6952-^ . Iirgendschriften von Otzristoxh Lchmid, DomcapiLular Blsthums Augsburg im Königreiche.Bayern. A» rwanrig Wänvchen. l'edes mit einem Kupfer. Dritte vermehrte, mit zwanzig Kupfern gezierte, gut lesbaren Lettern im größeren Formate gedruckte, durch Correctheit und Eleganz ausgezeichnete, allerwohlfeilste Wiener Ausgabe. Erstes Bändchen. Enthaltend: Genovefa. LM i r n. Anton Mausberger's Druck und Verlag. - . «N'7 :-'..L M -Ä--^^ A^Q n...^^»- H,. ->">^ L, >> » ?^1 L.^ M» « ss« - » Genovefs. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums. neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. Bon GHristoxh Achmid. Dritte Auflage. TM L e n. Anton Mausberger's Druck und Verlag. Vorrede. Euch, ihr guten Mütter! die ihr Gefühl für alles Gute und Schöne, und also wohl auch für das Beste und Schönste auf Erden, unsere heilige Religion, habt; euch und euern lieben Kindern, in deren zarten Herzen ihr dieses schöne Gefühl auch gerne wecken und rein bewahren möchtet, ist dieses Büchlein vorzüglich gewidmet. Es gibt wohl nichts Liebenswürdigeres, als eine Mutter, die ihre Kleinen um sich versammelt, und sie voll mütterlicher Zärtlichkeit in dem Schönsten und Besten, was wir auf Erde haben, unterrichtet— als Kinder, die sich mit kindlicher Lernbegierde um die freundliche Mutter drängen, und auf jedes Wort ihrer Lippen horchen. Euch, guten Mütter, dieses schöne Ge- Schmid's Jugendsch. i. Bd. Gensvesa.> - 2 schäft des Unterrichtes, eure Kinder einige Stunden so lehrreich als angenehm zu unterhalten— dazu möchte dieses Büchlein gerne ein kleiner Beytrag seyn. Deßhalb bemühte sich der Verfasser, so klar und einfach zu erzählen, daß ihn ein Kind verstehen könne— aber dennoch so zu schildern und darzustellen, daß auch eine gebildete Mutter, ja wohl auch ein gebildeter Mann, das Buch nicht ganz ohne Rührung aus der Hand legen möge. Fragt ihr mich, gute Mütter, ob sich alles genau so zugetragen habe, wie es in dem Büchlein erzählt ist, so antworte ich: die Hauptbegebenheiten haben wirklich die Wahrheit einer Geschichte; den kleinen Nebenum- ständen bemühte sich der Verfasser die Wahrheit eines Gemähldes zu geben. Es ist da, wie zum Beyspiel mit einem Gemählde der heiligen Familie. Wenn da das Angesicht der heiligen Jungfrau von Innigkeit, Demuth, Unschuld und Mutterzärtlichkeit wie verklärt ist; wenn der betagte Nährvater des Kindes so ein recht würdiges, frommes, redliches Aussehen hat; wenn sich in den Augen 3 des holdseligen, rosenwangigen Kindes gleich-- sam der Himmel austhut, so wißt ihr auf den ersten Blick, was das Gemählde vorstellen soll, und sagt es wohl laut:>D wie wahr! Ja, so mußten diese heiligen Personen ausgesehen haben.« Und dieß ist die Hauptsache, die in der Wahrheit der Geschichte gegründet ist. Ob die Farben der Gewänder genau die- selben waren, das fällt euch nicht ein zu fragen, und das könnte auch Niemand beantworten. Man kann von dem Mahler nicht mehr fordern, als daß er die Farben so sanft und mild wähle, wie sie sich zu einem solchen lieblichen Gemählde schicken. Und so ist es mit den kleinen Nebenumständen jeder Erzählung. Sie sind zur lebendigen und rührenden Darstellung einer Geschichte dem Erzähler so nothwendig, als die Farben dem Mahler zum Mahlen. Genug, wenn sie so gewählt sind, daß sie nichts Fremdes in die Geschichte hinein tragen, sondern, wie Blumen aus ihrem natürlichen Boden, aus der Geschichte hervor gehen. Möchte dem Verfasser sein Bemühen, so zu erzählen, gelungen seyn! * Dieß, gute Mütter, ist alles, was ich euch zu sagen habe. Ihr dürfet die Geschichte euern Kindern nur vorlesen, oder sie euch von einem eurer Kinder, das gut liest, vorlesen lassen, so wird sich alles Uebrige aus der Geschichte von selbst ergeben. Wenn— nicht ihr, guten Mütter!— sondern vielleicht sonst hier und da Jemand die Frage auswerfen sollte, warum überhaupt matt diese Begebenheiten der dunkeln Vorzeit wieder aus dem Staube hervorziehen möge, so sieht sich der Verfasser veranlaßt, diese Frage einem der größten Schriftsteller Deutschlands, der auch allgemein dafür anerkannt ist, beantworten zu lassen. »Kein Mann von einiger Gelehrsamkeit wird abläugnen mögen,(sagt dieser große, leider zu frühe verblichene Gelehrte in der Vorrede zu seinen vortrefflichen, im Geiste ihrer Zeit, ohne Zusatz von der Weisheit des Tages, erzählten Legenden), daß nicht in diesem Staube reine Goldkörner zu finden seyen. In den christlichen und dunkeln Jahrhunderten treten Geistesgestalten mit Zügen so edler Einfalt, so reiner Schönheit —«» 5—— und Würde auf, daß ihnen eben deßwegen fremder Schmuck entbehrlich ist.«—- »In der Einsamkeit, in bangen Zeiten der Furcht und Noth, überhaupt aber in jedem regen menschlichen Kreise sprechen sie mit sanfter Gewalt dem menschlichen Herzen zu, und gebiethen Einkehr in sich selbst, Glaube, Liebe, Geduld.« »Muß man diese Gestalten im Dunkeln lassen? Darf man verblichene Tugenden und Grundsätze nicht vorführen, bloß, weil sie nicht die Vulgivagen(die Alltagsvorstellungen des großen Haufens unserer Zeit) sind? Eben das, dünkt mich, müsse man aus vorigen Zeiten herführen, woran es der gegenwärtigen entschieden und zu ihrem eigenen Nachtheile fehlet.« »Natürlich müssen diese Gestalten erscheinen, wie sie unser Geist und unser Herz zu sehen begehret. Gespottet hat man über sie genug, und zwar öfters mit schalem Spott, mit sehr unwissender Verleumdung; darf man sie nicht auch ein Mahl nützlich gebrauchen? Der Spott, zu dem(freylich) manche aus ihnen Gelegenheit gaben, ist erschöpft; das Feld des Nutzbaren in ihnen steht noch unberührt da.« — 6 Doch, genug. Ich hoffe, der Freund der Religion— sey es, daß er diese Blatter auch mit einer Art von Befremdung in die Hand nehme— werde sich am Ende wieder mit der Wahl des Verfassers aussöhnen, und der Heldinn der Geschichte, oder vielmehr der Re- ligion, huldigen, die in dem Leben einer heiligen Frau sich lebendig darstellt. Auf Schriftstellerruhm macht übrigens der Verfasser keinen Anspruch. Eine einzige Thräne der frommen Rührung, der Beruhigung in ähnlichen Leiden, des frohen Vertrauens auf Gott, wird ihm der schönste Lohn seyn, den er sich nur immer wünschen kann. Grstes CÄWter. Genovefa wird Grafen Siegfrieds Gemahlinn. Ä>or mehreren Jahrhunderten lebte, nachdem tue Morgenröche des Evangeliums die Finsternisse des Heidenthums in Deutschland zerstreut, und die rauhen Sitten unserer tapfern Voraltern schon n)r gemildert hatte; nachdem selbst der rauhe, harte Boden unter der fleißigen Hand der ersten Bekennet reS Christenthums eine freundlichere Gestalt genommen, und die unermeßlichen Waldungen bereits in vielen Gegenden den reichen Kornfeldern und blühenden Garten Raum gemacht hatten, in den Niederlanden ein sehr edler Herzog, der Herzog von Bra- bant. Wegen seines kühnen Muthes und seiner hohen Tapferkeit in den Schlachten ward er allgemein bewundert, wegen seiner aufrichtigen Gottesfurcht, seiner thätigen Liebe zu den Menschen, seiner unverbrüchlichen'Rechtschaffenheit allgemein verehrt und geliebt. Seine Gemahlinn, dieHerzogmn, war ihm an edlen Gesinnungen vollkommen gleich, und mir ihm nur Ein Herz und Eine Seele. Sie hatten nur eine einzige Tochter, die sie unaussprechlich liebten, und vortrefflich erzogen— Nahmens Genovefa. Schon als Kind zeigte Genovefa einen sehr hellen Verstand, ein sehr edles Herz, und in ihrem ganzen Betragen ein ungemein sanftes, stilles Wesen 83enn, nach der Sitte damahliger Zeit, die Herzoginn am Spinnrocken saß, ihre kleine Tochter von fünfJahren, auf einem kleinen zierlichen Stühlchen neben ihr sitzend, die Spindel ausnehmend geschickt zu fassen, und die reinsten Fädchen zu drehen wußte, wahrend des Spinnens allerley sinnreiche Fragen that, auf jede Frage eine schöne treffende Antwort gab, und jedes Wort überaus sanft, deutlich und bedachtsam aussprach,— da gerieth jeder, wer sie '"Er sah, in Erstaunen, und sagte, aus diesem Kinde müsse einmahl etwas Außerordentliches werden. Wenn sie in einem Alter von zehn bis zwölf Jahren mit ihren herzoglichen Aeltern zur Kirche kam, mit ihrem lieblichen, innig frommen Gesichte, nuk Wangen, auf denen das reine, unverdorbene Roth der Unschuld blühete, mit ihren langen, goldenen Locken, in ihrer einfachen weißen Kleidung zwischen Vater und Mutter, in dem mit rothem Tuche bedeckten Kirchenstuhle, so vor dem Altare da knieete, die hellen, blauen Augen voll Andacht zum Himmel aufschlug, und sie dann wieder voll Anbethung zur Erde senkte— so glaubte Jedermann einen Engel des Himmels zu sehen. Als ein wahrer Engel des Trostes erschien sie in der Hütte der Armuth und am Krankenbette. Sie brachte den armen Kindern Kleidungsstücke, die sie selbst verfertiget hatte, und gab den Männern manches Goldstück, das ihr der Herzog zu ihrem eigenen Putze geschenkt hatte. Mit einem kleinen Körbchen am Arme eilte sie in der Morgen- und Abenddämmerung ungesehen zu den Kranken, brachte ihnen erquickende Speisen und manche kostbare Baumfrucht, die damahls in Deutschland noch eine Seltenheit war, und die sie an ihrem eigenen Munde erspart hatte. Als erwachsene Jungfrau war sie recht das Bild der Unschuld und Schönheit, und alle fromme Mütter stellten das Fräulein — 9 — denn so nannte man damahls noch die herzoglichen Prinzessinnen— ihren Kindern als ein Beyspiel der Frömmigkeit, derEingezogenhett, derSrtt- samkeit, des Fleißes, der Sanftmut!) und jeder weiblichen Tugend vor. Graf Siegfried, ein sehr tapferer Ritter, von hohem edlen Sinne und Aussehen, rettete demHer^g in der Schlacht das Leben. Der Herzog brachte ihn mit sich aus dem Feldzuge nach Hause, gewany ihn bald so lieb, als wäre er sein eigener Sohn, und gab ihm seine Tochter zurGemahlinn. AlS der Morgen anbrach, an dem Genovefa mit ihrem Gemahl abreisen sollte, da blieb in der ganzen herzoglichen Burg und weit umher in der Gegend kem Auge trocken. Genovefa, so sehr sie auch ihren Gemahl liebte, zerfloß beynahe in Thränen. Der ehrwürdige Vater schloß sie noch einmahl in seine Arme, benetzte sie mit Thränen und sprach: »So zieh' denn hin, meineTochter! Ich und Deine Mutter sind alt. Wir bleiben beyde zurück, und wissen nicht, ob Du unser Angesicht je noch einmahl sehen wirst. Aber Gott zieht mit Dir, und überall, wo Du nur hinkommst, ist er bey Dir. Habe ihn stets vor Augen und im Herzen, wie Du dieß von Deinen Aeltern gelernt hast, und weiche nie ein Haar breit, weder zur Rechten noch zur Linken, von seinen Wegen ab; dann dürfen wir wegen Deiner unbekümmert seyn, und können einst getrost sterben!» Hierauf umfaßte ihre Mutter sie mit zitternden Armen— und konnte vor Weinen und Schluchzen kaum die Worte hervor bringen:»Lebe wohl, Genovefa, und Gott begleite Dich! Ach, ich weiß nicht, was über Dich verhängt seyn wird, und das Herz ist mir von allerley trüben Ahndungen schwer! Aber Du warst immer eine gute Tochter, warst unsre größte Freude aus Erden, betrübtest uns nie— o bleibe ferner gut. Thue nie etwas, dessen Du Dich vor Gott und DeinenAeltern schämen müßtest! Noch einmahl, bleibe Du gut— dann ist alles gut! Und sollten wir uns auch auf Erden nie mehr sehen, so sehen wir uns dann doch im Himmel gewiß wieder!« Nun wandten sich beyde Aeltern noch zu dem Grafen, und sagten:»OSohn, so nimm sie denn hin. Sie ist unser kostbarstes Kleinod. Sie ist Deiner werth. Behalte sie lieb, und sey nun Du ihr Vater und Mutter.« Graf Siegfried versprach alles., und knieete mit Genovefa nieder, den väterlichen und mütterlichen Segen zu empfangen. Jetzt trat Hidolph, der Bischof, der Genovefa mit dem Grafen Siegfried vermählt hatte, ein frommer, ehrwürdiger Greis mit schneeweißen Haaren und nochblühend rothen Wangen, herbey, legtebsy- den disHände auf, segnete sie, und sprach noch besonders zu Genovefa:»Weinet nicht, edle junge Frau! Gott hat Euch ein großes Glück zugedacht— allein anders, als alle hier denken. Es wird aber der Tag kommen, da alle, die hier gegenwärtig sind, Gott mit Freudenthränen dafür danken werden. Gedenkt dieser meiner Worte, sobald Euch etwas Außerordentliches begegnen wird— und der Herr sey mit Euch.« Bey diesen Worten des frommen gottesfürchti- gen Greisen ergriff alle Umstehenden eine leise Ahnung bevorstehender außerordentlicher Schicksale, und die allgemeine Wehmuth verwandelte sich in stumme vertrauensvolle Anbethung Gottes und seiner heiligen Vorsehung. Der Graf hob hierauf Genovefa, die leichenblaß und halb ohnmächtig war, auf das für sie bereit stehende prächtig gezierte Rei- sepferd, schwang sich dann auf sein Ritterroß, und so zogen sie denn Untereiner zahlreichen Begleitung von Rittern fort. 1L— hl, LweyikÄ CKUiiel. Graf Siegfried zieht in den Krieg. >en Das Schloß des Grafen, Siegfriedsburg ge- e»! nannt, lag hoch am Felsen, zwischen den beyden nn Flüssen, dem Rhein und der Mosel, m einer scho- er- nen anmuthsvollen Gegend. der Graf mit sei- hr ncr inngen Gemahlinn sich dem Schloßthore naher- rch te standen schon alle seine Diener und Untenha- li- nen— Männer und Weiber, Jünglinge,^ung- frauen und Kinder— in ihrem besten Schmuck bs- -fa ,-xit, das edle Brautpaar zu empfangen. Die Schloßen- pforte war mit grünem Laubwerk und init Blumen en geziert, und. auch der Weg nnt Blumen und frischen Y' Blattern bestreut. Aller Augen waren aufGenovefa >e- gerichtet; alle waren voll Neugierde, ihre neueGe- ge bietherinn zu sehen. Als sie dieselbe nun nayer er- — blickten, ergriff alle ein Erstaunen. Denn da Teer novefa's Angesicht ganz der Spiegel einer reinen, d, unschuldvollen, wohlwollenden, himmlisch gesinnten ie- Seele war, so hatte es wirklich etwas Himmlisches, u- und war in der That von überirdischer Schönheit, ey Genevefa stieg nun ab, grüßte alle so sanft, so freundlich, und mit so holdseligen ungekünstelten Worten n-— redete mit den alten Männern so ehrerbiethig, h- mit den Müttern, die, ihre Kinder auf dem Arme ^, und an der Hand, da standen, so freundlich— er- in kündigte sich nach den Nahmen und Alter der Kinder, n- und beschenkte dieselben so reichlich, daß alles ent- e- zückt ward. Als sie aber über dieß noch— um was sie den Grafen unter Wegs gebethen hatte, den Krie- i- gern und Dienern für dieses Jahr eine doppelte Löh- id nung, den Unterthanen auf ein Jahr Erlaß der Ab- ig gaben, und den Hausarmen eine reiche Gabe an Getreide und Holz ankündigte, da brachen alle in —« 12»— lauten Jubel aus, Freudenthränen flössen, alle priesen sich und den Grafen glücklich, und tausend fromme Wünsche für das junge Ehepaar stiegen zum Himmel. Sogar den alten Kriegern des Grafen, die, ihrem Herrn zu Ehren, mit ernstem Gesichte unbeweglich unter dem Gewehre da standen, flössen die hellen Zähren über die rauhen Bärte. Siegfried und Genovefa lebten in der seligsten Eintracht. Allein diese Seligkeit währte nur wenige Wochen. Eines-Abends spät nach Tische, da man schon das Licht angezündet hatte, saßen beyde vergnügt in dem gewöhnlichen Wohnzimmer. Genovefa spann und sang, und Siegfried begleitete ihren Gesang mit der Laute. Da hörten sie plötzlich draußen bem Schlosse kriegerische Trompeten.»Was gibt's?« rief derGraf seinem Stallmeister entgegen, der eben eilends herein kam.»Krieg!« antwortete dieser.»Die Mohren sind plötzlich aus Spanien in Frankreich eingebrochen, und drohen alles durch Feuer und Schwert zu verheeren. Zwey Ritter sind unten mit Befehlen vom Könige. Wir sollen, wenn's möglich, noch diese Nacht aufbrechen, um unverzüglich zum Heere des Königs zu flössen.« DerGraf eilte sogleich hinunter, bewillkommte die Ritter, und führte sie hierauf in den großen Rittersaal. Die erschrockene Gräfinn eilte zur Küche, Anstalten zur Bewirthung der Ritter zu machen— denn in jenen alten Zeiten schämten sich auch Gräfinnen nicht, am Feuerherde zu stehen. Der Graf brachte die ganze Nacht mit Kriegsanstalten, Aussendung der Bothen an seine Kriegsleute in der Gegend umher, und mit Anordnungen für seine Abwesenheit zu. Alle Ritter der Nachbarschaft kamen auf seinem Schlosse zusammen, und das ganze Schloß widerhallte vom Getöse der Waffen, den Fußtritten geharnischter Männer, und dem Klirren der Sporne. »**»!8 Die Gräfinn war die ganze Nacht beschäftiget, so viele Leute zu bewirthen, und Leinenzeug und alles, was der Graf für diese Reise nöthig hatte, zusammen zu packen. Mit Anbruch des Tages waren alle Ritter geharnischt in dem Saale versammelt, und der Graf stand, vom Haupte b,s p-den Füßen m Eisen gehüllt, und einen wallendenFederbusch oben auf dem'Helme, in ihrer Mitte. Unten vor dem Schloßthore hatte Reiterey und Fußvolk sich bereits in Schlachtordnung gestellt, und wartete seiner. Genovefa trat nun in den Saal, und überreichte ihrem Gemahl, nach Rittersttte, Schwert und Lanze. »Führe diese Waffen für Gott und Vaterland— zum Schutze wehrloser Unschuld, und zum Schrecken übermüthiger Verbrecher!«— und sank ihm dann bleich, wie das weiße Tuch, das sie in der Hand hielt, in die Arme. Bange Ahnungen künftiger Leiden, die sie sich jetzt aber noch nicht deutlich zu machen wußte, erfüllten ihr Herz.»Ach, Siegfried,« seufzete sie.»Wenn Du nicht mehr zurück kehrtest!« und verbarg ihr Angesicht in ihr Tuch. »Sey getrost, Genovefa!« sprach der Graf.»Wider den Willen Gottes streckt mich keiner zur Erde hm. Ueberall sind wir in Gottes Hand. Wir sind zu Hause dem Tode so nahe, als auf dem Schlachtfeld de, und nur.seine Hand ist's, die ihn jeden Augenblick von uns abhält. Unter seinem Schuhe sind wir mitten in der blutigsten Schlacht so sicher, als sonst in unserer Burg. Gott ist der Gott der Knegsheere, und eine feste Burg. Wer Gott fürchtet, der hat sonst nichts zu fürchten. Darum kümmere Dich nicht, liebes Weib, und sey meiner wegen ruhig.— Die Obsorge über Dich, und über das Schloß und die Grafschaft, habe ich, nächst Gott, meinem treuen Hausmeister hier übergeben. Er ist von nun an Burg- vogt und Verwalter meiner Besitzung-! Und nun empfehle ich Dich dem Schutze des Höchsten! Lebe st wohl, gedenke meiner, und bethe für mich.« st Genovefa begleitete ihn noch die steinerne Wen- v deltreppe hinab, und alle Ritter folgten. Sobald sie k aus dem Schloßthore traten— da tonten die Trom- g peten, da blitzten die geschwungenen Schwerter in i der eben aufgehenden Morgensonne, den Grafen zu s begrüßen. Er schwang sich, um seine hervorbrechen- den Thränen zu verbergen, schnell auf sein Roß,! und sprengte voran, und mit einem Getöse, das! dem Donner glich, sprengten Ritter und Reiters-> knechte über die zitternde Zugbrücke des Schlosses hinter ihm darein. Genovefa sah von dem Thurme^ dem Zuge nach, bis er aus ihren Augen verschwwand, und verschloß sich dann auf ihr Zimmer, sich auszuweinen, und genoß den ganzen übrigen Tag keinen Bissen. Dritlrs TsPitkl. Genovefa wird unschuldig angeklagt. Genovefa lebte nach der Abreise des Grafen auf ihrem Schlosse in der tiefsten Stille. Wenn der röth- liche Morgen über den Tannenwäldern aufging, fand er sie schon an ihrem Fenster bey der Arbeit sitzend, und manche Thräne floß, wie Thau", auf die Blumen, die sie stickte. Sobald das helle Meß- glöcklein tönte, eilte sie zur Schloßcapelle, und flehet« mit Inbrunst für das Wohl ihres Gemahls. Nie sah man ihren Kirchenstuhl während des Gottesdienstes leer, und auch manche Nachmiltagsstund« brachte sie einsam dort zu. Sie versammelte die Mädchen des Dorfes, das unten am Schloßberge lag, um sich her, unterrichtete sie im Spinnen und Nähen, und erzählte ihnen unter der Arbeit man- !ebe cn- > sie >m- ' in >zu en- >ß, das >rs- ffes Me nd, us- kei- >uf th, lg, eit ,uf eß- fie- ls. ot- ide die g- >1 d n- —» 15-- cherley Schönes. Wie sie von Kindheit an eine Freundinn der Armen und Kranken gewesen, so war sie nun eine wahre Mutter derselben. Da war kein Durstiger, dem sie nicht Arbeit und Verdienst gab, und wo nur ein Kranker war, da besuchte sie ihn in seiner Hütte, und ihre Freundlichkeit und holde Beredsamkeit machte demselben die bittersten Arzeneyen süß. Am Abende spann sie im Kreise der Mägde— und oft noch spät in der Nacht, wenn der Mond in das Fenster schien, saß sie m dem einsamen Zimmer, spielte auf der Laute, und sang ein frommes Lied dazu. Zu allem aber hielt sie aus gute Ordnung und reine Sitten, und duldete an ihren Untergebenen durchaus nichts Unrechtes. Der Hausmeister, dem der Graf alles das Sei- nige übergeben hatte, hieß Golo. Er war ein feiner, wohlgebildeter Mann, der wußte durch seine schmeichelhaften Reden und durch sein gefälliges Betragen beynahe Jedermann für sich einzunehmen. Allein er war ein Mann ohne Gewissen und ohne Gottesfurcht. Sein Vortheil und sein Vergnügen ging ihm über alles. Ob das, was er that, gut und gerecht sey, das kümmerte ihn gar nicht- wenn es ihm nur nützlich oder angenehm war. Sogleich nach der Abreise des Grafen fing er daher an, den gebiethenden Herrn zuspielen. Er kleidete sich prächtiger als der Graf, gab große Tafeln, stellte jeden Tag eine andere Lustbarkeit an, und verschwendete so die Güter seines Herrn. Dabey begegnete er allen treuen Dienern des Grafen übermüthig, brach auch dem geringsten Tagwerker an dem wohlverdienten Lohne ab, und ließ keinem Armen mehr auch nur einen Bissen Brot zukommen. Nur gegen Genovefa hatte er bisher immer die tiefste Ehrerbiethigkeit bezeigt, und seine Freundlichkeit und Dienstfertigkeit gegen sie war ohne Gränzen. Genovefa begegnete ihm 16 imnier mit Ernst und Würde, ließ sich nie in ein Gespräch mit ihm ein, und erinnerte ihn immer nur an seine Pflicht. Anfangs schien er ihr zu gehorchen, und suchte seine Fehler vor ihr auf das sorgfältigste zu verheimlichen. Allein nach und nach nahm seine Kühnheit zu, und zuletzt wurde er so unverschämt, daß er ihr die schändlichsten Anträge machte, die man einer ehrliebenden Frau oder Jungfrau nur immer machen kann. Sie wies ihn mit allem dem Abscheu und Unwillen ab, den er verdiente— und er fing nun an, sie grimmig zu hassen, und beschloß, sie zu verderbe». Genovefa, die nichts Gutes ahnete, schrieb an den Grafen, schilderte den Golo ganz der Wahrheit gemäß, und schloß mit der flehentlichen Bitte, diesen gefährlichen Menschen zu entfernen. DerKüchenmeister des Grafen, der ein sehr redlicher Mann war, nichts als das Beste seiner Herrschaft suchte, und sich den bösen Anschlägen des Golo, so gut er konnte, widersetzte, hieß Drako. Dieser übernahm es, den Brief der Gräfinn durch einen eigenen vertrauten Mann heimlich an den Grafen zu lenken. Allein dem listigen Golo war dieß nicht verborgen geblieben. In dem Augenblicke, da Genovefa dem Drako Morgens frühe auf ihrem Zimmer den Brief übergab, stürzte Golo mit gezücktem Schwerte herein, stieß den armen unschuldigen Drako vor ih-. ren Augen nieder, und erhob ein fürchterliches Geschrey. Alles im Schlosse lies eilends zusammen, sah die Gräfinn entstellt und sprachlos von Schrecken, in einem Sessel gesunken, und den Drako in seinem Blute zu ihren Füßen liegen; und Golo brachte nun gegen die edle schuldlose Gräfinn solche schändliche Läge» vor, daß alle Knechte und Mägde im Schlosse darüber errötheten. Hierauf schickte er sogleich einen Bothen mit eben solchen lügenhaften verleumden- schen Briefen an den Grafen ab, klagte Genovefa, die frömmste und unschuldigste der Frauen., als ein treuloses, ehrvergessenes Weib an, und lteß sie indessen in den tiefsten Thurm des Schlosses werfen. Golo kannte die Gemüthsart seines Herrn genau. Er wußte, daß der Graf zwar sehr edelgesinnt, gerecht, mitleidig und großmüthig sey; allein, daß er bey allen seinen vortrefflichen Eigenschaften seine Neigung zum schnellen, auffahrenden Zorn, zur Empfindlichkeit und Eifersucht, nicht zu beherrschen wisse, »lind,« sagte der Bösewichc,»eine einzige unbeherrschte Neigung eines sonst auch noch so trefflichen Mannes gleicht dein Ringe in der Nase des Buren. Man kann ihn dabey führen, wohin man nur will.« Golo rechnete also sicher darauf, im ersten Anfall von Zorn werde der Graf wohl gar Befehl geben, die Gräfinn zu ermorden. viertes CAyLtel. Genosefa im Gefängnisse. Der Thurm, der zu Gefängnissen für Uebelthä- ter bestimmt war, und den das Volk nur den Armensünderthurm nannte, war der fürchterlichste Thurm unter den Thürmen des Schlosses. Genovefa konnte nie ohne geheime» Schauder und ohne herzliches Mitleid gegen die armen Gefangenen daran vorbey gehen. Und zu Unterst in diesem Thurme lag sie nun selbst! Ihr Gefängniß war so kalt, dumpf und schauerlich, wie ein Todtengewölbe. Die Mauern waren^ schwarzgrau, und von der Feuchtigkeit an vielen Stellen grün angelaufen. Der Boden war mit rothen Ziegelsteinen gepflastert. Nie schien die Sonne dahin, nie der freundliche Mond. Die wenige Tageshelle, die durch ein kleines Eisengitter einfiel, Schmid's Jugendsch,>. Bd. Genovefa. s und Genovesa's, Helles blendendweißes Gewani' lenken gleichsam nur dazu, die Schrecknisse dieses fürchterlichen Ortes sichtbar zu machen. Tag und Nacht saß sie nun auf ein wenig Stroh so da! Neben ihr stand ein irdenes Krüglein mit Wasser, und ein wenig rauhes schwarzes Brot war all ihre Nahrung. Ihre Augen und Wangen wurden von vielem Weinen nach und nach ganz wund. Sobald sie aber von der ersten Betäubung des Schreckens und des Schmerzen« sich erholt hatte, da faltete sie mit glühender Inbrunst ihre Hände, blickte zum Himmel aus und bethete:»O Du guter Vater im Hünmel! Hier sitze ich tief unter der Erde, und blicke aus zu Dir. Ich bin jetzt ganz verlassen. Ich habe Niemand mehr als Dich. Kein mitleidiges Auge sieht meinen Jammer. Meine Stimme erreicht keines Menschen Ohr. Aber Du siehst meine Thränen— Du hörst meine Seufzer! Du bist ja überall zugegen. Du bist auch hieran diesem dunkeln Orte. Mein Vater und meine Mutter wissen nichts von mir, und mein Gemahl ist weit von mir entfernt. Die liebreiche Hand aller meiner Freunde kann mir nicht helfe». Aber Dein Arm ist nicht verkürzt. Du kannst mein Kerkerthor aufthun. O, erbarme Du Dich meiner, bester Vater!« Dann saß sie wieder auf's neue, von Schmerz ganz betäubt, stumm und ohne Thränen da.»O wie glücklich,« sprach sie,»sind doch die ärmsten Menschen im Vergleich meiner! Sie sehen doch den schönen blauen Himmel, und die lieblichen grünen Wiesen. O, daß ich statt einer herzoglichen Prinzessinn ein armes Hirtenmädchen, oder statt einer Gräfinn eine Bettlerinn wäre, wie wohl wäre mir da! Ach, mir ist alles genommen, und ich habe gar nichts mehr! Sogar die Sonne, die für alle ist, ist nun für mich nicht mehr! Doch,« fuhr sie fort, und ihre L8—- Thränen flössen wieder,»Du bist ja noch mein, o Gott! O sey denn Du meine Sonne! Ja, sobald ich Deiner gedenke, so wird es wieder helle in meiner Seele, und mein von Jammer, wie von einem tödtlichen Frost erstarrtes Herz thauet wieder auf zu Thränen!« Jetzt kamen ihr die Worte des ehrwürdigen Bischofs zu Sinne.»Das also ,« rief sie, und blickte in ihrem Gefängnisse umher,»das ist also das Glück, das Du mir verhießest, frommer Mann? Hinter einer Pforte von Blumen wartete dieser dunkle Kerker auf mich!— Doch,« fuhr sie fort,»da Du, o Gott! mich in dieses Gefängniß kommen ließest, so muß es für mich so gut seyn. Ja, Du sendest die Leiden nur aus Liebe. Sie sind nur verkleidete Wohlthaten. Unter dem Unglücke ist lauter Glück und Segen verborgen—> wie Deine Hand in die bittere Schale mancher Frucht einen süßen Kern verschloß.— So will ich denn dieses Leiden von Deiner Vaterhand getrost annehmen. Nur auf Dich will ich sehen, und nicht über meine Verfolger klagen. Du willst es so— nun Herr, hier bin ich! Mach es mit mir, wie Du willst. Aber nur Deine Gnade! Gegen Deinen Willen kann mir ja kein Haar gekrümmt werden.« Nachdem sie so gebethet hatte, empfand sie einen großen Trost. Es war ihr nicht anders, als sagte eine Stimme m ihrem Innersten:»Sey gutes Muthes, Genovefa! Du mußt zwar noch Vieles leiden— aber aus allen Deinen Leiden errettet Dich der Herr! Du bist zwar jetzt in den Augen der Menschen eine Uebelthäterinn, aber Deine Unschuld wird einst doch noch Heller glänzen, als die Sonne.» Und hierauf verfiel sie in einen crauickenden Schlummer. fünftes C"LNitel. Genovefa wird im Gefängnisse Mutter. Genovefa saß mehrere Monathe lang im Gefängnisse. Diese lange Zeit kam kein Mensch zu ihr, als Golo, der ihr seine schändlichen Anträge ohne Aufhören wiederholte, und ihr nur unter dieser Bedingung eine Ehrenerklärung und die Befreyung aus dem Gefängnisse versprach. Allein Genovefa sprach zu ihm:»Lieber vor den Menschen ehrlos scheinen, als es in der That seyn. Lieber zu Unterst m diesem Thurme verschmachten, als mich durch eine Uebelthat auf einen Königsthron erschwingen.« Ihr Leiden wurde indeß noch größer. Bald nach der Abreise ihres Gemahls war sie zu der entzückenden Gewißheit gelangt, Mutter zu werden. Dieser Augenblick war jetzt da— und sie wurde Mutter von einem Sohne.»O Du liebes Kind!« sprach sie, und drückte es mit zitternden Armen an sich,»so bist Du denn da! Und in diesem fürchterlichen Orte erblickst Du die Welt! O komm her an mein Herz, daß ich Dich erwärme! Ach, Deine arme Mutter hat nicht einmahl ein« Windel, Dich darein zu wickeln. Kein Mensch reicht ihr auch nur einen Löffel voll warme Suppe, ach, wie kann Deine kranke abgezehrte Mutter Dich ernähren! In diesem schauerlichen Aufenthalte hier ist nicht einmahl ein anderes Plätzchen, wo ich Dich hinlegen könnte, als das harte, kalte Steinpflaster hier. Unter diesem finstern, feuchten Gewölbe, von dem ohne Unterlaß das Wasser herab tröpfelt, mußt Du vor Nässe und Kälte ja umkommen. O ihr Steine da oben, was benetzt ihr mein liebes Kind mit diesen herabfallenden Tropfen? Seyd ihr auch so unbarmherzig, wie die Menschen? Doch nein, verzeiht mir! Ihr stmn« 2l men Mauern habt mehr Gefühl. Ihr könnet mein und meines Kindes Elend nicht mehr ansehen, und . trauert und weinet mit mir.« Hierauf blickte sie zum Himmel auf, hielt ihr !g- Kind mit zitternden Armen empor, und sagte unter rls Thränen:»O Gott! Du hast mir dieses Kind ge- af- schenkt, Du hast ihm das Leben gegeben! Deine in- Gabe ist es! Dir gehört es an. Dir soll es auch us ganz gewidmet seyn! Ja—« fuhr sie fort—-»daS ach sey mein erstes Geschäft, daß ich es Dir weihe. Ich ;i- kann es nicht zu Deinem heiligen Tempel senden, m Aber Du bist ja auch hier zugegen— und wo Du .ne bist, da ist Dein Tempel. Es ist keine freundliche Hand hier, die es aus der Taufe hebe, kein Prie« rch ster, der den Vater und Taufpathen an seine Pflich- m- ten erinnere. So will denn ich, Deine Mutter, die ser Stelle des Taufpathens, Vaters und Priesters zitier gleich vertreten.— Ich gelobe Dir denn hier feyer- ke, lich, o Gott— wenn Du anders mich und mein -so Kind noch so lange wirst leben lassen— dieses rte Kind in dem heiligen Glauben an Dich, o Vater! rz, a" Deinen Sohn und an Deinen Geist, in der ter Erkenntniß Deiner und in der heiligen Liebe zu er- vi- ziehen, und es als ein theueres, anvertrautes fel Kleinod vor dem Bösen zu bewahren, damit ich ike eS Dir an jenem Tage rein und unbefleckt von m- Sünden und Lastern zurück geben, und in meiner m- Rechenschaft vor Dir bestehen möge.« Nun bethete tlS sie noch lange stille, griff dann nach dem Wafferge- in- schirre, und taufte das Kind, und gab ihm den aß Nahmen Schmerzenreich.»Denn,« sagte sie, nd»unter Schmerzen und Thränen kamst Du zur as Welt. Schmerzenreich soll daher Dein Taufnahmen, n- und die Thränen Deiner Mutter sollen Dein Ein- ije gebinde seyn!« m« Hierauf wickelte sie das Kind in ihre Schürze, —22»«-» und legte es in ihren Schoß.»So,« sagte sie,»hier> in meinem Schoße soll Deine Wiege seyn.« Dann< blickte sie wehmüthig auf das kleine Stücklein> harten, schwarzen Brotes neben ihr, und sagte:> »Das, Du armes Kind, das soll also künftig Der-! ne Nahrung seyn! Es ist wohl hart und rauh und> reicht für mich kaum zu— aber sey getrost, die Thränen Deiner Mutter sollen es erweichen, und l unter Gottes Segen ist es für Dich und mich gs- i ring.« Sw kaute das harte Brot nun klein, und! ernährte ihr Kind damit. l Als nun das Kind einmahl sehr sanft in ihrem> Schoße schlief, da neigte sie sich über dasselbe, 2 und seufzte:»O Gott! blicke doch herab auf dieß> arme Kind hier in meinem Schoße! Ach, eine s Blume würde in diesem dunkeln kalten Gewölbe,- ohne Sonnenschein und Warme, ohne erfrischende> Luft, bald Glanz und Farbe verlieren, und bleich( und siech werden! Ach, wie sollte diese zarte Pflanze( hier gedeihen! O Gott, laß es doch nicht so elend s umkommen! O wie liebe ich es, wie gerne gab ich- mein Leben dafür! Aber Du liebst es noch mehr,( als ich. Du liebest mich, liebest alle Menschen^ mehr, als eine Mutter ihr Kind. Ja,« sagte sie> mit lauter, bewegter Stimme:»Du hast es ja selbst gesagt! Und wenn auch eine Mutter ihres Kindes vergessen könnte, so will ich doch deiner nicht vergessen.« Als Genovefa so laut sprach, erwachte das^ Kleine, und lächelte das erste Mahl freundlich gegen die Mutter. Genovefa lächelte auch—das erste Mahl in ihrem Gefängnisse.»Und Du lächelst, liebes Kind?« sagte sie, und drückte es an ihr Herz. a »Du achtest der Schrecknisse dieses Ortes nicht? l Ja, lächle nur! Dein Lächeln sagt mir mehr als l tausend Worts. Es ist mir, als wolltest Du sagen:^ Mutter! Weine nicht und sey fröhlich! Du bist r —» 23 ier wohl arm— aber Gott ist reich. Du bist hülslos, nn aber Gott ist ein allmächtiger Helfer. Du liebst mich ein wohl recht, aber Gott liebt Dich und mich noch te: mehr! Ja, lächle nur, liebes Kmd, lächle! So ei- lange Du lächelst, kann Deine Mutter nicht mehr nd weinen.« die Nach einigen Tagen kam Golo wieder. Mit wil- nd dem, zerstörten Gesichte trat er vor sie.»Nun hab' gs- ich's einmahl genug,« sagte er,»wenn Ihr eine nd Närrinn bleiben, und Eure Tugsndgrillen nicht aufgeben wollet, so erbarmt Euch doch wenigstens Eu» em res Kindes. Denn, wenn Ihr nicht nach meinem e, Willen leben wollt, so müßt Ihr, Gott strafe ieß mich! sterben, und Euer Kind dazu.« Genovefa ne antwortete ruhig und ohne Furcht:»Lieber tausend e, Mahl sterben, als in etwas willigen, über das ich ids mich vor Gott, meinen theuern Aeltern, meinem ich Gemahl und allen guten Menschen schämen müßte.« ize Gvlo warf ihr einen wüthenden Blick zu, wandte nd sich vor Zorn-ganz blaß um, und schlug die eiserne ich Thür mit einer Gewalt hinter sich zu, daß die w, Grundfesten des Kerkers zu wanken schienen, und len daS donnernde Getöse noch lange in dem Gewölbe sie nachhallte. bst, )eS er. Sechstes SsNitrl. Genovefa erhält Nachricht von ihrem na- .sie hen Tode. ie- Um Mitternacht klopfte auf ein Mahl etwas, rz. an dein kleinen Fensterlein des Gefängnisses.»O 4? liebe Gräfinn, wacht Ihr noch?« rief eins leise klag- rls Uche Stimme.»O, was muß ich Euch sagen! Ach n: Gott! Ach Gott! Ich kann vor Weinen fast nicht üst reden. Ach, der gottlose Gslo! Gott strafe ihn, und werfe ihn in die unterste Hölle— den verruchten Bösewlcht.« »Wer bist Du denn?« fragte Genovefa und stand auf, und ging an das Eisengitter hin. »Des Thurmwachters Tochter!« antwortete die Stimme.»Wißt Ihr, Bertha, die schon so lange krank ist, und der Ihr in ihrer Krankheit so viel Gutes gethan habt. Ach, ich habe Euch so lieb und möchte mich Euch doch auch gerne dankbar bezeigen. Aber ach! ich bringe Euch eine schreckliche Nachricht. Diese Nacht noch müßt Ihr sterben. Der Graf will es so! denn er halt Euch wirklich für die schändlichste Verbrecherinn, für die Euch Golo ausgab; das hat er dem Golo geschrieben. Die Mörder sind schon bestellt. Sie müssen Euch das Haupt abschlagen. Es ist gewiß so. Ich habe es selbst gehört, wie Goto es mit ihnen verabredete. Und ach!— Euer Kr»d muß auch sterben. Denn der Graf will es nicht für seinen Sohn anerkennen. Ach, mich ließ die Angst nicht ruhen. Ich konnte die halbe Nacht kein Auge zuthun. Sobald alles schlief, machte ich mich aus meinem Krankenbett auf, und versuchte es, mich zu Euch herab zu schleppen. Denn ach— ich könnte nicht mehr leben, wenn ich Euch nicht noch«in Mahl spräche, nicht von Euch Abschied nähme, und Euch für Eure Liebe gegen mich nicht noch ein Mahl dankte! Wenn Ihr noch etwas zu bestellen, oder sonst etwas auf dem Herzen habt, so vertraut es mir, damit doch nicht alle Eure Geheimnisse mit in der Erde verscharrt werden, und ich vielleicht noch ein Mahl Eure Unschuld bezeugen kann.« Genovefa erschrack heftig, und konnte vor Schrecken lange nicht reden. Endlich sagte sie:»Liebes Kind, sey so gut, und bringe mir Licht, Tinte, Feder und Papier.« Das Mädchen brachte es, und »*** 25 Genovefa fing an zu schreiben. Weil kein Tisch und Stuhl da war, so schrieb sie auf dem Boden folgenden Brief: »Liebster Gemahl! Hier, auf dem kalten Steinpflaster meines Gefängnisses liegend, schreibe ich»och an Dich. Wenn Du dieses Blatt lesen wirst, modert mein Leib schon in dem Grabe. An wenigen Stunden stehe ich vor dem Richrerstuhle Gottes. Ich bin als eine Uebelthäterinn zum Tode verurtherlr. Aber Gott weiß es, ich sterbe unschuldig. Dieß betheuere ich Dir vor seinem heiligen Angeflehte und am Rande der Ewigkeit. Glaube mir, ich gehe mit keiner Lüge auS der Welt.« »Ach, bester Gemahl! mir ist es nur um Dich leid. Ich weiß es, Du mußt schrecklich betrogen worden seyn, sonst konntest Du Deine Genovefa und Dein Kind nicht todten lassen. Aber wenn Du den Betrug ein Mahl einsiehst, o so bekümmere Dich nicht zu sehr! Du liebtest Mich ja immer. Du bist nicht Schuld an meinem Tode. Es ist nun ein Mahl die Schickn» g G otte s so.« »Bitte aber doch Gott Deine Uebereilung ab. Verurtheile Niemanden inehr, ehe Du ihn gehört hast. Laß dieses Dein erstes übereiltes Urtheil auch Dein letztes seyn. Vergüte diese einzige böse That, obwohl Du den geringsten Antheil daran hast, durch tausend gute und edle Thaten. DaS ist das Beste, was Du noch thun kannst. Trauern und sich grämen hilft nichts mehr. Und dann denke doch auch, daß ein Himmel ist. Dort wirst Du Deine Genovefa wieder sehen. Dort wirst Du Ihre Unschuld und Treue erkennen. Dort wirst Du auch Deinen Sohn, den Du hier nie sahst, das erste Mahl sehen. Dorr werden uns keine bösen Menschen mehr trennen.« »Doch Meiner Augenblicke auf Erden sind we- Schmid's Zugendsch. i. Bd. Genovefa. 3 . nige mehr. Ich habe meine letzte Pflicht erfüllt, und Dir meine Unschuld bezeugt.« »Ich danke Dir auch noch für alle Liebe, die Du nur in bessern Tagen erwiesen haft. Ich nehme die Lrebe zu Dir mit in's Grab.« »Nimm Dich meiner guten Aeltern an. Sey ein guter Sohn gegen sie. Troste sie in ihrem Jam- mer. Ach, ich kann ihnen nicht mehr schreiben, denn meine Stunde naht. Sägers ihnen aber, daß ihre Genovefa keine Verbrecherinn war, daß ich unschuldig starb, daß ich in der Stunde des Todes noch ihrer dachte, daß ich ihnen für alles, alles, was sie an mir thaten, herzlich danke.« »Den Goto, den armen, verblendeten Thoren, todte nicht m Deinem Zorn. Verzeihe ihm, wie ich ihm verzeihe. Hörst Du? Ich bitte Dich darum. Ich will keinen Groll mit in die Ewigkeit nehmen, und wegen meiner soll kein Tropfen Bluts vergossen werden.« »Auch auf diejenigen, die mir das Haupt abschlagen werden, wirf keinen Haß, daß sie mich unschuldig todtsten, sondern thue ihnen und den ihrigen vielmehr Gutes. Denn sie können ja nichts dafür, und thun eS gewiß ungern.« »Der gute, unschuldig ermordete Drako war einer Deiner redlichsten Diener. Sorge für seine hinterlassene Witwe, und sey ein Vater seiner armen Waisen. Das bist Du ihm schuldig, denn seine Anhänglichkeit an Dich war eigentlich die Ursache seines Todes. Er starb für Dich. Vergiß es auch nicht, ihn öffentlich und feyerltch für unschuldig zu erklären.« »Das gute Kind, das Dir diesen Brief gibt, belohne. Sie allein war mir treu, wo alles gegen mich war, oder vielmehr aus Furcht vor Golo sich Niemand meiner anzunehmen getraute.« 27^ »Deinen Unterthanen sey ein milder Herr. Lege' ihnen keine zu große Bürden auf. Sorge dafür, daß sie gerechte Beamten, würdige Geistliche, und geschickte Aerzte haben. Höre jeden selbst an, der eine Beschwerde vorbringen, oder Dir eine Noth zu klagen hat. Besonders sey gegen die Armen mildthätig. Ach! ich dachte die Mutter Deiner Unterthanen zu seyn, und ihnen noch viel Gutes zu thun. Thue es nun Du. Du hast nun eine doppelte Pflicht, ihr Vater zu seyn.« »Und nun sage ich Dir mein letztes Lebewohl. O traure doch nicht so sehr über mich, liebster Gemahl! Ich sterbe ja gerne, denn kurz und voll Jammer ist dieses Leben, und ob ich gleich eine Sünderinn bin, so sterbe ich doch in allen jenen Stücken, deren mich Golo anklagte, so unschuldig, wie mein Erlöser. Er wird meiner Seele gnädig seyn! Noch ein Mahl, lebe wohl, und bethe für meine abgeschiedene Seele. Ich scheide init versöhntem, liebevollem Herzen, und bin noch im Tode— Deine getreue Gemahlinn Genovefa.« Diesen Brief schrieb Genovefa unter einem Strom von Thränen. Tinte und Thränen flössen darin so unter einander, daß man ihn kaum lesen konnte. Sie gab ihn nun dem Mädchen, und sagte: »Diesen Brief bewahre wie ein Kleinod auf, und zeige ihn keinem Menschen. Und wenn mein Gemahl auS dem Kriege zurück kommt, so gib den Brief in seine Hand.« Und nun nahm Genovefa ihre Perlenschnur von dem Halse, und sagte:»Diese Perlen, liebes Kind, nimm für Deine treuen mitleidigen Thränen. Sie waren mein Brautschmuck, und kamen, seitdem ich sie aus der Hand meines Gemahls erhielt, beynahe nie von meinem Halse. Sie sollen nun Dein Brautschatz' seyn. Sie sind mehrere tausend Goldgulden werth. Vertrau' aber * deßhalb, weil Du jetzt reich bist, auf nichts Irdisches. Denk, daß Deine Greisinn diese Perlen an jenem Halse trug, den jetzt bald das Schwert durchschneiden wird. Lerne an mir, daß man sich auf die besten Menschen nicht verlassen kann. Ach, ich dachte nicht, daß selbst derjenige, der mir diese Perlen zur Halszierde gab, diesen Hals würde abhauen lassen. Vertraue daher auf Gott allein. Und nun geh' hrn, und bleibe fromm und gut. Ich muß mein Herz jetzt noch zu Gott wenden, und mich zur Ewigkeit anschicken. Lebe wohl!« Lie-enttS CAKitel. Genovefa wird zur Hinrichtung hinaus geführt. Kaum ivar das Mädchen fort, so krachte die eiserne Thüre des Gefängnisses, that sich raffelnd auf, und zwey geharnischte Männer traten herein. Der eine hielt eine brennende Pechsackel in der Hand, und der andere trug ein großes entblößtes Schwert unter dem Arme, Genovefa kniete mit ihrem Kinde auf den Armen da, und bethete. Die beyden Männer sahen sie beym Glänze der Fackel knieen.»Steh auf, Genovefa!« sprach der Eine, der das Schwert trug, und den Scharfrichter machte, mit rauher Stimme:»Nimm Dein Kind mit Dir, und folge uns!« Genovefa rief:»Gott sey mir gnädig, ich stehe in seiner Hand!« Sie stand auf, und wankte ihnen nach. Der Weg ging durch einen langen unterirdischen Gang, der fast kein Ende nehmen wollte. Der Mann mit der Fackel ging voran, der mir dem Schwerte hinter ihr drein, und ein großer zottiger Hund begleitete sie. Endlich kamen sie an eine große eiserne Thür. Da steckte der Mann, der voraus — 29 di- ging, den Schlüssel an, und löschte die Fackel. Die an Thüre ging auf, und, sie waren nun unrer freyem ch° Himmel, nahe an einem großen Walde. Es war die eme helle Herbstnacht. Der Himmel war voll Ster- )te„e. Der Mond neigte sich zum Untergänge. Der en Wind wehte kalt. Keiner der zwey Männer sprach en ein Wort. Sie führten Genovefa weit, weit in den un Wald hinein. Nun kamen sie auf einen freyen Platz, 'in der rings von hohen, schwarzen Tannen, düstern ig- Ulmen und zitternden Espen umgeben war. Da sagte der Mann mit dem Schwerte finster:»Nun halt, Genovefa, und knie nieder.« Genovefa kniete nieder.»Jetzt gib Dein Kind her, und Du, Heinz, verbind' ihr indeß die Augen!« fuhr er fort, und g nahm das Kind bey dem Aennlein, und hob das Schwert auf. Allein Genovefa schloß ihr Kind fest in ihre Arme, bückte zum Himmel auf, und schrie die laut:»O Gott, laß mich sterben, nur rette mein lno Kind!« in.»Mach' keine Umstände!« sagte der rauhe Mann. nd,»Was seyn muß, muß seyn! Gib her!« ert Aber Genovefa fuhr weinend und jammernd ide fort zu reden:»O Ihr lieben Männer! und dieses in- arme, unschuldige Kind könnet Ihr ermorden? Was teh hat es denn verbrochen? Wen, hat es ein Leid ge- ert than? Ermordet nnch, ich will ja gerne sterben! her Sehet da meinen entblößten Hals! Nur laßt mein lgs liebes Kind leben! bringt es zu meinen Aeltern! oder ich wenn Ihr das nicht dürft, so laßt, nicht wegen kte meiner, sondern meines Kindes wegen, mich leben, an- Ich will ja gerne diesen Wald in meinem Leben nicht lte. Mehr verlassen, und nie mehr unter die Menschen em kommen! O seht, ich, Eure Frau und Gräfinn? ger knie? vor Euch, und umfasse stehend Eure Kniee, oße Wenn ich Euch je etwas zu leid gethan habe, so ms tobtet mich! Wenn ich em Verbrechen begangen W habe, so bringt mich um. Aber Ihr wißt es ja, daß ich unschuldig bin! O es reuet Euch einmahl gewiß, wenn Ihr jetzt meiner Zähren nicht achtet. Seyd barmherzig mit mir, so wird es Gott auch einst mit Euch seyn! Laßt Euch durch zeitlichen Lohn nicht zu bösen Thaten, verleiten, denn ihre Strafe ist ewig. Fürchtet doch Gott mehr als die Menschen. Oder wollet Ihr den» diesen Golo wirklich höher achten, als Gort? Vergießt doch kein unschuldiges Blut, denn das-Bluc der Unschuld schreyt zum Himmel um Rache, und ein Mörder hat keine Ruhe mehr« »Ich thue nichts,« sagte der Mann mit dem Schwerte,»als was mir befohlen ist. Ob es recht oder unrecht ssey, mögen Golo und der Graf verantworten.« Allein Genovefa fuhr fort zu bitten und zu flehen.»O blickt doch zum Himmel auf!« sprach sie. »Seht Ihr dort den Mond! seht, er verbirgt sich hinter den Tannen, als könnte er die That, die Ihr vorhabt, nicht ansehen! Seht doch, wie blut- rolh.er untergeht! O, so oft Ihr ihn künftig so untergehen seht, wird er Euch des unschuldig vergossenen Bluts anklagen! Ja, wenn er auch hoch am Himmel steht, und allen Menschen hell und klar scheint, so würde er doch Euch blutroth vorkommen. O, horcht doch! Horcht, es erhebt ,ich ein Wind! Hört Ihr nicht, wie schauerlich die Baume rauschen, und wie laut alle Blätter zittern. Die ganze Natur entsetzt sich über den Mord der Unschuld. O, künftig wird Euch jedes rauschende Blatt erschrecken! Seht da droben die Sterne! Wie mit tausend Augen schaut der Himmel auf Euch herab! Könnet Ihr unter Gottes Himmel eine solche Gräuelrhat begehen? Denkt, dort oben über den Sternen ist Ftir Gott, vor dessen Gericht Ihr einst stehen müßt! —3!- O Du Vater der Witwen und Waisen dort oben, o erweiche Du das Herz dieser Männer, die ja auch Weiber und Müder haben, und halle ihren Arm inne, daß sie einer armen Mutter und ihreS wimmernden Kleinen verschonen, und diese schwere Blutschuld nicht auf sich laden.« Der euie Mann, der immer geschwiegen hatte, wischte sich eine Zähre ab, und sagte zum andern. »Du, K»»z, mir bricht das Herz! Wir wollen sie leben lassen. Wenn Du Blut vergießen willst, lo stoß' Dein Schwert lieber dem Golo in die Brust. Er ist der Schuldige— sie aber hat in ihrem Leben nichts als Gutes gethan. Denk doch an Deine letzte Krankheit, was sie Dir alles that.» »Sie muß sterben,« sagte Kunz.»Da hilft nichts, mein lieber Heinz! Es kommt mich bey meiner armen Seele auch hart an, sie unizubrin- gen. Allein wenn wir sie leben lassen, müssen wir beyde sterben. Und ihr hilft's doch nichts. Goto wird sie doch noch zu finden wissen. Zudem müssen wir ihm ja ihre Augen zum Wahrzeichen bringen, daß wir sie umgebracht haben.« »Wir wollen sie dennoch leben lassen!« sagte Heinz.»Wir können es ja so machen: wir lassen sie, damit wir nicht verrathen werden, schwören, immer in diesem Walde zu bleiben, und dem Golo bringen wir dann die Augen Deines Hundes da. Ich wette, das döse Gewissen laßt sie ihm nicht so genau ansehen, daß er den Betrug merkte. Aber nicht wahr, es kommt Dich hart an, Deinen Hund zu todten. Bedenk' doch, Kunz! Sollte denn un- ssre liebe Gräfinn und unser junger Graf, sollte diese unglückliche Mutter und ihr unschuldiges Kind Dir nicht werther seyn, als, Gott verzeih nnr's! Dein Hund? Kunz, sey doch kein Unmensch!« 32»»»* «Das bin ich nicht!« sagte Kunz.»Gott weiß, noch nie war mir mein Amt so schwer. Allein Golo wird rasend, wenn—« »Mit Deinem Golo!« sagte Heinz.»Der Unschuld das Leben zu schenken, ist offenbar etwas Gutes. Und ein Mann muß sich beym Guresthun nicht fürchten, sondern auch etwas wagen. Wenn wir uns für jetzt auch ein Ungemach zuziehen, was ist's denn? Ueber kurz oder lang bringt es doch gu- teFrüchte!« Der harte Mann sagte endlich:»Es sey! Wir wollen es wagen.« Er sagte nun Genovefa sogleich einen fürchterlichen Eid vor, ihr Lebenlang nicht mehr aus dieser Wildniß zu entweichen, und sie mußte ihm jedes Wort nachsprechen. Auch Heinz Mußte ihm auf sein Schwert schwören, keinem Menschen ein Wort von ihr zu sagen, und sie auch nie in der Wildniß zu besuchen. Nun führte Kunz mit seinem Gefährten, um recht sicher darein zu gehen, sie noch Meilen weit über Berg und Thal in die fürchterlichste Gegend der Wildniß, wo noch ine ein menschlicher- Fußtritt gewandelt hatte, hinein, da sank sie endlich kraftlos und ohnmächtig unter einem Tannenbaume nieder. Die Männer ließen sie liegen, und gingen ihres Weges. Nur der Eine sah sich noch einmahl mit nassen Augen um, und sagte:»Gott wolle sich ihrer erbarmen, und für sie und ihr armes Kind weiter sorgen! Denn wenn Er nicht barmherziger wäre, als die Menschen, ss wär's gefehlt.« Als sie in das Schloß zurück kamen, saß Golo wie ein Verzweifelnder in seiner Stube da, und hatte den Kopf auf die Hand gestützt.»Wir bringen da die Augen!« sagte Kunz, indem er an der Thüre stehen blieb, und die Augen des HundeS in der offenen Hand hinzeigte.»Ich will sie nicht sehen!« —» 33 schrie Gel» fürchterlich, und sprang auf, und griff an sein Schwert.»Und wenn mir noch einmahl einer den Nahmen der Unglücklichen nur nennt, so reiß ich mein Schwert heraus, und stoß ihn nieder. Sogleich gehtmir aus den Augen, und kommt mir nie mehr unter das Angesicht!— Das ist doch sonderbar,« sagte er dann bey sich selbst,»vorhin schien mir die Rache an Genovefa so süß, und jetzt ist sie mir so schrecklich bitter, daß ich einen Funger aus meiner Hand gäbe, wenn ich das Geschehene ungeschehen machen könnte! Ach, wer seiner Leidenschaft folgt, findet sich am Ende doch alle Mahl betrogen.« Achtes AZOitel. Genovefa und ihr Kind werden durch eine Hirschkuh von. Hungertode errettet. Genovefa blieb lange ohnmächtig unter der Tanne liegen. Endlich erwachte sie, und sah sich mit ihrem Kinde in dem wilden Walde allein. Der ganze Himmel hatte sich indeß mit Wolken bedeckt. Der Mond war längst untergegangen. Es war sehr finster. Ein fürchterlicher Sturm brauste durch die Bäume. In dem Baume über ihr schrie eins Eule, und nicht weit von ihr heulte ein Wolf. Sie schauderte vor Furcht zusammen. «O Gott, o Gott!« rief sie,»welch ein Entsetzen ergreift mich! Doch, Du bist ja auch hier bey mir, vor Dir ist die Nacht helle. Du siehst mich! Wo kein Mensch ist, da bist Du. Du verläßt diejenigen nie, die auf Dich trauen. Du hast mich und mein Kind, unendlicher Dank sey Dir dafür, aus der Hand der Menschen errettet. Du wirst uns nicht durch wilde Thiere umkommen lassen. Auf Dich will ich vertrauen, und mich nicht fürchten!« Sie blieb nun mit ihrem Kinde auf dem Schoße so unter dem Baume sitzen, faltete ihre Hände über ihren Kieen zusammen, blickte mit stillen Thränen zum Himmel, und wartete, bis der Tag anbrach. Allein er brachte ihr neuen Jammer. Es war ein trüber, neblichter Herbstmorgen. Die ganze Gegend umher war rauh, wild und schrecklich anzusehen, überall nichts als kahle Felsen, schwarze Tannen, Dornen und Wachholdergesträuch. Die Morgenluft wehre schneidend kalt, und endlich fing es gar an heftig zu regnen und zu schneyen. Genvvefa zitterte vor Frost, und ihr liebes Kind fing vor Kälte, Nässe und Hunger laut an zu weinen. Sie suchte überall umher, einen hohlen Baum oder eine Felsenhöhle zum Obdachs, und einige wilde Baumfrüchte zur Nahrung zu finden. Aber nirgends fand sich ein tro- ckenes Plätzchen, nirgends an den halb entblätterten Sträuchen nur eine Beere. Da grub sie mit ihren zarten Fingern aus dem harten, bereits ge- frornen Boden einige Wurzeln aus, und der Schnee ward von ihrem Blute roth gefärbt! Diese Wurzeln zerkaute sie nun, und gab es ihrem Kinde. Darauf ging sie, so matt und kraftlos sie war, mit ihrem Kinde auf dem,Arme, in Schnee und Regen durch die fürchterliche Wüste weiter, ohne zu wissen wohin. Als sie abermahls einen Felsen überstiegen hatte, da sah sie unten zwischen den rauhen Felsen ein kleines schmales Wiesrhälchen. Sie kletterte hinab. In einem Felsen, der dicht mit Tannen bewachsen war, erblickte sie unter den überhängenden Aesten endlich eine kleine Oeffnung. Diese führte in eine Höhle, die geräumig genug war, zur Noth zwey oder drey Personen zu beherbergen. Nicht weit davon rauschte eine Quelle, hell wie Krystall, aus dein Felsen hervor. Eine Art Kürbisstaude rankte an dem Felsen hinaus. Ihre Blätter warm aber verdorrt. — 35—— und ihre halb verfaulten Früchte lagen am Boden umher, und waren nicht zu genießen. Genovefa ging mir ihrem Kinde in die Höhle hinein. Hier war sie endlich gegen Wind und Regen geschützt. Allein noch immer zitterte und bebte sie vor Frost. Es war jetzt Mittag. Der Hunger quälte sie schrecklich, und auch ihr Kuid fing wieder an vor Hunger zu weinen und zu schreyen. Da knicete sie in der Höhle nieder, legte ihr Kind vor sich auf den Boden hin, blickte durch die Oeffnung der Höhle zum Himmel, faltete die Hände und bethete: Du guter Vater im Himmel! blicke hernieder auf eine weinende Mutter und ihr verschmachtendes Kind! Du ernährst ja auch in der rauhen Jahreszeit die Raben, die da an den hohen Felsen herum fliegen. Du vergissest auch des Würmleins nicht, das hieran der Felsenwand kriecht, und lassest es auch im Winter em Zaserlein grünes Moos finden. Du kannst mich und mein Kind auch in dieser Wckdntfi erhalten, und wohl aus den Steinen hier Bror machen. Nein, Vater, Du kannst, Du wirst uns nicht verschmachten lassen! Du hast uns eben jetzt eine Wohnung finden lassen. Du wirst auch für Nahrung sorgen!« Sieh, da zertheilten sich mit einem Mahls die Wolke», und die Sonne schien mild und warm in die Höhle herein. Es rauschte etwas in dem abgefallenen Laube, und plötzlich stand eine Hirschkuh vor der Höhle. Da sie nie von Menschen war verfolgt worden, so war sie gar nicht scheu. Sie kam in die Höhle, die ihr gewöhnlicher Aufenthalt war, »»gescheut herein, und blieb so gegen Genovefa stehen. Genovefa erschrack anfangs über das Thier; »ach und nach wurde sie aber kühner, und streichelte es. Das Thier schien gegen diese Freundlichkeit nicht ganz ohne Gefühl zu seyn. Nun kam Genovefa auf den Gedanken, sich und ihr Kind mit der Milch die- sss Thieres zu ernähren. r-O Gott, wozu zwingt die Noth eine arme Mutter!« sagte sie, und ließ daS Kind an der Hirschkuh trinken. Das Thier, dem ein Wolf das Junge zerrissen hatte, und das von der überflüssigen Milch gequält wurde, ließ es gerne geschehen. Genovefa wickelte hierauf das Kind, das jetzt schwieg und schlafen wollte, in einen Theil ihrer Kleidungsstücke, und legte es in eine Ecke der Höhle, wo ei» recht bequemes Plätzchen hierzu war. Nachdem Genovefa für ihr Kind gesorgt hatte, dachte sie erst auf sich. Sie ging wieder aus der Höhle, sammelte die herumliegenden Kürbisse, zerbrach jeden in zwey gleiche Stücke, höhlte sie aus, und wusch sie in der Quelle hell und rein. Als sie zurück kam, hatte sich das Thier indeß in der Höhle niedergelegt. Genovefa hielt ihm einige grüne frische Kräuter vor, die sie an der Quelle gefunden hatte. Da stand das Thier auf, fraß sie ihr aus der Hand, und leckte ihr dann, als wollte es ihr seine Dankbarkeit bezeigen, die Hand. Nun versuchte Genovefa, das Thier zu melken. Das Thier litt es geduldig, und Genovefa füllte mehrere Kürbisschalen mit Milch. Dann fiel sie auf die Kniee nieder, hob eine gelbe Schale voll reinlicher, lauer Milch mit den beyden Händen zum Himmel, und bethete weinend:>>O mein Gott! nimm meine Thränen zum Danke für diese Deine milde Gabe. Ja, Dein Geschenk ist sie, diese Mckch hier, Du ließest mir Mitten in diesem harten Felsen eine Quelle der Nahrung entspringen; Du fügtest es, daß vielleicht irgend ein Bögelein das Kürbiskörnlein in dieser Wild- niß verlor, damit es mir nicht am Geschirre fehle, Deine Gabe aufzufassen. Du leitetest meine Tritte zu dieser Höhle, dem Aufenthalke dieses guten Thieres! Nun darf ich, nun darf«nein Kind nicht verschmachten. Nun kann ich dem kalten nahrungslo- — 87— sen Winter, im Vertrauen auf Dich, ruhig und getrost entgegen sehen!.< Sie trank nun, und Thränen der Dankbarkeit tröpfelten in die Milch.>.O welch ein köstlicher Trank!» sagte sie.»So wohl hat mir in meinem Leben keine Speise geschmeckt. O Gott! wie wenig wußte ich an der reichen Tafel meiner Aeltern Deine Gaben zu schätzen! O verzeih doch, daß ich Dir nicht besser dankte, verzeih, daß ich den Armen nicht mehr Gutes that! Ach, ich hatte es nie erfahren, wie weh dee Hunger thut! O wie manchem Dürftigen hätte ich mit kleinen Kosten eine große Labung verschaffen können!« Nachdem sie mit der Milch sich recht erquickt, und Gott noch ein Mahl dafür gedankt hatte, ging sie wieder aus der Höhle, pflückte a» den Felsen und den alten Baumstämmen umher zartes trockneS Moos, sammelte sich mehrere Schürzen voll davon, und bereitete dann für sich und ihr Kind in der Höhle ein weiches Lager. Dann bog sie die starken dichten Tan- nenäste, die über dem Eingänge der Höhle hingen, noch weiter herab, um die Höhle noch mehr gegen den Wind zu verwahren. Unter einem Tannenbaume hatte sie ein kleines dürres Stecklein gefunden, das zierlich mit zarten,, weißem, gelbem und grünem Moose bewachsen war. Sie zerbrach es in zwey ungleiche Stücke, befestigte dann mit einem zähen Tan- nenreise das kleinere Stück so an dem größer», daß ein Kreuz daraus wurde, und stellte dann daS Kreuz an dem besten Orte der Höhle auf. Als sie mit allem fertig war, setzte sie sich, müde, in der Höhle nieder. Die Tannenäste, die den Eingang wie ein dunkelgrüner Vorhang bedeckten, verbreiteten eins angenehme Dämmerung m der Hohle, und von der Ausdünstung des Thieres war die Höhle bereits lieblich erwärmst. Wie nun Genovefa so da st»ß, da . wurde ihr mit einem Mahls ganz ungemein leicht und wohl um das Herz. Sie dankte Gott innig, daß erste aus dem dunkeln Gefängnisse errettet, und ihr gegen Goto eine sichere Zufluchtsstätte verschafft hatte. Freylich fiel ihr ein, daß sie auch hier vieles zu leiden haben würde. Allein sie blickte auf das Kreuz hin, und bethete: »O mein göttlicher Erlöser, der Du aus Liebe zu mir am Kreuze starbst! Dieses, Dem Zeichen, will ich immer vor Augen haben. Immer soll es mich an Deine Liebs erinnern. Mit Dir will ich nun mein Einsiedlerleben in dieser Wildrnß anfangen. Mein Leiden ist nun mein Kreuz. Ich will es nach Deinem Beyspiele geduldig auf mich nehmen, und stets bethen, wie Du:»»Vater! Dein Wille geschehe, und nicht der meinem« Es wird ja auch ein Mahl ei» Ende nehmen, und der Augenblick kommen, wo ich Nut Dir sagen kann:»»Es ist vollbracht!«« Nachdem sie so gebethet hatte, schloß ihr, nach langer Zeit das erste Mahl, ein sanfter Schlaf die Augen. Ihr Kind schlief zunächst an ihrem Herzen, und die treue Hirschkuh, die von nun an sie nicht mehr verließ, ruhte zu ihren Füßen. XkMitkS C'KUitkl. kenovefa's einsames Leben in derWilbniß. Genovefa lebte von nun an in dieser Wildniß als eine wahre Einsiedlerinn. Der Winter verfloß, der Sommer kam, machte dann wieder dem Win- terPlatz, und so ging eS fort, ohne daß sich etwas Besondere- ereignete. Wenn sie des SommerS am heißen Mittage so zwischen den stummen Felsen und Bäumen da saß, und nichts hörte, als das Gekrächze der Raben, ober —» 39—- das Hacken eines Spechtes; wenn in schauerlichen Herbstnächten der kalte Mond hoch am Himmel stand, und das einsame Felsenthal beschien; wenn sie so des Winters aus ihrer Höhle über die unermeßliche Menge Schnee hinsah, in dem sie nur die Spuren wilder Thiere bemerkte: da sehnte sie sich wohl recht herzlich, wieder das Angesicht ihrer Aeltern, ihres Gemahls, ihrer Freunde oder nur irgend eines Menschen zu sehen.»O wie glücklich,« seufzte sie oft, »sind doch die Menschen, die bey einander leben, und»ilk einander reden, und sich ihre Leiden und Freuden mittheilen können! Und wie thöricht sind sie, daß sie dieses süße Glück oft gar mchc achten, und sich einander das Leben vielfältig so bitter»lachen.« Dann faßte sie sich aber alle Mahl wieder, und sprach:»O Gott, das Glück, mit Dir umgehen zu können, ist ja doch noch unendlich süßer, als derllmgang mit Menschen! Wenn wir auch von Menschen ferne sind, so bist Du doch uns immer nahe — in der öden Wildniß und in der stillen Mitternacht! Welche Seligkeit, daß wir jeden Augenblick mit Dir reden können, Du innigster Freund unserer Seele!« Sie gewöhnte sich so daran, immer mit Gott umzugehen, und im Herzen mit ihm zu reden, daß ihr in diesen freundlichen, vertraulichen Gesprächen Stunden wie Augenblicke verflossen. Obwohl ihr das Ausgraben der Wurzeln und das Sammeln der Waldfrüchte viele Arbeit machte, so mußte sie doch manche Stunde so da sitzen, wo sie gar nichts zu thun wußte. Da sagte sie dann oft: »Ach, wenn ich nur einige Stricknadel» und Garn hätte, wie angenehm würde mir da manche lange Stunde verstießen, wie wollte ich da mich und mein Kind so gut kleiden! Die Menschen beklagen sich oft über die Arbeit,, allein ohneArbeit ist das Leben so traurig und langweilig, und die härteste Arbeit ist süß gegen das Nichtsthun.« Oftmahls hatte sie das sehnlichste Verlangen nach einem guten Buche.»Wie manche Stunde,« sprach sie,»konnte ich da schon und lehrreich zubringen! Doch, Deine Werke umher, lieber Gott, sind ja auch ein Buch, das Du selbst geschrieben hast.« Sie sing nun an, Gottes Werke viel aufmerksamer zu betrachten, als sie es sonst in ihrem Leben gethan hatte, und das kleinste Blümlein, Käferlein oder Schneckiein machte ihr, wenn sie so die Spuren der Weisheit und Güte Gottes daran bemerkte, oft unaussprechliches Vergnügen. Ganz ungemein erfreulich und tröstlich war es ihr, Laß Christus so viele seiner schönsten Gleichnisse von solchen Gegenständen hergenommen hatte, von denen sie auch in der Wildniß umgeben war. Wenn die Sonne im Frühlinge wieder so lieblich und freundlich in die Höhle herein schien, dann sagte sie hoch erfreut:»Du lieber Gott! Deine Sonne ist mir ein schönes Bild Deiner Freundlichkeit und Vaterliebe. Denn Jesus, Dein Sohn, sprach ja: »»Der Vater im Himmel laßt seine Sonne aufgehen über die Guten und Bösen.«« Meine Liebe zu den Menschen gleiche daher Deiner Sonne. Auch meinen Feinden würde ich gerne Gutes thun, wenn ich nur könnte.« Wenn sie um ihren Lebensunterhalt bekümmert war, und Traurigkeit sich in ihr Herz ein- schleichen wollte, und sie dann an einem schönen Morgen den herrlichen Gesang der Vögel hörte, dann rief sie:»Ihr seyd so munter und sorglos, ihr kleinen heitern Geschöpfe, und singt so fröhlich! Sollte ich denn nicht auch fröhlich sey», und singen wie ihr? Jesus will ja dieß, und sagt es uns: »»Schauet doch nur die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernähret sie dennoch. Seyd Ihr denn nicht viel mehr, als sie?«« Ja, mein Gott, Du liebst mich mehr, als alle diese Vogel; ich sollte daher auch viel fröhlicher seyn, als sie alle, und mich nicht kümmern, wenn jetzt schon für mich kein Kornlein mehr ausgesäet, kein Halm mehr eingeerntet, und keine Garbe mehr in die Scheuer gebracht wird.« Wenn sie die Blumen der Wildniß, die ihr kleines Lhälchen mit tausenderley bunten Farben schmückten, betrachtete, sagte sie:»Auch ihr seyd mir freundliche Pfänder! gleichsam lauter liebliche Vergißmeinnicht, daß Gott mich liebe. Auf solche Blumen zeigte Jesus, als Er sprach:»»Betrachtet die Blumen des Feldes! Sie arbeiten und spmnen nicht. Und dennoch sage ich Euch: Auch Salomon in aller seiner Pracht war nicht so schön gekleidet, als eine aus ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde so schön kleidet, sollte er das nicht vielmehr Euch thun, Ihr Kleingläubigen?«« Ich will also nicht mehr kleingläubig und nicht mehr klein- müthig seyn, und obwohl ich jetzt nicht spinnen und nähen kann, mich doch nicht mit Sorgen wegen meiner künftigen Kleidung quälen.« DeS Sommers, wenn es in ihrem Felsenthal glühend heiß war, und sie durstig zu ihrer Quelle kam, und frisches Wasser schöpfte und trank, sagte sie oft: »Was diese Quelle meinen brennenden Lippen ist, das tst Deine Lehre, Dein Geist, o Herr! meiner Seele. Du sagst es ja selbst:»»Wer dürstet, der komme zu Mir, und trinke. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur Quelle werden, die in's ewige Leben fortfließt.«« Ja, diese innere Lebensquelle allein erquickt mich mit Trost, und tränkt mich mit Freuden, jetzt, da mir aller Trost von außen genommen ist, und mir alle Freuden deS Schmid's Jugendsch.>, Bd. Genovefa. 4 geselligen Lebens entrissen sind.« Oft/ wenn sie die ungeheuren Felsen, die ihr Thal einschlössen, und schon Jahrtausende unter Sturm und Wetter un- erschüttert da standen, betrachtete, kam ihr das Wort Jesu zu Sinne:»Wer meine Worte hört, und sie vollbringt, den vergleiche Ich dem klugen Manne, der sein Hau^ auf einen Felsen baute.«— »Aus Dein Wort,« sprach sie dann,»will ich mein Heil bauen, und es steht felsenfest.« Sogar die Dornen und Disteln waren ihr lehrreich.»Wenn man von euch, ihr stachlichten Gewächse, Weintrauben und andere edle Früchte abpflücken könnte,« sprach sie,»das wäre mir freylich sehr lieb, und käme mir hier in der WilLniß sehr wohl zu statten. Allein es bleibt bey dem, was Jesus sagte:»»Von den Dornen kann man keine Trauben, und von den Disteln keine Feigen einsammeln. Ein jeder gute Baum bringt gute, und ein schlechter Baum bringt auch schlechte Früchte hervor.«« Ich will daher ein guter Baum seyn, und Gutes thun, so viel ich kann. Nie will ich den Dornen und Disteln gleichen, die nur stechen, und keine, oder nur schlechte Früchte hervor bringen« So waren die Sonne, die Vogel, die Blumen, die Quelle, der Fels, die Dornen und Disteln ihr lauter Merkzeichen, die sie an die Worte Jesu erinnerten, und ihr genug zu denken gaben. Lieblicher als die Frühlingssonne, erfreulicher als der Frühling mit fernen Blumen und Vögeln, lehrreicher, als alles, was man in der Wüste sehen konnte, war ihr der Anblick ihres Kindes. Sie trug es an jedem heitern Tage aus der dunklen Höhle heraus unter den schönen blauen Himmel. Wenn sie dann, während die Hirschkuh in einiger Entfernung graste, mit dem Kinde auf dem Arme so vorder Höhle auf und ab ging, und mit dem Kinde, ob- ...» 43 wohl es noch nichts davon verstand, in den freund? llchsten Ausdrücken redete; wenn dann das Kind das kleine Aermchen nach ihr ausstreckre und sie anlächelte, so war es ihr nicht anders, als verschönerte dieses Lächeln die ganze Wüdniß, und als wäre alles rings umher golden. Sie sank dann oft an der Stelle, wo sie stand, auf die Kniee, drückte das Kind an ihre Brust, blickte mit dem sanften, milden Lächeln mütterlicher Zärtlichkeit auf dasjelbe herab, und sprach:»O Gort, wie kann ich es Dir genug danken, daß Du mir doch dieses liebe Kind noch gelassen hast! Weiche Freude, welchen Trost, welche tägliche angenehme Beschäftigung gewährt es mir in diesem rauhen Aufenthalte! O blick' auch Du, Vater im Himmel, unk Segen auf dieses Kind herab, und laß es ferner wachsen und gedeihen!— Wie heiter und fröhlich es aus den Augen blickt,« fuhr sie dann fort,»wie rein die lo- ckichte Stirne und die holden Wangen noch von allen Leidenschaften sind, wie sorglos es hier an meinem Herzen ruht? O, wohl mit Recht sagte der göttliche Erlöser:»»Wenn Ihr nicht werdetewie die Kindlein, so könnet Ihr nicht in Las Himmelreich kommen.«« Ach, daß doch alle Menschen aus freyer Wahl und Ueberlegung so ohne allen Stolz, Neid, Haß und andere böse Leidenschaften wären, wie es dieses Kind hier noch in seiner Unschuld und aus glücklicher Unwissenheit ist, dann hätten wir wohl ein Himmelreich in unserem Herzen; dann könnten wir in dieser Welt so fröhlich leben, wie daS Kind an der Brust der Mutter, dann könnten wir eben so zufrieden und selig— gleichsam an dem Vakerherzen Gottes ruhen.« Manchmahl regte sich in ihr der lebhafteste Wunsch, wieder ein Mahl eine Kirche besuchen zu können.»Welche Seligkeit ist das,« sagte sie,»wenn * Lausende vereint vor Gott knieen; Gottes Wort vernehmen, oder der Lobgesang der glaubensvollen Menge sich andachtsvoll zum Himmel erhebt! O, wenn ich nur wieder einmahl eine Glocke hörte, ich glaube, es wäre mir schon leichter um das Herz! Doch,« sagte sie dann wieder,»die ganze Natur, der Himmel über mir, und die Erde um mich her, ist ja auch Dein Tempel, o Gott, und das Herz, das in der einsamen Wildniß schlagt, und sich nach Dir sehnt, ist ja auch Dein Altar. Dieses Felsen- thal sey denn ein Tempel, der Dir geheiligt ist, und mein Herz sey der Altar.«— Es war auch kein Baum und kein Fels, wo sie nicht gekniet und gebethet hatte, und wenn sie der Winter nicht mehr ausgehen liest, so kniete sie manche Stunde vor dem kleinen Kreuz in ihrer Höhle auf einem rauhen Steine, der aus der Felsenwand hervor ragte, und ihr zum Bethschämel diente. Lehnits CAPitel. Genovefa's Mutterfreuden in der Wildniß. Wie manchmahl unter Krauter und Dornen der Wildniß eine herrliche, purpurne Blume aufwachst, so blühte jetzt für Genovefa Mitten in ihrer tiefen Einsamkeit die schönste der geselligen Freuden auf. Schmerzenreich, ihr liebes Kind, hatte indeß sehr zugenommen, und war jetzt ein wunderschönes Knciblein, das bereits gehen konnte. Sie kleidete ihn in das schöne, bunt gesprengelte Fellchen eines jungen Rehes,-das sie einst im Walde dem Fuchse abgejagt hatte. Obwohl der Knabe nichts als Krauter und Wurzeln, Milch und Wasser genoß, so sah er doch so vollkommen und so blühend aus wie das Leben. Jetzt erwachte die Vernunft 45***** des holden Knaben; er fing an, sich seiner selbst bewußt zu werden, die Dinge um sich her zu unterscheiden, Worte zu verstehen und nachzusprechen. Genovefa, die schon so lange kein Wort mehr von Menschenlippen gehört hatte, empfand eine entzückende Freude, als sie die ersten verständlichen Laute aus dem Munde des Knaben vernahm; ein« noch größere Freude aber fühlte sie, als er das süße Wort Mu tter das erste Mahl schön und deutlich aussprach. Es war dieses zu Anfang des Winters. Sie redete nun in ihrer dunkeln Höhle Stunden lang mit ihm, lehrte ihn alles, was man in der Höhle und in dem kleinen Thälchen sah, von der Sonne bis zum Kieselsteinchen, von der Tanne bis zum Mooszäserchen, nennen, und konnte bald mit ihm kleine Gespräche darüber führen. Die ersten Strahlen der erwachenden Vernunft, die ersten Funken der kindlichen Liebe, die sie an ihm bemerkte, machten ihr unbeschreibliches Vergnügen, und jeder Tag ward für sie reicher an mannigfaltigen Mutterfreuden. Es blühte ihr gleichsam mitten im Winter ein schöner Frühling auf. Gegen Ende des Winters wurde der Knabe zwar krank, und konnte lange nicht mehr aus der Höhle. Allein bald nach den ersten Tagen des Frühlings war er schon wieder gesund, und blühte nun wieder so schön, wie eins Rose. Da nahm rhn Genovefa an einem schonen Frühlingsmorgen bey der Hand, und führte ihn das erste Mahl wieder aus der dunklen Höhle heraus in das Freye, und hinab in das blumige Thälchen. Die Pracht des vollen Frühlings, die der Knabe jetzt, in den Lagen des Hellern Bewußtseyns, mit Einem Mahle erblickte, machte auf ihn den lebhaftesten Eindruck. Ganz erstaunt blieb er stehen, und betrachtete alles mit großen Angen.»Mutter, was ist das!« rief er-»Alles ist ja ganz anders, als vorher, alles viel schöner! DasThal da war ja ganz weiß von Schnee, und jetzt ist es so schön grün, daß die Tannen dagegen nur schwarz sind. Und die Gesträuche und Bäume, die vorhin dürr und kahl da standen, und nur hier und da ein gelbes Blatt hatten, die sind jetzt voll, voll zarter, hellgrüner Blättlein. Und wie die Sonne jetzt so lieb und warm scheint, und wie der Himmel so schön blau ist! Und sieh nur da auf den Boden, welche wunderschöne, kleine, net- teDiNgerchen das sind, o sieh nur, wie jchön gelb, blau und weiß!« »Das sind Blumen, liebes Kind!« sagte Ge- novefa.»Sieh, da breche ich einige für Dich ab. Diese hier sind Gänse- und Ringelblümchen! Sieh, wie sie innen so schön gelb sind, und was die zarten, weißen Blättlein rings umher für schöne pur- purrothe Spitzen haben. Diese gelben da sind Schlüsselblumen. Riech einmahl daran! Dieses blaue hier ist ein Veilchen! Das riecht noch lieblicher. Da nimm sie—alle gehörenDern!— und pflücke noch, so viel Du willst.« Er pflückte so viele, daß er sie mit seinen kleinen Händen nicht mehr umspannen konnte. Genovesa führte ihn hierauf in ein grünendes Gebüsch, unten am Ende des Thälchens.»Nun, horch einmahl,« sagte sie,»hörst Du nichts?« Der Knabe hörte, das erste Mahl bey deutlichem Bewußtseyn, den tausendstimmigen Gesang der Vö- gel, die hier, von mulhwilligen Händen ungestört, in unzähliger Menge nisteten.»Ey,« rief er neugierig,»was klingt denn so schon! In allen Bäumen und Büschen klingen ja hunderterley liebliche Stimmchen durch einander. Wir wollen doch einmahl sehen, was es ist! Komm!« Genovesa setzte sich auf ein moosiges Felsenstück, das von einem Paar jungen Buchen beschattet war, nahm den Knaben auf den Schoß, und streuete, was sie im Winter und in den ersten Tagen des Frühjahrs öfters gethan hatte^ einige gesammelte Samenkörnlein von Waldkräurern hui, und lockre den Vögeln. Da kamen eine Menge Vöglein herbey— das freundliche Rothkelchen, der grünliche Zeisig, der Hänfling mit prächtig purpurrother Scheitel und Brust, der buntfarbige Sciglitz, und pickten die Körnlein geschäftig auf.»Sieh,« sagte sie,»diese Vöglein singen so schön.« Der Kleine war vor Freuden außer sich.»O ihr lieben, lieben, netten Lhierchen!« sagte er.»Ihr singet alle so schön! Ihr könnet es freylich besser, als die Raben, die den Winter hindurch oft so traurig krächzen, und ihr seyd auch viel schöner als sie. Aber sag' mir nur, Mutter!« fing er wieder au, »wie kommt's denn, daß jetzt alles so schön ist? Wo kommen denn alle diese schönen Sachen her? Denn Du hast unser Thälchen doch nicht so herrlich auS- zieren können, seitdem ich krank war. Du warst ja fast immer bey mir>n derHöchle, und so geschickt wgrst Du doch auch nicht!« »Liebes Kind,« sprach Genovefa,»ich habe Dir schon gesagt, daß wir einen so guten Vater im Himmel haben, den lieben Gott, der die Sonne, den Mond und die Sterne gemacht hat. Sieh, dieser hat auch alles dieses gemacht, damit wir eine rechte Freude haben möchten.«—»O der liebe, gute Gott!« sagte der Knabe,»der ist doch recht brav und recht geschickt!« und Genovefa lächelte über seine kindliche Einfalt.»Freylich,« sprach sie für sich selbst, utdem sie ihn in die Arme schloß, und ihn küßte,»würde manches Kuid, das älter als Du bist, wenn es Dich so reden hörte, Dich unverständig nennen und Deiner lachen. Allein nur deßwe- gen, weil es vergißt, daß es selbst einst so redete, und, wie wir Menschen alle, nur nach und nach zur Erkenntniß kam.« Den andern Morgen weckte sie der Kleine schon in aller Frühe, und sagte:»Mutter! o steh doch auf, und komm mit mir! Wrr wollen sehen, was der liebe Gott wieder alles Schönes gemacht hat.« Genovefa lächelte freundlich, und führte ihn an ein grünes Plätzchen zwischen Felsen, wo die Sonne glühend heiß hui schien, wo alles früher reifte, und wo sie schon vor mehreren Tagen Erdbeerblü- then bemerkt hatte. Wirklich waren auch hier schon mehrere Beeren reif, und röther als Scharlach. »Sind das auch Blumen?« fragte der Knabe-»Nein,« sagte Genovefa,»das sind Erdbeeren.« Sie kniete nieder, pflückte einige der schönsten ab, und sagte: »Wie, thue den Mund auf, und koste sie einmahl!« Der Kleine aß sie, drückte die Hand auf die Brust, und sagte:»O, die sind aber gut! Darf ich nicht mehrere pflücken?«—»Wohl!«sagte Genovefa.»Aber nur solche, die recht schön roth sind.« Da streckte er flugs das kleine Händchen aus, und fing an zu pflücken und zu essen. O wie gütig,« sagte er,»ist doch der liebe Gott, daß Er uns so gute Sachen schenkt!«»Nun,« sagte Genovefa,»so dank'ihm doch auch!« Der Knabe blickte mit leuchtenden Augen zum schönen, blauen Himmel auf, küßte sein Händchen, warf den Kuß dem Himmel zu, und rief, so laut er konnte:»Lieber Gott! Ich danke für die Erdbeeren!« Dann sagte er zu seiner Mutter:»Hat das der liebe Gott aber auch gehört!« Genovefa drückte ihn an das Herz, und sagte lächelnd:«Freylich! Wenn Du es aber nur gedacht hättest, auch ohne ein Wort zu sagen, so hätte Er es doch gewußt. Gott sieht und hört alles.« Schmerzenreich wollte nun alle Tage neue Sa- **** 49**** chen sehen, bieder liebe Gott gemachthat. Doch Genovefa sagte:»Du mußt nun selbst Acht haben, und nachsehen, und mir dann erzählen, was Du alles entdeckt hast. Sieh, sogleich in dem Schatten dieses hohen Felsens, hier an der Winterseice des Thälchens, wo der Schnee erst vor wenigen Tagen schmolz, stehen schwarze, stechende Dornen. Dieß sind Schlehdornen. Sieh, es sind eine Menge ganz kleiner, grün und weißer Kügelein daran. Diese nennt man Blüthenknospen. Jetzt komm! Dort drüben an der Sommerseite des Thälchens sind andere Stauden, mit ganz kleinen Dörnern. Diese nennt man Hagebutten. Auch an diesen sind läng- lichte Knvsplein. Und sieh! Dort oben im Thälchen stehen ein Paar große Bäume, ein Holzapftlbaum und ein Holzbirnbaum. Betrachte sie nur recht! Du siehst noch nichts daran, als daß alle Zweiglein voll, voll großer Knospen sind. Nun gib alle Tage wohl Acht, was alles damit vorgehen wird, und erzähle mir's denn wieder.« Die Nacht darauf fiel ein lieblicher, warmer Frühlingsregen, und lockte Blätter und Blüthen hervor. Da kam Schmerzenreich voll Freude gesprungen, und rief:»Mutter! die grünen Küge- lein an dem Schlehdorn sind jetzt lauter kleine, schneeweiße Blümlein! Und der andere Dornstrauch ist voll kleiner hellgrüner Blättlein! Und auch die Bäume sind voll weißer und rother Blumen. O, das ist eine Freude! O, wie gut ist doch Gott! komm doch und sieh!« Genovefa ging hin. »Siehst Du,« sagte er.»Und sieh, der Hagebuttenstrauch hier bekommt gewiß auch noch schöne, rothe Blumen. Die sind aber noch nicht ausgemacht. Sieh! das Rothe guckt nur ein klein wenig, aus den Knöpfchen hervor. Ist der siebe Gott etwa die Nacht nicht mehr damit fertig geworden?«—»O, Schmid's Jugendsch. i. Bd. Genovefa. 5 Kind,» sagte Genovefa,»das zu machen, kostete Gott gar keine Mühe! Er könnte alles in einem Augenblicke. Denn er ist allmächtig.«—»Aber,« fuhr der Knabe fort,»sage mir doch, wie kann denn Gott in der finstern Nacht alles so machen?« Genovefa sagte ihm, daß Gott bey Nacht so gut sähe, als bey Hag— und Schmerzenreich war hierüber voll Verwunderung. Eines Morgens kam Schmerzenreich voll Freude gesprungen, und rief:»Mutter! Jetzt hab'ich wieder etwas recht Schönes gefunden. D, komm doch und steh, was es ist!« Er führte sie an der Hand zu einem Schlehdornbusche, und sagte:»Da sieh einmahl hinein in den dunkeln Dornbusch! Siehst Du nichts?«—»Das ist ein Vogelnestlein, liebes Kind,« sagte Genovefa,»ein Hanflingsnest. Wie wir eine Höhle haben, so haben die Vöglein Nester. Sieh, das Vögelein sitzt darin. Wie freund- lrch es uns anblickt! Jetzt fliegt es fort. Betrachte das Nestlnn nur recht, stich Dich aber nicht an den Dornen! Sieh, außen ist es von dürren, falben Grashalmen zusammen gefügt; innen ist es zierlich mit zarten, bräunlichen Härlein ausge- macht. Sieh nun recht hinein!« sagte sie, und hob den Knaben in die Höhe.»O, das ist schön!« sagte er.»Aber, was sind denn die fünf netten Dingerchen, die darin liegen?«—»Das sind Eylein,« sagte Genovefa,»sieh, wie schön blaßgrün sie sind, und was für schöne rothe Streifchen sie haben!«— »Aber was macht dann das Vögelein mit dem Eylei»?» fragte der Knabe.»Das wirst Du schon sehen!« antwortete Genovefa.»Sieh nur alle Tage fleissig nach, und bey Leibe rühre mir nie Eines an.« Nach ein Paar Tagen besuchte Schmerzenreich an der Hand seiner Mutter das Nestlein wieder. Da waren statt der Eylein schon junge Vögelem darinnen.»O, sieh Koch.« sagte Genovefa,»sieh, wie zart und klein sie sind! Sieh, sie sind noch blind, und haben noch kein Federlein! Sie können noch nicht fliegen, und nicht einmahl aus dem Nestlein heraus hüpfen.«—»Ach, die lieben, kleinen, armen, nackten Närrchen!« sagte der Knabe.»Aber müssen sie denn nicht verfeueren und verhungern?«— »Nein, liebes Kmd!« sprach Genovefa.»Doch hat Verliebe Gott schon dafür gesorgt. Das Nestlein ist innen weich und dicht mit zarten Härlein ausgefüttert, damit sie lind und warm liegen. Es ist schön rund, daß sie nirgends anstossen, und sich nicht weh thun können. Dieses ganz niedliche Nestlein hat das alte Vögelein selbst gemacht. Nicht wahr, das ist künstlich? Wir, liebes Kind, könnten keines zu Stande bringen. Diese Kunst hat der liebe Gott dem alten Vögelein gelehrt, aus zärtlicher Sorgfalt gegen die jungen, kleinen Vögelein. Sieh, die grünen, rundlichen Blattlein des Dornstrauches umher, die ihnen jetzt, da die Sonne heiß scheint, lieblichen Schatten geben, schützen sie auch vor Nasse, wenn es regnet. Und zu Nacht, und Morgens und Abends, wenn es nur ein wenig kühl wird, da kommt das alte Vögelein, und setzt sich mit ausgebreiteten Flügeln sorgsam darauf, damit sie warm zugedeckt seyen, und es sie nicht friere. Sieh, auch die stachligten Dornen rings umher sind nicht umsonst da. Die bösen Raben würden die jungen Vögelein fressen. Die Dornspitzen halten sie aber von dem Nestlein ab, und stechen sie, wenn sie den jungen Vögelein etwas zu leid thun wollen. Das alte Vögelein aber, weil es sehr klein ist, schlüpft leicht zwischen den Dornen hindurch, ohne sich zu beschädigen. Sieh, so verkünden uns alle Dinge, sogar die stechenden Der- neu, die Freundlichkeit und zärtliche Vatersorgfalt Gottes.« Indem Genovefa so sprach, kam das alteVöge- lein daher geflogen, und setzte sich auf den Rand des Nestleins. Alle junge Vögelein streckten laut zwitschernd die Köpflein in die Höhe, und sperrten die Schnäbelchen weit auf— und das Alte fütterte sie. Schmerzenreich war ganz entzückt.»O das ist schön!« sagte er.»Das ist recht schön!« und hüpfte vor Freude.—»Sieh,« sagte Genovefa,»die jungen Vögelein können dem Futter noch nicht nachgehen, da trägt das Alte es ihnen zu. Die Körnlein wären ihnen noch zu hart, da zerbricht daS Alte sie zuerst, und läßt sie in seinem Kröpf- lein zuvor weich werden, und gibt sie ihnen dann. Hat das Gott nicht recht schön eingerichtet? Sieh, so liebreich sorgt Gott für alle seine Geschöpfe, auch für das kleinste Vögelein. So liebreich sorgt er auch für uns. Ja, liebes Kind!« fuhr sie fort,, und blickte ihn weinend an,»Er hat bisher für Dich gesorgt, und wird noch ferner für Dich sorgen!» »Ja, ja,« sagte der Knabe,»Er hat für mich gesorgt, der gute, liebe Gotti-'Er hat ja Dich mir gegeben, liebe Mutter! Du hast mich ja viel lieber, als das alte Vögelein seine Jungen. Ohne Dich hätte ich längst umkommen müssen!« So sprach er, und fiel der Mutter um den Hals. Schmerzenreich hatte nun seiner Mutter alle Tage etwas Neues zu erzählen, zu zeigen und zu bringen. Da sie sich nur mir ihm abgab, da er keine Gespielen hatte, die ihn verdorben, und keine kindische Spielzeuge, die ihn zerstreut hätten; so entwickelte sich sem Verstand immer mehr, er liebte seine Mutter über alles, und jede Schönheit der Werke Gottes machte auf sein schuldloses Herz den tiefsten Eindruck. Jeden Morgen brachte er seiner — 53—— Mutter die schönsten Blumen, und pflückte die niedlichen Körblein, die sie ihm aus Binsen geflochten hatte, für sie täglich voll der schönsten Erdbeeren und Heidelbeeren, und späterhin voll Himbeeren und Brombeeren. Die rauhe Höhle zierte er mit schön gestreiften Schneckengehäusen und glänzenden Muscheln, mit seltenen Moosen und schimmernden Steinen aus, wovon sie ein nicht unangenehmes zierliches Aussehen bekam. Täglich erzählte er ihr, wie die kleinen grünenKügelein, die aus derDorn- schlehblüthe, und die grünen eyrunden Kügelein, die aus den Hagerosen entstanden waren, immer größer und größer würden, und wie auch dieVöge- lein immer größer wurden und kleine Federlein bekamen— bis endlich der Schlehdorn voll glänzend schwarzen Schlehen, und der Hagedornbusch voll scharlachrother Hagebutten hing, und die Vögelein alle davon geflogen waren. Als er das erst« Mahl den hellen schonen Morgenstern erblickte, als er einmahl zwischen den finstern schwarzen Tannen ein seltenes schönes glühendes Abendrsth bemerkte, als er den ersten Regenbogen sah, da kam er immer voll Freude gelaufen, und holte seine Mutter, und sie mußte alles mit ansehen und mit bewundern, und er dankte Gott mit ihr, der so viele herrliche Dinge gemacht hatte. So machte er seiner Mutter tausend Freuden. Ge- novefa blickte, wenn sie die Freundlichkeit des Knaben sah, oft Freude weinend zum Himmel, und sagte:-O Gstt! So kann denn ein schuldloses Herz auch in der Wüste em Paradies finden— Und eine Seele, die Dich liebt und Dich hat, findet auch Mitten unter Jammer und Leiden den Himmel.«j Die sorgsame Mutter hatte nun wohl auch nicht vergessen, ihn vor den Giftgewachsen zu warnen, die in der Wildniß umher in fürchterlicher Pracht da standen. Sie zeigte ihm die schwarze glänzende Wolfskirsche, und die blendend rothen Beeren des lorber- ähnlichen Seidelbastes, den grünlich braunen Stechapfel, die milchweißen Wurzeln des Schierlings, und den hochrothen wie mit weißen Perlen besäete» Fliegenschwamm.»Bey Leibe iß mir nichts davon,« sagte sie,»iß auch sonst von nichts, bevor Du es nur gezeigt hast. Sonst würdest Du sehr, sehr krank werden.« Allein die gute vernünftige Mutter warnte ihn noch sorgfältiger vovUngehorsam, Eigensinn, Naschhaftigkeit und andern Kinderfehlern.»Diese,« sagte sie,»sind noch weit verderblicher, als die Giftkräuter. Ach, die Sünde gleicht gar oft diesen verführerischen rothen Beeren hier, die dem Auge so schön und anlockend vorkommen, deren Genuß aber den Untergang bringt. Ja, das Böse ist oft selbst scheinbarer, und fällt viel schöner in die Augen, als das Gute— wie da der giftige Fliegenschwamm den einfach grauen, guten, schuldlosen und genießbaren Schwamm zu seiner Seite an Schönheit der Farben weit übertrifft.« Wilftes SAKitel. Genovefa erhält durch einen Wolf eins erwärmende Kleidung. Unter vielen schuldlosen Freuden waren für Genovefa und ihren Sohn der letzte Frühling und Sommer verflossen. Jetzt ward es Herbst. Die Sonne schien schon matter, und ging täglich später auf und früher unter. Der reine blaue Himmel war fast beständig von trüben finstern Wolken verdunkelt. Die Erde brachte nichts Neues mehr hervor. Die lieblichen Gesänge der Vögel waren verstummet, und die meisten Vögel aus der Gegend hinweg gezogen. Alle —» 55 Blumen verdorrten und verschwanden, und das Laub hing gelb und bleich an Bäumen und und was nichkselbst abfiel, das schüttelten die kalten brausenden Winds vollends herab- Mit einem He>^ zen, schwer von Besorgnissen für den Winter, saß Genovefa an dem Eingänge der Höhle, und sah nur thränenden Augen in die Verwüstung hinaus. Da sagteSchmerzenreich:»Mutter! liebt denn Gott uns jetzt nicht mehr, daß Er uns Alles nimmt, oder geht etwa die Welt jetzt gar unter?«— rmsm, mein Kind!« sagte Genovefa.»Wenn wir fromm und gut sind, so hat uns Gott immer gleich lieb. Nur auf Erden hier ist alles veränderlich und vergänglich. Die Liebs Gottes gegen uns ist aber unveränderlich und ewig.— Jetzt wird es nur Winter; nach dem Winter kommt aber alle Mahl wieder der schöne Frühling- Das ist alle Jahre so. M-eus Dich daher jetzt bey Annäherung des Winters schon auf den lieblichen Frühling!— Ach!« setzte Iis dann für sich selbst lächelnd hinzu,»Dir, liebes Kind, das Du, seitdem Du zur Vernunft kamst, den ersten Winter erlebst, ist es nicht übel zu nehmen, daß Du kaum glauben kannst, nach dem Winter werde es wieder Frühling. Und ich, Deine Mutter, bin wohl unverständiger zu nennen, als Du. Ich habe es nun schon aus so langer Erfahrung, daß nach dem Leiden alle Mahl Freude folge, und komme immer auf's Neue hart daran, es zu glaube«. Doch, rch will getrost seyn, und im Leiden stets der künftigen Freuden gedenken, und fröhlich und sorglos seyn, wie Du!« Genovefa war nun täglich beschäftigt, Holzapfel und Holzbirnen, Buchkerne und Haselnüsse, Dornschlehen und Hagebutten, und was sie sonst Genießbares von Früchten fand, für den Winter einzusammeln. Auch eine Menge Wurzeln grub sie aus— — 56 und Schmerzenreich half ihr dabey getreulich. Heu für die Hirschkuh aufzubewahren, darauf war sie schon früher bedacht. Eine größere Sorge als die Nahrung für den Winter, machte ihr ihre Kleidung. Ihr einziges Kleid, das sie nun schon so viele Jahre Tag und Nacht an hatte, war bereits ganz abgenutzt und zerrissen. Weinend saß sie am Eingänge der Höhle, und suchte die sich ablösenden Stücke ihres Gewandes mir zähen Grashalmen und Dorn- spitzen an einander zu befestigen. Aber es wollte nichts mehr halten.»Ach!« seufzte sie stille bey sich selbst,»was gäbe ich jetzt um eine Nadel und einige Trümmchen Faden. Wie viele Wohlthaten Gottes genießen doch die Menschen, die gesellig zusammen leben, und es fällt manchem gar nicht ein Mahl ein, Gott dafür zu danken.« Schmerzenreich, der ihre stille Wehmuth bemerkte, sagte zu ihr:»Mutter, weißt Du noch, was Du mir sagtest, da ich Dich einstens fragte, warum unserer Hirschkuh die Haare ausgehen? Du sagtest: Gott schenke ihr für jeden Sommer ein röthlich- brsunes, dünneres, leichteres Kleid, und dann wieder ein neues, grauliches, wärmeres Kleid für den Winter. Darum sey fröhlich! Gott schenkt Dir gewiß auch eines. Oder meinst Du denn, Du seyst Ihm incht lieber, als unsere Hirschkuh?« Gsnovefa umarmte den Knaben lächelnd, und sagte:«Du hast recht, liebes Kind! Ich will ruhig seyn, Gott wird für uns sorgen! Der die Thiere und Blumen kleidet, wird auch mich kleiden!« Nach ein Paar Lagen befahl sie dem Knaben, sich nicht von der Höhle zu entfernen, nahm einen starken Baumast in die Hand, hing eine ausgehöhlte Kürbisflasche mit Milch an die Seite, und ging weit in der Wildniß umher, um noch mehr Bäume aufzusuchen, deren Früchte zu genießen wären. An 57**** dem Abhänge eines hohen Berges, den sie ersteigen wollte, setzte sie sich nieder, um auszuruhen, und sich mit etwas Milch zu laben. Da kam ein fürchterlicher Wolf den Berg herauf, und trug ein Schaf in dem Rachen. Er stand still, und sah Genovefen mit grimmigen, funkelnden Augen an. Genovefa erschrack, haß sie zitterte. Schnell besann sie sich aber, ergriff den Ast, der neben ihr lag, sprang auf den Wolf zu, und versetzte ihm aus lallen Kräften einen Schlag auf den Kopf, um das arme Thier aus seinem Rachen zu erretten. Der Wolf ließ das Schaf fallen, purzelte betäubt unter und über sich eine Strecke weit den Berg hinunter, und lief heulend davon. Genovefa kniete bey dem Schafe nieder, goß ihm etwas Milch aus der Flasche in den Mund, und versuchte, ob es nicht mehr zum Leben zu bringen sey. Allein es war schon ganz todt. Der Anblick des armen Thieres erweckte in Ge- novefens Herzen mancherley wehmüthige Empfindungen.»Ach, du gutes Thier!« sagte sie.»Du bist also aus jenen freundlichen Gegenden, wo ich zu Hause bin? Ach, schon lange hab' ich nichts mehr^ von daher gesehen und gehört! Ach, daß du doch noch lebtest! Wie wollte ich dich nähren und pflegen! Wie würde mein Schmerzenreich sich über dich freuen! Vielleicht bist du gar von den vielen Herden meines Gemahls, und von meinen Herden!« »Ach Gott,« rief sie jetzt laut aus,»ja, du bist davon! Du trägst da unser Zeichen! Ach, wenn du nur lebtest, und menschliche Sprache verständest, daß ich dich fragen könnte: Ist er wohl zurück gekommen aus dem Kriege, mein Gemahl? Denkt er noch an seine Genovefa? Zürnt er noch über mich, oder hat er meine Unschuld erkannt? Ach, er lebt im Ueberfluß, und ich schmachte hier in Mangel und Elend!« Plötzlich hielt sie jetzt inne. Es fuhr ihr der Gedanke durch die Seele:»Ich muß meiner lieben Hei- math sehr nahe seyn, Sonst könnte dieses Thier nicht hierherkommen. Wie wäre es, wenn ich mit meinem Kinde dahin zurück kehrte?« Es regte sich in ihrem Herzen die heißeste Begierde nach ihrerHeimath, und reichliche Thränen flössen über ihre Wangen. Sie besann sich lange. Endlich sagte sie:»Nein! Ich will doch lieber da bleiben. Mich bindet ein schwerer Eid. Ich könnte freylich sagen, daß ihn mir bloß die Todesangst ausgepreßt habe. Allein es wäre doch nicht recht, ihn zu brechen. Und wer weiß, ob dieses Wagestück nicht vielleicht gar zwey wackern Männern, die mir das Leben schenkten, den Tod bringen würde. Nein, nein! Ich bleibe hier, so lange es Gott will. Will er mich aus dieser Wildniß be- freyen, so wird Er schon ein Mahl die Tritte eines mitleidigen Menschen hierher lenken! Es ist ja doch besser, alles Elend dulden, als sein Gewissen verletzen!« Sie suchte nun unten an dem Bache, der an dem Berge vorbey floß, eine scharfe Muschel, und zog damit dem Schafe das dichte, wollige Fell aus. Hierauf wusch sie das Fell in dem klaren Bache rein von Staub und Blut, trocknete es an der Sonne, und kleidete sich sogleich darein. So kam sie erst spät am Abende wieder in dem Thälchen bey der Höhle an. Schmerzenreich kam ihr schon von weitem entgegen gesprungen, und rief:»O Mutter, kommstDu doch ein Mahl! Ach, mir war es so Angst um Dich! Wo bliebst Du denn so lange? Allein plötzlich blieb er stehen, und stutzte. Das Pelzklerd und die einbrechende Dämmerung machte, daß er seine Mutter nicht mehr kannte. Er lief eilends zurück, um sich in der Höhle zu verbergen. Als er aber ihre freundliche Stimme hörte:»FürchteDich nicht, lie- —« 59- bes Kind, ich bin es!« da kehrte er wieder um, und rief:»O, Gottlob! So bist Du es dennoch! O, wie ich mich freue! Aber sage nur, was Du da an hast? Du bist ja beynahe eben so gekleidet, wie ich! Wie bist Du doch zu dem Kleide gekommen?«—»Der liebe Gott hat es mir geschenkt!« sagte Genovefa.»Nicht wahr, liebe Mutter!« rief jetzt Schmerzenreich, und hüpfte vor Freuden auf. »Ich hab'es Dir ja gesagt, Gott werde Dir ein neues, wärmeres Kleid für den Winter schenken.« Er fühlte es an, und sagte:»Wie schon zart und kraus es ist, und wie schon weiß! Gerade wie die zarten, krausen, weißen Wölklein am Frühlingshimmel. Ja, ja, man sieht schon, daß es eine Himmelsga- -be ist.« Sie gingen nun beyde in die Höhle, und Schmerzenreich brachte ihr eine Kürbisschale voll Milch, und ein Binsenkörblein voll Früchte, und Genovefa mußte ihm nun ausführlich erzählen, wie sie zu dem Wollenkleide gekommen sey. Der rauhe Winter schloß nun Genovefen und Schmerzenreich wieder in die Hohle ein. Nur an besonders heitern Wintertagen gingen sie ein wenig in dem Thalchen umher.»Sieh, lieber Sohn,« sagte Genovefa dann,»auch im Winter erblicken mir die Freundlichkeit Gottes. Wie jetzt alles so lichthell, rein und weiß ist! Alle Baume und Gesträuche sind über und über voll schwimmenden Duftes, als stünden sie alle in voller Blüthe. Sieh, wie der Schnee, da, wo die Sonne darauf scheint, mit so wunderschönen, roth und blau und grün schimmernden Funken bestreut ist! Obgleich alle Laubbaume entblättern sind, so ließ Gott doch den immergrünen Tannen ihre Nadeln, damit die Thiere des Waldes darunter ihre Zuflucht fänden. Die rauhen Wachholder-Sträuche tragen auch im Winter frische, blaue Beeren, damit die Waldvögelein ihre Nahrung finden. Unsers Quelle gefriert nie, damit sie trinken können— und immer wachsen frische grüne Krauter darin, mit denen sich manches Thierlein erhält. So besorgt für seine Geschöpfe, so freundlich und gütig zeigt sich Gott auch zur rauhen Jahrszeit.« Wenn es recht stürmte und wehre, streute Schmerzenreich allerley gesammelte Samen- körnlein vor die Höhle hin. Da kamen dann das Rothkelchen, und die muntere Kohlmeise, und die niedlichen, kleinen Blaumeisen bis vor den Eingang der Höhle geflogen, und pickten sie weg. Auch von dem gesammelten Heu streute er immer einiges vor der Höhle aus. Die hungrigen Rehe und Hasen wurden dadurch herbey gelockt, und die Häschen wurden zuletzt so zahm, daß sie ihm das duftend»- Heu aus der Hand fraßen, und die Rehböcklein wurden so vertraut, daß sie ihn mit sich scherzen ließen, und mit ihm in die Wette sprangen. So hatte Genovefa den Winter über manche Freuden. Sie hatte aber auch viele Leiden. Schmerzenreich schlief immer sehr bald ein, und wachte die ganze Nacht hindurch auch nicht ein einziges Mahl auf. Da saß sie denn in der finstern Höhle viele Stunden so einsam und sschlaflos da!»Ach,« seufzte sie oft,»wenn ich jetzt nur ein kleines Oehl-- lämpelein hätte, das diese finstere Hohle freundlich erleuchtete, welche Wohlthat Gottes wäre dieß! Und wenn ich dann erst ein gutes Buch, oder Flachs zu einer Spindel hätte, wie glücklich wollte ich mich schätzen! Die geringste meiner Mägde, und das ärmste Mädchen in meiner Grafschaft haben es jetzt besser, als ich! Diese sitzen jetzt in der warmen Stube, spinnen bey ihrem Oehllichtlein, un,d unter frohen Gesprächen verschwinden ihnen die Stunden!« Dann wandte sie aber ihr Herz wieder zu Gott, und sagte:»O wie gut ist es doch, wenn man Dich erkennt, lieber Gott! Ohne Dich härte ich ja jetzt gar Niemand, mit dem ich reden könnte. Ohne Dich wäre ich in dieser Höhle vor langer Weile und Trostlosigkeit schon längst gestorben. Aber in jeder Lage des Lebens gewährst Du uns reichlichen Trost! LWölftkS SiWktkl. Genovefa wird in der Wildniß krank. Wie den verflossenen Sommer und Winter, so brachte Genovefa mit ihrem Sohne mehrere Sommer undWinter in derWildmß zu, und hatvejetzk bereits den siebenten Winter erlebt. Die vorigen Wmter waren nie sehr kalt. Allein dieser siebente Winter ihres Aufenthalts in der Wüste war für sie sehr fürchterlich. Eine ungeheure Menge Schnee bedeckre Berg und Thal, und die stärksten Aeste der Eichen und Buchen brachen unter seiner Last. So gut Genovefa auch den Eingang der Höhle gegen den eindringenden Schnee verwahrte, so trieben die wüthenden, grimmig kalten Winde doch immer ine Menge desselben in die Höhle herein. So tief sie sich gegen den Frost in das reichliche Moos ihres Lagers zu verbergen suchte, so wurde doch alles Moos von dem herein gewehten Schnee durchnäßt und verkället. Der Eingang der Höhle und die schützenden Tannenäste waren immer schneeweiß von Duft, und die Wände der Höhle gleich gefror- nen Fensterscheiben, mit Eis überzogen. Die natürliche Wärme der treuen Hirschkuh war nicht Mehr vermögend, die schreckliche Kälte hinreichend zu mildern. Die Füchse bellten vor Frost, und zu Nacht hallte das Geheul der Wölfe fürchterlich durch dieWildmßhin. Genovefa schloß ganze Nach- te hindurch kein Augs vor Frost, und die Furcht, nebst ihrem Sohne von Wölfen zerrissen zu werden, machte sie oft zittern. Schmerzenreich, der von Kindheit auf der rauhen Speisen und harten Lebensart gewohnt war, befand sich trotz der Kälte wohl. Aber Genovefa, die zarte herzogliche Prinzessinn, die in Zimmern erzogen wurde, deren Fußboden mit Teppichen belegt war, konnte es in diesem kalten Felsengewölbe nicht mehr aushalten.»O,« sprach sie oft weinend, und ihre herabfallenden Thränen wurden zu Eis,»o ein einziges Fünklein Feuer— was wäre dieß für ein Himmelsgeschenk für mich! So aber werde ich noch in der Mitte des HolM erfrieren müssen. Doch Herr, Dein Will« geschehe!«— Ihr holdes, freundliches Gesicht war ganz verändert. Das sanfte, blasseRoth ihrer Wangen verschwand, und sie ward todtenbleich. Ihre löblichen Augen verloren ihren Glanz, und sanken in die Augenhöhlen zurück. Sie ward sehr hager, und recht ein Anblick des Jammers. »O liebste Mutter,« sagte Schwerzenreich mit Thränen in den Augen,»wie siehst Du doch aus! Ich kenne Dich ja fast nicht mehr. OGott, o Gott! Was ist doch das!« »Liebstes Kind,« sprach Genovefa,»ich bin sehr krank! ich werde wohl sterben!» »Sterben,« sagte der Kleine.»Was ist denn das? Da habe ich ja in meinem Leben noch nichts davon gehört?» »Ich werde einschlafen,« sprach Genovefa mit schwacher Stimme,—»und nicht mehr aufmachen.! Nie mehr sieht dann mein Auge die Sonne, und i mein Ohr hört dann Deine Stimme nicht mehr.! Dieser Leib wird dann kalt und starr am Boden ausgestreckt da liege», und keinen Finger mehr be- 63**** wegen können. Endlich vermodert er gar, und wird ganz zu Erde.«^„ Da fiel der Knabe ihr sautw-mend um den Hals, und wiederholte immer nur die Worte:»O Mutter, Mutter, stirb doch nicht! Ich bitte Dich, stirb nicht.« Genovefa sagte:»Weine nicht, liebstes Kind. Es steht nicht bey mir, ob ich sterben will, oder nicht. Gott will es nun einmahl so haben.« »Gott?« rief der Knabe ganz verwundert.»Aber Du hast mir ja immer gesagt, Gott sey so gut. Wie kann Er denn nun das geschehen lassen. Sieh, ich könnt-ja kein Vögelein umbringen, vielweni. ^ Genovefa antwortete:»Du hast recht, liebes Kind' Da Du mich nicht umkommen lassen, noch tödten könntest, so kann Gott dieses noch viel weniger. Er, Verewig lebt, gibt auch uns ewiges Leben. Doch muß ich Dir dieses erst erkläre». Weryt Du noch, lieber Sohn, wie ich mein altes Kleid auszog und wegwarf, weil es nichts mehr taugte, und mir Kot* ein besseres schenkte? Sieh, so werde ich jetzt aucy diesen Leib ausziehen und weglegen. Er wird" vermodern, wie jenes alte Gewand. Ich selbst aber komme zu Gott, unserm lieben Vater im Himmel. Der wird mich dann auch statt dieses Lei- des mit einem schönern, herrlichern Leibe bekleiden. O, dort im Himmel, dort werde ich es gut habe». Dort werde ich nicht mehr vor Frost zittern, und nicht mehr seyn. weine und seus^e ich ewig nicht mehr, und habe statt des Leidens lauter Freude. Wieder Frühling schöner ist, als der Winter, so ist der Himmel schöner, als die Erde.^za der schönste, heiterste Frühlingstag ist gegen die Schönheit und Heiterkeit des Himmels nur eine rauhe, finstere Wintersnacht. Wer gut und fromm ist, der kommt ein Mahl dahin.« »*** b4 »Mutter,« sagte Schmerzenreich,»ich will mit Dir! Ich mag nicht allein unter den wilden Thieren bleiben. Denn die antworten mir nicht, wenn ich mit ihnen rede. Ich will auch sterben, und dieses Kleid von Fleisch auch ausziehen.« »Nein, lieber Sohn!« sagte Genovefa.»Du mußt noch langer auf Erde bleiben. Einstens aber kommst Du, wenn Du anders fromm leben wirst,- gewiß zu mir in den Himmel. Denn Du mußt auch ein Mahl sterben.— Jetzt aber höre, was ich Dir weiter sagen werde! Wenn ich nichts mehr rede, wenn mein Athem still steht, wenn mein Auge erloschen, mein Mund erblaßt, meine Hand starr und kalt seyn wird, so bleibe noch drey Tage hier. Dann, wenn Du gewiß weißt, daß ich todt bin, und der widrige Verwesungsgeruch diese Höhle erfüllen wird, so gehe aus dieser Wildniß fort—immer geradezu dahin, wo jetzt die Sonne aufgeht. Da wirst Du nach einem oder zwey Tagen an das Ende dieses wilden Waldes kommen, und einegroße, schöne Ebene vor Dir sehen, in der viele tausend Menschen wohnen.« »Viele tausend Menschen!« rief Schmerzenreich voll Erstaunen.»Ach, ich glaubte immer, wir zwey seyen allein auf der Welt. Aber warum hast Du mir denn dieses nicht schon längstgesagt? O, wenn Du nur gehen könntest— da gingen wir sogleich zu ihnen!« »Ach, mein Kind!« sagte Genovefa.»Diese Menschen haben uns eben in diese Wildniß zu den Thieren des Waldes hinaus gestossen! Sie wollten mich und Dich umbringen.« »So mag ich nicht zu ihnen!« sagte der Knabe. »Ich habe gemeint, sie seyen so gur, wie Du, Mutter. Aber müssen diese Menschen denn auch sterben?« — 65—' »Freylich!« sagte Genovefa,»alle Menschen müssen sterben.« »O, so werden sie das Nichtwissen, wie ich es bisher nicht wußte!« sagte der Knabe.»Ja, nun will ich zu ihnen undwill's ihnen sagen. Menschen, will ich ihnen zurufen, ihr müßt alle sterben! Bessert euch, sonst kommt ihr nicht in den Himmel! Wenn sie es mir nur glauben!« »OKind,« sagte Genovefa,»das wissen sie langst! Aber deßhalb bessern sie sich doch nicht. Sie leben im Ueberflusse. Die Erde bringt ihnen die allerschön- sten Früchte hervor, dergleichen man in dieser Wild- niß gar keine sieht. Sie haben die besten Speisen und Getränke. Sie tragen Kleider von allen Farben der Blumen, die bey den Vornehmen oft noch mit kostbaren Sachen besetzt sind, die gleich den Sternen funkeln. Ihre Wohnungen sind so prächtig, daß ich eSDir gar nicht beschreiben kann. Auch im Winter haben sie die Sonne gleichsam in ihrer Wohnung, es friert sie gar nicht, und auch zu Nacht wissen sie ihre Wohnung fast so helle zu machen, als am Tage. Die meisten aber danken Gott nicht einmahl für alle diese Wohlthaten, und mögen gar nicht an Ihn denken, und hassen und plagen und quälen einander oft, so arg sie nur können. Alle Tage fast sterben einige aus ihrer Mitte hinweg. Aber die andern kehren sich gar nicht daran, und leben so fort, als wenn sie ewig auf dieser Erde zu leben hätten.«— »Nun mag ich gar nicht zu ihnen?» sagte Schmerzenreich.»Da sind ja diese Menschen nicht nur so böse, wie der Wolf, sondern auch noch dümmer, als unsere Hirschkuh da, die von allem, was wir reden, nichts versteht. Ich will nichts vonden Speisen dieser Menschen, und lieber mit den Thieren essen. Die leben— den einzigen grimmigen Wolf Schmid's Zugendsch. i. Bd, Genovefa. 6 —»» 66 ausgenommen, doch friedlich unter einander, und nähren sich ruhig von Gras und Krautern. Ich bleibe bey den Thieren, und gehe nicht zu den Menschen.« »Du mußt dennoch zu ihnen, liebes Kind! sagte Genovefa.»Sie werden Dir nichts zu leid thun. Höre nur weiter! Ich habe Dir bisher nur von Deinem Vater im Himmel gesagt. Nun muß ich Dir aber noch sagen, daß Du auch einen Vater auf Erde hast, wie Du eine Mutter auf Erde hast!« »Einen Vater auf Erde/« sagte der Knabe freudig,»den man so wie Dich sehen, und so wie ich jetzt Dich bey der Hand nehmen kann, der nicht unsichtbar ist, wie der Vater im Himmel?«) »Ja, liebes Kind!« sagte die Mutter,»Du wirst ihn sehen, und mit ihm reden!« »Ihn sehen und mit ihm reden!« rief der Knabe, und seine Augen funkelten von Freundlichkeit. »Aber,« fuhr er bedenklich fort,»warum kommt er denn nicht zu uns, und warum läßt er uns so allein in dieser Wildniß? Er wird doch nicht auch einer von den bösen Menschen seyn?« »Nein, liebes Kmd!« sagte Genovefa.»Er ist ein guter Mensch. Er weißes nicht, daß wir hier in dieser Wüste sind. Er weiß eS nicht ein Mahl, daß wir noch leben. Er meint, wir seyen beyde umgebracht worden. Er meint, ich sey die gottloseste Mutter, die es nur auf Erde geben kann. Die Menschen logen ihm das so vor.« »Was ist denn das, sie logen?« unterbrach sie der Kleine.»Das versteh' ich nicht.« »Das ist,« sprach die Mutter,»wenn man anders redet, als man denkt. DieMenschen sagen zum Beyspiel zu einander, daß sie einander recht lieb haben, und mögen einander doch nicht ausstehen. Das heißt man denn lügen.« »Ja, kann man denn das?« sagte der Kleine, »das märe mir nie eingefallen. O, die Menschen, die Menschen—« rief er, und schüttelte das lockigke Köpfchen—»sind doch seltsame Geschöpfe!« »Nun,« sprach Genovefa,»Dein Vater wurde auch so belogen.« Sie erzählte dem Knaben hierauf von ihrer Geschichte, was er verstehen konnte, und fuhr dann weiter fort:»Sieh', diesen goldenen Ring hier an meinem Finger! Diesen habe ich von Deinem Vater.« »Von meinem Vater?« rief der Knabe freudig. »O, so laß mich den Ring doch einmahl recht betrachten. Von meinem Vater im Himmel habe ich schon viele schöne Sachen gesehen— Sonne und Mond, Sterne und Blumen, aber von meinem Vater auf Erden habe ich ja in meinem Leben noch nichts gesehen!« Genovefa nahm den Ring vom Finger, und gab ihn dem Knaben.»O, der ist schön,« sagte Schmerzenreich.»Hat mein Vater mehr solche schöne Sachen, und schenkt er mir auch etwas davon?« »Wohl! liebes Kind,« sagte Genovefa, und steckte den Ring wieder an.»Wenn ich todt seyn werde, dann nimm diesen Ring von meinem Finger. Denn eher will ich ihn nicht ablegen, sondern ihn bis in den Tod hier aufbewahren; so wie ich Deinem Vater Liebe und Treue auch bis in den Tod bewahrte. O, gewiß! Meine Liebs zu ihm war rein, wie das Gold an diesem Ringe, und meine Treue ist ewig, wie dieser runde Kreis des Ringes, an dem man kein Ende findet— das Sinnbild der Ewigkeit! — Wenn Du dann zu den Menschen komme» wirst, so frage nach dem Grafen Siegfried. Denn so heißt Dein Vater. Bitte die Menschen, Dich zu ihm zu führen, sage aber keinem, wer Du seyest, woher Du kommest, oder warum Du zu dem Grafen wollest. Auch den Ring laß bey Leibe Niemanden sehen. —» 68—— Wenn Du dann vor dem Grafen, Deinem Vater, stehen wirst, so gib ihm den Ring, und sage zu ihm:«Vater! diesen Ring schickt Dir meine Mutter zum Zeichen, daß ich Dein Sohn sey. Vor einigen Tagen ist sie gestorben. Sie grüßt Dich noch einmahl, und laßt Dir durch mich sagen, daß sie unschuldig war, und daß sie Dir verzeihe.— Im Himmel hofft sie Dich wieder zu sehen, da es auf dieser Welt nun einmahl nicht mehr hak seyn können. Du sollst fromm leben und getrost seyn, und nicht um sie weinen, und für mich sorgen! Vergiß mir nur das nicht, liebes Kind, ich sey unschuldig und ihm treu! Das hatte rch im Tode noch bezeugt, und darauf sey ich gestorben! Sage ihm das doch recht gewiß! Sage ihm auch, daß ich ihn in der Stunde des Todes noch so lieb hatte, wie ich Dich liebe! Erzähle ihm dann auch, wie ich hier lebte und starb!— Ich laß ihn auch bitten, meinen entseelten Leichnam aus dieser Höhle hier abholen, und in die Gruft seiner Vorältern begraben zu lassen. Denn ich war ihrer nicht unwerth, obwohl mich die Menschen für eine Verbrechen»» und für ehrlos halten.« »Und dann muß ich Dir noch Eins sagen, das Du noch nicht weißt. Wie Du einen Vater und eine Mutter auf Erde hast, so habe ich auch Vater und Mutter. Ach Gott! Ich weiß aber nicht, ob sie den Jammer, den ich ihnen unschuldig verursachte, überlebt haben oder nicht. Wenn sie aber noch am Leben sind— o, so bitte Deinen Vater, Dich sogleich zu ihnen zu bringen! O, sie werden eine große Freude haben, wenn sie Dich, ihren lieben Enkel, erblicken, «nd über diese Freude alles das Elend von sieben langen Jahren vergessen. Denn ach!« fuhr sie fort, und brach in einen Strom von Thränen aus,»ach, Du mein guter Vater! Du hast gewiß recht um 69—— mich getrauert, und Du, meine liebe Mutter! Du hast gewiß um Deine Genovefa viel geweint! Ach, meine liebste Aeltern! Euer Angesicht hätte ich doch noch einmahl sehen mögen, bevor ich sterbe. O, Ihr sehntet Euch gewiß auch, mich noch einmahl zu sehen, wenn Ihr wüßtet, daß ich noch lebe! Ader ach, Ihr meinet, mein Leichnam sey in irgend einem abgelegenen Orte der Wildniß schon lange verweset.— O, was ist es doch Seliges um^die Hoffnung des Himmels und des Wiedersehens im Himmel! Ohne diesen Trost wäre der Jammer auf Erde doch zu groß, und wir armen Menschen müßten verzweifeln!— Du weinest, liebes Kind! Vergib, daß ich Dir das Herz so schwer machte. Sieh', obgleich Du fetzt mich, Deine Mutter, verlierest, so wird Dir Gott ja statt meiner einen guten Vater schenken! Weine daher nicht, liebes Kind! Dein Vater wird Dich gewiß recht lieb haben, und Dich küssen, und Dich auf seine Arme und auf seinen Schoß nehmen, und Dich an sein Herz drücken, und Dich seinen Sohn nennen, und Dich um vieles von mir fragen, und vor Leid und Freude weinen, wenn er Dich, sein liebes Kind, so ansieht!« Genovefa konnte vor Weinen selbst nicht mehr reden, und sank entkräftet zurück auf ihr Lager von Moos, und konnte lange Zeit vor Schwäche kein Wort mehr vorbrmgen. DrryrHriirs Carütel. Genovefa bereitet sich zum Lob«. Die schreckliche Kälte des Winters ließ nach, es wehte eine laue, milde Luft, die Sonne schien des Mittags wieder hell und freundlich in die Höhle Herein, und ihre holden Strahlen waren schon merklich »»»*^0 warm. Der Duft am Eingänge, und das Eis an den Wanden der Höhle schmolzen, und rannen in großen Tropfen herab. Mit Genovefa's Krankheit wurde es aber täglich schlimmer, und sie sah nichts vor Augen, als den nahen Tod. Sie nahm das Kreuz von der Wand neben ihrem Bette herunter, und- schickte sich zum Sterben an. »Ach,« sprach ile,»mir ist zwar der Trost versagt, einen Priester an meinem Sterbelager zu sehen, der mir Muth einspräche, und mir das Brot des Lebens reichere zur Stärkung auf die große Reise in die Ewigkeit! Aber Du, o Herr! Du ewiger Hoherpriester, bist ja selbst bey mir! Du bist Allen, die eines zerschlagenen und gebeugten Geistes sind, innigst nahe! Jedes Menschenherz, das da leidet und sich nach Dir sehnt, willst Du heimsuchen und erquicken! Du sagst es ja selbst. Siehe, ich stehe vor der Thüre, und klopfe an! So Jemand meine Stimme hören wird, und mir die Thüre aufthut, zu dem will ich eingehen, und Abendmahl mit ihm halten, und er mit Mir.« So sprach sie, und bethete dann lange stille mit fest gefalteten Händen und nieder gesenkten Augen. Schmerzenretch saß den ganzen Tag— und die langen Winternächte ohne Licht!— beständig neben ihr, und der gute Knabe mochte nicht mehr essen, noch trinken. Er that ihr alles, was er ihr an den Augen ansehen konnte, und pfle.gte ihrer mit der kindlichsten Liebe. Er nahm seine beyden Händchen voll Moos, und trocknete, so weit seine kleinen Aerm- chen hinauf reichten, die nassen Wände der Höhle ab, damit das Wasser nicht aufseine kranke Mutter herab tröpfelte. Er sammelte an den Felsen und den Bäumen mehr trockenes Moos, um ihr statt des feuchten Lagers ein besseres zu bereiten. Bald holte er ihr eine Kürbisschale voll frisches Wasser von der Quel- le, und sagte:»Willst Du nrcht trinken, liebste Mutter! Es ist Dir ja so heiß, und Deine Lippen sind ganz trocken.« Bald brachte er ihr eine Kürbisschale voll Milch, und sagte:»Trink doch, liebste Mutter! sie ist recht gut, und ich habe sie eben erst gemolken.« Dann fiel er ihrwieder weinend um den Hals, und sagte schluchzend:»O Mutter! Liebste Mutter! O, wenn ich nur statt Deiner krank seyn, oder für Dich sterben könnte!« Eines Morgens hatte sie ein Paar Stunden recht sanft und süß geschlummert. Sie erwachte um vieles heiterer und gestärkter. Das kleine, hölzerne Kreuz, das sie immer in der Hand hielt, war ihr im Schlafe entfallen. Sie suchte es—undSchmer- zenreich, der sogleich merkte, was sie wollte, gab es ihr wiederin die Hand.»Aber, liebste Mutter,« fing er darauf an,»was thust Du doch immer mit diesem Holze in der Hand?« »Liebes Kind,« sprach sie,»ich glaubte länger zu leben, sonst hätte ich Dir dieses schon früher gesagt. Allein, ich sehe jetzt wohl, daß man nichts Gutes aufschieben soll.— Ich habe Dir zwar schon davon erzählt, daß der Vater im Himmel auch einen Sohn habe, der ihm in Allem gleiche. Aber, was dieser sein Sohn allesfür uns gethan hat, konnte ichDir noch nicht wohl erzählen. Du würdest gar vieles nicht verstanden haben, weil Du bisher von der gan- zen Welt entfernt, in der Wildniß aufwuchsest.— Jetzt, da Du einmahl weißt, daß es mehrere Menschen auf Erde» gebe, und wie diese Menschen beschaffen seyen, da Du gehört hast, und es zum Theile schon an mir sehen kannst, was sterben sey— will ich versuchen, Dir das Wichtigste von der Geschichte des Sohnes Gortes klarzumachen. Alsdann wirst Du auch einsehen, was das Holz hierin meiner Hand für eine Bedeutung habe. So höre denn, was ich Dir T'A»»»» nun erzählen werde, aufmerksam an, und nimm die Worte Deiner Mutter wohl zu Herzen!« »Sieh, den lieben Vater im Himmel jammerte es, daß die Menschen so gar böse, und daß sie deßhalb so elend sind, daß er sie deßhalb nach ihrem Tode gar nicht in den Himmel hinein lassen könnte.^ Da schickte Er denn seinen lieben Sohn zu ihnen von dem Himmel herab. Der sollte sich ihrer annehmen, daß sie sich doch bessern möchten! Sein heili-. ger Nahme ist Iesus Christus.« »Dieser sein lieber Sohn war so mächtig und liebreich wie der Vater selbst. Als er noch ein Kind i war, noch viel kleiner als Du, da war Er mit seiner lieben Mutter auch in einer solchen Höhle, die der Aufenthalt der Thiere war, wie diese hier. Da Er groß gewachsen war, wohl etwas großer als ich, da lebte Er auch einige Zeit in einer Wildniß, die noch viel schrecklicher war, als diese hier. Er bethete da beständig, damit das, was Er den Menschen sagen und zu ihrem Heile thun wollte, doch nicht-ver- gebens seyn möchte!« »Darauf ging Er zu den Menschen hin, und erzählte ihnen, daß der Vater im Himmel Ihn zu ihnen geschickt habe, und daß der Vater im Himmel so gut sey und sie so lieb habe, und daß alle Menschen Kinder dieses guten Vaters seyen, und daß sie deßhalb auch recht gut seyn, und diesen guten Vater und einander recht lieb haben sollten. Wer ihm, dem Sohne, Gehör gebe,« sagte Er,»und sich bessere, der komme einst auch in den Himmel, und werde dort viele, viele Freuden haben. Wer ihm aber kein Gehör gebe, und Ihm nicht folge, der komme einmahl nicht in den Himmel, sondern an einen sehr fürchterlichen Ort.« »Allein die Menschen wollten es dem Sohne nicht glauben, daß Er derSvhn des Vaters im Himmel **** 73**** sey, und daß der Vater im Himmel Ihn zu ihnen geschickt habe. Da zeigte Er ihnen augenscheinlich, daß Er so mächtig sey, wie sein Vater.« »Eine Mutter, wie ich, yur etwas älter, war zum Beyspiel einmahl so krank, wie ich, und hatte ein eben so böses Fieber. Kein Mensch konnte ihr helfen. Er übernahm sie nur so bey der Hand— wie ich Dich jetzt bey der Hand nehme— und den Augenblick war sie wieder gesund, und sah wieder schön und roth aus, wie zuvor.« »Ein anders Mahl war ein Sohn— etwas größer, als Du— gar gestorben. Er war der einzige Sohn seiner Mutter, wie Du mein einziger bist. O, wie da die Mutter um ihn weinte! das kannst Du Dir denken! Aber der Sohn Gottes sagte freundlich zu derMutter:»Weine nicht!« Und zu dem todten Leibe sagte Er:»Steh auf!«— und da war er gleich wieder lebendig und stand auf. Und der Sohn Gottes führte ihn nun zu seiner Mutter—und sie freute sich unbeschreiblich.« »Allein die Menschen glaubten es ihm doch nicht, daß Er der Sohn Gottes sey, und daß der Vater im Himmel Ihn in die Welt geschickt hatte. Sie konnten es nicht leiden, daß er immer sagte, sie seyen böse, und sie sollen gut werden. Da machten sie denn ein großes Holz zusammen, gerade so, wie das kleine, daß ich hier in der Hand habe, man nennt es ein Kreuz, und dann bohrten sie Nagel, die ungefähr den Dornen gleichen, aber viel größer und harter sind, durch seine Hände und Füße, und hefteten Ihn so mit ausgestreckten Armen an das Kreuz. Da lief das Blut heraus, und Er mußte sterben. Sie aber lachten noch dazu über Ihn, und spotteten Zhn nur aus. Und doch hatte Er keinem Menschen eur Leid gethan, und es mit allen so gut Schmid'sLugendsch. i.Bd. Grnovefa. 7 gemeint, und allen geholfen, die sich von Ihm wollten helfen lassen!« »O die bösen, bösen, abscheulichen Menschen!« rief Schmerzenreich.»Aber Uct denn das der Vater im Himmel, und schlug Er nicht mir seinen Blitzen darein? Ich an seiner Stelle hatte alle todt geschlagen!« »Liebes Kind,« sagte die Mutter,»der Sohn bethete für sie zu dem Vater.»Vater,« sprach Er,»verzeih eS ihnen! Sie wissen nicht, was sie thun!« Ja, Er starb eben auS Liebe zu den Menschen, aus Liebe zu allen Menschen, auch aus Liebe zu diesen bösen. Es war dieß so nothwendig, liebes Kmd! Sonst hatte kein Mensch in den Himmel kommen können, Du und ich auch nicht. Auch aus Liebe zu uns beyden gab Er das Leben hin!« Vergüte Knabe saß unbeweglich da, und horchte hoch auf, und die hellen Thränen liefen ihm über seine rothen Wangen herab. Denn da er dieses alles das erste Mahl hörte, so rührte es ihn unbeschreiblich.»O der gute, gute Gottessohn!« sagte er, und wischte sich mit dem Rehfellchsn, das er an hatte, die Thränen ab.»Ist Er aber jetzt auch in dem Himmel?« »Ja, liebes Kind!« sagte die Mutter.»Sein Leib laq nun wohl todt da. Man legte Ihn in eine Felsenhöhle, die auch ungefähr dieser hier glich, die wir bewohnen, und wälzte ein großes Felsenstück vor den Eingang der Höhle. Aber denk' nur, ehe drey Tage vergingen, da kam er wieder lebendig aus der Höhle hervor. Einige wenige Menschen waren doch nicht so böse, wie die übrigen. Sie hatten ihm Gehör gegeben, und sich gebessert. Diese hatten Ihn sehr lieb gehabt, und viel über seinen Tod geweint. Zu diesen ging Er nun hin. O, da hatten sie eine grosse Freude, als' sie ihn wieder sahen. Er sagte ihnen aber, daß Er nun wieder zu seinem Vater heim gehe in den Himmel. Alls waren darüber sehr traurig. Allein Er sagte:»Weinet nicht, und laßt Euch das Herz nicht schwer werden! Seht, droben, wo mein Vater wohnt, da ist Raum genug für Euch; Ich gehe jetzt nur hin, und bereite Euch rndessen einen Platz. Thut nur, was ich Euch gesagt habe, dann kommtJhr einst alle auch dahin, wo ich bin. Ich werde Euch wiedersehen, und dann wird Eure Freude vollkommen seyn, und niemand wird sie Euch mehr nehmen können. Aber auch auf Erde noch werde Ich, obwohl Ihr mich gleich nicht sehen werdet, dennoch unsichtbar immer nahe beyEuchseyn, bisan das Ende der Welt. Er segnete sie nun noch, und schwebte dann vor ihren Augen immer höher und höher zum Himmel hinauf, bis Ihn eine goldene Wolke ihren Blicken verbarg.« »O, das muß schön gewesen seyn!« sagte der Knabe.»Ader weiß Er jetzt auch noch etwas um uns? Weiß Er, daß wir hier rn dieser Wildniß leben, und werden wir Ihn im Himmel einst auch sehen?« »Freylich!« sagte die Mutter.»Er sieht uns überall, und wo nur nur sind, da rst Er bey unS, und liebt uns, und gibt uns gute Gedanken in das Herz, und hilft uns dazu, daß wir ganz gut werden können. Denn sieh, liebes Kind! Du bist nun wohl er» guter Knabe, und hast mir schon viele Freude gemacht. Aber recht und ganz gut bist Du noch lange»echt. Das kannst Du, wenn Du nur ein wenig Ächt geben willst, alle Augenblicke an Dir merken. Sieh, Du harrest wohl nicht so für die Menschen gebethen, wie der Sohn Gottes, wenn sie Dich umgebracht hätte». Du hast ja den Augenblick erst gesagt: Du würdest alle todt geschlagen haben, wen» Du nur die Macht dazu gehabt haktest. Da siehst Du nun schon, daß Du noch lange nicht so guc bist, und noch lange keine solche Liede hast, wie der E>ohn Gor- tes. Und so gut und liebvoll, wie Er, muffen wir werden, wenn wir seinem himmlischen Vater und Ihm gefallen, und einst in den Himmel kommen wol-- len. Und dazu, daß wir so gut und liebevoll werden, wie Er, will uns der Sohn Gottes helfen! Deßwegen kam er in die Welt, und starb für uns am Kreuze.«, »Und nun, lieber Schmerzenreich, begreifest Du wohl, warum ich dieses kleine Kreuz hier immer in der Hand halte. Es erinnert uns ja an die Liebe Desjenigen, der für uns am Kreuze litt und starb! Es ermähnt uns, daß auch wir durch Leiden und Sterben, was man daher auch ein Kreuz nennt, so in den Himmel kommen müssen. Und deßhalb ist uns dieses einfache Zeichen so lieb und werth!« »Ach, liebstes Kmd!» fuhr sie fort, und blickte ihn mit weinenden Augen an,»ich habe nichts, das ich Dir zum Andenken geben könnte, als dieses arme Holz. Aber wenn ich nun todt seyn werde, so nimm Du es aus meinen kalten, erstarrten Handen, und bewahr' es auf. Schäme Dich nicht, lieber Sohn, wenn Du einst groß und reich sey» wirst, dieß arme Andenken Deiner Mutter, an dem besten Orte Deiner künftigen, prächtigen Wohnung aufzustellen! Denke, so oft Du es erblickest, an denjenigen, der einst aus Liebe zu Dir an einem Kreuze starb, und an Deine Mutter, die mit diesem Kreuze in der Hand jetzt stirbt! Nimm Dir dann alle Mahl vor, fromm und gut zu seyn, und rein und schuldlos zu leben, und die Menschen zu lieben, und ihnen Gutes zu thun, und selbst das Leben für sie zu geben, wenn ihnen damit gedient ist, und solltest Du auch voraus sehe», daß sie Dir nickt einmahl dafür danken werden! O dann, wenn Du beym Anblicke dieses Kreuzes Dir dieß alles nicht nur vornimmst, sondern es auch thust,— dann ist dieses arme Erb- —. 77— theil von Deiner Mutter mehr werth, als die ganze große reiche Erbschaft, die Du von Deinem Bater zu erwarten hast!»- Von dem längern Reden warGenovefa so lchivacy geworden, daß sie nun wieder lange ruhen und schweigen mußte. »Ach!« fing sie nach einer Zeit wieder an,»wenn. Du nur glücklich zu Deinem Vater kommest; denn der Weg dahin, durch die schauerliche Wüste, durch den dicken, undurchdringlichen Wald, über sterle Felsen und tiefe^gründe, ist für Dich, armer,, ,-Hwa- ches Kind, freylich hart, und weit und gsfayr.ach. Aber Gott wird Dir schon durchhelfen, daß Du bey Deinem Vater, den Er Dir hierauf Erden gab, glücklich ankommst, wie Er ja uns allen durch die weit gefahrvollere Wüste der Welr durchhelfen mu-;, damit wir ernst bey Ihm selbst, den» wahren und einzigen Vater unser aller, unserm Vater im Himmel, glücklich anlangen, und sein Angesicht sehen.-— Vergiß auch nicht ein Paar Kürbißflaschen voll Milch mitzunehmen, damit Du unter Weges nicht verschmachtest. Nimm auch den Baumast dort zu Dir, Dich gegen wilde Thiere zu vertheidigen. Ach, armes Kind! Du bist freylich schwach. Allein Gott, unter dessen Schutz ich als ein schwaches Weib den grimmigen Wolf besiegte, wird auch Dein Schutz gegen wilde Thiere seyn. Wer ihm vertraut, der wandelt kühn über Schlangen und Nattern, und zertritt Löwen und Drachen unter sich.« Als die Abenddämmerung anbrach, nahm ihre Schwäche sehr überhand. Sie athmete so hart, daß ihr der heiße Schweiß ausbrach. Da faßte sie alle ihre Kräfte zusammen, setzte sich in ihrem Lager von Moos auf, blickte den Knaben, der neben ihr saß, ernst und wehmüthig an, und sagte mit einer seltsam bewegten seyerlichen Stunme, über die der Kua- 78»— bi> erschrack:»Schmerzsiircich, kniee nieder, daß ich Ä!ch noch jegne, wie meine Mutter mich auch noch gesegnet hat, ehe ich von ihr schied! Ich glaube, mein Ende ist nicht mehr ferne!« Der arme Knabe knieete schluchzend nieder, neigte sein wehmüthiges Äenchtchen gegen die Erde, und hob die kleinen zitternden Händchen andächtig empor. Genovefa legte ihre Hand-Mf sein lockigteS Haupt und sagte mir tief gerührter Stimme:»Gort segne Dich, mein Sohn, und JesuS Christus sey mit Dir, und sein Keift, seit« nnch-reS-ere Dich, damit.Du ein, guter Mensch werdest, und nie, nie etwas Böses thuest, und ich Dich im Himmel dereinst wieder sehen möge!« Sie bezeichnete ihn noch mit dem Kreuze, und schlang den Arm um ihn, und küßte ihn, und sagte noch ein Mahl:«O Schmerzenrcich! wenn Du setzt zu den Menschen kommest, und ihre bösen Bey- Ipiele siehest, so werde mir doch nicht böS! Und wenn Du einst in Glanz und Reichthum leben wirst, so vergiß Deiner armen Mutter nicht! Ach, wenn Du dieser meiner Liebe zu Dir, und dieser meiner Mutterthränen, und meiner letzten Worte, der Worte Deiner sterbenden Mutter, je vergessen uns böse werden könntest, o so würdest Du in jener W-lt ewig von mir getrennt werden! O Schmer- zenrsich, bleibe gut!«— Sie konnte nicht weiter reden, sank zurück auf ihr Krankenlager, schloß die Augen, und Schmer zenreich wußte nicht, ob sie nur schlummerte oder wirklich todt seye!—Er knieete weinend und schluchzend„eben ihr, und bethete immer:»O Gott, laß sie nicht sterben! O Jesus Christus! wecke Du sie wieder auf!«—— 79 ^irr-ehntrs Eavitel. Grafen Siegfrieds Trauer um seine Gemahlinn Genovesa. Graf Siegfried lag damahls, als er auf Gslo s Anklage in der ersten Aufwallung des Zornes das unglückliche Todesurtheil über Gensvefa unterzeichnet und abgesandt hatte, in seinem Kriegszelts an einer empfangenen Wunde krank darnieder. Sein aller Kriegsgefahrte und Stallmeister, Wolf mit Nahmen, war eben viele Merken wett vom Lager entfernet, und hielt mit seinen Reitern einen engen Gebirgspaß besetzt. Als er abgelöset wurde, zurück kam, und in das Zelt des Grafen trat, um sich nach dem Wohl seines Herrn zu erkundigen, da erzählte ihm der Graf sogleich alles, was indeß vorgegangen war. Der alte, ehrliche Diener erschrack, daß er erblaßte, und sagte:»O lieber Herr, was habt Ihr gethan? Eure Gemahlinn ist gewiß unschuldig. Dafür verpfände ich meinen alten, grauen Kopf. Eine so fromme Seele, eine so gut erzogene Tochter wird nicht sobald schlimm. Glaubt, mir das! Ich hab' es aus Erfahrung. Aber Euer Golo ist ein nichtswürdiger Schurke. Haltet einem alten Diener dieß Wort zu gut! Ich weiß wohl, daß er durch sein beständiges Schmeicheln sich tief in Euer Herz einqeschlichen hat. Aber glaubt es mir doch einmahl! Wer Euch immer lobt, und Euch zu allem Recht gibt, der ist Euer Feind. Er verachtet Euch im Grunde, und sucht nur seinen eigenen Vortheil. Wer Euch aber die Wahrheit auch dann sagt, wenn Ihr sie nicht gerne höret, der ist Euer Freund. Gebt mir daher Gehör, lieber Herr, und nehmet Euer übereiltes Urtheil auf der Stelle zurück! — Gott im Himmel, wie weit ist's mit meinem gu- —— 80—— ten Herrn gekonunen! Den geringsten EurerUnter- rhanen zu verurtheilen, ohne ihn verhört zu haben, würdet Ihr für das größteVerbrechen halten— und fetzt habt Ihr sogar Eure fromme Gemahlinn ohne alles Verhör verurtheilt! O werdet Eurem Unseligen, schnellen Zorn doch einmahl Meister! Ihr habt ihn noch alle Mahl zu bereuen gehabt, dieses Mahl aber, ich fürchte, ich fürchte— hat er ein großes Unglück angerichtet.« Der Graf gestand, daß er sich übereilt habe, zweifelte aber immer noch, wer der schuldige Theil sey, seine Gemahlinn Genovefa, oder sein Liebling Goto. Denn Golo's Brief war ein solches schlau ersonnenes Gewebe von Lügen, und der Böthe, den Goto zu dieser Bothschaft ausgesucht hatte, war ein solcher ausgekernter Betrieger, und wußte alles mit solchem Anschein von Ehrlichkeit zu bestätigen, daß der eifersüchtige Graf ganz verblendet wurde. Indeß schickte er noch in der nähmlichen Stunde einen zweyten Bothen an Golo ab, mit dem Befehle: seine Gemahlinn Genovefa bloß bis zu seiner Zurückkunfc auf ihrem Zimmer zu verwahren, ihr aber durchaus kein Leid zuzufügen, und ihr nicht das Geringste abgehen zu lassen. Ergab dem Bothen sein bestes Pferd, und band es ihm auf die Seele, zu eilen, was er -nir immer könne. Auch versprach er ihm eine große Summe Goldes, wenn er noch zu rechter Zeit aus Siegfriedsburg eintreffen, und ihm von da eine befriedigende Antwort zurück bringen würde. Wahrend der Böthe sich auf dar Reise befand, ward der Graf von Tag zu Tag schwermüthiger. Dieeine Stunde war es ihm ausgemacht, Genovefa sey unschuldig, die andere meinte er wieder, es sey unmöglich, daß Golo, dem er so viel Gutes gethan hatte, ihn so schrecklich belügen könne. So ward sein Herz beständig von Ungewißheit und giftigen —* 8! Zweif-ln gefoltert. Zehn Mahl des Tages schickte er seinen treuen Wolf hmaus, zu sehen, ob doch der Böthe noch nicht zurückkomme— und ganze Nächte hindurch konnten seine Augen keinen Schlaf mehr finden. Endlich kam der Böthe, und brachte die Nachricht, Genovefamit ihrem Kinde sey zu Nacht heimlich im Walde hingerichtet worden, wie es der Graf befohlen habe. Dem guten Grafen war es nicht anders, als würde ihm sein eigenes Todesur- thell gesprochen, und er versank in stumme Trauer. Der alte, ehrliche Wolf ging hinaM,,,M,d jammerte laut, und oie Reiter des Grafen, die alle vor seinem Zelte zusammen gekommen waren, fluchten und schwuren, den Goto, wenn sie nach Hause kamen, in Stücke zu zerhauen. Der Graf lag über Jahr und Tag an seiner Wunde krank; denn die Unruhe und der nagende Wurm in seinem Herzen verzögerte die Heilung. Sobald er hergestellt war, bath er um seinen Abschied. Da die Mohren bereits auf's Haupt geschlao gen waren, und man von ihnen wenig mehr zu fürchten hatte, so entließ ihn der König. Der Graf brach daher mit seinem treuen Wolf und seinen tapfern Kriegern sogleich auf, und ritt der geliebten Hei- math zu. Eines Abends spät langte er bey dem ersten Dörflern seiner Grafschaft an. Die guten Leute, Männer, Weiber und Kinder, kamen sogleich alle aus ihren Hütten hervor, und jammerten laut: »O bester, gnädiger Herr! Ach, das erschreckliche Unglück! Ach, die gute Gräfinn! Ach, der gottlose Golo!« Der Graf stieg ab, grüßte alle freundlich, both ihnen die Hand, und fragte nach allem, was während der Zeit, da er im Kriege war, zu Hause vorgegangen sey. Da hörte er von Genovefa nichts als Gutes, und von Golo nichts als Böses. —* 82 Unmuthsvoll und mit erschrockene!» Herzen ritt er weiter, um noch in derselben Nacht Sisgfrieds- burg zu erreichen. Schon in weiter Ferne sah er alle Fenster des Schlosses beleuchtet. Als er naher kam, und den Schloßberg hinauf ritt, hörte er eine rauschende Musik. Golo hielt mit seinem Anhange eben eine Freudenmahlzelt. Denn er hoffte sicher darauf, der Graf werde an seiner schweren Wunde sterben. Er betrachtete sich daher schon als den Herrn der ganzen Grafschaft,,und^such4e~bmrchtcheständigeZerstreuung und durch lärmende Lustbarkeiten sein böses Gewissen zum Schweigen zu bringen. Allein, wenn er so an der prächtigen Tafel oben an saß, sagte von den Bedienten, die dieSpeisen auftrugen, mancher heimlich zum andern:»Du, wenn unser guter Graf stirbt, so bringt'S der schlaue Golo bey den gegenwärtigen unruhvollen Zeiten gewiß durch, und wird unser Herr. Ich möchte aber doch nicht an seiner Stelle seyn. Sieh nur, wie verstört er aussieht!«—»Da hast Du Recht!« sagte dann der Andere.»Er hat keine rechte Freude, und es schmeckt ihm nichts. Er sitzt gerade da, wie der arme Sünder am Henkermahl. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken, und den Lohn, den er in der andern Welt gut hat, nicht mit ihm theilen.« Als der Graf mit seinen Kriegern an dem Schloßthore angekommen war, befahl er den Trompetern, das Zeichen zu geben, daß er da sey. Der Wächter auf der Zinne des Thurmes antwortete mit seiner Trompete. Golo und alle seine Gäste sprangen von den Sesseln auf, und der Ausruf:»Der Graf! der Graf!« hallte durch das ganze Schloß. Goto, der eher den Tod, als den Grafen erwartet hatte, kam eilends herunter, und hielt dem Grafen, der eben noch nicht abgestiegen war, ganz demüthig das Pferd. Der Graf blickte ihn lange ernst und fest an, ohne —« 33 ein Wort rg! sprechen, und Golo stand so bleich und zitternd da, wie ein llebelthäter vor seinem Richter. Sein böses Gewissen blickte ihm deutlich aus den scheuen Augen, und die ganze llnalucksgeschichte stand mit großen Buchstaben in seinem Gesichte geschrieben. Mit wankenden ungewissen Schritten ging er vor seinem Herrn her die Wendeltreppe hinauf, und seine bebende Hand vermochte kaum die leuchtende Fackel zu halten. Der Graf sah im ganzen Schlosse nichts als Verschwendung und Wohlleben. Unordnung und Verwirrung. Ueberall begegneten ihm fremdUschrockene Gessich^^mrv^ gen alten Diener, die noch übrig waren, begrüßten ihn mit weinenden Augen. Da er in den großen Waffsnsaal hinein getreten war, legte er Helm und Schwert auf den Tisch, forderte dem Golo alle Schlu!- sel der Burg ab, trug seinem treuen Wolf auf, die Burgthore wohl bewahre» zu lasse», damit Niemand entrinne, geboth den Dienern, sieme müden Krieger gut zu verpflegen, und winkte dann allen schweigend mir der Hand, sich zu entfernen. Der erste Gang war hierauf zum Zimmer seiner Gemahlinn. Golo hatte es sogleich nach ihrer Gefanaennehmung verschlossen, und es, weil ihm sein böses Gewissen das nicht zuließ, seitdem nicht mehr betreten. Alles war noch gerade so, wie an jenem Morgen, da Tenovefa es verließ. Da stand noch die Stickrahme, in der ein halb vollendeter, mit Perlen durchschlungensr Lorberkranz die Inschrift umschloß:»Siegfried, dem zurück kehrenden Helden, seine treue Gemahlinn Genovefa.« Dort lag noch ihre Laute über einem Buchs voll schuldloser frommer Lieder, von denen ue mehrere selbst aufdis Abwesenheit ihres Gemahls gemacht hatte. Erfand mehrereAufsätze von Briefen an ihn, voll frommer, edler Gesinnungen, voll Liebe und L.eeue gegen ihn, deren er aber keinen erhalte» hatte. Sie sagte darin, wie sie täglich für ihn bethe, daß Gott ihn unverletzt aus den blutigen Schlachten zurück führen möge; wie sie sich darauffreue, ihm mit einem Sohne oder einer Tochter auf dem Arme entgegen zu kommen, wie sie um ihn so bekümmert sey, und so oft weine, und wie ihr sein beständiges Stillschweigen so viele schlaflose Nächte mache. Denn wie Goto keinen von ihren Briefen an den Grafen abgesendet harte, so hatte er auch alle Briefe des Grafen an sie aufgefangen. Der bestürzte Graf saß noch um Mitternacht mit verschlungenen Armen und voll stummen Schmer- zens so da, und bemerkte es nicht einmahl, daß die Kerze schon weit hinab gebrannt, und am Erlöschen sey. Da kam Bertha, das treue Mädchen, herein, und brachte ihm den Brief, den Genovefa im Gefängnisse geschrieben hatte, zeigte ihm die Perlenschnur, die er sogleich erkannte, und erzählte ihm unter tausend Thränen alles, wie viel Gutes ihr Genovefa in ihrer Krankheit gethan hatte, was sie in der Nacht, bevor sie zur Hinrichtung hinaus geführt wurde, noch gesagt Habs, und was sie sonst noch von ihrer Geschichte wußte. Da löste sich der stumme Schmerz des Grafen in Thränen auf. Alles dieses, besonders aber der Brief, war ihm der redendste Beweis von Genovefa s Unschuld. Er weinte so heftig, daß ihm das Gesicht verging, und Tenovefa's Brief von Thränen ganz durchnäßt wurde. Er rief nur immer:»O Gott! O Gott! O Genovefa!—- undDich, Dich, Dich konnte ichmorden! Dich und meinen Sohn! O ich unseligster aller Menschen!»— und sein treuer Wolf, der auf seine Klagen herbey kam, versuchte vergebens ihn zu trösten. Nachdem der Graf lange schmerzlich geweint hatte, fuhr er plötzlich auf, forderte sein Schwert, und wollte den Goto umbringen. Wolf hielt ihn zu- —» 85 rück, und stellte ihm vor, daß er auch den Golo nicht ungehört verurtheilen dürfte. Da befahl der Graf, den Golo noch m der Nacht zu ergreifen, ihn rn Eisen und Banden zu schlagen, und in das nähmliche Gefängniß zu werfen, in dem Genovefa so lange geschmachtet hatte. Auch alle diejenigen, die es mit Golo gehalten hatten, ließ er, brs auf weiteres, festsetzt». Die Soldaten thaten dieß mit Vergnügen. Am andern Morgen befahl der Graf, den Äolo ihm vorzuführen. Bis man ihn brachte, las er Genovefa s Brief noch einmahl. Die Worte:»Verzeih ihm, wie ich«hm verzeihe— wegen meiner soll kein Tropfen Blut vergossen werden!« gingen ihm tief zu Herzen. Als Golo hereingebracht wurde, blickte ihn der Graf mit seinen verweinten Augen wehmüthig an, und sagte mit sanfter Stimme:»Golo, was habe ich Dir gethan, daß Du diesen Jammer über mein Haupt brachtest? Was hat Dir meine Gemahlinn— was hat Dir mein Sohn gethan, daß Du sie mordetest! Du kamst als ein armer Knabe in dieses Schloß und genössest hier nur Gutes— warum vergiltst Du es nun so?« Golo hatte geglaubt, der Graf werde toben und wüthen. Diese unerwartete Sanft- inuth aber brach ihm das Herz. Er fing laut an zu weinen, und rief:»Ach, eine unselige Leidenschaft verblendete mich! Eure Gemahlinn ist schuldlos, wie ein Engel des Himmels— ich war der Teufel, der sie verführen wollte. Da sie mir kein Gehör gab, wurde ich wie rasend, suchte mich an ihr zu rächen—- und zugleich mein eigenes Leben zu sichern. Ich fürchtete, wenn sie Euch die Wahrheit sagte, würdet Ihr mich umbringen. Deßhalb kam ich ihr zuvor, und klagte sie bey Euch falsch an.« Dem Grafen war doch wenigstens dieses ein großer Trost, daß selbst Golo die Unschuld Genovefa's bezeugen mußte— und er winkte mit der Hand, ihn wieder in das Gefängniß abzuführen, und verbarg dann sein Angesicht in sein weißes Tuch, und weinte sich satt, und verwünschte seinen Jähzorn in die unterste Hölle. Der Graf war von nun an immer so schwer- wüthig, daß man für sein Leben fürchtete. Sein Schmerz gränzte bisweilen an Wahnsinn. Alle benachbarten Ritter, die seine guten Freunde waren, kamen zusammen, lhn zu trösten. Allein der Graf saß da, und wollte keinen Trost annehmen. Immer hielt er sich in Genovesa'SZimmer auf, und er kam nirgends mehr hin, als in seine Schloß-Eapelle. Eine seiner größten Angelegenheiten war es, Genovefa'ö Grab aufsuchen zu lassen, um dort weinen zu können — und dann auch ihren Leichnam ehrenvoll begra-! ben zu lassen. Allein Niemand wußte das Grab zu finden; denn die zwey Männer, die sie zum Tode hinaus geführt hatten, waren bald darauf verschwunden, und Niemand konnte sagen, wo sie hingekommen waren. Da ließ der Graf in der Kirche zu Sieg- friedsburg eine prachtvolle Gedachtnißfeyer ihres Todes halten. Er und alle seine Diener, und alle Ritter, weit umher mit ihren Frauen, erschienen dabey in der tiefesten Trauer, und auch eine solche unzählige Menge Volkes fand sich ei», daß dieKirche kaum den zehnten Theil davon fassen konnte. Der Graf ließ auch reichliche Almosen unter die Armen austheilen, und semer Gemahlinn in der Kirchen« Denkmahl mit einer goldenen Inschrift errichten, die ihre lrauervolle Geschichte noch der Nachwelt erzählen sollte. — 87 Lfünfzrhnirs Graf Siegfried findet seine Gemahlinn Genovefa wieder. Es vergingen Jahre, bis der Graf sich bereden ließ, nur wieder aus seinem Schlosse zu gehen, bind dann auch mußten seine Freunde, die Ritter und der treue Wolf, ihn dazu gleichsam nöthigen und alles aufbiethen, wenn sie ihn auch nur ein wenig erheitern wollten. Der Eine gab eine große Mahlzeit, und ei» trefflicher Harfenspieler mußte sich dabey hören lassen, und tröstende Lieder singen. Ein anderer stellte allerley Ritterspiele, Pfeilschießen und Ring- stechen an. Ein Dritter lud ihn zu einer Jagd ein. Diese letztere Art von Vergnügen, die der Graf von Jugend auf sehr geliebt harte, schien am meisten geschickt, seine Schwermuth zu zerstreuen. Da die Ritter das merkten, jagten sie sehr oft, bald Hirsche und Wildschweine, bald Wölfe und Baren, deren es damahls ui Deutschland genug gab, und der Graf mußte allezeit mit auf die Jagd. Auf Wolfs Zureden gab er daher auch einmahl ein großes Jagen, und dach alle Ritter, dabey zu erscheinen. Es war gegen Ende des Winters, und der nächste heitere Tag, an dem es einen neugefallenen Schnee haben würde, ward dazu bestimmt. Der Tag kam, und mit dem Anbruche der Morgenröthe zog der Graf, von allen edeln Rittern der umliegenden Gegend und einem gießen Gefolge von Dienern begleitet, aus. Alle waren zu Pferde, und noch eine Menge Leute mit Packpfeideii, Maulthieren und Jagdhunden folgten ihnen. Die Waldhörner hallten freudig und muthig durch den Wald. Eine Menge Hirsche und Wildschweine wurden erlegt. Auch derGraf stieß bald auf nn SlückWild. Er setzte ihm zu Pferde nach. Das —— 88—— Thier floh über steiles Felsengestein, und durch Dornen und Strauche, und versteckte sich endlich— in dre Höhle Genovefa's. Denn es war eben die treue Hirschkuh, von deren Milch Genovefa und ihr Sohn sich schon so lange ernähret hatten. Der Graf stieg ab, band sein Pferd an eine Tanne, verfolgte die Spur des Thieres in dem neugefallenen Schnee, und kam zur Höhle. Er schaute hinein, und erblickte zu seinem Erstaunen in der Tiefe der dunklen Höhle eine abgezehrte menschliche Gestalt mit todtenbleichem Angesicht. Es war Genovefa, die ihre schwere Krankheit zwar überstanden hatte, aber so matt und entkräftet war, daß sie sich in dieser Wildnifi nie mehr würde erholet haben, sondern jede neue Woche den Tod erwartete. »Wenn Du ein Mensch bist,« rief der Graf hinein,»so komm heraus an das Tageslicht!« Genovefa kam heraus, in das Schaffell eingehüllt, die Schultern von ihren langen goldenen Haaren bedeckt— mit bloßen Armen und Füßen— zitternd vor Frost, und blaß wie eine Sterbende. »Wer bist Du?« rief der Graf, indem er erschrocken einige Schritts zurück wich,»und wie kömmstDu hierher?« Denn er kannte sie nicht mehr. Sie aber hatte ihn sogleich auf den ersten Blick erkannt. »Siegfried!« sagte sie mit schwacher Stimme. »Ich bin Deine Gemahlinn Genovefa, die Du zum Tode verurtheilt hast.— Aber, Gott weiß es, ich bin unschuldig!« Da war es dein Grafen nicht anders, als träfe ihn ein Donnerschlag. Er wußte nicht mehr, ob er träume oder wache. Da er vor Schwermuth öfter wie von Sinnen war und sich jetzt in diesem abgelegenen schauerlichen Thals tief im Walde, von allen seinen Leuten weit entfernt sah, so meinte er, ersehe Genovefa's Geist. »O,« lief er mic herzdurchdringender Stimme aus:»Du abgeschiedener Geist meiner Gemahlinn! Was, kosninstDu zurück, mich meiner Blutschuld anzuklagen? Ward die entsetzliche Mordthat aufdiesem Boden hier verübt, und haben sie Deinen entseelten Leichnam in diese Höhle da begraben? Ja, so ist es, und Dein Leichnam wendet sich in dem Grabe um, daß ich den Boden betrete, den ich mit Deinem Bluts gefärbt habe, und Dein Geist erscheint unwillig darüber, daß Dein Mörder sich Deiner friedlichen -Grabstätte nähere? O kehre zurück, kehre zurück, seliger Geist! mein Gewissen foltert mich schon genug! Kehre zurück in die Wohnung des Friedens, und bethe für mich— für einen armen Mann, der auf Erde keinen Frieden mehr hat! Oder erscheine Mir nicht so kläglich— erscheine mir als ein verklärter Engel, und sage mir, daß Du mir verziehen!« »Siegfried,« sagte Genovefa weinend,»liebster Gemahl! Ich bin kein Geist! Ich bin wirklich Deine Genovefa— Deine Gemahlinn. Ich lebe noch. Die guten Männer, die mich hinrichten sollten, haben mich verschont!« Der Graf war aber von Schrecken und Entsetzen noch immer ganz betäubt. Es war ihm dunkel vor den Augen, und er vernahm ihre Worte nicht. Er sah sie noch immer mit starren Blicken an, und glaubte noch immer einen Geist zu sehen. Genovefa nahm ihn freundlich bey der Hand. Allein er zog seine Hand zurück, und rief mit bebender Stimme:»O laß mich! Laß mich! Deine Hand ist kalk wie Eis. Oder ja! Zieh mich mit dieser Deiner kalten Todeshand zu Dir hinab in das Grab! Denn das Leben ist mir eine Last, und sterben ist für mich das Beste!« Genovefa sagte noch ein Mahl:»Siegfried! Liebster, bester Gemahl!« und blickte ihn dabey so Schmid's Jugendsch. i. Bd. Genovefa. 8 liebreich und freundlich an, wie ein Engel des Himmels.»Kennst Du denn Deine Gemahlinn nicht mehr! Sieh, ich bin es wirklich! Sieh mich doch nur recht an! Fühl'da meine Hand! Schau da den Ring an meinem Finger, den ich noch von Dir habe! O komm doch zu Dir selbst! O Gott, befreye Du ihn von dieser seiner entsetzlichen Einbildung.« Endlich kam er von seinem Entsetzen zurück, und erwachte wie aus einem schweren Traume.»Ja, Du bist es!« rief er, und fiel ihr wie zernichtet zu Füßen. Seine Augen ruhten lange auf ihrer abgehärmten Gestalt—und er konnte lange kein Wort hervor bringen. Endlich brach er in einen Strom von Thränen aus,»Du also,« rief er,»Du, Du bist meine Gemahlmn! Du, Genovefa! In diesem Elende! lind von Mir in dieses Elend verflossen! O, ich bin nicht mehr werth, daß mich die Erde trage! Ich darf mein« Augen nicht zu Dir erheben! O, kannst Du mir verzeihen?« Genovefa sagte weinend:»Liebster Siegfried, ich habe nie auf Dich gezürnt! Ich liebte Dich immer! Jch wufite es ja, daß Du betrogen wurdest. O, steh auf, und komm in meine Arme. Sieh, ich weine ja vor Freude, Dich wieder zu sehen.« Der Graf getraute sich aber immer»och kaum, sie anzusehen.»Und Du machst mir keine Vorwürfe!« sagte er.»Du gibst mir nicht ein Mahl ein einziges böses Wörtchen! O Du Engel des Himmels—Du sanfte, himmlische Seele! O, was habe ich gethan, Dich— Dich!— so zu beleidigen.« Genovefa sprach:»Sey doch ein Mahl ruhig, Siegfried! Nimm alles als eine Schickung GotteS. Er hat es so gefügt. Es war mir gut, daß ich in diese Wildniß kam, Reichthum lind Glanz hätten mich vielleicht verdorben—in der Wüste aber fand ich Gott und den Himmel« Zudem sie noch sprach, kam Schmerzenreich. Er hatte nichts als sein Rehfellchen um den Leib, und watete mit bloße» Füßen in dem Schnee, der an einigen Stellen dieses engen Felsenthales noch sehr tief lag. Unter dem Arme trug er einige frische, tröpfelnde Krauter, die er eben in der Quelle gepflückt hatte, und in der Hand hielt er eine Wurzel, von der er eben aß. Als der Knabe den Grafen in der prächtigen ritterlichen Kleidung, mit dem hohen, wallenden Fs- derbusche auf dem Helme erblickte, erschrack er,— stand stille— und schrie laut:»Mutter! Wer ist dieß? Ist dieß etwa auch einer von den bösen Menschen, und will er Dich umbringen? Weine nicht,« rief er, indem er jetzt auf seine Mutter zusprang. »Ich lasse Dir nichts geschehen. Eher soll er»pich umbringen, als daß er Dir ein Leid zufüge.« Genovefa sagte freundlich:»O lieber Sohn! Fürchte ihn nicht! Steh ihn doch an, und küsse ihm die Hand. Er thut Dir nichts. Er ist Dein lieber, guter Vater. Sieh, er weint über unser Elend. Gott hat ihn hergeschickt, daß er uns davon erlöse, und uns mit sich nach Hause nehme!« Der Knabe wandte sich, und blickte auf. Er war mit seinen krausen, schwarzen Locken, der edelu Stirn, den großen, funkelnden Augen, der schön gebogenen Nase, und dein wohlgebildeten Mund, das lebendige Ebenbild des Grafen. Als der Graf den holden, blühenden Knaben ,n diesem armseligen Aufzugs erblickte, da weinte er noch heftiger, und nahm den Knaben auf seinen Arm, und küßte ihn, und sagte nur immer:»O mein Sohn! o mein Sohn!« und blickte dann kiefgerührt zum Himmel auf, und umfing mit dem andern Arme Genovefa, und rief aus der Tiefe seiner Seele!»O Gott! das ist der Seligkeit zu viel für mein armes Herz, wider alleS »»»» AI»»» Hoffen und Denken mit Einem Mahle, hier mein liebes Kind das erste Mahl zu sehen, und hier mein liebes Weid, mir wie von, Tode zurück gegeben, wieder zu sehen!-? Und Genovefa faltete die Hände fest zusammen, und blickte fromm zum Himmel, und sagte:»Ja, o Gott! Du bist unendlich reich ,M Geben, und weißt dem menschlichen Herzen durch einen Augenblick den Jammer vieler Jahre reichlich zu vergelten! Dir sey Dank!« Und der holde Knabe, der seine Aeltern so gerührt bethen sah, erhob ungeheißen die kleinen Händchen auch zum Himmel, und wiederholte die Worte der Mutier:»Lieber Gott! Dir sey Dank!« Und alle drey blieben noch lange stillschweigend und unbeweglich in dieser Stellung, und nur ihr Herz sprach zu Gott, was keine Zunge auszusprechen vermag. Endlich fing Genovefa an:»Leben meine Aeltern noch? Geht es ihnen wohl in ihrem Alter? Wissen sie, daß ich unschuldig bin? Ach, schon sieben Jahre beweinen sie mich als rodt, und bereits sieben Jahre habe ich nichts mehr von ihnen gehört!« Der Graf sagte:»Sie leben, sind wohl, und wissen Deine Unschuld. Und wo möglich, noch diese Stunde, sende ich einen Reitenden mit der Freudenbothschaft an sie ab, daß Du wiedergefunden bist.« Genovefa erhob auf's neue ihre gefalteten Hände hoch empor, und blickte mit freudiger Rührung zum Himmel, und rief mit Thränen des Dankes in den Augen- ^un so sey denn gelobt, o Gott! Du hast mein Gebeth erhöret, und die geheimsten Wünsche meines Herzens erfüllt, und auch das noch gewährt, was ich mir kaum zu wünschen getraute. Du hast meinen Gemahl aus dem Kriege zurück geführt, Du hast meine Unschuld an den Tag gebracht. Du hast mich aus allen Leiden, aus Gefängniß und Tod errettet.— Du hast mir den seligen Augenblick ge- schenkt, da ich mein liebes Kind seinem Vater zuführen konnte, und nun willst Du mich gar noch meine alten Aeltern sehen lassen. Du bist. die lautere Liebe!« Hierauf führte Genovefa ihren Gemahl in ihre Höhle. Denn sie konnte es mit bloßen Füßen in dem Schnee vor Frost nicht mehr aushalten. Gebückt trat der Graf in die niedrige Höhle— und als er nun die rauhen Wände, und das kleine, moosbewachsene Kreuz und den Stein davor, der von Genovefa s Knieen glatt und auögeründet war, und das Lager von Moos, und die etlichen Kürbis- schalen, Kürbisflaschen und Binsenkörblein, was die ganze Einrichtung ihrer Wohnung ausmachte, betrachtet, und sich neben Genovefa niedergesetzt, und den Knaben auf seinen Schoß genommen hatte, und nun durch die Oeffnung der Höhle hinaus sah in die schroffen Felsen und schwarzen Tannen, die noch voll Schnee hingen, da flössen seine Thränen auf'S neue.»O Genovefa,« rief er,»durch weich ein Wunder der Allmacht hat Dich Gott in dieser schrecklichen Wildniß erhalten? Hat er Dir einen Engel des Himmels geschickt, der Dich ernährte?—Ach,« fuhr er wehmüthig fort,»sieben lange Jahre— ohne einen Bissen Brot—ohne Feuer im Winter— ohne ein Bette— ohne ordentliche Kleidung—mit bloßen Füßen in dem tiefen Winterschnee— eine Herzogstochter, die auf Silber und Gold speiste—> die in Purpur und Seide aufwuchs— die kaum ein rauhes Lüftchen anwehen durfte! Und dennoch, abgezehrt von Kummer und Leiden liebst Du mich doch noch — Du treue, gute Seele! O, was ist es doch um gute Menschen!« Genovefa unterbrach ihn schnell, lächelte mit der Heiterkeit eines Engels in ihrem blassen Gesichte, und sagte:»Schweig doch, und sage doch kein Wort mehr davon, lieber Mann! Gott weiß es, ich hatte in dieser Wildniß auch vwle Freude»; und gibt eS denn in den Pallästen auch keine Leiden, und littest denn Du weniger als ich? Doch laß das gut seyn,« fuhr sie fort, um seine Gedanken auf etwas anderes zudenken—»und sieh dafür Deinen Sohn an. Sieh! seine Wange glühet wie Purpur. Bey ungekünstelter Nahrung und in Gottes frischer Luft wurde er gesund und stark! In unserm Schlosse wäre er vielleicht verzärtelt worden, und würde blaß und elend seyn, wie die Kinder vieler vornehmen Leute. Darum sey fröhlich und danke Gott.« lind nun erzählte sie, wie wunderbar Gott sie und ihren Sohn erhalten habe, von dem Augenblicke an, da die Hirschkuh zuerst zu ihr in die Höhle kam, brs zu dem Augenblicke, da das gute Thier, von dein Grafen verfolgt, seine Zuflucht dahin nahm. Der Graf war ganz Ohr, und rief am Ende gerührt aus:»Wunderbar ist Gott in seinen Führungen, und unendlich reich an Mitteln, seine Menschen zu netten! O, vergiß es nie, mein Sohn! Als Du ein kleines Kind warst, und Dein Vater Dich verflossen hatte, und auch Deine Mutter Dir nicht mehr helfen konnte, und mit Dir hätte verschmachten müssen, da rettete Gott Dich und sie, durch dieses gute Thier da, vom Hungertode. Und als die Noth Deiner Mutter wieder auf das Höchste gestiegen war, und sie derselben hätte unterliegen, und Du, armer Knabe, in dieser schrecklichen Wild- niß voll reißender Thiere auf dem Wege zu meiner Wohnung wohl hättest umkommen müssen, und mir kein menschlicher Mund Eure Noth ansagen konnte, da mußte dieses nähmliche stumme Thier mein Wegweiser zu Eurer Wohnung seyn. So leicht, und doch so wunderbar, weiß Gott zu rechter Zeit zu helfen. Vertraue daher auf JhmDein Leben lang!« 95 Arch^ehnteZ GAPitsl. Genovefa's Einzug in Siegfriedsburg. Vater, Mutter und Sohn gingen nun wieder aus der Höhle heraus— und allen standen noch die Thränen der Rührung in den Augen. Jetzt nahm der Graf, um seine Leute zu rufen, sein silbernes Jagdhorn von der Seite, und stieß darein, daß der Schall hundertfältig von den Felsen wiedsrhallte. Der Knabe, der in seinem Leben nichts solches gehört hatte, war hoch erfreut über den wunderbaren Schall, und er versuchte auch sogleich zu blasen, uud die lieb- volle Mutter lächelte, ungeachtet ihrer Augen voll Thränen. Auf den Schall des Jagdhorns kamen die Ritter und die Diener des Grafen von allen Seiten zu Pferd und zu Fuß herbey geeilt. Alle erstaunten über die blaffe, abgezehrte Frau, die der Graf bey der Hand hielt, und über den schönen, lieblichen Knaben, den er auf dem Arme harte. Alls drängten sich herzu, und schloffen einenKreis um ihn. Alle standen ehrsrbiethig und schweigend umher, denn sie sahen, daß der Graf und die Frau und das Kind die Augen voll Thränen hatten. Da sprach der Graf mit bewegter Stimme:»Ihr edeln Ritter, undJhr Meine treuen Diener! Seht, das ist Genovsfa, meine Gemahlinn, und das ist mein Sohn, Nahmens Schmtrzenreich.« Auf hisse Worte schrieen alle vor Schrecken und Erstaunen laut auf, der Eine dieß, der Andere das, und man hörte hundertfältige Ausrufungen und Fragen durch einander:»O Gott im Himmel! Was, unsere gnädige Gräfinn! hat man sie denn nicht hingerichtet? Ist sie von den Todten auferstanden? Nein, es ist nicht möglich! Ja, sie ist es dennoch! Ach Gott, in welchem Elende! Seht nur, wie blaß sie aussieht! Ach, unser lieber, junger Graf! O, der schöne, holde Knabe!« und sie konnten vor Freude undMitleid, Erstaunen und Neugierde kaum mehr aufhören zu rufen und zu fragen, zu jammern, und sich laut zu freuen. Der Graf erzählte ihnen kurz die Hauptsache der ganzen Geschichte, und theilte dann unter seine Leute Befehle aus. Ein Paarseiner Reiter mußten augenblicklich auf das Schloß zurücksprengen, Kleider für Genovefa zu holen, eine Sanfte für sie zu bestellen, und Anstalten zu ihrem Empfangs anzuordnen; einigen Andern befahl er, sogleich die Packpferde undMaulrhiere herbey zu führen; und wieder Andern geboth er, indeß Holz zusammen zu tragen, und an einem trockenen Platze, unter einem überhängenden Felsen ein großes Feuer aufzumachen, und eine Mahlzeit zu bereiten. Der Graf offnere nun selbst das Gepäcke, und breitete über ein Felsenstück und auf dem Boden nächst dem angezündeten Feuer Teppiche aus, und hüllre ferne Gemahlinn in seinen scharlachrothen, mit schwarzem Pelze auS- geschlagenen Wintermantel, und gab ihr ein großes, feines Tuch, ihr Haupt damit zu umhüllen, und setzte sich dann auf die ausgebreiteten Teppiche. Alle Ritter, die sie noch wohl kannten, kamen einer nach dem andern herbey, grüßten sie voll Ehrfurcht, und bezeigten ihr, innigst gerührt, ihr Mitleid und ihre Freude. Vor allen Dienern drängte sich aberder redliche Wolf hervor. Erhalte es kaum abwarten können, bis die Ritter die Gräfinn gegrüßt hatten.»Gnädige Frau,« sagte er, und benetzte ihre Hand mit Thränen,»nun bin ich erst froh, daß mir die Mohren meinen alten, grauen Hopf nicht gespaltet haben, da ich das noch erlebe, nun will ich gerne sterben!« Und hierauf nahm er den Knaben auf seine Arme, und küßte ihn auf beyde Wangen, »*** 97**** und sagte:»Sey mir willkommen, Du liebes Kind! Du bist das leibhafte Ebenbild Deines Vaters! Werde tapfer und vollMuch wie Dein Vater, und so sanft und mild wie Deine Mutier, und fromm und gut wie Beyde!« Schmerjenreich war anfangs scheu und schüchtern über die Menge Leute, unter denen er sich auf> einmahl befand. Nach und nach wurde er aber zutraulicher und gesprächiger. Da er eine Menge Dings in seinem Leben das erste Mahl sah, so hatte er fast beständig etwas zu fragen, und alle, besonders aber der alte Wolf, ergötzten sich an den sinnreichen Fragen und Anmerkungen des lebhaften Knaben, die freylich manchmahl sehr drollig heraus kamen. Am meisten erstaunte der Knabe anfangs über die Reiter. Es ging ihm gerade wie jenen Völkern, die die ersten Reiter sahen; er meinte, Mann und Roß seyen zusammen nur Ein Geschöpf.»Vater!« sagte er, »gibc's denn auch Menschen mit vier Füßen?»Als die Ritter abgestiegen waren, und ihm ein Pferd vorführten, fragte er:»Vater, wo hast Du denn diese Thiere gefangen! Solche gibr's bey uns im Walde nicht.« Da er das Pferd naher betrachtete, und den silbernen reichlich vergoldeten Zügel in dessen Mauls bemerkte, rief er:»Ey, fressen denn diese Thiere Gold und Silber?« Als nun das Feuer hoch aufloderte, stand er aufs neue erstaunt da, und rief: »Mutter! Haben denn die Menschen die Blitze aus den Wolken herab geholt, oder hac der liebe Gott sie ihnen geschenkt? O,» fuhr er fort, indem erden schönen Glanz des Feuers betrachtete, und die wohlthätige Wärme empfand,»das ist wohl ein recht schönes Himmelsgeschenk! Nicht wahr, Mutter, wenn wir davon gewußt hätten, so hätten wir den lieben Gott auch darum gebethen? Das hatten wir diesen Winter wohl brauchen können!« Bey der Schmid'sZugendsch.>.Bd. Genoveta 9 «— 98— Mahlzeit zogen vor allem die kostbaren Früchte seine Aufmerksamkeit auf sich. Er griff sogleich nach den schönen, goldgelben und purpurgestreiften Aepfeln, und rief:»Vater, wird's vielleicht bey Dir nicht Winter, daß Du so schöne, frischeFrüchtemitbringst? O, bey Dir muß es gut wohnen seyn!« Er getraute sich kaum, die schönen Früchte zu essen.»Es wäre ja Schade dafür!« sagte er. Dann betrachtete er lange mit großer Aufmerksamkeit ein Glas, wagte kaum es anzurühren, hielt es dann lange behuth- fam in der Hand, und rief endlich verwundert:»Ja, Verschmilzt es denn nicht? Ist es denn nicht aus Eis gemacht?« Nachdem er vernommen, aus was es bestehe, rief er:»O wie viele schöne und wunderbare Sachen hat doch Gott erschaffen, von denen ich nichts gewußt habe!« Und es machte ihm kein kleines Vergnügen, seine Mutter, und alle, die bey der Mahlzeit waren, durch das Glas zu betrachte». Da der Diener chm einen spiegelremen, silberhellen Teller vorsetzte, und er sein Bild darin erblickte, erschrack er sehr. Erst bebte er zurück, dann griff er furchtsam hinter den Teller, um den Knaben, den er zu sehen glaubte, anzufühlen. Die Sache war ihm unbegreiflich, besonders aber wunderte und ergetzte es ihn, daß, wenn er ein ernstes Gesicht machte, der Knabe auch eines mache, und wenn er lächelte, der Knabe ihn auch anlächle. So hatten alle Gaste an dem muntern Kinde tausend Freuden, und so viele Thränen vorhin vergossen wurden, so herzlich lächelten nun Vater und Mutter, und so laut und viel wurde von Rittern und Knappen jetzt gelacht. Die Mahlzeit war kaum zu Ende, so kam der Reitende mir Genovefäs Kleidern zurück. Genovefa ging in die Hohle, warf sich vorerst auf die Kniee, um Gott für ihre wunderbare Rettung zu danken, 99—^ und kleidete sich dann in der Höhle um. Das kleine, hölzerne Kreuz nahm sie zum dankbaren Andenken an ihre Leiden zu sich, und trat hierauf wieder gräflich gekleidet aus der Höhle.— Während der Mahlzeit hatten die Knechte, weil man die Sänfte nur auf großen Umwegen herbringen konnte, aus starken Tannenästen eine Tragbahre verfertigt. Der Graf breitete Teppiche darüber, setzte Genovefa und Schmerzenrelch darauf, und so zogen sie nun alle der Heimath zu. Auf halben! Wege begegnete ihnen die Sanfte, die für Genovefa bequemer war, und sie setzte sich mit Schmerzenreich hinein. Sobald,der Zug den Wald verlassen hatte, kamen ihnen schon eine Menge Leute entgegen. Die Nachricht, die gute Gräfinn sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich durch die ganze Grafschaft, und weit umher rings in allen benachbarten Gegenden. Das Landvolk hatte überall alles liegen und stehen lassen. Jeder Dreschflegel ward an den Balken gehängt, und jede Spindel ruhte. Ganze Dörfer standen leer, und es blieb 'Niemand zurück, als dieKranken und die Krankenwärter. Alle hatten ihre besten Kleider angezogen, und eilten, ihre gute Gräfinn zu sehen. Es war ein allgemeiner Feyertag durch das ganze Land. Je näher Genovefa ihrem Schlosse kam, je zahlreichere Scharen Menschen standen am Wege. Alle grüßten sie mit Thränen und lautem Freudengeschrey. Unter den Leuten, die ihr entgegen kamen, erschienen auch zwey Pilgrime mit langen Pilgerstäben, und mit Muscheln an ihren Hüten und an ihren Pilgermänteln. Diese traten zu beyden Seiten der Sänfte, und warfen sich Genovefa zu Füßen. Es waren die zwey Männer, die Genovefa hätten hinrichten sollen. Beyde, besonders Kunz, bathen jetzt Genovefa um Verzeihung, daß sie aus Furcht vor Solo sie in der Wildniß allem Elend Preis gege- —100—- tzen, und sie nicht vielmehr zu ihren Aeltern nach Brabant gebracht hätten. Sie erzählten hierauf, daß sie bald nachher vor Golo selbst nicht mehr des Lebens sicher zu seyn geglaubt und eine Pilgerschaft in das gelobte Land gemacht hatten; daß sie von dieser Reise erst vor wenigen Tagen zurück gekommen, und nur heimlich und ohne sich Jemanden, als den Ihrigen, zu entdecke», voll Furcht in der Grafschaft umher geirrt waren; daß sie Genovefa langst für todt gehalten, und deßhalb mit einander verabredet hätten, von der ganzen Sache zu schweigen, um den Grafen nicht auf's Neue zu betrüben.»Ach,« sagten sie,»wie war es doch möglich, daß Ihr, gnädige Gräfinn, nicht vor Frost und Hunger umkämet, oder von den wilden Thieren zerrissen wurdet. Wir glaubten, Ihr und Euer liebes Kind hatten längstens einen fürchterlichern Tod genommen, als wir Euch hätten anthun sollen.« Genovefa hieß sie aufstehen, both ihnen freundlich die Hand aus der Sanfte, und sagte:»Ihr guten Männer, Euch habe ich zunächst nach Gott, mein und meines Kindes Leben zu danken. Du, wein Kind!« sagte sie hierauf zu Schmerzenreich, »danke ihnen auch. Sieh, das sind die Männer, die Dich hätten umbringen sollen,— die aber Gott mehr als den Menschen gehorcht haben.— Nicht wahr,« fuhr sie hierauf gegen die Männer fort, indem sie witAugen voll Thränen lächelte,»jetzt reuet es Euch doch nicht, daß Ihr uns damahls verschont habt?« »Ach Gott!« sagten beyde, damahls meinten wir Wunder, wie viel wir thaten, daß wir Euch das Leben schenkten. Jetzt sehen wir es aber erst ein, daß dieses nichts war, und daß wir hätten unser eigenes Leben daran wagen sollen, Euch zu retten, und Euch zu Eueren guten Aeltern nach Hause zu führen.« Die Männer warfen sich hierauf dem Grafen zu Füßen, und bathen auch ihn um Verzeihung, und —»» 101—- dankten ihm für die Barmherzigkeit, die er ihren verlassenen Weibern und Kindern erwiesen hatte. Denn zu ihrem Erstaunen halten sie erfahren, Miedet G-novefa>n ihrem letzten Briefe sie ihrem Gemahl empfohlen, und wie värerlich der Graf, die fromme Birke seiner Gemahlin» zu erfüllen, für ihre Weiber und Kinder gesorgt habe- Der Graf sprach: »Ich wußte nicht, daß Ihr Euch memer Gemahlinn und meines Kindes erbarmet, und ihnen das Leben qeschenket hattet, allein da ich mich Eurer Weiber und Kinder erbarmte, so ging durch mich, ohne daß ich es selbst wußte, an Tuch das Wort des Herrn M Erfüllung: Wer barmherzig ist, derwird auch Barmherzigkeit erfahren. Gehthin, ich werde für Euch und Eure W-iber und Kinder noch ferner sorgen. Beyde standen auf, und begleiteten die Sänfte, und Heinz sagte zu Kunz:»Siehst Du nun, daß es wahr ist, was ich Dir sagte: Man soll sich beym Gutesthun nie fürchten, so gefährlich es auch manchmahl uns vorkommt. Denn über kurz oder lang bringt es doch gute Früchte.«.-- In dem Augenblicke, da Genovefa aus einem kleinen Wäldchen, durch das die Strafte führte, hervor kam, und Siegfriedsburg vor sich liegen sah-- wurde auf einmahl in Siegfriedsburg Mit allen Glocken geläutet, und die Thränen der Leute flössen noch reichlicher. Das Volk hatte die,es veranstaltet, ohne daß ihm Jemand geheißen hatte, und halte nur gewartet, bis man Genovefa von weitem kommen sah. Nahe vor Siegfriedsburg war die Menge Menschen unübersehbar, und das Gedränge unbeschreiblich. DieLeute waren auf die Baume an beyden Seiten des Weges gestiegen, und in Siegfrieds- burg waren alle Fenster, und sogar die Dächer, wo sie vorbey mußte, voll Menschen. Denn«Ue,wollten ihre geliebte, s° lange todtgeglaudte Graftuu, 102— so nahe als möglich, sehen. Man hatte daher die Sanfte, die von zwey Maulthieren getragen wurde, geöffnet, damitAlle die Gräfinn sehen konnten. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Alles Volk erhob ein so lautes Jubelgeschrey, daß man das Zusam- nienläuten aller Glocken kaum mehr etwas dumpfig hören konnte. Sie aber saß da, wie die Demuth selbst, und schlug über die Ehre, die ihr widerfuhr, beschämt die Augen nieder. Ihren Sohn hatte sie auf dem Schoße. Dieser hatte noch sein Rehfellchen an, und hielt das kleine Kreuz aus der Höhle in der Hand. Rechts neben der Sänfte ritt der Graf, und links sein getreuer Wolf. Dre zwey Pilger begleiteten sie, und die Hirschkuh lief, wie ein zahmes Hündchen, hinten drein. Die Ritter und dieDlener des Grafen ritten zum Theil voraus, und zum Theil folgten sie der Sänfte. Als der Zug so zwischen der Menge Menschen langsam hindurch kam, da sagten denn manche zu einander:»Ach, unsere liebe, gnädige Frau! Wie blaß und wie fromm sie aussieht! So muß gerade Maria unter dem Kreuze ausgesehen haben!« Andere sagten:»Sehtnur den schönen Knaben! Ersieht in seinem Rehfellchen und mit den. Kreuze in der Hand gerade so aus, wie man den kleinen Johannes in der Wüste abmahlt.» Wieder Andere riefen: »Ey, seht doch nur die Hirschkuh! Sogar die unvernünftigen Thiere lieben unsere fromme gute Gräfinn!« Manche Mutter sagte ihre»! Kinde, das sie auf dem Arme hergetragen hatte, um ihm die gnädige Frau zu zeigen:»Sieh, diese ist's, um die ich so oft weinte, und von der ich Dir so oft erzählte, daß sie uns genommen wurde; da warst Du noch nicht auf der Welt.« Mancher Vater hob seinen kleinen Sohn in die Höhe, und sagte:»Siehst Du sie jetzt? Sich, siehatDir schon Gutesgethan, alsDu —!i)3 noch in der Wiege lägest. Mancher Greis, der müh- sam an seinem Stäbe herbey gekommen war, schluchzte vor Freuden, daß ihm Arme und Kniee zitterten und wankten, und sein ganzer Korpw davon erschüttere wurde.^, Da Genovsfa in dem Schlopthore angekommen war, erblickte sie vor dem innern Schloßthore alle ediern Frauen und Fräulein der ganzen benachbarten Ritterschaft. Ohne daß eine etwas von der Andern wußte, hatte jede sich eingesunken, Genovefa zu bewillkommen. Alle waren über Genovefa'ö Unschuld entzückt, freuten sich ihrer wunderbaren Rettung. Alle hatten auch darüber»och eine besondere Freude, daß alle so unverabredet zusammen gekommen waren, und daß auch nicht E-ne fehlte. Sie sahen diesen Tag als einen Triumphtag der weiblichen Tugend, und als ein allgemeines Ehren- und Freudenfest für alle Frauen und Jungfrauen an. Alle standen in ihrem schönsten Schmucke, wie an einem hohen Festtage, da, und zuvorderst stand eine schöne Jungfrau, ganz weiß gekleidet, und eine Schnur der schönsten guten Perlen um den Hals, und überreichte Genovefen einen Kranz von i m m e r g r unen Myrten mrt den zarten schneeweiße n Blüthen, als ein liebliches Zeichen ihrer U nschuld undTre u e. »Nimm,« sagte die Jungfrau, und konnte die Worte kaum hervor schluchzen:»Nimm diesen Kranz im Nahmen unser Aller; den schönen Siegeskranz hat Gott Dir im Himmel hinterlegt.« Genovefa kannte die Jungfrau nicht. Die Frauen sagten ihr, sie sey das gute Mädchen, daß sie un Gefängnisse besucht hatte, und damahls noch nicht »Diese war die einzige, die sich in Eurer Schmach und Eurem Elende Eurer annahm! Sie soll also auch die Erste seyn, die an Eurer Ehre und Freude Th«l 101—> nimmt!« Als Genovefa das Mädchen ansah, und die wohlbekannten Perlen um ihren Hals erblickte, da kam ihr jene schreckliche Nacht in dem Gefängnisse wieder zu Sinne.»Ach Gott,« rief sie mit zum Himmel erhobenen Augen,»wer hätte das gedacht, wie ich damahls als eine arme Sünderinn, mit meinem Kinde auf dem Arme, aus diesen Mauern geführt wurde, dass ich dereinsi so zurück kehren würde! Du nur! o Gott! wußtest es damahls schon, und haktest damahls schon diese Freude für mich im Sinne! OGott!« fuhr sie fort, indem sie den Kranz sanft errathend aus der Hand der Jungfrau nahm, »wenn Du die Unschuld hier auf Erde schon so ehrest und erfreuest, was wird es erst einmahl in dem Himmel werden!« »Recht so, gnädige Frau!« sagte Wolf.»Die Unschuld wird zwar auf Erde nicht immer so geehrt, und selten wird ihr ein Ehrentag wie dieser. Gott thut das aber doch zuweilen, um uns ein wenig einen Vorgeschmack zu geben, was Er in dem Himmel thun werde.« Darauf wandte er sich zu seinem Herrn, und sprach:»Herr! Ich bin die achtzig Jahre, die ich auf der Welt umher getrieben wurde, oft siegreich in dieses Schloß eingezogen, aber einen solchen Triumphtag, wie er dieser Frau wird, hab' ich noch nie erlebt.«»Wolf,« sagte der Graf,»darum hat Gott diesen Triumph selbst veranstaltet, es ist der herrlichste Triumph— der Triumph der Lugend über das Laster!«— und alle Ritter und Frauen gaben ihm Beyfall. Die Jungfrauen beschlossen aber noch besonders: die immergrünen Myrten mit den weißen Blüthen sollten als Sinnbild der jungfräulichen Unschuld und ehelichen Treue von nun an zu Brautkränzen bestimmt seyn. Eine Sitte, die sich in vielen Gegenden Deutschlands bis auf unsere Zeiten erhielt. Die Freuden dieses Tages, das viele Weinen und Reden, hatten Genovefa so angegriffen, daß sie ganz erschöpft war. Sie wurde unverzüglich auf ihr Zimmer gebracht, das sie so viele Jahre nichr mehr betreten hatte, und, nachdem sie Gott für ihre wunderbare Rettung noch einmahl gedankt, und nur noch einige Augenblicke mit Drako's Witwe und Waisen gesprochen, und sie ihrer Huld versichert hatte, begab sie sich in das bereit stehende Bette zur Ruhe. Das treue Mädchen blieb von nun an beständig um sie, und Genovefa ließ sich von niemand mehr bedienen, als von ihr. Airvenzehnies SsPitel. Genovefa sieht ihre alten Aeltern wieder. Während in Siegfriedsburg alles voll der höchsten Freude war, herrschre in dem herzoglichen Pal- laste von Brabant noch die tiefste Trauer. Der alte Wolf erboth sich, die Freudennachricht, Genovefa sey wieder gefunden, ihren Aeltern zu überbringen. Der Graf sagte:»Lieber, alter Freund! Bleibe Du hier, und überlaß diese beschwerliche Reise einem jüngern Manne. Du weißt ja, wie Dich unsere Heimreise aus dem Mohrenkrieg mitnahm, und wie oft Du unter Wegs sagtest, dieß sey Dem letzter Ritt.« Allein Wolf sprach:»Der Mensch denkt's, und Gott lenkt's! Er hat mir nach so manchem kriegerischen Zug und zu guter Letzt noch einen Ehren- und Freudenritt zugedacht, und den laß ich mir nicht nehmen. Erlaube es doch, lieber Herr, und laß mich hin!«»Aber,» sagte der Graf,»bedenke doch Dein Alter, den weiten Weg, die rauhe Jahreszeit, lieber Wolf.«»Thut alles nichts!« sprach Wolf.»Ich fühle mich, seitdem die liebe gnädige Frau wieder da lst, um zehn Jahre —»!l)6—- jünger. Und ich denke, schöner, als mit diesem Ritte, kann ich meine Ritterschaft nicht beschließen. Istder vollendet, dann gebe ich mich gerne zur Ruhe. Ich alter Mann lege mich dann nieder, und kann ja alsdann ausschlafen, bis an den jüngsten Tag.«»Nun,« sprach der Graf gerührt,»so zieh denn hin, lieber alter, getreuer Kriegsgefährte, und nimm das beste Pferd aus meinem Stalle, und wähle Dir die zwölf bravsten meiner Reiter zur Bedeckung aus, und sage meinen theuern Schwiegerältern, was Dir Dein edles Herz eingibt, und Gott sey Dein Geleirsmann,,und führe Dich wieder wohlbehalten in meine Arme zurück!« Auch Genovefa hatte ihn noch einmahl rufen lassen, und ihm an ihre theuern Aeltern alles dasjenige aufgetragen, was kindliche Ehrfurcht und Liebe ihr nur immer eingeben konnten. Wolf hatte die ganze Nacht keine Ruhe. Bevor noch die Morgendämmerung des folgenden Tages anbrach, war er schon vollkommen gerüstet, weckte die Reiter, half selbst die Pferde füttern und satteln, trieb ohne Unterlaß zu eilen, und saß dann auf, und zog mit den Reitern fort. Immer ritt er voraus, und rief ihnen des Tages wohl hundert Mahl zu: »Frisch, Cameraden, vorwärts, vorwärts!«— Und so ging's einen Tag wie den andern, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Wann ihn die Reiter fragten:»Warum eilt Ihr denn gar so, Herr Stallmeister?«— Da sagte er:»Denkt an den Jammer der Aeltern, dem wir ein Ende machen werden! Wenn ein braver Mann einem Leidenden auch nur einige traurige Stunden ersparen kann, so soll er sich keine Beschwerlichkeit verdrießen lassen, und seiner Knochen nicht schonen. Wir ritten oft muthig aus, Wunden zu schlagen, und Thränen zu, verursachen, reitet nun auch einmahl tapfer darauf los, Wunden zu heilen und Thränen zu trocknen.»Ha,« rief er,»ich **** 1 ii 7 wollte, das Roß da hätte Flügel, wie jenes, das ich einmahl, ich weiß nicht mehr wo, abgemahlt sah, und das nur sehr wunderlich vorkam!«— und his- mit gab er seinem Pferde wieder die Sporen. Ein alter Ritter, auf dessen Schlosse Wolf mit seinen Reitern übernachtete, erzählte ihm, daß der fromme Bischof, der Genovefa mit Siegfried vermählt hatte, nur einige Stunden abwegs, eben eine ncuerbauts Kirche einweihe.»Da müssen wir spornstreichs hin!« sagte Wolf.»Der heilige Mann muß unsere Freudenbothschaft auch wissen. Und da er gar ein weiser und kluger Herr ist, so will ich ihn um guten Rath bitten, wie ich meine Bothschaft bey dem Herzoge und der Herzoginn am besten anbringen könnte. Ich sann unter Weg's schon viel darüber nach, und brachte nichts Kluges heraus. Am liebsten rief ich sogleich von weitem: Genovefa ist wieder gefunden! Sie lebt! allein so mit der Thür in's Haus fallen, thut'sdoch nicht.— Ich bin ein alterKnegs- mann, und wußte es bisher nur vom Hörensagen, was es um das Erschrecken sey. Und doch, es ist wunderlich! hat mich das Wort:»Die Gräfinn lebt!« so erschreckt, daß ich zitterte, und den Schrecken noch jetzt in allen Gliedern spüre. Ich hätt' eS nie jgeglaubt, daß einem die Freude so erschrecken könne, und wenn dieß mit andern Menschen auch so ist, so könnte dieser Freudsnschrecken die Aeltern geradezu todten, wie ein abgeschossener Pfeil, der mitten'in's Herz trifft. Und ihnen die Sache nach und nach beyzubringen, die Worte schlau zu setzen, das Gespräch fein zu lenken, versteh' ich nun einmahl nicht. Unsereiner weiß nur das Schwert zu regieren, nicht aber die Zunge. Der ehrwürdige Herr muß da Rath schaffen. Denn die Herzen durch das Wort sanft zu behandeln, das versteht er aus dem Grunde.« Wolf ritt sogleich hin, erzählte dem Bischöfe alles —« 108—» Geschehene, und brachte dann seine Bedenklichkeiten vor. Der Bischof war hoch erfreut, lobte Gott laut, und sprach dann zu Wolf:»Seyd ruhig, alter Mann! Gott fügt alles bis auf die kleinsten Umstände sehr wohl. Ich war eben bereit, zu den trauernden Ael- tern zu reisen, wohin michmeinAmt ruft. Wir reisen also zusammen.« Der ehrliche Wolf war darüber sehr vergnügt, und es war ihm keine geringe Freude und Ehre, mit seinen Reitern den Bischof begleiten zu können. Der Herzog und die Herzoginn hatten das Andenken jenes schrecklichen Tages, an dem sie die Nachricht von Genovefa's Hinrichtung erhalten hatten, alljährlich in ihrer Schloßkirche unter Gebeth und Thränen gefeyert. Dieser Tag war jetzt eben da, und sie saßen am Morgen desselben beysammen auf ihrem Zimmer, und waren beyde voll der tiefsten Betrübniß. Sie hatten seitdem sehr gealtert, und ihreHaare waren vor der Zeit grau geworden. Beyde waren in Trauerkleider gehüllt, und die Herzoginn hatte seit der Zeit die schwarze Farbe gar nicht mehr abgelegt. In dem herzoglichen Schlosse war es so stille, als wäre es ausgestorben; denn beyde mieden noch immer, so viel sie konnten, alle Gesellschaft. Jetzt war es bereits Zeit zum Gottesdienste, und sie erwarteten nur noch die Ankunft des Bischofs, den allein sie alleJahre einluden, an eben demAltare, an dem er Genovefa als Braut mit dem Grafen vermählte, das Gedächtniß ihres Todes zu feyern. Der Herzog schwieg voll stummen Schmerzes, und dachte eben bey sich:»Es ist doch eine schreckliche Schickung, daß diese Schmach über unser herzogliches Haus kommen, undunsere Familie aufbisse Art erlöschen mußte! Doch, Herr Dein Wille geschehe!« Die Herzoginn seufzte:»Ach, das einzige Kind, und so ein liebes Kind, durch die Hand des 109»— Henkers zu verlieren—ist doch zu schrecklich. OGe- novefa! Wir dachten, Du würdest wie ein Engel an unserm Sterbebette stehen, und uns die Augen sanft zudrücken, und nun mußte es so kommen! Doch,« sagte auch sie, sich wieder fassend:»Dein Wille, o Herr, geschehe!« Kaum hatten sie dieses gesagt, so trat der ehrwürdige Bischof herein. Sein Angesicht leuchtete von himmlischer Freude.»Lasset nun einmahl das Trauern, und erfreutEuch indem Herrn!« sprach er, und fing nun an, mit hoher Begeisterung und tiefer Rührung von den wunderbaren Wegen der Vorsehung zu sprechen; wandte Jakobs Trauer, dem sein Sohn Joseph geraubt wurde, auf ihre Trauer an; schilderte dann Jakobs Freude, als er seinen Sohn Joseph wieder fand— und der Geist, mit dem der Bischof sprach, und das sanfte Feuer seiner Beredsamkeit, ergriff sie mächtig. Der Gedanke an Gottes alles lenkende Liebe und an Jakobs Vaterfreude erfüllte auch ihre Herzen mit Freude, und verdrängte aus denselben alle Trauer.»O eine solche Freude,« sagte die Herzoginn, indem sie die Hände faltete,»wenn diese uns zu Theil würde, o was wäre dieß!« Und der Herzog sagte:»In diesem Leben nicht mehr, aber doch gewiß dort in dem Himmel.«—»Auch in diesem Leben noch,« sprach jetzt der Bischof.»Der Herr thut auch jetzt noch große Dinge. Er schlägt Wunden, und heiler sie wieder. Erführt in die Grube hinein, und wieder heraus. Er, der Gott Jacobs und Josephs lebt noch. Er, der Euer Herz stärkte, daß es der Jammer nicht brach, wolle jetzt es wieder stärken, daß eS der Freude nicht unterliege. Anstatt der Trauer- gesänge, die wir eben jetzt in der Kirche anstimmen wollten, laßt uns ein freudiges H e r r Gott, Dich loben wir! singen. Denn Genovefa lebt— und Ihr werdet sie sehen.« BepdeAeltern blickten ihn er- — HO staunt an. Ein Schauder überlief sie bey des frommen Mannes nachdruckvsllen Worten. Hoffnung und Furcht kämpften in ihren Herzen, und sie konnten das, was^er sagte, noch nicht glauben. Da öffnete der Bischof die Thüre, rief den Wolf, der mit klopfendem Herzen bey den Dienern des Herzogs cm Vorzimmer stand, herein, und sprach:»Dieser hier ist der Mann, der Euch das Weitere sagen wird.« Wolf trat herein und rief:»Sie lebt! Es ist gewiß so. Mit diesen meinen Augen habe ich sie gesehen, mit diesen meinen Ohren ihre Stimme vernommen, und mit dieser meiner Hand die ihrige gefaßt.« Das Wort:»Genovefa lebt!« hatte sich augenblicklich durch den ganzen Pallast verbreitet. Alle Diener des Herzogs und alle Dienerinnen der Herzoginn stürzten erstaunt, erschrocken, erfreut, und fast außer sich, in dasZimmer. Wolf aber stand da, die ganze wunderbare Geschichte, und die Thränen zitterten an seinen grauen Augenwimpern, und oft brach ihm die Stimme vor Rührung. Alle standen bebend, weinend und schluchzend umher — und der Herzog und die Herzoginn saßen bleich vor Freudenschrecken da, und wußten fast selbst nicht, wie ihnen geschah. Endlich, da sie nicht mehr zweifeln konnten, und dre Männer, die mrt Wolf gekommen waren, jedes seiner Worte bestätigten, und Wolf ihnen noch jedes Wort sagte, das Genovefa und der Graf ihm aufgegeben hatten— da war es ihnen, als erwachten sie aus einem schweren Traume. Sie lebten gleichsam von neuem wieder auf, und riefen:»Wir haben genug gelebt, daß unsere Tochter Genovefa noch lebt. Wir wollen hin, und sie sehen, ehe wir sterben!« Nachdem sie Gott noch zuvor in seinem Tempel feyerlich gedankt hatten, reisten sie unverzüglich ab; und der fromme Bischof und der ehrliche Wolf ll 1—» mit seinen Leuten, und ein großes Gefolge von Dienern begleiteten sie. Genovefa hatte sich indeß durch die zärtlichste Sorgfalt und liebreichste Pflege merklich erholt, und auf ihren Wangen erschien wieder eine sanfte, doch kaum bemerkbare Rörhe. Der einzige Wunsch, den sie jetzt noch auf Erde hatte, war der, ihre geliebten Aeltern zu sehen. Da kamen sie plötzlich, und viel früher, als man sie erwartet hatte, in Siegfriedsburg an. Sie grüßten Genovefa mit heißen Thränen. Der ehrwürdige Vater sagte mir einer Empfindung, wie einst Simeon, indem er sie umarmte:»Nun, Herr, laßt Du Deinen Diener im Frieden dahin scheiden, da meine Augen dieses Heil noch gesehen haben!« Und die fromme Mutter sprach, sie umarmend, mit einer Rührung wie Jakob:»Nun will ich gerne sterben, da nur Du noch lebst— und Deine Unschuld an den Tag kam.« Und beyde Aeltern weinten abwechselnd lange an ihrem Halse. Hierauf erblickten sie den holden Knaben, und riefen beyde zugleich voll Entzücken:»Du bist also unser Enkel—o komm, komm in unsere Arme!« »Gott segne Dich, mein Kind!« rief der Großvater, indem er ihn auf die Arme nahm und küßte:»Und Gott segne Dich, Du liebes süßes Kind!« wiederholte die Großmutter, als sie den Knaben aus des Großvaters Arme in die ihrigen nahm, und ihn mit Küssen und Thränen Überhäufte— und beyde sprachen dann fast mit einer Stimme und voll Anbethung: O wunderbar, wunderbar ist Gott! Wir beweinten Dich als todt, liebste Tochter, und dachten Dein Angesicht auf Erde nicht mehr zu sehen, und jetzt laßt uns Gott gar noch Deinen Sohn sehen!« Jetzt trat der fromme Bischof, den Genovefa und Siegfried in ihrer Freude noch nicht bemerkt hatten, naher. Es war Genovefcn, da sie ihn so -» 112—- plötzlich bemerkte, als sahe sie einen Bothen Gottes vom Himmel. Der apostolische Mann sah erst Ge- novefa und Siegfried, dann den Herzog und die Herzoginn der Reihe nach segnend an, und streckte die Hand aus, und sprach:»Nun hat der Herr erfüllt, was mich sein Geist vorher sehen ließ! Er hat Dir meine Tochter, und Euch allen hier ein größeres Glück bereitet, als Erdenglück— das aber mit große» Leiden anfing, wie alles wahre Heil auf Erde anfangen muß. Er hat es anders gemacht, als wir alle dachten— aber herrlicher als wir alle denken konnten. Und nun— wie wir damahls beysammen standen, so hat Er uns wunderbar und gegen alle Erwartung jetzt wieder zusammen gebracht, und heute M der Tag erschienen, da wir Ihm alle mit Freu- denthranen danken, und keines von allen fehlt; nur ist unsere Zahl noch um dieses liebe Kind hier vermehrt worden, wett Er in allem mehr thut, als Er verheißt. Selig derjenige, der in der Prüfung ausholt. Denn, nachdem er bewahrt erfunden worden, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott Msn denjenigen verheißen hat, die ihn lieb haben. Diese Krone ist Euch jetzt auch hinterlegt.« Achtzehntes EaKitrl. Genovefa's Leiden werden ein Segen für das ganze Land. Sobald es bekanntwurde, daß Genovefa sich viel besser befinde, und sich von ihren Leiden sehr erholt habe, kamen alle Tage Leute, die sie sehen wollten. Wolf mußte es Genovefa auf Ritterehre ver- sprechen, auch nicht das Geringste abzuweisen. Da ward denn der Zulauf sehr groß, und immer wurden mehrere zugleich in das Zimmer gelassen. Die Leute waren aber so stille und eingezogen, daß sie sich kaum zu athmen, und nicht vorwärts zu gehen getrauten, sondern an der Thüre stehen blieben. Die Männer standen, mit ihren Mützen unter dem Arme, so ehrerbiethig da, wie in der Küche, und sogar die kleinen Kinder auf den Armen der Mütter hoben andächtig die Händchen auf. Genovefa lag meistens auf ihrem Ruhebette, oder saß weiß gekleidet in ihrem Lehnsessel, und ihr schönes blasses Gesicht sah so fromm und himmlisch, so mild und sanft, so liebreich und freundlich auS, daß es den Leuten nicht anders vorkam, als sey es von hellen Strahlen umgeben. Sie sagte den guten Leuten immer einige Worte, die ihnen zeitlebens unvergeßlich waren. »Ihr lieben guten Leute!« sagte sie mit sanfter, lieblicher Stimme.»Es freut mich, daß Ihr mich heimsucht, und ich danke Euch für Eure Liebe, mit der Ihr an meinen Leiden und Freuden Theil nehmet. Ach, ich kann es mir wohl denken, daß Ihr auch mancherley Leiden habt, und ich weiß es, daß manches von.Euch sich in der Welt viel plagen muß. Aber liebet nur Gott, vertraut auf Ihn, und verzagt nie! Er rettet diejenigen, die Ihn lieben, aus allen Nöthen. Wo alles verloren scheint, kann er noch helfen. Wo die Noth am höchsten, ist seine Hilfe am nächsten. Er macht am Ende alles recht. Jst's nicht wahr? Seht 2hr das nicht selbst deutlich an meiner Geschichte?» »Seyd zufrieden mit dem, was Ihr habt, und begnügt Euch mit Wenigem. Auch beym Wenigen kann man vergnügt leben. Das erfuhr ich in der Wildniß. So arm Ihr seyd, so habt Ihr doch mehr, als ich in der Wüste draußen hatte. Ihr habt doch eins Hütte, ein Kleid, ein Bette, und im Winter eine warme Stube und eine warme Suppe. Und mehr braucht ja der Mensch nicht. Hängt daher Euer Schmid's Zugendsch. i. Bd, Genovefa. ro —» 114— Herz nicht an's Zeitliche! Verlaßt Euch nicht auf das tot-ce Geld, sondern auf den lebendigen Gott. Gott kann den Reichen schnell armer als denAerm- sten, und den Aermsten wieder reich machen. DaS seht Ihr ja an mir!«—- »Haltet Euch immer fest an Gott, bethet gerne, und bewahrt Euer Gewissen rein. Wer mit Gott Eines ist, und ihn im Herzen trägt, der hat den Himmel im Herzen. Das Gebeth gibt Kraft zum Gutes- thun, und Stärke im Leiden. Es durchdringt die Wolken, und bleibt nie unerhört. Ein gutes Gewissen ist in allen Leiden—im Gefängnisse, in Krankheit und Tod ein sanftes Hauptkissen. Das werdet Ihr erfahren, wie ich"s erfahren habe.« »Wenn Euch Euer Gewissen Vorwürfe macht— und wem macht es keine, wenn er auch gleich keine solche Verbrechen begangen hat, deren man mich beschuldigte?— wenn Euch Euer Gewissen also Vorwürfe macht, so sucht vor allem Euch mit Gott auszusöhnen, und nehmt deßhalb Eure Zuflucht zu Christus, seinen lieben Sohn. Ihn hat der Vater zum Heile der sündigen Welt dahin gegeben. Er ist die Versöhnung unserer Sünden. Er vergoß sein Blut zur Vergebung der Sünden. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so betriegen wir uns selbst. So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, und vergibt uns die Sünde, und reiniget uns von allem, was nicht recht ist.« »Höret nur das Evangelium gerne— da werdet Ihr alles noch besser inne werden, als ich es Euch sagen kann! Mit einem Evangelrenbuch in der einen, und einem Kreuze in der andern Hand, kamen die ersten Verkünder deS Evangeliums zu Euch. Noch ein Mahl: Höret das Evangelium— bewahret es im Herzen— befolgt es! Denn es ist Gottes Wort, und hat eine Kraft in sich, alle selig zu machen, die im Kreuze ist Hell.- es,rM,s'in seine Herrlichkeit den und Tod- g>ng Christus>n^^sale "'S«-..-..-°„d-"--'"'-b'"^^L.ch: sonders zu. D.e Lheleute emwhn si-" Em r-ch und Lrebe, und warntest- vor Eifersucht-^ nie falschen Zeugen Ge),^ s^hst ersah- Lk;L'"-7 7».' Stz. st- SMA^ 7. der besten Ehe, anrichten können Dr Aettern« ^'7'.' L-7"77ch7M-«,?7 m.° L.7L»7'::.7'--"m.-2-- K-L7L nicht daran, was für große e. aznaend wen würden. Aber wenn st- Mich nicht vo'^ aen- auf zur kindlichen Furcht Gottes»nd p"" d-Z L Vertrauen auf Gort angehalten h^/ k° h°^* meinem Leiden unterliegen, Leben zweifeln müssen, und mrr w°hl gcu'eMt das - 'S —« H6—> Euern Kindern diesen Glauben da- Schmerzende,ch mußte nun noch jedem der Kin- der etwas Schönes zum Andenken schenken, und un- bedchenkt wurde nie Eines entlassen. Diese Güte und ^aen^G^ff^ schönen Zuspräche ihrer gna- digen Gräfinn gingen den Leuren sehr zu Herren und die härtesten Männer weinten oft gleich kleinen Kedult,"'^"°vefa's Frömmigkeit, ihre Leiden, ihre Geduld, ihr Wort und Beyspiel waren ein großer Segen für das ganze Land. Weit umher wurden die Menschen viel frommer, Und besserten sich augenscheinlich, und in mancher Hütte, in der vorhii/der Liebe S''' wohnte nun Eintracht und und Zufriedenheit. Der fromme Bischof sagte nun:»Wenn Gott durch einen Menschen e.N großes Heil stiften will, so schickt Er ihm gro- ,^^^-eß denn auch eine der hei- iigen Weihen, die Gott selbst verleiht. Zhre Worte stiften mehr Gutes, als meine Predigten. Memizrhmrs^azrirrl. Golo's Schicksal. Wann die Leute aus dem Zimmer der Gräfinn herab kamen, wollten sie auch noch den Golo sehen. Sn Blutgericht hatte ihn als einen Verleumder, treulosen Diener, und dreyfachen Mörder zum Tode verurtheilt. Er sollte von vier Ochsen in vier Stücke zerrissen werden. Allein der Graf hatte auf die herzliche Fürbitte seiner frommen Gemahlinn ihm die Todesstrafe geschenkt. Ihn aber von dem ewigen Gefängnisse zu befreyen. stand nicht in des Grafen Gewalt. Der Kerkermeister, der den Leuten de.. Golo zeigen mußte, hatte fast den ganzen Tag keine Stun- de Ruhe. Er that es aber doch gerne.«Kommt nur!« saqte er rüden Leuten.«Da droben im Zimmer hab Ihr ein Bild der Unschuld und der Tugend gesehen. Da drunten in Golo's Gefängnisse konnt Ihr nun das Bild der Sünde und des Lasters sehen.« Er ging mit der Laterne und einem schweren Bunde Schlüssel voraus, in die enge steinerne Stiege hrnab, we,t unter die Erde. Als er die schwere eiserne Thür aufmachte, da wurde es den Leuten ganz schauerlich, und als er mit der Laterne m das Gefängniß hinein leuchtete, und sie den G°lo ahen, erschrocken sie noch mehr. Denn er war fürchterlich anzusehen. Das Haar hing ihm wild und»"^'eut übn die Stirne, und er halte einen langen Bart. Wem Gesicht war bleich wie eine Wand,»"d er blickte mit seinen schwarzen Augen scheu und gräßlich umher. Sein böses Gewissen peinigte ihn so, day er oft ganz wahnsinnig war, fürchterlich drullte,>m seinen Ketten rasselte, und den Kopf an dle Wan e stieß. Auch wenn er mehr bey sich selbst er allerley seltsame Reden, die einen durch Mart und Beine gingen... »O Thor, Thor, siebenfacher Thor, der ich war!« schrie er oft.«O wehe dem, der von Gott abweicht, sein Herz bösen Begierden öffnet, und die Stimme seines Gewissens nicht mehr Hort! Anfangs mag er einigefalsche, eitlebetr.eger-sche Freuden genieße», aber sein Ende rst Jammer und Elend. Ei wandelt auf Blumen; aber plötzlich stürzt er m einen Abgrund, den die Blumen vor seinen Augen verbargen! Wehe, wehe dem, der nach verbothen Freuden trachtet! Er glaubt sich einem blühenden Rosenstrauchs zu nähern, streckt die Hand nach einer Rose aus, aber plötzlich fährt eine zischende, aiftgeschwollene Schlange aus dem Strauche hervor, umschlingt ihn mit siebenfachen Ringen, und würgt —» l 18 und drosselt und zerfleischt ihn ohne Aufhören mit giftigen Bissen!« Manchmahl fragte er, obwohl man ihm das schon oft gesagt hatte:»Leute! Jst's wahr, hat man die Gräfinn und ihr Kind wieder gefunden? Jst'S so, oder hat es mir eben nur geträumt. Nein, nein! Es hat mir nicht geträumt. Es ist so, es ist wirklich so. Ich glaub's. Denn hört,» fuhr er dann mit wehklagender Stimme fort:»Gott ist ein furchtbarer Rächer. Er hat sie aus diesem Gefängnisse da errettet, und mich in eben dieses Gefängniß hinunter geworfen. Ja, sa, da saß sie,« sagte er, und schlug mit der Hand auf das rothe Steinpflaster,»da, auf diesem Boden, wo ich jetzt sitze. Glaubt Ihr nun, daß Gott gerecht ist?« Ein anders Mahlriefer:»Gottlob! KommtJhr nun einmahl, mich zu hohlen? Nun, so führt mich denn hinaus zur Richtstätte. Ich gehe gerne!« sagte er, und stand auf.»Ich habe eine unschuldige Mutter und ein armes Kind umgebracht— darum muß man mir den Kopf auch abschlagen. Ich habe unschuldiges Blut vergossen— seht Ihr es da, meine Hände sind noch voll Blut— sehr Ihr es, über und über sind sie blutroth! Seht, die Bäche von Thränen, die mir aus den Augen fließen, waschen sie nicht mehr weiß. Darum muß ich mein Blut auf der Richtstätte auch verspritzen. Ich thu' es aber gerne! Besser unter dem Schwerte des Scharfrichters sterben, als die Qual da—-da, da drinnen,« er zeigte auf die Brust—»noch länger erdulden!« Zu Zeiten sah er die Leute, sobald man die Thür geöffnet hatte, starr an, lachte dann fürchterlich, und sagte:»So, bringt man Euch einmahl! Nicht wahr, Ihr habt Euch auch von der bösen Lust betrie- gen lassen, und Ihr habt die Unschuld auch verführt? Wie? laßt mir Eure Hände sehen, ob keine Thränen. — 119 einer unglücklichen Mutter daran hangen, oder kein Blut eines armen Kindes daran klebt? Ihr biethet sie mir nicht her— Ihr getraut Euch Nicht, sie nur ru zeigen?—Jetzt weiß ich es,» schrie er dann fürchterlich,«es ist so! Eure Hände sind voll Blut und Thränen, wie die meinigen. Ihr seyd Verbrecher, wie ich- Kommt nur herein zu mir! Seht!» sichrer fort und rückte auf die Seite,«seht, da, da ist künftig Euer Platz. Alle diese Verbrecher gehören zu mir herein!« Da fingen die erschrockenen Kinder an, laut zu schreyen, und verbargen das Gesicht in die Kleider ihrer Mütter; jeder Jüngling und jede Jungfrau nahmen sich heilig vor, das Herz von solchen Sunden rein zu bewahren, die am Ende in ein solches Elend stürzen; und mancher Mann und manche Drau sagten laut:»Lieber in der Wildniß Wurzel und Krauter essen, und unschuldig seyn, wie Genovefa— als so wie Goto in einem gräflichen Schlosse un Ueber- fluß leben, und ein böses Gewissen haben, und ein solches Ende nehmen.« »Da habt Ihr Recht!« sagte der Kerkermeister, indem er die eiserne Thür zuschloß,«und wenn das Lasterleben auf dieser Welt auch nicht immer ein so schlimmes Ende nimmt, so nimmt es doch gewiß in der andern Welt ein noch schlimmerss.« Jn diesem verzweiflungsvollen Zustande lebte Goto viele Jahre, und ob sein Tod tröstlicher war, weiß man nicht. Man sagt, er habe keine Ruhe gehabt, bis man ihm sein Recht endlich noch angethan habe. 120 Lwarizigstes GAMel. Noch ein Wort von der Hirschkuh. Schluß. Die Kinder wollten, nachdem sie Genovefa, Schmerzenreich und Golo gesehen hatten, alle Mahl auch noch— wie die Kinder einmahl sind, die Hirschkuh sehen. Der Graf hatt- ihr einen eigenen schonen Stall bauen lassen. Sie lief frey in dem Schloßhof und in dem Schlosse Herum. Mehrmahl des Tages kam sie die Stiege herauf, bis vor Genovefa's Zimmer, und war nicht wegzubringen, bis man sie au einige Augenblicke hineingelassen hatte. Sie war sehr zutraulich gegensalle Leute, und fraß ihnen aus der Hand, und auch die Jagdhunde auf dem Schloßhofe thaten ihr nichts zu Leid. Die Kinder hatten eine großeHreude an dem schönen Thiere, gaben ihm Brot und streichelten es, und die Mütter sagten:»Mern Gott! wenn jetzt dieses Thier nicht gewesen wäre, so waren unsere liebe Gräfinn und unser Ueber junger Graf in der Wildniß umgekommen!«—»Darum soll man kein Thier plagen!« sagte die Magd, die das treue Thier zu verpflegen harte.»Wenn wir den Ochsen nicht hätten, den wir vor den Pflug spannen, und keine Kuh, die uns Milch gäbe, so ging es uns wohl eben so schlimm, als es der lieben Gräfinn ohn« der Hirschkuh in der Wildniß ergangen wäre. Ja, die Welk wKre ohne die Thiere eine rechte Wildniß für uns. Man sahe da wenig gebaute Aecker, und die schönsten Wiesen würden uns nichts helfen. Darum plagt Euer Vieh nicht— und laßt uns Gott auch für diese Wohlthaten danken.« Wie lange Genovefa noch lebte, ist nicht genau bekannt, wohl aber das: So lange sie noch lebt«, lebte sie in Freude, und that noch unaussprechlich viel Gutes, und sanft und selig war ihr Ende. Ihr übn- ——- ges Leben glich einem schönen, stillen Frühlingsaben» de nach einem schweren Gewitter, das glücklich vorüber zog, und ihr Tod war wie der schöne liebliche Untergang der Sonne, die noch leuchtet undSegen verbreitet, bis auch ihr letzter Strahl nicht erlischt— sondern nur sich unsern Augen entzieht, um herrlicher in einer andern Welt aufzugehen. Bey ihrem Leichenbegängnisse fanden sich unzählige Menschen ein, und alle vergossen an ihrem Grabe heiße Zähren doch Niemand heißere, als Siegfried und Schmerzenreich. Die treue Hirschkuh legte sich auf ihr Grab, und wich nicht mehr davon. Von dem Futter, das man ihr vorlegte, rührte sie gar nichts an, bis man sie eines Morgens auf dem Grabe todt fand. Der Graf ließ Genovefen ein prächtiges Grabmahl aus weißem Marmor errichten, an dem ganz unten auch die Hirschkuh in Stein ausgehalten war. In der Wildniß hatte der Graf auf Genovefa s Bitte eine Einsiedeley anlegen lassen. Rechts neben Genovefa's Höhle stand die Capells. Der Bischof Hildolph weihete sie ein, und das Volk nannte sie Frauenkirche. Genovefa's Geschichte war zierlich und schön an den Wänden abgemahlt, und das kleine hölzerne Kreuz, an dem so viele theuere Erinnerungen hafteten, wurde— doch erst»ach Schmerzenreich'S Tode— in Gold gefaßt, und auf den Altar gestellt. Zur andern Seite derHöhle war ein Klausnerhütt- chsn, und ein zierliches Gärtlem dabey, durch das die Quelle floß. Sehr viele Menschen kamen immer dahin, und der freundliche Einsiedler zeigte ihnen dann alles— das kleine Kreuz, die Gemählde, die Höhle, den Stein, auf dem Genovefa kniete, die Quelle, aus der sie getrunken hatte, erzählte ihre Geschichte, und ermähnte Groß und Klein, ihrem schönen Beyspiele zu folgen. Schmidts Jugendsch. i. Bd. Genovefa. a> —— izI— Das Volk verehrte Genovefa als eine Heilige. Noch nach beynahe hundert Jahren rühmten sich alte eisgraue Männer:»Da ich noch ein Kind war, habe ich Genovefa gesehen!« Und sie erzählten dann den horchenden Enkeln, was sie chnen gesagt habe. Das Schloß Siegfriedsburg, oder Siegfriedsheim, im gemeinen Leben bloß Si-gmern oder Sim- mern genannt, wo Siegfried und Genovefa gewohnt hatten, ward indeß zerstört, und es sind, unter dem Nahmen Altensimmern nur noch, nicht weit von Koblenz, einige Trümmer davon zu sehen; allein die Ehr- furcht und Liebe gegen Genovefa erlosch nicht in den Herzen der Menschen. Viele prächtige Kirchen wurden ihrem Gedächtnisse gewidmet, und manche Frau und Jungfrau fährt zum frommen Andenken an sie bls auf den heutigen Tag noch den Nahmen Genovefa! - ^>? v « W . tz U M