«lsner 8tLlit-8id>!0tke!l 6884^ - E8NMZR - Die Nachfolge ver Allerseligsten Jungfrau, vier Büchern. Nnirrs vilÄ, omnirini äisei^llnu. -is L- 2. Aus dem Französischen. Neue Übersetzung. 'XL' Wt i e n. Druck und Verlag der Mechitaristen-Congregations-Buchhandlung. 1833. ' I Z7 orwor 1 o «^n dem Leben der allerseligsten Jungfrau zeigen alle Tugenden und Vollkommenheiten sich wie in dem reinsten Spiegel; und mit weit größerem Rechte als der Apostel, konnte diese hochgebenedeite Gottesgebärerinn zu allen Christen sprechen:»Seid meine Nachahmer, wie auch ich die Nachahmerinn Christi bin!« Daher auch folgt der ungenannte Verfasser dieses freundlichen Buches der jungfräulichen Mutter Jesu von ihrer unbefleckten Empfängniß an bis zu ihrer siegreichen Himmelfahrt, gleichsam in allen Geheimnissen und Verhältnissen ihres Lebens nach, betrachtet ihren gottseligsten Wandel, entfaltet das Hciligthum ihres Herzens, zeigt die wundersame Lieblichkeit ihrer heiligen Beispiele und regt das Herz zu ihrer andächtigen Verehrung und Nachfolge an. Immer war die zarte Andacht zur geliebten Mutter unsres Erlösers allen Kindern der katholischen Kirche theuer; und wie sehr auch Irrgläubige und Gottlose aller Zeiten dieselbe verkann- ten, verhöhnten und lästerten/ geht dennoch der Ausspruch dieser Königinn der Propheten unwandelbar in Erfüllung:»Selig werden alle Geschlechter mich nennen!« Denn von Anbeginn bis auf unsre Zeiten ertönte ihr Lob durch alle Jahrhunderte in der heiligen Kirche. Darum war auch wahrhaft frommen und gläubigen Seelen zu allen Zeiten Alles willkommen, was die Verehrung der allerseligsten Jungfrau förderte; zumal salbungsvolle Schriften, welche die Andacht und Liebe zu ihr verbreiten. So ward auch die Nachfolge Maria/ die hier in einer neuen Uebersetzung erscheint, oftmals gedruckt und in verschiedene Sprachen übersetzt. Der geistreiche und fromme Verfasser stellte dieselbe der Nachfolge Christi nahe und behielt auch Eintheilung und Form derselben so sehr als möglich bei. Das Werk enthält eine Fülle heilsamer und weiser Ermahnungen, innerlichen Trostes und zarter Andacht, nährt gottliebende Gemüther, und lehrt sie auf liebliche und salbungsvolle Weise, alle Verhältnisse des Lebens nach dem göttlichen Wohlgefallen ordnen und auf den Spuren des heiligsten Vorbildes nach dem himmlischen Vaterlande streben. Erstes Buch. Leben und Tugenden der allerselrgsten Jungfrau von ihrer unbefleckten Empfänglich an bis zur Geburt ihres göttlichen Sohnes zu Bethlehem. Erstes Capitel. Von der Nachahmung der Tugenden der allerseligsten Jungfrau. i.->^elig, die meine Wege bewahren! Selig der Mensch, der mich anhört,«(Sprichw. 8.) und achtsam ist auf die Beispiele der Tugenden, die mein Leben ihm zeigt! Die heilige Kirche, die der Mutter des Herrn diese Worte in den Mund legt, ermähnt uns dadurch, daß wir den Wandel dieser Königinn der Heiligen in unserm Thränenthale sorgsam überdenken, und was wir in ihr bewundern, durch treue Nachahmung vollbringen. Selig fürwahr, wer Maria nachahmt; denn sie nachahmend, ahmt er Jesus nach, den König und das erste Vorbild aller Tugenden! 2. Das Leben dieser Jungfrau ist ein Spiegel für Alle; dort ersehen wir, wie wir wandeln sollen zu jeder Zeit und unter allen Verhältnissen des Lebens, in Wohlfahrt und Trübsal, in Gebet und Arbeit, in Ehre und Erniedrigung. Nimmermehr zwar werden wir die Höhe der Vollkommenheit erreichen, mit welcher sie alle ihre Werke vollbrachte; doch um so vollkommner wird der Mensch, je näher er diesem wunderbaren Vorbilde kommt. 8 3. Du also, der du einen Diener dieser gebenedeiten Jungfrau dich nennest und dem Wohlgeruch ihres heiligen Wandels nachfolgen willst, biete deine ganze Kraft auf, die lebendige Thätigkeit ihres Glaubens, die Schnelligkeit ihres Gehorsams, die Tiefe ihrer Demuth, die zarte Aufmerksamkeit ihrer Treue und die Großmuth ihrer Liebe in dir nachzubilden. Niemand ist, der nicht, gestützt von göttlichem Beistand, es vermöchte, ihr Beispiel zur Nachahmung sich vorzusetzen und in der Ausübung dieser wundersamen Tugenden ihr zu folgen. Ohne diese Nachahmung ist deine Liebe zu Maria nicht wahrhaft noch stark; und vergeblich erwartest du sichtbare Zeichen ihres mütterlichen Schutzes. 4. Zwar thust du allerdings wohl, wenn du jeden Tag Gebete zu ihrer Ehre sprichst; wenn du äußerliche Merkmahle ihrer Verehrung an dir trägst; wenn du irgend einer heiligen Verbrüderung einverleibt bist, die sie mit besonderer Andacht verehrt; denn dieß fordert die hohe Gottesgebärerinn auf, Gnaden des Heiles dir zu erbitten. Nimmermehr jedoch wird diese Andacht dich retten, wenn sie nicht bis dahin reicht, daß du vor Allem ihre Tugenden nachahmest. Die Philister waren im Besitz der Arche des Bundes; sie beschenkten dieselbe sogar mit glänzenden Gaben; dennoch ward sie ihnen nimmer ein Quell des Segens; weil sie dabei ihre Götzen abgöttisch liebten. 5. Wie billig ist es, o Königinn der Tugenden, daß wer dich liebt, für dich thue was man Freunden dieser Welt zu Liebe thut! Sorgsam bilden, die sie lieben, sich nach ihrer Weise und theilen mit ihnen Ansichten und Neigungen. Dieser Gleichförmigkeit entspringt die Einigung der Herzen; und keine Freundschaft besteht wo keine Ähnlichkeit waltet. Wie soll je deinso demüthiges, dein so keusches, den Anordnungen Gottes so treu untergebenes, dein für Gottes Sache so glühendes Herz einem stolzen, unreinen Herzen in Liebe sich vereinen, das ohne Ergebung in den Willen Gottes, und fern von Eifer für seine Ehre ist? Mit weit größerem Rechte denn der Apostel sprichst du zu uns:»Seid meine Nachahmer, wie ich die Nachahmerinn Christi war!« sii. Cor. 4.) Seid ihr meine Kinder, so bekleidet euch mit dem Geiste eurer Mutter! 6. Der Geist der Kinder Maria muß, gleich dem Geiste ihrer Mutter, ein Geist liebreicher Wohlthätigkeit, ein Geist des Friedens, ein Geist der Abtöd- tung, ein Geist der Furcht und Liebe Gottes seyn. O gebenedeite Jungfrau, fest steht mein Vorsatz; es ziele von dieser Stunde an meine Andacht zu dir vor Allem dahin, deine heiligen Tugenden nachzuahmen. Dieß ist die vollkommenste Verehrung, die mein Herz dir zu erzeigen vermag; dieß das größte Merkmahl meiner getreuen Liebe zu dir. so Zweites Capitel. Wie hoch wir die heiligende Gnade achten sollen. 1. Frei war Maria im ersten Augenblick ihres Daseyns von der erblichen Schuld; sie ward in der Gnade und Freundschaft Gottes empfangen. Wir alle kommen als Kinder des Zornes zur Welt; Maria allein war die ewige Liebe zuvorgekommen; sie trat als das höchste Werk der Gnade ins Daseyn. Rein und fleckenlos sollte nach dem ewigen Rathschluß der Tempel seyn, worin die Fülle der Gottheit wohnen sollte; es forderte die Ehre des Sohnes Gottes, daß seine jungfräuliche Mutter auch nicht Einen Augenblick Unterthan wäre dem alten Feinde. 2. Doch wie überaus hochachtete Maria diesen glänzenden Vorzug! Diese wunderbare Gnade war ihr was jenem weisesten Könige die Weisheit war: der Lluell aller Güter. »Der Herr besaß stein, Anbeginn seiner Wege.« (Sprichw. 8.) Und unendlich höher achtete sie diese Glückseligkeit denn alle irdischen Kronen. Mit vielen andern hohen Vorzügen war sie geschmückt; doch weit kostbarer war ihr dieß Unterpfand der göttlichen Liebe denn alle übrigen; weil sie dadurch vor den Augen des Allerhöchsten wohlgefälliger erschien. Ihr ganzes Leben war ein fortwährendes Zeug- niß ihrer Dankbarkeit gegen Gott für Liese so glor- würdige Wohlthat, die kein anderes Geschöpf mit ihr theilte. 3. Sieh, christliche Seele, du empfingst in der Taufe die Gnade, die Maria im ersten Moment ihrer Empfängnis! empfing. Durch diese Gnade erwarbst du das Recht, Gott: deinen Vater, Jesus, deinen Bruder zu nennen; eingesetzt wurdest du»zur Erbinn Gottes und zur Mit-Erbinn Christi;«(Nöm. 8.) und es ward das Reich der Himmel dir bestimmt. Erfassest du auch wohl die Erhabenheit dieser glorreichen Vorzüge?— Erfassest du aber auch den ganzen Umfang der heiligen Pflichten, die sie dir auferlegen?— 4. Ach, wie wenige Christen denken, zur Schmach des Christenthums, hierüber nach! wie äußerst Wenige wenden ihre Gedanken und ihren Fleiß dahin, daß sie durch Heiligkeit des Wandels ihre so hoch erhabene Würde behaupten! Wie Wenigen liegt daran, dieß Gewand ihrer Unschuld, dieß Symbol der Reinigkeit und Frömmigkeit der Kinder Gottes unentweiht zu erhalten! Man rühmt sich eitler Vorzüge dieser Welt, und in wundersamer Verkehrtheit weist man den letzten Platz einer Gnade an, die in ganz eigentlichem Sinne allein unsrer Achtung würdig ist. Man brüstet sich einer adeligen Abkunft dem Fleische nach; und scheut sich nicht, durch ein ganz 12 thierisches, ganz fleischliches Leben eine ganz geistige und ganz göttliche Abkunft zu schänden! Man prahlt mit einer eingebildeten Freiheit, und crröthct nicht, durch eine abscheuliche Verbindung mit dem Satan, wieder zu seinem Reiche zurückzukehren, sein Brandmahl an sich zu tragen und auf's neue in seine Knechtschaft sich zu schmiegen, in welcher man unglückseliger Weise geboren ward! Man läuft mit wüthiger Gier Gütern und Erbschaften der Erde nach, und vernachlässigt, ja verachtet aufgewisse Weise das ewige Erbe aller Güter des Himmels. 5. O ihr undankbaren Seelen, unglückselige Opfer der Sünde, wer ihr auch seyn möget, erhärtet wenigstens eure Herzen nicht der göttlichen Stimme, die euch zurückruft! Noch harret eurer eine zweite Taufe, die Gnade der göttlichen Kindschaft wieder zu gewinnen, die ihr verloren habet; noch harret eurer die Buße! O eilet mit Vertrauen dahin und mit aufrichtigem Sinne! Nichts verlangt euer himmlischer Vater so sehr als euch übermal in seine Freundschaft aufzunehmen! 6. O reinste und fleckenlose Jungfrau, bitte für uns, daß wir aufhören Sünder zu seyn; daß wir nie mehr zur Sünde zurückkehren; daß wir standhaft in dem Vorsatz verharren, den unermeßlichen Verlust zu ersetzen, den wir dadurch erlitten, daß wir so lange in der Sünde lebten! Dein Schutz erflehe uns die Gnade, daß wir 13 abermal in die Kindschaft Gottes aufgenommen werden; und danken werden wir dir dann und, nach deinem göttlichen Sohne, dich lobpreisen als den Quell unsres Heiles. Drittes Capitel. Von der Sorgfalt, mit welcher wir die heiligende Gnade bewahren sollen. 1. Geboren ward Maria in der Gnade Gottes, ohne die mindeste Makel der Sünde, ja auch ohne den mindesten Hang zu derselben, und durfte also nicht gleich uns Sündern befürchten, daß sie irgend fallen würde. Nichts desto minder lebte sie in so großer Sorg- samkeit, daß wer immer ihren Wandel ins Auge faßte, den Schluß gefolgert hätte, sie habe eben so viel, ja noch mehr als wir Sünder zu fürchten. Ohne Unterlaß bewachte sie ihr Herz, als ob es den Geschöpfen möglich gewesen wäre, die Liebe desselben an sich zu reisten. Sie wachte über alle ihre Worte, gleich als dürfe sie ihren eigenen Lippen nicht trauen. Ob auch mit allen Vorzügen der Unschuld empfangen, wollte sie dennoch immerdar ein bußfertiges Leben führen. 2. Wir dagegen, wie sehr auch schmeichelnde und trugvolle Feinde uns umgeben, die nur darauf ausgehen, unsre natürliche Schwäche zu benützen wir fürchten nicht und wachen nicht! 14 Wir selbst bekennen, daß wir eitel Schwäche sind; und dennoch wagen wir uns oft in Gelegenheiten, worin sogar die Stärksten zu Boden fielen. Verdient etwa so vermessene Schwäche es nicht, daß die Stütze der Gnade ihr entzogen werde? 3. Wir tragen den Schatz der Gnade in sehr gebrechlichem Gefäße; urplötzlich kann solches zerbrechen, wenn wir dessen am wenigsten gedenken. Zahllose Feinde stellen diesem Schatze nach, und gieren, denselben uns zu rauben; Feinde von Innen, Feinde von Außen; Feinde, die uns allenthalben umringen. Innere Feinde sind unsre unabgetödteten Leidenschaften und Triebe; Feinde von Außen die Geister der Finsterniß; Feinde, die uns umringen, die Welt und ihre Verkehrtheit. Gleich einer noch rauchenden Fakel, sind unsre Leidenschaften immer nahe daran, abermal aufzuflammen und unser ganzes Herz in Brand zu setzen. Wären wir auch mit Sanct Paulus in den dritten Himmel entzückt worden, dennoch müßten wir fürchten, gleich dem rebellischen Engel hinabgestürzt zu werden in des Abgrunds ticfeste Tiefen! 4. Vergeblich stützt sich der Mensch auf eifrige Vorsätze und aufrichtigen Sinn; Eine unglückselige Gelegenheit genügt, ihn zu verderben. Ein vorwitziger Blick beraubte David der Freundschaft Gottes; Eine Dalila genügt, einen Samson zu stürzen. Es fielen starke Säulen der heiligsten Einöden; LS und zwar nach langjährigen Kämpfen gegen die wü- thendsten Stürme. Nicht immer gleicht auf dem Wege der Frömmigkeit ein Tag dem andern; und eine Seele, die Gott mit himmlischen Gaben begnadete, kann noch immer aus Mangel an Treue vor seinem göttlichen Antlitz verworfen werden. 5. Wer auf frühere Vorsätze baut, und nicht genugsam über sich selbst wacht, der wird über ein Kurzes sie brechen. Wer auf einem stürmischen und klippenvollen Meere schifft und nicht mit aller Sorgfalt sich vorsieht, der wird dem traurigsten Schiffbruch nicht entrinnen. Schwer ist's freilich, das ganze Leben hindurch die Neigungen des Herzens zu bewachen und zu be- streiten; doch ohne Wachsamkeit und Kampf ward Keiner der Heiligen heilig. 6. Herr, mein Gott,»durchdringe mein Fleisch mit deiner Furcht!«(Ps. ri6.) Deine Furcht erhält wachsam) und diese Wachsamkeit führt in allen meinen Kämpfen mich zu seligem Siege. Gib mir dein Licht, daß ich diese Gnade erkenne, die Dir Freunde und Kinder erzeugt, das einzige Gut ist, das meine Sorge verdient, und dessen Verlust allein meiner Klagen und Thränen würdig ist! O hätte ich diesen Schatz niemals verloren! Wie schwerem Schmerz des Herzens wäre ich dadurch entkommen! wie großen Reichthum hätte ich für die selige Ewigkeit mir gesammelt! 16 7> Heil mir und«dermal Heil, wenn ich dem Vorsatz getreu nachlebe, lieber alle Übel des Lebens zu leiden, als der Gefahr mich preis zu geben, diese heilige Gnade zu verlieren! l Bewahre ich diesen Schatz, dann wirst du in meiner Seele thronen, wirst durch deine Gegenwart sie besitzen, durch deine Weisheit sie erleuchten, durch deine Macht sie kräftigen; geben wirst du ihr Beweise deiner süßen Liebe, und selbst ihr überaus großer Lohn seyn in Zeit und Ewigkeit! Viertes Capitel. Mit wie großer Sorgfalt wir dahin wirken sollen, an Gnade fund Vollkommenheit zuzunehmen. Der Diener. i. In dem ersten Moment deiner heiligen Em- pfängniß hattest du, o gebenedeite Jungfrau, die Fülle der Gnade empfangen. Doch nimmer beschränktest du dich darauf, eines so großen Gutes unthätig zu genießen; dein ganzes Leben hindurch wirktest du mit aller Sorgfalt dahin, daß demselben die reichlichsten Früchte entsprössen. Die Gnade aber, die dort überhand nimmt, wo sie treue Bemühungen wahrnimmt, bereicherte dich mit jeglichem Tage mehr; du wärest ein wohl- bestelltes Erdreich, wo das mindeste Samenkorn hundertfältige Früchte brachte. Ob auch in Heiligkeit geboren, war dennoch 17 diese Heiligkeit dir nicht natürlich; doch gleichsam natürlich ward sie dir durch treue Sorgfalt und Arbeit. Maria trieb Zweige gleich der Palme; allenthalben breitete sie dieselben aus; es waren Zweige der Ehre und Gnade.(Eccli. 24.) Maria. 2. Mein Sohn, wenn du willst, daß die Gnade in dir zunehme, die zum Freunde Gottes, zum Kinde des Allerhöchsten, zu einem Tempel des Heiligen Geistes, zu einem Bruder und Mit-Erben Jesu dich bildet, so flieh die Welt, liebe das Gebet, tritt oftmals zu den Quellen der Gnade hinzu, und ergib dich Tugenden deines Standes. Willst du, daß die innewohnende Gnade der Heiligung in dir vermehrt werde, so sei den Regungen der Gnade getreu, die mit dir wirket. Höre die Stimme, die innerlich zu dir spricht, und laß von ihren Antrieben dich leiten. Je mehr Gehör diese Gnade findet, um so mehr unterweiset sie; und je nachdem der Mensch fortschreitet, lehrt sie ihn an, daß er neue und größere Fortschritte thue. 3. Viele wandeln einige Zeit auf dem Wege der Frömmigkeit, und ruhen dann, mit dem Wege sich bescheidend, den sie gethan; doch nie und nimmer spricht die Gnade: es ist genug! Andere erachten es genüge, wenn sie nicht offenbar böse werden; nimmer jedoch ist dieß genug; denn Nachf. Mar. 2 18 Keiner hat, so lange er lebt, das Ziel erreicht; darum soll auch der Beste jeden Tag sorglich arbeiten, besser zu werden. Wie Viele werden am Tage des Gerichtes bei dem Anblick der Schulden an die göttliche Gerechtigkeit staunen, weil sie die Mittel der Gnade nicht anwendeten, große Heilige zu werden! Wer auf dem Wege der Tugend nicht zunimmt, der geht zurück; wer hier nicht gewinnt, der muß nothwendig verlieren. 4. Wenn der Mensch im Dienste Gottes sich Gränzen setzt, dann setzt Gott seinen Wohlthaten Gränzen. Allein je weniger du mit Ihm rechnest, um so freigebiger und großmüthiger wird Er, selbst in diesem Leben, sich gegen dich erzeigen. Wie wenige Güter dieser Welt du auch habest, hast du derselben immerhin genug; doch Güter der Gnade kannst du nie und nimmer zu viele haben. 5. Strafe harret des Knechtes, der da säumt, mit den Gütern zu wuchern, die sein Herr und Meister ihm anvertraute. So erwache denn, mein Sohn, aus deinem Schlafe, der unheilbar werden kann und tödlich. Wirke allen Fleisses dahin, daß du die verlorene Zeit ersetzest. Sage nicht mehr, du begnügtest dich mit der letzten Stelle im Hause des himmlischen Vaters; wer also spricht, läuft Gefahr, gar keine darin zu erhalten. 2 19 Der Diener» 6. O gebenedeite Jungfrau, du mächtige und eifrige Beschützerinn der Seelen, komm mir zu Hilfe, daß ich ein Leben heilige, das Gott mir nur verliehen hat, damit es gänzlich darauf verwendet würde. Ihm zu dienen und Ihn zu lieben. Hilf mir eine Glorie verdienen, wohin ich mit dem Beistand der Gnade nur durch gute Werke gelangen kann, und deren Größe auch nur nach dem Umfang des Eifers bemessen wird, mit welchem ich solche vollbrachte. Fünftes Capitel» Daß man Gott bei Zeiten sich ergeben soll. i.»Höre, meine Tochter, und sieh! Vergiß des Hauses deines Vaters; und es wird der König deiner Zierde begehren!«(Ps. 44.) Schon in frühester Zeit vernahm Maria diese göttliche Stimme, die sie zur Einsamkeit berief; und noch in ihren kindlichen Jahren verließ sie das väterliche Haus, Gott in seinem Tempel sich zu weihen. Nichts hielt sie zurück, weder Zartheit des Alters, noch Schwäche des Leibes, noch der Ältern zärtliche Liebe. Was immer das Opfer eines Herzens verzögern kann, das nichts sucht denn Gott allein, und 20 nichts liebt außer Ihm, betrübt dieß Herz; weil es seine Glückseligkeit verzögert. Dort im Tempel des Herrn bot Maria allen Fleiß auf, die Dienste, die in Gemäßheit ihres Alters und ihrer Kräfte ihr oblagen, mit möglichster Vollkommenheit zu vollbringen. Die Zeit aber, die von denselben ihr erübrigte, weihte sie dem Gebet und der Betrachtung; und dadurch bereitete sie zu so vielen wunderbaren Gnaden sich vor, die Gottes ewiger Rathschluß ihr bestimmt hatte. 2. O Tochter des allerhöchsten Herrschers der Himmel, wie edel, wie glorreich sind deine Schritte! (Höh. L. 7.) Sieh, noch die späteste Zukunft wird dein heiliges Beispiel nachahmen! Zahllose Jungfrauen werden in deinem Gefolge mit heiliger Freude in dem Tempel des Königs der Könige sich heiligen! Dieß Opfer ihrer Jugend, ihres Herzens, ihrer Freiheit, ihrer selbst, das sie Gott darbringen, ist eine vollkommne Huldigung der ewigen Majestät; diese Huldigung aber ist ein Quell unversiegbarer Segnungen, selbst im Verlauf dieses irdischen Lebens. 3. Schwer ist der Irrthum Solcher, die da wähnen, die Jugend sei für Frömmigkeit und hohe Tugenden nicht geeignet. Maria und die Heiligen erfuhren in süßester Freude, wie heilsam es dem Menschen ist, das Joch des Herrn von Kindheit auf zu tragen(Klagt. 3.). Heißt dieß Gott als Gott verehren, wenn der Mensch Ihm nur den elenden Rest eines Lebens be- 2l stimmt, das ihm einzig darum gegeben ward, damit er dasselbe gänzlich zum Dienste Gottes verwendete? Welches Opfer brächten wir je dem Herrn, wenn wir, seinem Dienste uns zu weihen, ein Alter abwarteten, wo es uns an Kräften und an aller Hilfe dieser Welt gebricht?— 4. Wahrlich, sehr ungeduldig wird das Joch des Herrn tragen, wer sich nur entschließt, dasselbe zu tragen, wenn er von dem Joche der Welt ermüdet ist. Mancher spricht, erwerbe Gott sich ergeben, jobald er ein höheres Alter erreicht. Wird er aber dieß Alter erreichen?— Oder wenn er auch dasselbe erreicht, wird er sich wohl so leicht umbilden als er es wähnt? Es lehrt die Erfahrung, daß durch ein höheres Alter der Mensch zwar unterrichteter, doch nicht darum auch weiser wird. 5.»Herr, Herr, thu uns auf!«(Matth. 25.) riefen jene thörichten Jungfrauen; doch zu spät waren sie gekommen; sie fanden die Pforte verschlossen; und pochten vergeblich vor derselben. Selig, wer von früher Jugend an sich bereitet, vor dem allerhöchsten Richter zu erscheinen, der von jeglichem Alter Rechenschaft fordern wird! Wer Gott nicht den Anfang seines Lebens gibt, der fürchte, daß aus Gottes Zulassung das Ende desselben ihn bald ereilen werde. 6. Herr. mein Gott, ach, wie viele Zeit verlebte ich, ohne Dich zu lieben! Trostlos sollte ich 32 hierüber seyn. Bin ich aber deßfalls leicht zu trösten: Wie kann ich dann je mit Wahrheit sagen, daß ich angefangen habe. Dich zu lieben? Ach, daß die Tage meiner Kindheit schon vorüber sind! Mein Herz und meinen Sinn, meine Gedanken und meine Triebe, ja mein ganzes Wesen wollte ich Dir weihen! Dank sei deiner großen Barmherzigkeit gegen mich, daß Du das Leben selbst zur Zeit mir erhieltest, die ich damit zubrachte. Dich zu beleidigen! Gestützt durch deine Gnade, um die ich zu Dir seufze, will ich bis zum letzten Athemzuge Dir dienen; und zwar mit um so größerer Treue als ich später begonnen habe. Sechstes Capitel. Daß man Gott gänzlich und für immer sich ergeben soll. DerDiener. i. O eifrige Jungfrau, wie frühe ergabst du dich dem Herrn! Ja nicht nur frühe, sondern auch von Grund aus ergabst du dich Ihm, ohne irgend Ausnahme noch Vorbehalt. Du opfertest Ihm deine ganze Freiheit, damit du keinen andern als seinen Willen hättest. Kein anderes Vergnügen wolltest du kennen in dieser Welt, als Ihm zu gefallen; keine andere Freude, als um seiner Liebe willen jeder Freude zu entbehren. 23 Niemals auch ändertest du deßfalls deinen Sinn; standhaft wandeltest du auf den Wegen, die der Herr dir vorgezeichnet hatte; und thatst mit jedem Tage neue Fortschritte darauf. O wie sehr verdammt dein heiliges Beispiel meinen Unbestand im Dienste Gottes, und meine Beschränkung gegen Ihn! Mein Wandel bedeckt mich mit Schamröthe; denn da Gott immer Derselbe gegen mich ist, verdient Er es fürwahr, daß auch ich mit gleicher Ergebenheit und mit gleicher Treue Ihm diene, Maria. 2. Warum, mein Sohn, standest du still, nachdem du so gut begonnen hattest? Was konnte dich je hierzu bewegen? Ist Gott heute nicht ein eben so mächtiger und eben so liebreicher Herr als ehemals? Ist dein Verhältniß zu Ihm nicht immer gleich? Hängest du zu einer Zeit weniger als zu einer andern von Ihm ab? Ist deine Verpflichtung, Ihm gänzlich anzugehören, nicht gleich groß zu jeder Zeit? Je mehr du an Alter zunimmst, um so mehr nehmen Gottes Wohlthaten zu; mit denselben aber soll auch deine Dankbarkeit, und folglich deine Treue wachsen. Gott allein hat dein Herz gebildet; und zwar hat Er dasselbe für sich alleingebildet; so muß denn auch Er allein Herr desselben seyn. Er sprach nicht zu dir: Borge mir dein Herz; sondern: Gib mir dein Herz! Und seiner Stim- 24 me getreu, hattest du es ihm geweiht. Mit welchem Rechte also nahmst du solches zurück?— 5. Zu große Liebe erzeigest du der Welt, wenn du ihr Antheil an der Liebe deines Herzens gibst; überaus schmählich beleidigt Gott, wer eine solche Nebenbuhlerinn mit Ihm bestehen läßt. Du sagst, kein Unglück könne je so schrecklich dich erschüttern, als wenn du nicht zur Anzahl der aus- erwählten Freunde Gottes gehörtest. Doch was für ein Freund ist wohl in den Augen eines eifernden Gottes ein schwacher und feiger Freund! Dein Gott glaubt nicht, daß Er dir zu viel gebe, wenn Er sich ganz an dich ergibt. So sei denn auch du gänzlich sein; gib dich ganz an Ihn, und du wirst Alles bei Ihm finden. Nichts mehr ist die Welt und was der Welt angehört, der Seele, welcher Gott Alles ist. Der Diener. 4. In meiner großen Schwäche, o gebenedeite Jungfrau, bedarf ich einer starken und mächtigen Gnade, deine Lehren anzuwenden und auf deinen heiligen Spuren zu wandeln! O erflehe mir, indeß du durch das Beispiel deines Eifers mich ermuthigest, die mir nothwendige Hilfe! Ach, wie soll ich nach so vielfältigem Unbestand, nach so großer Untreu« es noch wagen, Jesu mein Herz anzubieten? Doch nimmermehr kann sein Zorn vor einem demüthigen und zerknirschten Herzen, nim- 25 mermehr kann er vor deiner heiligen Vermittlung bestehen. O Mutter der Barmherzigkeit, besiegle huldreich meinen Frieden mit Ihm; und auf deine mächtige Fürbitte würdige Er, mein Gott und mein Erlöser, mich der Huld, mein Herz dergestalt mit seinen Gnaden zu erfüllen, daß dasselbe im Dienste eines so gütigen Herrn weder Vorbehalt noch Ausnahme kenne und bis an meinen letzten Augenblick nur für Ihn schlage. Amen. Siebentes Capitel. Von den'Vorzügen und Lieblichkeiten der Einsamkeit. Der Diener. i. O allerseligste Jungfrau, wie heiter und lieblich mußten deine Tage im Tempel des Herrn verstießen! Wer erfaßt den Frieden und die heilige Muße, in welcher du dein Herz vor Gott ergoßest und in diesem Herzen Ihm einen glorreicher» und würdigern Tempel bereitetest! Ohne Unterlaß beschäftigte daselbst dein Geist sich mit Gottes Gegenwart; und ohne Unterlaß wärest du in die beschauliche Betrachtung seiner Größe und seiner Vollkommenheit versenkt. Dort war dein Vielgeliebter dein und du sein; was immer die Welt dir Reiches und Schönes bieten mochte, wargleich dem Nichts in deinen Augen. 26 Maria. 2. Mein Sohn, eine Seele in der Einsamkeit und fern von der Welt und ihren Thorheiten, verlebt fürwahr glückselige Tage! Dort beschäftigt sie sich auf süße Weise mit Gott allein, und spricht von Herzen zu Herzen mit Ihm, als ob nur Gott und sie allein im Daseyn wäre. Immer ist dort ihr Gemüth gesammelt, die Stimme ihres Gottes zu hören; und nichts vermag's, die Stimme ihres Herzens zu unterbrechen, die ohne Unterlaß zu Ihm spricht. In den kurzen Worten:«Du bist der Gott meines Herzens!«(Ps. 72.) die sie oft und mit liebendem Herzen wiederholt, findet sie ihre ganze Glorie, ihren ganzen Reichthum und ihre süßeste Wonne. 3. Gleich der heiligen Braut, im Schatten ihres Vielgeliebten sitzend,(Höh. L. 2.) gedenkt sie mitleidigen Herzens der rastlosen Bemühungen der Menschen, groß und reich zu werden in dieser Welt; und begreift es nicht, wie man außer ihrem ewigen Geliebten anderes lieben könne. Was immer auf Erden geschehen mag, läßt sie ungerührt. Der, den sie liebt, ist ewig was Er war, und wird ewig seyn was Er ist; immerdar gleich heilig und gleich lieblich. Und dieser Gedanke ist immerdar ein Quell neuer Wonnen für sie. 4. Wenn Gott eine Seele auf göttliche Weise 27 belehren, und zu ihrem Herzen sprechen will, dann führt Er sie in die Einöde.(Ose. 2.) Bitte Ihn, mein Sohn, um diesen Geschmack an der Einsamkeit; um diesen Geist innerlicher Sammlung, den die Heiligen besaßen. Lebe gern gesondert von der Welt, und erscheine darin nur, wenn die Nothwendigkeit es dir gebietet. Fordert aber keine Nothwendigkeit dich auf, darin zu erscheinen, so ahme die Taube nach, wel- che die Arche Noe nur gezwungen verließ; doch bald abermal dahin zurückkehrte, weil sie außerhalb derselben keine Stätte zur Ruhe fand. Meidest du die Welt nicht mit aller Sorgfalt, dann wirst du bald gleich ihr denken; und hast du einmal die Dinge dieser Welt gekostet, dann wirst du nicht mehr kosten was Gottes ist. 5. Die Braut im Hohen Liede suchte ihren Vielgeliebten in den Gassen Jerusalems; doch nimmer fand sie Ihn dorten. Bekenne es nur selbst, daß du selten von weltlichen Unterredungen dich entferntest, ohne daß du dadurch sträflicher vor Gott wurdest, als da du in dieselben dich einließest. Wer mit Sicherheit öffentlich erscheinen will, der muß die Einsamkeit lieben. Dort erlernt der Mensch wie er sprechen soll, wenn er unter Weltkindern sich befindet. 6. Das gesonderte Leben ist eines der mächtigsten Mittel, die Unschuld zu bewahren. Nichts 28 schwächt die Tugend des Menschen so sehr als der oftmalige Umgang mit Menschen. Wer kann je die verpestete Luft der Welt ein- athmcn, ohne davon angesteckt zu werden? Entferne dich oft in die Einsamkeit, eine reinere Luft daselbst zu athmen. Die heiligen Einsiedler bekannten, daß sie niemals besser geeignet waren, sich vertraulich mit Gott zu besprechen, als seit sie von den Geschäften und Gesellschaften der Welt sich entfernt hatten. 7. Mein Sohn, es sind die Wonnen Gottes, mit dir zu seyn; so laß denn auch die deinigen darin bestehen, mit Ihm zu seyn; und nirgend wirst du Ihn besser finden als in der Einsamkeit. Dort wirst du weit freier als wo immer anders, die geheimsten Gedanken deines Herzens Ihm ent> falten; dort kannst du alle deine Empfindungen in aller Freiheit eines ehrfürchtigen Vertrauens vor Ihm ergießen. Dort w'-d Er deinem Gemüthe weit leichter Gedanken einflößen, die deine Leiden versüßen, deine Furcht besänftigen, deine Zweifel zerstreuen, und dir sichere Wege zeigen, in allen Dingen dich mit Weisheit zu leiten. Dort endlich wird Er mit geheimer. Ihm eigener Stimme zu deinem Herzen sprechen, und eine Ansprache mit dir halten, die nur von seinen Freunden vernommen wird; und der Seele Wahrheiten einprägen, die reine Wirkungen seiner Liebe sind. 29 Achtes Capitel. Von der Wahl eines Standes. r. Maria hatte von zartester Kindheit an nur Gott gesucht; nur Ihn allein geliebt; darum auch hatte sie die reichste Fülle der Segnungen Gottes verdient, der ihr einen Stand bereitete, wie solcher erforderlich war, daß seine hochheiligen Absichten mit ihr in Erfüllung gingen. Glücklich in einem Stande zu seyn, bedarf es eines Zusammentreffens besonderer Ereignisse und Umstände; welche die Vorsehung treuen Seelen gern vermittelt, die Gott über die Wahl eines Standes um Rath fragen. 2. Diese göttliche Vorsehung wirkte, daß Maria durch ihre Vermählung mit dem heiligen Joseph die kostbarste Frucht der Tugenden erntete, die sie in aller Treue ihres Herzens geübt hatte. Wäre nur die Welt um Rath gefragt worden, so hätte man, das Loos der Jungfrau zu entscheiden, sonder Zweifel einen reichen, einen durch seine Talente ausgezeichneten Mann auserwählt. Nicht sonderlich wäre man besorgt gewesen, ihr einen Mann zu erwählen, der von Kindheit auf in der Furcht Gottes gelebt hätte. Denn dieß ist nicht der Gebrauch dieser Welt. 3. Eigennützige Absichten, ganz menschliche Rücksichten bestimmen bei weitem die meisten Ehen. Nicht sowohl Güter der Gnade als Güter des Glücks sind 30 die Schlüssel, mit welchen dieselben abgeschlossen werden. Daher so viele übel gefügte Ehen, in welchen zwei Ehegatten einander gegenseitig zur Qual sind. Gott laßt dieß also zu, um selbst in diesem Leben sich zu rächen, daß man Ihn in einer so wichtigen Angelegenheit nicht zu Rathe zog, die nicht anders als übel gedeihen kann, wofern nicht Er dieselbe leitet. Auch läßt Er es aus Strafe für die geringe Sorgfalt zu, mit welcher der Mensch in der Jugend beflissen war, durch ein frommes Leben seines Schutzes würdig zu werden. 4. Es ruhte also die Wahl der Ältern Maria, oder vielmehr die Wahl Gottes auf Joseph, dem gerechten, dem tugendhaftesten Manne, der je auf Erden war, und dem würdigsten Bräutigam dieser Jungfrau. Und nie und nimmer war eine Verbindung glücklicher; nie und nimmer waren zwei Herzen zufriedener, daß sie einander vereint waren. Welches Leid hätte je den Frieden ihrer Seelen trüben können?— Maria und Joseph waren in dem Stande, worin Gott sie wollte. 5. Wie Viele sind in ihrem Stande unzufrieden! Vieles leiden sie darin, ja Vieles auch leiden Andere durch sie; und warum dieß? Weil sie in einen Stand sich eindrängten, in welchem Gott sie nicht wollte. Solchen gelten jene Worte des Propheten: 31 »Wehe euch ihr abtrünnigen Kinder, die ihr Rath hieltet, ohne Mich um Rath zu fragen!«(Ps. 3o.) 6. Die Gnade des Berufes ist eine hochwichtige Gnade, die eine zahllose Menge anderer Gnaden in sich faßt. Wer dieser Gnade nicht getreu entspricht, der erwartet die übrigen vergeblich. Entfernt der Mensch sich aus der Ordnung dieser besondern Vorsehung, die Demjenigen Gnaden der Wahl bereitet, der bereitwillig ist, dem Willen Gottes sich zu fügen, dann fällt er in die Ordnung einer allgemeinen Vorsehung, die nur allgemeine Gnaden anbietet, mit welchen man zwar selig werden kann; wobei jedoch sehr zu fürchten ist, daß man nicht selig werde; oder durch die man wenigstens sehr schwer zum Heile gelangt. Frage also den Herrn um Rath und flehe zu Ihm, wenn du einen Stand zu erwählen hast. Sprich mit dem Propheten:»Herr, zeige mir den Weg worauf ich wandeln soll!«(Ps. 142.) Führe aber auch zugleich ein solches Leben, daß der Herr keine Seele in dir erblicke, die seiner väterlichen Sorgfalt unwerth sei. 7. Ist der Wille Gottes dir nicht klar, dann frage bei Jenen dich an, die hienieden seine Stelle bei dir vertreten; und erleuchten wird der Herr sie über das was dir zu thun obliegt. Jesus, der den Saulus auf dem Wege nachDa- mascus zu Boden warf, erklärte ihm nicht, welches seine Absicht über ihn sei; sondern Er sandte ihn zu Ananias, daß er sie dort erführe. 32 Frage Ältern und Verwandte blos in sofern, als deine Pflicht es erfordert. Immer ist es zu fürchten, daß Ältern hierüber ihren Kindern solchen Rath ertheilen, der den Ansichten der Welt gemäß ist; denn des Menschen Feinde sind seine Hausgenossen. (Matth. 10.) Endlich frage auf gewisse Weise den Tod um Rath; das heißt thu was du in der letzten Stunde gethan haben möchtest. Neuntes Capitel. Von der Reinigkeit, und wie sehr wir dieselbe achten sollen. i. Als der Engel Gottes der allerseligsten Jungfrau die Botschaft brachte, daß sie Mutter Gottes werden sollte, erklärte er ihr nicht, ob dieser hocherhabene Vorzug mit der Jungfräulichkeit bestehen könne, die sie dem Herrn gelobt hatte; und Maria hielt mit ihrer Einwilligung zurück. Lieber wollte sie durch die Jungfräulichkeit alle Geschöpfe an Verdienst, als an Würde übersteigen. Doch furchte dich nicht Maria! diese Reinigkeit selbst, die du mit so großer Sorgfalt bewahrest, zieht den Gott aller Reinigkeit an, in deinen Schooß sich herabzulassen; denn nur von einer Jungfrau will Er geboren werden. Wirklich gab auch Maria ihre Einwilligung erst dann, als sie aus den Worten des Engels erkannt hatte, daß, selbst im Falle sie Mutter Gottes würde, ihre Jungfräulichkeit unversehrt bliebe. 33 2. O kostbare Tugend, wie theuer solltest du uns seyn, wie höchst schätzbar solltest du uns erscheinen, da du mit dem Erlöser uns begabtest; und die Vollkommenste aus allen Geschöpfen Gottes, sogar der Würde einer Mutter Gottes dich vorzuziehen erachtete! Du erwarbst dem Jünger, den Jesus liebte, die süßesten Gnaden seines Herzens. O selig die Seelen, die mit deiner Krone auf Erden sich schmücken; denn schmücken wirst du sie im Reiche der Ewigkeit mit dem hohen Vorzüge, daß sie dem Lamme überall folgen! 3. Große Vorzüge hatte der Fürst der Apostel; doch nur dem jungfräulichen Jünger gestattete Jesus beim letzten Abendmahle an seiner heiligen Brust zu ruhen. Dem Petrus übergab der Herr die Sorge für seine Kirche; dem Johannes aber übergab Er die Sorge für seine Mutter. Durch die Reinigkeit stellen wir auf Erden das Leben der Seligen im Himmel dar. Die Übung dieser Tugend erwirbt uns ein Verdienst, das die Engel nicht haben. Die keuschesten Seelen erhalten den meisten Antheil an der Vereinigung, die das eingefleischte Wort mit den Menschen einging. 4. O ihr, die ihr das Laster, das dieser Tugend entgegensteht, als Etwas, der natürlichen Schwäche sehr Verzeihliches achtet, bedenket doch, NM. Mar, 5 34 daß es wenig Laster gibt, die Gott weniger verziehen und strenger bestraft hat. Dieß Laster verscheucht den Geist Gottes, der, wie die Schriftsich ausdrückt, dem fleischlichen Menschen nicht innewohnen kann.(Genes. 6.) Dieß Laster stürzt den Menschen in geistige Blindheit. Ein Prophet mußte zu dem ehebrecherischen David gesandt werden, daß er die Größe seines Verbrechens einsähe und zur Buße angeregt würde. Dieß Laster erhärtet das Herz. Salomon, so lange Jahre hindurch ein Wunder der Weisheit, betete in seinem hohen Alter Götzen an, weil er unzüchtig geworden war. Unsre Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes.(i. Cor. 6.) Demnach ist also die Unreinigkeit in einem Christen der Gräuel der Verwüstung in der heiligen Stätte. 5. O Jesu, Du Bräutigam der Jungfrauen, der Du eine Jungfrau zur Mutter erwähltest, flöße mir eine zarte Liebe zur Reinigkeit, einen großen Abscheu und den größten Haß gegen das Laster ein, das derselben entgegen ist. Die Tugend der Reinigkeit übersteigt die Kräfte der Natur. Es bedarf einer besondern Gnade, in Enthaltsamkeit zu leben.(Weish. 8.) Ich flehe daher zu Dir um diese Gnade durch jene Reinigkeit, wodurch Maria die Jungfrau Dir also wohlgeficl, daß ihr die wunderbare Ehre ward. Dich zum Sohne zu haben.' Ich bitte Dich darum durch die keusche Liebe so 35 vieler heiligen Jungfrauen zu Dir, die hienieden einzig nach der göttlichen Schöne des ewigen Bräutigams glühten. Verleihe mir, daß meine größte Lust darin bestehe, alle Lüste zu überwinden, die dein Gesetz verdammt. 6. Erwecke in mir die Furcht vor den ewigen Feuern, die Du den Unzüchtigen bereitest! Ertödte in mir den Geschmack an sinnlichen Lüsten, und gib mir Geschmack für himmlische Wonnen! Befreie mich von jenen lästigen Versuchungen, die mich sogar in den Übungen der christlichen Frömmigkeit verfolgen! Oder wenn Du gestattest, daß diese Versuchungen über mich kommen, so verleihe mir, o mein Erlöser, daß ich durch die größte Treue, sie zu bekämpfen, solche Gelegenheiten dahin verwende, Dir Beweise meiner Liebe zu geben! Zehntes Capitel. Bon der nothwendigen Vorsicht, die Keuschheit zu bewahren. i. Durch die Gnade ihrer Empfängnis! war Maria den Anfällen des Lasters unerreichbar. Gleichwohl ward sie bei dem Anblick eines Engels verwirrt, der ihr in menschlicher Gestalt erschien. Der Engel begrüßt sie; sie aber bedenkt sogleich in sich, welch ein Gruß dieß wäre. Sie ist allein mit ihm und ohne Zeugen; dieß genügt, mit heiligem Schrecken sie zu erfüllen. 36 »Du wirst einen Sohn gebären, spricht der Engel, und sollst seinen Namen Jesus nennen.» Dieß aber verwirrt Maria aufs Neue. Sie zweifelt nicht an der Möglichkeit dessen, was der Engel ihr verkündiget; denn nichts ist Gott unmöglich. Sie erkundiget sich nur, aufweiche Weise dieß Geheimniß in Erfüllung gehen soll. Wie große Besonnenheit zeigt sie in der Frage, die sie an den himmlischen Boten stellt! Wie wunderbar zeigt sich ihre Sittsamkeit! Sie spricht genau nur so viel als nothwendig ist. 2. Leicht ist's, an solchen Zügen eine Seele zu erkennen, welche die Reinigkeit als ihren Schatz betrachtet. Die Keuschheit ist eine zarte Blume; sie fürchtet den mindesten Anhauch. Ein einziges Wort, Ein Blick bringt sie in Verwirrung. Eine Jungfrau, die den ganzen Werth dieser Tugend kennt, fürchtet selbst die entferntesten Gelegenheiten, wo dieselbe versehrt werden könnte. Schmeichelworte, verbindliche Anerbietungen, selbst Unterhaltungen, die ganz unschuldig scheinen. Alles erregt Verdacht bei ihr und wirkt, daß sie ihre Wachsamkeit und Aufmerksamkeit verdoppelt. 3. Wenn es aber so großer Vorsicht bedarf, die Keuschheit in ihrer ganzen Unversehrtheit zu bewahren: läßt sich dann wohl sagen, daß es viele keusche Seelen auf Erden gibt? O wendete man doch, diese Tugend zu erbat- 87 ten, so große Sorgfalt an, als so Viele darauf verwenden, den Anschein derselben zu retten! Für wie Viele waren nicht der Müsstggang, ein weichliches Leben, gefährliche Bücher und allzu freie Unterredungen eine Ursache zum Falle! Viele christlichen Jungfrauen unterreden sich oft und ohne Furcht mit Solchen, die nichts weniger als Engel sind. Sagen sie aber, sie wachen dabei und seien auf ihrer Hut, so diene ihnen als Antwort, daß auch der böse Geist wacht, ihren Untergang zu bereiten. Eine Jungfrau zumal, die ihr Lob gern anhört, wird nicht lange gleichgültig gegen den seyn, der sie lobt. 4. Hinsichtlich der Reinigkeit hat, wer nichts fürchtet, dadurch selbst Ursache, Alles zu fürchten. Man sucht sich selbst die Gefahren zu verheimlichen, die man liebt. Ein Beweis aber, daß man sie liebt, ist die Sorgsamkeit, mit welcher man solche vor sich selbst verbirgt. Wir alle sind aus dem nämlichen Lehm der Erde gebildet. Es kann uns ergehen wie es so vielen Andern erging, die ihre Schwache auf die traurigste Weise erfuhren. 5. Dürfen wir auch auf die Hilfe der Gnade rechnen, so ist es darum doch nimmer erlaubt, der Gefahr sich auszusetzen. Dieser Hilfe sind nur Diejenigen sicher, die sich in der Versuchung befinden, ohne daß sie dieselbe aufsuchten. Hättest du auch viele Jahre hindurch große Sie- 38 ge über den Feind der Reinigkeit errungen, so glaube darum dennoch nicht, du seist unüberwindlich. Höre nicht auf, ihm zu mißtrauen, und traue auch dir selbst nicht. Sei getreu, den täglichen Gelegenheiten auszuweichen, die sich von allen Seiten dir ergeben und die der böse Geist vermehrt. Dann wird Gott dir stärkende Gnaden in Gelegenheiten geben, die sich nicht vorsehen lassen, und wo es einer größer» Tugend zum Siege bedarf. 6. O heilige, jungfräuliche Mutter meines Gottes, erflehe mir das Mißtrauen gegen mich selbst, die Klugheit in meinem Wandel und die Abtödtung meiner Sinne, die so nothwendig sind, in der Keuschheit mich zu bewahren! Nimmer darf ich mir schmeicheln, zur Anzahl Derjenigen zu gehören, die dich lieben, wofern ich nicht ins besondere eine Tugend liebe, die vorzüglich dahin wirkte, dich zu so großer Glorie zu erheben. O reinste und keuscheste Mutter, Königinn der Jungfrauen, erflehe mir die Gnade, in so vollkomm- ner Reinigkeit zu leben, daß du in mir jenes Merkmal findest, an welchem du deine geliebtesten Kinder erkennest! Eilftes Capitel. Von der wahren Größe. i. Anders zeichnet die Welt, anders die Gnade den Menschen aus. Glanz und Reichthum, prunken- 39 de Palläfte und zahlreiche Dienerschaft kündigt die Größe irdischer Herrscher an; Verachtung der Welt, Abscheu vor der Sünde und Liebe Gottes sind Zeichen der Größe des Gerechten. Die wahre Herrlichkeit und das wahre Verdienst des Menschen besteht darin,»daß er Gott fürchte und seine Gebote halte.«(Eccles. 12.) Der Engel, den der Allerhöchste zur Jungfrau sandte, sprach also zu ihr: Sei gegrüßt, du Gna- denvolle! der Herr ist mit dir.« Hätte er dieser gebenedeiten Jungfrau je ein glorreicheres Lob ertheilen können. Des höchsten Lobes der Engel und Menschen wäre Derjenige würdig, zu dem man sagen könnte: »Du hast Gnade vor Gott gefunden;« du bist wohlgefällig vor seinen Augen! 2. Zur Zeit, wo der Engel zu Maria gesandt ward, herrschten Augustus und Herodes auf glänzenden Thronen. Man nannte sie die Großen, die Mächtigen, die Hocherlauchten. Was aber waren sie vor Gott, dem allein billigen Richter wahrer Größe?— Eine zarte, in der Einsamkeit zu Nazareth verborgene, Jungfrau war der höchsten Lobsprüche unendlich würdiger denn sie. Die wahrhafte Größe wird nicht nach den Gedanken der Menschen, sondern nach dem ewigen Gedanken Gottes ermessen, der allein groß, und vor dem nichts groß ist, außer was sich auf Ihn bezieht- Was sind alle Helden, die je die Welt bewun- 40 derte, gegen die großen Männer verglichen, welche die göttliche Religion durch Tugenden bildet? 3. Es ist glorreicher, seine Leidenschaften zu beherrschen als Völker zu unterjochen.(Sprichw. 16.) Denn es kostet bei weitem geringere Mühe, über Andere zu triumphiren, als sich selbst zu besiegen. Ein wahrer Christ ist nicht gleich einem jener Helden zu betrachten, die ihren Heldenruhm einer Gelegenheit verdanken, und nur Helden Eines Tages sind; er ist ein Held so lange er lebt. Sein Ruhm ist, alle Hindernisse, die sich ihm widersetzen, mit heiliger Gewalt zu überwinden; sein höchstes Ziel aber ist, Gott zu besitzen und in Ihm zu ruhen. Die höchste Ehre eines erschaffenen Wesens besteht darin, daß es Ihm diene und mit Willen Ihm angehöre. Ahm dienen heißt herrschen. Die göttliche Schrift nennt die größten Männer der Erde, Abraham, Mopses, David und andere: Diener Gottes. Dieser glänzende Name faßt alle übrigen in sich; oder eigentlicher gesprochen, sind alle übrigen Ehrennamen, gegen diesen verglichen, eitel nichts. So hoch ist die Würde eines Dieners Gottes über die Würde eines Herrschers und irdischen Königs erhaben, als Gott über alle Herrscher und Könige erhaben ist. 5. O König der Unsterblichkeit, allerhöchster Herr der Schöpfung, für Dich, ja für Dich allein bin ich im Daseyn! Wer kann Dich erkennen, und einem 4t Andern anbetend huldigen? Wer kann Dich erkennen und den Stand Derjenigen, die Dir dienen, nicht unendlich hoch achten? Wahrlich die höchste Ehre ist's für den, an sich schwachen und elenden Menschen, daß es ihm gegeben ward, nach der Ehre zu streben, deiner ewigen Majestät zu dienen, und Dich zu lieben! O laß es mich erkennen und tief innig fühlen, daß wer, gleich Maria, in der Dunkelheit eines verborgenen Lebens mit treuer Sorgfalt dahin strebt, deinen heiligen Willen zu thun und Dir mit aufrichtigem Herzen zu dienen, dadurch Größeres und Ehrwürdigeres thut als Alles was die bethörte Welt groß und erhaben nennt! Der Adel, der Ruhm und die Ehre, die deinen Dienst begleitet, flöße in allen meinen Standespflichten und Werken mir eine heilige Freude, eine Großmuth und Festigkeit ein, die des allerhöchsten Herrn, dem ich diene, würdig sei! Zwölftes Capitel. Von den Gnaden Gottes, die den Demüthigen zu Theil werden. Maria. i. Mein Sohn, sieh, ich will dich ein Geheimniß lehren, große Gnaden von Gott zu erlangen. Dieß Geheimniß besteht darin, daß du derselben dich für unwürdig haltest!— »Gott gibt seine Gnade den Demüthigen«(Jac.4.) 42 In einem Herzen, das voll seiner selbst ist, findet Gott nicht Raum für seine himmlischen Gaben. Der Diener. 2. O Königinn der Heiligen, deine eigenen Beispiele belehren uns hierüber auf die anschaulichste und eindringlichste Weise. Wer kann je das erhabene Geheimniß aufmerksam erwägen, als der Engel des Allerhöchsten die Botschaft des Heiles dir verkündigte, ohne über deine tiefe Demuth zu erstaunen! Der Bote Gottes verkündigte dir, daß du Mutter des Sohnes Gottes werden solltest; und nimmer konntest du erfassen, wie die Wahl des Herrn auf dich gefallen war, zu einer so überaus erhabenen Würde dich zu bestimmen. Der Gedanke an eine Erhöhung, die alle erschaffene Natur so hoch überstieg. bestürzte dich so sehr, daß der Besuch dieses himmlischen Geistes dir auf gewisse Weife verdächtig erschien. Ja, in demselben Augenblick, als das ewige Wort des Vaters in deinen keuschesten Schooß sich senkte, versenktest du dich selbst in dein eigenes Nichts. Aus allen glorwürdigen Ehrennamen, die deiner erhabensten Würde gebührten, betrachtetest du als den vorzüglichsten den Namen einer Magd des Herrn. 3. O neue Eva, wie wunderbar bist du von jener ersten Eva verschieden!— Durch ihre Hoffart verlor Jene alle ihre Vorzüge; deine Demuth aber 43 war der Quell aller Gnaden und Vorzüge, die deine heilige Seele schmückten. Große Dinge an dir zu thun, sah der Allerhöchste nicht auf natürliche Gaben noch auf den Glanz einer erlauchten Geburt, sondern darauf, daß du niedrig in deinen Augen wärest. Natürlich auch war's, daß ein Gott, der durch seine Menschwerdung sich bis zum Übermaß erniedrigte, unendliches Wohlgefallen an der Demuth fand. Darum geziemte es sich, daß Er zur Mutter Diejenige wählte, die durch ihre tiefe Demuth die höchste aller Würden am meisten verdiente. Du gefielest Gott durch deine Jungfräulichkeit; du empfingest Ihn durch deine Demuth. Maria. 4. Mein Sohn, in den Augen der Menschen, ungleich mehr aber in den Augen Gottes, hat das meiste Verdienst Jener, der da glaubt, er habe gar kein Verdienst, und dieß selbst dann glaubt, wenn er desselben in reichlichem Maße hat. Was steht Gott mit größtem Wohlgefallen im Himmel und auf Erden?— Demüthige Seelen! cPf.-12.) »Zu wem werde Ich meine Blicke wenden, spricht Er selbst, wenn nicht zu dem Armen, der gedemüthigten Geistes ist?«(Jsai. 66.) 5. Gott entfernt sich von Denen, die sich erheben, und nähert sich Jenen, die sich erniedrigen. 44 Die Hoffart ist die wahre Ursache der Armuth so vieler Christen, die aller Güter der Gnade beraubt sind. Wendeten sie ihren Fleiß sorgsam dahin, sich zu erkennen, so brächte diese Erkenntniß Demuth in ihnen hervor) und diese Demuth würde ihrer Armuth durch die Gnaden abhelfen, die sie ihnen gewänne. 6. Seileerdeiner selbst, mein Sohn, und Gott wird mit seinen Gaben dich erfüllen. Bekenne, daß du aus dir selbst nichts bist, und du wirst zu großem Reichthum gelangen. Bist du demüthig, dann wird Gott dich gebrauchen, seine Ehre zu fördern; denn Er vertraut die Sorge für seine Ehre Solchen an, die dieselbe nicht sich selbst anmaßen noch sie auch mit Ihm theilen wollen. Wenn Gott mit irgend einer Gnade dich begabt, dann bedenke bei dir selbst in Demuth, wie ein überaus gütiger Herr Er sei, daß er den Letzten seiner Diener so hoch begnadet. 7. Schreibe dir selbst nichts des Guten zu, das du besitzest, noch auch des Guten, das du wirkest. Selbst dann, wo du der Gnade am getreuesten entsprichst, bedenke, daß du nur durch den Beistand der Gnade selbst getreu bist; und daß Gott, wenn Er deine Treue belohnt, seine eigenen Gaben krönt. Habe diese drei Wahrheiten immer vor Augen: Gott ist Alles, und ich bin nichts! Gott besitzt Alles 45 ich habe aus mir selbst nichts als Elend! Gott kann Alles; ich aber vermag nichts ohne seine Hilfe! Dann wirst du, ob du auch aus dir selbst nichts besitzest und nichts vermagst, dennoch Etwas in den Augen Gottes seyn; und Er wird sein Wohlgefallen haben, seine süßesten Gnaden dir mitzutheilen und den Sieg über alle deine Feinde zu verleihen. Dreizehntes Capitel. Daß die echte Ehre ganz vorzüglich in der christlichen Demuth zu finden sei. i. Die Ausdrücke, in welchen der heilige Erzengel mit Maria redete, stimmten durchaus nicht zu dem Sinne und den Ansichten, mit welchen diese demüthigste Jungfrau sich selbst betrachtete. Ihre Seele ward von heiliger Verwirrung ergriffen; sie fürchtete in den Dingen, die vor ihren Augen geschahen, irgend eine verborgene Schlinge des Versuchers. Der Engel sprach: Du bist die Gesegnete der Weiber! Sie aber, die sich für die Letzte aus allen hielt, sah nicht ein, wie ein solches Lob auf sie anwendbar wäre. Der Engel verkündete ihr ferner, sie habe so große Gnade vor Gott gefunden, daß sie, wofern sie ihre Einwilligung gäbe, die Mutter seines cinge- bornen Sohnes werden sollte. Maria aber, bei dem Anblick einer so erstaunlichen Würde, demüthigte sich tief innerlich und hielt 46 es sich zur höchsten Ehre, eine Magd des Kerrn zu seyn. O ihr, die ihr nur nach Ehre dürstet, bücket auf; Maria zeigt euch, wo ihr dieselbe finden könnet! 2. Die wahre und ständige Ehre besteht darin, daß der Mensch klein werde. Dieß lehrt die ewige Wahrheit selbst; denn es steht geschrieben:»Wer aus euch der Geringste ist, der ist der Größte!« (Luc. 9.) Diese Größe ist nicht nur ständig, sie ist auch sicher. Niemand wird dieselbe dir streitig machen; Niemand wird bedacht seyn, sie dir zu rauben. Dadurch selbst aber, daß du der Geringste wirst, wirst du der Größte werden; denn die Überzeugung, daß du aus dir selbst nichts bist noch auch vermagst, erhebt durch diese Erniedrigung dich zu Gott; weil dadurch dir klar wird, daß Er allein der allerhöchste Urheber alles Guten ist. Und mit um so größerem Vertrauen kannst du dann auf seine Allmacht dich stützen, als es sein Wohlgefallen ist, die Schwachen zu kräftigen. 3. Überdieß auch wird die Demuth von der Niedrigkeit dich befreien, in welche Ehrsucht und Hoffart eine Seele stürzen. Was gibt es je verächtlicheres als eine Seele, die, von Hoffart aufgedunsen, einzig darnach giert, sich zu vergrößern und nach allgemeinem Lob und Bewunderung dürstet? Die Demuth wird über alle menschliche Furcht und über alle eitlen Meinungen der Menschen dich erheben; sprechen wirst du zu ihnen mit dem Apo- 47 stel:«Mir gilt es als Geringes, daß Menschen über mich urtheilen;« denn mein Richter ist Gott. Durch diese Demuth wirst du die Ehren dieser Welt mit gleichgültigem Auge ansehen, weil du die Täuschung und Eitelkeit derselben mitten unter ihrem glänzendsten Schimmer durchschauen wirst. Anregen wird sie dich auch, nicht mit dem Nächsten dich zu messen; sondern ihn zu ehren, und es gern zu sehen, daß er durch seinen Rang oder durch Achtung über dich erhoben sei. 4. Die Demuth bedünkt den Menschen eine Art Niedrigkeit; weil er von Allem nur durch die Sinne urtheilt, und nur von sinnlichen Dingen gerührt wird; gleichwohl ist sie eine der geeignetsten Tugenden, edle und großmüthige Herzen zu bilden. Sie ist unter allen Tugenden jene, die dem Geiste und der Seele ständige Festigkeit verleiht; ja sie prägt dem Menschen die schönsten Züge der Ähnlichkeit mit Jesu, dem Urquell wahrer Größe und Herrlichkeit ein. 5. Nie ist der Mensch größer und glorreicher als wenn er ernsten Fleißes sich bemüht, dieß göttliche Vorbild nachzuahmen; und niemals kommen wir demselben näher als wenn wir demüthig sind, und, falls wir gedemütbiget wurden, die Demüthigung lieben. Jesus war demüthig; Er liebte die Demüthigung, weil Er wußte, wie sehr Er seinen himmlischen Vater dadurch verherrlichte. Und wahrlich eben zur Zeit der Demüthigungen 48 Jesu erklärte der himmlische Vater, Er habe sein Wohlgefallen an Ihm; und es sangen die Engel: „Ehre sei Gott in den Höhen!« Bist du demüthig gleich Jesu, dann wird Gott verherrlichet werden. Was aber ist je glorreicher als Gott Ehre zu verschaffen? 6. O Königinn des Himmels, in welcher fürwahr jener Ausspruch:„wer sich erniedrigt, der wird erhöhet werden«(Luc.>8.) auf die glänzendste Weise in Erfüllung ging, und die du um so mehr erhöhet wurdest als du demüthiger gewesen wärest, ersiehe mir die nothwendigen Gnaden, den Schwulst der Hoffart zu tilgen, die in meinem Innern herrscht! Ach! nur den äußerlichen Anschein der Demuth hatte ich bis zu dieser Stunde; und ich heuchelte diese Tugend nur, die Achtung der Welt zu gewmnen, die, so verkehrt sie auch ist, dennoch die Hoffärtigen verachtet.... Ersiehe mir eine aufrichtige Demuth, dre in der Überzeugung meiner Schwäche mich erhalte und mich dahin anrege, daß ich nach deinem Beispiele Alles auf Gott zurückführe, Alles von Gott erwarte, in Allem von Gott abhänge und dadurch würdig werde, daß Gott, der Urquell aller wahren Größe, mit Wohlgefallen auf meine Niedrigkeit sehe! 49 Vierzehntes Capitel. Daß eine demüthige Seele, was sie vor den Augen Gottes ist, sorgfältig vor den Menschen verbirgt. 1. Der Bote Gottes hatte Maria im Namen des Allerhöchsten gegrüßt und ihr verkündet, daß sie die Mutter des Sohnes Gottes werden würde. Niemand jedoch erfuhr aus dem Munde der Jungfrau, was der heilige Engel mit ihr gesprochen hatte. Weder erschien sie öffentlich noch verrieth sie auch irgend durch ihr äußerliches Betragen, daß sie die Mutter des Messias sei; vielmehr wandelte sie dem äußerlichen Anschein nach, wie züchtige Frauen überhaupt. Mit wie innigem Zartgefühl sie auch ihrem keuschesten Bräutigam, dem heiligen Joseph ergeben war, und wie oft auch beide mit einander sich besprechen mochten, nie sprach sie auch nur mit Einem Worte von diesem heiligen Geheimnisse. Als sie dann späterhin Elisabeth besuchte, erkannte sie, daß dieselbe von dem Geiste Gottes unterrichtet war; doch sehen wir nicht, daß sie diese Veranlassung benützt hätte, ihr nähern Aufschluß zu geben. 2. Maria stellte dem Herrn die Sorge anheim, Geheimnisse, die so glorreich für sie waren, zu offenbaren, wann und auf welche Weise, es Ihm wohlgefällig wäre. Ihre Sorgfalt war einzig dahin gerichtet, daß sie beständig in ihrer Demuth sich erhielte. Nachf. Mar. 4 59 Also soll eine Seele vor den Augen der Menschen verbergen was sie vor den Augen Gottes ist und was sie von seiner Freigebigkeit empfing. 3. Eine verborgene Tugend ist immer in Sicherheit; es ist Gottes Sache sie ans Licht zu rufen. Wer seinen Schatz öffentlich aussetzt, gibt sich der Gefahr preis, denselben zu verlieren. Die glänzendsten Farben werden matt, wenn sie der freien Luft ausgesetzt sind. Martha sprach zu ihrer Schwester:»Sieh, der Meister ist da und ruft dich!«(Joh. n.) Doch sagte sie ihr dieß heimlich und leise. Sinnliche Menschen sind immer blind; sie achten, ja sie erfassen nicht einmal was über den Sinnen steht und des Geistes Gottes ist.(i. Cor. 2.) Wer mit ihnen darüber spricht, der gibt auch das Heiligste ihrem Gespötte preis. 4. Der Geist Gottes theilt sich in der Stille mit, und will, daß was zwischen ihm und der Seele geschieht, die Er mit seinem Gnadcntroste heimsucht, geheim bleibe. Nur Einer unter Tausenden(Eccle. 7.) darf und soll deinen geistigen Reichthum kennen, damit Er dir zeige, wie du mit demselben wuchern sollst. Dieß ist Jener, der hienieden die Stelle Gottes bei dir vertritt, um dich auf den Wegen des Heiles und der Vollkommenheit zu führen. Hinsichtlich der Andern, sei dem Äußerlichen nach vor ihnen wie wohlgesittete und tugendhafte Seelen pflegen; erzeige dich demüthig, bescheiden. 5L freundlich und dir selbst immer gleich; dein Inneres aber sei ihnen verschlossen. Laß sie sogar glauben, du seist in den Dingen, die das Leben des Geistes angehen, nicht sonderlich unterrichtet und ganz anders als du es wirklich bist) denn dieß ist ein Schatten, der die Gnaden verbirgt, die Gott dir erzeigt. 5. Gott will, daß man eifrig auf seinen Wegen wandle; doch es ist kein geringes Gut, ohne Geräusch darauf zu wandeln. Manche, die sehr große und wunderbare Gnaden von Gott empfangen hatten, sind zu Grunde gegangen, weil sie dieselben mit eitlem Wohlgefallen betrachteten, und sie von Solchen bewundern ließen, die nichts darum hätten wissen sollen. Wäre ihr Inneres wie das der allerseligsten Jungfrau gestimmt gewesen, so hätte der Geist der Demuth, der immer das göttliche Licht mit sich führt, ihnen weises Mißtrauen eingeflößt, und die Arglist des Geistes der Hoffart ihnen entdeckt. 6. Man kann nie zu große Vorsicht anwenden, im geistigen Leben jedem Betrug auszuweichen; zumal aber ist diese Vorsicht bei ungewöhnlichen Wegen nothwendig. Eine ganz auserwählte und ganz himmlische Lichtesgabe kann ohne diese Vorsicht am Ende zu Gifte werden. Immer hat man wahrgenommen, daß es einer wahrhaft innerlichen Seele sehr schmerzlich fällt und daß sie ihrer ganzen Unterwerfung in den göttlichen 4* 52 Willen bedarf, wenn Gottes zuläßt, daß eine der außerordentlichen Gnaden, mit welchen Er sie begabte, nach Außen kund wird. Fünfzehntes Capitel. Von der Klugheit des Glaubens. 1. Maria bedachte, spricht der Evangelist, als der Engel im Namen des Herrn mit ihr redete. Dieß Nachdenken rührte von ihrer Demuth her; nicht minder auch kam es von ihrem Glauben. Diese höchst kluge Jungfrau wußte, daß der Engel der Finsterniß sich zuweilen in einen Engel des Lichtes umwandelt, und der Geist des Irrthums nicht selten die Stimme des Geistes' der Wahrheit nachäfft. Sie befragt also diesen Engel und harret aufmerksam, ob seine Antwort auch mit Jenem übereinstimme, was die Propheten von dem Messias ge weissagt haben, und was die Grundlehren der heiligen Offenbarung besagen. Nachdem aber der Engel gesprochen hat, erübrigt ihr zur Richtschnur ihres Betragens blos das Wort dieses Engels, weil sie den Ausspruch Gottes in seinen Worten vernimmt. 2. Es gibt eine Klugheit, welche der Unterwerfung des Glaubens nicht nur nicht entgegen ist, sondern auch dieselbe leitet. Die Klugheit wirkt dahin, daß der Mensch vor Allem die Augen aufthue, der Offenbarung sich zu 33 versichern; die Unterwerfung aber wirkt, daß er dieselben schließe, alsbald er sie erkannte, damit er ihr in Demuth glaube. »Glaubet nicht jedem Geiste!« spricht der Apostel(i. Joh. 4.) Darum auch will ich in Glaubenssachen nur für wahr halten, was Gott entweder unmittelbar, oder durch seine Kirche ausgesprochen hat, welche die Grundveste und Säule der Wahrheit ist. O. Tim. 3.) 3. Gott hat uns Mittel gegeben, zu erkennen was Er geoffenbart hat. Ist aber einmal die Offenbarung gewiß, dann Fluch selbst dem Engel, der das Gegentheil dessen mich lehren wollte, was sie mich lehrt.(Gal. i.) Ich glaube was die heilige Kirche mich lehrt, weil sie mich nichts lehrt, das Gott nicht geoffenbart hätte. Was aber ist je gewisser, als was Derjenige ausgesprochen hat, der die Wahrheit selbst ist? Es ist so unmöglich, daß ich irre, als es unmöglich ist, daß Gott mich betriege, oder daß Er selbst irre. 4- Große Thorheit ist's, etwas ohne gerechte Gründe für einen Ausspruch Gottes zu halten; eine Thorheit der Heiden, und serbst nicht weniger Christen. Aber aus den gerechtesten Gründen Etwas für Gotteswort halten, ist ein Merkmahl höchster Weisheit. Wer die Wahrheiten, die Gott geoffenbart hat, mit festem Glauben für wahr hält, der nimmt an der Unfehlbarkeit Gottes selbst Antheil. 54 5. Die Prüfung in Gegenständen der Religion, wenn anders sie in dem Geiste geschieht, in welchem Maria prüfte, wirkt dahin, daß der fromme Sinn unerschütterlich im Glauben wird. Es gibt aber auch Solche, die nur grübeln und nicht prüfen, damit sie Gründe finden, den Irrthum zu unterhalten, den sie lieben; auch wollen sie nicht lernen was sie glauben und was sie lieben sollen. Ihre Absicht ist nicht, die Wahrheit aufzufinden, in der Absicht, derselben anzuhangen; sondern vielmehr Ursachen hervorzusuchen, an einer Wahrheit zu zweifeln, die ihnen verhaßt ist. Es ist ihnen nicht um sichere Regeln zu thun, damit sie erkennen, was sie glauben, und wie sie leben sollen; die Absicht ihrer Untersuchungen ist, ohne Rügen des Gewissens im Laster fortzuleben. 6. Gottloser Irr- und Unglaube ist Solchen sehr willkommen, welchen der Glaube lästig ist. Nur dann wird der Glaube verdächtig, wenn derselbe anfängt den Leidenschaften lästig zu werden. Nicht sowohl durch die Unbegreislichkeit seiner Geheimnisse als durch die Heiligkeit seiner Aussprüche empören die Gottlosen sich wider ihn. Entweder müssen sie ihren lasterhaften Begierden entsagen, oder ohne Unterlaß in Gewissensbissen und Ängsten leben. Darum entschließen sie sich, nichts mehr zu glauben; oder aber an Allem zu zweifeln, nur nicht an der Schändlichkeit der Ausschweifungen, in welchen sie ihr Leben zubringen. 55 Sechzehntes Capitel. Von der Unterwerfung unter den Glauben. 1. Sobald Maria versichert ist, daß Gott durch die Stimme seines Engels zu ihr gesprochen hat, glaubt sie auch fest, daß was dieser Bote des Herrn ihr verkündet, in Erfüllung gehen wird; ohne das Geheimniß selbst begreifen zu wollen. Sie verlangt kein Zeichen, wieAchatz; sie zweifelt nicht, wie Zacharias. Nicht dann fragt sie:»Wie soll das geschehen?« Auf welche Weise wird dieß Kind, dessen Mutter ich werden soll, die Erlösung wirken? Auf welche Weise wird Er sein Reich begründen?— Nimmer vernimmt der Engel Einwendungen dieser Art aus ihrem Munde. Fern von ihr ist solcher Vorwitz, solche Ausforschungen, die nur schwachen Seelen eigen sind. Sobald sie die Offenbarung vernommen hat, unterwirft sie ihren Geist augenblicklich unter das Joch des Glaubens. 2. O meine Seele, unterwirf auch du in Demuth deine Vernunft den göttlichen Wahrheiten, die deine Einsichten übersteigen! Suche nicht, die Geheimnisse zu begreifen, die der Glaube dir vorstellt. Begriffest du sie, so wären sie keine Geheimnisse mehr. Es genügt dir, zu wissen, daß dieselben wahr sind. Und fürwahr überzeugt wirst du werden, wenn du den Glauben, der dieselben dich lehrt, mit allen 56 Kennzeichen betrachtest, die ihm Aufnahme in der ganzen Welt erwirkten. Unbegreiflich zwar sind diese Geheimnisse; doch verlieren würde der Glaube sein Verdienst, wenn die menschliche Vernunft dieselben zu erklären vermöchte.»Selig Diejenigen, die nicht sehen und dennoch glauben!«(Joh. 20.) 3. Von den höchsten Gestirnen an bis zur kleinsten Blume des Feldes ist Alles in der Natur Geheimniß für dich. Sieh, du begreifst diese natürlichen Geheimnisse nicht, und du willst die Geheimnisse Gottes begreifen? Der Mensch will die Dinge Gottes klar erkennen, indeß er die Dinge dieser Erde nur unvollkommen einsieht! Nimmer soll man die Allmacht und die Werke eines unerfaßlichen und unendlichen Wesens nach den schwachen Einsichten des menschlichen Verstandes ermessen wollen. Wäre Gott was Er ist, dafern wir fähig wären, in den ganzen Grund seines Wesens einzudringen? 4. Wer da glaubt was die Augen nicht sehen und was die Vernunft nicht erfaßt, der huldigt der allerhöchsten Wahrheit auf vollkommne Weise. Nicht nach meinen Einsichten, mein Gott, will ich die Dinge beurtheilen, sondern nach den deini- gen, die der Glaube mir mittheilt! Du forderst nicht nur das Opfer des Herzens von mir, sondern auch das Opfer des Erkenntniß. Vermögens, das durch den Glauben Dir dargebracht wird. 5. Ich hoffe einst dahin zu gelangen, wo der Schleier gehoben und alles Verborgene anschaulich gesehen wird. Aber selbst in deinem himmlischen Reiche werde ich weder deine ewigen Vollkommenheiten noch deine Wirkungen vollkommen begreifen, weil Du immerdar ohne Gränzen, ich aber immer nur ein beschränktes Geschöpf seyn werde. »Ich glaube, Herr, aber hilf meinem Unglauben nach! Vermehre den Glauben in mir!(Marc.n. Luc. 17.) Nimmermehr versagst Du mir auch die Gabe des Glaubens, den Quell aller Gaben, wenn ich in Demuth Dich darum bitte! Ich flehe Dich darum an durch die Fürbitte jener Jungfrau, die durch die Unterwerfung und das Verdienst ihres Glaubens sah, wie»Alles an ihr erfüllt ward, was ihr von Dir war verkündiget worden.«(Luc. 1.) 6. Gib mir einen lebendigen, alles umfassenden Glauben, der keinem Zweifel Raum gibt. Denn wer da zweifelt, der glaubt nicht. Wer einen einzigen Punct ausnimmt, der verwirft alle. Gib mir einen, durch die Liebe belebten Glauben, kraft dessen ich den Wahrheiten gemäß lebe, die der Glaube mich lehrt. Ich bitte Dich nicht um die Gabe, Wunder zu wirken, wie deine Heiligen solche durch den Glauben wirken, sondern ich bitte Dich um jenen Glau 58 ben, durch welchen deine Heiligen Heilige geworden sind! Siebenzeh ntes Capitel. Von dem heiligen Eifer, den eine Seele haben soll, Zcsus in der heiligen Cvmmunion zu empfangen. Maria- Mein Sohn! bevor ich von dem heiligen Engel Gottes die Botschaft vernahm, hatte ich, nach dem Beispiele der Gerechten in Israel, oftmals die Himmel angerufen, daß sie den Gerechten gleich sanftem Thau hernieder senkten; nimmermehr jedoch hätte mir geahnet, daß ich selbst jene Jungfrau seyn sollte, die bestimmt war, der Welt den Erlöser zu gebären. Als ich nun die Versicherung erhielt, daß der Allerhöchste mich zu seiner Mutter erkoren hatte, da ward ich bei dem Anblick dieser so hoch erhabenen Würde vor tiefer Demuth beklommen; durchdrungen ward mein ganzes Herz von Empfindungen heiliger Gottesfurcht und ich erfaßte meine eigene überschwengliche Freude nicht, meinen Gott in meinem Schooße zu besitzen. 2. Sich, mein Sohn, der nämliche Gott, der sich herabließ, durch seine Menschwerdung sich so innig mit mir zu vereinigen, verlangt nun durch die Communion mit dir sich zu vereinen; doch wie gering ist der Eifer deines Herzens, Ihn zu empfangen! 59 Höre die scheinbaren Entschuldigungen nicht an, die deine träge Gleichgültigkeit und falsche Demuth dir einflößen, von dem Tische der heiligen Commu- nion dich zu entfernen. Du wendest Furcht und Ehrerbietung ein. Doch die Furcht und die Ehrerbietung sollen der Liebe untergeordnet seyn, und nur dazu dienen, diese Liebe selbst aufmerksam zu erhalten. 3. Wer durch scheinbare Ehrfurcht von der Eom- munion sich entfernt, der beraubt Jesum der Wonnen, die Er bei ihm haben möchte; wie Er selbst bezeugte:»Es sind meine Wonnen, bei den Kindern der Menschen zu seyn!«(Sprichw. 8.) Du sagst, du fehltest viel zu oft, als daß du es wagen dürftest, dem Heiligen der Heiligen so oftmals zunähen. Doch, mein Sohn, wie gebrechlich auch eine Seele sei, wird dennoch, wofern sie nur Alles aufbietet, sich zu bessern, Jesus immer gern bei ihr einkehren. Auch sagst du, du haltest dich fern vonderEom- munion, weil du derselben dich unwürdig fühlest. Sagen solltest du: Ich will ernstlich streben, so viel an mir liegt, würdig zu werden, oftmals zur heiligen Eommunion zu gehen, damit ich der Gnaden theilhaft werde, die Jesus frommen Seelen ertheilt, welche sich darin mit Ihm vereinigen. 4. Du nahest dem göttlichen Gastmahl dich nur darum so selten, weil du fürchtest, in beständiger Zucht und Wachsamkeit dich zu bewahren. Du fürchtest, ein so frommes und eifriges Lc 60 ben zu führen, als von dir gefordert würde, wenn die oftmalige Communion dir sollte gestattet werden. Du klagst über die Schwäche und das Elend deiner Seele. So greife denn zu dem wirksamen Heilmittel, das in dem Brote des Lebens dir angeboten wird. 5. Jesus beruft in seinem Evangelium»die Schwachen und Kranken, die Armen und Blinden« zu seinem göttlichen Gastmahle. Er kennt dein Elend und bietet in seinem Sakramente dir eine Nahrung, die höchst geeignet ist, dir zu helfen und dich zu kräftigen. Zu wünschen wäre es allerdings, du brächtest vollkommne Heiligkeit zur Communion mit; doch fordert Jesus sie nicht. Wäre sie nothwendig, wie Wenige würden dann, ungeachtet seiner so drängenden Einladungen zu seinem Tische zugelassen werden! Wer da behauptet, sie sei nothwendig, der verlangt als Vorbereitung zur Communion was sich nur als die Frucht derselben erwarten läßt. 6. Bringe zur heiligen Communion ein aufrichtiges Geständniß deiner Unwürdigkeit, bringe große Reinheit des Herzens, oder wenigstens einen festen Vorsatz mit, daß du thätig wirken wollest, dieselbe zu erlangen; und deine Communion wird heilsam seyn. Bedenke, daß eine wohl verrichtete Communion beinahe immer gesegnete Wirkungen in der Seele zurückläßt. 61 Wärest du durch Wachsamkeit und Treue zu dem Stande getaugt, der von dir gefordert wird, damit dir gestattet werden könnte, des Sacramentes oftmals theilhaft zu werden, du hättest längst große Fortschritte auf dem Weg der Vollkommenheit gethan. Eine Seele, die sich sehnt, der Gegenwart Jesu im Himmel zu genießen, setzt alle ihre Wonnen darein, daß sie auf Erden, so oft nur möglich, durch die Eommunion sich mit Ihm vereinige. Achtzehntes Capitel. Was eine Seele bedenken soll, die Jesum durch die heilige Kommunion in ihrem Innern besitzt. Maria. 1. Mein Sohn, haft du Jesum bei dem göttlichen Tische empfangen, und ruht Er in deinem Herzen, dann führe zu Gemüthe, was ich zu Gemüthe führte, als ich Ihn in meinem Schooße trug. Der Diener. 2. O Maria, welcher menschliche Sinn vermag es je zu erfassen, welche Zunge es auszusprechen, ja wem, außer Gott allein ist es bekannt, wie wunderbar damals die Empfindungen deines Herzens die Entzückungen deiner Seele waren! Glaube, Demuth, Eifer, Dankbarkeit, Liebe, alle Tugenden theilten sich in die Augenblicke jener 62 neun Monate, während welcher du das Wort des ewigen Vaters in deinem keuschesten Schooße trügest! Maria. Mein Sohn, wenn du den hohen Werth der Gnade wohl erkennest, die Jesus dir erzeigt, wann Er in seinem Sakramente sich dir gibt, und wohl bedenkest, wie zart sein Herz gegen dich gesinnt rst: kann es dir dann je an Empfindungen für Ihn gebrechen? Sieh, der Schöpfer besucht das Geschöpf, der König der Herrlichkeit den armen Erdwurm, der himmlische Tröster die betrübte Seele, die allerhöchste Heiligkeit den sündigen Menschen! Demüthige dich tief vor Ihm; preise und erhebe seine Güte, die unendlich über alle deine Begriffe erhaben ist. Verabscheue deinen verflossenen Undank, rufe seine Hilfe für die Zukunft an, verheiße Ihm ewige Treue. 4. Überlaß dich den Empfindungen der reinsten Freude. Lade die Engel und die Heiligen ein, daß sie an deiner Statt Ihm Danksagungen darbringen, die, wo es möglich wäre, der hochhcrrlichen Gabe entsprechen sollten, die du von Ihm empfangen hast. Hege ein lebendiges Verlangen, daß ein so liebreicher und so gütiger Gott also auf Erden geliebt und verherrlichet werde, wie Er es im Himmel wird. Erschließe dein Herz dem Feuer seiner ewigen 63 Liebe, und erwecke die Sehnsucht in dir, daß esvon demselben flamme und verzehrt werde! 5. Opfere Ihm zur Dankbarkeit für seine Wohlthaten und zum Ersatz für deine Schwäche alle frommen Empfindungen heiliger Seelen, die in dem nämlichen Sakramente Ihn mit Andacht und Liebe empfangen. Opfere Ihm zumal alle Empfindungen, die icb durch seine Gnade gegen Ihn hegte, als Er in seiner heiligen Menschwerdung sich auf so innige Weise mit mir vereint hatte. Gedenke der Tugenden, von welchen Er in sei ncm Sakramente dir so wunderbare Beispiele gibt, besonders seiner Demuth; und flehe Ihn um die Gnade an. Ihn nachzuahmen. 6. Sieh, in diesem abgründlichen Sakramente ist nicht nur seine Gottheit, sondern sogar seine Menschheit verborgen. Nichts erscheint darin von Jesu; außer den Augen deines Glaubens. Bitte Ihn um die Gnade, sein verborgenes und unscheinbares Leben nachzuahmen, Glanz und Ehren zu fliehen, und deine Werke nie und nimmer in der Absicht zu thun, daß du von den Menschen gesehen und geachtet werdest. In diesem Sakramente ist Jesus die Zielscheibe der Verachtung und des Spottes vieler Menschen und der Gleichgültigkeit so mancher Seelen, die Ihm sehr wenig, der Welt gar sehr, sich selbst aber gänzlich angehören. Bitte Ihn auch um Kraft, Beleidigungen und Widersprüche geduldig zu ertragen. Sieh, mein Sohn, dieß sind Dinge, mit wel^ chen du bei der Communion und den ganzen Tag hindurch dich beschäftigen magst, an welchem die Glückseligkeit dir zu Theil ward, Jesum in deinem Herzen zu empfangen. Neunzehntes Capitel. Bon den Trockenheiten einiger Seelen in ihren AndachtSübun- gen und zur Zeit der heiligen Communion. Der Diener. 1. O gebenedeite Jungfrau, nach Jesu meine Zuflucht und mein Rath! oft ist, ungeachtet aller Sorgfalt, mit welcher ich mein Herz zur Vereinigung mit meinem göttlichen Herrn in dem Sakrament seiner Liebe, zu stimmen suche, dasselbe kalt, und es schmachtet meine Seele in schwerer Trockenheit. O wer mir dann verliehe, Theil zu erhalten an der Fülle deiner zartesten Liebe, an jenen süßen Empfindungen, die dein Herz zur Zeit erfüllten, als du Jesum in deinem jungfräulichen Schooße trügest! Ach, wie viele fromme Seelen scheinen zur Zeit der heiligen Communion in so liebliche Andacht versenkt! Maria. 2. Mein Sohn, wenn du bei der Communion in Trockenheit schmachtest, so demüthige dich und erkenne, daß du diesen Stand durch vielfältige Un- 65 treue verdientest; ertrage solchen mit Geduld und zur Sühne deiner Fehler; doch werde darüber nicht kleinmüthig. Hast du Gründe zu glauben, dieser Stand des Mlßtrostes sei eine Strafe, so bessere dich; ist es aber nur ein Stand der Prüfung, so sieh zu, daß derselbe durch deine Ergebung dir zum Verdienste gereiche. a. Die Frucht einer guten Communion ist eben nicht nothwendiger Weise der Geschmack an der Eom- munion selbst; diese Frucht besteht in der Treue gegen deine Pflichten. Ein Herz kann Gott aufrichtig und gänzlich angehören, und dabei dennoch keinen Geschmack an göttlichen Dingen empfinden. Gar manche Seelen, die mit großem Eifer auf dem Weg der Vollkommenheit wandeln, werden im innerlichen Gebet und selbst dann wann sie zum Ti, sche des Herrn gehen, durch schwere Trockenheiten geprüft. 4. Fühlbarer Geschmack an der Andacht ist nicht wesentlich nothwendig zur Tugend; heilsam ist es sogar mancher Seele, daß sie an inneren Trockenheiten leide, damit sie nicht fühlbarem Troste anhange. Gar wohl weiß der göttliche Bräutigam, was seinen Bräuten frommt. Einigen spendet er liebliche Empfindungen und süßen Trost, die Er andern aus Gründen versagt, welche sie anbeten sollten, ohne sie ergrübeln zu wollen. Nachf. Mar> 5 Vü'-E-.. -SS 66 Wenn einer Seits eine träge und nachlässige Seele die Freigebigkeit Jesu nicht erfährt, so soll anderer Seits eine getreue und eifrige Seele sich erfreuen, wenn die Gelegenheit sich ihr erbietet,^esn zu zeigen, daß sie Ihm weit mehr um Seiner selbst willen, als wegen seiner Gaben dient. Glaube also nicht, du seist von Gott verworfen, wenn du nur Überdruß in seinem Dienste empfindest; sondern thu zu solcher Zeit, Ihm wohlzu- gefallen, in aller Treue was du thun würdest, wenn du den größten Geschmack an seinem Dienste fändest. 5. Mein Sohn, geh zu deinem Gott mehr durch den Glauben als durch die Sinne. Suche in allen Dingen Ihm wohlzugefallen. Dieß ist der Hauptpunct, nach welchem alle Heiligen gezielt, und worin sie ihre Glückseligkeit gefunden haben. Der Stand der Trockenheit ist sehr geeignet, deine Seele zu reinigen und zu heiligen, wenn anders du darin den Absichten Gottes entsprichst. Die Absicht des Herrn aber, wenn Er in diesem Stande dich zurückläßt, ist, dich dahin zu bringen, daß du dich selbst nicht suchest, sondern sein göttliches Wohlgefallen für deine Glückseligkeit haltest; denn darin besteht das wahre Verdienst. Der Diener. 6. Unwerth alles Trostes, unterm., fe ich mich, o gebenedeite Jungfrau, sowohl hierin als in allen übrigen Dingen aus ganzem Herzen dem Willen meines göttlichen Herrn. 67 Will Er der Gnade mich würdigen, meine Seele durch seinen süßen himmlischen Trost zu erfreuen, so sei Er gebenedeit; und will Er denselben mir versagen, so sei er abermal gebenedeit. Ich bitte Jesum um keinen andern als um den einzigen Trost, Ihm unwandelbar treu zu seyn. Gern will ich alles Verlangen meines Herzens der Lieblichkeit des Herzens Jesu zum Opfer bringen, und thun was immer ich vermag, ohne andern Trost dabei zu suchen als Ihm wohlzugefallen. Zwanzigstes Capitel. Von der Frucht der heiligen Communion für das thätige Leben. Der Diener. r. Heilig warst du, o Mutter der schönen Liebe, von dem ersten Moment deines Daseyns; doch wer vermags zu erfassen, wie groß deine Fortschritte auf dem Wege der Heiligkeit von jener Zeit an waren, wo du den Urquell aller Heiligkeit in deinem keuschesten Schooße empfangen hattest! Die neun monatliche Gegenwart Jesu in dir, seinem heiligen Tempel, prägte dich mit einer Heiligkeit, die alle deine Werke zu so großem Werth erhoben, daß kein menschlicher Begriff denselben erfaßt. Der Gedanke an die hocherhabene Gnade, die Gott vor allen Töchtern der Erde dir erwiesen hatte, erhielt dich bis zum letzten Hauch deines irdischen Lebens in beständiger Wachsamkeit und Sorgfalt. 5* 68 Ihm durch alle Regungen deines Herzens und durch alle deine äußerlichen Werke zu danken. Marr a. 2. Mein Sohn, sieh, du empfängst in dem Sacramente der höchsten Liebe Jesu den nämlichen Gott aller Heiligkeit; woher also kommt es, daß du nicht heilig bist?„ Eine einzige Communion würde genügen, Lein Herz mit allem Eifer der Heiligen zu erfüllen; und deine Communionen lassen dich beinahe immer m deiner alten Lauigkeit zurück! Nicht ganz und ohne Vorbehalt ergibst du dich an Jesus, der doch seiner Güte gegen dich keine Gränzen setzt. 3. Oft zwar erweckt Er, wenn du Ihn empfangen hast, großes Verlangen nach Tugenden in dir; auch gibst du Ihm Verheißungen großer künftiger Treue; doch über ein Kleines sind deine guten Begierden und Verheißungen erloschen. Nicht also würdest du gegen einen Großen dieser Erde handeln, der mit seinem Besuche dich beehrt hätte..,„., Wer von den Wohlthaten cmes Freundes gerührt ist: wie schnell ist ein Solcher, die innigste Dankbarkeit ihm zu erzeigen'. Nimmermehr ruht seine Liebe, bis er nicht Mittel dazu gefunden hat! 4. Fehlt es dir etwa, mein Sohn, an Gelegenheiten zu Tugenden? O wie sorglich benützten die ^eiligen dieselben, Jesu nach der Commumon ihre «9 Dankbarkeit für seine wunderbare Herablassung und barmherzige Gnade zu bezeugen! Vor Allem verlangt Er, daß du über die Regungen deines Herzens wachest, damit darunter auch nicht eine einzige sei, die nicht nach Ihm ziele. Wachtest du, wenn du von der Communion zurückkehrest, sorgfältig über dich selbst, so würdest du dich in der Andacht erhalten, in welcher du zu dem heiligen Tische tratest. Diese Wachsamkeit nach jeder Communion ist die beste Vorbereitung zu einer neuen Communion. Der Diener. 5. O heiligste und reinste Jungfrau, du Vorbild aller Tugend, zu deinen Füßen erröthe ich über meine Trägheit, meinen Kaltsinn und Undank. Erflehe mir von Jesu, daß Er, wenn Er der Gnade seines Besuches mich würdiget, alle Regungen meines Herzens ordne und sie gänzlich zu sich wende. Nimmer ist dieß öde und kalte Herz Seiner würdig; Er erschaffe ein neues, ein reines Herz in mir, das dem deinigen ähnlich. Ihn eben so glühend, großmüthig, zart und standhaft liebe als sein göttliches Herz uns Sünder liebt! Ein und zwanzigstes Capitel. Von der Nächstenliebe. Der Diener. 1. O eifrigste der Jungfrauen, nicht ohne heilige Absicht verläßest du deine geliebre Einsamkeit zu Nazareth, außerhalb derselben sichtbar zu erscheinen; der Geist gottseliger Nächstenliebe, der dein Inneres beseelt, regt dich zu dieser Reise an. O glückselige Hügel, über die deine heiligen Füße schreiten! Sieh, es frohlocken die Berge Ju- da's über deine geliebte Gegenwart! 2. O würdige Mutter des Gottes, der da kam, heilige Liebe uns zu lehren, kaum hast du aus dem Munde des Engels den gesegneten Stand deiner Muhme Elisabeth vernommen, so machest du alsbald dich auf, sie heimzusuchen. Du gehst in Eile, spricht das Evangelium; die Antriebe des Heiligen Geistes fordern Schnelligkeit in der Ausführung. Nimmer schrecken die Berge dich ab, die du übersteigen mußt; die Nächstenliebe erfüllt ihre Pflichten unerschrocken und mit heiliger Großmuth. Du verlässest eine Zeit lang die Lieblichkeit deiner Einsamkeit; denn die Nächstenliebe hat Rechte, welchen die Süßigkeit der Andacht weichen muß. 3. Deine Nächstenliebe ist nicht etwa vorübergehende Laune; drei ganze Monate bliebst du bei Elisabeth, ihr mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu dienen. Und wie groß, wie wunderbar sind die Wirkungen der Heiligkeit dieses liebreichen Besuches! Erfüllt wird Elisabeth mit dem Heiligen Geiste; geheiligt wird Johannes der Täufer im Muttcrleibe. Es lebten Elisabeth und ihr priesterlicher Gemahl in beständiger Ausübung heiliger Tugenden; doch wurden sie durch deine Beispiele angelehrt, dieselben noch vollkommner zu üben. Maria. 4. Mein Sohn, wer Gott wahrhaft liebt, der liebt auch seinen Nächsten, welchem zu Liebe Er vorn Himmel kam, Mensch ward und sein Leben am Kreu. ze opferte. Laß es nicht bei deinem Zartgefühl bewenden; deine Nächstenliebe muß thätig seyn. Sieh, so viele Betrübten bedürfendes Trostes deiner Worte! So viele Armen und Elenden seufzen nach Deiner Hilfe und deinem Dienste, um Linderung in ihrer Noth zu erhalten! Gott ließ es zu, daß es auf Erden viele blenden gäbe, damit sie durch ihre Geduld sich heiligten; Andere dagegen begabte Er mit zeitlichen Gütern, damit sie durch die Übung der Nächstenliebe selig würden. 5. Sei schnell, Gutes zuthun, wenn du es schnell thun kannst; wer da zögert, der verliert immer Einiges von dem Verdiensteseiner Nächstenliebe. 72 Deine Nächstenliebe sei freigebig; gib derselben so großen Umfang als deine Kräfte es gestatten. Wer in seinen Wohlthaten gegen den Nächsten sich engherzig beschränkt, der weicht vielmehr den Mich, ten der Nächstenliebe aus, als er dieselben erfüllt. Ist es dir nicht möglich, dem Nächsten selbst zu helfen, so laß es dich nicht verdrießen, die Hilfe Anderer für ihn anzusprechen; und fruchtet auch die, ses nicht, so flehe wenigstens zur Güte Gottes für ihn. 5. Sieh in deinem Nächsten nicht den Menschen, sondern Gott an. Wer immer dann der Mensch sei, der zu dir um Hilfe fleht, wirst du sie ihm nicht versagen, weil du Gott nichts versagen möchtest. Wer den Menschen nur nach ihren Verdiensten und guten Eigenschaften Gutes thun will, der wird ihnen nicht oft Gutes erweisen. Was aber wäre aus dir selbst geworden, wenn Gott dir nicht Gutes gethan hätte als du böse lebtest? Liebe jene Werke der Nächstenliebe, mein Sohn, welche Aufopferungen kosten. Übe deine Nächstenliebe gern auf Unkosten deiner Eigenliebe. Gott selbst lehrt dich durch sein Beispiel allen, selbst den undankbarsten Menschen Wohlthaten erzeigen. 6.»Gebet, spricht Jesus, und es wird euch ge, geben werden!«(Luc. 6.) Gib etwas von deinem zeitlichen Reichthum^ und Gott wird dir ewigen Reichthum geben. Gib deinem Nächsten gute» Rath in seinen Zwei- 73 feln, und Gott wird durch seine Einflößungen dir aus deinen Ängsten helfen. Gib den Betrübten Worte des Trostes, und der Gott alles Trostes wird durch Worte seiner Gnade in deinen Trübsalen dir zu Hilfe kommen. Zwei und zwanzigstes Capitel. Bon der Größe Gottes. Höre, meine Seele, und vernimm, wie Maria in heiliger Entzückung die Größe und Herr- lichkeit Gottes, ihres Schöpfers preist! Stimme dein Herz zu gleichen Empfindungen und vereinige dein Lob mit dem ihrigen. Preisen wir mit ihr den Herrn^ den Allmächtigen, der, wenn es also Ihm wohlgefällt, die höchsten Wunder wirkt, und dessen unendlich heiliger Name die Anbetung des Himmels und der Erde ist. Der mit der Gewalt seines allmächtigen Arms die Plane der Gottlosen vereitelt; die Gewaltigen der Erde erniedrigt, die Kleinen zu erheben; die Reichen beraubt, die Dürftigen mit Gütern zu erfüllen. 2. Wem auch gebührt alles Lob und alle Ehre, wenn nicht Dir, Herr, unser Gott! Begränzt und erborgt ist die Größe der Men- schen; durstig ist sie und gebrechlich; sie hängt von der Ansicht Anderer ab; oft auch ist sie eingebildet und falsch. «Doch deine Größe, o Gott, kennt keine Grän- 74 ren-<(Ps-144.) Du selbst bist deine eigene Herrlichkeit! und empfingst sie von keinem Andern; jede andere Größe ist gegen die deinige verglichen, ein fluchtiger Schatten und weniger als Nichts. Die Größe der Herrscher endiget mit ihrem 4e- ben; dem Geräusch ihres Falles folgt ewige Ver- ^^Du^ab?!'oOHerr, bestehst ewiglich! Nimmermehr wird deine Herrlichkeit eingeengt, weder durch die Gränzen des Weltalls noch durch die Gränzen 3. Wessen könnten deine Geschöpfe sich rühmen? Was immer sie besitzen an Macht und Reichthum, das empfingen sie aus deiner Hand; mchts vermo- qm sie ohne Dich; Du alles ohne sie. Nur Du bist groß durch Dich selbst. Nimmermehr bedarfst Du fremder Gewalt, die Rathschlusse deines Willens auszuführen. Wollen und Thun ist bei Dir Eins und dasselbe., Ohne aus Dir herauszutreten, findest^u m Dir selbst Alles was die Geschöpfe an sichtbaren und unsichtbaren Vollkommenheiten empfingen; und zwar ohne alle Gränzen und Mängel. Du allein besitzest wesentlich und als allerhöchstes Eigenthum alle möglichen Vollkommenheiten; denn Du allein besitzest das Daseyn in semer gan- ^ Die Großen dieser Welt verdienen unsre Ehrfurcht nur, weil sie ein Bild deiner Größe sind und Du ihnen einen Theil deiner Gewalt anvertrauest. 75 Was aber sind sie selbst vor Dir?— Staub und Asche gleich den übrigen Sterblichen! So verschwinde denn und versinke jede Größe vor Dir! Denn wahre Größe ist jene allein, die weder Zuwachs noch Verminderung kennt. »O Herr, Gott der Heerscharen, wer ist Dir gleich?«(Ps. 68.) Du allein bist der Anbetung des Himmels und der Erde würdig, denn Du allein bist immerdar, überall und in allen Dingen groß. 5. Groß bist Du in allen deinen Werken, in dem kleinsten wie in dem wunderbarsten; in der Blume des Feldes wie in den Sternen des Firmamentes. Groß bist Du an Weisheit, an Macht, an Gerechtigkeit, an Güte; und wer, o Herr, vermag es je, würdig von deiner Größe zu sprechen? Sieh, mein Unvermögen betet Dich an; zu deiner Ehre gereicht dieß Bekenntniß; denn es huldigt deiner unendlichen Größe wer in Demuth bekennt, daß sie über alles Lob und über allen Ausdruck erhaben ist. Drei und zwanzigstes Capitel. Von den göttlichen Erbarmungen. Der Diener. i. Wie innig erfreut sich meine Seele, o gebenedeite Jungfrau, deine Stimme zu hören, welche die Erbarmungen des Herrn lobpreist, gleichwie sie die Größe des Herrn feierlich verkündigte! 76 Mit prophetischem Auge sahst du, wie diese göttlichen Erbarmungen von Geschlecht zu Geschlechte über alle sich ergießen, die den Herrn fürchten l Nur dann züchtigt Er in seinem Zorne die Sünder und verhängt die schrecklichsten Strafen, wenn seine Wohlthaten es nicht vermochten, sie zurückzuführen und ihr Herz zu seiner Liebe zu wenden. 2. Weder der Undank noch die Untreue seines Volkes trocknete den Quell seiner Güte auf. Er off, nete ihnen den Schooß seiner Erbarmungen mit väterlicher Milde. Verheißen hatte Er dem Abraham und seiner Nachkommenschaft, einen Retter zu senden; und diese huldreiche Verheißung zu erfüllen, suchte Er in den Vatern Gründe, ihren Kindern Gnaden zu erzeigen, deren sie selbst unwürdig waren. 3. Es erschien dieser Retter; und nimmer konnten die Menschen seine überaus große Liebe zu ihnen verkennen. Allen Elenden reichte Er seine hilfreiche Hand; nimmer auch schloß Er die Sünder von seinen Wohlthaten aus; vielmehr suchte Er sie mit vorzüglich eifernder Liebe auf. Schmerzlich, überaus schmerzlich fiel es seinem liebreichsten Herzen, daß so viele Undankbare Ihn verließen und eine falsche Freiheit der hohen Gnade vorzogen, seine Knechte und Freunde zu seyn. Seine unerschöpfliche Liebe zu krönen, bestieg Er das Kreuz, wo Er sein heiliges Opferblut bis auf den letzten Tropfen vergoß. 77 Also sahen Ihn die Menschen; ja noch sehen sie Ihn also; und ihr Herz bleibt ungerührt!— Dennoch werden die Blitze zurückgehalten, die so großen Undank zerschmettern sollten. Immer ruft seine Barmherzigkeit und die Stimme seines Blutes um Barmherzigkeit für sie. 4. Ich selbst, o gebenedeite Jungfrau, bin ein sprechender Beweis der Geduld, mit welcher Er den Sünder erwartet; und der Barmherzigkeit, mit welcher Er denselben aufnimmt. Ein irrendes Schäflein, ward ich durch diesen göttlichen Hirten zur Hürde zurückgeführt. Er selbst ließ sich barmherzig herab, mich zutragen; da Er gleichsam fürchtete, ich würde bei dieser Rückkehr allzusehr ermüden. Wie könnte ich je des Tages vergessen, wo dieser zärtlich liebende Vater, bei dem Anblick seines verlorenen, zu Ihm zurückkehrenden Sohnes, ihm entgegen eilte, ihn umfing, mit seinen Thränen benetzte und an sein Vaterherz drückte. 4- O wie gütig ist unser Gott! Bei dem Anblick eines zerknirschten und gedcmüthigten Herzens vergißt Er der Schulden des Sünders, und ist blos eingedenk, daß Er Vater ist! O glorreiche Jungfrau, Mutter des Gottes der Erbarmungen, die du zu Ihm um meine Bekehrung flehetest, erwirke mir die Gnade der Beharrlichkeit! Kund ist dir der geringe Bestand meiner besten Begierden im Laufe meines verflossenen Lebens. O 78 erhalte, stärke, und vervollkommne durch deinen Schutz das neue Verlangen nach meiner Heiligung, das die göttliche Gnade in mir erweckt! Gewiß ist deine barmherzige Liebe zu mir nicht geringer als mein Vertrauen zu dir. Würde je der Feind meines Heiles mehr thun, mich zu verderben, als du, Mutter der Barmherzigkeit, mich zu retten? 5. O so erwirke denn, du liebreiche und barmherzige Mutter, erwirke deinem flehenden Kinde lebendige Reue über die Vergangenheit, die sorgfältigste Treue für die Gegenwart, und unerschütterliche Beharrlichkeit für die Zukunft; damit ich durch deinen mächtigen Schutz gestützt, im Himmel die Er- barmungen des Herrn ewiglich lobsinge. Vier und zwanzigstes Capitel. Von DünElxuEett fük göttliche 32>chlch6ten. i. Unendlich gütiger Gott, der Du, so lange ich im Daseyn bin, mir so viele, zeitlichen und geistlichen Gnaden erwiesen hast, ich opfere Dir als Danksagung alle Empfindungen der Dankbarkeit, von welchen das Herz Mariä für deine Wohlthaten glühte, zumal in dem Augenblick als sie das Haus des Zacharias und der Elisabeth betrat. Niemand verdiente je gerechteres Lob, als Elisabeth der allerseligsten Jungfrau ertheilte. Maria aber wollte, daß Elisabeth Derjenigen vergäße, die Gottes Wohlthaten empfangen hatte, und dafür des Wohlthäters allein gedächte. 79 Ihr feurigstes Verlangen war, daß alle Geschöpfe sich mit ihr vereinten, Dich, o Gott, für die Gaben zu preisen, die Du ihr verliehen hattest. Nur darum achtete sie sich glückselig, weil der Allerhöchste auf die Niedrigkeit seiner Magd herabgesehen hatte, um dadurch seine Größe und seine Barmherzigkeit zu offenbaren. 2. Herr, mein Gott, ach, nicht dieß eifrige Dankgefühl, schweren Undank sieht, nach so vielen Beweisen deiner Liebe, dein Auge in meinem Herzen! Ich empfange Gaben von Dir, und danke den Menschen dafür; mein Vorhaben gelangt zu einem guten Ende, und ich schreibe dieß meiner sinnreichen Betriebsamkeit zu. Was bin aber ich selbst, und was vermag ich aus mir selbst, zumal hinsichtlich meines ewigen Heiles! Und dennoch bin ich nicht bedacht, für so vielfältige Hilfe Dir zu danken, die deine Barmherzigkeit mir verleiht, damit ich dieß höchst wichtige Geschäft glückselig vollbringe! 3. Ist ja etwas in mir, das deinen göttlichen Augen wohlgefällig ist, so habe ich es von Dir empfangen; und vermag es auch nicht ohne Dich, dasselbe zu erhalten. Ich wirke zwar frei mit deiner Gnade; aber selbst für diese Mitwirkung soll ich Dir danken, da ich ohne deine Hilfe das Gute weder wollen noch thun kann. O wie groß ist das Elend und die Schwäche meiner Seele! Was würde aus mir werden, wenn bei- 8» rie Gnade mich verließe; zu wie schändlichen Vcr- irrungen würden meine unglückseligen Neigungen mich hinreisten! 4. Alle meine Sicherheit liegt in der Überzeugung von meiner Schwäche, und in der Dankbarkeit, die mir für so viele Gnaden obliegt, mit welchen deine Barmherzigkeit diese Schwäche aufrecht erhält. O gestatte nicht, mein Gott, daß ich durch Untreue deiner Wohlthaten unwürdig werde, noch daß ich derselben aus Undank vergesse! Die herrschende Neigung deines Herzens ist deinen Geschöpfen Gutes zu thun;, kein Laster jedoch hält den Erguß deiner Erbarmungen so sehr als der Undank zurück. Wie oft, ach, hätte ich es verdient, daß Du deine Erbarmungen mir entzögest; doch war es Dir wohlgefällig, dieß undankbare Herz durch unaufhörliche Wohlthaten zu besiegen! 5. Sieh, o Gott, mein Schöpfer, nimmermehr will ich von nun an Dir widerstehen; gänzlich und für immer will ich Dir angehören; so wie ich nur durch Dich lebe, will ich auch nur für Dich leben. Gleichwie aber meine Bedürfnisse und deine Wohlthaten beständig sind, also wirke auch deine Gnade in mir, daß mein Leben in beständiger Anrufung deiner Barmherzigkeit und in Danksagung für deine Wohlthaten verfließe! 81 Fünf und zwanzigstes Capitel. Bon Besuchen. 1. Das Beispiel der allcrseligsten Jungfrau in dem Besuche bei ihrer Muhme Elisabeth sollte unsre Richtschnur in dem Umgang dieses Lebens seyn. Ob sie auch die Mutter Gottes war, wartet diese demüthige Jungfrau dennoch nicht, daß Elisabeth ihr zuvorkomme; und verdammt auf solche Weise die falsche Eifersucht so Vieler, die sich große Dinge auf ihren höheren Stand einbilden, und überall nach dem Vortritt gieren. 2. Welcher Grund aber bewog wohl Maria zu diesem Besuche? Gewiß nur ein Grund der Gottesfurcht und der Religion. Vorwitz, Eigenliebe, Eitelkeit sind die Gründe der meisten weltlichen Besuche; doch nicht also verhalt es sich mit dem Besuch der Getreuesten aller Jungfrauen; nur ein ganz heiliger Grund regt sie zu dieser Heimsuchung an. Immer handeln tugendhafte Menschen, selbst bei Besuchen, die sie abstatten und die die Welt als Pflichten des Anstandcs betrachtet, aus tugendli- chen Gründen. Die Ehre Gottes, die Nächstenliebe und Frömmigkeit leiteten die Schritte Maria. Sie geht in ein Haus, wo Gott geliebt und verehrt wird; sie kommt, mit ihrer Verwandten über die Gnaden sich zu erfreuen, welche dieselbe von Gott empfing, und die der Engel ihr offenbarte. Nachf, Mar. 6 82 Sie besucht dieselbe in der Absicht, ihr zu nützen und die Bande einer heiligen Verwandtschaft noch enger zu knüpfen. 3. Die Frömmigkeit widersetzt sich nicht, daß wir die Pflichten des bürgerlichen Lebens erfüllen; sie wirkt dahin, daß wir die Erfüllung derselben durch christliche Absichten heiligen. Da sie sorglich dahin sieht, wre sie zeden einzelnen Augenblick benütze, verbannt sie, so sehr sie es vermag, jeden unnützen Umgang, jeden Besuch, der blos Vergnügen zur Absicht hat... 4. Fromme Personen geben gern solche Besuche, wo sie selbst erbaut werden und Andere erbauen. Jeder andere Besuch ist ihnen mißfällig. Gern findet die Tugend sich bei der Tugend e.n. Jeder andere Besuch ermüdet sie; jedes Wesen leidet, wenn es außerhalb seines Elementes sich befindet. 5 Die Heiligen leiten selbst die gleichgültigsten Handlungen dahin, daß sie die Ehre Gottes, dw Erbauung des Nächsten und ihre eigene Vollkommenheit fördern. Abmte man ihnen nach und besuchte man sich gegenseitig in dem nämlichen Geiste, dann wurde der Umgang aus Höflichkeit, der zu den Pflichten des geselligern Lebens gehört, uns zu wundersamem Nutzen gereichen. Wie viele unschuldige Freuden wurde man dabei kosten, die den Weltkindern unbekannt sind! Und wie freundlich würde man einander gegenseitig zur Frömmigkeit ermuntern! 83 Verlassen würde man solche Gesellschaften, nicht mit jener Leere des Herzens, die man von den lan- geweiligen Gesellschaften der Welt zurück bringt, sondern mit jener heiligen Seelenruhe, die der Antheil der Frommen ist. 6. Stelle also, christliche Seele, das Vorbild dir oft vor Augen, das Maria dir hier aufstellt. Verlaß gleich ihr deine Einsamkeit nur selten und habe nur Umgang mit gottseligen Menschen. Suche, wie Maria, nur Gott zu verherrlichen und den Nächsten zu erbauen; und steh dahin, daß du selbst den nothwendigen Umgang mit Menschen zu deinem ewigen Gewinne verwendest. Sechs und zwanzigstes Capitel. Bon Unterredungen. i. Versetze dich im Geiste zu Elisabeth, meine Seele, und sieh, wie die Mutter deines Herrn sie besucht. Sieh, wie viele belehrenden Beispiele der Sittsamkeit, der Demuth, der Weisheit in den Reden und in der Nächstenliebe bei dieser heiligen Unterredung sich dir erbieten? Elisabeth erkennt Maria als die Mutter ihres Gottes und erhöht sie mit dem wundersamsten Lobe; sie preist ihre Erhabenheit und wünscht ihr Glück zu ihren glänzenden Vorzügen. Maria hinwieder ist sehr weit entfernt, von dem Glanz ihrer Würde sich blenden zu lassen; sie führt alles Lob, das ihr ertheilt wird, auf Gott zurück 6* 81 und nimmt dadurch Veranlassung, in Gottes Lob und Verherrlichung auszubrechen. 2. Sie verkennt keineswegs die großen Dinge, die der Allmächtige an ihr gethan; allein sie gibt Ihm die Ehre; und ob sie auch zur Mutter Gottes erhoben ward, vergißt sie darum nicht, daß sie seine Magd ist. Aufrichtig ist ihre Demuth und hat nichts mit jener verstellten Demuth gemein, unter welcher sich nur allzu oft geheime Hoffart verschleiert. Wie Viele weisen in der That das Lob, das ihnen ertheilt wird, nur darum zurück, damit sie desselben sich noch größeres zuziehen; und zwingen durch arglistige Feinheit der Eigenliebe die Sittsam- keit selbst, der Eitelkeit zu dienen!— 2. Worüber besprechen sich aber Maria und Elisabeth?— Über Gott, überfeine Wunder undEr- barmungen. Erfüllt von seiner Liebe, ist es ihre süßeste Wonne, die Wunder seiner Weisheit, seiner Allmacht und Güte zu verkündigen. Wenn die Gaben Gottes unsre einzige Freude sind, dann ist Gott der einzige Gegenstand unsrer Danksagungen und unsres Lobes. »Aus dem Überfluß des Herzens spricht der Mund.«(Matth. 12.) Deine Gespräche ergehen nur über die Welt und ihre Eitelkeiten! Ein ganz sicheres Kennzeichen ist dieß, daß du nur die Welt liebest und daß dein Herz von ihrem falschen Zauber gefesselt ist. »Sie gehören der Welt an, spricht der geliebte 85 Jünger Jesu, darum auch reden sie von der Welt, und es hört die Welt sie an.«(i. Joh. 4.) Wären wir aus Gott, so würden wir nichts reden, das nicht nach Gott wäre. Bedenke, daß du vor dem göttlichen Richterstuhle Rechenschaft geben wirst von jedem vergeblichen V)orte. Wer sollte da nicht zittern! 5. O wie wenig Unterredungen werden selbst unter Solchen gefunden, die sich zu einem frommen Leben bekennen, wo nicht die Rechenschaft vergrößert würde, die man Gott einst geben muß? Worüber bespricht man sich auch gewöhnlich? Über Armseligkeiten, die nicht der Rede werth sind, über weltliche Gerüchte, über Albernheiten!— Und dieß sind noch Unterredungen, die den unschuldigsten beigerechnet werden. Ja es scheint, als könne man sich nicht mehr unterreden, wofern man nicht von den Fehlern des Nächsten spricht. Die Unterredung wird langeweilig, wenn man sie nicht mit irgend Tadel oder sogar mit Bosheit würzt. 4. Wehe euch, ihr verleumderischen Zungen, die ihr gleich den Zungen der Natter immer geschliffen seid, und den guten Ruf der Abwesenden mit Lust zerreißet! Wehe auch euch, die ihr dieselben mit Lust anhöret! Wer immer der Verleumdung mit Vergnügen zuhört, wird derselben schuldig. Halte es für eine Gewissenssache, irgend Böses von Jemand zu reden. Kannst du es nicht verhin 86 dern, daß Andere verleumden, so zeigeihnen, wenn nicht anders, wenigstens durch dein Stillschweigen, daß du an ihren verleumderischen Reden keinen Antheil nimmst. 5. Verabscheue jedes Gespräch gegen die Ehrbarkeit. Hüte dich zumal vor gewissen Reden, welche die Welt Scherz nennt, die aber oft nur die Sprache der Leidenschaft sind. Halte es zumal für deinen Ruhm, daß man dich als einen Menschen ansehe, in dessen Gegenwart man es nicht wagen darf, die Religion und Frömmigkeit anzutasten. Weise den Gottlosen mit heiliger Freimüthigkeit zurecht. Und ist es nicht möglich, die Gottlosigkeit auf seinen Lippen zurückzuhalten, so gib wenigstens durch ein unzweideutiges Zeichen zu erkennen, was du darüber denkest. 6. Sei in deinen Erzählungen wahrhaft, in deinen Worten züchtig und zurückhaltend, übrigens aber freundlich gegen Alle und überlaß dich einer unschuldigen Freude, welche die Frömmigkeit gern gestattet, ja zuweilen sogar befiehlt. Je mehr du der Gefahr ausgesetzt bist, mit der Zunge dich zu versündigen, um so behutsamer mußt du seyn, vor den Fehlern dich zu hüten, die von ihr ausgehen. Wenn du in deinem Hause dich gern allein mit Gott besprichst, so wirst du dann mit weit geringerer Gefahr unter den Menschen erscheinen, wenn es dir zur Pflicht wird, unter ihnen zu erscheinen. 7. Bevor du in eine Gesellschaft dich begibst, bitte den Herrn mit dem Propheten, daß Er eme Wache der Vorsicht auf deine Lippen setze,(Ps^-) und bedenke während deiner Unterredung, daß Gott zugegen ist und daß Er dich anhört. Sprich zuweilen durch innerliche Regungen des Herzens mrt^hm. Ist die Unterredung zu Ende, dann gib dir selbst Rechenschaft über den Gegenstand derselben, damit du Gott dankest, wenn du dich nicht versündigtest; oder aber Ihn um Verzeihung bittest und die Fehler besserest, die du darin begangen hast. Aufsolche Weise wirst du zu jener Behutsamkeit und weisen Zurückhaltung in deinen Worten gelangen, die von den Lehrern des geistlichen Lebens so dringend empfohlen wird, und die sie mit Recht als einen Punct der größten Vollkommenheit betrachten. Sieben und zwanzigstes Capitel. Won der wahren Freundschaft. Der Diener. i.»Ein getreuer Freund ist ein reicher Schatz;-< spricht die Schrift.»Wer Gott fürchtet, der wird ihn finden.«(Eccli. 6.)^ Diesen kostbaren Schatz, o Marra, ließ der Herr in Elisabeth dich finden, und Er begnadete hinwieder Elisabeth, als Er dich ihr zur Freundinn gab. O welch ein Bild der vollkommensten Freundschaft sieht das christliche Auge in euch Beiden! ein Bild heiliger Freundschaft, frei und fern von allem 88 was menschliche Freundschaften zu verunreinigen pflegt. Eine glückselige Gleichförmigkeit an Gesinnungen, aber an gottesfürchtigen und heiligen Gesinnungen vereinte euch mit einander. Gnade und Tugend war's, was du an Elisabeth hochachtetest, und was auch sie gegenseitig an dir hochachtete. Oftmals besprächet ihr euch mit einander und vertrautet euch gegenseitig eure Geheimnisse; ihr ertheiltet einander getreuen Rath und erwieset euch gegenseitige Dienste. Doch alle diese Zeichen der Freundschaft bezogen sich auf ein und dasselbe Ziel, das kein anderes als die Ehre Gottes war. 2. Gar wohl, o allerseligste Jungfrau, nahm Elisabeth wahr, daß ihr Herz, seit es mit deinem Herzen vereint war, Gott noch weit inniger liebte denn zuvor. Du aber, o hochgebenedeite Jungfrau, nahmst in dem Hause deiner Verwandten eben so sehr an Heiligkeit zu als in deiner geliebten Einsamkeit zu Na- zareth. Hochvergnügt über eure gegenseitige Vereinigung, schiedet ihr von einander, ohne daß^ihr darum einander weniger liebtet; denn die Tugend, die zwei Herzen vereint, kennt keine Wandelbarkeit. Maria. Z. Mein Sohn, erachte ja nicht, daß du die Anschuldigen Freuden der Freundschaft je kosten wirst, 89 dafern du sie nicht in einer tugendhaften Freundschaft suchest. Täglich irren die Menschen in der Wahl ihrer Freunde. Nimmer soll eine Seele ihre Freundschaft Andern als Solchen schenken, deren Treue sie kennt und auf deren Gottesfurcht sie bauen kann. Du wirst wohl viele allgemeine und gewöhnliche freunde finden, die dir äußerlich bezeigen, daß sie dir zugethan sind; doch dieß ist auch alles was du von ihnen zu erwarten hast. Sie sind Freunde so lange deine Wohlfahrt ihnen Nutzen gewährt; kommt die Trübsal über dich, dann kennen sie dich nicht mehr. Sie werden suchen, von Fehlern dich abzubringen, deren Schändlichkeit auf sie selbst zurückkehrt; hinsichtlich solcher Fehler aber, die gegen die christliche Lehre streiten, von der Welt hingegen in Schutz genommen werden: dazu werden sie dich auf alle Weise zu verleiten suchen. 4. Der wahre Freund hilft in der Noth; er tröstet in Trübsalen, er erleuchtet in Zweifeln, er leitet in Angelegenheiten des Lebens, er richtet in Verirrungen auf, er ermuthigt durch Worte und Beispiele zur Ausübung der Pflichten. Doch selten ist ein solcher Freund; weil in der Wahl eines Freundes die Gottesfurcht selten zu Rathe gezogen wird. Sei du selbst wahrhaft fromm, und die Frömmigkeit wird dir einen Freund finden helfen, der deiner werth ist und dein Leben versüßt. 90 M-»ch-Fr-»ndsch-st sch-m, Anfangs-'»»-»'s" „nd thi.igs doch-'lisch- s°-ch°°a-d-«---«« das Band waren, das dieselbe knüpfte.^ 5. Deine Freundschaft sei so sehr«ur möglich, ein Umgang zur Erbauung, worin du durch gute Beispiele, die du dem Freunde gibst, derselben g- aenseitig von ihm empfangest. Habe für deine Freunde alle Gefälligkeiten, das Gewissen gestattet; dehne aber deine Freun. schaft nie und nimmer über diese Gränzen hm«u- ^ vordre auch selbst nichts von ihnen, das nicht „-»5 uns«g s-i,>.m°l-b-r schm-ichl- ch»-- Nicht, in der Absicht, gegenseitig von ihnen g schmeichelt zu werden. Acht und zwanzigstes Capitel. Mntt und der Ergebung an seine Von dem Vertrauen auf Gott uno^ v Vorsehung. Da» D-',-a»°n-»f S°" V S-dK°-- H.,dlgn.g.n.di-d--«chd-^°.^ s° mchr'wird G°.t d.d.'ch « Wesen, das über Alles waltet, Alles «m°7wa-fmm»'--w«;-nd°-ff» Mll...----- 9! Gnaden und wunderbare Wohlthaten von der göttlichen Güte zu empfangen. 2. Maria gab uns mehr als Ein Beispiel über diese gottgeliebte Tugend; zumal aber gab sie uns ein sehr denkwürdiges Beispiel, als sie Gott die Sorge für ihren guten Ruf gänzlich anheim stellte. Der Bräutigam, der ihr zum Wächter ihrer Jungfräulichkeit war gegeben worden, hegt einen Argwohn, der ihrer Ehre nachtheilig ist; und er gedenkt, sie heimlich zu entlassen. Maria bezeigt darüber keine Unruhe. Voll heiligen Gottvertrauens erwartet sie mit Unterwerfung in seinen Willen den Augenblick seiner Vorsehung. Dieser Augenblick erscheint in der That; Joseph wird von Oben erleuchtet; sein Zweifel wird gelöst; er wankt nicht mehr, sondern von Ehrfurcht für seine heilige Braut, hängt er ihr unverbrüchlich an. Klar wird hieraus, wie nützlich es ist, auf Gott zu vertrauen und unsere Sache in seine Hände niederzulegen. Alles ist dem Vertrauen verheißen: der Thau des Himmels und die Fette der Erde, die Vortheile der Zeit und die Güter der Ewigkeit. 3.»Wer auf einen fleischlichen Arm sich stützt, der wird seyn wie die Heide in der Wüste.«(Jerem. 17.) Dürre und Ode wird sein Antheil seyn. ,»Wer aber sein Vertrauen auf den Herrn setzt, und auf Ihn sich stützt, der wird gleich seyn einem fruchtbaren Baume, der beim Ufer der Gewässer 92 gepflanzt ist; seine Blätter werden grün bleiben; auch wird er nimmer aufhören, Früchte zu tragen.« (Jerem. 17.) Alles drängt uns zu diesem Vertrauen, die Gute Gottes, seine Allmacht, seine Verheißungen, seine Erkenntniß unsrer Bedürfnisse, unsre eigene Schwäche und unsre tägliche Erfahrung des Unvermögens und sogar der Treulosigkeit der Menschen. 4. So nimm denn in allen deinen Drangsalen, wie groß immer dieselben seyn mögen, deine Zuflucht zu dieser väterlichen Vorsehung Gottes. Du klagst, GottlasseindeinerBetrübniß dichohne Trost; Er aber wartet nur, daß dein Vertrauen dich zu seinen Füßen führe. Ihn darum zu bitten. Er weiß allerdings was dich bedrückt; doch wenn dein Vertrauen es ihm nicht eröffnet, so beträgt Er sich gegen dich, als ob Er es nicht wüßte. Du überlässest dich Sorgen und Ängsten und versinkest in Kleinmüthigkeit, als ob kein Gott in Israel wäre. 5. Wie oft nimmt der Mensch seine Zuflucht zur Arglist und kümmert und quält sich ohne Rast, indeß Ein Act des Vertrauens der Seele Ruhe und Frieden bringen würde. Triff immerhin in Gefahren, Zweifeln und Nöthen weise Maßregeln, suche Mittel und sieh dich um Rath um; doch sei vor allen Dingen Gott deine erste Hilfe. Die Menschen haben, dir zu helfen und dich zu 93 unterstützen nur so viele Gewalt, Licht und Willen als Gott ihnen gibt. 6. Ist anders unser Vertrauen nicht vermessen, so kann es nimmermehr zu groß seyn. So schwach der Mensch durch sich selbst ist, so stark wird er durch Gott, wenn er auf Ihn vertraut. Die Zufälle, die dich um deine Gesundheit gebracht haben, haben die Allmacht Desjenigen nicht geschwächt, der allein dieselbe dir zurückgeben kann. Der Tod hat einen Menschen dir geraubt, der deine Stütze war; doch hast du Denjenigen nicht verloren, der diesen Menschen in den Dingen leitete, die er für dich gethan hat. Wenn wir ernstlich nachdenken wollten, so würden wir bald einsehen, daß der Beistand Gottes uns nur dann fehlte, als wir desselben durch unser Mißtrauen unwürdig wurden. Neun und zwanzigstes Capitel. Von dem Gehorsam. i. Da Maria und Joseph aus dem Hause David waren, begaben sie sich von Nazareth nach Bethlehem, daselbst sich einschreiben zu lassen, dem Befehl des Augustus gemäß; der, weil er die Größe seiner Macht kennen wollte, eine allgemeine Men- schenzahlung in allen Theilen seines Reiches angeordnet hatte. Sie forschen nicht, ob dieser Fürst durch Eigennutz oder durch Eitelkeit zu diesem Befehl bewo- 94 gen ward; es genügt ihnen, daß derselbe ihnen kund ist, um alsogleich zu gehorchen. Kannte Augustus die seligste Jungfrau, so würde er ihr sagen was einst Aßverus der Ester: "Dieß Gesetz ward nicht für dich gegeben!« (Esth. r5.) Doch das Gesetz gilt sowohl ihr als Andern; sie gehorcht also gleich den Übrigen und besser denn die Übrigen; denn sie gehorcht in Demuth, mit Geduld und ohne Murren. Maria sieht in dem Befehl des Fürsten nur den Willen Gottes. Dieser Befehl ist in ihren Augen nur eine Anordnung der Vorsehung, der sie blindlings sich unterwirft. 2. Der Gehorsam überlegt und vernünftelt nicht; er erlaubt sich kein Urtheil; sondern er wandelt in Einfalt. Nichts ist dem Geiste der Unterwürfigkeit mehr entgegen als die Klugheit des Fleisches, die Alles sehen, Alles erforschen will. Was würde aus der gesetzlichen Unterordnung werden, wenn Jene, welchen das Recht zusteht, uns zu befehlen, der Prüfung Derjenigen unterständen, deren Pflicht es ist, ihnen zu gehorchen? 3. Verdient auch der zeitliche Herr, der dir befiehlt, es um seiner selbst willen nicht, daß du Ihm gehorchest, so verdient es doch der allerhöchste und ^ ewige Herr, dessen Stelle er bei dir vertritt. Der Vorgesetzte, der dir befiehlt, kann sich allerdings irren; ist aber was er dir befiehlt, dem Gesetze Gottes nicht zuwider, so kann der Gehorsam den du Gotteswegen ihm erzeigest, dem Jrrthum 95 nimmermehr unterworfen seyn, und ist in den Augen Gottes immer von großem Verdienste. 4. Es ist nach der allgemeinen Lehre der Heiligen, weit verdienstlicher, Kleinigkeiten aus Gehorsam zu thun, als sehr Großes aus eigenem Willen auszuführen. Die weltliche Weisheit spottet der demüthkgen Einfalt gehorsamer Herzen. Dreß aber kommt daher, weil sie nicht weiß was Gottes ist. O. Cor. 2 .) Was liegt aber Demjenigen an dem Urtheil der Menschen, der seine Urtheile nach der Richtschnur des Evangeliums bemißt? . 5. Nicht jeder Gehorsam ist verdienstlich. Der Gehorsam den du Demjenigen, welchem du gehorchest, wegen seiner guten Eigenschaften erzeigest, ist blos natürlich. Du kannst auch keine Belohnung dafür erwarten, außer von den Menschen. Selbst in dem Gehorsam den man Gott erzeigt, schleichen sich mancherlei Fehler und Unvollkommenheiten ein, die demselben einen Theil seines Wer- thes und Verdienstes rauben. Wer nur in solchen Dingen schnell gehorcht, die seinen Neigungen schmeicheln, der thut mehr seinen eignen Willen als den eines Andern, und er gehorcht nicht so wohl, als er sich selbst vergnügt. Der wahrhaft Gehorsame erlaubt sich weder eine Zögerung in der Ausführung der befohlenen Sache, noch murrt er auch gegen das Ansehen Derjenigen, die ihm befehlen. 6. Die heilige Schrift lehrt uns, unfern Her- »6 rcn Unterthan seyn mit Ehrfurcht; und zwar nicht nur jenen, die gut und sanft, sondern auch denen, die verdrießlich sind.(i. Pet. 2.) Es würde der Gehorsam uns minder schwer bedünken, wenn wir nicht sowohl den Menschen ins Auge faßten, dem wir gehorchen, als Gott, um Deffentwillcn wir gehorchen sollen. »Der Gehorsame wird von Siegen erzählen,« spricht die Schrift.(Sprichw. 21.) Der eigene Wille ist ein Quell der Verirrungen. Durch den Gehorsam heiligen wir denselben, ersparen uns dadurch manche Verkehrtheit und Reue, und verdienen Gottes Lob und Beifall. Zweites Buch. Leben und Tugenden der allerseligften Jungfrau von der Geburt ihres göttlichen Sohnes an bis zu seinem Tode für das Heil der Menschen. Erstes Capitel. Von der Glückseligkeit der Armen. Der Diener. r. JUit stiller Freude betrachte ich, o allerseligste Jungfrau, jenen vollkommnen Frieden, von welchem deine heiligste Seele im Stalle zu Bethlehem durchdrungen ist, wo du Jesum an das Licht dieser Welt gebarest! Dieser göttliche Friede ward nicht durch so manche verächtliche Abweisung gestört, die du zu Bethlehem hattest erdulden müssen, als du daselbst um Herberge batest. 2. Die Königinn der Engel sieht mit Freuden wie arme Hirten sie umgeben. Die Mutter des Herrn aller Jahreszeiten sieht, in einem Stalle allem Ungemach der strengsten Witterung sich ausgesetzt. Dennoch warst du, o Maria, ohne Vergleich glückseliger in diesem armen Stalle bei dem Elende und Mangel, worin sie dich ließen, als die Reichen zu Bethlehem bei allem Reichthum und Überfluß. Maria. 3. Mein Sohn, lerne hieraus, wie wenig du die Güter dieser Erde achten sollst; und bist du derselben beraubt, so lerne deinen armen Stand hochachten. 7 1W Wie auch können die Armen sich als unglücklich betrachten, wenn sie bedenken, daß Jesus wollte, seine Mutter sollte arm seyn; daß Er selbst bei seiner Geburt keine andere Wiege hatte als eine sehr arme Krippe; ja daß Er auch während seines Lebens nicht hatte, wo Er sein Haupt hinlegte, und daß im Tode sein Bett kein anderes als ein hartes Kreuz war! Er wählte seine Apostel nicht unter den Reichen und Gelehrten, sondern unter den Unwissenden und Armen. Den Armen zumahl kam Er, sein Evangelium zu verkündigen; und so sehr liebte Er sie, daß Er sogar sagte, man habe Ihm gethan, was man den Armen thue. 4. Die Reichen dieser Welt verachten die Armen; allein der nämliche Gott, welcher spricht: »Wehe euch Reichen!«(Luc. 6.) berust die Armen zu seinem Gastmahle. »Selig die Armen im Geiste! spricht Jesus; denn ihrer ist das Himmelreich!«(Matth. 5.) Diese Worte gelten jenen Armen, die ihre Armuth lieben; so wie nicht minder auch den Reichen, deren Herz nicht an ihrem Reichthum hängt. Daher auch sollten die Armen nicht das Niedri ge und Verachtete ihres Standes, sondern das Hohe und Glorreiche desselben ins Auge fassen, welches das Evangelium uns darin zeigt. 3. Mein Sohn, im Überfluß heftet der Mensch sein Herz an die Erde und vergißt des Himmels; 101 sehr lebhaft sind darin die Versuchungen und sehr häufig die Sündenfälle. Wer nach Reichthum verlangt, der verlangt nach etwas, das seinem Heile überaus schädlich ist. Im Tode sind Werke der Frömmigkeit das einzige bleibende Gut; und der Stand der Dürftigkeit bietet der Gelegenheiten viele, fromme Werke zu thun. Jener Reiche des Evangeliums»ward in der Hölle begraben;« indeß der arme Lazarus, dessen er gespottet hatte, nach seinem Tode von den Engeln in Abrahams Schooß getragen ward. Der Diener. 6. O seligste Jungfrau, die du durch dein lebendiges Beispiel mich lehrtest, daß die Armuth weit vorzüglicher denn der Reichthum ist, erwirke mir, daß ich von nun an mein Herz an die Güter des Himmels hefte, die Güter der Erde aber mit heiliger Verachtung ansehe. Zweites Capitel. Bon der freiwilligen Armuth. Der Diener. i. Wie groß und vielfältig, o jungfräuliche Mutter Gottes, waren die Beschwerden, die du von deiner Armuth zu erleiden hattest! Dennoch kam niemals eine Klage über deine Lippen; auch waren die Menschen nicht bedacht, dieselbe zu lindern. t«2 Wie aber stelltest du nicht Jesu die Strenge deines armen Standes vor? Nur sprechen durfte ja die Mutter des allerhöchsten Herrn; und nimmer hätte der Sohn ihr etwas versagt. In Eile wären die Engel zu deinem Dienste herbeigekommen, und hätten es als hohe Ehre betrachtet, alle nothwendige Hilfe dir zu verschaffen. Maria. 2. Mein Sohn, wer Jesum besitzt, der ist reich genug. Eine Seele, deren einziges Gut Gott ist, sieht die Güter dieser Welt mit gleichgültigem Auge an, und ist gern freiwillig arm. Ich sah Jesum, den König des Himmels und den Herrn der Welt, der,»aus sich selbst unendlich reich, arm ward, die Menschen durch seine Armuth zu bereichern;«(2 Cor. 8.) und ich setzte meine höchste Ehre darein, Ihn nachzuahmen. Selig die freiwilligen Armen, die diesem göttlichen Vorbilde nachahmen und den Gütern dieser Welt entsagen, damit sie einzig darauf bedacht seien, wie sie den Reichthum seiner Liebe und die Güter des Himmels erwerben! Selig wenn sie Jesu gleichen, die Beschwerden der Armuth gern ertragen und ihr Herz selbst nicht an jene Dinge heften, deren Gebrauch ihnen gestattet ist!.^. 3. Aber Manche aus denen, die diesen Stand der Vollkommenheit betreten haben, sind sehr weit 103 von der Vollkommenheit entfernt, die derselbe von ihnen verlangt. Das Herz heftet sich zuweilen so sehr an geringe Güter, die der Mensch sich verschaffen kann, als an die größten, wofern er dieselben besäße. Kann man je sagen, man sei Jesu zu Liebe arm geworden, wenn man, ohne die Sorgen des Reichthums zu haben, alle Bequemlichkeiten desselben haben will? 4. Sieh, Jesus, zu Bethlehem geboren, zu Nazareth lebend und am Kreuze auf dem Calva- rienberge sterbend, ist das Vorbild, das alle Diejenigen nachzubilden beflissen waren, die Jesu zu Liebe freiwillig arm geworden sind. Ja, Er ist das Vorbild, das jeder Christ sich beeifern sollte dadurch nachzubilden, daß er fern Herz und seinen Sinn von seinem Reichthum losfesselte. Der Heilige Geist sagt nicht zu Allen: Entsaget euerm Reichthum! Nicht von Allen fordert Er diese hohe Stufe der Vollkommenheit; wohl aber spricht Er zu Jeglichem:»hefte dein Herz nicht daran!« (Ps. 61.) 5. Gott kann sein Reich nicht m eurem Herzen aufrichten, das an vergänglichen Gütern der Erde bangt.„_... Als Jesus auf Erden kam, bereitete Er sich kern glückliches Loos im Sinne dieser Welt, Er verachtete die Reichthümer derselben; so müssen sie denn also verächtlich seW. 10 t Die Güter der Erde sind falsch; sie sind schad; lich, ausgenommen für Diejenigen, welche die Güter der Ewigkeit damit erkaufen. Drittes Capitel. Bon der Liebe zu den Armen. Maria. i. Mein Sohn, liebe die Armen, und laß keine Gelegenheit vorüber, sie nach deinen Kräften in ihren Nöthen zu unterstützen. Auf solche Weise wirst du dich als ein würdiges Kind Gottes zeigen, der in den heiligen Büchern sich ausdrücklich den Vater der Armen nennt, und nicht nur das Almosen anrieth, sondern dasselbe auch allen befahl, die im Stande sind, es zu geben. Der Diener. 3. Wie sehr, o erlauchte Jungfrau, bekräftigest du selbst diese Lehre durch dein heiliges Beispiel! Denn du vertheiltest, wie einer deiner größten Diener bezeugt, die reichen Schätze, welche die Könige dir gebracht hatten, die gekommen waren, ihren neugeborenen Herrscher anzubeten, mit milden Händen unter die Armen. Du verwendetest dieselben nicht, der äußersten Armuth abzuhelfen, in welcher du zu Bethlehem seufztest; denn theuer war dir diese heilige Armuth, weil du dadurch deinem göttlichen Sohne ähnlich wurdest. Du zogst sie allen Bequemlichkeiten vor, und wolltest in der stillen und armen Verborgenheit bleiben, worin, ob du auch dem Stamme David's entsprossen wärest, die göttliche Vorsehung dich hatte lassen geboren werden. O wie wunderbar ist deine heilige Entsagung und Nächstenliebe, da du zur Linderung der Armen verwendetest, was deine eigene Dürftigkeit hätte versüßen können. Maria. 3. Mein Sohn, der beste Gebrauch, zu welchem der Mensch seinen Überfluß verwenden kann, ist, daß er die Noth der Armen dadurch lindere. Hast du Reichthum, so bedenke, daß die Vorsehung, als sie denselben dir übergab, dich dadurch gegen Diejenigen die desselben entbehren, gleichsam zu ihrem Stellvertreter aufstellte. Ahme ja jenen geitzigen Reichen nicht nach, die ihr Herz immer für die Nöthen ihrer Bruder verschließen und sie lieber vor Elend zu Grunde gehen sehen, als daß sie das Geringste daran wenden möchten, ihnen zu helfen. Ihr ganzes Streben zielt dahin, daß sie für dieß gegenwärtige Leben sich Schätze sammeln; doch es erscheint der Augenblick, wo sie von der Zeit in die Ewigkeit übergehen werden.»Und dann werden sie wie aus tiefem Schlafe erwachen und sich mit leeren Händen erblicken.«(Ps. 76.) ä. Werde vielmehr jenen liebreichen und mild- 106 herzigen Reichen ähnlich, die gleichsam Altern der Armen sind und sich nicht fürchten, durch Vervielfältigung ihres Almosens selbst zu verarmen» Schon auf Erden ist ihr Name in vielfältigem Segen; noch unendlich reichlicher aber werden sie im ewigen Himmelreiche gesegnet werden. Oft vergilt der Herr ihnen, selbst hienieden mit Wucher, was ihre christliche Nächstenliebe sie antrieb, in den Schooß der Dürftigen zu schütten; die Güter aber, die ihrer in der Ewigkeit harren, werden dem ganzen Umfang seiner glänzendsten Verheißungen entsprechen. Ja, hätten sie auch die göttlichen Wohnungen durch ihre Sünden sich verschlossen, so vermag's das Almosen, dieselben ihnen zu öffnen; denn durch Almosen können sie ihre Missethaten zurück erkaufen. (Dan. 4-) Schreibe es dir also als heilige Pflicht vor, dre Noth der Dürftigen zu lindern. Höre die Habsucht nicht an, die immer giert und niemals glaubt, daß sie genug habe. 5. Es ist dir nicht verwehrt, sparsam, wohl aber hartherzig und geitzig zu seyn. O wie lobwur- dig ist die Sparsamkeit, die nur in der Absicht geübt wird, die Noth des Nächsten zu lindern! Bist anders du nicht selbst arm, so glaube ja nicht, daß die Pflicht des Almosens dir erlassen sei. „Gib Almosen nach deinen Kräften; hast du viel, so gib viel; hast du wenig, so theile auch das Wenige gern mit den Armen.«(Tob. 4-) 107 O mein Sohn, wie groß wird vor dem Richterstuhl des Gottes der Erbarmungen das Vertrauen Aller seyn, die Werke der Barmherzigkeit gethan haben! Viertes Capitel. Von der Nothwendigkeit und dem großen Nutzen der innerlichen Betrachtung. Maria. i. Mein Sohn, der hocherstaunliche Anblick eines Gottes in kindlicher Gestalt, der, in arme Windeln gehüllt, in der Krippe lag, war meinem Herzen ein Gegenstand zu unerschöpflichen Erwägungen. Nimmermehr konnte ich ermüden, dieß große Geheimniß zu betrachten. Alles was ich sah und was ich hörte, prägte meiner Seele sich auf das tiefste ein, und ich betrachtete alle diese Worte in meinem Herzen.(Luc. 2.) Ohne allen Vergleich mehr denn die Hirten, erstaunte ich über diese wunderbaren Dinge, die der Herr gethan hatte; alle Kräfte meiner Seele waren mit diesen göttlichen Wundern beschäftigt. Hieraus aber gingen ohne Unterlaß zahllose innig-zarte Regungen in meinem Herzen auf; und alle meine Gedanken und Worte lobten und priesen den Allerhöchsten. 2. Mein Sohn, willst du, daß diese hocherhabenen Gegenstände des Glaubens dich lebendig durch- l«>8 dringen, so mußt du dich ernstlich damit beschäftig gen, und sie mit heiliger Aufmerksamkeit betrachten. Nur darum ist der Glaube der meisten Christen so schwach und so lau, weil sie es unterlassen, denselben durch die Betrachtung zu nähren und zu stärken. O wie viele Laster und Schändlichkeiten Herr- schen auf dem Erdkreis, deren einziger Quell die Vergessenheit der ewigen Wahrheiten ist! 3. Durch die oftmalige Betrachtung der Vollkommenheiten Gottes und der Nichtigkeit menschlicher Dinge lösten die Heiligen ihr Herz von den Ge schöpfen und übertrugen alle Liebe desselben auf den Schöpfer. In dieser heiligen Übung lernten sie, nur Jenes hochachten, was groß und achtbar vor Gottes Augen ist; in diesem innerlichen Gebete entzündete sich ihr Herz und es loderte in ganz himmlischen Flammen zu dem Herzen Gottes auf. Laß also keinen Tag vorüber gehen, ohne deine Seele mit irgend einer ewigen Wahrheit zu nähren. Auf solche Weise wird das Heil erworben und die Wissenschaft der Heiligen erlernt. Entschuldige dich nicht damit, du hättest keine Zeit, zu betrachten; denn nicht an Zeit gebricht es dir dazu, wohl aber an Willen. 4. Du hast eigentlich nur Ein Geschäft im Le. ben; dieß ist das Geschäft deines Heiles. Und sehr gering müßtest du dieß Geschäft achten, wenn du glaubtest, es verdiente nicht, daß du keinen Tag vorüber ließest, ohne desselben eingedenk zu seyn. 109 Du findest jeden Tag Zeit, ernstlich über deinen zeitlichen und vorübergehenden Nutzen nachzudenken. Gibt es aber einen Nutzen, der dich näher anginge, und von größerer Wichtigkeit für dich wäre als eine ewige Seligkeit? Entschuldige dich auch nicht damit, daß du nicht betrachten kannst. Du bist fähig, über zahllose Dinge nachzusinnen, die bloßen Vorwitz betreffen; und schützest Unfähigkeit vor, wenn es gilt, über die höchst wichtigen Gegenstände des Glaubens und der Ewigkeit nachzudenken! Nurhöcbststrafbare Gleichgültigkeit gegen Gott und das Heil ist schuld, daß der Mensch dieß mächtige Mittel seiner Heiligung vernachlässigt. 5. Mein Sohn, immer wird dein Leben wohl geordnet seyn, wenn du dir jeden Tag Zeit nimmst, vor Gott zu prüfen, ob du so kindlich und getreu vor Ihm wandelst als deine heilige Pflicht es erfordert. Eine Viertelstunde, die du zu den Füßen des Altars oder vor dem Bildniß des Gekreuzigte» daran wendest, über die Größe Gottes, über seine Er- barmungen, Verheißungen und Drohungen innerlich nachzudenken, wird dich dahin führen, daß du eine Wissenschaft erlangest, die alle Wissenschaften der Gelehrten unendlich übersteigt, deren Werke alles lehren nur die einzige Wissenschaft nicht, durch die der Mensch ewig selig wird. Was nützt es dem Menschen, wenn er seinen Geist mit allen Kenntnissen bereichert, die in den LI0 Auqen der Welt nützlich und verehelich sind, wofern es ihm an den Kenntnissen fehlt, die die Heiligen erwarben und wodurch sie Heilige wurden. 6 Man wird nicht tugendhaft, durch das bloße Verlangen, es zu werden. Man muß die Mittel dazu mit allem Fleiße erlernen und ergreifen. Bitte Jesum inbrünstig um die Gnade, deine Abneigung'gegen eine Übung zu überwinden, von welcher der Feind des Heiles dich blos darum abzuwenden sucht, weil er allzuwohl weiß, wie höchst wichtig dieselbe für deine ewige Seligkeit ist. Auch wirst du dadurch nicht nur zu innerlichem Lichte für deinen eigenen Wandel gelangen, sondern die Erleuchtung des göttlichen G-istes wird dir auch sehr ersprießlich für die Leitung Derjenigen werden, die deiner Sorgfalt näher anvertraut sind. Fünftes Capitel. Bon der Beobachtung des göttlichen Gesetzes- i Maria hatte durch die Wirkung des heiligen Geistes'empfangen. Sie war Mutter geworden, ohne daß sie darum aufgehört hätte, Jungfrau zu verbleiben. Die Geburt ihres göttlichen Sohnes hatte ihre Reinigkeit noch vermehrt; nimmermehr also konnte sie dem Gesetze der Reinigkeit unterwor- ^ Dessen ungeachtet wollte sie dasselbe beobachten- ja sie beobachtete es mit so großer Pünktlichkeit, da/sie auch nicht den geringsten Umstand unterließ. IN Das Beispiel Jesu, der dem Gesetze der Be- schneidung sich hatte unterwerfen wollen, gestattete ihr nicht, Gebrauch von ihrem glänzenden Vorzüge zu machen. Es befahl aber das Gesetz Moysis, daß die Mütter ihre erstgeborenen Kinder Gott in dem Tempel opfern sollten; darum also bringt sie ihr geliebtes Kind in aller Demuth dar. Offenbaren wird der himmlische Vater, wenn es also sein Wohlgefallen ist, die Herrlichkeit seines Sohnes. Maria ist nur bedacht zu gehorchen. 2. Wie sehr ist dieß Beispiel geeignet, unsre Trägheit zu beschämen, wo es gilt, dem Gesetze Gottes zu gehorchen; und die eitlen Entschuldigungen zu entkräften, die wir anführen, von einem schnellen und pünktlichen Gehorsam uns auszunehmen. Es ist wundersam, daß der Mensch dem allerhöchsten Gott eine Unterwerfung versagt, die er doch mit aller Strenge von seinen eigenen Untergebenen fordert! O Staub und Asche, wie wagst du es je, dem Höchsten der Herren, Gott selbst zu sagen, du könnest nicht gehorchen; sein Gesetz fordre zu viel von deiner Schwäche! Woher dir diese Keckheit und stolze Vermessenheit? Schändlich ist's, daß den Christen das Joch des Herrn zu schwer bedünkt, da doch Christus selbst versichert, dasselbe sei sanft und leicht! Und sieh, er zieht ihm das weit schwerere und tyrannische Joch dieser Welt vor! IIS 3. Der Welt zu gehorchen, opfert man die kostbarsten Güter, das blühende Alter, die Gaben des Geistes, die Zartheit des Herzens, die Thätigkeit der Kräfte und Talente. Dem Herrn aber, der uns erfchuf und diese Gaben uns verlieh, will man in der Zukunft eine gewisse Zeit bestimmen, wo man seinen Willen thun will. Das heißt, man will die Hefe der Jahre, den Rest der Empfindungen, die die Welt dann nicht mehr brauchen kann, dem Herrn des Lebens aufbewahren!— 4. Täglich unterwirft man sich, der Welt zu gefallen, blindlings ihren Launen und wunderlichen Gebräuchen. Gilt es aber Gott, dem liebreichsten Herrn, durch blinden Gehorsam gegen seine Gesetze zu gefallen, dann ist eine solche Unterwerfung zu hart, und man sucht Gründe, sein Joch abzuwerfen. Wenn du, bevor du den Vorsatz fassest, Gott den schuldigen Gehorsam zu erweisen, dich selbst oder die Welt um Rath fragest, so wirst du entweder gar nicht, oder nur mit Einschränkung gehorchend weil das Gesetz Gottes mit deinen verkehrten Neigungen und den Gesetzen der Welt im Widerspruch steht.„.. Hinsichtlich dessen, was das göttliche Gesetz erfordert, muß man nicht Fleisch und Blut um Rath fragen; die Natur kann uns nur zur Weichlichkeit, die Welt nur zur Empörung reitzen. 5. O allerhöchster Herr, mein Gott, der Du allein das Reckt hast, zu wollen, ohne daß wir das H3 Recht hätten, um die Gründe deines Willens zu fragen:»erschließe mein Herz deinem Gesetze!« »Deine Worte sind Gerechtigkeit und Billigkeit!« (Ps. 118.)»laß sie gleich einem sanften Thau in mein Herz sich senken!«(Deut. 32.) Dein Prophet spricht es in einem seiner heiligen Lieder aus, daß reichlicher Friede der Antheil Derjenigen ist, die dein Gesetz lieben und dasselbe beobachten. Weisheit ertheilt es den Kleinen; es führt zur wahren Glückseligkeit, verbannt die Traurigkeit vom Herzen und zerstreut die Finsternisse des Geistes. »Ersehnlicher ist es denn Gold und edle Gesteine, süßer denn Honig und der köstlichste Honigseim.« 6. Sieh, 0 Gott, fest steht mein Vorsatz, mich niemals von demselben zu entfernen. Segne und kräftige meinen Willen! Halten will ich dieß Gesetz bis zu dem letzten Augenblicke meines Lebens. Ein reiches Erbe ist mir dasselbe, das ich mit aller Sorgfalt bewahren will. Immerdar soll es der Gegenstand meiner Freude seyn. Sechstes Capitel. Bon dem guten Beispiele. i. Maria beobachtete das Gesetz der Reinigung, damit sie den Juden, die nicht wußten, daß sie jungfräuliche Mutter war, kein Ärgerniß gäbe. Nachf. Mar. 8 IS4 Sie hielt dasselbe ferner, ihrem heiligen Bräutigam Joseph das Beispiel eines blinden und großmüthigen Gehorsams zu geben; gleichwie sie dasselbe auch Jenen gab, die gleich ihm von dem hochheiligen Geheimnisse unterrichtet waren. 2. Unterlaß ein an sich gutes Werk nicht, ob du auch nicht dazu verpflichtet seist, wenn diese Unterlassung Ärgerniß erwecken kann. Müßtest du sogar deßfalls die Lieblichkeit des innerlichen Gebetes verlassen, so säume nicht, es zu thun; denn du verlässest dadurch Gott nur Gottes wegen. Wer Gott wahrhaft liebt, der sucht Ihm Herzen zu gewinnen. Man gewinnt Ihm aber solche nie besser als wenn man Andere durch gute Beispiele lehrt, auf welche Weise man Ihn lieben soll. Z. Ermahnungen zur Tugend stimmen, die Tugend zu lieben. Vereint man aber die Ausübung derselben mit der Ermahnung, dann überzeugt man weit sicherer und besser. Das Beispiel der Heiligen hat Heilige gebildet. Die tugendlichen Werke, welche die Apostel und die ersten Gläubigen ausübten, wirkten nicht minder mächtig auf viele Gemüther als ihre Reden und Wunder. O wie wenig Christen sind heut zu Tage durch ihre tugendlichen Beispiele der Wohlgeruch Christi! 4. Es scheint, als ob die Menschen nur darum Umgang mit einander pflegten, damit sie durch böse Beispiele, die sie einander geben, zu ihrer gegenseitigen Verdammniß beitrügen. Wenn du verdammt werden willst, so werde es allein; aber wirke nicht auch, daß dein schwacher Bruder verdammt werde, für den Christus gestorben ist! O. Cor. 6.) Es ist ein großes Verbrechen, deinen Nächsten der Güter dieser Erde zu berauben; wie weit entsetzlicher also ist das Verbrechen, die Güter der Ewigkeit ihm zu rauben!— Wer dieß thut, der ist fürwahr ein Abgeordneter und ein Werkzeug des Teufels. 5. Alle, die mit irgend Ansehen und Gewalt bekleidet sind, sollen mit aller Aufmerksamkeit dahin sehen, daß sie gute Beispiele geben, weil Jene, die von ihnen abhängen, nie unterlassen, nach ihrem Betragen sich zu richten. Noch mehr denn Andere geht dieß die Großen an. Erzeigen sie den Gesetzen Gottes und der Kirche keine Ehrfurcht, so finden sich bald Viele, die ihnen nachahmen. Denn man bildet sich ein, es sei rühmlich, solchen Vorbildern nachzuahmen. Sind sie etwa größer denn Maria, die, als Mutter Gottes, alle Ehren und Vorzüge in sich vereinte, die ein bloßes Geschöpf besitzen kann? Lernen sollen sie von dieser jungfräulichen Mutter Gottes, den hohen Rang, zu dem sie erhoben wurden, zur Ehre Gottes zu wenden, der sie so hoch gestellt hat. 8* H6 6. Ist etwa menschliche Größe ein Titel, der das Recht ertheilt, ein minder guter Christ zu seyn? Ein höherer Rang ist, wohl erwogen, nichts anderes als eine größere Verpflichtung. Siebentes Capitel. Bon der Liebe und dem Werth der Demüthigungen. 1. Eine große Demüthigung mußte es allerdings für deine heilige Mutter seyn, o Jesu, das Gesetz der Reinigung zu beobachten; da dieß Gesetz nur für gewöhnliche Mütter gegeben war! Der Glanz ihrer Jungfräulichkeit, über die sie mit so heiliger Eifersucht sich aussprach, als der Engel das Geheimniß deiner heiligen Menschwerdung ihr verkündigte, ward auf gewisse Weise durch diese Ceremonie verdunkelt. Doch nicht unbewußt war es ihr, daß einst Schmach und Erniedrigung dein Antheil seyn sollte; und sie hielt sich für glückselig, daß sie hierin Dir gleichen konnte. Je mehr Du vor andern Frauen sie ausgezeichnet hattest, mit um so größerer Liebe erniedrigte sie sich und verbarg ihre erhabenen Vorzüge. 2. Eine Seele, die gleich der heiligsten Gottes- gebarerinn, ihrem Gott allein zu gefallen sucht, legt sehr wenig Werth auf die Achtung der Menschen, und wird von ihren Ehrenbezeugungen nicht sonderlich gerührt. Sie zieht, wie der Prophet sich ausdrückt, die Erniedrigung im Hause Gottes aller Pracht und Herrlichkeit der Weltkinder vor. Es ist aber auch die Frömmigkeit weit mehr gesichert in einem demüthigen und niedrigen Stande als mitten unter Ehren und Auszeichnungen. Ist die Tugend vor den Augen der Menschen dunkel und verborgen, so ist sie in den Augen Gottes um so glänzender. 3. Die wahre Tugend kennt kein anderes Verlangen als Gott wohlgefällig zu seyn. Mag man sie wie immer verkennen und verachten, sie hält sich dadurch nur für um so glückseliger. Oft führt die Vorsehung, die über die Gerechten wacht, sie, selbst auf dem Wege der Erniedrigungen, zu dem Ziel des Verdienstes und der Glorie. Freilich leidet die Eigenliebe dabei, wenn sie sich erniedrigt sieht; aber dadurch selbst ist die Erniedrigung heilsamer. Die Heiligen brachten Gott für die Schmach und Verachtung, die sie erlitten, Danksagungen, wie für die größten Gnaden dar. 4. Ist mein Herz nicht also gestimmt, so kommt dieß daher, weil ich ein noch ganz irdischer, ganz sinnlicher Mensch bin; und nicht Gott allein suche. Es hat sogar Heilige gegeben, die Gott um große Erniedrigungen angefleht haben; so groß war ihre Sehnsucht nach ihrer Vollkommenheit! Empfinde ich nicht den nämlichen Muth in mir, so soll ich wenigstens mit Unterwerfung jene Ernie- Il8 drigungen annehmen, die Er zu meinem Besten mir zusendet, ohne daß ich Ihn darum bitte. Ich kann durch Eine Erniedrigung, die ich mit aller Ergebung ertrage, welche ich gegen den göttlichen Willen zu haben verpflichtet bin, Gott weit mehr verherrlichen als durch die erhabensten Gaben und Wunder. 5. Der Sohn Gottes erniedrigte sich, dem Ausdruck des Apostels zufolge, bis zur Vernichtigung. Dieß ist das Vorbild, das ich streben soll, in mir nachzubilden. Wer vor Erniedrigungen sich entsetzt, der entsetzt sich vor der Ähnlichkeit mit Jesu, zu welcher solche uns erheben. Vervielfältigt Gott dieselben für mich, so zeigt Er mir dadurch daß Er das Bild seines eingeborenen Sohnes in mir vervollkommnen will. Ich sollte eine Demüthigung mit eben der Freude und Dankbarkeit annehmen, als ich ein Stück von dem wahren Kreuze Christi annehmen würde. Achtes Capitel. Auf welche Weise wir Gott das Opfer bringen sollen, das Er von uns verlangt. Der Diener. i. Das Opfer, das Mütter in ihren erstgeborenen Kindern dem Herrn in seinem Tempel darbrachten, kostete ihrem Herzen wenig. Doch nicht LIK also war es bei dir, o gebenedeite Jungfrau; denn ein wahrhaftiges Opfer brachtest du in deinem Herzen, als du Jesum im Tempel opfertest. Bewußt war es dir, daß Er einst sein Leben für das Heil der Menschen geben sollte; und schon jetzt opfertest du Ihn Gott als das wahre Opferlamm. Ja ganz eigentlich als solches opfertest du Ihn, so wie auch Er selbst dem ewigen Vater als solches sich opferte. Dieß war gleichsam der erste Moment, wo dein Leiden für Jesum anfing, das bis zu dem letzten Augenblick seines heiligsten Lebens dauerte. Schon damals begannest du von jenem Schwerte des Schmerzes durchdrungen zu werden, von welchem Simeon sprach, als er das Kindlcin Jesus in seinen Armen hielt. 2. Die Mütter der Erde lieben zwar ihre Kinder; doch schenken sie ihnen nicht ihre ganze Liebe; denn einen großen Theil derselben bewahren sie für die Eitelkeit; einen großen Theil auch für sich selbst. Du hingegen liebtest Jesum; du liebtest Ihn aus ganzem Herzen, und liebtest nichts außer Ihn. Es war dein eingeborener Sohn. Kaum begannest du die süße Freude einer Mutter, und zwar der Mutter eines solchen Kindes, zu kosten; und dennoch begibst du dich alsbald der Tag erscheint, auf den Weg, seinem ewigen Vater Ihn zum Opfer zu bringen. O würdige Tochter Abrahams und' Erbinn sei- lies Glaubens! du erstickest alle natürlichen Empfindungen, um einzig die Stimme Gottes zu hören, der das Theuerste, was du auf Erden besitzest, zum Opfer von dir verlangt. M a r i a. 3. Mein Sohn, also geziemt es sich, großmü- thig und standhaft zu seyn, wenn Gott was immer es sei, zum Opfer von dir fordert. Ach, Er forderte von mir, daß ich Ihm opferte, was ich mit allem Rechte liebte. Was aber fordert Er gewöhnlich von dir?— Das Opfer eines Gegenstandes, den du hassen solltest! Wenn du Gott liebest, so muß die Großmuth der vorzüglichste Grundzug deiner Liebe seyn. Ein enges und beschränktes Herz weiß kaum was lieben heißt. Wer Gott zu Liebe nichts thun will, das seinem Herzen schmerzlich fällt, und bei dem Anblick der Schwierigkeiten, die zu überwinden find, den Muth sinken läßt: kann man von einem Solchen je sagen, daß er wahrhaft liebe? 4. Die wahre Liebe zeichnet sich im Schmerz und im Kampfe aus. Die Weichlichkeit läßt mit dem Herzen und dem Stande eines Jüngers Jesu sich nicht vereinigen. Willst du, daß deine Aufopferungen dem Herrn wohlgefällig seien, so bringe dieselben Ihm schnell, und prüfe nicht lange, ob sie dir schmerzlich fallen. Die Welt fordert von ihren Anhängern die 12! schwierigsten Opfer. Dennoch darf sie nur befehlen und man bringt dieselben sogleich und gänzlich. Soll Gott etwa der einzige Herr seyn, dem man kein Opfer bringt, ohne zuvor wohl zu prüfen, ob Er nicht etwa zu viel fordere? 5. O mein Sohn, wie wenig liebt ein Herz seinen Gott, wenn es in den Beweisen der Liebe, die es Ihm gibt, sich selbst Gränzen vorschreibt! Kaum würde man es wagen, der Welt, die doch nur nach Laune herrscht und nur aus Eigennutz liebt, ein Herz anzubieten, wie die meisten Christen es wagen, Gott solches aufzuopfern. Ein Sohn, der für seinen Vater durchaus nichts anderes thut als was ihm ausdrücklich befohlen ist; eine Gattinn, deren geringster Kummer es ist, ih- -rem Ehegemahl zu mißfallen, wofern ihr dieß müh« sam bedünkt: zeigen solche wohl aufrichtige Liebe, mit welcher man zufrieden seyn könnte? 6. Gott ist unendlich gütig gegen seine Geschöpfe; doch ist Er zugleich ein eifernder Gott. Nimmer dient man Ihm wie Er es verlangt noch wie Er es verdient, wofern man Ihm nicht mit vollkommncm und allem seinem Willen unterworfenen Herzen dient.(Coloss. 4.) Erröthe, daß du so feige in seinem Dienste bist; erröthe, daß du, nach Allem was Er für dich gethan, so wenig für Ihn thuest! 7. Du findest, daß Er dir zuweilen Befehle ertheilt, die schwer zu erfüllen sind. Ach, mein Sohn, 132 Er wird dir wohl noch schwerere ertheilen, weil seh ne Belohnungen verdient werden müssen. Vermögen, Ruhe, guten Ruf, Gesundheit, ja selbst das Leben könnte Er von dir fordern. Er hat ein Recht auf Alles. Verwundere dich auch nicht, wenn Er, je mehr du Ihm gibst, um so mehr von dirfordert; Er thut dieß nur, um dich hienieden zu immer größern Gnaden vorzubereiten, und im Himmel deine ewigen Belohnungen zu vermehren. Neuntes Capitel. Mir welcher Stimmung des Herzens wir die Übel betrachten sollen, die uns bedrohen. Maria. 1. Mein Sohn, warum ist dein Herz so schwer beklommen? was weinest du und blickest unter so schweren Seufzern zum Himmel? Der Diener. 2. Ach, Königinn der Heiligen, schon begann ich einiger Ruhe zu genießen, und sieh, plötzlich bin ich von neuen Ängsten befallen! Ungerechtigkeit, Verleumdung und Undank haben sich wider mich verschworen; o mildherzige Mutter, nimm dein Kind in deinen heiligen und mütterlichen Schutz! 123 Maria. 3. Mein Sohn, dein Stand gleicht in mancher Hinsicht dem schmerzlichen Stande, worin ich selbst war, als ich den Ausspruch Simcons im Tempel vernommen hatte. Er hatte die künftige Herrlichkeit Jesu mir ge- weissagt; unmittelbar hierauf aber verkündigte er mir auch. Er würde die Zielscheibe der Widersprüche und Verfolgungen seyn; ein Schwert des Schmerzes würde meine eigene Seele durchdringen, und ich würde an den Leiden meines gelobtesten Sohnes reichlichen Antheil erhalten. Überdieß wußte ich auch aus den heiligen Büchern, wie schmerzliche Leiden über Jesus ergehen würden. Der getödtete Abcl, der verkaufte Joseph, das geschlachtete Osterlamm waren eben so viele Vorbilder, die mir verkündigten was Ihm widerfahren würde. 4. Ach, welche Bitterkeit ergoß der innerliche Anblick der schmerzlichen Leiden und des Todes Jesu, die mir ohne Unterlaß vor Augen schwebten, über alle Tage meines Lebens! Gott allein kennt meine innerlichen Seufzer und Schmerzen, wenn Jesus auf meinem Schooßc war und ich bedachte, daß Er die Welt durch den grausamsten Tod erlösen sollte! Sah ich im Tempel ein Lamm erwürgen oder eine Taube schlachten, dann sagte ich zu mir selbst: Also wird Jesus einst geopfert werden! 124 Der Diener. 5. Nun, o jungfräuliche Mutter, wird es mir klar, wie schmerzlich dir zu Muthe seyn mußte, und mit wie vollem Rechte die Kirche dich die Königinn der Märtyrer nennt. Enthauptet wurden die Märtyrer, sie wurden den Thieren vorgeworfen, auch kamen sie durch Wasser oder durch Feuer ums Leben. Doch dauerte ihre Marter gewöhnlich nicht lange; die dcinigc aber dauerte drei und dreißig volle Jahre. Und während dieser Zeit, stärker und wüthiger denn alle vereinten Märtyrer, sahst du als eine heilige Heldinn immer neue Leiden, die Gott dir bereitete; zumal jene, die du einst auf dem Calvarien- berge erdulden solltest. 6. Leider bin ich eitel Schwäche und Kleinmü- thigkcit bei dem Anblick bevorstehender Leiden! Erneuerte sich dein Schmerz ohne Unterlaß, wenn du der Leiden gedachtest, die Jesus erdulden sollte, so erneuertest du dabei auch ohne Unterlaß jenes erste Opfer, bei welchem du im Tempel Ihn aufgeopfert hattest. Deine heilige Seele war in der tiefsten Traurigkeit; doch ward ihr Friede darum nicht getrübt; Tu wolltest, und zwar mit vollkommner Unterwerfung, Alles was Gott wollte. Ich aber erbebe, wenn ich der neuen Kreuze gedenke, die mir bevorstehen; verschwunden ist mein l 25 Friede, verschwunden meine Ruhe. Mein Geist ein pört, mein Herz beklagt sich. Mari«. 7. Mein Sohn, Gott wird es nicht zulassen, daß du über deine Kräfte versucht, betrübt und geprüft werdest; sondern immer wird Er, je nach deiner Prüfung, dir Hilfe senden.(1. Eor. 10.) Höre seine Gnade an, die innerlich zu dir spricht; und entsprich ihren Regungen getreu. Je mehr Kreuze Gott einer Seele bereitet, um so mehr Mittel bereitet Er ihr auch, solche wohl zu ertragen. Kreuze sind die reichsten Geschenke, die Gott der Seele in diesem Leben verleihen kann; und die Annahme derselben ist das annehmlichste Opfer, das sie dem Herrn zu bringen vermag. 8. Groß sind die Kreuze, die Er dir bestimmt; d. h. Er hat große Absichten für deine Heiligung. Willst du verhindern, daß die Absichten Gottes in Erfüllung gehen? Verwirrung und Klagen werden diese Kreuze nicht von dir entfernen. Was immer du thun magst, mußt du sie tragen. Was also wirst du thun, wenn du weise bist? Mein Sohn, gar sehr geziemt es sich, daß du Allem dich unterwerfest was Gott anordnen wird. Sprechen sollst du:„Gott ist der Herr, Er schalte mit mir wie es Ihm wohlgefällig ist!« fi. Kön. 3.> 9. Thust du also, dann wirst du in Wahrheit erfahren, daß, von deiner Unterwerfung gerührt * 126 und seinen Verheißungen getreu, Gott diese Kreuze, die von fern dich so schwer bedünken, wundersamer Weise erleichtern wird. Ja, so leicht werden dieselben dir werden, daß du ausrufen wirst:»Nach dem Maße der Schmerzen, die ich um Jesu willen erlitt, hat Er seine Tröstungen in meinem Herzen vermehrt!« Der Diener. 10. Deine Worte, o gebenedeite Jungfrau, ermuthigen meine Schwache. O erflehe mir neue Kraft, daß ich den Kreuzen muthig entgegen gehe, deren Anblick mich mit Schrecken erfüllt. »Gepriesen sei der Herr, der durch deine Worte und Beispiele, meine Hände zum Kampfe bildete, und zu einem Kriege mich kräftiget, den ich, ach, ohne diese Hilfe nimmermehr bestehen könnte! Zehntes Capitel. Was eine Seele thun und was sie bedenken soll, wenn die Führungen Gottes ihr unbegreiflich sind. i. Plötzlich erfuhr Maria durch ihren heiligen Bräutigam, es sei der Wille Gottes, sie sollte nach Aegppten fliehen, woselbst der Engel des Herrn befohlen hatte, das Kindlein Jesus der Wuth des Herodes zu entziehen. Wie? hat etwa Gott in dem unendlichen Gebiet seiner Allmacht kein Mittel, das Herz dieses Fürsten zu ändern? Ist es nicht Gottes unwürdig, vor einem schwachen Menschen zu fliehen? IL7 Kann Gott seinem Eingeborenen zu Liebe nickt das Wunder jener Plagen erneuern, mit welchen Er, sein Volk zu retten, die Aegypter geschlagen hatte? 2. Doch nimmermehr sucht Maria Gottes Absichten bei dieser Anordnung seiner Weisheit zu er- grübeln. Der Wille Gottes verdient unsre Unterwerfung in allen Fällen, ob wir die Ursachen desselben begreifen, oder ob sie uns unerforfchlich sind. Wird sie aber auch während einer so langen Reise durch Wüsteneien und in diesem fremden Lande selbst, wohin sie gesandt wird, Mittel zu ihrem Unterhalt finden?— Nimmer fragt sie hiernach. Gott, der ihr den Befehl ertheilen ließ, aufzubrechen, ist mächtig genug, sie mit dem Nothwendigen zu versorgen, ob sie auch die Art und Weise nicht einsieht. 3. Wird sie nun für immer in Aegypten blei ben?— Sie erkundigt sich hierüber nicht. Sie wird zurückkehren sobald Gott ihr kund gibt, es sei Zeit, zurückzukehren. Ja, wenn Gott ihr auch noch unbegreiflichere Befehle ertheilen wollte, würde darum ihre Seele nicht das Mindeste von ihrem Frieden verlieren. Was auch könnte je eine Seele beunruhigen, welche bedenkt, daß Gott sie führt? Gibt es irgend einen sichreren Schutz als den Schutz der göttlichen Vorsehung? 4. Du befiehlst. Herr, daß ich auf mir unbe 128 kannten Wegen wandeln soll. Dieß genügt mir. Dein Wille ist mir statt Lichtes und statt aller Gründe. Ich weiß nicht, wohin ich gehe; dieß aber weiß ich mit aller Gewißheit, daß ich keinen Fehltritt thun werde, wenn ich Dir, dem weisesten Führer folge. Ob auch mitten unter Finsternissen, werde ich mit Sicherheit wandeln; denn ich weiß, daß du mich nicht verlassen wirst. Was auch würden meine schwachen Einsichten auf einer Bahn mir nützen, die Du selbst mir eröffnest, und die Du mir befiehlst, mit blindem Gehorsam zu befolgen? Sobald Du gesprochen hast, geziemt es mir zu wirken, ohne mich selbst anzuhören. Man überläßt sich ja mit Vertrauen der Leitung eines Menschen, den man für klug und erleuchtet hält; und ich sollte irgend mißtrauisch seyn, wenn Du, o ewige Weisheit, mich leitest? 5. Oft gefällt es deiner heiligen Vorsehung, durch Mittel zum Ziele zu gehen, die den menschlichen Verstand gerade umgekehrt bedünken. Wie unbegreiflich also mir auch deine Absichten über mich sind, beschränke ich mich darauf, dieselben anzubeten. Sind auch deine Führungen verborgen, so sind sie darum nicht minder aller Anbetung würdig. Deine Werke tragen das Gepräge der allerhöchsten Weisheit; wenn auch das Geheimniß derselben uns nicht entschleiert wird. 6. So will ich denn also deinen Befehlen, selbst 129 dann, wann ich die Gründe derselben am wenigsten begreife, mich nicht minder unterwerfen als den Wahrheiten, die Du mir geoffenbart hast. Ob ich auch diese Wahrheiten nicht begreife, bin ich derselben dennoch nicht minder gewiß, als ob ich sie im klarsten Lichte schaute, weil Du, Herr, es bist, der Du sie ausgesprochen hast! Eilfteö Capitel. Bon der Fürsorge der göttlichen Vorsehung gegen, die Gerechten. Der Diener. i. Voll innerlicher Freude schaue ich mit dem Auge der Betrachtung, o gehorsame Jungfrau, die heilige Gleichmüthigkeit deiner Seele in dem Augen, blick, wo du nach Aegypten abreisen sollst. Vollkommen überzeugt bist du, daß Gott, dessen Führungen du dich gänzlich anheimstellest, während deiner Reise über dich wachen, und daß Erdich auch nimmermehr verlassen wird, wenn du an dem Ziele angekommen bist, das Er selbst dir bezeichnet hat. Wie auch wäre es je möglich, daß sein Auge nicht über dich und den hochheiligen Schatz wachte, den du mit dir trägst? Nein, fürwahr, nichts bast du zu fürchten von den Schlingen, die in nächtlichen Finsternissen lauern, noch von den Pfeilen des Tages.(Ps. 90.) Nachf. Mar. 9 Der Herr hat Engel zu deiner Hut bestellt; und befohlen ward ihnen, daß sie dich begleiten bei allen deinen Schritten. Er hat ihnen befohlen, daß sie alle Gefahr von dir abwenden; ja, daß sie, wofern es nothwendig ist, dich auf ihren Händen tragen. Sei auch das Land, wohin du gehst, voll der Schlangen und reissenden Thiere, du wirst auf Nattern und Basilisken wandeln, und Löwen und Drachen mit Füßen treten. Maria. 2. Mein Sohn, an vielen Stellen seiner heiligen Bücher hat der Herr verheißen, daß Er Jene beschützen werde, die auf Ihn vertrauen. Ängstige dich also nie, wenn Gott dir Befehle ertheilt; wie schwer immer die Vollziehung derselben seyn mag. Hoffe auf Ihn, und Er wird dir helfen. Ja, sollte auch der Gehorsam gegen seinen Willen der größten Dürftigkeit dich preisgeben, so wirf deine Sorgen auf Ihn; seine Vorsehung wird es dir an nichts fehlen lassen. Ob du auch dem Gespötte, den Beleidigungen und Verfolgungen der Bösen ausgesetzt seist, werde darum nicht kleinmüthig:»Gott wird dein Beschützer seyn zur Zeit der Trübsal.«(Ps. 36.) 3. Das feste Vertrauen der Gerechten aufGott ist ihnen ein sicherer Bürge seines Schutzes. Scheint es auch, als ob Er sie kurze Zeit verließe, so wird Er sie dennoch allen ihren Nöthen entreissen. 9 I3L Nichts mehr erwarteten die Inwohner Bethu- liens von dem Gott ihrer Vater; dennoch wachte das Auge seiner Vorsehung mehr als jemals über sie. Auch des keuschen Josephs vergaß Er nicht. Zu finsterem Gefängnisse verurtheilt, seufzte er in Fesseln; und plötzlich ward er denselben entrissen, um auf den Gipfel der Ehre erhoben zu werden und die königliche Macht zu theilen. 4. Nicht immer jedoch befreit die Vorsehung die Gerechten von aller Furcht und Gefahr und hilft ihren Nöthen auf die Weise ab, wie sie es wünschen und begehren. Aber nicht minder wunderbar sind ihre Führungen, ob sie dieselben der Dürftigkeit entreißt oder darin läßt, ob sie die Ungerechtigkeit rächt oder es zuläßt, daß sie ein Opfer derselben werden. Gott gibt ihnen die Gnade der Geduld in ihren Drangsalen; und verleiht ihnen durch diese Gabe ohne Vergleich mehr als wenn Er ihnen die reichlichste Wohlfahrt verliehe. 5. Wie vielen Christen fehlt es beinahe an Allem, und dennoch sind sie so innig zufrieden, als ob es ihnen an nichts fehlte. Sie preisen die göttliche Vorsehung und würden ihr Loos nicht gegen das der glücklichsten Weltkinder vertauschen. So nimm also in allen deinen Nöthen deine Zuflucht zum Herrn und vertraue fest auf Ihn. Ist auch seine Hilfe nicht immer von solcher Art, daß sie in die Augen fällt und Aufsehen erregt, so ist sie darum nicht minder wirklich und tröstlich. 132 Zwölftes Capitel. Daß man Gott in jedem Stande und Verhältnisse dienen kann, wenn Er selbst uns dazu beruft. Maria. 1. Mein Sohn warum klagest du so oft und so bitter über deinen Stand und deine Verhältnisse? Du sagst, du könnest dem Herrn nicht auf gehörige Weise darin dienen! Sieh, der Himmel ist voll der Heiligen, die Gott in ganz ähnlichem Stande und in den nämlichen Verhältnissen dienten. Ich fand Gott in Aegypten, wohin ich mich hatte begeben müssen, wie ich Ihn in Judäa fand; und war beflissen, Ihm auf dieselbe Weise zu dienen. Kann der Mensch anders die Gnade und Freundschaft Gottes bewahren, so soll er an jeglichem Orte zufrieden seyn. 2. Es hätte, dem Anschein nach, sowohl mir als meinem heiligen Bräutigam schmerzlich fallen können, das Land Israel zu verlassen. Gleichwohl bezeigten wir nicht den mindesten Kummer darob. Als wir dahin zurück berufen wurden, fühlten wir keine andere Freude als den Willen Gottes zu thun, der unsre einzige Richtschnur war. Wenn du nicht deinen eigenen, sondern den Willen des himmlischen Vaters zuthun strebest, dann wirst du mit dem Stande und den Verhältnissen, die 138 Er dir angewiesen hat, wohl zufrieden seyn, und nach keinen andern verlangen. 3. Mein Sohn, Gott hat Jeglichem den Weg vorgezeichnet, den er wandeln soll, um zur Heiligkeit zu gelangen. Der ist in großem Irrthum, der da glaubt, er werde sich heiligen, wenn er einen andern Weg einschlägt. Niemand kann ohne die Hilfe der Gnade selig werden; nun gibt aber Gott Jedem diese Gnade je nach dem Maße, das der Lebensweise und den Werken entspricht, zu welchen Er ihn bestimmt. Wer in der Einsamkeit ist, dem soll es nicht leid um die Welt seyn, die er verlassen hat. Wer verpflichtet ist, in der Welt zu leben, der soll nicht sagen, es sei ihm unmöglich, darin selig zu werden; der sicherste Stand für beide ist der Stand worin Gott will, daß jeder aus ihnen lebe. 4. Von welcher Art auch das Verhältniß fei, in welchem ein Mensch leben muß, hängt das Heil von der Treue ab, mit welcher er der Gnade entspricht. Johannes der Täufer heiligte sich an den Ufern des Jordans, wo Gott wollte, daß er bleiben sollte. Er suchte nicht, dieselben zu verlassen. Die Lebensweise der Apostel, die Jesum begleiteten, schien ihm nicht geeigneter zur Heiligkeit. Dein Stand ist an und für sich kein Hinderniß an deiner Heiligung. Weder der Ort noch das Amt heiligt den Menschen; wohl über soll der Mensch solche heiligen. 134 5.. Oft wendet der Mensch nicht sowohl aus Liebe zum Guten als aus Unruhe seinen Blick zu einem andern, von dem seinigen verschiedenen Stande. Was gewinnest du dadurch, wenn du deinen Stand gegen einen andern vertauschest? Wirst du dadurch besser werden?— Wer seine Stelle und seine Verhältnisse ändert, verändert darum nicht auch seine Gemüthsart und seine Launen. An welchen Ort immer ein Mensch hingehen mag, bringt er seine Fehler mit. Dich selbst, mein Sohn, und nicht deinen Stand und dein Amt sollst du ändern. Heilige deine Beschäftigungen in deinem Stande dadurch, daß du sie auf Gott zurückführest, und du wirst nicht mehr klagen, daß sie dich zerstreuen. 6. Die große Menge Beschäftigungen, die mit der Regierung eines großen Königreiches verknüpft sind, hinderten David nicht, sieben Mal am Tage dem Gebet abzuwarten und das Lob des Herrn zu singen.(Ps. ii8.) Die Heiligen wurden durch die Menge der Beschäftigungen nicht nur nicht verhindert, Heilige zu werden, sondern ihre Heiligkeit machte sie fähig, ihre Pflichten wohl zu erfüllen. Die Heiligkeit besteht nicht darin, daß man Gott diene, wo man gern wäre und wie manmöchte, sondern wo Er will und wie Er es will. Mehr wirft du den Herrn auf dem Bett der Schmerzen verherrlichen, wenn es sein Wille ist, 135 daß du auf demselben liegest, als wenn du in Ar> bciten dich verzehrtest. Ihm Seelen zu gewinnen. Dreizehntes Capitel. Bon dem Eifer im Dienste Gottes. Der Diener. 1. Wenig, o allerseligste Jungfrau ist aus deinem irdischen Leben bekannt; doch aus dem Wenigen was davon kund ward, leuchten Beispiele der eifrigsten Frömmigkeit hervor. Dieser Eifer der Frömmigkeit war's, der dich jedes Jahr, zur Zeit wo das hohe Osterfest gefeiert ward, nach Jerusalem leitete. Ging auch die Pflicht bei der Feier dieses hohen Festes sich einzufinden, nur deinen heiligen Bräutigam Joseph an« so unterließest du es dennoch nicht, ihn dahin zu begleiten. 2. Zu groß war deine heilige Liebe zu Gott, als daß du je dich darauf beschrankt hättest, nur das für Ihn zu thun, wozu die unerläßlichste Pflicht dich verhielt. Ach, ich undankbarer Sünder, wie weit anders handelte ich bis zu dieser Stunde gegen Gott! Ungeachtet seiner zahllosen Wohlthaten, war mein Herz überaus beschränkt gegen Ihn; befehlen mußte Er mir als Herr, wenn ich Ihm gehorchen und huldigen sollte. 186 Maria. 3. Mein Sohn, ein Herz, das Gott liebt, versäumt nichts aus Allem was Ihm wohlgefällt. Du erkennest nicht sonderlich was der Herr verdient, dem du dienest, wenn du iu seinem Dienste deiner schonest. Betrachte was erklärte Weltkinder für die Welt thun, und lerne von ihnen was du für Gott thun solltest. Fasse ihren rastlosen Eifer ins Auge! Sie scheuen weder Arbeiten noch Mühen und Plagen, und unterwerfen sich zahllosen Unannehmlichkeiten, ihr zu gefallen. Aber Gott gefallen. Ihm, dem allerhöchsten Herrn, oftmalige Beweise herzlicher Liebe geben, dieß ist in deinen Augen großer Zwang! Wird von dir gefordert, daß du dein Herz oftmals liebreich zu Ihm erhebest und auch in kleinen Dingen getreu seist, so will es dich bedünken, als forderte man zu große Unterwürfigkeit. 4. 3st es nicht demüthigend für dich, daß man das Beispiel der Weltkinder dir vor Augen stellen und dich in ihre Schule schicken muß, damit du dar, in lernest, wie du Gott dienen sollst? O laß doch von den Weltkindern dich nicht an Großmuth übertreffen; und dulde es nicht, daß die Welt sich rühme, es werde von den Ihrigen ihr mit größerm Eifer gedient als dem Gott aller Heiligkeit von Jenen gedient wird, die sich seine Diener nennen- 137 5. Reihe dich auch von nun an nicht mehr zur Zahl Derjenigen, die da wähnen, sie seien sehr fromm; wiewohl sie sich darauf beschränken, genau nur so viel zu thun als das Gesetz Gottes ihnen befiehlt, dafern sie nicht wollen verdammt werden. Glauben möchte man, wenn man ihren Wandel betrachtet, sie würden leicht einwilligen, die Gnade Gottes zu verlieren, wofern sie dieselbe ungestraft verlieren könnten. Wenigstens fürchten sie Gott mehr als sie Ihn lieben. 6. Fürchte Ihn, mein Sohn, den allmächtigen Gott, der schrecklich in seinen Strafen ist; doch fürchte zumal, daß du diesen so gütigen und so liebreichen Gott nicht genug liebest. Würde ein Freund, für den du genau nur so viel thun würdest als die Freundschaft nothwendig erforderte, dich als einen sehr eifrigen Freund ansehen? Die Liebe ist großmüthig; sie beschränkt sich nicht auf das was die Pflicht erfordert. Wer zart und eifrig liebt, der benützt jede Gelegenheit, dem Gegenstand seiner Liebe zu gefallen. 7. Hättest du auch die feurigste Liebe zu Gott, wäre dennoch Alles was du für Ihn thun würdest, tief unter dem was du thun solltest. Liebe mit Inbrunst, und die Liebe wird all dein Leiden versüßen. Gott ergießt in eine eifrige Seele eine Salbung, durch die sie selbst in Dingen, die ihr sehr schmerzlich fallen, die süßesten Wonnen findet. 138 Der Diener. 8. O gebenedeite Jungfrau und Liebhaberinn der Seelen, erflehe mir diesen Eifer, von welchem du uns so glänzende Beispiele gegeben hast! Bekennen muß ich es zu meiner Beschämung, selbst die geringste Schwierigkeit hält mich auf. Ich gebe der ersten Versuchung, Verdrießlichkeit, dem ersten Überdruß nach. Oft hält Menschenfurcht mich ab und verhindert mich zu thun, was die Gnade mir einflößt. Du siehst wie sehr ich der Ermuthigung bedarf! O so entzünde denn durch deine heilsamen Belehrungen jene feurige Liebe in meinem Herzen, mit welcher Gott, die ewige Liebe, würdig ist geliebt zu werden! Vierzehntes Capitel. Wie schwer es ist, Jesum zu verlieren. i. Jesus war zwölf Jahre alt, als Maria und Joseph, ihrer heiligen Gewohnheit gemäß, zu dem hohen Osterfeste nach Jerusalem wallfahrteten; Er aber begleitete sie dahin. Nachdem nun die Feierlichkeit zu Ende war, kehrten Maria und Joseph nach Nazarcth zurück; Jesus aber verblieb, ohne ihr Vorwissen zu Jerusalem. Sie hatten bereits eine Tagreise gethan, als sie seine Abwesenheit wahrnahmen. 139 Welchen Schmerz aber erweckte ihnen diese Abwesenheit! O wie blutete das Herz Maria über diesen Verlust! 2. Doch, o mein Heiland, nicht durch ihre Schuld verlor Dich Maria. Du hattest ihrem Anblick Dich entzogen, die Ehre deines himmlischen Vaters zu fördern. Ich aber, der ich durch meine Missethaten Dich so oft verlor, ja Dich so oftmals zwang, von mir zu weichen: ach, kann ich je das Unglück einer solchen Entfernung genug beweinen! 2. Maria hatte nur die leibliche Gegenwart Jesu verloren, sie behielt seine ganze Freundschaft. Ich aber verlor das Kostbarste im Himmel und auf Erden, die Gnade und Freundschaft Jesu! Was haben je die Welt und ihre Lüste, die ich mehr als Jesum liebte, in sich, für einen so unermeßlichen Verlust mich zu entschädigen! 3. Glückselig die Seele, von welcher Jesus niemals sich entfernte; die Jesum immer besaß! Sie allein weiß und kann sagen was das Paradies auf Erden ist! Mit Jesu seyn ist eine süße Gesellschaft, eine liebliche Unterredung, eine zarte Freundschaft, eine namenlose und göttliche Freude! In der Entfernung von Jesu seyn ist eineschau- dervolle Einöde, eine finstere Nacht, eine überaus bittere Armuth und eine vorzeitige Hölle! Ach, wer Jesum verloren hat, der gäbe, wenn er sein Unglück kennte, um Ihn wieder zu finden. ' 140 alle Reichthümer, alle Ehren, alle Freuden des Lebens hin! Man beweint einen zeitlichen Verlust und ist trostlos darüber; und man weint nicht, wenn man seinen Gott verloren hat! O wie Wenigen geht dieser Verlust zu Herzen! Ist aber je ein größerer Verlust für einen Christen! Kein Mensch verliert ein Gut, ohne bittern Schmerz des Herzens zu empfinden. Nur Dich, o allerhöchstes und unendliches Gut, verlieren die Menschen, ohne daß dieser Verlust sie schmerze. O wie wenig erkennen sie Dich! 5. Kann je eine Gattinn, wofern sie nicht gänzlich stumpfsinnig und gefühllos ist, bei dem Verlust des zärtlichsten Gatten ruhig seyn? Kann je ein Sohn, wofern er nicht ganz aus, geartet ist, des tiefsten Schmerzes sich erwehren, wenn er den besten der Väter verloren hat? O Vater der Erbarmungen gib deinem Kinde deine Freundschaft zurück! O Jesu, Bräutigam un srer Seelen, gib meine Seele deiner Gnade zurück! Laß meine Seufzer, mein Flehen, meine Thränen Dich rühren; sieh, sie entquellen dem Schmerz über deinen Verlust! 6. Ich erschaudere vor mir selbst, wenn ich be. denke, daß ich es verdiente, Dich zu verlieren, der Du durch so viele offenbare Zeichen deine Liebe zu mir und die Freude mir kund gabst, mich in deiner Nähe zu sehen. O wie verengt ist mein Herz, daß es seinen so l!» großen Undank nicht tief verabscheut! So groß ist derselbe, daß der gesummte Haß aller menschlichen Herzen nicht genügte, meine Missethaten zu verabscheuen! Sich, mein Gott, mit zerknirschtem Herzenfle- he ich zu deiner großen Barmherzigkeit. Mit Vertrauen seufze ich zu ihr auf. Ersetzen wird sie woran es mir gebricht; ergänzen wird sie meine mangelhafte Reue! 7. O wäre doch diese Reue so umfassend als der Glaube der mich erleuchtet! Deutlich zeigt mir derselbe den unendlichen Abscheu, den ich gegen die Sünde, und die unbegränzte Liebe, die ich gegen Dich hegen soll. Ich fühle es, ach, durch alle Tiefen meiner Seele, wie unwürdig ich gegen Dich handelte; nicht so tief aber würde ich dieß fühlen, wäre deine Güte geringer gegen mich gewesen. Dennoch vermochte mein überaus großer Un dank es nicht, deine Geduld zu ermüden! Du erwartetest mich mit so freundlicher Herablassung, daß ich darüber in Erstaunen versinke, und es nimmermehr vermag, genugsam dafür zu danken! 8. Worauf kann ich hoffen in der Tiefe des so großen Elendes, worin ich vor deinen Augen erscheine, wenn nicht auf deine eigene Güte! O süßester Jesu, gib mir deine Freundschaft zurück, die alle Freundschaft unendlich übertrifft! Ich weiß es, ach, allzu wohl, daß ich die härtesten Streiche deiner Gerechtigkeit verdiente. Züch- 142 tige diesen Empörer; aber gib ihm die Stelle zurück, die er in deinem Herzen besaß! Entreiße mir alles, was an diese Welt mich fesseln mag, Vermögen, Ehre, guten Ruf, die Freundschaft und Achtung der Menschen; nicht klagen will ich über diesen Verlust; nur laß es nie und nimmer zu, daß ich Dich, mein allerhöchstes Gut verliere! 9. O könnte ich in der Zukunft durch die Treue und den Eifer meiner Liebe die Zeit ersetzen, die ich von dir getrennt verlebte! So gestatte mir denn, o Jesu, abermal Zutritt zu Dir! Immerdar ist ja dein Herz das nämliche; immer steht dasselbe offen, ungeachtet unsrer Ver- irrungen uns aufzunehmen Dort sei meine Zuflucht; nimmer will ich mich daraus entfernen; hier will ich bleiben und ruhen in Zeit und Ewigkeit. Amen. Fünfzehntes Capitel. Wie und wo die Seele Jesus suchen soll, wenn ihr das Unglück widerfuhr, Ihn zu verlieren. 1. Kaum hatte Maria wahrgenommen, daßsie Jesum verloren hatte, so machte sie sich in Eile auf und suchte Ihn in der Angst ihres Herzens, zuerst unter ihren Verwandten, und dann zu Jerusalem, wo sie Ihn endlich fand. Ihre unnennbare Freude bei dem Anblick dieses vielgeliebten Sohnes entsprach der Angst, die sie 143 über seine Abwesenheit in ihrem Herzen empfunden hatte. 2. O meine Seele, widerfuhr dir das Unglück Jesum zu verlieren, so ahme das eifrige Suchen dieser liebenden Mutter nach. Verlaß ihrem Beispiele gemäß. Alles, Ihn zu finden! Zurückfordern sollen deine Thränen Ihn von allen Geschöpfen, von Himmel und Erden, von dem Lichte des Tages und von den Finsternissen der Nacht. Oft sucht man Jesum, und findet Ihn nicht; weil man Ihn nicht auf gehörige Weise sucht. Es scheint gleichsam aus der Weise, wie man Ihn sucht, hervorzuleuchten, daß es uns sehr leid wäre, wenn wir Ihn fänden. Deine Schnelligkeit, Ihn zu suchen, und dein rastloser Eifer Ihn zu finden, müssen gleichsam ein Zeugniß deines lebendigen Schmerzes aussprechen, daß du Ihn verloren hast. 3. Wo aber wirst du Ihn finden? Etwa mitten in der Welt?— Jesus ist der erklärte Feind derselben! Schmeichle dir auch nicht, daß Fleisch und Blut dir Ihn werden suchen helfen. Maria fand Ihn nicht unter Verwandten und Bekannten. Frage die Aussprüche des Evangeliums um Rath. Forsche bei den Heiligen. Befrage dich bei den Dienern des Herrn. Sagen werden sie dir, wo du Ihn findest. 4. Finden wirst du Jesum, wo Maria Ihn >14 fand, im Tempel, ander Stätte des Gebets, unter den Übungen der Religion, in der Gesellschaft seiner Freunde und heiliger Seelen. Finden auch wirst du Ihn in der Einsamkeit, zumal in der Einsamkeit des Herzens; nämlich in Stillschweigen der Leidenschaften und der innerlichen Sammlung. Dorthin lädt Er selbst dich ein, daß du daselbst seine Stimme hörest und die Worte des Lebens ver- nehmest, die aus seinem Munde hervorgehen. Dort suchten Ihn und suchen Ihn noch Alle, denen es Ernst ist, sich Ihm zu nähern, ob sie durch die Verirrungen eines lasterhaften Lebens sich von Ihm entfernten; oder ob sie durch Nachlässigkeit und freiwillige Zerstreuung Ihn aus dem Gesichte verloren. 5. O des süßen und lieblichen Friedens, wenn du, meine Seele, Ihn fandest! Kann man je fern von Jesu glückselig seyn? Wer Jesum fand, der begreift durch glückselige Erfahrung gar bald, wie reichlich es der Mühe lohnte, Ihn zu suchen. Sechzehntes Capitel. Wie man wandeln soll, wenn man Jesum^wieder gefunden hat- Der Diener. a. Wieder gefunden hast du Jesum, o glückselige Jungfrau! Du führest Ihn nach Nazareth zurück l4S Wer ermißt deine Glückseligkeit? Selbst die Engel beneiden dich darum. Mit wie großer mütterlicher Aufmerksamkeit wirst du nun diesen kostbaren Schatz bewachen! mit wie unermüdlicher Sorgfalt wirst du Seiner pflegen! Maria. 2. Mein Sohn, es ist fürwahr große Glückseligkeit, wenn man Jesum wieder gefunden hat; und Alles soll der Mensch aufbieten, dieses allerhöchsten Schatzes sich zu versichern. Der Diener. 3. O lehre mich selbst, du hochheilige jungfräuliche Mutter, was ich thun soll, dieses allerhöchsten Gutes nie wieder beraubt zu werden! Maria. 4- Mein Sohn, erforsche mit größter Sorgfalt was Jesum von dir entfernte, und wie du bis dahin gekommen bist, daß du seine Gnade verlörest und Ihn dir zum Feinde machtest. Hast du nicht damit begonnen, daß du in seinem Dienste erlauetest, und dir eine zahllose Menge Nach, lässigkeiten zu Schulden kommen ließest, die Ihn gegen dich erkälteten? Durch derlei oft wiederholte Versäumnisse und Nachlässigkeiten bildet sich mälig und mälig die Scheidewand, die dich von Jesu trennt. Schmeicheltest du nicht irgend einer gefährlichen Nachf. Mar.,- 146 Leidenschaft, statt solche niederzutreten alsbald du die ersten Funken wahrnahmst, die sie in deinem Herzen entzündete? Hast du, wenn Gott das Opfer so mancher Anhänglichkeiten und allzu menschlicher Zuneigungen von dir forderte, dich nicht geweigert, dasselbe Ihm zu bringen? 5. Wenn der Mensch sich weigert, Gott derlei Opfer zu bringen, die Er von ihm fordert, so entzieht er sich dadurch der Leitung einer ganz besondern Vorsehung, die gleichsam eine Schutzmache ist und ihn abhält, sich auf irgend klägliche Weise zu verirren. Erkennest du also, daß eine dieser Ursachen, oder was immer für eine andere, schuld an der Entfernung Jesu ist, so geh dem Übel auf den Grund. Nur wenn du die Ursache hebest, hebest du die Wirkung derselben. Wache mit verdoppelter Aufmerksamkeit über dich selbst.»Hüte dein Herz mit aller Sorgfalt;« (Sprichw. 4-) und entferne dich nicht aus den Gränzen desselben. 6. Nimmermehr kann das Herz ohne die größte Gefähr verletzt werden. Von der Erhaltung des Herzens aber hängt die Erhaltung des Lebens und der Seele ab. Sei getreu in den mindesten Dingen, damit du nicht in großen untreu werdest.»Wer geringe Fehler verachtet, der wird allmälig zu größern fortschreiten.«(Eccli. 19.) ,0" 147 Jesus will kein getheiltes Herz; ganz hat Er dein Herz für sich erschaffen; ganz will Er dasselbe besitzen. 7. Jene geringen Fehler, mein Sohn, die du dir so leicht nachsiehst und die so viele trägen Seelen sich verzeihen, entfernen unbemerkbar von Jesu, und entfernen auch Ihn selbst aufkaum bemerkbare Weise. Sie sind zwar kein offenbarer Bruch mit Ihm; doch bereiten sie dazu vor. Er sieht sie als Merkmahle der Kälte an; und diese Kälte vermindert die Anzahl seiner Gnaden. Die Treue unterhält den zarten Umgang, der zwischen dem Herzen Jesu und dem Herzen des Gerechten sich bildet. 8. Geh mit Jesu um, wie du wünschest, daß Er mit dir umgehe. Du willst, daß Er allen Reichthum seiner Liebe gegen dich entfalte; so entfalte denn auch du Ihm dein ganzes Herz. Wer gegen Ihn sich Ausnahmen vorbehält, der bezeigt sich überaus engherzig. Alle zarte Neigung, die man für irgend einen andern Gegenstand absondert, erregen eine Art Eifersucht in seinem Herzen. Das geringste Wort einer geliebten Personwird freundlich aufgenommen. So nimm denn mit gleichem Zartgefühl der Liebe und Treue die Einflößun- gen Jesu auf; sei es, daß Er durch seine Gnade die Mittel dir eingebe, der Sünde zu widerstehen, oder aber in der Tugend zuzunehmen. t18 Der Diener. 9. O gebenedeite Jungfrau, die du so höchst vollkommen wußtest, was wahre Treue und Liebe ist, erflehe mir die Gnade von Jesu, daß ich deinen heiligen Spuren und Lehren folge! Doch Eins fürchte ich; o gestatte, daß ich es dir klage. So groß ist meine Schwäche, daß ich nicht auf meine Vorsätze bauen kann, wofern nicht die starke Gnade Jesu mich kräftiget. Ach, sollte es mir nicht etwa widerfahren, daß ich Jesum abermal verlöre, und vielleicht auf ewig verlöre? Maria. 10. Mein Sohn, heilsam ist es dir, daß du dieß befürchtest, und hättest du diese Furcht nicht, so würde ich solche dir einflößen. Indessen soll dieselbe nicht von Verwirrung und Angst begleitet, vielmehr soll sie durch Vertrauen gemildert seyn. Thu du deiner Seits was von dir abhängt, in der Liebe Jesu zu verharren, und erwarte die Gna^ de der Beharrlichkeit von seiner Güte. Der Diener. i i. O gebenedeite Mutter, wie niederschlagend ist diese Ungewißheit einer Seele, die nichts so sehr fürchtet, als daß sie nicht ausharren werde, und die Gott in Unwissenheit darüber läßt, ob sie ausharren wird. 149 Maria. 12. Diese Ungewißheit, mein Sohn, theilest du mit Allen, die auf dem Weg der Pilger sind. Gott wollte es also, damit du nicht Gefahr liefest, vermessen zu werden. Sie soll dich in der Demuth erhalten und dir ein heiliges Mißtrauen gegen dich selbst einflößen, auf daß du dein Heil mit Furcht und Zittern wirkest. Nur im Himmel ist Sicherheit vor jeder Furcht und die glückselige Gewißheit ewig bei Jesu zu seyn. Siebenzehntes Capitel. Daß eine getreue Seele in innerlichen Trockenheiten und wenn Jesus sich zu entfernen scheint, nicht in Kleinmuth versinken soll. 1. Gott führt die Gerechten zuweilen auf eine solche Weise, daß sie darüber erschrecken und in Angst versinken. Ihre Treue zu bewähren, entzieht Er ihnen seine fühlbare Gegenwart auf eine Zeit. Also that Jesus gegen seine heilige Mutter. Er hatte den schweren Kummer vorhergesehen, den seine Abwesenheit in ihrem Herzen erregen würde; gleichwohl entfernte Er sich auf einige Zeit von ihr und blieb im Tempel ohne ihr Vorwissen. 2. Christliche Seele, wenn es diesem höchst liebreichen Gott wohlgefällig ist, dich auf dieselbe Weise zu prüfen, so werde nicht kleinmüthig, sondern Z50 waffne dich mit Muth und erwarte seine Rückkebr in Geduld. Ob Er auch immer bei dir ist, mit seiner Hilfe dirbeizustehen, sobald du Ihn darum bittest, frommt es dir dennoch, daß Er zuweilen gleichsam sich von dir zu entfernen scheine; damit du einsehest, wie unglückselig du seyn würdest, wenn du Ihn gänzlich verlörest. Wenn Er eine Seele mit seinem Troste heimsucht, so geschieht dieß, damit Er sie dadurch in ihren Leiden aufrecht erhalte; läßt Er es aber zu, daß sie der Trockenheit und dem Mißtroste preisgegeben werde, so ist feine Absicht, daß sie über seine große Güte gegen sie nicht vor Hossart aufgedunsen werde. 3. Alle seine Freunde, oder doch gewiß bei weitem die meisten haben diesen Wechsel der Freude und der Traurigkeit, der Andacht und des Überdrusses, des Friedens und der Versuchung in sich erfahren. Wenn Jesus, dem Anschein nach, von ihnen sich entfernte und sie gleichsam sich selbst überließ, dann empfanden sie ihre ganze Schwäche; doch verzagten sie darum nicht, weil sie wußten, daß, wenn auch seine Gegenwart sich nicht immer auf fühlbare Weise kund gibt, sein Beistand darum dennoch immer sicher ist. Sie wußten, daß Gott die Übel, die wir leiden, vorausgesehen, und folglich auch die Mittel bereitet hat, daß dieselben uns zum Nutzengereichen. L5t 4. Wenn seine Gnade durch innerliche Lieblichkeit und Trost dich aufrecht hielt, wandeltest du mit großer Lust und Leichtigkeit; doch glaube ja nicht, daß du zu dieser Zeit die größten Fortschritte gethan habest. Weit mehr hast du an männlicher Tugend zugenommen, wenn du, durch Trockenheit geprüft, diesen Stand der Verlassenheit, worin Gott deiner zu vergessen schien, mit Geduld, Demuth und Unterwerfung ertragen hast. 5. Traurig zwar ist ein solcher Stand; weil die Seele immer fürchtet, er sei nicht sowohl eine Prüfung als eine Strafe. Indessen christliche Seele, verliere, wenn du dich darin befindest, das Vertrauen ja nicht; hoffe immerdar, und bosse standhaft, daß du den Vielgeliebten deines Herzens über ein Kleines wiedersehen und zwar liebreicher wiedersehen wirst als je zuvor; und daß diese Prüfung nicht lange dauern wird, wie sie auch für Maria nicht lange dauerte. 6. Ahme dann den dringenden Eifer nach, mit welchem diese jungfräuliche Mutter beflissen war, ihren innig geliebten Sohn wieder zu finden. Suche Ihn wie sie, mit heiliger Sehnsucht, und mit einer heiligen Ungeduld, Ihm zu begegnen. Murre jedoch nicht. Jesus ist dir nichts schuldig; oder brichst du ja in Klagen aus, so seien es nach dem Beispiel Mariä Klagen der Liebe. »Mein Sohn, sprach sie zu Ihm, warum hast 152 Du uns dieß gethan!« Sieh trostlos waren wir dar, über, daß wir Dich verloren hatten! 7. Sprich auf ähnliche Weise: O süßester Je, sus, warum stellest Du mein Herz auf eine so schwere Probe? Du weißt, wie sehr es wegen deiner Abwesenheit leidet! Hat irgend eine Untreue, die ich gegen Dich beging, Dich bewogen, mich also zu verlassen? Ach, wenn meine Lauigkeit Ursache dieser so bittern Entfernung ist, so verzeih mir dieselbe, denn sich, mit aller Aufmerksamkeit will ich fortan wachen, daß ich Alles vermeide was Dir mißfallen kann. Doch was immer für ein Grund zu dieser Strenge Dich bewegen mag, willig unterwerfe ich mich deiner Prüfung auf die Weise, wie Du es willst und so lange Du es willst; nur daß ich deine Liebe immer in meinem Herzen bewahre! Achtzehntes Capitel. Bon dem verborgenen Leben. Der Diener. i. O allerseligste Jungfrau, wie wunderbar ist das Geheimniß deines stillen und verborgenen Lebens zu Nazareth, wo du im Dunkel gänzlicher Un- bekannthcit wohntest! Gewiß hättest du, wenn du öffentlich erschienen wärest, Jesu viele Herzen gewonnen und Ihm die höchste Verehrung und Huldi- gung erwirkt. >53 Maria. 2. Mein Sohn, ich hielt es für meine höchste Ehre, Jesu selbst nachzuahmen; der so lange Zeit auf Erden ein verborgener Gott seyn wollte.(Jsai. 45.) Gekommen war Er in diese Welt, daß Er die Menschen den Glanz der Ehre fliehen, und demüthig seyn lehrte. Durch sein verborgenes Leben zu Nazareth gab Er dessen ein denkwürdiges Beispiel noch bevor Er mit Worten lehrte. Der himmlische Vater wollte durch das verborgene Leben Jesu verherrlichet werden; und Jesus zog diese Verborgenheit den Wundern vor, die Er hätte wirken können. 3. Sieh, also lehrte Er, daß die Vollkommenheit und das Verdienst für die größte Anzahl der Menschen nicht darin besteht, daß sie außerordentliche Dinge für Gott thun; sondern daß sie, weil es also sein Wille ist, sich mit Handarbeiten und mit Werken beschäftigen sollen, die, den Ansichten der Welt zufolge, gering und verächtlich sind. Auch wollte Er dadurch den Begriff berichtigen, den die Menschen sich von der Heiligkeit selbst bilden, die sie gewöhnlich nur achten, wenn sie durch außerordentliche und glänzende Tugendwerke sich ankündiget. Ganz vorzüglich aber verdammte Er dadurch die ruhelose Gier und Eilfertigkeit der Menschen, öffentlich zu erscheinen, und ihr Verlangen, geachtet, gelobt und verehrt zu werden. 154 4. Mein Sohn, sei gern verborgen, unbekannt und vergessen. Wenn du Gott gefällst, was kann dir noch an dem Beifall der Menschen liegen? Die Welt vergeht, und Alles vergeht mit ihr. Zu Nazareth hatte ich Jesum; ich besaß seine Liebe; Er besaß die meinige; was bedarf es noch mehr, um glückselig zu seyn? 5. Ein kleiner Winkel der Erde, wo du gänzlich unbekannt leben könntest und keine andere Habe als das Bildniß deines gekreuzigten Herrn besäßest, sollte dich vorzüglicher bcdünken als alle Palläste der Könige. Dort würdest du den Thränenqucll heiliger Zerknirschung finden, dich immer mehr von deinen Missethaten zu waschen. Dort würdest du immer vertraulicher mit Jesu dich vereinigen, und in seiner Liebe den Vorgeschmack des Himmels finden. 6. Ein verborgenes Leben bedünkt dich traurig, weil du die Lieblichkeit desselben niemals gekostet hast. Hättest du angefangen, dieselbe zu kosten, so würdest du finden, daß die Ehren und Belustigungen der Welt sehr eitel, noch eitler aber Diejenigen sind, die nach denselben streben. Freilich erfährt man in einem solchen Leben nicht selten den Spott der Weltkinder, die es nicht begreifen können, daß man ihre Belustigungen verachte; doch dieser Spott selbst gereicht zu großem Nu- k55 tzen, da er noch fester an Jesum kettet, den man einzig in solcher Einsamkeit sucht. 7. Es gibt wenig Menschen, mein Sohn, die im Frieden leben; wenige, die geistig und innerlich sind; weil es nur Wenige gibt, die der Volksmenge gern ausweichen, um mit Jesu allein zu bleiben. Es gibt sogar Manche, die sich feierlich zu einem geistlichen Leben bekennen, und bei welchen dennoch wenig gediegene Frömmigkeit anzutreffen ist. Woher dieß?— Weil sie meist draußen sind, und allzugern öffentlich erscheinen. Mehr sind sie geistig dem Namen und den Worten, als der That nach; es ist auch in der Thatleichter, von dem geistigen Leben zu sprechen, als dasselbe zu führen. 8. Die Gnade bleibt nicht lange in einer zerstreuten Seele, noch in einer solchen, die da sucht, andere Blicke auf sich zu ziehen als die Blicke des himmlischen Bräutigams. Bitte Jesum, um einen jener lebendigen Lichtstrahlen, die Er seinen Heiligen zustrahlte, und die dadurch über die Glückseligkeit eines mit Christo in Gott verborgenen Lebens erleuchtet wurden. (Coloss. 3.) Neunzehntes Capitel. Von dem innerlichen Leben. i. Ganz ins besondere gilt von Maria jenes Zeugniß des Heiligen Geistes:»Alle Herrlichkeit der Tochter Sion ist von Innen!«(Ps....» 156 Was wir von ihren äußerlichen Handlungen wissen, verschwindet gegen Jenes, was in ihrem Innern vorging. Wer vermöchte es je, ihre innerlichen Regungen, ihre Empfindungen, ihre feurige Sehnsucht und Liebe auszusprechen? Wer vermöchte es zu sagen, was in diesem erlauchten Heiligthum geschah? 2. Du allein, o Gott, beschäftigtest alle Kräfte ihrer Seele; Du allein warst der Grundtrieb und das Ziel aller ihrer Werke. Unablässig warst Du ihrem Geiste gegenwärtig; Dich sah sie in allen Geschöpfen, nichts konnte sie von Dir zerstreuen, dieweil Du ihr Alles in Allem warst. Ihre Urtheile waren nach den Aussprüchen deiner ewigen Weisheit geordnet, ihre Schritte nach deinem Geiste bemessen, ihre Reden von deiner Liebe belebt. 3. Von jedem unheiligen Umgang entfernt, wartete Maria Gott und ihren häuslichen Beschäftigungen mit aller Freiheit einer Seele ab, die von blos menschlichen Ansichten und Gedanken vollkommen gelöst ist. Ungeachtet der Herrschaft, die sie durch eine ganz besondere Gnade über alle Regungen ihres Herzens hatte, sah sie dennoch mit sorgfältigster Behutsamkeit dahin, daß sie die Zugänge desselben allen fremden Gegenständen verschlösse. Sie hätte eine Neigung, eine Absicht, eine Begierde, selbst in den geringsten und gleichgültigsten 157 Dingen, die nicht nach Gott gezielt oder auf seine Ehre sich bezogen hätte, als einen großen Fehler verabscheut. An diesem Vorbilde also wird ersichtlich, worin das innerliche Leben besteht. Es besteht nämlich darin, daß man über sich selbst und über sein Herz wache, damit alle Regungen desselben Gott angehören; und eben so auch über seinen Geist, damit Alles dazu diene, die Gedanken desselben zu Gott zu erheben. Diese Wachsamkeit ist wie ein immer offenes Auge, das genau unterscheidet was von der Natur kommt, damit sie dasselbe zurückdränge; und was von der Gnade kommt, damit sie demselben entspreche. 5. Durch diese Wachsamkeit wird die Gnade und Kraft erworben, immer also zu wirken, daß man sich niemals zu natürlichen und sinnlichen Beweggründen erniedrige. Ohne diese Wachsamkeit begeht die Seele vielfältige Fehler und leidet großen Schaden; mit derselben aber wirkt sie, ohne dem Äußerlichen nach Außerordentliches zu thun, oftmalige und große Tugcndwerke. Wie viele heiligen Einsiedler und heiligen Jungfrauen gelangten zu den ersten Chören der glückseligen Himmclsbürgcr, blos durch das Verdienst eines innerlichen Lebens! 6. Nie und nimmer wirst du jenen Frieden, 158 jene Freude des Heiligen Geistes kosten(Röm. 14.), wofern du nicht in deinem Innern wandeln lernest. Der innerliche Mensch kann sich selbst besitzen. Da er über sich selbst wacht, um vor allen Anhänglichkeiten sich zu schützen, welche die Seele leidenschaftlich stimmen und fesseln, bewahrt er den Frieden des Herzens sogar in solchen Ereignissen, die eine gewöhnliche Geduld erschüttern können. Der äußerliche Mensch hingegen sinnt auf List, bemüht sich eilfertig und ängstiget sich über tausend geringfügige Dinge, die seiner Bemühungen unwerth sind; und verliert darüber Schlaf und Ruhe. 7. Der innerliche Mensch kennt keine andere Weisheit außerjener, die nach Gott ist. Diese Weisheit, welche die Nichtigkeit irdischer Dinge ihm enthüllt, erhebt seine Gedanken und seinen Blick bis zur anschaulichen Betrachtung himmlischer Dinge. Der äußerliche Mensch fragt nur die Klugheit des Fleisches um Rath. Alles was von derselben ent, fernt scheint, ist in seinen Augen Mangel an Aufklärung, zuweilen sogar Thorheit. Der Eine ist ohne Unterlaß gegen die Täuschung und Verführung aus seiner Hut; der Andere aber beurtheilt Alles und richtet sich in Allem nach den Sinnen,.auf die er Alles zurückführt. 8. Laß es deine Wonne seyn, Gottes zugeben, ken, Gott in Allem zu suchen und Alles auf Gott zurückzuführen; und du wirst das Reich Gottes in dir haben. Auf solche Weise wirst du jener wahre Anbeter 159 werden, von welchem Christus spricht,»der Gott im Geist und in der Wahrheit anbetet.«(Joh. 4.) Warum sind die meisten Menschen beständig in Verwirrung und Sorgen, und brechen immer in Klagen aus?— Weil sie ein ganz äußerliches Leben führen und sich einzig mit Dingen beschäftigen, welche die Erde angehen! Ja sogar Viele aus Denen, die durch ihre Lebensweise immer mit Gott seyn sollten, sind dessen ungeachtet nicht was sie scheinen; ihr Herz ist durch zahllose unnütze Neigungen getheilt; ihr Geist durch eine Menge eitler Gedanken zerstreut. 9. Gott allein ist der Brennpunct aller Gedanken einer innerlichen Seele; Gott allein ist's, auf den sie ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr ganzes Herz richtet. Alles Übrige, wie groß und glänzend es immerhin seyn mag, läßt ihr Herz ungerührt. Das Äußerliche muß nach dem Innerlichen gerichtet werden. Allein die Meisten verkehren diese Ordnung; das Äußerliche ordnet und verkehrt bei ihnen das Innerliche. 10. Lerne in dir selbst dich aufhalten und leihe dich blos, in so fern Gott es verlangt, den Dingen die draußen sind. Aber auch selbst dann, wenn du aus Standespflicht dich ihnen leihest, folge der sanften Lockung der Gnade, die dich nach Innen ruft, deine Neigungen und Absichten darin zu prüfen. Glaube ja nicht, das innerliche Leben sei nur für gewisse Stände und für gewisse Zeiten geeignet. Es ist mit den Pflichten jeglichen Standes vereinbar, wie verschieden derselbe auch sei, ja selbst mit den verwirrcndsten Geschäften. i i. Man kann im Innern leben zur Zeit der Wohlfahrt und der Trübsal, in der Gesundheit und in der Krankheit, in der Arbeit und in der Ruhe, in Stürmen und Prüfungen wie im Frieden und in der Stille. Es gibt kein Verhältniß im Leben, wo man nicht in sich selbst einkehren könnte, um zu forschen was darin geschieht. 12. Ergib dich aber zumal dann den Übungen des innerlichen Lebens, wann Gott zu Werken heiligen Eifers dich beruft. Vernachlässigest du dieß Mittel der Vollkommenheit, so wirst du dich zu sehr nach Außen ergießen und dich selbst mehr als Gott suchen. Überdieß auch wird dann Gott dich nicht dazu verwenden, daß du beitragest, die Fortschritte der Seelen in der Frömmigkeit zu fördern; weil Niemand Andere anleiten kann, zu thun, was er selbst kaum kennt. Zwanzigstes Capitel. Bon dem Stillschweigen. Der Diener. i. Zu dir, o Königinn der Tugenden, blicke ich auf, um aus deinem heiligen Beispiele zulernen, wie ich schweigen, und wie ich reden soll. 16» Auf so vollkommne Weise übtest du die Tugend des Stillschweigens, daß Niemand so sehr geeignet ist, dieselbe mich üben zu lehren. Das Evangelium führt einige deiner Worte an, und ersichtlich wird daraus, daß du nie redetest, wo- fern nicht irgend ein tugendlicher Grund dich dazu antrieb. 2. O welche Liebe zur Reinigkeit, welche tiefe Demuth, welcher Gehorsam leuchtet aus den Worten hervor, die du an den Engel richtetest, der im Namen der hochheiligen Dreieinigkeit dich begrüßte! Du redetest in dem Hause der Elisabeth, Gott für seine Gnaden zu danken. Du redetest im Tempel, als du deinen Sohn Jesus wiedergefunden hattest, deine mütterliche Zärtlichkeit auszusprechen. Du redetest auf der Hochzeit zu Cana, fremder Noth abzuhelfen, die aus zarter Nächstenliebe deine eigene geworden war. 3. Übrigens aber schwiegst Du, selbst bei solchen Gelegenheiten, wo es bedünken mochte, als hättest du deine Gesinnungen Denjenigen eröffnen sollen, die dich umgaben. Dieß war der Fall bei den Wundern, die bei der Geburt Jesu sich ereigneten, und die du von seinen ersten Anbetern erzählen hörtest. Keines ihrer Worte ging für dich verloren; aber du sammeltest, wie der Evangelist erinnert, dieselben in heiliger Stille auf und bewahrtest sie in deinem Herzen. In dem Tempel, wo du das Kindlein Jesus opfertest, beobachtetest du ein Stillschweigen der Nachf. Mar.,, Bewunderung, das der Evangelist nicht mit Stillschweigen überging, weil es uns zur Lehre gereichen sollte. Und in späterer Zeit bestiegest du mit Jesu den Calvarienberg und standest bei dem Kreuze. Dort empfingst du die letzten Seufzer deines geliebtesten Sohnes; doch du selbst beobachtetest während dieser ganzen Zeit ein vollkommnes Stillschweigen der Geduld und Ergebung in den göttlichen Willen. Maria. 4. Mein Sohn, mein Stillschweigen spricht zu dir! Alle frommen Seelen verstehen die Sprache desselben genau. Das Stillschweigen, das ich in allen Verhältnissen beobachtete, wo weder die Ehre Gottes noch die Nächstenliebe erforderten, daß ich reden sollte, ward mir von dem Geiste innerlicher Sammlung eingeflößt; die Gnade war der Grundtrieb desselben. Dieser Geist der Gnade lehrt auch Dich innerlich gesammelt seyn, wenig, mit Überlegung und auf gewisse Weise dem Heiligen Geiste nachsprechen, der die Seele, die Ihn um Rath fragt, innerlich lehrt was und wie sie sprechen soll. 5. Wer gern viel redet, gibt dadurch ein Anzeichen eines zerstreuten Herzens und Gemüthes; und diese Zerstreuung ist an sich schon ein großes Übel. Fromme Empfindungen und Gesinnungen verfliegen leicht in Unterredungen; das Stillschweigen aber bewahrt und kräftigt dieselben. 163 Du wirst Wenige finden, die es bereut hätten, daß sie geschwiegen. Viele dagegen, daß sie zu viel geredet haben. 6. Der Weise spricht nur, wenn es Zeit zu sprechen ist(Eccles. 20.), das heißt, wenn es böse, oder nicht an der Zeit zu schweigen wäre. Wer seine Zunge nicht bewahren kann, der gleicht einer Stadt, die von allen Seiten offen steht, und die dem Überfall und dem Eindringen des Feindes ausgesetzt ist.(Sprichw. 26.) Es ist nicht wohl möglich, daß man bei langem Gerede sich nicht versündige.(Sprichw. io.) Der ist der Klügste, der am wenigsten spricht. 7. Es ist aus beständiger Erfahrung bekannt, daß wo mehr Stille, dort auch mehr Unschuld zu Hause ist. Behalte diesen Ausspruch wohl im Sinne, daß es immer besser ist zu schweigen, wo keine Nothwendigkeit ist, zu reden. Es ist große Kunst, zu rechter Zeit sprechen und schweigen zu können. Es kann der Mensch in allen andern Künsten erfahren seyn, und diese nicht wissen. Mehr wird sie durch die Gnade als durch allen Unterricht der Menschen erlernt. 8. Mein Sohn, je weniger du zu den Geschöpfen sprichst, je mehr wird Gott zu deinem Herzen sprechen. Betrachte so unzählige Dinge, die in den Unterredungen der Welt besprochen werden, als ein 164 wahres Hinderniß der Mittheilungen, die Gott in deinem Herzen mit dir zu unterhalten sucht. 9. Zumal sprich wenig mit den Menschen über deine Trübsale und Leiden. Die Menschen nehmen nicht so vielen Antheil daran als du meinest. Besprich dich oft mit Gott darüber; Er ist immer bereit, dich zu trösten. Niemals aber sollst du, wenn nicht unumgängliche Nothwendigkeit es erfordert, über solche Trübsale und Leiden sprechen, die von Seiten des Nächsten dir zukommen. Oft würdest du den Vorwurf dir machen, daß du zu viel gesprochen hast. Ein und zwanzigstes Capitel. Bon der Vereinigung der Seele mit Gott. Der Diener. i. Sei ewig gepriesen, 0 Gott der heiligen Liebe, der Du der reinsten Jungfrau, welche Du zur Mutter unsres Erlösers erkorest, so huldreich und in der Fülle so unermeßlicher Süßigkeit Dich mitgetheilt hast! Aber auch dir, 0 hochgebenedcite Jungfrau, gebührt Preis und unsterbliches Lob, daß du den Gnaden deines Gottes mit höchster und unverbrüchlicher Treue entsprochen hast! Nimmer ermüdet das Herz in der Bewunderung deiner hocherhabenen Tugenden; zur höchsten Bewunderung aber wird es hingerissen, wenn es die 165 innige und beständige Vereinigung betrachtet, die du dein ganzes Leben hindurch mit Gott unterhieltest. 2. Dein Herz, leer an allen Neigungen zu den Geschöpfen, war gleich einem innerlichen und geistigen Himmel, wo der Herr sein Wohlgefallen hatte zu wohnen, und wo du seiner Gegenwart im Frieden genössest. Selbst der Schlaf unterbrach diesen süßen Umgang nicht, und sprechen konntest du mit jener Braut im hohen Liede:»Ich schlafe, aber mein Herz wacht!« (Hohel. 5.) O wer mir verliehe, also mit Gott vereint zu bleiben und nur mit den Banden des Leibes an die Erde gefesselt zu seyn! Maria. 3. Mein Sohn, als eine überaus große Gnade betrachtete ich die Gabe, daß ich Gottes heilige Gegenwart nie aus den Augen meines Herzens verlor. Sehnest du dich nach dieser nämlichen Gnade, so löse erst dein Herz von aller irdischen Neigung und Liebe, und gib Allem was nicht Gott ist, den Abschied. Dieß wird dir allerdings große Opfer kosten; doch nimmer erkaufst du zu theuer was der Preis deiner Bemühungen und Aufopferungen seyn wird. 4- Überdieß soll Alles was dich umgibt, dir dazu dienen, daß es dich zu Gott erhebe. Von allen Seiten findest du zahllose Gegenstände, Ihn zu lo- bcn und zu verherrlichen. Das Firmament des Himmels, der majestätisch über deinem Haupte schwebt, verkündet seine Herrlichkeit; der Schimmer der Gestirne ist ein Bild seines Glanzes; die unübersehbare Weite des Meeres erhebt dich zu dem Begriff seiner Unermeßlichkeit. Alle Wesen in der weiten Schöpfung sprechen mit dir von seinen Vollkommenheiten. Alles, bis auf die geringste Blume des Feldes, ist wie ein aufgeschlagenes Buch vor deinen Augen, das dich zu Ihm beruft. 5. Ja, auch ohne aus dir selbst herauszutreten, kannst du deinen Gott finden; denn nur in Ihm und durch Ihn hast du Daseyn, Bewegung und Leben« Er ist's, der deinen Verstand erleuchtet, der deinen Willen anregt, an der Pforte deines Herzens pocht,(Sprichw. 23.) und auf die zarteste und lieblichste Weise dein Herz verlangt. Er, der Gott aller Güte, wacht über deine Erhaltung und befiehlt der Natur ohne Unterlaß, daß sie für deine Bedürfnisse sorge. 6. Es ist also nicht nothwendig, daß du in die Ferne gehest. Ihn zu suchen. Kehre ein in dich selbst und habe Acht auf seine heilige Gegenwart. Erwirb dieselbe dir auf mehr als eine Weise fühlbar kund geben. Bald wirst durch lebendige Lichtstrahlen, durch plötzliche Erleuchtungen, bald durch geheime Anregungen, durch fromme Empfindungen, bald auch durch liebreiche Vorwürfe über deine Untreue Ihn wahrnehmen. 167 Sei auf deiner Hut, daß du diesen verschiedenen Wirkungen der Gnade nicht durch irgend Leicht, sinn oder freiwilligen Überdruß Hindernisse legest. 7. Ergib dich solchen Übungen, die am meisten geeignet sind, dich zu Gott zu führen; doch warte denselben mit gottesfürchtigem Geiste ab. In gewöhnlichen Handlungen und Standesverrichtungen richte dich nach den Absichten der Vorsehung, welche dieselben gleichsam selbst als dein Tagewerk dir angewiesen hat. Thu nichts mit unruhiger Eilfertigkeit. Die Eile, selbst in heiligen Dingen, schadet immer dem innerlichen Geiste, durch welchen man sich mit Gott vereiniget. 8. Ob du in der Freude oder in der Trübsal seist, folge nimmer den Antrieben der Natur. Nicht bei den Geschöpfen, wohl aber bei Gott sollst du dein Herz ergießen. Theile Ihm gern mit sowohl was dich betrübt als was dich erfreut; und betrachte Ihn als einen Vater oder als einen Freund, in dessen Schooß du mit Vertrauen die Ursache deines Kummers, oder deiner Freude niederlegen kannst. Ganz vorzüglich gewinnt der Mensch auf diesem Wege des innigen Vertrauens sein Herz und schreitet in dieser heiligen Vereinigung fort, die für eine christliche Seele das Leben des Lebens ist. 168 Zwei und zwanzigstes Capitel- Bon Standespflichten. i. Selten verlangt Gott, daß wir unsre Liebe Ihm durch ganz außerordentliche Werke bezeugen. Diese Liebe zeigt sich in der standhaften Treue bei den Pflichten unsres Standes, selbst bei den geringsten und unbedeutendsten. Durch diese Treue erwarb Maria Verdienste, die sie über die Engel erhoben. Dreißig Jahre blieb sie zu Nazareth mit dem göttlichen Heilande verborgen. Dort war es ihre vorzüglichste Sorge, dieß göttliche Kind zu erziehen, das Vertrauen ihres heiligen Bräutigams immer mehr zu gewinnen und durch eine, ihren Kräften angemessene Arbeit ihrer Familie das Nothwendige zu verschaffen. Lerne durch ihr Beispiel, worauf du vorzüglich dich verlegen sollst, wenn du zur Heiligkeit gelangen willst. 2. Der irrt gar sehr, der die Heiligkeit an Übungen knüpft, die mit den Pflichten seines Standes nicht vereinbar sind; und diese vernachlässigt und versäumt, um jenen sich zu ergeben. Die größte aller Vollkommenheiten ist, seinen Stand zu lieben, und, wie gemein derselbe auch sei, die Pflichten desselben zu erfüllen, wenn anders der Stand selbst in der Ordnung der Vorsehung ist. Ein Handwerker, der sein Brot im Schweiße seines Angesichtes verdient, ein Hausvater, der, 169 ohne Ehrgeitz, in der Verborgenheit lebt und sein Haus mit einem gewöhnlichen, mittelmäßigen Vermögen erhält, wirken darum ihr Heil nicht minder als Jene, die in weit erhabneren Ständen leben, ja sogar als Solche, die dem heiligsten Amt des Altares abwarten. Oft wirken sie dasselbe auch mit weit weniger Gefahr. 3. Nicht jener Stand, der dich der vollkommenste bedünkt, ist darum auch der beste für dich; sondern der Stand, worin Gott will, daß du seist. Es täuscht sich wer ein Heiliger nach seiner Weise, und nicht nach der Weise seyn möchte, wie Gott es will. Man vollbringt seine Werke nur in so fern mit Vollkommenheit als man sie thut, weil Gott will und wie Er will, daß man sie vollbringe. Das Verdienst unsrer Werke hängt weit weniger von der Natur der Dinge ab, die wir thun, als von dem Geiste der dieselben belebt, und von der Gleichförmigkeit, die sie mit dem Willen Gottes haben. 4. Gott fordert eine fortgesetzte Reihe kleiner Werke von dir; du aber willst große und ungewöhnliche thun. Was erfolgt jedoch hieraus anderes, als daß du weder die einen noch die andern auf gehörige Weise thun wirst? «Martha, Martha du bist allzu sorgfältig!« Du irrest indessen gleichwohl, wenn du mehr thun willst als Gott verlangt. Beschränke dich darauf, gut zu thun was Er von dir fordert, und setze den 170 nämlichen Eifer daran, als ob es ein höchst wichtiges Werk wäre. Was that jenes starke Weib, das der Heilige Geist selbst lobte?— Sie drehte die Spindel und beschäftigte sich mit den geringen Arbeiten ihres Hauswesens. 5. In der Kirche seyn, dem Gebet abwarten. Kranke besuchen, dieß sind allerdings vortreffliche Werke. Thust du aber dieselben, wenn die Pflichten deines Standes ganz Anderes von dir fordern: wie kannst du dann je sagen, du thuest den Willen Gottes?— Beten soll man, und zwar oftmals beten; ja man soll sogar, in wiefern es möglich ist, immer beten. Unterlassest du aber, um zu beten, deine häuslichen Pflichten, so ist dein Gebet Gott nimmermehr angenehm. O wie viele Werke gehen für den Himmel verloren, weil die Eigenliebe der Grundtricb derselben war! Wie viele Schätze an Verdiensten werden dagegen durch die Übungen eines allgemeinen und gewöhnlichen Lebens erworben, weil solche mit dem Siegel des göttlichen Willens geprägt sind! 6." Manche, die, wie es dich bedünken will, keine großen Verdienste erwerben, werden dennoch im Himmel auf eine weit höhere Stufe erhoben werden als du je denkest, wegen der größer», dir aber unsichtbaren Treue, mit welcher sie die geringsten Pflichten ihres Standes erfüllen! L71 Jener Herr des Evangeliums sprach nicht zu seinem Knechte:»Geh ein in die Freude deines Herrn,« weil du große Dinge gethan hast; sondern: »Weil du in Wenigem getreu wärest!«(Matth. 25.) Drei und zwanzigstes Capitel. Wie man die Arbeit und die verschiedenen Beschäftigungen des Tages heiligen soll. Maria. 1. Mein Sohn die Pflichten deines Standes erwecken dir vielfältige Besorgnisse; gleichwohl bist du, wenn du dieselben vollbringest, auch nicht Einen Augenblick deines Gottes eingedenk. Der Diener. 2. O immerdar getreue und wachsame Jungfrau, lehre mich, wie ich nach deinem Beispiele während meiner Arbeiten und der Ausübung meiner Standespflichten mit Gott mich vereinigen soll! Maria. 3. Mein Sohn, Handarbeiten und sogar die mühsamsten und verwickeltesten Geschäfte sind unvermögend, einen wahrhaft geistigen und innerlichen Menschen in seiner Vereinigung mit Gott zu stören. Eine Seele, die gewöhnlich in ihrem Innern gesammelt ist, hat selbst in Gelegenheiten, in welche ihre Standespflichten sie verflechten, und die dem 172 Anschein»ach, sie am meisten zerstreuen sollten, eine wundersame Leichtigkeit, ihres Gottes zu gedenken. Die Reinheit der Absicht, mit welcher sie alle ihre Werke vollbringt und Gott aufopfert, behütet sie vor gänzlicher Zerstreuung, in welcher minder aufmerksame Seelen nur allzu oft verfallen. Der Geist des Glaubens und der Frömmigkeit veredelt, versüßt und heiligt Alles. Was immer in diesem Geiste vollbracht wird, ist ein Werk, das Gott wohlgefällt und das Er ewiger Belohnungen werth achtet. 4. Thu für Gott was so viele Andern nur für die Welt oder wegen zeitlichen Gewinnes thun. Beschäftige dich mit den Dingen, die dein Stand von dir fordert; aber habe dabei fromme Absichten. Auf solche Weise arbeitest du für Zeit und Ewigkeit zugleich. Wenn du aus Geschmack, aus Laune, aus Zwang, aus Gewohnheit oder aus einer ganz menschlichen Rücksicht arbeitest, und nicht Gott der Grundtrieb ist, der dich zu wirken anregt, so wirst du ganze Stunden zubringen, ohne eine einzige Regung deines Herzens Ihm zu weihen. 5. Sage nicht, du könnest nicht an zwei Dinge zugleich denken. Ein liebendes Herz hat seinem Gott bald Alles gesagt was es Ihm sagen will. Martha, die für Jesum arbeitete, ward durch ihre Arbeit nicht zerstreut, als sie mit Ihm davon redete. Selbst mitten unter deinen Arbeiten besprichst 173 du dich über deine Beschäftigungen mit Denjenigen, die dich umgeben. Besprich dich denn also auch mit Gott darüber, der gegenwärtig bei Allem ist was du thust. »Seine Ansprache ist weit anders als so viele menschlichen Unterredungen; und nichts ist darin, das mißfallen oder überdrüßig werden könnte. (Weish. 8.) Ja, sie hat sogar das Gute, daß man bei jeder Arbeit und Beschäftigung die Lieblichkeit derselben kosten kann. 6. Du kannst ein großer Heiliger werden, wenn du auch nur gewöhnliche Dinge thust; wofern anders du sie nicht aus gewöhnliche Weise thust. Die meisten Menschen betreiben was sie thun, nur darum, weil sie es thun müssen. Arbeiten weil Gott es befiehlt und in der Absicht, Ihm zu gefallen: dieß kommt ihnen nicht in den Sinn. Du aber, mein Sohn, sage Ihm, während du arbeitest, du habest deine Freude daran, seinen Willen zu thun und Ihm zu gefallen; und wäre auch deine Arbeit noch verdrießlicher, so wolltest du dennoch nicht geringeren Fleiß anwenden. 7. Opfere Ihm deine Arbeit in Vereinigung mit allen Arbeiten, die Jesus um deines Heiles willen auf sich genommen hat. Wenn deine Arbeit wohl gelingt, so preise Denjenigen, der dieselbe segnete; gelingt sie nicht, so unterwirf dich dieser Unannehmlichkeit als einer Ablichtung, die Gott zuläßt, deine Geduld zu prüfen. Durch diese Vereinigung mit Gott in allen dei- 174 nen Handlungen, werden selbst die geringsten und verächtlichsten dem äußerlichen Anschein nach, so hoch erhaben, daß du dadurch eine Stufe der Glorie im Himmel verdienest. Vier und zwanzigstes Capitel. Won der Liebe, die wir zu Jesu haben sollen. Der Diener. 1. Heiligste Mutter Jesu, zur Zeit, da du mit deinem göttlichen Sohne zu Nazareth lebtest, kannten die Menschen Ihn nicht; ja sie achteten Seiner nicht. Doch hatte Er den Trost, daß du, seine vielgeliebte Mutter, Ihn aufrichtig, inbrünstig, zärtlich und standhaft liebtest. Da du seine Gottheit und seine unendlichen Vollkommenheiten kanntest, liebtest du Ihn mehr als alle Engel und Heiligen Ihn je liebten, lieben und lieben werden. Ohne allen Vergleich erhabener war deine Liebe denn die Liebe gewöhnlicher Mütter; denn du liebtest in Ihm einen Sohn, der Gott und Mensch zugleich war. Daher jene unermeßliche Sehnsucht, von allen vernünftigen Geschöpfen Ihn so innig geliebt zu sehen als du selbst Ihn liebtest. 2. Eigen ist es der heiligen und reinen Liebe, sich mitzutheilen, und zu verlangen, daß ihre eigenen Flammen alle Herzen ergreifen. 175 Kennen müßte man Jesus, wie du Ihn kanntest, um Ihn auf ebenso vollkommne Weise zu lieben als du Ihn liebtest. Lesen müßte man können in deinem Herzen, was du für diesen allerhöchsten Gegenstand deiner Liebe empfandest, um von dieser Liebe würdig zu sprechen. O entfalte uns dieß Herz, das auf so wunderbare und so vollkommne Weise liebte! Zeige uns die hohe Reinigkeit, Zärtlichkeit, Lebendigkeit und Groß- muth deiner unerfaßlichen Liebe! Maria. 3. Mein Sohn, nimmer wäre ich würdig gewesen, die Mutter Jesu zu seyn, wenn meine Liebe nicht die Liebe aller übrigen vernünftigen Geschöpfe überstiegen hätte. Jeden Tag nahm ich in dieser Liebe zu; denn mit jedem Tage entdeckte ich neue Vollkommenheiten an diesem göttlichen Sohne. Ich kannte keine andere Süßigkeit und Glückseligkeit als in dieser Liebe. Sie war meine Nahrung, mein Leben, meine Ruhe, meine Freude und einzige Wonne. Ein armes und verborgenes Leben führte ich zu Nazareth; doch überreichlich ward ich durch den Schatz entschädigt, den ich an Jesu besaß. Durch dieß einzige Gut wird der Mensch reicher denn die mächtigsten Könige. 4. Glückselig und abermalglückselig die Herzen, 176 die von der Liebe Jesu leben, und nur nach Ihm seufzen! Die Liebe Jesu allein beglückt das Herz durch Ruhe und Frieden. Nichts kann ohne diese Liebe lange gefallen. Was kann je Freudiges in dieser Welt kosten, wer nicht kostet, wie lieblich Jesus ist! Je mehr das Herz Jesum liebt, je inniger ist seine Freude, Denjenigen zu lieben, der wahrhaft und unendlich würdig ist, geliebt zu werden. 5. Wie groß immer dein Elend in dieser Welt seyn mag, ist doch kein Elend dem zu vergleichen, wenn man Jesum nicht liebt. Hat, wer Jesum nicht liebt, auch wohl erfaßt, wer Jesus ist? Weiß er je, wie lieblich Er ist? 6. Jesus vereint alle Vollkommenheiten der Natur, und zwar auf so hoch erhabene Weise in sich, daß solche das höchste Werk des Schöpfers sind. Jesus vereint alle Vollkommenheiten der Gnade in sich, und zwar in so überreichlicher Fülle, daß alle Menschen aus derselben schöpfen. Jesus vereint alle Vollkommenheit der Gottheit in sich, die Ihm wesentlich innewohnt. Seine Macht ist Gottes Allmacht, seine Schönheit Gottes Schönheit, seine Weisheit Gottes Weisheit, seine Heiligkeit Gottes Heiligkeit. Der Diener. 7. Wäre Jesus nicht unendlicher Liebe würdig an sich selbst und durch sich selbst, so wäre Er es 177 schon darum, weil Er mich unendlich geliebt hat. Ach, in welche Tiefe der Schmerzen versenkte Er sich, seine Liebe mir zu bezeigen! Mari a. 8. Dazu kommt auch noch, mein Sohn, daß das unermeßliche Gewicht seines Leidens, sein Der- langen zu leiden nicht erschöpfte. Die Liebe sagt niemals: Es ist genug! Die feurigste Liebe aber und die eifrigste, sich kund zu geben, ist die Liebe Jesu. Noch mehr hätte Jesus für dein Heil gegeben als Er gegeben hat, dafern Er etwas gehabt hätte, das mehr als Er selbst gewesen wäre. O mein Sohn, wenn du irgend einen Gegenstand findest, der deiner Liebe würdiger ist als Jesus, so gestattet Er dir, daß du demselben deine Liebe schenkest. Verdient aber Er selbst sie vor jedem Andern und weit mehr als jeder Andere, wie magst du da sie Ihm versagen! Der Diener. 9. Ach, was immer dieser Welt angehört, entferne sich aus meinen Augen! Jesus, und zwar Ihn allein will ich lieben! Maria. 10. Wer Jesum kennt, der verachtet in der That alles Übrige. Nichts mehr ist die Welt einer Seele, welche die Süßigkeit seiner Liebe gekostet bat. Nachf. Mar. 12 178 Der Diener. 11. Ich kann, wenn ich nur will, Jesum zum Freunde haben. Säumte ich aber, ein so großes Glück zu erwerben, so verdienteich fürwahr, reckt unglücklich zu leben. Maria. 12. Weise bist du, mein Sohn, wenn du einen Gegenstand der Liebe wählest, der keine Veranlassung zu Leid und Verdruß gibt, der Veränderliche keit nicht unterworfen ist, dir auch nicht durch den Tod kann geraubt werden, sondern vielmehr im Tode selbst durch ewigen Besitz dich beseligen kann. Nur Jesus ist ein getreuer und beständiger Freund, der allein den Menschen nicht im Stiche läßt, wo alle andere Freunde ihn verlassen. Ein einziges Wort dieses Freundes erfüllt das betrübte Herz mit Trost. Die Übrigen sind meist lästige und leidige Tröster.(Job. 16.) 13. Welches Leid und welcher Verdruß könnte dich je betrüben, welcher Feind dir schaden, wenn die Liebe Jesu deinem Herzen innewohnt? Wenn Jesus in deinem Herzen herrscht und Er daselbst seinen Thron aufgeschlagen hat, so bist du der Reichste, der Mächtigste und der Glückseligste, der auf Erden ist und je darauf seyn kann. Ein so großes Gut ist die Liebe Jesu, daß wer dasselbe besitzt, aller andern Güter entbehren kann 12 179 Ist Jesus nicht reich genug, ein Herz zu befriedigen, das Ihn liebt? Der Diener. 14. O Jesu, mein Gott, ich bitte Dich durch die Liebe, mit welcher deine heiligste Mutter Dich geliebt hat, verleihe mir. Dich also zu lieben, daß ich nichts über Dich, nichts so sehr als Dich, und nichts außer um Deinetwillen liebe! Ich vermag es nicht. Dich so sehr zu lieben als Du dessen würdig bist, doch will ich mit deiner Gnade Dich nach meinem ganzen Vermögen lieben; und dann werde ich Dich lieben so sehr als ich soll. r5. Entzünde in meinem Herzen alle Liebe, mit welcher Du willst, daß ich Dich liebe! O möchte ich von diesem heiligen Feuer so sehr glühen, daß ich davon verzehrt würde! Wer da erkennt, wie lieblich Jesus ist und Ihn nicht so sehr lieben kann als Er verdient, geliebt zu werden, der leidet eine Marter, die nichts zu lindern vermag, außer die immer neue Sehnsucht nach einer noch feurigeren Liebe. Fünf und zwanzigstes Capitel. Daß man Jesum zum Vorbilde wählen, und sich Ihm nachbilden soll. Maria. i. Mein Sohn, gehörest du nicht auch zu Jenen, die weit besser sprechen als sie wirken?— In 180 gewissen Augenblicken ist ihr Eifer und ihre Andacht sehr erfreulich; hernach aber entspricht ihr Wandel denselben nicht! Mancher sagt, er liebe Gott; ja es scheint sogar, als sei er von diesem Gefühle durchdrungen; weil er zur Zeit, wo die Gnade sein Herz rührt, süße Thränen weint. Doch dieß ist noch kein Beweis der wahren und aufrichtigen Liebe. Das Zeugniß, das Jesus von deiner Liebe erwartet, besteht darin, daß du den Tugendbeispielen, die Er dir gegeben hat, dich gleichförmig bildest. Der Diener. 2. Dieß, o lebendiges Vorbild aller Tugenden, war's, was du selbst ausübtest, so lange duzuNa- zareth mit Jesu lebtest. Wir ersehen aus dem Evangelium, daß du alle Worte von Jesu aufmerksam anhörtest, alle seine Handlungen sorgsam ins Auge faßtest, daß du solche betrachtetest und in deinem Herzen bewahrtest. Maria. 3. Mein Sohn, Jesum betrachten war allerdings meine vorzüglichste Beschäftigung, und Ihm nachahmen meine vorzüglichste Sorge. Wende also auch du deinen Fleiß dahin, daß du das Leben Jesu betrachtest, damit du Ihm nachahmest. Dahin sei dein ganzer Eifer gerichtet. Es gibt keine wahre Wissenschaft außer Jesu. So sei also Er dein einziger Meister. 4- Jesus ist ein König, der deine ganze Huldigung verdient. Die vorzüglichste Huldigung aber, die Er von dir verlangt, ist die Nachahmung seiner Tugenden. Vergleiche dich selbst oft mit diesem erhabenen Vorbilde, ehe du vor Gottes Richterstuhle nach diesem nämlichen Vorbilde geprüft wirst. 5. Die Liebe, mit welcher Jesus dich geliebt hat, hat Ihn bewogen, dir so viele Beispiele der Demuth, der Geduld und des Gehorsams zugeben. Ahme dieselben Ihm zu Liebe nach; und will dieß dir schwer fallen, so habe Ihn zu jeder Zeit vor Augen. Nimm dir vor, in Allem und überall, so sehr es dir nur möglich ist, seine getreue Abbildung zu seyn. Wenn du betest, so stelle dir seine innerliche Sammlung zur Zeit des Gebetes vor; wenn du in den Tempel Gottes gehest, so geh nach seinem Bei. spiele im Geiste der Religion und Aufopferung dahin. Wenn du mit den Menschen dich unterredest, so bedenke auf welche Weise Jesus sich unterredete, und wie große Sittsamkeit und Sanftmuth Er bezeigte. 6. Dem sanftmüthigen und demüthigen Jesu nachzuahmen, murre nicht über deine Leiden und vergilt nichts Böses mit Bösem. Flieh die Ehren dieser Welt und sei gern vergessen und gering geachtet. »Jesus suchte nicht, sich selbst wohlzugefallen.« (Röm. i5.) Eben so sei auch die Ehre Gottes und 182 die Erfüllung seines Willens der Grundtrieb und das Ziel deiner Werke. Es ist kein Stand in seinem sterblichen Leben, der dir nicht irgend eine wichtige Lehre gebe; sein verborgenes Leben ist so wie sein öffentliches Leben ein unerschöpflicher Quell heiliger Belehrungen für seine Jünger. 7. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Nur in seinen Lehren und Beispielen kannst du den Weg finden, worauf du wandeln, die Wahrheit die du anhören sollst, und die Mittel, die das Leben deiner Seele unterhalten. Unter allen Umständen und Verhältnissen deines Lebens befrage dich selbst: Was hätte Jesus gethan? Was hätte Er gesagt? Und bilde dich gleichförmig dem Vorbilde, das Er in seinen Worten und Beispielen dir aufgestellt hat. Du weißt was für Neigungen, für Begierden und Gesinnungen Er hatte. Erforsche nach denselben die deinigen. Forsche, vergleiche und bessere! Gedenke jedoch dabei, daß diese Umbildung, welche eine Ähnlichkeit mit Jesu hervorbringen soll, nicht das Geschäft Eines Tages ist. 8. Ein so vollkommnes Vorbild ist Jesus, daß Niemand jemals Ihn vollkommen erreichen wird. Doch soll man alle Tage des Lebens daran wenden, einige neue Züge desselben nachzubilden. Und da der Mensch ohne die Gnade Jesu nicht zur Glückseligkeit gelangen kann, Jesu selbst nach- L83 zuahmen, soll er auch alle Tage um diese Gnade Ihn anflehen. Sechs und zwanzigstes Capitel. Von der Glückseligkeit einer tugendhaften Familie. 1. Wohl war es ein Anblick würdig des Himmels, die heilige Familie zu Nazareth zu sehen, wo Jesus mit Maria und Joseph unter Einem friedlichen Dache wohnten. Wer erfaßt je den Frieden und die süße Eintracht, die in diesem heiligen Hause wohnten, das ein Aufenthalt heiliger Tugenden war, und aus welchem alle Unordnungen der Leidenschaften fern verbannt waren! So lange Jesus zunahm an Alter, Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen, heftete Maria den Blick beständig auf Ihn, um sich nach diesem allerhöchsten Vorbilde zu bilden. Nicht minder w§r auch Joseph sorgsam, die Beispiele der Mutter und des Sohnes nachzuahmen. 2. Alles in diesem heiligen Hause führte zu Gott; alles darin geschah zu Gottes Ehre. Schon die bloße Gegenwart Jesu erfüllte die Herzen mit süßer Freude. Seine göttlichen Unterredungen entflammten dieselben. Die Unterwerfung und der Gehorsam Jesu, die Maria und Joseph zu entzückendem Erstaunen hinrissen, flößten ihnen selbst eine heilige Vernich- tigung vor Gott ein. 184 3. O Gott aller Heiligkeit, hier wurdest Du im Geist und in der Wahrheit angebetet! O wie überaus wohlgefällig waren Dir die Huldigungen, die solche Herzen Dir brachten! Wer kann diese heilige und glückselige Familie im Geiste schauen, ohne ihre Glückseligkeit zu beneiden! Wie erwünschlich wäre es, daß alle christlichen Familien sich nach einer so höchst vortrefflichen Schule bildeten! O herrschte die Liebe Gottes darin, wie sie unter dem demüthigen Dache herrschte, unter welchem Jesus, Maria und Joseph vereint waren, dann würde man zugleich Ordnung, Frieden und Eintracht darin herrschen sehen! 4. Die Ehegatten würden die unschuldigen Freuden der ehelichen Vereinigung genießen, die Kinder würden in der Furcht des Herrn erzogen werden, und die Dienstleute nur gute und tugendhafte Beispiele sehen. Nimmer würde man daselbst Eifersucht noch Zank und Streit mit ihren unglückseligen Wirkungen schauen; nimmer auch würden so viele Ärgernisse daraus hervorgehen, die in unsern Tagen die Welt vergiften. Der Wohlstand würde nicht dazu dienen, eine stolze Pracht zu unterhalten, die so viele Familien zu Grunde richtet; sondern die Armen würden die wohlthätigsten Früchte desselben erfahren. Weise Sparsamkeit würde zu einem reichen Schatze werden, der zu gutem Nutzen verwendet 185 würde; und schändlicher Geitz und Wucher würde eben so sorgfältig als die Verschwendung der Pracht und Eitelkeit verbannt werden. 5. Die Widerwärtigkeit würde weder Klagen noch Murren gegen die göttliche Vorsehung erregen; preisen würde maiEott sowohl in der Dürftigkeit oder Mittelmäßigkeit als im Überfluß und in hohem Stande. Der Hausvater würde sein Ansehen ohne Herrschsucht und Stolz ausüben; die Hausfrau aber würde den Absichten des Mannes nachhelfen und mit aller Sollgfamkeit über ihr Hauswesen wachen. Beide auch hätten den Trost, gelehrige Kinder unter ihren Augen aufwachsen zu sehen, die bei Zeiten au die Frömmigkeit sich gewöhnten. 6. Und o wie sehr würde dieß der ganzen Gesellschaft der Gläubigen frommen! Welche liebliche Einfalt der Sitten, welche Aufrichtigkeit, Unschuld, Eintracht, freundliche Liebe, Erbauung und wundersame Früchte der Heiligkeit würden daraus hervorgehen! In welcher süßen Ruhe würde das Leben verfließen! Und erschiene dann die Zeit, die von dieser Zeitlichkeit abruft, so würde man das Opfer des Lebens um so williger bringen, als man das trostreiche Zeugniß sich geben könnte. daß man in der Gerechtigkeit und Liebe seines Gottes gelebt hätte! 186 Sieben und zwanzigstes Capitel. Von der Macht des Gebetes. 1. Bei der Hochzeit zu Cana, wo Maria mit Jesu und seinen Jüngern sich einfand, gebrach es an Weine. Maria von der Vcrttgenheitund Beschämung gerührt, die der Brautleute harrte und voll des Vertrauens auf die Allmacht ihres Sohnes, stellt Ihm ihre Noth vor. Immer hat Gott seine Gnaden an das Gebet geknüpft. Immer ist Er bereit, dieselben zu^spenden; Er selbst auch lädt uns ein und drängt uns. Ihn darum zu bitten; doch will Er, daß wir mit Vertrauen bitten. Der Mangel an Vertrauen ist gewöhnlich das Merkmahl eines schwächlichen Glaubens; daher so viele unfruchtbaren und erfolglosen Gebete. 2. Es ist, den Tribut unsrer Lippen Ihm darzubringen, nicht nothwendig, günstige Augenblicke abzuwarten. Immer ist unser Gott bereit, uns anzuhören. Ohne Unterlaß spricht Er:»Bittet, und ihr werdet empfangen; wer da bittet, empfängt!^ Da wir nun einem Gott dienen, der so gütig ist, daß Er Niemand abweist; und so reich, daß Er Allen gibt: wie können wir so unachtsam seyn, daß wir Ihn nicht um Gnaden, entweder für uns selbst, oder nach dem Beispiel Maria für Andere anflehen! 3. Die Bitte der Mutter des Herrn ist kurz. Gott ist nicht gleich den Menschen; Er fordert keine mühsam ersonnenen, lange durchdachten und einstudierten Gebete von uns. Es bcdarfweder des Scharfsinnes noch der Beredsamkeit, sich mit Ihm zu besprechen. Ihm gefällt ein einfaches Gebet, worin wiruns beschränken, Jhnum etwas zu bitten, das, unseres Wissens, seine Ehre und unsre Heiligung fördert, oder wenigstens beiden nicht entgegen ist; und mit Gnade sieht Er auf ein solches Gebet herab. Auch erflehen nicht sowohl die Worte der Lippen als die Gesinnungen und das Gebet des Herzens seine Gnade. Wenige Seufzer des Herzens der Mutter Samuels erwirkten ihr nicht nur einen Sohn, um den sie zum Herrn flehte, sondern auch in diesem nämlichen Sohne einen Propheten und Richter über Israel.»Anna betete in ihrem Herzen!«(i. Kön. i.) 4- Jesus antwortete seiner Mutter auf eine Weise, die, wie es den Anschein hatte, ihr keine Hoffnung gab. Indessen hoffte sie nichts desto minder; und sie erhielt was sie hoffte und wünschte. Selten betet eine Seele mit Beharrlichkeit, ohne daß sie erhört werde. Die Ungestüme mißfällt den Menschen und ermüdet sie. Du aber werde nicht müde, zum Herrn zu flehen; und Er wird nicht müde werden, dich anzuhören. Unwürdig wird man der Güte Gottes, wenn man Ihm eine Zeit vorschreiben will, in welcher Er uns längstens erhören soll. 5. Wahr ist es freilich, daß, ungeachtet anhal- 188 tender Bitten, Gott zuweilen uns nicht gewährt um was wir Ihn bitten. Allein statt dessen gewährt Er uns dann was uns noch nothwendiger ist als das, warum wir Ihn bitten. Der heilige Paulus betete zum Herrn, daß Er ihn von einer Versuchung befreien möchte. Gleichwohl ward er fortwährend von derselben angefochten. Weil er aber betete, verlieh Gott ihm eine Gnade, mit deren Hilfe er große Verdienste erwarb. Ward er etwa nicht erhört? Schon seit Jahren bittest du um die Befreiung von einer körperlichen Krankheit. Gott befreit dich uicht von derselben; aber Er verleiht dir eine lang- müthige Geduld, sie zu ertragen; sie ist die Frucht deines Gebetes, und so wurdest du erhört. 6. Oft würde etwas, das uns ein großes Gut bedünkt und um das wir Gott bitten, ein schweres Übel für uns sevn, wenn Er es uns verliehe. Er versagt es uns aber, weil Er uns liebt. Weit höher sollen wir die Gnaden des Heiles und der Heiligung, als blos zeitliche Gnaden achten. Gott gewährt diese letzter» seinen größten Feinden, jene aber bewahrt Er seinen Auserwählten auf. Acht und zwanzigstes Capitel. Daß die Lugend mit den Pflichten des Anstandcs nicht unverträglich ist. i. Blos die Nächstenliebe bewog Maria und ihren göttlichen Sohn, dem Hochzeitmahle beizuwohnen, das zu Eana gefeiert wurde. >89 Ohne Zweifel wäre sie lieber in ihrem Hanse zu Nazareth geblieben und hätte die Lieblichkeit des beschaulichen Gebetes gekostet; allein sie wollte durch eine abschlägige Antwort die Brautleute nicht betrüben, die sie eingeladen hatten. Die äugend verträgt sich also ganz wohl mit dem Anstaube; sie will sogar, daß man denselben beobachte; ja nur sie wirkt dahin, daß derselbe auf heilige Weise beobachtet werde. 2. Um aber Mariä in Allem nachzuahmen, betrachte die Art und Weise, wie sie bei dieser Gc- legenheitsich beträgt. Wie große Bescheidenheit liegt in ihren Worten, wie große Sittsamkeit in ihren Blicken! Die Weisheit ihres Betragens gibt dir ein Beispiel der Ehrbarkeit und Züchtigkeit, die man selbst unter erlaubten und unschuldigen Erheiterungen beobachten muß. Es ist ein großer Unterschied zwischen den Gesetzen der Gesellschaft und den Gesetzen der Welt. Die Frömmigkeit widersetzt letzter» sich sehr ernstlich- doch beobachtet sie die ersten, wenn sie den Gesetzen Gottes nicht entgegen sind. 5. Man würde der Frömmigkeit auf gewisse Weise wehe thun, wenn man jeder Unterhaltung ausweichen wollte. Auch würde man dadurch nur das falsche Verurtheil bekräftigen, daß der Mensch durch die Tugend roh und ungesellig werde. Nimmer ist die wahre Frömmigkeit ungesellig; 190 man kann sich nach den Gesetzen der Höflichkeit richten, ohne darum aufzuhören fromm zu seyn. Ja, durch das Ziel, daß sie sich vorsetzt, und durch den Grund, der sie dazu anregt, veredelt die wahre Frömmigkeit selbst solche Handlungen, die an und für sich gleichgültig sind. Gib dich, spricht sie zu uns, keiner Unterhaltung, wie unschuldig sie immerhin seyn mag, gänzlich hin; sondern leihe dich derselben nur! 4. Die allzu große Zerstreuung bei Unterhaltungen zu verhüten, an welchen die Wohlanständigkeit dich verpflichtet, Theil zu nehmen, sei von Zeit zu Zeit bedacht, der Gegenwart Gottes dich zu erinnern. Betrage dich dabei mit der Sittsamkeit und Eingezogenheit, die du beobachten würdest, wenn Jesus und Maria sich dabei befänden. 5. Scheine nach dem Beispiele des Engels, der den Tobias begleitete, gleich den Übrigen dich zu betragen, so lange sie nichts thun als was erlaubt ist; habe aber gleich ihm eine unsichtbare Speise (Tob. 12.), welche die Wonne deiner Seele sei. Richte deine Gedanken zum Himmel. Gedenke der unaussprechlichen Freuden, welche die Heiligen daselbst genießen, und die eine Belohnung der Gleichgültigkeit sind, mit welchen sie einst die Freuden der Erde betrachteten. 6. Erhebe dein Gemüth zum Herrn und be- theure Ihm, daß alle Freuden der Welt nicht so viel über dich vermögen, daß du darüber der reinen Freuden vergessest, die man in seinem Dienste kostet. Sage Ihm, daß du mit Hilfe seiner Gnade, Ihm von ganzem Herzen alles was in diesem Leben dich am meisten erfreut, für eine einzige Stufe seiner Liebe aufopfern würdest. Neun und zwanzigstes Capitel. Wie lieblich es ist, die Stimme Jesu zu hören; und wie eifrig«ine Seele seyn soll, seinen Unterricht zu vernehmen- 1. Dreißig Jahre hindurch, nämlich so lange sie mit Jesu zu Nazareth gewohnt hatte, war das Herz Maria durch die Gegenwart und die lieblichen Unterredungen mit ihrem göttlichen Sohne erfreut worden. Nun schien es, daß sie seine heiligen Lehren blos in der Stille der Einsamkeit überdenken durfte, ohne daß es nothwendig gewesen wäre, während seines evangelischen Lebens Ihm an verschiedene Orte nachzufolgen. Indessen erzählt dennoch der heilige Evangelist Johannes:»Sie blieb einige Tage mit Jesu zu Capharnaum;« ohne Zweifel darum, damit sie seinem Unterrichte beiwohnte. 2. Die übrigen Evangelisten berichten, daß sie bei einer andern Gelegenheit, wegen der Volksmenge, die Ihn umgab, und begierig war, seine Lehre anzuhören, Jesu nicht nahen konnte, und Ihn zu sehen und sprechen verlangte. 192 Niemand kannte besser als sie den Werth seiner göttlichen Lehren; Niemand auch ward über die Lieblichkeit seiner Ansprache so innig entzückt. 3. Wie süß ist es einer Seele, welche die Stimme Jesu von der Stimme der Menschen unterscheiden lernte, die Worte des Lebens zu hören, die aus seinem göttlichen Munde hervorgehen! Eine Seele, welche die Lieblichkeit Jesu kostete, kann nicht mehr ohne Jesus leben. Oft und bei verschiedenen Veranlassungen hat sie seine Stimme vernommen; und oft erglüht sie, dieselbe zu hören. Jeder Aufenthalt mißfällt ihr, wenn sie daselbst ihren Vielgeliebten nicht findet; jede Stimme ist ihr lästig, wenn Er aufhört, zu ihr zu sprechen. O wie sehr wird sie der Ansprache der Menschen überdrüssig! Es bedünkt sie, als redeten sie nur von albernen Dingen mit einander; die Worte Jesu allein sind ihr Geist und Leben. Sobald sie die Stimme ihres Vielgeliebten vernimmt, gibt sie allen andern Gedanken Abschied, um seiner göttlichen Ansprache mit aller Aufmerksamkeit sich hinzugeben; weil dieselbe unendlich mehr erfreut als alles was sie Wonniges hören könnte in dieser Welt. 5. Nichts hört sie mit süßerer Freude, nichts behält sie mit größerer Treue; nichts betrachtet sie mit sorgsamerem Fleiße. Doch gibt es auch nichts, das so reichliche Früchte in ihr wirkte. Schläft sie, so erwacht sie gleich der Braut im Hohen Liede bei dem leisesten Schall seiner Stimme. 193 -Ach, spricht sie, ich höre die Stimme meines Vielgeliebten. Sieh Er kommt!«(Höh. L. 2.) Sie verwechselt seine Stimme mit keiner andern, Gar bald erkennt man, daß es Jesus ist, der zum Herzen spricht, wenn man nichts als Jesum liebt. 6. Die Welt, die Eitelkeit und die sinnliche Lust führen eine weit andere Sprache; und die liebende Seele hört solche nur mit Widerwillen, und vernimmt sie nur mit Abscheu. Die Augen der seligen Magdalena erkannten Jesum nicht, als Er nach seiner Auferstehung ihr erschien; kaum aber hatte sie seine Stimme vernommen, da erkannte ihr Herz augenblicklich, daß es Jesus war. 7. O Jesu, 0 mein göttlicher Erlöser, entferne alle fremden Stimmen von mir, die so oftmals dahin wirken wollen, daß ich dein göttliches Wort nicht ungestört vernehme! Nur Dich allein will ich anhören. Fort von mir, eitle Ergetzungen, alberne Dinge, die ihr so oft mich abhieltet, die Stimme Jesu zu hören; lasset mich allein mit Ihm! 8. Um der Glückseligkeit willen. Dich zu hören, 0 göttlicher Meister, will ich Dir folgen, wohin immer Du gehst. Ertönt deine Stimme mir nicht mehr zu Nazareth, so will ich, dieselbe zu hören, nach Capharnaum und nach Jerusalem wandeln. Doch wo immer ich seyn mag, kann ich der Glückseligkeit theilhaft werden, die ich suche. Sprich, Herr, sprich ohne Unterlaß zu meiner Seele!-Hö- Nachs. Mar., z 194 ren werde ich aufmerksam was der Herr, mein Gott in meinem Innern spricht!«(Ps. 84.) 9.»Selig, Herr, wen Du unterweisest und in der Wissenschaft deines Gesetzes unterrichtest; denn Linderung in seinen Leiden wird er finden am Tage der Trübsal!«(Ps. g3.) Oft sprachen deine Diener in deinem Namen zu mir; viele Bücher auch, die mich erfreuen, sprechen mit mir von Dir; doch was wirkt dieß Alles in meinem Herzen, wenn nicht zugleich deine Stimme ertönt? Was sie sprechen ist wahr, was sie sagen ist rührend; doch wenn deine Gnade sich nicht mit ihren Worten vereint, prägt die Wahrheit dem Gemüthe sich nimmermehr ein und ungerührt bleibt dabei das Herz. ro. So laß mich denn deine Stimme vernehmen, 0 himmlischer Bräutigam meiner Seele! (Höh. L. 2.) auf daß auch Du meine Stimme vernehmest. Sprich zu meinem Herzen; auf daß mein Herz zu deinem Herzen spreche! Mehr lehrt deine Stimme in Einem Augenblick als der Mensch in vielen Jahren in den Schulen aller Gelehrten dieser Welt erlernt. Nach Kenntnissen, die sie bei Dir erlernt hatten, haben sehr Viele, die in den Augen der Welt als einfältig galten, auf entzückende Weise von der göttlichen Liebe, und auf die erhabenste Weise von deinen größten Geheimnissen gesprochen! »95 Dreißigstes Capitel. DaH man mcht^die Ehre dieser Welt noch die Achtung der Menschen suchen soll. Der Diener. r. Hohe Freude gewahrte dir sonder Zweifel, o glückselige Jungfrau und Mutter, die Ehre, die während seines Predigtamtes deinem göttlichen Soh, ne je zuweilen erwiesen wurde; doch erfreute dieselbe dich, um Seinetwillen, und ohne den mindesten Rückblick auf dich selbst. Niemals machtest du den Vorzug geltend, daß Gott dich auserwählt hatte, Denjenigen zu gebären, Den, wegen des Glanzes seiner Wunder und der Erhabenheit seiner Lehre, die Völker bewunderten. 2. O wie weit verschieden warst du von so vielen Müttern, die der Verdienste ihrer Kinder sich brüsten, und den Ruhm derselben theilen wollen! Folgtest du Jesu an verschiedene Orte nach, so geschah dieß in der Absicht, seinen Unterricht anzuhören und deine Seele damit zu nähren; nicht aber um den Glanz und das Lob, das Ihm gegeben ward, zum Theil auf dich selbst anzuwenden. Immer verharrctest du in tiefer Demuth, ob auch Alles was dich umgeben mochte, geeignet war, die Blicke und Huldigungen der Menschen dir zu gewinnen. Also verdammtest du die Gier nach Ehren dieser >3* !96 Welt und die Sucht nach menschlichem Lob, dieß unglückselige Gift, das alle unsre Werke vergiftet. Maria. 3. Wahr ist's, mein Sohn; immer hütete ich mich, mit Gottes Gnade, sorgfältig vor dem, was du mit Recht ein unglückseliges Gift nennest. Gott allein gebührt die Ehre! Und wie kann auch das Geschöpf einer Sache sich rühmen, da es durchaus nichts hat, das es nicht von seinem Schöpfer empfing! So sehr hatte der Herr mich schon geehrt, als Er zur Mutter des Messias mich erwählte! Hätte ich auch noch die Auszeichnungen der Welt suchen sollen? 4. Wer nichts sucht außer Gott, der sieht nichts Großes außer Gott. Die eiteln Ehren dieser Welt und was sonst die Menschen als Großes achten, sind kindische und alberne Possen in seinen Augen. Mein Sohn, frage deinen Glauben, frage sogar deine Vernunft um Rath; und du wirst nicht mehr so gierig nach Lob und Ehre seyn. Ändern wird dann deine Ehrsucht ihr Ziel; und du wirst einzig nach der Ehre verlangen, die Gott seinen Heiligen aufbewahrt. Läßt man dich in der Vergessenheit zurück und achtet dich für nichts, dann wirst du, weit entfernt, darüber zu trauern, vielmehr dich erfreuen; weil kein Weg so sicher zu einer hohen Erhebung im Him- LS7 mel führt äls die Demüthigung, die in christlichem Sinne angenommen und ertragen wird. 5. So überlaß denn den Weltkindern alle diese eitlen Ehrentitel und Auszeichnungen, mit welchen sie groß thun. Bewahre dich für eine wahrhafte und ewige Ehre auf. Flehe oftmals mit dem Propheten zu Gott, daß Er deine Augen abwende, damit sie die Eitelkeit irdischer Dinge nicht schauen.(Pf. n8.) Viele sind verlorengegangen, weil sie die Welt als einen Götzen verehrten. Vermehre du nicht die Anzahl der Thoren, welche sie noch täglich vergöttern. Der Diener. 6. Heilsam sind deine Beispiele und deine Lehren, o allerseligste Jungfrau; und nach keiner andern Ehre will ich fortan streben als nach jener, die mit der Nachahmung deiner heiligen Tugenden verknüpft ist. Da jedoch mein Herz schwach ist und leicht von seinen Vorsätzen weicht, flehe ich dich um deinen heiligen Beistand an. Erflehe mir die Festigkeit der Seele, die mir so nothwendig ist, über die Verachtung der Welt und ihre meineidigen Schmeicheleien mich zu erheben! 198 Ein und dreißigstes Capitel. Daß man die Schwächen des Nächsten im Geist der Liebe und Sanstmuth ertragen muß. Der Diener. 1. Heiligste Jungfrau, die du alle erschaffenen Wesen an Sanstmuth übertriffst, deine liebreiche Weise gegen so viele Undankbare, welchen Jesus seine ganz himmlische Lehre vortrug, und für die Er die größten Wunder wirkte, lehrt mich, wie ich die Fehler des Nächsten ertragen soll. Denn ward auch Jesus oftmals hoch gelobt und gepriesen, so hatte Er dagegen ohne Vergleich öfter die gewaltigsten Widersprüche zu ertragen. Tag und Nacht saun der giftigste Neid darauf. Ihm Feinde zu erwecken, die seine Lehre verschrien, seine Wunder als teuflische Blendwerke lästerten und Ihn selbst mit den verhaßtesten Farben schilderten. 2. Wie oft warst du selbst Zeuginn dieser Mißbandlungen! Dennoch hattest du nach dem Beispiele deines göttlichen Sohnes mir Gedanken des Friedens für sie. Du verabscheutest die Sünde; immer aber liebtest du den Sünder. Schmerzlich fiel dir blos die Beleidigung Gottes; übrigens aber erlaubtest du dir keine Klage gegen diese fühllosen Herzen; ja du sichtest sogar zu Jesu für sie. 199 3. Ach, wie gegen sie, also bist du auch seit so vielen Jabren liebreich und gütig gegen mich! Ich bin der ungetreueste und undankbarste bei- ner Diener; und dennoch erträgst du mich mit wundersamer Güte und erflehest mir so viele Gnaden vorn Herrn! O jungfräuliche Mutter, die du den Gott deS Friedens geboren hast; du, deren bloßer Name und Bildniß der Seele friedliche Sanftmuth einflößt, erflehe mir diese Tugend der Sanftmuth, diesen Geist des Friedens, durch den wir den glorreichen Namen Rinder Gottes verdienen! Maria. 4. Fürbitten will ich'für dich, mein Sohn; doch entsprich auch du selbst der Gnade, die ich dir von Gott erflehe. Die Gnade nimmt die Schwierigkeiten nicht hinweg; wohl aber hilft sie, dieselben übersteigen. Ich weiß, daß dein Nächster durch'seine wan- delbare Laune, durch seine wunderlichen Einfalle und seine sonderbare Weise, dir oft zur Last fällt; doch die Gnade, wenn anders du gegen dieselbe gelehrig bist, wird, damit du Verdienste erwerbest, allen diesen Widerwillen dich überwinden lehren. Die Gelegenheit, heldenmüthige Tugenden zu üben, erboten den Heiligen sich nicht alle Tage; täglich aber verschönerten sie ihre Krone dadurch, daß sie die Fehler ihres Nächsten mit Geduld er- trugen. 200 5. Das Leben des Christen ist ein opferndes Leben) der Nächste aber gibt durch seine Fehler bei, nahe ohne Unterlaß Gelegenheit, diese Opfer zu vermehren. »Alle Menschen fehlen auf vielfältige Weise;» (.Jac. 3.) so sollen sie denn auch die Mittel benützen, die sich ihnen erbieten, ihre Sünden zu sühnen. Nun ist aber die Ertragung des Nächsten im Geist der Buße eines der Mittel, das am meisten hierzu frommt. Zudem auch, mein Sohn, ist jeder Mensch mit Fehlern behaftet, und der vollkommenste ist, der mit weniger Fehlern denn die übrigen behaftet ist. 6. Fehler wirst du an deinen Brüdern, und deine Brüder an dir finden. Denn du gehörest nicht zu Jenen, die sich einbilden, sie hätten keine Fehler, und die dadurch selbst den größten aller Fehler an sich haben. Deine Brüder ertragen dich so wie du bist; so ertrage denn auch du sie, wie sie sind. Wende, den Nächsten zu ertragen, jene Geduld an, deren du bedurftest, dich selbst in den Fehlern zu ertragen, die du gezwungen wärest, in dir zu erkennen. Schon seit längerer Zeit wärest du beflissen, sol- che z-u bessern; wenig Früchte trug indessen deine Arbeit. Wann also wirst du es je dahin bringen, daß du die Andern also besserest, wie du sie gern sähest? 7. Alle deine Klagen über die Verdrießlichkei- 201 ten, welche gewisse Menschen dir erwecken, werden dieselben nicht bessern, und helfen auch keinem Übel ab. Das einzige Mittel in solchen Leiden ist, Jesum um seinen Beistand zu bitten, damit dieselben dir zum Heile gereichen, dich reinigen und in der Tugend fest begründen. Zwei und dreißigstes Capitel. Daß man dem Willen Gottes in Allem, sogar in jenen Dingen beistimmen soll, die gegen seine Ehre scheinen. Der Diener. i. Wie überaus schmerzlich fiel es Dir, o ge- liebteste Mutter Jesu, daß du mit Augen sehen mußtest, wie wenig die himmlischen Predigten deines göttlichen Sohnes bei den verstockten Juden fruchteten! Seine ganz heilige, ganz göttliche und durch die glänzendsten Wunder gestützte Lehre vermochte es nicht, so viele hartsinnigen Gemüther zu bekehren, die lieber sich selbst verblenden, als denselben Gehör geben wollten. Ähnlich jenen Kranken, welche die liebreiche Hand von sich stoßen, die sie heilen will, verwarfen diese Ungläubigen das Heil, das ihnen angebo- ten ward. O was dachtest, was empfandest du bei solchen Gelegenheiten! Du seufztest über die Verblendung und Verstocktheit dieser verkehrten Menschen. Aber 202 du seufztest im Frieden, und hortest dabei nicht auf, um ihre Bekehrung zu bitten. Maria- 2. Mein Sohn, kein Mensch sehnte sich so sehr als ich, daß Jesus erkannt würde. Mein Eifer für seine Ehre wirkte so tief auf mein Inneres, daß ich die Herzenshärte der Juden auf das lebendigste em, Pfand. Warum aber hatte ich den Frieden der See» le darüber verlieren sollen? Ich wußte, daß Gott nicht selten die Bösen zur Ausführung seiner Absichten dienen läßt, und oft aus dem Bösen Gutes erzielt. Ich betete also in der Stille die unendliche Weisheit an, die zuweilen den Triumph der Missethat zuläßt. Der Drener. 5. Diese heilige Geduld, o gebenedeite Jungfrau, sei mein Vorbild in allen Ereignissen des Lebens; ganz vorzüglich aber in jenen, worüber mein Glaube erschüttert werden dürfte. Maria. 4. Mein Sohn, wenn du das Laster mit stol- zem Haupte einherschreiten und der Unschuld spotten siebst, so überlaß dich nicht den Regungen eines bittern Eifers, der aufgebracht wird und in Zorn ausbrüht. Dieß verbietet dir die göttliche Lehre. Warum wolltest du nicht dulden was Gott duldet? Ein Leichtes wäre es Ihm, zu verhindern 203 wa§ dir vielleicht zum Äraerniß gereicht. Er thut es jedoch nicht; denn Er hat bei dieser Zulassung seine weisesten Absichten; und es geziemt dir, diese!- ben anzubeten. 5. Nichts geschieht hienieden ohne seine Zulassung. Das Böse wie das Gute dient auf gleiche Weise den Absichten seiner Vorsehung. Nun dringest du nicht in diese Absichten ein; doch es erscheint der Tag, wo du die ganze Gerechtigkeit und Weisheit derselben einsehen wirst. Freilich sollst du gegen die Übel nicht gleichgültig seyn, welche die Kirche bedrängen; es ist billig, daß sie dir zu Herzen gehen; ja es ist dir auch erlaubt, dich liebreich bei Gott zu beklagen. Nähmest du aber so großes Ärgerniß daran, daß dein Glaube oder dein Friede darunter litte, so wäre dieß nicht mehr Eifer, sondern Irrthum und feindlicher Ärger. 6. Niemals zerstört eine Tugend die andere. Die Unterwerfung des Geistes unter die Zulassung Gottes läßt sich ganz wohl mit einem wahren Eifer für Gottes Ehre vereinbaren. Es gibt Übel, die Thränen und Seufzer von dir fordern; solche jedoch, die bei den Füßen des Herrn und an seinem Herzen müssen ergossen werden. Ihm theile deinen Kummer mit. Bitte Ihn, daß Er zum Ende führe was dich schmerzlich betrübt. Sprich mir heiliger Freiheit, die Ihn nicht beleidigt, also zu Ihm: 7.»Steh auf, Herr, warum schläfst Du? War- 204 um wendest Du dein Angesicht ab und vergissest unsrer Armuth und unsrer Trübsal?«(Ps. 43.) Sieh Dir selbst wird ja der Krieg erklärt; dein heiliger Name wird gelästert; deine Kirche wird beleidigt und verhöhnt; dein Werk ist's, das die Bosheit stürzen will! Verficht, Herr, deine Sache; dulde es nicht länger, daß die Missethat siege; sieh, es gilt ja deiner eigenen Ehre! Auf solche Weise, mein Sohn, wirst du thun was der Eifer für Gottes Ehre und für seine Kirche von dir fordert. Übrigens aber warte im Frieden, bis der Herr kommen und dich trösten wird. Drei und dreißigstes Capitel. Von den Merkmahlen der wahren Heiligkeit. i. Ein Weib aus dem Volke erhob in Gegenwart Jesu die Stimme und rief aus:»Selig der Leib, der Dich getragen hat; selig die Brüste, die Du gesogen hast!(Luc. n.) »Ja wohl selig, erwiederte Jesus, die das Wort Gottes anhören und dasselbe thun!« Durch diese Worte gab Jesus zu erkennen, daß nicht die hohe Würde der Mutter Gottes Maria am vorzüglichsten auszeichnete; sondern daß sie weit höher durch die standhafte Treue erglänzte, mit welcher sie das Wort Gottes anhörte und mit höchster Liebe vollbrachte. Ihr Verdienst kam ihr nicht von dem Vorzug 205 ihrer Mutterschaft, den sie von Gott, und zwar von Gott allein empfing; sondern von ihrer Heiligkeit, die sie, nach Gott, von der Treue empfing, mit welcher sie seinen Gnaden entsprach. 2. Nicht das, was Gott für uns thut, ist's eigentlich was seine Belohnungen erwirbt, sondern was wir selbst für Gott thun. Jener gute Knecht des Evangeliums setzte sein Verdienst nicht darein, daß er fünf Talente empfangen, wohl aber, daß er mit denselben gewuchert hatte. Mit Recht rühmest du dich der Eigenschaft eines Kindes Gottes, die du in der Taufe empfangen hast. Bedenke jedoch, daß diese Eigenschaft dir keine Stelle unter den Heiligen erwirken wird, wofern du dieselbe nicht durch Heiligkeit des Lebens behauptest. Viele unter den Heiligen hatten Entzückungen und Erscheinungen; doch nicht hierin sollst du sie um ihr Loos beneiden. Sie waren getreu und standhaft in ihrer Treue gegen den Willen Gottes; dieß ist der Hauptpunct, worin du dich befleißen sollst, ihnen nachzuahmen. 5. Du hast einen heiligen Stand erwählt; doch nicht die Heiligkeit desselben soll dich sichern; sondern deine Wachsamkeit und Pünktlichkeit, alle Pflichten desselben zu erfüllen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Judas Wunder gethan; und dennoch ward er verdammt. Wir lesen nicht, daß Jobannes der Täufer irgend ein L Achtung werth halten; diese Gnadengaben allein wären das beständige Ziel seines Verlangens. Ach, was soll man von der Gleichgültigkeit der meisten Christen hierüber denken? was von ihrem geringen Verlangen nach Dingen, die ihrer Ehrsucht am würdigsten sind? Nicht so gleichgültig sind sie für die Gnaden dieser Welt. Nichts unterlassen sie, kein Mittel versäumen sie, Tag und Nacht bieten sie alles auf, dieselben zu erlangen. Als große Schmach betrachten sie die Dürftigkeit und den Mangel an irdischer Habe, und leider erröthen sie nicht über ihre äußerste geistige Armuth! 5. Gib mir, o göttlicher Geist, daß ich meine Armuth wahrhaft erkenne; Du allein, o Urheber aller Gnaden und vollkommnen Geschenke kannst mir wahrhaften Reichthum ertheilen. Ich erkenne mit Wehmuth, daß mein Widerstand gegen deine heiligen Einflößungen deiner Wohlthaten mich gänzlich unwürdig macht! Heute aber vereine ich mein Gebet um dieselben mit dem Gebete, das Maria im Saale des Abendmahles zu dir sendete; auf solche Weise wird dasselbe Dir Wohlgefallen und Dich versöhnen! Auch sie selbst will ich anrufen die gebenedeite Jungfrau, die so Vieles bei Dir vermag; inbrünstig will ich zu ihr stehen, daß ich durch ihre mächtige Fürbitte Erhörung vor Dir finde. 6. O allerscligste Jungfrau, Braut des Heiligen Geistes, erbitte mir huldreich den Geist der Weis- 251 heit, der die Güter des Himmels mir zu kosten gebe, damit alle falschen Güter und eitlen Vorzüge dieser Welt mir verleiden; Den Geist der Einsicht und des Verständnisses, der in diesem Lande der Finsternisse mich erleuchte, die Wege Gottes mir zeige und in den ewigen Wahrheiten mich unterrichte; Den Geist der Unterscheidung und des Rathes, der die verborgenen Schlingen mir entdecke, welche die Feinde meines Heiles und meiner Vollkommenheit mir legen, damit ich denselben glücklich entkomme; 7. Den Geist der Stärke und der Kraft, der über meine Schwäche mich erhebe, mich kräftige, daß ich meine bösen Triebe überwinde, dem Strom des bösen Beispieles widerstehe, die Menschenfurcht großmüthig besiege, die Pracht der Welt mit Füßen trete; und der gegen die Unbeständigkeit meines eigenen Herzens mich stärke; Den Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht, der mich leite und beseele im Dienste des Herrn, in der Beobachtung seines Gesetzes und in der Verehrung, die ich als meinem Schöpfer, meinem Vater, meinem Erlöser und Richter Ihm schuldig bin! 252 Vierzehntes Capitel. Daß jeder Mensch/ je nach seinem Stande, für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen eifern soll- Der Diener. 1. Mit stiller Freude sieht mein Geist dich, o gebenedeite Jungfrau, mitten in jenem Kreise eifriger Gläubigen, die nach der Himmelfahrt Jesu und der Herabkunft des Heiligen Geistes durch die Predigten und Arbeiten der Apostel sich bildeten. Die zärtlichste und eifrigste Mutter wärest du ihnen. Wer vermag es je auszusprechen, wie nützlich du der aufsprossenden Kirche zu Jerusalem wärest? Und als die Apostel sich trennten und ausgingen, Jesu die Welt zu unterwerfen, begleitete deine Sehnsucht und dein Gebet sie überall und half ihnen, in ihren Arbeiten sich aufrecht erhalten und alle Hindernisse und Gefahren besiegen. 2. Die Gläubigen, unter welchen du lebtest, im Glauben und im Vertrauen zu unterhalten, bemühte dein Eifer sich vor allen Dingen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Und wie auch hättest du nicht das Vertrauen Aller erworben, welche so glückselig waren, dir zu nahen! Nimmer konnten sie die zarte Freundlichkeit der Mutter Jesu gegen sie, den freien und leichten Zutritt zu dir und sogar die zuvorkommende Achtung genug bewundern, die du gegen sie erzeigtest. 253 3. Gleichwie aber die Erhabenheit deiner Würde, deine Tugenden und das wunderbare innerliche Licht, das Gott deinem Geiste verliehen hatte, dir alle Ehrerbietung gewann, also gewann auch deine überaus große Güte dir alle Herzen. Ein einziger Blick, den du einer betrübten Seele zuwendetest, genügte, ihr Leiden zu lindern. Deine, von göttlichem Feuer glübendcn und mit der Kraft von Oben gekräftigten Worte rührten die fühllosesten, erwärmten die lauesten, ermu- thigten die furchtsamsten und entzündeten die eifrigsten Herzen. Wie vielen Kranken gabst du, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Gesundheit des Leibes zurück, und verliehest mit derselben zugleich ihnen die Gesundheit der Seele! 4. Seufzte aber dein heiliger Eifer über die Verfolgungen, welche die Christen zu Jerusalem erlitten, so ward er dennoch auch reichlich durch die Fortschritte des Glaubens getröstet, den die Apostel unter den Nationen verbreiteten; zumal über die gesegneten Arbeiten des Apostels Johannes, der unter deinen Augen zu Ephesus wirkte, wohin du gezwungen wärest, einige Jahre hindurch dich mit ihm zu flüchten. Wer deine heilige Freude hierüber wohl erfassen will, der muß erwägen, wie innigen und ganz besondern Antheil du an Allem nähmest was die Verbreitung des Reiches Gottes auf Erden betraf. O Königinn der Apostel, erflehe mir einen 254 Funken jenes heiligen Feuers, das für die Ehre Jesu dich verzehrte; und erbitte auch mir die Gnade, dahin zu wirken, daß Er geliebt und verherrlichet werde. Maria. 5. O mein Sohn, wie sehr gefällt mir dieß Verlangen in dir! Der Eifer für Gottes Ehre ist von der Lie^e einer christlichen Seele unzertrennlich. So sehr auch ist jede Seele zu diesem Eifer, als zur Liebe selbst verpflichtet, von welcher derselbe eine nothwendige Wirkung ist. Manche betrachten diese Tugend als eine solche, die nur für apostolische Männer geeignet wäre; doch dem ist nicht so; sie ist für jeden Stand und für jedes Verhältniß geeignet. 6. Es gibt keinen Stand, worin der Mensch nicht durch gute Beispiele, durch guten Rath zur rechten Zeit, durch Tröstung der Betrübten und zumal durch das Gebet seinen Eifer üben könnte und üben müßte. Die Bekehrung eines Sünders ist zuweilen die Wirkung der inbrünstigen Seufzer einer eifrigen, der Welt unbekannten Seele, die in der Einsamkeit verborgen ist. 7. In gewissen Augenblicken deines Eifers möchtest du mitten unter Götzendienern seyn und an ihrer Bekehrung arbeiten. Fromm zwar sind solche Begierden, doch sind sie fruchtlos. Du suchest in der Ferne was du in der Nähe hast! 255 Arme und Kranke unterstützen. Unwissende lehren, Kinder in der Frömmigkeit erziehen, Dienstboten in ihrer Pflicht erhalten, die Stadt durch gute Werke erbauen: dieß ist das Feld, worin der Hausvater will, daß du für seine Ehre arbeitest. Kann man gegen das Heil des Nächsten gleichgültig seyn, wenn man bedenkt, daß Christus Blut und Leben für ihn gegeben hat? 6. Viele werden einst bestraft werden, weil sie das Gute versäumten, das sie im Stande waren zu thun. Bestraft werden sie werden wegen der Sünden Anderer, die sie hätten verhindern können und verhindern sollen. Mein Sohn, wenn du Gott liebest, kannst du Ihm denn je deine Liebe besser bezeugen, als wenn du dahin wirkest, daß Er gepriesen und geliebt werde? Gott hat so wenig gute Diener! Gewähre Ihm die Freude, daß Er nicht blos in dir verherrlichet werde; sondern daß Er überdieß sehe, wie du alle Mittel anwendest, die dein Stand dir bietet, damit Andere Ihn verherrlichen. Fünfzehntes Capitel, Wo die christliche Seele in Leiden für die Lugend und in dem Schmerz ihrer Verbannung auf Erden ihren Trost suchen soll. Der Diener. i. Welches war, o süßeste Mutter des Herrn, dein Trost in den Verfolgungen, welche die neu 256 aufsprossende Kirche erlitt, und von welchen du selbst nicht ausgenommen wärest? Maria. 2. Mein Sohn, ich fand, so wie alle verfolgten Gläubigen, meinen Trost in der Erinnerung an das Leiden Jesu, dessen ich, ungeachtet der Herrlichkeit seiner Auferstehung und Himmelfahrt, nie und nimmer vergaß. Ich besuchte die heiligen Orte, wo die Geheimnisse der Erlösung waren gewirkt worden; zumal den Calvarienberg, wo ich die Liebe und die Wohlthaten Jesu, und die Herzenshärte und den Undank der Menschen erwog, die Ihn an das Kreuz gebracht hatten. Wenn die Mutter Jesu der grausamen Wuth gedachte, mit welcher sie Ihn mißhandelt hatten, durfte wohl sie selbst ein friedliches und ruhiges Leben erwarten? ja konnte sie dasselbe auch nur wünschen? 3. Also denke auch du, mein Sohn, und gedenke oft, auf welche Weise die Welt deinen Erlöser behandelt hat. In diesem Gedanken wirst du Hilfe und Trost in den Plagen finden, welche du darum von der Welt zu leiden hast, weil du Gott getreu bist. Sieh, welchen blutigen Weg Jesus betrat, wo Seiner nur Verachtung, Schmach und Verfolgung harrete! Dieß aber that Er dir zu Liebe, und me entfernte Er sich von demselben. 257 Er berief dich aber zu seiner Nachfolge und sagte dir dadurch selbst, daß du um Seinetwillen Vieles würdest zu leiden haben. 4. Bei einer Tugend, die keinen Widerspruch, keine Verfolgung von der Welt zu ertragen hat, ist sehr zu fürchten, daß sie keine wahre Tugend sei. Es ist der Antheil der Diener Gottes, daß sie dem Himmel überaus geliebt, der Welt hingegen überaus verhaßt sind. Allein welch ein reicher Quell der Geduld und sogar des Trostes ist der Ausspruch:»Der Jünger ist nicht über den Meister; haben sie Jesum verfolgt, so werden sie auch mich verfolgen!«(Joh. i5.) Ich leide wie Jesus und mit Jesu. Er ist mein Vorbild; Er wird meine Stärke, Er wird meine Belohnung seyn! Der Diener. 5. Aber eine andere Art Leiden, 0 Königinn der Heiligen, war, mehr als jedem Heiligen dir vorbehalten. Wie namenlose Schmerzen erweckte nicht die heilige Sehnsucht in dir, mit deinem göttlichen Sohne im Himmel vereint zu werden! Ein beständiger Tod war es für dich, nicht zu sterben, und auf solche Weise von dem einzigen, so gerecht und so zart geliebten Ziele deines glühendsten Verlangens getrennt zu seyn! Dein einziger Trost in dieser Verbannung war die tägliche Communion; denn»alle Gläubigen har- reten cinmüthig in der Brotbrechung und im Gebet.« Nachf. Mar. i-. 258 (Apost. 2.) Da aber deine Liebe die Liebe Aller ohne allen Vergleich übertraf, überstieg auch dein Trost in dieser heiligen Vereinigung mit deinem göttlichen Sohne alle sterblichen Begriffe; entstammte jedoch deine heilige Sehnsucht noch feuriger. Maria. 6. Also ist es mein Sohn; täglich schöpfte ich in der Commnnion neue Kräfte, die lange Dauer und die Traurigkeit meiner Verbannung zu ertragen. O süße Stunden, wo Derjenige abermal meinem Innern innewohnte, den ich neun Monate hindurch in meinem Schooße getragen, und mit dem ich so glückselig gewesen war, eine so lange Reihe Jahre zu wohnen! Zu solcher Zeit flehte ich mit immer lebendigerer Sehnsucht diesen Vielgeliebten meiner Seele an, daß Er mir zeigte, wo Er im ewigen Mittage ruhte und seiner Siege sich erfreute.(Höh. L. i.) Dort beschwor ich Ihn, den Augenblick zu beschleunigen, wo ich Ihn ohne Schleier besitzen und der Glückseligkeit, Seiner zu genießen, ewig mich erfreuen würde. 7. Indessen betete ich den Willen Gottes an und zog die Erfüllung desselben meinen Begierden vor; die Commnnion aber war mein Trost und meine Kraft in den beständigen Kämpfen, die ich zu bestehen hatte. Denn da ich in meiner Seele ohne Unterlaß das feurigste Aufstreben nach dem Himmel empfand, »7 259 mußte meine Unterwerfung die Ungestüme meiner freudigen Entzückungen mildern und anhalten. Ach, mein Sohn, wie kann man je Liebe eine Liebe nennen, welcher bei der Abwesenheit des Geliebten wohl geschieht; welche Gott täglich bittet, daß sein Reich komme, und dessen ungeachtet kein Verlangen nach der Ankunft desselben hat! 6. Eine Seele die Jesum aus ganzem Herzen liebt, gäbe indessen, ungeachtet des natürlichen Schauders vor dem Tode, was immer sie Theures in dieser Welt besitzen mag, mit Freuden hin, um sich mit Jesu im Himmel zu vereinigen. Entfernt von ihrem Gott, schmachtet sie und seufzt und ruft in oftmaligen Ausbrüchen ihrer Liebe mit dem Propheten:»Ach, wie lange dauert meine Verbannung! Wann werde ich kommen und vor dem Angesichte Gottes erscheinen!«(Ps. 41.) Diese Zögerung fällt einer wahrhaft christlichen Seele überaus schmerzlich; es ist für sie die härteste Probe; die einzige Linderung aber, die sie in ihrer Pein findet, besteht in der Unterwerfung in den göttlichen Willen und in dem oftmaligen Empfang des Frohnleichnams ihres göttlichen Herrn. Unter dem Schleier der sacramentalischen Gestalten sucht ihr Vielgeliebter, der in dem Sakramente seiner Liebe eben so wahrhaft als im Himmel zugegen ist, sie heim und spricht zu ihrem Innern. Ihre Herzen sind auf die innigste Weise vereint. Es ist noch um eine kurze Zeit, und es wird 280 i der Schleier gehoben, und zeigen wird sich dann Jesus wie Er ist!«(i. Joh. 3.) Sechzehntes Capitel. Von der Vorbereitung zum Tode. 1. Das ganze Leben der allerseligsten Jungfrau war eine unablässige Vorbereitung zum Tode. Wer aber ermißt die großen Verdienste, die sie in einem Alter von sechzig Jahren und darüber erwarb, welche sie sämmtlich in der Übung der göttlichen Liebe verlebte! Ihre Liebe zu Gott nahm mit jedem Augenblicke zu und war bei ihrem Tode so vollkommen, daß sie nicht sowohl aus Ohnmacht der Natur, als aus der gewaltigsten Entzückung der Liebe sich auflöste- 2. Ahme dieser Jungfrau nach und weihe, gleich ihr, Gott alle Augenblicke eines Lebens, das Er dir nicht gegeben hat, damit du in dieser Weltreich, oder geehrt, hochgeachtet oder gepriesen würdest, sondern damit du Ihm dientest und in seinem Dienste die Krone der Unsterblichkeit erlangtest. Wenn du auch allen Reichthum der Welt besaßest und über alle Völker des ganzen Erdkreises herrschtest: was bliebe von allem diesem dir im Tode? Gewaltsam wirst du Alles verlassen, und Alles wird dich verlassen! Kein anderes Gut bleibt dem Menschen ber seinem Tode als Jenes, das er während seines Lebens Gottes wegen gethan hatt 261 Z. Werde auf Unkosten so Vieler klug, die erst am Ende ihres Lebens des Todes gedenken und mit der bittersten Reue sterben, baß sie nur einige Tage, ja vielleicht nur einige Stunden an das Geschäft ihres Heiles wendeten, für welches die Arbeit eines ganzen Lebens kaum genügt. »Die Menge der Thoren ist zahllos;« spricht die Schrift.(Eccles. i.) Die meisten Menschen gleichen Reisenden, die nicht früher Vorkehrungen zu ihrer Reise treffen als bis der Augenblick des Aufbruchs erscheint. Ähnlich sind sie einem Verbrecher, der seine» Richter beschimpfte und beleidigte, da derselbe eben im Begriff ist, ihm das Urtheil zu sprechen; oder der Plane zu Belustigungen entwerfen wollte, wenn er so eben zu dem Blutgerüste geführt werden soll. 4. Bringe dein Leben in dem Gedanken zu, daß dasselbe zu Ende geht; und du wirst dein Herz nicht daran heften; verlebe deine Tage in dem Gedanken, daß die endlose Ewigkeit darauf folgt, und du wirst sie christlich verleben. Viele weichen dem Gedanken an den Tod aus, weil sie denselben fürchten. Will man aber den Tod nicht fürchten, so ist das sicherste Mittel, desselben oft zu gedenken und sich fortwährend darauf vorzubereiten. 5. Ein heiliges Leben versüßt den Gedanken an den Tod; und der Gedanke an den Tod trägt zu einem heiligen Leben nicht wenig bei. Sieh dich vor, daß nicht was heute dich erfreut. 262 im Tode dich bitter betrübe. Willst du Trost im Tode finden, so sei die Tugend die Freude deines Lebens. Wenn du heute oder morgen sterben müßtest: wärest du bereit, vor deinem Richter zu erscheinen? Welche Buße hast du gethan? Was für Verdienste hast du gesammelt? So verwende denn die Tage, die dir noch erübrigen, zu deinem Heile. Du kannst die verflossene Zeit nicht zurückrufen; doch kannst du dieselbe ersetzen; und Gott verlängert sogar dein Leben in dieser Absicht. 6. Wirst du noch lange leben, oder aber wirst du nach wenigen Tagen sterben? Dieß ist dir unbewußt. Wisse jedoch wenigstens, daß du, wie der Herr spricht,»zu einer Stunde sterben wirst, wo du dessen nicht gedenkest!« Wenn man jede Stunde sterben kann, so soll man denn auch jede Stunde dazu bereit seyn, und sich tief innig zu Gemüthe führen, daß der Tod für die ganze Ewigkeit entscheidet. 7. Danke dem Herrn für die Zeit, die Er dir noch läßt, um dich vorzubereiten, und rufe die allcrseligste Jungfrau an, daß sie die Gnade dir erflehe, diese dir verliehene Zeit heilig zu verwenden. Heilig aber wirst du sie verwenden, wenn du alle deine Werke also vollbringest, als ob jedes das letzte deines Lebens seyn sollte. 8. Wer heilig sterben will, der muß im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe leben. Er- 263 wecke oftmals Acte dieser Tugenden in deinem Leben; sie seien deine vorzüglichste Vorbereitung zum Tode. Bedenke wohl, daß man im Tode kaum Tugendacte erwecken kann, wofern man während des Lebens sich nicht in denselben übte. Siebenzehntes Capitel. Bon dem sanften Tode der Gerechten. Der Diener. i. Begreifen müßte man, o jungfräuliche Mutter Gottes, die Liebe, mit welcher Jesus dich liebte, um einiger Maßen die unaussprechlichen Wonnen sich zu denken, mit welchen Er deine heilige Seele bei deinem Tode überströmte. Begreifen auch müßte man, wie unaussprechlich du Jesum liebtest, um einigen Begriff von den heiligen und feurigen Entzückungen deiner Seele in diesem glückseligen Augenblick zu hegen, der mit dem einzigen Gegenstände deiner Liebe dich auf ewig vereinigen sollte. Mit so süßer und lieblicher Ruhe verhauchtest du deinen letzten Seufzer, als entschliefest du in dem süßesten Schlummer. 2. Was auch hätte je bei ihrem Tode die Heiligste der Jungfrauen fürchten können, die einzig für Gott gelebt, und nur göttliche Dinge hoch geachtet hatte? Von wannen hätte die geringste Furcht ihr 264 kommen können, die auf Erden keine Glückseligkeit außer in Gott gesucht, und deren ganzes Streben dahin gezielt hatte. Ihm zu gefallen? Maria. 3. Mein Sohn, wenn du an dem Tage, wo es gilt, dieß Leben zu verlassen, an den lieblichen und heiligen Wonnen meines Todes Antheil erhalten willst, so setze deine Glückseligkeit nicht in Güter dieser Welt. »O möchte ich des Todes der Gerechten sterben!«(Num. 23.) Dieß ist das Gebet jeder christlichen Seele; doch wenige sind von den Gütern dieser Welt so sehr entfesselt und verachten dieselben so sehr als die Gerechten sie verachteten. Ob auch für den Himmel erschaffen, sind die Meisten nur auf irdische Dinge bedacht; wie also können sie am Tage, wo sie die Erde verlassen müssen, die Hoffnung hegen, in den Himmel zu kommen? Jesus theilt seine Glückseligkeit nach diesem Leben nur mit Jenen, deren Glückseligkeit in diesem Leben seine Liebe war. 4. Wie trostreich ist der Stand eines Gerechten, dem am Ende einer, mit Versuchungen und Leiden erfüllten Laufbahn ein friedliches Gewissen Zeugniß gibt! Indeß bei seinem Tode, der Sünder in Jesu nur einen unerbittlichen Richter sieht, betrachtet der Gerechte Ihn als einen höchst gütigen und liebreichen Vater. 265 Er sündigte wohl auch in seinem Leben; vielleicht sogar oft und schwer. Doch wartete er die Todesstunde nicht ab, Buße für seine Sünden zu thun. Zudem auch ist das Opfer seines Lebens, das er großmüthig darbringt und im Geiste mit dem Opfer des Kreuzes vereint, sehr geeignet, ihm die größte Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit einzuflößen. Seit dem Tage, wo er Gott gänzlich sich weihte, stritt er mit standhafter Treue für Ihn. Was also kann er erwarten außer die Krone der Gerechtigkeit? 5. O wie erfreulich wird es bei Annäherung des Todes dir seyn, mein Sohn, wenn du nach dem Beispiele Jesu sagen kannst:»Ich verlasse die Welt und gehe zum Vater!«(Joh. i5.) Ich gehe, das Erbe in Empfang zu nehmen, das Er mir bestimmt hat! »Vater, ich habe Dich verherrlicht auf Erden; ich habe das Werk vollbracht, das Du mir gegeben hattest; vcrherliche mich jetzt!« Gib mir Antheil an der Herrlichkeit, die deine Huld mir verheißen hat. 6. Wer die Lampe bereit hält, der fürchtet nicht, die Worte zu hören:»Sieh, der Bräutigam kommt, gehet hinaus. Ihm entgegen!«(Matth. 25.) Im Tode zumal zeigt Jesus, Denen die Ihn liebten, wie lieblich Er in Wahrheit ist. Wenn während seines Lebens ein Herz Ihn einzig und mit zartester Liebe liebte, dann gestattet 266 Er nimmermehr, daß dasselbe im Tode in dieser Liebe nachlasse. Vielmehr vcrähnlichet Er dasselbe durch seine Gnade einer Fakel, die bei ihrem Erlöschen um so lebendiger aufflammt. Lebe also in aufrichtiger Liebe und du wirst in feuriger Liebe sterben. Der Diener. 7. Die Kostbarste aller Gnaden, 0 heilige Mutter der Christenheit, nach welcher ich verlangen und die ich von der Güte Gottes erhalten könnte, ist in Gesinnungen zu sterben, die den deinigen gleichförmig sind! Ein Leben das in der Liebe, von der Liebe und für die Liebe verlebt ward, und aus Liebe sich auflöst, wahrlich ein solches Leben erweckt die süßeste Lust in den Herzen der Gerechten. Dieß ist mein höchstes und sehnlichstes Verlangen. Ist es aber auch wohl einem so großen Sünder als ich erlaubt, sein Verlangen so hoch zu erheben? Doch ich flehe zu dir, erbitte mir wenigstens von Jesu, der mich so sehr geliebt hat, die Gnade, einigen Antheil an diesem Tode aus Liebe zu erhalten. 8. O Glückseligkeit! 0 höchstes Heil, das dem Herzen widerfahren kann: in so großer Liebe zu Jesu zu sterben, daß der letzte Athemzug ein Seufzer der Liebe für Ihn sei! O Jesu, mein Erlöser und mein Gott, verleihe mir diese höchste aller Gnaden? Ich bitte Dich da- 267 rum durch die unendliche Liebe, mit welcher dein göttliches Herz mich liebt; und durch die gränzenlose Liebe, mit welcher das Herz deiner heiligen Mutter Dich geliebt hat! Achtzehntes Capitel. Bon der heiligen Sehnsucht nach dem Tode. Der Diener. 1. Die ganze Zeit, die du, o allerseligste Jungfrau, nach der Himmelfahrt deines göttlichen Sohnes noch auf Erden dich aufhieltest, war dir eine Zeit wehmüthiger Seufzer! Du verzehrtest dich allmälig in den reinsten Flammender göttlichen Liebe; doch verzehrtest du deiner Neigung nach, dich viel zu langsam. 2. Ach, zu sehr ist mein Herz an diese Erde gefesselt, als daß es den Stand der heiligen Sehnsucht sich denken könnte, in welcher du bis zum letzten Augenblick deines Lebens schmachtetest! Wenn ich es kaum vermag, die Sehnsucht jenes heiligen Königes zu erfassen, der da ausrief:»Wehe mir daß meine Verbannung verlängert ward!« noch auch die Sehnsucht des Apostels, der da verlangte, aufgelöst zu werden und bei Christo zu seyn: wie werde ich je die deinige erfassen? Wäre mein Herz von einigen Funken jener heiligen Liebesflammen entzündet, von welchen das deinige brannte, o wie verächtlich würde dann 268 die Erde mich bedüuken, und m wie feurige Seufzer würde ich bei dem Anblick des Himmels au§- brechen! Wornach kann je ein Herz voll der Liebe zu Jesu auf Erden sich sehnen, als nach dem Besitze Jesu selbst? Würden auch alle Güter dieser Welt mir angeboten, mich über alle Menschen zu beglücken, müßte ich nicht immerhin sagen:»das Beste für mich ist, zu sterben und bei Jesu zu seyn?« Was sind alle Güter der Welt für eine Seele, die Jesum kennt und liebt? Jesus ist das allerhöchste Gut; Jesus allein faßt alle Güter in sich. /j. Wie lieblich ist es, mit Jesu zu seyn! Er ist der gütigste Vater, der zärtlichste Freund, der freigebigste Herr, der liebreichste Erlöser. Die Gegenwart Jesu, seine innige und ewige Liebe ist ein Gut, das alle denkbaren Güter unendlich aufwiegt. 5. O würde doch der glückselige Aufenthalt, wo Jesus wohnt, meiner Sehnsucht bald aufgethan! denn mir JesuS kann dieselbe vollauf stillen. Wahr ist's freilich, daß ich, wenn einer Seitö mein Verlangen nach dem Tode zielt, damit ich mit Ihm vereint werde, dennoch anderer SeitS fürchte, vor dem Richterstuhl meines Richters zu erscheinen. Doch ich hoffe auf die Barmherzigkeit meines Erlösers und auf deine heilige und wirksame Fürsprache, v meine mütterliche Beschützerinn! 2« 9 Maria. 6. Fasse gute und feste Hoffnung, mein Sohn! denn ist auch Jesus ein strenger Richter, so ist Er doch dabei ein überaus gütiger Erlöser. Bewahre die Furcht vor seinen Gerichten in dir; doch soll deine Hoffnung und Liebe die Furcht übertreffen. Fürchte; aber liebe noch mehr! Wie auch könntest du Jesu deine Liebe besser als dadurch bezeugen, daß du wünschest. Ihn bald in seiner großen Hcrr- lichkeit zu sehen, und die Erde zu verlassen, wo es so leicht ist, von der Treue zu weichen, die Ihm gebührt. 7. Wenn du von diesem liebenden Gefühl durchdrungen bist, dann, mein Sohn, sei versichert, daß Gott zur Zeit deines Todes gegen deine Feinde dich vertheidigen wird. Ich selbst auch werde dann seinen Beistand für dich erflehen; denn zu jeder Zeit wache ich über meine Kinder, ganz besonders aber in ihrer Todesstunde. Neunzehntes Capitel. Von der Liebe Gottes. Der Diener. i. Du starbst also, 0 jungfräuliche Mutter Jesu, als ein Brandopfer der göttlichen Liebe; und diese göttliche Liebe verzehrte durch die Gluth ihrer 27<> heiligen Flammen das Opfer, das sie seit so vielen Jahrhunderten sich bereitet hatte. Eine, gegen Gott so großmüthige, seinem Willen so vollkommen unterworfene, so getreue und so heilige Seele konnte auch nur auf solche Weise von ihrem Körper gelöst werden. Ich staune nicht darüber, daß du vor Liebe dich auflöstest, wohl aber darüber, daß die Lebendigkeit und die fortwährenden Entzückungen deiner Liebe deinem heiligen Leben nicht früher ein Ende machten. 2. Rein und fleckenlos aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen, wähltest du, alsbald du Ihn erkanntest, seine göttliche Liebe zu deinem einzigen Ziele; und dein Herz lebte und nährte sich auch nur mit der Gluth der Flammen, die dasselbe durchdrängen. Während deines ganzen Lebenslaufes kanntest du keine andere, als diese Liebe. Alle deine Gedanken, Empfindungen, Worte und Werke, alle deine Furcht, Hoffnung, Freude und Traurigkeit, ja Alles in dir bezog sich darauf. 3. Voll dieser Liebe waren die Heiligen; doch dein Herz faßte die Fülle der Liebe selbst in sich; glühend lieben die Seraphim, doch gegen dieß hochgewaltige Feuer ist ihre Liebe nur ein schwacher Funke. O»Mutter der schönen Liebe!«(Eccli. 14.) geliebt haben wie du und lieben wie du müßte, wer da sagen und erklären wollte, wie sehr du liebtest! 27 l Ach, du stürbest aus Liebe, und wir leben nicht einmal aus Liebe; und arbeiten auch nicht daran, daß wir die Glückseligkeit erlangen, wenigstens in der Liebe zu sterben! Marr a. 4. Womit beschäftigest du dich, mein Sohn, in dieser Welt, wenn du nicht mit dem Einzigen dich beschäftigest, weswegen du erschaffen wurdest? Ihn zu lieben erschuf dich Gott! O Thorheit der Menschen, die ihr Herz jeder andern Liebe hingeben, derjenigen allein ausgenommen, die sie zeitlich und ewig beseligen kann! 5. Mein Sohn, wirf diese unglückselige Lauig- keit ab, die auf dem Wege der göttlichen Liebe dich aufhält! Kaum hast du noch wenige Schritte darauf gethan. Du fürchtest, es werde dich Opfer kosten; aber Niemand liebt, ohne Opfer zu bringen. Sehr verdächtig ist die Liebe, die sich nur dann erklärt, wenn es für den geliebten Gegenstand nichts zu leiden gibt. 6. Hocherhabcn und großmüthig muß deine Liebe seyn; bereit, lieber alle Güter als die Gnade Gottes zu verlieren; bereit, lieber alle Übel zu er tragen als die geringste Sünde zu begehen. Wenn einmal dein Wille von der Liebe sich gewinnen läßt, dann wird dich nichts unmöglich bc- dünken.»Stark wie der Tod ist die Liebe,«(Höh. L. 8.) und kennt keine Schwierigkeiten. Sieh, du hast Fehler zu bessern und Sinne zu 272 bezähmen; liebe, und die Liebe wird diese Arbeit auf sich nehmen und sie in kurzer Zeit vollbringen. 7. Liebe nur was Gott liebt; und liebest du ja noch irgend Etwas mit Ihm, so liebe dasselbe wie Gott will, daß solches geliebt werde. Gott allein muß in Allem gefallen was da gefällt. Die wahre Liebe besteht in einer vollkommnen Gleichgültigkeit gegen Alles was nicht Gott ist. Sie sucht nur Ihn und verlangt in allen Dingen nach Ihm. Mein Sohn, glücklich wirst du unter der Herrschaft dieser Liebe seyn. Je länger du darunter lebest, um so länger wirst du darunter leben wollen. Zwar wird es in ihren Fesseln dir nicht an Leiden fehlen; doch würde es dir sehr leid seyn, wenn du nicht ihr Leibeigener wärest. Diese Liebe sei dein Schatz; und finden wirst du, daß sie, selbst im größten Mangel an Gütern dieses Lebens, Ersatz für alle Güter ist. 8. Aber ganz besonders im Tode empfindet der Mensch, wie glücklich er war, daß er von ihren Antrieben sich leiten ließ. Der Tod, diese Zeit der Unruhen und Ängsten für die meisten Menschen, ist für eine Seele voll dieser Liebe, die Zeit des süßesten Trostes und Friedens. So gib dich denn der göttlichen Liebe hin und überlaß dich ihrer Leitung. Sie sei deine Triebfeder und dein Element. Strebe dahin, daß du Alles aus Liebe thuest! 273 Der Diener. 9. Deine Worte, 0 erlauchte Jungfrau, erwecken ein gewaltiges Verlangen in mir, künftig nur diese göttliche Liebe zur Führerinn zu nehmen. Ach, da mein Herz Gott Freude gewähren kann, soll es fortan nicht mehr mir noch den Geschöpfen angehören; gänzlich schenke und weihe ich Ihm dasselbe. Diese Sehnsucht ist eine Wirkung deiner heiligen Fürbitte, die Gottes Gnade mir erflehte; denn ohne diesen göttlichen Beistand vermag ich es nicht. Ihn zu lieben. 10. Ja, ohne diesen nämlichen Beistand vermag ich es auch nicht, Ihn gehörig zu lieben, noch in dieser Liebe auszuharren. O bitte ohne Unterlaß für mich, daß diese Liebe beständig mich begleite! Indessen zittre ich dennoch, weil ich meine Unbeständigkeit kenne und fürchte. Du aber, die du sie erkennest und sie mir so gerecht verweisest, sei durch deinen buldreichen Schutz meine Stütze und meine Kraft. 11. Fort mit euch verächtliche und vergängliche Dinge dieser Welt; ihr seid der Tod meines Herzens! Leben endlich will dieß Herz; wie aber, Herr mein Gott, könnte es je leben ohne deine Liebe! Mögen immerhin die Geschöpfe klagen, daß ich sie verlasse; sie haben unter dem Anschein schmeichelnder Gefälligkeiten und Dienste meines wahren Glückes mich beraubt. Verfolgen will ich sie durch Nachf, Mar., g 274 meine Verachtung, bis sie es nicht mehr versuchen, meine Liebe zu stören. 12. O gebenedeite Jungfrau, du Vorbild voll- kommner Liebe, nachahmen will ich fortan das heilige Leben der Liebe, das du auf Erden führtest und auch nun mit den Heiligen im Himmel führest; lieben will ich einzig meinen Gott, in der gerechten Hoffnung, in seiner Liebe zu sterben und Ihn ewig zu lieben! Zwanzigstes Capitel. Lon der Herrlichkeit des Himmels, die uns zur Belohnung verheißen ward. Der Diener. 1. Allerseligste Jungfrau, mit dem Blick stiller Betrachtung blicke ich auf zu dir in die heiligen Höhen, wo du nun im Besitz der Glorie thronest, die der Allerhöchste deinen Tugenden und Verdiensten bereitet hatte! O wann werde ich Zeuge dieser Herrlichkeit seyn! wann dieselbe mit den Engeln schauen und den Glanz derselben bewundern! Wann werde ich vereint mit ihren wunderbaren Lobgesängcn, deine Verdienste feiern und das Lob singen, das dir, o Jungfrau, gebührt! 2. Die hohe und glänzende Stufe der Glorie, zu welcher du im Himmel erhoben wurdest, ist nicht eine bloße Auszeichnung, mit welcher Jesus dich als 275 seine wahre Mutter verehren wollte; sie gebührte Allein was du gethan hattest, der Wahl und den Absichten Gottes zu entsprechen. Nein, nimmermehr glänztest du nun auf dieser erstaunlichen Höhe, wenn die göttliche Mutterschaft blos ein unfruchtbarer Ehrenname bei dir gewesen wäre, und du nicht durch getreue Nachahmung seiner göttlichen Tugenden, die vollkommenste Ähnlichkeit mit Ihm gehabt hättest. Die Heiligkeit deines Lebens war dein vorzüglichstes Verdienst in den Augen des Gottes aller Heiligkeit. Maria. 3. Mein Sohn, Niemand geht in den Himmel ein, wofern er nicht früher auf Erden sich heiligte. Weder dem Rang, noch dem Reichthum, noch den Talenten bewilligt Gott den Eintritt in den Aufenthalt der Seligkeit; sondern dem heiligen Ge, brauche, den der Mensch von diesen Gütern gemacht, und den Verdiensten, die er im Leben erworben hat. »Bei Gott ist kein Ansehen der Personen. Er wird einem Jeglichen je nach seinen Werken vergelten.«(Ephes. 6. Röm. 2.) Die Seelen, die nun im himmlischen Reiche am höchsten erhoben sind, waren einst auf Erden die tugendhaftesten und die vollkommensten. 4. Gott urtheilt weit anders denn die Menschen. Diese beurtheilen meist nur den Schein und 18* 278 die Außenseite; Er allein würdigt das Verdienst und die Tugend nach Gebühr.... Große Belohnungen bestimmt Er dir; allem Er will, daß du dieselben verdienest. Er bereitet und spendet dir, damit du sie verdienest, Gnaden und Hilfe; verwendest du solche wohl, so wird Er seine Verheißungen erfüllen. Allerdings zwar wird Er seine eigenen Gaben in dir krönen, doch wird Er zugleich deine Tugenden und guten Werke belohnen. Er zeichnet sehr genau auf was für Ihn gethan wird, und läßt auch einen Becher kalten Wassers nicht ohne Belohnung hingehen. 5. Wie trostreich muß es für dich seyn, mem Sohn, für einen so gütigen, so freigebigen und so großmüthigen Herrn zu arbeiten! Die Welt, der man so sehr zu gefallen sucht, belohnt ihre Diener schlecht; du aber kannst in Wahrheit sagen:„Ich weiß, wem ich vertraut babe; und bin gewiß, daß der Schatz meiner guten Werke nicht verloren geht« aus den Händen des Herrn dem ich diene.... Ich erwarte von seiner Barmherzigkeit eine ewige Krone, und um so glänzender und glorreicher wird dieselbe seyn als meine Treue pünktlicher und standhafter seyn wird.- 6. So prüfe denn nun dich selbst und sieh, was du thust, den Preis zu erringen, der dir vorgesetzt wird.. Wo sind deine Siege? wo deine guten Werke. 277 Was für Tugenden übest du? das heißt welche Verdienste wirst du vor den Richterstuhl Gottes mitbringen? Der Diener. 7. Ach, nicht ohne die größte Beschämung kann ick des Wenigen gedenken, das ich bis nun gethan habe, die Belohnungen des Himmels zu verdienen! Mari a. 8. Werde darum nicht kleinmüthig, mein Sohn, noch liegt es in deiner Macht, sie zu verdienen. Die Gnade spricht zu dir; sie drängt dich; sei ihrer Stimme getreu! Der Diener. 9. Endlich trete ich durch deinen Schutz aus der Unthätigkeit, in welcher ich bis nun lebte. Streben also will ich mit deiner Hilfe, die unfruchtbaren Jahre, die ich zu beweinen habe, durch meinen Eifer zu ersetzen. O wie reichlich wäre alle Wachsamkeit, alle Thränen, alle Demuth, Abtödtung und Geduld nur durch einige wenige Augenblicke der Seligkeit belohnt, welche die Heiligen auf ewig mit ihrem Gott und Herrn theilen! Wie sehr aber verdient zumal der Herr, dem ich verpflichtet bin, zu dienen, an und für sich selbst, daß ich dahin strebe. Ihm zu gefallen! Und dienen will ich Ihm, und Alles aufbieten, Ihm wohlzugefallen; und zwar mehr um Seiner selbst willen als wegen der unendlichen Güter, die Er meiner Treue verheißt. Viertes Buch. Von der Verehrung, Liebe und dem Vertrauen, das wir gegen die allerseligste Jungfrau haben sollen. Erstes Capitel. Bon den erhabenen Vorzügen der Mutter Gottes. Der Diener. i. 88ie groß immer unsre Begriffe von deiner Erhabenheit sind, o allerseligste Jungfrau, reichen sie dennoch nimmermehr an deine Größe und Erhabenheit! Denn immer übersteigt dieselbe alle Gedanken, zu welchen wir in dieser Sterblichkeit uns erheben können. Wer würdig von dir sprechen wollte, der müßte begreifen was nach Gott das Erhabenste, das Wunderbarste an Gnade, an Vollkommenheit, an Macht und Herrlichkeit ist. Von Dir ward Jlesus geboren' Der Evangelist, der uns diese Wahrheit lehrt, verbreitete sich nicht weiter über dein Lob. Denn dieser einzige Ausspruch genügt, eine unerschütterliche Grundve- ste zu allen Lobsprüchen zu legen, die je dir können gegeben werden. 2. Deine Würde als Mutter Gottes faßt nichts weniger als eine Art Verwandtschaft mit dem Allerhöchsten in sich, mit dem du Einen und denselben Sohn gemein hast! Und deine hochheilige Mutterschaft kommt der Gottheit so nahe als je ein bloßes Geschöpf derselben nahe kommen kann. 282 Durch diese wunderbare Würde wurdest du zur Tochter des ewigen Vaters, zur Mutter seines eingeborenen Sohnes, zur Braut des Heiligen Geistes erhoben, und bist als solche fürwahr die Königinn des Himmels und des Weltalls. Wer da spricht: Aesus ward aus Maria geboren, der spricht: Maria erkennt nur Gott allein über sich. 3. O jungfräuliche Gottesgebärerinn, Derjenige aus den Engeln, der alle übrigen Engel an Gnade und an Vollkommenheit übertrifft, kann nur unter deine Diener sich reihen; so groß ist der Abstand zwischen dir und ihm. Deine Größe ist nach der Größe deines Sohnes zu ermessen, die nothwendig auf dich selbst zurückstrahlt. Aus der Erhabenheit des Sohnes wird die Mutter erkannt. 4. Leicht wird es begreiflich, daß deine erhabene Würde als Mutter des eingeborenen Sohnes Gottes, der Quell der Gnaden ist, mit welchen Gottes Wohlgefallen dich begabte; und woraus alle Vorzüge und alle besondern Ehren fließen, durch die Er vor allen Geschöpfen dich auszeichnete. Dadurch auch hast du eine Art Herrschaft über alle Schätze der Gnaden, worüber Jesus Herr ist, und die unumschränkte Gewalt der Fürbitte bei Ihm. 5. Begreiflich wird dadurch ferner, daß gewisse allgemeine Gesetze, die als Strafen der ersten Sünde verhängt wurden, die Mutter unseres Gottes nicht angehen sollten; da sie, die lieblichste und geliebte- 283 fte Mutter in dem ewigen Rathschlufse bestimmt war. Ihn zu gebären. Du gabst Gott das Gewand und das Leben, in welchen Er uns erlöste, und verdientest dadurch den Namen einer Mittlerinn unsres Heiles; ob auch im eigentlichen und vollen Sinne des Wortes dein göttlicher Sohn allein der Mittler zwischen Gott und den Menschen ist. Wer aber begreift je die ganze Erhabenheit deiner Würde! So hoch erhaben ist Alles an der Mutter Gottes, daß die Seraphim selbst darüber erstaunen. 6. Du selbst, o glorreiche Jungfrau, faßtest bei deinem Besuche in dem Hause deiner heiligen Muhme Elisabeth alles was Gott für dich gethan hatte, in die Worte zusammen: Große Dinge hat der Allmächtige an mir gethan!« Ja die Kirche selbst, ungeachtet ihrer großen Liebe zu dir und ihres Eifers für deine Ehre, bekennt, wo sie betrachtet,»daß du in deinem Schooße Denjenigen getragen hast, den die Himmel selbst nicht erfassen können,« gleichsam nothgedrungen,»sie wisse nicht, mit welchem Lobe sie dich erheben soll.« O heilige und wunderbare Mutter meines Gottes, durchdrungen fühle ich mich in deiner Gegenwart, bis auf den Grund meiner Seele, von heiligem Schrecken und Ehrfurcht, und sinke bei dem Anblick deiner Größe und Erhabenheit gleichsam vernichtet zu deinen Füßen! 284 Zweites Capitel. Züge der Ähnlichkeit zwischen Jesu und Maria. Der Diener. 1. Wenn ich, o glorreiche Mutter meines Herrn, deine Geburt, dein Leben, deinen Tod und deine Glorie im Himmel betrachte, so leuchten mir zwischen Jesu und dir Zuge der Ähnlichkeit entgegen, die mein Herz wundersam erfreuen. Vereint wurdest du deinem Sohne in den ewigen Rathschlüssen der göttlichen Vorsehung.«Gott besaß mich im Anbeginn seiner Wege,« spricht die ewige Weisheit in den heiligen Büchern.«Ich ins besondere ward auserkoren von Ewigkeit. Als Gott die Grnndvesten der Welt legte, da war ich in seinem Plan und in seinen Absichten.«(Weish. 8.) Diese Aussprüche gelten Jesu, der ewigen Weisheit des Vaters; doch wendet die heilige Kirche sie auch auf dich an. 2. Wie viele Verheißungen und göttliche Aussprüche, wie viele Vor- und Sinnbilder im alten Bunde, die Jesum vorherverkündigen, verkündigen dich zugleich mit Ihm! Unsündlich war Jesus durch seine Natur, du aber, die du durch die Gnade von der erblichen Schuld befreit wurdest, wärest frei von jeder, selbst der geringsten wirklichen Sünde. Das Wort Gottes in deinem keuschesten Schoo- W5 ße war ganze neun Monate hindurch auf gewisse Weise Eins mit dir. 3. Während seiner Kindheit nährtest du Ihn mit deiner eigenen Substanz, die seine Nahrung war. In seinem verborgenen Leben lebte Er dreißig Jahre bei dir, und hatte einerlei Wohnung, einerlei Speise, einerlei Übungen und Gesinnungen mit dir. In seinem evangelischen Leben theiltest du so sehr nur möglich seine Arbeiten mit Ihm, in seinem leidenden Leben theiltest du Schmach und Erniedrigung mit Ihm. Jesus war der demüthigste, der Sanftmü- thigste, der Liebreichste, der Geduldigste aller Männer; du warst die Geduldigste, die Liebreichste, die Saustmüthigste, die Demüthigste aus dem ganzen Frauengeschlechte. So ähnlich hat Jesus dich durch die erhabensten Tugenden sich selbst gleichgebildet, daß du dadurch ein lebendiges Ebenbild Seiner selbst wurdest. Wie Jesus wärest du unverweslich im Grabe. Er erstand aus eigener Macht; du erstandest aus besonderem Vorzüge, den Er dir verlieben hatte. Du fuhrest gegen Himmel wie Er mit Leib und Seele. Er sitzt daselbst zur Rechten des Vaters; dein Thron aber ist zu des Sohnes Rechten. Jesus ist allmächtig durch sich selbst; du bist allmächtig durch deinen Sohn, der dich zur Ausspenderinn seiner Schätze bestellt hat. Er ist der Herr des Himmels und der Erde; du bist die Königinn der Engel und der Menschen. 286 5. Überall, wo Jesus angebetet wird, da wirst auch du verehrt; kein Herz heiligt sich seiner Liebe, das nicht auch dir gänzlich ergeben wäre; kein Tempel ward zu seiner Ehre errichtet, worin nicht auch ein Denkmahl zu deiner Ehre errichtet wäre. Unzertrennlich ist der süße Name Maria von dem süßen Namen Jesu in dem Munde und Herzen der wahren Gläubigen. Oft vereint die Kirche in ihren heiligen Tagzeiten dein Lob mit dem Lobe deines Sohnes. Sie feiert die Geheimnisse deines Lebens, wie sie die Geheimnisse seines Lebens feiert. Jesus ist»der König der Ewigkeit, der Urheber der Gnade, unser Fürsprecher bei dem Vater, der Gott der Erbarmungen, der Gott alles Trostes, das Licht der Welt;« wir aber nennen dich mit der heiligen Kirche»die Königinn der Welt, die Königinn des Himmels, unsre Fürsprecherinn, die Mutter der Gnade, die Mutter der Barmherzigkeit, die Trösterinn der Betrübten, den Stern, der während der Stürme in den Hafen des Heiles führt.« 6. Ewiger Dank sei Jesu, unserm Gott, daß Er alle Gnaden und Vorzüge dir verliehen hat, die es einem solchen Sohne geziemte, einer solchen Mutter zu verleihen! O allerseligfte Jungfrau, gehören diese Betrachtungen, die ich in deiner Gegenwart hielt, zu jenen, die am meisten zu deiner Verherrlichung gereichen, so gehören sie zugleich auch zu denen, die meinem 287 Herzen und allen Herzen, die dich lieben, die lüße- sten und erfreulichsten sind. Drittes Capitel. Von der Herrlichkeit der allerseligsten Jungfrau im Himmel, Der Diener. 1. Herrsche, o glorreiche Jungfrau, herrsche nun auf ewig im himmlischen Reiche über die Patriarchen, die du an Treue, über die Propheten und Apostel, die du an Eifer übertrafest! Herrsche über die Märtyrer, die du an Sündhaftigkeit, über die Jungfrauen, die du an Reinigkeit übertrafest; Über alle Gerechte, die du an Demuth, über alle Engel, die du an Gehorsam, über alle Seraphim, die du an Liebe übertrafest! 2. Ich bewundere und verehre dich auf deinem erhabenen und glänzenden Throne, wo du durch deine Macht bei Gott die Zuflucht der Sünder, die Stütze der Gerechten, die Hoffnung der Betrübten, die Hilfe der Volker bist! Mein Herz preiset den Herrn für diese unermeßliche Glorie, zu welcher Er dich erhoben hat, und an welcher nach seinem wohlgefälligen Willen dein keuschester Leib selbst noch vor der allgemeinen Auferstehung Antheil erhalten sollte. Es geziemte sich auf alle Weise, daß ein so keuscher Leib, worin Gott selbst die Menschheit an- 288 nehmen wollte, frei von aller Verwesung des Grabes wäre. 3. Wer aber vermag es je, diese Glorie zu erfassen?— Wenn das Auge es nicht gesehen, das Ohr es nie gehört und auch das Herz des Menschen es nie erfaßt hat, was Gott Denjenigen bereitet hat, die Ihn lieben: wie werden wir je erfassen was Er dir bereitet hatte, die du Ihn mehr denn alle vereinten Heiligen liebtest? Die Herrlichkeit, die du besitzest, entspricht nicht nur deiner hocherhabenen Würde, sondern auch der Größe deiner Verdienste. 4. Die Höhe dieser Glorie zu ermessen, darf man nur bedenken daß es seine eigene Mutter war, die Gott verherrlichte. Da aber bei den Heiligen das Maß ihrer Glorie nach dem Maß ihrer Verdienste bemessen wird, ward auch die Erhabenheit deiner Verherrlichung nach der Erhabenheit deiner Tugenden bemessen. Einen ganz eigenen Rang hast du im Himmel; eine ganz eigene und besondere Ehrenstufe hast du daselbst, die zwar unendlich tief unter Gott, aber auch hoch über alles erbaben ist was nicht Gott ist. 5. Es geziemte sich, daß Diejenige, welcher Gott die Macht gegeben batte, Ihm selbst zu befehlen, das Recht erhielte, den Engeln und Heiligen zu befehlen. Und o mit wie großem Liebeseifer erweisen sie dir um die Wette den Gehorsam und alle Ehre, die dir gebührt! Hocherfreut über deine Herrschergewalt, dienen sie dir mit so herzlicher Liebe, daß Gott selbst sein Wohlgefallen daran hat. Ohne Unterlaß preisen sie Gott für die besondern Vorzüge, die Er dir verliehen hat; ohne Unterlaß loben sie Ihn für die hocherhabenen Gaben der Glorie, mit welchen Er dich verherrlichet. 6. Und mit wie festlicher Freude und Fröhlichkeit loben sie dich selbst, o jungfräuliche Gottesge- bärerinn; mit wie großer Zartheit des Herzens liebt dich der ganze himmlische Hof! O wie sehr verlangen sie, daß du auf Erden eben so vollkommen erkannt werdest, als du es im Himmel bist, auf daß alle Herzen der Menschen dir gewonnen werden, und deine Verehrung allenthalben blühe! O liebliche Königinn der himmlischen Sion, werde ich je zur Glückseligkeit gelangen, das Lob deines gebenedeiten Sohnes und dein eigenes mit den Heiligen zu singen? Werde ich einst Theil erhalten an den unaussprechlichen Wonnen, die ewig dein Antheil sind? Maria. 7. Mein Sohn, in den Kämpfen dich zu ermutigen und zu stärken, die du bestehen mußt; und die Hindernisse zu überwinden, die deiner Seligkeit sich widersetzen, gedenke oft jener ewigen Güter, die Gott deinem Muth und deiner Standhaftigkeit bereitet. Rachf. Mar- >9 290 Bedenke oft, daß es einer Glorie gilt, die unendlich für alle Verachtung entschädiget, und einem Schatze, der unendlich alles Elend aufwiegt; Einer Ruhe, die alle Arbeit unendlich belohnt, und einem Troste der alle Leiden unendlich vergütet. Gleichwie nur Gott allein groß ist, also ertheilt auch nur Er allein große und wahrhafte Belohnungen. In der Hölle straft Er als Gott, und im Himmel belohnt Er als Gott. 8. O mein Sohn, wenn du das Geschäft deines Heiles glückselig vollbringest, dann wirst du Gott schauen, Gott besitzen und Gott lieben; und nie und nimmer wirst du ermüden. Ihn zu schauen, zu besitzen und zu lieben; weH Gott, ob Er auch hinsichtlich Seiner selbst immer der nämliche ist, dennoch hinsichtlich der glückseligen Himmelsbürger immer und ewig neu ist. In dem entzückenden Aufenthalt des Himmels ist ewig Freude ohne Schmerz, Ruhe ohne Störung, Friede ohne Furcht, Genuß ohne Überdruß. Dort ist kein anderer Wille, keine andere Liebe und Hcrzensneigung als Gott, der Alles in Allem ist. Alles finden sie dort in Ihm. Sie sind reich, mächtig, glückselig mit Ihm und wie Er. Diese Glückseligkeit zu erlangen, mein Sohn, arbeite und streite ohne Unterlaß. Sage nicht: Ich kämpfe schon so lange, ich habe bereits manche Siege gewonnen; genügt dieß etwa nicht?—„Denn nur wer ausharret bis aus Ende der wird selig werden!« 29 L Der Diener. 9. O allerscligste Jungfrau, nach Jesu meine Hoffnung und mein Leben, ersiehe mir Beharrlichkeit im Dienste Gottes, und zeige nach diesem Elende mir deinen gebenedeiten Sohn! Wenn schon die bloße Salbung seiner Gnade ein Vorgeschmack des Himmels ist, wodurch die Seele kostet, wie lieblich Er ist, was wird es erst seyn. Ihn selbst zu sehen und zu besitzen! Viertes Capitel. Von der Glückseligkeit des heiligen Johannes, welchem der Herr Maria zur Mutter gab; und daß alle Christen an dieser Glückseligkeit Antheil erhalten. Der Diener. i. O Mutter meines Erlösers, wie groß war die Glückseligkeit des heiligen Johannes, den der sterbende Jesus erwählte, die Stelle eines Sohnes bei dir zu vertreten! Er ward dein Sohn, du wurdest seine Mutter! Wohl wird dieser selige Apostel im Evangelium mit Recht»der Jünger genannt, den Jesus liebte!« Die standhafte Treue, mit welcher er Jesu anhing und Ihm bis auf den Calvarieuberg folgte, erwarb ihm diesen erhabenen Vorzug. Konnte sein göttlicher Meister im Tode ihm ein kostbareres Erbtheil hinterlassen? Aber mit wie großer Dankbarkeit auch empfing er dasselbe! 292 2. Wie tiefe Ehrfurcht, wie vollkommne Unterwerfung in deinen Willen und wie unablässige Sorgfalt erzeigte er gegen dich, der hohen Gnade zu entsprechen, deren Jesus ihn gewürdiget hatte! Und wie groß und zart war auch deine Güte gegen ihn! Zu jeder Stunde empfand er, wie glückselig er war, dich bei sich zu haben. O glückseliger Jünger Jesu, glückseliger Sohn der lieblichsten und heiligsten Mutter, gern würde ich dein Glück um alle Widerwärtigkeiten, deine Ehre um alle Demüthigungen, deinen Schatz um alle Kronen der Welt erkaufen! Maria. . 3. Der Jünger den Jesus liebte, war es nicht allein, der bei dem Tode Jesu mir zum Sohne gegeben ward. Als Jesus zu ihm sprach: Sieh, deine Mutter! und zu mir: Sieh deinen Sohn! Da stellte er dich und alle Christen vor. Und fürwahr, mein Sohn, mein Herz hegt für dich alle Gesinnungen der Liebe, die eine wahre Mutter für ihr geliebtes Kind hegen kann. Strebe nun gleich dem vielgeliebten Jünger dahin, daß du den Pflichten eines guten Sohnes entsprechest und mir in beständiger Treue anhängest. Beeifre dich zumal, die zärtliche Liebe deiner Mutter durch ein unschuldiges und heiliges Leben zu verdienen, das ihr zur Ehre gereiche. 293 Der Diener. 4- O hochgeliebte Mutter,»solch deiner jemals vergesse, soll meine rechte Hand vertrocknen; so ich deiner nicht immer gedenke, soll meine Zunge mir am Gaumen kleben!«(Ps. i36.) Wie große Glückseligkeit ist es für mich, daß die Mutter meines Herrn der Gnade mich würdige, auch meine Mutter zu seyn! Glückselig würde ich mich achten, wenn du auch nur unter deine geringsten Diener mich aufnehmen wolltest! Da du aber aus wunderbarer Güte den Mutternamen gegen mich annimmst, nehme und empfange ich mit süßester Freude und in größter Dankbarkeit meines Herzens den Namen deines Sohnes. 5. Glorreich ist der Name eines Kindes Maria. Diesen glorreichen Namen ziehe ich allen Titeln vor, welchen die Menschen mit größter Gier nachstreben. So lange Zeit hindurch war ich undankbar gegen meinen Gott; würdig bin ich aller Strafen, und verdiene fürwahr weder Verzeihung noch Gnade! Gleichwohl hoffe ich auf seine Barmherzigkeit; denn nimmer wird Er dieselbe deiner mütterlichen Fürbitte versagen. Als Mutter hast du dich erzeigt, als du die Gnade einer, wie es mich bedünkt, aufrichtigen Rückkehr zum Dienste Gottes mir erflehtest. O kröne deine heilige Mutterliebe dadurch, daß mir auch durch deine Fürbitte die Gnade der Beharrlichkeit verliehen werde. 294 6. Hege in deinem Herzen eine mütterliche Güte, die ihr Kind selbst dann zärtlich liebt, wenn es diese Liebe nicht verdient. Gewähre dir selbst, o geliebte Mutter, den Trost, von nun an einen Sohn in mir zu erblicken, der durch seine Treue gegen Jesus und dich, deiner liebreichen mütterlichen Zärtlichkeit nie und nimmer unwürdig werde! Fünftes Capitel. Bon der Liebe, die wir zur Mutter Gottes haben sollen. 1. Die Achtung, die Gott selbst für einen Gegenstand hegt, ist die einzige Richtschnur, nach welcher wir denselben sicher schätzen können. Seine Liebe muß die unwandelbare Regel der unsrigen seyn. Willst du wissen, was du von Maria denken und wie sehr du sie verehren und lieben sollst, so betrachte wie hoch Gott sie achtete und wie große Beweise der Liebe Er ihr gegeben hat. »Viele sind der Königinnen und Geliebten, spricht der Geist Gottes im hohen Liede; doch Eine ist meine Taube, meine Vollkommne!«(Hohl. 6.) Diese von Gott auf so ganz besondere Weise geliebte Braut soll also, nach Gott, unumschränkt in unsern Herzen und über alle Empfindungen desselben herrschen. 2. Die Liebe Gottes zu ihr ging so weit, daß Er sie mit allen Vorzügen begabte, die ein erschaffenes Wesen auszeichnen können; unsre Liebe zu ihr 295 soll also sie vor Allem auszeichnen was nach Gott unsre Liebe verdienen kaun. So sehr hat Gott sie geliebt, daß Er ihr die erste Stelle nach sich im Himmel und auf Erden gab; und weder ist, nach Gott, im Himmel noch auf Erden ein Wesen, das unsrer Ehrfurcht und Liebe würdiger wäre. Auch haben alle Gerechten nach Jesu ihr den ersten Rang in ihrem Herzen gegeben. 3. Vergeblich schmeichelt sich der Mensch, Jesum zu lieben, sprachen die heiligen Vater, wofern er nicht auch Maria liebt; denn unzertrennlich ist die Liebe beider. Sie betrachten die Liebe, die wir für die Mutter unsres Herrn haben sollen, als eines der sichersten Merkmahle unsrer Auserwählung, und als eine der kostbarsten Gaben der Gnade. 4. Fordert aber nicht selbst die Liebe der aller- seligsten Jungfrau gegen uns, unsre Herzen zu beständiger Liebe gegen sie auf? Sie steht auf unsre Bedürfnisse, nimmt Theil an unsern Trübsalen; sie kommt unsern Bitten zu. vor, erträgt unsre Fehler, und vergißt unsres Undanks. Wie sehr also sollen wir uns beeifern, ihr gegenseitige Liebe zu erzeigen! O benützcn wir die Gelegenheiten sorgfältig, die sich uns ergeben, ihr zu gefallen; nichts soll uns gering bedünken, wo es ihrem Dienste gilt. Denn groß fürwahr ist Alles, was den Dienst der Mutter Gottes, der Königinn des Himmels angeht. 286 5. Seien wir schnell zu allem, was zu ihrer Verehrung gehört) zu Allein was irgend beitragen kann, daß Andere sie ehren und lieben. Opfern wir ihr jeden Tag genau den Tribut unsrer Lippen und die Huldigungen unsrer Herzen, und halten wir es uns zur Ehre, der Anzahl ihrer erklärten Diener anzugehören. 6. Erheben wir unsern Sinn und unsre Herzen oftmals zu ihrem Throne, entweder ihre Größe und ihre Vollkommenheiten zu bewundern oder ihren Schutz anzuflehen. Thun wir Werke der Nächstenliebe, geben wir Almosen und nehmen wir Werke der Buße und Ab- tödtung auf uns, in der Absicht, durch die Nachahmung ihrer Tugenden sie zu verehren. Nahen wir uns, ihre Feste um so würdiger zu feiern, an denselben den heiligen Sakramenten und danken wir dem Herrn aus inbrünstigem Herzen für alle glorreichen Vorzüge, mit welchen Er sie geehrt und über alle erschaffenen Wesen erhöht hat. Besuchen wir oftmals die Tempel, die zu ihrer Ehre errichtet wurden, verehren wir ihre Bildnisse, die Stätten und Personen, die ihrem Dienste ins besondere geweiht sind. 7. Wohnen wir auch, so sehr es uns möglich ist, ihrer öffentlichen Verehrung und den Reden bei, wo von ihren Tugenden, von ihrer Erhabenheit und von ihrer Andacht gesprochen wird, die jedem christlichen Herzen theuer seyn muß. Durch solche und ähnliche Übungen beeifert sich ein Kind der Mutter Gottes, seine Liebe ihr zu erweisen, und die ihrige immer mehr und mehr zu gewinnen. 8. O Maria, du mächtige Beschützerinn und liebreiche Mutter der Menschen, du liesest in meinem Herzen, die Aufrichtigkeit meines Vorsatzes, diesen heiligen Übungen getreu abzuwarten. Ich danke dem Herrn für das Gefühl der Liebe, das Er mir für dich einflößt. Diese Einflößung selbst ist ein sicherer Beweis seiner Liebe gegen mich. Wetteifern will ich an Treue mit deinen eifrigsten Dienern und Kindern. O könnte ich mit den Engeln selbst wetteifern! Doch diese Glückseligkeit ist nur für den Himmel aufbewahrt. Sechstes Capitel. Bon dem Eifer, den ein Pflegekind der Mutter Gottes für die Ehre dieser geliebten Mutter haben soll. Maria. i. Mein Sohn, ich bin deine Mutter, und gebe dir dessen beständige Beweise durch meine Wohlthaten. Du bist mein Kind; und als solches verehrest du mich, rufest in deinen Versuchungen und Nöthen meine Hilfe an, und hoffest auf meine Macht bei Jesu. Indessen ist unter den Mitteln, deine Liebe mir zu bezeigen, Eines, das du gar sehr vernachlässigest. 298 Der Diener. 2. O gib dasselbe mir zu erkennen. Liebreichste der Mütter; denn heilige Wonne soll es mir seyn, alle meine Pflichten gegen dich zu erfüllen. Maria. 3. Du suchest nicht genugsam, meine Ehre und Verherrlichung zu fördern. Es scheint zuweilen sogar, daß du nur ungern und schwer dich entschließest, meine Sache gegen meine Widersacher zu vertheidigen. Ahme in deinem Eifer meine Sache zu verfechten, und dahin zu wirken, daß deine Mutter geehrt, verherrlicht und geliebt werde, dem Eifer nach, mit welchem ich für dich eifere. Es genügt nicht, daß du, nach Jesu, mir dein Herz gebest, wenn du nicht auch die Gelegenheiten benützest, die sich dir ergeben, mir andere Herzen zu gewinnen. Sieh, mein Sohn, die Anstrengungen, welche die Ketzerei aufbot und noch täglich aufbietet, meine Verehrung abzubringen, oder doch zu schwächen. Dir aber geziemt es, diese Beleidigungen nach deinen Kräften zu ersetzen. Der Diener. 4. Fürwahr, o gebenedeite Jungfrau, es wüthete die Hölle von jeher gegen dich. Immer war 289 der Name Mariä, der allen Gläubigen so lieblich und so ehrwürdig ist, ihr aufs äußerste verhaßt. Du bist jenes Weib, von welchem der Herr im Anbeginn sprach, daß du der Schlange das Haupt zertreten würdest; und dieß ist der Grundguell des Haffes der bösen Geister wider dich. Da sie gieren, alle Menschen in die Verdamm- niß niederzureisscn, möchten sie, daß Niemand seine Zuflucht zu dir nähme; und wo es möglich wäre, vernichteten sie in unserm Geiste die erhabene Idee, die wir von deiner Herrlichkeit und zumal von deiner Macht bei dem allerhöchsten Herrn ha-ben. 5. Unendlich glorreich ist es für dich, o Maria, daß nur Abtrünnige sich gegen dich erheben, und daß nur die Feinde Jesu deine Feinde sind. »O Thurm Davids, von welchem tausend Schilde herabhängen«(Hohel. 4.) immer werden die Waffen deiner gestürzten Feinde als deine Siegestrophäen glänzen. Immer auch wird Gott eifrige Vertheidiger deiner Herrlichkeit erwecken. Nein:„nimmermehr werden die Pforten der Hölle dich überwältigen!« 6. Zu wie unaussprechlichem Dank bin ich Gott verpflichtet, daß Er im Schooße der wahren Kirche mich ließ geboren werden, wo ich so glückselig war, dich zu erkennen und zu lieben! Aber, 0 geliebte Mutter, wenn ich dich liebe, muß ich auch fürwahr deine Sache vertheidigen und alle Gelegenheiten benützen, deine Ehre zu fördern. So werde ich denn auch, so sehr es an mir liegt. 300 künftighin mich beeifern, die Anzahl deiner Diener zu vermehren. 7. Unterlegen will ich, wenn die Gelegenheit sich dazu erbietet. Verwandten, Freunden und Bekannten Andachtsübungen zu deiner Verehrung, und mit Freuden mich über dich mit ihnen besprechen. Und vermag ich es nicht, durch Worte in lauen Herzen die Liebe zu beseelen, die dir gebührt, so will ich wenigstens dahin streben, es durch mein Beispiel zu thun. Zumal aber will ich es niemals dulden, daß man in meiner Gegenwart dich schmähe. Wer dich nicht kennt, ist nicht werth, gekannt zu seyn. Keinen, der dich nicht liebt, will ich zum Freunde haben. 8. Beten will ich, daß Gott seine Gnade in die Herzen aller Menschen ergieße, auf daß Alle, die zur Erkenntniß und Liebe unsres Herrn Jesu Christi gelangen, auch ihre allgemeine Mutter erkennen und lieben lernen. Wie könnten je die Menschen ohne Verehrung und Liebe für Diejenige seyn, die von Ewigkeit ein Gegenstand des göttlichen Wohlgefallens war! Siebentes Capitel. Von der Macht der allerseligsten Jungfrau bei Gott für da- Heil der Menschen. 1. Maria ist die vielgeliebte Tochter des ewigen Vaters; sie ist die Mutter des Sohnes; sie ist die Braut des Heiligen Geistes. Dringe in den Sinn 301 dieser Worte ein, und du wirst zu einem so hohen Begriff von ihrer Macht gelangen, daß demselben sich nichts beigeben läßt. Als unbefleckte Tochter des himmlischen Vaters, vollkommner vor seinen göttlichen Augen denn alle blos erschaffenen Wesen zusammen genommen: was vermag sie nicht über sein Herz? Eine Macht hat Er im Himmel ihr verliehen, die der Fülle der Gnade gleichkommt, mit welcher Er einst auf Erden sie bereichert hatte. 2. So wahrhaft Mutter des Gottmenschen, als die Frauen, die uns zur Welt gebären, unsre Mütter sind: wird sie vor ihrem Sohne keine Erhörung finden? Sie vermag durch ihre Bitten alles was ihr Sohn durch sich selbst vermag; dieß ist der einstimmige Ansspruch der heiligen Väter. Wer daran zweifelt, daß sie Macht bei Gott habe, die Gnaden zu erflehen, die uns nothwendig sind, der zweifelt ob der Sohn seine Mutter ehre. 3.»Billig ists, daß ich dich erhöre, sprach Sa- lomon zu Bethsabea, dieweil du meine Mutter bist!« Könnte Maria, wenn sie für uns fürbittet, eine andere Antwort empfangen, vor einem Richterstuhle, wo sie ohne Vergleich heiligere und gültigere Rechte hat? Wenn wir durch die Fürbitte der Heiligen um Gnade flehen, dann wird Gott durch ihre Liebe und durch unser Vertrauen bewogen, uns huldreich zu erhören; flehen wir aber durch die Fürbitte Ma- 302 riä, dann spricht ihre Erhabenheit und ihre Würde als Mutter Gottes bei Gott für uns. 4. Bedenke, daß Gott selbst auf Erden ihr wollte untergeben seyn. Wird Er nun weniger Achtung ihr erzeigen, da sie mit Ihm im himmlischen Reiche herrscht? Er hat sie über alle seine Güter bestellt, und hat sein Wohlgefallen, dieselben uns durch sie mitzutheilen. Endlich ist es einer zärtlich geliebten Braut eigen, daß sie alle Gewalt bei ihrem Bräutigam habe. Sonach also hat auch Maria, die geliebte Braut des Heiligen Geistes Gewalt, Ihn zu uns zu neigen und die größten Gnaden für uns zu erbitten. 5. Dazu auch hat Gott sie zur Königinn des Himmels und der Erde bestellt. Er vertraute ihr also eine Gewalt, die dieser Würde entspricht. Vergeblich würde eine Königinn ihren Namen führen, wenn sie nicht die Macht hätte. Elenden zu helfen und Unglückliche zu beglücken. Gott wirkt zuweilen auf die Fürbitte der Heiligen die glänzendsten Wunder; würde Er solche schwerer auf die Bitte Derjenigen wirken, die ihre Königinn ist? 6. O Heiligste, von Engeln und Menschen gepriesene Jungfrau, da ich deine große Macht bei Gott erkenne, vertraue ich mein ganzes Wesen deinem heiligen Schutze! Versichert ist dieser Schutz, und fehlt niemals; allmächtig ist derselbe, und besiegt alle Hindernisse; 3si3 allgemein ist er, und Niemand wird davon ausgeschlossen. O sei meine Mittlerinn bei Gott, gegen den ich höchst undankbar war; sei es auch darum, weil ich durch mich selbst nicht würdig bin, Erhörung vor Ihm zu finden! 7. Wache über meinen Wandel, 0 heilige Got- tesgebärerinn; ordne meine Schritte zu jeder Zeit und an jeglichem Orte; denn an jeglichem Orte lauern Gefahren aller Art, sowohl zeitliche als geistige. Ganz vorzüglich aber bitte ich um deinen heiligen und mächtigen Schutz an jenem entscheidenden Tage, nach welchem keine Zeit mehr folgt und keine Gnade mehr zu hoffen ist; in jener bittern und letzten Stunde, die meinen Lauf schließen und meine Ewigkeit eröffnen soll: Nicht weil etwa mein lebendiges Vertrauen auf deine Güte mich verleiten sollte, der Trägheit und einem lasterhaften Leben mich zu ergeben; denn nicht dieß ist der Geist deiner Diener: Sondern gestützt auf die Gnade Jefu, die ich durch deine heilige Fürbitte zu erhalten hoffe, will ich unter deinem Schutze also wirken, daß ich durch ein frommes Leben zu jener ewigen Seligkeit gelange, wohin du alle führen willst, die dir dienen. 304 Achtes Capitel. Bon der freundlichen Milde der allerseligsten Jungfrau gegen uns. Der Diener. i. Wie mildreich ist dein gebenedeites Herz, o allerseligste Jungfrau! Fürwahr du bist die Mutter der Barmherzigkeit; es genügt, daß wir unser Elend und unsre Bedürfnisse dir entfalten, damit du bei Jesu uns Linderung erflehest! Und wie auch wäre es dir möglich, nicht Theil an uns zu nehmen, wenn du bedenkest, daß der Sohn Gottes unsertwegen, in deinem heiligen und keuschesten Schooße mit unserm Feische sich bekleidet hat? O barmherzige Mutter Jesu, sei der Bruder Jesu, sei seiner Glieder und Mit-Erben eingedenk! 2. Wie traurig und kläglich auch unsre Verhältnisse seyn mögen,"bist du unsre Hilfe; denn deine Güte umfaßt alle Sünder und Gerechten. Die Jahrbücher der Kirche erweisen durch zahllose Zeugnisse sowohl deine unbegränzte Gewalt als dein aufmerksames Mitleid. O Stadt Gottes, allenthalben ertönt dein Lob für so viele Gnaden, welche die Menschheit durch dich empfing; und wunderbare Dinge werden von dir verkündiget! 3. Ach, über viele Übel klagen wir, die schwer auf uns lasten; oft aber würden weit schwerere uns 305 bedrücken, wenn nicht deine heilige und mächtige Fürbitte, der Gerechtigkeit Gottes wehrte? Oft auch seufzen wir nur darum in so schweren Drangsalen, weil wir nicht bedacht sind, deine Hilfe bei Gott anzustehen. Dieß bedenken wir nicht! Und dennoch lehrt die Kirche uns von Kindesbeinen an, dich die Tröste- rmn der Betrübten und die Hilfe der cthristen nennen! Dieß auch bist du fürwahr. Wo ist je ein Mensch so undankbar, daß er sagte, er habe dich angerufen, du aber habest es verschmäht, ihn anzuhören? 4. Ersteht deine heilige Vermittlung uns nicht immer von Gott die Gnaden, die wir wünschen, aus Gründen, die wir nicht suchen sollen zu ergrü- beln, so erhält sie uns doch immer die Gnade der Geduld, der Unterwerfung und der Ergebung in den Willen Gottes. Gott bestimmte dich, als Er dich erschuf, zu unsrer Fürsprecherinn, zu unsrer Zuflucht, zu unserm Troste, zu unsrer Mutter. Daher auch gab Er dir die größte Neigung zur Barmherzigkeit, und zwar zur größten Barmherzigkeit. 5. Jesus prägte während seines langen Aufenthaltes in deinem heiligen Schooße deinem Herzen die Grundzüge des seinigen ein. O heiliges Bild dieses göttlichen Urbildes der Sanftmuth und Güte, das du drei und dreißig Jahre vor Augen hattest: wie Er selbst, also liebest auch du es, den Armen Gutes zu erweisen. Nachf. Mar- 20 306 6..Du ahmest auf dem Throne der Glorie, worauf der Allerhöchste im Himmel dich erhoben hat, seine Huld und seine Güte nach. Weit öfter denn seine Strafen sendet Er seine Gnaden auf die Menschen, ja sogar auf die undankbarsten Menschen herab. Dich preisen die Herzen aller Gläubigen; denn zahllos sind die Wohlthaten, die sie durch dich empfingen; und die Empfindungen ihrer dankbaren Liebe beweist deine Güte deutlicher denn alle Worte. Neuntes Capitel. Bon der Anrufung der allerseligsten Jungfrau. Maria.. i. Mein Sohn, rufe mich an an den Tagen deiner Drangsale, und du wirst eine getreue Für- bitterinn bei dem Allerhöchsten an mir finden. Immer wird mein Ohr sich huldreich zu deinen Bitten neigen, wenn was du bittest, der Ehre Gottes und deinem eigenen Heile nicht entgegen ist. Bitte nie um etwas, außer du wünschest dabei, daß der Wille Gottes in Erfüllung gehe. Immer wird ein Gebet in dieser Stimmung des Herzens dir einige Frucht bringen. Viele bitten mich, ihnen zu erstehen, was ihrem eigenen Bewußtseyn nach, nicht nach dem Willen Gottes ist. Wie können solche je hoffen, erhört zu werden? 2N 307 2. Andere sind nur bedacht, mich anzurufen, wenn es ihnen um irdische Güter zu thun ist; sind aber übrigens höchst gleichgültig gegen alle Güter der Gnade. Wenn ich Fürsprache für sie thue, so geschieht es nicht, ihnen zu erstehen um was sie bitten, und was ihnen schädlich wäre; sondern Anderes, um das sie nicht bedacht sind, zu bitten, und das zu ihrem Heile gereicht. Ich bitte für sie um Trübsale, die ihr Herz von der Erde entfesseln und sie antreiben, des Himmels zu gedenken; Gnaden der Bekehrung und des Heiles, Gnaden, die die Tugenden und Verdienste vermehren. Dieß sind Dinge, um die eine unsterbliche Seele mich bitten soll. Immer höre ich Bitten dieser Art gern an. 3. Ich bitte nur in so fern um zeitliche Güter für Diejenigen, die mich anrufen, als ich sehe, daß dieselben ihnen zu wahrem Nutzen gereichen. Der Gewinn eines Rechtsstreites, eine ergiebige Ernte wären zuweilen höchst schädlich Demjenigen, der mich bittet, solche ihm zu erflehen. Wer in der Wohlfahrt ist, gedenkt der Ewigkeit selten. Diele Kranken flehen zu mir, ihnen die Gesundheit durch meine Fürsprache zu erwirken; und ich sehe zwar mildherzig auf ihr Gebet, bitte aber bei Gott nur um solche Gnaden für sie, die zur Zeit ihrer Leiden ihnen nothwendig sind. 4. Ich gehöre nicht zur Anzahl jener Mütter, die ibre allzu große Zärtlichkeit verblendet, und abhält, das wahre Wohl ihrer Kinder zu fördern. 308 Meine zarte Liebe zu dir, mein Sohn, kann mrch nimmermehr irre führen. Ich bitte bei Jesu nur um solche Dinge für dich, die in dieser und in jener Welt dir die nützlichsten sind. 5. In dieser Überzeugung also nimm deine Zuflucht mit Vertrauen zu meinem Schutze; und rufe in allen deinen Drangsalen mich an, von welcher Art sie auch seyn mögen._... Und da diese Drangsale nicht selten sind, sn nach dem Namen Jesu, der meinige ohne Unterlaß auf deinen Lippen. Tief sei derselbe, nach dem Namen Jesu, deinem Herzen eingeprägt. Der Diener. 6. O Maria, heiliger Name, lieblicher und süßer Name, den Niemand mit Vertrauen ausspricht, ohne ihn zugleich mit Nutzen auszusprechcn'. Glücklich, wer desselben oftmals in Liebe gedenkt, ihn andächtig begrüßt, aufrichtig verehrt und oftmals anruft! O Name, nach dem Namen Jesu, über ane Namen! Kein Name ist ehrwürdiger, keiner lieblicher, keiner den Herzen der Gläubigen theurer. 7. Bei Anrufung dieses Namens empfindet der Sünder Hoffnung auf die Barmherzigkeit, größere Liebe erhält dadurch der Gerechte, Sieg über seine Leidenschaften der Versuchte, Geduld und Trost der Betrübte.^. Dieser heilige Name sei nach dem Namen meine Hilfe in Trübsalen, mein Rath in Zweifeln, 309 meine Kraft in Kämpfen, mein Leitstern bei allen meinen Schritten. Zehntes Capitel- Bon dem Bcrtrauen, daß zumal reuige Sünder, die zu Gott zurückkehren wollen, zur allerseligsten Jungfrau haben sollen. Mari a. Mein Sohn, nicht vollkommen ist dein Vertrauen zu mir. Du zögerst zuweilen, in deinen Nöthen mich anzurufen. Zuweilen auch scheint es, als setztest du Mißtrauen in meinen guten Willen für dich. Dein Vertrauen gegen mich sei wie das Vertrauen eines guten Kindes zu seiner Mutter, deren Zärtlichkeit und Güte ihm bekannt ist. Immer sollst du deine Zuflucht zu mir nehmen, zu jeder Zeit, an jedem Orte, in allen deinen Nöthen, geistlichen und zeitlichen, des Leibes und der Seele, für deine Verwandten und für deine Freunde. Wer nur je zuweilen, so wie Manche, an meinen Festtagen, bei gewissen wichtigeren Angelegenheiten, oder in dringenderen Nöthen seine Zuflucht zu mir nimmt: zeigt ein Solcher wohl ein gänzliches Vertrauen? 2. Ahme die Kirche nach, die beinahe niemals etwas von Gott begehrt, ohne meine Vermittlung anzuwenden. Es gibt beinahe keine Art Gnaden, um die sie nicht zu mir sich wendet, als zu Derjenigen, durch die der Herr seinen Kindern dieselben mittheilt. 310 Die Weise der Kirche aber ist immer dem Geiste Gottes gemäß; darum also sei sie die Richtschnur der deinigen. Habe nach ihrem Beispiele, ein beständiges, allgemeines, glühendes, liebevolles Vertrauen zu mir. Geh zu Gott durch Jesum, aber geh zu Jesu durch seine geliebte Mutter. Ich bin einer der sichersten Wege zu Jesu zu gehen, Ihn zu finden und freundlich bei Ihm aufgenommen zu werden. Der Drener. 3. Ich erkenne, o himmlische Königinn, deine Macht und erkenne deine Güte. Ist es aber Deiner nicht unwürdig, für einen so großen Sünder dich zu verwenden? Kann je eine so reine, eine für Gottes Ehre so feurig eifernde, so vollkommne Jungfrau huldreiche Blicke mir zuwenden? Maria. 4. Mein Sohn, bin ich nicht die Zuflucht der Sünder? Ich bitte für Alle, die zum Dienste Gottes zurückkehren wollen und mich mit Vertrauen anrufen. . Gott, von meiner Theilnahme an ihrer Versöhnung gerührt, hat meiner Fürbitte nie Etwas versagt. Ja, ich bin die einzige Hilfe, die manchen Sündern erübrigt; das einzige Mittel, das Gott ihnen gibt, zu seiner Freundschaft zurückzukehren. 311 5. Wie vielen Sündern erflehte ich nicht die Verzeihung ihrer gröbsten Laster? Sie riefen auf zu mir, daß ich durch meinen Schutz gegen die göttliche Gerechtigkeit sie beschirmte; und ich schützte sie so lange bis ich ihren Frieden mit ihrem Richter bewirkt hatte. Mancher Sünder, der entschlossen ist, in der Sünde fortzuleben, schmeichelt sich, ich werde ihm die Gnade erhalten, nicht darin zu sterben. Einsol- ches Vertrauen ist vermessen, und zur Beschimpfung gereicht mir eine solche Anforderung. Doch mancher Andere seufzt unter der Last seiner Ketten und sinnt ernstlich darauf sie zu brechen. Da er jedoch seine Schwäche kennt, faßt er Vertrauen zu mir, und hofft, er werde durch meine Fürbitte Gnaden der Stärke und Verzeihung erlangen. Nimmer soll ein Solcher zagen; er komme getrost, nicht verstoßen, sondern mit Liebe werde ich ihn aufnehmen. Der Dtener. 6. O Mutter meines Herrn, unwandelbar ist mein Vertrauen zu dir! Ein Vorbild deiner barmherzigen Milde war jene Taube, die nach der Sünd- fluth mit dem Oelzweig, dem Sinnbild des Friedens erschien. O nimm unter deinen heiligen Schutz einen gerührten, beschämten und zerknirschten Sünder auf, der die Ausschweifungen seines Lebens mit seinem Blute tilgen möchte. 312 Erflehe mir die Gnade, meine begangenen Sünden bitter zu beweinen und lieber zu sterben, als übermal Laster zu begehen, die ich verabscheue. 7. Durch die gesegnete Frucht deines Leibes hast du den Frieden zwischen Gott und den Menschen gestiftet! O schlichte den Frieden zwischen mir und meinem eigenen Gewissen, zwischen mir und meinem Gott! O mächtige, 0 gütige Jungfrau, wie hochpreislichen Dank sind wir für so viele Gnaden dir schuldig, die wir durch dich von Gott empfangen! Alle Herzen seien dir ewig geweiht, alle Zungen sollen dein Lob festlich verkündigen! Eilftes Capitel. Von dem Gebet des englischen Grußes. 1. Du betest wohl täglich den englischen Gruß, die allerseligste Jungfrau anzurufen. Betrachte aber auch dabei mit Aufmerksamkeit, was darin Glorreiches für sie, und was für dich selbst Trostreiches, ja sogar Belehrendes darin enthalten ist! Nimm denselben zuweilen zu einem Gegenstände deiner Betrachtung auf, damit du, wenn du solchen betest, ihn immer mit der Ehrfurcht betest, die er einflößt, und mit der Aufmerksamkeit, die dazu erfordert wird. 2. Du begrüßest Maria als die Gnadenvolle. Hast du auch je erfaßt, was dieß Wort Großes und Erhabenes ausdrückt? Denn nichts Geringeres 3L3 sprichst du zu ihr, als daß sie die heiligende Gnade, die wirkenden Gnaden, alle übernatürlichen Tugenden und alle Gaben des Heiligen Geistes als ihren Antheil empfing. Sprichst du dieß Wort aus, dann erfreue dich über diese Fülle der Güter, mit welcher sie begabt ward, und bitte sie, daß sie an ihrem reichen Schatze dir einigen Antheil gebe. 3. Ferner sprichst du: Der Kerr ist mit dir! Gott war in der That auf weit innigere Weise mit Maria, als Er mit allen übrigen Wesen, ja selbst als Er mit den Gerechten ist. Er war mit ihr durch ganz besondern Schutz und durch eine ganz eigene Leitung aller Kräfte ihrer Seele. Erwecke bei Aussprechung dieser Worte einen Act glühender und aufrichtiger Sehnsucht, an der so wunderbaren Glückseligkeit dieser Jungfrau Antheil zu erhalten. Ach, wenn der Herr mit uns ist, was können wir da noch verlangen? Was dürfen wir da nicht hoffen? Und was könnte uns je betrüben? 4. Ferner begrüßest du Maria als die Gesegnete der Frauen, nämlich als eine Solche, die einen Segen und hocherhabene Vorzüge erhielt, die Gott keiner Andern verliehen hat. Bezeuge ihr also deine innerliche Freude über die große Liebe Gottes zu ihr und über alle Lobpreisungen, die im Himmel und auf Erden ihr gegeben werden. 5. Du fügest sodann mit der heiligen Elisabeth 314 bei: Und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Fürwahr gesegnet, angebetet und verherrlichet ist der Sohn dieser Jungfrau im Himmel und auf Erden, in Zeit und Ewigkeit. Koste einen Augenblick die große Lieblichkeit, die in dieser Betrachtung für eine Seele liegt, die Jesum von Herzen liebt. 6. Nun lehrt die Kirche dich, zur allerseligsten Jungfrau flehen, daß sie für dich Sünder bitte; wodurch sie dir andeutet, daß du, nach so vielen Sünden und Lastern, der Erhörung nicht würdig bist. Laß aber Maria erhört werden wird, wenn sie für dich bittet. Allerdings wird Gott seine Mutter erhören; darum auch heißt die Kirche dich, sie unter diesem Namen anrufen, der ihr so theuer und so glorreich ist. Dadurch also sprichst du gleichsam: Heilige Maria, du bist die Mutter Gottes; ohne Gränzen also ist deine Macht bei deinem Sohne; und diese Macht mit deiner Güte vereint, ist der Grund meiner Hoffnung auf dich. 7. Endlich flehest du zur allerseligsten Jungfrau, daß sie für dich bitte, jetzt und in der Stunde deines Todes. Während des Lebens drohen dem Heile unablässige Gefahren; beständig also bedarfst du eines so mächtigen Schutzes. In der Stunde deines Todes aber, wo die Feinde ihre Anstrengungen verdoppeln, dich in die Vcrdammniß zu reisten, wird dieser Schutz dir noch weit nothwendiger seyn. 315 Furchtbar ist allerdings diese Zeit des Todes; doch niemals starb ein wahrer Diener Maria als ein Verworfener. Zwölftes Capitel. Empfindungen des Vertrauens zu Maria während des Lebens. Der Diener. O heilige, hochgebenedeite Jungfrau! Sich, es umringen mich die Feinde meines Heiles und suchen die Gnade und Freundschaft meines Gottes mir zu entreissen. Vertheidige mich gegen ihre Anfälle, und erwirke mir den Sieg! O Tochter des Gottes der Heerschaaren, erzeigest du deine Macht gegen meine Widersacher, dann werden sie alsbald vor mir fliehen! Mutter Desjenigen, der den Winden und den Stürmen gebietet, sprich Ein Wort für mich bei Ihm, und es wird große Ruhe in meinem Innern werden! Braut des Geistes der Stärke und des Lichtes, erflehe mir daß ich die Mittel erkenne und anwende, so furchtbare Feinde zu überwinden! 2. Zu dir fliehe ich in der schweren Angst meines Herzens wie ein Kind, das in Ängsten schwebt, zur geliebten Mutter flieht. Wie ein großer und elender Sün-der ich auch bin, will Jesus dennoch, baß du mich als dein Kind betrachtest! O so erzeige dich denn als Mutter gegen mich! 316 Nicht um meinetwillen bitte ich um diese Gnade, denn nimmer verdiene ich deine Sorgfalt; sondern um der Liebe willen, mit welcher du deinen Sohn Jesus liebest! 3. Es wenden sich in ihren Nöthen die Armen an die Reichen. Sie bitten und erlangen. Würdest du, o Königinn des Himmels und der Erde, die Bitte dieses Armen unerhört lassen, der deine wunderbare Güte anruft? O bitte für mich, daß ich nicht in die Schlingen der Feinde meines Heiles gerathe; bitte auch, o heiligste Jungfrau, daß ich die Missethaten meines verflossenen Lebens bitter beweine und die Verzeihung derselben erlange! Erflehe mir die Erfüllung meines Verlangens, niemals einem andern Herrn als Jesu zu dienen, und zugleich einen tief innigen Schmerz darüber, daß ich zu seiner größten Verunehrung, seinem bittersten Feinde, der Welt, gedient habe. Betrachte nicht, was ich durch mich selbst und durch meine Sünden bin, sondern was ich durch das hochheilige Blut werth bin, das mich erlöste. Als dein Herz das tiefste Mitleid über die Schmach und Schmerzen Jesu des Gekreuzigten empfand, da gab Er dich mir zur Mutter, auf daß dein liebreiches Herz einst auch mit meinem Elende und mit meinen Nöthen Mitleid trüge. 5. Wie viele Sünder, die nun in der ewigen Glorie sind, wären ohne deine barmherzige Fürbitte ein Raub der Hölle geworden! O erflehe auch 317 mir die Gnaden wahrer Buße, die du für sie erflehtest! Nie ward es erhört, daß du dich geweigert hättest, das Gebet eines Sünders anzuhören, der die Größe seiner Missethaten erkannte und seine Zuflucht zu dir nahm, die Verzeihung derselben zu erlangen. Wie groß ist deine Glorie, o gebenedeite Jungfrau, daß Gott auf gewisse Weise die Begnadigung so vieler Strafbaren dir anheimstellt! Sieh, auch die meinige wird deine Verherrlichung vermehren! 6. Endlich, o allerseligste Jungfrau, erflehe deine huldreiche Fürsprache mir Beharrlichkeit in der Furcht und Liebe Gottes! Selbst die größten Tugenden können diese besondere Gnade nicht verdienen; was also habe nicht ich zu fürchten, der ich eitel Schwäche und Unbe- stand bin? Dein Name, der süße Name Maria ist ein Name durch dessen Kraft die Seele glänzende Merkmahle der Freundschaft Gottes hoffen darf. Gedenke, o allerseligste Jungfrau, daß wenn die Glückseligkeit mir zu Theil wird, in der Furcht und Liebe Jesu zu sterben, dann eine Seele mehr in der seligen Ewigkeit Ihn mit dir lieben, loben und preisen wird! 3t8 Dreizehntes Capitel. Empfindungen des Vertrauens zur allerseligsten Jungfrau zur Zeit der Annäherung des Todes. Der Diener. 1. O Mutter meines Erlösers, allerseligste Jungfrau, sieh, es neigt sich mein Leben; immer näher kommt meine letzte Stunde; und in großer Beklommenheit meines Herzens rufe ich deinen heiligen und mächtigen Beistand an! Gleichsam zwischen dem Himmel und der Hölle schwebt meine Seele; in großen Ängsten bin ich begriffen; o komm in dieser bangen Stunde mir zu Hilfe! Die kostbarsten Gnaden hat der Herr deinen Händen übergeben, daß du über die Menschen sie ergießest; o wende solche nun meiner zagenden Seele zu, die derselben so sehr bedarf! 2. Schon steht der Richterstuhl bereit, vordem ich erscheinen muß, Rechenschaft über mein ganzes Leben abzulegen. O sprich ein mildes Fürwort für mich, ehe ich vor demselben erscheine! Ein gnädiges Urtheil wird die Mutter meines Richters mir erhalten. O Stern des Meeres, sei mein Leitstern unter den schweren Stürmen, die mich so nahe mit dem Schiffbruch bedrohen, und führe mich ein in den Hafen des Heiles! Himmlisches Licht, zerstreue die Wolken, die der Geist der Finsternisse in meiner Seele zu ver- 3Ü9 breiten strebt! Besänftige die Angst, die mich durchrieselt, wenn ich der Sünden meines Lebens gedenke; erflehe mir aufrichtige und tief innige Reue! O Vorbild aller Tugenden erwirke mir, daß mein Glaube in seiner ganzen Kraft, meine Hoffnung in ihrer ganzen Stärke, meine Liebe in ihrer ganzen Vollkommenheit bestehe! 3. Danksei dir für alle Huld, die du in meinem Leben, und selbst dann an mir erwiesen hast, wann ich derselben am unwürdigsten war! Auf dich vertraue ich auch nun, und zwar um so mehr, als die Noth, in der ich schmachte, größer ist. O geliebte und liebreichste Mutter, entferne dich nicht von deinem sterbenden Kinde; steh ihm bei bis zum letzten Athemzug! 4. Ich sterbe mit Unterwerfung, da Jesus meinen Tod angeordnet hat! Auch sterbe ich, ungeachtet des natürlichen Schauders, den der Tod mir einflößt, willig und gern, weil ich unter deinem Schutze sterbe. Bald werde ich, wie meine ganze Seele es hofft und verlangt, die Erhabenheit, die wunderbare Lieblichkeit, die Siege und den göttlichen Glanz Jesu schauen; bald werde ich auf dem Throne deiner Glorie dich schauen! 5. Schon naht mein Todeskampf, bald werden meine Lippen es nicht mehr vermögen, deinen heiligen Namen anzurufen; ohne Unterlaß aber wird mein Herz zu dir sprechen! 32» Ohne Unterlaß wird mein Herz die heiligsten und süßesten Namen Jesu und Maria wiederholen! O süßester Jesu, nimm alle meine Seufzer, alle Regungen meines Herzens während meines Todeskampfes als eben so viele Acte der Liebe zu Dir und deiner heiligen Mutter auf! 6. Herr, erbarme Dich meiner; ich wage es nicht zu sagen:»weil ich dein Diener bin;«(Ps. n6.) denn, ach, ein großer Sünder bin ich, und weiß nicht, ob ich deine Gerechtigkeit versöhnte; sondern erbarme Dich meiner,»weil ich der Sohn bin deiner Magd.« Du hast durch deine Gnade großes Vertrauen zu deiner hochgeliebten Mutter während meines Le, bens mir verliehen,^ und durch deine Gnade nimmt dieß Vertrauen in dieser bittern Stunde zu, die über mein ewiges Heil entscheidet! O Gott der Erbarmungen sei um deiner heiligen Gebärerinn willen mir gnädig; welche deine Kirche uns anrufen lehrt zu jeder Zeit, besonders aber in der Stunde unsres Todes. Amen. Vierzehntes Capitel. Von der Andacht zum heiligen Joseph, dem Bräutigam der allerseligsten Jungfrau. i. Einen sehr theuern und kostbaren Beweis der Liebe gibt der allerseligsten Jungfrau, wer ihren heiligen Bräutigam Joseph andächtig verehrt. Wie hoch auch sollen wir diesen großen Heiligen 321 achten, den Gott selbst zum Nährvater und Beschützer seines Wortes im sterblichen Fleische, und zum Zeugen der Jungfräulichkeit seiner keuschesten Mutter erwählte! Er bewachte die wahrhaftige Stiftsbütte Israels; er führte je nach Zeit und Umständen die Arche des neuen Bundes; er bewahrte den Preis des Heiles und der Erlösung der Menschen. 2. Wie groß ist sein Ruhm, daß er in diesem Leben ein rechtmäßiges Ansehen über die Königinn des Himmels und der Erde, ja selbst über den König der Ewigkeit, über den allein Unsterblichen übte, dem alle Ehre und Herrlichkeit gebührt! Wer sich zu einem Begriff seines hocherhabenen Verdienstes erheben will, darf blos bedenken, daß er der Bräutigam Mariä ist. Die Tugenden der Einen lassen auf die Tugenden des Andern schließen. Gott gab Mariä einen Bräutigam, der ihrer würdig war. 3. Bedenke aber zumal, daß Jesus unzählige Male auf seinem Schooß ruhte. O wie himmlisch mußte nicht dieß göttliche Kind auf sein Herz einwirken! Joseph lebte mit Demjenigen, der der Quell aller Gnaden war, und mit Derjenigen, die die Fülle der Gnade empfangen hatte, dieselbe Andern mitzutheilen. Wer also ermißt den Reichthum, die Schätze, die er von beiden empfing! Geduld, Sanftmuth, Demuth, Nächstenliebe, Nächst Mar, 21 322 feurige Gottesliebe, alle Tugenden glänzten in ihm und erreichten die erhabenste Stufe. 4. Christliche Seele, wenn du den Übungen eines frommen und innerlichen Lebens dich ergeben willst, so wende dich, die Gnade dazu zu erlangen, mit großem Vertrauen an die Fürsprache eines Heiligen, der dasselbe auf so vollkommne Weise übte. Die Kirche hat Tempel zu seiner Ehre errichtet; sie hat sein Fest eingesetzt, und fromme Andachts- übungcn genehmigt, durch die sie ihre Kinder einlädt, ihn als einen ihrer mächtigsten Beschützer bei Gott zu betrachten. 3. Wenn wir zur Zeit, wo Jesus und Maria zu Nazareth lebten, sie hätten um eine Gnade bitten wollen: hätten wir da wohl einen mächtigern Mittler bei ihnen anwenden können als den heiligen Joseph? Hätte aber derselbe jetzt geringeres Ansehen? So geh denn zu Joseph!(Genes. 4>.) damit er für dich Fürsprache thue. Von welcher Art auch die Gnade sei, um die du bittest, wird Gott auf seine Fürbitte sie dir gewähren. 6. Mehr noch. Was immer für einem Stande du angehörest und in was immer für einem Verhältnisse du lebest, bietet dein Stand und dein Verhältniß selbst dir Gründe zu einem besondern Vertrauen gegen ihn. Betrachten sollen Adelige und Reiche, wenn sie ihn anrufen, daß der heilige Josoph ein Abkömmling der Patriarchen und Könige ist; Die Armen, daß er ihre Dunkelheit und Verborgenheit nicht verschmäht, gleich ihnen in Dürftig- * 21 323 keit gelebt und sein ganzes Leben hindurch als ein Handwerksmann gearbeitet hat; Die Jungfrauen, daß er die vollkommenste jungfräuliche Keuschheit gehalten hat, die Verheiratheten, daß er das Oberhaupt der erlauchtesten Familie war, die je möglich ist; Die Kinder, daß er der Nährvater, der Erhalter und Führer der Kindheit Christi war; Die Priester, daß er Jesum so oft auf den Armen trug, und dem ewigen Vater selbst am Tage derBe- schneidung Jesu das Erstlingsblut desselben aufopferte; Gottgeheiligte Personen, daß er die Einsamkeit zu Nazareth durch gänzliche Flucht der Welt und durch vertrauten Umgang mitJesu undMaria heiligte; Fromme und eifrige Seelen endlich, daß nach dem Herzen Mariä, nie ein Herz Jesum mit größerem Eifer und zärtlicherer Inbrunst liebte. 7. Zumahl aber geh zu Aoseph, die Gnade eines seligen Todes zu erlangen. Die gewöhnliche Meinung, daß der heilige Joseph in den Armen Jesu und Mariä verschied, gab Anlaß zu dem großen Vertrauen der Gläubigen, daß sie durch seine heilige Fürbitte ein seliges und trostreiches Ende erlangen werden. Es ist auch eine allgemeine Bemerkung, daß man zumal in der Todesstunde die gesegneten Früchte der Andacht erntet, mit welcher man während des Lebens diesen großen Heiligen verehrte. Gebete zur heiligen Messe. Vorbereitungsgebet. «^err, mein Gott, in deinem heiligen Tempel erscheine ich, deine göttliche Majestät in Demuth anzubeten, und vereinige meine Absicht mit deiner heiligen Kirche, mit deinem Diener, dem Priester und mit allen Gläubigen, die hier in der heiligen Stätte sich versammeln, deiner ewigen Gottheit das hochheilige Opfer darzubringen, das auf deinem Altar für uns alle sich aufopfern wird. Ich opfere Dir dasselbe als ein reines Brandopfer zu deiner Ehre, zur Danksagung für alle zahllosen Wohlthaten; zu einem Bittopfer, das deine fernern Gnaden und Erbarmungen mir ersiehe; und zu einem Dankopfer für alle Gnaden, die Du deinen Heiligen und ins besondere denjenigen erwiesen hast, deren Andenken die heilige Kirche heute feiert. Ich erkenne, daß alle ihre Verdienste deine Gaben sind, und aus den Verdiensten deines eingeborenen Sohnes wie aus ihrem Urquell stießen; und ich opfere dieselben Dir in Vereinigung mit den Verdiensten Jesu Christi, für das Heil der ganzen Kirche und für alle deine Gläubigen auf, für die ich zu deiner göttlichen Majestät bitte, so wie auch sie mit der ganzen heiligen Kirche für mich bitten. Erhöre o Herr, himmlischer Vater, unser Gebet; oder vielmehr deinen eingeborenen Sohn, in welchem und durch welchen wir beten. Verleihe mir, Herr mein Gott, dieses hochheiligen Opfers wegen, Zeit, wahre Buße zu wirken; den Frieden und die Ruhe eines guten Gewissens; die lieblichen Salbungen deines Heiligen Geistesund die Beharrlichkeit in einem frommen, Dir wohlgefälligen Leben, das ich mit deiner Gnade zu führen beschließe. Zum Staffelgebet. Richte mich Herr, doch als ein barmherziger Richter, der meine Sache von den Sündern und Gottlosen sondert! O Gott, meine Kraft und mein Licht, verlaß mich nicht, daß nicht meine Seele zage, sondern freudig cinhergche und deinem heiligen Altare sich nahe, die Freude des Heiles zu empfangen, die alle Kräfte meines innern Menschen erneuere und zu deinem heiligen Lobgesang stimme. Ja, mein Gott, auf Dich hoffe ich; und nicht trauern soll meine Seele; denn Trost und Erbar- mung wird sie vor Dir erlangen. Größer ist deine Barmherzigkeit als alle meine Sünden, die ich von Grunde meines Herzens bereue. Nimmer verwirfst Du ein reuiges und zerknirschtes Herz, und unversiegbar ist deine Güte für Alle, die Dich in Demuth und mit Vertrauen anrufen. 326 Auch fleht die heilige Kirche, es flehen deine Heiligen und Auserwählten, der ganze himmlische Hof und die gebenedeite Jungfrau und Königinn aller Heiligen, für uns zu deiner ewigen Barmherzigkeit, daß sie uns verzeihe und mit Huld auf uns Sünder herabsehe, damit wir Dir mit freudigem Herzen dienen und deine glorreichen Verheißungen erlangen durch Christum unsern Herrn. Amen. Zum R^rre eleison. Erhöre, o Herr, dreieiniger Gott, ihre Stimme, erhöre die Stimme deines Eingeborenen, der hier für uns geopfert wird, und mit welchem wir das Opfer unsrer Herzen vereinigen; und sei um deiner großen Barmherzigkeit uns gnädig und versöhnlich, der Du den Tod des Sünders nicht willst, sondern daß er sich bekehre und lebe. Zum Gloria. Es preisen Dich die himmlischen Heerschaaren, o ewiger Vater, durch dessen Huld allen Menschen die guten Willens sind, der Friede gegeben wird, wie die Welt ihn nicht geben kann. Wir loben Dich, wir beten Dich an, wir danken deiner allerhöchsten Majestät, o allmächtiger Vater! O Jesu, Lamm Gottes, dessen Blut die Sünden der Welt hinweg- nimmt, nimm unser demüthiges Gebet auf, und sieh mit Gnade auf uns, die wir deine Heiligkeit, deine ewige Gottheit und Allmacht erkennen und anbeten, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Ein Gott, lebest und regierest in Ewigkeit. Amen. 327 Zum Gebet. Erhöre, o Herr, das Gebet deines Priesters, das er im Namen der ganzen Kirche und auch in dem meinigen deiner Barmherzigkeit vorträgt. Verleihe uns die Gnaden, um die er zu Dir steht, gib Frieden und Einigkeit deinen Gläubigen, heilige Geduld in Trübsalen, Starkmuth in den Kämpfen dieses Lebens und vollkommne Gleichförmigkeit mit deinem heiligen Willen, damit wir hienieden nach deinem göttlichen Wohlgefallen wandeln und einst dahin gelangen, mit allen deinen Heiligen Dich zu loben und zu preisen in den Freuden der ewigen Seligkeit. Durch Christum unsern Herrn. Amen. Zur Epistel. Herr, allmächtiger Gott, himmlischer Vater, der Du sprachst: Es werde Licht, und es ward Licht! ergieße dein heiliges Licht in meine Seele, daß die Finsternisse weichen und ich die Offenbarung deiner heiligen Lehre, deiner Geheimnisse und Verheißungen erkenne und mit treuem Gemüthe beherzige. Denn deine Barmherzigkeit verließ auch nach der schweren Schuld Adams das gefallene Menschengeschlecht nicht, sondern Du offenbartest den Patriarchen und Propheten den Weg der Gerechtigkeit und ließest dein Licht leuchten, bis die Zeit erschien, wo dein ein- geborner Sohn, unser Herr Jesus Christus, das ewige Licht vom ewigen Lichte, kam und das Dunkel verscheuchte, die Schuld hinwegnahm, uns mit 328 dir versöhnte und die Pforten des Himmels uns eröffnete, damit wir durch Ihn zu Dir gehen können, deine ewige Majestät ewig zu lieben und zu loben. Amen. Zum Evangelium, In heiligem Dankgefühl meines Herzens stehe ich auf, die göttliche Lehre zu hören, die Er vom Himmel brachte, und alle meine Gedanken und äußerlichen Werke nach derselben zu richten. Denn Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; Er begründete die heilige Kirche auf dem unerschütterlichen Felsen der Wahrheit und übergab ihr die Lehren des Lebens, die Sacramente des Heiles, und ist bei ihr alle Tage bis zur Vollendung der Zeiten. Dank sei Dir, o gütigster Jesu, für deine ewige Liebe und Barmherzigkeit! O stärke meinen Sinn, daß ich auf dem Wege deiner heiligen Gebote laufe, deine göttlichen Lehren getreu befolge und bis an das Ende Dich beharrlich liebe und Dir diene. Amen. Zum Credo. Denn sieh, mein Gott, ich glaube aus ganzem Herzen was Du geoffenbart hast und durch die Stimme deiner Kirche mich lehrest. Doch weiß ich, daß es nicht genügt, zu glauben; da auch die bösen Geister glauben und zittern. Darum bitte ich Dich um deine Gnade, daß sie meinen Glauben beseele und in mir ein Grundtrieb zu heiligen Gedanken, himmlischen Begierden und lebendigen Werken der Liebe 329 werde. Stärke mich, daß ich den heiligen Glauben standhaft vor den Kindern der Bosheit bekenne, mich nie und nimmer von ihnen irreführen lasse, sondern Dir getreu und unverbrüchlich anhange, bis die Zeit erscheint, wo mein Glaube sich in Anschauung umwandelt und ich die Früchte meines Gehorsams im ewigen Leben ernte, wo Du lebest und regierest in Ewigkeit. Amen. Zur Opferung. Nimm o heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott dieß fleckenlose Opfer auf, das wir Dir zur Versöhnung unsrer zahllosen Sünden, Vergebungen und Versäumnisse darbringen, damit dasselbe uns und allen Ehristgläubigen, lebenden sowohl als verstorbenen zur Versöhnung und zum ewigen Heile gereiche! Laß unser Opfer in süßem Wohlgeruch vor das Angesicht deiner göttlichen Majestät gelangen) segne unsre Herzen, die dasselbe in zerknirschtem und gcdemüthigtem Geiste Dir darbringen, und heilige sie, daß sie selbst ein Dir wohlgefälliges Opfer werden, nur für Dich und um Deinetwillen leben, und in Zeit und Ewigkeit dein eigen seien, durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen. Zur Präfatiou. Unsre Herzen und Stimmen erheben wir zu Dir und danken deiner Majestät, o dreieiniger Gott, 33tt für alle deine Gaben und Wohlthaten durch Jesum Christum unsern Herrn, den Mittler durch den unser Gebet vor deinem göttlichen Throne Erhörung findet. Denn durch Ihn loben Dich Engel und Erzengel, Cherubim und Seraphim und der ganze himmlische Hof, der in ewige Entzückungen deiner göttlichen und schleierlosen Anschauung versenkt, ohne Unterlaß Dir süße Lobgesänge singt und unermüdlich ausruft: Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott der Heerschaaren, voll sind Himmel und Erde deiner Herrlichkeit! Osanna in den Höhen! Zum Canon. O Gott der Erbarmungen, in Demuth sinken wir auf unser Angesicht und bitten Dich, segne diese heiligen Opfergaben, die wir Dir für die ganze heilige katholische Kirche darbringen; lenke sie im Frieden, daß dein göttlicher Name auf dem ganzen Erdkreise geheiliget werde. Gedenke, Herr, des Oberhauptes dieser deiner heiligen Kirche, aller geistlichen und weltlichen Vorgesetzten und aller unsrer Brüder und Schwestern, die in deinem Glauben und in deiner Liebe leben; ins besondere derjenigen für die wir zu beten verpflichtet sind, die sich unserm Gebet empfohlen, oder die wir irgend betrübt haben, namentlich deiner Diener und Dienerinnen..... und verleihe uns allen Gesundheit des Leibes, Frieden der Seele und das ewige Leben. 331 Erhöre, o Gott unser demüthiges Gebet, mit welchem die ganze heilige triumphircnde Kirche sich vereint, deren Fürbitten und Verdienste wir deiner göttlichen Majestät auf gleiche Weise darbringen, und deren Gedächtniß wir in Andacht verehren, ins besondere der glorreichen Jungfrau und Gottesge- bärerinn Maria, durch die wir die Frucht des ewigen Lebens empfingen; ferner deiner seligen Apostel, Märtyrer und Bekenner die einst gleich uns in dieser Sterblichkeit wandelten und nun in der ewigen Glorie bei dir sich erfreuen. Nimm ihre milden Fürbitten huldreich auf, und zähle uns ihnen, deinen Auserwählten bei, damit wir einst mit ihnen deiner göttlichen Majestät ewige Lobgesänge singen. Durch Christum unsern Herrn. Amen. Er. dein eingeborener Sohn, der sie heiligte und vereinte, ist der Urquell aller Heiligung, durch den auch wir hoffen, einst mit ihnen vereint zu werden, da Er unser Opferlamm und unsre Liebe ist, der allen seinen Gläubigen sich zur Speise gibt und an dem Vorabend seines heiligen Opfertodes sich selbst zum bleibenden Denkmahl bis aus Ende der Zeiten einsetzte, als Er das Brot segnete, brach, seinen Jüngern gab und sprach: Nehmet hm und esset, denn dieß ist mein Leib! Zur(konsecration. O Jesu, ich bete Dich an, der Du für mich am heiligen Kreuze erhöht wurdest und nun abermal unblutiger Weise auf dem heiligen Altare thronest! 332 Gebenedeit sei deine hochheilige Gegenwart, gebenedeit deine ewige und barmherzige Liebe! Ich bete Dich an o hochheiliges Blut, Preis meiner Erlösung, Unterpfand aller Erbarmungcn Gottes! O reinige, heilige und stärke meine arme Seele, die Dich in getreuem Glauben anbetet, und gestatte nicht, daß die Frucht so wunderbarer und göttlicher Erlösung an mir verloren werde! Nach der Lonsecratron. Süßester Jesu, der Du für uns Mensch geworden, in den schmerzlichsten Tod gegangen, glorreich aus dem Grabe erstanden, und in die höchsten der Himmel aufgefahren bist, heiligstes und fleckenloses .Opfer, Brot des Lebens und Kelch des ewigen Heiles, wir beten Dich in tiefster Demuth unsres Herzens an, preisen deine Barmherzigkeit und danken Dir aus allen Tiefen unsrer Seele für deine abermalige gnadenreiche Herablassung, in welcher Du dem ewigen Vater für unsre Sünden Dich aufopferst! O heiligster Vater, blicke herab auf deinen eingeborenen Sohn, auf das allerhöchste und süßeste Wohlgefallen deines Herzens, sei um Seinetwillen uns gnädig und erfülle uns mit himmlischem Segen und Gnade! Führe auch durch Ihn alle unsre Brü- der und Schwestern, die in deinem Frieden entschliefen, ins besondere deine Diener und Dienerinnen..... in die Ruhe des ewigen Lichtes und nimm sie in deine Glorie auf, daß sie mit allen deinen Heiligen 333 ohne Unterlaß Dich lieben und deinen Erbarmungcn ewiglich lobsingen. Verleihe auch uns Sündern, deinen Dienern, die wir auf die unversiegbare Fülle deiner Barmherzigkeit hoffen, nach diesem Leben Antheil an der ewigen Seligkeit deiner heiligen Apostel, Märtyrer, Bekenner und Jungfrauen, und laß uns zu deiner glorreichen Anschauung gelangen, durch denselben Jesum Christum unsern Herrn. Amen. Zum Pater noster. Denn Er selbst dein göttlicher Sohn, lehrte und ermähnte uns vor Allem das Reich Gottes zu suchen und zu Dir, seinem himmlischen Vater, mit Vertrauen zu beten:»Vaterunser, der Du bistim Himmel.« u. d. Ü. Darum auch flehen wir, Herr, in Demuth zu Dir, erlöse uns von allen Übeln des Leibes und der Seele, von Allem, wodurch wir Dir mißfällig werden können, zumal von der Sünde und was zu derselben führt, damit wir Dir mit heiterm, reinem und freudigem Gemüthe dienen alle Tage unsrer Pilgerschaft. Zum Agnus Der und zur Lommumou. O Jesu, Lamm Gottes, hochheiliges Sühn- opfer, das Du die Sünden der Welt hinwegnimmst, tilge alle Sünden aus meiner Seele und gib mir den Frieden der wahren Kinder Gottes! Behüte mich, um deiner Barmherzigkeit willen vor dem Frieden eines falschen Gewissens, das in Sünden und Lastern 334 ruhig ist; reinige mein Herz und tilge daraus was immer Dir darin mißfällt; ordne, bereite und schmücke Dir dasselbe zu einer Wohnstätte, damit ich Dich oftmals mit Zerknirschung und Inbrunst zum Heile meiner Seele und als ein Siegel meiner Auserwäh- lung für das ewige Leben empfange. Zieh alle Kräfte meiner Seele an Dich, daß ich nie und nimmer von deiner Liebe getrennt werde; sondern durch deinen Geist belebt, fortwährend an Tugenden zunehme, an Vollkommenheit wachse, durch Werke heiliger Gottes- und Nächstenliebe Dir täglich wohlgefälliger werde und am Ende meines Lebens zu Dir, meinem Gott und meiner ewigen Liebe, in den Himmel gelange, wo Du mit Gott dem Vater und dem Heiligen Geiste lebest und regierest, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Zu den letzten Lollecten. Erhöre, o Vater der Erbarmungen, das Gebet deiner heiligen Kirche, und verleihe uns durch dieß hochgebenedeite Opfer, das wir deiner göttlichen Majestät in Demuth dargebracht haben, durch die Fürbitte und Verdienste der allerseligsten Jungfrau, deiner heiligen Apostel, Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen und aller Heiligen, besonders derjenigen welche die Kirche an dem heutigen Tage ins besondere verehrt, Hilfe in unsern Nöthen, Schutz in unsern Trübsalen und was uns nothwendig ist, deinen heiligen Willen zu erfüllen und die ewige Se- 335 ligkeit zu erlangen, zu welcher Du uns erschaffen hast. Durch Christum unsern Herrn. Amen. Zum Segen des Priesters. Es segne uns die Allmacht des Vaters, die Weisheit des Sohnes und die Liebe des Heiligen Geistes. Der Herr bewahre uns auf allen unsern Wegen und beschütze uns vor der Arglist und den Schlingen des alten Feindes. Amen. Zum letzten Evangelium. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott; und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht; und ohne dasselbe ward nichts dessen gemacht, was da gemacht ward. In Ihm war das Leben; und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in den Finsternissen; und die Finsternisse haben es nicht erfaßt. Es war ein Mensch von Gott gesandt, dessen Name Johannes hieß. Der kam zum Zeugnisse: Daß er Zeugniß gäbe von dem Lichte; auf daß Alle durch ihn glaubten. Nicht er war das Licht; sondern daß er Zeugniß gäbe von dem Lichte. Es war das wahrhaftige Licht, das jeglichen Menschen erleuchtet. der da kommt in diese Welt. Er war in der Welt; und die Welt ward durch Ihn gemacht; und die Welt hat Ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigenthum; und die Deinigen haben Ihn nicht aufgenommen. Wie viele aber Ihn aufnahmen, denen gab Er Gewalt, Kinder Gottes zu werden; Jenen nämlich, die an seinen 336 Namen glauben, und die nicht aus dem Blute, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das TVort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt; und wir haben seine Herrlichkeit gesehen; eine Herrlichkeit gleichsam des Eingebornen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit. Gebet nach der heiligen Messe zur allerseligsten Jungfrau. O hochgebenedeite, heilige und barmherzige Mutter unsres Herrn Jesu Christi, die du Ihn, den Sohn des ewigen Vaters neun Monate in deinem keuschesten Schooße getragen hast, würdige mich der Gnade, für mich zu bitten, daß Er die Nachlässigkeiten mir verzeihe, mit welchen ich diesem, seinem heiligsten Opfer beigewohnt habe, und mir alle Gnaden zuwende, die dasselbe wahren Gläubigen erwirbt, damit ich dadurch gekräftigt und beschützt, mit Freuden an das Tagewerk gehe, das seine göttliche Vorsehung mir angewiesen hat, und Ihn durch alle meine Gedanken, Worte und Werke verherrliche. Amen. Anhalt. Seite Vorwort^ Erstes Buch. Leben und Tugenden der allerseligsten Jungfrau von ihrer unbefleckten Empfängniß an bis zur Geburt ihres göttlichen Sohnes zu Bethlehem. Erstes Capitel. 10 15 16 19 22 25 29 52 55 53 >on der Nachahmung der Tugenden der allerseligsten Jungfrau Zweites Capitel. Wie hoch wir die heiligende Gnade achten sollen. Drittes Capitel. Von der Sorgfalt, mit welcher wir die heiligende Gnade bewahren sollen Viertes Capitel. Mit wie großer Sorgfalt wir dahin wirken sollen, an Gnade und Vollkommenheit zuzunehmen. Fünftes Capitel. Daß man Gott bei Zeiten sich ergeben soll- Sechstes Capitel. Daß man Gott gänzlich und für immer sich ergeben soll Siebentes Capitel. Von den Borzügen und Lieblichkeiten der Einsamkeit. Achtes Capitel. Von der Wahl eines Standes.°- Neuntes Capitel. Von der Reinigkeit, und wie sehr wir dieselbe achten sollen Zehntes Capitel. Von der nothwendigen Vorsicht, die Keuschhe.t zu bewahren---''' Eilftes Capitel. Von der wahren Größe.--- Zwölftes Capitel. Seite Bon den Gnaden Gottes, die den Demüthigen zu Theil werden 41 Dreizehntes Capitel. Daß die echte Ehre ganz vorzüglich in der christlichen Demuth zu finden sei 45 Vierzehntes Capitel. Daß eine demüthige Seele, was sie vor den Augen Gottes ist, sorgfältig vor den Menschen verbirgt. 49 Fünfzehntes Capitel. Von der Klugheit des Glaubens 52 ^Sechzehntes Capitel. Von der Unterwerfung unter den Glauben... 55 Siebenzehntes Capitel. Von dem heiligen Eifer, den eine Seele haben soll, Jesus in der heiligen Cvmmunion zu empfangen. 58 Achtzehntes Capitel. Was eine Seele bedenken soll, die Jesum durch die heilige Eommunion in ihrem Innern besitzt.. 61 Neunzehntes Capitel. Von den Trockenheiten einiger Seelen in ihren Andachtsübungen und zur Zeit der heiligen Eommunion 64 Zwanzigstes Capitel. Von der Frucht der heiligen Eommunion für das thätige Setzen'- 67 Ein und zwanzigstes Capitel. Von der Nächstenliebe 70 Zwei und zwanzigstes Capitel. Von der Größe Gottes 7Z Drei und zwanzigstes Capitel. Von den göttlichen Erbarmungen.... 75 Vier und zwanzigstes Capitel. Von der Dankbarkeit für göttliche Wohlthaten. 78 Fünf und zwanzigstes Capitel. Von Besuchen........ 81 r Sechs und zwanzigstes Capitel. Seite 85 87 90 95 Von Unterredungen Sieben und zwanzigstes Capitel. Von der wahren Freundschaft.--- Acht und zwanzigstes Capitel. Von dem Vertrauen auf Gott und der Ergebung an seine Vorsehung Neun und zwanzigstes Capitel. Von dem Gehorsam Zweites Buch. Leben und Tugenden der allerseligsten Jungfrau von der Geburt ihres göttlichen Sohnes an bis zu seinem Tode für das Heil der Menschen. Erstes Capitel. Von der Glückseligkeit der Armen.... Zweites Capitel. Von der freiwilligen Armuth..... Drittes Capitel. Von der Liebe zu den Armen Viertes Capitel. Bon der Nothwendigkeit und dem großen Nutzen der innerlichen Betrachtung Fünftes Capitel. Bon der Beobachtung des göttlichen Gesetzes. Sechstes Capitel. Von dem guten Beispiele Siebentes Capitel. Bon der Liebe und dem Werth der Demüthigungen. Achtes Capitel. Auf welche Weise wir Gott das Opfer bringen sollen, das Er von uns verlangt Neuntes Capitel. Mit welcher Stimmung des Herzens wir die Übel betrachten sollen, die uns bedrohen 99 101 104 107 110 113 116 118 122 Zehntes Capitel.^ Was eine Seele thun und was sie bedenken soll, wenn die Führungen Gottes ihr unbegreiflich sind. 126 Eilftes Capitel. Bon der Fürsorge der göttlichen Vorsehung gegen die Gerechten 129 Zwölftes Capitel. Daß man Gott in jedem Stande und Verhältnisse dienen kann, wenn Er selbst uns dazu beruft.. 132 Dreizehntes Capitel. Von dem Eifer im Dienste Gottes.... 135 Vierzehntes Capitel. Wie schwer es ist, Jesum zu verlieren.-.138 Fünfzehntes Capitel. Wie und wo die Seele Jesus suchen soll, wenn ihr das Unglück wiederfuhr, Ihn zu verlieren.-- 182 Sechzehntes Capitel. Wie man wandeln soll, wenn man Jesum wiedergefunden hat... 184 Siebenzehntes Capitel. Daß eine getreue Seele in innerlichen Trockenheiten und wenn Jesus sich zu entfernen scheint, nicht in Kleinmuth versinken soll 189 Achtzehntes Capitel. Von dem verborgenen Leben.---- 152 Neunzehntes Capitel. Von dem innerlichen Leben 155 Zwanzigstes Capitel. Von dem Stillschweigen 160 Ein und zwanzigstes Capitel. Von der Bereinigung der Seele mit Gott..-. 164 Zwei und zwanzigstes Capitel. Bon Standespflichten. 168 Drei und zwanzigstes Capitel. Wie man die Arbeit und die verschiedenen Beschäftigungen des Tages heiligen soll....171 Vier und zwanzigstes Capitel. Seite Von der Liebe, die wir zu Jesu haben sollen.. 174 Fünf und zwanzigstes Capitel. Daß man Jesum zum Vorbilde wählen, und sich Ihm nachbilden soll 179 Sechs und zwanzigstes Capitel. Von der Glückseligkeit einer tugendhaften Familie. 183 Sieben und zwanzigstes Capitel. Von der Macht des Gebetes 186 Acht und zwanzigstes Capitel. Daß die Tugend mit den Pflichten des Anstandes nicht>' unverträglich ist 168 Neun und zwanzigstes Capitel. Wie lieblich es ist, die Stimme Jesu zu hören; und wie eifrig eine Seele seyn soll, seinen Unterricht zu vernehmen 191 Dreißigstes Capitel. Daß man nicht die Ehre dieser Welt noch die Achtung der Menschen suchen soll 195 Ein und dreißigstes Capitel. Daß man die Schwächendes Nächsten im Geist der Liebe und Sanstmuth ertragen muß.... 198 Zwei und dreißigstes Capitel. Daß man dem Willen Gottes in Allem, sogar in jenen Dingen beistimmen soll, die gegen seine Ehre scheinen... 201 Drei und dreißigstes Capitel. Von den Merkmahlen der wahren Heiligkeit.. 204 Drittes Buch- Leben und Tugenden der allerseligstcn Jungfrau von der Zeit des Leidens und Todes ihres göttlichen Sohnes an bis zu ihrer Himmelfahrt. Erstes Capitel. Daß wer Jesum liebt, den Berg Calvaria mit Ihm besteigen und mit Ihm leiden soll.. 209 Zweites Capitel. Von der Gleichförmigkeit.mit dem Willen Gottes in Leiden Drittes Capitel. Von der Geduld Viertes Capitel. Daß Gott zuweilen seinen getreuesten Freunden die größten Leiden aufbewahrt..--- Fünftes Capitel. Daß man sich weder verwundern noch erschrecken soll, wenn man innerliche Abneigung gegen das Lerden empfindet Sechstes Capitel. Daß die Betrachtung Jesu, des Gekreuzigten, die Seele ermuthigt, standhaft zu leiden Siebentes Capitel. Wie wir gen unsre Feinde gesinnt seyn sollen. Achtes Capitel. Wie wir bei den Leiden unsrer Verwandten und Freunde uns betragen sollen Neuntes Capitel. In welchem Geiste wir den Verlust geliebter Personen ertragen sollen Zehntes Capitel. Wie man sich im Glauben und in der Hoffnung unter Umständen kräftigen soll, die am meisten gegen diese Tugenden zu streiten scheinen. Eilftes Capitel. Daß der Trost auf die Trübsal folgt; Laß aber der Mensch dennoch auch lernen soll, ohne Trost lerden Zwölftes Capitel. Daß unsre Liebesregungen nach dem Himmel zielen sollen Dreizehntes Capitel. Was wir thun sollen, den Heiligen Geist im Innern zu empfangen Seit« 213 216 220 22» 226 230 233 237 2»0 2»3 2»6 2»8 Vierzehntes Capitel. Seite Daß jeder Mensch, je nach seinem Stande, für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen eifern soll. 252 Fünfzehntes Capitel. Wo die christliche Seele in Leiden für die Tugend und in dem Schmerz ihrer Verbannung auf Erden ihren Trost suchen soll 255 Sechzehntes Capitel. Von der Vorbereitung zum Tode.... 260 Siebenzehntes Capitel. Von dem sanften Tode der Gerechten.... 265 Achtzehntes Capitel. Bon der heiligen Sehnsucht nach dem Tode.. 267 Neunzehntes Capitel. Von der Liebe Gottes 269 Zwanzigstes Capitel. Von der Herrlichkeit des Himmels, die uns zur Belohnung verheißen ward 274 Viertes Buch. Von der Verehrung, Liebe und-dem Vertrauen, das wir gegen die allerseligste Jungfrau haben sollen. Erstes Capitel. Von den erhabenen Vorzügen der Mutter Gottes. 28r Zweites Capitel. Züge der Ähnlichkeit zwischen Jesu und Maria.. 284 Drittes Capitel. Von der Herrlichkeit der allerseligsten Jungfrau im Himmel'. 287 Viertes Capitel. Von der Glückseligkeit des heiligen Johannes, welchem der Herr Maria zur Mutter gab, und daß alle Christen an dieser Glückseligkeit Antheil erhalten 291 Fünftes Capitel. Von der Liebe, die wir zur Mutter Gottes haben sollen 294 Sechstes Capitel. Von dem Eifer, den ein Pflegekind der Mutter Gottes für die Ehre dieser geliebten Mutter haben soll Siebentes Capitel. Von der Macht der allerseligsten Jungfrau, bei Gott für das Heil der Menschen Achtes Capitel. Von der freundlichen Milde der allerseligsten Jungfrau gegen uns Neuntes Capitel. Bon der Anrufung der allerseligsten Jungfrau. Zehntes Capitel. Von dem Vertrauen, das zumal reuige Sünder, die zu Gott zurückkehren wollen, zur allerselrgsten Jungfrau haben sollen Eilftes Capitel. Von dem Gebet des englischen Grußes Zwölftes Capitel. Empfindungen des Vertrauens zu Maria während des Lebens Dreizehntes Capitel. Empfindungen des Vertrauens zur allerseligsten Jungfrau zur Zeit der Annäherung des Todes Vierzehntes Capitel. Von der Andacht zum heiligen Joseph, dem Bräutigam der allerseligsten Jungfrau..- Gebete zur heiligen Messe. Vorbereitungsgebet Gebet nach der heiligen Messe. Zur allerseligsten Jungfrau Seite 297 ZOO 204 206 209 212 214 218 220 224 226 Verbesserungen. Seite 91, Aeile 17 u. 119, 2'», 131, L. v. U. statt: 18 von Ehrfurcht für seine heilige Braut Es war dein eingeborener Sohn Ihn vollkommen erreichen wird lies: von Ehrfurcht für seine heil. Braut durchdrungen Er war dein eingeborener Sohn dasselbe vollkommen erreichen wild »»«WWM^WW^ W« . - -./^x .»>-«^»»^ ^-- M^^<'7-7--^7v.7 7 >-'^--^ttt^'.-"- ^^ V.'^'7 -'.. L- ,^r ,^<>/?7».*. : K^,^77 >'7^.^' r- F-? ^-7- ^^>»/-><--.7-75^^ '^"^7/^W:M 7..^^ O,.-" f<-^7 *»^.«. 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