Mene^ 8tgcit-8kbi!ot^k ---------- !'-ot^s!i. i -W R W8 N 'L äG-<^ U- r. << '.e ,F^, '->^^. M». 4 N' M. "»> > i k'»--^> VR — —M L JugenSfchriften von G-rist-VS Schmiß Domcapitular des Bischums Augsburg im Königreiche Bayern. In jwanrig Wänschen. jedes mit einem Kupfer. Dritte vermehrte, mit zwanzig Kupfern gezierte, gut lesbaren Lettern im größeren Formate gedruckte, durch Correctheit und Eleganz ausgezeichnete, allerwohlfeilste Wiener Ausgabe. ^sechzehntes Bändchen. Enthaltend r E u st a ch i u S. Mien. Anton Mausberger's Druck und Verlag. z --- --^ ? WW -^' >--'V..Le..L'.-r -> HM --- ,.' v , GuftaHius. Eine Geschichte der christlichen Vorzeit, neu erzählt für die Christen unserer Zeit.^ Von SSristoxh Lchmiv» s Dritte Auflage. 44444444444444»»»»»»»»»»»»«^« t<-<»»»<»»»»<»««»» WN i e n. Anton MauSderger'S Druck und Verlag. rr, m, ah- be- nde ,ro- ellt ft, va- art Zie- sich adt en- !ser ren ner »sie oh- een ine keit gerinn A- 7^- Vorrede. 38aS in der Vorrede zur Geschichte der Geno- vefa gesagt worden, gilt auch von der gegenwärtigen Geschichte des heiligen Eustachius, die in vieler Hinsicht ein Seitenstück zu jener seyn dürfte. Die Haupt-Begebenheiten haben die Wahrheit einer Geschichte. Mehrere gelehrte und berühmte Geschicht- forscher, als Leo Allatius, Combestfius, Ätha- nasius Kircherus, Baronius, Papebrochius, Tillemont, Baillet und andere haben sich zwar über die griechische Urkunde dieser Geschichte sehr verschieden geäußert. Allein der Verfasser der vorliegenden Erzählung suchte zwischen diesen entgegengesetzten Meinungen die Mitte zu halten, und hofft so der Wahrheit am nächsten gekommen zu seyn. Einwendungen von Wichtigkeit dürsten in dieser Bearbeitung von selbst hinweg fallen. Uebrigens konnte und wollte er in seine Erzählung keine gelehrte Untersuchungen und kritische Bemerkungen aufnehmen, indem seine Absicht vorzüglich dahin geht, den christlichen Leser zu erbauen, und also ein solcher Aufwand von Gelehrsamkeit ganz und gar am unrechten Orte angebracht seyn würde. Schmid's Jugendsch. 16. Bd. Eustachius.» Den Neben-Umständen bemühte sich der Verfasser die Wahrheit eines Gemähldes zu geben. Einige dieser Umstände gehen aus der Verbindung'der Haupt- Begebenheiten und der Denkungsart der handelnden Personen so nothwendig hervor, daß sie jeder nachdenkende Leser bey näherer Erwägung der geschichtlichen Urkunde höchst wahrscheinlich finden müßte; andere Umstände sind aus verschiedenen alten Schriften genommen, die über die Geschichte jener Zeit einiges Licht verbreiten, noch andere kleine Umstände sind so unbedeutend, daß sich nichts von ihnen sagen läßt, als sie seyen zur lebhaften und rührenden Darstellung einer Begebenheit nun ein Mahl unentbehrlich. Eine solche Darstellung, aus der besonders der hohe Werth des Christenthumes hervorleuchte, seinen verehrten Lesern zu geben, war das aufrichtige Bestreben des Verfassers, und was er dort in der Vorrede zur' Genovefa sagte, wiederholt er auch hier:»Eine einzige Thräne der frommen Rührung, der Beruhigung in ähnlichen Leiden, des frommen Vertrauens auf Gott wird ihm der schönste Lohn seyn, den er sich hier auf Erden nur immer wünschen kann.« Stadion, im Oktober 1826. Der Verfasser. Grstrs Sattel- Im Kreuze ist Heil, hundert Jahre, nachdem Christus geboren war, unter der Regierung des römischen Kaisers Trajan, lebre der Feldherr Placidus, der unter dem Nahmen Eustachius in der ganzen christlichen Welt bekannt worden. Er hatte die Parther, die Femde Roms, in mehreren Schlachten besiegt und sich großen Ruhm erworben. Nachdem der Friede hergestellt war, begab er sich, sern von dem kaiserlichen Hofe, auf sein abgelegenes Landgut. Hier, in seinem väterlichen Hause, das in der edlen römischen Bauart aufgeführt und von Garten und Weinbergen, Wiesen und Kornfeldern umgeben war, fühlte er sich glücklicher, als in Rom, der damahligen Hauptstadt der Welt. Die unermeßliche Pracht und Verschwendung, die damahls in Rom herrschten und dieser Stadt in der Folge den Untergang zuzogen, waren ihm zuwider. Er blieb den einfachen Sitten seiner Vater, der alten Römer, getreu. Obwohl er große Reichthümer besaß, so erblickte man in ferner Wohnung dennoch nichts von unnöthigen und kostbaren Geräthschaften, und auf seine Tafel kamen keine überflüssigen Gerichte. Nur Ordnung, Reinlichkeit und eine sehr einfache, jedoch seinem Stande gemäße Einrichtung gaben seiner Wohnung einen eigenthümlichen Glanz. Er war von altem römischen 4 Adel; allein seine edlen Gesinnungen adelten ihn noch mehr. Seine Gemahlinn, eine Frau von großer Schönheit und ungcmeiner Anmuth, war ihm sowohl an Adel der Geburt als der Gesinnungen vollkommen gleich. Man konnte wohl in dein ganzen weiten Römerreiche kaum ein vortrefflicheres und glücklicheres Ehepaar finden, und was ihre Glückseligkeit auf Erden vollendete, waren zwey liebenswürdige, hoffnungsvolle Knaben. Der altere Knabe war an edler Gesichrsbildung dem Vater ähnlich; in dem lieblichen Gesichtchen des jüngern erkannte man sogleich die sanften Züge der Mutter; das Betragen beyder Knaben aber zeigte, daß sie einst beyde an Edelsinn und Tugend ihren Aelrern gleichen würden. Der Morgen ihres Lebens versprach den schönsten Tag. Einen so großen Ruhm sich Eustachius zur Zeit des Krieges durch seine Tapferkeit als Feldherr erworben hatte, so rühmlich zeichnete er sich jetzt zur Zeit des Friedens durch seine Menschenfreundlichkeit gegen seine Untergebenen, und seine Wohlthätigkeit gegen die Dürftigen aus. Er hielt zur Bestellung seiner vielen Feldgüter und zur Besorgung seiner zahlreichen Herden eine Menge Knechte und Mägde, die nach damahliger Verfassung seine Sclaven uird Sclavinnen waren. Allein er war ihnen ein milder Herr; er ehrte in ihnen die menschliche Natur, und that alles, sie zu guten Menschen zu bilden, ihnen das Los der Dienstbarkeit zu erleichtern, und sie glücklich zu machen. Oefter im Jahre, zu Anfang des Frühlings, zur Erntezeit, zur Zeit der Weinlese, und im Spatherbste, wenn alle Feldarbeiten geendet waren, und das Jahr sich zur Ruhe deS Winters neigte, gab er ihnen ländliche Feste; und man sah ihn nie vergnügter, als wenn er alle seine Untergebene um sich her recht froh und froh- üch sah. Er betrachtete alle als Eine ihm angehörge Fanülie, und fühlte sich in ihrer Mitte so glücklich, wie ein liebevoller Vater in der Mitte seiner Kinder. Mit wohlwollenden Blicken schaute er umher, ob nicht diesem oder jenem etwas abgehe, und ermunterte alle mit freundlichen Worten zur Freude. Mehreren seiner Sclaven und Sclavinnen schenkte er die Freyheit, sobald er sie für fähig hielt, ein solches Glück zu ertragen, und er gab ihnen überdieß noch ein kleines Gütchen dazu, das sie nun auf ihre eigene Rechnung bauen konnten, und wovon sie ihm nur geringe Abgaben zu leisten hatten- Manchem tapfern Krieger, der unter ihm gedient hatte, wies er ein Stück Ackerfeld an, und ließ ihm «u Haus-bauen» damit derselbe nach—bltitigen Schlachten nun am eigenen Herde das Glück deS FriedcnS genießen möge. Viele auswärtige Unglückliche nahmen ihre Zuflucht zu ihm; und er ließ, so viel es an ihm lag, keinen Einzigen ohne Trost und Hilfe zurück kehren. Seine Reichthümer freuten ihn bloß, weil er Andere damit beglücken konnte, und er rechnete es sich zur Ehre, mit eben der Hand, die das Schwert so rühmlich geführt hatte, nun Wohlthaten unter die Dürftigen auszutheilen. Als einst bei dem Feste des wiederkehrende» Frühlings einige dankbare Landleute, die er aus großer Noth errettet hatte, bis zu Thränen gerührt, ihm und feiner Gemahlinn einen Blumenkranz darbrachten, sprach er zu seiner Gemahlinn:»Der blutbespritzte Lorber- kranz mag immerhin für ruhmvoller gehalten werden; allein ein solcher Blumenkranz dünkt mich doch lieblicher und erfreulicher; denn sieh>— er glänzt nur von Thränen des Dankes!« Die weit ausgedehnten Besitzungen d»s edlen Feldherrn waren zwischen den alten Städten Tibur und Präneste gelegen, und von einer Seite mit ei- »em waldigen Gebirge begränzt, in dem sich eine Menge Gewild aufhielt. Eustachius fand Vergnügen daran, hier zu jagen, indem er die Jagd mit ihren Gefahren und Beschwerden als eine Art von Krieg ansah, die ihn in Uebung erhielt, damit er wenn er wieder zu Felde ziehen müßte, zum Kriege nicht untauglich seyn möchte. Seit einiger Zeit schien er diesem Vergnügen mehr nachzuhängen, als sonst. Er brachte manchmahl zwey bis drey Tage in den waldigen Bergen zu, und übernachtete sogar dort unter dichten Bäumen oder in einer Felsenhöhle. Allein ihm war es gerade jetzt am wenigsten um das Vergnügen der Jagd zu thun. Ihn beschäftigten ganz andere Angelegenheiten; in seinem Innersten ging eine große Veränderung vor. Eustachius fing an, jetzt, da der Friede ihm mehr Zeit dazu ließ, über die Bedeutung des menschlichen Lebens, über die Bestimmung, das Ziel und Ende des Menschen, ernstlicher nachzudenken. Die Finsterniß und tiefe Stille der Wälder, wo ihn niemand, selbst nicht die zärrliche Gattinn und die fröhlichen Kinder in seinen Betrachtungen störten, fand er dazu am meisten geeignet. Oft meinten seine Jagdgenossen, er habe sich bloß in Verfolgung eines Stück Wildes von ihnen entfernt; er aber saß irgend im Schatten dichter Bäume auf einem umgestürzten Baumstamme, und sann über wichtigere Dinge nach. Der große Kampf zwischen Heidenthum und Christenthum hatte damahls längst begonnen, und bewegte überall die Welt. Die Heiden bedienten sich all ihrer Macht, des Feuers und des Schwertes, um die Christen auszurotten. Die Christen hatten ihnen nichts entgegen zu setzen, als ruhige Vernunft und anspruchslose Weisheit, als Glauben an Gott und ihren Erlöser, Hoffnung eines bessern Lebens und Liebe gegen alle Menschen, selbst gegen ihre Ver- 7— fvlger. Unzählige wurden hingerichtet, ja mit den grausamsten Pemen zu Tode gefoltert. Und dennoch vermehrte sich die Zahl der Christen auf eine wm^ derbare Weise. Das Christenthum verbreitete sich nicht nur in alle Städte, sondern auch in die Dörfer und einzelnen Landhäuser. In vielen Gegenden standen die heidnischen Tempel beynahe verlassen, auf ihren Altären wurde nicht mehr geopfert, und die Opferthtere fanden keine Kässfer mehr. Selbst am Hofe des Kaisers und unter den, Kriegsheere waren viele dein christlichen Glauben ergeben. Eustachius sah die Thorheit des heidnischen Götzendienstes immer mehr ein. Er verabscheute die Grausamkeit, mit der man die Christen verfolgte; er hatte manche Christen in Schutz genommen, und ihnen durch sein Ansehen das Leben gerettet; er wußte, daß selbst unter seinen Untergebenen sia) Christen befanden, und erwies sich gegen sie sehr gütig. Allein er selbst war zur Zeit noch kein Christ. Er kannte das Christenrhum noch zu wenig, um eS nach Verdienst zu schätzen-unir lieb-z« gewinnen. Emes Tages nun hatte er, von vielen Jagdliebhabern und einem zahlreichen Gefolge begleitet, sich wieder auf die Jagd begeben. Die Jagdgesellschaft zerstreute sich m kleinere Scharen durch das Gebirg. Eine Menge Wild wurde erlegt. Gegen Abend jagte Eustachius noch einen ungemein grossen Hirsch auf, verfolgte ihn sehr eifrig zu Pferd, und entfernte sich weit von seinen Gefährten. Allein herabhängende Baumzweige und vorgestreckte Baumwurzeln machten ihm das Nachsetzen bald sehr beschwerlich, und eine hoch emporragende Felsen- wand machte eS ihm zuletzt gar unmöglich. Ermüdet stieg er ab, und band sein Pferd an einen Baum. Der Ort schien ihm ganz besonders angenehm und sehr geschickt zum Nachdenken. —o> 8 Der tiefe Klaue Himmel strahlte nur sparsam zwischen hohen, blatterreichen Pappelbä'umen, und den dichten, schwarzgrünen Fichten hindurch: von der nahen Felsenwand, aus der mehrere Lorberbäu- me empor sproßten, fiel ein klarer Bach mit sanftem Geräusche von Stufe zu Stufe, und arbeitete sich schäumend zwischen bemoosten Steinen hindurch. Nur einzelne Sonnenstrahlen drangen in das grüne Dunkel, und beleuchteten mit kräftigem Lichte hier etmge purpurne Waldblumen, da die graue, mit grünem Moose bewachsene Rinde eines Baumes, dort den zarten Silberschaum des Wesserfalls. Eu- stachius setzte sich aus ein herab gestürztes Felsenstück, stützte den Kops auf die Hand und sann aufs neue den Gedanken nach, mit'denen er sich schon längere Zeit her so ängstlich beschäftiget hatte. »Es ist llnwidersprechlich,« sagte er bey sich selbst,»ein weiser Schöpfer hat diese Welt hervor gebracht. Seine unermeßliche Macht undHerrlich- kelt, die unS unsichtbar ist, zeigt sich augenscheinlich in allen sichtbaren Geschöpfen. Die leuchtende Sonne am Himmel, und die Blume hier zu meinen Fußen, der starre Fels dort und die bewegliche Wafferwelle, die von ihm herab stürzt, der ungeheure Flchtenbaum da und jedes MooSfäserchen an seinem Stamme sind lauter Zeugen seiner Weisheit, Güte und Macht; die unzähligen Blätter der Bäume sind eben so viele Zungen, die uns davon erzählen. Jedes Geschöpf ist in seiner Art vollendet, und verherrlichet seinen Schöpfer.« »Allein warum ist der Mensch, den seine schöne aufrechte Gestalt, Vernunft und Sprache über alle Geschöpfe der Erde erheben, in so mancher Hinsicht das allerunvollkommenste Geschöpf? Wie kommt es doch, daß der Mensch, der mit seinem großen Verstände so viele Künste und Wissenschaften erst»- det, gerade im Allerwichtigsten, in her Erkenntniß seines Schöpfers, so unwissend ist? Welche Thorheit hat sich ganzer Völker, ja sogar des mächtigsten aller Völker, der Römer, bemächtigt, daß sie Metalle, Steine und Holz der Gottheit gleich achten und sie anbothen? Allein warum sind wir jenem großen Geiste, der alles schuf, so entfremdet, daß wir uns keine richtige Vorstellung von Ihm machen können? Warum wissen wir so wenig von Ihm? Warum gibt Er sich uns nicht näher zu erkennen? Ach mich dünkt, irgend eine traurige Begebenheit muß den menschlichen Verstand so zerrüttet haben, daß er sich von der rechten Erkenntniß so weit verirren und in so schrecklichen Unsinn verfallen konnte.« »Mit der menschlichen Tugend steht es um nichts besser, als mit der mangelhaften Erkenntniß des Menschen. Warum schwebt mir ein Bild mensch- kich.Lr_ Vollkommenheit vor, das ich nicht zu erreichen vermag?.Warum sehen wir ein, was schön und gut und recht ist, haben wohl auch Freude daran, und thun dennoch dasjenige, was schlecht ist und was wir verabscheuen? Woher kommt dieser Zwiespalt im Menschen? Warum ist der größte Theil der Menschen so ausgeartet, so in Sünde und Laster versunken, daß er ganz das Gegentheil von dem ist, was ein echter Mensch seyn sollte? Ach, wenn ich unsere Geschichtsbücher aufschlage, wie graut es mir oft über alle die Gräuel, die schon von Menschen verübt worden!—Doch, was habe ich nöthig, in der Weltgeschichte zu forschen? Ich darf nur in mein Inneres blicken. Ich wurde zwar immer den vortrefflichsten Männern beygezahlt; allein wie Vieles habe ich mir vorzuwerfen! Wie oft ließ ich mich von Leidenschaften hinreißen! Wie so manches Gute, daS ich hätte zu Stande bringen sol- — 10 len, ward versäumt! Wie manche meiner geprie- fensten Handlungen waren von geheimer Ruhmsucht befleckt? Und woher nehme ich nun Beruhigung über das Vergangene, woher Kraft, jeneStufe von Vollkommenheit zu erreichen, nach der etwas in mir mich streben heißt! Wahrhaftig, der Mensch ist ein gebrechliches, sündiges Geschöpf, das sich selbst nicht zu helfen weiß.« »Und ach, wie groß ist dasElend des Menschen auf Erden! unter Winseln und Schmerzen wird der Mensch zur Welt geboren; unter Angstschweiß und hartein Röcheln geht er wieder hinaus. Und sein ganzer Lebenslauf, wie vielen Arbeiten, Mühseligkeiten, Sorgen ist er nicht ausgesetzt? Welch ein unübersehbares Heer von Krankheiten bedrohet ihn? Und wenn er auch sein ganzes Leben in Gesundheit, Fröhlichkeit und Ueberfluß zubrachte, wie bald nimmt das alles ein Ende? Wie verbittert ihm die Furcht des Todes den gegenwärtigen Genuß? Wie viel glücklicher ist der Vogel, der auf dem Baume dort fröhlich singt und von seinem bevorstehenden Tode nichts weiß?—> Und wie ichs nach dem Tode mit uns bestellt? Was bleibt nach dem Tode von dem Menschen noch übrig?— WaS wer mit Augen sehen, ist nichts weiter, als eine Hand voll Staub und Asche—- die Leiche mag nun nach der Sitte der Römer verbrannt oder nach dem Gebrauche anderer Völker in das Grab verscharrt werden. Allein wer sagt uns sicher, was es mit dem abgeschiedenen Geiste, den wir Römer bloß einen Schatten nennen, für eine weitere Beschaffenheit habe?—Ach wir können an jenes unbekannte Land, wo wir alle hin müssen, und von wo keiner zurück kömmt, nicht anders als mit Schaudern denken!«. »Zwar die Christen glauben, ihnen habe sich der unsichtbare Schöpfer der sichtbaren Welt naher geof- fenbart. Sie rühmen sich einer helleren Erkenntniß göttlicher Dinge. Sie glauben, die Kräfte gefunden zu haben, die dem Menschen fehlen, um das zu werden, was er seyn sollte. Sie halten sich, so verachtet und verfolgt sie sind, für die glücklichsten Menschen unter der Sonne. Wirklich scheinen sie auch Menschen besserer Art. Sie lieben einander, sie sind ohne Falsch und Verstellung, und von Herzen demüthig; sie sind uneigennützig, gütig, barmherzig, sansrmüthig, ohne alle Rachgier; sie sind standhaft, getrost und heiter, fttbst in den größten Peinen. Sie scheuen den Tod nicht, sie freuen sich vielmehr desselben; sie umarmen ihn gleichsam als einen Freund, als einen Bothen Gottes, der sie hinüber bringt in ein besseres Land. Allein wie vieles von dem, was ich von ihrer Lehre hörte, scheint mir höchst thöricht! Sie glauben, ein Sohn des allerhöchsten Gottes sey vom Himmel gekommen, ihnen zu helfen, aber selbst hilflos am Kreuze gestorben. Dieses Einzige allein wäre schon zurück schreckend genug. Denn das Kreuz, an dem bey uns die größten Uebelthä- ter die Todesstrafe ausstehen müssen, ist einem rechtlichen Römer ein Gegenstand des Abscheues, ehrlos und entehrend, von allem Verächtlichen das Verächtlichste und ein Zeichen des Fluches!« Er sann weiter nach und versank in Gedanken, aus denen er keinen Ausweg sah.»O Gott,« rief er endlich, indem er die Hände faltete, und durch die Baumzweige zum Himnel aufblickte,»Du mir unbekanntes Wesen, von dem alles Gefühl kommt, der Du das Menschcnherz schufst, ihm Erbarmung einhauchtest und also gewiß nicht ohne Barmherzigkeit auf die Menschen, Deine Geschöpfe, herab blickest, sieh meine Unwissenheit, meine Sündhaftigkeit und meinen Jammer, und erbarme Dich meiner! Der Hirsch sehnt sich ja nicht vergebens nach 12—» einer Wasserciuelle! Für jedes Bedürfniß Deiner Geschöpfe hast Du weise und liebreich gesorgt. Sollte denn der Mensch mit seinem Durste nach Wahrheit, Tugend und Seligkeit allein leer ausgehen? Ach, gib mir zu erkennen, wohin ich mich wenden soll, da ich der Thorheiten des Heidenthums überdrüssig bin, und mir der Glaube an einen Helfer, den unsere Krieger hilflos am Kreuze sterben sahen, das Widersinnigste von der Welt scheint!« Jndem er diese Worte sagte, horte er in den Gesträuchen auf dem nahen Felsen ein Geräusch. Er sah auf und erblickte oben auf dem Felsen den großem Hirsch, den er so lange vergebens verfolgt hatte. Egg stand auf und wollte schon nach Pfeil und Bogen greifen, da erschien HM ßstiWrH^kirWNttr-Sbep' dem ausgebreiteten Geweihe deS Hirsches ein Helles, glänzendes Kreuz, das von Strahlen umgeben war und rmgs umher das tiefe Dunkel des Waldes, gleich einer Sonne erleuchtete. Zu gleicher Zeit hörte er eine Stimme von Himmel, die ihn mit unaussprechlicher Anmuth und Lieblichkeit bey dem Nahmen nannte, den er bisher geführt hatte, und ihm zurief:»Placidus, Placidus!« Er fiel auf die Kniee und rief erschrocken!»Herr, wer bist Du?« Die Stimme antwortete:»Ich bin Christus, der am Kreuze-gestorben ist, Dich und alle Menschen selig zu machen.« Eustachius sprach:»Ach, Herr, waS willst Du, daß ich thun soll, damit ich selig werde?« Die Stimme sprach:»Geh hin in die nächste Stadt zu dem Bischöfe der Christen; dort wirst Du inns werden, was Du thun sollest.« Die Erscheinung verschwand hierauf gleich einem leuchtenden Blitz in der Finsterniß, und EustachiuS sah sich wie vorhin von dem Dunkel des Waldes umgeben. Aber im Innersten seiner Seele war es Licht geworden. ES war ihm eine unbeschreibliche Selig- kett, zu danken, daß Gott sich der Menschen-so liebreich annehme, und auch ihn nicht vergessen habe. Es wäre ihm unmöglich gewesen, diesen Abend noch zu seinen Jagdgefährten zurück zu kehren. Sem ganzes Herz war Erstaunen, Freude, Jubel, Dank und Anbethung.. Er brannte vor Begierde, den Bischof der Christen aufzusuchen und zu sprechen. Da es aber für heute zu spat war, so blieb er an der abgelegenen Stelle des Waldes, die ihm nun eine geheiligte Stelle war und ihm der Vorhof des Himmels dünkte, wie einst dem Jacob jener Ort, wo derselbe eine ähnliche Erscheinung gehabt und jene Leiter erblickt hatte, auf der die Engel auf- und abstiegen. Zweytes EÄVitrl. Die Taufe. Sobald die ersten Strahlen der Morgenröthe hinter den düstern Lorbergebüschen des nahen Felsens emporglänzten, bestieg Eustachius sein Pferd und machte sich auf den Weg nach Hause. Indem er so fortritt, hörte er die Jagdhörner und den Ruf seiner Jagdgenossen. Sie hatten ihn die Nacht hindurch nicht vermißt; denn eine Schar glaubte, er befinde sich bey einer andern. Als sie aber am Morgen alle zusammen kamen, und ihn nicht erblickten, waren sie sehr besorgt, ob ihm nicht etwa ein Unfall begegnet sey. Sie begrüßten ihn daher, csts sie ihn kommen sahen, mit freudigem Zuruf, und begleiteten ihn frohlockend nach Haufe. Als er in seine Wohnung trat, kam ihm seine Gemahlinn Trajana voll Freuden entgegen. Ihr Angesicht war wie verklärt.»Komm doch einen Augenbkick mit mir,« sagte sie;»ich habe Dir etwas 14 zu sagen.« Sie führte ihn in das nächste Zimmer. »Was ist A)ir?« sprach er.»Dir scheint etwas Außerordentliches begegnet zu seyn. Du bist so gerührt und erfreut, als hättest Du mir etwas besonders Erfreuliches und Wichtiges zu verkünden.« »So ist es auch, mein Herr und Gemahl!« sagte sie.»Es scheint zwar, auch Dir sey ein größeres Glück begegnet, als das Waidwerk Dir gewähren konnte. Allein höre zuerst mich an; das Herz ist »nr zu voll, als daß ich nur einen Augenblick zögern könnte, Dir meine Freude zu verkünden. Denn sieh, in der verflossenen Nacht lag ich schlaflos auf meinem Lager und dachte den Reden nach, dre Du eine Zeit her öfter mit mir geführt hast. Die Vorstellungen, die sich unser Volk von dem höchsten Wesen macht, beleidigten schon lange her mein sittliches Gefühl, und schienen mir eitel und thöricht; allein ich fürchtete mich doch, den Glauben, in dem ich aufgewachsen bin, sogleich aufzugeben, und den Altären zu entsagen, an denen noch immer unser Kaiser und die angesehensten Männer opfern. Und dann— wohin sollte ich mich wenden? Ach,« rief ich,»wer gibt mir Licht in diesem Dunkel, wer führt mich zur Wahrheit, in der allein Heil ist!« Unter diesen Gedanken schlief ich ein. Da sah ich im Traume einen Unbekannten voll göttlicher Hoheit und himmlischer Anmuth aus einer lichten Wolke hervor treten, der freundlich zu mir sagte:»Du, Dein Mann und Deine Kinder werden morgen zu mir kommen, und inne werden:»Ich sey es, der diejenigen, die mich lieben, zum Heile führt.« So sprach er, und ich erwachte. WaS hältst Du nun von diesem Traume, liebster Gemahl?« Eustachius rief hoch erfreut:»Der Gott der Christen, der einzig wahre Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, sey gepriesen, daß Er sich auch Dir nicht unbezeugt ließ! Der Unbekannte, den Du im Traume erblicktest, ist kein Anderer, als Christus der Herr. Er hat sich auch meiner erbarmt und sich auch mir geoffenbart.« EustachiuS erzählte ihr die Erscheinung, die er im Walde gehabt hatte, und wahrend er redete, war es ihr nicht anders, als glänzte auf seinem Angesicht noch ein Widerschein von jenem himmlischen^Llchte, das jenes glänzende Kreuz umgeben hatte. Trajana hing an seinen Blicken, und horte ihm mit frommer Andacht und gefalteten Handen zu. »O wie schön,« sagte sie,»treffen die himmlische Erscheinung, die Du sahest, und der Traum, den ich harte, zusammen! Sie bestätigen sich so wechselweise als wahr. Ja, Er, der Göttliche, den die Christen den Erlöser der Welt nennen, will uns und unsern Kindern ein höheres Heil bereiten, als diese Welt uns geben kann. Deßwegen, liebster Gemahl, wird es, wie Du auch finden wirst, daS Beste seyn, es nicht zu verschieben, uns des angebothenen Heiles theilhaftig zu machen. Wir wollen uns nicht trag und saumselig finden lassen, das verheißene Kleinod zu erlangen. Heute noch wollen wir uns zu dem Bischöfe begeben und vernehmen, was Christus der Herr uns durch den Mund dieses seines Dieners befehlen wird.« »So sey es,« sprach Eustachius,»wir wollen unser Haus, das wir in der Stadt haben, beziehen, und werden dann leicht Gelegenheit finden, den Bischof mehr als ein Mahl zu sprechen.« Er ließ nun zwey vertraute Männer rufen, die als tapfere Krieger unter ihm den parthischen Krieg mitgemacht hatten, und die er, wegen ihrer besondern Anhänglichkeit an ihn, als seine Diener in sein Haus aufgenommen hatte. Der Eine hieß Acatius, der Andere Antwchus. Sie waren Beyde die red- lichsten Seelen, und, was Eustachius gar wohl wußte, dem Christenthums von ganzem Herzen ergeben. Eustachius erzählte ihnen, wie Christus sich ihm dort im Walde so wunderbar geoffenbaret habe.« Acatius schlug die Hände zusammen, und rief laut aus?»Gepriesen sey Gott, unser Vater im Hunmel, und unser Herr und Heiland, Jesus Christus, daß nun auch Du, lieber Feldherr, zur Erkenntniß der Wahrheit berufen wirst. Du warst, wie oft ich zu Antiochus und zu andern Christen sagte, bisher immer, besonders an Barmherzigkeit gegen die Armen, jenem Hauptmanne Cornelius ähnlich, der sich durch seine Wohlthätigkeit das Wohlgefallen Gottes erworben, und durch einen heiligen Engel an den Apostel Petrus gewiesen worden. Auf ähnliche Art weiset Dich nun Christus selbst an unsern frommen Bischof Johannes. Gott sey gelobt und sein lieber Sohn, Jesus Christus!« »Wohl denn,« sprach Eustachius,»so wollen wir uns in die Stadt begeben. Wählet von meinen Leuten solche zu meinem Gefolge aus, die entweder schon Christen sind, oder verdienen, es zu werden. In der Stadt müsset Ihr aber sogleich zu dem Bischöfe gehen, ihm bezeugen, daß ich nie ein Feind der Christen war, ihm erzählen, daß eine himmlische Erscheinung mich an ihn gewiesen habe, und ihn bitten, mir die Stunde zu bestimmen, in der ich, meine Gemahlinn und meine zwey Söhne vor ihm erscheinen dürfen.« Es wurden nun sogleich Anstalten zur Abreise gemacht, und nach einigen Stunden waren Eustachius, seine Gemahlinn und Kinder und mehrere getreue Diener und Dienerinnen auf dem Wege zur Stadt. Acatius und Antiochus gingen sogleich zu dem Bischof, den sie längst von Angesicht kannten, und dem auch sie als treue Jünger des Herrn langst be- -V»»« kannt ivaren. Sie sagten ihm ihren Auftrag. Der Bischof freute sich sehr, lobte Gott und Jesus Christus, und sprach dann:»Wir Christen werden in dieser Stadt sehr verfolgt. Leicht könnte ich Euch, Eurem Herrn, seiner Gemahlinn und seinen Kindern Tod und Verderben zuziehen. Bey aller Einfalt der Tauben müssen wir nach dem Ausspruche unsers Herrn klug seyn, wie die Schlangen. Heute Abends, sobald es dunkel geworden, werde ich mich in dem Hause Eures Herrn einfinden.« Die beyden Krieger brachten diese Nachricht ihrem Feldherrn. Er ward von der Willfährigkeit des frommen Bischofs sehr gerührt. Sobald die Sonne untergegangen, und die Nacht angebrochen war, versammelte er alle die Seinigen m dem großen Saale des Hauses, den er mit vielen Lichtern erleuchten ließ. Der Bischof kam mit zwey Diaconen. Eusta- chms eilte ihm entgegen und fiel ihm zu Füßen. Allein der Bischof hob ihn auf, und sprach, wie einst Petrus zu Cornelius:»Steh auf, ich bin nur ein Mensch, wie Du!« Der Bischof trat in den Saal. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Er war ein ehrwürdiger Greis, Nahmens Johannes, voll Weisheit, Liebe und Demuth. Er war noch ein Jünger der Apostel, ja vielleicht gar ein Jünger Desjenigen unter den Aposteln, dessen Nahmen er trug, und den der Herr vorzüglich lieb hatte. Der Anblick des ehrwürdigen schönen Greises erfüllte alle im Saale mit Ehrfurcht; seine Milde und Freundlich- lichkeit aber mit Liebe und dein herzlichsten Zutrauen. Eustachius öffnete ihm nun sein ganzes Herz. Er erzählte ihm von seinen Zweifeln, seinen Fehlern, seiner innern Unruhe>—-und wie Christus der Herr ihn nebst seiner Gemahlinn und seinen Kindern an den Bischof gewiesen habe.»Ach,« sagte er am Schmid's Zugeridsch. 16. Bd. Eustachius. 2 >— i8—> Ende jeiner Erzählung---Du siehst nun, wie Irrthum,«Wunde und Elend bisher mein Erbtheil waren; jag nun an, wie mir könnegeholfen werden?» ^ Der Bischof sprach:»Irrthum, Sünde und Elend sind das Erbtheil aller Sterblichen. Jeder Mensch, der in sich geht und sich selbst naher kennen lernt, fühlt einen Mangel, ein Gebrechen in sich, dem er selbst nicht abhelfen kann. Er ahnet es, daß mir dem Menschen etwas vorgegangen seyn müsse, das sein Innerstes verfinsterte und zerrüttete, ihn von Gott entfernte, und der Unwissenheit, der Sünde und dem Elende preis gab. Eben dieses ist nun das Erbgebrechen der menschlichen Natur. Jeder Mensch, der zur Besinnung gekommen, fühlt, daß es so sey, und gelangt bald zu der Ueberzeugung, daß dasjenige, was ihm fehle und abgehe, nur anderswoher könne ersetzt und ergänzt werden.« »Diesern Erbgebrechen der Menschen abzuhelfen, ist nun der Sohn Gottes in die Welt gekommen. Er ist das Licht, das unsere Finsterniß erleuchtet, und uns sichere Erkenntniß verschafft nach der wir dürsten. Er ist das Heil, und hat die Macht, uns unsere Sünden zu vergeben, die Bande, die uns an sie fesseln, zu zerbrechen, unh die Folgen der Sünden, die uns elend machen, zu tilgen. Er ist daS Leben; Er allein kann uns zu allem Guten beleben; Er allem uns auf Erden schon Etwas von jener Seligkeit kosten lassen, die Er den Seinen im Himmel bereitet hat; Er allein kann uns Muth verleihen, nicht nur die Leiden der Zeit männlich zu dulden, sondern selbst den Tod nicht zu scheuen, der dein Christen nichts ist als der Eingang in das ewige Leben. Gerade was uns fehlt, gibt Er uns. Die Religion der Christen ist den Bedürfnissen der menschlichen Natur und den edleren Wünschen unsers Herzens genau angemessen. DaS wird Dir im- »»»» 19 mec deutlicher werden, so wie Du die göttliche Lehre Jesu Christi näher kennen lernen und befolgen wirst. Denn ein jeder, der seine Lehre kennt und befolgt, wird inne, daß sie von Gott sey.« »Jch weiß wohl,« sprach der Bischof weiter,»wie barmherzig Du gegen die Armen warst, und wie Du Dich besonders der verfolgten Christen angenommen, und viele dem angedrohten Tode entrissen hast. So hast Du Christus dem Herrn gedient, ohne Ihn zu kennen; jetzt sollst Du erfahren^, wem Du gedient hast.« »Freylich mußte Dir, als einem gebornen Römer, das Kreuz bisher ein Zeichen des Fluches seyn- Du sahst in ihm nichts, als das furchtbare Werkzeug, woran Uebelthater und Verbrecher die schmachvollste, und schmerzlichste Todesstrafe leiden mußten. Allein seit Christus, der Unschuldigste und Heiligste, aus freyer Liebe, um uns Menschen zu ritten, die Schmach und die Schmerzen des Todes am Kreuze duldete, ist uns das Kreuz ein Sinnbild des Höchsten und Besten, das wir uns denken können, der aufopfernden Liebe; denn Gott selbst ist ja die lautere Liebe. Das Kreuz ist uns ein heiliges Zeichen unserer Erlösung; es fordert uns auf, unsern Erlöser, Ihn, den Liebevollsten, wieder zu lieben, und Ihm an aufopfernder Liebe, an Demuth und Sanfrmuth zu gleichen; Er, der sich bis zum Tod am Kreuze erniedrigte, ward über alle Himmel erhoben, und für alle Menschen, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heiles. Und deßhalb ward auch Dir, dem das Kreuz in himmlischen Glänze erschien, eben dadurch sehr schön und sinnvoll angedeutet:»Im Kreuze sey Heil!« Der Bischof kam, eingedenk der Worte des Herrn: »Erst lehret, dann taufet sie!« von nun an jeden Abend in das Haus des Eustachius. Alle im Hause freuten sich auf diese Stunde, und versammelten sich in dem Saale um ihn. Er fing den Unterricht jedes Mahl mit einem lauten, innigen Gebethe an, das alle seineZuhörer in die Gegenwart Gottes versetzte. Er lehrte sie dann mit ruhiger Weisheit, voll Milde und Anmuth. Er beschloß den Unterricht mit Gebeth, und ermähnte alle, täglich, ja stündlich zu bethen, und mit dem Gebeth auch Fasten und Almosengeben zu vereinen. Sie thaten es; sie warteten mit Sehnsucht auf den Tag, an dem sie dm-ch die Taufe zu Christen sollten eingeweiht, von Sünden gereinigec und mit dem heiligen Geiste erfüllt werden. Der Tag kam; mehrere Christen versammelten sich als Taufzeugen. Es war eine rührende, fey- erliche Handlung, da Eustachius, seine Gemahlinn, und auch die zwey kleinen Söhne ihren Glauben an Jesus Christus bekannten, allen Irrthümern und Sünden entsagten, und rein und heilig zu leben angelobten. Der Bischof taufte sie im Nahmen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Auch jene Sclaven und Sclavinnen, die Eustachius mir in die Stadt gebracht hatte, und die bisher- noch keine Christen gewesen, ließen sich taufen. Der Bischof gab ihnen in der Taufe auch neue Nahmen. Eustachius, der bisher unter dem Nahmen Placidus weit berühint war, erhielt erst jetzt bey seiner Laufe den Nahmen Eustachius; seine Gemahlinn Trajana den Nahmen Theopista, der altere Knabe wurde AgapiuS, der längere TheopistuS genannt. Der Bischof führte am folgenden Sonntage den Eustachius und dessen Gemahlinn Theopista in die Versammlung der Christen em, und stellte sie der christlichen Gemeinde vor. Alle freuten sich, den edlen Mann und die fromme Frau, von denen sie schon vieles gehört hatten, zu sehen, und begrüßten sie mit liebevollen Blicken. Sie stimmten einen Lobgesang an, und dankten Gott und seinem Sohn Je- <**-*-* 2^. sus Christus, das die Gemeinde der Christen aber- mahls mit solchen vermehrt worden, die zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen und dem Verderben entrissen worden. Mit tiefer Anbethung und freudiger Rührung wurde das heilige Abenmahl gefeyert. Alle gelobten, indem sie sich so mit ihrem göttlichen Erlöser auf das innigste vereinigten, heilig an, Dem zu leben, der für sie gestorben war. Heilige, ehrfurchtsvolle Stille herrschte in dem Saale, bis endlich die heilige Handlung mit lautem Gebethe und einem Lobgesange beschlossen wurde. Da Eustachiuö den Tag darauf wieder auf sein Landgut abreisen mußte, so sprach der Bischof noch: »Wir leben in den Zeiten der Verfolgung; wir sind keine Stunde sicher, ergriffen, enthauptet, den wilden Thieren vorgeworfen oder verbrannt zu werden. Wir können es nicht wissen, ob nur uns in dieser Welt noch einmahl von Angesicht sehen werden. Und so empfehle ich Euch denn, wie einst Paulus die Aeltesten und die Gemeinde von Ephesus, Gott und seiner Gnade!« Der Bischof kniete hierauf innigst gerührt nieder, und die ganze Versammlung in Thränen ausbrechend mir ihm.»O Gott,« bethete er, »erbarme Dich unser und verleihe, daß alle hier Veigammelts mit Dir und mir Dem, den Du gesandt hast, und auch unter einander Eines bleiben mögen; daß alle im Glauben und in der Liebe standhaft verharren und sich durch keine Verfolgung von dem guteu Wege abwendig machen lassen; daß keines von allen verloren gehe, sondern daß wir alle nach den kurzen Leiden und Trübsalen dieser Zeit uns dort im Reiche Deiner Herrlichkeit wieder finden mögen. Ja, liebster Varter, dieses verleihe uns, durch Jesum Christum, Deinen Sohn, unfern Herrn, Amen.« Der Bischof stand auf und sagte im Geiste der Weissagung dem Eüstachins noch besonders:»Bisher hattest Du alles, was die Menschen gewöhnlich das größte Glück des Lebens nennen, Reichthum, Rang, Ruhm, eine liebenswürdige Gemahlinn, hoffnungsvolle, wohlgestaltete Kinder; allein Du wirst es auch erfahren müssen, was das menschliche Leben Bitteres habe. Verzage aber nicht im Leiden. Gott prüft alle, die er lieb hat, Die Leiden, mit denen Gort Dich heimsuchen wird, werden zwar auf Erden schon herrlich enden; allein größere werden folgen. Es wird an Dir der Spruch erfüllt werden: Selig ist der Mann, der in der Prüfung ausholt; denn wenn er bewährt gefunden worden, wird er die Krone des Lebens erlangen, die Gott denen verheißen hat, die Ihn lieben.« Der Bischof entließ hierauf Eustachius und dessen Gemahlinn, und alle, die mit ihnen gekommen waren, und sprach:»Geht hm und der Friede sey mit Euch!« Drittes Skaxitel. Die Auswanderer. Eustachius und seine Gemahlinn Theopista lebten nun wieder auf ihrem Landgute. Sie waren gleichsam>n ein neues Lebens versetzt, sie fühlten sich wie neugeboren. Die ganze Schöpfung umher schien ihnen verschönert; denn Alles was sie erblickten, die Sonne und der Thautropfen, jede Baum- frucht und jede Blume, war ja Gabe eines liebenden Vaters. Sie freuten sich, mit Gott durch Jesus ausgesöhnt zu seyn, und Gott mit kindlichem Herzen Vater nennen zu können. Sie achteten sich jenen Menschen ähnlich, die Hermathlos lange umhergeirrt und nunmehr ein Vaterland gefunden. Sie lasen täglich in dem Evangelium. DieWsisheitund Liebe Jesu, jedes seiner Worte, seiner Thaten erfüllte sie mit Entzücken.' Sie konnten nicht aufhören, Gott zu danken, jeder Morgen begann mit Freude, jeder Abend schloß sich mit Dank und Seligkeit in Gott. Sie sagten es sich oft:»Der Mensch ohne Erkenntniß Gottes ohne Liebe und Andacht zu Gott, gleicht dem Fische auf dem Trocknen; Erkenntniß und Liebe Gottes ist das Element, indem der Mensch erst wahrhaft lebt. Alle Vergnügungen, die uns der Reichthum verschaffen kann, und die nur zu oft gereuen, sind nichts, gar nichts gegen die Seligkeit in Gott. Die Erkenntniß Gottes und seines Sohnes Jesus Christus ist die Quelle aller wahren Seligkeit und wird von Jesus Christus nicht umsonst das ewige Leben genannt.« Indeß blieb es nicht immer so; es gingen ihnen, wie dem entzückten Petrus auf dem Berge der Verklärung. Dort war es wohl gut wohnen; allein er mußte wieder herab m das Thal des Jammers, wo bittere Leiden seiner warteten. So blieben die Tage der Prüfung auch für Eustachius und Theopista nicht aus. Ihre Leiden fingen mit zeitlichem Verluste an. In der Gegend umher wüthete eine Viehseuche, die auch unter den Herden des Eustachius bald große Verheerungen anrichtete. Pferde, Rinder und Schafe fielen in Menge, und zuletzt blieb ihm nicht ein einziges Stück übrig. Allein Eustachius sprach, wie einst Job:»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat'S genommen, gelobt sey der Nahme des Herrn!« Lheopista sagte:»Es ist ja nur ein zeitlicher Verlust; die geringste Sünde ist ein größeres Uebel, als der Verlust der zahlreichsten Herden, ja aller irdischen Güter.« Allein bald kamen noch größere Leiden und Trüb- 24 sale über sie. Eins ansteckende Krankheit riß unter den Menschen ein! auch in dem Landhause des Eu- stachius und in den dazu gehörigen Häusern wurden an Einem Tage mehrere seiner Hausgenossen und Dienstleute krank. Acatius und Antwchus kamen eilig und erschrocken in das Zimmer.»Flieh, geliebter Herr,« rief Acatius,»flieh augenblicklich mit Frau und Kindern. Es ist drePest!«.—»Die Pest!« rief Theopista erbleichend,»o Gott! so erbarme Du Dich unser! Ach, mein Gemahl, was sollen mir thun? Sollen mir gehen oder bleiben?«—»Wenn Ihr bleibt,« sprach Antwchus,»seyd Ihr alle des Todes. Erbarmt Euch wenigstens Eurer Kinder und flieht!« Eustachius sprach:»Ich habe alle meine Angehörigen bisher immer als meine Kinder betrachtet. Wie könnte ich sie jetzt in der größten Noth verlassen? Laß uns bleiben, liebste Gemahlinn; eine solche Gelegenheit, Gutes zu thun, dürfen mir nicht ungenützt Vorbeygehen lassen. Nun ist die Stunde gekommen, da wir zeigen können, ob wir wahre Jünger Jesu seyen. Er sagte es ja selbst: »Liebet einander, wie Ich Euch geliebt habe; daran wird jedermann erkennen, daß Ihr meine Jünger seyd, wenn Ihr einander liebt.« Und was wäre dieß für eine Liebe, wenn wir unsern Angehörigen in ihrem Elende nicht beystehen wollten? Laß uns denn thun, liebste Theopista, was die Lüde von uns fordert, und alles klebrige Gott amheun stellen. Er kann uns und unsere Kinder auch hier schützen; er würde aber, wohin wir auch fliehen wollten, uns überall finden. Wir wollen also bleiben, und er mache es mrt uns nach seinem heiligen Wohlgefallen.« Sie blieben. Sehr viele ihrer Untergebenen entflohen-— allein Acatius, Antiochus und diejenigen, die Christen waren, dachten an keine Flucht. »Wir verlassen Euch nicht,« sagten sie;»wir bleiben Euch getreu bis in den Tod!« Die ansteckende Krankheit griff indessen immer' Mehr um sich; auch die zwey treuen Krieger und' die übrigen Angehörigen wurden nach und nach krank. Das schöne Landhaus und alle umliegenden Häüsi-r waren zuletzt nichts mehr, als ein allgemeines grosies Spital, in dem sich lauter Kranke aber keine Krankenwärter befanden. Allein Eusta- chius und seine Gemahlinn nahmen sich der Kranken voll des zärtlichsten Mitleides an. Er verpflegte die Männer und Jünglinge; sie die Weiber und Jungfrauen. Von Morgens bis Abends, ja ganze Nächte hindurch wandelten sie zwischen Kranken, Sterbenden und Leichen. Mit vielen Kosten, weil es nicht leicht war, Todtengraber aufzutreiben, ließen sie die Todten begraben. Allein weder Eustachius, noch seine Gemahlinn, noch seine zwey kleinen Söhne wurden von der Seuche ergriffen. Sie blieben vollkommen gesund, und wiederhohlten sich öfter die Worte der heiligen Schrift:»Wer unter dem Schutze des Höchsten wohnt, und unter dem Schatten seiner Allmacht ruht, der darf nicht zittern vor dem PfeUe(der Pest), der am Mittag fliegt, noch vor der Seuche, die im Dunkel der Mitternacht schleicht. Es mögen Tausende zu seiner Rechten, und zehn Tausende zu seiner Linken fallen— an ihn gelanget es nicht.« Die ansteckende Seuche war endlich vorüber. Sehr viele Menschen waren gestorben, die Genesenden wankten kraftlos wie Schatten, und bleich wie die Todten umher. Eustachius und Theopista dankten indeß Gott, daß er sie und ihre Kinder wunderbar gesund erhalten, und den Acatius, und den Antiochus und so manche andere treue Diener und Dienerinnen vom Tode errettet habe. Schmid's Jugendsch.aS. Bd- Eustachius. 3, 2 b Sie hofften nun auf bessere Zeiten, allem ihke Leiden waren noch nicht zu Ende. Das rohe Herden- volk in der umliegenden Gegend, das durch den allgemeinen Jammer anstatt besser, nur noch schlimmer wurde, rottete sich zusammen, und machte den Anschlag, das Landgut des Eustachius zu überfallen und auszuplündern. Diese raubgierigen Menschen suchten ihrer Raubgier noch den Anstrich von Reli- givnseifer zu geben. Sie fluchten über Eustachius und sagten:»Er allein ist die einzige Ursache an allem Unglücke, das uns betroffen hat. Die erzürnten Götter ließen solche Plagen, Seuchen und Pest über uns kommen, seine Abtrünnigkeir zu bestrafen. Ware er kein Christ geworden, so waren wir alle davon verschont geblieben. Auf und laßt uns Rache an ihm nehmen! Seine tapfern Krieger, die er immer um sich hatte, und seine vielen Sclaven sind entweder entflohen odeu todt, oder von der Krankheit noch zu entkräftet, uns Widerstand zu leisten. Er hat unermeßliche Schätze; wir werden eine reiche Beute machen.« Sie kamen am hellen Lag in großen, wüthenden Haufen, überfielen sein Landgut, raubten Gold, Silber, schone Kleider und alle Arten von Lebensmitteln, luden alles auf die mitgebrachten Magen, und was sie von Wein und Getreide, von Hausemrichtung und Ackergeräthen nicht mitnehmen konnten, daS verderbten, zerstörten und zerschlugen sie. Unter wildem Geschrey und lautem Jauchzen zogen sie ab. Eustachius behielt beynahe nichts übrig als daS Leben. Allein er ertrug diesen Verlust Mit Gelassenheit.»Sey eS,« sprach er,»es sind ja nur vergängliche Güter; sie entbehren können ist rühmlicher, als sie zu besitzen. Wohl der», der nach Schätzen trachtet, die ;hm kein Dieb rauben kann!« Eustachius und seine Gemahlinn fühlten indeß dasTvaurige ihrer Lage immer mehr. Die Zeit nahte heran, wo man die Felder wieder hätte bestellen sollen. Allein da war kein Pflug und keine Hand, die ihn hatte führen können, kein Samengetreide und kein Zugvieh. Eustachius beschloß in dieser Noth sich an einen oder den andern der benachbarten vornehmen Römer zu wenden, deren Landgüter vvn den verheerenden Seuchen nicht so hart mitgenommen worden, und die keine Plünderung erlitten hatten. Diese reichen, adeligen Römer waren frä- herhin seine guten Freunde gewesen, und hatte« ihn öfter besucht und auf die Jagd begleitet: allein sobald sie vernommen, er sey ein Christ geworden, hatten sie allen Umgang nnt ihm aufgegeben. Den menschenfreundlichen Eustachius that dieses nun wohl sehr leid, und er hatte gewünscht, daß sie alle des nähmlichen Heiles, wie er, theilhaftig werden möchten; aller» da sie dieses nun ein Mahl nicht wollten, so leistete er auf ihre Gesellschaft' willig Verzicht, indem er nun manchem langweiligen Zeitvertreibe und leerem Gespräche entging, und die edle Zeit besser anwenden konnte. Weil er indessen einigen derselben während seines Wohlstandes große Gefälligkeiten erwiesen hatte, so hoffte er, sie würden ihm mrt dem Nöthigsten gern auf so lange ausheilst, bis er im Stande seyn würde, ihnen alles wieder zu geben. Allem der eine, der von dem Auösprucye Jesu:»Seliger ist Geben, als Nehmen,« nichts wissen wollte, sondern sich vielmehr an den heidnischen Grundsatz hielt:»Seliger ist Nehmen, slv Geben,« entschuldigte sich, daß er zu seinem Leidwesen selbst nichts entbehren könne, und betheuerte sein falsches Vorgeben mit hohen Schwüren. Ein Anderer, der ihn schon längst wegen seines großen Heldenmuthes gehaßt und beneidet, aus Weltklugheit aber Haß und Neid verhehlt, und ihm bey al- 88»»»» len Gelegenheiten übermäßig geschmeichelt hatte, begegnete ihm nun mir offenbarer Verachtung, und wies ihn unter lautein Spott und Hohn die Thüre. Der Dritte, redlicher und wohlmeinender als die vorigen, gab ihm den Rath, dieses Land ganz zu verlassen.»Denn,« sagte er,»ich weiß es gewiß, Deine Feinde suchen es dahin zu bringen, daß Du wegen Deines Glaubens vor Gericht gefoidert und hingerichtet werdest; ja auch Deiner Gemahlinn wollen sie ein solches schreckliches Schicksal bereiten.« Eustachius dachte nun, den Kaiser um Schutz und Hilfe anzuflehen. Er hatte in Rom einen treuen Freund und Kriegsgenoffen, der bey dem Kaiser Vieles galt. An diesen schrieb er und barh ihn, sich bey dem Kaiser für ihn zu verwenden. Allein, der Kaiser, der ein Heide war, sprach:»Ich habe den Feldherrn Placidus immer sehr geschätzt; allein der Christ—Eustachius, wie er sich jetzt nennt, ist mir fremd. Ich bedaure sehr, daß ein Mann von solchem Ansehen eine Religion ergriffen hat, gegen deren 'Anhänger das Gesetz die Todesstrafe ausspricht. Ihm in seiner gegenwärtigen dürftigen Lage, die er größ- tentheils sich selbst zuschreiben muß, Hilfe und Unterstützung zu gewähren, hieße den Ungehorsam belohnen. Gegen- die Gesetze kann ich ihn eben so wenig in Schutz nehmen. Da indeß der Mann doch sonst Verdienste hat, und es mir leid wäre, das Gesetz an ihm vollstrecken zu sehen, so würde er wohl daran thun, Italien zu räumen und irgendwo an den Gränzen des Reiches einen verborgenen Aufenthalt zu suchen. Wollte er aber, was ich sehr wünsche, seiner neuen Religion entsagen, so würde er an mir einen sehr gnädigen Kaiser finden.« Als Eustachius diese Antwort gelesen hatte, sprach er zu seiner Gemahlinn:»Liebste Theopista! In diesem Lande können wir nacht mehr bleiben, laß unS nach Aegypten ziehen. Dort hoffe ich eine Stätte zu finden, wo wir Gott in Ruhe und Frieden dienen können: Wir wollen mit unsern geliebten Kin- dem heute noch abreisen; jedoch erst mir anbrechender Nacht, um uns nicht dem Gespötts und den Mißhandlungen des Heidenvolkes in der Gegend auszusetzen.« Theopista sagte:»Es fällt mir zwar schwer, diese herrlichen Gegenden zu verlassen, wo ich das Licht der Sonne zuerst erblickt, und die glücklichen Tage meiner Kindheit und Jugend verlebt habe. Indeß bin ich dazu bereit; denn ich denke, es ist der Wille Gottes, so! Sem heiliger Engel begleite uns!« Die zwey ehrlichen Krieger, Acatius und An tisch us, vernahmen diesen Entschluß mit Schrecken. »Gott rm Himmel!« rief AcariuS,»so ohne alle Bedienung wolltet ihr fortreißen in ein fremdes Land? Noch sind wir zu schwach, nur eine halbe Meile weit zu gehen;» bleibt doch noch so lange, bis wir uns von unserer Krankheit erholt haben! Dann wollen wir mit Euch ziehen, und wäre es auch bis an das Ende der Welt.«--—»Ach Gott,« sagte Antiochus,»ist es nicht schon hart genug, daß Ihr Euer schönes Landgut gleichsam als landflüch- tig verlassen müsset? Wollet Ihr auch noch Eure treuesten Freunde zurücklassen? S verweilet doch, bis wir wieder hergestellt sind. Dann wollen wir Euch alle Beschwerlichkeiten der Reise erleichtern; Tag und Nacht wollen wir, wenn es nöthig seyn sollte, in jenem fremden Lande für Euch arbeiten, um Euch den nöthigen Lebensunterhalt zu verschaffen.« Eustachius sprach gerührt:»Ihr guten Männer! Ich erkenne Eure Liebe und Treue mit Dank. Allein Ihr dürfet mich nicht begleiten. Ich zwar kann hinziehen, wohin ich immer will, denn ich bin meiner Dienste entlassen; Ihr aber seyd dem Kaiser noch kriegspflichtig, Ihr müßt in Eurem angewiesenen Bezirke bleiben und iede Stunde seiner Befehle gewärtig seyn. Leber also wohl und der Herr sey mit Euch.« Die beyden Krieger sagten es sogleich den übrigen Hausgenossen, ihr lieber Herr wolle mit Frau und Kuidsrn heute Abends noch fortziehen. Die Nachricht verbreitete sich eben so schnell in die umliegenden Gebäude. Alle Bewohner kamen herbey, ihre gute Herrschaft noch ein Mahl zu sehen. Sie waren alle noch blaß und abgezehrt von der kaum über- standenen Krankheit, und viele konnten nur mühsam mit Hilfe eines Stabes herbeywanksn. Alle weinten und schluchzten. Eustachius tröstete sie liebreich.»Bleibet nur unerschütterlich fest im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe,« sagte er unter andern;,»so werden wir, wo nicht auf Erden, doch in den» Himmel unsHeMß wieder sehen.« Als nun der Mond aufgegangen war und die verödeten Felder beschien, sprach Eustachius zu seiner Gemahlinn:»So laß uns denn unsere Reise im Nahmen des Herrn antreten!« Alle Umstehenden fingen an laut zu jammern. Er und seine Gemahlinn bothen noch einem jeden die Hand; auch die zwey Knaben reichten nach dem Beyspiele ihrer Ael- tern allen und jedem die kleinen Hände. Die guten Leute weinten noch Mehr, begleiteten ihre gute Herr schaft vor die Pforte des Landhauses, und wollten eine Strecke weit mitgehen. Eustachius, beynahe sprachlos vor Wehmuth, winkte ihnen zu bleiben. Sie gehorchten und schauten ihren: geliebten Herrn, der frommen Frau und den holden Knaben mit heißen Thränen nach. Ach es war ein schmerzlicher Anblick, die edle Familie so fortwandern zu sehen. Ihre Kleidung zeigte von ihrem bisherigen Rang und Wohlstand; allein an dem Reisegepäcks, mit dem sie sich beladen mußten, sah man, daß sie nunmehr arme Flüchtlinge waren. Eustachius, der sein Schwert umgegürtet hatte, und anstatt des Reisestabes eine Lgnzs in der Hand fährte, trug auf seinem Rücken einen. Pack mit allerley Kleidungsstücken, die der Raubgier der Feinde entgangen, und nun für die weite Reise sehr dienlich waren. Theopista, nach Art vornehmer römischer Frauen gekleidet, trug einen großen Korb mit LebsnSmitteln am Arme, weil sie Nicht ohne Grund fürchtete, die Menschen, durch deren Land sie kämen, und die gegen Christen so feindselig gesinnt waren, würden ihr, ihrem Manne und ihren Kindern kaum ein Stücklein Brot mittheilen. Eustachius schritt mit ruhigem Ernste einher, und führte seine weinende Gemahlinn, die solcher Reisen nicht gewohnt war, am Arme. Die zwey. Knaben aber eilten, indem sie sich nicht ohne Stolz ihrer Reisestäbe bedienten, in kurzen schnellen Schritten voraus, und lächelten den Wunderdingen, die ihnen auf dieser Reise begegnen wurden, muthrg entgegen. So wanderten denn alle auf der schon angelegten, zu beyden Seiten mit hohen Fruchtbäu- men besetzten Straße hin, auf der sie sonst, in einem stattlichen Wagen mit milchigen Pferden bespannt, dahin fuhren. Theopista blickte öfter mit Augen voll Thränen nach ihrem freundlichenWohnhause zurück, das vorn Monds erhellt, aus dunkeln Bäumen hervorragte. 'Allein Eustachius sprach:»Weine nicht, Theopista! Wir hätten diese Wohnung doch einmahl verlassen müssen. Wir sind hier auf Erden allzumahl Pilger, und haben da nirgends eine bleibende Stätte. Indeß wird Gott es uns während unserer kurzen Wanderschaft aus Erden nie an einer Wohnung fehlen lassen, bis Er uns in jene himmlischen Wohnungen aufnimmt, die wir dann nie mehr verlassen werden.« viertes Es-iir!. D e r M o H r. Enstachius wanderte mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern in kurzen Tagreisen, auf wenig besuchten Wegen zwischen Wald und Gebirge hin, und vermied Städte und größere Ortschaften. Endlich gelangten sie an das Ufer des Meeres. Ein großes, wohlgebautes Schiff lag vor Anker, das eben nach Aegypten absegeln wollte. Eine MMM-Lssttrüger und Schiffsknechte waren Mstg-b^schaftigt, Fässer hinein zu wälzemuntr Kisten hinein zu tragen. Der Schiffsherr, ein reichgeklerdeter Mohr, dessen Hals und Ohren mit großen glänzenden Perlen geschmückt waren, ging gebietherisch unter ihnen umher, und wußte alles sehr gut anzuordnen. Eustachius sprach zu ihm:»Wärest Du wohl geneigt, für Bezahlung mich, meine Frau und meine Kinder nach Aegypten überzuführen?«—»Warum nicht?« sagte der Schiffsherr mit großer Freundlichkeit, indem er den Eustachius- dessen Frau und Kinder aufmerksam betrachtete, recht gern.«—-»Wie viel,« fragte Eustachius weiter,»verlangst Du Fährlohn, und wie viel wird die Kost unter Weges betragen?«—»Nicht viel,« sagte der Schiffsherr,»eine Kleinigkeit. Doch laßt es indessen gut seyn; wir wollen, wenn es;e der Rede werth ist, davon reden, wann Ihr wieder an'S Land steigt.« Sie begaben sich auf das Schiff. Die Anker wurden gelichtet, der Wind schwellte die Segel, und das Schiff schwebte über die wogende See leicht dahin. Die Kinder freuten sich über den wunderbaren Anblick, daß Land und Bäume, wie es ihnen schien, zurück wichen, und das Schiff still stand, ihre Mutter sah aber nicht ohne Thränen das geliebte Land aus ihren Blicken verschwinden. Eustachius tröstete sie und sprach:»Gott, der das Meer und das Trockne geschaffen hat, wird für uns sorgen! Er, dessen die ganze Erde ist, wird uns ein neues Vaterland geben, bis er uns in daS rechte Vaterland aufnimmt.« Sie beruhigte sich, und freute sich der Wunder der göttlichen Allmacht zur See, die sie bisher noch nie gesehen hatte. Morgens betrachtete sie mit ihrem Gemahl und ihren Kindern voll Andacht und Freude den glühenden MorSeuhnnmedtind dts-MffKchendo-S^nne, dir aus dem unermeßlichen Wasserspiegel mit einer Klarheit wiedergla'nrten, daß die Kinder in der That zwey Sonnen zu sehen glaubten. Den Tag über sahen sie manche emporragende Insel, die mit ihren braunen Felsen und grünen Baumästen an ihnen vorbey zu schwimmen schien. Große Meerfische begleiteten, zur besonderen Freude der Kinder, lange Strecken wert das Schiff, und dichte Scharen von Seevögeln flogen mit frohem Geschrey über das Meer hin. Der Wind wehte bald sanfter bald stärker, schien bald nur mit den grünen Wellen zu scherzen, bald regte er sich mächtiger auf, und der Anblick der unzähligen hochaufschlagenden Wogen gewährte eine schauerliche Lust. Mancher schöne Abend mit goldenen und purpurnen Wolken, die sich im Meere abmahlten, erfüllte sie Mit sanfter Freude. Auch zu Nacht blieben sie noch lange auf, und betrachteten den Mond und die funkelnden Sterne hoch am Himmel, und wiederscheinend an dem zweyten Himmel in der ruhigen Fluth. Ihre Fahrt hätte nicht glücklicher seyn können. Nach wenigen Tagen zeigte sich Land, und sie hofften nun, da eine Hütte und so viel Erde zu finden, alS zu ihrer Ernährung und einst zu ihrem Grabe nöthig wäre. Allein ein furchtbarer Sturm anderer Art drohte ihnen. Der Schiffherr hatte eine unerlaubte Neigung zu der Gemahlinn des edlen Eustachius gefaßt. Ihre Schönheit, ihr adeliger Anstand hatte ihn sogleich im ersten Augenblicke in Erstaunen gesetzt. Schon damahls machte er, ohne sich jedoch das Geringste davon merken zu lassen, den ruchlosen Anschlag, sie ihrem Gemahl zu entreißen. Er segelte deßhalb nicht dem bestimmten Seehafen, sondern einer öden, unbewohnten Meeresküste zu, wo man nichts erblickte, als kahle Felsen und dürren Sandboden. Er ließ das Schiff anlegen.»Das ist das Land, wohin Ihr wollt,« sprach er fälschlich;»hier könnet Ihr aussteifn, sobald Ihr mich bezahlt habt.» Eustachius sprach entrüstet:»Was soll das seyn? DaS ist nicht das Land, wohin Du uns zu führen versprachst.«—»Das werde ich woh! besser wissen, als Du,« sagte der Schiffsherr.»Bezahle, und mache, daß Du weiter kommest!« Er forderte eine so ungeheure Summe, daß sie das Herkömmliche Fahrgeld wohl zehn Mahl überstieg. Eustachius entsetzte sich über diese abscheuliche Ungerechtigkeit, und gestand, daß all seine Barschaft nicht die Hälfte von dieser übertriebenen Forderung betrage. Der Schiffsherr, den dieses innerlich freute, und dein es nur darum zu thun war, Streit anzufangen, stellte sich höchst aufgebracht.»Was!« schrie er, wie außer sich vor Wuth,»nicht einmahl halb so viel Geld! Da seh ich mich gräßlich angeführt. Eurer Kleidung nach hielt ich Euch für Leute von Stand; nun sehe ich betrogener Mann zu spät, daß ich elendes Bettelvolk in mein Schiff-aufgenommen habe. Es war höchst vermessen von Euch, ohne hinreichendes Reisegeld eine solche weite Fahrt mitzumachen, und auf fremde Kosten zu leben. Ihr sollt mich aber um ineme Auslagen und meinen wohlverdicn- »—« AI»»» ten Lohn nicht bekriegen. Eines von Euch Muß den Frevel mit seiner Freyheit büßen; ich erkläre hiermit das Weib da für meine Sclavinn. Sie bleibt hierauf dem Schiffe zurück; Ihr übrigen möget an'S Land steigen. Das Geld, das ich auf dem Sclaven- markte für das Weib lösen werde, soll mir Eure Reisekosten bezahlen.« Als Theopista diese Worte hörte, erblaßte sie vor Schrecken und Entsetzen. Eustachius mußte sich alle Gewalt anthun, seinen aufflammenden Zorn über eine so unerhörte Betriegerey und Gewaltthätigkeit zu mäßigen. Die beyden Knaben fielen dem Schifföherrn zu Füßen, und bathen und flehten weinend, ihnen ihre liebe Mutter nicht zu nehmen. Allein der Schiffsherr stand mit ausgestrecktem Arme und befahl dem Eustachius:»Du, mit Deinen zwey Knaben räume mein Schiff, Du aber,« sprach er zu Theopista,»bleibest hier!« Theopista eilte mit weit ausgebreiteten'Armen und fliegenden Haaren auf ihren Gemahl zu, umfaßte ihn, und schrie laut:»O Eustachius, ich lasse Dich nicht—rette mich-—Gott helfe uns!« Eustachius zog sein Schwert, umschlang seine Gemahlinn mit der Linken, schwang mit der Rechten das Schwert und rief:»Treibe Deine Bosheit nicht zu weit, verwegener Mohr; sonst werde ich mein Weib und meine Kinder gegen Dich und all Dein Volk blutig zu vertheidigen wissen.« Allein plötzlich packten mehrere starke Schiffsknechte, auf den Wink des Schiffsherrn, wie er es heimlich mit ihnen verabredet hatte, den Eustachius rückwärts, hielten ihn mit großer Gewalt fest, und nahmen ihm sein Schwert ab. Der Schiffsherr ergriff Theo- pista, und riß sie von ihrem Gemahl, den sie mit beyden Armen umschlungen hielt, gewaltsam los. Sie sank gleich einer Lilie, die der Sturm abgebrochen, ohnmächtig, mit gebeugtem Haupte und —»» Ztz herab Hangenden?lrmen zurück, und wäre zu Boden gefallen, wenn der grausame Mohr sie nicht gehalten hatte. Die zwey Knaben, die ihren Vater von einer ganzen Schar Schiffsknechte überwältigt sahen, und, da sie noch keine Ohnmächtige gesehen hatten, ihre Mutter für todt hielten, erhoben ein so klägliches Jammergeschrey, daß sich Steine darüber hätten erbarmen können. Allein das rohe Hei- denvolk war ohne alles Gefühl. Die Schiffsknechte schleppten auf den Befehl ihres Herrn den bedauernswürdigen Vater an das Land, schleuderten ihm seine zwey Kinder zu, wendeten das Schiff, und fuhren frohlockend-Lelter.---——" EustachiuS, der arglose, redliche Mann, dem dieses alles so höchst unerwartet gekommen war, wie ein Donnerschlag bey klarem Himmel, stand wie versteinert am Ufer des Meeres, horte kaum das Jammergeschrey seiner Kinder, die seine Kniee umfaßten, streckte die Arme gegen das Meer aus, und richtete ferne starken Blicke, unverwandt auf das Schiff, das im Glänze der untergehenden Sonne leicht und flüchtig bahrn segelte, und endlich m Nacht lind Nebel verschwand. fünftes^APirel. Die w r l d e n T h i e v e. Nachdem das Schiff, auf dein sich Theopista, das Liebste und Theuerste, befand, was EustachiuS und seine Kinder in dieser Welt hatten, verschwunden war, setzte EustachiuS sich unter einen überhangenden Felsen/ um da zu übernachten. Seine zwey Söhnchen lagerten sich zu seine» beyden Seiten, und schlummerten, nachdem sie sich ausgeweint hatten, endlich ein. Die Augen deS tiefbetrübten Vaters aber konnten keinen Schlaf finden. Den Verlust seiner -»* Z7>— zeitlichen Güter hatte er mit Gleichmuth übertragen; er achtete ihrer kaum. Allein der Jammer, daß seine Theopista, Mit der er durch die heiligsten Bande verbunden, mit der er nur Ein Herz und Eine Seele war, ihm entrissen worden; daß sie, die liebenswürdigste der Frauen, sich in der Gewalt eines rohen Heiden ohne Gottesfurcht und menschliche Sitten befand, das zerriß ihm das Herz. Doch faßte er sich, blickte zu den Sternen empor, die jetzt nach und nach sichtbar wurden, und sein starrer Schmerz thaute zu Thränen auf:»Gott,« sprach er,»Du liebevoller Vater der Menschen! Alles was Du thust, ist gut, so schrecklich es uns auch vorkommen mag. Ohne Dein Wissen und gegen Deinen Willen hätte mir auch mein liebes Weib, meine Theopista, nicht, können geraubt werden. Obwohl sie in der Gewalt eines Räubers ist, so ist sie doch in Deiner Hand. Du wirst sie beschützen und bewahren. Ja diese Prüfung wird ihre Tugend erhöhen, wie jetzt diese finstere Nacht der Glanz der Sterne. Und so weit sie letzt von mir und ihren lieben Kindern entfernt ist, und so lange diese Trennung auch dauern mag— ein Tag muß doch kommen, der uns hier auf Erden oder dort über den Sternen wieder vereiniget.« iES wurde nunmehr vollkommen Nacht. Ein Heftiger Wind erhob sich, und von Zeit zu Zeit schlugen die brausenden Meereswogen am Ufer hoch empor. Auf den Felsen umher erschallte das Gekreische nächtlicher Raubvogel. Aus der Ferne vernahm Eustachius das donnernde Gebrüll der Löwen, und nicht weit von ihm walzte sich eine ungeheure große Schlange dem Meere zu. Allein Eustachius entsetzte sich nicht.»Wer Dir vertraut, o Herr,« sprach er, »fürchtet sich nicht vor dem offenen Rachen der Löwen, und wandelt muthig über Schlangen und »--« 38 Nattern. Wie diese Kinder hier neben mir, ihrem Vater, ruhig schlafen und von allen Gefahren nichts merken, so will ich, wiewohl ich die Gefahr wohl einsehe, im Vertrauen auf Dich ruhig seyn!-- Im Vertrauen auf Gott achtete er nicht der Schrecknisse dieser Nacht; unter Gottes Schutze ging sie ihm, wiewohl schlaflos, doch ruhig vorüber. Endlich brach der Tag an. Die Wärme der aufgegangenen Sonne erweckte die Kinder. Sie blickten ihren Vater an, schauten um sich, und ihre erste Frage war nach ihrer Mutter. Sie fingen aufs neue an, schmerzlich zu weinen. Der Vater tröstete die holden Knaben. Aber indem er sie, die guten Kinder, die nun keine^Mutter mehr hatten, anblickte, brach ihm selber das Herz.»Gute Kinder,« dachte er,»ach, wie vieles habt ihr verloren! Gott stärke mich, daß ich Euch den unersetzlichen Verlust der besten Mutter so viel möglich ersetze!« Die Traurigkeit der Kinder war nicht von Dauer; über eine kleine Weile fragten sie nach dem Frühstück. Der Vater blickte in der Gegend umher; al- lein da war nirgends ein Fruchtbaum oder ein Strauch mit Beeren. Er stieg auf einen Felsen, um besser um sich schauen zu können. Allein alles weit und breit war wüst und leer; nirgends eine menschliche Wohnung, oder auch nur eine Spur von einem angebauten Felde. Indeß glaubte er in sehr weiter Ferne eine Reihe Bäume und Gebüsche zu sehen, die ihm den Lauf eines Flusses zu bezeichnen, und längs dessen Ufern hin empor zu wachsen schien.»Dorthin wollen wir wandern, Meine geliebten Kinder,« sagte er;»dort scheint sich eine fruchtbare Gegend auszubreiten! Dorthin liegt Aegypten; dort werden wir'vielleicht Eure Mutter wiederfinden! Er nahm den Weg jener Gegend zu, und führte, da es in dem Sande nicht gut zu gehen war, an jeder Hand einen der Knaben. Zu einer Seite hatten sie beständig hoch emporragende Felsen, zur andern Seite das Meer. Die Sonne stieg immer höher, die Hitze wurde immer größer. Der Sandboden und die nahen Felsen schienen zu glühen, und warfen die Sonnenstrahlen mit einer Gewalt zurück, daß die Augen davon geblendet wurden. Die armen Kinder verschmachteten beynahe vor Durst.»Vater,« sagte Agapiuö,»führ' uns doch an das Meer hin, und laß uns trinken! Dort ist ja Wasser genug!«»Liebe Kinder,« sprach der Vater,»dieses Wasser kann man nicht trinken; es würde Euren Durst nur vermehren und Euch krank machen!«»Ach rief Theopist,»das ist doch hart, so viel Wasser vor Augen sehen und dabey verdursten müssen!«, Die armen Knaben vermochten das Gehen nicht mehr. Der Vater trug bald den einen, bald den andern, bald alle Beyde auf den Armen. Er selbst konnte sich kaum aufrecht erhalte!;. Endlich, nachdem Mittag vorüber, und die Hitze ganz unerträglich war, erreichten sie einige schattige Bäume, und vernahmen das Rauschen eines nähen Flusses. Beyde Knaben sanken sogleich unter dem nächsten Baum in das Gras nieder; der Vater setzte sich zu ihnen und sagte:»Wie ist es hier so kühl und lieblich! Wie thut dieses sanfte Grün den Augen so wohl! Welche große Wohlthat Gottes, die mancher so geringachtet, ist der Schatten! Vielleicht habt Ihr Gott in Eurem Leben noch nicht dafür gedankt; o dankt Ihm doch, meine lieben Kinder!« Nachdem die Kinder sich ein wenig erholt und abgekühlt hatten, klagten sie aufs neue über Durst und Hunger. Auch dem Vater klebte die Zunge vor Durst beynahe an dem Gaumen. Er hieß die Knabe» bleiben, stand auf und ging an den Kuß, um ihnen m seinem Helme Wasser zu holen. AlS er an den Fluß kam, flog plötzlich ein großer Wasservogel vor ihm auf. Eustachius sah nach und entdeckte zwischen dem Schilf ein Nest voll Eyer, die größer als Enteneyer und noch vollkommen frisch und genießbar waren. Er band die Eyer vorsichtig, um sie nicht zu zerdrücken, in sein Schweifituch, schöpfte dann mit seinem Helme von dem klaren Wasser des Flusses, trank sich'erst selbst satt, nahm dann noch den Helm voll mit sich, und kehrte zu seinen Kindern zurück. Er breitete das weiße Luch mit den E.yern auf den grünen Rasen aus, stellte den Helm mit dem klaren Wasser daneben, und sagte freudig:»Seht, meme liebsten Kinder, wie gütig Gott unS in dieser Wildnis; einen Tisch bereitet hat. Ohne diese Eyer, ohne dieses Wasser müßten wir hier verhungern und verdursten! O laßt uns, ehe wir diese seine Gaben genießen, Herz und Augen zu Ihm erheben!« Beyde Knaben standen auf, falteten die kleinen Hände, und betheten so andächtig, wie vielleicht noch nie ein Mensch, der sich zur reichsten Tafel niedersetzen wollte. Der Vater ließ die Kinder zuerst aus dem Helme trinken, öffnete dann mit einer Muschelschale, die er am Flüsse gefunden hatte, ein Ey nach dem andern, und gab sie ihnen. Erst nachdem die Kinder satt waren, verzehrte der Vater die übrigen Eyer. Die Knaben hatten die rohen Eyer so schmackhaft, und das Wasser so erquickend gefunden, daß sie beyde versicherten, in ihrem Leben habe ihnen Speise und Trank nicht so gut geschmeckt. Sie betheten aber auch nach der kleinen Mahlzeit mit einer solchen Andacht, als sie in ihrem Leben noch nie so andächtig nach Tische gebethet hatten. »Nun, sprach der Vater,»legt Euch hier in dem Schatten nieder, und schlaft ein wenig. Ich will indes; sehen, wo wir am sichersten über den Fluß kommen können. Denn hinüber müssen wir einmahl, wenn wir hier nicht in dieser Wildniß verschmachten, sondern nach Aegypten kommen wollen.« Er brach ernen starken Ast von dem Baume, richtete ihn, so viel es' ohne Messer anging, zu einem Reisestab zudessen er sich im Nothfalle auch anstatt der Waffen bedienen könnte, und ging. Er nahm die Gegend in Augenschein. Der Fluß brach mit großer Gewalt zwischen Wald und Felsen hervor. Das Wasser war sehr reißend, gegen die Mitte hm sehr tief, und der Grund voll glatter, schlüpfriger Steine, auf denen man fast keinen sichern Tritt thun konnte. Der dichte Wald und die steilen Felsen verwehrten es, an dem Flusse weiter hm- auf zu gehen, wo man vielleicht hätte leichter hinüber kommen können. Er kehrte zu seinen Söhnen zurück, weckte sie und sagte:»Nun kommt, meine lieben Kinder! Ich will eS mit Gottes Beystand versuchen, Euch über den Fluß zu tragen, allein, weil es sehr gefährlich ist, einen nach dem andern.« Er führte sie an den Fluß und sprach:»Du, Aga- pius, setze dich indessen hier am Ufer in dem Schatten dieser Weide m das Gras, Du, Theopist komm!« Er nahm ihn auf den Arm; in der Hand des andern Arms führte er den abgerissenen Baumast, theils um sich darauf zu stützen, theils um die Tieft des Flusses damit zu untersuchen. Mit großer Anstrengung watete er durch das Wasser, das ihm in der Mitte des Stromes bis an die Brust reichte, und ihn fast bey jedem Tritte mit sich fort zu reißen drohte. Dennoch gelang es ihm, den Knaben glücklich hinüber zu bringen. Er dankte Gott, trock- Schmidft Jugendsch. ib.Bd. Eustachius. 4 »»*« nete sich den Schweiß von der Stirne, ruhte einige Zeit aus, und sagte dann:»Theopist, setze dich hier nieder: ich will nun Deinen Bruder holen.« Er stieg wieder in das Wasser; allein als er sich mitten im Strome befand, hörte er den Agapius, den er abholen wollte, mit einem Mahle schrecklich schreyen;»O Vater, hilf, hilf, ein wildes Thier! Ach es will mich zerreißen!« Eustachius schaute auf und erblickte einen furchtbaren Löwen, der dem jammernden Kurde schon ganz nahe war. Der Vater drohte dem Thiere mit mächtiger Stimme und schwang den gewaltigen Baumast in der Rechten. Allein wie im Fluge ergriff der Löwe den schreyenden und zappelnden Knaben und sprang, so schnell er konnte, mit ihm dem Walde zu. Welch ein Schreckensanblick war dieß für den liebenden Vater! Er strengte alle Kräfte an, unverzüglich das Ufer zu erreichen. Erstieg än's Land, er verfolgte das Thier mit lautem Drohen und weit ausgeholten Schritten! Allein bald sah er nichts mehr von dem schrecklichen Raubthiere und dem geliebten Kinde, und suchte vergebens die Oeffnung zu finden, durch die das Thier in den Wald zurückgekehrt war. Wildverwachseno Gebüsche, Dornen und stachlichte Gewächse, die den Boden bedeckten, machten eS ihm überall unmöglich, in den schauerlichen Wald einzudringen. Schwer aufath- mend, mit klopfendem Herzen vor'Schrecken und Jammer fast außer sich, von Dornen und Stacheln verwundet, blieb er endlich stehen. Nur mit Hilfe des Baumastes hielt er sich noch ausrecht.»Ach,« seufzte er,»alle meine Mühe ist umsonst! Ich kann das Ungeheuer nicht mehr einholen; ich kann den holden Knaben dem Rachen des Löwen nicht mehr lebend entreißen! Ach vielleicht fände ich von meinem geliebten Agapius kaum mehr einige Gebeine. O Du liebliches Kind! so wurdest denn auch Du mir 43 genommen? So mußtest Du Dein junges Leben so früh und so schrecklich- unter den Zähnen eines grimmigen Raubthieres enden, Du holder Liebling meiner Seele!«—Er schaute lange mit starrenden Blicken sprachlos zum Hunmel. Endlich sagte er: »Nun, Vater im Himmel, eS war Dein Wille, daß es so ging! Du weißt eS, warum Du es so geschehen ließest! Unergründlich und unerforschlich sind Deine Rathschlüffe, aber immer weise und gut. Vielleicht wäre der gute Knabe schrecklichern Schicksalen entgegen gegangen! Vielleicht wäre er, was noch viel entsetzlicher gewesen wäre, als einem müden Thiere in den Rachen zu fallen, ein Raub der Verführung und des Lasters geworden!— O Gott! Wie Abraham seinen Jsaak Dir zu opfern bereit war! so will auch ich-resen meinen geliebten Sohn Dir zum Opfer dabrmgen!« Thsopistus, der andere Knabe jenseits des Flusses, hatte es mit Entsetzen gesehen, wie daS wilde Thier sein Brüderchen davon trug, und hatte deßhalb das kläglichste Jammergsschrey erhoben. Als er aber nun auch von seinem Vater, der sich werter von dem Flusse entfernt hatte, vor den Gebüschen und Sträuchen nichts mehr sehen konnte, schrie er noch lauter:»O Vater, liebster Vater! Ach wo bist Du! O komm, komm doch und verlaß mich nicht! Der Liefbstrübts Vater kehrte mit matten Schritten zurück an den Fluß und rief dem Knaben von weitem zu:»Schweig, lieber Theopist! Sey ruhig! Sieh, da bin ich. Ich komme sogleich zu Dir hinüber!« Allein welch neues Entsetzen! Kaum hatte der Vater den Fluß erreicht, so sah er, wie auf dem andern Ufer sln grimmiger Wolf, von dem Schreyen des Knaben herbey gelockt, auf Thsopistus zu eilte. Der arme Kleine suchte zwar dem Unthiere zu entrinnen. Er sprang aus allen Kräften längs dein Ufer hin. Der Vater drohte dem Wolfe mit lauter Stimme und geschwungenem Baumaste; allein jetzt, jetzt erreichte der Wolf den Knaben, packte ihn mit den Zähnen, rannte mit ihm dem Walde zu und verschwand. Was das wunde Herz des guten VaterS bey diesem neue Schlage empfand, läßt sich nicht aussprechen. Ihm, dem Helden, der in den furchtbarsten Schlachten, wo tausend Schwerter und Spieße ihm den Tod drohten, ohne Furcht dagestanden war, erstarrten beynahe Herz und Glieder! Er sprang zwar augenblicklich in den Strom, dem armen Kinde zu Hilfe zu kommen. Allein bis er, von 4er Hitze des Tages, von Schrecken und Kummer, von zweymahligem Ueberfetzen des Stromes bereits erschöpft, mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte hinüber kam, hatte der Wolf längst den Wald erreicht, und es war nichts mehrwon dem Kinde zu sehen!-< Der bestürzte Vater sank, sobald er das Ufer erreicht harte, kraftlos zu Boden. So viele und so schnell aufeinander folgende Unglücksfälle hatten ihn ganz darnieder gedrückt.»Ach,« dachte er, als Schrecken und Jammer ihn wieder denken ließen»so ist denn auch die letzte Hoffnung dahin, die letzte Stütze gebrochen, der künftige Trost meines Alters verschwunden! Ich bin meines geliebten Vaterlandes, aller meiner Freunde, meiner Gemahlinn, meiner Kinder in wenigen Tagen beraubt! Jchgleiche einem Baume, dem alle seine Aeste und Zweige abgehauen worden. Mein Schmerz ist noch größer als der Schinerz jenes frommen Patriarchen Jacobs, der seine geliebte Rachel begraben hatte und dem die Nachricht gebracht wurde, der Liebste feiner Söhne, Joseph, sey von einem wilden Thiere zerrissen worden. Jacob hatte noch mehrere Söhne; ihm blieb noch Hin geliebter Benjamin! Allein mir ist auch noch 45 mein geliebter Benjamin geraubt! Ich habe keinen Sohn, keine Tochter, keinen Freund, mich zu trösten! Ich kann wohl mit dem trauernden Jacob sagen:»Mir bleibt nichts übrig, als vor Jammer und Herzenleid zu meinen Söhnen hinab zu sinken in das Grab!« Er schwieg lange.»Ach,« sagte er über eine Werke,»wenn ich nicht so glücklich wäre, Dich zu kennen, mein göttlicher Erlöser, und in Dir ein so herrliches Vorbild der Geduld in den schrecklichsten Leiden zu erblicken, so würde ich es kurz machen, nach Art meiner Landesleute, der tapfern Römer; ich würde mich, wenn ich noch eines hatte, in mein Schwert stürzen, oder was ich gar leicht könnte, in den nahen Fluß. Allein Christus lehrt uns anders. Wir dürfen den bittern Kelch, den uns der Vater im Himmel darreicht, nicht zurückweisen. Wir müssen im Leiden, wenn wir anders Christen seyn wollen, nnt Christus sprechen:»Vater, Dein Wille, nicht der meine!« Es ist nun einmahl so! Hier können wir dem bittern Kelche, dem Kreuz und Leiden nicht entgehen. Dort aber wartet, wenn wir anders standhaft rm Le-.den ausharren, auf uns die nie welkende i-siege-palme und die unvergängliche Krone!« Eustachius ward auf eine kleine Weile ruhiger; allem, indem er über die Begebenheiten dieser schrecklichen zwey Tags nachdachte, stiegen gleich schwarzen Gewittern aus dem Meere, neue unermeßliche Qualen in seinem Innersten auf. Denn nicht nur durch äußerliche, sondern noch vielmehr durch innerliche Leiden sollte er geprüft und geläutert werden.»Wie,« rief er erschrocken und wie von einem plötzlichen Blitzstrahl getroffen,»bin ich an all' dem Jammer nicht selbst Schuld! Wo waren meine Sinne, daß rch mein liebes Weib einen, ganz fremden Menschen, jenem treulosen Mohren, anvertraute, aus dessen Gewalt ich sie nicht wehr ereetten konnte? Hab' ich sie ihm nicht gleichsam selbst ausgeliefert? O schrecklich, schrecklich! Und welche Unbesonnenheit, welche Gefühllosigkeit war es, daß ich meine lieben Kinder hier in dieser Wildniß, den guten Agapius an dem einen, und den holden Theopistus an dem andern Ufer des Flusses, einsam und alleinsitzen ließ? Ach das Brüllen und das Geheul der wilden Thiere in der vergangenen Nacht hätte mir eins furchtbare Warnung seyn sollen! Habe ich die armen Kinder nicht gleichsam selbst den wilden Thieren vorgeworfen! Bin ich nicht ein liebloser Vater, ein Mörder, der Mörder meiner Kinder! Ach, wie bluthroth die Sonne untergeht, als wollte sie, wiewohl sie stumm ist, mich anklagen, als riefe sie mir laut zu: Du selbst bist Schuld an dem vergossenen Blut Deiner Kinder!« »Doch nein, nein,« sprach er jetzt ruhiger, »Lieblosigkeit und Grausamkeit war es nicht. Wiewohl ich eS in meinem Leben nicht genug bereuen kann, das holde Weib dem größten Elende, die guten Kinder dem furchtbarsten Tode Preis gegeben zu haben, so war es doch nur Unbedachtsamkeit. Aber dennoch, welche bittere Empfindung ist die Reue! O wie muß es dem Menschen zu Muthe seyn, der vorsätzlich Böses gethan, und absichtlich Andere unglücklich gemacht hat! Ach, was ist der Mensch, daß er bey dem besten Willen solches Unheil anrichten kann? Wie nöthig hat er, Gott täglich zu bitten, Gott wolle ihn erleuchten, leiten, und regieren!« »Allein ,« sprach er über eine Weile,,»wenn eS bey mir auch Mangel an Ueberlegung war, ist es nicht schon strafbar, ohne Ueberlegung zu handeln! Ach, ich hätte es besser überlegen sollen!— Doch es sey, wie es sey; Du, barmherziger Gott, bist meine einzige Zuflucht! Verzeih' mir, was bey die- sen schrecklichen Begebenheiten mein Versehen ist! Mache wieder gut, was ich verdorben habe! Leite Du alles zum besten. Du nur kannst es und wirst es auch thun! Du sagtest ja durch Deinen Apostel: »Denen, die Gott lieben, dient alles, also auch jedes Versehen, jeder Fehler, den sie ernstlich bereuen, zu ihrem Besten.« Ach wäre dieß nicht, ich müßte verzweifeln!« Er ward ruhiger, aber nur auf Augenblicke. Immer aufs neue quälten ihn die bittersten Vorwürfe. Er wußte nichts Besseres, als nicht mehr nachzusinnen, da es, wie er mit Recht dachte, doch nichts mehr nützte, sondern anstatt des Nachsinnens und Grübelns nur immer zu bethen. Er that es; erflehte zu Gott, um Trost, um Linderung seiner schweren Leiden.»Vater,« sprach er,»der Du Deinem geliebten Sohn einen Engel vom Himmel gesandt hast, Ihn zu trösten, ach sieh, auch meine Seele ?st betrübt bis zum Tod! Ach, laß mich nicht ohne Trost bleiben!« Es kam nun zwar kein Trostengel, allein Gott sandte ihm ein anderes Linderungsmittel, das schon oft den Unglücklichsten seiner Leiden vergessen gemacht, ja ihn wohl gar auf einige Zeit in die glücklichsten Umstände versetzt hat. Gott sandte ihm einen sanften Schlaf, und wunderbare Traumbilder erheiterten seine trauernde Seele. Ihm träumte, er wandere durch einen dunkeln Wald; allein plötzlich war daS tiefe Dunkel von goldenen Sonnenstrahlen erleuchtet; der kleine Agapius saß unversehrt und ruhig zwischen Gras und Blumen, lächelte ihm heiter entgegen und der Löwe entfloh scheu und in wilder Eile, eine andere Gegend des Waldes erschien jetzt im Glänze der Sonne; Theo- pistuS stand da, zeigte auf den Wolf, der todt auf den Boden hingestreckt lag, und blickte dankbar zum Himmel. Eustachius erwachte; allein bald entschlief er wieder und erblickte seine beyden Sohne, als schöne blühende Jüngisnge von hoher edler Gestalt; sie waren als römische Krieger gekleidet und ihre schimmernden Helme waren mit grünen Lorberzweigen geschmückt. Er wachte übermahl auf, entschlief noch einmahl und sieh! nun erblickte er auch feine Gemahlinn, sie fährte voll himmlischen Entzückens ihm seine beyden Söhne entgegen, und die lebhafteste Treude erfüllte sein Herz. Sechstes Cs-itsl. Die guten Landleute. Als die Morgenroths anbrach, und Wolken und Meer, Felsen und Bäume mit ihren Rosenschim- mer erhellte, erwachte Eustachius. Sein großer Verlust, das Schicksal seurer Kinder und ihrer geliebten Mutter war sein erster Gedanke. Die erfreuenden Traume mußten der traurigen Wirklichkeit weichen. Allein er erhob Augen, Hände und Herz zum Himmel, und empfahl sich und alles, was sein Herz beschwerte, der treuen Vatersorge Gottes. Die Sonne ging jetzt herrlich auf, und erleuchtete Himmel und Erde mit ihrem allerfrenenden Lichte.»Testern,« sprach Eustachius,»ging sie zwischen Dust und Nebel trüb und blutroth unter; und heute geht sie mit all ihrem Glänze in erneuter Herrlichkeit wieder auf! Sey es denn, daß unsere geliebten Freunde, die uns der Tod oder sonst ein widriges Schicksal raubte, für uns gleich der Sonne untergehen, daß wir sie in diesem Erdenleben nicht mehr erblicken und eine finstere lange Nacht zwischen uns und ihnen liegt.—-Eskommt einst der Morgen, da wir sie, gleich einer aufgehenden Sonne, in Glanz und Herrlichkeit wieder sehen werden. -— 49 Eustachius richtete nun all sein Sinnen und Trachten darauf, sobald als möglich, jene Seestadt zu erreichen, wohin die Ladung jenes Schiffes bestimmt war, und wo er seine Gemahlinn zu finden, und sie unter dem Beystand der Obrigkeit aus den Händen jenes gottlosen Räubers zu erretten hoffte. Unverzüglich machte er sich auf den Weg. Er wanderte beständig auf dem hiesigen Grunde zwischen dem Meere und den hohen Felsen hin und mußte unsägliche Mühseligkeiten ausstehen. Die Hitze der Sonne war beynahe erdrückend. Einige Auster», die er am Meere fand, stillten seinen Hunger; der reichliche Thau, der sich zwischen den breiten, faltigen Blättern einiger Gewächse jenes Landes sammelt, löschte seinen Durst. So legte er eine ^.agreise zurück. Allein die Felsen, die er bisher immer zur Seite hatte, erstreckten sich nunmehr weit hinein in das Meer. Er konnte nicht mehr weiter; seitwärts aber öffnete sich eine Schlucht, die in daS Gebwg führte. Er ging hinein, und kam in eine noch furchtbarere Wildnis. Nirgends erblickte er -nie Spur von Menschen; nur die Fußstapfen wilder Thiere bemerkte er im Sande. Erkletterte, da es bereits Nacht war, auf einen steilen Felsen, und übernachtete in einer Felsenschlucht, um nicht im Schlafe von den wilden Thieren zerrissen zu werden. Mlt Anbruch des Tages setzte er seinen Weg weiter fort. Die Wildnis; wurde immer schauerlicher. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergänge, und noch immer fand er keinen Ausweg. Etwas Wasser auS ^""tfast versiegten Quelle und einige herbe Beeren der Wild'nß waren seine einzige Labung. Er glaubte schon in diesem wüsten Gebirge verschmachten zu muffen--da bemerkte er einen schmalen wenig be- tietenen Fußsteig. Nachdem er eine Weile darauf fortgegangen war, öffnete sich zwischen den kahlen Cchmid'S Jugeiidsch. G. Bd Eustachius. 5 —— 50"" Bergen die Aussicht in ein Thal. Nach einigen Schritten erblickte er mit Freude hohe, schattenreiche Bäume von saftreichem, dunkelgrünem Laubs, dann das schönste Wiesengrün, das von reichlichen Blumen hellgelb und purpurroth gestreift war, dann wohlgebaute, reiche Kornfelder, und endlich ein ganzes, sehr freundliches Dorf, dessen Dächer aus einem Walde von Fruchtbäumen hervorschauten. Das Thal, von der untergehenden Sonne beleuchtet, hätte kaum schöner und lieblicher seyn können. Eustachius dankte Gott, der ihn wieder menschliche Wohnungen und gebautes Land erblicken ließ, stieg freudig den Felsenpfad hinab, und erreichte das Dorf. Vor einem der ersten Häuser, an denen er vorbey kam, saß ein alrer Mann, der sich der untergehenden Sonne zu freuen schien. Zu seinen Füßen spielten ein Paar liebliche Kinder, die seine Enkel zu seyn schienen. Eustachius ging zu ihm hin und sprach:»Lieber alter Vater! wäre rn diesem Dorfe für einen Fremden wohl eine Nachtherberge zu finden?«»O ja wohl,« antwortete der Greis, »warum denn das nicht? Und wenn Du, lieber Mann, Mir eine recht große Freude machen willst, so bleibe unter meinem Dache über Nacht. Was ich habe, ist wenig; doch gebe ich es mit Freuden.« Eustachius nahm das Anerbiethen sehr gerne an, und ging mit ihm an das Haus. Der Mann brachte Brot, Obst und Wein.»Hier, sagte er,»sind einige Erfrischungen, bis meine Tochter von ihrer Feldarbeit nach Hause kommt und das Nachtessen bereitet. Erquicke Dich, und der Herr segne es Dir!« An diesen Worten erkannte Eustachius mit unbeschreiblicher Freude, der gute Greis sey ein Christ.»Gott sey gelobt,« sprach er,»der meine Schritte hierher leitete; denn sieh, auch ich glaube an Christus den Herrn, unsern göttlichen Erlöser.« Der Greis hatte eine eben so große Freude, in seinem Gaste einen Christen zu erkennen. ES war ihnen Beydenda sie a!s Christen in der Mitte roher und grausamer Heiden leben mußten, in diesem Augenblicke nicht anders zu Muthe, als zwey leib-^ liehen Brudern, die in einem fremden Welttheile und unter einem feindlichen Volke sich einander unvermuthet finden und wieder erkennen. Beyde, Eustachius und der alte Landmann, der Elements hieß, umarmten einander mit inniger, wahrhaft brüderlicher Liebe. Der Eine Glaube, die Eine Hoffnung, die Eine himmlische Liebe, diese Verwandtschaft der Geister, ging ihnen über alleBluts- verwandtjchaft. Sie fühlten zu einander ein so großes Zutrauen, als härten sie schon zehn Jahre .lang mit einander gelebt. Jetzt kam die Tochter des Greises Mit ihrem Manne von dev Feldarbeit nach^)ause.»T>eht,« sprach der freundliche Greis zu ihnen,»in diesem lieben Gaste hat uns der Herr einen seiner Jünger und Freund zugeführt.'.-- Beyde hatten die herzlichste Freude, und begrüßten ihn auf das Freundlichste. Eustachius erzählte nunmehr, wie er wegen seines Glaubens an Christus aus seiner Heimath vertrieben worden, und wie böse Menschen und wilde ^ylere ihmFrau^und Kinder geraubt hätten. Alle hör- ten ihm mit großer Theilnahme zu; die junge Haus- srau vergoß viele Thränen; der fromme Greis aber sprach am Ende:»Sey getrost! Jene Träume, mit denen Gott in der Nacht nach dem Verlust Deiner Rinder Dich tröstete, scheinen mir nicht ohne Be- deutung. Du hast die guten Knaben doch nicht von den Raubthieren zerreißen sehen; vielleicht wurden sie noch gerettet.«»Wie wäre das möglich:« rief Eustachius.»Bey Gott ist kem Ding unmöglich,« sprach der Greis;»wir dürfen seiner Allmacht keine — 52— Gränzen setzen. Wenn indeß jene Träume nur auf die künftige Welt deuten sollten, und wenn Deine Kinder auch wirklich für diese Welt todt sind, so leben sie nunmehr als holde Engel an Gottes Thron, und dort wirst Du sie gewiß wieder sehen! Was aber Deine Gemahlinn betrifft, so wird Gott sie schützen. Ja es ist große Hoffnung, daß Du sie in Uegypten wieder finden, und der Gewalt deS gottlosen Heiden entreißen werdest. Wenn ich nicht so alr wäre, so würde ich Dich gerne dahin begleiten. Allein mein Schwiegersohn ClituS hier, der schon ein Mahl dort gewesen und aller Wege kundig ist, macht sich eine Freude daraus, mit Dir zu gehen. Morgen soll er mit Dir dahin ziehen.« Diese Worte brachten dem betrübten EustachiuS großen Trost. Er aß mit den guten Landleuten nun zu Nacht. Freundliche Gesichter, aus denen er sah, daß ihm alles herzlich wohl gegönnt sey, waren die beste Würze der mäßigen Mahlzeit. Hierauf begab er sich, da seine Kräfte fast erschöpft waren, unverzüglich zur Ruhe. Am folgenden Morgen, lange bevor der Tag anbrach, machte er sich mit ClituS, dem jungen Bauer, auf den Weg. Sie eilten so sehr sie konnten/und waren, die heißesten Mittagsstunden ausgenommen, unausgesetzt auf dem Wege. Als sie aus den Bergen in die ebenen Gegenden herab kamen, miethete Eustachius von dem Gelde, das er noch bey sich hatte, ein Kamehl, um schneller und bequemer weiter zu kommen. Endlich erreichten sie die Seestadt, wo eine Reihe von Schiffen nahe am Ufer vor Anker lag. Eustachius besah die Schiffe, und erkannte zu feiner großen Freude bald das Schiff, auf dem er und seine Gemahlinn sich befunden hatten, und das jetzt auf den Strand gezogen war. Er betrachtete es genau; alle Verzie- — 53 rungsn des Schiffes, die er sich wohl gemerkt hatte, trafen richtig ein. Ein Lastträger, der auf einer Kiste mit Waaren saß, um auszuruhen, rief ihm zu:»Warum bestehest Du das Schiff so bedachtsam von allen Seiten? Willst Du es kaufen?« Eustachius, dem diese Worrs als Scherz vorkommen mußten, blickte ihn mit wehmüthigem Ernste an. Allem der Mann sprach:»Ich scherze nicht! Das Schiff ist feil; der Schiffer, dem es gehörte, und der ein sehr reicher Mohr war, ist todt.« Eustachius erkundigte sich naher.»Glaube mir,« sprach der Mann,»es ist nicht anders. Das Schiff lief erst vor wenigen Tagen hier ein; allein der Schiffsherr war nichkPö'Ilucklich, das-Land lebendig zu erreichen. Ich war dabey, als sein entseelter Leichnam vom Schiffe gebracht wurde. Er soll so zu sagen jähen Todes gestorben seyn.«»Das ist sonderbar!« sprach Eustachius;..-»aber sage mir, wo istrMe Frau^ die aus dem Schiffe angekommen ist?«»Eins Frau?« sprach der Lastträger.»Es ist keine Frau mir angekommen.««Es muß sich eine Frau auf dem Schiffe befunden haben,« sprach Eustachius mit Eifer.»O sage nur, lieber Mann, wo ich sie finden kann. Du erzeigest dadurch ihrem betrübten Ehemann einen großen Liebesdienst.» Der Lastträger blieb dabey, er habe nichts von einer Frau gesehen, die mitgekommen seyn solle. Ein Paar Kaufleute, die eben vorbey gingen, blieben stehen und hörten zu.»Es ist so, wie der Mann sagt,« sprach der eine Kaufmann.»Ich hatte auch Waaren auf dem Schiffe, die ich mit Sehnsucht erwartete. Ich war in dein Augenblicke zugegen, als das Schiff landete und blieb da, bis es ausgeladen war. Allein ich versichere Dich, es hat sich keine einzige Frau auf dem Schiffe befunden. Es war niemand darauf als die Schiffsknechte und der Leichnam des Schiffers.« Eustachius erzählte nun so viel, als er für nöthig erachtete, von seiner Ge- schichte, und bath dann die Kaufleute, die ihm sehr theilnehmend zuhörten, ihm Gelegenheit zu verschaffen, die Schiffsknechte zu sprechen, um sich bey ihnen zu erkundigen, wohin seine Gemahlinn gekommen sey. Die Kaufleute sagten:»Es wird schwer halten, noch einen oder den andern aufzufinden. Sie nahmen nach dem Tode ihres Herrn sogleich auf andern Schiffen Dienst, und fuhren vielleicht schon alle mit denselben ab; denn der Handel geht sehr stark. Indessen wollen wir selbst sogleich nachforschen.« Sie kamen bald zurück und sagten:»Zum guten Glücke haben wir noch ein Paar Schiffsknechte aufgetrieben; allein sie wollen nichts davon wissen, daß eine Frau auf dem Schiffe.gewesen sey.« Auf Verlangen des Eustachius wurden die zwey Schiffsknechte vor Gericht gefordert. Sie erschraken sehr, als sie in den Genchtssaalckrgten-, und ganz unerwartet den Mann erblickten, den sie an ein unbewohntes Land ausgesetzt hatten. Auch er kannte sie gar wohl, und stellte sie zur Rede. Sie gestanden nun em, Eustachius, dessen Frau und zwey Kinder hatten sich allerdings auf dem Schiffe befunden. Der Schiffsherr habe, da Eustachius das Fahrgeld nicht bezahlen konnte, ihn und die zwey Kinder an das Land bringen lassen, allein die Frau als Sclavinn zurück behalten. Der Schiffsherr habe dann eine heftige Leidenschaft zu der Frau gefaßt; da sie ihm aber durchaus kein Gehör gegeben, habe er sie in einem Anfalle von Wuth mit dem Schwerte getödtet, und den Leichnam in das Meer geworfen. Hierauf hätten Liebe und Haß, Reue und Verzweiflung ihm das Herz abgedrückt; wenige Stunden nachher sey er eine Leiche gewesen. Da diese Geschichte ihrem verstorbenen Herrn keinesweges zur Ehre gereicht, so hätten sie mit einander abgeredet, davon zu schweigen, allein vor Gerichte dazu aufgefordert, müßten sie, so hart es sie auch ankomme, der Wahrheit dieses Zeugniß geben. Nachdem sie ihre Aussage beschworen hatten, gingen sie hinaus. Wie es aber dem tiefbetrübten Eustachius zu Muthe war, kann keine Zunge aussprechen. Erschüttert ging er aus der Gerichtsstube, und wandelte voll stummen Schmerzens am Ufer des Meeres auf und ab. Noch hatten seine Augen keme Thränen. Endlich blieb er stehen, blickte mit hervor strömenden Thränen zum Himmel und sagte:»Nun, guter Gott, so war es denn Deme Schickung, daß ich meine Gemahlinn durch den Tod verlieren mußte! Deinem Willen unterwerfe ich mich denn in tiefster Demuth und Anbethung. Du hast mein geliebtes Weib zu Dir genommen. Ach es ist doch besser, sie starb eines blutigen Todes, als daß sie- in Sünde und Schande gewilligt hätte.— O du meine geliebte Theopistasprach er weiter,»so sehe ich denn in dieser Welt Dein holdes Angesicht nicht mehr! So lebe denn wohl, seliger Geist, und bethe für mich, damit ich Dich und unsere lieben Kinder an Gottes Throne wieder sehen möge.« Der junge Bauersmann Clitus, der mit Eustachius gekommen war, hatte, während die Schiffsknechte verhört wurden, das Kamehl in die nächste Herberge gebracht, es gefüttert und getränkt. Er vernahm die traurige Neuigkeit sogleich!»Die Frau, die mit dem Schiffe hätte ankommen sollen, sey auf dem Schiffe ermordet und in das Meer versenkt worden.« Der gutherzige Landmann hörte diese Nachricht mit Schaudern. Tiefbetrübt und mit weinenden Augen näherte er sich dem bestürzten Eustachius, der mit Augen voll Thränen in das Meer hinaus sah.»Ach Gott,« sprach Clitus zu ihm,»mich wun- —— 50 dert es nicht, daß du das Meer nicht ohne Zähren ansehen kannst! Denn es ist das Grab Deiner geliebten Ehegattinn. Allein schaue lieber zum Himmel auf! Wiewohl ihr Leib in dem Abgrunde des Meeres begraben liegt, so ist doch ihr Geist in dem Himmel! Sie starb den schönsten Tod, sie wollte lieber sterben als sündigen. Weine also nicht, freue Dich vielmehr und lobe Gott!«»Du hast Recht, lieber Freund,« sprach Eustachius, und drückte ihm die Hand;»Gott sey gelobt, sie hat es überstanden, und hat, so grastltch ihre Ermordung war, doch selig geendet. Gott gebe, daß unser Ende, von so schauerlichen Umstanden es übrigens begleitet seyn möge, auch so selig sey.« Siebentes C'aVttrl. Der Taglöhne r. Eustachius und der junge Bauersmann Clitus gingen einige Zeit an dem Meere stillschweigend und in ihren bekümmerten Herzen nur mit Gott redend auf und ab. Endlich sagte Clitus:»Es ist bereits Nacht. Zch habe in der Herberge für Dich ein Nachtessen und ein Nachtlager bestellt. Willst Du nicht mit mir gehen?« Eustachius ging mit ihm; allein es war ihm jetzt weder um das Essen noch um das Schlafen zu thun. ClituS bezeugte eben so wenig Lust dazu. Sie gingen mit einander aiE die Kammer, die ihnen angewiesen wurde, und redeten noch vieles über diese traurige Begebenheit. Endlich sprach Clitus:»Hier in Aegypten ist für Dich nichts mehr zu hoffen; was hast Du nun weiter vor?«»Daran hab ich noch nicht gedacht,« sprach Eustachius.»Es bleibt mir aber nichts übrig, als irgend einen Winkel auf Erden aufzusuchen, um da zu trauern und da zu sterben. »»»», 57—»» wenn Gott nicht noch ein Anderes über mich verfügen wird.«»O so komm mit mir,« sagte Clirus. «Mein Haus und Alles, was ich habe, steht Dir zu Diensten. Du kannst meinem alten Vater, meinem Weibe und meinen Kindern keine größere Freude machen, als wenn Du mit mir zurück kehrest und bey uns bleibest.« Eustachius bedachte sich und sprach: »Nun wohl! Ich gehe mit Dir. Ich will aber Dir und den Deinigen nicht zur Last fallen, und mein Brot nicht als Müßiggänger essen. Der Apostel sagt ja:»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Ich will Dein Harros aagwerk mir Dir theilen, und Dir helfen das Feld bauen. Die Hand, die stark genug war, Schwert und Lanze zu führen, wird wohl nicht zu schwach seyn, den Pflug zu lenken.«>?Nun, nun,« sagte der Landmann erfreut,»wir wollen sehen. Das wird sich geben. Komm Du nur einmahl mit mir. Wir wollen so vergnügt zusammen leben, wie die heiligen Engel Gottes im Himmel.« Sie bestiegen am nächsten Morgen das Kamehl und kehrten zurück. Sie kamen glücklich in dem Dorfe an, und wurden von dem liebenswürdigen Greise, der guten Hausfrau und den Kindern mit Freude, aber auch ,?.it Betrübniß über die traurigen Nachrichten, die sie brachten, aufgenommen. Da der gute Greis das Vorhaben des Eustachius vernahm, als Tagwerker das Feld zu bauen, schüttelte er sein graues Haupt, Eustachius aber bestand darauf. Nur eine Bedingung bath er sich aus. Hinter dem Wohnhause des Bauers war eine Anhöhe, auf der einige große schöne Palmbaume standen. »Dort,« sagre Eustachius, und zeigte nach der Anhöhe,»zwischen jenen Bäumen wünschte ich eine eigene kleine Hütte zu haben, wo ich die Stunden, die ich nicht bey der Arbeit bin, in stiller Einsamkeit in Gebeth und Betrachtung zubringen könnte.« Die guten Landleute versprachen, seinen Wunsch zu erfüllen. Sogleich am andern Morgen legten sie Hand an das Werk: Eustachius gab den Bau an, und half dabey fleißig mit. Die Hütte kam bald zu Stand. Das Dach war nur mit Stroh gedeckt, und ruhte auf rohen Baumstämmen. Die Wände waren von zähen Baumästen dicht geflochten und mit Moos ausgestopft. Die Wohnung hatte freylich ein sehr dürftiges Aussehen; indeß gewährte sie nicht nur hinreichenden Schutz gegen den Regen, sondern in einem Lande, wo man nie eine Schneeflocke sieht, auch gegen Frost und Wind. Innen hatte sie bloß zwey Abtheilungen. Die erste, in die man sogleich durch die Hüttenthüre kam, diente zum Wohnzim- zimmer, die andere zur Schlafstätte. In dieser armen Mooshütte mit dem Strohda- ehe wohnte nun der Mann, dessen Wohnung ehemahls ein prächtiger Pallast gewesen. Er verlegte sich nun mit allem Ernste auf den Feldbau, und brachte es nicht nur bald dahin, daß er ein Ackerfeld auf das beste bestellen konnte; er fand an dieser Beschäftigung auch Vergnügen. Er dachte wie jener römische Dichter, der den Mann selig preiset, der fern von Welthandeln, wie die Menschen der Vorzeit, mit seinen Ochsen das Feld pflügt, genügsam und frey von Wucher und aller Geldgier. Er glich jenem großen Feldherrn Cincinnatus, der, als ihm die Abgesandten des römischen Senats die Feldherrnstelle antrugen, auch eben das Feld pflügte; vom Pfluge hinweg mächtige Kriegsheere zum Kampf führte, und nach erfochtenem Siege wieder zu dem Pfluge zurück kehrte, und auf seinem väterlichen Boden, bey einfachen Sitten und ländlicher Kost, allen Reichthum und Glanz der Welt für nichts achtete. In den Stunden, die Eustachius von der Feldarbeit übrig hatte, schuf er den freyen Raum ne- — 59 den seiner Hütte zu einem Garten um, pflanzte Weinstöcke und Feigenbäume, baute Kohl, Bohnen und andere Gemüse, und vorzüglich schöne und große Melonen. Zu Mittag speisete er gewöhnlich mit seinen guten Landleuten; oft zugleich draußen auf dem Felde. Er lagerte dann mit ihnen im Schatten irgend eines Baumes auf dem Rasen, aß mit ihnen sehr vergnügt aus Einer Schüssel, und wünschte sich keine bessern Gerichte. Abends bereitete er sich seine mäßige Mahlzeit meistens selbst; er aß dann an dem kleinen Feuerherde, der in einer Ecke seiner Hütte angebracht war, und während der Topf mit Gemüse am Feuer stand, las er, um keinen Augenblick der Zeit unbenützt zu lassen, in dem Evangelium, den Briefen der Apostel, oder in den Psalmen. Nach einer kleinen Mahlzeit setzte er sich gewöhnlich auf eins hölzerne Bank, die er unter einem der Palmbäume aufgeschlagen hatte. Seine guten Landleuke, der fromme Greis, der junge Bauer und dessen Eheweib kamen dann zu ihm herauf, setzten sich zu ihm, und während die Gluth des Abendroths erlosch, und ein Stern nach dem andern aus der tiefen Bläue des Himmels hervorfun- kelte, redete er mit ihnen von dem Glauben an Gott und Jesus Christus, und von den Hoffnungen, die einst, wenn die Welt umher für uns in die Nacht des Todes versinkt, dort oben über den Sternen auf uns warten. Er sprach mit Entzücken von jenem Augenblicke des Himmels, da Christus dorr im Walde sich ihm geoffenbaret; er betheuerte öfter, daß er nur im Christenthums volle Beruhigung gefunden, und des ewigen Leben gewiß geworden. Auch erzählte er ihnen noch Manches aus seiner Lebensgeschichte, was für sie lehrreich und angenehm war. Sie nahmen aus seinen Erzählungen wohl ab, daß er vorhin vermöglich gewesen, und —»» 60—»» bey dem Kriegsheere eben nicht die geringste Stelle begleitet hatte; allein davon, daß er der berühmte Feldherr Placidus sey, sagte er ihnen aus Bescheidenheit kein Wort. Sie kannten ihn nur unter seinem christlichen Nahmen EustachiuS. Die Einwohner des Dorfes waren, außer den christlichen Bauersleuten, die ihn so liebreich aufgenommen hatten, beynahe alle noch Heiden. Allein Eu- stachius machte sich die größte Fieude daraus, ihnen allen ohne Unterschied bey jeder Gelegenheit Gutes zu erweisen. Seine höhere Einsicht, seine Tugend, sein Muth setzten ihn in den Stand, ihnen mit Nach und That an die Hand zu gehen. Unter anderm wurden ihre Felder vielfältig nicht nurvon Hirschen, sondern auch von ungeheuren, großen und gefährlichen wilden Schweinen verheert; die reißenden Thiere der nahen Wildniß sielen nicht selten in die Herden ein, und manches Rind wurde von einem Löwen zerrissen, manches Schaf von einem Wolfe geraubt. Denn damahls, wo es noch keine Feuergewehre gab, war es, zumahl für friedliche Bauersleute, nichts» leicht, sich der Raubthiere zu erwehren. Der tapfere Eusta- chius nahm ihre Felder und Herden gegen die wilden Thiere in Schutz, und durchwachte manche finstere stürmische Nacht auf freyem Felde. Als ein jagdkündiger Mann lehrte er die Männer, sich gegen die reißenden Thiere des Waldes bewaffnen und sie bekämpfen. Er war immer der Anführer auf der Jagd; vieles Wild, ja mancher Wolf, mancher Löwe wurde zur Erde hingestreckt, ohne daß je ein Mensch verletzt ward. Die Männer hatten großes Zutrauen zu dem tapfern Manne. Der Adel seiner Seele, der ungeachtet der dürftigen Bauernkleidung, die er jetzt trug, aus seinem ganzen Betragen hervorleuchtete^ flößte ihnen Ehrfurcht ein,, und seine Menschenfreundlich- keit gewann ihm Aller Herzen. Wenn er nach vollbrachtem Tagwerke unter den Bäumen seiner Hütte saß, kamen fast mit jedem Abende mehr Männer, und auch Weiber und Kinder herbey, und horchten auf jedes Wort seines Mundes. Er sprach dann am liebsten von der Seligkeit eines wahren Christen. Es traf bey ihm, wie bey allen, die Jefum Christum wahrhaft erkennen, das Wort ein:»Ich glaube, darum rede ich.« Da seine Worte vom Herzen kamen, so gingen sie auch wieder zu Herzen. Immer mehrere glaubten an Christus. Ei» christlicher Priester, der von den Heiden vertrieben in dieses Thal kam, taufte sie, und reichte ihnen das Brot des Lebens. Die Hütte Eustachius diente dabey zur Capelle. Als aber der Priester nach einigen Jahren wieder kam, mußte das heilige Abendmahl unter den Palmen vor der Hütte des Eustachius gehalten werden. Denn Eustachius hatte nunmehr die Freude erlebt, daß alle Einwohner des Dorfes sich zum Christenthume bekannten, alle Ein Herz und Eine Seele waren, und das liebliche Bild einer christlichen Gemeinde in der Wirklichkeit darstellten. Achtes GLxitel' Die zwey Krieger. In dem friedlichen Thale, wo Eustachius in Mitte seiner guten Landleute so zufrieden lebte, hatte er bereits fünfzehn Jahre zugebracht. Er wußte von dem, was in der übrigen Welt vorging, wenig oder nichts. Eines Abends nun, da die Schatten der Berge sich schon sehr weit in das Thal erstreckten, und er, die müden Ochsen mit dem umgestürzten Pflug vor sich hertreibcnd, eben vom Acker zurück nach Hause kehren wollte, erblickte er in einiger Entfer- b2 mmg zwey Krieger, die auf das Dorf zugingen. Ihre glänzenden Helme, ihre scharlachrothe Kleidung und die blitzenden Lanzen, deren sie sich als Wan- derstäbe bedienten, machten sie schon von weitem kenntlich. Eustachius, als ein Kriegsheld und ehemahliger Feldherr, erfreute sich des Anblicks, und blieb stehen. D-e zwey Krieger schritten auf ihn zu, und Eustachius erkannte in ihnen mit nicht geringer Verwunderung seine ehemahligen Streitgenossen und getreuen Diener Acatius und Antiochus. Sie erkannten ihn aber nicht, denn sein Angesicht war von der Sonne gebräunt, und die schlechte rauhe Kleidung eines ackernden Landmannes machte ihn noch unkenntlicher. Es fiel den ehrlichen Kriegern gar nicht ein, nur zu denken, der dürftig gekleidete Mann, der vor ihnen stand, sey ihr ehemahliger Gebierher und Feldherr. Eustachius rief, indem er ihnen die Hand both, mit großer Freundlichkeit:»Willkommen, meine Freunde! Was in aller Welt führt Euch hierher in dieses Thal, wo seit vielen Jahren keuie römische Kriegslanze geblinkt hat?« Acatius sprach:»Sey auch Du uns gegrüßt, Du guter, freundlicher Bauersmann! Was aber unser Geschäft betrifft, so sollen wir) auf des Kaisers Befehl, den Feldherrn Placidus in weiter Welt aufsuchen. Allein alle unsere Mühe war bisher vergebens, und wir werden am Ende wohl wenig Ehre davon tragen, einen solchen Auftrag übernommen zuhaben.« Eustachius merkte, daß sie ihn nicht kannten, und auch er wollte ihnen nun nicht sogleich sagen, daß er sie erkenne. Er wollte vorher inne werden, ob sie noch seine alten treuen Freunde seyen, und warum der Kaiser, bey dem er in Ungnade war, ihn aufsuchen lasse. Er sagte also bloß:»Nun, nun, Ihr findet diesen Placidus vielleicht, ehe Ihr denkt. Unverhofft, kommt oft! In- 63 deß geht die Sonne bereits unter, und Ihr seyd müde von der Reise. Kommt mit mir, und bleibt Key mir über Nacht. Ich mache mir eine wahre Freude daraus, Euch zu bewirthen.« Die Soldaten ließen sich dieses nicht zwey Mahl sagen; es war ihnen etwas Ungewohntes, daß man sie einlud, in's Quartier zu kommen. Siegingen mir rhm in das Dorf.»Geht jetzt nur dorthinein,« sprach nun Eustachius, indem er mit dem Geißel- stabe auf seine Wohnung zeigte,»ich komme sogleich nach. Ich muß nur erst für die müden Thiere da sorgen.«»Dort hinein, in jene arme Hütte?« sagte Acarius bedenklich.»Seyd Ihr denn nicht der Bauet von diesem Hofe da?«»Nein,« sprach Eustachius,»ich bin eigentlich nur sein Tagwerker. Indeß gebe ich Euch mein Wort, Ihr sollet mit der Bewirthung zufrieden seyn.«»Run, wir wollen einmahl sehen!« sagte Acatius, den Kopf schüttelnd, und ging die Anhöhe hinauf der Hütte zu, und Antiochus folgte ihm. Eustachius aber führte die Ochseen in den Stall, schüttete ihnen Futter vor, und sprach dann zu dem Bauer und der Bäuerinn:»Ich habe da ein Paar wackere Kriegsmänner angetroffen, die hier durchreisen wollten. Da lud ich sie denn ein, bey mir zu übernachten. Es geziemt sich daher doch wohl, daß ich ihnen ein anständiges Abendessen und einen Becher Wein vorsetze. Ich bitte Euch, helft mir aus der Noth. Ich bin bereit, alles, was sie genießen werden, mit diesen meinen zwey Händen durch verdoppelte Arbeit zu ersetzen.«»Ey was ersetzen!« sagte der Bauer;»das hast Du längst hundertfältig verdient. Und überdieß ist es ja unsere Christenpflicht, Fremde zu beherbergen.« Die Bäuerinn sagte:»Zu gutem Glücke habe ich von dem Hirsch, den Du neulich geschossen, noch einen schönen Braten im 64— Häuft; den will ich sogleich zurichten. Wein aber will ich Dir geben, so viel Du willst, und zwar vom besten, den wir haben.« Sie eilte, und brachte erneu großen Krug Wein und Brot dazu. Als Eustachius mit dem irdenen Kruge und dem Brote in die Hütte trat, hatten seine zwey Gäste eS sich- indessen bequem gemacht. Sie hatten Schwert und Helm abgelegt, die Lanzen in eine Ecke gelehnt und sich an den Tisch gesetzt. EustachiuS füllte die hölzernen Becher mtt Wein und sprach freundlich:»Erquickt Euch indessen, bis das Abendessen bereitet ist, mit Brot und Wein.« AcatiuS griff sogleich zu, trank und sagte:»Einen so guten Wein härte ich in dieser Hütte nicht gesucht, und die Wahrheit zu sagen, einen so guten Mann auch nicht.« Beyde Krieger ließen sich den Wein wohl schmecken, und wurden sehr fröhlich. Sie fingen nun an von ihrem ehemahligen Feldherrn Placidus zu reden. Acatius sagte:»Er ist der Mann, den wir von allen Menschen auf Erden am meisten schätzen. Wir haben unter ihm gedient. Doch will ich jetzt nicht davon reden, wie er im Felde zu befehlen und das Heer m Schlachtordnung zu stellen wußte, wie sein Angesicht, sein Blick unsern Muth entstammte, wie er zu siegen verstand und wie mild er gegen die Besiegten war, wie er auf gute Mannszucht hielt, und dabey ein Freund und Vater der Soldaten war. Von solchen Dingen, mein guter ehrlicher Landmann, nimm es mir nicht übel, verstehst Du nichts. Allein ich wollte, Du hättest ihn in seinem Hause und auf seinen Landgütern gesehen, wie er da die lautere Liebe und Güte war, und doch dabey sein Ansehen zu behaupten wußte. Seinem Blicke entging nichts. Bey ihm traf es wohl recht zu: Das Auge des Hausherrn düngt den Acker und vermehrt den Kühen die Milch. Reichere Fel- der und schöneres Vieh sah man nirgends. Doch das ist das Wenigste.'Allein seine Ordnung unter dem Gesinde war musterhaft. Da zeigte eS sich in der That: Wrs der Herr so der Knecht. Er.hatte eine Auswahl von trefflichen Dienstleuten. Und Du magst es uns nun glauben oder nicht, wir lebten mit diesem großen Manne unter Einem Dache; wir waren so glücklich, seine Diener zu seyn, und sein Vertrauen zu genießen. Obwohl wir nur gemeine Soldaten sind, so ging er dennoch mit uns um, wie ein Vater Mit seinen Kindern, ja wie ein Bruder mit seinen Brüdern. Ach ich könnte weinen, wenn ich jener glücklichen Zeiten gedenke! doch sie sind längst vorbey, und seit dieser langen Zeit hatte ich keine so fröhliche Stunde mehr. Unser Herz brennt von Verlangen, ihn wieder zu sehen. Einen bessern Mann als ihn trägt wohl die Erde nicht!« «Nun, nun, gucer Freund,« sprach Eustachius lächelnd,»lob ihn nur nicht gar so übermäßig. Ich denke, er ist um kein Haar besser, als ich, und das will eben nicht viel sagen.« »Um kein Haar besser als Du?« rief Acatius mit Eifer. Ehrlicher Bauer, Du hast wirklich keine schlechte Meinung von Dir selbst. Die schöne Tugend der Bescheidenheit übertreibst Du eben nicht, indeß bewundere ich Deine Aufrichtigkeit. So ein guter Mann Du übrigens seyn magst, mit unserm Feldherrn, dem berühmten Placidus, mußt Du Dich nicht vergleichen, sonst müßte ich in der That Deinen Verstand sehr in Zweifel ziehen.« Antiochus sprach, den Acatius unterbrechend.' »Auch seine Gemahlinn ist eine vortreffliche Frau, und eines solchen Mannes ganz ipürdig. Und zwey Kinder hatten sie, o zwey schöne, holde Knaben voll Feuer und Leben. Der eine, mit seinen dichten, Schmid'ö Juaendsch. 16. Bd. Eusiachins. 6 dunkeln Locken, glich dem Vater; der andere, blond von Haaren, der Mutter. Die zwey Knaben möchte ich jetzt sehen; sie müssen indeß zwey herrliche Männer geworden seyn. Wir Soldaten sagen oft zu einander: Das gibt einmahl ein Paar Helden trotz ihrem Vater;>a, wenn es möglich wäre, so würden sie ihn noch übertreffen.« Eustachius, den der Anblick seiner ehemahligen Diener, und ihre Liebe zu ihm, ihre Treue und Anhänglichkeit schon sehr gerührt hatte, wurde Letzt, da sie ihn an die vergangenen glücklichen Tage, an seine theure Gemahlinn und an"seine lieben Kinder erinnerten, heftig erschüttert. Der Schmerz über das schreckliche Schicksal eines so guten Weibes, so lieber Kinder wurde mächtig in ihm aufgeregt. Er konnte die Thränen, die mit Gewalt hervorbrechen wollten, kaum mehr zurückhalten. Er stand auf, sah durch das Fenster und sagte mit bebender Stimme:»Es ist während unsers Gesprächs ziemlich dunkel geworden. Ich will Licht holen und nachsehen, ob das Abendessen noch nicht fertig ist.« In der That ging er aber nur hinaus, um sich draußen ungesehen satt zu weinen. Als er hinaus gegangen war, sagte Antwchus: »Du Bruder, kommt es Dir nicht auch so vor, wie mir? Mir scheint es, daß dieser Mann unserm verehrten Feldherrn gleiche. Je länger ich den Mann betrachte, je ähnlicher schien er ihm. Auch die Stimme und die Aussprache dieses Mannes mahnte mich an Placidus. Einige Mahle war es mir nicht anders, als sähe ich das Angesicht unsers ehemahligen geliebten Herrn wirklich vor Augen. Betrachte ihn, wenn er wieder herein kommt, doch auch recht aufmerksam, ob er nicht Derjenige sey, den wir suchen?« »Acatius sprach:»Was fällt Dir-ein? Bist Du toll? Wie wäre es möglich, daß unser berühmter Feldherr einem Bauer als Knecht diene! Wie sollte er, mit der Hand, dre ehemahls den Befehlshaberstab über römische Kriegsheers führte, die Geißel schwingen und hinter den Ochsen dahergehen? Ich gebe eS zwar zu, daß sich in den Mienen und Gs- berden dreses Bauers etwas Edles zeige, und daß er einige Ähnlichkeit mit PlaciduS Habs. Allein ich fürchte, unsere Begierde, unfein Feldherrn zu finden, und vielleicht auch der Wein, der uns den Kopf ein wenig erhitzte, spiegle uns das nur so vor. Ich weiß ein sicheres Zeichen, woran PlaciduS unfehlbar zu erkennen ist. Erwürbe einstin der Schlacht, hier seitwärts am Halse, wo Helm und Panzer' eine kleineOeffnung lassen, von einem feindlichen Spietze verwundet. Es war in der That keine leichte Ritze, sondern das scharfe Eisen hatte ziemlich tief eingedrungen. Die Wunde ward sehr gut geheilt! allein das Wundmaal, das sie zurück ließ, blieb ahm beständig, und er wird es wohl mit sich ins Grab nehmen. Werden wir nun, wenn unser gütiger Aufwärter wieder herein kommt, das Wundmaal an ihm bemerken, so dürfen wir nicht im geringsten zweifeln, er sey unser geliebter Feldherr. ' Eustachius kam mit der brennenden Lampe wieder herein, stellte sie aüf den Tisch, und neigte sich ein wenig über den Tisch, um den Docht der Lamve etwas weiter fortznschieben. Die zwey Männer richteten ihre Blicke unverzüglich nach seinem Halse, den er nach Landsitte entblößt trug, erkannten deutlich das Wundmaal und sprangen beyde zugleich und von Erstaunen und Freude ganz außer sich s» heftig vom Tische auf, als wären sie von einem plötzlichen Wahnsinn ergriffen worden. Sie wußten nicht mehr, was sie thaten. Sie weinten und jauchzten durcheinander, fielen ihm Wechselsweise um den Hals >— 68— benetzten ihn mit Thränen, und erstickten ihn fast mit Küssen. Dann fielen sie ihm zu Füßen, und bathen ihn wegen dieser Vertraulichkeit, die sie in der Freude ihres Herzens sich erlaubt hatten und die der chm schuldigen Ehrfurcht zuwider wäre, demüthig um Verzeihung. Dann ergriffen sie wieder seine Hände alS fürchteten sie, waS sie mit Augen sahen, sey nur ein Traum. »O Du tapferer Held,« riefen sie,»Du unser Feldherr PlaciduS, oder wie wir Dich lieber nennen, Du ehrwürdiger Eustachius, welcher Nahme Dir in der Taufe gegeben wurde! Du unser Freund, unser Wohlthäter, unser Vater! Sieh Deine zwey geringen Diener hier zu Deinen Füßen. Aber in welcher Gestalt müssen wir Dich erblicken! Welch «ine traurige Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit Du uns zum Siege führtest, oder unS daS Glück des FriedenS auf Deinem Landgute mit Dir genießen liessest! Ach, so hat sich denn unter den Vielen, die Dir ihr Glück zu danken haben, keiner gefunden, der sich Deiner im Elende angenommen hätte! Und warst Theopista, Deine edle fromme Gemahlinn? Wo sind Deine Söhne, der hoffnungsvolle AgapiuS und der holde, freundliche Theopistus? Warum lebst Du so einsam und verlassen in dieser elenden Hütte? Ist Dir von allem Deinem Glücke, allen Deinen Ehrenzeichen nichts übrig geblieben, als dieses Wundmaal? Ach sag unS, sind wir auch wirklich bey Besinnung, oder bekriegen uns unsere Sinne und haben wir Denjenigen, den wir so sehnlich suchen, noch nicht gefunden?« Eustachius, der edle, gefühlvolle Mann, dem schon lange die Thränen in den Angen standen, wurde jetzt, da er seine unvergeßliche Gemahlinn und seine lieben Kinder mit Nahmen nennen horte, und deren schreckliches Schicksal den alten, treuen Freun- den erzählen sollte, von der Empfindung überwältigt. Er fing an so herzlich zu weinen, daß ihm dre reichlichen Thränen nicht nur die Wangen, sondern auch das Kleid benetzen.»Ach, meine Freunde,« sagte er,»ich habe Euch traurige Geschichten zu erzählen. Meine zwey Söhne sind längst todt; beyde wurden von wilden Thieren zerrissen. Meine Gemahlinn wurde mir von einem Manne, der wohl grausanier war, als die wilden Thiere, geraubt, und da sie nicht in Sünde und Schande willigte, von ihm ermordet. Ja wohl einsam und verlassen, und wie Ihr seht, in tiefer Betrübniß blieb ich allein Zurück. Von dem Verluste zeitlicher Güter will ich gar nicht reden. Mag die Welt mich immerhin ein trauriges Denkmahl ehemcchliger Größe nennen; mag ich immerhin als ein lebendiger Zeuge von dem Unbestand alles Erdenglückes vor der Welt dastehen. Ich achte das nicht! Allein der Verlust meines lieben Weibes, meiner lieben Kinder, verwundete mein Herz tief, und diese Wunde heilte nicht so schnell, als die Wunde, die jener feindliche Spieß mir versetzte. Sie blutet noch. Indessen war es so Gottes Wille. Sein heiliger Nahme sey gepriesen. Denn ich baute fest auf jenes Wort:»Die Leiden dieser Zeit sind nicht werth der Herrlichkeit, die dort auf uns wartet. Dorr werden wir unsere Geliebten wiedersehen.« Die getreuen Diener vernahmen das schauerliche Schicksal der holden Knaben und der edlen Frau mit Entsetzen, und von den Thränen des betrübten Vaters und Ehegatten« noch mehr ergriffen, fingen sie an so laut zu jammern, als würden die holden Kinder eben jetzt in diesem Augenblick von den wilden Thieren zerfleischt, und als sähen sie die blutige Leiche der Mutter, jener herrlichen Frau, mit Augen. Die Leute in dem nahen Bauernhause hörten erst das Jauchzen und den Jubel der Freude, und dann lautes Jammern und Klagen in der Hütte erschallen; der junge Bauer, die Bäuerinn, der gute als Vater kamen deßhalb herüber, um zu sehen und zu hören, was da vorgehe. Eustachius sprach:»Diese braven Krieger sind alte treue Freunde und Hausgenossen von mir. Erst vor wenigen Augenblicken erkannten sie mich wieder, und hatten darüber eine so große Freude; da ich ihnen aber den Tod meines lieben Weibes und meiner guten Kinder erzählte, brachen die guten treuen Seelen darüber in einen so großen Jammer aus.« Die guten Landleute wurden sowohl von jener Freude als diesem Jammer bis zu Thränen gerührt. Da aber Acatius sah, daß die Leute mit dem Feldherrn so vertraut umginge», als wäre er nur ihr Knecht, und daß es ihnen noch ganz unbekannt sey, was für eine hohe Würbe er in der Welt begleitet habe, sprach er:»Ihr wißt gar nicht, was für einen großen Mann Ihr bisher in dieser schlechten Hütte beherbergt habt. Der Mann, der bey Euch sein Stückchen Brot mühsam mit der Arbeit seiner Hände erwirbt, gab ehemahls unzähligen Menschen ihren Lebensunterhalt. Er, der Euch als Tagwerker dient, hatte ehemahls über große Kriegsheere zu befehlen und viele Tausend tapfere Männer gehorchten seinem Winke. Euer kleines unbekanntes Dorf, das Ihr, glaube ich, Badyssus nennt, wird nach Jahrhunderten noch mit Ruhm genannt werden, weil er sich so lange da aufhielt. Denn Derjenige, der hier vor Euch steht, ist kein anderer, als der ruhmvolle römische Feldherr Placidus.« Die guten Bauersleute hörten dieses mit Erstaunen, und traten ehrerbiethig und etwas scheu zurück. Denn ein römischer Feldherr wurde damahls geehret wie ein Fürst. Allem EustachiuS sagte:»Laßt — 71— das gut seyn, liebe Freunde, und kehrt Euch nicht daran. In dieser Welt müssen nach Gottes Anordnung freylich Einige seyn, die befehlen, und Andere, die gehorchen. Auch ist es Gottes Schickung so, daß Einige reich, und Andere arm sind. Allein es sey einer Herr oder Knecht, arm oder reich; vor Gott macht dieses keinen Unterschied. Diese Welt gleicht einem Schauspiele, in dem Einer den Feldherrn, der Andere den gemeinen Soldaten; dieser den Bauer, jener den Knecht vorstellt. Wenn der Vorhang gefallen ist, sieht man nicht darauf, was einer vorgestellt, sondern wie er es vorgestellt habe, und der Bettler, der seine Sache gut machte, trügt einen großem Ruhm davon, als der Fürst, der sie nicht so gut machte. Laßt uns darauf bedacht seyn, damit einst, wenn diese Welt, gleich einem Schauspiele enden, und der Herr kommen wird zu richten, em Jeder von unS in seinem Berufe treu erfunden werde.« Antiochus sprach:»Du warst Deinem Berufe immer getreu, liebster Feldherr, seitdem Du zum Christenthume berufen wurdest, ja seitdem mir Dich kennen. Als Du noch reich warst, und im Ansehen standest, verwendetest Du Deine großen Reichthümer nur dazu, den Menschen, die in Noth waren, zu helfen, und Du bedientest Dich Deines Ansehens nur, die Unterdrückten zu erretten. Als die Stunde der Prüfung für Dich gekommen war, opfertest Du, ehe Du Christus dem Herrn ungetreu geworden wärest, lieber die Gunst des Kaisers, Deine Feldherrnstelle und Deine ansehnlichen Landgüter willig auf, und ertrugst es mit himmlischer Geduld, als das rohe Heidenvolk Dein Haus plünderte, Dir nach dem Leben stellte, und Dich nöthigte, aus dem Lande zu entfliehen. Die herrliche Erkenntniß Jesu Christi gmg Dir über alle Gunst, allen Glanz, Ruhm 72»»« und Reichthum der Welt; aus Liebe zu Christus und um dessen treuer Jünger und Nachfolger zu bleiben,, aßest Du hier im Schweiße Deines Angesichtes Dein Brot, und führtest ein stilles, verborgenes Leben.« Die guten Landleute hörten mit Erstaunen und Rührung, waS die beyden Krieger sagten. Der alte Bauer aber, dieser ehrwürdige Greis, sprach mit Thränen in den Augen zu Eustachius, indem er ihn bey der Hand nahm:»Edler Mann, in dieser langen Reihe von Jahren, in der Du bey uns lebtest, hast Du kein Wort von Deiner hohen Würde und Deinen großen KriegSthaten gesagt, und keine Klage über Deine Verfolger ist über Deine Lippen gekommen! Die Demuth und Liebe Jesu Christi ist wahrhaft in Deinem Herzen. Freue D>ch und frohlocke, daß Du so verfolgt wurdest, und so vieles leiden mußtest; denn sieh, Dein Lohn in dem Himmel wird groß seyn.« Nrurrtrs TaUrte! D e r K r i e g.^ M EustachiuS sich mit den zwey Kriegsmannern wieder allein sah, setzte er sich mit ihnen wieder an den Tisch. Die Bäuerinn hatte indessen den Hirschbraten nebst andern dazu gehörigen Speisen und allerley Gebackenem aufgetragen.'»Effet nun, meine Freunde, und erfreuet S-wHerz m-.tWem,« sprach Eustachius freundlich, indem er wieder einschenkte. Allem Antiochus sagte mit einem Seufzer:»Ach unser Herz ist schon gesättigt von Freud unh Leid, bis zum Zerspringen. Wie könnten wir jetzt essen und trinken k« AcatiuS gab ihm Recht.»Nun denn,« sprach Eustachius:»vielleicht mögt Ihr spater etwas genießen. Allein vor allem Andern erzählt mir jetzt, wie geht es den Christen, unsern geliebten Brudern und Schwestern? Werden sie noch immer so schrecklich verfolgt?«»Nein!« sagte Acatius.»Der Kaiser scheint den Christen nicht mehr so abhold, wie ehemahls. Die Statthalter und Richter merkten auch wohl, durch die Verfolgung der Christen geschehe rhm kein Dienst, und dte Verfolgung hat deßhalb sehr nachgelassen und in manchen Gegenden ganz aufgehört.« »Nun, Gott sey Dank!« sprach Eustachius. Er wolle seiner Kirche bald vollkommenen Frieden schenken. Jetzt möchte ich aber noch Eines wissen. Ihr sprächet vorhin von Auftragen, mich aufzusuchen. Wie ist es damit?« »Ach ja,« rief Acatius,»die Freude, Dich wie-- der zu sehen, und der Jammer um Deine Gemahlinn und Deine Söhne brachte mir alles Andere, sogar den Auftrag des Kaisers- an Dich, ganz aus dem Sinn. Höre denn! Seit Du zwischen diesen Felsen und Wäldern wohnest! hat sich in der Welt Vieles zugetragen, wovon Du nichts inne geworden. Die Parther, die Du einst svuüihmlich besiegt hast, haben die Friedensbündnisse mir Romgebro- chen. Mit großer^HrLeresmachtckn'Lngen sie über den -Grcknzflüss^es römischen Gebiethes, den Hydaspes, drängten die römischen Kriegsscharen überall zurück, und verheerten das ganze Land weit und breit mit Feuer und Schwert. Ein Eilbothe nach dem andern kam nach Rom, mit den dringendsten Bitten um Verstärkung, indem sonst alles verloren sey. Der Kaiser mochte sich in großer Verlegenheit befinden. Er hat seine Eroberungen zu weit ausgedehnt und hat nun Mühe, sie alle zu behaupten. Indeß ließ er mehrere Kriegsscharen, und auch die Legion, un- Schmid's Jugendsch. 16. Bd. Eustachius.^ **** 74—* ter der wir dienen, zusammen rufen.^ Er selbst erschien vor dem versammelte» Heere. Er forderte die Soldaten auf, eingedenk ihres alten Ruhmes, dem römischen Nahmen Ehre zu machen. Allein mehrere Hauptleute und Gememe riefen laut auf:»Kaiser gib uns unsern Feldherrn Placidus zurück, so wollen wir Hundcrttausende von Parthern schlagen, wie einen Mann.« Der Kaiser jchicn betroffen. Er sagte:»Ich habe bereits an alle Statthalter und tzandpfleger in dem römischen Gebiethe meine Befehle erlassen, nach ihm zu forschen. Getraut sich einer aus Euch, ihn aufzufinden, so trete er hervor, und ich werde den, der mir den trefflichen Feldherrn wieder bringt, herrlich zu belohnen wissen.« Mehrere Soldaten und auch wir zwey traten hervor. Wir wußten ja, daß Du im Sinne hattest, nach Aegypten zu ziehen, und hofften Dich dort oder m den benachbarten Gegenden zu finden. Wir erhielten sogleich offene kaiserliche Vollmachtsbriefe an alle Landpfleger und Kriegsobersten, uns in unserm wichtigen Geschäfte, auf dem das Wohl des Reiches beruhe, zu unterstützen, und den achtungswürdr- gen Feldherrn Placidus, wenn ja den Römern daS Glück beschicken wäre, ihn wieder zu finden, mit den ihm gebührenden Ehrenbezeugungen unverzüglich nach Rom zu befördern. Diese Briefe verwahre ich Vier auf meiner Brust, und Du magst sie, vomKaisir eigenhändig unterzeichnet, nun selbst lesen.« Er nahm sie heraus, und legte sie dem Eustachms vor. »Und nun,« rief Antiochus flehend,»vergiß der Unbilden, die Dir auf dem römischen Boden begegneten, und komm mit uns! Die Brust vieler Lausend tapferer Krieger schlägt Dir entgegen. Selbst der Kaiser wird Dich mit hoher Freude aufnehmen. Wenn Du wieder an der Spitze unseres Heeres stehest, werden wir siegen, der erfreuten Welt WWW»« den Frieden schenken, und mit Lorbern bekränzt aus dem Felde zurück kehren.« Eustachius sprach:»Es ist eine augenscheinliche Fügung der göttlichen Vorsehung, daß ihr diesen meinen verborgenen Aufenthalt gefunden, und bevor ihr noch in das Dorf herein kämet, sogleich mich vor allen andern Einwohnern zuerst angetroffen habt. Gott hat Eure Tritte hierher gelenkt, und ich halte es für meine Pflicht, meinem Vaterlande zu dienen, und Blut und Leben daran zu setzen, es zu retten. Seyd ruhig; morgen des Tages ziehe ich mit Euch. Wie ich das Schwert willig mit der Pflugschar vertauschte, weil ich dafür hielt, es sey der Wille Gottes, so bin ich, da ich es übermahl für den Willen Gottes erkenne, bereit, den Pflug zu verlassen, und wieder zum Schwerte zu greifen: nicht um friedliche Völker zu überfallen, sondern um tausend ruhige Familien, manche Unschuld, manche Mutter mit ihren Kindern vor dem Uebermuthe der Feinde sicher zu stellen. Mit Gottes Hilfe soll bald kein parthischer Soldat mehr römische Felder verwüsten, kein feindliches Roß mehr aus unsern Bächen trinken.« Am andern Morgen, sogleich nach Anbruch des Tages, trat Eustachius mit den zwey Soldaten aus seiner Hütte hervor, um von den Einwohnern des Dorfes Abschied zu nehmen. Es war bereits eine ganze Schar derselben vor seiner Thüre versammelt. Denn die Nachricht, zwey gute Freunde von ihm seyen gekommen, ihn zu besuchen; er selbst aber sey ein berühmter Feldherr, hatte sich sogleich durch das ganze Dorf verbreitet. Die guten Leute bezeugten ihm ihre Theilnahme und Freude, und begrüßten die zwey Krieger auf das sreundllchste. Allein da Eustachius ihnen jetzt ankündete, daß er sie nunmehr verlassen, ja diese Stunde noch abreisen müsse, verwandelte sich ihre Freude plötzlich in lau- ten Jammer. Auch die übrigen Bewohner des Dorfes liefen zusammen, und alle meinten und jammerten, als würde eben seine Leiche aus der Hütte getragen. Eustachius tröstete sie und sprach:»Weinet nicht! Es ist nun einmahl Gatts Wille, daß wrr scheiden. Bewahrt Glaube, Hoffnung und Liebe, so werden wir uns dort oben im Himmel wiedersehen. Indessen lebet wohl, und der Herr sey mit Euch!« Der ehrwürdige Greis Clemens, den Eustachius zuerst kennen gelernt, und der nnnmchr der älteste Mann im Dorfe war, trat ihm jetzt näher, both ihm mit Thränen in den Augen die Hand, und sagte:»Gott hat Dich hierhergeschickt, und Dich so lange unter uns wohnen lassen, damit Du, dieses sein Volk zur Erkenntniß der Wahrheit brachtest und in allem Guten unterrichtetest. Er ist es, der Dich nun wieder abruft, und so können wir nichts dagegen sagen. Sein Wille geschehe!— Ich danke Dir rm Nahmen Aller hier, für alle Liebe, die Du unS diese fünfzehn Jahre hindurch erwiesen hast, und der Herr vergelte es Dir!« Alle stimmten laut weinend in diesen Dank mit em; alle kamen herbey, und jedes wollte ihm mit Mund und Hand noch besonders danken, Greise nur grauen Haaren reichten ihm die abgezehre Rechte ,, und kleine Kinder auf den Armen der Mütter bothen ihm, von den Müttern ermähnt, die zarten Händchen dar. Alle begleiteten ihn eine große Strecke Weges, und erst auf se,ne wiederholten Bitten und Ermahnungen blieben sie zurück. Eustachius reiscte vorerst zu dem Landpfleger, der über jene Gegenden gesetzt war. Als der Land- pfleger den Mann in Bauertracht von zwey Bewaffneten begleitet hereintretcn sah, meinte er anfangs, die Soldaten brächten ,ihm einen Gefangenen. — 77— Da er aber vernahm, dieser ländlich gekleidete Mann sey der so schmerzlich vermißte Feldherr, ergriff ihn das höchste Erstaunen. Er begrüßte ihn mit grosnr Ehrerbiethigkeit und machte sogleich Anstalt, daß Eustachius seines Ranges gemäß gekleidet, und mit Waffen versehen würde; auch sorgte er für Pferde und gab ihm noch ein ansehnliches Gefolge von Rs;- terey zur Bedeckung mit bis an das Meer. Hier lagen immer einige Schiffe zum Dienste des.Kaisers bereit, und Eustachius schiffte sich unverzüglich em. Nach einer sehr glücklichen Reise, sowohl zu Land als zur See, kam Eustachius an dem kaiserlichen Hofe an, und ließ sich beydem Kaiser melden. Der Kaiser saß eben im Staatsrathe, und war mit sehr wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftign allem sobald er vernahm, sein sehnlich erwarteter Feldherr sey angekommen, sprang er aus seinem Sessel auf, warf die Schriften, die er eben in der Hand hielr, auf den Lisch, und eilt-, ungeachtet seiner hohen Würde, ihm nut offenen Armen entgegen. Er suhrte ihn an seinem Arme in den Saal, und fragte sehr gütig:»Wie ist es Dir, mein lieber Feldherr, denn bisher, seit Du nicht mehr auf Deinen Gütern wohntest, ergangen, und wie befinden sich Deine Gemahlinn und Deine Söhne?« Als der Kaiser ihr schreckliches Schicksal vernahm, ward er sehr erschüttert; sein Gewissen machte ihm die bittersten Borwürfe, daß er einen solchen Mann einem solchen Elend- preis gegeben habe. Er schwieg lange; endlich sagte er:»Das einzige, was unsere große Betrübmy etwas mildern kann, ist dieß, daß wir Dich doch nun einmahl wieder haben. Ich ernenne Dich hcer- mit zum Feldherrn über mein Kriegsheer, das gegen die Parther einen harten Kampf zu bestehen hat. Zn Deine Hand lege;ch das Wohl des Reiches. Das 78—— ganze Kriegsherr hat nur den einen Wunsch, Dich wieder an der Spitze zu sehen; nur unter Deiner Anführung hoffet es die Feinde RomS zu demürhi- gen, den Ruhm der römischen Waffen wieder herzustellen und den Frieden zu erobern. Zieh denn hin, dieses Alles auszuführen, und meine besten Wunsche begleiten Dich!« Der Kaiser legte ihm hierauf die Ehrenzeichen der Feldherrnwürde selbst um, und gab ihm den Befehlshaberstab in die Hand. In ganz Rom war über die Zurückkunft und Wieder- anstellung des verehrten Feldherrn die aufrichtigste Freude. EustachiuS eilte den Gränzen des Reiches zu, und langte bey dem Knegsheere an. Das Heer grüßte ihn mit lautem Jubelnnd fühlte sich von neuem Muthe belebt. Der treffliche Feldherr erkannte mit dem ersten Blick, das Heer sey zu geschwächt und zu zerrüttet, um die unermeßliche Menge der Feinde mit glücklichem Erfolg anzugreifen. Der Feind hatte seine vorzügliche Stärke in der Reiterey, die der römischen nicht nur an Zahl, sondern auch an vortrefflichen Pferden und gewandten Reitern weit überlegen war. EustachiuS beeilte sich, seinem Heere zwischen Felsen, Wäldern und Morästen eine solche Stellung zu geben, daß der Feind von seiner zahlreichen Reiterey wenig Gebrauch machen, und trotz aller Anstrengung keinen Schritt mehr vorwärts dringen konnte. Indeß kam bey dem römischen Heere mit jedem Tage frische Mannschaft an, die in allen Städten und Dörfern des Reiches ausgehoben worden. Der Feldherr musterte sie immer selbst, war fast immer zugegen, wenn sie in den Waffen geübt wurde, wählte die kräftigsten und tapfersten jungen Männer aus, und bildete aus ihnen, vereint mit alten, versuchten Soldaten, seine Satelliten, oder wie man jetzt sagen würde, seine Leibwache oder Garde, 79 die in dem entscheidendsten Augenblicke der Schlacht den Ausschlag geben sollte. Nachdem er m mehreren kleunm Gefechten, d'ie täglich vorfielen, d.e-ungern Soldaten Mit der Arr zu streiten, dw dem üume eigen war, vertraut gemacht, und alles vorbereitet und berechnet hatte, gab er den Befeyl, den Femd plötzlich und überall zu überfallen. Der F^nd, dmch dach lange Zögern eingeschläfert und sicher gemacht, nahm in wilder Verwirrung die Flucht, er e r bald, durch neue Scharen verstärkt, kräftigen L. derstand. Allein jetzt gab Eustachms^sehlj, sich ln guter Ordnung zurück zu ziehen. Mancher alte Soldat murrte; indeß gehorchte er, E"st^ kannte die varthischen Reiter. Sie hatten das Eigene, wmn sie flohen, setzten sie sich verkehrt auf das wandten ihr Angesicht ihren Feinden zu, um iich^ teten oft fliehend mit ihren iclMsen Pl-ilen un- größere Niederlage an, alsnm Vorrücken und effui- baren Angriff. Nachdem drs Rsmsr einigeMulur weit gewichen, geboth der Feldherr Halt zu machen, und auf's neue anzugreifen. Er hatte die F-^-n durch seinen gut berechneten Rückzug m eure bafle gebracht, wie er es wnn-chte. Sie flohen, allem ein groüer Theil des römischen Heeres stand chnen nunmehr lM Rücken; unzählige Sprepe sta^^^ nen entgegen, und bildeten eure eiserne Ver,au- nung,die sie nicht durchzubrechen vermochten. Viele Pferde rannten M die vorgehaltenen Spieße, dere bäumten sich hoch auf, stürzten ruckwartv ,u Boden und erdrückten die Reiter. Zu beyden Ser- ten aber befanden sich sterle Berge und tiefe Mo raste. Die Bestürzung der Feinde war EEchrch' Voll Verzweiflung machten ste einen wuchmde'--- griff auf die Schar, unter der sich der Feldherr, dun sie all ihr Unglück zuschrieben, selbst befand,»u brachten sie in Unordnung. Allein Eenblicküch U- — 80 wen ihm die zwey nächsten Scharen zu Hilfe, deckten ihn mit ihren Schildern gegen die Wolken feindlicher Pfeile, und schafften ihm Raum, seine Befehle wieder ruhig zu ertheilen. Die Feinde erlitten eine gänzliche Niederlage. Die Anzahl der Gefangenen war unermeßlich. Ihr ganzes Lager ward erobert, und alle Schatze, die sie bisher geraubt hatten, wurden ihnen wieder abgenommen. Eustachius ließ nun das Heer über den Gränz- fluß Hydaspes gehen, und die feindlichen Städte und festen Plätze, die ganz von Truppen entblößt waren, besetzen. Die Feinde, die bisher das römische Gebieth unausgesetzt beunruhiget hatten, fühlten nun keinen andern Wunsch mehr, als selbst Ruhe und Frieden zu erhalten. Eustachius entwaffnete die Gefangenen und gab sie frey. Ihre Fürsten und Anführer behielt er als Geißeln. Er schrieb den Frieden mit solcher Klugheit vor, daß es den Parthern unmöglich war, fernerhin das Geringste gegen die Römer zu unternehmen. Alles war die Folge der einzigen Schlacht und das Werk weniger Tage. Er versammelte nun das römische Heer, bezeugte ihm seine Freude über die erkämpften Lorbern, und kündete den Soldaten an, daß er sie unverzüglich nach Rom zurück führen werde; und dabey nur bedaüre, daß noch eine Anzahl so braver Männer als Besatzung zurück bleiben müsse. Die Soldaten erhoben ein Freudengeschrey, und daS Lob des Feldherrn erscholl bis an die Wolken. Allein Eustachius lobte nur Gott, den Herrn der Heerscharen, daß Er ihm einen so herrlichen Sieg verliehen habe. 8l Lkhritrs C'axitrl. Ein Sieg essest. Eustachius beschloß, das siegreiche Heer durch solche Gegenden nach Italien zurück zu führen, die durch den Krieg nicht gelitten hatten. Er schickte einen Trupp Reiter voraus, in den Städten und größeren Ortschaften die Annäherung des Heeres anzumelden, bequeme Plätze zum Lager aufzusuchen, und Anstalten zu guter Verpflegung der Soldaten zu treffen. Die Reiterschar kam aus diesem Zuge zu einer ansehnlichen, wohlgebauten Stadt, in der sich die römischen Kaiser auf ihren Zügen in s Morgen- land manchmahl einige Tage auszuhalten pflegten, und sie deßhalb mit einem sehr schönen Pallaste geziert harten. Die Stadt war von einer starkbefestig- ten Burg beschützt, anstatt den Ringmauern alur mit prächtigen Gärten umgeben. Das fchöne grüne Thal, in dem sie lag, war reich an hohen, schattenreichen Bäumen, die bey der glühenden Mittagshitze die angenehmste Kühlung gewahrten. Reichliche Quellen krystallhellen Wassers dienten dazu, auch zur heißesten Jahrszeit Bäume und Gewächse grün und blühend zu erhalten. Die Einwohner der Stadt, unter denen sich mehrere reiche Kaufleute befanden, waren wegen des Krieges sehr in Sorgen. Seit langer Zeit hatten sie keine sichern Nachrichten von dem römischen ääeere vernommen. Es ging blos die c^age, das er> trotz aller Verstärkungen, die ihm zugeschickt morden, nicht vorzudringen vermöge, nur noch zwischen Felsen und Morästen Schutz suche, und sich gegen die unermeßliche Anzahl der Feinde wohl nicht mehr lange werde halten können. Ja, vor einen! Paar Lagen war ein Kaufmann, der große Lieferungen zum Kriegshcere übernommen hatte, äußerst bestürzt zurück gekommen, und hatte versichert, das römische Heer habe zwar einen Angriff auf die Feinde gemacht, sey aber von der Uebermacht dieser Barba- ren mehrere Meilen weit zurück geschlagen worden. Von diesem Rückzüge sey er selbst Augenzeuge gewesen. Er habe sich aber eilends aus dem Staube gemacht, und würde früher angekommen seyn, wenn auf dieser schnellen Flucht seine Lastthiere von der zu großen Anstrengung nicht erlegen waren. Die Bürger waren über diese traurigen Kriegs- nachrichten sehr bestürzt, und als sie nun Abends in der Ferne große Staubwolken aufsteigen sahen, aus denen Waffen hervor blitzten, so schrie Groß und Klein mit Entsetzen:»Der Feind! der Feind!» Es war ihnen nicht anders, als sahen sie ihre schöne Stadt schon plündern, als schlage die Flamme der brennenden Häuser schon zum Himmel emvor. Allein da die gefürchteten Krieger nunmehr m der Stadt ankamen, da die Bürger in ihnen ihre Freunde und Beschützer erkannten, da die Soldaten ver» sicherten, jener Rückzug sey nur eine wohlgelungene Kriegslist gewesen, da sie dem Volke freudig und freundlich zuriefen:»Wir sind nicht nur Siegesbo- them, sondern zugleich Bothen des Friedens!«— so verwandelten sich Angst und Schrecken in unbeschreibliche Freude. Alles jauchzte und jubelte. Die Bürger wetteiferten, die werthgeschä'tzten Gäste auf s beste zu bewirthen. Der Magistrat schickte augenblicklich Abgeordnete an den Feldherrn, ihm zu dem erhaltenen Siege Glück zu wünschen, und ihn einzuladen, er wolle mit seinem tapfern Heere in ihre Sradt und deren schonen Umgebung nicht nur einen, jLudern mehrere Tage von den Beschwerden des Krieges aus- 83-*** rasten. 2llles, was sie hatten und vermöchten, stehe ihren Rettern zu Geboth.,.^. Am andern Tage, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand, näherte sich das Heer der Stadt. Auf den frischgemähten Wiesen umher wurde em Lager geschlagen, und bald erblickte man unabsehbare Reihen von weißen Zelten; der Feldherr aber, von einem ansehnlichen Gefolge, von vielen Offizieren und seinen zahlreichen Leibwachen begleitet, ritt in die Stadt. Die Bürger hatten alles aufgebothen, ihn würdig zu empfangen. Die Straßen waren Mit frischen Lauben bestreut und die Marmorsaulen des kaiserlichen Pallastes, der ihm zur Wohnung bestimmt war, mit grünen Lorberzweigen und dazwischen mit bunten Blumenkränzen umwunden. Jünglinge mit Oehlzweigen in der Hand, und Jungfrauen mit Blumen bekränzt, sangen Siegeslieder, und nach jeder Strophe erscholl der jauchzende Zuruf^der Volksmenge und der Jubel der Trompeten. Der Vorgesetzte der Stadt, der Präfect, ein alter, ehrwürdiger Mann, überreichte dem Feldherrn einen Lor- berkranz. Eustachius nahm den Kranz, der bloß aus zwey reichbelaubten Lorberzweigen zusammen gefugt war, zertheilte ihn, und gab jedem der zwey Haupt- leute, die neben ihm ritten, einen Zweig.»So,» sprach er,»theile ich diesen Kranz mit Euch.^zhr habt ihn nicht weniger verdient als ich. Ich wünschte,» fügte er noch bey, indem er sich zu den übrigen Offizieren wandte,»so mit dem ganzen Kriegsheere, das den Sieg mit mir theilte, auch diesen Lorber- kranz theilen zu können.« Unter den zahlreichem Einwohnern der Stadt befand sich nun auch—die für todt ausgegebene Gemahlinn des gepriesenen Feldherrn, die vortreffliche Theopist a. AA Zlllein der allgemeine Jubel machte sie, so sehr sie sich des Sieges und noch mehr des Friedens freute, dennoch sehr traurig. Sie diente m einem der reichsten Häuser als-Sclavmn, wohin sie von einem Sclavenhändler verkauft morden. In chrer Abgeschiedenheit wußte sie nicht das Geringste davon, daß ihr Gemahl, den sts vor fünfzehn, ja bereits sechzehn Jahren unter sehr betrübten Umständen verlassen mußte, wieder zur Würde des obersten Feldherrn gegen die Parther erhoben sey. Als sie am Morgen dieses- feierlichen Tages in dem Garten, der vorzüglich ihrer Pflege vertraut war, ganze Körbe mit Blumen füllte, und zur Verherrlichung des Festes den wartenden Sclaven überreichte, war es ihr einziger Gedanke:»Ach,- solche Feste wurden einst meinem Gemahl, dem trefflichen Placidus, meinem geliebten Eustachius, gegeben, wenn er siegreich auS dem Felde zurück kehrte!« Wie hätte sie denken können, dieses Siegesfest gelte ihm, diese Blumen pflücke sie für ihn! Da es nun mit einem Mahl hieß p»Er kommt'« da alles Volk eilte, lief und sprang, ihn und seine tapfern Streitgenossen zu sehen, mußte sie unausgesetzt in der Küche arbeiten, wo für diejenigen Of- filziere, die heute in dem Hause speisen sollten, ein großes Gastmahl bereitet wurde. Sie-vernahm daS frohe Jauchzen der Volksmenge und den jubelnden Schall der'Trsnipeten mit stillen Seufzern, und manche heimliche Thräne floß über ihre Wangen. »Ach,« dachte sie,»mir kehrt mein Gemahl nicht mehr zurück! Ich sehe sein Angesicht hier auf Erden wohl nicht mehr; Ihm werden keine Siegesfeste mehr ge- fcyert. Jene glücklichen Zeiten sind für mich auf immer vorbey. Doch hoffe ich, ihn im Himmel wieder zu sehen, und wenn es hier ausgekämpft und aus- gelitten ist, werden wir dort schönere Siegesfeste freyen.«--) Silftrs CaPitkl. Die Bruder. Die Offiziere, die in dem Hause speiseten, in dem Lheopista als Sclavinn diente, gingen nach geendigter Tascl, und nachdem die Sonnenhitze etwas nachgelassen hatte, in den Garten am Hause, der mit allen'Arten nützlicher Gewächse, und köstlicher Baumfrüchte prangte, und dem man es nicht angesehen hatte, daß er diesen Morgen so vieler Blumen beraubt worden. An den Garten stieß ein sehr großer Rasenplatz, dessen schönes Grün, zum Theil vom Glänze der Sonne erhellt, zum Theil von hohen, dichtbelaubten Bäumen mit dunkeln Schatten bedeckt war. Zwischen den Bäumen, deren immer zwey oder drey beysammen standen, öffnete sich eine weite'Aussicht auf das Lager, dessen weiße Zelte fernen, schneebedeckten Hütten ähnlich sahen. Unter eine»! Paar der ältesten, höchsten Bäume, mit dicken moosbewachsenen Stammen und wert ausgebreiteten Aesten voll des schönsten, grünen Laubes, befand sich ein großer steinerner Tisch nebst einigen steinernen Bänken. Der schöne Lustwald war bloß durch einen klaren, rauschenden Bach, über den ein geländerter Steg führte, vom dem Garten getrennt. Die Offiziere gingen hinüber, und sehten sich auf die steinernen Bänke, wo es unge- mein kühl und lieblich war. Einige andere Offiziers aus den benachbarten Häusern gesellten sich nach und nach zu ihnen. Auch mehrere Soldaten aus dem Lager hatten diese angenehmen Schatten aufgesucht. 86 Sie saßen oder lagen unter den Bäumen umher; ihre Spieße steckten neben ihnen in dem Boden, die Helme lagen daneben, und ihre gländenden Schilde hatten sie an den Baumstämmen aufgehängt. Theopista brachte auf Befehl ihrer Frau den Offizieren an der steinernen Tafel Erfrischungen einen großen, schöngeformten Krug mit nebst zierlichen Bechern, Brot, und einige Koro- chen voll kühlender Früchte. Nachdem sie alles auf die Tafel gestellt hatte, setzte sie sich, von der Arbeit des Tages ermüdet, in einiger Entfernung auf seine Rasenbank, die von blühendem Gesträuche beschattet war. Denn sie hatte von ihrer Frau den Befehl, als Aufwärterinn bey der Hand zu bleiben, UM wenn etwas abgehe, es sogleich herbey zu schaf- fen. Keinen- der Offiziere kam es in den S-nn, ste für mehr als eine Sclavinn anzusehen; denn ihr aschengraues Gewand war nur von Wollenzeuge, und ihren Kopf hatte sie mit einem weißen Leinentuche umwunden, das die s^aare verbarg und lht ein;ehr ärmliches Aussehen gab. Die Offiziere sahen sie kaum an, tranken, und der Wein machte sie sehr gesprächig. Sie redeten Vieles von dem glücklich beendigten Feldzuge und ihren kriegerischen Thaten. Ein alternder, etwas grämlicher Offizier wandte sich jetzt an einen zungen Offizier, der wie Milch und Blut aussah, und sprach: »Du, Hauptmann, Dir hat der Feldherr heute ra eine ganz besondere Ehre erwiesen, indem er Dir die Dälfte seines Lorberkranzes gab. Der Haupt- mann sagte bescheiden:»Nicht mir war der Kranz zugedacht, sondern dem ganzen Kriegsheere. Der Feldherr sagte es ausdrücklich. Ich empfing ihn auch nur im Nahmen des Heeres.« Ein anderer Offizier rief:»Den halben Lorberkranz hat der Hariptmann redlich verdient. Ihr wißt alle, wie die Feinde, als sie sich überall eingeschlossen sahen, in der Wuth der Verzweiflung noch einen Versuch machten, sich durchzuschlagen, und mir vereinter Macht gerade auf den Feldherrn einstürmten. Ware der Haupt- mann hier mit seiner tapferen Schar, und die andere Schar mit ihrem muthigen Hauptmanne, der heute die andere Hälfte des Lorberkranzes erhielt, ihm nicht gerade in dem entscheidenden Augenblicke zu Hilfe gekommen, so hätte unser geliebter Feldherr wohl gar das Leben verlieren, und die Schlacht einen sehr unglücklichen Ausgang nehmen können.« --Ey warum nicht gar!« sagte der alte Offizier;»wir andern wären auch noch da gewesen. Doch, sey dieß, wie es wolle; so werdet Ihr doch alle bekennen müssen, daß der junge Herr da, und sein Glücksgenosse, der andere junge Herr, der uns eben jetzt die Ehre seiner Gesellschaft nicht gönnt, in sehr kurzer Zeit ein ganz ungeheures Glück gemacht haben.« »Es ist wahr,« sprach der junge Hauptmann, »ich hatte ein so außerordentliches Glück, daß es nur selbst oft wie ein Traum vorkommt. Es ist kaum ein Jahr, daß ich noch den Pflug lenkte.«— »Wie,« fiel ihm der alte Offizier ärgerlich in das Wort,»Du bist also nur ein Bauerssohn?«»Nein,« sprach der Hauptmann.»Meine Geschichte hat indeß von meiner Kindheit an so viel Wunderbares, daß ich ffie Euch doch erzählen muß. Mein Vater war kein Bauersmann, sondern wie ich mich aus den dunkeln Jahren der Kindheit noch deutlich erinnere, ein vornehmer Herr und ein Kriegsheld. Er wohnte in einem schönen, großen Hause, und in dem größten Zimmer des Hauses hatte er eine vollständige Rüstung, einen schönen Helm, einen hellglänzenden Harnisch nebst Schwert und Lanze, und einen prächtigen Schild. Ich weiß noch gar wohl, wie ich mich über die »»»» 88—^ eherne Haube und dtt eisernen Kleider, deren Gebrauch nur der Vater erklärte, nicht genug wundern konnte. Meine Mutter war sehr schon, und ich hörte die Leute im Hause oft sagen, weit und breit im Lande gebe es keine schönere Frau. Ich hatte auch noch ein kleines Brüderchen, ein gar schönes Knäblein mit langen gelben Haaren. Unsere Ael- tern hatten aber viel Unglück. Alle unsre Pferde, sogar'der Schimmel, auf dem der Vater gewöhnlich auf die Jagd ritt, und der mir vor allen andern Pferden lieb war, wurden krank und kamen um. Bald darauf erkrankten die Menschen und viele star- ben. Es war ein großer Jammer! Zuletzt gingen mein Vater und meine Mutter mit uns wett fort, bis an das Meer. Da bestiegen wir ein Schiff. Ww Knaben waren über die unermeßliche Menge von Wasser höchst erstaunt und das Schwanken des Schiffes machte uns zuletzt krank. Endlich, nachdem wir lange nichts als Himmel und Wasser gesehen, sahen wir wieder Land und waren höchst erfreut. Nun entstand aber, ich weiß nicht mehr warum, auf dem Schisse ein großer Streit. Die Schisssknechte machten unsern Vater und uns Kinder mit Gewalt an das Land; der Schiffsherr aber, ein garstiger Mohr, behielt unsere Mutter auf dem Schiffe zurück. Ich denke es mir noch recht gut, wie wir Kinder den schwarzen bösen Mann barhen^uusW„LM_Mut5, ter uns nicht zu nehmen.» Theopista, die Gemahlinn des Eustachruv, hatte diese Erzählung mit immer größerer Aufmerksamkeit angehört.»Gott im Himmel,« dachte sie, indem sie von der Rasenbank aufstand,»das ist ja meine Geschichte; was er von seinem Vater, von seiner Mutter und seinem kleinen Bruder erzählt, trifft genau zu. Ich kann beynahe nicht mehr zweifeln, dieser junge Kriegsheld sey mein Sohn, mein ge- * ZA»E siebter Agapius.« Mit wankenden Knieen trat sie etwas näher, und horchte mit klopfendem Herzen auf jedes Wort, das er weiter vorbringen würde. ^ Der Hauprmann fuhr fort zu erzählen:'-Das Schiff, auf dem sich unsere Mutter befand, wandte sich und fuhr eilends wieder hinaus in das weite Meer. Wir zwey Knaben schrieen und jammerten laut um unsere liebe Mutter, und sahen dem Schiffe nach, bis es am fernen Himmel aus unsern Augen verschwunden war. Auch unser Vater weinte schmerzlich. Ich hatte ihn noch nie weinen sehen, und es ging mir deßhalb um so mehr zu Herzen, wie er, indem ihm die hellen Thränen über seine Wangen Herabflossen, öfter zum Himmel blickte und bethete, und mehrmahlen sehr nachdrücklich zu uns sagte: O Kinder, bethet, beth't doch für Eure Mutter! Wir übernachteten unter freyem Himmel, und reifsten mir anbrechendem Morgen weiter. Wir armen Kinder verschmachteten beynahe vor Hitze, Hunger und Durst. Endlich kamen wir an einen Fluß, wo einige schattige Bäume standen. Der Vater ging und brachte uns Eyer und einen Helm voll Wasser; sonst wären wir vor Hunger und Durst gestorben. Er trug nun zuerst meinen kleinen Bruder über den Fluß. Mit Herzensangst sah ich zu, wie der Vater ' durch den mächtig reißenden Fluß watete, endlich nach großer Anstrengung das andere Ufer erreichte, und mein Brüderchen in den Schatten eines Bau, mes niedersetzte. Er stieg nun wieder in das brausende, hochausschäümende Wasser, um mich abzuholen. Ich freute mich sehr, als er mir immer näher kam. Allein plötzlrch hörte ich zu Lande etwas auf mich zukommen. Ich sah um und erblickte ein furchtbares Thier»nt weit aufgesperrtem Rachen. Ich wußte damahls noch nicht, daß es ei» Löwe Schmld's Juaendsch. ib. Bd. Eustachius. 8 war. Ich fing an, aus allen Kräften zu schreyen, und wollte dem grausamen Thiere einlaufen. Allein augenblicklich fühlce ich mich von dem Löwen ergriffen, und er trug mich in seinem Rachen eilends fort in den Wald.« Ein anderer junger Offizier, eben derjenige, der die andere Hälfte des Lorberkranzes erhalten und sich erst vor einigen Minuten bey der Gesellschaft am steinernen Tische eingefunden harte, schrie jetzt plötzlich laut auf:»Bruder!« stürzte mit weit offenen Armen auf den Hauptmann zu, schloß ihn in die Arme, und rief mit herzdurchdringender Stimme wiederholt:»Bruder! liebster, bester Bruder! Du mein theurer Agapms! O glaube mir, ich bm wahrhaftig Dein Bruder,-Dein Theop'.stus! Ich war jenes Knäblein, das unser Vater über den Fluß trug. Ich sah es mit Augen, wie jener Löwe Dich ergriff, und schneller als ein Pfeil mit Dir in den Wald sprang. Auch ich wurde sogleich darauf von einem Wolfe fortgeschleppt. O welche wunderbare Fügung Gottes, daß wir beyde errettet wurden: Welch' ein unaussprechliches Glück, daß wir, die wir einander schon lange von Angesicht kannten, einander schätzten und liebten, uns nun auf einmahl als Bruder erkennen!« Agapius, der andere Bruder, war, eben so erstaunt und entzückt. Er konnte nicht zweifeln, seinen jünger» Bruder, seinen geliebten Theopistus, wieder gefunden zu haben. Er schloß ihn fest in seine Arme, drückte ihn an seine Brust, benetzte sein Angesicht mit Thränen, rief mehrmahls:»Bruder! Liebster Bruder!« und konnte vor innigster Rührung lange sonst kein anderes Wort hervorbringe». Theopista aber, die höchst erstaunte Mutter, sank vor Freudenschrecken ohnmächtig auf die nahe Ra- scnbsnk. Die Freude, in dem einen schönen, blü- 81»— henden römischen Hauptmann ihren geliebten Sohn Agapius zu erkennen, hatte sie schon so angegriffen, daß Herz und Glieder ihr heftig bebten. Allein da sie plötzlich den Schrey desFreudenschreckens:»Bruder!« aus dem Munds des andern Hauptmanns vernahm, da sie nun in diesem eben so schönen blühenden Kriegshelden ihren zweyten Sohn, ihren Liebling Theopistus erkannte, so War dieses dem mütterlichen Herzen zu viel. Es ward ihr dunkel vor den Augen, und nur wie aus weiter Ferne und wie im Traume vernahm sie noch die Worte der Redenden. Allein in diesem Augenblicks achtete niemand auf sie. Die beyden Bruder harten sich Vieles zu fragen und zu sagen, und vergingen fast vor Freude und Wehmuth.»Was macht unser Vater?« fragte Aga- pius,»und hast Du unsere geliebte Mutter nicht mehr gefunden?« »Ach Gott,« sprach Theopistus,»ich habe, seit der Wolf mich geraubt, nicht das Geringste mehr von dem Vater gehört, und von unserer geliebten Mutter eben so wenig.«»Guter Gott,« sagten Beyde fast mit Einem Munde,»ach vielleicht sind unsere guten Aeltern schon todt! O wenn sie je noch leben, welche Freude wäre das für sie, wenn sie jetzt in diesem Augenblicke hier zugegen seyn, und an unserm Glücke Theil nehmen könnten!« Die Officiere, die umherstanden, bezeigten über das glückliche Wiedererkennen der beyden Bruder die lebhafteste Freude.»O herrlich, herrlich,« rief der Eme in die Hände klatschend,»so etwas kommt in dem menschlichen Leben nrcht alle Tage vor.« Ein Anderer rief mit den Worte» des römischen Dichters: »Nun laßt uns trinken, und mit unbändigem Fuße den Boden stampfen!« und dabey sprang er vor Freude hoch.auf. Die laute Freude theilte sich den Solds- »-»»» 92 ten mit, die unter den Bäumen gelagert waren. Alle kamen in Bewegung, und eilten herbey, um zu sehen und zu hören, was es Lustiges gebe. Viele jauchzten vor Freude, als sie vernahmen, was vorgegangen war. Diejenigen aber, die zu den Scharen der beyden Hauptleute gehörten, riefen mit frohem Jubel:»Heil unsern Anführern! Heute Morgens theilte der Feldherr seinen Lorberkranz un- luid diesen Abend erkennen sie sich als Bruder! Heil den tapferen Helden und glücklichen Brüdern!« Zwölftes Caxiiel. Die Mutter. Theopista, die glückliche Mutter der glücklichen Brüder, saß noch immer auf der Rasenbank, das Haupt zurück gelehnt an das blühende Gesträuch. Ihr Angesicht war leichenblaß-, ihr Mund, halb geöffnet, ihre Augen waren geschloffen. Sie vermochte nicht ein Work hervor zu bringen oder eine Hand zu bewegen. Das Frohlocken und der laute^ubel der Soldaten weckte sie aus ihrer Ohnmacht?So- bald sie wieder zur Besinnung kam, war ihr erster Gedanke, sich ihren zwey Söhnen zu erkennen zu geben, und als Mutter sie zu begrüßen. Allein die Menge der Soldaten, die vor Freude trunken schie- nen, schreckte sie; es schien ihr nicht rathsam, sich durch das Gedränge der inbelnden Krieger hindurch zu drängen. »Was würde es mir auch nützen,« sprach sie bey sich selbst.»Würden meine Söhne, die jetzt mit Glück und Ruhm gekrönt sind, mich, die arme, verachtete Sklavinn als ihre Mutter anerkennen? Ach wenn sie, waS ich indeß nicht fürchte, sich mei- ner auch nicht schämen würden, so würden sie es mir doch nicht sogleich glauben, ich sey ihre Mutter. Welche Beweise könnte ich vorbringen? Ich wüßte ihnen beynahe nichts anders zu sagen, als was sie eben selbst gesagt haben, und sie würden denken, ich sage ihnen das alles nur so nach, bannt sie nnch aus der Selaverey erretten, und mir ein besseres Schicksal bereiten möchten. Ich könnte mich lerchr dem Unwillen der Offiziere, und dein Spotte und Gelächter der Soldaten aussetzen. Indeß wohnet ja mein Sohn Agapius jetzt mit mir unter Einem Dache; wenn er in das Hans zurück kehrt, so will ich ihm in sein Zimmer folgen, und da, unter vier Augen, kann ich ihn dann, wenn eS mir je gelingt, mit mehr Ruhe überzeugen, ich sey seine Mutter. Und erkennt ein Mahl Agapius in mir seine Mutter, so wird auch mein Sohn Theo- pistus, der jetzt inir mir doch in Einer Stadt wohnt, mich bald als seine Mutter anerkennen, und wir alle drey werden eine Seligkeit empfinden, die sich nicht aussprechen läßt.« Sie ging mit noch matten Schritten zurück und begab^sich auf ihre einsame Kammer unter dem Dache. Sobald sie sich allein sah, brach sie in einen Strom von Thränen aus.»O Gott,« rief sie, indem sie mit gefalteten Handen auf die Kniee niederfiel:»Du guter, barmherziger Gott, Dir sey Dank! Du, o allmächtiger Gott, der Du den Daniel aus der Löwengrube, und den JonaS aus dem- Bauche des Meerungeheuers errettet hast— Du hast meine Kinder dem Rachen des Löwen und den Zahnen des Wolfes entrissen. Denn Dir ist nichts unmöglich. Deine Leitung ist es, daß meine Söhne vor meinen Augen sich wieder fanden; daß ich, ihre Mutter, ohne daß sie mich erkannten, Zeuge ihrer Freude, ihres Entzückens seyn mußte, ja daß, in- — 94 dein sie einander wieder erkannten, eben dadurch auch mir die Seligkeit bereitet ward, sie Beyde wieder zu erkennen, eine Freude, über die ich allen Schmerz der langen Trennung und den Kummer vieler Jahre vergesse! Wie Du tröstest, so kann keiner trösten; wie Du erfreuest, so kann niemand erfreuen. Dir, Vater der Erbarmungen, der Du unendlich reich an Trost, und der Urquell aller Freude bist, Dir sey unendlicher Dank!« Sie blieb eine Weile ganz in Andacht versunken kmeen.»Aber,« sagte sie jetzt,»wo ist der Vater meiner wiedergefundenen Söhne?-Was ist ihm begegnet, daß mein Sohn Agapius nichts von ihm weiß? auch Theopistus scheint, wenn ich recht hörte und es mir nicht bloß träumte, nichts von ihm zu wissen. Haben die wilden Thiere, nachdem ihnen die Söhne entrissen worden, vielleicht den Vater angefallen und ausgezehrt? Ist er vielleicht, wie ich, rn Sclaverey gerathen, und bringt ihm vielleicht jede neue Sonne neuen Jammer? Oder sieht er vielleicht das Licht der Sonne gar nicht mehr? Doch nein, nein, mein Herz sagt es mir, er lebt noch! Du, guter Gott, hast ihn gewiß erhalten, und auS allen Gefahren und Leiden errettet. Du wirst Dein Werk vollenden, und wie Du mich die Söhne wiederfinden ließest, mich auch den Vater wiederfinden lassen, damit die Freude unser Aller vollkommen werde.« Sie stand auf, und trat an das Fenster. Von hier aus konnte sie ihre Söhne drunten auf dem Rasenplätze sehen. Sie standen neben einander, im Kreise der Offiziere und Soldaten, und schienen sich und den Umstehenden ihre weitere Geschichte zu erzählen.»Ja,« sagte die hocherfreute Mutter, mit Augen voll Thränen lächelnd,»sie sind es, sie sind es wahrhaftig! Agapius mit seinen dunkeln Locken 95 hat ganz die edle Stellung seines Vaters; auch die schönen blonden Locken des andern zeigen, daß er mein Theopistus ist. Was für schone, ansehnliche Männer von hoher edler Gestalt sind aus den zwey kleinen Knaben geworden! allein noch wisien sie nicht, wie sehr mem mütterliches Herz ihnen entgegen schlage, aber wie überzeuge ich sie, daß ich sie unter diesem meinen Herzen.getragen, daß sie meine Kinder seyen! Nur gleich so^zu ihnen hintreten, und ihnen gerade zu sagen:»Seht, ich bin Eure Mutter!«— geht nicht. Diese Worte aus dem Munde einer Sclavinn müßten ihnen zu seltsam vorkommen; in dieser entstellenden Sclavenkleidung und nach so langer Zeit würden sie mich sicher nicht mehr kennen. Ich will ihnen zuerst sagen, daß ich als eine freye Römerinn widerrechtlich zur Sclavinn gemacht wurde. Das wird ihr Mitleid, ihr Gefühl für Recht, ihren edlen Römerstolz aufregen, und sie werden mich geduldig und aufmerksam anhören. Ich will ihnen dann meine Geschichte erzählen; ich null ihnen sagen, daß ich aus edler Abkunft und die Gemahlinn>encs berühmten-Placidus sey, der mit nur und seinen zwey kleinen Söhnen nach Aegyp- ten auswandern wollte. Vielleicht glückt es mir, in ihnen solche Erinnerungen aus der Geschichte ihrer Kindheit zu erwecken, daß Beyde von selbst auf den Gedanken kommen, ich sey ihre Mutter! Oder vielleicht findet sich unter dem Heere noch einer oder der andere alte biedere Krieger, der ehemahls unter meinem Gemahl diente, Mich noch kennen und Mir bezeugen wird, daß ich die Wahrheit rede. Und so werden wir denn am Ende m's Klare kommen, und mir wird die Seligkeit werden, sie als meine Kinder an mein Herz zu drücken.» Theopista bemerkte jetzt, daß die Kriegerschar auk dem grünen Platze aus einander ging, und daß auch die Offiziere sich nach und nach alle entfernten. Nur ihre zwey Söhne setzten sich wieder auf eine Bank.»Nun,« sprach sie,»ist der rechte Augenblick gekommen? nun will ich hinunter und mich ihnen zu erkennen geben. O Gott, erleuchte Du mich, und laß mich die rechten Worte finden, sie von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen.« Sie trocknete ihre Thränen, und eilte hinunter in den Garten. Allein, da sie eben über den Steg ging, der über den Bach führte, standen die beyden Söhne mit einem Mahle auf, um weiter zu gehen. Sie gingen aber nicht auf das Haus zu: sie nahmen durch den schattigten Wald hin einen andern Weg. Theoplsta bedachte sich schnell, machte einen kleinen Umweg und kam ihnen entgegen. Ihr Herz klopfte heftig, und es zitterten ihr alle Glieder. »Ihr edlen jungen Krieger,« sagte sie mit bebender Stimme, wäre es mir wohl erlaubt, Euch eine Bitte vorzutragen?«»Fürchte Dich nicht, und zittere nicht so,« sprach Agapius, indem er ihr mitleidig in's blaffe Angesicht sah, und wohl bemerkte, daß sie geweint harte.«Sey gutes Muthes und sag Deine Bitte getrost. Wenn wir sie je gewähren können, so werden wir es gerne thun.« Sie sprach: »Ich bin eine geborne Römerinn; allein durch widerrechtliche Gewalt ward ich meinem Manne'und meinen Kindern entrissen, und als Sklavinn verkauft.«»Nun,« sprach Agapius,»da wünschest Du wohl, wir sollen dich aus der Sclaverey befreyen? Allein das steht nicht in unserer Macht; das kann nur der Feldherr.« Sie sagte:»Das glaube ich gern; allein ich bitte Euch, höret meine Geschichte doch erst an. Ich hoffe Euch zu überzeugen, daß ich aus einem der edelsten Geschlechter Roms, und die Gemahlinn eines jetzt vielleicht vergessenen aber ehemahls allgemein geschätzten Kriegshelden bin.«»Auch »>*»» AI' darüber kann der Feldherr am besten urtheilen,» sprach Agapius.»Wir sind in Rom fremd, wurden an den Gränzen des Reichs erzogen, und wissen wenig von Roms edlen Geschlechtern. Unserm Feldherrn aber ist Dein Gemahl ohne Zweifel bekannt. Ihm mußt Du Deine Bitte vortragen.« Sie sprach: »Allein wie komme ich bey ihm vor, und wird er wohl sich so weit herablassen, einer armen Sclavinn Gehör zu geben?«»Wir wollen Dir bey ihm Gehör verschaffen,« sprach jetzt Theopistus, ihr anderer Sohn.»Er ist sehr gütig und leutselig, und da uns Deine Aussage wahr scheint, so wird er Deine Bitte sicher erfüllen. Wir gehen jetzt eben zu ihm, seine Befehle zu vernehmen. Komm nur sogleich mit uns.« Dieses unerwartete Anerbiethen war ganz gegen ihren Wunsch. Sie blieb unentschlossen stehen; sie hatte sich ihren geliebten Söhnen gerne in einem vertraulichen Gespräche entdeckt, und ihr Gemüth war jetzt gar nicht vorbereitet, dem sicggekrönten, bewunderten Feldherrn, der ihr, wie sie meinte, ganz fremd war, ihre Herzensangelegenheit vorzutragen. Allein ihre beyden Söhne sagten:»Wozu das Zögern und Zagen? Wie haben Eile, und haben uns ohnehin schon etwas verspätet. Komm ungesäumt mit uns. Eine solche schöne Gelegenheit, ihn zu sprechen, wird Dir sobald nicht wieder. Wir geben Dir unser Wort, Du sollst unaufgehalten durch alle Wachen hindurch kommen, unsern ruhm- würdlgsten Feldherrn von Angesicht zu Angesicht sehen, und sicher nicht ohne Trost und Hilfe zurück kehren.«»Nun wohl,« sagte Theopiffa, augenblicklich gefasst;»ich nehme Euer Anerbiethen dankbar an, und gehe mit Euch.« Die beyden Hauptmanner Schmid'S Jugendsch- rb. Bd. Eustachuis^ 9 — 98—^ gingen mit schnellen Schritten, und Theopista folgte ihnen mit klopfendem Herzen. Dreizehntes^axiiel. Die Ehegatten. Die beyden Hauptleute näherten sich dem Pal- laste, in dem der Feldherr sein Haupt-Quartier hatte. Die hohen Marmorsäulen des Einganges prangten noch mit den abwechselnden Gewinden von grünen Lorberzweigen und farbenreichen Blumen. Die Wachen traten hervor, und begrüßten die zwey Hauptmanner mit den geziemenden Ehrenbezeugungen. Theopista bemerkte dieses mit mütterlichem Wohlgefallen, und folgte ihren Söhnen die marmorne Treppe hinauf in den hochgewölbten Vorsaal. Hier hieß AgapiUs sie ein wenig warten, ging mit eherbiethigem Anstande in den Saal, in dem sich der Feldherr befand, kam aber sogleich wieder heraus, und winkte ihr, hinein zu gehen. Theopista trat in den Saal, der mit kaiserlicher Pracht ausgeschmückt war. Die Wände glänzten von Gold und Marmor, und der Fußboden war mit farbigen Teppichen belegt. EustachiuS stand in dem prächtigen Anzüge eines römischen Feldherrn nahe an einem der hohen Fenster, durch das die Abendsonne herern strahlte, und seine edle Gestalt beleuchtete; neben ihm auf einem Tische, der mit Purpur bedeckt war, befand sich sein von Gold glänzender Helm mit dem prangenden Federbusche, der Befehlshaberstab von Elfenbein und mit Gold verziert, und das Schwert mit dem goldenen Griffe. Theopista blieb in demüthiger Stellung, wie eS einer Sclavinn geziemt, nicht weit von der Thüre stehen, wollte eben den Mund öffnen, um ihre Bitte —« 99—» vorzubringen, und erkannte in dein Feldherrn plötzlich ihren Gemahl Eustachius. Er kam ihr so jugendlich blühend vor, wie er einst an ihrem Brauttage als Bräutigam vor ihr gestanden. Sie erblaßte vor Freudenschrecken und starrte ihn voll Erstaunens einige'Augenblicke an. Dann eilte sie mit offenen Armen auf ihn zu, rief mit lauter Stimme:»O mein Gemahl!« stand aber auf halben Wege erschrocken still, und ließ fast ohnmächtig die Arme sinken. Denn sie bemerkte, daß ihr Gemahl sie nicht mehr kenne. Wirklich blickte er sie auch höchst befremdet an, und sein ernstes Auge schien zu sagen: »Was soll das seyn? ist diese Sclavinn, die man zu mir herein gewiesen hat, nicht bey Sinnen?« Denn da er seine Gemahlinn schon seit vielen Jahren für todt hielt, so kam ihm auch nicht der leiseste Gedanken zu Sinn, drese Sclavinn könnte seine geliebte Theopista seyn. Indeß ging er voll Mitleids zu ihr hin, um von den: traurigen Gemüthszustande, in dem sie ihm zu seyn schien, sich näher zu überzeugen. Sie aber sprach:»Ach Du edler! vortrefflicher Mann, so erkennest Du mich denn nicht mehr! Zwar wundere ich mich nicht darüber; denn Zeit, Kummer und Leiden mögen meine Gestalt immerhin verändert haben. Allein höre mich, ehe Du mich als eine Fremde zurück weisest, doch erst an! Ich kann Dir, als Zeichen, wer ich sey, solche Geheimnisse angeben, die nur Dir und mir bekannt sind, und aus denen Du zuverlässig erkennen wirst, wer ich sey. Das römische Kriegsheer nennt Dich zwar Placidus; allein der Nahme, mit dem die Christen Dich nennen, und den Du annahmst, als Du Dich zum Glauben der Christen bekehrtest, heißt Eusta- chius. Erinnere Dich jenes hellglänzenden Kreuzes, daS Du im Walde zwischen dem Geweihe eines Hir- —« 100»»»> sches'erblicktest— jenes Traumes, in dem Christus sich auch nur zu erkennen gab—jenes frommen Bischofes Johannes, von dem nur und unsere zwey kleinen Söhne in der Stille der Nacht getauft wurden. Ach Du mußt es wohl noch wissen, wie mir in der Taufe der Nahme Theopista, dem altern unserer zwey holden Knaben der Nahme A.gapius, dem jünger» aber der Nahme Theopistus ertheilt ward. Gedenke der vielen Trübsale, die nach der Weissagung des frommen Bischofes über uns gekommen, und die wir im Vertrauen auf Gott muthig und standhaft übertrugen; gedenke, wie unsere Herden umkamen, unsre Felder verödeten, unser Landhaus in ein Krankenhaus verwandelt, und bald darauf von Räubern ausgeplündert wurde; gedenke unsrer traurigen Flucht und jenes schrecklichen, herzzerschnei- denden Augenblickes, in dem ich auf dem Schiffe von Dir und unsern lieben Kindern getrennt wurde! Ach, frage mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheiten, und ich will sie Dir alle nennen! Frage mich sogar über die Worte, die Du bey diesem oder jenem wichtigen Anlasse zu mir sagtest, die niemand hörte, als ich, und ich will sie Dir alle wiederholen; denn alle sind noch getreulich in meinem Gedächtnisse eingeschrieben. O gewiß, ich bin jene Theopista, Deine Gemahlinn, die weinend und jammernd, ja fast entseelt von jenem unmenschlichen Mohren Dir aus den Armen gerissen worden; seit dieser langen Zeit, von fast sechzehn Jahren bis zu dieser Stunde, habe ich mich immer nach Dir gesehnt, und meine Liebe und Treue Dir unversehrt bewahrt, so wie ich sie Dir bis in mein Grab bewahren werde. So gewiß Du derjenige bist, dem nach Gottes weiseste» Absichten alle jene widrigen Schicksale begegneten, so gewiß bin ich diejenige, die alle diese Schicksale mit Dir theilte! Erkenne daher in mir Deine getreue, liebevolleMemahlinn, mit der Du, wiewohl nur wenige Jahre, in der glücklichsten Ehe gelebt, und ihr unzählige Beweise der zärtlichsten Liebe gegeben hast. Denn das würde ich ewig nicht glauben, das; Du, den Gott jetzt mehr als je erhöhte, und mit Glanz und Ruhm verherrlichte, mich, die Er zu dem dunkeln, verachteten Stande einer Sclavinn erniedrigte, deßhalb verschmähen und verstoße» könntest! Nein, nein, das kannst Du nicht, liebster Gemahl, bester Eu- stachiuS! Ach mein Herz war immer bey Dir, so lange wir auch getrennt waren. Ich kann die Freude, Dich nach so langer Trennung wieder von Angesicht zu sehen, nicht aussprechen! und gewiß muß dieser selige Augenblick, da Gort uns nach so vielen Prüfungen wunderbar wieder zusammen führt, auch für Dich ein Augenblick des Himmels seyn.br Eustachius hatte seine Gemahlinn, wahrend sie sprach, aufmerksam betrachtet. Wiewohl sie in diesen erschütternden Augenblicken einer Ohnmacht nahe und ihr Angesicht blaß war wie eme Leiche, und ihre Sclaventracht sie noch mehr entstellte, so wurden dennoch ihre wohlbekannten Züge ihm nach unb nach immer deutlicher und der gewohnte Klang ihrer lieblichen Stimme drang an sein-Herz. Er erkannte sie. Eme eigene, wunderbare Empfindung durchschauerte ihn, als er seine geliebte Theopista, die er seit bald sechzehn Jahren für todt gehalten, jetzt lebend chor sich stehen sah. Das höchste Erstaunen, unnennbares Entzücken, und das innigste Mitleid erfüllten zugleich seine Seele. »Theopista!« rief er fast außer sich,»ja, Du bist es, Du bist meine theure, meine innigst geliebte Gemahlinn, deren Verlust mir bis dieseStun- de unvergeßlich und unersetzlich geblieben! Ach, in was für bcdauernswerthe Umstände bist Du gera- ***** K)2**** then! Doch, Gott, der Allmächtige, sey gelobt und gepriesen, daß er Dich mir wieder geschenkt hat! Aller Glanz und Ruhm, um den mich viele Tausends beneiden, ist nichts, gar nichts gegen die Seligkeit Dich wieder in meine Arme zu schließen.« Er schloß sie in seine Arme und benetzte ihr Angesicht mit heißen Thränen. Auch sie weinte die seligsten Thränen. Beyde vergaßen aller ihrer bisherigen Leiden. Nichts übertraf ihre Seligkeit, als der Dank und die Anbethung, womit sie, während sie sich umarmten, von Zeit zu Zeit zu dein Himmel aufblickten- vierzehntes SkaKitel. Die Söhne. Eustachius fühlte sich unaussprechlich glücklich, seine innigst geliebte Gemahlinn wieder gesunden zu haben. Allein bald trübte der Gedanke an seine Söhne dieses sein Glück. Es fiel ihm wie ein Felsenstück auf das Herz. Theopista werde jetzt nach ihren Söhnen fragen, und er könne ihr die Wahrheit nicht verhehlen, daß Beyde ihm von wilden Thieren geraubt worden.»Ach, die gute Mutter!« dachte er; »wie bald wird ihr die Freude, den Vater wieder gefunden zu haben, in Jammer über den Tod ihrer Kinder verwandelt werden!« Indem er dieses dachte, sprach Theopista:»Nun, liebster Gemahl, laß uns die Freude des Wiedersehens auch mit unsern geliebten Söhnen theilen! O wie verlangt mein mütterliches Herz, sie nach so langer Trennung wieder in meine Arme zu schließen!« Eustachius sprach tref betrübt:»Liebste Theopista, holde Mutter liebenswürdiger Knaben, laß uns die unerforschlichen, aber immer weisen und liebevollen Nathschlüsse Gottes Lü **** 103 im Staube anbothen! Unsere Söhne wurden als zarte Knaben der Raub wilder Thiere. Sie sehen das Licht dieser Sonne nicht mehr, sie wandeln nicht mehr unter den Lebenden!« Allein Theopista rief hocherfreut:»Nein, nein, liebster Gemahl, Du irrest! Deine beyden Sohne leben! Gott hat sie unverletzt aus den Rachen der wilden Thiere errettet! In diesem Augenblicke will ich sie Dir lebend vor Augen stellen! Sie sind Deine würdigen Streitgenoffen! Ja ohne ihren Muth, ihre Liebe zu Dir, hattest Du vielleicht nicht gesiegt, und dieses Land wäre vielleicht eine Beute feindlicher Völker geworden!«»Theopista, was wandelt Dich an?« sprach Sustachius.»Du erscheinst mir in diesem Augenblicke als eine begeisterte Prophetinn.« Sie aber eilte hinaus auf den Vorsaal, sagte den zwey jungen Kriegern!»Kommt mit mir, der Feldherr begehrt Euer!«— nahm Mit ihrer Rechten den Einen, mit ihrer Linken den Andern bey der Hand, führte sie in den Saal, und sprach mit hoher Freuds:»Feldherr! sieh da in diesen jungen Helden Deine beyden Söhne! Dieser da mit den dunkeln Locken ist Dein Agapius, den Dir der Löwe— und dieser hier mit den gelben Haaren Dein Theopistus, dpn Dir der Wsff geraubt ha/. Allein was vermögen reißende Thiere gegen diejenigen, die Gott schützt? Gott hat sie errettet; Gott hat sie Dir wieder zugeführt; unter Gottes Leitung halfen sie Dir streiten. Ohne Dich, ohne einander zu erkennen, halfen Sie D-r mit vereinten Kräften Deinen ruhmvollen Sieg erkämpfen. Erst in dieser Stunde erkannten sie sich vor meinen Augen als Brüder; erkenne nun auch Du, glücklicher Vater, in ihnen, die Du, ohne sie zu kennen, vor Tausenden ausgezeichnet hast, Deine würdigen Söhne!« Eustachius rief voll des höchsten Erstaunens: — 104— »Wie, diese heldenmäthigen Jünglinge, unter die ich heute meinen Lorberkranz vertheilte, sollten meine Söhne seyn? Jene zarten Knaben, die ich mit Entsetzen in den Rachen wilder Thiere erblickte, sollten mir gleichsam von dem Tode wieder zurück gegeben seyn? O Du guter, barmherziger Gott, diese Seligkeit wäre zu groß; noch kann ich es nicht glauben.« Allein Theopista sprach:»Glaube mir, edler Vater, sie sind Deine Söhne. Ich bin meiner Sache gewiß; es ist mir so klar wie die Sonne. Doch wozu bedürfte es vieler Worte? Sieh diese Jünglinge nur einmahl recht an! Sieh da deinen Aga- pius, blicke ihm in die Augen, betrachte seine Stirne, seinen Mund, und sag selbst, ist er nicht Dein getreues Ebenbild und wie von Dir abgezeichnet? Sieh da Deinen Theopistus, diese blauen Augen, diese blonden Locken— gleicht er nicht seiner Mutter, da sie noch in der Blüthe ihrer Jugend prangte? Zweifle also nicht mehr, und umarme sie als Deine Söhne!« Der hocherfreute Vater hatte keinen Zweifel mehr schloß bald Agapius, bald Theopistus in seine Arme, und reichliche Thränen flössen über seine Wangen. Er genoß der größten Seligkeit edler Ael- lern— der Seligkeit zu sehen, daß ihre Kinder sich ihrer würdig betragen. Aber auch die Söhne waren vor Freude außer sich, in dem hochverehrten Feldherr;,, dem geliebten, aber auch gefürchteten Gebiether, dessen Blick Ehrfurcht forderte und Gehorsam geboth, einen liebenden Vater zu finden, dessen Vaterherz sich m reichliche Thränen ergoß. Theopista, die edle Gattinn und Mutter stand seitwärts und erfreute sich der Seligkeit ihres Gatten und ihrer Söhne. So sehr ihr Herz brannte, ihre Kinder zu umarmen, so wollte sie die entzück- ten Söhne den väterlichen Umarmungen noch nicht entziehen. Sie konnte sich an dem himmlischen Anblicke nicht satt sehen. Freudenthränen flössen über ihre blaffen Wangen; sie fühlte sich die seligste Gattinn und Mutter. Ihre beyden Söhne ahneten aber gar nicht, daß ihre geliebte Mutter, über deren Verlust sie einst als Kinder so heiße Thränen vergaßen und je älter sie wurden, sich immer mehr nach ihr gesehnt hatten, ihnen so nahe sey. Am allerwenigsten dachten sie daran, die bleiche Sclavinn mit roth- geweinten Augen, der sie aus Mitleid bey dem Feldherrn Gehör verschafft hatten, sey ihre Mutter. Sie hatten in ihrer gegenwärtigen Freude dieser Sclavinn ganz vergessen, und achteten so wenig auf sie, als wäre sie gar nicht zugegen. Allein dem edlen Vater war dieß höchst auffallend; denn er zweifelte nicht im geringsten, die Mut-' tcr habe sich ihren zwey Söhnen schon zuvor, ehe sie ihm dieselben vorführte, zu erkennen gegeben. Er sprach daher mir sichtbarer Betrübniß und großem Ernste: Nun, meine Söhne! Habt Ihr nur Thränen und Umarmungen für Euern Vater? Sagt Euer Herz Euch nicht, daß Ihr noch eine andere süße Pflicht zu erfüllen habt?>— Wie? Ihr nennt Eure Mutter nicht einmahl? Habt Ihr kein Gefühl mehr für sie, und soll sie von aller Theilnahme an unserer Freude ausgeschlossen bleiben?—- Ihr seht mich befremder und verlegen an!—- Nun, Ihr werdet Euch doch noch Eurer Mutter erinnern, wie hold und anmuthsvoll sie war, und wie sie in den Tagen Eurer glücklichen Kindheit Euch so lieb hatte! Du, Theopistus, weißt Du nicht mehr, wie sie Dich damahls, als Du auf unserer Auswanderung erlegen warst, so zärtlich auf ihren Armen trug? Und Du, Agapius, chast auch Du es vergessen, wie ->»-» 106 Ihr beyde auf dem Schiffe krank geworden, und wie sie Euch doch so liebreich verpflegte, und Nachte hindurch bey Euch wachte? Wenigstens muß Euch unser Jammer, als sie von jenem Mohren genommen wurde, noch in frische!« Andenken seyn! —> Ach eS ging ihr indessen sehr hart! Sie wurde in die Sclaverey fortgeschleppt, in der sie noch schmachtet! Sie ist nun wohl sehr arm, unglücklich und verachtet! Allein sagt, wäre es möglich, daß ihr deßhalb Euch ihrer schämen könntet?—O dann wäre es mir lieber, ich hatte Euch mit keinem Auge mehr gesehen?« »Liebster Vater!« rief jetzt Agapius, und griff an sein Schwert,»sag uns doch nur, wo ist der Bösewicht, jener abscheuliche Mohr, der meiner geliebten Mutter so vieles Leid zufügen konnte? An diesem Schwerte will ich sein Blut herab tröpfeln sehen! Seine ganze Rotte will ich in Stücke zerhauen, um die Mutter zu befreyen!« Thsopiffus sprach:»Lieber Vater, da Du weißt, daß die Mutter eine Sclavinn ist, warum hast Du sie denn nicht schon längst befreyt. O sag' uns doch geschwind, wo wir sie auffinden können? Wo, wo ist sie? Den letzten Tropfen meines Herzblutes will ich daran setzen, die Mutter von Elend und Unterdrückung zu erretten!« Eustachius sagte:»Wie, Ihr kennet sie nicht einmahl? daS begreife ich nicht, wie das möglich ist. Doch— ohne sie zu kennen, habt Ihr Sie schon gesehen. Seht da, diese ist es? Sie, die Euch als meine Söhne mir vorführte, stelle ich nun Euch als Eure Mutter vor.« Beyde Söhne empfanden das innigste Mitleid, ihre geliebte Mutter als Sclavinn zu erblicken. Wie es vorhin die Freude der entzückten Söhne sehr erhöhte, gerade in dem bewunderten Feldherrn, den — 107— sie unter allen Menschen auf Erden am höchsten verehrten, ihren Vater zu erkennen, so ward jetzt die Freude, ihre Mutter wieder zu finden, durch den Anblick ihrer Armuth und Niedrigkeit, ganz unaussprechlich rührend. Freude, Schmerz und Wehmuth durchdrängen ihre Herzen so mächtig, daß beyde Jünglinge in heisie Thränen ausbrachen. Die entzückte Mutter aber stand da, wie verklärt von Freude. Der unbeschreibliche Ausdruck von mütterlicher Zärtlichkeit in ihrem milden Angesicht und in ihren thränenvollen Augen hatte etwas Himmlisches. Beyden Söhnen war es nicht anders, als erblickten sie einen seligen Geist, einen Engel des Himmels. »Mutter! Liebste Mutter!« riefen beyde mit Einem Munde, und fielen ihr beyde um den Hals. Mutter und Söhne konnten ihre Freude nicht mit Worten, sondern nur mit Thränen und frommen Blicken zum Himmel ausdrücken. Der Vater aber sprach rm Uebermaß seiner Freude:»Ich möchte laut ausrufen, daß es die ganze Welt vernähme:»O ihr alle, die ihr Gott furchtet, kommet, sehet und höret, was für grosse Dinge Er an mir, meinem liehen Weibe und meinen lieben Kindern gethan hat.« MünsrchmsÄ GKPitsl. Der junge Bauer. EustachiuS sprach über eine Weile:»Die Empfindung wird uns zu mächtig! Auch die Freude ist angre'fend, ja oft noch angreifender, als der Schmerz. Ich fühle mich ganz beklommen. Kommt, und laßt uns ein wenig frische Luft schöpfen?« Er öffnete die zwey Thorflügel einer hohen Pforte, und ging mit seiner Gemahlinn und seinen Söhnen hinaus 103— auf einen Altan, von dem man über die unten liegenden Garten der Stadt hin die herrlichste Aussicht auf eine reiche Landschaft harte. Sie blieben an dein marmornen Geländer einige Zeit stillschweigend stehen. Es war ein schöner, heiterer Abend. Kühle Lüftchen säuselten durch die nahen Pappel- bäume. Die Wolken, die benachbarten Dörfer, und die fernen Wälder und Berge waren von den letzten Strahlen der Sonne gerathet. Eustachius zeigte auf die untergehende Sonne und sagte:»O wie groß ist Gott rn seinen Werken!'Allein so groß und herrlich er in seiner Schöpfung ist, so freundlich und gütig zeigt Er sich auch in der Führung der Menschen. Er, der uns nach diesem glühendheißen Tage diesen kühlen, erquickenden Abend gibt, schenkte uns auch nach mancher heißen Trübsal wieder Freude und Erquickung. Darum danket dein Herrn, denn Er ist freundlich und seine Güte währet ewig.« Hierauf setzte sich Eustachius mit seiner Gemahlinn auf die marmorne Bank des Altans; die beyden Söhne setzten sich zu beyden Seiten der Ael- tern, und Eustachius sprach:»Ich weiß nun wohl, liebste Gemahlinn, daß jene Schiffsknechte, die Dich fälschlich für todt ausgaben, Dich in die Sclaverey verkauft haben; eben so weiß ich, daß Ihr, meine geliebten Söhne, aus dem Rachen der wilden Thiere errettet worden. Allen, w,e dieses zuging, und waS. in der langen Reiche von Jahren, jeit wir uns das letzte Mahl^gesehen, Euch alles begegnete, davon weiß ich noch nicht das Geringste. Erzählt mir das Wichtigste davon; denn gewiß werde ich neue Ursache finden, Gott zu loben und zu preisen.« Theopista sagte:»Ihr, meine geliebtesten Söhne erzählet mir und Eurem Vater zuerst, was Euch erzurichten; auch mußte sie den Sklavinnen, die unausgesetzt bunte Zeuge webten, oder in Gold und Seide stickten, die Muster und Zeichnungen vorlegen und fleißig Nachsehen, ob dieselben auch richtig ausgesührt würden. Sie holte mehrere Zeichnungen zu Stickereyen herbey, und ließ mir die Wahl, was für eine ich in Arbeit nehmen wolle. Ich wählte diejenige, die nur am meisten gefiel, die aber auch die schwerste war. Sie sollte mit Gold in Purpur gestickt werden. Ach, ich hatte nie gedacht, mit einer Kunst, die ich nur zu meinem Vergnügen trieb, mir noch einst das tägliche Brot verdienen zu müssen. Indeß fand ich, daß es sehr gut ist, wenn man in der Jugend etwas ge- lernt hat. Als der Kaufmann nach einigen Stunden kam, um zu sehen, wie meine Probearbeit ausfalle, war er mit meiner Geschicklichkeit und noch besonders mit meiner Schnelligkeit im Arbeiten höchst zufrieden , und ertheilte mir einen Lobspruch, der in seinem Munde nicht wenig sagen wollte. »Nun,« sprach er, das viele Geld, das ich für Dich auslegen muß, ist nicht weggeworfen.« »2ch mußte aber numnehr, von Morgens frühe bis spat in die Nacht, unaufhörlich arbeiten und fing an von dem blendenden Glanze des Purpurs und Goldes an den Augen zu leiden. Lydia barh ihren Mann lange vergebens, mir des Tages einige Freystunden zu schenken. Zndeß nahm sie mich einmahl mit in den-Garten. Einige fremde Gewächse hatten ein sehr dürftiges Aussehen. Ich sagte ihr, wie man sie behandeln müsse, und wie man überhaupt den ganzen Garten, der zu überladen war, sehr verschönern, und dabey noch Vieles ersparen könnte. Lydia, erzählte dieß sogleich ihrem Manne, und wußte es dahin zu bringen, daß er mir die Aufsicht über den Garten übertrug. Die Stunden, sagte er, die sie darauf verwendet, sind dann doch nicht ganz verloren, und kommen uns wieder zu gut. Zch nahm tnich des Gartens an, verpflegte die fremden Gewächse, und sie erholten sich bald und gediehen herrlich. Auch die vorgeschlagene Veränderung im Garten wurde vorgenommen und fand bey allen Fremden und Handelsfreunden, die den Garten besuchten, den vollkommensten Beyfall. Was gut in's Auge fällt, sagte der Kaufmann, und nicht viel kostet, ist immer das Beste. Die Sclavinn Theopista mag —— 130 —— den Garten ferner brsorgen. Das Paar Stunden, die ich nun mit Lydia täglich im Garten Zubringer: durfte, waren meine einzige Erholung.« »Der schlaue Kaufherr hatte bald entdeckt, das; ich eine Christum sey. Er ließ sich aber nichts davon merken. Nur sagte er zu Zeiten : Die Christen Scla- ven sind die treuesten, die welligsten, die fleißigsten von allen; allein für den Kaufmann sind'sie doch eine gefährliche Waare. Denn wenn sie nun den wilden Thieren vorgeworfen oder verbrannt werden, wer ersetzt ihm das Capital, das er für sie auslegte? Lydia hoffte indeß immer, er werde sich noch zum Chnstenthume bekehren. Ach, sagte sie öfter, dann wäre unsere Ehe erst vollkommen glücklich; dann würde unser Haus eine Wohnung des Himmels werden.« - »Einst war Lydia gefährlich krank; alle im Hause, so wie ich selbst, glaubten, sie werde sterben. Da ließ sie ihren Mann bitten , an ihr Sterbebett zu kommen. Dieß fiel ihm sehr schwer; denn er hatte, wie alle bloß irdisch gesinnten Menschen, eine ganz entsetzliche Furcht vor dem Tode. Indeß kam er, und trat scheu mit allen Zeichen des Schreckens an ihr Bett. Er war nicht wenig erstaunt, sie so heiter und fröhlich zu sehen. Er konnte gar nicht begreifen, daß sie den Tod für etwas Erfreuliches ansehen könne. Er bezeigte ihr seine Verwunderung. Sie aber sprach: O liebster Mann! Meine Freudigkeit im Tode kommt daher, daß ich eine Christinn bin. Ach, wie sehr wünschte ich, daß auch Du ein Christ seyn möchtest! Was wir von Gütern dieser Welt haben, muß ich jetzt verlassen, und Du mußt es einst, vielleichtbald, auch verlassen. Ich weiß es gewiß, daß in lener Welt bessere Schätze auf mich warten; möchtest Du Dir diese Ueberzeugung, zu der jeder Mensch durch Glauben an Christus, durch Sinnesänderung und 131 —* wahre Buße gelangen kann, doch auch verschaffen! Ich bitte Dich, thue es doch!« »Und dann noch eine Bitte! sprach sie, indem sie auf ihre drey Kinder blickte, die weinend und schluchzend an ihrem Bette standen. Diese unsere Kinder habe ich bisher, wahrend Du in Deinem Arbeitszimmer oder in Deinen Waarengewölben beschäftigt wärest, im Glauben der Christen erzogen. Ich weiß -es, dieser Glaube ist daS kostbarste Kleinod, das ich ihnen hinterlaffen kann. Ach, suche es ihnen nicht zu nehmen! Theopista, meine Freundin», ist eine Christin», wie ich. Sie war immer die zweyte Mutter meiner Kinder und wird es auch ferner seyn. Laß ihnen, da ich jetzt dahin scheide, diese ihre treue Erziehermn. O versprich nur dieses, und ich sterbe freudig. Ihre Heiterkeit, rhre Ruhe, ihre liebevolle Besorgniß für ihre Kinder machte großen Eindruck auf den Mann. Er versprach ihre letzte Bitte zu erfüllen, und schied weinend von ihr. Jndeß wurde Lydia wieder gesund. Der Eindruck aber, den ihr Anblick und ihre Reden auf den Mann gemacht hatten, erlosch nie mehr ganz in seinem Herzen. Er schren nun dem Christenthume geneigter; er hörte öfter zu, wenn Lydia und ich davon redeten. Und als nun durch die Gnade des Kaisers die Verfolgungen der Christen in unsrer Stadt aufhörten, gestattete er sogar, daß Lydia den christlichen Gottesdienst besuchen, und daß ich sie begleiten durfte, was uns Beyden große Freude machte.« »Von dieser Zeit an, da die Verfolgung der Christen eingestellt wurde, ging in unsrer ganzen Stadt eine bedeutende Veränderung vor. Eine große Anzahl Männer und Frauen, worunter mehrere sehr ansehnliche waren, bekannten sich nun öffentlich zum Christenthume; eine noch größere Zahl fing an, durch dieses Beyspiel erweckt, die Lehre der Christen zu hören, und wurde auch gläubig. Ihre Bekehrung blieb auch nicht ohne Früchte; und brachte großen Segen über diese Stadt. Unter Anderm wurden nun die armen, geplagten Sclaven, sie mochten Christen seyn oder nicht, menschlicher behandelt. Ja mehrere Kaufleute und vermögliche Gutsbesitzer schenkten ihren christlichen Sclaven die Freyheit. Allein dazu war unser Kaufherr, so sehr ihn auch Lydia bath, wenigstens mich frey zu lassen, noch nicht zu bewegen. Er versprach eS zwar öfter, verschob es aber immer von einer Zeit auf die andere. Durch all ihr Bitten konnte sie ihn nicht einmahl dahin bringen, daß ich die Slavenkleidung ablegen und mich ihr ähnlich kleiden dürfe. Er scheint zu fürchten, wenn ich nicht durch mein Kleid als Scla- vinn bezeichnet wäre, könnte ich leicht entfliehen, und ihm könnte so der Gewinn von meinen Arbeiten entgehen.' Auch hatte er sich noch nicht taufen lassen. Immer harre ve zuvor^nv-ch ein wichtiges Handelsgeschäft zu beendigen, und ehe er dieses zu Ende gebracht hat, sieht er sich schon wieder in ein anderes, noch wichtigeres verwickelt. So schwer ist es, nach dem Ausspruche des Erlösers, für einen geldgierigen Reichen in das Himmelreich einzugehen. Obwohl mir übrigens die Kargheit des ManneS manche trübe Stunde machte, so habe ich der Freundschaft der edlen Lydia doch unzählige frohe Stunden zu danken. Nur dem Anscheine nach war ich in ihrem Hause ein arme Sclavinn, die das Los der Dienstbarkeit beschwert; in der That aber lebte ich zufrieden im Herrn, und nicht ohne Segen für meine Mitmenschen.« Als Theopista ihre Erzählungen geendet hatte, erzählte nun auch Eustachius die merkwürdigsten Begebenheiten seines Lebens und sprach hierauf: ?>Un- sere Geschichte, liebste Gemahlinn, und die Geschichte —— 1^2 —— unsrer Söhne ist ganz ein Werk der göttlichen Vorsehung , ein Wunder seiner Erdarmungen!« »Wie klar erkenne ich jetzt die Fügungen Gottes in unserm Leben, die mir vorhin so dunkel waren! Dort in der Wildnis; tröstete ich mich zum Beyspiel mit den Worten , daß derjenige, der auf Gott verrraut, den offenen Nachen des Löwen nicht zu fürchten habe—und dennoch wurden meine Heyden Eöhne'sogleich darauf von einem Löwen und einen; andern wilden Thwre geraubt! Das war mir unbegreiflich. Allein hat Gott nicht mich selbst vor dem Lowenrachen geschützt, und hat Er, was noch mehr ist, nicht meine Kinder aus den; Rachen der wilden Thiere wunderbar errettet? Und hatte Gott, indem Er mir sie rauben ließ, nicht dabey, so wie bey Allem, was uns begegnete, die weisesten und liebevollsten Absichten?« »Ach wenn wir im ruhigen Besitze unserer Neich- thümer und in unserer Verbindung mit der großen Welt geblieben waren, wenn in unserm Hause, wie das früherhin geschah, immer eine vornehme Gesellschaft die andere verdrängt hätte, wenn sogar unsere Erholungen, zum Beyspiele meine Jagden, wieder neue Erholungen nöthrg gemacht hatten, wre bald hätten wrr wieder in das alte Wesen zurück sinken, und von wahren Christen nichts, als den Nahmen übrig behalten können? Auch die Erziehung der Kinder ist m einem reichen Hause, in dem die große Welt so zu sagen zu Hause ist, vielen Gefahren ausgesetzt, und wir hätten unsere Söhne wohl nicht so gilt, als wir wünschten, erziehen können! Allein Gott fügte es anders und besser. Er entzog u^s unsere Güter, unsere vornehmen Freunde, die Gunst des Kaisers, trennte unS von einander und von unfern Kindern, und überhäufte uns mit Leiden. Ich lenkte nun als ein fiel- 134 ßiger Bauersmann den Pflug, und lernte aus Erfahrung , wie hart die Landleute ihr Stückchen Brot erwerben müssen. Einsamkeit und Entfernung vom Geräusche der Welt lehrten Mlch Gott und mich selbst erst recht erkennen; die göttliche Lehre Jesu wurzelte in meinem Innersten immer tiefer. Du, liebste Gemahlinn, die einst von der Welt so sehr bewundert wurde, mußtest als Sclavinn Dich de- müthrgen; solche Demürhigungen aber sind ein Rei- nigungsfeuer, das uns von den Flecken der geheimsten Eitelkeit läutert. Auch unsere zwey Sohne wurden in eine Schule geführt, wo Bethen und Arbeiten ihr beständiges, und in der That sehr lobenswe» thes Geschäft war, und wo sie vor den Gefahren der großen Welt bewahrt blieben.« »Unsere Leiden gereichten aber nicht nur uns, sondern auch Andern zum Helle. Mir gelang es unter Gottes Beystande, die Landleute von jenem Fel- senthale zu einem guten, Gott gefälligen Volke zu bilden. Du, Theopista, wurdest dem Hause, in dem Du lebtest, zum Segen. Auch unsere Sohne konnten , indem sie freywillig Soldaten wurden, ihren Wohlthätern sich dankbar erzeugen; sie konnten, gesund und kraftvoll durch ihre ländliche Erziehung, in den Zeiten der Gefahr zur Rettung ihres Vaterlandes beytragen. Und alle unsere Leiden, die uuS und Andern zum Segen gereichen, wurden uns überdieß noch durch die Seligkeit unsers Wlederfin- dens vergütet, wiewohl wir den größten Lohn noch in dem Himmel zu erwarten haben.« »Jenes hellglänzende Kreuz, das ich einst im Walde erblickte, gewinnt so für uns eine neue schöne Bedeutung. Es ward mir zwar dadurch zuerst angedeutet, wie das Kreuz, daS vorhin einZei- chen der Schmach und des Fluches war, durch das Leiden und den Tod des Erlösers das Zeichen seiner 135 Verherrlichung und unsers Heiles wurde. Allein jenes hellglänzende Kreuz deutete wohl auch darauf, daß auch unsere Leiden, die wir nach dem Worte des Erlösers als ein Kreuz auf uns nehmen sollen, zu unserer Verherrlichung und zu unserm Heile dienen müssen. Jedes Kreuz, das uns drückt, so schmachvoll und schmerzlich es uns auch dünken mag, wird uns dereinst zur Ehre gereichen, und uns in einem so herrlichen Lichte erscheinen, wie mir jenes Kreuz im Walde, das von Strahlen des Himmels umgeben war.« Seine Gemahlin» und seine Söhne gaben ihm Recht, freuten sich der überstandenen Leiden, und lobten Gott, der durch Nacht zum Licht, durch Leiden zur Freude, und durch Kreuz zum Heile führt. Jndefi war es Nacht geworden. Der Mond glanzte am Himmel, und erleuchtete die nächtliche Gegend. Alles war still; nur der nahe Bach, auf dem das Mondlicht mit zitternden Funken spielte, rauschte leise. Der Duft der Blumen stieg aus den umliegenden Garten wie Weihrauch empor. Die Gefühle des Dankes und der Anbethung aber, wovon diese vier edlen Herzen durchdrungen waren, erhoben sich noch lieblicher zum Himmel. Jetzt stand Eustachius auf. »Es ist spat geworden,« sprach er; »mein Amt ruft mich, noch die Meldungen vom Heere zu vernehmen, und Befehle auf morgen zu ertheilen. Ihr, meine geliebten Söhne, begleitet nun Eure Mutter zurück in ihre Wohnung; denn man möchte über ihre Abwesenheit unruhig werden. Morgen frühe werde ich Dich, liebste Gemahlinn, in Deiner Wohnung besuchen, Dich von dem Kaufmanne aus der Sclaverey loskaufen, und Deiner gütigen Freundinn Lydia meinen Dank bezeigen.« 13 « Nchlzchntcs Saxilrl. Christliche Tischgespräche. Am andern Morgen, da der Feldherr Eustachius aus seinem Schlafzimmer trat, standen seine zwey Söhne schon in dem Vorzimmer, und begrüßten ihn mit hoher Freude und kindlicher Ehrfurcht. Er ging mit ihnen, seine Gemahlinn Theo- plsta zu besuchen. Als er in das Haus trat, sagte man ihm, Theopista und Lydia könnten jetzt noch nrcht sogleich einen Besuch annehmen; der Kaufmann aber sey schon mit Anbruch des Tages in das Lager gegangen, um von den Soldaten erbeutete Kostbarkeiten einzuhandeln. Eustachius begab sich daher mit seinen Söhnen einstweilen in den Garten, der vom Thaue tröpfelnd in der Morgen- sonne herrlich glänzte und schimmerte. Sie gingen unter vertraulichen Gesprächen in dem Garten auf und ab; über eme kleine Weile kamen zwey Frauen in den Garten. Die Eine, von hoher, edler Gestalt, mar in blendend weißen Byssus gekleidet, der in feinen Falten bis zur Erde herab floß. Ein pur- pnrrother Frauenmantel mit goldgesticktem Saume umgab ihre Schultern. Sie schlug den zarten Schleyer von Flor, der ihr blühendes Angesicht verhüllte, zurück; in ihren goldenen Locken glänzten edle Perlen mit sanftem Silberschimmer. Es war Theopista. Eustachius erstaunte über den Glanz ihrer Schönheit. Gestern Abends, als er sie das erste Mahl wieder sah, war sie blaß gewesen wie eine Lerche. Ihre Schönheit war verdunkelt, und ihr Angesicht fast entstellt. Allein dies; kam nicht von der Macht der Zeit her, die chr wenig geschadet hatte, sondern von den anstrengenden Arbeiten, die ihr am gestrigen Tage wegen der festlichen Bewir- —* 137 —* thung so vieler Gaste aufgetragen wurden, von den vielen Thränen, die sie wahrend dem Einzuge des Feldherrn vergossen hatte, von der Ohnmacht, in die sie bey dem Wiebersinden ihrer zwey Sohne gefallen war, und von dem neuen Freudenschrecken, der sie bey dein unerwarteten Anblicke ihres Gemahls einer zweyten Ohnmacht nahe gebracht hatte. Jetzt, am Morgen hatte sie sich von der Unruhe und den angreifenden Empfindungen des gestrigen Tages er» holt. Ihre Augen glänzten von himmlischem Entzücken; das sanfte Roth ihrer Wangen war von der Freude erhöht. Wie ihr Gemahl bey dem ersten Wiedersehen gestern Abend ihr so blühend, wie einst als Bräutigam erschienen war, so erschien auch sis jetzt ihm wie verjüngt, und ihr Anblick erinnerte ihn an jenen Tag, da sie im Brautkranze vor ihm stand. Die andere Frau, die nur sehr einfach gekleidet war, als wäre sie Theopistens Dienerin», war Lydia. Lydia hatte es für geziemend gehalten, ihre Freundinn Standes gemäß zu kleiden. Es war eben eine vollständige Kleidung fertig geworden, die eine Fürstinn bestellt hatte. Theopista hätte wohl nicht daran gedacht, als sie, vom Kaufherrn oft ziemlich rauh zur Eile getrieben, mit unermüdetem Fleiß- an dem Purpurmantel stickte, und manche Thräne auf den goldenen Faden fiel, daß sie diese Kleidung für sich verfertigte.^Lydia schenkte sie ihr, ja nö- thigre sie ihr, als der Gemahlinn eines römischen Feldherrn ganz geziemend, gleichsam auf. Die Kleidung paßte ihr genau. Der Kaufmann aber, den sein Gewissen sehr beunruhigte, daß er die Gemahlinn des mächtigen Feldherrn so strenge zur Arbeit angehalten, hatte ihr nicht nur die Freyheit geschenkt , sondern noch obendrein den Perlenschmuck. Schmid's Iugendsch. i 6 . Bd. Eustachius. 12 —— 138 —« Nachdem Eustachius und seine zwey Söhne Theo- pisten gegrüßt, und der gütigen Lydia den innigsten Dank bezeugt hatten, wandelten alle zusammen in dem Garten umher, redeten von den wunderbaren Fügungen Gottes, und priesen mit anbethenden Herzen Gottes heilige Vorsehung. Lydia lud hierauf den Feldherrn und die zwey Hauptmänner ein, mir Theopisten und ihr in dem Garten ein kleines Frühstückzu nehmen. Sie setzten sich an einen Marmortisch, auf dem verschiedene Speisen, Körbchen voll frisch gepflückter Früchte, und schön geformte Gefäße mir Wein und Milch zierlich geordnet waren. Ein Nebengelander voll großer purpurner Trauben beschattete den Tisch; duftende Blumenbeete mit Lilien und Rosensträuchen, und Bäume voll goldener Früchte umgaben ihn. Eustachius lobte während des Speisens den Garten. »Der schöne Garten,« sprach er, indem er Theopisten anblickte, »macht nicht nur der fleißigen Gärtnerinn Ehre, er ist noch vielmehr ein Schauplatz der Herrlichkeit Gottes. Diese Früchte dort, bestimmt, uns mit ihren kühlenden Säften zu laben, wie sind sie auch für das Auge so schön geformt und gefärbt! Diese duftenden Blumen hier biethen uns ihre erquickenden Wohlgerüche in zarten , schon gebildeten Kelchen dar. Welche wunderbare Kraft hat der Schöpfer in das rauh auSse- hende Holz und in die unansehnlichen Wurzeln gelegt, so liebliche Gebilde und Düfte hervolzutrei- ben! Ein Garten ist in der That ein Heller Spiegel der Weisheit und Güte Gottes.« »O ganz gewiß,« sprach Theopista; »der Garten hier, den ich zu besorgen hatte, war mir auch immer ein Buch, das der Schöpfer vor meinen Blicken aufgeschlagen, und Jesus Christus erklärt hat. Wenn ich die Lilien betrachtete, war es mir im- —» 139 — mer, als zeige unser göttlicher Lehrer mit dein Finger darauf, mich ermahnend, dem Vater im Hun- mel zu vertrauen, der sie schön kleidete, und also noch vielmehr für die Menschen, seine Kinder, freund- lich und liebreich besorgt ist. Der Baum dort voll guter Früchte lehrt mich, daß ich meine Stesse auf Erden nicht vergebens entnehmen, sondern reich seyn soll an guten Werken. Der Wein stock hler der in alle Reben, die an ihm festgewachsen sind, Kraft und Leben ausströmt, daß sie viele und köstliche Trauben Hervorbringen, war mir em liebliches Bild, daß ich nur dann, wenn ich mit Christus in- nigst vereinigt bleibe, reiche Früchte Hervorbringen könne. Die geringsten Kräuter, Krause münze, Dill und Kümmel, wovon einjk viele Israeliten den Zehnten gaben, erinnern mich an die Ermahnung Jesu, daß wir allerdings auch im Kleinsten treu seyn, aber darüber das allergrößte des Gesetzes, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben, nicht verabsäumen sollen. Auch jene Pflanzen, die ich wider meinen Willen aufwachsen sah, und als Unkraut mit der Wurzel ausriß, brachten mir jene große Lehre Jesu in den Sinn: »Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden.« Ich lernte daran: Was wir ohne Gott und seinen Beystand unternehmen, kann nicht bestehen. Sogar das Kleinste aller Gesäme, das Senfkörnlein, das ich in die Erde legte, und das nach und nach zu einem baumartigen Strauche erwuchs, war mir lehrreich und eine Ermuntee rung zum Guten. Er zeigte mit, wie das Reich Gottes, die Herrschaft des Wahren und Guten im Menschen zwar vom Kleinen anfangen, aber täglich wachsen und zunchmen müsse, bis er seine Vollendung erreicht.« Lheopistus spräch jetzt: Wiebste Mutter, wie 1 jo »»»» Dir Dein Garten durch die unübertrefflich schönen Gleichnisse Jesu so wichtig lind lehrreich wurde, so ward es mir mein Hirtenleben. Als ich noch auf jenen einsamen Bergfluren die Schafe hüthete. Dort war nichts zu sehen, als ein Hirt, eine Schafherde und etwa ein Wolf. ES kamen da keine anderen Begebenheiten vor, alS daß sich etwa ein Schaf verirrte oder in eine Grube fiel, oder daß wir, wenn die Zeit dazu gekommen war, die Schafböcke zum Schlachten aussonderten. Allein eben davon nahm Christus so schöne Gleichnisse her, daß mein unbedeutender Beruf dadurch für mich eine höhere Bedeutung erhielt.« »WaS nur minier von der aufopfernden Liebe und zärtlichen Sorgfalt Jesu für uns Menschen, und von unserer folgsamen Liebe und unserm Vertrauen zu ihm Lehrreiches gesagt werden kann, wird uns in dem treffenden Gleichnisse von dein guten Hirten, seinen Schafen un'o dem Wolfe vor Augen gestellt. Mein täglicher Beruf lehrte mich täglich: Ein guter Hirt kennt alle seine Schafe, rufet ihnen mit Nahmen, gehet vor ihnen her, leitet sie mit sanftem Hirtenstabe auf grüne Weide und an klare Bäche; so leitet unS jener himmlische gute Hirt, und sorgt für uns, damit unS nichts Nörhi- geS abgehe. Täglich sah und lernte ich: Wie die Schafe ihren Herrn kennen, seiner Stimme gehorchen, und ihm folgen, allein die Stimme eines Fremden nicht kennen, und ihm nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, so sollen auch wir den guten Hirten unsrer Seele erkennen, Ihn hören, Ihm folgen; fremden verführerischen Stimmen aber kein Gehör geben.« »Wenn ich den Wolf kommen sah, der die Schafe anfallen und erwürgen wollte, wenn ich daun selbst das Leben daran wagte, die Schafe zu 141 —— vertheidigen, wie wurden mir da jene schönen Worte Jesu so klar und lebhaft: »Ich bin ein guter Hirt; ich lasse mein Leben für meine Schafe; niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen. Ach, sagte ich dann oft, wer sollte Ihn nicht lieben, und Ihm nicht vertrauen? Ohne Ihn waren die Menschen eine Herde ohne Hirten.« »Das Gleichnis; Jesu von dem verlornen Schafe ist so recht aus dem Hirtenleben heraus- genommen. Oft geschah es, daß sich ein Schaf von meiner zahlreichen Herde verirrte, und daß ich dann hmging über Berg und Thal, und mcht aufhörte es zu suchen, bis ich es gefunden hatte. Und welche Freude hatte ich, wenn ich es endlich erblickte! Wie trug ich es auf meinen Schultern zurück! Wie rief ich meinen Nachbarn zu: Freuet Euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war! geradeso, wie Jesus dieses alles beschreibt. Da gingen mir dann die Worte Jesu recht zu Herzen : »So wird auch Freude im Himmel seyn über einen Sünder, der Buße thut. Welche Liebe, welche Erbarmung! dachte ich. Nicht nur angenommen wird der bußfertige Sünder; der ganze Himmel freut sich noch über ihn. Ich ward so gerührt, daß ich jedem Sünder hätte laut zurufen mögen: O möchtest du denn nicht das wiedergefundene Schaf auf den Schultern des guten Hirten seyn!« »Wenn ein Schaf in eine Grube fiel, und ich dann voll Mitleids es herauszog, kamen mir jene Worte Jesu zu Sinn: »Wer ist unter Euch, der ein einziges Schaf hat, und der es, wenn es in eine Grube fällt, nicht sogar am Sabathe ergreife und herausziehe? Und um wie viel besser, alsein Schaf ist ein Mensch!« Ich nahm mir dann immer vor, mit einem Menschen, den ich in Noch sehen würde, noch vielmehr Erbarmen, als mit einem Schüfe zu haben, und ihm zu helfen; zugleich regte sich ein großes Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und die Liebe Jesu zu uns Menschen in meinem Herzen, und ich faßte den Vorsatz, in keiner Norh zu verzagen. Denn wie sollten Gott und sein lieber Sohn gegen uns rncht barmherziger seyn, als ich gegen ein Schaf!« »Einen schauerlichen Eindruck machte es immer auf mich, wenn der Tag kam, wo ich Schafböcke und Schafe auseinander scheiden mußte; die Böcke dann fortgetrieben wurden zur Schlachtbank, die Schafe aber da blieben, und ruhig fortweiden durften auf der schönen grünen Weide. Ich dachte dann jenes schrecklichen Tages, da der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen, und die Bösen und Guten, wie ein Hirt die Schafe und Böcke, von einander scheiden wird, und die Bösen dann einge- hen werden in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben.« Theopistus schloß mit den Worten: »Ich redete vielleicht zu viel von bekannten Dingen. Allein sie gehören zur Geschichte meines Hirtenlebens; sie sind das Wichtigste, was ich davon erzählen kann. So hat Jesus auch den einfältigen Hirten in der öden Wiloniß ein Buch voll schöner Gleichnisse und Bilder aufgeschlagen; die uns sehr lieblich an das erinnern , was uns zum Heile ist.« »Mein Buch,« sprach Agapius, »war der Acker, den ich im Schweiß meines Angesichtes baute, da ich noch ein Bauer war. Es sey mir erlaubt, auch Einiges von dem, was mir meinen Bauernstand so werth machte, vorzubringen.« »Wenn ich den A cker zum Ansaen herrichtete, Dornen ausreutete, Steine und Felsenstücke hin- ausschaffte, den Acker gegen die Fußtritte der Menschen und Thlere vcrzäunte und die Vögel verscheuchte, —— 1 !3 —* so dachte ich, wie ich mein Herz vorbereiten und bewahren müsse, damit die Samenkörner des göttlichen Wortes darin ein gutes Erdreich finden möchten. Es ward mir bey diesen Arbeiten sehr klar und anschaulich: Wer allen Zerstreuungen einen offnen Weg in sein Herz gestattet: wessen Gemüth einem leicht mit Erden bedeckten Felsen gleicht und keinen tiefen Grund hat; wer die Dornen der Geldsorgen und Wollüste in seinem Herzen aufkommen läßt, bey dem kann jenes göttliche Samenkorn keine Frücht bringen. Wenn ich auf meinem Acker in der Folge den schönen herrlichen Weizen mit Lust betrachtete, aber dazwischen mit Schmerz das verderbliche U n- kraut erblickte, das ich, ohne dem Weizen zu schaden, nicht ausrotten konnte, so wurde es mir klar, watum Gott die Bösen so langmüthig dulde, und das ihnen die Strafe dennoch nicht ausbleiben werde. Wenn nun endlich die Erntezeit kam, und wir Schnitter jauchzend die vollen Garben sammelten, aber Dorn und Unkraut verbrannten, so gedachte ich jenes großen Erntetages, an dem die Engel Gottes als Schnitter kommen, und alle, die Unrecht thun und Aergerniß anrichten, in den Feuerofenwerfen, die Gerechten aber dann in dem Reiche ihres Vaters leuchten werden wie die Sonne.« »Auch die Gerätschaften, deren sich der Landmann bedient, waren mir lehrreich. Wenn ich dis Hand an den Pflug legte, wohlwissend, daß es jetzt nicht müßiges Umherschauen, sondern Arbeiten gelte, um etwas auszurichten, so dachte ich, daß auch in göttlichen.Dingen Saumseligkeit nichts tauge, und nur ein frischer , fröhlicher Muth uns un Guten weiter bringe. Wenn ich in dem Siebe das Getreide aussiebte oder sichtete, und wohl rüttelte, um alles Schlechte von den guten, reinen Körnern abzusondern, so siel mir alle Mahl der Mink Zes" ein, daß auch die Versuchung für uns Menschen eine Art von Sichtung sey, und daß wir wohl Ursache haben, zu bethen, damit unser Glaube nicht aufhöre, und wir in der Prüfung bestehen mögen. Wenn ich das G etr e i d e maß zur Hand nahm, um Getreide auszumessen, so dachte sich jenes Wortes: »Mit welchem Maß Ihr ausmeffet, wird Euch wieder eingemessen werden.« Kam ich in die Mühle, ' wo oft viel ärgerliches Geschwätz von heidnischgesinn- ten Menschen geführt wird , so 'erinnerte mich dev Mühlstein an die Worte Jesu : »Wehe dem Menschen, der Aergerniß gibt; es wäre ihm besser, daß matt ihm einen Mühlstein an den Hals hange, und ihn in das Meer versenke, wo es am tiefsten ist.« »Das lieblichste und erfreulichste Gleichnis; war mir aber das vom Weizen körnlein, das begraben wird, und wieder vom Tode aufersteht. Es erinnert den Ackersmann, der immer goldenen Samen in die Furchen ausstreut, aber einst selbst von einer Liefern Furche, dem Grabe, verschlungen wird, gar so tröstlich daran, das aus dem Tode neues Leben aufblühe !« »So hat Christus es dem Landmanne sehr leicht gemacht, sich bey seinen irdischen Arbeiten an himmlische Dinge zu erinnern, und ein Ackerömann edlerer Art zu werden. Es liegt in der Lehre und Lehrart Jesu etwas so Hohes und Einfaches, Klares und Rührendes, das allein schon hinreichend ist, ihre Göttlichkeit zu bewähren.« disr»»i>;ch«trs GWitrl. Die christliche Hausfrau. Lydia, die treffliche Hausfrau, die bisher immer geschwiegen hatte, nahm jetzt bescheiden das Wort. »Es ist wahr,« sprach sie, »es hat mich oft in Erstaunen gesetzt, wie Christus seine hohen Lehren so gar einfach und lieblich in Gleichnissen von den gemeinsten Dingen des alltäglichen Lebens vortrug, daß auch jede Magd sie verstehen kann. Mir fiel dieses bey den häuslichen Geschäften, die ich vornahm oder unter meiner Aufsicht von den Mägden vornehmen ließ, oft recht auf. Das Anzünden eines Lichtes, das Spülen der Geschirre, das Flicken eines Kleides, war Ihm nicht zu schlecht, Gleichnisse davon herzunehmen, um sich auch den Kleinen und Unmündigen verständlich zu machen.« Mein seliger Vater hatte, bevor ihm das Evangelium verkündet ward, schon immer ein großes Verlangen , über jene Wahrheiten Aufschluß zu erhalten, die jedem vernünftigen Menschen die wichtigsten feyn müssen. Er machte daher mit einem gelehrten Manne, den man einen Weisen nannte, Bekanntschaft. Der gelehrte Mann, dem sein ernstes Gesicht und sein großer Bart ein sehr ehrwürdiges Ansehen gaben, speisete öfter bey uns, und redete sehr viel von dem Urheber der Welt, von Tugend und Unsterblichkeit; er sprach aber in so hohen, prächtig klingenden Ausdrücken, daß ich das Wenigste davon verstand, und kern Wort mehr davon weiß. Allein wie sind die einfachen Gleichnisse von irdischen Dingen, in die Jesus den Schatz seiner himmlischen Weisheit niederlegte, so leicht zu verstehen, und so leicht zu behalten! Sie sind mir durchaus klar, und ich werde in meiner Haushaltung des Tages hundert Mahl daran erinnert!« »Wenn ich ein Licht anzünde und es natürlich nicht unter ein Kornmaß setze, sondern es auf den Leuchter stelle, fällt mir ein, daß wir unser Licht vor den Menschen sollen leuchten lassen, damit sie unsre guten Werke sehen, und den Vater im Him- Schmid's Jugendsch. ib. Bd. Eustachius. »3 mel preisen. Wenn die Mägde die Geschirre, die Schüsseln und Becher, glänzend rein spülen und fegen, so erinnere ich mich, daß auch Alles, was in Schüsseln und Bechern aufgesetzt wird, rechtmäßig erworben seyn müsse, damit Alles rein sey. Finde ich es nöthig, ein altes Kleid ausbessern zu lassen, so schneide ich dazu kein Stück vom guren, neuen Tuche ab. Das hieße das neue Tuch verschwenden; es schickte sich auch nicht zum alten Kleide, und der Riß würde wohl nur noch größer. Und da fällt mir dann alle Mahl das Gleichniß Jesu ein, in dem Er uns zu verstehen gibt, unsre Tugend soll kein so elendes Flickwerk, sondern lieber ein ganz neues Kleid seyn, das aus Einem Stücke gemacht ist. Sogar das Einfädeln der Nadel lehrt Mich: So wenig ein Kamehl durch das kleine Nadelöhr geht, so wenig kann ein Geiziger in das Himmelreich eingehen. »Und das muß ich, wie im Vorbeygehen, noch bemerken: Wann so ein hoch und schwer gepacktes Kamehl vor unserm Hause ankam, fand ich dieses Gleichniß immer besonders treffend. Ach, das arme Thier! sprach ich oft, all der Reichthum, den es trägt, drückt es nur, und nutzt ihm nichts. Diesem Lastthiere gleicht der habsüchtige Reiche, der mit vieler Sorge und Beschwerde Schätze auf Schätze häuft, und keinen Gebrauch davon macht. Wie das belade- ne Kamehl vor unsrer Pforte abgepackt werden muß, ehe man es herein führen kann, so muß auch ein solcher Reicher sich feiner Geldsorgen und seiner Anhänglichkeit an Erdenschätze entladen, wenn er durch jene enge Pforte eingehen will, die zum Leben und zur ewigen Seligkeit führt.« »Komme ich auf den Hühnerhof, das Geflügel zu füttern, so ist mir die Henne, die ihre Jungen unter ihren Flügeln versammelt, ein Sinnbild -- 147—» der Liebe Jesu zu uns Menschen, der uns alle um sich ver-samueln und unter seinen Schutz nehmen will, die^ a u b e ist mir ein Bild der Unschuld und t der Spatz, der sich, einige Körner aufzupicken, ungerufen vom Dache einfindet, und dessen der himmlische Vater nicht vergißt, verkürz besorgt^sey vielmehr für mich ken so finde ich in der Küche genug zu den- ken. Das Feuer, das auf dem Herde lodert, das Wasser, das m der Küche nie fehlen darf, das Salz, das bey dem Kochen unentbehrlich ist, sind lauter Gegenstände, von denen Jesus mehrere so in- ba Kannte Gleichnisse hergenommen b alle anzuführen, würde zu weitläufig seyn. Doch muß ich noch einiger erwähnen, die mir ganz vorzüglich einleuchten. Wenn meine Mägde den Sauerteig unter das Mehl bringen, um ganz durchsäuertes, schmackhaftes Brot zu backen, sg wird nur da besonders klar, wie die Religion Jesu unser ganzes rchun und Lassen durchdringen müs- se, um es schmackhaft und genießbar zu machen Wenn m der Küche manchmahl, um G^ezub«- gar,o grosse Zurüstungen gemacht wurden, und so viele Handeln Bewegung waren, Speisen zu bereiten, so war es mir immer, als sagte mir ^esus:»Gebt Euch doch nicht so viele Mühe um die vergänglich^Speise; bemüht Euch vielmehr um luv das ewige Leben, die Euch der Menfthensohn gibt.« Wenn ich in der Küche auch nur^em Ey aufschlage, so fällt mir daS Wort Jesu ^Mer gibt seinem Kinde, das ihn um der Scorpion; wie vielmehr wird ren Himmel denen, die Ihn darum bit- Geist, gebm!'-'^^fte aller Gaben, seinen —« 148«— Zu meiner großen Freude nahm Jesus auch einige sehr schone Gleichnisse von den Geschäften her, die wir Kaufleute zu führen haben. Der Kaufmann, der mit Perlen handelt und eine ganz einzige unschätzbare Perle findet, gibt eine Menge geringerer Waaren wohlfeilen Preises hin, um die Summe aufzubringen, jene Perle zu erkaufen. So sollen auch wir bereit seyn, alle irdischen Güter willig hinzugeben, um jener himmlischen Perle, der echten Tugend und der ewigen Seligkeit, theilhaft zu werden. Die Berechnung von Gewinn und Verlust, die dem Kaufmanne oft vieles Kopfbrechen macht, mahnt mich an jene höhere Rechenkunst, die Jesus in die wenigen Worte zusammen faßt:»Was hälfe es dem Menschen, wenn er auch die ganze Welt gewänne, aber an seine Seele Schaden litte!« Das Ellenmaß erinnert mich, daß wir mit allen unsern Sorgen der Länge unsers Leibes, oder auch unsers Lebens, keine Elle beysetzen können, und also sehr wohl thun würden, unsre Sorgen auf höhere Dinge zu richten, wo sie besser angewendet und nicht ohne Nutzen seyn werden. Der Gebrauch, den Käufern irgend eine Kleinigkeit mit irr den Kauf zu geben, die Darangabe genannt, ließ mich die Worte Jesu nicht vergessen:»Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit; alles Uebrige wird Euch dann(gleichsam noch als Zugabe) obendrein gegeben werden.« «Selbst hier am Tische bringt mir die Mücke, die da in die Schale mit Milch fiel, und die ich heraus zu nehmen eilte, die Lehre Jesu in's Gedächtniß: Wehe denen, die da Mücken durchseihen, aber Ka- mehle verschlucken, zwar geringe Fehler meiden, aber sich großer Laster, des Mangels an Glauben und Liebe, schuldig machen. Das Bröcklein Bro t hierenn- riert mich an das WortJesu, womit Er weise Spar- samkeit empfiehlt: Sammelt die Bröcklein, damit ,-e mcht Floren gehen. Sogar die B r o t sa m le in aus dem mische predigen mir die große Lehre von einer allvergeltenden Gerechtigkeit, sie ermnern an den unbarmherzigen Reichen, der dem schmachten- ^ltmen nicht einmahl ein Brotsamlein zukom- ^ in der andern Welt vergebens um ein Wassertropflein flehte.« Eustachius hatte ihr mit Beyfall zugehört.»Ja, e. ist wahr,« sagte er,»die Lehre Jesu ist in jeder Hinsicht unübertrefflich im Großen wie im Klei- l>"d so göttlich erhaben, als menschlich schon. Er machte die ganze Natur zu uns sprechen; den kleinsten Dingen öffnet Er gleichsam Me Lippen, daß ,ie uns heilsame Lehre verkünden. Ein Kind kann, so viel für sein zartes Alter nöthig ./ davon verstehen und eui Mann findet sein ganzes Leben lang genug, darüber zu denken. Möchten wir die Natur mit dem Blicke Jesu anschauen L"'^bn wir, semen Fingerzeigen zu Folge, -hie Zehren vernehmen, und an uns Früchte bringen lassen fur s ewige Leben! ^ Eustachius schwieg, näherten die zwey tapfern Krieger)lcat,us und Antiochus, die schon f'ubemerkt in einer kleinen Entfernung standen, sich der Gesellschaft. Sie hatten erst diesen unbeschreiblicher Freude vernommen, daß die Gemahlinn und die Söhne ihres Feldherrn^ die als rodt betrauert wurden, noch am Leben seyen, und wieder gefunden worden; die treuen Diener waren deßhalb gekommen, ihnen diese Freude zu öe- konnten vor Freude kaum reden, und die hellen Db'EU tröpfelten über ihre rauhen Barte. Theopista TbemÄn t Endlich dre Hand, und Agapius und EheopistuS umarmten sie. AcatiuS sprach: rSo schmerzlich ich über den vermeinten Tod unsrer edlen geliebten Söhne weinen mußte, so süße thränen weine ich jetzt, da ich alle drey wie- lehe,« Antwchus sagte: 'st^ Nlch^ anders, als wären sie wirklich vom ^.ode auferstanden. Ja, ich denke, die Seligkeit, ^„nMick^ glücklichen Morgen und in diesem freundlichen Garten niem Herz erfüllt, reiche beynahe an die Seligkeit, die Magdalena am Auferste-- hung.morgen in jenem Garten euipfinden mußte, Auferstandene lebend vor ihr stand. Wahrhaftig, die Freude an dem allgemeinen Auserstehungstage wird unaussprechlich groß seyn!«^ ick sprach hierauf:»Es ist jetzt Zeit, daß Jhx, meine Söhne, be-- Mter Mich. Du, meine Gemahlinn, bleibe bey ^"^^^liebten Freundinn, bis wir wieder kom- men.« Als er sich,.«Mitte seiner zwey Söhne und von den beyden alten Kriegern begleitet, dem Kriegs- lager näherte, kam alles darin in Vewegmig. Es entstand ein freudiges Getümmel und eine anschei- nende große Verwirrung; allem in einigen Augenblicken stand das ganze Heer in großer Ordnung da. Die Soldaten begrüßten ihren Feldherrn und seine zwey Sohne m,t lautem Freudenruf, der den Ju- Lel der trompeten überstimmte. Alle wünschten dem trefflichen Vater und den edlen Söhne Glück, und mancher ehrliche Krieger sprach:»Wenn unser Feld- herr seine Sohne, die er vor allen jungen Kriegern auszeichnete, schon früher gekannt hätte, so könnte man denken, die väterliche Zärtlichkeit hätte doch immer einigen Antheil an ihrer Erhebung gehabt. Allem jetzt müssen Off-ziere und Soldaten einstimmig bekennen, daß er d,e Person nicht ansah, son- de.n bloß der Tapferkeit und dem Edelmuthe der Mngen Helden Gerechtigkeit widerfahren ließ. O — 151— welche Freude für den Vater, in den unbekannten Jünglingen, die er für die vortrefflichsten erklärte. nun seine Söhne zu erkennen!« Eustachius gab seinem Heere auf den Abend ein Freudenfest; am folgenden Morgen aber brach er mit dem Heere auf. Er ritt an der Spitze seiner Legion; seine Gemahlinn aber, in einem prächtigen Reisewagen sitzend, und von ihren zwey Söhnen zu Pferde begleitet, folgte dem Zuge. Lwärizigstes Saxitel. »Sey treu bis in den Tod, so werde ich Dir die Krone des Lebens geben.« Eustachius war nunmehr wieder so glücklich, als eS sich ein Mensch auf Erden nur immer wünschen kann. Er hatte mächtige Feinde besiegt, und wurde überall als Sieger mit frohem Jubel begrüßt; er hatte semegeliebte Gemahlinn wieder gefunden, und in den edelsten Jünglingen unter dem Heere, mit unaussprechlicher Vaterfreude unerwartet seine verlernen zwey Söhne erkannt; er war auf dem Wege nach Nom, wo das erfreute Römervolk schon Anstalten traf, ihn im Triumphe aufzunehmen. Wenn diese Geschichte nur erfunden wäre, den Leser zu vergnügen, so müßte sie mit diesem tri- umphirenden Einzüge nothwendig schließen; allein um der Wahrheit getreu zu bleiben, darf eine Begebenheit nicht verschwiegen werden, über die zwar jedes fühlende Herz die tiefste Betrübniß empfinden muß, die aber in den Augen des wahren Christen groß und herrlich ist, und bey allen traurigen Empfindungen, die sie erregt, zugleich hohen Trost gewährt. Anstatt des Lyrberkranzes, womit der Kai-- ser den edlen Krieger krönen wollte, wartete«einer noch eine herrlichere Siegeskrone. ^ Ehe Eustachius in Rom ankam, starb Kaiser anaian. Adrian, ein naher Anverwandter und angenommener Sohn deS verstorbenen Kaisers, gelang, te zur Regierung. Dieser neue Kaiser war ein sehr heftrger Anhänger der heidnischen Vielgötterey, und ^^A'e der Christen, eS sey nur ein Gott, war rhm höchst verhaßt. Uebsrdieß war er noch sonst so abergläubisch, der Sterndeuterey und Wahrsagerey ergeben, und von finsterer, grausamer Gemüthsart. Eine besondere Angelegenheit machte er sich daraus, den Ruhm seines Vorführers und Wohlthäters Trajan zu verdunkeln, und wo es nur immer anging, eine ganz entgegen gesetzte Regierunqs- art einzuführen. Er ließ daher auch die Christen auf s neue mit großer Wuth verfolgen. Kaiser aaajan hatte die Christen früherhin zwar auch grausam verfolgen lassen. Unzählige wurden auf eine schauerliche, schmerzvolle Art hingerichtet» Unter Andern wurde Jgnatius, Bischof zu Antio- ch-a, ein Jünger des heiligen Apostels Johannes, auf a.rajans Befehl nach Rom gebracht, und dort den wilden Thieren vorgeworfen, die ihn auch sogleich auffraßen, und nur mehr einige Gebeine von lhm übrig ließen. Allein späterhin hat Kaiser Trajan, wie es scheint, eine bessere Meinung von den Christen gefaßt. Die günstigen Berichts der Statthalter und Landpfleger mögen vieles dazu beygetragen haben. Es ist noch ein Brief des berühmten Pünius, Statthalters in Bythinien, auf unser« Zeiten gekommen", in dem em sehr rühmliches Zeugniß für die Christen enthalten ist. PliniuS sagt darin, daß er sowohl von denen, die aus Furcht der Todesstrafe den christlichen Glauben verließen, als von denen, die auf —>— 1ZZ der Folter ihrem Glauben getreu blieben, nichts habe herausbringen können, als daß sie an einem bestimmten Tage der Woche sich vor Sonnenaufgang versammelten, ihrem Christus, den sie als einen Gott verehren, einen Lobgesang anstimmten, und dann seyerlich angelobten, nichts Böses zu thun, keinen Diebstahl, Raub oder Ehebruch zu begehen, ihr gegebenes Wort heilig zu halten, und anvertrautss Gut, sobald es verlangt würde, getreulich wieder zurückzustellen; darauf seyen sie auseinander gegangen, hätten sich aber an diesem Tage noch ein Mahl^ einer gemeinschaftlichen Mahlzeit, jedoch in aller Ehrbarkeit und Unschuld versammelt; aber auch dieses hätten sie unterlassen, sobald auf Befehl des Kaisers alle Versammlungen dieser Art verbothen worden. Kaiser Trojan milderte, wie wir auch aus seiner Antwort an Plinius ersehen, die Verfolgung der Christen. Er hob zwar, vielleicht bloß aus Staatsklugheit, die Todesstrafe nicht gänzlich auf; allein er verboth von nun an die Christen aufzusuchen, oder auszuforschen, wer ein Christ sey, oder sogleich auf jede Anklage zu achten. Wenn es ihn: auch bekannt war, dieser oder jener sey ein Christ, so that er nicht dergleichen, als wüßte er's, und wie es scheint, war es ihn! sehr lieb, wenn die Sache nicht weiter zur Sprache kam. Die Verfolgungen hörten beynahe ganz auf. KaiserAdrian aber, der in der Folge sogar an den Stellen, wo Jesus Christus geboren wurde, wo Er am Kreuze starb, und wo Er auferstand, Götzenbilder errichten ließ, legte sogleich bey dem Antritte seiner Regierung seinen Hast gegen die Christen an den Tag. Das Feuer der Verfolgungen, das beynahe erloschen war, loderte aufs neue empor. Viele Christen wurden gefoltert, und aufs grausamste ermordet. Es erscholl wieder, wie früherhin, das furchtbare Geschrey des wüthenden Heidenvolkcs:»Werft die Christen den Löwen vor!« Als Eustachius zu Rom ankam, nahm Kaiser Adrian den siegreichen Feldherrn sehr gütig auf, lobte ihn wegen der überreichten Siegeszeichen, versicherte ihn feiner Gnade und überhäufte ihn mit Geschenken. Der Kaiser ordnete hierauf ein Sieges- fest an, und stand an dem dazu bestimmten Tage wirklich schon bereit, sich mit großer Pracht und zahlreichem Gefolge in den Tempel zu begeben, und ttlnen Göttern ein feyerliches Opfer zu entrichten. Euflachükö öeZlert.e.n, um dsvk IZZ—» geschickt hat, die Menschen von Irrthum und Sünde, Elend und Tod zu erlösen.« Der Kaiser glühte vor Zorn; so aufgebracht er aber war, so hielt er sich noch zurück und stellte sich freundlich. Er mochte es für unschicklich, ja zur Zeit noch für gefährlich halten, den rühmlichen Sieger schmählichen Strafen zu unterwerfen. Er wollte erst versuchen, was Schmeicheleyen und Versprechungen über ihn vermöchten. Er both seine ganze Beredsamkeit auf; allein Eustachius blieb unbeweglich. Der Kaiser entließ ihn ohne ein besonderes Zeichen seiner Ungnade; er verabredete aber heimlich mit einigen vornehmen Römern und Römerinnen, die mit-Eustachius und Theopista aufgewachsen waren, sie sollten es dahin zu bringen suchen, daß Theopsiba und ihre Söhne den geliebten Gemahl und Vater, mit Thränen in den Augen und auf ihren Knien bitten möchten, sich durch seinen unbeugsamen Sinn nicht dem Zorne des Kaisers auszusetzen, sondern den Göttern zu opfern. Die fromme Gemahlinn und die edlen Söhne schauderten vor einem solchen Antrage, der jeden, besonders gemacht wurde, einmüthig zurück; alle waren fest entschlossen, lieber zu sterben, als Gott und Jesum Christum zu verlaugnen. Ohne daß Eines oder das'Andere wußte, kamen sie bey Eusta- chius zusammen und erzählten ihm, was vorgegangen war. Vater, Mutter und Sohne bestärkten einander in dem Entschlüsse, zu sterben; denn sie waren nunmehr überzeugt, daß Gott sie deßhalb wieder lebend zusammen geführt habe, um einander zu ermuntern, Gott und ihren Erlöser durch ihren Tod zu verherrlichen. Als der Kaiser sah, der Weg der Güte, alle Schmeicheleyen und Versprechungen, alle Reize, die Ehre, Reichthum und Wollust für gewöhnliche 158—»» Menschen haben, seyen hier vergebens angebracht, veriuchte er es, den Eustachius und seine Familie durch Drohungen zu schrecken. Er ließ den Eusta- chms rufen, und sprach zu ihn,:»Wie ich höre, haß Du Dich noch nicht eines Bessern besonnen; auch deine Gemahlinn und Deine Söhne sollen, wie man jagt, so halsstarrig seyn wie Du. Gehorche meinen Befehlen, oder ich werde Dich nebst Weib und Kindern dem Richter übergeben, und dem Gerichte seinen Lauf lassen. Rechne darauf, es wartet dann auf Euch alle ein gräßlicher Tod.« Eustachius sprach!?-»Lieber Kaiser, ich bin bereit, Dir in Allem, was recht und billig ist, zu .gehorchen; mit Freuden will ich für das Wohl des Römervolkes, wie ich das schon öfter gethan babe, mein Blut vergießen. Allein gegen mein Gewissen- haun ich nicht handeln; darüber hat niemand als -Wott allein zu gebiethen, und Gott muß man mehr gehorchen als den Menschen.« Der Kaiser forderte ihm im größten Zorn die Ehrenzeichen der Feldherrnwürde ab, befahl der Wache, ihn in das Gefängniß zu führen, und auch Theopisten und die beyden Söhne gefangen zu nehmen. Sie wurden vor-Gericht gestellt. Eustachius, seine Gemahlinn und seine Söhne legten mit aller Freymüthigkeit daS gute Bekenntniß ab, sie seyen Christen und wollen als Christen leben und sterben. Sie wurden verurtheilt, aus dem öffentlichen Schair- platze den wilden Thieren vorgeworfen zu werden. Der Schauplatz war ein ungeheuer großer, runder Platz, der mit Sand bestreut war; steinerne Bänke, eine immer höher als die andere, zogen sich in, weiten Kreisen umher, und erhoben sich, geräumig genug, hundert Tausende von Menschen zu fassen, fast bis an die Wolken. Der schreckliche Tag brach an. Eine unzählige Menge von Menschen er- füllte die steinernen Sitze von unten bis oben, um da ausser Gefahr dem schrecklichen Schauspiele zu« zusehen. Der edle Feldherr Eustachius, seine Gemahlinn und seine Söhne wurden unter einer Bedeckung von Soldaten gebracht. Die Gerichtsdiener stellten sie in die Mitte des Schauplatzes, und entfernten sich. Die heldenmüthigen Seelen aber freuten sich, auf eben dem Platze, wo einst Jgnatius unter den Zahnen wilder Thiere blutete, die Mar- tyrerkrone zu erlangen. Wohl mochten sie seines schönen sinnvollen Wortes gedenken:»Ich bin ein Getreide GotteS; ich muß von den Zahnen wilder Thiere zermalmt werden, um als ein reines Brot Christi erfunden zu werden.« Das rohe Heidenvolk forderte mit furchtbarem Geschrey, und tobenden Ungestüm, man solle die wilden Thiere loslassen. ES war diesem Volke eine schauerliche Lust, es mit Augen anzusehen, wie schuldlose Menschen von wilden Thieren zerfleischt und verschlungen wurden! Die Fallen der Thierbs- haltniffe wurden aufgezogen; vier furchtbare Löwen stürzten hervor. Allein sie thaten den Heiligen nichts zu leid; sie schmiegten sich vielmehr, wie sanfte Lämmer, zu ihren Füssen. Das Volk ging unzufrieden und murrend auseinander. Diese Menschen erkannten es nicht, daß sie grausamer seyen, als die wilden Thiere. Der Kaiser war über diesen Ausgang sehr unwillig; Eustachius und seine Leidensgefährten wurden zu einer andern noch gräßlicheren Todesart ver- urtheilt. Sie sollten in einem ungeheuren, ehernen Ofen, der nach einer bekannten grausamen Erfindung von außen die Gestalt eines wilden Stieres hatte, verbrannt werden. Schon Abends zuvor wurden mehrere Klafter Holz herbey geführt, und der Ofen untergeschürt, um ihn glühend zu machen. — 153— Erne unzählige Menge Volkes versammelte sich am ftlgenden Morgen, so nahe, als es die Hitze gestattete, uni den glühenden ehernen Stier. Die Märtyrer wurden gebracht, um durch eine Seiten- thur in den Ofen geworfen und darin verschlossen zu werden. Eustachius blieb in der Nahe des glühenden Ofens stehen, erhob Augen und Hände zum HlMinel und bethete mit lauter Stimme, und seine tzsohne und ihre Mutter betheten in der Tiefe ihres Herzens mit ihm:»Allmächtiger Gott, Herr Himmels und der Erde! Erhöre unser Flehen,'und verleihe unS, Deinen Dienern, daß wir, durch das Feuer ausgeglüht und bewährt, des Erbtheiles Deiner HMigen theilhaftig werden mögen. Du hast uns den Glanz, den wir vormahls in dieser Welt hatten, auf kurze Zeit wieder zurück gegeben; gib uns anstatt dieser eitlen, schnell vorüber gehenden Ehre nunmehr jene Herrlichkeit, die kein Ende mehr nimmt. Sieh, wir opfern uns Dir willig und freudig auf. Das Feuer lodert bereits, Dir ein Brand- opser zu bereiten. Vater, Mutter und Söhne stehen als Opfer bereit. Laß Dir dieses Opfer gefallen, diejenigen aber beschämt werden, die sich Dir widersetzen. Dein nie genug gepriesener Nahme werde durch uns, Deine geringen Diener, verheer- li-yt. Ja, verschmähe dieses Opfer nicht, wie Du Opfer Adels-, das Opfer Abrahams und das Blut des ersten Märtyrers Srephanus nicht ver- schmaht hast. Verleih uns und allen, die nach uns noch künftig den nähmlichen Leidensweg gehen wer- den, Heil und Erlösung von allen Uebeln, die uns in diesem Jammerthals der Erde beschweren und nimm uns alle auf in Dein Reich Nach diesem Gebethe vernahmen alle in ihrem Herzen, daß Gatt dazu Amen sage; und wohl —— 159->—» alle Heiligen und Engel im Himmel wiederholten das Amen jubelnd und frohlockend. Eustachius, seine Gemahlinn und seine Söhne wurden in den Ofen geworfen, und waren wohl augenblicklich des Todes. Ihre Geister wurden in den Himmel versetzt; ihre Leiber aber fand man, da nach drey Tagen der Ofen geöfsner wurde, von dein Feuer nicht zerstört, ja wie die Sage will, unversehrt. Fromme Christen bestatteten sie zur Erde. Das^ Andenken der heiligen Märtyrer Eusta- chius, Theopista, Agapius und Theopistus blieb unter den Christen im Segen; ja um ihr Andenken auch den Christen künftiger Seiten unvergeßlich zu machen, wurden ihre Nahmen in das Gedächtnißbuch aller heiligen Märtyrer eingetragen, und der zwanzigste Tag des Herbstmonaths zu ihrem Gedächtnißtage bestimmt. Nachdem die Verfolgung der Chrrsten, die noch zwey Jahrhunderte währte, endlich aufgehört hatte, erbaute man in der Gegend von Tibur, jetzt Tivoli genannt, an eben der Stelle, wo Eustachius einst auf der Jagd die himmlische Erscheinung gesehen hatte, eme Capelle; über dem Grabe, in dem die Gebeine des heiligen Eustachius, seiner Gemahlinn und seiner zwey Söhne ruhen, wurde eine Kirche erbauet. Diese alte und herrliche Kirche steht m Rom noch. Zum Andenken an die Wohlthätigkeit deS heiligen Eustachius, die der Anfang seiner Bekehrung war und ihn, Gottes Wohlgefallen erwarb, werden in dieser Kirche von dem römischen Volke jährlich reichliche Almosen dargebracht- und dann unter die Hausarmen ausgetheilt. Die Vertheilung der milden Gaben wird mit folgendem Gebethe beschlossen: »Verleihe, o Gott, Deinen Dienern, die dem —— 160»»»» Beyspiele des seligen Eustachius nachahmen und die Armen Deiner Kirche auf Erden durch milde Gaben erfreuen, Gewährung ihrer Bitten, damit sie mit ihm und seinen Leidensgenossen sich bey Dir in der Herrlichkeit des Himmels ewig erfreuen mögen, durch Jesum Christum, Deinen Sohn, unsern Herrn! Amen.« I. INd gaste dir nö- M- MMMMMW' ' 8 ' 7 7 M ,- MS