Wienen 8iaüi-8iblioit,el< 18358 ^ Die V-UUrmk Wien. -??>- ^Fien. /» Verlag der allgemeinen Poliklinik. 1876 . Zur Aufklärung. Ein mit dem Jahresberichte der Allgemeinen Poliklinik an einzelne Fabriksherren versendetes Ersuchsschreiben um Unterstützung hat eine Deutung erfahren, die den Verfassern ganz fern lag. Bei dem ohnehin großen Andrang von Hilfesuchenden kann eine stärkere Herbeiziehung von Kranken unmöglich im Interesse der Anstalt und ihrer Functionäre gelegen sein. Es kann also auch nicht, wie aus dem Schriftstück herausgelesen wurde, unsere Absicht sein, den Spitälern und den Ambulatorien in denselben Kranke zu entziehen. Wohl aber mußte es unser Zweck, ja unsere Pflicht sein, die Mittel herbei- znschaffen, um den sich täglich steigernden Anforderungen zu genügen. Dazu war es nothwendig, die Arbeitgeber aufmerksam zu machen, daß es viele Kranke gebe, welchen durch ambulatorische Behandlung, wie sie eben eine Poliklinik bietet, der Spitalsaufenthalt erspart werde, so daß während dieser Zeit die Arbeit fortgesetzt und damit die Existenz der Familie gesichert werden könne. Auf diese Weise werden aber nicht nur die Interessen der Arbeiter, sondern auch jene der Spitäler gewahrt, welche, wie bekannt, fast continuirlich an Raummangel leiden. Selbstverständlich sendet die Poliklinik alle der Bettruhe bedürfenden Kranken entweder in die Spitäler oder überläßt sie der Privatpstege. 1 * 4 Dies ist der einzig mögliche Sinn des angeführten Schriftstückes, nicht aber jene uns zugeschriebene Agitation gegen die Spitäler, deren Unentbehrlichkeit und Gemeinnützigkeit über jeden Zweifel erhaben sind und welchen wir selbst für all' unsere medicinische Bildung dankbar und verpflichtet sind. Die Beurtheilung der Motive, welche uns leiten, stellen wir den vielen Tausenden unserer Kranken, stellen wir der Einsicht aller unserer Mitbürger anheim. Nie ik-iilirenden Amte Allgemeinen Poliklinik. Nie nachfolgende Auseinandersetzung hat den Zweck, in kurzen Zügen ein Bild der Entstehungsursachen, des Entwicklungsganges und der Ziele eines gemeinnützigen Institutes zu geben, welches, von so vielen Sympathien getragen, dennoch auch mannigfacher Angriffe und unberechtigter Kritik sich zu erwehren gezwungen ist. So viel Bitterkeit auch in dieser Nothwendigkeit gelegen ist, so willkommen ist andererseits den Unterzeichneten die sich gebende Veranlassung, ihre Absichten offen darlegen und ihr Wirken dem unbefangenen Urtheile ihrer Mitbürger unterbreiten zu dürfen. Die allgemeine Poliklinik in Wien besteht seit dem 1. Jänner 1872, also seit 4^/2 Jahren, und verfolgt von ihrem Beginne an den doppelten Zweck: erstens als Hum an itäts anstatt dürftigen Kranken unentgeltliche ärztliche Behandlung angedeihen zu lassen, so weit dies auf dem Wege der ambulatorischen Ordination, d. h. ohne Liegen im Bette und daher ohne Aufenthalt im Spitale möglich ist, — zweitens als Lehranstalt medicinisch-praktischen Unterricht zu ertheilen, soweit dies auf poliklinischem Wege ausführbar ist. Diese beiden gleichwerthigen Momente müssen unbedingt sestge- halten und ihre Beziehungen zu einander und nach Außen stets gewürdigt werden, um die Entstehung und die weitere Thätigkeit des Institutes richtig zu beurtheilen. Wir wollen zunächst die rein humanitäre Seite zum Ausgangspunkt der weiteren Betrachtungen nehmen. Der Nutzen, ja die Nothwendigkeit unentgeltlicher ambulatorischer Behandlung von armen Kranken, die der Bettruhe entbehren können, ist längst anerkannt und diese Art Behandlung wird allenthalben ausgeübt. Es geschieht dies theils durch eigens hiezu bestellte Aerzte (Armenärzte u. s. w.), theils in den Spitälern im Anschluß an die Spitalsabtheilungen und Kliniken, theils endlich in eigenen hiefür bestimmten Anstalten: Ambulatorien, Kinderkranken-Jnstitnte, Polikliniken, Dispensaries rc. genannt. Was nun die Armenärzte betrifft, so ist leicht einzusehen, daß dieselben in einer großen Stadt unmöglich ausreichen können, mögen sie noch so tüchtig und noch so gewissenhaft ihres Amtes walten, wie dies gerade für Wien außer allem Zweifel steht. Dazu kommt, daß die Armenärzte in der Regel von solchen Kranken überlaufen werden, welche auf Armuthszeugnisse, Versorgungsatteste u. s. w. gestützt, ärztlichen Rath und die unentgeltliche Mediation aus Kosten der Gemeinde beständig in Anspruch nehmen. Es kommt ferner hinzu, daß bei dem heutigen Stande der medicinischen Wissenschaft es nahezu unmöglich für den einzelnen Arzt ist, alle Specialfächer mit ihren unausgesetzten Fortschritten beständig im Auge zu behalten, zu verfolgen und letztere praktisch in Anwendung zu bringen, sowie über alle technischen Hilfsmittel jeder einzelnen Specialität zu gebieten. Die ambulatorische Behandlung in den Spitälern ist seit lange in Uebung. Sie hat sich hier in Wien in früherer Zeit und noch jetzt zum Theile an die Namen berühmter Kliniker geknüpft, welche ihrer Ambulanz nicht selten die Krankheitsfälle für den klinischen Unterricht entnahmen und noch entnehmen. Solche ambulatorische Ordinationen können nur dann Zuspruch beim kranken Publicum finden, wenn gewisse zeitliche und räumliche Bedingungen für sie geschaffen werden. Sicher werden in den Ambulatorien der Spitäler diese Bedingungen so viel als möglich erfüllt. Es läßt sich aber nicht längnen, daß bei einem Theile der Bevölkerung ein Vorurtheil gegen das Aufsuchen der Spitalsräume wegen des möglichen Contactes mit ansteckenden Kranken herrscht, und mag dieses Vorurtheil auch vielfach unberechtigt sein, es muß doch dieser Anschauung des Publicnms Rechnung getragen werden. Endlich aber muß es eine Grenze für die Anhäufung und Concentrirung von Kranken in den Spitälern ans sanitären Gründen 7 geben; sie müssen insbesondere bei uns, wo noch das System der riesigen Krankenhäuser herrscht, von Kranken nach Lhunlichkeit entlastet werden; wenigstens aber muß durch außerhalb der Spitäler liegende Anstalten eine Ableitung des der Spitalsbehandlung nicht unbedingt bedürfenden Publi- cums ermöglicht sein. Dies sind die Gründe, welche für die dritte Art von Ambulatorien sprechen, für jene nämlich, welche außerhalb der Spitäler gelegen sind, und nur insofern mit den letzteren in Zusammenhang stehen, als nothwendiger Weise viele Kranke aus den Ambulatorien den Spitälern zugeführt werden müssen, wenn sie sich eben als der Behandlung im Bette bedürftig Herausstellen. Diese Ambulatorien haben den Vortheil, daß sie den Centren großer Städte näher gelegen sein können, als dies aus allgemeinen Gesundheitsrücksichten bei großen Spitälern gewünscht wird, und daß sie daher der Bevölkerung leicht zugänglich sind. Ueberdies gestatten sie eine Organisation, welche die Vortheile der Untersuchung und Behandlung Kranker aller Art durch Fachmänner mit der Möglichkeit gemeinsamer Berathung und Behandlung in complicirten Fällen verbindet, wie dies thatsächlich an der allgemeinen Poliklinik geübt wird. Der Nutzen solcher selbstständiger Ambulatorien ist stets und allenthalben anerkannt worden. In vielen Städten Deutschlands werden Polikliniken vom Staate oder von den Städten allein erhalten, in England und Amerika, wo die Privatwohlthätigkeit am meisten ausgebildet ist, bestehen solche „Dispensaries" in großer Zahl; mehrere in der Hauptstadt des russischen Reiches. Auch für Wien sind dieselben von den competentesten Seiten als wünschenswerth erachtet worden und ist für deren Errichtung in den öffentlichen Blättern vor mehreren Jahren von hervorragenden Aerzten in überzeugendster Weise plaidirt worden. Wenn somit die allgemeine Poliklinik vor nahezu 5 Jahren ihre Wirksamkeit als Ambulatorium eröffnete, so kam sie damit sicherlich einem, wir möchten sagen, in der Luft liegenden Bedürfnisse der Bevölkerung Wiens entgegen. Der beste Ausdruck für die Richtigkeit dieser Voraussetzung ist wohl ihr rapides Aufblühen in so kurzer Zeit, 8 der enorme Zufluß von Kranken *) und die allseitige Anerkennung von Seite der Staats- und Communalbehörden. 2) Wenn nun auch die Berechtigung und der Nutzen der Poliklinik als Ambulatorium erwiesen ist — so soll damit nicht behauptet werden, daß die Gründer des Instituts als Privatärzte sich ohne Weiteres berufen gefühlt hätten, die Humanitären Aufgaben der hiezu in erster Linie berufenen Körperschaften und Organe auf ihre schwachen Schultern zu laden, so sehr nne solche humanitäre Wirksamkeit gerade dem Wesen des ärztlichen Standes entspricht, — wenn nicht noch ein anderes Moment vorhanden gewesen wäre, welches für die Gründung der Poliklinik den Ausschlag gab. Es ist dies die oben erwähnte didaktische Thätigkeit, welcher die Poliklinik in gleichem Maße wie der rein Humanitären gewidmet ist. Wir sind hiermit bei dem zweiten Ausgangspunkte dieser Er- 9 Es wurden an der Anstalt bisher behandelt: Im Jahre 1872 .... 7607 Männer und 4355 Weiber — 11962 Kranke, „ „ 1873 . . . . 10853 „ „ 6655 „ ---- 17508 „ „ 1874.. . . 13645 „ 9915 „ — 23560 „ „ 1875 . . . . 14675 „ 10455 „ — 25130 „ „ 1876 bis Ende Juni . . . . --- 12571 Somit im Ganzen vom 1. Jänner 1872 bis 30. Juni 1876 — 90731 Kranke. 5003 Mittelst Erlasses Z. ^ erklärte der Herr Statthalter von Nieder-Lesterreich, „daß er in Anbetracht des humanen Zweckes der Anstalt sehr gerne bereit sei, derselben seine Unterstützung angedeihen zu lassen". Aon Seite des hohen Ministeriums des Innern werden der allgem. Poliklinik jährlich Spenden und von Seite des hohen Unterrichtsministeriums eine Jahres-Subvention von 500 fl. gewährt. Durch Erlaß vom 2. März Z. machte der löbl. Magistrat die Mittheilung, „daß der Gemeinderath der Stadt Wien laut seines Beschlusses vom 22. Februar die Errichtung der allgemeinen Poliklinik im Interesse des öffentlichen Sanitätsdienstes als beachtenswerth und zweckmäßig erkenne und bereit sei, die gemeinnützigen und Humanitären Bestrebungen dieser Institution zu unterstützen". Hieran knüpfte sich eine Jahres-Subvention von Seite der Commune Wien (500 fl. einmal und 300 fl. jährlich durch 3 Jahre), wie solche auch von mehreren Vororte-Gemeinden gewährt werden. 9 örterungen angelangt, den wir nunmehr zu beleuchten versuchen wollen. Nach den an den österreichischen Universitäten geltenden Principien der Lehr- und Lernfreiheit besteht der Lehrkörper der medicinischen Facultät in Wien außer den vom Staate angestellten und besoldeten Professoren aus einer Anzahl von unbesoldeten Lehrern, den Privatdocenten, welchen vom Unterrichtsministerium über Vorschlag des Professoren- Eollegiums die Berechtigung zum Abhalten von Universitätsvorlesungen ertheilt wird, deren Frequentation den Studenten im Großen und Ganzen mit der gleichen Wirkung wie die Frequentation der besoldeten Professoren frei steht, wenn dasselbe Fach in demselben Umfange gelehrt wird. Die Privatdocenten, aus welchen sich später Professoren herausbilden sollen, sind jedoch zum Unterschied von letzteren blos auf das Eollegiengeld ihrer Hörer angewiesen und andererseits bemüssigt, das Lehrmaterial, resp. die Krankheitsfälle, welche sie zu ihren Vorlesungen benöthigen, sich selbst zu beschaffen, da der Staat und die Universität keinerlei Verpflichtung in dieser Richtung übernehmen. Ist ein Privat- docent durch einige Semester nicht in der Lage, seine Lehrthätigkeit auszuüben, so wird ihm nach dem Gesetze die Docentur entzogen. Es hat sich nun in Wien durch die große Anzahl der hier gebildeten Schüler, durch die beständig fortschreitende Entwicklung von Specialfüchern, deren einige gerade in Wien entstanden sind und von Privatdocenten in hervorragender Weise gepflegt werden, endlich wohl auch durch eine große Liberalität in der Ertheilung der Docentur seit Jahren eine bedeutende Anzahl von Docenten angehäust, die alle lehren wollen und nach dem Gesetze auch lehren müssen. Da die Spitäler in Wien mit Ausnahme der Kliniken nicht der Universität angehören und die Abtheilungen daher an tüchtige Aerzte ohne Rücksicht, ob sie auch Lehrer sind, verliehen werden, hatte sich nach und nach der Uebelstand herausgebildet, daß einzelne Kliniken und Abtheilungen mit Bewilligung ihrer Vorstände nicht nur von diesen selbst, sondern auch überdies von einem oder mehreren Docenten zu ihren Vorlesungen benutzt und dadurch die Kranken vielfach belästigt wurden. 10 Diese Zustände gestalteten sich schließlich so unleidlich, daß von allen Seiten und zuletzt amtlich dagegen Einsprache erhoben wurde. Auch die Privatdocenten selbst fühlten die Berechtigung dieser Einsprache um so mehr, als ihnen selbst die in jedem Augenblick zurückziehbare, überdies oft von allerlei Hindernissen begleitete Benützung der betreffenden Krankensäle und Kranken immer unbehaglicher geworden war. So kam es, daß eine Anzahl dieser Lehrer im Jahre 1871 den Entschluß faßte, sich wo möglich auf eigene Füße zu stellen. Dieser Entschluß war um so naheliegender, als gerade damals auch die Idee der Errichtung von Ambulatorien vielfach ventilirt und als wünschenswerth erkannt worden war. Daß solche Ambulatorien zu Lehrzwecken sehr geeignet sind, war überdies keine neue Idee, denn solche Ambulatorien für den praktischen Unterricht bestanden längst von Staatswegen an allen deutschen Universitäten unter dem Namen Polikliniken. Neu war nur der Gedanke, alle einzelnen Specialfächer der praktischen Medicin als ebenso viele Specialabtheilungen, von Docenten je eines solchen Faches geleitet, zu organisiren und zu einer „allgemeinen Poliklinik" zu vereinigen. So entstand unser Institut. Cs mußte, wenn es richtig geleitet, und wenn beide gleich wichtige Aufgaben desselben richtig erfaßt wurden, erzielen: Als Humanitätsanstalt: Die Entlastung der Spitäler von Kranken, welche des Spitals-Aufenthaltes nicht bedürfen; die gesteigerte Möglichkeit für solche Kranke, ohne Unterbrechung ihrer Arbeit und somit ohne Gefährdung der Existenz ihrer Familien geheilt zu werden; endlich im Allgemeinen eine Vermehrung der öffentlichen Krankenanstalten durch ein central gelegenes und durch seine Organisation vielen armen Kranken leicht zugängliches Institut. Als Unterricht sanft alt: Die Entlastung der Kliniken und Spitalsabtheilungen von einer bedeutenden Zahl der früher zum Unterrichte auf sie allein angewiesenen Universitätsdocenten; 11 die Heranziehung früher dem Unterricht entgangener Krankheitsfälle ; die vermehrte Pflege der so wichtigen Specialfächer und die Förderung der Wissenschaft, wie sie nur durch eine reiche Beobachtung ermöglicht wird; endlich die Einführung des in Deutschland längst gepflegten poliklinischen Unterrichtes in Wien in einer neuen, für die Verhältnisse angemessenen Form. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, diesen letzten Punkt näher auszuführen. Möge nur im Allgemeinen darauf hingewiesen werden, daß zwischen dem streng klinischen Unterricht am Krankenbette und dem Uebertritt des jungen Arztes in's Leben eine Lücke existirt, für welche der poliklinische Unterricht eine Brücke bildet und daß durch letzteren dem Schüler eine Reihe von Erfahrungen und technischen Behelfen ans den Weg gegeben werden kann, mit deren Einübung die Kliniken, welche die ärztliche Gesammtbildung im Auge behalten müssen, sich nur in zweiter Linie befassen. Daß die allgemeine Poliklinik die Zwecke, welche sie sich gestellt, nach ihrem kurzen Bestände und mit ihren beschränkten Mitteln schon vollkommen erreicht habe, wird billiger Weise nicht verlangt werden können. Daß sie aber auf gutem Wege sei, beweist der immer zunehmende Andrang von Hilfesuchenden, die durch die gleichzeitige, maßvolle Erfüllung des Lehrzweckes keineswegs zurückgeschreckt werden; beweist die von Jahr zu Jahr steigende Anzahl ihrer Schüler, meist fremder Aerzte, die oft den ganzen Tag im Institute zubringen; beweist die ehrenvolle Anerkennung, welche der amtliche Jahresbericht des Senates der Wiener Universität für 1874 —1875 dem Institute und seiner Lehrtätigkeit ausspricht, endlich die Thatsache, daß im In- und Auslande die Organisation der Wiener Poliklinik so lebhafte Würdigung findet, daß sich auf derselben Grundlage und mit Benützung ihrer Principien und Satzungen an verschiedenen Orten ähnliche, theils Privat-, theils öffentliche (Universitäts-) 12 Institute bilden oder gebildet haben; so z. B. in Berlin, Turin, Gens, Paris.*) Wenn es uns gelungen ist, die Existenz - Berechtigung unseres Institutes in's Licht zu setzen, so wirft sich naturgemäß die Frage auf, woher es denn unter solchen Umständen komme, daß eine Gegenströmung an die Oberfläche tritt, welche in der letzten Zeit in geradezu vehementer Weise gegen die Poliklinik anstürmt. Wir halten es für unsere Pflicht, unsere Auffassung dieser Erscheinung in möglichst ruhiger und objectiver Weise hier zum Ausdruck zu bringen. Eine schon seit längerer Zeit bestehende Opposition gegen die Poliklinik und gegen Ambulatorien überhaupt hat ihre Quelle in der Meinung vieler praktischer Aerzte, es werde durch das Institut die Clientel der Privatärzte geschmälert, und der beim Arzte ohnedies schwierige Kampf um's Dasein noch schwieriger gemacht. Diese Meinung findet indeß ihren Ausdruck nur ausnahmsweise in dem Verlangen, die Poliklinik völlig zu beseitigen, häufiger dagegen in dem Streben, die Thätigkeit der letzteren durch allerlei Schranken so ein- zudämmeu, daß es ihr unmöglich werde, den Aerzten, wie dies eben vorausgesetzt wird, einen Theil ihrer — nicht reichen, aber doch zahlungsfähigen — Clientel zu entziehen. Mehrere ärztliche Vereine haben in dieser Richtung sogar ernste Schritte bei der niederösterreichischen Statthalterei unternommen und unter Anderem verlangt, daß die Poliklinik verhalten werde, nur solchen Kranken zu ordiniren, welche durch legale Urkunden ihre notorische Armuth oder Mittellosigkeit bescheinigen. Diese Gesuche wurden begreiflicher Weise von den maßgebenden Behörden abschlägig beschieden. Man muß gerechter Weise zugeben, daß die Situation vieler Wiener Aerzte gerade in den letzten Jahren eine sehr schwierige geworden ist. *) In den letzten Nummern der „KariMto «tos LoMaux?, eines der angesehensten französischen Fachblätter, fand stich eine eingehende, zur Nachahmung aufsordernde Schilderung der Wiener Poliklinik. 13 Während jedoch die Collegen diese unläugbare Erscheinung einfach durch die Existenz der Poliklinik zu erklären suchen, vergessen sie daran, daß ganz andere Momente hier im Spiele sind, und zwar in erster Linie die in den letzten Jahren eingetretene allgemeine Verarmung, welche natürlich aus die ärztliche Praxis und ihre Entlohnung den bedenklichsten Rückschlag übt; zweitens die Thatsache, daß seit der Ausschließung des Wiener Doctoren - Collegiums aus dem Universitätsverbande auch die für die Praxisberechtigung in Wien früher erforderliche Aufnahme in die Facultät und dadurch der Erlag einer Taxe von über 200 fl. weggefallen ist. Dies hat zur Folge, daß eine große Zahl junger Aerzte nicht mehr wie vordem sich der Landpraxis widmet, sondern wenigstens für einige Jahre den Versuch macht, in der Hauptstadt ihr Fortkommen zu finden. So ist binnen weniger Jahre die Anzahl der hier prakticirenden Aerzte auf Kosten des flachen Landes ganz unverhältnißmäßig gestiegen und hiedurch jedem Einzelnen die Existenz um so viel schwieriger geworden. Die Poliklinik hat diesen Verhältnissen gegenüber Nichts verabsäumt, um den Wünschen der Aerzte nach Möglichkeit gerecht zu werden. Sie hat an einer auffälligen Stelle ihres Locals die Bekanntmachung fixirt, daß an der Poliklinik nur mittellosen Kranken ordinirt werde; die gleiche Notiz findet sich auf ihren Recepten gedruckt; die ordinirenden Aerzte sind übereingekommen, Patienten, deren Mittellosigkeit mit Grund bezweifelt werden darf, abzuweisen, und endlich werden die Kranken — natürlich unter strengster Wahrung des für die Kranken allein maßgebenden Heilzweckes und des Gesetzes der Humanität — zum Unterricht herangezogen. Es ist schwer glaublich, daß trotz alledem und trotz der Unannehmlichkeiten, welche ein so großer Zudrang von Kranken dem Einzelnen nothwendig verursachen muß, wirklich zahlreiche bemittelte Patienten die Poliklinik ausnützen sollten. Daß hie und da ein solcher Fall unterläuft, mag zugestanden werden; aber glaubt man im Ernste, hierin die Ursache der ungünstigen Verhältnisse im ärztlichen Stande finden zu können? Und warum wird derselbe Vorwurf nicht gegen alle Spitals-Kliniken und Spitals-Ambulatorien gerichtet, warum nicht 14 diesen, ebenfalls für zahlreiche Kranke ordinirenden Anstalten die Zu- muthung, Armuthszeugnisse zu verlangen, gestellt, während doch wohl bekannt ist, daß dort von irgend einer Sorge um das Durchschlüpfen eines nicht ganz Unbemittelten absolut niemals die Rede war oder ' noch ist? Schließlich kann ja doch nicht zugegeben werden, daß die Poliklinik ihren Humanitären Zweck einem durch unlautere Einflüsse beständig geschürten Jrrthume vieler ehrenwerthen Collegen zum Opfer bringe. Vielmehr würde sie durch die Abweisung eines wirklich hilfsbedürftigen Familienvaters, eines verschämten Armen, eines sogenannten kleinen Beamten mit anständigem Rock aber wenig Brot für seine Kinder — mehr Tadel verdienen, als durch die unentgeltliche Verschreibung für einen wohlhabenden Simulanten, der sich sicher der Honorirung eines Privatarztes mit ebenso großem Geschick zu entziehen verstehen dürfte. Eine ganz andere Art von Gegnerschaft findet die Poliklinik in Universitätskreisen. Hier kann es sich wohl nur darum handeln, daß manche vom Staate angestellte Lehrer, im Bewußtsein ihrer Stellung sowie ihrer der Wissenschaft und dem Staate geleisteten Dienste, — das Aufblühen eines auf eigenen Füßen stehenden, nicht ganz in den Rahmen ihrer Anschauungen über Unterrichts- und Universttätsorgani- sation passenden medicinischen Lehrinstitutes perhorresciren, mag dasselbe noch so feierlich und eindringlich auf seine die Klinik blos unterstützende und ergänzende, aber niemals sie ersetzende oder ihr Concnrrenz machende Aufgabe und Thätigkeit Hinweisen. — Die Furcht, welche manche Mitglieder der Facultät gehegt haben mochten, als ob die Poliklinik ihnen an ihrem Lehrmaterial Eintrag thun würde, ist durch die Erfahrung nicht bestätigt worden. Auf diesen Gegenstand hier näher einzugehen vermeiden wir. Wir kommen zum Schlüsse noch auf einige hie und da leise antonende Beschuldigungen zu sprechen, welche nicht gegen das Institut, sondern gegen die Personen der poliklinischen Aerzte gerichtet zu sein scheinen. Es soll z. B. geäußert worden sein, daß die Poliklinik von ihren Aerzren benützt werde, um die dort abgewiesenen wohlhabenden Kranken ihrer Privatpraxis zuznweisen. Solche Anschuldigungen, 15 welche selbst von ihren Verbreitern nicht geglaubt werden, weisen wir mit aller Entschiedenheit zurück. Die Unterzeichneten sind weit entfernt zu behaupten, daß sie von ihren wahrhaft ehrlichen und opfervollen Bemühungen an der Poliklinik keine Früchte für ihre Personen erhoffen. Aber diese Früchte sollen bestehen in der Möglichkeit fortgesetzter wissenschaftlicher Arbeit, in der Freude, welche eine erfolgreiche Lehrtätigkeit in sich schließt, in der Steigerung endlich ihres Rufes als Aerzte durch eifrige berufsmäßige öffentliche Thätigkeit. Sie halten solche Erfolge, wenn ihnen dieselben zu Theil werden sollten, für rühmliche und bekennen laut ihr Streben nach denselben. Aber mit Würde weisen sie die Verdächtigung zurück, als hätten sie in der Poliklinik ein Mittel der Reclame für ihre Personen gesucht und gefunden. Sie hätten es, den kaum mehr zu bewältigenden Zufluß von armen Clienten vor Augen, auch unterlassen, die Öffentlichkeit mit irgend welchen Kundgebungen in Betreff des Institutes zu behelligen, wenn sie nicht die Verpflichtung hätten, die Mittel für die Bestreitung des großen Budgets der Anstalt herbeiznschassen, welches bei aller Sparsamkeit jährlich 10.000 Gulden übersteigt und sich nur sehr geringer Subventionen von Seite öffentlicher Fonde erfreut, und wenn sie sich nicht weiter verpflichtet fühlten, den Wohlthätern und Gönnern der Poliklinik von Zeit zu Zeit Bericht über deren Thätigkeit zu erstatten. Wer jedoch glaubt, daß ein solches nothgedrnngenes Hervortreten an die Öffentlichkeit den Unterzeichneten zum Vergnügen gereicht, der hat sicher niemals die Annehmlichkeiten des Geldsammelns für wohlthätige Zwecke gekostet. Die hier gegebene Darlegung wird hoffentlich ihren Zweck nicht verfehlen, Klarheit über die Ziele und die Thätigkeit der Poliklinik zu verbreiten. Sollte uns jedoch dies nicht gelungen sein, dann mag die Ursache einzig in den Mängeln unserer Darstellung gesucht werden. Verstünden es aber die Tausende von armen Kranken, welche dem Institute Dank schulden und zollen, diesem Gefühle auch nur mäßig 16 beredten Ausdruck mit der Feder zu verleihen, ja würden sich unsere Gegner die Mühe geben, die Thätigkeit der Poliklinik ans eigener Anschauung kennen zu lernen, — dann wären wir wahrlich nicht gezwungen, unser eifriges und von Erfolg begleitetes Wirken, die Redlichkeit unserer Absichten, die Uneigennützigkeit unserer Bestrebungen als Aerzte der Poliklinik, wenn nicht vertheidigen, so doch wenigstens beleuchten zu müssen. Wien, den 1. Juli 1876. Die ordinirenden A'erzte der allgemeinen BolMM in Bien: Ar. -Heinrich Au spitz, k. k. a. o. Professor für Hautkrankheiten Ar. Woriz IZenedikt, k. k. a. o. Professor für Nervenkrankheiten und Elektrotherapie Ar. Ludwig Kleischmann, Privatdocent für Kinderkrankheiten und Schußpockenimpsung Ar. Jakob Kock, Privatdocent für Augenkrankheiten Ar. Johann Kofrnokl, Privatdocent für Chirurgie Ar. Alois Wonti, Privatdocent für Kinderkrankheiten Ar. Ignaz Weusörfer, k. k. Stabsarzt und Privatdocent für Chirurgie Ar. Leopold Hier, k. k. Sanitätsrath, Primararzt und Privatdocent für praktische Medizin Ar. August v. Hteuß, Privatdocent für Augenkrankheiten Ar. Hrnil Voll'elt, Privatdocent für Brust- und Unterleibs- krankheiten Ar. Woriz Aosenthat, k. k. a. o. Professor für Nervenkrankheiten und Elektrotherapie Ar. Karl Sreih. v. Rokitansky, Direktor des Maria-Theresia- Frauenspitals und Privatdocent für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten Ar. Joh. Schnitzler, Privatdocent für Kehlkopf-, Lungen- und Herzkrankheiten Ar. Moöcrt Alhmann, Privatdocent für Krankheiten der Harnorgane Ar. Victor Arbantschitsch, Privatdocent für Ohrenkrankheiten Ar. Wilhelm Winternitz, Privatdocent für innere Medizin Gottlieb Eistel L Co., Wien, Stabt, Augustinerstrabe 12. WILttöIöl.I07l-EX >QWS661970S