>! dienen Ztgclt-KHriigtjlek. L - - W M W M A WWW - ^L"',E-S 7^7^ W H MW MUSDG M^ 4 ^^M«UW-LHd U<-7 M-7-^W4 -.-»- 4 .'...!' ^W«'" MH E ^-r^ F K'« 4^44-,<.4'p A n rn nthige G e schichten für Kinder zur Veredlung des Herzens, Von Leopold C h i m an i. (Mit einem Litkelkupfer). Wieu, 1 823. Gedruckt und imDerlage bey Levp. Grund. AM Ehrfurcht vor dem Alter. war ein heißer/ schwüler Sommertag. Carln standen beym Schreiben und Jsabellen beym Stricken die Schweißtropfen über der Stirn. Nirgends war Kühlung zu finden; denn glühend heiß brannten die Sonnenstrahlen, und kein Lüftchen wehete. Es schlug sechs Uhr Abends, und die Erhoh- lungsstunden waren für Carln undJfabelten da. Die Mutter erlaubte ihnen in den Garten zu gehen, der sehr groß und schattig war, und bis an die Landstraße reichte. Nahe an dieser war eine Laubs, in welche die Sonnenstrahlen kaum dringen konnte!!, so dicht war sie von Epheu und anderem Laubwerks umranket. Dorthin gingen die beyden Kinder. Jedes hatte ein Buch, und wollte sich mit demselben unterhalten, bis die untergehende Sonne ihnen erlaubte, den kühlen Abend im Freyen zu genießen. Die Kinder treffen einen Schlafenden an. Ifabelte war die erste in der Laube; sie dre- hete sich aber gleich um, und winkte dem Bruder, daß er leist eintreten sollte. Ein alter Greis mit Silberhaaren auf dem Haupte, mit einem recht ehrwürdigen und frommen Gesichte fafchauf der Bank, und schlief, mit dem Rücken gegen die Wand/ gelehnt, sehr angenehm und süß. Neben ihm lag ein Meines-Päckchen und ein tücker'Knotenstock. Aerin- lich war seine-Kleidung, aber reinlich. Sogar der Hut, welcher neben dem Stocke lag, war sauber gebürstet. Die beyden Kinder standen verwundernd und ehrerbiethig da, und betrachteten den sanften Schlaf des Alten, deni Schweißtropfen auf' der Stirn standen.»Mit so frommen und freundlichem Gesichte,« sagte Carl leise,»schläft nur der Gerechte, dem feine Fantasie auch im Traume angenehme Gegenstände vorführt, weil er sich auch wachend keiner bösen That bewußt ist. Die Kinder zogen sich,langsam zurück, um den ehrwürdigen Greis im Schlafe nicht zu stören. ,> Wie mag der Alte in die Laube gekommen seyn? die Hinterthür des GartenS, die an die Landstraße führt, war offen. Herr von Ehrmann, der gute Vater der beyden Kinder, gestattete gern dem mü- — 5 'e- ÜL )r- -k, >e- in n.- er er ld Lf 'N ,« M N- ö- :n >? fie te irden Wanderer den Eingang in den Garten, damit er unter den schattigen Bäumen Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen und Ruhe finde. So war auch der'Alte von dem Wege müde geworden, er hatte sich bey der großen Hitze, um kühl zu ruhen, in die Laubs gesetzt, und war eingeschlafen. Wohlthätige Gesinnung der Kinder. Wahrend die Kinder in einiger Entfernung den Alten aufmerksam betrachteten, brachte das Dienstmädchen ihnen Milch und Brot zur Jause. Sie winkten ihr fern zubleiben. Jsabelle lief ihr entgegen, und nahm ihr Milch und Brot ab. »Wie wohl würde dem Alten ein solcher Labe- trunk bekommen,« sprach die gute Schwester zum Bruder.»Ein Glas kühle Milch wäre eine wahre Erquickung für den matten Greis. Ich will ihm mein Glas auf den Tisch hinstellen, und das Stück weißes Brot dazu legen; wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht, daß wir ihm so aufgetischt haben.« Carl billigte das Vorhaben der guten Schwester mit freundlichem Kopfnicken, und wollte gern seine Milch und sein Brot mit ihr theilen. Jsabelle schlich auf den Zehen zum schlafenden Greise hin, stellte das Glas Milch auf den Tisch, legte das Brot neben hin, und entfernte sich leise. Nun gingen die Kinder weiter zurück, und wählten einen Platz, der dem Eingänge in die Laube gerade gegen über war, damit sie in der Entfernung beobachten könnten, was der Greis beym Erwachen beginnen würde, wenn er die ihm hingesetzte Labung gewahr wird. Die Mutter ehrt die liebevollen Gesinnungen der Kinder. Indessen kam die Mutter in den Garten, und ging auf die Kinder zu. Diese liefen ihr entgegen, faßten sie bey der Hand, und sagten ihr, daß sie ihr etwas Neues im Garten zeigen wollten. Sie führten sie, immer leise erzählend, was geschehen, zur Laube hin. Die Mutter lächelte freundlich, küßte die Kinder, und sagte leise:»Das ist recht und schön, wie ihr es gemacht habt; das gefällt mir und auch dem lieben Vater da oben im Himmel recht wohl. Aber Milch und Brot/« fuhr die Mutter fort,»findet der alte Mann wohl überall, und kann sich's um etwas Geringes verschaffen; auch wird Milch dem schwachen Greise wenig Kraft geben. Doch ihr habt ihm gegeben, was ihr hattet, und eure Gabe ist vor Gott angenehm. Ich aber will dem Alten eine Labung reichen, die ihn mehr stärken wird.« Die Mutter entfernte sich, und bath die Kinder, den Alten im Schlafe nicht zu stören, bis sie zurück käme. Sie brachte ein großes Glas voll guten Wein und einen Teller mit aufgeschnittenem kalten Kalbsbraten. Beydes stellte Jsa belle, freundlich lächelnd, vor den Alten auf den Tisch hin, der noch immer fest fortschlief. Alle verbargen sich in einiger Entfernung vor der Laube, wo sie aber Alles, was in derselben vorging, genau beobachten konnten. Die Überraschung des Alten. Bald darauf erwachte der Greis. Er rieb sich die Augen, streckte sich mehrmahls, und sagte: »Gott sey Dank, das war ein süßer, herrlicher Schlaf: nun bin'ich so gestärkt, daß ich leicht noch ein Paar Stunden machen kann. In der Abend- kühle geht es viel leichter vorwärts, wenn auch meine alten, schwachen Glieder es sehr fühlen, daß ich ihnen heute schon viel auferlegt habe.« Er griff nach seinem Stock und Hute, und sah verwundernd, was auf dem Tische sich befand. O wie wasserte ihm der Mund nach der Labung, deren er so sehr bedurfte, und er getraute sich nicht den Arm darnach auszustrecken; denn er konnte nicht ahnen, daß gute Menschen ihm dieses Labsal bereitet hatten. »O du mein lieber, guter Gott;« rief er wehmüthig aus:»das wäre eine Erquickung für mich alten, matten Wanderer! Für den es hier steht, der hat gewiß nicht nöthig, sich in seinen alten Tagen noch' so zu plagen, wie ich es thun muß: es ist doch trau- rig wenn man so arm ist als ich, und sich gar keinen guten Tag verschaffen kann!« Der Alte sah Alles, was auf dem Tische sich befand, wehmüthig und seufzend an, er getrauete sich nicht etwas anzurühren; er nahm sein Päckchen, erhob sich von der Bank, und wollte fortgehen, indem er wieder sagte:»Ach guter Gott, wäre das Alles nur mein, wie wollte ich mirs schmecken lassen, und mit freudigem Herzen dir danken!« Der Alte labst sich. In dem nähmlichen Augenblicke trat die Mutter mit den Kindern ein, und sagte:»Ja, lieber Alter, Alles, Alles ist dein; genieße es, und erquicke dich nach Herzenslust!« Der Alte stand wie versteinert da, so überrascht war er. Bethend hob er seine gefalteten Hände gen Himmel empor, und sagte:»Guter Gott, welch ein herrliches Labsal schickest du mir durch gute Menschen; vergelte du eS ihnen, was ssie mir armen schwachen Greise thun. Ich kann sie nur segnen und für sie bethen!« Die gute Mutter ermunterte den Greis, zuzugreifen, und sich's gut schmecken zu lassen. Er aß und trank mit großer Lust. Die Mutter und Kinder hatten sich an den Tisch gesetzt, und sahen den Alten mit Vergnügen an, der seine Freuds über sein Glück nicht genug ausdrücken konnte, und dann mit freundlichem Lächeln sagte:»Ich hatte mirs gleich gedacht, als ich hier eintrat, das; es eine Himmelslaube sey, so lieblich und schön war's darin, eine so angenehme Kühle und einen so erquickenden Schlaf gab sie mir: aber daß auch eine cngelsgute Mutter, und auch noch so liebe, kleine Engel darin waren, die dem alten, müden Wandersmanne köstliche Speisen und Labung brächten, das hätte ich wohl nicht gedacht!«- LO Ehrlichkeit eines armen Knabeus. täglich unterhielten sich die Knaben andenHerbst- abenden^mit ihren Drachen. Es war eine Lust sie in die Höhe steigen zu sehen. Mächtig trug sie der Wind empor, und majestätisch schwebten sie mit ihrem Schweife in den hohen Lüften. Martin, der Sohn einer armen Witwe, hatte diesem Spiele oft zugesehen, und sich so einen Drachen gewünscht. Aber woher sollte er ihn nehmen? Seine Mutter hatte kaum Geld genug, um Brot zukaufen; wie sollte sie etwas, und wären eS nur wenige Kreuzer, auf Spielwerk für ihren Sohn auslegen? Martin aber wußte Rath zu schaffen: aus altem Papier, das er zusammen suchte, und von seinen Mitschülern erhielt, verfertigte er sich nach mehreren mißlungenen Versuchen einen Drachen, der recht ordentlich in die Höhe stieg. Aber hoch hinauf konnte er ihn nicht bringen; denn er hatte keinen langen Bindfaden. Er hatte wohl mehrere Stücke von gutmüthigen Knaben bekommen, aber fle betrugen, an einander geknüpft, nicht volle sechs Klafter. Das war doch nicht genug, um einen Drachen hoch steigen zu lasten. Martin gelangt zu vielem Gelde. Mehrere Wochen hatte Martin schon gespart, was er von guten Menschen erhalten hatte, denen er kleine Dienste erwies; aber steine Barschaft war erst auf sechs Kreuzer angewachsen. Doch hoffte er auf dem nahen Jahrmarkts um diese Summe einen ziemlichen Knäuel Bindfaden zu erhalten, und bis dahin wartete er in Geduld. Der Lag des Jahrmarktes erschien, und Martin war mit frühestem Morgen auf den Beinen, um den Jahrmarkt zu besuchen. Wie er in Gedanken vertieft, von dem entlegenen Häuschen, in welche»! er mit seiner Mutter wohnte, fortschleuderte, und bey einem Garten vorüber ging, stieß er mir den. Fuße an etwas, welches klang. Ersah darnach. Es war ein alter, lederner Beutel, in welchem sich drey Gulden in Silbermünze befanden. Martin hob ihn auf, hüpfte in die Hohe, und sagre:»Das ist ein herrlicher Fund. Nun kann ich mir mehr als zehn Knäuel Bindfaden kaufen!« Aber auf einmahl blieb er stehen, und schlug sich vor den Kopf.»He Martin!« sagte er zu sich selbst, --was denkst du? Ist es denn recht, daß du dir um dieses fremde Geld etwas kaufest? Sagt nicht deine Mutter oft:»»Du sollst nicht stehlen, und was du findest, nicht verhehlen.«« Gehört denn das dein, was du hier gefunden hast? Nein, Martin, bleib cin ehrlicher Knabe! ehrlich währt am längsten.« Martrn's redlicher Entschluß. Nun, hatte Martin schon seinen Entschluß gefaßt. Wenn sich jemand findet, der das Geld verloren hat,« sprach er bey sich selbst,»so will ich es ihm auch zurück geben. Findet sich niemand., je nun, so muß ich es behalten.« Halb traurig, halb froh ging er seines Weges fort, dem Marktplätze zu, wo die Buden und Ge- zelte aufgeschlagen waren. Durch ein Ungefähr war die Bude eines Seilers eine der ersten, wo er vorüber mußte. Er ging hin, und sah die Knäuel dünner und dicker Bindfaden in Haufen liegen. Erfragte um den Preis. Da wurde ihm ganz besonders enge unfis Herz. Seine sechs Kreuzer reichten nicht weit hin, und er kam schon in Versuchung, das gefundene Geld anzugreifen; aber eine geheime Stimme nef ihm zu:»Das Geld in dem Beutel gehört ja nicht dein!«— So erinnerte ihn das Gewissen an seine Pflicht. Schnell wendete er sich von der Bude weg, um der Versuchung nicht zu unterliegen. Der Eigenthümer findet sich. Da sah er mehrere Menschen um einen Mann versammelt, der die Hände zusammen schlug, und sehr kläglich that. Martin sprang hinzu, um zu sehen, was es da gäbe, und hörte den Mann wehmüthig ausrufen:»O ich Unglücklicher! lange Habs ich gespart, und mir's vom Munde abgedarbt, und jetzt komme ich auf einmahl um all mein Geld. Meine armen zwey Kinder muffen Schuhe und ein warmes Röckchen für den Winter haben, daß sie in die Schule und Kirche gehen können, und jetzt sind die drey blutigen Gulden dahin, die mir so viel Mühe und Schweiß gekostet haben! Ich kann auch Nichtwissen, ob ich sie sammt dem Beutel verloren habe, oder ob sie mir hier auf dem Markte aus der Tasche gestohlen worden sind. Ich armer Mann! wie werden meine Kinder weinen, wenn ich mit leeren Händen zurück komme! Wie lange haben sie sich schon auf den Jahrmarkt gefreuet! Da drängte sich Martin schnell auf den jammernden Mann zu, zog den gefundenen Beutel aus der Tasche, und hielt ihn in die Höhe. Der arme Mann erblickte ihn.»Gort sey es gedankt,« rief er freudig aus,»da sehe ich meinen Verlornen Beutel wieder.« Martin öffnete den Beutel, und zählte dem Manne die ganz kleine Summe auf die Hand hin. »Sehet,« sprach er,»ich habe nichts davon genommen; hier habt ihr euer ganzes Geld und auch den Beutel wieder.« Voll Freuds und Dankbarkeit schüttelte der Mann dem braven Martin treuherzig die Hand, und wollte ihm etliche Groschen von dem Gelde schenken. Aber Martin nahm durchaus nichts an. Ihm standen immer die zwey Kinder vor Augen, die sich auf die Schuhe und das Röckchen so sehr freueten. Martin konnte sich freylich um seine Paar Groschen nicht viel Bindfaden kaufen; doch verließ er freudig den Jahrmarkt mit dem lohnenden Bewußtseyn, recht gehandelt zu haben, und dieses war ihm lieber, als wenn sein Drache bis zu den Wolken gestiegen wäre; denn froher und vergnügter war Martin noch von keinem Jahrmärkte nach Hause gegangen. Fränzchen läßt sich nicht warnen. irgendS war Frau Mayer lieber, als>m Kreise ihrer drey Kinder. Diese waren aber auch ein allerliebstes Kleeblatt. Lottchen war erst drey Jahre alt, Fränzchen zahlte fünf und Otto sechs Jahre; alle hatten Gesichtchen wie blühende Rosen; sie strotz, ten von Gesundheit/ und waren auch gute Kinder. Nur Fränzchen war gar zu muthwillig und manches Mahl ungehorsam. Es hatte ihn eine alte Wärterinn erzogen, die aus Liebe zu dem Kinde ihm Alles nach seinem Willen that, und sich zuletzt ordentlich von ihm commandiren ließ. Daher wollte sich Fränzchen auch von anderen Leuten nichts gegen seinen Willen sagen lasten, und handelte nicht selten eigensinnig und unverständig nach seinem Kopfe. Daß ihn Vater und Mutter oft und manches Mahl streng zurechtwiesen, versteht sich von selbst. Der Hundsreiter. Seinen Muthwillen mußte oft der gute Pudel Murr fühlen: Fränzchen wollte ihm eigentlich nichts zu Leide thun; denn er hatte den Hund sehr'^ liech aber sein Muthwille trieb ihn zu allerley Necke-„ reyen. Bald zog er ihn bey den langen, zottigen^ Ohren; bald suchte er ihn nieder zu werfen, indem ß er ihn bey den, Hinterpfoten in die Höhe zog; bald I schwang-er sich auf ihn, und ritt in dein Zimmer^ auf und ab als ein wahrer Hundsreiter. Murr g ließ Alles mit sich geschehen; denn er war unter den^ Kindern aufgewachsen, wurde von ihrem Tische ge- g nährt; auch war er selbst ein recht lustiger und drob a liger Kautz, der sehr gern scherzte,- und sich alle Ne- 8 ckereyen gefallen ließ. Freylich rannte er manches t Mahl F ränzchen, der ihn zu Boden bringen woll- Z te, nieder, und sprang kreuz und quer über ihn; r aber zu Leide that er ihm nie etwas, wenn er auch nach ihm schnappte; ja er sprang vor allen zuerst auf- Frä'nzchen zu, und war bey niemanden lieber, als bey ihm. a i Warnung der Mutter.^ Die Mutter sah eS aber,gar nicht gern, daß j Fränzch en den Hund so neckte; sie verwies es d ^ ihm oft, und sagte mit drohendem Finger: F r ä n z-^ chen, Fränzch en! laß den Hund in Ruhe; er wird dich einmahl kratzen oder beißen, ohne daß i l er es will; er kann dir selbst unversehens ein Auge t verletzen, und du wirst noch deine» Muthmillen bit- l ter büssen müssen! Hüthe dich aber, daß du nie ke- mit fremden Hunden dein muthwilliges Spiel treibst, du könntest großen Schaden nehmen; denn nicht alle em sind so gute und geduldige Thiere, wie unser Murr. Ad Viele Kinder, die Hunde geneckt haben, sind schon >er schwer verwundet worden. Laß dirs zur Warnung r>-' gesagt seyn!< en Die mahnenden Worte der guten Mutter ginge-^ gen Franzchen zu Herzen; aber nur kurze Zeit ol- achtete er darauf, und bald waren sie wie in den ie-, Wind geflogen. Leider gingen die Worte der Mut- )es ter in Erfüllung. Zwar kam er von dem geduldigen >ll- Murr immer gut davon; aber ein anderer Hund n; richtete ihn übel zu. ach ,, Eins Lustfahrt, mf f,^ er, Der Vater war auf einige Zeit verreiset, und als der Tag seiner Rückkunft bestimmt war, sollte ihm die Mutter mir allen drey Kindern in das nächste Dorf entgegenfahren, und ihn in dem Gasthofe aß zum Löwen erwarten. O wie freueten sich die Kittes der auf diese Lustfahrt und auf das Vergnügen, den > z- Vater nach längerer Abwesenheit wieder zu sehen. >e; Glücklich und froh waren sie im Gnsthofe ange- aß f langt, und bald nach ihnen war der Vater einge- ge^ troffen. Das war ein frohes Wiedersehen, und des jt- Küssens und Herzens war kein Ende. Jedes Kind wußte'dem Vater gar Vieles zu erzählen, was sich in seiner Abwesenheit, zugetragen hatte, und jedes wollte von ihm auch etwas Neuesrhören. Die frohe Familie hielt Mittagsmahl im Garten, und lange hatte es Allen nicht so gütgeschnieckt, wie heute. Nach Tische schlenderten Otto und F r ä n z ch e n im Garten herum, und jeder fand neue Gegenstände, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Vater und Mutter unterhielten sich indessen iin vertraulichen Gespräche, und die kleine Lotte mußte zurückbleiben, weil sie die Mutter keinem der Brüder anvertrauen wollte. Trauriges'Ende. Nachdem die Knaben alle Gänge des Gartens durchgewandert hatten, sah Fränzchen den großen Haushund Pack an am Eingangs des Gartens liegen. Er ging auf ihn zu, und streichelte ihn. Der Hund ließ sich's gefallen; denn er war an die Fremden gewöhnt, und that nicht leicht jemanden etwas zu Leide. Fränzchen wurde kecker.»Der Hund gäbe ein herrliches Reitpferd für mich,« sprach er zuOtto, schwang seinen Fuß über den Hund, und faßte ihn bey der Haut am Rücken, daß er sich von der Erde erheben sollte. Aber Packan verstand diesen Scherz nicht; er schnappte, indem er schnell aufsprang, zurück, biß Franzchen in die Hand, warf ihn ab, und lief sich schüttelnd davon. Da lag nun Franzchen auf der Erde; Blut floß aus seiner Wunde, und er erhob ein jämmerliches Angstgeschrey. Otto war zu den Altern gelaufen, um sie eiligst herbey zu rufen. Beyde er- schracken, als sie Mut sahen. Man schickte sogleich nach dem Wundärzte. Dieser fand die Wunde zwar nicht gefährlich; aber Franzchen mußte doch durch drey Wochen viel Schmerz leiden, bis die Wunde geheilt war. So traurig hatte sich ein froher Tag geendet, auf den sich alle schon langst gefreuet hatten. Aber Frä n z chen war durch Schaden gewarnet. Er ließ von nun an fremde ähunde mit Aruhe, und auch mit Murr ging er von nun an ganz manierlich um. 20 GutmüLhigkeiL und-Vergeltung. dem istadtchen Libau lebte eine arme Witwe mit vier Kindern, von welchen Arnold, der älteste Sohn, erst zehn Jahre alt war. Der Vater war vierzehn Jahre Soldat gewesen, nahm nach vollendeter Dienstzeit fernen Abschied, und wurde als Feld- hüther angestellt.,Als einst der Thurm am Rath- hause ausgebessert wurde, arbeitete er als Handlanger bey den Zimmerleuten, fiel von dem hohen Gerüste herab, und beschädigte sich so sehr, daß ex nach zwey Tagen starb. Die Witwe erhielt zwar eine kleine Aushülse aus der Armenanstait; aber drese war nicht hinreichend, um Brot für sich und für Ihre vier Kinder anzuschaffen. Auch unterstützten sie wohlthätige Leute aus der Stadt; aber das Meiste mußte sie durch die'Arbeit ihrer Hände verdienen; sie hielt auch ihre Kinder, so weit „„es ihre Kräften erlaubten, zum Wollespinnen und stricken an, und Arnold ging den kleineren Geschwistern hierin mit einem guten Beyspiele vor- So bald die Schule^u Ende war, saß er, wenn andere Kinder auf der Gasse oder auf dem Grasplatze spielten, am Spinnrade, und versammelte die Kleineren um sich her, daß sie wie er durch Spinnen etwas verdienen sollten. Die Mutter konnte dann ungehindert ihrer Arbeit nachgehen; denn die übrigen drey Kinder, wenn sie mit dem Spinnrade oder der Strickerey um Arnold saßen, waren unter so guter Aufsicht, als wenn die Mutter bey ihnen geblieben wäre. Freylich kam es Arnolden manches Mahl hart an, wenn er, während seine Mitschüler auf der Wiese sich froh herum tummelten, und sich mit allerhand Spielen belustigten, bey dem Spinnrade sitzen mußte. Aber er dachte:»Ich arbeite für meine Mutter und meine Geschwister,» und da kam ihm nichts schwer an. Der gute Knabe wünschte nur bald größer und geschickter zu werden, damit er durch den Erwerb seiner Hände der lieben Mutter mehr nützlich seyn könnte, die sich unäbläßlich und über ihre Kräfte bewährte, um Hrem Kindern die nöthige Nahrung und nothdürftige Kleidung zu verschaffen. Sie war überhaupt eine rechtschaffene und got- tesfürchtige Frau, die ihre Kinder zu allem Guten anleitete, und in ihrer Armuth Achtung und Liebs genoß. Ss kümmerlich sie sich und ihre Kinder er- nährte, so theilte sie noch oft ihre magere Suppe zw und ihr trockenes Stück Brot mit einem Bettler, hü der vor ihre Thür kam; weil sie meinte, er sey noch krc ärmer als sie, und daher ihrer Hülfe bedürftig. A r- de> nold ahmte das schöne Beyspiel der Mutter nach, und brach oft sein Brot, das ihm kaum sättigen könn- ua te, wenn, ein Armer ihm heAGnete, der mit begehr- s?» lichem Blicke auf sei» Stück hinsah. ei» Ein Fremder macht sich in der Stadt ansässig.^ In der Stadt Libau kaufte ein Fremder ein sch kleines Haus mit einem Gärtchen. Er lebte ganz einsam und zurück gezogen, und sein Leben schien un ganz freudenleer zu seyn; denn er ging immer mit de gebeugten» Haupte und mit zur Erde gesenktem Blicke G einher; er schien immer in trübe Gedanken versenkt he zu seyn, und seine Worts wurden oft von Seufzern ei» unterbrochen, die tief aus der Brust kamen. Er floh die Menschen nicht; aber er suchte auch^ nicht ihren Umgang, und war gewöhnlich nur in der Kirche, wo er sehr andächtig bethete, und auf einsamen Spatziergängen zu sehen. In sein Haus und de in seinen Garten kam selten jemand, weil er auch^ niemanden besuchte; und er schien die Einsamkeit zu^ lieben, um einem stillen Schmerze nachzuhängen.^ Der gute Mann hatte auch viel Unglück erlitten. Alle seine Kinder, sechs an der Zahl, die er bis^ !ppe zwölf und fünfzehn Jahre gut und christlich erzogen lxx hatte, starben innerhalb zweyer Jahre. Seine Fran ,och krankte sich so lange und so sehr, bis sie ihren Kin- Ux- Lern ins Grab nachfolgte, und ihn in der größten gch, Betrübniß, in Schmerz und Gram zurück ließ. Nun, nachdem er alles verloren hatte, was seinem Her- ehr- zen auf Erden lieb und theuer war, wurde die Welt wie eine Einöde für ihn-; er konnte an nichts mehr ein Vergnügen haben; alle Gegenstände, die er um sich hatte, errinnerten ihn nur an seine lieben Abge- ein schiedenen, und erfüllten ihn mit tiefem Schinerz. gnz Er zog aus der Gegend, in welcher er gelebt ,ien und so viel Unglück erfahren, weg, und hoffte, mit mit der Hülfe Gottes sich in der Ferne, wo ganz neue icke Gegenstände ihn ansprachen, sich zerstreuen und er- nkt heitern zu können. Seine einzige Begleiterinn war ,ern eins alte Magd, die schon an fünfzehn Jahrs bey ihm gedienet hatte, und auf deren Anhänglichkeit, ,uch Treue und Ehrlichkeit er sich verlassen konnte. i„ Die Zeit und die neuen Umgebungen brachten -mf gute Wirkungen hervor-, und Traumann, so hieß der Fremde, wurde allmählich heiterer, und entzog ^ sich nicht mehr dem Umgänge mit anderen Menschen, -^ welche sich alle Mühe gaben, die trüben Gedanken ^ aus seiner Seele zu verscheuchen. Die Trostgründe b,,' der Religion, von denen er mit jedem Tage neue o auffand, wirkten so wohlthätig auf ihn, daß er sich in den Willen Gottes geduldig ergab/ und nach und nach anfing, heiteren Sinnes zu werden. Der Fremde lernt die arme Witwe kennen. Die größte Zufriedenheit mit sich selbst erwarb er sich durch eine menschenfreundliche Wohlthätigkeit/ die er immer unerkannt und im Stille» übte. Durch seine ihm ganz ergebene Magd spendete er die Wohl that, und meistens mit guter Wahl, weil er sich unbemrtkt genau erkundigte, wer seiner Hülfe am würdigsten wäre. Auf diese Art lernte er auch die arme Witwe und ihre mißlichen Umstände kennen. Er Hörße Andere nur Gutes und Löbliches von ihr sprechen; besonders aber rühmte man an ihr Gottesfurcht, Arbeitsamkeit und gute Rinderzucht.»Arm ist sie,« sagte man von ihr,»aber rechtschaffen; Gottes Segen muß über sie walten, weil sie im Stande ist ihre vier Kinder ehrlich zu nähren und zu kleiden. Wenn jemand,der Unterstützung edler Menschenfreunde würdig ist, so ist es gewiß diese arme Witwe.« Diese Empfehlung war für Trauma» n's gutes Herz schon hinlänglich, und noch am nähmlichen Tage schickte er eine ansehnliche Gabe durch die Magd, der er Verschwiegenheit geboth, der braven Witwe, und er nahm sich vor, sie und ihre Kinder-Wnau zu beobachten, um sich zu überzeugen, daß sie seine Hr Hc Ki! Ar me we nu stü vor strr die rm odr me sie thc die schi des sich gel; ihr err ^ Hülfe verdienen. Er ging öfters in die Nähe dieses Hauses, um Alles zu beobachten, und war aus die Kinder in der Kirche, in der Schule und bey ihrer Arbeit aufmerksam. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr überzeugte er sich, daß die gute Meinung, welche die Leute von dieser, armen Witwe hatten, ^ nur zu sehr gegründet sey, und daß sie die Untsr- ^ stützung guter Menschen wohl verdiene. sich am und den sers keil von iber ider der > st gu-' hen rgd, we,^ i zu üne Arnold führt einen Blinden. Einst gegen Abend ging Herr Trauma nn vor die Stadt spazieren. Ein Blinder an der Landstraße jammerte, daß ihn ein Knabe, der ihn in die Stadt führen sollte, muthwillig verlassen habe, und er in Gefahr sey, in einen Graben zu fallen, oder sich anzustoßen, wenn er allein ginge. Er sprach mehrere Vorübergehende kläglich bittend an, daß sie ihn in die Stadt geleiten mochten; aber keiner that ihm den Dienst. Da kam A rno l d, den die Mutter mit Wollgespinnst in's nächste Dorf geschickt hatte, eben zurück. Er hörte daS Jammern des Blinden, nahm ihn liebreich bey der Hand, und führte ihn in die Stadt in das Haus, wohin er begehrte. Der Blinde dankte ihm herzlich, und wünschte ihm Gottes Segen für den Liebesdienst, den er ihm erwiesen hatte. Trau mann hatte alles dieses mir. 2 angesehen, und freuele sich im Stillen der schörm Handlung des Knaben. Arnold ist gegen einen Bothen gefällig. Mehrere Tage nachher kam der Böthe von Liebe n st e i n, ein ehrwürdiger alter Mann mit eisgrauen Haaren, in die Gegend des Schulhauses, als eben die Schüler entlassen wurden. Der Alt durchsuchte alle seine Taschen, und schüttelte miß muthig den Kopf.»Ey, ey lD sagte er,»hab' ich meine Brille zu Hause vergessen oder gar auf dem Wege verloren? Wie soll ich nun die Aufschriften ai'i den Briefen und Päckchen lesen, um sie am richtigen Orte abzugeben!«»Hört Kinder! thue mir eines den Gefallen, und lese es mir, was hier aus den Briefen und Päckchen geschrieben steht!« Die Kinder achteten nicht auf den Alten, und gingen ihres Weges; einige lachten sogar über ihn, weil ei immer verdrießlich den Kopfschüttelte, und die Briefschaften von einer und der andern Seite ansah. Nur Arnold blieb bey ihm ehrerbiethig stehen,! und fragte ihn gutmüthig, was er denn wolle. Du Alte wiederhohlte ihm sein Begehren, und Arn oll willfahrte ihm sehr gern. Er las ihm alle AufschriH ten, und begleitete ihn durch mehrere Gassen, si lang er seines Dienstes bedurfte. Der Alte drückte ihn wohlwollend, als sie sich 27- trennten, die Hand, und versprach, daß er sich sei. ner erinnern werde, wenn die Apfel in seinem Garten reif werden. Trau mann war in der Entfernung ein stiller Beobachter dieses Vorganges. Arnold erhält Apfel. Der LieLensteiner Böthe hielt Wott. Es waren noch nicht drey Wochen vergangen, so trat er, wie er von Lie ben stein kam, in der Witwe ärmliche Stäbchen ein, und fragte nach Arnold. Dieser kam ihm freundlich entgegen. Da langte der Alte ein Dutzend goldgelbe, mürbe Caville- Aepfel aus der Tasche hervor, legte sie auf den Tisch, und sagte:»Hier hast du, waS ich dir versprochen. Sey immer gefällig und dienstfertig; und Andere werden auch dir gern ein Vergnügen machen.« Arnold dancto ihm herzlich für das Geschenk, welches ihm viel Freude machte; denn Heuer hatte er noch keinen Apfel gekostet, noch weniger so viele und so schöne als Eigenthum besessen. Arnold theilt die Apfel aus. Alle drey andere^ Kinder stellten sich um den Tisch herum, sahen mit lüsternem Munde die AepM an und warteten begierig, was Arnold mit/en- sAben thun würde./ Da sagte er:»Vier gebe ich der MuiM; wie — 28 süß werden sie ihr schmecken; denn sie hat gewip Heuer noch keinen gegessen, die anderen acyt theilen wir gleich unter uns, so bekommt jedes zwey. Die Kinder lächelten und hüpften freudig um A rnold herum. Arnold that, wie er gesagt hatte, und behielt für sich die kleinsten Äpfel, welches die anderen Geschwister gar nicht wollten geschehen lassen, so daß ein kleiner WMstWt^eL^GMmiSerüeLe entstand; denn jedes wollte die kleinsten haben, und Arnold sollte die größten bekommen, welches er aber durchaus nicht zugab, so daß es bey, der Theilung blieb, die er gemacht hatte. Die Kinder ließen sich die Äpfel sehr gut schmecken. Arnold ist wohlthätig., A rnold setzte sich Mit seinen zwey Äpfeln auf die Bank vor die Hausthür, schälte sie, warf die Schale weg,, und schnitt Spalten von dein einen Apfel, den er gemächlich verzehrte. Da ging ein vierjähriges, sehr armes Mädchen an der Hand ihrer Mutter vorüber. Als sie die frische Apftlschale, die A r- nold weggeworfen hatte, gus der Erde sah, laste dieselbe aus, und brachte sie zum Munde. »Du issest gewiß auch die Äpfel gern,« sag« Arnold,»sie schmecken auch sehr gut.« Da schnitt er den anderen Apfel entzwey, und gab ------ 2 g chui die Hälfte davon. Das Mädchen hüpfte vor Freude, zeigte zum wieder!)ohlten Mahle das Geschenk der Mutter, und blickte immer freundlich lächelnd auf Arnold zurück, der sich im Herzen freuete,daß er dem Mädchen mit diesem Wenigen ein unerwartetes Vergnügen gemacht hatte. Arnold's gute Handlung wird beobachtet. Trau mann ging eben gegen das Haus, vor dem Arnold saß, zu, und konnte Alles beobachten. Wie er zu der Hausthür kam, standen alle Geschwister an derselben, und ließen sich die Apfel gut schmecken. Er fragte sie, woher sie dieselben bekommen hätten, und sie erzählten ihm alles haarklein, indem sie immer auf ihren Bruder Arnold hin blickten, der bescheiden die Augen niederschlug, und den Anderen winkte-, Las sie nicht so viel Erhebens von der Sache machen sollten. Diese schönen Züge der Dienstfertigkeit, der Wohlthätigkeit und Geschwisterliebe, welche Trau- m a n n bis jetzt an Arnolden beobachtet hatte, erheiterten feine Seele, und erfüllten sie mit Liebe gegen den guten Knaben. So viel Edelsinn in Armuth und Niedrigkeit hatte er noch nie angetroffen, und er wurde mit Achtung gegen die Mutter erfüllt, die einen so guten Sohn erzogen hatte, und von der er nichts als Gutes hört<- —3o Er beschloß dasn rd te r- Nt er ?e is ie Ni i- n e- n s 'r n Gott. Hort ihr wohlhabenden und Reichen, wie leicht es ist, den Armen eine vergnügte Stunde zu machen! Traumanns edler Entschluß. Traum an n hatte dieses alles von fern angesehen, und eine Thräne der Rührung glänzte in seinem Auge. Nun war sein edler Vorsatz zur Reife gediehen. Er wollte Vater und Versorget dieser armen Familie werden, und Alles aufwenden, um die vortrefflichen Eigenschaften und herrlichen Anlagen, die er an Arnold schon seit längerer Zeit genau beobachtet hatte, ganz auszubilden, und ihn zu einem geschickten und sittlich guten Menschen auszubilden. Ein Greis bittet um Nachtherberge. Eines Abends, schon bey der Dämmerung, kam ein alter, schwacher Greis vor die Thür der armen Witwe, und bath um Nachtherberge. Auf einen dicke» Stock gestützt, schritt er langsam einher, ein langer grauer Bart bedeckte sein Kinn, und silberweißes Haar Ding vom zitternden Haupte herab. Seine Stimme war wehmüthig und schwach, und er sagte, daß er vor Müdigkeit nicht mehr weiter könne. Die Witwe nahm ihn wohlwollend auf, Arnold und Julie faßten ihn unter der» Arme und führten ihn in die Stube auf die Ofenbank, bannt^ er ausruhen könnte. Alle Kinder stellten sich um ihn herum, und blickten ihn mit mitleidigen Augen an. »Alter, ihr werdet müde seyn?« sagte Ar-^ n o ld.»Ja sehr müde,« erwiederte der Alte. »Nun, seyd gutes Muthes,« entgegnste der Knabe theilnshm-end^»die Mutter wird euch schon ein gutes Lager bereiten, damit ihr wahrend der z, Nacht sanft schlafen und gut ausruhen könnet. Wir n, wollen alle gern unsere Betten hergeben, und auf ui den glatten Bretern liegen, um euch das Nachtla- ge ger weich zu betten. Freylich haben wir nicht viel« Bettzeug; aber wenn wir es alle zusammen geben, so wird es doch für euch genug seyn.« st Der Alte dankte mit freundlichem Kopfnicken, T und eine Thräne perlte ihm über dre Wangen herab. de »Ihr seyd heute eben recht zu uns gekommen,« m sagte Julie freundlich,»die Mutter hat heute von der guten Frau Berg er, der sie immer bey der sp Wäsche hilft, einen großen Topf voll Milch zum D Geschenke erhalten. Sie kocht uns eben eine Milch- S suppe, und hat versprochen, recht viel Brot hinein zu schnitteln; das wird eine gute Abendmahlzeit ge- ho ben; die wird euch schmecken; so etwas Gutes haben Al wir nicht alle Tage zu Abend.« Der Alte blickte gerührt zum Himmel, und dann wi freundlich segnend auf die guten Kinder. Jedes von ch. 35-—- ihnen wußte dem Greise etwas Anderer und was Angenehmes zu sagen, und er mußte sich sehr überwinden, um seine Rührung nicht laut werden zu lassen. Die Suppe wird aufgetragen. Endlich trug die Mutter die Suppe auf. Sie und die Kinder knieten sich ehrerbiethig um den Tisch mitgegen das Kreutzbild gewendetem Gesichte nieder, und dankten Gott für die Gabe, die er ihnen heute gesendet, und versprachen sich durch Arbeitsamkeit und Mäßigkeit dieser Wohlthat würdiger zu machen. Die Mutter sprach das Gebeth vor, die Kinder sagten es ihr nach; es waren Worte des innigsten Dankes und der kindlichen Liebe gegen Gott, aus dem Herzen gesprochen, und gewiß hat noch nie jemand andächtiger gebethet. Man führte den Greis zu Tische, und man sprach ihm zu,.dasp er ungescheut zugreifen sollte. Die Kinder wollten nicht essen, bis sie ihn in die Schüssel langen sahen. O das war ein herrlicher Schmaus für Alls, und doch gab jedes Kind auf das andere und auf den Alten Acht, daß dieser durch die zu große Hastigkeit des Einen oder des Anderen im Essen nicht verkürzt würde, und daß Alle gleichen Antheil an der köstlichen Suppe hätten. Erfreuliche Überraschung. Das Schüssel war geleert, und die Mutter gab: noch jedem Kinde ein Stück Brot, daß sie sich heute- recht satt essen mochten. Dem Alten legte sie em autes Stück vor, woran meistens Brosamen und wenig Rinde war, weil sie meinte, daß ihm schon die Zähne zum Käuen fehlen würden. Der Alte dankte herzlich, und sagte:»Ihr habt mich alten, schwachen, fremden Mann wie einen Freund aufgenommen, und Alles, was ihr habt, mit mir wohlwollend und mitleidig getheilt. Der liebe Gott hat es mit Wohlgefallen angesehen, und nnch gesendet, daß ich euer Wohlthäter werde. Er riß den grauen Bart vom Kinne, warf die Perrücke mit den langen weißen Haaren, die sein Haupt deckte, weg, und Herr^raumann fest da. Mutter und Kinder erschracken Anfangs heftig über diese Verwandlung,; er aber sprach ihnen Muth zu, und sagte, daß er sich absichtlich unter dieser Vermummung zu ihnen eingeschüchen habe, um sie, oon denen er schon so viele Beweise der Gutmüthig- feit und Rechtschaffenhert gehört und gesehen hatte/ ganz kennen zu lernen. »Eure Gottesfurcht, euer kindlich frommer Sing und eure Wohlthätigkeit,« sprach er weiter,»habe» mich gerührt, und von nun an will ich euer Wohl — 37— thäter seyn, damit rhr euch nicht mehr von Tag zu Lag kümmern dürst, was ihr essen, und womit rhr euch bekleiden sollt. Gott hat mir meine Frau und alle meine Kinder genommen. Er weiß es, warum er es gethan hat; ich unterwerfe mich anbethend und ergeben der göttlichen Fügung. Er hat mich zugleich mit Reichthum gesegnet, der zwar nicht bedeutend, aber hinlänglich groß ist, um euch alle zu versorgen. Ihr ziehet nun alle in mein Haus. Die Mutter wird meine alte Magd, die von Tag zu Tag gebrechlicher und schwächlicher wird, in der Haushaltung unterstützen, und den Garten besorgen, wo ihr Kinder ihr helfen könnet. Ihr sollet bey mir keine Noth leiden, aber unter Arbeit und Unterricht zu guten und brauchbaren Menschen heranwachsen. »Des Arnold, des guten und dankbaren Sohnes will ich mich noch besonders annehmen, und ihm solchen Unterricht ertheilen lassen, wodurch er sein künftiges Glück gründen kann. Es wird sich ln drs Folge zeigen/zu welchem Stande er besondere Neigung hat, und zu demselben will ich ihn auch in den nothwendigen Kenntnissen vorbereiten lassen. Kenntnisse mit guten Sitten und gefälligen Eigenschaften gepaart, werden ihm in der Welt forthelfen.« »Nur bitte ich euch, meine Lieben, daß die gemächlichere, sorgenfreye Lebensart, in die ich euch versetzen will, nichts an euren guten Sitten andere. 36 Fahret fort, so gotteSfürchtig, ehrbar, arbeitsam, gefällig, dienstfertig und wohlthätig zu seyn, wie ihr es bis jetzt wäret, und Gottes Segen wird euch immer begleiten. Ihr sollet, wenn ihr immer so gut und treu eurerPflicht bleibet, mein Vergnügen und mein Trost im Alter seyn, und mir einst die Augen schließen, wenn Gott von dieser Welt mich abfordern wird. An euch will ich mir Gottes Lohn verdienen, wenn ihr ferner thut, wie ihr bis jetzt gehandelt habt. Nun, wollt ihr meinen Antrag annehmen? Froher Dank der Witwe. Die Kinder blickten die Mutter in froher Erwartung an. Mit thränenden Augen blickte sie gen Himmel, und rieffgerührt aus:»Hülfreicher Gott! du hast mir einen helfenden Engel in's Haus gesendet. Gelobt und gebenedeyet sey deine Güte und Macht!« Sie ergriff dann Trauma uns Hand, benetzte sie mit ihren Thränen, und sprach:»Edler Mann, der gute Gott, zu dem ich immer im Stillen ge- seufzet habe, wenn ich meine vier unversorgten Kinder anblickte, denen ich kaum Brot schaffen konnte, hat Ihr Herz mit Mitleiden gegen die armen vier Waisen erfüllet, und nur er kann Ihnen vergelten, was Sie an uns Armen thun wollen.« »Manche Wohlthat hatten Sie uns schon früher^ gespendet, und wollten nicht als Wohlthäter er- Z<) kannt seyn, und unsern Dank nicht annehmen, den wir aber zum Himmel gesendet häbbn>-um Heil und Segen über Sie zu erflehen. Ich lege mein und meiner Kinder Wohl in Ihre Hände, und vertraue auf Gott, daß er uns den reichen Segen, den er über uns ausgießt, nicht zum Übel wird gedeihen lassen. Er wird uns beschützen, daß das Glück uns nicht übermüthig undr gottvergessen macht!« Kniet nieder, liebe Kinder, vor eurem Wohlthäter, und bittet ihn, daß er Vaterstelle an euch vertreten möchte! Gott hat ihn euch gesandt! Die Kinder knieten vor ihm nieder, falteten ihre zarten Händchen, und bathen ihn, daß er sich ihrer und ihrer lieben Mutter annehmen möchte. Dann wendeten sie sich zum Kreutzbilde, und die Mutter sprach ihnen mit gerührtem Herzen vor:»Allmächtiger, gütiger Gott, du hast uns einen Wohlthäter gesendet. Gieße deinen Segen reichlich über ihn aus, und wir geloben dir, die Wohlthat immer mit dankbarem Herzen anzuerkennen, und uns eifrig zu bemühen, daß wir sie zum Guten verwenden, und von Tag zu Tag weiser, frömmer und wohlgefälliger werden. Ameri.« Bsschluß. Trau mann war so gerührt, daß ihm die Thränen üb.r die Wangen Herabflossen. Er riß sich von diesen guten Menschen los, und eilte nach Hause. Am anderen Tage schon zog die Witwe mit ihren Kindern zu ihm, und auf beyden Seiten hielt man treulich, was man versprochen und gelobet hatte. Traum ann war ein wahrer Vater dieser armen aber herzensguten Familie. Die Kinder wuchsen zu guten und nützlichen Menschen heran, die sich allenthalben durch Her- zenSgüte und gute Eigenschaften auszeichnete. A r- nold, der allen Unterricht sehr gut benützte, und besondere Vorliebe für daS Zeichnen hatte, erlernte das Tischlerhandwerk, und ist jetzt der erste Kunsttischler in der Hauptstadt, und ein geachteter, auch wohlhabenden Mann. Auch die übrigen drey Kinder wurden gut versorgt, und noch jetzt segnen sie dankbar das Andenken ihres Wohlthäters, der unaufgefordert, bloß dem Dränge seines edlen Herzens folgend, ihr Wohl gegründet hatte. Die große Wohlthat ehrend, verbreiten sie, wo sich Gelegenheit darbiethet, Gutes und Nützliches, und so lebt Traum a n n's Wohlthätigkeit noch in ihnen fort. 4» Geschwisterliche. ^/ustav's Ältern starben bald nach einander; der Vater verfiel in ein Nervenfieber, dem er unterlag. Die Mutter die ihn Tag und Nacht pflegte, wurde von der Krankheit des Vaters angesteckt, und vierzehn TaMckpckrer^sn-dLxkelben binweggerafft. G ustav war damahls achtzehn Jrchve alt, und ein hochgewachsener, wohlgebildeter und kraftvoller Jüngling. Noch zwey Schwestern beweinten mit ihm den frühzeitigen Tod der Ältern. Anna, die altere, war fünfzehn, undMartha, die jüngere, zwölf Jahre alt. Das Traurigste für die Kinder war, daß ihnen die Ältern gar kein Vermögen hinterlassen hatten; vielmehr waren diese in den theueren Zeiten durch allerley Unglücksfälle in Schulden gerathen, welche durch die Kraukheitskosten der Ältern noch höher an- gewach en waren. Ein hartherziger Gläubiger. Da standen nun die drey Geschwister arm und* verlassen da, und wußten sich nicht zu helfen. Ein hartherziger Gläubiger, der ihrem seligen Vater.' fünfzig Gulden auf hohe Zinsen geliehen hatte, klagte^ diese Schuld ein, und wollte die Zimmereinrichtung. und die ganze kleine Nachlaffenschaft pfänden, so§ daß den Kindern nicht einmahl ein Küssen, auf welchem sie ruhen konnten, bleiben sollte.-^ Das schmerzte den braven Jüngling, und er. war mehr wegen der Schwestern als seinetwegen in^ Sorgen. Er hatte gesunde Hände, mit denen er sei-^ neu Unterhalt verdienen konnte; aber seine Schwe-§ stern waren noch zu jung, zu schwach, um sich in einem Dienste oder durch die Arbeit ihrer Hände. fort zu helfen. Über dieß suchte jeder bey der herrschen- x den Theurung sein Hauswesen mehr einzuschränken,« als daß er einen neuen Dienstbothen annehmen sollte. Doch die Bruderliebe sorgte für die Schwestern. Gustav opfert sich für die Schwestern. L Einem Jünglinge, dem Sohne reicher Ältern^ war das Loos gefallen, daß er Soldat werden muß- s te. Er war weichlich erzogen und feig, und der Ruf r zum Regiments erschütterte ihn so sehr, daß er in t Kleinmuth verfiel, und die Ältern befürchten muß--! ten, er werle auS Kränkung in eine schwere Krankheit verfallen. Sie suchten daher einen rüstigen Mann, ter an seiner Stelle in's Regiment trete, und trugen demselben 3vo Gulden an. Gustav both sich, ohne daß seine Schwestern davon wußten, an; er forderte aber hartnäckig 400 Güllen, und diese wurden ihm endlich nach einiger Weiterung ausgezahlt.,, Er trug das- Geld nach Hause, und entfernte sich am folgenden Morgen von seinen Schwestern, indun er ihnen das Geld mit einem Briefe zurück lief, in welchem er ihnen sagte, daß ihn nur zärtliche Liebe zu-ihnen veranlaßt hätte, diesen Schritt zu thun, damit sie nicht nur den hartherzigen Gläubiger bezahlen, sondern von dem Überreste des Geldes indessen bey einem kleinen Nebenverdienste leben konnten, den sie sich leicht verschaffen konnten, bis er sie wieder sehen würde. Gustav als Soldat. Die Schwestern waren über daS plötzliche Verschwinden des Bruders nicht wenig betroffen, und erschrocken, als sie das Geld mit dem Briefe fanden. Der Inhalt des Briefes klärte ihnen Alles auf, und sie zerflossen in Thränen, als sie die edle Aufopferung'ihres Bruders erfuhren. Gern hatten sie ihm das Geld wieder zurück geschickt, wenn sie ihn damit hatten vom Soldatenstande loskaufen können. Aber daS wollte der Bruder nicht; er übte sich schon fleißig in den Waffen bey dem Regiments, und nach wenigen Wochen wurde er mit einigen an h, dcrn Neugeworbenen zur Armee, die im Felde stand, geschickt. Er war bald ein gemachter Soldat, und betrug Z sich so gut, daß er sich die Liebe seiner Vorge'etzte« st erwarb. Er diente noch nicht ein volles Jahr in Ro§ gimente, so ward er Corporal, und ein Jahr hät« st Feldwebel. Der Gläubiger geht in sich.^ Der hartherzige Gläubiger hatte indessen nichi^ gesäumt, seine Forderung bey Gericht emzuklagenL^ und auf Pfändung zu dringen. Er war aber nicht s wenig erstaunt, als er sein Geld sogleich erhielt s Er forschte nach, wie die Schwestern zu der Sum z me gelangt waren, und erfuhr, wie Gustav sich^ für seine Schwestern geopfert hatte.» Gustav's Edelmuth drang ihm an'sHerz; a machte sich Vorwürfe über sein hartherziges Versah, ren gegen diese braven Geschwister, und suchte seine« Fehler wieder gut zu machen. Auch andere gute Menschen wurden durch Gu- ft a v's edlen Entschluß gerührt, nahmen sich de> beyden verlassenen Schwestern an, versahen sie niih Arbeit, und verschafften ihnen andere Unterstützung,- sich daß sie nicht nur keine Noth litten, sondern auch nie, das großmüthige Geschenk des Bruders unversehrt aw bewahren konnten. "st, Der Gläubiger sucht seine» Fehler gut zu machen. Nach einem Jahre wurde Anna/ die altere ruz Schwester unvermuthet zu dem Manne gerufen, der sie» sie wegen der schuldigen fünfzig Thäler geklagt hatte. Rc- Er war dem Tode nahe, bleich/ abgezehrt, und hurst« stete erbärmlich. ,,, Er reichte ihr mit Mähe seine dürre Knochen- hand, und sprach mit Wehmuth:»Armes Mädchen, ich habe Ihnen und Ihrer Schwester viel Kümmerlich! niß und Angst verursacht, und Ihren Bruder, der gen, Ihr Versorger seyn sollte, zum Soldatenstande ge- lichi bracht. Das schmerzt mich auf dem Todtenbette, und icli ich werde bald Gott Rechenschaft über diese harther- um zige Handlung geben müssen. Ich bereue sie vom sich Herzen, und will das Unrecht, so viel ich kann, wieder gut machen.« ;«»Dort auf dem Tische liegt ein Beutel, in welsch chem sich die fünfzig Gulden befinden, die ich Ihnen ine« vor einem Jahre abdrang. Daneben ist ein Beutel mit zwey hundert Gulden; diese schenke ich Ihnen Z il- und Jhwr Schwester. Nehmen Sie sie als eine kleine das. Entschädigung für alle die Kränkung und Sorgen niits an, die ich Ihnen gemacht habe, und verzeihen iGx Sie mir, damit ich ruhig Derben kann.« Die Schwester nimmt das Geschenk an. Anna ward durch diese Worte des Sterbender innig gerührt/ und versicherte ihn, daß sie keines Groll gegen ihn in ihrem Herzen nähre, Sie woll» das Geschenk nicht annehmen. Da kam ein ansehnlicher Mann, den Krankn zu besuchen, und hör» die Weigerung deS Mädchens. Er sprach ihr M das Geld anzunehmen- weil dieses viel zur Beruhigung des Gebers beytragen könnte. Endlich ließ st sich überreden, wiewohl nicht ohne Widerwillen, Der Kranke starb, und Anna und Martha folgten mit Dankbarkeit seiner Leiche, Der Bruder Gustav hatte indessen als wackerer Soldat tapfer im Felde gefochten, und war i« einem Gefechte schwer verwundet worden. Die Schwestern schickten ihm Geld, daß er sich besser verpflegen konnte, und bathen ihn, alles aufzuwenden/ damit er nur bald von seiner Wunde, genese. Gustav wird Officier. Nach einigen Monathen stand er wieder auf dem Kampfplätze. Es war ein hitziges Gefecht. Die.Feinde i hatten schon einen großen Theil,des Gepäckeserobert/ bey dem Alles war, was Gustav besaß. Dieser drang, nachdem schon seine Officiere gefallen w-.re:>- mit seiner Mannschaft standhaft gegen den Femd^ und hielt ihn auf, daß auch die übrigen sich sammeln konnten, und der Feind ward zurück getrieben. Aber ein großer Theil des Gepäckes war verloren. Gustav wurde wegen dieser Waffenthat auf dem Schlachtfelde zum Officier ernannt; aber es fehlte ihm an Geld, um die Kosten der Ausrüstung zu bestreiten, denn er hatte mit seinem Gepäcke Alles verloren. Er schrieb es seinen Schwestern. Da schickten sie ihm das, was er von dem reichen Manne bekommen hatte, für dessen Sohn er Soldat geworden war, und das Geschenk, welches sie von dem Manne-auf dem Todtenbette erhalten hatten, und bathen ihn, alles so zu verwenden, wie es ihm beliebte. Beschluß. Gustav war über diese schwesterliche Liebe innig gerührr. Er verwendete mit Sparsamkeit nur so viel Geld, als er unumgänglich nothwendig zur Anschaf- stmg der dringendsten Bedürfnisse brauchte. Den Rest sendete er den Schwestern mit Dank zurück, und begleitete denselben mit Geschenken an Stoff zu Kleidern, der den Schwestern Vergnügen machen konnte. »Roch mehrere Züge edler Geschwisterliche könnte ich von diesem guten Menschen anführen. Sie scheinen nur ein Herz und ein Sinn zu seyn. Gustav -st jetzt schon Hauptmann und ein geachteter Offi- -------- cier. Die beyden Schwestern sind an rechtschaffene Männer verheirathek, und als steipige, verständige und gottesfürchtige Hausmütter bekannt. Das größte Vergnügen für alle drey ist, wenn sie sich gegenseitig sehen, und in geschwisterlicher Zärtlichkeit und Liebe einige frohe Stunden zubringen können. Hz» 3 ge d.e Id Die Schulfreunde. dem nähmlichen Hause wohnten zwey Knaben, Friedrich Hoffmann und Peter Hölzer, die fast gleichen Alters waren. Nur hatte F r i ed- rich reiche, und Pe t er arme Ältern; denn Friedrichs Vater war ein Beamter von höherem Range, jener des Peter ein Tischlergesell. Peter war ein hübsches, freundliches Kind, das alle Leute im Hause lieb hatten, und seinen Ältern muß man es zum Lobe nachsagen, daß sie ihn gut erzogen. Da nun seine Mutter öfters bey der Frau Hoffmann zu verschiedenen häuslichen Geschäften verwendet wurde, so nahm sie den Keinen Peter manches Mahl mit in die-Wohnung derselben, und er gefiel nicht nur der Frau Hoffmann sehr gut, weil er sich immer artig betrug, sondern Friedrich spielte auch gern mit ihm, und in der Folge bath er seine Mutter fast täglich, sie mochte ihm den Keinen Peter kommen lassen, damit er Gesellschaft habe. Zo->-»» Als beyde Knaben fünf Jahre alt waren, sollte Friedrich zum Lernen anfangen, und der Vater besorgte ihm einen Hauslehrer. Der Vater meinte, wenn beyde Kinder zusammen lernten, so würde Friedrich mehr angeeifert werden, und bessere Fortschritte machen. Er ließ also den kleinen Peter auch an dem Unterrichte Theil nehmen, und beyde Knaben kamen in der Lchrstunde so gut fort, daß eS eine Freude war. Einer wußte so viel als der Andere, und Einer suchte es dem Andern in Aufmerksamkeit und Fleiß zuvor zu thun. Die beyden Knaben gehen in die Schule. Mit acht Jahren besuchten die beyden Knaben die deutschen Schulen. Sie gingen mit einander zu derselben, und kehrten mit einander ariS derselben zurück. Sie saßen neben einander auf derselben Bank, und ermunterten sich gegenseitig zum Fleiße. Der Lehrer hatte sein Wohlgefallen an diesen Knaben, und die anderen Schüler nannten sie die getreuen zmd unzertrennlichen Schulfreunde. Beyde machten einen sehr guten Fortgang, und wußten bald mehr als die andern Schüler, weil sie- sehr aufmerksam in der Schule waren, und zu Häuft mit einander alle Ausgaben bearbeiteten, und das fleißig wiederhohlten, was in der Schule vorgetragen wurde, und erst dann spielten, wenn sie Alkes voll-^ Sl endet hatten/ was für die Schule gehörte, und sich immer gegenseitig zum Fleiße und guten Betragen ermunterten. Das war auch an diesen beyden Schulfreunden sehr lobenswürdig, daß keiner den andern beneidete, daß keiner dem andern Lob oder Beyfall mißgönnte, und daß nie der Eine mit dem Anderen aus was immer für einer Ursache in Zwist gekommen ist, oder je ein unfreundliches oder bitteres Wort im Zorne und Heftigkeit ihm gesagt hat. , Lernbegierde. Es kam der Frühling, und die Kirschen, Erd- beren, und Abrikosen fingen zu reifen an. Wenn die beyden Knaben zur Schule gingen oder aus derselben zurück kehrten, lachte sie das herrliche Obst an, und viele Mitschüler kauften sich von demselben. Aber Peter konnte nichts kaufen; denn er hatte kein Geld, und wenn er ja manches Mahl einige Groschen bekam, so mußte er sie auf Federn, Papier und Bücher verwenden, und da langten sie bey weitem nicht hin; denn jetzt noch mangelte ihm manches Buch, welches theuer war. Doch Peter wußte sich zu helfen; er borgte sich das Buch von Friedrich; aber er mußte so lange warten, bis dieser die Lection gelernt hatte, und das Buch auf einige Zeit entbehren konnte. Das erschwerte ihm freylich daS Lernen, es gab 02 für ihn manchen Aufenthalt und manches Hinderniß; er konnte oft erst feine Arbeit anfangen, wenn F'r ie brich alles schon vollendet hatte; aber derley Ztnstände und Schwierigkeiten konnten den fleißigen Peter nicht abschrecken; er wollte gegen Fried- l r i ch nicht zurückbleiben, und er hatte eine uner-. sattliche Begierde, in den Kenntnissen immer mehr fort zu schreiten.^ Friedrich theilt mit Peter.-! Friedrich war und blieb immer sehr gefalkg^ und dienstfertig gegen Peter, und wo er ihm et-^^ was Angenehmes erweisen konnte, da that er es^ von Herzen gern. So konnte er auch auf dem Schulwege kein Obst genießen, ohne P e t.e r n davon mitzutheilens^ Er erhielt von dem Vater ein wöchentliches Taschengeld, das zwar nicht groß war, von dem er sich aber^ doch oft Obst und andere unschädliche Näschereyen^ kaufen konnte, und alles dieses hätte ihm gar nicht geschmeckt, wenn er nicht Petern hätte davon^ mittheilen können.,. Manches Mahl verabredeten einige Mitschüler^ sich zu einer».Spaziergange in den Meierhof vor die Stadt, wo sie frische Milch und Sahne mit Butterschnitten essen wollten. Friedrich war gern^ dabey, wenn die Gesellschaft aus lauter gut gesitte- s^ —- S3 ren Knaben bestand, und Peter mußte dann immer auch mit gehen; den Antheil für ihn zahlte Friedrich gern, und es hätte ihn verdrossen, wenn Peter diesen Freundschaftsdienst nicht angenommen hätte. Peter mist studieren. In solcher treuen Freundschaft hatten Friedrich und Peter m der ganzen Zeit gelebt, als sie die Hauptschule besuchten. Nun sollte Friedrich in die lateinischen Schulen, in's Gymnasium, mit nächstem November übertreten, Peter wollte aus treuer Anhänglichkeit gegen Friedrich nicht zurück bleiben, so sehr ihn sein Vater abzuhalten suchte, den zwar des SohnesLernbegierde freuet«, der aber wohl einsah, daß er ihm die Bücher und anders Lernmit- tel nicht werde anschaffen können, und daß der Knabe eben dadurch im Fortgange werde aufgehalten werden. Peter aber erwiederte, daß er auf seinen Schulfreund Friedrich gänzlich vertraue, der ihn gewiß unterstützen werde, und daß es nur mehr um ein Paar Jahre zu thun wäre; dann hätte er sich schon so viele Kenntnisse erworben, daß er kleinere Kinder unterrichten, und sich dadurch so viel Geld verdienen könnte, um sich Bücher, Lernmittel und andere Bedürfnisse anzuschaffen. Der Vater willigte ein, daß Peter die lateinischen Schulen besuchen 54 sollte, und dieser strengte alle Kräfte im Lerne» an, um gut vorbereitet und mit Ehren in dieselben einzutreten, Friedrich gibt kein Geld mehr aus. Indessen erhielt Peter von Friedrich gar kein Obst mehr; er nahm ihn nicht mehr in den Meierhof mit, er ging selbst nicht mehr dahin, und man sah ihn nie mehr etwas um sein Taschengeld kaufen. Er legte vielmehr sein Wochengeld, sobald er es von dem Vater erhielt, in den Schrank, um ja nicht, wenn er es in der Tasche trüge, angereiht zu werden, etwas davon auszugeben. Es schien, als wenn Friedrich auf einmahl geitzig geworden wäre. Den Mitschülern mußte eS auffallen, und wenn ihn ja einer fragte, warum er sich denn gar nichts mehr kaufe, und mit ihnen nicht mehr in den Meierhof gehe, sagte er, den Antrag ablehnend: »Ich habe kein Geld mehr dazu.« Peters Angebinde. Indessen war Peter's Geburtstag gekommen. Mit frühestem Morgen war Friedrich bey ihm, um ihm Glück zu wünschen, und er legte auf den Tisch, wo Peter zu arbeiten pflegte, einen Pack Bücher. Peter fiel ihm um den Hals, und dankte ihm. Friedrich entfernte sich schnell. 55 Peter durchsah die Bücher, und fand jene, die er für künftiges Jahr in der lateinischen Schule brauchte. Die Augen flössen ihm vor Freude über, und er zeigte alles seinen Ältern, die mit gen Himmel gewendeten Augen dem edlen Geber in ihrem Herzen dankten. Peter eilte mit den Büchern zu Friedri ch's Vater, um ihm dafsir zu danken; denn er glaubte, daß dieser wohlthätige Herr sie ihm durch Friedrich geschickt habe. Dieser sah die Bücher durch, und Thränen der Rührung traten ihm in die Augen; »Vortrefflicher Sohn,« sagte er,»du machst mir große Frende!« Vaterfreude. Er ließ Friedrich rufen. Des Knaben Herz war von unüberschwenglicherFreude erfüllt, daß ihm das schöne Werk gelungen war. Mit holdseligem Angesichts trat er vor den Vater, der ihn überfreund- lich anblickte, sich zu ihm herab bückte, und ihn herzlich küßte. »Du hast ein schönes Werk vollbracht,« sagte der Vater gerührt,»so ist es recht und vor Gott angenehm. Bleibe so, mein Sohn, und deine Ältern sind überglücklich.« AIS der Vater so sprach, trug Friedrich den Himmel in seinem Herzen, und zugleich fiel ihm Peter, dem die Thränen über die Wangen herab perlten, um den Hals, und sagte schluchzend:»O mein lieber Friedrich! Gott wird dir'S vergelten, was du an deinem armen Schulfreunde thust! Erlaube mir, daß ich meinem Herzen Luft mache, und forteile, um auch meine Ältern an meiner Freude und Rührung Theil nehmen zu lassen!« »Geh nur, guter Knabe,« sagte der Vater, und komme dann wieder.« Lohn der Wohlthätigkeit. Dann wendete sich der Vater zu Friedrich, und sagte:»Du hast mir wahrhaftig einen vergnügten Tag bereitet, den dir Gott durch frohes Bewußtseyn lohnt; denn so freudig sahst du nicht bald aus als heute, wo du deinem Schulfreunde ein ss großes Vergnügen gemacht hast.« »Wenn uns der liebe Gott mit Vermögen gesegnet hat, und man gibt einem Dürftigen ein Geschenk, so ist es wohl löblich und gut. Wenn ma» sich's aber abdarbt, abspart und abbricht, um einem braven und fleißigen Mitschüler mit dem Ersparten zu helfen, so ist eS etwas Großes vor Gott, besonders wenn man nicht damit prahlt und großthut. Du, mein lieber Friedrich, fahre so fort, und Gottes Sogen wird mit dir seyn.« Die Gabe erscheint groß. Noch konnte der Vater nicht begreifen, wie der gute Sohn so viel Geld zusammen gebracht hatte, um Petern alle die Bücher zu kaufen, und er meinte, daß die gute Mutter mit im Spiele gewesen sey, und eine Gabe dazu gelegt habe. Er fragte daher den Sohn, wie er eine so große Summe habe zusammen bringen können? Dieser sagte bescheiden, daß er wohl seit längerer Zeit sein Taschengeld gespart, und durch mehrere Monathe keinen Pfennig davon ausgegeben habe, um Petern die nöthigen Bücher für das künftige Schuljahr anzuschaffen; daß ihm aber selbst die Summe, die er zuletzt in seinem Schranke gefunden, nach aller Nachrechnung zu groß geschienen habe, und daß er selbst nicht wisse, wie sie so groß angewachsen sey. Die Schwester verräth sich. Während dieses Hin- und Herfragens war Auguste, Fr i ed ri ch'sgute Schwester, in sichtbarer Verlegenheit. Sie schlug die Augen nieder, und wendete sich immer so, daß man ihr nicht in s Angesicht sehen sollte. Der gute Vater, welcher-auf Alles, was um ihn vorging, immer sehr aufmerksam war, und der besonders, wenn es eine gute Lehre, oder 66- etwas für die Kinder Nützliches betraf/ die Mienen der Kinder genau beobachtete, hatte wohl gemerkt/ was in Augusten's Seele vorging/ und er suchte das Geheimniß zu entschleyern. Das gute Mädchen wollte nicht mehr länger im Zimmer bleiben,- und suchte Ursache/ sich zu entfernen. Der Vater aber/ der in Augusten's Miene las/ daß eine edle Handlung mir dem Geheimnisse verflochten sey/ drang in die gute Tochter/ daß sie ihm offenherzig sagen sollte/ was sie um Fried- r i ch's Ersparnis; wußte. Endlich sagte das brave Mädchen nach langem weigern- und vielen Ausflüchten/ daß sie eines Tages Friedriche n beobachtet Habs/ wie er an seinem Schreibpulte gesessen/ und nachdenkend gerechnet und mit sich laut gesprochen habe/ daß er bey allem seinen Sparen nicht so viel zusammen legen könne/ um Petern zum Geburtstage alle nöthigen Bücher zu verschaffen/ und daß ihm noch drey Gulden fehleten. Sre habe dann am nächsten Tage/ wo Friedrich den Schlüssel an dem' Schranke habe stecken lassen/ wahrend er in der Schule'wach rhre ganze Barschaft, die sich über drey Gulden mochte belaufen haben, zu dem übrigen Gelde in den Schrank gelegt. Da war der Vater außer sich vor Freude, daß auch die Tochter ihr größtes Vergnügen daran finde,. im Verborgenen Gutes zu thun. Er faßte sie in seine Arme, drückte sie an's Herz, und dankte Gott, daß ihm das Glück zu Theil geworden war, so gut« Kinder zu haben. Beschluß.> Indessen war Peter zurück gekommen, und konnte nicht Worte genug finden, um zu danken »Nicht mir danke,« sagte der Vater gerührt,»sondern deinem Schulfreunde, Friedrich und seiner guten Schwester Auguste. Was ich dir bisher gethan(der Vater versorgte Petern immer mit Kleidung und anderen Bedürfnissen), geschah aus gutem Herzen, weil ich alle Hoffnung habe, daS aus dir ein brauchbarer und braver Mann werden wird. Aber wenn dich Gott einmahl segnen wird, dann, mein Sohn, thue andern armen Kindern auch Gutes. Das ist der beste Dank vor Gott. Heute bist du zu Mittag unser Gast, und wir wollen froh und vergnügt seyn, da uns Gott der Allmächtige so viele Freuden bereitet hat.« 00 Traurige Folge des Eeitzes, -^»^erGsitzige trachtet nur nach Geld und Schätzen, um sie zu besitzen, nicht um sie nützlich anzuwenden; er macht sich hier schon verächtlich und oft auch lächerlich; er nützt weder sich noch'Anderen, und bereitet sich oft, wenn er aus Kargheit eine kleine 'Ausgabe scheuet, sein eigenes Verderben. Ein trauriges Beyspiel will ich davon erzählen. Sylv.ester Berger, ein Bauer im Dorfe N., war als ein geitziger Mann bekannt, der jeden Armen von seiner Thür abwies, keinem Nachbarn aus dem Dorfe half, und sich selbst nichts gönnte. Dieser Mann sollte Pathenstelle in einem zwey Stunden weit entlegenen Dorfe vertreten. Er konnte es Ehren halber nicht abschlagen, sosehr ihn auch die Ausgabe schmerzte, die er deßwegen machen mußte. Unfall aus dem Wegs Er fuhr mit seinem achtzehnjährigen Sohne und seiner zwölfjährigen Tochter nach diesem Dorfs. Der Sohn leitete die Pferde, Auf der Mitte des Weges brach der eiserne Neidnagel, der die Vorderachse mit dem vorderen Theile des Wagens verband. Das war ein kleiner Schaden, der aber den kargen Mann ganz in Unmuth brachte. Sie waren nahe an einem Dorfe, durch welches der Weg führte, den sie nehmen mußten. Der Sohn wollte in das Dorf eilen, und von dem Schmiede einen neuen Nagel kaufen, oder den alten zusammen schweißen lassen. Der Vater aber, der schon wegen der Ausgaben zur Kindestaufe verdrießlich war, wollte keinen Heller auslegen, und sagte, daß indessen ein hölzerner Nagel die nähmlichen Dienste leisten könnte. Es wurde eilends einer aus Holz geschnitzt, und am Wagen und an der Achse befestiget. - Der Wagen kommt bey einem Flusse an. Es ging so ziemlich gut vorwärts, bis der Wagen an einen Fluß kam, der durch den bey der Nacht gefallenen Regen angeschwollen war. Auf der anderen Seite des Flusses lag das Dorf, in welchem die Taufhandlung vor sich gehen sollte. BeyHewöhnlichem Wasserftande konnte man mit dem Wagen ohne Gefahr durch den Fluß fahren» Dieses Mahl war aber ein Schiffer mit einem Kahne da, um die'Ankommenden über zu setzen, weil es nicht 62- räthlich war, in den angeschwollenen Fluß sich mit Pferd und Wagen zu begeben. Der Schiffer both sich an, den Bauern und seine Tochter rm Kahne über zu führen, und der Sohn sollte indessen mit Wagen und Pferden zurück bleiben. Er verlangte für die Überfahrt zwey Groschen. DaS war dem geitzigen Manne zu viel, und er wollte ihm nur die Hälfte geben. Der Schiffer wollte sich aber durchaus nichts abdingen lassen. Da wurde der Bauer unwillig, und befahl seinem Sohns, auf der gewöhnlichen Fährte, die er von dem niederen Wasserstande schon kannte, rasch durch den Fluß zu fahren. Allein der Sohn verfehlte die Fährte, und kaum ist er sechs Schritte vom Lande, so versinken die Pferde. Der Bauer erschrickt, und ruft seinem Sohne zu, daß er schnell umlenken soll. Der Sohn gehorcht, aber im nähmlichen Augenblicke zerbricht der hölzerne Neidnagel, und die scheu gewordenen Pferde reißen die Vorderachse mit sich fort, und.schwimmen aus. Schreckliches Unglück. Der Söhn stürzte vom Wagen, hielt aber das Leitband so fest, daß ihn die Pferds mit aus dem Wasser schleppten. Der Vater wußte sich vor Angst und Schrecken nicht mehr zu helfen, und sprang aus dem Wagen. -— 63 Die Wellen rissen ihn mit sich fort. Dis Tochter klammerte sich am Wagen fest, den die Wellen hin und her schaukelten, und abwärts trugen. Der Schiffer hatte kaum die Gefahr gesehen, als er in seinem Kahne auf die Verunglückten zusteuerte. Er war so glücklich die Tochter zureiten, aber der Vater, der durch seinen Geitz dieses Unglück veranlaßt hatte, fand in den Wellen den Tod. Der Lebensretter. G- -egen die Mitte des Novembers 1822 fror es einige Nächte so stark, daß stillstehende Wasser mit einer Eisdecke überzogen wurden. Auch das große Bassin des Canals in Wien nächst dem Jnvaliden- Hause war glatt zugefroren. Hier ist der gewöhnliche Belustigungsort für die munteren Schlittschuhläufer im. strengen Winter, wenn die Eisdecke so dick ist, daß keine Gefahr des Durchbrechens zu befürchten ist; und man sieht oft Hunderte in den schnellsten und geschicktesten Wendungen auf der spiegelglatten Eisdecke sich herum tummeln. Einige Knaben lockte am Leopolds-Tage, den »5. November die freylich noch dünne Eisdecke auf dem Bassin an, und sie wägten sich auf dieselbe. Das war ein unverzeihlicher Muthwille, der auch hart bestraft wurde. Der größte Waghals unter diesen unbesonnenen Knaben, erst zehn Jahre alt, lief immer mehrere Schritte vor den andern voraus, und da er beyläufig acht Klafter vom Ufer entfernt war, brach das Eis unter seinen Füßen, und er fiel in daS Wasser. —63 Angstgeschrey der Mitgespielen. Die anderen Knaben eilten augenblicklich an's Ufer, damit ihnen nicht gleiches Unglück begegne, und riefen aus Leibeskräften unter ängstlichem Hin- und Herlaufen um Hülfe. Der verunglückte Knabe war indessen von dem Wasser verschlungen worden, gelangte aber doch wieder auf die Oberfläche, streckte seine Hände bittend um Rettung aus, die ihm aber noch nicht werden konnte, weil sich noch niemand zu ihm hinwagte. Endlich gelang es ihm, die feste Eisdecke mit zitternder Hand zu fassen, wodurch er seinen schon halb erstarrten Körper mehr empor schwingen, den Kopf über dein Wasser erhalten, und sich vor dein augenblicklichen Ertrinken erwehren konnte. Der Unglückliche bemühte sich aus allen Kräften, sich auf das Eis hinauf zu schwingen, um sich dadurch zu retten: aber, o Jammer!,— das Eis, durch die Schwere des sich empor schwingenden Körpers gedrückt, brach entzwey, und er sank, ein großes Eis- stück in den Händen fest haltend, wieder unter. Doch kam er, durch das Stück Eis empor gehoben, bald wieder auf die Oberfläche des Wassers. ES.kommen Lenke zur Rettung herbey. Indessen waren auf das ängstliche Rufen der Knaben mehrere Menschen herbey geeilt, und such- ten in der Eile Mittel, ihn zu retten. Niemand aber wagte sich auf das EiS, weil es bey jedem Tritte durchgebrochen wäre. Da warf einer dem im Wasser plätschernden und ängstlich jammernden Knaben ein Stück Holz zu, damit er dasselbe fasse, und mittelst desselben sich auf der Oberfläche des Wassers erhalten könnt/, bis andere Hülfe käme. Der Knabe hielt sich zwar an dem Holze fest, aber er sank auch mehrere Mahle mit demselben unter. Ein Anderer warf ihm ein langes Seil zu, an welchem er ihn heraus ziehen wollte, wenn er eS einmahl fest angefaßt hätte. Aber die Hände des Knaben waren schon sehr matt und sor Kälte ganz erstarrt. Er konnte daS Seil nicht fest halten, und keine Rettung durch dasselbe war möglich. Da hatten wieder andere Männer in der Eile Breter herbey gebracht. Sie legten dieselben auf die Eisdecke, und schritten vorwärts, um bis zu dem Knaben zu gelangen. Aber sie hatten noch nicht sechs Schritte gemacht, als das Eis unter ihren Fußen krachte und zu bersten drohte. Sie kehrten augenblicklich um, um nicht auch in's Wasser zu fallen, und alle fernere Rettung noch mehr zu erschweren, wenn das Eis eingebrochen wäre. Ein wackerer Retter kommt herbey. Indessen schrie der verunglückte Knabe noch immer in Jammertönen zu Gott und Menschen um Hülfe; er war schon so matt und erstarrt, daß er sich kaum mehr durch daß zugeworfene Stück Holz auf der Oberfläche des Wassers erhalten konnte. Kein Augenblick war mehr zu verlieren; denn mit dem Untersinken des Knaben war auch sein Leben in größter Gefahr, Ein junger Mensch, Nahmens Krummholz, ein Hörer der Rechte, sah von fern den Zusammen- lauf des Volkes am Orte der Gefahr. Er eilte hinzu, drängte sich durch die Menge, erblickte den mit dem Tode ringenden Knaben, warf Hut und Rock eilig von sich, schritt auf den über die Eisdecke gelegten Bretern vorsichtig gegen den Knaben zu, gelangte glücklich so nahe an ihn, daß er schon seine rettende Hand nach ihm ausstreckte, und ihn zu erfassen glaubte; aber o Unglück!— in dem nähmlichen Augenblicke brach daS Eis unter seinen Füßen, und er stand bis über den Hals im Wasser. Doch Muth und Besonnenheit verließen den edlen Retter nicht. Er suchte festen Fuß zu fassen, griff nach dem Knaben, der durch den Fall des Retters wieder untergesunken war, faßte ihn mit starker Hand, zog ihn auf die Oberfläche deS Wassers empor, hob ihn jauchzend in die Höhe, und arbeitete sich gegen das Ufer zu. Doch die Eisdecke, die nur teilweise geborsten war', erschwerte ihm den Rückweg. Er faßte mit der einen Hand den Knaben, schlug mit der andern das Eis entzwey, und bahnte sich auf diese mühsame Art den Weg an's Land. Nachdem der Knabe über eine-Viertelstunde in Todesgefahr geschwebet hatte, war er durch die Anstrengungen dieses edelmütigen jungen Mannes zur allgemeinen Freude - aller Anwesenden gerettet. Ewig denkwürdig wird dem verunglückten Knaben der ,S. November seyn, an welchem ihn sein muthwilliger Leichtsinn in Todesgefahr gebracht hat, und andere unbesonnene Knaben, von denen noch jährlich ein oder anderer auf dem Eise verunglückt oder Schaden nimmt, mögen sich durch diese Unglücksgeschichte warnen lassen! Ehre und Dank sey aber dem edlem Retter! Der iS. November, an welchem er die schöne That vollbracht, kehre ihm immer heilbringend zurück, und er ernte reichlich den Lohn, den ihm jeder Menschenfreund von Herzen wünscht. , ho Das Lotterie-Loos. >^r»^ie Witwe Erb er lebte mit ihren zwey Kindern in der drückendsten Armuth. Sie kränkelte seit dem Tode ihres Mannes, der Schreiber bey einem Advokaten war, und bey seinem kleinen Erwerbe kein Vermögen hinterlassen konnte. Ost, wenn die zwey kleinen Waisen schliefen, lag die arme Witwe auf den Knien, und flehet« zu Gott um Hülfe, die er ihr auch nicht selten, wenn die Noth am größten war, durch wohlthätige Menschen spendete. Besonders vergaß die Gattinn des Advocaten, eine herzensgute und wohlthätige Arau, nicht auf die arme Witwe; sie gab ihr Näharbeit, unterstützte sie, wo sie nur konnte, mit Geld und Lebensmit- tem, und ließ auch gern die Wohlthat durch ihre zehnjärige Tochter Emeline spenden, damit sie Zeitlich im Wohlthun Vergnügen fände. Wie verwendet Emeline das Angebinde. Es kam Emelinen's Geburtstag, an dem sie von allen Seiten Geschenke erhielt. Sie hatte von 7«—" ihrer Mutter gelernt, jedes Fest durch Wohlthätigkeit zu feyern, und bestimmte einen Theil des zum Angebinde erhaltenen Geldes für die arme Witwe Erb er. Als sie ihrer guten Mutter das menschenfreundliche Vorhaben.entdeckte, erhielt diese eben zehn Loose zur Ausspielung einer Herrschaft, mit welcher auch mehrere ansehnliche Gewinnste in Geld verbunden waren, zum Geschenke. Die Mutter hatte sehr viel Vergnügen über die Wohlthätigkeit der guten Tochter, und um an derselben auch Theil zu haben, legte sie dem Gelde, welches Emeline selbst überbringen wollte, ein Loos bey.»Vielleicht ist die arme Erb er mir demselben glücklich,« sagte die gute Frau, Gott hilft oft wunderbar, ich wünsche es ihr von Herzen, und es würde mich lebenslänglich freuen, zur Gründung ihres Glückes etwas beygetragen zu haben.« Beschluß. Emeline überbrachte das Geschenk, und die Witwe dankte dem guten Kinde, daS ihr wie ein helfender Engel eben zu rechter Zeit gekommen war; denn jetzt litt sie wahrhaft Noth, indem ihre beyden Kinder am Keichhusten krank lagen, und sie keine Arzeney bezahlen konnte. Das Loos wurde sorgfältig verwahret, indem die Witwe mehr in demselben das Geschenk der wohlthätigen Frau und ihre gute Absicht ehrte, als daß sie auf einen Gewinn hoffte, weil sie meinte, daß sie zu allem Unglücke auf der Welt bestimmt sey, und es auch oft dem lieben Gott klagte. Aber es ging ihr in der größten Noch ein erfreulicher Stern auf. Ihr Loos gewann die Summe von l'ooo Gulden, wodurch sie nicht nur allein von alten Nahrungssorgen befrcyet wurde, sondern auch Nüttel hatte, ihre zwey Kinder gut zu erziehen und ihnen den nöthigen Unterricht zu verschaffen. Noch freuet sich die Witwe ihres Glückes, ge- meßt es mit.Dank gegen's,Gott, und bethet mit ihren Kinderm-ftir die edle Geberinn, die in bester Absicht ihr das Loos, welches den- Wohlstand der armen Witwe begründet, gegeben hat, und sich noch heute,über den guten Erfolg freuet/ l L tö z >S !0 !S 4 5 ,» ?7 '"7 ß- ' .. N E4E Ä5l ^- - -- q LL K