— -^,- Menö>- 8tsc!i-6i!iHotlw!< 8SV8 /L^ WW8WMZN . ""— «. MM^W W s »« «SlMKWM« b" »«Ek^ ..., -PM' '- k U-vi - M ».» . L^/ » 8 Magazin Vvn moralischen Erzählungen alleFälle derSittenlehre, alphabetisch geordnet. - -^- Aus den Werken der vorzüglichsten Jugendschriftsteller, als: Campe — Glatz— Löhr— Salzmann—Claudius— Feddersen — Thieme rc. gesammelt und herausgegeben Heinrich Karl Gutmann. Zweyter Band. Zweyte verbesserte Auflage. Mit einem Tilelkupfer und Glatz's Portriit. Wien 1817, bey Mich. Lechner, Universitaks-Buchhändler. "4 M Magazin von moralischen Erzählungen. Zweyter Band. M. MME-'''««NN«-WWK" Jakob GlaH, k- k. Con sistorialrath und Evangelis scher Prediger in Wien. <»uch das Bildniß des gegenwärtigen Bandes begleiten wir mit einigen biographischen Nachrichten, die zum Theil ausDolzens Jugendzeitung und mehrern Glatzschen Schriften gezogen sind. Jakob Glatz ist den i7tcn November 1776 zu Poprad, einer von den Zipser Sechzehn. Städten, in Dber- UNgarn, geboren. Sein Vater trieb einen starken Leinwandhandel, und war ein»«gemein thätiger, verständiger und würdiger Mann. Durch große und rasche Thätigkeit zeichnet sich auch seine treffliche Mutter aus, die noch lebt, und deren zartes und frommes Gemüth auf den Sohn tiefe und bleibende Eindrücke machte. Den ersten Unterricht erhielt er in seiner Vaterstadt. An hiedasigsnehemahligenüehrer Gut und Pohl erinnert U« bv er sich nicht ohne Dank. Als PrrmuS der Schule traf ihn oft das für ihn schmeichelhafte Loos, der Lehrer seiner jünger» Mitschüler zu ftptt. Ruch versah er bisweilen die untere Classe, wenn der Lehrer derselben krank oder abwesend war, und betrat auf Lieft Weise schon sehr jung die pädagogische Laufbahn- Was er in ftmcr Vaterstadt an Büchern auskleiden konnte- las er mir außerordentlicher Begierde; besonders gewahrte ihm die bekannte, mehrere-hundert Geschichten enthaltende e^aerra plülolcig'ios ungemeines Vergnügen und großen Nutzen. Er Wußte sie fast wörtlich auswendig» Ost versammelten sich seine Gespielen und jungen Freunde um ihn, und erzählten einander, so viel jeder von interessanten Geschichten wußte. Auch bauten sie bisweilen im Hsft eine Kanzel, oder vielmehr einen Holzstoß, und predigten ex«empöre. Diese jugendlichen Übungen waren nicht ohne Nutzen. Glatz zeichnete sich durch sein seltnes gutes Gedächtniß aus, und da man seine Gabe, zu erzählen, lieb gewann-, so mußte er als kleiner Knabe das Letztere oft thun, wenn er irgend wohin zum Besuche kam. Zur Poesie hatte er schon in der frühesten Jugend große Lust, und dichtete yielerlep, ohne irgend eine Anleitung dazu. Seine Lage war für seinen Geist und sein Herz oft zu eng, und er sehnte sich, bisweilen mit Wehmuth und Schmerz, in die größere Welt. Zu seinem dreizehnten Jahre brachten ihn seine Ältern an V das Gymnasium zu Kes mark, in Ober-Ungarn' «o er in den Professoren Nadler und Gen er- sich geschickte, brave Lehrer fand. Der letztere, mit dem er noch immerfort in freundschaftlichen Verhütt- Nissen steht, machte sich um ihn besonders dadurch verdien', daß er ihm aus seiner Bibliothek nützliche Schriften.zu lesen gab. Lectürr war unter den damahligen Kesmarker Gymnasiasten eine seltne Erscheinung, sür Glatz hatte ste ungemem-n Keitz, und er erwarb sich durch sie auch solche Kenntnisse, die er in der Schule nicht erhalten konnte. Zu seinen Freystunden schrieb und dichtete, er gern und viel, besonders machte ihm das Ausarbeite!, kurzer Predigten großes Vergnügen. und sein natürlicher Hang zum homiletischen Fache erhielt nicht nur dadurch, sondern auch durch öffentliches Auftreten auf der Kanzel in benachbarten Kirchen viel Nahrung. Schon in seinem sechzehnten Jahre hielt er seine erste Predigt. Da er in einer Gegend geboren war, die von Deutschen bewohnt, und in welcher gar nichts Unga- risch gesprochen wird, so begab er sich auf ein Zzchr nachdem südlich,.-:'. Ungarn, nach'Miskolz, wo er sich ein Jahr lang aufhielt, um die Ungarische Spra. che zu erlernen. An dem hiesigen reformirten Gymnasium gewann er nicht viel; aber im Predigen hatte er nicht wenig Übung. Ein Jahr darauf, das er wieder m Kssmar? zubrachte, kam er an das berühmte Gym> Vl nastum zu Preßb urg, Lo sein Geist erst eigentlich aufzuleben und sich zu erweitern anfing. Ein großer Freund der Natur, fühlte er sich durch die schönen Gegenden um Pressburg und durch das dasige mildere Klima sehr angezogen und erfreut. Auch machte derhumane Geist, der die Lehrer des Gymnasiums, Stretschko, Fabrr, Säbel, Iihekujch und 8-ogsch und die ganze Lehranstalt beseelte, einen wohlthuenden Eindruck auf sein Herz, so wie die Lesebibliotheken. die er vorfand, für seinen regen Sinn für Lectüre höchst willkommen waren. Mit dem innigsten Danke erinnerte er sich an den damahligen Rcctor des Gymnasiums, Stretschko, der sich durch ausgebreitete Gelehrsamkeit, Geschmack, Humanität und eine herrliche Lehrgabe auszeichnete, und die jungen Theologen trefflich zu bilden verstand. Durch Professor Säbel, der in der Mathematik gründliche Kenntniß und eine ausgezeichnet gute Lehrmethode besaß, wurde Glaß für diese Wissenschaft sehr intcreffirt, so wie durch Professor Fabri für Geschichte, Statistik und Philosophie. Von einem Anverwandten Glatz, jetzt Prediger in Straß- Sommerein» bey Preßharz, erhielt er, so wie von den Professoren, viele Beweise von Zuneigung und Freundschaft. Für jenen predigte er mehrmahls, brachte oft mehrere Wochen bey ihm auf dem Lande zu, und gewann durch die Unterredungen und gelehrten Dispute mit diesem kennkm'ßreichen Wanne von dem redlich. VI l fiel», besten Charakter nicht wenig an Bildung. Mit mehrern der vorzüglichsten Köpft unter seinen Mikstu- drerenden lebte er in trautem Verhältnisse. Er gründete eine Deutsche Gesellschaft, die aus Gymnasiasten bestand, ihre eigenen, von den Professoren sanctionirten Gesetze und Uebung im Deutschen Style zur Absicht hatte. Größtenteils wählten ihn die Mitglieder zu ihrem PräseS, und er versichert, daß er den Uebungen dieser Gesellschaft, die ihre eigne Zeitung hielt, und eine kleine Bibliothek besaß, nicht um ungemein viel Ver» gnügen, sondern auch einen Theil seiner Fortschritte im Styl verdanke. Er arbeitete gern im Freyen. In den warmen Jahreszeiten konnte man ihn fast täglich in dem öffentlichen Garten des Fürsten Palfy in einer Laube lesend oder schreibend finden. Er führte regelmä» ßig ein Tagebuch und schrieb daran oft bis nach Mitternacht, was aufsein körperliches Wohlbefinden nicht den besten Einfluß äußerte. Seine religiösen Gefühle erreichten während seines fast dreyjährkgen Aufenthaltes in Preßburg oft den höchsten Grad, und er spricht sich selbst nicht von mancher frommen Schwärmerey in jener Periode seines Lebens frey. Nach feiner Versicherung befand er sich zu dieser Zeit am frohsten und glücklichsten, und er ist der Ueberzeugung, daß nur der Mensch von religiösem Sitm und einem urwerschüt. terlichen Glaubet, an eine unsichtbar waltende höchste UM vm Kraft wisse, was irdische Seligkeit ftp. In seinen Schriften ergießt sich oft diese fromme Ueberzeugung, die ihn in allen Lagen seines LebenS zufrieden und aufrecht erhalten hat, und was er in dieser Hinsicht in seinen Kanzclreden sägt, kommt tief aus seinem Herzen.„Seit dem mein Blick in das menschliche Herz „und in dieses Leben voll Unbestand, Täuschung und „Zwep^utigkeit sich erweitert,— spricht er in der „Vorrede zu seinem Baker Traumann—> und „auch da Nichtigkeit, Kleinlichkeit, Eigennutz und „Selbstsucht entdeckt hat, wo daS Herz des Hoffenden und Gläubigen männliche Festigkeit, Seelcngrö. „ßc, Großmuth und Gotkverwandtheit erwartete, und „jemehx ich über das eigentliche. Wahre Lehen im „menschlichen Leben nachdenke, desto fester wird mein „Glaube: daß religiöse Stimmung des Herzens, ftom» „mer Glaube an Gott und freudiges Vertrauen auf „ihn das Köstlichste ist, was der Mensch besitzen; daß „nur allein dieser fromme, liebevolle Glaube feiner „Seele einen Schwung geben, ihn über das Vergäng- „liche erheben, und ihm zu den edelsten Aufopferungen Kraft verleihen kann." Mit einem seiner Freunde nahm er in Preßburg oft fromme Uebungen vor. Gewöhnlich ging er mit demselben in der Abenddämmerung an der Donau spazieren; jeder gab dem andern Rechenschaft von dem, was er am verflossenen Lage gelesen, erfahren, sich in sittlicher Rücksicht vor» IX ßNwmM'tt und gethan hatte. Nach d-W Spaziergan- Ze fielen beyde Freunde bisweilen in dem Wohnzimmer auf ihr- Kniee, dankten der Vorsehung für alles bisher empfangene Gute, und gelobten, Gort und der Lugend ewig treu'zu bleiben. Dieser religiöse Sinn bewahrte beyde vor Manchen Berirrungen, denen der Mnzling in Mancher Periode seines Lebens so sehr ausgesetzt ist, machte sie aber such nicht selten mit dem gewöhnlichen Treiben der Menschen und mit der Welt höchst unzufrieden, wobey oft die Sehnsucht nach einem bessern Leben den höchsten Grad erreichte. Glaß, der in seinen frühern Zähren fast immerfort fröhlichen und bisweilen fast übertrieben.lustigen SinneS war, zog sich jetzt still in sich zurück, ward nachdenkend und besonnen, oft von stiller Wehmuch ergriffen und mehr für eine innere als für die äußerliche Welt gestimmt, eine Gemuthsserfassung, d-e ihm geblieben ist, und in seinen Schriften häufig hervorblickt, die überhaupt, was moralische und religiöse Ansichten und Er- gießurigen betrifft, ein Abdruck seines eignen Innern sind. Je fester sich in seiner Brust eine eigne Welt bildete, desto mehr zog e? sich von den, Land-lesen des alltäglichen Lebens zurück, und all' sein Sehnen und E-trebm ging dahin, sich von der Gemeinheit abzusondern, und in sich eine Kraft zu gründen, mir der er einst auf andere mit Erfolg einzuwirken wünschte. Basedow« Sslzmakn, Campe uyd andere UM X Volks- und ErziehungSschriftsteller machten auf ihn in jener Zeit viel Eindruck, und der Gedanke, daß bloß durch eine verbesserte Erziehung unserm Geschlechte geholfen werden könne, schlug in seiner Seele feste Wur. zel; ihm gesellte sich der Wunsch und zugleich her stille Vorsatz bey, seinem Vaterlande einst durch Gründung einer Anstalt, wie die Salzmannsche zu Schnepfenthal, zu nützen. Mit dieser Lieblings- Idee trug er sich vieleZahre hindurch, und suchte sich schon als Gymnasiast in Preßburg mitSalzmannin eine schriftliche Verbindung zu fetzen. Nicht aus ökonomischen Gründen — denn ihm fehlte es von Seiten seiner wohlhabenden Aelkern nie an der nöthigen Unterstützung— sondern aus Neigung für das pädagogische Fach, nahm er in Preßburg eine Hauslehrerstelle an, und lebte und webte nun ganz in seinen Srziehungsgeschäften, führte ein pädagogisches Tagebuch, verband sich mit mehren: Privatlchrcrn, veranstaltete mit ihnen Kinderfeste, Prüfungen u. dergl. m.; las alles, was von Erzie- hrmgsschrifttn iu seinem Umkreise zu haben war; hielt mit seinen Zöglingen häusliche Gottesyerehrungen, und ging mit der Zd-e um, neben der Deutschen Gesellschaft auch eine pädagogische zu stiften, die aber nicht zu Stande kam; dasselbe war auch der Fall mit einer menschenfreundlichen Gesellschaft, die er zu gründen wünschte, und deren Zweck es seyn Mle, im Stillen arme Studierende zu unterstützen. X!, Der gestirnte Himmel war oft der Gegenstand sei« mr religiösen Betrachtungen, etwas, was hier besondern deßhalb erwähnt wird, weil es ihm beynahe das Leben gekostet hätte. Er war einmahl spät aus dem Theater gekommen. Es war eine kalte Novembernacht; der Himmel mit Sternen besät. Glay hatte Fönte- nells Werk über die Mehrheit der Welten gelesen, und war voll von den Ideen dieser Schrift. Er ließ sich Unter freyem Himmel mit einem Freunde in eine Unterredung darüber ein; diese wurde immer wärmer und lebhafter, und es war bereits Mitternacht, als die Freunde ihren astronomischen Disputen ein Ende machten, und in ihre Wohnungen gingen. Er hakte sich dabey stark erkältet, und verfiel in eine gefährliche Krankheit, die ihn mehrere Wochen lang an das Bett gefesselt hielt, und ihm fast die Hoffnung zur Wieder- genesung benahm, die nur spät erfolgte. Als der allgemein oerehrle und geliebte Rektor Stretschko starb, hielt Glatz, auf die Aufforderung der übrigen Professoren, öffentlich eine Deutsche Trauerrede im Gymnasium, die, nebst einer Elegie auf Stretschkos Tod von ihm, gedruckt worden ist. Auch ließ er am Nahmcnsfeste der Professoren Fabri urd Säbel ein Gedicht, unter dem Titte!: Gin Wort über Erziehung, drucken, das srepmülhi- ge Rügen einiger herrschenden Erziehungsfehler enthielt, großes Aufsehen machte, und ihm von Sei- Xll ren derer, die sich gekabelt glaubte», manche Unan-- nehnrlichkeitsn zuzog. Als er seine Schulstudien geendigt hatte, reiste er nach Deutschland, nach welchem er sich schon längst gesehnt hakte. Wie freudig schlug sein Herz, als er den Sächsischen Boden betrat.' Bey seiner An» kunft in Leipzig eilte er sogleich nach dem GotteS. acker, auf welchem Geliert, dessen Schriften er vieles zu danken halle, begraben lieg. Kaum war er hier im Stande, das ungszierte, bloß mit einem einfachen Steine belegte Grab dieses frommen Mannes zu finden. Er weilte lange s» demselben mit Rührung und Dankbarkeit. Zu seiner akademischen Bildung hatte er sich die Universität zu Zc na gewählt, auf welcher er im Zah. re 179s eintraf. Der verrufene Studenten- oder Buw schemon, wovon sich noch Überreste vorfanden, war nicht nach seinem Geschmacke, und er faßte den Trtt- schluß, sich akademischen Vorurtheilen und Thorheiten nie hinzugeben. Die unfreundlichen Urtheils, die er sich dadurch bey manchem schwindelnden Muftnsohne zuzog, illch.r achtend, blieb er diesem Vorsätze nnver- rückt treu. Er widmeis sich ganz den höheren Wissenschaften, floh so viel als möglich die Zerstreuung, las und schrieb viel, und erhohlte fleh grösstentheils nur indem Zirkel einiger brasen Freunde, unter denen « beskkidttF rmk Wefler, der für M'MN und die Wissenschaften viel zu früh starb, Z osextzk, jetzt Prediger zu Czinkota, in Ungarn, und Bredetzki, der «ls Prediger zu Lemberg und Superintendent in Galk-- zien viel Gutes wirkte, aber leider auch nicht mehr ist, einen vertrauten Umgang unterhielt. Wissenschaft, Kunst, Natur und Freundschaft wgren für ihn reiche Quellen reiner, hoher Genüsse. Anfangs bewirk« ten aufgeregte Zweifel manche Unruhen und Qualen in seinem Innern; doch er besiegte sie nach und nach, und sein Glaube erhielt neue Stützen. Als er im Jahre ,8oz von Schnepfenthal aus eine Reise nach Rudolstadt und Jena machte, deutet er in seinen Briefen über diese Reise, die in seinem Taschenbuch« für die Jugend auf das Jahr i§oZ abgedruckt, und an seinen Freund Alb erti, jetzt Prediger zu Steudnitz, in Preußisch> Schlesien, gerichtet sind, darauf hin. „Da bin ich denn— schreibt er an Leu gedachten „Freund— auf dem berühmten Musenfltze an der Saale, „der von den Studierenden auch Saal-Athen gekannt wird. Hier war es, mein Freund, wo manche „gefährliche Revolution in meinem Innern vorging, wo „manche Lieblingsansicht, manche erfreuliche Hoffnung „gleich einem Nebel dahin schwand,— wo jene Krise, „die vom Zweifel erzeugt wird, meine Seele fast zsr- „malmte, und- aus den Trümmern menschenfreundlicher „Meinungen, nach mancherley Verwandlung, ein neuer „Glaube in mir hervorging— wo die morschen Stützen -XIV „des fpekulirmden Verstandes dahin sanken, um festeren Pfeilern Platz zu machen, an die sich das Herz „lehnte. Der Freundschaft und den Werken des ver. „ehrten Friedrich Zakobi verdanke ich in dieser „Hinsicht vieles. Ich darf es Ihnen nicht sagen, mit „welchen Empfindungen ich mich dieser Stadt näherte, „die mich an jene Krise meines Geistes so stark erinnerte— welche Gedanken und Gefühle in mir rege warten, als mir von allen Seiten Platze entgegen lächelten, die mir bekannt und, bald in dieser, bald in je- „ner Hinsicht, merkwürdig waren. Aber Eine Empsin. „düng war die herrschende. Darf ich sie Ihnen, ohne „unbescheiden zu scheinen, nennen? Es war stille, aber „innige Freude über ein Paar nach besten Kräften angewendete Jahre, es war frohe Zufriedenheit darüber, „daß nicht auch Einer dieser Platze— daß mich nichts „in und um Jena an Gedanken, Entwürfe und Hand- „luugcn erinnerte, an die das Herz nicht gern, nicht „ohne Borwurf zurück dachte. Es thut ungemein wohl, „wenn der bedächtige Mann vorwurflos und mit Vergnügen an Jahre zurückdenken kann, die, in mancherley „Betracht, die mißlichsten im menschlichen Leben sind." Unter den Lehrern der Jenaer UmveHtät hielt Glatz sich immer an die vorzüglichsten. Bey dem geheimen Kirchenrathe Griesbach hörte er Exegese und Kirchcngeschichte; bey D. Paulus Erklärung des neuen Testamentes, Dogmgkik, christliche Moral XV und Einleitung in die Bücher des alten Bundes; bey Hofrath Schütz Aesthetik, Literaturgeschichte, Pädagogik und Vorlesungen über ausgewählte Oden des Horaz; H-V Professor Fichte Logik und Metaphysik, philosophische Moral und Nakurrecht; bey D. Lange Erklärung der Perkcopen; bey D. Schmid Kateche- tik; bey Professor Schmid Psychologie; bey Pro, fessor Weltmann Geschichte; bey Hofrath Vogt Physik und populäre Astronomie; bey Hofrath Loder medizinische Anthropologie. Auch war er Mitglied des Langefchen Prediger-und des Schmidschen keuchet i- schen Institutes; er katechisirte und predigte fleißig, das letztere in und um Jena. Mit Salzmann, in Schnepfenthal, dessen Institut er besuchte, unterhielt er fortwährend einen freundschaftlichen Briefwechsel. Um seine Anstalt näher kennen zu lernen, wünschte er, sich an derselben ein halbes Jahr lang aufzuhalten, und sich dann noch auf unbestimmte Zeit auf die Universität Göttingcn zu begeben. Salzmann trug ihm zu Ende des Iah. reS 1797 eine Erzieherstelle in seinem Institute an, und Glatz eilte mit Freuden nach Schnepfentha l, wo er sich mit allem Bcmerkenswerthen bald bekannt machte. Die Anstalt zählte vierzig Zöglinge, fast zwanzig Lehrer und Lehrerinnen, und stand in schönem Flore, der in den folgenden Jahren noch mehr zunahm, so wie sich die Anzahl der Zöglinge bald auf sechzig und XV'l die der Lehrer und Lehrerinuen auf einige undzwan- zig belief. Nach Verlauf eines halben Jahres machte er Anstalten, Schmpftnchal, seinem Vorsätze gemäß, zu verlassen, und vorerst auf einige Zeit Göttingcn zu besuchen, dann aber nach seinem Vaterlanbe zurück zu kehren. Aber Salzmann bath ihn, wenigstens noch Lin oder ein halbes Jahr zu bleiben, -und er blieb— blieb daselbst bis lgc»4, also fast sieben Jahre. Wohl zwanzig Antrage erhielt er von mchrern Seiten, aber sie stimmten mit seinen Wünschen nicht ganz Verein, und er fühlte nicht Lust, eins Lage, in der er unabhängig, sorglos, und irr mehrfacher Rücksicht glücklich lebte, mit einer andern, vielleicht ökonomisch vortheilhastern, aber seinen Grundsätzen und Neigungen weniger angemeßnen zu vertauschen. Mitten im Schooße der Natur genoß er die Freuden, die sie darboth, in vollem Maaße. Thüringens Waldungen waren ihm ganz nahe; manche Sorge, manche» Kummer vergaß er in ihnen. Auch im Schooße der Freundschaft blühten ihm hier der Freuden viele. Die vorzüglichsten Lehrer der Anstalt waren seine Freunde. In sehr vertrautem Verhältnisse stand er besonders mit Nlberti, dem Verfasser der Deutschen Geschichte im Thüringer Bothen, und dessen Angehörigen; mit Blasche, Verfasser des Pappar- beiters, der Werkstätte für Kinder, des technologischen Jugendfreundes und andrer nützlicher Schriften; mit Hvfrach Guts Muths, Verfasser der GMNgstik, der Spiele für die Zugend s. w-, in dessen Familie er viele Freuden genoß; mit Lenz, dem jetzigen Dr» rsktor des Gymnasiums zu Weimar, u. a. m. Viel Vergnügen gewährte ihm auch die Bekanntschaft einiger Gelehrten in den benachbarten Städten Gokha und Erfurt, des nahe wohnenden geheimen Rathes von Thümmel, Verfassers der berühmten Reisen ins mittägliche Frankreich, und andrer verdienstvollen Männer. Zn Zena und auf feinen Reisen nach Cassel, Göttingen, Braunschweig, Lübeck, Hamburg, Mei- vingen, Rudolstadt, Halle, Wittenlerg und Leipzig lernte er die berühmtesten Gelehrten und Schriftsteller Deutschlands, einen Schiller, Göthe, W i e- land, Herder, Fichte, Griesbach, Schütz, Hufeland, Lodex, Zffland, Voß, Wolf, Niemcpcr, Zakob, Funke, Schröckh, Schlichtegroll, Hoftaih Becker, Lenz, Löfft- ler, Bechstein, Andre, Blumcnbach, Hep- n e, Staud lin, B eck m a nn, Eichhorn, Lampe, Sverbeck, Böttiger, die Gebrüder Schlegel, S(Helling, Woltmann, Heu srnger, Zerrenner, Marezoll, Ersch, Paulus, Niethammer, LossiuS, Brper, Pöhlmann, u. a. m. kennen. Mit mehrern derselben stand und steht er noch in freundschaftlichem Briefwechsel. Unter den Dichtern Deutschlands hatten vorzüglich G ö l h e, H. Band. B XVIÜ Schiller und Wieland, deren Werke er fleißig las- den größten Einfluß auf die Bildung siines Geschmacks. Für Zacobk, den Verfasser des Woldemar und ehe- mahlizen Präsidenten der königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, hakte er ven jeher eine vorzügliche Vorliebe; die Ansichten desselben von Vorsehung, Welt und Leben stimmten mit den sinnigen sehr übereil,, und der höhere religiöse Geist, der in mchrerri von Zacobi's Werken weht, sprach sein Herz kräftig und wohlthätig an. Zn Schnepfenkhal gewährte ihm sein pädagogi. scher Wirkungskreis nicht wenig Vergnügen. Die Zog. lmge, die unter seiner speciellen Leitung standen, gediehen, zu feiner großen Freude, so wohl, daß man damit vollkommen zufrieden ftp» konnte. Die Beweist von Zufriedenheit, die er von den Ältern Lersil- den und der Direttwn des Institutes erhielt, waren für ihn die süßeste Belohnung. Seme Schüler, und fast alle Zöglinge der Anstalt waren dieß, hingen an ihm mit Zuneigung und Liebe, und nur selten veranlaßte ihn einer von ihnen zum Unmuthe. Er hakte als Lehrer besonders das Geschäft, sie mit der Deutschen Sprache vertraut zu machen, und ihren Geschmack zn bilden. Dabey hatte er Gelegenheit genug, die besten für die Zugend ausgearbeiteten Schriften näher kennen zu lernen, und den Eindruck, den sie machten, zn beobachten. Er fand, daß viele von ihnen, die man xrx allgemein als vorzüglich zu preisen gewohnt ist, bey dem Gebrauche dir Wirkung nicht hervorbrachten, die man hätte erwarten sollen, oft darum, weil sie den Eigenthümlichkeiten des jugendlichen Alters nicht genug angemessen waren, und das Gefühl und die Phantasie viel zu wenig in Anspruch nahmen. Bey Anschaffung von Zugeirdschnften wurde von den Zöglingen gewöhn, lich er um Rath gefragt, und da er nebenbey auch an Guths. Muths pädagogischem Journale stark mit arbeitete, und einen großen Theil der damahls neuen Kindcrschriften beurtheilte, so hakte er die best? Oe, legenheit, die Mangel und Lücke«, die sich in diesem Zache der pädagogischen Literatur vorfanden, kennen lernen. Dieß war für ihn eine Haupkaufforderung« als Jugendschriftsteller aufzutreten, und bey seinen Arin ,-. ten jene Mangel und Lücken zu berücksichtigen. Zrr einem Zeiträume von sechzehn Zähren erschienen nun eins Reihe von Zugendschriften von ihm. Man wird sich nicht wundern, wie er bey seinen übrigen zahlreichen Geschäften als Schriftsteller so viel leisten konnte, wenn man bedenkt, daß er ungemein leicht arbeitet, an eine immerwährende rasche Thätigkeit gewöhnt ist, überflüßi- ge Zerstreuungen und Zeitoerspbtkerungen vermeidet, einen innern Drang zu schriftstellerischen Beschäftign«, gen fühlt, in denselben seine größte Freude findet, und bisher öfters bald von der Jugend, bald von Ju.- B 2. XX gendfteunden, bald von Buchhandlungen zur Ausführung bestimmter Zdcen aufgefordert worden ist. Seine erste Zugendschrist waren seine Famili. engeWä hld e uridErzählungen f il r die Jugend. Die Bemerkung, daß die Anzahl zweckmäßiger Kindcrschriften für das zartere Alter nicht groß sey. veranlaßte ihn zur Herausgabe der erzählenden Mutter und des UnLerhaltungsbuches der kleinen Familie von Grünkhal; als Vorläufer des letzteren sind zu betrachten sein ABC- und Lesebuch in drey Heften, Lina's erstes und zweytes Lesebuch, Wilhelms erstes und zweytes Lesebuch, und Z a c o b S t, l l e' s Erzählung sb u ch. Der Umstand, daß bey Lesebüchern in Hinsicht auf Materie und Form zu wenig auf ein stuferr- wtifts Fortschreiten und auf das Alter der Leser Rücksicht genommen wird, bewog ihn zur Ausarbeitung seines aus vier Theilen bestehenden rothen Buches, bey welchem er in jedem Theile ein besonderes Alter des Lesers ins Auge faßt, und stufenweise oom Leichtern zum Schwerern fortschreitet. Zur angenehmen Unterhaltung und zur Bildung des häuslichen und sittlichen Sinnes sind seine kleinen Geschichten und Erzählungen für die Jugend, so wie Theo. dors und Emiliens unterhaltendes Lesebuch bestimmt. Um denen, die zum neuen Jahre der Jugend ein Taschenbuch zu schenken wünschen, etwas XXk z Nützliches darzubiethen, gab er sein Taschenbuch für die Deutsche Jugend drey Jahre hindurch heraus, wobey er durch treffliche Beytrage von Salzmann, Lossius, Guts Muths, Blasche, Starke, Pfeffel, Weiße, Gleim, Averdeck, u. a. unterstützt wurde. Er selbst zahlt d-ese drey Taschenbücher unter seine liebsten Schriften. Um für dasjenige Jugmdalter, das bereits mehr wünscht als eigentliche Kinderschriften und doch zum Lesen der eigentlichen Romane und ähnlicher Bücher noch nicht reif ist, etwas zu liefern, ließ ex kleine Romane für die Jugend und feine moralischen Gemählde erscheinen. Zu Campe's Reisebeschreibungen sucht er durch seine merkwürdige Keissn in fremde Welttheile für die jüngere Jugend vorzubereiten, und sein naku r historisches Bilder-u nd Lesebuch soll als Einleitung in das Studium der Naturgeschichte wirken. In Bürgerschulen und bey dem Privat-Unterrichts soll sein Vater Traumann zu Thiems's Gut- mann vorbereiten. Auf Unterhaltung, Belehrung und Veredlung arbeiten seine Bilderbücher, die frohe» Kinder, die glückliche Jugend, die Bilder- welk, die frohen Abende und das neue Bil» d er-Cabinet hin. Für Mütter und Erzieherinnen, die oft um Stoff verlegen sind, wenn sie ihren Kleinen erzählen wollen, sammelte er unter dem.T:- xxn tclr Handbuch von Erzählungen für Mütter und Kinderfreundinnen eine große Anzahl kleiner Geschichten und Erzählungen. Dem Jüngling, der in das größere Leben tritt, auf seine schlüpfrige Laufbahn einen Rachgeber und Freund mitzugeben, schrieb er außer der kleinen Schrift:Sclmar, Wolde» War's Vermacht n iß an feinen Sohn, in welcher mit Liebe ausgearbeiteten Schrift er viele von seinen eignen Grundsätzen und Ansichten der Welt und des Lebens vorkragt; daher er auch vorzüglich diesem Buche, und Lem Seikenstücke zu demselben für erwachsene Mädchen: Rosaliens Vermächtnis an ihre Tochter Amanda eine gute Ausnahme und viele Leftr wünscht. Da er fand, daß es noch zu wenig zweckmäßige Schriften für die weibliche Jugend gebe, so arbeitete er mit großer Vorliebe an mehrern Franenzimmer-Schristen. Zuerst erschien die I d u. na, die«ine sehr gute Aufnahme fand, und bald neu aufgelegt werden mußte; seine Minona für Magere, und die Throne für ältere Mädchen, bilden mit der Zduua, obgleich jedes dieser Bücher auch für sich bestehe» kann, ein Ganzes. Seine Sittenlehre für jüngere Mädchen umfaßt fast alle Fehler und Tilgenden der weiblichen Jugend, besonders der gütigern, und si-M sie in Erzählungen, die alphabe, lisch geordnet sind, anschaulich dar. Durch sein A dachksbuch für die Jugend sucht er dm MM? XXilf sm, frommen Sinn der Jugend Beschüfi-gung und Nahrung zu geben. Uebngms würd? man sich sehr irren, wenn man Dauben wollte,«Naß sey für das viele Lesen ringe. ' nomm-n.„Unsre Jugend"— sprin t er in den bio- graphichen Nachrichten über Guths Muths in den moralftchen Geinählden—„kann von dem vielen, un. ,,geordneten Lesen wenig behalten. Sonst las man we- „nig, aber das Wenige las man mit ganzer Seele; „man behielt es für die Ewigkeit. Dagegen nehme man „die meisten jungen Leser unsrer Tage. Src olätte.n „innerhalb vier und zwanzig Stunden wohl mehrere „Bücher durch, und schon in ihren jüngern Jahren zählen sie die von ihnen gelesenen Schriften nach Dutzen» „den. Allein man prüfe sie nur in Rücksicht des Ge- „leftnen, und man wird bey den meisten finden, d.? „ihnen nur wenig davon gebliel'N, und durch die zu „starke Lektüre in ihren Köpfen eine Verwirrung und „Abspannung der Geisteskräfte entstanden ist. daß ei- „nem wohlgesinnten Jugendfreunde davor graut. Ein ,/großer Theil davon hat mancherley durch einander „geworfn- Dinge im Kopfe, aber nur äußerst wc. „nige Gedanken, die durch Selbstthätigkeit hervor- „gebracht wären." Eben so sehr ist er gegen die spielenden Bildung«. Methoden, und gegen die allzugroße Erleichterung bey dZM Unterrichte der Jugend eingenommen. Er läßt XXIV sich darüber sehr deutlich und kräftig in Woldemars Vermächtnisse aus, und in der Vorrede zu seinen kleinen Romanen für die Jugend s.,gr er hier» über unter andern Folgendes:„Ich bin weit entfernt, „zu glaube», daß man auch der erwachsenen Jugend das. „was ihr zu wissen nöthig ist, so viel als möglich er- „leichtern und gleichsam spielend beybringen Müsse. Dieß „rsl, Meiner Ueberzeugung nach, Verderb für sie. Die -,Krgfr wirb nur durch Anstrengung gestählt, der Geist ^',nur durch anhaltendes, regelmäßiges und Wir Be« r.schiverLen verknüpftes Studium wahrhaft ausgebildet, -.gehoben und zu jener männlichen Energie geleitet, die ,chsn Menschen nicht leicht wanken, viel weniger fallen „läßt,— ihn zum Manns macht, in der edelsten Be- ..dkurung des Worts l— Man lese die Bivgraphieen „größer Männer; durchgängig wird man finden, daß ,.6e nach det Höhs, eufder sie standen, nicht aus Blu. „mempfaden spazierten, sondern sie auf Dornenbahnen //erklimmten. Daher ftp der Unterricht, bey der ältern -/Zagend besonders, gesetzt, systematisch, und so be- „schaffen, daß er den Geist mit Schwierigkeiten käm. „pfm lasse, und durch eigenes angestrengtes Nachdenkest „ihn erstarke und befestige. Man fürchte dabey keine „lleberfpaNKung der Seele."- Glatz war nahe daran, sich für immer in Sch-ie. pftnthal niederzulassen; allein der Gedanke an sein Vaterland, dem er Pflichten schuldig zu seyn glaubte, XXV und an seine^ZUten Allem und Geschwister, bis er auf Erden noch einmahl zu sehen wünscht?, und die sich auch nach ihm sehnten, ließ ihn zu keinem festen Entschlüsse kommen. Er genoß die große Freude, sich von einem jüngern Bruder, der über izo Meilen von ihm entfernt lebte, in Schncpftnthal besucht zu sehen. Dieser Be» such erhöhte noch mehr sein Verlangen, die Heimach und dort die S einigen wieder zu sehen. Auch wünschte er sehr, Pesta lozzis Anstalt und seine Lehrmethode näher kennen zu lerne?!, und deßhalb eine Reise nach der Schweiz zu machen, was indeß unterbleiben mußte. Für Pestalozzi fühlt er große Hochachtung; wie er aber, wenigstens im Jahre-8o3, von dessen Methode dachte, leuchtet aus einem gelegentlich gefällten Urtheile über sie in seinen im Taschenbuch- für die Jugend für d. 1.1805 abgedruckten Reisebemerkungen hervor.„Es Hürde, heißt es dort, viel über den wackern, „die Menschheit so innig liebenden Pestalozzi ge. sprechen, der unsre Zeitgenossen, so wie Basedow „die seinigen, durch pädagogische Vorschläge und Wahr- „sügungrn clectristrt hat. Erfahrne Wahrheitsfreunde „mögen entscheiden, ob jene so neu sind, als sie der „wann fühlende Pestalozzi zu halten geneigt ist, „und ob diese durch die Art, auf welche der edle Schwei- „rcr seine an sich trefflichen Ideen in seinen Elementar-/ ,,büchern ausgeführt hak, in Erfüllung gehen können. -Mir scheint es, als habe er zu viel auf die Einsichten XXVI „den guten Willen und die, in der Regel sehr beschwer» „liche, äußerliche Lage der Mütter gerechnet." Zu Ende des Jahres i8oz erhielt er zu gleicher Zeit einen ehrenvollen Ruf nach Preußisch- Schlesien als Prediger, und einen nach Wien als oberster Lehrer der dasigen protestantischen Schulanstalt. Der erstere rvar in mehreren Rücksichten weit vortheilhafier und anziehender; aber für die Umrahme des zweyten entschied Patriotismus und kindliche Liebe. Mit Schmerz verließ er zu Anfange des Jahres r8o4 Schnepfen- thal. Er selbst erzählt von seinem Abschiede von dem gedachten Orte in seinen Rückblicken auf eine Reise von Schnepfcnkhal nach Ungarn, die in den Bildungsblät- kern abgedruckt sind, Folgendes: „Der achte Zanner i3o4 ward von mir zur Abreise '.von Schnepftnthal festgesetzt. Alle Anstalten dazu wahren getroffen, die meisten meiner Sachen vorausge« „schickt, und die Kutsche, mit der ich bis Gotha fahren „sollte, harrte vor dem Hause. Umgeben von einigen „Freunden, stand ich voll wehmüthiger Empfindungen „in meinem öde gewordenen Zimmer da, und blickte noch „ ein Mahl hinaus auf die stillen Fluren und Wälder „Thüringens, die mir so viele Freuden gewährt hatten, „und von denen ich nun für immer scheiden sollte." „S alzmann trat herein, und sagte mir einige „herzliche Worte, die mich tief rührten, und mir den „Abgang erschwerten. Kinder und Enkel von ihm.mer- XXVI! yr bisherigen Schüler und Schülerinnen, folgten ihm „bald nach, brachten" mir freundliche Andenken, und „nahmen Abschied, der mir Thränen kostete. Es wur- „Le die Glocke des Institutes gelautet; alle Zöglinge „der Anstalt, einige sechzig an der Zahl, versammelten sich vor einem der Erzichungshäuser, und bildeten „eine gerade Linie. Salzwann stellte mich ihnen vor. „Einer von ihnen trat zu mir, und hielt im Nahmen Aller „eine kurze Anrede an mich. schwebten mir in die- „stm Augenblicke alle Beweise von Siebe und Treue vor, „hie ich von den meisten der Dastehenden während mei. „nes Aufenthaltes in Schnepfenchal erhalten hatte, und „meine Rührung war so stark, daß ich nur wenige nn- ,,zusammenhängende Worts noch zu ihnen sprechen könn» „te. Wir umarmten einander unter Thränen. Ich warf „mich in die Kutsche, an die Seite zweyer Freun, „de, die mit fuhren. Begleitet von einigen Schnepfen- „thäler Reitern, reisten wir ab." Die Reift ging über Preußisch» Schlesien, wo er sich bey seinem würdigen. vertrauten Freunde A l- berti, in Panthenau, jetzt in S te u d n itz, drey Wo. chen lang aufhielt. Ehe er seine/Stelle in Wien antrat, befriedigte er einen der sehnlichsten Wünsche seines Herzens, und reiste nach seiner Vaterstadt, wo er nach langer Trennung seine geliebten Ältern, Geschwister und Anverwandten wieder sah. Ueber seine Ankunft im äl- kerlichen Hause erzählt er in seinen oberwähntrn Rückblicken Folgendes: xxvm „Ss war arr einem Sonntage Vormittags, als „ich mich meiner Vaterstadt Pop ra d näherte. Die „herrlichen Carpüten erhoben sich mir zur Linken mit „ihren tiefbeschneMn Gipfeln gen Himmel, und bald „blinkte mir auch der Thurm Meines Geburtsortes „entgegen. Eine Reihe von Jahren hatte ich meine „Heimach nicht gesehen, hatte bereits alle Hoffnung „aufgegeben, mich semühlS an dem Anblicke derselben „zu freuen; setzt befand ich mich wieder auf den Flu- „ren, wo, Mit M a kkhisson zu reden, der Kindheit „liebliche Träume mein Haupt umschwebten. Ich sollte „Meine guten Ältern, weine lieben Geschwister, die „Lehrer meiner Jugend, mehrere redliche Freunde und »-Bekannte wieder sehen, sollte wieder einmahl unter „euiem bidem, arbeitsamen Deutschen Völkchen von frischem, klarem Verstände und Gediegenheit des „Eparakters leben, und mich einer rein erhaltenen „Dcutschheit in einer» Ländiyen freuen, daS,»mge» „ben von Slaven, Polen und Rußniacken, durch viele „Jahrhunderte hindurch seine rühmliche Originalität „zu eryarte» wußte. Mein Herz schlug freudig, als „-ch in meine Vaterstadt einfuhr. Nichts wünschte ich /,so lehr, als zugleich mit einem braven Bruder, der „sich gerade in Deutschland befand, Meine Eltern „überraschen zu können. Ich stand vor dem väterlichen „Hause. Es kam mir etwas fremd- vor. Mit po- „chendeM Herzen eilte ich in die liehe Wohnung, klopft XXX! „te an und vernahm eine weibliche Stimme. Etwas „beklommen trat ich in das Zimmer, und wurde von „einem mir unbekannten Frauenzimmer von etwa fünfzehn Jahren mit Artigkeit empfangen. Zch vermu- „thete in demselben eine jüngere Schwester, die noch „Erwachsen war, als ich meine Vaterstadt zuletzt j,sah. Es entstand unter uns folgendes Gespräch: „I ch. Wahrscheinlich habe ich das Vergnügen, in Ihnen die Tochter des Hauses zu sehen? „Sie. Die bin ich. „Ich. Ihre lieben Aeltern sind wohl nicht zu Hause? „Die Schwester. Sie befinden sich in der -.Kirche." „Ich. Das thut mir leid; ich wünschte sie zu „sprechen/' „Die Schwester. Sie werden nicht lange „ausbleiben; die Kirche muß bald zu Ende seyn; ich „bitte, so lange zu warten." „3 ch. Sie erlauben, daß ich so lange einen klei- „nen Keffre, der sich draußen auf dem Schlitten bcsin- „det, bey Ihnen niedersetze." „Sie schickte sogleich die Diensibokhen hinaus, und .stieß den Kvffre in das Zimmer bringen." „Die Schwester. Ich bitte, sich nieder zu „lassen." „Ich. Sie erlauben, daß ich etwas auf und XXX „abgehe, die Kalke hat mich ziemlich starr gemacht. „Ich wünschte mit Zhu-n lieben Vettern gen« über ihre „zwey Söhne in Deutfchlu id zu sprea.:-'. „mir beyde wohl bekannt, und ich kann Zhren Ärttexn „manche neue Nachrichten über fle mittK^kcu." „S chwester. Das wird'uns sehr lkL schuH" „Ich. Höben Sie etwa vor kurzem Bmft y-n „.ihnen erhalten?" „S chwester. Beyde haben vor kurzem gffchrie» „den, der Eine aus Frankfurt am M-rin. der Lusvrs „aus Wien/' „I ch. Wie steht es mit dem Wiener? Wird er „Sie noch dieses Frühjahr besuchen?" „Schwester. Wir hakten ihn erwartet, nun „ist er aber nach Astod gereist, wohin der Vater ihm „bereits geschrieben hat." „Ich.(einen Schattenriß von mir an der Wand „erblickend) Das soll wohl den Wiener Bruder vor- „stellen?" „Schwester. Er soll es seyn." „Schon wurhe es mir schwer, meine Rolle fort „zu spielen. Da trat meine geliebte Mutter in das „Zimmer. Sie erblickt mich, sieht mich eins» Augenblick betroffen an, und wir liegen uns in den Armen. „Die Schwester erkennt den Bruder, der alte chrwür. „dige Vater kommt auch hierzu, und es fliegn Thränen „der Freude und des Danks. Bald sah ich auch dl§ .,übrigen Geschwister." XXXi Seme Stelle als oberster Lehrer der Protestant-, scher, Schulanstalt in Wien trat er im Map 1804 an, und erhielt auf derselben mannigfaltige Beweise von Liebe und Dankbarkeit von'' seinen Schülern. Nicht leicht würde er das pädagogische Fach mit dem Prcdi. Zerstäube vertauscht haben, wenn nicht von der einen Seite sein natürlicher Hang zu diesem Stande, von der andern die BesorgniK, in spätern Zähren die einem Zugendlchrer höchst nöthige Munterkeit und Heiterkeit des Geistes zu verlieren, ihn bewogen härte, schon im Jahre 1805 die erkd-gle Stelle c nes dritten Predigers an der Evangelischen Gemeinde A. E. in Wien anzunehmen, auf der er übrigens, als Katechet, mit der Schule immerfort in Verbindung blieb, bis er auf seinen gegenwärtigen Posten gelangte. Dieß gr^chuh bald; denn noch in demselben Zähre wurde er von der gedachten Gemeinde zu ihrem zweyten ordentlichen Pre. diger gewählt, und im darauf sorgenden Zahre von dem Sesterre-chischen Kaiser zum Consistorialrathe er. nannt, in welchen Eigenschaften er no-y immerfort in Wi-n lebt und wirkt. Zufrieden mit seinem Schicks«, le, lebt er in einer glücklichen Ehe, und benutzt man. che von ämtlichen Geschäften freye Stunden zu schriftstellerischen Arbeiten. Seine geschwächte Gesundheit erregen in ihm oft den Wunsch nach einer ruhigeren La» ge, in die er sich auch bald zurückzuziehen gedenkt. Hang zu Zerstreuung ist ohnehin seine Sache nicht; er liebt XXX!! vielmehr das stille, häusliche Leben; der Genuß, den aufrichtige Freundschaft und Liebe, die Natur, das Nachdenken und die Literatur gewähren, geht ihm über alles. „Unter meiner letzten Lectüre"— schreibt er in einem vertrauten Briefe ausWien,„hat Wkch m Schlich. Legrolls Nekrolog des ehrwürdigen S" Lebensbeschreibung sehr angezogen. Männer seiner Art werden im- wer seltener. Zu vielen Ansichten des Lebens stimme ich mit ihm sehr übereilt. Er wurde Prediger aus erik. schiedncr Vorliebe für diesen Stand und für die religiösen Angelegenheiten; ich auch(ob es gleich in unserem frivolen Zeitalter, wo man so wenig Sinn und Empfänglichkeit für das Hohe, Überirdische und Heilige vorfindet, und so mancher klägliche Wicht selbst auf die würdigsten Männer dieses Standes stolz herab sieht, eben keine grosse Freude ist, als Prediger zu wirken) S. hielt eS für nothwendig, sich in der grossen Stadt, in Berlin, aus dem Geräusche in häusliche Stille zurückzuziehen; ich finde dieß m Rücksicht meiner in der noch viel größeren und geräuschvolleren Stadt auch für nothwendig-; er hing mit Innigkeit an der Natur, an dem Ernste des Lebens, an der Religion, die im Herzen wohnt, auch darin bin ich ihm nicht unähnlich.— Daß Sich die Schönheiten der verjüngten Natur so sehr anziehen, ist schon recht. Sie bringen uns dem Schöpfer näher, und wer fühlt sich nicht beseligt in seiner NHs. Es ist etwas Wunderbares, was in dem XXXII! Herzen des besseren Menschen vorgeht, wenn er sich im S chooße der Natur ihren Eindrücken hingibt? Sie hat wich so oft getröstet, aufgeheitert, gen Himmel erhoben, und ich werde es vielleicht noch in meiner Sterbe, stünde bedauern, daß ich mich durch die große Stadt von ihr abwendig machen ließ." Aufmunternd waren für Glatz manche schmeichelhafte Zuschriften, die er bey verschiedenen Gelegenheiten von höheren Personen, z. B. von dem Könige von Preußen, von den Oesterreichischen Erzherzogen Carl und Anton, dem Kön'ge und der Königinn von Bayern, dem Kronprinzen von Würtemberg, den Prinzessinnen von Meiningen, dem Wiener Erzbischvft u. a. erhielt. Zur Zeit des Wiener Congresses bezeigte» ihm mehrere gekrönte Häupter in Bezug aufsein Trost- buch für Leidende, seine Beyspiele von Leidenden und sein A n d a ch t s b u ch für gebildete Familien ihr Wohlgefallen über seine literärischen Bemühungen, und der König von Würtemberg, so wie die Königinn von Bayern sandten ihm gold- ne Labatieren, die Könige von Preußen und Dänemark aber große gvldne Verdienst» und Ehren- Medaillcn zu. Wir haben zwar oben schon vieler Glatzschen Schriften erwähnt, sichren sie aber nebst den übrigen noch !!. Band. C XXXIV / Ein Mahl mit den vollständigen Titesn an, um die Uebersicht darüber zu erleichtern. Sie sind folgende: i.) Der zufriedene Jakob.(Ein Volksroman.) 1799 Leipzig bey B. Fleischer. s.) Familiengcmalde und Erzählungen für die Jugend. s Bündchen 1^99. Gotha, bey Perthes. Z.) Unterhaltungsbuch der kleinen Familie von Grünthal, oder Erzählungen für die zartere Jugend. Z Theile. 1800.-- 1801. Leipzig, B. Fleischer. 4.) Das rothe Buch, oder Unterhaltungen für Knaben und Mädchen. Ein Lesebuch mit Rücksicht auf das Alter der Leser bearbeitet. Zweyte Ausgabe. 4 Bündchen. Leipzig, b. Hinrichs. 5«) Moralische Gemälde für die gebildete Jugend. Zwey Hefte. Zweyte Auflage, Leipzig b. Voß. 6.) Jakob Stille's Erzählungsbuch, oder kleine Bibliothek für kleine Kinder, die das Lesen angefangen haben, und sich gern etwas erzählen lassen. 4 Bändchen 1802.— 1804. Mona bey Hammench. 7.) Kleine Romane für die Jugend, s Bündchen. I8oi. 1802. Ebendaselbst. 8.) Taschenbuch für die deutsche Jugend; auch unter dem Titel: Kleine Jugendbibliothek. Drey Jahrgänge. igOZ.— rgOL. Fürth, im Büreau für Literatur. 9.) Merkwürdige Reisen in fremde Welttheile. 4. Theile. 1802.— ,804. Ebendaselbst. XXXV io,) Natuchistorii'chks Bilder- und Lesebuch. Mit zoo Abbildungen. ZwkM Ausgabe. Zena.b. From. mann. -i.) Jduna, ein moralisches Unkerhaltungsbuch für die weibliche Jugend. 2 Bände. Dritte Auflage. 18»4. Frankfurt am Mayn. bey Wilmanns. 12.) Theorie, ein Geschenk für gute Töchter, zur We. ckung und Veredlung ihres sittlichen und religw» sen Gefühls. 2 Bände. Zweyte Auflage. Ebendaselbst. 23.) Minona, ein unterhaltendes Lesebuch für jüngere Mädchen, zur Bildung ihrer Sitten. Zweyte Auflage. Ebendaselbst. 14.) Llna's erstes Lesebuch. Ebendaselbst. 15.) Lina's zweytes Lesebuch. Ebendaselbst. 16.) Sittenlebre sük jüngere Mädchen in Beyspielen und Erzählungen. 2 Bande 1307. Ebendaselbst. 17.) Kleine Geschichten und Erzählungen für die Jugend. Zweyte Auflage. Nürnberg, bey Campe. ig.) Vater Traumann. Ein Lesebuch zunächst für Bürgerschulen. 1803. Schnepfenlhal, in der Buchhandlung der Erziehungsanstalt. ry.) Theodors und Emiliens unterhaltendes Lesebuch. Zweyte Ausgabe. 1L05. Wien, bey Camesina. L0.) AB C- und Lesebuch, z Hefte. Zweyte Auflage. Wien, in der Rehmschen Buchhandlung. XXXV! 21.) Monathliche Unterhaltungen für die Jugend. 6 Hefte. Ebendaselbst. 22.) Ueber die Pfl-chk, für das Leben und die Gesundheit der zarten Kinder zu sorgen, und die Pflichten der Wohlhabenden in Zeiten des Mangels und der Noch. Zwey Predigten. Wien. r8o6.' Lz.) Betrachtungen über Gegenstände der Religion, der Sittenlehre und des gemeinen Lebens. 18o6. Jena, bey Frommem». 34.) Die frohen Kinder, oder Erzählungen und Bilder aus der Kinderwelt. Deutsch und Französisch. L Hefte. Zweyte Aussage. Wien, bey Gei- stinger. 25.) Lie glückliche Fugend. Ein Seitenstück zu den frohen Kindern. 1807. Ebendaselbst. LS.) Der weise Christ in bösen Zeiten. 2 Theile. Dritte Auflage. Wien bey Anton Doll. 27.) Woldemars Vermächtnis an seinen Sohn. 1308. Tübingen, bey Cotta. Lg.) Andachtsbuch für die Fugend beyderley Geschlechts. Zweyte Auflage. Leipzig, bey Leo. Ly.) Handbuch von Erzählungen für das Kinderalter vorn 4ten bis zum)tm Fahre, z Bündchen. ir>ob. Ebendaselbst. Z0>) Rosaliens Vermächtniss an ihre Tochter Aman- da. Zweyte Auflage. Ebeudaselbsi. xxxvn Zl.) Franz von Lilienfeld oöer der Familienbund. Ebendaselbst. Z2.) Kleines Sittenbüchlein für die zarte Jugend. Ebendaselbst. ZZ.) Kleines Religionsbächlei'n für die Jugend. Ebendaselbst. 34-) Die erzählende Mutter. 2 Theile. Ebendaselbst. 35.) Die Kinderwelt, in Bildern und Erzählungen. Leipzig, b. Fleischer d. j. zS.) Die frohen Abends. 3 Theile. Ebendaselbst. 37.) Die Familie Carlsberg oder die Tugendlehre. 2 Lände. Zweyte Ausg. Amsterdam, b. Brockyaus. 38.) Die guten Kinder. Frankfurt am Mapn, bey Wilmanns. Zy.) Wilhelms erstes Lesebuch. Ebendaselbst. 40.) Wilhelms zweytes Lesebuch. Ebendaselbst. 41.) Kleines Erzählungsbuch. Deutsch und Französisch. Aarau, bey Sauerländer. 42.) Neues Erzählungsbüchlein. Zweyte Auflage. Berlin, bey Hastelberg. 4z.) Das goldne A B C für Kinder. Nürnberg b. Campe. 44.) Die Bilderwelk. Deutsch, Französisch, Ungrisch, Italienisch. Wien b. Anton Doll. 4Z-) Selmar. zweyte Auflage. Ebendaselbst. 46.) Zda. Zweyte Auflage. Ebendaselbst. 47.) Neues Bilder- Kabinek. Ebendaselbst. xxxvirr ^8.) Religionsvorträge mit Rücksicht auf den Geist und die Erscheinungen der Zeit. L Theile. Ebendaselbst. §9.) Worte der Religion über wichtige Gegenstände des Herzens und Lebens. 2 Theile. Wien bey Bauer. go.) Trostbuch für Leidende. Zweyte Austags. Wien in der Camestna'schen Buchhandlung. L i.) Beyspiele von Leidenden und Unglücklichen. Zweyte Aufläge. Ebendaselbst. Zs.) AndachtSbuch für gebildete Familien. Zweyte Auflage. Ebendaselbst. Bon den meisten dieser Schriften sind Nachdrucke erschienen; einige davon hat man an mehreren Orten nachgedruckt. Ein gewisser Mackl 0 t in Stuttgard ist dabey in der Unverschämtheit so weit gegangen, bey dem Nachdrucke der M inona, Zduna und Throne nicht nur die Firma des rechtmäßigen Verlegers- sondern auch betrügerischer Weiss eine spätere Auflage, auf den Titel hinzusetzen, die nicht existirt. Außerdem, daß Glatz einst viele Beyträge für Journale und gelehrte Zeitungen lieferte, werden ihm auch mehrere anonyme Schriften zugeschrieben. Geschrieben im May 1816. Die herzhaften Fischer. den allerältesten Zeiten her, bat man die Menschen in großen Ehren gehalten, die Muth und Herz hatten, schwere Arbeiten zum Nutzen anderer zu verrichten, große und wichtige Thaten auszuüben, Widerwärtigkeiten zu kragen, Schmerzen zu erdulden, sich in Gefahr zu begeben, und unerschrocken auszuhalten, wenn es nöthig ist, zum Besten des Vaterlandes, und zur Rettung der Nothleidenden. Za es ist sehr wohlgefällig vor Gort, und rühmlich bey allen guten, verständigen Menschen, wenn jemand, um seinen Mitmenschen zu dienen und zu helfen, keine Gefahr scheut. Solche herzhafte brave Männer waren jene fünf Dänische Fischer. Sie sahen oom Ufer ein Schiff, welches in einem Sturm verunglückt war, und auf dem Strande saß. Die armen unglücklichen Menschen dar. in hatten das gewöhnliche Nothzeichen aufgesteckt. Eine große Menge anderer Fischer war zu verzagt, oder nicht barmherzig genug, den Nothleidenden, die durch das aufgesteckte Zeichen um Hülfe flehten, bey- zustehcn. Jene fünf entschlossenen Männer aber unternahmen es, die Mannschaft zu retten. Sie wagten sich auf die stürmische See, und erreichten das gestran. dete Schiff. Aber hier hatten sie einen traurigen An- —( 40)— klr'ck. Die Mannschaft war erfroren; nur an dem Befehlshaber merkten sie noch einiges Leben; diesen nahmen sie also in ihr Bom, u d brachten ihn aus Land in ihre Hütte. Sie' pflegt-'n und erwärmten ihn, daß er ganz wieder auflebte. Als er zu sich selbst gekommen war, und- sad, was dieft anten, herzhaften Männer seinetwegen für Gefahr übernommen, und welche Barmherzigkeit sie nachher an ihm gethan, wurde er von Dankbarkeit und Freude bis zu Thränen gerührt. Er gab ihnen seine Uhr und seinen Geldbeutel; ober sie nahmen sein Geschenk nicht an. Die guten Leute! Der dankbare Schiffer erzählte, wo er bin kam, die Geschichte seiner Rettung. Ein reicher Däne zu Paris wurde dadurch so gerührt, dafi er jedem von den fünf Fischern eine jährliche Belohnung von fünf und zwanzig Thalern auf seine Lebenszeit aussetzte. Wenn einer von ihnen stirbt, so wird dessen Antheil unter die noch lebenden vertheilt, lind wenn nur noch Einer übrig ist, soll derselbe die ganze Summe von hundert und fünf und zwanzig Thalern bis an seinen Tod genießene Feddersen. G u st a v. Auf einem Dorfe, nicht weit von Zwlckau, ging Gustav mit einigen andern Knaben aus der Schule. Es war am Loten November, und sie vermutheten, daß ein nahe liegender Teich würde gefroren seyn. Da wollten sie hin, um sich auf dem Eise lustig zu machen« Unterwegs glaubten die Knaben, sich nicht leichter er» -()— warmm zu können, als wenn sie sich balgten, Räder schlügen und über die Zäune sprängen. Weil aber Gustav das alles nicht mit machte, so verspotteten Gn die Andern und sagten: er ginge so eii.sältrq neb-n ihnen her, als wenn er träumte oder nickt drey zahlen könnte. Laßt das gut seyn, versetzte Gustav. Sure Arbeit ist mir zu halsbrechend; wenn ich aber met. mn geraden Schritt fort gehe, so komme ich nicht später als ihr und weiß gewiß, daß ich Arme und Beine gesund nach Hause bringe. Hatte er Recht? Als sie an den Teich kamen, fanden sie ihn zwar mit Eise belegt; allein erwachsene Leute riechen ihnen, nicht darauf zu gehen, weil-er erst in der letzt vergan. genen Nacht gefroren, und das Eis noch nicht fest war. Gustav hatte nicht Lust, ins Wasser zu fallen, und blieb stehen. Die Andern aber kehrten sich an jene Warnung nicht, sondern schlodderkcn oder schlitterten nach Her, zsns- Lust. St- trieben auch ihren Spott über Gustaven immer fort:„Er hartem Herz! Er hat kein Herz.'" — riefen sie:„er fürchtet, die Mutter möchte schelten, wenn das Köpfchen naß würde!" Gustav aber lach. tc darüber und sagte, oder dachte wenigstens: wenn ich auf festem Boden stehe, so weiß ich gewiß, daß ich keinen Schaden nehme; aber wenn ich auf das zerbrechliche Eis gehe, so ist es ungewiß, eb ich mit trockener Haut oder gar mit dem Leben davon komme. Ich habe immer gehört: man müsse das Gewisse dem Un- gewissen vorziehen. War das Recht?—- Ihr fragt: ob die andern Knaben Schaden genommen haben? Das weiß ich nicht; aber darauf kommt auch gar Nichts an; denn wenn es einmahl recht ist, die Gefahr zu vermeiden, so bleibt es recht; ss mag jemand darin umgekommen seyn oder nicht. -( 42)- Indem kam ein Wagen, mit dem die Pferde durchgegangen waren. Ein Kind saß auf dem Wagen, und war in großer Gefahr, zerschmettert§u werden:«der der Fuhrmann lief hinter her und rief Ein Mäht über das Andere: Halt auf! halt auf! Gleich sprang Gustav den Pferden entgegen, fasste sie beym Angel und hielt sie glücklich auf. Hier zeigte er also, daß es ihm gar nicht an Herz oder Muth fehlte, wenn es nöthig war. Nur unnützer Weise wollte er sich nicht in Gefahr begeben. Tadelt ihr das? - Thieme. Wer war beherzter? mehreren Schriften wird folgende Handlungsweise eines in Ruhe gesetzten Capitals als nachah- wungswerth gepriesen. Der Capikain lebte in seinem höheren Alter auf einem Gute, das in einer Gegend lag, in welcher sich eine Räuberbande gebildet hatte. Der Capital» that zur Vernichtung dieser Bande alles; eS gelang ihm, Mehrere Räuber zu fangen und sie den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Die andern flohen davon, schworen aber ihrem Verfolger blutige Rache. Es woran einem Winterabende, als der Capi. kam in seinem Lehnstuhle sass, und von bangen Ahndungen durchkreuzt wurde. Es kam ihm vor, als drohe ihm ein großes Unglück. Der Capitain blieb langer als gewöhnlich wach. Vor Mitternacht vernimmt er, daß die Thüre des —( 43>— Dauses geöffnet wird. Bald ertönt-in Jammerge- sch.ep, man rüst um Hülse, man ächzt und w.mwer. Der Sapikain ist keinen Augenblick im Zw-M, was dieß alles bedeute; er-st überzeugt, daß Räuber ins Haus eingebrochen sind, und sein- Leute morden. Daß auch an ihn di- Reih- kommen werde. ,chemt ihm gewiß.- Er verliert die Gegenwart des Geistes nicht;.ch-.ll zündet er in dem großen Zimmer die Lich.er au em Kronenleuchter an. und erhellet überhaupt stark d^e S-u' e. Als dieß geschehen ist, zieht er sich m das an. sioss-nde, dunkle Kabinet zurück, nimmt unter an^e'N G-wehrm auch ein Paar Windbüchsen herab und stellt sie neben sich hin. In dieser Lage erwartet er die Ankunft der Räuber.. Es währt nicht lange, so tritt ein star.cr Kerl mit einem großen Knitte! in das groß-Zimmer- Die starke Beleuchtung macht ihn stutz'g- Er blickt um sich. und siehet niemanden. Dieß macht ibn noch un- entschlossener, llnkerdeß nimmt ihn der Cap-tam au s Korn, drückt die Windbüchft ab, und der Mann sturst todt zu Boden. Ein Zweyter, der ihm folgte, sieht ihn im Hause still. Der Capitam bleib! die Nacht h-r.durch wach; niemand erscheint wieder in dem Zimmer.^-S Morgens geht er hinunter ins Haus, um es zu untersuche. Welch ein Anblickt Er findet alle s-me Leute im Blute. Auch ein treuer Sergeant, der ihm einst in einer Schlacht das Leben gerettet Hütte, war ermordet.^ Der Capitain ließ die Unglücklichen feyerl.ch begraben, und gab ihren hinterlassenen Familien Pensionen« -(44)- Man rühmte in der ganzen Gegend des Capikams Männliche Entschkosienhe-t und Geistesgegenwart. Anders als der gedachte Capttain handelte der Oberste von Otto. Um die Freuden des Landlebens zu genießen, hielt er sich mit seiner Familie eines Sommers auf den Gütern eines Onkels auf. Er halte in mehreren Schlachten Beweise der grössten Tapferkeit abgelegt, und von dem Fürsten, dem er diente, manche Auszeichnung erhallen. Gerne erzählte er von einem Gefechte bey Belgrad, in welchem er nahe daran war, sein Leben zu verlieren. Ein Bedienter ret. teke chn. Dafür wurde diesem ein lebenslänglicher Unterhalt versprochen. Der Oberste hielt auf seinen Zo. haun- so hiess der Bediente— grosse Dinge, und wrederhohlte oft- dem braven Kerl verdanke ich mein Leben. I» einer Nacht wurde das Gut, auf welchem sich Otto aufhielt, von Räuber« überfallen. Sie umzingelten eines der Gebäude, in welchem sie den Ober. sten vermutheten, worin sich aber nur ein Theil seiner Leute, und unter ihnen auch Johann befand. Einer Magd glückte es, aus dem Nebengebäude zu-«fliehen. und ihrem Herrn den räuberischen Uibcr. fall zu melden. Die Familie des Obersten war bestürzt. Otto blieb keimn Augenblick zweifelhaft, was er unter diesen Umständen thun sollte. Seine Familie beschwor chn, alles zu verschliefen, und sich nicht von ihr zu entfernen. Ep, pfui! rief er mit edlem Unwillen, wäre ich denn wohl werth, Soldat zu seyn? Als eine feige Memme sollte ich bloss auf meine Rettung bedacht seyn? sollte meinen Leuten, meinem braven Johann, —( 45) dem ich ohnehin Wein Leben verdanke, in ihrer Lebensgefahr nicht zu Hülfe eilen? Ich müßte mich dann selbst verachten- Otto ergriff einen Säbel, und zwey geladene Pistolen. Eben wollte er das Zimmer verlassen. als mit hastiger Eile ein bewaffneter Mann in den Vorsaal trat. Mann! rief Ltto's Frau, schieße: dort kommt ein Räuber. Weißt du es ganz gewiß, daß es ein Räuber ist? fragte der Oberste. Wenn ich nun einen Unschuldige» erschösse? Halt! rief Otto dem Manne zu; wer da? stehen geblieben, oder ich schieße! Otto! kennst du mich nicht? sprach der Mann. Gott, es ist dein Bruder, liebe Krau! rief Otts. Bleibe hier, Schwager! sprach der Oberste; ich muß fort eilen, bald bin ich wieder hier. Otto versammelte alle Leute im Hause, und rückte mit ihnen gegen die Räuber. Diese, auf keinen Widerstand gefaßt, wurden angegriffen, und in die Flucht geschlagen. Otto bekam indem Gefechte einen Hieb in den Arm. Wäre er nur einige Augenblicke später zur Hülfe erschienen, so würde ein Theil seiner Leute ermordet worden seyn. Unkerdeß war sein Schwager, der zufälliger Weife so spät zu einem Besuche erschien und mir einer Flinke versehen war, bey der Schwester und ihren Kindern geblieben. Otto kehrte blutend zurück. Die Wunde heilte in kurzer Zeit. Wer von beoden Offizieren handelte wahrhaft sittlich gut? wer bewies mehr Heldenmuth? Glatz. ( 46) Ein Heuchler wird bey dem heiligen Abendmahls entdeckt. Ein junger Bauer-bursche in Curland, der bey seinem Bruder als Knecht diente, geriekh aus Stolz auf den Einfall, den Schein einer großen Frömmigkeit.» und einer besondern Heiligkeit anzunehmen. Er ging fleißig in die Kirche, und stellte sich immer sehr andächtig. Aber das war ihm noch nicht genug, sondern er bediente sich noch anderer sehr schändlicher Mittel, um die Leute auf den Gedanken zu bringen, als ob er bey Gott ganz besonders in Gnaden stände. Wenn er nehmlich von jemand beleidigt wurde, so ertrug er es mit der größten Geduld; doch warnte er bisweilen den Beleidiger, er möchte sich vor den Strafen Gottes fürchten. Hernach schlich er dem Vieh des Beleidigers nach, so lange bis er ein Stück erreichen und erwürgen konnte. Wenn dieß geschehen war, so verbarg er sich so lange, bis die Leute das todte Stück Vieh fanden; dann kam er wie von ohngefahr dazu, und erinnerte den Eigenthümer des Viehes, wie derselbe ihn einsi beleidigt, und wie er dem Beleidiger die göttliche Strafe vorher prophezeit habe. Und dann psiegte er gewöhnlich zu sagen: „Sehet Hr, daß Gott diejenigen nicht verlaßt, „die ihm trauen; aber auch diejenigen bestraft, die „eines seiner Kinder antaste«. Ich habe es schon mehr-^ „wahls erfahren, daß er mich zu seinem Günstling ausbrühen hat, und ais solchen schützen will. Merket „euch das!" Einst wollte er den Sonntag zum heiligen Abend- Wahl geyen. Zn der Woche^vorher befahl ihm sein —(47)— Bruder, mit Korn nach Lid au auf den Markt zu fahren. Es war Winker und sehr unfreundliches Wet» ter; deßwegen suchte er den Befehl seines Bruders abzulehnen, und wendete vor, es wäre nicht schicklich für ihn, weil er den Sonntag zum heiligen Abendmahl- gehen wollte. Allein sein Bruder nahm diese Entschuldigung nicht an, sondern bestand auf seinem Befehl, und behauptete, Berufsgcschäfte wären keine Sünden. Und als jener ihm drohte, Gott würde ihn dafür strafen, so lachte er dazu. Der Heuchler mußte endlich nachgeben, und fuhr auf den Markt; allein er wieder, höhlte es nochmals, daß sein Bruder einst bereuen würde, was er thäte. Den folgenden Samstag brach in dem Hause seines Bruders plötzlich Feuer aus, und alle Gebäude brannten ab. Kaum war dieß geschehen,-so kam der Heuchler, der selbst das Feuer angelegt hatte, und mit scheinheiliger Miene sprach er: „Sagte ich dir's nicht, lieber Bruder? Warnt' ich „dich nicht? Wirst du nun bald einsehen, auch Andre „durch dein Beyspiel überzeugen, daß Gott jemer und „der Seinigen nicht spotten läßt?" Den andern Tag ging er vorgenommener Maaßen zum heiligen Abendmahle. Und bey dieser heiligen Handlung mußte sich durch sonderbare göttliche Fügung eine Begebenheit zutragen, die den schändlichen Heuchler endeckte. Der Geistliche, der das heilige Abendmahl austheilte, war ein alter Greis, welcher vor Alter zitterte, und von der großen Kälte noch rneyr erstarrt war- Als er dem Heuchler die Hostie reichen wollte, enlfiek sie seinen zitternden Händen, und zerbrach. Der Bauer, der sich seines Verbrechens bewußt war, ward dar« ( 48) Wer bestürzt; doch hob er die Host-'e vor» der Erde auf, steckte ste ziticrnd in den Mund, und ging den übrigen Eommumkanten nach, um den Altar herum« Als die Reihe an ihn kam, den Kelch zu empfangen, trat er vor den Geistlichen hch; dieser dachte vielleicht wieder an seinen vorigen Fehler, wollte den Kelch recht fest halten, fing an zu zittern, und ließ ihn auch fal. len, und aller A-ein wurde verschüttet. Dev! Geistlichen war dieß Versehen ganz ohne Vorsatz widerfahren; allein der erschrockene Bauer weinte, er hatte es vorsetzt ch gethan. Er glaubte nun ganz gewiß, der Geistliche wüß-e sein ganzes Verbrechen, und hätte ihn dadurch vor der ganzen Gemeinde des heiligen Abendwahls unwürdig erklären wollen. Er befürchtete also, der Geistliche würde ihn nun anzeigen. Sobald derselbe vom Altar weg ging, folgte der Heuchler in seiner Verzweiflung ihm in die Sacristep, siel ihm zu Füßen, gestand von selbst, daß er seines Bruders Haus angezündet, und seiner Machbaren Vieh ermordet halte; denn er meinte, der Geistliche wußte doch schon Alles, und bat ihn inständig, er möchte ihn doch nicht anklagen; er versicherte dabey, daß es ihn von Herzen rcuete, und er wollte von nun an derjenige fromme Eyrhi wirklich werden, der er bisher nur geschienen hade zu seyn. Man kann denken, wie sehr der Geistliche über dieß unerwartete Bekenntniß erstaunte. Sein Gewissen ließ ihm aber nicht zu, die Sache zu verschweigen, sondern er zeigte sie an, und der Missethäter kam in das Gefängniß. Nach dm Gesetzen harte er den Tod verdient. Weil aber sein Bruder selbst für ihn bath, so ließ der Herr des Dorfes Gnade für Recht ergehen, —( 49)»»« und schenkte ihm das Leben. Er mußte aber zur Straft vier.Fahre lang Schanzarbeit verrichten. Dieser Mensch geriech ins Verderben durch seinen geistlichen Hochmuth. Darum sagt Tobias wohl. recht:(Cap. 4, 14.) Hoffart laß weder in deinem Herzen, noch in deinen Worten herrschen; denn sie ist ein Anfang alles Verderbens. Der entdeckte Heuchler. Ein Paar Tage vor der Leipziger Messe siegte Herr Frvhmann seine Kinder zusammen zu rufen, die Läfelchen, worauf das Verhalten derselben vom Lehrer aufgezeichnet war, laut abzulesen und danach zu bestimmen, wie hoch ohngefähr das Meßgeschenk eines jeden kommen könne. Die Wahl desselben überließ er übrigens, aus erheblichen Ursachen, dem Gutdünken und Willkühr der Kinder. Das war nun immer ein festlicher Tag für die kleine Familie, auf den man schon lange gerechnet hatte. Fedes Kind schrieb auf einen Zettel, was es gern zum Meßgeschenk wünschte. Da verlangte nun das eine dieses, das andere jenes Spielzeug oder Ge- rathe, welches ihm bey seiner kleinen Wirthschaft, im Gärtchen, beym Zeichnen, im Laubenhäuschen u. s. w. unentbehrlich schien; mit unter auch ein schönes Büchel, chen. Naschwerk wurde auch nie vergessen. Nur der einzige Carl, der sonst ein guter Junge war, aber den garstigen Fehler an sich hatte, daß er immer besser scheinen wollte, als er wirklich war, und bey jeder Gelegenheit den unberufenen Hofmeister ll. Band. D -AS«. —'< Lo) Me? Geschwister spielte, sah mit hämischem, verack» tendem Blick auf die Zettel der andern herab, die so viel Tandeleycn und kindischen Schnick Schnack, wie er sich auszudrücken beliebte, enthielten, und sack- mit ziemlich altkluger Miene, die ihn nicht besonders kleidete, zu seinem Bruder, der ihm eben begegnete: Wann werdet ihr doch einmahl euer kindisches Zeug ablegen, und vernünftiger, gesetzter werden? wann werdet ihr aufhören, den guten Baker zu plündern? Denn Gelb für unnützes Sprelwcrk h»werfen, heiß' ich doch wirklich sehr übel angewandt. Bücher, Bücher gehören für gesittete Kinder! Sich' einmahl das Verzeichnis von Schriften, womit ich abermahls Mein Bibliothekchcn vermehrt haben will. So sollet ihr s alle machen. Aber freylich wißt ihr flatterhaften Geschöpft noch nichts von den edleren Vergnügungen des Lesens. Für unser einen sind die Bücher gemacht.— Ja, so viel hab' ich freylich nicht aufgeschrieben, sagte Christian; ich könnte sie ja bis zur andern Messe gar nicht durchleftn, und Vater sagte oft, wenn man ein Buch nicht liest, so wäre es ein unnützes Gerüche im Hause. Ich habe mir da ein schönes Bilderbuch angemerkt, das wird mir Barer wohl mitbringen, und wenn ich manchmahl lesen will, so komm ich zu dir. Nicht wahr, Brüderchen? du leihst mir dann eines von deinen Büchern; du hast ja deren viele, auf ein Mahl kannst du sie ja doch nicht lesen? ZH leihe dir ein anderes Mahl ein Spielzeug tafür, und so theilen wir unsre Vergnügungen gemeinschaftlich. Mit diesen Worten hüpfte der kleine Christian Mit seinem Z-ttel zum Vater.. Kannst lang- warten, kleiner Flattergeist, rief ihm Carl nach. Die Bücher sind nicht für dich, son- (n) dorn für Mich.— Freylich lest ich auch nicht. Wer Kochte auch wohl alle Bücher lesen! Aber es ist doch so schön, Besitzer einer so artigen Sammlung von Franzbänd-cn zu seyn! Und mir, als dem Erstgebornen, gebühret Sie Ehre. Nun ging er frohlockend mit seinem Zettel zum Vater, in der sichern Erwartung, von demselben, wie sonst, wegen ferner großen Bücherliebe gelobt zu werden. Aber er betrog sich sehr. Dem Vater mochte vermuthlich von dem schönen Selbstgespräche etwas zu Ohren gekommen seyn. Er ließ stch's aber nicht merken, sondern sagte bloß, etwas warnend, indem ihm Carl den Zettel reichte: Carl! Carl! ich fürchte, deine große Begierde zu neuen Büchern läßt es nicht zu, die alten zu benutzen, und in diesem Falle möcht' ich nicht gern dieselbe durch neue nähren, indem dir dieß in deinen fernern Fortschritten sehr hinderlich seyn könnte. Carls Stolz fand sich durch dieses, vom Vater nicht gewohnte Mißtrauen sehr gedemüthigk. Mit Thränen, die der geheime Unmuth auspreßte, betheuere er ein für alle Mahl, er habe seine Bücher alle, selbst' die größern Werke, als Campen's Ressebeschreibungen, nnd den Schauplatz der Natur nicht ausgenommen, gelesen, indem Lesen seine Lieblingsbeschäftigung wäre. Der Vater fand für gut, für di'eßmahl es hierbey bewenden zu lasten, und reiste den andern Tag auf die Messe. Den Kindern wurden die Tage, wo der Vater ausblieb, doppelt lang, indem sie mit heißer Sehnsucht den Meßgescheuken entgegen sahen und sich schon im Voraus darauf freuten. Ganz anders aber war es Carln ums Herz. Sein Gewissen sagte ihm, daß D 2 M^MWWWW —( 52)— er seimn guten Vater dennoch belogen und zwar in alle Bücher geguckt, aber keines ordentlich durchgelesen habe. Wie? dachte er bey sich selbst, wenn dich der Vater gar vornehmen und über das Gelesene ein Examen mit dir anstellen wollte, da standen wohl die Ochsen am Berge! was wolltest du antworten? Und seine Miene bey der letzten Unterredung mit dir mag wohl so was vermuthen lasten» Ach! was werde ich Armee thun? ich komme um allen Credit bey ihm, bey der Mutter, und, was das Fataleste ist, bey meinen Geschwistern, meinen Gespielen und dem Hausgesinde, bey denen ich noch immer für einen halben Gelehrten gelte. Selbst die Nachbarschaft hat diese große Mei. mrng von mir. Hat mir nicht heute noch Fischers Gust- chm das Compliment gemacht, als sie mich etwas blasser sah, daß ich wohl von dem vielen Studieren die Farbe so stark verlöre? hat sie mich nicht gebethen, über die Bildung meines Geistes nicht meine Gesund, heirzu vernachlässige», mir mehr erhöhende Zerstreuungen zu machen und weniger beym Buche zu sitzen: — Ach, wis wohl that mir dieß!— Und aüe die sol. leu es nun erfahren, daß ich si- hintergangsn habe? daß ich nur ein Scheinmensch sey?— nein, ich will nun lesen, daß es eine wahre Freude seyn soll. Eine Woche ohngefähr bleibt der Vater aus, und da laßt sich gar viel thun. Carl blieb seinem Vorsatz treu. Er setzte sich gleich zum Schrank, bey dem er so oft ganze Tage lang zum Scheine saß, um einen geschäftigen Müßiggänger zu spielen, und las nun wirklich, lernte den Schatz kennen, den er bisher so ungenützt und ungekannt vcr. schlössen hielt, und unterhielt sich sehr angenehm. Aber je mehr er las, desto mehr war es ihm leid, es nicht ( L3)— Her gethan zu haben. Indessen Minzen läßt sich nichts- er konnte die Zeit über? doch nicht mehr als Ein Buch Auslesen. Er hatte eben das zweyte angefangen, als schon der Vater kam. Sonst lief er ihm mit Freude, jetzt aber mit bangem klopfendem Herzen entgegen. Der Vater kramte nun die Meßgeschsnk« aus. Jedes griff freudig zu. Carl packte seine, Dächer ebenfalls zusammen, lief damit auf seine Stube, durchblätterte sie alle hastig, freute sich über die schonen Vignetten, über die feinen Titelkupfer, die er in einigen fand, s.n meisten aber über den geschmackoollen einband; las' wohl von jedem einige Seiten, und stellt- sie sodann, der Größe nach, hübsch ordentlich>» den gläsernen Schrank, wo sie denn auch Ruhe harten» Einige Tage darauf kam unverhofft der Vater aui Carls Stube. Carl nahm geschwind ein Buch zur Hand und Hat, als wenn er«och so sehr verliest im Lesen wäre. Der Vater merkte es.„Na, gar'zu fleißig, Carl! sagte er, du strcktst ja immer hinter den Büchern; ich sehe dich so selten bey deinen Geschwistern in den Spmsiuud.'N." Ach, lieber Vater! ankworlete Carl, Sie wissen ja, dgß Lesen meine liebste Beschäftigung und mein einziges Vergnügen ist. O lassen Sie mich. lassen Sie wich immerhin ungestört dieses Vergnügen in seiner ganzen Fülle genießen; was kümmern mich die absichtslosen Tändeleyen meiner kleineren Geschwister, die meinem Geiste gar keine Beschäftigung und Nahrung ge, ben können. Hätte der vernünftige Vater nicht sehr gut die Quellen gekannt, aus welchen diese Weisheitslchreu Soffen, so hätte er ihm wohl den Nachtheil des b-- Händigen Sißens und Kopfanstrengens aus einander ( 54) gesetzt, und seinem Sohn zu minder angreifenden Er. hohs:mg-n gerathen. Aber so verlor er kein. Work, so sehr dieß auch Carls Eitelkeit gewünscht hätte. Gleichgültig ging er auf und ab und fragte:„Lu wirst also wohl schon den größten Theil deiner Düchersammlung durchgelesen haben, da du so sehr für Lectüre eingenommen bist?" Alle hab' ich sie gelelen, siel ihm Carl hastig ins Wort, ci!>-, wie sie da stehen, Vater!— das sind herrliche Schriften!— „So'l" sagte der Baker bedeutend und betrübt über die unverschämte Dreustigkelt des Knaben, mit der er Unwahrheiten vorzubringen vermochte, ging zum Schrank, sah die Bücher alle, der Reihe nach, durch, öffnete sie, und sah zu seinem Erstaunen, daß die meisten Blatter noch so an einander klebten, wie sie vorn Buchbinder kamen; in einigen Broschüren waren noch nicht emmahl alle Blätter durchgeschnitten. „Also alle hast du sie durchgelesen?" fragte der Vater noch einmahl. Ja! war die Antwort, alle!-- Jetzt konnte Herr Froh mann seinen Unwillen nicht wehr bergen. Mit zorniger Stimme rief er den Heuchler zum Schrank, und zeigte ihm die Bücher. '„Heißt das, die Bücher gelesen habenfragte er heftig. Wenn man Bücher gebraucht, so können die Blätter nicht so zusammen kleben. Sich' einmahl her, ist das gelesen? Hier zeigte er ihm ein Buch nach dem andern, fragte um den Inhalt desselben, und Carl stand verstummt als ein cntjchleperter Heuchler da. Nicht ein einziges Wörlchtn konnte er zu seiner Entschuldigung vorbringen. —< 58)— Du sollst mich und daS ganz- Haus nicht um» sonst getauscht haben, Betrüger! sagte der Barer, alle sollen es wissen, was du für ein Vogel bist. Eine solch- Unverschämtheit hätte ich dir nicht zugetraut. Hab' ich dir nicht alles zu Gefallen gethan? und da- für belügst du mich? Aber so weit kommt es endlich mit eitlen Prahlern! Um sich nur ein Ansehen zu ge. den, nehmen sie die Unwahrheit zur Hülfe. Schäme dich deiner Betrüger«). Hierauf, fordert- Herr Frohmann dem erschSt, texten, schluchzenden Heuchler den Schlüssel zum schrank ab. Wie ihn das schmerzte, kann man sich leicht denken. Lange bekam Carl gar kein Buch. Mf vieles Bitten gab ihm weiterhin der Baker zu-veilrn eines heraus, aber immer mußte er ihm. einen Auszug, als einen Beweis, daß er es g-leftn habe, einreichen, t'arl gewöhnte sich dadurch zur Ordnung, seine Bücher wurden ihm jetzt doppelt so lieb; denn er sah den großen. Nutzen ein, den er daraus schöpfte, und dankte seinem Bat« in der Folge, daß er ihn von einem so schädlichen Fehler des flatterhaften Hin-und Hersiö. „ns in Büchern, wobey der Kopf immer leer bleibt, heilte. Der Baker sah mits Vergnügen seine Besserung, und beschloß, ihn dafür zu belohnen. An seinem Ge. burk-Stage schickt- er ihm früh ein Briefchen. Carl brach es hurtig auf und fand darin,— welche Freude!— den Schlüssel zu seinem Schrank und folgendes Billet: Lieber Carl! Ich weiß, daß ich dir kein besseres Angebinde geben kann. als die Erlaubniß, den Bücherschrank -( 56)- ganz als dein Eigenthum wieder benutzen zu können. Die'frohe Bemerkung, daß du nun wirklich das seyst, was du ehedem nn-r zu scheinen'trachtetest, verschaffte dir dieselbe. Theile ferner deine Zeit in Spiel und Meist, und sey versichert, daß dein Vergnügen immer befördert werden sott von deinem dich stets zärtlich liebenden Vater, 3. Fr. Wer war froher als unser Carl. Er hüpfte zum Vater und dankte ihm gerührt für das Vergnügen, das er ihm heute verschafft hatte, und welches durch ein Geschenk von einigen neuen, schönen Büchelchen und den Bildnissen einiger unserer besten Kinderschn'ft- steller noch vermehrt wurde. Carl hing sie neben feinem Schranke auf, und scherte im Kreise muntrer Gespielen mit dem Geburtstage zugleich den Tag seiner Besserung. Skolka, Strafe des Hochmuths. ^ Folgende Geschichte hat sich im drepßlgjahrigen Kriege zugetragen. Zn einer gewissen Stadt wohnte eine reiche Frau, die schwach und kränklich war. Sie hatte eine einzige noch sehr junge Tochter. Um dieses Kind machte sie sich viel Kummer und Sorgen; denn sie dachte, wenn sie sterben sollte, und die Feinde kämen dann, und nahmen alles weg, so märe das Kind recht übel dran. Sie kam also auf den Gedanken, einen großen Hausen Geld zu vergraben. --(§7)— Sie ließ deßwegen einen armen ehrlichen Taglöh- ner kommen, der fast täglich in ihrem Hause arbeitete. Dieser mußte ihr eine Grube in die Erde machen, und dieselbe ordentlich mit Steinen ausmauern. Darauf schleppte dir Frau mit Hülfe des Tsglohners bei) Nacht die ganze Grube voll Geld und Silberfachen. Und nachdem der Taglöhner Alles wieder recht dicht und fest bedeckt hatte» so mußte er der Frau heilig versprechen» daß er ihrer Tochter, wenn sie groß und verständig genug wäre, den verborgenen Schatz entdecken wolle. Bald hernach starb die Mutter. Der ehrliche Taglöhner behielt das Geheimniß bey sich, mit dem Vorsatz, es der Tochter nicht eher zu entdecken, als bis sie verständig genug wäre. Allein nach etlichen Zähren ward er auch krank. Als er merkte, daß seine Krankheit gefährlich ward, so schickte er zu der Zungftr, und ließ ihr sagen, sie möchte doch einmahl zu ihm kommen, weil er etwas mit ihr zu reden hätte, Mein sie war so stolz und hochmüthig, daß sie eS für einen Schimpf hielt, den armen Mann zu besuchen, und ließ ihm sagen, was fle denn in seiner Hütte sollte? „Lauft geschwind"— sagte der Kranke mit schwa. cher Stimme,—„und saget der Zungftr, sie möchte eilen; ihre Mutter hakte Geld für sie vergraben, und ich ws-lte ihr entdecken, wo es liegt." Als die hochmüthige Zungftr dieses hörte, begab sie sich sogleich auf den Weg, und lief, was sie könn. te, nach des armen Taglöhners Hütte. Außer Athem Am sie hinein gestürzt— aber zu sp-'t; denn der Arme war so eben gestorben, und sie erfuhr nun nicht, wo der Schatz verborgen lag. Sie suchte zwar Alles -(§8)- aus: aber sie fand nichts, und ärgerte sich halb todt über sich selbst, daß sie so dumm und so hochmiikhigl gewesen war. Hochmuthkhut nimmer gut, und kann nichts denn ArgsS daraus erwachsen. Sirach z, 30. H ochmuth-kommt vor den Fall. Ich erzähle hier eins schreckliche Geschichte von einer gottlosen Frau, die durch Hochmuth in allerhand Verbrechen verfiel, zuletzt aber die verdiente Strafe für ihre Voßyeit empfing. Ihr Nahme war Sybille. Ihr Mann war ein Landmann von geringem Vermögen. Er kaufte von einem verarmten Einwohner deS Dorfes ein schlechtes, baufälliges Haus; der Verkäufer aber hatte sich ein Stäbchen darin ausbebun- gcn, wo er lebenslang den Aufenthalt haben sollte. Das war nun der Frau nicht recht, sie hielt es sich für eine Schande, daß der arme Mann in ihrem Hause den Aufenthalt hakte, und zankte täglich mit ihrem Manne, daß er so dumm gewesen, und den alten Kcrl im Hause sitzen lassen, welcher ihr ganz unerträglich wäre. Der Mann ertrug sein Hauskreuz mit grosser Geduld, und schwieg zu den Vorwürfen seiner Frau stille» Indessen hatte sich Sybille bey äffen lZrmvoh- nern des Dorfes schon verhaßt gemacht; denn mit jedermann zankte>"s, alle Nachbarn krankte und beleidigte sie, und fetzte das ganze Dorf in Unruhe. Man hielt sie endlich für eine Hexe; wenn ein Unglück im —( 59)" Dorfe geschah, so gab man ihr die Schuld; und die Meisten Leute fürchteten sich vor diesem bösen Weibe, und gingen ihr aus dem Wege. Besonders war ihr Hochmuth ganz unerträglich. Wenn sie in Gesellschaft war, so that sie nichts, als Andere verachten, und sich selbst rühmen. Einst befand sie sich in einer Gesellschaft von andern Bauersweibern, und nach ihrer Gewohnheit fing sie an, über die andern Weiber spöttisch zu räsonmren, und ihre eigne Klugheit im Haushalten, ihren Fleiß und ihre Geschick! schkeit heraus zu streichen. Die andern wußten ihr nichts zu antworten, oder wollten ihres bösen Mauls wegen nichts mit ihr zu thun haben. Aber ein verständiger Mann, der dabey war, gab ihr den Rath, wenn sie nichts Klügeres zu reden wüßte, so sollte sie nur zu Hause in ihrer Pracherherbergc bleiben.(Pr ach erh e rbrrge heißt so viel als Bet tlerherb erge.) Die ganze Gesellschaft sing an zu lachen; Sybille aber ward wüthend vor Zorn. Das Wort Prachrrherberge war ein Donnerschlag für sie; ihr Stolz wurde dadurch gar zu sehr beleidigt. Sie lief nach Haus, fing an mit ihrem Mann zu zanken, überhäufte ihn mit Scheltwörter,, und verlangte mit Ungestüm, daß er den alten Kasten niederreissen und ihr ein neues Haus bauen sollte, damit der alte Kerl weichen müßte, um dessen Willen man ihr Haus so spöttisch eine Pmcherherberge genannt hätte. Der Man« suchte sie liebreich zu besänftigen, und sagte zu ihr:„Frau, wenn mir Gott das Leben fti. stet, und meine Umstände sich bessern, will ich ein neues HauS aufhauen. Gedulde dich, und kehre dich nicht an-»derer Leute Rehen. Besser ist es, in einer arm- seligen Hütte Brod haben, als in eine« Pallaste hungern?' So vernünftig daS"gesprochen war, so wollte es die böse Frau hoch nicht einsehen. Ein Dutzend Schell» werte waren die Antwort, die sie ihrem Manne gab. Stillschweigend nahm er sie an, und ging an seine Arbeit; Sybille aber wünschte, daß der alte Kasten von Witzen angezündet werden, und im Rauch und Feuer aufgehen möchte. Von dieser Stunde an ging sie mit dem schändlichen Gedanken UM, ihr Haus anzuzünden. Denn wech eS in einer Brandversicherungsanstalt eingeschrieben war, so hoffte sie, aus der Brand- Caffe so viel Geld zu bekommen, daß sie ein neues dafür aufbauen könn, te. Indessen wollte ste ihren Anschlag so listig ausführen, daß kein Verdacht auf sie fiele. Ob der Verdacht ihren Mann treffen kannte, daran war ihr nichts gelegen; denn sie haßte ihn von Herzen. Wer sie fing jetzt an, sich zu verstellen, redete kein Won mehr von einem neuen Hause, und mit ihrem Manne ging sie. so liebreich und freundlich um, als sie konnte, damit er keinen Argwohn gegen sie fassen möchte. Der Mann verwunderte sich, daß seine Frau sich auf einmahl so sehr geändert hatte. Borher hatte sie ihm durch Zanken und Fluchen das Leben sauer gemacht: und. jetzt war sie so gut. und that ihm Alles zu Gefallen, was sie konnte. Er schätzte sich glücklich und erzählte allen Nachbarn von dem Vergnügen, das er über die Veränderung seines Weibes empfand. Auch andere Leute wunderten sich, daß die Sybille, die man sonst den Dorsteusel genannt hakte, jetzt auf cin- Nghl in der Gestalt ein?s guten Engels erschien. -(6i)- Aber dich Alles war lauter Verstellung und Falsch, tzeit, und dauerte nur so lange, bis sie eine bequeme Zeit fand, wo sie ihren teuflischen Anschlag ausführen konnte. Dieses geschah, da ihr Mann einst wegen ei. ms Wollinhandels verreiset war» und über Nacht ausblieb. Sie hatte eine Tochter, ein Mädchen von sieben« zehn Zähren, welches von Fugend auf mit heftigen Kopfschmerzen geplagt gewesen, und deßwegen ein we- kch einfältig war.*Auch ihr Herz war durch L-e schlech- le Erziehung gänzlich verdorben. Denn dre Mutter gebrauchte sie zu allem Lösen, besonders auch den Nach. barn heimlich Schaden zu thun, wodurch sie auch den Nahmen einer Hexe erhalten hatte. Durch dieses Mädchen wollte sie auch jetzt ihre Schandthat ausführen. Sobald es Nacht war, gab Sybille dem Mädchen einen Feucrbrand, mit dem Befehl, damit auf den Speicher zu gehen,-md ihn ins Stroh zu stecken. Das Mädchen erschrack, und sagte: „Um Gottes Willen, Mutter! das kann ich nicht thun; ich habe gehört, daß, wer Feuer anlegt, le. bmdig verbrennt wird. Wie leicht kann das herauskommen!" „Dummes Mensch!— schrie die Mutter— thue, was ich dir sage, oder ich will dir den Hals um» drehen." Und damit gab sie ihr zugleich ein Paar tüchtige Ohrfeigen. Dennoch bath die Tochter mit Thränen, sie mit diesem Auftrag zu verschonen. Sie stellte ihr- vor. daß ja aller Hausrats, und Kleidung verbrennen würden. Aber die Mutter befühl mit zorniger Stimme: „Schweiß! thue, was ich dich heiße! Wenn der alte Kasten avbrennr, wird er auf Regimentsunks- ( 62) stry wieder gebauet. Geh, sag ich, oder ich werde dir auf den Buckel kommen!" Das erschrockene Mädchen, welches schon gewohnt war, der Mutter blindlings zu gehorchen, that es auch dießmahl. Die Mutter sah ihr nach, und als sie merk- te, daß das Stroh Feuer gefaßt hatte, befahl sie ihr, die besten Sachen zusammen zu packen und in Sicherheit zu bringen. Zn dem Augenblick schlug schon die Flamme aus dem Dache heraus. Zum Wück war es noch nicht sehr spät; die Leute schliefen noch nicht alle, und sobald das Feuer ausbrach, liefen die Nachbarn zusammen, und löschten es wieder, ohne daß es sonderlichen Schaden that. Den andern Tag wurde zwar eine Untersuchung über die Ursache des Feuers angestellt. Aber das Gesinde konnte sich rechtfertigen, und Niemand ließ sich einfallen, daß die Frau und Tochter selbst das Feuer angelegt hätten. Da der gottlosen Frau ihr Anschlag fehlgeschlagen war, erboßte sie sich von neuem, und ward auf einmahl wieder die böse Sybille. Als ihr Mann zurück kam, fand er den eingefleischten Teufe! wieder, der sie ehedem gewesen war. Sie warf ihm vor, er wäre an dem Brand Schuld; denn so lange der alte Kerl im Hause wohnte, härten sie weder Glück noch Gegen zu hoffen. Heimlich aber nahm sie sich vor, das Haus nochmahls anzuzünden; doch wollte sie alle List anwenden, daß kein Verdacht auf sie fallen iönme, sondern aller Verdacht sollte den Mann treffen, den sie bn, dieser Gelegenheit ins Unglück zu br-naen hoffte. Dabey wollte sie auch die Vorsicht gebrauchen, ihre besten Habseligkettcn vorher in Sicherheit zu bringen. Es waren in dersckden Gegend kurz vorher einige Dirbsiähle geschehen. Weil nun in dem Dorfe, wo —( 6 z)-« Sybille wohnte, damahls etliche beurlaubt r Soldatm- sich aufhielten: so beredete st- ihren Mann, daß Niemand anders, als diese Soldaten, die Diebstähle ocr. übt hatten, und setzte hinzu, sie waren auch in Gefahr, bestohlen zu werde«, und es würde gut seyn,»oen« er ihre besten Sachen heimlich M einen andern Ork brächte. wo sie vor Dieben sicher wären. Der. einfältige Mann glaubt? dieftm Geschwätz, packt« etliche Kiste« voll. Hat sie auf den Karre«, und führte sie etliche Meilen weit zu einem Verwandten. D-ejer vrrwun^ derte sich zwar über die Furcht seines Freundes, doch nahm er die Sachen in Verwahrung. Als der Mann nach Hause kam, befahl ihm die Frau, alles Zinn, desgleichen alles kupferne und M-1-- singene Geschirr, das im Hause war, in eine Krste zupacken, und in den Garten zu vergraben. Der Mann that es sogleich; denn er war schon gewohnt, dap er ihr in allen Stücken gehorchen mußte, wenn er Ruhe huben wollte. Da es bald Nacht war. sagte sie zu dem Mann, die Stalle müßten nothwendig denselben Abend noch Einiget werden, und er sollte deswegen die Kühe und Schaafe solang- in eines Nachbars Stall bringen, der etwas abgel-g-n war. Der Mann gehorchte auch in diesem Stück, um den Hausfrieden zu erhalten. Das Vieh blieb die Nackit über in dem fremden Stalle. und man legte sich M Ruhe. Als der Mann und das Gestnde schliefen, ßmg Svb-Ü- mit ihrer Tochter auf den Speicher. Das Mädchen trug-in Licht, und die Mutter einen W.sch twcknes Stroh, welches sie am Licht anzündete, und unter das Dach legte. Das Haus gerieth so schnell in, Brand.-Laß sie sich beyde kaum retten konnten, als es ganz in Flammen stand. Sybille weckte jetzt Alles auf, machte Lärmen. und rief die Nachbarn zu Hülfe herbey; aber alle Hülfe war vergebens. Richt allein dieses Haus, sondern noch neun andere Bauernhauftr gingen in den FlüM' men zu-Grunde. Der erschrockene Mann war vor Angst ins Feld gelaufen; vermuthlich war es ihm auch vor seiner Frau bange; denn er mußte befürchten, daß sie ihm wieder Vorwürfe machen würde. Erst den andern Tag, da das Feuer schon gelöscht war, fam es wieder zurück. Es war billig, daß die Obrigkeit eine genaue Untersuchung anstellte, wie und durch wen dieses F^aer entstanden sey? Jedermann hatte Verdacht auf den Mann, daß er selbst den alten Küsten in Brand gesteckt habe, um so viel Geld aus der Brand-Caffe zu erhalten, daß er ein neues Haus bauen könne. Dieser Verdacht wurde noch vermehrt durch die Umstände; denn matt wußte, daß der Mann den Tag zuvor feine besten Sachen auf ein anderes Dorf gefahren, und den Abend sein Vieh in einen fremden Stall gethan hakte; und daß er bey dem Ausdruck) des Feuers sich entfernet. und keine Hand an das Löschen gelegt hatte. Alle diese Umstände machten ihn so verdächtig, daß er auf das Amthaus geführet, und in Arrest gesetzt wurde. Nun war Sybille so weit, als sie seyn wölbe; ihr Haus war verbrannt, und ihr Mann in Gefangenschaft. Sie hoffte gewiß, wenn er leugnete, so würde er auf die Folter kommen; und dann würde er zu schwach seyn, die Schmerzen auszuhalten, würde sich selbst anklagen, und als ein Verbrecher hingerichtet werden. Ließ wäre auch geschehen, wenn GybiA ganz —( 6§)-- stiü gesessen hätte. Allein die Gottlosen haken keim« Frieden, und keine Ruhe in ihrer Seele. So ging es her Sybille. Sie konnte es nicht erwarten, was ihrem Manne widerfahren sollte. Ihre Boßheit und ihre Rachgier trieb sie. den Unschuldigen selbst anzu- klagen, damit er desto gewisser zu der Strafe verar- theilt werden möchte, die er verdient hätte. Sie dachte einen Anschlag aus, den sie ohne Zweifel für sehr klug hielt, der aber im Grunde sehr dumm war, und sie selbst ins Verderben stürzte. Schon das war dumm gewesen, daß sie ihre Tos-ttr mit azu nahm, als sie das Feuer anlegte, da sie es dock allein hätte verrichten können. Ader»och thörichter war es, daß sie jetzt ihre Tochter dazu gebrauchen wollte, eine falsche Anklage gegen den unschuldigen Mann vor Gericht auszusagen. Sie hätte wohl vorher sehen können, wie schwer es einem Kinde werden müßte, seinen eignen Vater fälschlich anzuklagen, und ihn dadurch dem Urtheil des Todes zu überliefern. Sie war aber in ihrer Boßheit so verblendet, dap sie dieses nicht bedachte. Sie unterrichtete ihre Tochter genau in Allem, was Je sagen sollte. Darauf gmg sie Mit derselben Zu dem Richter, und erbot sich,-hm etwas Wichtiges zu offenbaren. A!S sie vorgelassen wurde, ließ sie sich verlauten, daß sie allerdings glauben müßte, es sey Niemand anders als ihr Ehemann an dem Unglücke Schuld. Sie wußte zwar dtt«gentlich-n Umstände nicht anzugeben, da sie fest geschlafen, als das Feuer angegangen, es käme ihr akwr sehr.'ee endlich vor, daß er den Lag vorher, w-drr ihren Rath und Wille», noch eine Kiste voll Zinn, Kupfer und dergl. im Gatten vergraben hätte. Er häkle auch immer gewünscht, daß der alte Kasten in Feuer und Rauch F-!I. Land. E -(66)- aufgeben möchte, damit er auf eine gute Art zu einem neuen Hause käme. Und endlich fuhr sie fort, was den ersten Brand betraft, davon würde ihre Tochter die Umstände am besten erzählen können. Nun wurde die Tochter abgehört, und sie erzähl, te, ihr Vater, welcher damals verreiset gewesen, wäre«ach Mitternacht nach Hause gekommen, und hätte angeklopft. Zhre Mutter hätte damahls fest geschlafen, fie aber wäre noch wachend gewesen, und deswegen hingegangen, ihn einzulassen. Sobald er sie ge. sehen, hatte er ihr sein Vorhaben offenbaret, den alten Kasten in Brand zu stecken. Sie wäre zwar sehr darüber erschrocken; er aber hätte ihr befohlen, das Licht zu nehmen, und ihn auf den Speicher zu begleiten. Sie hätte es zwar nicht thun wollen; aber durch Schläge, und durch die Drohung, sie umzubringen, hat- te er sie endlich dazu gezwungen. Als sie beyde hinaufgekommen, hätte er einen Schweftlfadcn angezündet, und ihr denselben gegeben, solchen unter das Stroh zu stecken, welches sie, aus großer Furcht vor ihm, denn auch gethan hätte. Zhr Vater wäre gleich darauf wieder weggegangen; sie aber hätte geschwinde die Mutter und das Gesinde aufgeweckt, die dann in der größten Angst aus den Betten gesprungen, als unter» dessen die Nachbarn sich auch zur Hülfe und Rettung ringefunden. Sybille glaubte, diese Erzählung wäre recht listig ausgedacht. Allein es ging doch ganz anders als sie Meinte. Da das Mädchen sich selbst als Mithelferin des Verbrechens angab, so hielt der Richter für nothwendig, sie in Verwahrung zu nehmen; sie mußte also in das Gefängniß. Die Mutter aber mußte mit einem Gerichtsdienep nach Hause gehen, und den Platz iÄ Garten zeigen, wo das Zinn und Kupfer vergraben wäre. Man suchte nach, und befand es richtig, wie Sybille gesagt hakte. Sie blieb noch in Freyheit. Der Richter verhörte nun den Mann, und hielt ihm die Auslagen seiner Frau und Tochter vor. Er beantwortet? alte Fragen des Richters nach der Wahrheit, und so getrost, daß man daraus schon schließen konnte, er müßte ein gutes Gewissen haben. Besonders bewies er auch, daß er den ersten Brand nicht ge. stiftet haben könnte; denn er nannte den Mann, bey welchem er sich wegen, eines Mollenhandels dieselbe ganze Nacht aufgehalten hatte. Dieser wurde auch darüber abgehört, und bekräftigte es mit einen Eid» daß der Mann dieselbe Nacht bey ihm geschlafen, und gar nicht aus dem Hause gekommen» Da man jetzt die Tochter für eine Lügnerinn erkannte, so fiel auch ein starker Verdacht auf die Mutter, Und diese wurde daher auch ergriffen, und ins Gefäng. mß gesetzt. Indessen blieben beyde Weibspersonen bey ihrer Aussagt. Jetzt war eS also nöthig, sie gegen einander zu stellen. Der Mann und die Tochter wurden zuerst in die GerichtSstube geführt. Der Richter hielt dem Mann vor, was seine Tochter gegen ihn ausgesagt hätte, und das Mädchen bekräftigte nochmahls die falsche Anklage. Der erschrockne Man» sah seine Tochter an, mit einer Miene, woraus Unschuld, väterliche Liebe und Betrübniß hervorleuchtete. Er hielt ihr vor, wie es möglich wäre, dah sie, als sein Fleisch und Blut, ihren redlichen Vater muthwillig in das allergrößte Unglück stürzen könnte? Da zeigte sich nun die Gewalt der kindlichen Liebe und des Gewissens» Ihr Herz ward weich, ein Strom E 3 von Thränen schoß ihr aus den Augen,— sie konnte nickt mehr reden,— und endlich bekannte sie ganz offenherzig, daß Alles, was sie gegen ihren Vater angebracht, nichts als Unwahrheit wäre. Sie erzählte darauf den ganzen Verlauf der Sachs. Nun wurden auch die Mutter und"Tochter gegen einander gestellt. Sybille wollte anfangs nichts ge. stehe«. Mit frecher, wüthender Miene läugnete sie alles weg, was der Mann und die Tochter ihr ins Gesicht sagten. Es war also weiter nichts übrig, als die Folter. Anfangs stellte sie sich, als ob sie auch dem Schmerzen Trotz biethen wollte, wie es aber zum Auskleiden kam, entfiel ihr der Muth, und sie bekannte Alles. Preis und Ehre der gerechten Vorsehung, welche die dicksten Finsternisse der Boßheik Zerstreuen, und das Verborgenste ans helle Tageslicht ziehen kann; die den Unschuldigen nicht umkommen, und den Frevler nicht ungestraft läßt! Der unschuldige Mann erhielt nun sogleich die Freyheit. Die Tochter kam auf zehn Jahre ins Zuchthaus, damit sie ein andermahl bedenken möchte, daß Man Gott mehr gehorchen muß, als den Menschen. Die gottlose Sybille aber wurde lebendig verbrannt. Der thörichte Stolz war die erste Ursache ihres Verbrechens Und ihres Unglücks gewesen. Deßwegen sagt Salomo wohl recht:(Spricht». 16, 18) Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz, und stolzer Muth kommt vor dem Fall» Und Sir ach:(Capitel ro, Vers iz.) ( 69) Hoffart treibt zu allen Sünde«, und wer darin steckt, der richtet siel Graue? g n. Caspar Wells. Ein Haufen Bauern ging einst nach der Stadt ZUM Markte. Ihnen begegnete ein Herr inr Wagen, den sie aber nicht kannten. Sie trabten mit der Pfeift im Munde vorbey, mir nichts dir nichts, ohne an den Hut zu greifen und zu grüßen. Nur Kaspar Melle war der einzige, der etwas stille stand, feinen Hut abnahm, seine Pfeife so lange wegstkckte, und dem Herrn im Wagen eine freundliche Miene und Verbeugung machte. Das bemerkte der Herr sehr genau.— Einige Zeit nachher hatte die Dorfschaft, wo die Bau» ern her waren, das Unglück, daß ihnen im Sommer der Hagel beynahe das halbe Feld ruinirte. Sie beklagten sich beym Amte und baten um etwas Erlaß. Das Amt verwies sie an die herzogliche Kammer. Sie machen sich all- zusammen auf den Weg, stellen da ihre Noch mündlich vor; aber-- weil man ihnen beweisen konnte, daß sie aus den übrigen Früchten doch sicher noch so viel Geld machen könnten, als zur Bezahlung der Abgaben erforderlich wäre, so erhielten sie nichts; mußten also wieder abtreten. Zm Weggehen rief einer von den Herren:„Der da, Mein Freund im blauen Rocke!— etwas näher!— da habt ihr auS meiner Tasche fünf Thaler, als eins kleine Beyhülfe zu euer« Abgaben!.— ich kenne euch als einen höfli, chen Menschen— und höflichen Leuten muß man wie- (70)- der höflich begegnen!"— Dieß war gerade der Herr. der vor einiger Zeit im Wagen saß und den Bauern begegnete. als sie nach dem Markte gingen.— So genau hatte er sich den Caspar Melke gemerkt! Der unhöfliche Handwsrksbur sch e. Claude Rougemont. ein ehrlicher Hirte zu Brienne, in Champagne. einer französischen Provinz, saß vor ein Paar Zähren im Sommer gegen Abend dicht an der Landstraße unter einem Baume; neben ihm ging seine Heexde im Grase. Da kam ein Harid- rverksbursche die Straße daher, sah den Hirten sitzen, dachte aber:„0 nur ein Hirte— was geht dich der an!— laß ihn!" Er starrte ihn an, und ging stolz vorüber, ohne ihn zu grüßen.— Nach einer kleinen Stunde will der Hirte nach Hause treiben; sein Spitz mußte die Heerdr herumholcn, und er schlenderte dann die Straße so sachte hinter her. Auf einmal sieht ex im Wege etwas Blankes liegen. Er hebts auf, und findet eine große Brieftasche, dix verschlossen ist, der Schlüssel aber hangt daran; er ist neugierig, was doch wohl darin seyn möchte— schließt auf. und da findet er nun mancherley Kleinigkeiten— Briefschaften — auch einen Wechselbrief auf zweihundert Thaler, der in Straßburg zahlbar war. und auch eine Kund- fchrft, die einem Seidenweber-Gesellen zugchörte, Franz Wildrose genannt, aus Colmar gebürtig.„Was gilks — dachte er sogleich—„die hat sicher der hochlra« dende HaudwerWursche verlohrrn! er ist zwar ein -(70- grober Kerl, der mir nicht einmahl guten Abend gcbo. ten hak; aber—- wenn ers doch nur wieder hätte!— der gute Mensch mag sich wohl Sorge und Kummer genug darüber machen, wenn er in die Herberge kommt, und seine Brieftasche nicht findet!" Er treibt indes; mit feiner Heerde weiter—- und siehe! spornstreichs kommt da ein Mensch die Straße hergelaufen— er kann ihn zwar nicht genau erkennen, weiss schon ziem. lich dunkel werden will, hört ihn aber von ferne tra» den. Der Mensch kommt naher, und— es ist mein guter Handwerksbursche wieder—„habt ihr nicht eine Brieftasche gefunden, mein Freund? rief ihm dieser noch einige Schritte von ihm voller Angst zu. „Wie ist euer Name?" fragte der Hirte.„Franz Wildroft!"— woher gebürtig?„aus Cslmar— Gott, ich bin unglücklich, wenn ich"— ,,Da, mein guter Mensch," sprach den Hirte,„da hat er seine Tasche und alles wieder, was er verlohrm hat."—- Der Mensch war vor Freuden ganz außer sich und wollte ihm ein ansehnliches Geschenk geben.„Weg damit!" sagte der Hirte,„ihr habt durch eure Angst ohnehin schon genug gelitten; wir Hirten haltcn's für unsre Schuldigkeit, Reisenden Dienste zu leisten, und was man zu thun schuldig ist, dafür muß man sich nicht erst bezahlen lassen. Aber eine Lehre, guter Freund, n;üßt ihr von einem einfältigen Hirten annehmen: inS künftige grüßet ehrliche Leute, denen ihr begegnet, ihr wißt nicht, ob sie euch nicht einmal Dienste leisten können."— Der Mensch ging beschämt davon.-- Jähzorn. Schon als kleines Kind war Welchen sehr heftig. Geschah nicht gleich, was sie wünschte, so drängte sich das Blut in ihr Gesicht, und sie wurde roihbraun, und fiel in eine Art von Verzückungen. Als Welchen älter war, besaß sie zwar manche schöne Kenntnisse, konnte fertig lesen, hübsch schreiben, rechnen, stricken und nahen, aber ihre Heftigkeit hatte nicht abgenommen. Bey jeder Kleinigkeit brauste sie auf, wurde roth im Gesichte, und sah etwas abschreckend aus. Sie war, mit Einem Worts, jäh, zornig. Man würde Riekchen Unrecht thun, wenn mau sie deßhalb sogleich für ein böses Mädchen hielte. Ihr Herz war im Grunde gut; es liebte aufrichtig die Menschen und die Tugend; sie war liebreich, gefällig, thätig und großmüthig. Schade nur, daß ihr Hang zum Jähzorns so groß war. Er entstellte das gute Mädchen sehr, und brachte es in einen unverdienten Übeln Ruf. Liebe Tochter, sprach eines Morgens die Mutter, du wirst heute nicht das weiße Kleid anziehen. Für diesen Tag ist daS alte seidene gut genug. Welchen, die das seidene Kleid nicht leiden mochte, weil es etwas altmodisch war, bath die Mutter, ihr zu erlauben, das weiße anzuziehen. Doch die Mutter, dir es gerne sah. daß ihre Kinder sich in ihren Willen ohne Widerrede fügten, bestand darauf, daß Riekchen das seidene Kleid anziehe. Darüber wurde Riekchen verdrießlich. Zhr kleiner Bruder Fritz wollte mit ihr scherzen. Da sie aber —( 73) zu nichts weniger als dazu ausgelegt war, so w?es sie ihn unfreundlich ab. Fritz wiederhohlte seinen Scherz. Riekchen glaubte, er woll- ihrer spotten und fuhr ihn heftig an. Das Blut stieg ihr ins Gesicht; sie glühte vor Zorn, und stieß Fritzen so stark von sich. daß er zu Boden sank, an einen Stuhl fiel, und sitz an der Stirne eine Beule ichlug. Der Vater war gerade hereingetreten, und hakte- alles mit angesehen. Fritz that einen großen Schrey. Die Eltern sprangen erschrocken zu ihm, und glaubten, daß er sich ein Loch in den Kopf geschlagen habe. Riekchen wurde es angst und bange, Sie wußte nicht, wie sie sich benehmen sollte. Die Mutter über. häufte sie-mit Vorwürfen, der Baker aber nahm sie bey der HaNd, und führte sie in ein kleines Kämmen» chen, wo er sie einsperrte. Riekchen fing an zu weinen und zu jammern. Vergebung, lieber Vater, Vergebung! rief sie in Einem fort. Keine Vergebung! versetzte der Vater, ein wildes Thier legt man in Ketten, damit es nicht schade; erneu jähzornigen Menschen muß man einsperren, denn gleicht er nicht oft einem wilden Thiere? Zwey Stunden lang mußte Riekchen in dem Käm- welchen sitzen. Sie fühlte, wie schlecht sie wieder in ihrer Hitze gehandelt habe, und bereuet- aufrichtig ihr Vergehen. Weinend kam sie, als sie wieder, auf Fritzens Fürbitte, freigelassen wurde, zu ihren Eltern, bekannte ihren Fehler und bath mit herzlicher Reue um Verzeihung. Der Vater faßte sie bey der Hand und zog sie zu sich. Riekchen, sprach er, du bist ein hübsches und auch ein gutes Mädchen. Ich habe dich herzlich gerne. -(74)- Aber dein böser, böser Jähzorn! Ach! du glaubst es nicht, wie sehr er dein Gesicht entstellt; du siehst in, Zorne so häßlich, so widerlich aus, daß ich dich nicht ansehen mag. Auch die größte Schönheit wird durch Zorn in Häßlichkeit verwandelt. Aber dieß ist nicht die einzige böse Folge desselben. Er schadet auch der Gesundheit ungemein. Im Zorne wallt daö Blut zu heftig und zu unordentlich in den Adern; der Körper und die Lebenskraft werden sehr angegriffen, die Gesundheit untergraben, und das Leben verkürzt. Zorns sichtige Menschen leben selten lange. Und, was Las Schlimmste bey dem Zorne ist, er beraubt den Menschen seines Verstandes und macht, baß er oft thöricht und schlecht handelt, nicht überlegt, was er thut, und dadurch oft sich und andern schadet. Du bist ein lebendiger Beweis davon. Lenke daran, wozu dich der Jähzorn vor zwey Stunden verleitet hat, und du wirst an der Wahrheit meiner Worte nicht zweifeln, Er verwandelt den Menschen bisweilen in ein reißendes Thier. Bekämpfe ihn, meine Tochter, bey Zeiten. Riekchen weinte, und versprach den Eltern, sich in Zukunft vor dem Jähzorns sorgfältig in Acht zu nehmen. Dann küßte sie ihren Bruder Fritz, und bath auch ihn um Verzeihung. Der gute Bruder hatte ihr längst verziehen. Eine Zeitlang nahm Riekchen sich sehr in Acht. Aber einmahl vergaß sie sich doch von Neuem. Die Mutter wollte einen ihrer sehnlichsten Wünsche nicht erfüllen. Riekchen gerieth darüber in einen schnellen Zorn, dachte nicht daran, wen sie vor sich hätte, und erlaubte sich gegen die Mutter ungezogene Reden. Der Vater, der in dem Nebenzimmer alles vernommen /S/ hatte, eilte hcrkep, und gab Riekchen mit der Hand einen Schlag auf den Mund. So spricht man nicht mit einer Mutter! riefet mit gerechtem Unwillen; Bescheidenheit ziemt dem Kinde gegen seine Eltern. Als Riekchen wieder zur Besinnung gekommen war. fühlte sie,wie sehr sie sich mehren, Jähzorn« an ihrer Mutter vergangen habe, näherte sich ihr mit Thränen, und bath, ihr zu verzeihen. Riekchen! Riekchen! sprach-der Vater, du hast das Versprechen vergessen, das ich von dir erhalten habe, a!S du deinen Bruder an dm Stuhl warf;!. Dein heilloser Jähzorn! Er laßt dich nie bedenken, was du thust, er verblendet dich sogar gegen deine Mutter, und läßt dich die heiligsten Pflichten eines Kindes vergessen. Was hak nicht alles deine gute Mutter für dick gethan, gelitten, und ausgestanden! Nie, nie wirst du ihr dieses wieder vergelten! Ich weiß, dein gutes Her;'fühlt dieß lebhaft. Aber der böse Jähzorn reißt dich so weit hin', daß du selbst gegen deine Mut- ter beleidigend wirst. Auch setzt versprach Riekchen, sich zu bessern. Sie that dieß wirklich, bekämpfte ihren Jähzorn, und war nun noch Ein Mahl so liebenswürdig, verständig und «M uls ehemahls. G l a ß. Bewahre Keuschhertund Unschuld. Nachdem Peter der Erste sich von seiner erste» Gemahlinn, Sttokessa Lupachin, eines Boparen Tvch? ( 76) Ler, hatte scheiden, und fle in ein Kloster einsperren lassen, fiel seine Neigung auf ein Fräulein von Mons, die aber, während der Kaiser außer Landes war, den damahligen Preußischen Gesandten in Moökow, von Keyserling, hrirathcte. Einige Zeit darauf verliebte sich der Cz-ir in die Reiße eines andern jungen Frauenzimmers, der Tochter eines fremden Kaufmanns, der sich in dieser Stadt aufhielt, bey dem er eines Tages speiste. Er wurde durch ihre Erscheinung so hinge, t'ss-n, baß er ihr anboth, selbst gefällige Bedingungen zu machen, wenn sie mit ihm leben wollte, welches aber das lügenhafte Mädchen bescheiden ausfchlug. Da sie indeß die Wirkungen seiner Macht fürchtete, so faßte sie den Entschluß, Moskow noch in der Nacht zu verlassen, ohne selbst ihren Eltern etwas davon zu sagen, Sie versah sich m?k ein wenig Geld zu ihrem Unterhalt, und ging verschiedene Meilen zu Fuß in das Land hinein, bis sie in ein kleines Dorf kam, wo ihre Amme mit ihrem Manne und ihrer Tochter, des jun, gen Frauenzimmers Milchschwester, sich aufhielt. Die, sen entdeckte sie ihre Absicht, sich in dem Holze nahe bey diesem Dorfe zu verbergen. Um aller Entdeckung zuvor zu kommen, machte sie sich, in Begleitung des Mannes und der Tochter, noch in der nehmlichen Nacht auf den Weg. Der Mann, seines Handwerks ein Zimmermann, dem das Holz sehr gut bekannt war, führte sie zu einem kleinen trockenen Platz in der Mitte es» «es Morastes, und ballte ihr hier eine Hütte zu ihrer Wohnung. Ihr Geld hatte fle bey ihrer Amme gelassen, um ihr die kleinen Bedürfnisse zu ihrem Unterhalte zu verschaffen, welche ihr getreulich bey Nacht von der Amme oder ihrer Tochter irberbracht wurden, Eine von beyden blieb auch allemahl des Nachts bey ihr. Am Tage nach ihrer Flucht kam der Czar zum Vater, um sie zu sehen. Als er die Aeltcrn ängstlich und bekümmert, sich selbst aber betrogen fand, bildete er sich ein, es sey ein von ihnen selbst angelegter Plan. Er gerietst in Zorn, und drohte.'sie seine Ungnade empfinden zu lassen, wenn sie nicht zum Vorschein gebracht. Würd«. Den Aeltern blieb nichts übrig, als ftyerlichs Versicherungen, von Thränen wahrhafter Betrübniß begleitet, ihn von ihrer Unschuld und Unwissenheit, was mit ihr vorgegangen sey, zu überzeu, zen. Sie versicherten ihm, daß sie befürchteten, es mirs. sc ihr irgend ein unglücklicher Zufall begegnet seyn, weil von dem, was ihr zugehere, nichts Weiter vermißt werde, als was sie zu der Zeit angehabt habe.— Der Czar war mit ihrer Aufrichtigkeit zufrieden, veranlaßte ein großes Untersuchen nach der Vermißten, und both eine ansehnliche Belohnung für den aus, der entdecken würde, was ihr begegnet sey; aber vergeblich. Die Aeltern und Verwandten fürchteten, sie sey umS Leben gekommen, und legten Trauer um sie an. Ein Jahr darauf wurde sie durch einen Zufall entdeckt. Ein Obrister, der von der Armee gekommen war, um feine Freunde zu besuchen» ging in dem Holze auf die Jagd, u».ö verfolgte sein Wildpret durch den Morast. Er kam an die Hütte, und alS er hinein» sah, erblickte er ein schönes, junges Frauenzimmer in schlechter Kleidung. Als er sie gefragt hatte» wer sie sey, und wie sie dazu komme, an einem so einsamen Orte zu leben? wachte er endlich ausfindig, daß sie das Frauenzimmer sey, deren Verschwinden so großes Aufsehen gemacht hatte. In der äußersten Verwirrung ( 78) und mit den inständigsten Bitten flehte'sie ihn auf den Knieen, daß er sie nicht verrathen möchte. Er ankivor» reie ihr, daß die Gefahr, seinem Ledünken nach, für sie vorüber wäre, weil der Czar jetzt anderwärts gebunden sey; sie könne sich daher mit Sicherheit entdecken, wenigstens ihren Äeltern, mit denen er Rücksprache nehmen wolle, wie die Sache am besten anzufangen sey. Das Frauenzimmer willigte in diesen Vorschlag, und sofort machte er sich auf den Weg, und erfreute ihre Aettern mit feister glücklichen Entdeckung. Der Schluß ihrer Berathschlagungen fiel dahin aus; Mada, me Katharinen,(so wurde damahls die nachherige Kaiserinn genannt) um ihre Meinung zu fragen, auf was für eine Art die Sache dem Czar eröffnet werden sollte? Der Obtistr unterzog sich diesem Geschäfte. Katharina bestellte ihn auf den folgenden Morgen wieder, um ihn seiner Majestät vorzustellen, wo er dann den Vorfall entdecken, und sich die versprochene Belohnung ausbitten mochte. Er kam; der Abrede gemäß wurde er vorgestellt, und erzählte den Zufall, wodurch er das Frauenzimmer entdeckt habe, so wie die elende Lage, worin er sie gefunden, und was sie, bey der Zärtlichkeit ihres Geschlechts, ausgestanden haben müsse, da sie so lange an einem so schrecklichen Orte eingeschlossen gewesen. Der Czar ließ sich merken, wie leid es ihm thue, daß er die Ursache aller ihrer Leiden gewesen seyn solle, und erklärte zugleich, daß er sich bemühen werde, ihr dafür Genugthung zu geben. Ka- rharine brachte jetzt in Vorschlag, daß die beste Vergeltung, welche seine Majestät ihr gewahren könnten, die seyn würde, ihr ein gutes Vermögen und den Obristen zum Manne zu geben, der das beste Recht auf sie ha. be, da er sie in Verfolgung des Wildprets auf der ( 79) Jagd«hascht hätte. Der Czar stimmte vollkommen mit Kakharinens Meinung überein, und befahl einem seiner Günstlinge, mit dem Obristen das junge Frau» enzimmcrnach Haufe zu bringen, und sie kam, zu un- aussorechlicher Freude ihrer Familie und Verwandten, welche alle sie betrauert hatten. Die Heirath geschah auf Unordnung und Kosten des Ezars, der selbst die Braut dem Bräutigam zuführte, indem er sagte: Er mache ihm hier mit einem der tugendhaftesten Frauen» zimmer ein Geschenk. Diese Erklärung begleitete er mit beträchtlichen Geschenken, und setzte ihr und ihren Erben Überdieß noch ein Jahrgeld von drcpkausend Ru» bcln aus. Diese Dame lebte hernach, vorn Czar und jedem, der sie kannte, ausnehmend hochgeschätzt. Das launische Mädchen. Du bist ein allerliebstes Mädchen: sprach Marie zu ihrer neuen Freundinn Hilaria, mit der sie spiel- te. Machst mir heute ein so freundliches, fröhliches Gesicht, daß man dich lieb gewinnen muß. Marie hatte nicht unrecht. Hilaria war dießmahl sehr artig und verbindlich. Sie schäkerte, sang und küßte Marien, erwies ihr eine Gefälligkeit nach der andern, und verdiente dadurch allerdings den Nahmen eines allerliebsten Mädchens. Alles, was ihr seit er« niger Zeit begegnet war, mußte Marie auch wissen« Sie erzählte es ihr mit aller Offenheit^ und schloß ihr Herz ganz vor ihr auf. Dieß Benehmen Hilarims Mußte auf ihre Freundinn den besten Eindruck machen. Marie hielt sich bey ihr langer auf, als sie sich vorgenommen hatte, und verließ sie mit fröhlichem Gemüthe und dem Versprechen, sie bald wieder zu besuchen, wozu sie von Marien dringend aufgefordert wurde. Nach eisigen Tagen kam Marie wieder zu Marien. Es war trübes Wetter. Sie hoffte, sich mit der Freundinn auf eine angenehme Ar» die Zeit zu vertreiben, und eilte mit freudiger Seele derselben entgegen. Aber Hilaris sah aus wie das Wetter. Kein Leben, keine Heiterkeit in ihrem Gesichte. Langsam ging sie Marien entgegen, kalt empfing sie dieselbe. Zst dir nicht wohl, liebe Marie'? fragte Marie. Diese Frage schien Marien sichtbar zu verdrießen- Sie antwortete kurz, und in einem empfindlichen Tone: Mir fehlt nichts! Marie wollte sich in ein trauliches Gespräch einlassen; aber dahin war Marie nicht Zu bringen. Sie saß stumm auf ihrem Stuhle, und sah ihre Freundinn nicht einmahl an. Marie wollte sie aufheitern, aber damit kam sie übel an? bey dem ersten unschuldigen Scherze wurde sie von ihr mit einer so großen, zurückstoßenden Heftigkeit angefahren, daß sie es nicht wre- dcrwagte, mit ihr zu scherzen. Sie Arg an, ihr Neuigkeiten zu erzählen, aber Marie that so, als höre six nicht— fle sagte ihr Manches Sch«eichelhaste, aber sie wurde darüber verdrießlich. Nachdem sich Marie eine halbe Stunde lang gequält hatte, Marien für sich zu gewinnen, nahm sie von ihr Abschied, wobey Marie sich sehr kalt benahm. Dieß auffallend sonderbare Benehmen mißfiel Marien nicht wsmg. Wre schnell hat sich das Mädchen ( Lt) verändert, dachte sie bey sich selbst: die ersten Mahls, daß ich sie besuchte, war sie die Freundlichkeit und Gefälligkeit selbst, jetzt war Mit ihr nicht auszukommen. Habe ich doch in meinem Leben kein mürrischeres Gesicht, kein zurückstoßenderes Betragen gesehen!-- Marie dachte nach, ob sie vielleicht Hikarien auf irgend eine Weise beleidigt hübe. Aber sie fand sich ganz unschuldig. Endlich kam sie auf die Vermuthung, man müsse ihre Freundinn gegen sie eingenommen haben; denn das war ihr nicht denkbar, daß Hilarie ohne Ursache sich so unfreundlich gegen sie benommen haben sollte. Den Tag darauf begegnete Marie auf einem Spa- ziergange Hilarien. Diese blieb stehen, und wünschte der Freundinn einen freundliHen guten Morgen. Zhr Benehmen war ungemcin verbindlich. Sie sagte Marien viel Artiges, und suchte gleichsam den bösen Eindruck auszulöschen, den sie den Tag zuvor gemacht hatte. Marien kam dieß ganz unerwartet. Sie konnte sich in Hilarien- Veränderlichkeit durchaus nicht fin» den. Liebe Freundinn, sprach sie zu ihr, gestern muß dir nicht wohl gewesen seyn, du warst so unfreundlich, so kalt! Oder hattest du etwas gegen Mich? War ich vielleicht selbst Schuld daran, daß du mir so unfreundlich begegnetest? Diese Frage war Hilarien nicht recht. Sie nahm mit einem Mahle ein ernsthafteres Gesicht an; doch kam es nicht zu der gestrigen Dezcmbermicne. Liebe- Marie, sprach sie etwas hastig, ich hatte nichts wider dich. Es war mir allerdings nicht ganz wohl zu Muthe; aber die Ursache davon kann ich dir nicht an« Band- K —( 82)— geben. Sie ist mir seihst ur.kekar.nk. Ich kann nur daS sagen, daß ich übel gestimmt war. ^jiarie wurde nun von Marien auf den künftigen Sonntag zu ihr eingeladen. ES werden, sagte sie, mehrere Mädchen kommen, dann wollen wir einmahl recht lustig seyn. Vergnügt und freundlich trenn, ken sich die Freundinnen. Ein sonderbares Geschöpf! sprach Marie zu sich selbst, den einen Tag heiter und lustig, den andern mürrisch und zurückstoßend, den dritten Tag wieder artig und verbindlich! " Hilarie kam nach Hause. Sie Wachte der Mut. §er ein freundliches Gesicht, und fragte sie, ob sie ihr gefällig seyn könne. Die Mutter trug ihr auf, an einem Häubchen für die jüngere Schwester fortzustri- cken. Hilarie that dieß mit lebhaftem Vergnügen. Zll Mittage kamen auch Kartoffeln auf den Tisch. Marie«ß sie sehr gerne. Sie verzehrte deren vier. Nach Tische war sie auf Ein Mahl still und mißmuthig. Die Mutter ermunterte sie, an dem Häubchen fortzustricken; «her die Tochter zuckte verdrießlich mit den Schultern, brummte etwas vor sich her, und wollte das Häubchen nicht vornehmen. AergerlichtS Mädchen! sprach die Mutter, man kann aufdich nie bauen; die eine Stunde bist du freundlich, artig und gut, in der andern ist mit dir nicht auszukommen. Vormittags warst du ein allerliebstes Mädchen. und übernahmst mit Freuden die Arbeit, jetzt magst du davon nichts wissen, und knauerst, schie. lest und murrst, als wenn dir wer weiß was für Bö- ftS widerfahren wäre. Und gewiß weißt du mir keine Ursache davon anzugeben. Du bist wie der Himmel im veränderlichen April. Bald lächelt er uns freundlich -(8z)- SA, bald ist er mit schwarzen Wolken umzogen; m diesem Augenblicke erheitert uns der Schein der Heben Sonne, in dem nächstfolgenden ist sie schon eingehüllt. Bey diesen Worten ließ sich eine arme Frau mir zwey Kindern melden. Die Müller ging hinaus, und sprach mir ihr. Ach, helfen Sie mir, gnädige Frau, sprach das Weib, helfen Sie mir! Ich war schon heule Vormittags hier. Ihre Mawftl Tochter hat mich gar freundlich behandelt, und Mich getröstet. Ich sollte Nach. Mittags kommen, sagte sie, da wollte sie mir etwas mittheilen, und die Frau Mutter werde auch für mich und meine Kinder etwas thun. Gnädige Frau, Ihre Mamsell Tochter ist mir vorgekommen als ein Zügel, so gar artig und fromm und gut war sie! Die Mutter rief Hilarien herbey. Als die arme Frau sie erblickte, sprach sie: Das ist sie! das ist sie! Kinder, küßt ihr dir Handl Die zwey Kleinen wollten Mariens Hände küs» ftn, aber sie zog sie unwillig zurück. Der Mamsell ist gewiß nicht wohl, sagte die ar» me Frau. Vormittags sah sie ganz anders, viel lebhafter und vergnügter aus. Diese Worte mißfielen Hilarien; denn sie suhlte wohl, daß sie sich ihrer Veränderlichkeit schämen müf. se. Mürrisch ging sie in das Zimmer zurück, und wollte von den armen Leuten nichts weiter wissen. Die Mutter gab ihnen alte Kleidungsstücke, und einiges Geld, und kehrte dann zu ihrer Tochter zurück. Tochter: Tochter! sprach die Mutter, du kannst über dein Herz und dein Gefühl noch nicht im mindesten herrschen; daher deine große Veränderlichkeit, die dich an so manchem Guten hindert. Daß du wieder § 2 so mürrisch und ungefällig bist, wer und was ist Schuld daran? Du weißt keinen Grund anzugeben. Liegen dir etwa die Kartoffeln im Magen? Hilarie antwortete kein Work, sondern schmollte fort. Den darauf folgenden Sonntag kamen bey ihr verschiedene Mädchen zusammen, unter denen sich auch Marie befand. Hilarie war munter und vergnügt, aber es dauerte nur eine halbe Stunde; ihre Heiter, kett ging, man wußte selbst nicht warum, auf Ein Wahl verlohren, sie fing an ernsthaft und am Ende mürrisch und zurückstoßend zu werden. Nun war alles Vergnügen dahin. Mißmuthig ging ein Mädchen nach dem andern fort. Marie erzählte ihrer Mutter, daß sie aus Hila- rien nicht klug werden könne, sie sey das eine Mahl artig. freundlich und verbindlich, das andere Mahl— man wisse immer nicht warum— verdrießlich, gleich» gültig, kalt, undienstfcrkig u. s. rv. Die Mutter lächelte. Hilarie, sprach sie, leidet an einer häßlichen, gefährlichen Krankheit, an der sehr viele Mädchen leiden— an der bösen Laune. Sie ist ein launisches Mädchen. Auf launische Menschen, die nichts Festes in ihrem Handeln haben, kann man nicht bauen, sie sind wie ein Rohr, bas der Wind hin und her wehet; sie stöhren oft das gesellschaftliche Vergnü. gen, beleidigen anders, und machen, daß man sie nir. genbs wohl leiden mag. Mit einem launischen Mad- chen geht niemand gern um. Das- letztere erfuhr Hilarie., Alle ihre Freundinnen fielen am Ende von ihr ab. Kein Mädchen wollte mit diesem launischen Geschöpfe mehr umgehen. Dieß kränkt- sie lief. Zn ihren ältern Zähren wollte sie ihr launisches Wesen ablegen. Aber zu spät;-ö gelang ( 8Z) ihr nicht. Ihre Launen verdarben ihr alle Lebensfreu- den und Machten sie unglücklich. G l a tz. Aufopferung des Lebens für Andere. Im Oktober des Jahrs 17/4 wüthete der fürchterlichste Sturm auf der See, dessen sich die ältesten Menschen nicht zu erinnern wußten; und Jedermann war in banger Besorgnis, und bethete für die armen Leute, deren Leben in zerbrechlichen Schiffen der Wuth der Winde und der Wellen überlassen seyn könnte. Bald erblickte man ein Holländisches Schiff, dem es dieses SkurmS wegen nicht möglich war, in den Hafen einzulaufen. Drey lange Tage und Nächte war es ein Spiel der Wogen, bis eS in der Nacht vorn i sken auf den i zten einige Schritte vom Ufer auf den Strand lief. Der Sturm wüthete immer starker fort; die to. benden Wellen rissen ein Stück des Schiffes nach dem andern hinweg; Todesangst und Verzweiflung ergriff das arme Schiffsvolk und die darauf befindlichen Reisenden, da ihnen der Haulende Sturm und die brausenden Wogengebirge alle Hoffnung benahmen, sich zu retten. Unter den Zuschauern am Ufer waren viele, die ihr Leben für die leidenden Bruder gewagt hätten, wen» es nicht gar zu sichtbar gewesen wäre, daß dw Gewalt der empörten Elemente ihre Bemühungen vereiteln würde. Endlich kam der Lyoksmanführer Tode und sah es. Seit mehr als dreyßig.Zähren war fei» ordentliches Geschäft, den Schiffen, die mit WmS ( 86) und Wellen kämpften, beyzubringen und sie sicher irr den Haftn zu führen. Dabey hatte er manche Thräne des DankS von den Wangen der Geretteten fließen gesehen, und manche verirrte Seele war durch die Be-- freyung aus der Gefahr gerührt, und zur Tugend zurückgeführt worden, welches seine größte Freude war. Kaum fleht dieser die Noth der Menschen auf dem Schiff-', so eilt er nach Hause, die nöthigen Anstalten zu ihrer Hülfe zu treffen. Seine Frau fällt ihm um den Hals, bittet und flehet um Schonung seines Lebens, weck es unmöglich sey, die Trümmer des Schiffs zu erreichen. Die Kinder umfüsstn seine Kniee, halten ihn fest und schreyen:„Hörst du nicht, Vater, wie das-Meer braust, wie die Winde fürchterlich Hauken? bleibe bey uns. Wir haben ja sonst keinen Vater!"—„Was kümmert mich das Brausen des Meeres, sagt er, und das Häulen des Wndes? Zch höre nichts als Zawmexgeschrcy der Unglücklichen, das durch daS Toben der Elememe hindurch dringt. Laßt mich fls strecken schon ihre Hände nach mir auS. Und, Kinder! ihr habt noch einen Vater im Himmel, der be» fichlts mir, und wird helfen, daß ich wieder komme. Er hat mich schon so viermahl aus den grössten Gefahren gezogen. Und sierb' ich, so wird er euch gewiß nicht verlassen."—- Damit umarmt er die Frau und Kinder« und geht, von acht braven Loykscn begleitet, zum Strande. Sie springen in ein Boot, rudern mukhig den Wellen entgegen nach dem Schiffe zu, aber vergebens; Piermahl versuchen sie es aus allen Kräften, und eben so oft werden sie durch die Gewalt des Windes und der Wellen wieder aus Ufer zurückgeworfen. An Kräfte» erschöpft, und ssü Schweiß kehrt Tods nach —( 8?)— seinem Hause zurück, sich umzukleiden, als eben seine Frau das Mittagseffen bereitet hat. Voller Freude bittet sie ihn, sich nun nach seiner sauern Arbeit wieder zu erquicken.„Zeyr ist nicht Zeit zu essen, verseht er, ich habe noch keinen gerettet; erst Will ich wieder hin und helfen, dann—" Er kleidet sich um, ßcht in die Kammer, fällt auf seine Kniee, und bethet zu Gott um Muth und Kräfte, und wird erhört Nach vielen fruchtlosen Versuchen gelingt es ihm end, lrch, daß er aus Schiff kömmt und eilf Menschen glücklich aus Land bringt. Sogleich schickt er seiner Frau einen Boten und laßtsthr sagen: eilf Menschen habe ich gerettet; freue dich und danke Gott, unter, dessen ich die übrigen nachhole. Da knieten Frau und Kinder nieder, und sangen ein Danklied, während daß er seine letzten Kräfte anstrengt, wieder an das Schiff zu kommen. Er erreicht es endlich, und schon Warfen die Unglücklichen, voll Hoffnung, dem Boote, ein Lau zu, es näher an sich zu ziehen, als plötzlich eine ungeheure Welle das Book umstürzt, und den edlen Retter mit seinen acht Gehülfen in den Abgrund begräbt. Er selbst saß am Steuerruder und streckte eben die Hand nach dem Tau auS, es aufzufangen. Seine letzten Empstnduagen waren also wohl der wärmste Dank gegen Gott und die höchste Entzückung über den glückliche» Erfolg seiner edlen That; damit ging er in die Ewigkeit hinüber, das Wonnegefühl der hohen Würde eines Retters seiner Bruder nun ganz rein und unvermischt zu genießen. Seine Frau und Kinder lagen noch auf den Knieen, he.heken und sangen Dankgebeche, als die schreckliche Nachricht kam, daß ihr edler Mann und Baker verlohnn ftp. Ihren Schmerz mit Worten zu ( 88) schildern, vermag niemand. Aber Gvkt erbarmte sich ihrer, baß'sie bald einsahen, wie wohl eS um den Menschen stehen muffe, der in einem solchen Beruft stirbt. Dieser Gedanke hemmte den Lauf ihrer Thr-ft .Zen, und sie bestrebten sich täglich mehr, mit Eifer Gutes zu thun, daß sie der Tod auch einmahl darüber antreffen möchte. Viele, die es sahen und hörten, wurden besser, und Gott lenkte es so, daß auch die noch auf den Trümmern des Schiffs Zurückgebliebenen, die den Wann, auf welchen sie ihre letzte Hoffnung gesetzt hatten, vor ihren Augen umkommen sahen, noch gerettet wurden. Dieses überzeugte sie aufs innigste, büß, wenn auch alle menschliche Hülfe verschwindet, wenn der Blitz uns zu zerschmettern Und die Erde unter uns zu verschlingen droht, und die MeerrSwogen schon über unserm Haupte zusammenschlagen, Gott dennoch Mittel und Wege weiß, uns Zu erhalten, wenn es uns gut ist, länger unter den Lebendigen zu verweilen.— Tobe aber erntet gewiß dort den Lohn, der der Tugend verheißen ist, und freust sich noch itzt mit«Ren denen, die Opfer ihrer Menschenliebe wurden und mit Zesn, seinem Vorgänger, der auch über seine wohlthätigen Bemühungen starb, des Segens, den sie ausgesäet Häher;, der Ernte, die sie Gott jetzt genießen läßt. L s b en s a r t, Eines Tages kam Wilhelminr zu ihrem Vater, und fragte ihn, was man unter dem Ausdrucke Lebens- —( 89)— art verstehe? Meise Tochter, versetzte der Baker, wen» du auf die Art und Weise aufmerkst, auf welche sich die Menschen äußerlich benehmen, so wirst du finden, daß der eine sich so benimmt, daß man ihn lieb gewinnen muß, der andere? aber durch sein Benehmen andern anstößig wird. Du weißt, daß nicht alles schicklich ist,, was manche Menschen thu.». Wer sich in Gesellschaft so betragt, wie es schicklich ist, von dem sagt man, -daß er Lebensart hab-, wer sich aber unschicklich bsnimmt, dem schreibt man Mangel an Lebensart zu. Zch werde dir das am besten durch einige Beispiele erläutern. Zch habe in meiner Jugend viele Mädchen gekannt, die keine Lebensart hatten. So erinnere ich mich an eins gewisse ThuSnelda. Die war nie in größerer Angst, als wenn ihre Aeltern von Freunden besucht wurden. Sie sah ihnen fast nie ins Gesicht, floh ihre Gesellschaft, und wollte sich mit ihnen iu kein Gespräch einlassen. Das Mädchen hat gar keine L e» densart, sprachen gewöhnlich diejenigen, die sie kennen lernten. Ganz anders benahm sich Karolinchen, ihre Schwester. Sie empfing die Freunde mit Artigkeit und Freundlichkeit, freute sich, ihre Bekanntschaft zu machen, erkundigte sich, wie es ihnen ginge, ob sie ihr Haus wohl verlassen hätten, ob sie glücklich gereist wären u. d, M. Sie fragte die Freund-, ob sie sie im -Hause herumführen, sie in den Garten begleiten, oder ihnen andere Dienste erweisen sollte. So lange diese in dem Haus- der Lettern blieben, beeiftrte sich Karo. linchen, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, und ihnen ihren Aufenthalt indem älterlichen Hause so angmchm —(«-») zu machen als möglich. DaS ist ein artiges, allerliebstes Mädchen! sagte» alle Fremden; es hat Lebensart. Fränzchen glich Thusnelden. Wenn stein eine Gesellschaft kam, stürzte st- wild ins Zimmer, mur» weite ihren guten Tag oder guten Abend so undeutlich her, daß man nichts verstehen konnte, machte ein Knicks« chen, daß man kaum merkte, und sah dann die Gesellschaft selten an, sondern eilte zu den andern Mädchen, und bekümmerte sich um die Erwachsenen nicht weiter. Das Mädchen benimmt sich tölpisch, hieß es oft, es hat gar keine Lebensart. Hannchen machte es ganz anders. Bescheiden trat sie in das Zimmer, in welchem sich die Gesellschaft bc. fand. Vernehmlich wünschte sie. derselben einen guten Tag oder Abend; machte eine schöne Verbeugung, und erkundigte sich bep jeder Anwesenden um ihr Wohlbefinden. Hannchen iß ein liebes Mädchen, sagte Man, sie hat Lebensart. Christine benahm sich bey Tische oft unschicklich» Sie machte sich selten die Serviette um, und beschmutzte dabei- oft ihre Kleider. Kam etwas auf den Tisch, was sie gerne aß, so konnte sie es nicht erwarten, bis sie davon bekam, und bath wohl gar zuweilen ihre Mutter, sie möchte ihr von dieser Speise noch mehr vorlegen, weil die Portion, die- sie ihr gegeben habe, zu klein ftp. Sie aß oft ohus Anstand, und schmatzte wie ein gewisses Thierchen. Kam ein Gericht auf den Tisch, das ihr nicht behagte, so gab sie durch Gri, Massen ihren Widerwillen dagegen, zu erkenne,-!. Auch wurde sie oft bepm Essen sehr laut, und ließ nicht gerne ihre Geschwister zu Worte kommen. Selbst wenn Fremde mitspeistm, benahm sie sich nicht viel artig--. —( YI)— «r.ö daher hieß es auch von ihr, daß sie keine Lebens- art Habs. Sophie, Chnsimens Schwester, besaß iviel wehr Artigkeit. Sie aß mit Anstand, und nahm sich sorgfältig in Acht, ihre Kleider bey Tische nicht zu beschmutzen. Sie wartete bis man ihr etwas reichte, und war damit zufrieden. Nie unterbrach sie jemanden in seiner Rede, und sprach nur immer so siel, als nöthig und schicklich war. Speisten Fremde bey ihren Aeltern, so benahm sie sich sehr bescheiden gegen sie, und suchte ihnen durch Artigkeit gefällig zu werden. Sophie galt daher für ein Mädchen, das Lebensart besitze, und für sich einzunehmen wisse. Beyspiele dieser Art, fuhr der Vater fort, könnte, ich dir in Menge erzählen. Doch wozu? Wenn du, meine Tochter, auf daS äußerliche Benehmen der Menschen Acht gibst, so wirst du bald finden, daß dieser viel Lebensart besitze, jener wenig oder keine. Um eine gute, feine Lebensart ist es aber ein« zu schöne Sache, als daß ich sie dir nicht recht dringend empfehlen sollte. Sie macht beliebt., und verschönert und erheitert das Leben. Sie ziert besonders ein Mädchen. Diesem ist sie unentbehrlich. Noch eher verzeiht man dem männlichen Geschlechte einen Verstoß gegen die gute Lebensart; von dem weiblichen verlangt man sie mit' größerer Strenge. Meine Wilhelmins wird sich das nicht umsonst gesagt seyn lassen. Sich' immer a:-f das Betragen gebildeter Menschen, und ahme ihr feines und artiges Benehmen nach. Hast du Verstand und Herz wohl ausgebildet, so wird es dir nicht schwer, sondern sehr leicht fallen, äußerlich artig und einnehmend zu seyn, und dich durch eine feinere Lebensart auszuzeichnen. / —(§S)— Des Vaters Worte waren nicht vergebens ge. sprachen. G l a tz« Adolph, das Leckermäulchen. Der kleine Adolph war fast alle Monathe ein Paar Mahl krank- und doch aß er eben nicht zu viel, aber dafür aß er Dinge, die man gar nicht, oder nur selten genießen sollte. Wo das kleine Leckermaul süße Sachen, Zucker- werk. Eingemachtes, oder Gebackenes, Kuchen und Torte und Konfekt zu erhalten wußte, da war er be. gierig hinterher, und das wollte denn freylich der Ma- gen nicht ertragen. „Adolph, sagte ihm einmahl sein Vater sehr ernst- haft, wenn du nicht aufhörst, solches Leckerrvcrk zu ks» sm, so wiest du nie gesund werden. Wenn du lernen wirst, mit einem Gerichte Gemüse und etwas Fleisch, und mit Obst und Brod zufrieden zu seyn, dann wirst du erfahren, ob du dich nicht wirst besser befinden, Kaffee und Thee, die du so gerne trinkst, sind dir vollends nicht viel dienlicher als Gift.— Trinke reines und frisches Waffer, das wird dir bekommen!" Der Vater könnte wohl Recht haben, dachte Adolph, und gab sich Mühe, den Lehren des Vaters zu folgen— und frexlich war er seit dieser Zeit viel gesünder. Zusatz. Speisen sind gewöhnlich um so zuttag- ( 93)— .kicher, je einfacher und ungekünstelter dieselben zubereitet sind. Diese verführen uns auch nicht so leicht, zu viel zu essen, wie jene. Lohe. Wie nöthig das Lernen sey. Abukasem war der älteste Sohn eines sehr vor, nehmen und reichen Herrn zu Balsora, einer Stadt am persischen Meerbusen. Zn seiner frühesten Jugend wollte er gar nichts lernen; nichts gefiel ihm, als das Reiten und Zagen. Das Lesen und Schreiben hielt ex für Lberflüßig. Er sagte:„Warum soll ich etwas lernen, das meine Sklaven für mich thun können? War. um soll ich meine Zugend solchen Beschäftigungen auf. opfern, deren ich im Alter nicht bedarf, da ich ja reich genug bin?" Dieß waren seine gewöhn. lichen Reden, wenn er zum Lernen ermähnt würbe. Da er aber einen natürlichen Verstand besaß, ss ward es seinem vernünftigen Vater leicht, ihn endlich dahin zu bringen, etwas zu lernen. Sprachen und Wissenschaften lernte er nur mit großer Mühe, aber desto größere Fortschritt- machte er dagegen in allen Leibesübungen. Auch die Muflk gefiel ihm, und zur Unterhaltung in seinen Neb?nstun- den erlernte er die Gartenkunst.— Ein Zeitvertreib, der vollkommen seinen Neigungen zum thätigen. rast. losen Leben angemessen war, so sehr ex Anfangs auch nach Jagdhunden und Pferden seufzte.— Sein Herz -(94)— war überhaupt sehr weich und empfindsam; die Thränen eines Andern konnten ihn zu allem bewegen, und fein jugendliches Feuer hatte nie die Kränkung eincS seiner Nebenmcnschen zum Gegenstände. Mit einem solchen Herzen ward es ihm leicht, sich an die Freuden der künstlichen Natur zu gewöhnen, und eine Beschäftigung, die sonst sehr einfach ist, angenehm und unterhaltend zu finden. Unser junger Wildfang war schon Aufrieben, wenn er nur nicht sitzen durfte; und so ward er jetzt ein recht eifriger Gärtner, der es wirklich in seiner Kunst weit brachte. Unterdessen starb sein Vater, und die Desttzneh» Kung eines so großen Schatzes, als sein Vater hinterließ, erstickte auch plötzlich sein Vergnügen an der Gärtnercp. Er ward Liebhaber von glänzenden, rauschenden Vergnügungen; er sah gern Andere durch sich fröhlich und. munter gemacht, und da er dabey ziemlich viel Stolz besaß, so ermangelte er nicht, die ersten Tage nach vollendeter Trauer zu Festen und Lustbarkeiten anzuwenden. Er hätte vielleicht die Ergötzlichkeiten noch langer fortgesetzt, wenn er schwach genug gewesen wäre, an den Schmeichelexen der Schmarotzer Geschmack zu finden. Zn kurzem gefiel ihm auch der Lärm nicht mehr. Nach und nach weihete er sich allen Vergnügungen der Reichen; aber da diese dennoch seine Seele nicht ausfüllen konnten, die immer nach Höherem strebte, so verwünschte er, selbst mißmuthig über sein Glück, die Reichthümer, welche ihm nur Langeweile verschafften. Zu dieser Zeit brach ein blutiger Krieg zwischen dem König von Persten und dem Sultan der Türken aus. Nbukasem sah dieß als eine günstige Fügung —(YZ-)— des Himmels an, welche ihm nun eine Laufbahn zu großen Thaten eröffnete; denn sein weiches, gefühlvolles Herz hatte sich schon durch das wilde Vergnügen -er Jagd, und durch seinen rmporgewachscnen Stolz abgehärtet. Er zog nun in den Krieg, und führte zahlreiche Schaaren gegen den Feind. Anfänglich gefiel ihm diese rauhe Lebensart nicht recht; bald aber freue- te er sich, wenn er das Zeichen zur Schlacht ertönen hörte; denn er erntete in dem Kampfe so manche blutige Lorbeeren ein, daß er in kurzer Zeit einer der blut» gierigsten Krieger ward. Sein Glück war von kurzer Dauer. Einst erhielt er Befehl, mit seinen Schaaren ei. nen großen Strich Landes in dem Gebiethe des Feindes zu verwüsten. Erst kurz noch Hütte sein Herz bey dem Anblicke eines Noihleideuden geblutet, aber fetzt, da die Ruhmbegierde sein Herz entflammte, vergaß er alle Gefühle der Menschlichkeit, und eilte, den erhaltenen Befehl in aller seiner Strenge auszuführen. Sei- ne Schaaren überschwemmten das unglückliche Land, und was ihr Schwert nicht verzehrte, das fraß das Feuer. Die Verwüstung war allgemein. Schrecken, Entsetzen und Verzweiflung gingen ror diesen wüthen, den Unmenschen her. Bald aber wurden sie für ihre Thaten belohnt. Denn als sie in dem Land« umher zerstreut mordeten, plünderten, und alles in Brand steckten, fiel plötzlich eine weit größere Menge aufgebrachter Feinde über sie her, und hieb die unvorsichtigen Plünderer nieder. Mit Mühe nur entfloh Abuka» ftm. Zn das Lager konnte er nicht zurück; denn die Feinde hatten ihm den Weg abgeschnitten; er mußte sich also auf die andere Seite wenden, um einen Weg zur Flucht zu finden. Wie würde es ihm ergangen ftpn, wenn sich nicht ein mitleidiger Argber über ihn -( 96)- erbarmt, und ihm Kleider geliehen hakte, damit ek unerkannt nach Sues kommen konnte?— Glücklich kam er Hn dieser Stadt an, und noch glücklicher war er, daß er hier einen Bekannten antraf, der ihn mit Geld unterstützte, damit er nach Hause zurückkehren konnte. Zu Lande konnte dieß nicht geschehen, weil die Gefahren, durch die siegreichen Feinde erhäscht zu werden, täglich sich verdoppelten; er mußte also den Weg über das rothe Meer nehmen, und begab sich deswegen auf das erste abgehende Schiff. Die Fahrt über das rothe Meer, oder den arabischen Meerbusen, war dießmal sehr glücklich, so gefahrvoll sie sonst auch ist. Kaum aber hatten sie die Meerenge Babal Man» dab zurückgelegt, so überfiel sie ein wüthender Sturm, der sie weit hinaus in den Ocean verschlug, wo sie nach drey Tagen an einer felsigten Znsel Schiffbruch litten. Gott, welch ein Klaggeschrey erhob sich auf dem ganzen Schiffe!— Wie ängstlich jammerte der trotzige Abukasem! er ha ulke laut in den Sturm, aber sein Herz war noch hart, und bedurfte noch mehrere Erfahrungen, um so wieder zu werden, wie es ehemals gewesen war. Bon der ganzen Mannschaft des Schiffes kam nur Abukasem und sein Sclave Zsao mit dem Leben davon. Alle wurden von den Wellen ver» schlangen, oder von den Trümmern des eingestürzten Schiffes zerschmettert. Die beyden Uebriggeblicbenen wurden von den Wogen auf einen Felsen geschleudert, der sein kahles Haupt nur wenig über das Wasser erhob. Krank, geängstigt, am ganzen Leibe verwundet, lagen jetzt hie beyden Unglücklichen auf dem dürren Boden des Felsens hingestreckt, und mußten in jeder Welle, die sich an dem schroffen Felsen brach, ihren Tod herannahen sehen. —( 97) Abuk-ssem wollte jetzt wider die Hand der Dorfe» hung murren, die ihn hier dem Spiel der Wellen Preis gegeben hatte, aber Zsao, sein treuer Sklave, mun» recke ihn auf, tröstete ihn, und wagte es, ihm nach und nach ehrerbietigere Gedanken von dem Allmächtigen einzuflößen. Allmählich ward AbukasemS Herz erweicht; doch beleidigte es noch immer seinen Stolz, Laß sein Sklave mehr Zutrauen in die Vorsehung be. fitze, als?r. Ueber sechs Stunden lagen sie trostlos auf dem nackten Felsen, und das Meet hatte unterdes manches Brek, manche Kiste, manche Trümmer und Ueberbleib- sei von dem verunglückten Schiffe auf die zackigten Spitzen dieses Felsens hingetriebcn. Endlich war daS Meer ruhiger, und Jsao benutzte diese Stille, um sich von der Erde aufzuraffen, und zu sehen, ob er gar nichts erblicken könne, das ihre Lage zu mildern vermögend wäre. Mit innigstem Entzücken bemerkte er einige Kisten, welche zwischen den Felsenspitzen wie angenage.t standen. Erlief darauf zu, und es gelang ihm, die kleinste derselben sogleich loszumachen. Wie ärgerte er sich aber, als er nur kostbare Stosse darin fand! Begierig eilte er nun zu einer der großen Kisten die halb zersplittert an dem Felsen hingeworfen war; er brach sie ohne Mühe vollends auf, und fand zu seinem Vergnügen allerley Essengerüche darin; aber Ließ alles war doch noch keine Befriedigung für feinen und seines Herrn Hunger. Endlich fand er nach vielem vergeblichen Suchen ein Fäßchen mit Zwieback, und eilt Sönuchcn mit Reiß. Der Zwieback war aber so hart, daß sie ihn beynahe nicht genießen konnten, und Abukasem schleuderte voll Unwillen ein Stück von demselben ins Meer, weil seine Zähne nicht gewohnt H. Band. G —( 98-)— waren, ein so hartes Brod zu benszen. Auch der Reiß lag todt für sie da, denn angekocht konnten sie ihn doch nicht essen. Jetzt sucht- Zsao weiter nach, und fand glücklicherweifL ein Feuerzeug und einen kleinen kupfernen Kessel. Run war aber guter Rath wieder Heuer; Brod, Reiß, Feuerzeug und Geschirr hatten sie wohl, aber woher das Unentbehrlichste nehmen?—. Ich meine das Wasser. Schon wollte Mukasem wieder anfangen zu murren, als ein häufiger Regen dieser Noch abhalf, und sie mit süßem Wasser versah, welches sie in die leeren Tönnchen laufen ließen. Jetzt fing Zsao feine Kochsrey an. Die Trümmer des gescheiterten Schisses versahen ihn hinlänglich mit Holz. er machte ein Feuer damit an, steckte zwey dicke hölzerne Stangen zwischen zwey auf. gehäufte Meine hinein, die er um das Feuer herum zufaminenscharrte, legte ein eisernes Stäbchen quer- darüber hin, und hing nun einen Kessel daran. Dann füllte er seinen Kessel mit Wasser, warf Zwreback und Weiß hinein, nebst einigen gedörrten Fischen, die er in dem Winkel einer Kiste gefunden hatte, und die ziemlich übel rochen. Abukasem wärmte sich unterdcß bey dem Feuer, und kritzelte mit einem Stäbchen auf den Felsen; er fühlte sich gedemükhigek, und diese Demüthigung schmerzte seine Eigenliebe noch ziemlich. Zsao vollendete sein- Kochern-, und richtete ein Mahl a», das gewiß nicht kerkerhaft war, aber doch Abu- kasems Appetit reihte. Nachdem nun der Magen befriedigt war, so dachten sie auch an bessere Bedeckung, denn ihre Kleider waren ganz durchnäßt. Jsao suchte jetzt wieder alles durch, was die Kisten von Kleidungsstücken enthielten; er fand nichts als zwey lange persische Röcke von Seidenstoffmit silbernen Blumen, und —( 99) dann noch eins Menge kostbarer Seidenzeug?, die aber nicht verarbeitet waren. Sie hingen nun ihre durch« näßten Kleider um das Feuer herum, zogen die ge- fundenen Röcke an, wickelten sich vollends in die kost» baren Stoffe, deren sie sich auch statt der Betten bedienten, und schliefen ziemlich ruhig ein. Unterdessen ward das Feuer auf der nahe gelegenen Znsel bemerkt, und der König derselben schickte sogleich ein großes Boot ab, um zu sehen, ob etwa Unglückliche an dem Felsen Schiffbruch gelitten hätten. Das Boot. welches all- die Klippen, Sandbänke und Felsen, welche den Zugang zu dieser Insel verschlossen, kannte, kam glücklich bey dem Felsen an, wo unsere bepdcn Schiffbrüchigen bereits eingeschlummert waren. Der kostbaren Kleider wegen, in welche sie gehüllt waren, wurden nun unsere Fremdlinge beyde für sehr vornehme Leute angesehen, und ob man schon auf jener sonderbaren Znsel weder den Luxus, noch den Unterschied der Stände kannte, so erweckte doch die ungewöhnliche kostbare Kleidung der Fremdlinge die Ehr-, furch! der abgeschickten Insulaner. Sie wollten da, her die Ruhe der Schlafenden nicht stören, und setz, ten sich mit ihren Tobackspfeifen im Munde um daS Feuer herum. Natürlicher Weist warm nun die schlafenden Fremdlinge der einzige Gegenstand ihres Gespräches. Einer behauptete, es müßten zwey Prinzen seyn; der Andere sagte: Nein, es ist ein Sultan und sein Bezier; der Dritte widersprach diestm und sagte: Es könne niemand anders als der Kaiser von Constan» tinopel, nebst seinem Sohne selbst seyn. Das Gespräch ward darüber so laut, daß die Fremdlinge plötzlich aufwachten. Wre erschraken sie beyde, als sie die vielen Leute um ihr Feuer herum erblickten!— G s Sie ermunterte» sich oder bald, als sie eine sprach?- reden hörten, welche mit der arabischen nahe verwandt war. AbukafiM horte gerade jetzt einen von den Un- bekannten sagen: Zch wette, es ist der Sultan von Wem! Za- das bin ich auch, rief Abukatem halb schlaftrunken, und achtete der weisen Ermahnungen seines treuen Sklaven nicht; denn fein Mrgsitz war nun einmahl in Flammen gesetzt. Die Insulaner erwiesen unsern Fremdlingen sehr viele Ehre, brachten sie in ihr Book, rmd führten sie auf ihre Insel. Da Bbukasem jetzt ganz munter geworden war, so bereucte er es, sich für den Sultan von Adem ausgegeben zu haben. und erklärte nun denen, die ihn fragten, daß er ein vornehmer Kriessbedientcr des Königs von Persien sey. Zias gab sich für nichts anders als für den Sklaven seines Herrn aus. Wie bald sank aber Abukascms Ehrgeitz. und alle seine Träume in ein Nichts dahin, als man beyde vor den Sultan brachte, und dieser sie anredete:„Fremdlinge, wer ihr auch seyd, von die- ser Insel werdet ihr wohl nicht wieder wegkommen; denn sie ist mit solchen gefährlichen zahlreichen Klippen umgeben, daß kein großes Schiff sich ihr nahen kann, und die kleinen Schiffe, die wir haben, sind nicht groß genug, um«ine Reise nach dem festen Lande damit unternehmen zu können. Ihr werdet also wohl hier bleiben müssen. Aber da muß ich euch vorher sagen, man kennt hier keinen andern Unterschied der Stände. als denjenigen, welchen Einsichten, GeschkSlichkeit! und Kenntnisse festsetzen; auch kennen wir keine Sklaven; jeder wird frey gebohrcn, und jeder ist dem an. der» an Geburt, so wie an Gütern gleich; nur allein nützliche Kenntnisse können hierin einen Unterschied ma- < 101) chen, und wer gar keine besitzt, muß als TaglZKner oder Bauer arbeiten, und wen» er mein eigener Sohn wäre. Nun sage, Abukasrm, was besitzest du für Ge» schicklichkrilenbl'— A bukasem. Gnädigster Herr, ich bin. ein ge. schickter Krieger, ich weiss ein Heer. in Schlachtordnung zu stellen, und versieh' die Kunst, mit Vortheil Krieg zu führen, Sultan. Unnütze Künste! Wir brauchen keine Krieger und kein Herr; denn die Klippen unsrer Inseln schützen uns vor allen feindlichen AnMk«. Wenn du nichts Beffers weisst, so wüst nu wohl Knechis- dirnsie verrichten müssen, um kein unnützer Bürger Meines Königreichs zu seyn. Abukasem. Verschone mich, gnädigster Herr! ich besitze auch die Kunst, das Wild zu sagen, und die Spur der wilden Thiere zu verfolgen; und. zu dem ist ja Isao mein Sklave, und kann arbeiten, daß er . m;ch ernähre. Sultan. Ich habe dir ja schon gesagt, Abu. küsem, daß der Sklavensiand bey uns abgeschafft ist^ und daß der erste Eintritt in unser Reich jedem seine ursprünglichen Rechte wieder gibt. Du hast also keinen Sklaven mehr. Was nun die Jagd betrifft, so muss ich drr sagen, dass wir gar keine Künste dazu brauchen, um die Thiere zu erlegen, deren Fleisch wir effen wollen, oder um diejenigen zu vertilgen, die : yS schädlich sind. Auch kann ich dich nur schonen, wenn du fleißig bist, und dich wohl aufführst. Besäßest du irgend eine nützliche Kenntniß, so könnte rch Wehr für dich thun, um dir eilj giückltthectzs stehen zu verschaffen, c 102) Abukasem. Jetzt besinne ich mich, daß ich in meiner Jugend die Gärtnerey erlernt habe, und die Kunst verstehe, alle Arten von Pflanzen und Kräutern zu ziehen und zu warten. Sultan. Nun, wenn das ist, so sollst du dich über dein Schicksal nicht beklagen dürfen. Wir lieben die Gartenkunst sehr, und eS fehlt uns noch an geschickten Gärtnern. Machst du deine erste Probe gut, so sollst du Aufseher über alle meine Gärten werde», und gewiß nicht Ursache haben, dein Schicksal anzuklagen.— Sage nun du, Jsao, was du für Künste INld Kenntnisse besitzest? I sa o. Gnädigster König, ich verstehe die Kunst, in Holz zu arbeiten, Häuser und Schiffe zu bauen^ und kann auch das Eisen schmieden, und Stahl daraus machen. Aber erlaube, daß ich Abukasems Sklave bleibe, und für ihn arbeite, denn er ist der Arbeit nicht gewohnt. Sultan. Das kann nicht seyn, deine Geschick- kichkeiken erheben dich in einen Stand, der weit über Abukasems ist. Du wirst ei» nützlicher Bürger unsrer Insel werden, und weil du so großmüthig an deinem ehemahligen Herrn handeln wolltest, so sott auch dieser mehr Achtung genießen, und wenn er seine Probe ge» hörig ablegt, gewiß glücklicher werde», als er es vermuthete. Gehet nun hin, legt Beyde Proben von euer» Geschicklichkeitcn ab, und ihr sollt Beyde nach Verdiensten belohnt werden.— Traurig ging nun Abukasem an eine Arbeit, die ihn sehr demüthigte. Doch ermunterte ihn Jsao's gutmüthiges Betragen, und die freundliche Behandlung der Insulaner wieder. Beyde legten nun ihre Proben zur Zufriedenheit des Sultans ab. Abukasem wurde Aufseher der königlichen Gärten, und Zsao erster Baumeister des ganzen Königreichs, denn er hatte alle andere an Gcschicklichkeit übertreffen. So lebten sie drey Zshre lang. Abukaftm fWls, sich endlich wieder glücklich; die Ruhe war m sein Herz zurückgekehrt; Zjas hatte nie die Ehrfurcht gegen seinen ehemahligen Herrn abgelegt, sondern Heilte fein GlüS mit ihm, und Abukaftm, der sein Ohr der Sprache der Vernunft wieder darreichte, fühlte sich ganz um» geschaffen. Einst als Zsao an dem Ufer des MeereS derr- GchiffszimMerleuten Anweisung gab, rvle sie ein größeres Schiff, als ihre gewöhnlichen waren, erbauen- sollkcn— erblickte er ein großes Schiff, welches sich hinter den Klippen vor Anker gelegt hatte. Er meldete es sogleich dem Könige, und dieser gab alsvbaid Befehl, ein Book an dasselbe abzuschicken, um zu vernehmen, womit rrum ihm dienen könne. Es geschah» und.-as Bost kam bald wieder mit der Nachricht zurück, daß es ein persisches Schiff, ftp. welches großen Mangel an Lebensmitteln litte. Der Sultan ließ ihnen sogleich unentgeltlich das Benötigte zuführen, und sie dabey wegen Abukaftm befragen. Sie dankten fm das Geschenk, und antworteten:„Abu- kaftm sey ihnen wohl bekannt; er sey schon vor Mehreren Jahren verlohren gegangen; der Kadi habe un- terdessen seine zurückgelassenen ungeheuern Reichthümer in Verwahrung genommen, und wenn er in Zeit von einem Jahre nicht zurückkäme, so Würbe er dieselben ftinrn Verwandten auSlieftrn."— Isao ging nun zi?N Könige, und bath eh:- inständig, seinen ehemahligen Herrn in sein Vaterland zurückkehren zu lassen; der Sultan vcrMigke es ohne Anstand, aber den Jsas, (-'i) welcher auch den Wunsch äußerte, mit seinem ehemahligen Herrn zurück zu kehren, bath er so dringend, bey ihm zu bleiben, daß es Zsao nicht verweigern konnte, zumahl da er jetzt vom Sulran in die Zahl der ersten Rathe des Reichs versetzt ward. Abukasem eilte nun mir Freuden das Schiff zu besteigen, doch konnte er das Land, wo er wieder Mensch geworden war, nicht ohn? innige Rührung und Dankbarkeit verlassen. Der Sultan gab ihm ansetzn» liehe Geschenke. Zins ermangelte nicht, ihm auch ein kostbares Andenken mitzugeben; ex begleitete ihn bis an das Schiff, umarmte ihm mit dem warmen Gefühle der Freundschaft, und mit Thränen in den Augen stieg Abukasem an Bord, Sogleich wurden die Anker gs» lichtet, das Schiff segelte unter den Segenswünschen des Zsas und seiner Insulaner weiter fort, und Abu, kastm kam glücklich IN seiner Vaterstadt an. Sein Vermögen wurde ihm ohne Verzug ausgeliefert, und er verlebte den Rest seiner Tage in Ruhe und Zufrie« denheik. Das Unglück war sein Lehrmeister gewesen. „Wie kann der Jüngling die Wege voryersehen, auf welP-m er nach dem Rathe der Vorsehung dereinst wandeln soll? Er lerne was, so wird ihm kein Pfad zu steil, und keine Bahn zu rauh seyn," L e r n b s g i s r d s. Till war der Sohn eines Bauers auf einem Dorfe bey Meisten, und hakte von Jugend auf großes Verlangen, von allm Dingen die Ursachen zu wissen. —( i0Z)— §r ging in die Schule, und der Schullehrer des Orts war ein guter, fleißiger Wann, der alle Tage fünf bis sechs Stunden Unterricht gab. Hier lernte Till nun wohl lesen und schreiben und ein wenig rechnen; aber er wollte auch gerne wissen; warum die Lage im Sommer länger sind als im Winter? warum der Mond bald ab und bald zunimmt? waS es eigentlich mit den Gewittern für eine Bewandmiß hat? und viel- solche Dinge mehr. Weil er nun in der Schule wenig oder nichts davon hörte, so ging er zum Pfarrer oder Prediger und bath diesen um Erklärung. Findet ihr daS lob. üchx— Dem Prediger gefiel das, und weil er glaubte, daß die Erklärungen, die er dem Till gab, auch mehreren jungen Leuten nützlich seyn würden, so er», both er sich, den Knaben und Mädchen, die alle Wochen ein Paar Stunden zu ihm kommen wollten, Unterricht von der Natur zu geben, d. i. vorn Weitgc--, bände, von den Planeten, von der Oberfläche der Erde, von den sogenannten Elementen, und von Al« lem» was in und auf der Erde wächst, auch zu zei« gen, wozu es dem Menschen hilft, wenn er von die» sen Dingen Etwas weiß. Wie gefällt euch dieses Aner b i e th e n des Predigers? Würdet ihr es angenommen hüben, wenn ihr in demselben Dorfe gewohnt hättet? Einige Eitern dankten dem Prediger für-irse und schickten ihre Kinder zu ihm; aber Viele wollten nichts davon Kören. Einer sagte:„Wer sollte denn die Schweine hüten, wenn ich die Zungen zum Pfarrer schicke?" Ein Anderer:„Das Mädchen hat nicht Zeit, sie muß die kleinen Kinder warten." Die Meisten aber Mt'inLen:„Unser Einer braucht das Zeug«sich —(io6)— zu wissen. Wenn unsere Jungen Pferde füttern und Mist laden können, so können sie genug; ob sie von den Sternen und Elementen schwatzen oder nicht, da» mit werden sie in ihrem Leben keinen Kreuzer verdie. nen" Seyd ihr auch der Meinung wie diese Bauern? Till war einer der aufmerksamsten und fleißigsten. Er hatte auch noch einen ältern Bruder, Veit, welcher von Himmel und Erde gar nichts weiter wußte, als daß jener hoch ist, und daß diese Kartoffeln und Pilze trägt. Was ihm aber sein jüngerer Bruder davon erzählte, das machte ihm Lust, sich auch einige Kenntniß davon anzuschaffen. Er trug also seinen Eltern vor, daß er auch zum Prediger gehen würde. Der Vater war wohl damit zufrieden; aber die Mutter antwortete:„Pfui, schäme dich! Die Leute werden dich auslachen, wenn du, als ein großer Mensch, mit den kleinen Jungen in die Schule gehst." Hatten die LeuteUrsache, ihnda rü berauszulache»? Veit antwortete:„Mögen sie lachen! Sie werden ja wohl wieder aufhören." Kurz, er kehrte sich daran nicht, und weil ihm zu Gefallen der Prediger- eine Lehrstunde au, den Sonntag verlegte, da Bei! am ersten von der Arbeit abkommen konnte, so ging er fleißig zu ihm. That er recht daran? Ob er doch der Einzige unter den Erwachsenen in. seinem L fe gewesen seyn mag, welcher begierig war, das, H was er noch nicht wußte, zu lernen? T h i e m e» Julie liebte ihre Mutter wirklich;! sie war aber so sehr leichtsinnig» daß sie der guten Mutter täglich Verdruß machte. Wenn sie des Morgens aus den mütterlichen Händen das Frühstück bekommen und es genossen hatte, so lief sie fort, ohne daß es-ihr eingefallen wäre, ihrer Wohlthäterinn zu danken, oder sich zu erkundigen, ob sie ihr nicht wieder gefällig seyn könnte. Hatte sie sich des Morgens weiß angezogen, so war sie oft des Mittags schon so beschmutzt, daß sie sich umkleiden mußte, wenn sie bey Tische erscheinen wollte- Trug ihr die Mutter ein Geschäft auf, so vergaß sie es entweder, oder richtete es ganz verkehrt aus. Hier, Julie, sagte einmal die Mutter zu ihr, diesen Trief gib der Magd und sage ihr, daß sie ihn sogleich auf die Post trage. Jetzt ist es drey Vierte! auf Zehn— zehn Uhr geht die Post ab— sage ihr, daß sie sich ja nicht aufhalte. Gut! liebe Mittler, antwortete Julie, und ging fort, die Treppe hinunter. Da stieß sie aber auf einen Mann mit einer Zikther, und eine Frau mit einem Hackebret; die spielten und sangen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht. Da vergaß Julis die Post, den Lrief und alles, hörte mit großer Aufmerksamkeit das Liebchen durchsingen, fragte dann hie Frau, wo sie her sey? ob sie Kinder habe? u. d. gl. Darüber verstrich eine Viertelstunde. Die Frau bath sie nun, daß sie ihr etwas für ihre Kinder geben sollte, und sie lief nun zur Mutter, um etwas für sie zu hohlen. Aber wie runzelte sich die Stirn der Mutter, als sie Julien sah. Mädchen! sagte sie, du hast ja den Brief noch in der Hand! Sie riß ihst sogleich weg, lief selbst zur Magd und sagte ihr, sie sollte so geschwind als möglich nach der Post laufen. Die Magd lief so geschwind als sie konnte; aber nach etlichen Minuten kam sie zurück, brachte den Brief wieder, und sagte, die Post sey schon wieder abgegangen. Die Mutter wurde blaß, als sie es hörre, und sank Kalb ohnmächtig in den Lchnstuhl; denn der Brief War sehr wichtig, und weil er nicht abgegangen war, so stand der guten Mutter deßwegen ein großer Verdruß bevor. Die folgende Nacht wurse Julie zum Bette der Mutter gerufen. Leb' wohl, sagte sie zur leichtsinnigen Tochtn-, reichte ihr die kalte Hand, röchelte und starb. Julie war trostlos. Man zog hierauf der Verstorbenen ein Weißes Kleid mit schwarzen Schleifen an, und legte sie in einen Sarg; weiße Wachskerzen brannten neben dem Serge, und eine Menge schwarz gekleideter Männer mit langen Floren standen da, und weinten. Niemand weinte aber mehr als Julie. Gute Mutter, sagte sie, ach wie gut warst Du! wie lieb hattest du mich.' hast mich ernährt! hast mich gekleidet! hast mich verpflegt, da ich die Masern hatte.'hast mich lesen gelehrt! hast mr so viele gute Lehren gegeben! und ich— ich— habe dir nichts als Verdruß gemacht! ach, wenn ich dich doch einmal wieder hätte, wie h rzl:ch wollte ich dir danken! wie wollte ich dir nach den Augen sehen, und alles thu», was du nur wünschtest! .Jetzt legte man den Deckel auf den Sarg, bedeck» Wike ihn mit einem schwarzen Tuche, und die Träger hoben ihn auf, um ihn nach dem Kirchhofe zu bringen. Da verlor Julie alle Fassung. Matter.' Mut, tip! rief sie, lo stark, a!S sie konnte. Was fehlt dir denn Julie? fragte die Mutter. Mutter! rief Julie Wieder. Was willst du denn von deiner Mutter? fragte diese wieder. Da öffnete Julie die Äugen, denn sie hakte gs? schlafen, und alles, was sie zu sehen glaubte, war nur ein Traum. Die Mutter, die neben ihr geschlafen hakte» stand vor ihr. Bist du es Mutter? fragte sie. Kennst du Mich nicht? antwortete diese. Da fiel ihr I ulie um den Hals, schluchzte und sagte: Mir träumte, du wärest gestorben. Die Mutter suchte sie zu beruhigen, und Julie schlief wieder ein. A!S sie des Morgen erwachte, war sie eine ganz andere Julie. Meine gute Mutter lebt noch, dachte sie, nun will ich ihr auch recht danken für alles Gute, was sie mir gethan hat. Ich will an nichts mehr denken, als wie ich ihr Freude w chen kann. Sonst ließ sich Zulchen immer ein Paar Mahl locken, ehe sie aufstand; jetzo stand sie ungeweckt auf, lief nach der Mutter Zimmer, fiel ihr um den Hals, küßte sie, und fragte dann: Kann ich etwas für dich thun? O ja! antwortete die Mutter. Ich habe ein noth. wendiges Geschäft zu verrichten, bleibe unterdcß bey deinem kleinen Bruder, und suche ihn zu unterhalten. Der kleine Bruder wurde nun aufdie Erde gesetzt, schrie aber jämmerlich, da die Mutter zur Thür hinaus ging. Julie wußte nicht, was sie anfangen wollte. Stille, sagte sie, Brüderchen! Es half nichts. Sir sang ein Liebchen^ er schrie fort. Schon wollte sie zur Mutter laufen und sie Herbeyrufen— aber sie kehrte wieder um. Was hast du den», dachte sie, deiner (!lO)-« Mutter geholfen, ivrnn du deinen Bruder nicht haft zum Schweigen gebracht? Nun sahe sischlch allenthalben in der Stube um, ob sie nicht etwas finden könnte, um den Bruder zu beruhigen. Da fiel ihr der Hund, Adonis, in die Au. gen, der unter dem Ofen lag. Komm her, Adonis, sagte sie. Adonis stand langsam auf, dehnte sich, und kam zu Julien. Tanz einmal, sagte Julie, trällerte ein Liebchen, und Adonis richtete sich in die Höhe und tanzte. Der Bruder machte große Augen, hörte auf zu weinen, lächelte, streckte die kleinen Arme nach Adonis aus.— Jtzo trat die Mutter herein. Schön! sagte sie, Julie! jetzt hast du mir eine große Gefälligkeit erwiesen. Wirklich? antwortete Julie; ach, wenn ich dir doch immer gefällig seyn könnte! Du kannst es, wenn du nur ernstlich willst, sagte die Mutter. Von nun an dachte Julie an nichts mehr, als wie sie sich dankbar gegen die Mutter bezeigen wollte. Nie erhielt sie von ihr ein Kleidungsstück, nie genoß sie eine Mahlzeit, ohne der Mutter dafür mit einem herzlichen Kusse zu danken. Immer fragte sie, ob die Mutter etwas für sie zu thun habe, und jeden Auftrag, den sie ihr gab, richtete sie mit Freuden aus. Zetzo dachte sie immer, habe ich dich noch, liebe Mut» ter! jetzt will ich dir danken. Wenn du— ach, we mr du erst begraben bist— dann kann ich nur weinen, danken kann ich dir nicht mehr. S alz m an n. —( irr) Der arme Kanarienvogel. Wer kaust Kanarienvogel? Kanarienvogel! Haust! kaust Kanarierwögel I So rief ein Mann unter Christianchens Fenster» Da hüpfte Christianchen geschwinde an das Fenster, und fiehe l da war ein Mann, der hatte einen großen Vogelbauer auf dem Rücken. Darin war alles voll Kanarienvögelchen. Wohl hundert waren darin. Die hüpften, die zwitscherten, daß Christianchen vor Begierde gerne zum Fenster hinausgesprungev wäre, wenn es nur nicht zu hoch von der Erde gewesen wäre. Will sie ein Vögelchen kaufen, Mamsell? fragte der Mann. Vielleicht, vielleicht, antwortete sie, ich will es nur erst dem Vater sagen. Wartet nur ein klein wenig! daß ihr mir aber nur dicht davon geht! Der Mann versprach zu warten, und Christian, chen sprang nach des Vaters Stube zu. Ganz außer Athem kam sie an und sagte: geschwind komm herab, liebes. Väterchen.' geschwind! V. Und was gibt es denn? §. Ein Mann ist da. Er hat Kanarienvogel. Zehn und noch zehn; einen großen Bauer voll hat er. V. Und warum hast du denn so große Freude darüber? C. Zch will— ich will mir einen kaufen, lie- bes Väterchen, wenn du es erlaubest. V. Hast du auch Geld? C. O ja, die ganze Sparbüchse voll. B. Aber wer soll das arme Thierchen füttern? —( t'2)— E. Zch, ichs lieber Vater. Das gute Vögelchen, das soll es recht gut bey wie haben. N- Ich besorge—- C. Und was dennk D. Daß du das arme Tl-'erchen verhunqsrn läßt. C. Ich? verhungern lassen? Nein wirklich nicht. Ich will mein Frühstück nicht eher essen, bis wein VZ- gelchen gefüttert ist. V. Ehristianchen! Christianchen! Du bist ein leicht» sinniges Mädchen. Wenn du nur nicht den armen Woge! vergissest.' Aber Chrkstianchen versprach so vielmahl, daß sie den Vogel warten wollte, und gab so gute Worte, daß endlich der Vater mit ihr nach dem Manne zu- ging. Der Vater suchte ihr ein Hähnchen aus, das schönste im ganzen Bauer. Am ganzen Leibe war er gelb. wie Wachs, und auf dem Köpfchen hatte er ein grüne- Büfchchen. Wer war froher, als Ehristianchen! Vie brau te ihrem Vater die Sparbüchse, und ließ das Vögelchen daraus bezahlen. Zhr Vater gab ihr alsdann einen Bauer und Näpfchen, darein sie das Futter und das Trinken thun sollte. Das war eine herrliche Lust. Sie lief durch das ganze Haus, zur Mutter, Geschwister und Magd, und verkündigte es, was ihr der Vater für ein schönes Dö- gclchen gekauft hätte, und wenn ihr eine von ihren kleinen Freundinnen begegnete, so war das erste Lprt, das sie sagte: Weißt du auch, dsß ich ein Kanarien» vögelchen habe? ein recht schönes, ein gelbes, mir einem grünen Büschen. Ein Hähnchen. Komm geschwinde! ich will eS dir zeigen. Hännschen, so hieß nun das liebe Vögelchen, hatte es recht gut bey Christianchen. Nicht eher genoß sie etwas, bis Hämischen sein Futter und sein Trinken hatte. Bekam sie von dem Vater Zucker oder Kaffeebrod, so mußte Hännschen allemahl sein Stückchen davon haben. Auch brachte sie ihm täglich etwas Salat, oder ein gewisses Gras, das man in der Stadt Mäusedärme nannte. Da lernte Hännschen seine liebe Wohlthäterinn bald kennen, und sooft sie in die Ekube trat, rief er allemahl: pink! pink! als wenn er hätte sagen wollen: bringst du mir ekwaS? Da hätte Christianchen den Vogel vor Liebe küssen mögen. Nach acht Tagen fing er auch an zu singen. Vortrefflich sang er. Ganz hoch fing er an, dann ließ er die Stimme fallen, und wenn es schien, als wenn er aufhören wollte, so fing er wieder mit neuen Kräften an, so stark und schmetternd zu schlagen, daß man ihn durch das ganze Haus hören konnte. Da saß nun Christianchen manche liebe Stunde, und hörte Hännschen zu. Sie vergaß oft das Stricken und sah nach Hännschen, und wenn er eö recht schön machte, so höhlte sie ihm allemahl etwaS Grünes. Nach und nach wurde Christianchen ober doch an dieses Vergnügen gewöhnt. Ihr Vater brachte ihr einmahl ein Bilderbüchelchen mit; darüber hatte sie eine solche Freude, daß sie nicht mehr viel auf Hännschen achtete. Pink l pink!— rief Hännschen, so oft Chri- stianchen in das Zimmer trat. Sie aber bemerkte es nicht. Acht Tage waren schon vorbeigegangen, und Hännschen hatte weder etwas Grünes, noch sonst elu Leckerbißchen bekommen. Er gurgelte aus seinem Kchl- H. Land. H —( n4)— ä-kn alles, was er nur konnte und wußte, rief alsdann pjnk! pivk! aber umsonst. Chnstsanchen hatte itzt andere Dinge iM Köpft. Kurz darauf schenkte ihr ihre Pacht etwas Sp--l- zeug. und nun vergaß sie Häuschen noch mehr. Sobald sie des Morgens ausstand, fiel sie über ihr Sp»l- zcug her. Dann verzehrte sie ihr Frühstück, und Las gute Vögrlchm wußte froh seyn- wenn eS gegen Abend ftin Futter bekam. Bisweilen hatte das arme Thierchen sogar Fasttag. Einmahl, da Chrisimnchens Vater bep Tische W. sohe er nach dem Vogel, da hüpft--r kraftlos auf dem Boden herum. Er war rauch und rund w-e em Knaul. Sr p-pstlte nicht mehr. und hüpfte nicht mehr auf das Stängelchm. Denn dazu hatte er m- Kräfte genug. Der Vater erschrak- Christiane! fragte er, was fehl!-einem Vogel? Diese wurde blutroth. Ich habe--- ich habe, sagte sie, vergessen— und lief zitternd nach der Futtcrbüchft.^ Aber der Vater nahm den Bauer herunter, uns stM- eine Untersuchung an; da hatte das gute Hämischen nicht ein Körnchen mehr, und sein.nmr.»-pp-ftn war ganz ausgetrocknet., Ach! sagte der Vater, armer Vogez! Du l-tst in unbarmherzige Hand- gerathen. Hätte ich dieß gewußt. nimmermehr hätte ich dich kaufen wollen. Und die'ganz- Tischgesellschaft schlug wehmüthig d-e Hände zusammen. und sagte- der arme Vogel l^ Der Vater streuete darauf Futter in den Bauer, goß frisches Wasser in das Näpfchen, und erhielt Hanns- chm mit vieler Mühe das Leben. Chnsuimchm gher härte vor Jamrmr ye;Ze)ZA —^ ziL)— mögen, sie ging zur Thüre hinaus und weinte das ganze Schnupftuch voll. Den folgenden Tag verordnete der Vater, daß der Vogel fortgetragen und des Nachbars Zritzchen geschen- ket werden sollte, an dem er eirKn bessern Herrn bekommen würde. Da hätte man das Wehklagen hören sollen! Ach, mein Vögelchen! mein liebes Harnischen Gutes Väterchen! in meinem Leben will ich es nicht wieder vergessen! Laß mir es nur noch dießmahl.' So jammerte Christianchen, und der Vater ließ sich endlich bewegen, ihr den Vogel von neuem zu über. geben. Zugleich gab er ihr aber eine sehr nachdrückliche Ermahnung, daß sie ihn ja recht warten sollte. Das arme Welchen, sagte er, ist eingeschlossen, und kann sich selbst nicht helfen. Wenn dir etwas fehlt, so kannst du es sagen, aber Hämischen— das kann nicht sprechen. Wenn du es nun verhungern ließest.-» Ein Strom von Thränen lief über Christianchens Wangen. Sie küßte dem Vater die Hände, aber sprechen konnte sie nicht vor Wehmuth. Da bekam nun das gute Mädchen ihr Hämischen wieder, und Hannschen bekam es wieder recht gut. Nach sechs Wochen mußte aber der Vater, nebst der Mutter, auf einige Tage verreisen. Christianchen: Christianchen! sagte er beym Abschiede, vergiß Hänns- chen nicht! Und kaum war der Vater fort, sso bekam HännS- chen sein Futter. Nach etlichen Stunden wurde Christi anchen die Zeit lang. Sie suchte ihre Freundinnen auf, und nun ging es lustig her. Erst spielten sie die blinde Kuh, dann ein Pfänderspiel, dann tanzten sie. Es ging so H 2 krause durch einander her, daß Christianchen vor Freude gar nicht mehr wußte, was sie that. Sehr spät schieden ihre Freundinnen von ihr, und sie ging taumelnd zu Bette. Des Morgens schwebte ihr das gestrige Spie! wieder im Kopfe. Wäre der Informator nicht gekommen, sie wäre mit Tages Anbruch wieder zu ihren Gespielen gelaufen. So aber mußte sie bis nach Tische warten. Kaum aber war der letzte Bissen hinunter, hep! da ging es zu Nachbars Fritzchen, und Hanns-- chen? das hatte Fasttag. Den andern Tag ging es wieder so. Und Hannschen? wurde wieder vergessen. Den dritten Tag ging es eben so. Und HännSchen? an den dachte niemand. Den vierten Tag kamen die Eltern nach Haufe. Kaum hatte sich der Vater nach Christianchens Gcsund- h. it erkundigt, so fragte er, und was macht Hannschen? Ganz wohl, sagte die erschrockene Christiane, und lief geschwind fort, um nach Hannschen zu sehen. Ach! da lag das Thierchcn am Boden todt— die Flügelchen hatte es ausgebreitet, und das Schnä- belchen offen. Christianchen that einen hellen Schrey, rang die Hände,— das ganze Haus lief zusammen, und sahe den Jammer. Ach, armes, armes Thier! sagte der Vater. Bist du so übel angekommen? Hätte ich dir doch vor meiner Abreise den Kopf eingedrückt, so wärest du doch in einem Augenblicke deines Elends los gewesen. So aber hast du etliche Tage lang die Qual des Hungers und Durstes ausstehen, und endlich unter vielen Schmer- ("7) zen verschmachten müssen. Armes Thi'erchenl sthftoh, daß du aus den Händen deiner grausamen Wärterinn erlöset bist. Da hätte Christianchen vor Zammer in die Erde kriechen mögen, und hätte gern ihr Spielwerk und ihre ganze Sparbüchse drum gegeben, wenn sie nur ihr Hännschen damit hätte erkaufen können. Das war nun aber hin. Der Vater nahm es, ließ es ausstopfen, und in der Stube aufstellen. Christianchen konnte es aber nicht vor Augen sehen. Sie weinte, so oft sie es erblickte, und bath ihren Bäcker gar wehmüthig, daß er doch ja das Vögelchen weg. thun möchte. Da gab er denn endlich nach. Sobald aber Chri» siianchen wieder leichtsinnig war, so wurde das Vögelchen wieder aufgestellt, und alle, die es sahen, sprachen: Armes Hännschen! du hust eines schmählichen Todes sterben müssen. Da ging denn endlich Christianchen in sich, wurde fein bedachtsam, und sagte zu allen ihren Freunden und Freundinnen: Lieben Kinder, seyd ja nicht leichtsinnig! der Leichtsinn hat mir mehr als tausend Thränen gekostet. Salzn, an u. Renate. Renate war ein blutarmes Mädchen. Ihre Mutter konnte wegen Leibesschwäche nicht viel arbeiten, und verdieutc nur kümmerlich das trockene Brod. Wollte -("3)- sie mehr genieße», so mußte sie es von der Wohlthä- ligkeit guter Menschen erwarten. Da nun Renate größer war- und folglich in Kost und Kleidung mehr zu unterhalten kostete, so könnte ihre Mutter sie nicht länger ernähren, noch weniger den Unterricht in den weiblichen Kenntnissen und Geschicklichkeiken bezahlen. Renate sollte also zu andern Leuren in Dienste gehen, um da Brod zu haben, vielleicht auch nützliche Arbeiten zu lerne». Ehe es aber dazukam, fand sich eins wohlhabende Muhme, welche Renaten in ihr Haus nahm» und für ihren Unterhalt sowohl als für die nöthige Erziehung zu sorgen versprach.—- Hier war Renate nicht so wohl wie Magd, als vielmehr wie Kind im Hause, Sie mußte zwar arbeiten, wie billig; aber ihre Pflegemutter gab ihr dafür keinen bestimmten Lohn, sondern versah sie mit allen Bedürfnissen des anständigen bürgerlichen Lebens. Rena:» befand sich dabey recht wohl; aber die alte Frau, bey der sie lebte, hatte, ich weiß nicht, warum? einen Widerwillen gegen ihre(Rena, tens) Mutter gefaßt. Sie erlaubte daher der Tochter nicht, zu ihrer Mutter zu reisen, höchstens jährlich Gin Mahl auf einen Tag zum Besuch; aber langer nicht, bey Verlust aller Wohlthaten. Das krankte Maaten und ihre Mutter sehr; aber sie mußten es sich gefallen lassen, weil sie glaubten, die Wohlthaten her alten Muhme nicht entbehren zu können. Indessen ward Renatens Mutter so schwach, daß sie gar nicht mehr von der Stelle konnte. Da sie nun arm war, und sich für Geld keine Wartuugschaffe/l konnte, so glaubte Renate, daß Niemand mehr verpflich. ttt sey, ihrer Mutter Hülfe zu leisten, als sie. Sie —( I!Y) bath daher ihre Muhme um Erlaubniß, zu ihr zu reisen, aber eS ward abgeschlagen. War das nicht hart? Renate weinte und schwieg. Noch emi» gen Tagen, da die Nachrichten von ihrer Mutter n?cht besser kamen, wiederhohlte sie ihre Bitte, aber mit eben so schlechtem Erfolge. Endlich konnte Renate der kindlichen Liebe nicht länger widerstehen, sondern entschloß sich, lieber Alles einzubüßen, als ihre Mutter länger hülflos im Elende schmachten zu lassen. Sie verließ also das Haus ih. rer Muhme, ohne weiter etwas mitzunehmen, als was sie auf dem Leibe hakte, ging g-radsS Weges zu ihrer Mutter und sagte:„Liebe Mutter, ich will dich mit meinen Handen warten und pflegen, so lange du noch lebst, und wenn wir nichts zu essen haben, so will ich zu guten Menschen gehen, und für dich und mich um einen Bissen Brod bitten." Ihre Muhme war dadurch so erbittert, baß sie Renaten nicht nur alles wieder nahm, was sie ihr bisher geschenkt hatte; sondern auch seit der Zeit nie. mahls wieder etwas von ihr hören wollte. Indessen lebte Renatens Mutter noch über drey Vierteljahre, während welcher Zeit die Tochter großes Elend mit ihr ausstand. Doch ward sie niemahls un. geduldig, sondern bath nur immer ihre Mutter, mit der wenigen Hülfe, die sie ihr leisten könnte, zufrieden zu seyn. Nachdem die Mutter gestorben und begraben war, so vermiethete sich Renate als Dienstmagd, und ob sie schon in diesem Stande nicht so bequem leben konnte, wie bey ihrer Muhme, so bsreuete sie es doch nie, daß sie ihrer Mutter jenen Wohlstand aufgeopfert hatte. Was meint ihr nun, Kinder? Seyd ( 12 0)— ihr mit Renatens Betragen zufrieden, oder nicht? T b l e m c. Außerordentliche kindliche Liebe. Zm sechzehnten Jahrhunderte brachte Frankreich zu verschiedenen Mähten das Königreich Neapel an sich. Unter dem Französischen Könige Carl dem Achten hielt sich im letztgenannten Reiche der Herzog Oilbert von Bourbon als Vice- König auf. Als solcher starb er in gedachtem Lande. Sein älterer Sohn, Ludwig Graf von Montpensier, der sich damahls in Frankreich befand, hatte von der Natur eine außer, ordentliche Nutzbarkeit erhalten, die Schuld an seinem frühen Hintritte von der Welt wurde. Voll von einer unerklarbar leidenschaftlichen Liebe zu seinem Vater hatte Ludwig kaum die Nachricht von dem Tode desselben erhalten, als er in eine Schwcrmuth ver. sank, aus welcher er sich nicht eher heroorarbeitete, als bis der König Ludwig der Zwölfte Anstalten zur W-cdereroberung Neapels machte. Die Aussicht, das Grab seines BatcrS zu sehen, war so reihend für die trübe Seele des Jünglings, daß er um die Erlaubniß bath, das Französische Heer nach Italien begleiten zu dürfen. Auf Italiens Boden verschwand seine Traurigkeit, indem sie sich in eine Art von AZuth verwan» delte. Ueberall, besonders bey einem gewagten Sturm vor Capua, zeichnete sich der junge Fürst durch seine Tapferkeit auS. Die Fortschritte der Franzosen waren rasch. Neapel wurde erobert. Lriumphirend zog —( 121)— das Heer in die Hauptstadt ein; aber der Graf von Montpensier theilte die allgemeine Freude nicht. Er fühlte nur den Beruf, das Grabmahl seines Vaters aufzusuchen. Die Generale der Armee begleiteten ihn. Nach seiner Ankunft in der Kirche, wo der geliebte Leichnam beygesetzt war, ließ er eine feyerliche Messe veranstalten, und nach geendigtem Gottesdienste verlangte er ihn zu sehen. Der Deckel des Sarges wurde aufgehoben. Sprachlos schaute er auf die verehrte Hülle mit Blicken hin, welche die stärksten Bewegun. gen des Herzens ausdrückten; und plötzlich warf er sich auf den Gegenstand seiner Liebe, umklammerte ihn mit Inbrunst und starb, von seinem Schmerz erstickt. Vergeblich suchten ihn die bestürzten Zuschauer ins Leben zurück zu rufen. Man vereinigte zuletzt die Leiche des Sohnes mit dem Leichname des Vaters in einem bleyernrn Sarg, den man nach Frankreich sandte. Dorchen und Lerchen. Dorchen und Lorchen hakten eine Mutter, die ste gar herzlich liebte, und für ihre Verpflegung, Reinigung und Erziehung recht zärtlich sorgte. Aber ach! sie hatten sie nicht lange. Denn als sie einmahl aus einer Gesellschaft nach Hause kam, klagte sie über Kopfschmerzen, bekam einen so heftigen Frost, daß ste sich zu Bette legen mußte; darauf folgte eine starke Hitze, die immer mehr zunahm, so daß ste, nach etlichen Tagen- ihren Körper ablegte, und in eine an» dere Welt überging. ( 122) Da weinten Dorchen und Lärchen, und sie hakten es auch wirklich Ursache zu weinen. Denn sie fühlten jeden Tag, wie viel sie an ihrer Mutter verkehren halten. Der liebe Vater war mit so vielen Geschäften beladen, daß er die Sorge für seine Kinder gänzlich der Mutter habe überlassen müssen. Und diese war nun nicht mehr da. Zwar trug der Vater einer Magd auf, daß sie für seine Kinder sorgen sollte; sie that es auch wohl, aber doch lange nicht so gut, als es die Mutter gethan hatte. Sie begegnete ihnen hämisch, schalt sie, wenn sie etwas versahen, und gab ihnen wohl gar Stöße mit der Faust, wenn sie sich vertheidigen wollten. Um ihre Reinigung bekümmerte sie sich sehr wenig; sie ließ sie sehr oft ungekämmt und ungewaschen und mit«»beschnittenen Nageln gehen. Die Leibwäsche und die Kleider, die sie noch von ihrer Mutter hatten, wurden schmutzig und zerrissen, und sie sah nicht darauf, daß sie hinlänglich gereinigt und ausgebessert wurden. Da gingen nun die Mädchen, die sonst so reinlich waren, daß sie jedermann gern sah, schmutzig und zerrissen einher» und alle, die sie sahen, sagten: die armen Kinder! man sieht wohl, daß sie keine Mutter mehr haben. Das Schlimmste aber war, daß sie sich selbst auch verschlimmerten. Sonst, da sie ihre freundliche, gefällige Mutter noch hatten, waren sie so freundlich und gefällig, daß es ein Vergnügen war, mit ihnen umzugehen. Weil sie nun aber immer hämisch behandelt wurden, wurden sie auch unfreundlich und hämisch, und zankten sich beständig. Bey den Lebzeiten der Mutter sah man fle niemühls müßig. Bald saßen sie bey dem Spinnrads bald strickten oder nahe- —( 123)— im sie, und wenn sie ermüdet waren, erhohltsn sie sich durch ein kurzes Spiel. Nun aber ginge« sie umher ohne Geschäfte, hatten Langeweile, und klagten beständig, daß sie nicht wüßten, was sie vornehmen sollten. Der gute Vater sah es, und betrübte sich, konnte es über nicht ändern; denn seine Geschäfte waren so mannigfaltig, daß er unmöglich an die Linder denken konnte. Endlich sagte er einmahl zu ihnen: Lieben Kinder,, ihr verderbt ganz, wenn ihr immer ohne Mutter bleibt; ich muß dafür sorgen, daß ich euch eine andere Mutter schaffe. Da fielen sie ihm um den Hals, und küssten ihn, und bathen, daß er es ja thun möchte. Er that eS auch wirklich. Ehe die Kinder sich versahen, brachte er ein junges, freundliches Frauenzimmer mit nach Hause, stellte es seinen Kindern vor, und sagte: Seht, lieben Kinder, dieses liebe Frauenzimmer hat sich entschlossen, eure Mutter zu werden! Da lächelten sie und küßten ihre Hände- Sie aber umarmte und küßte sie, und sagte: Von dieser Stun. de an seyd ihr meine Kinder. Ich werde Mich bemühen, an euch alles das zu thun, was sonst eure gute Mutter an euch gethan hat. Sie hielt es auch redlich; denn kaum hatte sie der Vater gcheirathct. und in sein Haus genommen, so war ihre ganze Sorge auf Dorchen und Lerchen gerichtet. Sie sah ihre Kleidung durch, ließ wüschen, was schmutzig war, besserte das Zernßne aus, und bath den Vater, statt dessen, was unbrauchbar worden war, etwas Neues zu kaufen. Sie war um die Kinder bey dem Aufstehen, und sah darauf, daß sie (»24) sich in allen Stücken reinlich Hielten. Sie bekamen Flachs zum Spinnen, und Garn zum Stricken, sie lehrte sie daS Nahen und Stricken, und die Kinder befanden sich weit besser, weil sie immer beschäftigt waren. Und weil sie jeden Morgen, wenn sie erwach» ten, ein freundliches Gesicht erblickten, und lauter Liebe und Gefälligkeit an der guten Stiefmutter sahen, so verlor sich nach und nach das mürrische und hämische Wesen, das sie sonst angenommen hatten, und sie wurden in ihrem ganzen Betragen so anmuthig als die liebe Stiefmutter. Nach einiger Zeit bekamen sie einen Besuch von der Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Kaum erblickte sie dieselben, so vergoß sie vor Freuden Thrä. neu, küßte sie und sagte: O! Gott sey Lob und Dank! nun seh ich doch meine Mühmchen wieder! die lieben, reinlichen, fleißigen Mädchen, die sie bey Lebzeiten, ihrer Mutter waren; o lieben Mädchen! erkennt, erkennt, was ihr an eurer Stiefmutter habthabt sie lieb, und gehorchet ihr, denn ihr wäret die unglücklichsten Kinder geworden, wenn sie sich euer nicht angenommen hätte! Da fie dieses sagte, trat die liebe Stiefmutter selbst in das Zimmer. Sie fiel ihr sogleich um den Hals, und drückte sie an ihre Brust. O beste Frau, sagte sie, nehmen Sie meinen herzlichen Dank an, im Nahmen meiner seligen Schwester, für alles Gute, das Sie an ihren Kindern thun! O liebe, o würi, dige Frau! wer kann Ihnen die Liebe vergelten, die Sie diesen verlaßnen Weisen erzeigen. Gott, Gott Wird's Zhnen vergelten! und wenn Sie in jene Welt kommen, so wird meine Schwester selbst Sie empfan- () gen, und Ihnen ihre Dankbarkeit erzeigen, für die Mutterlreue, die Sie ihren Kindern bewiesen haben. Salzmann. Brüderliche Liebe, Ein Schneider in einem Städtchen, ohmveit Leipzig, Rahmens F..., halte zwey Söhne, die sich sowohl durch Verstand und Tugend, als durch eine gute LeibeSbildung und ansehnlichen Wuchs, schon als Knaben auszeichneten. Der Vater hatte ihnen eine anständige Erziehung gegeben, und da er einiges Vermögen besaß, so beschloß er, den ältern, welcher Carl hieß, studieren zulassen; der jüngere aber, Heimbert, sollte das väterliche Hauswesen und Handwerk fortsetzen. Carl ging also auf Universitäten, und kam nach vollendeten Studien mit den besten Zeugnissen zurück. Ein Offizier, der in der Gegend auf Werbung lag, hatte kaum einige Nachricht von diese» beyden hübschen jungen Leuten erhalten, als er schon Lust empfand, wenigstens einen von beyden zum Soldaten anzuwerben, und sogleich war auch der Plan entwor» fen, nach welchem er dieß zu bewirken gedachte. Er kam als angeblicher Kaufmann in F... s Werkstatt, bestellte ein Stück Arbeit, gab etwas dafür baar auf die Hand, und bedung, daß die ArbeiL binnen einigen Tagen, so lange er sich an dem Orte aufhielt, fertig seyn müßte. Während dieser und anderer Unterredungen saß der Kandidat Carl an einem -( 126)- Nebentischche» und hatte Bücher vor sich liegen; und sogleich erkundigte sich der Offizier, wer denn der junge Mensch sey, her dorr so emflg läse? Als er von dem ehrlichen Schneider die Antwort erhielt, haß dieß sein Sohn sey, der eben von der Universität zurückgekommen, und der nun, in Erwartung einer Versorgung, vorerst, nur eine HofWkistersteÜe zu erhalte» wünschte, versetzte er mit einer Art von Freude, daß ihm dieses recht erwünscht komme. Er kenne eine» gewissen Baron von B.... in seiner Nachbarschaft— einen rechtschaffenen, begüterten Caoallcr im Hildeshelmischen— der für seinen einzigen wohlgerathmen Sohn eine» geschickten Hofmeister zu haben wünsche. Der Junker werde bald tüchtig seyn, die Universität zu beziehen, wohin ihn der Hofmeister begleiten, und sodann mit ihm auf Reisen gehen sollte. Mit diesem braven Herrn stehe er schon seit langer Zeit in allerhand Verkehr, und er habe ihm angelegentlich aufgetragen, ihm einen dergleichen tüchtigen Mann hierzu ausmitteln zu helfen. Wenn nun der Kandidat Carl Lust hätte, oiese Stelle anzunehmen, so wolle er den Augenblick an den Baron von B... schreiben; denn er glaube ganz sicher, Carl ftp der Mann, der sich für ihn schicke und mit dem er Ehre einzulegen hoffe. Binnen drey bis vier Tagen, als so lange er sich hier aufzuhalten gedenke, könne die Antwort da seyn.—- Der Antrag ward mit Vergnügen angenommen, und der ehrliche Schneider versicherte den Offizier im Voraus seiner größten Dankbarkeit.— Dieser hatte denn hierauf einen Brief im Nahmen des Barons von B>.. und mit dessen Unterschrift an den angeblichen Kaufmann gerichtet, fertig gemacht, in dem Ersterer dein Letztem für seine Bemühung sehr dankte, die Ur- —(.127)" berkunst des Candidaken bestens zu beschleunigen bath, demselben außer der freyen Skation, ein jährliches Gehalt vorerst von> oo Thalern versprach, und zugleich Z LouisL'er zum Reisegeld boar beyfügte. Am vierten Tage nach der Unterredung fand sich der vermeinte > Kaufmann in F... s Hause wieder ein, rückte mit dem günstigen Antwortschreiben, auf dem ein frepherrliches Siegel saß, hervor, gab die Z Louisd'or an Carln ab, drang auf baldige Abreise, und versprach ihn bis an Ort und Stelle zu begleiten. Nach vielen warmen Danksagungen und Freundschasts- Versicherungen nahm die Familie, Tages darauf, Zärtlichen Abschied von einander, und Carl reisete mit seinem vermeinten Beförderer weg. Aber, ach Himmel, welch eine Veränderung! Anstatt den Herrn Hofmeister zum Barsn von B... zu führen, liefert sein Begleiter ihn, so bald sie über die Gränze gekommen, in M... auf die Hauptwache ab. Eine Schaar von Offizieren kam um ihn herum, die ihn mit Ergötzen betrachtete, und bald darauf ward er mit einem Rekruteniransport nach B... abgeführt, und unter dem Verwände, daß er Z LouiO'or Handgeld genommen, als Soldat an das von L.. sche Regiment abgegeben. Raisonnircn und widersetzen würde gefährlich gewesen seyn; er mußte also dem Verhängnisse nachgeben. Sem Reisegefährte war von der Stunde an, da er ihn ablieferte, verschwunden» und so . wenig Carl als seine Familie haben je nachher erfahren können, wer derselbe gewesen-, außer daß dieser Erfolg sie belehrte, daß es ein Werber gewesen seyn müsse. Nun hoffte der alte F... mit Schmerzen auf Nachrichten von seinem lieben Sohne; allein sie blieben aus. Nach Verlauf von einigen Monathen erkundigte ( 128) man sich nach dem Baron von B...; aber weder daS erdichtete Wohngut desselben, noch der ganze angebliche von B..- waren in der Gegend weit und breit umher auszufinden. Der ehrliche Schneider war über die Abwesenheit und über die mißlichen Schicksale seines hoffnungsvollen Sohns äußerst bekümmert; noch mehr aber betrübte sich Heimbert über seinen BruderCarl, den er von Jugend auf sehr zärtlich geliebt hatte, und nun nicht wußte, ob er ihn je wieder zu sehen bekommen würde. Beyde, Vater und Sohn, bescusztsn diesen traurigen Gegenstand ihrer Zärtlichkeit sehr oft. Eines TageS, da sie eben damit beschäftigt waren, meldete sich»»vermuthet ein Handwerksgeselle, der von dem Orte herkam, wo Karl in Garnison lag, brachte einen Brief von diesem, und erzählte zugleich mündlich, was er von dessen Umständen wußte-— Der Brief ward mit freudiger Wehmuth erbrochen- Karl beschrieb darin seine bisherigen Abentheuer, versicherte, daß er gesund sey, und sich in sein Verhängnis» zu finden wisse, obgleich wenig Hoffnung zu seiner Befreyung übrig sey, es müsse denn geschehen, daß er einmal den Monarchen selbst anzutreten Gelegenheit fände, oder daß ein anderer tüchtiger Mann an seinen Platz verschafft würde. —„O! wenn sonst nichts ist, rief Heimbert, dazu kann, dazu soll bald Rath werden! Morgenden Tages gehe ich, melde mich beym Regiments, löse unsern guten Karl ab, und erbiethe wich, in ftine Stelle zu tre. ten. Bin ich doch beynahe so gross, als er, und den halben Zoll, der etwa daran fehlt, werd' ich wohl noch wachsen. Den Dienst will ich mit allem Eifer lernen, und mich so aufführen, daß das Regiment mit mir zufrieden seyn soll. Welch ein Einfall, erwiederte der Vater, nnd machte allerhand gegründete Ein- —( I2Y)— wenduncen; Heimbert aber blich dabey, und wüßte seinen Entschluß durch folgenden rührenden Umstand das Gewicht zu gebe,-,: hat nicht unser Carl so viel Geld gekoster? habe ich nicht jederzeit-- mildem groß» ten Vergnügen seine UnterstüMng zu befördern gesucht und unsere wenigen Aecker gern verkaufen lassen, nur damit er sein Studieren endigen möchte? Hat ers nicht völlig gut angewandt? Hofften wir nicht Ehre und Freude an-hin zu erleben, und sollten wir das nicht noch jetzt hoffen?— An m'r ist weniger gelegen, und wenn ich einige Zahre hindurch als Soldat ehrlich ge-° dient habe; so kann ich noch immer meine Profrffo« wieder zur Hand Nehmen- Man stelle sich die Lage vor, in der sich der alte F... nun befand! So wie dort der Patriarch, als>r seinen einzigen jüngsten Sohn hergeben sollte, um dessen Bruder aus Egypten damit loszukaufen!— Km g Heimberr beschickte seinen Abzug, ward mit Re sigetS versehen, und eilte zum R-gimenke. Und nun stelle m-»nsichd:e Empnndung beyder Brüder bey dieser Zu, f-mmenkunst, und den brüderlichen Streit vor, ob Carl für diesen Preis seinen Abschied nehmen solle, oder-nch? Kurz, Heimbert ward eingestellt, und Carl beka^ Nach einigen Schwierigkeiten, feinen Abschied. Acht trat Carl dj- Rückreise nach se ner Heimath an. Auf dieser fehlte es ihm zuletzt so sehr am Geld und Lebenemiktcln. daß er sich in Sch... genöthigt sahe, den geheimen Ra:h G..., der als ein sehr bemittelter Mann rühmlich bekannt war, um e ne kleine Gabe, zu seinem wettern Fortkommen, anzusprechen- Der geheime Rath reichte ihm solche sehr willig, und Verlangte zugleich, das Carl einige Tage bey ihm auf seinem Gute bleiben, und sich von seiner Keile erhöhen li. Band,> —( 130)— sollte. Dieß geschah, und nun lernte der würdige Mann nicht nur Carls Talente- und Geschicklichkeicen, sammt leinn; biGerigm Schicksalen, sondern auch die vorzüglich guten Herzen dieser sich so zärtlich liebenden Familie kennen. Der geheime Rath gewann den jun- gen Mann lieb, versah ihn mit Kleidungsstücken, nebst andern Nothwendigkeiten, und da er eben bey seinen Kindern einen Lehrer brauchte, so ersuchte er ihn, diese Stelle als Hofmeister u.) Gesellschafter, Lky scmm Kindern,.vorerst M-'»«« hmreichendrs Gchslt anzu. nehmen. Eben hatte sich Carl einige Tag? in der B Häufung des geheimen Raths aufgehalten, als dieser einen Besuch Nom KriegSrath F... bekam, einem Mann, der schon Mannigfaltige Proben seiner Menschenfreund, sichen Dienstbegierde und thätiger Redlichkeit abgelegt, und durch eben so Wichtige alS glückliche Unternehmun. gen sich dem Staate und seinen Mitbürgern nützlich gemacht hatte.— Er hatte einige Geschäfte mit dem geheimen Rath abzumachen, und kaum waren diese in Ordnung gebracht, so lernte er den jungen F... kennen, erfuhr besten Schicksale,— bewunderte die heroische Zärtlichkeit seines jüngern Bruders-- nahm an dem Kummer des ehrlichen Vaters, der seiner beyde» rechtschaffenen Söhne beraubt war, innigen Antheil— und beschloß, ohne etwas davon zu sagen, daß er nicht eher ruhen wollte, alS bis er den Heimbert vom Sol- dalenstande befreyek—- beyde Bruder dem bekümmerten Barer wieder en die Arme geliefert, und diese gute Familie möglichst glücklich gemacht haben würde. Diesen esi f st.eslmgr,'! zufolge, reijkte der Kriegs- rath F... von S... nach oer Residenz, und bewarb sich b-y verschiedenen Generalen und andern Großen, » ( iZi.) ja selbst durch Vorschub eines der größten Prinzen, um die Loslassung des jungen Heimbert. Er hakte die Freude, solche endlich bewilligt zu erhalten, jedoch bloß unter-er Bedingung, daß zwey andere wohlgewachfe». ne Ausländer von HeimbertS Größe in dessen Platz geschafft, und zur Sicherheit, wenn etwa einer davon de» ferteuren möchte, ros Thaler unkcrpfäudlrch niedergelegt werden sollten. Der mmschenfreurldl.'che Z... nahm diese Bedingung an, und fand durch seine Freunde bald Gelegenheit, die beyden Rekruten in der verlangten Beschaffenheit auszumitteln, bezahlte solche baar mit einem ansehnlichen Kausgelde, und erlegte auch Lberdieß die geforderten Bürgfchaftsgclder der ,oo Tha» ler mit Vergnügen, aus seinen Mitteln, auf eine ganz uneigennützige Art, die ihm ganz eigen ist. Zetzk wur- de Heimbert dem vortrefflichen Kriegsrakhe zugebracht, Und dieser reiste mit ihm nach S... zum vorgedach» tcu geheimen Rath und zu seinem ältern Bruder. Hier eröffneten sich Scenen, die nur empfunden— nicht be- schrieben werden können.— Don S... führte der würdige Kriegsrach die beyden jungen F... ihrem schnsuchkssoüen Vater zu, und empfing in dem rührenden Anblicke der wechselseitigen Umarmungen dieser guten Familie den süßesten Lohn, den die Güte seines Herzens verdiente. Beyde Brüher flnö jetzt durch die Fürsorge ihrer Wohlthäter sicher versorgt. Heimbert, den seine Bruderliebe unter die Fahne brachte, dient seit der Zeit seiner Lsskaufung-dem geheimen Räch G... und wird jetzt durch eine sehr gute Stelle bey eincrtl Salzwerke belohnt. Der durch ihn glücklich gemachte Bruder ist jetzt erster Lehrer der Schule zu S... hat die Liebe einer ganze« Stadt, und segnet, jene Horden Tage- d-s 2 3 —('Z2)— ihn weiser, und mit seinem gegenwärtigen Zustand äusserst zufrieden gemacht haben. Nächste«liebe. Ein Geistlicher, nicht weit von Wien. der einem alten Geistlichen als Ä-hiUft beygegeben war, und al. so nicht viel Hinnahme hatte, ging einmahl im Winter bey strenger Kälte über Feld, um auf einem andern Or» te den Gottesdienst zu halten. Als er von da wieder zurück ging, begegnete ihm bey einem kleinen Wäldchen ein junger Mensch, der vor Kälte zitterte. Er hatte kaum so viel Lumpen am Lei. be, daß er sich damit völlig bedecken konnte. Der Geistliche wurde von dem Elende des junge« Menschen innigst gerührt; erzog seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm das Wenige, was darin war. Es waren sechzehn Kreuzer. Als er ihm dieses Geld gegeben hatte, stand er ein Weilchen auf, endlich sagte er: „Junger Freund! diese sechzehn Kreuzer werden ihn schlecht vor der Kälte schützen. Komme er mit!" Er führte ihn-in wenig weiter in den Wald, und dann sagte er: „Hier sieht uns niemand, da werft er seine Lmn» pen von sich; ich habe mich winterhast angezogen; alles, was ich doppelt an meinem Leibe habe, will ich redlich mit ihm theilen." Beyde zogen sich nun aus. Der Geistliche hatte zwey Hemden an, zwey Westen, zwey Paar Beinklei- —(-33)— -er, zwey Paar Strümpfe, und unter dem Priester- kragen ein seidenes Halstuch. Von jedem dieser Stücke gab er ihm eins, und zwar dasjenige, was er.rben trug, also das bessere. Nun wickelte er sich in seinen Ueberrock, und ging eilends nach Hause, ohne den armen Menschen zu fragen, wer oder woher er sey? Der Arme we>ntc vor Freuden, und segnete tausendmahl seinen Wohlthäter. Und wer war dieser halbnackende Mensch- W war ein polnischer Zude, der hernach zu Wien diese ganze Geschichte erzählte. Wer zwey Röcke hat, gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, der thue auch also. Luc. Z, n. L o b s u ch t. Freundlich und fröhlich näherte sich Zustinchen der Mutter mit dem Strickkörbchen. Sieh, liebe Mutter, sprach sie, das Leibchen für Wilhelm ist fertig. WaS ich gestern gesagt habe, ist doch eingetroffen.— Mancher wollte es nicht glaube», daß ich heute fertig werden würde. Wie freut es mich, daß ich sie eines bessern belehren kann! Aber ich bin auch recht fleißig ge» wesen, und dabey habe ich doch nichts übereilt. Sieh das Leibchen an, Mutter! du wirst finden, daß es recht nett gestrickt ist! Die Mutter besah Zustinchens Arbeit. Zch bin damit zufrieden! sagte sie. Wetter sagte sie aber auch k?in Wort. Damit war J«si,'xchen gar nicht zufrieden. Sie hatte sich auf ein großes vob gefaßt gemacht, und i-^ 1Z4) von der Mutter eine lange Beyfällsreds erwartet. Jetzt mußte sie sich mit,den magern Worten begnügen: Ich bin damit zufrieden. Znstl'nchen verlor plötzlich ihre Heiterkeit, sie wurde einsylbiz, und ließ ihr Köpfchen hängen. Der Mutter entging dieß alles nicht; auch errieth sie leicht, woher es kam. Ader sie sagte weiter kein Wort, son. dern schwieg aus guten Gründen. Nicht lange darauf befand sich Zusmicherr bey ihrer verheixatheten Schwester Mariane. Diese hatte mehrere Mädchen zu sich kommen lassen, und wartete ihnen mit Schokolade auf. Zustinche» konnte die Harfe spielen. Mehrere Freundinnen bathen sie, ihnen etwas vorzuspielen. Sir entschloß sich dazu nach vielem Wei- gern. Ich kann nicht viel, sprach sie mehrmahls, bis sie sich endlich an die Harfe setzte, und mit der Bitte, sie mit Nachsicht und Schonung zu beurtheilen, zu spielen anfing. Zustmchen spielte nicht übel. Als sie mit einigen Arien fertig war, sagten die anwesenden Mädchen: Das war ganz hübsch, Zustmchen! Weiter sagten sie aber auch nichts.— Damit war Zustinchen abermahls nicht zufrieden. Ob sie gleich vorher wiederhvhlt versichert hatte, daß sie schlecht spiele, daß sie auf der Harfe nicht viel verstehe: so wünschte sie doch jetzt in ihrem Herzen, daß man sie laut lobe, und ihr Beyfall zuklatsche. Da dieses nicht geschah, wurde sie rnißmukhig, ließ ihr Köpfchen übermahls hängen, und hatte in der Gesellschaft keinen frohen Augenblick mehr. Ihre Freundinnen fragten sie, was ihr fehle; dadurch wurde fie noch verdrießlicher, und ging nach Hause. —( 155)— Die Mutter sich es ihr an, daß ihr etwas auf dem Herzen siege. Du kehrst nicht heiter aus der Gesellschaft zurück, liebe Tochter! sprach sie; es ist dir doch nichts Unangenehmes begegnet? Justine suchte ihren sichtbaren Mikmuth zu entschuldigen, aber die Mutter bemerkte bald, daß der tobsüchtigen Tochter nicht nach Wunsch geschmeichelt worden, und daß sie deßhalb in übler Laune sey. Liebe Justine, sprach die Mutter, komm' und setze dich zu mir. Schon längst wollte ich dir eins kurze Geschichte erzählen; ich will es heute thun. Justine setzte sich zu der. Mutter auf das Canapee, und diese erzählte Folgendes: Nicht weit von hier lebte in meiner Zagend ein Mann, Nahmens Hilarius. Er war aus einem fremden Lande ohne alles Vermögen in diese Gegend gekommen. Sein artiges Aeussere empfahl ihn sehr. Er war ein guter Gesellschafter, und Man lud ihn oft in die besten Häuser. Zeder Zirkel wurde durch ihn belebt. Viel Glück Machte er besonders deß dem weiblichen Geschlechte. Nicht als wenn er sich gerade durch viel Geist empfohlen hätte— darauf nimmt unser Geschlecht oft zu wenig Rücksicht; seine Munterkeit, seine Unterhaltungsgabe, seine zuvorkommende Höflichkeit und seine hübsche Figur— dieß nahm Mädchen und Frauen für ihn ein, und bewog sie, ihn andtzw Männern vorzuziehen, die ihn a» Geest, Einsicht und Cha» rakter weit übertrafen. nc? Hilarius wußte die gute Stimmung für ihn wohl zu benutzen. Er both einer reichen Kaufmanns- tochter die Hand, und erhielt sie— obgleich ihre El» sern eine Zeit lang dagegen waren— endlich zur Frau, (-36) ikai mie seine« Schwiegervater in Compagnie, und wurde ein re-cher Mann. Da man ihn überall gern sah, und alles, was er sprach und«hat, mit lautem Befalle belohnte, so war es sehr natürlich, baß er eine etwas hohe M-mung vv' sich bekam, und endlich des Glaubens war, man müsse ihn überall und immer loben- Lobmcht war auf diese We.se die schwächste Seite seines Herzens. Viele kannten diese schwache Seite, und benutzten sie zu ihrem Vortheile. Er mochte reden und thun, was er wollte, sie rühmten alles, und wirkten dadurch!o sehr auf ihn, haß sie ihn nach ihren Willen llenken konnten. Nach und nach bildete sich ein großes H-er von Schmeichlern, hie ihn wie Mücken umgaben, an inner rpoh!b>stHten schwelgten, und ihn zu manchen Thorheiten verleiteten. Das machte die leidige 8 ob sucht. Zn seinem Vaterland? hatte Hilarius eine Schwester, die ungläckl-ch verheiratet war. Lange Zeit hatte er an sie nicht gedacht; einmahl aber fiel es ihm ein, sie zu unterstützen. Er schrieb nach ihrem Wohn. orte, erhielt aber keine Antwort. Ein Jahr darauf Porte er von einem Reisenden aus jener Gegend, daß seine Lchwester H e n r i e k t e sich in ein anderes Land. chen gezogen habe, und daß ihr Mann todt ftp. Dieß bechmnue Hern Hilarius noch mehr, sich ihrer anzunehmen, allein sie r durchaus nicht zu erforschen. H larius lebte in Lust und Freude fort. Er that viel Gu-es,«der ex that es nicht um des Guten willen, chm-ern um gelobt zu werden. Sah er voraus, daß irgend eine Handlung von ihm gelobt werden wür» dr» so mmchtete er sie gewiß. Mußte er aber b§. f 137) sorgen, daß sie verschwiegen und a'so ungerühmt blei» den werde, so Iimeri-tß er sie ßkwvhnüch, auch wenn sie roM so gut und edel seyn mochte. Eines Zahres war in dieser Gegend eins große Lhruruwg. Diele Armen kamen dabey fast um ihr L den. Es näherte sich der Winker» und die Noch stieg mtt jedem Tage. Drei« Elende nahmen zu Hila- rus ihre Zuflucht; er half thuen, und wurde— was ihm sehr skMeichelke— als ein Wohlthäter und Va» Lcr der Armurh gepriesen. Die Dbrigkett der Stadt, in der er wohnte, hielt es für nöthig, alle Armen, die ri cht zur Stadt gehörten, abzuweisen. Auf diesen Befehl wurde mit aller Strenge gehalten. Eines Nachmittags wollte eine arme Frau mit Zwey Kindern in die Stadt. Sie avurde aber an den Lxoren— trotz ihrem vielen Flehen— zmückgewie-, sen. Die Kalke war strenge, der Abend da. Htta-> rius nkk spazieren. Er traf auf dem Wege jene Frau an. Sie flehte ihn um Hülfe, und erzählte, wie sie von der Thorwache forigewiesen worden wäre. Die arme Frau dauerte ihn. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, sie in der Vorstadt unterzubringen. Aber er Lachte: dafür lobt mich ke n Mensch, und ritt vorbey, nachdem er der Armen einen halben Gulden zugeworfen hatte. Den Lag daurauf fand man die Frau mit ihren Kindern todt auf der Landstraße liegen. Zyre Mattigkeit gestattete ihr nicht, das nächste Dorf zu erreichen; die Nacht überfiel sie; sie sank entkräftet in den Schnee, und erfror mit ihren Kindern. Nach einer näheren Untersuchung fand es sich, daß die iln- glückilchr des Hilarius-- Schwester war. Auf den Bruder machte dieser Vorfall einen starken Eindruck; sich selbst sah er als die Ursache desselben an, und verwünschte seine Lobsucht, die im Grunde einzig und allein Schuld daran war, daß er sich Henriettens nicht angenommen hakte. Es vergingen mehrere Monathe, bis er sich darüber beruhigen konnte. Die leidige Lvbfucht zog ihm noch viele andere Uebel zu. Viele hielten sich durch das Lob, das ihm überall, aus etgemiötzlgen Absichten, ertheilt wurde, beleidigt, und suchten ihn bey vorkomm-ttdeu Gelegenheiten zu demütigen. Seins Schmeichler hingegen verleiteten ihn zur Verschwendung. Er gab oft große Tafel. Bey ihm trank man die besten Weine, und aß die schmackhaftesten Gerichte. Aus Amerika ließ er sich Schildkröten kommen; aus Eypern, Urgarn und vom Cap der guten Hoffnung ganze Ladungen von alten Weinen; eins Ananas bezahlte er oft mit zwey, drey Dukaten, und nicht selten kamen Indianische Vogelnester auf seinen Tisch; dieß alles den Schmeichlern zu Liebe, die ihn dafür rühmten, und bis zum Himmel erhoben- Der AuSgang von alle dem war, daß aus dem reichen Hilarius ein—- Bettler wurde. Seine Schmeichler zogen sich nun zurück, und tadelten boß, hast seine biS dahin geführte Lebensart.— Das waren die Folgen der Lobsucht. Hilarius erschoß sich aus Ueberdruß. Die Mutter sagte weiter nichts. Justine wußte aber wohl, wohin sie mit dieser Erzählung ziele. Sie fühlte sich sehr getroffen, und gelobte sich noch an die, sem Lage, ihre Lvbfucht einzuschränken. Es gelang ihr, und sie fühlte sich seit dieser Zeit viel glücklicher- G l a H- __( 139)— R rr d o l p h. Rudolph hatte das Unglück, daß er sich das Lift gen angewöhnte, besonders Wg er alsdann, wenn er einen Fehler begangen hatte, oder in seinen Geschäft ten nachlaßig gewesen war. Hatte er sich z- B. auf seine Lection nicht gehörig vorbereitet, und die Reihe kam an ihn, daß er seinem Herrn Rektor aufsagen sollte, so fing er insgemein mit den Worten an: Lieber Herr Rek:or! dießmahl werde ich wohl nicht beste- hen! mein lieber Vater hatte gestern so viel zu thun, daß ich ihm helfen mußte, und an meine Lection nicht komme» konnte. Hatte er nicht geschrieben, was ihm war aufgegeben worden, so sagte er: Lieber Herr Rektor! ich habe gestern unmöglich schreiben können— ich hatte mein Schreibebuch in des BaterS Stube liegen gelassen, und dieser war weggegangen, und hakte den Schlüssel zur Stube mitgekommen. Oft kritzelte er in seine Bücher, und mahlte allerley Fratzen hinein. Wenn ihn nun sein guter Lehrer züchtigen wollte, sagte er: Lieber Herr Rektor! sehen Sie nur, wie es mir gegangen ist! da saß ich gestern über meinen Büchern, meine Mutter rief mich, daß ich geschwind zu ihr kam. mm sollte----- ich kam, und ließ die Bücher liegen— da kommt mein kleiner Bruder Carl und kritzelt mir da die Fratzen in die Bücher. Bus diese Art gelang es ihm emigemahl, seinen guten Lehrer zu hintergehen. Aber was half es dem kleinen Thoren? Am Ende kam sein Lehrer doch hinter die Wahrheit, und glaubte ihm nun kein Wort mehr. Wenn er nun seine Lection nicht konnte, sein Aufgegebenes nicht geschrieben, seine Bücher beschmutzt hatte, -(>4o)- so wurde er allemahl gezüchtigt, ohne auf seine Entschuldigungen zu hören. Oft hatte er wirklich gegründete Entschuldigungen. Aber was halfen ihm diese? Der Rek.'or sagte: wenn Christ an, FrH, Martin oder jeder andere deiner Mitschüler, diese Entschuldigung vorbrächte, so würde ich ihm glauben; aber wie kann ich dir denn glauben? Du bist ja ein Lügner. S a l z m a n». Die Lugs» Es ist etwas Fürchlerliches um die drey Worte: du hust gelogen! die Menschen können alles eher dulden und vergeben, als diesen Ausdruck, und dieses ist der größte Beweis, daß das Lügen etwas Abscheuliches ist, das von Jedermann verachtet, und doch von so vielen getrieben wird. Der geheime Rath Rehberg in Stüttgabd hatte einen Bedienten, der Heinrich hieß. Er war zwar ein hübjcher junger Mensch, aber er hatte sich von Jugend auf angewöhnt, zu lügen und zu betrügen. Seine Aeltern sahen dieß zu spät ein, um es hm abzugewöhnen. Er fuhr also darin fort, weil es ihm einigemahle gelang, Vortheile dadurch zu erhalten. Durch diese niederträchtigen Mittel brachte er es endlich so weit, daß er seinen Herrn verlassen und für sich selbst leben konnte. Nun sühne er großen Staat und lebte in Saus und Braus. Den Armen Asb er nichts, und feine shmahlrg?. Freunde verach- ( Ichl)— Leke er. Aber, weil er Gelb hatte, so gab es Nieder» trächtige Leute genug, die rhrn schmeichelten. Einer seiner vorigen Bekannten begegnete ihm einst auf der Straße und sagte mit biederem schwäbischen Ton zu ihm: Grüß dich Gott, Bruder Heinrich! Eich freut dein Wohlergehen herzlich. Aber d>r flöhe Herr Heinrich sah verächtlich auf ihn nieder und sag-e: ich kenne Euch nicht-, packt euch. WaS? antwortete der Anders— bist du nicht Rehbergs alter Laqusy? ja wohl, du kennst mich also nicht?-- Wer sagt, daß ich Laguap war? Das lügst du Schurke' Husch, schlug ihn der Andere ins Gesicht, daß ihm Blut aus Mund und Nase floß. Sie kamen ins Handgemenge, das sich damit endigte, daß Heinrich durch einen Schlag das rechte Aug verlohr, und so für sein ganzes Leben ausgezeichnet war. So können Lügen nicht lange ge. deihen, auch wenn es den Schein hat, als brächten sie dem Nutzen, der sie vorbringt. Heinrich ward von aller Welk verachtet. Er wollte sich Freunde machen mit feinem Aufwand, aber das Geld, das er mit Lügen und Betrug zusammen gehäuft hatte, war bald zu Ende, und Heinrich starb in einem Hospital, als ein Bettler, ohne von einem Menschen bedauert zu werden. Armbruste r. Der lüsterne Knabe. Zn der großen Stadt London, die in England liegt, und in welcher der König von England wohnt, lebte s z<2^ emA ein reicher Kaufmann- Nahmens W i! l i a A B e b, fort. Der hatte auffervrdentiich viele Schätze, und einen einzigen Sohn, her Heinrich hieß. Weil nun der Aster viel Geld und nur einen Sohn harte: so liebte er.diesen übermäßig;«der er liebte ihn nicht vir« nünftkg,. Er ließ dcni lustigen Heinrich, allen Willen, und was Heinrich begehrte, daS bekam Heinrich. Weil Heinrich alles bekommen konnte, so begehrte er auch alles, woran ihm etwas gelegen war. As« sonders gewöhnte er sich so lehr an Naschverk, daß er ohne dasselbe kaum leben konnte. Erblickte er etwas Wohlschmeckendes: so wässerte ihm gleich der Mund danach; er ruhte nicht eher, als bis er etwas davon bekam. Seine Lustiricheit oder Leckerhaftigkeit wuchs Mit jedem Tage, und sie wurde ihm endlich zur andern Statur. Nach und nach wurde er der lüsternste Kn». be in ganz London. Zn seinen Taschen staken fast beständig verzuckerte Mandeln, Apfelsinen, Schokoladeguß, Biscu.it, verzuckerte Pomerünzmschaalen und wer weiß was noch für andere Leckerwaaren. Heinrich sah-laß aus;«ich! so gesund wie manche Kinder „Mit Backen frisch und roth, daß kaum „Der Apfel röther blinkt." Auch waren Heinrichs Zähne schwarz und die vordersten angefressen, sie sahen recht häßlich aus. Die bleiche Gesichtsfarbe und die schwarzen verdorbenen Zähne hatte Heinrich den Zuckersachen zu verdanken, die er so häufig aß. Uebrigens hakte Heinrich viele gute Eigenschaften, und es war recht schade, daß seine Lüsternheit diese guttu Eigenschaften verdunkelte. Wie gur wäre es ze» —( 143)— Wesen, Wenn er mit dem Gelds, welches er für Nafth- werk ausgab, Noch'eidrnde unkerstützk hätte. H?vr Wüliq m Brdfort schickte sich einmahl an eine E-eenise zu machen. Heinrich bath ihn sehr, ihn doch w.kzunehmkn. Ich bin ja schon zwölf Jahre alt, sprach er, und im Stande, die Unannehmlichkeiten zu erwägen, die mit einer Seereise verbunden sind. Herr Bedfort,dcr seinen Sohn ungemein liebte und ihm fast keine Bitte abschlagen konnte.versprach, ihn mitzunehmen. Darüber hatte Heinrich eine gewaltige Freude. Er lief noch diesen Tag zu allen seine» Kameraden und erzählte ihnen, daß er nächster Tage mit seinem Aater eine Seereise machen werde. Auch ging er noch an diesem Tage zu einem Eonditor oder Zuckerbäcker, und ließ sich mehrere Pfunde Zuckerwaarcn abwägen. Endlich kam der erwünschte Tag, an we^hem die Reise vor sich gehen sollte. Heinrich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, und Morgens vier Uhr war er schon angekleidet und reiseftrrig. Um zchn Uhr Vormttrago bestieg Heinrich mit sei« nem Vater das Schiff, und nach emer haiben Smnde fuhren sie ab. Es wurde» Kanonen losgeschossen; auf dem Schiffe flatterte rme schöne große Kahne und Heinrich wußte vsr Freude sich Nicht zu fassen. Er sprang in der Kajüte, oder meiner Stube des Schis. feS herum, drückte seinem Barer die Hand und wie- derhohlre oft die Worte:o w-:e h.»ruck» istg zur See zu rcism! Doch, am andern Tage sprach Heinrich nicht mehr; o wie herrlich ist- zur See zu reisen! Denn er bekam die Seekrankheu. Es wurde ihm übel, sem Kopf schwindelte,-r rer?ehr den Appetit und mußte sich vie> Wahl übergeben. Ohne Bewuß seyn lag er da und nus nach vier Tagen wurde es ihm etwas besser. Man war schon zwölf Tage auf der offenen See, als man von weitem ein Schiff erblick'?. Das Sch-ff kam näher, und da es so nahe war, daß man es ge. nau sehen konnte, üb-rfiel alle ein Schrecken, man machte alle Segel auf, und wollte sich schnell von die» sem Schiffe entfernen. Allein-es ging nicht. Das frem. de Schiff war ein Raumschiff, oder ein Kaper, voll Seeräuber. Alle die auf Herrn Bedforts Schiffe waren, also auch Herr Bedfort selbst und sein Söhn Hcmr.ch, wurden von den Seeräubern gefangen. Herr Bedfort wurde auf dem Räuberschiffe gefährlich krank. Heinrich rang die Hände und weinte, aber damit konnte er seinem Vater nicht helfen. Eines Tages erblickten die Seeräuber in der Nähe ein kleines Schiff; sie winkten und schr een, und das kleine Schiff kam herbey. Es saß n darin schwarze Menschen mit schneeweißen Zahnen. Die Seeräuber nahmen Hrrrn Bedfort und noch andere Kranke und verkauften ste sehr wohlfeil an die schwarzen Leute. Heinrich wollte sich von seinem Vater nicht irrn, mn; er schrie, weinte und bath mit gefafteien Handen, ihn mir dem Vater mttzulaffen; er klammerte sich fest an ihn; aber das half nichts. Die Naud-r rissen den Sohn vvm Vater, und übergaben H rra L«ds, rt den schwarzen Männer». Heinrich wouie sich vor Bewübniß ins Meer stürzen; aber man hielt ihn zurück; band ihm Häns» und Füße, und belästigte ihn mck einem Slnck von Bast in ernem W.nke! des Schiffes. Stach ein Paar Lagen landete das Schiff, das c-45)— heißt, es kam an den Ufern des festen Sandes an. Me Gefangenen wurden gebunden, aus dem Schiffe aufs Land getrieben. Hier versammelten sich viele Menschen, von welchen die armen Gefangenen genau betrachtet, und, einer nach dem andern, gekauft wurden. Heinrich kam in die Hände eines türkischen Kauft Manns, Nahmens Selim. Dieser Sclim hatte gegen fünfzig Sklaven, welche Reiß und Zuckerrohr bauen und noch viele andere beschwerliche Arbeiten verrichten mußten. Nun war wohl Selim kein harter Mann; aber der Aufseher über die Skiaven war desto strenger- Wenn ein Sklave etwas versah, so bekam er von dem Aufseher mit einer Peitsche immer derbe Hiebe. Heinrich fühlte diese oft. Er bekam gewöhnlich nichts anders zu essen, als Reiß in Wasser gekocht. Er wurde dieser magern Speise bald überdrießig., Der Aufseher ließ immer für sich etwas besseres zu Rechte machen. Heinrich war sehr lüstern nach den Speisen des Aufsehers, und er konnte sich oft nicht enthalten, sie heimlich zu kosten. Aber diese Näschereyen zogen ihm zu verschiedenenmahlen har. te Züchtigungen zu. Ach! sagte er dann gewöhnlich, wenn ich mich doch schon in meiner ersten Zugend an schlechte Kost gewöhnt, wenn ich doch schon in meinen Kinderjahren mich vor der Lüsternheit und Naschhaft tigkeit in Acht genommen hätte! Die verwünschte Lü- sternheikzieht mir jetzt so viele Leiden zu!—^ Heinrich war nun bereits drey Zahre in der Ge. fangenschaft, und er wünschte sich oft den Tod, so elend ging es ihm. S-in Herr, Sclim, hatte ihn einigemahle beobachtet, und sich mit ihm in ein Gespräch eingelassen. Heinrich gab verständige Antworten. Dieß gefiel dem Selim; noch mehr aber wurde Selim für II. Band. K ( 146) Heinrichen eingenommen, als er die Zeichnungen sah, die Heinrich in seinen Erhvhlurtgsstunden verfertigt hatte. Selim beschloß, Heinrichen in fein Haus zu nehmen, und ihn nicht als Sklave zu behandeln. Eures Tages Wurde Heinrich zu feinem Herrn, Selim, gerufen. Als er vor ihm erschienen war, redete ihn Eelim folgender Maaßen an: Heinrich! ich habe mit Vergnügen gesehen, daß du mehr Verstand hast, als die meisten erwachsenen Sklaven, und daß du die Kunst vprstehst, mancherley schöne Bilder zu entwerfen. Mein Herz hat dich deßhalb lieb gewonnen. Du darfst hinführo nicht mehr unter den übriges Sklaven wohnen. Gleich neben meiner Stube ist für dich ein Zimmer bereit; du kannst es noch heute beziehen. Heinrich wurde bis Zu Thränen gerührt, er fiel seinem Herrn zu Füßen, umfaßte seine Kniee, und benetzte sie mit dankbaren Thränen. O! rief er aus, «ein Herr! du machst mich zu einem glücklichen Menschen! der Himmel segne dich dafür! Heinrich! versetzte darauf Selim, sey du mir nur immer treu, ss soll es dir bey mir wvhlgehen. Du wirst folgende Geschäfte zu verrichten haben: Erstens wirst du alle Tage Abends das Geld zählen, welches in meine Casse gekommen ist, und alles in mein Buch einschreiben; dann wirst du meine zwey kleinen Söhne täglich im Zeichnen unterweisen. Wer war jetzt froher als Heinrich! Er bezog noch am nehmlichen Tage sein Zimmer, und Abends speiste er mit seinem Herrn an einer Tafel. Er aß jetzt zum Erstenmahie etwas ordentlich Zubereitetes; besonders schmeckte ihm der Palmweiu herrlich, den er zu trinken bekam. -( 14?) Des andern Tages hatte er etwas auf der Stube seines Herrn zu verrichten. Selim war gerade nicht da. Als Heinrich sich in der Stube umsah, erblickte er einen Teller voll Feigem Heinrich, der seine Lüsternheit noch nicht ganz abgelegt hatte, bekam großen Appetit nach diesen Feigen. Aber sein Herz sagte ihm, daß er nichts heimlich entwenden dürfte. Doch die Feigen stachen ihm zu sehr in die Augen, und sahen zu appetitlich auS. I was ist denn um ein Paar Feigen, dachte Heinrich, zwey mehr oder wenige.-, dein Herr nimmt es dir gewiß nicht übel, wenn du ein Paar davon versuchst. Heinrich ließ sich von sei» ner Lüsternheit überwältigen, und nahm drey Feigen von dem Teller, lehrte auf sein Zimmer zurück, und verzehrte sie mit gutem Apperik. Die Lüsternheit hatte Heinrichen einen fatalen Streich gespielt. Denn als sein Herr auf seine Stube kam, langte er nach dem Teller, worauf dir Feigen lagen. Sie waren wegen ihres außerordentlichen Wohlgeschmacks auS einem erttsernren Lande gehöhlt und theuer bezahlt worden. Selim wollte einem Freunde damit ein Präsent machen. Er zahlte sie, und fand, daß drey davon fehlten. Darüber wurde er sehr unwillig, und rief Heinrichen zu sich: Hast du etwa drey von diesen Feigen genommen? fragte er zornig. Heinrich war aufrichtig und gestand es. Ha! schäme dich, junger Mensch! rief Selim. Fch habe dich vor den andern Sklaven ausgezeichnet, und du bist schon jetzt in den ersten Augenblicken deines Glückes so undankbar und bestichlst mich.- Heinrich weinte mid versicherte, daß er die Feigen nicht genommen haben würde, kenn er nicht ge. fv 8 —(!^j8) glaubt hatte, fern Herr Werde sich nicht viel daraus machen. So bist du wenigstens, erwiederte Selim, ein leckerhaster Mensch, der über seine Lüsternheit nicht Herr werden kann. Und das sind mir verhaßte Menschen. Man kann nie Zutrauen zu ihnen haben. Ihre Lüsternheit reißt sie zur Verschwendung und andern Fehlern hin. Sie sind auch in ältern Zähren noch schwache Kinder ohne Herz, ohne Muth, ohne Selbstbeherrschung. Wisse, lüsterner Mensch, daß du dich durch deine Naschhaftigkeit um mein Zutrauen gebracht hast. Zch kann dir nichts anvertrauen; denn der, der sich nicht enthalten kann, Feigen zu entwenden, kann sich vielleicht auch nicht enthalten, Geld zu entwenden, besonders wenn er dessen bedarf, um seine lüsternen Begierden zu befriedigen. Meine Kinder kannst du auch nicht unterrichten; denn du könntest sie mir leicht ver. derben und zu lüsternen Menschen machen. Du gehst jetzt gleich wieder hin, wo du zuvor wärest, und verrichtest mit den übrigen Sklaven deine alten Arbeiten. Das war ein harter Schlag für Heinrich. Er sollte nun wieder sein voriges Elend empfinden, und welch eine Schande, wieder unter diejenigen zurück- zukehren, vor denen er vor einigen Stunden ausgezeichnet worden war.' Doch es mußte geschehen, und Heinrich befand sich nun wieder in einer traurigen Lage. So unangenehm dieser Borfall Heinrichen seyn mußte, so war er ihm doch sehr nützlich. Er gewöhn, te sich von nun an, Herr über seine Begierden zu wer. den, und seine Lüsternheit abzulegen. Weil es ihm Ernst damit war, so gelang es ihm; und da dieses Selim bemerkte, freute er sich darüber, ließ Heinri- chen vsr sich kommen, und übergab ihm die Geschäft ke, die er ihm vor einem halben Jahre auch angewiesen, aber wieder abgenommen hatte. Nach drey Jahren kehrte Heinrich nach London zurück, und welche Freude! er fand feinen lieben Baker hier noch am Leben. Herr Dedfort war durch einen glücklichen Zufall aus den Händen der schwarzen Seefahrer besteht worden, und kam nach vielen über» standenen Gefahren wieder in England an. Heinrich lebte nun glücklich. Er hatte in seiner Noch gelernt, Herr über seine Begierden zu seyn, und deßhalb achtete und liebte ihn jedermann, istr ihn kannte. G l a tz. Maß igkeit. Daß Gutmann seinen Kindern einige Kenntniß vorn Menschenkörper beygebracht hatte, war wirklich von guten Folgen. Unter andern hatte es auch diese, daß sie den Nutzen der Mäßigkeit einsahen, und sie beobachteten. Ihr Vater hatte ihnen gesagt: wenn ihr esset oder trinket, so wartet nicht darauf, daß ich euch zuruft: nun hört auf, ihr habt genug! ich kann euch die Tropfen und die Bissen nicht zuzählen, sondern ihr müsset selbst auf euch Acht haben. Sobald ihr nicht mehr hungrig oder durstig seyd, so hat euer Kör, er genug und es ist Zeit aufzuhören. Einmahl ward er nebst Friederiken und Frrdman. den auf ein Dorffest( Kirchmeß) eingeladen. Hier ward —( lso)— sehr viel zu essen und zu trinken aufgetragen, aber Gutmanns Kinder blieben bey ihrem Maaße. Manche Leute haben die Gewohnheit, daß sie ihre Gäste drin. gend nöthigen, immer noch mehr zu essen und zu trinken. Das war aber bey Gutmanns Kindern alles vergeblich. Sie antworteten auf solche Nökhigungen immer:„Wir sind satt und bedürfen jetzt Nichts wer- ter." Hingegen Christoph, ein andrer fremder Knabe, der auch zugegen war, aß von jedem Gerichte ?o viel, als ihm vorgelegt ward. Zuletzt konnte er fast nicht wthr'Athem hohlen. Er mußte vorn Tische ausstehen und sich übergeben, lind weil er auch viel Bier und Wein unter einander getrunken hatte, so verfiel er auch in den abscheulichen Zustand der Trunkenheit. Erst schwärmte er eine Zeit lang auf eine ausgelassene Weise. Bald aber konnte er nicht wehr sehen noch hören, sprach sinnlos, legte sich endlich hin und schlief. Ob gleich Gutmann diesen Knaben bedauerte, so war eS ihm doch auch lieb, daß seine Kinder die ekel. haften Folgen der Unmäßigkeit zu sehen bekamen; denn nun Kurden sie durch den Augenschein davon überzeugt, daß solche Ausschweifungen den Menschen um seine Gesundheit und den Gebrauch seiner Sinne und Vernunft bringen. Am Abende mußte der betrunkene Christoph nach Hause gefahren werden, und war nach einigen Tagen darauf sehr krank. Hingegen Gutmanns Kinder gingen sehr munter und lustig nach Hause, und aßen am folgenden Tags ihre Bllkagskost mit solchem Appetit, wie immer. Nun freuten sie sich darüber, daß sie gestern mäßig gewesen waren. Thi em e. —(-äl)— Beyspiele von Mäßigkeit. Alexander hatte der Ada, Königinn von Carlen, verschiedene wichtige Dienste geleistet, wofür sie ihm auf alle Art ihre Dankbarkeit zu erzeigen suchte. Einmahl schickte sie ihm allerhand köstliche Speise» und Getränke, nebst ihren besten Köchen. Alexander nahm diese Geschenke nicht an, sondern ließ der Königinn sagen: Sein Hofmeister Leonidas habe ihn schon in der Jugend mit den besten Köchen versehen, indem er ihn gelehrt habe, des Morgens ganz früh aufzustehen und zu arbeiten, um sich des Mittags das Essen wohl schmecken zu lassen, und des MittagSmWg zu scxn, um des Abends wieder Hunger zu haben. Seneka hat sehr vortreffliche Gedanken von dem menschlichen Leben gehabt. Er sagt unter andern von demselben:„Derjenige lebt nicht, der nur an Essen und Trinken denkt. Iß und trink, damit du leben mögest, aber lebe nicht in der Absicht, damit du esseNund trinken mögest." Sokrates übte die Tugend der Mäßigkeit so sehr in seinem Leben aus, als er sie in seinem Unterricht anpries. Da er einmahl einige vornehme Leute zu Gaste gebeten hatte, und seine Frau darüber unruhig war, daß sie ihnen nur wenige Gerichte vor» setzen konnte, sagte er zu ihr: mache dir keinen Kum» —(-52)— Mer; wenn diese Leute mäßig zu leben gewohnt sind, to werden sie auch mit wenigen zufrieden seyn; wenn sie aber Schweiger sind, so hat sich ein rechtschaffner -Zankt nicht um sie zu bekümmern.— Er pflegte zu sagen, daß derjenige den Göttern am nächsten käme, rveschrr wenig nöthig hätte, indem die Götter gar nichts nöthig hätten.- Viele Menschen, sagte er, lieben um zu essen und zu trinken, ich aber esse und tnnke, um zu leben. Einer seiner Freunde klagte ein- mahl über die Theuerung der Lebensrnittel, und vorzüglich des Weins, deS Purpurs und des Honigs. Der Weltweise antwortete nichts, sondern faßte ihn »ur bey dem Arm und führte ihn zuerst auf den Korn. markt, und hernach auf den Gemüsemarkt. Diese Dinge, sagte er, müssen wohl die besten Lebensrnitteln seyn, werk sie die wohlfeilsten sind. Astyages ließ ein prächtiges Gastmahl zurich. ken, um den jungen C yr us, der nach seinem Vatern lande verlangte, seinen Aufenthalt desto angenehmer Zu machen. Dieser aber fand schon frühe keinen Ge. schmuck an Leckerbissen. Als Astyages ihn fragte: ob -hm diese Gerichte nicht besser als die Persischen schmeck- ten, antwortete er: Nein, mein liebster Großvater, wir haben bey uns einen viel einfachern und leichtern Weg, uns satt zu essen. Wir sind mit Brod und Fleisch zufrieden. Mein ihr kommt kaum durch viele Umwege dahin, wohin wir mit leichter Mühe gelangen. Ein andermahl fragte Astyages seinen Enkel, warum er Nicht Wein trinken wollte? Weil ich gestern be. ,-()- Merkt habe, antwortete der junge CyruS, daß keiner von denen, die bey der Feyer deines Geburtstages Wein getrunken, bey richtigem Verstände geblieben ist. Cyrus, der sich schon früh- zu einem mäßigen und nüchternen Leben gewohnte, führte dasselbe auch in altern Zähren. Als ihn.seine Bedienten in einem Feldzug einmahl fragten, was man ihm zur Mittags. Mahlzeit bereiten soll, antwortete er: Brod; und was das Trinken betrifft, so denke ich gegen Mittag an den Tygrrs zu kommen. Es ist ein gewöhnlicher Fehler der Jugend, im Essen und Trinken unmäßig zu seyn. Hüthet euch, meine Kinder, vor demselben. Es entstehen daraus viele Uebel. Ihr macht euch dadurch ungesund, und zieht euch tödtliche Krankheiten zu. Fragt nur die Aerzte, die werden es euch am besten sagen können, daß jährlich viele tausend Kinder darum an den elendesten Krankheiten starben, weil sie zu viel äffen- Gebt nur Acht auf euch selbst, so werdet ihr finden, daß ihr niemahls munter und gesund seyd, wenn ihr zu viel gegessen habt. Wenn ihr aber, wie vernünftige Menschen thun müssen, nicht mehr esset und trinket, als euren Hunger u,d Durst zu stillen, so seyd ihr am allervergnügtestm und gesündesten. Dann fühlt ihr euch recht leicht, könnet umherspringen und hüpfen, habt Lust zum Lernen und zu der euch ausgegebenen Arbeit. Daraus könnet ihr auch begreifen, daß unmäßiges Essen und Trinken dumm und faul kracht. Sehet nur auch einmahl solche Knaben und Mädchen an, die —(>54) Niemals satt werden können; die'nicht allein bey Ti. fche das Essen in sich würgen, sondern auch den gan. zcn Tag über nasche», ihr werdet finden, daß es immer die einfältigsten Kinder sind, die lieber zu Hause als in der Schule seyn mögen, und die, wenn sie auch in der Schule wider ihren Willen seyn müssen, lieber darin schlafen oder sich unachtsam hinstrecken, und wie im Traum sitzen, als auf des Lehrers Unterricht merken und ihre Schularbeit thun. Man weiß auch verschiedene Exempel, daß Leute, die in ihrer Zügend unmäßig im Essen waren, in ihren ältern Jahren Vielfraße wurden. O dieß sind sehr unglückliche Leute! die können niemals satt werden, wenn sie auch noch so viel essen; um ihren Hunger zu stillen, müssen sie Steine, Knöpfe und altes Leder essen, und es hilft ihnen doch nur kurze Zeit, dann hungert sie gleich wieder auf die peinlichste Art. Damit ihr also gesund und vergnügt bleibt, und kluge Menschen werdet, und nicht den häßlichen Nahmen gefräßiger Kinder bekommt: so gewöhnet euch daran, euch mit dem zu sättigen, was eure Aeltern euch zum Frühstück, Mittag-und Abendbrod geben. Denn haben sie euch lieb, so werden sie euch weder zu wenig noch zu viel geben. Lasset euch auch schlechte Speisen gefallen, und verlanget nicht nach Leckerbissen. Sehr heilsam ist eS, stch in der Jugend an jrne zu ge» wohnen, und diese nicht am meisten zu verlangen. Dadurch wird man zu einer harken Lebensart gewöhnt, die besonders alle diejenigen Ksabm öfters einst führen müssen, die zum Soldatenstande bestimmt sind. Auch die, welche Seefahrer, Jäger, Bediente bey großen Herren, Kaufleute, Künstler und Handwerker, welche viel reisen müssen, werden wollen. Glücklich sind dir. —(-55)" se, wenn sie wie Cyrus gelernt haben, sich mit Brod und Wasser zu begnügen; weil sie vielmahls in Gegen, den und Umstände kommen, wo sie nichts weiter haben, ihren Hunger und Durst zu stillen. Um eine beständige Ermunterung zur Mäßigkeit zu haben, so bitte ich euch, oftmahls mit Aufmerksamkeit auf folgende Art zu bethen: M-tSpeis und Trank sein Herz beschweren, Steht niemahls wahren Christen an; Dadurch wird das, was uns ernähren, Und unsern Geist erquicken kann, Ein Gift, das in die Adern schleicht, Und Krankheit, Schmerz und Tod erzeugt. Wer sich den Bauch zum Gott erkohren, Unmäßig deine Gaben braucht, Der geht des Himmelreichs vcrlohren, Au dem kein Knecht der Lüste taugt. Gott, laß mich ja dieß Laster scheue», Und mäßig stets und nüchtern sexn. So oft ich Speis und Trank genieße- - So laß es mit Vernunft geschehn, Und, daß ich BeydeS Mir versüße, Mit Dank ans dick, den Geber, sehn; Aus dick, der du uns zärtlich liebst, Und Nahrung und Erquickung giebst. F cd der scn. —( Zouische n. Frau Wchlmann war auf einige Wochen um ei. ner wichtigen Sache willen verreist gewesen, und ihre Kinder hatten lange sich schon auf den Tag gefreut, an welchem sie wieder kommen würde. Sie sprachen davon, was ihnen die Mutter alles mitbringen werde, und jedes sann sich etwas aus, womit es der Mutter bey ihrer Zuhausekunft eine Freude machen wolle. Ka. rvlinchen hatte ihr ein Paar schöne atlassene Strumpf, bandn gewacht; die chine Louise Hatte fleißig an ihrem Strümpfchen gestrickt, und Hatte es jetzt fertig, und Wilhelm hatte ihr in einen Blumentopf ein Rese. dapflänzchen eingesetzt, welches schon blühte. Zetzt rollte ein Wagen daher.—„Das ist die Mutter?" schrieen die Kinder, und nun gings in einem Lpr-ung zur Thüre hinaus, die Treppe hinunter und zum^Lagen hin. Louischen sah vor Freude dengro- ßm Stein auf dem Hofe nicht, der ihr im Wege lag, und ihr doch sehr wohl bekannt war, denn die Freude hatte sie ganz verblendet. Louischen that einen harten Fall über den Stein; das kleine Kniee und die Nase und der Mund waren auf den spitzigen Pflastersteinen des HofeS ganz zerschlagen, und ihre ganze Freude, und die Freude der andern, war verdorben. Man mußte Louischen ausziehen, man mußte nach. sehen, ob sie etwa einen bcträchtlichrn Schaden genom. men hatte, denn sie klagte, daß ihr alles im Leibe >rch thäte; man mußte die Wunden auswaschen und E,sig und die Brauschen legen, und Louischen mußte ziemlichen Schmerz auHaltrn. —( IL7)— So gchts, sagte der Vater; man verdirbt sich und andern sehr oft die Freude, wenn man sich zu sehr freuet. Akzu große Freude und allzu große Traurig, k-it sind nicht nur der Gesundheit schädlich, sondern sie verwirren auch den Menschen so sehr, daß er nicht recht weiß, was er thut. Löhr. Der menschenfreundliche Simpson. In England hat man bisher diejenigen Verbre. cher, dir des Todes und harter Leibcsstrafe schuldig waren, ihr Verbrechen entweder am Galgen, oder in Gefängnissen büßen lassen. Der letztcrn waren immer eine große Zahl. Natürlicher Weise lagen sie dem Statt zur Last; denn sie wußten ja erhalten werden. Es fügte sich auch wohl, daß mancher darunter durchbrach, und sein bisheriges schändliches Handwerk von neuem anfing. Um also nun diese bisher unnützen und doppelt elenden Geschöpfe, womöglich, zu nützlichen Menschen umzuschaffen, beschloß die englische Regierung im Jahr 1786, alle in den Gefängnissen des Reichs befindliche Verbrecher dieser Art nach Neufüdwallis zu schicken, damit sie sich daselbst anbauen sollten. Diese Sache wurde wirklich ins Wer? gesetzt, und wahrschein' lich steht jetzt, indem wir dieses lesen, schon manches eng. lische Dorf an der Bokani-Bap.— Als die neuen Solonisten zur Abreis- ernannt waren, erhielt auch der Schließer Simpson zu Norwich Befehl, die weibliche» -"( 158)— zu dieser weiten Reise bestimmten Gefangenen aus dem Gefängniß zu Norwich nach Plymoukh zu bringen, wo der Sammelplatz und Ernschiffungsork der Reisegesellschaft war..Simpson fand drey solcher unglücklichen Weiber vor, und unter den Dreyen war eine. die ein fünf Monathe alkeS Kind hakte. Es war von sehr angenehmer Bildung, und hatte seiner Mutter bisher durch sein schuldloses^ Lächeln und durch seine kleinen Liebkosungen manchen Kummer des Kerkers süß gemacht. Der Vater des Kindes, auch ein Kriminal- verbrecher, sollte gleichfalls, aber abgesondert von dem- Kind und der Mutter, die Reife nach Südindien mitmachen. Er hatte drey Zähre in diesem Gefängnisse gesessen; und ob er gleich wegen Absonderung der Kerker nur selten Erlaubniß erhalten hatte, Kind und Mutter zu sehen, so hatte er doch sehr oft, wiewohl immer vergeblich, den Wunsch geäußert, die unglückliche, aber doch zärtlich geliebte Verführte zu-errathen. Jetzt, als Simpson den Befehl zur Einschiffung der Coloni. sie» bekam, hielt er aufs neue und mit der dringendsten Litte um das Glück an, der Begleiter und Versager der Beyden werden zu dürfen.-„er wolle ja, sagte er, gern die tausendfachen Gefahren der weiten Reise und des Auftrtttzatts in fremden Erdwinkeln er. dulden, wenn er nur der Gatte der durch ihn Unglück, lieh gewordenen, und der Ernährer und Beschützer fei. ncs Kindes seyn Lmft." Ruch Simpson gab sich alle Mühe, dieß Anliegen mit seiner eigenen Fürbitte zu unterstützen. Weil aber Bittschriften solcher Ar-'in Menge einliefen, so wurden sie allen und also auch diesem Supplikamen zuruügegeben.— Jetzt kam her Tag der Abreije, und me Mutter wurde mir dem kleinen schuldlosen Jüngling nebst den andern beyden Weibern "( IL9) «uf einen Wagen gefetzt. Gerne hatte ihr der mitleidige Simpson die Freude verschafft, von ihrem geliebten Bräutigam Abschied nehmen zu dürfen, aber er konnte es nicht, er mußte mit ihnen fort. Die Mutter schloß den Säugling in die Arme; stille heiße Thränen flössen in Menge, und der Kerkermeister weinte mit; und so wurde denn der lange Weg unter Will-onen Seufzern der unglücklichen Mutter zurückgelegt. Zin Hafen zu Pchmomh lag ein Arrrsischiff, auf welches alle Gefangne so lange gehrscht werden mußten, bis das große M Seife bestimmte Schiff fertig war. Simpson bestieg Mit seinen Weibspersonen einen Kahn, um an dieß Wachschiff zu fahren; weil er aber von einigen höchst/üyöedeukendm Minißkeiterr,.um die er befragt wuM/keinen BeschcH zu geben wüßte, so mußte er ech^war im kalbst yktcher-736— dreh Stunden laW im/Kahn u/das Gefängnißschiff herum schwimmen. Endlich erlajrdt der Kapüain den Gefangenen ^/'hinaufzuklettern, in den schwimmendsn^K-rker. Simpson l/eß die Mutter zurrst hinauf, um ihr den llewen reise/öen Säugling zuzureichen-„Das soll das Geschöpf auf dem Schiff?"— rief der Kapital« mit ei» neu'Donnerstimme herab.— ,,Es ist mein Kind, gnädiger Herr"/— rief die Mutter;„es ist ein schuld, loses liebes/ Geschöpf einer zärtlichen Mutter"— rief Simpson, chnd wollte es in die ausgestreckte« Mutter- arme reichen.„Mchts da,"— schrie der Mann, und hob pen Stock auf,—„den Augenblick, marsch mit dem Geschmeiß!"— Die Mutter fiel dem Grausamen zu Füßen, benetzte ihn mit Thränen und bath mit einer Wehmuth, die Tiger hätten erweichen müssen, um ihr Kind. Auch der gute Simpson bath mit, und erinnerte den unbarmherzigen Mann a» das Englische ( i6o)— Gesetz, nach welchem kein Säugling von ferner Mutter getrennt werden darf. Allein der Hartherzige, der von den Meerungeheuern, über deren Köpfen er schwebte, nur der Gestalt nach unterschieden war, berief sich darauf, er habe keinen Befehl, Kinder aufs Schiff zu nehmen, und stieß den Simpson mit dem kleinen Der» lassenen zurück.„Nur so lange— Herr Kapital«—> bitte ich für das niedliche Kind, für diesen so früh vom Vater gerissenen Waisen um Schuß, daß ich darüber Erlaubniß eingehohlt habe," rief der Kerkermeister einem Mann zu, der die Zeichen königlicher Ehre an sei» ner Brust trug; und die jammernde Mutter lag noch immer zu seinen Füßen. Aber er war unerbittlich, und Simpson mußte mit dem Unmündigen zurück ans stand; die ohnmächtige, von schrecklichen Zuckungen überfallen? Mutter aber wurde in ihren Kerker geschleppt. Vergeblich forderte sie, alS sie wieder zu sich selbst gekommen war, ihr Kind von den Händen des Grausamen; ein höhnisches Gelächter war seine Antwort. Man mußte die Unglückliche bewachen; denn sie hakte ihm tausendmal gedroht, ihrem elenden Leben ein Ende zu machen. Dieser gräßliche Zustand des armen Weibes, die Unmenschlichkeit des Kopitains, und der Anblick des ihm zulächelnden schuldlosen Säuglings rührten unsern Simpson so sehr, daß er sogleich beschloß, alles Mög. l'che für Mutter und Kind zu thun. Er sah wohl ein, daß er mit feinem Anliegen und mit seiner Bürde geradezu zum Minister der inländischen Angelegenhek. ten, dem Lord Sidney, gehen müßte; denn Zeit durft te der hiilfSbegierige Mann nicht verlieren. Daher miethete er gleich in der ersten halben Stunde eine Postkutsche, bezahlte sie, und fuhr den langen Weg nach -( i6i)—' Kondor? zu. Auf der ganzen Reife hatte er das Kind auf seinem Schvoße, und in allen Wirthshäusern nähr» te, pflegt-und reinigte er es, so gut ers immer konnte. Er kam mit seiner geliebten Bürde in London an, übergab diese sogleich der Pflege einer ihm bekannten braven Frau, und er selbst eilte jum Psllastdes Ml» pisiers. Allein der liebe Mann wurde abgewiesen: „nach der Kanzle^"— hieß es,„müsseergehen und sein Anbringen schriftlich und in gehöriger Form vorbringen, dann werde sichs finden, welchen Bescheid man ihm zu ertheilen habe." Der zärtliche Fürbitter wende, te sich der Reihe nach an alle Livreenbediente des Hau. ses, so wie er einen zu sehen bekam, mit der flehenden Wirte, ihm nur auf zwey Minuten Gehör beym Mini, ster auszuwirken. Aber der eine lachte ihn aus, der andere hielt daS Gesicht von ihm weg, der dritte spie verächtlich aus, und schlug die Thüre vor ihm zu: „was denn ein Schließer aus Norwich sich unterstehe, mit der Persan eines Ministers sprechen zu wollen," hieß es. Doch Simpson achtete diese Kränkungen nicht; es war ihm jetzt nicht um Titel und Ehrenerweisungen, sondern um Schutz für einen Waisen zu thun, und sein rechtschaffenes Herz kannte keine Menschenfurcht, Erdrang also muthig durch einige Zimmer durch, und fand endlich einen Sekretär des Ministers. Diesen» erzählte er sein Anliegen kurz, und fand Gehör; den» der Sekretär versprach ihm, mit dem Herrn deßwegen zu reden, gab aber dabey zu erkennen, daß hiezu erst in einigen Tagen Gelegeichkit seyn werde. Unterdessen wollte er jedoch den Befehl, wegen Annahme des Kin» des ausfertigen, damit er sogleich von, Minister unterzeichnet werden könne. Dem rechtschaffenen Simpson war dieß freylich Güte genug; aber sein edles Herz ll. Band. L kochte vor Begierde, gleich auf der Stelle Nach zu schaffen, und sein Griff, der eine glückliche Minute ahndete, riß ihn aus dem Zimmer fort. Kaum war er an die Treppe gekommen, als er den Minister daber. treten saß.— ,,Grindiger Herr, rief er, und sattere die Hände—.„Gnädiger Herr! nicht für mich. für -inen schuldlosen, von der Mukicrbrust gerissenen, dem Hungertode vergebenen Säugling rede ich?' Anfäng- kich sah ihn der Minister zornig an, und wollte kork. eilen; aber der bewegliche Eingang, womit Simpson sein Anliegen anfing, verschaffte ihm Gehör. Jetzt erzählte er die Sache kurz, und schloß mit der Aeußerung, er fürchtete, daß.die unglückliche Mutter viel. seicht in diesem Augenblick, in welchem er um Mitleiden für sie flehe, ihrem elenden Leben ein Ende gemacht habe. Der Minister wurde gerührt; nachdeür er sich also sehr genau nach allen Umständen erkundigt hatte, fertigte er auf der Stelle den Befehl aus, daß) das Kind zur Mutter solltezugleich aber ertheilte er auch dem braven Kerkermeister das wohlverdiente Lob für sein gutes Herz. Simpson, der edle, rechtschaffene Simpson, nützte diesen Augenblick, und bath auch um die oft erbechcne Gnade, den Vater dem Kinde, und den Liebenden der Geliebten wieder Zu geben, und auch die. se Bitte wurde ihm gewährt; denn Simpson erhielt in der nehmlichen Viertelstunde die Ausfertigung des Be- f sts, daß der junge Gefangene sogleich nach Plhmouth gesandt, und da auf Kosten des Ministers mtt seiner Braut kopulirt werden sollte. Und um d- unglückli- che, in den Handen des grausamen Kapikains befindliche strau zu trösten, wurde ihr die Nachricht von diesem doppelten Glück sogleich durch emen Erpressen zu- r6^) Mwpfon, voll von Wonne»her den Segen seiner unternommenen Tbat, empfahl ft-new Saultng der frommen, gemifferchafien Pflege, der aedungrnen Fenn! und r,tt dann, ni- g.flttgelk, nach N.rw'ch, Da drang er?oie man diesem in Deutschland Unehrlich genannten begegnete.-- Die Rufschrift war: An den menschenfreundlichen Schlier Herdes Norwicher Gefängnisses. Hrrr Simpson! Die so rührend erzählte Geschichte Ihrer Zärtlichkeit und Menschenliebe gegen die unglückliche Mutter und den Säugling, deren Leben und Glück so sehr Ih. re Sorgfalt beschäftiget hat, ist meines WiffenS nicht eher, als vor einigen Togen in den Londner Zeitungen erschienen. Der Vorfall hat mich und viele andere f» sehr für das Schicksal dieses nunmehr vergleichungS. weise glücklichen Ehepaars eingenommen, dass wir gerne wissen möchten, auf welche Weife wir für ihre künftige Wohlfabrt eine kleine Summe Geldes anwenden könnten, die wir zu diesem Entzwecke gesammelt haben, -(-6z)- ZH glaube, daß niemand uns hierin besser rathen 'könnte, wie Sie, der Sie so auffallende Proben^ von der Güte Ihres Herzens, und von dem Mf-r in Ihrer Sache gegeben haben. Meine eigne Me.nung ist, da« für Kleidungsstücke für Na'er, Mutter und>Und zu kaufen; ferner Acker-und Wirthschasisgeräche, oder solche Gattungen von Werkzeugen, die des Mannes Händ- thierung und Grschickiichkeit angemessen sind. Es ist wahrscheinlich, daß, wenn er auch nicht ein Handwerk regelmäßig gelernt hat. er doch zu irgend einer Arbeit Fähigkeiten haben werde. Dieses, nebst dem Körper, maaß von Wann und Frau, wie auch deren Nahmen, bitte ich mir, wo möglich, mir umgehender Post zu mel. den, damit keine Zeit, den armen Leuten b.mzusicheu, verloren gehen möge. Dem Capitain PhiUpps wird man diese Familie angelegentlichst empfehlen, wo es nicht schon geschehen ist. Ich warte nur bloß auf Ihre Antwort, um die nöthigen Maaßregeln zu nehmen, sie nicht allein für jetzt, sondern auch für ihr zukünf. riges Leben glücklich zu machen. Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne Ihnen zusagen, daß Ihre Menschenliebe anfalle zu Lord Spd. nepS Kanzle- gehörige Mitglieder den tiefsten Eindruck gemacht hat, so daß jedes Auge glänzte, alS sie der Bstror I...(der von unS den Auftrag harte, sich um die Wahrheit der Sache zu erkundigen) versicherte, daß oie Geschichte buchstäblich wahr sey. Mein dieß ist der geringste Theil der Belohnung, die eine so christ. liche Gatmüchigkeit auf allen Schritten begleiten»miß. Ich kjn u. s. w. London, den L. Dez. 1786, Der Gerechte erbarmst sich auch des Viehes. RomNmg, eines Bauers' Sohn, zeigte schon in der KLiiu^k'-eiir höchst unfiiylbares Herz. Wenn er .p /rstine,»'.langen Sperling bekommen konnte, so suchte er stinrr hab-af. zu werden., um ihn langsam zu Lobe zu maneea. Oinen Käfer seiner Flügel zu öeruub-n, eine H-i^ge zu o-ertheilen, einen Wurm zu zerhacken, k'-irn Frosch aufznbimen;. aüe ölest.Uubarmherzigtek. k:l oareu für lern graajames Herz eben so orel festlich'! Freaseq, gerade ach ob yaS ganz? Heer der Lh;-.yr Nur-Sepwegen aas den Handen, der schaffenden Äümacht he«osr-gr'^j.g«l wär-, um von den Klauen dieses ilei- ur-i Host.sichre gcn«.arlerr, und wieder in ihr voriges It.chrS oermseien zu werden. Ar führte beständig Srr.ue kep'ich, womit er die Thiere angriff, die er aut üer L r.sie ecbl.ckte, so daß man jedesmahl, so ytt man MommlNg auf der Gaffe erblickte, sicher verc mukaen konnte, da' Wehekiagen eines verwundeten HmimS zupör-n. Konnte er e,ner Katze habhaft werden, iv var>ie glücklich, wenn sie bloß ihren Schwanz un) iyrc O-rrn in den Handm dieses kleinen Henkers lchsm w-st. e.. Gewöhnlich goß er ein Gefäß voll ste. d-chiN Wajters über sie her, oder hackte ihnen zwey Fuße ab. Lr-.ernorte aüe. Vogelnester unter den Dächern and an den Gebüschen; das Flehen der be» rauben Mutter ruch'e ihn nicht; die Zungen, die eben rrff stw Leben von«yrem Schöpfer bekommen hatten, wurden unter taufend Martern dem Tode übergeben, und konnte er die Aue» gleichfalls in seine Hände be» koaimen.>o mußten auch-,e'e sterben. Er hatte sehr oft von ftlNrtt Leprera die wichtigen Worte gehört^ —( 167)— Laß kein Sperling aus die Erde fällt, ohne unsers Vaters Willen, und dennoch führte er den Krieg gegen die Kostgänger Gottes, mit einer solchen Freude, die kein Tiger fühlt, wenn er Lämmer würgt. Jenes flehende W-nden und Krümmen, jenes sprachlose Ringen mit dem Tode, daS er an dem zerquetschten Käser be. merkte, jenes klägliche Zappeln des Vögelchens, das unter seinen Klauen lebendig gerupft oder gespießt wurde, jenes Jammergeschrei- eines Hundes oder einer Katze in ihrer Sterbestunde konnte der Barbar mit der entzückendsten Freude bemerken, und jeder, neue Grad des Schmerzes und der Äual vermehrte sein höllisches Entzücken. Diese Grausamkeit beging der unmenschliche Rom- ming bis in sein dreißigstes Jahr, als Mann zwar nicht so häufig mehr, wie als Kind oder als Jüngling, jedoch nicht deßwegen, als ob er sanfter geworden wäre, sondern weil es ihm an Gelegenheit fehlte. Einst ließ er im Brauhaus- beym Meischen seinen Hut in den Biecbottig fallen. Er wollte ihn mit der Meisch- keile wieder fangen, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte hinein; doch behielt er noch so viel Selbst- kraft, daß er sich mit den Händen am Rande des Bot- tig festklammerte. Er wurde wieder heraus gezogen, allein er hatte beyde Beine verbrannt, und mußte nach Hause getragen werden. Die Schmerzen, die er fühlte, waren unbeschreiblich, und alle Leute auf der Siraße konnten das Gebrüll hören, das ihm seine Qualen auspreßten. Auf einmahl bemerkte man an ihm, daß er sehr nachzudenken schien, und nach einer halben Stunde, die er in einer gewissen Stille zugebracht hatte, verlangte er den Zuspruch eines Geistlichen. Der Prediger kam.— Herr, sagte Romming im Tone der stärksten Verzweiflung, ich habe Sünden be- Sangen, dir iH nie wieder gut machen kann. So viel kaufend Thiere habe ich zu Tode gemartert, ohne auch nur den kleinsten Grad ihrer Todesfchmerzcn zu rrn» pst'nden. Jetzt fühle ichs nun an meinem eignen Kör» per, welch ein Wütherich ich gewesen bin. Ach rächen Sie, Herr, rathen Sie mir, wie ich alle die Grausamkeiten wieder ersetzen soll. Wäre ich Dieb, oder Ehrenschänder, oder Mordbrenner gewesen, so könnte ich vielleicht den verursachten Schaden wieder gut machen. Aber wo soll ich auch nur Ein Leben von so vielen taufenden wieder herßvhlen? welchen Ersatz soll ich den Leichen so vieler ermordeten Thiere geben, öic weiter auf der Welt kein Glück zu erwarten haben, als die Freude zu leben? Ach, wo soll ich mich hin. wenden: Zu Gott kann ich nicht, ich bin sein Rebell, ich zerstörte die Werke, die seine Allmacht und Weiss Kkit ss schön geschaffen hat; ich führte Krieg mit Geschöpfen, die auch, obgleich nicht mit eben dem Range, als Menschen, seine Kinder sind;— ich mißhan-. deltesie, da sie mich doch nicht beleidigt, ich zerfleischte sie, ohne daß mir ihr Tod den geringsten Nutzen brachte!— Und, ach, unzählig sind die Leichen derselben, die vielleicht ohne meine Grausamkeit jetzt noch sämmtlich leben, und sich ihres Daseyns, ihres einzigen Daseyns freuen könnten! Der Prediger ließ den Unglücklichen noch einige. Zeit in diesem Affecte; er sagte ihm, daß der boßhafts Mord eines Thiers einen ganz besondern Grad vor» Strafbarkcit habe, die bey einem Mcnschenmord nicht eintrete. Das Thier, sagte er, wird jedesmahl aller seiner Freuden» aller feiner Glückseligkeit beraubt. Der ermordete Mensch hingegen geht öfters in eins bessere Welt über. Der Totschläger mordet aus Noch, —( 169)— tzLcr im Augenblick des Zorns; der Thiermörder hingegen aus boshaftem Muthwill-n. Während dieser Unterredung bemerkte der Geistliche, daß die Beine des Patienten ganz schwarz warm. M wurde ein Arzt gehöhlt, und dieser versicherte, daß beyde Beine in Zeit von einer halben Stunde abge. nvmrnen werden müßten, wenn der Patient nicht am kalten Brand sterben wollte. Wirklich geschah diese Operation. Nun stieg die Verzweiflung dieses Elenden noch höher. Das Bewußtseyn, so viele Thiere um eben diese Gliedmassm gebracht zu haben, die er jetzt einbüßen mußte, vermehrte sie, und er war der Raserey nahe. Ach. rief er, wie manchem Käfer, wie manchem Vogel riß ich seine Beine ab, ohne zu bedenke», daß er über solche Schmerzen wehklagen mußte, die ich jetzt suhle! Wie manches Thier begoß ich mit siedendem Wasser, ohne die Qualen zu fühlen, die ich jetzt selbst empfinde. So schrie Rqmmiag unaufhörlich, und er würde sich einen tödtlichen Zufall zugezogen haben, wenn ihn nicht der Geistliche etwas g-, tröstet hätte. Er ward wieder gesund, und l-bre als Krippe! noch fünf und zwanzig Jahre, in welcher Zeit) ex jedem Knaben, den er zu Gesichte bekam, eine Pre, d-gr über die Barmherzigkeit gegen die Thiere hielt, Der Thierquäl.sr. „Warte doch ein wenig, kleiner Jung?: ich will dir einen von deinen Hamstern abkaufen!" So rief Peter einem Dorfknabeü nach, der in die Stadt gekommen war, vm ein Söckchen voll jum g?r Samsier, die sei» Vater zusammen gefangen hakte, zu verkaufen. Der.Knabe mit dem Sacke stand still, und Peter hüpfte m-t einigen Kameraden zu ihm. Man besah die medüchm Lhrerchen. und Peter kaufte ein Paar davon. Er wäylte sich die muntersten und lustigsten, zahlte zwey Groschen und vier Pfennige dafür, zog sein Schnupftuch aus der Tasche, und that die gekauften Hamster hinein. Nun ging die Freude an; Peter sprang, es sprangen mit ihm seine Kameraden, und springend kamen sie bey einem Sandhaufen an, wo die armen T-ierchen aus dem Tuche genommen, und zu Verschiedenen Geschäften bestimmt wurden. Znerst zog Peter ein Kettchkn hervor, und legte dasselbe des deysen Hamstern an. An das andere Ende wurde ein Skückchm Holz angebunden und die furchtsamen Thiere angetrieben, dasselbe mit sich forizuzieyen. Das Wartete die armen Hamster sehr ab; sie blieben stehen, zogen sich zusammen, und wollten nicht von der Stelle. Peter aber und seine Spießge. seüen waren unbarmherzig genug, sie mit einer Wei- denruche zum Fortlaufen zu bewegen. Als sie aber endlich auch damit nichts mehr ausrichten konnten, nahm Peter das Holz von der Kette und sagte zu seinen Kameraden: wißt ihr was? wir wollen die Hamster zu Bergleuten machen; sie können uns hier den Sandhaufen dmchgrabm und wir wollen ihnen zusehen; wir versäumen ja nichts. Es ist gar zu drol- kig, wenn die Thiere den Hausen durchwühlen, und zur andern Seite herauskommen. Alle waren mit lstesem B,»schlage zufrieden. -( 171)- Als man die Hamster auf den Sandhiigcl ge- schleppt hatte, fing«-, sie gle-ch mit allen Füßen an, sich ein Loch aufzuscharren, gruben sich immer netto und tiefer in den Sand hinein, und kamen gewöhnlich m.feiner andern Srtte des Hügels hervor; zuerst kam das Schnäutzcken, dann der Kopf, und nach und nach der ganze Körper zum Lorsche'n. Das war für die murhwilligen Knaben ein gar spaßhafter Auftritt. Sie umsprangen den Sandhaufen, lachten überlaut und klatschten in die Hände, wenn sie den vierfüßigen Bergmann sich hervor dran- gen sahen. Was hast du gefunden? riefen sie bann lachend, und stellten sich vor den Hamster hin, hast lzu Golo oder Silber, oder Kupfer oder Eilen gegra. Leu? so rede doch! Nun zogen sie das abgemattete Thier auf eine andere Stelle, und wenn es sich wieder eingrub, gab man ihm fast immer einen Streich mit der Ruthe und sagte: hier yast du waS mit auf den Weg!.... Das dauerte eine halbe Stunde, da wurden die Knaben dieser Unterhaltung satt, und sannen auf ein neues Vergnügen. Peter fand bald, was er suchte. ES fällt mir etwas ein, Kameraden! sagte er zu den übrigen. O laß hören, versetzten diese, du hast ja immer glück! ehe Einfalle. Zhr habt doch noch eure Armbruste? erwiederte Peter. Die haben wir, antworteten alle. Nun, diese Armbrüste höhlt herbey, wir wollen einmahl um die Wette schießen. Ohnedem würden die Hamster nicht mehr lange leben; es ist bester, wir schießen sie todt. —(-7Z)—' Der Vorschlag fand Beyfall. Jeder höhlte feine Armbrust, und seinen Köcher, der mit Pfeilen gefüllt war. Aber man hielt es nicht für rathsam, bey dem Sandhaufen auf die gequälten Thiere zu schießen. Denn es gab in der Nähe Häuser, und aus diesen Häusern hätte leicht jemand die Grausamkeit der Scharfschützen bemerken und ihnen einen Verweis geben können. Ein inneres Gefühl sagte ihnen laut, daß es nicht recht sey, unschuldige Thiere zu Tode zu martern, und dass besser gesinnte Menschen eS nicht gleichgültig ansehen würden, wenn sie dieß thäten. Deswegen wollte man sich den Augen solcher Menschen entziehen, um desto ungestörter sein schlechtes Vorhaben ausssch, ren zu können. Man ging daher aufs Frld, band die Hamster an e;nen kleinen Pfiock, zählte zehn Schritte ab, und schoß nach ihnen. Anfangs konnte keiner treffen; da ging man eimge Schritte näher; Peter zog seine Armbrust auf, legte den spißlgstrn Pftil darauf, und drückte ab. Und der Pfeil ging in den einen Hamster. Das verwundete Thier fing an, sich herum zu walzen, aber die grausamen Knaben achteten nicht darauf; einer schoß es bald darauf in den Bauch, und ein dritter in den Hals, und noch geschahen viele Schüsse, bis es ganz getödket wurde. Das Nämliche geschah mit dem zweyten Hamster; auch er wurde einige Mahle verwundet, wand sich herum, zappelte und quiekte vor Schmerzen, bis endlich ein Pfeil ihm die Stirne durchbohrte, und er nun todt dahin sank. Diesem schmerzvollen Tode fonnten die gefühllosen Knaben ohne alle Regung oim Mitleiden zusehen! -.( 17Z)- Peter hatte manche gute Eigenschaften, die ihm -die Liebe vieler Menschen erwarben. Aber mit h^m häßliche» Fehler. Thiere zu quäle», war er scho„ M kleiner Knabe behaftet, und alle, die ihn von dieser -Seite kennen lernten, entzogen ihm ihr Herz, ihre Liebe» ihre Freundschaft. So wie ein Dinkenfleck ein Stück des schönsten, weitesten Papiers entstellt, so entstellte jener abscheuliche Fehler Peters Herz. ,»Schade um den Zungen! sagten viele; er hat gewiß viel GukeS in seinem Charakter, aber die schändliche Gewohnheit, Thiere zu martern, verdunkelt alle seine bessern Eigenschaften." PrkerS Vater war ein rechtschaffener Mann und er wünschte sehr, daß aus seinem Sohne ein recht braver Mensch werden möge. Allein er war nicht vermögend, auf die Erziehung de- Knaben viel Zeit und Sorgfalt zu verwenden; denn er brachte den größten The-'l des Jahres auf Reisen zu, und befand er sich auch zu Hause, so war er gewöhnlich mit so vielen Geschäfte» überhäuft, daß er auf die Aufführung seines Sohnes kein wachsames Auge haben konnte. Sei. ne Frau war ebenfalls rechtschaffen und edel gesinnt; allein auch sie hatte viel in ihrem Hause zu thun; die ganze Wirthschaft lag auf ihr, und sie war daher nicht im Stande, die Erziehung ihreS Sohnes mit der nöthigen Sorgfalt zu betreiben. Ihm einen,Erzieher, wenigstens einen Hauslehrer, zu halten, dieß Liessen ihre Bermögensuw.stände nicht zu. Peter blieb daher größtentheils sich selbst über- lassen. Er gerieth in Gesellschaften, die aus schlechten Kindern bestanden, und auf sein Herz einen nachthei» ligen Einfluß äußerten. Zn solch-m Gesellschaften hatte er denn auch die entehrende Gewohnheit angenommen. —(-74)— das öebeo der Thiere gering zu schätzen, und ihnen dasselbe, wenn's ihm etnfie!, zu nchureti. Er be, gnügte sich aber nicht damit, unschuldige Thiere zu todten, sondern er fand mich ein Vergnügen daran, sie zu verstümmeln, und langsam zu Tode zu qualm. So fing er viele Fliegen, riß ihnen einen oder kepde Flügel ab, und ließ sie dann ungeflügStt fortkr echen. Die Katzen kneipte er oft gewaltig in die Schwänze, und ergetzte sich an ihrem Maugeschrei); ein Paar Mahl Latte er ihnen eine aufgeblasene, getrocknete und Mit Erbsen gefüllte Blase angebunden. Das Getöse, welches dadurch verursacht wurde, ängstigte die armen Thiere so sehr, daß sie wild in der Stube, über Bänke, Stühle, Tische herumsprangen, einige Teller und Gläser zerschmetterten, und endlich durchs Fenster setzten. Nicht weit vom Hause lag ein Sumpf, in diesen lief eins der Katzen, blieb darin stecken, und da in der Nacht alles gefror, so fror sie auch ein, und kam auf eine schmerzliche Art um ihr Leben. Die andere ste! in einen alten, eingefalle- en Brunnen und ertrank. Peter litt deßwegen von seiner Mutter, die dieses' erfahren hatte, eins empfindliche Strafe. Aber dieß half nicht viel; Peter blieb, was er war, t>.r alte Thierquäker. Wenn sich andere Kinder des Ma»s ftertten, weil in diesem Monath die Natur wieder auflebt, die. Sonne freundlicher, wärmer scheint, die Bäume Knospen treiben, Berge, Wiesen und Thäter zu grünen ansangen; so freute sich Peter dieses Monaths deßwegen,' weil er dcmn viele Mapkäsir haschen, und seine Begierde, Tkwre zu martern, befr'edrgxn konnte. S x sehr verstümmelte er nicht die Maykäfer! dem einen riß er die Flügeldecken ab, mr anderer muM aufbeut H —( 175) Wasser herumschwimmen, einen dritten kreuzigte. er; dre meisten aber gebrauchte er zu Windmühlen. Er nahm dann gewöhnlich einen Federkiel, schnitt die Fahne weg, spitzle die Spule, und steckte der» Kater die Sp-tzr durch den Leib. Durch-die Mitte der Spule ward eine Stecknadel, die an einem Hölzchen befestigt war> gesteckt, und nun der durchbohrte, aber noch immer lebendige Maxkäfcr angetrieben, sich, wie das Rad einer Windmühle, herum zu drehen. Dergleichen Käfermühlen hakte Peter oft eine lange, lange Reihe. Es war ganz natürlich, daß Peter, der sonst ein gutes, mitleidiges Herz hatte» mit jedem Tage gefühlloser, schadenfroher, undienstsertiger und schlechter wurde. Er wäre endlich gewiß ein Bösewichk geworden, wenn nicht ein glückliches Ereigniß seinem Geiste eine andere Richtung gegeben hätte. Sein Vater, dessen Geschicklichkeit und Redlichkeit dem Landesfürsien bekannt wurde, erhielt ein wichtiges und einträgliches Amt. Er war nun gegen Nahrungs. sorgen geschützt, und durste nicht Länger auf mühseligen Reisen seinen Unterhalt suchen. Auch war er jetzt im Stande, mehr Sorgfalt und mehr Geld auf die Erziehung seines Sohnes anzuwenden. Mit Betrübniß hatte»r an ihm jenen Fehler bemerkt. aber er glaubte doch nicht, daß Peter seine Grausamkeit gegen Thiere so weit treiben könne, als er sie wirklich, trieb. Wie sehr erschrak er daher, als ein guter Freund in die Stube trat, und nach mancherley Gesprächen ihn endlich so anredete: Mein bester Freund! ich bin aus der Ursache zu Ihnen gekommen, um Sie mit emer Handlung - Ihres Sohnes bekannt zu machen, die Ihrem gefühlvollen, väterlichen Herzen gewiß wehe thun rv'rd. Pe- ker ist ein Thierquäler, ei» groser Lhicrquälcr. Den- —( r?6)— ksn Sie nur; gestern besucht weine Frau das Licr.eM Haus; als st« durch den letzten Garien geht, sieht sie in der Näh« viele Knaben, mit Armbrusten und Köchern im freyen Felde hcrumsprwgen und nach etwas schießen. Was treiben die jungen Leute? dacht' sie bey sich, ging näher, guckte durch den Zaun und sah, daß die Knaben nach einem kleinen Thierchen schössen; sie trafen es einige Wale. das geschossene Zhier zappelte, und wälzte sich herum; allein die wilden Zungen hakten ihre Freude daran. Aus ihren Reden schloß meine Frau, daß steinen jungen Hamster quälten. Ihr Peter war auch dabey, und er soll der Heerführer der übrigen gewesen seyn. „Mein Peter?" rief der bestürzte Baker,„mein Peter? er ein so nichtswürdiger Thierquälek? Zch danke Ihnen, lieber Freund! für die Nachricht, ob sie gleich sehr unangenehm für mich ist. Ich muß die Sache näher untersuchen." Der Freund empfahl sich, und Herr Ehrmann ging in Gedanken sehr schnell in seiner Stube auf und ah. Seine Frau, die eben hereintrak und ihm siine Vkrwirrung anmerkte, fragte ihn, ob ihm etwas fehle? Er erzählte ihr, waS er eben gehört hatte, und fügte noch hinzu: Mein ganzes LebensMck ist dahin, wenn mir der Zunge schadenfroh, neidisch, gefühllos, und grausam wird. Und wie sehr haben wir dieses zu befürchten! Er hat schon jetzt seine Freude daran, wenn er Thiere quäken kann« sein Herz wird immer unempfindlicher, und er, der jetzt Thiere grausam behandelt, wird einst seinen Nebenmenschen eben so behandeln. O Gott! wie unglücklich wäre ich dann. wenn ich es erleben müßte, daß Peter, auf den wir ->(>77) unsre ganze Hoffnung setzen, ei« Menschenbedrücker, er« Tyrann, ein Unmensch würde. Frau Ehrmann fing an zu schluchzen. Lieber Mannt sagte sie, weißt d» es denn aber auch gewiss,dass PL» Lcr dabey wer und die Thiere Mit quakn half? Darm zweifle ich gar nicht, erwiederte Herr Ehr- Mann; ich habe die Nachricht von einem Manne, der mir keine Unwahrheit sagn: kann. Und ich selbst Habs Leu Jungen schon einigemal bemerkt, wie er Wiegen und Käfer zu Tode marterte. Aber lassen muß er mir diese schändliche Gewohnheit, dafür laß du mich sorgen. Herr Wi-marm dachte über die Sache nach, und befragte darüber auch einen vortnfflichm> weisen M-mn, den'ersten Gtadtpredigee, der im Ehrmarmschm Hause manchen Abend verlebte, und die Familie durch seine angenehmen und lehrreichen Gespräche wohl zu unter, halten wußte. Dieser gab ihm den Rath, für seinen Sohn einen Erzieher ins Haus zu nehm«,, und empfahl« ihm sogleich einen wackern jungen Menschen hiezu. Herr Ehrmsm! befolgte den Rath, und der empfohlene junge Mann nahm den Antrag, P-tern zu er. ziehen, an. Nun gmq ülleS besser. Der Erzieher wuß. te auf seinen Zögling so gut zu wirken, daß er in we. mgm Tagen ganz anders gestimmt war. Er war erst «ine Woche im Ehrmarmschm Haufe, als Ehrmann's Geburtstag einfiel. Schon vor Sonnenaufgang weck. te er seinen Zögling, und führte ihn auf einen schönen Hügel. Eine heilige Stille umschwebte sie, und nicht das leiseste Gesäusel störte die Ruhe, die sich über die ganze Natur verbreitet hakte. Jetzt redete der Erzie. her seinen bewegten Zögling an. und senkte gute Ge» danken und edle Entschlüsse in seine Seele. Unter an» dem stellte er ihm auch die Wohlthaten vor, die eL U. Band. M —(!78>— von seinen rechtsichaffenen Eltern genösse, und die Pflichten, die er ihnen schuldig war?. Peters Auge wurde naß; er fiel seinem Erzieher um den Hals und sagte voll Begeisterung: O lassen Sie uns nach Hause eilen, damit ich meinem Barer, meiner Mutter an die Brust sinken, und ihnen das Heilige Versprechen thun kann, daß ich gut, daß ich rechtschaffen seyn will. Gerührt gingen beyde von dem anmukhigen Hügel herab, und Peter eilte sogleich in die Stube des Bakers, der nicht wenig erfreut schien, seinen Sohn so frühe und mit einem so frohen» herzlich frohen Ge» sichte bey sich zu sehen. „O Baker! liebster Baker!" rief dieser, fiel dem redlichen Ehrmann in die Arme, und küßte dankbar seine Wangen;„theuerster Baker! ich habe heute ein. sehen gelernt, wie gut du bist, und wie viel du an mir thust. Ach! wenn ich mich nur dankbar gegen dich beweisen könnte! Fch will gut seyn, ich will rechtschaffen seyn, damit ich dir Freude mache; dann stehst du es gern, wenn der heutige Tag noch viele, viele Zah, re von dir begangen wird, Vater! Baker!" Herr Ehrmann, überrascht durch diesen Auftritt, hob seinen Sohn in die Höhe, gab ihm einen väterlichen Kuß, und sagte: Kind, Gott segne dein Ver. sprechen! du wirst mein Leben um viele Jahre verlängern, wenn du es hältst! o daß du ihm nie untreu zvürdest! her die Hand, Peter! du willst das Versprechen halte», so wahr du redlich bist? „So wahr ich redlich bin!" antwortete Peter. Es erfolgte Händedruck und Umarmung. Etwas will ich dir, mein Sohn! bey dieser Gelegenheit noch sagen, fuhr der bewegte Vater fort; —(-?->)— etwas, mein Sohn» was sehr wichtig für dich und für mich ist. Höre mich an, und sey aufrichtig. Du hast doch noch deine Armbrust? Peter,(betroffen.) Ja. lieber Vater! Hr. Ehemann. Gebrauchst du sie denn auch? Peter. Zuweilen. H r. Ehrmann> Hast du nicht vor acht Tagen damit geschossen? Peter. Vor acht Tagen? Hr. Ehr mann. Sieh' mir nur ins Gesicht. Warst du nicht vor acht Tagen mit einigen deiner Kameraden hinter Edmunds Garten, und wonach schoßt ihr dort mit euren Armbrüsten? Peter( äußerst bestürzt, mit schüchternem, halb- gesenlten Blick.) Ja, lieber Vater, ich war dort; wir schössen dort nach zwey jungen Hamstern. Hr. Ehrmann(ernsthaft und bedauernd) Also zwey unschuldige Thiere habt ihr zu Tode gequält? Zwey? und ihr könntet das über euer Herz bringen? Peter stand nun verwirrt da, und konnte kein Wort zu seiner Entschuldigung vorbringen. Heiße Thränen strömten über seine Wangen, er ergriff zittern die Hand des Vaters, und stammelte: Nie— nie— Vater! nie will ich— Thiere quälenVerzieh mir— ach! vergieb mir!—- „O vergieb ihm, Vater! vergieb ihm! er wirds nie wehr lhun." Mit diesen Torten stürzte die Mutter, die alles mit angehört hatte, aus dem Nebenzimmer. Ihre Augen waren voll, und Herrn Ehrmann emrollre auch eine Freudenthräne über den reuevollen Sohn. Neun so sey es dir vergehen, sagte er zu dem schluchzende» M 2 < I8o)— Eohne. Du verstrichst, rmmaW mehr ein Thier zu rnarkcrn. Zch glaube deinen Worten. Und so drück' ich dich denn mit mehr Väterliche, und mit der süßesten Hoffnung, als einen bessern, edleren Menschen, an meine Brust. Mutter! thue das auch! Sohn! präge dir rief in deine Seele die Wahrheit: Wer eine Freude daran hak, Thierezu quäken, der wird einmahl aucheine Freude daran haben, Menschen zu quäken. Nun gehe auf deine Stube, mache deine Sachen in Ordnung, und be. reite dich zu einer kleinen Wanderung. Wir wollen den Heutigen Tag mit einigen braven Freunden froh in dem stillen Dörfchen Silberbach verleben. Sanft heiter begab sich Peter auf sein Zimmer, And erzählte in den Armen feines Erziehers das,»ras vorgefallen war. Mit grossen Buchstaben schrieb er auf ein starkes Velinpapier die Worte des Vaters: Wer eine Freude daran hat, Thiere zu quälen, der wird einmahl auch ei- ne Freude daran haben, Mensche nzu quälen. Das Papier klebte er auf ein Stück Pappe, und Hing es an die Thüre, wo es ihm oft in die Bogen fiel.„Es soll mich erinnern, sagte er, wenn ich mich ptwa vergessen, und wieder in meinen vorigen Fehler fallen sollte." Herrn Ehemanns Geburtstag war für seine Fa-^ rmlie, und einige redliche Freunde, ein Tag der reinsten, süßesten Freuden. S i lbrrb ach hatte schon lange nicht solche edle, heitere Seelen bewirthet, und diese waren schon lange nicht von so braven Land, lenken, wie die Silberbacher, bewirthet worden. -( r8r)— Petern schien die Welt, nach so guten, gefaßten Entschlüssen, noch einmahl so schön. Niemahls Hai er -mehr ein Thier gequält. Glotz. Die Geschwister. Mus schleichst du da so lauschend herum, Lud« wig? fragte Karolinchen ihren jüngern Bruder, der im Warten auf-und abging, und etwaS Geheimes vor, zuhaben schien. Dabist sehr neugierig, Linchen! versetzte Ludwig. Wenn ich etwas Geheimes vorzuhaben scheine, warum fragst du m-ch denn darnach? Etwas Geheimes ver- räth man ja nicht gern, Ader denke doch, Ludwig! daß ich deine Schwester bin! erwiederte Karolinchen. Einer Schwester sagt pran wohl manches, was man einem andern nicht an- vertrmik. Ludwig. Za, wenn eins Schwester nur nicht ein Mädchen wäre! Karolinchen. Gy, sieh' doch! der Herr Bruder scheinen eine kleine Meinung von den Mädchen M i. haben- Ludwig. Eine große gewiß nicht. Karolinchen. Ein schönes Compliment fi'w mich. Ludwig. Ob es schön ist, oder nicht, rS iß wahr! ( 182^ Karolinchen. Herr Bruder, Sie werben immer ferner! Ludwig. Fraulein Schwester, Sie werden immer spitziger! Karolinchen. Die Mädchen so zu beleidigen Ludwig. Die Wahrheit so übel aufzunehmen! Karolinchen. Ich verstehe drch heut einmahl wieder n?cht. Ludwig. Aber ich selbst verstehe mich recht gut, Karolinchen. Was mißfallt dir denn sosehr an den Mädchen? Ludwig. Gar vieles. Karolincken. Zum Exempel? Ludwig. Sie sind veränderlich. K a r o l! n ch en. Veränderlich? Ludwig. Sie sind geschwätzig. Karolinchen. Geschwätzig? Ludwig. Sie plaudern selbst Geheimnisse aus, Karolinchen. Selbst Geheimnisse? Ludwig. Sie sind eitel. Karolinchs n. So? auch eitel? Ludwig. Am höchsten Grade. Sie sind ferner spottluchtig. Karolinchen. Es kommt immer besser; ist das Sündenregister bald vcü? Ludwig. Ich könnte noch viel Schlimmes von den Mädchen sage»; aber für diesmahl sey es genug. Karolinchen. Ich bedanke mich, mein gütig? ss'r tb-rr Bruder! soll ich denn aber auch das Schlim, me aufz rhfcn, das die Knaben an sich haben? Ludwig. Nur heute nicht.— Ueberhaupt laß mich jetzt in Ruhe, denn ich habe keine Zeit. Karolinchen. Bist du böse, Bruder? -( r8z) Ludwig. Bist du gut, Schwester? K«rolinchen. Gewiß, lieSer Ludraig, gewiß! Du weißt, daß ich dich immer reckt herzlich iiede, auch dann, wenn du wild, eigensinnig, und ungerecht gegen die Schwester bist. Ludwig,(gerührt.) Gutes Linchcn! Ihr Mädchen habt doch auch viel Gutes! K a rolinchen. Nun hast du ein wahres Work geredet, und ich habe dich dafür tausend Äleah» lieber, Gieb mir deine Hand! Ludwig. Laßes gut seyn, Schwester, auch vh- ne Handschlag! Karoli nchen. Aber warum hältst du die Hau- de immer hinter den Rücke«. Ludwig. Jetzt will ich dir das Geheimniß entdecken. Du weißt vielleicht nicht, daß heute unsrer Schwester Marione Geburtstag ist. Ich habe hier einen Strauß für ste gewunden, und eine Zeichnung verfertigt. Beydes will ich ihr jetzt geben, wenn ste vorn Felde zurück kommt, wohin ste mit der Mutter einen Spaziergang gemacht hatte. Sie muß bald wieder kommen, ich warte schon längs auf ste. Karoli nchen. Ader du stehst ja nicht gut mir ihr. Habt ihr euch doch gestern gezankt, als wenn ihr die größten Feinde gegen einander wäret! Ludwig. Wer war Schuld daran? Ihr allein, und Marianchen besonders. Gesteh' es nur, ihr habt von mir gesprochen, und mich verspottet. Ich sah es euch deutlich an. Ka rolinchen. Sieh, wie mißtrauisch ihr Kna. den seyd! Steckt man einmahl die Köpft zusammen, und lacht über etwas: so bildet ihr euch augenblicklich ein, man habe etwas gegen euch; tadle oder verspotte ^(-84)— xuch. Ich will es d r sagen, worüber wir gestern gelacht haben. Wir sprachen von Marianchens Grburks, tag, und glaubten beyde, daß du nicht wüßtest, daß derselbe heute seyn werde, Wir wollten. dir es auch nicht sagen, sondern dich den Tag darauf auslachen« daß du es nicht gewußt habest. Nun kamst du dazu, und wölktest erfahren, was wir mit einander sprächen. Da wsr es dir nicht gleich sagen wollten, machtest du allerhand possierlich« GrewwasskK, djx um- noch mehr zürn Lache» brachten. Aber döse. war es damit nicht gemeint; es war das unschuldigste Lache» von der Welk. Lu aber stürmtest auf uus ein,- und behandeltest Marrane» in der That nicht fein, nicht brüderlich- chrre wurde darüber aufgebracht, und sagte dir manches krankende Wort. Böse auf einander schiedet ihr. Ludwig. Zs ist mir leid» daß es gestern so Mitgekommen ist. Hatte ich den Grund eures Lachens ge- wußt, so würde ich mich ander- benommen haben. Es ist wahr, ihr Mädchen seyd oft besser als ihr scheint. Karolinchen. Und ihr Knaben seyd oft schlimmer als ihr scheint.— Doch nimm rmr's nicht iibel»- Kruder! Ich freue mich sehr, daß du den gestrige» Zank vergessen hast, und Marianchen einen Beweis deiner Liebe gebe:, wiüst.--- Horch' ich höre, daß die Gartmthüre geöffnet wird. Jetzt sprang Ludwig hinter eine Hecke. Marian- chm kam mit der Mutter vorbey. Ludwig trat hervor, und wünschte der Schwester Glück zu ihrem Geburtstage. Marianchen ward dadurch so sehr überrascht« daß ihr helle Thränen von den. Rvseuwangen rvlllm. Ludwig sah dieß, wurde im Herzen bewegt, ktzypie niHt weiter reden, und sank der grrlen Schwe- - f:8s')- ster in den Arm. O vergieb, meine theure Schwester, saM er, daß ich dich gestern beleidigt habe!— Gurre, theurer Bruder! erwiederte Warianchen, und Minie, du mußt mir vergeben, daß ich mich gestern gegen dich vergaß. O wie gut ist dein Herz, lie> her, lieber Ludwig! Die Mutter und Karolinchen standen gerührt da, schlangen ihren Arm um beyde Geschwister, und wein» tenHreudenzähr-n. O Kinder! sagte mit inniger Herzlich, keit die zärtlich- Mutter, schön ist eS, wenn Geschwi. sin- sich Lieben! 0! behaltet immer euer schönes, gutes Herz, liebt euch immer, dann wird her Segen des Himmels auf euch ruhen. Und die bewegten Kinder sanken der liebenden Mutter anS treue Herz, und gingen dann innerlich froh nach der Wohnung, wo bereits mehrere Freundinnen warteten, um Marianchen zu ihrem Geburtstage Gluck zu Wünsche». Zu dem Garten nahm man ein fröhliches MittZMchl ein. Nach dem Essen wurde ein bekanntes Lieh gesungen, dgs sich mit folgenden Mse anfängt t Lieblich ists, wenn Schwestern, Bruder, Friedlich bey einander sind, sind, wie eines Leibes Glieder, Einig und veetcagrich sind pedcr solch ein Frieden-Haus, Arestet sich Vergnüge» aus-. Glatz. -( 786)- N e h a l a. Paul und Birg; je, die liebenswürdigen Kin» der edlse Europäer auf St. Maurice, einer Insel bey Afrika, trugen in der vor d-m Hause ihrer Aeltcrn de- fmölrchen Laube Brod, Butter, Milch und Feigen zum Frühstück auf. Da kam Nehala, ein Negcrmädchcn, gelaufen, warf sich Birginien zu Füßen, und rief: »»Zunge Weiße! habe M-tleid mit einer armen flüchtigen Sklavinn. Seit drey Tagen irr' ich schon umher in diesen Bergen, oft verfolgt von Zagern und Hunden. Ich bin halb todt'-vor Hunger. Mein Herr ist..." Birginie. Armes Mädchen! Erst komm' und iß von dem, was da steht. DieNegerinn.(ißt und trinkt) Der Trnnk bring-mich ins Leben zurück. O es gab Augenblicke, da ich mich in den Fluß hatte stürzen mögen, um schnell mein Elend zu enden. Da dacht' ich wieder, ich will nicht sterben! gewiß gibts noch gute Weiße auf der Znsel. Paul. Aberw'e irrtest du denn hieher? Negerinn. Oft war ich den Berg vorbeigegangen, an welchem diese Hütten hängen, und von Guten und Lösen hörte ich nur immer eins Glimme:„Das sind gute Leute, die da oben wohnen." Zu den guten Leuten will ich fliehen, dacht'ich endlich. Und Gott sey gedankt» daß ich sie gefunden habe. Paul. Unsre Mütter find nicht zu Haufe, armes Mädchen! Aber sie würden dir gewiß geben, was wir dir biethen;— sättige dich! Birg»nie. Ach, könnten wir noch mehr für sie Hun, als sie sättigen! —( i8?)— Paul. Wo wohnt dein Herr, und warum hat er dich gemißhandelt? Negerinn. Er wohnt am schwarzen Stionu Reich ist er an Pflanzungen, aber arm an Menschen, gefuhl. Paul. Sich bin mit unserm Dowingo am schwarzen Strom gewesen, da wachsen die schönsten Bananen*), die das ganze Jahr Früchte bringen. Negerinn. Du hast Recht, jungerWeißer! und der sumpfige Boden umher ist zum Reisbau vortrefflich.— Ach! bey der Reißen,!- ergrimmte der Mann über mich. Wollt ihr die Narben der Wunden sehen, die mir ge'chlagcn sind? Virginie. Arme Unglückliche! Und wohin willst du chtzt?,^ Negerinn, Zu mitleidigen Menschen woll! icy, und die hab' ich gefunden. Birginie. Ach'- was hilft dir unser Mitleid? Negerinn. ES könnte mir wohl helfen.— Zhr» ihr guten Kinder, könnet mir Gnade erflehen bey meinem Herrn.— Paul. Du willst also wieder zurück zu dem Unmenschen, der dich so gemißhandelt hat? Negerinn. Ach, alles, was ich besitze, ist am schwarzen Strom. Da lebt auch mein Vater. Jur Sklaverei) sind mir armen Schwarzen nun einmahl verdammt. Erträglicher ist sie in dem Angesichle des Da- ters, besten Last man zuweilen erleichtern kann. Virgin!-.(zu Paul) Ein braves Mädchen. Negerinn. Ich hatte für meinen schwachen Va- *) Bananas ist eine traubenartige, sehr schmackhafte Frucht. - c-8b)- ter gearbeitet, und darüber mein Tagewerk versäumt. (sie weint.) Paul.(heftig) Und das ist dein Vergehen?(Negerinn weint) Abscheulich! abscheulich! Wo ist der hartherzige Mann?— Der schwarze Strom ist nahe. Komm, Virginie, wir wollen das Mädchen zu ihrem Herrn begleiten! Du sollst für ste bitten, und ich will es auch thun— wenn ichs kann. Virginie. Lieber Paul! wie können wir von hier gehen? Wenn unsre Mütter kämen und uns nicht fanden? Paul. Zch sage dir ja, Virginie, ich kenne den schwarzen Strom, er ist nahe. Unsre Mütter werden sich freuen, wenn sie hören, daß wir,die Negerinn mit ihrem Herrn versöhnt haben. Birg ini e. Aber warte wenigstens.——- Paul. Du willst nicht mit, seh' ich wohl; ich gehe allein mit dem- Negerrnädchen.(zur Negerinn) AvuM mit mir. Virginie. Ach, Paul! ich kann dich nicht allein gehen lassen; du würdest trotzen; statt zu bitten,, würdest das Mädchen und dich in Gefahr bringen. Negeri n n..(zu Virginie) So komm mit, kleine Weiße! ES ist nicht weit. Dein freundliches Gesicht ist es, was den Mann versöhnen muß. (Sie nehmen Virginien in die Mitte und führen sie ab.) Virginie.(ruft) Domingo! Manschette!>rs seyd ihr'?-(zu Paul and der Negerinn) Da zieht ihr mich fort, um Gutes zu thun, und, doch sMen wir nicht von hier gehn.( ab.) Negerinn. Nun sind wir ganz nahe. Ader, lie- ha Weiße, du kannst nicht weiter. —( 189)-E M?rgi nie. Tch, laß mich einen Augenblick ru. hen.(Sie wirft sich nieder.) Paul. Armes Virgtnchen l Ich will dir Beeren suchen zur Zrquickung. Virginie.(ruft ihm nach) Ruhe doch auch, lieber Paul! Negerinn.( ruft) Laß mich Beeren pflücken, klei« ner Weißer, und du setze dich! Virginie.( ängstlich) Trist fort. Negerinn. Sorge nicht.— IG sehe, c>- ftnv-t schon nahe, was er suchet.— Kleine Weiße! hakt' ich g-glaubk, daß der Weg dick so ermüden würde, ich hätte dich nicht beredet., mitzugehen. Virginie. WaS wäre an meiner Mattigkeit gelegen, wüßten unsere Mütter nur, wo wir waren.— Höre, du sprachst vorher von deinem Vater. Hast du denn keine Mutter? Negerinn.(traurig.) Ick) hatte eine Mutter. Ach, sie hat aufgehört, meine Mutter zu seyn. Virginie. Zst'sie todt? Negerinn. Sie lebt; aber unmütterlich hat sie mich von sich gestoßen. Durch sie sind mein Vater unk ich hierher in Sklaverey gerathen. Virginie. Durch deine Mutter? Ovtt! wie war dieß möglich? Negerinn. Was vermag nich tdas Geld und das Getränk der Weißen, die an unsre Küste kommen! Za! meine eigne Mutter führte wich zum Verkauf ans Ufer! Virginie. Und du ließest dich verkaufen? Negerinn. Was sollt' ich machen? Ich warf mich meiner Mutter zu Füßen.„Was hab ich gethan, rief ich, daß du mich als Sklavinn verkaufst? habe ich dir Nicht das Feld bauen geholfen? Nicht Früchte sich (»90) dich gesammelt? nicht Fische für dich gefangen? Hab' ich dich nicht gekühlt in der Hitze, nicht, wenn du schliefest, die Insekten von deinem Gesichte verscheucht? O meine Mutter! Nicht meinetwegen, dein selbstwegen flehe ich dich; verkaufe mich nicht! Das Geld, das du bekommen wirst, verschafft dir keine andere Tochter, die dich pfleget im Alter. Mutter! Mutter! verkaufe deine Nehala, deine einzige Tochter nicht!"— Ach! mein Flehen war umsonst.' Ich ward aufs Schiff geschleppt und meine Mutter— wandte sich von mir!(Sie weint.) (Paul kommt, einen mächtigen Stock untern Arm, mit gesammelten Beeren zurück und schüttet sie m Mr» giniens Schorf.) Paul. Da, liebe Schwester! Zß nach Herzenslust! Ich will mit aus Leine«! Echvoß rffen. Virginie. Iß, lieber Paul! und laß mich weinen mit Nehala. Paul. Was ist euch denn? Wir sind nahe, und ihr weint? Virginie. Ihre eigne Mutter hat sie verkauft; Paul. Und das litt der Vater? Wo war denn der? Negerinn. Mein Vater kam, wie ich schon auf dem Schiffe war. Er warf sich in ein Boot, arbeitete sich ans Schiff heran, und suchte mich wieder zu lösen. Aber er fand kein Gehör. So vergönnt mir wenigstens, rief er endlich, daß ich meine Tochter begleite! Ich will euer Sklave seyn; nur versprecht mir, daß ihr mich nicht von ihr trennen wollt. Die Weißen versprachen das, und sie haben es gepalten. Virginie. Da hast du wohl recht, Nehala, den braven Baker nicht zu verlassen. —( IYI)— Paul. Aber was säumen wir? Wollen wir null nicht ausrichten, warum wir herkamen? Virginie.(aufspringend) Da bin ich frisch und munter!(sieißt) Deine Beeren schmecken gut, lieber Paul!(fiewollen gehen.) Negerinn.( thut einen Schrey) Das ist mein Herr, der dort hervorkommt. Virginie. Der braune Mann da; mit den tief, liegenden Augenbraunen? Negerinn. Eben der. Paul. Wie stolz er, das Bambusrohr in der einen, und die lange Tobakspfeife in der andern Hand, einher tritt. Virginie. Lieber Paul! Nun sey auch nicht verwegen! Laß mich nur machen!(die Negerinn ver» . steckt sich.) Pflanzer. Wer seyd ihr? Virginie. Wir sind die Kinder aus den beyden Hütten am Hafenberge. Pflanzer. Das sind gute Leute, die da woh. neu. A r es ist ja weit von hier; ich glaube, du lügst. Svrich die Wahrheit! Paul. Mann! wie kannst du glauben, daß meine Schwester dir Unwahrheit sagt! Virginie. Guter Mann! was ich sagte, ist wahr; aber du härtest wohl recht, daran zu zweifeln. Du denkst, es sind gute Leute, die da wohnen; gute Leute lassen ihre Kinder nicht so allein in den Wald irren. Za, wenn unsre Mütter es gewußt hätten. Aber ohne ihr Vermissen gingen wir fort. Pflanzer. Und wohin wollt ihr denn, ihr Kinder? —( ,92)-- Virginie. Zu dir, guter Marin! Wir wollen zu dir gehen» Pflanzer. Mädchen! redest du irre? Du kennst Mich ja nicht! Virginie. Ich dich nicht kennen?— Du heißt Nebeau, hast eine Pflanzung in dieser Gegend, und unter deinen Oktaven ein Mädchen, Nehala. Pflanzer. Da weißt du also wohl, wo das tolle Mädchen ist? Vor drey Lagen hat sichs verlaufen. Virginie. Und wenn ichs nun wüßte? Wenn wir nun kämen, für Nchels zu flehen? Pflanzer. Sonderbar! Sagt mir gleich, ws das Mädchen ist! Dergleichen darf nicht einreihen» Wenn ihr in eure Hütten sntflshne Sklasen ausirchutt, so wird es bald übel mit euch aussetzn. Virginie. Wir bringen sie ja wieder, guter Wann; und darum sind«ir hier; nur bitten wir, daß du die Entflohene gütig aufnehmest. Hat sie g«. fehlt, so hat sie Straft gelitten, und ich weiß gewiß, sie würde nicht so scharf gestraft worden sei-, wenn du alles gewußt hattest. Denn ungerecht würdest du doch nicht seyn wollen. Pflanzer. Ey» steh doch! Zch hake viel Geduld mit der faulen Sklavinn gehabt. Es war nicht das erstrmahl, daß sie ihr Tagwerk nicht vollendet hatte. Paul. Ihr Vater ist schwach. Dessen Arbeit zu erleichtern, hak sie sich deinen Zorn zugezogen. Pflanzer. Wollte man solche Aussilu§ke gelten lassen—— Paul. Wenn es aber nun wahr ist, was sie' Vorzieht? —( 193)— Pflanzer- Hört, was habt ihr Beyden füv Beruf ihre Fürsprecher zu seyn? Birg«nie. Ist nicht Nehala ein Mensch wie Wir, und ist sie nicht unglücklich? Sie war halb todt vor Mattigkeit und Hunger, als sie zu uns kam. Wir speiftkM sie. Da sprach sie von dem Zorn ihres Herrn, und daß sie gern zu ihm zurückkehrte, wenn sie Gnade von ihm hosten könnte. Es ist eine gute Tochter, dachten wir, sie wird auch eine gute Dienerinn ihres Herrn seyn. Wir wollen ihr Gnade erflehen. Gesagt, gethan, und hier sind wir. Reicher Nebcau, guter Nebeau! willst du, daß wir uns zu deinen Füßen werfen? (Negerinn kommt hervor und wirft sich dem Herrit zu Füßen.) Pflanzer. Rede Mir-kein Work! Steh auf und fort nach Hause l Du verdankst dein Leben den Kleinen,(die Negerinn geh! zitternd ab.) Und ihr(zu Püul und Virginic) macht, daß ihr zu euren Müttern kommt, und bekümmert euch künftig nicht um fremde Sklaven,(ab.) (Paul und Mrginie sahen ihm eilte Weile nach.) Birginie. Wollen wir ihm nachgehen? Er ev» grimmre wieder im Innern, als er die Sklavinn sah. Pauli Bleib du h-er- ich will ihm folgen. Virginia r häll ihtr) Du sollst nicht weg; du sollst deine Schwester nicht verlassen. Paul. O, er ist noch ganz nahe!— Ein hartherziger, böser Mann! " Virginia Er hat das Mädchen ja begnadigt. Pauli Aber wie that er das? Vrrginie« Er entließ sie doch ohne Mißha'.d- kung- II. Band. N -( r§4) Paul. Das war ihm auch zu rathen. Ich hatte mich mit ihm geschlagen. Birg inte. Was, mit dem großen, starken Mann? Paul. O! ich fühle mich stark, wenn ich bey dir bin.(stößt mit dem Stock auf die Erde.) Ich kann auch werfen, und ich habe die Lasche voll Kiesel. Denkst du nicht an die Geschichte von Goliath und David? Birgt nie. O welcher Gefahr Habe ich mich wieder ausgesetzt! Gott! wie schwer ist es, Gutes zu thun! Paul. Wir haben so viel Gutes gethan, als wir konnten. Nun würde eine gute Mahlzeit schmecken. Sieh, die Schütten der Bananen kürzen sich schon zu ihren Füßen. Es ist nah am Mittage. Virginie. Schon Mittag?— Ach, nun sind unsre Mütter nach Hause gekommen, und haben ihre Kinder nicht gefunden. Höre, Paul, du hast noch Kräfte; ich kann nicht mit dir fore Laß mich hier, beruhige du die Mütter, und schicke den Domingo, um mich zu holen. Paul. Wie kannst du glauben, Virginie, daß ich dich hier allein lassen werde? Domingo würde dich auch nicht finden können. Virginie. O meine Füße sind so wund! Ich kann nicht gehen. Paul. Da sieht Farrenkraut, damit will ich sie umwinden.(Zr pflückt Kräuter, und umwindet ihre Füße und gibt ihr seinen Stab in die Hand.) Virginie. Dank dir, lieber Paul! Die frischen Blätter kühlen mich angenehm. Nun will ich schon nachkommen.( Sie sieht a«f und geht, in dex (-9ä) einen Hand d n Stock und den andern Arm auf Pauls Schultern gelehnt, langsam fort.) Aber wohin, lieber Paul? Nehala hat uns durch Schleichwege vom rechte» Wege abgeführt. Paul. Setz' dich nieder, Virginie! Ich will auf einen Baum klettern, ob ich den Hasenherz vielleicht sehen kann; dahin können wir denn unsern Weg richten.(Virginie setzt sich, Paul ab.) Virginie.(sorgsam) Ach.' wir haben es nicht gut gemacht?— Was will aus uns werden?— Und vielleicht ist der armen Nehala nicht einmahl geholfen! Paul.(kommt zurück) Zch sah nichts, als die Gipfel der Bäume. Virginie. Armer Paul, wie bist du erhitzt! (Sie trocknet ihm den Schweiß ab.) Pauk. Komm nur, ich weiß, wir kamen von der Seite. Virginie. Nein, Paul! ich glaube, wir kamen von dort her. Paul. Ach, Virginie! wenn wir auch den Weg wußten. Zch sehe wohl, du könntest jetzt nicht fortkommen. Wir wollen hier weilen. Es kommen wohl Menschen, die uns helfen. Virginie. Aber wenn nun Niemand kommt, und es wird Nacht? Panl. O ich weiß Feuer zu machen, und hungern sollst du auch nicht. Zch psiücke wilde Kresse, und breche Palmzweige ab. Das Mark issest du, und von den Blättern mache ich dir ein Obdach. Virginie. Ach, mirgrauts! Mir ists, alS ob es schon Nacht wäre. Paul. Du sollst sehen, es geht besser, als wir glauben. Sey ruhig, ich bin bey dir. Zch wollte, N 2 —( 196)- daß du nur gehen könntest.' Hier ist weder ein Quell, noch trocknes Gesträuch, um Feuer zu machen. Birginie. Paul! du durstest meinetwegen. Ich will suchen fortzukommen. Paul. Ruhe immer noch ein wenig! Hier streichen vielleicht Fäger umher, die uns bald finden. Ich will einmahl rufen,(ruft) Hülfe für Birginie! Hier ist Bixginie! Birginie.(ruft auch) Hier ist Paul! Hier sind zwey Kinder!(Pause.) Paul. Keine Antwort!— Ich armer, schwacher Knabe, daß ich dich nicht tragen kann!(weint.) Birginie. Wein« nicht, lieber Paul. Du sagtest ja selbst: Es wird alles gut werden.(Pause.) Pau l. Still! Es war nichts: Birginie. Still doch! Hundegebcll! Paus. Ganz deutlich:(erruft wieder) Hier ist B irginie! Birginie.(ruft auch) Hier ist Paul! Paul- Es bellt wieder! Ich will sterben, wenn es nicht Fiedel ist. Domingo.( kommt alS Zager mit einem Hunde) Gottlob! da sind sie. (Birginie sieht den kommenden Domingo, rafft sich mit einem Schrey auf, und umschlingt seine Kniee. Paul.(streichelt den Hund) Dacht' ichs doch, daß du uns aufspüren würdest V irginie. Guter Domingo, gewiß zürnen un, ftre Mütter? Domingo. Sie haben mir erquickenden Bee» Fensafr und Brod für ihre Kinder mitgegeben.(Er zzcht die Flasche hervor.) Birginie. Die guten Mütter! —( 197)— Domingo. Kommt, Kinder! Wir sind alle er. mattet, wir wollen uns setzen, und ein wenig genießen.(Sie setzen sich, essen und trinken.) Nicht wahr, ihr habt den Müttern entgegen gehen wollen? Aber wie ists möglich, daß ihr hierher gerathet? Paul. Domingo! wie kannst du glauben, daß wir auf den Weg zur Stadt in solche Irre geriethen? Domingo. Nun, nun. Paul. Wir haben hier ein Geschäft gehabt, und daS haben wir ausgerichtet! D vmingo. Ein schönes Geschäft, das euer« Müttern solchen Kummer macht! Virginie. Die armen Mütter! Paul. Wenn wir alles erzählen, so werden sie gewiß uns den Kummer verzeihen, den wir ihnen machten. Virginie. Du besonders, Domingo! du wirst unS verzeihen, wenn du uns hörst. Es war deine Landsmänninn, die uns hierher lockte. Domingo. Daß ihr aus Güte des Herzens fehltet, dieß konnte ich denken. Virginie. Wir wollen dir unterweges alles erzählen. Zch glaube, ich kann schon gehen. Wir können wir hier ruhig seyn, indeß unsre Mütter uns für vcrlohren halten? Dvmingo. Virginchen, du kannst nicht gehen. Trage du meine Flinte, Paul! ich will deine Schwester auS dem Walde tragen; hernach bekomme ich schon Hülfe. Domingo nahm Virginien auf den Arm; Paul trug die Flinte, und so kamen sie glücklich zu ihren ängstlich besorgten Müttern zurück. v. Halem. ('98)— Die Müßiggängen!,«. Ach, wie schläfrig bin ich! sprach Veronika und gähnte. Zst es mir doch, als wenn ich schon einige Nachte hindurch nicht geschlafen hätte. Liebes Mamftlchen, erwiederte die Köchinn, grei» fen Sie nur etwas an, arbeiten Sie, helfen Sie mir in der Küche— Ich wette, die Schläfrigkeit wird Jh» nen vergehen, Sie werden hübsch munter und froh werden. Danke für den Rath, versetzte Veronika, und gähnte abermahls. Der Tag schleicht aber auch so langsam dahin, daß es nicht auszuhalten ist. Man möchte sterben vor langer Weile. Sie möchten sterben vor langer Weile, liebe Veronika? sprach eine alte Frau, welche in dem Hause ein. und ausging, und bey manches häuslichen Arbei» ten half. Andern Menschen vergeht die Zeit oft zu schnell; waren Sie hübsch thätig, so würde sie Zhnen auch schneller dahin fliegen. Man sagt, daß Lange- weile die Schwester, oder vielmehr das Kind des Müss ggatiges sey. Man sagt gar viel, erwiederte Veronika in einem schnippischen Tone; man sagt auch: was dich nicht brennt, sollst du auch nicht löschen; auch sagt man: kehre zuerst vor deiner Thüre. Sie nehmen auch alles gleich sehr übel auf, Mam» sel! versetzte die alte Frau. Mrn darf Zhnen nichts mehr sagen. Jxre Empfindlichkeit ist allzugroß. Aber das kommt auch von» Müßiggehen. Arbeitet man nichts, so wird man trage, wißmukhig, verdrießlich. Jedes vnschuldige Wort beleidigt dann. Ach, der böse Müßiggang!— —('9S)- Schon recht! schon recht! rief Veronika, hielt sich die Ohren zu. und eilte in das Nebenzimmer, wo ihre zwey jünger» Brüdern spielten. Es währte mcht lange, so hörte man in dieser Stube einen Lärm: willst du uns gehen lassen! abscheuliches Mädchen! o weh! o weh! Der Vater, der in seiner Schreibstube saß, eilte herbey, und sah zu seinem Erstaunen. daß die Ge. schwister sich in den Haaren lagen. Er brachte sie auseinander, und untersuchte die Sache. Da ergab sich denn Folgendes: Veronika war zu den Brüdern gekommen, welche kleine Häuser vsn Holz zusammen setzten. Die Schwester zupfte sie Anfangs bey den Haaren, dann stieß sie ihnen die Häuser um, und als die Brüder sich widersetzten, gab sie dem einen einen Schlag auf den Kopf, den andern kneipte sie den Nacken, wobey es zu einer Rauferey kam. Schäme dich, Veronika! sprach der Barer. Du solltest verständiger seyn als deine jüngeren Geschwister. Du bist die einzige Urssche^des Vorgefallenen. Aber an alle dem ist dein Müßiggang Schuld. Du weißt nicht, waS du vornehmen sollst, und geräthst auf Thor-heike« und Fehler. Du begibst dich gleich in das andere Zimmer, und lässest heute einmal dein V-sp-rbrod ungegessen. Die letzten Worte erschütterte» die Müßiggäm gerin am meisten. Weinend ging sie in das andere Zimmer. Hier hing eine schone Repetier. Uhr m Wand. Wollte man sie repetieren lassen, so d. man nur an der seidnen Schnur anziehen, die o selben hing. Veronika spielte, nachdem sie si»; geweint hatte, mit dieser Schnur so lange, die Uhr von der Wand herabzog« Sie fiel so hark, daß sie zerbrach. Veronika that einen Schrey. Der Vater sprang herbey und sah den Unfall. Mit dem Lineale, das er in der Hand Hatte, gab er der leichtsinnigen Tochter einige empfindliche Schläge. Sie schrie und jammerte» haß alle Leute im Hause zusammen liefen. Aber kein Mensch hatte Mitleiden mit ihr. Veronika mußte nun des Vaters wohlverdiente Vorwürfe hören. Dein leidiger Müßiggang verleitet d'ch von einem Fehler zum andern, sprach er. Auch bey dir bestattgr sich das alte Sprichwort: Müßiggang ist aller Laster ansang. Du arbeitest wenig oder nichts, du v-rdienst nicht das Brod, das du issest, du bist eine unnütze Last der Erde; andere Menschen sind für ihre Nächsten thätig und stiften auf der Welt Gutes, du verzehrst nur, was Andere mit Mühe er» »erben. Ja du nützest nicht nur nichts, du schadest guch. O mit dem abscheulichen Müßiggänge! Gehe mir aus weinen Augen; ich kann dich nicht ohne Unwillen an,eben« Veronika weinte, schrie, umfaßte des Vaters Kniee, und flehte um Verzeihung. Aber es half nicht-. Schon oft war ihr verziehen worden, ohne daß sie sich gebessert Hatte, Sie mußte sich in eine Kammer entfernen, wo sie eingeschlossen wurde, nachdem ihr der Vater einige schwere Handarbeiten aufgegeben hatte. Den Tag darauf bath Veronika den Vater noch«" Kals um Vergebung, Der gute Vater verzieh ihr, und ermähnte sie mit Herzlichkeit zur Thätigkeit. Eine Heirlang war Veronika auch wirklich arbeitsam, aber tzükd fiel sie wieder in den alten Fehler, und ging —( 201)— müßig. Ihre Mutter lebte nicht mehr; der Vater hatte viele Geschäfte, und niemand sühne über sie eine strengere Aufsicht. Sie war sich großrmtheils selbst überlassen. Daher kam es, daß sie fast ganz ungestört dem Müßiggänge ergeben war. Als Veronika zwanzig Jahre alt war, wurde sie Braut. Ihr Bräutigam hieß Holm, und war ein junger Kaufmann. Noch ehe die Hochzeit war, starb ihr guter Vater. Er hinterließ ihr ein kleines Ver. mögen, das ihr Mann in die Handlung nahm. Als ein junger Anfänger mußte er sich in allen Dingen» in der Kost, in den Kleidern und in den Bequemlichkeiten des Lebens einschränken. DaS gefiel der thörichten Veronika nicht. Sie wollt« gut essen und trinken, schön gekleidet seyn, und auf vornehme» Fuß leben. Da sie in ihren ledigen Zähren immer müßig gegangen war, so hatte sie auch wenig gelernt. Fast alle weibliche Arbeiten warm ihr fremd, sie konnte beynahe nichts sich selbst machen, sondern mußte all-S, was ihr nöthig war, von andern verfertigen lassen. Ge. wohnt an ein müßiges Leben, war sie zu bequem, in dem Hauswesen selbst nachzusehen, sondern überließ alles ihren Leuten. Auf diese Weise ging alles bunt durcheinander, und Herr Holm gerieth in Schulden. Er machte ihr Vorstellungen. sie fruchteten nichts. Er ermähnte sie ernstlich zu einer andern Lebensweise, aber Veronika hieß ihn einen harten, ungerechten Mann, und weinte laut über seine Grausamkeit. Da§ Glück der Ehe war dahin. Streit, Zank und Zwietracht waren bey ihnen zu Hause; endlich kam es s» weit, daß Holm von seiner Frau sich scheiden ließ. Veronika kam nun in manche unangenehme, traurige Lage. Sie war oft nahe daran, vor Mangel ( 2Ä3) umzukommen. Endlich wurde sie einer Baronesse empfohlen, bey der sie die Stelle einer Kammer-jungfer erhielt. Jetzt fingen für sie wieder freundlichere, bessere Tage an. Aber sie wusste sie nicht zu benutzen. Ob sie gleich nicht viele Geschäfte halte, so waren ihr doch auch die mäßigen Arbeiten, die sie verrichten mußte, zu drückend. Ihre Herrschaft bemerkte Vers- nila's Trägheit, und tadelte sie. Dieß mißfiel der Thörinn sehr. Sie besserte sich nicht, und die Baronesse sah sich genöthiget, ihr den Abschied zu geben. Veronika sah voraus, dass sie nun wieder darben werde. Der Gedanke, daß sie nun würde etwas mehr arbeiten müssen, machte ihr große Unruhe, und der böse Geist des Müßiggangs gab ihr einen tadelhaften, bösen Entschluß ein— den Entschluß, ihrer Frau einen Schmuck von Millionten zu entwenden. Veronika sank in die Netze des Lasters. Der abscheuliche Entschluß wurde von ihr ausgeführt, der kostbare Schmuck entwendet, und in einer etwas entfernten Stadt verkauft, wohin Veronika sich begeben hatte. Doch die Gerechtigkeit folgte dem Laster auf dem Fuße nach. Veronika's Diebstahl wurde bald entdeckt, und sie in Verhaft genommen. Auf einem offene» Wagen brachte man sie nach dem Orte, wo sie ihr Verbrechen begangen hatte. Viele hundert Menschen umringten sie, und leichtsinnige Menschen warfen auf sie mit Koch. Sie wollte vor Schaam versinken. Veronika konnte den Diebstahl nicht läugnen. Die Richter sprachen das Urtheil. Sie sollte durch das Schwert hingerichtet werden. Doch der Landes- sürst, bey dem die bestohftne Baronesse mit einer Bitte für die Verbrecher!«» einkam, unterschrieb das Urtheil --(203)— nicht, und milderte es dahin, daß Veronika auf zehn Jahre ins Zuchthaus kommen sollte. In dem Zuchthause fühlte Veronika sich erst recht unglücklich. Der Gedanke, daß sie an ihrem traun« gen Loose selbst Schuld sey, verbitterte ihr ihre Lagö noch wehr. Mit Thränen seufzte sie fast täglich über die Folgen ihres unseligen Hanges zum Müßiggänge. Sie mußte harte Arbeiten verrichten. Schon im zwey» len Zahrr unterlag sie denselben und dem Kummer, der rief an ihrem Herzen nagte. Sie wurde in aller Stille begraben. Keine Glocken läuteten. kein Grab» gesang erscholl, keine Thräne floß bey ihrer Leiche. > Gl a tz. Muth. Der kleine Adolph Rasch war ein rascher, kühner Knabe. Bey Soldatenspielen war er immer der erste; er ordnete alles an, commandirte seine kleinen Truppen mit vieler Gefchickiichkeit, ging überall voran, wo Muth erfordert wurde, und setzte sich dadurch bey seinen bameraden in großes Ansehen. Wenn diese etwas unternehmen wollten, wozu viel Herz gehörte, wandten sie sich immer an Adolph Rasch. Einmahl ging Adolph Rasch mit einigen seiner Freunde in eine» nahen Wald. Als sie zurückkehrten, erhob sich ein Platzregen. Die Waldbäche schwollen an. Adolph mit lernen Begleitern mußte über einen dieser Bäche. Frisch gewagt, ist halb gewonnen! rief er, nahm einen Anlauf, und sprang glücklich hinüber« -(-04)- Die andern hatten keinen Muth, ihm zu folgen. Wir könnten hineinfallen/riefen sie, und-lieben auf der andern Seite. O wer wird ss feige seyn! versetzte Adolph, der Bach ist nicht sehr breit, habt nur Muth, so könnt ihr ihn gewiß mit Leichtigkeit überspringen. Zwey von ihnen wollten es versuchen. Sie nahmen einen Anlauf, aber da sie nicht weit vorn Ufer waren, hielten sie im Laufen inne, und meinten, eS wäre doch ein gefährliches Ding. Bald war der Bach so sehr angeschwollen, daß er mehr einem Strome als einem Bache glich. Nun war es unmöglich, hinüber zu kommen. Adolph, der durch seine Herzhaftigkcit die andere Seite erreicht hatte, konnte nach Hause eilen, und seine Kleider rrocknen; die andern aber mußten vier Stunden lang «m entgegengesetzten Ufer bleiben, bis der Bach wie- her so klein wurde, als vorher. Zn seinen ältern Zähren kam Adolph eines TageS von, Felde nach der Stadt zurück, wo er wohnte. Er erreichte einen lange« Hohlwege Hinter ihm kam eine Kutsche mit vier Schimmeln gefahren. Die zwey vordem Pferde wurden auf Einmahl scheu. Der Kut. scher war nicht im Stande, sie zu hatten. Sie bäum. ten sich, und rannten wild davon. Der Kutscher schrie um Hülfe. Die Familie, die!m Wagen saß, war vsr Angst außer sich; eS drohte ihr ein schrecklicher Tod. Mehrere Menschen, die ganz nahe waren, trauten sich nicht, den wilden Pferden in die Zügel zu fallen, und so ein Unglück zu verhüten, das jedem entsetzlich vorkam. Zeden Augenblick drohte die Kutsche umzustürzen. Dann Wurden diejenigen, die in derselben saßen, verwundet« —(205) fortgeschleift, und ihres Lebens auf eine traurige Art beraubt. Adolph Rasch hörte das Angsigeschrey. sah das ber-crstehende Unglück. Ein edler Muth erfüllte sein Herz. Entschlossen sprang er an die Pferde. Sie bäumten sich. Er verlor den Muth nicht, und ver. doppelte sein« Kräfte. Fest hielt er die Zügel; die schnaubenden Schimmel blieben stehen; die Kutsche kam ins Gleichgewicht, und die Familie. die darin saß, war gerettet. Sie sprang schnell aus dem Wagen, und dankte mit einer rührenden Herzlichkeit dem muchvollen Adolph. Wohl dem Menschen, der einen so edlen Wuth besitzt, der unerschrocken die Gefahren, denen nicht auszuweichen ist, zu besiegen weiß, und andern in ihren Verlegenheiten herzhaft zu Hülfe eilt Durch Muth und Entschlossenheit rettete Adolph Rasch nicht nur sich, sondern auch mehrere andere zu verschiedenen Mahiew,aus großer Lebensgefahr. Alle, die ihn kannten, tagten: Adolph Rasch ist ein ganzer Mann! hätten dochalle Männer so viel Herz! Glatz. Weiblicher Muth. Mehrmahls wüthete während der letzten französischen Revolution der fürchterlichste aller Kriege, der Bürgerkrieg, im Innern Frankreichs, und ließ Ströme von Blut fliesen, Bürger kämpften gegen Bürger, und machten ihr Vaterland zum Schauplätze —>( so6) der empörendsten Grausamkeit. Besonders war dieß ,n der Vcndee, einer der vielen Provinzen Frankreichs, der Fall, wo eine Menge Unzufriedener die Waffen gegen die neugebildete Republik ergriff, und wider die Truppen derselben muthig kämpfte. Des Bürgerblutes floß in diesem Bürgerkriege, der unter dem Rahmendes V endee-Kr reges bekannt ist, nur allzuviel. Zärtlich liebte eine Mutter ihren Sohn, der sich aus ihren Armen rang, um als Soldat dem Vaterlande zu dienen. Traurig war der Abschied; Segenswünsche, von Thränen begleitet, gab das mütterliche Herz dem muihvollcn Sohne mit auf den Weg zur Armee; bey mehreren Gelegenheiten gab« Proben von kühnem Sinne und Gewandtheit. Er befand sich bald unter denjenigen, die nach der Vcndee beordert wurden, um die dösigen Insurgenten zum Gehorsame ge- oen die Republik durch die Gewalt der Waffen zu zwingen. ES wurden mehrere blutige Scharmützel geliefert; er hatte, das Unglück, in einem derselben gefährlichverwundetzu werden. Kaum erfuhr die liebende Mutter das Schicksal ihres Sohnes, als sie mit hastiger Eile nach dem öazarethe reiste, in welchem derselbe daniederlag. Der Augenblick des Wiedersehens ihres zwar sehr schwachen, aber doch noch lebenden Sohnes, war für sie ein Augenblick der seligsten Wonne. Sie wünschte, den Kranken mit sich nach Nantes*) zu nehmen, um ihn dort mit mütterlicher Sorgfalt zu Pflegen. '-Nantes, die Hauptstadt im Departement der untern Loire, groß und wohlgebaut, mit einem Hafen, ansehnlichen Manufakturen und großer Schifffahrt. -i! —( 207)- Sie fand keine Schwierigkeiten, und reiste mit ihrem Sohne aus dem Lazarethe fort. Die Gegend, durch welche die Reisenden kamen, war in hohem Grade unsicher. Ueberall streiften Insurgenten herum, die alles, was nicht zu ihrer Par- Hergehörte, anhielten und niedersäbelten. Die zärtliche Mutter kannte diese Gefährdn, sie wußte, daß sie, falls sie angefallen würde, nur auf die Treue eines Bedienten, auf den Widerstand ihres, durch die Krankheit ganz geschwächten Sohnes aber durchaus nicht rechnen durste; allein dieß hielt sie von der Fortsetzung ihrer Reise nicht ab; viel baute sie auf ihren eignen Muth. Man erreichte die gefährlichsten Stellen drS Weges; es ließ sich kein Insurgent blicken. Nunstndwir geborgen, sprach sie, als dieselben zurückgelegt waren. Wir kommen bald an die Vorposten der National-Truppen; in ihrer Nahe haben wir nichts mehr zu besorgen. Wie sehr täuschte sich die muthvvlle Frau! Der Wald, in welchem man fuhr, war zu Ende. Beym Herausfahren aus demselben horte sie plötzlich einige Flintenschüsse fallen. Um ihren Wagen pfiffen mehrere Kugeln. Sie ließ sich durch Schrecken nicht betäuben, sondern faßte sich auf eine weiblich männliche Weise. Das erste, was sie that, war, daß sie nach den P>sto- len griff, um sich, falls es nöthig wäre, mit Muth zu wehren. In diesem Augenblicke sah sie sich von einigen Reitern umringt. Der Anblick derselben Machte sie stutzen.„Ausgestiegcn, Madame!" rief einer von ihnen, in einem zwar befehlenden, aber nicht zu rauhen Tone. Sie weigerte sich, dem Befehle zu gehorchen. ( 208) „Es ist mir nicht Möglich aufzusteigen, sprach sie, ein Sterbender liegt neben mir; er ist meiner Sorgfalt anvertraut, ich kann ihn in seiner Rühe nicht stören/"' Schott gut! riefen die Reiter, aber sagen mußt du uns, wer der Sterbende sey, der an deiner Seite liegt. Es ist mein einziger Sohn! erwiederte die verlegene Mutter. Zum Unglück hatte sie diese Worte mit sichtbarer Verwirrung ausgesprochen, die den Insurgenten nicht entgangen war. Nur heraus aus dem Wagen! schrieen die Bewaffne« tm, wenn ihr nicht alle erschossen werden wollt! Einen andern würde diese grausame Drohung in Schrecken gesetzt haben; auf das wüthige Weib machte sie eine entgegengesetzte Wirkung, Sie faßte sich, und ihre vorige Unerschrockenheit kehrte wieder. Sich an ihren Sohn anschmiegend, bedeckte sie ihn mit ihrem Körper, und zählte ihre Feinde.„Es sind ihrer neun, sprach sie zu ihrem Bedienten, der neben ihr im Wagen saß, wir wollen uns wehren!" Wirklich setzte sich die herzhafte Frau zur Gegenwehr, und es begann ein hitziges Gefecht. Zu ungleich waren die Kräfte. Zwar schoß das kühne Weib zwey Insurgenten vvm Pferde; aber Postillion und Pferde stützten, von Kugeln durchbohrt, zu Boden; auch der Bediente siel, und ihr kranker Sohn erhielt eine gefährliche Kopfwunde« Als die Mutter die Wunde des Sohnes erblickte, erhob sie e.n Klaggesckrep. griff nach dem Säbel des Verwundeten, und stürzte wüthend aus dem Wagen Die Insurgenten umringten sie, wanden ihr den Säbel au» der Hand, und LneveUm sie an einen (209) Baum. Die Grausamen begnügten sich damit noch nicht. Auch den Sehn rissen sie aus der Kutsche, schleiften ihn zur Mutter, und machten Anstalten,-ihn zu erschießen. Wer beschreibt die Qualen der trostlosen Mutter bey dem Anblick ihres geliebten im Blute schwimmenden Sohnes! Ihre Marter zu erhöhen, zögerten die gefühllosen Feinde mit der Ermordung desselben. Woll Verzweiflung erwartete die unglückliche Mutter keine Rettung mehr; doch auf einmahl wendete sich die Sache; ein Strahl von Hoffnung leuchtete ihr von neuem. Zu der Nähe des Waldes befand sich ein Posten National-Soldaten. Sie hatten die Schüsse der Insurgenten gehört, und sogleich wurden fünfzig Reiter beordert, Untersuchung im Walde anzustellen. Diese führten den erhaltenen Befehl mit solcher Schnelligkeit aus, daß sie bald den unglücklichen Platz erreichten, wo die hoffnungslose Mutter mit ihrem Sohne ihrem Tode entgegen sah. Die Insurgenten wurden überrumpelt und niedergehauen. Diese unverhoffte Wendung ihres Schicksals wirkte so mächtig auf das Herz der Mutter, daß sie in Ohnmacht sank. Man band sie los, legte sie in den Wagen, spannte die Pferde zweyer National- Soldaten vor demselben, und brachte sie nach dem ersten National-Posten. Hier that man alles Mögliche, sie wieder ins Leben zu wecken. Dieß gelang. Sie schlug die Augen auf, und kam nach und nach zur Besinnung. Forschend sah sie jetzt um sich; ihre Blicke suchten gierig den geliebten Sohn. Sie oernußle chn. Em neues Schrecken überfiel sie. Wo ist er? rief sie kla gend, wo ist mein theurer einziger Sohn? H. Band. O --»( 2>0) Niemand konnte ihr diese Frage beantworten. Sie zweifelte nun nicht daran, daß Hex unglückliche Sohn vergessen worden, und auf dem Kampfplätze im Walde zurückgeblieben sey. Herzlich flehte sie, man wachte sie dahin zurück bringen, und der Offizier erfüllte mit der größten Bereitwilligkeit sogleich ihre gerechte Bitte. Fünfzig Reiter, dieselben, denen sie ihre Rettung zu verdanken hakte, bekamen Befehl, sie nach jenem Pla» He zu begleiten. Einige von den Soldaten ritten voraus. Als sie nicht mehr weit von der Stelle des Kampfes Waren, erblickten sie einen Menschen, dessen Kopf mit einem blutigen Tuche verbunden war- Es schien, als suche er ihnen zu' entfliehen. Die vorausgerittenen E-olda»en sahen seine Bestürzung» das virle Blut, wo, mit er bedeckt war, machte ihn noch verdächtiger, und sie hielten ihn für einen Insurgenten, der dem Schicksale der übrigen entronnen sey. In der Vorausfttzu- g sprengten die Reiter auf den Unglücklichen loS, versetzten Hm schwere Hiebe, und warfen ihn in einen Graben. Bald kam der Wagen der trostlosen Mutter nach. Sie fuhr dicht an der Stelle vorbey, wo der vermeinte Insurgent in seinem Blute lag. Als sie ihn erblickst;, schrie sie laut auf, sprang aus der Kutsche, und stürzte ohnmächtig auf ihn nieder. Cs war ihr Sohn, Her noch lebte. Mutter und Sohn waren durch die erlittene» Un. glücksfalle so niedergedrückt, daß sie mehr todten Leichnamen als lebendigen Wesen glichen. Sie wurden auf den ersten Posten getragen. Der hart verwundete Sohn war dem Tode nahe. Zur Freude seiner Mutter über. stand er die Gefahr, in der er schwebte. Sie kam mit ( 211)- ihm in Nantes an. Eine langwierige, sorgfältige Cur konnte es nicht verhindern, daß er ein Krüppel wurde; aber der zärtlichen Mutter war es schon genug, daß der geliebte, einzige S ohn nur am Leben blieb. Die Naschhaftigkeit. Wilhelm Fels, der Sohn eines Maurers, war ein äußerst naschhafter Zunge. Nie war er zu» frieden mit den nahrhaften Speisen, die ihm seine Ael» tern auftischten. Immer wollt' er naschen. Er hatte den kleinen Sohn eines Kaufmanns zum Gespielen, der ihm allerhand Näscherepen mittheilte, und ihn in dieser Untugend bestärkte, die er— ach, sehr theuer bezah. len mußte. Das Naschen machte ihn bald auch zu ei» nem kleinen Dieb. Er entwendete feinem Vater Geld, um Leckerepen zu kaufen, und ward dafür sehr scharf abgestraft; aber auch dieses besserte ihn nicht. Das Haus seines Vaters war sehr von Mäusen geplagt. Der alte Fels kaufte also Mausgift, das wie Zuckerzelten aussah. Dieß legte er in die Löcher, wo die Mäuse vorzüglich sich aufhielten. Er warnte den klei» nen Wilhelm, ja nichts.davon anzurühren, weil rs aus. ferst schädlich sey. Aber Wilhelm achtete der väterlichen Warnung nicht. Die Lust zu naschen überwand den Befehl des Bakers. Wilhelm sammelte die Gift, zelten zusammen und theilte sie mit seinen Raschkame- O s —( 212)— raden. Sie verschlangen sie, und— starben an diesem Gifte unter fürchterlichen Schmerzen und Zuckungen. Armbruster. Traurige Folgen derNaschhaftigkeit. Es war einmahl ein Dieb, der sollte gehangen wer. den. Da er schon unter dem Galgen war, scher seine Mutter, die erbärmlich weinte. Da sagte er zu dem Scharfrichter: er möchte ihm doch erlauben, erst noch ein Wort mit seiner Mutter zu sprechen; und der Scharfrichter sagte, das könnte er thun. Da ging er hin zu fei. ner Mutter, und that, als wenn er ihr etwas ins Ohr sagen MÄte, und da biß er ihr auf einmahl fo gewaltig ins Ohr, daß die alte Frau laut zu schreyen an. fing. Da sagten alle Leute, die zugegen waren: das muß doch wohl ein rechter Bösewicht seyn, daß er so kurz vor seinem Tode noch seiner Mutter ins Ohr keif» sen kann. Aber der Dieb antwortete: ihr lieben Leu- 1e, wundert euch nicht darüber! Wisset nur, daß diese meine Mutter die Ursache meiner Schande und meines Todes ist. Da ich noch ein Kind war, gewöhnte ich mir das Naschen an, und meine Mutter strafte mich nicht darüber. Da ich in die Schule ging, stahl ich meinen Schulkameraden die Fibeln, und wenn ich nach Hause kam, freucte sie sich darüber, und vcr- kaufte die Fibeln. Das machte, daß ich immer mehr Lust zum Stehlen kriegte, bis ich endlich ein croßer Dieb wurde. Hätte meine Mutier mich gleich Anfangs bestraft, so würde cs nicht so weit mit ( 2IZ) mir gekommen seyn. Deßwegen biß ich ihr ins Ohr, um ihr auf eine empfindliche Weise zu erkennen zu geben, daß sie die Ursache meines Todes sey. Campe. Peter Neidhart. ^ Peter Neidhart war der Sohn eines rechtschaffenen Vaters, der alles, was er im Vermögen hatte, daran wenden wollte, feinen Sohn recht gut erzie- hen zu lassen. Er schickte ihn daher auf eben dieselbe Schule, auf welcher ich damahls von meinen Aeltern gehalten wurde. Nun waren da viele Kinder reicher Leute, welche besser gekleidet gingen, als er. Das verdroß den kleinen Thoren. Aber er ließ es dabey nicht bewenden, sondern suchte, wo er nur konnte, den an- dern ihre schönen Kleider zu beschmutzen und zu verderben. Das war nun schon sehr arg; und doch wäre es damahls noch Zeit gewesen, diesen bösen Fehler abzulegen, wenn er nur dem Rathe der Lehrer hätte Gehör geben wollen. Weil er das aber nicht that, so wurde es immer schlimmer mit ihm; und seine Mit- schüler gaben ihm daher denjenigen Nahmen, der seine Gemüthsart ausdrückte, und den er nachher immer erhalten hat. Nach und nach fing er an, seinen Schulfreunden auch alles Vergnügen zu mißgönnen, welches sie bey ihren Spielen genossen, und zeigte sich als einen so unleidlichen Spielverderber, daß die Lehrer sich genö- thigt sahen, Es vo» unftrn BergnSgungm auszuschließen.-Das ärgerte ihn nun»och mehr; und der Verdruß Aber unser Bergnilgen wachte ihn unfähig, uns» Mttksar» zu seyn, Wenn etwa» gelernt werden sollte. Daher konnte er denn auch niemahls so gut ankworken «ls wir andern, wenn uns das Gelernte abgefragt wur, he. Natürlicher Weise bezeigten dünn die Lehrer UNS ib/e Zuftredcnheit, ihm aber ihre Unzufriedenheit. Neue Ursachen zur Verdrießlichkeit. Kurz, das ging von Tage zu Tage, von Stuft zu Stuft, am Ende so weit, Saß er nach weniger Zeit ganz unfähig wurde, etwas Nützliches zu lernen; weil seine Seele immer verdrießlich und mürrisch war. So verstrich nun seine beste Jugendzeit, ohne daß er die mindeste Gesch-cküchkeiL erwarb, wodurch er sich nachher in der Welt hatte forthelfen können. Dadey hak, re er die beständige Kränkung, daß kein Mensch etwas mit ihm zu thu« hüben wollte, weil man sich vor seiner Gesellschaft, wie vor der Gesellschaft eines Aussätzigen, scheuste. Da nun dir Lehrer sahen, daß garnicht- bey ihm auszurichten sey: so hießen sie ihn endlich gehen. Sein bekümmerter Vater suchte ähn auf einer au- dcrn Schul? unterzubringen; aber da wollte man ihn auch nicht habe», weil man von seiner schlechten Gemüthsart schon gehört hatte. Er wollte ihn darauf ein Handwerk lernen lassen; aber der Meister, zu dem er ihn brachte, sagte: haben die gelehrten Herren nichts gnügk.„Aber, liebe Karoline, fragte fle ihre jüngere Schwester Louise, da sie einmahl nach langer Zeit bey ihr zum Besuch war, was fehlt dir denn nur? ich sehe dich ja niemahls recht heiter und vergnügt."— Ach, sagte sie, wie kann ich vergnügt und froh seyn! Alle Leute, die ich nur ansehe, haben es bester als ich. Da sind unsers Nachbars Töchter— du solltest einmahl sehen, was sich die herausputzen können; da ist ein neues Kleid nach dem andern, und rmmer eines schöner wie das andere;— da ist hier der Kaufmann Rö« der, der baut ein Haus nach dem andern, und hat Geld, er weiß nicht wohin damit,— alle Monathe gibt er einen Schmaus, wenn mein Mann kaum alle Jahre einen geben kann; und da ist hier unsere ehcma» lige SchulsreundinnErnestine, die kann in Kutschen und Karossen fahren, und ich muß zu Fusse gehen! Ach, setzte fle hinzu, wenn ich nur aus diesem fatalen Orte einmahl fortkommen sollte „O liebe Karoline, sagte ihre Schwester, ich be- daure dich von Herze«; aber mit deiner Gemüthsart kannst du freylich nie froh seyn, du magst hinkommen wo du willst, denn überall wirst du Menschen finden, die es besser haben als du." Zusatz. Wie viel glücklicher wäre daS neidische Geschöpf gewesen, hatte fle das Glück anderer nicht nur ertragen, sondern sich auch darüber mitfreuen können. —( 217)—' Die Neugierige. Minchen H c ß war fünf Jahre alt und die Tochter einer Wittwe, die mit ihr ein kleines Landhaus, nicht ferne von der Stadt, bewohnte. Ihre Mutter war eine Wohlthäterinn der Armen und der Kranken, deßwegen wurde sie auch von Jedermann sehr geliebt.— Einst, an einem Sommermorgen, war die Gute im Begriff, in die Stadt zu gehen, um einer sehr armen Anoerwandtinn, die krank war, Er- guickung und Trost zu bringen. Sie war zwar reich und angesehen, aber sie schämte sich ihrer Anverwandten gar nicht. Als sie nun gehen wollte, nahm sie Minchen bey der Hand:„Siehst du, liebe Kleine, dieses Kästchen; ich schenk es dir, und hier ist der Schlüssel dazu! aber d u sollst es durchaus nicht eröffnen, als in Gegenwart deines Lehrers.— Minchen dankte, klatschte in die Hände, und versprach mit lauter Stimme, das Kästchen nicht zu eröffnen. Aber kaum war die gute Mutter hinweg, so besah die kleine Neugierige das Kästchen von allen Sei. ten. Sie konnte die Ankunft ihres Lehrers nicht erwarten, und schloß es auf. Husch, flog eine Laube heraus, die ein kleines Glasflaschchen mit ihren Flügeln zerschlug.— In diesem Fläschchen war süße Mandelmilch für Minchens Mittagsmahl, wozu man ihr die Taube gebraten hätte, wenn sie nicht ungehorsam und neugierig gewesen wäre. Nun erhielt sie statt dessen trockenes Brod und Brunnenwasser. So straft Neugier beynahe immer sich selber. Armbruste r. ( LlZ)- Die bestrafte Neugrsrde. Man macht immer den kleinen Mädchen den Vorwarf, sie wären ein wenig neugierig. Ob ich nun schon einige gekannt habe, die diesen Dornmrf mit Grund verdienten, so kann ich doch nicht laugnen, daß ich auch mehrere kleine Knaben kennenlernte, die ihnen in diesem Stücke fast«och den Vorzug streitig machten. So kannte ich unter andern einen gewissen Fer- dinand, der seine Neugierde so weit trieb, daß er allen seinen kleinen Freunden und Freundinnen darüber zum Gespürte wurde, und der doch nicht eher von diesem Fehler geheilt werden konnte, als da er schon die traurigsten Folgen desselben erfahren; halte- Seine Augen und Ohren waren niemahls da, wo sie seyn sollten. Sprachen seine Geschwister mit einander, und sprachen sie zumahl heimlich, so mochten Vater und Mutter und Lehrer mit ihm reden, was sie wollten, er hörte nicht auf sie, seine Augen und Ohren waren bey seinem Geschwister. Konnte er nicht erhorchen, wovon sie sprachen, oder sagte man es ihm nicht, wenn er darum fragte: so entstand jedesmahl Zank und Streit. Ging er vor einem verschlossenen Zimmer, oder vor der Küche vorüber, und er hörte darin reden: sogleich stand er still, horchte, und— konnte er nichts verstehen, so ging er hinein, und stellte sich,, als ob er etwas suche, bloß um den Sprechenden näher zu seyn. Sogar auf der Strasse, oder wo es sonst seyn mochte, war er unbescheiden genug, stehen zu bleiben und zu horchen, wenn ihm ganz unbekannt^ Personen mit einander sprachen. Kam er in ein Zim. mer, und es standen etwa verdeckte Sachen da, so wäre er nicht im Stande gewesen, eher sich wieder zu entfernen, bis er wußte, waS unter dem Luche, oder unter dem Teller ftp, und hätte man ihm, wer weiß was, geboten! Er war fast außer sich, wenn er in der Schule, oder bey Tisch- nicht aufstehen durfte, sobald nur irgend ein Geräusch auf der Straße oder in einem Nebenzimmer entstand. Nicht nur in seiner Eltern Hause, auch bey fremden Personen konnte er nichts liegen sehen, ohn- es in die Hände zu nehmen. Bekam jemand Briefe und sie wurden in seiner Gegen, wart erbrochen und gelesen, so härte er vergehen mö- gen, wenn er von dem Zuhalte nichts erfahren konnte. War er den Personen aber nahe genug, die sie lasen, so drehet- und wendete er sich so lauge, bis er wenigstens die Hand des Briefstellers oder seinen Namen erkannt hatte. Daß er sich kein Bedenken daraus machte, Briefe zu lesen, wo er sie fand, daß er sich nicht scheut-, nahe hinzu zu treten, wo jemand Brief- schrieb, oder wohl gar über die Schultern hinweg zu erlauschen, was geschrieben wurde, das darf ich kaum erinnern. Wie gefällt Euch dieser neugierige Knabe? Wenn Ihr gute Kinder seyd, so werdet Ihr ihn gewiß bedauern; denn Zhr werdet Euch leicht denken können, daß er sich durch seine Fehler viele Unannehmlichkeiten werde zugezogen haben. Und das konnte denn freylich auch nicht anders seyn. Es verging fast kein Tag, ja zu manchen Zeilen fast keine Stunde, da er nicht die unangenehmsten Folgen erfahren hätte. Bon seinen Eltern und Lehrern erhielt er oft die empfindlichsten Verweise, seinen jungem Bekannten und Mitschülern diente er zum Sxokt, seine Geschwister lieble» —( 22O)— ihn nicht, weil er unaufhörlich mit ihnen zankte, und 'bey erwachsenen Personen, die.ihn kannten, hatte er sich verächtlich;gemacht. Kam er in die Schule und der Lehrer war noch nicht zugegen, so standen gewiß einige seiner Mitschüler beysammen, sprachen heimlich mit einander, oder steckten sich mit geheimnißvoüen Mienen etwas zu, oder besahen irgend etwas Unbedeutendes mit scheinbarer Verwunderung, bloß um Ferdinands Neugierde rege zu machen. Selten schlug eS ihnen fehl. Und trat nun Ferdinand zu ihnen hin, oder fragte er wo. von sie sprächen- was sie vor hätten? wonach sie sähen?so ließen sie ihn entweder lange bitten und sagte» ihm dann gewöhnlich etwas Unangenehmes, oder sie ließen sich wohl gar ihr Geheimniß,— das oft die unbedeutendste Sache war, von ihm abkaufen, oder fle lachten ihn geradezu aus! Oft, wenn sie merkten, daß er bald kommen werde, wickelten sie Unrath in Papiere, und legten sie vor die Thüre, durch die er hereinkommen mußte, oder fie warfen ihm scheinbar erbrochene Briefe in den Weg, in die sie entweder Anartige Possen gemahlt, oder geschrieben hatten, die er auf sich anwenden konnte; denn sie wußten, daß er alles aufhebe und begucke oder lese, was er nur irgendwo fand. Nicht selten erzählten sie ihm die ab. geschmackkesten Unwahrheiten, die sie selbst ersonnen hatten, und hakten ihre Freude daran, wenn sie erfuhren, daß er sie weiter erzählt habe. Ihr könnt wohl glauben, daß ich dieß muthwillige Betragen seiner Mitschüler nicht billige; aber ich mußte es Euch erzählen, wenn ich Euch daraufaufmerksam ma- chen wollte, wie lächerlich sich ein junger Mensch auch bey seinen guten, jungen Freunden machen kann, wenn er —( 221) so neugierig ist, wie Ferdinand, und wie schwer es hätt, sich von diesem Fehler zu befrein, da auch solche Misshandlungen den armen Kleinen nicht besser» ten. Und wenn ich Euch nun noch sage, daß er schon oftmals von seinen erwachsenen Freunden, bald freundlicher, bald unfreundlicher bepm Arm genommen und entfernt worden war,— wenn er sich ihnen bey sol» chen Gelegenheiten zu sehr aufgedrungen hatte, wo sie mit einander über Dinge sprachen, die sie edew nicht jedermann wissen lassen wollten; wenn ich Euch sage, dass er schon oft auf die demüthigendste Art beschäme worden war, wenn er in Briefe guckte, die etwa gelesen oder geschrieben wurden; wenn ich Euch sage, daß sogar die Mägde und Bedienten m seiner Eltern Hause und in allen den Familien, in welchen er bekannt war, ihr Gespötte mit ihm irieben, wenn er, wie das seine Art war, zu ihnen in die Küchen odco auf ihre Stuben kam, und Ihr nun höret, daß er sich durch das Alles nicht bessern ließ— werdet Zhe ihn denn nicht von ganzem Herzen bedauern?— Und wenn etwa gar eines von Euch diesen Fehler an sich bemerkte, werdet Ihr Euch dann nicht die möglichste Mühe geben, um ihn Euch abzugewöhnen? Oder könntet Ihr wünschen, Euch auch so lächerlich und verächtlich zu machen, als Ferdinand? Oder wolltet Zhr abwarten, biS Ihr so arg gezüchtigt würdet§ wie er?— Höret nur, wie eS dem armen Schelm noch ging. Er war zwölf Zahre alt, und das, was er von Fremden und von Bekannten, von seinen jüngcrn und von seinen ältern Freunden Unangenehmes erfahren hatte, gar nicht gerechnet, zu zwey verschiedenen Malen schon für seine Nmgierde hatt bestraft wor° den. Einmal war er auf dem Wege nach der Schule, und siehe da, ein betrunkener Bettler, hinter welchem die Gassenbuben herlieft», zog seine Neugkrde so stark an, daß er selbst dem Schwärme folgte. Die unartigen Possen, welche jene, Buben trieben, schienen so ganz seinen Beyfall zu haben, daß er kein Auge von ihnen verwendete. Indem er so hinterher lauft, stößt er sich mit dem Kopfe an eine Stange, die, wie er wohl wisse» konnte, zum Warnungsze'chen an ein HauS angelehnt war, dessen Dach ausgebessert wurde. Er aber, der seine Augen jetzt nöthiger brauchte, hüpfte, ohnerachtet der empfangenen Warnung, ruhig und sorglos an dem Hause hin. Jetzt hörte er über sich schreyen— er sah auf— wollte auf die Seite springen— zu spat!— Ein Dachziegel flog ihm so unglücklich mit der Scharfe auf den Kopf, daß er durch den Hut in die obere Bedeckung der Hirnschale eindrang und den armen Ferdinand betäubt zu Boden streckte. Halb todt und mit Blut bedeckt brachte man ihn zu seinen Eltern. Der Schreck, den er ihnen verursacht hatte, die Todesgefahr, in der er gewesen war, die Schmerzen, die er empfand, die Vorwürfe, die er hören, und die er sich selbst wachen mußte, wenn er überlegte, daß alles eine Folge seiner Nmqierde war, hätten ihn, so wie seine übrigen Erfahrungen, ja wohl auf daS Schädliche seines Fehlers aufmerksam machen können— aber nichts weniger als dieß. Kaum konnte er wieder ohne Schmerzen umhergehen, so war er wieder der alte! Denn noch durfte er sich nicht ganz der freyen Luft aussetzen, und besonders war ihm noch untersagt, sich stark zu bewegen, so brachte ,'kn seine Neugierde in eine fast noch größere Lebensgefahr. —( 283) Zm Häuft seiner Eltern war ein Garten. Er ging in den Nachmcttagsstundm darin spazieren; da hörte «r in einer Entfernung eine schmetternde Musik. Es war eine Gesellschaft englischer Bereuter, die eben jetzt vor die Stadt ritt, um auf einem freyen Platze, vor derselben, dem versammelten Volke ihre Bereulerkirn- ste zu zeigen. Das nicht zu sehen? Wer denkt sich Ferdinands Unwillen! Er fing laut an zu weinen, versuchte auf die Mauer des Gartens zu kommen; aber als er endlich auch oben stand, konnte er doch nicht über die vorliegenden Gärten hinwegsehen. Eine Magd sah ihn: Gehen Sie doch auf den Boden, rief sie ihm zu, wenn Sie dir Bereuter sehen wollen!—> Ferdinand ließ es sich nicht zweymahl sagen— in zwey Minuten war er oben! Aber ach i da war keine Kammer offen, er versuchte an allen— riß an den Thüren, sich! da sprang eine auf! Es war die Monti» rungskammrr eines HauptmannS von der Infanterie, der in seiner Eltern Haus einauarkirt war. Er erschrak Anfangs, als er die Menge Gewehrs und Pallasche und Patrontaschen erblickte— aber die Trompeten der Bereuter schmetterten jetzt starker als zuvor; er räumte, was ihm im Wege lag, auf die Seite, erreichte das Fenster, und sah nun zwar das versammelte Volk, unterschied auch wohl die Bereuter, aber doch war der Platz zu fern, um etwas deutlich zu erkennen. Aergerlich zog er den Kopf zu dem kleinen Fenster wie. der herein, trat, weil es, wie gewöhnlich die Dachfenster, etwas hoch angelegt war, auf einen in der Nähe stehenden Kasten, sprang herab— aber im Herabspringen bemerkte er, daß der Deckel des Kastens nur aufgelegt und nicht verschlossen sey. Einen Kasten zu verlassen, ohne gesehen zu haben, was darin wä- —(»24) re, wer möchte das von Ferdinanden glauben! Der Kasten wurde geöffnet. Was ist das? Kleine Päckchen!— Eins wurde herausgenommen;— es war schwer. Auf der andern Seite lagen andere, diese waren leichter. Was wohl darin seyn mag? ES waren, dem Ansehen nach, mehrere kleine Rollen in ein Päckchen zusammen gebunden, aber so fest, daß keines einzeln heraus zu ziehen war.— Wenn jetzt jemand käme, und sähe dich hier, dachte Ferdinand— was zu thun? Er nahm von jeder Art eines, ein leich- tes und ein schwereres, legte den Decke! wieder auf den Kasten, verschloß die Kammenhür, und schlich sich mit feiner Beute in den Garten. Bemerket ihr wohl, lieben Kinder, zu welcher Art Handlung Ferdinand durch seine Art Neugierde verführt wird?— Zur Garten suchte er den enkle» genstcn Winkel, um ungestört seinen Raub untersuchen zu können. Und was fand er, als er mit vieler Mühe die Päckchen geöffnet hatte? Es waren Patronen, das heißt, abgemessene Ladungen Schießpulver für die Soldaten, die jede einzeln in Popicr gepackt und zum Gebrauch aufbewahrt werden. Die schwerern waren sogenannte scharfe Patronen, in deren jeder elnebleyerne Kugel lag, die leichtern waren sogenannte Exerzier. Patronen, in welchen er bloß Schießpulver fand« Die erster» erhalten die Soldaten, wenn es gegen den Feind geht, wenn sie Gefangene bewachen müssen, oder bey ähnlichen Gelegenheiten; die letzter» gebrauchen sie, wenn sie im Frühjahre, oder als Rekruten, oder in Lustlagern sich üben.— Was sollte aber Ferdinand mit dem Schießpulver und d n Kugeln anfangen? Freylich hätte er noch am wenigsten gefehlt, wenn er alles wieder dahin gelegt hätte, wo —( 22L)— rr es weggenommen Hütte; aber er machte sich selbst so vielerley Einwendungen,— denn er hatte sogleich Last, es zu behalten, daß er endlich alles zusammen packte und es unter Gras und Blätter im Garten verbarg. Einige Tage darauf besuchte ihn Moritz, ein Knabe seines Alters. Nichts hatte für Ferdinand erwünschteres kommen können, denn Moritz war es, auf den er besonders gerechnet hakte, wenn er jemahls Gebrauch von seinem Raube machen sollte. Kaum sah er sich daher mit ihm allein, so entdeckte er ihm alles;— denn er kannte ihn als einen der vcrschwie» gendftcn und klügsten seiner Schulkameraden- Moritz überlegte sich die Sache. Ja, sagte er endlich, aber hier im Garten können wir nichts damit anfangen; aber sobald du wieder ausgehen darfst, so komme du zu mir, ich will unterdeß für alles sorgen, was wir etwa sonst dabey brauchen könnten, und dann wollen wir uns einmahl einen Spaß machen. Es vergingen ungefähr acht Tage, da wurde Ferdinanden erlaubt, wieder außer dem Hause spazieren zu gehen, und sein erster Gang war natürlich zu Moritz. Dieser hatte Schwamm, Stahl und Stein her, bepgeschaffk, und zugleich ein- hölzerne Büchse, IN die sie das Pulver schütten wollten. Es geschah, denn Ferdinand hatte es schon zu sich gesteckt, und nun gin- gen sie mit einander in ein nahe bey der Stadt gele. genes Wäldchen. Hier wurde zunächst Feuer angeschlagen, und als der Schwamm zündete, brennten sie kleine Häufchen Schreßpu/ver, erst mit vieler Vor» ficht, allmählich aber immer unvorüMiger an. Mo. ritz hatte sich schon beym dritten Hnujcyen dre Augen- braunen versengt, aber sie ließen sich nicht wärmn, n. Band. P —( LZ6)— Jetzt nahm Ferdinand die Büchse mit dem Pulver in die rechte Hand, in der linken hielt er ein Stückchen brennenden Schwamm, wollte, auf Moritzens Rath, eine Schlange mit Schießpmoer ziehen—(eine etwa- längere krummlaufende Linie, die, wenn sie an einem Ende angezündet wird, gleichsam wie eine Schlange sich bis zum andern Ende abbrennt)— und indem er Pulver schüttet, und mit der linken nachhelfen will, damit es nicht zu stark laufen soll, fällt ein Körnchen Pulver auf den brennenden Schwamm, es zündet, ergreift das Pulver in der Büchse und mit einem star. ken Knall zerschmettert sie in viele Stücken.— Ach! Wimmerte Ferdinand, und stürzte(er hatte sich auf die Kniee niedergelassen) mit dem Gesicht- in den Sand— und Moritz— mit versengtem Gesicht springt vor Angst fort. Glücklicher Weise läuft er nur einige Schritte. Welch' ein Schreck, als er sich jetzt nach Ferdinand umblickt, und ihn im Feuer sich wälzen ficht. Das Pulver hatte seine Wäsche gezündet— der Schmerz mochte ihn aus einem Anfall von Ohnmacht erweckt haben. Moritz sprang hinzu, drückte mit seinen Ar- «icn das Feuer aus, warf Sand über ihn her. Ach! meine Hände! schrie jetzt Ferdinand, mein Hals! und zeigte beydes dem ganz betäubten Moritz. Gott! was fangen wir an! jammerte dieser. Ferdinand war fürchterlich beschädigt. Der Daumen seiner rechte» Hand rvar durch die Gewalt des Pulvers fast ganz von dem Muskel losgerissen, der ihn bewegt; von allen Fin, gern derselben Hand war die innere Bedeckung ebenfalls zerrissen, die linke Hand war verbrannt. Der Hals sah nicht besser aus; Brandblasen, schwarze Flecke, und eins Wunde dicht an der Gurgel, dre, wie sich in der Folge zeigte, durch ein von der Büchse ( 2L7) losgesprengtes Stück Holz verursacht worden war, das setzt noch in derselben fest saß-- welch ein Anblick für Moritz, und welche Verlegenheit für beydej Zch halte es nicht aus! heulte Ferdinand vor Schmerz. Sich.' wenn ich nur das Schießpulver nicht angerührt hätte! Das hilft dir setzt alles nichts, lieber Ferdi, „and, bat Moritz, sage nur, was wir machen können. Soll ich dich zu deinen Eltern fuhren, oder willst du zu mir kommen?— Moritzens Wohnung war näher, dahin gingen sie, nachdem sie zuvor darin überein gekommen waren, daß sie zwar gestehe» müßten,, sie hätten mit Schießpulver gespielt, aber vorgeben wollten, Ferdinand habe es in seinem Garten von ungefähr gefunden. Ich will mich nicht dabey aufhatten, Euch z» sagen, wie diese beyden Knaben von ihren Eltern empfangen wurden, welche Unruhe, besonders in Ferdinands Familie entstand, alS ihn Moritzens Vater gegen Abend, nachdem er schon verbunden war, nach Hause brachte! Ihr könnet es Euch zum Theil selbst denken, und ich muß eilen, um diese Geschichte nicht zu sehr in die Länge zu Ziehen. Nur so viel wisset, daß Ferdinand nach diesem traurigen Vorfall, der ihm fast das Leben kostet«, und der doch im Grunde durch seine Ncugirrde veranlaßt worden war, etwas aufmerksamer auf sich wurde. Aber ein solcher Fehler legt sich nicht so leicht ab, fast täglich bedurfte er noch der Erinnerungen seiner Eltern und Geschwister, und nur der höchste Grad von Beschimpfung heilte ihn ganz. Hast du wieder gehorcht? rief ihm eines Tages seine Mutter entgegen, als er eben zur Thüre herein trat. P 2 —( 228)— Gewiß nicht, Mütterchen, erwiederte er, aber— Mutter. Ferdinand! Ferdinand! Wem galt denn das: Schämen Sie sich doch! draußen in der Küche? Ferdinand. Za, die Sophie redete wieder mit— Mutter. Zch will von dir nichts Neues hören, am allerwenigsten Entschuldigungen für deine unglückliche Nmgierde! Guter Gott! wenn wird man dich nicht mehr erinnern dürfen! Ferdinand schwieg und küßte seiner Mutter beschämt die Hand, denn sie hakte sehr richtig gehört. Sophie, die Köchinn, war mit dem Bedienten des Haupkmanns, der im Hause wohnte, bekannt worden. Das Einverständnis dieser beyden Leute mißfiel Ferdinands Mutter, und sie hatte ihrer Köchinn schon einmal untersagt, diesen Umgang zu genau werden zu lassen. Wie es aber geht, sie sahen und sprachen einander dennoch oft, mochten auch wohl schon außer dem Hause zusammen gekommen seyn. Das wußte Ferdinand, und da er gerade bey der Küche vorbey ging, als die Köchinn zum Fenster hinaus mit dem Bedienten redete, war er stehen geblieben, um zu hören, was sie einander sagten.„Riemer's Garkenthürc"— waren die letzten Worte des Bedienten, und—„aber nicht vor neun Uhr!" HLkt^« die Köchinn darauf sagen, die nun das Fenster zumachte und Ferdinanden von der Küchcn- thüre weggehen sahe. Da sie leicht vermuthen konnte, daß er sie behorcht habe, so rief sie ihm, als er eben die Thür öffnete, um in seiner Mutter Wohnstube zu gehen. nach: Schämen Sie sich doch! Unerachket des Verweises, seiner Mutter quälte ihn die Neugierde doch den ganzen Nachmittag wer —(SL9)— düs, was er nur so abgebrochen gehört hakte. Gern häkle er sich jemanden entdeckt, aber er fürchtete neu« Verweise Riemer's Garten lag nur einen Büchsen- schuf von dem Garten seiner Eltern entfernt. Ob du wohl um neun Uhr nachsähest, was es da gäbe? frag» Le er sich. Er wußte, daß seine Eltern diesen Abcud . bey e-nem Freunde zubringen würden. Der Abend kam. ES war neun Uhr— er saß vor der Hausthür, um,«ie er vorgab, seine Eltern zu erwarten. Mit unwtdrrstehlichcr Gewalt zog ihn seine Neugierde in den Garten. Anfangs wollte er nur über die Mauer hinwegsehen, aber da er, wegen der Dämmerung, nichts unterscheiden konnte, so öffnete er die Gartenthür, schlich hinaus, und an der Mauer hin. Schon erkannte er die bezeichnete Thür, aber kein Mensch war da zu sehen noch zu hören. Er wollte zurück gehen und indem er sich umwendet— erblickt er, ge. rade Riemer's Garten über, in dem Garten des Scharfrichters, der nur mit einem niedrigen Zaun eingehegt war,-ine Menschengestalt. Sie schien im Dämmerungslicht ein weißes Kleid zu tragen. Wie? denkt er, wenn das Sophie wäre? Vielleicht haben sie sich nur an Riemer's Gürten bestellt, und sind nun, um desto sicherer zu seyn, in diesen Garten gestiegen? Er horcht— die Gestalt scheint sich zu verbergen— er hört sie flüstern. Er schleicht gebückt am Zaune bis der Gestalt gegen über.—^Za, ja, sie spricht mit jemand! sagt er sich. Er sucht eine niedere Stelle, steigt über, zieht sich immer naher, von Baum zu Baum— kaum noch zwanzig Schritte ist er entfernt. Plötzlich erhebt sich die Gestalt, springt auf ihn zu: Hab ich dich Bürschchcn?— —( 2Z0)— Ferdinand erschrocken, will davon kaufen,— aber noch ehe erden Zaun erreicht, fühlt br sich schon festgehalten und mit einer Kardätsche so unbarmherzig zerschlagen, daß er psr Angst—Diebe, Mörder, Feuert schreyt.—Ja Diebe! Diebe! erwiedert ihn unter w>e- derhohlte» Hieben der Obstwächter, denn der war es. Ferdinanden gelingt es endlich, sich loszuwinden — aber sein jämmerliches Geschrey hat schon die Nachbarschaft auf die Beine gebracht; kaum ist er über den Zaun, so steht er sich von mehr als zehn Personen umringt— die alle sich verwundernd zurufen: Mein Gott! MuSje Ferdinand? ist das nicht Ferdinand?— Man fragte ihn,— aber überlegt selbst, was sollte er ankworren?— Noch immer schimpft der Obstwächter über den Zaun! Sechsmal bist du mir entwischt, aber ich denke, nun soll d;r das Wiederkommen vergehen! du— Der Obstwächter irrte stch freylich, aber wahr war es, daß schon mehrere Abende vorher sich Knaben in den Garten geschlichen, Obst gepflückt und sich immer glücklich wieder aus bey Händen des Wächters gerettet hakten. Aber wie kennte der Wächter Ferdinanden unschuldig halten? Am folgenden Lage war die ganze Stadt voll; Ferdinand sey über dem Obststehlen von des Scharfrichters Knecht ertappt und jämmerlich zerschlagen worden! Denkt Euch den Kummex seiner Elktty, denkt Euch Ferdinanden selbst, da ihr wohl wisset, welq-* ein Vorurtheil man gegen die Knechte eines Scharfrichters hat? Zwar war es kein eigentlicher Knecht des. selben gewesen, sondern ein für botzn gcdungner armer Mann; aber— glaubt man nicht immer lieber d^s Schlimmste? Ferdinand wagte eS nicht, sich vor einem Arischen Menschen scheu zu lassen., und seine Eiters — c 2z>)— mußten ihn aus der Stadt entfernen, um ihn dem Spott und Hohn seiner Bekannten zu entziehen. Der Scharfrichter mußte gebethen,— der Obst-wächter bezahlt werden,— damit sie nur die Wahrheit überall bekannt machen möchten. Es brauchte lange Zeit, ehe man die Wahrheit glaubte, und doch— war Ferdinand nicht immer genug beschimpft, auch Da man nun dir Wahrheit hörte?— Aus Neugierde. einer Magd nachzuschleichen, sage man sich, wie häßlich! Freylich wird nicht jeder Neugierige so bestraft, aber ist darum die Neugierde, mag sie bey Mädchen oder beh Knaben wahrgenommen werden, nicht immer ein sehr lächerlicher, schimpflicher und nur allzu oft sehr beschimpfender Fehler? denn gewöhnlich verkettet er den, dem er eigen ist, zu niedrigen Handlungen, und, wenn er dabey ertappt wird, waS hat er zu erwarten, als Schimpf und Verachtung Sfk. Ordnung. In der Schule zu Grünthal befanden sich unter den Schülern und Schülcrn-nen auch einige Knaben und Mädchen, die keine Eltern mehr harken. Eines Tages besuchte ein reicher Kaufmann, Nahmens Herrmann, diese Schule. Er zog den Lehrer bey Seite, und sprach mit ihm leise über die Beschaffenheit der Kinder, die derselbe unterrichtete. ( 232) Vor allen Dingen, sagte der Kaufmann, möchte ich die Schreibebücher derjenigen sehen, die keine Eltern mehr haben. Ais dieß die Knaben und Mädchen hörten/ öffneten sie die Schubladen, die an dem Tische angebracht waren, an welchem sie saßen. Einige thaten dieß langsam, und man sah es ihnen an, daß sie sich nur ungern dazu bequemten. Herr Hcrrnrann bemerkte dieses, und dachte sich das Seinige dabey. Andere von den Schülern und Schülerinnen zogen die Schubladen, in welchen die Schreibebücher lagen, schnell heraus, und machten ein freundliches Gesicht. Herr Herrmann bemerkte es, und dachte auch hier das Seinige dabey. Er fing nun an, die Bücher durchzusehen. Einige reichten sie ihm schüchtern hin, und schlugen ihre Augen nieder, als er darin herumblätterte. Die Ursache davon war: die Bücher dieser Schulkinder sahen nicht so aus, als sie hatten aussehen sollen. Es gab darin mancherley zu sehen, was dem Auge nicht wohl that; hier ein Gekritzel, dort ein Paar Kleckse, auf dieser Seite einen hingemahlten Mann, mit einer Riesen, nase, und einem verzerrten Munde, auf der andern Seile einen Riß ins Papier u. dgl. m. kurz, die Bücher sahen unordentlich und unreinlich aus, so wie die Besitzer derselben. Mit diesen schmutzigen Kindern mag ich nichts zu thun haben! dachte Herr Herrmann, legte die Bücher gleich wieder hin, und ging weiter. Er kam zu den ordentlichen und reinlichen Schulkindern. Freundlich reichten sie ihm ihre Schreibebücher; bescheiden lächelten sie ihn an. Herr Herrmann sah die Bücher durch. Sie waren durchgängig reinlich; kein »—( 23Z) häßliches Gekritzel, kein hmgemahlter Mann,'kein Klecks, kein Riß— nichts vergleichen war darin zu sehen. Herrn Herrmafins Gesicht erheiterte sich. Er fragte bey jedem Buchs nach dem Nahmen des Besitzers, und sah ihn freundlich an. Besonders gefiel ihm das Buch deS kleinen G o t t l i e b W a g n e r und der flei- ssigen Maria Heyning. Beyde waren sehr arm, und ihre Kleider von grobem Zeuge; dessenungeachtet war es eine Lust, sie anzusehen; denn ihr Anzug zeichnete sich durch die größte Reinlichkeit aus. Herrn Herrmann gefielen diese zwey Kinder sehr. Er zog den Lehrer bey Seite, und sagte zu ihm: Ich halte viel auf Ordnung und Reinlichkeit; sie empfeh- len jeden Menschen; deßhalb gefällt mir der muntere Gottlieb Wagner und die Maria H yning gar sehr. Wie steht es denn sonst um ihre Sitten? Sind sie fleißig, vertraglich, folgsam, wahrheitliebend und dankbar? Der Lehrer gab beyden das beste Zeugniß. Herr Hkrrmgnn drückte dem Lehrer die Hand, und ging davon. Noch an diesem Tage ließ Herrmann den reinlichen GotMeb Wagner und Maria Hepoing zu sich kommen, und benahm sich sehr freundlich gegen sie. Lieben Kinder, sagte er endlich, ihr habt keine Eltern mehr-- ich habe euch lieb gewonnen, und möchte so gern Vaterstelle an euch vertreten; denn ich selbst habe keine Kinder; die, welche mir der Himmel schenkte, sind gestorben. Habt ihr wohl Lust, bey mir zu bleiben, und mich als-uern Vater anzusehen? Die Kinder wußten nicht, was sie sagen soLten. Krrührk standen sie da. Endlich ergriff Gottlieb die Hand des rechtschaffenen Kaufmanns, küßte sie, und sagte schluchzend: O, wüßte das mein guter Vater» meine liebe Mutter! Herrmann schüttelte ihm die Hand, und sprach r Sie fthcn es vielleicht, mein lieber Sohn, und freuen sich, daß ihr Gsttlirb bis jetzt so gut gewesen>6! Buch Maria benetzte die Hand des edlen Kauf. manns mit Thränen, und nannte ihn noch in dieser Stunde Vater. Herrmann sprach den Tag darauf mit dem Vor» mund der Kinder, der sich über dessen Entschluß, Vaterstelle an ihnen zu vertreten, sehr freute. Nach einigen La^en wohnten Gotklieb und Maria in dem Hause des'Kaufmanns. Er ließ sie gut u». terrichten, und erzog sie zu rechtschaffenen, frommen Menschen. La sie sich durch Ordnung, Reinlichkeit und gute Sitten sein ganzes Vertrauen erwarben, so sah er sie bald als seine eignen Kinder an, und als er starb, vermachte er ihnen in seinem Testamente all' sein Vermögen, G l a tz. Die Geschwätzigkeit. Es ist eine große Kunst, zu rechter Zeit zu reden, und zu rechter Zeit zu schweigen. Durch Geschwätzigkeit zieht man sich vielen Verdruß zu, den man durch ein vernünftiges Stillschweigen sich erspart hätte, Lottchcn lernte dieses durch ihren eigenen Schaden sikfthey— und sie wird sich von nun an gewiß hüten,, -(23Z)- z„ viel z» reden. Eines Abends ging sie in den Garten des Landhauses spazieren, das ihr Vater^n einer rcitzsnden Gegend SchwabenS erbaut hatte. Wie ent« ferrtts sich an das äußerste Ende des Gartens» ohne von ihrer Aufseherinn begleitet zu seyn. Dort sah sie zwey quk gekleidete Reisende stehen. Einer redete sie mit eimr freundlichen Mine an: Ach! was ist dieses doch für ein Herrliches Kind, wollten Sie uns nrcht sagen, schönes Fraulein. wem dieses Schloß gehört? Wissen Sie es nicht? antwortete Lsttchen, es gehört meinem Papa, dem Frcyhenn von Bach. Er hat wohl noch andere Schlösser, so schön, wie dieses hier. Vielleicht wissen Sie's schon, er hat erst kürzlich von einer reichen, reichen Tante geerbt. Morgen kommt er von Augsburg zurück. Mama geht ihm wirklich entgegen. Sehen Sie, eben fährt sie fort; denken Wie, gestern hat Papa emr Kiste mit Gold, Diamanten, Perlen und schönen, schönen Stoffen geschickt, wohl fünfzig tausend Gulden am Werth. Sehen Sie dieses Halsband — Es war auch dabey. Dort in jenem Zimmer lin. ker Hand steht Al.es! Indessen rüste Lottchcns Aufseherinn denn die kleine Schwätzerinn halte sich heimlich von ihr entfernt- Sie flog zurück und ein lautes Gelächter tönte hinter ihr. Ich wette, ihr nmlhmaßrt schon, wer die zwey hübschen Reisende waren. Es waren zwey Räuber, die sich Lottchens Geschwätzigkeit trefflich zu Nutzen machten. Denn— noch in der mmüchen Nacht erbrachen sie die Thüren dcS Zimmers, das ihnen Lott» chen bezeichnet hatte, und schleppten den ganzen gerbten Reichthum mit sich hinweg. Armbxußer», ( LzL)— P a u l r rr e, oder traurige Folgen der Geschwätzigkeit Sey immerhin beredt, nur keine Schwätzerinn, Geschwätzigkeit reißt leicht zu bösen Fehlern hin. Pau link, die Tochter eines reichen Edelmanns, gMt in der Stadt, wo sie lebte» in ihren jüngern Zähren allgemein für ein beredtes Mädchen. Man Körke ihr gerne zu. denn sie sprach schön und vcr. ständig. Dieß merkte Fraulein Pauliue, und that sich nicht wenig zu Gute darauf. Auch sing sie von dieser Zeit an zu glauben, daß, wenn sie in Gesellschaft wäre, sie immer recht viel sprechen müßte, weil eben darin, wie sie meinte, die ganz- Beredsamkeit läge. Nmi ward aus der liebenswürdigen Pauline ein lästiges, unausstehliches Mädchen. Fast nie stand ihr Mund stille, weil sie viel zu viel sprach, so konnte es nicht anders kommen, als daß sie oft Dinge vorbrachte, über die jeder verständige Zuhörer lächeln oder die Achseln zucken mußtet Ihre Urtheile waren häufig sehr übereilt, und zuweilen widersprach sich das redselige Kind in einer Stunde wohl zehnmahl. Wurde von Sachen gesprochen, die Pauline nicht verstand, so mischte sie sich dennoch inS Gespräch und plauderte darüber, was ihr gerade einfiel. Oft kamen die abgeschmacktesten, albernsten Einfälle zum Vor. schein. Einmahl kam in einer Gesellschaft die Rede auf Schweden und auf das nördliche Rußland. Pauline wollte mitsprechen, hatte aber zum Unglück noch wenige Kenntnisse auS der Erdbeschreibung. Ach, sagte si/, in diese Länder möcht' ich wohl auch einmahl rei» sen, nur fürcht' ich die entsetzliche Hitze, die dort sexn soll. Aber die edlen Baumfrüchte müssen dafür in die» ftn Ländern desto delikater ftpn; ich würde mich besonders an die Datteln halten; ob eS wohl dort auch Ananasse gibt? Mehrere von der Gesellschaft konnten sich des Lachens nicht enthalten. Fräulein, Fräulein, Frau- Um! sagte einer, wenn Sie einmahl nach Schweden oder nach dem nördlichen Rußland reisen, so versorgen Sie sichchors erste mit einem recht warmen PelzSnzuge; können Sie in ihrem Reisewagen ein Ocichen anbringen, desto besser!> Pauline merkte gleich, was diese Rede und das Lächeln der meisten Anwesenden bedeuten sollte. Sie wollte ihren Fehler wieder gut machen, und sagte, ohne sich lange zu bedenken: Ich habe mich geirrt, ich hab- Schweden und Rußland mit Lappland und Sibirien verwechselt. Nun fällt mirs erst ein, daß dir zwey ersten Länder kalte Länder sind; ja, ja; aber Lappland und Sibirien— ja die meinte ich—— dort ists heiß— dort wachsen Fei— Hier brach die Gesellschaft in ein Helles Lachen aus, wodurch Pauline in eine so große und unangenehme Verlegenheit versetzt wurde, daß sie im Gesichte über und über roth wurde, und bald die Augen voll Thränen hatte. Dergleichen Beschämungen erfuhr Pauline oft; aber ihre Unart, sich in alle Gespräche zu mischen, ließ —( 2Z8) sie dennoch nicht. Bald hieß es in der Stadt nicht mehr das beredte Mädchen, sondern— die Schwätzerinn. Pauline liebte die Gesellschaft. Sie besuchte oft ihre Freundinnen, oder lud dieselben zu sich. Nie war sie froher, als wenn sie mit ihnen zusammen kam. Dann stand ihr Mund fast keinen Augenblick still» Was wußte sie nicht alles zu erzählen! Da hatte sie bald dieß, bald jenes gehört, was sie ihren Freundin, neu wieder erzählen mußte, da beschrieb sie die Kleider, die sie vor kurzem bekommen hatte, und die, die sie bald bekommen würde, tadelte oder lobte den Anzug anderer Mädchen, rühmte den Lieutenant Söller, der sie ein schönes Kind genannt hatte, lachte den Kam- mcrrath Lstolling aus, weiter die Sünde begangen, und sie einmahl voreilig geheißen hatte, schalt ihren Lch. rer einen unartigen Mann, weil er ihr zuweilen-inen Verweis gab, lobte hingegen den Kammer-Musikus Schall, weil er sie einen schönen Engel zu nennen pflegte. Sie konnte einen halben Tag in der Gesellschaft ihrer Freundinnen seyn, ohne daß es ihr an Stoff zu reden fehlte. Diese Gelchwätzigkeit Paulinens artete immer mehr aus. Sie konnte endlich nichts mehr auf dem Herzen behalten. Da sie immer sprechen wollte; so plauderte sie auch dasjenige aus, was man ihr als Geheimniß anvertraut hatte. Dadurch verdarb sie nicht nur manchen Spaß, sondern richtete auch viel Unheil an. Einmahl hatte Gmilie, ihre beste Freundinn ihr jn Vertrauen gesagt, daß den ersten Zunius der Ge. burtstag ihres Bruders, Karl, sey, daß sie für ihn hnmlitH eine Weste gestickt, and eine Zeichnung verftr- -.(-Z9)- k?gt hübe; ferner, daß sie ihn des Morgens in eine Gartenlaube führen, und ihn dort durch Musik und kleine Geschenke überraschen wollte. Aber schwere ja still davon, sagte die gute Emilie, er p-eiß noch kein Won davon, und vermuthet nichts weniger als so et. was. O wie freue ich mich auf die Verlegenheit, in die er auf einige Augenblicke durch diese Ueberraschung gerathen, auf das freundliche Gesicht, das er dazu machen wird!— Man konnte es der zärtlichen Schwester deutlich ansehen, wie innig sie sich darauf freute. Pauline versprach ihr, verschwiegen zu seyn, und kein Mönchen davon auszuplaudern. Doch was geschah? Den letzten May besuchte Karl die Brüder der geschwätzigen Pauline. Sie mischte sich unter sie, und bemühte sich, sie durch allerhand Skabkanekdoten und Tagesneuigkeiten zu unterhalten. Endlich siel es ihr auch ein, daß am folgenden Tage Karl sein GeburkL-. fest fcyern werde. Was sie von seiner Schwester er» fahre» hatte, brannte ihr auf dem Herzen; sie wollte damit herausplatzen, hielt aber einige Augenblicke in« ne, und erinnerte sich an ihr Versprechen. Doch bald fing sie an, auf den folgenden Lag anzuspielen. Ja, sagte sie, Karl wird morgen der König deS Festes seyn. — Er wird glänzen, wie ein Karfunkclstein— Hess» ders wird vielleicht eine schön gestickte Weste—Doch, das soll sich morgen schon ausweisen! War'ich seine Schwester—ich würde ihm eine herrliche Zeichnung— Za, lächle nur Karl, wer weiß, was dir bevorsteht! Emilie hat ein crstnderischeS Köpfchen und ein zärkli, ch-s Schwestcrhcrz. Vielleicht ergreift sie dich des Morgens beym Arme, und führt dich in eine Gartenlaube. Vielleicht, sage ich— wär' ich an ihrer Scel, ( 2^0) l?, ich thats, und da müßte mir Karl mit Muftk empfangen, und durch artige-Geschenke überrascht Werden. Las müßte eine Freude geben! Aber erfahren sollte er mir im voraus nichts, durchaus nichts. Sie machte dazu ein Gesicht, aus welche!» Karl vieles errathe!» konnte, endigte, dann ihre Rede mit den Worten: Was ich weiß, das weiß ich! und sprang vergnügt zum Zimmer hinaus. Nun konnte Karl alles errathen, was ihm von Sekten seiner Schwester am folgenden Tage bevorstand. Die gute Emilie! wie unangenehm war es ihr, als Kar! am folgenden Tage, als sie ihn überraschen woll» te, verrieth, daß er bereits alles wisse. Selbst Karl» war dieß verdrießlich. Seine Freude über die Veranstaltungen der Schwester wäre zehnmal größer gewesen, wenn er durch die plaudechaste Pauline nicht schon im voraus damit wäre bekannt gemacht worden. Sie fragte ihn, wie er denn alles erfahren habe, und da sie erfuhr,.Pauline habe es verrathen, wurde sie auf ihre Freundinn unwillig. Du bist mir eins schöne Freundinn! sagte Emilie zu ihr, ich vertraue dir etwas alS ein Geheimniß an, bitte dich um Verschwiegenheit, erhalte auch das Der. sprechen von dir, daß du es bey dir behalten wolltest, und doch plauderst du es aus« Du hast mich und Karl» durch deine Schwatzhasiigkeit um eine große Freude gebracht. Pauline nahm dielen Verweis sehr übel auf. Sie behauptete, ihr Versprechen nicht gebrochen zu haben. Was hab' ich denn nur gethan? rief sie. Zch habe ihm nichts Bestimmtes gesagt; ich habe ja b-oß auf die Sache dunkel angespielt, was kann ich dafür, daß ( 241) er meinen Scher; für Ernst nahm, und hinter die Wahrheit kam? Zch bin ganz unschuldig!— Aber Emilie blieb bey dem, was sie gesagt hatte, und wiederhvhtte es noch einmahl: daß Pauline ihr den schönen Spaß verdorben, und ihr unangenehme Empfindungen gemacht habe. Es ist nicht nöthig, sagte sie, daß man alles gerade heraussagt, man kann ein Geheimniß schon durch einzelne Worte, Winke und Geberden verrathen. Der gute verschwiegene Mensch hütet sich auch vor dem letzten. Seit dieser Zeit waren Emilie und Pauline nicht mehr so vertraut als sonst. Zene entzog dem schwatzhaften Mädchen einen Theil ihres Zutrauens, und wenn sie etwas geheim halten wollte, so nahm sie sich wohl in Acht, es PauNnen anzuvertrauen. Dieses Mißtrauen, ob es gleich gerecht war, nahm Pauline doch sehr übel auf, und machte der Freundinn Vorwürfe darüber. Doch diese blieb bey ihrer Zurück- Haltung gegen Pauline, wofür sie von ihr auf eine sehr unbillige Weile beurtheilt wurde. Emilie erfuhr es, daß Pauline Böses von ihr rede. und entzog ihr nun ihre Freundschaft ganz. Das war für Paulinen ein großer Verlust, denn sie vcrlohr in Emilie, dir man allgemein schätzte und liebte, ih. re aufrichtigste. beste Freundinn. Eines Morgens kam Herr Will zu Paul-nsns Vater, dem Herrn von Marienbach, der sehr freund, schaftlich für ihn gesinnt war. Pauline befand sich in einer nahen Kammer, und konnte alles hören, was in der daran grenzenden Stube gesprochen wurde. Ich bin ein unglücklicher Mann! sagte Herr W il l, indem er den Herrn von Marienbach treuherzig bey der Hand faßte. N. Band.^ —( 242)— Das wäre! versetzte dieser. Sie ein unglückli. Her Mann? Nun, da könnte ich mich für den unglücklichsten halten. Was fehlt Ihnen» Freund? Sie ha den alles vollauf» Geld und Credit genug, und, was noch mehr heißt, eine verständige Frau und gute Kinder. Herr Will zog jetzt einen Brief aus der Lasche. Der macht mein Unglück! sagte er, iubew er mit der einen Hand darauf klopfte. Herr von Marienbach sah seinen Freund, der ein Kaufmann war, mit nachforschenden Blicken an, gleich als sey er zweifelhaft, ober dem Herrn Will glauben sollte oder nicht. Und was gibt eS denn in aller Welt? fragte er in einem treuherzigen Tone, der ihm eigen war. Herr Dill erzählte nun, daß das Schiff, welches ihm Waaren bringen sollte-, verunglück?, aufriner Sandbank gescheitert, und von den Wellen verschlungen wer« den sey. Dieß habe ihm einen Schaden von fünfzig- tauftnd Thalern gebracht. Um sein Unglück vollständig zu machen, habe ein Knabe auf seiner Spiegclfar brik, die einige Meilen von seinem Wohnorte entfernt lag, die Unvorsichtigkeit gehabt, mit einer Flinte nach einem Sirohdache zu schießen, wodurch eine Feuers- bremst einstanden, seine Fabrik in einen Aschenhauftn verwandest, und er um eine Summe von vierzigkausend Thalern gekommen sey. Herr von Marienbach schlug die Hände zusammen, und sah seinen Freund einige Augenblicke stillschweigend an. Der Herr haiS gegeben, der Herr hats genommen, der Nahme des Herrn sey gelobet! sagte er endlich, indem er Herrn WM freundlich auf die Schultern klopfte. Getrost, mein Freund! Geld verkehren, -(24^)-^ heißt nichts vsrlohren, so lange es im Kopfe und iü den Armen richtig ist. Eine gute Spekulation kann alles wieder einbringen« Herr Will aber weinte, er habe alle Ursache, das ärgste zu besorgen« Baares Geld, sagte er, habe ich nur wenig. Das Schlimmste ist, daß ich bey dem alten SparS eine Summe von zwanzigtausend zu zahlen habe. Wenn der es erfahrt, daß das Schiff untergegangen und die Spiegelfabrik verbrannt ist, so läuft er mir mit seiner Forderung auf den Hals, macht Lärm, vergrößert mein Unglück, und in einer Zeit von wenig Stunden sprechen die Kinder auf der Straße von meinem Unfall. Mehrere, denen ich kleinere Summen schuldig bin, überlaufen mich dann auch, und mein Haus wird zu einem Komödienhauss. Und, was das Verdrießlichste ist— ich kann, bey Gott! kaum zwey. tausend zusammenbringen. Was soll ich dann machen? Es ist dann um meinen Credit geschehen!— Ey tausend! rief der Herr von Marienbach, wer wird gleich so zaghaft seyn! Sie sind-in ehrlicher Mann, und was das Geld betrifft, so wird sich wohl Rath schaffen lasten. Zum Unglück ist jetzt meine Baarschaft nicht lehr groß. Aber nach einem Monathe nehme ich einige Summen ein, d-e stehen Ihnen dann zu Gebothe. Herzlichen Dank für Ihre Freundschaft! versetzte Herr Will. Wenn meine Unfälle nur so lange verschwiegen bleiben! Darauf kommt alles an. Allerdings! erwiederte der Herr von Marienbach. Verschwiegen muß alles bleiben; sonst entsteht ein grau- sicher Lärm. Weiß denn schon jemand um die Sache? Bis jetzt noch niemand, selbst meiner Frau ist sie hoch ein Geheimniß. Q 2 -H 8N^N V^ W iW" Z> '4! —( 2 sti)— Das ist vortrefflich! rief der wackere Edelmann. Halten Sie nur alles fein in Ihrem Herzen; ein Wonach ist bald dahin; dann soll es keine Noth haben. Die redlichen Freunde sprachen noch manches über die Sache. Heer Will empfahl sich dann, und der Edelmann ging in seinen Garten, um dort in Ruhe sein Pfeifchen Knaster zu schmauchen, und über des Freundes Angelegenheit weiter nachzudenken. Jetzt trat Pauline aus der Kammer, in welcher sie, wie ein Mäuschen in der Falls, hatte verweilen wüsten. Der arme, ehrliche Will! seufzte sie, wie bedank- ich ihn! Sonst ein so reicher Mann, jetzt wie tief gesunken! Fünfzigtausend Thaler das Schiff! oirrzigtausend die Spiegelfabnck l Nein! das ist ein zu großer Verlust! Was das für Aufsehen machen muß, wenn es in der Stadt bekannt wird, und verschwiegen wird es nicht lange bleiben! der arme, arme Mann! Pauline konnte gar nicht zur Ruhe kommen. Immer schwebte ihr der unglückliche Will vor, immer wie. derhohlke sie im Geiste, fünfzigtausend Thaler und vier» zigtausend Thaler! sie fühlte sich beklommen! es lag ihr wie eine Centnerlast auf dem Herzen! sie wußte selbst nicht, was ihr fehlte. Den Tag darauf verbreitete sich in der Stadt das Gerücht von WillS Unglücksfäüen. Der alte SparS eilte sogleich voll Angst zu ihm, und fragte ihn, ob denn alles wahr sey, waS man spreche? Herr Will gab eine zweydeurige Antwort, die der alte Gcitzhals aber gleich zu deuten wußte. Nun?»m er mir seinen Forderungen; er drang mit Ungestüm darauf, daß ihm Will noch heuie o«e zwanzigiuusend Thaler, die er ihm Rest wäre, auszählen sollte. Dieser gestand —( 245)— Hm jetzt offen, daß er nicht im Stande sey, dieß zu thun. Spars fing nun an, die beleidigendsten Reden auszustoßen, nannte den ehrlichen Will einen unredlichen Mann, und lief halb wüthend zu dem Stadlrich- ter, um ihn zu verklagen. Bald kamen noch andere Einwohner, die von Herrn Will einiges Geld zu fordern hatten, bestürm- reu ihn mit ihren Forderungen, und sagten ihm manches kränkende Wort, da er sie nicht befriedigen konnte. Die ganze Stadt war voll von Wiüs üblen Umstanden, man sprach von ihm nichts anders, als von einem Bettler. Wie sehr das dem guten, redlichen Mann schmerzen mußte! Seine Frau und Kinder jammerten; er selbst ging stumm und niedergeschlagen im Hause herum. Dazu kam noch dieß. Er hatte in ei. ner nahen Stadt einen sehr vortheilhasten Kauf gethan, aber für die erhandelten Waaren noch nicht das Geld gezahlt. Als man dort seine Umstände erfuhr, wollt- man die Waaren nicht herausgeben, bis er sie baar bezahlt hätte. Dieß konnte er nicht, und mußte sie daher im Stiche lassen, dadurch kam er um einen Gewinn von mehreren Tausenden. Sein Haus war jetzt eine Wohnung des Jammers. In seiner Verlegenheit ging er zu seinem Freunde, dem Herrn von Marienbach, dem von den Auf- tristen, die sich ereignet hatten, schon etwas zu Ohren gekommen war. Den schadenfrohen Dummkopf möchte ich kennen, rief Herr von Marienbach unwillig aus, der die Sache ausgeplaudert hak. Erfahren will ich es, dafür stehe ich. Er gab sogleich einigen seiner Leute den Auftrag, nachzuforschen, durch wen seines Freundes Unglücksfälle bekanntgeworden wären. Wie erstaunte ( 246)- der wackere Mann» als es herauskam, daß niemand anders als— ferne Tochter, Paulins, das Geheimniß verrathen habe. Sie hatte sich nicht enthalten können, das, was sie wußte, einer vertrauten Freundinn mitzutheilen» die ihr Verschwiegenheit angelobrc, aber ihr Versprechen nicht hielt. Durch diese wurde alles in der Stadt bald bekannt. Der Herr von Marienbach liest sogleich seine Tochter vor sich kommen, schilderte ihr vorerst den Jammer und das Tlend des Kaufmanns Will, und fragte sie dann im ernsthaften Tone, ob sie das Geheimniß ausgeplaudert habe. Sie fing an zu weinen, und bekannte ihren Fehler, Sieh, heillose Schwätzerinn! sagte setzt der Vater, solch Unheil hast du durch deine häßliche Plaudcrhaftigkeit angerichtet. Schämen muß ich mich, eine solche Plaudertasche zu meiner Tochter zu haben. Alle wackern Menschen werden dich verachten, wenn sie von deinem Unverstände hören. Er wurde immer heftiger, und griff endlich sogar flach seinem Rohrstocke. Zu Paulinens Glück trat die Mutter herein, und stürzte sich zwischen Tochter und Vater. Pauline sank dem Vater an den HalS, und bath ihn schluchzend um Vergebung. Aber er stieß sie von sich, und befahl ihr, daß sie ihm den ganzen Tag nicht unter die Augen kommen möchte. Jqmmernd entfernte sich die Tochter, und beweinte den ganzen Tag ihre begangene Thorheit. O wäre ich doch verschwiegener gewesen! seufzte sie. Ach, meine unselige Plaudoehaftigkeit, wie viele Schmerzen verursacht sie mir jetzt! AH, und der arme, gute Herr Will! Den Tag darauf war der Vater etwas ruhiger, und ließ Paulinen vor sich kommen. Sie that? ih»H —( 247) einen Fußfall, bath um Vergebung, versprach, nie wieder einen ähnlichen Fehler zu begehen, und er— entließ sie mit den Worte»: Gehe hm, Pauline, und betrage dich so, daß ich in Zukunft mit dir zufriedener seyn kann, als jetzt. Dem Kaufmann Will half er aus allen Kräften und suchte den Schaden und den Verdruß gut zu machen, den ihm die unbesonnene Schwatzhastigkeit seiner Tochter verursacht hakte. Paulinens böse Gewohnheit, so manches, was verschwiegen bleiben sollte, auszuplaudern, zog ihr vielen Verdruß zu. Ihre Eltern hatten kein Zutrauen zu ihr; wollten sie, daß etwas unbekannt bleibe, so sagten sie es ihrer Tochter nie, wohl aber den Brudern derselben; wollten sie über etwas vertraut sprechen, so mußte Pauline sich aus der Stube entfernen. Dieß mißtrauische Benehmen gegen sie schlug sie sehr da» nieder. Zhr Ehrgefühl wurde dadurch stark angegrif. fen. Sie beklagte sich gegen ihre Mutter darüber, aber es hieß: Wer nichts auf dem Herzen behalten kann. darf auf daS Vertrauen Anderer keinen Anspruch machen. Pauline weinte und grämte sich darüber, doch es half alles nichts—wer sie kannte, war vor ihr auf seiner Huth. Ungemein schmerzhaft war es für sie, wenn sie sah— und das geschah oft— daß man gegen andere Mädchen ihres Alters ein ungleich größeres Vertrauen bewies! Für den ehrliebenden Menschen kann auch in der That fast nichts empfindlicher seyn, als wenn er steht, daß andere ihm ihr Zutrauen entziehen! Hat er dieß nicht verschuldet, so kann er sich leicht trösten, ist cS aber seine Schuld, dann ist der Schmerz und Kummer darüber um so angreifender. ( 243) Das einzige, wodurch Pauline sich wieder in Achtung setzen, und das, Vertrauen wieder erhalten konnte, war, daß sie ihren Fehler ablegte, und ikrrer Schwatzhaftigkeit Grenzen setzte. Unmöglich war dieß nicht, aber es erforderte viel guten Willen und eins beständige Aufmerksamkeit auf sich. Dieß alles war, leider l Paulinens Lache nicht. Sie fahre zwar gute Vorsätze, blieb ihnen aber nicht treu; sie sing wohl zu wiederhohlten Malen an, auf ihre Redseligkeit auf. merksam zu seyn, und sie einzuschränken, allein dieß währte nicht lange; sie gab sich nicht die gehörige Mühe dabey, und fo blieb der alte Fehler an ihr fest hängen, wie eine Klette an einem wolligen Kleide. Schon war Pauline vierzehn Jahre alt, und noch immer konnte man zu ihrer Verschwiegenheit kein Zutrauen haben. Um diese Zeit beschloß ihr Vater, mit seiner ganzen Familie eine Reise nach W i e n zu machen, wo er mehrere Anverwandten hatte, die er einmal wieder zu sehen wünschte. Da es gerade damals in feiner Gegend viel Diebsgesiudel gab, so wechselte er fein Silbergeld, und fetzte es in Gold um. Einen Theil davon wollte er in einem alten Gewölbe, wo allerley Gerüche lag, und wo niemand Geld ver. muthen konnte, in einem versteckten Winkel niederlegen, das Reisegeld aber luden Aermcl seines Ueherrocks einnähen. Pauline hakte zufälliger Weise etwas davon gehört, ohne daß es ihre Slurn bemerkten. Sie rühmte in ihrem Herzen die Vorsicht ihres BaterS, und erzählte noch diesen Tag einer guten Freundinn davon, die ihr freylich versprechen mußte, gegen nie. wanden davon zu sprechen. Die Reise wurde angetreten. Man fuhr diesen Tag nur ein Paar Meilen, hielt dann auf dem Gute -( 24s)- eines Freundes still, übernachtete dort, und reifste in der Morgendämmerung weiter. Man fuhr durch einen kleinen Wald. Die Sonne stieg eben am Himmel empor, und die Reisegesellschaft sah ihr mit gierigen Blicken und frohem Herzen entgegen. Herr von Marienbach befahl seinem Kutscher, langsamer zu fahren. Ah! riefen die Reisenden bald, da steigt die liebe Sonne in ihrem stillen Glänze herauf! o wie schön, wie prächtig nimmt sie sich jetzt aus l Halt! Halt! donnerten jetzt mehrere Stimmen aus einem Busche. Acht Männer, gepullt in graue, abgerissene Mantel, versehen mir Flinken und Texten, sprangen hervor! griffen den Pferden in den Zaum, gaben dem Kutscher einen Stoß, daß er von seinem Sitze auf die Erde fiel, machten dann den Schlag der Kutsche auf, setzten Herrn von Marienbach drey Flinten auf die Brust, und befahlen ihm, ihnen sein Geld zu geben, oder sie wollten ihn Knall und Fall über den Haufen schießen. Frau von Marienbach war vor Schrecken außer sich. Die Kinder zitterten am ganzen Leibe. Die Räuber schrieen und drohten. Herr von Marienbach wollte die Flinken von seiner Brust entfernen. Unglücklicher Weise ging eine los, und zerschmetterte den linken Arm der weinenden Pauline. Welch eine Zammerscene! Pauline sank um, daS Blut strömte aus ihrem Arme! Die heftigsten Schmerzen raubten ihr die Besinnung. Eltern und Bruder hielten sie für todt und bejammerten sie. Die Näubcr drangen jetzt mit noch größerem Un. geMm in den Herrn von Marienbach, ihnen das Geld zu geben, das er bey sich habe. Er reichte ihnen seinen ( 2L0) Beutel. Allein sie waren damit nicht zufrieden. Sie zerschmetterten die Laden der Kutsche, brachen den Nri> stkoffer auf, und da sie hier kein Geld fanden, riefen sie: der Herr von Marienbach sollte ihnen seinen Ue- berrock geben, weiter verlangten sie nichts von ihm. Er weigerte sich dieses zu thun, weil darin all sein Reisegeld eingenäht war. Aber die Räuber rissen ihm den Rock vom Leibe, und machten sich mit ihrer Beute eiligst davon. Da war nun auf einmahl eine Summe von einigen tausend Gulden dahin, und, was das Traurigste war, Paulins lag in ihrem Blute und röchelte. Ihre Mutter schlug die Hände gen Himmel, und jammerte And weinte. Der Vater befahl dem Kutscher, gleich umzu- wenden, und so schnell alS möglich nach der Stadt zurück zu fahren. Pauline wurde aufgehoben, und ihr Arm, so gut es anging, verbunden. Leichenblaß lag sie in den Armen der zitternden Mutter, und gewährte einen grausen Anblick. Nur noch zwey Stunden war man von der Stadt entfernt, da kam einer von den Hausleuken des Herrn von Marienbach daher gesprengt^ und hielt bald bey der Kutsche still. Das ist gut! rief er schon von weitem» daß ich Sie, gnädiger Herr, treffe. Ich wollte Ihnen nachsprengen, um Zhnen eine traurige Nachricht zu melden. Und was denn? fragte Herr von Marienbach etwas betroffen, nachdem er dem Kutscher befohlen hatte, still zu halten. Was hat es gegeben? Es sind, versetzte jener, in verwichencr Nacht Diebe in unser Haus eingebrochen, und haben mehrere Zimmer rein ausgeplündert. c 2zr) Zu einer andern Zeit würde diese Nachn'ckt den Herrn von Marienbach vielleicht etwas in Bestürzung gesetzt haben, jetzt blieb er ziemlich gleichgültig dabey; er sah die arme Pauliire vor sich, ihr Anblick machte ihn für alles andere unempfänglich; etwas Schlimmeres, als ihm schon begegnet war, konnte ihm nicht leicht mehr wiedersah«»!. Wenn es weiter nichts ist, sagte er im ruhigen Tone zu dem Bothen, der ihm den geschehenen Einbruch in sein Haus gemeldet hatte, so hat es nicht viel zu sagen. Schon mehr Eindruck machte diese Nachricht auf seine Frau. Wenn unser Geld davon gekommen ist, sagte sie ängstlich, so ist unser Schade sehr groß. Sey unbesorgt! sagte ihr Mann darauf, daS habe» die Buben sicher nicht gesunden. Ich habe es in einen Winkel gelegt, wo sie es gewiß nicht gesucht haben. Nach anderthalb Stunden erreichte man die Stadt. Herr von Marienbach schickte sogleich nach einem ge» schickte« Wundärzte. Pauline wurde zu Bette gebracht. Sie sah elend und entkräftet aus. Ihr Baker ging jetzt nach jenem Gewölbe, wo er das Geld versteckt hatte. Es währte nicht lange, so kam er ziemlich niedergeschlagen zurück. Das Geld ist fort! rief er seiner Frau zu, die bey dieser Nachricht von einem neuen Schrecken ergriffen wurde, Sie hatte Ursache darüber zu erschrecken, denn die Summen, die perlohren gegangen waren, machten den größten Theil ihres VermögenS aus, und betrugen über ftchzigtau- send Thaler. Herr von Marienbach ging nachdenkend in dem Zimmer aus und ab. Der Schade ist großsehr groß! sagte er, und schien den Verlust sich zu Herzen zu zie- ( 25 L) Heu. Doch bald faßte er sich wieder und sprach mit gekostem Muthe: Nun es ist einmahl dahin! was häl- se der Kummer! und wenn ich mir die Haare aus dem Kopfe risse, würde es eavas frommen?— Geld laßt sich noch immer erwerben, aber ein zerschmetterter Arm läßt sich nicht le cht wieder ganz machen. Die arme Parline! Ware die nur nicht unglücklich geworden! alles andere könnte ich verschmerzen- Jetzt trat der Wundarzt herein. Er untersuchte PaulinenS Arm, und machte eine bedenkliche Miene dazu. Ich befürchte, sagte er, daß der kalte Brand dazukommt; wollen Sie meine offene Meinung hören, so erkläre ich Ihnen, daß hier keine andere Rettung möglich ist, als daß der Arm abgenommen wird. Frau von Man'enbach fuhr bey diesen Worten zusammen. Herr von Marienbach nahm sie an den Arm, führte sie in ein anderes Zimmer, und bath sie, sich hier ruhig zu verhalten. Er selbst kehrte zu dem Arzte zurück, und sprach mir Entschlossenheit: Zch kenne Sie als einen gewissenhaften und geschickten Mann. Wäre meine Tochter noch durch ein anderes Mittel zu retten, so glaube ich, daß Sie dem unglücklichen Mäd ' chen den Arm gerne lassen würden. Das scheint aber nach Zi)re«n Urtheile nicht möglich zu seyn. Der Arzt wiederhvhlte noch einmahl die Versicherung, daß nur durch diese Operation Pauline von dem Tode gerettet werden könne. Nun denn, sagte der bewegte Vater, nehmen Sie der Unglücklichen den Arm ab. Gott stehe Ihnen bey. Er wendete seht seine Blicke von der halbtodten Tochter. Es wurden mehrere Leute herbeygcruftn, di- sie hallen mußten. Der Arzt begann sein Geschäft. —( 255) ünd vollendete es in wenigen Minuten mit vieler Ge- schicklichkcit. Pauiinr verlor die Hälfte des Armes. Mehrere Monathe verflossen, bis Pauünens Arm geheilt war. Es war der erste Lag, daß sie sich ganz wohl befand, als sich in der Stadt das Gerücht verbreitete, einer von den Räubern, die Herrn von Ma. rienbach angefallen und beraubt hätten, sey den nach ihnen ausgeschickten Soldaten in die Hände gefallen, und auf dem Wege nach der Stadt. Nach einer Stunde bestätigte sich dieß Gerücht. Es wurde wirklich ein eingesungener Räuber hcrb-ey- geführt, und gefesselt in ein Gefängniß geworfen. Herr von Marienbach wurde von der Obrigkeit eingeladen, ihn zu besehen. Er erkannte IN ihm sogleich einen von den Kerlen, die ihn im Walde angefallen und geplündert hakten. Nach einer gerichtlichen Unter- suchung gestand er nicht nur dieses ein, sondern er. zählte auch, daß ein Theil der Räuberbande, zu der er gehörte, das Haus des Herrn ven Marienbach geplündert habe, während der andere ihn auf der Straße anfiel. Die Richter drangen in den Räuber, es ihnen zu gestehen, wie er und seine Mitschuldigen es erfahren hätten, wo Herr von Marienbach sein Reisegeld habe, und wo das liege, was er zu Hause gelassen hatte, Der Räuber nannte einen Mann in einem nahen Dorfe, durch den einer von seinen Kameraden dieß all-s erfahren haben wollte. Man forschte bey diesem Manne nach, durch wen er von dieser Sache unterrichtet worden sey; er nannte ein Frauenzimmer, das aus diesem Dorfe gebürtig war, und in der Stadt diente; dieses versicherte, die Sache von einer andnn Magd erfahren zu haben, und diese sagte aus, Ma-meM -(-54)- Chrisiinchen, eine vertraute Freundinn von Paukinen, habe gegen sie davon gesprochen. Als iman'diese befragte, gestand sie, daß ihre Freundinn Pauline ihr alles erzählt habe. Nun war man der Sache auf deti Grund gekommen, Pauline war also die erste Vcrrä- cherinn des Geheimnisses, Pauline die Hauptursache des großen Verlustes, den ihr Vater gelitten, und des noch größer» Unglücks, das sie selbst erfahren hatte. Sie läugnete es nicht, daß sie Christinen olles erzählt habe, und bereute mit aufrichtigern Herzen ihre thörichte Unvorsichtigkeit. Mit einem Blick voll Betrübniß sah sie-er Vater an. Er machte ihr keinen Borwurf, er sagte bloß: Du hast dir das meiste geschadet, meine Tochter! Ach, wenn dich dein Unglück nur weiser und verschwiegener machte! Pauline, die sich über ihre Unbedechtsamkeit die quälendsten Vorwürfe machte, faßte den Vater bey der Hand und küßte sie. Lieber, lieber Vater, schluchzte sie, ich habe Ihnen durch meine Plauderhaftigkeit schon manchen Verdruß gemacht. Ach, wenn Sie mir nur vergeben könnten! Ich habe schrecklich für meinen Fehler gebüßt, und werde, so lange ich lebe, dafür büßen; der Anblick meines Arms wird immer ein harter Verweis, eine empfindliche Strafe für mich seyn! Aber bessern soll mich mein Unglück, und hak mich schon etwas gebessert. Ich verspreche es Ihnen heilig, daß ich meinen Fehler ablegen, und mit sedern Tage verständiger und besser zu werden suchen will. Nur verzeihen Sie mir— entziehen Sie mir Ihr Vaierherz, Ihre Liebe nicht. Sie sprach diese Worte in einem so sanften, herzlichen Tone, daß der redliche Vater br§ zu Thrä- (-'L5) nm gerührt wurde. Er bückte sich und küßte sie, und ließ eine Tyräne auf ihre Wangen fallen. Gott mit dir, meine Tochter, sagte er bewegt, halte dein Ver. sprechen, dann wird mein und des Himmels Segen aus dir ruhen. Die Mutter kam dazu, und sah, wie der Vater über die Tochter weinte. Sie schlang um beyde ihre Arme, und Thränen mütterlicher Liebe perlten aus ihrem Aug«'. Pauline blieb ihrem Vorsätze treu. Ihre Geschwätzigkeit verwandelte sich Anfangs in Verschlossen, heik. Der Vater bemerkte es, und sagte: Lu bist nicht auf dem rechten Wege, liebe Tochter: Sonst sprachst du zu viel, jetzt sprichst du zuwenig; wüst plaudertest du alles aus, waS dir auf dem Herzen lagt, jetzt verschließest du alles in dir, und beleidigst andere durch dem geheimnisvolles Wesen. Das ist nicht gut, nicht edel. Sey immerhin offen und gesprächig, und nur darin, wenn du siehst, daß du durch deine Reden Mißoerständniffe veranlassen, und Unheil anrichten könntest, dann sey zurückhaltend, und bewahre das, was du weißt, in deinem Herzen. Pauline bestrebte sich, ihr Betragen nach dieser Regel einzurichten, und wurde bald eines der verständigsten und achtungswürdigsten Frauenzimmer der Stadt. Nun ehrte sie jedermann, der ihre Denkungs» art kannte, und gab ihr Beweist von Zutrauen. Welche Freude empfand sie darüber! Wie ganz anders erschien sie sich jetzt selbst!— Als Ihre Aeikern starben, nahm sie ibr ältester Bruder zu sich ins Maus. Sie hals ihm mit Rath und That, besonders bey der Erziehung seiner Kinder. Man schätzte sie allgemein, und -( 256) sie starb, von vielen beweint, in ihrem vier und fünfzigsten Jahre. An ihrem Grabhügel steht eine Zypresse. G l a ß. Die edelmüthige Rache. Zu der Zeit, wo es in der Republik Genua sehr unruhig zuging, und der Adel und das Volk mit einander um das Vorrecht strikten, lebte ein Mann mit Nahmen Über to. Dieser, von ganz niedriger Herkunft, hatte durch seine ausgezeichneten Geisiestalente, durch seine erhabenen Gesinnungen und durch sein edles Herz das Volk für sich gewonnen, und der Nahme Uderlo war allgemein gleichsam ein Heiligthuw, das unverletzlich war. Er vertheidigte lange genug die Rechte des Volks mit Glück, und der Adel zitterte über Uberto's Vortheile, die er ihm von Zeit zu Zeit abgewann- Endlich aber wich das Glück von Ubsr- to's Serie wieder, und der Sieg trat auf die Seite des Adels. Uberko ward gefangen gesetzt, für einen Derräkher erklärt; man verwies ihn auS der Stadt, und zog seine Güter ein. Adorno bekleidete die erste obrigkeitliche Würde, und ihm kam es zu, dem Uberko dieses strenge Urtheil bekannt zu machen. Uber- w erschien. Adorno, esn stolzer übermüthiger Mann, in dessen Augen man das Vergnügen der Rache glänzen sah, redete den Unglücklichen sehr hart an, und fügte dem Urtheil der handeöoenveisung noch folgende r 257> drückende Anmerkung hinzu.„So sollst du.der Sohn einer- schlechten Handwerkers, der du dich erdrenstnest» die Edela von Genua unterdrücken zu wollen, dennoch Gnade vor unsern Äugen finden, und so sinke.denn in dein voriges Nichts wieder zurück, woraus du dich tN- porgeschwungm hast." So hark dieses Urtheil auch war, so krankte doch den edlen Ubekko, der das Opfer der guten Sache wirr- de, der Ton, welchen sich Adorno gegem ihn erlaubt.:, koch weit mehr. „Ich unterwerfe mich diesem deinen mir HH-mnt gemachten Urtheil; aber möchtest'du nur einst die schnö. de Verachtung nicht bereuen müssen, mit der du.«ich jetzt behandelt hast," sagte Uberto mir vieler Gelassenheit und verließ den Gerichtssaal. So lieb sonst sein Vaterland war, so nahe cS sei.um: Herzen lag, sd eilte er doch jetzt aus demselben, ohne e-§ Thräne zu vergießen. Er, der vorher ein reicher Mann. gewesen war, ging dem traurigen Schicksale der Armuth mit Geistesgröße entgegen. Er tröstete seine Freunde, die bey seinem Abschied imtröstbch warm- .Gelbst seinen Feinden flößte er Ächtung und Bewun-. dcrung durch sein edles Betragen ein. Noch hatte Uberts ein kleines Vermögen im Aus- tande. Er sammelte seine Schulden ein, die er h-ce und da stehen hakte, und eilte mit dies n geringen Ue- berresten seines ehemahligen Glückes auf eine der Zusein deö Archipelagus, die den Venezianern gehörte. Hier war er unerw.üdet fleißig; seine Geschjcklichkeit wur ihm behülflich, sein trauriges Schicksal zu erheitern. Nach einigen Zähren sah-r froh auf den Segen seiner Bemühungen, und er hatte fast schon die Hälfte s«-. tl. Band. R - c sz8)- neS WermögenS hier wieder gewonnen» das er in Gs- nua verloren hatte. Einst ging er nach Tunis in seinen Geschäften. Bekanntermaßen findet man hier eine große Anzahl Christensklaven. Unter diesen allen fiel ihm ein junger Mensch auf, den fast die Last der Arbeit erdrückte, die ihm zugetheilt war. Er beobachtete diesen Jüngling genauer» und so oft er ihn betrachtete, fand er, Daß sein Körperbau, sein Anstand, sein ganzes Benehmen «inen jungen Menschen verrieth, der wohl schwerlich für eine so harte Bestimmung erzogen worden war. Wie blickte der arme Jüngling so oft mit thränenden Augen gen Himmel, und seufzte so laut, daß seine Leiden den gefühlvollen Uberto ergriffen, und ihn nä» her zu dem Gegenstände seines Mitleids zogen. Über, to sprach ihn in italienischer Sprache an. Im Augenblick vergaß der junge Mensch all sein Leiden, da er die Töne seiner Muttersprache wieder hörte. Uberti» fragte ihn: Fremdling! was bist du für ein Landsmann? „Ein Genueser," antwortete dieser. „Ein Genueser?" fragte Uberto wieder,„darf ich deinen Nahmen wissen? „Ich will offenherzig gegen dich, edler Mann, sey»; nähere dich mir, daß ich leiser mit dir sprechen kann; denn ich fürchte, daß man meiner Abkunft schon ohnedem auf die Spur gekommen ftp, und daß man ein höheres Löftgeld von mir fordern wird, als mein Vater wird bezahlen können. Er ist zwar einer der angesehensten Männer in Genua; aber"— „Ich weiß, was du sagen willst," erwiederte Über- to,„und fürchte, daß du dem Sklavenhändler nur um iiyen sehr hohen Preis feil seyn wirst. Ich will mich. -( 2Z9)- da ich hier bekannt bitt, deiner annehmen, will verfw- chen, ob es mir gelinge, dich wohlfeiler zu lösen oder zu kaufen, ehe er noch von deiner Abkunft bestimmte Nachrichten erfahren kann. Doch jage mir, wie heißt du?" ,,Adorno ist mein Nahme." „Adorno!" rief Uberro entzückt aus.„O Gott, wie wunderbar sind deine Wege!" Darauf drückte er dem Jüngling die Hand.„Ver, laste dich darauf, was ich für dich thun kann, soll ge« schchen, gern geschehensagte er, und hastig enk. stoh er. Der arme junge Mensch wußte nicht, wie er das alles zusammen reimen sollte. Dieser Mann war ihm unbekannt, in seinem ganzen Leben hatte er ihn noch nie gesehen, und von ihm sollte er seine Rettung hoffen können! ES verging ein Tag, und der junge Mensch wär noch ohne Hülfe, und schmachtete in seinen drückenden Fesseln. Ein zweyter Tag verging« und noch blieb er ohne Rettung. So stark anfangs seine Hoffnung ge« wesen war, so wurde sie doch nun von Stunde zu Stunde schwacher, und er, der vorher seines traurigen Schicksals schon ziemlich gewohnt gewesen war, fühlte es jetzt gleichsam verdoppelt. Was meint ihr, lieben Leser, ob Uberto auch wohl sein Wort halten wird? Adorno war der Sohn deS Vaters, der einst Uberto mit Verachtung begegnete; war der Grausame, der ihn so tief ins Elend stürzte. Und Uberto sollte hier sich nicht rächen, rS nicht dem Sohne Adorno's empfinden lassen, was der Vater an ihm verschuldet hatte? Ucberlegt es einmahl bep euch R 2 -( L6o) flbss, wie würdet ihr in einem dergleichen Falle gehandelt haben? Laßt hören, wie Uberto dachte. So wie er von diesem armen bedauernswürdigen Jünglinge Hinwegrilke, nahm er seinen Weg zu dem Korüikkichanpimmm, der nun Besitzer und Herr des jungen Adorno war. Uberto wußte, wie er mit dergleichen Leuten umzugehen hatte. Er kannte ihre Ge^ wmnsuchk, ihre Härte, ihre Herzlosigkeit. So bald er sich nur das geringste hätte merken lassen, wie viel ihm an diesem jungen Sklaven liege, der Korsaren- hauptmann würde eine Summe für ihn gefordert haben, die vielleicht Ubcrkos Vermögen weit überstiegen haben würde. Er wußte das so einzuleiten, so fein arizubnnzen, daß sich der Korsarenhauptmana selbst vor- riech, und meinte, dieser Mensch müsse von guter Familie sehn, das zeige sein ganzes Wesen, darum halte er noch auf ihn. Indessen wäre er doch zweifelhaft, denn seit drey Monathen hatte sich keine Seele nach ihm erkundigt, und wenn nicht bald Nachricht erfolge, so würde er ihn anders wo verkaufen; denn derglei, chen Zärtlinge taugten für ihn nicht. Jetzt nahm Uberto den glücklichen Zeitpunkt wahr, und ließ sich verkanten, daß er zwar einen solchen Menschen, wie dieser sey, für seine Geschäfte brauchen könne, doch setzte er hinzu, daß das nicht eilig sey, und daß rr eben nicht sonderlich viel für ihn, geben könne. Kurz er faste den Korsarenhauptmann so, Laß er be> .reitwiUig war, ihn sogleich an ihn abzulassench „Und,»vie hoch wäre der Preis?-' fragte Uberto. „Dreykaustnd Kronen," antwortete der Korsa- .rerchauptmann mit einer gleichgültigen Miene, als wenn dieser Preis eine Kleinigkeit sey. ( 26l) „Dreptauftnd Kronen?" rief Uberko voller Ve,-- Wanderung aus.„Wo denkst du hin?„Wenn ü h dir die Hälfte geben wollte, so würde das schon z u viel seyn." „Ha! lächelte der Korsarenhauptmann; ich müßte r such Leutchen nicht kennen. Eure Feinheit geht weit." Uberko benahm sich, als wenn ihm an dem ganzen Handel nichts gelegen ftp, und schwieg. Bald darauf verabschiedete er sich, und der Kvrsarenhaupt» mann fragte nochmahls, ob er nichts hinzusetzen wollte? Uberko aber blieb in seiner Fassung, und betheuerte: ihm ftp nichts an diesem ganzen Handel gelegen. So wahr das dem Korsarenhauptmann nun doch zu seyn schien, so war es doch in Uberto's Herzen anders. Zhm war sehr viel daran gelegen. Deßwegenmahm er seine Maaßregeln bestimmt und fest, daß, wenn sich ja ein Käufer finden solle, er davon benachrichtiget werden müßte, und dann würde er gegeben haben, was -er Verkäufer gefordert haben würde. Des andern Tages ging Uberko wieder nach der Gegend hin, wo sich der Korsarenhauptmann gewöhnlich aufzuhalten pflegte. Er war glücklicher Weise zugegen, und kam sogleich auf ihn zu, und fragte ihn: ober sich noch nicht besonnen habe? Uberko nahm diese Frage, alS wenn sie ihm ziemlich lästig ftp. Zemehr sich Uberto zurück zog, desto naher kam ihm der Korsar entgegen, und meinte, wenn er nur etwas zu seinem Gebothe hinzusetzen wolle, so würde er nicht ungeneigt seyn, den Handel einzugehen. Und nach manchem Wortwechsel wurden sie HandelS ein. Uberko zahlte zweptauftnd Krynen. Eben stand der junge Adorno da, ermüdet von der Last seiner Arbeit, die seine Kräfte weit überstieg, ganz ( 262) in ein trauriges Nachdenken vertieft, halb in Verzweif» lung versunken» ob er je in eine glücklichere Zukunft blicken dürft; als Uberto, an feiner Seile Adorno's Herr, der Korsarenhuuptmann, auf ihn zukam, und erklärte, daß er nun einen neuen Herrn habe, und an Uberto verkauft ftp. Die Freude, die jetzt sowohl in dcS jungen Me». schen Augen emporstieg, als sich über sein ganzes We. ftn ausbreitete, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Ubcrro winkte ihm, sich in seiner Freude zu mäßi. gen; denn er fürchten, weil das Geld noch nicht bezahlt war, daß her Verkäufer seinen Handel wieder zu- rück nehmen könne. Uberto nahm den Korsarenhauptmqnn mit sich nach Hause, und zahlte ihm die bestimmte Summe. Sann-eilte er auf Flügeln zu dem jungen Menschen, erklärte ihn für frey, und nahm ihm mit eigenen Hän» den die drückenden Fesseln ab. Uderio's Bediente kam, und brachte Kleidungsstücke, um ihn umzukleiden. So sehr sich der junge A0vrno nach seiner Erlösung gesehnt, so sehr er sich mit der angenehmen Aussicht geschmeichelt hatte, daß sie Nicht mehr fern seyn könne, so war ihm dessen ungeachtet has alles, waS jetzt geschah, zu überraschend, dass er gar nicht wußte, wie ihm gesche, hen ftp. Er fiel seinem Retter um den Hals; seine Thränen erstickten seine Worte, Uberto nahm den Jüngling zu sich in sein Haus, und machte ihm so viel Vergnügen, als in seinen Kräften stand. SS- zeigte sich eine Gelegenheit, ihn in sein Vaterland auf eine gute Weise zurück schicken zu können- „Lieber junger Mann," sagte Uberto,„ich kann wir es vorstellen, wie sehnsuchtsvoll sich Z--r Herz zu Heu Ihrigen zurückwünscht. Gern würde ich Sie noch — c-ö'z)— länger Hier behalten; allein ich bescheide wich, denn der Freund muß denen, die ihnen das Liedste in der Welt fyn müssen, muß ihren Aeltern, Geschwistern und Anverwandten nachstehen. Es würde also grausam seyn, Ihnen zuzumachen, länger hier zu verweilen. Zch gebe Ihnen meinen kreuestcn und erfahrensten Bedienten mit, der Sie, wie ich wünsche, wohlbehalten in Ihr väterliches Haus zurück führen soll. Neh. men Sie diese Börse. Die darin befindliche Summe wird hinreichend seyn, daS, was für Ihre Reise Bedürfniß seyn möchte, bestreiken zu können. Auch nehmen Sie diesen Brief an Ihren Vater mit, der sich vermuthlich meiner erinnern wird. Leben Sie wohl. Denken Sie meiner, so wie ich Sie nie vergessen werde." Sie schieden dann von einander. Adorno war ganz ausser sich über Uberko's(Hroßmuch, und gelobte ihm in seinem Herzen die heiligste Dankbarkeit. Wie erstaunten Advrno's Netter» nicht, als ihr geliebter Sohn, den sie so unglücklich, geglaubt, den sie >U)on für todt gehalten hatten, gesund und wohlbehalten in ihre Arme zurückkehrte. Sie bebten, als er ihnen die Gefahren beschrieb, denen er ausgesetzt gewesen sey, „Und wem habe ich deine Rettung zu verdanken?" fragte ASorno's Vater. „Hier, dieser Briefwird Ihnen alles erklären, und uns beyden das aufschtteßen, was mir zeither noch Räthsel war. Adornv's Vater, ergriff mit dem Feuer der Dankbar- keit und Liebe den Brief, öffnete ihn und las: „Der Sohn eines geringen Handwerkers, der Ihnen einst sagte: Sie würden gewiß noch einmahl die schnöde Verasch- ( 264) ungbcreuen, womit Sieihm begegnete», g e n i eßtjetzkdieFrcude, das, was er da, mahls Hoffte, nunmehr in Erfüüungbvin- gen zu können. Denn wissen Sie, stolzer Edelmann! der Re tter Ihres Sohnes ist her Verbannte Ub e rto.ü Kinder, ihr könnt euch vorstellen, waS alles in des alten Adorno's Seele vorging, als er diesen Brief gelesen hatte. Bewunderung dessen, den er verfolgt, unglücklich gemacht hatte, und der Böses mit Gutem vergalt— Schaum seiner linwürdigkeit— Dank— den gerettet zu sehen, zvelcher ihm so theuer, und die Freude feines Lebens war— alles dieses wogte in seiner Seele auf und ab. Wieweit über sich erhaben fühlte er Uberto, und wie tief stand er unter ihm! Er wurde bald bleich und bald roth über die erhabenen Schilderungen, die der junge Adorno von Uberko's vortrefflichem Charakter machte. „Und gäbe ich ihm mein ganzes Vermögen," erwiederte d-r Batcr,„so würde doch dieser mein Dank noch z» schwach für Uberto'ö edle Handlung seyn. Indessen soll mir keine Aufopferung zu groß seyn, deren ich mich nicht seinetwegen unterziehen wollte. Vergesse« sey der alte Groll; er verwandle sich in Achtung und L-be." Adorno war ein Mann von großem Ansehen. Man machte sich es zur Ehre, ihm gefällig seyn zu können.„Edler Dann, jagte er nach einigen Tagen, indem er hin und c 265) her sann, wie er Uberto seinen Dank auf eine auszeichnende Art zuerkennen geben möchte; edler Mann, du gabst mir meinen Sohn wieder, der ganz gewiß ohne dich verlohren gewesen seyn würde, ich will dich — deinem Vaterlands wieder geben, ob ich gleich die Ursache war, daß du auS demselben verstoßen wurdest." Adorno that alles, die Feinde Uberto's zu versöhnen, die während seiner Abwesenheit immer mächtiger und mächtiger geworden waren. Es gelang ihm endlich, jedoch mit vieler Mühe, daß Uberto's Ver- danmmgsurtheil wieder aufgehoben wurde. Adorno schrieb an Uberto, dankte ihm für seine edle Handlung, und meldete ihm, daß er in sein Vaterland zurückkehren könne. Wer nun aber einmahl das Unglück hat, daß der Stolz sich fernes Herzens bemusterte, der kann sich nicht verläugnen, so sehr er auch seine Empfindungen zu bemänteln sucht. Das nemliche wiederfuhr unserm Adorno, Uberto fand diese Stellen in feinem Briefe sehr bald, und sie verleideten ihm einigermaßen die schöne Freude, die ihm dieser Brief gemacht haben würde, hätte er diese Stellen nicht darin gefunden. Nach einer kurzen Ueberlcgung bemerkte er, daß die L'tbe zu seinem Vakerlande alle andere kleinere Bedenk- lichkeiten überwog, und so eilte er diesem mit voller Freude wieder zu. Sein Charakter war seinen ehemahligen Mitbürgern ununterbrochen verehrungSwürdig geblieben, und so erntete er für seine schöne Handlung denjenigen Lohn, der der Tugend unausbleiblich, wen» auch nicht augenblicklich, nachfolgt, Claudius, -( 266)— Der rechthaberische Wenzel. Als Wenzel mit seinen Aeltern bey Tische saß, sagte seine Mutter: Unser Vetter Wolf that neulich so arm, a s wenn er verhungern wollte; heute habe ich gesehen, daß er ein neues aschgraues Kleid mit Stahlknöpfen trug; also muß doch die Armuth noch nicht so gar groß sevn. Nein, Mutter, fiel ihr Wenzel in die Rede, du hast nicht recht gesehen: es war kein aschgraues, sondern ei» leherfarbenes Kleid; eS waren auch keine stählernen, sondern mekallne Knöpft.— Ach, sagte der Vater, es ist vor einiger Zeit ein Verwandter von ihm in Magdeburg gestorben; von dem wird er das Kleid geerbt haben. Nein, Vater, sagte Wenzel, er war nicht in Magdeburg, sondern in Weimar; ich weiß es gewiß. Ob nun gleich der Vater versicherte, daß er selbst in Magdeburg gewesen wäre, und den Verstorbenen gekannt hatte, so blieb Wenzel dennoch dabey, daher in Weimar gestorben wä. re. Nicht lange darauf erzählte seine Schwester, daß heute eine Extrapost mit vier Pferden durchgefahrcn wäre. Nein, Schwester, erwiederte Wenzel, es waren nur drey Pferde, du hast nicht recht gezählt. Die Schwester behauptete vier Pferde, und Wenzel ward darüber so böse, daß er auf der St lle in den Gast- hof laufen und ein Zeugniß des Wirths einholen wollte, daß die Post nur mit drey Pferden bespannt gewesen wäre. Es waren wirklich nur drey Pferde gewesen, und die Schwester hatte sich bloß versprochen; aber, sie wollte dem Didcrsprecher nicht die Freude machen, zuzugeben, daß er Recht hätte. Dieser Knabe halte eisen übermäßigen Hang zum Widersprechen, und so oft (-6?) er Den Mund aufthat, waren immer die ersten Worte: Mein, Vater! nein, Mutter! nein, Schwester! u» s. w. Gleich darauf trat eine Magd zu ihm, und wollte die Schüssel vom Tische haben. Wenzel wollte das nicht leiden und sagte ihr: sie sollte auf eine andere Veite deS Tisches gehe». Weil sie. aber dennoch da flehen blieb, so gab er ihr Schuld, sie hätte seine Kleider mit Brühe begossen. Die Wazd läugnete es und Wenzel behauptete es, und daraus ward ein Zank, welcher eine ziemliche Zeit fortdauerte. Als das Essen vorbey war, trug der jüngere Bruder seinen Stuhl weg. Wenzel klagte laut darüber, daß er ihn geflossen hätte. Der Andere verantwortete sich und das gab wieder einen Streit, den der Vater nicht eben zu Wenzels Vortheile entschied,— Voll Verdruß ging Wen. zel aus der Stube, und trat in die Hausrhüre. Hier sahe er einen kleinen Knaben aus der Nachbarschaft, welcher mit Strinchen auf der Gasse warf. Gleich fuhr ihn Wenzel heftig an:„Ich glaube, Zunge, du willst mit Steinen nach mir werfe»?" Dieser ließ sich auch nicht zwepmal zum Streite auffordern, sondern erwiederte WrnzelS Beschuldigung mit Schimpfwörtern, und sie geriethen in einen so heftigen Zank, daß es wohl gar zur Schlägerey gekomen wäre, wenn sich nicht Wenzels Vater darein gelegt, und die Zänker auS einander gebracht hätte. Also halte Wenzel in Einer Stunde.mit Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Magd und Nachbars Sohne gestritten, freilich über lauter unbedeutende Kleinigkeiten. Aber, wer als Knabe schon allen Lenken widerspricht und über jede Kleinigkeit zankt; glaubt ihr wohl, daß der verlrä^licher seyn wird, wenn er. (268)— als Mann mit wrH^gern Dmgm zu thun bekommt? und haltet ihr beständigen Widerspruch und Zank für etwas Gutes und Angenehmes? Th i em e- Der reiche Mann. An einem Winterabende, als Mwin und Theodor mit ihrem Vater aw Kaminfeuer saßen, wurde dem letzkern ein schwarzgesiegelter Pries gebracht, den er mit sichtbarer Bewegung las. Er faltete ihn hierauf langsam zusammen, hielt ihn lange zwischen beyden Händen und sah gedankenvoll in daS Feuer. Die Kinder betrachteten ihren Vater mit gespannter Er» Wartung. Endlich brach er das Stillschweigen und sagte: Erinnert ihr euch noch des prächtigen Paüastes in der Gegend von H...., den wir im vorigen Zähre auf unsrer Reise besahn, und der so vieles enthielt, was eure Bewunderung erregte? Du meinst das Aeenschlsß, sagte Allwin, das in der schönen Ebne am Flusse liegt, und schon in der Ferne einen so herrlichen Eindruck macht? Ach.' welch ein köstliches Haus! Alle Wände darin waren mit den schönsten Pemählden, alle Treppen und Säle mit Bildsäulen geschmückt.' O ich sehe noch das herrliche Zimmer, fiel Theodor ein, wo an den hellblauen ftidnen Tapeten die schönsten Blumen, Schmetterlinge und Paradiesvogel —( Lßy)—» gemahlt waren, als ob sie lebendig wären; und das Naturalienkabinet, wo wir so viele ausländische Thiere sahn. Aber das Schönste, fuhr Allwin fort, war doch der Park, der uns, von dem Balkon herab, wie eine unbcgranzte Landschaft vorkam, die uns an alles, was wir je von Fccngärken gehört hatten, erinnerte. Die marmornen Tempel, die schäumenden Wasserfalle, die stillen und kühlen Grotten— alles das sieht mit Noch jetzt vor Augen, und ich weiß noch gar wohl, wie wir auf federn frepen Platze Lurch etwas NeueS und Schönes überrascht würden. Eben da war es, setzte Theodör hinzu, wo uns die Gold»und Silber-Fasanen erschreckten, die so schnell vor uns auffuhren. Was für eine Menge seltnen Geflügels war nicht da zu sehn! und wie wünsch, ren wir nicht, alles das immer und immer genießen zu können! Ihr priest den Besitzer aller dieser Dinge sehr glücklich, sagte der Vater, und ich erinnerte euch, wenn ich nicht irre, daß man sich noch gar manches hinzu wünschen müsse, um sich eines solchen Besitzes erfreuen zu können. Du sagtest, stet Theodor ein, ein Kranker wür- de doch gegen alles daS ziemlich gleichgültig seyn, und wer ein unruhiges Gewissen Hütte, könnte sie gar nicht genießen. Auch wüßte man Freunde haben, die sich mit uns erfreuten, setzte Allwin hinzu. So ist es, meine Kinder, fuhr der Vater fort, und die Geschichte des Mannes, dem jenes prächtige Haus geholte, beweist die Richtigkeit dieser Bemerkung nur allzusehr. Er ist ror wenigen Tagen gestorben, dieser —( 270)— unglückliche Mann, und dieser Brief gibt mir die NaH« richt von seinem Tode, nach welchem er sich schon lange gesehnt hakte. Die Kinder wünschten zu wissen, worin daS Unglück dieses reichen Mannes bestanden habe. Der Vater befriedigte ihren Wunsch durch folgende Erzählung: Herr Adams, so hieß dieser reiche und unglückliche Mann, war der Sohn eines kleinen KramerS in Nicder-Sachsen, der sehr frühzeitig in du-siegen Umstanden starb und diesen Sohn und eine Tochter hinterliess. Ein weilläuftiger Verwandter des Verstorbenen nahm sich drS Knaben an und brachte ihn zu einem Kaufmann in Hamburg in die Lehre; die Tochter ward genöthigt Dienste zu suchen. Adams war ein Knabe von trefflichen Anlagen» Er bemühte sich seinem Herrn zu gefallen, verrichtete seine Geschäfte mit Gcschicklichkeit und Treue, und wusste noch außerdem Zeit zur Erlernung nützlicher Kenntnisse zu gewinnen. Dieser Eifer blieb nicht unbelohnk. Sein Herr zeichnete ihn bald vor allen seinen übrigen Dienern auS, vertraute ihm die wichtigsten Geschäfte, und sah sie unter seinen Händen gedeihen. Mehrere Spekulationen, zu denen ihn Adams veranlaßt hatte, gelangen über alle Erwartung, und setzten ihn in den Besitz eines sehr großen Vermögens. Zur Dankbarkeit ernannte er den Diener zu seinem Handelsgenoffen. Adams genoß sein Glück ohne llebermuth. Seine Lage war sehr angenehm. Er besorgte seine Geschäfte mit Leichtigkeit, und da sie ihm oft Gelegenheit.zu reisen gaben, benutzte er diese, seine Kenntnisse zu bereichern, und seinen Geschmack zu bilden. Gerne Geisteskräfte entwickelten sich immermchr, und er erwarb —( 271)— Ich überall Achtung und Liebe. Die Reichen suchten seinen Umgang, weil er liebenswürdig war; die Aer« mern suchten seinen Rath und oft seine Unterstützung, und er war überall zu helfen bereit. Ihr könnt leicht glauben, dass er, bey diesen Gesinnungen, seine arme Schwester nicht vergaß. In der That zog er sie aus ihrer Dürftigkeit und vcrheirathete sie an einen Land- prediger, berste liebte, und durch Adams Unterstützung in eine sehr bequeme Lage gesetzt wurde. Nach Verlauf von einigen Jahren ward sein ehemahliger Herr iödtlich krank, und da er keine Hoffnung sah, wieder auszukommen, ließ er seinen Handelsge- nosscn zu sich rufen, und sagte zu ihm:„Ich werde nicht lange mehr leben; es ist Zelt, dass ich mein Haus bestelle. Noch heute will ich meinen letzten Willen niederlegen, in welchem ich dich zu meinem einzigen Erben ernannt habe. Du verdienst dieß; denn du hast das Meinige treu verwaltet und es zehnfach vermehrt. Zu deinen Händen wird es gedeihn, und ich darf nicht fürchten, den mühsamen Erwerb meines Lebens nach meinem Tods leichtsinnig zerstreut zu sehn. Die Kinder meiner Schwester sind ausgeschlossen. Sie haben sich nicht nach meinem Willen gefügt, und ich bin überzeugt, daß sie sich auf meinen Tod freuen. Diese Freude soll ihnen verdorben werden.'' Alle diese Umstände weiß ich größkentheils aus Herrn Adams eigenem Munde. Ich hatte ehedem einige bedeutende Geschäfte mit ihm gemacht, und be. suchte ihn vor mehreren Jahren. Er schloß mir fei» ganzes Herz auf. Als er an diesen Punkt feiner Geschichte kam, rief er aus:„Ich Unglücklicher! ich glaubte bey dieser Entdeckung auf dem Gipfel des ( 272) Glücks zu sich«, und ich ahndete nichts daß mir das Schicksal eine gefährliche Schlinge gelegt hatte." ,.Meine Geschäfte, fuhr er fort, nöthigten mich unmittelbar nach diesem Austritte zu einer kleinen Reise, die ich früh genug zu beendigen glaubte, um meinen Freund noch am Leben zu finden. Der Himmel hakte es anders beschlossen. Meine Geschäfte verlängerten sich unerwarteter Weife; er starb, und erst einige Monathe nach seinem Tode kam ich nach Hause zurück, um meine Erbschaft in Besitz zu nehmen." ,/Lie nächsten Verwandten meines verstorbenen Freundes waren ein Neffe und eine Nichte, die, ich weiß nicht wodurch, seinen Unwillen auf sich geladen hatten. Ihre Lebensart mochte nicht die regelmäßigste gewesen sehn, und sie hatten, in Hoffnung der reichen Erbschaft ihres Oheims, eine große Schuldenlast aufgehäuft. Sie hatten während meiner Abwesenheit das Testament eröffnen lassen, und da sie dett Inhalt desselben hörten, waren sie in die heftigsten Verwünschungen gegen mich ausgebrochen. Zu ihren Erwartungen getauscht, von ihren Gläubigern ver- folgt, sahen sie sich genöthigt, die Flucht zu ergreifen. Man sagte, sie hätten ihren Weg nach England gL. nommen." Herr Adams nahm nun Kesttz von einem unet- meßlichen Vermöge.-;, daS er durch Glück und Fleiß noch täglich vermehrte. Er heiraktMe eine schöne und liebenswürdige Frau, die ihm innerhalb zwey Zähren «inen Sohn und eine Tochter gebar. Damahls war es, wo er das schör e und geschmackvolle Haus irbauke, das ihr sehr bewundert hakt. Er hakte auf seinen Reisen viel-S aftchN und vusoH hcreittce Bet Misch c-ftru mft Künstlern und Kunstk-tv -—( 2?Z)— Äern errichtet. Diese benutzte er jetzt, und ihr habt selbst gesehn, welch eine Menge der schönsten Verzierungen er zusammengebracht hak. In diesem bezaubernden Aufenthalte lebte er die glücklichsten Tage in dem Schooße seiner Familie und in einem angenehmen Zirkel geistreicher Freunde, die sein Reichthum und die Annehmlichkeiten seines Hauses um ihn versammelten. Herr Adams schilderte mir die Glückseligkeit, die er damahls genoßen, mit den lebhaftesten Farben. „Alle meine Wünsche waren erfüllt, sagte er unter andern, oder vielmehr mein Glück übertraf alles, was ich mir je hatte träumen lasten. Wenn ich an der Seite meiner schönen und liebenswürdigen Frau auf dem Balkon meines Hauses saß und meine Kinder aufmerkten Knieen schaukelte, glaubte ich eine Wett zu meinen Füßen zu sehn, und dachte mich als den Beherrscher derselben. Aber das glückliche Loos, das mir oom Himmel gefallen war, hatte meine Blicke von dem Himmel weggelenkt, und ich hatte die Wandclbarkeit aller menschlichen Güter vergessen. Ach erst dann, als ich ihren besten Theil verloren hatte, dachte ich wieder an Gott, und mein bekümmertes Her; suchte den auf, den ich in meiner Freude vergessen hatte. Sie sehn mein Leiden, setzte er hinzu, und doch ist das, was Sie sehn, nur ein Theil derselben." Als mir Herr Adams dieses sagte, lag er in einem kleinen Zimmer seines Landhauses, in das kein Gttahk der Sonne drang, auf einem Bette, dessen Vorhänge sich nur selten öffneten. Eine unheilbare Gicht hatt-sich fast aller seiner Glieder bemächtigt, und seine Augen so sehr angegriffen, daß ihm oft der matteste Schimmer des Lichtes«uerlräglich war. Die ll. Band- S. —( 274) geringste Bewegung verursachte ihm unerträgliche Schmerzen. Er nahm selten Besuche an, und feine Schwester, die ihren Mann verloren hakte, war die einzige Person, die er in seinem Zimmer dulden mach, te. und die für seine Bedürfniss- sorgte. Sein Haus war verwaist, und wo man ehedem nur die Stimme der Freude zu hören pflegte, tönten jetzt nur die ängstlichen Seufzer eines unheilbaren Kranken. Herr Adams hatte gerade damahls einige leident- sich- Augenblicke. Als er sah, dass ich von feinem Zustande gerührt war, drückte er mir die Hand und sagte:„Ich will Ahnen mein ganzes Herz ausschüt- ten. Sie nehmen Theil an meiner unglücklichen Sage, und ich fühle mich erleichtert, wenn ich meinen Kum- wer in eine theilnebmende Brust niederlegen kann." Er fuhr hierauf nach einer kleinen Paust fort: „Sechs Zchre hatt- ich in dieser glücklichen Lage gelebt, alS mich meine Geschäfte nach London riefen, wo ich mehrere Monathe verweilen wußte. Es war daS crstemalfl nach meiner Verheirathung, daß ich mich so lange von meiner Familie entfernte. Meine'Sehn« sucht nach ihr war außerordentlich, und ich genoß wenig von den Annehmlichkeiten der unendlichen Stadt. Denn mein Herz war beklommen und die Ahndun§ eines großen Unglücks schien aufdemstlken zu lasten." „Eines Tages ging ich bey Newgatr vorbey, wo man eben Anstalt machte, einige SkraKenräuber aufzuknüpfen. Zch hatte nicht die mindeste Lust. bey diesem Schauspiele zu verweilen; da ich aber unglücklicher Weise in dem Gedränge hörte, daß der eine von ihnen ein Deutscher sey, zog ich doch weitere brkun- digung ein. Stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich den Nahmen Olivier hörte, den Nahmen des ( 2?§) ManneS, den mein ehemahliger Herr mir zu Liebe ent-. erbt hatte! Ich hoffte indeß noch einen Augenblick, daß er ein andrer seyn möchte; da ich aber meine Augen auf daS Schaffst richtete, stand derselbe Mann auf der Leiter, in dessen verstörten Mienen ich nur allzu deutlich die wohlbekannten Geflchtszüge des Enterbten fand." „Ich war bey dieser schrecklichen Entdeckung wie vsm Donner gerührt. Zch eilte nach Hause, ohne zu wissen, wüS ich that und wie mir geschehn war. Und kaum hatte ich mich von der ersten Erschütterung einigermaßen erhohtk, als ich einen Brief von meiner Frau bekam, in welchem sie mir schrieb, daß unsere Tochter am Scharlachfieber darnieder läge, und auch an dem Knaben die ersten Symptome der Krankheit sich zeigten. Sie bath mich, ruhig zu seyn, und das Beste zu hoffen." „Diese Nachricht würde mich unter allen llmstän. den erschreckt haben, aber in diesem Augenblicke warf sie mich ganz darnieder. Ich hatte nicht die mindeste Hoffnung, meine Kinder gerettet zu sehen, und brachte die Gefahr, in der sie sich befanden, und OlivierS unglückliches Schicksal in eine traurige Verbindung. Was ich noch gar nicht gewagt hatte, deutlich zu den. ken, stand in diesem schrecklichen Augenblicke klar vor meiner Seele. Ich sagte zu nur selbst: Du bist die Ursache von OlivierS Thaten und Tod. Du besitzest das Vermögen, daS ihm gehörte; du befltz-st es, weil du dich mit keinem Worte für ihn verwendet, und seinen Oheim nicht mit ihm auszusöhnen gesucht hast. L-tzt, wo dieser Unglückliche, den die Verzweiflung aus seinem Vaterlan.de trieb, die Strafe für esi, Kxx, brechen büßt, wozu ihn seine Hülflosigkett nöthigte. S 2 —( L-6)—' leidest du in der Angst für deine Kinder einen doppelten Tod und büßest für die Sorglosigkeit, mit weicher du das Unglück des Enterbten betrachtet hast." „Ich hakte keinen ruhigen Augenblick mehr in England; ich mußte nach Hause, und glücklicher Weise fand sich ein Schiff, das eben zum Auslaufen bereit war. Meine Unruhe begleitete mich auf der Ueber« fahrt und immer stand daS Bild meiner Kinder vor meinen Augen. Ach! ich sollte sie nicht wiedersehen! Wahrend ich auf dem Meere„mhcrkricb, waren die Lieblinge meines Herzens ein Raub des Todes geworden." „Kaum war ich angelandet, als ich nach meinem Landhause eilte. Es wurde Nacht, ehe ich ankam, und ich sah von fern einen Theil des Hauses stark erleuchtet; in den dunkeln Zimmern gingen bisweilen Lichter hin und her. Meine Unruhe war unbeschreiblich, und so schnell ich auch fuhr, schien mir doch der Wagen stille zu stehn. Endlich kamen wir an. Ich eilte die Treppe hinaus, niemand begegnete mir. Ich riß den erleuchteten Saal auf, und sah meine Frau im. Sarge." Herr Adams hielt bey diesen Worten inne, faltete die Hände und schien in der Erinnerung seines Schmerzes verloren. Dann fuhr er fort: „Ich will Ihnen meine Empfindungen nicht beschreiben. Mein Schmerz war unendlich. Sinnlos war ich neben dem Sarge niedergefallen, in welchem meine geliebte Gattinn lächelnd lag. Ein heftiges Fieber ergriff mich; ich raste mehrere Tagelang, und die Aerzte gaben mich auf. Aber ach! ich hatte die Schaale meiner Leiden noch nicht geleert, und kehrte wider Erwarten in das Leben zurück." -( L77) „Von dieser Zeit an erschien Mir mein Haus, das Vordem der Wohnsitz der Freude und Zufriedenheit gewesen war, wie ein offnes Grab, das meine Ge- liebten verschlungen hatte. Wohin ich trat, wohin ich Meine Augen richtete, sah ich nichts als die Spuren abgeschiedner Freuden, denen ich umsonst meine Thränen und Seufzer nachschickte. Aber auch der Genuß einer wehmüthigen Traurigkeit war mir nicht vergönnt» denn überall drängte sich Oliviers furchtbare Gestalt zwischen die theuern Schatten meiner Kinder und meines geliebten Weibes. Ich sah ihn wachend und schlafend. Wie oft bin ich in tödtlichsr Angst von meinem Laxer aufgefahren, wie ich ihn im Traume sah, wie er meine Kinder erwürgte, oder sie in dir Flammen meines Hauses stürzte, oder mit mir kämpfte, und sein Vermögen forderte, das er fein rechtmäßiges Eigenthum nannte." „Diese Träume schienen mir immer mehr und mehr die Stimme des Gewissens zu seyn. Meine Besitzungen machten mir keine Freude mehr, und ich sah dieß als einen Beweis an, daß ich sie mit Unrecht besäße. Ach.' mein Freund," fuhr Herr Adams mit einem Seufzer fort,„ich würde auch in meinem Unglücke noch glücklich gewesen sehn, wenn mich mein Gewissen über diesen Punkt frey gesprochen hätte. Ich durfte mir zwar nicht vorwerfen, das Testament meines Prinzipals auf eine unrechtmäßige Weise erschlichen zu haben; von einem solchen Verbrechen war ich ganz rein, aber hatte ich auch nur das mindeste gethan, den harten Entschluß zu mildern, durch den er feinen nächsten Verwandten enterbte? Aber leider nicht! Diese Unterlassung quälte mich jetzt, und ich rechnete mir Oliviers Thaten und seinen Tod zu, Es war ganz — c 273)- umsonst, daß ich diesen Gedanken bekämpfte; er kehrte immer zurück, und wenn ich ihn am Tage entfernt hakte» ergriff er mich mächtiger des Nachts/' „Einstmals als ich mich unruhig auf meinem Lager umhenvarf, fiel mir plötzlich ein, woran ich bis jetzt noch gar nicht gedacht hakte, daß Olivier eine Schwester gehabt und daß er mit dieser geflohen wäre. Dieser Gedanke fiel mir mit neuer Gewalt auf das Herz; abiv eben so schnell leuchtete wir ein lchwa- chcr Schimmer des Trostes daraus hervor. Gottlob! rief ich aus, so kann ich doch vielleicht einen Theil meines Unrechtes wieder gut machen. Zch'will sie rer. ten, wo sie auch seyn mag I" „Mit diesen Worten sprang ich auf, und machte sogleich Anstalten zur Abreise. Niemand begriff meine Absicht, denn ich harte mich^niemanden anvcrtrauk- und ich ließ die Welt glauben, daß der Tod meiner Familie die einzige Ursache Meiner Traurigkeit ftp. Ich kam schnell nach London. Mit unsäglicher Mi'ihe crhielt ich einige Nachrichten von der Person, die ich suchte; aber die Spuren ihres Laftpns waren fast verwischt, und das wenige, was ich erfuhr, war nicht gemacht, mich aufzuheitern. Aus allem wurde endlich wahrscheinlich, dass sie nach Amerika gegangen fth. Ich eilt- ihr auch dorthin nach, aber ohne Erfolg. So verschwendete ich mehrere Fahre mit fruchtlosen Bemühungen, bis ich endlich nach Hause zurückkehrte. Die vielfältigen Reisen, die Gefahren,;die ich auSgestanden, die Unruhe, die mich niemals vcr- —alles dicses hatte meine Kräfte aufgerieben, und ich versank allmählich in den hülfloftn Zustand, in welchem Sie mich styl erblicken. Meine Gesund, hxft ist unwiederbringlich oerlohren; meine ReichlhiiMtt — f 2/9) find mir verhaßt, und alle mein; Hoffnungen sind auf den Tod gesetzt, der mich von meinen Leiden erlösen und in die Arme meiner Gattinn und meiner Kinder zurückführen wird/' Dieß ist die Geschichte- des bedauernswürdigen Mannes, den die Vernachläßigung einer einzigen men. schrnwcundlichen Handlung so unaussprechlich unglücklich gemach! hakte. Nur ein so edler Mann sonnte sich, um einer solchen Unterlassung willen, so hart anlagen, und eine so lange Reue fühlen. Nachdem er mehrere Jahrs aus die traurigste Weise zugebracht hat» te, starb seine Schwester, deren Gegenwart undor« gr seine Leiden erleichtert halte; und dieses neue Un- glück beschleunigte seinen Tod. Ais er d;e Annäherung desselben fühlte, dankte cer Gott,- daß er ihn. aus diesem Zustande befreyen wollte. Denn seine Leiden hatten ihn längst von der Well getrennt, und er sehnte sich nach dem Himmel und'der Ruhe im Grads. So kann dem Menschen das enge und stustre Grab lieber werden, als der glän-endsie Pallast. So wenig kann unö der Besitz äußerer Güter glücklich machen, wenn er nicht mit dem Besitz- deS höchsten GuteS, dem innern Iriedci!, der Einigkeit mit uns selbst und dem Zeugnisse emes reinen Gewissens verbunden ist. Jakobs. (--Z0) Reinlichkeit geht vor Schönheit» Carl und Ernestinche» freuten sich schon feit vierzehn Tagen auf einen Besuch, den ihnen ein Paar nahe Verwandte zu machen versprochen hatten, die schon seit Länger, alS vier Zähren, da ihre Mut. ter starb, von einer Freundinn zu sich genommen worden waren. Seit dieser Zeit hakten sie sich nicht gesehen, sonst waren sie fast täglich bey einander, und hatten einander herzlich lieb. Jetzt wollten sie mit ihrer Pflegemutter eine Reise zu einem ihrer Brüdcr machen, und bey dieser Gelegenheit, hatten sie geschrieben, würden sie vielleicht ein Paar Tage bey ihnen zubringen. Wie nur die arme Maria ne aussehen wird, sagte Carl zu seiner Schwester, da sie eben wieder von ihrem Besuche sprachen, und vor der Thür nach der Gegend hinsahen, wo sie sie her erwarteten. Wie nur die arme Mariane aussehen wird!— die garstigen Pocken! Ja, erwiederte Ernestinchen, sie soll sich gar nicht mehr ähnlich sehen, sagte der Vater. Er halste gar nicht gekannt, als er sie vorn, Jahre gesehen hat. — Aber mag sie doch aussehen, wie sie will, wenn sie nur noch so gut ist, und mich noch so lieb hat, wie sonst. Carl. Ja, ob du gleich immer lieber mit Jett. chen spieltest, als mit ihr. Ich habe sie immer lieb L>habt. Zcktchrn war doch immer zu sehr wild. Erne st. nchen. Sie war lustig, und du warst damahls immer ein kleiner Murrkopf! -( 2Z,)— Gott grüß Euch, Kiüd-r!— redete jetzt ein Mädchen sie an, die sie nicht bemerkt hatten. Wo wohnt denn der Kaufmann Schmidt?— Die Kinder sahen das Mädchen an, die Stimme schien ihnen bekannt.— Es ist unser Vater, sagte endlich Ernestinchen. Wollen Sie mit ihm sprechen? er ist gleich hier im Gewölbe. Kennt Ihr mich denn nicht?— Sie nahm eins nachdem andern beym Kopfe, mein liebes Tinche», mein guter Carl,— kennt Ihr denn eure Mariane nicht mehr? Marianchen? jubelten beyde laut auf! Marian- chen! O du leichtfertiges Mädchen! dich so zu verstellen?— Za, ja, du bist's, sagte Carl, als er sie genau angesehen hatte, ich wollte es gleich sagen, wie ich nur deine Stimme hörte! Aber wo hast du denn Jettchen? fragte E r. nestinchen. O da hatte ich noch lange warten können. Die Mutter, so nannten sie die Freundinn, welche sie zu sich genommen halte, ist bis an den Gasthof mitgefahren, wo der Kutscher bleiben soll; sie will sich nur ein wenig anders anziehen, dann wird sie kommen, und Iettchen auch mitbringen,— denn Kinder, unter uns, es ist noch die Alte! Der Vater hörte seine Kinder laut sprechen, er trat an's Gewölbe— da ward ihn Marianchen gewahr. Er nahm sie mit sich§ und schickte nach seiner Frau. Die Kinder bathen den Vater, daß er ihnen erlauben möchte, Marianchen zur Mutter zu begleiten und da mir ihr zu bleiben, bis die übrigen kämen. Er erlaubte es, sie kamen zur Mutter.— Nein! sagte diese, allzu übel haben dich die Pocken doch nicht zugerichtet, als sie sie bß- ( 28?) grüßt hatte,— und waS mir noch lieber ist, ich sehe immer noch das liebe Mädchen ror mir, die besonders Reinlichkeit liebte!— Wie weit seyd ihr denn heute gereiset? Marianchen. Wir kommen geraden Weges vom Hause! Wir find früh ausgefahren! In M. hüben wir Mittag gehalten, und weiter sind wir nicht eingekehrt. Sechs Meilen, sagte die Mutter, und heute Vor. mittags war nicht das beste Wetter! und doch stehst du vor mir da, als ob du dich zu einem Besuch angekleidet hättest. Marian ch e n. Zch weiß nicht, wie es kommt, ich beschmutze mich nicht leicht. Mutter. Du bist schon gewohnt» auf dich aufmerksam zu seyn, daß du selbst nicht mehr weißt, wenn du es bist.— Sich liebes Ernestinchen, was eine gute Gewöhnung thut! Marianchen. Ey! mein gutes Buchen war ja immer auch ein sehr ordentliches Mädchen. Erncstinchen. Lobe mich nicht zu sehr. Mütterchen hat manchmahl Ursache, mich an dich zu erinnern. Carl. Zch weiß nicht, wie es kommt, aber ich dächte,(zu Ernestinchen) Marianchen wäre viel eher hübscher geworden, a!6 daß sie entstellt worden seyn sollte. Marianchen.(Die jetzt ablegen- mußte, hatte etwas davon gehört.) Wenn ich nur dir gefalle, mein guter Carl!-- Aber andere Leute meinen doch, ich habe mich sehr verändert. Ernestinchen. Ja nun! Ein Paar Krübchen mehr— das ist's alleS! Aha!( sie macht Wiens — c 283)— einer Horchenden)- ich dächte, ich hörte Jst§- chen!— Die Kinder liefen nach der Thüre.— Da sprang Zettchen auf Ernestinchen los: Guten Abend, und dann auf Carln— guten Abend. Junge!— Wo habt ihr denn eure Mutter? Ach!— als sie zur Thüre herein trat— Da sind Sie ja!— Guten Abend, liebes Miihmchcn!(Sie wollte sie küssen, aber sie hatte zuvor viel Noch, um ihre Haare, die ihr zer- streut und unordentlich um den Kopf hingen, aus dem Gesichte zu bringen.) Das ist aber auch ein abscheul!- cher Wind! sagte sie. Carl. Wo ist denn die Tante?(Er ging mit Ernesiinchen ihr entgegen.) I ettchen. Sie spricht noch mit deinem Vater! — Stein! erlauben Sie nur, gutes Mübmchen, daß ich mich erst ein wenig wieder in Ordnung bringen kann! Warianchen.(die schon am Halstuch und an dem Kleide ihrer Schwester manches gebessert hatte) Laß wich dir doch helfen! I ettchen. Ach, fo ist's lange gut. Nicht wahr, Mlchmchen, Sie nehmen mirs nicht übel?(sie zog immer noch an ihrem Kleide, das nicht gut sitze« wollte.) Mutter. Ich freue mich, Euch einmahl bey mir zu sehen; du wirst jchon Zeit haben»( zu Jekkchen) dich anders anzukleiden. Wie lange wird uns den« Eure Tante das Vergnügen machen, b y uns D bleiben? Msrianchen.(Indeß Zeichen an daS Fenster getreten war, um sich umzusehen.) Nur bis morgen, gutes Mühmchen; sie hat einmahl mir dem Kuk- ( 284) scher ihre Reise so verabredet, und dieser hak schon andere Fuhren bedungen, wenn er übermorgen zurück kommt! Mutter. Sie wird aber doch wohl auf der Rückreise wieder bey uns einsprechen? Marianchen. Sie wissen wohl, liebes Mühm- chen, daß sie in manchen Fällen sehr geheimnisvoll ist! Wir wissen nicht einmahl die eigentliche Absicht dieser Reise; denn daß es nicht ein bloßer Besuch seyn soll, den wir ihrem Herrn Bruder machen» haben'wir nur daraus schließen können, daß wir unsre besten Hleider und fast alle unsere Wäsche haben mitnehmen müssen.— Zettchen scheint, mehr zu wissen, es muß ihr aber sehr ernstlich untersagt worden seyn, mir etwas davon merken zu lassen, denn sie ist sonst nicht so verschlossen,— daher wird es ihr auch dießmahl so schwer, an sich zu halten, wenn ich einmahl ein wenig neugierig scheine. Mutter. Ze nun! Ihr Mädchen wachset heran — Jettchen wird wohl siebenzehn Fahre alt seyn! Marianchen. Za, sie ist'S schon gewesen! Mutter. Nun sich! und du sechszehn,— denn ihr seyd ja noch kein"Fahr aus einander.— Wer weiß, was geschehen kann! Die Tante kam jetzt mit dem Baker und den Kindern. Nach den ersten Begrüßungen bath die Tante, daß jemand in den Gasthof geschickt werden möchte, der mit einem gemietheten Tagelöhner ihren Koffer herbeiholen könnte. Es wurde besorgt, und als der Koffer ankam, gingen die Kinder mit Ernestinchen und Marianchen zu den Leuten, die ihn brachten und ließen ihn auf die Stube schaffen, in welcher die Tanke MU —< 28g)— «!t ihren beyden Pflegetöchtern wohnen sollte. Wäh. kend dieser Zeit entdeckte die Tante ihren Freunden die wahre Absicht ihrer Reise. Ihr Bruder, erzählte sie, habe einen einzigen Sohn, er ftp entschlossen, ihm seine Handlung zu übergeben und ihn zu verheirathen. Vor einigen Lagen habe er ihr in einem Briefe die Entdeckung gemacht: daß er dem verstorbenen Vater ihrer Pflegetöchter viele Verbindlichkeiten habe, und wünschte, daß eine derselben die Gattinn feines Sohnes werden möchte, Sie fetzte hinzu: sie zweifle gar nicht, daß er J-ttchen wählen werde, nicht nur, weil sie die älteste, sondern auch die schönste und ar- tigste von beyden sey. Marianchen sey zu sehr von den Pocken entstellt und viel zu still für den jungen Mann, der ebenfalls sehr heiter sey.' Und geschieht das, schloß sie endlich, so verkaufe ich mein Haus in D., und ziehe nach L., um den jungen Leuten desto naher zu seyn. Ihre Freunde freuten sich mit ihr, und wünschten ihr den besten Erfolg ihrer Reift. Nur, sagte der Vater, der kein Bedenken trug, das, was er von einer Sache dachte, laut zu sagen;— nur wünschte ich, daß Iettchen ein wenig mehr auf ihren Anzug sehen möchte! Ich kenne Ihren Herrn Bruder und kenne seinen Sohn! Wenn sie sich ihnen so zeigt, wie ich sie heute gesehen habe! Ich fürchte, ich fürchte! Die Tante suchte sie damit zu entschuldigen, daß man auf der Reift es nicht so genau nehmen müsse! Wir sind heute den ganzen Tag gefahren. es hat unaufhörlich gestürmt und geregnet, wer kann da so genau auf sich sehen, daß nicht manches in Unordnung kommen sollte! Ist wohl wahr, sagte der Vater, aber Maria«, He« hat die Reise auch mit gemacht und gleichwohl— Za bey der, erwiederte sie, ist es Natürgabe; sonst wüßte ich's nicht, wie sie es machte. Denn das «ruß ich sagen, ich begreife oft nicht, wie es zugeht, daß sie sich immer so gut hält. Sie hat aber auch von Kindheit auf immer ein sehr ruhiges Temperament gehabt— fast zu ruhig. Ich habe manchmal meine Noth mit ihr. Was ist dagegen Zettchen für ei» allerliebstes munteres Geschöpf. Vater. Munterkeit macht uns allerdings cin- genehm, aber die Munterkeit, die besonders an jungen Frauenzimmern gefällt, habe ich an Marianch-n noch nicht vermißt.— Freylich vergibt man auch einem so hübschen Mädchen, als Zettchen, noch etwas mehr,— aber Unreinlich?«! und Unordnung?— Tante. Sie machen's auch ein wenig zu arg l — Und gesetzt, sie hätte den Hehler, in diesem Stücke ein wenig leicht zu denken— das gibt sich schon, wenn sie nur perheirathei ist. Vater. Verzeihen Sie, liebe Freundinn,— wenn ich Ihnen darin widerspreche-7-das wird gewöhnlich noch schlimmer!— Und was soll der Mann von einer Frau erwarten, die nicht einmal auf sich selbst sieht!— Doch Ihr Herr Bruder und sein Sohn schei. nen mir beyde Mann'S genug, um sich selbst rathen zu können. Ich wünsche Ihnen daS beste Glück. Tanke. Wenn mein Neffe Augen hat, so ist Mir nicht leid. Die Kinder kamen zurück und das Gespräch wurde abgebrochen. Aber jetzt besah sich die Tante selbst Zettchen naher.— Und leider! fand sie zu ihrer großen Leschärrruntz, daß ihr Freund nicht unrecht geur. 2—( S8?) theilt hakte, wenn er ihr Unordnung und Unreinlichkeit Schuld gab. Das Halstuch, daS Meid, die Strümpfe, die Schuhe— alles, mit einem Worte, war so beschaffen, daß es kaum zu begreifen war, wie ein junges, hübsches Mädchen nicht mehr auf sich sehen konnte. Sie wusste freylich auf die lustigste Art alles zu entschuldigen,— aber doch schien die Tanle zum er- stenmahle verdriesslich zu werden, da sie alles so leicht nahm.— Sie sagte ihr etwas ins Ohr; aber Iettchen schlug ein lautes Gelächter auf, und hüpfte trillernd davon. Sie reisten am folgenden Morgen ab und in vierzehn Tagen erfuhr der Vater— daß seine Ahndung, leider eingetroffen war. Die Tante war mit Zsttchen allein zurückgereist, aber vor Verdruß nicht wieder bey ihm abgestiegen. Marianchen war, als Braut ihres Neffe», bey ihren Schwiegerälterri zurückgeblieben. Sft. W Johann und Theodor, oder Religion streue. Zwey Zünglinge reisten einst zu gleicher Zeit von Rom ab. Der eine war der Sohn eines ehrlichen Bürgersund hieß Theodor; der anders Z o h a n n, war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Zhre Vater —(888)-° schickten sie aus verschiedener Absicht nach der Znsch Malta. Der erstere sollte sich dort in der Kriegskunst üben, weil diese Znsel damahls in Krieg verwickelt war, und viele Kriegsleuke brauchte; der andere aber sollte Handels-und Wechselsgeschäfte betreiben. So verschieden ihr Gewinn und Gewerbe waren, so verschie. den waren auch ihre Sitten und Neigungen. Jener war artig, höflich, dieser hingegen zeigte in allen seinen Handlungen Flatterhaftigkeit, ob es ihm gleich sonst nicht an Erziehung fehlte. Nur dann, wenn es darauf ankam. Geld zu gewinnen, war er gesetzt. Vorzüglich aber unterschieden sie sich dadurch, daß Theodor Gott innig liebte und verehrte, und sich nicht schäm, ke, ihm täglich die Opfer seiner Verehrung und seines Dankes darzubringen. Johann hingegen hatte gerade entgegengesetzte Gesinnungen, und lachte und spottete oft über die Rcchtschaffenheit und Frömmigkeit seines Reisegefährten. Von Livorno reisten sie auf einem Kauffarthcy- schiff ab, und näherten sich nun dem Orte ihrer Bestimmung. Der Himmel war heiter und lachend; der Wind still und glücklich, und scherzte und spielte mit den Wellen, weiches die Fahrt lustig und angenehm machte. Auf allen Gesichtern der Reisenden herrschte Freude, und viele unter ihnen, bis zum ersten Mahl die See befuhren, empfanden darauf so viel Angenehmes, was sie, nach ihrer Meinung, auf dem Lands vergebens suchten. So hielt sich das Wetter bis gegen Abend; aber jetzt verdickte ein Nebel die Luft, welcher nach und nach in die Höhe stieg, sich in Wolken zutheilte, und endlich daS, schöne Blau des ' Himmels verbarg, so daß man bep Her-annäherung der Schatten der Nacht keinen einzigen Stern am Himmel —( 289)— funkeln sah. Bi'S zu dem Vnbruche der Nacht war der Wind ruhig und das Schiff segelte langsam fort. Um diese Zeit aber erhob sich ein schrecklicher und wüthender Sturm, der so entsetzlich über dem Wasser tobte, daß die Sch'fflcute genöthigt waren, die Segel einzuziehen, wenn sie nicht in Gefahr gerathen wollten, zurückgetrieben zu werden, oder wohl gar zu scheitern. Nun verschwand der Muth der Reifenden, und Furcht und Angst bemächtigten sich ihrer. Sie widerriefen itzk ihre erste Meinung, daß die See dem Lande vorzuziehen sey. Zivep ganze Lage hörte die Wuth des WindeS nicht auf, und sie sahen sich endlich ge- genöthigk, sich demselben gänzlich zu überlassen, als der Steuermann das Schiff nicht Mehr regieren konnte, und nicht einmahl wußte, in welche Gegend sie verschlagen waren. Endlich, als der dritte Tag anfing zir dämmern, legte sich der Sturm; die See ward still» und die Reisenden wurden wieder beruhigt. Zu ihrer großen Freude entdeckten sie bey dem Hervorbrechen der Sonne, die sie nun wieder mit ihren reinen und erwärmenden Strahlen erquickte, daß ihr Schiff weni, ger gelitten Habe, als sie geglaubt hatten, und daß rS noch im Stande sey, eine weite Reise auszuhalten. Der Steuermann untersuchte nun, in welcher Gegend sie sich befänden, und fand, daß sie von den Wellen weit von der Znsel, wo sie hin wollten, verschlagen, und eben an dem Ausstöße des Nils wären. Als sie wieder zurücksegeln wollten, kam ein wohlbewaff. netes algierisches Raubschiff schnell auf sie los, und weil es zugleich von dem Winde und von den Rudern fortgetrieben ward, erreichte eS bald ihr Schiff, wel- ches bloß von dem Winde bewegt wurde. Sie sahen ein, daß es unmöglich sep, sich mit der II. Band. T ( 2g0) Flucht zu retten, und beschlossen daher, sich in Berthe?,- digungsstand zu setzen. Aber ihr Versuch war vergebens;——sie wurden gezwungen, die Waffen niederzulegen, und sich dem Feinde zu ergeben. Dieser bemächtigte sich sogleich des Schiffes und der darauf befindlichen Leute, und schickte sie alle nach Algier, wo sie zur Sklaverey verdammt wurden. Urffere beyden Züngünge aber blieben nicht dort. Der Befehlshaber glaubte viel Geld aus ihnen zu losen, wenn er sie verkaufte, und schickte sie nach Alexandrien in Aegypten, wo sie ein reicher muhamcdanischer Kaufmann um einen theuren Preis kaufte. Er war mit seinem Kaufe sehr wohl zufrieden, als er ihre ungewöhnliche Geschick, lichkeit bemerkte. Bey Johann fand er eine gute Bekanntschaft mit der Handlung, und viele Fähigkeit, Geschäfte zu betreiben. Theodors einnehmendes und artiges Betragen bezauberte ihn so sehr, daß er sogleich beschloß, ihn bey seinen Handelsbüchern zu gebrauchen; den andern aber stellte er bey dem Betrieb des Handels selbst, und bey der Casse an. Das Einzige war ihm an ihnen zuwider, daß fle einer andern Religion zugethan waren als er. Er war unablässig bemüht, sie zur Annahme des muhamedanischen Glaubens zu bereden. Bald wendete er Bitten an, dann versprach ex ihnen große Belohnungen, und dann drohte er ihnen wieder mit Strafen. Bey Theodor halfen alle seine Künste nichts, aber bey Johann thaten fle bald die erwünschte Wirkung. Dieser Jüngling, welcher keinen andern Gott"als den Gewinn und die Bequemlichkeiten des Lebens kannte, opferte denselben bald jenes anfängliche Wderstre. den auf, welches jeder Christ gegen einen solchen Schritt in seinem Herzen empfindet, und trat zur Religion jei» --(Z9-)- ms Herrn über. Ob sich gleich dieser sehr zufrieden und freudig über den erhaltenen Sieg bezeigte; so war doch der Zorn, welchen er über Theodors Standhaf- tigkeit empfand, weit größer. Theodor konnte dieß vorzüglich aus den neuen heftigen Angriffen seines Herrn schließen, die nur ihren Grund in der Liebe und in dem Zorn desselben hatten. Da Theodors Herz dankbar und empfindsam war, so kämpften in ihm tausend heftige Leidenschaften mit einander. Allein die Liebe gegen seinen Gott und die treue Anhänglichkeit an seine Religion und Ueberzeugungen siegten über alle ander? Empfindungen, und er opferte diesen gern alles auf, darr wußte, wie schändlich es sey, wider Willen und Gewissen zu handeln, um die Wünsche eines irdischen Herrn zu befriedigen. Indessen bezeigte sich der Muselmann immer gün- stiger gegen Johann; und ob gleich seine ganze Zart, Uchkeit für Theodor» rege war, so überhäufte er doch den andern mit Ehre und Pracht, um diesen zu oer» führen, dem Beyspiele desselben zu folgen. Um seinen Zweck desto eher zu erreichen, gab er Johann eins eigene Caffe, und erklärte ihn fast zugleich zum Herrn darüber. Danach hatte der treulose Jüngling schon Zange gestrebt. Als er nun daS Ziel feiner Wünsche erreicht sah, erwartete er eine bequeme Gelegenheit, und machte sich mit den meisten Schätzen seines Herrn davon. Er entkam glücklich, und der betrogene Le- kehrer erkannte nun seinen Irrthum, und hatte hin, länglichen Stoff zu klagen. Bey den Vorwürfen, welche ihm die Seinigen machten, daß er sich auf einen Fremden zu sehr verlassen habe, und bey dem alle Grenzen überschreitenden Schmerz, welchen er darüber empfand, nahm er von L L niemand Trost an, aks von Theodor. Dieser wiede- holtc es ihm oft. daß er, welcher Gott und seiner Religion untreu gewesen, unmöglich Menschen treu seyn könne. Nach eingezogener Erkundigung erfuhren sie, daß sich Johann noch am Tage seiner Flucht auf ein fränkisches S chiff begeben habe, um auf demselben wieder nach Italien und Rom zurückzukehren. Nun verzweifelte der Muhamedaner, seinen Sklaven und sein Geld jemahls wieder zu bekommen. Nach vielem Ueber- legen ließ er Theodorn zu sich kommen. Al^ dieser in die Stube trat, saß der Alte in tiefen Gedanken. Indessen kam er bald zu sich, und sobald er Lheodorn erblickte, stand er von feinen Kissen auf, lief ihm mit offenen Armen entgegen, und benetzte sein Gesicht,mit ausdrucksvollen Thränen. Nimm, sagte er endlich, dieß Blatt zum unbezweiftlken Beweis meiner Scheu- kung. Geh hin, und mache dich zum unbeschränkten Herrn der ganzen Summe, welche mir der Treulose entwendet hak. Ich verlange weiter nichts von dir, alS daß du mir bey dem Gott, welchen du durch deine Untreue zu beleidigen fürchtest, versprechest, wieder zu kommen. Ich schwöre dirs hiemit, antwortete dnb, der die Bäume beugte, in den Dächern heulte, die Wellen des nahen Sees in brausende Wogen verwandelte, und viele von den Schlafenden weck e. Nach einer Viertelstunde erhob der Lhurmwächler ein Mochgrjchkex. ES wurde die Feuerglocke gezogen. Von umM Nahen Schlosse erscholl ein furch.darer Kanonendonner, und in den Strafen von Traubenttzal erkönre bald der schreckliche Stuf: Feuer! Feuer! ES wurde an Thüren und Fenster gepocht. Die Einwohner wurden wach. Angst und Schrecken verbreitere sich in allen Familien. Zitternde Mütter weinten, umklammert von ihren Kindern; Kinder sanken auf ihre Kniee, und sichten den Himmel um Hülfe; schwache Greise schwankten an ihren Stäben zur Skadt hinaus, und suchten ihr Leben zu sichn». Das schreckliche Gewühl tu den Straßen, das Durchrinaudenermrn der Einwohner, das klägliche Ge» ( S9L) schrey der Weiber und bis durchdringenden befehlenden Grimme» der ftuerköscheaden Männer— das Gerastet der mit Wasser beladenen Wagen und der Feuerspritzen — der Anblick der hohen Flammen, die bald in die Höhe stiegen, bald von dem Winde seitwärts getrieben oder in wirbelnder Richtung niedergedrückt wurden, d; und ihn vor Schaden zu verwahren. Deßwegen schickten sie ihn viele Meilen weit von sich in ein Erzichungsinstikut, übergaben ihn den dasigen Lehrern, und bathen sie, für ihn ja, wie für ihr eigen Kind, zu sorgen, und ihm aüeS zu sagen» waS er wissen müsse, wenn er einst ein guter und glücklicher Mann werden wolle. Sie versprachen es, und hielten eS auch. Denn sie erinnerten ihn täglich an seine Fehler» —( Z01)— ermuntert?» ihn zum Fleiße, zur Reinlichkeit, Ordnung, Rechtschaffenheit und Gefälligkeit, und jeder b-eiftrte sich, ihm Geschicklichkeit beyzubringen. Sie rühteten aber sehr wenig bey ihm aus; denn Hieronymus war ein sehr leichtsinniger Knabe, der gute Erinnerungen in eben der Stunde wieder vergaß, da sie ihm waren gegeben worden. Während den Lehrstunden flatterte er mit seinen Gedanken so umher, daß er von allem, was der Lehrer sagte, wenig hörte; wenn ihm etwas auszuarbeiten ausgegeben wurde, so vergaß er es. und brachte die Zeit mit Spielen zu. Bey dem Essen, Spielen und Schreiben war er so unvorsichtig, daß er alle seine Kleidung beschmutzte und zerriß. Dieser Leichtsinn schadete ihm sehr viel. Alle seine Mitschüler lerntea mehr als er; selbst die Kleinsten, die lange nach ihm in das Institut gebracht wurden, kamen ihm bald zuvor, und verachteten ihn. Seine Lehrer sahen ihn mit heimlicher Betrübniß an, und ihre Liebe zu ihm verminderte sich. Sie sagten oft zu einander:„Der arme Hieronymus, wie uNgrgMch macht er sich! was wird sein guter Vater dazu sagen, wenn er ihn einst unwissend und mit so vielen Untu» genden zurück bekommt!" Sie mußten ihn sogar ver. stecken, so oft Fremde kamen, um das Institut zu be« sehen, weil er durch seinen schmutzigen Anzug und seine große Unwissenheit alle seine Mitschüler beschimpfte. Alles dieses wachte aber keinen Eindruck auf ihn. Er blieb stets der leichtsinnige, unsteißige und unor. deutliche Hieronpmus. Nach zwey Zähren bekam er einen Brief mit schwarzem Siegel; cr erschrack, erbrach ihn. und la» folgende Zeilen: ( 302) Lieber Sehn! Dein Vater ist niche mehr bey uns. Gott hüt ihn uns gestern entrissen und in eine bessere Welk versetzt. Nun bin ich von meinem Freunde und Ver. sorger getrennt, und die Erde hat für mich nichts mehr, das mir Freude machen könnte, als dich, wenn du zu mir zurück kommst und gute Kenntnisse und Ge- schicklichkeiten mit dir bringst. Solltest du aber miß- rathen, und einst unwissend und ohne Tugend zu mir kommen, so muß ich unter meinem Gram erliegen. Hier schicke ich dir die Silhouette deines se-igen Vaters, hänge sie auf dein Zimmer, und bestrebe dich, ein eben so braver Mann zu werden, als er war. Lange kann ich dich nicht mehr im Institute erhallen, denn mein und dein Versorget ist nicht mehr, und mein Vermögen erlaubt mir nicht lange den Aufwand zu Machen, den dein Aufenthalt in der Fremde erfordert. Gott segne dich! Ich bin deine dich liebende Mutter. Dieser Brief machte auf den Hieronpmus den stärksten Eindruck. Er brach in Thränen aus, rang vir Hände, und rief: ach, mein Vater, mein Vanr, ist nicht wehr bey uns. Danri faßte er seine Silhouette, drückte fle an seine Brust und seinen Mund, und sagte:„O du mein guter Vater! hast mir so viel Gutes gethan! hast mir so gute Lehren gegeben, und ich habe sie nicht befolgt. Warst so ein braver Mann— und ich— ach ich bin nicht werth, dein Sohn zu seyn!" Unter solchen Klagen brachte er den ganzen Tag zu; des Abends legre er sich zu Bette, ks war ihm aber unmöglich zu schlafen. Immer kam es ihm vor, als wenn er seinen Vater vor sich sahe, der ihm sag. --< 30Z)— kr: Äöfts Kind? lo viel Geld habe ich an dich ge. «endet, und du hast nichts gelernt. Er dachte an seine Mutter, und was die wohl sagen würde, wenn er zurück käme.„Wenn sie meine Schreiberey ansieht, dacht- er, so taugt sie nichts; soll ich rechnen, so kann ich nicht. Französisch sprechen-- das verstehe ich nicht. Wenn sie mich wird fragen lassen, aus der Geschichte, aus der Geogra. phie, aus der Naturgeschichte— da weiß ich ja von allen nichts.— Wenn sie'meine Kleider durchsieht, die sind alle zerrissen und beschmutzt. AH Gott. erbarme dich, ich bin ein elendes Kind! meine schöne Zeit, die ich verschwendet habe! Ach, wenn ich doch wieder zurück gehen, und die verschwendeten Jahre noch einmahl leben könnte? Da wollte ich ganz anders meine Sachen anfangen." So wimmerte er, weinte, warf sich von einer Seite aufdie andere, und konnte kern Auge zuthun. Sobald der Morgen anbrach, ging er zu einem feiner Lehrer, siel ihm um den Hals, und bat: ,,O Mein lieber Lehrer! ich bin ein böses Kind gewesen, ich habe Ihnen nicht gehorcht, ich habe nichts gelernt, wünsche ich es ein, nun reuet es mich, und ich möchte gar zu gern besser werden. Sagen Sie mir doch, wie ich es anfange» muß!" Der Lehrer wurde sehr gerührt, und sagte:„Die Verlorne Zeit kannst du, armeS Kind, freylich„ s wieder einbringen. Fühle aber, wie wehe es thut, wenn man seine Zeit nicht gut angewendet bat» und laß dich dieß bewegen, daß du die künftige Zeit desto besser anwendest, damit du nicht künftig noch mehr zu bereuen bekommst. Fang heute an! befolge jede gute Lehre! merke auf alles, was dir gesagt wird! ( Zo4) ihm jedes Geschäft, das dir aufgetragen wird! das ist das einzige Mittel, wie du wieder zufrieden wer» den kannst." Hieronymns dankte, und befolgte noch denselben Tag seines Lehrers guten Rath. Keine Augen wendete er nicht von dem Lehrer während der Lehrstunde; bey dem Schreiben, Zeichnen, und andern Uebungen schcueke er keine Mühe mehr; nicht-her erlaubte er sich das Spiel, bis er seine Geschäfte verrichtet hatte, und auf Ordnung und Reinlichkeit hielt er pünktlich. Wan. delte ihn ja bisweilen sein voriger Leichtsinn wieder an, so betrachtete er des Vaters Silhouette, und er» ncuerte seinen guten Vorsatz. Durch dieses fortgesetzte Bemühen wurde er aKe Tage besser und geschickter und beliebter. Er pflegte aber oft zusagen: Ich Thor! konnte ich nicht eben das vor zwey Jahren thun? müßte ich nicht jetzt bes. scr und geschickter seyn? Hätte ich wohl die Schmer, zen der Reue auSstehen dürfen, wenn ich vom Anfange besser gewesen wäre? Sakzmann. Die Besserung. „Christian'. Christian! du machst mir wenig Freude! Sieh', dein Geschwister, wie ganz anders beträgt es sich! Christian! könntest du in mein Herz sehen', wie sehr es dich liebt, und wie sehr es sich über dich betrübt. Das wirst du einst einsehen, wenn ich nicht mehr bin." —( 30L)— Es sprach einmahl Frau Merken und wischte sich die Augen. Sie hatte fünf Kinder. Ludwig, Thusnelda, Sigismund, Marianne und Christian hieben die Kinder. Alle mochten ihr-Freude, nur CbrWar, nickt. Er war sehr eigensinnig, wollte olles haken, was ihch einfiel, und wenn er es nicht sogleich erhalten könnte, wurde er döse und betrug sich recht unartig. Christian lernte nicht viel, war unge. fällig gegen andere, mit seinen Geschwistern unverkräg. lich, und wenn ihm der Vater oder die Mutter deßhalb Verweise gaben, nahm er alles übel auf, und widersprach ihnen wohl gar zuweilen. Frau Merkon war eine sehr rechtschaffene Frau. Sie liebte ihre Kinder herzlich, und über nicht- freute sie sich so sehr, als über die gute Aufführung derselben. Wenn Ludwig zu ihr sprang, und ihr einen Blumenstrauß reichte, den er für sie gebunden hatte, wenn Thusnelda ihr von ihren Gpazierga'ngen einige Dergißmeinnichtchen, Marianne eitl Düschchen Erd: beeren und Sigisnuind von seinen Gartenbeeten ihr die ersten Radieschen brachte, o dann war die Mutter seelenvergnügt; sie umarmte ihre Kinder und gab jedem einen mütterlichen Kuß. Wenn sich dann die Kleinen an sie schmiegten, sie liebkosten und ihr zurie. fen: bist-ine liebe, gute Mutter! dann wurde sie gerührt, und oft stand eine Freudenlhr-me in ihrem Auge. t Nur wenn Frau Merton Christianen ansah, em« Pfand fle keine Freude. Zhr Herz wurde traurig und das Auge naß. Ach! daß doch manche Kinder ihre guten Mütter betrüben können, anstatt ihnen Freude zu machen. U. Band: U —( Zo6)— Wie Christian sich gegen seine Mutter betrug, davon nur ein einziges Beyspiel. Christianen fiel es eines Tages ein, seine Schularbeiten liegen zu lassen und mit einem Blaserohr auf eine große Scheibe von Pappe zu schießen. Christian, sagte die Mutter, bleibe doch lieber in der Grube, und schreibe, was du zu schreiben h, 1. Das kann ich auch morgen thun, antwortete Christian. „Morgen, morgen, nur nicht heute „Sprechen immer träge Leute!" sagte die Mutter. Ich dächte, du folgtest meinem Rathe und bliebst hier. Christian machte ein finstres Gesicht, und murmelte Mas vor sich hin wie ein Kater, der einen Hund ste- t. Das ewige Stubensitzen! man hat auch gar keine Freude i sagte er. Sieh! Christian, erwiederte Frau Metten, du nimmst schon wieder alles übel auf. Ich gönne dir von Herzen recht viele Freuden! aber lerne nur auch was! thue nur vorerst deine Arbeiten, dann kannst du dich immer auch lustig machen. Ich dächte, deine Geschäfte selbst sollten dir viel Vergnügen machen; denn sieh' nur, Mit welchem Eifer deine Geschwister die ihrigen verrichten! Ich mein' es so gut mit dir, ich- will, daß du was lernest und ein braver Mensch werdest, und du nimmst mir dieses übel! Ader ich möchte jetzt gar zu gerne mit dem Bla. scrvhr schießen, versetzte Christian ur einem mürrischen Tone. Je nun, antwortete Frau Merlon, wenn du deiner Mutter gar nicht folgen willst, so gehe hm und schieße. -( Z07)— Christian ergriff sein Blaserohr und wupp! da war er vor der Thüre. In einigen Minuten waren mehrere Knaben da, und nun ging das Schießen erst rechtlos. Sie schössen um die Wette. Aber man hatte noch nicht lang- geschossen, so gabs vor der Thüre Lärm. Christian hatte mit seinem Kameraden Jakob Zänkereycn angefangen. Als Frau Merton zum Fenster hinaussah, balgten sich die er. hißten Knaben herum. Christian! Christian! rief die erschrockene Mutter, was machst du wieder? gleich hör' auf! Mein Christian horte nicht auf. Er packte den unschuldigen Jakob wie ein grimmiger Wolf an und gab ihm eine derbe Ohrfeige. Christian! rief mit starker Stimme die Mutter» du gehst gleich herein. Nun ging Christian auf die Stube. Frau Wer, ton gab ihm einen verdienten Verweis und sagte die Worte, die ihr oben gelesen habt.„Christian! Chri. üian! sprach sie, du machst mir wenig Freude! Sieh', dein Geschwister, wie ganz anders beträgt es pch? Christian: könntest du in mein Herz sehen, wie sehr es dich liebt, und wie sehr es sich über dich betrübt! Du wirst dieses einst einsehen, wenn ich nicht mehr bin.".^. Aber Christian machte steh daraus nicht viel. Das bemerkte die Mutter und vergoß darüber bittre Thrä- nen. O Gott! seufzte fle, warum hast du mir einen solchen Sohn gegeben! In einigen Wochen wurde Frau Mertott kränklich. Sie klagte über Kopfweh; auch hatte sie gar keinen Appetit. Die Kinder warm sehr besorgt um sie. Ach! U- —( 3V8)— liebe Mutter, sagte Marianne, wär' ich doch lieber krank und du gesund. Seyd ruhig, lieben Kinder! sprach Frau Merton, eS wird schon besser werden« Allein es wurde nicht besser. Frau Merton ward immer kränker. Sie konnte nicht mehr das Bett verlassen. Der Arzt, der Kerbepgerufen wurde, schüttelte den Kopf und sagte zu Herrn Merton: die Krankheit ist gefährlich. O bester Herr Doktor! sprach der betrübte Herr Merton, thun Sie alles, was in Zhren Kräften steht, und machen Sie meine Frau gesund. Ich wäre ein unglücklicher Wann, wenn sie stürbe. Sie ist ihren Kindern die beste Mutter; wenn die armen Kinder diese Mutter verlöhren, ach Gott! wie viel würden sse dann verlieren! Der Arzt versprach, fein Möglichstes zu thun. Es vergingen mehrere Wochen und Frau Merton wurde nicht gesunder. Die Kinder weinten und verlie» Ken selten das Bett der kranken Mutter. Eines Tages wurde es sehr schlimm mit ihr. Der Vater bath die Kinder, aus der Krankenstube zugehen. Sehr ungern thaten sie dieses. Frau Merton fühlte nach einigen Stunden, daß sie sich ihrem Ende nahe. Lieber Merton! sprach sie zu ihrem Manne, laß mich noch einmahl meine Kinder sehen und sie an weine Brust drücken. Die Armen, sie werden mich bald nicht mehr bey sich haben. Herr Merton vergoß Thränen. Er ging auf die Stube, wo die Kinder waren und sagte mit gebroche- den Worten: Lieben Kinder! eure gute Mutter will euch sprechen. Traurig gingen nun die Kinder in die Kranken-- —( 30Y)— fiube. Frau Merken hob sich etwas von ihrem Lager auf. Kommt, o kommt, sagte sie mit wehmüthiger Stimme, kommt, meine lieben Kinder! noch ein Mahl zu eurer Mutter. Die Kinder stürzten vor das Bett hin und schluchz, ten laut. O meine lieben Kinder, sagte leise die weinende Mutter, die meisten von euch haben mir viel Freude gemacht. Darum wird es mir schwer fallen, mich von euch zu trennen. Lieben Kinder! es ist vielleicht jetzt Las letzte Mahl, daß wir beysammen sind. Bald werde ich nicht mehr seyn, meine Stunde wird bald schlagen.——, O Mutter! Mutter! riefen mit schwacher Stimme die Kinder. Sie weinten, cS weinn? die Mutter, und mit ihnen der betrübte Vater. Kinder! fuhr Frau Metton fort, nehmt meinen Mütterlichen Segen. Lebt gut, lebt glücklich. Macht eurem Vater und allen rechtschaffenen Menschen Freude.' denkt zuweilen an eure Mutter, die euch herzlich liebte, und welche dahin voran gegangen ist, wohin ihr auch einmahl gehen werdet. Frau Metton drückte die betrübten Kinder an ihre mütterliche Brust und sagte: es ist daS letzte Mahl!— Christian stand unter den übrigen wie eine Leiche da; sein Gesicht war blaß, sein Auge ausgeweint und erzitterte am ganzen Leibe. Er fühlte es, daß er seine Mutter oft beleidigt habe, und wie ein Dolchstich ging ihm der Gedanke durch das Herz: Vielleicht hat deine üble Aufführung die Mutter krank gemacht! viel, leicht bist du an ihrem Tode Schuld. O wie unzusrie. Leu wurde er jetzt mit sich! wie sehr wünschte er, daß er der Mutter recht viel Freude gemacht hätte, wie stark bereute er alle Fehler, durch die er sie betrübtet Beschämt und voll Reue stürzte Christian vor daS Bett der Mutter hin. Er lag auf den Knieen, um, fasste ihre Hand, benetzte sie mit den heißesten Zähren und stammelte die Worte: Mutter! liebe Mutter» Vergebung: oft hab' ich dich betrübt— y vergib mir Mutter! vergib mir!— ach! daß ich statt deiner sterben könnte!— Frau Merton zog Christianen an ihre Brust und sprach mit leiser Stimme: Christian! du hast deine Mutter öfters verkannt; ich wollte dein Bestes, ach! du sahst es nicht ein, du warst i>—"^ unfolgsam, wenn ich dir was anricth. S Sohn, du wirst unglücklich, wenn du d'H nicht besserst. Das liegt mir schwer, ach! sehr schwer auf dem Herzen. h- Mutter! sprach Christian weinend, ich seh' es jetzt ein, aber vergib mir, ich will anders werden, ich will Mich bessern. Nun st» trenne ich mich denn von dir mit einem ruhigeren Herzen, sagte Frau Merton. Zch vergebe dir. Hier noch den letzten Kuß von deiner Mutter. (Sie küßte ihn) Halte Wort, Christian, und beste» re dich. ES war rührend, dieß alles mir anzusehen. Frau Merton hatte sich stark angegriffen. Ihre Stimme wurde immer schwächer. Es kam der Arzt, und bath Herrn Merton, die Kinder fortzuführen, damit die Mutter durch ihren Anblick nicht noch stärker angegrif. sen werbe. Die Kinder verließen mit großen Schmerzen die Stube. Ihre Gesichter waren in Tücher gehüllt. Lebt wohl, ihr lieben, lieben, Kinder! sprach Frau Merton ganz leise und faltete die Hände. —( 3rr)— Frau Merlan wurde immer schwächer. Abends um neun Uhr ergriff sie die Hand ihres Mannes, drück, te sie, schloß die Augen und verschied. Herr Merton war untröstlich. Er rang die Han» de und sagte: Nun ist sie dahin. die mir und ihren Kindern alles, alles war! Traurig trat er in die Stube. wo die Kinder waren. Diese gingen ihm entgegen und fragten mit leiser Stimme: Vater! sie lebt doch noch?^, Herr Merton weinte und sah betrübt die Km- heran... Vater! fle lebt doch noch? wiederhohlte Ehn- stian. Kinder! erwiederte Merton, eure gute Mutter ist entschlummert. O Gott! v Gott! riefen die Kinder, falteten>h. rr Hände gen Himmel und waren vor Schmerzen außer sich. Sie umringten den Vater; umfaßten Hände und Kniee; der Vater weinte, die Kinder weinten. Bald darauf stürzten sie in die Krankenstube aus die Leiche ihrer Mutter, jammerten und benetzten sie mit den kind. lichsten Zähren. Christian suchte die Einsamkeit. Nun fühlte er erst recht, wie sehr er sich durch seine Aufführung an seiner redliches Mutter versündigt habe. O daß sie noch lebte! seufzte er, o daß sie noch lebte! wie ganz ander- würde ich mich gegen fl- be.'ragen l wie würde ich ihr Freude machen! doch fi- ist nicht mehr! sie schlummert und erwacht nimmer! Am dritten Tage wurde Frau Merton begraben. Betrübt sahen die Kinder in das Grab, worein der Sarg. worin sie lag, gesenkt i wurde. Jede-nahm«in Stückchen Erde, ließ es auf den Sarg fallen und sag' - c Zi2)— Bey diesem Steine versammelten sich oft die Kinder der Verstorbenen mit ihrem Vater, und erneuerten das Andenken an die Mutter, und das Versprechen, guc zu seyn. Christianen sah man oft auf dem Grabe seiner Mutter knieen. Ach! sprach er einmahl, daß doch alle Kinder ihren Müttern Freude machten! eine gute Mutter lebt nicht ewig. O wie schmerz; es, wann sie stirbt, und man kann sich nicht das Zeugniß geben, daß man ihr Freude gemacht hat. Christian bemühte sich gut zu werden, und er ward gut. Kla tz. -(-"-13) Alfred von Wr klingen od er der Grabeshügel. Gleich einer Rose, die sich so eben entfaltet, blühte Alfred, der einzige Sohn eines RejchSritiers, ei- Ms Mannes, dem Freund und Feind das Zeugniß des offensten, aufrichtigsten Charakters gab- Email u e l von Willli! gen war sein Nahme. Kaum zehn Jahre mitEmilien, dem besten weiblichen Wesen der ganzen Gegend, ehelich verbunden, starb ihm hie ge- liebte, treue Gefährtinn des Lebens, und versetzte seine Seele in eine Stimmung, hie ihm bis dahin unbekannt war. Mit Emiliens Schicksale Hatte Emanuel von Willingen das seinige verwebt, in ihrem Mücke sein eigenes, in ihrer Liebe die größte Wonne der Er-> dc, in ihrem Beyfall den schönsten Lohn seiner edlen Bestrebungen gefunden. Sie war ihm alles, alles! Düster hatte er die Zahre des Jünglingsalters verlebt, harte nach Liebe gerungen, und keine Seele gefunden, die ihn verstehen, an die er sich mit Jnmgteik, mit vertrauenvoüer Hingebung anschließen konnte. Da begegnete er auf seiner einsamen Lebensbahn Emilie», erkannte ihre schöne Seele, fand sich in ihr wieder, und sah sich nach zwey Jahren durch Priestershaud mrk ihr auf ewig verbunden. Emanuel von Willingen lebte jetzt von neuem auf? er ward geselliger, nachgiebiger und thätiger. Emilie -(3l4)- ebnet? ihm ja den Pfad deS Lebens, gab feinen Ansich. ken von der Welt eine lichtere, freundlichere Farbe, sei» nen Wünschen und Hoffnungen neue Nahrung. Al fred wurde geboren, und das häusliche Glück des trefflichen Ehepaares erhielt einen bedeutenden Zu- wachs. Die Freunde und Unterthanen des Ritters bezeigten laut ihre Freude darüber. Der Tugend und Weisheit ward der Erstgeborne von den entzückten Ael- kern geweiht. Munter und gesund wuchs A! fred empor, fröh. lrch anzusehen dem redlichen'Vater, der liebevollen Mutter. Jede neue Entfaltung seines Körpers und Geistes war für die glücklichen Aellern ein festlicher Anblick. Genießt doch jeder Vater, jede Mutter kein köstlicheres Vergnügen, als das, welches ein hoffnungs» l volles Kind ihnen gewährt. Acht Zahre hatte Alfred zurückgelegt, als seine von ihm innig geliebte Matter in eine Krankheit verfiel, die einen Übeln Ausgang drohte, und den Zusammentritt mehrerer gesch-ckren Aerzte zu einer Berath, schlagung nöthig machte. Mit der innigsten Liebe hing Alfred an der Mutter; sein Schmerz über die gefährliche Krankheit war ohne Grenzen. Nichts zog ihn während derselben an, mit Gle chgültigkeit blickte er nach den Sa- chen, die ihm sonst die liebsten waren, mit Unwillen wies er die Einladungen seiner Kameraden zu Lustspielen zurück. Sein zartes Herz hatte nur Raum für traurige Empfindungen. Von dem Bette der geliebten Kranken wollte er durchaus nicht weichen; Erleichterung feiner Schmerzen fand er nur an ihrer Seite; in ihrem sanften Lächeln, ihren leisen, aber zärtlichen Händedrücken, Auch des Nachts wollte«r bep der —( ZI5)— leidenden Mutter seyn. Alle Aufforderungen, sich in seiner Schlaskammrr nieder zulegen, und von den Er- nrattungen des Tages zu erhöhten, blieben ohne Erfolg« Gewöhnlich saß er neben dem Krankenbette so lange auf einem Stuhle, bis der Schlaf ihn überwältigte. Sanft wurde er dann in sein Bett getragen. Rührend war für die gefühlvolle Mutter diese seltne Liebe deS Sohnes. Tief wurde sie bisweilen durch dieselbe erschüttert. Sie fühlte, daß sich ihr Ende nahte. Fest war ihr Glaub- an Gott und Un. sterblichkeit, und der Tod hatte nichts Schreckliches für sie. Eine süße Wehmuth durchrang ihr Herz, wenn sie daran dachte, daß sie nun bald scheiden werde von dieser Erde voll Sorge und Unbcstand, um in einer andern, bessern Welt sich ihrer Bestimmung mit rascheren Schritten zu nÜhern; aber fiel ihr Blick auf ihren trauernden Gatten und auf ihren innig geliebten, blaß neben ihr sitzenden Sohn, o dann fuhr es ihr durch die Seele wie ein elektrischer Schlag, ihr Auge ward feucht, «nd sie blickte mit Schmerzen gen Himmel, gleich alS wollte sie sagen: gern folge ich deinem Willen, o du, der alles lenkt, aber wo bleibt mein Gatte, wo bleibt mein Alfred? Die Aerzte ließen kein Mittel unversucht, Emilien zu retten. Zm Rathe Gottes war es anders beschlo» ßm. Zhre Krankheit verschlimmerte sich mit jedem Tage. und die Aerzte fingen an, alle Hoffnung aufzugeben. Der erste Map erschien. Es war ein Heller, freundlicher Tag. Emilie ließ sich von Alfred ein L ed auf den May vöKesen, und schien sich der Schönheit des Tages zu freu n. Mein lieber, lieber Alfred, stam- —( zr6)— melke sie, und griff nach seiner Hand, wie dieser schöne- helle Tag ftp dein ganzes Leben. Alfred bebte; Thränen drängten sich in seine Äugen; er schluchzte. Alfred, fuhr die gerührte Mutter fort, du warst immer meine einzige Hoffnung— ach, daß ich es nicht mit ansehen kann, wie diese Hoffnung in Erfüllung geht: Mein guter, lieber Gohn! werde— o werde so hrav wie dein Vater, und denke bisweilen, wenn ich schon längst nicht mehr bin, mit Liebe an deine Mutter. Mehr konnte Emilie nicht sagen; ihr Herz war erschüttert; mit einem Strome von Thränen sank Al. fred über sie hin. Mutter! liebe, theuere Mutter! schluchzte er, du gehst nicht von dieser Erde, du bleibst bei) uns, was sollten wir auf der Welt ohne dich! Alfred! versetzte Enrilieriach einer Pause, Alfred, mein geliebter Sohn! nicht unser, Gottes Wille ge. schehe. Höre weine letzte Bitte, und vergiß sie nie. Mache deinemVater iMmerFreude, wandle auf Gottes Wegen, und betrübe dich nicht zu sehr, wenn ich sterbe. Die letzten Worte sprach Emilie mit gebrochener Stimme aus.„Wenn ich sterbe" diese wenigen Worte erschütterten Alfreden so stark, daß er halb ohn. mächtig an das Krankenbett der Mutter sank. Zn diesem Augenblicke trat leise der Pater herein. Die Scene rührte ihn bis zu Thränen. Sanft blickte die gute. treffliche Gattinn nach dem Manne hin. Ich gehe bald von dir, sprach sie leise, aber dir bleibt Alfred; dir bleibt ein grosses Kleinod zurück. Bestes Weibstammelte Cmauuel vonWil- lingen, und wollte sich über Tmilien Hinbeugen, als ge ,'n einen Zustand von Zuckungen verfiel, und mit dem Tode zu ringen anfing. Mit gekrochenem Auge blickte sie noch ein Mal, nicht ohne sichtbare Anstrengt!-. g- nach Mann und Sohn hin, und verschied. Alfred erwachte aus seinem ohnmächtigen Zustan-, de. Mein Sohn, sprach der Vater, und Thränen unterbrachen seine Rede, deine gute Mutter ist nun bey Gott. Der Anblick der entseelten Mutter preßte Alfreden eifien Schrey aus; er warf sich auf den geliebten Leich. nahm, und konnte nur mit Mühe von demselben losgerissen werden. Laut waren seine Klagen, unbeschreiblich seine Schmerzen. In dem Orte und der ganzer Gegend brachte die Nachricht von Emiliens Tode die größte Wirkung here vor. Sie hatte vielen wohlgethan, alles ehrte, alles liebte sie. Arme Familien eilten herbey, und beweinten ihre Wohlthäterinn mit den aufrichtigsten Thränen. Nach zwey Tagen war das Begräbnis. Die Verstorbene hakte in einem ihrer Gärten einen Platz liebgewonnen, auf welchem eine schone Linde stand. Mehrmals hatte sie, wenn sie im Kreise der Ihrigen unter dem Baume saß, scherzweise gesagt: hier müßt ihr mich begraben, wenn ich sterbe. Eingedenk dieses Wunsches, beschloß ihr Gatte, sie unter der Linde der Mutter Erde wieder zu geben. Viele Tausende wohnten dem Begräbnisse bey. Als der Redner mit ungeschminkter Wahrheit, einfach aber eindringend, das Gute der Verewigten schilderte, war auch nicht Eine Seele unter den vielen Tausenden, die nicht durch Thränen zu erkennen gegeben hätte, wie schmerzlich ihr der Tod Cmüiens sey. Der Grabeshügel wurde ganz mit —( S'8)— Vnlchenkränzen bedeckt, und lange Zeit hindurch von guten Menschen besucht. Mehrere Woche» vergingen, bis Emanuel von Willingen und Alfred, tief niedergebeugt durch ihren großen Verlust, sich von ihren Schmerzen erhohlten, und ihr Inneres ruhiger wurde. Bey dem Vater währte die dumpfe, melancholische Stimmung, in die sich sein inniger Schmerz auflöste, lange fort; Alfred, so zärtlich er auch seine Mutter geliebt hat. le, und so oft und aufrichtig er auch ihren Verlust be- trauerte, sing früher an, wieder auf die angenehmen Seiten dcS LcbenS hinzusehen, und sich der Erde von neuem zu freuen. Tas jugendliche Herz vergißt leichter das Ungemach und die Leiden des Lebens. Dieß war auch bey Alfred der Fall. Sein Körper, der während der Krankheit Emiliens angegriffen worden war, erhohlke sich bald wieder; seine Verlornen Kräf. te kehrten zurück; die Wangen rötheten sich von neuem, und Alfred stand da, gleich einer frisch aufgeblühten Rose. Der Anblick des blühenden Sohnes, die Wahr. mhmung der schönen Entwickelung seines Geistes, war für den alten von Willingen, der seine geliebte Gattinn nie vergessen konnte, Balsam für die verwun- bete Seele, der wirksamste Trost in seinen bangen Stunden. Da er die Erziehung Alfreds unmöglich selbst besorgen konnte, so verband er sich mit einem jungen geschickten Gelehrten, der vorzüglich die wissenschaftliche Bildung des Sohnes übernahm, und von Willingen als ein Hausfreund auf die ehrenvolle- ste Art behandelt wurde. Alfred stand in seinem sechzehnten Jahre. D r Valer beschloß, ihn auf ein etwas entferntes Gxmna- Nun» zu schicken, das in großem Rufe stand. Hier sollte er sich zur Universität zweckmäßig vorbereiten. Wohlbekannt waren dem wackern von Williugen s e vielen Zrrgänge, in die besonders der Jüngling leicht geräth, die Seitenwege, die er oft einschlagt, um ein Z.«l zu erreichen, das nicht zum Heile, sondern ft-st iwmer zum Untergänge fährt. Er vertraute aber dem Herzen Alfreds, daS bis dahin mit aller Sorgfalt rein und unschuldig und für alles Gute und Schone rege erhalten worden war, und hoffte von der Macht der guten Gesinnung, durch welche derselbe sich stets aus. gezeichnet halte, daß er nie vorn Pfade der Tugend auf die schlüpfrige Bahn des Lasters verirren werde. Um sich dessen noch mehr zu versichern, nahm er ihn deS Abends vor seiner Abreise an den Arm, und besuchte mit ihm alle Plätze, auf welchen er sich oft mit ihm über die Bestimmung des Menschen und seine Pflich. ten als väterlicher Lehrer unterhalten hakte. Es war Alfreden, als gingen in dieser fcyerlichen Stunde olle bisher an ihn gerichtete Belehrungen, Er- innerungen und Aufforderungen des Vaters noch ein Mal vor der Seele vorüber. Hinter einem östlichen Berge stieg der Mond majestätisch empor, und erhöhte die ernste Stimmung des Zünglingszu einer religiö. sen Rührung, wie er sie bis dahin noch nie bez, sich bemerkt hakte. Der Vater lenkte nach dem Garten zu, in welchem seine unvergeßliche Smilie ruhte. Sie näherten sich der Linde, und bald standen sie an dem GraSeshügel. Keperliche Stille umschwebte sie. Ein heiliges Dunkel umschattete die Ruhestätte der besten Gattin, der liebevollsten Mutter. Höher stieg die gvldne Schelf-.« des Mondes hervor; bald stand er rein über dem Ho, rsiönte, wie in Silberglan? gehüllt. In einiger Entfernung schlug eine einsame Nachtigall; ihre melancholischen Töne drangen tief in des Vaters und in Alfreds Herz. Mein Sohn, hub jetzt der Vater an dem Grabeshügel Gmilkens mit bewegte« Herzen an, mein Sohn! es stehet mir und dir ein? Stunde bevor, die unS auf einige Jahre von einander entfernt. Ts wird mir wehe thun, dich zu vrrm'ssen, es wird Augen, blicke geben, wo ich mich nach dir mit väterlicher Liebe sehnen werde; ich werde mich dann immer mit dem Gedanken trösten, dass Unsre Trennung zu deiner vollkommenen Ausbildung nothwendig war. Aber i« manchen Stunden wird es mir, mein Sohn! auch bange um dein Herz seyn—- ich werde für die Güte, Reinheit und Unschuld desselben zittern, zittern davor» daß du auf Abwege gerathst, dich der Sinnlichkeit oder schlauen Verführern.n die Arme wirfst, und am Ende nicht so gut und edel zu deinem Vater zurückkehrst, der dich innig liebt, und der in deinem Wähle feiner» gröst» ten Trost, fein größtes Glück findet. Schon zu Anfange der väterlichen Worte drängten sich Thränen in Alfreds Auge. Er fiel weinend dem Vater ans Herz, und vermochte kern Work zu sprechen. Wein geliebter, einziger Sohn, fuhr der Vater fsrf, dein- Thränen sind mir Beweise eines guten, gefühlvollen Herzens. Sohn einer trefflichen Mutter! denke daran. auf welchem Platze w'r jetzt steyen die. frr Hügel deckt die Hülle eines edlen G stns, das dich über alles— das dich wehr— wahrlich mehr liebte als sich selbst. O bey der Tugend dnner Mutter» bey ihrer grenzealoseu Liebe für dich, bitte, öe- -< Z21)-- schwöre ich dich, ihr Andenken durch einen tugendhaften Lebenswandel zu ehren, und nie von dem zu weft chen, was recht und gut ist. Va^cr, geliebter Vater! stammelte Alfred, er« Warten Sie von m-r das Beste! T-er Segen Gottes ruhe auf deinem Versprechen, Pein Sohn! sprach EManuel von Willingen, und drückte den Sohn der Hoffnung und Liebe an das gerührte väterliche Herz. Diesem«rar so, als befände er sich in Gegenwart des Heiligsten, als schwe» be der selige Geist der längst entschlummerten Mutter um ihn, alS riefe sie ihm mit Engelstönen zu r vergiß dein Versprechen nicht k Voll ernster Gefühle und Gedanken verliessen Vater und Sohn die heilige Stätte. Als die Sonne am folgenden Morgen empor stieg, waren die größten Schmerzen der Trennung überstanden, und Alfred sah sich noch einmahl von einem entfernten Hügel nach den heimischen Fluren um, auf welchen ihm die glücklich, sten Zähre des Lebens verschwunden waren. Alfred erreichte mit den besten Vorsätzen daS Gymnasium zu Niederfels, und wurde besonders von den Professoren, denen er empfohlen war, auf das freundlichste aufgenommen. Sein eiserner Fleiß, die merklich schnellen Fortschritte, die er in allen Wissenschaften machte, in denen ct unterrichtet wurde, und seine musterhafte Aufführung gewannen ihm bald die Liebe seiner Lehrer und das Vertrauen seiner Mitschüler. Ost erfreute er den Vater durch herzliche Zuschriften, und wuchs empor zu einem liebenswürdigen, trefflichen jungen Mann- Zwey Zahre lang hakte der alte von Willingen lauter frohe Nachrichten voll seinem Sohne erhalten: ll. Band. L ««( 322) M- Noch ein Jahr lang sollte dieser in Meberfels zubrla. gen, und dann in die Arme seines Vaters zurückkehren, der ihn hierauf selbst nach Göttingen auf die Universität begleiten wollte. Zn diesem letzten Jahre machte Alfred einige Bekanntschaften, die ihm ungemein vortheilhaft dünkten. Edmund von Böller und Max von Hoch wurden seine vertrautesten Freunde. Da sie mit den feinsten äußern Sitten eine einnehmende Art von Gut. Mürbigkeit verbanden, so waxf er sich mit grenzenlosem Vertrauen in ihre Arme, uneingedcnk der oft wie. dcrhohltrn Lehre des Vaters, daß man ohne vorhergegangene strenge Prüfung seiner Freunde sich ihnen nicht sogleich ganz hingeben müsse. Alfreds gutes Herz ahndete keine Täuschung. Böller und Hoch gehörten in die Classe von Menschen, welche die Kunst verstehen, durch einen glänzenden äußern Schein für sich einzunehmen, und den Schalk, den sie heimlich in sich tragen, den Augen anderer zu verbergen. Beurtheilte man sie nach ihren gefälligen Manieren, nach den schönen, schmeichelhaft ten Worten, die sie jedem zu sagen wußten, an dessen guter Meinung ihnen gelegen war, und nach der Be-. reitwilligkeit, jedem etwas Angenehmes zu erweisen, so konnte man nicht umhin, sie für die liebenswürdig- sien, besten Jünglinge der Schule zu halten. Sah man aber tiefer in ihr Herz, so bemerkte man Seiten an ihrem Charakter, die zu keiner günstigen Beurtheilung ihres sittlichen Werthes einluden, sondern sie viel. mehr in den gegründeten Verdacht der Hrucheley brach, ten. So tief blickte aber Alfred nicht in ihr Inneres, daß er Veranlassung erhalten hätte, in die Redlichkeit ihres Charakters Mißtrauen zu setzen. Es schien —(ZL3)-- Hm vielmehr ausgemacht, daß an der Güte und Gediegenheit desselben nicht zu zweifeln sey, und vertraute sich ihnen ganz an. Bö ller und Hoch, geübt in den Künsten deS Scheins, waren fein genug, die Maske so lange zu tragen, bis Alfred ganz der Ihrige war. Jetzt erst zeigten sie sich von Seiten, die Alfred bis dahin an ihnen nicht bemerkt hatte, doch auch dabey gingen sie so planmäßig und stufenweise zu Werke, daß er unser- merkt in das Netz fiel, das sie nach ihm ausgeworfen hatten, und es erst dann wahrnahm, als es schon zu spät war. Täglich wurde Alfred von seinen Freunden zu Spaziergänger: eingeladen, auf welchen über wissenschaftliche Gegenstände gesprochen, und zuweilen auch auS einem guten Dichter vorgelesen wurde. Diese nützlichen Unterhaltungen wurden aber allmählich eingeschränkt. An die Stelle bildender Gespräche traten' leichtsinnige Scherze, an die Stelle edler Dichter verbothen« Schriften, deren Verfasser sich über das Heiligste im Menschlichen Leben, über Reinheit des Herzens, Tugend und Religion auf die tadelhaftesis Weise aus- ließen, und in die Gemüther ihrer Leser den Eaamen der Unzufriedenheit, des Zweifels und Unglaubens streuten. So mißfällig dieß alles Alfreden anfänglich war, so bald gewöhnte er sich daran, und fing an, über Gegenstände, die dem bessern Menschen von Wichtig keil sind, leichtsinnig zu urtheilen, und über ine strengen sittlichen Grundsätze zu lächeln, nach welchen er bisher gehandelt hatte. Böller und Hoch bemerkten nicht ohne Der- gnügen die Fortschritte, welche Alfred in- einer GesiN- X 2 ---( Z2-;)— nungsart machte, die ihm sonst fremde gewesen war- Wer einmahl, dachten sie ganz richtig, über seine. bis. herigen Grundsätze lächelt, von dem ist nicht zu zwei» fcln, daß er bald entgegengesetzte Grundsätze ergreift, und durch sie feine Handlungsweise bestimmt. Die schlauen Freunde irrten sich nicht in ihren Erwartungen. Alfred, der sonst in seinen Urthek« lcn sehr vorsichtig und ein Feind aller Spötteley wär, fing an, bisweilen der heiligsten Gegenstände zu spotten. und gefiel sich darin so wohl, daß er von nun an glaubte, immer witzig seyn zu müsse». Alle, die ihn kannten, und ihn bisher aufrichtig geschätzt und geliebt hakten, wurden in ihm irre, und bedauerten, daß er auf einen der gefährlichsten Abwege, auf den der Spvtksacht, gerathen sey. Böller und Ha>ch benutzten jede Freystunde, Alfreden zu besuchen. Dieser dadurch in seinem Pri» vatfleiße gestört, äußerte mehrmahls, daß man die Besuche werde einschränken müssen, erhielt aber immer zur Antwort, dich dürfe nicht geschehen; die Schulstunden strengten den Geist hinlänglich an; er habe Erhohlung nöthig; die Jahre der Jugend kämen nicht wieder, man müsse sie nicht ungenossen entfliehen las- sen, sondern den Augenblick beniitzen. Durch solche Vorstellungen gelang es den Freunden, Alfreden vom Pri, valfleiße, der bey dem Studierenden von so großer Wichtigkeit ist, abzuziehen, und ihm Liebe zu Zerstreuungen einzuflößen. Von nun an wurde nicht leicht eine Lustbarkeit der Stadt und der umliegenden Gegend versäumt; den größten Theil des TageS brachte man in öffentlichen Garten an der Kegelbahn oder an Spieltische zu; man unternahm Landparthiecn, besuchte —( 325)— fleißig das Theater, und schwelgte in sinnlichen Genüssen. Mit Bedauern bemerkten die Lehrer der Schul? Alfreds Verirrungen, und machten ihn von Zeit zu Zeit auf seine Fehltritte aufmerksam. Ihre Vorfiel« langen würden nicht ohne Wirkung geblieben seyn. wenn nicht Böller und Hoch ihren Freund anders zu stimmen gewußt hatten. Du bist kein kleines Kind mehr, sprachen sie wiederhohlt zu Alfreden, du weißt, was du thust; was willst du dir von den Professoren vorschreiben lassen! sind sie etwa deine Herren, denen du blinden Gehorsam schuldig bist? Was geht sie dein Thun und Lassen außer der Schule an? Nein, unter« drücken, gängeln als ein Kind sollen sie dich nicht! Alfreds Dcnkungsart war bereits so verschroben, daß er das Schiefe und Erbärmliche solcher Borste!» langen nicht einsah, und sich, getröstet durch dieselben, um die wohlgemeinten Erinnerungen seiner Lehrer nicht bekümmerte. Nicht leicht ist etwas so verführerisch als das Spiel. Alfred wurde nach und nach dafür so sehr eingenommen, daß er sich demselben mit ganzer Seele hingab, und im Punkte der Spielsucht seine Freunde bald übertraf, obgleich das Glück ihm fast immer den Rücken wandte. Seine ganze Lebensart war nicht nur seiner Ausbildung ungcmein hinderlich, sondern auch überaus kostspielig, und der gute Vater, der von dem entfernten Sohne immer das Beste hoffte, und täglich mit Liebe und Sehnsucht an ihn dachte, mußte ihm eine beträchtliche Summe nach der andern zuschicken. Zu Alfreds Ehre kann es nicht mir Stillschweigen Übergängen werden, daß er bey dem Gedanken an seinen Vater immer im Innersten seines Her- -(Z26)- ze«s erbebte, und dann oft daran war, seine Sinnesart zu ändern, und auf den Weg des Guten zurück zu kehren; allein seine Verführer wußten die guten Regungen solcher Augenblicke zu unterdrücken, und Alfred, zu schwach, ihren Reitzungen zu widerstehe^, ließ sich betäuben. Dem allen von Wi klingen fielen am Erche Alfreds wiederhohlte Bitten um Geld und die Nachlässigkeiten seiner Briefe auf; allein sein Vertrauen zu des Sohnes Tugend war so stark, daß er lange darüber hinwegsah, und sie auf alle mögliche Weise bey sich selbst entschuldigte. Alfred hingegen sank immer tiefer. Da die Summen, die er von seinem Vater erhielt, nicht ausreichten— so machte er auch beträchtliche Schulden. Seine Gläubiger drängten ihn. Zn seiner größten Verlegenheit wandte er sich an seine Freunde, Böller und Hoch, und forderte sie auf, ihn aus seiner unangenehmen Lage zu retten. Umsonst! sie waren taub für seine Bitten, und gaben ihm den Math, heimlich aus der Stadt zu fliehen^ wenn er durchaus nicht bezahlen könnte. Diese Zumuthung empörte ihn; er machte ihnen Vorwürfe, er nannte sie Verführer— aber sie lächelten hämisch, und öffneten ihm dadurch die geblendeten Augen. Nun erst erkannt« er in ihnen bösartige, falsche Freunde, und erblickte vor sich den Abgrund, an den sie ihn geführt hatten. Mit Abscheu verließ er sie, und beweinte die erlittene Täuschung. Thränen, geweint über Verirrungen des Herzens, sind eine himmlische Erscheinung, sind tröstliche Vor» Lothen der Besserung, der zurückkehrenden Tugend. Wohl dem Verirrten, der sie weinen kann. -( 327)- Niedergedrückt von beträchtlichen Schulden,»er- lassen von den Freunden, auf die Alfred so viel gebaut hatte, zur Verzweiflung gebracht von dem Gefühle feines sittlichen Uywerths und dem Gedanken an seinen Vater, dessen Ermahnungen er so leichtsinnig vergessen konnte, wußte der Unglückliche lange nicht, wozu er sich entschließen sollte. Zn einer glücklichen Stunde riech ihm zwar sein Herz, dem getäuschten Vater offen seine Berirrungm zu bekennen, um Verzeihung zu btt. ten, und seine» Beystand zu erflehen. Aber das Gefühl einer»»zeitigen Schaam hielt ihn davon zurück. Er schrieb an den Vater, versicherte, daß er sich wohl befinde, und bath um eine große Summe Geldes, unter dem Verwände, daß er sie zur Anschaffung von Büchern und Kleidern nöthig habe. Dem alten von Willingen kam diese neue Geldforderung unerwartet. Er fing an, die Verirrun- gen des Sohnes zu ahnden, und erschrak bey dem Ge-> danken, daß seine Vermuthung vielleicht gegründet seyn könnte, llm sich darüber Aufschlüsse zu verschaffen, schrieb er an den Rektor der Schule zu Nieder- fels, und bath ihn um einen offenherzigen Bericht über den sittlichen Zustand seines Sohnes. Alfred harrte mit jedem Posttage auf das verlangte Geld. Es traf nicht ein. Seine Schulden vermehrten sich, und mit ihnen die zudringlichen Forderungen der Gläubiger. Mit jedem Tage stieg seine peinliche Verlegenheit. Endlich traf ein Packet Geld ein, aber nicht zum vierten Theile so viel, als Alfred verlangt hatte. Unglücklicher Weise bemerkte einer der Hauptgläubiger den Briefträger, als er mit dem Gelde in Alfreds Wohnung trat, eilte sogleich hin, und bemächtigte sich ohne weitere Umstände der ganzen Sum- ( Z?8) nie in Gegenwart des Briefträgers, der sich diese« raschen Auftritt mcht zu erklären wußte. Es läßt sich nicht leicht etwas peinlicheres denken, als die Gemüthsstimmung, in die Alfred durch dieftS Zugreifen des Gläubigers versetzt wurde. ES wahrte nicht lange, so stürzten mehrere Gläubiger in sein Zimmer, behaupteten, er hübe Geld erhalten, und forderten mit Ungestüm Zahlung. Als der ge- angstigke Alfreds ihnen betheuerte, daß er diese nicht leisten könne, stießen sie die härtesten Drohungen gegen ihn aus, und sprachen von Arrest. Er bath sie, noch eine Zeitlang Geduld zu haben, aber zornig riefen sie ihm zu: daß er nicht glauben muffe, sie wären Km. der; sie würden nun nicht länger von ihm sich am Warrenftile herumführen lassen. Kaum hatten die Gläubiger AlsredS Zimmer verlassen, als er zum Rettor citirt wurde. Er erschien sogleich, mit der Miene eines Verbrechers. Wie sehr erschrak er, als der Sseclor ihm ankündigte, daß er binnen vierzehn Tagen seine Schulden bezahlen, und das Gymnasium verlassen soll, an welchem man Menschen von seiner Lebensweise durchaus nicht dulden könne. Niedergeschmettert durch des Rektors Worte. wankte er halbkrank nach seiner Wohnung zurück. Seine ehemaligen Freunde, Boller und Hoch, begegneten ihm. Häm-sch lächelten sie ihn an. und Böller äußerte ziemlich laut: sieh' ihn an, wie freundlich er ist! er gleicht der lächelnden Sonne. Dieser bittre Spott empörte Alfreds Herz; er gerieth in Zorn, sprang zu Böller, und versetzte ihm eine Ohrfeige, daß sogleich das Blut auS seiner Nase strömte. Hüll er vergalt Gleiches mit Glci- —( ZLg)—- chem, Hoch stand ihm bey, und es begann eine Sckiägerey, die sich beynahe mit einem Morde gern- big« hätte; denn Böller erhielt einen Schlag auf die rechte Schläfe, doß er halb todt zu Boden sank. Alfred sah die Noch>w':-digkeit ein, vom Kampfplätze wegzueilen. Er sprang nach seiner Wohnung, steckte einige Kleinigkeiten zu sich, und eilte davon. Schon stand er in der Thüre, als er sich noch ein Mahl umsah, und auf dem Tische den Brief seines Vaters erblickte. Er sprang zurück, und steckte ihn zu sich. Nichts schien Alfreden gewisser, als daß man ihn, der Schlagerey wegen, gesanglich einziehen werde. Daher suchte er mit rascher Eilfertigkeit daS Freyem Es wahrte nicht lange, so befand er sich außerhalb der Mauern der Stadt. Zn die Stadt zurück zu kehren, schien ihm, auS mehr als einer Ursache, mißlich. Er überlegte lange, und faßte endlich den jugendlich raschen Enk chluß, in die wecke Welt zu gehen, und der Schmach, die ihm in Niederf-ls bevorstand, durch eine Flucht nach— Amerika zu entkommen. Zu dieser verzweifelten Entschließung wurde er noch mehr durch den Brief seines Vaters bestärkt, den er jetzt unter freyem Himmel laS. Der alte von Willingen hatte den von dem Reckor der Niederfelstr Schule sich erbelhcnen Bericht über seinen Sohn erhalten, und litt, wie nur immer ein gefühlvoller Vater bey den Verirrungen eines ge. liebten Sohnes leiden kann. Unter den größten in- ncrn Schmerzen schrieb er an Alfred den Brief. Klagen über getauschte Erwartungen, herzangreiftnde Hin. Weisungen auf das am Grabe der Mutter gethane Versprechen, väterliche Drohungen, die aus lauter Liebe —( 3Z0)— flössen, machte« den Inhalt des Briefes aus. Sie zerrissen Alfreds Herz; in die Erde hakte er sinken mögen, vor Schaam und Entsetzen über seine sittliche Verwilderung. Er erschrak bey dem Gedanken, daß der Vater auch seine letzten Auftritte in Niederfels er. fahren, und ihn verabscheuen werde, so wie er ihn sonst.geliebt hatte. Alfreden schien nun alles verlohren; er selbst war sich zur Last, das Leben dünkte ihm eine Pein, die Erde ein Tartarus. Fliehen, fliehen wollte er so weit als möglich von seiner Heimakh weg. In der nächste» Stadt verkaufte Alfred seine gvld» ne Uhr, und schlug den Weg nach Hamburg ein.— Die starken Fußreisen ermatteten ihn, und die Ermattung brachte bey ihm einen hohen Grad von Unent- schloffenheit und Kleinmuth hervor, waS besonders fast jeden Übend der Fall war. Sein Schlaf war unruhig; böse Träume ängstigten ihn. Oft trat das Bild seiner Mutter vor seine Seele, noch öfter gedachte er des Versprechens, daS er an ihrem Grabe in einer feycrlichen Abendstunde gethan hatte; ihre Worte:„Mein geliebter Alfred, höre meine letzte Bitte und vergiß sie nie: Mache deinem Vater Freude, und wandle auf Gottes Wegen" ertönten zu seinem Entsetzen fast täglich in seiner Seele. Ach, die zärtliche, treffliche Mutter hat'e ste in ihrer Todesstunde gesprochen; sie waren Alfreden um so Heiliger! Mit zerrissenem Herzen setzte Alfred! seine Flucht fort. Für seinen Vater war die Nachricht davon die schrecklichste, die er in seinem Leben vernommen hatte, L) Gott! seufzte er, nachdem er sich von der ersten Betäubung etwas erhvhlt hakte, nun sind meine süße. —( 3Zl)— ßen Freuden, meine schönsten Hoffnungen dahin! O Alfred! Alfred! Alle Nachforschungen des Vaters nach dem verirrten Sohne blieben ohne Erfolg. Emanuel von Wi klingen zog sich nun in die tiefste Einsamkeit zurück, und betrauerte sein Unglück. An Gmilieos Grabe sank er oft, durch innere Schmerzen ermattet, nieder, und klagte ihr, der Verewigten, ihren und seinen Verlust. Unterdessen erreichte Alfred die Gegend, in welcher die Güter seines Vaters lagen. Nur vier Meilen seitwärts lag der gewöhnliche Wohnort der Wiüing. scheu Familie. Zn Alfreds Brust regte sich der mächtige Wunsch, wenigstens den Grabesbügel, der seine Mutter umfaßte, noch ein Mahl zusehen, und an dem. selben ihren'Geist um Verzeihung anzuflehen, daß er ihre» Erwartungen so wenig entsprochen habe. Di? Abenddämmerung fing an, in nächtliche Fin. sterniß überzugehen, als er in den Garten ankam, und in demselben die Linde erblickte, unter welcher Emilie ruhte. Unruhig pochte sein Herz, bey diesem lang entbehrten Anblick; Thränen der kindlichsten Liebe, der edelsten Schasm und Reue stürzten von Alfreds Wangen, und eine innere Stimme rief ihm zu: noch ist nicht alles verloren; noch kannst du zurückkehren zum Guten, und der Liebe des Vaters und der Mutter würdig werden! Eine Cenkncrlast fiel dem reuevollen Sohne bey diesem innern Zurufe vvm Herzen; weinend eilte er an den Grabcshügel, und fiel auf feine Kniee; sein tiefer Schmerz löste sich in Worte auf; er bethete, wie j?r noch nie gebethet hakte, mit einer Theilnahme, mir .einer Andacht, wie sie nur bey dem besseren, rcligiö. ( 3Z2) s-n Menschen gefunden wird. Er klagte sich großer Werirrungen an, betheuerte aber feierlich, daß er von nun an wieder den Weg des Guten wandeln, und seiner Mutter, seinem redlichen Vanr ähnlich werden wolle. So verliest in Klagen und feycrliche Gelübde, bemerkte Alfred nicht, daß ein menschliches Wesen flH ihm genähert hatte. Erst als er sich von demselben berührt fühlte, und die leisen Worte: Bist du es, Alfred? vernahm, ward er aufmerksam. Bist du es, Alfred? wiederhohlte die Erschei. nunz. Zetzt erkannt- Alfred die Stimme, und stürzte mit dem kauten Ausruf: o mein Vater! mein Vater! dem alten von Willingen ans väterliche Herz. Der Vater war es wirklich. Nahe an dem Gra- heshügel hatte er auf einem Rasensitz- den Abend in traurigen Betrachtungen über das Schicksal seines Sohnes zugebracht, und war eingeschlummert. Von dem lauten Gebethe des Sohnes geweckt, näherte er sich leise der Linde, und glaubte die Stimme Alfreds zu erkennen. Brust au Brust lagen Vater und Sohn einige Augenblicke lang; ihre Thränen flößen; Alfred stürzte guf seine Kniee, und bath um Verzeihung. Das vä> terliche Herz verzieh. Emanuel von Willingen schloß den Verlornen, aber glücklich wiedergefundenen Sohn in seine Arme, und dieser erneuerte am GrabeShügel sein gethanes Gelübde, daS Gelübde, auf den Weg der Lugend zurück zu kehren, und denselben nie wieder zu verkästen. In NiedcrfelS wurden Alfreds Angelegenheiten ins Reine gebracht, und alle zurückgelassenen Schulden sogleich getilgt. An der Seite des Vaters und eines —( 333) geschickten Lehrers bildete sich Alfred in dem väterlichen House weiter aus, und bezog hi.rauf die Universität, von der er mit einem reichlichen Schatze von Kenntnis, sen und Einsichten, und einem wackern festen Charak- ter, zurückkehrte. Nie irrte er wieder von der Bahn deS Guten ab. Thätig für das Wohl seiner Brüden bekleidete er mit Ruhm eines der wichtigsten Staats- Lmter. Zm Alter zog er sich auf den Wohnsitz seiner Familie zurück, und besuchte oft die Stätte, auf welcher Vater Und Mutter ruhte. Eines TageS fand man ihn todt am Grabeshügel unter der Linde. Ein plötzlicher Schlag hatte seinem gemeinnützigen Leben ein Ende gemacht. Man begrub ihn an der Aclkern Seite, und so beschattet jene Linde dem Ruheplatz dreyer Edlen. Glatz. Nutzen der Sanftmuth. Karl und Fritz saßen in der Laube vor dem Hause und wanden einen Kranz zum Geburtstage ihres Vaters. Es fehlten noch Blumen, und Kart ging in den Garten, noch einige zu Pflücken. Zn der Eile vergaß er aber beym Herausgehen die Gartenthüre wieder zuzumachen. Die Folgen dieser Nachläßigkeit waren für den armen Fritz sehr traurig. Als er eine Stunde nachher in den Garten kam, fand er auf seinem kleinen Beete, das er selbst umgegraben und bestellt hatte, eine Menge geschäftiger HS- ( 334) ner versammelt, welche sich emsig die Erbsen, die erst vor kurzem gelegt waren, aus dem lockern Erdreiche Hervorkratzten, und begierig verschluckten. Alle seine süßen Hoffnungen einer reichen Ernte waren nun auf einmahl verschwunden; traurig stand er einige Äugend blicke da und konnte sich kaum der Thränen enthalten. Jetzt kam Karl. Fritz zeigte nicht den geringsten Un- willen gegen ihn, sondern klagte ihm nur seine Noth in den rührendsten Ausdrücken, und bath ihn, in Zu. kunft bedachtsamer zu seyn. Karl wurde durch die SanftMuth seines BruderS im Innersten seiner Seele bewegt, ging sogleich aus, und kaufte für sein Taschengeld die besten Zuckererbsen, die er bekommen konnte, stand am folgenden Morgen sehr früh auf, bestellte seines Bruders Beet von neuem, und faßte wahrend der Arbeit den festen Vorsatz, die Zufriedenheit eines so guten, sanstmülhige« Bru-i ders nie wieder zu stören, M.- Schadenfreude. ES ist ihr schon recht geschehen! sprach Sketchen mit sichtbarer Freude, als sie von Fanny hörte, daß Karoliuchen auf einem Balle nicht viele Tänzer gefunden hatte. Das stolze, schnippische Ding hat immer die Nase zu hoch getragen, und geglaubt, sie ftp die Prinzessinn des Kaisers ron China. Nun hat —( 33F)— sie gesehen, daß die übrige Welt ganz anders von ihr denk!, und daß man von ihrer Hoheit keine so große Meinung hat. ES ist schon gut, wenn solche stolze Narren gedemüthiget werden. Du machst es aber auch gar zu arg, versetzte Fanny. Karolinchen ist nicht so schlimm als du vor« gibst. Sie besitz! etwas Eitelkeit, aber welches Mad» chen ist frey davon? Manche gute Eigenschaften kann man ihr nicht streitig machen. Sie ist gefällig.— Was? gefällig? rief Fiekchen. Denke dir nur, letzthin schicke ich zu ihr und lasse fie um ihre Zitier, nadel bitten. Glaubst du, daß sie mir sie schickte? Sie hätte sie dießmahl selbst nöthig, ließ sie mir sagen. Und dem war wirklich also, erwiederte Fanny. Karolinchen hat es mir kurz darauf selbst erzählt, und es bedauert, daß sie dir nicht gefällig seyn konnte. Sie war zu einem Gastmahle eingeladen, hatte bereits die Zikternadel aufgesteckt, und konnte sie nicht mehr her. geben, wenn sie ihren Schmuck nicht andern wollte, wozu keine Zeit war. Rede du, wasch» willst, sprach Fiekchen. In meinen Augen bleibt sie ein ungefälliges Mädchen. Doch das hätte ich ihr noch hingehen lassen. Aber letzthin hat sie wich stark beleidigt. Wir waren bey Willibalds mit einander in Gesellschaft- Wir spielten und tanzten. Glaubst du, daß sie sich die Mühe ge. nommen hätte, mit mir zu reden. Nur abgebrochene Worte sprach sie mit mir. Liebes Fiekchen, versetzte Fanny, du verlangst aber auch zu viel. Beym Spiele ist es ja nicht möglich, viel zu sprechen. Nein! nein! evtgkgnete Fiekchen, ihr Hochmu:!- war Schuld daran, daß sie gegen mich so stumm chae. —( ZZ6)— Zch war ihr zu gering; sie schämte sich, mit mir vU zu sprechen. Und dann hättest du seh--n ollen, wie schön sie beym Tanze allen that. Zch konnte sas nicht * über mein Herz bringen; denn ich bin keine Schmrich. lermn. Was geschah? Zch blieb sitzen, sie aber tanzte in Einem fort. Mißtrauisches Mädchen! versetzte Fan^,y. Karo. linchen ist gewiß auch daran unschuldig. Du weißt/ sie tanzt sehr gut. Du hast deine Tanzstunden noch nicht lange angefangen. Schon gut! schon gut! rief Fiekchen. Ich freue mich herzlich, daß es ihr auf dem Balle nicht besser gegangen ist. Sie soll es auch fühlen, wie sieh es thut, wenn man übersehen wird. Fanny ging bald fort, und tadelte im Herzen Fiekchens schadenfrohes Gemüth. Wasfüre-ne häßliche Sache ist doch die Schaden freu. d e, dachte sie bey sich, sieraubt dem Menschen alle Liebenswürdigkeit und macht ehtt blind und ungerecht gegen andere. Fiekchen aber freute sich in Einem fort darüber, Laß Karolinchcn auf dem Balle gedemüth-gt word n sey, lief zu ihren sogenannten Freundinnen, und erzählte ihnen dieß mit sichtbarem Begnügen und manchen Zusätzen. Wie sehr verdroß es sie aver, als sie hörte, Karolinchen ley deßhckb nicht zum Lanze aufgefordert worden, weil sie sich gerade nicht wohl befand, was die meisten Tänzer wußken. Nicht lange darauf bekam Fanny ein neueS lrlla» farbenes Kleis, das ihr nicht übel deß, Eines Sonn. tags kam sie m demselben w»e Fiekchen in einer Mäd. chengehUlchafr zusammen, Auch ine letztere hatte eist neues Kleid- und g>audr-, aller Augen würden nun -( 33/)- auf sie und ihren Anzug gerichtet seyn. Fanny hatte das Unglück, daß ihr Kleid besser gefiel, und daß alle Mädchen dasselbe dem Kleide Fiekchens vorzogen. Dieß raubte dem eitlen Fiekchen nicht nur alle gute Laune, sondern sie wurde auch im Herzen auf Fanny böse. Sie hat es darauf angelegt, mich zu verdunkeln, dachte sie heimlich. Die Gesellschaft begab sich in den Garten. Hier begegnete Fanny der Unfall, daß sie mit ihrem hübschen Kleide an einem Baumaste hängen blieb, und eS unken stark zerriß. Das machte sie bestürzt. Auch die andern Mädchen erschrackm, und bedauerten die gute Fanny. Fiekchen that gleichfalls mitleidig, und rief ein Mahl über das andere aus: Arme Fanny! schade um das schöne Kleid! Aber in Fiekchens Herzen lag der Schalk. Sie freute sich heimlich über Fannys Un- glück, und konnte ihre schadenfrohe Empfindung nur mit Mühe verbergen. Wer milchte gern an ihrer Stelle seyn? Wer findet ihre Schadenfreude nicht schändlich und verächtlich? Fiekchen war in der ganzen Stadt als ein scha- denfrohes Mädchen bekannt. Niemand liebte sie recht innig, und alle, die ihr Herz kannten, waren mißtrauisch gegen sie. Sie befand sich in einem Mädchen-Institute, ^hre Erzieherinnen hatten bald die böse Neigung ihres Herzens, sich über Anderer Unfälle zu freuen, wahrge. uommen, und sie liebreich ermähnt, sie zu unterdrücken. Ein edier Mensch, hieß eS, will allen wohl, und freut sich nur über das Glück seiner Nebcnmcnschen. Nur unedle, nieÄüge Seelen können sich über fremdes Unglück freuen. Aber solch- Vorstellungen machten auf Fiekchen k»'i° II. Band. D -( 338)- neu bleibenden Eindruck. Eines Tages gerielh sie mit MoNp über eine geringfügige Kleinigkeit in einen heftigen Streit. Eine Erzieherinn untersuchte die Sache und gab Mollp Recht. Fiekchen mußte schweigen, aber voll Rache schielte sie nach Mollp, und that so, als habe sie nicht übel Lust, dieselbe zu verschlinget^ Roch au demselben Tags wurde von dem Institute ein Spaziergang gemacht. Mvlly stolperte auf der Straße, und fiel der Lange nach hin. Mehrere Menschen, die rn der Nähe standen, erschraken über diesen Fall.- Die Erzieherinn, von der die Mädchen begleitet wurden, und diese alle Miethen in Bestürzung, sprangen hinzu, und suchten der arM-en Mollp aufzuhelfen. Nur Fiekchen blieb ungerührt; ja ste hatte sogar die Unverschämtheit, bey Mollps Falle höhnisch zu lachen, und dadurch ihre Schadenfreude zu äußern. Mit größtem Unwillen wurde dieß von der Erzieherinn bemerkt. Mollps Hände bluteten; auch an der Stirne trug sie eine Wunde davon, und daS ganze Institut kehrte mit ihr nach Hause zurück. Hier ver- sammelten sich alle Erzieherinnen, und nahmen herzlichen Antheil an Mollps Unfälle. Mit dem größten Unwillen vernahmen sie, daß Fiekchen so lieblos und böse gewesen ftp, und über Mollps Fall schadenfroh gelacht habe. Las ganze Znstimk ward zusammen gerufen. Fiekchens Benehmen wurde geschildert; alle sahen mit tadelnden Blicken auf sie, olle mißbilligten durch Worte und Geberden ihre schändliche That. Beym Abendessen mußte sie in einiger Entfernung von der Tafel stehen. Zn ihrem Halse hing eine Tafel mit den Worten: DerSchadenfrohe gehört nicht in die Gesellschaft guter Menschen. ( 339) Dieser Dorfall machte auf Fiekchen den tiefsten Eindruck. Unter Thränen versprach sie, in Zukunft auf ihrer Huch zu seyn, und sich vor der bösen Neigung ihres Herzens, vor Schadenfreude, in Acht zu nehmen. Dann wird man dich edler, dann wird man dich Mit mehr Freundlichkeit, Liebe und Vertrauen behandeln, sprach eine von den Erzieherinnen. Zn ihren guten Vorsätzen wurde Fiekchen durch einige unangenehme Vorfalle gestärkt, die ihr begegneten. Sie hatte aus öffentlicher Straße mehrmahls Unfälle, und wurde von schadenfrohen Gassenjungen belacht. Dieß schmerztest« sehr. Sie fühlte nun selbst, wie weh' es dem Menschen thue, wenn sein Unglück durch anderer Schadenfreue noch vergrößert wird. Es gelang ihr nach und nach glücklich, die Nei- gung ihres Herzens zur Schadenfreude zu bekämpfen, und seil dem erst war sie ein gutes, liebenswürdiges Mädchen. Glaß. DerRäuber- Halte nicht so gleich den, dessen Bildung dir nicht gefällt, fssr e i n e n B ö se wicht. Der Herzog von S**, einer der reichsten PairS von Großbritannien, war in London gewesen, und re:. sete auf eins seiner nahen Landgüter zurück. Er hat» ««niemanden beh sich, als den Kutscher und einen Be» N s ( 2äo) dienten. Er war noch nicht sechs Meilen von der Hauptstadt, und fuhr eben durch ein kleines Gehölz, als plötzlich sein Wagen von sechs Reitern umringt war. Zwey machten den Kutscher fest, zwey den Bedienten, und zwey besetzten die Schläge des Wagens, und hielten jeder dem Lord eine Pistole auf die Brust.„Ihre Brieftasche, Mplord!" sagte der eine von den Räubern, der ein abscheuliches Gesicht hatte. Der Herzog griff in die Tasche, zog eine schwöre Börse heraus, und reichte sie ihm. „Haben Sie die Gnade, Mylord! Zhre Brieftasche!" sagte der Räuber, der mit der linken Hand di^ Börse wog und mit der rechten den Hahn der Pistole spannte. Mylord blieb gesetzt, zog seine Brieftasche heraus, und gab sie ihm. Der Räuber durchsuchte die Brieftasche,«nd Mylord besah gelassen des Räubers Gesicht. Solche kleine starre Augen, eine so verschobene Nase, solche verzerrte Wangen, einen so blockenden Mund, und ein solches Vorgebirge von Kinn hatte der Herzog in seinem Leben nicht gesehen. Der Räuber nahm einige Papiere aus der Brieftasche und gab sie dem Herzog zurück. „Glückliche Reise" schrie er, und sprengte mit seinen Helfershelfern nach London zu. Der Herzog kam nach Haufe, untersuchte sein Portefeuille, in welchem er zweytauscnd fünfhundert Pfund an Banknoten gehabt hatte, und fand wider sein Vermuthen noch fünfhundert Pfund. Er freute sich über den Fund, erzählte die Geschichte seinen Freunden, und sagte zu allen:„Ich gäbe den Augenblick noch hundert Pfund, wenn ihr den Kerl gesehen hättet. Denn so kenntlich, als den, hat die Statur keinen Menschen zum «Liraßeuraubcr ausgezeichnet." ——(. 34^)^ Er hakt« die ganze Geschichte wieder vergessen, und war zwey Zahre darauf in London» als ep eines^Hor° gens mit der Pranypost folgenden Brief erhielt: Mplord „Ich bin ein armer deutscher Zude; der Fürst, des. ftn Unterthan ich war, saugte unS daS Blut aus, damit er Hirsche parsorsch jagen, und ihr Blut seinen Hunden zu lecken geben könnte. Zch ging mit fünf andern Juden nach Großbritannien, um mein Leben zu fristen. Ich war unlerweges krank geworden, und daS Fahrzeug, das unS vom Schiffe aus Land bringen soll, te, wurde vom Sturme umgerissen. Ein Mann, den ich in meinem Leben nicht gesehen hatte, sprang vom Ufer in die See, und rettete mich mit Gefahr seines Lebens. Er brachte mich in sein Haus, ließ mich warten und pflegen, und hielt mir einen Arzt. Es war ein WoUfabrikanL, der zwölf lebendige Kinder hatte. Zch wurde gesund, und er verlangte nichts von mir, als daß ich ihn bisweilen besuchen sollte. Ich kam einige Zeit darauf wieder zu ihm, und fand ihn sehr traurig; die Amerikanischen Unruhen waren ausgebro- chen, er hatte für achttausend Pfund Waare nach Boston geschickt, und die Kaufleute von Boston wollten nicht zahlen. Er gestand mir, daß in vier Wochen ein Wechsel auf ihn fällig sey. den er nicht zahlen könnte, und daß er ruinir« wäre, wenn er nicht zahlte. Zch hätte ihm gern geholfen, aber ich war es'nicht im Stande. Ich überlegte, daß ich ihm mein Lebe» zu danken hätte, und beschloß, es ihm aufzuopfern. Zch nahm die fünf Juden zu mir, die mir aus Deutschland gefolgt waren, und die mich alle lieblcn, wie ich sie. Wir legten uns zusammen an die Straße, die Sie pas. siren mußten, Myiord; und Sie wissen vielleicht noch, was Ihnen begegnet ist. Ich nahm aus Ihrer Brief, tasche zwcytausend Pfund, und in ihrer Börse waren einhundert und zehn. Ich schrieb einen Brief unter unbekanntem Nahmen, schickte dem Manne die zweitausend Pfund, die er brauchte, und sagte, ich würde es wieder verlangen, so bald ich wüßte, daß erS hüt» te. Ich rettete damahls den Mann, aber die Amerikaner zahlten nicht, und der Mann starb vor acht Tagen insolvent. Zum Glück gewann ich an dem nehmlichen Tage viertausend Pfund in der Staats»Lotterie, und hier schicke ich Ihnen mit Zmfen zurück, Mywrd, was ich Ihnen geraubt habe. Sie werden tausend Pfund darüber finden, diese geruhen Sie der F** schen Familie in S** zu schicken. Haben Sie die Gnade, sich bey dieser Gelegenheit nach einem armen Juden zu erkundigen, der ehemahls von ihr gewartet worden ist. Mit dem Uebcrreste gehe ich nebst meinen fünf Glaubensgenosse» nach Deutschland zurück, und will noch einmahl versuchen, ob man uns da leben laßt. Ich beschwöre Sie noch bey dem Gott meiner Vater, eS zu glauben, daß keine von unsern Pistolen geladen war, als wir Sie anfielen, Mylord, und daß keiner von unfern Hirschfängern aus der Scheide ging. Ersparen Sie sich vergebliche Nachforschungen; wenn Sie diesen Brieferhalten, sind wir schon einige Tage übers Meer. Der Gott meiner Vä'er erhalte Sie." Der Herzog ließ sich nach der Familie des Woll- fabrikanten erkundigen. Kein Wort im Briefe war erdichtet. Der Herzog schickt« der Familie alles, waS in dem Briefe des Juden lag, und versorgte fle nych oben drein. —( 342)— „Hundert Pfund geb'ich," sagte der Herzog oft, „wer mir das Gesicht des häßlichen Juden verschaffe, und tausend, wer mir den häßlichen Juden selber bringt." Der Schein trügt. Eleonore war die Tochter eines wohlhabende« Mannes, der mehrere Güter besaß. Zm Winter hielt ex sich in der Stadt auf, im Sommer lebte er auf dem Lande. Er hieß Friedrich von Reitze.n- stei n. Eleonore wurde vernünftig erzogen. Sie war verständiger und bester gesinnt, als die meisten Kinder reicher Leute. Daß ihr Vater ein begüterter Mann war, machte sie nicht stolz, daß er aber ein gar lieber, guter Vater war, darüber freute sie sich herzlich-— In der Stadt genoß Eleonore viele Freuden. Aber auf dem Lande gefiel es ihr noch besser. Kam das Frühjahr, so wuchs ihr- Heiterkeit. Mit Sehnsucht sah sie dem Tag entgegen, an welchem sie mit den Acltcrn die Stadt verließ, und auf eines von den Faurilieugütern des Vaters reiste. Herr von Reitzenstein lächelte immer über die Ungeduld, mit welcher Eleonore den gedachten Tag erwartete. Du bist sehr undankbar gegen die Stadt, b.. merkte er mit freundlicher Miene. Sie gewährt dir doch viele Freude. Du kannst hier mehr Besuche machen und bekommen, alS auf dem Lande. Du besuchst bisweilen ein Conzerte, dann und wann das Theater, ( 344) rrnd in den letzten Faschingen ein Paar Mahl die Rs- doute. Alle diese Freuden kannst du nur in der Stadt genießen. Und doch ziehst du ihr das Land vor. Das heiße ich undankbar! Eleonore wußte wohl, daß es der Baker mit sol- chen Bemerkungen nicht ernstlich meine. und daß er selbst für das Land mehr eingenommen sey als für die Stadt. Indeß blieb sie keine Antwort schuldig. Die Stadthal auch ihre Freuden, sagte ste mehrmahls, aber besser ist besser. Villen wird es freylich scheinen, als wenn das Stadtlcben dem Landleben weit vorzuziehen fty. Aber der Schein trügt. In der Stadt gibts des Elendes genug. Freylich ist eS ein glänzendes Elend; aber Elend bleibt eS doch. Ich lobe mir das Land. Ich lobe GotteS frey e Natur. Was stnd Bälle, Schauspiele und Conzerte gegen die be- blumten Wiesen, gegen dir anmuchigen Thaler und Hügel, gegen die stHreichen Teiche, gegen die Wunder der Schöpfung, die man nur auf dem Lande in ihrem ganzen Umfange mit Herzlichkeit und ungestört genießen kann! Aufs Land, aufs Land, da steht mein Sinn So einzig, ach! so einzig hin! Da lebt sichsgut, da lebt stchS froh, Undnlrgends, nirgends lebt stchs so! Herr von Reitzmstein hörte mit inniger Freude der Tochter zu, wenn fle so sprach. Oft drückte er sie mit väterlicher Liebe an sein Herz, und nanntest- seine Freude, seinen Stolz, sein höchstes LebenSglück. Thalfels hieß daS Gut, auf welchem sich Herr von Reißenstein am liebsten aufhielt. Es lag in einer unmuthigen Gegend, und die Bewohner des OrteS waren ein sehr guter Schlag von Mensche». Auch Eleo, -(34z)— noren grß«! es in Thalstls am besten, und für sie war es immer die freudigste Nachricht, wenn es hieß: die, stn Sommer werden wir in Thalfels zubringen. Eleonore war mit den meisten Bewohnern dieses Ortes bekannt, und von ihnen herzlich geliebt. Nur Gin Mensch halte für sie so viel Widriges, daß sie ihn nur ungerne anblickte, wenn dieß geschehen mußte. Mit aller Sorgfalt vermied sie es, ihm zu begegnen, oder mit ihm irgend wo zusammen zu treffen, Er hieß Adam Walren, und mochte in stimm achtzehnten Jahre stehen., Mehrmahls horte der Vater Eleonoren über diesen jungen Menschen ungünstig urtheilen. Er billigte dieß nicht. Du bist doch sonst sehr gerecht und menschenfreundlich, sprach er einige Mahle zu ihr. Wie kommt es, daß du den Adam Walten so strenge richtest? Ach, Vater, antwortete Eleonore, ich weiß nicht, warum mir dieser Mensch so sehr mißfällt. Er hat mich nie beleidigt, aber ich kann ihm nicht gut seyn, ich kann kein Vertrauen zu ihm fassen. Sein Gesicht verräth nichts Gutes. Er scheint mir ein schlimmer, tückischer Mensch zu seyn. Meine Tochter, versetzte der Vater sehr ernslhaft, du hast mit wetzen Worten sehr viel gesagt. Ich wünsche, daß sie gerecht seyn mögen. Eleonore gerickh in einige Verlegenheit. Sie suhl« te es, daß sie über Adam Walten sehr Hort,-vielleicht allzuhart gEtheilt habe. Das Blut stieg ihr in die Wangen, und sie verstummte. Nach einigen Tagen erzählte Herr von Reitzrnstein Eleonoren, daß er sich um Adam Walten genauer er. kündigt, und erfahren habe, daß er ein thätiger, ehr» llcher und sehr dienstfertiger Mensch stp. -(346)- Eleonore wollte etwas dagegen sagen, und fing wieder an, von seinem Gesichte zu spreche«. Aber der Vater unterbrach sie. Nach so etwas beurtheilt man den Menschen nicht, sprach er. Der Schein trügt. Eleonore sagte weiter kein Wort. Nach einigen Wochen scherte Eleonore ihren Nah. menstag. Das junge Volk von Thalfels versammelte sich auf dem Edclhofe, und brachte ihr Glückswünsche, Blumensträuße und Kränze. Auch Adam Walken war zugegen. Auch er reichte Eleonoren einen Strauß. Aber sie that so, als bemerkte sie ihn nicht, wendet? sich schnell um, und Adam konnte sein Geschenk nicht anbringen. Dieß schmerzte den jungen Menschen sehr. Er hatte schon sonst bemerkt, daß Eleonore ihm nicht gewogen sey. Seinem Herzen that dieß außerordentlich weh, denn er war ihr mit ganzer Seele ergeben. Heute wollte er sie aber für sich gewinnen, und freute sich schon lange auf diesen Tag. Mit oller Sorgfalt hatte er die schönsten Blumen des Gartens und Feldes gepflückt, und sie mit vieler Kunst zu einem Strauße gebunden. Mit einigen herzlichen Worten wollte»r ihr diesen überreichen. Wie schmerzhaft mußte es für ihn seyn. daß Eleonore sich mit solcher Hafiigkeit voy ihm wegwandte. Er fühlte eS wohl, daß sie dieß absichtlich gethan habe, und seine Betrübniß darüber war so groß, daß sich Thränen in seine Augen drängten« Mit Kummer und Schmerz verließ er den Edelhof. Eine Woche darauf ging Eleonore mit ihrer Gouvernante spazieren. Sie war ungemein heiter und munter. Fröhlich hüpfte sie über grüne Wiesen nach einem der Teiche. Hier mußte sie über einen schmalen Steg. Sie wollte schnell hinüber. Unglück« -( 347)— sicher Weise verlor sie daS Gleichgewicht, sind fiel in den Teich, der schon an seinen Ufern von beträchtlicher Tiefe war. Die Gouvernante erschrak aufs heftigste. Sie erhob ein großes Geschrey. Eleonore suchte sich über dem Wasser zu erhalten. Vergebens! sie sank immer ftefer. Das Geschrey der Gouvernante dauerte fort, und wurde immer heftiger Adam Walten befand sich in der Nähe. Er hörte das Geschrey, und lief nach dem Teiche zu. Kaum vernahm er das Unglück, so sprang er in den Teich. Er konnte nur ein wenig schwimmen, aber eS schien ihm Pflicht, zu versuchen, ob er Eleonoren retten könne. Gott stand dem braven Züngling bey. Er faßte Eleonoren, und zog sie glücklich anS Ufer. Aber es war bereits Wasser in ihren Mund gedrungen. Sie schien halb todt. Watten nahm sie in den Arm, und eilte mit ihr nach dem Edelhoft. Hier gerieth alleS in Aufruhr und Bestürzung. Der Arzt eilte herbey. Alle Mittel wurden angewandt, die Unglückliche zu retten, und Gott segnete die Bemühungen. Eleonore erwacht- ins Leben. Nack einigen Tagen war sie ganz hergestellt. Wer wurde jetzt dankbarer gepriesen alS Adam Walten, Eleonorens Erretter! Als diese hörte, daß er sie, mit Gefahr seines eigenen Lebens, gerettet habe, war ihr Auge mit Thränen gefüllt, ihr Herz voll der edelsten Rührung. Ich habe Walten bis, he>- verkannt, ich habe ihn nicht für so gut gehalten, sprach sie. Er und Gott mögen es mir vergeben. Ach, y)ie sehr, wie sehr trügt der Scheits. ( 348) Adam Walken wurde auf den Edelhof gern» fen. Herr von Reihenstein und seine Frau dankten ihm sehr verbindlich für die Rettung ihrer Tochter, und machten ihm mit einem großen, fruchtbaren Acker ein Geschenk. Auch Eleonore ließ ihn vor sich kommen. Ihre Thränen flössest, als sie ihm dankte. Das that Wal- tenS Herzen»»gemein wohl. Er weinte, gleich einem Kinde. Seine Thränen waren Thränen der Freude über Eleonorens freundliches Benehmen gegen ihn. Groß war das Geschenk in Waltens Augen, das ihm die Herrschaft gemacht hatte, und der ganze Ort pries ihn deßhalb glücklich. Aber mehr Freude als der Acker"machte ihm Eleonorens Freundlichkeit, mit der sie ihn behandelt hatte; denn Walten hatte ein weiches, gutes Herz. Von nun an erschien Adam Eleonoren in einem ganz andern Lichte. Nie hätte ich geglaubt,? sagte sie oft, daß in diesem Menschen eine so liebe, gute Seele wohnen könne. Das laß dir für immer zur Lehre und zur Warnung dienen, bemerkte der Vater. Die Nachtigall ist äußerlich nicht schön, aber sie singt trefflich. Mancher Mensch hat einen unansehnlichen Körper, aber eine schöne Seele, ein gutes, frommes, liebenswüdiges Herz. Der Schein trügt, und darum urtheilt der gute verständige Mensch nicht nach dem Aeußer» lichm, sondern nach dem Innern. Wenn Eleonore jetzt dem guten Walten begegnete, so war ihr dieß immer sehr angenehm; sie blickte freundlich nach ihm, und redete ihn oft mit vieler Güte an. Bisweilen schickte sie ihm auch ei» Ge- Wirk, und wenn fie jemanden aus dem Orte zu irgend --( Z49)— einem Dienste nöthig hatte, so ließ sie niemanden am ders rufen als ihn. AIS Eleonore in ihrem zwanzigsten Jahre stand, besuchten zwey junge Edelleute das HauS ihres Vs- terS. Der eine hieß Wilhelm von Sillingen, und war ein äußerst höflicher, zuvorkommender Mann. Der andere— Eduard von Braunfeld— war sehr ernst, und sprach in Gesellschaften sehr wenig. Sillingen bezeigte Eleonoren große Aufmerksamkeit. Er sagte ihr viel Schmeichelhaftes, lobte ihre Schönheit, ihren Verstand und ihr Herz, versicherte sie an manchem Tage wohl hundert Mal von seiner großen Hochachtung für sie, und schien sich über- aus glücklich zu fühlen, wenn er ihr eine Gefälligkeit erweisen konnte. Sein Wesen war immerfort freundlich und heiter. Luf Eleonore machte dieß allcS-den besten Eindruck. Sie war öon seiner Artigkeit fast bezaubert, und sagte oft von ihm: das nrnne ich mir einen fei. nen, galanten Mann. Weniger gefiel ihr Eduard von Braunfeld. Sein gesetztes, ernstes Wesen, seine Besonnenheit und seine Ungeschicklichkeit, jemanden etwas Schmeichelhaftes zu sagen, ließ glauben, daß er sehr wenig Gefühl besitze. Daher war auch Eleonore auf ihn weniger aufmerksam als aufWilhelm von Sillingen. Diese zwey jungen Männer bewarben sich zu gleicher Seit um Eleonorens Hand. Zeder wünschte sie zu seiner Gattinn. Eleonore schätzte bep-s, aber zu Sillingen hatte sie mehr Neigung. Sie sprach über diesen Gegenstand mit ihren Eltern sehr offen. Ihr Vater schüttelte den Kopf, als sie den jungen von Sillingen auf«ine übertriebet -( 350)- Weise«lobte und von Braunfcld mit etwas Gleich, gültigksit sprach. Meine Tochter, sprach der Vater, du weißt es: Der Schein trügt. Manche Men. scheu kommen uns äußerlich schlimmer, manche aber auch bester vor. als sie wirklich sind. Man muß daher — was ich dir schon oft gesagt habe— alles nach seinem Innern, nicht nach dem Aeußern beurtheilen. — Sill ingen hat ein angenehmes Aeußerliche. aber keine feste Denkungsart, und von seinem Herzen spricht man nicht zum Besten. Draunfcld hat in seinem Aeußern nicht viel Empfehlendes, aber er hat Verstand, Kenntnisse, Einsichten und ein treffliches Herz. Er ist kein geschmeidiger, aber ein männlicher Mann, und dieß sind die wahren Männer. Eleonore beherzigte die Worte ihres Vaters. Sie beobachtete beyde junge Edelleute genauer, und fand, daß Slllingen allerdings ein angenehmer Schwätzer, aber ein Mann von wenig Geist und Festigkeit sey. Dahingegen bemerkte sie bey Braunfeld fast mit jedem Tage eine neue gute Eigenschaft. Es stand nicht lange an, so bekam Herr von Rcißenstein eine Besuch von seinem Bruder. Eleonore hatte ihren Oncle viele Jahre lang nicht gesehen, und freute sich sehr über seine Ankunft. Ich gramlire, liebe Nichte, zum Brautstande! rief er ihr rngegen. Eleonore wollte ihn nicht verstehen. Ey» so zier« dich doch nicht, sprach der Oncle, ich weiß, du bist Braut. Ich hätte nur gewünscht, daß du einen bes. seren Bräutigam bekommen hättest! Aber so gehts, wenn man niemanden um Rath fragt. Ich hätte dir manches sagen können, das dir nützlich gewesen wäre- Nun ists zu spät.' —( 3ZI)" Eleonore versicherte, sie wisse nicht, was der Drille wolle. Sre sey koch keine Braut, und deß. halb habe sie ihn auch noch nicht um Rath fragen können. Wie? rief der Qncle aus, du bist wirklich noch wicht Braut? aber doch nahe daran, eine zu werden? Man wirbt um mich, versetzte Eleonore, aber ich habe mich noch nicht entschieden. Bravissimo! rief der Oncle aus, da ist noch Rettung möglich. Das Schäfchen kann noch dem Rachen des hungrigen Wolfes entrissen werden! So hör- mich denn an. Ich trete in dem nächsten Wirthshaus- von diesem Orte ab, und trinke in einem Winkel eine Lasse Kaffee. In demselben Zimmer toben dir einige Junkers herum, darunter denn auch der junge SiSin- gen. Schon lange kenn' ich den Zeisig als einen grossen Verschwender, einen falschen Spieler und den arg. sten Schwätzer von der Welt. Er kennt mich auch. Aber in meinen Neisekleidern erkannt' er mich nicht. Gegen seine Kameraden ließ er sich nun aus, er sey Bräutigam, du seine Braut, und er nahe daran, ein reicher Kavalier zu werden. Er heirathe dich, sprach er, aus vollem Halle lachend, bloss des Geldes w« gen. Du selbst wärest ihm sehr gleichgültig. Er machte sich über dich tüchtig lustig. Eleonorens Herz wurde bey diesen Reden heftig- angegriffen. Sie wußte kein Wort zu sprechen. Ihr Gesicht veränderte mit jedem Augenblicke die Förde. Was habe ich gesagt, sprach der Vater: Der Schein trügt'. Auf glatte Worte sollte man nie trauen. Sie sind glatte Stege über einen AdgttmS. War, stürzt von ihnen lcich* hinab-— —( L52)— Wenn nicht ein braver Freund uns festhält! ver. setzte die Mutter. und der Oncle klopfte ihr freund, lich lächelnd auf die Schulter. Falten sollst du mir nicht in den Abgrund, sprach der Oncle. Folge nur meinem Rache, und suche den Taugenichts Sil! lngen von dir zu entfernen. Eleonore versprach dieß. Des Abends erschien Sillingen. Er war un- erschöpflich in Schmeichcleyen gegen Eleonoren. Sie hört? sie mit Kälte und Verachtung an. AlS ste dieß einige Tage nach einander wiederhohlte, merkte Eil- lingen, was bey ihr vorgegangen war, und erschien seltener. Kurze Zelt darauf wurde Eleonore Braunfelds Braut. Sillmgea ließ sich nicht wieder sehe». Der wackre Adam Walten mußte mit bey der Hochzeit seyn. Er benahm sich recht ehrbar und zier. sich dabey, und fühlte sich unaussprechlich glücklich. Braunfeld machte Eleonoren wahrhaft glücklich. Das Sprichwort:„Der Schein trügt" hielt sie alle. zeit in Ehren. G la ß- Herr Sprslberg, oder der Schmeichler. Fast gegen alle Menschen stellte sich Herr Spiet- herz, als ob er sie sehr liebe und schätze, obwohl sein Hrrz nichts davon wußte; vorzüglich betrug er sich —( Z53)— Hegen diejenigen so, welche sehr angesehene oder reiche Leute waren, und ihm bey Gelegenheit viel hätten nützen oder schaden können! Alles, was sie anginge das lobte und bewunderte er, und schien ganz entzückt darüber zu seyn. Vey jeder Gelegenheit, auch bey der kleinsten, wußte er eine Menge von Dingen zu sagen, wodurch er ihnen gefällig werden wollte— er wollte sich einschmeicheln. Hatte jemand ein neues Kleid an, so hieß es: ,,Q das ist ein-allerliebstes Kleid, was Sie da anhaben, werthe Madam, oder theurer Freund! Wie schön es Ihnen steht! Zn der That, Sie haben recht vortrefflich gewählt!"— War er bey jemanden zu Tische, so hatte ihm noch nie eine Suppe so gut ge. schmeckt, so hakte er in langer Zeit kein so schönes Rindfleisch, und keinen so zarten Braten gegessen, und keinen so herrlichen Wein getrunken.— Sprach je, wand etwas, und wenn es die gietchgülttgstet» Dinge waren, so bewunderte er das, er fand alles wahr, alles schön, und wenn jemand scherzte, so schien er über die vortrefflichen Einfälle gar nicht aus dem La-> chcn kommen zu können. Trug ihm jemand den klein, sten Dienst auf, so schätzte er sich deßwegen unendlich glücklich, und that, als würde er für den andern gern alles hingeben, waS er hätte, wenn es verlangt würde. Halte jemand einmahl einem Armen ein Paar Dreyer gegeben, so rühmte er seine Freygebigkeit und wünschte, daß alle Leute so wohlthätig seyn möchten. Selbst an den schlechtesten Leuten wußte er Tugenden aufzufinden, die er loben konnte. Wenn sie grob waren, so nannte er daS Aufrichtigkeit, und lob« te sie. H. Band. L So machte es Herr Spkclberg in allen Dingen, aber er meinte es doch niemahls so wie er sprach. Er wollte nur hohen, daß ihn die Leute rech! oft zu^ Tische nöthigten, oder sonst ihm dienen sollten, wo sie seinen Ruhen befördern konnten. Es gelang ihm aber doch nicht an allen Orten. Bey einigen ekeln und stolzen Leuten war er sehr wohl und gerne gesehen, aber die andern verachteten ihn als einen falschen Menschen, und er verfehlte also doch größtentheils seine Absicht, auf diese Weise beliebt zu werden. Ja einigemahle begegnete es ihm, daß er von mehrere, Leuten wegen seiner Schmeichcleyen getadelt wurde. „Herr, was hilft Ihnen alles das Loben und Bewundern, und die Kratzfüße und die Komplimente sagte ihm einmahl ein alter, aufrichtiger Mann.„Sie werden höchstens nur Narren damit betrügen!— Zch bin so alt geworden, aber ich haöe noch niemahls gesehen, daß es ein Schmeichler mit seinen Künsten lange getrieben hättet Z rz s a tz. Nicht nur andern, sondern auch den- jenigen, welchen er eigentlich geschmeichelt hat, die es gern hörten, wird der Schmeichler früh genug verächtlich denn aus welcher Absicht schmeichelt erk MUMM (355)- Traugott und Rosin e. Als ich in Weinen jünger« Jahren einmahl durch K.. reiset», kehrte ich bey einem Gürtler ein, welcher zwey Kinder hatte, einen Sohn und eine Tochter. Traugott, der Knabe, war ein freundlicher Mensch, der weder seinen Eltern noch sonst Jemanden etwas zu öeide that; aber er hatte einen übermäßigen Hang zu sinnlichen Vergnügen. Das hielt er allezeit für einen recht guten Tag, an dem er lange schlafen konnte, und, sobald er aufgestanden war, wünschte er Etwas zu genießen, das gut schmeckte. Durch Leckereyen konnte man ihn weit locken, und er ließ sich nicht verdrießen, zwey Stunden lang um eine süße Birne oder Feige zu betteln. Wenn er die freye Wahl hatte, ob er lieber spielen oder etwas Nützliches lernen wollte, so zog er gewiß allezeit das Spielen vor. Ja er war im Stande, sechs Stunden nach einander spazieren zu gehen oder Kegel zu schieben und befand sich recht wohl dabey. Wenn aber Komödie in der Stadt gespielt ward; wenn Soldaten durchmarschik» lcn; wenn geputzte Leute sich sehen ließen, oder wenn sonst etwas Neues vorging, so war er immer der erste Zuschauer. Auch Musik hörte er gern, und so oft im Gasthofe zum Tanze gegeigt ward, war Traugott dabey. Ernsthafte Beschäftigungen, die anhaltende Aufmerksamkeit oder Anstrengung der Gcmüthskräfte erforderten, waren ihm beschwerlich, und daher kam es auch, daß er in seinem cilsten Jahre noch sehr wenig nützliche Kenntnisse und Fertigkeiten besaß. Z 2 —( 356)— Seine Schwester Rosine war zwar über Ein Zahr jünger; aber sie dachte ganz anders. Aus dem Spiele machte sie sich wenig. AUeS, was einigen Nutzen brachte, war ihr lieber. Was gut schmeckte und schön aussah, warf sie zwar nicht weg; aber sie vergaß doch auch darüber die Arbeit nicht. Sie konnte weit besser schreiben alS ihr Bruder, und wenn in der Haushaltung nichts für sie zu thun war, so las sie in einem Geschichtbuche und suchte immer auszuweichen, wenn ihr Bruder sie nöthigte, mit ihm zum Spiele zu gehen. Hier habt ihr zwey Kinder von verschiedener Sinnesart. Welches von beyden gefällt euch besser? Zch habe nicht gehört, was aus dem Traugotk geworden ist; aber ich zweifle daran, daß er jemahls etwas Nützliches gelernt hat. Th i e m e. Wie gut es sey, sparsam zir seyn. Zwey von den Einwohnern eines in der Ernte durch den Blitz eingeäscherten Dorfs wurden von ihrer Gemeinde in die umliegende Gegend gesendet, für diese Verunglückten einige Beysteuer zu erbitten. Unter an. dern kamen ste früh Morgens aus den Hof eines wohl- habenden Landmannes. Sie fanden ihn vor dem Stalle, und hörten, als sie sich ihm näherten, wie er dem Knechte es ernstlich verwies, daß er die Stricke, -(Z57)- woran die Ochsen gespannt gewesen, über Nacht im Ncg"n am Pfluge gelassen, und nicht ins Trockne gebracht hatte.„O weh! der Mann ist genau, sprach einer zum andern, hier wird es nicht viel geben!'' Nun wurde der Herr des Hofs die Fremden gewahr, und indeß er mit ihnen in sein HauS ging, erzählten sie ihr Unglück, und brachten ihr Begehren vor. Groß par ihre Bewunderung, als er ihnen bald ein ansehnliches Geschenk an Gelde gab, und noch versprach» eben so viel an Saatkorn der verunglückten Gemeinde zuschicken. Ja, sie konnten in ihrer dankbaren Ruh- rung sich nicht enthalten, es ihrem Wohlthäter, während des Frühstücks, zu gestehen, wie seine Mildthätigkeit ihnen um so mehr unerwartet gewesen sey, da sie ihn wegen des vorhin um eine Kleinigkeit dem Knecht ge» gebenen Verweises, für sehr genau gehalten hätten. „Lieben Freunde! war seine Antwort, eben dadurch, daß ich das Meinige jederzeit zu Rathe hielt, kam ich in den glücklichen Zustand, wohlthätig sey» zu können.'« R o ch o w, Philipp von Richmond, oder schrecklich? Folgen der Verzärtelung und Gpielsncht. Eine wahre Geschichte. Vor etwa siebenzehn Jahren lebt« in** ein Herr yynRichmond, der unter die reichsten Edelleute ( 353) dieser Gegend gehörte. Er hatte einen einzige,! Sohn« Philipp, der sich schon als Knabe durch seine ungewöhnlichen Talente auszeichnete. Sey es nun der Besitz dieser schönen Anlagen, oder der Umstand, daß Philipp das einzige Kind war, oder irrige Begriffe von Elternliebe, oder— was das wchrschemlichste ist— alles dieß zusammen, genug. Philipp ward von seinen ihn zärtlich liebenden Eltern auf die sanf-^ teste, liebreichste Weise behandelt, seine Wünsche, auch die kindischen und schädlichen, wurden mit zu vieler Nachgiebigkeit befriedigt, und der Sohn dadurch in hohem Grade verwohnn und verzärtelt. Bey dieser unweisen Behandlung war es naimltch, daß Philipp die größte Meinung von seiner Person faßte, auf an. bcre mit- Hochrmuh herabsah, sich seinen Begierden überließ, und durch jeden Widerssand, der ihm auf- pieß, nicht etwa zu kräftiger und entschlossener Besserung desselben aufgefordert, sondern erbittert wurde. Er wuchs zum zornsuchtigen, rachgierige'» Jüngling heran. UnauSgedilvet blieben die schönen Talente, unentwickelt dir edleren Kräfte, die in ihm lasen. Im Echooße des Reichthums überließ er sich der trägen Ruhe, begünstigt von der Hoffnung, daß er einst als reicher Erde auch ohne Kenntniß und Wissenschaft eis reichliches Aufkommen haben werde. Fröhute er nicht dem Müßiggänge, so strich er auf den Bergen und in den Wäldern herum, und verschwendete seine Zeit mit Jagen. Auch verfiel er aufS Spiel, und seine Lei. Herrschaft dafür wurde bald so heftig, daß er, der aus Widerstehen nicht gewöhnt war, sich derselben ganz überließ, Tag und Nacht am Spieltische saß, und beträchtliche- Summen drtsi veränderliche» Glücks ppftrte, -( Z59)— S-me Ausschweifungen nahmen überhand. Die guten, leider, nur zu guten, nachsichtigen EU-ru^' machten endlich aus ihrem Schlummer. sahm die üblen Früchte ihrer unw-iftn Erziehung, un' konnte» sich e§ nicht länger verhehlen, daß'-d-^u>yn auf die gefährlichsten Abwege gerathen ftp. Ach. si- sahen dieß nur zu spät ein! Philipp war benttS e.n undankbares Ungeheuer» das die übergroße ner Eltern mit Füßen trat, und sie dafür aus man- .nigfaltige Weift krankte. Schmerzlich- Thränen vrr- goß die zärtliche Mutier. bittre Klage» erhob der allzu gutmüthige Vater. Sie hatten eine Schlange ant Lüftn genährt, deren giftiger Biß ihrem Leben Gefahr drohte. Glücklich für die Mutter, daß sie von dem Tode av- gerufen, und so noch°°r den Zammerftenen w e.n anderes Leben versetzt würd-', welche bald nach ihrem Hintritte das Glück zweyer Familien auf eine schreck. lich-Art vernichteten.. Herr von Richmond glaubte, zu den Ausschwe,. fungsn seines bereits erwachsenen Sohnes nicht^langer stillschweigen zu können. Er lies ihn m seur r-rmmer kommen/hielt ihm seine Derirrungen vor, verw.eö„e jhm mit väterlicher Strenge, und ermähnte>yn m el. nem ernsthaften Tone. sich zu b-ffern.- Der Nuch- loft glaubte sich dadurch auf die empsiM.Hst- Weise beleidigt; auch sein Vater sollte ihm nichts sagen, er gerietst in den heftigsten Zorn, und wurde zu einer Handlung hingerissen, die jedes unverdorbene Gemüth mit Abscheu gegen ihn erfüllen muß. Er gr-ff nehm- kick— in einer Art von Raserey— nach einem Dolch, sprang zu dem Bildnisse seines Vaters, das an der Wand h.ng, riß es herab, und zerstach-s vor den Augen b-S Vaters. Erstarrt vor Schrecken stand ->( z6o)-- h-cser da. Sein Herz blutete. Seine große Liebe hatte ihm einen Mörder erzogen. Der Gedanke, das Ungeheuer von Sohn könnte sich wohl an ihm selbst vcr. greisen, weckte ihn aus seiner Erstarrung. Er entfernte sich eiligst,— der Vater entfloh vor dem Sohn. Es wäre überflüssig, den traurigen Seelenzustand zu schildern, in welchen der unglückliche Vater durch diesen Frevel des ungerathcnen Sohnes versetzt wurde. Langer konnte er den Rasenden unmöglich in seinem Hause dulden. Nach zwey Tagen zahlte er ihm sein Erbtßeil auS, und befahl ihm, das väterliche Haus auf immer zu verlassen. Zum Abschiede sagte «r mit Rührung noch die Worte zu ihm: Gehe hin. Unglücklicher, und bessere dich, sonst kann dir leicht das widerfahren, was du an dem Bilde deines Vaters, verübt hast. Der nichtswürdrge Sohn, statt in sich zu gehen, und den gekränkten Vater mit Thränen und kindlicher Rene um Verzeihung anzuflehen, verließ mit Freuden das väterliche Haus, und war froh, daß er nun ganz sem eigener Herr sey, und mit einem ansehnlichen Ver, mögen nach Belieben schalten könne. Er miethete sich eine bequeme Wohnung, und überließ sich nun ganz dem Spiele. Zn dieser Stadt lebte eine rechtschaffene Familie, die in allgemeiner Achtung stand. Der Familienoalev hieß Traum und, und war ein Mann von dem die- derflen Charakter. Seine einzige Freude war sein Sohn Friedrich, ein guter, liebenswürdiger Jüngling, der bey einem Qnkle gleiches Namens als Kaufmanns» dicner stand. Unglücklicher Weise mochte dieser brave Jüngling die Bekanntschaft des durchaus verdorbenes -(361)- Philipp vr« Nichmond, der ihn immer starker an sich zog, und mit dem Gifte des Lasters anzustecken suchte. Der Umgang mit dem Bösewlchte hakte bald den nachtheiligsten Einfluß aus das Herz des jungen Trau» mund. ES währte nicht lange, so hakte ihn jener so sehr zum Spiele verführt» daß er an demselben mit, ganzer Seele hing. Bisher war Friederich'ein Muster von Ordnung und Pünktlichkeit in feinen Geschäften gewesen, jetzt wurde er mit jedem Lage fahrlässiger und endlich in hohem Grade liederlich. Sftcht nur die Nachte brachte er am Spieltische zu, auch am Tage schlich er sich aus dem Cowtoir des LmkleS-und befriedigte seine Spielsucht. Eine Verwirrung biethet der andern, ein Laster dem andern die Hand! AuS dem Spieler wurde bald ein unordentlicher Diener, auS dem Unordentlichen ein Betrüger! Der verführte Traumund verlor ansehnliche Summen, und sank zum Treulosen— zum Diebe herab. Unbegrenzt war deS OnklcS Zutrauen zu der Ehrlichkeit und Treue deS Neffen; der. bedamrnswür, dige Jüngling mißbraucht^ eS, und bestahl die Casse des treuherzigen MänneS. Eine- Tages hatte er, mit pochendem Herzen und unter lauten Vorwürfen des Gewissens, eine starke Summe entwendet. Mit dieser wollte er die darauf folgende Nacht das so wankelmü- thige, trügliche Glück von neuem im Spiele versuchen. Er kam mit dem jungen Nichmond zusammen. Es wurde stark gespielt, und der unglückliche Traumund verlor die ganze entwendete Summe. Dieß brachte ihn zur Verzweiflung. Gefoltert durch die Bisse deS Gewissens, das noch nicht ganz unterdrückt war, und jetzt in seiner ganzen Stärke erwachte, geängstigt durch hzn schrecklichen Gedanken, daß er so tief gesunken fex^ ( 3SL) und niedergeschlagen durch den erlittenen großen Verlust, begab er sich nach Hause. Furchtbare Bilder umschwebten ihn, und brachten den Unglücklichen in einen Zustand, der dem Wahnsinne glich. Kein Schlaf kam in fein Auge; er durchwachte die wenigen noch übrigen Gründen der Nacht in der schrecklichsten Ge» mükhslage. Der Tag brach an; die Sonne stieg empor; die Natur erwachte zu neuem Leben. Ader Traumund fchl-e dieß nicht; ihm leuchtete die Sonne nicht mehr wie sonst Freude ins Herz; denn dieses Herz war nicht m,-hr unschuldig, ihn weckte die neuauftedende Natur zu keiner Theilnahme, und der anbrechende Tag verscheuchte nicht die finstre Nacht, die in seinem Zn« nern lag. Du bist zum Verbrecher herabgesunken! das unbegrenzteste Vertrauen hast du auf eine schändliche Art K gemißbraucht! du bist keiner Liebe, keiner Achtung mehr würdig. Diese Gedanken schwebten seiner Seele gleich furchtbaren Gespenstern vor, und erfüllten ihn mit Todesangst. In der Gestalt des Teufels trat sein Verführer, der junge Richmond, vor seinen Geist. Zhm fluchte das Herz deS Verführten, und cin*grLß!i!> cher Gedanke stieg in seiner Seele auf. Finster schlich Traumund herum, erwischte ein großes Lrcnschir-Messer, und schärfte eö an einem Steine. Der Lnkle sah es, und fragte, was dieß zu bedeuten habe?„Eh, ich will es heute recht scharf haben!" versetzte der Neffe und der redliche, alte Mann ging weiter. Mit Ungeduld erwartete Traumund die Nacht. Sie sollte das Maas t^er Vergehungen voll, und ihn zum furchtbarsten Verbrecher machen. Die traurig« Stunde rückt heran. Es ist Mitternacht. Lraumund kämpft mit der bessern Hoffnung, kämpft mit den letz. teu Gefühlen der geschwächten Tugend. Der Sieg neigt sich auf ihre Seite. Schon schlägt eS Eins; noch ist der gräßliche Vorsatz nicht ausgeführt; noch ist die Rückkehr auf die verlasche Bahn der Lugend möglich; es schlägt zwey, und der Unglückliche schwankt noch immer zwischen Reue und Verbrechen; ach, er ist zu schwach, er unterliegt der Macht des Lasters! Um drey Uhr begibt er sich, bewaffnet mit dem scharfen Messer, dlmdUrstend nach der Wohnung seines Verführers. Er findet si- verschlossen. Er pocht an, nennt seinen Warnen, und die Thüre wird ihm geöffnet. VerzweiflungsvoÜ rennt er an Äichmonds Bett. Schändlicher Verführer! ruft er schrecklich aus, zuckt das Messer, und durchbohrt die Brust deS Schlafenden, versetzt ihm mehrere Stiche in den Unterleib, und r-chret-hn gräßlich zu. DaS Blut des Ermordeten strömt nach der Wand, und besudelt den Mörder. Der Bedient« des ersten springt herzu, will seinem Herrn bepsichen, und wird von Lraumund auch auf eine fürchterliche Weise zerstochen. Mit wilder Elle floy nun der Mörder davon. Schon dämmerte der Lag, als er an dem Orte W. ankam, wo ein Beamter gerade im Fenster lag und tnS Frey- sah, was er alle Morgen zu thun pflegte. Zu seinem Schrecken erblickte er den jungen Lraumund, den er gut kannte, wie er, voll Blut, und noch tw- rmr mit dem Messer in der Hand, gleich einem Wahnsinnigen, durch se-ncn Hof lief. Der Beamte bebte bey diesem gräßlichen Anblick, und ahndete sogleich rjn Unglück. Schnell schwang ep sich auf ein Pferd, und sprengte in vollem Galopp nach der Stadt, um -( 364)- dock etwaS Näheres zu erfahren. Auf dem Wege be« Segnete er bald mehreren Häschern, die den Mörder verfolgten. Er kehrte nun mit ihnen um, und erzählte ihnen, was er gesehen hatte. Die Häscher verfolgten gleich die Spur des Verbrechers. Nicht weit von W.. erreichten sie eine einzelne Hütte, in die sie einkehrten. Hier fanden sie den jungen Mörder schlafend. Die Einwohner der einsamen Hütte hatten sich bey seinem Anblicke entsetzt, und ihn nicht hereinlassen wollen. Allein er hatte ihnen mit dem Messer gedroht, wofern sie ihm diesen Zufluchtsort verweigern würden. Die Häscher fesselten ihn auf seinem Lager, und brachten ihn nach der Stadt. Er soll gräßlich ausgesehen haben. DaS Gericht, welches das Verbrechen untersuchte, verurlheilte ihn( da gerade damahls die Todesstrafen in diesem Lande aufgehoben worden waren) zu einer lebenslänglichen Einkerkerung bey Wasser und Brod, und zu zweyhundert Streichen, die er jedes Jahr zu vier verschiedenen Zeiten erhalten sollte. Nur viermahl des Jahrs, wann nehmlich diese Züchtigung an ihm voll« zogen wurde, bekam er das Tageslicht zu sehen. Einige Jahre lebte der Unglückliche in diesem fürchterlichen Zustande, bis er, als Gerippe, eines Jahres unter den grausamen Schlägen seiner Züchtiger seinen Geist aufgab. Herzzerreissend soll das klägliche Winsele, des auf der Züchtigungsbank liegenden Sterbenden gewesen seyn. Der edelste Mensch, der brauchbarste Bürger des Staats wäre aus dem unglücklichen Jünglinge geworden, wenn nicht Spielsucht, angefacht durch einen in seiner frühen Jugend verzärtelten Nichts» würdigen, ihn auf die Bahn des Lasters hmgcriffeiz- hätte.— -(36z)- Kurz nach der Ermordung des Sohnes starb der alte Nichmvnd, aufgerieben von dem tiefsten Gram. Der redliche Onkie des Mörders soll noch leben. Der Schmerz dieser rechtschaffenen Familie über diese unglückseligen Auftritte läßt sich nicht beschreiben. Ueberflüssig wäre es, dem entworfenen Bilde von den schrecklichsten Folgen der Verzärtelung und der Spielsucht viele Erinnerungen beyzufügen. Der Leser frage dabey sein Herz; es wird ihm diese Erinnerun- gen geben; er folge nur der Stimme seines Herzens!— Glatz. »——, Die Spötterinn- „Kommt her, aber schnell! Seht, da geht er wie gravitätisch! seht, jetzt guckt er sich um! hahaha habt ihr die hochweise Miene gesehen, die er gemach Hai? paff! hahaha! da ist er gestolpert. So recht, Herr Philosoph! nur bedächtig einhergeschritten, und die Grillen ein wenig aus dein Kopfe getrieben, sonst liegen Sie einmahl, wisrin Sterngucker, der Länge nach auf dem Boden.— Nun er ist um die Ecke.— Schade, daß wir nicht länger diesen erhabenen Anblick genießen können!" So sprach Wilhelmine, die sechzehnjährige Loch. ter eines Edelmanns, zu ihren Schwestern, die um sie standen, und mit ihr über einen jungen Mann lachten, der eben von der Universität gekommen war, und, nach dem Urtheile allek Verständigen, ein gebiiderer, selbst« -(Z66)- denkender Kopf war. Er hieß Buchwald, und genoß die Achtung vieler wackern Männer. Wilöefmink» fehlte es nicht ganz an Mutterwitz, desto mehr aber an richtigem Verstände, und r-ock mchr att GAte des Herzens. Sie hatte von der Natur einen wohlgebauten Körper erhalten, in ihrer frühen Jugend aber zu wenig auf eine anständige, gute Haltung desselben gesehen, und war auf diese Weise schief geworden; die rechte Schulter stand höher alS die linke. Ihre Aussprache hatte fle gleichfalls vernachlaßigk, sie pspsts als ein Küchelchen, und oft war es schwer zu entscheiden, ob sie weine oder lache. Dabey besaß sie wenige Kenntnisse; ein Bißchen Naturgeschichte und Französisch war alles, was fle wußte; in weiblichen Arbeiten hatte sie eine nur unbedeutende Fertigkeit, und um die Geschäfte in der Küche bekümmerte sie sich fast gar nicht. Trat sie auch einmahl an den Herd,^rmd mischte sich ins Kochen, so konnte man mit Sicherheit darauf rechne«, daß sie etwas verderben, entweder die Suvve verfaltzen, oder das Ragout anbrennen lassen, oder sonst etwas bey einer Speise versehen werde! Dieß alles vorausgesetzt, sollte man glauben, Wil- helmine werde ihre Schwachen gekannt haben, und da. her desto geneigter gewesen seyn, die Unvollkommen- heiten anderer mit Geduld zu tragen, und mit Schonung zu beurtheilen. So verhielt es sich aber nicht. Sie besaß eine große Eigenliebe, einen Dünkel, der oft ins Unausstehliche fiel, und andere beleidigte. Dabey hatte sie die häßliche Unart, an andern nur die Fehler aufzusuchen, sie zu bekritteln und ins Lächerli. che zu ziehen. Spottsucht war ihr fast zur Natur geworden, und drückte sich auch deutlich genug in ihrem Gesichte gus. Wer nur einmahl ihren verzogenen Mund- -- f 367)"" wmket, ihr höhnisches Lächeln. ihre versteckten^Mick sah, mußte gleich von ihrem dosen Hange zum Spotte Überzeugt werden. Ihr Gesicht, das in ihrer Kindheit regelmäßig und hübsch war, wurde?n den spätern Jahren durch ihre Sxottsucht häßlich einstellt, und zu einer widerlichen Grimasse. Milhelm.ine befand sich übel, wenn sie nicht alle Tage ihren Hang zum Spötteln befriedigen konnte, um dieß zu können, schonte sie fast keines Menschen; die besten, edelsten von ihnen waren oft der Gegenstand ihrer anzüglichen Witzeleyen, und selbst ihre jüngste Schwester Euphrosine mußte von ihr viel leiden, weil dieses sanfte, sittsame Geschöpf in Wilhel- minens böse Unarten nicht einstimmte, und ihr zuweilen Vorstellungen über ihr tadelhaftes Betragen gegen andere machte. Sie gab ihr mehrere Spottnahmen, hieß sie bald„die weinende Prophetinn," bald„die Sittenpredigerinn," bald„die strafende Burgpfäffinn," bald„die düstre Nachteule> Ob sich Wilhelmine bey einer solchen Gemüthsart wohl befunden habe? fragt vielleicht manche Leserinn. Wie wäre das möglich gewesen? Spottsöcbiige Men» schen stoßen bald hier, bald dort an, machen sich verhaßt, und ziehen sich oft die kränkendsten Unannehmlichkeiten zu. So ging es auch Milhelminen. Diejenigen, die sie näher kannten, verabscheuten sie, und vermieden sorgfältig ihren nähern Umgang, und sogar ihre Freundinnen, die selbst Spötterinnen waren, beurtheilten sie hinter dem Rücken nicht zum besten, machten sich über ihren schiefen Körper, ihre pipftnde Sprache und ihre Wwissenhkit in so vielen Stücken lustig. Ver- (.368) trauen und Liebe fehlten ihr ganz, denn wer könnte eine Spottsüchkige mit Zutrauen und Liebe umfassen? Dieß alles merkte Wilhelmkne sehr wohl; es gab Stunden, wo sie sich darüber grämte; doch blieb sie die Alte. Um sich an den Menschen, die sich nicht, sowie sie wünschte, artig und freundlich genug gegen sie betrugen, zu rächen, nahm sie ihre Zuflucht zur Spöt. terey, suchte alles an ihnen auf, was lächerlich gemacht werden konnte, vergrößerte ihre Unvollkommen. Heiken und Fehler, ober dichtete ihnen welche an, und machte sich darüber lustig. Durch eine leidige lange Uebung brachte sie es dahin, daß sie die Stimme der meisten, ihren Gang, ihre Skeltimgen, kurz, ihr gan. zes äußerliches Benehmen vollkommen nachmachen konnte, und sich in dieser Hinsicht recht gut zu einer Eomödianlinn auf ein Kreußerkheatcr schickte. Buchwald, dessen bereits erwähnt worden ist, hakte bald nach seiner Rückkehr von der Universität Wilhelminerrs Vater besucht, und der Fräulein Loch. ter die schuldige äußerliche Ehrerbiethung erwiesen, aber es unterlassen, ihr die Hand zu küssen. Schon dieß brachte sie gegen ihn auf, noch mehr aber sein übriges Benehmen, daS er bald gegen sie zeigte. Er war ein Mann von Grundsätzen, und als solcher ein Feind von Schmeicheleien. Er betrug sich gegen Wll. helminen artig, schmeichelte aber nicht im geringsten ihrer Eitelkeit durch Lobspköche, die sie nicht verdien, te, welche sie aber von jedem Manne als einen gerechten Tribut verlangte. Als er Einiges mir ihr ge. sprachen hatte, bemerkte er gleich, daß ihre Bidung alltäglich, ihr Witz oft fade und ihr Herz zur Spott- sucht geneigt ftp. Das letzte machte einen unaugeneh, —( 369)— men Eindruck auf ihn, was er ihr nicht verbergen konnte. Als sie über diesen und jenen Mann Nachtheils urtheilte, nahm er sich mit Freymüthigksit desselben an, und trieb sie durch seine Einwürfe mehrmahls in die Enge. Diess olles mußte sie gegen den wackern Buchwald in hohem Grade einnehmen. Sie faßte eine enkschie, dene Abneigung gegen ihn, hieß ihn nie anders als den Philosophen, und suchte ihn so lächerlich zu machen als möglich. Ein halber Narr ist er schon, sagte sie, bald wird er ein ganzer werden. Tag und Nacht ützt er über dem Kant, und brütet über seiner Philosophie wir die Henne über ihren Eyern. DaS wird ein schönes Spectakel geben, wenn er ins Zr- renbaus eingesperrt wird, und dort in Ruhe ein nagelneues System der Philosophie entwirft. Dergleichen höchst abgeschmackte Reden erlaubte sich Wilhelmine mehrere gegen Buchwald. Einige da» von kamen ihm zu Ohren, er verachtete sie aber, und ging rubig seinen Gang. Nicht so nachsichtig wurde ihre Albernheit von dem jungen von Merthal, ei. nem Edelmanne von einigen zwanzig Zähren, aufgenommen, der Buchwalden kannte und innig schaßte. Er selbst war ein feiner, gebildeter Kopf, von bravem, rüstigen Charakter, sprach wenig, handelte aber desto mehr, und fand ein grosses Vergnügen darin. sich der gekränkten Unschuld mit Entschlossenheit anzu- nehmen. Als Merthal erfuhr, wie beleidigend Wilhelmine sich gegen Buchwald betrage, schüttelte er den Kopf, und sagte in etwas barschem Tone: Die unwissende Dirne. die! sie sollte sich selbst ansehen und oerkrie. chen! WaS will die über Männer urtheilen, die s>» U. Band. A a ( Z/o) Koch über ihr stchkn, daß sie sie mit ihren kurzsichtigen Augen nicht erspähen kann! Bey Gott! die erste beste Gelegenheit will ich ergreift»', ihr eine» Eps-egel verzuhallen, in dem sie sich ganz so sehen soll, wie sie ist. Mit solche» verkrüppelte» Seelen muß man nicht viel Wesens machen! Sonst bleiben sie ewig in ihrer Maulwurfsblindheit stecken und glauben, wer weiß was sie wären. . Merthal erklärte, baß es sein fester Entschluß sey, Wilhelminens böses Herz zu demüthigen. Die Gelegenheit dazu gab sich bald. Er wurde kurz darauf zu einem Balle gebethen, auf welchem der junge Adel der Stadt und der umliegenden Gegend, weiblichen und männlichen Geschlechts, zugegen war. Wil- helmine war auch darunter. Nachdem einige Menuets und Angloisen getanzt waren, machte man eine Ruhepause. Es wurden Erfrischungen gereicht, und im Saale herrschte eins ziemliche Stille. Bald aber wurde diese unterbrochen. Es rannte alles zu:u Fenster, an welchem Wilhelmine stand, und sah hinaus. Werth«! glaubte, es sey draussen ein Unglück vorgefallen, oder ein fremdes Thier zu sehen. Er ging hin und sah— Bu ch rv al- den vorbey gehen. Dteftr war es, der den Auflauf verursacht hatte. Wilhelmine halte ihn erblickt, und die andern Fräulein herpeygeruftn, sie auf den Philosophen aufmerksam gemacht, und ihren Witz spielen lassen. Merthal horte ihre aberwitzigen Reden, horte sie spöttisch den Nahmen Hhilvsoxh nennen, und konnte sich nicht enthalten» der heiüojen Spötterin» die WahrrM zu sagen. Ertauben Sie, Fraulein Wilhelmine, sagte er, daß ich Sie m Ihrer witzigen Vorlesung unterbreche'- —( Z?l)— Sie erweisen Buchwalden die Ehre, ihn zum Gegen, stünde Ihrer allerliebsten Einfälle zu machen. Sie nennen ihn einen Phtt0j0phcu, und glauben ihm da» durch recht wehe zu thun. Darf ich sie denn fragen, was sie unter einem Philosophen verstehen? Wilhelmine verfärbte sich, und gerieth in Verlegenheit, die dadurch, Laß alle Anwesende ihre Blicke auf sie richteten, so sehr vergrößert wurde, Laß sie stumm da stand als eine Salzsäule, und kein Work verbringen konnte. Sie dürfen sich nicht geniren, liebes Fräulein, fuhr Merchal mit einem satynschen Lächeln fort, der Nahme Philosoph ist Ihnen, wie ich auS guten Quellen weiß, so geläufig, daß Sie doch einen Begriff damit verbinden, und diesen uns leicht auS einander setzen werden. Nun, was ist denn nach Ihnen ein Philosoph? Wilhelmine suchte sich zu fassen, aber es gelang ihr nicht; sie stotterte: I nun— warum fragen Sie auch so? Sie wissen ja— das wissen ja alle— ein Phils— Philo— Philosoph ist— ist— ist— ein Mensch.— Ganz recht! versetzte Merchal, daß er kein gerupfter Hahn mir zwey Beinen sey, wissen wir andern freylich auch. Nur weiter Wilhelmine verlor jetzt alle Fassung- ihre Lippen zitterten— sie wollte erwaS sagen, vermocht' eS aber nicht. Mein liebes Fräulein, sprach jetzt Merchal in eindringlichem aone, ich si-ye schon, Sie werden uns die Erklärung schuldig bleiben; es ist ll..r, Sw> wisse nicht recht, was der gedachte Nahme, der bey Ihnen zu einem Spotttiahmm geworden ist, bedeute. Ich B« 2 ( 372') will es Ihnen sagen. Ein Philosoph ist so viel als ein Liebhaber, ein Freund der Weisheit. Steht Ihnen dieser schöne Nahme nicht an? Nun gut, Sie, Fraulein, sollen ihn nicht erhalten, wir wollen Sie eine Feindrnn der Weisheit nennen; daß Sie die- sen Ehrennahmen verdienen, haben Sie schon längst, haben Sie auch jetzt eben bewiesen. Der arme, ar- me Buchwald! dem bleibt der Nahme Philosoph! Freuen Sie sich, Fräulein, freuen Sie sich vom Herzen, der gottlose Mann ist nun auf ewig gebrand« markt Dieser fatprische Ton schnitt in WilhelminenS Herz tief ein. Sie nahm alle ihre Kraft zusammen und rief: Herr von Merthal, mit diesen Sottisen bleiben Sie zu Hause. Merthal veränderte jetzt den Ton und fuhr ernst» haft fort: Es thut mir leid, Fraulein, daß ich so zu Ihnen sprechen mußte. Erlauben Sie mir nur noch einige Worte. Ihre Spottsucht ist allgemein bekannt und verhaßt. Viele wackre Männer, Mädchen und Frauen hoben darunter gelitten. Viele, die hier anwesend sind, waren schon oft der Gegenstand Ihres HobnS. Ich will sie nicht nennen, um Ihnen Be, schämung, und jenen Verdruß zu ersparen. Sie schonen die besten, würdigsten Menschen nicht, und vergessen bey Ihren Krikteleyen ganz das Sprichwort: Kehre zuerst vor Deiner Thüre. Sie machen sich seit einiger Zeit über Duchivald lustig. Kennen Sie ihn denn?— Ich kenne ihn genauer, und kann Ihnen auf Ehre versichern, reist ein ganzer— Philosoph, das heißt, er ist ein silbstdenkend-'r Wann, kennt Wissenschaften, von denen Sie, Frgulein, vielleicht «och nie den Nahmen gehört haben, ist in seinem Fa» chc wohl bewandert und taktfest, und hat— daS merken Sie wohl!— einen rechtschaffenen Charakter, ein reines, edles Herz, das von keinem Falsche weiß. Das können Sie schon seinem Gesichte ansehen. Finden Sie darin nur einen einzigen Zug, der auf Verstocktheit oder tückische Spoklsvcht hindeutet? Wollte Gott! jedes Fräulein wäre iu seinen Geschäften eben so erfahren und geschickt als Buchwald in denjenigen, die sein Fach erfordert! Und so einen Mann können Sie zum Ziele ihreS Gespöttes machen? Daß ich Ihnen doch Ihren bösen Hang aus dem Herzen reißen, und dieses Herz reinigen könnte von den Schlacken, die es jetzt verunstalten. Merken Sie sich's, Fräulein! Sssokksucht entstellt die schönste Gestalt, und macht sie zur Grimasse; dies- Z-rrzestalt bleibt gewöhn, lich bis an den Tod, und macht den Menschen ver- dächtt-;; Spottsucht ist ekwaS Teuflisches, daS mächtig"zurückschreckt; Spsttsucht bahnt den Weg zulöte, len Lastern, und ist ein Gift, das Leib und Seele und Herz zerrüttet. Machen Sie sich loS von dieser Feindinn Ihrer Ruhe und Ihres Glücks. Werkhal war in Eifer gerathen, und sprach da. her— ganz gegen seine Gewohnheit— elwaS zu viel. Wilh-smimns Unwille löSic sich in Thränen auf; sie warf drohende Blicke auf Merchal, entfernte sich auS dem Saale, und kam nicht wieder. Die BallgeseM schaft verhielt sich einige Minuten stillschweigend, zerteilte sich dann, billigte im Herzen die Demüthigung, tzie der gewissenlosen Spötterinn widerfahren war, und begann von Neuem zu tanzen. Der Auftritt wurde in der ganzen Gegend bekannt und stark besprochen. Alle, die Wtlheiminms Bös. artigkeit kannken, behaupteten, ihr sey Recht gesche- .§ —( 374)— Heu, und wünschten nur, daß der Vorfall eine gute Wirkung bey ihr hervorbringen mochte. Auf den Baker der Spötterinn Wachte der Vor, gang einen andern Eindruck. Er glaubte sich in sei, ner Tochter beleidigt, und wollte in der ersten Hitze den jungen von M-wchal zu einem Z.yepkawpfe herausfordern. Allein ein guter Freund des HauftS machte ihm Vorstellungen dagegen, schilderte ihm Wlhelmi» nkns tadelhaftes Benehmen gegen Buchwald und andere Menicheu, nahm den Herum von Merchal in Schutz, und stimmte den Vater bald dahin, die Sache weiter nicht!» Anregungzu bringen, und das, was vorgefallen war, als eine heilsame Lektion für seine Tochter anzusehen. Einen Monath lang getraute sich Wilhelmine «ichk, in Gesellschaft zu gehen. Zn jedem, der sie etwas schärfer ansah, glaubte sie einen heimlichen Feind zu erblicken, der sich über ihre erlittene Schmach in. rrerlich freue. Auf diese Weise ward sie sich selbst eine grausame Quälen'nn, und konnte nirgends Trost und Beruhigung finden. Hätte Wilhelmine doch diesen unangenehmen Vorfall zu ihrer Besserung benutzt! Leider, war dieß nicht der Fall. Ihre GpSttsucht ließ sie immer noch nicht; sie hatte sich so sehr bey ihr eingenistet, daß nur ein sehr guter Wille und Beharrlichkeit sie auÄ ihrem Herzen v-rrreiben konnte; doch bepdes fehlte ihr, und sie blieb die alte Spötterinn, wurde mit jedem Tage bittrer und unleidlicher, und bestätigte die Wahrheit des Sprichworts: Jung gewohnt, alt gethan. Der wackre von Merchal lernte Mlhelmincns jüngere Schwester, Euphroflne, näher kennen; ihr Lcrsiand, ihre nicht gemeine Bildung, und besonders -( 3-5)— ihr- sanften, reinen Sitten, verbunden mit dem edel, sten Herzen. nahmen ihn für sie-in; er both ihr seme /.and, und sie wurde seine Gattinn, mit der er die glücklichsten Tage lebte. Auch die andern Schwestern bekamen nach und nach Männer, nur blieb sitzen.^ Schon näherte sie sich den Dreyßigen. und noch immer war sie, durch eigene Schuld, unverehelicht. Sie wurde als Hofdame der Herzoginn von N.. empfohlen, und erhielt diese Stelle. Ihre erste Erscheinung am Hofe machte nicht den besten Eindruck, besonders mißfiel dem Herzoge ihre Pbrsiogno. Wie so sehr, daß er nie Zutrauen zu ihr fassen konnte. Dieß entging ihrem geübten Blicke nicht, und brachte in ihr eine geheim- Abneigung gegen den Fürsten hervor. Ihr Hang zur Kritteler» und zum Spotte fand hier reichliche kNahrung, besonders>a sie bald die innigste Freundschaft mit einer andern grämlichen Hofdame schloß, die auch an demselben Fehler l-tt. Die. fer öffnete sie ihr Her; ganz, und gestand ihr unter andern auch ihre Abneigung gegen den Herzog. Die gute Freundinn plauderte das Kedeimuiß aus, und es kam dem Fürsten zu Ohren. Wilhelmine mußte mit Vchand und Spott den Hof verlassen, und wurde der Gegenstand allgemeinen TadelS. Si^nahm ihre Zuflucht zu der jüngsten Schwester, Euphrosine, die alles anwandte, ihre r pott- suchk zu schwächen, und sie aus den Weg der Tugend zu bringen. Alle Mühe war vergebens. Wilhelmine legte den bösen Fehler nicht ab. Da sie von niemanden geachtet und geliebt wurde, so warf sie einen Haß «uf Well und Menschen, wurde mit jedem Tag —( Z/6) grämlich?? und unerträglicher, und entstellte dadurch ihren Körper so sehr. daß sie in ihrem dreißigsten Zahre aussah wie eine ägyptische Mumie. Sie starb noch in diesem Zahre an einem Gallenfieber, und von ihr konnte man mit Recht sagen, daß sie von Aerger und Verdruß geködtet worden sey. Ihre Schwestern weiuken bey ihrer Beerdigung Thränen des M i t. leids; aber auch nicht eine Zähre der Liebe floß M» sie. Glatz, Gelegenheit macht Diebe. Es macht mir allemahl vieles Vergnügen, wenn ich zu einem meiner Freunde komme, und nicht nur e. als ich gegen neun Uhr von meinem Spaziergange zurückkomme. Indem ich betroffen nach jemand mich umiehe, d-n ich fragen kann,— bringt man den unglücklichen jungen. --( 383)-» Menschen geschloffen die Treppe herabgeführt!— Den» ken Sie meinen Schreck. Was gibsts denn? frage ich einen von den Leuten.— Zr hak gestohlen, antwortete man mir und will nichts gestehen! Ich bringe es so weit, d«ß man ihn noch nicht wegführt, eile zum Herrn— und hier höre ich dir traurige Nachricht: daß der Unglückliche an diesem Tage, eben jenem Bedienten, mit dem ich früh gesprochen hatte, zwey Species aus seinem Koffer entwendet haben soll, daß man bey Durchsuchung seines eigenen Koffer nicht nur die zwey Species, sondern viele andern Sachen gefunden habe, die er nach und nach dem Herrn, mir und seinen Kameraden gestohlen habe, daß er aber durchaus zu keinem Gesiänd- niß zu bringen ist, und er jetzt in Verwahrung gebracht werden solle. Ich entdeckte hierauf dem Herrn meine Vermuthungen, und beschwor ihn, den jungen Menschen nicht ganz unglücklich zu machen. Er versprach mir, ihm zu verzeihen, und wenigstens keinen entehrenden Abschied zu geben, wenn er seinen Frevel eingc- stiinde.— Froh sprang ich hinunter zu ihm, nahm ihn bey Seite, und drang so in ihn, daß er endlich erweicht wurde, und als ich ihm die Verzeihung des Herrn und «inen freyen nicht entehrenden Abzug ankündigte, wenn er alles eingestünde,— endlich unter vielen Thränen sein ganzes Vergehen gestand!— Er war, wie ich es vermuthet hatte, zum Spiel verführt worden, hakte nach und nach alles verloren, und da er sich nicht zu retten wußte, erst mich— dann den Herrn, und doch nur zuletzt— seinen Kameraden bestohlen!— Er mußte den Tag daraus aus dem Hause, und Gott sey Dank— ich habe em Zahr daraus ihn in Diensten einer andern Herrschaft als einen -(584)- ordentlichen Menschen loben höre»!— Aber, nun den. ken Sie sich, lieber Freund, wenn nun sein Herr sich nicht von mir erbitten ließ? wenn er ihn— wie es gewiß erfolgt wäre, in ein Zuchthaus bringen ließ? wenn dieser junge Mensch dadurch auf Zeitlebens entehrt und gleichsam zum schlechten Menschen gestempelt wurde?— Zch würde nie wieder ruhig geworden seyn, Aber sehen Sie hier zugleich die Ursache der von Ihnen oft so hoch gelobten Ordnung in meinem Hause!— Wohl Euch, lieben Kinder, wenn diese Geschichte auf Euch den Eindruck macht, den sie aufmich machte« Sft. Der stolze Conrad. Conrad, Eduards Bruder, war vielleicht noch geschickter, und wußte noch mehr, als dieser, auch diente er gern, und war gefällig, aber doch war er bey keinem so sehr geschätzt und geliebt. Conrad war stolz. Man konnte es an allem recht deutlich merken, dass er alles nur darum that, damit man ihn rühmen und loben sollte, und damit er vor allen andern den Vorzug bekäme. Wenn ein Knabe irgend etwas bess-rs wußte als er, so ärgerte er sich nicht wenig darüber, und that dann, als ob er das auch schon tangst gewußt hätte, er sagte auch wohl. daß er nur eben m Gedanken ge. weftn sey. und nicht recht darauf gemerkt habe. Im« mer rühmte er sich, wie viel er schon wisse, und kadel. te dann beyher auch, was andere Kinder wußten, und sprach mir verächtlicher Miene davon. Er erzählte dann auch den Kindern, wie ihn sein Baker und seine Tante gelobt hätten, und meinte, wenn er nur erst groß ftp, da würde er gewiß ein vornehmer Mann werden. Wenn jemand zu feinen Aeltern kam» so suchte er es immer so einzurichten, daß man ihn bemerken sollte. Er holte seine Bücher herbey, und las oder schrieb, oder lernte etwas, und stellte sich dann gewaltig nachdenkend. Wenn sie dann den kleinen Menschen bewmi. dcrtcn, und zu ihm sagten:„ey Contad, du kannst schon französisch?— Du machst schon einige Aufsätze dann freute er sich ungemeitt. Weil Conrad stolz war, so wollte er auch alles besser wissen und können, als andere Kinder, bey allen Spielen wollte er der Erste seyn, nnd die andern soll» ten sich nach ihm richtenund erwürbe böse, wenn sie das nicht wollten, und drohete, weg zu gehen. Mei. siens bekam er darauf keine angenehme Antwort:-,dir bist ein hochmüthiger Zunge, sagten dieKmder zu ihm, geh wohin du willst,"— Und dann ließet, sie ihn sie« hen. Zuletzt kam es dahin, dass fast niemand mit dem Knaben mehr umgehen wollte, so verhaßt hakte er sich gemacht, indessen sich alle an seinen Bruder hingen. Conrad nahm mit den Zähren an Kenntnissen und Geschickl-chkeitzu, aber sein Stolz und sein Eigcndün. kcl nahmen auch zu. Er tadelte und verachtete all-S, was von andern kam, er nannte das elend, verächtlich, sehr fehlerhaft, was sie thaten. und nun sagte er, wie er Dieses oder Jenes würde gemacht haben, und wie es eigentlich hälfe ftpn sollen. Darüber wurde er seil. Ban». B h —( Z86)— dem zuwider. Er hatte anfangs gemeint, man würde ihn überall suchen und ihm wichtige Stellen mit vielen Einkünfte» antragen, aber das geschah nicht. Er hat- te geglaubt. die ganze Stadt sollte sich um ihn drangen, und von seinen Kenntnissen sprechen; aber nie- wand bekümmerte sich besonders um ihn, und die ganze Stadt sagte:„der Mensch ist doch ein recht einge. bildet« Narr'.'' Eonrad, der anfangs glaubte, bah man ihn Mit Aemtern und ansehnlichen Stellen gleich überlaufen, und zu einem Amtmann oder Rath Machen würde, Mußte sich nun um Stellen melden. und sie wurden ihm abgeschlagen. Er meldet- sich nach und nach um immer kleinere und geringere Stellen. und erhielt sie ebenfalls nicht, indessen sein Bruder Eduard immer höher und höher stieg. Eonrad lernte aber immer seinen Fehler nicht ein. sehen. Er nannte die Menschen, unter welchen«r war dumme, einfältige Menschen, unwissende, verächtliche Narren, die keinen einsichtsvollen und geschickten Mann zu schätzen wüßten. Aber damit machte er es nur arger, und Comad hätte mit aller seiner Geschick, sichrere fast verhungern müssen, wenn ihn sein Bruder nicht unterhalten hätte. Zusah. Der Stolz, und wenn er wirklich man. ch-rlcy Gutes hat, erbittert und empört— jedermann erkennt nur ungern die Verdienste desselben an. L öhr- ( 38?) Wilhelmine und Rahel. „Ach» wenn mir doch die Zeit nicht so lang wür» he!" sagte Rahe! zu Wilhelmimn, da sie ihr einmahl auf der Gasse begegnete.„Weißt du mir denn gar keinen Rath zu geben, liebes Wilhelminchen?"- Wilhelmine. Ja! den weiß ich. Meine Mut, ier hat mir befohlen, in unsern Garten zu gehen und das Unkraut auszujäten. Wenn du nun lange Weile hast, meine Rah-, so komm und hilf mir jäten. R ah e l. Das scheint mir eben kein angenehmer Zeitvertreib zu seyn. Wilhelmine. Dafür geb' ich's auch nicht aus- aber es ist doch nützliche Arbeit. Rahel. Ey nun! wenn ich arbeiten wollte, so wäre ich zu Hause geblieben. Darum bin ich auS. gegangen, daß ich Jemanden zu finden gedachte, der mit mir spielte, oder spazieren ginge. Ist euer Gar. ten weit?— Wilhelmine. Eine halbe Stunde. Rahel. Nun, so will ich mit dir schlendern. Wir können wenigstens unterwegcs mit einander plau- dern. Ein- halbe Stunde hin, eine halbe Stünde, her! Mit der Manier vergeht mir doch eine Stunde. Wenn du nun gejätet hast, Wilhelmine, was wirst du alsdenn thun? Wilhelmine. AlSdann gehe ich nach Hause, und helfe meiner Mutter Kohlgewächse auslesen,. die sie morgen zum Verkauf schicken wird. Rahel. DaS sind ja ewige Geschäfte. Aber sagt mir nur in aller Welt, ihr Leute, da ihr so von Bb- einer Arbeit zur andern lauft; wann geht ihr denn da spazieren? Wilhelm ine. Spazieren? wie meinst du das? Äähcl. Ze nun, man kann doch nicht immer krumik fitzen, sondern muß sich zuweilen Bewegung wachet,, damit man nicht zusammen wächst. BilhelMine. Za. dafür ist auch gesorgt. Bald schickt mich meine Mutter in den Garten, bald auf daS Feld, bald auf die Bleiche, bald zu den Handwerksleuten, wo etwas zu hohlen oder zu bestellen ist; und so gibt es denn immer etwaS zu lau» fen. Wenn aber ja Nichts ist, so sind im Hause man» cherlcy Dinge, die ich verrichten kann. Da ist EtwaS zu waschen; da ist junges Vieh zu füttern; da ist eine Stube oder Kammer aufzuräumen und dergleichen. Lauter Arbeiten, bey denen ich nicht krumm sitze.. Folglich habe ich Bewegung genug, und brauche nicht erst spazieren zu gehen. Rahel. DaS geht wohl jetzt an, im Sommer;, aber in den langen Winterabenden kannst du doch nicht auf die Bleiche oder in den Garten gehen; ich dächte, da müßt euch die lange Weile zum Sterben plagen- Wilhe! mlne. Zch weiß in Wahrheit Nichts von langer Weile. Wir haben im Sommer so viel Zeic als ir.r Winter, und im Winker so viel Arbeit als im Sommer; nur mit dem Unterschiede, daß wir im Sommer mehr beym Sonnenlichte und im Winter mehr bey Lalgttchke arbeiten. Stapel. WaS macht ihr aber im Winter? Wilhelminc. Eine strickt, die Andere spinnt. Wenn meine Mutter nichts für die Haushaltung zu thun hat, so näht sie. —(389)— R«hel. Ader ich dächte, dir müßte doch bis. weilen die Lust zu spielen ankommen, wenn du deine Bruder spielen siehst. Wilhelm ine. Meine Brüder sehe ich fast niemahls spielen; denn sie haben auch ihre Arbeit. Heute rechnen sie, morgen schreiben sie; und wenn sie nichts Nützlicheres zu thun'haben, so üben sie sich in der Musik, oder lesen uns Etwas aus einem Buche vor;. Las hören wir Mädchen auch gern. Bey unS hat alles schon seine bestimmten Stunden, und, wenn diese vorbey sind, so gehen wir zu Bette, stehen am sorgenden Morgen früh auf, und fangen da wieder an» wo wir gestern aufgehört haben. So vergehen uns die Tage, wir wissen nicht, wo sie hinkommen. Rahel. Aber bey dieser unaufhörlichen Arbeit werdet ihr ja eures Lebens nicht froh. Wilhelmine. Gewiß mehr als du, oder nennst du das froh seyn, wenn dich der Müßiggang plagt» uud du vor langer W«le nicht weißt, wie du dir rathen und helfen sollst? Rahel. Nun, guten Tag, Wilhelminchen! Wenn ich keine Spi-lgeftSfchaft finde, so werde ich dich vielleicht in einer Stunde aus deinem Garten wieder abhohlen. Nun sagt mir, Kinder: Welche von diesen beyden Mädchen hat euch am beßten gefallen? An welcher Stelle wünschet ihr Wshl am ersten zu seyn. L h i e m e. —( S9<2)— Ehrevfels und seine Schüler. Herr Ehr enfels, ein würdiger Lehrer der Zu. zend, von vielen Kenntnissen und einem edlen Herzen, befand sich eben mitten im Kreise seiner Schüler, als an der Thüre des Lehrsaales angepocht, und von einem einfach gekleideten ältlichen Manne ihm ein Papier überreicht wurde. Ehrcnfels las einige Zeilen von dem Aufsätze, den das Papier enthielt, und sagte zu dem Manne, -er es gebracht halte: Geh' er, lieber Freund! nur «ach Hause und versichere er den Armen, daß ich mein Möglichstes thun werde. Als der Mann denn Saal verlassen hatte, bath der ehrwürdige Lehrer feine Schüler, ganz still zu seyn; er wolle ihnen, sagte er, etwas vorlesen, was ihrem Herzen gewiß nicht gleichgültig seyn würde. Zu dem Augenblick herrschte eine tief- Stille. Herr Eh- renfelS las den Aufsätze der auf dem eben erhaltenen Papier stand, laut vor: An Menschenfreunde, welche helfen können und wollen. Balthasar Ringk, wohnhaft in dem kleinen Dorfe Schivabhausen, ist ein Zimmermann und Vater von vier noch unerzogenen Kindern. Alle, die ihn kennen, geben ihm das Zeugniß, daß er ein rechtschaffener Mann sep, und daß er stets durch Arbeitsamkeit und Berufstreue sich die Zufriedenheit derjenigen erworben habe, die ihm Geschäfte übertrugen. Durch seinen Fleiß erwarb Ringk immer so viel, daß er immer seine Bedürfnisse befriedigen und für —()- Weib und Kinder gehörig sorgen konnte. Seine brav^ Frau gab ihm hierin nichts nach; sie verdiente durch ihre weiblichen Arbeiten manchen Groschen. Allem eS traf sie das Unglück, daß sie in eine gefährliche Krankheit versank. Ur Mann wartete ihrer treulich, allein dieß hinderte ihn in seinen Geschäften, und seine Einkünfte verminderten sich mit jedem L.age, un reichten endlich nicht mehr hin, die Arzneyen zu bezahlen. die der Kranken verschrieben wurden. Der Arzt, ein edeldenkender Mann, entschloß sich nicht nur. sie unentgeltlich zu kuriren, sondern er bezahlte auch den Apotheker. Dir Frau genas. Ihr Mann konnte nun sein Haus verlassen, und seine Geschäft- so treiben, nne ruvor. Doch das Unglück schien sich g-g-n ihn vcr, schworen zu haben. Bald nach der Genesung seiner Frau wurde er in die nächste Stadt gerufen, um dort bry dem Baue eines GebaudeS mit zu helfen. Da rraf ihn das traurige Loos, daß er von einem hohen Gerüste herabstürzte und seinen linken Arm brach.Auf einen kleinen Wagen brachte man thu des Nachm raas in seine Wohnung, wo seine Gattinn mit ihren ottr Kinder das Unglück des VaterS beweinte. Don nun an konnte Ringt nichts verdienen. Schon ssit einem Jahre wird an seiner sche.lt und noch immer ist sie nicht hergestellt. Alle Geschäfte rechen ins Stocken, die Ausgaben vermehr-n sich, k-it versetzt, einige Summen zu borgen. Es,st Hoff' nung da, daß er in einigen Wochen vöiltg hergestellt und im Stande ist. sein Handwerk zu treiben Alle.» seine Wirthschaft ist zerrüttet, d.e Last der E-ymd-n drückt ihn. und seine ganze Fam.I'- b-sindet sich auS —( 392)— diesen! Grunde fast immer in einer traurigen Gemüths» stiwmung. Edle Menschenfreunde könnten leicht durch thätige Unterstützung diesem Elende ein Ende, und einer rechtschaffenen, aber unglücklichen Familie das Leben wie, -er angenehm machen. O erwerbt euch dieses Ver» dienst, ihr, in deren Vermögen es steht, trocknet die Thränen der Verunglückten, unterstützt einen redlichen Mann, den treue Erfüllung seines Berufs in Armuth stürzte, verbreitet himmlische Freuden in dieser dürftigen Familie, und werdet ihre Engel. Euer Herz und das Herz vieler Redlichen wird euch dasstr segnen. Die vorgelesene Geschichte, besonders der Schluß derselbe«, rührte die meisten Schüler des würdige« Ehren fels bis zu Thränen. Kinder! sagte der Lehrer, solche Leidende sind unsrer Hülfe werth; sie zu unterstützen, ist heilige Pflicht eines jeden Menschen. Mir ist die Betteley sehr verhaßt, weis sie die Unverschämtheit und den Müßiggang befördert, und weil sich ihrer oft solche Menschen be- dienen, die noch Kraft in ihren Knochen haben und die durch ihrer Hände Arbeit sich sehr leicht ihren Un» lerhalt verdienen könnten. Aber wenn ein rechtschaffener Mann unsre Hülfe anfleht, der an seiner Ar- muth nicht selbst Schuld ist, der vielleicht gar bey der treuen Erfüllung seines Berufs verungiückte, dann gebe jeder, der was hak, er gebe so viel er kann und er gebe gern. Wißt ihr was, lieben Schüler! Fast alle von euch haben etwas Geld. Ihr könnt dieses nicht besser anwenden, als wenneihr davon einiges dem unglücklichen Ringt zukommen lasset. Doch zwm, gen will ich Niemanden dazu. ES steht jedem frey, ob? und was er beytragen will? Nach der Lehrstunde —( 393)-- können diejenigen, die etwas geben wollen, hier auf diesen Bogen hinschreiben, wie viel sie beizutragen geneigt sind. Als die Lehrstunde geendigt wär, verließ der Lehrer den Saal, die Schüler aber blieben dort. Einer ergriff nach dem andern die Feder und schrieb hin, wie viel>r zur Unterstützung der Ringkschen Familie bey- steuern wolle. Der eine trug zwey, ein anderer drey, ein dritter vier und einige acht Groschen bey. Nun kam. die Reihe an SiegrSmund Gabler. Alle waren neugierig, wie viel dieser wohl aufschreiben werde? Er war eines reichen Mannes Sohn, und in seiner Sparbüchse stecktest viele Louisd'vr. Zch wette, sprach einer, der ihn in Ansehung seines Charakters noch nicht kannte, Gahler schreibt einen Louisd'vr auf. Aber wie sehr erstaunten alle, da Siegismund das Papier weiter gab und in einem muchwilligeu Tone ausrief: Zch gebe nicht einen Heller! ha! ich bin kein Narr! Ist das dein Ernst, Gabler? fragten ihn Einige. Mein ganzer Ernst, erwiederte Siegismund. lachte spöttisch, drehte sich auf den Fersen herum, und verließ den Lehrsqal. Diese Gefühllosigsirit des jungen Kavaliers mußte natürlich Allen mißfallen. Zeder fühlte eine^rt von Verachtung gegen ihn. Und diese verdiente er auch. Was der rechtschaffene Lehrer, Khrenfels, von Sie. gismundm dachte, als er fein Betragen erfuhr, kann man sich leicht denken. SS schmerzte ihn sehr, unter seinen Schülern einen so gefühllosen Klotz zu haben. Zu- deß freute er sich auch, daß die meisten derselben edler dachten, und daß, außer Gablern, alls etwas zur Milde, »ung des Elendes einer braven Familie beygetragen hat. —( 394) E ten. Es kämm zwölf Gulden zusammen; er und seine eigenen Kinder legten eben so viel dazu; auch fanden sich noch einige andere Menschenfreunde, die, aufgefordert durch ihn, diese Summen um ein Beträchtliches vermehrten; kurz, Shrenftls war bald im Stande, dem unglücklichen Ring? fünfzig baare Gulden zu überschi. cken und ihm im Namen mehrerer Rechtschaffenen Trost zuzusprechen. Was das für Freude gab, als Ringk, unverhofft, diese Summe erhielt! wie Herzlich er mit Frau und Kindern seinen Wohlthätern dankte! O die Thränen hättet ihr sehen sollen, ihr edlen Seelen, die ihr ihn unterstütztet, die Thränen, die seine Familie weinte, als eure Beyträge dem braven Mann mit einem herz. lichen Briefe überreicht wurden. Wie hätte auch dir baS Her; gepocht, Siegismund! wenn du den innigen Dank hättest vernehmen sollen, welchen die Unterstützten gen Himmel schickten, und der euch galt, die ihr seine Wohlthäter wurdet! Ringk erhohlte sich, seine Hand ward völlig geheilt, und er war nun wieder im Stande, sein Handwerk zu treiben. Die meisten Schulden bezahlte er, und beftcpte sich dadurch von einer Last, die ihm einige Zeithindurch daS Leben sehr verbittert hakte. Sein HauSwesen befand sich bald in einem besseren Zustande, und überhaupt begann jetzt für ihn und seine Familie ein neues Leben. Daß er seinen Wohlthätern für ihre Unterstützung dankte, versteht sich von selbst; er war ja ein rechtschaffener Mann. Er that dieß in einem herzlich geschriebenen Briefe. Ohngefähr nach einem halben Zahre wollte Herr EhrenftlS seinen Schülern einen Spaß machen. Er kündigte ihnen eines Tages an, daß sie morgen früh -( Z95)- AM sechs Uhr sich irr der Schul- versammeln und rmt Proviant auf einen ganzen Tag versehen sollten. Da ivar Freude über Freude. Um sechs Uhr des andern Tages waren all? in der Schule. Mit Sehnsucht erwarteten sie den Lehrer, und jubelten ihm entgegen als er erschien. Er ließ all- sich in eine Reihe stellen, und theilte ihnen die frohe Nachricht mit, daß er heute mit ihnen in den schonen Wald gehen wollte^ der ohngefähr drey Stunden entfernt lag. Alle freuten sich darüber herzlich. Man marschirte ab, und noch vor neun klar n.-- man an Ort und Stelle. Man machte ein gewalti. ges großes Feuer, lagerte sich um dasselbe, undbeschas- rigte sich mit Kochen und Braken. Ehrcnfels schoß em Paar Holztauben, sechs Goldammer, einen Haftn und ein Dutzend Krametsvögel. Das erlegte Gesiü^-l wurde gepflückt, und so gut zugerichtet, als es»ur immer möglich war. Zeder bekam ein Stückchen davon. Man beschäftigte sich auf verschiedene Wen-, machte sich Lauben, spielte, sang, und so verfloß für jeden der Tag recht angenehm. Siegismunden Gabler wäre bald ein fataler Streich paffirk. Etwas weit von dem Platze, wo man sich gelagert hatte, befand sich eine frische Quelle, aus der man das Waffer höhlte, welches getrunken wurde. Sre- gisnmnd wollte auch einen Krug voll hohlen. Er gmg und ging, und konnte die Quelle nicht finden. Wohl eine Stunde irrt- er herum. Da kam er zu cmrm Mann, der Holz zurechte haute. Diesem klagte er seine Noth. Der Mann ließ alles stehn und liegen, und führte Siegismunden auf den rechten Weg. Diese Gefälligkeit des unbekannten Mannes war ihm sehr lieb, da er sich in keiner kleinen Verlegenheit befand und die c 396) Furcht, sich noch Immer tiefer in dem Walde zu ver- liere:, ihi^chr unruhig gemacht hatte. In weniger alS einer Stünde kam Siegismund wieder zu der Gesellschaft, und hatte eine oroße Freude darüber. Der gefällige Mann wurde von ihm sehr gepriesen« AlS sich der Abend näherte, rief Herr Ehrenfels seinen Schülern zu: Stellt euch! Dastanden allein der schönsten Ordnung. Ehrenfels sah nach, ob nicht einer oder der andere fehle. SS waren alle da, und nun gings fort. Man marschirte nicht zu stark; denn man hatte keine Eile. ES war gerade Vollmond, und man konnte daher auch bey Nacht dem Wohnorte zu wandern. Die Sonne sank immer tiefer und tiefer. SS war ein herrlicher Abend. Man stand gerade auf dem Gipfel eines anmuthigcn Hügels als die Sonne unterging. Gewöhnlich ist dann die Natur am schönsten. Auch jetzt war dieß der Fall. Entzückt stand die Gesellschaft auf der Anhöhe, und blickte mit den seligsten Ge- fühlen in die schöne Welt hinein, gerade auf ein trauliches Dörfchen, dessen Häuser mit dem Thurme zwi> schen grünen Bäumen hervorragten. Die Brust eines jeden schwoll gen Z Himmel, mit wsnnelrunknen Blicken schaute man nach der sanften Abendröthe; eine heilige Stille umschwebte die Wanderer, umschwebte Berg und Fluren; die ganze Natur stand da in stiller Majestät, und unwillkührlich entfuhren dem gerührten Ehrenfels die Worte: O wohl uns. daß wir Men. schen sind! Die Gesellschaft bath den Lehrer, ein Lieb anstimmen zu dürfen. Das geschah. Man sang mit tiefte Empfindung das bekannte Lied: —( 297)— Heilig, heilig ist das Band, DaS die Mensche» bindet; Ist geknüpft von dessen Hand, Der die Welt gegründet; Ist geknüpft, daß besser mir Seine Welt gefalle: Einen Schöpfer haben wir, Einen Vater alle: Eine» Vater in der Höh, Der uns alle liebet. Der»nS Blumen, Kräuter, Klee, Milch und Weihen ziehet; Der mit gleicher Freundlichkeit Blickt auf Pflug und Thronen, Und mit Sonnenlicht erfreut, Die in Hütten wohnen. Wohl auch Mir-« auf mich seilt Kind Schauet er hernieder! Um mich her die Menschen sind Alle meine Brüder. Könnt ich ihit nun wohl mit Lust Meinen Vater nennen. Fühlt' ich nicht in dieser Brust Bruderliebe brenne»? Blutete mir nicht dar Herz Bey des Bruders Leiden; Blieb' ich kalk bey feinem Schmerz, Kalt bey seineit Freuden: Glücklich könnt ich bann nicht seyn; Einsam und verlassen. Würd' ich erst die Menschen scheue Wann mrch selber hassen- Freunde! nein dieß Herze soll Nie vor euch sich schließe»! ( Z9b) Wann es ist von FreuLe voll Soll sich's euch ergießen; Auch sollt ihr an meiner Brust Euren Gram vermeinen, Bis die Sonn' euch neue Lust Wird ins Herze scheinen. Nun ging man den Hügel hinunter. In einigen Minuten war man in dem Dorfe, wo Ringk wohnte. Dieser hatte schon einig- Mahle Herrn Ehrenfels ersucht, ihn doch mit seinen Schülern zu besuchen. Jetzt sollte dieses geschehen. Als man sich der Wohnung des wackern Ring? näherte, kam ein Mann in voller Eile der Gesellschaft entgegen und rief: willkommen! willkommen! Es war niemand anders als— Ringk. Man trat in die reinliche Wohnung desselben. Seine ganz- Familie strömte zusammen. Eine Thrä. n? stand dem guten Manne im Auge, als er seine kleinen Wohlthäter vor sich sah. Er ergriff Sügmund Gablers Hand, schüttelte sie treuherzig und sprach: Dank! herzlichen Dank für die Wohlthaten dir Sinns alle erwiesen haben. Gott segne Sie dafür. Nun kamen auch Frau und Kinder näher, und da sie den Vater bey Siegmund Gabler sahen, so glaubten sie, unter allen Schülern verdiene er den größten Dank. Sie faßten seine Kleider an und riefen: schönen Dank, junger Herr! schönen Dank! Das ging Sicgmunden ans Herz. Zr hätte in die Erde versinken mögen, so beschämte ihn dieser Auf« tritt. Pfui! dacht' er bey sich, wie konntest du so ge« sühllos seyt,, und gar nichts, auch nicht einen Helle« zur Unterstützung einer so braven Familie beytragen. -( 399)" Zhr Dank. den ich nicht verdiene, ist für mich ein Stich ins Herz. Siegismund riß sich von Ringken, feiner Frau und den vier artigen Kindern los und verbarg sich un. ter den Andern.„Das war der Mann, sagte er zu ihnen, der mich heute im Walde, da ich mich verirrt hatt«, auf den rechten Weg führte." Noch nie fühlte Siegismund so starke Regungen als jetzt. Die Gesellschaft ward von Ringt in seinem Obstgarten mit schmackhaftem Obste traktirt, und mit so viel Gefälligkeit und Freundschaft behandelt, daß es allen wohl ums Herz war, und jeder sich freute, et- was zur Unterstützung so freundlicher und guter Men. schen beygetragen zu haben. Hinter einem Hügel ging der liebe Mond auf. Er glich einer feurigen, künftigen Kugel, und wurde von allen bewundert. All- fingen auf einmahl den Vers aus einem Liede von Hältst zu singen an: Roch rinnt und rauscht die Wieseuquelle; Noch ist die Laube kühl und grün; Noch schein« der liebe Mond so helle. Wie er durch Adams Baume schien; Noch macht der Saft der Purpurlraube Des Menschen krankes Herz gesund; Noch labt uns in der Abendlanbe Ein Kuß auf treuer Freunde Mund. Unter freundlichen Gesprächen, G.sang und Unschuldigen Scherzen kam man vergnügt zu Hause an. Alle freuten sich über den froh verlebten Tag. Auch Siegismund freute sich darüber, doch bey weitem nicht so sehr, als die Andern. Gern hätte er jetzt dem braven Ringt ein Geschenk gemacht. Allein nun war —( 4oo)— es zu spät. Ringk bedurfte seiner Unterstützung nicht mehr. Alles, was Siegismund thun konnte, bestand darin, daß er Ringks Kindern einige schöne Bücher schenkte. Gibt es unter meinen Lesern nicht auch einen Sie» gismund Gabler? Glatz. Der trotzige Erich. „Ich will aber in den Hof!— Zch will nicht in der Stube bleiben. Es ist besser draußen." So schrie der kleine Erich, der so eben von einer langen Krankheit sich erhohlk hatte. Ler eigensinnige Knabe hatte seit seiner Genesung an warmen Tagen in den Hof gedurft. Diesen Lag wollte er wieder in den Hof. Die Mutter redete ihm zu.„Bleib in der Stube, sagte sie liebreich, heute ist es viel zu rauh für dich. Du würdest ja wieder krank werden!" Sie legte ihn auf ein weicheS Sopha, und schob ein Tischchen an das Sopha, und stellte seine schönen Smelsachcn dar. auf. Dastund ein Waget: Mit vier Pferden gespannt, und aus dem Bocke saß ein Kutscher mit einem großen Schnurbarte; eine Windmühle, in welcher der Müller zum Fenster hinaussah; eine ganze Stadt m,t kleinen Häusern und ThürMen, und am Thore stand ein Sol. dak im Schilderhause; da standen Hunde, Zäger, Füchse, Hirsche, Soldaten und noch viele andere nützliche Spielsachen bunt unter einander. (§o,) Aber das alles beruhigte den eigensinnigen Zungen nicht; er schrie vielmehr um so stärker, je mehr ihm die Mutter zuredete, und je mehr sie Spielsachen hrrbeyhohlte. „Nun so schreye, so viel du willst, sagte endlich die Mutter unwillig; heraus kommst du einmahl jetzt nicht!" Erich heulte noch eine Zeitlang, und dann, wie er sah, daß die Mutter sich gar nicht daran kehrte/ wurde er ruhig. Nach einer kleinen Weile verlangte Erich sekn Mit- tagSeffcn. Die, Mutter gab es ihm. Zetzt verlangte aber Erich, daß Friedrich, ein armer Knabe, den die Mutter zu sich genommen hakte, bey ihm seyn sollte. /»Friedrich soll kommen, sprach Erich, Friedrich soll nachher mit mir spielen." „Dazu ist nachher Zeit genug, antwortete ihm die Mutter, jetzt ißt Friedrich,— er»st auch hungrig, so gut, wie du." Erich sing wieder an zu trotzen.„Zch mag nicht essen, schrie er, wenn Friedrich nicht kommt.' Friedrich soll nicht essen, Friedrich soll bey mir seyn!" „Böser Zunge/ sprach die Mutter, kannst denn du den ganzen Tag nichts/ als»roßen und heulen und eigensinnig seyn? Warte, ich will es dir aus. treiben. Vor heule Abend sollst du keinen Bissen zu essen bekommen, und auch dann erst, wenn du wieder artig bist." Die Mutter ließ alles Essen wieder hinaustrat gen. Erich heulte, schrie überlaut, stampfte mit den Füßen gegen daS Kissen des Sophas, aber die Mut. 1er schien es kaum zu bemerken, er bekam nichtS.zu essen. Ucberdkß mußte Erich den ganzen Nachmittag H. Band. C c —( 402)—- allein bleiben, ohne daß man ihm Spielsachen gegeben hakte. Die Mutter schloß ihn ein. Nachdem Erich noch eine Weile vergebens getobt hatte, wurde er ruhig. Jetzt hätte er gern gegessen, er Pakte gern gespielt, er hätte gern Friedrichen bey sich gehabt. Die Zeit wurde ihm entsetzlich lang, er ging von einem Stuhl zum andern, er stellte sich aus Ken» ster, er setzte sich bald auf den Stuhl, bald auss So- pha, und stand wieder auf, er wußte nicht mehr, waS er anfangen sollte. Wie sehnlich wünschte er, -aß es Abend seyn möchte, und wie sehr reuetr es ihn, daß er so ungestüm gewesen war! Der Abend kam, und jetzt ging auch die Mutter wieder durch die Stube. „Ach, liebe Mutter, sagte Erich sehr sanft, willst du so gut seyn, und mir bald zu essen geben?" „Ja, recht gern, antwortete die Mutter, wenn du wieder vernünftig seyn wirst!" „Gerne will ich's seyn, liebe Mutter, sprach Erich, der Hunger hat mich recht geplagt, und die Zeit ist mir gewaltig lang geworden!" Wer ist aber Schuld daran, als du selbst? erwiederte die Mutter. Du hättest dir den Hunger und die lange Weile ersparen können, wärest du nicht so trotzig und ungestüm gewesen." Löhr. -( 4oz) „O w e h!" Der kleine Julius hielt auf das Essen große Dinge. An seinem Bauche war ihm mehr gelegen, als an seinem Kopf. Das Wort„Pflaum enku- chen" klang ihm tausendmahl schöner, als das Wort „Buch." Dabey hakte Julius die Unart, daß er oft sehr eigensinnig war, und trotzig auf dem bestand, waS er sich einmahl in den Kopf gesetzt hatte. Nun ist eS wohl sehr gut, daß man auf dem bcharrt, was man sich vorgenommen hak, sobald dieses etwas Gutes ist. Aber Julius nahm sich oft sehr thörichtes Zeug vor. Einmahl wurde er über eine Kleinigkeit gewaltig böse. Er zog sein kurzes Naschen hin und her, machte Grimassen, und schielte wie ein Schuhuh. Sein Bru. der Fritz fragte ihn um etwas. Julius wollte keine Antwort geben. Bist du böse, JuliuS? sagte Fritz« Ja! rief er zornig. Fritz. Willst du lange böse bleiben? Julius. Ja! ja! Fritz. Macht es dir Freude, böse zu seyn? JuliuS. Ja! ja! Fritz. Du liebst wohl das Wörtchen„ja k" Julius. Ja! ja! ja! Friß. Julius, du bist nicht recht gcscheidt.' Julius. Ja, ja! Fritz. G«y kein Skahrmatz! JuliuS. Ja! ja!— ich will heute zu allcni l,ja" sagen. Dieß sagte Julius mit vielem Trotz. Bald kam der Vater herbey und sah sein zorniges Wesen. Er E c s ( 4v4) fragte ihn verschiedenes; aber Julius war so unser- schämt, nichts alS ja! ja! zu antworten. Darüber wurde der Vater unwillig und verließ den eigensinnigen Zungen. Nach einigen Minuten setzte man sich zu Tische. Bist du noch böse? fragte ihn Fritz ganz leise. Ja! ja! murmelte Zulius. Die Mutter redete den Trotzkopf auch an; aber er gab keine andere Antwort, als: ja! ja! Wart', dachte der Vater, ich will dich schon bekommen. Julius, sagte er, willst du heute fasten? Ja! ja! rief Julius, ohne sich vorerst bedacht zu haben. Gut! sagte der Vater, du fastest also heute. „O wch!" rief Fritz, und Julius Naschen wackelte herum; seine Augen wurden naß. Das half aber nichts. Julius mußte fasten. In Zukunft nahm er sich wohl in Acht, seinen Vater durch seinen Eigensinn zu beleidigen. Glatz. U n m ü ß i g k e l t. Ein Lehrer wollte einmahl seinen Schülern und Schülerinnen einen festlichen Tag machen, und beschloß daher, einen kleinen Schmaus zu veranstalten. Als die Schulkinder davon hörten, waren sie vor Freude außer sich. Besonders war dieß bey dem kleinen Gotthilf Springer der Fall. Dieser schwenkte seinen Hut, schlug mit der Hand an den Schaft der Stiefeln, dreheie sich auf den Fersen herum, und juch- hepte in Einem fort. Als der festliche Tag erschien, war Gotthilf Springer der erste in dem Saale, in welchem geschmaust werden sollte. Zch freue mich auf beydes, rief er aus, auf den Schmaus sowohl als auf den Tanz. Zch esse und trinke gern etwas Gutes— aber noch lieber tanze ich. Um ein Uhr Nachmittags setzten sich die Schüler und Schülerinnen an die Tafel. Es wurden mehrere Gerichte und einige Bouteillen Wein aufgetragen. Die letzten hatte ein wohlhabender Schulfreund den Kindern zum Geschnrk geschickt. Als Gotthilf Springer den Wein erblickte, klopfte er sich auf den Unterleib, und sagte zu seinem Machbaren: Das soll schmecke»'. Rebensaft trink ich für mein Leben gern! Zch mache mir nicht viel daraus, versetzten cini« ge, die neben Gotthilf saßen. Ey, so gebt den Wein, den ihr bekommt, lieber mir! sprach Gotthilf, und mehrere versprachen ihm dieses. Der Lehrer schenkte jedem der jungen Gäste ein Glas ein. Alle tranken es mit Anstand, und nicht auf Ein Mahl aus. Gotthilf Springer aber nahm das seinige, und leerte es auf Einen Zug. Das hat geschmeckt! sprach er, und that sich etwas zu Gute darauf, daß er so wacker zechen könne. Ein Paar Schülerinnen, die-in feineres Gefühl hatten, stießen sich heimlich an, und sagten leise zu einander: der Gotthilf Springer ist ein ekelhafter ( 406)— Zunge! ertrinkt nicht/ er sauft wie ein unvernünftiges Thier,— Gotkhilf hatte kaum sein Glas geleert, als er auch das seines Nachbars ergriff, an den Mund setzte, und hastig ausschlürfte. Einige seiner Mitschüler gaben ihm zu verstehen, haß so ein Trinken nicht fein sey, und daß er sich mä« ßigsn sollte. Aber dex leichtsinnige Springer achtete nicht darauf, sondern ließ sich auch das dritte und Vierte Glas wohl schmecken». Zetzt wurde er schwindlich. Seine Fröhlichkeit Verwandelte sich in Ausgelassenheit; er führte unanständige Sieden, neckte diejenigen, die ihm nahe saßen, -i»nd da ihm einer seine Unarten verwies, wurde er im Gesichte roth wie ein Puftrhahn, schimpfte, und schmetterte vor Zorn ein Glas auf die Erde. Der Lehrer bemerkte den Vorfall, eilte hinzu, und fragte den kleinen Trunkenbold, was ihm fehle. Gotkhilf fing an zu stamyreln— sy, daß alle laut auflachen mußten.— Es fehlt mir— stotterte er— Jerusalem,— da wohnten die Zuden— und die Stadt Jericho— und die Jünger von Emaus--- pnd die da wohnen in Phrygien und Capadocicn. Gotkhilf Springer! fragte der Lehrer, was fehlt dir? da redest ja wie ein Wahnsinniger; bedenke doch, was du sprichst. Tuckkucktuck! in vollem,— vollem— vollem Hau — Hau— Haufen, kommen sie herbey-— gelaufen! stammelte der trunkene Gotkhilf, lachte laut auf, und zog seinen Nachbar zur Rechten beym Schöpft.— Auf ein Mahl verlor sich seine Lustigkeit. Er fing o» zu weinen, und zu singen: Nun laßt unshcn Leib begraben, u, s. w» —( 407)— Der Lehrer erstaunt- über das wunderliche Be. nehmen Gotthilfs, und konnte sich es nicht erklären, bis ihm die Schüler sagten, Springer habe zu viel Wein getrunken. Das sind die Folgen der Unmäßigkeit! sprach der Lehrer, und lies, den Trunkenen auS dem Saale tragen. Gotthilf konnte nicht auf den Füßen stehen; es erfolgte ein heftiges Erbrechen; er verlor sein Bewußtseyn, und sah todtcnblaß aus. Seine Eltern erschra» ken, als man ihn in diesem Zustande nach Hause brachte. Dem Lehrer that es sehr wehe, daß durch diesen ärgerlichen Auftritt die Ordnung und das Vergnügen der Tischgesellschaft gestört worden war. Nichts ist häßlicher, sagte er zu seinen Schülern und Schülerin- ncn, als wenn ein Mensch durch Unmäßigke:! sich zum Thiere herabwürdigt. Zhr habt es jetzt selbst gesehen;-- welch' einen widrigen Anblick both der Betrunkene dar! Sein Verstand, seine Sprache, kurz alles, waS ihn als Mensch auszeichnete, war dahin, und er mehr einem Thiere ähnlich. Nach dem Gastmahle belustigte sich die Schulju. gend aus einer nahen großen Wiese durch allerley muntre Spiele. Dann ging der Tanz an, welcher bis eilf Uhr des Nachts währte.?.:? waren dabey sehr vergnügt, und gingen mit den Worten: daS war ein schöner, herrlicher Tag! auS einander. Unterdeß hatte Gotthilf Springer viel gelitten. Das Erbrechen wurde immer heftiger; sein ganzer Körper ward dadurch angegriffen; alles, was ihn um. gab. drehte sich mit ihm herum, und nur ein tiefer Schlaf von zehn Stunden brachte ihm eisige Erleich- Irrung. Als er erwachte, fühlte er im Magen eine - c 4°s)— grosse Leere und einen Ekel gegen alles, was man ihm zu essen darreichte. Groß war feine Mattigkeit, aber noch grösser seine Beschämung, als man ihm erzählte, wie ärgerlich er sich gestern beym Gastmahle benom. rnen habe. Gern hätte es er verschmerzt, daß er von dem Vergnügen deS Tages nichts genossen hatte, wen» ihn nur nicht der Gedanke: was werden die Leute von deiner garstigen Unbesonnenheit urtheilen s gequält hatte. Jedermann, der von dem Vorfalle mit Gotthilf hörte, schüttelte den Kopf, und tadelte seine thierische Unmäßigkeit. Der Lehrer ließ ihn, als er wieder ge. fund war, zu sich kommen, und stellte ihm vor, wie sehr sich der Mensch vor sich selbst schämen müsse, wenn er sich durch Unmäßigkeit im Cffen und Trinken noch unter das Thier herabsetze. Gotthilfsah beschämt nach der Erde, weinte, bath den Lehrer um Verzeihung, und versprach, nie wieder einen so häßlichen Fehler zu begehen. Der Lehrer verzieh ihm, und entließ ihn mit den Worten: Sey allezeit verständig, mein Kind.' und wirf dich nie weg, sondern halte etwas auf dich; ver, giß nicht, daß der gute Mensch sich nie zum Thier her- ablassen darf. Glatz. Völlsrey. Zu Eiserfeldt bey Siegen diente ein katholischer Bursche von ohngrfähr rtlich und dreyßig Zähren bey (^9) einem rrsormirten Einwohner als Knecht. Der Feh. ler dieses Menschen war die Völlcrey, und ob er gleich schon oft von vernünftigen Leuten gewarnt worden, auch schon mehrmahls zur Nachtzeit in der Trunkenheit in große Lebensgefahr gerathen war, so half doch alles nichts, um ihn pon diesem verderblichen Laster abzubringen. Insonderheit war er gewohnt, die Sonntage dazu zu mißbrauchen. So hatte rr denn auch am 4ten März-792 auf einem Sonntag sich in verschiedenen Wirthshäusern im Wein,"B^er und Branntewein bis zum höchsten Uebermaaße Üelrunken, und verließ erst des Abends spät die Stadt,/um nach seinem Dorfe zu gehen. Als er in dem Felhe war, kam er ganz von seinem Wege ab, und gerieth km Taumel an einen alten verfallenen Bergschacht, der eilf bis zwölf Lachter tief war. Zn diese» stürzte er hinein, ohne daß ein Mensch etwas von seinem Schicksal erfuhr. Sein Herr zu Eiserftldk, der es schon an ihm gewohnt war, daß er bis in die spate Nacht ausblieb, dachte an kein Unglück, da er des Abends nicht nach Hause kam. Auch den Montag und Dienstag blieb er unbekümmert, weil ihm jemand die falsche Nachricht ge. bracht hatte, sein Knecht wäre noch in der Stadt in einem Wirthshause. Den Mittwoch ward er endlich doch unruhig; er erkundigte sich in der Stadt° und an andern Orten, aber niemand wußte ihm zu sagen, wo sein Knecht wäre. Er konnte weiter nichts erfahren, als daß derselbe den Sonntag Abends spät von Siegen weggegangen wäre. Weil es ihm nun höchst wahrscheinlich wurde, daß ihm ein Unglück zugestoßen wäre, so suchte er den Donnerstag in den dort herum be. stndlichen Berggrubcn, in die er hätte können gerathen sepn, fleißig nach, ohne jedoch eine Spur von —( 4»o)— ihm zu entdecken. Endlich beruhigte er sich mit dem Gedanken, daß sein Knecht unter die Soldaten gegangen seyn müßte, als wovon er mehrmals gesprochen hatte. Aber am Freytag morgen fanden Bergleute sehr weit von der Straße auf einem Berge seinen Hut. Dieß wurde dem fürstlichen Amte angezeigt, welches nun den Befehl gab, die allergcnaueste Nachsuchungen zu thun; und da wurde endlich am Samstag den 10. März, der Unglückliche in einem Bcrgschacht gefunden, und zwar lebend, aber in dem elendesten Zustande herausgebracht. Man erfuhr nun von ihm über sein bisheriges Schicksal folgendes: Das Letzte, worauf er sich besinnen konnte, war sein Ausgang aus der Stadt; bald nachher hatte er alles Bewußtseyn verloren. Wie er auf den Abweg gerathen, und wie er in die Grube gestürzt sey, war ihm ganz und gar nicht erinnerlich. Weil der Schacht nicht ganz senkrecht, sondern etwas schief niedergehet, so hatte er sich beym Hineinstürzen nicht beschädigt. Als er endlich wieder zum Besinnen kgm, fand er sich in einer engen Liefe, ohne zu wissen, wo und wie er dahin gekommen wäre. Er strengte in der ersten Nacht alle seine Kräfte an, um sich heraus zu arbeiten; es gelang ihm auch, so weit in die Hö. he zu kommen, daß er schon die Sterne am Himmel sehen konnte. Wie froh mag er bey diesem Anblick gewesen seyn! Aber die Freude dauerte nicht lange. Denn weil er schon ermüdet war, so stürzte er bey ei. ner unglücklichen versuchten Wendung wieder in die Tiefe hinab, nun fiel er sich die rechte Hüfte aus einander, und beschädigte sich noch an einigen andern Theilen seines Körpers. Da lag er nun unter den peinlichsten Schmerzen und fast ganz ohne Hoffnung; doch versuchte er am andern Morgen aufs neue, sich —( 4")— zu retten, und kam auch mit grosser Mühe und Qual etwa sieben Lachter hinauf, konnte aver nun wegen Schmerzen und Ermüdung nicht weiter gelangen. Zu feinem Glücke war hier eine Seitenhöhlu-ng im Gebirge die ihm zum Aufenthalt diente. Da befand er sich nun in dem allerelendeften Zustande; er konnte vor Schmerzen weder liegen noch stehen, sondern meist nur aus einem Kniee sitzen. Er verschmachtete beynahe vor Durst. Er kratzte sich endlich an einem feuchten Orte im Gebirge eine kleine Grube mit den Händen? in diese sammelte sich nach und nach ein wenig trübes Kervortropfendes Master, das er mit dem Deckel seiner Schnupftobacks-Dose auffaßte, und sich kümmerlich damit erfrischte. In der langen Zeit diente ihm nichts gegen den Hunger, alS ein Stück Weck, das er noch in der Tasche fand, und sein gekauter Nauch- kaback. Alles Rufen um Hülfe war vergeblich. Nie. mund hörte ihn. Gepeinigt von Schmerzen seines verwundeten und verrenkten Körpers, dessen Glieder immer mehr aufschwollen, der erquickenden Ruhe deS Schlafs fast ganz beraubt, steif und erkältet in allen Gelenken, gequält von dem Bewußtseyn, sich dieses große Elend durch eigene Schuld zugezogen zu haben, mußte er fünf Lage und sechs Nächte lang dem schreck» lichen Hungertode entgegen sehen, bis endlich, da alle Hoffnung schon verschwunden war, den Samstag mor. gen die Hülfe erschien. Die Gestalt des Elendes und des Schmerzes, in der er nun ön daS Tageslicht her- aufgebracht und in das Haus seines Herrn getragen wurde, kann nicht kläglich genug gedacht werden. Seine verrenkte Hüfte war das kleinste Uebel, das sich bald heben ließ; das Schlimmste folgte erst hernach. Seine Beine, die bey dem zwcpmaligeo Einstürzen in ( 412) dir Tiefe in Schlamm und Wasser' geriethen, waren durch Kalte und Nässe heftig angriffen, und gleichsam erstorben. Alle Mittel zu ihrer Erhaltung und Herstellung waren vergeblich. Die untern Theile der. selben gingen in Fäulniß über, und verursachte» einen unerträglichen Geruch. Man sah sich endlich genöthi- gek, ihm die beiden Beine abzunehmen; und so wurde er zwar nach unsäglichen Schmerzen vom Tode gerettet; allein wie traurig war die Zukunft, der er nun entgegen sah! Am Körver verstümmelt, entblößt von allem eigenen Vermögen, unfähig, sich sein Brod selbst zu verdienen, mußte er nun dem gemeinen Wesen zur Last fallen, und bey dem allen marterte ihn der'Vorwarf, daß er selbst die Ursache seines Unglücks sey. Diese schauderhafte Geschichte ist durch die Zci« tung weit und breit bekanntgeworden, und das hak ohne Zweifel mancherley gute Folgen gehabt. Vielleicht ist mancher, der dem Laster der Völl-rey ergeben war, durch dieses schreckliche Exempel zum Nachdenken gebracht worden, und hat sich dasselbe zur Warnung dienen lassen. Auch kann dasselbe zum neuen Bewcis- disnrn, wie nothwendig es sey, Berggruben und andere gefährliche Orte dergestalt zu verwahren, daß nicht Menschen oder Vieh, besonders zur Nachtzeit, hineinfallen können. Und so läßt sich hoffen, daß dieses gro. ßs Unglück, das den bedauernswürdigen Menschen -richt ohne sein Verschulden betraf, mancherley gute Folgen gehabt habe, und von der Vorsehung dazu g«, braucht worden sey, um Mäßigkeit, Vorsichtigkeit und andere Tugenden unter den Menschen zu befördern, und ähnliche schreckliche Vorfalle zu verhüten. Den» dieß, Kinder, müsset ihr mit voller Zuversicht eures Herzens glauben, daß die Weisheit Gottes alles, was irr der -(4.3)- Welt geschieht, zu einem guten Ende lenke, und daß sie auch die größten Uebel nur darum zuläßt, weil sie siehet, daß daraus überwiegendes Gute entstehen werde. Regeln der Tugend. Doddridge, ein großer Gelehrter in England, machte sich schon in seiner Jugend folgende vorlreffli- che Regeln, nach welchen er seinen Sinn und Wandel einzurichten suchte: „Meine ersten Gedanken, wenn ich erwache, sollen Gedanken an Gott seyn. Zch will ihm herzlich danken für den gnädigen Schutz, den er mir in der versioffenm Nacht erwiesen; ich will ihm kindlichen Gehorsam versprechen, und ihn bitten, daß er mich den Tag über beschütz-, und mir bcystehe, meine Ar. beit zu vollbringen. Ebenso will ich niemahls einschlafen, ehe ich Gort für die Gnade gedankt, die er mir den Lag über geschenkt, und ihn gebethen habe, in der Nacht mich und die Meinigen zu behüthen. So oft ich bethe und ein frommes Buch lese, will ich meine Gedanken sammeln, und meine Andacht und Aufmerksamkeit durch nichts stören lassen. Niemahls will ich mich bey einem Buche aufhal« ten, daraus ich keinen Nutzen haben kann. Wenn ich ein Buch lese, will ich immer bemerken, was ich für gute und nützliche Sachen daraus lerne. Zu meinem Studieren will ich mir Gottes Beystand erbitten, und allen Fleiß darauf wenden, daß ich durch die Religion gebessert werde. —( 4l4)— Zch will nie eine Minute Zeit verschwenden, noch mich in unnöthige Ausgaben einlassen, dünne ich d.sto mehr Zeit und Geld nach Gottes Willen nützlich ant wenden möge. Wo ich gehe und bin, will ich mich Mit gittert Gedanken unterhalten, und von jedem gern gute Lehren annehmen. Ich will mich bemühen, mich allen denen, mit welchen ich umgehe, durch ein sanftes und freundliches Betragen angenehm und nützlich zu machen; alle Kleinigkeiten und ungeschickte Erzählungrrt vermeiden, und stets bedenken, daß es. ei» großer Fehler ist, unvorsichtig zu seyn. Bey Mahlzeiten will ich die Mäßigkeit beobachten und mich hüten, daß ich meine Gebethe und Dank. sagungen bey denselben nicht mit Heuchcley und Fiat« tcrhastigkeit thue. Zch will gleich thun, was ich zu thun schuldig bin, und es nicht aufschieben, es sey denn, daß>ch es zu einer andern Zeit besser und nützlicher verrichten kann. Zch will oft den Tag über bey weinen Arbeiten meine Gedanke» zu Gort erheben, und die Bitten um die Wohllhaten, die mir die wichtigsten find, Wiederhohlen. Ich will mir keine Sorgen und Unruhen darüber machen, wie es Mir in Zukunft in der Welk gehen werde; sondern ich will Gott gehorchen, und mich feiner väterlichen Fürsorge übergeben. Besonders will-ch mich daran erinnern, daß meine Seele unsterblich, und daß Christus, um sie selig zu machen, ge§ orbrn ist. Zch n>m Gott dafür prew sen, daß ich durch seine Barmherzigkeit die Hoffnung — c 4*5)— Habe, um Christ» willen in wenigen Zähren im Himmel zu seyn. Und damit ich diese Hoffnung behalte, so will kcb danach streben, immer williger zur Liebe und Dankbarkeit gegen Gott und den Erlöser zu werden; waS er verbiethet, will ich unterlassen; was ihm an mir mißfälligist, will ich ablegen, wenn es mir auch noch so lieb wäre; was er von mir will gethan haben, will ich thun, wenn es mir auch noch so sauer würde. Nie will ich mir etwas erlauben, wodurch ich zu den Lüsten der Jugend könnte gereitzt und gelockt werden. Vor Stolz und eitler Ruhmbegierde will ich mich hüten, und stets daran denken, daß ich alles Gute von Gottes Gnade besitze; daß ich dessen nicht werth bin, sondern meiner mannigfaltigen Jugendsünden wegen mancherley Strafen verdient habe. Meinen Schlaf, alle meine Erhohlungen und Vergnügungen will ich darum genießen, damit ich ge. stärkt werde, alles zu thun, was ich nach dem Wil. len Gottes zu thun schuldig bin. Ich will mich oftmahls fragen:— Was ist jetzt meine Schuldigkeit zu thun?— oder welche Versu- chung zum Dösen habe ich jetzt zu bekämpfen?— Ich will diese Regeln fleißig überlesen, und mein Verhalten damit vergleichen. Zch will öfters nach. denken, welche von diesen Regeln ich jetzt vorzüglich auszuüben Gelegenheit habe. Wenn ich wider eine oder die andere gefehlt habe, so will ich mich desto sorgfältiger befleißigen, fle in Zukunft zu halten. Ich will mich nicht entschuldigen, noch viel weniger mich dadurch verleiten lassen, auch wider andre Regeln zu fehlen. —()— Freuden der Tugend- Tugend und Freuds sind ewig verwandt; ES knüpfet sie beyde ein schwesterlich Band? Eine sehr würdige Frau, aus einem angesehenen bürgerlichen Stande, verlor ihren Mann sehr früh, und er hinterließ ihr bey einem sehr geringen Vermögen zwey unerzogene Söhne und eine Tochter. Er hatte aber noch einen Bruder am Leben, der sehr reich w rr, und in einer großen Stadt auf einem großen Fuße lebte. Da er keine Kinder hatte, so erboth er sich, dim ältesten, wenn er die Jahre der Kindheit zurück, gelegt haben würde, vollends zu erziehen und für sein künftiges Glück Sorge zu krage». Jeder pries nun diesen wegen dieses Vortheils glücklich, und bedauerte den jüngern! Die Mutter aber, die ihre Kinder liebte, und die Gefahren dieses Glücks kannte, hatte ihn lieber behalten, so sehr die Erziehung ihrer Kinder ihr auch dadurch erleichtert wurde, wenn sie es ohne Be. leidigung des Onkels hätte thun können. Sie verschob es indessen so lang» als möglich, erzog sie so gut sie konnte, und gab ihnen nach ihrem Vermögen den be. stcn Unterricht. Bor allen Dingen lehrte sie dieselben Gott erkennen und von ganzer Seele lieben. Und da sie viel Weltkenntntß hatte, belehrte sie sie von alle dem, was sie durch Erfahrung, Lesen, Umgang, Fleiß und Nachdenken wusste, brachte ihnen durch kleine Erzählungen und Beyspiele von guten und bö, scn Handlungen mit ihren Folgen, Liebe für die Tu» gmd und Haß für das Laster bey; gab ihnen gute Bacher in die Hände, fragte sie baun daraus, und —( 4!7)— ließ sie ihre Urtheile darüber sagen, die sie berichtigte; kürz, sie bildete ihren Verstand und ihr Herz so gut, daß sie nur auf dem Wege fortgehen durften, um, auch ohne große Glücksgüter glücklich zu werden. Mein nun kam die Zeit, daß der älteste, Franz, von ihr abgefordert, dem Vetter übergeben wurde. Man wird sich leicht vorstellen, mit wie viel Furcht und Thränen, aber auch mütterlichen Ermahnungen sie ihn von sich ließ! Und sie hatte Ursache, denn welch ein Unterschied in der Erziehung! Zwar ließ man es nicht an kostbaren Lehrern in allen Künsten und Wis, ftnschaften fehlen, und Franz lernte auch, so gut vor. bereitet, alles, was er binnen der dazu bestimmtest Zeit lernen konnte; aber die Hauptverschicdenheik, die ihm in der Folge so nachthcilig war, bestand erstlich darin, daß man die in ihm gepflanzte Liebe zu Gott nicht im Wachsthum zu erhaltest suchte, Und so ver- Nachlaßigke, daß endlich Kaltstnn, wo nicht Verachtung, daraus ward; zwepkcnS in der Art, die Zeit auszufüllen, die ihm von seinen Arbeiten übrig blieb, und die gattz den Vergnügungen gewidmet war. Statt der vertraulichen und lehrreichen Gespräche, wodurch er die kurze, spärliche Mahlzeit über von seiner guten Mutter nebst seinen Geschwistern unterhalten wurde, befand er sich einen Tag und alle Tage an einer Tafel, wo Uebcrfluß und Schwelgcrey, lautes Lachen und leeres Geschwätz herrschte, und die man bis am Abend verlängerte. An die Stelle der ruhigen Nachmittags» und Abendstunden, wo er seine Gedanlcn auf feinem einsamen Grübchen nebst seinem Bruder zu neuen Är. Heiken sammelte, an die Stelle knr süßen Lese. oder Ruhestunden, oder lieblichen einsamen Epaziergange, tröste, unter der Aufsicht ihrer tugendhaften Mutter, 17. Ban). D d —( 4'8)- sich über die Wunder Gottes in der Natur unterhiel. ten, oder in Gesellschaft eines erfahrnen Freundes Blumen und Kräuter einsammelten, an jene Stelle traten Konzert-, Spiel, Bälle, Komödien, und andere tumultuarische Freuden. So schwer dieß unserm Franz die ersten Wochen fiel, weil er der Stille g« wohnt, anfänglich wie betäubt umher lief; so ward er doch nach und nach derselben eben wieder so entwöhnt, und seine Sinne so sehr von den imwerwäh. rmden Ergötzlichkeit-n gereiht, daß eS ihm schien, wann er einen Augenblick allein war, als ob er in eine Einöde versetzt würde: im Geräusche sehnte er sich zwar bisweilen nach derselben, kaum genoß er aber ihrer, so wußte er nicht, was er anfangen sollte; zum Nachdenken war immer sein Kopf von vor. hergehendem Geräusche zu wüste, und vor dem Lesen ekelte ihm. Mit dieser Vorbereitung ging er auf die Universität. Man kann sich leicht vorstellen, wie viel Zeit er auf die Erlernung der Wissenschaften und anderer nütz. licher Dinge wandle. Seine einsame Stube mußte ihm nothwendig ein Kerker werden, und da sein Haus nicht mehr, wie bey seinem Onkel, ein Tummelplatz der Ergötzlichkeiken war, so suchte er seine Zeit in Wein-Spiel-und Kaffeehäusern zu todten., Um diese Zeit starb sein Onkel, und setzte ihn in den Besitz eines Vermögens, das übrigens geringer war, als er erwartet hatte;(denn großkentheils war es schon verpraßt) indessen blieb immer so viel, daß er sich durch Haus. hältigkeit und Ordnung in einen sehr gemächlichen Zustand versetzen und auch seine Mutter und Geschwister härte unterstützen können; aber er war alles Stach. Denkens, aller Anstrengung so entwöhnt, daß er bloß ""( 4^9)^ auf ZeitLerspliticrung bedacht War, und sich nicht einfallen ließ, nachzurechnen, wie weit er feinem Aufwands Grenzen setzen könnte. Er ward bald mit ei» ner schlauen Weibsperson bekannt, die ihn durch ihre Künste so weit verführte, daß er ste heiracheke. Sie lebten nicht lange in den gewöhnlichen Zerstreuungen fort, als ein Kapital nach dem andern aufgenommen wurde, und es bald hier, bald dort fehlte. Er gedachte sich durchs Spiel zu helfen, und gsrieth in Schulden. Sich von den Sorgen und Beängstigungen, womit ihm die Gläubiger zusetzten, zu befreyen, überließ er sich dem Trunk; da aber die Menge der- selbigen so groß wurde, daß ihm keine Rettung übr'g blieb, folgte er seiner Frauen Rath, ging bey Nacht und Nebel fort, und entfloh mit ihr nach Frankreich, um, ich weiß selbst nicht, was für ein eingebildetes Glück aufzusuchen. Unterweges aber, da er sich in einem Wirthshaus- in Skraßburg des Abends brav berauscht hatte, und des Morgens nach Hause kam, hörte er, daß seine Frau den Abend vorher mit dem Wenigen, was ihnen an einigen Kostbarkeiten übrig geblieben war, fortgegangen sey, und ihm nichts als seine Kleidungsstücke zurück gelassen habe, Nun war er nicht im Stande, das, waS er mit seiner Frau die Zeit ihres Aufenthaltes daselbst verzehrt hakte, im Gasihoft zu bezahlen. Um sich indessen nicht bloß zu geben, wollte er dem Wirthe weiß machen, er habe seine Frau zurück nach Frankfurt geschickt, dort ge. wisse Gelder zu erheben, die man ihm nicht durch Wechsel übermachen wollte. Dieser«der, schlauer als er, ließ ihn in Verhaft bringen. Er schrieb an seine arme Mutter, deren Herz über sein Unglück blutete. Sie nahm alles zusammen, wusste hakte, und schränk. Dd« —( 420)— ke sich auf die äußerstes Bedürfnisse ein, bloß um ihn zu retten. Dieß geschah auch in so ferne, daß er dem Gefängniß entkam, aber von der Lebensanderung wollte er nichts hören. Durch mancherley Zufalle und liederliche Streiche umhergetrieben, kam er endlich nach Italien, wo wir ihn jetzt verlassen, tz Sein Bruder Karl, der indessen auf dem Wege der Frömmigkeit und Tugend fortgegangen war, brachte es auf der Schule so weit, daß er, von Men. schenfreunden unterstützt, die Universität beziehen könn- tc, wo er durch seinen unermüdctm Fleiß seiner Leh. rer Beyfall, und durch seine gesittete Aufführung die Hochachtung aller Menschen, und besonders auch die Liebe der besten und artigsten jungen Leute, die mit ihm zugleich studierten, sich erwarb. Unter diesen war auch ein reicher und sehr edelgesinnter junger Mensch, ( wir wollen ihn Allwerth nennen,) der ihn so lieb gewann, daß er ihn zu seinem Reisegefährten durch Deutschland, England, Holland, Frankreich und Italien wählte. So vortheühaft der Antrag war, so liebte er Loch seine Mutter und Schwester viel zu sehr, als daß er sie nicht darüber hätte zu Rathe zier hen sollen. Als er ihre Einwilligung erhalten, ging er nach Haufe, um von ihnen Abschied zu nehmen. Höchst zärtlich und rührend war ihre Trennung. j,Meitt lieber Sohn," sagte seine gute Mutter zu ihm, indem sie mit thränenden Augen seine Hand faßte,„du wirst lange von mir seyn, und ich zweifle, ob ich dich je. Mals wieder sehen werde. Deines Bruders Unglück hat meine Tage verkürzt, und deine Abwesenheit wird sie nicht verlängern, es mühte denn durch die Hoffnung seyn, daß du/noch besser, tugendhafter und weiser zurückkommen werdest. Ich ergebe mich also darein. -(421)— Gott begleite dich, er segne dich! Gib dir Mühe, deinen unglücklichen Bruder aufzufinden, und sag' ihm, daß ich in meinen letzten Stunden für ihn beten und zufrieden sterben würde, wenn er von seinen Berge, hungen zurückgekommen und glücklich wäre."— Sie konnte vor Kummer nicht mehr sprechen, drückte ihn in ihre mütterliche Arme und eilte in ihr Kabinek. Seine tugendhafte Schwester, Henrietle, nahm einen eben so rührenden Abschied, und ihre letzten Worte wärest ebenfalls:„Vergiß unsern armen Bruder nicht, und sag ihm,(o vergiß es nicht) daß zu unserer aller Glückseligkeit nichts weiter fehlt, als daß er wieder ist, was er vormals war— tugendhaft." Zhr Mund verstummte vor Jammer, der durch das Andenken an ihren ausgearteten ältesten Bruder und die melancholischen Ahndungen erhöhet wurde» daß ihre Mutter ihrem Kummer unterliegen werde. Bald darauf ging Karl mit Herrn Allwrrth fort. Sie reisten aber nicht wie die meisten jungen rohen Leute, die die Länder durchlaufen, Dinge ohne Ber. stand angaffen, und Religion und gute Sitten, die sie etwa noch von Hause mitbrachten, kurz die Gesundheit der Seele und des Leibes dem Genuß fremder Thorheiten und Ueppigkeiten aufopfern. Sie reisten, wie man reisen muß, um es mit Vortheil zu thun, lernten die Länder, und die Menschen, die verschiedenen Naturprodukte derselben, und die Sitten kennen, machten Bekanntschaft mit gelehrten, geschickten und tugendhaften Männsm, und besahen alles, was der Ncugierde werth war. Auf ihrer Reise durch Italien lockte sie auch das Carneval nach Venedig, doch mehr um Zuschauer dieser Lustbarkeiten, als Theilnehmer zu seyn. Als Karl da- selbst eines Abends am Meere spazieren ging, ward rr am Ufer unter einigen Galeerensklaven ein Gesicht gewahr, das er zu kennen glaubte. Er heftete feinen Blick ganz auf ihn, und je mehr er ihn ansah, desto mehr fielen ihm seines Bruders Gestchkszüge dabey ein. Er wagte sich an den Aufseher derselben, der ihn aber von nichts weiter benachrichtigen konnte, als daß er ihm gegen ein gutes Trinkgeld die Erlaubniß geben könnte, selbst ein Paar Worte in seiner Gegenwart mit ihm zu sprechen. Kaum sah er ihn in der Nähe, so zweifelte er gar nicht mehr, daß er sich nicht in der Person geirrt habe; aber welch' eine Gestalt! fein Gesicht bleich, wie der Tod, seine Wangen eingefallen, seine Augen tief im Kopse, in jedem seiner Züge Schwermuth und Angst! Nachdem er an ihn Mgcmei- ne Fragen gethan, woher er wäre, wie lange es sey, daß er sein Vaterland verlassen, fragte er ihn.- ob er nicht daselbst eine gewisse Frau, Nahmens Sanders, gekannt habe?— In dem Augenblick höhlte er einen liefen Seufzer und sagte:„Ach! diese theure und würdige Frau war meine Mutter, ich ihr Eohn; aber, ach! ich habe diesen Nahmen verscherzt l ich bin nicht werth"— Hier konnte sich Karl nicht länger halten, er siel ihm um den Hals, weinte über ihn, und blieb einige ZM-Machlos. Endlich sagte er:„So habe ich dich denn gefunden, mein Bruder! dich, den unsere liebe Mutter, Schwester und ich schon längst aufgegeben?— Aber in welchem Zustande! wie verändert! Wo bist du gewesen? Wie kamst du hicher? Wie entreißt man dich deinem Elende?"— Schaam, Niedergeschlagenheit, Erstaunen und Freude bemusterten sich seiner wechsclsweift, und es währte lange, ehe er im Stande war, ihm die Reihe seiner Vergebungen und Unglücksfälle zu erzählen. Er war — c 423)— zuletzt als Soldat in kaiserlichem Dienst gewesen» und hatte sich, um etwas zu gewinnen, als Spion in ge» wissen politischen Angelegenheiten brauchen lassen. Da man in dieser Republik auf solche Personen sehr auf. merkfam ist, war er entdeckt und zu den Galeeren vcr> dämmt worden. Karl eilte zu seinem Freunde All- werth. erzählte ihm die traurige Geschichte seines Bru. ders, und dieser lieble ihn so sehr, daß er sich sogleich erboth, alles zu bezahlen, wenn er einen Weg finden könnte, ihn i» Freyheit zu setzen. Dieß ward durch einen Gesandten bewerkstelligt. der bey dem Doge viel galt; kostete aber dem Herrn Aüwerch auf sechShun. dert Dukaten, und geschah unter der Bedingung, daß Franz sogleich das Venrtianische Gebiet räumen müßte. Er ging also, nachdem er von dem großmüthigen Freunde seines Bruders noch einen Zehrpfenmg erhalten, voller Dank und Versprechen, weiser und besser zu werden, zu seinem Regimente. Kurz nach seiner Adresse erhielt Karl einen Brief von Henrietten, seiner Schwester, folgenden Inhalts. „Welch eine traurige Nachricht habe ich Dir zu melden, mein lieber Bruder! Unsre gute Mutter ist todt, und ich weiß, dieser Verlust wird Dich. so wie er es bey mir gethan, in das tiefste Leid versetzen. Gestern zur Nacht ließ st- mich an ihr Bette holen, nahm mich bey der Hand und sagte:„Mein liebes Kind.' ich fühle, daß ick dich verlassen und in wenig Stunden nicht mehr seyn werde. Ich unterwerfe mich gern dem göttlichen Willen, und übergebe dich und deine Brüder seiner guten Fürschung, die allezeit die Lugend schützet. Gehst du auf dem Wege fort. den hu bisher betreten, so kannst du nicht anders als glücklich seyn. Schreibst du an deine Brüder, und —( 424)— stehst sie, so sage ihnen, daß sie mein mütterliches Herz noch im Tode segnet, und daß ich keinen größer-, Wunsch auf Erden kenne, als den, zu hören, daß sie weise und gut sind. Von Karin weiß ich es zuversichtlich, und kommt er, wie ich hoffe, zurück, so werdet ihr in einander glücklich seyn. Wollte Gott, auch von Franzen dürste ich dieß erwarten; ach? dann würde ich vollkommen ruhig sterben. Leb, wohl, mein liebes Kind? Gott erhalte dich fromm und tu. gendhast. Leb, wohl, meine Tochter! zu tausendma. len leb wohl! Mit diesen Worten schloß sie ihre Augen, übergab ihre Seele ihres Schöpfers Aufsicht und lächelte im Tode. O mein liebster Bruder.' der Schmerz läßt mich nichts anders hinzusetzen, als daß mich sehr verlangt. Dich wieder zu sehen; dieß nur wird der einzige herzstärkende Trost für den unersetzlichen Verlust Deiner Dich liebenden Schwester seyn. Henrietke." Diese Nachricht drang Karln durchs Herz, und er sehnte sich nach Hause, um seine Schwester zu be. ruhigen und ihr bcpzustehen. Sein Freund Aüwerkh war auch sogleich bereit, feine Wünsche zu erfüllen, in. dem er seine Rückreise beschleunigte. Sie nahmen ihren Weg über Milans, wo sie Franzen zwar durch seine Unglücksfälls dem Scheine nach moralisch gebessert, aber in seiner Gesundheit desto verschlimmerter fanden. Durch seine zügellose Lebensart und die Un- mäßigkeit im Genusse aller Ueppigkeiten hatte er nicht nur seinen Körper verderbt, sondern sich auch mancherley Elend und Gram, und dadurch eine Schwindsucht zugezogen. Karl gab ihm seiner Schwester Vrief, und dieser machte einen so tiefen Eindruck, daß er in seiner guten Entschließung befestigt wurde. Mwcrth —( 42.;)— ließ ihm noch ein ansehnliches Geschenk zurück, und fein Bruder vertraute ihn einem Feldscheer an. Ihre -Trennung war, zumahl von Franzens Seite, äußerst rührend und traurig, da ihm sein Gefühl sagte, daß er seine tugendhaften Geschwister nie wieder sehen würde. Kaum hatten sie auch Italien verlassen, so erhielten sie in Wien die Nachricht, daß er gestorben sey. Henriekte bezog nach ihrer Mutter Tode ein gän; kleines Landgut, das sie von dem wenigen Vermögen (es mochten etwa ein Paar tausend Thaler seyn,) kurz vor dem Tode ihrer Mutter erkauft hatten. Hier gab sie ihrem ganzen Kirchspiel ein Beyspiel von Frömmigkeit, Häuslichkeit und Tugend. Ihre Sparsamkeit setzte sie in den Stand, den Armen daselbst auch in ihrer Armuth mancherley GuteS zu thun, so daß sie die Liebe und das Vertrauen der ganzen Nachbarschaft gewann. Sie war dabey schön und wohl gewachsen, und hatte so feine und anmuchige Gefichtszüge, die ihre ganze menschenfreundliche und sanfte Seele ausdrückten. Dieß zog ihr selbst die Aufmerksamkeit des jungen Landadels dort umher zu: da sie aber arm und von bürgerlichem Stande war, so war es überall auf keine ernsthafte Verbindung angesehen, und ihre Tugend hatte mancherley Versuchungen auszuhalten. Als sie an einem schönen Frühlingsabend ihren gewöhnlichen Spaziergang in einem kleinen nahen Gehölze besuchte, hörte sie auf der Straße, die nicht weit davon vorüber ging, ein ziemlich starkes Geräusche, und auch darunter ein Paar Frauenzimmerst-m» men. Sie schlich sich hinzu und sah außer einer Chat» se, die im Wege lag, zwey dabey stehende Frauenzimmer, nebst dem Postillion und zwey Bedienten, die darum gefchäftigi waren. Sie errieth gleich den Ju- -(/,26)- fall, der dieß veranlaßt hatte. Der Postillion war nehmlich einer Eiche zu nahe gefahren, und harte die vordere Achse losgerissen. Sie eilt-, nach ihrer mitleidigen Gemüthsart zu der Dame, die sie für die vor- nehmste hielt, und schon ziemlich bey Zähren war, und doch ihr mit ihrer gewöhnlichen Anmuth ihre Dienste an. Der Postillion erklärte, daß er mit der zerbrochenen Achse ohnedieß nicht weiter kommen könnte, die Nacht vorder Thüre sey und bis zur nächsten Stak!» vn wenigstens noch zwey Meilen hätte. Die Dame nahm also die AneMechung Henriettens an, die Nacht bey ihr bis zum Anbruche des LageS zuzubringen- Sie erzählte ihr, daß sie aus einem Bade käm-, und nach ihrem Landgut-, das noch zwölf bis vierzehn Meile» entfernt wäre, zurückgehen wollte. Zch will nicht erzählen, wir sie von ihr bewirthet ward. Die Art, wie sie altes that, die liebenswürdige Unterhaltung, daS einnehmende Wesen, die zuvorkommende Gefällig- kett berouberten die Dame so sehr, daß sie sich uichr, Wie sie Willens war, den Morgen darauf von ihr trennen konnte, sondern die Postpferde in die nayge- legrne Stadt schickte, und einen Lag und noch einen Tag blieb. Was sie hier von ihr sah und hörte, nahm sie vollends so sehr für sie ein, daß sie ihr den Antrag that, auf einige Monathe mit ihr auf ihre Güter zu gchen, unter dem Versprechen, st- wieder, sobald st- es bcgchlks, zurückzubringen. Sie that das auf eine so ft-undschaftl-ch dringende Art, daß ihr die gefällige Henn'ette nicht widerstehen konnte. Sie setzten also ihr- Reise nach ein Paar Tagen fort, kamen auf dem Landgut- der Dame an, und Heimelte machte sich hier durch Tugend und ihren feinen Verstand vollends so Meister von dem Herzen ih-> —( 4-7)—' rer Wohlthäterinn. daß sie ihr zu ihrem Glücke unentbehrlich schien, und von dem ganzen Hause beynahe sngebekhet wurde. Durch Erläuterungen,, die sie einander von ihrer gegenseitigen Geschichte gaben, Wachten sie eine sehr erfreuliche Entdeckung, daß nemlich tzennckkens Bruder der Reisebegleiter von der Frau Allwerkh Sohn ftp, den sie stündlich zurück erwarte. Man kann leicht denken, wie glücklich sich die Dame in ihres Sohnes Wahl pries, da sie von der Schwester auf den Bruder schloß. Die Hoffnung, die fls ihr gab» daß dieser unfehlbar mir ihrem Sohne ankommen würde, hielt sie zurück, daß sie nicht zu geschwind «ach Hause verlangie. Diese Ankunft erfolgte auch bald darauf, aber, leider! ohne ihre?; geliebten Bruder. Dieser, zu voll von brüderlicher Sehnsucht seine Henrietle zu sehen, um ihr den Trost zu gewahren, den sie sich vor. ihm versprach, war an den Ort ihres vor. hergehenden Aufenthalts geeilt, wo er sie aber, zu feinem unaussprechlichen Leidwesen, nicht fand. Zubissen war es für den jungen Allwerth keine geringe Freude, bey feiner Mutter die Schwester seines lügend, haften Freundes so unerwartet anzutreffen. Zhr- liebenswürdige Gestalt fiel ihm sogleich in die Augen, und alS er vollends nach einem kurzen Umgänge ent- drckte, wie sehr jene durch alle Lugenden, die nur ihr Geschlecht schmücken konnten, erhöht wurde, so fing er an, sie zu lieben und den Wunsch zu fühlen, sie auf immerdar zu besitzen. Nothwendig konnten sie nicht lange beysammen seyn, ohne daß Henrietle nach dem Bruder ihres Her. zens und ihrer Liebe fragte, und kaum hörte sie, daß er nach dem Orte ihres vorigen Rirftuchsltcs gegan» gm ftp, als sie mit Bitten und Flehen irr ihre Wohl- -( 428)" chaterinn drang, sie zurück zu schaffen. Herr Allwerkh, der sich mit seiner Mutter eine heimliche Freude vorbereitete, sie zu überraschen, machte ihr Hoffnung, daß er sie nebst seiner Mutter dahin begleiten, und nur einige Tage von den Beschwerden seiner Reise ausruhen «Silke, schickte aber heimlich einen Boten zu Pferde fort, wodurch er seinen lieben Reisebegleiter schleunig zu sich forderte, ohne ihm doch die wahre Ursache wissen zu machen. Er entdeckte indessen keiner Mutter seine Wünsche, einen solchen Schatz nie von sich zu lassen, und sie stimmte damit so.überein, daß sie es als die höchste Glückseligkeit ansah, eine solche Freundinn in ihren letzten Lebenslagen in einer Schwiegertochter zu finden; denn sie schätzte Tugend über Reichthum, und besaß auch selbst genug, als daß sie bey?imr Gattinn für ihren Sohn auf eine andere Mitgift als jene hatte sehen sollen. Da Karl seine Schwester zu seinem großen KuM- wer nicht fand, und auch nichts Gewisses von ihrem gegenwärtigen Aufenthalte erfahren konnte, so eilte er auf die erste Aufforderung geschwind zu seinem Freunde. Nachdem er sich ein wenig crhohlt und ihm sein Herzenleid über seine Schwester erzählt, sagte ihm All. werth: seine Mutter Habs eine junge Freundinn bey sich, die sie ihm zur Gattinn bestimme; sie gefiele ihm unaussprechlich; er habe sich aber allezeit bey seinem Rathe so wohl befunden, daß er ohne seinen Beyfall keine Wahl thun könne und wolle.— Indessen hatte All- Werths Mutter auch Henriettcn vorbereitet, daß ihr Sohn einen Besuch von einem alten UniversikätS- Freunde bey ihr einzuführen wünsche.—„Alles, versetzte diese, was Sie angeht, kann mir nicht anders, als willkommen seyn; aber ach! daß es mein Bruder wäre!"— (-4^9) Unter diesem Wunsche trat er mit Karin ins Zimmer. Da sie einander seit vier Zähren nicht gesehen« und ein solcher Zwischenraum in ihrem Alter schon einige Ver, Änderung in den Gesichtszügen macht, so kannten sie einander nicht gleich aufden ersten Anblick.„Erlauben Sie, Mademoiselle," sagte Allwerth beym Eintritt;, „daß ich Ihnen einen Freund vorstelle, den ich Wie mein zweytes Selbst liebe, und den Sie gewiß nicht Minder lieben werden, wenn Sie ihn naher werden kennen lernen." Hier kamen Bruder und Schwester einander naher, begegneten einander mit ihren Blicken, erkannten und sielen einander mit einem lauten Geschrey: ,,O»nein Bruder!— o meine liebste Hcnriette l" um den Hals, und weinten lange, lange, ehe sie Worte genug für ihre Empfindung finden konnten.— Madame Aüwerth und ihr Sohn wurden ebenfalls von dieser geschwisterlichen Liebe so gerührt, daß sie ihre Thränen mit den ihrigen vermischten.—„Ach »«in Karl; fuhr Hcmiekke fort, bin ich endlich fs glücklich, dich wieder zusehen? dich nie wieder von mir zu lassen?— wie viel Dank bin ich Ihnen,( sie wand, ke sich zum Herrn Aüwerth und seiner Mutter,) für die Freude schuldig, die Sie mir heute verschaffen? Ewig!— ewig— Und ich, Schwester: unterbrach sie ihr Bruder, o du weißt nicht, waS wir diesem mei. nem Freunde und Reisegefährten in Ansehung unsers verstorbenen Bruders, in Ansehung meiner schuldig sind! und du,— wie kommst du hieher? beste Henri- eitel"— Sie wollte ebenfalls in Danksagungen ge» gen ihre Wohlthäterinn ausbrechev, von denen beyde Herzen voll waren; doch Herr Allwcrkh fiel ihr inS Work: Gut, sagte er, meine liebenswürdige Freundinn.' mein bester Freund! wenn Sie glauben, mir einige — k, 4Z0)— Verbindlichkeiten schuldig zu ftyn, so haben Sie es in Ihrer Gewalt, mich so reichlich zu belohnen. Laß wein geben selbst nicht zureichen würde, Ihnen meine Tr°> kemrUichkeit zu beweisen. In dieser Hand, Henriettc, die. re ich Ihnen Mein Herz an; halten Sie es Ihrer für würdig— o wie unaussprechlich glücklich wurde ich scpu!" Sie schlug die Augen nieder, ein fünftes Nett) und eine stumme Beredsamkeit erklären ihre ganze Ein. wMigung. Seine Mutter ergriff ihre Hand, legte sie in ihres Sohnes seine, fiel ihr um den HalS und wein-, te vor Freuden; dich that indessen auch Karl, der sei- neu Freund beynahe vor Freudni erdrückte. Wie glück- lich diese tugendhafte Familie in der Folge w«r, wird man sich leicht vorstellen können.. Der Unösdachtlge. Ein Kind kann freylich nicht so klug und bedach- sän, seyn, als Leute, die alter sind, aber allzugroje Unachtsamkeit ist einer der größten Fehler des Kindes, der gewiß oft sehr schlimme Folgen nachzieht. Ein erzunachtsaimr Junge war der kleine Heinrich Wall» heim. Wer unachtsam ist, ist auch ein Schwätzer und ein Schwätzer wird leicht ein Lügner— und-- o wie schändlich ist das Lögen! Heinrich machte seinen Tl- kern tausenderley Verdruß; denn er schwatzte nicht nur in seiner Unbedachtsamkeit Sachen aus, die in seinem Hause begegnet waren. und die ein braves Kind nie wieder sagen muß, sondern erlog auch öfters dazu, weil er in seinem Leichtsinn die Sachen bald vergaß, -()- und doch etwas davon sagen wollte. Ader auch ausser diesem machte er oft dumme, uubcdachlsame Streiche, die noch weit gefährlicher für ihn und seine guten Eltern waren. Einst stieg er bey einem Sturm in einen Nachen, der am Ufer stand. Er band ihn los, und der Nachen fing an zu schwanken. Der unvorsichtige Heinrich wollte sich an einem Seitenbrct'e desselben halten, aber der leichte Rachen, von den Wellen um- gktrieben, schlug um, und— Heinrich stürzte in den Fluß. Ein Armer, der in dem väterlichen Hause des Kleinen viele Gutthaten empfangen hatte, sah ihi» stürzen: er sprang in den Fluß, und rettete ihn. Aber auch dieser Fall konnte den unbedächtigen und leicht, sinnigen Zungen von seiner Unachtsamkeit nicht heilen. Einige Tage darauf bekam er von einem eben so leichtsinnigen Zägerburschen für die Hälfte seines Taschen, gelbes eine Dute voll Schiesspulver. Er schlich sich damit in die Skudierstube seines Vaters, und zündete es neben einem Haufen Papier an. Zm Hui war das ganze Zimmer voll Feuers, und kaum waren eimge Minuten vorbey, so stand das ganze Haus in Flammen, und in einigen Sumsen war es ganz abgebrannt. Heinrichs Eitern wurden durch seine Unachtsamkeit so arm, als sie vorher reich waren. Armbruste r. P h i l- il S. Philine war die Munterkeit selbst. Das gefiel. Aber Philine hatte einen Fehler, den viele Mädchen -(4Z2) haben sollen, das gefiel nicht. Sie konnte keine« Tadel ertragen, und vertheidigte sich gleich mit zu großer Heftigkeit; auch glaubte sie, das Recht zu haben, Erwüchsen- mit Dreistigkeit zu beurtheilen- und von Dingen, die sie noch nicht verstand, so zu sprechen, als wären sie ihr längst hmlängl-ch bekannt. Die Unart Philinens kannten alle, die mit ihr umgingen, und warm ihr daher nicht von Herzen gewogen.' Man nannte sie allgemein ein schnippt- sches Mädchen, und schnippische Mädchen haben nie gefallen. Einmahl besuchte ein Onkel ihren Vater. Er war ein Mann, der Philinm viel Gutes erweisen konnte. Sie freute sich über seine Ankunft, und belustigte ihn bald durch ihr muntres Wesen und ihre drolligen Einfälle. Das gefiel dem Onkel, und er gab sich viel mit ihr ab. Aber bald bemerkte er, da§ man sich nicht gemein mit ihr machen müsse. Sie erlanbtc sich Aeußerungen gegen ihn, die sehr unbescheiden und keck waren. Er schüttelte den Kopf, und sagte: das Mädchen will mir nicht ganz gefallen. Es währte nicht lange, so verdarb es Philinr mit ihrem Onkel ganz. Zhr Vater hakte, ihm zu Liebe, eine große Gesellschaft zu Gaste gebethen. Alles war munter und fröhlich. Der Onkel, ein alter Mann, schien sich verjüngt zu haben. Er erzählte lustige Anekdoten, und würzte durch feine guten Einfälle die Unterhaltung. Pbiline war nicht minder ausgeräumt. Der Onkel wandte sich an sie, und fing an, mit ihr zu scherzen. Das nahm sie ihm sehr übet. Sie glaubte, er wollte sie necken. Er? that unwillig. Hm! rief sie, und warf sich in die Brust, glauben Sie, Herr -( 433)- Onkel, daß ich Sie nicht versiehe? O sv alt Sie sind, so Mmig können Sie mich täuschen! by, seht mir daS junge Blut an» versetzte der Onkel, und die ganze Tischgesellschaft wurde aufmerksam. Haha! das junge Blut! entgegnete Philine, auf den Bart kommt es nicht an, sonst müßte der Ziegen- bock ein Hochgeehrtes Thier sey«. Junges Mädchen! sprach der erstaunte Onkel» und alle Gaste wunderten sich über Philinens KeckMk. Auch junge Mädchen kennen'Verstand haben, „.'»letzte die schnippische Philine, Graue Häupter sollen nie MuthwMig werden. Ow.'e fein siehet es, wenn graue Häupter weise sind. So steht es in der Bibel. Zch glaube» Sirach sagts. Der Onkel staunte, die ganze Gesellschaft war betroffen. Einer davon, der Philincns Dhrke nicht geduldig anhören konnte, rief ihr zu: Ey, mein lie. des Kind, Sie verrathen schon in Ihrem zarten Alter viel Bekanntschaft mit der Bibel. Gewiß stcnnen Sie auch de Stelle:„Vor einem grauen Haupte sollst du ausstehen, und die Altenehr en." Das steht auch in der Bibel. Zch glaube, Moses sagts. Zeyt hak es gewiß kein Moses gesagt! entgeg, nete Philine in einem bittern, kecken Tone, der alle Anwesende in Erstaunen fetzte. Philinens Eltern befanden sich i". der unangenehmsten Lage. Sie schämten sich der unverschämten Dreistigkeit ihrer Tochter, und der Vater konnte sich end- lich nicht länger halten; er nahm Philinen bey der Hand, und führte sie zum Zimmer hinaus. DaS war für sie eine Beschämung, über die sie laut jam- ll. Band. E e ( ä34) merk". Da sie durchaus nicht still werden wollte, sper.ie sie der Vater in eine Hintere Kammer ein. Der Onkel, auf den aller Augen gerichtet waren, wollte die Sache wieder gut machen. Kinder sind Kinder, sagte er, sie vergessen sich zuweilen. Aber tief in seinem Herzen blieb ein Gefühl von Unwillen zurück» das er nicht ganz unterdrücken konnte. Die Gäste waren auch innerlich unwillig, und es konnte zu keiner rechten Fröhlichkeit mehr kommen. AIs die Gäste aus einander gegangen waren, nahm der Vater Philinen vor. Du verdientest, sprach er, daß ich dich fortjagte. Du hast dich, mich und deine Mutter tief beschämt. Fühlst und weißt du es nicht, daß junge Personen gegen Erwachsene immer bescheiden seyn sollen? Warum hak mich der Onkel geneckt, schluchzte Philine. Das werde ich nicht dulden, daß mich andere ungehindert verspotten. Der Onkel hat deiner nicht gespottet, versetzte der Vater, er hat bloß auf eine ganz unschuldige Weise mit dir gescherzt. Lächelnd hättest du alles von ihm aufnehmen sollen. Aber gesetzt, er hätte dich auch geneckt, die schuldige Achtung gegen ihn durstest du doch nicht aus den Augen lassen, so keck, so schnippisch und unverschämt durstest du ihm nicht antworlen. Die Jugend darf in keinem Falle die Grenzen der Be. scheidenheit überschreiten, wenn sie nicht tadelhaft werden will. Du hast heute gezeigt, welch' ein nn- bescheidnes, schnippisches Mädchen du bist. Die Ea. sie werden vortheilhaft von dir urtheilen! Der Onkel, von dem du viel GukeS erwarten konntest, wird nun sein Herz ganz von dir abwenden! Deine Estern hast -( 435) du tief gekränkt. Sie werden es dirs so bald und so leicht nicht vergessen. Mit verdienten Vorwürfen und einem verdrießlichen Gesichte verließ der Baker Philinen. Sie sckluchz- te. Es war zu spät. Was der Vater ihr prophezryt hatte, geschah wirklich. Alle Gäste mißbilligten m starken Ausdrücken Philinens Benehmen der, Li'che. So ein dreistes, schnippisches Ding ist mir noch nicht vorgekommen! sagte der eine. Gottbewahre nnch vor so einem Kinde! sprach ein zweyter. Ich wäre ein unglücklicher Vater, wenn ich eine so schnippische, kecke Tochter hätte! bemerekte ein dritter. Und solche Urtheile wurden von allen über Philinen gefällt. Mehrere von den Gästen hatten Töchter. Nur mit Philinen habt mir keinen Umgang! sagte jederVa. ker zu den seinigm. Ihr könntet leicht von ihr angesteckt, ihr könntet so schnippisch und anstößig werden wie sie. Der Onkel verließ nach einigen Tagen seinen Bru-> der. Er hatte sich vorgenommen, bey seiner Abreise Philinen ein schönes Kleid zu schenken; aber ihr Be. tragen gegen ihn hatte ihn wieder von diesem Vorhaben abgebrachtt. Sie verdient es nicht, daß ich sie beschenke, dachte er bey sich, und reiste ab. ohne ihr etwas anderes zu hinterlassen, als die traurige Erinnerung an ihre llnartigkeit gegen ihn. Nach und nach zogen sich alle Mädchen von Phi. linen zurück. Dieß war ihr auffallend. Zhrc Eltern machten sie endlich darauf aufmerksam, daß die Ursache davon sicher ihr schnippisches Wesen sey. Philmr wurde älter. Ihr Fehler wuchs mit den Zähren, und schien ihr bereits zur andern N»!»r ge. Mrden zu seyn. Fast«u jedem Menschn, hatte sik Er s ( äZ6) etwas auszusehen, fast über jeden machte sie leichtsinnige Bemerkungen. Es speiste beynahe niemand bey ihren Eltern, über den sie sich nicht ein keckes Urtheil erlaubte. Auch Männer, die sie nicht im Stande war zu cheurtheilen, bekrittelte sie auf die freyeste Weife, und wenn man sie daraus aufmerksam machte, daß sie hier kein Urtheil habe, rief sie höhnisch aus: Es ist ja doch nur ein Mensch, über den ich urtheile, und bin ich denn etwa- anderes, als auch ein Mensch? Auf den Kopf glaube ich nicht gefallen zu seyn, und ich sehe nicht ein, warum ich mir kein Urtheil über diese Herren erlauben soll. Damit kam sie aber oft übel an. Sie wurde mehrmals in großer Gesellschaft beschämt, indem man ihr bewies, daß sie nicht über alles urtheilen könne, daß sie gar sehr vieles nicht verstehe, und von dem, rvas sie zu verstehen glaube, keine wirklich richtigen Begriffe habe. Auf diese Weise kam Philine in der ganzen Gegend in ein übles Gerede. Zhr schnippisches Wesen wurde allgemein getadelt, und es gab keinen einzigen Menschen, von dem sie aufrichtig geliebt worden wäre. Sie ging zwar mit einigen wenigen Mädchen um, die sich ihre Freundinnen nannten. Aber selbst diese waren ihr im Herzen gram. Anders konnte es auch nicht seyn. Schnippische Menschen kann niemand lieben.— Nach dem Tode ihrer Eltern ging es Philinen traurig. Heiröthcn wellte sie niemand, denn wer möchte ein schnippisches Mädchen zur Frau nehmen? Noch lebte der alte Onkel. Zu ihm nahm sie ihre Zuflucht. Er empfing sie mit Artigkeit, erklärte ihr aber, daß er sie, aus guten Gründen, nicht in sein Haus nehmen könne. Diese Gründe kannte Philiae recht gut, und sie beseufzte es nun sehr, daß sie durch ihr schnippisches Wesen das Vertrauen und die Liebe des Onkels verscherzt hatte. Zndeß wurde Philine von dem Onkel unterstützt. Zn dem Hause, in welchem sie sich aufhielt, mußte sie sehr eingeschränkt leben, und sich vieles gefallen lassen. Aber eben dieß wirkte vorkheilhaft auf sie. Sie wurde sanfter, stiller, bescheidner. Za eö kam so weit mit ihr, daß sie an andern nichts weniger leiden konnte, als ein schnippisches Wesen. Nun wur» den ihr viele Menschen gut. Sie bekaiy einen braven Mann, und lebte mit ihm glücklich. Der Onkel ernannte sie zu seiner Uniocrsalerbinn. Glatz. Undankbarkeit. Sophie war eine arme Waise. Frau Sommer, die Gattinn eines Kaufmanns, hatte Mitleiden mit ihr, nahm sie zu sich in ihr Haus, ließ sie unterrichten, und erzog sie mit mütterlicher Sorgfalt. Jedermann pries Sophien glücklich; nur sie selbst wußte ihr Glück nicht zu schätzen. Statt sich dankbar gegen ihre Wohlthäterinn zu beweisen, benahm sie sich sehr gleichgültig gegen sie, und that so, alS hätte sie ein Recht auf die Wohlthaten, die sie genoß. -( 438)- Als Sophie ihr zwanzigstes Zahr erreicht hakte, hoch ihr ein junger Zuwelenhändler seine Hand, und Sophie wurde seine Frau. Als ste von Frau Tom- mer Ablchtev nahm, dankte sie ihr zwar für das bey ihr genossene Gute, aber so kalt, daß man wohl merkte, es gehe ihr nicht von Herzen. Diese undankbare Gesinnung Sophiens schmerzte die gute Hrau Sommer sehr; denn Undankbarkeit ist jedem rechtschaffenen Menschen zuwider. Ich habe alles an ihr gethan, was ich nur thun konnte, sagte die gekränkte Krau, und ste vergilt mir mit einer solcym Gleichgültigkeit und Kalke! O Sophie! So§ pl)!e! Su weißt nlche, wie wehe das thut! Der Zuwelenhändler zog mit Sophien in ein anderes Land, war in seinem Handel glücklich, und bald ein sehr reicher Mann. Sophie kleidete sich in Seide, Machte großen Aufwand, trieb sich immer in vornehmen Gesellschaften herum, und vergaß ihrer Wohlthäterinn ganz. So vergingen acht Fahre. Unterdeß erfuhr Frau Sommer manches widrige Schicksal. Ihr Mann war im Handel unglücklich, geriech in Schulden, und starb an der Auszehrung. Seine Gattinn behielt fast nichts übrig. Kümmerlich mußte sie sich durch die Welt helfen. Sie nahte und strickte Zwar für andere, erwarb aber dadurch kaum so viel, als ste nöthig hatte, ihr Leben nothdmftig zu fristen. Gern hätte ste einen kleinen Handel angelegt; allein es fehlte ihr an Geld. Gerade als Frau Sommer sich in der größten Noch befand, hörte sie- daß Sophie sich in einem nahen Bade aufhalte. Sie beschloß, hinzureisen, und Sophien zu«suchen, ihr eine mäßige Summe Geldes zu leihen, mit der sie einen kleinen Handel anfangen -( 439)- «wllte. Sophie, dachte sie. hat bey mir viel Guies genossen; sie kann es noch nicht ganz vergessen haben, ste ist reich. und wird mich gewiß unterstützen. Vollangenehmer Hoffnungen reiste Frau Sommer »ach dem Badorle, wo sie stch sogleich nach Sophie» »kündigte. Man führte sie zu ihr hin. Sophie, statt ihr an den Hals zu stiegen,»ahm sie sehr kalt auf, sprach in einem vornehmen Tone mit ihr, both ihr nicht einmahl einen Stuhl zum Niedersetzen; und als Frau Sommer ihre traurige Lage schilderte, zuckte sie die Achseln, und sagte in einem kalten Tone: ich be daure Siel AIs Frau Sommer Sophien merken ließ, daß sie von ihr eine kleine Summe vorgestreckt zu erhallen wünsche, that diese so. als verstünde sie ihre Bitte nicht. Zch bedaure es, sagte endlich das gefühllos Geschöpf zu Frau Sommer, daß ich nicht länger daS Vergnügen genießen kenn, mich mit Ihnen zu unterhalten; ich erwarte eben den Friseur, und muß noch in dieser Stunde in Gesellschaft. Der guten Frau Sommer that es in der Seele weh, sich von Sophien so behandelt zu sehen. Sie empfahl sich mit gekränktem Herzen der Undankba- ren. Sophie drückte ihr beym Abschiede ein Papier in die Hand, mit den Worten: Nehmen Sie diese Kleinigkeit als einen Beweis meiner Erkenntlichkeit an. Als Frau Sommer im Gasthofe das Papier off. ncte, fand sie darin— einen preußischen Thaler.— Das ist also der Beweis von Erkenntlichkeit? sagte ste. O Sophie! Sophie! mit welchem Undank lohnst du mir! Frau Sommer schickte ihr sogleich den Thaler zu. rück. Sophie nahm dieß sehr übel auf. Hm! sagte --( 44o)— sie, die Frau trägt ihre Nase hoch! ein Thaler ist ihr zu wenig! man sollte ihr ein Paar tausend Dukaten schenken! damit wäre sie am Ende auch noch nicht zufrieden. Sie nahm den Thaler, und schenkte denselben einem armen Zungen, der vor ihrem Fenster stand.— Als sie nach einer Stunde in Gesellschaft ging, begegnete sie der guten Frau Sommer, sprach ober mit ihr kein Wort» sondern wandte ihr Gesicht nach einer andern Seite hin, und that so, als wenn sie Frau Tom- mer nie gekannt hätte. Mit gekränktem Herzen kehrte Frau Sommer nach ihrem Wohnorte zurück. Sie erzählte einer Freun, diun alles, was ihr im Bade wirderfahren sey. Bald mar es in der ganzen Stadt bekannt. Jedermann nannte Sophien ein häßliches, undankbares Weib.— Frau Sommer wurde von mehreren Familien unterstützt; aber der Gram über ihre Unfälle und Sophiens Undankbarkeit brachte sie nach einem Jahre ins Grab. Nach einigen Jahren erschien Sophie in dieser Gegend— nicht als vornehme Dame, sondern als eine arme, unglückliche Frau. Durch ihre Verschwendung hatte sie es so weit gebracht, daß ihr Mann in große Schulden gerirth, heimlich entfloh, und sichln Heiland nach Ost-Indien einschiffte. Sophie woitte ihre Zuflucht zu Frau Sommer nchnun Sie fand sie nicht mehr am Leben. Sie wandte sich an andere Menschen, und bath sie um Unterstützung; aber jedermann wies die Undankbare aus ihrem Haufe, niemand wollte sie zu sich nehmen. Sie starb in einem Spikale. Glaß. —() Empörender Undank. E-'n Wundarzt befand sich in der Nacht mit seinen! treuen Diener unweit PariS auf der Landstraße. Er hörte in der Nähe das Winseln und Lechzen ejneS Menschen. Sein Herr zog ihn nach dem Orte hin, wo er einen lebenden geräderten Mörder antraf, der ihn um Gotteswisten bath, ihn zu todten. Der Wundarzt schauderte zurück, und als er sich von seinem Schrecken erhöh!t hatte, fuhr der Gedanke durch seinen Sinn: ob es nicht möglich sey, diesen Unglücklichen, durch seine Kunst wiedcr herzustellen. Er sprach mit seinem Diener, nahm den Mörder von dem Rade her- unter, legte ihn sanft auf seinen Wagen, führte ihn nach seiner Wohnung, und unternahm seine Heilung, die glücklich von statten ging. Er hatte erfahren, daß das Parlament hundert Loms'dor dem zur Belohnung ausgesetzt hätte, der es anzeigen würde, wer diesen Mörder vom Rade genommen. Beym Abschied entdeckte er dem Mörder dieses, gab ihm Geld zur Reife, und riech ihm, sich ja nicht in Paris aufzuhalten. Das erste, was dieser Elende that, war hinzugehen, seinen Wohlthäter bey dem Parlament anzugeben, um die hundert Goldstücke zu erhalten. Die Wangen der Richter, die so selten erblassen, wurden bleich bey dieser Anzeige, denn er gestand gerade zu, er selbst sey jener Mörder, den dss Parlament auf der Stelle, wo er das Verbrechen begangen, hätte rädern lassen. DaS Gericht meldete dem Wundarzt die gegen ihn vorhandene Anklage. Er, der seines Dieners gewiß war, läugnete sie stand. Past. Man bedeutete ihm, sich zu bedenken, weil man Zeugen vorführen könnte, die ihn überführen würden. ( /i42) Er forderte die Richten dazu auf. Man öffnete eine Seitenkhür, der Mörder trat kalt und frech herein, stellte sich vor ihn und wiederhohlte seine Anzeige mit allen Umständen. Der Wundarzt schrie;„Was hat dich, Ungeheuer, zu diesem scheußlichen Undank gereiht?" M örder. Die hundert Louisd'or, wovon ihr mir sagtet, da ihr mich entließet. Glaubt ihr, daß mir mit meinen gesunden Gliedern allein gedient sey? Zch ward für einen Word gerädert, den ich um dreyßig Louisd'or beging, soll.ich nicht hundert durch eine Anzeige zu verdienen suchen, wobey ich selbst nichts wage? Wundarzt. Undankbarer! Dein Winseln und Aechzen rührte mein Herz. Zch nahm dich schaudernd vom Rade, besorgte, verband und heilte deine Wunden» nährte dich mit eigner Hand, so lange du deine zerschlagenen Glieder nicht brauchen konntest, gab dir Geld, das du znoch nicht verzehrt haben kannst, um heim zu reisen» offenbarte dir, um deinetwillen die Bekanntmachung des Gerichts, und ich schwöre bey dem lebendigen Gott! hättest du mir dein teuflisches Vorhaben vertraut, ich wollte eher alles bis aufs Hemd verkauft haben, dir die hundert LouiS'dor auszuzahlen, damit der Menschheit dieses abscheuliche Beyspiel von Undank ewig ein Geheimniß geblieben wäre. Zhr Herren, richtet zwischen mir und ihm, ich erkenne mich der Anklage schuldig. Präsident. Ihr habt die Z Zustiß gröblich be. leidiger, da ihr den erhalten, den daS Gesetz, um der Sicherheit der Bürger willen, verdammt hat: doch dießmahl soll die strenge Gerechtigkeit schweigen, und die Menschheit allein zu Gerichte sitzen. Euch werden -( 443)— Us hur-bert Goldstücke, und der Mörder werde noch ei»' Wahl gerädert. Muth im Unglück. Der Hanöverische Hauptmann Wiedeburg befand sich mit verschiedenen Offiziers mit zwey Compagnien des Lhurhannöverischen Regiments von Schweden an Bord eines englandischen Transportschiffes, welches mach Gibraltar segelte. Es entstand ein heftiger Sturm; das Schiff wurde leck, und das Wasser drang immer häufiger in das« selbe, so daß besten Untergang unvermeidlich schien-— — Man sah nun überall nichts, als Schrecken und Verwirrung. Der SchWkapitain, der alles verloren gab, dachte sich noch mit den sämmtlichen Oberbefehlshabern und dem besten Theil seiner Schiffsleuke in dem kleinen Boote zu retten, und ein anderes Schiff, das in der Ferne segelte, zu erreichen. Sie kamen aber alle in der See um. Der Haupkmann Wiedeburg hatte allein die Standhaftigkeit, sein Schiff nicht zu verlassen. Als alles sich nach dem Boote hindranz- te, nahm er sich vor, bey seinen Untergebenen zu bleiben, und das Aeußcrste mit ihnen abzuwarten. Cr sprach ihnen in ihrer Todesgefahr Muth zu. und er- Munterte sie zur Ergebung in den Willen Gottes. Zn der Angst und Verzweiflung war es ihnen Trost, noch einen ihrer Obern im Sterben bey sich zu sehen- Durch den Gebrauch der Pumpen vermindttne sich das Wasser im Schiffe, darum sorgte Wiedeburg, ( 444) daß dieselben in gutem Stande blieben, und Tag und Nacht beständig fortgingen. Zeder Matrose und Soldat, der zurückgeblicbrn war, folgte treulich und willig seinen Anordnungen.— Er dachte in aller Lebensgefahr besonders an die Kranken, die sich in ihren La- gersteüen wegen Nasse und Kälte nicht bergen konnten, und ließ sie in die Offizier, CaMe bringen; bey ihrem Anbick vergoß er viele Thränen. „Ich konnte leicht einsehen, sagte der wackre, fromme Offizier, daß bey der Unwissenheit unsrer sechs übrigen Matrosen eine Landung ohne GotteS Beystand und Führung allemahl mit vieler Gefahr für unS verknüpft seyn würde. Zch wandte daher meine jetzigen müßigen Stunden dazu an, mich nicht nur immer selbst mehr zum Tode zu bereiten, sondern hielt es auch für meine Pflicht, meine Leute daran zu erinnern, und sie zugleich zum fleißigen Gebeth zu ermähnen." Dabey that er nun immer seine Schuldigkeit, er» munterte die Leute zum Pumpen, suchte allsS auf» was noch von ihrem Verrathe an Lebensmitteln übrig war, und erquickte damit die Arbeitenden, die nun sehr entkräftet wurden. Der Unglücklichen Zustand wurde immer fürchterlicher— daS Meer blieb verschiedene Tage und Nächte hindurch unruhig und tobend. Die heftigsten Stürme waren von den stärksten Regengüssen begleitet. Das Schwanken des Schiffes wurde so stark, daß die Leute, welche bey dem Pumpen arbeiteten, umfielen, und in Gefahr stunden, über Bord zu stürzen. Es mußten daher hinter die Arbeiter beynahe noch so viel andere gestellt werden, um jene, wenn sie zurückschlugen, aufzufangen, damit sie nicht ins Meer fiele!!. Oft wurden alle mit einander durch die ins ( 445) Schiff herausschlagenden Meilen filern Haufen geworfen. Mit aufgeschwollenen Handen und Füssen wußten sie unaufhörlich fort arbeiten, und thaten es gern auf ihres rechtschaffenen Offiziers Zureden. Am dritten Tage fing die See an ruhiger zu werden. Äiun war seine erste Sorge, die abgematteten Menschen mit warmen Essen erquicken zu lassen. Jetzt entstand eine neue Gefahr— die Schiffsküch- fing an zu brennen. Aber das Feuer wurde durch Wiedeburgs thätige Fürsorge für die Erhaltung der Menschen, die bey ihm waren, bald gedämpft. Nach kurzen Hoffnungen zur baldigen Rettung zeigten ihm die Matrosen wieder an. Los Schiff würde wahrscheinlich nach einer halben Stünde untergehen.— Er horte diese Nachricht ganz unerschrocken, und bat nur die Matrosen, ja nichts an ihrer Schuldigkeit zu verabsäumen. Er ging nun wieder mit vis. lem Muthe auf das Verdeck, und redete seinen Leuten Muth zu, führte sie auf gute Gedanken, und ermähnte fie zum fleißigen Gebet. Er blieb auf dem Verdeck, um sie durch seine Gegenwart anzufeuern und zu trösten.— DaS Schiff wurde glücklich aus einer gefährlichen Gegend fortgeführt— aber wieder eine neue Gefahr; es wurde zwischen Klippen getrieben, wo es wahrscheinlich scheitern musste. "—— Nun entstand auf einmal wieder ein höchst trauriger und rührender Austritt. Alle fingen noch einmal an zu beben, und Gott um ein seliges Ende anzuflehen. Ein Freund und LandSmarm suchte und rief den andern, um sich noch einmal zu umarmen, und von einander Abschied zu nehmen. Einige hatten sich fest umarmt, und wollten so zugleich Mit einander sterben.-E— Ich betete mit meine« Leuten, und empfand dabey eine besondere Stärkt, den Tod mit Siandhaftrgkeit zu erwarten." Der feste Mann wurde aber noch nicht muthlos, er bat noch immer seine Untergebenen, nicht von der Arbeit abzulaffen- Nach und nach faßte das Schiff öfters Grund, und that dabey solche Stöße, daß man aas dem Verdeck kaum stehen konnte. Das Ruder brach in Stücken, und fiel zertrümmert aus des Steuermanns Hand. Er blieb stehen, und erwartete in dieser Fassung seinen Tod. So brachten alle, unter steten Gedanken> daß j-der Augenblick der letzte sey, und unter beständigen Stoßen des SchiffeS, noch eine Stunde zu. Es kam die Zeit der höchsten Math. Mit dieser ging das Schiff über die Klippen weg, und ward nahe ans Land getrieben. Am Morgen entdeckten die Unglück- chen die französische Küste. Sobald einige Bewohner dieser Küste daS gestrandete Schiff sahen, erlten sie, und höhlten viel Leute zusammen, und gaben sich mit einander die äußerste Mühe, den Verunglückten die schleunigste Hülfe x- leisten. Züe Rettung derselben wagten manche da- bey ihr eignes-Leben, sprangen ins Wasser und ardei. tecen sich durch dre ungestümen Wellen hindurch, um die Abgematteten wieder aus dem Wasser zu z-e.-en und anS ttftr zu bringen, Sie von den zusammen genagelten Balken, aufweichen man sie von dem Schiff aus Land zog, in die See stürzten. Mit aller Freundschaft und Güte wurden die auS dem Gchiffbruch geretteren Hannoveraner von oen Französischen Soldaten aufgenommen. Man konnt' gö vync Thränen nicht ansehen. Die Französin um- —( 447)" armlen die Hannoveraner nicht nur recht brüderlich, sondern hatten auch Brod, Wein und Branntwein mitgenommen, u.n sie damit wieder zu erquicken. Der Commandant gab Befehl, daß man allen Unteroffizieren und Soldaten Zimmer in den Eassernen anweise, wo sie Holz, Licht, Betten, Brod, Fleisch und Geräthe zum Kochen fanden. Er selbst nahmdcn braven W-edeburg unter den Arm, und führte ihn so nach seinem Hause zu einem großen Gastmahl. Nach demselben gab er einem Offizier den Auftrag, ihn in die in dem Hospital de la Charite ihm angewiesene Wohnung zu bringen, so lange er noch unbekannt wäre, alle Morgen zu ihm zu kommen, und ihn zureicht zu weisen. Die Wohnung war sehr bequem, und die Mönche bestrebten sich äußerst, ihm zu dienen. Seine Kleidung war bis aufs Hemde naß geworden, sie reichten ihm gleich trocknes Nachtzeug, und am folgenden Morgen fand er beym Aufstehen ein reines Hemd, und alle nöthigen Kleidungsstücke, Wasche, Schuh und Strümpfe vor dem Bette fertig liegen. Seine nassen Kleider trockneten sie am Kamin, und er wurde mit aller Wasche und allem übrigen reichlich von den Mönchen versehen, bis er seine Sachen vom Schiff erhielt. Allen seinen Untergebenen wurde liebreiche Dienst- fertigkeit erzeugt.—— Bey dem Ausschiffen der Mannschaft ward einmahl das ganze Fahrzeug durch die Wellen umgeworfen. Keiner von allen, die dar. auf waren, wäre gerettet worden, hätten hier nicht die Französischen Matrosen menschenfreundlichen He», denmuch bewiesen. Aber sie suchten mit vieler Gefahr ihres eigenen Lebens die Verunglückten im Wasser wieder auf, zogen sie als todt heraus, und brachten ( 448) sie ans Land. Drey davon erbosten sich bald wieder. Bey den drey übrigen warben von den guther. zigen Leuten, die umher stunden, gleich alle Mittel zusammen gesucht und angewandt, dickn dergleichen Fallen nur möglich sind, um Ertrunkene wieder ins Leben zu bringen. Bey zweyen war alles vergeblich. Der dritte hingegen fing wieder an, etwas Aihem zu holen, nachdem man über eine Stunde an ihm gearbeitet hatte. Ein angesehener Bürger aus St. Martin auf der Insel Ke, welcher dabey stand, zog gleich sein Hemd vom Leibe, und reichte es hin, solches die. sem Wrederauflebenden anzuziehen; da es noch warm sey, sagte dieser Menschenfreund, so hoffte er, es würde ihm wohl bekommen. Er selbst ging nachher ohne Hemd wieder zurück in die Stadt. Ein anderes Schiff auS England holte die gerettete Mannschaft wieder ab. Auf eignes Litten des Französischen Commandanten maschirkc sie mit fliegender Fahne und klingendein Spiel aus, und zwar ließ er dabey unter seiner Anführung ein Bataillon in Parade stehen. An dem Orte, wo siel abfuhr, waren die mehrcsten Einwohner und Offiziere der Stadt St. Martin versammelt, wünschten ihr Glück zur Reise und viele sahen ihr mit Thränen nach. Edls U neigennützigkert. Zu Marseille stund ein junger Mensch, Nahmens Robert, am Ufer, und wartete, ob jemand in seinen Nachen treten wollte. Ein Unbekannter stieg hinein, war aber im Begriff» sogleich wieder heraus, und in einen andern zu gehen, weilwie er zu Robert, der sich zeigte, und von jenem nicht für den Herrn des Schiffs gehalten wurde, sagte— weil der Schiffer nicht zum Vorscheine käme.—„Dieß Schiffist mein! Wollen Sie zum Haftn hinausfahren? mein Herr."— Stein, mein Herr:— es ist nur noch eine Stunde Tag. —- Ich wollte nur im Haftn ein paarmal auf und ab fahren, um des kühlen und schönen Abends zu genießen.— Er fleht ja aber nichts weniger, als einem Schiffmann ähnlich, auch hak Er die Mundart dieser Leute nicht.—„Es ist wahr, und im Grunde bin ich auch keiner; ich treibe dieß Handwerk an Sonn-und Festtagen, nur um mehr Geld zu verdienen." Pfup! in Seinem Alter schon so gcitzig scpn! Das entehret Seine Jugend, und erstickt den Antheil, wel. chen Seine glückliche Gesichksbiidung im ersten Augenblicke einflößt.—„Wenn Sie, leider! wüßten, war. um ich so sehr wünsche, Geld zu verdinen; wenn Sie mich kennten, gewiß würden Sie meinen Gram nicht dadurch vergrößern, daß Sie mir eine so niedrige Denkungsart zutrauen."— Ich hab' Ihm vielleicht Unrecht gethan; Er hat sich aber übel ausgedrückt. Wir wollen unsere Spazierfahrt antreten, da soll Er mir Seine Geschichte erzählen. Wohlan, mein guter» Freund! sag Er imr Mk, was hak Er für Sorgen? ich bin vorbereitet, Theil daran zu nehmen.— „Ich habe nur eine einzige: meinen Baker in Fef. sein zu wissen, ohn- ihn noch besrepen zu können. Efl war Makler in dieser Stadt, legke das, waS er selbst erspart, und meine Mutter in dem Handel mit Mode- waaren gewonnen halte, auf ein Schiff an, welches nach Smyrnq bestimmt war, und machte, um aus Ik. Band. F f l. 4L0) die Umsetzung seiner wenigen Waaren ein Auge haben, und selbst wählen zu können, die Reise in Person mit. DaS Schiff ist von einem Seeräuber weggenommen, und nach Tekuan geführt worden, wo mein unglück. licher Vater, mit allen, die am Bord waren, jetzt Sklave ist. Seine Ranzion ist auf zweptausend kleine Thaler gesetzt; da er sich aber ganz erschöpft hatte, um seine Unternehmung desto wichtiger zu machen, so sind wir jetzt nicht im Stande, diese Summe zusam. men zu bringen. Indessen arbeiten meine Mutter und Schwestern Tag und Nacht; ich thue desgleichen bey meinem Herrn, der ein Juwelier ist- und suche, wie Sie sehn, die Sonn-und Fetze» tage zu nützen. Wie haben uns bis auf Dingk der äußersten Nokhdurft eingeschränkt. Zn einem einzigen kleinen Kämtnerchen führt unsere unglückliche Familie ihre ganze Haüshal. tung. Anfangs glaubte ich, ich würde die Stelle Klei. nes Vaters entnehmen, ihn hefrepen, und Mich- statt seiner, in Fesseln legen lassen können; ich war in» Begttff, dieß Vorhaben inS Werk zu setzen, als meine Mütter—-die, ich weiß nicht wie- Nachricht da> vott erhielt, mich versicherte, daß es eben so unmöglich- alS fantastisch wäre, und allen Capikains, die nach der Levante segeln- verbitten ließ- mich an Bord zu nehmen."— Erhält Er bisweilen Nachricht von Seinem Vater? Weiß Er, wer dessen Herr zu Tekuan ist, und wie er dort gehalten wird?—-.Sein Herr ist Oberaufsehcr der königlichen Gärren; man behan. dur ihn ganz menschlich, und die Arbeiten, die ihm aufgetragen werden, gehen nicht über seine Kräfte. Aber wir sind nicht bey ihm, ihn trösten, ihm sein Unglück erleichtern zu können; er ist vor» uns, einer geliebten Gattinn und drey Kindern, die er immer aufs zärtlichste liebte, entfernt."— Und wie nennt sich Sein Vater zu Tekuan?—„Er hat seinen Nah» wen nicht verändert, und heißt Robert, wie zu Mar. seille."— Ha! ha.' Robert... Beym Aufseher der Gärten?—„Ja, mein Herr!"—— Sein Unglück geht mir zu Herzen; aber Seinen Gesin» rmngen nach, die es nicht verdienen, bin ich kühn genug, Zhm ein besseres Schicksal zu prophezeien, und wünsch es Ihm von Grunde der Seele... Zeh, wollte mich- indem ich der Abendkühle genieße, auch der Einsamkeit überlassen, Nehm' Er mirs also nicht Übel, mein Freund! wenn ich einen Augenblick still bin.— Bey Anbrach der Nacht erhielt Robert Befehl, Üns Land zu fahren, und, noch ehe er Zeit gehabt hätte, äuszusteigen, oder das Schiff anzu» schließen, machte sich der Unbekannte heraus, und ertaubte dem Robert nicht einmahl, ihm für den Beütel, den er ihm zurück ließ, zu danken, so eilfertig machte er sich davon. Zn diesem Beutel waren acht doppelte Loüisd'or und zehn Thaler Silbergeld. Eine so be» trachtliche Freigebigkeit brachte dem jungen Menschen einen sehr hohen Begriff von der Empfindsamkeit dcS Unbekannten bey; aber vergebens wünschte er sehn. Uchsi, ihm begegnen, und dafür danken zu können. Sechs Wochen nach diesem Zeitpunkte, als diese ehrliche Familie, die, um die nöthige Summe voll zu machen, unaufhörlich forkgearbricet hatte, eben ein mäßiges Mittagsmahl, das aus Brod und dürren Mandeln bestand, einnahm, überraschte sie der alte Robert, sehr sauber gekleidet, mitten in ihrem Kummer und Elende—„Ach! meine Frau! ach weine lieben Kinder! Wie habt ihr mich so geschwind bestehen können, und auf die Art, wie ihrS gethan S f2 —'( 4L2)— habt? Seht nur, wie ihr mich herausgeputzt habt, und dann die fünfzig Leuisd'or noch, die man mir, als ich einschiffte, darzählke, da Reise und Unterhalt doch schon voraus bezahlt waren! Wie soll ich für fo vielen Eifer, für so viele Liebe euch genug danken? Und diese entsetzliche Beraubung aller Bequemlichkeiten, der ihr euch mir zu Liebe entzogen habt!'— Bor Erstaunen war es anfangs der Mutter unmöglich zu antworten; sie schwamm in Thränen, ihre Tochter desgleichen, und eine Umarmung folgte der andern. Der junge Robert blieb steif auf seinem Stuhle, immer ohne Bewegung, und fiel endlich in Ohnmacht.— Die Thränen, die sie vergossen, gaben endlich der Mutter die Sprache wieder; sie umarmt ihren Mann nochmahls, steht ihren Sohn an, zeigt ihn dem Vater, und—-„das ist dein Befreper,"—> sagte sie:„Sechstausend Limes waren für deine Ran- zion gefordert; wir haben erst etwas über die Halste beysammen', und das meiste davon hat dein Sohn durch seine Arbeit verdient; seiner Liebe zu dir sind wir dich schuldig. Dieser wackre Sohn har vermuthlich Freunde gefunden, die, gerührt von feinen Tugenden, ihm dexsiunden; und da er gleich rm Anfang deiner Sklaverei) heimlich den Vorsatz faste, deine Stelle einzunehmen, so haben wir ohne Zweifel ihm unser Glück zu danken, und hat er ganz gewiß uns auf diese Art überraschen wollen. Sieh' nur, wie er eS fühlt! aber wir müssen ihm bepfpringen." Die Mutter eilte auf ihn zu, die Schwestern desgleichen. Mit großer Mühe entreißt man ihn seiner Ohnmacht; er wirst einen schmachtenden Blick auf feinen Vater, hat aber noch nicht Kräfte genug, um sprechen zu können. Auf seiner Seite wird der Vater auf einmahl -(Ü5Z) still und nachdenkend; schein« bald darauf ganz bestürzt, redet seinen Sohn an, und sagt:„Unglückli eher! waü hast du gethan? Wie kann ich dir meine Beftrhnng danken, ohne darüber zu erröthcn? Wie konnte sie ein G-Helmmß für deine Mutter bleiben, wenn du ste nicht auf Kosten deiner Tugend erkauft hast? In deinem Alter, Sohn eines Verunglückten, eines Sklaven, verschafft man sich nicht leicht auf ordentlichen Wegen ss beträchtliche Hülfsmittel, als du nöthig hattest. Zch schaudre vor dem Gedanken, ob dich nicht kindliche Lieb- vielleicht zu einem Verbrechen verkettet hak. Beruhige mich, ftp aufrichtig, und wenn du aufhören konntest, ein ehrlicher Mann zu 1-yn, so «aßt uns alle sterben.—„Geben Sie sich zufrieden, mein Vater!" antwortete er, und stund auf, voll Wchmuih über einen solchen Argwohn.„Umarmen Sie Ihren Sohn! er ist dieses schönen Titels nicht unwürdig. Sie haben Zhre Freyheit nicht mir. nicht uns zu danken. Ich kenne unsern Wohlthäter. Jener Unbekannte, Mutter! der mir feinen Beutel gab, that sehr viele Fragen an mich- Zeitlebens werde ich ihn aufsuchen; ich werd' ihn antreffen; er wird mtt mir kommen, seiner Wohlthaten zu g-ni-ßen, Theil daran nehmen, und Thränen der Wollust mit uns wemen." Hier erzählte der Sohn dem Vater die Anekdote vom Unbekannten, und benimmt ihm seine Furcht. Robert fand in der Ruhe, die er jetzt wieder genoß, Freude und Beystand. Ein weit glücklicherer Erfolg, als er erwartet hatte, übertrifft seine Hoffnung, krönt seine neuen Unternehmungen. Nach zwey Zähren ist er reich; seine Kinder, die versorgt und glücklich sind, genießen mit ihm und seiner Zrau einer Glückseligkeit, dte nichts würde gestört haben, wenn es dem Sohne V a>.s/ M?t seinen ununterbrbchcnen Nachforschungen geglückt Kutte, den verborgenen Wohlthäter, den Gegenstand ihrer Dankbarkeit und Sehnsucht» ausfindig zu ma- chen.— Endlich traf er ihn an einem Sonntags- Morgen am Hafen an, wo er spazieren ging.„Ach mein Schutzgott!" ist alles, was er sagen kann; wirst sich zu seinen Füßen, und füllt ohne Sinne dahin. Der Unbekannte gibt sich alle Bkühe, ihm beyzubringen, mit etwas gebranntem Wasser gelingts ihm, ihn zu sich zu bringen; er ist eben so begierig, ihn nach der Ursache, die ihn in diesen Zustand versetzt hat, zu fra. gen.——„Ach, mein Herr! kann sie Zhnen unbe. kannt seyn?. Haben Sie Roberten und seine unglückliche Familie, die Sie durch Hesreyung des Vaters auf den Gipfel des Glücks setzten, vergessen?"— Er irrt sich, mein Freunds Ach kenn'Ihn nicht, und auch Er kann mich nicht kennen; ich bin fremd zu Mai. stille, und erst seit wenigen Tagen hier.—„Das ist alles möglich, aber erinnern Sie sich, daß Sie vor zwey Fahren auch hier waren; denken Sie nicht mehr an jene Spazierfahrt im Haftn, an den Antheil, den Sie an meinem Unglücke nahmen, an die Fragen, die Sie an mich thaten, und die alle nur solche Umstünde betrafen, die Zhnen die nöthigen Erläuterungen geben konnten, um mein Wohlthäter werden zu können? Eefreyer meines Vaters! können Sie vergessen, daß Sie der Retter unsrer ganzen Familie sind, die michts anders mehr wünscht, als Ihre Gegenwart? versagen Sie uns die Erfüllung unsrer Wünsche nicht! kommen Sie! theilen Sie unsre Freude! vermischen Sie ZKre Thränen der Rührung mit unsern Zähren der Dankbarkeit!—— Kommen Sie!"— — Genug, mein Freund! Zch hab's Zhm schon ein- —( 455)— mahl gesagt. Sr irrt sich.—„Nein, mein H-rr! ich irr. mich nicht. Ihre Züge sind zu tief m mein Herz gegraben, als daß ich Sie mißkennen könnte; kommen Sie! ich bitte." Hier nahm ihn der junge Robert beym Arm. suchte ihn fast mit Gemalt fortzuziehen, und um beyde fing nun das Volk an, sich zu sammeln. — Da sprach der Unbekannte m.it einem ernsthaftem, und festem Tone: Mein Herr! diese Scene ez-müd-t mich, ohne Sie zu erleichtern; eine auffallende Lehn- lichk-ik verursachte Ihren Irrthum; rufen Sichre Vernunft zurück, und suchen Sie im Schvoße Ihrer Familie die Ruhe wieder, die Sie nöthig zu haben scheinen.-„Welche Grausamkeit! Warum wollen Sie, der Wohlthäter unserer Familie, durch Ihren Widerstand, durch Ihre Abneigung, mich zu begleiten. die Glückseligkeit verbittern, die Sie nur Ihnen zu danken hat? Soll ich vergebens zu Ihren Füßen liegen? und sollten Sie grausam genug seyn, den rührenden Tribut von sich abzulehnen, den wir schon so lange Ihrem fühlbaren Herzen vorbehalten haben? Und ihr, meine Mitbürger! ihr alle, die ihr von der Verwirrung und Unruhe, in der ich bin, gerührt seyn müsset, vereinigt euch mit mir, den Urheber meiner Wohlfahrt zu vermögen, dah er mit mir gehe." Hier schwieg bey Unbekannte; auf einmahl aber nahm er alle sein- Kräfte zusammen, um die Versuchung zu beste, gen. in die ihn ein so köstlicher Genuß, den man ihm anboth, hätte führen können, und verlor sich im Getümmel. zum größten Schmerz d-S jungen Robert, der mit erloschnen und wild umher irrenden Blicken ihm nachsah..^ Der Unbekannte, von dem die Rebe ist, wurde es noch seyn, wenn nicht seine Verwalter. die nach ^ dem Tode ihres Herrn unter seinen papieren eine Note von siebentausend fünfhundert Liores fanden. den Herr» Robert Mapn von Cadix, an den sie geschickt 'raren, auS bloßer Neugierde(denn di- Store war durchgestrichen, und das Papier zerdrückt, als zum Feuer bestimmt,) darüber befragt hätten. Dieser berühmte Englische Banquier antwortete, er habe die Summe angewandt, einen Sklaven zu Tetuan, Nah. mms Robert aus Marseille, loszukaufen, auf Befehl des Herrn Carl von Sekondat, Baron von Montes- quicu, Obcrprästdent des Parlaments zu Bordeaux. Bey dieser thätigen, arbeitsamen und forschenden Lebens, art reisete der Herr von Montesquieu sehr gerne, und besuchte oft seine-Schwester, Madame d' Hcricourk, die zu Marseille vermählt war. Der brave Mann. Hoch klingt das Lied vorn braven Mann, Wie Orgelten und Glockenklang. Wer hohes Muths sich rühmen kann, Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang. Gottlob! daß ich singen und preisen kann: Zu singen und preisen den braven Mann.- Der Thauwind kam vorn Mlttagsmeer, Und schnob durch Welschland trüb und feucht. Die Wolken flogen vor ihm her, Wie wann der Wolf die Herde scheucht, Er fegte die Felder; zerbrach den Forst; Auf Seen und Strömen das Grundeis borst. ( 457) 2lm Hochgebirge schmolz der Schnee; Der Sturz von raufend Wellen scholl; Das Wiesenthal begrub ein See; Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll; Hoch rollten die Wogen, entlang ihr GleiS, Und rollten gewaltige Felsen Eis. Auf Pfeilern und auf Bogen schwer, Aus Quaderstein von unken auf, Lag eine Brücke drüber her;' Und mitten stand ein Häuschen drauf. Hier wohnte der Zöllner, mit Weib und Kind. „O Zöllner! o Zöllner! Entfleuch geschwmd!" Es dröhnt' und dröhnte dumpf heran, Laut heulten Sturm und Wog' ums Haus, Der Zöllner sprang zum Dach hinan.— Und blickt in den Tumult hinaus;—> ,.Barmherziger Himmel! Erbarme dich! Verloren! verloren! Wer rettet mich?"— Die Schollen rollten, Schuß auf Schuß, Von beyden Ufern, hier und dort. Von bepden Ufern riß der Fluß Die Pfeiler sammt den Bogen fort. Der bebende Zöllner mit Weib und Kind, Er heulte noch lauter, als Sturm und Wind. Die Schollen rollten, Stoß auf Stoß, An beyden Enden, hier und dort, Zerborsten und zertrümmert schoß, Ein Pfeiler nach dem andern fort. Bald nahte der Mitte der Umsturz sich.— „Barmherziger Himmel! erbarme dich." Hoch aufdem fernen Ufer stand Ein Schwärm von Gaffern, groß und klein; Und jeder schrie und rang die Hand, Doch mochte niemand Retter- seyn. Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind, Durchhefte nach Rettung den Strom und Wind. Wann klingst du Lied oom hraven Mann, Wie Orgclton und Glockenklang? Wohlan! So nenn' ihn, man' ihn dann! Wann nennst du ihn, o braver Sang? Bald nahet der Mitte der U-nsturz sich. O braver Mann! braoer'Mann zeige dich! Rasch gaüopirt' ein Graf hervor, Auf hohem Roß ein edier Graf. Was hielt des Grafens Hand empor? Ein Beutel war es, voll und straff. ,,Zwei-Hundert Pistolen find zugesagt Dem» welcher, die Rettung der Armen wagt.!' Wer ist der Brave? Zsts der Graf? Sag an, mein braver Sang, sag an!— Der Graf» beym höchsten Gott! war brav! Doch weih ich einen bravern Mann.— O braver Mann! braver Mann! zeige dich! Schon naht das Verderben stch fürchterlich.— Und immer höher schwoll die Fluth; Und immer lauter schnob der Wind; Und immer tiefer sank der Muth.— Ö Retter! Retter! komm geschwind!- Stets Pfeiler bey Pfeiler zerborst und brach. Laut krachten und stürzten die Bogen nach. „Halloh! Halloh! Frisch auf gewagt!" Hoch hielt der Graf den Preis empor. Ein jeder hörts, doch Zeder zagt, Aus Tausenden tritt Keiner vor. Der Zöllner vergebens mit Weib und Kind, Durchhefte nach Rettung den Strom und Wind. (^9)— Sieh, schlecht und recht ein BauerSmann, Am Wanderstübe schritt daher. Mit grobem Kittel angethan, An Wuchs und Antlitz hoch und hehr. Erhörte den Grafen, vernahm sein Wort; Und schaute dM nahe Verderben dorr. Und sühn, in Gottes Nahmen, sprang Er in den nächsten Fischerkahn; Trotz Wirbes, Sturm und Wogendrang Kam der Errette^ glücklich an: Doch wehe! der Nachen war allzuklein, Der Retter von, asten zugleich zu seyn. Und dreymahl zwang er seinen Kahn, Trotz W-rbel, Sturm und Wogendrang; Und dreymahl kam er glücklich an. Bis ihm die Rettung ganz gelang. Kaum kamen die Letzten in sichern Port; So rollte das letzte Getrümmer fort.— Wer ist, wer ist der brave Mann? Sag an, sag an, mein braver Sang! Der Bauer wagt ein Leben dran: Doch that er's wohl um Goldesklang? Denn spendete nimmer der Graf sein Gut; So wagte der Bauer vielleicht, kein Blut.— „Hier! rief der Graf, mein wackrer Freund Hier ist dein Preis! Komm her! Nimm hin!<' Sag an, war das nicht brav gemeint?— Bey Gott! der Gras trug hohen Sinn. Doch höher und himmlischer, wahrlich! schlug Das Herz, das der Bauer im Kittes trug. „Mein Leben ist für Gold nicht feil; Arm bin ich zwar, doch eh' ich satt. Dem Zöllner werd' eu'r Gold zu Theil, ( 46o) Der Haab' und Gut verloren hat! So riefer, mit adelichem Bicderton, Und wandte den Rücke», und ging davon.— Hoch klingst du, Lied vsm braven Mann, WieOcgelkon und Glockenklang! Wer solches Muths sich rühmen kann, Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang. Gottlob! daß ich singen und preisen kann, Unsterblich zu preisen den braven Mann. Bürger. H a n n ch e n oder die verkannte Unschuld. In B.. lebte vor geraumer Zeit ein reicher Mann, Nahmens Bienau. Die ganze Stadt ehrte ihn als einen ihrer rechtschaffensten Bürger, gleiche Achtung und Liebe genoß seine Frau, Smilie, die reich an weiblichen Tugenden war. Sie hatten nur einen einzigen Sohn, der in die Fußstapfen seiner Eltern trat, und bereits in einer glücklichen Ehe lebte. Es war Bedürfniß für das Herz des alten Bienau und seiner Gattinn, wohlzuthun, und Freude um sich zu verbreiten. Aus diesem Grunde unterstützten sie die Armuth, und nahmen mehrere Kinder, die entweder verwaist oder sehr dürftig waren, in ihr Haus, ließen sts unterrichten und statteten ste, wenn sie das Haus verließen, reichlich aus. "Ein ehrlicher, aber armer Mann, der in der Vor- studt von B.. lebte, hatte eine Tochter, die ihres Va. kcrs würdig war, ein harmloses, arbeitsames und rechtschaffenes Mädchen. Sie hieß Harrn chen. Emi- lie Bienau lernte sie kennen, gewann sie lieb und nahm sie in ihr Haus. Hier wurde Hannchen gut erzogen, befand sich sehr wohl. und entsprach völlig den Erwartungen ihrer Wohlthäter. Auf ihr- Redlichkeit und Treue konnte man sich ganz verlassen. Mehrmahls hatte man sie auf die Probe gestellt; sie hatte sie jedesmahl bestanden. An nützlicher Geschäftigkeit und Ordnungsliebe kam ihr nicht leicht ein anderes Nädcken gleich. Ihren Versorgen! entgingen diele Tugenden nicht, und Hannchen erhielt von ihnen immer mehr beweise von Liebe und Zutrauen. So waren mehrere Jahre verflossen; Hannchen wurde am Ende fast wie eine Tochter deS Hauses behandelt, und mit Wohlthaten überhäuft, welche sie mit frommer Dankbarkeit erkannte, und durch musterhafte Gelchäfislrsue einigermaßen zu erwiedern suchte. Sie stand in der schönsten Zeit ihres LebenS, im acht- zehnten Jahre, als ihre Wohlthäter eine Reise nach Dresden unternahmen. Hannchen blieb allein zu Hau» se; man vertraute ihr die Aufsicht über dasselbe, und sogar mehrere Schlüssel zu Gemächern und Schränken an, in denen eine Menge Sachen von Werth sagen. Dieß ur.begranzte Vertrauen, daS ihre Dohlhä- ter in ihre Redlichkeit setzten, rührte Hannchcns Her; nicht wenig, und war für sie eine stark- Aufmunterung, die Geschäfte, die man ihr aufgetragen hatte, milder gewissenhaftesten. ängstlichsten Pünktlichkeit L» vrrrich. f 462) tm, und noch mehr zu thun, als ihre Versorg.r von ihr verlangten. Da blieb kein Winkel des Hauses, den sie nicht untersucht und alles darin in die schönste Ordnung gebracht hätte. Alle Möbeln reinigte sie sorg. fällig, und gab ihnen dadurch einen Anstrich von Neu- beit; besonders verwendete sie viel Zeit und Mühe auf das Putzen des Silbers, womit einer der Schränke angefüllt war. Als sie damit fertig war, freute sie sich über ihre vollendete und wöhlgelungene Arbeit und auf die Rückkunft ihreb Wohlthäter, die, wie sie hoffte, mit ihr vollkommen zufrieden seyn. Und-sich über die gute Verwaltung des Hauses, während ihrer Abwesenheit, freuen würden. Mit diesem süßen Vor- gt-fühl setzte sich Hannchen, nach einem beendigtet, schweren Geschäfte, auf das Sopha, und versank bald in einen festen Schlaf. Während das güke, redliche Mädchen schläft fällt es einer Gärtnerinn, die dieses Haus oft zu be. suchen Pflegte'- ein, Hannchen einen Besuch zu machen, und zuzusehen, wie sie sich in ihrer Einsamkeit gefalle. Sie tritt ins Zimmer und findet sie schlafend. Sie biethet ihr einen guten Tag; Hannchen erwacht Nicht; sie setzt sich zu ihr, sie streichelt sie; alles vergebens; die Schlafende erwacht nicht. Die Gärtnerinn geht noch weiter, ste versucht, ihr das Bund Schlüssel, das an dem Arm derselben hing, abzunehmen; auch dieß gelingt, ohne daß Hannchen aufwacht. Bis jetzt war bey der Gärtnerinn noch kein böser Gedanke aufgisti.4 gen; aber in diesem Augenblick regte sich eine lasier, hafte Neigung in ihrem Herzen. Vor ihr stand der Silberschrank, die Schlüssel hatte sie in Händen; Hannchen schlief fest, die Versuchung war reitzetih; war stark; sie unterlag Ihw c 465) Leise öffnete die Gärtnerinn den obern Theil des Gchrankes und packle altes, was sie an Silber vor. fand, in ihren Korb; schloß behutsam wieder zu; häng. te das Bund Schlüssel an Hannchens Arm, und entfernte sich unbemerkt mit dem gestohlenen Gute. Nach einer halben Stunde erwachte Hannchen aus ihrem süßen Schlummer, und ahndete nicht, was wahrend desselben vorgefallen sey. Sie nahm man. cherley Geschäfte vor, und da sie den Lag darauf Herrn Bienau mit feiner Gattinn erwartete, beschloß sie, noch Sin Mahl alles im Hause zu untersuchen» vb vielleicht noch hie und da etwas besser gedidnek werden könnte. Sie kommt auch an den Silberschrank; sie öffnet ihn; welch ein Schrecken! sie findet den Sberkheil geteert. Start und halb ohnmächtig steht sie da'; sie durchsucht alles; das Silberzeug ist nirgends zu finden. Es ist ihr unetklärbür, wohin es gekommen seh i noch vor zwey Stunden hatte sie es betrachtet. Und sich über den Glanz und die Nettigkeit desselben gefreut; ängstlich ringt sie die Hände gen HimMtl, und weiß nicht, was sie anfangen soll. Zn dieser angstvollen Lage erinnert sich Hannchen an ihren Vater; zu ihm will sie eilen, ihm ihr Un- glück klagen, seinen Rath cinWlen, und an dem väterlichen Herzen Trost und Beruhigung suchen. Der Gedanke> doß der Verdacht des D-ebstahls äussre fallen möchte. war dem ehrliebcnden Mädchen schreck- sich, war ihr unerträglich. Zerrissen im Innersten von den schrecklichsten Ge« fühlen, schloß sie das HauS zu, und eilte nach der niedern Hütte ihres Vaters. Dieser, ein streng ehr. sicher, dabey hitziger Mann, empfängt sie mit Ver- Wanderung, da er ihren Hemüthszustgnd bemerkte Die unschuldige, rechtschaffene Tochter erzählt ihm umständlich ihr Unglück; aber anstatt sie, zu trösten, und mit väterlichem Rath zu erfreuen, blickt er sie mit einer kalte«. vielsagenden Miene an. Hannchen erräth die Bedeutung derselben, und eine starke Scham- röthe überzieht ihr vor Schrecken blasses Gesicht. Der Vater bemerktes, und hätt es für ein Zeichen ihrer Schuld. „Hannchen!" ruft er im durchdringenden Tone, und dräut ihr mit dem Finger., Schrecklich durchgingt das einzige Wort ihr gefoltertes Herz. Kokt l ruft sie; auch mein Vater glaubt mir nicht, auch mein Vater hat mich in Verdacht! „Heinrichen!" versetzte jetzt mit vieler Strenge der Vater,„Hannchen! schände dich, schände deinen Vater, schände deine Familie nicht! Große Wohlthaten hast du im Bienauschen Haus- genossen, man hat dich als Kind behandelt, o sey nicht undankbar, loh. ne nicht die Liebe und das Zutrauen deiner Wohlchä- ter mit Untreue. Hannchen, ich beschwöre dich! bleibe meine Tochter, bleibe ehrlich und treu! Wer soLte, wer konnte das Silber entwendet haben!— Bekenne deinen Fehltritt, meine Tochter, noch ist es Zeit! noch weiß ihn niemand; er soll verschwiegen bleiben, und dir verziehen werden!" Hannchen zitterte bey dieser Rede am ganzen Leibe; jedes Work durchschnitt ihr Herz; sie sank betäubt dem Vater an die Brust, und rief, von Thränen unterbrochen: Vater, so wahr Gott lebt, ich bin unschuldig, ich habe das Silber n:chk einwendet! Aber der Vater maß ihrer Bekheurung keinen Glauben bey, stieß sie von sinn-m Herzen, und rief: „Fort aus meinem Angesicht--! D,; bist eine undank- -(465)- karr, schändliche Diebinn geworden, und willst dieß deinem Vater verhehlen! fort, und komme mir nie wieder unter die Augen.' Sein Unwille stieg so sehr, daß er ihr mit einem Riemen einige Hiebe versetzte, und sie aus seinem Hause stieß. Schrecklich durchtobten die schauderhaftesten Ge- fühle das Herz des unglücklichen Mädchens. Ach, lindernden Trost hatte sie bey dem strengen Vater gesucht, und dafür die empfindlichste, härteste Behandlung ge. funden; verstoßen von dem Vater, wo konnte sie Ru. he finden, wo die Anerkennung ihrer Unschuld erwar. ttnEhrliebs war schon in dem zarten Alter das Ei« gteMuM ihrer S«ele; ein guter Nahme ging ihr über alles. Diese'- sollte sie jetzt verlieren, sie sollte als E Treulose der Gegenstand übtcr Nachrede, deS Spottes und der Schande werde«; welch' ein erschüt- ternder Gedanke, welch' eine schreckliche Aussicht für sie! Der Verzweiflung nahe, kam Hannchen im Bke» nauschen Hause an. Wohin sie immer blicken mochte, überall schwebte ihr der geleerte SUberschrank vor, überall gaukelten grause Bilder vor ihrer Seele, und sie sah schon im Geiste eine Menge schadenfroher Men, scher,, wie sie auf öffentlicher Straße aus sie mit Fingern zeigten. und sich einander laut zuriefen: Seht. dort geht die Undankbare, die Treulose. Ein Strom der bittersten Thränen stürzte auS ih. rem Auge, und erleichterte etwaS die beklommene Brust; denn Thränen gab der Himmel den Sterbli. chen. damit sie in den Stunden der verkannten Un. schuld einen Theil der auf dem Herzen liegenden Last wegschwemmten. und eS erleichterten! Dem Frommen sind sie ein Labsal in den Tagen der Trübsale! H. Band. G g -(466)- Gleich einem sanften Engel, trat das Bewußt, seyn der Unschuld vor Hannchens niedergeschlagene Seele, und winkle ihr Trost zu, aber bald verschwand dmer tröstende Geist wieder, und peinigende Bilder traten an seme Stelle. Der folgende Tag erschien. Bienau sollte an dem. selben mtt setner Fr m zurückkehren. Hannchen erbebte bey diesem Gedanken. Der Nachmittag war da. Sie hörte das Geraffel einer Kutsche und zitterte am ganzen Körper. Die Kutsche hielt still; es stieg Bienau und Emilie heraus. Beyde hakten erwartet, daß Hanuchen, von der sie auf dem Wege oft und lauter Liebes und Gutes gesprochen hatten, ihnen, wie sonst, freudig entgegen eilen und sie mit Herzlichkeit bewillkommen werde. Diesmahl wollre sie sich nicht sehen lassen, was ihren Wohlthätern sehr auffiel. Mit pochendem Herzen empfing Hannchen, Angst in der Seele und Thräne» im Auge, die Angekommene» im Vorhause. Was fehlt dir, Hannchen? fragte sie Bienau, etwas betroffen.— Ist dir nicht wohl, meine Tochter? seine theilnehmende Gattinn. Schluchzend, und mit verhülltem Angesicht, er« zählte nun Hannchen das vorgefallene Unglück. Bienau erstaunte, seme Frau erschrak. Sie sagten kein Wort, sondern eckt,» mir dem niedergeschlagenen Mädchen an den Schrank- Sie fanden den Obertheil leer. Der Schade war ansehnlich; unbegreiflich beyden die Mög. tichkeik, lyn zu leeren. Bienau, der, atS ein edler Wann, in seinem Ur. theile behutsam war, be>o»0ers wenn es für andere krankend seyn kounre, w»Ure die Sache sorgfältig untersuchen. Er bejah genttU das«schloß des Schra»» kes, konnte aber durchaus keine Spur von einer gewaltsamen Erbrechung entdecken. Um ganz sicher in der Sache zu gehen, ließ er einen geschickte« Schlosser hohlen, der den Schrank besichtigen Mußte. Auch er fand nicht das mindeste Merkmahl einer geschehene» Erbrechung. Zcye erst stieg bey Biena» ein Verdacht gegen Hannchen auf. Er theilte seine Versuchung seiner Gattinn mit, und diese stimmte ihm bey. Je mehr man alle Umstände erwog, unter welchen der Diebstahl geschehen war, desto mehr stieg dieser Verdacht, und das Benehmen Hannchens. die innerlich ganz verwirrt war, trug vieles bey, denselben zu verstärken. Bienau ermähnte sie, alles offen zu gestehen und auf Vergebung zu rechnen; allein Hannchen wie- derhohlte die Versicherung ihrer Unschuld. Dieses standhafte Läugnön der That bewog den sonst so milden, menschenfreundlichen Mann, die Sa. che gerichtlich untersuchen zu lassen. Hannchen er» blaßte, alS sie durch einen Polizepdiener vor Gerichk gefordert wurde. Ihre Ehre schien auf immer verfahren; fast außer sich vor Schaam, folgte sie dem Ge- richlsdiener. Sie wurde gleich in ihrem ersten Verhöre hart angelassen. Der Schein zeugte gegen sie; fast keiner der Richter zweifelte an ihrer Schuld, und sie ward daher eingekerkert. Sie litt unbeschreiblich, und be. fand sich lange in dem Zustande vorübergehender Geistesverwirrung. Schon mehrmahls war sie verhört worden, aber immer betheuerte sie, daß sie an der Entwendung des Silbers ganz unschuldig sey. Da in dieser Zeit noch die Tortur gebräuchlich war, so drohte man ihr damit, wenn sie nicht gestände. Die konnte die Unglückliche ein Verbrechen bekennen, das G g — c 468)- sie nicht begangen hatte, und bep ihrer Redlichkeit nicht begehen konnte! Die Richter schritten znr Vollziehung ihrer Dro» hung. Hannchen ward in die Folterkammer geführt, und es wurden ihr einige Schrauben angelegt. Groß war der Schmerz, den die Unschuldige litt; standhaft betheuerte sie ihre Unschuld. Die Richter befahlen, einen höhern Grad der Tortur zu versuchen, und die Unglückliche ward noch stärker gemartert. Sie bekannte nicht. Man führte sie ins Gefängniß zurück. Nach einigen Tagen schleppte man sie von Neuem in die Torturkommer, und folterte sie noch strenger alS das erste Mahl. Fürchterlich war die Pein, welche sie litt. Hannchens Klagen erfüllten das schauderhafte Gemach. Lieber wollte sie sterben, als sich noch länger so unmenschlich martern lassen.„Ich will be- kennen!" rief sie im Gefühl beS schrecklichen Schmerzes. Man nahm ihr die Schrauben ab, und die Unglückliche sagte nun aus, daß sie das Silber entwendet habe. Zhr Bekenntniß, das sic im Gerichtssaake wieder« hohlen mußte, wurde in das Protokoll eingetragen. Man fragte sie, wohin sie das gestohln« Gut gethan habe. Ohne sich lange zu bedevken, nannte sie einen Garten, in welchem sie rS unter einem Baum vergraben hätte. Es wurde an diesem Platzt sogleich eine Untersuchung angestellt, und das entwendet« Silber — wirklich gefunden; nur etwas weniges fehlte davon. Durch ein Spiel deS Zufalls mußte die scheinbare Wahrheit einer erdichteten Aussage bekräftigt werden. Angst vor Entdeckung hatte die Gärtnerinn bewogen, das Gestohlene in jenem Garcen zu verschar- -(46g)- ren. Das Ungefähr wollte es, daß Hannchen gerade diesen Garten nannte. An Hannchens Vergehen war nun nicht länger zu zweifeln. Bstnau mit' seiner Frau entsetzten sich über die Undankbarkeit und schändliche Gesinnungsakt des unglücklichen Mädchens, von dessen Treue und Ehrlich, keit sie so fest überzeugt gewesen waren, und die ganze Stadt sprach mit Abscheu von ihr. Kränkenderes konnte Hannchen nichts wiedersah, ren, als der Verlust ihres ehrlichen Namens. Sie wünschte nicht länger zu leben, und hoffte, daß man das Todesurtheil über sie fällen werde. Alles, was ihr das Leben lieb und werth gemacht hatte, war für sie, wie es schien, unwiederbringlich dahin; ewige Schande sollte auf ihr hasten; dieser Gedanke entsetzte sie. Sir wünschte sich den Tod als die größte Wohl« that, die ihr unter diesen traurigen Umständen wieder» fahren könne. Aber dir Richter sprachen ein milderes Urtheil aus. Hannchen sollte nach demselben den Staubbesen bekommen, und über die Grenze der Stadt gejagt werden. Mit Schauder vernahm sie rS, mit peinlicher Schaam über ihre höchst kränkende Demüthigung erlitt sie die entehrende Strafe. Ein Haufen höher« und niederen Pöbels folgte der Unglücklichen, als sie von einem Züchtiger mit Ruthenhiebea bis an das Ende der Stadt gebracht wurde. Hier fiel sie auf ihre Kniee, blickte gen Himmel, und stammelte tief anS ihrem Herzen die Worte:„Gott! du kennst meine Unschuld!" Ihre Thränen flössen, und der Gedanke an Gott, dieser für jeden unschuldig Lei. denden so tröstliche Gedanke, goß lindernden Balsam in die verwundete Seele. Hannchen stand aufs und ging weiter. —( 470)— Nach einigen Stunden erreichte sie die Grenze dieses siandeS, in welchem sie, ausser einem unschuldigen redlichen Herzen, alles verloren hatte, was ihr theuer gewesen war. Sie beschloß, in das Land eines benachbarten Fürsten zu gehen, und in der ersten Stadt R.. einen Dienst zu suchen. Der Abend, die Nacht brach ein. Die Luft war rauh, die Reise hatte Harm» chen ermüdet, und sie fühlte sich unvermögend, weiter zu geben. Nicht weit von der Landstraße erblickte sie einen Stein; sie wankte hin, und fiel hier nieder; ihr kleines Bündel, welches einige Wasche enthielt, diente ihr zum Kopfkissen; sie-versank in einen festen Schlaf. Eine Stunde mochte sie geschlummert haben, als ein Wagen vorbey fuhr. Der Mond war aufgegangen, und der Fuhrmann erblickte auf dem Stein etwas W-»es. Er eilte hinzu und fand Hannchen. Sanft weckte er sie auf. Woher ist sie? wohin geht sie? waren die ersten Fragen, die er an sie that. Als er horte, sie wollte nach N., bot er ihr einen Platz auf feinem Wage« an, und sagte ihr, daß er auch-nach die, ser Staör fahre. Nach einem kurzen Gespräche vernahm der Fuhrmann, daß seine Reisegefahrtinn in N. einen D-umst' zu erhalten wünsche. Das kommt mir ja wie gerufen! sprach er, die Wirthinn, bey der ich in N. einzukehren pflege, hat mich schon lange gebethen» ihr aus D. eine Köchinn mitzubringen; da hätte sie nun gleich einen Dienst! Man kam in N- an, und der Fuhrmann kündigte seiner W rchinn mit vieler Freude an, daß er ihr eine Köchinn mitbringe.„Wenn sie nur arbeitsam ist!" versetzte sie. Hannchen kam in das Zimmer, und wurde von der Wirthinn voM'Kopf bis zu den Füßen gemessen.„Nein, rief sie, die taugt nicht für mich, die scheint mir zu fein, zu vornehm! mit einer Mamsell ist nicht viel anzufangen!" Hannchen, der jetzt nichts so sehr am wunden Herzen lag, als bald in D-enst und in Thätigkeit zu kommen, versprach alles Mögliche, und brachte die Wirthinn endlich dahin, daß sie sie auf vier Wochen auf die Probe nehmen wollte. Hannchen war voll Dank gegen den Himmel über ihr Glück, und strengte alle ihre Kräfte an, die Zufriedenheit ihrer neuen Herrschaft zu erwerben. Bey der Ordnungsliebe, Pünklichkeit, GeschäftStreu« und Geschicklichkeit gelang ihr dieses nach Wunsch. Zhre Frau bemerkte bald ihre Tugend, und gestand, daß sie sich noch in keinem Mädchen so sehr geirrt hätte, als in diesem. Hannchen wurde ihr mir jedem Tage lieber, und als die vier Probewochcn verflossen waren» nahm sie sie ganz in ihren Dienst. Wer war froher als Hannchen! Sie hätte«un wieder einen Wirkungskreis, und sah sich von meiern Menschen mit vielem Wohlwollen und Zutrauen be. glückt. Es begann ein neues Leben für sie, und sie wäre mit ihrer jetzigen Lage vollkommen zufrieden ge. Wesen, wenn nicht die Erinnerung an dce erlittene Schmach in B. sie zuweilen in die traurigst- Gemüths, stimmung versetzt, und ihr die bittersten Thränen ausgepreßt hätte. Fromm, bescheiden, still und thätig lebte Hann. chen mehrere Zahre in diesem Hause. Zhre Frau hatte einen einzigen, erwachsenen Sohn, den sie gern bald verheirathet gesehen hätte. Sie eröffnete ihm«ineS Tages ihren mütterlichen Wunsch, rühmte ihm Hann- chen als ein geschicktes und tugendhaftes Mädchen, und schlug sie ihm zur Krau vor. Mit Vergnügen vernahm sie von ihrem Sohne, daß seine Wahl schon --( 47»)— längst auf Hannchen gefallen wäre, und es wurde ihr nun bey einem Gastmahle seine Hand angetragen» Mit vieler Beftemdung vernahmen Mutter und Sohn, daß Hannchen, die dem letzter» ihre Hochachtung versicherte, entschlossen sey, nie zu heyrathen. Die Mut. rer hielt es siir jungfräuliche Verschämtheit und Ziere, rey, und gab ihr ringe Tage Bedenkzeit. Aber auch nachdem diese verflossen war, blieb Hannchen bey ihrer ersten Erklärung! und hielt sich auch ferner, wie bisher, in einer bescheidenen Entfernung von dem Sohne des Hauses. Mehrmals iviederhohkte dieser seine Antrage; allein sie wurden von Hannchen nicht ange- nomincn, und der abgewiesene Liebhaber betrübte sich darüber nicht wenig; denn er liebte das gute Mädchen mit Innigkeit. Einige Zeit darauf war das Haus voll Gäste. Hannchen bewirthete sie. Man verlangte Kaffee, und Hannchen brachte einige Tassen in die Gaststube. Im Hereintreten zog^ einer von den Anwesenden ein Zeitungsblatt hervor, und sing an, einen darin befindlichen Aufsatz laut vorzulesen. Wie erschrak Hannchen, als sie ihren Nahmen und dabey die Aufforderung vernahm, sich in B. zu stellen. Entsetzen durchlief al, ke ihre Glieder; sie ließ die Tassen auf die Erde fal, le», lief mit einem ängstlichen Schrey aus dem Zimmer, stürzte in ihre Stube, verschloß sie, und weinte bitterlich. Die Hausfrau, benachrichtigt von diesem Vorfall, eilte mit ihrem Sohne herbey; sie erbrachen die Thür, und drangen in Hannchen, ihnen die Ursa- che ihres Schreckens Und ihrer Angst zu entdecken. „O Gott!" rief sie schuchzend, und rang ihre Hände, o man hat mir ja in B. alles, alles genommen, mall ha? h unschuldig gemartert, mich entehrt —( 47Z)— und mit dem Staubbesen vertrieben! ist man damit nach nicht zufrieden! soll ich noch ein Mahl Hin, um noch mehr gemartert zu werden! Zu diesem Tons fuhr sie fort: ihre Klagen rügten das Her; der Wirthinn und ihres Sohn'S, die jetzt in daS Gastzimmer eilten» um hier Aufklärung über diesen räthsrlhafttn Auftritt zu erhalten. Si« ließen sich den Aufsatz vorlesen.— Er einhielt das nicht. n,as Hannchen vermuthete, sondern die Nachricht, daß sie vor einigen ZaZren unschuldig wegen eines vor- me nren Diedstah v bestraft, daß der wahre Thäter entdeckt worden, und Hannchens Unschuld ans Tages, licht gekommen sep. Sie werde deßhalb von Obng- keitswegen aufgefordert, nachB. zukommen, wo man ihr eine Ehrenerklärung thun, und sie für das erlittene Unrecht mit einer Summe von zeh nta usen d Lha> lern entschädigen wolle." Mit dem Zeitungsblütte in der Hand, eillcn Mutter und Sohn zu Hannchen, und letzterer las ihr dce frohe Nachricht vor.„Gott!' rief sie, und sank auf ihre Kniee,„so ist denn meine Unschuld an den Te-g gekommen! s das ist die schönste, seligste Stunde meines Lebens!" Man hob sie auf, man nahm herzlichen Antheil an ihrem Glücke, und ermunterte sie, sich bey der Obrigkeit in B. zu melden, und sich die Entschädi. gungssumme auszahlen zu lassen. Aber Hannchen er. klärte feyerlich, daß alle Schätz- der Welt nicht ver. mögend wären, sie für die erlittene Schmach zu entschädigen, und daß sie nie, nie die zehntausend Tha- ler annehmen werde. Nach wenigen Tagen erfuhr man von B. aus die Entwickelung der Geschichte. Unentdcckk vor dem Au. -(474)- ge der Gerechtigkeit, lebte die Gärtnerinn, von wer» cher der Diebftahl begangen worden war, in D. ruhig (vrk, nur bisweilen von den Vorwürfen des Gewissens im Genusse der irdischen Freuden des Lebens ge- stört. Eines Tages überfällt sie plötzlich ein heftiger Biuksiurz. Sie ließ den Arzt hohlen, und dieser erklärt ihr, daß der Zustand, in welchem sie sich befinde, gefährlich sey. Er verschlimmerte sich mit jeder Gtun», be, und der Arjt fand es-Mich für nöthig, sie auf ihren Tod aufmerksam zu machen, damit sie sich dar. auf gehörig vorbereite. Jetzt erwachte ihr Gewissen mit Macht, und das D-ld oon Hannchen. die durch ihre Schuld so gemißhandelt worden war, trat in schrecklicher Gestalt vor lhre Seele. Sie ließ ihren Beichtvater kommen, und gestand ihm, unter reuevollen Thränen, den von ihr ausgeübten Diebstahl. Dieser forderte sie auf, ihr Verbrechen auch der Obrigkeit zu bekennen, und dadurch die Unschuld Hannchens anS Tageslicht zu knin. gen; dieß wäre ihre heiligste Pflicht, und das Beste, was sie in ihrem Leben noch thun könne. Sie versprach es. Es erschienen meyrere gerichtliche Personen bey ihr, nebst dem Arzte, der ihren Zustand untersuchte und erklärte, daß sie noch bep gesunder Vernunft sey. Die Kranke gestand ihr Vergehen, und man fand noch ei. niges Silberzeug, das man bey dem wiedergefundenen vermißt hakte, in ihrem Schranke. Die Bienausche Familie, der dieses sogleich berichtet ward, empfand den größten Schmerz wegen Hannchen, die schuldlos so vieles gelitten hatte, und Bienau erklärte sogleich, daß er ihr zehntausend Thaler als Entschädigung für ihre Kränkung auszahlen wolle, worauf denn jene Auffsr» derung in dem Zeimngsbtatte erschien. <;?5)-- So groß HannchenS Freud- darüber war. daß nun ihre Unschuld an den Tag gekommen sey. so un. angenchm mußte es ihr doch seyn. daß man im Haus« dre Geschichte ihrer erlittenen Demüthigung erfahren hatte. Lder wie gerührt wurde sie, als nach einigen Lagen der Lohn des HauseS ihr von Neuem Her; und Hand anboth, und d fragte ihn zuerst, was er gestern in der Schule dem kleinen Thomv Quirl in d:e Ohren gezischelt habe? Stephan wurde>m Gesichte über und über roth, und wußte kein Wort zu antworten. Sein Vater er- schrak und wurde zornig. Mit heftiger Stimme rief er, indem er ihn beym Arm faßte: Bube! rede, oder ich verweise dich für immer aus meinen Äugen. Ge. steh' es nur, du hast den Ring genommen. Stephan erschrak. Was für euren Ring? sagte er stotternd. Läugne nicht, rief der Vater; den goldnen Ring des Nachbars. O mein Vater! mein Vater! sagte Stephan und weinte bitterlich; Sie sönnen so was Schlechtes von mir denken! so wahr ich lebe und redlich bin, ich weiß von keinem Ring! Ader was haft du deinem Kameraden ins Ohr gezischelt? fragte der Vater in einem ruhiger, n Tone, und warum geriethst du in eine so große Verlegenheit, als ich dich darum befragte? Lieber Vater! erwiederte Stephan, ich will Ihnen Alles sagen. ES ist wahr, ich habe gestern —( 479)-- Lhomftn was heimlich ins Dhr gesagt, aber nichts Schlechtes. Lieber Dater! Sie werden morgen Ihren Geburtstag feyern und da haben wir uns, ThomS und ich, verabredet, Ihnen eine kleine überraschende Freude zu machen. Ich sagte meinem Freunde gestern heimlich ins Ohr, daß ich schon mir der Zeichnung fertig sey, die für Sie bestimmt ist. O dem Himmel sep's gedankt.' rief entzückt der Da?er, daß ich dich, mein lieber Stephan, unschul. big finde. Du hast mir noch keine einzige Unwahrheit gesagt, darum glaublich deinen Worten. Komm an deines Varers Brust, mein theurer Sohn, und nimm hier diesen Kuß.(Er umarmt und küßt ihn.) Sey treu und redlich bis in dein stilles Grab. Herr Kling ging nun fort. Noch immer hatte er den wackern Stephan in Verdacht. Er theilte seiner Frau seine Gedanken mit und bald verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß Stephan einen goldenen Ring gestohlen habe. Wer war daran Schuld?— Am meisten— Wilhelm Spring. Seine! unvorsichtige Rede hatte all'dieß Unheil angerichtet. Zum grössten Glück mußte bald daraus Herr Kling sein Sonntagskleid anziehen. Von ungefähr griff er in eine Se.kenkasche, und welch eine Freude!— er fand darin den vcrlohrnen goldaen Ring. Er selbst hatte ihn eingesteckt, dieß aber vergessen. Nun lief Herr Kling zu seinem Nachbar und bath ihn und den rechtschaffenen Stephan herzlich um Ver. gcbung; auch zu Herrn Spring ging er und erzählte ihm, daß er den Ring gefunden habe. Beschämt horte dieses Wilhelm und es gereuete ihn sehr, daß er durch leine unvorsichtige Rede einen Unschuldigen in einen —(^8o)— Übeln Verdacht gebracht hatte. Er ging noch in die. fer Stunde zu Stephan und bath ihn gerührt um Verzeihung. Einmal befand sich Wilhelm bey einem guten Freunde, der fernen Geburtstag federte. Die rmm« kern Knakm hakten ein Paar Tässchen Chokolade ge» trunken und nun beschlossen sie, in den Gatten zu gehen und dort sich durch ein Spiel zu belustigen. Wilhelms Freund, Alexander, der sein Geöurks- fest ke-ttia, bat alle Knaben, sie möchten im Garten nur ein wenig Acht geben, daß nichts zertreten würde; unter andern zeigte er ihnen ein kleines Johannis- brodbäumcheo, das er nun schon drei) Zähre mit der größten Sorgfalt gepflegt und ziemlich groß gezogen hatte. Er bath seine Freunde, sie möchten doch vsr« züglich auf dieses Böumchen Acht geben, um e§ nicht zu beschädigen oder gar zu zertreten. Nun ging das Spiel an. Es hatte kaum zehn Minuten gedauert, so war die ganze Freude verdorben. Wilhelm war wieder unvorsichtig. Er trat auf daS schöne Zohannisbrodbäumchen, und brach eS ganz rnkzwey. Alexander»rar untröstlich; er weinte um sein Bäumchen, welches ihm mehr Freude gemacht hatte, als alle seine übrigen Sachen, und nun nahm das Spie! ein Ende. Alle warfen dem unvorsichtigen Wilhelm scheele Blicke zu und überhäuften ihn mit verdienten Vorwürfen. Doch was geschehen war, konnte da. durch nicht ungeschehen gemocht werden. So lustig Alexander und seine Freunde vorher waren, so stifl und unmuthig wurden er und sie jetzt. Sie gingen bald aus einander. Und wer war der Freudenoerderber?— An einem schönen Herbsttage beschlossen mehr als - c /M)- zwanzig munkre Knaben, worunter sich auch Wilhelm Spring befand, bewaffnet mit Bogen und Pfeilen in Gesellschaft ihrers Lehrers in den nahen Wald auf die Jagd zu gehen. Wilhelm konnte nicht übel mit dem Bogen schießen; und er freute sich gewaltig auf die Lust, die es im Wald-geben würde. Alle sahen schon im Geiste die Bögel und andere Thiere vor sich, auf die sie ihre Pfeile losschießen würden, und mit vielem Jubel nahmen sie den Ruf des Lehrers auf: Marsch! Es geht in dm Wald. Jedem Zager konnte man die Freude recht deutlich im Gesichte lesen; besonders aber dem Wilhelm Spring; der war vor Freude außer sich. Aber sie dauerte nicht lange. Man war erst ein Paar hun- dert Schritte weit gegangen: so sing Wilhelm schon M zu schießen, und zwar so unvorsichtig, daß der abgeschossene Pfeil beinahe einen von seinen Zagdgefährten , an den Kopf traf. Der Lehrer gab ihm deßhalb einen scharfen Verweis und nahm ihm den Bogen sammt dem Köcher mit den Pfeilen weg. Wenn man, sagte er, mir anderen Menschen in Gesellschaft leben will: so muß man vorsichtig seyn, um ihnen keinen Schaden zuzufügen. Denn keinem gefällt es, und keiner darf es dulden, daß ihm ein anderer, sey es mit Vorsatz oder aus bloßer Unvorsichtigkeit, schade. Wilhelmen schmerzte das sehr, daß er nun an der Zagdlust keinen größer-, Antheil n«,m-n konnte, und noch größer wurde sein Schmerz, da einige Rehe auf. gejagt und ein Paar davon von zwey der besten Bogenschützen an den Bauch getroffen wurden. O wie groß wäre die Freude für ihn gewesen, nenn er auch auf diese Thiere hälts schießen können! Doch wer brachte ihn um diese Freude? II. Band. H h —( 482)— Zn einer Winternacht hatte es stark gefroren. Wilhelm kam zu seinem Vater und bath ihn, er möchte ihm doch erlauben, auf den Teich zu gehen, der nicht weit vorn Hause lag, und auf demselben Schlittschuhe zu laufen. Zch null es dir erlauben, sagte der Vater; nur mußt du fein vorsichtig seyn, und nicht dahin laufen, wo das Eis nicht stark genug ist, sonst kömmst du leicht einbrechen, dich erkalten oder gar ums Leben kommen. Das soll nicht geschehen! rief Wilhelm, nahm seine Schlittschuhe, die ihm der Vater aus Nürnberg verschrieben hatte, und marschirte auf den Teich. Hier schnallte er sie schnell an und nun gleitete er auf dem Eise wie auf einem Spiegel daher. Sein Herz hüpfte vor Freude, und vor lauter Lust vergaß er um sich zu sehen, ob richt an irgend einer Stelle das Eis schwach sey. Auf einmal knackte es an dem einen Ende deS Teiches; Wilhelm brach ein und versank bis an den Hals. Er schrie um Hülfe, und wollte sich herausarbeiten; aber das Eis brach immer weiter, und Wilhelm sank tiefer und tiefer. Zum Glück kamen auf sein Geschrey einige Menschen herbeygelaufen und retteten ihn von dem nahen Tode. Ohnmächtig trug man ihn nach Hause, und er mußte ferne Unvorsichtigkeit mit einer langwierigen Krankheit büßen. Von nun an erlaubte ihm sein Vater eine lange Zeit hindurch nicht, allein auszugehen, und er mußte daher so manches Vergnügen ungenoffen vorbeyfließen lasten. Wenn andere sich belustigten, mußie er drr Stube hüten. Darüber beklagte er sich oft; allein sein Vater sagte: ich kann kein Zutrauen zu dir haben, mein Sohn; sondern muß immer das Schlimmste von -( 483)— deiner Unvorsichtigkeit befürchten, wenn ich dich ohne mich ausgehen lasse. Es schmerzte Wilhelmen sehr, daß der Vater kein Zutrauen zu ihm bewies; denn er hatte Gefühl, und jedem Menschen, der auch nur wenige Funken Gefühl hat, thut es wehe, wenn er bemerkt, daß man ihm nicht viel zutraut. Um dieser unangenehmen Empfindung los zu wer- den, und sich das Zutrauen des Vaters zu erwerben, wurde Wilhelm Spring mit jedem Lage vorsichtiger, sowohl in seinen Reden als bey seinen übrigen Hand. lungen. Er freute sich ungcmcin über die Fortschritte, die er in Rücksicht der Vorsichtigkeit machte, und hat» ke jetzt mehr Respect vor sich selbst alS sonst. G l a tz. Das unvorsichtige Kind. Wann Louischen nähete, oder sich anzog, so hak» kesie die schlimme Gewohnheit, daß sie die Nähnadeln und Stecknadeln in den Mund nahm.^)hre Mutter verwies ihr dieses sehr oft. Louischen kehrte sich aber nicht daran. Einmahl hielt sie auch eine Nähnadel im Munde, als ihr Bruder in das Zimmer trat, der sein Gesicht geschwärzek, und eine Perücke von Werg aufgesetzt hatte. Sie sing darüber so heftig aN zu lachen, daß sie die Nähnadel vergoß, und hinunter schluckte. Nun kam st- w-lnend zur Mutter, und klagte ihr Hh» -( 484)- Unglück: Liebe Mamq! liebe Mama.' schrie sie, helfen Sie, helfen Sie mir! Die erschrockene Mutter lief sogleich zu einem Arzte. Dieser gab sich alle Mühe, Louischen zu rette». Es war aber unmöglich. Lie Nähnadel hatte sich in die Därme fest eingestochen, und das arme Louischen mußte, den vierzehnten Tag, unter den größten Schmerzen, sterben. Salz mann. Jungfer Eichhorst, oder die Verlaumderiun, Von allen Leuten wußte die Jungfer Eichhorst Böses zu sprechen^, aber nie hörte man, daß sie von einem einzigen Menschen etwas Gutes sprach, selbst von ihren nächsten Verwandten nicht. Jungfer Eichhorst war eine Verläumderinn. Den einen beschrieb sie als einen dummen und einfältigen, den andern als einen eitlen und stolzen Menschen, diesen als einen Säufer, und jenen als einen Verschwender. Dieß Mädchen hieß sie eine Putznärrinn, die jeden Dreyer für Staat hingebe; und jene Frau war eine schlechte Wirthinn, die kei, ne Suppe zu kochen wußte. Diese und jene Ehelcute lebten nach ihrer Beschreibung wie Hunde und Katzen mit einander, und ihre Kinder wuchsen auf wie die -( L85)— wilden Ranken, und jene hatten ihr Vermögen durch Betrug und Ungerechtigkeit erhalten. Damit sie nun immer recht viel zu verlaumden Hatte, so merkte sie genau auf alles. was andere Leu. Le thaten, und spähet« es aus. Dann rrug sie es aus, und suchte es recht bekannt zu machen, und stelltr es viel dösi-r stnd häßlicher vor, als eS war, oder er- zählte es auf eine solche Weise, daß auch die unschuldigsten Dinge sehr abscheulich heraus kamen. Zu Zek, M ersann sie auch wohl Dinge von andern, und betheuerte dann, daß sie wahr waren. Ein sehr angesehener Mann traf sie einst in einer großen Gesellschaft, in welcher sie alle Abwesende ver- läumdete, auf welche das Gespräch kam. Das ist wahr, sing dieser Mann an» nachdem er eine Zeitlang sehr aufmerksam schien zugehört zu haben, daS ist wahr, Sie haben eine große Fertigkeit, von al- ken Menschen Böses zu sprechen. Sie verdienten, daß man Sie zum Zimmer hinauswarft, und daß Sie nie zu einer Gesellschaft besserer Menschen zugezogen würden. Der Mann drohte ihr» daß er allen Personen Nachricht geben wollte, welche von ihr so eben waren verläumdet worden, sie möchte es dann auch zu beweisen suchen, wenn sie deßwegen verklagt würde. Denkt euch, wie verwirrt und niedergeschlagen dieses elende Mädchen seyn mußte, da ihre schlechte Gemüthsart so öffentlich beschimpft wurde. Sie hat- re den Muth nicht, ein einziges Wort dagegen zu sa. gen. Sie entfernte sich den Augenblick, und ließ sich van dieser Zeit an fast niemahls mehr in Gesellschaft sehen. Niemand verlangte sie auch bey sich zu haben, so sehr war sie wegen ihrer bösen Zunge verhaßt und gefürchtet. ( 486) KW Alle Leute lobten den Mann, der ihr so öffentlich ihre schlechten Gesinnungen vorgehalten halte— das ist, sagten sie, der verdiente Lohn der Verleumdung! Zusatz. Der Verlaumder nimmt anfangs an» dern das Vertrauen seiner Mitmenschen— zuletzt verliert er es aber selbst, und jemehr er verläumdet, de. st» allgemeiner wird er verächtlich. Löhr. Krrnrgunde. Durch eine fehlerhafte Erziehung war Kunigunde so verderbt worden, daß sie nichts gut finden konnte, was nicht viel Geld kostete. Sie hatte zwar einen gro. ßcn Garten, in welchem eine Menge Küchengewächse im Ueberfluffe wuchsen, diese achtete sie aber nicht, und glaubte^ sie könne nicht leben, wenn sie nicht täglich Braten und Gebackenes auf ihrem Tische hätte. Zn dem Strome, der an ihrer Stadt hinfloß, gab eS vie- le Hechte und andere Fische, die man um einen sehr wohlfeilen Preis haben konnte. Diese wollten ihr aber nicht schmecken; sie lobte sich dafür Lachs, Sardellen, Bricken, Austern und Muscheln. Auch war sie immer mißvergnügt über das Bier, das man in ihrem Ort brauete, das zwar sehr gut war, davon aber das Maaß nicht mehr als sechs Pfennige kostete. Sie trank lieber ausländischen Wein, das Maaß zu zwölf biS sechzehn Groschen. ^ Auch war ste so einfältig, zu glauben, es sey eine —( 487)— Zhre. wenn man groß- Gasi-r-y-» anrichtete, glänzendes Hausgeräthe und prächtig- Kl-.d-r ha-. und wendete deßwegen an dies- machen gr-ß- Geld- dieser Lebensart befand st- sich nun gar nicht wohs. Ihr- Einnahme reichte nicht hin. di-s-n Anst wand zu besir-ik-n, st- mußt- deßwegen oft borgen. Wann dann nun die Zeit kam. daß st- czay en- te so kamen ihr- Gläub'ger fast täglich und mahnten sie. Sie mußte sich alsdann verstecken, und vorgeben laffen, sie wäre nicht zu Hause, und war auf die!- Lrt in iarem eigenen Hause nicht sicher. Wenn endlich nun d,e Gläubiger zu h-st-g wurden. und ihr drohet--,. daß st- st- verklagen wollten, so mußt- sie herum gehen bep den Reichen klagen und winseln, daß sie ihr doch-m-n Lorschup thun möchten. Da wurde sie nun oft hart angelassen, und «,ne liederlich-. unordentliche Frau gch--ß-n. Dieß hätte sie altes nicht nöthig gehabt zu dulden. wenn sie im Stande gewesen wäre, ihren Aufwand-inzu. schränke».. q. Am Ende wollte ihr niemand mehr borgen,^a mußte sie ein Kleidungsstück,-in Hausgeräthe nach dem andern verkaufen. Das ging ihr gewaltig nahe. Da sie nichts mehr zu verkaufen hatte, so nahmen ihr die Lchuldherrcn sogar das HauS weg. Nun mußte sie in ein kleines Hütchen ziehen, mit schlechter Ko,r vorlieb nehmen, und die alten Kleidungsstücke anz-e. hm. die andere abgelegt hatten. Darüber weinte sie nun Tag und Nacht, und pflegte zu sagen:..Bin ich nicht eine unglückliche Thörinn' wie bequem könnt- ich jetzt leben, wie gut spe-- stn. und«aS für ein schönes Haus und für gute Ll«- -(488)- dukg könnte ich habe», wenn ich gelernt hatte, meinen Aufwand einzuschränken. Ach, wenn ich nur mahl wieder zu Gelde kommen sollte, da wollte ich gewiß besser wirthschaften!" Sie kam aber nie wieder zu Gelde, sondern mußte in Kummer, Verachtung und Dürftigkeit ihr Leben beschließen, Salzmann. Der Baron und der Bettler. Der Baron F. lebte stets in Saus und Schmau. st. Von drey Rittergütern war ihm nur noch eines, und das ziemlich verschukdet, übrig. Verdrießlich und mürrisch saß er einst in seinem Garten, als ein Bettler zu ihm trat. „Was fehlt euer Gnaden?" Ich habe Kopfschmerzen. „Wenn Sie mir sagen wovon, so kann ich Ihnen helfen." Zch habe gestern zu viel getrunken. „Trinken Sie heute wieder." So hab' ich morgen auch Kopfschmerzen. Dann trinken Sie auch' morgen." Narr! wie denn hernach übermorgen? „Getrunken, Euer Gnaden, ünmer frisch getrunken!" Was wird denn aber am Ende daraus? „Surr Gnaden, ein Bettler, wie ich." G r u b e r. Bor alten. Zelten lebte ein Mann, der hieß I a- k ob. Dieser hatte zwölf Söhne, die ihm alle tteb waren. Aber am liebsten unten allen hatte er einen, den jüngsten von ihnen, Nahmens Joseph, weil er unter allen der artigste und gehorsamste war. Das verdroß nun die andern, und ihr Neid und ihre Bos. heit gingen am Ende so weit, daß fie ihn umbringen wollten. Sie warfen ihn nähmlich, da sie mit ihm alle/n in einem großen Walde waren, in eine tiefe Grube, worin er verhungern sollte. Nur einer unter ihnen hatte noch einiges Mitleid mit ihm. Da dieser eben fremde Kaufleute vorbeyziehen sah, so beredete er die andern, daß sie ihren Bruder wieder aus der Grube heraus zögen, und diesen Kaufleuten alS einen Knecht verkauften. Denn damals kaufte uns verkaufte man Menschen, wie man jetzt das Vieh zu Markte bringt. Diese Kaufleute nun führten den armen Joseph mit weg in ein fremdes Land, und seine boshaften Bruder machten ihrem alten Vater weiß, daß ihn ein Wolf im Walde aufgefressen habe. Dem armen Joseph ging es in dem fremden Lande anfangs ziemlich gut. Aber da die Frau seinesHerrn ihm einmal etwas Böses zumuthete, und er es nicht thun wollte, so verleumdete sie ihn bey ihrem Manne so sehr, daß er ihn ins Gefängniß werfen ließ. Hier hatte er Gelegenheit, einem vornehmen Manne, den der König, ich weiß nicht warum, in daS nähmliche Gefängniß hatte sehen lasse!!, einen Dienst zu leisten; und da dieser wieder auf freyen Füßen war, so erinnerte er sich seiner bey einer guten Gelegenheit, und —( ÄO)— empfahl ihn dem Könige. Der König ließ ihn zu sich kommen, und da erfand, daß er ein sehr verständi. gcr und redlicher Mensch war, so gewann er ihn lieb, und machte ihn am Ende gar zu feinem ersten Mini» ster, der über alles zu befehlen halle. Nun fügte es sich nach einigen Zähren, daß eine sehr theure Zeit einfiel. Glücklicher-Weise halte.es Joseph vorhergesehen, und so viel Korn aufgekauft, daß er nun das ganze Land damit versorgen konnte. Zn allen andern Gegenden war große Hungersnoth; auch da, wo der alte Zakob mit seinen Söhnen wohnte. Dieß bewog den alten Mann, seine Söhne nach dem, jcnigen Lande zu schicken, in welchem Joseph(den er für todt hie!!: noch Korn zu verkaufen hatte. Kaum waren die Kinder Zakobs daselbst angekommen, so wurden sie von Joseph erkannt; sie selbst aber erkannten ihn nicht, weil er sich sehr verändert hatte. Wäre nun Joseph unversöhnlich und rachgierig gewesen, was hätte er nicht alles mit seinen Brudern vornehmen können! Er brauchte ihnen nur kein Getreide zu geben, so hatten sie verhungern müssen. Er hätte sie züchtigen, ins Gefängniß werfen, ja hinrich» ten lassen können, wenn er gewollt hätte. Auch war die Beleidigung, die sie ihm zugefügt hatten, nicht geringe, und er würde sie nach allen Rechten dafür haben bestrafen können. Wrs that er aber? Nachdem er sie zum Schein ein wenig bange gemacht hatte, gab er sich ihnen zu erkennen; sagte, statt aller Vorwürfe, weiter nich s, als: Zhrgedachtetes böse mit mir zu machen, Gott aber hat es gut gemacht, umarmte sie daraus, als Bruder, ließ seine» alten Vater dazu hohlen, beschenkte sie alle reichlich, und gab ihnen die schönste Gegend im Lande ein, w» --( 49'^ ^re an allem Ueberfluß hatten. Nun sagt, Kinder, könnt ihr euch enthalten, diesem Joseph gut zu seyn? Und gleichwohl habt ihr ihn nie gesehen. Au einer andern Zeit will ich euch seine Geschichte weirlaustiger erzählen. Lampe, Das ehrliche Kind- Friederikchens Mama ging in Gesellschaft und gab ihr bey dem Abschiede noch die gute Lehre, 5- sollte ja in ihrer Abwesenheit immer so gut seyn, als wenn sie bey ihr wäre. Friederikchen versprach es zu thun. Die Mama war noch nicht lange fort, so bemerkte Friederikchen, daß sie den Schlüssel zur L pesse- kammer vergessen hakte, den sie sonst immer, wenn sie wegging, in ihre Commode zu verschließen pflegte. " Sie nahm ihn und schloß die Speisekammer auf. — Ev! was waren da für schöne Sachen! Ein Ho. niglopf,-ine Büchse voll eingemachter Kirschen,-in- Schachkel voll Haselnüsse, eine andere voll Bruchmandeln, ein Teller mit Kaffeebrod, u. s. w. Da stund das gute Friederikchen, und wußte nicht, was es thun sollte. Es hatte oft von seiner Mama gehöret: Gott wäre allenthalben. Kinder müßten also in Abwesenheit der Eltern nichts thun, was sie in ihrer Gegenwart sich nicht zu thun getrauten. Deßwegen scheuet? sie sich von diesen Sa> chen etwas zu nehmen. Aber der Appetit war gar zu groß. Sie sah bald auf den Honigtopf, bald auf das Kaffeebrod, bald da, bald dort hin; und je Mehr sie diese Lecker- bißchen ansah, desto lüsterner wurde sie. Endlich ergriff sie die Haselnüsse. Es war schon so weit, daß sie nach einem Nußbeißer ging, um sie aufzubrechen. Da erwachte das Gewissen. Das Herz pochte ängstlich, der ganz- Leib zitterte, die Nuß, die sie in den Nußbeißer legen wollte, fiel daneben.— Auf einmal kam sie wieder zu sich selbst. Pfui sagte sie, bist du nicht ein albern Kind: so viel Angst machst du dir um ein Paar Nüsse? Vor Angst werden sie dir nicht schmecken. Wenn die Mama nach Hause kommt, wirst du dich nicht trauen, ihr unter die Au. gen zu sehen. Gewiß, das ist Gottes Strafe, der meine Bosheit sieht, daß ich mich so ängstige und zittere. Ach, lieber Gott! wenn du schon so strafest, da ich nur den Willen habe. Böses zu thun; wie hart wirst du mich strafen, wenn ich-wirklich Böses gethan — wenn ich meine liebe Mama bestohlen habe— die liebe Mama— ich darf sie ja nur bitten, so bekomme ich mehr Nüsse, als ich jetzt entwenden wollte. Da! fuhr sie. fort„Nußbeißer stehe, wo du gestanden hast! Und ihr Nüsse, rollet wieder in diese Schachtel! Nun kann ich doch meiner lieben Mama .getrost entgegen gehen, und sie küssen, wenn sie nach »?anse kommt." Nun schloß sie vergnügt die Thüre zur Speisekammer zu. Da kam ihr die Magd entgegen. Nu, Mamsell Friederikchen! Gar den Schlüssel zur Speisekammer? sagte sie. Haben Sie sich recht bedacht? —( 49^)— Friedriche» versicherte, sie habe nicht das geringste zu sich genommen. Die Magd lachte aber und sagte, sie wäre ein sehr einfältig Mädchen, wenn si- diese schone Gelegenheit, sich etwas zu gute zu thun, vorbey gelassen hätte.- Was die Mama hätte, wäre ja so alles ihre-„Schweigt!" antwortete Friedriche»,„was brauche ich denn zu nehmen? Zch krauche ja nur zu bitten, so gibt mir die Mama alles, und wenn sie mir bisweilen etwas versagt, so hat sie gewiß ihre guten Ursachen dazu." Da schlich sich die Magd beschämt fort. Friede, rikchen sahe aber mit großer Sehnsucht durch das Fenster, ob ihre Mama nicht bald kommen wollte- da kam sie.^ Sie hüpfte ihr freudig entgegen, öffnete d'aer Jugend hindurch, allein zu genießen, und gaben ihm zum Andenken einen besondern Zunahmen, der sich auf sei, ne Nachkommen fortpflanzen, uud ein beständiges Denkmahl seiner rühmlichen Verschwiegenheit setz» sollte. Verschwiegen hei k. Dem Prinzen Eugen lag einer seiner Os-ziere unaufhörlich an, ihm doch den Plan zum nächsten Feld- zuge Mitzutheilen, Lange hatte der Prinz mitleidig über den Thoren gelächelt; endlich schien er aöer doch sein Schweige» brechen zu wollen. Mit geheimnissvol- ler Miene führt' er ihn auf sein abgelegenstes Zimmer, und erwartungsvoll stand der ewige Frager, als jetzt der Prinz vertraulich ihm sich nschete. „Meinen Plan also möchten Sie gern wissen?" Offizier. Auf nichts, Euer Hoheit, in der Welt könnt' ich begieriger seyn. Prinz. Wohl! Eine Frage mir vorher. Können Sie auch schweigen, Lieber? O f fiz i e r. Schweigen, wie das Grab. Prinz. Abo Sie können schweigen. Das ist recht gut, recht brav, das freut mich.— So hören Sie denn! Sie, mein Herr, können schweigen, und ich wahrhaftig kann es auch. ( soi) Narcisse und Flore. Eine Wittwe lebte in einem Städtchen mit ihren beyden Töchtern, Narcisse und Flore, welche sie von Zugend auf zur Arbeit gewöhnte. Sie machte die Einrichtung, daß ihre Töchter nicht nur nahen und stricken, sondern auch so viel ihre Kräfte zuließen, in der Haushaltung Hülfe zu leisten und damit wochen. weis abwechseln sollten. Dieses ging auch lange Zeit in guter Ordnung fort. An einem Sonntage früh, da Nar risse ihre Woche antreten sollte, bath sie ih. re Schwester, die häusliche Hülfe in dieser Woche für sie zu übernehmen, weil sie mit einigen andern Geschäften gern fertig werden wollte. Sie versprach dagegen in einer andern Woche diesen Dienst wieder für F l o. re» zu übernehmen. Da diese darein willigte, so schloßen auf solche Art beyde Schwestern einen Vertrag mit einander, nach welchem Zede von ihnen die» sesmahl zwey Wochen hinter einander die Hausarbeit thun wollte, anstatt daß sonst in der Regel jede Wo- che eine Andere dazu kam. Die Mutter wußte, was die beyden Schwestern verabredet hatten und, weil sie gar nichts unrechtes darin fand. so hatte sie auch Nichts dagegen zu sagen. Als diese Woche geendigt war, trat Narcisse den Dienst an, und Flore erwartete, daß sie ihn auch vierzehn Lage fortsetzen würde. Allein, da der Sonn- tag kam, wogte sie Nichts weiter thun, und berief sich darauf, daß alle Wochen umgewechselt würde. Flore erinnerte sie zwar an ihren Vertrag, ober Narcisse wollte davon nichts wissen. Billigt ihr —( 502)— das? Glaubt ihr, daß Narcisse recht hau» deilte? Constantin, ein Verwandter dieser beyden Schwe» siern, kam bisweilen zu ihnen. Er sah bey Narcissen ein kleines Schreibzeug, das ihm ausnehmend gefiel und bath sie oft, halb im Scherze und halb im Ern- sie, ihm dieses Schreibzeug zu schenken. Lange hatte sie sich geweigert. Endlich, als die Zeit herankam, da die Pflaumen reif werden, sagte Narcisse zu Eon- fiantin:„Deine Eltern haben Pflaumen im Ueberflus- se, und unsere Mutter hat keine. Wenn du mir, so lange reife Pflaumen sind, alle Tage eine Mandel ftk- sche Pflaumen zum Frühstück- bringst, so will ich dir das Schreibzeug dafür geben." Constankin, welcher gewiß wußte, daß seine Eltern ihm eine solche Klei. nigksit nicht versage« würden, ging diesen Vertrag mit Narcissen ein und hielt auch acht Tage lang sein Wort richtig. Am neunten Lage war Constantin krank, und vergoß darüber die Pflaumen. Gleich schrie Narcis. se, daß Constantin den Vertrag gebrochen hätte, und wollte ihm nun auch das Schreibzeug nicht geben. Was denkt ihr von diesem Mädchen? Sie selbst hält den Vertrag nicht und mißbilligt es doch, haß andere ihn nicht halten. T h i e m e. Verwegenheit. Wer vor Gefahren nicht erschrickt, die nicht zu vermeiden sind, und sie zu besiegen sucht, hgt Muth, —( S0Z)— Unerschrockenst, Veherzlheit; wer aber ohne Muth Gefahren aussucht, die seme Kräfte übersteigen, und sich mukhwMig in Gefahren stürzt, ist unbesonnen, verwegen, tollkühn.. Der B-her^e verdient Achtung; der Verwegen- Lad-l. Jenes WaMruch Z^lch g-wagt' ist halb gewonnen'. Von diesem sagt man Wer sich mathwiüig in Gefahr beg.bt, kommt oft da r i n u m. ' Der kleine Peler Wkndlkng wollte gern für -inen beb-rz-en Knaben gelten. Er suchte daher G-° fahren auf, und stürzte sich leic^sinn-g b'nem.^ So kletterte er mehrmals auf hohe Baume,> g sich öden an dünne Aesie. die leicht br^-n konnten Stürzte er hinunter, so brach er Arm un e, te. Kaum war er wenige Augenblick- darm, als°r -u ünken anfing. Hülfe! Hüls-! s4r"-»- aber eS war niemand da. der nach ihm hätte schwimmen, und ^Angstvoll' sucht- sich P-t-r empor zu arbeiten; aber j- mehr Mühe er sich gab. sich oben zu erhalten. d-st- mchr sank-r. Hülfe! Hülfe! schn-»-» Sm°n fort. Das Waff-r drang ihm in den geöffneten Mund.und bald war von ihm nichts mehr zu sehen, als die Haa- herben, der ein guter Schwimmer war. Er sprang si, den Teich, faßte Petern beym Schöpfe, und zog l.g P-« M-- ftft-'!»> d-° ( 204) Bemen, und hob ihn verkehrt in die Höh', daß das Eicher aus dem Munde herauslaufen konnte. Er kam rv-eder zu sich. Verwegner Bursche.' sagte ein alter Mann zu ihm, thue so etwaS nie wieder, sonst gehst du zu Grunde, und es kräht kein Hahn mehr über dich. Wenn diese Lehre nur etwas geholfen hatte! Zm nächsten Winker bestieg Peter Windling mit seinem Schlitten einen hohen, sehr steilen Berg, setzte sich oben auf den Schlitten, und fuhr hinunter. ES ging so ichneü, daß er ohnmächtig wurde, herabpurzelte, und das linke Bein brach. Es wurde zwar geheilt, aber er mußte ein Vierteljahr lang die heftigsten «schmerzen indem Doch auch dieser Vorfall besserte den Verwegenen nicht. Noch immer machte er tollkühne Streiche, sprang unvorsichtig auf Wagen, von denen er leicht hinunter stürzen konnte, zupfte wilde Pferde, die nach ihm schlugen, neckte große Hunde u. d. m. Peters Unbesonnenheit kostete ihm endlich das Leben. Er hatte sich die Geschicklichkeit erworben, auf dem Kopfe zu stehen. Seine Kameraden bewunderten ihn. Dieß vermehrte feinen«hrgeiy, und bewog ihn, sich zuweilen auf hohen Gerüsten auf den Kopf hinzu- sieller». Verständige Leute warnten ihn, und sagten, «r sollte so etwas bleiben lassen, weit dieß kein Beweis von Herzhastigkeit, sondern von tadelhafter Verwegenheit ftp. Wein Peter spottete darüber, und trieb seine Tollkühnheit noch weiter. Eines Tages ging er in Gesellschaft mehrerer Gespielen auf einen Thurm, in welchem die Glocken hingen. Er bestieg eines der höchste» Fenster dieses Thurms —()— und rief: Nun sollt ihr sehen, wie ich auch hier auf dem Kopse stehe! Die andern zittern und bitten ihn, er möchte dieses nich-thun, sondern herunter kommen. Mein Peter laßt sich nicht irre machen. Er stellt sich dicht an dem äußern Rande des Fensters auf den Kopf. Seine Be- 'gleirer beben; Peter lacht, verliert daS Gleichgewicht, und stürzt zum Fenster hinaus. Der Fall, den Peter that, war entsetzlich.— Seine Gespielen standen einige Minuten, erstarrt vor Schrecken, da. Als sie sich etwas erhohlt halten, st-'c. gen sie hinunter. Welch ein Anblick für sie. Sie fanden Peter» leblos auf dem Boden in feinem Blute liegen. Sein Kopf war zerschmettert— Arme und Beine gebrochen.— Man denke sich den Schrecken der zärtlichen Mutter, des redlichen Vaters und zweyer Schwestern des Unglücklichen, als sie die Nachricht von seinem Tode erfuhren! O wie vielen hat ihre Verwegenheit schon das Leben gekostet! Glatz. S e y f r i s d- Sepfri ed hatte irgend einmchl d-s Sprüchlein gehört od r gelesen: Ein ehrlicher Mann hält lein Work, und das halte ihm so wohl gefallen, daß er sich vornahm, ein ehrlicher Mann zu seyn, so lange er lebte, und sein Wort allemahl zu halten. Das war nun nicht etwa ein kindischer, übcrhin gehender -(Zo6)- Einfall; sondern ks war Ernst und That bey ihm. Er versprach nie Etwas, wenn er es nicht gewiß wußte, daß er es halten konnte, und wenn er einmahl versprochen hatte, alsdann hielt er unfehlbar. Nun hatte er einen guten Freund, August, oh. ne dessen Gesellschaft er nicht gern einen Tag leben konnte. Dieser war von seinen Eltern in die Stadt geschickt worden, und Seyfried hatte versprochen, ihm in den Abendstunden bis auf den halben Weg entge. gen zu kommen. Aber seine Eltern bekamen an demselben Tage Besuch von einem andern Orte. Die Fremden brachten auch Kinder mit, welche mit Sey, friede» und seinem Geschwister lustig zu seyn wünsch, ten. Der kleine ehrliche Mann konnte also voraus sehen, daß er einen sehr vergnügten Abend haben würde, wenn er zu Hause bliebe. Indessen bedauerte er, daß er dieses Bergniigen nicht genießen konnte, weil er versprochen hatte, Augusten entgegen zukommen. Die kleinen und großen Gaste bathen ihn, doch lieber bey ihnen zu bleiben; seine Bruder und Schwestern bathen ihn auch, die Gesellschaft nicht zu verlas, sen, und seine Eltern stellten ihm vor, daß August ihn gewiß entschuldigen würde, wenn er bey diesen Umstanden sein Versprechen nicht hielte. Aber Seyfried ward nicht eher ruhig, als bis er die Erlaubniß erhielt, zugehen. Nun machte er sich mit der größten Freude auf den Weg, und kam um zehn Uhr wieder, da bereits alle Gäste abgereiset waren. Haltet ihr dafür, daß Seyfried recht, handelte? Würbetihr unter gleichen Um, ständen esauch so gemacht haben? Thieme. —( Z07) Benjamin. Benjamin bekam von seinem Vater immer die Lehren, daß er stets die Wahrheit reden, und auch nicht einmahl die Fehler, die er begangen hätte, läug- nen sollte. Dieß befolgte Benjamin sehr genau. Wenn er ausgegangen war, und sein Vater erkundig'.- sich, wo er gewesen sey? so nannte er ihm alle Orte. wo er gewesen war, alle Personen, mit denen er gesprochen, und aste Spiele, mit denen er sich die Zeit vertrieben hakte. Hatte er einen Fehler begangen, so gestund er es aufrichtig., So hatte er einmahl, aus Versehen, eine schone Meißner Kaffeekanne von, Mch- geworfen. ES war niemand zugegen, da es geschah, es wußte auch n-e- mand, daß er im Zimmer gewesen war. ES wäre ihm also sehr leicht gewesen, dieß Vorsehen zu verbergen, und abzuleugnen. 2a die Magd mehr, als er, m diesem Zimmer zu seyn pflegte, so würde Wahlschein- licher Weise der Verdacht eher auf sie, alS aus ihn gefallen seyn... Sein- Wahrheitsliebe erlaubte ihm aber nicht, den begangenen Fehler zu läugnen. Er lief vielmehr sogleich zu seinem Vater, und sagt- ihm mit vieler Wehmuch, was er gethan habe. Den Vater kränkte dieß freylich sehr. Denn die Kanne war ein Geschenk von einem seiner besten Freun, de Weil er aber aus diesem freywilligen Geständnisse eine neue Probe von Benjamins Wahrheilslicbe bekam, so ließ er ihn gar nicht hart an. Er gab ihm zwar die Erinnerung, daß er ein andermal bedachtsa- wer seyn sollte; legte ihm auch eine kleine Geldbuße suf>. Zugleich umarmte er ihn aber auch, und sagte, wenn er so fortfahren würde, die Wahrheit zu reden, so würde er ihm immer glauben. Und das geschah auch. Benjamin mochte sagen und erzählen, was er wollte, so setzte der Vater niemals in seine Rede ein Mißtrauen. Eben so wahr redete er auch, wenn er in der Schule von. seinem Lehrer um etwas befragt wurde. Er versah es freylich bisweilen, daß er nicht so ordentlich und fleißig war, als er hatte seyn solle», aber er gab sich doch niemals Mühe, seinen Fehler zu entschuldigen. So hatte er einmal nicht geschrieben, was er häkle schreiben sollen; sein Lehrer fragte ihn, warum er dieß nicht gethan hätte? Vergeben Sie mir ja, antwortete er, ich war gestern außerordentlich träge. Ein ander Mal hatte er nicht gelernt, was ihm ward aufgegeben worden, und als sich der Lehrer bey ihm nach der Ursache dieser Saumseligkeit erkundigte, so gab er zur Antwort, er habe den Tag zuvor den Ball geschlagen, und dieß Spiel habe ihm so wohl gefallen, daß er das Lernen ganz vergessen hatte. Durch diese Aufrichtigkeit bekam ihn der Lehrer l eber als alle seine Mitschüler. Denn wenn diese etwas versehen hatten, so brachten sie allemal eine Menge Entschuldigungen vor, um ihre Versehen zu beschönigen. Und der Lehrer fand doch insgemein, wenn er die Sache etwas genauer untersuchte, daß die Entschuldigungen erdichtet waren. Einmal hätte der gute Benjamin in große Bcrle. genheit kommen können. Einer seiner Mitschüler, ein böser Mensch, hatte seinem Lehrer zwey Küpferchen entwendet, die dieser Wie in die Schule gebracht hat- ( 509)- je, um sie seinen Schülern zu zeigen. Der Lehrer hielt deßwegen eine scharfe Untersuchung. und versprach dem eine Belohnung, der den Dieb entdecken würde. Da nun der klein- Dieb besorgte, die Sache mochte an den Tag kommen, und er deßwegen scharf bestraft werden, so beging er den Bubenstreich, daß er di- Küpftrchen heimlich in Benjamins Schreibebuch legte. Benjamin ging mit seinem Schrcibebuch zum Lch> rer, damit er es durchsehe» sollte. Und da er es übergeben wollte, da fielen die Kitpferchen heraus. Er erschrak, hob sie auf und gab sie dem Lehrer. Dieser erstaunte, und sagte: Benjamin! hast du nfir mei. ne Küpftrchen entwandt? Gewiß nicht, antwortet- dieser; ich weiß nicht, wer st- in mein Buch gelegt hat. Wenn dieses nun ein anderer gesagt halte, so würd- ihm der Lehrer nicht geglaubt haben. Bcnja. min aber wurde geglaubt. Du kannst, sagte der Lehrer zu ihm, die Küpftrchen nicht entwendet haben, denn sonst würdest du mirs sagen. Ein Bube hat st- hineingelegt. Und nun ging er zu den übrigen Schülern, und sagte: wer ist der Bube, der diese Küpftrchen in Ben- jaminS Buch gelegt hat? Sie schwiegen zwar alle, aber der Dieb verrieth sich durch seine Farbe, den« er wurde blutroth, und mußt-eS gestehen, sobald dee Lehrer ernstlich in ihn drang. Dafür wurde er hart bestraft. Benjamin!ftf aber vergnügt zum Vater, umarmte und küßte ihn, und sagte: tausend, taufend Dank, lieber Baker! daß du mich gelehrt hast, die Wahrheit reden. Zch hätts heute gewiß unschuldig Strafe leiden müssen, wenn mein Lehrer nicht gewußt hätte, daß ich immer die Wahrhe.it redete. Salz marin. Regulus. Aktilius Regulus, ein Feldherr der altett Römer, befand sich in der Gefangenschaft der Karthager, des barbarischsten Volkes jener Zeit. Auf sein Ehrenwort entließ ihn der Feind mit den Auftrag nach Rom zu gehen, vm mir feinen LandSleutsn über den Frieden und Auswechslung der Gefangenen zu un erhandeln. Er ging ab, überlegte aber bey sich selbst, daß, wie dir Sachen vermahlen standen, beydes, dir Friede und die Auswechslung, feinem Vaterlands nach- khcilig werden müßten. Er langte in Rom an, und trug dem Senate den Vorschlag der Karthager vor. Dieß war er seinem gegebenen Worte schuldig, alle n Liebe zum Vakerkande vermochte ihn, beydes dem Senat zu widerrachen, und man befolgte seinen Rath. Nun aber bereitete er sich zur Rückkehr. Alles wider- rieth ihm, dieß zu thun. Der Senat stellte ihm vor, er werde sich muihwillig Gefahren, vielleicht dem Tode selbst aussetzen; Regulus berief sich aus fein gege» kenrs Wort. Da siel weinend seine Gattinn an sein Herz, schluchzend umfaßten geliebte Kinder feine Kniee, was kindliche Liebe Zärtliches, was Thränen der Gattinn Rührendes haben, alles drang vereint auf sei» Herz, um seinen Vorsatz zum Wanken zu bringen. Das Herz des Helden wurde weich, aber fest und unerschüt- tert stand sein Entschluß, denn Regulus hatte sein Work gegeben. Mit Nutendem, zerrissenem Herzen schied er von ollem, was ihm theuer und werth war, von Vaterland, Freunden, Gattinn und Kindern, schied, um in Karthago den Tod zu leiden, den er voraussah, und der ihm martervoll bereitet wurde. Gruber. Der wißbegierigs Ernst. Ernst, der Sohn eines Predigers nicht weit von Leipzig, war, wie alle Kinder, wißbegierig. Aber es war ihm Nicht genug, daß er das, was geschehen war, erzählen hörte, er wollte Alles selbst sehen, hören und erfahren. Daher wanderte er fleißig auf den Feldern und Wiesen und im Walde herum, um die verschiedenen Pflanzen, die in derselben Gegend wuchsen, durch eigene Ansicht kennen zu lernen. Wenn er ein Saamenkorn von ausländischen Gewächsen be- kommen konnte, so. steckte er es in die Erde, um zu versuchen, ob es aufgehen würde, und wenigstens die Blätter desselben kennen zu lernen, wenn er es auch weiter nicht bringen konnte. Steine und Erdartt-n, Raupen, Schmetterlinge und andere Infekten irrig er in Menge zusammen, und hob sie wenigstens so lang auf, bis sein Vet'er, der ein Gelehrter in Leipzig war, seinen Vater besuchte. Von diesem ließ er sich die Benennung sagen, damit er sich nun die mancherley Arten bester merkest konnte. Zu diesem Manne reiset« —( 5-2)— er auch fast alle Messe», um die fremden Thiere und andere Seltenheiten zu sehen, die dahin zur Schau, oder auch zum Verkauf gebracht wurden. Auch die Gaukeleien, die da gemacht wurden, sah er einmal Mit an, um sich davon zu überzeugen, daß es Gaukelten waren. Wo er ging und stand, da war er aujmerksam auf Alles, was um ihn her vorging; daher er fast alle Waaren zu nennen wußte, die auf der Leipziger Messe feil gebothen wurden. Und wenn weiter nichts Seltenes in Leipzig zu sehen war, so ging er in die Werkstätte der. Handwsrksleute und Künstler, und sah ihnen zu, wie sie arbeiteten; arbeitete auch wohl. wo er konnte, selbst mit. Haltet ihr das für nützlich? Nicht nur die gewöhnlichen Naturerscheinungen hatt- er oft mir Aufmerksamkeit betrachtet; sondern auch, so oft er von einer ungewöhnlichen hörte, war er begierig, sie zu sehen, und, wenn er sich g-kraut-e den Ort mit seinen zwey gesunden Füßen zu erreichen, so ging er hin. Einst erzählten die Leute, daß eine Frau in der Vorstadt von Leipzig ein ungestaltetes Kind, welches man eine Mißgeburt zu nennen pflegt, zur Welk gebracht hätte, dessen Hände anstatt der Am. gcr mit Krallen versehen wären. Ernst ruhte nicht -her, bis er Gelegenheit fand, das Kind zu sehen. Alsdann konnte er mit Gewißheit erzählen, daß es ein Kind wie andere Kinder war. Auch hatte er gehört, daß sich auf dem Todtcnacker in der MitternciHtSstunde die verstorbenen Menschen sehen ließen. Deswegen bl-eb E r n^st mehr als Ein Mahl bis zur Mitternacht aus dem Lodrenacker und versicherte hernach, daß er weder einen Todten noch einen Lebendigen gesehen hätte. Er nahm sich vor, so wett zu reisen, als er könn- ( Z»3) „sobald er erwachsen seyn wurde.„Da," sagte er,„da werde ich das Meer sehen und die großen -Schiffs aas dem Meere, und feuerspeiende Berge und Wasserfäüe und tausend andere Dinge, die man hier nicht zu sehen bekommt." Dabey freuet« er sich so herzlich, als ob er alle diese Dinge schon vor den Augenhätte. Seine Schwester, Klementine, tadelte ihn bis» weilen darüber und meinte: Er brauche ja nicht nach allem selbst zu gehen; er könnte sich ja die Dinge, die er gern wissen wollte, beschreiben lassen, oder in Lii» chern davon lesen. Aber Ernst war nicht ihrer Meinung;„denn, sagte er, ich kann in drey Tagen kaum so viel beschreiben hören, als ich in einer Stünde se- he." Wer hatte hier wohl mehr Recht» derBruder oder die Schwester? Thieme. Klementine. Diese Klementine hatte eine große Begierde, Alles zu wissen, was andere Leute dachten, sagten oder thaten. Sle horchte daher gern an den Thüren, um zu erfahren, was die Leute in der Stube spra. chen. Wenn einige Menschen beysammen standen, und mit einander redeten, so steckte ste gern ihr Kövs«-en dazwischen, um auch Etwas von ihrem Gespräche zu hören, welches freylich nicht allemahl gut anfgenom. men ward. Sie durchsuchte gern alle Gemächer, alle 1l. Band. K k -(5-4)- Schränke und Kästen, die nie verschlossen waren. Nun wußte sie doch, was darin lag. Wenn ihr Bruder etwa einen Briefschrieb, so suchte sie allerley Verwand, um ihn auf einige Augenblicke aus der Stube zu bringen, damit sie nur in seiner Abwesenheit lesen konnte, was er geschrieben hatte. Auch wenn sie zu fremden Leuten kam, und auf einem Tische irgend ein beschriebenes Papier liegen sah, so trat sie gern hin und las es. Haltet ihr das wohl für anständig und erlaubt? So oft ihre Mutter Etwas gekauft hatte, ohne es ihr zu zeigen, oder in der Küche etwas zubereitete» ohne ihre Tochter dazu zu nehmen: so ward diese dadurch so sehr beunruhigst, daß sie des Nachts nicht schlafen konnte. Ihr Bruder Ernst lachte oft darüber und sagte:„Sie würde^noch an der Neu. gierde sterben." Klemenkine nahm daS ühel und warf ihm vor, daß er ja selbst neugierig wäre, indem er Alles sehe« und hören wollte.„Nein!" erwiederte Ernst,„du hast kein Recht, mir diesen Vorwurf zu machen; denn Dinge, die mich nichts angehen, verlange ich nicht zu wissen. Wenn mir gleich die Mut- ter nicht Alles zu kosten gibt, waS sie kocht und bäckt, das beunruhigt mich nicht. Unsere Machbaren mögen laut oder heimlich mit einander reden: ich frage nicht darnach; und du, liebe Schwester, magst Neuigkeiten und Heimlichkeiten ins Haus tragen, so viel du willst: ich werde dich Niemahls bitten, mir Eine zu erzählen. Aber, was in der Natur vorgeht, oder was die Menschen durch ihre Kunst und Geschicklichkeik hervorbringen, das geht mich an; das sind auch keine Heimlichkeiten, darum wünsche ich davon so viel zu sehen und zu hören, als möglich ist." Werdet ( Z'5) K k- ihr euch nun den Unterschied zwischen Neugicrdx und Wißbegierde woh! vorstellen können? T h i e m e. Die Wohlthätigkeit. Wer in der That recht glücklich seyn, und auch seine Mitmenschen glücklich machen will, der nmß sich be. streben, gegen andere immer so zu bandeln, wie er wünscht, daß man auch gegen ihn handeln möchte. Laßt euch eine Geschichte erzählen, lieben Kinder, die euch Freude machen, und euch zeigen wird, wie Gott die Menschen belohnt, die so handln, fromm und wohlthätig sind, und ihren Nächsten lieben. Zn S chwaben liegt ein Schloß, welches wir Gteinb erq nennen wollen; dort wohnte einmahl ein reicher Graf, der einen einzigen Sohn hatte- den er außerordentlich liebte. Junker August, so hieß der neunjährige Sohn des Grafen, war ein munterer, arbeitsamer und gutherziger Knabe, der keine gri ere Freude halte, alS brav zu lernen, den A wen wohlzuthun, und seinen Aelttrn Freude zu wachen. Weil nun August ein so vortreffliches Kind, und ein grosser Freund von Reisen war, so wollte ihn fein Va- ter einst mit einer Freude überraschen. Er sagte ihm eines Morgens: August? Ich reise nach Augsburg und München, und du darfst mich begleiten! N»ch ( 5r6) den nehmlichen Morgen fuhren sie ab. August klatschte in die Hände vor Freuden, als sie das Schloß aus dem Gesichte verloren hatten, und in die erste Stadt einzogen. Denn August hakte außer dem Schlöffe seines Vaters noch keine Landschaft gesehen. Sie waren nun eine Tagreise vom Schlosse entfernt. Die Straße führte durch einen dichten Wald, und dir Abenddämmerung war schon angebrochen. Als sie ungefähr in die Mitte desselben gekommen waren, ge» schah plötzlich ein Pistolenschuß und der Kutscher siel todt vom Pferde herab. Sechs Räuber sprangen mit Pistolen und Degen in der Hand aus dem Gebüsche hervor, ermordeten den. alten Grafen mit vielen Degenstichen, und schössen dem Bedienten eine Kugel durch den Kopf. Den armen August, der ebenfalls verwundet war, warfen-fle auf die Leiche seines Vaters, und jagten mit Pferden und Wagen davon. August war vor Schmerz, Betrübniß und Angst halb todr. Er wälzte sich hin und her, und bethete laut zu unserm guten Vater im Himmel, daß er ihn doch retten-noch. ke. Ein armer Holzhacker, der im Walde wohnte, hörte diese klagende Stimme, und weil er immer gegen seine Nebenmenschen so handelte^ wie er wünsch, re, daß man auch gegen ihn handeln möchte, so be. sann er sich nicht lange, sondern lief aus die Skimirre zu, und fand den unglücklichen August. Er verband Augusteiis Wunde mit einem Tuch, und trug ihn auf dem Rücken in seine Hütte, die eine halbe Stunde da- von im Walde lag. Franz, so hieß der Holzhacker, hatte sechs Kinder, die er mit feiner schweren Handarbeit kümmerlich ernährte. Aber er harre sie gelehrt, Mit Wenigem zufrieden zu seyn, und auch für die kleinste Gabe dem guten Gott zu danken. Deßwegen wa. —( Ll7)" rcn sie immer munter und fröhlich, und glaubten sich He!) einem Topf voll Milch glücklicher, als Könige und Fürsten. ,,Hicr bring ich euch noch einen Bruder, sagte Franz zu seinen Kindern, alS er unfern August auf eine Bank niederlegte. O, lieben Kinder! Denket doch, Wie unglücklich dieser Kleine ist! Die bösen Räuber Haben seinen Vater erstochen, und er selbst wäre viel- leicht in dieser Nacht vor Angst gestorben, wenn ich ihn nicht gefunden hätte. Zch will nun den armen Zungen bey mir behalten. Nicht wahr Kinder, ihr wollet ihn lieb haben, wie euer» Bruder?" Alle ant- «orteten mit einem freudigen: Za, von Herzen gern! S?c streichelten August Wangen und Hände und sagten zu ihm: Sey nur zufrieden, Brüderchen, wir wollen dich ja lieb haben. Unser Vater ist ein guter Vater; er wird dich auch lieb haben l Mußt nicht weinen, bist ja bey ! uns!" Indessen war auch Helene, Franzens Gattinn, mit einem Bündel dürren Holzes auf dem Rücken nach s Hause gekommen. Franz nahm sie bey der Hand, und erzählte ihr die Geschichte des armen August. „Herzlich gerne," sagte sie,„wollen wir das liebe Kind bey uns behalten. Wir haben ja gesunde Hände zur Arbeit. Es wird uns nie an Brod mangeln. Gott hat uns ja immer geholfen. Er wird uns ferner helfen. Wir wollen Zhm vertrauen, lieber Franz!" August lebte nun in der Hütte des Holzhackers, und weil er von seinen Acltern nie verzärtelt worden war. so gewöhnte er sich bald an die rauhe Lebensart, und die Unbequemlichkeiten dieser armen Leute. Zr half seinem Pfl-goater arbeiten, so viel seine schwa- chen Kräfte erlaubten, und am Abend erzählt- er den —( 818)— Kleinen Geschichten von guten Kindern, die arm, aber rechtschaffen waren, und dann glücklich und reich wur. dm, oder er lehrte sie unschuldige Spiele, oder sag. te ihnen schöne, lehrreiche Kinderlieder vor, die fle aus. wendig lernten. So ward August der Liebling dieser armen Familie, die ihr kümmerliches Brod so lieb, reich mit-hm theilte. Er vergaß bald seinen vorneh. wen^.tand. und atte Beguemttepkeiten, die er aus dem Schlosse seiner Bettern genossen halte; aber das Andenke-, an seinen unglücklichen Baker und sei. gute Mutter, preßte ihm viel heiße Thränen aus. Dann trösiekeihn der fromme Kranz/sprach ihmMuch ein, und versicherte ihn der Hülfe Gottes, der fromme und gute Kinder so väterlich liebt. Aber Augusts DlUtker sta.b beinahe vor Gram über den Tod ihres lieben Hatten und den Verlust ihres einzigen Sopnes. Sie weinte Ä.ag und Nacht, und schlich umher wie ein Schatten. Endlich glaubte sie, eine Reise würde vielleicht ihren Kummer und Gram erleichtern. Sie machte sich also auf den Weg; ehe sie aber weiterreiS- ke, wollte sie noch den Platz besuchen, wo ihr Gatte ermordet worden war, um sich noch einmal satt weinen zu können. Sie kam an einem schwülen Mittag an diesen traurigen Wald. Gleich bexm Anfang des. selben sah sie e nen kleinen schönen Knaben im Schatten einer Buche schlafen. Sie stieg aus— denn sie lieb. te die Kinder sehr— betrachtete den kleinen Schläfer mit Wchmuth. und dachte an ihrin oerlohrnen August. Der Kleine war Franzens Söhnchen, der hier in der Nahe Holz Me. Heinrich, so hieß er, erwachte. Die Gräsinn nahm ihn auf den Schooß, herzte und küßte ihn. Indessen war Franz selbst herzu gekommen. „Hört, sagte, die Gräfinn zu ihm, ich bin reich; -M -( 5-9)- und habe kein Kind, Ueberlaffet mir diesen Kleinen- Zch will ihn erziehen, einen braven Mann aus ihm machen, und für sein Glück sargen.^ Er soll wein Kind seyn!" Franz drückte der Gräfinn die Hand. „Was Sie mir da sagen, wär' alles recht und Dankes werth. Aber meine Kinder haben. Gott Lob l noch einen Vater, der arbeiten, und ihnen Nahrung, so viel Gott beschert, geben kann. Wo lang ich^eoe, sollen sie bey mir bleiben, und brave, fleißige Bauern werden. Also— meinen Heinrich, kann ich Ihnen nicht geben. Aber ich habe— noch ein Kind zu Hau- sc, das nicht so ganz mein ist, wenn ich's gleich so liebhabe, als mein eigenes. Das arme Wurmchen hat seinen Vater verlohren, und da hab' ich-s zu mir genommen. O es ist-in schönes, brao-S Kmd l Nehmen Sie dieses an Kindesstatt auf, und Gott wird Sie dafür segnen.".._, „Und wer ist denn der Kleine?" fragte die Gräfinn.„Zeiget ihn mir." Har Dort kommt er mit meiner Lene h-rge- ^ Die Gräfinn fiel beynahe in Ohnmacht, denn der Kleine, der an Helenens Hand auf sie zukam, war il,r— August! Er erkannte seine gute Mutk«, und fiel ihr um den Hals! Sie weinten Thränen der Freude -usammen, und auch dem rechtschaffenen Holzhacker -loff-n Thränen über die braunen Backen herunter. Nun ließ die Gräfinn nicht nach» bis ihr Franz „erlvrach, mit Helene« und seinen Kindern zu chr nach beinberg zu M-»' und bey ihr und ihrem August zu leben und zu sterben. Er schenkt- seine Hütte sEM. d« ,-»,<»«-»--»--'S'-"-»-'b'-» H-Ijh-ck--, S»'S» S'SS-° g-S-V h>»>- D,n» d>- ( Z20)— Rechtschaffene hat keine größere Freude, als seinen Feinden Gutes zu thun. Franz zog nun auf daS gräfliche Schloß, aber nicht, um müßig zu gehen, son. dern zu arbeiten, ob er gleich dieses nicht mehr nöthig gehabt hakte, weil ihn die Gräfinn mit allem reichlich versorgte. Franzens Kinder ließ dir Gräfinn wie ihre eigene erziehen. Sie wurden wackre Handwerksleu. te. fleißig und fromm, wie ihre Eltern. August ver. gaß die Wohlthaten seiner guten Pflegeltern nie. Er liebtest-wie ein Kind, und als sie starben, drückte er ihnen die Augen zu. Die Räuber und Mörder deS alten Grafen, die in ihrer Fugend ungehorsame, unfleißige, gottlose Kinder gewesen waren, wurden bald nach ihrer Mord. that gefangen genommen, und hingerichtet. Arm brüste r. Beyspiele von woh lthätigen Menschen. Ein gewisser Ritter in England nahm, von sei- nem vierzigsten Jahr an, all- Fahr einige arme Kinder zri sich, um dieselben zu erziehen. Da er sechzig Jahr all war, schrieb er an einen ferner Freunde, daß er nun das ein und vierzigste Kind annehmen, und alle Fahre so fortfahren wolle. Dennich glau. be ganz gewiß, schrieb er, daß ich weniger Güter und weniger Fahre hätte, als ich durch Gottes Gnade habe, wenn ich mich durch Geitz hätte verleiten lassen, gegen —( L-'i)— so arme Kreaturen unbarmherzig zu sepn. In Magdeburg wickelte jemand das Geld, das für einige Gerichte bey einem Abendessen noch ausge. geben werden sollte, zusammen, schickte es an einen der Verfasser des Wohlthäters, und sprach zu seiner Ehegattinn: Dafür können manche Hungrige sich Brod kaufen. Wir mit unsern Freünden haben schon iiber- fiüßiges Gutes. Ebenfalls daselbst nahm eine Frau das Geld, welches sie sich zu einem Kleide erspart hatte, und ließ dafür einige arme Waisen kleiden. Ein vornehmer Herr kam vor einigen Jahren im härtesten Winker zu einem der reichsten Kaufleute in Paris. Er verwunderte sich sehr darüber, daß er in keinem seiner Zimmern Tapeten fand, da er doch ein so reicher Mann sey. Er fragte ihn, warum er die Wände nicht mit Tapeten beschlagen ließe, da sie doch im Winter warmer hielten? Der rechtschaffene Kauf. mann führte ihn in ein Zimmer, in welchem eine vrr- unglückkeFamilie wohnte, und von ihm ernährt wurde. Sehen Sie, antwortete er, diese Elenden, die ich lieber als meine W ä nde be k l e id c! Lord Baltimore hatte seine Reise durch Arabien geendigt, und kam nach Lindau a m B o d e n- s e e. Die Gegend gefiel ihm so sehr, daß er sich entschloß, daselbst zu bleiben und sich ein Gut zu kaufen. —( 522)— Verschiedene Güter wurden ihm angebothen und von ihm besichtigt. Nüe lagen in einer sehr angenehmen schönen Gegend» und er durfte sich nur das schönste aussuchen. Zuletzt führte man ihn noch auf ein Gut, das nicht so angenehm lag, und nur ein kleines ver. fallenes Haus hatte. Es war ein Erbtheik armer Waisen, von ihrem Vater unter der Bedingung ihnen hinterlassen, daß fle es nicht verkaufen sollten. Den. noch waren einige Grundstücke davon schon in fremden Handen. Als der Lord dieß hörte, ließ er sein Verlangen, in der reißendsten Gegend und auf dem besten Gut zu wohnen, fahren, und folgte der edleren Be. Sierde wohlzuthun. Er wählte das Gut der armen Waisen» bauete das Haus, verbesserte die Ländereyen, und kaufte die Lecker und Wiesen, welche verkauft waren, wieder an sich; blieb einige Jahre auf dem Gute, darauf zog er weg, und übergab alles umsonst, den armen Waisen. Ein gewisser Prinz wurde nach seines Vaters Tv- de König, und sing die Regierung mit lauter Wohlthaten au. Einer seiner geheimen Räthe that ihm die Vorstellung, daß er die Schatze, daran seine Vorfahren so lange gesammelt hatten, durch eine allzu- große Freygebigkeit nicht zerstreuen möchte. Allein der junge König gab ihm zur Antwort: „Gott ha- mir diese Reichthümer nicht deßwegen anvertrauet, daß ich fle bewahren, sondern daß ich fie zum Guten gebrauchen, und meinen Unterthanen damit helfen soll." F cd derfen. ( Z23) Sophie, oder die Gefahren der Z erstreuungssucht. Gestützt auf seinen rechten Arm, saß Raffner, ein Jurvelenhändler, in einem Winkel seiner Srube, und brütete über einem Vorhaben, gegen welches sich anfangs sein Herz empörte, das ihn aber, nach seiner Meinung, nur noch allein retten konnte. Ein Verbrechen war es, das er begehen sollte. Er schwankte, und konnte lange zu keinem festen Entschlüsse kommen. Won der einen Seite schreckte ihn der Gedanke an die Verletzung der Pflicht, und an die Gefahren, die damit verbunden waren, von der andern Seite schwebte ihm lebhaft die große Verlegenheit vor, in der er sich befand, Schande und Spott, die ihm bevorstanden. Er sprang von seinem Sitze auf, ging em Paar Mahl in der Stube auf und ab, setzte sich dann wie- der, senkt- sein sorgenvolles Haupt auf beyde Hände, und klagte seine Frau als die Urheberinn seines Unglücks an. Zch Unglücklicher, sagte er, wie ruhig und froh konnte ich leben, wenn mir ein häuslicheres Weib zu Theil geworden wäre. AüeS, was in meinen Kräften stand, habe ich gethan, durch erlaubte Mittel wein Vermögen zu erweitern, und meine äußerliche Lage so zu verbessern, daß ich hoffen konnte, auch im Alter sorgenlos zu leben. Aber konnt' ich denn bey aller meiner Bemühung etwas zurücklegen? O ihr Weiber, die ihr von Häuslichkeit nichts wißt, die rtzr in die Welt hineinlebt, als wenn eure Geldquellen ( 524) unversiegbar waren, o ihr fühlt eS nicht, wie ihr nicht nur dem Manne das Leben verbittert, sondern ihn auch leicht durch eure Verschwendung und Zer- streuungssucht zv Schritten verleitet, die ihm den Frieden der Seele rauben, und ihn mit seiner Familie unglücklich machen! O Sophie.' Sophie! wie hab' ich dich geliebt! mit welchem Vertrauen dich zu meinem Weibe gewählt! Unselige Liebe, unglückliche Wahl Raffn er hatte Recht, so zu klagen. Sophie, seine Frau, machte ihn unglücklich. Von wohlhabenden Eltern geboren, war sie schon in ihrer zarten Jugend zu einem bequemen, üppigen Leben gewöhnt, setzte sie schon als ein kleines Mädchen fast alle ihre Wünsche durch, und wuchs mit den Zähren auch in ihrem Eigensinne, und dem gefährlichen Hange zur Zerstreuung. Ihre Eltern fahrn ihr zu sehr nach, sie liebten selbst daS geräuschvolle, gesellschaftliche Leben leidenschaftlich, stellten häufig große Gastcreyen an, schwärmten Tage lang außer dem Hause in zerstreuenden Gesellschaften herum, und glaubten für ihre einzige Loch. ier nicht besser sorgen zu können, als wenn sie dieselbe mitnahmen, und an allen Lustbarkeiten Theil nehmen ließen. Sie wird, hieß es, einmahl auch auf einem großen Fuße leben, urch muß daher schon frühzeitig mit dieser Lebensart bekannt gemacht werden. Sophien gefiel dieses Leben ungcmein wohl. Ihr ganzer Sinn war darauf gerichtet, wie sie am meisten gefallen, und die andern Mädchen der Stadt verdun. kcln könne. Die Natur hatte ihr viel Schönheit und weibliche Anmuth, auch nicht gemeine Anlagen des Geistes geschenkt, aber diese vcrnachläßigte sie beynahe Hanz, und verwendete ihre ganze Aufmerksamkeit bloß —( L2L)— «uf jene. Mit ihrer natürlichen Schönheit noch nicht zufrieden, suchte sie dieselbe mit Hülfe der Kunst, durch einen prächtigen Anzug, durch theure, ausländische Schminken u. dgl. m. zu erhöhen. Dieß kostete an. sehnliche Summen, aber die Eltern gaben sie willig her, um die Tochter nur bey guter Laune zu erhalten. Nützliche Kenntnisse erwarb sich Sophie nur wenige, um Wirthschastsangelegenheiten bekümmerte sie sich vollends gar nicht, und blieb daher mit weiblichen Arbeiten fast ganz unbekannt. Zhr Leben glich einem beständigen Wirrwarr-; sie schwärmte Tag und Nacht in fröhlichen Zirkeln herum, und lachte ihre Tante aus.-die ihr gelegentlich Vorstellungen über ihre Lebensart machte, und ihr voraus sagte, daß auS ihr kein gutes Weib werden, und daß sie einmal leicht sehr unglücklich sehn könne. Durch den unurttcrbochcnen Umgang Sophiens mit der feinen Welt, erwarb sie sich bald ein- ferne a u sie r l i che Bildung; ihr Anstand war allerliebst, ihre Aussprache biegsam und wohltönend; die Worte, die ihr wie Honig aus dem Munde flössen, schön und gut gewähltihr ganzes Wesen empfindsam und einnehmend, und ihr äußerliches Betragen überhaupt anlo- ckend und täuschend für den, der nur aufs A-uße e sah, und dem ein schärferer Blick ins Innere versagt war. Diejenigen. welche tiefer sahen, welche es wuß. ten. worauf es bey dem Menschen eigentlich ankomme, und die das Talent hatten, Schein von Wahrheit zir unterscheiden, diese wurden freylich von Soplsicns schimmernder Ausseaseit- nicht geblendet; sie gestanden ihr viel Anmuth zu, aber wünschten um so mehr, daß auch ihr Inneres der äußerlichen Bildung- mehr entsprechen möchte. ( L26) Unglücklicher Weise ließ sich Rsffner, der reichste Zuwelcnhändlcr des Landes, ein Mann vom besten Rufe, durch Sophiens einnehmendes Aeußere käu- schen, und trat mit ihr in ein? eheliche Verbindung. Es währte nicht lange, so fiel es ihm wie Schuppen von den Augen» er sah Sophien, wie sie war, erblickte in ihr mehr eine niedliche Puppe, als ein edles, liebenswürdiges Weib, und bereuete seine Wahl- Halte Sophie als Mädchen großen Aufwand gemacht, so machte sie ihn als Frau, der ein beträchtliches Vermögen zu Gebothe stand, noch mehrt. Da mußten die kostbarsten Möbeln angeschafft, eine glänzend? Equipage gehalten, der Tisch mit den theuersten, leckersten Gerichten besetzt, kostspielige Gastmähler gegeben, und Tag und Stach! in Gesellschaft herumge- schwarmt werden. Zum Unglück war in der Ska^k, wo Rassuer wohnte, der Hang zu gesel'gen Zerstreuungen,-» den hebern Ständen besonders, auf den höchsten Grad gestiegen. Die Damen nahmen so gut wie ihre Herren Theil daran, und spielten dabey die Hauptrolle. Da gab es eine Sonnkassgeschellschaft, eine Dienstagsge- sellschafk, einen Tbeestrkel, der sich Donnerstags versammelte, einen Lescklubb, der drey Mal in der Woche beysammen war, ein Freptagskränzchen, und noch ein Paar andere Gesellschaften, bey deren Errichtung man die besten Absichten hakte, denen aber der Erfolg nicht entsprach. Denn gewann gleich der gesellschaftliche Ton und die äußere Bildung dabey, so hatte doch die dadurch begünstigte Zerstreuunassuckk von der andern Seite ihre überwiegenden Nachtheile. Die Männer versäumten ihre Berufsgeschäfte, wurden durch den häufigen Umgang mit Weibern, und das nachgiebige, galante Betragen gegen dieselben, weibisch und schwach, verwendeten auf die Erziehung der Kinder nicht die nöthige Sorgfalt, und hatten eine Menge unnöthiger, oft sehr beträchtlicher Ausgaben. Aus die Weiber wirkte es noch nachtheiliger. Sie verlohren allen Sinn für die stillen, reinen Freuden des schönen Familienlebens, ließen ihre Häuslichen Angelegenheiten in Unordnung gerakhep, und ihre Kinder ohne mütterliche Pflege! suchten einander in Pracht und Aufwand zu übertreffen, und griffen die Kassen ihrer Männer an, lebten nicht für diese sondern für die Welt und ihre Eitelkeit, nährten ihre Spott-und Tadelsucht, und beförderten durch dieses alles ihr und ihrer Familien Verderben. Sophie diente der ganzen Stadt zum lebendsten Beweise davon. Ihr Streben, immer und überall die Hauptrolle zu spielen, raubte ihr so viel Zeit uud Nachdenken, daß ste dabey alle ihre Pflichten als Hausfrau, Gattinn und Mutter vernachläßigen mußte. Zhr Putz lag ihr Tag und Nacht im Sinne. Wollte Raffner sich einmal mit ihr unterhalten, so fand er sie entweder bey ihrer Toilette beschäftigt, oder mit Putz- händlerinnen und Putzmacherinnen in Unterhandlungen, oder nicht zu Hause, oder bey übler Laune; dann musste es sich der gute Mann gefallen lassen, auf sein Zimmer zurück zu kehren, und sich selbst stumm zu unterhalten. Oft traf es sich, daß Sophien ich Gesellschaft nicht genug Weihrauch gestreut, ihre Reihe nicht laut genug bewundert, oder wohl gar andere Damm ihr vorgezogen wurden. Dieß konnte sie in hohem Grade verstimmen. Mürrisch kehrte sie dann nach Hause zurück, tadelte alles, was ihr aufstleß, machte den Hausleu. ( 528) ttn ein Loses Gesicht, und fuhr selbst den Gatten, der mit Liebe ihr entgegen kam, hart an, kurz, ihre böje Laune wurde ihr und allen, die sie umgaben, zur drückendsten Pein. Ihre häuslichen Angelegenheiten mußte sie fremden Leuten anvertrauen, die oft treulos wa. rcn, und nur sich zu bereichern suchten. Sie kam mit einer Tochter nieder. Raffner wünschte, daß sie das Kind selbst stillen möchte. Dazu wollte sie sich aber durchaus nicht entschließen. Sie wäre keine Bauersfrau, meinte ste, und Raffner sah sich genöthigt, eine Amme anzunehmen. Zum Un. glück war diese mit einer ansteckenden Krankheit be- hastet, die auch das Kind bekam, und daran starb. Ihr zweites und letztes Kind, auch erne Tochter, wurde von der zrrsireuungssüchtigen, unmütkerlichen Mutier gleichfalls vernachlaßigt, und ganz der Aussicht einer leichtsinnigen Kindcrmagd anvertraut. Diese ließ es einmal auS dem Fenster stillen. Amalie(so hieß es) fiel sich zwar nicht todt, nahm aber einen bedeutenden Schaden. Die rechte Schulter war stark verrenkt, und Amalie bekam von diesem Falle einen Höcker. Die Mutter schämte sich des ausgewachsenen Mädchens, und betrug sich gegen die arme Amalie so, als wäre sie nicht ihre Tochter. So sehr wurde SophienS Herz durch den Hang nach Zerstreuung und gesellschaftlichen Lustbarkeiten verderbt. Die edelsten Gefühle wurden erstickt, und der schöne Sinn für häusliches Glück, das doch daS schön, ste und reinste Glück des Lebens ist, ganz abgestumpft. Raffner sah dieß, und sein Herz blutete; aber er hakte nicht Muth genug, der Lebensart seiner Fxau Einhalt zu thun; er sah, daß die ganze Sradt( 0te wenigen Vernünftigen ausgenommen) ihm dieses übel —( L29)-- auslege», und er der Spott der feinen Welt werden, daß seine Frau ihn einen Tyrannen schelte, und ihm sein Leben auf alle mögliche Art verbittern würde. Mehrmals versuchte er, ihrem rasenden Aufwands Grenzen zu setzen, aber damit hörte auch der Haus, friede auf. Sophie fing an zu schmollen, ihm bittre Vorwürfe- zu machen, und alles durch ihre böse Laune zu drücken. Wollte er Frieden haben, so mußte er es bevm Alten lassen. Als er einmahl-einen ihrer Wünsche, dessen Erfüllung mit einer Ausgabe von mehrern Lausenden verbunden war, durchaus nicht befriedigen wollte, fiel sie in eine Krankheit, die, wie sie sagte, ihr den Tod bringen würde. Der Arzt, der ihre Ge. WÜthsart kannte, kam bald hinter die wahre Ursache dieser erdichteten Krankheit, und gab Raffnern lächelnd zu verstehen, daß er in dieser gefährlichen Krisis keinen her Wünsche seiner Gattinn abschlagen sollte, weil dieß ihr Uebel leicht verschlimmern könnte. Rascher verstand ihn, befriedigte jenen Wunsch des eitlen Weibes, und Sophie ward— zum Erstaunen der ganzen Stadt— Noch an demselben Lüge wieder vollkommen gesund. Die Bildung ihrer Tochter vernachläßigte sie ganz; zu ihrer heimlichen Fnude starb Umal-e in ihrem siebenten Jahre an den Folgen der Masern. Zehn Jahre lang ging es in dem Rassncrschen Hause i'o fort; jetzt fing er es an zu spüren, daß wen» die Lebensart feiner Frau noch er» Paar Jahre so förk. gehen sollte, er endlich zum armen Wanne werden müf. st. Er verhehlte ihr seine Beiorgwß n'cht, aber sie tröstete ihn mit der Hoffnung reicher Erbst asten, die ihr aber nie zu Theil wurden. Unglücklicher Weift brachm in einer Nacht Diebe in sein Gewölbe,„nd stahlen eine Menge det- kostbarsten Juwelen. Dek H. Band.' L l — i 530)— Schade belief sich sehr hoch, und gab Raffners Mk- Wogensumständen einen großen Stoß- Und doch schränkte das verwöhnte Weib auch jetzt ihren Aufwand noch nicht ein. Endlich kam es so weit, daß Raffner, der vor einigen Jahren«in ansehnliches Vermögen besaß, tief in Schulden steckte, und einem schimpflichen Bankerotte nahe war. Dieß schlug sein Herz sehr nieder. Er kannte seine, Mittmwshner, er wusste, daß sie es ihm übe! genommen hätten, wenn er der Lebensart und dem Aufwands seiner Frau Grenzen gefetzt hätte, und daß sie ihn doch jetzt, bey seinem Falle, Wehr bespötteln und tadeln, als bedauern. würden. Der Gedanke, der Gegenstand, ihres Mitleids und Spottes zu wer» den, die Besorgmß, dass Sophie ihm immer mehr zur Last werden würde, dieß und andere Gedanken und Gefühle versetzten,,ihn in einen Zustand der Verzweiflung. machten ihn, den rechtschaffenen, aber etwas schwachen Mann, in der Tugend wankend, und brachten ihn endlich zu einem Entschlüsse, der die Ruhe seiner Seele und das Glück seines Lebens auf ewig rer- N-chtete. Raffner sank zum Betrüger Herab. Er stellte falsche Wechsel aus, und verbesserte dadurch in etwas seine Lage. Allein-die Rache der Gerechtigkeit bleib nicht lange aus. Sein Gewissen Machte ihm über sein Verbrechen die bittersten Vorwüfe; er hatte nirgends Ruhe; immer schwebte der schreckliche Gedanke: basier sich zum Betrüger herabgewürdiget habe, vor seiner Seele, und mehrmals war er iui Begriff, an sich selbst zum Mörder zu werden. Sein melancholisches Wesen, das ihn von nun an, wie ein Gespenst, verfolgte, war sibermmur auffallend, man sprach im Geheim davon, —( 5Z-)— .sind ahndete nichts Gutes. Nach einigen Wonaien wurde der Betrug mit den Wechseln bemerkt; man stellte strenge Nachforschungen an, und kam dem Urheber glücklich auf die Spur. Raffner merkte dieß, und entfloh eiligst aus der Stadt; Mein man schichte ihm Steckbriefe nach; er wurde in Sachsen ertappt, und dem Gerichte, unter welches er gehörte, ausgeliefert. Vor Schaum außer sich, mehr lvdt als lebendig, wurde er durch einige Strafen seiner Vaterstadt geführt; alles drängte sich hinzu, um ihn zu sehen; der Pöbel warf mit faulen Eyern nach ihm; seine wahren Freunde hemmten sein Unglück; die übrigen gönnten es ihm und sagten: Er hätte sein Weib kürzer halten, und dem rasenden Auf. Land der eitlen Närrinn bey Zeiten Grenzen setzen sollen. .Raffner war der unglücklichste Mann von der Welk, ünglückl-ch besonders durch die Herz zerreisscnden Vor. Würfe, die ihm sein Gemüth machte. Der tiefste, fin- sierste Kerker war jetzt sein Aufenthalt. Seine Frau besuchte ihn ein einziges Mal, und kränkte den Un- glücklichen durch harte Vorwürfe. Sie sey durch ihn, sagte sie. inS tiefst- Elend gestürzt worden; durch sein Verbrechen habe er Schande und Spott über sie und ihre Familie gebracht, er werde dieß vor der Well und , vor Gott nicht veramworttn können. Raffner hörte diese Reden, die in sein Herz ein. schnitten, Anfangs geduldig au, endlich verlor er bte Fassung, und wendete sich unwillig von der Nichks- würdigen. Freylich! freylich! sagte er in bitterm To. ne, hätte ich mehr Wann seyn, und die eikeln Wünsche eines so unvernünftigen Weibes nicht befriedigen sM-n. Freylich war eS meine Pflicht, mein Elend Mit Standhafkigkeit zü ertragen, und dabey rechkschaf- b r s —( 532)— sea zu bleiben. Aber du— böse Thörin— ja du trägst doch einen großen Theil der Schuld, du hast mein Verbrechen und mein Unglück veranlaßt. Entferne dich auS meinen Augen, und laß mich allein für mcr- «e Thorheit und mein Vergehen büßen. Die NichiSwürdige entfernte sich, und mrliess den Tag darauf die Stadt. Raffnern verurkheiltcn die Gesetze zu dreißigjähriger Zuchthausstrafe; auch mußte er drey Lage nacheinander, an jedem drey Stunden, am Pranger stehen. Er überlebte nicht das zweyte Jahr seiner Strafe, sondern starb vor Gram und Verzweiflung. Oft soll er, wenn der Gefängniswärter ihn besuche?, ausgerufen haben: Männer, hütet euch vor Weckern, die die Zerstreuung lieben, und keinen Sinn für das stille hauSliche Leben haben I Sie machen euch unglücklich! Und habt ihr Töchter, o so gewöhnt sie, wenn euch ihr und euer Wohl am Herzen liegt, frühzeitig an eins eingezogene, stille Lebensart! Verwahret sie vor dem Gifte der Eitelkeit und des üppigen Lebens, und verwöhnt sie nicht durch eine zu große Nachsicht und Befriedigung ihrer oft sehr thörichten Wünsche! Sophie schlug sich einige Jahre in der Welt her. um. Da sie uichtS verstand, was man von einer geschickten, würdigen Frau zu verlangen berechtigt ist, so konnte sie nirgends ein festes Unterkommen finden. Sie trieb sich im Elende herum, und verlor endlich ihren Verstand. An einem trüben Apriltage zogen ei. mge Fischer auS dem Rheins eine todte Frau heraus. Nach einer gerichtlichen Untersuchung ergab es sich, daß es Ssphi« war. Wahrscheinlich harte sie sich irr ihrem Wahnsinne in den Fluß gestürzt. Man begrub -(533)- sie in Stillen, und keine Thräne floß auf ihren Gra- beShügel. Zhr Töchter Deutschlands, euch zur Warnung erzählte ich diese Geschichte. O vermeidet schon in eurer Zugend SophienS Irrwege; der üble Ton der Welt reiße euch nicht hin, raube euch nicht den schönen liebenswürdigen Sinn für stille Tugend und die sanfteren Freuden des eingezogenen, häuslichen Lebens..Armuth macht nicht unglücklich. V. Salzmann.!. 2. Der arme Richard Wirkinztho«. V. Glatz- 7. Argwohn. 1. Der vngegriindete Argwohn... 7. 2. Peter Herz. B. Loffjus... I. Vergleiche Vorsichtigkeit im Urtheile» und B er u r t h e i i c 11. Artigkeit. V. Glatz-... 7. az» LS 61 73 75 77 SS 98 roz iiv Z35 Seite. Aufmerksamkeit. 1. Carl und Jürgen. B. Camps.. 2. Klaus nud Carl. B. Rochen,.- Aufrichtigkelt. Der aufrichtige Carl. I. 7. V. Thie- I. Bed"achtsamk-it. Siehe Vorsichtigkeit, Unvor- sichrigkcit und Unbedachtsamkeit. Beharrlichkeit.^ i. Demosthenes.--''. r. Wenn man sich bessern wiS, muß man fts seinen Entschlüsse» seyn. V. Claudius- Vergleiche B e st a ndigkeit- Beherrschung seiner selbst. 1. Beherrschung seiner selbst.--- 2. Engelmann, oder man muß sich frühzeitig beherrschen lerne!!. V. Lshr.-'' B-guemlichkcirsliebe. Christian. V. Thtr- me. iztz 'g-r >3? >4l >4? IZ2 >24 Bescheidenheit >. Das bescheidne Lottchen. V. Salzmann- 2. Beyspiele der Demuth und Bescheidenheit. V- Feddersen.--' Vergleiche il»b esch e id e nhe i t. Besonnenheit. Panline und Hannchen. B. 126 15; Glatz Besserung- 1. Der Jüngling, der seine Fehler erkannte sich besserte. V. Feddersen. 2. Judith. V. Glatz.-- 7 Vergleiche Reue. Beständigkeit, r. Christian. B- Salzmann. 2. Melchior- B. Salzmann-?? Vergleiche Beharrlichkeit. Be trug. Das arme betrogene Mädchen. B. Salzmann.-->' Boßheit. Bösartigkeit- !. Der Jude Lsmael. B. Houisi- Metz-tier. r. 2. Aosamunde. B. Glas.-- l. i ltz und I. 1. I. I. 169 17» >81 >83 >88 >99 20» 5Z6 Billigkeit. Der billige und ehrliche Sbsthänd ler. V. Löhr-.... 7, Charakter,(fester, redlicher) Thomas MoruS. r. Dankbarkeit. 1. Die dankbare Loulse. V. Glatz.. i. 2. Dankbarkeit gegen Wohlthäter... l. 3 Dankbarkeit gegen Gott..- 7, 4- Dankbarkeit gegen Aeltern^ L) Kindliche Dankbarkeit. V. Glas.. I. i- Der Page..... i. 5. Dankbarkeit gegen Lehrer. V. Glatz.. I. Vergleiche Undankbarkeit. Demuth. Siehe Bescheidenheit- Dienstbothen. i. Wie nützlich das Gesinde sey. V. Becker. I. s- Der treue Bediente.... i. 3. Eine brave Dirnstmagd... 7. Die 11 stfert igkeit. D. Glatz... i. Vergleiche Gefälligkeit. Ehre.(die wahre) Worin besteht die wahre Ehre? Seit?. -Zo 2Z, L42 246 248 25 r 25z 257 260 261s 266 V. D. Sft. Edr' u r ch t. a. Ehrfurcht gegen Aeltern. V. Fedderscn. Ehrfurcht gegen Alte. V, Feddersen.. 3- Ehrfurcht gegen Lehrer. B. Claudius. Ehrgefühl(wahres). V. Claudius. Ehrgcitz.(übertriebener). Bernhard Roland. Glatz. Ehrlichkeit. r. Die ehrliche Frau. B. Grubcr. s. Der ehrliche Bauer. 3. Ehrlichkeit bey großer Armuth. 4. Der ehrliche Kuabe. V. Starke. Eigendünkel. V. Claudius. Eigennutz. Matchen. V. O. Sft. Vergleiche U n e i g cn nn tz jgke i t. Eigenin n- B. Armbrnster- Eitelkeit. 1. Die eitle Sibyffe. B. Thicme.. k. k. l. I. 1. V. I. I. I. I. k. l. l. -73 ?8, 282 2«4 288 290 Zog 3-0 3-5 3>6 320 Z27 k. 334 235 ZZ? Seite. s. Die eitle Aurelte. B. Elgtz.,. l. 336 Eintracht. i. Friede und Eintracht ist immer besser als Haß und Prozesse- B. Salzmann.-. l. z«,- 2. Carl und Henrictte. V. Glatz... l. Z46 Enthaltsamkeit. Wie übt man sich ist der Enthaltsamkeit k V. Matz-.-- l. 357 Vergleichs Mäßigkeit und Beherrschung seiner selbst. Entschädigung.(Ersetzung des zugefügten Schadens). V. Glatz..--- i- ZZ9 Empfindlichkeit. Die empsindliche Lotte. V. Glatz...... I. Z62 Empfindeley. Molly und Fanny.V- Glatz. I. Z67 Faulheit. 1. Traurige Folgen der Faulheit. V. Salzmann. l. Z/4 2. Faulheit und Fleiß. V. Löhr.. l. 276 F^e i n d e s l i e b e. Der brave Bauer- V. Glatz.., l. zy« 2. Der brave Indianer.... l. 292 Vergleiche Großmuth. Flatterhaftigkeit. 1. Schnellfuß. V. Campe... 1.594 2. Kilian. B. Salzmann.... I. 595 z. Der flatterhafte Ernst. V. Glatz.. l. Z96 Fleiß. 1. Beyspiele des Fleißes. V. Feddersen.. I. 401 2 Omar- B. Gruber.... I. 40z Vergleiche Arbeitsamkeit, F oigsamkeir. Wilhelm und Christian. l. 409 Vergleiche Gehorsam. Freundlichkeit. Siehe A n m n t h. Freunds ch a f r. 1. Dtivier und Felix.... l. 4,1 2. Die Freundschaft. B. Kleist... l. 41S z. Die Bürgschaft- V. Schiller-.. l. 418 F u r ch t s a in k e i k. 1. Toffel und Lieschen. V. Weiße.. k. 42Z 2. Der furchtsame Hanns. V. Rochow-. l- 425 z. Man kann seine Furchtsamkeit ablegen. V. Löhr. r. chah Seite- Geduld. I'. Mail schadet sich durch Ungeduld. V. Salz- mann.--.. I.^s> 2. Geduld. V- Starke.... I. 4I2 Gefälligkeit. r Philipp. B. Galzman»..». l. gzz 2. Meta. V. Carol. Rudolphi... I. 442 Z. Folgen der Ungefälligkcit. V. Campe.. I. 44Z Vergleiche Dien sifertigkejt. Gegenwart des Geistes, 1. Geistesgegenwart. Palmblätter.. l. 44? Weiblicher Muth. B. Matz..- i- 44Z Gehorsam. Salzmann...... i- 45t Geiß. a. Der Geitzhals Veit. V« Camps...< 45Z 2. Der Geitzhals Sslvius.... l- 4)^ z. Der Gritzhals Daniel Dancer.-. 457 Geistesgegenwart. Siehe Gegenwart, des Geistes. GelaHenheit. B. Claudius.-° l> Vergleiche Geduld. Genügsamkeit....- k- 467 Gerechtigkeit,(strenge) Brutus. V. Graun l. 47« Gesinde. Siehe D i e nst b o t h e n. Geschwätz! gkeit. Siehe Plauderhaftigkeit- Eesundhegt. >. H rr Dront und seine Kinder. V- Salzmann k 47z 2. Kunz n. der reiche Herr. V. Salzman». i. Z. In der Jugend schon legt man den Grund zu einer dauerhaften Gesundheit. V- Claudius, l- 47? Gewissen. Was doch das b?se Gewissen thut-. 1.482 r. Erwach tes Gewissen... l. 4sZ Gewissenhaftigkeit- Wer handelt gewissen. hafter? V. Giatz.... l- 487 Grausamkeit. 1. Grausamkeit gegen einen Neger. B-.Löhr. l. 4y> 2. Der grausame ZhomS- V. Lohe. l. apz 5'jy Seite. Z. Wodurch wurde Thsms grausam? V. Löhr. I- 4-S Grobheit. Siehe Höflichkeit. Großmuth. ' i. Großm-tth gegen Feinde- V. Löhr.. I-' l^. Leben. Aufopferung desselben für andere. II. 8Z Vergleiche Rettung andrer in G e fa h r e n. Lebensart V- Glatz.... II. 88 Leckerhaftigleit. Adolph, das Leckcrmaulchen. P. Lohr.'.---- ls- sä Seite. Bergseiche Lüsternheit Lernen. Wie nöthig es sey... n. yz Lernbegierde. V. Thieme... ll.^ Leichtsinn. i. Julie- V. Salzmann.... n. ,<,7 «. Der arme Kanarienvogel. V. Salzmann ll. nr Vergleiche die Geschichte HieeonpmaS. II. B. Seite zoo Liebe. r. Gegen Asltern- n. Renate. V- Thieme...; n., b. Außerordentliche kindliche Liebe.. ll. ira s. Gegen Stiefäitern.(Dorchen und Lorchen) V. Galzmaiin Z- Gegen Geschwister.(Brüderliche Liebe.) n.-zz 4- Gegen Rebenmenschen überhqupt.(Nächsten. liebe)..... ll. iZ2 5. Gegen Feinde. Siehe Feindesliebe. Lob sucht. B. Glatz.... ll. izz Lü g e nh a ft i gke i t. 1. Rndolph. V. Salzmsnn... gz. 2. Die Lüge. B. Armbruster... n.^ Lüsternheit. Der lüsterne Knabe V. Glatz. II. 14. Mäßigkeit. i- Mäßigkeit. W. Thieme... n. 14, Beyspiele von Mäßigkeit. B. Feddersen- II.»Zr Mäßigung. Louischen. V. Löhr... n. Menschlichkeit u- Menschenfreundlichkeit. 1. Gegen Menschen.(Der menschenfreundliche Simson.),.... 11. 2. Menschlichkeit gegen(Thiere a. Der Gerechte erbarmt sich auch des Viehes. ll. 16L b. Der Thierquäler. V. Glatz... 11. Mißtrauisches Wesen.(Die.Geschwister.) V. Glas......' II. ,8, Mitleid.(Nehala.) B. Halem.. M,' ß- aa a n g. Dir Müßiggänger«!. N. Glatz. H. 186 kl->98. Muth. 1. Muth. V. -. Weibli cher Muth-. Naschhaftigkeit. Die Naschhaftigkeit. Zz. Armbruster-. 2. Traurige Folgen der Naschhaftigkeit. Campe...... Neid. 1. Peter Neidhart. B. Campe., 2. Die neidische Karoline- B. Löhr.' R cugierde. r. Die Neugierige. V- Armbruster. 2. Die bestrafte Nengierde. V. Eft. D r dun ng. B- Glatz.... P l a u d e r h a st i g k ei t. 1. Die Geschwätzigkeit. B. Armbruster.. 2. Panline, oder traurige Folgen der Geschwätzigkeit. V, Glatz II. Vergleiche B c r sch w i e g e uh ei t. Rachstkcht. Die edclmükhige Rache. V-Claudius. II. Vergleiche FciiideSliebe u Großmulh. R ech t hab er ep. Der rechthaberische Wenzel. V. Thieme...... II. Redlichkeit, Rcchtschaffenheit- Siehe Charakter« ud E hr i i ch k e i k. Reichthum(au sich macht nicht glücklich.) Der reiche Mann. V- Jakobs....II. Seite- II. II. II. V. II. II. II. II. II. II. II. 20Z «05 3i a 2IZ riz -ch 2>8 -3- -34 sZ6 2LS 2k,s 2k,8 Reinlichkeit. Reinlichkeit geht vor Schönheit. D- Gst...... II. 280 Ne l igio n s tr eu c. Johann und Theodor. II.-z- Rettung andrer auS Gefahren. Die Fcii- ersbrunst. V- Glatz.... II. Vergleiche Leben. Reue. HieronvMttS. V. Salzmanu... II. s. Die Besserung. B- Glatz... II. I. Alfred von Willmgeii. V- Glatz., II. z,- Vergleiche Besser» uz. Sanft Muth. Nutzen der Lanftmiilh.. II. 213 Seitr-i Schadenfreude. V- Glotz..» II. Zs-? Schein(trügt.) 1. Der Räuber..... H. 239 2. Der Schein trügt- V. Glatz... H. 343 Vergleiche Argwohn u. mißtrauisches Wesen. Schmeicheley. Herr Spielberg. B. Löhr- II. 332 Sinnli chkeit. TranAttundRosine. B-Thieme II. Zgs Gittsamkeit. Siehe Anständigkeit. Sparsamkeit. Wie gut es sey, sparsam zu setzn. B. Rochow....-.II. 356 Vergleiche Genügsamkeit. Spiels ucht. Philipp von Richmond.B. Gkatz. II. Z57 Sp ottsuch t- Die Spötterinn. V. Glatz. II. Z65 Stehlen. Gelegenheit macht Diebe. V. Gft. II. 376' Stolz. Der stolze Konrad. V. Löhr.. II- 384 Vergleiche Hochmuth. Thä tigkeit. WilhelmineundAahel-D-Thieme. II. 3-7 Vergleiche Arbeitsamkeit. Theilnahme an fremdenLei den. Ehrcnfels und seine Schüler B. Glatz.. II. Zo 437 r. Empörender Undaist.. 4. H- 4» L43 Seile. vergleiche Dankbarkeit und der Jude Jsma, el- I- iyy. Unglück-(Muth darin).>. n. 443 Unei g ennützigkeit- Edle Uueigennützigkeii... H. 448 Der brave Mümi. B. Bürger.. II- 45? Vergleiche Eigennutz. Unschuld. Hannchen oder die verkannte Unschuld. V- Glatz U. 4üa Vergleiche Arg woh n u. Keuschheit. Unvorsichtigkeit. 1. Der unvorsichtlge Knabe. A Glatz.. II. 476 2. Das unvorsichtige Kind- B. Salzmann. tl. 482 Vergleiche Vorsichtigkeit und Unbedachtsanikeit. Verführ uug. Siehe die Erzählung Alfred v. W i lli ngen. II. Z,z. Ber lauindung- Jungfcr Eichhorst. B- Ähre.. Ik. 484 Ve rschwendun g. r. Kuitigunde. V. Salzmann..- II. 2. Der Baronsnnd der Bettler- B- Gruber. II. Versöhnlichkeit- -.Joseph- V. Campe.... II- Vergleiche Feindeslicbe und Großmulh. Ner such ung ru.(Man muß ihnen widerstehen) Das ehrliche Kind- B. GalzmaN».- II. 2. Der Schornsteinfeger-Zunge... II. K e r s ch iv i e g e i! h e i k. r. Das verschwiegene Kind... II. Papirius-«... n. z. Verschwiegenheit...- II. Vergleiche Pla uderhafti gkeit. Versprechungen(müssen gehalten werden.) Narcisse u-Flore. B. xöhr.... II. Vertrauen. Siehe unter Freundschaft die Erzählung; die Bürgschaft. Verträglichkeit. Siehe Eintracht. Verwegenheit. V.' Glatz. 48L 488 48? 4yt 495 497 495 50» Zot H. Lk)V Z44 Seite. Vorsichtigkeit(im Urtheilen und V-rurtheilcn.) Siehe Unschuld, U« v v r stch t i g kr i t, Arg. wohn, der Schein trügt. Wahrheitsliebe. Wahrhaftigkeit. Wort- halten- Scvfried. Ä. Thieme-... U. L«Z 2. Benjamin. V- Salzmann..- s»r 3. Regulus. B> Bruder-.-.-5'» Widerspruchsgeist. Siehe Rechthaberey. Wißbegi rde. 1. Dr-' wißbegierige Ernst. N- Thieme.> U. 5re 2. Klementine. B. Thieme..> 1k- ZiZ Wo hkth Ltigkeit- 1. Die Vtzchtthstigkett.V,. Armbrustrr., II. LIZ L. Kevspiele von wohttbäügen Mensche,:. vn Feddersen....- U. 52., Zerstreuungssucht. Sophie, oder die Gefahren der Zerstreuungssucht. V- Glatz.- U- Zorn-Siehe Jäh zorn.^^. Zirchtigkeit. Siehe Anständigkeit und Keuschheit. E K V - W A W N LÄ <^» M W K M^ M-. dT