Äiensi' RM-öibligtilkk ^776 ' k A* E W Mff M W L'LM' ? M N 5s - SM W» « L « W 4 W Alwins. Eine Reihe unterhaltender Erzählungen zur Bildung des Herzens und der Sitten, und zur Beförderung häuslicher Tugenden. Töchter. Bon vi.^?eliM Lternau. Erstes Bä'ndchen. TN i e n. Mo nsdcrger's Druck und Verlas. Vorwort. -<)ey vem schon anerkannten Nutzen moralischer Erzählungen zur Bildung der Jugend habe ich zur Empfehlung dieses Büchelchens nur wenig zu sagen. Es gibt für das Kindesalter nichts Langweiligeres, als trockne Moral, nichts Angenehmeres zur Lecküre, als Erzählungen. Sie And das sicherste Mittel, moralische Wahrheiten anschaulich darzustellen, ihnen Eingang in das jugendliche Gemüth zu verschaffen, Liebe zur Tugend, Abscheu vor dem Laster zu erregen, und das Herz empfänglich für alles Guts zu machen. Zu diesem Zwecke dienen auch insbesondere Hie vorliegenden kleinen Geschichten. Gehorsam gegen Aeltern und Vertrauen zu ihnen, Mitleid, Menschenfreundlichkeit, Wohlthätigkeit, Aeltern- und Geschwisterliebe,, Wirthschastlichkeit, Ver- schwiegenheit, Redlichkeit, Sittsamkeit sind die Tugenden, die ich durch meine Erzählungen dem Herzen meiner jungen Leserinnen werth zu machen suche. Andere sind bestimmt, sie vor Eitelkeit, Hochmuth, Muthwillen, Falschheit, übertriebener Empfindlichkeit u. s. w. zu warnen. Ein anderes Werkchen von derselben Ten- denz ist, unter dem Titel:»Palamedes,« zugleich mit diesem, vorzüglich für Knaben, er- schienen. Möge der Same des Guten, den ich auszustreuen mich bemüht habe, in dem Herzen meiner jungen Leser und Leserinnen keimen und die erwünschtesten Früchte bringen! Geschrieben im October i8sS. ^elix Sternau. Der Wlinve. ^§in armer Blinder ging täglich an dem Hause des HofrathS Wagner vorüber. Sein Führer war ein kleiner, sehr hübscher Knabe von ungefähr sechs oder sieben Jahren; an seinen schmutzigen und zerlumpten Kleidern war ihm aber leicht das Elend anzusehen, in dem er lebte. Der arme Junge ging barfuß, und mochte sich wohl schon mehr als ein Mahl Scherben und Glas eingetreten haben. Im Herbste und im Winter hatte er auch sehr von der Kalte zu leide», und seine Füße sahen alsdann ganz roth und blau auS. Niemand jammerte dieser arme Knabe mehr als Röschen, daS siebenjährige Töchterchen des Hofraths Wagner. Mit ihrem weichen und theilnehmenden Herzen konnte sie nicht ohne Mitleid sehen, wie das arme Kind in der nasse- sten und kältesten Witterung ohne Strümpfe und Schuhe in den Straßen herum ging. Einst stand Röschen an einem kalten Wintcrtaqe, in einem warmen, gut gefütterten Ueberröckchen, daS ihr die Mutter hatte machen lassen, am Fenster und sah durch die kaum auss zerhauten Scheiben auf die beschneyte Gaffe hinab. Da kam der Blinde, von dem kleinen 8— Jungen geführt, der imk seinen nackten', ganz schwarzblauen Füßen von Frost starrte. Röschen konnte ihn nicht ohne Thränen mitten Zähnen klappern hören und zeigte ihn der Mutter.»Sieh nur, Mütterchen,« sagte sie, indem sie dieselbe an's Fenster führte,»sieh nur, wie das arme Kind in bloßen Füßen im Schnee läuft; sieh, wie es einen nach dem andern hinauf zieht, wie es vor Kälte zittert und leidet. Ach, es dauert mich gar zu sehr; o kaufe ihm doch ein Paar Schuhe oder Socken!« »Liebes Kind,« sagte die Mutter,»ich wollte gern deinem guten Herzen diese Freude mache»; bedenke aber nur, wie viel Geld ich seit Kurzem bloß für Dich allein ausgegeben habe. Ich mußte Dem neues Ueberrvckchen, Deine Schnürstiefelchen, Deine Handschuhs bezahlen, und Du weißt, daß Dein Vater kein reicher Mann ist.« »Ach Mütterchen, ich habe ja andere Kleider und bin fast immer in dem marinen Zimmer. Weißt Du, was ich denke? Wir wollen den Ueberrock wieder verkaufen und dem armen Knaben Wtrümpfe und Schuhe dafür anschaffen.« »Das gehp nicht, mein Kino,« sagte die Mutter;»Dein Kleid hat viel Geld gekostet, und wir würden wenig dafür bekommen. Ich will Dir lieber einen andern Vorschlag machen. Das weiße Brot zu Deinem Frühstück und zur Milch Nachmittags kommt mir täglich auf einen Groschen zu stehen. Iß schwarzes Brot statt weißes, und lege diesen Groschen jeden Tag zurück, so —9 hast Du in Zeit von einer Woche schon so viel, daß Du dem armen Jungen wenigstens ein Paar Socken kaufen kannst.« »Ach, liebes Mütterchen ,« rief Röschen, und fiel der iRutter um den Hals,»wie gern will ich das! O laß Dich für diesen Gedanken küssen.^— Aber wenn ich doch nur daS Geld gleich jetzt harte, denn in acht Tagen kann leicht der arme Kleine seine Füße erfrieren.« Die Mutter. Da laßt sich wohl helfen. Ich kann Dir ja sechs Groschen vorschießen. Röschen. Willst Du das? O schön, schön! So gib sie nur gleich her und laß durch Badet geschwind em Paar recht warme und starke Socke» holen. Dieß geschah, und Röschen trippelte vor Ungeduld, bis das Mädchen wieder kam. Die Mutter stand indessen auf, ging an ihren Schrank und kam Mit einem Paar wollenen Strümpfen zurück.»Wie wäre es,« sagte sie lächelnd,»wenn wir zu den Socken auch ein Paar Strümpfe legten? Hier ist ein Paar; ich habe sie für Dich stricken lassen; willst Du sie dem armen Knaben geben, so ist es Dir erlaubt.« »O das will ich,« rief Röschen,»ich ha- Le der Strümpfe genug.« Indem sie so sagte, hüpfte sie hoch auf vor Freude, und schlang ihre Aermchen mit einem Kuß um der Mutter Hals. kam Badet mit einem Paar Hübschen und dauerhaften lVecken zurück, die sie gekauü Patte. Der Blinde und fein Führer waren ade, schon lange fort. Röschen mußte —» 10> sich entschließen, zu warten, bis sie morgen wieder kommen wurden. Sie war ganz traurig darüber, denn sie besorgte, der arme Junge möchte sich indessen die Füße erfrieren. Den Tag darauf ging sie vom Morgen an nicht mehr vom Fenster. Endlich sah sie den Blinden die Straße herauf kommen.»Da ist er, da ist er!« sagte sie, rief die Mutter und lief mit den Strümpfen und Socken die Treppe hinab. Ihre Hände zitterten sichtbar vor Ungeduld und Freude. An der Hausthür erwartete sie den Blinden. »Guter, alter Mann,« sprach sie, als er ihr nahe genug war,»ich bringe Ihm hier ein Almosen von der Mutter, und seinem kleinen Sohn ein Paar Strümpfe und Socken von mir.« »Dafür soll Gott Sie und Jbre Frau Mutter mit Gesundheit und langem Leben segnen,« antwortete der Alte.»Ach, wie wohl werden meinem armen Jacob die Socken thun! Ich hätte ihm schon lange welche gekauft, aber wir bringen ja leider kaum so viel zusammen, daß wir unsern Hunger stillen können.« »O liebes Mütterchen,« sagte Röschen zur Hofräthinn, die in der Thüre stand,»willst Du denn nicht dem armen Mann und Jacob auch zu essen geben lassen?« »Recht gern,« antwortete die Mutter.— Und so wurde denn der Blinde mit seinem kleinen Führer in die Gesindestube unten im Hause geführt. Jacob beguckte die neuen Strümpfe un — n—. Socken von allen Seiten und lächelte sie stillschweigend an, hatte aber nicht das Herz, sie vor dem Fräulein anzuziehen, bis sie ihn selbst dazu ermähnte. »O wie schön warm sie sind!« sagte er jetzt; »das vergelte Ihnen Gott, mein schönes Main- sellchen. Ich will gewiß alle Tage für Sie bethen.« Wirklich mochte dem armen Kleinen schon lange nicht mehr so wohl gewesen seyn. Noch wohler aber war ihm, als eine große Schüssel voll warmer Suppe und Fleisch für ihn und den Vater angerichtet wurde. Sie aßen beyde, zu Röschens nicht geringer Freude, alles rein auf und ginge» dann, Mutter und Tochter noch- lnahls tausend Segen wünschend, ihre Wege. Dieß war ein glücklicher Tag für RöS- chen! Kaum am Weihnachtsabend fühlte sie sich so selig! Sie schwatzte den ganzen Vormittag mit der Mutter von»ichtsAnderem, als dem alten Blinden und seinem Knaben. Wie ganz anders, alsgestern, mußte dem armen Jacob heute zu Muthe seyn, da seine Füße in Strümpfen und warmen Socken steckten, als gestern, da sie nackt auf dem Schnee gingen. Als um zwölf Uhr der Vater nach Haust kam, wurde ihm die ganze Geschichte umständlich erzählt. Er schien sie mit großem Wohlgefallen anzuhören, und lobte Röschens mitleidiges Herz gar sehr, zumahl, da sie sich, um Gutes zu thun, das Brot von ihrem eigenen Munde abgebrochen hatte. »Ach,« sagte Röschen,»ich möchte dem Kleinen wohl auch warme Handschuhe, eine warme Mütze und ein Camisol geben, und nur es von meinem Frühstück abziehen lassen, wenn mir nur die Mutter das Geld dazu einstweilen leihen wollte, denn seine Finger starrten ganz vor Kälte, und an seinem Kittel war kein gu- ter Fleck mehr.« »Deine Mutter wird wohl schwerlich so viel Geld lange missen können,« erwiederte der Vater; »ich will dir aber sagen, wie Du es selbst verdienen kannst, wenn du arbeiten willst, und Dir es einstweilen vorschießen.« «Ach,« sagte Röschen,»wie kann denn ein so kleines Mädchen, wie ich, Geld verdienen?« »Ich selbst will Dir welches zu verdienen geben,« sagte der Vater.»Du fängst an zu schreibe»; für jede recht schön geschriebene Seite, die Du mir in einem besondern Schreibebuch, das ich Dir geben will, vorzeigen wirst, sollst Du einen Groschen haben; aber ganz rein und gut muß die Schrift seyn, sonst nehme ich sie nicht an. Willst Du das?« »O gewiß,« rief Rösch e n,»alle Tage will ich zwey Seiten schreiben, eine Vormittags, die andere Nachmittags, und so schön ich es kann.« »Nun gut, so gebe ich Dir also hiermit zwey Thaler Vorausbezahlung; damit magst Du dem armen Jungen kaufen, was Du willst.« Dankbar nahm Röschen die Thaler auS des Vaters Hand und küßte sie ihm freudig dafür. Und nun wurde Räch mit der Mutter gehalten, wie man das Geld anwenden wolle. 13 Es wurde beschloßen, Nachmittags auf den Trödelmarkt zu gehen, und dort auszuwählen, was man Brauchbares für den Kleinen finden würde.^ Bald fand sich Alles, was man wünschte, und um einen so wohlfeilen Preis, daß der atme Junge mit diesem wenigen Gelde ganz gekleidet werden konnte. Er erhielt außer dem, was ihm schon zugedacht war, auch noch eine warme Weste und Beinkleider.„ Mit Ungeduld erwartete nun Röschen den folgenden Tag. Sie dachte sich dieUeberraschung, die Freude, das Glück des Knaben, die Segenswünsche des Alten, das Vergnügen d-s Gesindes, das Zeuge davon seyn würde.; Dieß Alles beschäftigte ihre Einbildungskraft so lebhaft, daß sie lange nicht einschlafen konnte. Endlich kam der sehnlich erwartete Tag, und Röschen stellte sich auf ihren Posten an das Fenster.. Nicht lange stand sie da, so erschien der Blinde an der Hand seines Führers- Sie eilte hinab an die Thür und rief ihn herein. AlleS ging, wie sie sich's gedacht hatte. Der Kleine war außer sich vor Freude über den guten, warmen Anzug, als er hörte, daß er für ihn bestimmt sey, besah Stück für Stück, und freute sich bey jedem Stück auf's Neue; der Alte aber horte nicht auf, seine kleine Wohlthäterinn zu segnen. Die Mütze, die Weste, das Camisölchen, die Handschuhe, Alles war wie angemessen, denn Röschens Mutter hatte es beym Einkauf einem JugenS«Bibliothek. 5. Bd. S kleinen Jungen von Jacobs Große anprobiren lassen. Den Beschluß der Bescherung«-Scene »nachte eine gute Mahlzeit, die den beyden Armen vorgesetzt wurde, und an der sie sich wieder mit großer Lust satt aßen. In Lumpen hatte Jacob dar Haus betreten, gut und warm gekleidet verließ er es wieder. Seht, Kinder, so wenig kostet es oft, sich und Andere glücklich zu machen; denn fürwahr, der kleine Jacob und sein Vater waren nicht die einzigen Glücklichen; Röschen und ihre Mutter schienen es fast so sehr, wie sie. Und ihre menschenfreundliche That blieb nicht unbelvhnt. Röschen wurde durch ihr gutes Herz den Aeltern noch einmahl so lieb, als zuvor. Und da sie treulich ihrem Versprechen nachkam, dem Vater das ausgelegte Geld wieder zu ersetzen, lernte sie in einem einzigen Monath besser schreiben, als vorher in einem halben Jahre; auch fühlte sie sich, so oft sie den alten Blinden und seinen kleinen Führer sah, auf s Neue so selig, wie am ersten Tage. Noch war kein Monath verflossen, als sie sich schon die zwey Thaler, die sie dem Vater schuldig war, erschrieben hatte. Sie brachte sie ihm mit großer Freude. Er aber nahm sie nicht an, sondern schloß das wohlthätige Kind in seine Arme, küßte es und sprach zu ihm:»Behalte diese zwey Thaler, mein gutes Röschen, die Du so edel angewendet hast, und findet sich wieder «in Nothleidender, so werde auch ihm ein hilfreicher Engel, wie Du es dem kleinen Jacob geworden bist.» 15 Nosalie uns ihre Mutter. Rosalie hatte eine gütige, aber strenge Mutter, die sie früh schon zu allen Hausarbeiten anhielt und ihr keinen Fehler nachsah. Schon als em kleines Mädchen von fünf Jahren mußte sie täglich zum Backer gehen und das Brot zum Frühstück holen. Zu Hause mußte sie Zimmer und Kammer rein halten, mußte mit einem saubern Läpvchen, das seinen bestimmten Ort hat- te, täglich zwey Mahl Tische, Commoden, Schränke und Spiegel abwischen. Nichts durste sie von ihren Spielsachen mitten im Zimmer liegen lassen, wie so viele andere kleine Mädchen es gewohnt sind, sondern jedes Ding mußte, wenn sie es gebraucht hatte, wieder an seinen Ort gethan werden. Darum sah es in Madame Engels Haufe immer reinlich und ordentlich aus, und Ro sa li s wurde unmerklich an die schöne Tugend der Reinlichkeit und an Ordnungsliebe gewöhnt. Von dem fünften Jahre an durfte auch Rosalle keine Schule versäumen, es mochte auch regncn oder schneyen, so sehr es wollte. Oft weinte sie freylich und bath, daß man sie doch wenigstens bey so gar schlimmen Wetter zu Hause lassen möchte; allein, wenn sie sich so sträubte, so hob die Mutter sie rasch an's Fenster und zeigte ihr eine Menge Menschen, die unter dem Regen und Schnee wegliefen, ohne zu ertrinken, oder eingeschneyt zu werden. Rosalie trocknete dann still ihre Thränen und ging gedul- —— 16—— big in die Schule, von der sie frisch und gesund wieder zurück kam. Als sie größer war, mußte sie auch in die Küche gehen, und Wein und Bier aus dem Keller herauf holen. Freylich wurden ihr im Winter, wenn es recht kalt war, die Finger so steif, daß sie dieselben kaum mehr bewegen konnte. Aber die Mutter erlaubte ihr nicht einmahl, sich an dem Ofen zu warmen.»Fort, fort!« rief sie sogleich,»was machst du da an dem warmen Ofen? Hast du etwa Lust, Frostbeulen zu bekommen? Geh ein Paar Mahl im Zimmer herum, daß dein Blut in Bewegung komme, und dann wieder hinaus in die Luft.« Rosalie fand das sehr hart, und oft traten ihr die Thränen in die Augen; allein die Mutter that alles aus reiner Liebe, um ihre Tochter abzuhärten und eine tüchtige Hausfrau aus ihr zu bilden. Eben darum mußte Rosalie auch bey allen Waschen Hand mit anlegen, mußte mangeln und plätten helfen. Sogar im Haus- gärtchen hatte sie zu arbeiten; zwar durfte sie nicht den Boden umgraben, wohl aber mußte sie alle Pflanzen setzen und jäten, auch sie täglich degießen. Wenn sie aber alle HauSarbeit recht pünct- lich verrichtet hatte, dann war ihr auch erlaubt zu lesen, aber Nur solche Schriften, welche die Mutter vorher durchgelesen hatte, denn es gibt auch viele schädliche Bücher, die junge Mädchen nie lesen dürfen. Man sollte glauben, Rosalie könne ihre — I? Mutter nicht sonderlich lieb gehabt haben, weck sie so strenge von ihr gehalten wurde, und so oft zu Hause bleiben mußte, um die Küche zu besorgen, wenn ihre jungen Freundinnen einen Spaziergang auf das öand machten oder einen Geburtetag seyerten? allein sein Kind sonnte seine Mutter herzlicher lieben als sie, denn je alter sie wurde, desto klarer lernte sie einsehen, daß alles zu ihrem eigenen Besten geschah. Wo sie daher der guten Mutter Freude machen konnte, da that sie es. Nie betrübte sie dieselbe durch Ungehorsam, Trotz oder unartige Antworten« Sie suchte Alles zu errathen, was ihr lieb war, und oft, wenn ihr etwas geheißen wurde, war es schon gethan. Bey allem, was sie Gutes zu genießen hatte, dachte sie an die Mutter. Wurde sie mit Blumen oder Obst beschenkt, so wurde das Schönste und Beste davon für Mütterchen auf die Seite gelegt. Oft überraschte sie dieselbe mit einer hübschen Arbeit von ihrer Hand, besonders an Geburts- und Nahmenstagen, wo immer das ganze Zimmer von ihr geschmückt wurde. Eben so am Weihnachts- Abende. War die Mutter verreist, so fand sie bey ihrer Zu- rückkunft beynahe immer etwas Unerwartetes. Es waren z. B. neue Vorhänge an den Fenstern, oder das Wohnzimmer war frisch getünckt, oder die Betten mir neuen Decken belegt. Wo es nur möglich war, suchte Rosalie der Mutter Unruhe und Beschwerlichkeit zu ersparen. In ihrem sechzehnten Jahre waltete sie schon rm Hause wie eine erfahrne Hausfrau, und man konnte sich ganz auf sie verlassen. Madame Engel sagte nicht viel zum Lobe ihrer Tochter. Aber die Frau Basen sahen schon von selbst, daß Rosalie ganz anders war, als ihre eigenen Töchter, die nur auf Ballen zu glänzen suchten, und von der Hauswirthschaft wenig oder nichts verstanden. Ro salre war noch nicht achtzehn Jahre alt, als sie schon Braut wurde. Ein junger Mann, der ein gutes Amt bekleidete, hatte sie gesehen. Ihr sittsames Wesen, ihre Freundlich, keit, ihr gesundes Aussehen gefiel ihm. Die zuvorkommende Liebe und Achtung, womit sie ihre Mutter behandelte, zog besonders seine Auf. merksainkeit auf sie. Er erkundigte sich näher nach ihr, und da er vernahm, daß sie das häuslichste und unbeicholtenste Mädchen in der ganzen Stadt sey, verschaffte er sich Zutritt rn dem Hause der Äeltern, fand alles, was er Gutes von Rosa- lien gehört hatte, noch übertreffen, und warb daher ohne Bedenken um die Hand des lieben Mädchens, ob sie gleich ohne Vermögen war, und hatte das Glück, sie zu erhalten. Als die Nachbarn vernahmen, daß Rosalie die beneidenSwerthe Braut eines so hübschen und angesehenen jungen Mannes sey, entstand unter ihnen eine allgemeine Freude. Die Einen sagten, das haben die braven Aelrern an ihrer Tochter durch die gute Erziehung verdient, die sie ihr gegeben haben; die Andern sprachen, Rosalie ist ihres GlückeS werth; sie hat es durch —19—— ihre Liebe und Achtung gegen ihre Mutter verdient. Umsonst steht nicht in der Bibel: wer seine Mutter ehret, der sammelt ei- nenguten Schatz, wer aber seine Mutter betrübt, der ist verflucht vom Herrn. So wurde Rosalie eine glückliche Gattinn und die Mutter schöner Kinder, die eben so gut wurden wie sie, und sie ehrten, wie sie selbst ihre Mutter geehrt hatte. Aber vielen von den Ballmädchen, die mit ihr aufgewachsen waren, und an nichts als an ihr Vergnügen gedacht hatten, wurde nicht das Glück,, Gattinn und Mutter zu werden. Sie waren den jungen Herren gut genug gewesen, im Tanzsaale mir ihnen herumzuwirbeln; aber keiner wollte ein eitles Geschöpf, das nur von Putz und Lustbarkeiten träumte, und allen Männern zu gefallen suchte, zu seiner Lebensgefährtinn machen. Nach dem Tode des Vaters nahm Rosa- l i e die geliebte Mutter zu sich, und so gelang, te Madame Enge!, umgeben von liebevollen Kindern und blühenden Enkeln, zu einem hohen und glücklichen Alter. A l S e r L i n e. Albertine war ein kleines, sehr gutes Mädchen, das nie eine Unwahrheit sagte, und in allen seinem Thun und Reden vollkommen aufrichtig war. Nur schwatzte sie gewöhnlich ek- » was mehr als sie sollte; und da sie selbst eine fromme ehrliche Seele war, so traute sie Niemandem Böses zu. Aber ach! es gibt der bösen Menschen so viel, daß man sich nicht genug vor ihnen in Acht nehmen kann. Einst sagte Mutter Froberg zu A l b e r- tinen:»Hier sind sechs Thaler zwölf Groschen, die lch an Herrn Kaufmann Gerber für Waaren zu bezahlen habe; trage ihm das Geld hin, mache ihm meine Empfehlung, und bringe mir die Rechnung, die ich beygelegt habe, unterschrieben zurück.« Albertrne hatte schon viele solche Auftrage verrichtet; die Mutier war also ganz außer Sorgen. Das Mädchen nahm ihr Arbeils- körbchen, legte das Geld hinein, zog ihre Handschuhe an und sprang eilig die Treppe hinab.»Du kannst auch zugleich diesen Brief mit auf dre Post nehmen,« rief ihr die Mutter nach,»gib lhn auf dem Rückwege ab und halte Dich nicht lange auf.« Unterwegs sah Albertine eine ältliche freundliche Frau an einer Straßenecke stehen, die eben so gesprächig war wie sie.»Wohin denn so schnell, mein schönes Kind?« redete daS Weib sie an;»Sie gehen ja so rasch, daß man Ihnen kaum nachkommen kann.« »Ich habe einen weiten Weg zu machen, und soll schnell wieder zu Hause seyn.« »Wohin gehen Sie denn, mein liebes Fräulein, wenn ich fragen darf?« — 21 »In die Sattlergasse und von der Sattler- gasse auf die Post.« »Ey, da machen wir einerley Weg. Zu wem gehen Sie denn?« »Zu Herrn Kaufmann Gerber, dem ich Geld von der Mutter bringen muß.« »Seht doch! da gehen wir fast in dasselbe Haus. Herr Kaufmann Gerber ist mein nächster Nachbar. Was brauchen Sie aber den weiten Weg zu machen f Geben Sie mir das Geld mit, ich will es ihm recht gern übergeben. Von hier haben Sie nicht halb so weit auf die Post, und sind also viel schneller wieder zu Hause.« »Das wohl,« sagte Albertine,»ich muß ja aber doch die Rechnung unterschreiben lassen.« »O die Rechnung schickt er Ihrer Frau Mutter durch erneu seiner Leute, oder ich reiche sie Ihnen selbst in, Vorbeygehen hinein; sagen Sie mir nur wie Sie heißen und wo Sie wohnen. Wer wollte denn nicht gern seinem Ne- benmenschen einen so kleinen Gefallen thun.« »Nun, weil Sie denn diese Gefälligkeit haben wollen,« sagte Albertine,»so machen Sie nur dem Herrn Gerber eine Empfehlung von meiner Mutter, der Rärhinn Froberg, und hier schicke sie ihm den Betrag seiner Rechnung mit sechs Thaler zwölf Groschen, sie erbitte sich aber das Conto baldmöglichst unterschrieben zurück.« »Ganz wohl, ganz wohl, mein Fräulein. Sie haben mir aber noch nicht gesagt, wo Ihre Frau Mutter wohnt.« »In der Adlerstraße.« »Schön. Sie sollen heute noch die Rechnung zurück erhalten.« Das Werd nahm das Geld und ging damit schnellen Schrittes der Satklergasse zu. Albert ine aber machte links um und brachte den Brief auf die Post. Ehe die Mutter sich dessen versah, stand sie ihr schon wieder gegenüber. »So schnell wieder zurück,« redete sie dieselbe an.»Bist du denn auch auf der Post gewesen?« »Ich komme davon her.« »Last sehen, wo ist die quittirte Rechnung?« »Die Rechnung wird nachfolgen.« »War denn Herr Gerber nicht zu Hause?« »Das weiß ich nicht. Ich habe ihm das Geld nicht selbst übergeben. Eine wackere Frau, die seine nächste Nachbarinn ist, hat sich erbothen, es mitzunehmen, und ihm sogleich zuzustellen.« »Und wie heißt denn die wackere Frau?« fragte die Mutter, welche den Betrug schon ahnete. »Das weiß ich wahrlich nicht; ich habe vergessen, nach ihren. Nahmen zu fragen; sie wird aber wohl heute Nachmittags selbst kommen und die Rechnung bringen, wenn sie der Kaufmann nicht schickt.« »Ist's möglich, ein Pakec Geld einer Person anzuvertrauen, die man nicht einmahl dem Nahmen nach kennt!« »Was thut es denn, liebe Mutter? Sie —— 23—— kennt ja Herrn Gerber und wohnt ganz nahe an seinem Hause.« >»O du unerfahrnes, einfältiges Mädchen! Wie aber, wenn alles, was dieses Weib dir gesagt hat, nicht wahr wäre, wenn sie das Geld, das sie an Herrn Gerber abgeben sollte, für sich selbst behielte, und nichts mehr von sich hören noch sehen ließe?« »O, Mutter, was denkst Du! Es war eine so freundliche Frau, die uns unmöglich kann bekriegen wollen.« »Du hast jetzt nichts nöthiger zu thun, als den Weg nochmahls zu machen, und bey Herrn Gerber nachzufragen, ob er die sechs Thaler zwölf Groschen durch die freundliche Frau erhalten habe. Vergiß auch die Quittung nicht.« Alberti» e mußte also zum zweyten Mahle fort, wie es meistens derFall ist, wenn Jemand seinen Auftrag nicht recht verrichtet hat. Voll Unruhe und Angst, ob das Geld abgegeben worden sey, lief sie dieses Mahl noch schneller als vorher. Sie traf Herrn Gerberzu Hause an. Er saß an seinem Schreibetische und war den ganzen Tag noch nicht ausgegangen; hatte aber weder von der freundlichen Frau noch von dem Gelde etwas gesehen. Albertine versicherte ihm, es wohne die Frau in seiner nächsten Nachbarschaft und machte eine Beschreibung von ihrer Gestalt und ihrem Anzüge. Allein weder der Kaufmann noch seine Leute kannten ein solches Weib in ihrer Straße. **** 24^ Höchst erschrocken und mit Thronen in den Augen lief das Mädchen nach Hause und berichtete zitternd der Mutter, was sie von dem Kaufmann gehört hatte. Doch, meinte sie, es sey die Frau vielleicht nur abgehalten worden, das Geld sogleich abzugeben, und sie könne die Rechnung noch bringen. Allein man wartete vergeblich auf sie. D,ie sechs Thaler zwölf Groschen waren verloren, und mußten von Mutter F r o- berg noch einmahl bezahlt werden. Da die gute Frau nicht reich war, so war ihr ein so bedeutender Verlust sehr empfindlich, und sie wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie sich und ihrer Tochter täglich etwas von ihrem Tische abbrach, und am Christtage die Bescherung sparsamer einrichtete. Albertine hatte also selbst durch ihre Unbesonnenheit zu leiden. An einer langen Strafrede ließ es die Mutter nicht fehlen. Besonders erhielt Albertine einen harten Verweis dafür, daß sie dem unbekannten Weibe gesagt hatte, daß sie Geld bey sich habe. »Aber erinnere Dich doch,« liebe Mutter, entgegnete das Mädchen weinend,»wie oft Du mir empfohlen hast, in allen Dingen aufrichtig und redlich zu seyn.« »Ja wohl,« erwiederte die Mutter;»nie aber soll man in seiner Aufrichtigkeit mehr sagen, als dem andern;u wissen nöthig ist, und wir ihm anvertrauen können, ohne uns selbst zu schaden. Das betriegerische Weib brauchte nicht zu wissen, daß du Geld bey dir hattest und wem «»*** 25, du es bringen solltest. Hattest du davon geschwiegen, so wäre es nicht verloren gegangen. Darum merke dir: Sey aufrichtig und redlich, sprich aber nicht mehr als nöthig ist, und traue nicht allen Leuten.» »An dem gottlosen Weibe, daS uns so schändlich hintsrganqen hat, kannst du zugleich lernen, daß mancher Mensch sich redlich stellt und falsch un Herzen ist, und daß ein freundliches Gesicht gar oft eine treulose Seele verbirgt.« Das arglistige Weib entging aber nicht ihrer Strafe. Sie wagte einen andern Diebstahl, wurde entdeckt und kam in das Zuchthaus. Der arme Achuster. In großen Städten wohnen in den himmelhohen Häusern oft Familien, die sich einander gar nicht kennen. ' Dieß war auch einmahl der Fall zu Wien, wo eins reiche Frau von Stande, Frau von Kolhagen, das zweyte Geschoß eines sechsstöckigen Hauses bewohnte. Diese Dame hatte vier hoffnungsvolle Kinder, drey Söhne und eine Tochter. Adolph war schon fünfzehn Jahre alt, Casimir drey- zehn, Felir zwölf, Pauline, die jüngste unter ihnen, nur zehn. Einst wollte die Mutter mit ihrer Familie einen Spaziergang in den Prater machen(so 3i»Md-B,!'liokhck. S.»>. 3 —— 26 nennt man einen öffentlichen Belustigungsort bey Wien). Tue vier Kinder waren schon auf der Treppe, die Mutter aber sprach noch mit rhrer Haushälterinn. Auf einmahl hörte man Jemand mit einem großen Gepolter von dem obersten Stockwerk aus die Treppe herab kommen, und zwar mir einer solchen Hast, daß die Kinder kaum Zeit hatten auszuweichen. Es war Peter, ein Knabe, den sie nur dem Nahmen nach kannten. Er grüßte sie sonst immer sehr höflich, wenn er an ihnen vorüber ging; dieß Mahl sah er sie aber gar nicht an, rückte seine Mütze nicht, und wenig fehlte, so hätte er Paul ine» über den Haufen geworfen. »Wer war denn dieser unartige Junge?« fragte Frau von Kolhagen, die hinter ihm die Treppe herab kam.»Ist es nicht etwa der Sohn der Leute, die oben in der Dachstube wohnen? Ihr sagtet ja immer, es sey ein höflicher Knabe.« »Ja,« sagte Felix,»sonst ist er immer höflich; heute aber ist er es nicht.« »ES»»iß etwas ganz Besonderes vorgegangen seyn ,« sagte Adolph,»denn umsonst ist er gewiß nicht so die Treppe herab gekobc.« Jndem sie so sprachen, gingen sie vollends die Treppe hinab. An der HauSthür begegneten sie dem Bewohner der Dachstube. Er begleitete einen langen abgemagerten Mann, der erst von einer Krankheit aufgestanden zu seyn schien. Peter hing an seinem Halse zünd nannte ihn ein Mahl über das andere seinen Vater, seinen — 27— Lieben Vater. Die zwey Männer verbeugten sich ehrcrbiethig vor der Dame und erinnerten auch Petern, seineMütze abzunehmen. Allen wurde freundlich gedankt.—»Sagte ich's denn nicht,« sprach Adolph, als sie auf der Straße waren, »eS muffe etwas Besonderes vorgefallen seyn, weil Peter mit solcher Eile die Treppe herab stürmte. Er lief seinem Vater entgegen, den er vermuthlich lange nicht gesehen hat, und übersah uns ganz in seiner Freude.« »Seinen Großvater willst Du sagen,« ent- c.egnete Pauline,»denn der andere Mann ist ja sein Vater.« »Sein Großvater kann er wohl nicht seyn,« sagte d e Mutter,»dazu ist er nicht alt genug.« »Wir muffen wissen, wer die Leute sind,« sprach Fe! ir,»morgen will ich mich gleich nach ihnen erkundigen. »Nur nicht zu vorwitzig, mein Sohn, daß Niemand durch deine Neugler beleidigt werde. Unsere Hausgenossen scheinen zwar keine reichen aber doch ehrliebende Leute zu seyn. Vater und Mutter tragen grobe, aber reinliche Kleider, und ihr Sohn hat zwar geflickte, aber immer weiße Hemden auf dem Leibe.« »Der andere Mann,« sagte Pauline, »ist aber ganz abgerissen, er sieht so blaß und krank aus, seine Backen sind so hohl; und hast Du gesehen, wie seine Hände zitterten?« Das Gespräch wurde hier durch einen Bekannten unterbrochen, der ihnen begegnete und sie begleitete. Erst in dem Garten wurde die ——28— Unterredung fortgesetzt und beschlossen, daß man sich auf eine schonende Art nach dieser Familie erkundigen wolle. Die Murrer übernahm es selbst. Abends, da die Haushälterinn den Tisch deckte, fraate sie dieselbe, ob sie nichts Näheres von der Familie wisse, die seit Kurzem oben im sechsten Stockwerke wohne.—»Leider wohl,« antwortete Barbar a.—»Gutes oder Böses?« fragte die Mutter weiter.—»Nichts als Gutes.—»Und doch leider? Nun so richte sie nur geschwind an und erzähleSie uns über Tisch, was Sie weisi.« —»Recht gern, gnädige Frau. Es ist eine ganz rührende Geschichte, ich mußte wahrhaftig selbst weinen, da ich sie von der Frau des Portiers horte.« »Nun so bringe Sie nur schnell das Essen, Ihre Erzählung soll unsere Tafel-Unterhaltung seyn.« AlS nichts mehr fehlte und die ganze Gesellschaft Platz genommen hatte, sing Barbara also an: »Im vorigen Vierteljahre bewohnte ein Mann, der sich mir allerley kleinen Geschäften abgab, mit seiner Frau in der Capuzinerstraße ein Zimmer im fünften Stockwerke eines HauseS, in dem noch viele andere Familien beysammen lebten. Der wackere Mann hieß Hornberger. Seine Frau nähere und plättete in den Häusern und so verdiente» sie sich ehrlich und redlich so viel, daß sie von einem Tage zum andern zu leben hatten. Am Ende des Jahres fand sich — 2ä—" aber immer, daß ihnen nichts übrig geblieben war, und doch hielten sie sich für reich genug, eine sehr menschenfreundlicheThat zu verrichten.« »In demselben Hause wohnte nähmlich ein armer Schuhflicker über ihnen m einer elenden Dachstube, die allem Wmd und Wetter offen stand. Sein kümmerlicher Verdienst war kaum zureichend, sich und einen Knaben von neun oder zehn Jahren norhdürftig mit den wohlfeilsten Speisen zu ernähren. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben. Nun wollte das Unglück, daß der arme Mann, der fast beständig kränkelte, am Ende bettlägrig wurde. Die brave H o r n b e rg e r i n n nahm sich seiner treulich an, besuchte und pflegte ihn, so viel ihre eigene Wirthlchaft es erlaubte; endlich aber, da es nicht bester mit dem Kranken werden wollte, folgte sie dem Rarh ihres Mannes und ließ ihn in ein Hospital bringen, wo er nicht nur eben so gute Pflege, sondern auch Aerzte und Arzeneyen fand, die man ihm hier im Hause nicht geben konnte.« »Was sollte aber aus dem Knaben werden, den man nicht im Krankenhause aufnehmen konnte? Die wackern Leute waren bald entschlossen, ihn bey sich zu behalten. Sie theilten mit ihm ihr kärgliches Brot; die Frau unterrichtete ihn, wenn sie eine Stunde Zeit Hatte, im Lesen, ließ ihn im Katechismus lernen, und gab nicht zu, daß er sich auf den Straßen herumtrieb; kurz, sie erfüllte an ihm alle Pflichten einer treuen Mutter. Auch den kranken Vater besuchte sie fast — ZO—» täglich lind brachte ihm bisweilen eine Herzstä'r- kung, wozu sie sich das Geld am Munde abbrach.« »Zum Unglück hatte der ehrliche Schuster, ehe er in's Hospital abgeholt wurde, seiner Pflegerinn nicht den Hauszins für das laufende Quartal, das fernen! Ende nahe war, zurücklassen können. Der Hausherr, ein harter Mann, drang auf ferne Bezahlung und gab keiner Vorstellung Gehör. Umsonst bath ihn die Herüber g e r i n n um Nachsicht für den kranken Mann. Nachsicht? Nachsicht? sagte er; will Sie für ihn bezahlen? Hat denn der Kerl in fernem ganzen Vermögen den Werth von acht Gulden, die er mir schuldig>st?« »Die arme H o r n b e r g e r i n n würde die acht Gulden vielleicht für ihn bezahlt haben; allein sie hatte sie nicht. Sie wurde durch die unmenschliche Harre des Hausherrn, der ein reicher Mann war, und durch die Verachtung, mit welcher er von dein ehrlichen Schuster sprach, so aufgebracht, daß sie ihm selbst ihre Wohnung aufkündigte, und zwey Zimmer hier in diesem Hause miethete. Sie nahm zwey, damit doch der arme Kranke, wenn er wieder aus dem Sprtal käme, ein Obdach finden möchte. Sein elendes Bett behielt der vorige Hausherr zum Unterpfand zurück; Marianne, so heißt die Hornbe r g erinn, wollte aber dem Kranken eine Matratze aus ihrem eigenen Bette geben, bis er wieder zu der seinigen kommen würde. Vor einigen Wochen bezogen die guten Leute dieses HauS und nahmen ihren Pflegesohn mit sich. Peter benahm sich vom Anfang an sehr gut; er that alles, was in seinen Kräften stand, sich bey seinen Pflegeältern beliebt zu machen, trug Holz und Wasser in die Küche und verrichtete alle kleine Gänge. Marianne schärfte ihm Höflichkeit gegen Jedermann ein, darum nahm er auch immer so freundlich seine Mütze vor der gnädigen Frau und der jungen Herrschaft^ ab, wenn er ihnen auf der Treppe oder auf der Straße begegnete; nur gestern that er es nicht. Und warum, weil die Hornbergeri n n vom Fenster auS ihren Mann mit dem wieder genesenen Vater, den er aus dem Spital zurück brachte, nach Hause kommen sah. Peter dachte letzt an nichts anderes, als an seinen Vater; er sprang mit gleichen Füßen die Treppe hinab, und hatte für sonst Niemand Augen.« »Jetzt waren aber die armen Leute in neuer Verlegenheit. Der Schuster wünschte wieder zu arbeiten, und der harte Hausherr hatte ihm sein Handwerkszeug zurück behalten. Wo sollte man Geld aufbringen, es einzulösen? Zwey Gulden konnte Hornberger missen, und er war erbö- tchg sie herzugeben. Sie gingen, wahrend Frau von Kolhagcn ihren Spaziergang im Prater machte, zu dem Hausbesitzer, und bothen sie ihm an für die wenigen Messer, Ahlen, Zangen, Leisten, die der Schuster zurück gelassen hatte; allein er war auf keine Weise zu bewegen, etwas davon heraus zu geben. Nicht eher, sagte er, bekommt er auch nur ein Stück von seinem Ge- räthe, als bis ich mein Geld habe.— Wie soll er denn aber das Geld schaffen, wenn er kein Werkzeug zum arbeiten hat?— Das kümmert mich nicht; da mag er zusehen.« »Als der arme Schuster die Antwort des unbarmherzigen Mannes vernahm, wäre er vor Kummer beynahe wieder krank geworden, und Man harte alle Mühe, ihn zu beruhigen. »So stehen nun dermahlen die Sachen,« fuhr Barbara fort,»der Himmel weiß, wie es weiter gehen wird. Doch es wird geholfen werden, aewiß wird geholfen werden.« Frau vonKolhagen bedauerte den wackern Mann und schien gerührt von seinem Unglück. Die Kinder verwünschten laut den hartherzigen Reichen, der sich kein Gewissen machte, einen braven und arbeitsamen aber dürftigen Bewohner seines Hauses so sehr zu drücken. Der Schuster und die gutherzigen Leute, die sich seiner so menschenfreundlich angenommen hatten, ob sie gleich bennahe so arm schienen, als er selbst, waren ihr einziges Gespräch bis zum Schlafengehen. Die Mutter aber versicherte ihnen, daß der habsüchtige Hausbesitzer wenig Gewinn von seiner Unmenschlichkeit haben würde. Am folgenden Morgen, da die Kinder zur gewöhnlichen Stunde aufstanden, fanden sie die Mutter schon ganz angekleidet. Sie hatte, wie sie sagte, einen dringenden Gang zu verrichten. Bis zu ihrer Zurückkunfr blieben sie mit der Haushälterinn allein. Sre schienen aber heute gar keine Lust zum —» 33—— ie Arbeiten zu haben, sie gingen zerstreut umher cr und sprachen wenig mit einander. Es war, als >s hatte jedes oon ihnen ein besonderes Anliegen auf dem Herzen; aber keines wollte einen Ver- 1- trauten haben. Eines nach dem andern schlich rr sich unter irgend einem Verwände zur Thüre >d hinaus, kam lange nicht wieder, setzte sich aber hierauf ganz vergnügt an seine Arbeit. ,« Indessen verging fast der ganze Vormittag, >s und Frau von Kolhagen kam nicht zurück, r- Schon harte die Glocke eilf geschlagen; wo mochte sie bleiben? Endlich pochte Jemand an der äußern n Thür. Barbara glaubte, es sey die gnädige k. Frau; sie lief hinaus, allein sie war es Nicht, n Statt ihrer standen der ehrliche Schuster Horn» n berger, seine Frau und der kleine Peter an >- der Thür. Sie verlangten die Dame zu sprechen und li würden von der Haushälterinn einstweilen in o das Zimmer geführt, wo die Kinder eben mit s Schreiben und Lernen beschäftigt waren. Sie , wurden alle feuerrochj da sie diese herein tre- !- ten sahen und erwiederten ganz steif ihren Gruß. ß Sie setzten sich in einen Kreis um den Tisch n herum, an dem die Kinder arbeiteten, und der Haushälterin» war es auffallend, daß jeder von r den Fremden sich besonders eines von den Kin- e der» ausersehen zu haben schien, auf das er vor e allen Andern die Augen richtete, und von dein !. er wieder vor allen Uebrigen betrachtet wurde, r Nicht lange, so bemerkte sie auch seltsame Winke und Zeichen, die sie sich einander machten, so- bald sie glaubten, nicht beobachtet zu seyn. Fe- lir legte z.B. den Finger auf den Mund und winkte dem H o r n b e r a e r mit den Augen, gleich als ob er ihm empfehlen wollte, zu schweigen. Hornberger aber zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf, gleich als wollte er sagen: es ist mir lerd, mein lieber junger Herr, allein es kann nicht seyn. Endlich wurde wieder und starker, als vorher, an die äußere Thüre gepocht. Dieses Mahl war es wirklich die Mutter. Sie wunderte sich über die zahlreiche Gesellschaft, die sie antraf, noch mehr aber über die Anrede dieser wackern Leute, die ihr die Hände küßten und ihren Dank für so viele Güte, die sie an ihnen bewiesen habe, auszudrücken suchten.»Wie werde ich jemahls meiner Wohlthäterinn eine so große Schuld bezahlen können,« sagte mit Thränen in den Augen der alte Schuster.—»Sie haben meinem Vater das Leben gerettet,« rief Peter. »Laßt das gut seyn, ihr lieben Leute,« erwiederte Frau von Kolhag e n,»es lohnt>a der Mühe nicht. Wie könnt Ihr denn aber jetzt schon wissen, was ich für Euch gethan habe?« Hier machte die H o r n b e r g e r l n n den Andern ein Zeichen, sie reden zu lassen.»Gnädige Frau,« sagte sie,»schon diesenMorgen hat mir Ihr liebenswürdiges Fräulein die acht Gulden zugestellt, die sie mir schickten, die Sachen dieses ehrlichen Mannes bey seinem Hausherrn einzulösen. Dawar nun mein erster Gedanke, ohne Jemand etwas zu sagen, hinzugehen, den harten Mann zu bezahlen, und mir alles, was er noch von Meister List in Händen hat, heraus geben zu lassen. Da ich aber von P e t e r hörte, daß er von ihrem jüngsten Herrn Sohn acht Gulden zu eben diesem Gebrauch erhalten habe, so svrach ich mir meinem Manne davon. Ich wußte aber nicht mehr, was ich denken sollte, alS mein Mann mir sagte, dieser junge Herr (sie zeigte aufF el ix) habe ihn bey Seite gerufen und ihm zehn Gulden zu eben diesem Zwecke eingehändigt. Noch größer wurde mein Erstaunen, da aucy Meister L l st kam und unS mit großer Freude zwölf Gulden zeigte, die ihm Ihr ältester Herr Sohn im Nahmen seiner Frau Mutter zugestellt hakte, sein Handwerkszeug und sein Bett einzulösen. Dieß alles schien unS höchst sonderbar. ES wurde daher beschlossen, keinen Schritt weiter zu thun, ehe wir die gnädige Frau selbst gesprochen harten, um zu hören, waS eS mit diesen Geschenken für eine Bewandt- mß habe.« »Daran habt Ihr sehr wohl gethan, meine Freunde.,« erwiederte die Dame.»Das Geld ist nicht von mir und ich weiß auch nichts davon. Vermuthlich haben sich meine Kinder, jedes für sich, daS Vergnügen machen wollen, dem wackern Meister List, dessen Unglück sie mit großer Theilnahme erfahren haben, von ihrem Ersparten eine kleine Unterstützung in meinem Nahmen zu geben.« »Auch ich, meine achtungSwerrhe Frau Nachbarinn,« fuhr sie gegen M a r i a n n e fort,»auch ich hatte mir, als ich von Ihrer edlen That Hör- —» 36— te, vorgenommen, den harten Gläubiger zu bezahlen. Nun bedachte ich aber, daß es besser wäre, ihm, zur Strafe seiner Habsucht, das alte Zeug, das er als Pfand zurück behalten, zu lassen, und dafür dem wackern Meister auf eine andere Art zu helfen. Ich ging daher zu meinem Tapezier, wählte für ihn neues Hausge- räth und gab meinem Schuster den Auftrag, ihn, für meine Rechnung ein ganz neues, vollständiges Handwerkszeug zu besorgen. Unten vorn, Hause ist schon alles auf einem kleinen Wagen angekommen, Meister List darf es nur in Empfang nehmen.« Hier begannen neue Danksagungen, von Thränen der Rührung begleitet. Mit zitternden Händen ergriff der überglückliche Mann die Hand seiner Wohlthäterinn und drückte sie an seine Lippen. Sie wollten nun den Kindern ihr Geld zurück geben, da schon die Mutter selbst auf eine so edle Art geholfen hatte; aber von keinem wurde es angenommen.»Behaltet alles,« sprach Frau von Kolhage»;»das Werkzeug allein ist nicht genug, ein Schuster muß auch Leder ha» den. Wenden Sie es dazu an, mein lieber Meister, und der Himmel schenke Ihnen seinen Segen.« Die edle Frau ließ ihm nicht Zeit, zu danken. Sie ermähnte ihn, mit seinen Freunden hinab zu gehen und den Wagen abladen zu helfen, damit nichts beschädigt werden möchte. Nun denke man sich das Erstaunen und die Freude des guten Mannes, als er sah, was für ihn angekommen war. Erst ein großer Sack voll auserlesenes Handwerkszeug/ dann ein nicht neues/ aber doch gutes Bett/ drey Stühle, ein Tisch, eine hübsche Commsde mit drey Schubladen voll Weißzeug für Vater und Sohn und das nöthigste Tisch- und Küchengeschirr. Alles war mehr haltbar, als zierlich ausgewählt; eben deßwegen war es um so mehr nach dein Wunsche des Mannes. Der brave Hornberger und sein Weib freuten sich so sehr, als er selbst, über das reiche Geschenk, und auch nicht ein Funke von Neid glimmte in ihrer Seele. Als alles hinauf gebracht war, erschienen sie nochmahls vor der Thüre der menschenfreundlichen Dame, um ihr und den Kindern ihren Dank zu wiederholen und ihre Großmuth zu prei- sen. Sie aber sprach:»Laßt eS gut seyn, ehrliche Leute, denn im Grunde habe ich weit weniger gethan, als der wackere Hornberger und seine brave Frau. Sie waren bereit, aus reiner Menschenliebe für ihren Nachbar die einzigen zwey Gulden, die sie in ihrem Vermögen hatten, herzugeben; sie legten, wie die Witwe im Evangelium, ihr letztes Schärflein in den Gotteskasten, sie nahmen sich nicht nur des Vaters, sondern auch des Kindes an; dieß alles that ich nicht; darum, lieber Meister List, gebührt nicht mir und meinen Kindern, sondern diesen höchst achtbaren Leuten der größte und wärmste Dank.« Schon während sie noch unten am Hause beschäftigt waren, drückte Frau von Kol Hagen Iugend-Bll'liochek. S, Vd. L ihre Kinder, eines nach dem andern, gerührt an ihr Herz/ bezeugte ihnen ihre Freude über die Art, wie sie sich des armen Mannes angenommen hakten, und lobte die Selbstverlä'ug- nung, mit der sie dabey zu Werke gegangen waren. Nicht in ihrem eigenen, sondern in der Mutter Nahmen harten sie gegeben, also ohne Eitelkeit, ohne sich ern besonderes Verdienst damit erwerben zu wollen. Auch hatten sie ihre Geschenke dem armen Schuster auf eine solche Weise gemacht, daß sie für ihn nicht drückend wurden. Durch die Art, wie man gibt, kann der Werth eines Geschenkes um das Doppelte erhöht, aber auch ganz vernichtet werden. Wer wird z. B. einem Menschen, der mit Unwillen gibt, oder seine kleine Gabe mit einer langen Ermahnung begleitet, aufrichtig dafür danken können? Ein Wort des Mitleids, des Trostes, der Ermunterung verwandelt dagegen Silber in Gold. Der arme Schuster hatte in der Tiefe seines Elendes den Glauben an Gort nie fahren lassen. Wie schon, wie ganz über seine Erwartung sah er sich jetzt dafür belohnt! Mein Glaube lebt, Gott kann mich nie verlassen, Wenn auch der Hoffnung letzter Anker bricht, Und wenn die schönsten Freuden mir erblassen, Ich zage nicht. Und geh' ich oft schon über düstre Pfade, Und strahlt in meiner Lebensnacht kein Licht, Mich führt die Hand der'Vorsicht und der Gnade, Ich zage nicht. 39 rt :r e- S- n er le L- ee !e ld n r- er r, )- r- d. i- n r- Mevwig unv Aulchen. Hedwig und Julchen waren zwey junge Freundinnen, ungefähr von gleichem Alter. Beyde gingen in dieselbe Schule; sie hatten aber bey weitem nicht dieselben Fähigkeiten. Hedwig lernte ungemein leicht. Wenn sie ein Gedicht oder einen Spruch aus der Bibel, oder sonst eine Aufgabe zwey oder drey Mahl überlesen hatte, so wußte sie dieselbe auswendig. Sie schrieb eine schöne, deutliche Hand, und machte, wenn sie recht aufmerksam seyn wollte, nur wenig Fehler in den Briefen, die ihr der Lehrer dictirte. Dabey nähte und strickte sie mit großer Fertigkeit, und sang und tanzte ganz allerliebst. Sie war aber bey so vielen guten Anlagen unbeschreiblich leichtsinnig und unaufmerksam. Was sie heute lernte, das hatte sie morgen schon wieder vergessen; was ihr in der einen Stunde gesagt wurde, daran dachte sie schon in der nächsten Stunde nicht mehr. Leider gibt es dergleichen Kinder gar viele; sie lassen sich eine Sache zehn Mahl wiederholen, und merken sie doch nicht. So war auch Hedwig. Selten nahm sie ihre Gedanken recht zusammen, darum machte sie bey allen ihren guten Anlagen wenig Fortschritte, und vergaß oft mehr, als sie lernte. Ganz anders war Julchen. Das arme Mädchen hatte kernen so guten Kopf; alles, was sie zu lernen hatte, wurde ihr ungemein schwer, aber sie hatte einen unermüdeten Fleiß und den »»»* 40 besten Willen. Oft saß sie Stunden lang über einem Gedichte, das Hedwig in einigen Minuten auswendig lernte; wenn sie es aber einmahl im Kopfe hatte, dann vergaß sie es auch nicht wieder. Wie oft beneidete sie nicht die glückliche H e d w lg, die alles so leicht behielt, und wie fürchtete sie sich vor der Schulprüfung, weil sie besorgte, verdunkelt und beschämt zu werden. Endlich kam der wichtige Tag. Hedwig freute sich darauf, denn schon vor vierzehn Tagen hatte sie alles, worüber sie geprüft werden sollte, auf ein Haar gewußt. Sie war ihrer Sachs so gewiß, daß sie sich nicht einmahl die Mühe gab, den Tag vorher die Bücher anzusehen, und der ganze Morgen wurde mit ihrem Putze zugebracht. Die Stunde schlug und die'beyden Freundinnen gingen nun mit einander in die Schule, aber mit ganz verschiedenen Empfindungen. I u l- chcn voll Herzensangst, Hedwig voll Zuversicht und Hoffnung. Hedwig wurde zuerst aufgerufen. Sie erhob sich von ihrem Sitze und schaute dreist umher, ob auch recht viele Zeugen ihrer Ehre zugegen seyen? Leider waren es mehr, als für sie zu wünschen war. Sie wurde über Religion, Geschichte, Geographie befragt. Manche ihrer Antworte» waren ganz richtig und gut; manche andere aber so ganz verkehrt, daß die Zuhörer bald lachren, bald die Achsel zuckten. So sagte sie z. B. der Rhein ergieße sich in die Ostsee und Dresden sey die Hauptstadt des Königreichs Bayern. In ihren schriftlichen Aufsätzen war mancher Gedanke recht gut ausgedrückt; dann kamen aber wieder dazwischen so verworrene Stellen, daß Niemand einen vernünftigen Sinn heraus bringen konnte. Eben so ungleich waren ihre Zeichnungen, ihre Stickereyen und andere Arbeiten. Als am Ende die Preise vertheilt wurden, fand sich's, daß Hedwig auch keinen der geringsten verdient hatte. Nun wurde Iulchen aufgerufen. Zitternd stand sie auf und antwortete schüchtern mit niedergeschlagenen Augen und klopfendem Herzen. Ihre Bescheidenheit nahm für sie ein, und machte die Zuhörer geneigt, sie mit Nachsicht zu beurtheilen. Sie harte es nöthig, denn auch ihre Antworten waren nicht alle richtig, doch im Ganzen viel besser, als die Hedwlgs, und ihre Arbeiten schienen nicht so ungleich, als die ihrer Freundinn. Darum erhielt sie doch wenigstens einen der letzten Preise. Dieß war mehr, als sie erwartete. Sie brachte ihn, außer sich vor Freude, nach Hause, und lernte von jetzt an mit doppeltein Eifer. So ersetzte sie durch Fleiß, was ihr an Talent abging. Hedwig hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. Sie ließ sich aber diese Demüthigung zur Warnung dienen, suchte ihr flüchtiges Wesen abzulegen, lernte mit mehr Nachdenken, wiederholte öfter, was sie gelernt hatte, und erlangte so eine Menge schöner Kenntnisse, wodurch sie sich die Achtung der Menschen erwarb. Jedermann ehrte sie als eines der verständigsten und gebildetsten Mädchen. Uinvestreue. In einer preußischen Stadt lebte kümmerlich genug, aber zufrieden und froh, ein alter Gärtner mit seiner Sara, von dem Ertrag eines kleinen Gärtchens, das er baute, und von seiner Hände Arbeit. Er mochte in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen seyn; seine freundlichen Augen, seine rothen Wangen, sein lächelnder Mund ließen es vermuthen. An seiner alten Lebensgefährtinn sah man keine Spuren von Schönheit mehr; man glaubte dagegen in ihren funkelnden Augen und ihrer finstern Miene etwas Rauhes und Mürrisches zu entdecken; allein sie war nicht so schlunm, als sie aussah, besaß vielen gesunden Verstand und pflegte treulich ihren fleißigen Albrecht. Immer fand er, wenn er Mittags und Abends von der Arbeit nach Hause kam, einige gut zubereitete Gerichte und in der kalten Jahreszeit ein warmes Stübchen. Sara wußte alles so gut einzurichten und einzutheilen, daß sein geringer Verdienst zu allen ihren kleinen Ausgaben hinreichte. So lange die beyden alten Leute gesund blieben, ging alles gut; allein unerwartet kam es anders. Albrecht verrenkte sich bey dem Umhauen eines Baumes den rechten Arm; er konnte von nun an den Spaten nicht mehr führen und **** kein Gärtnergeschäft mehr ordentlich besorgen. So verlor er alle seine Arbeit, und ihm blieb nichts als die Benutzung seines eigenen Gärtchens, das er mit der linken Hand umgraben und bepflanzen lernte. Seme Frau härmte sich mehr über dieses Unglück als er selbst. Sie glaubte in ihrem hohen Alter ihr Brot noch vor den Thüren Anderer suchen zu müssen, und nahm sich dieß so sehr zu Herzen, daß sie bald darauf vor Gram starb. Der arme Albrecht war jetzt noch schlimmer daran als vorher, denn wer sollte sich nunmehr seiner annehmen, wer ihn nähren und pflegen in seinem hohen Alter? Zwar hatte er einen Sohn und zwey Töchter; allein der Sohn war Brauerknecht und konnte nichts für ihn thun; die ältere Tochter, an einen Weber verheirathct, hatte fünf Kinder, und war fast noch ärmer als der Vater. Die zweyte Tochter diente als Magd in einem Landstadtchen und besaß nichts als ihren Lohn und etwas Wäsche und Kleider. Sie allein war jedoch im Stande, sich des verlassenen Vaters anzunehmen, und sobald sie hörte, daß die Mutter gestorben sey, war sie auch entschlossen zu Ihm zu ziehen und ihn nicht mehr zu verlassen bis an sein Ende, welchen schönen Vorsatz sie auch sogleich ausführte. Im Anfang hielt es etwas schwer, sich fortzubringen, denn man kannte sie noch nicht, und so hatte sie keine Gelegenheit, sich etwas zu verdienen. Das wenige bare Geld, daß sie mitgebracht hatte, war daher bald zugesetzt, und mit schwerem Herzen sah sie voraus, daß sie ihre Wäsche und Kleider werde veräußern müssen. Sie ging indessen in der ganzen Nachbarschaft herum, stellte dre Noth ihres armen Vaters, ihre Sorge um ihn, ihre Verlegenheit vor, und bath um Arbeit. Ihre Bemühung war nicht vergeblich. Man nahm Antheil an dem Schicksale ihres unglücklichen Vaters und versprach ihr Beschäftigung. Einige gutherzige Frauen machten sich verbindlich, dem wackern Manne einige Mahl in der Woche eine kräftige Suppe von ihrem Tische zu schicken— und so ließ sich alles gut an. Mari«wurde nun bald in dieses, bald in jenes Haus zu mancherley Arbeiten gerufen. Man nahm sie zum Waschen, zum Platten, zum Rollen der Wäsche; man ließ das Holz von ihr tragen, die Zimmer ausfegen, die dringendsten Gange verrichten. Maria arbeitete unermüdet, und ze mehr man ihren Fleiß, ihre Ehrlichkeit, ihre Brauchbarkeit kennen lernte, desto mehr Arbeit bekam sie. Alles, was sie verdiente, wurde für ihren redlichen Vater angewendet, der nun die besten und ruhigsten Tage verlebte. Des Morgens fand er bey seinem Erwachen schon em gutes Frühstück in Bereitschaft. Ging Maria auf die Arbeit, so kochte er sich selbst sein Mittagseffen; sie schaffte aber vorher alles herbey, was er dazu bedurfte. Eben so war es mit dem Abendessen. Kam ein Tag, an welchem die fleißige Tochter zu keiner Arbeit bestellt war, so ging sie hinaus in den Wald, um eine Tracht Holz für ihre Küche oder zum Verrath für den Winter zu holen. Blieben ihr nur einige Stunden übrig, so verwendete sie diese zum Reinigen ihres Stäbchens und jedes einzelnen Geräthes in demselben, oder zum Waschen und Ausbessern der Wäsche, denn sie sah sehr daraus, daß immer die größte Ordnung und Reinlichkeit in ihrer kleinen Wohnung herrschte. War sie in den langen Winterabenden zu Hause, so ließ sie das Rädchen schnurren, und verplauderte dabey dem alten Vater munter die Langeweile. Bisweilen kam auch noch ein alter Freund von ihm, oder eine junge Freundinn von ihr dazu, denn vier Personen konnte das Stäbchen doch fassen, obgleich eine große Bettstelle den größten Theil davon einnahm. An den Sonntagen wurden sie auch bisweilen von ihrem Geistlichen besucht, der sich fleißig nachdem Leben seinerPfarrkinder erkundigte. Wenn er nun den alten Mann fragte, wie er mit dem Betragen seiner Tochter zufrieden sey, und hörte, wie er sie lobte und segnete, und wie dabey Thränen der Freude und des Dankes an seinen Augenwimpern zitterten; dann wandte er sich auch zur Tochter und sprach:»Wohl Euch, Maria, daß ich so Eure Kindestreue rühmen höre; wahrlich, der Herr wird so viel thätige Liebe gegen Euren Vater nicht unbelohnt lassen; des Vaters Segen, sagt die Schrift, bauet den Kindern Häuser, und geschieht dieß auch nicht immer schon in dieser Welt, so geschieht es doch um desto gewisser in jenem Lande des Friedens, wo der Guten so viele Wohnungen warten.«»Ach,« erwiederte Maria,»ich verlange keine andere Belohnung, als meinen guten Va- **** 46**** ter noch recht lange pflegen zu können. Ohnehin thue ich ja nichts an ihm, was nicht er und die Mutter schon lange vorher an mir gethan ha- den.«»Ihr hantelt,« erwiederte der Geistliche,»an Eurem Vater, wie fromme und gute Kinder handeln sollen. Wer den Herrn fürchtet, der ehrt auch den Vater und dienet seinen Aeltern, und halt sie für seine Herren. Ehret Vater und Mutter mit der That, mit Worten und Geduld, auf daß ihr Segen über euch komme. Den Vater ehren, ist eure eigene Ehre; die Mutter verachten, ist eure eigene Schande.« Jawohl war Mariens Verehrung für ihren Vater ihre eigene Ehre und ihre beste Empfehlung! Je bekannter es wurde, wie gut sie ihm begegnete, desto lieber gab man ihr Arbeit, und desto reichlicher belohnte man sie. In ihrer Nachbarschaft wohnte ein Schuster, der oft Gelegenheit hatte, das Mädchen zu sehen, wenn sie an seinem Fenster vorüber ging. Nicht minder oft hörte er von ihr reden, und zwar allenthalben mit großem Lobe. Diesem Manne war im vergangenen Jahre seine Frau gestorben und harre ihm ein Töchterchen hinterlassen. Um dem Kinde eine Mutter zu geben, war er entschlossen, sich wieder zu verheirathen. Er warf seine Augen auf M arre n.»EineTochter,«sagte er bey sich selbst,»die sich so treulich und liebevoll ihres alten Vaters annimmt, wird auch ihren Kindern eine gute Mutter und ihrem Manne eine treue, sorgfältige Gattinn seyn.« Er wagte es nun mehrmahls, sie anzure- den und eröffnete ihr endlich sein Herz. Maria antwortete, sie könne sich nicht.von ihrem Vater trennen.»Ey, das verlange ich ja nicht,« erwiederte freundlick der Freyer.»Wir heirathen den alten Papa mit. Siehst du dort das Haus,» fuhr er gerührt fort, indem er ihr die Hand drückte und auf sein Haus zeigte,»siehst du jenes Haus, das dir des Vaters Segen erbauet har? da wird sich doch wohl auch ein Stäbchen für ihn finden, und an meinem Tische ist Platz genug für uns Alle.« Maria barh sich einige Tage Bedenkzeit aus. Sie sprach mit dem Vater über lde» Antrag des Nachbars. Der Vater billigte ihn, und so wurde Maria die glückliche Gattinn eines achtbaren Mannes. Sichtbarer Segen ruhte über der ganzen Familie, und Alle, die sie kannten, nahmen Theil an ihrem Wohl. Die arme L^rau. In einem sächsischen Dorfe wohnte eine arme Frau, die Waschers-Käthe genannt, weil sie sich mit Waschen, Plätten, Bleichen und andern solchen Arbeiten ihr Brot zu verdienen suchte. Sonst lebte sie in gutem Wohlstände; durch Krankheiten und den Tod ihres ManneS war sie aber tief herab gekommen, und jetzt in ihrem Alter mußte sie bittern Mangel leiden, so oft es ihr an Arbeit fehlte. Im Sommer, wo viel adelige Herrschaften sich auf dem Lande auf- hielten, ging Alles gut; sie wanderte dann von einem Landsitze zum andern und fand überall zu thun, denn allenthalben wurde sie wegen ihres Fleißes und ihrer Ehrlichkeit gern gebraucht. Im Winrer aber, wo alle Familien wieder in die Stadt zurück kehrten, war es desto schlimmer. Doch dachte sie in den gute» Tagen immer an die bösen, und legte von ihrem Verdienste 10 viel als möglich zurück. Von dem Ersparten kaufte sie sich gleich zu Ansang des Sommers eine schöne Henne, legte ihr Eyer unter und ließ sie brüten. Sie schaffte sich auch eine Ziege an, und machte sich von ihrer Milch Suppe und Käse. Das muntere Thier lief ihr überall nach, wenn sie auf das Feld ging, und zu Hause nahm sie das Futter aus ihrer Hand. Die Ziege war nun trächtig und sollte bald Junge bekommen. Darüber hatte die gute Käthe eine große Freude, und berechnete schon, daß sie von dem Ertrage für die jungen Ziegen und Hühner, wenn sie selbige verkaufte, wohl gar ein junges Schwein rm Spätjahr bezahlen könnte. Im Winter wollte sie es dann mästen und verkaufen, und wieder anderes Vieh sich anschaffen lind Gewinn davon haben. Allein neues Unglück verfolgte die arme Frau. Der Marder kam in ihren Hühnerstall und erwürgte in einer Nacht die Henne nul allen ihren Jungen. Zwey Tage darauf ging auch die Ziege verloren; sie sollte ihr Junges zur Welt bringen, und büßte dabey das Leben ein. Die arme Käthe war außer sich über diese Unfälle; und die Erinnerung an ihr früheres Unglück, die sich dazu gesellte, brachte sie fast zur Verzweiflung. In ihrem Schmerz schien sie gänzlich Gott zu vergessen; sie schrie lautauf, zerkratzte sich das Gesicht und raufte sich die Haare aus. Umsonst waren die Nachbarn und Nachbarinnen bemüht, sie zu trösten; sie gab keinem Troste Gehör und weinte bitterlich. In diesem Augenblicke kam ein Bedienter vom Schlosse, sie zu einer großen Wäsche und andern Arbeiten zu bestellen.»Ach,« rief sie,»was hilft mir all mein Arbeiten; je mehr ich mich plage und abmühe, desto weniger habe ich. Da seh er nur mein neues Unglück, lieber Müsse Johann, meine schöne Henne, ihre neun Jungen, meine Ziege mit ihrem Zickchen, Alles ist hin; in einem einzigen Lage verliere ich, was ich mir den ganzen Sommer über mit so saurer Mühe erspart habe. Ach wäre ich doch schon lange nicht mehr auf dieser Welt, wo ich nichts als Jammer erlebt habe!« Der Bediente bedauerte sie, und ließ sie noch eine Zeit lang ihren Schmerz ausweinen. Dann stellte er ihr aber vor, daß mit Thränen, mir Händeringen und HaarauSraufen Nichts gewonnen wird, und nur durch neues, anhaltendes Arbeiten ein solcher Verlust ersetzt werden kann.»Vergesset Gott nicht,« fuhr er fort,»liebe Käthe; denn Gott kann geben und nehmen; wollt Ihr aber, daß der Himmel Euch helfe, so sucht Euch zuerst selbst zu helfen, denn Müßiggänger überläßt er ihrem Schicksale.« 2ügcnv- Bivüoihek. 5. BS. Z 50—» »?lch,« seufzte Käthe,»ich war nie eine Müßiggängerinn, und ich will es auch jetzt nicht seyn. Auch das Vertrauen zu Gott will ich nicht verlieren; nur muß ich mich vorher ein wenig fassen. Sag' er nur indeß zu Hause, ich würde nachkommen.« Die'Arme weinte noch eine Zeit lang fort, begrub ihre Ziege in das Hausgärrchen und ging traurig m das Schloß, wo sie den Mägden unter neuen Thränen ihr Unglück erzählte. Sie wußte während der ganzen Wasche von nichts Anderem zu sprechen, und sie redete so viel davon, und kam immer auf's Neue so außer sich dabey, daß sogar Edurd, der neunjährige Sohn vom Hause, der in der Nähe des Waschhauses spielte, aufmerksam wurde, ihrer Erzählung zuhörte und allerley Fragen an sie that. Das arme Weib dauerte ihn. Er lief in aller Eile hinaus zu seiner Mutter und sagte ihr, was er gehört hatte, und wie die arme Käthe jammere und weine und sich gar nicht zufrieden geben könne.»Ach,« seufzte er endlich, sich die Stirn reibend,»wenn ich ein reicher Mann wäre, ich wüßte schon, was ich thäte.« »Und was thätest du denn?« fragte die Mutter. »Was ich thäte? Ich würde der armen Käthe andere Hühner und eine andere trächtige Ziege kaufen.« »Das würdest du thun,« sagte der Vater, der eben einen Bries schrieb und hier aufstand. »Wenn das dein Ernst ist, so brauchst du eben **** 51**** ne kein reicher Mann zu seyn. Aber lieber Sohn, cht wo wolltest du, wenn du auch Geld hattest, cht eme trächtige Ziege hernehmen? Doch weißt du Üg was? Die alte Käthe wollte sich im Spatjahr de ein junges Schwein kaufen und eS mästen. Ich schenke dir ernes; mache damit, was du willst, t, Auch ein Paar junge Ziegen sollst du haben.«— ng»Und von mir,« sagte die Mutter,»sollst du meine n- Gluckhenne mit ihren dreyzehn Hühnchen bette kommen.« »ts»Ach, bester Vater! ach, gute Mutter!« rief >a- Eduard, und küßte bald dem Einen, bald der ich Andern die Hand und tanzte vor Vergnügen in hn dem Zimmer herum,»wie soll ich Ihnen genug 'es danken. Was wird die alte Käthe für eine u- Freude haben, wenn sie auf einmahl wieder so reich ist!« al-»Sie ist eine sehr ehrliche und wackere Frau,« r, sagte die Mutter,»die wohl verdient, daß man h e sich ihrer annimmt. Auch du, mein Eduard, en verdienst, daß wir deinem guten Herzen diese sie Freude machen. Geh also hin und verkünde der >a- armen Käthe, wie der Verlust ihr ersetzt werden soll.« sie»Ach nein,« entgegnete Eduard,»so habe ich's nicht gemeint; wir müssen ihr die Thiere ä» nicht so geradehin geben, sondern sie ein wenig ge damit überraschen, damit ihr Vergnügen desto größer sey. Indeß sie hier bey der Wasche hilft, r, könnten wir ihr ja alles nach Hause schicken, und id. wenn sie dann selbst käme und an nichts dächte »*** 52**** — o dann mochte ich ihr Erstaunen Mlt ansehen. Ach lieber Vater, lassen sie mir diese Freude!« »Recht gern,« erwiederte Herr von Falkenberg, so hieß der Barer.»Es fehlt uns nur noch an Ziegen, die wir nicht selbst haben; es wird ja aber wohl im Dorfe ein Pärchen auf- zutreiben seyn. Johann wird das besorgen.« Die Glocke wurde gezogen und Johann trat herein. Es wurde ihm der ganze Plan mitgetheilt, und er freute sich so sehr auf die Ausführung, alsEduard. Herr von Falkenberg gab ihm den Auftrag, ein Paar hübsche Ziegen im Dorfe aufzutreiben, und in einem Nu war er fort.— Schon nach einer halben Stunde stand er wieder da. Er hatte zwey allerliebste muntere Thierchen gekauft, sie aber noch stehen lassen, damit Käthe sie nicht zu Gesicht bekommen möchte. Ungesäumt wurde jetzt, während die Wäscherinn im Waschhause beschäftigt war, die alte Henne mit alle» ihren Jungen in einen Korb gepackt und wohlverwahrt in Käthe ns Hof gebracht. Auch das junge Schwein und die zwey jungen Ziegen kamen an ihren Ort. Johann besorgte das alles ganz unbemerkt und Eduard leistete ihm dabey hilfreiche Hand. Mit großer Ungeduld erwartete jetzt der kleine Mann die zwölfte Stunde, wo Käthe nach Hause zu gehen und sich ihre Mittagsstippe zu kochen pflegte. Endlich schlug sie, und die Alte verließ, noch immer betrübt, das Waschhaus. Eduard und Johann aber schlichen ihr nach und verbargen sich hinter einer Hecke/ womit der Hof auf der einen Seile umgeben war, und lauschten. Lange warteten sie vergeblich. Käthe dachte an nichts, machte Feuer in der Küche an/ setzte Wasser zu und schmrt traurig das Brot zu ihrer Suppe ein. Als sie fertig war/ schüttelte sie das Tuch/ auf dem die Schüssel stand/ mit den Brosamen/ die darauf lagen/ vor der Hofthür aus/ und rief dabey, wie sie es sonst gewohnt war, ganz maschinenmäßig: Butt, Butt, Butt! Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so rannte, zu ihrem nicht geringen Erstaunen, die Gluckhenne mit ihren dreyzehn Hühnchen gackernd hinter einem Holzstoß hervor und lockte die Kleinen, an dein Schmause Theil zu nehmen. Käthe dachte, das Thier müsse sich verirrt haben, und durch die Hecke herein geschlüpft seyn; darum sah sie sich um, ob nicht irgendwo eu; Loch sey. Indem sie nun an dem Stalle vorbey ging, hörte sie junge Ziegen darin meckern. Sie blieb stehen, ungewiß, ob sie recht gehört habe; allein, das Meckern wurde wiederholt, und nun konnte sie nicht langer zweifeln. Hastig riß sie die Stallthür auf, und siehe da, es hüpften zwey kleine, muntere Ziegen heraus, die vor ihren Augen die drolligsten Sprünge machten und Futter zu begehren schienen. »Wie in aller Welt seyd ihr niedlichen Thier- chcn denn in meinen Stall gekommen,« rief sie aus;»wer hat euch denn hier eingeschlossen?« Die Ziegen guckten sie an und sprangen meckernd um sie her. Käthe wollte sie an sich locken, hörte aber in demselben Augenblicke in ihrer Nähe ein junges Schwein grunzen. »Schon wieder etwas Neues,« sagte sie, und lief nach dem Schweinstalle. Der junge Bewohner des Stalles streckte eben seinen Rüssel zum Futtertrog heraus. Es war ein schönes, starkes, schon ziemlich großes Thier, das wohl drey Thaler werth seyn mochte. Jetzt wußte die gute Alte nicht mehr, was sie denken sollte.»Ist es denn vielleicht gar ein Engel,« rief sie, die Hände zusammen schlagend, »der mir meinen Verlust ersetzen und mich in meinem Unglück trösten will!« »Hier ist der Engel,« sagte jetzt Johann, und hob Eduard über die Hecke;»hier steht er; ihm habt Ihr Alles zu verdanken. Er hat Mitleid mit Euerm Unglück gehabt, und hat es seinen Aeltern vorgestellt; er war es, der diese Ueber- raschung ersonnen und ausgeführt hat. Ihr habt nun mehr als zuvor, und werdet letzt überzeugt seyn, daß Gott nur denen hilft, die sich selbst zu helfen suchen.« Käthe ließ dem wackern Johann kaum Zeit, dieß alles nach einander zu sagen. Gleich bey den ersten Worten hatte sie Eduards Hand ergriffen; sie drückte sie ihm, laut weinend, vor Freude und Dank. Lange konnte sie keine Worte finden; als sie sich aber wieder gefaßt hatte, war sie unerschöpflich m Eduards Lob und in 55—« dem Ausdruck ihrer Erkenntlichkeit. Sie nahm sich nicht Zeit zu essen, sondern lief, so sehr sie konnte, in das Schloß zurück, um dort ihr Glück zu erzählen und auch Eduards würdigen Ael- tern ihren Dank zu bringen. Der Hühnerstall wurde nun jede Nacht so sorgfältig verschlossen, daß kein Marder mehr eindringen konnte. Die zwey Ziegen wuchsen heran und gaben ihr doppelt so viel Milch und Käse, als sie vorher hatte, und aus dem Schwein löste sie um Weihnachten ein hübsches Sümmchen, das sie sehr gut anzuwenden wußte. Jetzt hatte sie nicht mehr Ursache, sich den Tod zu wünschen, im Gegentheil, sie lebte froh und vergnügt, wie einst in ihren glücklichen Tagen. Nur den Muth nicht sinken lassen! Eile Gott nur zu umfassen, Wenn dich Noth und Armuth drückt! Gott kann jedem Mangel wehren, Jegliches Gebeth erhören, Auch den Merärmsten nähren, Auch den kleinen Verrath mehren: Gott zerschlägt und Gott erquickt. Der V u d e l. In einer großen Stadt wohnte, nicht weit von dem prächtigen Baumgärtnerischen Hause, ein armer Schuhflicker, Nahmens Peter. Dieser Mann hatte einen hübschen schwarzen Pudel, der aber den ganzen Tag auf der Straße im Kothe lag, und beständig mit Schmutz bedeckt war. Er mußte bey seinem Herrn, der selbst nichts hatte, fortwährend Hunger leiden, und meist mit den Knochen und harten Brotrinden, die auf die Straße geworfen wurden, fürlieb nehmen. Sein Nahme war Karrusch. Er hatte lange Ohren, ein schönes lockiges Haar, einen hübschen Wuchs und ei» scharfes Auge. Wenn er besser gefüttert und reinlicher gehalten worden wäre, so wäre er in seiner Art ein sehr schöner Hund gewesen. Er wußte aber gar nichts von seiner Schönheit, war auch nicht un mindesten eitel, sondern ging ganz anspruchslos seinem Stückchen Brot nach, und kam so, oft ganz unvermuthet, bald zu Bratenknochen bald zu Schlagen. Einst blieb er vor dem Hause der Frau von Baumgartner stehen, und sah bittend zum Fenster hinauf, wo die kleine achtjährige Emma Kuchen aß. Er wedelte so freundlich Mit dem Schwänze, und leckre so oft mit der Zunge, daß er bald von ihr verstanden wurde. Das Mädchen warf ihm ein Stück von ihrem Kuchen zu. Er sing es sehr geschickt mit dem Maule auf, und in einem Nu war es verschluckt. Dieß gefiel dem Fraulein. Sie warf ihm noch ein Stück und dann noch ein Stück hinab, und nicht ein einziges ließ er auf die Erde fallen. So bekam er nach und nach den ganzen Kuchen, und Emma lief vergnügt in das Nebenzimmer, und erzählte der Mutter, was sie gethan und wie geschickt der Pudel ihren Kuchen Stück für Stück mit der Schnauze aufgefangen habe. Kartusch hatte sich das Haus und den Kuchen gar wohl gemerkt, denn so gute Bissen wurden ihm selten zu Theil. Am nächsten Tage, da E m m a an das Fenster trat, stand er schon wieder da, wedelte mit dem Schwänze und bellte zu ihr hinauf. Das Fräulein verstand ihn sogleich. Sie lies in die Küche, ließ sich ein Stück Brot geben und warf es ihm hinab. Kartusch machte sich sogleich darüber her, legte sich hin, nahm es zwischen die Pfoten und schmauste es, zum großen Vergnügen seiner kleinen Wohlthäterinn, mit dem besten Appetit. »Ach du armes Thier!« sagte Emma bey sich selbst;»es ist nur schwarzes trockenes Brot, nicht ein Mahl mit Butter, und doch schmeckt es dir so gut! du mußt gewiß bey deinem Herrn recht hungern, sonst wärst du auch nicht so mager. Sey aber nur getrost, ich will dich nicht Noch leiden lassen.« Sie ging hinein zur Mutter und machte ihr eine ganz rührende Schilderung von dem Elende des armen Hundes, und bath sie, ihm doch alle Tage eine Schüssel voll Futter von dem Uebriggebliebenen in der Küche bey Seite stellen zu lassen. »Es freut mich, meine liebe Emma,« sagte Frau von B a u in g a rtn e r,»daß Du ein so mitleidiges Herz hast. Auch Thiere sind Geschöpfe Gottes, wie wir, und verdienen, daß wir uns ihrer annehme». Doch muß es immer » 58—- mit Vorsicht geschehen, daß wir nicht das Opfer unserer Gutherzigkeit werden. Ich kenne schon Deinen Kostgänger; er gehört dem alten Schuh- fiicker in der Nachbarschaft; wir dürfen ihn aber nicht in unser Haus gewöhnen, denn das schmutzige Thier, das den ganzen Tag im Kothe liegt, würde alle unsere Zimmer verunreinigen. Wir wollen ihn lieber von seinem eigenen Herrn besser füttern lassen.« »Ach, wenn aber der Herr selbst nichts hat!« »Darum müssen wir mit dem Herrn anfangen. Der Mensch muß ja doch dem Hunde vorgehen.« »Der Schuster wird aber nicht mit übriggebliebenen Brocken fürlieb nehmen, und wenn er gute Speisen bekommt, so wird er Ae selbst essen und dem Pudel nichts davon geben. Ach Mütterchen, nur die abgeschälten Knochen und die übrigen Brocken Brot laß für den armen Hund aufbewahren.« »Liebe Emma, glaube mir, es würde deinem Liebling übel gehen, wenn er in's Haus käme. Wanz gewiß würde er von dem Gesinde mehr Schlage und Fußtritte als gute Bissen bekommen. Gib also diesen Gedanken auf und locke mir den Hund auf keine Art in das Haus. Ich verbiethe Dir es hiermit ausdrücklich, und ich hoffe, Deine Mutter werde Dir näher am Herzen liegen als der Pudel. Die gure Frau ließ hierauf den Herrn des Thieres zu sich rufen. Sie kannte ihn noch nicht. Er war ein abgedankter Soldat, seines Handwerks —— 59—» ein Schuhmacher, ein alter siebenzigjähriger Mann, der wenig mehr verdienen konnte, weil er halbblind war. Er erzählte ihr viel von seinen Feldzügen und seinen Wunden, undaus allen seinen Reden ergab sich, daß er ein grundehrlicher Mann sey, der wohl eine Unterstützung verdiene. Frau von Baumgärtner versprach ihm daher täglich eine gute Portion Essen aus ihrer Küche und zwey Thaler jeden Monath, unter der Bedingung, daß er auch seinen Hund gut halten und nicht mehr sollte Noth leiden lassen, wie bisher. Sie that»och mehr, indem sie ihm einen abgelegten Ueberreck von ihrem Gemahl, Westen, einen Hut und andere Kleidungsstücke schickte, womit nun der glückliche Peter eine ganz stattliche Figur machte. Der dankbare Alte wußte wohl, daß er dieses Glück seinem treuen, aber immer hungrigen Kartusch zu verdanken habe, darum hielt er ihn noch einmahl so gut als zuvor; allei» die Pudel sind unersättlich, so lange sie jung sind. Darum kam denn auch Kartusch nach wie vor, so oft er sich von seinem Herrn wegstehlen konnte, vor Em m a'S Fenster, schaute unverwandt hinauf, wedelte mit dem Schwänze und winselte, sobald er das Fräulein erblickte. Emma wußte wohl, was ihre Mutter an dem alten Schuhflicker gethan hatte, und freute sich herzlich, als sie den wackern Peter gut gekleidet und beköstiget sah; es schmerzte sie aber, daß der Hund noch immer so hungrig that, wie vorher und war fest überzeugt, er bekomme nicht genug zu fressen. Sie lief geschwind in die Küche, holte ein Stück schwarzes Brot und warf ihm einen Brocken hinab. Der Hund verschlang ihn so begierig, wie vorher, und nun blieb ihr gar kem Zweifel mehr, daß das arme Thier noch immer Noth leiden müsse. Er bettelte noch mehr, aber in eben dem Augenblick, da sie ihm noch ein Stück zuwarf, goß Jemand dem armen Pudel, der erwartungsvoll die Nase in die Höhe hielt, einen vollen Kübel Lauge aus dem obern Stockwerk auf den Kopf. Schreyend lief er davon; auch E m m a that einen lauten Schrey. Der arme Kar tusch dauerte sie in die Seele. Ganz bleich und verstört kam sie in das Zimmer der Mutter; aber ihres Fehlers bewußt, hatte sie nicht Muth, derselben ihr Leidwesen zu entdecken. Zum ersten Mahl m ihrem Leben hatte sie, die ihrer Mtuter sonst nie etwas verschwieg, ein Geheimniß vor ihr. Den Tag darauf schlich sie wieder an das Fenster und sah sich nach ihrem schmutzigen Kostgänger um; er war aber nirgends zu sehen. »O der arme Schelm,« sagte sie bey sich selbst, »wenn er nur nicht von dem gestrigen Ueberguß krank geworden ist! Sie ging die Treppe hinunter, ließ sich die Thür öffnen und blickte die Gaffe hinauf und hinab. Auf einmahl stand Kartusch vor ihr, wedelte mit dem Schwänze, leckte ihr die Hände und schien große Lust zu haben, an ihr hmaufzuspringen. Emma war so gerührt von der Dankbarkeit des armen Thieres, daß sie zum zweyten Mahle das Verboth der Mutter vergaß, und den Hund in den Hof lockte. Sie lief in die Küche, und bath dringend die Köchinn, ihr einen Teller voll Futter für ihren lieben Pudel zusammen zu machen. Ehe aber ihr Wunsch erfüllt werden konnte, hörte sie den armen Kartusch erbärmlich schreyen. Es war ein unbarmherziger Bedienter, dem alle Hunde ein Gräuel waren, mit einem Stecken über ihn her und prügelte ihn zur Hausthür hinaus. Emma lief eiligst herbey und bath um Gnade für das arme Thier; allein es war schon zu spat; Kartn sch halte seine Schlage, und war, ehe das Fräulein an die Thür kam, in großer Eile zu Hause angelangt. Ganz traurig und mit Thränen in den Augen ging sie wieder die Treppe hinauf, verschwieg aber alles, was vorgefallen war, sorgfältig vor der Mutter, und behielt ihren Gram aus dem Herzen. Die Mama hatte ihr voraus gesagt, daß es so kommen würde; allein dieß war ein schlechter Trost für Emma. Entschlossen, ihren armen Pudel nicht zu verlassen und ihm für seine Schläge etwas zu Gute zu thun, schmeichelte sie der Köchinn ein Paar tüchtige Knochen ab, die noch voll Fleisch waren, wickelte sie in ein Papier, und warf sie ihrem Liebling, sobald er sich wieder vor dem Fenster sehen ließ, auf die Straße hinab. Aber ach, was geschah; ein anderer Hund, der in der Nähe war, wollte auch seinen Theil von der Mahlzeit haben, fuhr auf die Knochen los, und wollte sie dem Pudel eilt-- Jugend-Bibliothek, s. M> h «***- 62 reißen. Allein Kar tu sch war nicht von der Art, daß er sich etwas mit Gewalt wegnehmen ließ; er sprang auf, packte den ungebethenen Gast bey den Ohren und zerzauste ihn so weidlich, daß derselbe unter Heulen und Schreyen die Flucht nahm. Der Herr deS Hundes, der den Kampf mit ansah, erzürnte sich aber über den streitferrigen Pudel, der seinen Spitz so übel zugerichtet hatte, und gab dem armen Kartusch einen so gewaltigen Tritt mit dem Fuß in die Seite, daß er schreyend drey Schritte weit u, den Rinnstein kugelte, und nicht mehr aufstehen konnte. Emma konnte sich nun nicht langerhalten. Ueberzeugt, daß ihrem Liebling ein Bein oder eine Rippe sey zerbrochen worden, lief sie außer sich in das Zimmer der Mutter, und bath sie mit Thränen, sich des armen Kartusch, mit dein ein unbekannter Mann so grausam verfahren sey, doch anzunehmen. Sie verschwieg ihr aber, daß sie selbst die Veranlassung dazu gegeben habe. Frau von Baumgartner schickte sogleich einen Bedienten ab, sich des Hundes wegen zu erkundigen. Sie erfuhr nun alles, was vorgegangen war. Dem Fräulein wurde indessen gesagt, der Hundsey schon wieder zu Hause; der alte Peter verstehe sich lelbst gut auf das Heilen gebrochener Beine; und er habe den Pudel sogleich verbunden und ihm ein gutes Lager von Heu gemacht, auf dem er setzt liege. Dieß beruhigte ein wenig daS ängstliche Mäd- —» 63—— chen.?lls aber der Bediente hinaus war, zog die Mutter das Gesicht in Fallen und sprach zu ihr:»Emma, ich weiß alles, was du gethan hast; du bist mir ungehorsam gewesen und hast meiner Warnung nicht gefolgt. Ich bin älter und habe mehr Erfahrung als du. Hattest du mir geglaubt, so hattest du dir viel Verdruß und dem armen Kartusch viele Schlage und Schmerzen erspart. Ich hatte sonst an dir ein gutes und gehorsames, nun aber ein böses und widerspenstiges Kind. Ich sollte dich, nach dem, was du gethan hast, nicht mehr ansehen, doch will ich dir noch ein Mahl verzeihen, aber nur unter der Bedingung, daß du nur ganz aufrichtig alles erzählst, was du seit dem Tage, da ich dir verbothen habe, den Hund anzulocken, gethan hast. Verschweigst du mir etwas, so sollst du es hart büßen, und ich stehe dir dafür, daß du dann den Pudel in deinem Leben nicht mehr zu sehen bekommen wirst.» Die Mutter sprach das mit solchem Ernst und mit solcher Bestimmtheit, daß Emma ihr um den Hals fiel und versprach, alles zu bekennen. Dieß that sie auch und verschwieg ihr nicht den geringsten Umstand. Eine so wahre Reue, verbunden mit solcher Offenherzigkeit, machte bey einer Mutter, wie Frau von Baumgartner, alles wieder gut. Sie schloß ihre Tochter liebevoll in die Arme und gab ihr die Versicherung, daß sie für den Pudel sorgen wolle.»Zuerst aber höre, was ich für seinen Herrn zu thun gesonnen bin,« sprach ***» 64 sie.« Der arme Mann ist beynahe blind, er kann >ncht mehr arbeiten; wenn gute Menschen sich seiner nicht annehmen, so muß er in seinem Alter betteln, denn von den zwey Thalern, die ich ihm monathlich gebe, kann er nicht leben. Ich will ihm also eine freye Wohnung'in einem Hause auf unserm Landgute anweisen, ihm eine Kuh, ein Schwein, Hühner und anderes Geflügel, auch ein Stück Land geben, auf dem er sich sein Korn und seine Kartoffeln bauen kann. Beym Pachter soll er freye Mittagskost haben; zu seinem Frühstück aber wird ihm die Kuh Milch, zu seinem Abendbrot Butter und Käse geben. Mit Eyern versorgen ihn die Hühner, und aus dem Verkauf dessen, was ihm übrig bleibt, so wie der jungen Schweine und Kälber, gewinnt er noch etwas Geld zu dem kleinen Gehalt, deichn, schon ausgesetzt ist. Wenn er nun genug für sich hat, so wird er es gewiß auch seinem treuen Pudel an nichts fehlen lassen.« ^ E m m a küßte der Mutter mit einem tiefen Seufzer die Hand. Sie schien aber der Freygebigkeit des alten Peter noch ruinier nicht recht zu trauen. Alles, was Frau von Baumgärtner beschlossen harte, geschah. Alö die Wohnung eingerichtet war, nahm Peter Besitz davon. Vorher kam er aber uns dankte treuherzig seiner Wohlthäterinn. Gern hätte ihn Emma gefragt, wo denn sein Pudel sey, den er nicht bey sich hatte; sie schwieg aber, denn sie wollte der 65 Mutter nicht merken lassen- daß sie immer noch an den Hund dachre. Als aber sder Alte fort war, fragte die Mutter mit großer Freundlichen:»Was wollen wir denn aber mit dem Pudel anfangen, denn ich muß dir nur sagen, daß sein Herr ihn zurück gelassen hat.» E m m a's Augen strahlten vor Freude. Sie küßte der Mutter die Hand, und suchte in ihren Augen selbst die Antwort zu lesen. »Kartus ch,« sagte Frau von Baumgärt- ner,»soll bey meiner Emma bleiben, und der Lohn ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Neue seyn.« Bey diesen Worten fiel^ das Mädchen der Mutter um den Hals und war außer ssich vor Vergnügen. Als nun die erste Freude sich ein wenig gelegt hatte, erzählte ihr die Mutter, daß Kartusch kein Bein gebrochen habe, sondern unten ganz frisch und gesund in die Küche einquartiert worden sey, die künftig sein Aufenthalt bleiben sollte. Emma erhielt zugleich die Erlaubniß, ihren schwarzen Liebling zu besuchen. In einigen Sprüngen war sie die Treppe hinab, und nun ergab sich eine frohe Scene zwischen dem Fräulein und dem Hunde, die einander an Liebkosungen zu übertreffen suchten. Jetzt erst fingen des Pudels glückliche Tage an. Er hatte in seiner Küche so gute Kost, daß er in kurzer Zeit wie gemästet aussah. Er wurde gebadet, gekämmt, geschoren, vollkommen reinlich gehalten und mit einem zierlichen Halsbande »— tzg—» geschmückt, womit er sich fortan als der Hund eines vornehmen Herrn auszeichnete. Kartusch wurde aber durch sein Glück nicht übermüthig. Einst, da ihn Frau von B a u.m- gärtner mit sich aus das Land nahm und er seinen alten Herrn wiedersah, wurde er.säst toll vor Freude, sprang chm heulend vor Vergnügen bis an die Brust hinauf, rannte bellend in einem Kreise um ihn herum, und fing so immer wieder aus's neue an, Lange wollte er sich gar nicht abwehren lassen. Als er endlich wieder ruhig war, streichelte ihn sein alter Herr und sprach zu ihm:»Guter Kar tusch, du verdienst dein Glück, denn die guten Tage haben dich weder stolz noch undankbar gemacht.« So oft E m m a den Pudel ansah, erinnerte sie sich ihres Vergehens und faßte von neuem den Vorsatz, in allen Dingen dem Rath^ ihrer guten Mutter zu gehorchen, sie als ihre beste Freundinn zu betrachten, ihrem Beyspiel zufolge», kein Geheimniß vor ihr zu haben und durch ihr künftiges Betragen den sträflichen Ungehorsam, in den sie verfallen war, wieder gut zu machen. Dip strenge Mutter. Albertine war die Tochter einer Hffiziers- witwe. Diese arme Frau hatte so wenig, daß sie sich keine Magd halten konnte und fast ganz von ihrer Hände Arbeit leben mußte. Sie war geschickt und fleißig; man gab ihr daher gern etwas zu verdienen. Da sie aber selbst ihre Küche besorgen und alle Gänge verrichten mußte, so wurde viel Zeit versäumt, und sie konnte nur wenig erwerben. Auf solche Art mußte sie sich sehr kümmerlich behelfen, und durch ihre unglückliche Lage wurde sie ganz verstimmt und schwer- müthig. Dieß hatte besonders ihre kleine Alber- tine zu empfinden, die erst drey Jahre alt war. Fast nie kam ein freundliches Lächeln über die Lippen der betrübten Mutter, die nicht Zeit hatte, sich viel mit dem Kmde abzugeben. Den halbe» Tag mußte die arme Kleine einsam auf ihrem Stühlchen vor einem Sessel sitzen und mit ihrer Puppe spielen, oder im Zimmer herum- trippeln und sich mit sich selbst unterhalten, denn die Mama war wenig zum Reden aufgelegt. So wuchs Albertine unbemerkt heran, und war doch zufrieden, weil sie es nicht besser wußte. Kaum war sie fünf Jahre alt, so mußte sie schon der Mutter an die Hand gehen, Holz aus dem Schuppen holen, die Tische und Com- mode abwischen, Stube und Kammer auskehren. Weiterhin holte sie auch Brot, Fleisch, Wasser, Mehl, Salz und anderes mehr. Und wenn alles geschehe» war, setzte sie sich mit einem Buche oder einer Arbeit an die Seite der Mutter. Mit sieben Jahren durste sie schon nicht mehr spielen, auch blieb ihr keine Zeit mehr dazu. Von ihrer Mutter hatte sie lesen gelernt; aber nur in den Erholungsstuitden durfte sie ihr vorlesen. 68—— — Alles, was sie that, mußte sie rasch thun; war Fe zu langsam, so erinnerte sie sogleich ein ernster Blick der strengen Mutter,geschwinder zu seyn. Sie nahm sich dann schnell zusammen, gehorchte und ließ nie eine unzufriedene Miene sehen. So hart das arme Kind auch gehalten wurde, so ging ihr doch die Mutter über Alles. Sie suchte in ihren Augen zu lesen, was ihr lieb sey, und ihre Gedanken zu errathen, ehe sie dieselben aus sprach Nie hörte man einen Widerspruch aus ihrem Munde. Ein einziges gütiges Worr machte sie glücklich. Wenn sie sah, daß die Mutter mit ihr zufrieden war, kam sie ganz außer sich vor Freude und küßre ihr dgnkbar die Hand und Mund. Allein die kalte Mutter fand keinen Gefallen an solchen Liebkosungen, und schob das arme Kind mit den trockenen Worten: Nun ist's genug, von sich hinweg. Stille, aber ohne deßhalb empfindlich zu seyn, setzte sich dann das Mädchen wieder an ihre Arbeit, und schien zu glauben, es müsse so seyn. Der Mutter zu Gefallen, strengte sie sich über ihr Alter an, und that mehr, als man billiger Weise von einem Kinde in ihren Jahren er. warten kann. Sie stieg z. B. auf einen Stuhl zum Schüsselbrere hinauf und langte eine Anzahl zinnerner Teller herab, die so schwer waren, daß sie dieselben kaum tragen konnte, brachte sie in das Zimmer und holte eben so die Schüssel herab. Sie verrichtete alle Gänge ihrer Mutter, trug die Arbeit auS, holte neue, lief in —» 69—— der größten Sonnenhitze von einem Ende der Stadt zum andern, blieb nirgends stehen, hielt sich in keinem Hause auf und kam oft ganz von Schweiß durchnäßt nach Hause. Ein freundlicher Bück der Mutter war ihr dann der größte Lohn. So war Albertine schon in ihrem siebenten Jahre. Als sie das achte Jahr erreicht hatte, sprach die Mutter:»Ein Mädchen von deinem Aller darf ihren Aeltern nicht länger zur Last seyn; du bist groß genug, dir selbst etwas zu verdienen; ich habe dir Stricken und Nahen gelehrt, also nähe und stricke und erwirb dir etwas mit deiner Hände Arbeit, denn wenn ich nicht mehr lebe, hast du ohnehin kein anderes Brot.— Das Mädchen mußte sich nun zu ihr setzen, und durfte nicht aufstehen, bis ein Stück Arbeit, das sie ihr aufgegeben hatte, fertig war. Von dem, was sie damit verdiente, wurden ihr Wäsche und Kleider gekauft. Die arme Kleine süß oft vier Stunden, ohne aufzustehen, neben der schweigenden Mutter.»So muß es seyn,» sagte diese,»wenn man zu etwas kommen will, init Müßiggehen bringt man eS nicht weit in der Welt.« Aber auch mit ihrer angestrengten Arbeit brachte es die gute Frau nicht weit. Gram und Sorgen untergruben ihre Gesundheit; sie wurde krank und starb. Albertine pflegte die leidende N-utter auf den: Krankenbetts mit der ängstlichsten Sorgfalt, und war über ihren Tod untröftttch- Noch 70 viele Jahre nachher kamen ihr die Thränen in die Augen, wenn man nur ihren Nahmen nannte.»Ach, sie war strenge,« seufzte sie,»aber sie meinte es so gut! O hatte sie doch gelebt, bis ich größer gewesen wäre; wie würde ich ihr da ihre treue Liebe vergolten haben!« Was sollte nun aus dem armen Mädchen werden, da die Mutter nicht mehr am Leben war. Sie hakte keinen Verwandten, der sich ihrer annahm, und schien ganz verlassen auf der Welt. Endlich erbarmte sich ihrer eine Putzmacherinn, die der Himmel ihr als Schutzengel zusandte. Diese wackere Frau nahm sie zu sich, und harte es nicht zu bereuen, denn sie bekam an Albertinen eine sehr brauchbare Gehilfinn. Welch ein Glück für das Kind, daß es schon von den ersten Jahren an so ernstlich zur Arbeit angehalten worden war, denn jetzt fand es seinen Unterhalt damit. Frau Ulrich, so hieß die Putzmacherinn, hatte auch schon manchen Gewinn von ihrem Pflegetöchterchen, sie hielt selbige daher besser, als die Kleine es bey ihrer eigenen Mutter gewohnt war, und sie dachte gar nicht daran, sie von sich zu lassen. Dessen ungeachtet blieb Albert ine nicht länger als ein Jahr bey ihr. Mit Vergnügen erzähle ich, auf welche Art sie dieselbe verlor. Frau Ulrich arbeitete nähmlich unter andern auch für eine reiche und vornehme Dame, und schickte ihre kleine Pflegetochter, die jetzt neun Jahr alt war, öfters mit Putzarbeit zu ihr. Frau von Rosenmüller, so hieß die Dame« hatte selbst ein Töchterchen von Albertinens Alter, und fand immer großes Wohlgefallen an der niedlichen Gestalt und dem bescheidenen Wesen des MäochenS, das seine Auftrage immer mit so viel Verstand als eine erwachsene Person ausrichtete. Oefters unterhielt sie sich mit ihr, und konnte sich nicht genug über die gute Erziehung wundern, dre das Mädchen m ihren Antworten verrieth. Noch mehr gefiel die Kleine ihrem Töchterchen, das nichts mehr bedauerte, als daß Albertine nicht Zeit hatte bey ihr zu bleiben und mit ihr zu spielen. Einst, da Mutter Ulrich selbst in das Haus kam, sprach Frau von R o s e n m ü l l er zu ihr: »Was Sie aber für ein hübsches und gut erzogenes Kind haben! Wie gesetzt, bescheiden und verständig sie schon für ihr Alter ist! In der That, Sie sind eine glückliche Mutter, und wenn ich meine Friedrike nicht hätte, so würde ich Sie um Ihre Albertine beneiden.« »Ach Gott,« erwiederte die Frau,HEuer Gnaden glauben, Albertine sey meine Tochter! Ja, ich wünschte es; ich wäre wirklich eine glückliche Mutter, denn es gibt gar kein bessers Kind als sie. Allein sie ist nicht meine Tochter, sondern eine vater- und mutterlose Waise, die ich, weil sie ganz verlassen schien, nach dem Tode ihrer Mutter zu mir genommen habe. Ihr Vater, Herr von Gaspari, war Lieutenant in preußischen Diensten, und blieb in der denkwüdigen Schlacht bey Leipzig.« Hierauf erzählte sie, wie kümmerlich die Mutter sich bis an ihren Tod habe behelfen müssen, und wie Albertine unter Mangel und Kummer von ihr erzogen worden war. Frau von R o se n m ü l l e r hörte die Geschichte der armen Kleine» mit großer Theilnahme an, und plötzlich erwachte in ihr der Gedanke, das Kind zu sich zu nehmen, es mit ihrer Friedrike zu erziehen und ihr eine zweyte Mutter zu werden. Sie war überzeugt, daß sie ihrer Tochter keine bessere Gesellschafterinn geben könne, und sprach darüber mir ihrem Gemahl, der bald m allem mit ihr einverstanden war. Ob aber auch Frau Ulrich geneigt seyn würde, ihr das Kind zu lassen, dieß war nun erst die Frage. Sie wurde gerufen. Die edle Frau trug derselben ihren Wunsch vor, und setzte sie dadurch in nicht geringe Verlegenheit, denn auf der einen Seite verlor sie nicht gern ihre kleine Gehilfinn, die sie beb gewonnen hatte, und auf der andern wollte sie dieselbe, eben weil sie das Mädchen lieb hatte, nicht an ihrem Glücke hindern, denn sie mußte sich gestehen, daß sie dieselbe doch nie so würde erziehen und ausbilden, nie ihr Glück machen können, wie Frau von Rosen müller. Dieser Gedanke siegte. Sre übergab sie also derselben, obgleich mit schwerem Herzen, und nun erst ging unserer Alber- trne das wahre Leben auf. Es war jetzt nicht mehr von harten Arbeiten und Mägdediensten die Rede; es wurde nicht mehr um Lohn, sondern zum Vergnügen gearbeitet. Statt der ehemahligen Gänge von Haus **** 73 zu Haus wurden Spazierfahrten auf das Land und andere Lustparthien gemacht und Gesellschaften besucht. Die beyden Töchter hatten gemeinschaftliche Lehrer. Mir doppeltem Eifer lernte Albertine mit ihrer kleinen Freundinn, und eine suchte die andere an Fleiß zu übertreffen. So nahmen sie, zur Freude der Aeltern, täglich an Kenntnissen zu und wurden bald zu den musterhaftesten Mädchen der Stadt gerechnet. Jedermann war eingenommen von ihren schönen Talenten, ihrer Bescheidenheit, ihrer jungfräulichen Sittsamkeit. Albertine vergaß aber in dem Hause ihrer Wohlthäterinn nicht die ehemahligen Tage der Armuth, die sie mit ihrer unglücklichen Mutter verlebt hatte. Oft erschrak sie, wenn sie über ihr jetziges Leben nachdachte, und fragte sich, ob es nicht besser gewesen seyn würde, wenn sie bey Frau Ulrich geblieben wäre und vollends alles gelernt hätte, was sie wissen mußte, um sich von ihrer Hände Arbeit zu nähren; denn was blieben ihr für Aussichten nach ihrer Wohlthäterinn Tode. Diese Gedanken ängstigten Albertine« so sehr, daß sie, ohne etwas zu sagen, sich wieder eifrig mit Putzmachen und andern weiblichen Arbeiten beschäftigte. Sie machte mit eigenen Händen alles, was zu ihrem und ihrer jungen Freundinn Anzug gehörte. Frau von Rosen- m üll er, die vielleicht die geheime Ursache ihrer Thätigkeit errieth, fragte sie lächelnd, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihr Brot auf diese Art 2uge»d-Bidiwthck. S. VL.^ **** 7^4 zu verdienen. Albertine erröthete; sie berief sich auf das Schicksal ihrer Mutter und auf die Unsicherheit der Zukunft. »So weit wird es hoffentlich mit keiner von meinen Töchtern kommen,« erwiederte die edle Frau, und schloß sie beyde mit einem Kuß in ihre Arme;»gut ist es aber immer, wenn der Mensch sich in seinen bessern Tagen auch der schlimmen erinnert, die seiner noch warten können.« Diese letztern traten jedoch nie ein. Noch hatte Albertine nicht das neunzehnte Jahr erreicht, so warb schon ein reicher und achtungs- würdiger Mann um ihre Hand und erhielt sie. Bereits ein Jahr früher hatte auch Friedrike einen Freyer gefunden. Beyde verlebten, von dem Segen ihrer Aeltern begleitet, als verständige Hausfrauen und glückliche Mütter, geehrt von ihren Garten, geliebt von ihren hoffnungsvollen Kindern, die glücklichsten Tage. Die junge Haushälterinn. Die edle Frau Groh mann war gestorben und hatte ihrem betrübten Gatten vier Kinder hinterlassen, unter denen Lottchen, die noch nicht lange ihr sechzehntes Geburtsfest ge- feyert hatte, die älteste war. Zum Glück hatte ihre verstorbene Mutter sie fleißig zur Küche und zu allen häuslichen Geschäften und weiblichenArbeiten angehalten. L o tt- chen hatte schon zu ihren Lebzeiten öfters ganz »*** 75**** allein das Essen bereiten müssen, und der Vater war im Ganzen mit ihrer Kochkunst ganz wohl zufrieden, ob sie gleich manchmahl die Suppe versalzte, das Gemüse anbrennen ließ, und weich gesottene Eyer hart auf den Tisch brachte. Sie mußte den Keller besorgen, bey allen Waschen zugegen seyn und überall selbst mit Hand anlegen. War die Hausarbeit verrichtet, so setzte sie sich mit ihrem Spinnrad oder ihrer Nahterey zur Mutter, schwatzte traulich mit ihr, mährend die jüngeren Kinder in der Schule oder noch im Bette waren, und so ging die Arbeit noch ein Mahl so leicht und so gut von statten. So wie Lottchen, sollten alle Töchter von ihren Müttern angehalten werden; aber die meisten scheuen sich vor Küche und Keller, auch vor aller harten Arbeit, weil sie besorgen, ihre zarten Händchen zu verderben. Daß Lottche n auf solche Art erzogen worden war, kam ihr trefflich zu statten, denn sie hatte jetzt allein die ganze Haushaltung und die Aufsicht über ihre längeren Geschwister zu führen. Alles ging über Erwarten gut. Die junge Hauswirthinn war unermüdet, leitete alles, griff überall selbst mit an, und wenn sie sich in Küche, Keller und Garten müde gearbeitet hatte, setzte sie sich an ihr Rädchen und spann ober nahm eine Handarbeit vor, und unterrichtete dabey ihre zehnjährige Schwester in mancherley Arbeiten. Lottchen harte aber zwey Fehler an sich, die Ursache waren, daß der Vater mehr als ein Mahl unwillig über sie wurde; sie war nahm- —»» 76—— lich außerordentlich zerstreut, und wenn sie ein Mahl an ihrem Rädchen saß, stand sie nicht gern mehr auf. Sie hatte die üble Gewohnheit, immer das Eure zu thun und das andere zu denken. Die Folge davon war, daß sie sich auf nichts besinnen konnte, und halbe Tage lang mit buchen von hunderterley Sachen, besonders der Schlüssel, zubringen mußte, die sie bald an diesen, bald an jenen Ort hinlegte, ohne eine halbe Stunde darauf sich zu erinnern wohin. So ging eine Menge Zeit verloren, und der Schlosser mußte jede Woche zwey oder drey Mahl gerufen werden, um die verschlossenen Schränke, zu denen die Schlüssel fehlten, mit einem Diet- nch zu öffnen, oder auch wohl die Schlösser abzubrechen und neue Schlüssel zu machen. Bey dieser Unordnung hatte öfters die ganze Familie zu leiden. Einst, da der Vater mit seinen Kindern einen Spazierganz auf das Land gemacht hatte, sollte nach ihrer Zurückkunft Schinken und Salat zu Abend gegessen werden; da aber Lottchen nach ihrer löblichen Gewohnheit, den Schlüssel verlegt hatte, mußten sie mir Salat ohne Schinken fürlieb nehmen. Ein anderes Mahl, da von dem Vater eine verschlossene Loge im Theater gemiethet worden, und alles zuin Fortgehen bereit war, fand sich, daß Fräulein Lottchen nicht mehr wußte, wohin sie den Schlüssel gelegt hatte. Es wurde über eine halbe Stunde lang vergeblich gesucht. Am Ende mußte, wie gewöhnlich, der Schlosser —. 77—' geholt werden; ehe er aber die Loge ausschließe» konnte, war der ganze erste Act der schonen neuen Oper, die gegeben wurde, vorüber. Solcher Unannehmlichkeiten kamen unzählige vor. In ihrer Zerstreuung reichte sie ihrem Vater mehrmahls, wenn er die Wasche wechselte, e'ir Weiberhemd zum Anziehen, und sie selbst ging ein Mahl mit einem rothen und einem schwarzen Schuh in ine Küche. Aus ihrem Festsitzen beym Nahen und Spin- nen entstand anderes Unheil. Sre nahm sich mc^ Zeit aufzustehen, verschob alles, was sogleich hätte geschehen sollen, auf eine andere Zelt, und vergaß es nachher ganz. Einst fiel ihr ein, daß sie m der Zerstreuung eine angebrochene Flasche Wein in die Küche gestellt hatte. Sie nahm sich vor, sie sogleich m den Keller zu tragen, wenn ihre Spule vsllge- sponnen seyn würde. Allein es kam Besuch, sie dachte nicht mehr daran, und am folgenden ä.age, da ihr die Flasche unter die Hand kam, war sie halb ausgetrunken...—.. Fast eben so erging es ihr em anderes Mahl mit einem Topfchen zerlassenem Fett, das sie hatte auf dem Küchentisch stehen lassen. Sie wollte eS aufbewahren, sobald sie mit einem Taschentuch, das sie säumte, fertig seyn würde. Indessen kam die Magd, die von nichts wußte, sah das Fett für Wasser an und goß es zum Fenster hmaus. Noch ein anderes Mahl kam die Köchinn herein, und bath sie, nach dem Braten zu sehen, indeß sie in einen Garten ging, um Salat zu —* 78—- holen. Das Fräulein versprach es, und nahm sich vor, in die Küche zu gehen, sobald ein Beutel, an dem sie arbeitete, vollends gestrickt seyn würde, ehe es aber so weit kam, war der Braten schon verbrannt. Lo ttchens Mutter hatte die sehr lobens- würdige Gewohnheit, zu einer gewissen Stunde des Tages im ganzen Hause herum zu wandern, von den Zimmern auf den Boden und von dem Boden in den Keller, und in allen Winkeln nachzusehen, ob alles in Ordnung sey. Fand sich etwas, das nicht nach ihrem Sinne war, so änderte sie es gleich selbst, oder sie rief die Magd. War etwas am Hause oder am Hausgeräthe beschädigt, so mußce es sogleich ausgebessert werden, denn ein kleiner Schaden läßt sich leichter und mit geringeren Kosten wieder gut machen, als ein großer. Noch viel mehr Gelegenheit aber zeigte sich, mancherley Schaden zu verhüthen. Diesen sorgsamen Sinn hatte Lottchen nicht. MiHdem Tode der Mutter unterblieben die Haus-Visitationen zum großen Nachtheile des Vaters. Indeß das Fräulein an ihrem Rädchen saß und spann, spannen auch die Spinnen ihre Fäden in allen Winkeln, das Bier wurde schal in den halb ausgetrunkenen Krugen, der Wein wurde kahmig in den halb leeren Flaschen, das Obst verfaulte nn Keller, die unausgespülten Kruge und Fässer bekamen einen üblen Geruch, das Waschgefäß zerfiel in der Sonne, die Wasch- körbe gingen zu Grunde, in dem Waschkessel setzte sich Grünspan an und zerfraß das Kupfer, die **** 79 Waschleinen blieben im Regen ausgespannt und verfaulten. Es kamen bald Rechnungen vom Faßbinder, bald vom Korbmacher, bald von den Kaufleuten. Die Mägde schalteten nach Gefallen mit Holz und Licht, und so waren die Verrathe immer viel früher zu Ende als es hätte seyn sollen. Deßhalb kam eines Tages Herr Groh- mann, der eben zwey starke Schlosser- und BörK Errechnungen erhalten halte, sehr verdrießlich in seiner Tochter Zimmer. Lottchen saß eben an ihrem Räbchen und war ganz erschrocken über des Vaters finstern Blick. Er warf die Rechnungen auf den Tisch und ging ein Paar Mahl stillschweigend in dem Zimmer auf und ab. Endlich faßte er sich und sagte ganz gelassen: »Du bist ja recht fleißig, mein Kind. Wie lange spinnst Du denn ungefähr an einer Strähne Garn?« »Bey allem meinen Fleiß nicht unter zwölf Stunden,« antwortete Lottchen. »Wenn Du nun aber den Flachs außer dem Hause spinnen ließest, wie hoch würde Dir das Spinnerlohn für eine Strähne kommen?« »Wenigstens zwei) Groschen.« »Du verdienst also die Stunde zwey Pfennige an deinem Spinnrad, und indeß du diese zwey Pfennige gewinnst, läßt du den Werth von vielleicht mehr als einem Thaler im Hause zu Grunde gehen. Da lies diese Rechnungen, und überzeuge dich. Wäre es nicht viel vernünftiger, wenn du, eben-so wie deine selige Mut ter, täglich im Hause nach Allem sähest, und mir, statt Pfennige zu gewinnen, Thaler zu erhalten suchtest? Eine einzige Stunde, ja eine halbe Stunde des Tages wäre hinlänglich. Versprich mir, daß du sie künftig nach meinem Wunsche anwenden willst. Versprich mir auch, dein zerstreutes Wesen abzulegen und die Schlüssel zu den Schränken jedes Mahl an einen bestimmten Ort zu bringen.« Lottchen versprach alles, was der Va-Mver- langte, und hielt auch einige Wochen lang ihr Wort. Bald aber verfiel sie wieder in ihren alten Fehler, ließ die Schlüssel liegen, wo sie solche gebraucht harte, verdiente wenig und ließ viel zu Grunde gehen. Der Vater sagte nichts mehr. Als Weihnachten gekommen war, fand Lottchen in dem schön erleuchteten Saale unter andern Geschenken für sie einen niedlichen, roth sammtenen Beutel voll Geld und ein Papier mir der Ueberschrift: Meiner jungen Haushälterinn zur Belohnung ihres Fleißes.Unter dem Beutel lag aber noch ein anderes Papier mit der Aufschrift: Meiner jungen Haushälterinn zur Strafe ihrer Unachtsamkeit. Als sie das Papier aufmachte, fand sich darin eine lange Rechnung über alles, was im Verlauf des Jahres durch ihre Nachläßigkeit zu Grunde gegangen war, mit den Worten: Der Betrag dieser Rechnung istganzaus dem rothen Beutel zu bezahlen. Lottchen, die sich über die Menge Geld unglaublich gefreut und schon überlegt hatte, waS —« 81—- sie dafür kaufen wollte, sah mit Schrecken, daß ihr kaum einige Thaler übrig bleiben würden, worüber ihr die Thränen in die Augen traten. Sie dauerte den Vater; er sprach aber:»Ich bin nrcht ungerecht, meine Tochter; alles, was der Mensch im Leben durch seine Schuld verderben laßt, das ist Verlust für ihn. Nimm das nächste Jahr besser durch sorgfältige Aufsicht meinen Vortheil in Acht, lege die Schlüssel stets an ihren Ort, und lasse nichts zu Schaden gehen, so wird dein Beutel länger voll bleiben.« Dss TMeihnachts- Geschenk. Die Kriegsrathmn von Benkendorf war schon in ihrem dreyßigsten Jahre Witwe geworden. Ihr Gemahl harte ihr zwey liebliche Töchter hinterlassen. Beyde gaben durch ihren Gehorsam, ihren natürlichen Verstand, ihre glücklichen Anlagen und den Fleiß, mit dem sie diese ausbildeten, die schönsten Hoffnungen für die Zukunft. Die Mutter glaubte aber an beyden einen merklichen Hang zum Neid zu bemerken, der sich in mancherley kleinen Streitigkeiten äußerte. Diese Entdeckung beunruhigte sie nicht wenig; vor der Hand ließ sie aber noch nichts davon merken, sondern empfahl ihnen nur rm Allgemeinen schwesterliche Liebe und Einigkeit. Auch räumte sie nie Einer vor der Andern den mindesten Vorzug ein, gewöhnte sie zeitig an Un- eigennützigkeit, und verscheuchte so die kleinen Wolken, die ihren Himmel zu trüben droheten. Nach —— 82—- einigen Jahren schien aller Neid aus ihren Herzen verjchwunden. Begegnete Einer von ihnen etwas Angenehme-, so äußerte die andere Schwester fast noch mehr Freude darüber, als ob es ihr selbst zu Theil geworden wäre. Noch ein Mahl wollte aber die glückliche Mutter ihre Gesinnungen gegen einander auf die Probe stellen. Die Gelegenheit dazu gab ihr der Christabend. Amalie war damahls vierzehn, Sophie dreyzehn Jahre alt. Unter andern Geschenken war ihnen auch eine goldene Uhr bestimmt. Zu dieser Uhr gehörte eine goldene Kette. Die Mutter wickelte jedes Stück besonders in einen Bogen Papier, legte die Uhr zu Amaliens, die Kette zu Sophiens Bescherung, und ließ von einem Papier zum andern ein schönes, blaues Band laufen, das sie daran fest steckte. Als alles bereit war, wurden die Schwestern in den glänzenden, mir hundert Lichtern erleuchteten Prunksaal eingeführt, wo ihnen besonders das breite himmelblaue Band auffiel, das von dem einen Weihnachts-Geschenk zum andern gezogen war und beyde mit einander vereinigte. Es mußte eine besondere Bedeutung haben; sie vermutheten, daß es auf einen Zusammenhang beyder Geschenke deute, und so fand sich's nach der Oeffnung der Papiere wirklich. Amalie fand in dem ihrigen eine Uhr, Sophie die dazu gehörige Kette. Die Mutter gab ihnen Aufschluß darüber. »Uhr und Kette,« sagte sie,»gehören zusammen, — 83»— meine Töchter; ich wollte sie aber nicht Einer allein geben, um der andern nicht wehe zu thun, sondern es euch selbst überlassen, euch darüber zu vergleichen. Gern, meine guten Minder, hatte ich einer Jeden eine llhr gegeben; die Kosten wären aber bey den vielen andern Ausgaben, die ,ede Mutter am Christtage hat, für ein Jahr zu gross gewesen. Doch was in diesem Jahre nicht geschehen kann, das kann in einem andern geschehen. Will keme der Schwester ihren Antheil abtreten, und wollt ihr auch nicht losen, so bekommt das nächste Mahl Am alle zu der Uhr noch eine Kette, Sophie zu der Kette noch die blhr. Bedenkt aber wohl/ was ihr thut; ich sage nicht, das nächste Jahr, sondern, das nächste Mahl, den» leicht konnten zwey, drey, vier und noch mehrere Jahre verstreichen, ehe ich wieder im Stande wäre, euch ein so theures Geschenk zu machen. Thut also nichts,'was euch gereuen könnte, denn Klagen höre ich Nicht gern. Ich sollte denken, das Los...« »Nein, kein Los,« sagte Sophie.»A ma- lie ist alter, als ich, sie ist meine Schwester, ich habe sie so lieb, als mich selbst; ihr also gehört Uhr und Kette; mir Freuden trete ich sie dir ab, liebe Am alte; an deinem Halse wird mir dieser Schmuck so wohl, ja noch besser gefallen, als an dem»»einigen.« »Du beschämst mich, gute Sophie,« erwiederte Am alle;»aber du bist mir nur mit deinem Gedanken zuvor gekommen. Nicht ich, nein, du selbst mußt die Uhr tragen; mir, als 84—» der ältern Schwester, ziemt es, das Beyspiel der Selbstverläugnung zugeben, und ich werde mir dieses Vorrecht gewiß nicht nehmen lassen.« Der Mutter funkelten bey diesem edlen Wert- Al'ert lhl'ev Tochter dle vor Areude. Slö wollte sie zu vereinigen suche»; aber jede bestand auf ihrem Sinne, keine wollte nachgeben. Endlich wurde beschlossen, daß Uhr und Kette in eine Schachtel gepackt und der Mutter zur Verwahrung übergeben werden sollten, bis einst die Verhältnisse ihr gestatten würden, das gegebene Versprechen zu erfüllen, und auch die antere Schwester mit einer Uhr zu beschenken; ob es früher oder später geschehen würde, dieß sollte ihnen einerley seyn. »Schön,« sagte die Mutter,»so sollen Schwestern gegen einander denken und handeln. Laßt euch küssen, meine Kinder, ich bin stolz darauf, eure Mutter zu seyn. Liebt euch immer mit demselben Herzen, und macht mir öfters so freudenvolle Abende, wie der heutige. Die Uhr soll aber, nicht in meinem Schranke ungetragen liegen. Ich kann schon jetzt mein Versprechen halten und meine beyden lieben Töchter mit einem solchen Andenken schmücken. Hier ist noch eine zweyte Uhr und auch eine zweyte Kette, beyde den ersten vollkommen gleich. Nehmt sie hin; ihr seyd gleich gut, ihr habt Ansprüche auf gleich große Beweise meiner Liebe. Bloß eure Verträglichkeit- wollte ich prüfen. Ihr habt die Probe auf das Rühmlichste bestanden.« Mit diesen Worten schloß sie Beyde zugleich —» 85—— an ihre Brust, und für Alle war dieser Augenblick einer der seligsten ihres Lebens. Der Mutter Lchmuek. Eine edle Römerinn, Cornelia war ihr Nahme, wurde einst von einer andern römischen Dame besucht, die viel von ihrem Schmuck, ihren Perlen, ihren Diamanten und ihren prächtigen Kleidern sprach. Sie war eine sehr eitle Frau und es gab dergleichen sehr viele m dem ehemahligen Rom, wo ein Luxus herrschte, der allen Glauben überstieg, und zu unsern Zecken seines Gleichen>» ganz Europa nicht hat.— ÄlS die Thörinn nichts mehr von ihren eigenen Ko>- barkecken zu sagen wußte, wünschte sie auch Corneliens Schmuck zu sehen. Cornelia zögerte einen Augenblick; jetzt aber, da ihre Söhne aus der Schule kamen, und ihr mit einen, freundlichen Gruß die Hand bothen, schloß sie dieselben in ihre Arme, küßte sie und sprach zu der Dame:»Du wolltest meinen Schmuck sehen; hier ist er,« ihre beyden Sohne ihr zeigend,»dieß ist mein Schmuck/ drey sind meine Perlen.«., Wirklich sind wohlgerathene Kinder der Keltern schönster Schmuck. Jugend»Bibliothek. 5. Wd. 6 86—— Gft bringt Schweigen mehr Ghre als Neben. Laura war eine kleine Schwätzerinn. Wenn sie irgendwo etwas Neues gehört hatte, so hatte jie keine Ruhe mehr, und erzählte eS sogleich wieder weiter. Am liebsten ließ sie ihrer Zunge ^eyen Lauf, wenn sie in einem recht zahlreichen Kreise anderer Mädchen saß. Sie glaubte, weil sie mehr sprach als alle Andere, auch mehr Verstand zu haben als jene. Ost aber hatte sie bes- ser gethan, zu schweigen; sie hätte weit mehr Ehre davon gehabt. Einst war sie* zu einer große» Mädchen- Gesellschaft gebethen und fand sich zur-bestimmten Stunde, ihren Kopf voller Neuigkeiten, dabey ein. Kaum war der Thee getrunken, so fing sie an:»Wißt Ihr Mädchen etwas Neues? Der Kaufmann Lösel hat bankerott gemacht und eine Menge Leute um ihr Geld betrogen. Diesen Morgen ist alles bey ihm versiegelt worden, und seiner Frau hat man kaum so viel Kleider gelassen, daß sie ausgehen kann...« Sie wollte weiter reden; ein anderes Mädchen aber unterbrach sie mit glühen dem Gesicht. »Glaubt es nicht,« sagte sie,»Herr Lösel ist ein naher Verwandter von mir; er hat Niemand betrogen und wird Niemand bekriegen; es ist auch nicht wahr, daß man ihm alles versiegelt hat. Durch den Verlust großer Summen, die — 87— er von anderen Kaufleuten zu f°'dern hatte,-st er unatücklich geworden, und kann nicht s g e.ch alle seme Schulden bezahlen; es wird aber Niemand um das Seinige kommen, und alle^ was sonst dieses Fräulsm von'.hm gesagt hat, ist av W°..- b» sch-ml>,»!, w»ßl- s«»^ verantworten, als daß sie sagte, s) ^ können aber auch Unwahrheiten hören,« sagte jene,»und Lügen soll man nicht wer- rcr^bre'tem^^^^^^^^fts Wahl besser gethan hätte, zu schweigen; aber sie^>wieg n ch. sondern erzählte nach emer kurzen Pause, day der Stadtrichter zu Westerburg, an" Nützen geschlossen, in einen achurm gesetzt worden sey, we>! er Gelder unterschlagen habe, rmd wahrscheinlich werde er zeitlebens m das Zucht- ^»Mis?"wer?« rief hier I o se p hin e, ein anderes junges Mädchen, das mit zugegen war, »weißt du, das; der Stadtrichter zu Westerburg memer Mutter Bruder ist? Er„M fur den ehrlichsten Mann rm Lande; unmöglich kann er so etwas gethan haben; in unserm, Hause weiß man wenigstens nichts davon;>ch will aber sogleich gehen und es meiner Mutter sag-»,« Sie griff nach ihrem Shawl und Hut. Die ganze Gesellschaft ger.erh rn Bewegung. D-e Augen waren bald auf Laura,^bald auf — 88— sephinen gerichtet. War die Nachricht ge- gründet, so wußte Josephinens Familie, daß Laura die Verbreiterinn ihrer Schande war; fand sie sich««gegründet, so war es noch chlimmer; denn wie verhaßt mußte sich das Mädchen durch die Verbreitung solcher entsetzlichen Verleumdungen machen. Kaum hatte sich Josephine entfernt, so trat Herr Hold ein herein, bey dessen Tochter die Gesellschaft war. Es wurde ihm erzählt, was vorgegangen sey.»Um des Himmels willen,« sagte er, sich gegen Laura wendend,»waS haben Sie gethan l Nicht der Stadtrichter zu Westerburg, sondern zu Wessenberg hat das Verbrechen begangen. Was für ein schimpfliches Gerücht verbreiten Sie von einem der bravsten Männer und einer achtbaren Familie. Sie haben nun nichts Besseres zu thun, als zu Josephinens Mutter zu eilen und ihren Fehler wieder gut zu machen. Ich würde auf jeden Fall,. wenn ich so etwas gesagt hätte, sie knieend um Vergebung bitten.« Laura folgte dem Rathe; aber schon kam sie zu spät. Die arme Frau war vor Schrecken über die erschütternde Nachricht ohnmächtig nieder gesunken, und man hatte alle Mühe, sie wie- der zu sich zu bringen. Lange war sie nicht im Stande, Lau reu anzuhören. Als ste endlich^ die Nahmensverwechslung erfuhr, athmete sie wieder freyer.»Gott verzeihe Ihnen,« sprach sie zu Laura,»den Schrecken, den Sie, unbeson- nenes Mädchen, mir verursacht haben. Sie ma- 89»— chen den ehrlichen Nahmen rechtschaffener Männer zum Spiel Ihrer leichtfertigen Zunge. Sie reden>n den Tag hinein, ohne zu überlegen, was Ihre Reden für Folgen haben können. Lernen Sie lieber schweigen, und wenn Sie das nicht über sich vermögen, so sprechen Sie als ein Kind lieber von kindischen Dingen, und bekümmern Sie sich nichr um die Stadkneuigkeiten, wo- durch Sie nicht solche Beschämung zu erwarten haben. Jetzt gehen Sie und verschonen Sie mein Haus für immer mit Ihren Besuchen.« Einen so harten Verweis hatte Laura noch nie erhalten. Laut weinend ging sie nach Hause. Sie trug noch einige andere Neuigkeiten auf dem Herzen; aber sie schämte sich so sehr vor ihren Freundinnen und vor sich selbst, haß sie gar nicht zur Gesellschaft zurück kehrte. Von jetzt an nahm sie sich mit ihren Reden sehr in Acht und sprach lieber von der schönen und schlechten Witterung, alS von den Neuigkeiten des Tages. Sie hatte einsehen lernen, wie leicht es ist, in einer zahlreichen Gesellschaft etwas zu sagen, wodurch sich der Eine und der Andere der Anwesenden mehr oder weniger beleidigt fühlen kann. Der TMeihnachtsaSenv Der armen^anritte. Oft sagte Julie Ehrenberg zu den drey Kindern, mit denen sie Gott gesegnet hak- te:»Kinderchen, wsnn's euch wohl geht so gedenkt in eurem Glücke auch der Armen.« Am liebsten erinnerte sie sich selbst dieses Spruches am Weihnachtsabend, der ein Freudenfest für alle Kinder wohlhabender Aeltern ist, und wobey nur die Dürftigen leer ausgehen, und im harten Winter Nicht einmahl sich warmen und satt essen können. Dieß war unter andern auch der Fall mit der Familie ihres Holzhackers. Der arme Mann hatte sieben Kinder, und zu ihrer Erhaltung nichts als den täglichen Lohn. Manche Tage fand er aber wenig zu verdienen und dann fastete die Familie. Ihre gewöhnliche Kost waren Kartoffeln, und ihr Lager zwey schlechte Betten für neun Personen. Zu diesen Kindern kam Frau IulieEh- renberg in Person und lud sie ein, an der Feyer des Weihnachts-Abends in ihrem Hause Theil zu nehmen. Ihre eigenen Kinder hatten die Bescherung schon um sechs Uhr zu erwarten. Sie war glänzend wie gewöhnlich; hundert Lichter brannten und die Tische lagen voll von Geschenken aller Art, denn auch der Vater und das Gesinde wurden nicht vergessen. Im Nebenzimmer brachten indessen die Töchter mit großer Geschäftigkeit ihre eigenen kleinen Geschenke für Vater und Mutter in Ordnung, und eine Schwester bedachte, wie sich's ziemt, die andere. Als nun alles mit großer Freude gegeben 81 und in Empfang genommen war, wurden auch die Gaste gemeldet.. Die Mutter ließ sogleich einen-rasch für sie decken, sieben Stühle hinstellen, geller und Löffel herumgeben und eine große zinnerne Schulst! mit in Milch gekochtem Reis anrichten; nach der ersten Schüssel war noch eure zweyte m Bereitschaft, so daß die Kinder sich einmahl recht satt essen konnten, und was übrig blieb, durften sie ihren Aeltern mit nach Hause nehmen. Es war eine Lust ihnen zuzusehen; ein so leckeres Gericht war in ihrer Aeltern Hause nie an sie gekommen; es läßt sich daher leicht denken, wie gut sie sich es schmecken ließen.—, Nach dem Essen fanden sie in dem Neben- nmmer, von vielen Lichtern erleuchtet, sle en kleine Körbchen voll Aepfel und Nüsse, wobey auch noch ein Honigkuchen und^em Stuck Ma^ z,pan. Jedes Kind durfte sein Körbchen Mit nach Hause nehmen.-, Die Armen konnten sich>n ss viel Gluck gar nicht finden, wußten nicht wie sie danken sollten und sprachen fast kein Wort. Als sie aber hinab auf die Straße kamen, wurden sie desto lauter, und es erhob sich nun ern Gelchrey, e.u Jubel, wovon man nur einzelne Worte verstehen konnte. Einer lief dem Andern voraus, rze- der wollte der Erste seyn, der Mutter sern Gluck zu verkünden. So entstand denn an der-vhur ern Geschrey und ein Gedränge, bey welchem der armen Frau anfangs ganz bange wurde. An den gefüllten Körbchen, welche die Hinter- 92— steii über die Köpfe der Vorderen in die Höbe hoben, sah sie aber bald, daß es nur lärmende Freude ihrer Kinder sey. Zuletzt kamen die alte. sten Tochter, von denen der übrige Reis qerra- an dem sich Vater und Mutter gütlich thun sollten. Die eine von ihnen trug auch ein Flä'schchen Wein für die Aeltern. Am folgenden Tag erschien die Mutter und brachte gerührt ihren und auch ihres Mannes Dank für den glücklichen Abend, der ihnen und ihren Kindern von Frau Ehrenberg bereitet worden war. Diese aber versicherte, daß sie durch die große Freude, die sie den armen Kindern gemacht habe, sich hinlänglich belohnt fühle. Der Wuffchmiv. Der Hufschmid Ehrenpreis wurde in der ganzen Stadt als ein fleißiger und gutmüthiger Mann, als em verständiger Rathgeber ""d, e'" wahrer Menschenfreund geliebt und geehrt. Wer in der Nachbarschaft ein Anliegen hatte, kam zu ihm und fand fast immer Rath und Hilfe. Am Sonntage, nach dem Gottesdienste, machte er kurze Besuche bey seinen Nach- barn, hörte, wie es ihnen und ihren Kindern ging, freute sich und trauerte mit ihnen und ertheilte ihnen guten Rath nach seinen Einsichten. Ueberall kam man ihm mit Vertrauen entgegen-> und oft gelang es ihm, zu seiner un- —» 83—- endlichen Freude, den Mann mit der Frau, die Aellern mit den Kindern, auszusöhnen. War Jemand krank, so wußte Nachbar Ehrenpreis allerley treffliche Heilmittel; war der Kranke zugleich arm, so schickte er ihm Speisen von seinem Tische und verwendete sich für ihn bey der Armen-Anstalt, daß er auch eine Unterstützung an Geld erhielt. Geneth ein Nachbar, den er als einen braven und fleißigen Mann kannte, durch Krankheiten oder andere Unglücksfalle in Noth, so schoß er ihm Geld ohne Zinsen vor. Nie aber wollte er liederlichen Leuten Geld auf Pfänder leihen. In seiner Nachbarschaft wohnte ein armer Fuhrmann, der sich mit zwey steifen Pferden, wovon das eine blind war, kümmerlich nährte. Diesem armen Mann wurde in der Nacht ein Rad von seinem Wagen gestohlen, und er hatte kein Geld, sich ein anderes machen zu lassen. Bitterlich weinend kam er zu Nachbar Ehrenpreis und klagte ihm sein Unglück. Er konnte nun keine Fuhre mehr-thun, und besorgte, mir seinen Pferden verhungern zu müssen. »Gott bewahre,« sagte Ehrenpreis, »so weit darf es nicht kommen. Wir gehen zum Wagner und bestellen ein anderes Rad, ich bin Bürge für Euch, und Ihr bezahlt die Kosten so wie Ihr es vermögt.« Sie gingen und fanden ein schon fertiges Rad, das ganz zu den andern paßte; denn die Wagner haben immer einige Räder in Bereit- **** 9 4 schaft, weil ein zerbrochenes Rad nicht wohl lanqe zu entbehren ist. Nun mußte es aber erst beschlagen werden. Dieß war die Sache des Hufschmids. Der arme Michel bath ihn darum mit einem tiefen Seufzer; denn das Beschlagen eines Rades macht immer, des Eisens wegen, Kosten genug. »Wunderlicher Mann,« sagte Ehrenpreis,»was seufzt Ihr denn? Meine Arbeit kostet Euch keinen Pfennig. Ich stehe Euch zu Liebe jeden Morgen eine Stunde früher als gewöhnlich auf, und so ist in Zeit von acht Lagen Euer. Rad bezahlt.« »Nachbar,« sagte der arme Michel mit Thränen in den Augen,»Ihr seyd ein Mann, wie es wenige gibt. Gott wird Euch aber im Himmel ewig dafür lohnen.« Gleich mit Tages Anbruch machte sich der Hufschmid an die Arbeit und ließ nicht nach, bis das Rad fertig war. Michel fuhr nun wieder, wie vorher, und erzählte in der ganzen Stadt, was der uneigennützige Hufschmid Ehrenpreis für ihn gethan hatte. Allenthalben wurde er mit Theilnahme angehört. Ein anderes Mahl ging ein kleiner Knabe an einem kalten Wmtertage vor Kalte zitternd, in einer ganz zerrissenen Jacke an ihm vorüber und versteckte seine von Frost erstarrten Hände unter die Lumpen. »Du Wetterjunge,« sagte der Hufschmid, «warum ziehst du bey so kaltem Wetter keine wärmere Jacke an?« »Weil ich keine habe,« antwortete der Knabe. «Du hast keine'?« sagte der Schmid.»Vielleicht hat aber dort der Trödeljude eine. Laufe ihm einmahl nach und bringe ihn hierher.« Der Jude hatte wirklich ein Camisol, das für den Knaben paßte, und warm und gut war. Der wackere Ehrenpreis kaufte dasselbe, erhandelte ihm noch ein Paar ganze Schuhe dazu, und da der Knabe eine unbeschreibliche Freude darüber hatte, schenkte er ihm auch noch ein Paar gute Hosen, die der Jsraelit ihm anboth, und schickte ihn damit zu seinen Aeltern. Der Junge bedankte sich mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt und lief mit allem, was er bekommen hatte, eiligst nach Hause. Nachmittags kam der Vater des Knaben, ein armer Tagelöhner, dem Alter nach zwar noch ein rüstiger Mann, der aber sechs Kinder zu ernähren hatte, und drückte dem wohlthätigen Menschenfreunde seinen Dank auf das rührendste aus.»Laßt es gut seyn, mein Freund,« erwiederte der Hufschmld,»der liebe Gott hat meinen Fleiß feit vielen Jahren so gesegnet, daß ich schon eine Jacke und ein Paar Hosen verschenken kann. »Nun,« erwiederte der Tagelöhner,»so soll den» auch der brave Herr Ehrenpreis immer unter neuem größeren Segen von oben fortarbeiten und mit der dauerhaftesten Gesundheit beglückt seyn!« Der Himmel schien aber diesen Wunsch nicht erfüllen zu wollen, denn schon einige Wochen daraufkam in derKohlenkammer des Hufschmrds Feuer aus, und in weniger als einer halben Stunde stand das ganze Haus in Brand. Der Feuerlärm verbreitete sich in wenigen Minuten durch die ganze Stadt, die Trommeln Wirbelren, die Glocken schlugen an, die Feuerspritzen raffelten durch die Stadt. Der Ruf, Feuer, Feuer! ging von einein Munde zum andern.— Und wo?— in der unteren Schmide bey Ehrenpreis. Auf diese Nachricht äußerte sich allgemein die theilnehmende Liebe und Achtung, die sich dieser rechtschaffene Mann erworben hatte. Was sich regen konnte, eilte ihm zu Hilfe. Nicht leicht sah man bey einer Feuersbrunst mit solcher Thätigkeit arbeiten. Der arme Fuhrmann, dem der menschenfreundliche Schmid zu einem neuen Wagenrads verhelfen hatte, rettete ihm sein jüngstes Kind auS dem Feuer; ver Tagelöhner, dessen Söhnchen so gutmüthig von ihm beschenkt worden war, zog ihn selbst unter eingestürztem Gebälke hervor. Sein meistes und bestes HauS- geräth wurde von den dienstfertigen Nachbarn gerettet. Keiner blieb müßig bey ihres gemeinschaftlichen Freundes Unglück. Bey dem kräftigen Beystande, der ihm von allen Seiten her geleistet wurde, ging nur der obere Theil des Hauses in Feuer auf; die Schmide blieb unversehrt; darum trug auch der wackere Ehrenpreis sein Unglück ganz gelassen, er »»*» 97**** hoffte mit Gottes Hilfe den Schaden, der ihn, geschehen war, nach und nach wieder zu ersetzen. Sein Haus war in der Brandcaffe versichert, er konnte also darauf rechnen, dasi ihm eine bedeutende Summe vergütet werden würde; nur für seinen Verlust an Hausgerath, Betten, Wasche und Kleidern hatte er keinen Ersatz. Allein wie freudig wurde er überrascht, als er, vierzehn Tage nach seinem Unglück, einen hochgepackten Wagen voll neuen Hausgeräthes, Wasche und Küchengeschirr, Betten und Koffer vor seinem Hause halten sah. Es war ein Geschenk, das ihm seine sämmtlichen Mitbürger- mächten. Die Tischler hatten ihm unentgeldlich jeder ein Stück Hausgerath, die Böttcher jeder ein Stück Waschgefaß, die Töpfer jeder ein Paar Stück Küchengeschirr, die Schneider ein Kleidungsstück verfertigt; Frauen und Mädchen hatten sich seit vierzehn Tagen mit dem Nahen des Weißzeugs beschäftigt, und das Geld zur Leinwand, zu dem Luch, zum Holz u. s. w. war von den Reichen der Stadt zusammengeschossen worden, weil sie dem Ehrenmanne durch ihrer Hände Arbeit nicht nützlich werden konmen. Der brave Hufschmid stand in der Tyür und wußte nicht, was er sagen oder thun soll». Er wollte den Wagen nicht abladen lassen, wollte nichts davon annehmen, weil er dachte, es seyen noch viel Dürftigere in der Stadt, die auf eine solche Unterstützung mehr Anspruch hätten als er. Allein man stellte ihm vor, daß er einen solchen Beweis der Achtung und Liebe seiner MitbU- HiigendrBibliothek. S, M, H ger ohne sie zu beleidigen, nicht verschmähen könne, und dieß leuchtete ihm am Ende selbst ein. Er ließ also den Wagen abladen, aber mit dem festen Vorsatz, den ganzen Werth davon, sobald er sich wieder erholt haben würde, an wahre Nothleidende zu vertheilen. Wie Zeichnung. Elise lernte die Zeichenkunst und hatte unter der Aufsicht ihrer Mutter, die selbst eine ganz fertige Zeichnennn war, schon sehr gute Fortschritts darin gemacht. Einst legte ihr Frau Alringer, so hieß die Mutter, ein neues Muster zur Uebung vor. Fräulein Elise mochte aber wohl diesen Tag nicht gut aufgelegt zum Arbeiten seyn, denn sie bath die Mutter, sie mit dieser Zeichnung, die viel zu schwer für sie sey, zu verschonen, denn sie wisse schon voraus, daß sie nicht damit zu Stande kommen würde. »So versuche es doch wenigstens,« entgegnete die Mutter. »Es ist aber umsonst; schweiß, daß es nicht geht; warum soll ich denn Zeit und Mühe dabey verlieren? Es wäre ja nur Schade um das Papier.« »Ich weiß besser, als du selbst, was du kannst. Denkst du denn,ich würde dir ein Muster vorlegen, welches nachzuzeichnen über deine Kräfte geht? Ich glaubte bisher, eine folgsame Tochter - zu haben,-ine Tochter, die ihrer Mutter alles ,ch auch,-» diese Zeichnung viel zu verwickelt und zu schwer ^ ffu7ich d-«»»"-»«»-«- I.» und.-°--u ch-n-n W--I-»»"»?st/7?«b-n°dal!-' Zimmer, wo sie einen Bnes zu s) und ließ so Elisen stehen. s,:n- Das Fraulein wurde uber dieses rasch H ausgehen der Mutter empfindlich. S art ich^ die Arbeit zu machen, nahm sie^«4 die Hand, setzte sich aus Fenster und las.^-- Jhr Bruder Theobald, der alles S hört hatte, redete ihr vergeblich i», d° Z nung zu entwerfen. Sie antwortete kalt und kurz. z„7-s,"2m°i- Mu.°» nach D--»dM", idres Briefs wieder in s Zunmer, und sah Erstaunen Elisen mit einem Buche rn der Han ^^"'Eine so auffallende Hartnäckigkeit an ernem Kinde, das sonst immer so viel Achtung und Ge- k,o>-sam aeaen ihre Mutter bewresen hatte, that der edlen Frau unbeschreiblich wehe- Einer mr.ßte nun nachgeben; aber wer von Beyden; die Mut- E°?er die Tochter? Das Ansehen der Mu- ler war verloren, wenn sie sich gegen ern so st n e? Krnd schwach finden ließ. Sre legte rhr also ganz kalt nochmahls die Zeichnung vor und 100—. sah nach der Uhr.»Wir haben noch zwey Stunden biv zum Mittagessen,« sagte sie; hier ist dein Musterblatt; du hast Zeit genug bis dahin, den Entwurf zu machen. Mit diesen Worten nahm allein^ der Hand und ließ Elsisen ^ Mädchen sing setzt an bitterlich zu weinen. Die Mutter war in ihren Augen hart, ^aulam gegen sie. Ihr gebeugter Stolz hinderte sie, ihren Fehler zu erkennen und wieder gut zu machen. Statt zu arbeiten, brachte sie d,e,e zwey Stunden in Thränen hin. Um die Mittagszeit trat die Mutter wieder m daS Z„nmer und sah Elisen, das Gesicht mit beyden Handen bedeckt, vor einem Sessel auf der Erde knieen. Sie richtete sie auf und erschrak v-r ihrem Aussehen. Die Augen waren vom Weinen hoch aufgelaufen, die Wangen glühe- ten wie Feuer. Frau Alz- inger besorgte, ihr Kind mochte krank werden, brachte sie zu Bette, und machte sich Vorwürfe, zu weit gegangen zu ftyn. Es wurde schnell nach einem Arzte geschickt, und die arine Mutter blieb indessen traurig und voll Bangigkeit am Bette scher,. ^ /^btzt brach erst Elisens starrer Sinn. Sie sah die L-ebe, die Sorgfalt, die Unruhe der angstvollen Mutter, und ihr Herz sagte ihr, daß sie so vieler Gute nicht werth sey. Plötzlich ergriff sie die Hand derselben und drückte sie an ihre Lippen. Sie wollte reden, allein vor Schluchzen konnte sie nicht. Frau Alringer fuhr erschrocken auf und fragte, was ihr sey. Jetzt farch « 101^ Elise endlich wieder Worte.»Ach Mutter,« rief sie,»beste Mutter, kannst Du mir verzeihen? Ach Du bist so gut, so liebevoll gegen mich, und ich habe Dir ungehorsam seyn, Dich so betrüben können! Mutter, vergib mir; ach, schon durch die Vorwürfe, die ich mir mache, bin ich hart bestraft.« Jetzt wurde die edle Frau wieder ruhig. Sie hatte in Elisen ihre Tochter wiedergefunden, hatte sie so gefunden, wie sie sonst war. Gern verzieh sie ihr, ihrer Reue wegen, alles was heute vorgefallen war.»Ich kann nicht glauben,« sagte sie,»daß es bey dir vorsetzlicher Ungehorsam war, denn du warst ja immer ein gutes, folgsames Kind; lieber will ich alles einer Aufwallung gekränkter Eigenliebe zuschreiben.« Indeß sie noch so sprachen, trat der Arzt herein, um die angebliche Patientinn zu besuchen. Sobald er aber ihren Puls untersucht hakte, sagte er, es sey nichts, als eine starke, durch heftige Gemüthsbewegung veranlaßte Aufregung des Blutes, und morgen werde sie, nach einer ruhig durchschlafenen Nacht, wieder so gesund seyn, wie zuvor. Und so fand sich's auch; Elisens Krankheit war nichts anders, als ein heftiger, jedoch nur kurzer Anfall von Eigensinn. Sie zeigte sich nun bereit, die schwierige Zeichnung zu beginnen, und siehe da, sie gelang über ihre Erwartung. Voll Freude brachte sie dieselbe ihrer Mutter.»Du siehst,» sagte sie, indem sie ihr um den HalS fiel,»Du siehst, lie- 102— bes Mütterchen, wie viele Mühe ich mir Dir zu Liebe gegeben habe; wirst Du mich aber jetzt auch loben und zufrieden mit mir seyn?« »Ja, das will ich,« sagte Frau Alpi n- ger, sie in ihre Arme schließend,»aber laß dir noch bey dieser Gelegenheit einige Worte für die Zukunft sagen. Du sagst, du habest dir, mir zu Liebe, so viele Mühe gegeben, und darum sey dir die Arbeit so gut gelungen. Warum wolltest du denn, was du heute thatest, mir nicht schon gestern zu Liebe thun? Du wolltest nicht einmahl einen Versuch machen, du sagtest schon im voraus, daß es nicht gehen würde, und doch ist es gegangen. Du siehst also, daß ich wirklich besser, als du selbst, weiß, was du leisten kannst, und daß ich nichts von dir begehre, was Über beine Kräfte geht. Ich erwarte daher, daß du dich fernerhin immer meinen besseren Einsichten unterwirfst, mir nicht mehr widersprichst und fest überzeugt bist, daß ich nichts Unbilliges, viel weniger etwas Unmögliches, von dir verlange.« »Ach das will ich, das will ich,« nef Elise aus und küßte der gütigen Mutter die Hand. Von jetzt an ließ sie sich me wieder häßlichen Eigensinn zu Schulden kommen. Das TNasferglas» Lottchen und Julchen waren Schwestern. Lottchen hatte schon ihr zwölftes, Ju l- ch en kaum ihr neuntes Jahr zurück gelegt. Die — 103—" altere Schwester war herrisch und wollte die Hofmeisterinn über die jüngere spielen. Beständig hörte man in ihrem Wunde die Worte: »I ulchen, jetzt thust du dieß! Julchen, jetzt thust du das.« Darum nannte man sie in dem Hause nicht anders, als die Gouvernante. Julchen aber, die auch ihr Köpfchen hatte, sagte, sie habe ihre Mutter, und sie brauche keine andere Gouvernante; Lottchen sey nichts weiter als ihre Schwester und habe ihr nichts zu befehlen. Hierin hatte aber die kleine Person sehr Unrecht, denn allerdings müssen sich die jüngeren Geschwister von den älteren, von denen man voraus setzt, daß sie verständiger sind, etwas sagen lassen, zumahl, wenn Vater und Mutter nicht zugegen sind. Einst waren die Schwestern allein im Zimmer. Julchen war etwas unordentlich; wo sie etwas gebraucht hatte, da ließ sie es liegen. So war es auch heute, statt aufzuräumen, setzte sie sich hin und las in einem Buche. »Jetzt ist es noch nicht Zeit, zu lesen,« sagte Lortchen,»bringe erst deine Sachen, die m dem Zimmer herum liegen, an ihren Ort, und hilf mir aufräumen, denn ist es nicht eine Schande, wenn Jemand kommt und alles in solcher Unordnung antrifft!« »Ich will schon aufräumen,« sagte Ju l- ch en und blieb sitzen. Lottchen. Du sollst aber jetzt gleich aufräumen. —» 104— Julchen. Ich will aber jetzt nicht. Lottchen. Wenn du nicht aufräumst, so bekommst du das Wasser m diesem Glase m's Gesicht(es waren nur wenige Tropfen in dem (Zlaje). ^ulchen. Ich werde schon aufräumen, wenn es Mir beliebt. Lottchen(noch mehr Wasser in das Glas gießend),^ch frage dich nun noch ein Mahl, ob du jetzt gleich aufräumen willst? Julchen. Es hat so große Eile nicht. (»och mehr Wasser zugießend). Willst du noch immer nicht? Julchen(lächelnd nach dem Glase blickend). Noch immer nicht. Lottchen(das Glas über die Hälfte mit Wasser füllend). Du siehst, ich bin sehr lang. müthig; aber die Strafe wird immer größer, sum letzten Mahle frage ich dich, ob du gleich auf der Stelle aufräumen willst, oder nicht? 3 u l chen(schnell zur Thür hinaus schlüpfend). Gar nicht will ich aufräumen. Lottchen(ihr mit dem Wafferglase nachlaufend). Warte nur, du entgehst mir nicht, ^ch will dich schon treffen, sollte ich auch eine Stunde lauern müssen. Sie räumte nun schnell das ganze Zimmer auf, füllte das Wasserglas bis an den Rand, stellte es neben sich hin und setzte sich an ihre Arbeit, nahe an die halboffene Thür, wo sie alles hören konnte, was die Treppe herauf kam. Hier saß sie ungefähr eine halbe Stunde, 105-- als sis etwas heraufschleichen hörte. Schnell nahm sie das Wasserglas zur Hand und lauschte. Es war Iulchens Tritt. Kaum hatte die Heraufkommende die letzre Stufe erreicht, so hatte sie das ganze Glas voll Wasser über den Kopf. Sagte ich s nicht,« rief Lottchen triumphirend, »daß Du mir nicht entkommen würdest? Jetzt gehe hin und laß dich abtrocknen.« »Ach Himmel,« antwortete weinerlich eine fremde Stimme,»was denkst Du denn, Lottchen, daß Du mich über und über mit Wasser begießest? Das ist gewiß ein schlechter Spaß, denn siehe nur an, wie Du mir Wäsche, Kleider, Papier und alles verdorben hast.« »Ach du mein Gott!« rief Lottchen,»Du bist es, armes Iettchen! O verzeihe mir, es hat nicht Dir gegolten, sondern meiner Schwester; das böse Mädchen ist mir entlaufen, weil sie nicht aufräumen wollte. Dafür sollte sie ein Glas Wasser in's Gesicht bekommen, und statt ihrer traf ich Dich. Verzeihe mir, liebes Iettchen, diefatale Verwechslung und komme nur geschwind herein, daß ich Dich umkleide.« »Verzeihe auch mir,« rief lachend das schelmische Julchen, das schon lange wieder oben war, und von einem Winkel aus die Verwechslung mit angesehen hatte,»verzeihe nnr und meiner Gouvernante. Du bist das unschuldige Opfer unsers Streites geworden; aber Du siehst, ich kann nichts dafür.« Es wurde alles vergeben, aber nicht vergessen, denn noch lange nachher lachten und scherz- ten sie über die drollige Geschichte, und selbst die Aeltern lächelten, als sie ihnen erzählt ward. Doch bekam Iulchen den verdienten Verweis wegen ihrer Widerspenstigkeit. Ende des ersten Theils. Inhalt. Seite Der Blinde...... 7 Rosalie und ihre Mutter....-3 Albertine...... 19 Der arme Schuster 2S Hedwigsund Julchen..... 89 Kindestreue.. t... 4» Die arme Frau..... 4? Der Pudel...... SS Die strenge Mutter..... 66 Die junge Haushälterinn.... 67 Das Weihnachts-Geschenk.... 8i Der Mutter Schmuck.... 8S Ost bringt Schweigen mehr Ehre, als Reden 86 Der Weihnachtsabend der armen Familie. 89 Der Hufschmid..... 92 Die Zeichnung..... 98 Das Wasserglas..... 102 « LME »c,M r'-^ NB« LL«x Ä^Ä W«M WEFMK MBU - UW»>,^ ,»rL Mss^W»^s^MW»»l AftW^MMW «WWW SSSUsS « k?M^«M