Wienki- 8igcii-8>bliotkel<. o 8 . LM7 IM « »UM-» «W -^^ KLS '?-/^ L>, >-^---^ ,i"i MA..- GpxLhlrtngen eines Reisenden. Von TMsshmgLon ArvLng. Aus dem Englischen übersetzt von S. M. Spiker Erstes Bündchen. ' Seltsame Geschichten von einem nervenschwachen Herrn. Mien. 1826. Bey M ichael Lechner, Buchhändler. iÄ Erzählungen eines Reisenden. Won Washington Frving- Aus dem Englischen übersetzt von S- H. Spiker. Ach' bim Weder ein Mnotaur, noch einGcNs- kaue, noch ein Satyr». noch eine Hyäne» „och ein Pavian; sondern ein bloßer Reifender; das glaub» mir nur. Ben 2» n so»(Cynthia's Fest). Sellsame Geschichten von einem nervenschwachen Herrn. Noch mehr, man fing einmahl'nen Fisch, 'Ne» wunderbaren Fisch, der hakt'ein Schwert, ein langes, Me Pik' am Hals,'ne Flint' am Maul,'ne grost«, And Kaperbries' vom Herzog von Florenz im Rachen. Klea n t hos. Das ist'ne Niedertracht'ge Lüge, Tony. Werdings'! Denkt Ihr, ich werde Euch die Wahrheit sagen? Hl«t ch e r's Frau auf einen Monath. Der große Unbekannte. folgenden Begebenheiten hörte ich von demselben nervenschwachen Herrn, der mir die romantische Geschichte von dem dicken Herrn erzählte, welche in B ra c eb ri dg e-H all vorkommt. ES ist seht sonderbar, daß, ob ich gleich dort ausdrücklich gesagt, daß mir die Geschichte erzählt worden ist, und sogar den Mann beschrieben habe, der sie mir erzählt hat, man doch durchaus hat haben Molchen, daß dieser Vorfall mir begegnet sey. Nun kann 6""" ich aber betheuern, daß sich nie irgend eine Begebenheit der Art mit mir zugetragen hat. Ich würde daraus weiter nichts machen, hätte nicht der Verfasser von Waverley in der Einleitung zu seinem Romane:»Peveril vomPik,« zu verstehen gegeben, daß ich selbst der diese Herr wäre. Seit der Zeit bin ich nun mit Fragen und Briefen von Herren, und nahmentlich von Damen ohne Zahl, bestürmt worden, um zu erfahr«!, was ich von dem großen Unbekannten wüßte- Alles dieses ist nun sehr peinlich. Es ist, als ob man jemanden zum großen Loose Glück Wünschte, der eine Niete gezogen hat; denn ich bin eben so begierig, wie jeder Andere, hinter das Geheimniß zu kommen, wer dieser sonderbare Mann ist, dessen Stimme die ganze Welt erfüllt, ohne däß jemand sagen könnte, von wo her sie komme. Auch mein Freund, der nervenschwache Herr, der ungemem scheu und zurück gezogen ist, beklagt sich darüber, daß man ihn sehr beunruhigt habe, weil es in seiner Gegeud ruchbar geworden war, daß er dieserGlückliche.sey. Dieß ist so weit gegangen, daß er in zwey-oder drey Landstädten einen bedeutenden Ruf erlangt, und daß man ihn häufig aufgefordert hat, sich in gelehrten Zirkeln sehen zu lassen, Lind zwar nur deßwegen,»weil er der Herr sey, der den Verfasser von Waverley erblickt habe.« Der arme Mann ist nun noch zehn Wahl nervenschwacher geworden, als vorher, seitdem er, aus so guter Quelle erfahren hat, wer eigentlich der dicke Herr ist, und kann es sich gar nicht vergeben, daß er keinen rascheren Schritt gethan habe, um ihn ordentlich zu sehen. Er hat sich die größte Mühe gegeben, sich Alles das in das Gedächtniß zurückzurufen, was er von diesem stattlichen Manne gesehen hat, und deßwegen seit der Zeit immer ein wachsames Auge auf alte Herren von mehr als gewöhnlichem Umfange gehabt, die er in Landkutschen hat einsteigen sehen. Alles vergebens! DaS, was er von ihm erblickt hat, scheint dem ganzen Geschlecht der dicken Herren eigenthümlich zu seyn,-und der große Unbekannte bleibt eben so unbekannt als er es bisher- war. Nachdem ich dieses Alles vorausgeschickt habe, will ich den nervenschwachen Herrn seine Geschichten beginnen lassen. Die I a gd m a h l z e it. Ich war einst bey einer Jagdmahlzeit, die ein würdiger alter Fuchsjäger, ein Baronet gab, der in seinem alten, mit Raben bevölkerten Familien- sitze, in einer der mittlern Grafschaften, ein lustiges Junggesellen-Leben führte. Er war in seinen jungen Tagen, ein eifriger Bewunderer des schönen Geschlechtes gewesen; nachdem er aber viel gereiset war, das Geschlecht in mehreren Ländern mit ausgezeichnetem Erfolge studiert hatte, und, wie er glaubte. 8 in der Art und Weise der Frauen gründlich ersah-, reu, und als Meister in der Kunst zu gefallen, zu- nftkgekchrt war, hatte er die Kränkung gehabt, von einem jungen, so eben aus der Pension gekommenen Mädchen, welches kaum die Anfangsgründe der Liebe kannte, hinter das Licht geführt zu werden. Der Baronet war durch diese unglaubliche Niederlage ganz zernichtet, zog sich aus Verdruß von der Welt zurück, begab sich unter das Regiment seiner Haushälterinn, und beschäftigte sich, von nun an, wie ein wahrer Nimrod, nur mit der Fuchsjagd. Was auch die Dichter dagegen sagen mögen, die Liebe vergeht mit dem Alter, und eine Koppel Jagdhunde kann selbst das Andenken an ein« Göttinn aus der Pension aus dem Herzen eines Mannes verdrängen. Der Varvnet war, als ich ihn sah, ein so lustiger, behaglicher alter Junggeselle, als nur je einer den Hunden nachgeritten ist, und die Liebe, die er einst für e i n Frauenzimmer empfunden, hatte sich jetzt über das ganze Geschlecht verbreitet, so, daß es kein hübsches Gesicht in der ganzen Gegend umher gab, das nicht seinen Antheil daran gehabt hätte- Die Mahlzeit dauerte bis spät Abends; denn da der Wirth keine Dame im Hause hatte, die uns in das Theezun«ier rufen lassen konnte, so behauptete die Flasche, ohne den Einspruch ihres mächtigen Feindes, des Theekessels, ihre Junggesellen-Herrschaft. Der alte Saal, in welchem wir speiseten, hallte von- den.Ausbrüchen der kräftigen Frichsjägcr- 9 Laune wieder, daß die alten Hirschgeweihe an den Mauern bebten. Nach und»ach sing jedoch der Wein «nd das Wohlleben an, auf die durch die Jagd schon «twas abgespannten Körper zu wirken. Die lebendigen Geister, welche den Anfang des Mahles aufgeflammt hakten, flimmerten noch eine Zeit lang, und gingen dann, Einer nach dem Andern, aus^ oder gaben nur dann und wann noch einen schwachen Schein von sich. Einige der rüstigsten Sprecher, welche bey dem ersten Anlauf so wacker die Zunge gerührt, schliefen fest ein, und es hielten nur einige von den langathmigcn Rednern aus, die, wie kurzbeinige Jagdhunde, ohne bemerkt zu werde», im Gespräche mitlaufen und immer mit dabey sind, wenn das Wild verendet. Aber selbst dies« wurden am Ende still, und man hört« beynahe nichts weiter, als die Nasenkone zweyer oder dreyer alter Esser, die, da sie während ihres Wachens still gewesen waren, jetzt bey ihrem Schlafe die Gesellschaft dafür entschädigten. Endlich erweckte die Nachricht, daß der Thee und Kaffeh in dem Cederzimmer aufgetragen sey, Alles aus dieser einstweiligen Betäubung. Jeder erhob sich, wunderbar gestärkt, und begann nun, während er den erfrischenden Trank aus des Baronets altmodischem, väterlichem Porzellane schlürfte, daran zu denken, sich auf den Heimweg zu machen Hier trat aber plötzlich ein Hinderniß entgegen. Während wir bey unserm Mahle gesessen, hatte ein gewaltiges Winter-Unwetter sich erhoben, von Schnee, Re-> gen und Schlacken Begleitet, wozu ein so schneidender Wind kam, daß es Einem bis auf die Knochen zu durchschauen, drohte. »Es ist gar nicht daran zu denken," sagte unser gastfreundlicher Wirth,»in solchem Wetter sich hinaus zu machen. Die Herren werden also, wenigstens für diese Nacht, meine Gäste bleiben, und ich werde Anstalt zu ihrem Unterkommen treffen lassen." DaS ungestüme Wetter, welches immer stürmischer wurde, machte das gastfreundschastlich« Aner- biethen unablehnbar. Die einzige Frage war, ob nicht eins so unerwartete Vermehrung der Gesellschaft in einem schon überfüllten Hause die Haushälterinn in Verlegenheit fetzen würde*), wie sie Alle unterbringen wolle. »Bah!" sagte der Wirth;»wißt Ihr nicht, daß eines Junggesellen Haus elastisch ist, und zwey Mahl so viel Leute beherberge» kann, als eigentlich hinein gehen?" Aus gutmüthigem Eigensinn wurde, also die Haushälterin» zu einer Berathung vor uns Alle vorgeladen. Die alte Dame erschien in ihrem Staats- kleide von verschossenem Brokat, das von lauter Erregung und Bewegung rauschte; denn, unsersWir- thes Prahlerey ungeachtet, war sie doch ein wenig in Verlegenheit. Solche Sachen machen sich indessen in eines Junggesellen Hause und mit Gästen, die '. pui 1,!,:- ,c>!>s>' t>i»n,ps; wörtkich: sie aus lhreTrüR- piejnriick bringen. Junggesellen sind, sehr leicht. Die Frau vorn Hause kann, ohne große Bedenklichkeiten dabey zu haben, Männer in abgelegenen Winkeln und Kammern unterbringen, und die Blößen des Hauses sichtbar werden lassen. Die Haushälterinn eines Junggesellen ist überdies; schon an Aushülsen und unvorhergesehene Fälle gewöhnt, und so kam dann, nach vielem Hin- und Herlaufen und manchen Berathschlagungen über das rothe Zimmer, und das blaue Zimmer, und das Damastzimmer, und, das kleine Zunmer mit dem Erkerfenster, die Sache endlichen Ordnung. Als Alles dieses geschehen war, wurden wir aber- mahls zu der Hauptvergnügung auf dem Lande, zürn Essen, entbothen. Der Zwischenraum nach Tische, der unter dem Schlummern und der Erfrischung und Berathung im Cederzüumer vergangen war, schien, nach der Ausichb des hochgerötheken Haushofmeisters, hinlänglich, um eine angemessene Eßlust zum Abendessen zu erwecken. Es war daher ein leichtes Mahl aus den Überbleibseln der Mittagsmahlzeit zusammen gebracht worden, welches aus einem kalten Rinderbraten, gehacktem Wild- pret, einer gerösteten Truthahnskeule oder dergleichen, und einigen wenigen andern leichten Dingen bestand, welche die Herren vom Lande zu sich zu nehmen pflegen, um fest zu schlafen und recht ordentlich zu schnarchen., Das Schläfchen nach Tische hakte den Witz der ganzen Gesellschaft wieder belebt, und eine Menge trefflicher Einfälle über die Verlegenheit des Wir- 12 thes und seiiwr Haushälterinn wurden von einigen verheirakheten Herren aus der Gesellschaft zu Tage gebracht, welche ein Recht zu haben glaubte», sich über die Haushaltung eines Junggesellen lustig zu machen. Won da aus wendete sich der Scherz auf das Unterkommen, das ein jeder finden würde, da er so plötzlich in einem so alte« Hause einquartiert werden sollte. „Bey meiner Seele," sagte ein Irischer Dragoner-Hauptmann, einer von den lustigsten und lärmendsten aus der Gesellschaft;„bey meiner Seele, ich würde mich gar nicht wundern, wenn einige von den stattlich aussehenden Herrschaften, die da an den Wanden umher hangen, in dieser stürmischen Nacht umher zu wandeln anfingen, oder wenn der Geist einer dieser Damen mir den laugen Taillen, statt in ihr Grab aus dem Kirchhofe, in mein Bett einkehrt«."^ „Glauben Sie denn an Geisterd" sagte ein magerer, zerrissen aussehender Herr mit hervorragenden Augen wie ein Hummer. Schon bey Tische war mir dieser Mann aufgefallen, weil er einer jener unaufhörlichen Fraget- war, die einen verzehrenden, ungesunden Appetit dey der Unterhaltung verrathen. Er schien nie mit einer Geschichte zufrieden, lachte nie, wenn Andere lachte», sondern bekrittelte immer noch den Scherz. Er konnte nie sich am Kern einer Ruß freuen, sondern quälte sich immer ab, nm noch mehr aus der >5 schale heraus zu bringen.»Sie glauben also an Geister?" sagte der sragelustigs Herb. »Das will ich meynen/' erwiederte der lustigs Jrländer,»Ich bin in der Furcht und dem Glauben daran aufgewachsen. Wir hatten einen Benshee in unserer eigenen Familie, Liebster*)." »Einen Benshee, was ist dass'— rief der Frager aus. »Nun, der Geist einer alten Dame, welche alle unsere echten Milesischen Familien**) umschwebt, und an ihren Fenstern erscheint, sobald stemand daraus sterben soll." »Eine angenehme Nachricht!" rief ein ältlicher Herr mit einem schlauen Blick und einer beweglichen Nase, der er eine sehr launige Krümmung geben konnte, wenn er schalkhaft seyn wollte. »Bey meiner Seele, Sie müssen wissen, daß es eine Art von Auszeichnung ist, wenn Einem ein Benshee erscheint. Das ist ein Beweis, daß man echtes Blut in seinen Adern hat. Aber wahrhaftig, 4>a wir gerade von Geistern reden, ich glaube nicht, daß es ein HauS oder eine Nacht gibt, die sich bes- ') klon«)'(Honig), wie im Originale steht, ein allgemeines Schmeichelwort der Jrländer. Überf. ") Milesische Familien nennen sich in Irland die, welche von den MUesiern abzustammen behaupten, die Mit den alten Phöniciern lange Zeit vor C. G. nach Irland eingewandert seyn sollen. Sie haben meistens ein O' oder Ano vor ihren Nahme», Übcrs. -4 ser dazu paßte, ein Geister-Abenkeuer zu erleben. Gibt es kein Zimmer bey Ihnen, Sir John, worin es spukt, und das ein Gast bekommen könnte?" „Vielleicht," sagte der.Baronet lächelnd,„kann ich Ihnen auch damit aufwarten." „O, das möchte ich vor allen Dingen haben, lieber Sch-aH. So ein finsteres, mit Eichenholz ausgetäfeltes Zimmer, mit häßlichen, jämmerlich aussehenden Bildern, die Einem graunvoll anstarren, und von denen die Haushälterinn eine Menge herrlicher-Geschichten von Liebe und Mord zu erzählen weiß. Und dann eine düster brennende Lampe, einen Tisch mit. einem- rostigen Schwerte, darauf und ein weißes Gespenst, das um Mitternacht Einem die Bettvorhänge aus einander reißt."— „Wahrhaftig," sagte ein alter Herr an einem Ende des Tisches;„Sie erinnern mich da an eine Anekdote."— O! eine Geistergeschichte! eine Geistergeschich- ke! scholl es rings um den Tisch, und Jeder rückte seinen Stuhl etwas naher. Die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft war jetzt auf den Sprecher gerichtet. Es war ein alter Herr, mit einem Gesichts, das zwey ganz ungleiche Hälften hatte. Auf der einen hing das Augenlied herab, wie'ein ausgehängterFensterladen. Überhaupt war diese ganze Seite seines Kopfes in einem verfallenen Zustande, und gleich dem Flügel eines Hauses, der verschlossen ist und worin es umgeht. Ich bin überzeugt, die Seite war voll von Geister» geschichten. Man verlangte allgemein die Erzählung. „Aber," sagre der alte Herr,„es ist eine bloße Anekdote, und noch dazu eine sehr gewöhnliche; Sie sollen sie indessen'hören, wie sie ist. Ich habe sie meinen Oheim einmahl als etwas erzählen hören, das ihm selbst begegnet sey. Er war ein Mann, der manche sonderbare Abenteuer gehabt hatte. Ich habe ihn wohl noch seltsamere erzählen hören." '„WaS für eine Art von Mann warJhr Oheim?" sagte-der sraaen.de Herr. „Er war ein trockener, schlauer Mensch, der sehr viel gereiset war und gern von seinen Abenteuern erzählte." „Wie alt mochte er wohl seyn, als sich dieß zutrug?" „Als was sich zutrug?" rief-der Herr mit der beweglichen Nase ungeduldig aus. Mch, Sie haben noch keiner Sache Zeit gelassen, sich zuzutragen. Lassen wir des Oheims Alter in Ruhe und hören wir sein Abenteuer." Der fragende Herr war hiermit auf einen Augenblick zum Schweigen gebracht, und der alte Herr mit dem Gespensterkopfe begann nun folgender Maßen. Meines Oheims Abenteuer. Vor vielen Jahren und einige Zeit vor der Französischen Revolution hatte mein Oheim mehrere Monathe in Paris zugebracht. Die Engländer und Franzosen lebten damahls auf besserem Fuße als jetzt, und sahen sich häufig in Gesellschaft. Die Engländer reiseten noch, um Geld zu verzehren, und die Franzosen waren ihnen dazu immer gern behülf- lich; jetzt aber reisen sie, um Geld zu sparen, und behelfen sich ohne die Franzosen. Vielleicht gab es damahls weniger und ausgesuchtere Englische Reifende, als jetzt, wo das ganze Volk aufgebrochen ist und das feste Land überschwemmt hat. Auf jeden Fall aber bewegten sie sich mehr und leichter in fremder Gesellschaft, und mein Oheim machte, während feines Aufenthaltes in Paris, manche sehr vertraute Bekanntschaft unter dem Französischen Adel. Einige Zeit darauf machte er, im Winter, eine Reise in dem Theile der Rormandie, welcher das s>-^s rl« tÜÄnx genannt wird. Der Abend brach so eben ein, als er die Thürme eines alten Schlosses über die Bäume des mit einer Mauer umgebenen Parks hervorragen sah, und jeder Thurm, mit seinem hohen, kegelförmigen Dache hatte das Ansehen eines Lichtes mit seinem Dämpfer darauf. Wem gehört dieses Schloß, mein Freund? sagte mein Oheim zu einem magern, aber feurigen Postillion, der mit furchtbaren Courierstiefeln und dreyeckigem Hute vor ihm her trabte. '7 Dem Herrn Marquis von— sagte der Postillion, und faßte dabey an seinen Hut, theils aus Ehrerbiethung gegen meinen Oheim, theils aus Achtung gegen den edlen Nahmen, den er aussprach. Mein Oheim erinnerte sich, den Marquis in Paris ganz besonders gut gekannt zu haben, und daß dieser oft den Wunsch geäußert hatte, ihn einmahl auf seinem väterlichen Schlosse zu sehen. Mein Oheim war ein alter Reisender, und wußte Dinge dieser Art sehr gut zu benutzen. Er bedachte einige Augenblicke lang, wie angenehm es seinem Freunde, dem Marquis, seyn dürfte, wenn er auf eine so freundliche Weise durch einen»»vermutheten Besuch überrascht würde, und wie es ihm selbst ungleich angenehmer seyn würde, in einem Schlosse eln gutes Unterkommen zu finden, des Marquis wohlbekannte Küche zu genießen, und von seinem trefflichen Champagner und Burgunder zu koste», als in dem Gasthofe einer Landstadt schlecht zu wohnen und schlecht zu essen. Nach einigen Minuten knallte daher der magere Postillion mit seiner Peitsche, wie der Teufel, oder wie ein wahrer Franzose, die lange Allee hinunter, welche zum Schlosse führte. Wahrscheinlich haben Sie Alle Französische Schlösser gesehen, da jetzt Jedermann in Frankreich reiset. Dieses war eines der ältesten; es stand frey und allein in einer Wüste von Kiesgängeu und kalten, steinernen Terrassen, hatte einen kalt aussehenden förmlichen Garten, dessen Beete in Winkel und Rauten geschnitten waren, einen kalten, blätterlosen Park, l8 der geometrisch mit geraden Alleen durchschnitten war, zwey oder drey kalt aussehende naseloso Bildsäulen, und Springbrunnen, aus denen so viel kaltes Wasser strömte, daß Einem die Zähne hätten klappern mögen. Dieß war wenigstens das Gefühl, welches mein Oheim bey seinem Besuche an einem Wintertags dabey empfand. Bey warmen Sommerwetter mochte es hier so heiß seyn, daß Einem die Augen'hättm ausglühen mögen Das Knallen der Peitsche des Postillions, das immer lauter wurde, je näher die Reisenden kamen, machte, daß ein Schwärm Tauben aus dem Taubenschlage und die Raben aus dem Dache flogen, und endlich ein Schwärn, von Dienern, den Marquis an ihrer Spitze, aus dem Schlosse stürzte. Er war entzückt, meinen Oheim zu sehen, denn sein Schloß hatte, wie das Haus unseres würdigen Wirthes, gerade so viel Gäste, als es fassen konnte, und so küßte er meinen Oheim auf beyde Lacken nach Französischer Weiss, und führte ihn in das Schloß. Der Marquis machte mir der seinem Vaterlands eigenthümlichen Feinheit den Wirth. In der That war er auf fein altes Familienschloß stolz, wovon ein Theil wirklich sehr alt war, Ein Thurm und eine Capelle darin waren beynahe vor Menschengedenken erbaut, das Übrige war etwas neuerer Bauart, da das Schloß während der Kriege der Ligue beynahe ganz zerstört worden war. Der Marquis verweilte bey dieser Begebenheit mit großer Selbstgenügsamkeit, und schien gewisser Maßen ein Gefühl der Dank» Parkett gegen Heinrich den Vierten zu nähren, daß er seinen väterlichen Sitz der Ehre für werth gehalten habe, in den Grund geschossen zu werden. Er wußte von der Tapferkeit seiner Vorfahren gar Manches zu erzählen, und zeigte mehrere Blechkappen, Helme, Armbrüste, und allerhand gewaltige Stiefeln und Wämser von Düffelleder vor, welche die Liguisten getragen hatten. Vor allem aber zeichnete sich ein doppelhändiges Schwert aus, welches er kaum aufheben konnte, das er aber vorwies, als einen Beweis, daß es Riesen in seiner Familie gegeben habe. In der That war er nur ein sehr winziger Nachkomme so großer Krieger. Wenn man ihre gewaltigen Gesichter und ihre starken Glieder betrachtete, wie sie aus ihren Bildern abgemahlt waren, und dann den kleinen Marquis, mit seinen Spindelbeinen und seinem gelben Laternengesichte, ansah, mit einem Paar gepuderten Öhreulocken oder Taubenflügeln daran, welche mit jenen davon stiegen zu wollen schielten, so konnte man sich kaum davon überzeugen, daß er von demselben Stamme sey. Sah man aber seine Augen an, die zu beyden Seite» seiner gebogenen Rase, wie die eines Schrörers hervor blitzten, so bemerkte man sogleich, daß er ganz den Feuergeist seiner Vorfahren geerbt hatte. In der That verraucht sich der Geist eines Franzosen nie, wie auch sein Körper zusammenschrumpfen mag. Er verdichtet sich eher und wird entzündlicher, je nachdem die irdischen Theils verschwinden, und ich habe oft in einem kleinen muthigm Französischen Zwerge so viel LS Herzhaftigkeit gefunden, daß man einen leidlichen Miesen damit hätte versehen können. Wenn der Marquis, wie er zu thun pflegte, einen der alten Helme aufsetzte, welche in seinem Ritter- saale hingen, so blitzten, obgleich sein Kopf ihn eben so wenig ausfüllte, als eine trockne Erbse ihre Schote, seine Augen aus dem Grunde der eisernen Höhle wie Karfunkel hervor, und wenn er das gewichtige zweihändige Schwert seiner Vorfahren in der Hand wog, so hätte man glauben sollen, man sähe den tapfern kleinen David vor sich, wie er Goliath'S Schwert schwingt, welches wie ein Weberbaum für ihn war. Ich bemerke indessen, meine Herren, daß ich zu lange bey der Schilderung des Marquis und seines Schlosses verweile; Sie müssen mich jedoch entschuldigen; er war ein alter Freund meines Oheims, und so oft mein Oheim die Geschichte erzählte, sprach er auch gern sehr viel von seinem Wirthe,— Der arme kleine Marquis! er gehörte zu dem Häuflein tapferer Hofleute, welche die Sache ihres Herrschers mit so großer aber erfolgloser Hingebung in dem Schlosse der Tuillerien gegen den einbrechenden Pöbel an dem unglücklichen zehnten August vertheidigten. Er hielt sich tapfer bis zuletzt, wie ein wackerer Französischer Ritter, schwang feinen kleinen Galanterie-Degen mit einem gegen eine ganze Legion von Sansculotten, wurde aber von einer Poissarde mit einer Pike wie ein Schmetterling an die Wand gespießt, und seine heldenmüthige Seele erhob sich Luf seine» Taud.enflügeln zum Himmel. Alles dieses hat indessen nichts mit meiner Geschichte zu thun. Also zur Sache. Ais die Stunde heran' rückte, wo man sich zur Ruhe begeben sollte, ward mein Oheim in sein Zimmer geführt, welches in eincnr alten Thurme befindlich war. Dieß war der älteste Theil des Schlosses, und in alten Zeiten das«lonjos oder Verließ gewesen; natürlich war also das Zimmer keines von den besten. Der Marquis hatte es ihm indessen anweisen lassen, theils, weil er wußte, daß er ein Reisender von Geschmack war, und die Alterthümer liebte, theils, weil die besseren Zimmer bereits besetzt waren. Auch wußte er«reinen Oheim bald vollkommen mit seiner Wohnung auszusöhnen, indem er ihm die großen Leute nannte, welche sts einst inne gehabt, und welche sämmtlich, auf eine oder die anders Weife in Verbindung mit der Familie gestanden hatten. Seiner Aussage nach war Johann Baliol, oder, wie er ihn nannte, cke-m lle Bin!!«-»!, in diesem Zimmer vor Kummer gestorben, als er die Nachricht von dem Siege seines Nebenbuhlers, Robert Bruce', in der Schlacht vo». Bannockburn,rrhalten hatte*). Und als er hinzufügte. ..«) Sowohl Baliol als Bruce ,par;i>iMs vornehmen Schote - tischen Familien, und macht,dem Tode der Margaret!»!', Tochter Alexander- lll., Königs vor»' Schottland, Anspruch auf die Schottische Krone(12YI). Eduard I., König von England, der zum Schiedsrichter in dieser Angelegenheit aufgerufen wurde, erklärte sich für Baliol, nahm aber späterhin Schottland selb-, in L 2 Saß der Herzog von Guise darin geschlafen Habs, so hätte sich mein Oheim beynahe Glück gewünscht, daß ihm die Ehre widerführe, eine so vornehme Wohnung zu erhalten. Die Nacht war scharf und windig, und das Zimmer nichts weniger als warm. Ein alter Bedienter mit langem Leibs und langem Gesichte in steifer ausfallender Livree, welcher meinen Oheim bediente, warf eine» Armvoll Holz neben den Kamin hin, einen sonderbaren Blick im Zimmer umher, und wünschte ihm dann angenehme Ruhe mit einem Gesicht und Achselzucken, das bey jedem Andern, als bey einem alten Französischen Bedienten höchst verdächtig ausgesehen haben würde. Das Zimmer hatte allerdings ein wildes, verfallenes Ansehen, das Jeden, der Romane gelesen hatte, mit Furcht und Ahnung erfüllen mußte. Die Fenster waren hoch und schmal, und sind einst Schießscharten gewesen; manchatte sie indessen, so viel es die ungeheure Picke der Mauern hatte erlauben wollen, ganz roh erweitert, und die schlecht passenden Fensterflügel klapperten bey jedem Windstoß. In einer windigen Nacht würde man geglaubt haben, eine» Besitz, liest BÄriök einkerkern, und gab ihm erst Nach einer zweyMrigWGessngenschaft feine Freyheit wieder, worauf diMr'sich nach Frankreich zurückzog und dort starb. Der Sieger bey Bannockburk über Eduard II.(r5. Juny iZi4)>varder jüngere Bruce, Sohn des Nebenbuhlers Baliol's. Übers. der alten Liguisten in seinen gewaltigen Stiefeln und klirrenden Sporen im Zimmer umher stampfen und raffeln zu hören. Eine Thür, welche nicht schloß, und wie eine wahre Französische Thür, aller Vernunft und allen Anstrengungen zum Trotze, nicht schließen wollte, ging auf einen langen, dunkeln Gang hinaus, der, Gott weiß, wohin führte, und eben dazu gemacht zu sey» schien, daß Geister, wenn sie um Mitternacht aus ihren Gräbern kämen, sich darin eine Bewegung machen könnten. Der Wind pflegte in diesem Gangs ein dumpfes Gesause und die Thür hin und her knarren zu machen, als bedenke sich irgend ein Geist, ob er herein treten solle oder nicht. Mit Einem Worte, das Zimmer war gerade von der unheimlichen Art, daß ein Geist, wenn es deren im Schlosse gab, es sich zu seinem Lieblings-Erhohlungsplatzs wählen müßte. Mein Oheim, ein Mann, der sonst>öohl an sonderbare Abenteuer gewöhnt war, ahnete damahls keines. Er machte mehrere Versuche die Thür zuzudrücken, aber vergebens. Nicht, daß er irgend etwas gefürchtet hätte; denn er war ein zu alter Reisender, als daß ihm ein schauerlich aussehendes Zimmer hätte einen Schrecken einjagen sollen; aber die Nacht war, wie ich gesagt habe, kalt und windig, der Sturm heulte um den alten Thurm beynahe eben so, wie in diesem Augenblicke um dieses alte Haus, und der Zug aus dem langen, finstern Gange blies so feucht und kalt herein, als ob er aus einem Gefängnisse käme. Da mein Oheim also die Thür nicht zumachen konnt«, 24 so warf er eine, Menge-Holz in den Kamin, daß bald eins große Flamme aufloderte, die das ganze Zimmer erhellte und den Schatten der Feuerzange auf der Wand gegenüber wie einen langbeinigen Riesen erscheinen- ließ. Mein Oheim erklomm nun den Gipfel eines halben Dutzend von Matratzen, die gewöhnlich ein Französisches Bett bilden,'und welche in einer tiefen- Nische- aufgethürmt waren; wickelte sich fest ein, begrub sich bis an das Kinn in die Betttücher, und lag nun so da, sah nach dem Feuer, dachte daran, wie er von seinem Freunde,, dem Marquis, so listig ein Nacht-Quartier erhalten,— und schlief endlich ein. Er mochte noch nicht die Hälfte seines- ersten Schlafes genossen haben, als er durch die Schloßt uhr erweckt wurde, die in dem Thurme überfeinem Zimmer befindlich war, und Zwölf schlug. Dieß war gerade so eine alte Uhr, wie sie Geister gern haben. Sie hatte einen tiefen-, schauerlichen Ton, und schlug so langsgiw und langweilig, daß mein Oheim glaubte, sie würde nie aufhören. Er zählte und zählte, bis er überzeugt war, er habe Dreyzehn gezählt; dann hielt sie inne. Das Feuer war herabgebraunt und das Holz beynahe ausgeglimmt; es gab nur noch eine schwache blaue Flamme von sich, die zuweilen in kleine weiße Spitzen aufloderte. Mein Oheim lag mit halbge- schloffenen Äugen da, die Nachtmütze beynahe bis auf die Nase gezogen, Seine Einbildungskraft war bereits aufAbwegen, und begann den gegenwärtigen 2Ä Schauplatz mit dem Krater des Vesuv, der Französischen Oper, dem Cvliseum in Rom, Doilp's Garküche in London*) und all' dem Gewirr von bekannten Orten, womit der Kopf eines Reisenden angefüllt ist, zu vermischen;— kurz, er war im Begriff einzuschlafen. Plötzlich ward er durch den Schalk von Fußtritten erweckt, welche langsam auf dem Gange hec- zukommeirschiensn. Mein Oheim war, wie ich ihn oft habe von sich sagen hören, kein Mann, der sich so leicht schrecken ließ. Er lag also still, und glaubte, es sey irgend ein anderer Gast oder ein Bedienter, der zu Bett ginge. Die Fußtritte kamen indessen näher, die Thür öffnete sich langsam; ob von selbst, oder ob von, außen geöffnet, konnte mein Oheim nicht unterscheiden p und eine weiße weibliche Gestalt schwebte herein. Sie ging nach dem Kamin hin, ohne meine» Oheim anzusehen, der seine Nachk- rnützr mit der einen Hand in die Höhe rückte, und sie starr anblickte. Sie blieb eine Zeitlang vor dem Feuer stehen, das von Zeit zu Zeit aufloderte, und blaue und weiße Flammen von sich gab, so daß mein Oheim die Gestalt ganz genau sehen konnte. Ihr Gesicht war geisterbleich, und wurde es vielleicht noch mehr durch das bläuliche Licht des Feuers. Es war schön, aber die Schönheit trug das Gepräge der Sorge und Bekümmerniß Es war der Blick Jemandes, der an Unglück gewöhnt ist, den aber- °) QmntlnDurwardTH!. S. S.der Eim. ÜSevf. »t Aden!»., 26 das Unglück nicht niederzuschlagen oder zu überwältigen vermag; denn es lag noch das Gebiethende stolzer» unbesiegbarer Entschlossenheit darin. Dieß war wenigstens die Meynung meines Oheims, und er hielt sich für einen großen Phystognomen. Die Gestalt blieb, wie ich gesagt habe, eine Zeitlang vor dem Feuer stehen, streckte dann eins Hand, sodann die andere aus, dann auch die Füße nach einander, als ob sie sich wärme: denn Gespenster,— und dieses war doch wohl wirklich eines,— friert gewöhnlich. Mein Oheim bemerkte weiter, daß sie Schuhe mit hohen Absätzen nach alter Mode, nebst Schnallen mit unechten oder echten Steinen trug, die blitzten, als ob sie wirklich vorhanden wären. Endlich wendete sich die Gestalt langsam, warf einen hohlen Blick in das Zimmer, der, als er über meinen Oheim wegstreifte, alles Blut in seinen Adern stocken und das Mark in seinen Gebeinen erstarren machte. Hierauf streckte sie die Arme zum Himmel empor, faltete die Hände, rang sie auf eine flehende Weise und glitt dann langsam zum Zimmer hinaus. Mein Oheim blieb eine Zeitlang in Betrachtungen über diesen Besuch liegen; denn obgleich er(wie er bemerkte, als er mir die Geschichte erzählte) ein Mann von sehr festem Charakter war, so liebte er doch auch über eine solche Sache nachzudenken, und verwarf sie nicht sogleich, weil sie außerhalb der gewöhnlichen Sphäre der Ereignisse lag. Da er indessen, wie ich vorher erwähnt habe, ein erfahre- 27 ner Reifender und an seltsame Begebenheiten gewannt war, so rückte er seine Nachtmütze ruhig über die Augen, legte sich mit dem Rücken nach der Thür, zog sich die Betttücher bis über die Schultern und schlief wieder ein. Wie lange er geschlafen haben mochte, konnte er nicht/sagen, als er durch die Stimme Jemandes, der neben seinem Bette stand, geweckt wurde- Er drehte sich um, und sah den alten Französischen Bedienten mit seinen Ohrlvcken in festen Wickeln zu beyden Seilen seines lange» Laternengesichts, auf welchem die Gewohnheit ein ewiges Lächeln hervorgebracht hakte. Er schnitt tausend Gesichter, bath taufend Mahl Monsieur um Verzeihung, daß er ihn gestört habe; sagte aber, es sey schon ziemlich hoch am Morgen. Während mein Oheim sich ankleidete, rief er sich den Besuch der vergangenen Nacht oberflächlich in das Gedächtniß zurück. Er fragte den alten Bedienten, was für eine Dame in diesem Theils des Schlosses des Nachts umherzuwcmdeln pflege. Der alte Diener zuckte die Schultern bis an den Kopf,-legte eins Hand auf die Brust, fpreitzte die andere aus, machte ein höchst komisches Gesicht, was ein Compliment andeuten sollte, und sagte: „Es gehöre sich nicht für ihn, etwas von den Lonnes korinues von Monsieur wissen zu wollen.« Mein Oheim sah wohl, daß hier nichts Genügendes zu erfahren war.— Nach dem Frühstück ging er mit dem Marquis in den modernen Zimmern des Schlosses spazieren und glitt über die wohlge- 2* 28 Söhnten Fußböden der mit Seide tapezirten Säle hin, zwischen reich vergoldeten und mit Brokat bezogenen Möbeln hindurch, bis sie an eine lange Bil- der-Gallerie kamen, welche mehrere Bildnisse, theils in Öhlfarben, theils in Kreide ausgeführt, enthielt. Hier eröffnete sich ein weites Feld für die Beredsamkeit seines Wirkhs, der ganz den Stolz eines Edelmanns vorn arioirn regiins hatte. Es gab keinen großen Nahmen in der Normandie, ja kaum in Frankreich, der sich nicht, auf irgend eine Weise, mit seinem Hause in Beziehung befand. Mein Oheim stand da und hörte mit innerer Ungeduld zu, ruhte bald auf einem Deine, bald auf dem andern, während der kleine Marquis, mit seinem gewöhnlichen Feuer und vieler Lebendigkeit, sich über die Thaten seiner Vorfahren verbreitete, deren Bildnisse an den Wänden hingen,— von den Kriegskhaton der ernsten, stahlgepanzerten Krieger, bis auf die Galanterieen und Intriguen der blauäugigen Herren herab, mit niedlichen lächelnden Gesichtern, gepudertem Haar, Spitzen-Manfchetken und rochen und blauen seidenen Röcken und Beinkleidern; wobey er die Eroberungen der lieblichen Schäferinnen nicht vergaß,.die mit Reifröcken, und mit Taillen, die nicht stärker als eine Sanduhr waren, ihre Schafe und ihre Anbether mitihren zierlichen mit fliegenden Bändern geschmückten Schäferstäben zu weiden schienen. Mitten in dem Gespräche seines Freundes ward meines Oheims Aufmerksamkeit durch ein Bildniß in ganzer Figur erregt, welches ihm das wahre Contersey seines Besuches von voriger Nacht zu seyn schien. „Mich dünkt," sagte er, indem er darauf zeigte, „ich habe das Original dieses Bildnisses gesehen.^ „pi-rclaniier-rnoich erwiederte der Marquis höflich, „das ist wohl kaum möglich, da diese Dame schon seit mehr als hundert Jahren todt ist. Es war die schöne Herzoginn von Longueville*), welche während der Minderjährigkeit Ludwig's des Vierzehnten eine Rolle spielte" „Und haben ihre Schicksale irgend etwas Merkwürdiges Es konnte nicht leicht eins unglücklichere Frage geben. Der kleine Marquis nahm sogleich die Stellung eines Mannes an, der im Begriffe ist, eine lange Geschichte zu erzählen Mein Oheim hatte sich nähmlich die ganze Beschreibung deS bürgerlichen Krieges der Fronde aus den Hals gezogen, worin die schöne Herzogin» eine so ausgezeichnete Rolls gespielt hatte. Türenne, Coligny und Mazarin mußten aus ihren Gräbern hervorkommen, um seiner Erzählung Schmuck zu verleihen, und selbst die Handel der Barrikaden**) und die Heldentha- *) Anna Gcnovefa von Bourbon, Herzoginn von Lon- gucvills und ältere Schwester des Prinzen von EondL, Genauere Nachrichten über sie finden sich inIl)-), klsxi'A Us I» Vol. II. s>. 71. Überf. *') Der Sperrketten, welche die Bewohner von Paris damahls in den Straßen zogen, IHN sich der Königinn Anna von Ssterreich, der Vsrmunderinn Ludwtg's XIV- vnd ihren Anhängern zu widersetzen. Über f. 3» ten der Thorwege wurden nicht Übergängen. Mein Oheim sing an, sich tausend Meilen von dem kleinen Marquis mit seinem unbarmherzigen Gedächtnisse wegzuwünschen, als plötzlich die Erinnerungen des kleinen Mannes eine anziehendere Wendung . nahmen. Er erzählte nähmlich die Gefangenhaltung des Herzogs von Longueville, nebst den Prinzen von Conds und Conti im Schlosse von Viucennes, und von den vergeblichen Versuchen der Herzoginn, die wackern Normänner zu ihrer Befreyung aufzuregen. Er war jetzt an den Theil der Geschichte gekommen, wo die Herzoginn von den, königlichen Truppen in das Schloß von Dieppe'eingeschlossen wurde. Der Wuth der Herzoginn, sagte der Marquis, wuchs mit ihrem Unglück. Es war bewunderungswürdig, ein so zartes und schönes Wesen so entschlossen mit dem Mißgeschick kämpfen zu sehen. Sie beschloß, Alles anzuwenden, um ihre Flucht zu bewerkstelligen. Wahrscheinlich habenSie das Schloß gesehen, worin sie eingesperrt war; es ist ein altes, verfallenes Gebäude*), das auf der Sepitze eines Hügels oberhalb der rostigen kleinen Stadt Dieppe liegt. In einer finstern, stürmischen Nacht schlich sie heimlich aus einem kleinen Pförtchen des Eastells, welches der Feind zu besetzen vergessen hatte. Dieses Pförtchen ist noch heutigen Tages zu sehen, und geht ') Im Originale steht LN olä isMürl V» r t sk an süi- st«-, wahrscheinlich, weil es sich auf dem Hügel wie ein Auswuchs oder«ine Warze ausnahm. Übers. 3, auf eine schmale Brücke hinaus, welche über einen tiefen Graben führt, der zwischen dem Schlosse und dem Abhänge des Hügels durchgeht. Ihre Dienerinnen, einige wenige männliche Bediente und einige tapfere Ritter, welche ihrer Sache treu geblieben waren, folgten ihr. Ihre Absicht war, den etwa zwey Meilen entfernten Haftn zu erreichen, wohin sie insgeheim ein Schiff hatte kommen lassen, um im Nothfalle darauf entfliehen zu können. Die kleine Schaar der Flüchtlinge war genö- thiget, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Als sie im Hafen anlangte, war der Wind heftig und stürmisch, die Fluth ungünstig, das Schiff lag weit entfernt auf der Höhe der Rheds, und es gab kein anderes Mittel, um an Bord zu kommen, als sich eines Fischerbootes zu bedienen, das wie eine Muschelschale von der Brandung hin und her geworfen wurde. Die Herzoginn entschloß sich, das Wagestück zu bestehen. Die Seeleute suchten sie von ihrem Vorhaben abzubringen; allein das Dringende der Gefahr am Ufer und ihre Geistesgröße machten, daß sie auf die Vorstellungen derselben nicht achtete. Ein Seemann mußte sie in seinen Armen in das Boot tragen. Die Gewalt des Windes und der Wogen war indessen so groß, daß er schwankte, das Gleichgewicht verlor und seine kostbare Bürde in das Meer fallen ließ*). Die Herzoginn wäre beynahe ertrunken; allein ') Lüprit äs lalkronäs, Vol. II!. ysg.zbv, LSi. über s. 32 ihre eigenen Anstrengungen und die Bemühungen der Seeleute machten, daß sie glücklich wieder an das Land kam. Sobald sie sich etwas erhohlt hatte, bestand sie darauf, den Versuch zu wiedeihohlen. Der Sturm war jedoch unterdessen so heftig geworden, daß er allen Bemühungen Trotz both. Länger zu zögern, mußte unausbleiblich Entdeckung und Gefangenschaft nach sich ziehen. Es blieb weiter nichts übrig, als Pferde zu nehmen. Sie sehte sich, mit ihren Begleiterinnen, hinter den tapfern Rittern, die sie geleiteten, auf, und ritt nun landeinwärts, um einen einstweiligen Zufluchtsort zu suchen." „Während die Herzoginn,« fuhr der Marquis fort, indem er den Zeigefinger auf meines Oheims Brust legte,-um dessen abnehmende Aufmerksamkeit wieder zu beleben,—„während die arme Herzoginn so im Sturme umherirrte, langte sie bey diesem Schlosse an. Ihre Ankunft verursachte einige Unruhe; denn das Getrappel eines Trupps von Pferden mitten in der Nacht, der Gang zu einem einsamen Schlosse hinauf, war in diesen bewegten Zeiten und in einem so unruhigen Theile des Landes hinlänglich, Besorgnisse zu erregen« Ein großer, breitschulteriger Jäger, bis zu den Zähnen bewaffnet, sprengte voraus und meldete die Besucherinn an. Alle Besorgniß war jetzt verschwunden. Das Hausgesinde kam mit Fackeln heraus, sie zu empfangen, und nie beleuchteten diese einen mehr vom Wetter und der Reise mitgenommenen Haufen, 2** 55 als den, der jetzt auf den Hof trabte. Die arme Her- zoginn und ihre Begleiterinnen, jede hinter ihrem Ritter, erschienen mit bleichen, abgehärmten Gesichtern und beschmutzten Kleidern; und die halb durchnäßten, halb schläfrigen Pagen und Diener schienen jede» Augenblick vor Schlaf und Ermattung von ihren Pferden sinken zu wollen. Mein Ahnherr empfing die Herzoginn mit großer Herzlichkeit. Sie ward in den großen Saal des Schlosses geführt, und bald prasselte und glühte das Heuer, sie und ihr Gefolge zu erwärmen, und jeder Bratspieß und jede Pfanne ward in Bewegung gesetzt, um Erquickungen für die Wanderer zu bereiten. „Sie hatte ein Recht auf unsere Gastfreundschaft/' fuhr der Marquis fort, indem er sich etwas mehr in die Höhe richtete;„denn sie war mit unserer Familie verwandt. Ich will Ihnen erzählen, wie das zusammen hing. Ihr Vater,Heinrich von Bouc» bon, Prinz von Conde—" „Brachte denn die Herzoginn die Nacht in dem Schlosse zu?"— fragte mein Oheim querfeldein, da der Gedanke ihn erschreckte, in eine der genealogischen Erörterungen des Marquis hinein zu gerathen. „Oh, die Herzoginn,— die bekam gerade daS Zimmer, das Sie vergangene Nacht inne gehabt haben, und das damahls eine Art von Staatsgemach war. Ihren Begleitern wurden die Zimmer zugetheilt, welche auf den anstoßenden Gang hinausgehen, und ihr Lieblingspage schlief in einem Mstoßenden Cab-inett. Der große Jäger, welcher ihre Ankunft angekündigt hatte, und der die Stelle einer Art von Schildwache oder Leibwache vertrat, ging in dem Gange auf und nieder. Er war ein schwärzlicher, ernster Mensch von gewaltigem Ansehen, und wenn das Licht der Lampe im Gange auf die scharfen Züge seines Gesichts und seinen muskel- haften Bau fiel, so glaubte man Jemanden vor sich zu sehen, der das Schloß durch die alleinige Kraft seines Armes vertheidigen könne. Es war eine rauhe, ungestüme Nacht, ungefähr um diese Zeit des Jahres;— Apropos! da ich eben daran denke, vergangene Nacht war der Jahrestag des Besuchs der Herzoginn. Ich kann das Datum nicht aus dem Gedächtnisse verlieren; denn das war eine Nacht, welche unser Haus nicht so leicht vergessen kann. Es geht eine sonderbare Sage darüber in unserer Familie. Hier hielt der Marquis inne, und eine Wolke schien seine buschigen Augenbraune» zu überschatten. Es geht eine Sage,— daß sich ein sonderbarer Vorfall in jener Nacht zugetragen habe;— ein sonderbarer, geheimnißvoller, unerklärlicher Vorfall.-- Hier besann er sich auf einmahl und hielt inne. „Stand er-mit jener Dame in Beziehung?" fragte mein Oheim begierig. Mitternacht war- vorbey, fing der Marquis wieder an— als das ganze Schloß,— hier hielt er abermahls inne. Mein Oheim machte eine Bewegung, die seine gespannte Neugierde verrieth. Entschuldigen Siel; sagte der Marquis, indem eine leichte Rothe über sein bleiches Gesicht flog. Es gibt einige Umstände, welche mit der Geschichte unserer Aamilie in Berbindung stehen und die ich nicht gern erzähle. Es war damahls eine rohe Zeit. Es war eine Zeit, wo große Verbrechen unter großen Leuten begangen wurden; denn Sie wissen, daß vornehmes Blut, wenn es einmahl nicht den rechten Weg nimmt, nicht wie das Blut der Canaille, ruhig dahin fließt;— die arme Dame!— Doch, ich habe etwas Zamilienstolz-, der,— Sie entschuldigen mich,— wir wollen lieber von etwas Anderem sprechen, wenn es Ihnen gefällig ist. Meines Oheims ganze Neugierde war jetzt erregt. Die pomphafte und prachtvolle Einleitung hatte ihn verleitet, etwas Wunderbares in der Geschichte zu erwarten, wozu jene als eine Art von Eingang diente. Er hatte durchaus keinen Begriff davon, daß er ihrer, durch eine plötzliche Anwandlung thörichter Bedenklichkeit, ganz verlustig gehen sollte. Außerdem hielt er es, als em Reisender, der sich gern unterrichten wollte, für seine Pflicht, sich nach Allem zu erkundigen. Der Marquis wich indessen allen Fragen aus. „Nun," sagte mein Oheim etwas unwillig;„Sie mögen davon denken, was Sie wolle»,— ich habe die Dame vergangene Nacht gesehen." Der Marquis trat zurück und sah ihn mit Erstaunen an. 56 »Sie hat mich in meinem Schlafzimmer besucht." Der Murquis nahm mit einem Achselzucken und einem Lächeln seine Schnupftabaksdose zur Hand, und hielt dieß wahrscheinlich für einen sehr plumpen Englischen Spaß, den er, Höflichkeitshalber, sehr angenehm finden mußte. Mein Oheim fuhr indessen sehr ernsthaft fort, und erzählte den ganzen Vorfall. Der Marquis Hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und hielt dabey seine Schnupftabaksdose ungeöffnet in der Hand. Als die Geschichte zu Ende war, schlug er bedächtig auf den Deckel semex Dose, und nahm eine lange, tonende Prise Tabak— »Bah!" sagte der Marquis, und ging nach dem andern Ende der Gallerie. Hier hielt der Erzähler tun«. Die Gesellschaft wartete eine Zeit lang, daß er die Erzählung wieder anfangen würde, aber er schwieg. „Nun," sagte der fragende Herr;»was sagte Ihr Oheim darauf?" »Nichts," erwiederte der Andere. »Und was sagte der Marquis ferner?" »Nichts." »Und ist das Alles?" »Das ist Alles," sagte der Erzähler, indem er sich ein Glas Wein einschenkte. »Ich vermuthe,"Ifagte der schlaue alte Herr mit der neckischen Rase;»ich vermuthe, der Geist ist niemand anders, als die alte Haushälterin» gewe- sen, die im Hanse die Runde machte, um zu sehen, ob Alles in Ordnung sey." „Bah!" sagte der Erzähler;„mein Oheim war viel zu sehr an sonderbare Erscheinungen gewöhnt, um nicht einen Geist— von einer Haushälterinn unterscheiden zu können!" Rund um den Tisch lief jetzt ein Gemurmel, theils aus Scherz, theils aus Unwillen über die getäuschte Erwartung. Ich konnte nicht umhin, zu glauben, daß der alte Herr noch.einen zweyten Theil der Geschichte im Rückhalte habe, aber— er schlürfte seinen Wein und sagte nichts weiter, und es lag ein sonderbarer Ausdruck in seinem verfallenen Gesicht, der mich zweifelhaft ließ, ob das Ganze Scherz oder Ernst gewesen sey. „Hm!" sagte der schlaue Herr mit der beweglichen Nase.;„die Geschichte von Ihrem Oheim erinnert mich an eine ähnliche, welche eine meiner Basen, von mütterlicher Seite, zu erzählen pflegte, wiewohl ich nicht weiß, ob sie die Vergleichung aushalten wird, da der guten Dame nicht so leicht sonderbare Sachen begegneten. Auf jeden Fall will ich sie aber erzählen." Das Abenteuer meiner Base. Meine Base war eine Frau von starkem Körperbau, kräftigem Geist und großer Entschlossenheit; sie war, was man eine sehr männliche Frau nennen würde. Mein Oheim war ein magerer, schwäch- 38 sicher, kleiner Mann, sehr sanft und nachgiebig, und keinesweges meiner Base gewachsen. Man sah, Laß er vorn Tage seiner Verheirathung an allmählich zu vergehen anfing. Seiner Frau gewaltiger Geist war zu mächtig für ihn; er verzehrte ihn Meine Base trug indessen alle mögliche Sorgfalt für ihn, die Ärzte aus der halben Stadt mußten ihm verordnen; sie ließ ihn alle ihre Recepte einnehmen, und gab ihm so viele Arzeney ein, daß ein halbes Spi-, tal damit, hätte geheilt werden können. Alles war indessen vergebens. Mein Oheim wurde immer kränker, so. mehr ihm eingegeben und je mehr er gepflegt wurde, bis er am Ende die lange Reihe der ehelichen Opfer vermehrte, welche aus lauter Liebe umgekommen sind. „Und sein Geist erschien ihr?« fragte der neugierige Herr, der den vorigen Erzähler so ausgefragt hatte. Das werden Sie gleich hören, antwortete der Erzähler. Meine Base nahm sich den Tod ihres guten, armen Mannes sehr zu Herzen. Vielleicht fühlte sie einige Gewissensbisse, ihm so viele Arzeney gegeben und ihn so lange gepflegt zu haben, bis er daran starb. Genug, sie that Alles, was eineWitwe nur thun kann, sein Andenken zu ehren. Siesparts keine Kosten, sowohl in Hinsicht der Beschaffenheit, als der Menge ihrer Trauecgewänder; sie trug ein Miniatur-Bild von ihm, so groß wie eine kleine Sonnenuhr, und sein Bild in ganzer Figur Hingin ihrem Schlafzimmer. Jedermann erhob ihr Beneh- Zg men bis in den Himmel, und man kam darinüber- ein, daß eine Frau, die das Andenken ihres ersten Gatten so ehre, werth sey, bald einen zweyten zu bekommen. Nicht lange darauf entschloß sie sich, ihren Wohnsitz auf einem alten Landhauso in Derbyshirs aufzuschlagen, das seit langer Zeit nur unter der Aufsicht eines Haushofmeisters und einer Haushälterin» gestanden hatte. Sie nahm den größer» Theil ihrer Dienerschaft mit sich, da sie beschlossen hakte, den Ort zu ihrem Hauptwohnsitz zu machen. Das Haus lag in einem einsamen, wilden Theile des Landes, zwischen den grauen Hügeln von Derbyshirs, und hatte eine Aussicht auf einen Hingerichteten Mörder, der auf einer wüsten Anhöhe in Ketten hing. Die Dienerschaft aus der Stadt war vor Schrecken außer sich bey dem Gedanken, an so einem fürchterlichen, heidnischen Orte wohnen zu müssen, besonders als sie am Abend in der Bedien- tenstnbs zusammen kamen, und nun die Gespenstergeschichten erzählt wurden, die ein Jeder des Tages über gehört Hatte, Sie fürchteten sich allein durch die finstern, fchwarzaussehenden Zimmer zu gehen. Die Kammerjungfer, die an den Nerven litt, erklärte, daß sie nie in einem>,gräßlichen, umgehenden alten Gebäude" allein schlafen könne, und der Bediente, ein gutherziger junger Mensch, both alles Mögliche aus, sie zu erheitern. Meine Base selbst schien von dem einsamen Arr- sehen des Hauses überrascht zu seyn. Ehe sie, zu Bette ging, untersuchte sie demnach alle Thüren und Fenster, ob sie auch fest verschlossen wären, schloß das Silber mit eigenen Händen ein, und trug die Schlüssel, so wie ei;, kleines Kästchen mit Geld und Juwelen, in ihr eigenesZimmer; denn sie war eine achtsame Frau, und liebte nach allen Dingen selbst zu sehen. Nachdem sie die Schlüssel unter ihr Kopfkissen gelegt und ihre Kammerjungfer entlassen hakte, setzte sie sich noch an ihre Toilette und ordnete ihr Haar; denn da sie, ungeachtet ihres Grames um meinen Oheim, noch eine stattliche Witwe war, so war sie etwas eigen in ihrem Äußern.— So saß sie einige Zeit und betrachtete sich im Spiegel, erst von der einen Seite, dann von der andern, wie Frauen zu thun pflegen, wenn sie sehen wollen, ob sie sich gut ausgenommen haben; denn ein stattlicher Sguirs aus der Nachbarschaft, der ihr den Hof gemacht hatte, als sie noch Mädchen war, hatte ihr heute die Aufwartung gemacht, um sie auf dem Lande willkommen zu heißen. Plötzlich glaubte sie, etwas hinter ihr sich bewegen zu hören. Sie sah sich schnell um, erblickte aber nichts. Nichts war zu sehen, als das Bild ihres lieben, seligen Mannes in Lebensgröße, das an der Wand hing. Sie weihte seinem Andenken einen tiefen Seufzer, wie sie immer zu thun gewöhnt war, wenn sie in Gesellschaft von ihm sprach, und fuhr dann fort, ihre Nachtkleider in Ordnung zu bringen und au 4l den Squire zu denken. Ihr Seufzer wurde durch einen andern, oder durch einen tiefen Athemzug beantwortet. Sie blickte sich abermahls um, und niemand war zu sehen. Sie meynto, daß es der Wind sey, der durch die Mauselöcher des alten Hauses pfeife, und fuhr gemächlich fort, ihr Haar in Papillotten zu wickeln, als sie auf einmahl"eines der Augen des Bildes sich bewegeu„zu sehen glaubte. »Während sie ihm den Rücken zukehrtesagte der Erzähler mit dem verfallenen Kopfe.„Gut!" »Za, mein Herr!" erwiederte der Redner trocken;„ihr Rücken war allerdings dem Bilde, zugewendet; allein sie sah es im Spiegel. Wie ich also gesagt, so bemerkte sie, daß das Bild ein Auge bewege Eine so sonderbare Erscheinung mußte, wie Sie wohl denken können, sie nicht wenig erschrecken. Um sich jedoch zu überzeugen, ob sie recht gesehen habe; legte sie die eine Hand an die Stirn, als ob sie sie reiben wollte, sah durch die Finger und bewegte dabey das Licht mit der andern Hand. Das Licht der Kerze siel auf das Auge und spiegelte sich darin. Allerdings bewegte sich dieses. Ja, was noch mehr war, es schien ihr zuzuwinken, so wie ihr Gatte es zuweilen bey seinem Leben gethan hatte. Einen Augenblick überlief sie ein Schauer; denn sie war allein und fühlte sich in einer furchtbaren Lage." Der Schauer war indessen nur vorübergehend. Meine Vase, die beynahe so entschlossen war, als Ihr Oheim, mein Herr(hier wendete er sich zu dem alten Herrn, der die Geschichte erzählt hatte), ward 42 sogleich wieder ruhig und besonne». Sie fuhr fort, ihre Kleider in Ordnung zu bringen- Sie brummte sogar ein Lied und sang deine einzige falsche Note. Sie warf zufällig einen Toilettenkasten um, nahm ein Licht und las das Herausgefallene nach einander auf, verfolgte ein Nadelkissen, das unter das Bett rollte, öffnete dann die Thür, sah einen Augenblick auf den Gang hinaus, als sey sie zweifelhaft, ob sie gehen sollte, und ging dann ruhig hinaus. Sie eilte die Treppe hinunter, befahl den Bedienten, sich mit dem zu bewaffnen, was ihnen zuerst in die Hände siele, stellte sich an ihre Spitze, und kehrte beynahe augenblicklich wieder zurück. Ihr schnell aufgebothenes' Heer stellte eine furchtbare Macht auf. Der Haushofmeister hatte eine verrostete Donnerbüchse, der Kutscher eine gezogene Peitsche*), der Bediente ein Paar Cavallerie-Pistolen, der Koch ein gewaltiges Hackemesser und der Kellermeister eine Flasche in jeder Hand. Meine Vase bildete, mit einem rokbglühenden Schüreisen, den Vortrab, und war, nach meiner Meynung, die furchtbarste von Allen- Die Kammerjmigfer, welche sich fürchtete, allein in der Bedientenstubs zu bleiben, bildete den Nachtrab, roch an einer zerbro- ') Ich gestehe, daß ich wir den Zusatz lobest(geladen) bey einer Peitsche nicht anders, a!s durch einen Scherz erklären kann, und habe ihn deswegen so wieder zu geben gesucht. Users. chenen Flasche mit flüchtigem Salz, und äußerte die größte Furcht Vor den Gespenstern. »Gespenster!" sagte meine Base entschlossen. „Ich will ihnen den Bart schon versengen." Man trat in daö Zimmer. Alles war still und ruhig, wie in dem Augenblick, wo sie es verlassen hatte. Man näherte sich dem Bilde meines Oheims. „Nehmt das Bild herab!" rief meine Base. Ein tiefer Seufzer, und ein Ton, wie Zähneknirrschen, ließ sich aus dem Bilde hören. Die Bedienten fuhren zurück; das Kammermädchen stieß einen schwachen Schrey aus, und hielt sich an dem Bedienten fest. „Den Augenblick!" fügte meine Base hinzu, und stampfte mit dem Fuße. Man nahm das Bild herab, und aus einer Nische dahinter, in welcher früher eins Uhr gestanden hatte, zog man einen breitschulterigen, schwarzbärtigen Kerl, mit einem armlangen Messer hervor, der aber wie ein Äspenlaub zitterte. „Nun, und wer war das? Doch wohl kein Geist?" sagte, der fragelustige Herr. Ein Strauchdieb, welchen das Vermögen der reichen Witwe angezogen hatte, oder vielmehr ein marodirender Tarquinius, der sich in ihr Zimmer geschlichen hatte, um ihrer Börse Gewalt anzuthun und ihre Chatulle zu plündern, wenn Alles im Hause schlafen würde. Geradezu gesagt, fuhr er fort, war der Landstreicher ein liederlicher Müssiggänger aus der Nachbarschaft, der einst in dem Hause gedient, und den man gebraucht hatte, um zu helfen, als 44. Man-es zum Empfang der Besitzerinn in Stand setzte. Er bekannte, daß er diesen Versteck zu seinem schändlichen Plane sich ausersehen, und ein Auge des Bildnisses als einen Weobachtungspunet gebraucht hatte," „Und was that man mit ihm? Wurde er gehenkt?" fing der Frager wieder an. „Gehenkt.! wie wäre das möglich gewesen?" rief ein Advokat mit buschigen Augenbraunen und einer Falkennase.„Es war ja kein todeswürdiges Verbrechen. Er hatte keinen Raub begangen, Niemanden angefallen oder'Einbruch verübt" „Meine Vase," sagte der Erzähler,„war eins entschlossene Frau, die das Gesetz gern selbst handzu- haben pflegte. So hatte sie auch ihre eigenen Ansichten von Reinlichkeit. Sie befahl, daß der Kerl in die Pferdeschwemme geschleppt werden solle, um alle Übelkhat abzuwaschen, und daß man ihn nachher mit einem eichenen Handtuchs wieder trocken mache." ,,Und was wurde nachher aus ihm?" sagte der sragelustige Herr. „Das kann ich wirklich nicht genau sagen. Ich glaube, er wurde auf eine Bildungsreise nach Bo- tany-Bay geschickt." „Und Ihre Base," sagte der sragelustige Herr, „die ließ gewiß nachher ihre Kammerjungfer mit in ihrem Zimmer schlafen. „Nein, mein Herr, sie that etwas Klügeres; sie gab kurz nachher ihre Hand dem stattlichen Squirs; denn sie pflegt« zu sagen; es sey doch eine unangenehme Sache für eine Frau, aufdem Lande so allein zu schlafen." „Da hatte fle Recht/' bemerkte der fragesustige .-Herr, indem er sehr weise dazu mit dem Kopfe nickte; „mir thut es nur leid, daß der Kerl nicht gehenkt wurde." Alle waren darüber einig, daß der letzte Erzähler seine Geschichte am genügendsten geendet habe, wobey jedoch ein anwesender Landgutsbesttzer bemerkte,„es sey Schade, daß der Oheim und die Vase, welche in den beyden Geschichten die Hauptrollen gespielt, einander nicht geheirathet hätten; das würde gewiß ein schönes Paar gegeben haben." „Aber bey dem allen," sagte der sragelustige Herr, „ist in der letzten Geschichte doch kein- Geist vorgekommen." „O l wenn Ihnen an Geistern siegt, Liebster," rief der Irische Dragoner-Hauptmann;—„wenn Ihnen an Geistern liegt, so sollen Sie ein ganzes Regiment haben. Und da diese Herren hier uns die Begebenheiten ihrer Oheime und Basen erzählt haben, so will ich Ihnen auch ein Capitel aus meiner eigenen Fa- miliemGeschicht« zum Besten geben." Der kecke Dragoner, oder d a§ Ab enteuer m ein e s Großvaters. Mein Großvater war ein kecker Dragoner; denn Sie müssen wissen, daß dieß ein Handwerk ist, das- 46 schon lange in der Familie einheimisch gewesen. Alls meine Vorfahren waren Dragoner, und sind auf dem Felde der Ehre gestorben, mich ausgenommen, und ich hoffe, meine Nachkommen werden dasselbe von sich sagen können; indessen will ich damit nicht prah- — Genug, mein Großvater war, wie ich eben gesagt habe, ein kecker Dragoner, und hatte in den Niederlanden gedient. Er gehörte zu demselben.peere, das, nach der Aussage des Oheims Tobias*), so fürchterlich in Flandern fluchte. Er selbst konnte recht ordentlich fluchen, und war überdach eben derselbe Mann, der die Lehre einführte, deren Korporal Trim**> erwähnt, nähmlich von der Grundhitze und Grundfeuchügkeit, oder mit andern Worten, wie man sich gegen die feuchten Dünste des Grabenwassers durch Branntwein verwahren könne. Dem sey nun, wie ihm wolle, so gehört das nicht zu meiner Geschichte. Ich sage das auch nur, um Ihnen zu beweisen, daß mein Großvater kein Mann war, den man so leicht hinter das Licht führen konnte. Er hatte sich etwas versucht, oder nach seinem eigenen Aus- drucke, den Teufel kennen gelernt,— und das will etwas sagen. Nun, meine Herren, mein Großvater war auf dem Heimwege nach England, wohin er sich in Ostends einzuschiffen gedachte,— über das alles mögliche Unglück kommen möge; denn das war der Ort, wo ich ch In Sterne's Tristrgm Shandy. ") Ebendaselbst. drey lange Tage durch Sturm und widrige Winde zurück gehalten wurde, und keinen Teuft! von einem lustigen Kameraden oder einem niedlichen Gesichte hatte, die mich hätten aufheitern können. Run, wie ich sage,— mein Großvater war, auf dem Wegs nach England, oder vielmehr nach Ostende,— gleichviel, das kommt auf eins hinaus. So ritt er denn einen Abend, gegen Eintritt der Nacht, ganz lustig nach Brügge hinein. Wahrscheinlich kennen Sie Alle, meine Herren, Brügge; eine Närrische, Altfränkische, Flamländische Stadt, die, wie man behauptet, einst ein großer Handelsplatz war, und wo viel Geld verdient wurde, als die My»Heers noch in ihrem Glanze waren, heut zu Tage aber beynahe so groß und so leer als die Tasche eines Jrländers ist. Es war die Zeit des alljährlichen Marktes. Ganz Brügge war voll Menschen; die Canäle wimmelten von Holländischen Booten, und die Straßen von Holländischen Kaufleuten; und vor Gütern, Waaren und Ballen, Bauern in weiten Hosen und Frauen mit einem halben Dutzend Röcken konnte man sich kaum bewegen. Mein Großvater ritt fröhlich dahin auf seine unbefangene, schlendrige Weise; denn er war ein sorgenloser, in den Tag hinein lebender Mensch,-- sah umher auf die bunte Menge und die alten Häuser mit den Giebeln nach der Straße und den Storchnestern auf den Schornsteinen, nickte den I u f- fronws, die sich an den Fenstern sehen ließen, und scherzte rechts und links mit den Frauen auf der Straße, die alle darüber lachten und die Sache sehr gut aufnahmen; denn obgleich er nicht ein Wort von der Sprache wußte, so hatte er doch immer eine gewisse Art und Weise, sich den Frauen verständlich zu machen. Da es, wie gesagt, Marktzeit war, so war die ganze Stadt voll, jeder Gasthof und jede Schenke angefüllt, und mein Großvater zog vergebens von einer zur andern, ein Unterkommen zu finden. Endlich ritt er nach einem altem rumpügen Gasthose, der aussah, als ob er jeden Augenblick zusammenfallen wolle, und aus dem alle Ratten weggelaufen seyn würden, wenn sie nur in irgend einem andern Haus« Platz gefunden hätten. Es war gerade so ein sonderbares Gebäude, wie man sie auf Holländischen Bildern sieht, mit einem hohen Dache, das bis in die Wolken geht, und so vielen Dachfenstern übereinander, wie Mahomed's sieben Himmel. Daß es nicht schon zusammen gefallen war, daran war ein Storchnest auf dem Schornsteine Schuld, das den Häusern in den Niederlanden immer Glück bringt, und gerade in dem Augenblicke, wo mein Großvater vor demselben anlangte, standen zwey solche langbeinige Ssgensvögel,. wie Geister, oben auf dem Schornsteine. Sie haben auch wahrhaftig das Haus bis jetzt zusammen gehalten; dennSie können es noch sehen, wenn Sie durch Brügge reisen, wie es da steht; nur ist vermahlen eine Brauerey darin, wo starkes Ilamländisches Bier gebraut wird,— wenig- stens war es so, als ich nach der Schlacht von Waterloo des Weges kam. Mein Großvater beguckte das Haus sehr neu. gierig, als er heran kam. Es würde ihm vielleicht nicht so sehr aufgefallen seyn, hätte er nicht, mit großen Buchstaben, die Worte über der Thür gelesen: klier verlroopt meu goecken ckrsnlr. Mein Großvater hatte so viel von der Sprache gelernt, um zu wissen, daß das Schild etwas Gutes zu trinken verhieß.»Das ist das rechte Haus für mich," sagte er, und hielt an der Thür still. Die plötzliche Erscheinung eines schmucken Dragoners war eine Begebenheit für einen alten Gast- hof, der sonst nur von den friedlichen Söhnen des Handels besucht wurde. Ein reicher Bürger von Antwerpen, ein stattlicher, starkerMann mit einem breiten Flamländischen Hut, und der die Hauptperson und der große Beschützer des Hauses war, saß mit seiner reinen, langen Pfeife an der einen Seite der Thür; ein fetter, kleiner Wachholdcr-Branntwcinbren- ner cms Schiedam saß rauchend an der andern, und der dicknasige Wirth stand in der Thür, die behagliche Wirthinn mit gekniffter Haube neben ihm, und die Tochter der Wirthinn, ein derbes Flandrisches Mädchen mit großen goldenen Dhrgehängen, stand an einem Seitenfenster. »Hm!" sagte der reiche Bürger von Antwerpen, mit einem scheelen Blicke aus den Fremden. »Der llug-vel!" sagte der fette kleine Branntweinbrenner aus Schiedam. Al-eiw. g 5a Der Wirth sah, mit dem Scharfblicke eines Gastgebers, daß der neue Gast durchaus nicht den alte» behagen wollte, und, die Wahrheit zu sagen, gefielen ihm selbst meines Großvaters Schslmen-Augsn nicht besonders. Er schüttelte den Kopf.»Nicht eine Dachstube im Hause sey unbesetzt,/ »Nicht eise Dachstube/ sagte die Wirthinn. »Nicht eine.Dachstube/ sagte die Tochter. Der Bürger von Antwerpen und der kleine Branntweinbrenner auS-Schiedam fuhren fort, finster ihre Pfeifen zu rauchen, und schielten den Feind quer- unter ihren breiten Hüten weg an, sagte« aber nichts. Mein Großvater war kein Mann, der sich so leicht abschrecken ließ. Er warf seinem Pferde den Zügel auf den Hals, setzte seinen Hut auf ein Auge, stemmte einen. Arm in die, Seite und sagte:»Bey meiner Treu! ich will nun aber diese Nacht in dem Hause schlafen/ Und damit schlug er sich auf die Lende, größer» Nachdrucks wegen, dajstes der Wirthinn durch alle Glieder drang, Gesagt, gethan,— er sprang vorn Pferde, und ging zwischen den starrenden Mynheers quer durch »ach der Fremdenstube.— Vielleicht sind Sie schon einmahl in der-Schrnkstube eines altenFlamländi- schrn Gasthofes gewesen;— es war ein, so schönes Zimmer als man nur eins sehen kann, hatte einen- Fußboden von Mauersteinen, einen großen Kamin mit der ganzen biblischen Geschichte auf Kacheln, und auf dem Vorsprunge prangte ein ganzes Regiment zerbrochener Theekannen und irdener Kruge, eines 3* halben Dutzend großer Delftrr Schlüsseln nicht zu gedenken, die statt Bildern an den Wänden hingen; und die kleine Schenke in dem Winkel, und das dralle. Schenkmädchen dahinter» mit einer rothen, kattunene« Mütze und gelben Ohrgehängen. Wein Großvater schnalzte mit den Fingern über dem Kopse, während er im Zimmer umherblickte.— „Bei meiner Treu, das ist gerade das Haus, das- ich gewünscht habe,b sagte er-- Die. Besatzung schien noch einigen Widerstand leisten, zu wollen; allein mein Großvater war ein alter Soldat, und ein Jrläudev dazu, der sich nicht so leicht zurück schlagen ließ, besonders wenn er bereits iudie Festung eingedrungen war. Er beschwatzte also den Wirth-*), küßta seins-Frau, kitzelte.seine Tochter- und griff dem.Schenkmädchen an das Kinn; und Alls. kamen-darin überein» daß es doch Jammerschade und noch dazu«ine wahre Sünde.seyn wnrde, einen so kecken Dragoner auf die Straße zu werfen. So hielten sie denn eine Berathung, d. h.: mein Großvater und die Wirthinn, und-man-kam endlich dahin«herein, ihm ein altes Zimmer zu geben, das seit einiger Zeit verschlossen gewesen war. „Man sagt, es. spuke darin/i flüsterte des Wipths ') Im üriainats steht: k« dk»rd«zt«I. ist nähmlich der Schimpfnahme für alle Jrländer, und das Verbum heißt als» so viel als: den Irischen Dialeck sprechen.. Übe es. 52 Tochter;»aber Ihr seyd ein kecker Dragoner, und habt gewiß keine Furcht vor Geistern.« »Nicht im Geringsten!« sagte mein'Großvater, indem er ihr in die derbe Wange kniff.»Sollte ich aber doch von Geistern geplagt werben, so bin ich zu meiner Zeit auch am rochen Meere gewesen, und weiß eine sehr gute Art, sie zu bannen, mein Kind.« Bey diesen Worten flüsterte er dem Mädchen etwas in's Ohr, worüber sie lachte, und ihm im Scherz eine Ohrfeige gab. Kurz, Niemand wußte besser mit den Weibern fertig zu werden, als mein Großvater. Es dauerte nicht lange, so nahm er, wie er überall zu thun pflegte, vollständigen Besitz vom Hause, und tobte überall umher; bald in den Stall, um nach seinem Pferde, bald in die Küche, um nach seinem Abendessen zu sehen. Mit Jedem hatte er was zu thun, oder ihm etwas zu sagen; er rauchte mit den Holländern, trank mit den Deutschen, schlug den Wirth auf die Schulter, und trieb Possen mit seiner Tochter und dem Schenkmädchen; und seit Alley Crokcr's*) Zeiten hatt« man keinen solchen durchtriebenen Menschen gesehen. Der Wirth betrachtete ihn mit Verwunderung; des Wirths Tochter ».) Alley oder Ally(abgekürzt von Allifon, als Vornahme) Eroker, war eine, ihrer Galanterie wegen bekannte Dubliner Schönheit im Anfange des vorige» Jahrhundertes, deren Nahme noch durch mehrere Wolksgesiinge verewigt ist. Üders. 55 senkte den Kopf und kicherte, sobald er nahe kam; und wenn er so den Gang hinunter schritt mit dem Degen, der ihm nachschleppte, so sahen ihm die Mädchen nach, und flüsterten einander zu:„Was das für ein netter Mensch ist!'' Bey dem Abendessen nahm mein Großvater die oberste Stelle ein, als ob er hier zu Hause wäre; legte Jedem vor, sich selbst nicht zu vergessen, sprach mit Jedem, er mochte seine Sprache verstehen oder nicht, und wußte sich sogar bey dem reichn: Bürger von Antwerpen einzuschmeicheln, den man in seinem Leben noch gegen Niemand vertraulich gesehen hatte. Kurz, er kehrte die ganze Wirthschaft um, und gab ihr einen solchen Schwung, daß selbst das Haus davon zu wanken anfing. Er saß länger bey Tischs als alle Ändern, den kleinen Branntweinbrenner von Schiedam ausgenommen, der lange Zeit in sich gekehrt zu bleiben pflegte, bis er losbrach; aber dann war er auch der eingefleischte Teufel. Er faßte eine gewaltige Zuneigung zu meinem Großvater, und so saßen sie denn und tranken und rauchten, erzählten einander Geschichten, sangen Holländische und Irländische Lieder, ohne daß der Eine von dem ein Wort verstanden hätte, was der Andere sang, bis der kleine Holländer in seinem eigenen Wachholder- Branntwein mit Wasser untergegangen war und zu Bett gebracht werden mußte, wobey er fortwährend aufschluckte, und den Refrain eines gemeinen Holländischen Liebesliedes sang. Meinem Großvater wurde endlich seine Wohnung Lz sngMelen und er eine große Treppe hinauf geführt, die aus einer Last von Holz zusammen gezimmert war» so wie durch lange, unabsehbare Gänge, welche mit verschwärzten,Bildern von Fischen, Früchten undWild und ländlichen Lustbarkeiten, von großen Küchen und stattlichen Bürgermeistern behängen waren, wie man ste in den Altfränkischen, Hlamländi- schen Gasthöfen zu sehen pflegt,— bis er endlich sein Zimmer erreichte. ES war eine altvaterische Stube, mit allem möglichen Plunder angefüllt. Sie hatte ganz das Ansehen eines Hospitals für invalide und, ausgediente Möbel, wohin alles Kranke oder Dienstnnfählgs geschickt wurde, um entweder lebenslänglich gepflegt oder vergessen zu werden. Auch hätte man ste für einen allgemeinen Versammlungsort alte», rechtmäßigen Mobilien halten können, wo jede Gattung und jedes Land seinen Repräsentanten hatte. Es gab hier nicht zwey Stühle, die einander ähnlich gewesen wären. Hier sah man hohe und niedrige Lehnen, lederne und gewirkte Sitze und Strohsitze, und gar keine Sitze, und zerbrochene Marmortische mit künstlich geschnitzten Beinen, welche Kugeln in den Klauen hielten, als ob sie Kegel spielen wollten. Mein Großvater machte, als er eintrat, eine Verbeugung gegen diese bunte Versammlung, entkleidete sich, und setzte dann sein Licht in den Kamin, wobey er die Feuerzange um Verzeihung bath, welche in der Ecke des Kamins der Feuerschaufel 55 den Hof zu machen und ihr allerhand'Verliebten Unsinn in das Ohr zu flüstern schien. Die übrigen Gäste lagen jeht bereits in tiefein Schlaf; denn die Mynheers sind gewaltige Schläfer. Die Hausmädchen krochen, eins nach der andern, gähnend zu ihrer Dachstube hinauf, und es gab diese Nacht gewiß keinen Weiberkopf im Gasthofe, der nicht von dem kecken Dragoner geträumt hätte. Mein Großvater begab sich ebenfalls zu Bett, und zog den großen Daunensack über sich, worunter man in den Niederlanden die Leute zu ersticken pflegt; und so lag er denn, zwischen zwey Federbetten zerschmelzend, wie eine Sardelle zwischen zwey Schnitten Butterbrot. Er war ein Mann von feuriger Art, und dieses Schwitzbad brachte ihn beynahe außer sich. Es dauerte nicht lange, so glaubte er, daß ihn eine ganze Legion kleiner Teufel zwicke, und das Blut in allen seinen Adern war in einer Fieberhitze. Er lag indessen still, bis Alles im Hause ruhig geworden war, und man nichts mehr hörte, als das Schnarchen der Mynheers aus den verschiedenen Zimmern, welche einander in allen möglichen Tönen und Cadenzen, wie die Frösche im Moraste, antworteten. Je ruhiger es im Hause'wurde, desto unruhiger wurde mein Großvater. Er wurde wärmer uud immer wärmer, bis es ihm am Ende>m Bette zu heiß wurde, als daß er länger darin hätte aushalten können.? 56 „Vielleicht hatte das Mädchen es zu sehr gewärmt?^ sagte der fragelustige Herr neugierig. „Ich glaube, gerade das Gegentheil," erwiederte der Jrläuder.—„Doch, dem sey wie ihm wolle, es ward zu heiß für meinen Großvater." „Wahrhaftig, das ertrag' ich nicht länger," sagte er. Und damit sprang er aus dem Bette, und fing au im Hause umherzuwandeln. „Und.wozu das?" sagte der fragelustige Herr. Nun, um sich abzukühlen,— oder vielleicht, um ein behaglichere-Bett aufzusuchen— oder vielleicht— nun, es kommt nichts darauf au, wornach er ging;— er hat es wenigstens nie gesagt,— und es nutzt zu nichts, daß wir die Zeit mit Vermuthungen verlieren. Nun, mein Großvater war eine Weile aus seinem Zimmer entfernt gewesen, kam vollkommen abgekühlt zurück, und hatte so eben die Thür erreicht, als er innen ein sonderbares Geräusch vernahm. Er blieb stehen und horchte. Es war, als ob jemand, dem Asthma zum Trotz, ein Lied brummte. Es fiel ihm ein, daß man gesagt hatte, es spuke im Zimmer; da er aber keinen Glauben an Geister hatte, so öffnete er leise die Thür, und blickte in das Zimmer. Hier sah er ein Treiben, das den heil. Antonius selbst in Verwunderung gesetzt haben würde. Bey dem Scheine des Feuers erblickte er einen bleichen, spitzgesichtigen Kerl, i» einem langen flanellenen Rocke und einer hohen, weißen Nachtmütze mit einer 3*» s? Troddel daran, der am Feuer, mit einem Blasebalgs, statt des Dudelsacks unter dem Arme, saß, aus dem er die asthmatischen Töne hervorpreßte, die meinen Großvater so beunruhigt hatten. Während er so spielte, schnitt er tausend sonderbare Gesichter, nickte mit dem Kopfe und wackelte dazu mit der Nachtmütze. Meinem Großvater kam dieß sehr sonderbar und dreist vor, und er war im Begriff, zu fragen, wie er dazu komme, sein Blas-Jnstrument in einem fremden Zimmer zu spielen, als eine neue Erscheinung ihn in Verwunderung sehte.'An der entgegengesetzten Seite des Zimmers gerieth plötzlich ein langlehniger krummbeiniger Stuhl, mit Leder überzogen, und überall sehr abenteuerlich mit messingenen Nageln beschlagen, in Bewegung, streckte erst einen Klauen- fuß, dann einen krummen Arm aus, bewegte dann ei» Bein, und glitt nun sehr zierlich zu einem mit verschossenem Brokat überzogenen Lehnsessel, der ein Loch im Sitze hatte, hin, und forderte ihn zu einer Geister-Meuuett auf. Der Musikant spielte nun immer gewaltiger, und bewegte den Kopf und die Nachtmütze, als ob er toll geworden wäre. Nach und nach schien die Tanzwuth auch alle übrigen Möbel zu ergreifen. Die altvaterische!:, langlehmgen Stühle stellten sich in Paare und führten einen Contre-Tanz auf; ein drey- beiniger L-tuhl tanzte einen Matrosentanz*), ob- 58 gleich ihm das überzählige Bei» dabey gewaltig;im Wegs war, und die verliebte Feuerzange faßte die Schaufel um den Leib, und drehte sie im raschen Walzer umher. Kurz, sämmtliche Wobilien kamen in Bewegung: Balance» Kreuz,, Rvnds rechts und links, wurden gemacht, wie besessen; Alles tanzte, mit Ausnahme einer großen Kleiderkommode, die, wie Uns alte Dame, in der Ecks stehen blieb, und nach der Musik Knixe machte, weil sie zu schwerfällig zum Tanze war, oder vielleicht auch deßwegen, weil sie Niemand aufforderte. Meinem Großvater schien das Letztere besonders wahrscheinlich, und da er, wie ein wahrer Jrlän- der, ein besonderer Verehrer des schönen Geschlechts und jederzeit zu einem Spaß aufgelegt war, so sprang er in das Zimmer, rief dem Musikanten zu, Mää/ O' ksllsrtx auszuspielen, lief auf die Kommodelos, und nahm sie bey den Griffen, um sie zum Tanz zu führen; aber husch! war die ganze Lustbarkeit zu Ende. Die Stühle, Tische,'Zange und Schaufel standen in einem Augenblick so ruhig an ihren Plätzen, als ob nichts vorgefallen wäre, und der Musikant fuhr in den Schornstein hinauf, und ließ den Blasebalg in der Eil zurück. Mein Großvater aber fand sich auf einmahl in der Mtke der Stube auf dem Boden, die Kommode weit offen vor ihm, und die beyden Griffe abgebrochen in seinen Händen. „Das war am Ende ein bloßer Traum!« sagte der fragelustige Herr, 5g Den Teufel auch! erwiederte der Jrländer. Nie gab es etwas, das mehr Wirklichkeit gewesen wäre. Wahrhaftig, ich hätte Den sehen wollen, der meinem Großvater gesagt hätte, es sey ein Traum gewesen! Da nun die Kommode ziemlich schwer war, und mein Großvater auch, besonders von der Rückseite, so kann man leicht denken, daß, wenn zwey solche Massen zu Boden fielen, es einigen Lärm verursacht Haben mußte. In der That zitterte das ganze Haus, als obies ein Erdbeben gespürt hätte. Die sämmtliche Besatzung gerieth in Aufruhr. Der Wirth, welcher unten schlief, kam eilig mit einem Licht heraufgelaufen, um sich nach der Ursache des Lärms zu erkundigen?; aber seiner Hast ungeachtet, war seine Tochter doch früher auf dem Schauplatze des Tumults gewesen, als er. Dem Wirthe folgte die Wirthinn, dieser die dralle Schenkjungfer, und dieser wieder die zimperigen Hausmädchen, die alle, so gut sie konnten, die Kleidungsstücke zusammenhielten, die ihnen zuerst in die Hände gefallen waren; alle aber gewaltige Eil'hatten, zu sehen, was denn eigentlich in der Stube des kecken Dragoners vorgehe. Mein Großvater erzählte den wunderbaren Auftritt, von dem er Zeuge gewesen war,-und die abgebrochenen Griff« der daliegenden Kommode dienten zur Bekräftigung der Wahrheit der Sache. Gegen ein solches Zeugniß war nichts einzuwenden, besonders wenn man es mit einem Menschen von meines Großvaters Art zu thun hatte, der wohl 6c» im Stande zu seyn schien, jedes seiner Worte durch den Degen oder den Shillelah zu bekräftigen*). Der Wirth kratzte sich im Kopfe, und sah sehr albern aus, wie er zu thun pflegte, wenn er in Verlegenheit war. Die Wirthinn kratzte,— doch nein; sie kratzte sich nicht am Kopfe, sondern sie machte ein finsteres Gesicht, und schien mit der Erklärung nicht so ganz befriedigt zu seyn. Die Tochter der Wirthinn bekräftigte sie indessen, und sagte, sie erinnere sich, daß der Letzte, der diese Zimmer bewohnt habe, ein berühmter Gaukler gewesen, welcher am St. Veit'stanze gestorben sey, und wahrscheinlich die sämmtlichen Möbeln damit angestekt habe. Dieß klärte die ganze Sache auf, besonders da die Hausmädchen versicherten, daß sie seltsame Sachen in diesem Zimmer hätten vorgehen sehen, und da sie dieß sämmtlich»bey ihrer Ehre« versicherten, so konnte wohl kein Zweifel mehr darüber obwalten. »Und legte sich Ihr Großvater wieder in diesem Zimmer zu Bett?« sagte der sragelustige Herr. Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Wo er den übrigen Theil der Nacht zubrachte, ist ein Geheimniß, worüber er nie Aufschluß gegeben hat. Ein Ghillelah ist ein Knüttel von Eichenholz, ohne welche» die Bauern in Irland nie ausgehen, und der sehr oft zur tödtlichcn Waffe wird. Ein guter Shillelah vererbt sich oft, Lurch mehrere Geschlechter, vorn Vater auf- den Sohn, und wird überhaupt so hoch gehalten, das, ein Jrländer fast eher sei» Leben» als seinen Ghillelah lassen würde. Übers. 6i Auch war er, obgleich ein dienstersahrener Mann, nur sehr schlecht in der Geographie bewandert, und verirrte sich zuweilen wohl, wenn er des Nachts in den Gasthöfen umher ging, aus eine Art, daß eS ihn in nicht geringe Verlegenheit gesetzt haben würde, wenn er am Morgen darüber hätte Auskunft geben sollen. „War er denn ein Nachtwandler?« sagte der schlaue Herr. Nicht, das ich wüßte. Nach diesem langen Irischen Roman entstand eine kleine Pause, worauf der Herr mit dem verfallenen Kopfe bemerkte, daß die Geschichten, die bisher erzählt worden wären, sämmtlich eine komische Richtung hätten.„Ich erinnere mich indessen,« sagte er,„eines Abenteuers, das ich während mci- nesAufenthalts in Paris erzählen gehört habe, für dessen Wahrheit ich bürgen kann, und das von sehr ernster und sonderbarer Art ist.« Das Abenteuer des Deutschen Studenten. In den unruhigen Zeiten der Französischen Revolution kehrte, an einem stürmischen Abend, ein junger Deutscher, sehr spät, durch den alten Theil von Paris nach seiner Wohnung zurück. Die Blitze leuchteten, laute Donnerschläge hallten durch die hohe», engen Straßen,— doch, ich muß Ihnen erst etwas von dem gungen Deutschen selbst erzählen. 62 Gottfried Wolfgang war ein junges Mann aus einer guten Familie. Er hatte einige Zeit in Göt. tingen studiert, war aber, da er überhaupt ein schwärmerisches und begeistertes Gemüth hatte, tief in die sonderbaren und grübelhaften Lehren hincin- gerathen, welche so oft den Deutschen Studenten den Kopf verwirren. Seim abgeschiedenes Leben, sein angestrengter Fleiß und die eigenthümliche Beschaffenheit seines Studiums hatten eine große Wirkung, sowohl auf seinen Geist, als auf seinen Körper, hervorgebracht. Er hatte sich in phantastische Grü- beleyen über geistige Wesen eingelassen, bis er, wie Swedenborg, sich eine eigene übersinnliche Welt um sich her geschaffen hatte. So hatte er sich auch in den Kopf gesetzt, ich weiß nicht warum, daß ein böses Geschick über ihn walte, ein böser Dämon oder Geist, der ihn zu verstricken und sein Verderben hsrbeyzuführen trachte. Dieser Gedanke, welcher auf seine melancholische Gemüthsart wirkte, hatte den traurigsten Einfluß auf ihn. Er zehrte ab und ward tiefsinnig. Seine Freunde entdeckten bald die Geisteskrankheit, die ihn quälte, und entschieden sich dahin, daß das beste Heilverfahren eine Veränderung des Aufenthalts sey, und so ward er denn nach Paris geschickt, um im Glänze und der Fröhlichkeit dieser Stadt seine Studienzu vollenden. Wolfgang langte gerade beym Ausbruche der Revolution in Paris an. Die Geistesverwirrung des Volks ergriff anfangs auch sein entflammtes Gemüth, und die politischen und philosophischen Theo- 63 ricn des Tages zogen ihn nicht wenig an; die Vlut- anftritte, welche ihnen folgten, empörten indessen sein Gefühl, verekelten ihm die menschliche Gesellschaft und die Welt, und machten ihn nur immer mehr zum Einsiedler. Er schloß sich in ein einsames Zimmer im lalln, dem Viertel der Studenten, ein. Hier verfolgte er in einer finstern Straße, nicht weit von den Mönchsmauern der Sorbonne, seine Lieblings-Grübeleyen. Zuweilen brachte er mehrere Stunden hinter einander in den Bibliotheken von Paris, diesen Katakomben abgeschiedener Autoren, zu, und wühlte unter ihren Stößen bestaubter und verschollener Werke nach Nahrung für seine unnatürliche Wißbegierde. Er war gewisser Maßenein gelehrter Vielfraß, der im Beinhause verweseter Literatur sich nährte. Wolfgang war, obgleich eingezogen und abge, schiede», doch von feuriger Gemüthsart, die aber eine Zeitlang allein auf seine Einbildungskraft wirkte. Er war zu schüchtern und kannte die Welt zu wenig, um sich den Schönen zu nähern; allein er war ein leidenschaftlicher Bewunderer weiblicher Schönheit, verlor sich in seinem einsamen Zimmer sehr oft stn Träumercyen über Gestalten und Gesichter, die er gesehen hatte, und seine Einbildungskraft schmückte sich dann Bilder des Reitzes aus, welche alle Wirklichkeit weit überstiegen. Während sein Geist sich in diesem erregten und verzückten Zustande befand, hatte er einen Traum, welcher eine außervrdenillche Wirkung auf ihn her- 64 vorbrachte. Ihm träumte, er sehe ein weiblichös Gesicht von überschwänglicher Schönheit, und der Eindruck dieses Bildes war so stark, daß er immer wieder davon träumte. Es lebte bey Tage in seinen Gedanken; es erfüllte ihn Nachts im Schlummer, und er verliebte sich endlich auf das leidenschaftlichste in dieses Traumbild. Dieß dauerte so lange, daß es einer der festen Gedanken wurde, welche die Gemüther melancholischer Leute beunruhigen, und welche man zuweilen fälschlich für Verrücktheit ansieht. So war Gottfried Wolfgang und sein Zustand zu der erwähnten Zeit beschaffen. Er kehrte, an einem stürmischen Abend spät durch einige der alten und finstern Straßen des Marals, des alten Theiles von Paris, zurück. Die lauten Donnerschläge hallten zwischen den hohen Häusern der engen Straßen wieder. So kam er nach dem l-llsoe Orövo, dem Plahe, wo die öffentlichen Hinrichtungen vollzogen werden. Der Blitz zuckte um die Zinnen des alten Rathhanses, und erhellte von Zeit zu Zeit flüchtig den freyen Platz vor demselben. Als Wolfgang querüber den Platz ging, schauderte er zurück, sich dicht bey der Guillokinezu befinden. Das Reich des Schreckens hatte damahls seine größte Höhe erreicht; das furchtbare Werkzeug des Todes stand immer bereit, und sein Gerüst war fortdauernd mit dem Blute der Tugendhaften und Edlen überschwemmt. Noch an diesem L,ags war es eifrig thätig bey der Blukarbeit gewesen, und stand jetzt, in seiner ganzen Gräßlich- 65 keit, mitten in einer schweigenden und ruhenden Stadt, da, neue Opfer erwartend. Wvlfgang's Herz sank, und er wendete sich schaudernd von dem furchtbaren Werkzeuge ab, als er eine Schattengestalt, gleichsam zusammen gehockt, am Fuße der Stufen, welche zum Gerüste hinausführten, sitzen sah. Mehrere helle Blitze hintereinander zeigten ihm die Erscheinung noch deutlicher. Es war eine weibliche Gestalt, schwarz gekleidet- Sie saß auf einer der untern Stufen des Gerüstes, vorwärts gebeugt, ihr Haupt in ihrem Schooßs verborgen, ihr langes, aufgelöstes Haar auf den Boden herabhangend, und ganz durchnäßt von dem Regen, der in Strömen fiel. Wolfgang blieb stehen. Es lag etwas Furchtbares in diesem einsamen Denkmahle des Schmerzes. Das Frauenzimmer gehörte, seinem Äußern nach, nicht zum gemeinen Stande. Er wußte, daß dieß Seiten voll von Wechsel-Ereignissen waren, und daß manches Haupt, welches sonst auf Daunen geruht, jetzt ohne Obdach umherirre. Vielleicht war dieß eine unglückliche Trauernde, die das furchtbare Beil zur Verlassenen gemacht hatte, und die, mit gebrochenem Herzen, am Strands des Lebens saß, von welchem Alles, was ihr theuer, in das Meer der Ewigkeit hinüberge- gangen war. Er näherte sich ihr und redete sie im Tone des Mitgefühls an. Sie erhob das Haupt und starrte wild auf ihn hin. Wie groß war sein Erstaunen, äls er bey dem hellen Leuchten des. Blitzes das 66 Gesicht erblickte, welches ihn in seinem Traums so verfolgt hatte! Es war bleich und schmerzensvoll, aber entzückend schön. Zitternd vor gewaltigen und mit einander streitende» Empfindungen redete Wolfgang abermahls zu ihr. Er äußerte etwas darüber, daß sie in so später Rächt und der Wuth eines solchen Unwetters sich aussetze, und erboth sich, sie zu ihren Freunden zu begleite«. Sie deutete mit- einer furchtbar sprechenden Gebehrde auf die Guillotine. „Ich habe keinen Freund auf Erden!" sagte sie. „Aber doch eins Heimath^ sagte Wolfgang. „Ja,— in. Grabe!" Das Herz des Studenten wollte bey diesen Worten brechen. „Wenn ein Fremder," sagte er,„ohne Gefahr der Mißdeutung, Ihnen ein Anerbiethen machen darf, so würde ich Ihnen meine schlechte Wohnung als einen Zufluchtsort, und mich-selbst als einen treuen Freund anbiethe». Ich selbst bin freundlos in Paris, und ein Fremder; kam, Ihnen aber mein Leben nützen, so steht es Ihnen zu Diensten, und ich werde es gern aufopfern, um Sie vor allen Beleidigungen oder-Unwürdigkeiten zu schützen." Es lag eine gewisse rechtliche Aufrichtigkeit in dem Wesen des jungen Mannes, welche nicht ohne Wirkung blieb. Auch leine fremde Sprache zeugte zu seinen Gunsten, und davon, daß er kein eingebürgerter Bewohner von Paris sey. In der That liegt in der wahren Begeisterung eins Beredsamkeit, die 6? keinen Zweifel zuläßt. Die heimathlose Fremde vertraute sich unbedingt dem Schirhe des Studenten. Er unterstützte die Wankende, als sie über den Pont-I>c»k und bey dem Platzesvorübergingen, wo Heinrich des Vierten'Bildsäule von dem Volke umgestürzt worden war. Das Unwetter hatte nachgelassen, und der Donner rollte nur noch in der Entfernung. Ganz Paris war still; dieser große Vulkan der menschlichen Leidenschaften ruhte eine Weile, um zum Ansbruche des nächsten Tages neue Kräfte zu sammeln. Der Student führte selirrw Schützling durch die alten Straßen des>»ri» und an den finstern Wänden der Sorbonne hin, nach dem großen, räucherigen Hotel, welches er bewohnte. Die alte Portiere, welche sie einließ, war starr vor Erstaunen über den ungewöhnlichen Anblick, den melancholischen Wolfgang mit einer Begleiterinn kommen zu sehen. Als man das Zimmer betrat, erröthets der Student zum ersten Mahle über die Ärmlichkeit und schlechte Beschaffenheit seiner Wohnung. Er hatte nur ein Zimmer,— einen Altfränkischen Saal, der mir schwerem und abenteuerlichem Schnitzwerk, den Überbleibseln früherer Pracht, verziert war; denn es war eines von den Hotels in dem Viertel des Pal- lastes Luxemburg, welches einst einem Adeligen gehört hatte- Es lag voll von Büchern und Papieren und all' den gewöhnlichen Umgebungen eines Studenten, und sein Bett stand in einer Nische an einem Ende. 68 Als Licht gebracht wurde, und Wolfgang die Fremde genauer betrachten konnte, fühlte er sich mehr als je von ihrer Schönheit hingerissen. Ihr Gesicht war bleich, aber von blendender Weiße, und trat, gehoben durch das üppige, rabenschwarze Haar, welches in reichen Locken darum hing, noch mehr hervor. Ihre Augen waren groß und feurig, es lag ein sonderbarer Ausdruck darin, der beynahe an Wildheit gränzte. So viel ihre schwarze Kleidung von ihrem Körperbaue zu sehen erlaubte, so war dieser vollkommen ebenmäßig. Ihr ganzes Äußere war ungemein auffallend, obgleich sie auf das Einfachste gekleidet war. Das einzige schmuckähnliche, was sie an sich hatte, worein breites, schwarzes Band, welches sie um den Hals trug, und das mit einem Schlosse von Diamanten befestigt war. Der Student gerietst jetzt in Verlegenheit, was er mit dem hülfloscn Wesen, das sich seinem Schutze anvertraut hatte, beginnen solle. Er dachte daran, ihr sein Zimmer zu überlassen, und anderwärts ein Unterkommen zu suchen. Allein ihre Reihe hatten ihn so entzückt, es schien ein solcher Zauber seine Gedanken und Sinne befangen zu haben, daß er sich nicht aus ihrer Nähe entfernen konnte. Auch ihr Benehmen war sonderbar und unerklärlich. Sie sprach nicht mehr von der Guillotine, Ihr Schmerz hatte sich gemildert. Die Aufmerksamkeiten des Studenten hatten anfangs ihr Vertrauen, und dann, wie es schien, ihr Herz gewonnen. Sie war äugen- 6g scheinlich eine Enthusiastinn, wie er selbst, und Enthusiasten verstehen sich bald. In der Begeisterung des Augenblicks gestand ihr Wolfgang seine Leidenschaft. Er erzählte ihr die Geschichte seines geheimnißvollen Traums, und wie sie sein Herz besessen, noch ehe er sie gesehen. Seine Erzählung schien sie sonderbar zu ergreifen, und sie gestand ihm, daß sie eine eben so unerklärliche Hinneigung zu ihm gefühlt habe. Es war die Zeit ungebundener Theorie und leidenschaftlicher Handlung. Alle Vorurtheile und aller Aberglauben sollten verbannt seyn; Alles stand unter dem Reich der„Göttinn der Vernunft." Unter anderem Plunder alter Zeiten fing man auch die Formen und Feyerlichkei- ten der Ehe als überflüssige Bande für edle Gemüther zu betrachten an. Gesellschaftsverträge waren an der Tagesordnung. Wolfgang war zu fehr Theoretiker, um nicht von den freysinnigen Lehren des Tages angesteckt worden zu seyn. „Warum sollen wir uns- trennen?" sagte er: „unsere Herzen sind eins; in den Augen der Ehre und der Vernunft sind wir vereinigt. Was bedarf es der gemeinen Formen, hochgesinnte Gemüther mit einander zu verbinden?" Die Fremde hörte ihm mit Bewegung zu; sie hatte offenbar in derselben Schule ihre Erleuchtung empfangen. „Sie haben wederHeimath, noch Familie," fuhr er fort;„lassen Sie mich Ihnen Alles, oder vielmehr lassen Sie uns einander Alles seyn. Wenn die 7» Form nöthig ist, so soll sie beobachtet werden';—» darauf haben Sie- meine Hand. Ich gehöre Ihnen auf immer." „Auf immer?" sagte die Fremde feyerlichr „Auf immer wiedsrhohlte. Wolfgang. Die Fremde schloß die ihr-dargebothene Hand in die ihrigen.„So bin ich die.Ihre--" lispelte sie, und sank an seine Brust. Am nächsten Morgen verließ der Student--feine Braut noch schlafend, und ging schon früh aus, um- eine geräumigere, seiner jetzigen veränderten. Lage angemessene Wohnung zu suchen.' Als er zurückkehrte, fand er die Fremde mit dem Kopse über das-' Bett hängend, und einen Arm darüber gestreckt lie«> gen. Er redete sie an, erhielt aber keine Antwort.' Er näherte sich ihr, sie aus ihrer unbeguemenStel-- lung zu wecken. E-rergriff ihre Hand, sie war kalk;— er fühlte keinen Puls,— ihr Gesicht war bleich und geisterähnlich,— kurz, sie war. eine Leiche. Vor Schrecken außer sich-, brachte-err das Haus sn Bewegung. Alles geriet!) in Verwirrung. Man sendete nach der Pvlizey. Als der Polizey-Beamte- hereintrat, fuhr er, beym ersten.Blick, auf die Lei»- che, voll Schrecken zurück. „Gerechter Himmel.!." rief-er, aus.,,.„wie Dm. dieses Frauenzimmer hierher?" „Wissen Sie etwas von ihr?", sagte Wolfgäng- hastig.'- „.Ob ich etwas weiß!" riefderPosizey-Beamke; „gestern ist sie guillotinirt worden!" Er trat näher, löste das schwarze Band vom Halse der Leiche ab, und Las Haupt rollte aus den Boden! Der Student gerieth außer sich.„Der-Feind! der Feind hat mich in seiner Gewalt!" kreischte er; „ich-in-auf ewig verloren!" Man suchte ihn zu beruhigen; aber vergebens. Der furchtbare Glaube,.daß ein böser Geist den- todten Körper belebt habe, um ihn in die-Falle zu locke», hatte sich seiner bemächtigt. Er verlor den» Verstand, und starb in einem Irrenhause. Damit endigte der alte Herr mit dem Gespen- ßerkopss seine Erzählung. „Und ist dieß wirklich-eine-Thatsache?" sagte der fragelustige Herr. „Eine»„bezweifelte Thatsache," erwiederte der Andere.„Ich Habs sie aus der allerbesten Quelle; der- Student selbst hat sie mi? erzählt. Ich-sah ihn in.. einem Irrenhause in Paris*).« Daß Abenteuer mit dein geheimnißvollen. Bilde. Da eine Geschichte, der Art immer wieder eine andere erzeugt, und da die ganze Gesellschaft von ') Der letzte Theil der obigen Geschichte gründet sich auf eine Anekdote, die man mir erzählt hak, und die irgendwo im Französischen gedruckt vorhanden seyn soll. Ich habe mie das Buch erhalten können. V«rf. 72 dem Gegenstands völlig eingenommen und sehr dazu geneigt schien, alle ihre Verwandten und Vorfahren auf die Bahn zu bringen; so ist nicht füglich zu bestimmen, wie viele sonderbare Abenteuer wir noch hätten hören müssen, wenn nicht ein fetter alter Fuchsjäger, der die Zeit über ganz ruhig geschlafen hatte, jetzt plötzlich mit einem lauten, langgezogenen Gähnen erwacht wäre. Dieser Ton zerstörte den Zauber; die Geister flohen, als obste das Hahnengeschrey gehört hätten, und es entstand ein allgemeiner Aufbruch zu Bett. »Und nun geht's nach dem Spukzimmer,« sagte der Irische Hauptmann, indem er ein Licht nahm. »Ja, wer ist denn nun der Held dieser Nacht?« sagte der Herr mit dem verfallenen Kopf. »Das werden wir am Morgen sehen,« sagte der alte Herr mit der beweglichen Nase;»wer bleich und geisterhaft aussteht, der hat den Geist gesehen.« »Nun, meine Herren,« sagte der Baronet;»gar manche ernsthafte Sachen werden im Scherz gesagt, — in der That, Einer von Ihnen wird die Nacht in dem Zimmer zubringen müssen.« Wie, ein Spukzimmer?— ein Spukzimmer? — Ich will das Abenteuer bestehen,— ich,— ich — ich! so sagte ein Dutzend von Gästen, die Alle zu gleicher Zeit sprachen und lachten. »Rein, nein,« sagte der Wirth;»es ist ein Geheimniß mit einem meiner Zimmer verknüpft, worüber ich wohl die Herren aus die Probe stellen möchte; °— und so, meine Herren, soll denn Niemand von — Ihnen wissen, wer das Spukzimmer bekommen hat, bis die Umstände dieses entdecken. Ich selbst will nicht einmahl etwas davon wissen, sondern die Sachs ^anz dem Zufall und der Vertheilung der Haushälterinn überlassen. Indessen will ich, wenn Ihnen die- ses einige Genugthuung gewähren kann, zur Ehre meines väterlichen Hauses bemerken, daß es beynahe kein Zimmer darin gibt, welches nicht werth wäre, daß es darin spukte.^ Wir trennttn uns nun, um schlafen zu gehen, und Jeder begab sich in das ihm angewieseneZimmer, Das meinige lag in einem Flügel des Gebäudes, und ich mußte unwillkührlkch über die Ähnlichkeit desselben, in Hinsicht aus die Verzierung, mit allen den verhängnißvollen Zimmern, welche in, den Erzählungen bey unserer Abendtafel vorgekommen waren, lächeln. Es war geräumig und düster, und mit pechschwarzen Bildern behängen; ein Himmelbett von altem Damast, groß genug, um ein Prunklager zu schmücken, und eine Anzahl sehr schwerer Altfränkischer Möbel, standen darin. Ich rückte mir einen großen, mit Klauenfüßen versehenen Lehnstuhl vor den gewaltigen Kamin, schürte das Feuer auf, blickte hinein, und dachte über die seltsamen Geschichten nach, die. ich gehört hatte, bis ich, theils von den Anstrengungen der Jagd, theils von dem Wein und Wohlleben, das ich bey unserm Wirthe genossen, überwältigt, in meinem Stuhl einschlief. Das Unbequeme meiner Lage machte, daß mein Schlummer sehr unruhig war, und alle möglichen, ir, Aveud.^ 74 wilden und furchtbaren Träume mich beängstigten. Das ganze Mittags- und Abendessen gcrieth in offene Empörung gegen mich. Ein fetter Hammelbraten Wälzte sich hexenartig auf mich; ein Plumpudding lag wie Bley auf meinem Gewissen; das Brustbein eines Kapauns erfüllte mich mit schrecklichen Gedanken, und eine geröstete Truthahnskeule schritt in allen möglichen Teufelsgestalten vor meiner Einbildungskraft vorüber. Kurz, der Alp drückte mich auf das heftigste. Irgend ein sonderbares, unbestimmtes Unheil, das ich nicht abwenden konnte, schien mich zu bedrohen; eS war etwas Schreckliches und Widriges, das ich nicht von mir abwälzen konnte. Ich wußte, daß ich schlief, und suchte mich zu ermuntern; aber jede Anstrengung vermehrte nur das Übel, bis ich endlich hoch aufathmend, rümpfend und beynahe mit dem Gefühl des Erwürgtwerdens, plötzlich, von meinem Stuhl gerade aufsprang und so.erwachte. Das Licht auf dem Kamiuvvrsprunge war heruntergebrannt, der Docht hatte sich getheilt, und das berabgelaufene Wachs hatte an der Seite nach mir zu einen großen Zacken gebildet*). Die so in Unordnung gerathene Kerze gab eine flackernde, breite Flamme.von sich, und warf ein starkes Acht auf ein Bild über dem Kamin, das ich bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Dieses Bild stellte bloß einen Kopf, oder vielmehr ein Gesicht vor, das. mich unverrückt ') L-»mäir>8-sb<-et- Todtenhemde, wie man es in England nennt. Übets. 4' anzustarren schien, und zwar mit einen, Ausdrücke, "r mich auf das äußerste erregte. Das Bild was ohne Rahmen, und ich konnte Mich bey dem ersten Anbück kaum überreden, daß es nicht ein lebendiges lsesicht jey, welches aus dem dunklen eichenen Gerate! hervorblicke. Ich saß in meinem Stuhl und betrachtete es, und je länger ich es ansah, desto mehr beuiiruhigts es mich. Noch nie hatte ein Bild einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Die Bewegungen, welche es m^uir hervorbrachte/ waren seltsam und unbestimmt. Sie glichen ungefähr denen, welche man den Augen der Basilisken zuschreibt, oder der geheim- mßvollen bezaubernden Kraft, welche manche Würmer haben sollen. Ich fuhr mehrere Mahl mit der >°mnd über die Augen, als ob ich das Blendwerk damit von mir wegschieben wollte;— aber verqe- bens. Meine Augen wendeten sich sogleich wieder auf das Bild, und seine erkaltende, langsam anfchleichends ^virkung auf mein Fleisch und Blut hatte sich da- rurch nur verdoppelt. Ich sah auf andere Bilder im Zimmer, sowohl um meine Aufmerksamkeit von diesem abzuwenden, als um zu sehen, ob sie denselben Eindruck auf mich hervorbringen würden. Einige davon waren furchtbar genug dazu, wenn die bloßeFurcbk» barkeit eines Bildes es gethan hätte.— Aber nein, Sl'" über alle mit der vollkommensten Oleichgultigkeit hw; kaum aber kehrte es zu diesem Gesicht über dem Kamin zurück, so war es, als ob -chem-nelectrischen Schlag durch den ganzen Körper ge.uhlt hatte. Die andern Bilder waren unbestimmt ?6 And verblichen, dieses aber trat aus dem einfachen, schwarzen Grunde auf das stärkste und mit einer wunderbaren Wahrheit der Färbung hervor. Der Ausdruck, welcher darin lag, war der des Todeskampfes,--des Kampfes inneren, körperlichen Schmerzes; allein es lag etwas Drohendes in der Miene, und einige Blutstropfen vermehrten noch die Gräßlichkeit desselben. Diese besondern Umstände waren es indessen nicht, welche meine Gefühle so in Aufruhr brachten; was das Bild in mir erregte, war ein See- lenschauer und ein gewisser unergründlicher Abscheu, Ich suchte mich zu überreden, daß dieses Alles nur Trug der Einbildungskraft, daß mein Gehirn durch die Dünste des Guten, das ich bey unserm Wirth genossen, und zum Theil auch durch die sonderbaren Erzählungen von Bildern, die bey dem Abendessen vorgekommen waren, eingenommen sey. Ich beschloß, diese Wolken von meinem Geiste wo möglich zu verscheuchen, stand von dem Stuhl auf, ging!m Ziin» wer umher, schnalzte mit den Fingern, machte mich über mich selbst lustig, ja, lachte überlaut.— Dieses Lachen war ein erzwungenes, und der Wiederhall in dem alten Zimmer klang höchst mißtönend in mein Ohr,— Ich trat an das Fenster, und sah durch die Scheiben, ob ich etwas von der Gegend erkennen könnte- Es war pechfinster, der Sturm heulte draußen, und während ich so den Wind in den Bäumen brausen hörte, fiel mir in der Scheibe der Wieder- schein des verwünschten Gesichts in die Augen, als ob es von außen durch das Fenster Hereinblicks. 77 Selbst dieser Widerschein machte, daß mir ein Schauer durch Mark und Bein ging. Wie es anfangen, um dieses unangenehmen Ner- venkrampfes(denn das war es jetzt nach meiner Überzeugung) Herr zu werden? Ich beschloß, mirGewalt anzuthun, um das Bild nicht zu betrachten, sondern mich schnell zu entkleiden und zu Bett zu gehen.— Ich fing an, mich auszuziehen, konnte aber, aller Anstrengungen ungeachtet, mich nicht enthalten, dann und wann einen Blick auf das Bild zu werfen, und ein einziger Bück war jetzt hinlänglich, mich in Bewegung zu bringen. Selbst, wenn ich ihm den Rücken zuwendete, war der Gedanke, daß dieses sonderbare Gesicht hinter mir, mir über die Schultern blicke, mir unerträglich. Ich warf meine Kleider vollends ab, und eilte, in das Bett zu kommen; aber das Gesicht blickte mich immer au. Von meinem Bett aus konnte ich es ganz deutlich sehen, und war eine Zeitlang nicht im Stande, meine Augen davon abzuziehen. Meine Nerven waren auf das furchtbarste gerecht. Ich löscht« das Licht aus und suchte einzuschlafen;— alles vergebens. Das Feuer, das etwas aufglimmte, warf ein ungewisses Licht in das Zimmer, wobey jedoch die Gegend, wo das Bild hing, in tiefem Schatten blieb. Wie, dachte ich, ist dieß etwa das Zimmer, von dem unser Wirth sagte, es schwebe ein Geheimniß darüber? Ich hatte seine Worte nur für Scherz genommen; sollten sie etwa mehr zu bedeuten gehabt haben? Ich sah mich um. Das schwach beleuchtete Gemach hatte Alles, was es zu einem Spukzimmer machen konnte. Meine gereihte Einbildungskraft ließ mich allerhand sonderbare Erscheinungen sehen;— die alten Bilder wurden immer bleicher und bleicher, immer schwärzer und schwärzer, und die Streiflichter und Schatten, welche auf die seltsamen Möbel fielen, gaben ihnen nur noch seltsamere Gestalt und Aussehen.-- Ein großer, dunkler Kleiderschrank von alterthümlicher Form, reich mit Messing verziert und glänzend gebohnt, fing au,. mir höchst ängstlich zu werden. So bin ich denn wirklich, dachte ich bey mir selbst, der Held des Spukzimmers? Liegt wirklich ein Zauber aus mir, oder ist das Alles von dem Wirthe angelegt, um auf meine Kosten sich einen Scherz zu machen?— Der Gedanke, von meiner eigenen Einbildungskraft die ganze Nacht über gepeinigt worden zu seyn, und am nächsten Tage meiner hohlen Blicke wegen noch dazu geneckt zu werden» war unerträglich; aber selbst der Gedanke war schon hinlänglich, die Wirkung hervorzubringen, und mich noch nerven- schwächer zu machen.— Hm! sagte ich, so kann die Sache doch nicht seyn. Wie könnte mein würdiger Wirth sich wohl einbilden, daß ich oder irgend Jemand anders, durch ein bloßes Bild sich so in Unruhe versetzen lassen würde? Meine eigene krankhafte Einbildungskraft ist es, die mich peinigt! Ich drehte mich im Bette um, und legte mich bald auf diese, bald auf jene Seite, um einzuschlafen; aber Alles vergebens. Wenn man nicht in einer ruhigen Lage einschlafen kann, so erreicht n;an selten 79 durch das Umhermsrfen den Zweck. Das Feuer verlosch allmählich und das Zimmer ward finster. Dennoch hatte ich immer den Gedanken, daß jenes unerklärliche Gesicht mich im Dunkeln ansähe, mich beobachte;— ja, was noch ärger war, die Dunkelheit schien seine Schrecken noch zu vermehren. Es war, als ob ein unsichtbarer Feind Einem in der Nacht umschwebte. Statt Eines Bildes, das mich peinigte, waren jetzt ihrer hundert da. Ich glaubte es nach allen Seiten zu sehen. Hier ist es, dacht' ich, und dort ist es! und dort! und starrt mit seinem furchtbaren und geheimuißvollen Ausdruck mich unverwandt an! Nein,— wenn ich doch einmahl diesen sonderbaren und unglücklichen Einfluß fühlen soll, so will ich lieber einem einzelnen Feinde mich dreist entgegenstellen, als mich so von tausend Ebenbildern desselben verfolgen lassen! Wer sich je in einem solchen Zustande der Ner- vsn-Erregung befunden hat, wird wissen, daß, je länger er dauert,— er auch desto unbesiegbarer wird. Die Luft des Zimmers schien am Ende von der schrecklichen Gegenwart des Bildes erfüllt zu seyn. Ich glaubte, es über mir schweben zu sehen. Ich fühlte beynahe, wie das furchtbare Antlitz von der Mauer her meinem Gesicht immer näher kam,— wie es mich anzuhauchen schien. Das ist nicht länger auszuhalten, sagte ich endlich, und sprang aus dem Bette; das ertrag' ich nicht länger!—ich wälze und werfe mich nun die ganze Nacht hier umher, mache mich selbst zum Gespeuste und werde alles 6o Ernstes zu dem Helden des Spukzimmers.— Was auch die Folgen seyn mögen. so will ich dieses verwünschte Zimmer verlassen, und anderswo meine Ruhestätte aufschlagen,- am Ende können sie mich doch nur auslachen, und das geschieht mir gewiß, wenn ich eine schlaflose Nacht zubringe, und am Morgen mit einem hohlen und verstörten Gesicht zum Vorschein komme, Alles dieß murmelte ich halb vor mir hin, während ich hastig meine Kleider umwarf, aus dem Zimmer und die Treppe hinunter nach dem Bs- suchzimmer tappte. Hier gelang es mir, nachdem Ich über zwey oder drey Möbel gestolpert war, ein Sopha zu erreichen, auf das ich mich hinstreckte, und worauf ich die Nacht zuzubringen beschloß. Sobald ich mich nicht«ehr in der Nähe des sonderbaren Bildes befand, war es, als ob der Zauber ge- köset sey. Es hatte alle seine Kraft verloren. Ich war jetzt sicher. daß eS sein eigenes düsteres Zimmer reicht verlassen könne; denn ich hatte, mit einer gewissen instinctartigen Vorsicht, den Schlüssel umgedreht, als ich die Thür zumachte. Ich gelangte daher bald zu einem gewissen Instand der Ruhe, aus diesem in eine Art von Betäubung, und siel endlich in einen tiefen Schlaf, aus welchem ich nicht eher erwachte, als bis das Hausmädchen mit ihrem Besen und ihrem Morgenliede kam, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Sie stutzte, als sie mich auf dem Sopha liegen sah; ich vermuthe indessen, daß Erscheinungen der Art, nach Jagdmahlzeiten, 8i in ihres Herrn Junggesellenwirthschast nicht ungewöhnlich waren; denn sie fuhr fort in ihrem Gesänge und mit ihrer Arbeit, und bekümmerte sich nicht weiter um mich. Ich hatte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen die Rückkehr in mein Zimmer, suchte also nach der Stube des Kellermeisters zu kommen, machte meine Toilette, so gut ich konnte, und war einer der Ersten bey dem Frühstückstisch. Unser Frühstück war ein derbes Fuchsjäger-Mahl, und die Gesellschaft versammelte sich vollzählig dabey. Als dem Thee, Äaffeh, kaltem Fleisch und starkem Ale(denn alles dieß ward in Überfluß aufgetragen) nach dem Geschmacke der Gäste ihr gehöriges Recht widerfahren war, entspann sich die Unterhaltung mit der ganzen Lebendigkeit und Frische der Morgenlaune. »Aber, wer ist denn der Held des Spukzimmers, der vergangene Nacht den Geist gesehen hat?« sagt« der fragelustige Herr, indem er seine Hummer-Augen am Tische umherschweifen ließ. Diese Frage setzte jede Zunge in Bewegung, und es gab eine Menge Neckereyen, Beobachtungen von Gesichtern/gegenseitiger Anklage und Widerrede. Einige hatten viel getrunken, und Einige hatten sich noch nicht rasirk, so daß es verdächtig? Gesichter genug in der Gesellschaft gab. Ich allein konnte nicht mit Leichtigkeit und Lebendigkeit in den Scherz eingehen,—ich fühlte meine Zunge gebunden, und mich selbst verlegen. Die Erinnerung dessen, was ich in der vergangenen Nacht gesehen und«m- 4** pfuuden hatte, war meinem Geiste noch immer gegenwärtig. Es war mir, als ob das geheimnißvolle Bild noch immer seine Herrschaft über mich ausübt^ So glaubte ich auch, zu bewerben. daß das Auge des Wirths mit einer Art von Rcugierds auf mich gerichtet sey- Kurz, ich war mir bewußt, daß ich der Held der Nacht gewesen war, und es war mm, als ob ein Jeder dieß in meinen Blicken lesen könne. Der Scherz ging indessen vorüber, und kein Verdacht schien auf mir zu ruhen. Ich wünschte mir so eben,Glück, so davon gekommen zu seyn, als ein Bedienter herein trat und sagte: der.Herr, welcher guf dem Sopha in. dem Besuchzimmer geschlafen, habe seine Uhr unter einem von den Kissen, liegen lassen. Er hielt meine Repetir-Uhr in der Hand. „Wie!" sagte der fragelustige Herr;„hat Einer von den Herren aus dem Sopha geschlafen's" „Soho l Soho!-ein Hase— einHase!" riefder alte Herr mit der beweglichen Nase. Ich konnte nicht umhin, die Uhr als die mei- nige anzuerkennen, und stand eben in großer Verwirrung aus, als ein vorlauter, alter Sguire, der neben mir saß, mich auf die Schulter schlug, und .ausrief:;>Hör', Junge,. Du hast den.Geist gesehen!" Die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft war augenblicklich auf mich gerichtet, und wenn mein Gesicht vorher bleich gewesen war, so glühte es jetzt beynahe zUm Zerspringen. Ich suchte zu lachen, konnte aber nur eins Verzerrung hervorbringen, und fand, daß die Muskeln meines Gesichtes ganz verkehrt anzogen und durchaus nichbgehvrchen wollten. ES kostet wenig Mühe, eine Gesellschaft Fuchsjäger zum Lachen zu bringen; es wurden also tausend Scherze und Späße über die Sache gemacht, und da ich nie ein großer Liebhaber von Späßen gewesen bin, wenn man sie auf meine Kosten machte, so fing die Sache an, mir etwas empfindlich zu werden. Ich gab mir Muhe, kalt und ruhig auszusehen, und meinen Ärger zu verbergen; allein die Kälte und Ruhe eines Mannes, der aufgebracht ist, sind verdammt vercätherisch. »Meine Herren," sagte ich, indem ich das Kinn etwas in die Höhe zog, und einen fruchtlosen Versuch machte, ein Lächeln hervorzubringen,»Alles das ist sehr lustig,— ha- hal— sehr lustig;— allein Sie müssen wissen, daß ich so wenig abergläubig bin, wie Sie Alle, ha, ha!— und was Furchtsamkeit oder dergleichen betrifft-— Sie mögen lächeln, meine Herren, aber ich glaube nicht, daß Einer unter Ihnen sagen kann, daß,— wenn man sagt, es spuke in einem Zimmer,—ich wicderhohle es, meine Herren (hier wurde ich etwas heftig, da ich ein verwünschtes Grinsen auf allen Gesichtern um mich her entstehen sah) daß, wenn man sagt, es spuke in einem Zimmer,-- ich mehr an dergleichen alberne Mährchen glaube, als irgend Jemand. Da Sie mir aber die Sache so nahe legen, so muß ich Ihnen nur sagen, daß ich in meinem Zimmer allerdings etwas ganz Sonderbares und mir Unerklärliches gefunden habe 64 (ein allgemeines Gelächter), Meine Herrrn, es ist mein vollkommener Ernst; ich weiß sehr wohl, was ich sage; ich bin vollkommen ruhig, meine Herren, (hier schlug ich mit der Faust aus den Tisch); beym Himmel, ich bin ruhig. Ich scherze weder, noch möchte ich. daß man sich mit mir euren Scherz machte.(Das Gelächter in der Gesellschaft horte auf, und man machte diekomischstenAnstrengungen, ernsthaft auszusehen.) Es ist in dem Zimmer, das man mir vergangene Nacht angewiesen, ein Duo. oas den allersonderbarsten und unbegreiflichsten Eindruck auf mich gemacht hak." Ein Bild?« sagte der alte Herr mit dem Gespensterkopfe.„EinBild!« rief der Erzähler mtt der beweglichen Nase.„Ein Bild, ein Bild!" so ließen.sich mehrere Stimmen vernehmen. Jetzt entstand ein unmäßiges Gelächter. Ich konnte mich nicht langer Haien- Ich sprang vom Stuhle aus, sah die Gejell- schaft rund umher mit einem Blicke voll gewaltigen Zorns an, steckte beyde Hände in die Taschen, und schritt an eines der Fenster hin, als ob ich hatte hinausspringen wollen. Ich blieb indessen stehen, sah in die Gegend hinaus, ohne nur das Geringste davon zu erkennen, und fühlte meinen Grimm so m mir aufsteigen, daß er mich beynahe erstickte, Der Wirth sah, daß es Zeit war, sich m die Sache zu mischen. Er hatte während des ganzen Auftrittes einen gewissen Ernst behauptet, und trat nun aus, um mich gewissermaßen gegen dieuberstie- Z5 ßende Lustigkeit meiner Gesellschafter in Schuh zu nehmen. „Meine Herren," sagte er;„ich verderbe nicht gern einen Scherz! aber Sie haben jetzt genug gelacht, und den Scherz mit dem Spukzimmer üt vollem Maße genossen- Ich muß jetzt meinem Gasts beystehen- Ich muß ihn nicht allein gegen Ihren Scherz in Schutz nehmen, sondern ihn auch mit sich selbst auszusöhnen suchen; denn ich glaube, er ist auf seine eigenen Empfindungen böse; und vor allen Dingen muß ich ihn um Verzeihung bitten, daß ich ihn zum Gegenstände einer Art von Versuch gemacht habe.— Ja, meine Herren, es ist allerdings etwas Seltsames und Eigenthümliches in dem Zimmer, das unserm Freunde für die vergangene Nacht angewiesen worden Ist; es ist in meinem Hause ein Bild befindlich, das einen sonderbaren und geheimnißvollen Einfluß besitzt, und mit dem eine sehr merkwürdige Geschichte in Verbindung steht. ES ist ein Bild, auf welches ich, mehrerer Umstände wegen, einen gewissen Werth lege; und obgleich ich oft mich versucht gefühlt habe, es zu-vernichten, da es bey Jedem, der es betrachtet, ein so seltsames und unbehagliches Gefühl hervorbringt, so habe ich es doch nie über mich vermögen können, dieses Opfer zu bringen Es ist ein Bild, das ich selbst nicht gern betrachte, und vor dem sich meine ganze Dienerschaft fürchtet. Ich habe es daher in ein Zimmer verbannt, das nur selten gebraucht wird, und würde es gestern Abends haben verhängen lassen, hätte nicht 86 die Beschaffenheit unserer Unterhaltung und das närrische Gespräch über das Spukzimmer, mich dazu bewogen, es, unverhüllt zu lassen, um zu ,versuchcn» ob es auf einen, mit dessen Geschichte Känzlich unbekannten Fremden wohl einen Eindruck,machen würde," DeS Baronets Rede hottenden Gedanken durchaus eine anders Richtung gegeben. Alle waren begierig, die Geschichte des geheimnißvollen Bildes zu hören, und ich selbst fühlte mich, sonderbarer Weiss, so ergriffen, daß ich meinen Unwillen über den Versuch, den der Wirth mit meinen.-Nerven angestellt hatte, ganz vergaß, und in die allgemeine Bitte, die Erzählung zum Besten zu geben, sogleich mit einstimmte. Da her Morgen stürmisch und an Ausgehen nicht zu denken war, so war es dem Wirthe sehr willkommen, eiuMittel gefunden zu haben, die Gesellschaft, zu unterhalten; und so zog er denn seinen Lehnstuhl an das Feuer, und begann folgendermaßen. Das Abenteuer mit dem geheumüßvolleu Fremden. Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Mann war, und so eben Oxford verlassen hatte, wurde ich auf Reisen geschickt, um meine Erziehung zu vollenden. Meine Ältern hatten vergebens versucht, mir die Weisheit einimpfen zu lassen, und so schickten sie mich hinaus in die Welt, in der Hoffnung, daß ich sie vielleicht auf dem natürlichen We- 6? gs erlangen möchte. Dieß scheint, mir wenigstens, der Grund zu seyn, warum neun Zehntheile unserer jungen Leute in die Fremde gesendet werden. Aus meiner Reise blieb ich denn auch eine Zeitlang in Venedig. Das Romantische des Ortes zog mich an; das Abenteuerliche und Jntriguenhafts, welches dieser Tummelplatz der Masken und, Gondeln hatte, belustigte mich, und in ein Paar schmachtende schwarze Augen, die, unter einem Italiänischen Mantel,Hervor, auf mein Herz losstürmten, hatte ich mich nicht wenig verliebt. So suchte ich mich denn zu überreden, daß ich in Venedig bliebe, um Menschen und Sitten zu studieren; wenigstens gelang mir dieses bey meinen Freunden, und mehr wollte ich nicht. Eigenthümlichkeiten des Charakters und Benehmens pflegten von jeher einen Eindruck auf mich zu machen, und meine.Einbildungskraft war so voll von romantischen Jdeenverbindungen mit Italien, daß ich überall nur Abenteuer erwartete. Alles schien in jener alten Meerjungfrau von Stadt diesen Hang befriedigen zu wollen. Ich hatte Zimmer in einem prächtigen düstern Pallasch am großen Canal, welcher früher das Eigenthum eines Magmfico gewesen war, und worin man noch die Spuren verfallener Größe entdecken konnte. Mein Gondelier war einer der schlauesten seines Gewerbes; thätig/ lustig, gc- scheidt, und, wie alle seine Genossen, verschwiegen -wie das Grab; das heißt, verschwiegen gegen die ganze Welt, ausgenommen gegen seinen Herrn. Ich 89 hatte ihn noch nicht eine Woche, als er mich schon hinter alle Vorhänge in Venedig hatte blicken lassen. Ich liebte das Schweigen und das Geheimnißvolle des Ortes, und wenn ich zuweilen vor meinem Fenster eine schwarze Gondel geheimnitzvoll, in der Abenddämmerung, nur durch ihre kleine schimmernde Laterne bemerkbar, dahin gleiten sah, so stieg ich in meine eigene Zendaletta, und gab das Zeichen zum Nachsetzen.— Doch Lis Erinnerung an meine Jugendthorheiten macht, daß ich von meinem eigentlichen Gegenstände abgekommen bin, sagte der Ba- ronet, sich selbst unterbrechend.— Zur Sache also. Zu den Orten, die ich zu besuchen pflegte, gehörte auch ein Easino unter den Vogengängen an der einen Seite des Markus-Platzes. Hier verweilte ich häufig, und aß Äesrornes in den warmen Sorn- mernächten, wo Jedermann in Italien bis zum Morgen außer dem Hanse ist. Eines Abends saß ich ebenfalls hier, als ein Haufe Jtaliäner sich an einem Tische am andern Ende des Saales niederließ. Ihre Unterhaltung war fröhlich und belebt, und wurde mit echt Italiänischer Lebendigkeit und Gebrhrden- fpiel geführt. Ich bemerkte indessen unter ihnen einen jungen Mann. welcher an dem Gespräche weder Theil zu nehmen, noch Vergnügen daran zu finden schien, obgleich er sich zwang, darauf zu achten. Er war groß und schlank, und hatte ein ungemein einnehmendes Äußere. Seine Züge waren schön. obgleich angegriffen. Sein starkes,schwarzes, glänzendes Haar ringelte sich leicht um seinen Kopf und ließ die ringe« «9 meine Blässe seines Gesichtes noch mehr hervortreten» Sein Gesicht war abgezehrt, tiefe Furchen schienen, nicht von dem Alter fdenn er war offenbar noch in der Blüthe seiner Jahre), sondern von dem Kummer darauf eingegraben zu sey». Sein Auge war voll von Ausdruck und Feuer, aber wild und unstät, Er schien von irgend einer sonderbaren Einbildung oder Furcht geguält zu werden; aller seiner Bemühun- gen, seine Aufmerksamkeit auf das Gespräch seiner Begleiter zurichte», ungeachtet, bemerkte ich nähmlich, daß er' von Zeit zu Zeit den Kopf langsam umwendete, hinter sich zurück blickte, und dann plötzlich wegsah, als ob er etwas Unangenehmes gewahr geworden sey. Dieß geschah mehrere Mahle in einer Minute, und er schien sich kaum von einer Überraschung erhohlt zu haben, als er sich schon wieder zu einer zweyten vorbereitete. Nachdem die Gesellschaft eine Zeitlang im Ca- sino gesessen hatte, bezahlte sie die genossenen Erfrischungen und entfernte sich- Der junge Mann war der letzte, welcher den Saal verließ, und ich bemerkte, daß er in dem Augenblicke, wo er aus der Thür ging, noch ein Mahl auf dieselbe Art einen Blick zurück warf. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich aufzumachen und ihm zu folgen; denn ich war in dem Alter, wo ein romantisches Gefühl der Neugierde sehr leicht erweckt wird. Die Leute wandelten langsam den Bogengang hinunter» und sprachen und lachten im Gehen. Sie gingen über die Piazetta, blieben aber mitten auf derselben gc> stehen, um sich an dem Anblicke zu ergehen. Es war eine von den mondhellen Nächten, welche unter dem reinen Himmel von Italien so herrlich und klar sind. Die Strahlen des Mondes fielen auf den hohen Markus-Thurm, und beleuchteten die prächtige Vorderseite und die gewaltigen Kuppeln der Kirche. Die Gesellschaft äußerte ihr Vergnügen in lebendigen Ausdrücken. Ich beobachtete den jungen Mann. Er allein schien abgezogen und mit sich selbst beschäftiget. Auch hier fiel mir derselbeverstvhlene Blick, über die Schulter weg, auf, der im Casino meine Aufmerksamkeit erregt hatte- Die Leute gingen weiter, ich folgte ihnen; sie wandelten die Straße Brog- lio hinunter, wendeten sich um die Ecke des herzoglichen Pallastes, stiegen in eine Gondel und ruderten schnell davon. Das Gesicht und das Benehmen des jungen Mannes blieben mir noch immer gegenwärtig. Es lag in seinem Äußern etwas, das mich ungemein anzog. Nach einem oder zwey Tage» traf ich ihn in einer Bilder-Gallerie. Er war offenbar ein Kenner; denn er hob immer die größten Meisterwerke heraus, und die wenigen Bemerkungen, welche seine Begleiter ihm entlockten, zeugten von einer genauen Bekanntschaft mit der Kunst. Sein eigener Geschmack war aber höchst sonderbar widersprechend. Salva- tor Rosa im seinen Darstellungen der wildesten und einsamsten Gegenden;-Raphael, Titian und Cpr- reggio in ihren vollkommensten Umrissen weiblicher Schönheit;—- diese betrachtete er zuweilen mit vor- übergehender Begeisterung. Dieß schien indessen nur ein augenblickliches Vergessen zu seyn- Immer kehrts der scheue Blick nach hinten zurück, und immer sah er schnell weg, als ob er etwas Schreckliches erblickt hätte. Ich traf ihn später häusig im Theater, auf Bällen, in Concerten, auf dem Spaziergange in den Gärten von St. Giorgio, bey den grotesken Aus- zügen auf dem St. Markus-Platze, in dem Gedränge der Kaufleute auf der Börse am Rialto. Es schien, als ob er die Menge suche, als ob er dem Gewühls und den Vergnügungen nachjage, nie aber irgend einen Antheil an der Geschäftigkeit oder Fröhlichkeit des Auftrittes nehme. Immer lag ein gewisses Etwas in ihm, das peinliches Nachdenken oder unglückliche Zerstreutheit verrieth, und immer jene sonderbare und stets wiederkehrende Bewegung des scheuen Zurückblickens. Ich wußte Anfangs nicht, ob dieß nicht eine Wirkung der Besorgnisse seyn möchte, verhaftet zu werden, oder vielleicht gar der Furcht vor mörderischen Anschlägen. War dieß aber der Fall, warum zeigte er sich beständig? Warum sehte er sich zu jeder Zeit und an allen-Orten der Gefahr aus? Ich ward begierig, diesen Fremden kennen zu lernen. Ich fühlte mich zu ihm durch das romantische Mitgefühl hingezogen, welches zuweilen junge Leute au einander fesselt. Sein Trübsinn gab ihm in meinen Augen einen Zauber, welcher allerdings durch den rührenden Ausdruck seines Gesichtes und 92 bis männliche Anmuth seiner Gestalt noch erhöht wurde; denn männliche Schönheit macht selbst auf Männer einen Eindruck. Ich hatte mit der ange- bornen Scheu und Blödigkeit meiner Landsletzte zu kämpfen; allein ich ward ihrer Meister, und schmeichelte mich dadurch, daß ich ihn häufig im Casino sah, allmählich bey ihm ei». Er sehte mir seinerseits keine Zurückhaltung entgegen; ja, er schien im Gegentheile gern Gesellschaft zu haben, und besonders ungern ganz allein zu seyn. Als er fand, daß ich wahrhaften Antheil an ihm nahm, gab er sich ganz meiner Freundschaft hin. Er hing sich wie ein Ertrinkender an mich. Er ging Stundenlang mit mir auf dem St. Markus- Platze spazieren, oder saß bey mir bis tief in die Rächt auf meinem Zimmer. Er miethete sich eine Wohnung unter demselben Dache mit mir, und seine beständige Bitte war, daß ich, wenn es mir nicht lästig sey, ihm erlauben möge, bey mir in meinem Saale zu seyn. Dieß geschah nicht deßwegen, weil er ei» besonderes^srAnügen au meiner Unterhaltung zu finden schien, sondern weil er der Nähe eines menschlichen Wesens bedurfte, und vor Allem der eines Wesens, das Mitgefühl mir ihm hatte.»Ich habe/' sagte er;»oft von der Aufrichtigkeit der Engländer gehört;— Gott sey gedankt, daß ich endlich einen von thuen zum Freunde habe!" Bey allen dem schien er nie dazu geneigt, mein Mitgefühl weiter in Anspruch zu nehmen, als daß sch ihm Gesellschaft leistete. Er that nie den gering- v3 ssen Schritt, sein Herz gegen mich auszuschütten; es schien ei» fester, verzehrender Kummer in seinem Herzen zu liegen, der ,,weder durch Stillschweigen, noch durch Worte" gelindert werden konnte. Ein geheimer Trübsinn nagte an seinem Herzen» und schien das Blut in seinen Adern auszutrocknen. Es war keine sanfte Schwermuth, eine Krankheit der Leidenschaften, sondern eine ausdörrende, verzehrende Todesangst. Ich konnte zuweilen bemerken, daß sein Mund trocken und fieberhaft war; er keuchte mehr, als er athmete; seine Augen waren mit Blut unterlaufen, seine Wangen bleich und gelblich, und zuweilen färbte sie ein flüchtiges Roth; ein furchtbares Aufflammen des Feuers, welches sein Herz verzehrte. Wenn mein Arm in dem seinigen ruhte, so fühlte ich, wie er ihn zuweilen mit einer krampfhaften Bewegung an sich drückte; seine Hände ballten sich unwillkührlich, und eine Art von Schauer durchlief sein ganzes Wesen. Ich sprach mit ihm über seine Schwermuth, und suchte ihm die Ursache derselben zu entlocken; allein er vermied alle Mittheilungen.„Forschen Sie nicht darnach," sagte er;„Sie könnten meinen Kummer doch nicht liüdern, wenn Sie ihn wüßten; ja, Sie würden ihn nicht einmahl zu lindern suchen. Im Gegentheil würde ich Ihre Theilnahme nicht länger mehr genießen, und diese," sagte er, indem er meine Hand krampfhaft drückte,„ist mir zu theuer geworden, als daß ich sie auf das Spiel sehen sollte." Ich suchte wieder Hoffnung in ihm zu erwecken. 94 Er war noch jung, das Leben both ihm noch tausend Freuden dar; im jugendlichen Herzen liegt eine gesunde Wechselwirkung; es heilt alle seine Wunden selbst.— Es gibt, sagte ich zu ihm, keinen Kum- mer, der so schwer ist, daß die Jugend ihn nicht verwachsen könnte.—.Mein, nein!" sagte er, in- dem er die Zähne zusammenbiß und mit der Stärke der Verzweiflung sich wiederholst an die Brust schlug; „hier ist er! hier! tief eingewurzelt, und saugt mein Herzblut. Er wächst immer mehr, je mehr mein Herz zusammenschrumpft. Ich habe einen furchtbaren Mahner, der mir keine Ruhe vergönnt,— der mir auf jedem Schritte folgt,— und mir auf jedem Schritte folgen wird, bis er mich in mein Grab hinab schleudert!" Indem er dieß sagte, warf er unwillkührlich einen jener furchtbaren Blicke hinter sich, und schrack dann mit mehr als gewöhnlichein Schauder zurück» Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, dieser Bewegung zu erwähnen, welche ich für eine bloße Nervenkrankheit hielt. In dem Augenblicke, wo ich dieß that, ward sein Gesicht scharlachroth und verzerrte sich; er ergriff mich bey den Händen. „Um Gotteswillen," rief er mit einer herzzer- schneidenden Stimme aus;„sprechen Sie nie wieder davon. Lassen Sie uns dieses Gespräch ganz vermeiden. Sie können mir nicht helfen, gewiß» Sie können mir nicht helfen, aber wohl die Martern vermehren, die ich leide,— Sie sollen dereinst Alles wissen." Ich berührte den Gegenstand nie wieder; denn so sehr meine Neugierde auch erregt war, so hatte ich doch ein zu aufrichtiges Mitgefühl bey seinen Leiden, als daß ich sie durch meine unzarte Berührung hätte vermehren sollen. Ich bemühte mich, verschiedene Mitte! aufzufinden, ihn zu zerstreuen, und ihn aus dem beständigen Nachdenken zu erwecken, in welches er versunken war. Er sah meine Bemühungen, und suchte sie, so viel es in seiner Macht stand, zu unterstützen; denn es lag nichts Auffahrendes oder Störrisches in seinem Wesen. Im Gegentheile war etwas Offenes, Großartiges, Un- anmaßendes in feinem ganzen Betragen. Alle seine Äußerungen waren edel und erhaben. Er machte keinen Anspruch auf Nachsicht.; er verlangte keine Duldsamkeit. Er schien sich darein zu ergeben, die Last feines Kummers stillschweigend zu tragen, und wollte sie nur an meiner Seite tragen. Es lag ein stummes Flehen in feiner Art, als ob er um meine Gesellschaft, wie um ein Almosen bäthe, und ein stiller Dank in seinen Blicken, als ob er mir dafür verpflichtet sey, daß ich ihn nicht verstieße. Ich fühlte, daß dieser Trübsinn ansteckend sey. Er bemächtigte sich unvermerkt meines Geistes, störte mich in allen meinen Vergnügungen t und sing allmählich an, mir das Leben zu verbittern; und doch konnte ich es nicht über mich vermögen, ein Wesen aus meiner Nähe zu verbannen, das an mir allein eins Stütze zu finden schien. In der That hatte das Großartige seines Charakters, welches durch dieses g6 Dunkel blickte, mein Herz ergriffen. Seine lGüke gab reichlich und mit offener Hand, seine Barmherzigkeit war rührend und freywillig. Sie beschränkte sich nicht auf bloße Gaben, welche eben so sehr demüthigen, als sie helfen sollen; der Ton seiner Stimme, das Leuchten seines Auges erhöhten jede Spende, und überraschten den armen Bittenden mit der seltensten und schönsten aller Wohlthaten, der Mildthätigkeit, welche nicht allein in derHand liegt, sondern aus dem Herzen kommt. Seine Freygebigkeit schien etwas von Selbsterniedrigung und Buße an sich zu haben- Er demüthigte sich gewissermaßen vor dem Bettler.„Welche Ansprüche habe ich auf Wohlleben und Überfluß,— pflegte er für sich zu sagen,—- wenn die Unschuld im Elends und in Lumpen daher geht Die Zeit des Karnevals kam heran. Ich hoffte. daß die fröhlichen Auftritte, welche sich jetzt darbothen, dazu beytragen würden, ihn aufzuheitern Ich mischte msch mit ihm in die bunte Menge, welche den St. Markus-Platz anfüllte. Wir besuchten Opern, Maskeraden» Bälle;— alles vergebens; das Übel wuchs immer mehr. Er zehrte immer mehr ab und ward immer unruhiger. Oft fand ich ihn, wenn wir von einer dieser Lustbarkeiten zurückkehrten, und ich in sein Zimmer trat, mit dem Gesichte auf dem Sopha liegen; seine Hände wühlten in seinem schönen Haar, und seine Mge trugen noch die Spure» der gewaltsamen Bewegungen seines Gemüthes. . Der Karneval ging vorüber, die Fastenzeit folg- te, die Charwoche kam; wir waren eines Abends bey dem feyerlichen Hochamts in einer Kirche gegenwärtig, wobey eine große Musik aufgeführt wurde, weiche sich auf den Tod des Erlösers bezog. Ich hatte bemerkt, daß er von der Musik immer sehr mächtig erregt worden war; bey dieser Gelegenheit fand dieses aber in einem außerordentlichen Grade Statt. Als die schwellenden Töne in den hohen Gewölben erklangen, schien er ganz in Andacht entzündet zu werden; seine Augen erhoben sich, bis man nur das Weiße davon sehen konnte; seine Hände falteten sich, bis die Finger sich tief in das Fleisch eingedrückt hatten. Als die Musik die To- desangn des Sterbenden ausdrückte, sankseinHaupt allmählich auf seine Knie, und als die rührenden Worte:„Oiosn wari," durch die Kirche ertönten, brach er in ein lautes Schluchzen aus.— Noch nie hatte ich ihn weinen gesehen. Es war immer mehr Todesangst, als Schmerz gewesen, was er verrieth/ Ich zog eine glückliche Vorbedeutung aus diesem Umstände, und ließ ihn ungestört weinen. Als das Hochamt vorüber war, verließen wir die Kirche. Er hing an meinem Arme,- als wir nach Hause gingen; die krampfhafte Bewegung. die ich gewöhnlich an ihm bemerkt hakte, war verschwunden, und er schien weicher und milder geworden zu seyn. Er sprach von dem Gottesdienste, dem wir so eben beygewohnt hätten.„Die Musik,« sagte er,„ist die Stimme des Himmels; nie hat die Kunde von dem Versöhnungstode unseres Erlösers einen tieferen Eindruck rr. Abend.< 98 auf mich gemach«.— Ja, mein Freund," sagte er, indem er seine Hände mit einer Art von Verzückung Mete;„ich weiß, daß mein Erlöser lebt!" Wir trennten uns. Sein Zimmer war nicht weit von dem meinigen, und ich hörte ihn noch eine Zeitlang sich geschäftig darin regen. Ich schlief ein, ward aber vorTagesanbruch aufgeweckt. Der junge Mann stand in Reisekleidern vor meinem Bette. Er hielt ein versiegeltes Paket und etwas Großes, Eingewickeltes in der Hand, und legte alles dieses auf den Tisch. „Leben Sie wohl, mein Freund," sagte er, „ich bin im Begriffe,«ine lange Reise anzutreten; ehe ich aber gehe, lasse ich Ihnen diese Andenken zurück. In diesem Paket werden Sie meine.Geschichte finden. Wenn Sie sie lesen, bin ich schon weit von Ihnen;— gedenken Sie meiner nicht mit Abscheu! Sie sind mein Freund gewesen;— Sie haben Balsam in ein gebrochenes Herz geträufelt, aber Sie vermochten nicht, es zuheilen. Leben Sie wohl! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,— ich bin nicht werth, Sie zu umarmen." Er sank auf. seine Knie, ergriff, aller meiner Bemühungen ungeachtet, eS zu verhindern, meine Hand, und bedeckte sie mit Küssen. Der ganz« Auftritt hatte mich so überrascht, daß ich nicht im Stande war, einWvrt zusagen.„Wir werden uns doch wiedersehen ," sagte ich hastig, als ich ihn nach derThür eilen sah.„Nie, nie in dieser Welt!" sagte er seyerlich.— Noch «in Mahl trat er an mein Bett, ergriff meine Hand, drückte fls an sein Herz und seine Lippen, und stürzte aus dem Zimmer. Hier hielt der Baronek inne. Er schien in Gedanken verloren, saß da, sah zu Boden, und trom« melte mit den Fingern auf die Armlehne des Stuhles. „Und ist dieser geheimnißvolls Mensch je zurück gekehrt's" sagte der fragelustige Herr. „Nie!" erwiederte der Baronet, mit einem nachdenklichen Kopfschütteln,— ich habe ihn nie wieder gesehen. ,,Und in welchem Zusammenhange steht dieses Alles mit dem Bilde fragte der alte Herr mit der beweglichen Nase. „Jawohl!" sagte der'beständige Frager.«»«Ist es das Bildniß des verrückten JtaliänerS?" „Rein," sagte der Baron trocken, dem der seinem Helden gegebene Nahme nicht besonders zu gefallen schien.„Dieses Bild befand sich in dem größeren Paket, welches er mir zurück ließ. Das versiegelte enthielt die Erklärung. Auf dem Umschlage standen einige Zeilen, welche die Bitte enthielten, daß ich es nicht vor dem Verlauf von sechs Monathen eröffnen möchte- Ich Habs, trotz meiner Neu- gierde, mein Versprechen gehalten. Hier ist eine Übersetzung des Aufsatzes, die ich vorzulesen dachte, um dadurch das Geheimniß des Zimmers aufzuklären; allein ich fürchte, daß ich die Aufmerksamkeit der Gesellschaft schon zu lange in Beschlag genommen habe." Man äußerte indessen den allgemeinen Wunsch, L* die Handschrift vorlesen zu hören; besonders geschah dieses von dem fragelustigen Herrn, und so zog denn der Baronet ein zierlich geschriebenes^ Manuscript heraus, wischt- seine Brille ab, und las nun folgende Geschichte vor. Geschichte des jungen Jtakianers. Ich bin in Neapel geboren. Meine Ältern besaßen, wenn sie gleich von hohem Stande waren, nur wenig Vermögen, oder vielmehr mein Vater war prachtliebend über seine Mittel hinaus, und wendete so viel an seinen Pallast, seine Equipage und seine Dienerschaft, daß er sich beständig in Geldverlegenheit befand. Ich war der jüngere Sohn, und wurde deßwegen von meinem Vater nur mit Gleichgültigkeit betrachtet, da dieser, nach seinem Familien- stolze, sein ganzes Vermögen meinem älteren Bruder zu hinterlassen wünschte- Als ich noch ein Kind war, verrieth ich schon eine ungemeine Nutzbarkeit. Alles erregte mich auf die heftigste Weise. Als mich meine Mutter noch auf dem Arme trug, und ehe ich sprechen konnte, hatte die Musik bereits eine solche Gewalt über mich, daß ich dadurch in einem hohen Grade betrübt oder fröhlich werden konnte. Als ich älter wurde, blieb mein Gefühl so lebendig als vorher, und ich konnte sehr leicht in krampfhafte Wuth oder Freude gerathen. Meine Verwandten und die Bedienten machten sich ein Vergnügen daraus, mit ic> l dieser großen Reitzbarkeit ihr Spiel z» treiben. Man brachte mich zu Thränen, kitzelte mich bis zum Lachen, setzte mich in Wuth; Alles zur Unterhaltung der Gesellschaft, welche ein solcher Sturm der Leidenschaft in einem Pygmäenkörper höchlich belustigte,— ohne daß sie-jedoch bedacht, oder sich vielleicht darum gekümmert hätte, wie gefährlich es sey, diese Erregbarkeit zu nähren. So ward ich ein kleines leidenschaftliches Wesen, ehe die Vernunft gehörig entwickelt war. In kurzer Zeit war ich zu alt, um länger zum Spielwerk zu dienen, und nun ward ich eine Plage. Die Ausbrüche und Leidenschaften, zu denen man mich angereiht hatte, wurden lästig, und ich ward von Denen, die mich dieses gelehrt hatten, gerade deßwegen gehaßt, weil ich so gelehrig gewesen war. Meine Mutter starb, und meine Gewalt, als ein verzogenes Kind war zu Ende. Jetzt war länger keine Nothwendigkeit mehr vorhanden, mir nachzugeben, oder mich zu erdulden; denn man konnte dadurch nichts erreichen da ich nicht meines Vaters Liebling war. Ich hatte also das Schicksal aller verzogenen Kinder unter sol chen Umständen, und wurde vernachlässiget, oder nur in so fern beachtet, als man mir zuwider seyn und mir widersprechen konnte. Dieß war die frühe Behandlung eines Herzens, welches, wenn ich darüber zu urtheilen im Stande bin, von Natur zu der größten Zärtlichkeit und Liebe geneigt war. Mein Vater hatte, wie ich bereits gesagt habe, mich nie leiden können; in der That verstand er mich nie; er betrachtete mich als eigenwillig und störrisch, »02 und glaubt«, daß eS mir an natürlicher Nebe zu ihm fehle.— Es war aber das Schroffe in seinem eigenen Betragen, das Stolze und Vornehme in seinem eigc-- üen Wesen, das mich aus seinen Armen verscheucht hatte. Ich dachte ihn mir immer, wie ich ihn einst gesehen hatte, in seinem Senator-Anzüge, in Prunk und Stolz daher rauschend. Die Pracht, welche seine Person umgab, hatte meine junge Einbildungskraft eingeschüchtert. Ich konnte mich ihm nie mit der zutrauensvollen Neigung eines Kindes nähern. Meines Vaters ganze Zärtlichkeit ruhte auf meinem älteren Bruder. Er sollte der Erbe des Titels und der Würde der Familie werden, und Alles ward ihm zum Opfer gebracht,— ich selbst, so gut wie alles Andere. Man hatte beschlossen, mich der Kirche zu weihen, damit auf diese Art sowohl meine Leidenschaften, als ich selbst, meinem Vater keine Zeit kosten und Unruhe verursachen, oder dem Interesse meines Bruders im Wege stehen möchten. Schon in meinem zarten Alter und ehe mein Gemüth der Welt und ihren Reihen sich aufgeschlossen oder irgend etwas von derselben, über den Bezirk des Pallaftes meines Vaters hinaus, kennen gelernt hatte, ward ich in ein Kloster geschickt, dessen Superior mein Oheim war, und seiner Sorge ausschließlich überantwortet. Mein Oheim war ein Mann, der gänzlich der Welt entfremdet war; er hatte nie ihren Vergnügungen Geschmack abgewonnen, weil er sie nie genossen hatte- und sah strenge Selbstverläugnung als die große Grundlage aller christlichen Tugenden a». ro3 Er glaubte, daß Jeder gleiche Gesinnungen mit ihm habe, oder zwang ihn wenigstens, sich nach den seini- gen zu bequeme». Seine Gemüthsart und seine Gewohnheiten hatten einen großen Einfluß auf die Brüderschaft, deren Superior er war;— nie konnte man wohl finsterere, grämlichere Wesen beysammen gesehenhaben. Auch das Kloster war ganz dazu geeignet, düstere und trübe Gedanken zu erwecken. Es war in einer finstern Vergschlucht, südlich vom Vesuv gelegen; jeder Blick in die Ferne durch unfruchtbare, vulkanische Anhöhen versperrt; ein Bergstrom tosets am Fuße seiner Mauern dahin, und Adler schrien um seine Thürme. Man hatte mich in einem so zarten Alter an diesen Ort geschickt, daß ich bald alle bestimmten Erinnerungen dessen, was ich verlassen hatte, verlor. Als mein Gemüth sich mehr entfaltete, entlehnte es daher seine Begriffe von der Welt aus dem Kloster und dessen Umgebungen, und die Welt erschien mir als etwas höchst Schreckliches. So erhielt meine Gemüthsstimmung schon früh eine gewisse trübe Färbung, und die furchtbaren Erzählungen der Mönch« von Teufeln und bösen Geistern, womit sie meine jugendliche Einbildungskraft schreckten, gaben mir eine Richtung zum Aberglauben, deren ich nie ganz, habe Herr werden können. Siesanden eben das Vergnügen daran, mein lebendiges Gefühl in Bewegung zu setzen, das meines Vaters Umgebungen sich auö Neckerey so oft gemacht hatten. Ich kann mich noch jetzt der Schrecken erinnern, womit sie meine Ein- i ocj. bildungskrafk, bey einem Ausbruche des Vcsuv's, zu entflammen wußten. Wir waren von diesem Vulkan weit entfernt, und Berge lagen zwischen uns; allein seine krampfhaften Bewegungen erschütterten selbst die festen Grundlagen der Natur. Erdbeben drohten die Thürme unsers Klosters umzustürzen. Ein düsteres, schreckliches Licht erhellte bey Nacht den Himmel, und ein vom Winde herbeygeführter Aschenregen fiel in unserm schmalen Thals. Die Mönche sprachen davon, daß die Erde unter uns ausgehöhlt sey; daß Ströme geschmolzener Lava durch ihre Adern flössen; daß Höhlen voll Schwefelflammen sich durch ihr Inneres zögen, welch« den bösen Geistern und den Verdammten zu Wohnsitzen dienten, und daß Feuer-meers unter unsern Füßen wären, bereit, uns zu verschlingen.— Alle diese Geschichten wurden mir bey dem düstern Tone des Donners in den Bergen erzählt, dessen dumpfes Rollen die Mauern unseres Klosters erbeben machte. Einer von den Mönchen war ein Mahler gewesen, hatte sich aber aus der Welt zurückgezogen, und dieß traurige Leben erwählt, um irgend ein Verbrechen abzubüßen. Er war ein trübsinniger Mensch, der seine Kunst in der Einsamkeit seiner Zelle trieb, sie aber zu einer Buße für sich machte. Seine Beschäftigung war, entweder auf Leinwand oder in Wachs das menschliche Gesicht und den menschlichen Körper im Todeskampfe und in alle» Abstufungen der Auflösung und Zerstörung abzubilden. In seinen Arbeiten enthüllten sich die furchtbaren Geheimnisse des io5"""> Todtenhauses, das ekelhafte Gastmahl des Käfers und des Wurmes.— Roch jeht zwingt mir die Erinnerung an seine Arbeiten einen Schauder ab. Zu jener Zeit bemächtigte sich indessen meine starke, doch schlechtgeleitete Einbildungskraft mit aller Lebendigkeit seiner Kunst. Es war eine Beschäftigung, und sie brachte eine Abwechselung in die trockenen Studien und die einförmigen Pflichten des Klosterlebens. In kurzer Zeit erlangte ich Gewandtheit des Pinsels, und meine düstern Erzeugnisse wurden für würdig gehalten, einige von den Altären in der Capelle zu zieren. Auf diese traurige Weise ward ein Mensch erzogen, der nur von Gefühl und Einbildungskraft beseelt war. Alles Geistreiche und Liebenswürdige in meinem Wesen ward unterdrückt und nichts ausgebildet, als was nutzlos und unangenehm war. Ich war feurig, lebendig, aufbrausend, ungestüm, ganz dazu gemacht, nur Liebs und Anbethung zu empfinden; aber man legte eine bleyerne Hand auf alle meine bessern Eigenschaften. Man lehrte mich nichts, als Furcht und Haß; ich haßte meinen Oheim, die Mönche, das Kloster, in welches ich eingeschlossen war, die Welt, ja mich selbst beynahe, weil ich, wie ich glaubte, ein so haßerfülltes und hassenswerthes Geschöpf war. Als ich beynahe sechszehn Jahre alt war, erlaubte man mir, bey einer Gelegenheit einen von den Brudern auf einer Sendung nach einem entfernten Theile des Landes zu begleiten. Wir hatten bald das düstere- Tha! hinter uns, worin ich so viele Jahre einge- 5** »»6 sperrt gewesen was, und kamen» nach einer kurzen Reise in den Bergen, in die üppige freye Landschaft, welche sich um die Bucht von Neapel her ausbreitet. Himmel! wie war ich außer mir vor Entzücken, als mein Blick über eine weite Fläche des herrlichsten, sonnigen Landes, durch Gebüsche und Weinbergs verschönt, dahin streifte! Der Vesuv erhob seine zackigen Gipfel zu meiner Rechten; das blaue Meer, mit seiner zauberischen Küste, mit leuchtenden Städten und prachtvollen Landhäusern besetzt, dehnte sich zu meiner Linken aus, und Neapel, meine Vaterstadt Neapel, blinkte weit, weit im Hintergründe! Guter Gott! dieß war also die herrliche Welt, die man mir verschlossen hakte L Ich hatte jetzt das Alter erreicht, worin die Gefühle in ihrer ganzen Blüche und Frische stehen. Die meürigen hatte man zu unterdrücken und zu erkälten gesucht; sie brachen nun mit der ganzen Macht eines verspäteten Frühlings hervor. Mein Herz, das bisher unnatürlich zusammen geschrumpft war, dehnte sich jetzt unter einem Aufruhr unbestimmter, aber wonnevoller Empfindungen aus. Die Schönheit der Natur berauschte, verwirrte mich ganz« Die Gesänge der Bauern, ihre fröhlichen Blicke, ihre glücklichen Beschäftigungen, die mahlerische Farbenpracht ihrer Kleidung, fthre ländliche Musik, ihre Tänze: alles dieß wirkte wie Zauberey auf mich. Meine Seele antwortete der Musik, mein Herz hüpfte mir im Busen. Alle Männer erschienen mir angenehm, alle Frauen liebenswürdig. r.07 Ich kehrte in das Kloster zurück, das heißt, mein Körper; mein Herz und meine Seele überschritten nie wieder die Schwelle desselben. Ich konnte diesen .Blick in eine schöne und glückliche Welt nie vergessen,— in eine Welt, die meinem Gemüth so zusagte. Ich hatte mich so glücklich gefühlt, so lange ich darin verweilte; ich war ein Wesen geworden, das so verschieden von dem war, wie ich mich im Kloster,—diesem Grabe alles Lebendigen,— suhlte. Ich verglich im Geiste die Gesichter der Leute, die ich gesehen hatte, und die von Feuer, Frische und Genuß überströmten, mit den bleichen, bleysarbigen, glanzlosen Antlitzen der Mönche; die Tanzmusik mit dem eintönigen Gesänge in der Capelle- Früher hatte ich die Andachtsübungen des Klosters nu« lästig gefunden; jetzt waren sie mir unleidlich. Der einförmige Kreislauf der Obliegenheiten verzehrte meinen Geist; meine Nerven wurden durch das widrige Geklingel der Klosterglocke gereiht, die unaufhörlich in den Bergen wiederhallte, mich beständig in der Nacht aus meiner Ruhe störte, und mich am Tage zwang, den Pinsel aus per Hand zu legen, um eine langweilige, mechanische Andachtsübung zu verrichten. Es lag nicht in meiner Art, lange über etwas nachzudenken, ohne meine Gedanken in's Werk zu setzen. Mein Geist war plötzlich aufgeregt worden und in mir erwacht. Ich ersah mir die Gelegenheit, entfloh auS dem Kloster, und machte mich zu Fuße auf den Weg nach Neapel. Als ich die freundliche». io8 menschenerfüllten Straßen der Stadt sah, die Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit des Gewühls um mich her, die Pracht der Palläste, den Glanz der Equipagen und das Leben auf den Gesichtern der bunten Menge, schien es mir, als ob ich plötzlich in eine bezauberte Welt versetzt sey, und ich gelobte feyerlich bey mir, daß nichts auf Erden mich je wieder in die Einförmigkeit des Klosters zurückbringen solle. Ich mußte fragen, wo meines Vaters Pallast sey; denn ich war so jung, als ich ihn verließ, daß ich nicht mehr wußte, wo er stand. Es gelang mir nicht ohne Schwierigkeit, vor meinen Vater gelassen zu werden; denn die Dienerschaft wußte kaum, daß ein solches Wesen, wie ich, vorhanden sey, und meine Mönchskleidung machte eben keinen für mich sehr vortheilhaften Eindruck. Selbst mein Vater erinnerte sich„meiner nicht mehr. Ich nannte ihm meinen Nahmen, warf mich ihm zu Füßen, stehle ihn um Verzeihung an, und bath ihn, mich nicht wieder nach dem Kloster zurückzuschicken. Er empfing mich mehr mit der Herablassung eines Gönners, als mit der Liebe eines Vaters, hörte ruhig, aber kalt, auf meine Erzählung von meinen Leiden unter den Mönchen und meinem Widerwillen gegen sie, und versprach, daran zu denken, was für mich geschehen könne. Diese Kälte erstickte und unterdrückte alle die offene Liebe, die in meinem Wesen lag, und die bey der geringsten Wärme väterlicher Zuneigung sich entfaltet haben würde. Alle log meine frühern Gefühle gegen meinen Vater gewan- nen ihre Kraft wieder. Ich betrachtete ihn aber- mahls als das prunkhafte, vornehme Wesen, das meine kindische Einbildungskraft so sehr gedämpft hatte; es war mir, als ob ich gar keine Ansprüche an sein Mitgefühl hätte. Mein Bruder war der alleinige Gegenstand seiner Sorge und Liebe; er hatte seine Art und Weise geerbt, und nahm eher das Wesen eines Beschützers, als eines Bruders gegen mich a». Dieß verletzte meinen Stolz, der sehr groß war. Von meinem Vater konnte ich Herablassung erdulden; denn ich blickte zu ihm, wie zu einem höheren Wesen, mit Ehrfurcht empor; aber die Beschützer-Miene eines Bruders, der, wie ich deutlich fühlte, in geistiger Hinsicht weit unter mir stand, war mir unleidlich. Die Dienerschaft bemerkte bald, daß ich ein unwillkommener Gastsey, und behandelte mich, nach Art gemeiner Leute, obenhin. So auf allen Seiten zurück gestoßen, sah ich, daß meine Zuneigung da, wohin sie sich wenden wollte, nur lästig wurde; ich ward also finster, still und niedergeschlagen. Meine Gefühle, in mich selbst zurückgedrängt, verbargen sich in meinem Herzen und zehrten an demselben. So blieb ich einige Tage lang, mehr als ein ungern gesehener Ankömmling, denn als ein wieder- gegebsner Sohn, in meines Vaters Hause Ich war ein Mahl dazu bestimmt, dort nie gekannt zu werden; ick, war, durch falsche Behandluug, mir selbst entfremdet worden, und man beurtheilte mich nach meinem fremden Wesen. LL0 Eines Tages sah ich, zu meinem Erflannen, einen der Mönche meines Klosters aus meines Vaters Zimmer schleichen. Er bemerkte mich, stellte sich aber, als ob er mich nicht sähe, und diese Verstellung machte, daß ich Verdacht schöpfte. 24 war reitzbar und argwöhnisch geworden; die geringste Kleinigkeit konnte mein Gefühl verwunden. In diesem Gemüthszustande geschah es, daß ich von einem verwöhnten Günstlmg, dem Lieblingsdiener meines Vaters, mit auffallender Nichtachtung behandelt wurde. Der Stolz und die Leidenschaftlichkeit meines Wesens regten sich in diesem Augenblicke; ich schlug den Menschen zu Boden. Mein Vater ging eben vorüber, und hatte nicht die Ruhe, sich nach der Ursache des Vorfalles zu erkundigen; auch hätte er dw lange Reihe von Geistesleiden. welche die wahre Veranlassung dazu war, nicht verfolgen können. Er ließ mich hart und zornig an, und both den ganzen Stolz seines'Wesens und das Vornehme seines Blickes auf, der Schmach, mit welcher er mich behandelte, einen desto größer» Nachdruck zu geben. Ich fühlte, daß ich,sie nicht verdient hatte; ich fühlte, daß ich verkannt wurde; ich suhlte, daß etwas in mir lag, welches einer besseren Behandlung werth war; mein Herz empörte sich gegen die Ungerechtigkeit eines Vaters. Ich vergaß meiner gewohnten Ehrfurcht gegen ihn,—ich antwortete ihm mit Heftigkeit; mein feuriger Geist glühte aus meinen Wangen, sprühte aus meinen Augen; aber mein gefühlvolles Her; brach eben so schnell, und ehe meine 111 Leidenschaft halb ausgetobt hatte, fühlte ich, daß sie in meinen Thränen erstickte und erlosch. Mein Bater, über dieses Krümmen des WurmeS verwundert und aufgebracht, befahl mir, mich in mein Zimmer zu begeben. Ich entfernte mich schweigend, von widersprechenden Empfindungen überwältiget., Ich war noch nicht lange auf meinem Zimmer, als ich in einem anstoßenden Gemache Stimmen hörte. Mein Vater und der Mönch berathschlagten über die Mittel, mich schnell nach meinem Kloster zurückzubringen. Mein Entschluß war gefaßt. Ich hatte keine Heimach, keinen Vater mehr. Noch in dieser Nacht verließ ich das väterliche Haus, begab mich an Bord eines Schiffes, das segelfertig im Hafen lag, und überließ mich nun der weiten Welt, Es kümmerte mich nicht, nach welchem Hasen es segelte; jede Gegend in einer so schönen Welt war besser, als mein Kloster; es kümmerte mich nicht, wohin das Schicksal mich verschlug; jeder Ort hatte mehr Heimathliches für mich, als d i e Heimath, die ich zurückgelassen hatte. Das Fahrzeug war nach Genua bestimmt, und hier langten wir nach einer Reise von wenigen Tagen an. Als ich zwischen den Dämmen, welche den Hafen umgeben, in denselben einlief, und das Amphitheater von Pallästen, Kirchen und herrlichen Gärten erblickte, welche sich über einander erheben, da fühlte ich, wie gerechte Ansprüche Genua darauf habe, die Prächtige genannt zu werden. Ich stieg auf dein Molo ab, gänzlich fremd und ohne zu wis- 112""" sei,, was ich beginnen, oder wohin ich meine Schritte lenken sollte. Dieß kümmerte mich indessen wenig; war ich doch a»S den Fesseln des Klosters und von den Erniedrigungen im väterlichen Hause erlöset. Wenn ich durch die Strada Balbi und die S tra da R u o v a, diese Straßen von Pallä- sten, ging, und die Wunderwerke der Baukunst um mich her anstaunte; wenn ich am Abende in dem bunten Gewühle alles Glänzenden und Schönen, durch die grünen Laubengänge der Acqua Verdc*) oder unter den Säulengängen und aus den Terrassen der prächtigen Gärten der Doria wandelte; dann hielt ich es für unmöglich, je anderswo glücklich zu seyn, als in Genua. Wenige Tage reichten hin, mich über meinen Irrthum zu belehren. Meine magere Börse war bald erschöpft, und zum ersten Wahl in meinem Leben empfand ich das niedrige Elend der Armuth,^zch hatte nie den Geldmangel gekannt, nie die Möglichkeit eines solchen Übels geahnet. Ich kannte die Welt und ihre Wege nicht., und als zuerst der Gedanke an Mangel mich ergriff, so war seine Wirkung gänzlich lähmend. Ich wanderte mit leeren Taschen durch die Straßen, welche nun mein Auge nicht länger crgetzten, als der Zufall meine Schritte zu der prächtigen Kirche d e ll' A nnu nc i a t a leitete. Ein berühmter Mahler der damahligen Zeit beschäftigte sich gerade mit der Aufstellung eines seiner Eines öffentlichen Platzes in Genua. Übers. n3 Gemählde über einem Altar. Die Fertigkeit, welche ich, während meines Aufenthaltes im Kloster, in seiner Kunst erlangt, hatte mich zu einem begeisterten Liebhaber derselben gemacht. Bey dem ersten Blicke war ich erstaunt ü der das Gemählde. Es war eine Madonna. So unschuldig, so lieblich, ein so göttlicher Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit! Ich hatte in dem Augenblick alle Erinnerung an mich selbst in der Begeisterung für meine Kunst verloren. Ich faltete die Hände» und eni Ausruf des Entzückens entschlüpfte meinen Lippen. Der Mahler bemerkte meine Bewegung. Sie schmeichelte ihm und machte ihm Vergnügen. Mein Äußeres und mein Benehmen gefielen ihm; er redete mich an. Ich fühlte zu sehr den Mangel eines Freundes, als daß ich die Zuvorkommenheit eines Fremden hätte zurückweisen sollen, und es lag in dem Wesen dieses Mannes etwas so Wohlwollendes und Gewinnendes, daß er in einem Augenblicke sich mein Vertrauen erworben hatte. Ich erzählte ihm meine Geschichte, sagte ihm die Lage, worin ich mich befände, verbarg ihm aber meinen Rahmen und Stand. Meine Erzählung schien ihn sehr anzuziehen; er lud mich iu sein Haus ein, und von dieser Zeit ward ich sein Lieblingsschüler. Er glaubte in mir ein außerordentliches Talent für die Kunst zu entdecken, und seine Lobsprüche entflammten meinen ganzen Eifer. Welch ein herrlicher Abschnitt in meinem Leben war der, den ich unter seinem Dache zubrachte b Ein anderes Wesen schien in mir aufgegangen zu seyn, oder vielmehr Alles, ,r4""" waS liebenswürdig und trefflich war, schien aus demselben hervorzugehen- Ich lebte so eingezogen, wie ich dieses im Kloster gethan hatte; allein wie verschieden war meine Eingezogenheit! Meine Zeit verging damit, mein Gemüth mit erhabenen und dichterischen Gedanken zu erfüllen, über alles Ausgezeichnete und Edle, was es in der Geschichte und der Dichtung gab, nachzudenken, und Alles, was erhaben und schön in der Natur ist, zu studieren und zu verfolgen. Ich war immer ein schwärmerisches, der Einbildung hingegebenes Wesen; jetzt aber erhoben mich meine Träumereyen und Einbildungen zu einem Zustande des Entzückens. Ich betrachtete meinen Lehrer als einen wohlwollenden Genius, der eine zauberische Gegend vor meinen Augen eröffnet hatte. Er war kein Eingeborner von Genua, sondern durch den Wunsch mehrerer Personen aus dern Adel bewogen worden, dahin zu kommen, und hielt sich bereits seit mehreren'Jahren dort auf, um einige übernommene Arbeiten zu vollenden. Seine Gesundheit war sehr wankend, so das; er einen großen Theil der Ausführung seiner Zeichnungen seinen Schülern überlassen mußte.— Er hielt mich für vorzüglich geschickt, in der Darstellung menschlicher Ge- slchtszüge, einen charakteristischen, aber flüchtigen Ausdruck aufzufassen, und ihn auf die Leinwand kräftig überzutragen. Ich war deßhalb beständig beschäftiget, Köpfe zu zeichnen, und oft, wenn eine besondere Lieblichkeit und Schönheit des Ausdruckes in einem Gesichte dargestellt werden sollte, ward r»5 diese Arbeit mir aufgetragen. Mein Wohlthäter wollte mich gern bekannt machen, und so geschah es» daß ich, theils vielleicht meiner wirklichen Kunstfertigkeit wegen, theils durch sein warmes Lob, in den Ruf kam, meinen Gesichtern einen besondern Ausdruck zu geben. Unter mehreren Arbeiten, die er übernommen hatte, war auch ein historisches Bild für den Pallast eines Großen, auf welchem die Porträte mehrerer Mitglieder der Familie angebracht werden sollten. Unter diesen ward Eines meinem Pinsel übertragen. Es war das eines jungen Mädchens, das damahls noch in einem nahen Kloster erzogen wurde. Sie kam aus demselben, um zu ihrem Bilde zu sitzen. Ich sah sie zuerst in einem Zimmer eines der prächtigen Palläste von Genua. Sie stand an einem Fenster, das auf die Bucht hinausging; ein Strahl der Früblingssonns siel auf ihr Gesicht, und verbreitete eine Art von Heiligenschein um dasselbe, während er das reiche karnioisinrothe-Zimmer erhellte. Sie war erst sechszehn Jahre alt,— und ach, wie liebenswürdig! Der ganze Anblick überraschte mich wie eine reine Erscheinung des Frühlings, der Jugend und der Schönheit. Ich hätte niederfallen und sie anböthen können. Sie war wie eine der Schöpfungen der Dichter und Mahler, wenn sie das Ideal der Schönheit darstellen wollen, welches ihren Gemüthern in der Gestalt unbeschreiblicher Vollkommenheit vorschwebt. Ich durste ihr Gesicht in mehreren Stellungen zeichnen, und ich verlängerte ge- flissenklich ei« Studium, das mein Verderben ward. Je länger ich sie betrachtete, desto verliebter ward ich; es lag etwas beynahe Peinliches in dieser glühenden Bewunderung. Ich war erst neunzehn Jahrs alt, schüchtern, befangen und unerfahren. Ihre Mutter behandelte mich mit Aufmerksamkeit; denn meine Jugend und meine Begeisterung für die Kunst hatten mir ihre Gunst erworben, und ich möchte beynahe glauben, daß in meinem Wesen und meiner Art etwas gelegen habe, das Antheil und Achtung einflößte. Aber selbst die Güte, mit der man mich behandelte, konnte die Beklommenheit nicht vertreiben, in welche meine Einbildungskraft mich versetzte, wenn ich mich in der Gegenwart dieses lieblichen Wesens befand. In ihr lag Etwas, das beynahe mehr als sterblich war. Sie schien zu erhaben für die Erde; zu zart und hochstehend für alles Menschliche. Während ich ihre Reitze auf meiner Leinwand darstellte, und meine Augen auf ihren Zügen weilten, log ich das süße Gift ein, das mich betäubte, und abwechselnd floß mein Herz vor Zärtlichkeit über und bebte vor Verzweiflung. Jetzt fühlte ich mehr, als je das heftige Feuer, das auf dem Grunde meiner Seele geschlummert hatte- Sie, mein Herr, in einem gemäßigter.. Klima und unter einem kältern Himmel geboren, haben keinen Begriff von der Heftigkeit der Leidenschaft in unserer südlichen Brust. Nach einigen Tagen war meine Arbeit geendiget. Bianca kehrts in ihr Kloster zurück, aber ihr Bild r-7 blieb unvsrlöschbar in meinem Herzen. Es wich nicht aus meiner Einbildungskraft, es ward mein feststehender Begriff für die Schönheit. Sogar aufweinen Pinsel hatte es Einstuß. Ich ward meiner glücklichen Darstellung weiblicher Lieblichkeit wegen berühmt; allein dieß war nur deßwegen, weil ich Biancas Bild vervielfältigte. Ich beruhigte und nährte meine Einbildungskraft zugleich, indem ich sie in allen Erzeugnissen meines Meisters anbrachte-— Ich habe mit Entzücken in einer der Capeüen der Annun- ciata gestanden, als ich einst von der Menge die himmlische Schönheit einer Heiligen erheben sah, die ich gemahlt hatte. Ich habe das Volk andachtsvoll sich vor dem Bilde beugen sehen; es beugte sich vor Bianca's Lieblichkeit. Ich blieb in dieser Art von Traum, ich möchte beynahe sagen, Wahnsinn, länger als ein Jahr. Meine Einbildungskraft hat eine solche. Stärke, daß das Bild, welches sich darin gebildet hatte, in seiner ganzen Kraft und Frische darin lebte. Ich war überhaupt ein einsames, nachdenkliches Wesen, das sich gern Träumereyen hingab undGedankennährke, die einmahl festen Fuß in mir gefaßt hattem Aus diesem lieblichen/ melancholischen, herrlichsn.Traum ward ich durch den Tod meines wackern Wohlthäters erweckt- Ich kann den^Schmerz, in welchen mich dieser Todesfall versetzte, nicht beschreiben. Allein, und mit gebrochenen! Herzen, stand ich jetzt da. Er vermachte mir fein kleine? Vermögen, das feiner angebornen Freygebigkeit und des Aufwandes wegen, mit welchem er zu leben pfleg- n6 ke', in der That nur sehr unbedeutend war, und enst- Pfahl mich vor seinem Sterben noch sehr dringend dem Schuhe eines Großen, der auch sein Gönner gewesen war. Dieser Letztere war ein Mann, der für sehr freygebig galt. Er war ein Liebhaber und Beschützer der Künste, und gab sich augenscheinliche Mühe, dafür angesehen zu werden. Er glaubte in mir Spuren künftiger Größe zu sehen; mein Pinsel hatte bereits Aufmerksamkeit erregt; er nahm mich unter seinen besondern Schutz. Da er aber sah, daß ich vor Gram ganz niedergebeugt und unfähig war, in dem Hause meines verstorbenen Wohlthäters irgend etwas zu arbeiten, so lud er mich ein, eine Zeitlang, auf einer Villa zuzubringen, welche er am Ufer des Meeres, in der mahlerischen Gegend von Sestri d i Ponente*) besaß. Ich fand in der Villa des Grafen einzigen Sohn, Filippo. Er war beynahe von meinem Alter, und hakte ein angenehmes Äußere und ein einnehmendes Betragen. Er hing mir bald an, und schien sich bey mir beliebt machen zu wollen. Ich glaubte etwas Hergebrachtes in seinem Wohlwollen und viel Launen in seinem Wesen zu entdecken; allein ich hak- Ein kleiner Ort, nicht weit von Genua, der, weil er gegen Abend von der Stadt gelegen ist, im Gegensatze eines zweyten, gegen Morgen liegende» Sestri(Sestri di Levante), den Nahmen Sestri di Ponente führt. Üders, "9 ts einmahl Niemanden in meiner Nähe, an den ich mich hätte hängen können, und mein Herz fühlte die Nothwendigkeit, etwas zu besitzen, um daran zu ruhen. Seine Erziehung war sehr vernachlässiget worden; er betrachtete mich als an geistiger Fassungskraft und Ausbildung weit über ihm stehend, und erkannte stillschweigend mein Übergewicht an. Ich fühlte, daß ich, in Hinsicht der Geburt, mit ihm gleich stand, und dieses gab meinem Betragen eine gewisse Unabhängigkeit, die ihres Zweckes nicht verfehlte. Die Laune und Tyranney, welche ich ihn zuweilen an Andern ausüben sah, über welche er gebiethen konnte, hatte ich nie zu empfinden. Wir wurden vertraute Freunde und waren häufig beysammen. Dennoch liebte ich allein zu seyn, um den Lräumereyen meiner eigenen Einbildungskraft in der Gegend, welche mich umgab, nachzuhängen. Von der Villa hatte man eine weite Aussicht auf das mittelländische Meer und die mahlerische liguri- sche Küste. Sie lag einzeln mitten in einem künstlich angelegten Garten, der mit Bildsäulen und Springbrunnen verziert war, und Gebüsche und Alleen und schattige.Rasenplätze enthielt Alles, was dem Geschmacke schmeicheln oder das Gemüth angenehm beschäftigen konnte, war hier zu finden. Die Nutze, welche in diesem zierlichen Aufenthalt herrschte, machte, daß der Sturm meiner Gefühle sich, allmählich legte, und indem sie sich mit dem romantischen Zauber mischte, der noch immer meine Ein- 120 bildungskraft gefangen hielt, eine sanfte, wollüstige Melancholie hervor brachte. Ich hatte noch nicht lange unter dem Dache des Grafen verweilt, als unsere Einsamkeit durch eins neue Bewohnerinn belebt wurde. Dieses war die Tochter eines Verwandten des Grafen, welcher kürzlich in bedrängten Umständen gestorben war, und sein einziges Kind seinem Schutze übergeben hatte. Ich hatte von Filippo schon oft von ihrer Schönheit reden gehört; allein meine Phantasie war von Einem Bilde so erfüllt, daß sie kein anderes mehr zuließ. Wir waren in dem mittleren Saal der Villa, als sie anlangte. Sie war noch in Trauer, und näherte sich, auf des Grafen Arm gelehnt. Als sie die Mar- mortrepps Hinanstiegen, fiel mir die Zierlichkeit ihres Wuchses und ihrer Bewegungen, und die Grazie auf, womit der Mezzaro, der bezaubernde Schleyer der Genueserinneu, um ihre schlanke Gestalt geworfen war. Sie traten ein. Himmel! wie groß war meine Überraschung, als ich Bianca vor mir sah! Sie war es- selbst, bleich von> Gram, aber- ihre Schönheit noch gereifter, als da ich sie zuletzt gesehen-hatte.-Die Zeit hatte alle Jie-blichkeit ihrer Gestalt entwickelt, und der Kummer, den sie gehabt, über ihr Gesicht eins unwiderstehliche Zärtlichkeit aMgegösssn.. ä- -'Sie- erröthete und-zitterte, als M--Mich erblickte» ulld'Thvänen traten in ihre Äugen; denn sie erinnerte sich,- in wAftn Pallast-M mich-zu seh-sn ge-wohut gewesen war. Weine Empfindungen vermag ich nicht zu schildern. Nach und nach ward ich Meister der großen Schüchternheit, die mich anfangs in ihrer Gegenwart so beengt hatte. Die Gleichheit unserer Lage brachte uns einander näher. Wir hatten Beyde unsere besten Freunde in der Welt verloren, und waren Beyde einigermaßen auf das Wohlwollen Anderer angewiesen. Als ich sie näher und ihren Geist kennen lernte, bestätigte sich Alles das, was meine Einbildungskraft mir von ihr vorgewählt hatte. Ihre Unbekanntschast mit der Welt, ihr zartes Gefühl für alles Schöne und Angenehme in der Natur erinnerte mich an meine eigenen Regungen, als ich zuerst aus dem Kloster entwischte; ihre uich-- tige Benrkheilungskraft entzückte mich, ihre Sanftheit umstrickte mein Herz, und ihre jugendliche, zärtliche, aufkeimende Lieblichkeit versetzte mich ur einen wonnevollen Taumel- Ich betrachtete sie mit einerArt von Anbethung, wie etwas mehr als Sterbliches, und fühlte mich durch den Gedanken an meinen Unwerth ihr gegenüber nicht wenig gsdemükhiget. Doch war sie sterblich, war eins der empfänglichsten, zarkfühlendsteu- sterbüchen Geschöpfe;— denn sie liebte mich! Wie ich zuerst diese entzückende Wahrheit entdeckte, kann ich nicht mehr sagen; ich glaube, sie zeigte sich mir allmählich, wie ein Wunder, das alle meine Hoffnungen und meinen Glauben übertraf. Wir waren Beyde in dem Alter der Zärtlichkeit und der Liebs, sahen uns beständig, hatten dieselben feineren Beschäftigungen; denn Musik, Dichtkunst und tt. Abend. 6 Mahlerey waren unser Beyder Lieblingsvergnügun- gen, und wir lebten, beynahe ganz von aller übrigen Gesellschaft getrennt, in einer lieblichen und romantischen Gegend. Ist es ein Wunder, daß zwey junge Herzen, die einander so nahe waren, sich innig verbanden? O ihr Götter, welch' ein Traum,— welch' ein beglückender Traum ungetrübter Seligkeit ging damahls an meiner Seele vorüber! Die Welt um mich her war mir ein Paradies; denn ein Weib,— «in liebliches, herrliches Weih, theilte es mit mir! Wie oft streift« ich an den mahlerischen Ufern von Sestri umher, oder erklomm seine wilden Berge» sah die Küste mit LandhLusernbesäet, und den blauen See tief unter mir, und den schlanken Leuchtthurm von Genua auf seinem romantischen Vorgebirge in der Entfernung, und glaubte, wenn ich dann Bian- ra's schwankende Schritte unterstützte, daß in einer so schönen Welt kein Unglück seyn könne! Wie oft horchten wir zusammen auf die Töne der Nachtigall, wenn sie ihr reihendes Lied in den Mondichein- lauben des Gartens sang, und wunderten uns, wie die Dichter je etwas Trauriges in ihrem Gesänge hatten finden können! Warum ist diese Blüthenzeit des Lebens und der Zärtlichkeit so vorübergehend! Warum kommt aus dieser Rosenwolke der Liebe, welche eine solche Morgengluth über den Morgen unserer Tage verbreitet, so leicht ein Wirbelwind und Sturm hervor! Ich war der Erste, welcher aus diesem seligen Liebesrausche erwachte. Ich hatte Bianca's Herz gewonnen; aber was sollte daraus werden? Ich hakte weder Reichthum, noch Aussichten, die mich zu Ansprüchen auf ihre Hand berechtigten; sollte ich, ihre Unkenntnis) der Welt, ihre zutrauensvolle Neigung benutzend, sie zu meiner eigenen Armuth herabziehen? Hieß dieses die Gastfrepheit des Grafen, Bianca's Liebe vergelten? Zum ersten Mahl fing ich an, zu fühlen, daß auch glückliche Liebe ihre- Bitterkeit haben kann. Eins verzehrende Sorge lagerte sich um mein Herz. ^>ch schlich ün Hall aste wie ein Verbrecher umher; es war mir, als hätte ich dessen Gastfreyheit gemißbraucht, als wäre ich ein Dieb, der in seinen Mauern verweilte. Ich konnte den Grasen nicht länger mit unbefangenem Blicks anschauen. Ich klagte mich der Treulosigkeit an, glaubte, daß er sie in meinen Blicken läse, und fing an, mir selbst zu mißtrauen und mich zu verachten. Sein Betragen gegen mich war immer vornehm und herablassend gewesen; jetzt erschien er mir kalt und stolz. Auch Filippo ward zurückhaltend und fremd, wenigstens glaubte ich das zu bemerken. Himmell war dieses Alles Hirngcspinnst? Oder war ich der ganzen Welk verdächtig geworden? War ich ein unglücklicher, argwöhnischer Mensch, der Blicks und Gebcrdm bewachte, und sich mit falschen Deutungen plagte k Oder, wem, diese gegründet waren, sollte ich unter einem Dache bleiben, wo man mich nur duldete, und daselbst so lange verweilen, als man mich Litt? 6* Das ist nicht länger auszuhalten! rief ich auS; ich will mich aus diesem Zustande der Selbsterniedrigung losreißen,— ich will diesen Zauber zerstören, und fliehen,— fliehen! wohin?— Aus der Welt! denn wo bleibt die Welt, wenn ich Bianca zurück lasse? Mein Geist war von Natur stolz, und empörte sich in mir bey dem Gedanken, mit Verachtung angesehen zu. werden. Mehrere Mahle war ich im Begriffe, mein« Familie und meinen Bang zu entdecken,,und die Gleichheit meines Standes in Biancas Gegenwart darzuthun, wenn ich glaubte, daß ihre Verwandten sich ein Ansehen der Vornehmheit gaben. Aber dieses Gefühl war vorübergehend. Ich sah mich als von. meiner Familie ausgestofien und verachtet an, und hatte es mir selbst feyerlich gelobt, nie meine Verwandtschaft mit ihr zu offenbaren, bis sie selbst sie geltend mache» würde. Dieser Kampf meines Geistes zehrte an meiner Zufriedenheit und meiner Gesundheit. Es schien mir, als ob die Ungewißheit, geliebt zu werden, weniger unerträglich sey, als davon überzeugt zu seyn, und dieser Überzeugung nicht froh werden zu dürfen. Ich war nicht länger der begeisterte Bewunberer Bianca's; ich hing nicht länger mehr mit Entzücken an dem Tone ihrer Stimme, oder sog mit unersättlichen Blicken die Schönheit ihrer GesichtSzüge ein. Selbst ihr Lächeln konnte mich nicht mehr erfreuen; denn ich fühlte, daß ich ein Verbrechen begangen Hatte, es.für mich zu gewinnen. Diese Veränderung an mir konnte ihr nicht entgehen; sie fragte mich mit ihrer gewöhnlichen Frey- müthigkeit und Einfachheit nach der Ursache derselben. Ich konnte der Frage nicht ausweichen; denn mein Herz war zum Zerspringen voll. Ich schilderte ihr den Kampf meiner Seele, meine verzehrende Leidenschaft, die bitteren Vorwürfe-, die ich mir machte.„Ja," sagte ich.„ich bin Deiner unwürdig; ich bin von meiner Familie ausgestoßen,— ein unstäter, nahmenloser, heimathloser Flüchtling, der nichts als Armuth zu seinem Antheil hat,— und doch habe ich es gewagt, Dich zu lieben,— habe es gewagt. Liebe von Dir zu begehren!" Meine Bewegung entlockte ihr Thränen, aber meine Lage, erschien ihr nicht so hoffnungslos, als ich sie ihr geschildert hatte. In einem Kloster erzogen, wußte sie nichts von der Welt, von ihren Bedürfnissen, ihren Sorgen, und welche Frau nimmt bey Herzensangelegenheiten auf die Kleinigkeiten der Welt Rücksicht? Ja, noch mehr,— sie entbrannte in süßer Begeisterung, wenn sie von meinen Glückö- umständen und von mir selbst sprach. Wir hattenvft zusammen vor den Werken der berühmten Meister verweilt; ich hatte ihr deren Geschichte, den großen Ruf, den Einfluß, den Reichthum, den sie erlangt hakten, erzählt. Sie waren die Gefährten der Fürsten, die Günstlinge der Könige, der Stolz und die Zierde der Völker. Alles dieses wendete sie auf mich an. Ihre Liebe sah in allen-, den großen Her- vvrbringungen Jener nicht-, was ich mcht eben s» »26 gut erreichen könnte, und wenn ich das liebliche Geschöpf von Innigkeit erglühen und ihr Gesicht von den Träumen meines Ruhmes verklärt sah, so erhob mich dieses auf einen Augenblick in den Himmel ihrer eigenen Einbildungskraft. Ich verweile zu lange bey diesem Theile meiner Geschichte; allein ich kann nicht umhin, bey einem 'Abschnitte meines Lebens mich auszuhalten, aufweichen ich, bey allen seinen Sorgen und Kämpfen, dennoch mit Liebe zurücksehe; denn meine Seele war damahls noch mit keinem Verbrechen befleckt.^>ch weiß nicht, welches der Erfolg dieses Kampfes zwU scheu Stolz, Zartgefühl und Leidenschaft gewesen seyn würde, hätte ich nicht in einer Neapolitanischen Zeitung die Nachricht von dem Tode meines Bruders gelesen. Sie war von der dringenden Anfrage nach Kunde von mir, und von der Bitte begleitet, daß, wenn diese Anzeige zu meinen Augen gelangen sollte, ich sogleich nach Neapel eilen möchte, um einey kranken und betrübten Vater zu trösten. Ich hatte von Natur ein liebendes Gemüth; allein mein Bruder hakte nie als Bruder gegen mich gehandelt. Ich hatte mich schon lange als gänzlich von ihm geschieden betrachtet, und sein nwd machte nur geringen Eindruck auf mich. Der Gedanke an meinen Vater, und daß er krank sey und leide, rührte mich dagegen auf das Innigste, und wenn ich mir diesen hochfahrenden, stolzen Mann dachte, wie er jetzt gebeugt und verlassen sey, und von mir Trost erwarte, so verschwand aller Unwillen über 127 die frühere Vernachlässigung, und die ganze Wärme kindlicher Liebe erwachte wieder in mir. Das vorherrschende Gefühl, welches alle andere überwältigte, war das Entzücken über die plötzliche Veränderung in meinen Glücksumständen. Heimath, Nahme, Rang und Reichthum warteten mein, und die Liebe ließ mich eine noch entzückendere Aussicht in der Ferne sehen. Ich eilte zu Bianca und warf mich ihr zu Füße». O Bianca! rief ich aus, endlich darf ich Dich die Meinige nennen. Ich bin nicht länger mehr ein nahmenloser Abenkeuerer, ein vernachlässigter, verstoßener Flüchtling. Sieh,—.lies,— blicke auf die Kunde, die mich meinem Nahmen un'd mir selbst wieder gibt! Ich will bey dem Auftritts, der jetzt folgte, nicht weiter verweilen. Bianca freute sich der glücklichen Veränderung meiner Lage, weil sie sah, daß sie mein Herz von einer schweren Sorgenlast befreyte; was sie selbst betraf, so hätte sie mich meinetwegen geliebt, und nie den geringsten Zweifel gehegt, daß mein eigenes Verdienst mir Ruf und Vermögen erwerben würde. Ich fühlte jetzt meinen ganzen angebornen Stolz in mir erwachen. Ich ging nicht mehr mit an den Boden gehefteten Augen umher. Die Hoffnung ließ mich zum Himmel aufblicken; meine Seelewar von frischem Feuer entflammt, und dieß leuchtete aus meinen! Gesicht. Ich wollte dem Grafen die Veränderung in meinen Verhältnissen anzeigen, ihm sagen, wer und. , M waS ich sey,-- und förmlich um Dianca's Hand anhalten; allein er war auf eines seiner entfernten Güter gereiset, Ich schloß Filippo meine ganze Seele auf. Jetzt, zum ersten Mahl machte ich ihn mit meiner Leidenschaft, mit den Zweifeln und Besorgnissen, die mich verzehrt, und mit der Kunde, die sie so plötzlich zerstreut hatte, bekannt. Er überhäufte mich mit Glückswünschen und mit den. wärmsten Ausdrucken des Antheiles. Ich umarmte ihn in. der Fülle meines Herzens,— ich fühlte Gewissensbisse darüber, daß ich ihn für so kalt gehalten, und bath ihn um Verzeihung, je an feiner Freundschaft gezweifelt zu haben. Nichts ist so warm und enthusiastisch, als eine plötzliche Herzensergießung zwischen jungen Männern. Filippo ging mit der lebendigsten Theilnahme in unsere Angelegenheiten ein. Er war unser Vertrauter und Rathgeber. Es ward beschlossen, daß ich jetzt nach Neapel eilen sollte, mich in meines Vaters Zuneigung und in meinem väterlichen Hause festzusetzen, und daß ich in dem Augenblicke, wo die Versöhnung bewerkstelliget seyn, und ich dieZustimmung meines Vaters erlangt haben würde, zurückkehren, und bey dem Grafen um Bianca's Hand anhalten solle. Filippo machte sich anheischig, die Einwilligung seines Vaters auszuwirken, und übernahm es überhaupt, für unser Bestes zu sorgen, und der Canal zu seyn, durch welchen wir unsere Briefe wechseln könnten. Mein Abschied von Bianca war zärtlich,— liebevoll,-7- beängstigend. Er fand in einem kleinen Gar- 6*» »29 tcn-Pavillon Statt» der einer unserer LieblingSort gewesen war. Wie oft kehrte ich nicht.zurück, um ihr noch ein Mahl Lebewohl zu sagen, um sie noch ein Mahl in sprachloser Bewegung auf mich blicke» zu sehen, noch ein Mahl den entzückenden Anblick der Thränen, welche ihre lieblichen Wangen benetzten» zu genießen, noch ein Mahl die zarte Hand, dar freywillig gegebene Pfand der Liebe, zu ergreifen, und sie mit Thränen und Küssen zu bedecken! Himmel! selbst in dem Trennungsschmerz zweyer Liebenden liegt ein Entzücken, das tausend ruhige Vergnü- Zungen der Welt aufwiegt. Noch sehe ich sie vor mir, wie sie an dem Fenster des Pavillons stand, dieWcrn- ranken zurückbog, welche es umschatteten, wie ihre zarte Gestalt in jungfräulichem Lichte hervorstrahlte, ihr Gesicht in Thränen und Lächeln schwamm, und sie mir tausend und abermahls tausend Mahl Lebewohl zurief, während ich zögernd im Rausche der Liebe und Bewegung die Allee hinunter wankte.' Ais das Boot mich aus dem Hafen von Genua trug, wie begierig blickte mein Auge an der Küste von Sestri hin, bis es die Villa entdeckte, die zwischen Bäumen am Fuße des Berges hervorschimmerte! So lange es Tag blieb, sah ich unaufhörlich darauf hin, bis sie nur noch als ein weißer Punct zu sehen war, und mein angestrengter, unverwendeter Blick entdeckte sie da noch, ais alle übrigen Gegenstände schon laugst in eine undeutliche Masse zusammengeschmolzen oder von der Abenddämmerung verhüllt i3c> In Neapel angelangt, eilte ich sogleich meinem väterlichen Hause zu. Mein Herz sehnte sich nach dem lang entbehrten Segen der Daterüebe. Als>ch das stolze Portal des ahnt,erreichen Pallastes betrat, war meine Bewegung so gewaltig, daß ich nicht spieln konnte. Niemand kannte mich. Die Bedienten bekracy- tetsn mich mit Reugierde und Erstaunen. Wenige Wi)- re geistiger Erhebung und Entwickelung hatten in dem armen flüchtigen Burschen aus dem Kloster eine große Veränderung hervorgebracht. Nichtsdestoweniger war es höchst niederschlagend für mich, daß mich Niemand in meinem rechtmäßigen Besitzthume erkannte^ch kam mir vor wie der Verlorne Sohn bey seiner-euü- kehr. Ich war ein Fremdling in meinem väterlichen Hause geworden. Als ich mich zu erkennen ga-, änderte sich indessen Alles. Ich, der ich einst beynaye aus Lieten Mauer» hinausgestoßen worden war, uns wie ein Verbannter hatte flüchten müssen, ward»etzt mit lauter Freuds, mit knechtischer Dienstbefllßen- heit bewMommt. Einer der Diener eilte, meinen Vater aus meinen Empfang vorzubereiten; meine Begierde nach der väterlichen Umarmung war mde,s-n so groß, das; ich seine Rückkehr nicht erwarten kmuite, sondern ihm nacheilte.— Welch' ein Anblick,« s ich in das Zimmer trat! Mein Vater, den ich m der ganzen Blüthe eines kräftigen Alters verlassen, dessen edle und majestätische Haltung meiner jugendlichen Einbildungskraft so große Ehrfurcht eingeflößt hatte, war jetzt gebeugt und entkräftet. Ein Schlag- fluß hatte seine stattliche Körpergestalk zernichtet, un iZi eine wankende Trümmer hinterlassen. Er saß, gestützt, in seinem Stuhle, mit bleichem, schlaffen Gesicht, und gläsernem, umherirrenden Auge. Sein Verstand hatte bey der Zerstörung^ seines Körpers augenscheinlich mit gelitten. Der Bediente bemühte sich, ihm verständlich zu machen, daß ein Besuch da sey. Ich, wankte zu ihm hin, und sank zu seinen Füßen. Alle seine frühere, Kälte und Gleichgültigkeit gegen mich waren vergessen. Ich sah in ihm nur meinen Vater, und dachte nur daran, daß ich ihn verlassen hatte. Ich umfaßte seine Knie, meine Stimme ward beynahe von krampfhaften Seufzern erstickt.»Verzeihung, Verzeihung, mein Vaterwar Alles, was ich hervorbringen konnte. Sein Bewußtseyn schien allmählich zurückzukehren. Er betrachtete mich einige Augenblicke lang-mit einem unstäten, forschenden Blicke; ein krampfhaftes Beben schwebte um seine Lippen; er streckte schwach seine zitternde Hand aus, legte sie auf mein Haupt und brach dann in eine Fluch kindischer Thränen aus. Von diesem Augenblicke aiü durste ich nur selten mich von ihm entfernen. Ich schien der einzige Gegenstand zu seyn, der sein Herz in dieser Welt noch ansprach; alles Übrige war todt für ihn. Er hatte beynahe ganz die Sprache verloren, und sein Der. stand schien gänzlich verschwunden zu seyn. Er war stumm und ruhig, außer daß zuweilen Anfälle eines kindischen Weinens ohne irgend eine unmittelbare. Ursache eintraten. Wenn ich das Zimmer verließ, so richtete er seinen Blick u,-verwendet auf die Thür, ,Z2 bisich wieder zurückkehrte, und bey meinem Eintritt« vergoß er abermghls einen Strom von Thränen. Mit ihm, bey diesem zerrütteten Zustande seines Geistes, über meine Angelegenheiten reden zu wollen, würde mehr als unnütz; ihn allein zu laßen, wenn auch auf noch so kurze Zeit, grausam und unnatürlich gewesen seyn. Dieß war eine neue Prüfung meiner Neigung. Ich gab Bianca schriftliche Nachricht von meiner Ankunft und von meiner jetzigen Lage, und schilderte mit wahren und deßhalb lebendigen Farben die Qualen, welche unsere Trennung mir verursachte; denn für den jugendlichen Liebhaber ist jeder Tag der Abwesenheit ein Verlornes Jahrhundert der Liebe. Ich schloß meinen Brief in ein Schreiben an Filippo «in, durch welchen unser Briefwechsel geführt wurde, und empfing von ihm eine Antwort, worin Freundschaft und Mitgefühl sprachen, von Bianca eine, die voll von Versicherungen der Liebe und Beständigkeit war. Woche auf Woche, Monath aus Monath verging, ohne daß sich meine Lage geändert hätte- Der Lebens> funke, welcher beynahe erlöschen zu wollen schien, als ich meinen Vater zum ersten Mahl sah, fuhr fort zu glühen, ohne anscheinend schwächer zu werden. Ich bewachte meinen Vater unausgesetzt, treulich, ich möchte sagen, geduldig Ich wußte, daß sein Tod allein mich befreyen konnte,— und doch wünschte ich ihn nie herbey. Ich war zu sehr erfreut» meinen frühern Ungehorsam so wieder gut machen zu können, und da ich in früheren Zeiten aller Freuden der verwandtschaftlichen Bands hatte entbehren muffen, neigte i53""«> sich mein Herz zu einem Vater hin, der in seinem Alter und seiner Hülflosigkeit den einzigen Trost in mir gesucht hatte. Meine Leidenschaft für Bianca wuchs durch die Abwesenheit täglich, und wurzelte sich durch stetes Denken an sie nur desto tiefer bey mir ein. Ich erwarb mir weder neue Freunde, noch gewann ich neue Bekanntschaften, oder trachtete nach den Vergnügungen von Neapel, welche mein Rang und mein Vermögen mir darbothen. Mein Herz beschränkte sich nur auf wenige Gegenstände, hing aber mit desto innigerer Leidenschaft an ihnen. Bey meinem Vater zu sitzen,— seinen Bedürfnissen zuvorzukommen, und in der Stille seines Zimmers an Bianca zu denken, war meine beständige Beschäftigung. Zuweilen ergriff ich auch den Pinsel, und entwarf das Bild, welches meiner Einbildungskraft beständig gegenwärtig war. Jeden Blick, jedes Lächeln von ihr, das in meinem Herzen lebte, trug ich auf die Leinwand über. Ich zeigte meinem Vater die Bilder, in der Hoffnung, dadurch einen Antheil für den bloßen Schatten meiner Liebe bey ihm zu erregen; allein seine Geisteskraft war zu sehr gesunken, als daß er ihnen mehr als eine kindisch« Aufmerksamkeit hätte schenke» sollen. Wenn ich Briefe von Bianca erhielt, so war dieses eine neue Duelle des Vergnügens i» meiner Einsamkeit für mich Es ist. wahr, daß ihre Briefe immer seltener wurden; aber sie waren immer voll von Versicherungen unwandelbarer Liebs. Sie athmeten nicht die unbefangene und unschuldige Wärme, wo- »34 mit sie sich in der Unterhaltung ausdrückte; allein ich erklärte mir dieß aus der Verlegenheit, in welche unerfahrene Gemüther oft versetzt werden, wenn sie ihre Gedanken zu Papier bringen wollen- Filippo versicherte mich ihrer unwandelbaren Treue- Beyde bejammerten in den stärksten Ausdrücken unsere fortdauernde Trennung, obgleich sie der kindlichen Liebe Gerechtigkeit widerfahren ließen, welche mich an der Seite meines Vaters fest hielt. So waren, in dieser verlängerten Verbannung, beynahe zwey Jahre vergangen. Für mich waren dieß eben so viele Jahrhunderte- Feurig und ungestüm von Natur, weiß ich nicht, wie ich eine so lange Abwesenheit hätte erdulden können, wäre ich nicht überzeugt gewesen, daß Biauca's Treue eben so fest, wie die.meuüge sey. Endlich starb mein Baker..Sein Leben schwand, beynahe unmerklich. Ich hing in stummer Trauer über ihn, und war Zeugs des letzten Kampfes der Natur. Seine letzten gebrochenen Worte hauchten noch Segnungen über mich aus. Ach l sie sind nie in Erfüllung gegangen! Als ich seiner Leiche die gebührende Ehre erwiesen, und sie zu den Gräbern unserer Ahnen bestattet hatte, brachte ich schnell meine Angelegenheiten in Ordnung, richtete es so ein, daß ich sie selbst aus der Entfernung sehr leicht leiten konnte, und schiffte mich mit klopfendem Herzen wieder nach Genua ein. Die Reise war glücklich, und wie groß.war nrein Entzücken, als ich zuerst in der Morgeudäm- r35 mennig die dunkeln Gipfelder Apenninen wie Wolken über dem Horizont sich erheben sah. Der wohlthuende Hauch deS Sommers ließ uns gemächlich auf den langen, schaukelnden Wellen dahin gleiten, die uns nach Genua hinwälzten. Nach und nach erhob sich die Küste von Sestri wie ein Werk der Zauberei) aus dem Silbcrschooße des Meeres. Ich erblickte die Reihe von Dörfern und Packlisten welche ihr« Ufer bedecken. Mein Auge wendete sich nach dein wohlbekannten Punct, und fand endlich) aus dem Gewirrs entfernter Gegenstände, die Villa heraus, welche Bianca einschloß, Sie war ein bloßer Punct in der Landschaft, aber er leuchtete weit daher, der Polarstern meines Herzens. Einen langen Sommertag über blickte ich nmr wieder darauf hin; allein wie verschieden waren meine Empfindungen bey meiner Rückkehr von denen bey meiner Abreise! Immer grosser und größer ward die Villa vor meinen Augen. Mein Herz schien zu schwellen, wie sie. Ich betrachtete sie durch ein Fernglas. Nach und nach konnte ich einzelne Theils erkennen: den Balcon an der Mittelseite, wo ich zuerst Bianca sah; die Terrasse, wo wir so oft die köstlichen Sommcrabende zugebracht; das Zelt an ihrem Zimmer-fenster; ich glaubte beynahe, ihre Gestalt dghintec zu erkennen. O wenn sie wüßte, daß ihr Geliebter in dem Boote sey, dessen weißes Segel setzt auf dem sonnigen Busen der See glänzte'. Meine liebende Ungeduld wuchs, als wir uns der Küste näherten; das Schiff schien träge über die i36 Wellen dahin zu schleichen; ich hätte in das Meer springen und nach der ersehnten Küste schwimmen mögen. D>e Abendschaktcn fingen allmählich an die Gegend einzuhüllen; aber der Mond stieg in seinem vollen Glänze und seiner Schönheit empor, und verbreitete sein sanftes, den Liebenden so angenehmes Licht über die romantische Küste von Sestri. Meine Seele schwamm in unaussprechlicher Zärtlichkeit. Ich dachte schon im Voraus an die himmlischen Abend«, die ich wieder mit Bianca, im Lichte dieses herrlichen Mondes wandelnd, zubringen würde. Es war spät Abends, als wir in den Hafen einliefen. Sobald ich, am nächsten Morgen, die Förmlichkeiten der Landung beseitiget hatte, warf ich mich auf ein Pferd, und eilte nach der Villa. Als ich um das felsige Vorgebirge sprengte, aufweichen! der Leuchkkhurm steht, erhoben sich tausend Besorgnisse und Zweifel in meinem Herzen. Die Rückkehr zu denen, welche wir lieben, hat etwas Beklemmendes, so lang« wir nicht wissen, welche Übel oder Veränderungen die Abwesenheit hervorgebracht haben mag. Die Heftigkeit meiner Bewegung machte, daß ich am ganzen Körper zitterte. Ich spornte mein Pferd zu verdoppelter Eile an; es war mit Schaum bedeckt, als wir Beyde athemlos an dem Thorwege anlangten, welcher zu den Anlagenum die Villa hin führt. Ich ließ mein Pferd in einem Bauernhause, und ging durch den Garten, um die Ruhe für die bevorstehende Zusammenkunft wieder zu gewinnen. iZ? Ich machte mir selbst Vorwürfe, daß ich mich von bloßen Zweifeln nnd Vermuthungen hatte so plötzlich übermannen lassen; allein ich war von jeher dazu geneigt gewesen, mich dem plötzlichen Andränge meiner Gefühle hinzugeben. Als ich in den Garten trat, fand ich noch Alles so, wie ich es verlassen hakte, und dieß beruhigte mich. Hier waren, die Alleen, worin ich so oft mit Bianca gewandelt und mit ihr dem Gesänge der Nachtigall gelauscht hatte; dieselben Schatten, in denen wir so oft, während der Mittagshitze, gesessen. Hier waren noch dieselben Blumen, die sie so sehr liebte, und welche noch immer von ihrer Hand gepflegt zu werden schienen. Alles trug Biancä's Spur und Hauch, Hoffnung und Freude wallten bey jedem Schritte in meinem Busen aus. Ich ging bey einer kleinen Laube vorüber, worin wir oft gesessen und gelesen hakte»,—ein Buch und ein Handschuh lagen auf der Bank,—es war Bianoa's Handschuh; es war ein Band des Metastasto, den ich ihr ge- schenkt hatte. DerHandschuh lag da im Buche, wo meine Lieblingsstelle war. Ich drückte Beydes mit Entzücken an mein Herz, Jetzt ist Alles gut! rief ich aus;, sie liebt mich, sie ist noch mein! Ich eilte fröhlich die Allee entlang, die ich bey meiner Abreise so langsam hinunter gewankt war. Ich erblickt« ihren LieblingsGavillon, wo wir Abschied von einander genommen hatten- Das Fenster war offen, dieselben Weinreben schlangen sich noch darum hin, gerade so, als damahls, wo sie weinend o-""> i58----- Mr ein Lebewohl zuwinkte. O, welch'ein glücklicher Unterschied zwischen jetzt und damahls! Als ich»eben dem Pavillon vorüber ging, hörte ich die Töne einer weiblichen Stimme; sie durchbebten mich, und drangen so zu meinem Herzen, daß mir kein Zweifel übrig blieb. Ehe ich es denken konnte, fühlte ich, daß dieß Bianca's Stimme seyn müßte. Einen Augenblick blieb' ich von der Bewegung überwältiget. Ich fürchtete, sie zu sehr zu überraschen. Leise stieg ich die Stufen des Pavillons hinan. Die Thür war offen. Ich sah Bianca an einem Tische sitzen; sie wendete mir den Rücken zu; sie sang ein sanftes, melancholisches Lred und zeichnete dabey. Ein Blick reichte hin, mir zu entdecken, daß sie eines meiner Bilder kopire. Ich blickte einen Augenblick in einem entzückenden Tamnel der Empfindung auf sie hin. Sie hierein mit Snigen; ein tiefer Seufzer, beynahe ein Schluchzen, folgte. Jetzt konnte ich mich nicht länger halten.»Bianca! rief ich, mit Halb unterdrückter Stimme. Sie fuhr auf bey dem Tone, strich die Locken zurück, die ihr Gesicht umschatteten, warf-einen Blick auf mich, stieß einen gellenden Schrey aus, und wäre zu Böden gestürzt, wenn ich sie nicht in meinen Armem aufgefangen hätte../ »Bianca, meine Bianca!« riefich aus, indem ich sie an meine Brust drückte und meine Stimme in dem Schluchzen krampfhafter Freuds erstickte. Sw lag ohne Bewußtseyn oder Bewegung in m-men Armen. Bestürzt über die Wirkung meiner Vor- r^9 eikigkeit, wußte ich nicht, was ich thun sollte. Durch tausend Schmeichelworte suchte ich sie wieder in das Leben zurückzurufen. Nur langsam erhohlts sie sich, und sagte endlich mit schwacher- Stimme und halb geöffneten Augen:»Wohin ich?« Hier, antworkete ich, indem ich sie an meine Brust drückte; hier, nahe an dem Herzen, das'dich anbethet, in den Armen, deines treuen Ottavio!»O nein! nein! nein!« kreischte sie, indem sie plötzlich zum vollen Bewußtseyn erwachte, voll Schrecken;—»fort! fort! verlasse, mich! verlasse mich!« Sie riß sich aus meinen Armen, stürzte in eine Ecke des Saales, und bedeckte ihr Gesicht mit den- Händen, als ob mein bloßer Anblick ihr schrecklich sey- Ich war wie vom Donner gerührt. Ich wollte meinen Sinnen nicht trauen. Ich folgte ihr zitternd und verwirrt. Ich wollte ihre Hand ergreifen; aber sie wich voll Abscheu vor jeder Berührung zurück. »Guter Gott, Bianca!« riefich aus, was bedeutet dieß Alles? Ist dieß mein Empfang nach einer so langen Abwesenheit? Ist dieß die Liebe, die Duzn nur hegtest?« Bey dem Worte Liebs überlief sie ein Schauder», Sie wendete ihr von Angst erfülltes Gesicht zu mir. »Nichts mehr davon,— nichts mehr davon!« keuchte sie;»sprich nicht von.Liebs mit mir,— ich,— ich bin verheirathet!« Ich taumelte, als ob ich einen tödtlichen Streich empfangen hätte;— mein Herz brach. Einen oder zwey Augenblicke lang war Alles ein Chaos um l/;0 mich her. Als ich mich erhohlt hatte, sah ich Bianca auf einem Sopha liegen, ihr Gesicht in die Kissen vergraben, und hörte sie krampfhaft schluchzen. Der Unwillen über ihren Wankelmnth verdrängte auf. einen Augenblick jedes andere Gefühl bey mir. »Treulos,— meineidig!" rief ich aus, indem ich durch das Zimmer schritt. Doch ein abermahliger Blick auf das schöne, so gebeugte Wesen erstickte meinen ganzen Zorn. Der Unwille konnte mit ihrem Bilde nicht Mgleich in meiner Seele Raum haben. ,,L> Bianca!" rief ich angstvoll auS;»hätte ich mir dieß träumen lassen können? Hätte ich glauben können, daß Du mir untreu werden würdest?" Sie hob ihr von Thränen überströmtes, ganz von der Bewegung verstelltes Gesicht, und warf mir einen bittenden Bück zu.»Ich Dir untreu? Man hat mir gesagt, Du seyest todt!" »Wie," sagte ich,„unsers ununterbrochenen Bries. Wechsels ungeachtet?" Sie bückte mich wild an-»Briefwechsel? Welcher Briefwechsel?" »Hast Du nicht zu wiederhohkten Mahlen Briefe von mir empfangen und beantwortet?" Sie faltete feyerlich und inbrünstig die Hände. »So wahr ich hoffe, selig zu werden;— Ein furchtbarerArgwohn bemächtigt- sich meiner. »Wer sagte Dir, ich sey todt?" »Man sagte, das Schiff, auf welchem Du Dich »ach Neapel'einschifftest, sey untergegangen." i4>i »Aber w e r sagte es Dir?" Sie hielt einen Augenblick mne und zitterte r— „Zilippo!" „Möge Gott im Himmel ihn dafür verfluchen l"- rief ich aus, indem ich meine geballten Fäuste nach oben erhob. »Q fluch« ihm nicht, fluche ihm nicht!" rief sie aus;„er ist,— er ist,— mein Gatte!" Dieser Aufschluß enthüllte mir das ganze Gewebe des Betruges, den man mir gespielt hatte. Mein Blut rollte wie flüssiges Feuer durch meine Adern. Die Wuth drohte mich zu ersticken;— eine Zeitlang war ich von dem Gewühls furchtbarer Gedanken, die sich in meinem Gemüthe drängten, ganz verwirrt. Das arme Opfer der Täuschung, das'vor mir lag, glaubte, ich zürne ihr. Sie stammelte mit schwacher Stimme ihre Entschuldigung-her. Ich will nicht dabey- verweilen. Ich sah bald mehr, als sie mir entdecken wollte; ich sah, auf einen Blick,, wie man uns Beyde verrathen hatte. Wohl, wohl,, murmelte ich bey mir selbst in unterdrückten Tönen gepreßter Wuth. Er soll mir Rechenschaft dafür geben-. Bianca vernahm meine Worte. Ein neuer Schrecken verbreitete sich über ihr Gesicht.„Um aller Barmherzigkeit willen, suche ihn nicht auf!— sage nichts von dem, was vorgegangen ist, um meine t w e g§ u sage ihm nichts;— ich allein würde da- für büßen müssen!" Ein neuer Verdacht flieg in meiner Seele em- 142 por.—„Wie/rief ich aus,„Du fürchtest ihn also? Ist erunfreundlich gegen Dich? Sage mir/ wiedcrhohlte ich, indem ich sie bey der Hand ergriff und ihr forschend in's Gesicht blickte;„sage mir,— wagt er eS, Dich hart zu behandeln?« '„Nein! nein! nein!« rief sie stammelnd und versagen;— aber ein Blick auf ihr Gesicht sprach mehr als Worte zu mir. Ich laS in ihren bleichen, vergrämten Zügen, in dem plötzlichen Schrecken und der gewaltsam bekämpften Angst, die aus ihren Augen sprach, die ganze Geschichte eines durch Tyranney gebrochenen Gemüthes. Großer Gott! und diese schöne Blume war mir entrissen worden, um so zertreten zu werden? Dieser Gedanke brachte mich zum Wahnsinne. Ich biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste; der Schaum stand mir vor dem Munde, jede Leidenschaft schien sich in die Wuth aufgelöset zu haben, welche wie eine Lava in meinem Herzen kochte. Bianca starrte in sprachlosem Schrecken vor mir zurück. Als ich neben dem Fenster vorüber ging, streifte mein Blick die Allee hinunter. Verhängnißvoller Augenblick! Ich sah Filippo in der Entfernung. Mein Gehirn war»»machtet;— ich sprang aus dem Pavillon und stand mit Blitzesschnelle vor ihm. Er sah mich, als ich so auf ihn zustürzte;-- er erblich, blickte wild. zur Rechten und zur Linken, als ob er entfliehen wolle, und zog dann zitternd sei» Schwert.^^ „Elender!« rief ich,„wohl magst Du ziehen. Ich sprach nichts mehr,— ich riß ein Stilett hervor, schlug damit das Schwert zurück, das er in der zitternden Hand hielt, und stieß ihm den Dolch in die Brust.-Er fiel sogleich, aber meine Wuth war noch nicht gesattiget. Ich stürzte auf ihn mit dem Blutdurst eines Tiegers; ich verdoppelte meine Stöße, verstümmelte ihn in meinem Wahnsinne,^ ergriff ihn bey der Kehle, bis er mit Wunden bedeckt und im Krumpfe des Erstickens unter meinen Händen den Geist aufgab. Starr- hinblickend auf das im Tode scheußliche Antlitz, das mit seinen hervorquellenden Augen mich anzustarren schien, blieb ich einen Augenblick stehen. Ein-durchdringendes Geschrey erweckte mich aus meinem-Wahnsinns. Ich sah mich um» und erblickte Bianca, die in Verzweiflung aus uns zustürzte. Meine Sinne schwanden,— ich erwartete sie nicht, sondern floh von dem Schreckensorts. Wie ein zweyter Kam stürzte ich aus dem Garten,— die Hölle im Busen und mit dem Fluche auf meinem Haupte. Ich floh, ohne zu wissen, wohin, beynahe ohne zu wissen, warum? Mein einziger Gedanke war, mich immer weiter von den Schrecknissen zu entfernen, die ich zurückgelassen hat- te, als ob ich-zwischen mir und meinem Gewissen einen Zwischenraum gewinnen könnte. Ich floh in die Apenninen, und wanderte mehrere Tage zwi- schen ihren wilden Höhen umher. Wie ich mein Leben fristete, weiß ich nicht,— welche Klippen und Ab. gründe ich überschritt, und wie ich dieß bewerkstel- Estte, weiß ich nicht. So wanderte ich immer wer- ,44 ter, dem Fluche zu entrinnen, der an mir klebte. Ach! Bianca's Geschrey tönte ewig in meinen Ohren; das furchtbare Antlitz meines Opfers schwebte mir ewig vor de» Augen. Fil'Ppo's BIM schrie von dem Boden auf zu mir;— Felsen, Baume und Bäche, alle verkündeten wein Verbrechen. Jetzt fühlte ich, wie die Last der Gewissensbisse unerträglicher sey, als jedes andere geistige Bedrängniß. O! Hätte ich nur dieses Verbrechen abwälzen können. das an meinem Herze» nagte,— hätte ich das Gefühl der Unschuld wieder erkaufen können, das meinen Busen erfüllte, als ich in den Garten von Sefirr trat,— hätte ich mein Opfer wieder in das Leben zurückrufen können,— ich würde ihn mit Entzücken haben betrachten können, selbst wenn Bianca m seinen Armen gelegen hätte.^, Nach und nach legte sich dieses wüthende Fieber der Gewissensbisse, und ward zu einer beständigen Geisteskrankheit, zu- einer der furchtbarsten, womit je ein Unglücklicher heimgesucht worden ist- Wohin ich ging, schien mir das- Antlitz Dessen, den ich ermordet hatte, zu- folgen.. Wohin ich meinen Kopf wenden mochte, erblickte ich es hinter mir, mit den Verzerrungen des Todes-Angenbiickes. Vergebens habe ich dieser gräßlichen Erscheinung zu entweichen gesucht. Ach weiß. nicht,, ist es ein Blendwerk des Geistes, die Folge meiner unglücklichen Erziehung im Kloster-, oder eine Erscheinung, die der Himmel wirklich herab gesendet hat, mich zu strafen; aber - äußerte man allgemein den Wunsch, das Bild dieses furchtbaren Antlitzes zu sehen. Nach vielem Bitte» willigte der Ba- 7' -4? ronet endlich ein, jedoch unter der Bedingung, daß Jeder einzeln es sehen solle. Er rief feine Haushälterinn, und befahl ihr, die Herren» Einen nach dem Andern, in das Zimmer zu führen. Alle kamen mit verschiedenen Erzählungen von dem Eindrucke zurück. Auf Einige hattees diesen, aufAndere jenen gemacht; Einige waren stärker ergriffen, Anders weniger; Alle aber kamen darin überein, daß etwas in dem Bilde liege, was eine ganz eigenthümliche Wirkung auf das Gefühl hervorbringe. Ich stand mit dem Baronet in einem tiefen Erkerfenster, und konnte nicht umhin, meine Verwunderung zu äußern.„Wie dem auch sevn mag," sagte ich,„so gibt es doch gewisse Geheimnisse in unserer Natur, gewisse unersorschiiche Regungen und Einflüsse, welche es rechtfertigen möchten, wenn man abergläubig ist. Wer kann es erklären, wie es zugeht, daß so viele Leute von verschiedenem Charakter so wunderbar von einem bloßen Bilde ergriffen werden?" „Und besonders, wenn kein Einziger es wirklich gesehen hat!" sagte der Baronet lächend. „Wie das?"— rief ich aus;„es nicht gesehen hat?" „Kein Einziger!" erwiederte er, und legte den Finger auf die Lippe, zum Zeichen der Verschwiegenheit.„Ich sah, daß Einige von Ihnen bey muth- williger Laune waren, und ich wollte nicht, daß das Andenken des armen Jtaliäners zum Gespvtte werden sollte. Ich gab also der Haushälterinn einen Wink, jeden in ein anderes Zimmer zu führen!"' Dieß ist das Ende der Geschichten des nervenschwachen Herrn. Inhalt des ersten Bändchens. Seltsame Geschichten von einem nervenschwachen Herrn- ^ Seite Der große Unbekannte...- Die Jagdmahlzcik...., Meines Oheims Abenteuer... ,, DaS 2tbenteuer meiner Base.... Der kecke Dragoner.... Das Ab-ntener des Deutschen Studenten...5; Das Abenteuer mit dem geheimnißvollcn Bilde.. 7,. Das Abenteuer mit den, gcheiinnißdollc» Fremden.. ufi beschichte deS jungen JtaliänerS.....