VVienei- 8ts6i-8iblioikek L -WWMWWWWW' G K Oe. Wötzel's D »' M L Theaterschule M G Ä L 8 G^« G« K^ G D G M- M GW WWWW ' - 0' Versuch einer völlig zweckmäßigen heaters oder der einzig richtigen Kunst und Methode vollkommener Kunstschauspieler, Opernsänger, Pantomime und Ballettänzer im höheren Grade und in kürzerer Zeit zu werden, als auf dem bisherigen Wege. Ein praktischer Leitfaden für angehende Künstler, Künstlerinnen und Dichter, für Lheaterunternehmer und Vorsteher, für Gönner und Freunde dieser schönen Künste. Herausgegebe n von Dr.«ätzet. Wien. Sei Nudois Kammer. r/ Vorrede. bisherige Vildungsart junger Personen zuSchauspielern, oder S ch anspi e- le rinnen war bekannter Maßen nicht allein in der Regel ganzplanlvs, zufällig, unsicher oder unzuverläßig, solider» auch zweck- widr i g, unzureichend, unbefriedigend und inje- derHinsichtnachtheilig, verderblich oderschad- lich theils für die hiedurch grvßtentheils unglücklichen Personen selbst, theils für die wahrhaft schöne Schauspielkunst!— Denn i) nach einer völligplau maß igen Erziehnngs-und Bildungsmethode sollten auch zu diesem(wie jedem andern) Kunstfache s) niemals talentlose, sondern nur solche Personen zugelassen, gesetzmäßig ausgebildetund aufgenommen werden, welche mit der nöthi- g e n Lust und Vorliebe zum Theater auch h i n- längliche Vorkenntnisse und Talente )(» IV besitzen. K) Blos solchefahige Theatercari- ridaten sollten nun(gleich den Schülern jeder andern schönen Kunst) wenigstens ein Jahr in allen hiezn nöthigen Vorkenntnissen zweckmäßig unterrichtet, in allen erforderlichen Vorübnn- gen(in regelmäßiger Stufenfolge vom Leichtern zum Schwerern) vorbereitet und darauf erst ganz speciel für die Bühne(welche eine ganz vorzügliche und langwierige Vorbereitung mehr, als jede andere schöne Kunst, erfordert^wenigstens noch ein Jahr fortgebildet werden, ehe sie zum Theater hinlänglich fahig, ge- sch ickt und zur Aufnahme als wirkliche Mitglieder der Schaubühne völlig würdig sind, wo sie sich nun bei dem Theater selbst in allen wesentlich nothwendigen Kenntnissen und Kunstfertigkeiten vollkommen ausbilden können. Aber dieß alles fand bei der bisherigen Art, Schauspieler zu werden, wenig, oder gar nicht Statt. Denn man nahm oft wenigstens bei günstiger Gelegenheit, zur Zeit der Noth und Verlegenheit manche Personen als blose Lückenbüßer(nach einer kinderleichten Probe des Vorlesen», oder Recitirens einiger Stellen, oder Theaterscenen) ohne weitere Prüfung ihrer Vorkenntnisse und Fähigkeiten hiezn auf, sobald nur ihr äußerer Anstand, Vertrag und V Ausdruck, oder ihre Figur, Gestalt und Körperhaltung nichts Verwerfliches, sonder» wohl gar etwas Lebhaftes und Anziehendes hatte. 2) Auf solche Art war die bisher ganz planlose und zweckwidrige Bildungsmethode zum Theater auch ganz zufällig. Denn die eigentlich versäumte Vorbereitung und gänzliche Ausbildung der(zur Bühne ohne gehörige Prüfung) aufgenommenen Personen, welche nur selten die nöthigen Vor- kenntnisse und Fähigkeiten besaßen, wurde nun (aus Mange l eines Theaterinstituts für Candidaten dieses Fachs) dem blosenZufalle, gutem Glücke oder dem Ungefähr, aufGerathe- wohl(blindlings) überlassen. Daher konnten nur Personen von außerordentlichen Fähigkeiten zu diesem Fache sich in demselben, blos bei günstigen Umständen, mit vieler Anstrengung, erst nach vielen Jahren, nothdürftig ausbilden, aber niemals in so kurzer Zeit und so hohem Grade von Vollkommenheit, als es ihnen in kürzerer Zeit und auf leichtere Art unter Anleitung eines guten Lehrers möglich gewesen seyn würde, wie wir selbst z. B. von einem Beil*), *) Johann David Beil 07Z4 zu Chemnitz in Sachsen geboren und als Hofschauspieler in Mannheim 1794 gestorben) fand erst nach mehreren Jahren VI Eckhof und andern talentvollen Kunstschau- sp'elern wissen, welche sich nur äußerst mühsam zu einer beträchtlichen Höhe von Vollkommenheit emporschwingen konnten, ohne auf diesem Wege jemals den möglichst höchsten Gipfel von Kunstfertigkeit erringen zu können, indeß alle übrigen weniger Talentvollen, oder weniger Glücklichen es entweder blos zur Mittelmäßigkeit brachten, oder zu tauienden ganz verdarben, oder wenigstens sehr unglücklich wurden!— Z) Eine so zufällige Bildungsart mußte daher auch höchst ungewiß, unsicher, n»zuverläßig, schwankend und zweckwidrig seyn, eben weil dieselbe eher von dem eigenthümlichen Zwecke abführte, als zu demselben Hinleitete. Daher konnte man sich auf eine solche Methode nie sicher nnd gewiß verlassen. bei dem Hoftheater in Gotha und Mannheim (von 1777 an) günstige Gelegenheit, sich mit Jffland Lurch rastloses Studiren und thätiges Streben zur hbhern Vollkommenheit empor zu arbeiten. Dieß war auch der Fall bei Conrad Cckhof(geboren 172-0 in Hamburg, gestorben in Gotha 1780.), auf dessen Grund Beil, Jffland, Schröder u. a. weiter fortbaueten. Vll 4) Deswegen konnte sie auch nicht befriedigend, nicht hinlänglich zureichend seyn. Folglich ist sie 5) in jeder Hinsicht nachtheilig,schädlich,verderblich und verwerflich. Denn bisher wurde gewöhnlich jederCandidatnach einer solchen flüchtigen Probe mit Beobachtung des Herkömmlichen und Förmlichen(ohne weitere Prüfung seiner Fähigkeiten und Kenntnisse, ja ohne alle Rücksicht auf des Theatercandidaten künftigen Beruf, sondern blos znrAusfüllung deS augenblicklichen Bedürfnisses der Bühne, als deren Lückenbüßers,) angenommen und dessen Engagement abgeschlo- ßen!—OhneWahl undPlan seiner Bildung folgt nun gewöhnlich eine Rolle auf die andere; mit der Rollemasse wird zwar der Gehalt am Ende vermehrt, aber der Beifall sinkt, vorzüg- lich nach dem Verluste desäußern falschen Flittergoldes feiner bisher gelungenen, nun aber abgenutzten Kunstgriffe und seiner jugendlich persönlichen Annehmlichkeiten!— Ein solcher gehaltloser und entblößter Elieder- mann ohne Studium, Geschmack, Kenntnrfl und hinlängliche Kunstfertigkeit paßt nun nirgends mehr recht hin, sondern erregt lange Weile, lebt sich und andern Personen zur Last, ohne einzusehen, daß seine frühere fehlerhafte Theaterlaufbahn blos das Werk zufälliger und VtH vergänglicher Eigenschaften war,mir deren Verschwinden nun auch si:e theatralische Eristenz zn Ende geht, wie bei einem unwissenden Alt- gesellen der Handwerker, welcher sich über Ca- bale, Intrigue, Verfolgung und Hintansetzung, die er doch selbst veranlaßt hat, bitter beklagt, sich auf die bloss A n zahl seiner Dienstjahre beruft und dabei völlig vergißt, dast man auch in der Schauspielkunst, welche er für so leicht hielt, nie auslernen könne!— Dieß sind die unausbleiblich traurigen Folgen junger Leute, welche ohne hinlängliche Fähigkeiten, Dor- kenntnisse und Kenntnisse theils von den(zur Bühne) erforderlichen Talenten und zn erwerbenden Kenntnissen. theils von den zu erringenden Kunstfertigkei en und von der besten Methode,;n ihnen;n gelangen, theils ohneFleiß und Studiren si h;ur Bübne drangen— und unglückl icher Weist' dort ohne gehörige Prüfung bisweilen auch aufgenommen werden!—> Daher schreibt sich also größtentheils der Hang junger Leute zur Bühne, welcher jetzt herrschender wird, als jemals. Dieser oft fchädliche Hang zum Theater läßt sich demnach im Allgemeinen theils schon r) ansMangel an richtigen Ansichten, Begriffen und Kenntnißen von den nöthigen Erfordernissen dieses Fachs, mithin aus gänzlicher Unkunde IX desselben, theils aber auch aus der Freiheit der Ausübung dieser Kunst erklären, derenStu- dii m weder an Drt, noch an Zeit ganz streng gebunden ist und deren Ausübung sogar öffentlich erfolgt, wo man Beifall einärndten kann. L) Dabei ßck einen dem Unkundigen diesesFachs keine druckenden Regeln zu fesseln und den Flug der Plan-asse zu bemmen, sondern jeder Fortschritt des Fleißes, oder des Talentes und der Bildung wird vielmehr in der Regel weit früher, als in jeder andern schönen Kunst, mit lautem Beifalle bemerkt und sogar öffentlich anerkannt. z)DeSwegen glaubt nun leicht jede junge Person von einigen Talenten und mir Lust zur Bühne, in diesem Fache schnell ihr Glück zn machen, ohne zn wissen und zu bedenken, daß die Schauspielkunst nicht allein noch ganz besondere Natnrgaben und Vorkenntnisse voraussetze, sondern auch ein sehr sorgfältiges Studium, eine ununterbrochen fortgesetzte Beobachtung seiner selbst und anderer Menschen, folglich ein zweckmäßiges Fortschreiten mit dem Zeitgeiste und ein sehr mühsames Abwägen des blos Brauchbaren davon wesentlich nothwendig erfordere. 4) Daher kommt es nun auch, daß jede junge Person,(welche eine leidliche Gestalt besitzt und Figur spielt, sich mit Leichtigkeit trägt, in Gesellschaft gern gesehen wird und dabei wohl gar gut singt, oder schön tanzt,) mir fester Ueberzeugung wähnt, zu dieser Kunst völlig berufen zu seyn, deren Ausübung man aus Unkunde für ein leichtes Spiel halt, welches man blos mir auswendig gelernten Worten und schönen, oder glänzenden Kleidern sogar fürgnte Bezahlung gemächlich genug treiben könne! z) Aus diesem Grunde vcrnach- läßigen daher junge Leute ihren Fleiß, ihre Bernfswissenschaft, oder Geschäfte und ihre nöthige Aufmerksamkeit darauf; sie verlieren nun die Lust zu allem ernsten Studiren, lassen alles andere liegen und wenden sich z» diesem Geschäfte, welches ihnen leichter, lustiger und einträglicher scheint, weil es ihnen überdieß noch(ihrer irrigen Meinung nach) völlige Un- abhänglichkeir, ein willkührlich regelloses Leben und eine gute Einnahme sehr bald verspricht!— Deswegen sind auch die meisten unserer bisherigen Schauspieler entweder verdorbene Studenten, oder doch sonst leichtsinnige und zügellose Menschen, die Actrisen aber leichtfertige Zofen gewesen, welche nirgends gut thun wollten und aus ähnlichen Gründen bei dem Theater zuerst noch ihr Glück zu finden wähnten, wie dieß leider noch häufig geschieht!— Alle dergleichen Leute dieses Schlags XI geben bei dem Theaterdircctor gewöhnlich vor: „O, ich habe in mir schon von Jngend anfDe- rnf, Lust, Neigung und besondere Vorliebe zu diesem Fache gefühlt, bin aber davon aus mancherlei Gründen bisher verhindert worden und habe deswegen für meineBildungzudiesem Zwecke wenig, oder gar nichts thun können!" Macht man sie auch nur mit den ersten Hanpterfordernissen(Talenten, Kenntnissen «nd nöthigen Kunstfertigkeiten) bekannt; so unterbrechen sie den Sachkenner gern und häufig, suchen stets das Wort zn führen und dabei zu versichern: ,, O, ich besitze nicht allein alle nöthigen Fähigkeiten, Kenntnisse und Kunstfertigkeiten dieses Fachs, sondern ich werde es auch an Eifer und Fleißenichtfehlenlassen,mich zu bestreben, es eben so weit zu bringen, als es andere meiner Vorgänger gebracht haben, welche(wie ich) blos auf gutes Glückznm Theater gegangen und gleichwohl fertige Künstler, mithin glücklich«nd berühmt geworden sind!" Darauf fragen dergleichen saubere The- atercandidaten ohne Umstände den Theaterdi- rector nicht nur, wenn und worin sie auftreten sollen, sondern nennen auch eine Menge der schwersten und glänzendsten Rollen, welche sie geben wollen und sich ohne Bedenken getrauen, dieselben zu geben!— Dabei sprechen sie XU schon von ihrem künftigen Gehalte, oder doch von der Kleidung, in welcher sie zum ersten male auftreten möchten!— Jeder von diesen unwissenden, oder doch unkundigen Neulingen, welcher von dem natürlichen Reden und Spielen gehört har, glaubt und behauptet nun auch: ,, Ei, auf der Bühne brauch' ich blos zureden und zu handeln, wie andere Menschen im täglichen Leben; das aber kann ich so gut und wohl noch besser, als tausend andere. Folglich kann und will ich zur Bühne gehen rc."Dergleichcn Neulinge erzählen nun ihre Reden hinter einander gehaltlos her, achteir auf alles, was um sie vorgeht, wenig, oder nicht und meinen, alles mit blosenv Sprechen abthunzn können, ohne zu wissen und zu glauben, daßznr wahren theatralischen Darstellung von Charakteren, Affecten und Leidenschaften aller Art, oder von Sitten, Gewohnheiten und Eigenheiten der Menschen viel Kenntniß und Studium der Rollen, viel Beo- bachtnngsgeist, Talent, Fleiß und Kunstfertigkeiten in tausendfälltig passenden Ton- und Ge- berdenauSdrücken nothwendig erfordert werden. Theatervorsteher sollten dergleichen Leute ohne weitere Umstände abweisen, weil sie gewöhnlich nur wegen vermeinter Unabhängigkeit AM und guter Besoldung sich zur Bühne drängen ü>ollen, aber dabei sich und andern oft zur Last fallen müssen, welches bei allen in der Regel der Fall seyn muß, welche mir Arbeitsscheue und Mangel an gründlichen Kenntnissen, folglich auch AbneigungvonderenErwerbung, oder Eigendünkel und vermeinte Unabhängigkeit eines zügellosen Lebens, oder Noth zum Theater verleitet, ohne daß sie die hiezu nöthigen Erfordernisse(Fähigkeiten, Vorkenntnisse, Vorübungen und richtige Begriffe vom Theater) besitzen. Denn oft haben sie weder eine angenehme und biegsame Stimme, noch wahren Anstand und Gesichtsausdruck, noch eine leichte und gefällige Körperhaltung, folglich keinen guten Ton- und Geberdenvortrag, mithin weder Talente, noch die nöthigen Fertigkeiten und Kenntnisse von den unerläßlichsten Erfordernissen eines Schauspielers. Da sich nun alle diese Nachtheile vorzüglich aus Unkunde Herschreiben, diese aber von der bisherigen ganz fehlerhaften Erziehungs- oder Bildungsmethode angehender Schauspieler herrührt, diese hingegen selbst aus dem Mangel an zweckmäßigen Bildungsanstalten für angehende Künstler dieses Faches entspringt; so sollten Theaterinhaber, Direktoren, oder Theaterverwalter XIV §nmal in großen Residenzstädten in Vereinigung mir andern Personen und Männern von großem Einflüsse sich bestreben, daß zweckmäßige Erziehungs- und Bildungsanstalten ebensowohl blos für würdige Theatercandidaten von, Sraate selbst errichtet würden, als der Staat Bildnngsanstalten für R e d n e r und D i ch t e r, für O ffi c i e r e, M a- ler u. d. gl. etablirt hat, aber leider noch keine für Th e a te r kü nstle r und Känstl c- rinnen, blos weil man ihm das dringende Bedürfnisse einer solchen höchst nöthigen Anstalt noch nicht recht fühlbar und deutlich gezeigt hat! Denn ohne Bildungsansralten könnten wir auch eben so wenig gute Dichter und Redner haben, als gute vollkommene Kunstschauspieler undSchauspielerinnen, wovon mir alle Ho Aahre einige außerordentliche Dhe- atergenies sich zu einer bedeutenden Höhe durch rastlosen Eifer und Fleiß empor schwingen können, während die meisten kaum zur leidlichen Mittelmäßigkeit gelangen, oder auch diese nicht einmal zn erreichen im Stande sind, aber bei zweckmäßigen Bildungsanstalten den besten Genies hiezn oft gleich kommen oder ähnliche Kunstfertigkeiten sich würden erwerben können! — Daher habe ich den ersten Versuch ge- XV wagt, wenigstens die einzig zweckmäßige Erziehungs- und V i l du ngsm e th o d e für a n g e hen d e Theatercandidaten in dieser Schrift aufzustellen. Deswegen bitte ich um belehrende Winke und um gütige Nachsicht in der Beurtheilung dieses allerersten Versuchs. Noch muß ich erinnern, daß unter den Theatercandidaten die vermeinten A e- sthetiker deßwegen die schlimmste Classe ausmachen, weil sie gewöhnlich eine kränkelnde Einbildungskraft besitzen, verdorbene Dichter und Schriftsteller sind, ihren Mismnth dahin brüten, blos sich selbst gefallen, wenig Antheil an allem außer sich nehmen, nur für das Heiligthum ihrer Gedanken und Empfindungen athmen, kein Iei, chen ihres innern Lebens geben, dabei eine leise, oder schw ere und emphatische Sprache führen, an «berreitzten und geschwächten Nerven leiden, mithin wenigstens innerlich stark empfinden. Daher vermag sich ein solcher Mensch nicht zn überzeugen, daß er seine eigenen starken Gefühle dennoch weder lebhaft, noch angenehm und schön darstellen könne. Solche vermeinte Aesthetiker reden in mystischer Eintönigkeit und in singender Melodie, werden davon bis zu Thränen gerührt, wirken aber hiedurch aufan- dere Personen entweder wenig, oder gar auf XVI lächerliche Art, wobei sie sich über den Mangel an Wirkung ihrer(vom heiligen Schauer) bebenden Lippen wundern und nichts ganz wahr, noch weniger angenehm und vollendet schön durch Geberden ausdrücken können!— Dieß war auch der Fall z. B. bei dem verewigten Moritz in Berlin, welcher doch für Schauspielkunst weit mehr tiefen Sinn besaß, als die meisten unserer Schauspieler, aber ebenfalls wähnte:„ man habe sein Talent für tragische Darstellungen aus Eigendünkel, Ueber- muth, Einfalt, Gleichgültigkeit und Bosheit gemordet!" Deswegen schilderte er treu und wahr seine ganze traurige Lage und alle deshalb empfundene Dualen in seinem„Anton Reiser" unfeine(auch für andere) sehr belehrend abschreckende Art. Er gerieth außer sich vor Schmerz und Wehmnth, wenn sein Talent bei gelungenen Darstellungen k o m i> ch e r Rollen, welche er oft mir großer Eigenthümlich kcit und Wahrheit gut gab, in den Zuschauern Freude erregte. Dabei konnte er ebenfalls nicht begreifen, warum seine Gefühle nicht ähnliche in den Zuschauern erregten:c. In dieser düstern Gemüthsstimmung vertrauerte er(wie noch jetzt taufende seiner Collegen) sein kummervolles Leben, bielt sich für verkannt, für verfolgt und für höchst unglücklich, schloß sich immer inniger, en- xvir enger, heimlicher und verzwci'flnngsvoller an sein vermeintes Ideal, zog sich von allem andern Verkehre mit Abscheu zurück und lebte blos seinem Kunstgefühle auf eigenthümliche Art!— Alle ü b e r sp a n n t e n Aesthetike r können demnach keine ausübenden Kunstschauspieler werden, vorzüglich bei dem Wahne, daß sie allein alle Kunsterfordernisse am besten kennen und am vollkommensten zu würdigen wissen! Ihre Forderungen anKünstler und Zuschauer sind unreich- bar; sie meistern alles nach ihrem schiefen Ideale und können selbst nichts gut darstellen, halten aber alle fremden Darstellungen für verwerflich und glauben, alle Forderungen besser, als andere Künstler, befriedigen zu können, ob sie gleich schon von solchen übertreffen werden, welche zwar weniger Kenntnisse, aber mehr Kunstfertigkeit, als jene, besitzen und von innerer Gewalr getrieben werden, zu thun, was sie fühlen, daß es in dem Augenblicke passend wirke. Von ihrem Ideale gehemmt, überschreiten sie das gesetzmäßige Ziel, oder erreichen es niemals und verzweifeln daher an allem. Ihre allzu große Zartheitmacht sie vollends undeutlich, flach, unbillig und ungerecht gegen andere Künstler, oder reißt sie mit Ungestüm über alle Schranken hinaus! --- Werden nun dergleichen Personen nicht durch besondere Umstände und Zufalle in eine andere Laufbahn geworfen; so werden sie nothwendig unglücklich in ihrem leidenden Zustande, welcher X' xvm Theilnahme erregt, wahrend ihre poet isch schwär« merischen Gefühle eine zarte Behandlung verlangen!— Wenn demnach selbst Aelteru, Freunde, Bekannte, Anverwandte, oder Vorgesetzte gewahr werden, daß solche Personen, welche sich auf einmal dem Theater widmen wollen, ihre bisherigen Arbeiten liegen lassen, sich von allem losreißen, blos herumschweisen, Tage lang müßig gehen, sich gern putzen und höchstens nur in einem schwärmerischen Buche lesen; so müssen sie ihnen vom Theater abrathen, weil sie hiezu offenbar nur von Liebe zur eingebildeten Gemächlich k e i t, Z ü g e ll v sig k e i t n n d g n t e r E i nn a h m e, n i ch t aber von innerem Berufe mit deutlicher Kenntniß der nöthigen Erfordernisse getrieben werden und daher unglücklich werden müssen. Ihr leicht erkennbarer Mangel an Bescheidenheit, an Kenntniß und Achtsamkeit auf den Gang der täglichen Theatervorstellungen, ferner ihre Nichtachtung allerSchwierigkeiten, ihrUnvermogen, die eigenen Begriffe und Gefühle von Kunsidarsiellungen richtig niederzuschreiben, oder mündlich gritmit- Zntheilen, alle diese Mangel versprechen kein Glück an f der Bühne, von welcher man sie künftig Wegwerfen muß, ohne ihnen irgend einen Versuch zu erlauben, ob sie gleich gegen alle Schwierigkeiten desto hartnäckiger kämpfen, je mehr sie Hindernisse sinken und dieselben fürCabale oder Intrigue halten!—Ihr stilles, stummes und XIX dumpfes Sehnen, ihre schwermüthig finstern Gefühle und poetischen Stürme voll heimlichen Wohlgefallens blos für sie selbst allein,— alle diese Umstände sind deutliche Spuren von ihrer schleichend verzehrenden Gcmüthskrankheit,welche sie auch auf der Bühne ansznsprechen wünschen, um dort das Wohlgefallen und die Thränen derMengefür ihre elegische Stimmung einznarndten— Bettern, oder Verwandte sollten daher jeden ihrer Theatercandidaten von wahren Sachkennern erst prüfen, ihn schriftliche Schilderungen mehrerer Charaktere liefern, ihn darüber mit Künstlern sich unterreden und ihn einzelne Stellen der geschilderten Rollen vortragen lassen. Man lasse ihn nur dann zur Bühne, wenn er seine Gedanken und Gefühle überjeden darzustellenden Charakter passend, lebendig, zweckmäßig und gefällig vortragen, folglich das Leben, die Mannichfaltigkeit und Anmuth seines Talents durch eine Theaterprobe etlicher mittelmäßig schweren Rollen aus mehreren Fächern beurkunden kaun. Eben so sollten ftlbstauchwirkliche, aber fremde Schauspieler ohne großen Ruferst eine gute^heaterprobe ablegen, ehe man ihnen Gastrollen zu geben erlaubte, um das Publikum künftig mit so viel schlechten, oft aus bloser Noth, oder Gewinnsucht erzeugten Rollenfpielen möglichst zu verschonen!— Zur Bühne nehme man daher künftig, blos talentvolle, kenntniß- reiche, fleißige und bescheidene Theatercandida- X 2 XX ren auf, welche obigeProbe bestehen, sich Jahre lang nach folgende! Methode ausgebildet haben und den Charakter gut durchführen, halten»nd darstellen können!— Doch damit ist lange noch nicht alles gethan, sondern es müssen alle nöthigen, zweckmäßigen Mittel mit Vorsicht angewandt und aufgeboten werden, um nicht blos eine gute Lehrmethode und geschickte Lehrer für fähige Thea- tcrcandidaten und angehende Schauspieler, oder Schauspielerinnen zu erhalten, hiedurch aberdie Bühne mit lauter guten Subjecten zu besetzen, sondern auch das Theater überhauptdurch die kräftigsten Mittcl zu dem h ö ch st m ö g l i ch e n Grade und Flore von Vollkommenheit am besten zu erheben. Dieß letztere kann und soll nur durch den Staat selbst unmittelbargesche- hen, weil dieser allein im Grande ist, alle hiezn nöthigen Mitte! herbei zu schaffen und dieselben am nachdrücklichsten anzuwenden, welches sogar heilige Pflicht für den Gtaat selbst ist. Denn da ohne zweckmaßigcLehranstalten derTu- gend undWeisheit, aller Wissenschaften und Künste, zn denen unstreitig auch die S s' a u sp ie l- knnst gehört, derRegentundStaarweder für sich. noch für andere etwas Gutes auf die D anererwarten und bewirken kann, sondern nothwendig in Verfall und Barbarei gerathen muß, welches aber bei zweckmäßigen Lehranstalten nie zu befürchten ist; so sollnnd mußderS taat(schon XXI wegen seines eigenen Besten, folglich im Ganzen immer aus Pflicht jeder Art) alle Kräfte aufbieten, auch durch eine zweckmäßige Theaterp flanz schu l e die Schaubühne zu der m ög l ich st h öchst e n Stn fe von Voll- kommenheit auf alle Art um so eher zu erheben, je mehr ein voll e n der gut besetztes Theater das kräftigste Mittel ist, um hicdnrch nicht etwa blos die Narioualsprache und Sitten zu reinigen, Geist und Herz aller Staatsbürger zu bilden und zu veredeln, wahre praktische LebensweiShcirundMenschenkcnntniß, TugendundSittlichkeit am besten zu verbreiten, sondern auch sogar dauerhafte Liebs und Dankbarkeit gegen den Regenten und Sta a tselbst, mithin ä ch t en P atr i o t i sm us in den Staatsbürgern am leichtesten und besten zu erwecken, folglich die Unterthanen selbst für alle gesetzlichen Anordnun g c n, für alles Wahre, Gute und Schone, für alles Große und Erhabene empfänglich zu machen!— Da nun aber alle hie;» zweckdienlichen Mittel und Wege sich am besteuerst dann einsehen und beurtheilen lassen, wennmandie innere wesentliche Verbesserung des Theaters gezeigt hat, welche unstreitig in einer vollkomme n z w c ckmäß igen Anleitring zur vollendet guten Ausbildung der künftigen Theatercandidaten, der angehenden Schauspieler und Schauspielerinnen, Operisten XXII und Ballettänzer-, folglich in der möglichstbersten Theaterschnle besteht, deren sch r ift- l i ch cD a r st e l l u n g von Sachkennern allein abhängt, wovon gegenwärtige Thearerschule ein blofer Versuch ist, wahrend die wirkliche Stiftung nnd E r r i ch tung einer Theater- p fl anzschule mit aller möglichen Theater- verbessernng größtentheils vom Staate ab- hängt und nur von ihm unmittelbar am nachdrücklichsten bewirkt werden kann. soll und muß; so stelle ich hier nach meinen Kräften die zweck- m äß ig ste Mc t h o d e zuerst auf, nach welcher Theatereandidaten und Theaternen- linge in allen nöthigen Stücken am besten unterrichtet, geübt und zu vollendeten Kunstgenossen dieses Fachs ausgebildet werden sollen. Dann folgt erst eine kurze Uebersicht aller zweckdienlichen Mittel nnd Wege theils zur möglichsten Vervollkommnung des Theaters überhaupt, theils zn dessen innerer Lebensau e l l e(einer angemessen zu errichtendenT h c a- re rp fl a nz sch u l e). Demnach ist der Z w e ck dieser Schrift auch aufd ie m ög l i ch st e Ve rv ol l- k o m m n n n g der Sch a u b ü h n e überhaupt oder anfihre Erhebnngzu r h ö chst enStn fevon Vollendung zugleich gerichtet, worüber sich von unpartheiischen Sachkennern belehrende 'Winke ansbitter der Verfasser. Inhalt. Seite Einleitung. I) Die bisher fehlerhafte Ausbildungsart der Schauspieler 71) Begriff i) von Schauspielkunst r) ihr Nutzen und Vergnügen -) ihr Werth und Vortheil, ihre Wichtigkeit und unentbehrliche Nothwendigkeit 4) ihr hoher Endzweck mit den angemessenen Mitteln-.-- 5) ihr Unterschied von allen übrigen schonen Künste» und ihre wechselseitige Verbindung mit ihnen oder ihr Zusammenhang unter einander 6) ihr Stoff und Hauptgegenfiand 7) ihr Luell.-.,' 717) Begriff des Ausdrucks„Schauspieler".--'.' Was soll der wahre Kunstschauspteler eigentlich seyn?.--' IV) Was gehört überhaupt zum Kunstschauspieler?---- V) Erforderliche Kbrperbeschaftcnhett desselben---- V7) Nöthige Fähigkeiten seines Geistes und H e r z e n s.- VII) Seine Vorkenntnisse und Fertigkeiten, Vorbcreitungsmittel und Hülsswissen- schaften-/ Erstes Kapitel. Erste Periode. Zweckmäßig vorbereitende Bildung zum wahren Kunstschauspieler i) Sprech- und Vovleseübungen i A 5 5 7 is H 14 lü ss 2g 24 XXIV Seite r) Dcclamationöübungen. 29 Z) Kleine Rollenprobe»-. zr 4) Unterredungen hierüber. za Zweiter! Kapitel. Zweite Periode. Fortsetzung der Ausbildung angehender Künstler, oder Künstlerinnen. i) Wen n und unter welcher Bedingung darf der Zögling zum ersten male in einer Rolle auftreten?.. zz r) Er suche seine großen Vorgänger zu erreichen und zu übertreffen". Z7 z) Personifieirende Declaination und Mimik des Acteurs.. zz 4) Die Periode des Genusses ist sehr verschieden von der Periode der Darstellung.... 41 5) Originelle Künstler und blose Nachahmer der Natur. 4; 6) Eigenthümlichkeit der d a rst e l l e n d e n Declaination und Mimik des Kunst- schauspielers... zr Ideal eines vollkommenen Kunstschauspielers überhaupt.... 54 1) eines Komikers, z. B.->) in der Rolle des K a u fm a n ns H erb in den Amerikanern.. 64 b) in der Rolle des Bürgermeisters Staar in den teutschen Kleinstädtern. 67 c) als Herr von Langsalm in dem Wirrwarr... 70 ) Weiches ist der bcste Theaterbau?.... L2g c) Wozu soll der Souffleur blos dienen?.... 209 ä) Privatthcater, Haus- oder Lirbha: ber- und Gescllschaftstheater.. 209 Plan zur möglichsten Vervollkommnung öffentlicher odcrNatio- nal-Theater... rn Dieß muß vom Staate unmittelbar selbst erfolgen.... srr L) WaS hat die oberste Theaterdircc- ti 0 nzu leisten?... 214 (l) Wie soll die T h c a t c r c e n su r und The atcrp 0 licei mit der n öth«- genLekonomie beschaffen sepn? 217 II) Nöthige Erfordernisse einer guten Lyea- terbibliothck.....218 V) Welche Theatervorstellungen soll man vorzüglich geben und welche selten, oder gar nicht?... 220 k) Was sollen vorzüglich die Theater- mitglieder thun?.. 226 <-) Was ist dabei Psticht für dramatische Dichter?.. 227 Wichten des Publikums hierbei. 2zr l) Th e a t er p st a n z sch u l e oder Akademie.... 2Z2 Beschluß. Nöthige Lebensrcgeln für Thea- tereandidaken und junge Thcatecmit- glseder.,... 242 Schlüßlich ersuche ich den resp. Leser, folgende Druckfehler zu verbessern. Seite iF. Zeile 2> v. unten: Stücke für Sticke. — 44.— 17. v. oben: Auswüchse für Auswuchs?. — 49.— r. p. unten: Gluth für Guth. — 51.— n. v. unten: Ungeschicktheit für Un- gefchickheit. — Zz.— r. v. oben: bei für be. — 58.— 6. v. oben: Monolog für Manolog. — 7z.— r. v. unten: weil für wei — 116.—- 4. v. oben: Kraftfülle für Kraftstülle. >— 141.— 6. v. unten: knbpft für knüpft. — iZz.— 4. v. unten: Nähe für Wähne. — 161.— 5. v. oben: demnach für denn. — 177.— ro. v. unten: monotoner für mo- notomer. —- 192.— n. v. unten: Pantomime fürPan- tvmine. — 208.— r. v. unten: Sühnopser für Sohn- opfer. Einleitung. I. E- ie bisherige Bildung zum Schausp ieler auf dem bekannten und gewöhnlichen Wege war also(laut der Vorrede) nicht achter Art, sondern größtentheils zufällig, folglich unsicher, schwankend, unzuverlässig und daher unzureichend oder unbefriedigend; sie war keine gründliche, planmäßige, folglich keine ganz vollkommen zweckmäßige und hinlänglich befriedigende Bildung zum wahren Künstler dieser Art, sondern blos zu einem fertigen Spieler. Denn i) bisher besaßen selbst die meisten Schauspieler noch einen sehr eingeschränkten und irrigen, einen zuniedrigen und unwürdigen Begriff theils von ihrer Kunst, theils von deren erhabenem Gegenstände und Zwecke, theils von den erforderlichen 9>aturgaben, Vorkennt- nissen, Vorübungen und von den zweckdienlichen Kunstfertigkeiten eines Schauspielers, welcher sich dieselben größtentheils durch rastlose und zweckmäßige Thätigkeit selbst erwerben muß. Daher wurden r) bisher nur allzuoft auch solche Theater- Candidate» aufgenommen' A 2 denen es nicht allein an den nöthigen Talenten, sondern auch an den crchrdernchen Vorkennrnissen, an richtigen Begriffen dieses Sachs und daher oft an hinlänglichem Fleiße, oder doch an zweckmäßiger Anleitung und Gelegenheit feylte, sich zum achten KüiffUer dieser Art zu Liften, z) Deßwegen mußten die meisten von unsern Schauspielern höchst mittelmäßig, folglich blos gemeine Schauspieler(blofe Handwerker) bleiben, ohne wahre Kunstschauspr«ler werden zu tonnen. Dieß letztere aber ist so lange unmöglich, als nicht gerade das Gegentheil von allen bisherigen Umständen dieses Faches erfolgt, nämlich-0 so lange man nicht richtige Begriffe und Kenntnisse von Schauspielkunst besitzt, b) so lange folglich noch keine zweckmäßige Erziehungsanstalt, oder auch noch keine schriftliche Anleitung zur vollendeten Ausbildung eines solchen darstellenden Künstlers vorhanden ist, r) so lange noch Personen ohne hinlängliche Naturzaben und Vorkenntnisse dieses Fachs zu Mitgliedern deö Theaters aufgenommen werden, anstatt, daß man hierzu blos diejenigen Theatercandidaten auswählen sollte, welche nach ihren hinlänglichen Fähigkeiten, Vorkenntnissen und rastlosen Bestrebungen zu wirklichen Kunstschauspielern von einem geschickten Lehrer dieses Fachs gebildet werden können, folglich so lange es noch an hinlänglichen Bildungsanstaltcn, oder an musterhaften Lehrern dieser Art fehlt. Denn leider begnügt« man sich bis jetzt gewöhnlich noch damit, die (aus gutes Glück aufgenommenen) angehenden Künstler und Künstlerinnen erst einige Zeit mehrere Theaterstücke vorlesen zu lassen, dann ihnen einige Rollen zu erklären, mit ihnen die(für sie passende») einzuüben, sie ihr Heil nach überstandener Probe öffentlich versuchen zu lassen, sie endlich nach glücklichem Erfolge alö Mit- glieder der Bühne förmlich anzunehmen, anzuerkennen und ihnen einen gewissen Gehalt zu bestimmen rc. II. Die Schauspielkunst verdient es daher gewiß, daß man würdigere rmd völlig angemessene Begriffe sich bildet theils von dieser Kunst und einem solchen Künstler selbst, theils von ihrem Hauptgegensiande, Quelle und Endzwecke, theils von ihrem Unterschiede und wechselseitigen Zusammenhange mit den(ihr zunächst verwandten) übrigen schönen Künsten, theils von ihrem Nutzen, Werthe und Vortheile, endlich von ihren Mitteln, von den nöthigen Naturanlagen und Vorkennt- nissen, von den zu erwerbenden Kunstfertigkeiten rc. Da alle diese Punkte in meinem Systeme der Deklamation überhaupt und der Mimik insbesondere(Wien 1817.) ausführlich dargestellt sind; so begnüge ich mich, hierüber in dieser Anleitung blos folgendes zu erinnern. i) Die Schauspielkunst, ist die schöne Kunst, theatralische Stücke aller Art auf das vollkommenste aufzuführen oder so charakteristisch darzustellen, daß sie verständlich und lehrreich sind, angenehm unterhalten, vergnügen, oder rühren, im angemessenen Grade täuschen und die beabsichtigte Wirkung des dramatischen Dichters eher vermehren, als vermindern. Denn der Schau spiel dichter ist blos der Compofi- teur(Verfertiger) der Theaterstücke, der Schauspieler hingegen(als wahrer Künstler) ihr Virtuose oder ihr lebendiger Darsteller. r) Wegen des großen Nutzens und Vergnügens guter Theaterstücke ist daher auch die Schauspiel- A r 4 kunfi in gleichem Grade angenehm, lehrreich, nützlich und in sofern nothwendig; sie gehört(mit der dramatischen Poesie und Deklamation überhaupt) nicht allein zu den vorzüglichsten schönen Künsten, sondern auch zu den nützlichsten und nöthigsten. Denn s) die übrigen schonen Künste(;. B. die Poesie und Musik überhaupt, die Malerei, Bildhauerei, Zeichen- und Kupferstccherkunst) können in ihren Werken zwar auch gefallen und rühren; sie können aber keinen so vielfältigen und zugleich wohlthätigen Einfluß auf uns haben, als Schauspielkunst, angewandt auf gute dramatische Stücke. Diese besitzen zwar auch schon an sich einen weit ausgebreiteter» Einfluß(als die übrigen Kunstwerke) auf die Allsbildung der Sprache eines Volks, auf die Bildung seines Verstandes, Umgangs und Geschmacks, auf die Verfeinerung der Sitten, auf Verbreitung aller wahren Welt- und Menschenkenntniß, auf Berichtigung falscher Meinungen und der Vorurtheile, endlich auch auf Verbesserung oder Veredlung des Menschen durch Erregung und Belebung sittlicher Gefühle, durch'Verbreitung richtiger Grundsätze, weiser Lehren, Tugendsprüche und Lebensregeln; aber ohne Beihülfe der Schauspielkunst(und der Deklamation überhaupt) wirkt auch die dramatische Poesie nur Halb. Denn b) der Dichter kann auch in Theaterstücken sehr viele Gefühle und Dinge nur schwach andeuten, weil sich dieselben durch keine Worte beschreiben lind ausdrücken, sondern sich nur fühlen, folglich sich nlir durch Gefühlsausdrücke der deklamatorischen Ton- und Geberdensprache lebendig versinn- lichen oder darstellen lassen. So vermag z. B. auch kein Schauspieldichter durch seinen schriftlichen Wortvvr- 5 trag alle passenden Ton- und Geberdenausdrücke der tausendfältigen Empfindungen, Gefühle, Asseete und Leidenschaften, oder Charaktere, ihre verschiedenen Grade und Verschmelzungen, Vermischungen oder Zusammenstellungen, ihr Steigen und Fallen anzugeben; er muß vielmehr dieß alles dem Kunstschauspreler(und vollkommenen Deelamator überhaupt) überlassen, es durch angemessene Töne, Laute, Aeeente, Wendungen,«Pausen, Tongänge und Geberden zweckmäßig wirksam darzustellen. Daher ist die Schauspielkunst(als lebendige Darstellerin dramatischer Stücke) nützlich, interessant, lehrreich und nöthig. Folglich darf man auch;) den Werth, Nutzen und Vortheil, die Wichtigkeit und Nothwendigkeit dieser schönen Kunst niemals deswegen Verkennen, weil es auch unter den Schauspielern eben so wohl manche Stümper, schlechte und sittenlose«Personen gibt, als unter den Tonkünstlern, Rednern, Dichtern u. d. gl., welche aber ihrer Kunst keineswegs den innern Werth rauben können. 4) Der Endzweck dieser schönen Kunst ist demnach treue Charakterisirung oder lebendig gute und schöne Darstellung des Charakters der in einer Rolle geschilderten«Person. Denn derSchausvieler führt nie allein ein Stück auf, spielt nicht einmal ganz allein seine übernommene Rolle ohne Beihülfe und Da- zwischcnkunft einer andern«Person aus, sondern immer mit andern seiner Zunftgenossen zugleich; der Redner Hingegen tritt ganz allein auf und muß allein seine ganze Kunstrede halten, deren Charakter er blos als einen allgemeinen andeuten kann und darf, nie aber ganz den besondern Charakter einer einzelnen be- stimmten Person nach allen Zügen. Selbst wenn der Redner einen Tugendhelden schildert, oder einen Laster- ^ haften; so geschieht es doch nur durch Worte, nie aber so, daß er eine solche Person wirklich so vorstellte und agirte, wie der Schauspieler auf dem Theater, wo er die geschilderte Person seiner übernommenen Rolle wirklich so redend und handelnd vorstellen oder vertreten und darstellen muß, wie die Person km Originale(wenn ste wirklich auf der Bühne nach der vom Dichter geschilderten Art wäre), wirklich reden, handeln und sich benehmen würde. Demnach muß der Schauspieler nicht etwa so, wie der Redner, blos im Allgemeinen charakterisiren(den geschilderten Charakter der zu agi- renden Person blos im Allgemeinen andeuten durch Worte, Töne und Geberden), sondern er soll und muß vielmehr die ganz bestimmte einzelne(individuelle) Person nach allen Zügen treu, schön und deutlich erkennbar oder wirklich selbst vorstellen, folglich individualisiern oder person ifieiren. Z) Daher unterscheidet sich die Schauspielkunst von der eigentlichen Redekunst und von der Deklamation des Redners blos durch Individualisiern oder Personificirung. Deßwegen ist die Deklamation und Mimik des Schauspielers eine prrsonifieirende, individualisirende oder identisicirende, während des Redners Deklamation lind Mimik nur ch^rakterisirend seyn kann, soll und muß, wie weiter unken noch deutlicher folgt. 6) Die Theaterstücke liefern bekanntlich den Stoff und Gegenstand der Schauspielkunst, deren Hauptgegenstand immer nur der innere und äußere 7 Mensch nach seinem darzustellenden Charakter seyn kann, ^8-7) Vernunft und Gefühl deS Declamators, Redners und quten Schauspielers(in Verbindung mu. hinlänglicher Erfahrung) die einzigen wahren Quellen auch der Schauspielkunst^^er ganzen äußern und innern, prosaischen und poetischen Beredt- samkcik) sind..« in. Der Ausdruck„Schauspieler hat bekanntlich(wie Com'odiant, Aeteur und Actrice) von icher schlechte Nebenbegriffe bei sich geführt und mancherle. verächtliche Bemerkungen, oder Vorstellungen veranlaß, . B nur allzuoft an den Seiltänzer, Han- wu-st und«Puppenspieler erinnert, auck,: daß der Schauspieler ebenfalls alles für Leid bl -u- Schau für das schaulustige«Publikum, oder gar blos für die gedankenlos gassende Menge thue,.mth.n daß er ein ganz anderer Mensch in fremden Kleidern und mit bemaltem Gesichte zur blosen Rührung, oder zur Spaßmackerei aller Art sey, gleich dem Seiltänzer, welcher Gottes Ebenbild misbrauche, den man daher,(wie jeden Schauspieler), als einen Sonderling mit aller Vorsicht behandeln müsse!" Da nun alle bisher üblichen Ausdrücke(z. V, Schauspieler' Aeteur, Lombdiant u, d. gl.) nur allzuoft und leicht an die Schellen- und Narrenkappe, an die«Pritsche, anSpaß- oder Lustigmacher oder Schwänkeführer und privilegrrte Scherz, treLber erinnern, während der Ausdruck„M en sch e n- darfteller" an Guckkasten,-Panoramas eder Malerei u. d. gl. leicht erinnern dürfte; so hab.«ch schon m meinem Systeme der Deelamatcon für alle diese UWWWWM-qE,« unpassenden und ziemlich unedlen Benennungen den Ausdruck„K unstlchauspieler oder Schauspiel- künstle r" unmaßgelblich vorgeschlagen; aber gegen dessen gütige Annahme haben vorzüglich die meisten Schau: fpieler in bester Form appellirt und protestirt, vermuthlich, aus allzugroßer Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe, weil ihnen vielleicht ihr Bewußtseyn eingeflüstert haben mag-„wir sind keine wahren Kunst schau- svieler. sondern blos gemein e Sch au sp ie ler, Comödiante», kein« Künstler dieser Art, sondern blose Handwerker, die ihr Handwerk mechanisch erlernt haben, forttreiben und es nur als ernährendes Gewerbe behandeln rcD— Eben so ist auch der Ausdruck„M enschendar- oder Vorsteller überdieß noch deswegen unpassend, weil die blose Vorstellung irgend einer zu agirenden Person mehr deren Aeußeres, als ihren innern Charakter betrifft, folglich ebenfalls hin Verbindung mit der Schellenkappe und dein Schel- lcngeklingel) blose Manier ist, welche sich durch angc- nomme e Regeln erlernen und ausüben läßt, gleich jedem blasen Gewerbe und Handwerke!— Die richtige Darstellung der zuaz'renden Person nach ihrem wahren Charakter hingegen betrifft zwar mehr ihr Inneres, folglich die Art, den Grad und Gang ihres Affects, oder ihrer Leidenschaft, mithin auch die einfache und hohe Wahrheit des passendsten Ton- oder Geberdenaus- drucks, mit der lebendigen Hingebung aller Uebergänge, welche m der menschlichen Seele dabei wechseln und den Künstler allmahlig zum Ziele führen helfen; aber eine solche lebendig passende Darstellung ist kein bloses Spiel sondern eine wahrhast schbn- und sehr mühsame' 2 schwere Kunst, gan; tief aus der menschlichen Seele, aus Geist und Her; des vollendet gebildeten Künstlers dieser Art geschöpft. Eine solche charakteristisch lebendige und höchst individuell verstnnlichte Darstellung sollte man daher künftig nicht mehr em bloses Spiel nennen. Denn sonst könnten die(durch eine solche unpassende Benennung oft in drückende Verlegenheit gesetzten) Schauspieler(oder oft als Schüler) leicht in langweilige Trockenheit verfallen, um ja nicht für P u p- xenspieler und Seiltänzer gehalten zu werden. Deswegen ziehen sich manche Kunstschauspieler bisweilen aus blosem Mißverstände mit scheinbarem Hochmuthe entweder sehr verlegen aus dem gesellschaftlichen Umgänge zurück, oder spielen manche Rollen zum Theil von der Bühne herab in noch schlechter» Ausgaben, oder Auflagen weiter fort. Da nun die ächt charakteristischen Menschendarstellungen auf dem Theater kein bloses Spiel, sondern die edelsten Früchte einer der erhabensten und schönsten Künste sind; so muß die passendste Benennung eines solchen Künstlers, dessen natürliche Darstellung freilich bloses Spiel scheinen soll, dennoch Kunst und Spiel in sich zugleich vereinigen, welches in dem Ausdrucke„K unstschauspieler oder Schauspielkünstlcr" wirklich Statt findet. Daher sollte man blos den schlechten, gemeinen Thcalerkünstler einen Acteur, Comödianten oder Schauspieler nennen, hingegen den meisterhaften Künstler dieses Fachs einen Kunstschauspieler oder Schauspke l- künstler(von Schauspielkunst), ungefähr aus demselben Grunde, wie man den geschickten Bereiter einen K u n st- bereiter nennt. ro Der wahre Kunstschauspieler ist denmach derjenige schöne Künstler, welcher jede übernommene Rolle irgend eines Theaterstücks durch zweckmäßig vas- sende Ton- und Gcberdensprache musterhaft oder charakteristisch darzustellen weis. Wer hingegen dieß nicht vollkommen zu leisten vermag, der ist nur ein gemeiner, alltäglich gewöhnlicher Thcaterspieler, ein bloser Theaterkünstler Conwdiant oder Acteur, aber kein wahrer Kunstschauspieler. Dieser letztere soll(als personisseiren- der Deelamator) der vortragende, darstellende Virtuos der übernommenen Rolle seun, folglich den Zulchauern den wirklichen Menschen im Leben, Wirken und Handeln nach allen Zügen charakteristisch treu(natrir- und wahrheitgemäS), zwar veredelt, aber doch leicht erkennbar darstellen, mithin nach dem jedesmaligen Charakter der zu agirenden Person durchaus angemsßen reden und bandeln. Dieser Charakter, welcher die Umgangssprache größtentheilS erfordert, ist freilich nicht immer schön, angenehm, edel und würdig, sondern oft auch vermischt und schlecht oder intriguant, z. B. in Rollen des VerläumderS, Betrügers, Verbrecher«, Rachsüchtigen und Boshaften, oder des Bösewicht« überhaupt. Während z. B. der Vor l« ser blos fremde Gedanken und Gefühle, der Redner aber seine eigenen vorträgt, muß hingegen der Kunstsch au sp ieler (wie der Deelamator überhaupt in einem Deelamator« o) so sprechen und handeln, wie die zu agirende Person von ähnlichem Charakter, Stande und Bildung«grade im wirklichen Leben nach ihrer eigenthümlichen Lage spricht und handelt. Zwar sind;. B. Hirten, Landleute, Bauern und Handwerker, oder überhaupt Leute von n geringer Erziehung, schlechten und gemeinen Sitten, aus niedern Ständen, endlich ungestüme, wunderliche und oft widerliche Affekte, oder Leidenschaften aus dem Theater schon bei ihrem ersten Anblicke kenntlich; aber der Kunfischauspieler muß auch diese Personen in Kleidung, Ton- und Gebsrdensprache, im Anstande und Gang« veredelt(idealisirt, verfeinert und doch dabei noch leicht erkennbar) darstellen, hingegen(wie jeder wahrhaft schöne Künstler) alles Auffallende, Gemeine, Schmutzige, Ekelhafte, oder Verkrüppelte sorgfälltig vermeiden, um möglichst angenehm zu wirken, nie aber Augen und Ohren des Publikums zu beleidigen!— IV. Freilich kann dieß nicht jeder nach Wunsche völlig leisten, weil es ihm entweder an den nöthigen Fähigkeiten hiezu, oder an hinlänglichen Kenntnissen. oder an gutem Unterrichte seines Fachs, oder an zureichenden Kunstfertigkeiten fehlt. Nicht jeder kann daher ein wahrer Schauspielkünstler werden, wie er wünscht und es gern werden wollte. Denn es gehört z. B. schon viel dazu, auch nur den dramatischen Dichter nach dem(im Wortvvrtrage) wahren Sinne und Zwecke seiner dargestellten Ideen, Charaktere und Gefühle ganz richtig zu verstehen, noch mehr aber die beabsichtigte Wirkung treu aufzufassen(den Charakter jeder Rolle, wie des ganzen Stücks, richtig zu nehmen oder zugreifen) und meisterhaft darzustellen, endlich noch mehr, die etwa- nigen Fehler und Schwächen des Theaterdichter« gehörig zu verbessern und alles so vollkommen meisterhaft auszudrücken, daß jede Rolle eines Stück« als besonderer Theil im schönsten Verhältnisse zu dem Ganzen, zu dessen eigenthümlichem Geiste, Charakter und Zwecke steht- 12 Daher hängen die Wirkungen oder Eindrücke iedes Theaterstücks eken sowohl von seiner sauten, oder schlechten) Aufführung oder Darstellung ab, als der Eindruck oder die Wirkung einer Rede von ihrer mündlich mimischen Haltung, oder eines musikalischen Tonstücks von der Art seines wirklichen Vertrags, folglich davon abhängt, wie es gessielt, oder gesungen wird. Denn z. B. ein schlechter, gemeiner Schausvieler kann das beste dramatische Stück verderben, ein mkttelmäßiaer aber dasselbe entstellen, schwächen, geist- und kraftlos machen, hingegen der meisterhafte Kunstschaussieler selbst das mittelmäßigste Stück durch sein meisterhaftes Spiel über alle Erwartung Heden, gefällig und rührend darstellen, wenn er dabei Licht und Schatten zweckmäßig verbreitet, alles Eckig« abrundet, das Flache paffend hebt, Härten mildert, schroffe Uebergänge unmerklich macht, Lücken ausfüllt und alles in schöner Uebereinstimmung verbindet. Von dieser Seite ist daher auch die Schauspielkunst vorzüglich von einem sehr wohlthätigen Einflüsse und sehr ausgebreitetem Nutzen. Denn diese Kunst hat einen so erhabenen moralischen Zweck, daß keine andere schöne Kunst mehr, als sie, ein-n gerechten An- sp.-uch auf Werth und Wichtigkeit, Nothwendigkeit und Unenthehrlichkeit machen, den Menschen in Vorsicht, Klugheit und Menschenkenntniß überhaupt mehr üben, Vsrurtheile leichter zerstreuen, Sitten und Gefühle veredeln, Welt- und Menschenkenntniß verbreiten, Geschmack, Kopf und Herz mehr bilden und verbessern kann!—- Hieraus erhellet deutlich, daß Natur und Kunst in dem Schauspielkünstler(wie in dem vollkommen meisterhaften Declamator oder Kunflredner überhaupt) sich weit wehr harmonisch Vereinigt haben müssen, als in irgend einem andern schönen Künstler, z. B. selbst in dem un- declamatorischen Lichter, weil diesen der Kunstschauspic- ler(wie der Deklamator überhaupt) nöthigen Falls muß verbessern können. Daher muß der Kunfischauspieler nicht allein eigenthümliche innere und äußere Naturanlagen(Talente, Fähigkeiten) sondern auch die nöthigen Kenntnisse besitzen und die erforderlichen Kunstfertigkeiten sich erwerben, oder schon erworben haben. Denn er reicht keineswegs mit einem geringen Grade von Men- schcnkenntniß, von Verstand und Vernunft, von Witz und Einbildungskraft, oder Gefühle, oder mit einer leidlichen Außenseite, mit erträglicher Stimme, Aussprache und Sprechart aus; sondern in ihm müssen sich Natur und Kunst, Fähigkeiten, Kenntnisse und Kunstfertigkeit deswegen im hohen Grade harmonisch vereinigen, weil er des dramatischen Lichters blosen Wortvortrag, welcher an sich kalt und leblos ist, erst beleben, folglich den ganzen Menschen im Lenken und Empfinden, Wünschen, Begehren und Mollen, im Thun und Lassen, im Reden, Treiben und Betragen, durch passende Redetöne, Ton- und Eeberdcnsprache charakterlich schön oder vollkommen zweckmäßig darstellen muß, welches außer ihm(und dem vollkommenen Declamatvr überhaupt) kein anderer Sprachkünstler zugleich durch angemessene Worte, Eefühlstöne und Geberden weder zu leisten braucht, noch darstellen kann, ohne selbst Kunstschauspieler und Declamatvr überhaupt zugleich zu seyn. V. In Ansehung der äußern Naturanlagen muß auch der Körper des Kunstschauspielers wenigstens a) wohlgebaut, leidlich und untadclhaft gewachsen, -4 wo nicht gerade schon, doch gut gestattet, anständig untz fest seyn, vorzüglich aber fleischig, gelenkig oder geschmeidig, biegsam und behend, von mittlerer Größe und Leibesbeschaffenheit, weder allzustark, noch zu schwach und mager, damit er fähig ist zu allen Wendungen, Haltungen, Lagen und Stellungen. Der Körper des Schauspielkünstlers darf daher b) weder zu groß, noch zu klein, noch abschreckend, auffallend und häßlich seyn, damit er für all« Rollenfächer paßt, welches sonst unmöglich ist. Denn wer z. B. zu klein, oder zu groß, zu schmal und klapperdürr, oder zu breit und dick, oder grob und verstaucht geballt, unansehnlich und ungelenkig ist, wird in jeder Rolle schon auf den ersten Anblick iminer wieder erkannt lind tragt von seinen Eigenthümlichkeiten zuviel in jede zu agirende Rolle über; dieß ist aber dem reinen Rollenspiele und der nöthigen Täuschung deS Zuschauers höchst nachtheilig. Denn das Auffallende eines solchen Künstlers zerstreuet die Aufmerksamkeit des Zuschauers zur Unzeit und erregt in demselben nicht nur zweckwidrige Gedanken, sondern auch nachtheiuge Gesinnungen, Vergleichungen und Gefühle- Er darf demnach nichts Lächerliches und Auffallendes an sich haben, weil dieß einen widrigen und verächtlichen, nachtheiligen Eindruck macht, entweder Mitleid, oder unabsichtliches Lächeln erregt rc. Ueberdieß kann ein solcher Künstler, dessen Gestalt sich in jeder Roll« ziemlich gleich bleibt und auf den ersten Anblick leicht wieder erkannt wird, sich weder viel älter, noch viel jünger, fetter, oder magerer machen, sondern er erscheint in jeder Tracht leicht erkennbar, gleich dem Affen, welcher auch in Stutzertracht kenntlich genug ist!-- i) Der Kopf des Kunstschauspielers darf daher Nur länglich rund, nicht kugelrund, nicht lang und kugelförmig, weder Platt, noch breit seyn, so auch 2) der M und weder auffallend groß, noch zu eng und geschnürt, z) Kinn und Nase dürfen weder sehr lang, noch hervorstehend seyn. 4) Er muß große und weite Augen, aber keine aus dem Kopfe hervorstehenden, dickrundcn, oder kleinen und tief liegenden haben, welche zu viel, oder zu wenig ausdrücken. 5) Sein ganzes Gesicht muß ausdrucksvoll seyn, um alle Eeberden vollendet gut darzustellen, alle Gefühle nach ihren Abstufungen und Vermischungen der sittlichen Beschaffenheit und der Assecte nach den Gesetzen der Schönheit eben so fein, als lebhaft und treffend malen zu können, während ein strammes(blos weniger Eeberden fähiges) und allein auf sie sich hinziehendes Gesicht dem Schauspieler nachtheilig ist, weil er nichts Auffallendes, seinem Spiele Nach- theilig es an und in den Eestchtstheilen(selbst nicht im Kopfputze und Haaren) besitzen darf, welche vielmehr in paffenden Verhältnissen gegen einander stehen sollen. L) Seine Stimme muß hell, vvlltönig, durchdringend, in Stärke und Schwäche immer wohllautend, ausdauernd, äußerst biegsam und nicht überschlagend seyn; sonst kann er weder in langen Stücken ausdauern, noch viele Rollen angenehm, kräftig und eindringend spselen. Seine Stimme muß daher bei aller Stärke und Geschmeidigkeit nicht nur einen großen Umfang besitzen, um steigen, oder sinken und die verschiedenen Tonarten (Modulationen) vollkommen angeben zu können; sondern sie muß auch geübt und schon wegen der Annehmlichkeit allseitig ausgebildet seyn, wie 7) die Aussprache, welche Reinheit, Richtigkeit, Klarheit, Deutlichkeit und Wahrheit, Feinheit, Anmuth und Schönheit besitzen muß, da selbst eine schwache, aber richtige und feine Aussprache weit deutlicher ist und viel weiter reicht, als eine unrein starke, welche einer Fackel gleicht, die nur wenige Schritte leuchtet und alles übrige in Schatten läßt, während die erstere, wie das sanfte Tageslicht, alles erhellet. 8) Seine Sprachwerkzeuge müssen demnach ganz vollkommen eingerichtet, geschmeidig und biegsam, mithin durch erworbene Fertigkeit im Stande seyn, die jedesmal passendsten Töne, Laute, Worte und Accente auszusprechen, folglich durch die ganze Tonsprache in harmonischer Verbindung mit der Geberdensprache alles vollendet schön darstellen zu können. Vl. Auf die innern Anlagen des Geistes, Herzens und Charakters, des Verstandes und der Vernunft, der Denk- und Empfindung s- oder Gefühlskraft kommt noch weit mehr an, weil ohne dieselben die schönsten Anlagen des Körpers eines Kunstschauspielers von wenig Bedeutung bleiben. Daher muß vorzüglich der Kunstschauspieler, wie der Redner und Declamator überhaupt, 1) nicht nur einen richtigen Verstand, feine Ur- theilökraft, Scharf- und Tiefsinn, Witz, Einbildungs- und Erfindungskraft, Geschmeidigkeit des Geistes, Scharfblick und schnelle Fassungskraft besitzen, sondern auch 2) Geistesgegenwart, schnelle Besinnungskraft, gutes und treues Gedächtniß, z) 17 z) lebhaftes lind seines Gefühl, Mahrheits- nnd Schvnheits- oder Kunstsinn, Begeisterung und einen innern stets regen Tarstellungstrieb, 4) einen moralisch guten festen Charakter und un- anstößige Sitten; 5) alle diese Gaben des Geistes und Herzens soll er in hohem Grade harmonisch ausgebildet haben. 6) Er muß sich des Besitzes aller erforderlichen Vor- kenntnisse, Vorbereitungsmittel und Wissenschaften, ferner aller durch zweckmäßige Vorübungen vielseitig erworbenen Kunstfertigkeiten, Welt- und Menschenkenntniß erfreuen können, welche er vorzüglich in meinem Handwörterbuche der Physiognomik, Mimik und der Deklamation überhaupt findet. 7) Er muß außer dein Besitze der nöthigen gelehrten lind Sprachkenntnisse alle schonen Eeisteswerke jeder gebildeten Nation gelesen haben. Denn alle diese Anlagen, Eigenschaften, Kenntnisse und Kunstfertigkeiten sind dem Schauspieler um so unentbehrlicher, je weniger der dramatische Dichter außer den blosen Worten für Ton- und Eeberdensprache auch Winke ertheilen kann. Was z. B. das Besondere und Eigenthümliche jeder Rolle, oder welches der Charakter und Endzweck des ganzen Stücks sey, oder worin die Nebenzwecke und Rollen mit ihren Charakteren als Hülfsmittel bestehen, sagt der Dichter selten, oder nicht, wenigstens nie vollständig und zweckmäßig, sondern überlaßt vielinehr die ganze Auffindung und Darstellung aller dieser Verhältnisse und Charaktere dem Scharfblicke, dem Geschmacke, Kunst- oder Schönheitssinne, der Kunstfertigkeit, der seinen BeurtheilungS- und Erfindungs- B krast des Declamators überhaupt und des Schauspiel- künstlers insbesondere; es müßte denn der Schauspieldichter (wie einst in Griechenland und Rom) selbst auf dem Astraler seine Stücke mit einfludiren helfen und zeigen, wie ste am zweckmäßig wirksamsten aufgeführt werden solusn. Es gehört also noch weit mehr Geistescultur dazu, die von dem Dichter entweder zu scharf und schneidend, ftlgllchzu es-M genommenen und zu wenig verallgemeinerten Charaktere zweckmäßig zu verallgemernen, oder die zu sehr verallgemeinerten gehörig zu individualistren, allen Witz aufzufinden und tretend darzustellen, die feinsten Unterschiede auszudrücken, sich ganz in die charakteristische Handlung zu versetzen, alles paffend auszumalen, die harten Uebergänge abzurunden und ausfüllend unwirklich zu machen, die schwachen Stellen zu heben, fich in alle Lagen, Verhältnisse, Seelenstimmun- aen, innern Zustande und Gemüthsbewegungen(Affecte), oder Leidenschaften zu denken, überall die zweckmäßigste Anordnung, Anwendung und Abänderung zu treffen, alles nach Erfvrderniß zu verbessern, oder zu veredeln, selbst die innersten Geheimnisse der Leidenschaften, ihre unendlichen Abstufungen nach Naturbeschaffcnhcik, Erziehung, Stand, Alter und Geschlecht, ihre geheimsten Gänge, Schliche und Sprünge, Seltsamkeiten und Kusse, die ganze Denk- und Handlungsweise aller Stände nach Tracht, Sitte, Landesart und Zeit ohne Verstoß treffend darzustellen, mithin auch bei allen Vorfällen auf dem Theater wahrend der Action in steter Fassung zu bleiben, bei der öfter« Wiederholung derselben Sücke aber mit Ton- und Geberdensprachc schicklich akzuwech- rs seln, bei aller natürlich gewordenen Kunst und Wahrheit dennoch den Rcitz der Neuheit stets zu erhalten, folglich nicht jedesmal z. B. bei dem Erschreckenden Hut aus der Hand fallen zu lassen, oder dieselbe Eeberde zu wiederholen rc. Bei dem Kunstschauspielcr muß sich daher Teko- nungs- und Eeberdcnlunst in der größten Volllommen- heit vereinigen. Denn während z. B. der deklamatorische Vorleser sich vorzüglich mit der Tonsprache und nur wenig mit den Ecbcrdcn ausdrücken beschäftigen kann und soll, der Redner aber die Eebcrdensprache hei aller seiner Eetonungskunst dennoch,(zur nöthigen Behauptung seines Charakters und seiner Redewürde,) hei seinem allein zuhaltenden überdachten Vortrage weit weniger gebrauchen darf, als der Ku„fischarespirier, muß dieser, als eine im wirklichen Handeln begriffene Person,(in welcher Gedanken, Gefühle, Wünsche, Leidenschaften und Entschlüsse erst so eben ursprünglich zu entstehen scheinen misten, so daß nichts eine so bestimmte rednerische Haltung hat und bei dem Künstler alles wie unvorbereitet zum Vorscheine kommen muß), eine man„ich faltigere und lebhaftere Ton- und Geberdensprache zur treffenden Ausdrückung aller Lagen und Leidenschaften anwenden, um alle in seiner Rolle vorkommenden Stimmungen, Lagen, Verhältnisse und Gemüthsbewegungen nicht allein nach Alter, Geschlecht, Stand, Würden, Lagen, Sitten, Trachten, Zeit- und Landesgebräuchen, sondern auch nach der besondern Eigenthimlickleit der vorzustel-. lenden Person, im Entstehen und Wachsen, in allen Uebergängen und Veränderungen vollendet wirksam schön B 2 20 darstellen zu können. Gewiß ein solcher Kunstschauspieler ist auch bei uns, wie er es bei den alten Griechen und Aiinnern war, ein äußerst schätzbarer Künstler, mithin ein ehrenvolles Mitglied der besten Gesellschaftscirkel und seine Kunst eine der herlichsten, wohlthätigsten, nützlichsten und göttlichsten! vii. Hieraus folgt von selbst, daß auch jeder fähige und würdige Theatercandidat folgende Vorkennt- nisse und Fertigkeiten besitzen, folgende Vorbereitungsmittel und Hülfswissenschaften hinlänglich kennen und anzuwenden wissen müsse: i) die nöthigen Vorkenntnisse der Sprachlehre, der gelehrten Sprach-und Sachkenntnisse, vorzüglich der Rhetorik, Poetik, Aesthetik, L ogi k, S ee len leh re und der Philosophie überhaupt, ohne welche er keinen prosaischen, oder poetischen Schauspieldichter gehörig verstehen und beurtheilen, noch weniger aber dessen wahren Sinn, Geist, Zweck und ganzen Charakter in einem dramatischen Stücke genau erforschen, weder die Ideen, Gedanken und Gefühle eines Satzes, oder Verses, noch die Hauptpunkte des Ganzen auffinden, treu auffassen, greifen und wirksam darstellen lernen kann. 2) Musik, Malerei und Zeichenkunst sind nöthige Vorkenntnisse und Hülfsmittel nicht nur zur Aufführung von Opern und Pantomimen, sondern auch zu allem mündlichen und mimischen Vortrage des Kunstschau: spielet s auf dem Theater. z) Zu Schauspicltänzcn und Ballets ist Tanzkunst' ben so unentbehrlich, als rr 4) die Fccht- und Reitkunst zur Darstellung mancher dramatischen Rotten, A) vorzüglich Deklamation überhaupt und Mimik insbesondere mit aller erforderlichen Welt- und Menschenkenntniß aller Stande und Völker in ihren verschiedenen Zeitaltern nach ihren Trachten, Lebensarten, Nahrungsmitteln, Bildungsgraden, Re- gierungsformen, Himmelsstrichen, Beschäftigungen, Kenntnissen, Religionsbegriffen, Gewohnheiten,^"en und Gebrauchen, Wohnungen und Kleidungen, Tcm- und Handlungsweisen. Denn alle diese Kenntnisse sind schon nöthig zum richtigen Verstehen, noch mehr aber zur richtigen Auffassung und Darstellung der Charaktere aller Menschenclassen. 6) Hiczu gehört noch die genaue Kenntniß aller Zustände der Gesundheit und Krankheit des Geistes und Körpers, aller Gemüthszustände, Gefühle und Geistesthätigkeiten, aller Affecte und Leidenschaften, aller Charaktere und Charakterzüae nach ihren passendsten Ton- und Geberdenausdrücken, welche man vorzüglich in meiner neuen Physiognomik, Mimik, Pantvmimik und Deklamation überhaupt(in einem Wörterbuchs derselben dargestellt) leicht finden kann, worin zugleich die einzig wahre praktische Menschcnkenntniß und Kunst enthalten ist, den innern Menschen aus seinem Aeußern, vorzüglich aus seinen Eesichtszügen, Mienen, Geberden, Gefühlstönen, Worten und allen äußern Umstanden genau zu erforschen oder kennen und zweckmäßig behandeln zu lernen. Man muß demnach auch zu diesem(wie zu jedem andern) Kunstfache geboren, sein vrgam'sirt, an Leib sr und Seele paffend gebildet seyn, oder es»och werden, folglich hiezu nicht allein Lust, Äorliebe und Gelegenheit, sondern auch natürliches Genie haben, um vollkommener Kunstschauspicler und so lsndeter Derlam rkor überhaupt werden zu können, mithin theils um seine Gefühle und Einbildungskraft selbst so zu beherrschen, daß sich alle Ideen und Empfindungen zu vollkommen paffenden Tbnen und Geberden stimmen, welche sich durch keine Muük und Worte lehren lassen, theils um durch angemessene Empfindungssprache der Töne und der Gelberden auf Ge'st und Her; der Zuschauer und Zuhörer zweckmäßig wirken zu können. Auf diesem naturgesetzmäßigen Wege muß die ganze Erziehung oder einzig zweckmäßige und vollkommene Ausbildung jedes würdigen Theatcr- candidaten zum musterhaften Kunstfchaufpieler dreifacher Art seyn: i) vorbereitend, r) fortbildend, z) völlig ausbildend zum meisterhaften Komiker und Tragiker. 2 » * Erstes Kapitel. Vorbereitende Bildung oder erste Periode der zweckmäßigen Bildung zum Kunstschauspieler. 3^ur Personen von den bisher genannten unentbehrlich nothwendigen Fähigkeiten und Vorkenntnissen sollte man (als Candidaten des Theaters) zur Vorbereitung dieses Fachs zulassen, hingegen alle weniger talent- und kennt- nißvollen zurückweisen, aus denen niemals vollkommene Kunstschauspieler gebildet werden können. Doch nach der bisherigen(oben geschilderten) gesetzlosen Erziehungsmethode angehender Theaterliebhaber können sich nur wirkliche ThcatergenieS die Bahn selbst brechen, aber ohne einen musterhaften Führer sich nie ganz vollendet ausbilden. Denn z. V. selbst nur die wenigsten Regisseurs(Theaterverwalter) und Tireeteurs verstehen ihr Fach hinlänglich; dabei haben sie oft weder Zeit, noch Lust, noch Fähigkeit, angehende Schauspieler ganz zweckmäßig zu bilden und ihnen sogleich im Anfange bei den Uebungen im Vorlesen, oder Declamiren deutlich zu zeigen, daß dieselben(selbst bei den besten Anlage» und dem größten innern Berufe zu dieser Kunst) dennoch nicht allein sehr viele Mangel i» ihrer Ton- und Ge- 24 berdensprachs haben, sondern auch bei allem richtigen und klaren Denken ihre Gedankenfolge nicht leicht durch den Gehalt und Ausdruck ihrer Sprache ganz deutlich darstellen können, sondern dieß erst in den Declamati- onsübungen vollkommen erlernen müssen. Denn sie werden entweder vom wild auflodernden Feuer zur Ver- schlingung der Sylben in einander, oder zu deren Verschlucken, vorzüglich zum Fallenlassen der Endsylben und zum allzuschnellen Reden verleitet; oder<>e haben sich eine leiernde, oft süßlich gedehnte Melodie im Speechen und Lesen angewöhnt, welche oft schleppend langsam ist, nichts gehörig bezeichnend ausdrückt und zu viel, oder zu wenig betont. Daher muß der erste Bildungsunteericht auch des Theatereandidaten(wie angehender Redner und Deklamatoren überhaupt) mit der zweckmäßigen Uebung im ganz richtigen, deutlichen und vollkommen guten Sprechen, Lesen, Vorlesen und Declamiren beginnen, um es so weit zu bringen, daß Theaterzöglinge ohne eigene und fremde Anstrengung des Zuhörers durchaus deutlich vernommen und völlig verstanden werden können, ohne den Zuhörer zu nöthigen, den ganzen Zusammenhang und manche Worte, oder Sylben blos mit Mühe nothdürftig zu errathen. Man übe solche Schüler hierin theils nach meiner schönen Vorlesekunst, theils nach meinem Systeme der Dcclamation, womit demnach der Anfang gemacht werden muss. Denn sollen sie diese unentbehrliche Uebungsart im leicht und bequem verständlichen Sprechen wahrend dem Rollencinlernen zugleich treiben und ihre Sprache so bilden, dass sie feste Haltung bekommt; so entspringt durch diese zersplitterte Aufmerksamkeit ein blos mechanischer Unterricht, welcher die feine und treue Cbarakterdarstellung der Rolle verdirbt. Freilich glaubt jeder, so deutlich, richtig und schön sprechen zu können, daß er gar keine Sprechstunde nöthig zu haben wähnt; allein bei der ersten Probe im Lesen, oder Declamiren einiger Stellen seiner Rolle findet er selbst seine Unvollkommenheit und muß sehr leicht gestehen, daß er in der Meinung sey, vor dem Publiko sich im Reden anstrengen, recht laut reden, schreien und Hinausrufen zu müssen. Jeder wird indeß durch Beispiele an andern sehr bald einsehen, daß der allzulautc, schmetternde Ton die Kehle zusammenziehe und daß bei der schnellen Aufeinanderfolge des lauten Schalles zu den entfernten Zuschauern keine deutlich vernehmbaren Worte gelangen, sondern nur ein rauhes Geräusch und verworrenes Getöse daselbst ankommen könne. Um nun auf der Schaubühne(wie auf der Kanzel) bequem vernommen zu werden, muß man nicht nur die Worte, Sylben und Endlaute, oder Voeale ganz vollkommen rein und deutlich aussprechen, sondern sich auch möglichst bestreben, weder nach den Seiten zu, noch i» sie Hinein, sondern blos möglichst gerade nach dem Publiko hinaus zu sprechen und den Mund nicht allzuweit zu öffnen, damit man die Spannung der Wangen und Lippen gehörig erhält, welche eben dieses Hinaustragen der Worte sehr befördern. Alles beruhet Hiebei auf der Gelenkigkeit der Zunge und auf der errungenen Gewalt, sie zweckmäßig wirken zu lassen. Man darf die Worts nickt aus unbeweglichen Lippen Herausleiern, sie nicht durch weit geöffnete, oder hängende Lippen, hinter welchen die Zunge nur eine matte Federkraft ausüben kann, r6 » . hervorsprudeln, sie nicht mit ungestümer, harter Zunge herauswerfen oder herauslösten, sondern die.'Borke sür die feinern Accente, bei denen nur die Zungenspitze geschäftig seyn darf, gleichsam nur«ntlgssm, ausser wo die Natur der darzustellenden Sa he ein« Drkere Aais- sprache erfordert. Angehende Schauihieler mr:;ch,men Zähnen pflegen diesen Schm- ck gern zu zeigen, brauchen ohne Zartheit und Bestimmung nur wenig, oder vermeiden gar die nöthige Spannung der Lippen, dnmt nur die schönen Zähne ganz unbedeckt bleiben, wobst aber ihrer Sprache dir nöthige Vollkommenheit mangelt, welche sie ihr doch ganz vorzüglich geben könnten. Im Reden trage man den Kopf ohne Zwang ausrecht, weder zu hoch, noch stnkend tief, wofern die? nicht die Darstellung erfordert, weil sonst in beiden Fällen die Kehle nicht in ihrer natürlichen Lage ist und ihre Kraft hiedurch gehemmt wird. Bei der zwanglos geraden Richtung des Halses und ganzen Körpers hingegen wird der ganze Umfang der Kehle nicht geschmälert oder man braucht bei dem Reden seine Zusticht zu keinen gewaltsamen Gesichtsbewegungen zu nehmen, wodurch man bisweilen den gewünschten nöthigen Ton herauszuzwmgen glaubt. Nur das reine und zwanglose Aussprechen der Sylben und Endlaute, oder Vocale bildet den Charakter einer angenehm hörbaren Spräche. Man darf keine Sylben, Vocale und Laute verschlingen, oder undeutlich, oder falsch und unrein ausforschen, sondern man muß sie alle ganz bestimmt angeben. Durch fleißige Uebung hierin erlangt mm ohn« Ziererei und Zwang dennoch bald eine Fertigkeit, die Worte selbstim schnellsten und leidenschaftlichsten, oder affeetrollestcn Ausdrucke -7 « völlig hörbar auszulprechen. Mit einer solchen reinen und ganz bestimmten Aussprache kann selbst ein Schwindsüchtiger, bei schwacher Stimme, in einem großen Raume, einem zahlreichen, ruhigen Publiks dennoch verständlich werden. Nicht die Stärke oder Lantheit der Stimme macht sich verständlich, sondern nur ihre Reinheit, wie wir im Reden mit harthörigen Personen finden, welche oft die schreiendste, aber unreine Stimm« nicht verstehen, wohl aber die langsam rein auseinandergesetzte Rede. Das Vorlesen aus wissenschaftlichen, oder Geschichtsbüchern ruhigen Inhalts muß den Ansang dieser vollkommenen Sprachbilduna machen. Mer im gesellschaftlichen?eben etwas vorträgt, meldet, oder erzählt, der pflegt bei den bedeutendsten Punkten und Stellen etwas inne zu halten, nicht blos um Athem zu schöpfen, sondern auch um die Aufmerksamkeit zu erregen und das Nachdenken zu schärfen, oder ihm einige Augenblicke zu geben, welche ihm die Ueberzeugung der Zuhörer gewinnen soll. Dieses nöthige und bisweilen absichtliche, zweckmäßige Pausiren geschieht oft auch bei eiwelnen Worten von Gewicht, oder bei Theilung der Perioden, als Erholung ssir Redner und Zuhörer. Bei dem achtsamen Vorlesen aus Schriften rubigen Inhalts findet der Vorleser diese Nothwendigkeit der Erholung leicht von selbst. Sollen nun alle diese Punkte des richtigen, reinen und bestimmten Sprechens, oder Vorlebens mit der ganzen Ton- und Geberdensprache erst bei dem Rollenstudio gelehrt und gelernt werden; so findet der studirend einübende Neuling sich in dem Gange seiner vorzutragenden Rolle davon unangenehm aufgehalten und steht die unentbehrliche Nothwendigkeit eines «8 solchen Sprechens nicht deutlich ein. Was er ja auf Treue und Glauben an die lehrende Autorität davon annimmt, das steht nun, als blos erkünstelte Einschie- bring, ohne alle Verbindung mit dein Ganzen, für sich allein, kalt und ohne alle Wirkung da. Bei einem solchen ruhigen Vorlesen hingegen kann der Declama- tionslehrer mit Klarheit über die Vortheile des passenden AthemholenS und der haushälterisch weisen Verwendung des Athems, über zweckmäßige Pausen, Grund- und Nebentöne sich besser und deutlicher erklären, als es nachher bei dem Einstudiern der Rolle möglich und zweckmäßig ist. Des jungen Kunstgenossen Phantasie geht immer vorher, schweift gern schon im Voraus zu dem Genusse des einzuärndtenden Beifall« und verwirft nun bei dem Nollenstudio den zweckmäßigsten Declamationsunterrkcht als kleinliches Hülfsmittel, welches er entbehren zu können wähnt, weil es ihm von dem erwünschten Ziele aufhaltend entfernt! Wer, vom jugendlichen Feuer verleitet, aus Unkunde den ganzen Athem bei jedem Komma auf einmal ohne allen Rückhalt verbraucht, dessen Stimme und Aussprache ist zwar immer gleich eintönig stark; aber der in gleichen Zwischenräumen oft hörbar geschöpfte Athem unterbricht unangenehm den ganzen Vortrag, welcher hingegen um so angenehmer wirkt, je weniger man das Athemschöpfen merkt, welches sonst jeden Satz und den Sinn der Rede leicht unterbricht. Bei gesunder Brust vermag man durch Uebung und Gewohnheit den Athem länger zu tragen oder damit weiter auszureichen und größere Satze zu sprechen, als es gewöhnlich geschieht. Auf solche Art lassen sich oft -s rie längEen Sätze in einem Athem, oder doch ohne störendes Athemholen t-nd Parisiren kräftig vortragen, wodurch Ne an Wahrheit und Nachdruck sehr gewinnen. wie die Lehre von den Pausen im Systeme der Deela- mation ausführlich zeigt. Mit dieser sorgfältig genauen W-w-ndung des Athems und Athemschöpfens wird das glücklich erreicht, was man den Fluß der Rede nennt. Wir halten nämlich den Redner von seinem Gegenwände für unwillkührlich beseelt und für völlig überzeugt von seinen Worten, bei denen er nur da inne halten darf, wo er es absichtlich will und muß, oder wo seine Zuhörer mit ihm erholend und nachdenkend inne halten sollen, um dann einen höhern Schwung zu nehmen. Das ungeübte und zweckwidrige Athemholen hingegen an unrechten Stellen ohne abgemessene Kraft nöthigt den Redenden, bis zur letzten Erschöpfung des Athems zu sprechen, wodurch die Perioden völlig kraftlos und absterbend enden, eben weil man mit den Worten bis zu Ende des Satzes zueilen sucht, die Rede herausschleudert, den Nachdruck verfehlt, mit der Deutlichkeit des Vertrags auch den Reitz eigener Ueberzeugung, oder doch der angenehmen Wirkung verliert und die Gewalt ausgiebt, seine Zuhörer zu überzeugen, zu rühren und zweckmäßig zu bewegen. Aus diesem unzweckmäßigen Athemholen und Verwenden desselben entspringt die holp richte Rede. Erst nach dieser sorgfältigen Sprachbildung zum angemessenen Darstellen oder Tragen des vollständigen Charakters mit Faßlichkeit, Reinheit und Bestimmtheit, kann der DeclamationSlehrer des Theatercandidaten zur Zo richtigen Accentuation oder Betonung und zu der Temperatur der Stimme(zu ihrem angemessenen Grade von Stärke für jede Versammlung und jeden Redeort) übergehen. Wer vor einer grossen Versammlung in einem weiten Raume zu reden hat, der muß zwar mit einer starkern Stimme reden und kräftiger betonen, als in dem gesellschaftlichen Leben in einem blosen Zimmer; aber er darf in keinem höhern, sondern nur in einem läutern, starkern Tone sprechen, wie die Temperatur der Stimme in dem Declamationssy- steme ausführlich zeigt und mit der richtigen Aecentua- tisn, wie mit den Grundtönen und den Pausen, unmittelbar zusammen hängt, folglich um so mehr und eifriger von jedem angehenden Schauspieler studirt werden muss, je deutlicher eS durch die tägliche Erfahrung bewiesen wird, daß selbst die besten und geübtesten Schauspielkünstler bisweilen noch gegen alle diese Lehren auffallend und nachtheilig fehlen, weil sie hierin nicht systematisch vollständig und zweckmässig gründlich gebildet worden sind, wovon z. B. selbst Jffland nicht ganz ausgenommen war, wie aus seiner Theorie(Fragmente) der Schauspielkunst(rtes Bändchen. S. zz. ff. Berlin, 1815.) deutlich erhellet. Nach diesem blos mechanisch richtigen Lesen muss man zu dem schönen Vorlesen und Vortrage aus Büchern von charakteristischem Inhalte übergehen, nämlich zum lebhaftem Vortrage von Fabeln, Erzählungen und Geschichten überhaupt, in denen mehrere Personen redend eingeführt werden, wobei inan dem Anfänger zeigen muß, wie er jeder vorkommenden Person ein anderes, ihrem Charakter eigenthümliches Organ zu geben^ alles angemessen vorzutragen zr oder darzustellen habe nach dem jedesmaligen Charakter, Zwecke, Geiste und Grade des darin liegenden Gefühls, wobei»:an ihm nochmals in einer kurzen und faßlichen Ueberste' e oder im Zusammenhang« wiederholen muß den rielrioen Begriff von Teclamatic-n, von Declamiren, Lcclamatvr, Redner und Schauspieler, von dem Quelle, Ume. schiede und Zwecke aller Declamation nicht nur des Vorlesers und Redners, sondern auch des Kunst- schauspielers, ferner von dem natürlichen Zusammenhange, Einflüsse, Nutzen und Vortheile dieser schönen K' nste, von ihrer unentbehrlichen Nothwendigkeit, Aecht- heit und Schönheit, von ihren Erfordernissen, Talenten, Norkenntnissen, zu erwerbenden Kunstfertigkeiten, Bestrebungen und von ihrer Einteilung, endlich kursorisch die ganze kehre von der einzig richtigen Aussprache, von den Tönen überhaupt, von der Tonstufenleiter, Accentuation, Pausirmethode und Temperatur der Stimme, von der Geberdcnsprachkunst(Mimik), von der besondern Anwendung aller dieser Teclamirmittel und B>erkzeuge auf einzelne Fälle jeder Art, nach allen ihren Graden, Verschmelzungen, Abänderungen und Ueber- gän-en. Nun kann der Lehrer erst den Schüler mit Sicherheit und Nutzen auch Schauspiele aller Art blos actweise lesen, dann vorlesen lassen. Die dabei nöthigen Verbesserungen und Erinnerungen muß man in dem (über jedes vorgelesene Stück) zu haltenden Gespräche vorbringen, in welchem der angehende Künstler nun Gelegenheit findet, von allen Declamationsmitteln den zweckmäßigsten Gebrauch überall-u machen und seine eigenen Ideen darüber entwickelnd mit zutheile». Man überhäufe ihn weder mit Regeln und Meinungen, noch Z2 unterbreche man ihn nährend des Vorlcsens mit Vorschriften, noch vermenge man das, was nur dem ausgebildeten Künstler ganz faßlich ist, mit dem, was der angehende zu leisten hat, um durch pünktliche Gründlichkeit erst Sicherheit, Festigkeit, Gewandtheit und Leichtigkeit, oder volle Fertigkeit zu erlangen. Nun erst lasse man einzelne Scenen gründlich einstudiren, auswendig lernen und zuletzt in mehrern Proben so einüben, daß der angehende Künstler auch die übrigen Rollen anderer handelnder Personen auswendig weis, weil sie nicht aus dem Buche gelesen werden sollten, indem nur dann, wenn die übrigen Personen neben ihm nicht blos mitsprechen, sondern auch zugleich agieren, sich deutlich beurtheilen läßt, welche Kräfte ihnen gegen über nun in Bewegung gesetzt werden können und sollen. Nach jeder solchen Probe einzelner Scenen sage man nie blos im allgemeinen:„sie waren gut, passabel, oder schlecht;" sondern man frage zuerst lieber den jungen Künstler: „was ihm in der Darstellung am schwersten gefallen sey?" Hierauf lasse man sich mit Neigung geduldig ein, berichtige daö Nöthigste und lasse den Anfänger die vorgekommenen Schwierigkeiten näher auseinander setzen, wobei er sich gewöhnlich grdßtcntheils selbst belehrt, ohne eS zu wissen und zu glauben. Man gehe mit ihm die schwierigste» Stellen wieder durch, zeige ihm die einfachsten, zweckdienlichsten Erleichterungsarten und Mittel, wiederhole sie dann so oft, bis er einen richtigen Ausdruck völlig erreicht hat und bestimmt darstellen kann- Die Geläufigkeit und Fertigkeit erwarte man nur mit der Zeit und vorzüglich von der eigenen Alleinübung, hüte sich aber, auf einmal eine vollständige Anweisung über ^ M « s) über Richtigkeit, Fertigkeit und Schönheit zugeben, Welches sonst ermüdet, verwirrt und eine Drathpuppe bildet, zumal wenn man ihm alles selbst vormacht> welches er blind nachmacht und Karrikatur wird, welches bei fleißiger Zergliederung des auszudrückenden Charakters, bis er ihn trift, von selbst wegfällt. Man studire nun mit ihm komische, tragische, boshafte, intrigmante Charaktere aller Art gründlich ein, lasse ihn alle theatralischen Vorstellungen fleißig besuchen und sich bemühen, denselben aufmerksam zu folgen; man höre danissscine Meinung über die gesehenen Darstellungen, bespreche sich mit ihm darüber kunstmä- ßig und verlange von ihm keine Recensionen, sondern Beobachtungen hierüber, welche allein zum Zwecke führen. Nur talentvolle und wohl unterrichtete Zöglinge> denen es wahrer Ernst um diese schöne Kunst ist, werden in derselben mit Bescheidenheit und lebendiger Kraft beginnen, sich möglichst viel wissenschaftliche Kenntnisse erwerben, keine Mühe und Thätigkeit scheuen, nicht d arin erkalten, sondern sich rastlos bestreben, ihren Gesteh mack mit Enthusiasmus zu bilden, Dichter, Redner, Geschichte, Mythologien, gute Reisebeschreibungen, nebst Völker- und Länderkunde fleißig zu studiren, endlich durch Gesang und Musik, durch alle Denkmale bildender Künste ihre innere Lebensffamme für dieses Kunstfach zu erhöhen und zu veredeln. In diesem Studiren und Einüben müssen sie wenigstens ein Jahr fortfahren und dann untersuchen, ob sie noch eben so viel Drang, als vorher, in sich fühlen, ausübende Künstler dieses Fachs zu werden. Dann erst mag sich der Zögling mit redlichen Kunstkennern berathschlagen, ob sein Organ C ?4 und ganzes Aeußere, seine Körperhaltung und Dauer, seine Aussprache, Stimme, Ton- und Geberdensprache zur Bühne passe, oder ihn an Erreichung seines hohen Ziels hindere. Im erster» Falle leite man ihn ferner mit Vorsicht, im zweiten aber weise man jeden zurück, welcher bei allem richtigen Denken, bei allen feinen und kräftigen Enrpsinden dennoch weder etwas deutlich, noch kräftig vortragen kann, weil ihm entweder hieran seine körperliche Bildung und Haltung hindert, oder seine Stimme schwach, rauh und dünn, sein Gesicht aber ausdruckslos u. d. gl. ist. Hat man nun auf solche gesetzmäßige Art den talentvollen Zögling wenigstens ein Jahr im richtigen Declamiren und Agiren zweckmäßig vorbereitet; so kann mit ihm(bei hinlänglichen Fortschritten und vermehrten Graden seiner Neigung zu diesem Kunstfache) eine neue Periode der fortzusetzenden Bildung Vortheilhaft begonnen werden, aber nicht eher und unter keiner andern Bedingung, als die von der zu erlernenden Kunst selbst als Grundbedingung festgesetzt wird. Zweites Kapitel. ZZ Zweite Periode der fortzusetzenden Ausbildung des angehenden Kunsischauspielers. ^uf solche Art übe man ihn im RottettstuLio und in der schriftlichen Charakterschilderung verschiedener Rollen aller Art so lange, bis er als fleißiger Besucher und scharfer Beobachter theatralischer Darstellungen von selbst gefunden hat, daß man irgend eine Scene, oder Rolle unrichtig vorgetragen habe. Tann lasse man ihn - dieselbe Rolle memoriren, cmstudiren und übe sie mit ihm(wo möglich auf der Bühne eines Haus- oder Gesellschafts- und Lieblingstheaters) selbst gesetzmäßig ein. Leistet er wirklich das Bessere; so ist dieß der erste einzig günstige Zeitpunkt, ihm nun die(mit Recht) erworbene Erlaubniß zu ertheilen, das erste mal in der eingeübten Rolle(wo möglich auf einem Lieblingsund Gesellschafts- oder Familientheater, oder doch auf einem kleinern Theater in einer Provinzialstadt) öffentlich aufzutreten. Leistet er hingegen das Bessere noch nicht, oder weis er das Richtigere nicht durch Ton- und Geberdensprache ganz deutlich zu bezeichnen und gut darzustellen; so ist dieß der nützlichste und günstigste Au- C s ?6 gmblick, ihm über die Schwierigkeiten dieser ausübenden Darsiellungskunst alle Vortheile und Nachtheile zu sagen oder auf alles aufmerksam zu machen, was diese schwere Kunst ehrt und befördert. Man übe ihn m dem Rollcnspiele so lange. bis er die Erlaubniß wirklich mit Recht verdient hat, das erste mal rn der meisterhaft einsrudirten und eingeübten Rolle auf einer passenden Bühne gedachter Art öffentlich auftreten zu dürfen. Bei diesem ersten öffentlichen Auftreten-(welches allemal nothwendig verdient und erworben werden muß)- wähle man die Rolle zwar m-t Vorsicht, aber weder zu leicht, noch zu schwer, um.hm deren Darstellung weder allzusehr zu erleichtern, noch ohne Noth zu erschweren. Eine solche Rolle soll beides vermeiden und blos fähig seyn, daß ihr Darsteller sich hicdurch empfehlen kann, ohne daß sie zu denjenigen Rollen gehören darf, welche durch Nebenwege sich in den Beifall des Publikums hineinstehlen. Hat er nun seine Rolle blos leidlich, oder schlecht gespielt, aber doch die erforderliche Fähigkeit hi-zu gezeigt; so lasse man ihn nicht eher wieder auftreten, als bis er nach zweckmäßig rastloser Thätigkeit unter weiser Leitung sich zum zweiten öffentlichen Auftreten die Erlaubniß mit Recht verdient und erworben hat;— eben so verfahre man auch bei jeder folgenden Rolle, selbst wenn er sie gut gespielt hat. Man schärfe ihm dabei öfters ein, in seinem unausgesetzten Rollenstudio aller Charaktere und in dem fleißigen Besuchen auch aller andern theatralischen Vorstellungen, in denen er selbst keine Rolle hat, niemals zu ermüden oder nachzulassen lind stille stehen zu bleiben. Z7 weil er sonst durch reden Stillstand offenbare Rückschritte in seiner nie ganz völlig auSlernbaren Lurch machen würde. Vielmehr muss er seine grossen Ahnherren und Vorgänger nicht etwa blos zu erreichen, sondern sie auch wo möglich noch zu Äertresscn soeben, z- B. m neuern Zeiten vorzüglich einen Eck hos, Brock mann, Reinecke, Schröder, Beil, Garrick, Boeck, Iffland, Beth mann, Koch, Fleck, Müller, 5)pitz u. a. Nach diesen hohen Mustern und erhabenen Meistern ihres Fachs müssen nun angehende Künstler sich selbst und andere Menschen aller Stände flcrsstg und genau beobachten lernen, Meister über sich selbst, über ihre darzustellenden Gefühle, Affeete und Leidenschaften icder Art zu werden suchen, folglich sich bestreben, dieselben nach Erfordcrniß zweckmäßig zu erhöhen, oder zu vermindern, des Menschen Geist und Herz immer mehr zu erforschen, Geist und Herz der Zuschauer und Zuhörer durch belebende Ton- und Gebcrdensprache zu befriedigen, oder zu erobern, ohne sie zu bestürmen. Natur, Wahrheit, Geschmack und feine Kunst sey stets das Ziel des angehenden und fortschreitenden Künstlers, wie des Redners und Deklamators überhaupt. Dabei suche er Deklamation überhaupt in Verbindung mit Mimik harmonisch vereinigt zu verbinden, fleißig zu studiren und auf sein Fach zweckmäßig anzuwenden, theils weil man von ihm mit Recht eine vollkommen gute Deklamation und Action verlangt, erwarten und fordern muß, theils iemehr alle Kunstschauspieler daher auch Ursache haben, ihre großen Ahnherren im alten Griechenland und Rom(die ersten Erfinder und Weger aller Deklamation und Schauspielkunst, deren g? erste Wiege schon die Bühne war,)— folglich alle großen Vorgänger(von dem berühmten alten Schauspielkünstlern Satyros und Roscius an, bis auf Jsfland u. d. gl.) nicht blos zu erreichen, sondern noch(wie es nun gar wohl möglich ist) zu übertreffen, theils je mehr sie sonst Gefahr laufen, Beifall, Ehre, Ansehen, Achtung, Glauben und Vertrauen, gutes Auskommen, Belohnung und Aufmunterung, Zuschauer und günstige Gelegenheit zu verlieren, sich selbst und dem Publiko zu nützen, ihre Zuhörer und Zuschauer zu vermindern, hingegen die derjenigen Kanzelredner zu vermehren, welche sich in der Deklamation fleißig übe», wodurch vorzüglich alle gedachten Nachtheile glücklich vermieden, alle Vortheile aber möglichst erreicht werden können. Daher sollte wenigstens künftig jeder angehende Kunstschauspieler beherzigen, daß er weder von der Wichtigkeit seines Gegenstandes, noch von der Erhabenheit seines Zwecks, noch von der Heili g- keil und Würde des Orts(der S ch a u b ü h n e) so vortheilhasit unterstützt werde, wie der Prediger(Kan- zelredncr), welcher sonst bei fleißigen Declamirübungen ein bedeutendes Uebergewicht über den undeclamatvrischen Schauspieler leicht gewinnen, seine Zuhörer vermehren, die des Schauspielers aber leicht vermindern wird, zumal bei der jetzt allgemein regen Liebe, Lust, Neigung und ösitern-Gelegenheit zur Declamation überhaupt mit Inbegriff der Mimik. Daher sollten wenigstens künftig alle angehenden Kunstschauspieler eben so wenig, wie Redner und Lehrer, oder Künstler aller Art, ihren Posten als bloscn Nahrungszweig(gleich dem Handwerker) bewachten und mechanisch betreiben, mit Vernachläßü 3S grmg wahrer Tcclamation, welche man irriger Weift entbehren zu können wähnt, weil man glaubt, auch ohne gute Deklamation und Mimik eben so viel(n'cht mehr, oder weniger) Einkünfte, Beisall, Ehre,»»»sehen, Achtung und Liebe, Glauben und Vertrauen, Einfluß, Macht, Belohnung und Aufmunterung erhalten zu können, als im Besitze der größten Fertigkeit im Declamiren. Aber die Erfahrung lehrt nur allzudeutlich das Gegentheil, daß nämlich jeder Redner und Schau- spielkünsiler, welcher sich Vortheilhaft auszeichnet, auch dafür bei uns früher, oder später Aufmunterung, Belohnung, höhere Beförderung und Achtung, Beifall, Ansehen, Einfluß, Glauben, Liebe und Vertrauen in Menge findet. Der angehende Kunstschauspieler bedenke stets, daß er nicht, wie der Redner, sich immer blos selbst als redlichen Mann, sondern vielmehr stets eine fremde Person darstellen soll folglich sich nicht blos(wider Redner) der bedeuten^«, ausdrucksvollen und leidenschaftlichen, foNrn auch vorzüglich der nachahmenden Gebcrdcn passend bedienen müsse. Zu seinem Ausdrucke der Personifikation, Personificrrung oder Individualisation(Charakterdarstellung oder der darzustellenden eigenthümlichen Empfindung-, Denk- und Handlungsweise einer kenntlich beschriebenen Person) gelangt der Kunstschauspieler nämlich durch Identification oder eigene freiwillige Versetzung seiner selb«» in den'Charakter der übernommenen Rolle, mit Verläug- nung seiner eigenthümlichen Persönlichkeit und besondern Eigenthümlichkeit wahrend des Rollensprelö. Er muß daher alle vom Dichter angegebenen körperlichen und 42 geistigen Eigenheiten des Charakters einer darzustellenden Person während der Darstellung so weit zu seinen eigenen machen, als sich diese Eigenschaften durch Worte, Töne und Geberden ausdrücken lasten, unterdessen aber seine eigenen persönlichen Eigenthümlichkeiten möglichst vergessen, verläugnen, unterdrücken und sich gleichsam in die darzustellende Person möglichst scheinbar verwandeln, deren ganzes Äußere uns das Gemüth und denjenigen zweckmäßigen Geist offenbarend darlegt, welchen der Dichter in seinen Worten darstellen wollte, zu dessen vollkommener Versinnlichung aber auch noch die sprechendsten(ausdrucksvollsten) Merkmale der Ton- und Geberdensprache, nebst dem passenden Costüme, oder der nöthigen Maske erfordert werden. Unbekümmert um den Eindruck des ganzen Theaterstücks auf ihn und den Zuschauer, spricht der Kunstschauspieler immer nur in dem besondern Tone der darzustellenden Person, welche er unter den(vom Dichter) vorgezeigeten Bedingungen, Verhältnissen und Umständen nach ihrer eigenthümlichen Art darstellt, von Gegenständen und Empfindungen gerührt(ergriffen, afficirt) zu werden, folglich immer nur so, wie dieß die zu agirende Person unter solchen Umständen wirklich thun, sich benehmen, reden und handeln würde, wenn sie zugegen wäre. Doch diese Personification(personifickrende oder theatralisch darstellende Declamation,' Charakteristik der zu agirenden Person) des Kunstschauspiclers ist ihrer Natur nach so wenig reiner Ausdruck des Innern,(wie die blos allgemein charakterisirende (Dcelamation des Redners), daß vielinehr der Kunstschauspieler bei theatralischen Darstellungen einer frem- 4l den Person,(welche der Künstler nicht selbst ist, sondern sie nur zu seyn schcinen und täuschend agiren muß), sich nun auch die Selbstverläug- „ung seines Innern zum unverbrüchlichsten Gesetze zu machen hat; denn sonst stellt er sich selbst, nicht aber diezuagirende Person seiner Rolle dar; er darf sich aber nur dann zum Theil selbst soweit mitspielen, wenn und so weit der Charakter der darzustellenden Rolle ganz sein eigener ist, oder so weit sein eigenthümlicher dem der Nolle nahe kommt, sonst niemals. Schauspieler(wie Redner) dürfen daher nicht wähnen, alles gethan und vortrefflich.dargestellt zu 'haben, wenn sie sich in dem ersten Gr nutze des(durch ihren Vortrag) erregten Gefühls gleichsam berauschen, diesen ersten Rausch aber für wahre Begeisterung halten, alle seine Explosionen für Natur und Wahrheit erklären, folglich eine der edelsten aller schönen Künste, welche die glücklich vereinigte Wirksamkeit aller Kräfte des menschlichen Geistes, Herzens und Körpers erfordert, zu einer betrunkenen Tirne herabwürdigen. Dieß geschieht aber, wenn Redner, oder Schauspieler alles mit dem heftigen Gefühle vortragen, welches in ihnen bei dem ersten Lesen, oder Emstudiren ihres Vertrags erregt wurde. Diese Stimmung aber(als erste Periode des Genusses der Deklamation) ist keineswegs günstig und geeignet für die Periode der eigentlichen Darstellung, welche mehr ruhige Besonnenheit des Künstlers verlangt' damit er unter Leitung der Vernunft alle Gefühle, welche zu stark ansprechen, gehörig mildere, die zu sckwa- chen aber angemessen verstärke und alles zu hohen Zwo- 4r cken weislich Hinleite. Nur mit Vernunft, aber nicht Lurch bloses Gefühl erkennt man, ob dasselbe richtig, zu stark, oder zu schwach sey; nur geläuterte Vernunft und Urteilskraft können unsere GefühlStdne und Eeberden gehörig stimmen, den Grundton jedes darzustellenden Vertrags mit allen Tonabänderungen, Tongängen und passenden Geberden zweckmäßig angeben. Da nun der Mensch nicht blos ein empfindendes und fühlendes Wesen ist, sondern auch Vernunft besitzt, welche uns von dem blosen Thiere unterscheidet und alles zu hohen Zwecken führt; so ist es lächerliche und kindische Unerfahrenheit, daß flch auch Schauspieler bei ihren Darstellungen nur allzuoft aufihre Empfindungen und Gefühle allein verlassen, ohne Hiebei der Vernunft eine Stimme zu geben und dieselbe zu Rathe zu ziehen. Viele reden von lauter Empfindung und glauben, vortrefflich zu spielen, wenn sie sich mit dem Empfindungsstofte bis zum Enthusiasmus überfüllen, indeß z. B. der große Eck hoff sich niemals auf seine blofe Empfindung verließ, sondern sich vielmehr hütyete, während seinen theatralischen Darstellungen zu sehr empfindsam oder gefühlvoll zu werden, damit er nicht aus Mangel an hinlänglicher Besonnenheit mit zu wenig Wahrheit, Ausdruck, Haltung und Harmonie spielte. Wer sich demnach auch als psrsonificirender De- elamator blos seiner Empfindung überläßt, der vermag auch nur die Natur zu erreichen oder die vorgezeichnete L-idenschaft nicht etwa zu veredeln und zu verschönern, sondern nur gerade so darzustellen, wie sie sich in der Wirklichkeit selbst an'Personen gewöhnlich mit aller 4S wilden Unbändigst äußert. Dann aber ist er kein wahrer(origineller, musterhafter) Kunst' ler von eigener meisterhafter Erfindung und Darstellung, sondern ein blostr Copist oder blinder Nachahmer der Natur(der gemeinen Wirklichkeit und Wahrheit, nicht der veredelten, erhbheten oder ideali sirten), folglich ein blvser Naturalist, welcher sein Kunsifach gleich den, Handwerker blos mechanisch betreibt. Demnach ist auch bei diesen Kunstdarstellungen die blose Nachahmung der wirklichen Natur nicht zureichend. Zwar gelingt der Natur oft sehr vieles in einer solchen Vollkommenheit, welche keine Kunst erreichen, noch weniger übertreffen kann, wie vorzüglich der bildende- Künstler,(Maler, Bildhauer u. d. gl.) täglich erfährt, welcher mit aller seiner Kunst Hiebei nichts weiter thun kann und darf, als die natürliche Schönheit sorgfältig aufzufassen und treu wieder darzustellen; aber auch sehr vieles(zumal bei Aeußerungen der Assecte und Leidenschaften des Menschen) geräth dem blos natürlich schlichte» Menschen nicht im vollkoinmensten Grade, selbst danicht, wo seine Natur(oder die Natur in ihm) am besten und ungestörtesten wirkt; folglich geräth der Natur manches unrichtig, zu stark, oder zu schwach, oder verkrüppelter Weise. In allen diesen Fällen muß der wahre K ü n st- ler nun nach richtigen Grundsätzen die Fehler der allein wirkenden Natur verbessern, nämlich das Falsche berichtigen, das Allzuheftige und Starke zweckdienlich mildern, das allzu Schwache aber angemessen verstärken. Dieß ist vorzüglich in der p er so n i fi e ir c n- den Declamarion des jungen(und oft allen) Kunst- 44 schauspr'elerS umso nöthiger, i'e mehr Fehler und v ach- läßigkeiten in der Aussprache, oder matte, dunkle und verworrene, oder höchst überspannte Ton- und Ec-ber- denausdrücke selbst dem gebildetsten Menschen und Künstler oft im Feuer der Emvfindung leicht entschlüpfn können, weil er bei allzugroßer Emvfindung und Heftigkeit immer blos den ersten besten Ausdruck ergri-itt, welcher sich ihm gerade zunächst darbietet, ohne daß er allemal der beste und angemessenste mit der passendsten Wendung ist. Auch in den Tönen der Sprache, Worte, Gedanken und der Gefühle, wie in den Mienen und Geberden aller Art, versteht und verfehlt, chwächt, «der übertreibt die Natur selbst des besten Künstlers, Dichters, Redners und Kunstschausp'.elers sehr vieles, welches er selbst nach Grundsätzen der Kunst gehörig zu verbessern wissen muß; er hat daher alle^ von Natur entstandenen Lücken,'.Sprünge, Auswüchse und Disharmonien sorgfältig auszufüllen, wegzuschneiden und weislich zu vermeiden. Auch die theatralischen Kunsidarstellungen sollen(wie alle Werke achter Kunst) als die vollkommensten Natur protz ucte ihrer Art erscheinen, welche unter Millionen möglicher Versuche und Würfe des Zufalls in der Wirklichkeit einmal aus dem mütterlichen Schooße der Natur unmittelbar hervorgehen könnten, aber schwerlich jemals hervortreten werden. Nur wenn Worte, Tone und Geberden mit dem darzustellenden Charakter auf tzaS vollkommenste übereinstimmen, nur dann erst kann tzer möglichst höchsteGrad von veredelter Natur, Wahrheit, Täuschung und Wirksam- 45 k«it im höchsten Glänze vollendet schöner Darstellung entstehen!—^^ v.'s Es ist daher nicht genug für den Künstler, Natur blos nachzuahmen und aus das vollkommenste zu erreichen, sondern sie auch(rvo m,^ es möglich ist) im angemessensten»bertre^ fen'— Während der gemeine Schauspieler z.- nach der Angabe seiner Rolle sich die Haare ausrauft und sieb blutig schlägt, in der irrigen Meinung-„der natürlicke Mensch(oder die Natur m ihm) thue dieß alles,"- muß demnach der wahre Meister dieses Fachs aus voller Ueberzeugung in ähnlichen Fällen sich blos die Thränen aus den Augen wischen und behaupten:„Nur die Kunst thut hierin alles, rsi Meisterinn und Hauptsache dieses Faches/'^. Auf solche Art hat auch die Schauspielkunst(wie die De-lamation überhaupt) mit allen übrigen darstellenden Künsten-ine erste-Periode des Genusses(bet dem ersten Einstudiren), auf welche die zweite Periode der eigentlichen Kunstdarstellung mit hinlänglicher Besonnenheit folgen darf. Zwar kann keine Darstellung eines Gegenstandes ohne vorhergegangene innige Theilnahme an demselben völlig gelingen; aber diese Theilnahme darf nun bei der Kunstdarstellung selbst nicht mehr so heftig seyn, als in der ersten Periode des blasen Genuß es(Vorgeschmacks) an der darzustellenden Person. So lange wir blos noch bei diesem Genuß« in volle Empfindung versenkt sind, wirken wir auch blos noch in uns selbst, ohne einen Reitz zu spüren, außer uns(am allerwenigsten ganz zweckmäßig) zu wirken. Daher müssen wir das Feuer unserer Cmpfin- 4 6 düngen m der ersten genußreichen Periode erst verrauchen, die stürmischen Wellen in unserer Seele erst zur Ruhe gelangen lassen, ehe wir im Stande sind, unsere Gefühle mit den Gegenständen, welche dieselben in uns erregten, zur bloser Erinnerung für uns selbst, hmgegen zum vollen Genusse für unsere Freunde, oder auch für das Publikum malerisch wirksam darzustellen. Daher ist diese Periode der wirklich meisterhaften Darstellung einer Scene, oder Rolle für den Künstler selbst eine blosc Erinnerung an den gehabten frühern Genuß ähnlicher Art, für das Publikum hingegen die erste Periode des Genusses, welcher bei jeder wiederholten Darstellung desselben Stücks(wie bei dessen mehrmaligem Lesen) merklich abnimmt. Wollte nun der Künstler bei seiner wirklichen Darstellung sich noch des Genusses der ersten Periode erfreuen oder diese mit der zweiten verwechseln und für einerlei halten; so würde jede heftige Empfindung, oder Gemüthsbewegung in ihm sein freies Gedankenspiel und seine ächte Kunstdarstellung stören, woran er sich vielmehr blos in stiller Freude so ergötzen muss, wie ein Vater über die Spiel« seiner muntern Kinder an einem heitern Sommerabende. Die erlangte Seelenruhe nach überstandenen Stürmen der Affecte und Leidenschaften veranlaßt uns zwar nicht selbst, irgend etwas außer uns meisterhaft darzustellen, wozu vielmehr allemal ein eigener Reitz und erweckter Darstellungstrieb erfordert wird; aber diese S e e- lenruhe ist dennoch die Grundbedingung auch für den Kunstschauspieler, daß er(wegen der fernern Behauptung der hiezu erforderlichen Laune), während der Darstellung seiner Rolle, sich vor allzugroßer Em- 47 pfindung eben so sehr hüthen muß, wie vor allzu großer Kälte und Untheilnahme. Denn er soll nicht seine eigenen, sondern fremde, ihm gerade vorgezeichnete Empfindungen nur scheinbar(zur Schau) darstellen/ mithin blose Phantaflebilder, welche aus denjenigen Empfindungen in ihm entspringen, die der Dichter in Worte(wie der Tonkünfiler in Melodien und der Maler in Bilder), hingegen der Kunstschauspieler(mit dem Deklamator überhaupt) in passend wirksame Töne und Eeberden eingekleidet ausdruckt. Zwar ist auch zu dieser Erzeugung solcher Phan- tasiebilder eine gewiß« Warme der Empfindung unentbehrlich nöthig; aber der Kunstschauspieler muß sich bei der Darstellung solcher Bilder sehr hüthen, diese Wärme in Hitze, Feuer und Gluth ausarten zu lassen, damit diese Bilder in seiner Seele fich nicht verwischen und in«in Chaos zusammen fließen. Dieser gemäßigte Eemüthszufiand des Künstlers, in welchem er solche Kinder seiner Einbildungskraft vor sich fleht und zu einem harmonischen Ganzen vereinigt, ist eben der eigentliche vortheilhafteste Zustand der angemessensten Begeisterung, den die Hiebei erforderliche Wirksamkeit des Künstlers und der edelsten Kräfte des menschlichen Geistes uns von seiner erhabensten Seite zeigt. Denn die Wahrheit und Schönheit des Kunstausdrucks (in Tönen und Geberden) entspringt nur dadurch, daß man auch hierin(wie in jedem andern Kunstfachc) sich mit einer gewissen Seelenruhe(doch ohne Kalte) dem schönen Eindrucke der Natur der Sache mit dem nöthigen Interesse vorsichtig überläßt, wobei die Folge der Eindrücke in des Künstlers Gemüthe durch seinen 48 Darstellungstrieb oft unterbrochen wird. Diese unterbrochene Folge verursacht nun, daß die täuschende Ähnlichkeit der Phantasiebilder des darstellenden Künstlers rnit der wirklichen Natur uns m^Er- siaunen versetzt. Freilich gehört zu einer solchen Darstellung die glücklichste Vereinigung der nöthigen Seelenruhe mit dem angemessenen Interesse an den darzustellenden Phantafiebildern, welche wir nur bey den wenigsten Dichtern und Kunstschauspielern antreffen. Denn wir finden bey den meisten, daß ihnen bey der Seelenruhe der erforderliche kräftige Darstellungstrieb, oder im Besitze von diesem der passende Grad von Seelenruhe fehle. Deswegen kann es nur sehr wenig ächte Dichter, Kunstschauspieler und wahre musterhafte schone Künstler überhaupt geben. Denn der Künstler jeder Art muß seinen Darstcllungstrieb dem ruhigen Eindrücke unterordnen und ihn bis zu den glücklichsten Momenten aufbewahren, wo er am vortheilhaftesten wirken kann. Aber zu dieser absichtlichen Zurückhaltung und Aufbewahrung seines innern Darstellungstriebes wird eine große Geisteskraft erfordert, welche wachsam seyn muß, damit weder die Wahrheit der Empfindung über dem Verlangen nach ihrer schönen Darstellung verloren gehe, noch diese Darstellung selbst vergessen, oder versäumt werde über dem Vergnügen an der Wahrheit und Schönheit der Empfindung selbst. Diese wahre Darstellung ist demnach im Ringen mit der Natur begriffen, welche auch in dem ausübenden Künstler Hiebei immer mächtiger wirkt und sich von dem menschlichen Geiste weder in Worte, noch in passende Umrisse bringen laßt, wodurch der Ausruf in uns bei jeder vollkommen gelunge- 49 nen Kunstdarfiellung erzeugt wird:„Ich gehe darüber zu Grunde! Ich erliege unter der Gewalt der herrlichen Erscheinungen!" Bei dem ersten lauten Durchlesen, oder Vorlesen einer Rolle, oder andern interessanten Dichterscene trägt man dieselbe gewöhnlich mit Empfindung, oder gar mit Leidenschaft vor; man darf aber noch nicht glauben, dieselbe fchon ganz vollkommen gut declamirt, noch weniger theatralisch schön dargestellt zu haben. Denn vor der Hand tragen wir immer nur unsere eigenen Empfindungen vor, welche wahrend dieser ersten genußvollen Periode ganz unwillkührlich hervorbrechen; wir stellet» aber noch keineswegs auch schon die Empfindungen des Dichters und der zuagirenden Person zweckmäßig wirksam dar. Zu diesem Zwecke ist es noch nicht hinlänglich, einige Stellen des Gedichts, oder das Ganze mit Empfindung zu declamiren; sondern man muß vielmehr gerade die von» Dichter bestimmten Empfindungen in allen ihren Entwickelungen, Abstufungen und Uebergängen genau darstellen; aber dieß ist nur nach Unterdrückung der eigenen (von dem Gedichte erregten) Empfindungen durch den Darstellungstrieb oder durch die Begierde des Kunst- schauspielers und des Declamators überhanpt möglich, die in dem Gedichte geschilderten Empfindungen als dessen Charakter durch passende Töne und Geberden auszudrücken. Demnach ist auch für theatralische Darstellungen derjenige Gemüthszustand der günstigste, in welchem des Künstlers Darstellungstrieb seine gesetzmäßige Wirksamkeit ohne Störung lebhaft äußert, aber von der Guth eigener Gefühle eben so weit entfernt D Lch ist, als von dem Froste der Eesühllosigkeic. Denn während dieses vort.eklhastcn Zustandes darf kein eigenes Gefühl des Künstlers die Oberhand haben und die Regsamkeit der(zur richtigen Darstellung erforderlichen) vorgezeichneten Empfindungen verhindern; vielmehr«mist» n ährend der Darstellung alle Ton- und Geberden- ausdrücke der Empfindung in dem Künstler blos bereit liegen, um auf den ersten Wink der Vernunft eben so passend anzusprechen, wie die schlummernden Töne eines mupkalifchen Flügels, auf welchem jeder beliebige, oder erforderliche Ton durch den Fingerdruck sogleich gehört werden kann. Daher ist eine gute dramatische, theatralische Dcclamation und Mimik, welche niemals eigene, sondern stets nur fremde Gefühle und Charak- terzüge darstellen soll, eine höchst seltene Erscheinung, theils weil die meisten Schauspieler keinen hbhern Zweck dieser schonen Kunst kennen, als den Ausdruck der eigenen Gcss.hle, theils well i.ncn der hinläjigliche Grad des Triebes fehlt, fremde Empfindungen durch Töne und Gebehrden wirksam darzustellen, theils weil dieser Trieb in ihnen durch den Ausbruch ihrer eigenen Gefühle oft zu sehr unterdrückt wird, wenn diese Kunstgenossen entweder den einzig günstigen Zeitpunkt der Darstellung verkennen, oder verfehlen und versäumen, oder doch während der Darstellung die nöthige Geistesgegenwart und.Bernunstherrschast über ihre eigenen Gefühle verlieren.. Da nun auch viele dramatische Dichter in ihrem, mündlichen und s, stsuichen Vortrage sich blos auf den Ausdruck eigener Empfindungen verlassen und einschränken; so kann ihr Vertrag doppelter Art wegen 5i dieser falschen BetihränkheK nie vollkommen richtig sin n. Daher sollte»der Lichter, vorzüglich der theatralische (wie jeder Redner) die Teclamacion überhaupt gründlich verstehen und ausüben können, um desto passender für dieselbe jeden seiner schriftlichen Vortrage ausfeilen zu können. Tu ses Studium ist für sie und alle geistvollen Personen von großer Reizbarkeit um so nöthiger, weil sie sonst die schlechtesten Vorleser und Deklamator guter Gedichte, oder Redevorträge überhaupt bleiben, zwar leichte Verse und Gedanken vortheilhaft lesen, oder declamiren können, aber nie gefühlvolle Stellen, von deren Gewicht sie gewöhnlich aus allzufti- ner und großer Reizbarkeit so sehr niedergedrückt werden, daß man oft blos noch einige übel articulirte Töne hören kann, welche sich aus tiefer Brust hervorarbeiten!— Daher hüthe sich vorzüglich der angehende Kunsischau- spieler vor der Verwechselung der eigenen Eenußperiode mit der Darsiellungsperiode fremder Gefühle; er suche nur diese darzustellen, nie aber seine eigenen!— Gleichwohl wird dieser Fehler aus Unwissenheit, Leichtsinn, oder Ungeschickheit der meisten unvollkommenen Schauspieler so häufig begangen, daß'es für den wahren Sachkenner der Deklamation überhaupt und der darstellenden(dramatischen des Schauspielers) insbesondere höchst unangenehm wird, sogar auf der Bühne die darstellende Deklamation mit der Mimik(als ächten mündlichen und äußerlich sichtbaren Geberdenausdruck der vorzutragenden fremden Ideen und Gefühle) nur allzuoft zu vermissen/ an deren Stelle aber eine empfindsam süßliche oder empfindelnde Deklamation und Aciion(als D 2 k! L ll H) 1 F'k Lr unächten Ausdruck der blos eigenen Empfindungen) hören zu müssen!— Deswegen vergesse vorzüglich der angehende Künstler nie, daß er seine eigenen Empfindungen auf der Bühne(gleich den Kindern) ganz schweigen(möglichst unterdrücken), hingegen nur die fremden Gefühle der darzustellenden Person nach des Dichters Verzeichnung ansprechen lassen darf, folglich jeden Zug der unächten oder falschen(empfindsamen und empfindelnden) Tcclamation eigener Gefühle sorgfältig verbannen soll. Blos wegen der häufigen Uebertretung dieses Grundgesetzes achter Deklamation überhaupt und der Schauspielkunst insbesondere findet man reine(vollkommen zweckmäßig wirksame) Darstellungen der Charaktere auch auf unsern teutschen Bühnen bis jetzt noch so selten, daß man oft weit reisen müßte, um einen zweiten Eckhof, Schröder, Isfland, Fleck u. d. gl. anzutreffen, welcher z. B. heute ganz der König Lear, morgen aber Odoardo, oder Klingsberg, oder Lang salm u. d. gl., kurz, jeden Tag bei einer neuen Vorstellung ein anderer Theaterheld, aber niemals auf der Bühne blos der Eckhof, Schröder, Zffland u. d. gl. ist. Die unglückliche Vermischung der empfindsamen Deklamation und Action der meisten Schauspieler mit der darstellenden verursacht den gewöhnlichen Theaterton, nämlich den oft tragischen Polter- und Lärmton, welcher blos der Ausdruck eigener Empfindungen ist, die der darzustellende Charakter in dem Schauspieler selbst erregt hat, bei welchem aber der eigentlich darzustellende Charakter nur bisweilen blos, wie mit einem Flore bedeckt, so leise durchschimmert, daß die Ein- s; förmizkeit dieses höchst unnatürlichen Tones als dessen Folge äußerst unangenehm ermüdet. Jeder darzustellende Charakter erregt gewöhnlich eine eigenthümliche Hauptempfindung, welche nun der Künstler vom Anfange bis zu Ende seines Spiels mehr, oder weniger gut ausdrückt, dabei aber leider nur allzuoft jede Abwechselung der verschiedenen Empfindungen mit der Mannichsaltigkeit ihrer feinen Schattirungen(außer einigen auffallenden Ucbergängen) vergißt. Das Hochstun- natürliche des tragischen Theatertones der meisten Schauspieler ist am auffallendsten bei den Darstellungen edler Empfindungen und Gefühle, welche(wie in dem Conveesatioristone) gewöhnlich ohne alle Pretension (anspruchslos) blos so hingeworfen werden müssen, weil sie gerade nur hiedurch am ersten und meisten Bewunderung erregen. Allein die meisten Schauspieler suchen dieses Gefühl,—(an Statt, dasselbe blos dem Zuschauer zu überlassen,)— vielmehr selbst in ihre Rolle absichtlich zu legen, ohne zu wissen, oder zu bedenken, wie k l e i n sie dadurch ihren Helden den Zuschauern darstellen, wenn sie in demselben sich vor unsern Augen bewundern lassen! Dieß geschieht auch sehr häufig bei dem gewöhnlichen komische-n Theatertone. Denn auch das wahre Komische findet man bei den meisten Schauspielern deswegen so selten, weil sie dessen ächte Natur nicht kennen und daher wähnen' selbst mitlachen zu müssen, ohne zu erwägen, daß selbst die lächerlichsten Dinge von der Welt in einem ganz gleichgültigen, oft gar in einem ernsthaften Tone gesagt werden müssen, eben weil der Thor seine Lächerlichkeiten und Albernheiten im 54 ganzen Ernste für die größten Wichtigkeiten hält und daher auch mit Ernste verfolgt, wie bei dem Komiker weiter unten gezeigt wird. Auch bei Darstellungen komischer, oder tragischer Rollen und Charaktere bleibt da« Grundgesetz aller wahren Deklamation die Wahrheit der darzustellenden Gedanken, Emvstndungen und Handlungsweisen, folglich die Harmonie des deklamatorischen Ton- und Geberdenausdrucks mit den vor- gezeichneten Idee» und Gefühlen; auch in diesem Kunst- zweige muff Schönheit auf Wahrheit beruhen. Denn auch hiebe» ist Wahrheit(als erkennbare Natur und Wirklichkeit) der vorgezcichneten Ideen und Gefühle, welche man durch passende Tone und Geber- den wahrnehmbar darstellen soll, die erste Grundbedingung, ohne welche keine Schönheit dieser Art möglich ist, welche freilich als höheres Gesetz erreicht werden soll, aber ohne Ordnung, Regelmäßigkeit, Natur und Wahrheit nie dargestellt werden kann. Sobald man hingegen irgend ein Declamirstück der Wahrheit geinäs wirklich gut vorträgt, bringt man auch alle Schönheit, Sanftheit und Abrundung, Starke, oder Schwäche in Ton- und Geberdenausbrücken hervor, welche der Dichter bei seiner Bearbeitung beabsichtigte und darauf hinarbeitete. Deswegen will ich hier noch die Charakter i- sti k oder das Ideal eines vollkommenen Kunstschauspielers überhaupt, weiter unten aber des Komikers und Tragikers insbesondere aufstellen. Hiebe! muß ich eines vollendeten Künstlers innere Auffassung und genievolle Darstellung seiner kem-schc» und tragischen Rollen deswegen zuerst cha- 55 raktenstrc», k'eil Lob» Tadel und öl. ißt allen ke seinen theatralischen Darstellungen nicht etwa Klo« von äußeren Vorzügen des Körpers, oder von beliebten Kunstgriffen» deren zweite Wiederholung schon nicht mehr blendend befriedigt, sondern gan; vorzüglich von der Art und Weife abhängen, wie der musterhafte Kunsischaufpieler seine komischen und tragischen Rollen schon in ihrem innern Grundkeime weislich auffaßt(greift) und mit schöpferischer Geisteslraft verschönert(idealisirt, höher gesteigert und gehalten) darstellt, i) Der gemeine Komiker bleibt gewöhnlich ziemlich unbekümmert um den wahren charakteristischen Geist seiner Rolle und der übrigen angränzm- den; er sorgt daher zuerst blos für die etwa siezn passende Maske und Kleidung, prägt dann seinem Gedächtnisse die Worte der Rolle ohne Verstehen und.äffen ihres ideellen Inhalts und Zusammenhanges nothdürf- tig ein, geht zur bestimmtin Zeit auf die Bühne, verläßt sich vorzüglich auf den Souffleur und orgelt nun in Gdttes Namen aufs Gerathewohl die Worte mit Grimassen nach der augenblicklichen Stimmung seines Gemüths und seiner Umgebungen ab. 2) Der blos talentvollere Schauftrelkünstler hingegen, welcher ohne vollendete Ausbildung noch immer ziemlich einseitig bleibt, weis zwar die einzelnen Theile seiner Rolle richtig zugreifen(auf-inäffen) und ziemlich gut darzustellen, aber noch nicht das Ganze derselben mit schöpferischem Geiste zu ergreiftn, anzuordnen(zu componiren) und mit solcher hinreisenden Zauberkraft vorzutragen, daß er alle Herzen der Zuschauer schon erobern und hinreißen könnte, wie der i 56 vollendet« Meiste«. Gleichwohl steht der talentvolle,, aber noch nicht ganz ausgebildete Kunstschauspieler schon «ine sehr beträchtliche Stufe höher, als der gemeine, alltägliche Schauspieler; aber er gleicht denn doch immer nur noch dem gewöhnlichen Portraitmaler, welcher ebenfalls die einzelnen Züge des abzumalenden Menschen in seinem Bildnisse mit Treue zurückliefert, aber noch nicht ihre innere Nothwendigkeit in reinster Aufeinanderfolge und den(sie organisch vereinigenden) Geist, mithin noch nicht das Innere in dem Neuster», das Ewige, Göttliche und Bleibende in dem Zeitlichen, Irdischen und Vergänglichen, noch nicht das»A llgem eine in dem Besondern und Einzelnen so anschaulich darzustellen weis, wie ein vollendeter Künstler dieser Art. z) Der vollkommen zweckmäßig ausgebildete Kunstschauspieler hingegen(dessen Ideale bisher ein Eck b off, Schröder, Jffland, Fleck u. d. gl. sich in neuern Zeiten noch am meisten näherten,)— verfährt schon deswegen noch ganz anders, weil sein stets freier, ewig frischer und mit deutlicher Besonnenheit nüchtern wirkender Genius in jeder übernommenen Rolle, selbst wenn ihr Charakter noch so sehr chamaleontisch gezeichnet wäre, dennoch ihren alles regierenden Lebens faden glücklich aufzufinden weis, an welchen sich alle übrigen Handlungen, Worte, Ideen, oder Empfindungen, Töne und Geberden anschmiegen, der folglich im Stande ist, sie alle zu einem idealisch orqanisirtcn Ganzen mit magischer Kraft zu vereinigen. Deswegen bnuht die wahre Größe eines vollkommen Muster- und meisterhaften Kunstschauspielcrs(wie " L7 jedes ächten Künstlers überhaupt) stets auf der richtigen Auffassung, auf der ununterbrochenen Festhaltung und überall vernehmbar deutlichen Darstellung dieses melodischen Grundtones, welcher durch alle Strophen des theatralischen Lebensliedes mehr, oder weniger wiederhattet, in jedem Worte, Ton- und Geberdenausdrucke, in jeder Handlung und Empfindung aufs neue lebendig, oder interessant zugleich hervortritt, mithin der eigentliche Wendepunkt des bezaubernden Spiels des ideellen Kunstschauspielerö ist. Denn ein solches Genie erfaßt das Herz oder die Seele, den Grundkeim seiner Rolle, welche vor ihm stets so lebendig stehen muß, daß der aufmerksame Zuschauer schon auf der Schwelle des Eintritts den jedes mal anders auftretenden ganzen Rollenheld mit den bestimmtesten, deutlichsten Umrissen zu erkennen weis und schon dessen erstes Wort, oder die erste Bewegung und Miene(gleich dem Auftakte der Musik) einiger Maßen ahnen lassen kann, in welchem Geiste und melodischen Grundtone er das Ganze durchführen werde. In seinem Meisterspiele müssen vorzüglich die entgegengesetzten Ucbergänge von einem entscheidenden Augenblicke und«Punkte zum andern sehr bemcrkenswerth mit der hohen Kunst seyn, mit welcher er motivirt, folglich mit der er die innere Nothwendigkeit dieser, oder jener bestimmten Bewegung und Handlung entweder vor ihr, oder mit ihr zugleich zu enthüllen weis. Denn ein solcher Künstler soll nicht allein die Andeutung der Worte seiner Rolle wieder mit angemessenem Gefühle ausdrücken, sondern auch noch die ganz« Reihe von Mittelgliedern, welche der Dichter entweder L8 gar nicht, oder doch nur leise berührt hat, vor dem Zuschauer sichtbar vorüber führen. Daher ist diese große Kunst ohne richtige Auffassung des Grund keimeS der innern Einheit, welche alles beseligend verknüpft, den meisten Schauspielern so ganz unmöglich, daß ihnen vorzüglich die Manslog« größtentheils mis- lingen, worin diese Uebergänge sichtbar angedeutet wer- den sollen, wobei sie aber ganz unbekümmert bleiben und sich oft freuen, doch endlich auch einmal im M o- nolog allein zum Worte zu kommen, oder dazu gelassen zu seyn und die Ausrufungen(gleichsam poetische Hieroglyphen) wie todte Buchstaben oder Wortzeichen entschlüpfen lassen zu können. Der wahre Kunstschausoicler hingegen weis diese Hieroglyphen nicht nur lebendig zu beseelen und begeisternd zu enträthseln, sondern auch durch deren deklamatorisch mimischen Vortrag den Zuhörer und Zuschauer selbst in das innerste Heiligthum dieser Kunst wenigstens blicken zu lassen. Denn durch das jedesmalige Vorhergehende oder Frühere leitet er jedes Nachfolgende so ein, daß man selbst während seiner absichtlichen Verweilung bei manchen Worten, Tönen und Ge- berden,—(welche gleichsam als Endreime der Verse eine innere Zukunft abschließen, oder sie doch als Assonanzen ankündigen,)— den Keim, die Blüthe und Frucht jeder Handlung, folglich ihr ganzes Ent- .stehen und Vergehen, nach Grund und Folge, nach Ursache und Wirkung erblickt, eben weil in seiner Kunstdarstellung alles als bedingt nothwendig erscheint und aus dem Genusse eines herrschenden Grundgefühls entspringt. Der wahre Künstler zeigt überall seine rühm- L9 liche Haltung selbst dadurch, daß er sogar einzelne Reitze deswegen freiwillig fahren läßt oder verschmäht, weil sie der Hebung des Ganzen schaden würden. Die geniealisch« Besonnenheit eines solchen Meisters entspringt nur aus dem harmonischen Einklänge weislich vereinigter großer Kräfte und läßt in seinem Innern eine bleibende Lebenskerze fortlodern, welche ihm auch selbst in den dunkelsten Stelle» und in den verworrensten Cchlangenwendungen des theatralischen Le- benslabyrinths hinlängliches Licht gewährt, folglich ihn wie ein wohlthätiger Genius selbst da vor Fehltritten beschützt, wo sogar oft große Künstler straucheln können und wirklich fallen. Bei der Ueberschauung seiner ganzen Rolle in ihrem Verhältnisse zu allen übrigen desselben Stücks, bemustert er sich ihrer nicht nur völlig, sondern erkennt auch stets deutlich den genauen Zusammenhang der einzelnen Theile unter einander mit ihrem ganzen Verhältnisse zu einander und zum Ganzen selbst. Dabei überschreitet er nie die richtige Gränzlinie, son der» kennt und beobachtet überall seine gesetzmäßigen Schranken, in deren Umkreise er, ohne einzelnen glänzenden Stellen die nöthige Hebung des Ganzen aufzuopfern, sich mit desto größerer Zuversicht bewegt, je deutlicher und lebhafter er ibrc Nothwendigkeit, in dieser aber seine wahre gesetzmäßige Freiheit erkennt, welche der Comödiant für unnütze Schranken hält, weil seine Zügellosigkeit hiedurch gehemmt wird. Der gemeine Schauspieler, unbekannt mit der jedesmal nöthigen Stärke, oder Schwäche(Temperatur) seiner Stimme, sucht wegen Erschleichung des Beifalls der gaffenden Menge nicht selten schon in den So ersten Scenen alle Gewalt der Töne seiner Stimme und seiner Geberdensprache auch ohne Noth so sehr aufzubieten, daß er zuletzt ganz schwach, matt und unbeholfen, heisch und rauh, unbehülstich und höchst widerlich wird. Der wahre Kunstschauspieler hingegen, hinlänglich bekannt mit der nöthigen Oekonvmie der Stimme und Gefühlssprache überhaupt, giebt daher keiner Stelle mehr Nachdruck und Gewicht, als ihr ganzer Zusammenhang mit den übrigen Theilen der Rolle erfordert. Daher ist er(wie Roscrus) durch weise Nüchternheit, Sparsamkeit und genaue Berechnung des nöthigen Kunstaufwandes allein im Stande, selbst alsdann noch neue Kraft aufzuwenden und durch neue Kunstgriffe oder Mittel zu erfreuen, wann er schon alles erschöpft und abgenutzt zu haben scheint. Diese weife Sparsamkeit muß daher vorzüglich der angehende Schauspieler in dem Gebrauche seiner Stimme genau beobachten, durch welche er(selbst bei ziemlicher Beschränkung ihres Umfangs nach Höhe und Tiefe,) dennoch(wie Dein osthen es) fast unglaubliche Wirkungen hervorzaubern kann, wenn er nicht nur ihre größte Stärke für entscheidende Augenblicke, Gegensätze, Hauptpunkte, Steigerungen, An- und Abschwellungen der Töne, oder neuer Tongange aufspart und die Stärke, oder Schwäche der Stimme häufig anwendet, sondern auch den Unterschied der Stimmtöne durch höhere, oder tiefere Tongänge und durch verschiedentlich aufgebotene Kraft weislich benutzt, wie mein System der Deklamation und die schöne Vorlesekunst hinlänglich zeigt. Theils durch dieses tiefe Eingreifen und einzig richtig« Auffassen des alles beherrschenden Lcbenspunktes in jeder Rolle, theils durch eine so weise Besonnenheit, mit welcher der Genius eines ächten Kunstschauspielers über dem Ganzen seiner Darstellung ohne Wanken voll nöthiger Umsicht schwebt, erreicht sein Spiel allein diejenige Wahrheit fremder Ideen und Gefühle, rvelche man von jedem Kunsiproducte, als die erst« und nothwendigste Eigenschaft(als Grundbedingung aller wesentlichen Schönheit), mit Recht fordert und erwartet. Denn auch ein solcher Künstler soll(gleich jedem andern schönen Künstler) objectiv seyn und eS immer mehr werden, nie aber blos subjektiv bleiben (nie blos eigene, subjektive Ideen und Gefühle, sondern auch fremde oder objective darstellen lernen), folglich auch die unbedeutenden Zufälligkeiten der darzustellenden Person seiner Rolle nur wenig berühren. hiedurch aber diese subjektive Person zu einer ganzen Gattung oder Menschenclasse erheben, in welcher sich ein ganzer Stand, oder gar die ganze Menschheit verhältnißmäßig abspiegelt. Deswegen muß der Künstler dieser Art seine eigene Individualität zum Repräsentanten eines ganzen Standes oder einer ganzen Menschenelasse, deren Rolle er spielt, verwandeln und erheben, folglich sich gleichsam entäußern, aus sich selbst herausgehen, unterdessen aber seine Individualität möglichst ablegen, vergessen und unterdrücken. Aber eine solche Darstellung setzt die genauesteErkentniß seiner selbst voraus, welche die wenigsten Schauspieler besitzen und daher sich sclbst (ihre eigene Subjektivität und Individualität) mehr. oder sr wcn;.Mspielen. nur ihre e igene werthcPerso» Erstellen, nicht aber dre der vorgezcichneten Rolle. Deswegen uberneh.nen sie nicht nur am liebsten solche Koken welche ihrer Persönlichkeit am meisten entspre- r-en oder angemessen find, sondern gefallen sich nun auch m oem»rade, in welchem ihre eigene Persönlichkeit angenehm, oder widrig, reich, oder arm an Kunstauf- wand-.st. Au« dief-r Ursache passen gemeine Schauspieler gewöhnlich auch mehr zu komischen, als zu 7"7"fischen Rollen; diejenigen aber, deren Natur sich mehr zu dem Tragischen als zu dem Komischen neigt, passen selten, oder gar nicht zu komischen Rollen. An dieser EPsei- tig.eit erkennt man eben den gemeinen Schauspieler oder Komod-anten. Denn beide Hauptgattunqen von (komischen und tragischen) Rollen erklären und ergänzen sich einander wechselseitig. Deswegen kann nur der achte Kunstschauspieler(wie alle vollendeten Meister und nachahmungswürdigen Muster feit Satyros und Roscius bis auf Jffl-nd durch die That selbst vewiesen haben)— zu beiden Nollenarten fähig seyn sich m beiden Gattungen(wie Sokrates schon von dem dramatischen Dichter mit Recht verlangte,)— hinlänglich auszeichnen und wohlverdiente Lorbeerkräme emarndten. Seine eigene Persönlichkeit während der .rmrstellung vergessend, zurückdrängend und unterdrückend, gleichsam aufhebend, vernichtend und mit freier Selbst.- thatigkeit blos im Ganzen den Geist der Natur nachahmend, muß der Meister dieser Kunst(wie Proteus' sich m d-e mannichfaltigflen Gestalten so geschickt verwandeln können, daß jede neu angenommene Form und Gestalt, nwtin oft entstellt und;. B. hier die Wahrheit des treu gezeichneten Charakters durch einen zu altfränkischen Anzug, oder durch närrischen Gang mit gichterisch verzogenem Hündespiele, oder durch gemeine Sprache und Sitte ganz verfehlt, ohne zu bedenken, daß es dem Bürgermeister gar nicht einfällt, Scherz zu treiben und Lachen zu erregen. Mit dem vollen Ernste der Amtsgeschäfte verrichtet er alles und glaubt, eben so gut einen großen Staat regieren zu können, als das kleine Land- städtchen Krähwinkel. Daher behandelt er selbst den geringsten Borfall feines Amtes mit dem feierlichen Ernste eines hohen Staatsbeamten, mit Anstand und Würde seiner vielen Geschäfte, die ihn so sehr erfüllen, daß ihm die förmlichste äußere Haltung in Tönen und Gcberdcn zur völligen Natur geworden ist. In Gedanken stets bei Rathe, kann er weder in seinem Hause, noch un sirelde, allein, oder in Gesellschaft anders erscheinen, als wie der regierende Bürgermeister. Eben dieser hohe Ernst bei Geringfügigkeiten und die Unfehlbarkeit, womit er Verkehrtheiten ausspricht und treibt, erregen das fortwährende innige Lachen. Seine ganze Haltung ist eine ängstliche Nachahmung des vornehmen Anstandes nach allen Kräften; sein Anzug beweiset, daß Krähwinkel eine entlegene Provinzialstadt sey; den- 69 noch aber zeigen Farbe und Schnitt, daß er sich vor den übrigen bürgerliche» Handwerkern auszeichnen will. Von den Schuhen bis zur Perücke ist überall Sauberkeit, Wohlstand und bei aller Reichhaltigkeit der Zeugmasse dennoch das Streben sichtbar, daß der wohlgepflegte und siandesmäßig getragene Körper in seinen Wendun- aen nicht vcrsieckt, oder gehemmt, sondern durchaus sichtbar seyn möge. In dem sechsten Austritte des dritten Acts trägt der Bürgermeister Herrn Olmers mit sichtbarem Kummer über die verletzte Hoheit den Hergang der Sache vor:„Wie die Krähwinkeler Stadt- heerde seit hundert Jahren das Privilegium habe, auf den Ronneberger Stoppeln zu weiden,— wie aber der Amtmann daselbst noch neuerlich einen Hammel gepfändet habe." Er duldet jede Unterbrechung deS Andern weislich, aber in feierlicher Stellung, dabei er immer das verletzte Privilegium seiner guten Stadt(den fetten Hammel) vor Augen und des Amtmanns Einbruch schwer auf dem Herren behält. Er will mehrmals reden, wird von den klebrigen immer unterbrochen, sieht in fester Gravität da, öffnet verschiedentlich die Lippen, blickt gerade hinaus und verändert weder Miene, noch Stellung, bis endlich keiner etwas mehr aufbringen kann, mit den andern weicht und ihm mit Herrn Olmcrs das Feld gelassen hat. Nun lüftet er die Brust, welche die wichtige Sache so lange verschlossen halten mußte; voll von der(seine Seele ergriffenen) Begebenheit, bleibt er übrigens ganz unbeweglich; nur eine halbe, etwas zierliche Bewegung des rechten Armes erlaubt er sich nach Herrn Olmers zu, fordert diesen zur erneuten Aufmerksamkeit für diese wichtige Sache auf und beginnt nun so mit der stillen Würde des Selbstgefühls den ü'ebenten Auftritt mit den etwas sonst gesprochenen Worten:„Wiederum auf besagten Hammel zu kommen."— Als aber Olmers den Bürgermeister, welcher nun seine Amtsleiden völlig klage» und Rath von einem Rcchtsversiändigen einholen will, mit den kurz einfallenden Worten unterbricht:„Ich liebe Ihre Mademoiselle Tochter!"—; so weis er sich bei dieser Abdämmung des Ergusses der Rede nicht zu fassen, fällt von seiner Höhe und sagt voll Erstaunen unartieulirt nur die beiden Sylben:„Ei, ei!" dann erhebt er sich zu vornehmer Kalte in den beiden Worten:„viel Ehre!" und sammelt sich zu dem staatsrechtlichen Ausspruche:„daß er die sämmtlichen Vettern und Muhmen erst zusammen berufen müsse, das Anliegen geziemend vorzutragen." Erst nachdem er wieder allein ist, überlaßt er sich dem rein menschlichen Erstaunen seiner Art:„Ei! seht doch! der Mensch fallt mit der Thier in's Haus! Ist das eine Manier zu hcirathen!" Doch nach etlichen Worten ruft er die Magd und ertheilt ihr mit sichtbarer Wichtigkeit in bürgermeisterli- chcr Herrlichkeit den Befehl:„Margarethe, bittet geschwind die Frau Mutter und den Herrn Bruder, auch die Frau Muhme herüber; ich hatte etwas Jmportan- tes mit ihnen zu überlegen." Auf solche Art muß man alle Abstufungen dieses Charakters treu, deutlich, wahr und lebendig darstellen, c) Da nun das Lustspiel seiner Natur nach auf Täuschung weniger Anspruch macht, als das Trauerspiel, ohne durch die komischen Kontraste in den verschiedenen Lagen seine Wirkung zu verfehle»; so hat hier der Künstler auch weit mehr Freiheit, als im Trauerspiele. Daher kann er be- weislicher Benutzung dieses Vortheils vorzi.gl.ch in komischen Rollen seine Meisterschaft entweder am ersten bewähren, oder seine gänzlich- Unfahigk-t. zum Komischen völlig beurkunicn. Denn der g«st- und talentvolle Künstler vermag selbst-ine schlechte Komödie oft noch erträglich-für den Zuschauer darzustellen, wenn er auffallende Stellen verbessern und durch sein meisterhaftes Spiel zu verstecken weis; em schl-a)- tes Trauerspiel hingegen kann bei seiner wirklichen Darstellung leicht noch schlechter erscheinen, als es wirklich ist, wenn es nicht von guten Künstlern aufgeführt wird. So zeigt der wahre Komiker z. B.>n der Rolle des Herrn von L angsalm(in dem Wirrwarr, einer Posse von Kotzebue) keine Spur von der gemeinen, irdischen Faulheit,- welche jede Spur von Anstrengung und Bewegung haßt, weil ihr das dumpft Hinbrüten vorzüglich gefällt, welche serner auS Schwäche und Wichtigkeit jeden Verkehr mit Menschen vermeidet, weil Schlafen leichter ist, als Handeln' welch- endlich mit thierischer Bewußtlosigkeit höchstens ihr:„Ja!" hergahnt, weil sie blos an sich und an die Befriedigung niedriger Lüste denkt.— H'-r darf der Künstler keine Spur von einer solchen Schwäche blicken lassen, weil dieselbe allen Willen und auch alles Poetüche auflößt, wie sie auch Kotzebue selbst unrichtig gezeichnet hat. Daher muß der wahre Komiker des Dichters Fehler verbessern, alles Unwürdige'verschmähen, durch sein Spiel Kotzebues Langsalm blos in einen leidenschaftslosen,(gleichsam von allen irdischen Lebensbedürfnissen freien, über allen Zwist mit der Welt er- 72 Habenei, und zur höchsten Seelenruhe mit sich selbst gelangten Mann weislich verwandeln, welcher das rastlos geschäftige Treiben und Jagen am meisten haßt, weil er dessen Nichtigkeit erfahren hat und daher nichts so sehr liebt, als das besceligende Selbstvergessen in den Zauberarmen des(von allen Lebensmühseligkeiten entbindenden) Schlafes. Auf des Künstlers Munde muß hiebet ein unbeschreiblich süsses Lächeln schweben, so oft er in dieser Rolle sich einer solchen genußreichen Selbstbeschaulichkeit hingeben und in den ersehnten Hafen der Ruhe glücklich einlaufen kann, wo er für sein schwer bewegliches Schiff wenigstens einige Rettung und Schutz zu hoffen hat gegen die kalten Nordstürme seiner stets leicht beweglichen Ehehälfte und gegen den heißen Südwind des verliebten Hurlepusch. Wird er nun wieder zu neuen Thätigkeiten gezwungen und zu lästigen unwürdigen Geschäften fortgerissen; so muß seine sorglose Langsamkeit bei Besorgung dieser Aufträge, dann sein(blos für neue Ruhepunkte besorgter ,) lauschender Blick, den er während der Befehle seiner Frau annimmt, endlich fein(stets zum Lächeln bereitwilliger) Mund, womit er auf dieselbe herabsieht, deutlich genug zeigen, wie unbedeutend ihm alle irdischen Beschäftigungen erscheinen und wie er alles aufgegeben habe für die absichtlich behagliche Pflege eines ruhigen, geschäftslosen Lebens. Daher muß er von den(durch seine Frau ihm) überlieferten Schachteln e>.ne nach der andern fallen lassen, oder wohl gar eine derselben zum Sessel gebrauchen und sich mit sanftem, etwas schleppendem Gange bewegen,„tun die verwünschten kalekuti- schen Kerle aus dem Garten zu jagen!" Aber noch vor 7? Erreichung der Thür muß er zu seiner großen Freude ein(zur Ruhe) einladendes Sofa finden und ,eaie ya- Kiae Eile, mit welcher er dasselbe einnimmt, muß ve. muthen lassen, wie gern er se-nen Auirraa vergesien möchte, wofern ihn nur nicht seine Ehehälfte so unfreundlich daran erinnerte. Jede gezwungene Bewegung, verrichtet er deswegen in der süssen Hoffnung einer längen, künftigen Ruhe auf die ihm bequemste und kürzeste Art. Daher muß er selbst in derjenigen Scene, in welcher er der Gewalt des vermeintlichen Feuers durch den gefährlichen Sprung aus dem Fenster zu entgehen sucht, sehr naiv fragen:„soll ich den linken, oderden rechten Fuß zuerst vorsetzen?" Da ihm aber das viele Reden sehr anstrengt; so benutze der Künstler Hiebei das Spiel mit den Handen, welches als das leichteste die wenigste Mühe kostet; er spüre ferner(zur Vermeidung des lästigen Stehens) unaufhörlich Tische zum Anlehnen, oder Stühle zum Sitzen aus und benutze in deren Abwesenheit dazu die Schultern seiner nächsten Nachbarn. Auch Liefe müssen ihm alle ganz unbedeutend scheinen, weil sie(noch befangen in einem blos ekeln nichtigen . Streben,) nichts von seiner Göttlichkeit einer hebern Ruhe ahnen. Denn blos darum muß er andere Personen(ohne Bitterkeit und Murren über ihre ewigen Störungen) mit gutmüthiger Gleichgültigkeit ertragen und blos durch den leisen ironischen Ton ferner zögernden Beantwortung ihrer Fragen das große Uebergewrcht seines Geistes über sie offenbaren. Er mißt dennoch allen wunderlichen Einfällen seines Vetters Hurlc- p u sch Glauben bei und ist bei den geringsten alltäglichen Vorfallen eben deswegen so unbeholfen rathlos, Wei ?4 er sich immer in der Abwesenheit seines(stets in heitern Regionen eines selig stillen Lebens schwebenden) Geistes befindet, welcher nur nach den fühlbarsten Aufforderungen zur scheinbaren Theilnahme an dem(ihn umgebenden) Treiben bewegt werden kann. Das äußere Leben eines so hoch gehaltenen Charakters muß demnach nicht nur durch den Contrafl seiner Ruhe mit den sturmvollen Umgebungen, ferner durch die Handlungen, welche er als falsche, unzweckdienliche Mittel zur endlichen Erlangung des ungestörten äußern Friedens ergreift, sondern auch durch die seltsamen Colliflonen, in die er wider seinen Willen-durch eigene Schuld gebracht wird, einen desto großem komischen Eindruck aus die Zuschauer bewirken, je mehr überhaupt das Lächerliche mit dem Verstände der lächerlichen Person wachst re. Auch hieraus kann mancher dramatische Dichter(wie der Kunstschauspieler) verschiedene Fehler vermeiden lernen. st) Tritt ferner ein solcher Künstler z. B. in der Rolle als Graf im Puls(von Babv) auf; so muß schon in der ersten Seen« der sichere, mannhaft feste Schritt des Kunstschauspielers, fest? edler Anstand, seine fein gewandte Unbefangenheit und Ungezwungenheit, womit er den Arzt begrüßt und zum Sitzen nöthigt, ferner die ruhige Bedachtsamkeit im Tone seiner Stimm«, dann die Haltung seines ganzen Körpers, mit welcher er sein Anliegen beginnt, endlich sein offenes großes Auge, welches bald auf dem Arzte forschend ruht, bald wehmuthsvoll hoffend gen Himmel blickt, — dieß alles sogleich mit unverkennbaren-Zügen in dem vornehmen Weltmanne, welcher mit hoher Ach- 7S ima für strenge Sittlichkeit und häusliches Glück erfüllt -M-»» w--ch»« Sohns kennt und ihm selbst das größte Opter zu bringen bereitwillig ist. sobald es die Ruhe ftmes leidenden Lieblinges erfordert. Die Nebe des Grafen zu se^ „er Braut, um welche sich(wie um eme S.nne) die ganze Handlung bewegt, darf der Künstler mit dieser Mäßigung blos zweckmäßig hervorheben. Ergänzen Stücke die nöthige Haltung zu verleihen um. Liebe zu feinem Sohne freiwillig entsagt. werer ein schwacher. noch als ein wankelmuth.ger und ungewißer Mann, sondern vielmehr als em solcher zu c- L.»«M m.°.ch'» W--"»/-"! Sohnes liebte, theils sich fteuete. daß-hm diese Aus- opserung der Geliebten wehe thue. blos aus höherer-e- be zu ftinem Sohne, dessen Wille auch stets der i-mige war. Das seine Komische dieser jch-nen R°i-e. -(welches dadurch entspringt, daß der Vater unbewußt die Geliebte deS Sohnes zur eigenen Braut er- wählte).- muß man mit Kunstfertigkeit so Ie>!- und dennoch so inmg in sein wohl überdachtes SPw vE- ben. daß die Zuschauer stets m einer sanften(ant Ernst und Scher; gemischten) Stimmung sich b-fi^n^ nicht nur bei den Worten: ,.«.e Tcufelsdoetor. - sondern auch bei ihrer Wiederholung:„Sre sind ein Teufelsdoctor!" dennoch nicht lachen, sondern m.r lächeln müssen. Endlich bei der sechsten Seene des zweiten Auszugs muß der Kunstbau P-eler seine Stimme von trostloser Verzweiflung allmahüg m ?6 freudige Hoffnung übergehen lassen, mithin durch häufig steigende und fallende Stimmtvne sein(zwischen Furcht und angenehmer Erwartung abwechselnd schwebendes) Innere verrathen, indem stummen Zurückgehen aber und in dem großen(auf den Arzt gerichteten, bittend fragenden) Blicke d»S beredteste Geberden- fpiel zeigen, folglich mit unaussprechlich bezaubernder Zartheit den Arzt durch glänzende Versprechungen zur Entsagung zu bewegen suchen re. Auf solch« gründliche, gesetz- und zweckmäßige Art muß vorzüglich der angehende Künstler dieses Fachs jede übernommene Rolle studkren und sich erinnern, daß in ihm die Betonungs- und Geberdenkunst oft in der geäfften Vollkommenheit, folglich oft noch in einem Hähern Grade sich vereinigen soll, als selbst in dem Redner und noch mehr in dem blosen Vorleser, Denn während B. der Vorleser vorzüglich mit Betonung und richtiger Aussprache der Worte, hingegen nur äußerst selten und wenig mit Mienen und eigentlichen Geberden sich beschäftigen darf und kann, der Redner aber die Ge- berdcnsprache zur nöthigen Behauptung feiner Würde bei seinem(ganz allein) zuhaltenden überdachten Vortrage dennoch weit weniger gebrauchen darf, als der Kunstschauspicler, muß dieser(als eine im wirklichen Handeln begriffene Person) eine oft mannichfaltigere und weit lebhaftere Ton- und Geberdensprache zur Aus- drückung aller Charaktere und Lagen anwende», um die in seiner jedesmaligen Rolle vorkommenden Umstände, Stimmungen und Gemüthsbewegungen nicht nur nach Alter, Stand, Lagen, Beschäftigungsart, Tracht, Sitten, Landes- und Zeitgebräuchen, sondern auch ganz 77 vorzüglich«ach der besondern Eigenthümlichkeit der zu agirenden Person im Entstehen und Wach j en, m allen Uebergängen, Verschmelzungen oder Vermischungen und Veränderungen, im Zu-und Abnehmen, vier gänzlichen Verschwinden vollkommen schon darstellen zu können. In dem Kunfischauspieler(als einer-m wirklichen Handeln begriffenen Person) sollen nämlich alle Gefühle, Wünsche, Absichten, Gedanken, Astecte, Leidenschaften, Worte und Handlungen nicht etwa a!S einstudiert, sondern blos so erscheinen, ms wenn sie eben jetzt gerade so und nicht anders in seiner Seele auskeimten und ganz unvorbererteL an ihm zum Vorscheine kämen. Daher darf er hiebet keine'rednerische, ganz bestimmte Haltung annehmen, oder schon haben und blicken lassen, weil diese seme Vorbereitung verrathen und die nöthige Täuschung Vernichten würde. Der angehende Künstler erinnere sich ferner lebhaft, daß alle Personifikation(als Annahme einer fremden Individualität mit Unterdrückung der eigenen) entweder bleibend(physiognomisch), oder blos vorübergehend(pathvgnomisch, pathologisch) sey. i) Die physiogn»mische Personifikation ist nämlich der Ausdruck alles bleibenden seiner Natur oder des ihr Einverleibten, Dauerhaften, folglich die Darstellung der bestimmten Individualität einer zu agirenden Person blos im Zustande der Gemüths- ruhe, wohin demnach zuerst a) das Alter jeder darzustellenden Person gehört. Denn die richtige Angebe und Darstellung auch des Alters der zu agirenden Person ist für die individuelle Charakteristik oder Per- 7S sonkfication so wichtig, daß jede Stufe des Menschenalters ihre eigenthümlichen kennbaren Merkmale hat, wodurch sie sich von jeder andern Lebensperiode merklich auszeichnet oder deutlich unterscheidet. So charakte- risirt sich z, B. die Kindheit durch unsicheres Schwanken, durch Mangel an Festigkeit und Beständigkeit, die Jugend durch rasche Lebhaftigkeit und Flatterhaftigkeit, das männliche Alter aber durch feste Entschlossenheit und Kraft, das Greisen alt er hingegen durch langsame Bedächtigkeit und Schwäche, wie man in meinem Deelamationssysteme und vorzüglich in meinem Handwörterbuch« der Physiognomik vollständig findet. Ließ alles soll schon der angehende Kunsischauspieler wissen rmd anwenden, eben weil es von sehr großem Einstiche auf feine Darstellung der augenblicklichen Affectation durch eine Leidenschaft oder Gemüthsbewegung ist. Zu dieser physiognomischen Personifikation gehört b) auch die Nation der zu agiren- den Person theils in so fern, als wir nun einmal mei- stentheils festbeflinnnte Bilder von gewissen Völkern besitzen, theils in sofern Clima, Staatsverfassung und Kulturgrad diese nähern Bestimmungen darbieten. Hiezu gesellt sich noch c) der Stand der zu agirenden Person eines bestimmten Volks in so weit, als mit ihrem Stande entweder Würde und Förmlichkeit, oder Geradheit und Zurücksetzung angenommener Verhältnisse, mithin Vermeidung alles Ceremoniells verknüpft seyn kann. So muß z. B. ein Italiener ganz anders agirt werden, als ein Spanier, oder Franzos, jeder von beiden anders, als ein Engländer, Teutscher, oder Russe, Türke, Chinefer u. d. gl., so auch über» 79 Haupt ein Christ anders, Äs ein Istaelit, Quaker, Muhamedaner, Heide u. d. gl. Endlich kommt HM. auch nock 6) die besondere Jndtvtdualrta der darzustellenden Person selbst, welche sich durch d,e Beschaffenheit der Kraft ihres Körpers, Geistes, Gha- rakters, Herzens und des Temperaments deutlich charakterisier oder auszeichnet und kenntlich macht- Zur richtigen Darstellung aller dieser charakteristischen Merkmale reicht der Kunstschaustieler nicht mat der blasen Deklamation und Aetion(Ton- und Eeberdensprache) aus, sondern er muß sich hi-zu auch noch paffender Masken urH Kleidung(Cosiume) bedienen. L) Die pathologische oder pathognomrjch« Personifikation hingegen ist der Ton- und Geverdenaus- druck nicht etwa der bleibenden Ruhe, sondern vielmehr des blos vorübergehenden, oft nur augenblicklichen Affekts nach allen individuellen Merkmalen, mithin die Darstellung der von einer bestimmten Empfindung affiorten, oder von einer Leidenschaft empörten Individualität. Nur unter dieser Bedingung werden Affekte und Leidenschaften individuell; sonst bleiben sie blos allgemein. Der Kunstschauspieler hat ebenfalls selbst den Monolog als eigene Empfindungen und Ideen so pathologisch darzustellen, als entspränge sie eben jetzt erst in seiner Seele,^-enn obgleich der Monolog(einzeln als eine Reihe von Ideen und Gefühlen betrachtet) als ein abgerissener Theil des ganzen Theaterstücks erscheint und ohne Personifikation declamirt wird; so macht ihn doch die lebhafte Personifikation wieder zu einem wesentlichen Theile des damit verbundenen Ganzen. 8-> Das Drama überhaupt im wettern Sinne(als Theaterstück oder Schauspiel überhaupt) begnügt sich nicht etwa, wie das Epos, mit der blvsen Erzählung einer Begebenheit und erfolgten Handlung, sondern es zeigt vielinehr die Handlung selbst in ihrer Veranlassung, Entstehung, in ihren Fortschritten und Folgen mtt den handelnden Personen in angemessener Darstellung, wodurch alle Begebenheiten bei den agirenden Personen für das Auge und Dhr als gegenwärtig aufgestellt werden. Daher ist das Drama die lebendige Darstellung einer Handlung oder ganzen Begebenheit, welche zur wirklichen Vergegenwärtig ung durch handelnd redende Personen selbst erhoben und aufgeführt wird. Ihre Behandlungsart mag nun entweder aus der wirklichen Welt entlehnt, oder ganz erdichtet seyn; so muß sie doch auch im letzter» Falle völlige Wahrscheinlichkeit(keinen innern Widerspruch) enthalten und(wie das Epos) v ö l- lige Einheit der Haupthandlung(als ein harmonisches Ganze) wesentlich nothwendig besitzen. Doch drängt sich dabei die eigentliche Handlung selbst und die Darstellung ihrer innern Zustände Lurch einen rascher» Gang, als den gewöhnlichen, so sehr zusammen, daß die theatralische Darstellung des Ganzen, welches oft in mehreren Tagen erfolgt, oder schon geschehen ist, diesen langen Zeitraum auf der Schaubühne in wenige» Stunden zusammen faßt, hiedurch aber Geist und Her; der Zuschauer angenehm unterhaltend beschäftigt, wodurch eben die dramatische Handlung und Darstellung erst das nöthige Interesse bekommt. Nicht das Epos, sondern vielmehr das Drama überhaupt, welches gewöhn- 8r wLhm.ch mit Kraft und Lebhaftigkeit vergegenwärtigt, ist demnach in seiner Vollendung die höchste Blüthe der Dichtkunst, Denn in dem Drama überhaupt(welches an Kraft und Lebhaftigkeit semer Vergegenwärtigung das größtentheils blos erzählende und nur bisweilen dialvgisirende Epos wett übertrifft,)- darf des Dichters eigene Person, welche in dem Epos nie ganz verschwinden soll, steh niemals zeigen, wie man in der Vvrlesekunst und ,m D eclamationssysteme ausführlich findet. Aus der größten Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit theils des Inhalts, theils der Form des Dramas überhaupt entspringen aber bekanntlich folgende verschiedene Gattungen dramatlfcher Gedichte, nämlich: i) die eigentlichen Lustspiele, 2) Rührspiele, z) Schäferspiele, 4) Lachspiele oder eigentlichen Komödien im engern Sinne, 5) Possenspiele oder niedrig komische Stücke, 6) eigentliche Schauspiele im engern Verstände, 7) Trauerspiele überhaupt, 8) die eigentlichen(höhern) Tragödien, mit allen denjenigen dramatischen Tichtungs- arten^ welche auch noch von Musik und Gesang begleitet werden, nämlich») Singspiele oder Operetten, d) eigentliche Opern, c) Melodramas. I) Die eigentlichen Lustspiele(Ränke-oder Charakterstücke) sollen das wirkliche Menschenleben erkennbar und anschaulich darstellen, folglich dessen Spiegel und Schule seyn, mithin veredelte Natur und Wahrheit im hohen Grade athmen, aber ohne Uebertreibung in Tönen und Ge- berden, wovon blos einige seltsame Charaktere, welche in der wirklichen Welt auch vorkommen, eine nothwendige Ausnahme machen. wie wir schon oben bei 82 Zergliederung des Charakters mancher Rollen deutlich gesehen haben. r) Die Rührspiele(rührende Dramas) entlehnen ihren Stoff ebenfalls aus dem wirklichen Menschenleben; sie soll«, ferner nicht blos dessen Spiegel und Schule seyn, sondern auch besonders die sanften Gefühle aufregen und zweckmäßig beleben, wozu ebenfalls ein unübertriebenes Spiel voll edler Natur und Wahrheit erfordert wird. Denn in den Rührfpielen treten so liebenswürdige und edle Menschen auf, daß ein solches Stück mit größter Feinheit, Zartheit und mit reinem Adel vorgetragen werden muß, ohne daß man Hiebei in das hohe Pathos des Tragischen verfallen darf. z) Schäker spiele sind entweder n) Darstellungen aus dem wirklichen Kreise des Lebens der Landleut«, oder d) Wahrnehmungen der blos erdichteten Schäfer, als einfacher und liebenswürdiger Raturwesen einer möglichen Jdyllenwelt. In beiden Arten soll daher auch gute Natur, Sittenreinheit, Wahrheit und Unschuld ohne künstliche Bildung herrschen, nämlich a) in der erstem Art alles Wirkliche veredelt(ideali- sirt), hingegen b) in der zweiten alles blos Denkbare als im höchsten Grade oder ganz vollendet(id e a- l i sch) dargestellt werden, wie in der eigentlichen Idylle. Daher muß der darstellende Künstler jedes Schäferspiel(bei aller verborgenen Schönheit desselben) dennoch mit der schönsten Natureinfachheit und Unbefangenheit(Naivität) meisterhaft darstellen, weit entfernt von aller Modesitte oder modischer Höflichkeit, Ziererei und Künstelei, mithin frei von allem Welttone Lbfischer Groß- und Kleinstädter, aber doch auch ohne alles Grobe, Plumpe und Platte, weil dieß allen Zauber liebenswürdiger Unschuld und Natürlichkeit unausbleiblich zerstören würde. 4) Die eigentlichen Lachspiele oder Komvdr«n im engern Sinne(nicht aber im weiter», worunter man gewöhnlich alle Arten dramatischer Stücke versteht,) sollen vorzüglich Narren züchtigen, mithin alle Tyor- heiten und Albernheiten in ihrer ganzen lächerlichen Bloße darstellen. Daher ist das eigentliche Lachspiel die dramatische Darstellung einer solchen bearbeiteten Handlung, welche auS dem häuslichen, bürgerlichen Leben mit dessen Vorfällen, vorkommenden Sitten, Meinungen, Denk- und Handlungsarten der wirklich als handelnd auftretenden Personen Hergenommen ist um hierdurch angenehm zu unterhalten, nützlich zu belustigen und durch Spott, Lächerlichkeit oder Scher; dennoch zu belehren, oder Thoren zu bessern. Das Kölnische des Lachspiels hat seinen Grund theils in den darzustellenden Charakteren der handelnd auftretenden Personen, theils in den verschiedenen Situationen, theils in beiden zugleich, wenn diese letzte Art durch aufgestellten Contrast der Charatere mit den Situationen hervorgebracht lind Lurch Einkleidung noch mehr gehoben wird, woraus die wirksamste Gattung des Komischen überhaupt entspringt. Bezieht sich nun z. B. der Stoff des Lachspiels auf die Darstellung eines(sich durch thörichte und lächerliche, alberne Eigenheiten auszeichnenden) Charakters; so heißt es o) ein Tharaktergemalde, hingegen b) ein Jntri- Luenstück, wenn es eine angenehm belustigende Vere F- 84 kettung von mancherlei(durch List, Schlauheit und Schalkhaftigkeit) durchkreutzten Planen und Anschlägen entwickelt, wie wir weiter unten bei der Charakteristik der Intriguen stücke deutlich sehen werden. Nach dem jedesmaligen Charakter und Zwecke des Lach- fpiels, oder einzelner Rollen und Scenen desselben muß der Kunstschauspkeler auch seinen ganzen Vortrug passend einrichten, je nach dem der darzustellende Charakter mehr das Belustigende und Lächerliche, als die sittliche und leidenschaftlich nachahmende Darstellung entweder edler, gefälliger und liebenswürdiger, oder thörichter, alberner, abgeschmackter und überhaupt lächerlicher Handlungen u. d. gl. betrifft. 8) Das Possenspiel oder Niedrigkomische treibt nun diese Narrenzüchtigung und lächerlichen Darstellungen aller Thorheiten oder Albernheiten aufs höchste, wobei es oft sogar die Gränzen der Anständigkeit und der Schönheit überschreitet. Zwar ist hier Uebertreibung in Tonen und Geberden oft am rechten Orte; aber sie darf nie die naturgesetzmäßigen Schranken überspringen; sonst wird alles abgeschmackt, albern, kindisch, unnatürlich und unkenntlich. Daher muß der Kunstschauspieler durch Witz die scharf aufgefaßten Züge(z. B. eines Gecken, Eingebildeten, Geitzi- gen, Scheinfrommen, Faulen, Liederlichen u. d. gl.) oft mit der ernsthaftesten Miene, immer neu, sprechend und mit Geschmack darstellen, wie wir oben(S. 70.) bei Zergliederung des Charakters des Hrn. von Lang- salm u. d. gl. gesehen haben. , 6) Die eigentlichen Schauspieie im engern Sinne,—(nicht im weiter», worunter man oft alle 88 dramatischen Stück- verficht,)- st-ben zer.de in der Mitte zwischen den Lustspielen aller Art und zwischen den Trauerspielen, mit denen sie folgende«Punkte gemein habe». Das eigentliche Schausprel'.st nämlich die dramatische Darstellung einer solchen Handlung oder Begebenheit, welche anfänglich(wie im Trauerspiele) Besorgnisse und bange Erwartung eines unglücklichen Ausgangs erregt, deren glückliches Ende aber(wie im Lustspiele) die gemischten Gefühle der Lust und Unlust(der Besorgniß und Bangigkeit) in reine Lust austößt. 7) Die Trauerspiele entlehnen ihren Stoff ebenfalls aus der wirklichen Welt, wie dre Lust- und Rührspiele, oder manche Schäferspiele, oder die Lach- und Pvssenspicle mit den Schauspielen; sie müssen aber in ihrer ganzen Haltung ohne merkliche Uebertreibung gesetzmäßig und natürlich veredelt dargestellt werden, selbst in den seltensten Charakterschilderungen, wobei die heftigen Affecte mit ihren Unternehmungen und Folge» besonders kräftig schön auszudrücken sind. Denn sonst verliert das Trauerspiel sein ganzes Interesse, weil die darin herrschende Traurigkeit durch Uebertreibung nicht interessant, sondern oft ganz widrig wird. 8) Die eigentlichen hebern Tragödien(zum Unterschiede der blos gewöhnlichen, niedern Trauerspiele) entlehnen keineswegs(wie alle bisher genannten dramatischen Dichtungsartcn) ihren Stoff aus der wirklichen Welt und aus dem menschlichen Leben,(oder doch nur höchst selten und oft blos zum Theil), sondern vielmehr aus einer blos möglichen, wahrscheinlich erdichteten Welt. Denn die höhere Trage- 86 die läßt meistentheils Götter und andere überirdisch- Wesen, oder wenigstens dennoch übertriebene Menschen mit ungeheuer tobenden Leidenschaften und mit einer solchen Stärke auftreten, welche selbst gegen das Schicksal(Berhängniß) gewaltsam ankam pst und ihm selten, oder gar nicht erliegt- Bei der Darstellung dieser Heftigkeit, dieser unbändigen Stärke, dieser ungeheuern, erstaunlichen und bewunderungswürdigen Erhabenheit ist hohe S-elenspannung(Pathos) am rechten Orte, eben weil alles riesenmäßig, übermenschlich und göttlich dargestellt werden soll. Denn will man uns Wesen geigen, welche dem tobenden Schicksale unbestegbaren Muth(wiez. B. ein Walle n- stekn) entgegenstellen und entweder nicht unterliegen, oder doch nur auf eine außerordentliche, oft übermenschlich große Art, welche immer als bewundernswürdig erhabene Seelengröße des Zuschauers Geist und Her; erbebt; so muß in der eigentlichen Tragödie eine solche Größe und Eckabenbeit durch Ton- und Geberden- sprache ausgedrückt werden, welche selbst in dem eigentlichen Trauer- und Rührspiele, nochmehr aber in dem Schauspiele, oder gar in dem Lust- und Lachspiele mit dem Possenspiele ganz unnatürlich, widrig und unzweckmäßig seyn würde. Die(bekanntlich durch Bar-buS- se st-zuerst bei den alten Griechen veranlaßte) Tragödie ist demnach die dramatische Darstellung einer wichtigen tragischen Handlung und Begebenheit, welche zugleich Mitleid, Besorgnis, oder Schrecken erregt, folglich in welcher der tragische Held des ganzen Stücks mit traurigen Glücksveränderungen kämpft, welche theils durch unglückliche äußere und innere Umstände, theilst 87 durch mancher-« feindselig« Umgebungen und Ereignisse, theils durch Bosheit und durch Verschulden anderer Menschen oder durch eigene Schuld herbei geführt morden sind, wobei er im wüthigen Kampfe>mt einem widrigen Schicksale diesem letzter» so unterl^t^ die dargestellte Handlung stets einen unglücklichen Äus. gang zeigt. Je nachdem nun der Stoss dieser dramatisch tragischen Darstellung entweder aus der Götter- und Heroenwelt, aus der Sphäre der Helden und hbhern Menschenclassen überhaupt, oder aus dem bürgerlichen, häuslichen und eheltgen Leben der, genommen ist, zerfällt auch die Tragödie überhaupt n)in die rein heroische, d) m die rein bur. gerliche,-) in die gemischte mit ihren Unterab- theilungen. Zu der letzten Art von Tragödie gehört r B. Schillers romantisches Trauerspre die Jungfrau von Drleans. In den alten Tragödien der Griechen wurde ihr tragischer Inhalt mehr, oder weniger als Wirkung eines(von der Gottheit, oder dein Schicksale selbst) zugefügten Verhängnisses behandelt, folglich auch die Handlung selbst mit einer (unserm Recitative ähnlichen) Musikbegleitung vergesellschaftet. Da nun der moralische Zweck der eigentlichen Tragödie darauf gerichtet ist, Zuschauer und Zuhörer zu rühren, ihre Empfänglichkeit für fremde Leiden mit ihrer Theilnahme zu erregen und zu nähren, welche m n auf unsern eigenen Zustand zurückführt und uns selbst für diejenigen Unfälle, welche unser Mitleid auf sich ziehen, besorgt macht, um uns hiedurch auf unerwartete Veränderungen unserer eigenen Verhältnisse vorzubereiten. mithin durch diese Darstellung der trau- 83 rizen Folge!» menschlicher Thorheiten, oder Laster zu warnen,;u belehren und zu bessern; so muß der Kunstschauspieler in seinem deklamatorisch mimischen Vortrage der Tragödie nicht nur diesen ihren moralischen Zweck passend behandeln, sondern auch die(durch tragische Scenen erregten) schmerzlichen Gesichte gemäßigter und mit einem gewissen Grade von Annehmlichkeit, (welche ihren Grund in der Mischung unangenehmer mit angenehmen Gefühlen hat,)— passend ausdrücken, folglich die zu erregenden Gefühle des Zuschauers immer als gemischt e, nie als völlig rein traurige Empfindungen so behandeln, daß die vorzüglichste Wirkung tragischer Eindrücke(nämlich das Mitleid), als ein (mit dem schmerzhaften Gefühle inniger Theilnahme an fremden Leiden)— sanft verschmolzenes (den Schmer; milderndes) Gefühl des Wohlwollens und der Liebe, seine angenehme Regsamkeit und Wirkung zweckmäßig äußern kann. Endlich muß der tragische Kunstschauspieler seine Kunstdarstellung dieser Art ebenfalls an die jedesmal besondere Eigenthümlichkeit des würdevollen feierlichen Ausdrucks und der ganzen tragischen Sprache zweckmäßig anpassen, ohne jemals in eine pomphafte, bizarre und hochtrabende Affec- tation auszuarten, zumal in erhabenen edlen Charakter»», wie ich weiter unten bei der Charakterdarstellung Egmonks zeigen werde. Die Chöre der altgriechischen Tragödie sind auch in neuern Zeiten(vorzüglich von Schiller, Apel u, a.) mit glücklichem Erfolge aufgestellt worden. Da nämlich auch die ersten tragischen Darstellungen der Griechen auf einem freien Platze gegeben wurden und einen 89 Theil des(dabei interessirten) neugierigen Volks entweder blos als Zuschauer, oder zugleich als wirkliche Theilnchmer der tragischen Handlung selbst herbeilocke ten; so mischten sich diese Theilnchmer bisweilen auch entweder in das Gespräch, oder sie stimmten(Lei der Zwischenpause der Tragödie, wahrend der Episode und Acte) verschiedene Gesänge an und bildeten hiedurch den griechischen Chor der Tragödie. Auf solche Art bestand auch späterhin bei den alten Tragikern der durch sie erst völlig ausgebildete Chor auS einer gewissen Anzahl von Personen, welche durch eine zweckmäßige Verbindung der Musik mit der Mimik große Wirkungen hervorbrachten, folglich auch ohne unmittelbaren Antheil an der Handlung, welche man den treu gischen Kunstschauspiclern überließ, dennoch als moralische Person zusammen ein Ganzes für sich bildeten, die Handlung selbst aber(vermittelst ihrer unpar- theiischen Gerechtigkeit, Tugend und Leidenschaftslosigkeit) zum Theil mit Rath und That leiteten, oder beurtheilten. Daher soll der Chor überhaupt immer alü eine (der tragischen Haupthandlung untergeordnete) lyrische Person auftreten und entweder als Repräsentant des Dichters seine Bemerkungen, Meinungen, Empfindungen, Rathschläge u. d. zl. offenbaren, oder als Repräsentant des(Hiebei als gegenwärtig gedachten) Publikums den Maaßstab zur Beurtheilung der Handlung und agirenden Personen für den Zuschauer angeben. Diese parteilose lyrische Sprache des Chors muß daher auch(wenn man denselben declamiren soll, oder will,)— in der Darstellung immer eine lyrijche (gesangartige) und mit tragischem Pathos angemessen A0 vereinigte Haltung besitzen, ohne doch dabei an den eigentlichen Gesang zu gränzen, mjt zweckdienlicher Berücksichtigung der jedesmal eigenthümlichen Beschaffenheit jedes Chors, wie in der Vsrlesekunst und im De: clamationssyfleme gezeigt wird. Nach der ursprünglichen Idee und Bestimmung des ältesten dramatischen Chors der Griechen war also eigentlich der Chor der Grundkeim, aus welchem erst nachher die eigentliche Tragödie erwuchs, nämlich zuerst blos ein besonders feierlicher gottesdienstlicher Gesang bei Got- terfesten, worin man entweder die Götter anrief, oder ihre Geschichte absang. So sieht z. B. der Chor aus des Sophokles Tragödie(Oedipus in Theben, nach qeschehener Aufforderung des Opferpriesters,) zu den Göttern um Abwendung der(über Theben verhängten) Seuche von dem bedrängten Lande empor. Daher müßte man denselben nach Form und Inhalte ebenfalls mit einem feierlich tragischen Pathos und mit nachdrucksvollen, scharfen Aceentcn vortragen. Eben so hat man auch B. den Chor aus Apels Tragödie Kalliroe mit feierlich ernstem Pathos des heißen wehmuthsvollen Flehens nicht weniger auszudrücken, als den Chor aus der Tragödie: die Aetolier von Apel w. Da nun alle Arten dramatischer Stücke entweder zu den komischen, oder tragischen überhaupt gehören, zwischen beiden Hauptarten aber die eigentlichen Schauspiels in der Mitte stehen und zu ihnen blos theil- weise gehören; so brauche ich(nach der bereits S. 64. aufgestellten Zergliederung komischer Rollen) hier nur theils noch einige tragische, theils intriguante Rollen nach ih- YI rem wesentlichen Charakter zu zergliedern, zumal da d— Diese(sein ganzes System enthaltende) Stelle muß er mit einem Ernste und einer Innigkeit sagen, wie ein Lehrer in Anpreisung seines Systems. Je lächerlicher dieser Ernst wird, desto besser; aber man darf keinen Charlatan daraus machen und hiedurch Lachen erregen wollen. Sobald er vernommen hat, daß sein altes Hof- eostüme ihm bei dem jungen Minister hinderlich sey, kleidet er sich schnell in einen Jncrvyable um, dessen graue Haare(Statt der vorigen Frisur aus ChoiseulS Zeiten) zum Tituskopfe geworden sind. Des Ministers Bruders Liebe zu seiner Tochter soll ihn neben dem Minister an das Ruder bringen; man läßt ihn das hoffen und er geht darauf ein. Er sucht der Tochter das Unstatthafte der Verbindung mit ihrem Manne merken zu lassen und—(als diese hiezu keine Lust hat,)— sagt er(wie man in Geschäften spricht) ganz. leicht hin, lächelnd und heiter ohne Accent, ganz arglos: ,,Laß dich scheiden!"- Nach dem Abgänge dieses Mi^ nisters kommt an seine Stelle ein fester, strenger Feldzeugmeister von 1761 her. Der Incroyable erscheint ohne Umstände im militärischen Paradecostüme, welches der Feldzeugmeifler übel aufnimmt und den Geheimerath so verlegen macht, daß er sich bei der Umarmung beinahe auf Vatergesühle einläßt. Sein gerufener Schwiegersohn soll angestellt werden; dadurch erwacht seine Repra,«n- tationswuth vom neuen und glaubt durch folgenden Ausweg noch eingeschoben werden zu können:„Und wollen sie mich nichts werden lassen; so müssen sie mich was heißen lassen!" Mit diesen aus tiefer Seele schmerzvoll ausgerufenen Worten im Tone eines(seine letzte Hoffnung aussprechenden) Verzweifelnden stürzt er davon nach seinem neuen Plane. Alles komische Sprechen dieser und ähnlicher Stellen würde die Rolle todten, in welcher nur tiefer Ernst, wahre Leidenschaftlichkeit des Thoren hie und da Lächeln erregen soll. Die gewünschten Herrlichkeiten in'eines Schwiegerivhnes Hause sind ihm voller Ernst, volle Ueberzeugung. Die Ruhe und feste Beharlichkeit des Hauptmanns bringt ihn in den Harnisch. Er sucht ihm sein Ziel so hell und glänzend darzustellen, daß endlich des Hauptmanns Gleich- muth wanken müßte. Seine Ueberzeugung für die,e Meinung und Wünsche lagt seine Rede» seinen ikhem. Der UnMuth über die Unwirksamkeit seiner Bilder, den er anfangs aus Eifer für die Sacke friedlich verbergen will, gibt seinem Tone, welcher nicht unmuthsvoll und stark seyn darf, etwas Dünnes, Feines, welches in Begleitung des Ernstes für die Sache das Komische dieser Lage liefert und das innige Lachen erregt. Menschen, 94 (welche ihre Verkehrtheit so ernstlich werben, daß sie auch noch ein ehrenvolleres Geschäft kennen und den unbedeutendsten Kleinigkeiten so mühsam nachjagen, daß sie nicht fühlen, wie sehr sie sich dem Gelächter und Spotte der Bernünfiigern aussetzen,) solche Menschen erhalten allmählia durch ihr beständiges Hetzen und Spüren seltsame Gewohnheiten und Aeußerungen, welch« zum Lachen reihen. Denn ihr beständiges um, vor und seitwärts Sehen der Augen voll vermeinter Bedeutung ohne Ausdruck irgend eines Gedankens; ihre scharfen Augcnbraunen, welche von aller Welt Aufmerksamkeit fordern, ferner der hohe gesammelte Ernst auf der Stirne, welcher von jedem unerwarteten Ereignisse verscheucht wird und die platte Unsicherheit lesen läßt, endlich die Dünge demonstrirender und malender Gesten, als Mittel und Spielwerke zur Verbergung des zusammenhängenden Seelenzustandes, verbunden mit albernem Lächeln und Lachen, welches den völligen Seelenbanque- rout verbergen soll, alle diese Ding« erregen an verkehrten Menschen in uns unwillkührliches Lachen, selbst wenn wir sie nachher verachten und uns über sie ärgern müssen. Nur Las abgewonnene Lachen ist für den Zuschauer erfreulich und unverwerstich. Entspringt die komische Wirkung aus Garderobekünsteleien und Zusam- menstoppclungen von Karikaturen; so erregt sie höchstens einmal Lachen und nie wieder, weil man sich eines solchen Lachens ohne hinlänglichen Grund schämen muß und sich dann unwillig wegwendet. Ueberzeugt, daß die Bescheidenheit seines Schwiegersohnes(des Hofraths und Mannes seiner Tochter) Schuld daran sey, seine Tochter in glänzender Höhe zu sehen, räth er ihr Scheidung ün, völlig überzeugt, daß diese umumgänglich nöthig sey. Er gefällt sich selbst in der neuen leichte» Stutzertracht und hält sich für jung; die alten Nerven heben sich elastisch unter dem leichten Frack und er tritt leichten Fußes en matelot einher mit flüchtigen Kopfwendungen. Der Körper gibt sich ein Ansehen von Kraft; er ruht auf einem Beine, indeß hinter demselben das andere spielend ein eoutien hält. Die linke Hand rst mit dem runden Hute in die linke Seite gestemmt, vermehrt die Last des rechten Fußes und scheint dieselbe auf rhn nochmehr hinzudrängen. Die mit der ganzen Gestalt an nichts hängende rechte Hand gleitet von der Brust herab mit herausgekehrter inwendig leerer Seite und die nichts knüpfenden, oder haltenden Finger spreche» schon pantomimisch folgende Worte auö:„Mas ist s denn! es klingt sonderbar;—> aber es ist klug;"(Mit einem so albernen, keck und herzlos seitwärts sehendem Gesichte, als wollte er alle klugen Meltmenschen zu Zeugen der Wahrheit seiner Meinung anrufen:)„Den- k en die Klugen nicht alle so?" Dieß führt seiner un- bvsartigen Meinung nach zum Besten. Er sucht auch mit ihrer Schönheit für sie und sich selbst zu wuchern, welches er blos für Pflicht eines vernünftigen Mannes und Vaters hält, ohne hartherzig handeln und seine Tochter unglücklich machen zu wollen. Er glaubt vielmehr, nur hiedurch könne ihr wahres Glück befördert werden, während ihr einziges Unglück darin bestehe, nicht alles Mögliche vor der Welt zu gelten. Da der geheime Rath auch endlich dem Feldzeugmeister verächtlich erscheint, fällt er auf den tröstenden Gedanken- „der Vorleser des Feldzeugmeisters vermag alles über y6 ih„.—, dem schenke ich meine Bibliothek und Geld, so viel er will, wenn ick etwas werde. Ich g-h- h'^ durch den Garten bei dem Feldzeugmeister die Neben- treppe hinauf.— Und wollen sie mich nichts werden lassen; so müssen sie mich was heißen lassen!" In seines Seelenangsi und Betrübniß vergißt er semen Nebenmann an der Seite, rennt in eine Eck-, faßt mit beiden Handen die hoffnungslos beklemmte Brust, sieht g.n Himmel und fleht mit dem Ernste emes inbrünstigen Gebets das politische Fatum an, ihn wenigstens doch etwas heißen zu lassen, wenn er nichts werden sM! Der Geheim rath— sein flacher Mensch ohne innern Gehalt, aber mit Meltmanieren bekannt)— hat sich durch einige gesellige Eigenschaften, Dienstfcr- tigkeit und Dreistigkeit einen Platz in der reprasentirenden Welt errungen, sieht aber nicht ein, daß er nicht höher steigen könne. Dennoch will er es versuchen, da es bisweilen auch andern gelungen ist. Auf solche Art muß der gebildete aufmerksame Zuschauer über die Innigkeit eines solchen Thoren lachen, welcher durch seine Albernheit sich und andern gleichwohl mehr schadet, als mancher Bösewicht. Freilich sind dieß nur noch übrig gebliebene Nüanzen von verlöschten Charakteren, zu denen wir wiederum zu gelangen suchen müssen. Auf solche Art muß man alle Rollen eraminiren, einstudi- ren und darstellen, d) Boshafte und intriguante Charaktere, deren Rollen die Schauspieler gewöhnlich die Rollen der Bösewicht er nennen, werden von den erstem meistens falsch gegriffen und verkehrt dargestellt, in der irrigen Meinung, man müsse in solchen Rollen vom ersten Augenblicke ihrer Darstellung an ^ bis 97 bis zu ihrem Ende sich er; boshaft zeigen. Dadurch wird nun alles Mahre verdorben, in ein Unding um- geschaffen, das blos Dunkle geschwärzt, der Schatten in Nacht verwandelt und das Böse sogar teuflisch gegeben, zumal bei übel verstandener Schaam des Schauspielers, welcher bei der Darstellung solcher häßlichen Gesinnungen aus Unkunde besorgt, daß man ihm selbst auch als dem ehrlichsten Manne von der Welt bei treuer Darstellung ähnliche Gesinnungen beilegen werte. Daher suchen oft solche Schauspieler(deren Name leider noch Legion heißt) mit jeder gräßlich verzerrten scheußlichen Eeberde dem Publiko zuzuraunen:„Bedauert mich; denn ich muß wider meinen Willen ein solches Ungeheuer darstellen!"— Durch solche(von der Schaubühne gänzlich zu verbannende) dargestellte Ungeheuer, welche nur Widerwillen bei gebildeten Zuschauern erregen können, wird der Dichter eben so gut zu Grunde gerichtet, als wenn der Bösewichtsspieler seine Rolle so dreht und wendet, daß man über den Erzbösewicht lacht. Daher sollte jeder Schauspieler ven treu darzustellenden Charakter vorzüglich einer solchen Rolle genau studiren, schriftlich zergliedern, ein Raisonnement darüber niederschreiben, sich von dem Ganzen und allen Theilen desselben, ja von jedem Worte und Satze befriedigende Rechenschaft geben, warum er gerade so sprechen und handeln müsse, nie aber anders. Der wahre Kunstschauspieler thut dieß gewiß, bleibt auch in seiner Darstellung solcher Charaktere—(wofern dieselben nicht verzeichnet sind, die er dann zu berichtigen wissen Muß,)— stets treu und thut blos so viel, als er nach des Dichters Absicht soll. Er muß nun als Künstler interessi- G 98 ren, wenn er nach seinem Mündlichen Rollenfludis die Ursache deutlich und ganz bestimmt heraushebt, welche B. den Unwillen, Hast und Zorn, oder die Vcrfol- gungssucht rmd Rache in dem vorzutragenden Charakter veranlaßt. Denn der Zuschauer muß doch begreifen können, warum der vor ihm flehend- Vbsewicht so böft dargestellt werde. Widrigenfalls wünscht jeder Zuschauer das Schicksal eines solchen Wütherichs sogleich entschieden zu sehen und klagt alle an, welche ern solches Thier hervorließen, das sogleich mit schielenden Blicken auftritt, den Mund verzieht, satanisch lacht und selbst das gleichgültigste Wort mit convulsivischen Be- wegungm hervorbringt. Der Schauspieler soll keineswegs aus einem treu gezeichneten Charakter des Böse- wichts einen weisen und guten Menschen machen; aber als wahrer Künstler soll und kann er blos das Grelle mildern, das Schroffe abrunden, Sprünge vermeiden, ohne hieb-i der Wahrheit des Ganzen zu schaden, den Charakter unkenntlich zu machen und sein Abschreckendes, oder Schrecksnerregendss zu verwischen. Da nun kein Mensch böse handelt, um nur teuflisch boshaft zu seyn, sondern^dieß all-mal aus Befriedigung irgend einer ihm anreihenden andern Neigung und Ursache oder Absicht thut; so muß der Schauspieler auch bei Uebernehmung jeder boshaften Rolle.erforschen, auf welchem Wege, aufweiche Art und Weise, durch welche Neigung, Beleidigung, Veranlassung, Gelegenheit und Mittel, durch welchen Verlust, oder Kummer u. d. gl. der darzustellende Mensch dahin gekommen sey, gerade so und nicht anders zu handeln. Bei einer solchen Nachforschung fällt mehrentheils das Ekelhafte, das Abscheu- 9S riche von selbst weg und es bleibt blos noch der entschlossene, gespannte, leidenschaftliche, harte CharaUcr übrig, welcher eine Katastrophe herbei führt, d,c den Zuschauer ohne Widerwillen und Ekel blos mit Zorn, Haß, oder mit Entsetzen erfüllen darf. T ie rcn einem solchen richtigen Gesichtspunkte aus deutlich dargestellten boshaften Charaktere erregen nun stets Theilnahme und Aufmerksamkeit, selbst da, wo ihre Kräfte auch gegen unsere Wünsche und Neigungen verwendet werden. So ist z. B. Franz von Moor(in Schiller's Räubern) gewiß der allerenkschiedendsie, größte Bösewicht aller teutschen Schauspiele. Gleichwohl muß der ausübende Künsler auch diese Rolle mit dem Vorsätze übernehmen, durch seine Darstellung der nothge- drüngene Vertheidiger eines solchen Charakters ohne Nachtheil der Natur und Wahrheit des Dichters, oder seiner Hauptwirkung möglichst zu werden. Denn als Schiller in seinem neunzehnten Lebensjahre in den Räubern diesen Moor(als einen Feuerauswurfseiner Einbildungskraft) hervorschleuderte, warfer mit kühner Hand sorglos auf ihn die grellen Schatten, welche das Licht seiner beiden Idole(Karls und Amal, enS) erhöhen sollten, um welche letztern es ihm hiebe! nebst den Wahrheiten, die seine Brust beengten, allein zu thun war. Der wahre Künstler wird weder alle diese zu sehr gehäuften Greuel genau ausdrücken, noch von ihnen aus den Maaßstab für seine Darstellung dieses Charakters nehmen, sondern vielmehr dieselben theils möglichst mildern, theils möglichst ganz weglassen, mithin nicht den gewöhnlichen Standpunkt kür die Behandlung und äußere Haltung dieser Rolle aus folgenden loo Gründen wählen: i) weil Franz erzählt:„der Vater habe ihn oft den trockenen, kalten, hölzernen Franz genannt;" r) weil Franz fragt:„warum mußte die Natur mir diese Bürde von Häßlichkeit auflasen?"— g) weil ihn Amalie in's Geschicht schlägt, der Vater aber ihn würgen will, Franz hingegen den sterbenden Vater in den Sessel rückwärts wirft, endlich aber erkennt, er sey verloren, ohne daß er Muth und Ehre genug habe, sich der nun unvermeidlichen Schmach durch den Todt zu entziehen. 2>nn nach diesem fehlerhaften Standpunkte müßte nun Franz Moor als ein von der Natur ausgestoßener, feiger, blutgieriger, marternder, krüppel- hafter und durchaus gan- gemeiner Teufelsbube dargestellt werden; als solcher aber ist er kein Gegenstand für die Schaubühne, für schöne Kunst und gebildete Zuschauer, denen es unmöglich ist, ihn drei Stunden lang als Fuchs, Wolf, Hase und Hyäne her- umschleichen, endlich aber ihn in den Thurm werfen zu sehen, wo er sich zum Gerippe langsam abnagen soll. Nach einer solchen gewöhnlichen Darstellung erscheint er grinzend, bucklicht, hohnlachend, mit verdrehenden Augen, mit Waden auf den Schienbeinen, bald bellend und bettelnd, bald brüllend, oder winselnd, wie ein zum Martersturze gelieferter armer Sünder!>— Daher muß der wahre Kunstschauspieler Franzens Rolle aus folgendem Gesichtspunkte betrachten, studiren und darzustellen suchen, i) Muß man bedenken, daß der vornehme Burgherr als sorglicher Vater auf Franzens Erziehung eben so viel verwendet habe, als auf die seines Lieblings Karl. Daher besitzt Franz auch gebildeten Verstand, wie seine Sprache und furcht- IOI baren Pläne beweisen. Demnach kann auch sein äußerer Anstand mit der Sprache gebildet seyn. s) Franz wirst dem Vater vor:„der trockene, kalte, hölzerne b.„nz— so sagtet ihr, wenn Karl euch auf dem Schooße saß, oder in die Wangen zwickte,— der wird einmal zwischen seinen Grenzsteinen sterben, wenn der Ruf dieses Univcrsalkopfs(Karls) von einem Pole zum andern fliegt." z) Der Vater nannte Franzen, welcher sich keineswegs kalt und trocken beweiset, nur so in Vergleichung mit seinem Lieblinge Karln. In dieser väterlichen Lieblingsschaft liegt der Argwohn, daß der jetzt abschreckende Franz vorher etwas zurück gesetzt, vernachläßigt und abgeschreckt sey, folglich daher zuerst mit Missen und Ueberlegung grolle- Warum mir diese Bürde von Häßlichkeit, warum nur '/„ir?— Sie versagte mir das süsse Spiel des Herzens, der Liebe überredendes Geschwätz!" 4) Franz wollte also ehedem geliebt seyn, ward aber zurück gewiesen; daher sein Entschluß:„den Bund der Seelen will ich zerreißen, da er mich ausschließt!" Der schwache Vater. Amalie und der(von Natur mit allen liebreitzenden Vorzügen ausgestattete) Karl mußten gegen Franzen gefehlt und ihn dahin gebracht haben, daß er nun als Ungeheuer,—(welches er nur durch Veranlassung allmählich werden konnte,)— gegen alle Verwandten sündigt, nur nach und nach rachgierig und vernichtend geworden ist, folglich nun-(verworfen von Verwandtschaft, Nalur und Liebe,)— seine Verzweifelung zu dem festen Entschlüsse allmählig hat reifen lassen, alles zu zersprengen und allein um jeden Preis zu herrschen. 5) Franz sagt zwar:„die Natur ver- lc>r schwor sich gegen mich in der Stunde meines Werdens, nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte!"— Allein hieraus folgt nicht, daß die Bürde seiner Häßlichkeit im Hinken, in einem Buckel, oder in andern auffallenden Leibesgebrechen bestehen müsse, welche allemal von der Bühne herab wehe thun. Seine Häßlichkeit muß demnach blos durch den Ge gen- satz von Karls hoher Heldengestalt und seiner blühenden Kraft besiimnt werden, zumal da Franzens eigene Worte besonders auf Schwächlichkeit des Körpers hindeuten, woraus sich nun auch das Unflate in seiner stets gereihten Maschine leicht denken laßt, welche in kleinlichen Bewegungen(Karl's hoher bestimmter Heldenform gegen über) sehr verlieren muß. Hiezu gesellt sich noch völlige Blässe, oder vielmehr eine unnennbare Gallenfarbe, welche bei dem innern Lodern der verschlossenen Wuth sich in das Blut ergießt und den Körper zu zersprengen droht. Daher muß über seinen ängstlichen Todtestropfen der kochenden Stirn ein sparsames Haar matt, bleich und weich, fast farbsnlos herabhangen. Auf solche Art ist Franzens erste Erscheinung auf der Bühne in bizarr farbiger Kleidung und mit sichtbar blaß blauer Schattirung unter den Augen hinlänglich abstechend gegen Karl», ohne Ekel durch körperliche Gebrechen und Verunstaltungen zu erregen, welches sorgfältig zu vermeiden ist. 6) Daher darf Franz, wenn er sich auf der Bühne zum ersten male zeigt, auch nicht als ein kriechender, hohnlächeln- der, teuflisch hcimtürkischer Bube erscheinen, oder gar die Augen verdrehen. Denn sonst müßte ja der zwar schwache und leidende alte, aber gebildete Vater bei sei- roz ,'NN Verstände ein solches offen liegende. unverkennbare Gewebe von Franzens Arglist durch stm Erd-Mes Spiel e-ne- gemeinen Heimtücke sogleich deutlich c> ^ m"nü. U-.««--ich' s«i..rch- « v-i»-,««s°'s-»»°°' daß Franz sich«8 ein Mann vcm Stande gegen seinen Wam beträgt. ihm hbfische Theilnahme Lezeiigt. seine Achtbaren T-ane n.hig versteckt hält. dieselben nur echen kurzen Seufzer, oder durch ein furchtbares Auffchlagen der Augen leise andeutet und sich nur durch das Gefühl seiner Zurücksetzung bi-we.len als einen Ge. kränkten dargestellt. Nur. wenn er ganz allein ist. ,'schemt er ganz als gedrückter. beengter und boshafter Mensch nach der Wahrheit seines Eemüthszustandes voll starken Zorns und Rachsucht wegen erlittener Kram k7) Lie Scene mit Amalien darf daher auch Nos als ein Versuch dargestellt werden, wie weit sie den Widerstand allenfalls treiben werde. 8)-.war lregr in dem Monologe des zweiten Actes:(„Der Ar^t macht nur so lange-- DaS Leben eines Alten ist doch e.ne ^— Wer es verstünde, dem Todte einen neuen Weg in das Schloß des Lebens zu bahnen!")- die furchtbare Habsucht. auch über des^^ers Leiche h n -u dem Ziele der Herrschaft zu gelangen; aber h.erm legt kein eigentlicher Haß gegen den Vater. gegen den er sonst Gift. oder Gewalt, oder gar Meuchelmord brauchen würde. Aber er will zu stimm Z.ele gelangn und dabei vor der Welt rein ersche.n-m^aher kündigt^r Y) Karls Todt an. Won diesem«»mal erfolgten Hauptschlage wird er nun ohne^'"uck- kchr weiter fortgedrängt. Als Amalle das Schwerdt 104 weg wirft, worauf Karl mit blutiger Schrift Amalieu vorgeblich an Franzen vermacht, ruft Franz mit Weg- werfung diese« Schwerdtes aus:„All meine Kunst erliegt an dem Starrkopfe." rc>) Er hegt also außer der Erlangung der Herrschaft noch andere Wünsche in dem Augenblicke, wo er fast alles erreicht hat. ei) Er ist mit dein Vater allein, welcher fast sterbend sein Haar zerrauft, von Franzen feinen Liebling Karl zurückfordert lind nach etlichen unwürdigen Antworten Franzen ergreifen will, der ihn nach des Dichters fehlerhaften Zeichnung unnützer Weife in den Stuhl zurück wirft. Dieß darf aber daher der gute Kunstschauspieler nicht thun, sondern nur, zornig über die unvollständige Erreichung seines Planes, die dem Vater zu gebenden Antworten seitwärts hinwerfen, wodurch das gekränkte Ansehen des Vaters schon hinlänglich empört wird. 12) Der Künstler weiche als Franz Moor dem ihn fast ergreifenden Vater aus und sage blos:„Ich verlasse euch,"—- ohne hinzu zu fügen-—„Im T 0 dte!"— Er thue weiter nichts— und dennoch wird die Versammlung in der Brust des Vaters die Worte billigenTausend Flüche donnern dir nach!"— Erlaubt sich aber der Schauspieler in dieser Rolle, den Vater anzufassen und den sterbenden Vater zurück zu schleudern, welches als wirkliche Thätlichkeit eines Kindes gegen Aeltern nie auf der Bühne dargestellt werden sollte; so wird hiedurch aller Zusammenhang in dieser Rolle aufgehoben und der Zuschauer von einiger Cultur vermag keinen solchen ruchlosen Bö- sewichr langer zu sehen, oder zu hören, rz) Da Ama- liens Schlag mit der gellenden Hand in Franzens Gesicht gegen die Hoheit ihres Standes und Geschlechtes Sst; so darf sie hiezu blos den Handschuh gebrauchen, als deutliches Zeichen der tiefcstcn Verachtung, welches die Schmach schon hinlänglich erfüllt. 14)6 Franz im Fürchterlichen hier selbst furchtbar wird und nicht davon läuft, sondern ausharrend steht und das Bild ferner Phantasie ausmalt, wobei seine Seele aus einem Schauder in den andern fallt. Er ruft seine Leute zwar nicht zu Hülfe, sondern bleibt allein; aber dieß ist kein wahrer Muth, sondern in seiner Starrsucht blos ein Augenblick des Gefühls unmöglicher Hülb. Der Nollenspieler muß hiebe«' auf folgende zweckdienliche Art verfahren. Franz glaubt jemanden hinter sich,-bleibt stehen, sieht halbschaudernd nach der Gegend hin, von woher er sich für verfolgt glaubt, halt Arm und Hand unwillkührlich nach der entgegen gesetzten Seite, wohin auch die festgewurzelten Schritts gerichtet scheinen. So unbeweglich redet er im Wahne weiter, bis von Ungefähr die angstvoll ausgestreckte Hand sein eignes Gewand berührt, wodurch in Franzens Seele der Gedanke plötzlich entsteht, daß sich von der Seite her, wohin er der Gefahr zu. entfliehen sich wendet und einen sichern Zufluchtsort sucht, Geister nahen, wobei er nun das Haupt verhüllt und mit einem Schrei davon stürzt. 17) Nun kann er im fünften Acte mit Erfolg die hohen, schweren Dinge sagen:„Es ist ja nicht ausgemacht, ob droben ein Rächer ist über den Sternen! Wer rarinte mir das ein? Rächet denn jemand droben über den Sternen?"— Alle diese Worte muß er nur im Todtes- kampke vor sich hinbrütend sagen, sein Auge dem Gottesgerichte, welches er bezweifeln mochte, allmählig mit der Brust zum letzten Trotze entgegen heben und nun entweder mit der aufgehobenen Rechten, oder noch besser nur mit dem Ballen der offenen Hand drohend, —(die geschlossene Faust wagt er nicht unwillkührlich rc>7 Lahm), als Wirkung seiner Angst in die Wolken das dumpfe erste„Nein!" aussprechen, dann mit dem r>us>e stampfen und das zweite„Nein!"— heraus,chmet- fern, darauf aber die nun überflüssigen Worte weglasen:„Ich wilsis nicht haben!"— Denn in dem doppelten„Nein!" hat sich die ganze Gestalt sch°» hinlänglich ausgesprochen. i8) Erdrückt von der Buree feiner Schuld, leuchtet ihm das Gericht entgegen, wob« ihm die Stimm- versagt. Daher ruft er z-rkmr,cht: ,Ja! ja!"— fällt nun dem Daniel, der die Todtes- 'post bringt, in die Arme, betet in Verzweiflung, hat keinen Augenblick mehr Ruhe, fallt in die Hände der Rächer(in die Flammen), wird in den Flammen nut Mordgeschrci hoch empor getragen und zum Gerechte fortgeschleppt, wo er zum letzten Versuche gegen H-rr- mann nur lallen lind mit niedergeschlagenem Blicke die von ihm geschändete Menschheit anerkennen kann. Wer demnach die Rolle Franzens übernimmt, der bedenke, daß in ihm vom Anfang- bis zur Mitte der Handlung «in tiefes Sinnen und Brüten herrsche theils über sich, seine Lage, sein Ziel der Alleinherrschaft und über die sich ihm entgegen werfenden Hindernisse, theils über die B-siegsungsmittel derselben. Bis zur errungenen Alleinherrschaft lrcgt daher auf allen seinen Aeußerungen eine merkliche Abgemeffenheit und Scheue, welche ihn nie ganz verläßt und deswegen selbst in den Augenblicken des Vergessens seiner selbst noch merklich bleibt. Vor dieser Periode kann er zu keiner lauten pomphaften Tiction, zu keinen schön getragenen Bewegungen, sa nicht einmal zu einem anhaltend kräftigen Ausdrucke der Ton- und Geberdensprache gelangen, weil er über- rsz all eingeengt, geniret und verhindert ist. Nur im innigen Grolle, daß es mit ihm so stehe, daß er aufgehalten sey, jede Bürde mit allem Beengenden schnell abzuwerfen, entwischt es seiner Vorsicht und Aufmerksamkeit, einige male hoch aufzufahren und durch den(aus dem innern furchtbaren Krater) hervorbrechenden dicken Rauch die innere Gluth auf einen Augenblick zu verrathen. Dieß darf aber nur ein Moment seyn. Denn er muß sein Werk der Finsterniß sorgsam verhüllen; daher ist ihm die feste Haltung und äußerlich scheinbare Ruhe schon so zur Natur geworden, daß sich der innere Zustand seiner Gluth nur durch eine ihm selbst unbewußte kurze konvulsivische Bewegung verräth. Demnach sind auch die Augenblicke, in denen er seine Plane aus- spricht, mehr ein angstvolles Abwägen seiner Kräfte und Mittel, als das Verkünden drohender Gewalt in äußerer Herrlichkeit. Der Monolog(„Ich habe große Rechte, mit der Natur zu grollen— und auf meine Ehre, ich will sie geltend machen!")— darf daher nicht(wie gewöhnlich) im Triumphtone bewußter Kraft mit An» strengung und starken Bewegungen gegeben werden. Denn Franz hat den Inhalt dieses Monologs schon tausend mal gedacht und wiederholt ihn jetzt blos mündlich dringender, weil er seinem Ziele naher rückt, aber dasselbe noch keineswegs so nahe erreicht hat, daß er schon hier triuinphirend einher schreiten könnte. Eben so hat er auch über den widrigen Eindruck seiner äußern Gestalt schon zu oft nachgedacht und ist damit schon zu bekannt, als daß er davor aufs neue bei dem Abschlüsse seiner vorgelegten Rechnung sollte zurückschaudern können. Daher dürfen die Worte:(„Warum mußte sie mir dies» lvy Bürde von Häßlichkeit auflegen? Warum nur mir?- Mord und Todt!— warum nur mir?")— nicht im Tone der heulenden Wehklage mit hohen rachesuchenden Bewegungen des tragischen Genies gesagt werden. Denn Franz hält sich mit einer Art von gräßlichem Wohlgefallen bei dieser Selbflbetrachtung auf und sie scheint, feinen Greuelplan bei seiner Denkart allein rechtfertigen zu können. Franz sinnt also hier über sein Schicksal in einer angemessenen Stellung nach; kein freier Blick sendet eine Klage gen Himmel; nur auf Erden, wo er sich rächen will, wühlt sein Blick sich ein; die ausgespreitzte Linke scheint die Bürde seiner Gestalt mehr zu scheuen, als von sich abzustoßen, während die krampfhaft geballte Faust der Rechten zum Widerstände sich ermannet und nicht kühn von dem Leibe hinweggeflreckt seyn, sondern es nur wagen darf, muthig zu erscheinen. Demnach gelten die Worte dieses Selbstgesprächs(„Mord und Todt!") nicht vielmehr, als jeder andere dumpfe Seufzer. Sonst stellt man keine» Charakter, sondern ein bloses Zerrbild dar. Vom vierten Acte an ist Franz zur Alleinherrschaft gelangt und mit ihr jede ängstliche Sorge, seine Absichten zu verbergen, verschwunden; er weis seine Herrschaft zu behaupten; seine Bewegungen müssen nun bedeutungsvoller und seiner seyn. Seine Sorge der Erhaltung des Gewonnenen kündigt sich bestimmter an, als das vorige Sehnen nach der Alleinherrschaft; selbst die Luaal, dieselbe wieder verlieren zu können, hat in dem Kampfe gegen die aufsteigenden Unglückswolken einen größer» Ausdruck, als seine frühere Angst, in Bubenstücken ertappt zu werden. Kurz er ist ein ganz anderer Mensch; er ist zum Manne ae HO worden und sucht sich als solcher gebietend zu bebaup- ten; denn er ist in der Nothwendigkeit, sich selbst zu erhalten. Sein Verstand bekämpft sein Gewissen möglichst. Er bietet deswegen alle Hülfsmittel hiezu auf. Sobald er weis, daß Karl im Schloße sey und auch sein Vater noch lebe, muß er sich nun nicht mehr vor der Strafe, sondern vor der ihn ereilenden Rache fürchten. Nun wechselt im schrecklichen Kampfe das Zagen des Feigen mit Gewissensangst, mit dem Dränge der Lebenserhaltung und der Errettung vom Hochgerichte. Dieser Zustand der Verzweiflung stürzt seine eigene furchtbare Bahn dahin; die Gewalt reißt alles mit sich fort und stürmt zum Ziele ohne kleinliche Bewegungen. Die Haltung seiner Gestalt ist starr, das Gesicht ohne besondere Deutung; auf der Stirne sitzt das Wogen der Seele; nur die Augen verrathen die innere Gahrung; schwere Schritte suchen Entlastung und einige kühne Armbewegungen bezeichnen große Unternehmungen in der Seelenangst. Als nun Franz sich von den Geistern seiner Unthaten verfolgt wähnt, gießt sich das Erstarren in sein Blut und er bleibt am Boden gefesselt mit eingewurzeltem Blicke nach einer Stelle hin. Die schwankende Sprache drückt seinen Gemüthszustand aus; der obere Körper wendet sich mit Anstrengung von dem Orte der Gefahr hinweg und der Verzweifelnde weis nichts von seinen(nach dem entgegengesetzten Orte hin ausgestreckten) Armen, welche sich zur Rettung irgendwo unwillkührlich anzuklammern suchen. Diese Bewegung,—(daß die Füsse nicht von der Stelle können, der Körper aber sich von dem Schreckensorte hinwegwendet, wahrend das Gesicht noch die Ueber- zeugung sucht, welche es für Täuschung erklären möchte,)—«st in einer solchen Lage säst allen Menschen mechanisch eigen. In dieser für den Charakter allein vollkcmmen passenden Haltung sieht Hranz nicht den Geist des Vaters, oder Bruders, sondern den Geist der Rache; diesen Riefen starrt er an und er ist in diesem Augenblicke ein ergriffener Mensch, dessen Verven ihm den Dienstzu den kleinlichen Künsten des Angrin- zcns und HohnlachenS versagen. In dem letzten Acte, mo Franz von Daniel verlässt» wird, welcher ihm noch zuruft:„Betet!"— sagt er in dem Selbstgespräche: „Pöbelweishcit! Pöbelfurcht! Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene wirklich»ergangen ist,, oder ein Auge findet oben über den Sternen!— Wer raunte mir das ein? Rächet denn jemand droben über den Sternen?— Rein— ich will s nicht haben.>> Ja, ja— Weh' mir re." Durch Las Nein sind also schon die Worte,„ich will's nicht haben,"— hinlänglich ausgedrückt und daher weg zu lassen. Er fragt mit einem unter sich gekehrten Blicke:„Wer raunte mir das ein?"—(Mit allmählig gehobenem Blicke gen Himmel:)„Rächet denn jemand droben über den Sternen!"(Seine ganze Gestalt ist zurückgelehnt; er wagt es, in seine Zukunft zu starren; er erblickt das Weltgericht,— seine Arial aus Erden, seine Verdammnrfi drüben;— die letzte Kraft ringt gegen seinen Untergang: er bäumt oder wirft sich vorwärts dem Gerichte Gottes entgegen, stampft die Erde nut dem Fusse, drohet mcht mit geballter Faust, die den Himmel herausfordert. sondern nur mit dem sich frech gegen den Himmel lehnenden Ballen der aufgehobenen offenen rechten Hand m HZ den Himmel, indeß die ausgebreiteten Finger der ffa- chen Hand es nicht vermögen, sich trotzig zuschließen;) nun ruft er mit fürchterlichem Tone:„Nein! N ein!"— (So halt er in dieser Stellung eine Weile, bis ihn die Angst überwältigt, er sich zurückzieht und mit brechender Brust den Arm sinken läßt, dann den Fuß, welcher die Erde einstampfen wollte, zurückzieht, das Gesicht bedeckt und mit zermalmendem Tone ausruft:)„Ja, ja! Wehe mir!" Hier ist Franz gleichsam der Erde schon entrückt; er steht dem Weltgerichte entgegen, sieht ein ewiges Gericht und feine unermeßlichen Greuelthaten! Zwischen diesen beiden Enden schwebt seine geängstete Seele bang und lallend; nur hie und da dringt ein Schrei der Verzweiflung hervor, ohne in diesem Zustande seiner Seele und aufgeregten Phantasie noch an andere Geber- den der Bosheit denken zu können. Denn dieses Schreckliche kann der Natur und Wahrheit gemäs nie kleinlich gegeben werden. Franz Moor, welcher in den ersten drei Acten umherschlich, sinnend trachtete, fürchtete und überlistete, ist von dem vierten Acte an ein ganz anderer Mann, gebietender Herr. Die ihn zuletzt umgebenden Schrecken und seine Art, sie zu empfinden» beweisen seine Anlagen zum Großen und Außerordentlichen. Daher fühlen wir selbst, wenn wir uns auch mit Entsetzen von ihm nun Hinwegwenden, daß Seelenstarke zur Ertragung und Reifung dieser Greuel gehöre. Daher darf zu diesem schon genug gehäuften Schrecklichen nichts Ekelhaftes gesellt werden. Nur ein so furchtbarer, zu seinem Zwecke handelnder Bösewicht ist ein theatralischer Charakter; hingegen der gemeine Schurke, welcher nur in anderer Freuden grinzt, um sie ohne Zweck zu ver- nich- irz juchten, ist ein Unding und kein theatralischer Charakter. Alle dem damals neunzehnjährigen Dichter in diesem seinen ersten dramatischen Stücke entwischten Stellen, die auf den gemeinen Schurken hindeuten mochten, müssen demnach entweder ganz weggelassen, oder doch leidenschaftlich dargestellt und verbessert werden, wodurch man des Dichters tragisches Genie und die Menschheit zugleich ehrt. Auf ähnliche Art muß man jede Rolle siudiren, prüfend erforschen, nöthigen Falls die Fehler des Dichters verbessern, alles eher veredeln, als verkleinern, oder übertreiben, endlich das Ganze mit allen seinen Theilen selbst in den feinsten Uebergängen, Verschmelzungen und Nüanzen.auf das vollkommenste darzustellen suchen. Denn so wie in den Räubern dieses gemeine Grelle und Ekelhafte größter Art dennoch glücklich vermieden werden kann; eben so ist es auch gewiß in allen übrigen minder boshaften Rollen leicht zu vermeiden, zu verbessern und zu veredeln. Dieß kann und soll auch in allen übrigen Rollen der Msewichter, oder derjenigen Uebelwollenden überhaupt geschehen, welche irgend einen komischen Anstrich, irgend einen in ihren Charakter verwachsenen Zug komischer Eigenheit, oder einen gewählten Jargon besitzen, welchen Leute dieser Art oft absichtlich vorausschicken, um hinter demselben desto planmäßiger vorrücken zu können. Da aber eine solche komische Handlungsweise einem Charakter dieser Art ganz natürlich und unwillkührlich, mit seinem ganzen Wesen und Sinne als eins so innigst verwachsen ist, wie der Athem mit dem Leben; so weis der Besitzer eines solchen komi>chen Charakterzugs nichts davon, daß er ihn wirklich besitze. Denn ein solcher H "4 Zug entspringt entweder aus Gewohnheit, oder aus einer Hauptneigung, aus einem Affekte, so daß lein Besitzer damit unmöglich hervortreten und den komischen Anstrich besonders in's Licht hervorheben wollen kann, sondern flch vielmehr dieser Handlungsweise ganz un- willkührlich überläßt. Daher ist es falsch, daß der Schauspieler das Böse, oder charakteristisch Harke mit eigner scherzhaften Farce, oder Posse so zudeckt. Laß höchstens davon nur so viel übrig bleibt, um die Mitspieler, wie die Zuschauer, in Verlegenheit zu setzen und den Charakter zu vernichten. Je unbefangener deswegen die komischen Züge dahin gegeben oder dargestellt werden, oder je ruhiger und ernsthafter das Seltsame, oder Komische erfolgt, desto inniger erfreut und gefällt es. Hebt der Schauspieler diese Charakterzüge weit und breit heraus: so sieht er aus seiner Larve hervor, zieht dieselbe gleichsam ab, deutet daraufund ruft:„Nicht wahr meine Larve ist recht possierlich? Sagen sie doch i a dazu!— dann will ich mich wieder einpuppen und meine Possen weiter forttreiben!"— Er martert den Zuschauer und auch die übrigen Schauspieler, wenn die handelnden Personen einen harten, eigensinnigen und rachsüchtigen Mann schonen sollen, um den sich der Ernst der ganzen Handlung dreht, wobei er dann entweder ein ganz gemeiner Grobian, oder ein Possenreißer wird, ohne daß Hiebei die übrigen agirenden Personen einer solchen albernen Gestalt ihre Ehrerbietung versagen dürfen. Die Räuber Schillers waren also daS erste(zwar noch rohe, aber schon hoch genialische) Erzeugniß seiner dramatischen Muse in seinem i s Lebensjahre. Die sämmt- HZ wichen Charaktere dieses Erstlingsstücks zeichnete Schiller daher noch in schroffen, gigantischen Massen keck hin, allen Convenienzen zum Trotze, weil der jugendliche Dichter bei Abfassung dieses Stücks noch aller wirklichen Welt- und Menschenkenntniß, welche nur im lebendigen Umgänge mit geistreichen Personen erworben werden kann, völlig entbehrte. Gleichwohl hatte er sich schon in den vielfach beengenden Räumen der militärischen Carlsschule zu Stuttgardt ganz in seine eigene phantastische Welt eingesponnen, aus welcher der stets mehr denkende, als genial erzeugende Dramatiker im Grunde nie ganz heraustrat. Daher schoß alles, was Lurch frühere Lectüre von Plutarchs Biographien, von Cervantes und Shakespear in ihm befruchtet worden war, in roher, regelloser Ueppigkeit empor ohne fein gemäßigte Charakterentwickelung. Das Außerordentliche wird schon in den Geburtsstunden geweiht und bestimmt, welches man den Horoscop nennt, in welchem man den Ankergrund alles astrologischen Sternenglaubens findet. Mit dem Menschen geht es, wie mit ihren Geistesproduktcn, welche sein Genius auf Jahrhunderte stempelt. Daher sang schon ein alter Dichter:„die Bücher empfangen ihren Geburtsbrief von dem Verhängnisse." Dieß paßt vorzüglich auf Schillers excentrische Räuber, welche man ebenfalls nach ihrer alles entscheidenden Geburtsstunde(als ein in wilder Gluth der feurigsten, aber noch unreifen Jugendfülle gebornes Gedicht) beurtheilen muß. In diesen Räubern findet der unbefangene Sachkenner schon den ersten Flü- gelschlag eines Originalgeistes, welcher bis an die Sonne empor zu fliegen strebt. Die Räuber Schillers bezeichnen H r nL seinen Geist weit reiner und größer, als manche seiner spätern Stücke. Himmel, Erde und Hölle sind hier in ungeheuern Forme» durch schroffe Klüfte- auseinander gerissen und hingestellt mit rühmlichster Krafkstüke eines selbstständigen, verwegen kühnen Genies. Von der Geburtsstunde und Constellation seiner Räuber sagt Schiller selbst in der Vorrede zur Rheinischen Thalia:„Neigung für Poesie beleidigte die Gejetze des Instituts- worin ich erzogen ward und widersprach dem Plane seines Stifters. Acht Jahre lang rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an.— Unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal mußte mein Pinsel nothwendig die mittlern Linien zwischen Engel und Teufel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück nicht in der Welt vorhanden war, dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt fetzte. Ich meine die Räuber. Dieß Stück ist erschienen; die ganze sittliche Welt hat den Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefordert. Seine ganze Verantwortung sey das Klima, unter dem es geboren wurde. Wenn von allen den unzähligen Klageschriften gegen die Räuber nur eins einzige mich trifft, so ist es diese, daß ich zwei Jahre vorher mir anmaßte, Menschen zu schildern, ehe mir einer begegnete w." Der Hauptsache nach sind Liese Räuber wirklich noch während Schillers Aufenthalts in den Zwingern der Carlsschule entworfen und den Haupt- H7 Heilen nach gedichtet worden. Mild und in gigantischen Massen braußte und gor es damals noch in des Jünglings Kopfe: aber er hatte den Plutarch gelesen; Cervantes, Milton und Shakesspear hatten ihn begeistert; an Klopstock hatte er seine Fackel gezündet; er wagte Versuche fast zu gleicher Zeit in lyrischer und dramatischer Form, welche noch ziemlich regellos und phantasti,ch waren. Aus mehrern seiner frühesten Gedichte B, der Abend, die Phantasie an Laura, die Leichenphantasie, die Kindesmörderinn, die Schlacht u. d. gl.) erhellet, daß sich fast alles noch gigantisch in des Jünglings Seele abgespiegelt haben muß, z. V. als sey der in Mkltons Pandämomum vertiefte Schwärmer mit Teu- fclslarven und Vampiren umringt, bald vom Elfentanze und Shakespears Sommernacht bezaubert, bald mit Visionen umgarnt rc. Sein frühester dramatischer Versuch war eine Tragödie:„der Student von Nassau," auf eine wahr« Anekdore eines akademischen Wildfangs gegründet, welche dem eingesperrten Schiller selbst hinter seinen, Gitter zu gekommen war. Ein anderes Helden- und Blutspiel, nach Leisewitzens Julius von Tarent eovirt, sollte Cosmus von MediciS heißen. Dieß waren aber blos« Vorübungen zu seinen Räubern, wovon der rohe Stoff aus einer bekannten alten Volkserzählung entlehnt ist. Aus jenen ersten Schöpfungen einer wild aufgeregten Phantasie grenzen daher mehrere Bruchstücke in die Räuber über, in denen sich schon sein Hang äußerte, die Vermahlung der Lyrik mit der Tragödie nach Art der Griechen möglichst wieder herzustellen. Schiller dichtete seine uz Räuber daher zuerst als ein Melodrama, aus welchem noch die beiden Lieder Hektors Abschied und Amalia mit dem berüchtigten Räuberliede wirkliche Schößlinge und Ueberbleibsel sind. Aus Mangel an einem Verleger mußte Schiller seine(i?zo schon ganz umgearbeiteten) Räuber unter dem Namen Anthologie versteckt herausgeben, welche aber schon in der Manheimer Ausgabe nach Dalbergs Rathe ganz umgeändert sind und dem Vf. viele Unannehmlichkeiten selbst vom Auslande zugezogen, ja oft ein Verbot gegen ihre Ausführung bewirkt haben re. Obgleich die Räuber in ihrer zerstörenden Kraft und geistreichen Rohheit zunächst auf Geist, Sinn und Streben ihrer Entstehungszeit der Natur der Sache nach unabsichtlich wirken konnten; so können und sollen wir sie dennoch als ein originell geistreiches Stück beibehalten und als eine dramatische Merkwürdigkeit ohne Nachtheil bisweilen auf die Bühne bringen, nachdem ihr Geist seit längerer Zeit im Volke bereits ausgegohren hat. Aber»nan sollte dieses Stück stets nach der ersten Manheimer Ausgabe blos mit Weglaffung einiger noch darin befindlichen Rohheiten auf die Bühne bringen, weil sonst das Lehrreiche dieses Stücks zur Würdigung des damals herrschenden Geschmacks völlig weggewischt wird und der Zweck verloren geht, warum es jetzt noch einige male im Jahre hie und da als ein altes Erb- und Caffen- stück gegeben werden kann. Schiller selbst versuchte in spätern Jahren öfters eine gänzliche Umarbeitung der Räuber, fand aber, es sey unmöglich, ohne das Werk seiner innern Weihe dieses Stücks aufzuheben und es in seinem geistigsten Leben zu zerstören. Deswegen strich H9 er nur einzelne Stellen weg und stechte es st) zu, wie es noch jetzt in Weimar auf die Bühne gebracht wird und ungefähr; gute Stunden dauert., Daher sollten alle Theatcrdireetionen diese Bearbeitung von dem Weimarischen Rcpertorium zu erhalten suchen. Dieß Erst- lingsstück der Schillerschcn Muse trägt schon die Grundfarben und Hauptzüge des ganzen Charakters der Trauerspiele des Dichters so vollkommen in sich, daß es schon deswegen ein genaues, belohnendes Studium verdient. Schillers reflectirendeS Princip zeigt sich schon in diesem Stücke in voller Stärke. Zwar wirft er aller bürgerlichen Ordnung den Fehdehandschuh hin, verräth seinen schwärmerisch poetischen Charakter und fühlt sich mehr in der Natur, als die Natur in sich; aber^ er wußte daher auch seinem Carl Moor jenen schwärmerischen Anstrich zu geben, wodurch uns nun alle seine Verbrechen blos als beklagenswerthe Verirrungen, sein schwärzester Augenblick als vorübergehende Verdunkelung von außen herein erscheinen. Dem Dichter schwebte hiebe« die große Aufgabe unsers moralischen Daseyns stets vor; daher fand er es um so anziehender, seine edelsten Charaktere(wie Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans) tief sinken zu lassen, ohne doch als schuldig darzustellen, welches ursprünglich auch in der Zeichnung des Carl Moor sichtbar war, doch immer mit einem herzerhebenden Anstriche, weil keine Lichtseite des Gefallenen durch ein Verbrechen ganz verdunkelt werden kann. Mit diesem Dichter lebt man stets in einer hbhern Welt, wo auch der Verbrecher selbst nach innerer Würde strebt und sein gerechtes Urtheil empfängt, wie Carl Moor, welcher schon im M 120 Begriffe steht, der Glücklichste aller Sterblichen zu werden; aber die teuflische Diebesbande, welcher er sich verschrieb, mahnt ihn an seinen Eid! Hier ist kein Ausweg mehr für ihn, als Am stier» zu morden und sich auf das Schaffst zu liefern, wobei Schiller in der Selbstrerension seiner Räuber sagt:„das Auge wurzelt ,'n dem erhabenen armen Sünder, wenn schon lange der Vorhang gefallen ist; er ging aus, wie ein Meteor und schwindet, wie eine sinkende Sonne." Hier schon strebte Schillers Geisteskraft gähcend und brausend zum h ochsten tragischen Pathos. Ohne eS noch selbst zu ahnen, machte der Dichter(schon im Vorgefühle der griechischen Schicksalsfabel, welche er zwanzig Jahre später in seinem Wallen stein und endlich in der Braut Von Meßsina auf die höchste Soitze stellte,) seinen Carl Moor zum Sohne des unabweichlichen Schicksals. Denn obgleich die Form der Räuber von der griechischen Form des Sophokles außerordentlich abweicht; so ist dennoch der philosophische Ueberblick des ganzen Menschenlebens bei beiden Tragikern derselbe. Daher erheben sich schon die Räuber in iyren Riesengestalten; sie sind eine tragische Darstellung des Kampfes der emporstrebenden Lharakterkraft mit dem Eigensinne des Zufalls und den beschwerlichen Forderungen bürgerlicher Verfaffungen. In dieser Tragödie wird zwar das herrschende Schicksal noch nicht genannt und die sich ihm entgegen stemmende Freiheit noch nicht mit klarem Bewußtseyn des Dichters hervorgehoben; aber der Gedanke, den Schiller 20 Jahre spater versuchte, das alte Datum in die Tragödie wieder einzuführen, lag schon ohne sein Zuthun und Bewußtseyn diesen, M," 121 Stücke zum Grunde. Das koch sie tragische Pathos fetzt eine Uebersicht der ganzen Aufgabe des menschlichen Daseyns voraus. Das Schicksal braucht aber darum nicht mit eiserneni Fuße allzcrmalmend als sichtbares Gespenst auf der Bühne cinherzuschreiken, wenn nur der Dichter den höchsten Standpunkt der Menschheit im Allgemeinen behauptet, wie dieß schon in den Räubern geschieht, in denen auch zum Sentenzen- reichen und Kühnen theils in der Einkleidung, theils in der Situation zum Aechtepischen, wodurch Schillers dramatische Stücke vorzügliche Lieblinge der Nation geworden sind, ein unerschöpflicher Reichthum liegt. Schwelgt nun diese Fülle im Uebermaße bei dem Kampfe mit rohen Stvffmaffen; so ist dieß ein Zeichen, daß in der Kunst allemal das Colossale dem Idealen vorangehe, das Gewaltsame dem Ruhigern vorauseile und die Griechen selbst nie zu dem Ideale einer leicht schwebenden schonen Jagdgöttin gelangt seyn würden, wäre nicht vorher die Göttin mit ro Brüsten gebildet und in einem Tempel(als einem Wunderwerke der Welt) angebetet worden. Doch in dem Charakter des Franz Moor, welcher als der feigste und boshafteste aller Teufel gezeichnet ist, im Gegensatze des Carl Moor. übertrieb Schiller den Tontrast zu sehr, wobei das alte Gleichniß von dem Verlornen Sohne zum Grunde liegt. Denn derjenige Sohn, welcher bei dem Vater aushielt, war ebenfalls der größte Schalk, indeß der schuldige und verworfene, verirrte Sohn dennoch gute Gefühle hegte. Schiller hätte den Franz Moor nie als einen Ausbund bübischer Verworfenheit gezeichnet und auf seinen Buckel noch die Landung einer ganzen Sündenwelt ac- » irr packt, hätte er nicht die Absicht'lebhaft vor Augen ge- habt, durch den Contrast der teuflischen AbscheulichkeiL des ausgearteten Bruders seinen Liebkingshelden (Carl Moor) desto mehr zu heben und interessant dar: zustellen, welches der Schauspieler zu motiviren verstehen sollte! Hierüber sagt Schiller in der Selbstrecension folgendes:„Noch einen Kunstgriff benutzte der Dichter, indem er dem weltverworfenen Charakter eine» schleichenden entgegensetzte, der seine scheußlichen Verbrechen mit günstigerm Erfolge, mit weniger Schande und Ver^ folgung vollbringt. Auf diese Art legen wir nach unserer strengen Gerechtigkeitsliebe mehr Schuld in die Schale des Begünstigten und vermindern sie in der Schale des Bestraften. Der erstere ist um so vielschwärzer, als er glücklicher, der zweite um so viel besser, als er unglücklicher ist. Wir schlagen uns so gern aufdiePar- thei der Verlierer, ein Kunstgriff, wodurch Milton, (der Panegyrist der Hölle) auch den zartfühlendsten Leser auf einige Augenblicke zum gefallenen Engel macht.—> Und kann man die Tugend selbst wohl in einem triumphirendern Glänze zeigen, als wenn m an sie in die Intrigue des Lasters verwickelt und ihre Strahlen durch diese Schatten erhebt? Denn es findet sich nichts Interessanteres in der moralisch- ästhetischen Natur, als wenn Tugend und Laster an einander sich reiben rc." Unstreitig wäre manches in den Räubern gemildert, feiner durchgeführt und passender ausgedrückt worden mit sanfterer Verschmelzung aller Farben dieses Nachtstücks, hatte ihr Vf. schon damals die nöthige Welt- und Menschenkenntniß besitzen können, welche e» späterhin sehr zweckmäßig zu benutzen wußte und der I2Z Schauspieler ebenfalls in der Darstellung weislich anwenden muß; aber kein poetischer Charakter. welcher zur Erwärmung der Leser und Zuschauer mit innerer Lcbensgluth ausgestattet ist, laßt sich blos aus Erfahrung uns Maximen, aus Beispielsammlungen und Beobachtungen der Menschen zusammenflicken. Um seinen Carl Moor mit der Lebendigkeit und Wahrheit, welche ihn stets über der Erde erhalten und dem Reiche leerer Schattenphantome entziehen wird, auszustatten, bedurfte Schiller nur der b e g ei ste rnden Id e e(des Gottes) in sich. Alles lebendige Erzeugniß des Geistes und Herzens muß(gleich der Minerva) fertig und gerüstet aus dem Haupte des Dichters entspringen. Vorzüglich muß das hsllsste Geistesleben(wie sein Dichter) geboren, erzeugt, nicht blos zusammengeklebt werden aus lauter Welt- und Menschenkenntniß, woraus allein niemals ein sich selbst fortführender Charakter entspringen kann. Große Dichter sind im Leben oft eben so wenig große Menschenkenner, als diese große Dichter. Göthe z. B. schrieb seinen Gbtz von Berlichingen ebenfalls als ein Jüngling. Freilich ist Erfahrung und Menschenkenntniß dem Dichter unentbehrlich, aber blos zur Farbengebung des schon erschaffenen und gezeichneten Charakters, welcher die Erfahrungen sich zueignet und einverleibt, durch dieselben aber eben so wenig entspringt, als ein Mensch durch den Genuß de- Nahrungsmittel. Die bestimmtesten, besten Charaktere eines Dichters sind daher die zwei alten, lange gepflegten und mit seinem Ich gebornen Ideale der vertieften und erhabenen Seite seiner natürlich waltenden Menschheit. Deswegen gebiert jeder Dichter seinen eigenthüm- 1-4 liehen Engel und Teufel; der zwischen beide fallend« größere, oder geringere Reichthum von Geschöpfen spricht ihm seine Größe entweder zu, oder ab. Eben so hatte daher auch Schiller in seinem Franz Moor ein für allemal seinen Teufel rein ausgebvren und nach ihm es mit den Teufeln auf immer abgemacht. Denn Geß- ler in Wilhelm Teil ist eine bloss Gliederpuppe eines Abgesandten aus des Teufels Vorhole. Bei der Verschwörung der Räuber hat ihnen Spiegellberg «in höllisches Evangelium gepredigt. Nun wollen sie rauben, nothzüchtigen, Mordbrennen!— Ihre Verschwörung ist gegen Gesetz, Zucht, Sitte und bürgerliche Verfassung gerichtet, folglich mit der ganzen saubern Gesellschaft außer dem Gesetze. Die Scene spielt in einem Wirthshaus« an der böhmischen Gränze. Carl Moor studirte in Leipzig, hat eben den furchtbaren Absagebrief von seinem teuflischen Bruder erhalten, ist wüthend in's Freie hinaus gesprungen und tritt nun (während er in übersprudelnder Kraftfülle Gift lind Ver- derben gegen die ganze Menschheit kocht,) wieder unter seine ihn aus Leipzig her begleitenden Sauf- und Rauf- gesellen. Schweitzer von Spiegelberg hat das Wort zum Grafen ausgesprochen:„Du mußt unser Hauptmann seyn!"— Dieser höllische Funke zündete. Denn als Anführer einer solchen Bande kann er nun das Schwerdt der Rache gegen das verhaßte Otterngezücht der Menschheit schwingen. Daher seine Aufforderung:„Kommt!— tretet um mich her! schwört mir bei dieser männlichen Rechte!"— Alle(außer einem) schwören ihm nun(seine Hand ergreifend) Gehorsam bis zum Todte. In Schiller'- Ran- irZ Lern ist demnach Carl Moor ebenfalls(nach der eigenen Idee des Dichters, welcher ihn im regellosesten Aufschwünge seiner glühenden Jugendphantasie darstellte,) ein Verbrecher aus Rachsucht. In der Vorrede zum Ficsko charakterisier Schiller selbst seinen Carl Moor als das Opfer einer ausschweifenden Empfindung, so auch im Vorberichte zur ersten Mannheimer Ausgabe der Räuber. In dem Wirtember- gischen Repertorium der Literatur 178-- (Erstes Stück, S. 184-164.) entwarf Schiller in einer Selbsirecension seiner Räuber folgende Charakteristik des Carl Moor:„Räuber Moor ist nicht Dieb, aber Mörder, nicht Schurke, aber Ungeheuer. Die gräßlichsten seiner Verbrechen sind weniger Wirkung bösartiger Leidenschaften, als des zerrütteten Systems des Gelten. Indem er eine Stadt dem Verderben Prciß gibt, umfaßt er seinen Roller mit ungeheurem Enthusiasmus. Weil er sein Mädchen zu feurig liebt, um sie verlassen zu können, ermordet er sie. Weil er zu edel denkt, um ein Sclave der Leute,zu seyn. wird er ihr Verderber. Jede niedrige Leidenschaft ist ihm fremd. Die Privaterbitterung gegen den unzartlichen Vater wüthet in einen Universalhaß gegen das ganze Menschengeschlecht aus."„Reue und kein Erbarmen! Ich möchte das Meer vergiften, daß sie den Todt aus allen Quellen saufen!"—„Den großen Mann vollendet ein unersättlicher Durst nach Verbesserung und eine rastlose Thätigkeit des Geistes." In dem weitem Verfolge dieser Selbstrecension gesteht Schiller:„Ich habe die Grundzüge zu meinem Räuber Moor in Plu- tarchs großen Verbrechern und in dem ehrwür- ra6 drgen Roque im Don Quixote gefunden und sis nach Shakespearischer Manier in einem neuen, wahren und harmonischen Charakter unter sich amalga- mirr." So entstand in Schillers Seele das Bild des Geistes, den das äußerste Laster blos um der ihm am Hangenden Größe und um der Kraft willen reitzt, die es erheischt, endlich um der Gefahren willen, die es begleitet. Aber eben daruin bleibt auch Carl Moor(bei allen einzelnen Verzeichnungen und Uebertreibungen des Gräßlichen) dennoch stets eine Verirrung des Genies, welche mehr werth ist, als die correctefte Mittelmäßigkeit.-Laster macht sie stets einen gewaltiaen Eindruck auf jugendliche Leser und Zuschauer, wie dieß selbst in England geschieht. Deswegen sagt mit Recht sehr treffend der gelehrte Schottländer Henry Ma- ckenzie von den Räubern:„Der Held dieses Stücks, von der Natur mit den edelsten Gefühlen ausgestattet, wird durch Verräthcrei und den Wahn,(von denjenigen Personen, die ihm in der Welt am nächsten flehen, unmenschlich behandelt zu werden,) in einen Zustand von entschlossenem Menfchenhasse und von Verzweiflung gestürzt. In dieser Lage wird er zur Begehung einer Reihe von Verbrechen hingerissen, die eben durch ihre Größe seinen verstimmten Geist am meisten ansprechen. Er dünkt sich selbst ein Werkzeug der Rache in der Hand des Allmächtigen zur Bestrafung fremder Verbrechen; er fühlt eine Art von wildem Vergnügen, so die Geißel seiner Mitmenschen zu werden. Da er aber zugleich seine Schuld in dem ersten Abweichen von dem Pfade der Tugend erkannte; so betrachtete er sich durch ein unvermeidliches Gericht zu einer Rotte des Lebens verdammt. 127 die sein Andenken der Schande und seine Seele dem Verderben überliefern muß." Freilich fiel es Schillern nicht ein, als er in überströmender, wild aufsprudelnder Zugendsülle dies« tragische Darstellung des Kampfes eines nach Größe lechzenden Charakters mit dem Eigensinne des Zufalls und den beengenden Forderungen der bürgerlichen Verfassung entwarf, daß sein Carl Moor wirklich ein Musterbild werden sollte. In Schillers Poesie herrscht überhaupt der individuelle Charakterzug, sich allem Herkömmliche» entgegen zu stellen, welches den feurigen Jüngling auf der festgeregelten soldatisch gebundenen Carlsschule zu Stuttgardt so widrig beschränkt und gleichsam auf das eiserne Bette geschnürt hatte. So wie er z. B. in den Göttern Griechenlands gegen den christlichen Himmel, oder im Charakter des Posa gegen den Katholicismus und Despotismus unter Philipp H. anstürmt, eben so bricht er in den Räubern eine Lanze mit aller bürgerlichen Ordnung. Da nun diese Kühnheit der Poesie Schillers das Gepräge der ernsten Ueber- legung an sich trägt; so muß sie den Uneingeweihten, welcher diese hohe Ironie nicht saßt, entweder gerade zu empören, oder zum Gebrauche theologisch bürgerlicher Waffen in Bekämpfung dieses Hohns gegen Gesetz und Herkommen anreihen, oder bei einiger poetischen Nutzbarkeit zu ungereimter Bewunderung und Nachahmung mit sich fortreißen. Daher schreibt sich auch die Sünd- stuth von Räuberdramen und Banditenromanen voll Ekel und Langerweile. Von dieser aus Schillers Räubern ausgegangenen ruchlosen Bastardsippschaft stammen als ihre Repräsentanten auch Abällino(der große Ban- rs§ dko und Ninaldo Rinaldini her rc. Daher ist auch des Lords Byron reich poetische Erzählung von dem furchtbaren Seeräuber Eonrad, welcher auf einer der eycladischcn Inseln des Archipelagus sein Rau- berreich gründete und nur für seine Medora(wie Carl Moor für seine Amalia) der stärksten, zärtlichsten Leidenschaft fähig war, eine Nachahmung von Schillers Räubern. Schillers Gedicht(Monument Moors, des Räubers) zeigt, daß Schiller selbst in jener Periode, wo sein Geist noch blos nach dem Ungeheuern, Niesenartigen strebte, den Sturz seines Carl Moor so ansah, als stürze der Unbändige, von einem Fantome gelockt, wie auf einem unbändigen Rsße, in den Abgrund des Verderbens, wobei sein Schutzengel weint, sein böser Genius aber den Sturz vollendet und ihn die Furie mit höllischem Hohngelachter bewillkomme In diesem Schillerschen Monumente Moors, deö R ä u- bers(welches nicht in der neuen Ausgabe von Schillers sämmtlichen Werken steht) heißt es nämlich unter andern: „Durch wolkige Nacht ein prächtiger Blitz!— Hui!— hinter ihm schlagen die Pforten zusammen! Gierig schlingt ihn der Rachen der Nacht!— Zucken Völker Unter seiner verderblichen Pracht!— Aber du hast vollendet. Majestätischer Sünder,— Deine furchtbare Rolle vollbracht!— Jünglinge! Jünglinge Mit des Genies gefährlichem Aethcrstrahl'! Lernt 129 Lernt behutsamer spielen!— Stvrrig knirscht in die Zügel das Sonnenrvß!— Aber es f l a m m t,—(halt es ein kindischer Zaum ,)— Erd und Himmel in lodernden Brand! Untergieng in den Trümmern Der muthwillige Phaethon! So stürzte Carl Moor(der Räuberhauptmann) in Schillers kühn aufbrausendem Jugenddrama, als ein sich selbst bestrafender Verbrecher, aus Räch- und Ehrsucht!— Allen Schauspielern dieser Rolle ist aus mehrern Gründen anzurathen, Hiebei eine Husarenuniform anzulegen. Dann'ist Carls Stellung der lebendigste Commentar zu seinen Worten;„Mörder! Räu- ber!— mit diesem Worte ist das Gesetz unter meine Füsse gerollt!"— Auch sollte jeder Spieler dieser Rolle das Bildniß seiner Amalie im Rundschildchen(ineäail- lon) auf der Brust hängend tragen, weil es ihm in spätern Scenen sehr nützlich und sogleich zur Hand seyn Wird. Eben so wenig sollte dabei die dampfende Punsch- schale, als die begeisternde Pythia und Dunstquelle für " diese Eingeweiheten, auf dem Altare dieses Höllenbun- des fehlen, welche weit passender und dem Dichter selbst mehr entsprechend ist, als die vergiftende Pandorabüchse der alten und neuen Welt(die Brandtweinflasche), da Schiller selbst ein erklärter Liebhaber des Puscheö war. Auch die Hunde spielen Hiebei keine ganz unbedeutende Rolle, indem eine Dogge mit dem Briefe sehr feindselig umgeht, den Carl Moor im ersten Jngrimme auf die Erde geworfen, Roller aufgehoben, vorgelesen und wieder weggeschleudert hatte, indeß zwei andere Hunde der Epecution neidisch zusehen. Die ganze Natur des Neides und die verruchteste Verworfenheit drückt sich vorzüglich in dem Gesichte und in der Stellung des hinten lauschenden und allein von der Huldigung sich ausschließenden Spiegelbergs aus, mit einer tückischen Banditen- und Judasmiene. Gift und Dolch ist ihm an der gerunzelten Stirne und der geballten Faust geschrieben, wobei er den Hut mit der Linken boshaft zerknittert, wie der den Sündenfall im Paradiese belauschende Satan Miltons. Auch der Zeiger an der Uhr über dem Eingänge des Zimmers muß auf den grausen Gespensterspuck zwischen der Uten und irten Mitternachtsstunde weisen. Selbst ein Todten- schädel läßt sich als Kuppel oder Deckel dieses ihn haltenden Zeitmessers sehr passend anbringen, weil dieser hohläugige Herold der Vergänglichkeit ein warnendes Sinnbild für die Mordbrenner und NLuberverschwLrung ist, folglich ihnen gleichsam zuruft:„Seht auf mich!— So werden eure Schädel einst auf das Rad gespießt herunterblicken!"— Endlich müssen selbst die Säbel und Mordwerkzeuge(als blutige Zeugen dieser saubern Gesellen) an der Thüre aufgehangen werden, oder gar (in einer katholischen Wirthsstube, wo das Crucifix an der Thüre nicht fehlen darf,) an das Crucifix, welches hier an beiden Enden als Wandhaken von den ruchlosen Buben gemisbraucht wird rc.--- In der Schlußscene des zweiten Actes wird Carl Moor von Soldaten umringt und durch den Generalpardon, welchen der Capuziner der ganzen Räuberbande nach Auslieferung des gefürchteten Hauptmanns Moor ankündigt, in die augenscheinlichste Lebensgefahr gebracht; alle Vertheidigungsmittel verschmähend, bindet er sich selbst lzl die rechte Hand an einen Eichbaum, um sich ganz wehrlos dem Verrathe blos zustellen. Diese Scene ist eine wahre Räuberhauptmannsprobe und der sprechendste, ausdrucksvollste Augenblick der Handlung; das wilde Toben und Aufjauchzen der Räuber, welche(allen Lockungen des Paters Hohn sprechend) mit ihrem Hauptmann« leben und sterben wollen, braußt(gleich dem Sturmwinde) in dieser Scene. Wie ein zweiter Simson, hat Carl Moor den hänfenen Strick zerrissen, welcher seine Rechte an den Eichbaum fesselte. Nun ruft er mit emporgehobener Hand:„Ich suhle eine Armee in meiner Faust!"— Dieses vollwichtige Centnerwort ist hier keine leere Prahlerei, sondern es steht bei einer solchen Aufreitzung und Gemüthsbewegung ganz am rechten Orte, weil er die Wahrheit seiner Worte durch künftige Thaten wirklich beweiset. Der Hauptmann hat Schwerdt, Dolch, Gurtpistolen und Giftphiolc zu seinen Füssen geworfen; an seiner Linken stecken aber noch die vier kostbaren Ringe, deren Geschichte er dem Ca- puziner so eindringlich vorerzahlt hat. In der ganzen Haltung des Paters(dessen ganze Erscheinung und Bußsprcdigt ein bloses Vorspiel zu dem Capuziner in Wallenstei n's Lagerist,) muß man Staunen mit Schrecken gemischt erblicken, zumal da ihm der Räuber Schweitzer den zerrissenen Pardonbrief in das Gesicht wirft, während ein anderer an seinem glatten Schädel Las Kolbenrecht auszuüben droht.„Jeder hat"(sagt Ratzmann)„fünf Pistolen geladen und drei Kugelbüchsen dazu!"— Daher trägt Schweitzer auf seiner Brust viele Pistolen. Der vom Pferde so eben gesprungene Hauplmann hatte bei dem Entwurf« I- IZ2 des Schlachtplans ausdrücklich befohlen:„Alle Hunde müssen los und in die Glieder gehetzt werden, daß sie sich trennen, zerstreuen und auch in den Schuß rennen!"— Daher dürfen auch hier auf keinen Fall die Hunde fehlen. In diesem grausenden Nachtstücke, in diesem Kirchhofe voll Zerstörung und Graberduft ist Carls Amalie der einzige vom Himmelslkchte umglänzte Schutzengel, der einzige Strahl aus einer bessern Welt. Es ist eine Herz ergreifende Lage und Unterhaltung dieser edlen Geliebten mit ihrem gesunkenen, aber durch ihre Nähe wieder in das Verlorne Paradies zurückgeführten Liebhaber. Denn diese Lage, wo beide Geliebten sich einander begegnen, ist ein Gegenstück zu der verlassenen Ariadne, oder Dido, ob hier gleich der Geliebte zurückkehrt, welcher sich aber selbst verrathen und verlassen hat.„Mit der Gegenwart ihres Geliebten" (heißt es in der Selbstrecension)„fangt die interessante Epoche des Mädchens an. Sie glänzt in seinem Strahle' erwärmt sich an feinem Feuer, schmachtet neben dem Starken und ist ein Weib neben dem Manne." Die Gartenscene ist ein wahres Gemälde der weiblichen Natur und ungcmein passend für ihre drangvolle Lage. Amalie ruft selbst:„Hier, hier an diesem Busche pflückte er Rosen—> und pflückte sie nur für mich!"—. Welche Wonne verklärt sich in dem Gesichte ihres sie belauschenden Geliebten!— Der Wahrheit getreu, daß bei jeder Verschwörung ein abtrinniger Meuchelmörder zum Vorscheine komme, stellt Schiller neben Carl Moor den Spiegelberg als ein Ungeheuer, welches sich durch keine Tugend loskauft, hier aber IZ? üls Folie und zur Ehrenrettung des RauberhauptmannS dient, für welchen er überall zu intereffiren suchte. Die Rolle dieses Bößewichts muß daher auch mit besonderer Kunst gespielt und blos einem wahren Meister in der Kunst bei der Bühne zugetheilt werden. Der ron Rachsucht und Ehrsucht entstammte Spiegelberg will durch den Meuchelmord des Hauptmanns gleichsam einen neuen Beweis von der alten Thierfabel, wo ein Raub- thier das andere verschlingt, im ächten Naturell einer Tigerkatze liefern. Der treue Schweitzer, welcher das verruchte Mordspiel schon längst im Stillen belauscht hatte, fällt in dem Augenblicke, wo Spiegelberg mit Ratz mann davon schleicht und sein Bubenstück ausführen will, über den erstern her und sticht ihn nieder. Plötzlich erscheint der Haupkmann, gegen den sich Schweitzer selbst des Mordes anklagt, weil es nur einen Meuchelmörder galt.„Von hinten"(spricht er zum Hauptmanne)„hat er dich ermorden wollen!"— Carl Moor überblickt sogleich das feinere Gewebe des Schicksals, die geistige Berührung in dem(aus dunkler Wolke) hervortretenden Gottesgerichte, der Wolkenhand mit der Wage. Daher ruft er dem Vollstrecker dieses Gerichts zu:„Weihe dieß Messer der dunkeln Vergelte- rin! Das hast du— nicht gethan!"— Der Hauptmann steht hier wie ein Halbgott unter diesen verwilderten Menschenbestien, welche nur die grobe Körperhülle anstaunen, aber den inwohnendcn, sich jetzt deutlich offenbarenden Geist nicht einmal ahnen und im dumpfen Hinbrüten Spiegelbergs Leiche eben so gedankenlos anstarren, als die blos nach Blute dürstende und schnappende Fleischerdogge, welche nur der sie fesselnde rZ4 Ritt» vom Blutlecken zurückhält. Absichtlich läßt hier der Lichter den rohen Spießgesellen Schweitzer den wahren Sinn jenes„Du"— des Hauptmanns gar nicht fassen und den erstem iin Unwillen über des Hauptmanns Zweifel wegen des wahren Thäters mit verbissenem Jngrimme davon schleichen. Da ruft nun Carl Moor die vollwichtigen Worte«us:„Ich»erst ehe, Lenke r'im Himmel, ich verstehe!" Diese Worte spricht er mit einer ruhigen, in sich geschlossenen Stellung, aber mit einem gen Himmel gehobenen Blicke, mit einer Fassung und Sammlung, die sich in seinem ganzen Wesen natürlich ausdruckt. In dieser Scene muß der Hauptmann nicht zierlich, sondern ganz einfach gekleidet seyn, mit drei Pistolen im Gurte, weil er seine Ankunft jedesmal durch drei Schüsse verkündigte. Endlich hat sich Las ThurmverlieS(die Gruft des lebendig begrabenen Vaters) geöffnet durch Carl Moors Diebesinstrument, welches er noch in der krampfhaft zuckenden Hand halt und zum erstenmale zur Sprengung der Pforte des vierfach verschlossenen Kerkers seines alten Vaters gebraucht hatte. Mit dem Jammerrufe um Erbarmen kommt der alte Moor auf allen vieren hervorgekrochen und verhüllt kaum noth- dürftig seine Bloße mit dem Leichentuche, in welchem er zum lebendigen Grabe fortgetragen worden war. Eine furchtbare Auferstehung! Der alte Diener Herrmann ist der menschliche Rabe, wie ihn auch der jammernde alte Vater nennt.„Habe Dank, Naben sender, für'ö Brodt in der Wüste!" Der andere Vogel ist der heulende Kautz oben in dem Gemäuer, von welchem Herrmann sagte:„fürchterlich trillern deine rz; Schlafkameraden, Alter!"— Die Erscheinung dieses Nachtvogels ist unerläßlich nöthig zur Bezeichnung des mitternächtlichen Grausens und daß die Finsterniß hier em Bubenstück verhülle. Die(durch des Hauptmanns Pistolenschuß) aufgeweckten Räuber versammeln sich in dicht gedrängten Haufen um den jetzt in Ohnmacht gesunkenen Greis, den sie für ihres Hauptmanns entwei- beten Vater erkennen, welchem der bis zur höchsten Wuth aufgebrachte Verlorne Sohn die furchtbarste Rache im dreifachen Cetergeschrei(im Harorufe) schwört. Was jemals die feurigste Phantasie Gräßliche« ahnete, stellt Schiller in dem Ungeheuer, Franz Moor, dar, den er selbst ein Pasquill auf die M e n sch heit nannte. Diese Rolle stellte Issland unstreitig(was man auch dagegen sagen mag) am besten dar, weil er das Allzugraffe angemessen milderte und seine ganze Kraft auf den rechten Augenblick des reuigen(vvm Gewissen gefolterten) Sünders gehörig sparte, wie wir bei Franz Moors Rolle sahen. Carl Moor blüht in ekstatischer Wonne auf und hält A m a- lien umarmt; ein Räuber tritt grimmig hervor und ruft, indem er das Schwerdt zwischen beide streckt: „Opfer um Opfer! Amalie für die Bande!"— Jetzt läßt Carl Amalicns Hand fahren und ruft das furchtbare:„Es ist aus!" Amalie umklammert seine Kniee, den Todt von ihm flehend. Schiller hat zwar in seiner Selbstreeension erwiesen:„daß Amalie wenigsten« nicht leben bleiben konnte und daher durch ihres Geliebten Hand fallen mußteaber leider hat er in der Schlußscene noch einige schneidende Härten. welche das feinere Gefühl tief verwunden, nicht vermieden. Dieß vermag rz6 am besten der vollendete Acteur ohne Zerstörung des innersten Lebens!— m. Charakteristik des tragischen Kunstschauspielers. Der wahre Tragiker darf und will den Con- trast seiner Heldenrolle mit seinen innern Gefühlen nicht merken lassen, eben weil er weis, daß große tragische Anlagen und Leidenschaften auch mit der edelsten und schönsten Natur vereinbar sind, indeß der Komiker durch stets erneuerte^estyalkung des Widerspruchs seines Bewußtseyns mit seinem Spiele die Wirkung auf den Zuschauer noch erhöhen kann, welches der Tragiker nie soll. Denn von dem wahren tragischen Künstler fordert man die höchste idealische Wahrheit und Natur, welche er aber nur dadurch zu erreichen vermag, daß er während der Dacfellung i) weder seine Besonnenheit so deutlich hervortreten läßt, daß sein Spiel eine gemächliche, kalte Allegorie wird, noch auch r) durch die Kraft seiner Darstellung die Idee des Ganzen so allgewaltig zurück drängt, daß es seine höhere Bedeutung verliert, die einzelnen Theile desselben aber als abgerissen und als blos willkührlich ohne innere Verbindung zusammengesetzt erscheinen. Diese große Regel muß nun der Tragiker um so strenger beobachten, je größere Ansprüche an ihn auf seine innere und äußere Vollendung daö darzustellende Kunstwerk des tragischen Dichters macht, z. B. in der Rolle des Kö- nigS Lear von Shakespear, dessen originelle Schönheiten in den teutschen Übersetzungen und durch Censurcastrationen gewöhnlich so sehr verwischt, oder ganz vernichtet sind, daß die einzelnen Charaktere sz. B. selbst des Königs Lear, seiner Tochter Korde- lia und ihres Schwagers des Herzogs von Albanien) unverständlich bleiben, weil schon in dem Eingänge die Hauptscene, wo Lear sein Königreich an seine beiden ältern, aber heuchlerischen Töchter verschenkt, gewöhnlich ganz verfehlt, auch manche Worte ganz andern Personen in den Mund gelegt sind und die Prosa, in welche das ganze Stück(z. B. nach der Schröder sehen Uebersetzung) unglücklicher Weise verwandelt worden ist, unerträglich für jeden Sachkenner werden muß, welcher durch fleißiges Studiren des Originals weis, mit wie viel Geiste und Geschmacke Shakes- pear vorzüglich in diesem Trauerspiele die Prosa mit Versen abwechseln läßt. Daher muß der wahre tragische Kunstschauspieler Las Fehlende ergänzen, das Mangelhafte verbessern, das Unedle verschönern, veredeln, erhöhen und z. B. hier schon in der ersten Scene der Rolle des Königs Lear für die ganze Darstellung derselben so entscheidend auftreten, daß man in ihm sogleich einen, zwar vom hohen Alter gebeugten, aber noch immer stattlichen, Achtung gebietenden und Ehrfurcht einflößenden Greis erkennt, dessen Körper sich zwar zur Grube (dcm Orte seiner endlichen Ruhe) neigt, aber durch seine innere ursprüngliche Kraft noch aufrecht erhalten wird, welche überall den ehemaligen König hervor blicken läßt und noch Ansprüche auf das Leben macht. Dieser(durch das ganze Stück verwebte) Widerspruch zwischen Lears Willen und Kraft soll daher der gute Tragiker sogleich im Anfange andeuten a) durch den festen, männlichen Tritt, welcher Ansehen verräth» aber Hom Alter schwer und langsam ist, ferner b) durch die IZ8 starke und kräftige, aber dennoch etwas gebrochene Stimme, e) durch den(in die Seite) gestemmten Arm, um Zeichen des kühnen Muths, endlich 6) Lurch die zitternde Bewegung, mit welcher er öfters sein(ihm zur Stütze dienendes) Schwerdt nicht ohne merkliche Bewegung und Anstrengung erhebt. Dabei muß er(zur glücklichen Vermeidung alles Scheines einer übertriebe-- nen Körperschwäche) sogleich bei dem Eintritt« durch seine mächtige Stimme, mit welcher er die möglichste Beschleunigung des Mittagsesscns befiehlt, deutlich merken lassen, daß er keine übertriebene Altersschwäche af- sectire, sondern daß er vielmehr sich als König Lear (gleich dem Oedipus auf Kolonos vom Sophokles) nach des Dichters Absicht mehr als einen leidenden, denn als einen blos handelnden tragischen Held darstelle und Liesen Mangel an physischer Kraft (diese Disharmonie zwischen seinem Geiste und Körper) nothwendig schon von allem Anfange deutlich merken lassen oder stark hervorheben müsse, um hicdurch die später erfolgte Körperzerrüttung gehörig vorzubereiten und begreiflich zu machen. Deswegen muß er Lear' s heftig wildes und herrisch jähzorniges Wesen,—(welches ihn auch zu der Ungerechtigkeit gegen die sanft duldende, schwärmerische Kordelia hinreißt und ihm die wohl verdiente Strafe des Himmels in seinen beiden ältern, aber höchst undankbaren Töchtern verursacht, welche gleichsam die unbewußten Nachgötti m nen vorstellen,)— sogleich in der Scene mit dem Haushofmeister bei der schicklichsten Gelegenheit möglichst durchschimmern lassen, wodurch er nun die mangelhafte Ucbsrsctzung des Originals ergänzt. Der gute Tragiker I-S wird ferner über die bedeutungsvollen Worte(„Ich glaube,die ganze Welt liegt im Schlafe! Ha! meinst du das?") möglichst schnell und leise hin- wegeilen, weil sich Lear noch nicht selbst laut zugestehen wagt, was nur allzubald zur traurigen Gewißheit wird; in dem Augenblicke aber, als sich sein Argwohn bestätigt, muß der Zuschauer den beginnenden Zorn dieses Rollenspielers in den immer unruhiger werdenden Hände- und Körperbewegungen, ferner in den immer furchtbar funkelnden Augen bemerken können, bis Lear nach der nöthigen Sammlung seiner(vor Entsetzen entflohenen) Kräfte die Worte(,,O Undank! du marmor- herziger Teufel!") mit unterdrücktem Tone und gebrochener Stimme aus der Tiefe, wie ein nahes rollendes Ungewitter, Heraufhallen läßt, endlich aber mit geballter Faust und mit drohend vernichtendem Blicke den Fluch aller Flüche im steigenden, immer heftiger rollenden Assecte, womit er den ganzen Tonumfang seiner Stimme blitzschnell durchläuft, auf G v n e- rill herabdonnerk. In der folgenden Scene schon etwas besänftigt durch seinen geliebten Hofnarren,(welcher als d e n- kender Ko p f die Stelle des griechischen Chors vertritt und nur bei Lear's völligem Wahnsinne ganz verschwindet,) spricht der wahre Kunstschauspieler in dieser Rolle die Worte:(„Ich that meiner Kordc- lia Unrecht!") möglichst leise, um sich vor seinem Innern zu verbergen; dann wendet er sich mit einem bangen, aber Gnade flehende» Blicke zum Himmel, gleichsam als ahne er schon seine grauenvolle Zukunft, hülflose Verzweiflung und das Schreckliche seines zer- igc, rütteten, irrenden Gemüths. Lear's Rolle, welche schon vom Anfange auf der höchsten tragischen Stufe zu stehen scheint, erfordert schon in der ersten Scene einen so hohen Kraftaufwand, daß der darstellende Künstler durch seine Ton- und Geberdensprache Mitleid, Schauder und Entsetzen paffend zu erregen suchen, aber durch seinen Genius einen eigenen Weg zu entdecken wissen muß, auf welchem er diese große Aufgabe glücklich zu lösen vermag. Lear's festes Herz erliegt nämlich dem furchtbaren, taufendarmigen Grame über die unschuldig gekränkte Kordelia, vorzüglich über den gränzenlosen Undank ihrer ältern, tiegerähnlichen Schwestern. Der Künstler bedenke hier, daß der Gram nicht in schwachen und leichtfertigen Seelen Hause, sondern mit seinen gräßlichen Klauen starke, mächtige Herzen umklammere, bis sie endlich an den unterdrückten stummen Qualen brechen. Daher darf der Tragiker in den folgenden Scenen das Mitleid der Zuschauer nicht etwa für das körperliche Elend des Königs Lear's als KönigS in Anspruch nehmen, sondern blos für die innern Schmerzen eines zärtlich liebenden, aber u n- heilbar verwundeten und zerknirschten Vaterherzens, dessen allmählich schreckliche Vernichtung er nun mit grauenvoller Wahrheit vor den Zuschauern so vorüberführen soll, daß die Worte:(„Hinunter mit d i r, du einpor glimmender Gram!") gleichsam die ersten Accorde der herzzerreisscnden und dissonanzreichen Musik seyn müssen. Mit der eigentlichen Handlung selbst soll nun auch des Künstlers Spiel mehr ein inneres, als ein äußeres seyn, folglich immer hohler und tiefer seine Stimme klingen, äußer in der Stelle, wo Lears lang gehegte Liebe zu seinen ältern Töchtern in ihm noch einmal erwacht, wobei er nun ihren marmorharten Sinn durch die Worte:(„Ich gab euch alles!") mit sanft hkn- schmelzendcm Tone zu erweichen wähnt. Vergebens sträubt sich sein Körper gegen den wachsenden düstern Gram; vergebens erschöpft er sich in Mannichfaltiz krampfhaften Händebewegungen, welche von dem Herzen (dem Mittelpunkte quälender Gefühle) ausgehen und zu demselben, nach fruchtlosem Ringen, mit dem mächti- tiger wüthenden Grame, wieder zurückkehren; in jedem folgenden Augenblicke steigt das innere Toben immer höher. Noch tiefer erschüttert durch Edgar's Anblick, wirft er dann, in der Verachtung alles irdischen Tandes, ungeduldig den Purpurmantel, in welchen er noch kurz zuvor aus sorgsamer Liebe seinen Hofnarren gehüllt hatte, hinweg, hiemit aber auch den König zugleich ab, weil ihm seine empörte Menschheit mehr gilt, als alles andere. Er kehrt das Weiße fernes Augapfels noch einmal mächtig heraus, ehe sich seine innere Sehe und mit ihr die äußere auf immer gänzlich verdunkelt. Jetzt erreicht der Gram seinen höchsten Grad, wobei das(zum unendlichen Schmerze) aufgeregte Herz nicht mehr hinlänglichen Raum im Busen hat. Daher lallt er mit ganz leiser Stimme kaum vernehmbar die Worte:„Kommt! knüpft Mich auf!" Nun schwindet alle seine Besinnungskraft; die Sprache versagt ihm schon ihren Dienst bei diesen letzten Worten und— der Wahnsinn ist völlig da, welcher aber bei unpassender Darstellung höchst widrig wird. Der tragische Künstler muß des- I4L wegen auch als irriger, wahnsinniger Lear. bei aller rührenden Wahrheit seines Spiels, dennoch im Stande seyn, die Züge höherer Schönheit zu retten, auch das Bedeutungsvolle, tiefen Sinn Verrathende oder Enthaltende, mit unbeweglich vorwärts schauende!» Blicke zusprechen und selbst noch den Worten:(„Erst laß mich sie abwischen, diese Hand!— sie hat einen ToLtenge- ruch!") durch schneidende Lrtimmtone mit langsamer Hervorstreckung der abgemergelt zitternden Unglückshand, mit welcher er die liebende Cordelia von sich gestoßen hat,-ine so allmächtige Wirkung zu geben, daß alle Zuschauer sich von dem Anblicke des Entsetzens erschüttert und bebend hinweg wenden müssen. Loch giebt es auch hier ein gewisses Maß von schmerzlichen Bewegungen bei dein gegenwärtigen Unglücke des leidenden Helden, über welches hinaus alles Hinzugefügt- folternd und widrig wird. Darum tritt nun, wie ein Engel des Friedens, d.e sanft liebende Cordelia auf und träufelt lindernden Balsam in die blutenden Wunden. Daher muß nicht nur die ängstliche Sorgfalt(der tragischen Künstlerin) in Cordelias Rolle für den kranken Lear, sondern auch ihre sanfte Schonung, mit welcher sie ihren eigenen heftigen Schmerz vor ihrem(aus seinem schweren Wahnsinnstraume) erwachenden Vater, um ihn wo möglich vor neuen Anfällen zu schützen, weislich verhüllt, ferner ihre unaussprechliche Liebe, in allen Worten und Bewegungen paffend ausgedrückt werden, in Verbindung mit der gerechten menschlichen Thräne der kindlichsten Theilnahme, welche ihrem weh- 14? wüthigen Auge unwillkührlich zu entquellen scheinen soll,— dieß alles muß nun auch der heilsamste Balsam für Lear's verwundetes Herz seyn, folglich seine angedorne Liebe, welche der tragische Künstler hiebet stets durchschimmern lassen und selbst in die grausenstcn Scenen des Entsetzens etwa« Milderndes zubringen wissen muß, vom neuen hervorzaubern können. Mir an Lordelias Busen ruht der(von des Schicksal« Hand) schwer getroffene Lear nach einer sturmvolle» Zeit wiederum zum ersten, aber auch zum letzten male von seinen irdischen Lualen aus; Cordelia'S Rufen nach Hülfe(bei Annäherung des auf sie eindringenden Mörders) vermag allein den(in Wahnsinn) wieder versunkenen Lear aus seinen Ficberträumen noch einmal aufzuwecken, welcher jetzt seine letzte Kraft zu Cvrdelia's Erhaltung aufbietet; aber ihr Leben ist auf ewig entschwunden; daher naht auch nun für ihn die endliche, schnelle Erlösungsstunde. Gränzenlos stürmend ist sein Schmerz um Cordelia; daher ruft er auch(auf sein tobendes Her; und fliehendes Leben deutend) mit schon gebrochnener Stimme:„Kommt! knüpft mich auf!" Selbst nock der letzte sterbende Blick ist auf seine theure Cordelia gerichtet; noch einmal bäumt sich Lear gewaltsam hoch empor; denn gewaltsam, wie seine ganze Natur, muß nun auch sein Ende seyn!— Dann kracht er erst zusammen und die Hand des alles versöhnenden Todtes bringt auch ihn zur endlichen Ruhe!— Durch eine solche völlig einstudirte und gelungen Darstellung kann der tragische Künstler die Gemüther aller Zuschauer auf das tiefste erschüttern und sie durch die 144 (in Lear's Sturze) dargestellte Gewalt des ewigen(letze Unthat rächenden) Schicksals zu ernsten Betrachtungen über die hohe, nie ganz^ü enträtselnde Bedeutung des Menschenlebens einladen! Der Vertrag unserer jetzigen Tragbdien höherer Art muß ebenfalls anders beschaffen seyn, als der m den alten Heldentrauerspielen in kalten steif gereimten Versen vor 6a Jahren, welche die Schauspieler Mit ängstlich abgemessenen Schritten und Tritten, mit leerem, kaltem Schwulste und mit einwärts gestemmten, oder auswärts greifenden Armen vortrugen, jedes Wort anders als alle übrigen Personen, aussprachen, dieselben langsam zogen, die Blicke in die Wolken hefteten, Töne und Laute wie herannahende Donner und Blitze gebrauchten, endlich damit einschlugen und in Schrecken setzten. Dieses alberne vornehm seyn sollende Wesen hieß daher St aatsacti° n, zu welcher sich oft Scherz mischte, zwar nicht in bunter Jacke, aber doch kurzweilig genug mit hohem Ernste in Rollen von Rathen und Dienern, bis man endlich dieses Unwesen uberdru- ßiq wurde, welches von Schauspielern am letzten erfolgte Denn Liese dünkten sich hierin besser und vornehmer, als alle andern Menschen, außer den Regenten. Die Schauspieler trösteten sich mit dieser hohen Absonderung und Auszeichnung, daß sie sich allein so vornehm benehmen dürften, den höchsten Ständen gleich kämen und deren Vorrechte theilten. Dergleichen Tra- gddienspieler, welche noch ein goldnes Zeitalter und Unsterblichkeit hofften, sahen auf die komischen Rollenspieler wie auf Pfuscher und blos geduldete Unglückliche herab, ließen(zum Ersatze ihrer geistigen und I4S erblichen Armuth) jeden ihren Stolz empfinden, letztesten sich in unzugängliche Zirkel und begrüßten sich selbst unter einander sehr abgemessen feierlich. Den ersten tragischen Held(den Tyrannen spie l er) mußte der zweite zuerst grüßen und vor dem ersten jeder Vertraute mit entblößtem Haupte erscheinen. Auch an öffentlichen Orten hatten die Oberhäupter ihre eigenen Plätze allein, von denen alle andern weichen und sich nur auf herablassendes Einladen nähern durften. Jedes neue Mitglied wurde erst nach so vielen Nachforschungen in ihren hohen Kummerorden aufgenommen, als wenn er in einem der ältesten Domstifter zu Kapitel auf- schwvren sollte. Jeder Neuling konnte nur nach vielen Dienstjahren in Gegenwart älterer Mitglieder mit bedecktem Haupte erscheinen und jedes tadelnde Wort über ihr Sprel wurde für ein Zeichen des Wahnsinnes gehalten, folglich ein solcher Tadler aus der Zunft gestoßen. Jeder, der sich zu ihrer Zunft meldete, wurde gefragt: ob er eine Zepteraction machen könne? Dann mußte er mit einem Commandostabe seine Probe machen, denselben entweder in der Hüfte feierlich ruhen lassen, oder damit in das unbekannte Land gebieterisch deuten, nach bestandener Probe aber eine donnernde Rede halten; dann wurde er nach allen Formalitäten in den Heldenorden aufgenommen. Die bürgerlichen ersten ernsten Rollen gab man gewöhnlich eben sowohl in einem(von der Direktion geliehenen) braunen Tuchkleide mit seidner Weste und in eigenen schwarzsammtenen Beinkleidern, als die ersten Rolle n der Könige und Helden, welche aber in einer reichern Weste und mit einem Federhute auf der Alon- K 146 genperücke erschienen, hingegen die Helden und Könige des Alterthums mit Helmen und Scherpen, oder die griechischen und assyrischen Helden mit seifen Röckchen, gsldncn Leibern, fliegenden Haarzöpfen, Helmen und Federn nebst Beingürtelschnallen. Auch i>n täglichen Leben erschienen diese Trauerhelden wegen der Routine mit Degen, an deren Gehänge manche Directoren bunte Steine blicken ließen, auch stets in Scharlachwesten mit Golde und in blauen, oder grauen, oder violetten Kleidern giengen, während jüngere Mitglieder m Tressenhüten und in Rosa, oder Carmoiffnatlasbein- keivern ihr irdisches Glück begründeten, dabei aber steif auf ihre zunftmäßigen Gebräuche hielten. Doch hatten sie bei aller Steifheit das Gute, Laß sie durch bestimmte Formen und Regeln dem Ganzen völlige ALrundung gaben, z. B. in der Art ihres Auf- und Abtretens, ihres Beisammenseyns mit anständiger Bescheidenheit, m ihren anaemeffen unterscheidenden Ehrenbezeugungen nach den Graden der Stande-c. Die Erscheinung bürgerlicher Trauerspiele B, Miß Sara Sampson. Georg Barnwell und der Hausvater von Diderot) verdrängten sehr bald diese StaatSactionen, weil Lie erstem Menschen aus dem wirklichen Leben darstellten und daher überall Theilnahme fanden. Man wollte Menschen sehen, aber nicht mehr bloss Drath- puppen! Die bisherigen Heldenspieler konnten hiebet nur die Rollen der Briefträger, Vater und Vertrauten übernehmen, weil die bessern Künstler und Actrisen LaS wahre lebendige Leben mit zwanglosem Gefühle, mrt der Sprache des Herzens und mit gutem geselligen Tone auf die Bühne brachten, ohne dabei in die nachherige 147 Ziellosigkeit zu verfallen i Als aber diese Mvdczeit der Empsi'ndung in Empfindelei ausartete, wurde alles auf dem Theater hergewinselr und geweint; man rernachläßigte das charakteristische Rollenstudium, hieng leidend den Kopf, war schmachtend, sah gen Himmel, rang sich in eine Stellung und hatte nur mit vielln Thränen gespielt!— Auf diese Siegwartspe- riode folgten die Ritterspiele mit und in gemeiner Natur, welche jeder zu besitzen und daher auch Schauspieler werden zu können glaubte. Mit dem Feldgcschrei von Natur und natürlichem(aber gesetzmäßigen) Spiele stürzten allerlei verdorbene Menschen auf die Bühne und schadeten der wahren Schauspielkunst, namentlich der Tragödie am meisten! Denn sie wußten nicht, oder vergaßen, daß die Menschen in den Ritterzciten zarten E inn, Pflichtgefühl für Religion und Minne, endlich ihre Geradheit und Natürlichkeit oft mit Zartheit vereinigten, welche letztere viel Kraft erfordert und alle Rohhcit der Darstellung verbannet. Brustharnische, schwere Stiefeln und lange breite Schwerdter brachten mit dem hiezu nöthigen Kraftgesühle einen seltsamen Begriff ron Kraft durch Stampfen und Rasseln in Ausübung. Herren und Kn appen, Grasen und Vögte schrien und geberdeten sich in einerlei Humpentone, obgleich mit unter in einer bessern Jacke, in prächtigern Worten, mit mehr Flittern und Straußfedern. Der hohe Meltkampf des alten Muthes wurde in leidenschaftlichen Scenen zum gemeinen Zanke, das harte Wort des Zornes zum gemeinen Schimpsworte herabgewürdigt und alle Biederkeit verbannt, zumal seit der in allen Stücken eingerissenen K r 248 Zügellosigkeit der französische» Revolution. Bei allen diesen Ausschweifungen und Uebertreibungen von Macht- und Stärkeproben, von Packen, Schreien und Hin- oder Herschleudern der Personen glaubte man recht natürlich und schön;u spielen; der Held sollte zwar hohe Dinge, wie ein Held, sprechen, sich aber dem gemeinen Planne auf vertrauliche Weise nähern und als tragischer Geist mit der gemeinsten Menschenclasse Kameradschaft, oder Brüderschaft errichten. Nachher ließ man vorzüglich aus dem Berliner Theater das Trauerspiel in Versen wieder erscheinen, in welchem seit ro Jahren auf mehrern Bühnen um so bedeutendere Fortschritte gemacht wurden, je deutlicher man einsah, Laß es in der ganzen Schauspielkunst keine Gattung giebt, in welcher das Mittelmäßige so wenig befriedigt, das Schlechte so sehr auffallt und Las einzelne Gute so viel Schatten auf das übrige Ganze verbreitet, als gerade die hohe Tragödie. Das eigentliche Trauerspiel hebt in einem erhöhe- ten Seelenzustande an und alle darin vorkommende Personen wissen, daß ein großes Schicksal über alle waltet, sich wendet, oder mit Schrecken endet. Daher muß schon mit dem Beginnen der Handlung diese hohe Ahnung, diese Gemüthsweh auf jeden Hervortretenden liegen, aber nicht mit kleinlichen Klaggesichtern und förmlich langsamen Schritten; sondern Stirn und Blicke müssen den Vorgang des Ungeheuern andeuten, indeß der Schritt die Last der Gedanken und der(die Brust beengenden) Gefühle tragen muß. Sollen nun Worte die beklemmte Brust entladen; so müssen es feste und deutliche Worte weder zur Seite, noch in die Gewän- l49 tzer, sondern gerade hinaus gesprochen werden. Zwar kann der Blick dem Nebenstehenden auch Theilnahme beweisen und der ein« zu dem andern sprechen; man darf sich aber nicht so ganz und gar zu ihm hinwenden, daß man den Zuschauern die Seite, oder den Rücken zukehrt und sich an seinen Nachbar hält, wie ein Kind zu seinen Bekannten in fremder Gesellschaft. Auch in der hohen Tragödie, wo alle auftretenden Gestalten auf sich allein beruhen müssen, liegt vorzüglich schon in der ersten Scene dem Keime nach die Entwik- kelung der ganzen Handlung des Stücks. Vernimmt der Zuschauer Liese Auseinandersetzung nicht treu und vollkommen; so bleibt ihm das Stück fremd und alle Pracht der Töne klingen ihm ohne Zusammenhang wie ein Rondeau ins Ohr. Fangen daher solche Schauspieler an, welche diese Exposition nicht zu geben wissen; so müssen sie erst deutlich, kräftig und charakteristisch reden lernen, welches auch jeder folgende Auftretende können und ohne Zwang seinen Grad der Theilnahme, oder des Widerwillens, der Angst und"der Erwartung andeuten muß, welche ihm die Kommenden einstoßen. Der Schauspieler darf hiebe« weder solche Bewe- wegungen und Geberden machen, die dem hohen Sinne der Begebenheit widerstreiten, noch bei jedem Worte die Gebieter, oder hohen Unglücklichen betasten, streichen, oder, wie in alltäglichen Unterhaltungen, bei diesen schweren Augenblicken wohl gar ausrufen:„Ach Herr Jemine!"— Die eigentlichen Helden des Stücks müssen als solche bei ihrer ersten Erscheinung sich bewähren, freilich nicht etwa blos durch die Pracht der Haltung, durch tief getragenen Ton, oder durch lang- lL'' samen Schritt, sondern auch durch die ganze charakteristische Haltung. Der ernste, feierlich langsame? doch zwanglos abgemessene Repräsentationsschritt soll auch den Kothurn unserer Tragödie ausmachen; die sich entgegen tragende Gestalt muß in Bewegung bleiben. Ob aber gleich der Schritt, welcher die handelnden Personen ankündigt, nicht immer derselbe bleiben kann; so muß doch der Hauptcharakter des Ganges der bedeutenden Personen immer ernst und feierlich seyn, folglich der Grad des aufgeregten Sinnes das vorgehende, oder zurückgezogene Leben des Schrittes bedeuten. Fest und ruhig tritt(wie die Mimik lehrt) der Muth einher; weit ergreifend schreitet Zorn und Herrschsucht, wahrend Schmerz und Hoffnungslosigkeit einherschlrichen, als wenn der Tritt am Boden fest klebe, indeß die Tritte der Rache die Erde vor sich wegzudrängen scheinen. Anders hebt die Spannkraft der Jugend das Knie zum Schritte; anders bewegt es sich vorwärts bei dein Alter. Die gehobene Brust, die ruhige, oder eingesunkene Brust, der angestrengte, oder hängende Arm verdeutlichen eben so den Sinn des Schrittes, als die Haltung des Körpers, des Kopfs und der Schultern.(s. Anstand in meiner neuen Physiognomik und Mimik.) Hiebei muß die auftretende Gestalt Aufmerksamkeit erregen, hingegen Bedeutung, wenn sie vorwärts gegangen ist. Steht sie nun vor den Zuschauern und hat iyr Gesicht den Charakter eines leidenden Zustandes überhaupt mit festem Blicke dahingebracht; so muß dieser Blich schon im Aufschlagen bestimmtes Leben und besondere Bedeutung erhalten. Eine Wendung des Halses, des Kopfs ohne großen Zwang und rzr konvulsivische Dehnung muß dem Zuschauer den innern Zustand deutlich verkünden. Das erste Erscheinen auf der Bühne L-s zum Anlangen vorn aus derselben muß in wenigen Secunden eine treue Copie, eine Skizze des darzustellenden Charakters geben, muß der erste^Entwurf eines wirksamen Gedichts seyn. In der Folge der Handlung sollen Schritte und Arme blos den Ausdruck verstärke», nie aber zu blos schönen Körperbewegungen verwendet werden. Bei dem Seelcnleiden an dem Ucbermaaße der innern Gewalt gelten Schritte für Entladung der Kraft, wenige Schritte aber dann für die höchste Vollendung der Rede, welcher die Hand bisweilen folgen darf, indeß die Armbewegung das Wort bekräftigt, den Willen ausführt und das Unerläßliche gebietet. Schritte ohne tiefen Sinn und bedeutungslose Armbewegungcn gelten für Promenaden, oder Spielwerk und beweisen deutlich, daß die vor uns stehende Gestalt vcn der darzustellenden Schöpfung nicht durchdrungen fy und ohne innern eigenen Gehalt sich äußerlich anzuklammern suche, welches auch der Fall besonders im griechischen Cvstüme ist, wenn man mit dem Gewände spielt. Die Gestalt erhält nur bisweilen durch schön gefügte, hingegossene Faltenwürfe und ähnliche Dinge ein neues Interesse, womit aber die Seele nicht beschäftigt, das Auge nicht darauf Hingericht seyn darf. Das sorgsame Tragen und Emporheben eines Mantelzipfels ist leer und erregt zuletzt Misfallen, weil es die Aufmerksamkeit auf das Stück stört. Der Dichter darf nicht entstellt, sondern er muß nach seinem charakteristischen Geiste dargestellt werden. Selbst der Vertrag der Geschichte des Stück muß mit allen Phrasen, r;r Gleichnissen, Kernsprüchen und Rcdesiguren überhaupt durchaus deutlich seyn. Dieser Deutlichkeit darf kein Eintrag geschehen durch irgend einen leidenschaftlichen Ausdruck und Zustand. So darf auch kein Tragödien- spieler sich wie auf Stelzen davon schleichen, oder die Wände mit nehmen zu wollen scheinen, oder sich auf dem Absätze umdrehen und davon gehen, sondern er soll bedenken: daß man jede wichtig« Unterredung auch bedeutungsvoll endigen müsse, um in des andern Seele einen vortheilhaft bleibenden Eindruck davon zu hinterlassen. Eben so darf man auch nach einem kräftig geendigten Auftritte nicht ohne Weiteres sich umdrehen und davon eilen, oder schleichen, sondern nur yiit An- stande abtreten. Geht die handelnde Person im Zorne, in Rache u. d. gl- von der Bühne; so wird eö auch bei solche» Leidenschaften wenig Fälle geben, wo es nöthig wäre, Gesicht, Gestalt und Schritt zugleich zu wenden und davon zugehen. Vielmehr ist es stets richtiger, daß die Zuschauer noch vor dem Scheiden die ganze Gestalt der abgehenden Person im vollen leidenschaftlichen Ausdrucke sehen und daß dieselbe dann nicht schülermäßig scheu, sondern mit angemessener Würde ihrem Charakter gemäs sich wende und darnach auch den Schritt des Abgehens passend einrichte. Selbst nach dem Ende einer blos rednerischen Scene ohne leidenschaftliche Gefühle muß die Gestalt würdig scheiden und ihr Ausdruck auf bestimmte, aber zwanglose Weise im Tone der Gewißheit die Worte andeuten:„Ich habe es gesagt!" Sonst läßt man in dem Zuhörer «ine unangenehme Leere zurück. Selbst wenn man die Bühne blos deswegen verlaßt, weil man da nichts mehr zu thun, oder zu sagen hat, muß man doch immer anständig abgeben, freilich ohne Ansprüche und grosse Zubereitung. Die Haltung des Gesichts mancher scheidenden Figuren sagt leider oft nur:„ich will nur machen, daß ich fort hinter die Kulissen komme!" Die Art des einfachsten Abtretens hängt ausser dem Charakter der Person selbst auch noch von der sie veranlassenden Umgebung ab. Denn anders scheidet man von Königen, Feldherren, Rittern, Vätern, Vorgesehen und diese selbst, anders aber von seines Gleichen; anders geht man aus Gärten und von öffentlichen Plätzen, als aus Tempeln, Sälen und Wohnungen. Eben so muß der verschiedene Eintritt sorgfältig bezeichnet werden, doch nie ohne Noth mit Aufwande und auf pretiöse Weife, welche andere Personen in Verlegenheit setzen kann, Bedeutende Personen sollten weder unbedeutend, noch linkisch und in Verlegenheit mit ihren Kleidern spielend auf-, oder abtreten. Manche den ersten Rollenspielern beigelegte Fehler werden oft von den zweiten Rollen(den Vertrauten) veranlaßt. Denn Liese suchen nicht nur eben so viel Gold, Federn und Schmuek aller Art, als ihre Gebieter, zutragen, sondern auch durch Wort und That sich so breit und laut zu ge- berden, als es möglich ist. Sie verschwinden entweder aus Ungeschickshcit immer rückwärts bis in den Hintergrund; oder sie drängen sich an die Hauptpersonen so dicht, daß sie ihnen den Weg versperren, ohne daß Antheil an ihren Gebietern sie in ihre Wahne bringt, welches nur aus Trägheit, oder aus Unkunde ihrer vorzustellenden Person erfolgt. Sie sind dann schon be» der Hand, wenn rs etwas giebt, oder wenn ihre zwei lZ4 Worte anheben, oder irgend etwas zu schaffen haben. Sie fragen nicht darnach, wie sie als Vertraute das In- teresse ihres Helden heben, ihm Achtung und innigen Antheil beweisen sollen, ohne dicht neben ihm zu stehen und hold zu zublinzeln ic. Nur mit Verstand und hinlänglicher Kenntniß vermag man bedeutungsvoll der Erste, oder der Zweite seyn zu wollen. Machen die Helden aus ihren Vertrauten sogar Bediente, behandeln sie schlecht, stoßen dieselben weg, oder marschiren sie an ihnen vorbei und um dieselben herum; so verderben sie alles und setzen die Vertrauten herab, welche Csntner von Geduld haben muffen. Es ist stets fehlerhaft, wenn die Gestalten auf der Bühne zu nahe beisammenstehen, oder ihre Köpfe und Figuren so einwärts drehen, daß Mund an Mund redet, oder die Richtung nach dem Ohre des Gegenüberstehenden nimmt und dadurch den Ton so nach den Selten hin verschwinden läßt, daß nichts davon zum Parterre gelangen kann. Vorzüglich dürfen Hauptpersonen nicht zu nahe beisammen stehen auf dem magnetisch zusammenziehenden Mittelpunkte nach dem Soufleur zu. Es wirkt und sieht weit besser, wenn agirende Personen in passender Weite von einander entfernt sind, zumal da nicht alle ankommenden Figuren in den vorder» Platz des Halb- zirkels eintreten dürfen und sollen. Ueberdieß sind gewöhnlich in einem Trauerspiele nur vier Hauptpersonen und auch diese blos selten auf einmal beisammen, welche aber selbst auf dem kleinsten Theater noch immer in einiger Entfernung von einander stehen und aziren können, die übrigen aber seit- und rückwärts, doch so—,daß sie der Zuschauer sehen 155 kann. Die ankommenden Vertranken können in der Richtung zu ihre» Gebietern hin, vier bis fünf Schritte hinter ihnen, so stehen bleiben, daß jede der vornste- hendcn vier Hauptpersonen ihren Vertrauten durch die freigelassenen Neffnungen oder Zwischcnraume mit einer mäßigen Seitenbiegung des Kopfs in das Auge fassen, seine Rede empfangen und darauf antworten kann. In diesem freien Raume, in welchem sich der Ton bricht und hörbar wird, können selbst die Vertrauten und dritten Rollen Gelegenheit eines freien eigenthümlichen Spieles finden. Haben sie sich aber vorn in den Halb- zirkel unschicklicher Weife mit eingedrängt; so müssen sie oft bei ihren Bewegungen und Worten in Verlegenheit gerathen, dieses fühlen, sich umsehen, sich kümmern und bemühen um ein sicheres Plätzchen, auch^ bald rückwärts, bald vorwärts treten, sich von den Hauptpersonen wegdrängen lassen und sich zuletzt auf beiden Seiten gedrängt sehen. Hier stehen sie nun, das Gesicht nach ihren(in harter, gerader Linie neben einander stehenden) Helden hingekehrt, das Profil nach dem Parterre und die Wand des Prosceniums hinter sich. Stumme Personen(Statisten) und auch Vertraute, welche einige Zeit nichts zu reden haben, sollen mit Kenntnissen und Antheil schicklich zuhören, wozu aber mehr gehört, als man glaubt, wenn sie ihre ganze Theilnahme nicht blos, wie Wegweiser, durch einen vorgestreckten Arm, oder durch Ruhen auf einem Fuße, durch Unterschlagen der Arme, durch Hinsehen in die Logen, oder in das Parterre beweisen und dem Zuschauer durch ihre dann oft unnütze Gegenwart lästig, oder lächerlich werden sollen. Auch die zum Staate iz6 oder zu einer Verrichtung bestimmten Wachen sollen nicht in der zweiten Reihe, sondern noch in einige? Entfernung hinter den Vertrauten stehen, um die Reden ihrer Heerführer nicht zu vernehmen, oder dieß doch zu scheinen Vorzüglich muß im Trauerspiele überall das bewegte Gemüth den körperlichen Ausdruck und die ganze Haltung, oder Stellung(Attitüde) un- willkührlich bestimmen, folglich die innere Gewalt der Leidenschaft in schöner Wahrheit anschaulich machen. Man darf es freilich keiner handelnden Person ansehen, daß sie sich darauf vorbereitet habe, darauf sinne und sich damit beschäftige, eine angenehme Stellung und Gruppirung hervorzubringen, oder von ihrem äußern Aus- drucke etwas zu wissen und ihn absichtlich gerade so zu bestimmen, weil alle übergränzcnden Stellungen des pantomimischen Tanzes große Unkunde und Eitelkeit verrathen, folglich zweckwidrig wirken. Eben so machen auch passende Gruppen und Tableaus guten Eindruck, wenn sie durch Zufall, Nothwendigkeit, oder leidenschaftliche Gewalt herbeigeführt, aber mit Schönheitssinne geordnet, mit Geist.und Bereitwilligkeit vollzogen werden. Widrigenfalls erregen sie(ohne Vereinigung mit der Handlung, ohne Leben und Angemessenheit) nur Verspottung und bleiben ohne zweckdienliche Wirkung. Das Benehmen der Hauptrollen sey folgendes. Sind es wirkliche Helden in der That und Sprache, aus denen der hohe Kummer, oder die Allgewalt und Macht der Liebe redet; so ist hiezu keine Ausmalung durch viele Bewegungen nöthig, welche nur allzu leicht in's Kleinliche fallen. Bedeutende Personen spreche» mehr durch den Ausdruck des Gesichts, als durch tZ7 Bewegungen. Nur dann darf der Künstler als bloser Repräsentant durch mancherlei Schmuck angenehmer Bewegungen den langweilig matten Vertrag beleben, wenn ihm vorgeschrieben ist, den Mund recht voll zu nehmen, den Kummer in langen und breiten Gleichnissen zu verdeutlichen, oder als Liebhaberin geblümten Wiederholungen zu seufzen rc. Dann mögen Wohl- und Schrn- laut mit angenehmen Geberden einige Täuschung bewirken, welche die einfache Wahrheit solcher Stücke nicht hervor zu zaubern vermag, sondern bei leeren Worten oft das Ansehen von Kalte erhalten kann. Auch jeder wahre See- lenzustand in gediegener Sprache bedarf der schönen un- kräftigen Wahrheit im wirksamen Vortrage,(s. Wohllaut und Schön laut in meinem Wörterbuche der neuen Physiognomik, Mimik und Teclamation.) Der große und erhabene Vertrag der Tragödie ist daS Werk des Genies und setzt ein fest zu haltendes Ideal voraus. Denn der ungeheuer große Seelenzustand erfordert eine unnennbare Melodie, wovon der Grundton in der Seele liegt und von dem verwandten Tone schnell berührt wird, welchen nur das lyrische Genie tönen läßt, weil es ihn fühlt. Seinem Klänge folgen die Bewegungen aus demselben Urquelle des Großen, Schönen und Erhabenen, (s. diese Artikel in dem genannten Wörterbuche.) Die Momente solcher Kunstschöpfungen sind aber so selten, daß, wer sie einmal empfand, sie schwerlich ganz auf gleiche Art wieder geben kann, zumal wenn der Hauptton nicht oft in seiner Seele anschlagt, mit dessen Hülfe allein etwas Vortreffliches, oder Vollkommenes sich darstellen läßt. Solche(aus der reinen Begeisterung von dem Schönen und Erhabenen hervorgehende) Kunstschö- rzS pflingm lasse,, sich nur durch des Publikums(über sie geäußerten) Enthusiasmus wieder erwecken, um alle Kräfte zur Hcrvorbringung des Ungemeinen harmonisch wirksam zu vereinigen. Jede Weise der Conversakionsstücks paßt eben so wenig in hohe Tragödien, als i» ihnen die edle Sitte im wechselseitigen Begegnen großer Seelen(nach ihrer Würde und dem Gehalte ihres Charakters) fehlen darf. Sie zeigt sich unabhängig von Zeit- gebräuchen durch feine Unterscheidungen, mit denen der Seelcnadel sich ohne Ceremonie verkündigt. Die Tragödie soll bewegen, rühren, erheben, Entsetzen erregen, die Selbstüberwindung bestärken, hohe Entschlüsse und Sehnsucht zu großen Thaten erwecken, welche kein langes, oder sehr lautes Weinen dulden und verlangen. Denn während des KampseS mit dem Schicksale weint : ümand, sondern erst nach dessen Beendigung; nun können uns die Opfer desselben eine Thräne entlocken. Die dem Zuhörer eingeflößte Ueberzeugung bewegt seine Seele und die innige Wahrheit des ganzen Ausdrucks reißt ihn mit zum Ziele fort. Die Erkünstelten wirklichen Thränen einer ehrwürdigen, oder schönen Gestalt, welche im Leben stets nur von kurzer Dauer seyn können, ergreifen oft das Herz. Der Kummervolle und vom Schicksale Verfolgte weint nicht lange, wenn ihn Thränen überwältigen, welche aber in der Darstellung mit lautem Schluchzen die Rede so hemmen und undeutlich machen, daß die anhaltende Entladung des ganzen Schmerzes auf der Buhne alle Theilnahme ersticken muß, zumal da das Gesicht des Weinenden(außer Fassung) auch Ausdruck und Würde verliert. Jede nachgemachte, erkünstelte Thräne und Thranentonmelvdie verkündigt ihren un- ISS Wahren Zustand, wird daher auch gewöhnlich von leeren, bedeutungslosen Bewegungen der Gestalt, vorzüg- züglich ihrer Arme, kalt begleitet und beleidigt das Publikum. Während wirkliche Thränen, wenn das Gesicht nicht unangenehm verzogen wird, dennoch irgend einen Lesiin mten Ausdruck geben, zwingen nachgemachte Thränen zur Verzerrung der Augenwinkel und der Oberlippe, welche daher das Ansehen des Betrugs an der Stirne führen. Winselnde Aclriscn, oder Acteurs vergessen in ruhigern Augenblicken ihre Thränenmelvdie und verrathen sich sehr ausfallend oft durch ruhige Seitenblicke auf Nebendinge. Da im Trauerspiele auch der Zuschauer in die Handlung allmählich mit verwebt wird und zu den auftretenden Ungücklichcn am Ende gehört; so müssen allzuhäusige Thränen seine blos augenblickliche Sympathie ermüden und vernichten. Thränen sind in der Regel nur ein Vorrecht der Kinder und Greise, an denen sie in passendem Maaße Theilnahme erregen, aber nicht an stets weinerlichen Künstlern und Actrisen. Glücklicher Weise erscheinen die handelnden Personen des grüßen, hohen Trauerspiels mehrentheils in einem fremden Costüme ohne übliche Taschentücher, welche man oft als Nothflaggen der Thräncnsirvme gern wehen sieht und ungern einziehet. Ein glücklicher Augenblick, in welchem der(an den Iammerton gränzende) Ton entspringt m d die Thräne in das Auge tritt, kann von der cntschie- dendsien Wirkung seyn, sich jedes Menschen aller Stände und Alter bemcistern, folglich ein Augenblick der wankenden Fassung werden, wo aber nicht alle Kräfte zur Haltung ganz zu Boden sinken. Der Zuschauer schrickt gleichsam ebenfalls mit zusammen bei einer iLv völlig sinkenden Person der Bühne, indeß vre remss Freude seine Brust erhebt, wenn er den wankenden wieder auf seiner.Stelle fest stehen sieht. Dergleichen Augenblicke sollten eben so wenig, als Thränen- gemisbraucht werden. In dem Trauerspiele überhaupt haben die Väter, Greise, Lehrer und alten Rathge- her einen sehr bedeutenden Platz. Man lasse sie nie ohne Noth ganz uralt auftreten, um hredurch etwa desto mehr rühren zu wollen. Das Uralter oder ganz hohe Alter erfordert freilich«inen sehr langsamen und wankenden Schritt. Daher müssen Könige und Herrscher auf einen ganz alten Mann, welcher erst auf ihr letztes Wort hervortreten darf, allzulange warten, ehe er zu ihnen den langen Saulengang herabkommt, um gehört zu werden. Dieß ist(zumal bei Wiederholungen) ermüdend und langweilig, folglich möglichst zu vermeiden, besonders die Zuthat der Gcbrechlichkeie des kurzen Athems, der schwachen hohlen Stimme und des schwierigen Ganges, der selten gut dargestellt, wohl gar mit Podogra, Eicht und allen (aus dem großen Trauerspiele) zu verbannenden Gingen vergesellschaftet wird. Den gehemmten Gang des hohen Alters muß man nur durch Mangel an Athem und an Gelenkigkeit der Nerven andeuten, welche als solche aber noch nicht gelahmt sind. Daher schleiche man als Alter nicht mit unbeweglich steifen Knien einher, oder schleppe mit vorwärts überhängender Brust und Haupte ein steifes Bein nach dein andern hin. Wie soll nun ein solcher Alter einen jungen Helden aufhalten, ihm zu einer gefahrvollen, oder schlechten Unternehmung den Weg verrennen können?— Etwa mrt ILt Verdoppelten, kleinen Schritten und steifen Beinen?— Obgleich alte Leute den lebendig kühnen Schritt nicht mehr besitzen und ihre Brust nicht mehr dem Schicksale entgegen tragen; so behalten sie von ihrer ehemaligen Kühnheit denn einige Spuren. Die hohem Geschäfte erhalten den Geist in fortwährender Thätigkeit und bewahren den Körperbewegungen eine regbare Haltung. Ohne ein vorgeschriebenes bestimmtes Uebel, welches den Gang hemmend entstellt, darf kein alter Vater, Führer, Lehrer, Nathgeber der Helden auf der Bühne mit steif trippelndem Schritte erscheinen, oder lallend lange Reden halten. Hiezu muß der Greis noch das Vermögen besitzen, dieselben vortragen zu können, ohne sich aus Mangel an Athem bei jedem Komma, oder noch eher zu unterbrechen, die Worte ohne Zusammenhang herauszuweinen, oder hustend und klagend auszusprechen. Die Unterfeldherren und Boten, welche Nachrichten von Aufruhr, Schlachten und wichtigen Staatsereignissen zu überbringen haben, müssen ihr Geschäft so passend zu verrichten wissen, daß es denen, welche hiedurch in Bewegung und Schrecken gesetzt werden sollen, leicht wird, das nach der Absicht des Dichters auch wirklich zu scheinen, was sie vorstellen sollen, welches aber unmöglich ist, wenn ein solcher Wirthshausgast alles verdirbt, mit gemüthlichen Alltagsschritten oft etliche Schritte isss Zimmer tritt und seine schrecklichen Neuigkeiten ganz ruhig hersagt, ruhig sich umdreht und vergnügt wieder fortgeht. Solche schlechte Spieler sollten ihre Rollen jedesmal so lange probiren, bis sie L l6r möglichst gut gelängen. Dieses Rache» wäre-°r- tbeilhaftcr, als alle Anweisung gewöhnlicher 0 S» bewegt auch z.». die hohe Darstellung v°>, E a>n o n t' S Traume, in Gotheö Trauerspiele, d'e See,e so innig, erfüllt sie mit Ehrfurcht und Liebe, cap man «. r*«««-««-.«L7 772 und Menschenkunde anstaunen muß. b-S R d- Unternehmen, diesen u n t h e t l b a r e n C h a r a- t e r oes Egmont's s° erregbar, lebenslustig und w-ccee an hohe W-hmuth gränzend, welche ihn veredelt, so auf der Bühne zu geben, daß man ihn über alles Geringe i.n Leben hinwegschreiten und das Muthe vollziehen läßt. In Egmont s Rolle muß der Schauspielkünstler(wie inTasso und Phtge n) die vollkonnnen edle Menschengestalt wtederge.e,., folg- der Enwfindungtreu und zart hervorgehen lassen. Rur vor einer, ich, sehr zahlreichen Versammlung m mäßigem Raum- laßt sich Egmontö Charakter richtig, kräftig wid dennoch zart darstellen, während auf großen Theatern die entschlossene Haltung, die ruhige Warme und das Leben in den Mitteltbnen sehr le.cht M Gr- ldschung aus Schwache, oder gar für Kalte genommen wird, so daß der Künstler bei den leiseren Abstufungen der Seelenwahrheit(wegen hinlänglich zugebender Deutlichkeit bei allem Paradeschmucke) sehr leichtern Vor- legenheit gerathen kann. Bei allen dwjen Schwierigkeiten in der Darstellung ist Egm°nts Seelenzustand so bestimmt vorgezcichnet, daß der Künstler ,el»>.', wo eine große Bühne einen verstärkten Vorttag fordert, in treuer Verfolgung der dichterischen Gewalt die v6z Wirkung nicht verfehlen kann, zu welcher auch hier nur die Wahrheit ohne Rednerei und herkömmliche Bewegung führt. Hochherzig ist Egmont dein bleichen, sinnenden Alba unter die Aligen getreten, hat ihm sein abgefordertes Schwerdt und den Faden seiner Lebenslage in eines Mannes Hand gegeben, welche kein Wort des Lebens jemals unterzeichnete. Ueberli- siet, betrogen und blos knirschend gegen des Würgers Uebermacht fragt sich Egmont im Kerker:„Seit wenn ist denn der Todt mir fürchterlich?— Nein, nein,-der Todt isi's nicht,— dem hab' ich tausendmal in offner Schlacht getrotzt;— der Kerker ist's, des Grabes Vorbild, dem Helden, wie dem Feigen, widerlich.— Schon vor dem Todte stirbt hier das Leben ab."(Silva, Ferdinand, Vermummte, Gewaffnete und Fackelträger treten ein; man verkündet ihm den Todt und verläßt ihn. In sich versenkt, sieht er eine Weile, glaubt sich allein, hebt die Augen auf und erblickt Alba's Sohn Ferdinand, wähnt, daß dieser ein Zeuge seiner Verzweiflung seyn solle, findet aber an dem kräftigen Jünglinge, welcher sich den Egmont zum Vorbilde gewählt hatte, einen Leitstern auf der Bahn der Ehre. Das Bild des vollen kräftigen JugendlcbenS steht in Ferdinand vor ihm, dessen Worte seine Lebenslust gewaltsam ausrufen. Daher fragt er:)„Sage mir: ist eS der strenge, ernste Mille deines Vaters, mich zu tdd- ten?"—„„Er ist's""—„Dieses Urtheil wäre nicht ein leercs S chreckbild?"—„„Nein, ach, leider nein!""(Egmont strebt allmächtig schon vor der Pforte des Todtes Las noch über sich zu erringen:) L 2 l64 „O, denke mir den Weg der Freiheit aus! Sprich und nähre die Hoffnung der lebendigen Seele!"— „„S ch w e i g! O sch w e i g! du vermehrst mit jedem Worte meine Verzweiflung.""—„Und keine Rettung!"—„„Keine.""(Mit dem Fuße stampfend:) „Keine Rettung!"—(Nach dieser Entladung deS aufschwellenden Muthes und Männerzorns, EgmontS letztem thärigen Widerstände, folgt in der That em sehr wichtiger Gedankenstrich, welcher schwere Gedanken und Gefühle deutet. Der Zorn Egmonts ist nun dahin; nach einem tiefen Athemzuge sieht man an ihm einen Blick voll Sehnsucht, welcher, einen ganzen Lebenslauf im Zauberbilde nochmals vor der bewegten Seele vorüber ziehen heißt:)„Suffes Leben! Schone, freundliche Gewohnheit deS Daseyns und Wireens! von dir soll ich scheiden! So gelassen«checken! Nicht im Tumulte der Schlacht, unter dem Geräusch der Waffen gibst du mir ein flüchtiges. Lebewohl; du nimmst keinen eiligen Abschied! Ich soll deine H and fassen, dir noch einmal i» die Augen sehen, deinen Werth recht lebhaft fühlen und dann mich entschlossen losreissen und sagen- fahre hin!"(Mit diesen letzten Worten hat Egmont sein Leben aufgegeben, ist von der Welt abgeschieden. Nach diesem körperlichen Gefühle des leiblichen ToLteskampfes umgiebt ihn von jetzt an die Verklärung; sie leuchtet auf seiner Stirne, strahlt aus seinen Blicken; seine Körperbewegungen sind nur leise, unwillkührliche, bewußtlose Deutungen ohne weitere Geberden. Dem Kerker und der Erde gleichem entrückt, sieht er schon von oben herab:)„Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen i6z sind; glich der Entfernte, dcr Abgelchiedc lebt uns. Ich lebe dir und habe mir genug gelebt.— Ich höre auf zu leben; aber ich habe gelebt.— Es ziemt dem Menschen nicht mehr zu grübeln, wo er nicht mehr wirken soll!"(Er selbst durchschneidet seinen Lebensfaden)„Leb' wohl!"(Er schwebt dringend dem Ende entgegen und empfehlt seine Leute, damit sie nicht zerstreut und unglücklich werden. Dieß alles muß mit Werthe als unvermeidlich ohne Thränen geschehen. Mit herzlichem Antheile und dem Blicke der Seeligen aus ihrem Himmel fragt er:)„Wie steht es um Richard, meinen Schreiber!"—„„Sie haben ihn als Mitschuldigen des Hochverraths enthauptet.""—„Arme Seele!"—(Egmont, dessen Thun auf Erden vorbei ist, sagt nichts mehr von seinem ihm theuern Vertrauten. Ihm selbst unbewußt, geht sein Körper noch mit dem Geiste umher; mit anständig merkbarer Ermüdung des Körpers in etwas nachgelassener Haltung sagt er:) „Noch eins— und dann leb' wohl; ich kann nicht mehr!" (Ein halber Blick gleitet ohne Anstrengung unwillkühr- lich nach dem Ruhebette hinüber:)„Was auch den Geist gewaltsam beschäftigt, fordert die Natur doch zuletzt unwiderstehlich ihre Rechte und wie ein Kind, umwunden von der Schlange, des erquickenden Schlafs genießt, so legt der Müde sich noch einmal vor der Pforte des Todtes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten Weg gewandert hätte."(Mit hohem Ernste auf der Stirne mag das erlöschende Auge diesen Zustand andeuten; man spreche diese Worte antheittos ohne Aceents und besondere Bewegungen, als ein stilles würdiges Bild dcr erschöpften Natur. Daher dürfen IL6 auch die Hände nicht das von der Schlange umwundene schlafende Kind malen wollen, welches auch nicht mit dem tiefen Athemzuge des noch einmal vor der TodteS- pforte Ruhenden geschehen darf. Denn der erschöpfte Egmvnt will nach allen ertragenen Stürmen noch einmal ruhen, von da zum Todte gehen. Schon wendet er sich halb von Ferdinand:)„Noch Eins,— Ich kenne ein Mädchen; du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Nun ich sie dir empfehle, flero' ich ruhig."(Nach Adolph fragend, hört er, daß derselbe lebe und frei sey:)„Er weis ihre Wohnung; laß dich von ihm führen und lohn' ihn bis an sein Ende, daß er dir den Weg zu diesem Kleinode zeigt!"(Nach diesen Vermächtnissen seiner Empfindung ist Stillesiand:) „Leb' wohl!"—„„Ich gehe nicht!""(Ihn nach der Thüre drängend:)„Leb' wohl!"(Er drängt ihn nicht gewaltsam, sondern lehnt beinahe seine Gestalt blos an ihn hin, legt seinen Arm um Ferdinands Nacken und wlrd von diesem geleitet, indem er selbst ihn führt:) „,,O, laß mich noch!""—„Freund, keinen Abschied!" (Er begleitet Ferdinanden zur Thüre und reißt sich von ihm los, oder er entlaßt ihn blos, da Ferdinand in der Betäubung sich eilend entfernt, folglich schon vorher entlassen ist. Egmonten fällt nun bei dem Abwenden von Ferdinanden das Ruhebett in die Augen, zu dem ihn ruhige Schritte führen. Nach wenigen ruhigen Worten spricht er:)„Sanft und dringend fordert die Natur ihren letzten Zoll. Es ist vorbei; es ist beschloßen! Und was die letzte Nacht mich ungewiß auf meinem Lager wachend hielt, das schläfert nun mit unbe- zwinglicher Gewißheit meine Sinne ein!"(Mit etwas if>7 gesenktem Kopfe setzt er sich auf das Ruhebett, stützt sich mit dem Ellenbogen auf das Kissen und laßt das Haupt in die Hand allmählig sinken.— Musik des Orchesters)„Süss-r Schlaf! du kommst, wie ein remes Glück, ungebeten, unerfleht am willigsten!"(Das Haupt sinkt vom Ellenbogen vollends auf das Kissen nieder.) „Du löstest die Knoten der strengen Gedanken, verwünschest alle Bilver der Freude und des Schmerzest(Der obere Körper««räth in gerader Lage zur Rübe, bet welcher die Beine durch die Bewegung des sinkenden Hauptes auf das Kissen von selbst länglich schräg sich nieder legen und sich ohne Anstrengung auf das niedere Ruhebett ziehen. Nach einer mäßigen Pause ist der Bück sinnend in die Höhe gerichtet; die Hände kegen gefaltet über der Brust; die Augen senken und schließen sich allmählig. 2n' diesem Zustande spricht nun Eg- mont mit schwächerer, allmählig verlöschender C t!M- me:)„Ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken nur und hören- auf zu seyn."-(Er entschläft; seinen Schlummer begleitet des Orchesters Musik; sein etwas nach der Seite der Zuschauer hinüberstnkendes Haupt zeigt sein völliges Entschlafen an; Egmonts Traum beginnt; der Athem wird schneller und zunehmend kurzer. Bei dem Erscheinen der Traumgestalt gleiten seme aefaltenen Hände auseinander; die Brust hebt sich empor; die krampfhaft zusammen geballte Hand scheint sich'auf etwas stützen zu wollen; der Gesichtsausdruck beginnt aus der hoch hinaufgezogenen Stirne und den Augenbraunen; die geschlossenen Augcnlicdcr sind gespannt; die rechte Hand, vom Lager unwillkührlrch etwas r68 gesunken, ist mild geöffnet und scheint das Traumbild segnend in die Nähezu laden; der Mund ist zuletzt geöffnet; der Hinterkopf fest und gewaltsam in die Kissen gedrückt, schiebt das Kinn zum redendsten Ausdrucke aufwärts. Die Beine bleiben allein ohne Anstrengung und Ausdruck ruhig liegen. Als nun Brust und Kinn ohne Verzerrung gehoben sind, sinkt plötzlich die obere Gestalt, wie durch eine Erschütterung, zusammen; Egmont fährt mit der linken Hand nach dem Haupte, öffnet die Au- gen bei dem Trommelschalle, steht rasch aufgerichtet an seinem Lager, sieht aufwärts, nach der Thüre zu und holt tief Athem. Die Musik schweigt; er tritt vor und spricht nun mit sanfter Verklärung der Seeligen:)„Ich sahe sie;— zu mir herunterstieg ein göttliches Bild." (die Trommeln kommen bald naher; der Held, der schon den Todt besiegte, spricht jetzt im Feuer des erhabensten Muthes:)„Horch, horch! Wie oft hat dieser Schall mich schon zum freien Schritt' in's kriegerische Feld gerufen!"(Mit erhebender, veredelter Gestalt:)„Für's Vaterland sterb' ich; dir, für das ich sonst gelebt, gehandelt, bring' ich mich jetzt leidend zum Opfer."—(Die im Hintergründe angekommenen spanischen Soldaten ermähnt Egmont, wie triumphirender Feldherr an ihrer Spitze:)„Ja, führt sie nur zusammen! Schließt nur eure Reihen; ihr schreckt mich nicht! Ich bin gewohnt, vor Speeren gegen Speere zu stehen und rings umgeben von dem drohenden Todt', das muthige Leben nur doppelt rasch zu fühlen!" In dein darauf anhebenden Siezsmarsche wird jeder gefühlvolle Mensch begeistert zur Herausforderung des Todtes, sich ihm in die Arme zu werfen und die Worte bedeu- tungsvvll zu sagen:„Diese treibt ein Hohles des Herrschers, nicht ihr Gemüth! Schützt eure Güter und— euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe!"— Auf solche, oder ähnliche Art suche jeder angehende Künstler seine zuertheilte, oder gewählte Rolle einzu- studiren, einzuüben und meisterhaft darzustellen. Denn er soll den Menschen im Ganzen und Einzelnen nach allen Lagen nicht nur so zeigen, wie er wirklich ist, (wie gut, aufrichtig, theilnehmcnd und beständig, oder wie schlecht, falsch, hart, grausam, wetterwendisch, launisch, leidenschaftlich und seltsam, oder wie eigennützig, selbstsüchtig, niedrig, klein, verzagt und unbesonnen, keck und trotzig er nur imm-r seyn mag,) sondern auch wie weise, gut, oder erhaben er seyn und werden soll, ferner wie schändlich, verwerflich und abscheulich er werden, wie tief er sinken und fallen kann, endlich wie viel Leidenschaften(vorzüglich Liebe, Geitz, Haß und Zorn, Ehre und Rachsucht) zu leisten vermögen!— Deswegen soll der Kunstschauspieler alle Geistes- und Gemüthszustände, Empfindungen, Gefühle, Affeete und Geheimnisse der Leidenschaften malen, aufdecken, mithin den Einfluß sinnlicher Regungen und Begierden auf die Bildung unserer Wegrisse, oder Vorstellungen, Gedanken, Gesinnungen, Absichten und Wünsche, ferner den Einfluß aller dieser wiederum auf alle Gemüthsstimmungen, endlich dieser aus Bildung der Sitteneigenheiten anschaulich zeigen. Denn er soll durch sein Spiel(wie der Dichter) nicht alhin wahre Menschenkenntniß befördern, sondern auch zu weiser Leitung und Veredlung 4 172 des Menschengeschlechts kräftig mitwirke», besonders aber eine richtige Lebensphilosophic verbreiten, hre-gi oas Gute und Böse in seiner wahren Gestalt nm allen ser- uen Folgen zeigen, das Gut- als liebenswürdig da« Böse hingegen als schädlich, nachthetl.g tind hassen«- werth, endlich das Thörichte und Alberne als lacherach darstellen, bei diesen Lehren der Weisheit aber der Tugend und klugen Vorsicht den Weg zum Herzen bah- — Dies- großen, herrlichen, erhabenen"-. madigen Zwecke sollte jeder dramatisch- D'.chter und Kunstschauspieler stets vor Augen haben und möglich-- zu er- Ansuchen, nicht aber(wie leider von den me.stm dramatischen Dichtern und Schausmelern nur allzuoft geschieht!)- ganz aus den Augen»-eueren und so ,«misch« D--M»!,.»"' von diesen hohen Zwecken der dramatischen Dicht.und der Schauspielkunst erblicken- kann!^^ auch der beste Kunstschauspieler sw,e der achter) sich oft um überall den nöthigen Eingang zu st den, nach den'Vorurtheilen, Fähigkeiten, Kenntnissen und dem Geschmack-, oder Bildungsgrade und Kunstsinne seiner Zuschauer einiger Maßen richten, aber sich dabei sorgfältig hüthen, alles Fehlerhaft--(was hier, oder dort blos für gewisse Zeitpunkte und Oerter als zulässig befunden wird, aber gegen Gesetze,--wecke und gerechte Forderungen dieser schönen Kunst streitet,) — für ganz zulässig oder für allgemein gültig zu halten!-- ,. Auch schon der angehende Kunstschauipreler soll zu, erst seine erhaltene, oder selbst gewählte Rolle, um dle- selbe ganz richtig und gut zu spielen, nicht etwa blos ganz allein in ihrer Abgerissenheit von allen übrigen Rollen desselben Stücks, sondern er soll dieselbe i) vielmehr nach ihrem wahren Verhältnisse zu den übrigen mit agirenden Personen und zu dem ganzen Theaterstücke vollkommen erforschen, kennen lernen, nach den bisher aufgestellten Regeln einstudiren, memvriren und einüben. Denn wollte er z. V.(wie leider oft geschieht) blos feine Rotte ohne Hinsicht auf ihr Verhältniß zu dem Ganzen kennen und darstellen lernen; so würde er vieles unpassend,entweder zu schwach, oder zustark, oder ganz falsch darstellen, folglich auch nicht im Stande seyn, nöthigen Falls dem sich verirrenden Mitspieler ein- zuhelfen und dessen Fehler möglichst unvermerkt zu verbessern. o.) Nach richtiger Erforschung seiner ganzen Rolle mit allen ihren Beziehungen auf die übrigen, muß er sich nun in dieselbe ganz zu versetzen suchen, sich nämlich aus seiner eigenen Lage, Denk- und Handlungsweise völlig hinweg denken, dieselbe mit allen seinen Gefühlen und Grundsätzen, welche der darzustellenden Person widerstreiten, unter dessen möglichst vergessen und unterdrücken oder zurückdrängen, verläugnen und nicht blicken lassen, weil er sich sonst selbst, aber nicht die darzustellende Person spielen würde, z) Er soll daher sich selbst als die zu agirende Person betrachten, sich in dieselbe verwandeln, mit ihr eins werden, sich alle ihre Eigenthümlichkeiten möglich zueigen machen oder aneignen nach Naturbeschaffenhekt, Alter, Stand, Zeit, Lage, Denk- und Handlungsweise, damit er ganz ungezwungen agire und im Stande sey, sich in alle ihre Lagen passend zu fügen, z. B. bei der Schaam zu errö- then, bei dem Schrecken zu erblassen, bei abwechselnden ' Gemüthsbewegungen, oder Gemüthsbestürmungen die Gesichtsfarbe angemessen zu verändern, folglich sogar die seltsamsten Naturtdne und Laute in allen Betonungen richtig anzugeben. Daher muß er sich in Zeiten auch an ihr etwa auffallendes Costum gewöhnen, wie ich in dem Wörterbuche der Physiognomik, Mimik undDeclama- tion überhaupt ausführlich zeige. Nur kn solchen Rollen, in denen eine ganze Menschenrasse (;. B. die Geit- zigen, oder Verschwender, Leichtsinnigen, Boshaften u. d. gl.) vorgestellt wird und zu denen der Künstler selbst gehört, darf er seine eigene Tenk- und Handlungsart passend ansprechen lassen oder sich zum Theile selbst mitspielen , sonst aber in keinem andern Falle, wo er einen fremden Charakter darzustellen hak. 4) Doch muß er sich vor einem höhern Grade der Rührung hüthen, als seine Rolle erfordert, welche sonst zerstört wird und schlecht ausfällt. Tenn allzugroße Rührung verschließt ihm leicht den Mund, verstimmt seinen natürlichen Redeton, macht alles deutliche Sprechen unmöglich und verleitet selbst zu solchen Uebertreibungen, daß man z. B. blose Gefühle sogar als bleibende Leidenschaften darstellt. Auch der Kunstschauspieler soll (gleich dem Redner und Declamator überhaupt) die Periode der Darstellung nicht mit der des ersten Genus- s e-s verwechseln, sondern stets über seine Gefühle, Stimme, Töne und Geberden mit unumschränkter Gewalt herrschen , um alle Grade und Abstufungen der Gemüthsbewe- gungen mit Feinheit meisterhaft darflellen zu können, wie oben (S. I6r) bei der Tragödie gezeigt wurde. l7Z Der Kunstschauspieler tritt ebenfalls in den Rollen sehr verschieden auf und muß daher bei jeder Auftritt rart auch das ihr Eigentümliche beobachten. Wenn er ;. B. i) als stumme Person auizu- treten hat; so soll er selten, oder gar nicht als blos unbewegliche Menschengestalt ohne alle Theilnah- me nach des Dichters Absicht da stehen, sondern er soll vielmehr irgend etwas verrichten, wenigstens sei- j ne Beobachtungen machen, seine Theilnahme, Neigung, oder Abneigung u. d. gl. aus irgend eine Art durch Töne, oder Geberdcn ausdrückcn. Denn sonst würde der Dichter jede ganz überflüßige Rolle aller stummen Personen völlig weglassen. Tie stumme Person ist entweder bloser Zuschauer, dient als Werkzeug hülfrekch einer andern Person, oder nimmt an der H andlung selbst irgend einen Th eil; folglich hat * sie irgend etwas zu thun, wenigstens als vernünftiges Wesen ihre Theilnahme an der Darstellung, ihr Billigen, oder Misfallen durch Geberden passend auszudrük- ken. Er suche daher zu erforschen, was er als stumme Person nach des Dichters Absicht eigentlich soll, welcher auf ihre Geberdensprache oft viel rechnen muß, wenn sie etwas von Bedeutung oder Wichtigkeit durch Geberden spräche zu verrathen hat. 2) Er tritt in dem Monolog (oder in dem Selbstgespräche) gewöhnlich allein auf nach des Dichters Absicht, welcher sich des Alleingesprächs (oft auch des Dialogs) sogar aus Noth bedienen muß' um diejenigen innern Gedanken, Gefühle, Absichten» Wünsche, Entschlüsse, oder Begebenheiten mitzutheilen, welche in das Ganze den nöthigen Zusammenhang brin- r?4 gen, alles verdeutlichen und gehörig aufklären. Der gebildete Mensch denkt zwar in dem Zustande der Ruhe still für sich, aber nicht so in der Leidenschaft, wo er vielmehr(wie der ungebildete) mit sich selbst oft laut spricht. Da nun in einem solchen nachdenkenden, oder unruhigen Allcingespräche sich die ihm angemessenen leidenschaftlichen Geberden und Töne mit allen ihren Veränderungen, Pausen und Ausbrüchen weit leichter von selbst finden, als in einem ruhigern Monologe; so muß vorzüglich hierin der Kunstschauspieler mit seiner Kunstfertigkeit allen Ton- und Geberdenausdrückcn eine solche Natürlichkeit(paffende Ungezwungenheit) zu geben wissen, Laß sein Selbstgespräch auch den gebildeten Zuhörern nicht als unwahrscheinlich ausfalle. Daher sollen die einzelnen Worte des mit sich allein Sprechenden durch Töne und Geberden hinlänglich bestimmte oder vollkommene Bedeutung erhalten; daher müssen die Ausbrüche der abwechselnd stürmischen Leidenschaften kräftig angegeben werde». Denn ist der Mensch allein da, so mäßigt weder Sitte, noch Schaam, noch irgend eine andere Rücksichtnehmung seine Ausdrücke so sehr, als in Gegenwart anderer Personen. Aber bei dem allein seyenden Menschen zeigen sich gewöhnlich solche Leidenschaften, welche er sonst im Beiseyn anderer Gesellschaft entweder blos scheinbar vorgibt, oder selten in den, angegebenen Grade besitzt u. d. gl. Daher muß überhaupt in jedem Alleingespräche auf der Schaubühne der vollkommenste Ausdruck in Tönen und Geberden, mithin die schönste Seelenmalcrei des Kunstschauspielers herrschen. Denn der Monolog bezeichnet allemal den(durch starke Gefühle bewirkten) unwillkührlichen Ausdruck der 175 Gemüthsstimmung und des Zdeenganges in dem Gespräche mir sich selbst. Daher soll der Kunstschauspieier den Charakter der als sprechend darzustellenden Person durch angemessene Tone und Eeberden scharf andeuten, nämlich am meisten in dem tiefern, in sich selbst versenkten Grundtone der Selbsbetrachtung, wie ich in der Worte- sekunst ausführlich gezeigt habe. Auf solche gesetzmäßige Art soll daher der Schauspieler mit voller Lebendigkeit und allen theatralischen Täuschungsmitteln auch die berühmten Monologe des Hamlet, Wallensiein, Fiesko, Clavigo, Lear, Egmont, Carl und Franz Moor, der Jungfrau von Drleans u. d. gl. nach ihrem jedesma- liaen Charakter vollkommen malerisch darstellen, indeß sie der Teelamator im engern Sinne als solcher nur in scharfen Umrissen charakteristisch pathologisch andeuten darf, rvosern er nicht zugleich als Aeteur mit Schminke, Maske, Cosiume und den übrsgen Täuschungsmitteln der personisicirenden Darstellung und Vergegcn- rvärtigung auftritt. Eben so verhalt es sich auch mit allen Dialogen dramatischer Stücke und anderer Fabeln, wie meine schone Vorlesekunst ebenfalls ausführlich zeigt. z) In Unterredungen auf dem Theater ist der Künstler, oder die Künstlerinn entweder die Haup t- Person, oder die Nebenperson, deren Spiel niemals die erstere verdunkeln darf. Nebenpersonen sind nämlich->) theils solche, die an der Haupthandlung zwar selbst Theil nehmen, von denen aber die Sache selbst nicht anhebt oder zuerst ausgeht, sondern die nur Gehülfen, folglich blose Werkzeuge sind, t>) solche, die nur eine Nebenhandlung vollziehen, zum Unter- 176 schiede c) solcher Personen, welche in die ganze Handlung gar nicht mit verwickelt sind, sondern blos, wie von Ungefähr, dazu oder dazwischen kommen, aber bei der Auflösung des Ganzen dennoch wichtig seyn können. Noch giebt es auch ä) solche Personen, welche in diesem, oder jenem Auftritte eine untergeordnete Rolle spielen, in einem andern aber die Hauptrolle haben. Jede auftretende Person muß in ihrem Gespräche mit andern ihren eigenthümlich darzustellenden Charakter in Tönen und Eeberden angemessen behaupten, folglich nicht nur ihre eigenen Worte mit passender Ton- und Eeberdensprache musterhaft begleiten, sondern auch(während dem Reden anderer Personen) theils ihre jedesmalige Gemüthsstimmung und Lage auf schickliche Art verrathen, theils die Eindrücke andeuten, welche fremde Worte und Handlungen auf sie erregen. Denn es wäre unnatürlich, sich blos bei eigenen Worten und Handlungen zu ge- berden, hingegen bei fremden leblos und untheilneh- mend, wie eine Statue, zu bleiben. Wegen des richtigen Gebrauchs nicht blos des Conversationstones, sondern auch vorzüglich der leidenschaftlichen Töne und Ee- berdcn erinnere sich der Künstler stets, daß manche Affecte, oder Leidenschaften in Gegenwart anderer Personen entweder aus Blödigkeit, oder aus Furcht, oder auS Gewohnheit und Sitte gemäßigter ausgedrückt werden, alö ohne dieselben, während andere Lurch anwesende Personen noch stärker aufgereiht werden-c. 4) In Auftritten von mehrern Personen zugleich muß man für eine gute Stellung in Grup- p e n(für gute GruPpirung), hingegen bei den schön- r-7 schönsten, asseetvollsten, oder leidenschaftliche» Stellen -ur passende Th e a ter g e m a lde sorgen. Künstler und Künstlerinnen dieser Art müssen sch nämlich Hiebei .-ordnen oder stellen, daß ihr Anblick malerisch werd, oder daß ein Gefellfchaslsmalcr die Seene ihrer -rupperung sogleich malerisch schön ze.'ckmn könnte. och darf auch diese voribende Anordnung weder mit dem Scheme einer künstlichen Stellung erfolgen, noch Surfen die Künstler ,n einerlei Stellung(Gruppiruna) verweilen; sonst erscheinen sie unnatürlich und Aus der bisherigen Vergleichung des Trauerspiels nitt dem Lustspiele erhellt nun leicht von selbst, i) daß ?. B. die tragische Teclamation und Action das ganze Trauerspiel(seine Einheit) mehr zur anschauenden Deutlichkeit erhebt, die komische h.ngegen d.e einzelnen Theile des Stücks als eben so «"n Ueber legen des Zuschauers bringt. — h-st die tr aglsche Declamation und Activ» »n Ganzen genommen weit einförmiger oder eintöniger(monolomer), als die komische, welche nuanc.rter und im Ganzen mehr detaillirter 'st, so es gleich auch in Trauensxielen und eigentlichen Tragödien mehrere Fälle giebt, wo der darstellende Künst e^ oder d,e Künstlerinn den ganzen llmfang der Tonstusen ihrer Kehle durchlaufen muß und zwar oft einem Augenblicke,;. B. in der Rolle der Lung- f r a u von Orleans. oder des Königs Lear Lei dem Fluche aller Flüche(S. 140). -^/"s^nde Künstler wird nun von selbst ->">ehen, daß er zuerst a) überhaupt lrine Haupt- i?8 rolle übernehmen, keine Hauptperson spielen solle, b) am wenigsten aber in einem Trauersp«e, tbcils weil die Hauptrollen für ihn noch zu 1) e„ ,,-»,» ab., st--------r-° hinlängliche Kraft spürt, während er^-3-»«^ L. berrollen weit früher übernehmen, ab« selten so lanae fortspielen kann, als tragische. Zuerst wähle -r Drbcr blose Nebenrollen von emtger Bedeutung, z. B manche leichte Jntriguanten- oder LiebhaberroUen und schreite dann allmählig stufenwe.se b.s zu den er- habend, schwersten fort. Zu seiner eigenen Vorn ung aber versuche er selbst stumme Rollen, dann dw le)- lern Nebenrollen der Bedienten u. d. gl., um alle Stufen des theatralischen Lebensl.edes genau kennen -u lernen und mit Fertigkeit betreten zu könne». Er suche ferner ohne alle Ziererei nut einfache Gewalt, Natur und Wahrheit zum Ziele zu dringen. Las Hohe und Wunderbare selbst auch durch ,em Se- E„»«„>,"» Gang der gebildeten Seele darstellen stell. Er suche sich daher an Fleiß, Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen, die Liebe zur Kunst nicht erkalten zu lassen, alle Laster der Vernachläßigung zu fliehen, hingegen als declamatorisch- mimischer S-elenmaler alle übernommenen Rollen mit Treue, Lebendigkeit und feiner Bestimmtheit darzustellen, die Verse mit erhöhet«» 179 Srelenzustande nach dem fest gesetzten Charakter angemessen vorzutragen, dem prosaischen Dialoge aber das Leben der gebildeten Gesellschaft mit ihren besten, belebenden Cigenheiten zu verleihen, Gefühle und Sentenzen nicht etwa herzupredigen, sondern dieselben vielmehr als Resultate des Nachdenkens, der Erfahrung, Sorge und Liebe darzustellen, weder den Kummer her- auszuweinen, noch die Leiden den Zuschauern und Zuhörern klagend vorzuwinseln, sondern den jedesmal darzustellenden Gemüthszustand selbst zugeben, ihn vom Herzen zum Herzen gehen zu lassen, stets täuschend zu überzeugen und alle Zuschauer jedes Standes zu dem Gefühle des Wohlgefallens an seinem Spiele zu vereinigen. 4) Der verständige, stets passende Gebrauch aller Richtungen seines Halses, Kopfes und des ganzen Körpers, d.e weis- Verwendung seiner Schritte, die kluge Deutung seiner Augen- und Händesprache müssen init der ganzen Ton- und Geberdensprachc auf den erzielten Punkt treffen und ganz sichere Eroberungen machen folglich alle Zuschauer so elektrisch ergreifen, daß ihm ihr wohlwollendes Vergnügen oft laut zu unterbrechen droht, oder wirklich unterbricht. 5) Er bestrebe sich, die gefällige Welt und ihr femes Leben eben sowohl auf der Bühne gelegentlich darzustellen, als den Schwung in hoher anziehender Kraft, oder die Herzlichkeit in gediegener Sprache mit lebwendig ergreifendem Interesse anschaulich zu machen, d.e Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erregen, zu er- ^°d-r zu erhalten und sich hiedurch selbst Achtung zu erwerben, mithin auf dem(von seinen M 2 18» großen Vorgängern) fest gelegte» Grunde im edlem großen Sinne weiter fortzubauen!— 6) Ihm muß der stärkste(wieder leichteste und sanfteste) Ausdruck in Tönen und Geberden aller Art willkürlich zu Gebote stehen; er verrichte aber alles mit anständig paffender Kraft, Besonnenheit und Empfindung, mit tiefer Kenntniß des Innersten,-des erforschten und eingeübten Charakters. g« r 7) In ieder Rolle trete er in Tönen und Geber- den als ein andere- darzustellender Mann auf und behüte sich darin von dem Kopfe an bis zu den Füssen; dabei suche er aus sich selbst gleichsam herauszugehen. «ch zu verläugnen und zu vergessen, sem erzenes^.ne ^drängen, zu unterdrücken, auch das Ampere des vorzutragenden Charakters in sich aufzunehmen und sich i„ r-nftloen zu verwandeln(zu itendifietren oder mit ihm Eins zu werden). x) In seinem ganzen Spiele sey alles deutlich, -usammenhängcnd und übereinstimmend; alle Empfindungen in ihm müssen sich entweder natürlich lreoens- rvürdig und angenehm, oder schrecklich-Zickeln und ausdrücken nach den Grundsätzen der ganzen Ton- und Ge- berdensprache rc.^ y) Er besuche dabei fleißig das Theater(wre der Necrut jede Wachparade) und folge jeder Darstellung mit unverwandtem Blicke, genieße jede Wahrheit u>w Schönheit fremder Darstellungen, empfinde gleichsam jeden Aceent, verfolge jede feine Verschmelzung, athme fröhlich LaS von der Bühne empfangene Leben und bleibe auch hiebet mitwirkender Künstler; er fahre fort, theils seine Rollen mit sorgfältigster Genauigkeit, theils Älen- izr scheu aller Art, vorzüglich,'n guten Gesellschaften fleißig zu studiren, sich blos nach den besten Künstlern ohne blinde Nachahmung und Nachbeterei zu bilden, sich mit ihnen über dieses wichtige und schwere Fach zu unterhalten, Kunstverständige zu Rathe zu ziehen und seine Bildung möglichst zu vollenden. Wenigstens so weit sollte jeder Theatereandidat den Plan einer zweckmäßigen Bildung zum Kunstschauspieler kennen lernen, um alle Schwierigkeiten, erforderlichen Talente, Kenntnisse, Vorübungen und zu erwerbenden Kunstfertigkeiten deutlich einzusehen, dann aber nochmals seinen Hang zum Theater genau zu prüfen, ob er nicht blos vorübergehend und eingebildet, sondern ächter Art sey. Hat er sich nach diesem Plane wenigstens ein Jahr lang mit Enthusiasmus ununterbrochen gebildet, darin wahre Fortschritte gemacht und äußert noch jetzt in der That die frühere hohe Begeisterung für die Schaubühne, dann erst, aber nicht eher, sollte man ihn mit Liebe als würdiges Mitglied der Bühne aufnehmen!— Freilich wird mancher Leser und vorzüglich mancher Schauspieler gegen diesen Plan der Erziehung zum Theater einwenden-„O! das alles ist viel zu umständlich, zu weitläuftig und unnöthig!— Wir haben dieß alles nicht gebraucht, sondern sind mit einem Sprunge oder herzhaften Satze sogleich auf die Bühne ohne alle Vorbereitung, Vorkenntnisse und Vorübung gelangt, aber doch dabei fertige Schauspieler erster Größe geworden!" Antwort: i) DieserVersicherung dürfte man schwerlich unbedingten Glauben beimessen. r) Der Talentvolle bildet sich zwar oft unter günstigen Umständen im i8r hohen Grade aus, aber nicht nur in weit längerer Zeit, als durch zweckmäßige Erziehung und Bildung zu diesem Fache, sondern auch selten so vollkommen, ganz durch sich selbst, als durch gehörige Anleitung, z) Dieser Einwurf taugt daher so viel, als die bisherige planlcge Bildung zu diesem Fache, welche selbst ein Iffland, Müller und andere hohe Kunstgenossen sür verw erstich hielten!— 4) Wie viele aber sind auf diesem zufälligen Wege einer planlosen Bildung verdorben, verbildet und unglücklich geworden? Würden sie es bei hinlänglichen Erfordernissen nicht viel weiter gebracht haben, zumal die talentvollen? Soll es denn endlich immer den alten Schlendrian fortgehen und keine neue Morgenröthe einer bessern Zukunft auch für das Theater anbrechen? Wollen wir auch in diesem Kunstfache noch langer zurückbleiben und keine bessern Fortschritte, selbst keine bessere Erziehung-- und Bildungsmethode versuchen?— Gewiß hiezu wird es endlich die höchste Zeit!— z) Schon jedes Handwerk setzt mehrere Lehrjahre voraus, noch mehr jede schöne Kunst, z. B. Musik, Dichtkunst, Malerei, Redekunst und Beredtsamkeit überhaupt. Soll man noch ferner ohne Lehrjahre zum Theater laufen?— r8z Drittes Kapitel. Grund züge der vollendeten Ausbildung angehender Kunstschauspieler und Künstlerinnen dieses Fachs. 2° Eine der trefflichsten und zweckmäßigsten Einrichtungen zur Erziehung, Bildung und Aufrechthaltung des angehenden Künstlers selbst für das Beste dieses Kunstfaches wäre endlich auch unstreitig hier eine wöchentliche Versammlung von wahren Sachkennern und Künstlern, theils um über die schon aufgeführten Stücke und deren Vorzüge, oder Fehler und Mangel, theils um über die künftig zunächst zugebenden Vorstellungen, über den verschiedenen Charakter der darin vorkommenden Rollen, über deren zweckmäßigstes Einstudiren und darstellen zweckdienliche Gespräche oder Unterredungen zu fuhren, mithin auch jedesmal einige paffende Fragen über dieses Fach vorzulegen, welche in der nächsten Versammlung schriftlich vorgelegt werden müssen, um in steter Uebung der Ausarbeitung und schriftlichen Cha- IZ4 rakteristrung theils der gegebenen« theils der noch aufzuführenden Theatervorstellungen zu bleiben! So machten es schon die alt griechischen und römischen Kunstschauspieler, wie ihre Redner, z. B. ein Satyros, ein Roscius und Cicero, welche sich mit noch einigen andern Künstlern ihres Fachs sogar täglich über Leu richtigen deklamatorischen Ton- und GeberdenauS- druck aller Art unterhielten, aber dann noch weit größere Wirkungen hervorbrachten, als die meisten unserer heutigen Wein- und Bier schankSschau sp i e- ler, denen diese Gesellschaften und deren Sitten selbst noch auf dem Theater nur allzudsutlich ankleben! Wohl an denn! lasset auch hierin die größten Kunst- schauspieler des alten AthsnS und Roms nicht unnach- gcahmt l— Uebt auch euch bei zucrrichtenden wöchentlichen Zusammenkünften theils in zweckmäßigem Borlesen verschiedener Rollen der ausgeführten und noch darzustellenden Stücke, theils in wirklich vorübenden Darstellungen derselben, theils in zweckmäßigen Unterredungen, zu ertheilenden Fragen, Antworte», Regeln, Meinungen, Grundsätzen und Rathschlägen hierüber, theils indem Umtausche von Ideen, Beobachtungen, Erfahrungen, Bestrebungen und Gefühlen über diese Kunst, dann in Unterredungen und Erforschungen der einzig zweckmäßigen Auffassung und vollendeten Darstellung jedes vorkommenden Charakters durch den jedesmal passendsten Ton- und GeberdenauSLcuck nach allen Graden, Abstufungen, Uebergängen und Verschmelzungen>c. Unterhaltet euch ferner über den hohen und sanften Ton- und Geberdenausdruck aller Seelenzu- stände, Gemüthsbewegungen, Spannungen und Abspan- 185 nungen, Affekte und Leidenschaften, endlich über veredelte Natur und Wahrheit ohne alle sklavische Por- traitirung und Copirung oder blinde Nachahmung!— 2) Für sich selbst übe sich jeder junge Künstler in allen genannten Punkten, welche er alle i» meinem Handwvrterbuche der Physiognomik, Mimik und Deklamation fals dem einzig läutern Quelle unmittelbar praktischer Menschenkenntnis findet, z. B. selbst über das Costüme, über Sitten und Gebräuche, Lebensart der verschiedenen Völker in verschiedenen Zeitaltern, über die zweckmäßigste Tragung manches Costüms, über dessen Auswahl u. d. gl. Auch hierüber soll sich der angehende Künstler mit wahren Sachkennern besprechen, darüber die besten Schriften, Reisebeschrcibungen, Charakterschilderungen fremder Völker nachlesen, worunter auch wohl Siever's Schauspielerftudium zu rechnen wäre rc. Z) H-eMit sollen angehende Künstler und Künstlerinnen auch noch einige andere schöne und darstellende Künste, vorzüglich aber Tanz-, Fecht- und Reitkunst, Musik und Gesang aber wegen den Dp ern, Operetten und Melodramas zweckmäßig verbinden, weil diese drei DichtungSarten ebenfalls zum Drama überhaupt gehören, wie weiter unten folgt. Nur auf solche gesetzmäßige Art sollen sich die Theatereleven vollkommen ausbilden, rastlos üben und nach Erreichung des höchsten Gipfels ihrer Kunstfertigkeit unermüdet zu streben suchen. Dabei werden mit einem Worte weise Unterredungen mit Sachkennern und Kunstverständigen vorzüglich über den eigentlichen Geist aller Charaktere und Lharak- »86 zage, über die treueste Auffassung und vollendetste Durchführung oder Haltung des jedesmal darzustellenden Charakters, über alle Arten, Grade, Ueberqänge und Verschmelzungen der Empfindungen und Gefühle, der Ideen und Vorstellungen aller Seelenzustände, Affecte und Leidenschaften, endlich über deren passendste Ton- und Geberdenausdrücke durch einen solchen Umtausch von Ideen, treffenden Beobachtungen, brauchbaren Erfahrungen, Uebungen, Anstrengungen und Gefühlen. Grundsätzen, Regeln, Ansichten und Meinungen verschiedener Art die zweckmäßigste Ausbildung junger Kün^ler, oder Künstlerinnen allmählig vollenden, folglich ihr(zumal in Verbindung mit der nöthigen Lectüre und der gleichzeitigen Betreibung der genannten übrigen schönen, oder bildend darstellenden Künste, B. selbst der Malerei und Zeichenkunst)— einen merklichen Schwung hoher Vollkommenheit(vollendeter Kunstfertigkeit) ertheilen!— Auf! meine jungen Freunde und Freundinnen, strebt rastlos nach der glücklichen Erreichung dieses hohen Ziels, in der festen Ueberzeugung, man werde eure Fortschritte, eure neuen Kunstfertigkeiten, eure mühsam errungenen musterhaften Auszeichnungen nicht nur mit unpartheischer Gerechtigkeitsliebe aufnehmen, gebührend achten, ichätzen und rühmen, sondern auch durch Zulagen, durch Vermehrung eures Gehalts, oder durch vortheilhaftere Anträge endlich doch gewiß belohnen!— Denn auch unser Publikum ist noch empfänglich ftp alles Gute, Wahre, Vortreffliche und Schone, für alles Vollendete, einfach natürlich Wirk>ame, Große und Erhabene!— Auch wir besitzen noch fühlbare Her- zen dafür Auch unter uns gibt es noch erhabene Gönner, Sachkenner, Beschützer und Freunde aller schönen Künste und Wissenschaften, folglich auch der schönen Schauspielkunst, der Oper, Pantomine und des Ballets!—> Wie endlich jeder Künstler auf der Bühne am passendsten stehen, sitzen, gehen und sich überhaupt benehmen soll, findet er unter den besondern Artikeln in meinem genannten Handwörterbuche der Physignvmik, Mimik und der Deklamation rc. Ich brauche daher hier nur noch folgende Punkte zu berühren. Das Briefschreiben und Versiegeln, oder das Empfangen, Eröffnen undLesen derBrie- fe, oder anderer Documente muß vorzüglich auf dem Theater mit Anstande und stets passend geschehen. Bei dem Briefschreiben darf man auf dem Theater weder jeden Buchstaben ängstlich Hinmalen, noch blos zum Scheine etwas hinkritzeln, noch mit dem ganzen Körper auf dem Briefbogen ruhen und mit Ziererei die Feder eintauchen, noch mit der Feder über den Bogen blos hingleiten, noch dabei wo anders hinsehen, noch die Feder wie Knaben, zu voll zum Kleven, eintauchen, sondern man muß alles fein passend verrichten. Selbst das Schreibezeug muß vollständig und passend, nicht zu klein, oder zu groß seyn und alles nöthige enthalten, selbst ein Streichbein zuni bequemen Zusammenlegen und Einstreichen des Briefbogens, welches imt verkehrtem Daumen unschicklich erfolgt, b) Schlechtes Siegellack brennt nicht gut und setzt den Schauspieler leicht in Verlegenheit. Das Versiegeln geschehe ohne ängstliche Anstrengung, aber auch ohne Nach- W'gkeit, so auch e) das Eröffnen und Lesen der IS8 Brrsft, welches nicht ganz vorn an der Lampenreihe, oder gar mit krumm herabgebogenem Körper erfolgen darf, wodurch sonst alle nöthige Täuschung kindisch unterbrochen wird. ll) Wer ein Schreiben empfängt, dessen Inhalt entweder Verachtung., oder Zorn erregt, mag dasselbe immer auf den Tisch unwillig werfen, oder es schnell, achtlos zusammendrücken, aber nicht w'.e einen Knäuel in der Hand zusammen ballen und knittern, zumal wenn in der Folg- eine Stelle daraus herg e- lcsen werden soll und man alsdann Mühe hat, es durch Blättern, oder ängstliches Z-rren wieder auseinander zu falten. Eben so stört es die Täuschung, wenn man mit Unwillen den Brief auf den Boden wirft, ihn da liegen läßt und nun die nächste Theateeseran de- rung in das Zimmer eines solchen Brieffchreibers fuh rt. Wechsel, Testamente, Verschreib« n gen r,nd ähnliche Dings werden ebenfalls oft auf der Buhne so»achläßig behandelt, daß mit ihrer Vernichtung die Handlung oft selbst beendigt zu seyn scheint. Man e m- pfängt und entfaltet ganz anders ein erwartetes, oder wichtiges Schreiben, als einen schon bekannten Brief mit vermuthlichen Tagesneuigkeiten, oder mit Unann ehm- lichkeiten u. d. gl. Ganz anders wendet man die Zei- tungSblätter um, als die Blätter einer Schenkung, eines Testaments u. d. gl. e) Das Empfangen, oder Vorlegen mehrerer Papiere muß ebenfalls mtt Sicherheit und Schicklichkeit erfolgen, so auch das H e r- vorsuchen eines Papiers ohne Unbehslfenheit. Die Schriften dürfen daher mir mit Gewandtheit, nicht ängstlich, oder plump unter den Arm geklemmt, oder in die 189 Taschen gestecket werden, oder an den Toden fallen u. d. gl. Dramatische Dl'chNingsarten mit Musik und Gesang. Da Operetten, Opern und Melodramas ebenfalls zu den dramatischen Tichtungsarten überhaupt gehören, sich aber ron den bisher aufgestellten blos dadurch untersci.eiden, daß sie ron Musik und Gesang begleitet werden; so muß ich von ihren verschiedenen Eigenthimlichkeiten hier noch das Nöthigste erinnern. I. Die Singspiele oder Opern gleichen und entsprechen(außer der Musik und dem Gesänge) übrigens den lieber chsrakterisirten dramatischen Stücken ohne Musik und Gesang. Denn so wie es z. V. Lust- und Rühr,piele ohne Gesang und Musik gibt, eben so gibt es auch dergleichen mit Musik und Gesang, folglich Singlus und E kngrührspiele, so auch Schake r- und N a r r e n o p e rn, wie Schäfer- und Lach spiele ohne Gesang, so auch Eötteropern, die den eigentlichen Tragödien entsprechen. Daher sollen Kunstschau,vieler und Künstlerinnen sich auch(bei nöthigen Anlagen und Workenntnissen) in Opern, Operetten und Melodramas üben, welche ebenfalls zu den drama- üschen Tichtungsarten gehören. Auch die verschiedenen Smgsprele(Opern) müssen mit ihren Monologen und Dialogen nach dem jedesmaligen Inhalte und" Zwecke so declamatvnsch mimisch vorgetragen werden, daß in dieser Hinsicht i) von den S i n g l u st sp i e le n eben dasselbe(außer dem Gesänge und musikalischen Vortrage) gilt, was oben(S. izi.) von den eigentlichen Lust- I-/2 spielen gesagt worden ist, so auch 2) von den Sing- rühr spielen, was von dem rührenden Drama oder dem Rührspiele ohne Gesang in deklamatorischer und mimischer Hinsicht gilt. Eben so müssen z) die Schäferopern und 4) die Narrenvpern deklamatorisch und mimisch vorgetragen werden, wie die eigentlichen Schäfer-, Lach- und Possenspiele ohne Gesang. 5) Götter opern muß man daher in deklamatorisch-mimischer Hinsicht gleich den ihnen entsprechenden Tragödien vortragen, so auch 6) die romantischen oder Feenopern(als eine Mittelgattung zwischen den Lach- und Rühripielen) gleich den Lach- und Rührspielen ohne Gesang, mit denen die Feenopern manches gemein haben und sich vereinigen. In Ansehung des musikalischen Vertrags der Opern mit dem sie begleitenden Gesänge hat man genau dafür zu sorgen, daß man durch den Gesang das dabei anqemcssene G-berdenspicl weder unterbreche, noch weniger aber ganz aufhebe. Zwar ist es oft schwer, bei der Wiederholung des Gesanges die G e- berden weder jemals unnatürlich werden zu lassen, noch dieselben Stellungen und Bewegungen zu wiederholen, sondern vielmehr in der G-berdensprache stets so rege und neu zu bleiben, als der Gesang lebhaft fortgeht, doch aber ohne bei dem Singen das Gesicht zu verziehen und die Geberden des Affects zu vollenden, oder gar unkenntlich zu machen; aber auch diese Schwierigkeiten lassen sich durch Fleiß und zweckmäßige Uebung allmählich heben. Da übrigens die Musik überhaupt und der Gesang insbesondere ebenfalls(wie die Schauspielkunst lyl rmd Teclamation überhaupt) eine eigenthümliche Art von Seelcnmalerei ist, nämlich durch künstlich(der menichlichen N«bestimme) nachgeahmte Jnstru- mentaltöne, oder durch Singtöne; so laßt sich schon von selbst einsehen, daß alle Gesetze der ganzen D eclamation(als der lebendigsten, ersten, unmittelbarsten, natürlichsten Und deutlichsten Seelenma- lerech sich auch auf Gesang und Musik(wie auf Dicht- und Redekunst) müssen anwenden lassen. Denn gleich der ganzen Deklamation haben auch Musik undGesang») ihren angemessenen Takt(Rhythmus, ihr Tempo), langsamer, oder schneller, ferner k>) ihre angemessenen Accente im Steigen und Fallen, in Stärke und Schwäche, Höhe und Tiefe, in Rauhigkeit, oder Sanftheit, in Schnelligkeit, oder Langsamkeit der musikalischen und Cingtvns, c) ihre angemessenen Pausen, ci) Was in dramatischen Stücken die Haupt- und Nebenrollen oder Personen sind, das sind in dem Gesänge und in der Musik überhaupt die-Haupt- und Nebenstim- men, welche letzter» daher die erstem-den so wenig verdunkeln und überschreien dürfen, als im Drama die Nebenpersonen irgend eine Hauptperson. Gesang und Musik gelangen demnach nur durch eine andere Art von Tönen im Ganzen zu deinselben hohen Ziele, wie Deklamation überhaupt durch ihre RedetLne und G e- berden, wie ich in dem Leclamationösysteme ausführlich gezeigt habe. Ik.) Li- Operetten wählen ebenfalls Scenen des bürgerlichen Lebens und lassen ihren Dialog mit Gesang abwechseln w. 192 III. Das Melodrama ist diejenige dramatische Tichtungsart, in welcher die mit ihr ebenfalls verbundene Musik entweder blos die Pausen ziehen dem Sprechen ausfüllt, oder das letztere bisweilen begleitet ohne dasselbe durch wirklichen Gesang und durch eMN- liche Recitative zu unterbrechen. Nach der. n;ah^ im Melodrama ausgestellten Personen lst daper das Melodrama entweder Monodrama(wenn nur e.ne Per- son auftritt), oder Duodrama, wenn zwe, Personen darin m.ftreten. Sein deelamator.sch mimischer Vertrag mich nach Inhalte und-Zwecke l-'cht 3-^- angenebm und gefällig seyn. Der Vertrag der-!.n°- logen ist schon oben(S. i?;-) charakteresirk. IV. Die Pantomime oder das Geberdmn- schauspiel soll der vollkommene Künstler(w° möglich) ebenfalls meisterhaft darstellen lernen, naml.ch als .in Schauspiel, welches einzig und allein, folglich^anz und gar oder durchaus blos durch Mime oder Geberdensprache(daher Panto- mine) aufgeführt werden muß. 2" der Pantonune herrscht zwa° auch sch ö n e G e b e r d e n sp r a ey e ganz allein, aber nicht so lyrisch durchgeführt, wre m den B alletsoderS chautanze,Tan;schau spre le), nls dem höchsten Gipfel.vollendeter Geberdensprache, qanz allein in taktmäßigen Tanzbewegungen, w,e weiter unten folgt. Die Pant° mime(an deren hoch- ssem Gipfel von Vollkommenheit das wallet pran^. ist aber nur ein besonderer Hauptheil aller Geberdensprache oder Mime und der M-mrk oder berdenkunst überhaupt. Folglich besitzt die G e b er, e n- sp r ack e überyaupt mit ihrem unleM-rdnet-n Hm.pt- Rei^ Pantomime) ein so wett es Feld und 7^ N^ erstreckt, was sich auf wZeud e.ne Art durch Blicke, Mienen, Ctellungen nd Bewegungen des Körpers, folglich durch Gehecken a sdr7cken'7?/'^efühletLne überhaupt andeuten oder 7 k ek" der Pantomime und auch z Dreckt sich daher S--, d.m C!«.,,.l.ng.,„.77 d-7, l-ch, npkprl'ch ungeMmgm sprechen,, ,,»p ,, ä< wohlgefällig sey» nn.si- s.' e.n^^ Fachs auch vorzüglich in'der PEom7-7ll^ chpnigcr dir Ppntvmi»,, ,,,. Z'^ sch.««„»p,ch W-r>- ä. sp,7ch',?ds-7 L77."?'-»> e.°°-.p s,«» so, ,„d„-„777777,°"7" M'k, Mimik, Pantomime und 7er T^lam^ l-ch zeigen. Denn mchts ist r-ndeE r 7"^r- t-nd unausstehlicher, als eine leere 7e7?7'^ ^eu t lich e P an tvmime.^chratled,^ '.ch rathe daher den mek sr !94 sim unserer Schauspieler(zumal den Neulingen), zuerst eine natürliche Mimik und Pantsmumk bet und 7n den Taubstummen, oder--ihr-L-Hr^ erlernen, damit sie auf dem Theater§ aufhören, jämmerlich leer, ober doch unverständlich z „erden und alle hohe» Zwecke des Theaters zu erm^ ten, oder doch zu vernachläßigen und ganz Während'demnach'die(zur Deelamation als ihre BeMerü. gehörende) G e b er d° n sP r,a ch e oder Mime blos der Prosa entspricht, M d.e Pantomime verschönerte Prosa, folglich^° e s. e der G e. Herdenspräche seynoderder Poesie überhaupt gleichen. Die eigentliche Pantomime soll Wahrheit und Natürlichkeit enthalten, mithin sehr sprechend, ausdrucksvoll, charakteristisch in physiognom.sch munischer Hinsicht seyn. Denn welcher Mann von G-schmack würde sonst einer Pantomime auf dem Theater mit Vergnüge» zusehen und daran Geschmack finden können, wenn-nicht die ganzen Geberden-Menen, Äorperstellun- q-n und Bewegungen) der Schauspieler so bedeutungs- und ausdrucksvoll, so charakteristisch treu Md wahr °d„ ft»" gel der Wortsprache nicht bemerkt oder s tz nicht vermißt und braucht?— Wir reden'ohne Mund, mit Augen, mit der Han ,, Mit Greifen»nein Ohr-und was sonst wohlbekannt-c. Daher sind gute, geschmackvoll aufgeführte Pan tomimen(oder mimische Schauspiele) ohne^ caturen und Grimassen allerdings eine sehr lehrreiche Schule für Phyflognsmen und Menschenkenner uberhau- .-" V-ch die Geberdensprache ist unerschöpflich reichhaltig -md so ausdrucksvoll verständlich, daß die Römer sich Eh Pantomime allein ganz deutlich machen konnten. ^ Ballet hingegen oder der Schautanz (das Tanzschauspiel) gleicht der lyrischen Pors.e und erhebt sich über die Pantomime7en:,Man habe z. B. Jupiters Geburt, Saturns Verschlingen seiner Kinder, oder den Atreus. Thü-stes, d-ie 2°, 2n°, Semele, Europa Glau e u d. gl. entsetzlich schauderhafte, oder wunderbare Be- aebenheiten getanzt,"(d. h- pantomim.sch oder mimisch Lei dem Tanze, im Tanzen oder wahrend desselben dargestellt.) Daher sagt auch z- V. Luc. an Iy? .ausdrücklich:„Die Tanzkunst giebt sich dafür aus, alle Sitten, Gemüthsbeschaffcnheiten und Leidenschaften vorzustellen. Bei dem Tänzer sind immer Leute, welche Stakt seiner laut reden und singen. Vor Zeilen sangen die Tänzer zwar selbst; nachher aber fand man(bei der Bemerkung, daß der kürzere Athem des sich bewegenden Tänzers den Gesang bisweilen unterbrach,)— es für besser, daß zu dem Tanze andere Personen säng e n." Eine Beschreibung dieses mimischen Tanzes (das Urtheil des Paris) lieferte schon Apulejus in seinen Metamorphosen. Zu August' s Zeiten wurde die schone Tanzkunst vorzüglich in Rom am meisten ausgebildet und selbst von vornehmen Personen hochgeschätzt, rbis man sie endlich zur Zeit der Barbarei ebenfalls mit allen schonen Künsten der Ruhe, des Friedens und der Cultur vernachlässigte. Späterhin verbanden Italiener die Tanzkunst mit der Oper; sie machten aber davon oft unpassende(dem Hauptstücke widersprechende) Zwischenspiele und erfanden theils poetische, theils allegorische, oder moralische, lustige Ballets, ambulatorische Tanze, Moralitäten u. d. gk. Dieß athmten andere europäische Völker unmittelbar nach und bildeten mit der Schauspielkunst auch die Schautanzkunst(des Ballets oder Schautanzes) in ihrer wahren Eigenthümlichkeit im hohen Grade aus, vorzüglich in Paris, London und Wien. Die Tanzkunst zerfallt demnach i) in die g emeine des gesellschaftlichen Tanzes, s) des Schauspieltanzes, z) in die eigentlich 198 schöne Tanzkunst des Schautanzes oder des Tanz schau spiels. i) Der Zweck alles ges ell? schafc liehen Tanzes ist blos gesellschaftliches Vergnügen und Gliederübung, ohne daß hiezu gerade schöner Geist und fein ausgebildeter Kunstsinn erfordert wird, welchen man aber zur Pantomime und zum Ballete oder Schautanze(wie zur ganzen Schauspielkunst und aller wahrhaft schönen Kunst) unentbehrlich nothwendig braucht. Die häufige Verwechselung des g e- meinen, gesellschaftlichen Tanzes mit der Pantomime überhaupt und dem Schau tanze insbesondere hat bisher die Lehre von dem schönen Schautanze(als der höchsten Blüthe aller Tanzkunst und Pantomime) ziemlich dunkel, schwankend und ungewiß gemacht oder verworren, eben weil man das blos A u- ßerwescntliche des gemeinen GauckeltanzeS mildem Wesentlichen des Ballets verwechselte» folglich Nebensachen oder blose Beiwerke(z. B, Sprünge, Fußkünsieleien, Wickelungen, schmimmernde Kleider u. d. gl.) für die Hauptsache nahm, mithin auf Abwege gerieth und die schöne Tanzkunst vernachlässigte, oder doch weniger vortheilhaft ausbildete. 2) Der blose Schauspieltanz wird nämlich auch bei Schauspielen und Lustspielen aller Art noch als ein besonderes kleines Zwischenspiel gebraucht. Er hat sich dabei theils mehr, als das Ballet, mit dem Geberdenspiele(der Pantomime) zu beschäftigen; theils zeigt er die schöne Tanzkunst nicht in der reinsten und höchsten Vollkommenheit, wie das eigentliche Ballet, welches mit der Oper, hingegen der Schauspieltan; mit dem Lust- 19) spiele sich vergleichen läßt. Der Schaufpieltan; ist nämlich entweder a) der edle und feierliche, in welchem man würdige Gefühle, Sitten und Handlungen ausdrückt, oder b) der charakteristische, in welchem durch eine Art von nachahmendem Spiele selbst Handlungen des gemeinen Lebens mit geschmackvoller Zierlichkeit vorgestellt werden, oder c) der seltsain starke, groteske Schaufpieltan;, welcher die Tänze der Milden stark und kräftig mit Rohheit, oder oft ausgelassene und abentheucrliche Belustigungen roher Menschen vorstellt, oder endlich 6) der komische, possirliche Schauspieltanz, welcher Sitten und Lustbarkeiten des Volks weniger seltsam und stark zeigt. Alle diese Arten des eigentlichen Schauspieltanzes, wovon man jede auf ihre eigenthümliche Meise vortragen muß, lassen stch als blose Auftritt«, als Zwischen- und Nachspiele in den verschiedenen kust- und Schauspielen gebrauchen, wofern sie die Wirkung dieser letztem durch ihre Ähnlichkeit mit ihnen eher befördern, als stören, oder gar vernichten. Auch diese Schauspieltänze aller Art gehören als untergeordnete Theile zu der Pantomime überhaupt; sie erfordern daher ebenfalls ihr eigenthümliches Einstudiren und Einüben, wie alle dramatische Stücke. WaS nun in lyrischen Gedichten die Füsse der Verse, die Versarten und Strophen sind, das sind entsprechend imTanze die Schritte oder Pas, die Gänge oder Touren und die Theile der Tänze nach ihrer verschiedenen Taktart. z) Der eigentliche Schautanz(das Ballet) darf nicht etwa ein bloser Auftritt(wie der blose AOL> Schauspieltan; in Lust- und Schauspielen) seyn, sondern er muß vielmehr eine ganze, in sich vollendete Handlung, ein ganzes Schau- oder Lustsp i el blos durch Tanzbewegung, mithin ein Tanzschauspiel seyn, folglich auch die nöthige Verwickelung, Knoten und Auflösung enthalten, dabei aber dennoch(wie die Pantomime und ganze Mime) möglichst einfach, deutlich, verständlich, gefällig, interessant und nur so lang seyn, als die Natur der hierdurch darzustellenden Gemüthsbewegungen, Charaktere, oder Begebenheiten es gestattet. In einzelnen Stellen des Balle tS können zwar auch Ausdrücke von sanften, oder stillen Gemüthszuständen, welche keine Tanz- bewegungen annehmen, oder sich dadurch nicht gut und deutlich ausdrücken lassen, vorkommen(z. B. Ruhe, stille Wonne, Gemüthlichkeit, Anbetung, oder Staunen, Entsetzen, Ernst, Traurigkeit u. d. gl., oder auch tobende, zum Tanze unpassende Leidenschaften); aber das Ganze des Ballets soll und muß dennoch vorzüglich solche heitere, frohe Gemüthsbewegungen Gefühle und Begebenheiten enthalten oder darstellen, welche sich durch blosen Tanz auch schön ausdrücken lassen, so wie die Pantomime lauter Gegenstände, Charakterzüge, Gefühle, Zustände und Begebenheiten, welche blos durch Geberdensprache überhaupt gut dargestellt werden können. Das eigenthümliche Geschäft der schönen Tanzkunst in dem Tanzfchau- spiele(Ballet), als ihrer Krone, besteht demnach vorzüglich darin, am meisten solche Handlungen und Objecte in taktmäßigen Bewegungen schön darzustellen, bei denen Affecte, Leidenschaften, Kraftaußerungcn und 201 frohe Gemüthsbewegungen, folglich natürlich ungezwungene Körverbewegungen von selbst(freiwillig und un- millkührlich) vorkommen, oder dazu erfordert werden. Die darin enthaltenen Charaktere, Gefühls, Gemüths- zustande, Vorfalle, Ereignisse oder Begebenheiten greifen entweder in die Haupthandlung selbst ein, oder sie veranlassen und erzeugen dieselbe. Es lassen sich zwar manche Charaktere, Lebensarten und Vorfälle im Tanzschauspiele(mimischen Tanze) auch einzeln darstellen; mer diese Charaktere liefern dann blose Charakter- gemälde und Charaktertänze, di. Lebensarten und Vorfalle aber bloss Auftritt«. Daher müssen un eigentlichen Tanzfchauspiele di« Lagen und Vorfalle des menschlichen Lebens, aus welchen sich Gemüthsbewegungen, Wünsche, Entschlüsse, Entwürfe und Handlungen entwickeln, so beschaff«» seyn, daß sie solche frohe taktmäßiz musikalisch- und lyrisch- ausdruckbare Gemüthsbewegungen erregen, bei denen man eben so natürlich aus innerem Triebe tanzt, als singt, wie man schon an Kindern bemerkt. Geht man aber in der schönen Tanzkunst über diese Nakurschranken ihres natürlichen, fest begränzten Gebiets hinaus und will Lurch taktmäßige Gliederbewegung auch das hie- durch Unausdrückbare begleiten, oder gar darstelle so muß es unnatürlich, unverständlich und ganz verdorben werden, wie dieß in aller Mimik, Deklamation und schonen Kunst überhaupt der Fall ist, worin man Nicht soll ausdrücken wollen, was sich durch sie nicht passend ausdrücken läßt. Daher soll wenigstens auch l er Tanzfchausp.elmeister des Dichters entworfene Fehler za verbessern wissen, wirklich zweckmäßig v-r- «or bessern und die ganz fehlerhaften Bauentwürfe gar nicht aufführen lassen, einaedenk der großen Regel- daß da« zum Ballet unentbehrlich nothwendige Geberdenspiel dennoch niemals Hauptfach- werden dürfe, sondern ihm nur(wie Musik) zur U n- terstützung als blose« Hülfsmittel dienen müsse. Das Ballet oder der Schautan; ist demnach eben so wohl ein ganzes Schauspiel-m bl°sen Tanze, wie die Op er im Gesänge, folglich lyrisch zu fassen und vorzutragen. Aber wie dre Oper nie aus lauter begeisterten Gesängen bestehen kann. sondern auch etwas zum Reeitiren enthalten Mich; eben so findet oft auch im Ballet ein bloses G e b e r- denspiel ohneT.nzbewegung Statt. wöbe. es übrigens auf künstlich- Sprünge, auf Wirbeln mit den Fußen. auf deren seltsame und wunderbare Bewegungen im Schautanze eben so wenig ankommt, als auf-e Flinkern an den Schuhen der geschmückten Tänzerinnen, obgleich iede passende Verzierung d.e Sinne v-rgnug-n und der höchste Grad der angenehmsten. oder leichtesten Gliederbewegung dabei Statt finden kann. Aber alle .ur Unzeit angebrachten Verzierungen, oder alle Uebertreibungen dieser Art gleichen auch hier z. B. den m der Musik überhäuften Trillern und Manieren. Die Verschiedenheit des Takts erfordert ebenfalls verschiedenartige Tanzschritte. welche man nach der l yrisch auszudrückenden Gemüthsbewegung zweckdienlich zu wählen hat, weil jede Leidenschaft ihre besondere Bewegung nach ihrem eigenthümlichen Zeitmaße besitzt und auch darnach ausgedrückt werden soll. Mit der Fußbewegung darf auch der Gesichtsauödruck und d.e soz Bewegung der übrigen Glieder weder im Widersprüche flehen(wie bei aller Mimik und Deklamation), noch etwas undeutlich, oder etwas ganz anderes darstellen, noch leer, nichts sagend und zweideutig oder unbestimmt, zweifelhaft seyn, sondern völlig passend und sprechend. Da nun die Arme des Tänzers schon freier, als dessen Füsse sind und man dabei seinen ganzen Körper sieht, welcher auf den Füssen ruht; so kann die bloss Fußbewegung nie für sich ganz allein schon ausdrucksvoll genug oder hinlänglich sprechend seyn pkne harmonische Beihülfe aller übrigen Geberden und Tlieverbewegungen welche mit dem Lustspiele ein vollkommen übereinstimmendes Ganze bilden müssen. Doch die größten Schwierigkeiten des Ballettänzers entspringen daraus, wenn des Dichters Entwurf dazu schon so fehlerhaft ist, daß z. B. solche Gemüthsbewegungen eingewebt sind, welche keine Tanzbewegungen vertragen, oder die allzuhestig und gewaltsam tobend sind, wobei der Tanzschau Kieler blos an die Gränzen streifen darf, weil er immer lyrisch und rhythmisch bleiben muß. Denn für den Tanz überhaupt, vorzüglich für den Schautanz aber gehören blos lebhafte und frohe Gemüthsbewegungen, nur angenehme, lustige, heitere und sanft schwärmendeLeiden- schaften, welche bis zu einem mittlern Grade von schwärmerischem Entzücken gehen. Der Ballettänzer muß demnach durch das Gesicht selbst den Ausdruck vollenden' welche seine Bewegungen andeuten. Zwar geben beliebte Walzer und englische Tänze vorzüglich im gesellschaftlichen Tanze den Gliedern viel Beweglichkeit, aber keinen so gefälligen Anstand, als die L°4 Menuet, welche daher auch angehende Theakermit- alieder bei einem guten Tanzmeister lang- Z-it erlernen sollten. Unwirklich guter Tanzmetster»st aber nur derjenige, welcher auch im gesell,chaftltchen Umgänge eine sichere und angenehme Haltung zeigt, wenn nämlich sein Gesicht in angemessenen Mwnen zu den passenden Körperbewegungen fvricht. Wtvrlgen Falls leistet Erereiren, Fechten und Reiten der guten Körperhaltung mehr Vortheil, als ein m.ttelmaMer Tanzmeister, dessen Füsse oft-ine Forderung ankündigen, welcher aber Kopf und Brust keine Erklärung nachzusenden wissen, woraus nun ein Nistsn m der ganzen Gestalt und Haltung entspringt. Da nun der Körper des Ballettänzers sich noch mehr als bei dem-Pantomimen und Kunstfthauspteler, " s.»>« tet, schön gewachsen und gebildet seyn, um sich auf das vortbeilhafteste zeigen und ausbilden zu können well er sonst den zu erwartenden angenehmen Eindruck stört. Daher soll der Schautänzer nicht allein die hiezu nöthige Schlankheit, Leichtigkeit, Stärke, Gewandtheit, Geschmeidigkeit und Behendigkeit des Körpers mit einem lebhaften Geists besitzen, sondern auch die zählst und Fertigkeit haben, das Lächerliche und Erste durch seine Kunst paßend auszudrücken, mit Vermeidung aller falschen Zierrath und Uebertreibung. Denn er soll ,n seinem Schautanzspiele alles zierlich und lebhaft^angenehm und schön darstellen, um hiedurch die Zuschauer auf die lieblichste Art zu überraschen, zu unterhalten und die anmuthigsten Eindrücke in ihnen zu hinterlassen. Da oft selbst der vollkommenste Kunstschauspicler als rc>Z vollendeter Mimiker rind rpantomime dennoch wenigstens nicht die zum Eckautanze erforderlichen Kdrperanlagen besitzt; so kann auch nur höchst selten dem angehenden Sunsischauspieler geralhcn werten, sich Zugloch dein Lallete zu widmen, welches vielmehr ganz eigenthümliche Anlagen und zu erwerbende Kunstfertigkeiten erfordert, folglich ein eigenes, vierjähriges Studiren und Einüben verlangt. Daher ist zu diesem Fache nur demjenigen zu rathen, welcher die nöthigen Talente und sehr viel Neigung zumSchautanze zugleich besitzt, während man jedem andern von weniger Fähigkeit, Lust, Neigung und Liebe zu diesem Fache vielmehr davon erbrachen muß. Zedes besondere Kunflsach erfordert seinen eigenthümlichen Mann. Der Kunsischauspieler bleibe blos kei seinem Fache und widme sich demselben ganz, wo er mehr, denn zu viel, zu thun hat; so auch der Ballettänzer, welcher als vollkommener Meister eben so selten ,»gleich ein guter Kunsischauspieler werden kann, als dieser ein guter Schautänzer, dessen Fach weitläufig, langwierig und schwer genug ist, um einen Talentvollen von Jugend an bis in sein männliches Alter zu beschäftigen, wo freilich das Kallcttanzen zu Ende geht und das Schauspiel noch immer erst anheben kann. Wer sich hingegen urngekehrt nicht schon von früher Jugend an mit Lust und Liebe bey den nöthigen Talenten auf Las Ballettänzer, gelegt hat, der wird es in spätern Jahren nie zur höchsten Vollkommenheit in diesem Kurst- fache bringen. Jeder treibe das Seinige und bleibe möglichst dabei. s) Endlich muß auch die Schaubühne selbst nach dem jedesmal darzustellenden Stücke angemessen 2s6 eingerichtet, mit passenden Gemächern und Malereien besetzt, verziert, möblirt und mit zweckmäßiger Maschinerie(Maschmenwerke) eben so wohl versehen werden, als mit entsprechenden Costümen für die auftretenden Spieler und Spielerinnen. Denn i) bei einer schlechten Schaubühne und ihrer zweckwidrigen Einrichtung, Malerei, Verzierung und Besetzung mit unpassenden Gemachern, oder bei schlechter Maschinerie u. d. gl. sieht man allenfalls zwar, was etwa vorgestellt werden sollte, oder könnte, was aber nur verhunzt dargestellt wird, oder wo man oft auch nicht einmal errathen kann, was eigentlich die elenden Schirm« und ähnliche Dinge(z. B. auf kleinen Theatern in manchen Landstädten, oder auf Privatbühnen, Liebhaber- und Gesellschafts- oder Haustheatern) vorstellen sollen. Hiedurch wird nun alle nöthige Täuschung verhindert und der Zuschauer oft ganz unwkllkührlich zum Lachen gereitzt, wenn erz. B. ein Zimmer mit Fenster n auf die S t r a ß e für den V e r sa m m l u n g s o r t der Verschworn«»(wie im Fiesko u. d. gl.), eder einen schlechten Hausraum für«inen Saal eines königlichen PallasteS, oder eine elende Wachstube für das Zimmer einer Regentinn, Gräfin u. ö. gl. halten soll. Dabei ist gewöhnlich auch das gan>e Maschinenwerk unzweckmäßig, stockend und so auffallend fehlerhaft, daß es alle Täuschung im ersten Ervndkeime völlig erstickt. 2) Eben so verhält es sich auch mit der oft unpassenden, oder gar armseligen Bekleidung der auftretenden Schauspieler und Actrisen, welche nur allzu- fticht an die Trödclbuden(der Tändler) erinnert, oder so- wenn man z. B. altgriechische und römische Feldherren, Regenten, Senatoren u. d. gl. in knappen Rocken nach neuer ss.vde und mit neuen Waffen auftreten läßt, welches höchstens nur in Possenspielen, nie aber in eigentlichen Lachspielen(Komödien) geschehen darf. z) Lei der ganzen Einrichtung der Bühne und ihres ganzen Aeußern sollte man daher nothwendig sehen auf die Tracht und Landessitte der vorzustellenden Völker in verschiedenen Zeitaltern, mithin nicht allem auf deren Art zu gehen, zu stehen, zu scherzen, zu lachen, zu reden, zu essen und zu trinken, sich zu setzen, zu kleiden und zu gcberden, sondern auch auf die ganz hesondern Eigenthümlichkeiten«des Landes, in welchem die Scene spielt, wobei auch ähnliche Städte, eigenthümliche Gebäude, Wohnungen, Zimmer, Gemächer, Behältnisse, Dörfer und Gärten, Fluren, Triften, Weiden, Miesen, Felder und Wälder, Anger, Berge und Thäler auf passende Weise vorzustellen und genau zu berechnen sind, wofern nicht schon der Dichter(seiner Pflicht gemäS) alles vollkommen richtig angegeben hat. Welches aber nur selten der Fall ist, weil nur wenige Dichter hinlängliche Kenner der Leclamation überhaupt und der ganzen Schauspielkunst insbesondere sind, ob sie es gleich (vorzüglich als Dramatiker) seyn sollten!— In Tra- gödien und ernsthaften Dpern hingegen werden Glanz und Pracht vorzüglich erfordert, aber ebenfalls ohne Uebertreibung. Denn eine allzupomphafte Decoration und Kleidung zerstreuet, blendet und vermindert die Aufmerksamkeit der Zuschauer, nebst dem ganzen Effecte des Spiels oft eben so sehr, als eine 2«S ärmliche Verzierung und Bekleidung!— Weg«up mit beiden Extremen einer unpassend arm seeli gell und allzuglänzenden Verzierung, oder Kleidung und Außenseite!— b) Die zweckmäßigste Bauart einet Thrate r g c b ä u d e s ist diejenige, welche für die Logenreihen und für das Parterre ein vollkommenes Oval(keine blos flache Enkel- oder Sichelform) bildet, weder zu viel, noch zu wenig Schall verstattet, alle Theatervorgänge leicht hören und sehen läßt. Denn bei einem zu langen, oder kurzen Logen- und Parterunssange wird wenigstens alles Höhrbare undeutlich, entweder im erstem Falle zu wenig, im zweiten allzuviel Schall(wegen seines allzunahen und heftigen An- und Abprallens) erregt, oft auch, wenn das innere Theatergebäude entweder zu niedrig, oder zu hoch ist, wo man auf den Gallerten, oder in den übrigen entfernten Plagen der Logen und des Erdflocks weder alles genau hören und' verstehen, noch sehen und erkennen kann!— Daher sollten Baumeister und Bauherren der Theater(wie der Kirchen und Hörsale aller Art) ebenfalls hinlängliche Kenner der Musik und der ganzen äußern Bercdtsamkeit seyn.(Man vergleiche hiermit meine Statistik und Physiognomik der Declamation. Wien i8iz.) Dann würde man auch die öffentlichen Bühnen(gleich manchen Gesellschafts- und Liebhabcrtheatern) so einrichten, daß sie möglichst wenig Zug hätten und man dieselben nöthigen Falls heitzen könnte, damit nicht so viele brave Künstler und Künstlerinnen allzufrühzeitige Söhnopfev der fehlerhaften Theaterbauart werden dürsten: c) Auch SO 9 c) Auch wäre wohl dem Einbläser(Souffleur) ein passenderes Plätzchen einzuräumen und demselben künftig die Weisung zu geben, nur nöthigen Falls sich vernehmen zu lassen, sonst aber nicht immerfort zu lesen, sondern weislich zu schweige»! Denn es ist für die vorn nahe an der Bühne flehenden, oder sitzenden Zuschauer höchst unangenehm, erst von dem Einbläser die Worte blos herauswerfen und sie dann von den darstellenden Personen wiederkäuen zu hören!—> Ein beständiges Fortlesen des Souffleurs verleitet auch manche Theäterpersonen zur Vernachlässigung des fertigen, vollendeten Memorirens; sie müssen dann ihre vorzüglichste Aufmerksamkeit, welche ihrer Darstellung allein gewidmet werden sollte und könnte, auf die Worte des Einbläsers richten und nach ihnen eben so begierig schnappen, wie der Fisch nach Luft, oder Wasser!— Woher und wie soll dann eine vollendete Rollcndarstellung möglich seyn!— s) Liebhaber- t h e a, e r werden von Gesellschaften errichtet, welche Kunstlied«-, angenehm nützlicher Zeitvertreib und Vergnügen am geselligen Leben mit Eifer freiwillig vereinigt. Ihre passenden Mitglieder können daher auch ohne Brettersichcrheit bei überwiegend gutem Willen, lebendigen Humor, Kenntnissen und Talenten nach erlangten Graden von Kunstfertigkeit oft noch mehr gutes leisten, als der verpflichtete Schauspieler bei verlorenem Humor im täglichen Spielen, wobei er von diesem schönen Geschenke nicht so selten und freiwillig Gebrauch machen kann, als der Ackeur des Liebhaber- theaters, dessen Umfang auch gewöhnlich klein ist und jeden in den Stand setzt, sein Sprachorgan eben so D LIO bequem zu gebrauchen, rvie im täglichen Leben, wahrend das größere Theater den Acteur nöthigt, sich zvr Ausfüllung des größern Raums ein ganz eigenes, ft-m. artiges Organ nach Jahren ganz anzugewöhnen,^er Liebhabertheaterspieler kann seine nöthigen Modulationen ohne Veränderung des Grundtones-mt mehr Sicherheit einüben. Ferner geben ihm die öftern Proben häuflg Gelegenheit, die kleinen Freiheiten, welche oft das Stuck noch mehr beleben, mit Auseinandersetzung und Bestimmt- heit sicher zu sicllen. Keine Kritik setzt Liese llcteurs zurück de!en Kräfte noch der Beifall und die Erkenntlichkeit für ein Vergnügen, Las man nicht zu fordern berechtigt ist, erheben. Die Liebhabertheateraeteurs können, wofern sie sich nicht zu Stücken von großen Vorberettun- aen und sorgsamen Anstalten versteigen, an ihren Vorstellungen Genuß und Belehrung haben. Denn be, ihnen werden z. B. alle älterlichen Gefühle und häuslichen Scenen ohne Galle und leeres Geschrei ganz wahr gs- aebcn die Liebeserklärungen oft eben so zart und ehrlich gesprochen, als erwiedert, so daß keine Person auch mir die Hand der andern in allen Acten berührt, bis endlich die Hand der Geliebten dem Liebhaber erfreulich gereicht wird. Auf Liebhabcrtheacern behandelt man auch die feinen Nuanzen der Gesellschaft in den Kleinigkeiten der Damen sorgfältiger, wenigstens in ausge- aewählten Stücken, denen man gewachsen ist und worm man für die verpflichteten Schauspieler oft belehrend werden kann. Lassen sich aber die Licbhabertheaterae- teurs wöchentlich auf eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen ein; so verlieren sie ihr Interessantes und verfallen leicht in die Gewohnh-itsfehler anderer Scham LII spiclcr, ohne deren Sicherheit durch Beruf und Studium sich erworben zu haken.§n Berlin, Dresden, Ham- kurz, Leipzig und in andern angesehenen Städten gibt es recht artige Liehhakertheater, welche riel für die wahre Kunst versprechen. Die hohe schöne Natur und Wahrheit gefällt stets und überall; sie ist eine Sprache für alle Völker in allen Jahrhunderten.— Auch Lieh- Habertheater könnten bei zweckmäßiger Einrichtung mit der Zeit eine Art von Pflanz schulen für die öffentliche Schaubühne werden. Noch wäre zu wünschen, daß agirende Personen auf sehr kleinen Pri- rattheatern, wenn sie im Beifeyn anderer Mitgenofsen entweder mit ihnen heimlich und im Vertrauen, oder für stich und also bei Seite sprechen, die Hand wenigstens auf der Seite nach derjenigen Person- welche es nicht hbren soll, dabei nach dem Munde hin an die Wange hielten und öfter noch leiser Hiebei sprächen, damit nicht vollends alle Täuschung in Zuschauern auf so kleinen Tischtheatern, weder Zuschauer und Mitspieler überdicß jedes Flüstern vernehmen kann, vernichtet werden möchte!— Plan zur möglichsten Vervollkommnung öffentlicher oder Nationalchearer. Nun erst lassen sich die zweckdienlichsten Mittel zur möglichsten Vervollkommnung des öffentlichen und Privattheaters leicht erforschen und gehörig beurtheilen. Aus dem bisher Gesagten erhellet zur Enügc die hohe Wichtigkeit- LI2 Nützlichkeit und unentbehrliche Nothwe... gk it nicht blos der Schauspielkunst sondern auch des vollendet guten Theaters uberhau t und der Pslanzschule desselben.-.ur möglich, Vervollkommnung des Theaters überhaupt wird^) erfordert, daß es vom Staate unmtttelbar se bst zweckmäßig verbessert und verwaltet rre"-E i) da-in vollkommen gut-" S"»eht e. eS und besetzteö Theater(schon laut der^or.ede und Einteilung dreier Lehrmethode sur TheatercaaLu daten) unstreitig zu den nützlichst-n, richtigsten BildungSanfialten des ganzen L-taatv gebbrt-, so sollten künftig schon aus diesem Hauptgrund- wenigstens die öffentlichen°der Ha,.pt- theater(gleich den übrigen öffentlichen Lehr- und Wildungsaw alten) nothwendig von dem Staate unmittelbar selbst nicht etwa blos als Schutzl.Nd abhängen, sondern von ihm vielmehr auch zweckmäßig angeordnet, eingerichtet, besetzt, versorgt, durch Uuf- munterungen unterstützt und weislich verwaltet werden. Denn so lange dieß nicht vom Staate unmttteloar selbst erfolgt, sondern öffentliche Theater blvsen Staatsbürgern aus höher» und niedern Stan-e» überlassen werden, so lange sind alle öffentlichen Theater im Ganzen nicht ganz gut bestellt, er» weil ihre Unternehmer aus mancherlei Ursachen(z. B. entweder aus Untunde, oder eigener Unordnung und Nachläßigkeit, oder aus unzeitiger Sparsamkeit, oder unnöthigcr Verschwendung u. d. gl.) entweder mit der 2eik zu Grunde gehen, oder Loch das Theater nur fort regetiren lassen'und auf blosen Erwerb(Gewinn, 2II der hieb« gar nicht Stadt finden soll!) sehen nfi.ffen, ohne hinlänglich nachdrückliche Rücksicht auf möglichste Verbesserung und Vervollkommnung auch nur ihres eigenen Theaters, noch weniger aber der ganzen Schauspielkunst nehmen zu können, wie die tägliche Erfahrung nur allzudeutlich lehrt!— 2) Daher soll und kann dieß alles deswegen nur vom Staate unmittelbar selbst erfolgen, weil es der Staat eher und besser zu leisten vermag, als jeder blose Privatmann, oder«ine Gesellschaft von vornehmen Gönnern. Denn unter deren Leitung würde z. B. entweder a) schon die Errichtung eines Theaters mangelhaft erfolgen, oder d) dasselbe nicht immer ganz harmonisch und zweckmäßig regiert und verwaltet, oder c) nicht mit lauter passenden Subjecten besetzt, ä) oder als ein bloser Erwerbszweig allzu ökonomisch behandelt werden, folglich immer leiden und sehr bald in Verfall gerathen: oder e) ein solcher Verein von Theaterunternehmern würde(gleich dem reichsten Privat- eigenthümer desselben) aus mancherlei Ursachen der Un- kunde, oder der Verschwendung und Unvorsichtigkeit, oder des Misbrauchs seiner Güte u. d. gl. bald zu Grunde gehen, mit seinem Falle aber auch sehr bald das Theater sinken, mithin in allen diesen möglichen Fällen eher verlieren, als gewinnen, sich eher verschlimmern, alS verbessern und zur möglichsten Vollkommenheit gelangen, wie die vielfältig traurige Erfahrung Lurch warnende Beispiele nur allzudeutlich lehrt!—- z) Der unmittelbare Befehl des Regenten wirkt inehr und kräftiger, als der von einer, oder mehrern Privatpersonen. ri4 4) Selbst der talentvollste Künstler kann nur durch angemessene Aufmunterung, Unterstützung und Belohnung ganz vollendet groß auch in den Theater- fächern werden, wozu selbst die sichere Hoffnung und Aussicht auf eine angemessene lebenslängliche Pension für sich selbst im Alter, oder für seine Familie nach mehrern pflichkmäßig vollbrachten Dienstjahren gehbrt. Da nun auch hiezu das größte Privatsermogen weder so hinreichend, noch so sicher und zuvecläßig gewiß seyn dürste, als eine völlig gesicherte Anwestung zu Pensionen für dergleichen Kunstgenossen auf die Caffe des Regenten; so muß auch aus diesem Hauptgründe unter ihm unmittelbar das Theater mit dem ganzen Personale stehen, geschützt, aufgemuntert, befördert u nd belohnt werden. ;) Hiezu kommt noch, daß iedes gute Theater theils auch einer landesherrlichen Censur unterworfen seyn, oder werden müsse, theils Policei- aufsicht erheische, theils im Lande keine herumziehenden Theatergescllschasten geduldet werden sollten, weil eine solche Zigeunerei die Schauspielkunst herabsetzt, herabwürdigt oder verächtlich macht!— Lauter Hindernisse, welche nur der Staat unmittelbar selbst ganz zu heben vermag!— 8) Auch die oberste oder hvchsteTheater- direction der Haupttheater kann ebenfalls nur von dem Staate unmittelbar selbst nachdrücklich und ge- hb-ig eingericht werden, um für Schauspielkunst und Theater möglichst vsrtheilhaft wirken zu können, wobei aber eben so wenig gespart werden darf, als 215 bei andern vollkommen gut eingerichteten Lehr- und Erziehungs- oder Bildungsanstalten I— Sonst läßt sich an keine wahre und bleibende Erhebung dieser Kunst und des Theaters überhaupt zur größten Vollendung denken!— Daher soll die oberste Theaterdirection r) nur einer Person anvertraut, nie zwei Directoren zugleich ertheilt werden, weil jede Diarchie(laut aller Erfahrung) schädlich ist. 2) Die respective Theaterdirection darf künftig so lange, als sie noch keine eigene Pflanzschule besitzt, oder aus ihr noch keine passenden Subjecte aller Art nehmen kann, weder Mühe, Fleiß und Aufmerksamkeit, noch Unkosten scheuen, ein auserlesen gutes Theaterpersonale zu erhalten, welches selbst in den höher» komischen Fächern mit dem gehörigen Anstande der fein gebildeten Welt in hohen Ständen, folglich mit einer so veredelten Natur und Wahrheit auftreten kann, daß dieselbe den Zuschauer in die beste Gesellschaft der großen Welt täuschend zu versetzen vermag. Dieß soll bei jedem Schauspieler vorzüglich in Hauptstädten um so eher der Fall seyn, je mehr er hier gebildete Zuschauer und Gelegenheit findet, sich selbst in guten Gesellschaften nach den besten Mustern deS ungezwungenen Benehmens immer weiter zu vervollkommnen. Widrigenfalls verhält sich das ganze Spiel und Benehmen der Acteurs und der Actrisen zu dem eines guten Theaterpersonals gerade so, wie der Umgang der Personen aus den Provinzen zu dem der Einwohner der Hauptstädte, in denen sich der gute s:6 Ton einer fein ungezwungenen Lebensart zum Theil auch bis auf den Bürgerstand verbreitet. z) Die refy. Theaksrdircction fall blos laut« solche Künstler und Künstlerinnen wählen, deren Betragen, Denk- und Handlungsweise im Stande ist, ihnen bei Ihren Mitbürgern Achtung und Zutritt zu verschaffen, folglich auch das bisher gegen das Theaterperfonale herrschende Vorurtheil zu widerlegen, oder doch zu schwächen und durch ihr Beispiel in Vergessenheit zu bringen. Zu diesem Behufe ist es ohne hinlängliche Pstanzschulen und gute Subjecte oft nbthig, einen erfahrnen Schauspieler auf Reisen zu senden, um von guten Theatern die fehlenden Personen für ein großes Theater zu verschaffen. 4h Selbst die resp. Direetion soll daher aber auch ein solches achtungswürdige Personale nicht etwa als Miethlinge und als sklavische Unterthanen, sondern als Personen von ausgezeichneten Talenten und guten Sitten mit angemessener Güte, Achtung und Aufmunterung behandeln, alle andern aber von weniger Talenten, oder guten Sitten entweder gar nicht annehmen, oder bald möglichst wieder entfernen, wenn sie schon aufgenommen waren. 5) Die resp. Direktion soll ferner auch die besten aus- und inländischen dramatischen Dichter(durch Zu- sicherung von angemessenen Belohnungen) zur Lieferung von guten Theaterstücken aufmuntern, um auch durch Abwechselung neuer guter Stücke mit den altern das Publikum stets angenehm überraschend zu unterhalten. allen Stücken soll nur äußerst selten Gebrauch von P r o- vinzialiömen gemacht werden, welche sonst nie vor- "7 kommen dürfen, als in den eigentlichen National- oder Provinzial- und Localstücken vorzüglich des Niedrigkomifchsn oder der Posse. Dieß aües soll auch mit möglichster Verbesserung in den Singspielen, Pantomimen und Ballsten geschehen. 6) Die resv. Direetion hat demnach auch das ganze Theatcrpcrsonale angemessen zu besolden, das Honor eines ieden nach Verdienst zu erhöhen und verdienstvolle Künstler nach Erfordern^ endlich mit hinlänglich versorgender Pension in Ruhestand zu setzen. 7) Endlich soll die resp. Theaterdirection bei der innern Einrichtung der Schauspiele sowohl in Ansehung der nöthigen Sicherheit und Bequemlichkeit für Zuschauer, als auch in Ansehung der Theaterverzierungen(Dekorationen), der Kleider(des Costüms), der ganzen Garderobe, kurz des ganzen Vestkariums und Scenariums für angemessene ökonomische Th e ater p olic ei Möglich« sorgen, welche sich selbst auf die äußere Sicherheit und Bequemlichkeit der Ein- und Ausgänge, des Aus- und Einsieigens der Personen in ihre Wagen erstrecken muß. In allen diesen Punkten wird eine gut« Direktion von allen brauchbaren und gegründeten Erinnerungen der Sachkenner den besten Gebrauch machen. L. Die Theatereensur. welche nebst der Thea- terpolicei und angemessenen Oekonomie ebenfalls nur vom Staate unmittelbar selbst zweckmäßig eingerichtet werden kann, soll bei Beurtheilung theatralischer Stücke künftig zwar im Ganzen liberal, aber doch darin streng seyn, daß sie sich nicht blos auf Ll8 die Fabel, sondern auch auf den Dialog, oder Monolog gleichmäßig erstreckt und die Aufführung schlechter Stücke, wie ihren Abdruck, eben so wohl gänzlich verbietet, als ehemals das Ext empor treu, oder die Dummheiten der Burlesken, der niedrigsten Possen, Farcen, H-r-n- und Zauber- stücke, als offenbare Entehrungen der teutschen und jeder andern Nation!— Aber selbst d. strengste Censur muß der Schauspielerbibliothek wenigstens ein Exemplar von jedem in ihr Fach einschlagenden verbotnen Werke zum Lesen in der Bibliothek erlauben, damit sich das Personale allseitig ausbilden kann. v. Eine vbllig angemessene Theaterbiblro- thek, welche wiederum nur von dem Staate unmittelbar selbst du ch rie Tbeaterdirection mit Hülfe wahrer Sachkenner am zweckmäßigsten eingerichtet werden kann, ist für alle Kunstwnossen, Theatereandidaten und selbst für dramatische Dichter unentbehrlich nothwendig, wich-' lig und bbckst nützlich. Sie muß aber wenigstens die besten Schriften über das Theater und die vorzüglichsten dramatischen Stücke enthalten. Denn selbst für den angehenden Dichter ist eine solche Sammlung aller möglichen Theaterstück- um so nützlicher, je leichter er auch in manchen schlechten Producten dennoch guten Stoff findet. welchen sein Genie vortheilhaft bearbeiten kann. Selbst bei der strengsten Censur muß es einer Theater- bibliothek erlaubt seyn, ein Exemplar von verbotenen, aber nöthigen Büchern zu besitzen, oder sich anzuschaffen, welches kein Gift bringen kann, wenn man es ohne alles Ausleihen blos auf der Bibliothek lesen muß, wo dem Genie kein Gcisteöproduct schädlich zu werden ver- 219 mag. Denn Kunstschauspieler müssen unstreitig durch beständige Lectüre guter Schriften ihres Faches, durch ununterbrochene Bekanntschaft mit aller neuen und alten, guten und schlechten Literatur dieser Art täglich genährt und gebildet werden, wofern anders ihr Spiel und Geschmack nicht unvollkommen bleiben, oder altmodisch und perichlimmert werden soll. Da nun die meisten Künstler entweder aus Mangel an Vermögen, oder an hinlänglicher Kenntniß im Stande sind, sich eine gute, noch weniger eine vollständige Theaterbibliothek anzuschaffen, welche gleichwohl für sie unentbehrlich nöthig und nützlich ist; so muß der Regent selbst durch die oberste Theaterdireetion mit Hülfe verständiger Sachkenner eine solche Bibliothek mit nöthiger Auswahl anschaffen, vermehren und durch den Lireetor des Thea- terinstituts, oder durch einen andern einsichtsvollen Staatsbeamten und Gelehrten zweckmäßig verwalten lassen, wodurch sich der Staat unsterblichen Ruhm und ein bleibendes Verdienst um die möglichste Vervollkommnung der Schaubühne selbst bei den Ausländern erwerben kann. Außer allen bisherigen dramatischen Stücken, Zeichnungen, Theorien, Beurtheilungen, Dramaturgien, Journalen u. d. gl. soll eine solche Bibliothek auch noch alle nöthigen Kupferstiche und Beschreibungen der Sitten und Gebräuche, der Kleidungen und Wohnungen, der Mythologie aller alten und neuen Völker jedes Jahrhunderts und Jahrtauscndes enthalten, ferner die allgemeinen Wörterbücher, die Claffiker, Geschichtschreiber und Ne.sebeschreibungen, die nöthigen physiogno mischen Kupferwcrke und Gemälde wegen des malerischen Ausdrucks der Mienen und Geberden überhaupt w- rro Bei so großen Fortschritten und überwundenen Hindernissen läßt sich mit Grunde boffen, daß die mbglich st- Vervollkommnung der Schaubühnen, welche noch dem unsterblichen Josevh N, und Friedrich II. oder Großen von Preussen mcht g-lmg-n wollte, nun endlich unserm Kaiser Franz Wilhelm in- und Alexander l- g-wP zuerst nung d-S Theaters eben sowohl blos teutsch- 7- «-uf-«.-,«-«7»,-^' in Frankreich französisch-' m l_nzla^ Nur die Nation albühne kann"' geeihen. Da es nun heilige«t.st ur.de Na- r:7«7:.7--.^s7.: m zu vervollkommnen; so müssen auch w.r T-u. s^en folgende Punkte genau erfüllen und als noth, wendige Mittel anwenden, welche allein be. weneu, «L-«,--.»7 7-.7.^7. führen können, i) Ww mu ss-n als teuc,«)- --u-^ 77-77,: »b-,-b-n s-->»»; .7s« dl-s-.»« '-7"77"7L777.°rs7 «su-»s.«..u.s«. .7,««"»»"" rri und Singspiele in fremder(italienischer, oder französischer) Sprache, noch ähnliche Ballets nöthig haben oder brauchen, sondern dieselben vielmehr mit allen italienischen, oder französischen Künstlern dieser Art um so eher und leichter entbehren können,-e mehr wir nun selbst theils gute teutsche Schau- und Singspiele, theils gute teutsche Ucbersetzungen der besten dra- maiischen Stiche der gedachten Nationen, theils gute Ballets, theils teutsche Künstler dieser Fächer in hinlänglicher Menge wirklich selbst besitzen. Es wäre demnach künftig theils offenbare Schande für uns, theils wahre Satyre auf die teutsche Nation und Spott gegen jeden teutsch gesinnten Biedermann, wenn Teutsche von nun an noch ferner französische, oder italienische(warum nicht auch englische, oder spanische und russische?) Theater' Schauspieler, Actriscn, Opernsänger und Ballettänzer auf immer beibehalten wollten, ohne auf deren gesetzmäßige Abschaffung im Ernste zu denken und an derselben aus allen Kräften zu arbeiten!— 2) Es müsse», sollen und können auf unsern teutschen Theatern künftig blos die besten dramatischen Stücke in teutscher Sprache eben sowohl, als die besten Ballets auch allein von teutschen Künstlern aufgeführt werden. Denn bei dieser Aufmerksamkeit für das teutsche Theater(d. h. für die Ratio n a l sch a ubüh n e) folgen wir den Beispielen der Italiener, Franzosen und Engländer, welche nie ein fremdes Theater zum Nationaltheater erheben, sondern alles vermeiden, was den National- ruhm verdunkeln könnte!— ;) Der Endzweck oder das höchste Ziel des Theaters ist angenehm unterhaltende Belehrung oder untet dem Scheine der angenehmen Belustigung, nützlich zu unterrichten, durch Beispiele zur Tugend zu ermuntern, durch Darstellung schädlicher Folgen das Laster beschämend abzuschrecken, die Leidenschaften durch Schilderun gen ihrer Gefahren zu bezähmen, die Thorheit lächerlich zu machen und selbst die Sprache zu verbessern re. Daher dürfen zwar häufig Lustspiele aller Art (mit Inbegriff der Charakter-, Rühr- und Ränkestücke, der Schäfer- und Lachspiele und der Poffenspiele) gegeben werden, aber a) zur blosen Abwechselung und Würze des Lebens nur selten(z. B. höchstens blos einmal die Woche) Trauerspiele, d) so auch Singspiele, Pantomimen und Ballets. Denn die Stunden, welche man in dein Schauspielhause vor der Bübne zubringt, sind der nöthigen Erholung von Ge- schälten aller thätigen Personen gewidmet; deswegen fordert man in der Regel solche Stücke, welche die Sehnen des Geistes und Herzens eher nachlassen, als noch mehr vom neuen anspannen. Daher soll das Lustspiel(vorzüglich das scherzhafte) das herrschende der Nationalbühne seyn; die rührenden Dramas, folglich vorzüglich die Trauerspiele sollen demnach (gleich der Würze) nur sparsam untermischt werden, um hiedurch das Vergnügen des Lachens schmackhafter oder genußreicher und mannichfaltiger zu machen. Bei kleinern Stücken, oder kurzen Vor- und Nachspielen muß immer wenigstens ein scherzhaftes Stück mit einem ernsthaftcrn abwechseln. Nach den verschiedenen Abstufungen des Scherzhaften überläßt sich 5- 22Z ver Zuschauer entweder ganz der Lust und lacht ohne Zurückhaltung; oder er lächelt nur sanft und denkt dabei über den zurückgelassenen Eindruck des Scherzhaften nach. Deswegen sollen sich alle theatralischen Vorstellungen(zur Befriedigung der mannichfaltigsten Temperamente des Publikums) bald zum feinsten Scherze erheben, bald sich herablassen und bis an die Gränze der Posse sinken, so weit es Anständigkeit und gebildeter Geschmack erlauben, zu welchem das minder gebildete Publikum sich allmahlig auch erheben lassen muß. Schon Lessing sah ein, daß eine mit lauter geschickten Personen gut besetzte Schaubühne des Flitterputzes von Ballets höchstens blos zur Abwechselung brauche, eben weil der tiefe Eindruck, welchen ein gut aufgeführtes Schauspiel bewirkt, durch die alsbald darauf folgenden S ch a u t a n z sp i e l e, oder p a n- tomi mischen Possen nur allzuschnell verlöscht wird. Gleichwohl ist die Bildung des Verstandes und Herzens, welche nicht durch Pantomimen und Ballete, sondern nur durch gut dargestellte Schauspiels aller Art erfolgen kann, weit edler und nützlicher, als die Erregung der blosen Sinnlichkeit durch Ballets und Pantomimen. Daher ist es ein sicheres Kenn zeichen theils des Verfalls eines Theaters theils des schlechten Geschmacks der Schau spieler selbst und des Publikums, wenn man häufig pantomimische Vorstellungen, oderBallets gibt und fleißig besucht, wie man leider setzt selbst in Hauptstädten findet und wohl gar vicrfüsskge Anverwandte aus dem Thierreiche als active Mitspieler auf dem Theater applaudirt 224 wogegen ick oft gesprochen habe; seitdem hat auck unser große Göthe in Weimar die dort rühmlichst gebührte Theaterdircction blos aus Unwillen über diesen thierischen Theaterunbug niedergelegt!— Selbst allzu bftere Singspiele aller Art sind das Verderben jeder Bühne, wie die tägliche Erfahrung lehrt, weil sie durch Gesang und Musik den vorigen Eindruck und Einfluß guter Schauspiele eben so schwächen, wie-Pantomimen und Schaulam- spiele. Da aber eine Oper, oder Operette wert leichter zu schreiben ist, als ein gut charakter.sirteS Schauspiel, weil jede Komödie dem Operndichter leicht Stoff zu seiner Arbeit darbietet, dessen kraftlose Schwäche und Charakterlosigkeit er durch eingeschaltete Gesänge mit wenig Mühe verbergen und sein Werk in wenig Tagen vollenden kann; so legen sich die neu entstehenden Theaterdichter weit häufiger auf die Abfassung von Singspielen, als von Schauspielen. Da nun die letzter» auch schwerer aufzuführen sind, als die Opern; so geben die Schauspieler auch öfter und lieber Opern, als Schauspiele, welche weit mehr Talent Mühe und Kunstfertigkeiten erfordern, als leiernde Singspiele!- Auch diesen Unfug wird künftig jede gute Theaterdirection verbannen, nämlich nicht etwa blos untersagen, sondern auch durch angemessene Belohnung, z B. selbst durch eine angetragene Einnahme der 4ten, Lten, 8ten, oder Yten Vorstellung guter Schauspiele, di« beffer'n Dichter ansei,ern und aufmuntern, bessere Wege zu betreten, mit Kopf und Her; vorzüglich an guten Schauspielen zu arbeiten, um hiedurch der schon einge- S2Z schlichenen Theaterpest einen mächtigen Damm mit Muth und Kraft entgegen zu setzen!— Blos in großen Residenzstädten müssen wegen fremden Gesandten, welche der Landessprache unkundig find, oft auch gute italienische, oder französische Opern und lauter gute B alle ts gegeben werden, doch in der Regel so, daß sie auch zur äußern Bildung junger Kunstschaufpielcr vieles Beitragen können, sonst aber selten, oder gar nicht. Doch sind bekanntlich die englischen dramatischen Stucke für den Teutschen noch angemessener, als die französischen, weil die englische Laune bei aller Freimüthigkeit in zweckmäßigen Uekersetzungen dennoch zum teutschen Ernste besser paßt, als die französische Leichtigkeit, welche fast alle Charaktere(ausser einigen kleinen Cchattirungen) nach dem Verhältnisse ihres Standes, Alters und Geschlechts einander ziemlich ähnlich macht. Deswegen wirken zweckmäßige Uebersetzungen guter englischer Stücke weit vortheilhas- ter auf uns, als die neuen französischen, welche oft mehr dialogistrte Romane, als gute Schauspiele sind!— Daher sollen und müssen zur Beförderung des höhen Zwecks der theatralischen Vorstellungen alle Geburten der Sturm- und Drangdichter mit schlechten Opern, Pantomimen und Ballets von guten Bühnen ganz verö drängt werden, eben weil dergleichen Stücke blos durch prächtigen Aufwand der Decoration der Pferd e- und Soldatenaufzüge nur den großen Haufen der gedankenlos gaffenden Menge fesseln können, den denkenden und gebildeten Zuschauer aber beleidigen, ihn entfernen, gute Schau- P 226 spiele verdrängen,-der schwächen, den Verfall deL ^tten Geschmacks nach sich ziehen, zu lauter Ungereimtheiten verführen. hiedurch Vernunft. Tugend und Wahrheit beleidigen. folglich angehende Lichter und Kunst, schauspieler leicht verderben!- Uebrigens versteht eS sich von E das- de aroke Scl'aubühne vier bis fünf Inspectoren haben muß. -üren Monat die Aufsicht über d.e singenden und spielenden Theatermitglieder fuhren muß, m ß die andern die täglichen Geschäfte und C°rresp°nd-nz besorgen oder Proben anordnen, d.e Anschlagezettel ^fertigen und die Gesetzübertreter wöchentlich an;-.- aen oder das Sitzung«- und Neferatprotokoll über n u Stücke, oder über die Decoratron und das ,7,»','.7,-77 2"»-« x) Kunstschauspieler und Schausp.ele ^ Ooeristen. Pantomimen und Bal- l!tt"än;'er sollen sich demnach nicht allein durch a u s- gezeichnete Fähigkeiten und erwor ene Kunst- sertiakeiten. sondern auch durch gute S.tten d7 Achtung des Publikums, dessen The-lnahme und Beifall erwerben, hiedurch aber sich den Weg bahnen. Zutritt in die vornehmern und besten Gesellschaften zu krb77. Denn nur hier finden sie die beste Gelegen- h t a) den guten gesellschaftlichen Unterhaltungston der in ihrem Spiele grbßtentheils herrschend seyn M. aam in der Nähe aus der ersten Duelle rein kennen und sich darnach bilden zu lernen. Hier w.rd k» d.e LL7 Schauspiclkünstlerinn in dem Zirkel vornehmer, gebildeter Domen, der Kunstschauspieler hingegen in dem Kreise der hohen Beamten und Cavaliere diejenigen Urbilder theils zu dem edlen freien Anstande, theils zu der Ungezwungenheit und Leichtigkeit des Umgangs, endlich auch zu der feinen Höflichkeit, Hof: und Mo- desttte am besten studiren können, welche wir von ihnen mit Recht auf der Schaubühne fordern und erwarten, worin auch bisher oft allein der Vorzug des französischen Theaters vor dem teutschen oder unserm Nationaltheater überhaupt größtenthcilS bestand,^tcder Kunstschauspieler hat oben bei mehrern Charakterschilderungen deutlich eingesehen, wie gut es für jeden, oder für jede Actrice sey, entweder selbst Dichtkunst zu treiben, oder dieselbe doch mit der ganzen Beredtsamkeit genau zu studiren und sich darin ebenfalls möglichst zu üben um jedes schöne Cprachprvduct gehörig beurtheilen, oder nöthigen Falls eine paffende Anrede nicht nur an das Publikum sondern auch an die resp. Vorgesetzten, ja oft an den Regenten selbst init Beifall halten, oder durch manches gute Gedicht sich Gönner und Freunde erwerben zu können rc. Nie können auch solche Künstler zuviel, oder gar auslernen!— 6) Dramatische Dichter sollen daher auch ihre Pflicht erfüllen, durch Lieferung der möglichst besten Stücke die Nationalschaubühnen auö allen Kräften auf die Stufe der höchsten Vollendung befördern zu helfen, nämlich nicht etwa durch Singspiele, oder durch Entwürfe zu Pantomimen und BaketS, sondern vorzüglich durch Bearbeitung guter Charakterschauspiele aller Artz P r srz wie oben gezeigt wurde. Die hiebe. zu beobachtenden Regel» und Gesetze finden sie ausführlich m meinem Sysieme der Declamatien.-ke Auflage. Wien, 1818 Dort wird unter andern z. B. auch gezeigt: daß jede schbne Kunst eine Darstellerin des ideellen Sch ö- nen(des Unbedingten, Absoluten) in uns, ihr Kunstprodukt aber die Darstellung der absoluten Urbilder deS Himmlischschbnen des menschlichen G-rsteS sey. Daher muß jedes wahre Kunstwerk mit Ablegunz aller blosen Individualität dargestellt und allein nach dem Maaßsiabe des Absoluten der Menschheit beurtheilt werden. So ist z. B. wahre-Poesie immer nur Darstellung der wahren innern Empfindung des Dichters, welche er nie von außen her erhalten, sondern blos aus sich selbst(aus seinem Gemüthe und Geiste) schöpfen kann. Denn, um andere Personen zu erschüt- -/rn und ihnen Leidenschaften darzustellen, muß der Dichter erst vorher selbst erschüttert lehn und Leidenschaft empfinden, welche er nicht blos inalen und selbst kein bloses Gemälde seyn darf, gleich dem Kunstschau- spieler. Rührten seine Dichtungen blos von äußern Einflüssen her, so müßten dieselben auch auf andere Personen von ähnlicher Organisation gleiche Eindrücke hervorbringen, welches doch wenigstens nur selten der Fall seyn dürfte. Denn bei der feinsten Organisation ohne frei« Geistesthatigkeit und Empfänglichkeit erfolgen doch immer nur Eindrücke ohne alles Wissen und Darstellen, ohne lebendiges Auffassen, Bearbeiten und schöpferischen Ausdruck aus sich selbst; sonst wäre alles Produciren des Schonen blos blinder rry Naturtrieb der Bienen und anderer Thiere, aber kein selbstthätiges Schaffen, da doch alles Schöne immer mit Liebe(so wie alles Wahre und Gute mit Achtung—) verbunden ist, welche sich nie ohne freie Selbstthatigkeit und Selbstbestimmung denken läßt. Daher kann alle schöne Kunst(z. B.«Poesie und ihre belebende Deklamation mit der Schauspielkunst) weder blose Nachahmung der körperlichen, äußern Natur, noch diese die einzige Sphäre der Dichtkunst, folglich nicht der Grund des Wohlgefallens an der nachgeahmten Natur seyn, nicht Interesse durch Wahrnehmung der Aehnlich- keit einer poetischen Darstellung mit der Natur erwecken oder begründen, ob dieH gleich Aristoteles(in seiner Poetik Kap. I.§. r. IV. z. i. u. f. f. behauptete, dem es die meisten Gelehrten bisher blind nachbeteten. Selbst die wirklich schönen Naturprodukte sind nicht (wie Kunstprodukte) absichtlich, sondern nur zufällig schön und erscheinen uns nur als zweckmäßig, ohne von der Natur durch blinde Wirkungen absichtlich schön hervorgebracht worden zu seyn. Daher ahmt z. B. der Dichter, oder Schauspieler keineswegs die Natur deswegen nach, weil sie schön ist; sondern er bildet dieselbe blos idea lisch um und bedient sich also ihrer als bloßes Mittel zum Zwecke, um durch sie den Kunstcharakter auszudrücken. Alle wahre schöne Kunst muß daher nicht etwa blos die Natur nachahmen, sondern vielmehr an sich schon so schöpferisch seyn, daß sie solche Urbilder darstellt, wovon man in der ganzen Natur kein N ach bild findet, sondern blos in den absoluten Ideen alles Schönen des menschlichen Geistes, r;s folglich nach Plato's erhabener Dichtung in h i in m- lischen Regionen. Nach ihm ist das irdische (natürliche) Schöneder bisse Abglanz jenes himmlischen Schonen, welches in unserm Geiste und Gemüthe liegt!— Der vollendete Dichter und schone Künstler überhaupt, folglich auch der des Theaters, darf aber nicht blos den Charakter des Geschlechts(z. B. den Empfindsamen und Gefühlvollen des weiblichen, oder blos das Große, Starke, Kräftige und Selbstständige des männlichen Geschlechts) darstellen, sondern er muß vielmehr das Wesen aller schönen, mithin auch der Dichtkunst, nämlich den Charakter der ganzen Menschengattung(ohne alles Individuelle des blos männlichen, oder weiblichen Geschlechts) ausdrücken, folglich die männliche Kraft, Stärke und Selbstthätigkeit mit der leidenden Empfänglichkeit und Empfindsamkeit harmonisch verschmelzen. Denn auch der Dichter(und schöne Künstler überhaupt) ist nur dann vollkommen und fleht auf der Stufe vollendeter Bildung, wenn er seine sinnliche und vernünftige Natur(jede ohne Nachtheil der andern) harmonisch ausgebildet hat. Nur aus diesem himmlischen Bande geht ein Produkt hervor, welches den Charakter der Menschengattung in sich vereinigt, folglich ein Denkmal vollendeter Bildung und Erzeugung des menschlichen Geistes auf ewige Zeiten bleiben kann. So ist;. B- Aeschylus mehr männlich und stark, als empfin- dungsvoll, Euripides hingegen zu weiblich; nur Sophokles ist der schön vollendete(männlich weibliche, kräftig starke und gefühlvolle) Jüngling, welchen Aefchylus und Euripidcs liebend umfassen, weil ihn jeder für seine Geburt hält, indem er beide in sich vereinigt. Nach diesem Ideale lassen sich alle berühmten Dichter und schönen Künstler jedes Zeitalters und Volks gebührend charakterisiren. Möchten doch künftig alle jungen dramatischen Dichter und Kunstschauspieler ihre Produkte nach diesen himmlischen Idealen allein darzustellen sich rühmlichst bestreben!—> 8) Das Publikum wird dann ebenfalls i) t a- lentvolle Kunstschauspieler(oder Theaterkunstgenossen aller Art von großen Fähigkeiten, Kunstfertigkeiten und guten Sitten) gewiß mit angemessener Achtung behandeln, sie in die besten Gesellschaften ziehen, ihnen hier Beweise seiner Werthschätzung und Gelegenheit zu ihrer vollendeten Ausbildung geben, r) Selbst ein hoher Adel wird sich um das N a- tionalschauspiel nicht blos durch Schutz und Unterstützung verdient machen, sondern auch an der gänzlichen Ausbildung talentvoller Kunstgenossen nähern Antheil nehmen. z) Auch alle übrigen Theilnehmer, Gönner und Freund« des Theaters, folglich alle gebildeten Zuschauer und Zuhörer werden künftig einen bessern Ton ihres Betragens im Theater ihren übrigen Mitbürgern angeben, alle unnöthigen und unangenehmen Störungen durch Vivat- oder Bravorufen und Klatschen, oder wildes Pfeifen, Stampfen und Lärmen während der Action möglichst zu verhindern suchen, weil hiedurch der Künstler in seiner Darstellung höchst unangenehm unterbrochen, hingegen durch Beifallszeichen nach jeder ge- »Z» endigten Scene, oder zu Ende des ActeS aufmunternd belohnt wird, wo man ihn nicht mehr stört und noch Zeit genug belohnt!— I) Schon aus diesen bisher angeführten Punkten, noch mehr aber aus nachfolgenden Gründen erhellet die unentbehrliche Nothwendigkeit, Wichtigkeit und der große Nutzen einer musterhaften Pfanzschule oder Akademie für Lheaterkan» didaten und angehendeKunstler, oder Künstlerinnen in Thaliens und Melpomenens Tempeln. Denn i) schon seit Verbessern Bildungsperiode teutscher Schaubühnen haben Leßing, Sonnen fels, Weiße, Engel, Ramlcr, Gleim, Göthe. Mieland, Müller und andere berühmte Sachkenner, hohe Gönner und Freunde des Theaters öffentlich mit Recht behauptet:„Auch die Schauspielkunst setzt(gleich jeder andern schönen und bildenden Kunst) eine P flan z sch u le voraus, in welcher talentvolle Knaben und Mädchen, Jünglinge und Jungfrauen, oder angehende Schauspieler und Schauspielerinnen, Operisten, Pantomimisten und Ballettänzer aller Art(nach glücklich überstandener Prüfung ihrer Talente und Lust zu diesen Kunstfächern) aufgenommen und vollkommen zweckmäßig ausgebildet werden können." Gleich der Singkunst, der Muflk, oder der Fecht-, Reit- und Tanzkunst, der Dicht- und Redekunst, muß auch die Schauspielkunst ihre eigenthümliche Pflanzschule(ein Thcaterphilantropi n) haben, richtig vorbereitet und geleitet werden, wie man schon ehemals damit einen Versuch in Mannheim, Wien -rzz und Berlin wirklich««macht hat. Denn nur durch richtige Leitung und zweckmäßig emsigen Fleiß können sich die Zöglinge das Recht erwerben, auf Ehre und Achtung ihrer Zeitgenossen gegründete Ansprüche zu machen. Eine zweitausendjährige Erfahrung lehrt » n§, daß die erfe Grundlage der Erziehung den Charakter für die ganze Zukunft bestimmt, weil die ersten Eindrücke auch bei dem jungen Kunstgenossen unvcrtilg- bar bleiben und Einfluß auf sein ganzes Leben behalten. Daher müssen alle seine Geistes- und Körperkräfte/ alle seine Empfindungen, Neigungen, Gefühle, Triebe, Assecte und Leidenschaften schon in ihrem ersten Keime geleitet werden, wo die Weichheit und Unbefangenheit des Geistes, Körpers und Herzens noch jede Biegung willig annimmt. Wäre der Endzweck des Theaters auch nur das Vergnügen des Volks ganz allein; so wäre es schon aus diesem Grunde äußerst wichtig, dergleichen Unterhaltungen dem Publiko durch keine Stümper und sittenlose Menschen vortragen zu lassen, für welche man außer den Erholungsstunden im Theater keine Achtung haben kann. Aber die Schaubühne ist etwas mehr; sie kann und soll weit mehr seyn, folglich ihr edler, erh ab e n er Zwecknichtdurchunedle Mittel und unwürdige Schauspieler ohne zweckmäßige Erziehung eben so vereitelt werden, wie die Wirkung einer guten Kanzelrede durch tadelhafte Sitten des Redners. Beide gleichen einer Uhr, welche zwar richtig geht und schlägt, aber die Stunden und Minuten unrichtig zeigt. Da nun alle diese Nachtheile künftig durch eine gute Theaterpflanzschule am besten vermieden rZ4 werden können; fs ist dieselbe schon auS diesem Grund- höchst wichtig, nöthig und nützlich. s) Dieß erhellet noch deutlicher daraus, daß ein gutes Theater, welches man sich künftig auf immer nur von einer solchen Pflanzschule zu versprechen hat, un- gemein viel zu nützen vermag. Denn es bildet und reinigt z. B. nicht blos Sprachen und Sitten, Geist und Herz, sondern es Veredelt auch den Künstler selbst, wie den Zuschauer und Zuhörer-c. Es kann ferner Liebe für den Landesvater und ächten Patriotismus in die Herzen der Staatsbürger pflanzen, dieselben zu allem Guten, Schönen und Großen geneigt und fähig machen, oder doch dazu gehörig vorbereiten; der Regent selbst kann das Theater zum Leitungsmittel der Gesetzgebung erheben und dadurch seine Unterthanen in die erforderliche Stimmung setzen, alle guten Verordnungen mit Dank und Beifall willig anzunehmen rc. z) Eine zweckmäßige Pflanzschule des Theaters ist um so nöthiger, se leichter sonst selbst das beste Genie ohne günstige Gelegenheit zur Erlernung der unentbehrlichen Vorkenntnisse, folglich ohne zweckmäßige Bildung vvm Mangel darnieder gedrückt wird und zur Unbrauch- barkeit für das Theater herabsinkt. während selbst geringe Talent« zu dieser Kunst durch regelmäßige Ausbildung dennoch brauchbar werden und sich über das Mittelmäßige erheben können. Nur in einer solchen Erziehung«- und Bildungsanstalt vermag man die hiezu fähigen Köpfe genau zu erforschen, zu leiten, zweckdienlich zu unterrichten und zu ihrer Bestimmung vor zu bereiten, alle hiezu unfähigen aber abzuweisen und ihnen andere Fächer anzurathen. Nur in einer solchen Anstalt 2ZZ können und müssen sich talentvolle Theakercandidaten (wie jeder andern bildenden Kunst) Jahre lang gehörig bilden, einüben und dennoch in weit kürzere Zeit vollkommenere Künstler werden, als ohne ein solches Institut, ohne welches viele unserer jetzigen Schauspieler oft erst in ihrem roten Jahre durch Unglücksfälle zum Theater überzugehen genöthigt wurden, ohne daß sie die nöthigsten Vortennrnisse, oder nur die ersten Grundsätze eines guten Geschmacks besaßen, folglich ohne weder ihre Mangel und Fehler zu tcnnen, noch im Stande zu seyn, günstige Gelegenheit zu ihrer Ausbildung zu finden und sich für die Bühne hinlänglich vorzubereiten. Auf solche Art müssen selbst gute Köpfe höchst mittelmäßig bleiben, die Schauspielkunst handwerksmäßig erlernen und dann mechanisch forttreiben, folglich in der Regel unglücklich werden!— 4) Solche Theaterpflanzschul.n können am besten entweder blos in großen Haupt-und Residenzstädten, oder nur in angesehenen Universitätsorten mit glücklichem Erfolge und geringern Unkosten errichtet werden, welche jährlich eher sich vermindern, als vermehren würden. Denn a) in solchen Städten finden die Zöglinge weit eher, als in kleinern Städten ohne Universität und Residenz, günstige Gelegenheit, für geringe Unkosten auch fechten und reiten zu lernen, ohne daß man in ihrem Institute besondere Lehrmeister dieser Fächer mit großen Unkosten zu halten braucht, d) Große Residenzstädte sind auch allen andern kleinern ohne Universität, zumal allen blosen Provinzialstädten theils schon wegen shres stersen Umgangs und Betragens im Prvvinzial; »?6 Umgänge, theils deswegen vorzuziehen und für Theaterpflanzschulen vortheilhafter, weil hier die Zöglinge die beste Gelegenheit finden, sich nach guten Mustern einer feinen Lebensart theils außer dem Theater, theils in demselben zu bilden und die Schaubühne fleißig zu besuchen, welche man in Provinzialstädten nie ganz gut besetzt findet, c) In jeder größer» teutschen Residenzstadt wäre auch wohl schon deswegen eine Theaterpflanzschule nöthig und nützlich, weil man hier die inländischen Zöglinge auch in der ganz fehlerfreien rein teutschen Mundart bilden, folglich alle Provinzialismen und fehlerhafte Aussprache am besten verbannen könnte, ä) Ueberdieß brauchte man deswegen auch nicht in jedem teutschen Lande, sondern blos in jedem der drei, oder vier größer» Reiche TeutschlandS «ine Theaterschule zu errichten, weil man mit ausgebildeten Zöglingen derselben nicht nur das Haupttheater und die Provinzialbühnen, sondern auch die auswärtigen Theater benachbarter Länder besetzen könnte, wo gute angehende Schauspieler gewiß ebenfalls mit Freuden aufgenommen werden und vielfältigen Nutzen stiften würden. So konnten dieselben;. B. nicht allein den verbesserten Geschmack und sittliche Gefühle ächter Art verbreiten, die Sprache berichtigen und verfeinern heft sen, sondern auch dem Geschmacke der Nation an erlaubten Vergnügungen edler Art dadurch neue Nahrung zuführen, daß die Zöglinge mit, oder ohne ihre Lehrer nach hinlänglich gemachten Fortschritten ihrer Ausbildung die Erlaubniß erhielten, in Advents- und Fasten, Zeiten, wo die Bühnen gewöhnlich geschlossen sind, oder ln Abwesenheit des Regenten, entweder auf dein öffent- 2Z? rkchcn Theater, oder auf einer Privatbichne verschiedene für sie passende Stücke aufzuführen. Hicdurch würde einerseits das Publikum einen neuen Zweig erlaubter Unterhaltung und an Moralität gewinnen, weil manchen die Besuchung des Theaters von Ausschweifungen, welche gerade in theaterlosen Zeiten am häufigsten vorfallen, abhalten würde; andererseits würden die Zöglinge mit ihrem Institute selbst außer der Kunst auch noch durch eine gute Einnahme gewinnen, weil Neuheit und Theilnahme der Einwohner an diesem Institute viele Zuschauer herbeilcckcn müßten. Hierdurch könnte der nöthige Auswand für die Theaterpflanzschule immer mehr vermindert werden und in der Folge ganz aufhören, mithin das Institut sich endlich selbst erhalten und sich zur Wür de einer menschenfreundlich wohlthätigen Nationalstiftung erheben, in welcher manche arme, oder verwaisete Kinder von hinlänglichen Fähigkeiten, welche sonst unentwickelt bleiben und leicht verrosten würden, nützlich versorgt und ausgebildet werden könnten!— Die Anzahl der Zöglinge einer solchen Pflanzschule könnte wenigstens zo, aber nicht über 60 seyn Unter zehn bis zwölf Jahren sollte kein Zögling ausge^ nommen werden, welche sich hiezu wohl leicht in Menge würden finden lassen, oder sich von selbst melden würden. Die Hauptgegenstände dieser Bildungsanstalk müßten folgende seyn: s) Ein sittlich gutes, ftiedliches Betragen und Ermüdeter Fleiß im Erlernen der nöthigen Sprach- und Vorkenntniße überhaupt, z. B. außer der- rein tcutjchen Sprache auch noch die lateinisch«, französische, italienische und englische Sprache nebst allen andern Hülfs- oder Dorbereitungswissenschaften lind zweckdienlichen Mitteln zur Schauspielkunst, damit die Zöglinge nicht nur gute Acteurs und Actricen werden konnten, sondern damit auch jedes von ihnen, welches entweder keine Lust, oder nicht hinlängliche Fähigkeiten zu diesem Fachs hätte, dennoch ein anderesnützliches Fach wählen und ein brauchbares Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft werden könnte, b) Außer den oben angeführten ordentlichen Speech- und Lefestunden müßten die Zöglinge zweckmäßige Anleitung erhalten, theils nach den Mustern der großen, gebildeten Welt, theils nach den Regeln der Tanz- und Fecht-, oder Exercirkunst (außer der Reitkunst,) sich schicklich, natürlich zwanglos, frei, richtig und auf eine angenehm empfehlende Art zu bewegen, c) Bei dem oben geschilderten decla- matorisch mimischen Vortrage müßte man vorzüglich auf Natur und Wahrheit, auf Richtigkeit, Empfindung, Anmuth und harmonische Abwechselung des Ton- und Geberdenausdrucks sehen, ll) Theils durch zweckmäßige Vorlesungen über diese schone Kunst, theils durch tägliche gute Lectüre und eigene Ausarbeitungen über dramatische Stücke, Künste und Charaktere müßte man daS Urtheil der Zöglinge und ihren Geschmack an schönen Künsten, vorzüglich aber an dramatischen Stücken üben, fleißig schärfen und fest begründen, in Verbindung mit andern schönen und bildend darstellenden Künsten, z> B. der Dichtkunst, der Musik, des Gesangs, der Malerei u. d. gl., wie ich oben bei den drei V>l- dungsperioden in der Charakterschilderung aller Rollenfächer ausführlich gezeigt habe. 2Z9 Das hieraus fließende Lehrpersonale eines solcher, Instituts müßte daher bestehen: i) aus einem geschickten Director von wissenschaftlicher und geschmackvoller Bildung, welcher nicht allein die nöthigen Vorlesungen und Uebungen zweckmäßig verwalten, sondern auch die Aufsicht theils über die guten Sitten der Zöglinge, theils über ihre übrigen Studien, theils über die bei dem Institute unentbehrlich nöthige Thsaterbiblisthrk führen könnte, verbunden mit der Besorgung aller nützlichen Torresoondenz. Zu diesem Fache aber hat kein Schauspieler Zeit und Lust, selten auch Talent. -) Hiebei könnte ihm außer den Religionsstunden ein würdiger und v orurtheilsfreier Religionslehrer eben so wohl hülsreiche Hand leisten, als Z) ein geschickter Schreibe- und Rechenmeister, 4) ein guter Repetent, 5) eingeschickter Tanz-und B a lletm eister, welcher auch wohl fechten und eperciren lernen könnte, welches sonst auch ein anderer Sachkenner für wenige Kosten zu lehren im Stande wäre, so auch die Reitkunst und die fremden Sprachen, Zeichenkunst und Malerei, 6) ein guter Lehrer der Musik und des Gesanges, ^^^ gesittete, rechtschaffene, vor- Arbeiten geübte Frau als Aufseherinn junger Actricen 8) em geschickter, gesetzter und gesitteter Schau- .p-eler zur Anordnung und Leitung der Theaterproben »40 mit einigen nöthigen Domestiken. Dann brauchten wir weder fremde Künstler, noch unsere angehenden rm Auslande bilden zu lassen; sondern die ausländischen Künstler würden sich vielmehr genöthigt sehen, sich bei uns in einer solchen vollendeten Kunstakademie auch dieser Art, dergleichen selbst nicht die Griechen und Römer besaßen, hinlänglich auszubilden. Ich habe zwar mich erboten, eine solche Kunstakademie, wodurch z. B. Wien vollends das neue Athen werden würde, zweckdienlich einrichten zu helfen; allein mein Vorschlag ist bis jetzt ohne Erfolg, ohne Unterstützung und Begünstigung(fruchtlos) geblieben. Man hat längst mit Recht Maler- und Zeichenakademien gestiftet; warum aber bis jetzt noch keine Akademie der Scelenmalerei des Kunflschauspiclers, Redners und Deklamators überhaupt? Ware eine solche nicht eben so nöthig, wichtig und nützlich? Gibt es etwa eine wichtigere, schönere, nützlichere, interessantere und lebendigere Malerei, als die mimisch oratorische und declamato- rische des Redners und Kunstschauspielers? Hat man feit den Griechen und Rdmsrn eine höherewahr- hafte Würde anerkannt, als die eines großen Redners, Kunstschauspielers und Feld Herrn? — Und doch existirt noch keine Akademie für Redner und Kunstschauspieler, aber manche Militärakademie!— Warum wohl? Zum Schutze des Staats. Aber auch Rede- und Schauspielkunst vermag ihn durch Verbreitung guter Sitten, ächter Lebensweisheit und gute Lebensregeln wenigstens innerlich zu schützen, wie z. B. ein Demosth e- nes. L M " K' ',> L4l nes, Satyr os, Nrscius und Cicero bewiesen haben!— Freilich bringt Schauspielkunst(wie Poesie) dem Staate keinen Groschen ein. Daher unterblieb bisher eine solche Stiftung aus Mangel an Erkenntniß ihrer großen Wichtigkeit und Nützlichkeit! Beschluß. Quintessenz von VvrstchtS- und Le- beiisregeln für angehende Künstler und Künstlerinnen der Bühne. „Veranlaß' nie Neid und Feindschaft! sondern stieh' und meide alle Gelegenheit, Ursache oder Veranlassung und Gründe hiezu möglichst!" Dieß ist die große und goldne Grundregel auch für das junge Thcaterpersvnale, aus welcher sich alle besondern Regeln von selbst leicht herleiten lassen, ohne deren treue Befolgung man aber auch bei dem Theater(der Welt im Kleinen) durch eigene Schuld(obgleich unbewußt und unerkannt, folglich aus Unwissenheit und Unvorsichtigkeit) sich alle Feindschaft, Derlaumdung, Cabale, Intrigue uyd Nachtheile grvßtentheils selbst zuzieht. Denn wer z. B. aus Mangel an Welt- und Menschenkenntniß nicht stets vorsichtig, behutsam, verschwiegen, oft in sich verschlossen, nachgiebig, bescheiden, billig, gerecht und nachsichtig ist, sondern allzu offenherzig ohne Vorsicht und Mistrauen, oder gar verläumderisch, plauder- und klatschhaft, eitel, unbe- scheioen, stolz, hofsärtig, unbillig, ungerecht und rachsüchtig, neidisch, zänkisch, rechthaberisch, oder allzuge- fällig, nachsichtig und nachgiebig ist, der muß sich selbst alle Nachtheile, Verfolgungen, Unannebmlichkeitcn, Feindschaft, Caoale und Intrigue, allen Neid und Haß nothwendig zuziehen. -42 1) Sey daher(bei aller erworbenen Kenntniß und Kunstfertigkeit) stets bescheiden, ohne Eitelkeit, Anmaßung und Stolz, selbst bei dem größten Lobe, oder Verdienste, das man dir aus irgend einem Grunde, im Ernste, oder Scherze, mit Recht, oder Unrecht entweder ertheilt und zurechnet, oder abspricht. Auf solche Art vermeidest du am besten Neid und Feindschaft. 2) Sey auch willig und bereit, dienstfertig und hülfreich zu allem Guten, Wahren und Schonen, folglich dafür mit Vorsicht allein empfänglich und dazu fähig, doch ohne dieß ausdrücklich merken zu lassen; wodurch du sonst alle schlechten Personen gegen dich ohne Noth aufbringen würdest!— z) Sey daher so vorsichtig und behutsam in allen Dingen, daß du weder Neid, noch Bosheit, Feindschaft, Schadenfreude und Verläumdung gegen dich entrüstest. Hast du z. D. eine Rolle mit Beifall gegeben; so laß es dir weder merken, noch geitze nach aus- drücklichem Lobe, noch suche selbst um eine Wiederholung desselben Stücks an; sonst machst du dir selbst Feinde!— 4) Sey gegen eines jeden Verdienste gerecht und billig, selbst gegen deine erklärtesten Feinde! Tadelt z. B. einer deiner Bekannten einen deiner Collegen im Ernste, oder Scherze, aus hinlänglichem Grunde, oder nicht; so sey stets auch hiebei möglichst billig, gerecht, schonend, nach- und vorsichtig, ohne dich über jemanden zu erheben, lustig zu machen, ihn zu verkleinern, zu»er- läumden, oder zu verachten und dich selbst verächtlich zu machen, oder dir Feindschaft zu zuziehen. z) Sey daher möglichst verschwiegen, oft in dich verschlossen, schw er g l ä u big, eher m i s- trauisch, alS leichtgläubig und offen her- -43 zig, nur redlich und aufrichtig, aber nie offenherzig, weil Offenherzigkeit überall gemißbraucht wird, selbst oft von den besten Freunden ohne böse Absicht.'- 6) Flieh und meide daher auch alle eigentliche Vertraulichkeit und kindische Offenherzig,- keit.eben so sehr, als allzuviel« Bekanntschaft und sogenannte Freunde? 7) Suche dir durch rastlose innere und äußere Bildung, durch stets höher zu erwerbende Grade von Kunstfertigkeit und Sittlichkeit zwar immer mehr Achtung, Liebe, Vertrauen, Gönner und wohlwollende Freunde zu erwerbe», aber wähle dir wenigstens unter deinen Gollegen keinen zum eigentlichen Freunde! Denn hier, wo Cabale und Liebe an der Tagesordnung ist oder immer gespielt wird, findest du schwerlich einen achten und beständigen Freund, dem du dich ganz anvertrauen könntest. Das thue nie, sondern behalte das Beste bei dir. ohne es jemanden anzuvertrauen! Denn es ist eins deiner höchsten Güter, das du nicht veräußern und verschwenden sollst!— 8ä Hüthe dich vor allen Liebschaften mit Theaterperfonen! Hier kannst du nach ihrer bisherigen Bildungsart keine wahre Liebe und Treue, noch weniger Beständigkeit erwarten, selbst nicht bei der besten(aus einem andern Stande gewählten) Frau wenn du sie mitspielen läßt! 9) Sey zwar billig, nachsichtig, gütig, wohlwollend, theilnehmend und nachgiebig, aber nie in zu hohem Grade ohne nöthige Ueberlegung und Vorsicht, damit du nie deinen nöthigen Respect verlierst, schwach, dumm, albe>n, kindisch u. d. gs. deinen Col- L44 legen erscheinst, welche dich sonst auf alte Art misbrau- chen und zum Besten haken!— Kurz, befleißige dich auch bei dem Theater jeder Tugend, flieh und meide jedes Laster! Sey treu, redlich, brav, verschwiegen, duldsam, bescheiden, nachgiebig und aufrichtig, aber mit größter Vorsicht und Behutsamkeit, nie ganz offenherzig und vertraulich, hingebend und treuherzig! Dieß alles, meine jungen Freunde und Freundinnen, befolgt treu! Zeichnet euch nicht blos durch Fortschritte in neuen Kunstfertigkeiten, sondern auch durch gute Sitten aus! Gebt auch hierin ein gutes Beispiel. Erwerbt euch durch musterhaftes und tadelfreies Betragen die Achtung, Werthschätzung und das Vertrauen edler Menschen; bahnt euch hiedurch(wie die großen griechischen und römischen Tragiker, oder Komiker) den Weg in die angesehensten Gesellschaften; widerlegt den bisher oft gegründeten Vorwurf:„Ihr wäret verdorbene Studenten, oder Zofen, oder leichtbeschaftigte Müßiggänger und arbeitsscheue Menschen!" Dann werdet ihr durch ein solches musterhaftes Verhalten den Grundstein zu einer schönern Morgenröthe und bessern Aussicht für das Theater, zu einer Theaterakadcmie legen, wenn ihr dem Staate zeigt, einer eigenen Lehr- und Erziehungsanstalt zu der ganzen Schauspie l k u n st w ü r d i g zu seyn!— Denn auch durch angenehm unterhaltende Belehrung und noch öftere Belustigung des Staats macht ihr euch um ihn verdient und euch seiner väterlichen Fürsorge würdig!— /^ ?7 ! - >H 'V . k X- i ,17 x--^ r- GOOO«GW G K G « « « Wien, bei N Kammer. « S G « GO«- 4 'k . -