte solchen heuten nicht der Verstand, so würden sie so etwas vielleicht nicht thun. Der kluge und gescheide Kopf handelt so nicht. Bey einem Gebrechlichen sollten sie denken: Gott sey gedankt/ daß ich gerade Glieder habe / und mein Körper gesund ist. Bey Alten: Nul du willst auch einmal alt werden/ und und dann wird es dich auch freuen, wenn dich die Jugend ehrt. Bey Armen und Niedrigen: Es müssen auch Arme in der Welt seyn; denn sonst müßte der Reiche za alles selbst machen. Daran aber denken sie nicht. Der Fall trist aber auch oft ein, daß sie treflich abge- führc werden. In Arnstadt wurde einmal ein Mörder hingerichtet. Von allen benachbarten Städten und Dörfern eilten Menschen hin, dies schreckliche Schauspiel mit anzusehen. Statt über das (aster und das daraus folgende Elend nachzudenken, sind die Menschen oft muthwil- lig, und begehen neue Laster und Gebrechen, und so verfehlen sie ganz die Absicht, warum sie ein solches für die Menschheit trauriges j Schauspiel mit ansehen wollen. Eine Gesellschaft von jungen seuten wall- ! fahrte dann auch hin. Vor ihr gieng ein altes Mütterchen, krumm und sehr gebückt, die schon wegen ihrem hohen Alter und Schwache Ehrfurcht und Mitleid verdiente. Ein Nase- weischen wollte sich über das arme Weib lustig ! machen, und fragte sie: was der Teufel mache? Er zieht, antwortete sie ganz trocken, Hasenbälge ab, um dem jungen -Herrn einen Bart zn machen. Da lachte ihn die ganze ! Gesellschaft aus, und er gieng beschämt hinten > drein. ^ ( 50 ) ^ Wenn die Noch am größten, ist Gott am nächsten. <^>er beste Mensch kann oft in der Welt iit Verdruß und Unglück gerathen. Aber Gott verlaßt ihn doch niemals. Er weiß die Umstände immer so zu lenken, daß der Tugendhafte zuletzt doch erkannt wird. Andere redliche Männer, die Gort als seine Werkzeuge, und gleichsam als seine Engel gebraucht, um Unglücklichen beyzustehen, finden sich immer, dem Leidenden Hülfe, Trost und Bestand zu leisten. Es muß eine große Freude i seyn, eine Freude, wie sie Engel im Himmel! haben, einen tugendhaften Unglücklichen retten zu können. Wohl dem, den Gott zu einem so wohlthätigen Werkzeuge gebraucht. Diese Freude genießt der wahre Fromme nur allein. Sie ist nicht blos das Eigenthum der Großen! und Reichen in der Welt, sondern aller derer^ die wie Gott handeln, die die Tugend im, Herzen haben. Auch in der niedrigsten Hütte« trist man oft diese Tugend an. Dies beweist folgende Geschichte: Im Jahre 1783 kam zum Pfarrer in Lintorf, einem Dorfe in Bisthum Osnabrück, ein Bauer, der ein kleines Gütchen von ein paar Pferden besaß, und bat um einen Empfehlungsbrief, in welchem der Herr Pfarrer? bezeugen sollte, daß der Bauer Haus und Hof habe. Dieses Schreiben nun wolle er einem ^ ( Sr ) ^ gewissen Amtmann außer Landes bringen. Es beträfe ein großes Anliegen seines Herzens: Aus unserm Dorfe, erzählte nun der Bauer seinem Herrn Pfarrer, ist der ehrliche Nachbar (er nannte ihn mit Namen) ins Gesang- niß gelegt worden. Er soll mit bey einer Schlagerey gewesen seim, und Antheil daran genommen haben. Ich halte nun den guten Mann für ganz unschuldig, und nur gottlose Leute haben ihn in den Verdacht gebracht. Nun ist er dort schon acht Wochen im Lande, wohin er Geschäfte halber gereist war, im Gefängnisse, und aveil ich ihn für einen ehrlichen Mann halte, so habe ich ihn oft in seinem Gefängnisse besucht. Er liegt leider! in einem Gefängnisse, wo sonst Diebe und Mörder hineingelegr werden. Sein gutes Gewissen giebt ihm wohl noch standhaften Muth; aber das gieng mir sehr zu Herzen, daß er immer vach seiner Frau seufzete, und sich sehr zn seinen beyden krank liegenden Kindern sehnte. Nach meiner Zurückkunft fand ich auch diese Kinder so schlecht, daß sie noch kaum rin paar Tage leben werden Seine Frau mag ihm von dem Krankenlager nichts melden, weil sie befürchtet, daß Gram und Kummer ihren einsamen Mattn auch bald ins Grab bringen würden. Ich habe diese Nacht darüber nicht schlafen können, weil mir das Herz zu schwer war. Daher habe ich mich entschlossen, hinzugehen, D s und s §2 ) z» IMS dort an die Stelle des ehrlichen Mannes mich hinsetzen zu lassen, damit er aus der Beklemmung des Herzens kömmt, und seine Kinder noch einmal sehen, und, wenn es Gott gefallt, zur Erde bestatten kann. In welchen großen Jammer würde der arme Mann nicht kommen, wenn er hörte, daß seine Kinder nicht mehr am seben waren, und vorher mit, einander vieles gelitten haben. Ich will nun den Herrn Amtmann so lange bitten, bis er ihn an meiner Statt los- giebt. Meine Frau habe ich beredet, daß sie mich hingehen laßt; allein sie weis nicht, daß ich in ein.em Diebesbehaltnisse sitzen werde. Sollte sie nun hernach davon hören, so wollte i ich Sie bitten, es ihr auszureden, weil sie Ihnen, Herr Pfarrer, am meisten glaubt. ! Der Prediger schrieb ihm den Brief und frug ihn hernach: ob er auch glaube, im Ge- ^ fangnisse schlafen zu können, da er zu Hause vor Mitleid nicht schlafen könnte. Ja, stigte ^ der Bauer, das glaube ich; denn meine Frau j und Kinder sind Gott fob! gesund, und wie wird sich der Mann nicht freuen bey seiner lieben Frau und Kindern: und Gott ist bey mir auch im Gefängnisse. Der edle Bauer gieng nun würklich hin ! mit dem Briefe, um sich an seines Nachbars , Statt gefangen setzen zu lassen; der Herr Amtmann nahm zwar das edle Anerbieten nicht an, aber er bemühte sich doch um desto eher den ^ ( ZZ ) ^ den Gefangenen los zu geben, und nach eini- gen Tagen kam er wieder los. So rettete Gott einen Gefangenen, aber unschuldig Gefangenen, durch einen Mann, der vielleicht von manchen Augen verächtlich angesehen worden ist. Er war zwar nur ein Bauer, aber unter seinem groben Kittel schlug doch ein Herz voll hoher Tugend. Junger keser! gewöhne dich früh an edleHandlungen, du wirst dann auch in der Welt viel Gutes thun und auch nach dem Tode die Früchte der Tugend einerndten. Wahle die Beyspiele von einer so erhabenen Tugend und ahme sie nach , du magst sie bey dem Bauer oder bey dem Fürsten antreffen. Du wirft dann gewiß der glücklichste Mensch seyn, ohne Geld und Rang nöthig zu haben. Hunger jst der beste Koch. giebt viele Knaben, die bald dieses, ^ bald jenes nicht essen wollen, und sich in ihrer Jugend oft so verwöhnen, daß sie alsdann, wenn sie das väterliche Haus verlassen müssen, sich manchen Verdruß und manche Unannehmlichkeit zuziehn. Bedenken sollte immer jeder Knabe, daß er nicht beständig bey der lieben Mutter seyn kann, sondern oft sein Brod in der Fremde verdienen muß. Da künn man nun nicht alles so haben, wie man es A cs4) es wünscht, sondern muß oft auf Reisen mit der elendsten Kost vorlreb nehmen. Ein junger Mensch , der sich auch Ln seiner Jugend so sehr verwöhnt hatte, war ge- nöchiget das erstemal in seinem sehen in eins von seinem Orte ziemlich entferrrte Stadt zu reisen. Er gieng des Nachmittags fort, um noch diesen Tag eine Strecke zurück zu legem Am Abend kehrte er in einem Gasthofe ein, der sonst von vielen Reifenden besucht würbe. Seine erste Frage war, was es zu essen gäbe, denn er aß gerne, und ihn hungerte auch sehr. Man nannte ihm verschiedene Speisen her, aber die konnte er alle nicht essen. „Nu! sagte der Wirth, so kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich wist wohl sehen,' daß Sie noch einmal Holzapfel essen sollen." Er ließ ihn stehen, und gieng seinen Geschäften nach. Kurz darauf fragte er ihn, ob er nichts zu essen haben wollte. I, war die Antwort, was haben sie denn? „Holzapfel. Die kann ich nicht essen. „ Da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Mit diesen Worten wendete sich der Wirth wieder um und gieng zur Thüre hinaus. Das junge Herrchen wäre gerne weiter gegangen, wenn es nicht außerordentlich dunkel gewesen wäre, oder sich an diesem Orte noch ein Gasthof befunden hatte. Nach einer Stunde bath er nun den Wirth recht inständig, ihm A (SS) Z» ihm doch etwas zu essen zu geben; aber dieser bestand immer darauf/ er habe nur Holzapfel. Da der Hunger gar zu groß wurde, so ließ er sie herbringen. Bey dem ersten Apfel machte er ein erschrecklich sauer Gesicht, mit dem zweyten gieng es schon besser. Der muth- willige Wirth sah denn ganz trocken zu. Nu! sagte er, nicht wahr, ich habe recht, daß Sie noch Holzapfel haben lernen essen. Sehen Sie, mein Herr, ein junger Mensch muß alles lernen essen, was von andern ehrlichen seuten genossen wird, und sich nicht so abgeschmackt gewöhnen. Doch da ich Ihre Folgsamkeit sehe, so will ich Ihnen noch ein zweytes Gericht bringen. Er brachte ihm ein Stück Braten, um es wieder gut zu machen: denn seine Absicht war gewesen, den jungen Menschen auf feinen Fehlet aufmerksam zu machen. In der Folge konnte dieser es ihm nicht genug verdanken, daß er ihn von diesem großen Fehler geheilt hatte, und wenn er denn nun so verzärtelte Knaben antraf, so erzählte er ihnen selbst diese Geschichte. Wer nun klug war, der besserte sich. Da Cook die Welt umsegelte und eine ziemliche Zeit kein sand gefunden hatte, so war fast aller Vorrath von Lebensmitteln ausgegangen. Der Zwieback war von Würmern, -ie fast Fingers lang waren, angefressen. Die Schiffsleute setzten sich in Winkel und aßen Ln der Dunkelheit, um nur nicht die Würmer zu se- A. (56) ^ sehen. Einer hatte eine Katze, die die Ratten vom Schiffe wegfieng, und sie jedesmal ihrem Herrn brachte. Er zog das Fell ab, gab es seinem getreuen Thiere, und das übrige speiste er. Hier traf nun das Sprichwort wohl kitN -Hunger ist der beste Rock. Wen einmal das soos in der Welt betrifft , zur See zu reisen (und welcher Knabe kann sagen, daß er davon ausgenommen ist?) , der muß sich außerordentlich viel gefallen lassen. Es ist folglich von einem Knaben die größte Thorheit, wenn er sich in den Speisen verwöhnt. Auf Reisen hat schon mancher gewünscht, das nur zu haben, was er zu Hause verächtlich ansah. Es bleiht also immer die beste Regel, die man jedem geben kann: serne alles essen, was eßbar ist; sonst setzst du dich mancher Unannehmlichkeit aus, die du dir > und auch oft andern zuziehst. Wenn du das thust, so hast du wenigstens den Vortheil, daß du in der Aeit der Noch auch mit einer I magern und schlechten Mahlzeit vorlieb neh- j men kannst. Undank ist der Welt Lohn. Ain sehr gebräuchlich Sprichwort, das auch ^ nut unter eimrifft. Unterdessen dürfen sich > doch gute Menschen nicht abhalten lassen, den Unglücklichen beyzustehn, in der Vermuthung, rö könnte etwa ein Undankbarer seyn, der statt ^ (S7) statt zu danken, noch grob wäre. Der beste sohn, den wir von einer guten That erwarten können/ ist in uns selbst. Unser Gewissen sagt uns, daß wir vor Gott und allen rechtschaffenen Menschen brav gehandelt haben. Ueb- rigens werden auch die Undankbaren bon anderen Redlichen verachtet/ ja oft gar verlacht. In dem chursächsischen Amte Wendelstein gieng ein Mann in dem härtesten Winter/ und bey einem großen Schnee über Feld. Die dortrefliche Regel / im Winter auf Reifen keinen Brandewein zu trinken/ weil dieser noch mehr ermüdet/ kannte er entweder nicht/ oder war nicht Meister genug über seine Begierde. Er trank also doch welchen/ und war kaum eine Stunde gegangen/ als ihm eine außerordentliche Müdigkeit ankam. Statt sich nun noch mehr anzustrengen / um den nächsten Ort zu erreichen/ setzte er sich an einen Baum/ schlief ein / und erfror. Diesen nämlichen Weg gieng kurz darauf ein anderer Mann/ der alfo diefen Unglücklichen an dem Baum erstarrt/ und todt antraf. Da es ihm nun unmöglich war/ ihn allein fortzubringen / so sprang er ins nächste Dorf, machte 6ärni/ ließ sich einen Schubkarren geben/ fuhr zurück/ und packte den Erfrornen darauf. Es wurden einstweilen alle die Mittel angewendet/ die die Obrigkeit anempfohlen hat/ bis ein Arzt kam / der auch den Erfror- neu glücklich wieder zum l!eben brachte. ( 58 ) Der menschenfreundliche Erretter bekam ungefordert die Belohnung, die dem ausgesetzt ist, der sich solcher Verunglückten, als Er- frornen, Erhenkten, Ertrunkenen u. s. w. erbarmt. Nun wollte der Errettete die Hälfte der Belohnung haben, weil er meinte, daß sener ohne ihn nichts würde erhalten haben. Jedermann stellte ihm seinen Undank und Unverstand vor, aber er wurde dann noch grob. Da meldete es der Schulz im Amte , und der Undankbare bekam zur Belohnung einen Verweis, mit dem Zusätze, daß wenn er nicht ruhig wäre, man ihm einen Ort anweisen wollte, wo er wohl ruhig seyn sollte. Ein Bauer stürzte in Roßleben (einem Dorfe das in das nämliche Amt gehört, und i wo eine berühmte Schule ist,) von den Mühlrädern ins Wasser, gieng mit durch die Ra- I der durch, und würde ersoffen seyn, wenn nicht ein menschenfreundlicher Mann ins Wasser gesprungen wäre, ihn bey den Haaren gefaßt und herausgezogen hätte. Statt sich zu bedanken, setzte der Bauer ihn zur Rede, und beschwerte sich, daß er ihn so gerauft habe. Nun! einfältiger Mann, sagte jener, wie hätte ich es denn machen sollen, um Euch aus dem Wasser zu ziebn? Ach! antwortete der Undankbare, das hättet Ihr nicht nöthig gehabt. Ich hätte schon wollen herauskommen. Was an den Galgen soll, setzte er hinzu, ersäuft in keinem Wasser. Das ^ (L4) Ä«. Das hieß recht: Undank ist der Welt Lohn. Dieß Beyspiel von Undank wird blos erzählt/ um nicht darüber zu stutzen/ wenn es dir/ liebes Kind/ einst auch so ergehen sollte. Es giebt dergleichen nur wenige, und gesetzt es begegnete dir das, so suche den Liohn in dir selbst. Wie gewonnen so zerronnen. Lieder Mensch möchte gerne zu etwas kom- ->) men, wie man im gemeinen Lieben zu reden pflegt. Nur Schade, daß es viele verkehrt an- fangen. Der beste Erwerb ist der, den man sich durch Fleiß, Sparsamkeit und Redlichkeit verschafft. Aller andere Gewinnst verfliegt oft eben so geschwind, als er gekommen ist, oder wie das Sprichwort sagt : wie geworr- nen so zerronnen. Christoph Gagel spielte schon in seiner Jugend vor sein Lieben gern Würfel, und Kartenblatter konnten ihn mehr vergnügen, als andere Knaben ein gutes Buch oder ein schöner Lievkoyenstock, oder ein hübsches Bildchen. Wenn er ausgehen mußte, so konnte man sicher darauf rechnen, daß er mit einem andern Knaben ein Spiel um Geld machte, es mochte seyn, was es für eins wollte. Dadurch gewöhnte er sich denn so an das Spiel, daß er in seinen altern Jahren gar nicht leben konnte, wenn er nicht Karten sah oder Spiel- ge- (62) ^ gefellschaft antraf. Die erste halbe Stunde hielt er es in der Gesellschaft noch aus und gab zuweilen fein Wort auch mit ins Gespräch, aber nachher lief er in der Stube herum, als wenn er kein gutes Gewissen hatte, und vor Angst nicht bleiben könnte. So wie aber der Spieltisch zurechte gesetzt wurde, fo heiterte sich auch stin Gesicht auf. Er faß oft ganze Stunden alleine, misch, ks vor sich die Karten und nahm eben so vielen Antheil an Gewinn und Verlust, den er sich einbildece, als .wenn er wirklich im Spielen begriffen wäre. Alle Groschen die er ersparen konnte, fetzte er in (otterien und Mottos. Den Tag, wo die Ziehung war, brachte er meist müßig zu, weil feine Gedanken immer auf das große (oos gerichtet waren. Endlich glückte es ihm denn wirklich einmal, daß er einen ansehnlichen Gewinnst erhielt. Nun war ihm alles in der Welt zu verächtlich und zu klein. Er kleidete sich prächtig, machte alle (ustparthien mit, die müßige Menschen gedenken, und lebte in einem solchen Taumel fort, daß er erst daran dachte, eine andere (ebensart zu erwählen, da schon fast alles wieder fort war. Er wollte sich zwar wieder durchs Spiel und durch die (otterien helfen, aber sein Glücksstern hatte ihn verlassen. Arbeit, die er sonst auch nicht sonderlich liebte, war ihm sehr verdrießlich, da er sie nun ganz verlernt hatte. Er verlor nach und nach ^ c 6, ) nach sein weniges Geld, das ihm koch übrig geblieben war, ohngeachtet er kein ehrlicher Spieler war, und kam so weit herunter, daß er in öffentlichen Hausern den Aufwarter machte, um nur das Lieben davon zu bringen. Aber in seinem Alter hörte auch das auf, und er mußte zuletzt den weisen Stab ergreifen, das heißt, er mußte betteln gehen. Vater, sagte der kleine Jakob, der diese Geschichte mit anhörte, und ganz roch dabey wurde, weil er auch gern spielte, Vater! wer wird eschenn aber so einfaltig machen, wie der Christoph Gaßel. Ich hatte das Geld ganz anders anwenden wollen. Ich hatte mir wollen ein Gut kaufen, und das hatte ich mir wollen recht benutzen. Das denkst du, lieber Jakob, antwortete der Vater. Allein du verstehst das noch nicht recht. Die mehresten Menschen die durch Spielen oder andere glückliche Zufalle reich werden, werden gar bald wieder arm, weil sie nicht wissen, wie sauer es sich der sieißige Mann werden lassen muß, ehe er was zurücke legen kann. Neberdem kann das Geld, das man sich durch das Spielen erwirbt, keinen Segen bringen; weil es immer ein Diebstahl bleibt, man-mag es auch beschönigen, wie man will. Ich weiß du spielst auch gerne um Geld, aber wenn du mir als deinem guten Vater, der es gewiß mit dir redlich meint, folgen willst, so unterdrücke jq diese Neigung^ die (62) z? ^ die dich auch elend und unglücklich machet! wird. Ueberdem kannst du in der Zeit/ wo du spielst, was nützlicheres erlernen, und dich zu emem-Huten und brauchbaren Bürger bilden. Die Erfahrung lehrt uns , daß alle Spieler von Professron, elende und'unglückliche Men, schen sind. Es kostete dem kleinen Jakob lange Zeit und viele Mühe, seine Neigung zu bekämpfen, I aber er besiegte sie doch. Es gieng ihm auch in der Welt nicht übel. Unter zivey Uebeln muß man das kleinste wählen. ^^as kleine Friederik'chen war krank. Es klagte und winselte außerordentlich, und, doch wollte es von keiner Arzney etwas wissen. Kind! Hub die Mutter an, wenn es dir besser werden soll, so mußt du da die Tropfen ein, nehmen. Wahle! du mußt dich hier im Bette noch langer quälen, und kannst wohl endlich gar sterben, oder du mußt einnehmen? Ach! antwortete es, ich mag nicht sterben, aber die Tropfen schmecken doch auch gar zu bitter, so bitter wie der Tod. ,, Du bist ein einfältiges Kind! Dü möchtest nicht gerne sterben, und auch nicht einnehmen. Unter zwey Uebeln mußt du eines erwählen, das größere, oder das kleinere. Das bischen Uebelschmecken vergeht bald wie» der. » Hk- ( 6z ) zF- der. Und dann wirst du bald gesund, und kannst wieder herum springen. " Nü! so geben Sie denn nur die Tropfen her, antwortete es. Es nahm fleißig ein, und wurde bald wieder hergestellt. Ach! da dankte es der Mutter für ihre gute Ermahnung, und dem Arzt für seine guten Arzeneyen. ES ertrug lieber das kleinere Uebel, um dem grösser» zu entgehen. Ach! liebe Mutter, kam es einmal, laut klagend, aus der Kirche. Der garstige Winter ! ich bin ganz erfroren. Geben Sie mir doch ein Warmstübchen, wie andere Kinder auch haben. Nein, war die Antwort der verständigen Mutter- so lange ich dich lieb habe, kann ich dir hierinn nicht willfahren. Das Kohlenfeuer ist ungesund, macht Betäubung und Kopfweh, und überdies stärkt die Kalte» Wenn man sich nun so zärtlich gewöhnt, so kann man denn nichts vertragen. Bester ist es immer, man lernt kleine Widerwärtigkeiten ertragen, als daß man sich in der Zukunft vor einem jeden rauhen Lüftchen fürchten muß. Lriederikchen plagte nun die Mutter nicht Mehr, und lernte die Kälte ertragen, welches in der Folge sehr viel dazu beytrug, daß es beständig gesund war. Im Winter machte es sich oft in der freyen Luft Bewegrtng, und befand sich immer wohl dabey. Im Sommer hingegen konnte es auch der stärksten Hitze trotzen. An ^ (64) F An einem schönen sonnenreichen W nter« tage fuhr einmal die Mutter weg, eine nähr Anverwandtin zu besuchen, und nahm Lrte- derikchen mit. Da freute es sich recht herzlich auf ihre kleinen Vettern und Mühmchen, und durchlief in Gedanken schon alle Spiele, die ssle mit einander zu ihrem Vergnügen machen wollten. Aber diese hatten alle den Husten und Schnupfen. Kommt, sagte es, da es kaum angekommen war, kommt, wir wollen ein wenig auf den Schlitten fahren. Ach! wo denkst du hin? war die Antwort. In der grimmigen Kalte? Wir sind gestern draußen auf der Strasse gewesen, da haben wir den Husten und Schnupfen geholt. Da wunderte sich Lriederikchen , und wußte nicht, was Schnupfen und Husten war. Als sie wieder zurück fuhren , und Lrie- verikchen der Mutter klagte, daß das so weich, liehe und kränkliche Kinder waren, und daß sie sich mit ihnen in der freyen suft nicht habe der, gnügen können, so lehrte ihr die Mutter noch einmal, daß es gut wäre, die kleinen Nebel ertragen zu lernen, um sich vor den größer« zu bewahren. Denn es sey doch besser, setzte sie hinzu, ein wenig zu frieren, als sich weichlich zu gewöhnen, und dann immer ungesund zu seyn. Lriederikchen dankte der guten Mutter herzlich, daß sie es so gut mit ihr meinte. Der ^ (65) ZP Der Krug geht so lange zum Brunn bis er zerbricht* Hsrrguft HelwLg hatte drey Söhne, an denen ^ er alles chat , was ein guter Vater thun konnte / um sie in seinem Alter glücklich zu seihen. Der Jüngste besonders war sehr fleißig und was er angnff, verrieth viele Geschicklichkeit. Darüber freuten sich seine Aeltern außerordentlich. Aber ein großer Fehler, den er an sich hatte, machte ihnen seinetwegen doch manche trübe Stunde. Und dieser bestand darinne: wenn er was sähe, so wollte er es auch haben, und konnte er es nicht im Guten erhalten, so suchte er es heimlich oder mit sist zu bekommen. Dadurch gewöhnte er sich an Las Stehlen. Ob es gleich im Anfänge nur kleine Sachen waren , die er andern nahm, so wurde es ihm doch so zur Gewohnheit, daß er sich nach und nach auch an größern Sachen vergriff» So hatte er einmal ein Etur genommen, der Vater erfuhr es und wurde natürlich darüber sehr aufgebracht. Da er ihn oft wehmütig und mit Thra-> neu gebeten hatte , sich doch ja nicht unglücklich und elend zu machen , weil ein solches basier zum Galgen führe, und er dennoch sah, daß er mit guten-Worten nichts ausrichtete, so wurde er jetzt derh gezüchtiget, ja der Vater drohte ihm sogar, daß er im abermaligen llebertrettungsfalle ihn ins Zuchthaus stecken E lassen ^ ( 66 ) gK lassen würde. Hatte er nun seinem guten Vater gefolgt, so würde er ohnstreitig in der Weit glücklich und zufrieden gelebt haben: aber er unterdrückte diese Neigung nach fremden Gütern nicht/ welches er leicht gekonnt hatte, da er noch jung war/ und sich nur einige Gewalt hätte anthun wollen. Jndeß gelobte und versprach er seinem Vater alles mögliche. Dieser glaubte auch, er hatte dieser Sünde entsagt/ aber da irrte sich dieser gute Mann sehr; denn heimlich stahl er noch immer fort. In seinem vierzehnten Jahre brachte ihn der Vater auf das Handwerk/ wo er sich, zur Freude seines Meisters und seiner Aeltern recht gut anlies: denn Geschicklichkeit und Fleiß konnte man ihm gar nicht absprechen/ und sein Betragen gegen andere war sehr artig, ! und höflich. Aber was hilft das alles / wenn I der Mensch dabey lasterhaft ist. Laster macht ' ja allemal elend. Er war kaum einige Zeit da, so sieng er seine gottlosen Streiche von neuem an. Der Meister- ertappte ihn über einem Diebstahl, peitschte ihn derb aus, und da immer mehr Spitzbübereyen von ihm herauskamen, so schickte er ihn seinem Vater wieder zu, welcher sich so sehr darüber grämte, daß er kurze Zeit darauf starb. Nun lag er seiner Mutter zur Last und zum Verdruß, und doch that sie noch alles mögliche, um ihn von diesem Laster zu heilen, aber es war alle Mühe vergebens. Er wurde grö- ^ (67) ZK größer/ aber auch bey allen Menschen verhaßter. Man sah ihn lieber gehen als kommen, weil er allgemein als ein Dieb berichtigt war. Nun wollte er doch auch nicht gern Schimpf und Verachtung ertragen/ er gieng also unter die Soldaten / die letzte Zuflucht aller (afterhaften / Unnützen und Taugenichtse. Anfänglich hielt er auch hier sich dem Aeußerlichen nach sehr gut. Sein Hauptmann gewann ihn lieb und vergönnte ihm mehr Frey- heic als andern. Ja er wußte sich bey ihm so einzuschmeicheln/ daß er immer um ihn seyn mußte. Und nun wird er sich doch gebessert haben? Keinesweges. Er sähe bald die Gelegenheit ab / seinen Hauptmann bestehlen zu können. Er that dieses im Anfänge unvermerk- lich/ machte es arger, wurde zuletzt ertappt, und mit Spißruthen belohnt. Als ein Dieb unter seinen Cammeraden verachtet, beschloß er zu desertiren, welches ihm auch gelang. Aber wo wollte er nun hin? Nichts ordentliches hatte er erlernt, von neuem unter die Soldaten zu gehn hatte er keine (ust, er gesellte sich also zu einer Diebesbande, welche die Post beraubte, erhascht und im kurzen aufgehangt wurde. Da ihm in seinen letzten (ebenstaqen ein Geistlicher zugegeben wurde, so kamen oft andere Menschen, um die Unterredungen mit anzuhören. Sie erstaunten über seinen Verstand und über seine klugen Antworten die er E - ofr A (68 ) ^ oft gab/ und man bedauerte ihn allgemein. Ach! sagte er / ich bin nicht zu bedauern. Hatte ich meinen Aeltern und andern guten Menschen gefolgt/ so wäre ich ohnstreirig jetzt sehr glücklich / aber das that ich nicht. Ich lernte nicht früh meine Begierden unterdrücken, und hielt mich nur für glücklich / wenn ich sie befriedigen konnte/ aber sie haben mich in das Elend gestürzt. Ich habe sie so lange befriedigt/ bis ich des schändlichsten Todes sterben muß. Vater und Mütter nahmen oft ihre Kinder mit/ und ließen ihn zur Warnung und Exempel seine sebensgeschichte erzählen. Vorzüglich lernten sie daraus / daß man früh die , herrschenden Neigungen unterdrücken müsse, wenn es den Menschen in der Zukunft wohl ! ergehen soll. Die Nacht ist Niemands Freund. ! ! F>ies Sprichwort ist zwar im eigentlichsten Sinne wahr; unterdessen hat man doch mit Recht jene unglückliche Zeit/ wo man i noch an Gespenster/ Hexereyen und Teufels- Verbindungen glaubte / mit einer Nacht verglichen/ in der man nicht sicher war/ Ehre, Gut und seben zu verlieren/ so bald es dem Narren/ oder dem Bösewichre einfiel/ einen ehrlichen Mann/ oder eine gute und stetige Hausmutter der Hexerey oder Zauberey, und ^ rs?) F und anderer Sprößlinge des Aberglaubens zu beschuldigen. Danke liebe Jugend der Vorsehung, daß sie dich in Zeiten gebohren werden ließ, wo doch größtentheils dieser Aberglaube ausgerottet worden ist. UebrigenS wirst du noch manchen Menfichen finden, der noch steif und fest an alle diese Dinge glaubt. Bemühe nun auch dich, dein Scherffein zum allgemeinen Menschenwohl zu liefern. DaS pirstdu, wenn du dich bestrebst, andere von diesem fürchterlichen Aberglauben zu befreyen. Er bleibt immer schrecklich und fürchterlich. Denn wenn er es auch nicht wagt, Menschen zu morden, so richtet er doch Zank, Verlaum- dung und Uneinigkeit an. Tritt also diesen schrecklichen Aberglauben, wo du kannst, mit Füßen, und freue dich, wenn du nur einen Menschen davon geheilet hast. Wenn du größer werden wirst, wirst du auch Gelegenheit dazu , finden. ! Wie schrecklich und fürchterlich dieser ! Aberglaube sonst wüthete, kannst du aus folgender Geschichte leicht sehen. ^ Der Bischof Philipp Adolph zu Würz- > bürg, der zu Anfänge des vorigen Jahrhunderts lebte, machte es sich besonders zur Pflicht, sein Bisthum von allen Zauberern, Hexenmeistern und Hexen zu reinigen. Schon sein Vorfahrer hatte ein besonderes Gefangniß für ! die Hexen erbauen lassen, aus welchem ein unterirdischer Gang nach dem Hause zugieng, w- ^ c 7--) wo über sie gerichtet wurde , damit sie nicht etwa jemanden bezauberten, wenn sie über die Strasse geführet würden. Der sicherste Beweis, daß es niemals Hexen gegeben hat , ist der, baß sie sich haben verbrennen laßen. Denn hatten sie mit dem Teufel ein Bündniß gehabt, so hatten sie sich ja mit seiner Hülfe nur in eine Katze, in eine Maus, oder was dem ähnlich, verwandeln dürfen, und husch! waren sie weg gewesen Aber da sie das nicht konnten, so ist auch das alles klare Dummheit und Unsinn. Und überdem steht in der Bibel mit ausdrücklichen Worten, daß der Teufe! mit Retten der Finsierniß gebunden sex : folglich ist er auch nicht vermögend sich mit jemanden zu verbinden, oder sonst den Menschen zu schaden. Diejenigen, die dem Teufel noch so viele Wirkungen zuschreiben, müssen keine gute Kermk- niß von der Religion haben, weil die Bibel mit dürren Worten sagt, daß Jesus die Menschen auch vom Teufel erlöset hatte. Der arme Wicht kann uns also nichts anhaben. Dieser Bischof nun gieng in seinem Eifer l soweit, daß er wirklich schon 2 ly Personen i durch Feuer und Schwerd hatte hinrichten las- ! sen, die alle der Hexerey beschuldigt worden ^ waren, als noch die Reihe seinen Vetter traf, welcher sein Bruderssohn war-, und mit dem auch die sinie ausstarb. Es war ein Herr von Ehrenberg. Dieser junge Mensch, der damals A ( 71 ) ohngefahr ^6 Jahre alt war, studierte in Würzburg. Eine Base, die er oft besuchte, sollte ihn zur Zauberey verführet haben. Sie kam, nach seinem Vorgeben, des Nachts zu ihn*, wenn er schlief, und nahm ihn durch das Fenster mit auf den Hexenplatz. Ohn- streitig waren das lauter lebhafte Traume, und man war damals einfältig genug, alle diese Erzählungen für baare Wahrheit anzunehmen. Diese sust soll er ein ganzes halbes Jahr getrieben, und seine Mitschüler auch dazu ermuntert haben, eine solche angenehme Reise mitzumachen. Ordnung im Essen und Trinken, hinlängliche Bewegung des Körpers, und eine geschickte Behandlung seiner Aufseher, würden ihn ohnstreicig von seinen Träumen befreyek haben, wenn man nicht in den damaligen finstern Zeiten allenthalben den Teufel gerochen hatte. Der Bischof erfuhr es, und übergab ihn den Vätern von der Gesellschaft Jesu, wie sie sich nennen, die sich auch alle Mühe gaben, den jungen Menschen aus den Klauen des Teufels zu retten. Ein Jesuite schlief bey ihm, und demungeachtet kam die Frau Base, und holte ihn aus dem Bette weg, und doch lag der junge Mensch früh in aller Ordnung da. Da er es selbst erzählte, daß er sich des Nachts wieder einmal vergnügt hatte, so zweifeste man gar nicht an seiner Erzählung. ^ ( 72 ) l Da nun die Jesuiten den Teufel nicht vertreiben konnten, so nahm ihn der Bischof wieder weg, und übergab ihn den Franziska, nern, van denen man glaubte/ daß siechen Teufel besser ängstigen und quälen könntet als jene, aber auch sie waren nicht im Stande, den jungen Menschen zu heilen, ohngeachtet sie ihm eine Stola, Skapulier und Reliquien, Amulette und Agnus Dei umhi'eNgen. E? erschien richtig auf dem Hexenplaße^, war aber auch allezeit richtig in seinem Bette da, weil er natürlich niemals aus dem Bette gekommen war, außer im Traume. > Der Bischof war endlich des Dinges müde, und berref seine geistlichen und welch- l chen Rache, mit deren Zuziehung er dem um glücklichen Jüngling das TodeSurtheil cmkün- ! bigte, das dieser zwar anfänglich nicht im Ernst aufnahm, als er aber seinen Beichtvater und den Scharfrichter erblickte, für Schrecken M wüchend in dem Zimmer h^rumsprung, weil der Anblick des Scharfrichters mit dem Schwerem dem Jünglinge, der.noch erst zu leben dachte, leicht Raferey erwecken konnte. Der Beichtvater näherte sich ihm, zeigte ihm das Crucifix und die 5 Wunden Jefu, allein der Jüngling achtet nicht darauf, und soll das Crucifix an- gespuckt haben. ! Der Beichtvater öat den Bischof um Gnade, aber vergebens. „ kmt juüma pe- reac muuäus, war die Antwort. Ich will lieber ^ c 7r ) lieber keinen Stammhalter haben, als zugeben, daß meine Familie durch einen Zauberer fortgepsianzt werden soll." Der Beichtvater kündigte also nochmals dem unglücklichen Jüngling das Todesurtheil an, mit dem Zusatze, daß.weder in dieser noch in jener Welt Gnade für ihn sey. Der arme Mensch! als wenn es bcy ihm stünde, die Gnade Gottes auszu- theilen, wem er wollte. Auf diese Nachricht lief er in allen Ecken des Zimmers gleich einem Rasenden herum. Der Scharfrichter wollte und konnte sein Amt nicht verrichten, weil ihn niemand angreifen und handfeste machen wollte. Das Blutgerichte befahl, man sollte ihn hinrichten, wie man könnte. Der Scharf- - richter lief ihm also in dem Zimmer nach, hieb ihn auf der rechten Seite des Halses hinein und unter dem linken Arm hinaus, so daß er in 2 Stücken aus einander fiel. Trauriges Ende eines armen Jünglings, der, wenn man nur gesunden Menschenverstand gehabt hatte, leicht durch einen geschickten Arzt von seiner Träumerei) hatte befreyet werden können! Allein damals war es Mode-Glaube, daß der Teufel sein Spiel mit dem Menschen habe, und oft trug es sich zu, daß dergleichen Un- schuloige am Ende selbst fest und steif glaubten, sie stünden in einem guten Vernehmen mit dem Satan, der aber, seit dem er aus der Welt verwiesen worden, nicht mehr im Stande ist, eine Laus zu machen. ^ (74) ZK Dieser Bischof würde auch in seinen, Eifer oder vielmehr in seiner Raserey noch weiter gegangen seyn, wenn ihm nicht der Kaiser verbochen hatte- keine Hexen mehr hinzurichten. Dieser furchtbare Aberglaube hat fast bis an die Mitte des jetzigen Jahrhunderts, mir freylich nicht so allgemein, als in den frühem Zeiten, gewahrt, und in manchen (andern, wo noch eine dicke Nacht sich verbreitet hat, trist es zuweilen noch, daß man eine Person gesanglich einzieht, weil sie Hexerey getrieben haben soll. Niederträchtige und boshafte Gemächer geben auch wohl vor , daß sie von der oder jener Person behext wären, und wissen ihr Vorgeben durch verschiedene Anzeichen zu beweisen, blos um die Person in das Unglück zu stürzen. So trug es sich vor nicht gar langen Jahren zu, daß in einem Weimarischen Dorfe eine Weibsperson jedermann weiß machen wollte , sie sey behext, und wirklich gab sie Haare, Kanker und andere Unreinigkeiten von sich. Der . größte Theil der Nachbarn hielt die Sckche für ganz ausgemacht. Zuletzt, sagte sie, wird man auch erfahren, wer die Hexe ist, die mich bezaubert hat. Sie brach ein Büchschen von sich, in welchem ein Zettel mit folgendem Namen war: Anna Barbara Laugin. Das war die Frau, bey welcher sie gedient/ und die sie wegen vermiedenen schlechten Streichen aus dem Hause gejagt hatte. Der Prediger war so vernünftig die Sache naher zu untersuchen. Er gieng in die Schule und ließ sich von jedem Knaben diesen Namen schreiben < und da fand es sich denn, daß die eine Hand mit dem geschriebenen Zettel ganz gleich war. Er fragte den Knaben / ob er vielleicht der bekannten Weibsperson diesen Namen geschrieben habe/ welches er mit Ja beantwortete. Dieß und andere Anzeichen waren ihm Beweis genug/ daß sie eine Betrügerin war/ die es darauf angelegt hatte/ die arme Frau ins Unglück zu stürzen. Die niederträchtige Magd wurde gefänglich eingezogen, und gestand endlich/ daß sie die Haare/ Kanker/ und das Büchschen verschluckt und wieder weggebrochen habe, um ihrer ehemaligen Frau zu schaden. Sie fand mit Recht ihren fohn im Zuchthause. Noch giebt es auf dem fände feute genug/ die, wenn die Kühe keine oder blaue Milch geben, steif und fest glauben / daß ihre Kühe behext waren/ auch wohl gar die Perfon kennen wollen/ die das getha« haben soll / da doch die Ursache in den Futterkrautern liegt / die entweder die Milch zurückhalten oder sie färben. Man hat dagegen verschiedene natürliche Mittel/ um diese Uebel wieder wegzuschaffen. ^ (76) ^ Dieser fürchterliche und scheußliche Aberglaube macht noch jetzt, besonders unter dem Landvolke, viel Unglück. Ganze Familien enr- zweyen sich dadurch» Niederträchtige Menschen ziehen von diesem Aberglauben Vortheil und sehen es also nicht gern, wenn er auöge- rottet wird. Wer also einen Beytrag zur Vernichtung liefert, er sey groß oder klein, der wird nicht wenig Gutes stiften. So viel Köpfe, so. viel Sinne. ^err Worthmann, der ein großer Kinder- freund war, machte sich oft das Vergnügen mit Kindern spazieren zu gehen, und steuere sich, wenn er ihre Wißbegierde durch verschiedene Erzählungen befriedigen konnte, so wie sich die Kleinen auch wiederum freuten, wenn sie etwas von ihm gelernt hatten. Einst erblickte eines von ihnen etwas von ferne, das zum Streiten Anlaß gab. Es war schon dammerigt und sie konnten also nicht genau unterscheiden, was es war. Einer behauptete, es wäre ein Neuter, ein anderer, es wäre eine Frau mit einem Korbe. Jeder hatte nun seine Meinung, und sie wurden auch nicht einig, da sich der Gegenstand immer mehr entfernte^ Sie stritten sich noch lange darüber. Endlich sagte einer, mit Nahmen Gottlieb, das heißt recht: so viel Röpfe, so viel Sinne. Verstehst du denn auch, was das heißen soll, er, wie-' ( 77 ) rviederte Herr Worthmann? Ich verstehe es ja wohl so halb und halb, antwortete er, aber ste würden uns doch einen großen Gefallen thun, wenn sie es uns naher erklärten. Das that er auf folgende Art: Das Sprichwort zeigt die Verschiedenheit des menschlichen Denkens und Handeln an, und enthalt die lauterste Wahrheit in sich. Diese Verschiedenheit ist eine der wohl- thatigsten Einrichtungen des unendlich weisen Gottes, die man in der ganzen Welt erblickt. Da ist kein Mensch oder Thier, kein Baum oder Blatt das dem andern völlig gleich sähe. Nur selten ist die Aehnlichkeit so groß, daß man in Gefahr ist, sich zu täuschen. Giebt mau aber genau acht, so wird man doch allemal etwas bemerken, was das eine von dem andern unterscheidet. „Aber warum hat denn das der liebe Gott so gemacht? fragte Gottlieb." Gott hat bey allen seinen Veranstaltungen gute und weise Absichten, die wir zwar nicht allemal ergründen können, aber wenn ' wir über eine Sache recht Nachdenken, so können wir auch gar leicht eine und die andere Ursache entdecken. Würde denn dir dieser Wald gefallen, wenn alle Bäume gleich groß, wenn ein Blatt wie das andere wäre? Oder gefällt er dir besser, wenn du bald eine Eiche, bald eine Ande, bald eine Buche, und so weiter flehest? Kurz gefällt dir diese Mannigfaltigkeit an unserm Walde? ' „ Es ^ (78) ^ „Es gefallt mir besser, wenn ich verschiedene Baume antreffe." Die Verschiedenheit der Baume gefallt dir also. Heute sind wir in Herrn Doktor Weismantels Garten gewesen. Warum fandest du ein so großes Vergnügen über seine Nelken-Flor? „Weil er so schöne und so mancherley Blumen hatte." Du siehst also wieder daraus, daß uns die Veränderung Vergnügen verschafft, und Gott hat es folglich sehr gut mit uns gemeint, daß er jeder Blume eine andere Farbe und Gestalt gegeben hat, wodurch unser Auge entzückt wird. So singt die Nachtigall anders als die ferche, das Rothkelchen anders als der Stieglitz, und eben dieser mannichfaltige Gesang der Vögel macht uns so viel Vergnügen auf unfern Spaziergängen. So gehr es nun mit allen Sachen, davon viele ihren Reitz für uns verlieren würden, wenn sie uns nicht durch ihre Mannigfaltigkeit zum Genuß und zur Freude einlade- ten. Sieh dort jene Berge, davon immer einer höher ist, als der andere, welch einen prächtigen Anblick sie gewahren! Dort jenen Fluß, wie er sich in diesem Thale hinschlangelt! Dort die Felder, deren Halme die fuft sanft hin und her wieget! Diese Aussichten entzücken uns. Gott verdient also unfern innig- ^ c 79) nigsten Dank für diese trefliche Einrichtung, die er in der Welt gemacht hat. Eine ähnliche Bewandtniß hat es auch mit den Menschen. Sie sehen nicht nur verschieden aus/ sondern denken auch ganz verschieden. Der eine stellt sich die Sache auf die Art, der andere auf eine andere Art vor, wie das kurz vorhin der Fall war, da ihr euch nicht über den Gegenstand, den ihr erblicktet, bereinigen konntet. Die Menschen können daher auch nicht überein glauben, weil der Glaube von unserm Denken abhangt, und da die Denkungsart so verschieden ist, so muß auch der Glaube verschieden seyn; es wäre denn, daß die Menschen gar nicht dachten. Diesen Grundsatz kannte der große und weise Friedrich II. , der letzt verstorbene König in Preußen sehr wohl, der jedem erlaubte zu glauben was er wollte, wenn er nur ein guter Bürger war, und mit seinem Glauben keinen Schaden anrichtete. Durch Befolgung dieses wahren und richtigen Grundsatzes hat er sein fand bevölkert und seine Staaten wohlhabender gemacht. Friedlich wohnt daher in jenen fanden der Katholik neben dem futhera- ner, dieser neben dem Reformirten u. s. w. So duldsam nun dieser große Fürst gegen jeden Menschen war, eben so duldsam, oder wie man das auch nennt, so tolerant, sollte nun auch jeder denken. Wir sollen nach der fchre Jesu alle Menschen, sie mögen sich< neu- A (So) F- riennen/ wie sie wollen/ lieben/ das heißt/ gefällig/ liebreich/ wohlthätig und barmher- zig gegen sie seyn. Gesetzt! ein Mensch irtte sich. Je nu! wenn ihn der liebe Gott auf der Erde duldet/ warum sollte ich nicht auch so handeln? Zumal, da jeder Mensch am besten handelt/ wenn er Gott nachzuahmen sucht. Ueberdem hat niemand als Gott das Recht nach dem Glauben zu fragen/ wiewohl er einstens noch mehr nach des Menschen Thun fragen wird/ wie das der Herr Jesus selbst gelehrt hat/ wenn er sagt: Daß nicht alle, die ihn blos -Herr nennen würden, in das -Himmelreich kamen, sondern die den Villen Gottes rhaten. Ich sähe einmal in einem Dorfe am Rheine zween Knabe»/ die ein Judenkind m der Mitte hatten/ das von ihnen auf das ärgste gemißhandelt wurde. Ein anderer Knabe kam dazu/ nahm das gemißhandelte Kind in seinen Schutz/ und verwies ihnen ihre Ungezogenheit. Was willst du denn/ sagte der eine/ es ist ja nur ein Judenkind. So? antwortete der edeldenkende Knabe/ wenn du also unter den Juden gebohren wärest/ so hätte ich ja wohl auch ein Recht/ dich zu mißhandeln? Dagegen hast du nichts beygetragen/ daß du unter Christen gebohren bist. Oder wärest du Ln Constantinopel jung geworden/ so wärest dn vielleicht ein Muhametaner. Geh und schar me dich deiner Gottlosigkeit! ^- ( B Diese Knaben hatten den ersten und vor- nehmsten Grundsatz der christlichen Religion noch nicht recht gefaßt/ der also lautet: was du willst, das dir die Leute thun sollen, das tbue ihnen auch. Jeder Mensch in der Welt möchte nun gern Gott so anbethen, wie er glaubt/ daß es Gott am angenehmsten ist. Würde nun ein solcher nicht ungerecht handeln, der einen andern deswegen kranken wollte, weil er nicht von seiner Religion wäre? da er sich selbst gewiß sehr beschweren würde, wenn man gegen ihn so Verfahren wollte. Ferner. Unter allen Völkern und Nationen giebt es brave und rechtschaffene Menschen, die gewiß dem guten Vater der Menschen werth und angenehm sind, weil sie tu- gendhaft leben, und in der Bibel steht ausdrücklich , daß unter allen Völkern und Nationen Gott nur diejenigen am liebsten hatte, die ihn fürchteten und recht thaten. Man darf also niemanden wegen seiner Religion hassen oder wohl gar verfolgen. Die aber dennoch das thun, haben durchaus keinen Anspruch auf den Namen Christen zu machen, weil sis das erste Geboth der christlichen Religion — alle Menschen als Brüder zu lieben — übertreten , wenn sie sich auch rechtgläubige Christen nennen sollten. Hast du denn, fragte Herr Worthmann den lehrbegierigen Gottlieb, mich nun verstand F den, ^ ( 82 ) den, was ich damit habe sagen wollen? Ja, war die Antwort. Die Menschen denken verschieden , und handeln eben so verschieden. Da sie nun der liebe Gott so gemacht hat, so darf ich auf keinen Menschen böse seyn, der nicht so denkt und glaubt wie ich: ich muß also auch jeden ungekränkt in seinen Glauben lassen und neben mir dulden, weil ihn der liebe Gott auf dieser Welt duldet. Gott gebe daß du immer so denkst, sagte Herr Worthmann darauf, und so oft du dieses Sprichwort: so viel Röpfe, soviel Ginne, anführen hörst, so erinnere dich an unser Gespräch, und befolge die Grundsätze, die ich dir heut gelehrt habe. Noch eins, lieber Gottlieb! fuhr Hm Worthmann fort, um dir das, was ich gesagt habe, recht deutlich zu machen. Meynest du wohl, daß wir schon alles wissen, und nicht nöthig haben, noch mehr zu lernen? Gottlieb. Sie haben mir ja schon oft gesagt, daß der Mensch nie auslernte. Worthmann. Nichtig! denn jährlich und täglich werden neue Wahrheiten und Entdeckungen gemacht. -Hersthel, wenn du von diesem berühmten Astronomen gehöret hast, hat viele wichtige Entdeckungen in dem Monde gemacht. Jetzt könnte es uns vielleicht gleich viel seyn, was da oben vorgienge, aber wir können nicht wissen, ob nicht in der Folge diese Entdeckungen für uns von unaussprechlichen Seegen sind. Men- ^ ( 8Z ) zP Menschen, die weiter nichts darüber nachdem km, lachen und spötteln wohl gar darüber, aber aus dem Urtheile solcher Schwachköpfe muß man sich nichts machen. Ein großer Mann, Namens Neuton, lag einmal unter einem Baume, und sähe von diesem einen Apfel fallen. Dieß gab ihm Gelegenheit, der Welt die wichtige Wahrheit bekannt zu machen: daß alle Rö; per vermöge chrer eigentvümlichen Schwere nach oer Erde sich neigen. Wie die Luftmaschinen entstanden sind, weißt du. Der große Franklin hat die Blitzableiter und die -Harmonika erfunden. Wenn nun alle diese Männer überein gedacht hatten, würden wohl alle die mannichfaltigen nützlichen Entdeckungen gemacht worden seyn? Oder würden sie sich nicht vielmehr mir einerley Sachen, die wohl unnütze gewesen waren, abgegeben haben, und jene gar nicht zum Vorscheine gekommen seyn? Gortl. Doch wohl! worrhm. Also hat Gott es darinn sehr weislich gemacht, daß die Menschen verschieden denken, weil sie dadurch auf mancherley Erfindungen, Entdeckungen und Wahrheiten kommen, die dem menschlichen Geschleckte sehr heilsam und nützlich, sind. Die Erfahrung bestätigt es auch. Zn den Ländern, wo einerley Glaube und Meinung seyn soll, sieht es wirklich noch sehr finster und trübe aus, und F A die s 84 ) die Menschen sind in einem solchen Zusta«i>! in der That sehr elend. Gotll. Nun verstehe ich es erst recht. Wenn die Menschen nicht verschieden dachten, so würden auch keine neuen, oder doch sehr wenige Entdeckungen gemacht werden. rvorchm. Ganz recht! Auch das ist für die Menschen gut, wenn die Gelehrten, so bald es nur mit Bescheidenheit und Gelassenheit geschieht, und es beyden nur um die Wahrheit zu thun ist, sich über manche Sachen streiten. Denn je mehr sie eine Sache untersuchen, je besser lernen sie selbige kennen, und am Ende ist das für alle Menschen sch gut. Man kann daher einer Sache seinen Beyfall nicht schenken, ohne dcsnwgen den zu hassen und zu verfolgen, der sie lehrte, oder behauptete. Und wenn alle Menschen so dachten, und nach dieser Denkungsart handelten, so wäre diese übereinsiimmende Gesinnung aller, es nur allein , die man dem ganzen menschlichen > Gescblechte anwünschen sollte, weil dann viel Unglück und Elend in der Welt wegfallen würde. Hochmuth geht vor dem Fall. ^?riedemann Silberreicb hatte schon in st'nee <) Jugend einen außerordentlichen Hang vor andern Menschen sich auszeichnen zu wollen/ nicht * (LZ) F nicht etwan, weil er es für Pflicht gehalten hatte/ recht viel zu lernen, um den Menschen nützlich zu seyn, sondern aus blosser Eitelkeit. Er wollte in der Welt glanzen, und den grossen Mann machen, wie man zu reden pflegt. Dabey vergaß er denn, sich solche Kenntnisse zu erwerben, die uns Achtung bey andern Menschen zuwegebringen, und zu unserm Er- -enwohle durchaus nöthig sind. In seinen Zünglingsjahren zeichnete er sich durch weiter Nichts aus, als durch Prahlen, durch eine kostbare Kleidertracht, und andere solche Dinge, die ihn bey andern verdienten Männern lächerlich machten, und die zu seiner Veredlung nicht das mindeste beytrugen, ja vielmehr ihn noch verschlimmerten. Er sah jeden andern, der sich nicht so vornehm trug, über die Achsel an, und glaubte, die Verdienste lagen in Kleidern. Bey allen seinem Hochmurhe war er einfaltig genug, sich oft in Gesellschaften lächerlich zu machen. Um seinem Hochmuthe zu fröhnen, war er selbst wohlthatig, und wenn ein Beytrag zu Unterstützung irgend eines Unglücklichen eingesammelt wurde, so konnte man sicher darauf rechnen, daß der seinige sehr ansehnlich war: demungeachtet war er bey niemanden beliebt, weil man die Ouelle seiner Wohlthaligkeit kannte. Die Schmeichler hatten von ihm den besten Genuß, und gewöhnlich hatte er in seiner Gesellschaft Lobredner, die ihm stets Weyh- ^ ( 86 ) Weyhrauch streuen mußten. Er wollte sich immer das Ansehen geben, als wenn er seine wohlrhätigen Handlungen im Stillen ausübte, aber er hatte schon seine §eute gedungen, die . sie ausposaunen mußten. Da er überdem als ein wohlhabender Mann bekannt war, (denn seine Aeltern hatten ihm ein ansehnliches Vcr- mögen hinterlassen) so fehlte es nicht an Bücklingen und Verbeugungen, die man —nicht seiner Person — sondern seinem Gelbe machte. Kam ein Armer zu ihm, und bat ihn um Unterstützung, so schalt er ihn erst aus, und nannte ihn liederlich, faul und unordentlich, ehe er ihm etwas gab. Seine Unanständigkeit gieng oft so weit, daß er es in öffentlicher Gesellschaft manchem vorwarf, daß er durch seine Unterstützung erst zum Manne geworden sey, wenn sie auch oft nicht viel zu bedeuten hatte. Er durfte daher nicht einmal auf Dankbarkeit rechnen, da er sie sich schon selbst durch seinen Vorwurf genommen hatte. Und auf diese Art machte er sich, selbst durch seine Wohlthatigkeit, verhaßt. Bis jetzt hieß er noch immer schlechtweg Herr Silberreich. Das war ihm zu wenig, er trachtete also nach einem Titel. Aber ein Titel ohne Amt war ihm auch zu verächtlich; er wußte daher sich ein. Amt durch Geld zu verschaffen, das er weder durch Verdienste, noch durch Geschicklichkeit erlangen konnte. Er bekam eine Steuerkasse zu verwalten, die betracht- ^ ^ (87) Ä- trachtlich genug war, und zugleich den Titel als Herr Steuerrath. Jetzt blies er die Backen noch einmal so arg auf, als sonst, da er der Herr Steuerrath Silberreich genannt wurde, und ließ es auch nicht daran fehlen, seinen Hochmuth noch mehr zu zeigen; aber es war auch die Zeit da, wo er ihn an den Rand des Verderbens brachte. Er hatte zwar ein Amt erhalten, wußte es aber nicht zu verwalten. Sein Schreiber und sein Bedienter, die vor ihm krochen, und ihn ihren gnädigen Herrn nannten, waren schon mit einander einverstanden, ihren Schnitt zu machen. Denn er selbst war nicht im Stande, die Rechnungen zu übersehen, und mußte sich folglich diesen ganz allein überlassen. Sie fiengen es auch recht darauf an, daß auch der beste Rechenmeister und Sachverständige nicht klug in feinen Rechnungen werden durfte, und waren verschmitzt genug, ihn nicht in ihre Karte sehen zu lassen. Ehe nun einige Jahre Hingiengen, war man von Obrigkeitswegen genöthigt, seine Kasse und Rechnungen durchsetzen zu lassen. Man fand einen außerordentlichen Mangel, und der Herr Steuerrath bekam Arrest. Unterdessen hatte sich der Schreiber sammt den Bedienten aus dem Staube gemacht, und er konnte von nichts Rede und Antwort geben. Man sähe zwar ein, daß er die Sache nicht verstanden hatte, er verlor aber doch dabey fast 5L ( 88) g» fast,all sein Vermögen, und sein Amt. Ein Unglück für ihn, welches er fast nicht übersehen konnte! .Denn das konnte er leicht merken, daß sich viele über seinen Fall freuen würden. Darinn irrte er sich auch nicht, denn er hatte sich durch sein hochmüthiges, und dabey grobes Betragen viele Feinde gemacht. Der schöne Plan, unter seinen Mitbürgern zu glanzen, war nun vereitelt. Er war nun der arme, der abgesetzte Steuerrach. Wahre Kenntnisse fehlten ihn, um auf irgend eine andere Art sein Brod zu verdienen. Und es giebt ja freylich auch Undankbare unter den Meuschen — die am meisten von ihm ge, nossen hatten, thaten gar nicht, als wenn sie ihn kennten. Gram über den Verlust seines Vermögens , über den Verlust seiner eingebildeten Ehre, die traurigsten Aussichten in die Zukunft, Verachtung bey seinen Mitbürgern, alles das zog ihm ein schleichendes Fieber zu, das bald seinem seben ein Ende machte. Der Klügste giebt nach. A>er Verfasser dieses Büchleins gieng einmal spazieren; und kam an einen Berg, wo ein Fuhrmann hinauf und der andere herun- terfuhr. Beyde fuhren auf einander hinein, als wenn es so seyn müßte. Das wird gut werden, dachte er, da wird es etwas zu zanken ^ (89) F ken geben, und vielleicht gar zur Schlagerey kommen. Ans einmal standen die Pferde aneinander/ und nun erhob sich folgendes Gespräch zwischen ihnen. Der eine mag Caspar, der andere Döffel heißen. Caspar. Warum weichst du nicht aus? Döffel. Je! warum weichst du denn nicht aus? Caspar. Ich brauch es nicht. Döffel. Ich auch nicht- Caspar. Du stehst ja aber/ daß ich gefahren komme. Döffel. Das hast du ja auch gefehn. Caspar. Ich will dich bald kriegen, (indem er nach der Karnhacke fuhr und ste drohend in die Höhe hob.) Ich frage dich / ob du ausweichen willst oder nicht? Döffel. Nein! das thue ich nicht. Caspar. Nun so weich ich aus. Hott s her! Da fuhr er hin und auf einmal hatte der Streit ein Ende. Der Verfasser erzählte dieß in einer Gesellschaft von Kindern/ die recht herzlich über den drolligten Fuhrmann lachten/ der stch so böse stellte und am Ende doch nachgab. Welchen/ fragte er, haltet ihr wohl für den klügsten? Je nu! war die Antwort/ der nachgab. Merkt euch das hübsch, fuhr er fort. Es kann euch auch einmal in der Welt begegnen/ daß ihr unvermuthet in Verdruß oder Zank ^ ( 9° ) Zank kommet Da gebt lieber nach , als daß ihr auf eurem Kopfe beharret/ und euch alle nur mögliche Unannehmlichkeit zuziehet. // Soll man denn aber allezeit nachgeben, fragte Fritz?" Ja! fo lange man kann. Wenn aber jemand von dir etwas verlangte/ was wider die Tugend / wider die Rechtschaffenheit oder wider die guten Sitten liefe, dam: mußt du in deinen Betragen standhaft feyn. In vielen Fallen kann man gar wohl nachgeben, ohne daß unfere Ehre und Rechtschaffenheit dadurch beleidiget wird. Wenn du alter wirst, so kann es vielleicht einmal treffen, daß du von einem unbesonnenen Jünglinge beleidiget wirst. Es wird dich zwar kranken, aber rhue, als wenn du es nicht gehört hattest, oder, wenn er dich von neuen beleidigen sollte, geh lieber aus der Gesellschaft weg Jeder kluge und rechtschaffene Mann wird dich loben, und du wirft gewiß in jeder andern Verlegenheit von ihm beschützt werden. Fritz hatte diese Anmerkung besonders nöthig, weil er aufbrausend und hitzig war, aber doch auch so vielen Verstand hatte, daß er seinen Fehler einsah und ihn zu verbessern suchte. In der Folge befand er sich vielmals in dem Falle, diese Regel auszuüben.. Es hat ihm auch bis jetzt noch nicht gereuet sie ausgeübt zu haben, und er befindet sich sehr wohl dabey. ' Wer ^ ( 91 ) F Wer sich in Gefahr begiebt, kömmt leicht um. Moch vor kurzen, erzählte der Lehrer seinen ^ Schülern, ertrank ein Hofmeister mit seinen beyden Zöglingen zu Berlin, in einem dem Anscheine nach unbedeutenden Wasser. Sie fragten ihn, ob er es erlaube, daß sie sich baden dürften. Er hielt das Wasser für flach, und erlaubte es ihnen also. Sie kamen an einen gefährlichen Ort, und riefen um Hülfe. Cr sprang hinein, und fand nebst ihnen sein Grab im Wasser. „Wer wird denn aber, lieber Herr Meyer, sich in einem Wasser baden, das man nicht kennt." Du hast Recht, fuhr er fort, wer sich in Gefahr begiebt, kömmt leickt um. Ein Fuhrmann, der zu Sömmerda , einem thüringischen Städtchen, Güter abgeladen hatte, wollte sein Pferd in der Unftruc tränken, als er aus der Stadt fuhr. Eine Frau warnte ihn. Sie erbot sich sogar, einen Ey- mer zu holen, woraus er sein Pferd tränken könne. Allein er fuhr doch hinein, und fand sogleich eine Tiefe, daß er nicht im Stande war, umzukehren. Die Gewalt des Stroms riß ihn fort, und er würde gewiß sein Leben eingebüßet haben, wenn nicht auf das Schrey- en diestr guten Frau, Leute herbeygeeilt wären, die ihn noch mit Mühe retteten ; aber das ^ ( Y2 ) das Pferd ersoff. Auch verlor er noch 220 Pfund Caffee und eben so viel Zucker. Nun bereuete der Fuhrmann seine Thorheit und Unbedachtsamkeit mit Thranen, aber er hatte bedenken sollen, daß man niemals in Wasser fahren dürfe, die man nicht kennt. Auch hatte er hübsch auf die Warnungen der guten Frau hören sollen. Und so bleibt es denn immer wahr, daß die mehresten Menschen selbst Schuld an ihrem Unglücke sind. Mangel an Nachdenken, an hinlänglicher Vorsicht und Klugheit stürzt sie in manche Gefahr, die sie hatten vermeiden können. „Ich will mich schon Ln Acht nehmen, erwiederce Fritz." Das soll mir lieb seyn, wenn du aus diesen Beyspielen Vorsicht und Klugheit lernst. Am andern Tage kam er, und hatte blaue Flecken im Gesichte. Der sehrer erkundigte ^ sich, was er gemacht habe. , „Ich bin gefallen, war die Antwort.,, Wo denn? '„Es lag Bauholz vor Bernhards Thär. Nachbars Christel ermunterte mich, mit ihnen ein wenig zu schaukeln. Ich ließ mirs nicht zweymal sagen. Wir legten ein Stück Holz der Quere darüber, und schaukelten uns nach Herzenslust. Aber auf einmal rollte das Holz herunter, und siel über uns her. Ich habe wie todt da gelegen und mußte nach Haust ge- ^ ( YZ ) getragen werden. Da ich wieder zu mir gekommen war, sähe ich meine lieben Aeltern um mich flehen, die mich mit warmen Weine wuschen. Christel ist noch arger gefallen als ich." Du sagtest ja aber gestern noch, du wollest dich schon für der Gefahp in Acht nehmen, und du hast dich doch nicht vorgesehen. Er saß beschämt da, und mußte eingestehn, daß ihm noch vieles Nachdenken und Klugheit fehle. Doch nahm er sich mit ganzen Ernste vor, künftig klüger zu seyn. Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. HAer seinen Witz blos bey einfältigen oder gar gebrechlichen Menschen anwendet, verräch entweder Bosheit oder wohl gar Einfalt. In einer Gesellschaft von jungen senken befand sich ein Mensch, der im eigentlichen Verstände dumm war. Einige konnten sich nicht satt lachen über die Späschen, die sie mit ihm machten. Endlich kam ein anderer dazu, der Muth und Güte des Herzens genug besaß, um sich des cftmen Gemißhan- deken anzunehmen. „Gehen sie doch, sagte er zu einem von den Spasmachern, dort hin zum Herrn Kirst, und üben Sie an diesem ihren Witz aus. Dieser wird Ihnen jedes- lnal dienen können." Das wollte er nun nicht. c?4) z? l nicht, weil er an einen klugen und ernsthaftes Mann gerathen wäre, der unstreitig das Blättchen umgewendet haben würde. Es zeigt wenigsten bey demjenigen vielen Leichtsinn an, wenn es auch keine Bosheit des Herzens ist, der sich über andere Menschen lustig machen will. Man wird auch bemerken, daß es viele Menschen giebt, die sich vor Aachen ausschüt, ten möchten, indem ein anderer Schaden nimmt, wenn z. B. jemand fallt. Es fehlt tzann auch nicht an Spstt, und daher ist das Sprichwort gekommen: V7er den Schaden har, darf vor den Spott nicht sorgen. Auch das schickt sich nicht für kluge und gesittete ! Menschen. Wie unangenehm es seyn muß, bey widrigen und unangenehmen Zufallen noch ausgelacht und verspottet zu werden, kann je, -er von sich selbst abnehmen. Jeder wird ^ dann die erste moralische Regel rechtfertigen: ^ was du nicht willst, das dir die Leute lhun ! sollen, das thue ihnen auch nicht. Aber es giebt Menschen, die allerdings ausgelacht zu werden verdienen, wenn sie muthwilliger Weise sich kleine Unannehmlich, feiten zuziehen, oder durch ihr abgeschmacktes ^ Betragen anderen Menschen Gelegenheit zum Spott geben, besonders wenn sie noch dazu sehr klug seyn wollen. Jeremias Budler, wohnhaft in einem kleinen Städtchen, hatte nur einen einzigen Sohn, ^ t 95 ) -O Sohn, aus dem er einen großen Mann nia- chen wollte» Die Mutter hatte besonders ihre einzige Freude an ihm, welches ihr eben nicht zu verdenken gewesen wäre/ wenn sie ihm nur nicht verhätschelt hätte. Bald sollte er ein Herr Pastor werden, bald ein Bürgermeister. Das waren nach ihren Begriffen die grösten Leute in der Welt. Aber das liebe Töffelchen wollte durchaus in der Schule nichts lernen. Da ihm nun das lernen nach dem Vorgeben der Mutter zu schwer ankam, so sollte er zu Hause bleiben, und des Vaters Handwerk erlernen, der ein Schneider war. Als er nun ausgelernt hatte, das heißt, als er 2 Jahre Lehrjunge geheißen, und nun Geselle genannt wurde, so sollte er nach den Zunftgesetzen wandern. Da gieng es nun wieder an ein Lamentiren. Töffelchen wollte nicht von der Mutter weg, und die Mutter konnte nicht ohne Töffelchen leben. Endlich mußte es doch geschieden seyn. Das Bündel- chen wurde zusammengebackt, und nach tausend Thranen und Lebewohl zum Thor hinaus gewandert. Die Mutter konnte ihn nicht einmal vor Wehmuth begleiten. Kaum war er bis zur nächsten Stadt gekommen, als ihm so ein entsetzliches Heimweh ankam, daß er auf der Stelle umkehrte , und sich des NacktS nach Hause schlich. Der Vater war ärgerlich darüber, aber die Mutter freute sich desto wehr. Damit die Leute aber doch nicht erfahren ^ (96) gefahren sollten, daß er da wäre, so mußten ! auf dem Boden in einer Kammer seine Woh« nung nehmen, wo er sich das Essen und Trinken recht wohl schmecken ließ. Eine Katze, die sein Liebling war, war seine Unterhaltung. Diese lief nun einmal über die Strasse. Ein muthwilliger Knabe warf einen Stein nach ihr, und traf sie derb auf den Buckel. Da- sähe Töffelchen oben vom Dachloche mit an. Er wurde vorAerger im ganzen Gesichte blau, und in der Wuth rief er: ,, Siehst du, du verfluchter Junge, wäre ich jetzt nicht auf meiner Wanderschaft, so sollte dirs unenrag- I lich gehen. " ! Er blieb, so lange er lebte, der Spott > der seute, weil er sich bey seinen albernen ! Streichen, die er immer vom neuen machte, noch das Ansehen gab, als waren sie sehr gut ! ausgedacht. Wenn auf öffentlichen Hausern ^ sich eine Gesellschaft durch Anekdoten und Er- ^ Zahlungen belustigte, so hieß es immer: tNei- sier Bndler hat einmal- Aus allen diesen wirst du, liebes Kind, lernen, daß viele Menschen selbst Schuld sind, wenn sie von andern verspottet werden, und daß, wenn du keine albernen Streiche machsi, auch so leicht nicht verspottet und ausgelacht! werden wirst. Das ^ f 97 ) ^ Das Ei will klüger seyn als die Henne. iHLottfried Wryel, ein sonst guter Knabe, ^ hatte den Fehler an sich, daß er immer alles besser wissen wollte, als andere seute. Ja! Er unterstand sich oft so gar, seinen Aeltern und Mehreren geradezu, zu widersprechen. Du wirft nicht hören, sagte einst sein sehrer zu ihm, bis du einmal recht abfährst. Es ist eine große Unart von dir, daß du immer größer» und verständiger» Leuten, als dn bist, nicht nur in das Wort fällst, sondern auch sogar widersprichst. Ich und deine Gleitern haben dir das schon so vielmal gesagt, aber du hörst gar nicht. Ich denke aber, dn wirst es noch einmal bereuen, daß du immer so vorwitzig mit deinem Mäulchen bist. Dn bist doch schon ein Knabe von rr Jahren, und solltest das von selbst einsehen, ohne noch daran erinnert zu werden. Glaubst du denn, -aß du schon klüger bist, als deine Aeltern oder andere verständige Männer? „Ein Knabe, der in einer Gesellschaft von gelehrten Leuten ganz stille schwieg, und von seinem Vater gefragt wurde, warum er denn nicht auch gezeigt habe, daß er etwas wisse, gab die herrliche Antwort: weil ich befürchtete, man möchte mich auch über Sachen fragen, die ich nicht weiß." E>o solltest du auch handeln, und du würdest dir bey andern sob und siebe erwerben: allein G bey ^ cys ) z» den einen solchen Betragen/ wie du äußerst, ^ machst du dich verhaßt / und man wird dich lie- ber gehen als kommen sehen / aber wie gesagt, du wirst es bereuen / mir nicht gefolgt zu haben. Wie er sagte/ so trafs auch ein. Zn einer Gesellschaft/ wo sich Gottfried auch befand / wurde von jemanden eine Geschichte erzählt/ die sich an den nämlichen Tage zugetragen hatte. Der Erzähler war Augenzeuge und Theilnehmer gewesen. Er konnte sie alss genau wissen. Gottfried hatte sie auch gehört, und siehe da! er gab sein Wort auch mit in das Gespräch / und wollte nach seiner Gewohnheit alles besser wissen. Zu seinem Unglücke oder vielmehr zu seinem Glücke kam er eben an einem Mann / der es nicht vertragen konnte/ daß Knaben gleich in alles sprechen/ um so weniger/ wenn es mit einer unverschämten ^ Dreistigkeit geschieht. Er schwieg auf einmal stille/ sähe Gottfrieden ernsthaft an/ gab ihn eine Fibel in die Hand / die so eben auf den Tische lag / und sagte: wie heißt der Buchstabe? Er wieß auf den A. Eine Thrane trat ihm in das Auge: aber jener fuhr fort: lieber Gottfried / du wirst es mir einmal Dank wissen / daß ich dich jetzt beschämt habe. Alle Menschen klagen über deinen Vorwitz. Du hast viel gutes an dir/ nur diesen Fehler must du dir abgewöhnen/ wenn du in der Welt fort kommen willst/ merke es hübsch/ was ich dir gesagt habe, und beßere dich. ^ (99) Ä* Gottfried gierig aus der Stube mit nassen Augen, und nach Hause, und konnte es lange nicht vergessen, daß er öffentlich beschimpft worden war. Jndeß hatte es doch die gute Folge, daß er sich künftig artiger betrug. Für Kinder laßt es auch besser, wenn sie zuhören oder in dem Falle, daß sie etwas nicht einse- hen, oder verstehen können, bescheiden um eine nähere Erklärung bitten. Dieses kann besonders geschehen, wenn die Erzählung geendiget ist. i Jung gewohnt, alt gethan. > ! ^>err Schräder, der ein ansehnliches Ritter- ! gut besitzt, ist in seinem achtzigsten Jah- l re noch der munterste und lebhafteste Mann. Er kann mehr ertragen, als mancher unsrer ! schwächlichen Jünglinge von 20 Jahren. Er macht noch oft eine Reise zu Fuß von 4 bis > 6 Stunden, und lacht diejenigen aus, die es nicht begreifen können, wie ihm das noch möglich sen. Neulich kam er zu einem seiner Freunde, wo man sich darüber wunderte. Er gab aber zur Antwort: Jung gewohnt, alt gerhan. Hätte ich meinen Körper nicht in der Jugend abgehärtet , jetzt würde ich das in meinem Alter nicht können, worüber Sie sich so sehr wundern. „ Ja! .sagte einer darauf, man muß auch die Natur dazu haben, sonst muß man es wohl bleiben lassen." Rtz ( Ivc> ) Z« Nicht immer, erwiederte er. Es kömmt gar viel auf die Gewohnheit an. Setzen Sie sich beständig hinter den Ofen, oder legen Sie sich immer auf das Kanapee, und ich miß gewiß, es wird Ihnen eine halbe Stunde Las Gehen saurer werden, als mir 2. Meilen. Ich kam einmal vor die Scheune, und sah den Dreschern zu. Es freute mich recht sehr, daß es den senken so leicht wurde. Da mußt doch einmal sehen, dachte ich, ob La es auch kannst. Ich ließ mir einen Drescht gel geben, und sieng an mit zu schlagen. A lein es war mir unmögllch, nur einmal mit herum zu dreschen. Es laßt sich leicht erklären , warum ich es nicht konnte. Ich halte es nicht jung gelernt und war nicht daran gewöhnt. Die Drescher lachten mich aus, md ich misgönnte ihnen ihre Freude nicht, Laß sie sich starker fühlten als ich. Aber ein paar Tage darauf konnte ich sie doch von dem Ge- gentheile überführen. Es war schlimmes Wet- ^ ter eingefallen, und ich mußte befürchten, daß > mein Grummet*) alle ersaufen würde, wenn ich es nicht bey Zeiten wegschafte. Alles im *) Grummet nennt man das Gras, daS mau i» einem Iadre zum Zweytenmale abgemabtt us getrocknet wird. Diejenigen Wiesen, die null einmal abyemadet werden, nennt man einsäiie- rige, die zwepmal, zwe^schierige oder GrM nret, Wiesen. Hause mußte mit helfen. Als wir nun vor das Dorf kamen, so trafen wir einen Fuhr- man an, der mit feinem Karn in einem ^oche stecken geblieben war, und nicht von der Stelle konnte. Das eine Rad lag bis auf die Axe im Koth. Ein paar Männer mußten gleich einen Hebebaum holen, und ich machte alle Anstalt um den Karn aus dem Lösche zu heben. Zwey der stärksten Bauern versuchten ihre Kräfte, und konnten kaum den Karn erheben. Geht einmal weg> sagte ich, und laßt mich daran. Fuhrmann regt die Pferde an, wenn ich hebe. Ich stellte mich daran und stehe da, der Fuhrmann schrie seinen Pferden zu — dort fuhr er hin. Das hatten meine Liute von mir nicht erwartet, aber ich machte ihnen begreiflich, daß ich noch mehr heben könnte, als sie, weil ich mich in meiner Jugend stark darinne geübt habe. Ein kleiner Knabe, Namens George, hörte bey diesen Gesprächen zu, und da ihm der freundliche und muntere Greis gefiel, so machte er sich an ihn, und fragte: wie er es denn angefangen, daß er so viele Kräfte hatte. Das will ich dir sagen mein Sohn, erwiderte Herr Schräder. Ich übte von Jugend an meinen Körper in allen sogenannten gymnastischen Uebungen. Du weißt doch, was das ist? ^ ( 122 ) Z» Did Griechen, ein altes Volk, hatten einen öffentlichen Ort, der Gymnasium hieß, wo sie ihre Jugend in allen möglichen körpm lichen Uebungen übten, im kaufen, im Ringen , im Werfen mit der Scheibe oder Wurf, spieße, im Ballschlagen und dergleichen. Dadurch härteten sie ihren Körper ab. Daher kam es auch, daß sie so starke und kraftvolle Männer wurden. Dergleichen Uebungen nennt man nun gymnastische Uebungen. Dazu hielt mich nun mein Vater auch an. Erst hob ich einen kleinen Stuhl in die Höhe. Nach und nach lernte ich es mit steifen Arm. Ich versuchte es mit Tellern, und war schon in meinem zwölften Jahre im Stande, eine ziemliche Menge mit einer Hand in i die Höhe zu heben. Der Mensch kann alles was er will, nur muß es mit Verstände geschehen. Mancher will mehr können, als ihm feine Kräfte erlauben. Nun da muß es wohl sehlschlagen. „Aber Herr Frohn sagte ja, man müsse auch die Kräfte dazu haben. " Ganz richtig. Die hat aber jeder Mensch, er muß sie nur in seiner Jugend üben. Dam ist ihm im Alter alles leicht. Ich kam in dem jetzigen harten Winter zu einem Freunde, der eine Stunde weit von mir wohnt, um mich mit ihm auf ein paar Stunden freundschaftlich zu unterhalten. N erstaunte über mich, und gestand mir, daß er sich ( IOZ ) sich nicht getraue , um das Dorf herum zu gehen. Ich lachte, und antwortete ihm: „ Jung gewohnt, alt gethan. ^ In meiner Jugend habe ich mich vor keinen Winter gefürchtet. Mein Vater jagte mich und meine Brüder auch aus der Stube heraus, wenn wir so frostig thaten. Wir mußten uns alle Morgen mit Eis und Schnee waschen. Da sahen wir immer frisch und gesund aus. Ich wüßte auch nicht, daß ich je ein Glied erfroren hatte. (George horchte auf, und fand sich getroffen, denn er saß gern im Winter am Ofen.) Als ein Knabe zum Beyspiel habe ich nie eine Mütze oder einen Hut aufgesetzt, in der Stube gar nicht, auch nicht, wenn ich einige Hauser weit zu gehen hatte. George nahm geschwind seine Mütze ab, und fragte: ,, Auch im Winter nicht ? " . Auch im Winter nicht: denn je warmer man seinen Kopf halt, desto weniger kann er vertragen. ,, Aber mein Onkel bekömmt ja Kopfschmerzen , wenn er ohne Hut oder Mütze einige Zeit seyn muß. " Das kann nun wohl seyn. Vermuthlich weil er von Jugend an sich daran gewöhnt hat, so kann er auch im Alter nicht, ohne den Kopf zu bedecken, leben. Er wird wohl von jenem Denkspruche des berühmten Börhave gehört haben, den er über nicht recht verstanden hat. „Was ist denn das für eine Geschichte?" Bör- ^ (i°4) ^ Börhave war ein sehr berühmter Arzt. Da er nun sehr viel Glück in seinen Euren hatte, so glaubte man, er besitze gewisse Geheimnisse. Nach seinem Tode fanden seine Erben ein Buch. Es war schön eingebunden, . so erzählt man, und versiegelt. Ha! dachten sie, da werden seine Arkane darinn seyn. M man es nun entsiegelte, so fand man nichts als leere Blätter, außer gleich vom Anfänge folgendes: Den Kopf kalt, Die Füsse warm. Beschwere nicht den Darm. Nun haben andere einfältige Mensche» daraus gemacht: Halt Kopf und Füsse warm. Beschwere nicht den Darm. > Georgen war daran gelegen, auch einmal so ein alter und munterer Mann zu wer- z den. Er fragte also weiter: „ Ob man denn ! im Winter sich nicht warm kleiden dürfe?" Im Winter ohustreitig wärmer als im Sommer. Nur, deucht mir, nicht zu warm, wie manche khun, die sich mit Pelz und Federn so vermummen, als wenn sie leibhaftige Bären oder Füchse waren. Da ich in deinem Alter war, so war ich zwar hinlänglich für Kälte bedeckt, aber doch so, daß mich auch die frische Winterluft durchwehen konnte. In einem kurzen Jäckchen sprang ich immer herum, so frisch und munter wie ein Reh. siebes ( I2Z ) F „siebes Väterchen, sagte George zu fernem Vater, darf ich es denn auch fo machen „In Gottes Namen, antwortete er. Es soll mich freuen, wenn du auch ein so wackerer Mann werden wirft, wie Freund Schräder." Nun schmiß George feine Budelmütze gleich hinter den Ofen, wollte zur Stube hinaus , und gleich Versuche mit der neuen ^ehre anstellen. Gemach! rief ihm Herr Schräder zu. Das wäre wieder nichts. Man muß sich nach und nach daran gewöhnen: denn wenn man die Sache gleich übertreibt, fo kann man sich leicht Schaden zuziehen. Ich will dir das durch eine Geschichte erläutern. Ich habe einen guten Freund, den Kaufmann Herrn Friedrich, (du kennst ihn ja?) der wollte vor ein paar Jahren feine Aeltern besuchen, die zwischen Bai- reuth und Nürnberg wohnen, also in Franken. Damals war es Mode, daß alles, was Füße hatte, zu Fuße reifte. Das ist eine sehr schöne Mode. Ich liebe sie auch, wie du gehört hast, und kann noch mit dem Jüngsten um die Wette gehen. Du willst denn dachte er, doch auch einmal sehen, ob du es kannst. Er führte nach zwey Tagen seinen Entschluß aus, gieng früh 4 Uhr fort, es war im Sommer, und da er jung und gesund war, so machte er den ersten Tag über 10 Meilen oder 20 Stunden. Kaum war er aber im Gasthofe ange- kom- ^ (ls6) komme«/ als ihm eine Ohnmacht nach dn andern überfiel. Das hat mich nicht Wunder. Er hatte auf einmal sich zu sehr ang-estrenzl und alle seine Kräfte erschöpft. Auch war er es nicht gewohnt. Des andern Tages war er nicht im Stande, von der Stelle zu gehn. Er , mußte also bis zu Haufe mit Extrapost fahren. So könntest du auch leicht Schaden nehmen, wenn du etwas unternehmen wolltest, was du noch nicht gewohnt bist. Die Russen, fuhr Herr Schräder fort, springen in das kälteste Wasser, wenn sie kurz zuvor in der wärmsten Stube gewesen fick Ich möchte das nicht nachthun,' weil ich es nicht gewohnt bin. Die Halloren in Halle, ein Volk, das in den Salzkothen*) arbeitet, und sich durch seine Tracht so wohl als durch seine sebcnssart von den übrigen Einwohnern auszeichnet , gehen Winter und Sommer ganz blos, hingegen tragen sie aber Jahr aus Jahr ein, wenn sie ausgehen, einen Pelz. Es ist also ausgemacht, lieber George, daß der Mensch sich an alles mögliche gewöhnen kann, besonders wenn es in der Jugend ^ geschieht. Willst du also ein alter und gesim : der Mann werden, so mußt du in der Jugend ! deinen Körper abharten: den,» jung gewohnt, j alt gethan. *) Galzkschen nennt man diejenigen Hauser, i« welch:» das Salz gekocht und zubercnet wird. ^ ( 12 ?) ^ Das will denn George auch thun, und wir werden dann sehen, ob er sich wohl dabey befinden wird. Wahrscheinlich wird es ihm nicht gereuen. Lrau', schau', wem ? Höflichkeit ist zwar für jeden jungen Men- siben die schönste Empfehlung, sie kostet ke n Geld und bringt doch viel ein; allein es ist noch nicht hinlänglich mit ihr allein durch die Welt zu kommen. Dazu gehört nur noch vorzüglich Vorsicht und Klugheit. Es ist nichts leichter, als daß junge senke, die mit den Ranken und Lasten der Welt noch nicht bekannt sind, gar zu leicht Ln das von dem Bösewichte oder von dem verstellten Freunde gelegte Netz gelockt werden können; da oft durch Schaden klug gewordene und Ael- tere so leicht hintergangen werden. Besonders müssen sich junge !eute, sie mögen in einem Berufsstande leben, in welchem sie wollen, auf Reisen sehr vorsichtig betragen. Bald fallen sie niederträchtigen Werbern in die Hände, bald sogenannten Seelenverkäufern, wie z. B. in Amsterdam und Altona, bald Spitzbuben und Gaunern, die sich insgesammt unter verstellter Höflichkeit und Feundschaft in, das noch unerfahrne und sorglose jugendliche Herz einzuschmeicheln wissen. - Tausend ^ c i°8 ) ^ Tausend Schlingen sind dir, liebe Jugend, gelegt, in welchen man dich fangen will. Ser) vorsichtig und traue keinem, den du nicht genau kennst! Du hast eben nicht nöthig, jeden dir Unbekannten für einen schlechten Menschen zu halten, sondern laß nur dich nicht gleich in eine zu genaue Bekanntschaft mit ihm ein, bis du deutliche Proben seiner Rechtschaffenheit von ihm siehst. Ich stelle dir einige Geschichten zum Beyfpiele dar, die dich zur Vorsicht ermuntern werden. Ich war hier einmal des Abends in einem Gafthofe, um daselbst nach vollbrachter Arbeit einige Unterhaltung zu finden. In diesem logirte ein Kaufmann, der von Leipzig nach Frankfurt reiste. Ein Handwerkspurfch, der ^ von Frankfurt war, und gern dahin wollte, aber zu Fuß nicht konnte, weil er sehr kränklich, und ihm eine eigene Fuhre zu kostbar war, befand sich auch daselbst. Dieser bat nun den Kutscher, ihn doch mitzunehmen, und versprach ihm einen Karolin Trinkgeld. ,, Ich wäre es wohl zufrieden, sagte er, aber ich glaube schwerlich, daß es mein Herr thun wird. Er ist gar zu eigensinnig. Doch will ich ihn halt darum bitten. " Er kam in die Stube, und brachte seine Bitte vor. „ Du weißt Schwager * *), antwortete der Fremde, - _,_ daß *) Schwager werden oft die Postillons und d. gl. aus Spas genennet, und manche thun es so gewöhnlich, -aß sie gar keinen andern Namen gebrauchen. ^ ( IOA ) baß ich es gleich mit dir ausgemacht habe, niemanden mitzunehmen. Ich bezahle dir die Fuhre gut. Mit einem Worte — ich thue es nicht." Alle Anwesende schienen über die Hartherzigkeit des Kaufmanns betreten zu seyn. Selbst der Wirth und andere Kaufleute, die da waren, und den Fremden gut kannten, sprachen für den armen Handwerkspursch, allein es half alles nichts, und war nur tauben Ohren geprediget. „ Sie halten mich, sagte der Fremde, da alles in ihn hineinstürmte, und für den armen Kranken bat, vielleicht für sehr hart, allein ich habe meine guten Ursachen dazu, warum ich nie einen Unbekannten, er sey, wer er wolle, mit auf meinen Wagen nehme. Wenn ich Ihnen meine Ursachen entdecken werde, so werden Sie vielleicht nicht mehr so strenge in ihrem Urtheile seyn. Hören Sie mich an! „Ich machte vor einigen Jahren auch die nämliche Reise. In Eisenach traf ich des Abends in dem Gasthofe zween wohlgekleidete Passagiers an Sie speisten mit mir an einem Tische, und gaben sich für Kaufleute aus. Wir sprachen von der Handlung, von Städten, Fabriken u. d. gl. und ich muß sagen, sre waren sebr bewandert in allem. Endlich kam die Rede auch auf meine Reise Sie wußten auf eine listige Art aus mir zn lo- ^ ( 112 ) ^ locken, daß ich nach -Hirschfeldt wolltet Da gieng denn ihre Reise auch hin. Je! sagte der eine, wenn es Ihnen nichts verschlüge, so könnten wir ja zusammen reisen. Wir bezahlen herzlich gern unfern Antheil, und harren den Vortheil noch, daß wir unsere Reise in einer angenehmen Gesellschaft machten. Ich war auch zugleich bereit, den Vorschlag eim zugehen. Wir fuhren also zusammen in einer Kutsche. Am andern Tage kamen wir des Abends in einem Wald, wo immer ein Kerl um die Kutsche herumlief. Meine Herrn, fagte der Postknecht, seyn Sie auf Ihrer Huch! hier ist es nicht richtig. Darauf kamen meh- rere. Ich griff nach meinen Pistolen, und ermunterte meine Begleiter, das nahmliche zu thun. Bemühen Sie sich nicht, sagte der eine von meinen Reisegefährten, indem er mir in die Arme fiel, es sind unsere Kammeraden. Geben sie nur Ihr Geld her, und fahren Sie > in Gottes Namen hin, wohin Sie wollen. ! Sie können sich leicht den Schrecken vor- ' stellen, fuhr er fort. Was wollte ich machen? Ich mußte mich darein begeben, so wehe mir es auch that. Sie nahmen mir alles ab- ! Nun! Wollen Sie mich noch eigensinnig und > hartherzig nennen? Ein gebranntes Rmd j fürchtet Das Feuer. " ^ Ich will nun nicht weiter in Sie dringen, ^ fieng der Wirth an. Es ist freylick nicht gut, daß man zuweilen die. süßen Empfindungen des Mit- »k c m ) Mitleids unterdrücken muß. Der Handwerkä- pursch soll aber darunter doch nichts leiden. Ich will ihn gut pflegen lassen, ohne seinen Beutel zu schröpfen. Vor einigen Jahren war auch ein Kaufmann bey mir, der auf seiner Reise so unglücklich war. Er ist von Bremen. Einige unter Ihnen werden ihn wohl kennen. Er hieß — (er nannte seinen Namen.) Dieser reiste von Braunschweig nach Leipzig mit Extrapost. Auf der nächsten Station traf er einen preußischen Offizier an, der ihn bat, ihn mit nach Leipzig zu nehmen, indem er die Halste Unkosten tragen wolle. Auf die Versicherung des Wirths, daß er ihn gut kenne, ließ er es sich gefallen. Sie reisten also in Gesellschaft mit einander ab. Unterwegs nöthigte ihn der Offizier zum Schnaps, welchen er aber ausschlug, weil er keinen Brandwein trank. Der Offizier versuchte es mehrmal ihn dazu zu bereden, allein er schlagt es ein für allemal aus. Da sie auf die nächste Station kamen, sagte der Offizier zu ihm: eine Bouteille Wein werden Sie doch mit mir trinken? Diese schlagen Sie mir doch nicht aus? — Das ließ sich der Kaufmann gefallen, Sie setzten sich wieder ein, und fuhren fort. Der Kaufmann, der doch sonst den Wem gewohnt ist, kömmt so von seinen Sinnen, daß er nichts mehr hört und sieht. Auf der folgenden Station übergiebc der Offizier dem Post- ^ (HL) Lff Posthalter/ der zugleich den Wirth machte, den für betrunken gehaltenen Kaufmann/ kamt und flucht / und fagt: daß er hier einen Menschen bey sich habe/ der den ganzen Weg nicht nüchtern geworden fey. Er könne unmöglich mit einem solchen Säufer weiter reisen. - Der Posthalter erstaunte/ als er den Mann in, Haus tragen sieht/ weil er ihn immer als einen mäßigen und nüchternen Mann gekannt, ' und hat feine Betrachtung darüber. Der Offizier eilt/ daß er weiter kömmt. Der Wich bringt den Kaufmann ins Bette, sieht nach einigen Stunden nach ihm, und trist ihn noch eben so an, als bey feiner Ankunft. Nun wird ihm das bedenklich. . Er schickt also nach einem Arzt, welcher nach genauer Untersuchung findet, daß ihm etwas berauschendes beyge- bracht worden ist. Durch feine Mühe wurde er zwar wieder hergestellt, behielt aber Zeit seines (ebens Spuren der Schwermuch und Tiefsinnigkeit an sich. Der Offizier , der von seinem Regiments gesagt worden war, halte des Kaufmanns Koffer, sammt allen Gelde und Papier mitgenommen. Ich verdenke es also keinem, der sich nicht mit jedem, ohne ihn genau zu kennen, einlaßt. Es erfolgten nun stundenlange Erzählungen von Gaunerstreichen, die alle bewiesen, daß Vorsicht und Klugheit durchaus aufNei- sen nöthig fey, wovon ich nur noch einige darstellen will. Ein i «k c>iZ) Ern gewisser Schulmeister brachte seinen Sohn in das Maadeburgische auf eine Schule. Unterwegs kam ein artiger und gut gekleideter Mann zu ihm, mit dem er sich sehr gut unterhielt. Dieser gab vor, daß er auch dahin gierige, und daselbst viele gute Freunde habe. Er glaubte seinem Sohne viele Unterstützung zu verschaffen, und überließ es nur seinem Reisegefährten, ob er seine Freundschaft annehmen wolle oder nicht. Der Schulmeister wußte nicht Worte genug hervorzusuchen, um seine Dankbarkeit dafür zu bezeigen. Ihre Bekanntschaft wurde daher immer vertrauter; allein sie kam ihm sehr theuer zu stehen: denn in der ersten Herberge hatte der Fremde ihm nicht nur die Uhr, sondern auch sein wenig Reisegeld gestohlen. Auf solche Art werden viele Reisende ! hintergangen, und jeder, er sey vornehm oder j gering, muß sich vorsichtig betragen, nicht gleich jedem, der ihm seine Freundschaft an- I biechet, trauen, und lieber im Stillen fortreisen , als sich gegen alle und jede offenherzig betragen. Denn das heißt nicht offenherzig, > wenn man jedermann entdeckt, wohin man will/ > was man vor hat u. d. gl» das heißt gefckiwä- , tzig. Es ist freylich traurig, daß man für seine Gutmütigkeit und für sein offnes Betragen so übel belohnt wird, allein in dieser Welt sind nun einmal unter den vielen guten Menschen auch böse, für die man sich hüten muß. H ' Auf Htz t H4 ) Auf der Post saßen verschiedene, h,'e nach London fahren wollten. Man sprach von Räubern, die sich in der Nachbarschaft der großen Stadt aufhasten sollten, und befürchtete einen Besuch von ihnen. „He! sagte ein junges Mädchen, bey mir sollen sie nichts finden. Ich habe meine Banknoten ") in den einen Schuh gelegt. Kaum *) Bank, Banco, heißt gewöhnlich in großen Stad» ten, London, Amsterdam, Berlin, u. s. >v. ein von der Obrigkeit bestätigtes -Haus , das Kauf- le«te und andere reiche Bürger besitzen, in welchem sre Geld ausgeben und aufnehmen, das gegen Gewinn oder Verlust an sie übergeben wird. Es iß dieses für den Handel sehr bequem, weil oft mit einem einzigen Zettel viele tausend Rrhlr. bezahlt werden können. Banknoten sind nun Zettel, die von der Dank ausgestellt werden, und so viel als baar Geld wcrch find. Sie gehen oft durch eine Menge Hände, ehe sie in die Bank zurückkommen. Wer nun in London eine solche Note der Rank vvrlegt, bekommt st viel bezahlt, als darauf steht, er mag sie herhaben, woher er sie will. Im Handel und Wandel nimmt sie auch jeder statt baaren Geldes an. Der Dieb, der Banknoten gestohlen hat, kann sie daher leicht los werden. Denn der Name des EigemhümerS steht nicht darauf, sondern die Bank richtet sie blot riach -er Numer. Lik Banknoten werden von Einige Tage darauf erhielt das geschwa- > Hige Frauenzimmer einen Brief von eben diesem Manne, in welchem eine Banknote voir Zoco Pf. lag. . ,, Verzeihen Sie, schrieb er, daß ich kürzlich Ihre Offenherzigkeit gemißbraucht „habe. Ich war bey dem Anblicke der „Räuber vielleicht in einer großer» Verlegenheit, als Sie, indem ich Bank- no- c »7 > „noten von 4.O00O Pf. bey mir hatte. „Wenn es zur Untersuchung gekommen „wäre/ so würde ich auf einmal um al- „les gekommen seyn. Ich that daher „zu Ihrem größten Verdruße, was Sie „wissen/ und entdeckte den Räubern den „Auffenthalt ihrer Note. Hier haben „ Sie Ihre 2020 Pf. zurück. Zur Ent- „schadigung für den Schrecken/ den ich „ Ihnen gemacht habe/ schicke ich Ihnen „ IO2O P. Zugleich erlauben Sie mir, „ noch eine Erinnerung hinzu zu fügen. Sie „ist diese: Seyn Sie künftig auf Reisen //vorsichtiger und zurückhaltender. Ich „glaube schwerlich, daß Sie in einem „ähnlichen Falle so glücklich zu Ihrem „ Eigenthume wieder gelangen, als jetzt. Darinne hatte er denn nun ganz recht. Märe er nicht ein edeldenkender und rechtschaffner Mann gewesen, so würde das Frauenzimmer für ihre Geschwatzhaftigkeit sehr hart bestraft worden seyn. Nicht viel besser sind oft niederträchtige -Werber, die durch tausend Ranke den unschuldigen Jüngling bethören. Traue ihren süßen Worten nicht. Es sind Wölfe in Schafskleidern. Vor ein paar Jahren war der Sohn eines Kaufmanns von Mains in einem benachbarten Bade, um sich da zu Vergnügen. Ec spielte und verlohr. Um nun den Unmuth wegen dem Verluste seines Geldes von seiner Stirn A ( n» ) B Stirn weg zu scheuchen, trank er sich einen Rausch, der oft so manchen Jüngling in Jammer und Noch gestürzt hat. Er war in Ge, sellschaft eines Werbeofficiers, der sich für seinen Freund ausgab, und ihn mit in sein HauS nahm, weil es zu spat war, nach Main? zurückzukehren. Er trank ihm noch mehr zu, bis er ganz von Sinnen kam. In dieser Nacht nun packte ihn der Offizier in eine Kutsche, und schickte ihn als Rekruten zu einem andern Werbeplatz, wo alle seine Einwendungen weiter nichts halfen, als das sein Schicksal noch trauriger wurde. Zu spat bereuete er seine Cpielsucht und Unbesonnenheit. Nach einem Jahre kam er wieder los, nachdem er bey einem Veftungöbau sich außerordentlich beschädigt hatte, und trat als ein Krüppel und Bettler seine Reise nach seinem Vaterlande an, in dem er einen bekümmerten Vater zurückgelassen hatte, der statt, einen blühenden Jünglinge M-empfangen, welches sonst sein Sohn war, setzt ein elendes Gerippe umarmte. ! Die andere Gattung von schlechten Seelen sind die sogenannten Seelenverkäufer, die «och schlimmer sind, als Diebe, weil diese > «ur Geld stehlen, jene aber die Lreybeir, von der der vortressiche Dichter Blumauer, nach- i dem er sich mancherley gewünscht hat, alss ! singet: i Nur sey, um mich des All' zu freu'n, Mir noch ein Gut bescheert, Eill ! ( Hy Ein Gut o mehr «tiZ Freud und Wem Und Haus und Garcchen ^rth_ Die Freiheit, wenn nur dle ^bricht So brauch' ich alles and're nia-. ^ Diese Unmenschen wissen in junge seute auf mancherley Art an sich zu cken. . Sie sind mit andern eben so niederträchtigen Menschen, besonders mit einer gewissen Classe von Weibspersonen einverstanden, die Jünglinge bethören und in das Elend stürzen. Noch einmal, lieber junger seser! sey bey deiner Rechtschaffenheit auch vorsichtig, weil jene uns ohne Vorsicht nicht immer für Betrug schützen kann. Redliche und Gutmü- thige sind dem Betrüger am liebsten, weil sie erst durch eigneErfahrungVorsicht lernen müssen. Ich kenne einen sandsmann, der noch lebt, und ein künstlicher Goldschmidt ist. Er war ein braver und rechtschaffner Jüngling. Auf seiner Wanderschaft kam er auch nach Amsterdam. Unbekannt in dieser großen Stadt gieng er aus einer Straße in die andere, bis ihn ein freundlicher Mann auf Deutsch in folgenden Worten anredet: Sie sind gewiß ein Deutscher? Es freuet mich, einen sandsmann kennen zu lernen. „ Wo wollen Sie hin? " Der Goldschmidt erkundigte sich rrach einem Gasthofe, und der verschmisse sandsmann war so gefällig, ihm das beste und wohlfeilste zeigen zu wollen. Allein dieser freundliche Mann war ein Bösewicht, der sich von dem Unglücke sei- seiner tandsleute Statt ihn in einen Ga,Hof zu führep/^rachte er rhn m ein Haus, wo junge Le^^zu Matrosen gepreßt werden. Noch auß-^m Wege sagte eine alte Frau: Dl^flauch perlohren." Allein er verstand jt^Hrparnung nicht. Er wurde in eine Art ^n Gesangniß geworfen, und durch tausend Qualen und Martern genöthigt, oder wie man es mit dem eigentlichen Worte nennt, gepreßt, ein Matrose zu werden. Nach vielen Jahren gelang es ihm endlich , sich in Freyheic zu setzen. Drum merke hübsch das Sprichwort: Trau', sc!?au', wem? Mit Schaden wird man klug. H^as haben wir aus dem vorigen Sprich- Worte gesehen, und können die Wahrheit desselben noch täglich an vielen Menschen erkennen , wenn wir nur ein wenig aufmerksam sind. Und wer das ist, wird so leicht nicht wieder in Gefahren fallen, in die ihn seichtsinn, Unbesonnenheit und unkluges Betragen gestürzt haben. Ein gebranntes Rind, sagt man ja, fürchtet das Feuer, oder, mit Schaden wird man klug. Wenn du also, liebes Kind, einen Fehlerbegangen hast, und du hast deswegen Strafe erlitten, so kannst du deinen Fehler auf keine beßere Art wieder gut machen, als wenn du dich hütest/ von neuem darein zu fallen, und ^ ( irr ) zP und sey auf den ja nicht böse, der dir deine Fehler zeigt, es sey im Ernst oder Güte. Ein berühmter Mann sagte einst zu seinem kleinen Vetter; „Wer den Knaben, der da fehlt, nicht zurecht weißt, der haßt ihn." Und wer durch Schaden nicht klug wird, wird es niemals nicht. Christoph Sutor kam einmal mit seinem Freund Iustus rraman in einen Garten. In diesem war'ein Bienenhaus doller Bienenkörbe. „Gehe ja nicht zu nahe, sagte Iustus. Sie möchten dich sonst stechen" Ach nein! antwortete jener, sie thun mir nichts. „Das wohl, aber necke sie nur nicht." Christoph horchte nicht auf die Stimme seines Freundes, und störte mit einem Stäbchen , das er in der Hand hatte, in einen Bienenkorb. Auf einmal kam ein ganzer Schwarm heraus, und zerstach ihn so sehr, daß des andern Tages der Kopf ganz aufgeschwollen war. Nach einiger Zeit kam er wieder in den Garten, nahm sich aber sehr in Acht, daß er den Bienenstöcken nicht zu nahe kam: denn er war durch Schaden klug geworden. Dieser nämliche Knabe konnte keinenHund, der ihm in den Weg kam,ungeneckt lassen. Konnte er ihn nicht mit dem Stock erreichen, so warf er mit Steinen nach ihm. Aber einmal wäre er bald um das sebeu gekommen. Ee schlug nämlich nach einem großen Fleischershunde, der sehr böse war. Der Hund faßte ihn ^ c !22 ) z« ihn bey der Brust, warf ihn zu Boden, und würde ihn zerrissen haben, wenn nicht sein Herr dazu gekommen wäre, und ihn abgehalten hätte. Von der Stunde an ließ er die Hunde ungeneckt. Er war durch Schaden kürz geworden. Unter meinen Jugendfreunden befand sich ein gewisser Börcher, sd hieß er, der bey allen Spielen kühn und unternehmend war. Einst fuhren wir auf Lahnjirchlen oder RlrochenM- ren auf dem Eise. Der Fluß war ausgetreten , und am Rande zugefroren. Die Mitte war 'aber ganz offen. Börcher fuhr immer hart an der Oefnung weg; und wußte seinen Schlitten fo geschickt zu regieren, daß er immer glücklich davon wegkam. Allein seine Kunst schlug ihm einmal fehl. Er stürzte in den Fluß, fchwam lange auf einer Eisscholle darinne herum, bis ihn der Müller mit einem Hacken, der sich in einem Knopfloch anhieng, herauszog. Nun machte er sich nicht mehr so kühn: denn er war durch Schaden klug geworden. i Nur ein klein wenig Aufmerksamkeit gehört dazu, um täglich gewahr zu werden, daß der erlittene Schaden klug macht. Einen ^ c^z) Einen Fund verhehlen, ist so gut als stehlen. Andreas Ertel kam mit vieler Freude zu sei- ^ nem Vater gesprungen, und wies ihm einen Beutel, der voll Geldstücke war. Der Vater, ein armer Handwerksmann, erschrack, und glaubte gar, Andreas habe eine böse That begangen; doch sagte ihm sein Herz wieder, daß er deren nicht fähig sey. Er wurde also zu folgender Untersuchung bewogen: ' Vater. Wo hast du denn den Beutel mit dem Gelde her? Sohn. Gefunden habe ich ihn, Vater. Vater ( mit bedenklicher Mine) Ist das auch wahr? Sohn. Gewiß! Er wird doch nicht glaus ben, daß ich ihn gestohlen habe? Vater. Da behüte dich Gott dafür. Sohn. Ja -wohl. Was wollen wir damit anfangen? Vater (lächelnd) Uns Aecker und Güter kaufen. Sohn. Das ist sein Spas. Vater. Nun! was der^n sonst? Sohn. Ich will fragen, wer ihn verloren hat, und selbigen zurückgeben. Vater. Nun das freuet mich, daß du so gut denkest. Aber es muß auch mit Vorsicht geschehen, sonst könnte ein Betrüger sich dessen anmaßen» Der ( l-4 ) Z- Der alte Lrtel ließ es bekannt machen, daß ein Beutel mit Gelde gefunden sey; wer beweisen könne, daß er der Eigenthümer sey, der könne sich bey ihm Raths erholen. Der Eigenthümer fand sich bald, und erstaunte, daß ein armer Mann fo redlich dachte, und die Geldbegierde, die er auf eine fo leichte Art befriedigen konnte, zu unterdrücken wußte. Er bot ihm2O Rthl. an, aber, Ertel schlug sie aus. „Sie gehören, sagte er, mir fo nicht, denn hier mein Andres hat den Beutel gefunden. " ,, Nun fo mache ich, erwiederte der Fremde, dem lieben Jungen ein Geschenk damit. " Andres. Ich danke Ihnen vielmals. Ich kann es nicht annehmen. Fremder. Warum nicht? Andres. Weil es unrecht ist. Fremder. Wer hat dir das gesagt? Andres. Mein Lehrer und mein Vater. Einen Fund verhehlen , ist so gm als stehlen. Wenn ich mich nun bezahlen ließ, fo wäre es fo gut, als wenn ich bezahlt würde, daß ich keinen Diebstahl begangen hatte. Der Eigenthümer mochte auch sagen, was er wollte, weder Vater noch Sohn nahmen einen Pfennig an. Er wandte sich hierauf nochmal zum Vater, und that ihm folgende Vorstellung: Ich bin ein reicher Mann, habe weder Frau noch Kind, und Geld genug. «r ( '-Z ) ^ Ich thue zwar hie und da Gutes/ aber so recht vergnügt bin ich über meine Wohlthaten noch nicht gewesen. Jetzt würde ich es aber werden/ wenn er mir das Vergnügen machte/ und mir seinen Sohn als mein Kind überließ. Denn ich glaube/ daß es ein braver Mann werden muß. Wie kann ich einen Thei! meines Vermögens besser anwenden / als wenn ich dem Staate einen rechtschaffenen Bürger erziehe. Er mag lernen/ was er will/ ich will alles an ihn wenden. Diese Bedingung gieng denn endlich Vater und Sohn ein. Andrea« ist ein glücklicher Mann/ und noch seinen Grundsätzen getreu. Auch er hat schon das Vergnügen wieder/ recht gute Kinder zu haben. Diese Geschichte erwähnte er selbst bey einer Gelegenheit, wo seine Kinder einen Besuch von ihren Freunden hatten. Einer von den Kleinen erzählte nämlich/ daß von der Post ein Kistchen mit Geld verloren gegangen/ und dem Finder 42 souisd'or versprochen worden wären, und setzte hinzu: ich nähm das Geld nicht, weil diese Versprechung nur eine sockspeise für Schlechtdenkende ist, der ehrliche Mann aber läßt sich für seine Rechtschaffenheit nicht bezahlen. Herr Lrtel lobte die edle Denkungsart des jungen Mannes, und erzählte dabey seine eigene Geschichte. Aber auch dann, fuhr er fort, wenn man für seine Redlichkeit nicht s- belohnt ^ d 26 ) ZP belohnt wird, wie ich belohnt worden bin, so muß man immer so denken. Nicht nur das Gefundene zurückgeben, sondern auch nicht einmal eine Belohnung annehmen, das ist die Denkungsart eines jeden braven Mannes. Und ich hoffe, daß ihr alle so denken werdet, wenigstens würde es mich sehr betrüben, wenn eines von meinen Kindern anders dachte. Sie schmiegten such an ihn, und baten ihn , ja so was Böses nicht von ihnen zu erwarten. Das war ihm eine recht herzliche Freude. Er drückte sie mit Inbrunst an seine Brust, und gab jedem zur Belohnung einen Kuß, Es ist nichts zu kl§r gesponnen, es kömmt doch endlich an die Sonnen. Sie sich nur das Unglück vor, sagte Ludewig zu seinem guten Vater, die Wache hat so eben Meister Ricken den Schlosser abgehohlt. Man sagt, er sey mit unter einer Bande Spitzbuben gewesen, davon eini- ge schon erhascht waren, und auf ihn bekannt hatten. Wollte Gott, erwiederte der Vater, daß diese Nachricht ungegründet wäre. Unterdessen hat man immer sehr nachcheilig von Ricken gesprochen, und die Zukunft wird lehren, ob er schuldig oder unschuldig sey. Merke dir aber das, lieber Ludewig, fest ten wird eine böse That unencdeckc bleiben. Ult- ^ ( 127 ) Unsere 7llten sagen schon mit Recht: Es ist nichts zu klar gesponnen, es kommt doch end-- lich an die Sonnen. Gesetzt es käme auch nicht alles Böses an Len Tag, so sieht und hört doch der allwissende Gott alles, welcher es so eingerichtet hat, daß das Laster auch noch nach dem Tode bestraft wird. Merkwürdig bleibt es aber doch immer, daß der Bösewicht, und sollte es auch sehr spat seyn, seinen sohn für seine Thaten schon hier empfangt. Ich kann dir davon man- cherley Beyspiele erzählen. „Der Kaufmann R...., ein sonst an- gesehner Kaufmann zu Br.... pflegte gewöhnlich in die Rheingegenden zu reisen, um Most und junge Weine einzukaufen. Er war in dortiger Gegend sehr bekannt." Einst machte er auch diese Reise zu Pfers Le. Von ohngefähr kamen zwey Männer, die auch beritten waren, durch einen Seitenwez zu ihm, Drachen ihm höflich zu, ritten die landstrasse mit fort, nannten ihn bey seinem Namen, und gaben sich für Kaufleute aus, die nach Frankfurt wollten. Da er ihnen zu erkennen gab, daß er auch dahin reisen würde, so schienen sie sich sehr über seine Gesellschaft zu freuen, und machten ihm verschiedene Komplimente. Sie vertrieben sich durch Erzählungen und Gespräche den Weg, und kamen des Abends zusammen in einem sichern und bekannten Gaschoft an, wo sie übernachteten. Des ( ir8 ) Z« ' Des andern Tages brachen sie alle drey sehr früh auf, und ritten weiter. Aber auf einmal änderte sich die Scene, als sie in einen Wald gekommen waren. R. . . bekam, ehe er es sich versah, einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er vom Pferde stürzte. Seine Leyden Begleiter waren Räuber, die ihm er- schrecklich zerschlugen, den Mantelsack dom Pferde abpackten, und dieses hinlaufen ließen, wohin es wollte. Damit man nun nicht sobald auf die Spur kommen sollte, so zogen sie ihn aus, und warfen ihn in einen Busch. „ Du! sagte der eine Räuber, der könnte dir wieder aufleben. Sieb ihm noch einen Schuß!" R . . . hatte noch so viel Aewrlßtseyn, daß er dieses verstund. Der andere Räuber that das, und schoß ihn durch die Brust. „ Nun hat er satt, sagte er. saß uns fortreiten. Er wird nicht wieder aufstehen. " Da lag er nun in seinem Bluts todtauf die Erde hingestrcckt. Jedes wird glauben, daß. mit ihm alles aus gewesen sey. Nein! die Vorsehung batte beschlossen, ihss bey dem Leben zu erhalten. Er erholte sich , und kroch ganz schwach aus dem Gebüsche heraus, nach der Landstraße zu, wo ihn kurz darauf ein Fuhrmann entdeckte. Er konnte diesem nichts auf seine Fragen antworten, sondern winkle nur mit der Hand, daß er ihn auf seinen Karn laden, und nach dem nächsten Orce ^ ( r-y ) .bringen sollte. Der mitleidige Fuhrmann th«t denn dies auch. Der nächste Ort war ein Landgut/ auf das der unglückliche R. . . gebracht wurde, wo er gut bekannt war. Der Besitzer erkannte ihn alsbald/ schickte sogleich nach einem Wundarzt, und chac alles, was ein Menschenfreund unccr solchen Umstanden thun muß, um einen Unglücklichen zu retten: wie das der barmherzige Samariter auch that, und daher von unterm guten Herrn Jesus als ein Muster der thatigen Menschenliebe aufgestellt worden ist. Durch diese gütige und menschenfreundliche Vorsorge/ wie auch durch die geschickte Behandlung des Arztes, wurde R, . . glückl.ch wieder hergestellb Er nahm dankbar Abschied von seinem gütigen Wirty, setzte seine Äeise noch fort, und nachdem er seine Geschäfte besorgt hatte, kam er ohne weitere Unfälle glücklich zu Hause an. Nach 8 oder 10 Jahren machte er die nämliche Reise. Zu Frankfurt, wo er sich gemeiniglich einige Zeit aufhielr, gieng er einmal über die Brücke nach Sachsen ba usc «r, wo ihn ein Herr, von einem Bedienten begleitet, begegnete. Dieser schien ihm etwas Bekanntes in seinem Gesichte zu haben. Er sabe ihn daher recht genau vom '^opf b>'s auf die Aässe an, und wurde m keinem Erstaunen, fein Petschaft an dessen Uhr gewahr. I Sein ^ (IZ° ) Sem Ecstamwn. wurde noch größer, als er sah, daß auch die Uhrkette ehemals ihm zugehört hatte. Auf einmal fuhr ihm der Gedankt durch die Seele: dies sind die Heyden Räuber, die dich damals angefallen, und beraubt haben. Er kehrte geschwind um, und bat den wachthabenden Offizier im Thor, Herrn und Bedienten zu arretiren, indem sie Mörder und Räuber waren, und verband sich zugleich, für alles zu stehen, und einstweilen mit Arrest zu halten. Der Herr schien erschrocken über diesen Vorfall zu senn, und sprach von Genugthunng; allein der Kaufmann bewies ihm so muthig, daß sie beyde die Räuber gewesen waren, die ihn einst so barbarisch behandelt hatten, so, daß Herr und Bedienler ganz betreten darüber waren. Sie wurden der Obrigkeit überliefert, welche denn bald er, kannte, daß die Anklage des Kaufmanns richtig seyn möchte, wie sie es denn auch war. Beyde waren die Räuber, die sich in alle Ewigkeit nicht vermuthet hatten, den Kaufmann R. . . in dieser Welt noch lebendig anzutreffen. Galgen und Rad war der fohn ihrer schändlichen That. Vor einiger Zeit lebte hier ein reicher Bürger mit seiner Schwester sehr uneins, und brachte sie einmal in der Wuth ums feben. Er flüchtete sich den Augenblick, und niemand wußte, wo er hingekommen war. Nach erlichen Jahren erhielt der Magistrat ein Schrei- ^ ( -ZI ) Heu aus 5oppcnbuuen, der Haupt - und Rest- denzstadt des Königs von Dännemark, worinn ihm gemeldet wurde, daß man einen Mann in Verhaft genommen, der seine Schwester ums seben gebracht haben sollte. Nach der Beschreibung war es wirklich der Bürger. Die Sache war auf folgende Art herausgekommen: Er hatte sich unter die Soldaten begeben, und sich bis zum Offizier geschwungen. Einsmal ließ er einen Gemeinen, der Key den militärischen Uebungen einen Fehler gemacht hatte, -prügeln. Dieser, darüber aufgebracht, sagte, daß er sich von einem solchen elenden Menschen nicht schlagen ließ, der seine Schwester ermordet hatte. Der Soldat war ein sandsmann von ihm, und hatte ihn gekannt, davon aber der Offizier nichts wußte. Er wurde nachher ausgeliefert, und hier auf dem Rathshofe enthauptet, welches noch einige alte Bürger sich zu erinnern wissen. Zch könnte dir, lieber sudewig noch viele Beyspiele erzählen, allein es wird hinlänglich seyn, dich davon zu überzeugen, daß böse Thaten auch hier noch in dieser Welt bestraft werden. Ein Handwerk hat einen goldnen Boden. Kaufmann Lehmann war sehr reich, ^ hatte Geld im Uebersiuß, und zwey sehr Z 2 schöne ^ >( >Z2 ) s? schöne Landgüter. In seiner Jugend hatte ek als Bandmacher gelernt/ und hatte sich nach und nach ein großes Vermögen erworben. Ohnge, achtet seines Reichlhums , war er doch immer ein sehr arbeitsamer und thätiger Mann, nicht aus Geiz, oder um seinen Neichthum noch zu vergrößern, sondern weil er die Arbeit für eine Tugend, und den Müßiggang für ein lafter hielt. Jeder Mensch, sagte er oft, muß sich ein gewisses Geschäfte machen, und wenn er der reichste ist, sonst taugt er nichts. Er iß ein unnützes Mitglied im Staat. Nach diesen Grundsätzen erzog er auch seine Kinder. Es waren ihrer achte, 6 Knaben und L Mädchen. So viele Freude er seinen Kindern machte, so lieb er sie hatte, so streng war er, wenn eins von ihnen seine tägliche Arbeit nicht verrichtet hatte. Wenn die Schule vorbey war, so hatte jedes sein bestimpi- tes Geschäft. Das eine mußte Holz legen, das anvere im Garten jäten, das dritte gießen u. s. w. Außerdem mußten die Knaben alles lernen, was ihnen auf die Zukunft nützlich und heilsam seyn konnte, Schreiben, Rechnen, Sprachen und andere Wissenschaften. Eben so verfuhr er mit seinen beyden Töchtern, welche außer den häuslichen Beschäftigungen, zu welchen sie erzogen wurden, Zeichnen, Nähen, Stricken u. d. gl. lernen mußten. An seinem Haufe hatte er einen schönen Garten, den er durch einen eignen Gärtner bearbeiten ließ. ^ ließ. Dieser mußte seinen Knaben Unterricht in der Gartenkunst geben. Außerdem mußten die beyden Knaben wöchentlich ein paar Gründen zu einem Drechsler gehen, um das Drechseln zu lernen. Es gab denn nun viele Leute, die sich über' den guten Lehmann aufhielten, indem er seinen Kindern Sachen lernen ließ, die sie nie nöthig hätten. Allein an solche elende Gespräche kehrte er sich nicht. Einmal kam der älteste ganz abgemattet aus dem Garten, in welchen er ein paar Dutzend Bäumchen gepropft hatte, und beschwerte sich bey dem Vater über die viele Arbeit. Der Vater zeigte ihm liebreich, wie nochwendig es sey, sich zur Arbeit zu gewöhnen, indem, außer den Vorcheilen für die Zukunft, der Körper dadurch gestärkt werde. „Aber, lieber Vater, fugte Adolph, ich werde doch wohl niemahls ein Gärtner werden. Wozu soll ich denn nun alles das erlernen, wovon ich niemahls Gebrauch machen kann?" Vae. Niemahls Gebrauch? Gesetzt , du hätkest einmal nicht nöthig, dich davon zu nähren, so wird es dir doch gewiß in deinen ältern Jahren viel Vergnügen machen, wenn du einige Kenntnisse davon besitzest. Ad. Die kann ich mir ja aber erlangen, ohne diese Arbeiten verrichten zu dürfen. "- Vae. Lieber Adolph! ich muß dir eine kleine Geschichte erzählen: „Ein A ( IZ4 ) „Ein junger Edelmann, der als elnbraver und rechtschaffner Mann bekannt war, hielt um eines andern Edelmanns Tochter an, die er sehr liebte, und von der er wieder geliebt wurde. Als er seine Worte bey dem Vater anbrachte, sagte dieser: Ich habe nichts dagegen. Sie sind mir immer als ein braver Mann bekannt gewesen, und wie ich merke, sind Sie schon mit meiner Luise in Richtigkeit. Aber können Sie ein Handwerk? — „Ein Handwerk? wozu habe ich das nöthig? — Wenn Ihnen alle Ihre Güter genommen, und Sie so arm würden, daß Sie kein Brod mehr hatten, wovon wollen Sie sich und meine Tochter ernähren? Es kann doch möglich seyn, daß Sie in die dürftigsten Umstande kommen. Können sie aber ein Handwerk, so kann ich ganz ruhig seyn. fernen Sie das, so sollen Sie meine Tochter haben. Der junge Mann wußte nun schon, wie der Alte gesinnt war, und um ihn zu befriedigen, und sein falschen nicht zu verlieren, gieng er zu einem'Korbmacher , und lernte ihm seine Kunst ab. Als er das konnte, kam er wieder, und erhielt, was er wünschte." So denke ich auch, lieber Adolph. Ich kann unglücklich in meiner Handlung seyn. Meine Güter können abbrennen, ich kann arm werden, ihr wäret dann ganz unglückliche Kinder; aber wenn ich euch was lernen lasse, ff weiß ich doch gewiß, daß ihr euch einmal auf der ^ ( IZZ ) A der Welt aus eins ehrliche Ärt ernähren könnet, und wenn es auch nur von einem Handwerke wäre/ das immer seinen Mann reichlich ernährt/ so wie man Sprichwörtlich sagt: Lin -Handwerk hat einen goldnen Boden. Ich habe ja auch ein Handwerk gelernt, und habe mich dabey gut befunden. Wahrend dieses Gesprächs kamen die übrigen auch her- bey! und hörten dann dem Vater aufmerksam zu. Der Vater hat Recht/ sagte der ernsthafte Christoph. Herr Reis, (so hieß ihr Lehrer) hat uns oft gesagt/ daß es gut sey/ wenn man etwas lerne/ wovon man sich in der Noth, und sollte es mir den Händen seyn/ ernähren könne. Unter andern erzählte er einmal folgende Geschichte: Ein reicher Mann hatte einen einzigen Sohn/ den er sehr lieb hatte/ und daher alles Mögliche anwandte, um ihn recht glücklich zu machen. Der reiche Mann hieß Herr Goldreich , und hatte ein schönes Rittergut, und sein Sohn hieß Wilhelm. Wilhelm spielte gerne/ und gieng sehr ungern an seine Bücher/ und an die andern Arbeiten/ die ihm sein Vater aufgab. Doch war er sehr folgsam/ und bereuete es oft/ wenn sein guter Vater nach den Arbeiten fragte, und selbige noch nicht fertig waren. Mit der blossen Reue aber war denn der Vater nicht zufrieden. Daher sagte er einmal zu ihm: Lieber Wilhelm ! ich sehe wohl, du möchtest gern mir zu ge- ^ ( 156 ) fallen leben, aber du möchtest das ohne Anstrengung, ohne viele Arbeit thun. Besonders sind dir körperliche Arbeiten, die dir doch durchaus nothwendig sind, sehr unangenehm. Du mußt dir aber eine körperliche Beschäftigung erwählen, blos um deiner Gesundheit willen. Ich will dir einen Fleck im Garten geben , welchen du ganz allein bearbeiten sollst. Der Gärtner mag dir / wo du es nicht recht machst, helfen. Willst du das? Du sollst sehen, daß du zuletzt Vergnügen daran finden sollst. Wilhelm versprach es dem Vater, und hielt Wort. Nach Endigung der Schule war er stets im Garten, und wurde der geschickteste Gärtner. Sein guter Vater überließ, da er älter wurde, es seiner eigenen Neigung, was er erlernen wollte. Ich will, sagte Wilhelm, ben der Oekonomie bleiben, und mich davon nähren. Der Vater war es zufrieden. Das Gut, das Herr Goldreich besaß, lag in der Neumark, und war durch seine Mähe und seinen Fleiß eines der schönsten Güter in der Gegend. Aber er konnte seinen Fleiß in dieser Welt nicht einerndten. Es kam der siebenjähriae Krieg, in welchem die Rüsten das ganze Gut zerstörten. Herr Goldreich starb, und Wilhelm war nun ganz verlassen. Seine Mutter war auch schon todt, das Gut war verwüstet und zerstört. Was sollte er nun anfangen? Da die Russen da- Hg ( rZ7 ) ^ mals wahre Barbaren waren, und allenthalben Spüren ihrer Wildheit zurückliessen, so entschloß sich Wilhelm als ein Jüngling von l6 bis r? Jahren in die weite Welt zu gehen, und sein Brod einsweilen als ein Gärtner zu suchen« Das fand er auch auf einem Gute bey -Hamburg, wo es ihm recht wohl gieng. Wenn er denn nun einsam in seinem Garten arbeitete- so siel ihm oft sein guter Vater bey, dem er noch manche Thrane Henkte, und dem er es nun nicht genug danken konnte, daß er ihn zu einem Geschäfte ermuntert hatte , das ihm in seinem Unglücke noch Muth, Zuversicht und Hoffnung auf bessere Zeiten gewahrte, und ihm einsweilen Nahrung und Unterhalt gab. „Da der Krieg vorbey war, gieng er m fein Vaterland zurück, und übernahm sein Gut, daß er durch seinen Fleiß, Geschicklichkeit und Thätigkeit bald wieder in den Stand setzte, in dem es sich ehemals befand." Was ich daher lernen kann, fuhr Christoph fort, das will ich lernen. Man weiß ja nicht, wie man es braucht. Das ist. brav, sagte Herr Lehman«. Bey solchen Grundsätzen muß es dir wohlgehen in der Welt. Geschicklichkeit, Rechtschaffenheit , und Arbeitsamkeit lassen keinen Menschen sinken. Wer suft hat, etwas zu verdienen, findet immer Gelegenheit dazu, und wenn er sich auch von einem Handwerke ernähren rL c II8 ) F nähren sollte. Ueberdem befinden sich geschickte Handwerker und Profeßioniften immer sehr wohl, zumal wenn sie ihr Handwerk recht verstehen. Wie sehr schätzt man nicht den Klempe- rer, Meister Eckarten? Selbst die Vornehmsten machen sich ein Vergnügen daraus/ sich mit ihm zu unterhalten. Wer nicht hören will, muß fühlen. /schristiarr Reisleder hatte sich das Schwören ^ so angewöhnt/ daß er gar nicht mehr wußte, wenn er schrvur, vhngeachtet er sonst sin guter Knabe war. Er hatte einen Freund, der hieß Jakob Ebrlicb, mit welchem er stäts irmgieng. Dieser zeigte ihm oft, daß das sehr unanständig sey, aber Reisleder meinte, er könne sich das nicht abgewöhnen. „Nicht abgewöhnen, versetzte Ehrliche das müste nicht gut seyn. Weißt du was, lieber Christian, ich will dir einen Vorschlag thun? Er wird dir zwar etwas unangenehm seyn, aber wir erreichen unsere Absicht gewiß." Chr. Und der wäre? Jak. So oft du schwörst, gebe ich dir eine Ohrfeige. Du mußt aber nicht böse werden? Lbr. Es sey! Der Vorschlag wurde also angenommen. Sie spielten zusammen, und ehe es sich Christian versah, hatte er eine Ohrfeige. Dieser ' hatte c-Zy) hatte den Accord, den sie zusammen gemacht hatten, schon wieder vergessen, und fragte ihn, wa um er schlüge? I.;k. Weil du geschworen hast. ehr« Ich geschworen? Meiner- Jak. wer Nicht hören will, muß fühlen. Patsch hatte er wieder eine Ohrfeige. Ihr Lehrer hatte von ferne zugesehen, und bemerkte, daß Ehrlich ein paarmal Reisledern Ohrfeigen gab. Wie geht das zu, dachte er? Es sind doch sonst gute Freunde. Er rief sie also zu sich. Beyde erzählten den Vorgang aufrichtig. „Die Cur, sagte Jakob lächelnd, ist zwar etwas schmerzhaft, allein ein bischen Schmerz ist doch immer besser, als eine langwierige Krankheit. Auf meine mündliche Erinnerungen hörte er nicht, ich mußte sie ihn daher ein wenig fühlbar machen." Der sehrer lobte Jakobs Arzneyen, ob sie gleich sehr bitter waren. „saß dir nur, lieber Christian, sagte der sehrer weiter, diese Cur gefallen. Du wirst dann allenthalben weit mehr Achtung ae- meßen, als-jetzt, wenn du das Schwören lassest, zumal du oft Betheurungen hinzufügst, wenn auch die Sache nicht wahr ist. Ich weiß wohl daß es bey dir Gewohnheit ist, allein es ist eine schändliche Gewohnheit, e'n grosses saster, bey jeder Kleinigkeit den heiligen und ehrwürdigen Namen Gottes zu mißbrauchen. Ich habe, das weiß ich, nicht weiter nö- «L ('40) F nöthig, dir das Unschickliche/ das Fehlerhafte zu zeige«/ du wirst das alles einsehen." Christian bat um Verzeihung/ und zugleich seinen Freund/ in der Cur/ wenn sie auch noch so schmerzhaft wäre / fortzufahren. Sie wahrte nicht langer als 8 Tage/ und der Patient ivar gesund. Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. e^Xas Sprichwort pflegte Meister Nilstn bey seinem Sohne Niklas anzuwenden, der ein Erzstreitkopf war/ und immer das letzte Wort behalten wollte. Er mochte nun recht haben/ oder nicht, so bestund er doch auf seiner Meinung/ und wenn er glaubte beleidigt zu seyn / so war er gewiß unter seinen Mitschülern der erste/ der bey seinen sehrern etwas zu klagen hatte. Jeder/ der ihn kannte, prophezeyete ihm auf seine alteren Jahre nicht viel Gutes / wenigstens immerwahrenden Verdruß und Mangel an Fröhlichkeit und Zufriedenheit. Kann es auch wohl einen unglückli- chern Menschen geben, als den, der nie zufrieden ist, und mit allen Menschen in Hader und Verdruß lebt? Das glaubte aber Niklas nicht, und doch ist es wahr. Einmal kam er zu seinem Vater, und erzählte ihm, daß ihn Nachbars Christel habe fortgehen heissen. Ich habe, sagte er,' ihm nicht A c i»r) nicht recht geben können. Das hat ihn der- drojsen. Ich glaube jenem, erwiederte der Vater, eher als dir, da du in allem Recht haben willst, wenn du auch Unrecht hast, lieber Niklas! bs ist mir bange um dich. Ich befürchte , du wirst einmal ein sehr unglücklicher Mann werden, da du gar nicht nachgeben kannst, und auch dann ungestüm bist, wenn du das Recht gar nicht auf deiner Seite hast. Komm her, und lies mir einmal die Fabel vor. Er schlug Gelleres Lübeln auf. Es war die: Ja fa, Prozesse wüsten seyn rc. Niklas war darüber betreten, behauptete aber demungeachtet , daß er recht gehabt habe. Das sieht dir, antwortete der Vater, ganz ähnlich, daß du noch immer recht zu haben behauptest. Was betraf denn euren Streit? Nlk. Christel hat eine Magnetnadel von seinem Pathen zum Geschenk erhalten. Wir sprachen darüber. Da behauptete er auch, es gäbe gewisse Gegenden, wo sich die Magnetnadel gegen Süden drehe. Und das ist doch nicht wahr. Sie weicht nie vom Norden ab. Das habe ich erst heute in der Schule gehört. Ich widerlegte ihm also, und da sagte er: ich wäre ein Rechthaber. Das verdroß mich. Ich antwortete darauf: er könne nichts. Da hieß er mich gehen. Varer. ^ (142) F Vater. Das habe ich doch gleich gedacht. Christel hat Recht. Damit ich dich recht überführe , so will ich es dir schriftlich beweisen. Er schlug Campens Entdeckungen von. Amerika auf. Nun saß er beschämt da, und wußte nichts zu antworten. Statt daß er seinen Feh, ler hatte gut machen, und seinen Jrrchamein- gestehen sollen, setzte er sich in eine Ecke, und hieng das Maul, weil er Unrecht hatte. Daö machte er oft so. Ja, er war manchmal so ungezogen, daß er seinen Aeltern und sehrmr geradezu widersprach, und wenn er gestraft werden mußte, sich mit Worten so widersetzte, daß sie ihn aus der Stube zu gehen heissen mußten. Jede Beleidigung die ihm wi- verfuhr, rächte er auf der Stelle, so, daß er in immerwahrenden Streite mit seinen Mitschülern lebte, und von der Schulstrafe fast keinen Tag befreyet war. Er verließ nun die Schule, und lernte seines Vaters Handwerk, der ein Klemperer war. Nun hatte er doch verständiger und klüger werden sollen, allein er blieb der alte Ni- clas, der in allen Gesellschaften das Wort führen, und — wie gewöhnlich — immer Recht haben wollte. Das bekümmerte den alten Meister Ntlsen, dessen einziger Sohn er war, außerordentlich. Der Alte, der ihn durch seine Vorstellungen oft zu rechte wieß, und ihn von manchem Verdruß befteyete, legte ( 143 ) ZA sich auf das Krankenbette, und starb. Einige Tage vor seinem Ende rief er seinen Niklas zu sich/ und redete ihn also an: „lieber Niklas! Bald werde ich nicht mehr seyn. Ich fühle es. Vielleicht ist in ein oder zwey Tagen mein Lebensfaden zerrissen. Nun! wie Gott will! Zch würde gern sterben, und mit Ruhe in die Ewigkeit hinübergehen, wenn das stare Andenken an dich diese Ruhe nicht unterbrach. Mir ist um deinetwillen bange. Ach! lieber Sohn! wenn du mich noch ein wenig lieb hast/ und dir dein Glück nur einigermaaßen schätzbar ist/ so höre auf die letzten Worte deines sterbenden Vaters!" Hier! fuhr er fort / hier übergebe ich dir etwas versiegelt, welches du nach »reinem Tode erbrechen sollst. Sobald du künftig in Gefahr bist/ irgend mit jemanden in Streit und Prozeß zu kommen / denn dieser wird bey deiner Gemüthsart und Rechthaberey nicht aus- bleiben/ so überlege wohl/ was ich mit dem Vermächtnisse, das ich dir hinterlasse/ sagen will. Und wird dir dann noch das Andenken deines Vaters/ der jetzt um dich besorgt ist werth und heilig seyn, so wirst du mir auch folgen. Versprich mir das bey Hand und Mund." Niklas schluchzte überlaut/ und konnte nichts weiter herausbringen, als — ich will alles — alles thun. > „ Nun, so will ich auch ruhig sterben, erwiederte der Vater / denn ich weiß nun, daß es dir nicht übel, ergehen wird. " ( >44 ) Meister Nilsen ftarb> und Niklas weinte UM den Verlust eines so lieben Bakers, wie es von einem Kinde / das seinen Baker nur einigermaßen liebt/ zu erwarten ist. Nach einigen Tagen/ wie sich der Schmerz etwas gelegt hatte / eröffnete er das versiegelte Pack, chen/ um doch zu sehen/ was es in sich ent, hielte. Es war ein Bild/ das zween Prozess,', rende vorstellte/ davon der eine/ der den Pro, zeß gewinnt/ im -Hemde, und der andere, der ihn verliert/ nackend Vorgestellt waren. Dar, unter stand t Lm magrer Vergleich ist besser, als em fetter Prozess Aum Andenken für feinen Sohn Niklas, von dessen Vater Andreas Nilftn. // Der gute Vater! dachte Niklas, wie besorgt er um dich ist! Gewiß / ich will fol, gen! " Das war fein fester Entschluß. Der Mensch faßt immer gute Entschlüsse und Vorsatze/ nur Schade/ daß er sie selten ausführt. Sö gieng es unserm Niklas Nilsti auch. Die Eindrücke/ die der Mensch in der Jugend erhalt/ die Gewohnheiten in derseb ben/ die Vorstellungen/ die man sich von e„ nsr Sache macht/ werden nach und nach z" stark/ aks daß man sich derselben so bald E der entwöhnen könnte. Doch/ der Mensch kann schon vieles thun/ wenn er will/ versteht sich, daß er nichts Unvernünftiges wird wob len. ( l4Z ) Zff len. wklas siel oft und vielfältig noch in seinen alten Fehler zurück/ besonders in Gesellschaften/ weil er feine Hitze gar nicht zu massigen wußte. Wenn er denn nach Haufe kam, und das hinterlassene Bild seines guten Vaters erblickte/ so war er manchmal so ver- drüßlich und ärgerlich über sich selbst / daß er sich oft vornahm, gar nicht wieder in Gesellschaft zu gehen. Einmal kam er mit feinem Nachbar um einer Kleinigkeit willen zusammen. Er schimpfte ihn sogar. Dieser wollte das nicht leiden, und drohte ihn zu verklagen. // Er kann nur hingehen/ dann will ich ihm erst zeige«/ daß er ein schlechter Mann ist. " Das war feine Antwort. - Als sich seine Hitze gemaßigek, und ev von ungefähr das Bild der Prozessirenden sah, besann er sich, und beschloß sogleich auf dec Stelle, die letzten Bitten seines Vaters zu vollbringen. Er gieng nun gleich zu fernem Nachbar, der nun eben feine Freude an Klagen und Prozessoren nicht hatte. „ Hören Sie, sagte er, Herr Nachbar! ich komme, von Ihnen wegen des vorgefalle- nen Verzeihung zu holen." Dieser wußte gar nicht, wie er das nehmen sollte: den/i er kannte ihn zu gut. „ Si-e wundern sich, fuhr er fort, daß ich den ersten Schritt zur Versöhnung thue. Es ist mir sauer geworden, ich K ge- ^ ( 146 ) gestehe es; aber nun freuet es mich doch, daß ich mich überwunden habe." Er erzählte ihm nun das geheime Ver, mächtniß seines Vaters, und dieser lobte seine That, und bat ihn, als Freund und Nachbar, so fortzufahren. „Ich denke ja, antwortete er, daß ich nach und nach im Staude seyi, werde, mich zu besiegen. Schon jetzt empfinde ich das süße Vergnügen, das uns das Nachbeben gewahrt. Sie beschlossen, recht nachbarlich und freundschaftlich zu leben. Wenn man den ersten Schritt zur Tugengethan hat, so sind die folgenden schon leichter , um auf ihrer Bahn fortzuwandeln. Niklas Nissen wurde immer mehr Herr über sich, welches ihm nicht wenig Vergnügen machte, und er lernte einsehen, daß ein magerer Vergleich besser sey , als ein fetter Prozeß. Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man den Fidelbogen um den Kopf. * l^hilipp -Hafte wunderte sich, warum seine Mitschüler ihn so ungern in ihrer Gesellschaft hatten, und warum oft das gesellschaftliche Vergnügen oder Gespräch in Stocken ge- rieth, sobald er dazu.kam. Ich weiß nicht, sagte er einst zu seinm Lehrer -Herrn Brav, warum ich so verhaßt bin, da ich doch niemanden beleidige. Br. Das , f 147 ) Br. Das nimmt mich nicht Wunder, lieber Philipp, du bist ja selbst die Ursache davon. pH. Warum? Br. Du bist oft in deinem Urtheile über andere Personen zu voreilig, und untersuchst bey deinen Worten nicht, ob nicht andere dadurch beleidigt werden. pH. Ach! wer wird denn alle Worte auf die Goldwaage legen! ich rede, wie ich es meine, und rede die Wahrheit. Br. Aber weißt du denn nicht, daß man demjenigen, der die Wahrheit geigr, den Fiedelbogen an den Ropf schlägt ; oder wie das lateinische Sprüchwort sagt: Vernas oclmm ps- rir. wer die Wahrheit sagt, den haßt man. pH» Also soll man keine Wahrheit reden? Br. Wer hat denn das gesagt? Es liegt freylich der Sinn in diesem Sprichworte, daß man sich durch die Bekanntmachung der Wahrheit oft Feinde macht. Deßwegen aber braucht man nicht Unwahrheiten zu sagen. Es giebt noch einen Mittelweg. pH. Und das wäre, lieber Brau/ Br. Zuweilen schweigen, oder die Wahrheit nie auf eine beleidigende Art sagen. pH. Es giebt aber auch Menschen, die gleich alles übel nehmen. Br. Eben deswegen muß man in seinen Reden behutsam seyn. Du kennst ja den Kaufmann Stiel. Warum heißt man den nur den groben Stiel/ KL PH. ( 148 ) -O pH. Weil er jedermann Grobheiten sagt? Br. Haft du denn aber je von ihm gehört/ daß er gelogen hatte? pH. Das habe ich nie gehört. Man weiß vielmehr/ daß er nie e'ne Unwahrheit sagt. Br. Und doch wird er bey all seiner Wahrheitsliebe ungcrne gesehen. Warum? pH. Vermuthlich / weil er manches ohne Ueberlegung / manches auf eine beleidigende Art sagt. Br. Richtig. Man kann, oder vielmehr man muß die Wahrheit immer sagen, nur mit Klugheit und Vorsicht. Warum sieht man den Herrn Ruht so gern in jeder Gesellschaft. Pb. Weil er höflich und bescheiden ist. Br. Hast du noch eine Unwahrheit von ihm gehört? pH. Nein z Immer das Gegentheil Br. Man lobt auch die Wahrheitsliebe an ihm und liebt ihn allgemein. Ich lebte einige Zeit in Cassel, wo ich des Abends/ wenn ich des Tages über mich müde gearbeitet hatte/ eine Gesellschaft besuchte/ die sich durch Gespräch/ Scherz und gute saune erheiterte. Zu dieser kam auch ein ge- wißer Rohlmaun, ein sehr braver und rechtschaffener und gefälliger Mann / dessen größte Freude darinne bestand / andern Gefälligkeiten aus wahrer Güte des Herzens zu erzeigen. Er war immer zuerst bereit/ andern zu dienen, A ( >49 ) g? und. machte sich eine wahre Freude daraus. Unglücklichen durch Rach und That an die Hand zu gehen. Falschheit war ihm nie eigen. Wahre deutsche Rechtschaffenheit zeichnete sich durch seine Handlungen aus. Mit dieser Güke des Herzens, verband er vielen Verstand, und besaß nicht wenig Gelehrsamkeit, und doch hatte er Feinde genug, weil er die Wahrheit oft mit zu krellen Farben zeichnete. Sobald er von einer Unterdrückung hörte, die irgend jemanden wiederfahren war, so trat ihm gleich das Blut in das Gesicht. Er vergaß sich denn ganz, und schonte den angesehnsten nicht. Er kam dadurch oft in Verdruß. Niederträchtige, und Speichellecker verschlimmerten gewöhnlich durch Zusatze seine Worte, und so lebte er ftats in Sorgen und Unruhe und wurde oft ein Opfer der Wahrheit. Er hatte sich manchen Verdruß ersparen können, wenn er seine Hitze gemaßiget, und mit mehr Behutsamkeit gesprochen hatte. pH. Wie aber, lieber Brav, wenn ich dazu aufgefordert werde, eine Sache zu bezeugen, und ich beleidige durch mein Zeugniß d^n andern. Muß ich denn da die Wahrheit sagen? Br. Das ist gar kein Zweifel. Nichts darf dich abhalten, neben der Wahrheit hin zu gehen, nur, wie ich dir schon gesagt habe, muff man niemals die Mäßigkeit, Klugheit und Bescheidenheit dabey vergessen. Ich will dir einmal die Lebensgefchichte eines Mannes er- Hk ( lZo ) z? erzählen, dessen Grabschrift du selbst auf dem allgemeinen heichhofe finden kannst. Er hieß Wilhelm Wahrmann. Schon als Knabe war er offen, redlich und bieder. Jeder konnte fich auf sein Wort verlassen. Er hatte um der ganzen Welt willen keine Unwahrheit geredet. Kamen in der Schule Klagen^ und er wußte was davon, so konnte man fich ficher darauf verlassen, daß er die Wahrheit reden würde. Ja auch selbst in dem Falle, wenn er Unrecht gethan hatte, wurde er nie auf einer Unwahrheit ertappt. Der Gewinn war für ihn doppelt. Er machte fich durch seine Offenherzigkeit bey seinen üh- rern beliebt, verbesserte durch fie seine Fehler. Auf diese Art wurde er immer besser und klüger. Vielleicht könntest du etwa glauben, er hätte fich Feinde gemacht, weil er immer die Wahrheit redete. Keineswegs! Nur sehr schlechte Menschen konnten ihn hassen. Er gab aber auch niemahls seine Mitschüler an, eS wäre denn gewesen, wenn irgend jemanden ein großer Schaden bevorgestanden hatte. So entdeckte er einmal seinem hehrer, daß fich die Knaben beredet hatten, fie wollten des Abends den Müller, Meister Labern, der fich statS mit ihnen herumzankte, weil fie ihm durch ihr Spiel manchen Verdruß machten, die Fenster einwerfen. Dadurch befreyte er seine Mitschüler von der Strafe, die fie in dem Entdeckungsfalle erhalten hätten, und den Müller vom Aer- Hr ( 'Sr ) Aerger und Verdruße, ja vielleicht gar von einem großen Unglücke, das leicht durch irgend einen Stein hatte ungerichtet werden können. Sonst war er nie der Ankläger, selbst da nicht, wenn er war beleidigt worden. Das wußte man von ihm. Daher wurde er selbst bey seiner Wahrheitsliebe allgemein geschätzt und geliebt. Seine Mitschüler waren ihm auch da nicht feind, wenn er die Wahrheit zu ihrem Nachtheile aussagen mußte. Zuweilen fuhr ihn wohl einer an und sagte: Mußt du denn alles sagen? ,, Nicht alles, erwicderte er dann, sondern nur was wahr ist. Was kann ich denn dazu, daß du einen unbesonnenen Streich gemacht hast? Ich werde deswegen kein Lügner werden'" Bey einer solchen Denkungsart konnte es ihm nicht fehlen, daß er allenthalben gut ausgenommen wurde. Es nahmen sich, da er arm war, etliche Menschenfreunde seiner an, und ließen ihn studieren. Seine Redlichkeit und Offenherzigkeit, sein sreymüthiges Betragen, gewann jedem, der ihn kennte, seine Freundschaft ab. Bey solchen guten Eigenschaften fehlte es ihm in der Zukunft weder am Brode, noch an mancherley Freuden in der Welt. Jedermann hatte gern Geschäfte mit ihm. Kam das Gespräch auf ihm, so hieß es allezeit: der hat den Namen recht mit der Thar. Er ^ (152) F Er bekleidete eine Ehrenstelle nach der andern, bis er endlich Obrister - Rathmeistev wurde. Die ganze Stadt freute sich jedesmal, wenn die Stadcregierung ihn traf. Ihm war es gleichviel, ob er einen Reichen oder Armen vor sich hatte. Er fprach nur demjenigen das Recht zu, der es auf seiner Seite hatte. Damals glaubte man nicht mehr daran: daß das Recht eine wächserne i^afe hübe. Als er starb, weinte die ganze Stadt um ihn, und mancher Bürger, der ohne ihn vielleicht um alles gekommen wäre, opfere ihm noch jetzt eine Thrane auf feinem Grabe. Die Denkschrift auf feinem seichensteine lautet so: Hier liegt ein Mann Der in der That das war, was er hieß Wilhelm Wahrmann. Der nie eine Unwahrheit redete Und Demohngeachtet allgemein geliebt wurde. Thue desgleichen. Auf eine Lüge gehört eine Ohrfeige. d tnsere alten Vorfahren pflegten schon zu fa- gen: auf einelÄ.üge gehört ein Backenschlüg. Dokror Johann Agricola , der in dem fünfzehnten Jahrhunderte lebte, laßt sich folgender- maaßen aus: „Also ernstlich haben die Deutschen an „der Wahrheit gehangen, daß sie die Lügen, A (15z) z? „gen, wenn man sie hat lügen heißen, bald „ gerochen haben, und nicht gesäumet, die- „ selbe zu strafen. Es steht einem ehrbaren „Manne nichts so wohl an/ als Wahrheit „reden. Herwiederum so stehet ihm nichts „ so Übels an / als lügen. Darum wo ihm „eine fügen zugesagc wird/ so soll er sie „verantworten/ so lieb ihm seine Ehre sey/ „ die er doch mit dem beben vergleichen soll." Daß der fügner ein verachteter Mensch ist/ haben wir an Fritz Grosimaulen gesehen, der sich durch seine fügen um alle Achtung brachte/ und zuletzt von Kindern verspottet wurde. Es giebt aber auch noch fügner/ die mit ihren fügen andern absichtlich schaden wollen / und sich freuen / wenn sie irgend jemanden bey der Nase herumgeführt haben. Solche sind ganz verächtliche Menschen / und schon Sirack sagt von ihnen, daß ein Dieb zwar ein schändlich Ding se^, ein Lügner oder ein Derlaumder aber doch nach viel schändlicher. Er vergreift sich gewöhnlich an dem ehrlichen Namen seines Nebenmenschen/ und schont oft feinen besten Freund nicht/ weil er eben nichts bestes zu lhun weis/ als lügen. „Der gute Name, sagt ein berühmter englandischer Schriftsteller/ ist Mann und Lveib das schätzbarste Kleinod ihrer Seelen. H)er mir mein Gels stiehlt, stiehlt mir einen Bertel; es ist Etwas '— es ist Nichts. Es war mein, ^und ist! sein, und rst schon ein Sclav von tausend ander» ^ c IA4 ) s? Sem gewesen. Aber wer mich um meinen gu, ten Namen bringt der raubt mir etwas, Dag ihn nicht bereichert, aber mich wahrhaftig arm macht." So wie aber jeder Unart und jedem Laster die Strafe auf dem Fuße nachfolgt: so kann auch der Lügner und Verlaumder nichts anders als Strafe erwarten. Ist denn das nicht Strafe genug, wenn er als ein Lügner allgemein bekannt ist? Wer ihn einmal kennt, laßt sich fo leicht nicht von ihm betrügen. Es müßte einer sehr einfaltig seyn, der sich zum zweytenmale von ihm hintergehen ließe. Mit der Entstehung dieses Lasters geht es nun wie mit allen menschlichen Gebrechen. Das Kind erzählt etwas Unwahres, denn lügt es, und zuletzt ist es daran gewöhnt. So wie nun die Kräfte des Körpers wachsen, so wachsen auch die Kräfte der Seele. Gewöhnt ! sich diese an edle und gute Gesinnungen, so i wird der Knabe, oder das Mädchen brav und j rechtschaffen werden, aber auch umgekehrt la- ! sterhaft, wenn sie in der Jugend ihre Freude ! an Lastern und Gottlosigkeiten hatten. Jakob Gränfel hatte seine einzige Freude daran, wenn er seine Mitschüler necken, oder ^ schrecken, oder einen andern Schaden zufügen konnte. Bald fiel er auf der Straße von selbst hin, und that, als wenn er ein Bein, oder Arm zerbrochen hätte, uyd sprang mit Aachen auf, wenn jemand herbeyeilte, ihm zu helfen. Bald (ISS) Bald schrie er um Hülfe, als läge er im Wasser; bald rufte er Feuer. Wenn er sie denn nun alle in Bewegung gesetzt hatte, so trat er hin und lachte aus vollem Halse. Nach und nach lernten sie den Spasvogel Jakob kennen. In der Zukunft wollte es ihm auch nicht mehr gelingen, seine Mitschüler zu erschrecken: denn so bald es hieß: Gränsel hats gesagt, so thaten sie alle, als wenn sie es nicht gehört hatten. Aber einmal suchte er sie auf eine andere Art zu hintergehen. Nämlich er erzählte ihnen, daß er jetzt vom Markt käme, da habe er denn gesehn, daß Rost am Halseisen sey. So hieß ein Mann, der allgemein bekannt war. Und als man ihm nicht glauben wollte, so schwur er dazu Stein und Bein. Das würkte; denn sie konnten nicht glauben, daß er gar zu lasterhaft sey, und die Sünde der fügen noch durch einen Schwur vergrößern sollte. Die neugierigen Knaben sprangen fort, und fanden keinen Menschen auf dem Markte, geschweige jemanden am Halseisen. Sie kamen zurück, und schon von weiten lachte sie Gränsel aus. Du bist doch, sagte einer, ein abscheulicher Mensch! „ Warum? " Weil du deine Unwahrheit mit einem Schwure bekräftigen wolltest. ,, Ich habe nicht falsch geschworen. Geh einmal hin, und siehe zu, ob nicht Rost am Halseisen ist?^ Nun Htz ( iA6 ) zP Nun sahen sie wohl ein , daß er sie durch eine Zweydeutigkeit hintergangen hatte, aber sie glaubten doch, daß er falsch geschworen habe, und der sichrer gab ihnen recht. Man nennt das Advokatenkniffe, sagte er. Dergleichen schmutzige Seelen nämlich lehren, man konnte auf gewisse Worte stb wo, en, die einem der Richter oder Ankläger vorlegte, ohne eben das zu beschwören, was sie verlangten, sondern man Dürfe nur mit den Worten einen- andern Ginn verbinden, so wie es Gränsel machte, der unter Rost, nicht Meister Rosten den Schmidt verstund, sondern wirklichen Rost, der sich leicht ans Eisen ansetzt. Auf diese Art führte er euch an, und glaubte sogar, nichts Unrechtes zu thun, wenn er dazu schwüre. Der schrer gab ihm deßwegen noch einen Verweis, mit der Drohung, daß er im nochmaligen Uebertrettungs falle derb gezüchti- gct werden würde. Gränsel wurde so bekannt, daß ihm niemand mehr traute. Einst hörten seine Mitschüler jemanden ängstlich rufen, sie horchten auf, und waren schon bereit, dem Geschrey nachzugehen, als sie Gränfels Stimme hörten. „Es ist ja Gränsel," sagte einer, und alle kehrten um. Sie ließen ihn fchreyen und rufen, so viel er wollte. Jetzt wurde er nun durch seinen eignen Schaden gewahr, daß jedes safter sich selbst bestraft. Er lag im Was- sirr, das an der Schule vorbey stoß, und wür- ^ ( l57 ) ^ würde gewiß ersoffen seyn, wenn ihn nicht zu seinem Glücke ein Mann entdeckt hatte, der ihn herauszog. Es gieng ihm beynahe wie jenen; Knaben, der Schaafe hütete, und immer schrie: „der Wolf kömmt." Es sprangen jedesmal seute __ herbey, um den Wolf von der Heerde abzu- halten, allein sie sahen niemals einen Wolf, sondern der muthwillige Knabe hatte nur seinen Spas mit ihnen. Er trieb das immer so fort, bis nach und nach niemand mehr auf ihn hörte. Einmal kam denn der Wolf nun wirklich und packte die Heerde an. Er rief und schrie, allein niemand wollte sein Schreyen verstehen, und der Wolf trug ein Schaf nach dem andern weg. Gränsel trieb es denn so weit, daß er allgemein mit dem Namen Lügen--Gränsel ge- Lrandmarkt wurde. Dabey war er so boshaft, daß er oft die Ehre des andern krankte, und immer das nachtheiligste von seinen Nebenmenschen sprach. Ob er gleich sogar von der Obrigkeit einigemal gestraft wurde, so unterließ er doch seine Bosheit nicht. Jeder ehrliche Mensch schämte sich, mit ihm zu reden, und konnte er es nicht vermeiden, so war schon der Entschluß gefaßt, kein Wort von ihm zu glauben. Daß er bey solchen Umstarrden kein sonderliches Glück in der Welt gemacht, könnet ihr leicht denken. Ec starb im Armenhauft. Moll- (rZ8) gP Wolltet sich wohl einer von euch so verächtlich und elend machen als dieser? das glaube ich doch nich. Auf eine Lüge gehört ein Backenfchlag, sagten unsere Vorfahren.. Ihr sollt deßwegen nicht gleich die sügen so handgreiflich rachen, wie es unsere Alten tha- ten, sondern nur dadurch lernen, daß nichts abscheulicheres und unanständigeres sey, als das Lügen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. ANit diesem Sprichworts pflegte immer Da» vid Draheil seine Dummheit und Unwis» senheit zu entschuldigen, so wie es viele giebt, die unsere gebräuchliche Sprichwörter ganz verkehrt anwenden. Er blieb aber auch Zeitlebens ein Dummkopf, ohngeachtet er Schulen und Universitäten besucht hatte. Denn leider ist der Nürnbergische Trichter noch in keines Menschen Händen, um die Gelehrsamkeit oder andere nöthigen Kenntnisse in den Kopf hinein zu trichtern. Zwar war er ein wenig einfältig, aber seine Faulheit und Trägheit war doch am meisten Schuld, daß er gar nichts lernte. Auch das würkte bey ihm nicht, daß seine Mitschüler ihn immer aufzogen. So machte ihn einmal einer weiß, er müßte sich trepaniren lassen, wenn er etwas lernen wollte, und er war einfältig genug, dieses zu glauben. Er bat sich von dem!ehrer, der über ^ c lZ9) ihn besonders die Aufsicht hatte, 2 Groschen aus, um sich von dem Feldscheer trepaniren zu lassen, weil sein Kopf nicht alles das fassen i könne, was er doch lernen müsse. Kaum konnte sich der Lehrer des Aachens enthalten. Nachdem er ihn nun erklärt hatte, was trepaniren ^ heiße, so erschrack er selbst über seine Einfalt^ ! Der fehrer gab ihm noch überdieß einen Ver- > weis, daß er nicht aufmerksamer wäre/' „ Ich I habe ja das kürzlich erst erklärt, sagte er, allein du giebst auf nichts Acht. Du wirst ein ^ unglücklicher Mensch werden, wenn du dich nicht mehr anstrengst." Alle Ermahnungen und Erinnerungen aber, waren so gut als in Wind geredet. Auf Universitäten lernte er noch weniger, als auf Schulen, wo er durch eine genauere Aufsicht noch zum fernen angehalten wurde. Er ftudirte die Theologie, wurde auch wirklich Candidat, blieb aber das ^ allgemeine Gespötte und Gelächter der Stadt, und suchte vergebens um ein Amt nach. „Was soll denn aber das Sprichwort: N?as ick nickt weiß, mackt mick nickt heiß , ! bedeuten? fragte Gottfried. Es soll nur so viel bedeuten, antwortete ihm der fehrer, daß es nicht immer gut ist, daß wir alles wissen, nämlich, wenn es uns Verdruß oder Aerger, oder irgend ein Uebel zuziehen kann. Es ist besser, man verschweigt etwas, das einen andern alterirc, wie man spricht, oder ohne Noch unangenehme Empfindungen verursacht» ( i6v ) gP sacht. Ein Reisender kam einmal spat in einem Gasthofe an, und wurde vom Hunger sehr geplagt. In der Eile wußten sie nichts zu machen, als ein Stück Fisch, der leicht zu sieden ist. Der Wirth hatte einen Aal sie« hen, ließ ihn aus dem Fischkasten hohlen, die eine Hälfte sieden, und die andere legte er einstweilen zurück, und salzte sie ein, um sie Zum weitern Gebrauche aufzuheben. Der Fremde ließ es sich wohl schmecken, und reiß, te des andern Tages ab. Als der Wirth den nämlichen Tag- wieder einen Aal gekauft hatte, und nun in den Fischkasten thun wollte, so fand er zu seinem Erstaunen den Aal noch darinnen. Er erkundigte sich bey seiner Frau, ob sie etwa auch einen gekauft, aber sie wollte nichts wissen. Er höhlte also aus demTopfe die andere Hälfte heraus, und fand zu seinem noch größern Erstaunen, daß es die Hälfte einer Schlange war. Gottfried. Einer Schlange? Ich dachte die Schlangen wären giftig. Lehrer. Bey uns nicht. Es ist das ein Vorurtheil. Doch soll es einige Arten geben, die giftig sind, wie man das von einer gewissen Schlange sagt, die sich in Böhmen auf- halten soll, der pfeif-Schlange, ich glaube so heißt sie. Ein Mädchen suchte einmal Brombeere im Walde, und wurde plötzlich von einer solchen Schlange in den Hals gebissen. Es schrie gewaltig, aber kaum kamen ^ c -6i) ihm seine Gespiellinnen zur Hülfe/ als es fchdir rodc war. Ihr Gift muß also sehr tödtend seyN/ denn sonst pflegten die Menschen dorr dem Biße einer giftigen Schlange nicht gleich zu sterben. In andern wandern giebt es viele dergleichen/ wie z. B. die böse Rlapperßhlan- ge, gewisse giftige Eidechsen, wie es eine auf dem Cap geben soll / deren Biß einen unheilba- baren Aussatz/ der erst nach Verlauf eines halben oder ganzen Jahres mit dem Tode aufhöre/ verursachen soll. Die -Hottentote,, nennen ße r'Geitge. Besonders ist es aber, daß die Wilden in Afrika und Amerika die giftigen Schlangen essen / ohne daß ße ihnen schaden. Das Gift thut im Magen / also von innen/ gar keinen Schaden/ sondern nur> wenn es von aussen/ durch einen Biß in den Körper oder in das Blut eindringt. Das wissen auch die Wilden. Sie bestreichen daher ihre Pfeile mit dergleichen Gift / um ihre Feinde / es mögen Menschen oder Thiere seyN/- damit zu tödten. Gottft. Nun! der Fremde? Lehrer. Der Fremde befand ßch noch sehr wohl/ als er ohngefahr ein Jahr darauf wieder in den nämlichen Gasthof kam. Der Wirth freute ßch seines Wohlseyns, und fragte ihn: wie ihm das letztemal der Aal geschmeckt habe? //Gut/ war die Antwort. Aber warum fragen Sie eben darnach? ^ Der Wirth war einfältig genug/ das Geheimniß- daß er Zeis- ^ c -62 > ^ Zeitlebens hatte gegen ihn verschweigen sollen, zu entdecken. Der Fremde erschrack so sehr darüber, daß er am ganzen keibe zitterte, sich auf sein Pferd setzte, und krank nach Hause kam. Er lebte nur noch ein paar Monathe und starb. , Gottfr. Aber die Schlange hatte ihm ja nichts geschadet, warum erschrack er denn so? Lehrer. Vermuthlich starb er an Einbildungen, welche die Menschen oft tödten, oder sehr krank machen können. Der Wich hatte doch besser gehandelt, wenn er davon stille geschwiegen hatte. , Gottfr. Ich würde auch keine Schlange mit Appetit essen. Lehrer. Unstreitig, weil du schon sch gegen sie eingenommen bist. Du Haft gehöre daß die Wilden sie mit Vergnügen essen, so wie andere bey uns an Lrosthkeilen, Schnecken , Austern und andern Sachen, die mancher kaum sehen kann, eine Ergötzlichkeit finden. Gottfr, Wie war denn aber der Wich zur Schlange gekommen? Lehrer. Man sagt, daß sich die Schlangen und Aalen miteinander begatten. Wie sie in den Fischkasten gekommen ist, weiß ich dir nicht zu sagen. Sie kann durch ein koch hineingekrocken seyn. Mir ist diese Geschichte Hwar für wahr erzählt worden, aber gesetzt, sie wäre es nicht, < so beweißt sie wenigstens, daß es nicht immer gut für einen andern sey, ihm ^ ( r6Z ) ihm alles zu sagen/ zumal wenn er von Vorurteilen eingenommen ist/ und es irgend eine Speise betrift / vor welcher er sich scheuet. Gottfried. Noch eine Geschichte. — Lehrer. Friedrich Gutmann wurde immer von einem andern Knaben/ Namens Lvunder- lich, beleidigt, ohne daß er wußte/ warum? Bey jeder Gelegenheit suchte dieser an jenen zu kommen; allein er war zu vernünftig N7un-> derlichs Beleidigungen zu erwiedern. Einst kam ein sogenannter Achseltrager / (eine Art Menschen, die um eines kleinen Vortheils willen ihren besten Freund verrathen würden) der es sich zum besonder» Vergnügen machte/ alles nur mögliche / was er etwa gehört / andern zuzutragen/ um sich das Ansehn zu geben/ als wäre er ein Freund von ihm/ zu Gurmannen, und erzählte ihm, was ^wunderlich alles Böses von ihm gesagt hatte. // Ich will es nicht wissen / antworte dieser: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Durch dein Zureden machst du die Sache nur immer arger." Et hatte Recht. Blos dieser war an der Feindschaft schuld/ die zwischen beyden herrschte. Wunderlich war empfindlich/ und fieng daher jederzeit die Beleidigung an / und blos Gutmanns Nachgiebigkeit verhinderte / daß nicht zwischen ihnen Gewalcchatigkeiren ausbrachen. Es ist daher besser/ man verschweigt gegen seine Areunde und Bekannten die Lästerungen und Übeln Nachreden/ welche man von ihnen höret/ 4 '2 wenn tzL (164) ^ wenn sie weiter keinen Schaden anrichten, und vercheidigt sie lieber/ welches aber doch auch mit Sanftmuth geschehen muß/ weil sonst leicht der andere noch erbitterter wird, (Die letztere Erinnerung war für Gott, 1 frieden besonders heilsam und nützlich / weil ee ! auch gerne alle Worte/ die vorfielen/ andern , wieder erzählte/ und man sich bey jeder Klage, die vor den Lehrer kam/ auf ihn berief. Doch muß ich zu seinem Ruhme sagen: daß er den Wink des Lehrers verstund / und von der Zeit - an nicht mehr alles ausplauderte.) Das Sprichwort/ was ich nicht weiß, »nacht mich nicht heiß, ist aber auch eine Erinnerung für diejenigen/ die gern alle Geheimnisse in den Familien ausspahen/ und zum Schaden derselbigen bekannt machen/ eine Erinnerung für die Neugierigen und Horcher. Sle werden aber auch für ihre Neugierde bestraft. z/Ach ! ich weiß es/ sagte Gottfried , wie ! so Manche/ die auch horchten/ übel dabey wegkamen. Ich habe solche Geschichten in der Kinderbibliothek gelesen." Wenn auch / fuhr der sehrer fort / die unzeitige Neugierde nicht immer gleich auf der Stelle bestraft wird / so ist es doch ein sehr unanständiges Betragen/ wenn man andern Menschen alle Worte ablauern/ und ihre Gedanken gleichsam erhaschen will. Was ich nicht weiß, macht mich nichr beiß, sagte Drehnil immer: allein/ der bekümmerte sich um gal nichts ^ ( 16.^ ) A ^ nichts in der Welt. Das ist auch falsch. Die Begierde^ immer etwas neues zu wissen/ und zu erfahren, hat jeder Mensch von Natur. Und alle die Triebe und Neigungen, die uns Gott in unsere Natur gelegt hat, sind gut und vortresiich, nur müssen sie ordentlich geleitet werden. Z. B. von Natur haben wir alle Furcht, sie ist auch den Thieren eigen, selbst den stärksten. . Gottfr. Warum denn das? Lehrer. Damit jedes Geschöpfe dests besser für die Erhaltung seines Gebens Sorge tragen soll. Wenn die Furcht aber in den Menschen zu stark wird, so kann sie ihn leicht ums seben bringen. — So ist zwar die Neugierde an und für sich selbst nicht sträflich, sie wird es aber, wenn sie zur Unzeit befriediget wird, wie es jenem neugierigen Knaben gieng, der seiner Neugierde wegen bald um seine Nase kam? Gottfr. Um seine Nase? Lehrer. Ja freylich, hast du denn nichts von der Geschichte gehört, die sich vor kurzem in Lennstädt zugetragen hat? Gottfr. Nein, ich kann mich nichts erinnern, erzählen Sie sie uns doch? Lehrer. Wenn ich wüßte, daß ihr daraus etwas Nützliches lernen, und durch euer künftiges Betragen zu erkennen gebet, daß dergleichen Erzählungen nicht blos eure Wiß- be- A (-66) Legierde befriedigten, sondern auch Aenderung eurer Gesinnung hervorbrächte, so würde ich mir eine Freude daraus machen. Gottfr. Ach ja! lieber Lehrer, wirwol- len uns auch rechte Mühe geben/ daß wir darnach lhun. Erzählen Sie uns nur. — Lehrer. Franz-Hinterthür, der Sohn eines Dorfbaders / wurde oft so sehr von der Neugierde geplagt/ daß er des Abends unter den Hausern stehen blieb/ und die seute m den Stuben behorchte / um zu erfahren / was sie miteinander sprachen? Er lauschte auch wohl zum Fenster hinein / wo die Stuben niedrig genug wäre»/ -um zu sehen, wer darinne sey, und was die seute Vornahmen. Alles, was er nun da gesehen und gehört hatte) trug er eilend nach Haust/ und erzählte es dem Gesinde/ das bey seinem Vater in Diensten stund. Kein Mensch wußte/ wie es zugieng, daß der Magd des Baders alles so haarklein bekannt war/ sogar das/ was unter vier Augen gesprochen wurde. Einige seute meinten gar/ es wäre Zauberey/ und der Teufel müßte mit im Spiele styn. Aber durch einen besonder» Vorfall erklärte sich endlich das ganze Ge- her'mm'ß von selbst. Sein Vater/ der Bader, bekam einmal Besuch von einem seiner Freunde, der ihn nach der gewöhnlichen Begrüßung bat, mit ihm allein zu sprechen. Sehr wohl, sagte der Bader, wir wollen ins Gartenhaus gehen, da sind wir ganz allein — und ^ (167 > Z? und Beyde begaben sich gleich darauf ins Gartenhaus. Kaum hatte Franz die Bitte des Gastes vernommen/ als sogleich seine Neugierde erwachte/ und den unglücklichen Entschluß hervorbrachte/ seinen Vater zu behorchen. Erschlich sich in den Garten/ kroch hinter den Spalieren weg/ und kam so ganz unbemerkt zum Gartenhaus'; er gieng ganz leise der Treppe hinauf/ und verbarg sich hinter der Thür der Stube/ in welcher sich sein Vater mit dem Gaste befand. Er konnte alles sehr deutlich hören, was Beyde miteinander sprachen; überfeine Neugierde war hierdurch noch nicht genug befriediget/ er wollte gern den Gast in den Augen haben. Er steckte also seine Nase / so weit er konnte / hinten zwischen die Oeffnung der Thüre, um in den Winkel der Stube/ wo sich beyde befanden/ sehen zu können. Die Thür knarrte / und der Vater / der Franzens Neugierde auH vielfältigen Erfahrungen gar ivohl kannte, gieng hin/ und machte hastig die Thür zu. Als sich auf einmal ein klägliches Geschrey erhub: Ach/ meine Nase! meine Nase! — Nu > was giebts? sprach der Bader, indem er die Thur eröffnete. „Ach Vater! meine Nase, meine Nase! — zwischen der Thür — gesteckt« " Der Vater, dem vor Schrecken Arm und Beine zitterten, ernannte gar bald, was vorgefallen seyn möchte. Er fand, daß die Nase ganz zerquetscht war. Ach Gott! schrie er, du unglückliches Kind, -k c i6g ) ^ Kind/ wie oft habe ich dich nicht deiner Neugierde wegen gewarnet, aber du hast mir nicht gehorcht/ bis dich die Folgen deiner Thorhei- ten selbst treffen. Der Gast/ der den Besuch abstattete/war auch ein Chyrurgus/ oder Wundarzt aus der Sradt,der besah gleich den Schaden, und wandte die schicklichsten Mittel an, Franzens Nase so gut, als nur möglich, zu heilen. Aber die starken Eindrücke, welche die Thür verursacht hakte, blieben ein ewiges Merkmal seiner Thorheit. Dieser Vorfall wurde nun in der ganzen Stadt bekannt, allenthalben erzählte man don dem Fran? -Hintertbür, und von dem Unglücke, welches seine Nase erlitten hatte. — Jeder aber, der es hörte, zog die sehre daraus, daß es besser sey, seine Nase nicht in alles zu stecken. Geeleman , der sich getroffen fühlte, weil er auch die üble Gewohnheit hatte, die seute zu behorchen, wurde feuerroth, und versprach bey Hand und Mund, nicht wieder zu horchen, denn auch er war einmal seiner Neugierde wegen übel angekommen. Es waren nämlich zwey Bauern sehr lebhaft mit einander im Gespräche begriffen. Ludwig trat dann auch hin, und horchte, was sie sprachen. Das ärgerte die Bauern, und einer von ihnen gab ihm eine Ohrfeige. Da weinte Ludwig nicht ein klein wenig. — Das war der Wink, auf den der sehrer anspielte; er besserte sich auch wirklich. Sonst waren viele in Verlegenheit, wenn ec ir- ^ (169) F irgendwo war, weil er alle Worte/ die gesprochen wurden/ weiter trug; allein jetzt war er allenthalben beliebt / und diele machten sich ein Vergnügen daraus / seine wrßbegierve zu befriedigen/ da sie niemals in eine sträfliche Neugierde ausartete. Wenn andere etwas sprachen / das sie nicht gern dem dritten hören lassen wollten/ so war er so artig, sich entweder mit etwas andern zu beschäftige«/ bis er sähe, daß das Gespräch wieder allgemein war, oder er entfernte sich eine Zeit lang. Dann vergönnte man es ihm herzlich gern, sein Wörtchen auch mit darein zu geben, wenp es Zeit und Gelegenheit erlaubte. Lust und Liebe zu einem Ding', macht alle Mühe und Arbeit gering. „Arbeit ist anfänglich berdrüßlich, zuletzt ^ bringt sie Vergnügen. " Dies schrieb einst ein sehrer unter eine Ausarbeitung, die einer seiner fleißigsten Schüler geliefert hatte. Avilhelm Gtorsch, so hieß er, arbeitete anfänglich sehr ungern / besonders wenn ihm die Arbeit etwas sauer wurde. Da er aber doch einsah / daß der Mensch in der Welt da sey, um sich so glücklich zu machen, als möglich/ und man ohne Fleiß und Mühe nichts erlangen könne, so nahm er sich recht ernstlich vor, nichts unvollendetzu lassen, was er einmal «»gefangen habe. Nach und nach wurde ihm die ^ ( -7° ) Si* die Arbeit immer leichter, und zuletzt brachte es ihm wirklich Vergnügen. Was war es nicht für eine Freude für ihn, wenn er in dem Baumgarten eine Musterung über die gepfropften Stammchen hielt, und seinen Fleiß durch den schnellen Wachschum belohnt sah, auch wohl mitunter eine Erstlings- frucht abnehmen konnte? Ein Birnbäumchen machte ihm einstmal besonders viel Begnügen. Es war ganz voller Knospen. Sein guter Vater kam eben dazu, als er das gewahr wurde. Was hast du denn, lieber Wilhelm , was dich so freut? Wilh. Sehen Sie nur das Bäumchen, wie voll von Knospen es ist! Vater. Du wirft dich noch mehr freuen, wenn du alter wirst, und die Früchte deines Fleißes einarndten kannst. Sieh, mein lieber ! so kann der Mensch schon in seiner Jugend anfangen, Gutes zu stiften, wenn er nur bust dazu hat. Nicht wahr, anfänglich warst du manchmal ungehalten, wenn ich dich zur Arbeit anhielt, oder verdrüßlich, wenn nicht gleich alles nach deinem Kopfe so fertig war, wie du es wünschtest. — Aber Lust und Liebe zu einem Ding — Wilh. Maclit alle Müh' und Arbeit gering. Dieß habe ich kürzlich erst erfahren. Kommen Sie einmal her. Ich habe dort den Hügel abgetragen. Sehen Sie, nun ist die Aussicht noch einmal so schön. Ich habe zwar man- ^ ( '7r ) Z? manchen Schweißtropfen darüber vergossen, aber nun macht es mir auch eine rechte Freude , zumal wenn ich denke, das hast du durch deinen Fleiß zuwegegebracht. Ich wollte mir jetzt das Leben nicht wünschen, wenn ich ohne Arbeit wäre. Varer. Langeweile ist auch die größte Strafe für den Menschen, selbst der Müßiggänger macht sich etwas zu schaffen, nur sind es gewöhnlich Sachen, die ihm oder andern Menschen unnütz, und wohl gar schädlich sind. Wer aber Lust hat, Gutes zu stiften, der findet immer etwas, worauf er seine Zeit nützlich verwenden kann. Und wie glücklich ist der, der immer etwas zu arbeiten findet. Die Arbeit ist für den Menschen die größte Wohlthat. Sie erhalt Körper und die Seele gesund. wilh. Aber neulich sagte doch Meister .Halsband. Die Arbeit wäre eine Strafe Gottes. Weil die ersten Menschen sich versündiget » hätten, so hätten sie auch zur Strafe arbeiten müssen, da sie vorher ganz bekümmert um ihr täglich Brod gewesen wären. Ist denn das wahr? Vater. Das glauben leider noch Viels Menschen, ich aber nicht. Und ich will dir auch meine Gründe sagen, warum? Xvilh. Nu! Vater. In der Bibel steht davon nichts , vielmehr wird ausdrücklich gesagt, *daß Gott den Menschen in einen Garten gesetzt habe, ' " daß Hk ( -72 ) s« Daß er ihn baue. Wenn nun der Mensch diesen Garten bauen sollte, so mußte er doch auch arbeiten. Die Menschen brauchten zwar nicht viel, weil sie die mehresten Bedürfnisse, die mancherley Speisen, Getränke, Kleider und dergleichen nicht brauchten, die wir nöthig haben. Unterdessen mußten sie sich doch Beschäftigung machen, um dadurch die sangeweile zu vertreiben, und auch den nöthigen Unterhalt sich zu verschaffen; denn du darfst dir unter dem Paradiese keinen Ort vorstellen, wo Milch und Honig wie Wasser geflossen, und wo einem jeden die gebrattenen Tauben ins Maul gepflogen wären, sondern eine Gegend, die von Natur fruchtbar genug war, den ersten Menschen ihre Bedürfnisse darzureichen. Da der Menschen nun immer mehrere wurden, so breiteten sie sich auch mehr auf der ganzen Erde aus, so, daß sie nun allenthalben bewohnet ist. Unser jetziges Vaterland, Las gewiß so schön, und vielleicht noch schöner, als das Paradies ist, wo Adam und Eva darinne wohnten, war vorher ein dichter Wald, voller Baume, Sümpfe und wilder Thiere. Das würde es noch seyn, wenn die Menschen die überflüßigen Waldungen nicht ausgerottet, die wilden Thiere nicht getödtet und verjagt, und die Sümpfe nicht ausgetrocknet harten. Da der liebe Gott haben wollte, daß die Erde bewohnt werden sollte, und er sie, wenigstens bey uns , so erschaffen hatte, wie ich sie jetzt be- Hk ( '75) beschrieben habe, so müssen notlMendig die Menschen auch die Hände aufheben und arbeiten. Uberdem, wenn wärest du denn recht vergnügt und heiter/ wenn du nichts gethan, oder wenn du die Arbeit glücklich vollbracht hättest? wilh. Jederzeit nach der Arbeit. Vater. Die Menschen würden also weiß weniger Freude in der Welt haben/ wenn sie ohne Beschäftigung leben müßten. Ein gewisser Herr/ so erzählte man/ hatte ein groß Verbrechen begangen / weswegen er das Leben hergeben sollte. Der Fürst glaubte/ daß die Strafe für ihn noch zu gelinde sey« Er ließ ihn in ein Gefängniß bringen/ und befahl, daß ihm nicht das geringste dargereicht werden sollte/ womit er sich beschäftigen könnte, weil er wußte, daß er ein sehr arbeitsamer Mann, und dieses für ihn gewiß die empfindlichste Strafe war. Er hatte auch ganz richtig geurtheilt: denn der arme Gefangene wünschte sich vielmals den Tod, weil er ganz und gar keine Beschäftigung hatte. Einmal machte er sich an die Schildwache, und bat diese recht inständig, ihm doch etwas zu geben, womit er sich beschäftigen könne, es möge seyn, was es wollte. Der Soldat harte einen Brief Stecknadeln bey sich, den gab er ihm. Der' Gefangene zog nun alle die Nadeln aus dem Briefe heraus, streute sie allenthalben in der Stube herum, las sie wieder auf, und steckte jede sorgfältig an ihren Ort. Dieß war seine A ( -74 ) K tägliche Beschäftigung, Dieß thak er bloS, UM sich das größte Elend des Menschen vom Halse zu schaffen, nämlich die Langeweile. Welch eine Thorheit ist es also nicht, wenn sich einige Menschen über die Arbeit beschweren, und sie als eine Strafe Gottes ansehen! wtth. Das werde ich gewiß in meinem ganzen seben nicht thun. Vater. Da wirst du auch nie eine üble lkaune bekommen, denn diese entsteht auch oft aus Mangel der Arbeit. Xvilb. An Arbeit jvll es mir nie fehlen, wenn ich keine habe, will ich mir schon welche verschaffen, habe ich keine kmst dazu, so will ich sie mir machen. Denn Lutt und Liebe zu einem Dinge, macht ja alle Mühe und Arbeit geringe. An Gottes Segen ist alles gelegen. Herr Schullehrer Großmann hatte eine zahlreiche Familie, und desto weniger Besoldung: Sich, seine Frau, und zehn Kinder von höchstens 2vo Rthlr. zu ernähren, das hieß wirklich viel. Es ist zwar wahr, daß es sehr viele Familien giebt, die noch we, Niger haben, und sich doch auch ernähren; allein die meisten besitzen fast immer den Vorzug, daß sie weniger aufKleidung, Mobilien, Speisen, und so manche andere Dinge, zu ver. ^ c -75 > Ä- Verwenden brauchen/ als der Schullehrer. Sein Stand bringt oft mit sich/ daß er um der Ehre und des Zutrauens willen manchen Groschen, und vielleicht Thaler ausgeben muß, den ein anderer in seiner Tasche behalten kann. Dem allen ungeachtet sah man ihn nie über seinen Zustand klagen. Heiterkeit und Fröhlichkeit waren ihm stets eigen. Die Kinder waren gesund / munter und vergnügt, ihre Kleidung reinlich/ obgleich nicht prächtig, wie es sich versteht. In seinem Hause herrschte kein Mangel, mit einem Worte, man hatte glauben sollen, sein Dienst trage ihm viele hundert Thaler ein. In seinem Städtchen, wo er Schullehrer war, lebte ein alter Mann, der dielen Verstand besaß, und in den gesellschaftlichen Zusammenkünften gewöhnlich das Wort zu führen pflegte. Einst sprach man über Glück und Unglück in der Welt. Ja! sagte Nikolaus Eckmann: mancher Mensch laßt es sich recht sauer werden, und doch will es nicht recht fort mit ihm. Andern geht alles zum Glück. Ein dritter lebt ganz im Elend. Wie mag das zugchen? Was ich davon denke, erwiederte der alte wohlgemuch, das will ich ihm sagen. Neulich kam ich zu unserm Herrn Schullehrer , als er und seine ganze Familie um den Tisch herum fassen, und ihr Abendbrod verzehrten. Sie waren so vergnügt, so heiter und munter. ^ ( 176 ) munter, als man selten eine Familie erblickt. Ich sähe bald ihn, bald seine lieben Kinderchen an, und mußte vor Freuden weinen. Nu! was hat der Alle einmal auf seinen Herzen, sagte der Herr Schullehrer? Zch habe, antwortete ich, meine Freude über Sie und Ihre Kinder. Du lieber Gott! ich bin ein sehr alter Mann, und weiß schon fünf Schullehrer hier in unserm Städtchen, aber keiner von diesen lebte fo glücklich als Sie. Sie waren alle unzufrieden mit dem Dienste, der auch wirklich schlecht ist, und keiner konnte auskommen, da doch keiner so eine zahlreiche Familie hatte, als Sie. Der liebe Gott muß Sie ganz besonders segnen. Freylich, mein guter Alter! sagte unser Herr Schullehrer: An Gottes Segen ist alles gelegen. Wenn Gott seine Hand von uns abzieht, so geht es mit uns niemal gut. Meine Kinder z. B. könnten siech und krank seyn. Das könnte auch mich treffen. Allein Gott ist mir zeither immer gnädig gewesen. Er hat mich vor Krankheiten bewahrt, meine kleine Ökonomie gesegnet, und ich habe stets Ursache ihm dafür herzlich zu danken. Wie gesagt: An Gorres Gegen, ist alles gelegen. Allein — es kömmt auch viel mit auf den Menschen an, wie er den Segen Gottes anwendet. Wenn z. B. der liebe Gott ihn mit einem gefunden und dauerhaften Körper ge- c -77) z? gesegnet hat, der muß nun auch darauf denken , wie er dieses kostbare Geschenk bewahret. Mancher klagt über einen siechen Körper und über die Schmerzen, mit welchen ihn die Vorsehung heimgesucht hat , und ist doch wohl selbst daran Schuld. Der sollte nun freylich nicht Gott anklagen, sondern sich selbst. Warum ist in seines Nachbars Haus so viel Elend? Weil die Familie unter einander zänkisch und uneinig ist. Alle solche Menschen wenden dse Güter, die ihnen der liebe Gott geschenkt hat, unrecht an. Ich sage meinen Kindern oft, daß an Oiottes Segen alles gelegen sey; ich mache ihnen aber auch begreiflich, wie es auch auf sie ankömmt, von Gott gesegnet zu werden. Ich empfehle ihnen vor allen Dingen Gebech, Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit, Rlugheit, und endlich Friede unter einander. Das Geberh, wenn es recht aus Herzensgründe geht, giebt dem Menschen Muth, Vertrauen und Starke. Wenn der erste Gedanke an Gott gerichtet ist, so bekommen alle die guten Entschlüsse und Vorsätze, die er faßt, eine neue Kraft, und werden eher ausgeführt. Der Mensch ist zur Arbeit erschaffen, er muß also auch arbeiten. Er wird aber nie Hey seinem Gewinn, den er sich durch die Arbeit verfchaft, vergnügt und fröhlich feyu können, wenn er sich nicht bewußt ist, daß er ihn auf eine rechtschaffene M Art A c 178 ) ^ Art erworben hat. Er muß also auch ehelich seyn. Allein er kann bethen, arbeiten und ehr, lich seyn, und doch dabey manches beiden und Unglück erdulden müssen, das oft aus Mangel der Vorsicht und Klugheit entsteht. Es gehört also auch Rlugheir dazu. Und endlich um recht vergnügt und eigentlich glücklich zu leben, muß auch Friede und Einigkeit in den Familien herrschen. Wo das nun beysammen ist, da kann man eigentlich sagen: daß Gott die Familie gesegnet hat. Sehe er, leiber Alter! diese Regeln habe ich immer zu befolgen gesucht, und habe dabey glücklich gelebt. Er sprach, fuhr Wohlgemuch fort, noch viel darüber, das ich nicht alles gemerkt habe. Aber was er sagte, das schien mir alles so wahr, so vernünftig und christlich zu seyn, daß sich darwider gar nichts einwenden ließ. Nach Tische jungen sie insgesamt ein schönes Tischlied. Der Herr Schullehrer spielte das Fortepiano dazu. Ich ließ mir es geben. Hier ist es. Die Kinder in der Schule sollen es auch lernen: Gesund und frohen Muthes Genießen wir des Gutes Das uns der große Vater schenkt. O preist ihn, Kinder, preiset Den Vater, der uns speiset Und unser Herz mit Freude trankt. E» ( i7S ) Er ruft herab: Es werde! Und Segen schwellt die Erde Der Fruchcbaum und der Acker spriest: Es lebt und webt in Triften In Wassern und in lüften. Und Milch und Wein und Honig fließt. Dann sammeln alle Völker Der Pferd-und Rennthiermelker Am kalten Pol, vom Schnee ümstürmt, Der Schnitter edler Halme; Der Wilde, welchem Palme Und Brodbaum vor der Sonne schirmt. Gott aber schaut vom Himmel In freudiges Gewimmel Vom Aufgang bis zum Niedergang: Denn, seine Kinder sammeln Und ihr vereintes Stammeln Tönt ihm in tausend Sprachen Dank. sobsinget seinem Namen Und strebt ihm nachzuahmen Ihm, dessen Gnad ihr nie ermeßt: Der alle Welten segnet. Auf Gut und Böse regnet, Und seine Sonne scheinen laßt. Mit «L c -so ) g« Mit herzlichen Erbarmen Reicht eure Hand den Armen, Wes Volks und Glaubens sie auch seyn! Wir sind nicht mehr, nicht minder. Sind alle Gottes Kinder, Und sollen uns als Bruder freun. Ich, nahm Caspar Lehmann das Wort, habe auch meine besseren Umstande dem guten lieben Manne zu danken. Als ich einmal gegen ihn klagte, und äußerte, daß alles auf den Segen Gottes ankäme, und wo der fehle, alles den Krebsgang mache, so sagte er mir fast das nämliche. Ich habe es befolgt und gefunden, daß Gott auch den fleißigen, redli- i chen und rechtschaffenen Mann segnet. Jetzt klage ich nicht mehr, und bin mit Gott und der Welt zufrieden, das ich sonst nicht war. Auch ich habe ihm viel zu.ver-danken, sagte wieder ein anderer. Mir fehlte in meiner Haushaltung nichts. Ich hatte mein reichliches Auskommen; aber heiter und fröh- ' lieh war ich nicht. Der Herr Pfarrer kam ^ einmal zu mir, ich klagte es ihm, er zeigte ! mir den Fehler, durch welchen ich mich und meine Hausgenossen um alle Lebensfreuden brachte. Ich war sonst ein außerordentlicher Hitzkopf, er machte mich darauf aufmerksam, und empfahl mir, mich mäßigen zu lernen. Durch feine Aufmunterung habe ich es gelernt. Nun bin ich der gesegneteste Mann. — «L ( ' 81 ) Alle kamen denn nun darinn überein, daß es bey dem Segen Gottes viel mit auf den Menschen ankomme. Noch lebt der Herr Schullehrer Sroßmann. Ob er gleich schon hoch an Jahren ist, so ist er doch noch immer heiter und vergnügt, und acht Kinder von ihm, die er nach diesen Grundsätzen erzog, sind versorgt, und leben glücklich» Auf Regen folgt Sonnenschein. onrüd und Ludewig gierigen an einem schö- ^ nen Frühlingstage mit ihrem Vater, dem Herrn Magister Lebreckr spazieren. Es war lange anhaltendes Regenwetter gewesen. Daher hatte das schöne Wetter eine Menge Menschen auf das Feld gelockt, die sich theils mit Spatzierengehen vergnügten, theils mit Arbeiten beschäftigten, und den schönen Tag auf alle nur mögliche Art zu benützen suchten. Es schien ein neues Lieben unter sie gekommen zu seyn. Der Herr Magister machte seine Kinder darauf aufmerksam. Ich weiß selbst nicht, lieber Vater, sagte Conrad der Jüngste, woher es kommt, daß ich heute so ganz außerordentlich heiter und vergnügt bin. Vater. Das kannst du dir nicht erklären? Conr. Vermuthlich weil wir lange nicht aufs Feld gekommen, und lange nicht eine» so schönen Tag gehabt haben. Vater. ('82) F Vater. Richtig. Wenn man ein Gur selten oder wenigstens nicht oft genießet, ft rst uns der Genuß desselben desto angenehmer, so wie überhaupt das ne quick nnnis, oder unser, Allzuviel ist ungesund , eine sehr weise Regel für alle Menschen ist, die uns schon die ganze Einrichtung der Natur lehrt. Z. B. Was meynest du, lieber Conrad, Ware es nicht besser, wenn wir beständig so schöne Tage hätten? Conr. Ich glaube nicht. Erstlich wür, den wir die schönen Tage am Ende auch satt haben, und dann ist ein Regen etwas sehr erquickendes, nicht zu gedenken, daß er zur Erhaltung der ganzen Erde sehr nothwendig ist. Vater. Auch so vieler Regen, wie wir gehabt haben? Conr. Das weiß ich nicht. Vater. Ja! lieber Conrad. Gott hat bey allen Fügungen in der Welt seine weisen Absichten, nur wir können oder mögen jsie nicht allezeit ergründen. Ludw. Die Freude und das Vergnügen ist auch alsdenn desto größer und erquickender. Varer. Auch wahr. Da hat es ja also der liebe Gott so böse nicht gemeint, daß ec unter die Freuden dieser Welt Trübsale und seiden gemischt hat? Conr. Wie so? Vater. Warum warst du denn neulich bey dem kleinen Freudenfeste, das dein Bruder ^ ( -8z ) M r«r und deine lieben Freunde rnigcstcllt haben, so innig vergnügt und heiter, als ich dich nie gesehen habe? Lonr. Wie sollte ich das nicht seyn, eö war ja für mich das größte Dankfest, da mir Gott durch die Pocken geholfen und mir meine vorherige Gesundheit wieder geschenkt harte. Var. Worüber freutest du dich denn so sehr? Conr. Ueber die Wiederherstellung meiner Gefundheit und über die herzliche Teilnahme meiner Freunde. Var. Wärest du denn sonst auch so fröhlich und gegen Gott so dankbar, ehe du die Pocken hattest? Lcmr. Nein ! lieber Vater. Ich war sonst immer gesund, und kannte das höchste Gut Gesundheit noch nicht so, als nach den Pocken. Vae. Du wirst also wohl künftig für deine Gesundheit weniger sorgen. Lonr. Wie können Sie so was sagen? Nur allzusehr werde ich dafür sorgen. Vat. Du siehst also, das seiden auch ihr Gutes haben. Die Freude kehrt gewöhnlich mit doppelter Starke zurück, und wir sorgen für das Gute, das wir leicht hatten verlieren können desto mehr, je mehr wir in Gefahr waren, es zu verlieren. Man lernt auch noch manche andere Tugend, z. B. Geduld, Vertrauen auf Gott, Standhaftigkeit, Klugheit u. s. w. UebrigeM bleiht es allemal wahr: Rach rtzH (-84) F Nach dem Regen scheint die Sonne, Nach den seiden folget Wonne. Wie es nun mit der Veränderung der Witte, pung geht, daß es bald regnet, bald stürmt, bald die Sonne scheint, so geht es auch in rinserm seben. Wir wollen das schöne Pilger, !ied *) von Overbeck singen: Äes Pilgerspfad, ihr Brüder, Hat Dunkelheit und sicht. Geht eine Sonne nieder; Auf immer geht sie nicht! Nur kurze Frist der Mühe, Nur eine kurze Nacht; Dann ist in stiller Frühe Der treue Strahl erwacht. Mit kindlichem Gemüthe Giebt sich der Pilger hin, Und harrt auf dessen Güte, Der sorgt von Anbeginn; Der *) Pilger, Pilgrim, nennt man diejenigen Men, schen, die aus Andacht, oder wegen Gelübde, '«irre Reise nach einem heiligen Orte thun, um da ihr Gebeth zu verrichten, welches noch manche Christen thun. Dann versteht man darunter jeden Menschen, weil sie alle die große Reise zur Ewigkeit rhun. ^ ( -85 ) ^ Der diese Zeiten wendet/ Und auf das bessere lenkt, Und Menschenleiden endöt, Und Engelfreuden schenkt. O seelig, wer die Quelle Der süßen Hoffnung fand! Ihm wird die Seele Helle, Und jeder Trost verwandt. Das ist des Pilgers Seegen: Ein Herz voll Zuversicht Auf allen seinen Wegen, Getränkt im höher» sicht. Sie sangen es mit vieler Rührung und Znnbnrnst. Dem Auge Conrads entwischte eine Thrane um die andere. Ludewig nahm den lebhaftesten Antheil daran, und drückte bald dem Vater, bald dem Bruder recht in- niglich die Hand. Kinder! Hub der Vater wieder an, Kinder! laßt nur den Muth nicht gleich sinken, wenn euch zuweilen in eurem Leben eine Widerwärtigkeit aufstößt. Nach dem Regen scheint ja die Sonne auch wieder. Es geht denn gewiß immer besser, als ihr selbst denkt. Nur den Muth nicht verloren, und da- bey immer brav und rechtschaffen gehandelt, das ist die Regel, die ich euch auf eure ganze .Lebenszeit geben will. All- ^ (-86) F Allzuviel ist ungesund. Heinrich Barrels hörte von seinem lieben Va- ter, daß den 21. May seine zwey Brüder sich einfinden würden. ,, Die kleinen Vetter und Mümchen kommen doch auch mit, fragte Heinrich? " ,, Es versteht sich, antwortete der Vater.' Du weißt ja, daß es unser Familienfest ist." Heinrich Höfte mit aller nur möglichen Freude auf den 2 i sten May, und machte allerhand Anstalten zu dem Empfange seiner sieben. Der Tag kam. Er sprang gleich früh vor das Thor, und erwartete immer, daß ein paar Kutschen über das Feld hergeeilt kommen würden. Er sähe nichts, und gieng mit dem, Gedanken, sie kommen doch wohl nicht, betrübt nach Hause. Er gieng von neuem hinaus, und wieder hinaus, und sah und hörte doch nichts. Da sieng er an kleinmüchig und mißvergnügt zu werden. Der Vater merkte es fragte ihn nach der Ursache seines Trübsinnes? ,, Sie kommen ja nicht," sagte er mit einem kläglichen Tone. Wer wird denn gleich, erwiederte Herr Barrels, die Hofnung sinken lassen, wenn es nicht den Augenblick nach unserm Wunsche geht. Du bist gleich so kleinmüchig und verzagt, daß mit dir gar nichts anzufangen ist. Wenn man sich von der fehlgeschlagenen Hofnung ganz zu Boden schlagen laßt, so schadet man sich immer sehr viel. Allzuviel- Der A (187) F Der Vater hatte das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen/ als er von einem Geraßel unterbrochen wurde. Plötzlich stunden zwey Kutschen vor der Thür. ' Da stieg Wilhelm heraus / und Christiansen , und Christel , und Minchen , und Ernst , und wie sie alle heissen mochten. Das war eine Freude/ ein Jubel/ ein Bewillkommen, ein Händedrücken/ es nahm gar kein Ende. Nach Tische gieng es denn in den Garten. Dieser war sehr groß/ und die Fremdlinge, denen die ländlichen Freuden in der Stadt etwas Seltenes waren / konnten ihre Bewunderung an dem großen Gemäß-und Baumgarren nicht genug an den Tag legen. Als sie alles genau und sorgfältig betrachtet hatten / gieng es an ein Spielen / so heftig und anhaltend, daß an ein Ausruhen gar nickt gedacht wurde. Aber, allzuviel ist ungesund. Die Freude hörte allmahlig auf/ und Unmuth und sangeweile trat an ihre Stelle. Sie sahen einander an. Das Spiel wollte nicht recht mehr fort. Wahrend dessen kam der Herr Professor Barrels, der ihr unmäßiges Spiel von ferne beobachtet hatte, dazu, und redete sie also an: „Nu! so verdrüßlich in diesem schönen Garten ? Ich glaubte anfänglich, ihr würdet die ganze Nacht mit Spielen darinn zubringen." Da wendet der Eine das, und die Anderen jenes vor. Das ' ^ (188) M Das ist alles nichts/ sagte der Herr Professor. Ich weis wohl den Grund eures. Un- ! muchs. Ihr habe euer Vergnügen übertrieben, und allzuviel ist ungesund. So, meine sieben/ geht es mit jeder Sache. Jedes Ueber- maaß/ jede Übertreibung/ jeder Uebergenuß verursacht Ekel/ Verdruß/ oft Unglück und Elend. i Die Kleinen fiengen an/ sich nach und ! nach um den lieben Vater und Vetter herum- ! zufetzen, und erwarteten mit vieler Begierde, ! was erzählt werden würde. Er fuhr also fort: Man sagt zwar: Man kann des Guten nicht zu viel thun; das isi aber falsch, man kann auch des Guten zu viel thun. ^ Jede Sache in der Welt ist eigentlich an und für sich gut, nur wird sie durch das Uebermaaß, oder durch die Unrechte Anwendung böse, z. B. die Freude. Der gütige Schöpfer hat den Trieb zur Freude jedem Geschöpfe, und vorzüglich dem Menschen, in die Natur gelegt. So gut er essen und trinken will, so gut will er sich Vergnügen. Aber wie Essen und Trinken durch das Ubermaaß schadet; so schadet auch daS Uebermaß der Freude. Diese Flinte, mit der ich so eben einen Geyer geschossen habe, ist etwas gutes. Ich kann Vögel und Wildpret damit schiessen, und mich gegen Räuber und Diebe damit schützen; j aber wenn ihr sie Ln die Hand nehmen, und da- j ^ l r89 ) ^ damit spielen wolltet, so würde die Anwendung ^ falsch seyn. Warum ? „ Weil wir nicht damit umzugehen wissen, und Gewehre nur für große Leute sind." Ihr habt euch daher für zwey Irrwege durch euer ganzes Leben zu hüten. Der erste ist: daß ihr nichts Uebermäßigss genresset; der ^ zweyte: daß ihr von der Sache keinen falschen j Gebrauch, keine falsche Anwendung machet. § Welch ein köstliches Gut ist nicht das ! Feuer / Und doch wird diese Wohlthat dem Menschen oft zum Verderben. Elbingerode, ein hannoverisches Städtchen auf dem Harze, hatte vor einigen dreyßig Jahren das Unglück ganz abzubrennen. Cm Kind von vier Jahren war daran Schuld. Es war an einem Sonntage, als es geschah. Die Mutter wollte unter der Kirche Feuer zum Esten anmachen, und der Feuerzeug gab keines. Das Kind holte aus der Asche, wahrend daß die Mutter aus der Küche gieng, eineKohle, und eilte damit auf den Boden, wo eine Menge Werg lag. Es wickelte die Kohle darein, und fieng an zu blasen, so, daß gar bald das ganze Dach in Flammen geriech. Sie griffen so schnell um sich, daß in wenig Stunden das ganze Städtchen in Asche verwandelt wurde. Wie viel Unglück geschieht nicht durch den j Übeln und unvernünftigen Gebrauch desselben, j Ach! hütet euch doch ja, nie solches Unglück ^ anzurichcen. , Eben ^ ( i9-> ) Z? Eben so könnten wir nicht ohne Nasser und ohne wind leben. Aber, wie viel Unheil richten beyde durch das Uebermaß nicht an? Welche Verheerungen richtete das erste nicht im Jahre 1784 a«? Auch Arzneyen, die doch den Menschen Gesundheit geben sollen, sind durch das Us- vermaß schädlich. So verhalt es sich nun mit allen Dingen ^ im menschlichen seben. Neulich kamst du, Miencheir, und batst mich um einen Sechser für ein armes Mädchen. Weißt du noch, ^ was ich sagte? Miencken. Ja! Sie fragten mich, ob mein Geld schon alle wäre? > Vmer. Verwehre ich dir denn, den Ar- ^ men zu geben? Mienchen. Behüte Gott, Sie sagten aber damals: Allzumild mackr arm. Vacer. Ganz recht. Wenn ich auf einmal alles hingebe, so bin ich weder mir, noch andern zu helfen im Stande. Neulich war ich in Mühlhausen. Freund L 7 ovi führte mich spazieren. Unterwegs stieß uns ein feiner Mann auf, der aber mit allem Fleiße unS j aus dem Wege zu gehen schien. Ich kannte 1 ihn gleich. Es war der Kaufmann Rest, sonst ein reicher Mann, aber jetzt arm. Es that mir wehe, daß er mich floh: denn ich verehre den redlichen Mann auch in seinem Unglücke. Wißt ihr, wodurch er arm geworden ! ist? ^ ( >YI ) ^ ist ? Durch seine zu große Mildthätigkeit, und durch seine zu große Nachsicht. Also noch einmal. Merkt euch das für euer ganzes seben, daß ihr nie eine Sache, sie fty auch noch so gut, übermäßig genießet, und niemals falsch, oder unrecht gebrauchet. Die kleine Gesellschaft sähe alles ganz wohl ein, und versprach dem Herrn Professor bey Hand und Mund, seine sebensregeln zu befolgen. Doch sündigte manchmal eines oder das andere dagegen, wurden aber auch allzeit dafür bestraft, bis sie endlich nach und nach ganz einsehen lernten, daß Uebermaß und falsche Anwendung durchaus der Weg zum Unglücke sey, und daß man, wenn man gesund, zufrieden und glücklich leben wolle, diese zwey Irrwege vermeiden müsse. Es ist kein Unglück so groß, daß nicht wieder ein Glück dabey ist. Al^och unterhielt sich die kleine Gesellschaft mit dem vorigen Gegenstände, als ein Bauernmädchen, das sehr weinte, ihnen begegnete, immer auf die Erde sah, und was zu suchen schien. Haben Sie denn, sagte sie, nicht einen Beutel mit Gelde gefunden? Nein! war die Antwort. Ich bin, fuhr sie fort, in der Stadt gewesen, und habe etwas Geld gelöset, das ich wieder unterwegs verloren habe. Du lieber Gott! Ich armes Mädchen! War'S „ War's denn viel? " Zwey Thaler und sechszehn Groschen. Die Gesellschaft schoß so viel Geld zusammen/ und ersetzte dem Mädchen den Scha, den wieder. Es war für Freude außer sich, und kaum im Stande / sich zu bedanken. Herr Lehman aber gab ihr noch die Lehre/ das es künftig für Sachen/ die einen Werth hatten/ mehr besorgt sein möge/ weil der Schade, den Leichtsinn und Unachtsamkeit anrichtete / nicht immer so leicht wieder gut gemacht würde. Aber auch ihr, meine Lieben, könnt dieß merken. Fritz. Es ist doch eine hübsche Sache um das Wohlthun. Durch eine Kleinigkeit haben wir dem armen Mädchen die Zufriedenheit wieder geschenkt. Gottfr. Mancher Mensch ist aber doch auch recht unglücklich. Dem Mädchen war ^ der Verlust größer, als manchem andern wo Rthlr. Lehman. Richtig! Es hat aber doch auch dm Nutzen, daß der Mensch durch einen kleinen Schaden klug und vorsichtig gemacht wird, ' um sich für desto großem zu hüten, und oft ist das Unglück zu seinem Glück. Leichtsinn und Unachtsamkeit, wie ich schon vorhin bemerkt habe, bringen unterdessen manchen Menschen ins Unglück, und gewöhnlich haben sie eine Entschuldigung bey der Hand, um ihren Kehler zu beschönigen. Ich will euch jetzt eine Lustige Geschichte, die ich von einem guten Freunde ^ ( I9Z ) Freunde gehört habe, erzählen, die zu bcstät- tigen scheint/ daß bey dem größten Unglücke auch ein Glück dabe)7 ist. Zwey Freunde giengen miteinander spatzieren. Sie hießen Mildner und Frohn. Der letzte besaß emen Budel/ der mancherley Kunft- ftücke erlernt hatte. Besonders rühmte er von ihm / daß er alles wiederbrachte/ was er ver- lohren habe/ und wenn er oft zwey Stunden von dem Orte entfernt wäre. Miloner fand das unmöglich/ denn er meinte/ der Hund/ der blos an dem Gerüche die Sache seines Herrn kenne/ könnte dann/ wenn es von der Lmft durchweht wäre / unmöglich unterscheiden/ was ihm gehöre. //Was gilt die Wette? sagte Fcohn. Ich will gleich die Probe machen. " Sie wetteten also miteinander um eine Buteille Wein. Lrol-n holte einen Conven- tionschaler *) aus der Tasche/ rieb ihn in der Hand / *) Lonventtons-Tkaler. Das Wort Lonven- tio bedeutet eine Übereinkunft, einen Vertrag, eine Verbindung zweyer oder mehrerer Personen. Rühmlich im Jahr 176Z kamen die deutschen Fürsten überein, daß sie insgesammt das Geld, welches jeder in Zukunft ausmünzen würde, von einerley Güte scyn sollte. Es wurde bestimmt, daß iv solche Lbalcr, die nachher LonventLs Hns - Thaler hießen, eine feine Mark Silber, N oder * Hk ( IY4 ) Z? Hand, und legte ihn an einen Busch/ wo ihn so leicht niemand sehen konnte/ und den sie sich, im oder 16 Lvth enthalten sollten. IO Stück wie, sen aber 2O Lvth, folglich dürfen 4 Loch Ku, pfer darunter seyn. (Kupfer nimmt man darum gern unter die Münze, weil das feine Sil, > -er sich leicht abreibr, , nach und nach leichter wird, und folglich an seinem Werthe verlieren würde. Durch das Kupfer aber wird die MH Harrer und haltbarer.) Auch die andern Münz» ! sonen, als Groschensiücke, Zehner und Zwanziger, j sollten von gleicher Güte seyn. Dieser Vertrag aber ist nicht gehalten worden: denn die meisten Grr, ^ schenstücke, Sechser re. im R. Reich, Sachsen,Prellst sei, re. haben diesen bestimmten Werth nicht, und j können daher nicht allenthalben gebraucht werdenj Das Wort Thüler hat seinen Namen von ! Joackimsthal, einem Städtchen in Böhmen l an der erzgebürgischen Grenze, wo zuerst derglei, chen Geldstücke geschlagen wurden, die man Io- ^ «chitnstbüler nennte. Nachher erhielten meh, ^ rcre Münzen den Namen Thttler, als Laubtha, ler, Convemionstbaler, Krvnenthaler, Lrthstbar ler u. s. w. Ucbrigens gicbt es wirkliche und eingebildete Münzen. Wirklicke sind die oben aenannten Thalerstücke, Gulden, Gros schenstück u. s. w.: emgebildete sind Lhaler zu ! 24 Gi. (außer im Preußischen giebt es wirkliche Groschenstücke) Meißnische Gülden, ReichsM l den/ alte und neue Schock. ! Hk Seine Aeltern, die sich viele Freude Voss ^ ihm versprachen, ermunterten ihn, da er die j männlichen Jahre angctretten hatte, und sie immer alter und betagter wurden, zum Heu- ! rachen. Er that es, und wählte nicht unglücklich. Viele Jahre hindurch lebte er mit sei- ! nem Weibe, seinen Kindern und Freunden ! fröhlich, ruhig und zufrieden. Seine müßigen Stunden brachte er mit Lesen verschiedener Schriften zu, unter welchen Rerckards Gar, tenschatz sein Lieblingsbuch war, die ihm viel Vergnügen machten, und nicht wenig Vorcheil ! brachten^ So lange er selche Schriften las ^ und ( -iz ) z? und sie zugleich benutzte, so lange war sein Giück gegründet. Aber einmal vergaß er den Zweck seines Gebens. Er sieng an Gefallen an dunkeln und schweren Büchern zu finden. Dahm gehörte vorzüglich der Prophet Daniel und die Offenbarung Johannis , aus welchen er verschiedene Berechnungen lieferte, welche die Erfüllung der Weißagungen beweisen sollten. Ein Unternehmen, das sich allenfalls für Theologen schickt, aber, nicht für einen Mann, der den Ackerbau treiben soll; ein Unternehmen , bey dem schon viele gute Menschen gescheitert sind, und noch scheitern werden, wenn sie sich mit Dingen abgeben , die nicht nur für sie dunkel und schwer, sondern auch ganz unschicklich sind, und welche blos dem Gange der Vorsehung Gottes, der schon zu seiner Zeit alles gut und schön machen wird, überlassen werden müssen. petter Jakob kam endlich auf den Gedanken , die Zeit des füngften Tages zu berechnen, und nach vieler Mähe, die er sich hatte ersparen , und auf beßere Dinge verwenden können, brachte er folgende Rechnung heraus *): Gründliche Nachricht, wenn sich die letzte Zeit angefangen, und kann solche nach dem Alphabet in richtiger Ordnung ausgerechnet werden, wie folget: _Zvm *) Ich setze sie buchstäblich her, wie ich sie noch i» der Handschrift besitze. Zum Beyspiel. Letzte Zeit. Die Zukunft des 22 4 5 9 102 5 702 700 Ivo 202 5 IO 720 2 O 2 5 42 9 6 Ivo 6 1744. * hat dieser Stern am Himmel gestanden bald ein ganzes Jahr« 4 5 90 Zo 5 40 90 3 8 § 4 O 90 50 8 4 o 90 1778 das Jahr des jüngsten Tages Wer es kann widerlegen, will ein Narr seyn, und heißen Joh. Jak. Theodor E, gern 2> r^ 4 >. ? ^ S-«, »ro — ' c> s ^ ? 0 ^ 0 0 ^ » 0 »72 2 > ' 9 >-2 ", c> >-, « » 0 ."0 o * 9 » e o » O cl> <8 . 0 ^ o ^ g o> o 0 d? 0 - 2' ^ ( 217 ) s? Nachdem er nun seiner Meinung nach, worüber er sich nicht wenig freuete, den jüngsten Tag gründlich und richtig berechnet hatte, so gab er seinen Bekannten und Freunden Nachricht davon/ und ermahnte sie/ sich darauf zu bereiten. Diese fanden seine Rechnung sehe lächerlich und baten ihn / von der Grille abzustehen; allein sie war so tief eingewurzelt/ daß es nicht möglich war/ ihn davon abzubringen. Es giebt immer Menschen / die sich die Grillen und albernen Einbildungen anderer zu Nutze machen/ wie das beständig in der Welt zu gehen pflegt. Auch hier war es so. Da er bey seinen wahren und vernünftigen Freunden kein Gehör fand/ so wandte er sich an seute, die sich ein Vergnügen daraus machten/ ihn noch mehr in seiner Grille zu bestärken; an seute, die ihre müßigen Stunden, und deren haben solche den Tag über sehr viele, nicht besser als bey ihm zuzubringen wußten, da er sie im Essen und Trinken frey hielt. Vetter Jakob glaubte nun nicht mehr nö- thig zu haben, seine Berufsgeschäfte treu und ordentlich abwarten zu dürfen, da die Zeit des jüngsten Tages immer mehr heranrückte. Sein Gesinde konnte unter solchen Umständen machen, was es nur wollte. Wenn Frau und Kinder baten, sich doch der Wirtschaft anzunehmen, so wieß er sie mit den Worten ab: „Wozu hilft es? Ich muß bethen und' mich zu dem großen und wichtigen Tage vor/ ^ ( 218 ) gP bereiten, welches nöchiger ist, als das Ackern und Arbeiten. Bis zum Jahr 1778 haben wir Brod genug. saßt euch bis dahin nicht bange seyn." Seine sonst gutmürhraen und freundschaftlichen Gesinnungen- die er als Mann und Vater bewiest, gierigen oft in Bitterkeit und Scheltworte über, wenn sie ihm ihre Noch und Bitten dringend und beweglich vorftellten. Es half alles nichts. Er kam in seinen Ver, rnögensumstanden weiter zurück, machte Schulden auf Schulden, entzog sich den Wehklagen seiner Frau und Kinder, und sang und hechele immer dabey. Das Jahr 1778 kam herbey, und es erfolgte weder im Anfänge noch am Ende des Jahres die Zeichen und Wunder, die am Himmel geschehen sollten. Er konnte das alles nicht zusammenfaßen, fieng an, an der Wahrheit der göttlichen Schrift zu zweifeln, und — ehe man es sich versah — war er verschwunden, und noch jetzt weiß niemand, wo er hingekommen ist. Hier hast du einen Beweis, daß selbst die besten Menschen sich und die Ihrigen unglücklich machen können, wenn sie sich mit Dingen abgeben, die sich theils nicht für sie schicken, theils ganz über ihre Fassungskraft hinaus sind. Vertraue auf Gott und bleibe in deinem Beruf, sagt Sirach (n, 20.) mit Recht. Hast du dich einmal einem Stande gewidmet- so suche dich darinne vollkommen LU ^ c 219 ) F zu machen, und laß alle andere Dinge, die außer dir sind, liegen. Vecrer Jakob war so lange glücklich, als er seinem Beruf getreu blieb. Der größte Theil YM unglücklichen Menschen, ^-die man kennt, sind solche, die die Regel nicht befolgt haben: bleibe bey deinem Leiste. ' Gute Baume tragen zeitig. /As war einmal in Marseille (es liegt in ^ Frankreich) ein junger Mensch, Namens Robert, der glich einem Bäumchen, das recht zeitig Früchte tragt: denn man pflegt zu sagen: Gute Bäume tragen zeitig, und bringen auch gme Früchte. Er erfüllte das vollkommen, was Sirach von jedem guten Kinde Verlangt, Ehre deinen Varer von ganzen 'Herzen, und vergiß nicht, wie sauer du deiner Mutter geworden bist. Diese, seinen Äeltern schuldige Ehre bewieß er durch die reinste, achteste kindliche Aebe. Er stand einmal am Ufer des Hafens, und wartete bis jemand in seinen Nachen ein- tretten würde. Ein Unbekannter stieg hinein, war aber im Begriff, sogleich wieder heraus, und in einen andern zu gehen, weil, wie er zu dem jungen Robert, der sich zeigte, und von dem Unbekannten nicht für den Herrn des .Schiss gehalten wurde, sagte: ob der Schiffer nicht zum Vorscheine käme? Es entstand unter ihnen folgendes Gespräch: Rd- Robert. Das Schiff ist mein. Wollen Sie zum Hafen hinaus fahren, mein Herr? Uubek. Nein, mein Herr, es ist nur noch eine Stunde Tag. Ick wollte nur im Hafen ein paarmal auf und abfahren, um des kühlen und schönen Tages zu genießen. Aber wie kömmt das? Er sieht ja nichts weniger als einem Schiffer ähnlich. Er spricht auch gar nicht, wie diese seute? Robert. Ich kann es nicht laugnen, ich bin kein Schiffer. Ich treibe dieß Handwerk nur an Sonn-und Festtagen , um mehr Geld zu verdienen. Unbek. Pfui! in seinem Alter schon ss geitzig zu seyn. Das entehrt ihn. Ich hatte Vas von seiner guten Gesichtsbildung nicht erwartet. Robert. Dieser Vorwurf schmerzt mich. Und wenn Sie wüßten, warum ich das Geld zu verdienen suche, gewiß, Sie würden mich damit verschonen. Unbek. Das sollte mir leid thun, wenn ich ihm Unrecht thate Wir wollen unsere Spazierfahrt antreten. Erzähle er mir da seine Geschichte. Sie fuhren zusammen ab. Der Fremde war begierig, das traurige soos des jungen Mannes zu wissen. Er fragte daher, was denn seine Sorgen waren? Robert. Ach! liebster Herr! Ich habe nur eine einzige Sorge, und die ist diese: Mein ( 2^1 ) tNein Vater liegt in Fesseln, ohne daß ick ihn reuen kann. Er war ein Mäkler, legte das, was er erspart, und meine Mutter in dem Handel mit Modewaren gewonnen hatte, auf ein Schiss an, und machte in eigner Person die Reise mit, um desto mehr Gewinn davon zu haben. Das Schiff wurde von einem Seeräuber genommen, und nach Teman*) geführt, wo mein armer Vater mit allen, die auf dem Schiffe waren, jetzt in der Sklaverei) schmachtet. Wenn er seine Freyheit haben will, ss muß er zwey tausend kleine Thaler haben. Er hat aber alles Geld, das er besaß, auf diesen Handel gewendet, und wir sind zu arm, diese Summe zusammenzubringen. Indessen arbeiten meine Mutter und Schwestern Tag und Nacht; ich thue desgleichen bey meinem Herrn, der ein Juwelier ist, und suche auch des Sonn-und Feyertags etwas zu verdienen. Dieß ist die Ursache, warum ich jetzt hier bim Unbek. Schon gut, schon gut, nur weiter. Aoberr. Wir leben äußerst sparsam. In einem einzigen kleinen Kämmerchen führt unsere unglückliche Familie ihre ganze Haushaltung. Ich wollte mich anfänglich nach Teman begeben, und mich statt meines Vaters in Fesseln legen lassen, ich war auch schon im Begriff mein Vorhaben auszuführen, als es mei- *) Lttuan eitle Stadt im Königreiche Marokko, an dem mittelländischen Meere, ( 222 ) Klk meine Mutter erfuhr, und mir versicherte, daß ich sehr rhöricht handeln würde, denn ich würde dadurch seine Freiheit doch nicht bewirken, und wohl gar um die Meinige kommen. Sie ließ es auch allen Schisssleuren, die nach der Levante fuhren, verbieten, mich an Bord zu nehmen. Unbek. Erhalt er denn zuweilen Nachricht von feinem Vater? Weiß er denn, wer sein Herr zu Tetuan ist, und wie er dort ge- ^ halten wird? Robert. Sein Herr ist Oberaufseher der königlichen Garten; man behandelt ihn ganz menschlich, und die Arbeiten, die ihm aufge- tragen werden, gehen nicht über seine Kräfte. ^ Aber wir sind nicht bey ihm, können ihn nicht i trösten, und in seinem Unglücke beystehen. Ach! er ist von seiner Gattin, von seinen drey Kindern entfernt. Er liebte sie zärtlich, und wurde wieder geliebt. Niemand nimmt Anteil an seiner Freude, wenn er deren je hat, und auch nicht an seinen seiden. Was ist der Mensch ohne Freunde, ohne Geliebte, dle an sein Herz gefesselt sind. Unbek. Und wie nennt sich sein Vater zu Tetuan? Robert. Er hat seinen Namen nicht ge, ändert. Er nennt sich Robert wie zu Marseille. Unbek. So! so! Robert. — Beym Aufseher der Gärten. — Roberr. Za, mein Herr! U»- ^ ( 22Z ) ^ Unbek. Sein Unglück geht mir sehr zu Herzen, aber ich verkündige ihm, feinen Ge, Innungen nach, ein beßeres Schicksal. Er ist ein braver junger Mann, der früh anfangt, sich in der Tugend und Frömmigkeit zu üben. Gott wird ihn gewiß segnen.-Ich wollte mich, indem ich der Abendkühle genieße, auch der Einsamkeit überlassen r nehme er es mir also nicht übel, wenn ich einige Augenblicke stille bin. Beym Anbruch der Nacht erhielt Robert den Befehl, ans fand zu fahren, und noch ehe er Zeit gehabt hatte, hinauszusteigen, ''oder das Schiff anzuschließen, machte sich der Unbekannte heraus, und hinterließ ihm einen Beutel. Robert konnte sich nicht einmal bedanken, so geschwinde war Der Unbekannte weg. In diesem Beutel waren 8 doppelt (o- rusd'or und io Thaler Silbergeld. Robert war erstaunt, und wünschte nichts sehnlichers, als seinem edlen Wohlthater danken zu können. Sechs Wochen nach dieser Zeit, als diese ehrliche Familie, eben ein mäßiges Mittagmahl, das aus Brod und dürren Mandeln bestand, denn sie ersparten alles, um den geliebten Vater zu retten, verzehrte, überraschte sie der alle Robert, sehr sauber gekleidet, mitten in ihrem Elende. „Ach, meine Frau! Ach, meine lieben Kinder! rief er aus. Wie habt ihr mich so geschwind befreyen können? Und auf die Art, wie ihr's gethan habt? Seht nur. ^ c 224 ) zP mn> wie ihr mich herausgeputzt habt, und dann die Ao souisd'or noch, die man mir, als ich mich einschisste, darzahlte, da meine 3 §eise und Nahrung doch schon voraus bezahlt waren! Wie soll und kann ich euch für eine solche heiße siebe danken, ihr habt euch aller Bequemlichkeit beraubt, aus siebe zu mir. Ach, men ne Frau! Ach, meine Kinder!" Vor Erstaunen war es Anfangs der Mut, ter unmöglich zu antworten; sie schwamm in Thranen, ihre Töchter desgleichen, und eine Umarmung folgte der andern. Der junge Robert blieb steif auf feinem Stuhl, immer ohne Bewegung, und siel endlich in Ohnmacht. Die Thranen, die von allen für Freude vergossen wurden, gaben endlich der Mutter die Sprache wieder, und indem sie mit dem höchsten Blick voll siebe auf ihren geliebten Sohn sah, sagte sie zu ihrem Manne: „.Das ist dein Erretter! 6200 sivres wurden für deine Befrcyung aus der Sklaverey gefordert. Wir haben bis jetzt nur die Hälfte zusammen- gebracht, wo dein Sohn das mehrste durch seine Arbeit beygetragen hat, Vermuthlich hat unser lieber und braver Sohn Freunde gefunden, welche, gerührt von feiner Tugend, ihm beygestanden haben. Er hatte gleich anfänglich den Entschluß gefaßt, für dich in die Sklaverey zu gehen: ich habe ihn aber doch davon abgehalten. Ohne Zweifel hat er Mittel entdeckt dich zu befreyen." ^ ( 22? ) S» Man sprang hinzu^ um ihn seiner Ohn»^ macht zu entreißen. Er erholte sich / und warf einen kindlichen Blick der reinsten siebe auf seinen Vater, konnte aber noch nicht reden» Auf einmal war der Vater stille und' riachderrkend, und schien ganz bestürzt zu seyn. „Unglücklicher! rief er aus, was hast du ge- rhan? Wie kann ich dir meine Befreyung verdanken, ohne mich darüber zu gramen? Zn deinem Alter verdient man nicht so große Summen, wenigstens nicht, als der Sohn eines Unglücklichen, eines Sklaven. Ich entsetze mich vor dem Gedanken, der in mir aufgestoßen ist. Die kindliche siebe hat dich doch nicht zu einem Verbrechen geleitet, das elender macht, als Sklaverey und Ketten? Beruhige mich, sey aufrichtig, sieben will ich sterben, als hören, daß du aufgehöret hast, ein ehrlicher und rechtschaffner Mann zu seyn." „Geben Sie sich zufrieden, mein Vater, Antwortete der junge Robert, und ließ sein Entsetzen über einen solchen Argwohn blicken. Umarmen Sie Ihren getreuen Sohn. Er ist dieses schönen Namens nicht unwürdig. Gott hat meine heiße siebe zu Ihnen belohnt. Ob ich gleich nicht so glücklich war, durch meinen Fleiß das zu verdienen, was zu Ihrer Befreyung nöthig war, so bin ick doch die Veranlassung dazu» Sie haben Ihre Rettung nicht mir, nicht uns zu verdanken. Ich kenne unfern Wohlchater. Der Unbekannte., (indem P ec ^ (226) F rr fick zu seiner Mutter wendete) der mir, liebe Mutter, den Beutel gab, chac viele Fra, gen an mich, und gewiß, er ist unser aller Wohlthater. Ich werde ihn aufsucben, und ihn hieher führen, daß wir unfern Dank ihm bringen, und er wird mit uns Freudemhranen weinen." Er erzählte nun den ganzen Vorgang mit dem Unbekannten, den er auf dem Nachen ge, habt hatte, und benahm dem Vater alle Furcht, als wenn er den Weg Der Ehrlichkeit j vergessen hatte. Der Alte drückte den guten ! Sohn an sein Herz, und dankte dem großen Wohlthater im Himmel für solche gute Kinder. Er fand in der Ruhe, die er jetzt wieder ge, noß, Freunde und Beystand. Nach r Jahren war er reich, seine Kinder, die versorgt und glücklich waren, genossen mit ihm und seiner Frau eine Glückseligkeit, die nichts würde ge, stöhrt haben, wenn nicht der Sohn stats un, ruhig gewesen wäre, weil er den unbekannten Wohlthater nicht ausfindig machen konnte. Was ein guter Hacken werden will, > krümmt sich bey Zeiten. I Minder, versichert die heilige Schrift, waren ^ ein Geschenk Gottes r und sie find das herrlichste, das vortreflichste Geschenk, wem sie sich so betragen, wie es guten Kindern ge, ziemt, und gut werden fie, wönn sie sich/ me der ^ t 227 ) g? der junge Robert, von Jugend auf bestreben/ ihre achte kindliche Hebe durch Thaten zu beweisen. Denn was em guter Hacken werden will, krümmt sich fa bey Zeiten , und Salomo sagt/ wie sich ein Rnabe gewöhnt, so läßt er nicht davon, wenn er alt wird. Hebe K inder / was könnt ihr nicht werden / wenn ihr von Jugend an gut seyd, und wie viel Gutes könnt ihren euren Aelcern nicht thun/ wenn ihr wollt! Vor ohngefähr bis 25 Jahren, so schreibt ein Freund aus Danzig an den Verfasser der deutschen Zeitung, lernte hier ein junger Mensch die Maierkunst, aber blos handwerksmäßig. Verschiedene Umstande machten, daß er mit seinem Hhrherrn unzufrieden war, und mit einem Schisse nach Petersburg greng. Dort hatte er sich einige Zeit in seiner Kunst geübt, und kopirte dann ein Gemälde, das die jetzige Raiserinn von Rußland vorstellte / so gut, daß sie ihm ein ansehnliches Geschenk bey Überreichung des Gemäldes machte. Die in Petersburg wohnenden vielen vornehmen, adelichen und fürstlichen Personen lernten nun den Künstler auch kennen, brauchten ihn und belohnten ihn nach Verdienste, so daß seine Umstande sich nach und nach sehr verbesserten. Da nun die schönen Künste das Herz sanfter Empfindungen fähiger machen, und ein treues Kind nie vergißt, wie sauer es seiner Mucker geworden ist: so dachte dieser Maler, da eS ihm wohlgieng, auch an feine alte Mutter, P - und ^ ( 22S ) Ä« mid überschickte ihr von Zeit zu Zeit etwas. Nachdem er sich ein ziemliches Vermögen erworben , gieng er nach England , wo er endlich Kapitain wurde, sänge Zeit hatte er hier von seiner Mutter nichts erfahren, als er von einem hiesigen Schiffer hörte: sie lebe noch, aber ziemlich kümmerlich, und werde durch Almosen von der Stadt verpflegt. Dieses konnte der zärtliche Sohn nicht ertragen: er nahm auf einige Monathe Urlaub, und kam hieher. Um die Mutter nicht zu sehr zu überraschen, ließ er ihr erst durch andere sagen, daß er noch lebe, und sandte ihr einige Geschenke. Darauf kam er selbst, ließ sie aus ihrer kleinen Wohnung in eine beßere ziehen, gab ihr Kleider, Wasche, Geld zur Unterhaltung, und reifete, nachdem er so die kindlichen Pflichten erfüllt hatte, wieder zurück. Gottlob, daß es viele solche Kinder giebt! Ich habe deren manche kennen gelernt, und mich gefreuet, daß auch das Wort Gottes hier wahr redet. Denn freylich trist man mit unter zuweilen einen undankbaren Sohn, eine undankbare Tochter an: aber gewiß nur wenige. Ihr, die ihr das leset, werdet euch gewiß nicht unter diese wenige zahlen. Es könnte mir auch von einem und dem andern unter euch der Einwurf gemacht werden: aber alle Aeltern haben ja nicht die Hülfe der Kinder nöthig? Wie können wir solche schöne Thaten ausüben? Freuet euch darüber, wenn eure Aeltern m «k ( 22Y ) g» guten Umstanden sind, aber demungeachtet könnet ihr Ihnen doch viele Freude machen, und folglich auch ihnen Gutes thun. Denn wer dem andern eine Freude macht, der erzeigt ihm was Gutes. Täglich werden sich Gelegenheiten euch dazu verbieten, und eure Aeltern werden Gott für das Geschenk, das er ihnen mit euch gemacht hat, freudig danken. Es ist das größte Vergnügen, eine himmlische Seligkeit für Kinder, wenn Eltern mit Wohlgefallen auf sie herab sehen. Kinder! Ihr könnt diese Seligkeit euch machen. Avas ein guter Zacken werden will, krümmt fick bey Zeiten. Nicht nur siebe und Dankbarkeit gegen die Eltern, sondern auch gegen andere Wohlthater ist eine schöne Tugend, wenn sie in dem jungen Herzen wohnt. Vergiß nickt deines Bürgen, deines Erretters. 'Sagt Si- rach. Und sollte dein Wohlthater einst gar unglücklich seyn, so eile ihm zu helfen, denn er war es, der dir beystand, und der dir jetzt Gelegenheit giebt, die schöne Tugend der Dankbarkeit auszuüben. „ Theilen Sie doch einem reisenden Hand- werkspurschen auch was mit," mit diesen Worten klopfte einer an das Fenster des Postmeisters Landgraf zu Grasfurth bey Magdeburg- ,, Was ist er seiner Profeßion nach? " Ein Bäcker. „Woher? " Aus Sömmerda in Thüringen. „Me ^ ( 23° ) F „ Wie heißt er? " Weidemann. „ Komm er herein. " Mit Freudenthranen empsieng der Postmeister den Sohn seines ehemaligen Wohltäters Er war auch aus Sömmerda, der Sohn eines armen Maunes, und verdankte dem Vater des Handwerkspurschen sein ganzes Glück. Er behielt ihn nicht nur einige Zeit bey sich, sondern gab ihm auch Reisegeld mit, daß er nicht nöthig hatte, sich durch die Welt zu fechten. Der dankbare Mann ist todt. Auch gegen mich hat er seine Dankbarkeit be, wiesen, da er auch meinem Vater, mit dem er von Zugend auf eine treue Freundschaft ge- pflogen, einiges zu verdanken haben wollte. Doch wir sind nicht immer im Stande, unsere Dankbarkeit durch Thaten zu zeigen, oft müssen es nur Worte thun, wenn der Wohlthater unfern Beystand gar nicht nöthig hat. Auch dadurch zeigt der junge Mensch, was aus ihm werden wird, nicht, zu gedenken, daß es schon die Höflichkeit erfordert, so etwas zu thun. Zn dem Falle befand sich der brave junge Robert. Sern Herz war voll Dank gegen seinen unbekannten Wohlthater. Er wünschte seinem Herzen suft zu machen, sänge suchte er umsonst nach ihm, endlich traf er ihn des Morgens an einem Sonntage am Hafen an, wo er spazieren gieng. Ach mein Schutzgott! war alles, was er sagen konnte, er warf sich c-zr) M zu seinen Füssen, und siel ohne Sitmen dahin. Der Unbekannte gab sich alle Mühe, ihn wieder zu sich zu bringen, und es gelang ihm. Er war äußerst begierig, die Ursache dieser Veranlassung zu wissen. Robert. Ach mein Herr! kann Sie Ihnen unbekannt seyn? Haben Sie den Robert und seine unglückliche , aber durch Ihre Güte jetzt glückliche Familie vergessen? Unbek. Sie irren sich. Ich kenne Sie nicht, und auch Sie können mich nicht kennen. Ich bin fremd zu Marseille, und erst seit wenig Tagen hier. Robert. Das ist alles möglich, aber erinnern Sie sich, daß Sie vor zwey Jahren auch hier waren. Denken Sie nicht mehr an jene Spazierfahrt im Hafen ? An den Antheil, den Sie an meinem Unglücke nahmen? An die Fragen, die Sie an mich thaten, und die nur deswegen geschahen, damit Sie ganz gewiß unser Wohlthäter werden konnten? Be- freyer meines Vaters; können Sie vergessen, daß Sie der Retter unserer ganzen Familie sind, die sich nach nichts mehr sehnt, als nach Ihrer Gegenwart ? Versagen Sie selbe unseren Wünschen nicht! Kommen Sie! Theilen Sie unsere Freude! Vermischen Sie ihre Thranen der Rührung mit unfern Zähren der Dankbarkeit. Kommen Sie! Unbek. Ruhig , mein Freund! Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Sie irren sich. ^ ( 232 ) zP Robert. Ich irrte mich? Nein! gewiß .nicht/ mein Herr! Alle ihre Züge sind zu tief in meine Seele gegraben/ als daß ich Sie miskennen sollte. Kommen Sie! Ich bitte. Hier nahm ihn der junge Robert bey dem Arme, suchte ihn gewissermaßen mit Gewalt fortzuziehen, und das Volk fieng an sich um beyde zu versammeln. Da sprach der Unbekannte mit einem ernsthaften und fester« Tone: Mein Herr! dieser Auftritt ermüdet mich, ohne Sie zu erleichtern. Eine auffallende Ähnlichkeit verursacht Ihren Jrrthum. Rufen Sie ihre Vernunft zurück, und suchen Sie im Schooße ihrer Familie die Ruhe wieder, welche Sir riöthig zu haben scheinen. Robert. Welche Grausamkeit! Warum wollen Sie uns unsere höchste Freude hier auf Erden, unserm Wohlchater, unserm Retter danken zu können , rauben? Soll ich vergebens zu Ihren Füssen liegen? Ach! macken Sie uns die Freude, Ihnen unfern wärmsten Dank abzustatten. Und Sie, meine Mitbürger! Sie alle, die Sie von der Verwirrung und Unruh , in der Sie mich sehen, gerührt feyn müssen, vereinigen Sie sich mit mir, den Urheber meiner Wohlfahrt dahin zu vermögen, daß er m it mir gehe, fein eigen Werk zu betrachten. Hierbei) schwieg der Unbekannte, und verfahr sich auf einmal im Getümmel zum größten Schmer- «k> c-zz) / Schmerzen des jungen Roberts- der mit er- lo schien und wild umher irrenden Blicken ihm nachsah. Stille, übermäßige Betrübniß, erstickter Unwille traten an die Stelle der Ge- müthsunruhe, von welcher der brave Robert Herumgetrieben war. Man sähe sich genöthigt, ihn nach Hause zu tragen, wo endlich ein heilsamer Thranenguß ihn seinem gefährlichen Zustande entriß. Möchten dir, braver Robert, doch viele junge seute nachahmen. Welch ein herrliches Beyspiel giebt nicht deine herzliche siebe deinen unglücklichen Vater zu retten, und deine Dankbarkeit deinem Wohlthater zu zeigen, wie viel du ihm schuldig bist. Würdest du wohl, junger seser, auch so edel handeln können? Willst du das einmal , so gewöhne dich früh in deiner Jugend an edle und tugendhafte Gesinnungen, an rechtschaffene Grundsätze, was ein guter Hacken werden will, krümmt sich be^ Zeiten. Bürger und Bauer trennt nur die Mauer. /Iteh du dummer Bauernjunge, sagte ein un- ^ besonnener Knabe zu einem seiner Mitschüler, der vom Dorfe war, und in der Stadt mit in die Schule gieng. Das hörte -der sehrer, und fragte den Knaben, Namens Thon, was er mit dem Worte Bauernjunge, und mit dem beleidigenden Zusatze, dumm sagen (SZ4) S gen wolle? Lhon erschrack und entschuldigte sich damit, Voigt, so hieß der Knabe, habe ihn gestoßen. Leb. Mit Fleiß? Thon. Nein! das nicht. Leh. Desto schlimmer. Ich frage dich daher noch einmal, was wolltest du mit den beleidigenden Ausdrücken sagen? Tbon konnte kein Wort antworten. Wolltest du, fuhr der sehrer fort, damit nicht etwas verächtliches sagen, und Voigten fühlen lassen, daß er weniger sey, als du, weil du der Sohn eines Bürgers, und er nur der Sohn eines Sandmannes oder eines Bauern sey? Geh mit deinem lumpichten Stolze! Nur der verdient Achtung und Ehre, der sich durch Verstand und Rechtschaffenheit auszeichnet, er mag Fürst, Adelicher, Bürger oder Bauer heißen. Nicht das.Kleid macht den Mann aus, nein! das Herz, das darunter schlagt. Es ist eine elende Ehre, man nennt es Bettclstolz, wenn man sich auf seine Geburt was einbildet. Warum das wohl, Fritz Rronmann? Fritz. Weil kein Meusch zu seiner Geburt etwas beytragen kann. Ich könnte auch ! der Sohn eines Hottentoten seyn. Die andern Knaben lachten hoch auf Leb. Fritz hat Recht« Nur die, die weiter kein Verdienst in der Welt haben, brüsten sich mir ihren Ahnen, es mögen Ade- liche ( 2Z5 ) z« liche oder Bürgerliche seyn. Der Mann, der wirklich Achtung und Ehre verdient, fordert sie nicht wegen der Geburt, sondern wegen seinen Verdiensten. Kein Stand in der Welt ist zu verachten. Sie müssen alle seyn. Dadurch sind die Menschen auf das innigste miteinander verbunden. Einer reicht durch die verschiedene Handthierung, und durch die man, cherley Geschäfte dem andern gleichsam die Hand, daß wir auf die glücklichste Art auf dieser Erde leben sollen. Und außerdem ist der Bauern, stand ja kein verachteter Stand. Er ist ja der wichtigste auf Erden. Warum Ludewig? Lud. Weil er das Feld bauet, und uns unser Brod verschafft. Lehr. Und den Mann , der uns so viel leistet, wollen wir verachten? Das mehrste, was der Bürger zu seinen Geschäften braucht, erhalt er aus der Hand des Bauern. Au Fabriken und Manufakturen, zum Handel liefert er die Produkte. Was der Bürger verarbei- tet, kauft ihm der Bauer gewöhnlich wieder ab. In den ^andern , wo weise und gütige Fürsten regieren, wird auch der Bauer so hoch geschätzt, als der Bürger, weil er nicht nur ein sehr nutzbarer Mann ist, sondern auch als Staatsbürger gleiches Recht, gleiche Güte und Behandlung verdient. Man hat so schon vor 2Oc> Jahren gedacht. So schreibt Agricola im Jahr IM. Wart! Ich will es euch vorlesen: Bürger ^ (-ZS) Bürger heißen wir Deutschen, so m gemauerten Städten wohnen, Bauern aber, dir außerhalb den Mauern wohnen. Nun ist gar ein schlechter Unterschied. Die Bauern und Bürger unterscheidet nichts denn die Mauer, daß also ein Bürger nichts mehr ist, denn ein Bauer, der Mauern halben, nicht der Frömmigkeit halben. Ist ein Bauer verständig und vollrath, so ist er hoher denn ein Bürger, der da heißer wenigrarh. Ls wollen die Bürger edler se^n, denn die Bauern. Aber Bürger und Bauer scheidet nichts, denn die Mauer. Wolltest du also, Thon, dich wohl noch einmal so vergehen, und einen deiner Mit» schüler so verächtlich behandeln, vor dem du weiter gar keinen Vorzug hast, als daß du ein Bürgerssohn heißest? Thon gestand ein, daß er Unrecht ge- than, und es leider, einfältigen Mensche« riachgemacht habe, die über weiter nichts nach- dächten, und nur ihre Ehre in Titeln, Kleidern und gepuderten Köpfen suchten. Voigt war mit dieser Genugthuung zufrieden, und kein Knabe ließ es sich wieder einfallen, ihn durch den Namen Bauernjunge zu verachten. Denn Voigt erklärte nun, daß er me. böse darüber seyn würde, wenn es sa einem einfallen sollte, ihn damit schimpfen zu wollen, da es ja kein Schimpf sey. Nur verbat er sich den Beynamen dumm, sonst werde er sagen müssen, dummer Bürgersjunge. Es würde aber wohl, meinte - A ( 2-7 ) F Weinte er, eines so pöbelhaft und ungerecht seyn, als das andere. Diese Erklärung billigte denn der Lehrer, und setzte noch hinzu, daß man schlechterdings keinen Stand durch Geringschätzung verachten, müsse, weil erstlich die verschiedenen Stände nothwendr'g wären, und dann, weil auch der Geringste unter den Menschen uns viel Gutes erzeigen könne. Dies bestättigte er noch aus folgender Erzählung: Ein gewisser Schauspieler war einmal vor seiner Gesellschaft vorausgegangen, um in einer gewissen Stadt Ouartier für sie zu besorgen, und mußte durch eine Ecke des Gchwarzwaldes ( so heißt ein Stück des Thk- rmgerwülves gegen Mitternacht) reisen. Als er in ein darinn gelegenes Wirthshaus kam, traf er allda viele seute von einer Menschensorte an, die ihm verdächtig vorkam; und nach einigen Minuten überzeugte er sich, daß er sich unter Räubern befand. Man kann sich leicht einbilden, daß er dadurch in nicht wenige Angst und Furcht gesetzt wurde. WaS sollte er nun thun? Bleiben, das hielt er für gefährlich, und fortgehen für eben so gefährlich; doch entschloß er sich zum letztern, und machte, sobald er im Freyen war, keine kleinen Schritte. Nach einigen Minuten begegnete ihm eine Person, die schon an sich selbst, noch mehr aber dadurch, weil sie einen großen Bullenbeißer bey sich führte, den armen Wanderer «k- c -Z8) ^ Lerer in die äußerste Angst versetzte. Beym Naherkommen hielt es der Schauspieler für gut, dem Fremden anzureden, und erfuhr nun, daß er den Nachrichter des benachbarten Ortes, den wasenmezster, -Halbmeister, oder wie man d ese Zerrte nennt, vor sich hatte. Seine Angst verlohr sich; er gewann sogar Zurrauen, und bat den Fremden, daß er ihn doch eine Viertelstunde begleiten möchte. Der Nachrichter schlug ihm für seine Person das Gesuch ab, vermuthlich, weil er nach Hause mußte, gab ihm aber seinen Hund, nebst der Versicherung mit, daß ihm niemand einiges Leid zufügen sollte. Zugleich erhielt der Hund von seinem Herrn einige bedeutende Winke, und der Nachrichter gieng seine Strasse weiter: der Bullenbeißer aber nahm mit einem besonder» Ernst Besitz von seinem Posten, indem er immer einige Schritte vor dem bangen Wanderer vorausgieng, und er verrichtete sein Amr getreuer, als mancher menschlicher Führer; denn er brachte seinen Schutzbedürf- kigen glücklich bis ans Ende des Waldes. Der frohe Gerettete hielt es für billig, seinen getreuen Wegweiser zu belohnen, und reichte ihm ein Stück Semmel hin, welches der Hund aber nur kaltfinnig beroch, ohne es anzunehmen. Undankbar möcht ich doch nicht gerne senn, am wenigsten gegen dich, gutes Thier, rieffetzt der Schauspieler, und hielt dem Hunde feine einzige Baarschaft, ein Vierkreuzerftück vor. ^ ^ »vr. Der Hund nahm es in sein« Schnautze, machte rechtsum, und lief im vollen Rennen den gemachten Weg zurück. Hier habt ihr, fuhr der Lehrer fort, einen Beweis, daß uns jeder Mensch sehr nützlich feyn kann. Der Schauspieler würde gewiß, wenn er den Nachrichier wieder gesprochen hatte, so höflich und freundschaftlich begegnet seyn, als irgend einem Vornehmen. Gehen Sie nicht, sagte einmal ein Bet* teljunge zu mir, diesen Weg. Er führt Sie in Sumpf. Ich wollte mich überzeugen, ob es wahr sey. Ich nahm ihn mit, und fand seine Aussage bestätigt. ,, Nun lieber Knabe, zeige mir den rechten Weg." Er thats, und ich erreichte glücklich die Bestimmung meines Ortes. Es sey, daß der Knabe auf eine Belohnung Anspruch machte, aber es beweißt doch, daß auch der ärmste und niedrigste uns nutzbar seyn, und uns oft aus der augenscheinlichsten Gefahr erretten kann. Darum, Kinder, verachtet keinen Menschen, so geringe er auch scheint, behandelt ihn höflich und freundlich. Es wird euch niemals schaden, und gewiß Vortheil bringen. Der viel anfängt, endet wenig, HAilhelm war ein sehr lebhafter und munterer Knabe, dabey gefällig und gutmüthig. Ein Wink von seinen Aelcern, Lehrern oder Kreun- ( 24O ) ZP Freunden war schon hinlänglich/ ihn dahin zu vermögen, wohin man ihn zu haben wünschte. ^ Er kam jedem zuvor, und suchte sich ihm gefällig zu machen, ohne dabey den Schmeichler zu machen. Er war ein herzensguter Knabe; allein er hatte bey allen seinen guten Eigenschaften, einen Hauptfehler, er war unbeständig. Daher rückte er in seinen Kenntnissen nicht sonderlich fort) und seine Mitschüler warm immer weiter, als er. So klug war er doch, daß er dieses bemerkte. Einmal hatte der sehrer in der Rechen- stunde ein etwas schweres Exempel aufgegeben. Alle überwanden die Schwierigkeiten und brachten es richtig, außer voühelm nicht. Mißmü- thig und verdrüßlich sagte er zu seinem sehrer: ich weiß nicht, wie es zugeht, daß ich allem so einfältig bin, und das Exempel nicht her- ausbrmge. Leh. Denk einmal nach, woher das wohl kommen mag? roilh. Es muß doch an meinem Kopfe liegen, daß ich die Sache nicht so übersehen kann, wie die andern? Leh. Du bist sehr fteymürhig in deinem Ilrtheile über dich selbst: und ich würde dich deswegen noch lieber gewinnen, wenn die Sache so wäre: allein es liegt nicht an deinem Kopfe. L7ilh. Doch auch nicht am guten Willen? Leh. Auch nicht. Wrlh» ( 24! ) Z» wich. Da weiß ich nicht, wo der Fehler liegt. Leb. Ich will es dir sagen» An deiner Unbeständigkeit. Der viel anfängt, endigt wenig, das ist vom Anfänge der Welt her so gewesen. Jeder Mensch/ der diesen Fehler an sich hat/ wird in keinem Stücke vollkommen/ und erlangt niemals seine Absicht recht. Du bist auch sehr veränderlich. Ich sprach neulich mit deinem guten Vater. Er war mit deinem Betragen ganz zufrieden/ nur tadelte er auch deine Unbeständigkeit. In einer Stunde / die du für dich zu Hause zur Arbeit bestimmt hättest/ nähmst du bald das Rechne»/ bald das Schreiben/ bald das Zeichnen/ bald das Französische/ bald etwas anders vor/ aber du führtest nichts aus. Und auf solche- Art magst du wohl in allem gegen deine Mitschüler Zurückbleiben. Wenn du dir vorgenommen hast / etwas zu thun/ so mußt du dich durchaus von keiner Schwierigkeit abhalten lassen / sondern emsig fortarbeiten/ bis du das Ziel deiner Arbeit erreicht hast. Nimm daher nur eins auf einmal vor/ und mache das gut. Ich weiß gewiß / du würdest in kurzer Zeit zu deiner eignen Freude in allem sehr wachsen. Zwey Bauern/ Friedrich und Lbrissoph waren Nachbarn/ beydes ein paar sseißige und rhätige seute, beyde nicht arm und von gleichem Vermögen. Lbriftopb aber kam in seinem Vermögen dem erstem weit zuvor. Woher LZ mochte ^ ( 242 ) ^ j mochte das wohl kommen? War etwa Lues- ! ricl) unglücklicher? Starb ihm sein Vieh? > War er etwa krank? Keinesweges. Er halte den nämlichen Fehler, den du an dir Haft, ec steng viel an, und endigte wenig. Hingegen Christoph steng wenig an, und endigte viel. Dieser dachte in den Stunden der Einsamkeit nach, wo er diese oder jene Verbesserung anfangen könnte, und sah er ein, daß die Sache gut seyn mochte, so gieng er unverdroßen daran/ ! und arbeitete so lange bis er sie vollendet hatte, ehe griff er auch nichts neues an. Friedrich wollre aber alles auf einmal zwingen, fieng i tausenderley Dinge an, und endigte gewöhn- ! lich nichts. Man braucht den Teufel nicht an die I Wand zu malen, er kommt wohl so. err Hunder war auch von der Art Menschen, die ihre Freude daran haben, wenn sie ihre Nebenmenfchen in Furcht und Schrecken setzen können, und die sich für fachen aus- schütten möchten, wenn sie solche nachher getauscht haben. Man kann eben nicht sagen, daß es Bosheit oder Schadenfreude gewesen wäre, die ihn oft zu unbesonnenen Handlungen verleitete, sondern blos Muthwille. Hm Hrrirder hatte in seinem Garten eine Gesellschaft bey sich, die sehr heiter und vergnügt war. Das war ihm eben recht: denn je luftiger es zu- ^ c 24Z ) z» zugwng, desto lieber war es ihm, und seinem Charakter nach kann man sich leicht denken, daß er das feinige reichlich dazu beytrug. Des Abends, da-es schon dunßel war-, legte er in einem Winkel des Gartens einige Selbstschüsse, jedoch, wie es sich von selbst versteht, blos mit Pulver geladen. Er wollte seine Gesellschaft, besonders den Frauenzimmern ein kleines Schrecken einjagen. Herr Holderitter, welcher eben, da er in jeiner Arbeit ganz eifrig und beschäftiget war, dazu kam, bat ihn, das zu unterlassen , weil, man könnte es nicht wissen, leicht ein Unglück daraus entstehen könnte. Man braucht , setzte er hinzu, den Teufel nicht an die wand zu malen , er kömmt wohl so. Friz Täusch , der zusah, und sich auch schon über die sust, die da kommen sollte, im Geiste freuete, hörte das, was Herr -Holderitter so eben gesagt hatte, mit an. Verzeihen Sie, fragte er ihn höflich und bescheiden, was wollen Sie damit sagen? -Holder. Was ich damit sagen will? Weiter nichts, als daß man keinen Anlaß zum Misvergnügen, zum Schrecke»,, oder zu irgend einem Unglücke geben soll, weil das so alles ohne unser Zuthun kommen kann. Friz. Wie so? Holder. Das ist gar leicht möglich. Nicht zu gedenken, daß der Schrecken, Personen, die furchtsam sind, leicht Schaden bringt, O 2 kann ^ ('244) ZS kann denn nickt ein Pfropf oder Pulver MM, ' den an den Körper fliegen? " ! Friz. Das könnte wohl seyn, aber man kann ja fchon mit Vorsicht zu Werke gehen, so, daß es so leicht niemanden schaden darf. Holder. Das denkt man. Spas, wobey leicht ein Unglück entsteht, muß immer vermieden werden. Man braucht den Teufe! nicht an die wand zu malen, er kommt wohl so. Friz. Der Teufel wird und kann doch keinen Schaden thun? Das hat mir mein leh- rer deutlich gezeigt, und ich glaube ihm. Hunder. Recht so , Friz, saß dich nicht irre machen. Wer wird denn bey allem so ängstlich feyn? , Herr Holderitter nahm Frizen an die ! Hand, und gieng mit ihm in Garten auf und ab. Denn er machte sich eine Freude daraus, j wißbegierige und gute Kinder zu belehren. ^ Ich will, fuhr er fort, das angeführte j Sprüchwort nicht buchstäblich genommen ha- > ben. Man schrieb sonst dem Teufel alles Böse und Unglück, das in der Welt geschieht, zu. >, Du wirft gehört haben, daß man sogar glaub, Le, er erschiene oft in menschlicher Gestalt, gewöhnlich mit Pferdefüssen, in einem Schar, lachrocke, und suchte den Menschen in feine Gewalt zu bekommen. Was für dumme und . abgeschmackte Mahrchen darüber gesagt werden, das kannst du noch alle Tage von aberglaubk, ! . schon und einfältigen Menschen hören. AB dieser A (245) z? dieser Meinung nun, daß man mit Dingen nicht scherzen dürfe, woraus Unglück, das dom Teufel herrühre, wie man annahm, entstehen könne, ist das Sprüchwort: Man brauche Den Teufel nicht an Die Wand zu malen, er kommt wohl so> entstanden. Ob nun das gleich nicht wahr ist, so ist es doch wahr, baß man mit Sachen seinen Spas nicht treiben dürfe, die leicht schädlich werden können. Was für Unglück ist nicht schon mit Gewehren geschehen, nicht nur, wenn man unvorsichtig damit umgegangen ist, sondern auch, wenn man damit Muthwillen getrieben hat? Friz. Das weiß ich gar wohl. Mein Vetter schoß ja als Knabe beynahe seinen Bruder todt. -Holder. Also wirst du auch leicht einse- hen, daß ich recht habe, wenn ich den Herrn -Hunder bat, den Spas zu unterlassen. Ich freue mich über deine Begierde, belehrt zu werden, und ich hoffe, daß du auch nach der Einsicht, die du schon hast, handeln wirst. Ich will dir noch einige Beyspiele anfähr^n, daß ich recht habe. Ich hatte einen Bruder. Er war etwas wild. Meine Aeltern, die auch noch an den alten Gebrauchen hiengen, glaubten ihn fromm zu machen, wenn sie an dem Weinachtsheiligen-Abend einen sogenannten heiligen Christ über ihn schickten. Sri;. Was ist das? Hol- A (-46) F Holder. Man hat sonst die üble Gewohnheit/ daß man an solchen Tagen Kerls verkleidete/ die in den Oertern herumzogen, und den Herrn Christus/ oder irgend einen Heiligen vorstellten. Da mußten denn die Kinder be- ihen / was sie nur konnten. Die Artigen bekamen Geschenke/ die Unartigen aber Schlage. In manchen Gegenden geschieht es noch/ aber doch nur wenig. Man hat es jetzt eingesehen, daß es eine unschickliche/ unheilige und dumme Gewohnheit ist. Lri?. Nu! Ihr Bruder? Holder. Man machte ihm weiß/ der heilige Christ würde ihn mitnehmen. Wie er nun den Kerl sah/ so erschrack er so heftig, daß er am ganzen (eibe zitterte. Er bekam ein hitziges Gallensieber, und starb. Meine Mutter wurde nicht wieder froh, und sie beweinte bis an ihr Ende ihr Kind, daß sie auf eine solche Art verlohren hatte. Lrix (mit Unwillen.) Aber warum machte sie denn auch so einfältig Zeug? Holder. Danke Gott dafür, daß du in bessern Zeiten gebohren bist, wo der Glaube an solche abgeschmackte Dinge aufgehört hat. Lrix. Sie wollten mir ja noch eine Geschichte erzählen. Holder. Ein Kaufmann kam oft nach Sckweinftrrt, und hatte da viele Freunde und Bekannte. Er war von Person klein. Einer seiner Bekannten zieht ihn deswegen auf/ und frag- ( 247 ) ftagte, ob er sich nicht fürchte? „Nein! war die Antwort. Es ist wahr/ ich bin klein, aber ich habe ein großes Herz." Luchs, so hieß der Schweinfurter, wollte ihn auf die Probe stellen, zog einen Fuhrmannskittel an, machte sich im Gesichte schwarz, und so gieng er gerade in die Stube des Kaufmanns. Dieser hielt ihn für einen Dieb, ergriff feine Pistole, und die Kugel streifte ihm nur zum größten Glücke, den Arm. Fri,. Der wird auch nun solche Spas- chen nicht wieder machen. -Holder. Das glaube ich. Erkannte-- Jndeß sie so sprachen, geschah ein Schuß in dem Garten, und zugleich hörte man ein jämmerliches Geschrey. Es war -Hunders Larl- chen, ein Knabe von 4 Jahren. Er hatte sich aus dem Gartenhause herausgeschlichen, war allein in dem Garten herumgesprungen, und hatte den Faden, der an dem Selbstschusse war, berührt. Unglücklicherweise war der Pfropf dem armen Knaben in das Dickbein gefahren. Alles sprang herbey, um den Knaben auftuheben, aber er konnte nicht auftreten. Nun war Herr Hunder wie rasend. „Gott! schrie er, was habe ich gemacht! Ich unglücklicher. Mein armer Carl." Die Mutter war für Schrecken fast todt. Man schickte gleich nach dem Arzt, er untersuchte die Wunde, und zum Glücke war derPftopf nicht tief hinein gefahren. Nun sah der gute Mann ein, daß man solche Spas- c 248) ZP Spasmen unterlassen müsse, und es fiel ihm nie wieder ein , andern Angst und Schrecken einjagen zu wollen, da er selbst dabey genug bestraft wurde. Friz Täusch wurde nun in alle dem, was ihm Herr Holderitter gesagt hatte, durch die Erfahrung hinlänglich überzeugt, daß man den Teufel nicht an die wand zm malen brauche, weil er wohl so komme, das heißt, daß man nicht nöthig habe, Menschen zu erschrecken, weil so in der Welt uns Unglück treffen kann, ehe wir es uns vermuthen, und daß man seine Freude und Vergnügen auf eine beßere nnd würdigere Art suchen müsse. Beym Abschiede dankte er noch vielmals dem Herrn -Holderitter für seine sehren, und beschloß beständig darnach zu handeln. Wahrscheinlich wird er auch seinen Vorsatz getreu ausführem ^ 5 - / > » M.