Wiener 8tsä1-8ib1iotlieli ' - . : ^ » -">^7 « >^.>L BrenneM- Anbau, Sammlung, Verwertung. Von Dr. Oswald Richter k. k. Universitäts-Professor, Dorrnt an der kr. kr. Hoch schule für Bodenkultur. Erweiterter Sonderabdruck der im Vorjahre in „Jung-Hsterreich" erschienenen Artikelserie. Wien 1917 Iung-Gfter7reich VII., Reustistgasse S«. Druck von Bruno Bartel t. Wien XVIII., Theresiengasse ». Schriften-Nerjeichnis. Richter O. Alle und neue Tertilpflanzen. Vorträge des Vereines z. Verb, naturw. Kenntnisse. Februar, 1915; und „Die Ernährung der Pflanze", Berlin 8>V, 1915. Herausgegeben vom Kalisyndikat. Richter O. Beiträge zur Lösung des Nesselproblems. Osterr. Ingenieur- und Architekten-Verein, Wien. Sitzung vom 19. April 1916. Chemiker-Zeitung 1916, Iahrg. XI., Nr. 114 vom 20. September 1916, S. 801. Richter O. Brennessel st off e. Kriegs- und friedenswirtschaft- liche Errungenschaften der Textilindustrie, 1916. Wirtschaft-Ztg. der Zentralmächte. Heft 22 vom 7. Juli 1916 und folgende. Redakteur: Prof. Dr. Rudolf Kobatsch, Wien Eschenbachgasse 11. Richter O. Der Anbau der Brennessel (Ortiea ciioiLa) Naturwissenschaftliche Zeitschrift für Forst- und Landwirtschaft. 15. Iahrg., 1917, Heft I. Richter O. Die Nesselernte 1916! Ein Aufruf an Iung- Osterreich zur Beteiligung. „Iung-Osterreich", Iahrg. 1916, Juli—August. Heft 7 und 8, S. 155, und Heft 9, S. 214. Richter O. Diebisherigen Ergebnisseüberden Nesselanbau. Ebenda, Iahrg. 1917, Heft 2. Nesselanbau. 1?oil Unio.-Pcof. Dr. Oswald Vicht er (Wien). Die Brennessel läßt sich unschwer anbauen, wie ich heute auf Grund eigener Erfahrungen erklären kann, und sind Bauches*) Ratschläge für den Anbau der heimischen Vrennessel heute noch vielfach maßgebend. Im Anschlüsse an die wissenschaftlichen Ergebnisse über die Ertragfähigkeit der Wildnessel ließ die k. u. k. Heeresverwaltung schon im Herbste 1915 Nesseln versuchsweise anbauen. Im Frühjahre 1916 wurde dieser probeweise Anbau fortgesetzt, wobei bereits die folgenden Ergebnisse als gesichert festgehalten werden können: l Allgemeine Regeln für den Nefselan-au. 1. Die zweihäusige Nessel (Ortica clioica) läßt sich sowohl aus den unterirdischen Stämmen und oberirdischen Trieben (Stecklingskultur) wie aus Samen ziehen. Dabei eilen die Kulturen aus Stecklingen denen aus Samen um vieles voraus. (Vgl. Abb. 1 und 2 mit 3 und 4.) Das erklärt sich aus den großen, von der Pflanze ausgestapelten Reservestoffmengen, die der unterirdische Stamm dem Triebe mitgibt. 2. Sowohl Stecklings- wie Samenkulturen können unter bestimmten in III geschilderten Bedingungen im selben Jahre, das heißt in der ersten Vegetationsperiode, einen nennenswerten Ertrag liefern, denn auch die Samen wachsen im Waldschatten im ersten Jahre zu kräftigen, im Oktober erntbaren Pflanzen aus, die so viel Nährstoff aufspeichern, daß im folgenden Jahre entsprechend kräftigere Sprosse erzeugt werden können. In der direkten Sonne treiben die Samen wohl aus, die Kulturen gehen aber alsbald ein. 3. Die Setzlinge können mit gutem Erfolge sowohl im Herbst wie im Frühjahre und Sommeranfang bis Juni (Versuch Erwin Bauer und Felir Feest) gesetzt werden. Die Samenaussaat gibt gute Keimung und Wachstum, ob sie nun im Frühjahr oder im Sommer erfolgt. 4. Die beste Zeit ist unzweifelhaft, wie dies schon Bouche mitteilt, Ende Februar, Anfang März für die Stecklings-, Ende März, *) Bouch 6 C. B., Erothe H., Ramie, Rheea, Chinagras und Nesselfaser. 2. Ausl.. Verlag von Jul. Springer, Berlin 1884. Ausführlich zitiert von L. v. Tubeuf, Nutzung und Kultur der grotzen Brennessel (vrtioa älvioa). Naturw. Zeitschrift für Forst- und Landwirtschaft. Jg. 1916, H. 6, p. 254. 2 Anfang April für die Samenkultur. Doch ist für die Kultur aus unterirdischen Stämmen auch die Zeit um Ende September und Anfang Oktober nicht ungeeignet. 5. Als Erträge an Stengeltrockengewicht ergaben sich bei Versuchen in Kömärom (Komorn) in Ungarn rund 0 22, beziehungsweise 0 39 KZ pro 1 rn2 oder rund 2200, beziehungsweise 3900 Kg für den Hektar, als Ertrag an Blattrockengewicht 0-20 Kg für 1 rr?, beziehungsweise 2000 Kg für den Hektar. H. Beachtenswertes über den Vorgang und besondere Regeln beim Nesselanbau. 1. Die unterirdischen Stämme streichen fast wagrecht in der Erde und sind im Herbste an den bei der Ernte stehengebliebenen Stumpfen der oberirdischen Triebe der Wildnessel, im ersten Frühjahr an den kleinen, 1 bis 2 ein langen, oberirdischen Scheiteltrieben mit ihren runzelig gefalteten, eben aus den Knospen sich freimachenden dicht behaarten Blättchen, wenn einmal gesehen, leicht wieder zu erkennen. Diese unterirdischen Stämme, die oft sehr zahlreiche Seitenäste (Ausläufer) treiben, die den oberirdischen Ausläufern der Erdbeere vergleichbar sind und das Kampfmittel darstellen, mit dem die Brennessel, langsam weiterwachsend, ein ganzes Gebiet zu erobern vermag, werden für den Anbau ausgegraben und mit dem Messer in drei oder unter Umständen mehr Stücke zerschnitten. 2. Man wird oft aus einem wilden Stock 25 Stecklinge gewinnen. 3. Sei auf eine vom Eutsverwalter des Ebreichsdorfer Gutes, Herrn Fuchs, in bie Praxis glücklich umgesetzte Idee hingewiesen, die meiner Meinung nach eine große Zukunft hat. Herr Fuchs teilte nämlich die frischen unterirdischen Triebe mit einer gewöhnlichen auf „Grob" eingestellten Häckselmaschine*) und erzielte auf diese Art in ungemein rascher Weise zahlreiche Setzlinge, die tatsächlich trieben, ein Beweis für die außerordentliche Regenerations-(Neu- bildungs-)fähigkeit der Nessel. 4. Sein Ergebnis steht in gutem Einklang mit einer sehr wichtigen Beobachtung, die sich an den in der Lobau gepflanzten Nesseln machen ließ. (Versuche Leopold Richter.) Hier waren im Herbste (November) sowohl Wildnesseln mit möglichst unversehrtem Gesamt- stecklings- und Wurzelsystem, als auch solche mit zerschnittenen unterirdischen Stämmen ausgesetzt worden. Dabei zeigte sich, daß diese nicht nur rascher, sondern auch viel schöner trieben, als jene. Die Erklärung dieser bisher nirgends in der Literatur verzeichneten, auch beim Frühjahrsanbau feststellbaren Erscheinung sehe ich in dem durch die Verwundung bedingten rascheren Treiben der Nesselstämme. Bekanntlich ruft Verwundung rascheres Treiben von Knospen, Knollen und dergleichen hervor. Die künstliche Entblätterung eines Stammes Ende des Hochsommers oder im Herbste bedingt neue Belaubung. *) Häckselmaschine — Maschine zur Zerkleinerung des Strohs. 3 Weber hat im Einstechen in die ruhenden Winterknospen ein sehr billiges Treibmittel beschrieben. Es kommt hier dasselbe zustande, was Mo lisch bei seinen Untersuchungen über die Gewinnung des Palmweines wahrnahm, daß durch den Wundreiz größere Mengen des die Stärkevorräte lösenden, auch in der keimenden Gerste vorhandenen Fermentes Diastase *) erzeugt werden, die eine beschleunigte Lösung der Reservestärke, flottere Zuckerbildung und in deren Folge raschere Keimung bewirken. 5. Zieht man nebeneinander Stecklinge der Nessel aus deren unterirdischen Stammstücken, von denen eines den Kopftrieb, jenen bereits oberirdischen Trieb trägt, an dem man im Frühjahre die Nesseln erkennt, so wird dieser von den anderen kaum mehr eingeholt, übertrifft sie vielmehr besonders in der ersten Jugend an Länge und Vlattmasse, weshalb es zweckmäßig erscheint, beim Setzen alle Kopstriebe auf ein Feld nebeneinander, alle übrigen Triebe auf eine andere Stelle beisammen auszusetzen. 6. Auch schon hochgeschossene oberirdische Triebe können zur Wurzelbildung veranlaßt werden, und zwar sowohl im Glashause (Versuche Meinl, Hohe Warte), wie im Freien (Versuch Feest im Prater). Es erweist sich dabei für die Freilandkultur sehr vorteilhaft, die Triebe etwas zurückzustutzen, um die starke Wasserabgabe **) durch die Blätter zu verhindern. V. Der Vorgang beim Anbau ist verschieden, je nachdem es sich um Stecklings- oder Samenkultur handelt. Beim Anbau im Großen wird im Einklänge mit Bouches Erfahrungen, die auch v. Tubeuf***) in einem sehr lesenswerten Aufsatz veröffentlichte, das Anbaugebiet entweder schon im Herbst oder erst im Frühjahre tief geackert und werden die schon vorbereiteten Stecklinge nicht weit hinter dem Pfluge, im Herbst wegen der Gefahr des Herausfrierens aus dem Boden verhältnismäßig ziemlichtief, im Frühjahr mehr oberflächlich beim Schreiten hinter dem Pfluge gesetzt und durch das Ziehen der Parallelfurche durch den Pflug mit Erde überdeckt. Ein leichtes Niederdrücken der Erde durch eine Steinwalze ist besonders im Herbste wegen der kommenden Fröste von Vorteil. Beim Anbau im Auwald übernimmt die Hacke und der Spaten die Aufgabe der Pflugschar. In die erzeugten Furchen versenkt man die Stücke der unterirdischen Stämme reihenweise und deckt sie mit Erde zu, die in Ermanglung von Walzen mit Brettern festgeschlagen oder mit den Füßen festgetreten wird. Stud. Agr. Feest und Fabrikant Joh. Fiedler in Wekels- dorf haben besonders an grasbewachsenen Hängen den „Spaten- *) Fermente sind Eiweihkörper, die oft in sehr geringen Spuren vorhanden, sehr gewaltige chemische Umsetzungen zu bewirken vermögen. Die Diastase wandelt die Stärke in Zucker um. **) Die Pflanze gibt das Wasser in Dampfform durch die Blätter und Triebe ab. Je größer ihre Oberfläche, desto mehr Wasser wird sie verdunsten, umgekehrt, je kleiner ihre Oberfläche, desto weniger. Daher stutzt man die Pflanzen, um sie vor der Vertrocknung durch zu starke Wasserabgabe zu schützen. ***) Vgl. Fußnote S. 1. 4 Abb. I. Abb. 2. Samenkulturen der Brennesse?: Abb. 1 etwa 1'/, Monate alt (photographiert am 19. Mai I9l6 Abb. 2 nach weiteren 2 Monaten. ^ stich und Spatenhub" als ungemein vorteilhafte Form der Nesselanpflanzung erkannt. Der Arbeiter sticht in die grasbewachsene Fläche ein, hebt das Erdreich etwas, wodurch eine Lücke zwischen fester und gehobener Erde entsteht und versenkt in die Lücke den bereitgehaltenen Trieb der Nessel, worauf der gehobene Rasen wieder über die Lücke gelegt und in die alte Lage gepreßt wird. Diese Arbeit kann von einer Person allein oder von zweien sehr rasch durchgesührt werden. Nach von Wachenhusen und Bohaeek (Komärom in Ungarn) ist Bewürfeln bei Stecklingskulturen sehr vorteilhaft. Die beiden Nesselzüchter empfehlen auch mit Recht, wie ich sah, das Aussparen der Wildnessel durch Abmähen des Grases der Umgebung. Der SamenanbauistnurimFrühjahr (Anfang März bis Mai) vorzunehmen. Die gereinigten Samen werden ohne Sand oder mit Sand vermischt in die mit der Pflugscharspitze, der Egge, oder in die mit Spaten oder Krampen im geackerten oder gelockerten Boden erzeugten parallel laufenden, etwa 2 em tiefen Rillen gesät und durch Rechen oder Schaufeln mit Erde überdeckt, worauf das Austreiben wie in Abb. 1 und 2 erfolgt. 8. Zweckmäßige Vorbereitungen und passende Einrichtungen für den Nesselanbau. Für den Setzlingsanbau: Ein oder mehrere Tage vor dem Anbau sucht man möglichst in der Nähe der gewählten Anbaufläche Wildnesselvorkommen und stellt fest, ob und wieviel jeder 5 Fundort an unterirdischen Stämmen liefern dürfte. Für den Anbau gräbt man am Tage des Anbaues nur jeden zweiten Stamm aus, um die nun als Nutzpflanze bekannte Nessel am ursprünglichen Standorte nicht auszurollen. Die ausgegrabenen Stämme werden in Körben, womöglich mit Moos oder Laub bedeckt, möglichst feucht gehalten, zur Anbaustelle gebracht, dort in je drei oder mehr Teile zerschnitten und in der oben geschilderten Weise eingesetzt. Für den Bahntransport auf größeren Strecken sind Körbe oder Kisten verwendbar. Selbstverständlich sind dann die Pflanzen besonders sorgfältig einzupacken. Man überträgt sie mit ihren Erdbällen in den Korb oder die Kiste und deckt sie mit Moos oder Laub zu. Die Vorbereitungen für den Samenanbau bestehen in der Reinigung der Samen von den Rispchen und Früchten- schalen, was bei kleineren Mengen von Arbeitern durch Zerreiben im Siebe, bei großen Massen maschinell erfolgen kann. Gebrüder Boschan in Wien haben die passende Reinigungsmaschine in Gebrauch. Eine der bedeutungsvollsten, jedoch nicht immer notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen, die uns zum letzten Kapitel hinüberführen, ist das Düngen der Anbaufläche. Wenn gedüngt wird, ist die Düngung beim ersten Aufackern vorzunehmen, womöglich schon im Herbste, um die Verwitterung des Dunges recht vollkommen zu gestalten. AnRegelnundMaßnahmennachdemAustreiben der Nessel beachte man folgende: 1. Man bedecke die Herbstanpflanzungen mit trockenem Laub oder Reisig gegen Frost. 2. Man kümmere sich öfters um das Nesselfeld, sehe von Zeit zu Zeit nach, ob Entwicklung und Treiben zu beobachten ist. 3. Man jäte das auftretende Unkraut aus. Das ist besonders notwendig bei Keimlingsoder Samenkulturen. Man wird die geringe Mühe durch üppige Entwicklung belohnt finden. Diese Arbeit ist hier so lange nötig, als die Pflänzchen ihre Blätter noch nicht derartig entwickelt haben, daß sie dem Unkraut durch die Schaltenwirkung das Licht rauben. So wie die Pflanzen groß genug sind, erdrücken sie alle anderen und brauchen keine Pflege mehr. Von Vorteil dürften für Edelzuchtkulturen nicht allzu großer Ausdehnung Schattendecken (Holzgitter) fs. S. 13) und die von Gutsverwalter Fuchs in Ebreichsdorf empfohlenen Latten- zäune an sonnigen Standorten sein, mit ihrem Wechsel von Licht und Schatten im Verhältnis 1:1. Nach Schürhoff bewährt sich an sonnigen Standorten regelmäßiges Begießen oder Spritzen der Nesselpflanzungen. Ich kann aus eigener Erfahrung die fördernde Wirkung dieser Maßnahme bestätigen. Das Gleiche fand Grafe bei seinen Versuchen. lll Die für den Neffelanbau zu beachtenden, pflanzen- phyfiologisch als bedeutungsvoll erkannten Faktoren. 1. Einfluß von Licht, Schatten, Trockenheit und Feuchtigkeit auf die Entwicklung der Nessel (Ortica ck i o i c a). 6 Abb. 3. Kultur in direkter Sonne (Pflanzen rund 30 om lang). -O'M 'MM Abb. 4. Kultur im Waldschatten (Pflanzen rund 80 am lang). Abb. S und 4. Die gleichzeitig mit den in Abb. 1 und 2 dargestellten Samen durchgeführten Setzlingskulturen aus unterirdischen Nesselstämmen. Beide IV, Monate alt, ausgenommen am IS. Mai 1S1K Die gemeine Brennessel (Ortica ciloica) hat die Fähigkeit, sich sowohl an schattigen und feuchten, wie an sonnigen und trockenen Standorten zu entwickeln, wobei sie die von anderen Pflanzen her bekannten Charaktermerkmale, und zwar in ganz klarer Weise ausgeprägt zeigt. Die folgende Tabelle mag die betreffenden Faktoren und ihre Wirkung übersichtlich wiedergeben. 7 Durch Längenwachstum der Stengel Dicke der Stengel Fläche der Blätter Haarbildung Farbe starkes Licht gehemmt sehr gering gering, eilanzett- lich sehr Stengel rot, Trockenheit zwerghaft, bis 1.20 m (3—8 mm) stark Blätter rotgrün Schatten sehr gefördert, stark bis sehr groß. sehr Stengel grün Feuchtigkeit 1 —2 5 m 2 em eiförmig spärlich Blätter grün Die Brennessel gedeiht daher nach meinen Erfahrungen am besten an Stellen, wo Licht und Schatten in einer für das von mir nachgewiesene niedrig gelegene Lichtoptimum*) der Pflanze entsprechenden Weise wechseln, und das ist nach meiner Ansicht im heimischen Au- und im Laubwald, wo sie, wie ich gleich zeigen werde, auch noch andere günstige Lebensbedingungen verwirklicht findet. Hier wird sie dank schwacher Vergeilung**) der Triebe hoch (Abb. 6), worin sie durch die im Walde herrschende Feuchtigkeit unterstützt wird. Bekanntlich vermag nach den Untersuchungen von Wiesners der Aufenthalt im feuchten Raume die Rosetten der Hauswurz und anderer Pflanzen aufzulösen und die charakteristischen Erscheinungen der Vergeilung und der Förderung des Längenwachstums hervorzurufen. Das Analoge ist auch bei der Nessel der Fall. Schatten und Feuchtigkeit wirken somit in dieser Hinsicht parallel. Man findet daher an Bächen und Flüssen, in Auen und zwischen Gebüschen Nesseln sehr oft und sehr üppig entwickelt. Auch läßt sie der Konkurrenzkampf, die Jagd um das notwendige Licht, zwischen Huflattichständen üppig ins Kraut schießen. Es ist die Beschattung in der Jugend, die hier, nachwirkend, den hohen schlanken Wuchs bedingt. Relative Dichtsaat, enges Setzen auf 20 bis 30 ein Entfernung, erzeugt die Jagd um das Licht unter den Nesseln selbst, eine entzieht der anderen das Licht, alle beschatten sich gegenseitig. Gleichzeitig bedingt der Dichtwuchs, daß eine Dunstschichte über dem Felde lagert. Der Mensch kann derart die Bedingungen des Wuchses schaffen, wie er will! Der Schlagschatten eines dem Nesselfelde benachbarten Baumes bedingt bereits den großen Unterschied im Wüchse (Praterkulturen). Und von diesem Standpunkte sino das Holzgitter und der hohe Lattenzaun mit ihren Lichtfenstern und Schlagschatten wärmstens zu empfehlen (in Samenzüchtereien, welche die Veredelung anstreben). *) Jede Pflanze braucht eine gewisse Lichtmenge für ihr Gedeihen. Jene, die ihr nun am besten zusagt, ist ihr L i ch t o p t i m u m. **) Vergeilung ist die Erscheinung der übermäßigen Verlängerung der Triebe und des Kleinbleibens der Blätter bei der Verdunklung. Durch Bedeckung auskeimender Bohnen mit einem Pappsturz kann man sich hievon selbst überzeugen. 8 WM8 Abb. d. Sormrnlicht.Kultur 0 60—I m hoch». Der Schatten ruft die breiten, großen Schattenblätter hervor, die sich wieder nur dann vorzüglich zu halten vermögen, wenn die genügende Feuchtigkeit vorhanden ist. Die Fläche für die Erzeugung der Stärke ist dann derart groß, daß der Stärkeerlrag marimal wird (vgl. Bilder und Bemerkung am Umschlag). Nur e i n mächtiger trocknender Sturm, nur e i n Tag brennende heiße Sonne und schon werden die Blattränder der Schattennessel schwarz, als Zeichen, daß sie abzusterben beginnen oder abgestorben sind. Sie werden jedoch bald durch neue Blätter ersetzt. In der direkten Sonne wird das Wachstum der Stengel sehr gehemmt (Abb. 3 und 5), so daß man den Eindruck bekommt, Zwergpflanzen vor sich zu haben. Dabei kommen auch die Blatt- flächen über eine geringe Breite kaum hinaus. Wer die Licht- und Schattenpflanzen nebeneinander sieht (Abb. 3, 4 und 5, 6), glaubt verschiedene Nesselarten vor sich zu haben, so entscheidend wirkt Licht und Trockenheit auf diese Pflanze. Samenkulturen kommen in der Sonne kaum weiter, sondern gehen meist ein. Die Samen treiben auf sonnigem und trockenem Standorte zwar aus, kommen 9 . .-Lk--?^^. > ^ ls.^. ,^'L . ^ - Abd. 6. Wa>ds«hatten-Kultur (1 s7 2. Bei feldartiger Kultur (für Edelzuchtzwecke — mit künstlicher Beschattung wie S. 13 erklärt). Ein Arbeiter führt den Pflug und unmittelbar hinter ihm setzt ein zweiter die in der Schürze vorbereitet gehaltenen Setzlinge parallel zur Furche hintereinander auf Distanz von 25 bis 30 ein, eventuell in noch etwas geringerer Entfernung. Dreht nun der Ackernde um und zieht die Parallelfurche, so bedeckt er mit der von der Pflugschar fallenden Erde die in die erste Furche gelegten Stecklinge, bei dem dritten, vierten usw. die jeweils vorhergehenden, mit Nesselstecklingen versehenen Pflugscharzüge. Hat man es vorgezogen, das Feld zunächst zur Gänze aufzuhacken, so verhalten sich die Arbeiter, wie in dem vorhergehenden Absatz (1) beschrieben wird. Ein leichtes Niederdrücken der Erde des bebauten Feldes durch eine Steinwalze ist sehr vorteilhaft. Das Verhalten der Pflanze in der Stecklingskultur. In kaum einer Woche sieht man bei den Kopftriebstecklingen bereits deutliches Wachstum. Sollten sie beim Setzen matt herabhängen, so sind sie zu begießen, wodurch sie sich wieder aufrichten. Nach 14 Tagen treiben nun auch die anderen Setzlinge und im April, beziehungsweise Mai haben alle ihre Blüten angesetzt, im Mai, beziehungsweise Juni blühen sie aufs üppigste und im Juli-August beginnt die Ernte für Tertilzwecke mit ihrem Nebenertrag an Blättern für Landwirtschaft, beziehungsweise chemische Industrie, sowie an grünen Samen. Auch Fruchtrispchen und Früchtchen sind verfütterbar und chemisch zu verwerten. Eine zweite Ernte für Landwirtschaft und chemische Industrie findet im Oktober statt. Will man reife*) Samen ernten, so läßt man die Pflanzen bis zum Oktober stehen (Samenernte). Im Praterwalde wurden aus Stecklingen gezogene Pflanzen 150 bis 180 ein, im Komäromer Auwaldgebiet in Ungarn 250 ein und darüber hoch. Das Ausbessern der Kultur. Sollte es Vorkommen, daß der eine oder andere Steckling bei der Kultur versagt, so entferne man ihn und ersetze ihn durch einen neuen von Wildnesseln entnommenen unterirdischen Trieb. Auch oberirdische Triebe von Wildnesseln können-verwendet werden. Es hat sich gezeigt, daß selbst im Mai und Juni geschnittene oberirdische Nesseltriebe sich bewurzeln und anwachsen. DieIätung des Unkrautes. Auch bei den Nesselsehlingskulturen (vgl. S. 14 u. 16) ist die Entfernung aufschießenden Unkrautes wichtig, weil dadurch *) Die tertiltechnisch günstigere Juli - Augusternte kann nach Direktor Eugen Schorsch aus Horitz ebenfalls zur Samengewinnung verwendet werden. Die unreifen Samen reifen nach seiner Erfahrung nach 31ügigem Liegen in der Sonne nach und keimen dann immerhin zu 50-84^/g. Reife Samen der Oktoberernte keimen allerdings nach den Mitteilungen der k. k. Samenkonirollstation zu 94—98°/o, doch ist die durch die Juliernte erzielbare Zubuhe an Leimgut nicht zu unterschätzen (vgl. S. 22). 18 die Konkurrenten der Nessel im Kampfe um die Nährsalze ausge- schaltet werden und überdies durch die Lockerung und Durchlüftung des Bodens ein üppiges Wachstum der Nessel ausgelöst wird. Bewürfet n,*) das heißt Umhäufen der 3 bis 5 em langen Triebe, mit Erde hat sich für die Nesselstecklingskultur als sehr vorteilhaft erwiesen. Besondere Arten der Kultur. Das Aussparen der Wildnessel. Eine sehr einfache Art der Nesselkultur ist die, daß man die Wildnessel durch Abmähen des umgebenden Grases aus der sie umgebenden Grasfläche aus- spart und ihnen so alle Konkurrenten um die Nährsalze vom Halse hält. Besonders v. Wachenhusen hat hiermit sehr gute Resultate erzielt. Das Setzen ganzer unterirdischer Stämme. Das Uebersetzen von ganzen Nesselstämmen hat sich als unvorteilhaft erwiesen. Es hat sich vielfach gezeigt, daß die durch das Zerschneiden bedingte Verwundung einen wachstumfördernden Reiz auf die Stecklinge ausübt fvgl. S. 2). Die Wirkung des Stutzens auf die Nesselpflanzen. Stutzt man die Nesselstengelspitzen, so löst dies, wie bei vielen anderen Pflanzen, Treiben der Seitenknospen und im Gefolge buschiges Wachstum aus. Diese Art von Behandlung wird also bloß der Blattentwicklung und damit der landwirtschaftlichen und chemischen Auswertung der Nessel, nicht aber der Tertilindustrie zugute kommen. Aus diesem Grunde ist das Schneiden der Nessel im April und Mai nicht anzuraten.**) Auch würden die Kulturen bei April-, August- und Oktober- Schnitt zu sehr geschwächt. Der Frühjahrsanbau mit Samen. Zn die von der Krampe 20 bis 25 ein voneinander gezogenen Rillen werden die gereinigten Samen ohne oder mit Sandbeimischung gesät, wodurch, je nach Wunsch des Anbauenden, Dicht- oder Dünnsaaten entstehen. Die ersten gedeihen besser. Die Samenkultur ist nur an beschatteten, jedoch nicht zu düsteren und an feuchten Plätzen vorzunehmen. An sonnigen und trockenen Stellen kann der Same zwar keimen und der Sämling das erste Blattpaar entwickeln, dann töten ihn jedoch die Sonne und die Trocknis ganz gewiß. Dieser Umstand erklärt es auch, warum unsere Getreidefelder von Brennesseln nie verunkrautet *) Vgl. von Wachenhusen und Boha Lek. **) V. Wachenhusen hat im Frühjahre 1917 die Nutznießung der Nesselblätter ohne Schädigung des Stengel-(Gertenswuchses der Nessel dadurch erzielt, daß er die Soldaten die unterhalb des Wipfeltriebes befindlichen Blätter für Gemüseherstellung abschneiden bzw. abzwicken lieh. Die Pflanzen ersetzten so einen Großteil des Gemüsebedarfes der Fe tungsgarnison ?omärom und sind wieder 2 50 in hoch und schlank und unverzweigt wie zur selben Zeit im Juni 1916 geworden. 19 werden, denn alle unsere Getreidesorten und andere Nutzgewächse gedeihen doch auf sonnigen trockenen Feldern am besten. Wo der Boden nicht weich genug ist, ist er vorher aufzulockern! Nach der Saat werden die Rillen mit dem Rechen, durch Niederwalzen oder Ueberwerfen mit Erde bedeckt und damit das Feld sich selbst überlassen. Wer ein Uebriges tun kann, begieße es anfänglich ab und zu, doch ist diese Maßnahme nicht nötig. Die Keimung. Nach rund zwei bis drei Wochen bemerkt man bei den Laubund Auwald-(Schatten-)Kulturen die ersten Pflänzchen, die der Rille entsprechend prächtige grüne Reihen bilden. Zuerst sieht man bloß die Keimblätter, die etwa eirund oder ganzrandig und intensiv grün sind und gar nicht den entwickelten Nesselpflanzen ähnlich sehen. Daß die grünen Keimlinge jedoch Nesselpflänzchen sind, kann man in diesem Stadium der Entwicklung aus dem auf die Rillen beschränkten Vorkommen erschließen. Erst das erste Blattpaar, das unter rechtem Winkel mit den Keimblättern entwickelt wird, zeigt den Nesselcharakter. Das Unkraut: Nach weiteren 14 Tagen bis vier Wochen bemerkt man zwischen den Nesselkeimlingsreihen in der Regel andere Pflanzen (Unkraut) aufkommen, die sich aus zufällig angeflogenem Samen anderer Art oder aus nicht entfernten unterirdischen Stämmen anderer Pflanzen entwickeln. Ausjäten des Unkrautes: Diese Pflanzen'müssen unbedingt entfernt, und zwar mit der Hand ausgejätet, also mit der Wurzel ausgerissen werden, sonst schädigen sie den Wuchs der Nesselsämlinge durch den Entzug der nötigen Nährsalze. Die Nessel duldet keine andere Pflanze neben sich. Hat der Züchter die Nesselanpflanzung derart von den anderen Pflanzen befreit, so schießen die Nesseln alsbald in die Höhe, erzeugen mächtige Blätter, die die Zwischenräume zwischen den Reihen völlig beschatten und damit keiner anderen Pflanze mehr gestatten, sich zu entwickeln. Die Brennessel erreicht so im Anpflanzungsjahre, und zwar Ende September, Anfang Oktober die Höhe von 150 bis 180 ein, ist also derart schon für die Fasergewinnung geeignet. Für die Landwirtschaft und die chemische Industrie liefert sie außerdem prächtige Blätter als Futtermittel, beziehungsweise als Rohmaterial für Eiweiß-, Stärke-, Alkohol-, Chlorophyll-(Grünstoff-) erzeugung und Salpetergewinnung. In diesem Entwicklungsstadium können die Pflanzen geerntet werden. Die Vorsorge der Pflanze für das kommende Jahr. Mit Hilfe ihrer Blätter hat die Pflanze während der ganzen Wachslumsperiode im Lichte organische Substanz erzeugt und als Zucker bei Nacht in die unterirdischen Stämme abgeschoben, die nun von Stärke strotzen. Nach der Winterruhe treiben die nach der Ernte im Boden gebliebenen Stämme und Triebe wieder aus und liefern dann schon im Juli, beziehungsweise August des neuen Jahres die gewünschten Hochstengeligen, durch die Blätter auch für die Landwirtschaft, beziehungsweise chemische Industrie wertvollen Tertilpflanzen. Im Oktober können für Landwirtschaft, beziehungsweise chemische Industrie geeignete, bis 60 em lange Triebe als zweite Ernte eingebracht werden, womit die Nesselanpflanzung im Laub- oder Auwald ihre volle Ertragfähigkeit erreicht hat, die sie nun Jahr für Jahr behalten dürfte. Es dürfte jedoch ratsam sein, jedes oder jedes zweite Jahr, etwa mit wasserverdünnter Jauche, und zwar 1/2 Liter per Quadratmeter, zu düngen, trotzdem der jährliche Laubfall der Auwaldbäume, insbesonders der Erlen, stets für neue Düngung sorgt. * Wenn die gegebenen Anleitungen versucht haben, alle gemachten Erfahrungen zu sammeln und oer Allgemeinheit weiterzugeben, so sind aber gewiß diese Erfahrungen noch lange nicht als abgeschlossen zu betrachten. In der Praris wird sich noch sehr viel zeigen, was wichtig zu beachten ist, was vielleicht einfacher, billiger und rascher zum Ziele führt und gebührt jedem Anerkennung und Dank, der zur Kenntnis der Allgemeinheit bringt, was er bei seiner Arbeit neu erfährt. Damit ist alles hier Ausgeführte eben nur als erste Richtschnur gekennzeichnet. Zum Schlüsse sei noch eine Ansicht bekämpft, die man so oft hört, die Nessel werde bei der Anzucht das ganze Land verunkrauten. Das trifft nicht zu, wenn man folgendes beachtet: Man schneidet die Nesseln für Tertilzwecke mit wenigen Ausnahmen v 0 r der Samenausbildung und Samenreife. Daher schaltet man den für die Verunkrautung der Felder durch die Nessel gefährlichsten Faktor, den Samen, aus.*) Auch verhindert, wie oben gesagt, die Sonne und die Trockenheit unserer Felder ein Aufkommen der Nesselkeimlinge. (S. 18.) Als wichtige Verbreitungsorgane bleiben somit den Nesseln noch die im Kampf ums Dasein so vorzüglichen Waffen, die unter- irdischen Stämme. Wenn man nun ein Nesselfeld mit einem etwa 10 cm tiefen Graben umgibt, der einen Kiesweg enthält, wird man auch gegen das Uebergreifen der Rhyzome (unterirdische Stämme) auf Nachbargebiete geschützt sein. Jedes Rhyzom wird entweder beim Vorlugen an der Spitze abtrocknen oder wenn nicht, vom Besitzer des Nesselfeldes abgeschnitten werden können, womit der Mensch der Nessel diktiert: „Bis hierher und nicht weiter!" Man sieht also, daß zunächst die physiologischen und landwirtschaftlichen Gesichtspunkte der Nessel kein schlechtes Zeugnis geben. *) Die Samenernle könnte anher in den im Aufsatz über Ernte (Sammlung) bezeichneten Gebieten (Tulln, Eger, Ottensheim) nur in entlegenen abgeschlossenen Gebieten für Zuchtzwecke durchgeführt werden, doch dürfte auch die Samenernle zur Oelgewinnung bald üblich sein. ttesselernte. Ein Ausruf zur Beteiligung an der Sammlung der wildwachsenden Brennessel. Bon Univ.-Prof. Dr. Oswald Richter (Wien). Da sich die Brennessel, wie unten gezeigt werden soll, als eine der bedeutendsten Nutzpflanzen entpuppt hat, ergeht die Aufforderung, bei der Nesselsammlung werttätig milzuhelfen. Erläuternde Bemerkungen über die Nesselernte: I Tie Verwendungsmöglichkeit der Brennessel. a) Tie Rinde der großen Brennessel enthält wertvolle Aasern, aus denen Plachen, Sackstoffe, Blusen, Hosen, Rucksäcke. Pferdeschutzdecken, Aerztemäntel, Aerzteschürzen, Leintücher, Kopspolster, Hemden, Unterkleider, Fußlappen usw. hecgestellt worden sind. Etliche dieser Erzeugnisse sind bereits bei bestimmten Truppenkörpern überprüft worden und haben sich sehr bewährt. Die Rinde enthält auch 3»/o Fruchtzucker und 5o<> zuckerliefernde Substanzen, die durch Wasser leicht ausgelaugt werden können und vom Vieh gerne genommen werden. b) Holz und Mark des Stengels fallen bei der maschinellen Bearbeitung der Stengel als Hnilkabfällc ab, die, vermahlen, ein sehr gutes Viehfutter darstellen und sich besonders zum Aufsaugen der Melasse eignen. Ihre Asche enthält übrigens auch 8v'n Kalk für Dungungszwecke. Aus den Blättern läßt sich der grüne Farbstoff, das Chlorophyll, zur Färbung von Konserven, Zuckerwaren u. dgl. technisch in großem Stile gewinnen. Außerdem enthalten die Blätter 17«/o Eiweiß, 10 0,0 Stärke, 1"/,» Zucker — das erklärt ihre hervorragende Eignung als Viehfutter und 3»/., bis 5 o/o Kalisalpeter. ck) Die Samen enthalten etwa 25 o/o Oel und viel Eiweiß, e) Endlich können Früchtchen und Ri-Pchen zur Chlorophyll erzeugung chemisch-technisch, beziehungsweise wegen des großen Phos- pborsäuregehaltes für Düngungszwecke verwertet werden. H. Art und Zeit, sowie Bereich der Nesselernte in Lesterreich. Es sind die folgenden Ernten vorzunehmen: Ernte Zeit besteht aus liefert ^ erfolgt in I. Hauptoder Faser- Von Ende I a) 0 90—2 5m Juli, Anfang langen un- August bis verzweigten Anfang Stengeln September b) Blättern ! c) noch unreifen Fruchtrispen 1. Fasern, In ganz 2. Knickabfälle, Oesterreich, 3. eventuell dieBukowüa Fruchtzucker und die Ge- Blätterheu richtsbezstke 1. Ri,pch.n ! ALS»,. L. Früchtchen, vtt-n-»- m 3. noch unreife ^ ^mz aus- und grüne glommen Samen, die ; zu 50-84»/o ! keimen II. Nachoder Futter- Ab Anfang Oktober a) Blättern frisches Futter oder Blätterheu b) zarten frisches Futter Trieben oderStengelheu In den Gebieten der Haupternte III. Samen- Ab Anfang a) meist ver- Oktober zweigten, bis 2 5 m langen Stengeln ^b) Blättern e) völlig aus« gereiften Fruchtrispen 1. Fasern, 2. Knickabfälle, 3. eventuell Fruchtzucker Blätterheu 1. Rispchen, 2. Früchtchen, 3. reife, zu 94-98 keimende Samen Im Bere che der Gerichtsbezirke Tulln. Eg er, Ott e ne- heim bei Linz Die Faserernte findet statt, wenn die Nesseln abgeblüht haben und die Samen noch unreif sind. Zu dieser Zeit sind die, Stengel noch unverzweigt, die Fasern haben die höchste Festigkeit und Vollkommenheit erreicht und ihre Menge ist im Verhältnis zu den übrigen Geweben der Pflanze am größten. Die Brennessel ist jedoch auch im Oktober, notfalls selbst im November zur Fasergewinnung brauchbar, daher erntbar. Ja selbst die hoch aus dem Schnee hervorragenden, oft durchgefrorenen Nesseln sind noch zu gleichem Zwecke zu verwenden, wenn sie — wenn auch kahl — noch aufrecht stehen. Hat sie der Frost oder Fäulnis am Grunde geknickt und zu Fall gebracht und liegen sie mit anderen morschen Pflanzen am Boden, dann verfallen sie selbst rasch der Fäulnis und sind für die Fasergewinnung wertlos. Solche unbrauchbare Pflanzen sind dadurch erkennbar, daß man mit dem Fingernagel, ja sogar mit dem Fingerballen, die 23 Rinde vom Holze abschieben und zwischen den Fingern zerdrücken kann. Je näher der Winterszeit, desto eher laufen die Nesseln Gefahr, vom Froste umgeworfen zu werfen. Andererseits wären Stengel, die vor dem Abblühen gesammelt werden, nicht zu brauchen, da ihre Fasern noch nicht ausgereift sind. Solche zu zeitig geerntete Stengel dürfen von den Uebernahmsstellen überhaupt nicht angenommen werden. Auch in diesem Jahre wird das Gebiet von Tulln, wo für Fasergewinnung besonders geeignete Nesseln — die Tullner Edelnesseln — wachsen, von der Haupternte ausgenommen, um die hier wachsenden Nesseln bis zur Samenreife im Oktober stehen zu lassen. Aus dem gleichen Grunde sind die Nesseln der Gerichts- bezirke Eger und Ottensheim bei Linz erst im Oktober zu ernten. Endlich sind noch die im Frühjahre aus Samen angebauten Brennnesseln erst im Oktober abzuschneiden, da sie sich bis zum Juli nicht ausgiebig genug entwickelt haben dürften. Vom Juli—August bis zum Anfang Oktober entwickeln sich nach dem Haupternteschnitt meist gut belaubte, rund bis 60 em lange, zarte Triebe, die im Oktober geschnitten werden können. Da diese Triebe wegen ihrer Zartheit noch keine tertiltechnisch verwertbaren Fasern enthalten, dagegen vom Vieh zur Gänze verzehrt werden können, kommt diese Nachernte der Landwirtschaft zugute und ist sonach die eigentliche Futterernte. Wegen des großen Chlorophyll-, Eiweiß- und Stärkegehaltes könnte sie aber auch chemisch-technisch genützt werden. Der Samen soll zunächst lediglich zu Anbauzwecken geerntet werden. Der im Oktober geerntete braune keimt zu 94o/o bis 96o/g, der im Juli, August, September geerntete ist noch grün, kann aber durch dreitägiges Liegen an der Sonne Nachreifen gelassen werden und keimt dann immerhin zu 50 o/o bis 84 o/o. Die bei der Samenernte gewonnenen Stengel und Blätter können wie bei der Faserernte Verwendung finden. III Worauf bei allen drei Neffelernten zu achten ift! a) Vorkommen der Brennessel: Die Brennesseln finden sich vornehmlich: In der Nähe von Misthaufen, längs Straßen an den Abwärtsböschungen, wohin das Regenwasser den Straßenkot schwemmt und an und auf den Kehrichthaufen, an Zäunen, in Ortschaften überall, wo große Mengen von Abfallstoffen lagern, aus Schutthaufen, an Bachrändern, in den Flußniederungen, an Waldrändern und auf Waldlichtungen, in Auen u. dgl. b) Arten der Brennessel in unserer Heimat: Es kommen zweierlei Nesselarten vor: die viel- und die einjährige Nessel. Jene, wegen der Verteilung der männlichen und weiblichen Blüten auf verschiedenen Pflanzen auch zweihäusig (Ortica clioica) genannt, wird besonders an schattigen oder feuchten Standorten bis über mannshoch, diese nie höher als rund 1/2 Meter. Sie 24 ist einhäusig, das heiht, beide Blütengeschlechter kommen auf einer Pflanze vor. Wegen der vielen Brennhaare hat sie den Namen Ortica uren8. brennende Nessel. Die vieljährigen Nesseln, und zwar besonders die manns- bis übermannshohen Nesseln werden vor allem gewünscht. c) Das Brennen der Nessel: Die Brennhaare der Nessel erzeugen Blasenziehen und Brennen, Erscheinungen, an die sich die menschliche Haut rasch gewöhnt. Mte Handschuhe oder ein um die Hand gewickeltes Tuch schützen ausreichend gegen die anfangs schmerzhafte Berührung mit der Nessel. IV Vorgang beim Neffelfammeln im Hinblick auf den betreffenden Erntezweck. a) Für die Fasergewinnung: Die Fasern der Nessel befinden sich in der Rinde. Je länger der Stengel ist, desto mehr solcher Fasern wird er haben; je schlanker und unverzweigter und gertenartig hochgewachsen er ist, desto leichter werden die Fasern zu gewinnen sein. Daher schneide man die Nesselstengel möglichst nahe der Erde ab. Weil nun die Nessel als eine Nutzpflanze ersten Grades erkannt ist, musz sie geschont werden. Man darf sie also nicht aus dem Boden Herausreitzen, weil man dadurch die Wurzeln und unterirdischen Ausläufer, die stets neue Triebe liefern, vernichtet. Nesseln werden also — im Gegensatz zu Flachs st engeln - geschnitten, nicht gerauft. Werkzeuge zum Nessels chnitt: Taschenmesser, Astscheren oder Sicheln, die besonders geeignet sind, und Sensen, die an solchen Plätzen verwendet werden, wo die Nesseln in Mengen gedeihen. Winke für die die sammelnden Schulkinder beaufsichtigenden Lehrer, beziehungsweise die die sammelnden Soldaten beaufsichtigenden Offiziere. Da viel Zeit erspart wird, wenn man in vollständig klarer Form sagen kann, wohin sich die sammelnden Schulkinder, beziehungsweise die Soldaten bei ihrer Betätigung zu begeben haben, wird den beaufsichtigenden Lehrern, beziehungsweise Offizieren empfohlen, die Umgebung ihrer Stationen, der Schulgemeinde, wenigstens eineil bis zwei Tage vor der Sammlung nach Brennesselvorkommen abzusuchen. Auf rege Sammeltätigkeit ist zu achten. b) Für die Blattnuhung: Das Ab st reifen der Blätter der geschnittenen Nesseln: Die Nesseln werden nach dem Schnitte einen Tag anwelken gelassen und dann die Blätter von den Stengeln abgestreift. Ein Brennen ist dabei um so weniger zu fürchten, als durch das mätzige Welken beim Liegenlassen seit dem Schnitte die Brennbaare zusammenfallen und damit ihre Brennwirkung einbützen. 25 Man faßt das untere oder obere Stengelende mit der einen Hand und streift mit der anderen die Blätter der Nessel ab. c) Für die Rispchen-, Früchtchen- und Samennutzung: Die Fruchtrispchen werden in ähnlicher Weise wie die Blätter — aber getrennt von ihnen —, am besten zuerst, von den Stengeln der Faser-, beziehungsweise Samenernte abgestreist und getrennt von den Blättern getrocknet. Die Samen sind in grünen Früchtchen eingeschlossen und diese sitzen an den Rispchen, so daß Samen und Früchtchen mit den Rispchen geerntet werden. V. Das getrennte Trocknen der Stengel, Blätter, Rispchen, Früchtchen und Samen der Brennessel. 3) Das Trocknen der Brennessel st enge l: Frische Nesseln, in großen Massen aufeinandergehäuft, erwärmen sich in zwei bis drei Tagen, wobei es zur Zerstörung der Faser kommt. Dadurch könnten aber die Nesseln für die Fasergewinnung völlig wertlos werden. Auch längeres Liegen im Nassen schädigt die wertvollen Nesselfasern. Daher mutz Aufhäufen im frischen Zustande und Nässe vermieden werden. Zn vielen Gegenden der Monarchie gibt es Ziegelhütten, wo derzeit nicht gearbeitet wird, oft sehr große, derzeit leere Schuppen, Trockengestelle mit Dächern, luftige Dachräume u. ogl. Einige Bretter oder Stangen oder Baumstämme sind da rasch zum Gestell gefügt, worauf die Nesselstengel, recht luftig und kreuzweise, übereinandergelegt werden. Zn derartigen luftigen, gedeckten Räumen sind die Nesselstengel in sieben bis zehn Tagen, auch bei Regenweiter, ohne Wenden rauschirocken und versandtfähig. Begünstigt Sonnenschein und Hitze die Sammlung, dann wird man die Nesseln auf einem Stoppelfeld oder Acker schütter legen und wie Heu oder Feldfrüchte beim Trocknen behandeln. Hier sind die Stengel öfters zu wenden. Sehr bewährt hat sich auch die Art der Trocknung, daß man die Stengel auf dem Felde in lustigen Pyramiden aufstellt und derart trocknet. k) Das Trocknen der Blätter: Auch die Blätter erhitzen sich im nassen Zustande sehr rasch, verschimmeln, werden faul und jauchig und sind dann natürlich ganz unbrauchbar. Die Blätter werden daher womöglich noch auf dem Felde in der Sonne oder, wenn dies wegen ungünstiger Witterung nicht geht, in luftigen, trockenen Räumen, getrennt von den Stengeln, getrocknet. (Wenden nötig!) c) Der Trocknungsvorgang ist für Rispchen, Früchtchen und Samen der Brennessel völlig ähnlich dem für Blätter. VI Bezahlung für das Reffelfammeln. Soweit die Zivilbevölkerung bei der Nesselsammlung in Betracht kommt, wird mitgeteilt, daß sie von der in Punkt Vlll er- 26 wähnten Uebernahmsstelle für 100 Lg vollkommen getrockneter Nessel- stengel L 10.— und für 100 Lg trockener Nesselblätter weitere L 25.— erhält (für 1 Lg 10, beziehungsweise 25 VII. Die getrennte Aufbewahrung der Stengel, Blätter, Fruchtrispchen, Früchte und Samen der Nessel. Dort, wo luftige Trockenräume verwendet werden, wird man diese direkt zum Aufstapeln der Vorräte verwenden können. Da rauschtrockene Nesseln, auch hochgestapelt, nicht mehr faulen, wenn sie trocken aufbewahrt «werden, kann man irgendwelche trockene, nicht dumpfige Räume zur Aufbewahrung der Vorräte verwenden. Die größten Feinde der Nesselfasern und Nesselblätter sind die Bakterien und Schimmelpilze, die sich auf nassem Material immer entwickeln. Daher mutz mit aller Gewissenhaftigkeit auf eine gute Austrocknung des Materiales gesehen werden. Von Zeit zu Zeit sind die Vorräte anzusehen, ob sie nicht Zeichen von Schimmelpilzentwicklung zeigen. — Sollte dies der Fall sein, dann breite man nochmals die Stengel oder Blätter aus, entferne die verschimmelten und trockne die übrigen nochmals. Vor der Absendung sind die Vorräte genau zu besichtigen. — Nur so wird man gutes Material erhalten. VIII. Die Ablieferung. a) Der Sammler kann die Nesselstengel mit Strohseilen oder mit Stricken (nicht mit Draht), Garbenbindern aus Jute oder Papier u. dgl. zu Bündeln vereinigen. Auch lassen sich Nindenstreifen von frischen Nesseln sehr leicht abziehen, ebenso von schon getrockneten Nesseln, die auf eine halbe Stunde in gewöhnliches Wasser gelegt werden, und durch Zusammendrehen mehrerer zum Binden geeignet machen. So gebündelt, übergibt der Sammler die Ware den von der Hauptsammelstelle des k. k. Amtes für Volksernährung, beziehungsweise dem Bezirkssammelausschusse allenthalben ins Leben gerufenen Uebernahmsstellen, worauf er sein Geld in Empfang nimmt. Wo solche noch nicht errichtet sein sollten, sind die nächsten Militär-Kom- manden, beziehungsweise die Gemeinde-Vertrauensmänner zur Ueber- nahme verpflichtet. b) Die trockenen Blätter werden in Säcke gegeben. Im übrigen ist der Ablieferungsvorgang wie bei a). c) Die Ablieferung der Rispchen, Früchtchen und Samen erfolgt in Säckchen. Sammelt Brennesseln! Die zwölf Regeln für Nesselsammler, besonders zu Händen der die Brennesselsammlung besorgenden Schulkinder und Soldaten. 1. Erntet die Brennessel nicht zu jung, sondern erst nach der Blüte, etwa Ende Juli, Anfang August! 27 2. Reißet die Stengel nicht heraus, schneidet sie mit Messern, Astscheren, Sicheln oder Sensen! 3. Schützet, solange Ihr nicht abgehärtet seid, Eure Hand gegen das Brennen durch ein darum gewickeltes Tuch oder einen alten Handschuh! 4. Lasset nach dem Schnitte die Blätter einen Tag anwelken, dann streift sie ab — es läßt sich nun leicht tun, und die Blätter brennen nicht mehr! 5. Trocknet Stengel und Blätter getrennt voneinander! 6. Bei Sonnenschein trocknet die Stengel auf den Feldern, legt sie schütter aus und wendet sie häufig oder stellet luftige Pyramiden auf! Bei schlechtem Wetter legt sie in luftige Räume kreuzweise übereinander, aber vermeidet auf alle Fälle eine Aufhäufung in frischem Zustande, sie verderben sonst. Naß dürfen sie nicht werden! 7. Trocknet die Blätter womöglich im Freien, immer an luftigen, trockenen Orten! Sie dürfen nie naß werden, weder vom Tau, noch vom Regen! Haltet sie frei von Staub und allen fremden Bestandteilen! 8. Bei der Ernte der Samen streifet die Rispchen mit den darin enthaltenen Samen ab und trocknet sie! 9. Sehet von Zeit zu Zeit nach, daß die Vorräte nicht schimmeln. Scheidet die verschimmelten Blätter oder Stengel aus, sonst verderben sie den ganzen Vorrat. Achtet immer daraus, daß nur ganz trockene Stengel und Blätter übernommen werden! 10. Bindet die rauschtrockenen Stengel in Bündel, verwendet aber dazu keinen Draht! 11. Presset die trockenen Blätter in Ballen oder tut sie in Säcke! 12. Verwahret die Rispchen mit den Samen in Säckchen! Was bietet uns die Brennessel? (Weitere Ausführungen zu Punkt I.) Die Blätter gehören zu den an Eiweiß reichsten, die zur Untersuchung gelangt sind. Prof. Grafe wies in ihnen 17 o/o Eiweiß nach und sind dieselben schon deshalb ein vorzügliches Futtermittel. Seit längerem verwendet man den grünen Farbstoff der Blätter, das Chlorophyll, zur Färbung von Likören, Zuckersachen, Konserven und dergleichen. Wer sich von dem Vorhandensein und der leichten Darstellungsart des Chlorophylls überzeugen will, dem rate ich, eine Handvoll Brennesselblätter in heißes Wasser zu werfen, um so die Blätter zu töten und nachher das Chlorophyll mit warmem Alkohol auszuziehen. Die Blätter enthalten aber auch außer Eiweiß eine große Menge Stärke und Zucker. Grafe wies in ihnen 10o/o des ersten und l o/o des zweiten Stoffes nach. Die Stärke verwandelte er durch einen chemischen Vorgang in Zucker und fügte schließlich zu den so erzeugten 11 o/o Zucker Hefe dazu, brachte sie so zur Vergärung 28 und erzeugte auf diese Art Aethplalkohol, reinen Weingeist, der zu Getränken oder bei Herstellung von wissenschaftlichen Präparaten, in der Chemie und Medizin als Lösungsmittel vieler Stoffe hauptsächlichst Verwendung findet! Aus der Stärke der Nesselblätter hat Grafe ein Menschen- nährmittel (Keks) Herstellen lassen. Ebenso konnte daraus ein vorzügliches Dauerviehfutter gewonnen werden. Der reine Futter wert der Nesselblätter beträgt nach Panzer 36 L (!). Die Nesselblätter haben endlich noch eine andere bedeutungsvolle Eigenschaft, die aus den. Untersuchungen von Prof. Panzer der tierärztlichen Hochschule und Prof. Grafe der Wiener Universität durch makrochemische*) Untersuchungen festgestellt wurde, die mit mikrochemischen*) von Mo lisch aus dem Jahre 1883 übereinstimmen: die Nesselblätter enthalten nämlich bis 16o/o (Panzer), bis 5«/v (Grafe) Kalisalpeter. Was das heißt, zeigen die folgenden Zahlen: 100 ^ trockene Blätter enlhalten 16 bis 5 A Kalisalpeter 100 kx .. .. „ 16 „ 5 kx l.OO'.OOOk^ .. .. ., 16.000'— ., 50.000 kx Die Vrennesseln haben eben die Fähigkeit, den Kalisalpeter auch in den geringsten Mengen aus dem Boden aufzunehmen und in ihrem Körper aufzuspeichern (vgl. S. 10). Sie leben in einer Art Vergesellschaftung**) mit einer Anzahl von Bakterien, die stets in der Umgebung von Misthaufen Vorkommen, das sind die Bakterien der Harnstoffvergärung und der Nitrifikation oder Salpeterbildung. Die ersten verarbeiten den Harnstoff, der sich überall dort, wo Menschen und Tiere ihre Wohnungen aufgeschlagen haben, als Abfallprodukt des Stoffwechsels vorfindet, bis zur Bildung von kohlensaurem Ammonium, aber nicht weiter. Die Bakterien der Salpeterbildung sind dagegen 1. solche, die das kohlensaure Ammonium verarbeiten bis zur Erzeugung von salpetriger Säure und nicht weiter und 2. solche, die diese wieder orydieren, bis zur Bildung von Salpetersäure. Beide Säuren geben mit den Alkalien des Erdbodens Salze: Nitrite,***) bzw. Nitrate.***) Die Nitrate werden nun von der Nessel gierig ausgenommen und teils gespeichert, teils in Eiweiß ihres Körpers umgewandelt. Wenn nun unsere Hühner oder Kühe die Nesselblätter verzehren, verwandeln sie dieses pflanzliche *> Unter dem Vergröherungsglase (Mikroskop) kann man auch geringste Stosfmengen chemisch Nachweisen (z. B. 0 000002 x Magnesium). Der junge Zweig der Chemie, der in dieser Art arbeitet, heiht Mikrochemie, deren bedeutendste lebende Vertreter Prof. Emich (Graz) und Hofrat Prof Mo lisch (Wien) sind. Im Gegensatz zu dieier „mikrochemischen" Untersuchungsart, heißen die üblichen chemischen Untersuchungen „makrochemische". ") Vergesellschaftungen, wie die hier geschilderte, kommen im Pflanzen- und Tierreiche oft vor. Die geschilderte kann mit dem Zusammenarbeitkn des Landmanns, des Müllers und des Bäckers bei der Gewinnung von Getreide, Mehl und Brot verglichen werden. Jedes Glied der Gesellschaft verarbeitet das Endprodukt der Betätigung des anderen. *") Nitrite Salze de: salpr.rigen Säure. Nitrate - Salze der Salpetersäure. 29 in tierisches Eiweiß und wenn wir dann die köstlichen Eier genießen oder die zarten Hühnchen mit Appetit verspeisen und wenn als Ergebnis unseres Stoffwechsels teils Menscheneiweiß, teils Harnstoff entsteht, der wieder den Harnstoffbakterien zum Ausgangspro- dukte ihrer Tätigkeit dient, ist der so interessante Kreislauf des Stickstoffes geschlossen, der uns gleichzeitig erklärt, warum wir die Nessel am häufigsten nächst Misthaufen u. dgl. vorfinden. Wir sagten früher, daß die Nesselblätter ein ganz vorzügliches Viehfutter darstellen. Wir können auch die jungen Blätter (Achtung auf Schonung des Stengels!) (S. 18 ) auf unseren Tisch bringen, indem wir sie abkochen und dann als Spinal zurichten. Das ist aber noch nicht alles, was uns das vielgeschmähte ehemalige „Unkraut" bietet. Wenn man sich nämlich die Mühe nimmt und den Stengel der frischen Nessel, die etwa die Höhe von 1 bis 21/2 m erreicht hat, abschneidet und dann in der Mitte knickt, so wird man die Beobachtung machen können, daß die Rinde nicht zerbricht, sondern daß sie sich von der Pflanze nach beiden Seiten in langen Streifen abziehen läßt. Dabei wird man vielleicht auch gleich sehen, wie da oder dort lange zarte Fäden von den abgezogenen Rindenstreifen oder von dem zum größten Teile freigelegten Holzkörper abstehen. Das i st's, was das wertvollste an der Brennessel genannt werden kann und sie uns gerade zu dieser Zeit des Abschlusses vom Vaumwoll- nachschub so wertvoll macht: die Tertilfaser der Brennessel. Auch bei der getrockneten Nessel kann man die Rinde abziehen und die wertvolle Faser sreilegen. Man braucht dann die getrocknete Pflanze nur auf eine 1/2 bis zwei Stunden in kaltes Wasser zu legen. Dabei quillt die Rinde rascher als das Holz und läßt sich vorzüglich abschälen. Zieht man nun die von der frischen oder getrockneten und dann aufgeweichten Nessel abgezogene Rinde noch in nassem Zustande durch eine Hechel, wie man sie zur Leinenfaserfreilegung benutzt, so wird man sofort eine vorzügliche Freilegung der Faserbündel gewahren und wahrnehmen, wieviel weicher Spinnfasern in der Nessel vorhanden sind. Ein anderer Weg der Freilegung ist der, daß man die Rinde trocknet und dann die rauschtrockene Rinde mit den Nägeln der Daumen und Zeigefinger riffelt. Schon dabei fallen eine Menge Haut- und Rindenteilchen von den Fasern ab und lassen diese in der Regel hellgrün gefärbt hervorquellen. Und wenn man nun gar die Hechel zu Hilfe nimmt, so bekommt man bis 3 äm lange Faserbündel, die eine sehr lange, besonders derzeit wertvolle Spinnfaser darstellen, die nach Leinenmanier mit 50 0/0 Leinenwergzusatz zuTrocken- und Naßgarn verarbeitet werden kann. Nach einleitenden Versuchen von Josef Fiedler in Komärom (Ungarn) und der Lambacher Spinnerei hat Martiny in Oberadersbach*) die großtechnische Gewinnung solcher Mischgarne ermöglicht und Klikar**) in Hronow***) *) Bei Oberadersbach ist eine der Felsenstädle Böhmens, unweit von Weckelsoorf, die zweite. ", Nach Weisungen Oernohubys. *") Hronow liegt bei Nachod in Böhmen. 30 und Heinzel in Dittersbach*) haben allerlei Stoffe daraus gewebt und Gegenstände, wie Hosen, Blusen, Rucksäcke, Pferdeschutzdecken, Handtücher, Machen u. dgl., daraus hergestellt. Bänder erzeugte aus diesem Garne die Firma Petters L Kumpf in Wolmsdorf. Bei Verwendung der üblichen Schwungmaschinen kann man auch Schwungnessel von bis 1 ni Länge erzeugen (Kaeßmann in Kinorany, Ungarn, Direktor Dendorfer und Lederer; V. Heinik in Prerau, Direktor Roulund). Kocht man überdies die von anhaftenden Grundgewebszellen noch grünen Faserbündel in Seife 1/4 bis 1/2 Stunde oder legt man sie nun in ein warmes Seifenbad, so lösen sich die noch anhaftenden Rindenzellen los und nach neuerlichem Hecheln hat man ein blüten- weißes zartes Fasermaterial aus 3—5 oder 10—14 em langen Einzelfasern vor sich, die von Baumwollmaschinen verarbeitet werden können. Fn der großen Baumwollfirma Benedict Schrolls Sohn in Halbstadt ist es nun Herrn und Frau Direktor Rößler und Herrn Maschineningenieur Glos durch Konstruktion eines neuen Apparates und Anpassung der bestehenden Baumwollmaschinen an die Faser gelungen, auch die Behandlung mit Seife zu ersparen. Auf diese Art wird die Faser dort zu allerlei Stoffen verarbeitet. Es sind schon Leintücher, Fußlappen, Hemden, Unterhosen, Aerzteschürzen, Aerztemäntel, Pferdeschutzdecken, Kleidchen, Blusen, Hosen, Barchent und Möbelstoffe hergestellt worden. Das Schrollsche Garn enthält 90 Teile Nesselfaser und 10 Teile Baumwollhaare. Es ist der Firma auch schon geglückt, die Nesselfaser ohne Baumwollzusatz zu spinnen. Bei der Färbung und Imprägnierung haben sich besonders die Firmen Heinzel und Drechsler in Dittersbach, dann Dr. Wengraf und die Firmen Heller L Adelsberg in Atzgersdorf bei Wien, die Guntrams- dorfer Druckerei und die Braunauer Druckerei-Aktiengesellschaft in Braunau, Böhmen, hervorgetan. Daß sich das Schrollsche Garn auch verstricken läßt, nimmt kaum Wunder. Halstücher, Strümpfe, Kniewärmer, Schneehauben, Pulswärmer, sind daraus bereits für unsere Soldaten im Felde hergestellt worden. Aus den Schrollschen Garnen wurden aber auch Auerstrümpfe von der Firma Pittner in Wien sowie der Wiener Auerlich'tgesellschaft verfertigt, woraus zu ersehen ist, daß sich das Nesselgarn in der Aufnahme des Thoriumnitrats**) ganz ähnlich verhält wie das Garn der Ramie, der indischen Verwandten unserer Nessel. Bekanntlich wird der mit Thoriumnitrat getränkte Strumpf getrocknet und dann verascht, worauf das Skelett aus Thoriumerde, der Leuchtstrumpf (Auerstrumpf), übrigbleibt. Die Erzeugung von Wirkwaren mit etwa einem Drittel Baumwollzusatz zum Garn nach Absallspinnmanier gelang Blumberg in *) Dittersbach bei Halbsladt in Böhmen. *') Thoriumnitrate -- die salpetersauren Salze des Thoriums. Der Auerstrumpf wird in das Thoriumnitrat eingetaucht, saugt dieses auf, wird getrocknet und ausgeglüht. Dabei entweicht die Salpetersäure, das Gewebe, die Pflanzenfaser. wird verascht und der Strumpf aus Thoriumerde bleibt als Glühstrumpf übrig. dl Teplitz, ohne Baumwollzusatz May. Ebenso haben die Fabrik Baron Liebig in Reichenberg und Ingenieur Schorsch bei der Firma Tetzner die Verspinnung mit Baumwollabfall an Abfüllmaschinen durchgeführt. Schroll hat bereits eine sehr bedeutende Menge von Stoff aus seinem Brennesselmischgarn hergestellt, das in seiner Fabrik großindustriell gearbeitet wird. Aehnlich, wie man Baumwolle verarbeitet hat, verarbeitet man jetzt in dieser Fabrik die Nessel. Der Betrieb funktioniert klaglos. Und so ist denn der Traum manches Idealisten, der den Wert der Nessel als Tertilpflanze schon in früherer Zeit erfaßt hatte, endlich erfüllt: Die Nesselfaser kann großindustriell verarbeitet werden. Auch die Baumwollspinnereien in Eroßpriesen bei Aussig, Dugaresa in Kroatien-Slawonien, die Nachoder und die lljpester (Neupester) Spinnerei Aktiengesellschaft, stellten mit 20^» bis 30 ^ Baumwollzusatz sehr gute Garne aus Nesselfasern her. Die Ujpester Spinnerei Aktiengesellschaft erzeugte auch Gewebe und die Fabrik in Dugaresa (Besitzer H. An- ninger) sehr gute Dochte aus Nesselfasern. Aus den Abfällen der Nesselspinnereien wurde Pappe und Papier hergestellt (Eichmann L Komp, in Arnau, Raimann in Brettgrund), aus den besseren mit etwas Baumwollabfallzusatz auch Watte, beziehungsweise wieder Abfallgarne, wie derzeit bei Schroll in Halbstadl. Aus der Geschichte der Nessel seien hier nur die Zwirnmanufaktur in Leipzig und die analoge Nesselverarbeitung in Magdeburg, beide aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, und Bouches, Deinningers und Grothes Versuche aus den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erwähnt, die die Nessel zu feinsten Stoffen, leider zu teuer, verarbeiteten, sonst wäre schon damals die Nesselindustrie gegründet worden. Auch später wurden von Zeit zu Zeit Versuche der Nesselfaserfreilegung gemacht, doch erst aus Grund meiner Untersuchungen ist die großindustrielle Gewinnung der Nesselfaser möglich geworden. Daß die Nesselfaser auch zu „Schießnessel" verarbeitet werden kann, ist im Institute Prof. Bambergers der technischen Hochschule in Wien gezeigt worden. Bei meinen Untersuchungen fiel mir auch auf, daß sich die Fliegen des pflanzenphysiologischen Institutes der Wiener Universität stets auf den abgezogenen Rindenteilen der Nessel sammelten. Meine Vermutung, daß sie durch größere Zuckermengen angelockt würden, bestätigten Assistent G. Klein und Prof. Dr. Grafe, die gezeigt haben, daß der auf die beschriebene Art nachgewiefene Zucker besteht aus: 35«/o Dextrose (Traubenzucker), 04»/o Lävulose (Fruchtzucker), Spuren Maltose (Malzzucker), endlich liefert die Rinde noch 4 6 o/o Stärke und Dextrin. Durch Einlegen der getrockneten Rinde in kaltes Wasser auf 6 bis 12 Stunden gehen 40 o/o der Zuckerarten und ein Teil der Dextrine aus der Rinde heraus, die fürs Vieh sehr wertvoll sind und vom Vieh mit großem Vergnügen getrunken werden. Das Gleiche erfolgt bei Einlegen der getrockneten Stengel in kaltes Wasser behufs Nesselabschälung. 32 Grafe versuchte aus der Rinde auf technischem Wege einen Zuckersirup herzustellen. Dabei zeigte das Rohertrakt einen sehr angenehmen teeartigen Geruch, weshalb der Rindenauszug möglicherweise als Tee-Ersatz in Betracht käme. Beim Schälen bleibt also auf der einen Seite die Rinde (10 bis 20 KZ von 100 KZ) übrig, die der Nesselspinnerei zugeschickt werden kann. Zurück bleibt der Holzkörper mit dem darin eingeschlossenen Mark. Diese sind ein vorzügliches Viehfutter, das getrocknet, vermahlen und trocken oder aufgeweicht vom Vieh mit großem Appetit gefressen wird. Man erhält bei ausschließlicher Knickabfall-(Nessel- holz- und Nesselmark)fütterung eine ganz vorzügliche Milch und Butter (W e i ß und Julius Fiedler). Die von Grafe, Kaserer und Panzer durchgeführte chemische Untersuchung der Knickabfälle ergab, daß sie an Nährwert zwischen Heu und Stroh zu stellen sind. Grafe wies in ihnen 10 2«/o Pentosane nach, das sind Stoffe, wie sie im Fleisch Vorkommen. 35«/o reinste Zellulose,*) 22 5o/o Asche und davon 8 3 o/o Kalk. Sie kommen heute bereits als wertvolles Füllmaterial für Futtermittel, insbesondere zur Aufsaugung von Melasse in Betracht. Mit Alkali sind die Knickabfälle fürs Vieh leicht aufzuschließen (Meyer und Bauer). Für den Großbetrieb ist die Schälmethode schwerlich anwendbar. Man benutzt also die auch bei der Leinen-(Flachs-)Verarbeitung üblichen Knickmaschinen, wobei es nur darauf ankommt, durch geeignete Trocknung mit nachfolgender Befeuchtung jenen Feuchtigkeitsgrad in der Rinde der Nessel zu erzeugen, der ein völlig klagloses Ausknicken des Holzes und Markes aus der Rinde ermöglicht (Etrich, Schroll). Die getrockneten Stengel werden dann durch die Knickmaschine oder durch die in gewissen Gebirgsgegenden vorhandenen Schnur- beln geschickt, unter die das Holz und Mark als Knickabfälle, auch „Schübe" genannt, fallen. Diese können dann gemahlen und verfüttert werden. Sehr wertvoll sind auch die Samen der Nessel. Die lufttrockene Substanz enthält 26 9 o/o Eiweißverbindungen, 32 5 o/o Rohfett, 251 o/o stickstofffreie Extraktivstoffe, nebst Rohfaser und 8 o/o Asche. 500 Z Substanz geben 124 5 Z Oel.(!) Zunächst müssen die Samen freilich der Vermehrung dienen. Die Früchtchen und Rispchen können zur Darstellung von Chlorophyll benutzt werden, das mit Aether leicht auszuziehen ist. Auch enthalten sie viel wachsartige Substanzen und überraschend viel phosphorsauren Kalk, weshalb sie ein hervorragendes Düngemittel darstellen. *) Zellulose -- der „Zellstoff", das ist die Zell haut. Erläuterungen ;u den umstehenden Mldnngrn. Um sich vom großen Stärkegehalt der Nesselblätter zu über- zeugen, verfahre man wie folgt: Abends geerntete Schattennesselblätter lege man nach vorherigem Aufkochen in Wasser in warmen Aethylalkohol und ziehe derart das Chlorophyll (Blattgrün) aus. Die weiß und spröde gewordenen Blätter werfe man auf zwei bis fünf Minuten in siedendes Wasser und übertrage sie nachher in eine Lösung von Jod in wässerigem Alkohol. Es tritt eine tiefdunkelblaufchwarze Färbung auf — die Sachssche Iodprobe. Am Morgen gelingt dieser Versuch nicht, da in der Nacht die tagsüber gebildete Stärke gelöst wird. Daß nur im Lichte Stärke gebildet wird, kann man zeigen, indem man das Blatt nach vorgängiger völliger Verdunkelung nur teilweise, etwa mit einer Schablone, bedeckt, die die Worte „Licht" oder „Stärke" ausgestanzt zeigt, und so das Blatt dem Tageslicht aussetzt. Am Abend wird es der Sachsschen Iodprobe unterworfen. Man beachte die Intensität der Reaktion. Verwendet man statt der Schablone ein Negativ, so wird an Hellen Stellen viel, an dunklen wenig Licht durchdringen; unter den Hellen Stellen wird also im Blatte viel, unter den dunklen wenig Stärke gebildet werden. Mit der Sachsschen Iodprobe erscheint sonach das Positiv imBlatte. (Gelingt nur bei sehr stärkereichen Blättern — Methode H. Molisch.) ---EM Nachweis des großen Stärkegehaltes der Nesseld lütter. o L0I-0U» 4 ^ V I > c.Ä.?^ / >-7'r > «--^s . ^^-/LA . > - * ^ . .'I ' V v^ 7 *' ^ ^ 5 . >r- ' ^ » tzkk V , v" .' -'. . ^ ^ ^ x - '--» - ^ ^t> - >4 < ^ ^ 7^. ' ' , ^!^t . > > V ^ ^ ' ' , ^!^t. > > V ^ ^ ! -^." ^> > . - , - ^ ^.7 1 - ^ '. ,v /7>>^ . 7 < ^k^57. L '- ^ -l. V » ^ ^ , / V *> ^ 7'^:^ ^ -4 ' "- V > l... / . ' ^ > >' ' v ^ . 7 ">« ^»^7<-^. »7 L- ^ , .?'"r-.rv ' - i ^>s >'