Wisnen 8tsclt-8ibliotkkl<. 6709./I. Abhandlung über das Wiederkommen und Erscheinender Todten. Nach Religion. Vernunft, und Erfahrung ' V- W Verfaßt von einem Protestanten. Wien 1799. Bey Andreas Schnapp und Compagnie. An die Leser. «ttdir müßen unserem Zeitalter das verdiente Lob aussprechen, daß, im Ganzen genommen, der Aberglaube lange nicht mehr so regiere, nicht mehr so allgemein sey, als er in den vorigen Zeiten gewesen ist; denn, obschon man dort und da bey einzelnen Menschen, und in einzelnen Familien alle, ja gar die lächerlichsten Arten des Aberglaubens-- findet, ss wächst doch auch jetzt die Zahl verständiger, und weiser Menschen mit jedem Tage, die nicht allein frey vorn Aberglauben sind, sondern auch A 2 dessen 4 dessen mächtiges Reich mit allen Kräften bebändern zu zerstören suchen. Wenn in den vorigen Zeiten selbst die, die am verständigsten seyn wollten, und sollten, nicht frey vom Aberglauben waren, ja sogar auf die manigfaltigste Weise den Glauben an Zauberey, Gespenster, und Leu- selsbindnlsse begünstigten, so wird man in unseren Tagen deinen nur halb verständigen, nur halb gebildeten Menschen mehr finden, der an soche Albernheiten, und Narrenspossen glaubt. Denn—hk-krtrgrn Menschen anfangen, ihre vom Schöpfer nicht zwecklos empfangene Vernunft zu gebrauchen, aufmerksam zu seyn, nachzudenken, und zu prüfen, je verständiger und weiser fie also werden; je mehr sie anfangen, nach Gründen zu fragen, und nicht blos andern nachzuplaudern, desto mehr muß der Aberglaube sinken. Daher wird man auch die Spuren desselben, da er sein Wesen blos im Dunkeln und Finstern zu treiben pflegt, nur noch in solchen Ländern, Ort, schaftcn und Familien finden, wo noch v clc Finsternis und Unwissenheit herrscht, wo die Men- Menschen noch zu dumm und unverständig sind, wo man lieber gleich einem Papagcy einfältig nachpaperlt, als selbst prüft. Da das helle Licht der Vernunft und der Religion Jesu noch nicht überall ausgebreitet ist, da selbst unter uns noch in mancher Familie, deren Hausvater öder Hausmütter keine Gcisieskultur haben, viele Unwissenheit herrschet; da noch mancher lieber seinen in der Kindheit eingebogenen Vorurtheilen nachhängt, lieber ohne Prüfung nachbetet, und «Äes-amf^ Wort glaubt, als seine Veknurcht gebraucht, nach Gründen fragt, und darüber nachdenket, so ist es freylich kein Wunder, wenn selbst da, wo man in Schulen und Kirchen, und bey jeder andern Gelegenheit dem Aberglauben thätigst entgegen arbeitet, noch so manche abergläubische Menschen angetroffen werden, die jeder abgeschmackten Erzählung von Schatzgraberey, von Hexen und Gespenstern willig ihr Dhr leihen, Betrügerey und Täuschung für Wahrheit halten, dagegen Belehrung und Zurechtweisung verachten, und sich durch ihren thorigten Aberglauben andern zum 6 zum Gespötte machen. Wie oft hört man daher nicht unter uns, die wir doch Christen, das heißt, durch Christi Lehre gebildete, verständige, und weise Menschen seyn wollen, von Tcufelsbesthungen, Schahgräberey, Kobolden, Hexen und Gespenstern, von großer Furcht vor Todten, welche wieder gekommen, und hier und da erschienen seyn sollen? Wie ist nun aber diese Furcht gegründet?— Was ist überhaupt, wenn wir Vernunft, Religion und Erfahrung zu Rathe ziehen, von dem sogenannten Wiederkommen und Erscheinen der MrskörvenerkDr halten? Die Untersuchung dieser Frage soll der Gegenstand dieser kleinen Abhandlung scpm Wien den:8. Jancr 1799. Der Verfasser. Abhandlung. §. E^er Reiche, von welchem Christus imEvan« gelium*) erzählt, bat den Äbrabain, daß, wenn er auch ihn von seiner Qual nicht befreyen könnte- er sich doch wenigstens seiner noch lebenden fünf Bruder erbarmen, und Lazarnm aus dem Reiche der Todten zu ibnen senden sollte, damit dieser ihnen erscheine, sie von feinem traurigen Schicksale benachrichtige, und warne, damit nicht auch sie einmal an diesen Ort der Qual kommen möchten. Wurde aber wohl diese Bitte des reichen Wollüstlings erfüllet? kam der verstorbene Laza- rus wirklich in das Leben wieder zurück, und erschien er den Lebendigen?— Nein; Abraham gab zur Antwort: sie haben MoscN Mld ) Am ersten Sontage nach Trinit. Luk. ,6. 8 / Propheten; hören sie diese nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn selbst jemand von den Todten zu ihnen gienge. §. r. Was dieser Reiche für möglich halten moch, te, daß Verstorbene wieder kommen, und den Lebendigen erscheinen können, das glauben selbst in unsern so erleuchteten Tagen noch manche unter uns. Da aber dieserGlauhe auf die Handlungsart, und auf die Ruhe des Menschen einen sehr großen Einfluß hat, so scheint es mir weder überflüßig, noch unnütz, die Frage: was ist von dem sogenannten Wiederkommen und Erscheinen der Todten zu halten? auszuwerfen, und zu beantworten. Ich werde ersienLr-Lewerscn, daß es ein blosser Unglaube, und dann zw'ytens: daß derselbe sogar in jeder Rücksicht äußerst schädlich ist. 8- Z- Aberglaube nennen wir alles das, was mit der h. Schrift, mit der gesunden Vernunft, und mit einer vernünftigen' Erfahrung ftteitet, welches zu glauben man folglich gar keinen zureichenden Grund hat. Daß aber Todte wiederkommen, lind den Lebendigen erscheinen sollen, das zu glauben, zu hoffen, oder zu fürchten, haben wir, wie ich gleich beweisen werde, ganz und 9 gar keinen Grund, folglich ist es ein Aberglaube. Wenn ein Verstorbener sollte zurückkommen, und sich unter uns Menschen wieder sehen lassen können, so müßte dieß der Verstorbene entweder für sich selbst aus eiaener Macht thun könen, oder Gott müste ihn senden, oder es wenigstens zu-? lassen, oder der Satan mäste hier mitwirken, und die Erscheinung bewerkstelligen. Allein, wenn wir darüber ein wenig nachdenken, und Vernunft, und Schrift zu Rathe ziehen, so finden wir, daß keines von diesen denkbar^ und gegründet ist. §. 4. Die Todten können unmöglich für sich selbst, aus eigener Kraft und Macht nach ihrem Belieben wieder kommen, und ihren Bekannten erscheinen, sonst würde der reiche Wollüstling nicht erst den Abraham gebeten haben, daß er den Lazarus in seines Vaters Haus senden, und seine Bruder warnen lassen möchte. Wäre es ihm nur irgend möglich gewesen, so würde er, der vielleicht an der Verführung, und dem Unglücke seiner Bruder Schuld war, und deßwegen das angerichtete Böse wieder gut zu machen wünschte, gewiß ohne allen Zeitverlust zurückgegangen, und ihnen erschienen seyn, um ihnen sein Elend zu beschreiben, und fie davor zu warnen. Allein auch hier gilt, was Chri« sius den Abraham sagen laßt: es ist zwischen uns und ihnen, zwischen den Lebenden und Abgeschiedenen eine so große Kluft befestiget, daß, die daselbst wollten von bannen zu uns herüber fahren, rönnen nicht. Denn unsere verstorbenen Freunde und Bekannte sind in einer andern Welt als abgeschiedene Geister entweder glücklich, oder unglücklich, je nachdem sie hier gut oder böse lebten. Smd fiknnfrits des Grabesnn Genusse höherer h'imm. lrschen Freuden, und Seligkeiten glücklich, so werden sie gar nicht wünschen, den Sitz ih- ^ verlassen, um wieder zurück auf vlesc Welt zu kommen, die sie mit Freuden verlasien haben; und noch weniaer würden sie yrer als weise, verklärte Geister des HimmelZ solche kindische Thorheiten, Spuckereyen, Gaukelten, und Hanswurstereyen treiben, die nur Furcht und Schaden verursachen, wie die Abergläubischen gemeiniglich von wiedergekommenen Verstorbenen erzählen. Sind sie aber als Lasterhafte am Orte der Qual unglücklich, so sind sie weit von uns entfernet in der Hölle, nnd werden auf keine Weife den L)rt ihrer Strafe verlassen dürfen, um auf dieser Erde wieder zu erscheinen, die Menschen durch lächerliche Gaukeleyen zu beunruhigen, sich an chren Feinden zu rächen, oder ihr zusammge- scharretes Geld zu bewachen, welches für sol- che Lasterhafte kerne Strafe, sondern vielmehr ein Vergnügen seyn würde. >§. L. Wie können sodann abgeschiedene Geister uns erscheinen, und von uns gesehen werden?— Wie können sie als Geister gehen, poltern und Lärmen, daß man es sehen und hören könnte?— Den Körper haben fie ja im Tode verlassen, der dann tief in dasGrab verscharret wurde, wo er sogleich in Faulniß und Verwesung, in Staub und Asche übergieng. Diesen begrabenen und ver, rveseten Körper können sie, wenn sie gleich wollten, nichr-wieder annehmen, und ihn aus der Faulnist wieder herstellen, um von den Lebendigen darinnen wieder gesehen, und gehöret zu werden, denn dazu würde göttliche Allmacht gehören, die keinem erschaffenen und eingeschränkten Geiste eigen ist. Als blosse Geister aber, ohne einen Körper, können die Verstorbenen auf keine Weise erscheinen, so, daß sie gesehen werden, poltern, und lärmen können; denn ein Geist, sprach Jesus*) zu seinen Jüngern, als sie bey seiner Erscheinung nach seiner Auferstehung erschraken, und einen Geist zu sehen glaubten, ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe. Sehet meine Hände und *) Luk. Z4, Z9 u. s. w. 12 Fusse; ich bin es selber; fühlet mich, und sehet. Haben aber abgeschiedene Geister, Wie Christus sagt, kein Fleisch und Bein, können sie auch ihren todten, in die Erde ver- scharreten, und bereits in Verwesung übergegangenen Körper nicht wieder bekommen, und können sie als Geister ohne Körper nicht lärmen, nicht gesehen und gehört werden, wie kann man also glauben und sagen, daß Todte wieder gekommen, und von Lebendigen gesehen worden sind?— Glaubt man hier nicht etwas ohne Grund?— Ist es also nicht thö, rigter Aberglaube? .§- 6. spricht der Abergläubische, was dem Verstorbenen felbstmicht möglich ist, das ist doch Gott möglich.— Dieser kann sa wohl dem Abgeschiedenen irgend einen Körper und Kleidung geben, und ihn dann zu den Lebenden senden, oder es ihm erlauben, seinen Bekannten auf dieser Erde zu erscheinen; denn bey Gott ist ja kein Ding unmöglich; er kann thun, und schaffen, was er will. Allerdings Freunde! kann Gott der Allmächtige thun und schaffen, was er will. Aber was will denn Gott?— Wohin zielet denn jedesmal sein Wille?— Auf das, was gut oder böse, nützlich oder schädlich, weise, oder thörigt?— Ihr habt dach gewiß Alle so vie- 1Z le Hochachtung und Ehrfurcht gegen Gott, daß ihr seinem Willen eben so, wie.seiner Allmacht, alles Gute zutrauet. Ist dieses; NUN so könnt ihr unmöglich von Gott, dem weisen und gütigen Vater der Menschen glauben, daß er es veranstalten oder erlauben wird, daß Verstorbene wieder kommen, und den Lebenden erscheinen dürfen. §. 7. Wenn ihr es aber demungeachtet glaubt, so glaubt ihr es ohne Grund, und syd folglich abergläubisch, auch keine vernünftigen und weisen Christen. Denn erstens: stehet in der heiligen Schrift keine einzige Sylbe davon, daß Gott bisweilen Verstorbene wieder zu uns zu senden versprochen hätte. Vielmehr lehret sie uns, daß die Seele des Verstorbenen sogleich in ein anderes Leben übergehe, und an ihren bestimken Drt komme, und daselbst bis zum jüngsten Tage verbleibe Je, nes Leben hat keinen Ausgang, der Himmel so wenig, als die Hölle. Es ist zwischen uns, und euch, läßt Christus den Abraham sogen, eme große Kluft befestiget, daß, dre da wollten von Humen hinaöfahren zu euch, rönnen nicht, und auch nicht von dannen zu uns hcrubex fahren, das hecht, wer in der Hülle.st, kann so wenig heraus, als der, welcher im Himmel ist; wrrd nun Gott, der Wahrhaftige, der das, was er lehret, und sagt, gewiß halt, diese seine Versicherung Zurücknehmen, nach welcher der Mensch nach dem Tode sogleich in ein anderes Leben kömmt, aus welchem er nicht wieder zurückkommen kann? >§- 8. Wollte es aber Gott ja thun, und Verstorbene zurück kommen lassen, so mußte er jedesmal ein Wunder wirken; denn er müßte dem Verstorbenen entweder seinen alten Körper wiedergeben, der aber tief in der Erde verscharret, und daselbst schon in die Fäulnjß übergegangen ist, oder rr müßte für ihn einen ganz neuen Körper erschaffen, der bemalten ähnlich sähe. Beydes aber gienge nicht natürlich zu, sondern Gott müßte solches durch ein neues Wunder bewerkstelligen. Nach der Erkenntniß, welche wir Christen von Gott haben, wissen wir aber, daß Gott, der Allweise, ohne Noth und ohne besonders wichtige Absichten kein Wunder wirket, sondern lieber alles den ordentlichen, v,on ihm mit Weisheit festgesetzten Gang der Natur unter seiner beständigen Aufsicht und Leitung gehen läßt, weil Wunderwerke Gott bey weitem nicht so sehr verherrlichen, als der gewöhnliche, von ihm selbst eingerichtete Naturslauf. Und in unseren Tagen können, und dürfen wir von Gott ffeine Wunder mehr er- warten, denn sie sind uns nirgends versprochen worden, auch ansitzt nicht mehr vonnö- Ihen. Ist es daher nicht thörigter Aberglaube, wenn wir ohne Grund glauben wollen, daß Kokt der Weise, um einen Verstorbenen in seinem begrabenen, oder in einem neuen Körper wiederkommen, und erscheinen zu lassen, sitzt noch Wunder wirken sollte? Gesetzt, der Unbegreifliche wirkte dieses Wunder, so dürfen wir bey der Kenntniß, die wir von seiner Weisheit und Güte haben, doch nichts anderes glauben, als daß er dabey gewisse Absichten, und zwar, da er ein weiser, und guter Gott ist, weise, gute, und wohlthätige Absichten haben, und einen guten Endzweck dadurch zu erreichen suchen müsse', denn ohne weift, und gute Absichten thut, und läßt Gott nichts zu. Wer anders glaubt, der rst abergläubisch. §. ro. Welche gute, und'weise Absichten könnte, wurde, und sollte aber wohl Gott, der Vater der Menschen, dabey haben, wenn er Verstorbene wieder erscheinen ließe?— Vielleicht um uns durch sie manches aus jenem Leben nach dem Tode im voraus bekannt zu machen?— So viel wir von jenem künftigen glücklichen, oder unglücklichen i6 Leben hier zu wissen brauchen, hat uns der Gottmensch schon in seiner Religion gelehrt, daß wir nämlich nach dem Tode ein anderes Leben mit Gewißheit zu erwarten haben, welches aber für Lasterhafte höchst unglücklich und elend, und für den Frommen, und Tu- , gendhasten höchst glücklich, und freudenreich seyn wird. Dieses ist ja auch die Wahrheit, die uns Christus in einer Gleichnißrede unter jüdischen Bildern, und Vorstellungen lehrt. Der reiche Wollüstling, erzählt er*) kam in die Hölle, und in die Qual, und litt Pein in dieser Flamme, das heißt, er wurde nach seinem Tode höchst unglücklich, und von seinem erwachten Gewissen, und heftigen Begierden gefoltert, die er nicht stillen konnte. Der fromme Lazarus hingegen wurde von den Engeln in Abrahams Schooß getragen.**) Dieß ist eine jüdische Vorstellung, und heißt: er kam in die Gesellschaft Abrahams, Jsaaks und Jakobs, welche,die Juden für die Glücklichsten hielten, und nahm an ihrer Freude und Glückseligkeit des Himmels mit Antheil. Das künftige Leben ist also nach dieser Lehre die Fortsetzung, Vollendung, und Vergeltung des gegenwärtigen. Was der Mensch hier säet, das wird er dort ') Evang. am ersten Sonntage nach Trink. Luk. V. LZ. 24. ") V. 22. -7 Hort arndtcn.*) Mehr brauchen wir aber von dem künftigen Leben zu unserer Veredelung, Beruhigung, und Glückseligkeit hier nicht zu wissen, sonst würde uns Christus, der von Anfange an bey Gott war, und aus des Vaters Schooße kam,**) folglich sein Vertrautester war, und von dem künftigen Leben, als der eingebohrne Sohn Gottes, die genaueste Kenntniß haben muste, schon noch mehr davon gelehret haben, ohne daß erst Verstorbene wieder zu uns zu kommen nöthig hätten. Und habt ihr dann ihr Abergläubische»! die ihr so viel von wiedergekommenen Todten zu erzählen wisset, such wohl selbst manche gesehen haben wollet, habt ihr dann durch sie das geringste von jener Welt erfahren?— Wisset ihr durch sie nun mehr von dem-Orte, und der Beschaffenheit des künftigen Lebens, als wir, die wir noch nie einen wiedergekommenen Verstorbenen gesehen haben, und zuverlässig auch nie sehen werden, weil wir nicht daran glauben?— Wisset ihr durch sie etwa mehr von der Hölle, und dem Himmel, mit Wahrheit zu erzählen, als uns die Vernunft, und heilige Schrift davon gelehret hat?—> So kommet, und theilet der Welt euere erlangten Kenntnisse, und neuen Ausschlüsse mit. B ') Galat. 6. 7. ") Zoh. i. 2. ex. i8 §. ü. Oder vielleicht glauben die Abergläubische, d«ß Gott die Verstorbenen deßwegen manchmal wieder zu uns kommen lasse, damit sie ihre noch lebenden Freunde, und Bekannte warnen, ermähnen, und zur Besserung, und Rettung ihrer Seele erwecken sollen. Allein dazu— meine Freunde! braucht es nicht erst ein so großes Wunder, Verstorbene wieder erscheinen zu lassen. Was Christus den Abraham sagen ließ, gilt auch«och jetzt: wir haben Mosen, und dle Propheten, ja als Christen haben wir auch noch d-e Lehre Jesu, und die Schriften ver Apostel, worin der deutlichste und zweck- mäffste Unterricht zu unserer Besserung, und unserm Seelercheile enthalten ist; wir haben Kirchen, und Schulen, wir haben Lehrer, und vernünftige Freunde. Lasset uns nur die gehörig hören, und benüheu, so werden wir gewiß^besser und glücklicher werden, ohne daß erst^ Gort uns durch wiedergekommene Ver- storoene zur Besserung zu erwecken nöthig hat. Höret ihr Freunde! Mosen, und die Propheten, höret Cyristum und die Apostel, höret ihr oie Lehrer und Prediger nickt, lasset ihr euch durch diese nicht bessern, so werdet ihr auch nicht glauben, und folgen, wenn selbst jemand von den Todten auferstünde. Wenn -9 Lasterhafte Menschen der Vernunft und Schrift Nicht folgen, so sind sie für alle Hoffnung der Besserung und Seligkeit ganz gewiß verlohnn, ja kein Wunder, keine Todtenerscheinung, keine Allmacht kann sie selig machen. §. 12. Sollte uns etwa Gott durch die Verstorbenen unsere künftigen Schicksale enthüllen^ Und uns durch sie anzeigen lassen, was bey uns oder in unseren Familien etwa künftig geschehen soll?— Freunde! Ist das jemals geschehen, und hat schon jemand unter uns durch einen verschiedenen Verstorbenen etwas von der Zukunft erfahren?— Die Abergläubischen wissen hier von der Ankunft so wenig, als wir, die wie an keine Todtenrrscheinungen glauben. Wir sollen aber auch als Menschen nach kein Willen Gottes nicht mehr davon wissen, weil es Uns nicht gut und nützlich seyn würde, zu wissen, was künftig mit uns geschehen wird. Wollte uns aber Gott aus besondern Absichten etwas von der Zukunft entdecken, was jedoch niemals geschehen wird, so würde er dazu schon andere sichere und bessere Mittel, und Mcege gebrauchen, und nicht solche nächtliche unsichere Erscheinungen der Todten. §. IZ. Manche Abergläubische behaupten auch, daß Gott nicht sowohl die frommen, als vielmehr die bösen und lasterhaften Menschen nach ihrem Tode zu ihrer eichenen Strafe hier erscheinen, und her- umwandeln lasse, weil sie keine Ruhe hatten. Allein, wenn Gott den Lasterhaften nach seinem Tode strafen will, so braucht er ihn nicht erst durch ein Wunder auf diese Erbe zurück zu schicken, und durch ihn die lebenden Menschen zu erschrecken. Gott wird und kann die Lasterhaften schon dort in jenem L. den genug strafen, welches der reiche Wollüstling, nach dem Gleichnisse im angeführten Evangelio, in jenen Leben zu seinem Schaden stark genug fühlte, als er in der Holle, in der Qual war, und ängstlich seufzte: Vater Abraham! erbarme dich mein, und sende Lazarum, daß er das Äusserste seines Fingers ins Wasser tauche, und kühle meine Junge, denn ich leide Pein in dieser Flamme. §. ,4- Andere glauben, doß Gott vorzüglich die Geitzigen, deren Abgott ihr Geld war, und die vielleicht aus ängstlicher Besorgniß ihr Geld verscharret, und nun in jenem Leben keine Ruhe hätten, deßwegen aus dieser Er- öe nach ihrem Tode wieder erscheinen ließe, damit sie Zu ihrer Strafe rhr verscharrtes Geld so lange bewachten, bis es endlich entdeckt, und als ein geheimer Schatz wieder ausgegraben würde. Allein, würde dieses für Geitzhälse wohl eine Strafe, würde dieses, da es ihrer Leidenschaft, chrem Geiste schmeichelt'?, für sie nicht vielmehr ein Vergnügen seyn? §. iL- Noch andere Abergläubische meynen auch wohl, daß Gott die Abgeschiedenen deswegen auf dieser Erde wieder erscheinen liesse, damit sie sich an ihren Feinden rächen, ihre Verfolger beängstigen, und die, die an ihrem Tode Schuld gewesen wären, beunruhigen, und sie in Furcht und Schreiben festen kennen. Dieses sollte Gott, der Erhabene, der Vollkommenste zulassen?— Er, der Ernsthafte, und Weiseste, sollte Gespenster solche Gaukeleyen zum Schaden seiner Kinde- treiben lassen, als der Aberglaube oft erzählet?— Er, der gütigste, der liebvolle Valer der Menschen, dem wir uns nach der Lehre des Christenthums mit frohen und dankbaren Herzen ganz anvertrauen, den wir nicht wie Knechte fürchten, sondern wie gute Kinder lieben sollen, weil er die Liebe selbst ist, dieser iiev- volle gute Vater sollte die Menschen, seine Kinder durch fürchterliche Gespenstererscheft nungen, durch das Poltern und Lärmen wiedergekommener Todten beunruhigen, erschrecken und peinigen wollen? Sollte uns durch sie unsern nächtlichen, zur Erholung und Stärkung der Kräfte so nöthigen Schlaf stöhlen, unsere Ruhe und Heiterkeit rauben, unserer Gesundheit ja oft unserem Leben schaden. Wie, das sollte, das könnte Gott der Barmherzige thun und zulassen?-- Nein, wahrlich nicht; unser ganzes Herz empöret sich dagegen. Das kann, das wird Gott nimmermehr zulassen. Wenn er der weift, der gute, der liebpollc Vater der Menschen ist, wie uns die Vernunft, und Christi Lehre sagt, so kann es durchaus keine Gespenster geben, so kann er keinen Verstorbenen zurückkommen und erscheinen lassen, um durch sie seine Kinder, die Menschen, ohne Absicht zu beunruhigen, zu erschrecken und zu peinigen, sonst könnte er nicht unsere Liebe, unser Vertrauen zu ihm, als einem Vater verlangen. Der Glaube an Gespenster, und wiedergekommene und erschienene Verstorbene streitet mit dem Geiste des Christenthums, streitet milder gesunden Vernunft, streitet mit der Ehrfurcht,. die wir Gott schuldig sind, und wer noch un, ter uns ohne allen Grund Gespenster, und erschienene Verstorbene glaubt, und sich vor ihnen fürchtet, ist kein ächter Christa demnach SA die richtige Kenntniß Gottes, das kindliche Zutrauen, die herzliche Liede, und die wahre Ehrerbietung gegen Gott, und Ähnlichkeit mit Christus fehlet, §. 16. Fa, wendet mir jetzt.vielleicht Mancher in Gedanken ein: was helfen hier alle Beweise von der Unmöglichkeit der Todten- crscheinungm, da doch diesem und jenem wirklich Verstorbene erschienen sind?—- Allein, wem sind sie dann erschienen?— Habt ihr dann schon selbst einen wiedergekommenen Todten gesehen?— Man erzählet freylich viel.von solchen Erscheinungen; frägt man aber genau darum, so will keiner selbst gesehen haben, sondern beruft sich immer auf andere, die gesehen haben sollen, und auf diese Weife spricht er blos aus Leichtgläubigkeit nach, ohne die Sache selbst untersucht zu haben, was er von andern Abergläubischen hörte, und was diese wieder von andern gehört zu haben vorgeben. Es bleibt daher die ganze Erscheinung gewöhnlich nur eine blosse Sage. Doch gebe ichs auch zu, daß man hier und da wirklich zuweilen etwas, was einem Verstorbenen ähnlich sah, gesehen, und ein Poltern gehöret habe; allein die, welche das wirklich für die Erscheinung eines Todten hielten, und noch itzt dafür halten, und sich's nicht ausreden lassen, waren schon zuvor von die- 24 ftm Aberglauben zu sehr eingenommen; ge- riethcn durch das, was he zu sehen, oder zu hören glaubten, plötzlich in Furcht und Schrecken, liefen in der größten Angst eiligst davon, oder versteckten und verschlossen sich im Zimmer, wo nun die Furchtsamkeit ihres Herzens/ und ihre erhitzte Einbildungskraft, das Gesehene erst mit den schrecklichsten Farben ausmahlte. Sie waren also nicht zur Sache hingegangen, hatten fie nicht aufmerksam betrachtet, noch untersuchet, und das gehört doch nothwendig dazu, wenn ich gewiß wissen will, was ich gesehen habe, sonst bin ich in Gefahr, von meinen Angen, Und von meiner Einbildung alle Augenblicke getäuscht zu wer, den. Kann und darf man also solchen leichtgläubigen, abergläubischen und furchtsamen Leuten auf ihr bloßes Wort glauben? Männer, welche Herz und Muth hatten, und das Wiederkommen der Verstorbenen für unmöglich hielten, giengen, wenn sie so etwas zu sehen und zu hören glaubten, unerschrocken auf dasselbe los, betrachteten es aufmerksam, ohne sich durch die oft schreckliche Gestalt furchtsam machen zu lassen, untersuchten es 25 mit ihren Handen und Augen genau, und so entdeckten sie allemal, daß es entweder Blendwerk und Täuschung, oder Mummerey eineS Leichtsinnigen, oder Bctrügerey eines Boshaften war, der dadurch einen Vortheil zu erschleichen, oder eine böse Absicht zu erreichen suchte. Auf diese Art wurden hundert solche vorgebliche Geistergeschichten beleuchtet. Hätten nun alle in vorigen Zeiten und in unseren Tagen, wenn sie etwas Bedenkliches zu sehen und zu hören glaubten, ihren Verstand, ihre Hände, und Augen gebraucht, und die Sache jedesmal unerschrocken genau betrachtet, und untersucht, so würden sie gewiß nie etwas von Gespenstern, und wiedergekommenen Todten gehöret haben, und Niemand würde sich mehr davor fürchten. Warum sehen Sann diejenigen keine Gespenster, die keine glauben?— Warum nur allemal diejenigen, welche einfältig, unverständig, und abergläubisch sind, und sich immer vor Gespenstern fürchten?— Macht euch das nicht aufmerksam, und nachdenkend? und sollte euch da- mcht immer mehr davon überzeugen, daß, wenn ihr euern bisherigen Aberglauben, und s6 euere Furchtsamkeit ablegen wollet, ihr gewiß auch in euerem Leben keine wiedergekommenen Todten je sehen werdet? §° r/. Betrachten wir einen solchen abergläubischen Menschen, wie unruhig, ja unglücklich ihn sein Aberglaube macht. Das geringste Geräusch erschrecket ihn, und störet seine Freuden, die er im Zirkel seiner Familie, und Freunde genießen könnte. Stirbt jemand in seinem Hause, oder in der Nachbarschaft, so lebt er nun in beständiger Furcht, diese Verstorbenen etwa wieder zu sehen, und wagt sich des Abends fast nicht aus dem Hause. Hört er des Nachts das Brausendes Sturmwindes, das Heulen der Eule; fällt etwas un Hause um, schmeißet der Wind mit einem Laden, oder einer Thüre, und entstehet also ;m Hause ein Poltern und Lärmen, so gerätst er in Todesangst, kann nicht schlafen, und ängstiget sich ab. Dder schläft er endlich abgemattet, und abgeängstiget ein, so schrecken ihn ängstliche Träume wieder auf, und er wird nicht ruhig, nicht froh, bis der Tag anbricht. UiberfM einen solchen Phan- sien, wenn er unterwegs ist, die Nacht, muß cr in der Dunkelheit vor einem Gottesacker, vor einem Gerichtsplatze, oder vor.einem te vorbey, wo Jemand unschuldig ums Leben gekommen ist, oder sich selbst das Leben genommen hat, so ängstiget ihn Furcht und Schrecken. Glaubt er gar in der Entfernung den Verstorbenen zu erblicken, was doch vielleicht nur ein Strauch oder ein Schatten eines Baumes, oder sein eigener Schatten ist^ so bricht ihm ein Angstschweiß aus, alle Glieder zittern, der Ddem wird kürzer, und er weiß vor Angst nicht, was cr anfangen soll. Todtenblaß und halb ohnmächtig kommt er endlich nach Hause, und kann vor Angst, und Schrecken nicht sprechen. Seyd rhr aber nicht wirklich elend, wenn euch euer Glaube in so große Furcht, Schrecken, und Angst versetzet, und euch um eure Ruhe bringt?— Ist dann dieser Aberglaube nicht äußerst schädlich,— zumal er eben dieser ängstlichen Furcht wegen auch der Gesundheit, und dem Leben des Menschen äußerst nachthcilig werden kann. Wie manchen hat dieser Aber- -8 glaube, der dem Menschen Verstorbene bald boren, bald sehen laßt, schon die Gesundheit, ja wohl das Leben gekostet? §.»8- Ist daher der Schaden dieses Aberglaubens nicht groß und schrecklich?— Sollten wir nicht alle Hand anlegen, diese Pest der menschlichen Wohlfahrt immer mehr und mehr auszurotten, und selbst die Spuren desselben zu vertilgen? Sollte nicht jeder unter uns, der diesem Aberglauben, noch ergeben ist, an sich selbst fleißig eifrigst arbeiten, und sich nach und nach immer mehr von demselben losreißen; man kömmt ja durch diesen Aberglauben in den Verdacht eines einfältigen unverständigen und leichtgläubischen Menschen, und setzt fich der Gefahr aus, von Arglistigen dc- sts leichter betrogen und bestohlcn zu werden- §--9- Meidet Freunde! den Umgang und Besuch solcher abergläubischen Menschen, die von nichts als von Hexen und Gespenstern, und andern Gaukelepen zu erzählen wissen, und LY selbst im höchsten Grade furchtsam sind. Ge. het im Gegentheile mit verständigen und beherzten Menschen um, begleitet sie zuweilen des Nachts auf ihren Wegen, und ihr wüthiges Betragen, und ihre vernünftigen Erzählungen und Erinnerungen werden euch selbst immer verständiger und beherzter machen. ^§. so. Wollt ihr aber meine Freunde! durch alle vernünftigen Gründe, und durch die Vorstellung des großen Schadens, worein ihr euch stürzet, euern Aberglauben, den ihr gleichsam mit der Muttermilch eingesögcu habt, und der mit euch aufgewachsen ist, nicht fahren lassen, und die schädliche Furcht vor Gespenstern nicht ablegen, so beschwöre ich euch bey eurer Liebe zu euern Kindern, verschonet wenigstens eure unschuldigen Kinder, und verwahret diese vor dem thörichten und schädlichen Aberglauben. Erzählet ihnen nie von dergleichen Rachtgespenftern, und haltet sie auch von solchen Menschen zurück, die durch solche abergläubische Mährchen dk Kinder unterhalten, erschrecken und furchtsam machen. Flösset ihnen Muth ein, und ersparet die mancherley Angst Noth, und Unruhe, die seht manchen Abergläubischen quellt. Ihr ruhiges und glückliches Leben werden sie blos euch danken, und sagen: dies ist das Werk unserer lieben Eltern.