88 Wiener 8ig6t-8ikliotlw!<. . ' WMM i- WMWU"-Es k-^ H- c>.^ Z M Beyträge zur Kenntniß des Oesterreichischen Kaiserstaates und dessen Bewohner. Ei n belehrendes und unterhaltendes Lesebuch für die Jugend Oesterreichs. Von Leopolv SHimani. W i e n. Verlag von Mayerund Compagnie. «Singi-rstraße, deutsches Haus) Vorrede. <7^ ^§n dem glücklichen Zeitpuncte/ wo unser gemeinsames Vaterland durch die herrlichen Thaten, welche unsere tapferen Kriegsheere im Angeflehte von ganz Europa ausgeführt haben, neue Festigkeit, Glanz und Würde erhalten hat, wo jeder Staatsbürger sich beeilet, seine Anhänglichkeit an Monarchen und Vaterland werkthätig zu bezeigen, werden auch Sie meine jungen Leser, sich doppelt glücklich fühlen, diesem schönen Staatenvereine anzugehören. Lernen Sie aber auch denselben näher kennen, und seine biedern Bewohner achten. Lernen Sie einsehen, wie von jeher die stäte Sorge der Beherrscher Oesterreichs war, die Unterthanen zu beglücken; wie unser allgeliebter Kaiser Franz I. nur für unser Wohl lebt, wie die verschiedenen Völker, des großen Staatenvereins, wie alle Stände, und jedes Alter ihrem Vaterlande vom ganzen Herzen zugethan, und dessen Wohlfahrt und Glanz zu befördern bemüht sind; wie sie sich von jeher vereiniget haben, den Mitbürgern und besonders der ärmeren Classe derselben ihren Zustand zu verbes- Vi— ftrn, damit jeder das Glück fühle, ein Bürger Oesterreichs zu seyn. Bilden Sie sich aber auch durch Kenntnisse und Geschicklichkeit aus, damit sie einst dem Vaterlands nutzen; lernen Sie gottesfürchtig seyn, menschenfreundlich, bieder und edel handeln, damit S-e würdige Söhne und Töchter des Vaterlandes werden; zeigen Sie auch im Jugend-Alter schon Waterlandsliebe; immer biethet sich Gelegenheit dar, dieselbe zn äußern. Habe ich irr diesem Bündchen zur Beförderung der Liebe zum Fürsten und Vaterlande in achtem jugendlichen Herzen etwas beygetragen, so habe ich meinen Zweck erreicht. Wien am 1. Dezember 181Z. Der Verfasser. Inhalt. Prag, die Hauptstadt Böhmens..... Züge von Geelengrößs und Menschenliebe Der Knabe und die Datteln...... Allmahlige Aufnahme und Verschönerung der Stadt Wien Eßwaren müssen in Kellern sorgfältig verwahret werden Der Wagen und der Schlitten.(Eine Fabel). Spielet mit dem Feuer nicht.... Patriotismus der Qesterreicher im Jahre 1808. Wohlthätige Unterstützung der Familien der Landwehrmänner Die kaiserliche Burg in Wien...... Wo ist das größte Weinfaß...... Merkwürdigkeiten von Dotis...... Der Feldmesser und seine Meßruthe.(Eine Fabel). Spielet mit Schießpulver nicht.... Der Knabe und die Quelle.(Eine Fabel)... Bieget euch nicht zu weit über das Fenster hinaus- Das Riesengebirg in Böhmen....-. Die Blumeuknosps........ Der Blinde und sein Hund...... Man halte keine gefährlichen Thiere..... Neu entdeckter Serpentin-Steinbruch in Oesterreich Auf ein andermal)! bedächtiger..... EartesianischeS Täucherlein....... Flachs und Leinwand....... Das Gemählde......... Oesterreichische Helden....... Gehorsam.. Gesellschaft adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen in Wien..... Unglück Lurch Schießgewehr Knabe» als Menschenrcttcr...... Das Taubstummcn-Jnstitut in Wien.... Unterschied zwischen Geitz und Sparsamkeit Weiblicher Edelsinn und kindliche Liebe.... Man hänge sich nicht an Wagen an.... Seite, 16 -7 28 28 29 30 39 46 53 67 58 69 63 64 6-4 80 81 93 94 96 96 108 12Z 128 1Z6 1-jz i5o 162 16Z -65 Inhalt. Seite. Garriks Edelmut-........ 166 Monument der Erzherzogin» Christina.... 1K7 Schminke 169 Der Zuge, öder das aus der Erde brennende Feuer bey Klein-Gares in Siebenbürgen.... 171 Lebensart der Bewohner des Ricsengebirges in Böhmen 177 Selbstgefälligkeit.(Die Lroschbildung, eine Fabel).. 186 Raubthiere in Ungarn....... 188 Das bittere Blümchen....... 196 Selbstliebe.....^.... 197 Bereitung des Tuches........ 197 Der Buchfink, der Hänfling und der Laubfrosch.(Eine Fabel)......... 204 Räthsel, Charaden und Logogryphen....--°6 Prag, d i e Hauptstadt Böhmensdrag liegt im Mittelpunote aller Kreise und fast des ganzen Landes, von Bergen und Anhöhen umschlossen, an beyden Ufern der Moldau, welche die kleine Seite und den Hradschin von der Altstadt, Neustadt und Juden stadt sammt dem Wissehrad trennt. Ueber die Moldau fuhrt eine herrliche steinerne Brücke, welche an beyden Enden, nähmlich am Eingänge in die Altstadt und an jenem in die Kleinserie mit einem steinernen Thurme geziert ist.- Die Stadt hat keine Vorstädte, und betragt eine Stunde im größeren Durchschnitte, die Schanzmauern aber gegen vier Stunden im Umfange. Sie ist eine beträchtliche Festung mit Festungswerken umgeben, welche aus einem Walls und Graben bestehen. Sie zählt über 96000 Einwohner, worunter beyläufig 6000 Juden find. Diese wohnen in 338o Häusern, wovon die Juden bey 280 bewohnen. Prag war noch vor 208 Jahren die ordentliche Residenz der vormahligen Könige von Böhmen, und ist noch jetzt der Sitz des Oberstbnrggrafen oder Statthalters uut der Landesregierung, der Sitz eines ErzbischofS und Weih- bischofs, des commandirenden Generale» und der übrigen H. Bd.^ 2 Behörden. Sie enthalt die altkste Universität Deutschlands, von Kaiser Carl IV. im Jahre i346 gestiftet, welche noch bey seiner Lebenszeit so in Aufnahme gekommen ist, daß er wegen der so groß angewachsenen Zahl der Studenten aus ganz Deutschland, Pohlen, Ungarn u. s. s. nach eigenem Plane die schöne Neustadt anlegte, von welcher ein Theil den Nahmen Carlshof von ihm führt. Prag hat drey Gymnasien, eine polytechnische, eine Zeichen-Schule, ein Conservatorium der Musik, einen Verein zur Beförderung der Tonkunst, eine Normal- Hauptschule mit mehreren andern Haupt-, Stadt- und Industrie- Schulen, zwey weibliche Erziehungs- Institute bey den Ursulinerinnen und englischen Fraulein; eine Akademie der bildenden Künste, eine medicinisch- und chirurgisch- praktische Schule, einen botanischen Garten, ein bischöfliches Seminarium, ein allgemeines Kranken- und Irrenhaus und ein Spital der barmherzigen Brüder, ein Waisenhaus, ein Institut für Taubstumme und Blinde, und eine Schwimmschule. Das k. k. Damenstift, die ökonomisch- patriotische Gesellschaft, eine hydrotechnische Gesellschaft zur Beförderung der Fluß-Schifffahrt, eine Privat-Gesell- schaft patriotischer Kunstfreunde, eine gelehrte Gesellschaft, ein neu errichtetes Musaum der böhmischen Merkwürdigkeiten, die große kaiserliche Bibliothek, die kaiserliche Mineralien- Sammlung, die Sternwarte, die ständische Bilder-Gallerie und mehrere Bücher-Naturalien-Münzen- und Kunstsammlungen der Privaten sind nicht minder merkwürdig. Unter die regulirten Prälaten in Prag zahlt man den Großmeister des ritterlichen Kreuzordens mit dem rothen Sterne, welcher auch die Pfarre bey St. Carl Bo- romäus in Wien versieht, dann den Abt des königlichen Pramonstratenser- Stiftes Strahof, von dem einige Mitglieder an der Universität Profefsors-Stellen bekleiden. Auch hat der Groß-Prior, welcher dem Matheser- oder Johanniter-Orden durch alle k. k. Erbländer vorsteht, bier seinen Pallast.^ Der Hradschin(Schloßberg) bildet mit dem darauf stehenden königlichen Schlosse, dem königl. Damen- Stifte, dem erzbischöflichen Pallaste, dem Strahofer Stifte und dem Lorenzberge(Petrin) sammt den sich au denselben hinaufziehenden Gärten, Wäldchen und Gartenhäusern das prächtigste Amphitheater, welches von seinem mittleren Standpuncte unter dem Altstädter Brückenthurms besehen, den herrlichsten Anblick gewährt; so wie auf dem entgegen gesetzte» Standpuncte von jenen zwey Bergen die Altstadt und Neustadt mit ihren vielen Thürmen sich prächtig dem Auge darstellen, während sich der Blick in eine weit ausgedehnte Ebene verliert. Unter den vielen Kirchen, welch-Prag zieren, zeichnet sich nebst der NiklaS-Kirche auf derKleinseite, derJg- naz-Kirche in der Neustadt, der Lein-Kirche in der Altstadt, die KaLhedral-Kirche zu St. Veit auf dem Hradschin vorzüglich aus, in welcher die Gebeine des heil. Wenzel, des heil. Johann v. Nepom u k, des heil. Sigis n, u n d, des heil. A d e l- bert und des heil. Veit ruhen. Nicht die Große, sondern die seltsame, und doch edle gothische Bauart dieses Tempels muß die Aufmerksamkeit eines jeden auf sich siehe». Der Baumeister hatte nähmlich die mühsam versierten Thürmchen, welche die Kirche umgeben, nicht so/wie bey andern gothischen Kirchen, dicht an das Gemäuer' sondern m eine ziemliche Entfernung gestellt, und dann durch künstliche Bogen mit der Hauptwand verbunden. Das geschmackvolle Kupferdach und die neuere kupferne ahurmkuppel stechen zwar gegen den gothischen Ge- A* schmack des Gebäudes ab; sie entstellen«s aber doch nicht im mindesten. An der Vorderseite stellt sich ein großes Fresco-Gemählde dar, welches sich trotz Wind und Wetter gut erhalten hat. Es wurde am Heiligsprechungs-Tage des heil. Johann von Nepomuk von Ferdinand Schor entworfen. Es hat eins Hohe von 76 Fuß, und stellt im Ganzen die Kaiserinn Maria Theresia vor, wie sie in Gegenwart der Bohmen, welche alle in ihrer alten National-Tracht abgemahlt sind, den Landes-Patronen die Krone und das Zepter opfert. An der Mittagsseite der Kirche ist die Mosaik oder das Steingemählde sehenswurdig. Es ist aus allerhand gefärbten Steinen und Glaskugeln zusammen gesetzt, und stellt die Auferstehung der Todten und die heil. Landes- Patronen vor; ein Werk, welches Kaiser Carl IV. im Jahre i36g verfertigen ließ, und seines Alterthums wegen immer ehrwürdig bleibt. Einen angenehmeren Eindruck macht das von Platz er in Stein gehauene Ehrengrabmahl des heil. Johann, welches der fromme Dom- Sacristan, Wenzel Krczinsky im Jahre 1768 errichten ließ; denn hier findet man edle Einfalt mit Kunst schwesterlich vereint. Das Innere der Kirche ist so geschmackvoll verziert, daß man ganz auf den gothischen Bau vergißt. Ihre Gewölbe ruhen auf 16 freyen und 2o Wandpfeilern. Die freystehenden Pfeiler scheiden die mittlere Kirche und das hocherhabene Sanctuarium von dem ganzen Gebäude, das wie ein breiter Vorhof daS Allerheiligste umgibt. Zwischen den Wandpfeilsrn sind Ca- pellen mit prächtigen Altaren angebracht. Eine solche Capelle ist auch rechts unter dem Chöre, in welchem der Leichnam deS heil. Wenzel ruht. Die Wunde dieser Capelle sind mit polirten Jaspissen, Chry- sopasen, 7lmethysten, Onyxen und andern böhmischen Edelsteinen ausgelegt, und mit feinem Golde zusammen gefügt. Das Grab des heil. Wenzels mit seinem Panzer, Helme und Schwerte, welches zum Wenzeslai-Ritterschlage gebraucht wird; der aus lauter Edelsteinen verfertigte Tabernakel, die messingene Bildsäule des heil. Wenzels, und der große Ring an der Thür der Capelle, eine Nachahmung der Thür und des Ringes in der uralten unterirdischen Kirche zu Alt-B un z la u, an welchem sich Wenzel angehalten haben soll, als ihn die von seinem Bruder gedungenen Mörder tödteten, sind die Sehenswürdigkeiten dieser Capelle. Rechts an dem Hochaltars steht das prächtige von Marmor und Silber verfertigte Grab des heil. Johann von Nepomuk, der, indem er lieber den Marter-Tod litt, als die ge- schworne Verschwiegenheit verletzte, sich eine allgemeine Verehrung erwarb, und ein Fest veranlaßte, welches am a6. May fast in der ganzen katholischen Welt, in Prag und in Böhmen-aber auch mehrere Tage nach einander mit ungemeiner Pracht und Andacht gefeyert wird. An dem silbernen Grabmahle, welches unter einem Baldachine auS rothem Damast mir Gold steht, sind zwey Altäre angebracht; vor denselben hing ehedem eine goldene Lampe, welche Kaiser Franz I. hierher geopfert hat. Grabmähler. Näher betrachtet zu werden verdienen die artige Bildhauerarbeit im Chöre, die großen Orgeln auf den Musik- Chöre», die-rings um die Kirche angebrachten Gallerien, die mit einem steinernen Geländer eingefaßt sind; ferner nebst mehreren Grabstätten der altern Herzoge von Böhmen, das Grabmahl Kaiser Carl IV. und seiner vier Gemahlinnen, in welchem auch der Erbauer desselben, Kon-g Rudolph II. liegt. Es ist ein altes aus Marmor und Alabaster aufgeführtes Werk. Unter den Gemählden in der Kirche zeichnet sich das Marien-Bild ober dem Tabernakel, von Holbein gemghlet, und die zwey Nebenstücke, dasBildniß Lesheil. Johann Evangelist, und des heil. Veit vom Mahler Thomas aus. Ersteres ist ein Geschenk Kaiser Ferdinand II.; und die zwey letzeren hat Kaiser Mathias der Kirche verehrt. So suchten unsere gvttesfürchtigen Landesfürsten von jeher durch Verzierungen der Tempel Gottes ihre Ehrfurcht gegen die geheiligte Religion zu bezeigen, und die Gläubigen zur Andacht zu ermuntern. Ueberhaupt scheint dieses prächtige Gotteshaus ganz dazu geeignet zu seyn, religiöse Gefühle zu erregen und zu erhöhen; denn seine edle Bauart, sein feysrliches Halbdunkel, die Gräber der Heiligen und Fürsten, der Schim- mer der Metalle und Edelgesteine und daS ehrwürdige Rollen der starken tiefen Orgeltöne ergreifen mächtig die Seele, und stimmen sie zu einer Andacht, zu der sie nicht leicht an eurem andern Orte bewegt werden kann; und wenn man noch dazu Tausende der frommen Wallfahrter sieht, die mit dem sprechendsten Ausdrucke der Andacht und des Vertrauens an diese heilige Statte sich drängen, und um Segen und Hülfe flehen, wer könnte da noch ungerührt und fühlloS bleiben? Merkwürdig ist auch die k. k. Burg in Prag. ^oie ist durch die Anordnung mehrerer Kaiser und Könige auf dem herrlichsten Platze, den je ein Kaiserhaus schmückre, erbaut, und erst durch den Willen der unsterbli- 7 chen Kaiserinn Maria Th e re sia vollendet worden. Die Plätze dieses herrlichen Schlosses sind mir Springbrunnen geziert, unter denen sich jener vortheilhaft auszeichnet, auf welchem sich die meisterhafte Scatue des heil. Georg von Bronze befindet. In der Schloß- Capelle sieht man prächtige Fresco- Gemählde und Bildhauerarbeiten. Einen mächtigen Eindruck macht auf Fremde der große Wladisla mische Saal mit fünf gothischen Wölbungen, deren Gurten sich an der Decke durchkreuzen. Er ist eines der schöneren Denkmähler gothischer Bauart. Seine Hohe wird auf 42, die innere Breite auf 54 und die Längs auf 212 Fuß angegeben. Der spanische Saal, in welchem Kaiser Joseph ll. dem Präger Adel öfters Feste gab, ist schön verziert, und hat 5c> Schuh in der Länge und 26 in der Breite. Alle Zimmer der Burg sind geschmackvoll decorirt und mit Gemählden der vorzüglichsten Meister geschmückt. In einem dersel- den ist die k. k. Familie in zwey und zwanzig Porträten vorgestellt. Von dem Schloßplätze, wo man eine weitge- dehnte Aussicht über die ganze Stadt hat, erhebt sich eine doppelte Reihe der schönsten Palläste. Fremde besuchen auch in Prag das enge Gefängniß des Königs Wenzel des Trägen und die Stätte in dem Stiftsdamen- Garten, auf welche im Jahre 1616 den 23. May die königlichen Statthalter von Martinitz und Slavata sammt dem Geheimschreiber Platter von den aufrührerischen Protestanten aus den Fenstern der Statthalterey geworfen wurden. Zwey Pyramiden bezeichnen die Stelle, wo sie 26 Ellen hoch herabstürzte», und doch mit dem Leben davon kamen. Eine der vorzüglichsten Sehenswürdigkeiten in dieser Stadt ist die Brücke über die Moldau, welche die Kleinserie mit der Altstadt verbindet. Sie ist ein felsenfestes 298 Klafter i Elle oder 742 Schritte langes und 5 Klafter 2^- Elle breites Werk. Sie besteht aus 18 Bogengewölben, deren Pfeiler mit 2g vortrefflich gearbeiteten Statuen geschmückt sind/ welche zusammen 6g Bildnisse, meistens Kunstwerke der Bildhauerey, enthalten. Die Statue des heil. Johann von Nepomuk von Bronze ist nahe an der Stelle angebracht, wo dieser böhmische Lan- des-Patron in den Fluß gestürzt wurde. Sie ist im Jahre i35a von Carl IV. angelegt, und binnen 144 Jahren ganz von Quadersteinen ausgebauet worden. Die Wege für Fußgänger und Wagen sind gehörig geschieden. Das Hin- und Herströmen der Volksmenge auf dieser Brücke, welche, indem sie auS jeder entgegengesetzten Stadt am Eingänge in die Brücke sich immer rechts halt, sich durch das Entgegenkommen nie im Gehen hindert; die historischen Denkmähler dieses ungeheuren Bauwerkes, die Schönheit der Bildsäulen, die wechselnden herrlichen Aussichten auf jeden, Puncte der Brücke, der belebte Strom, der sich ober der Brücke über eine Holzrechenwehre herabstürzt, geben einen Anblick, den man anderswo nur selten genießen kann. Diese Brücke gehört nebsti der Regensbnrger und Dresdner zu den drey merkwürdigsten in Deutschlands Merkwürdige Gebäude. An daS königliche Schloß schließt sich das k. k. Theresianische frey weltliche adelige D a m en sti s t an, ein großes, schönes Gebäude welches die Kaiserinn Maria Theresia, für 25 adelige Damen gründete. Sehenswerth ist auch ein zweytes adeliges Damenstist, bey den heil. Engeln genannt; die'prächtige Nikolaus- Kirche, die Rotunde der Krsnzherren, und unter den 68 Pallästen, das Fürst S chw a r z e nb erg i s ch e und Graf Czerninische Haus, ein von außen und innen herrliches Palais auf dem Hradschin mit einer böhmischen National-Bilder-Gallone; gegenüber die Lauretanische Capelle mir ihrem Glockenspiele, welches sich alle Stunden hören läßt; der Strahof mit der reichen Bibliothek auf dem höchsten Puncte deSHradschins und mit seiner prachtvoll ausgeschmückten Kirche, in welchem alle Altare vom schönsten böhmischen Marmor sind, und der erzbischöfliche, Clam-Martinitzische Pallast. Auf der Klein feite sind der Pallast des Fürsten Anton Lobkomitz und des Grafen von W ald st ein mit ihren öffentlichen Gärten innerhalb der Ringmauern für jeden Fremden sehenswerth. Letzterer ist noch ein Denkmahl der Pracht des im dreyßigjährigen Kriege so berühmten Feldherrn, Albrecht Graf von Waldstein oder Walle nst ein, Herzogs von Friedland und Admirals der Ostsee. Ausgezeichnet sind auch daS vormahls fürstlich- Lich- tensteinsche, nun freyherrlich- Ledeburische und gräflich Franz Hartigische Haus am maischen Platze, welchen eine Dreyfaltigkeirssäule, ein prächtiges Kunstwerk der Bildhauerarbeil, ziert; ferners das Haus der königlichen böhmischen Stände, der Nostizische Pallast mit seinen vielen und seltenen Kunstsammlungen u. s. w. Am Fuße des weißen BergeS nahe an der Stadt vor dem Slrahsfer Thore liegt das Benedictiner- Stift Brz ezn o w. Auf der Klein- seite nächst der Nikolaus-Kirche ist daS k. k. Di- casterial- Gebäude, in welchem sich das Guberninm, dieAp- pellatron, das Landrechr mit der Landtafel und das Cam- meral-Zahlamt befinden. Das Zeughaus und die Artillerie- Caserne, ein Gymnasium und eine Normal- Hauptschule sind auch auf der Kleinseite. I» der Altstadt, zu welcher auch die Judenstadt 10 gehört/ ist daS ritterliche Kreuzherrn-Stift mit seiner schön gebauten Kirche sehenswerth. Unter den Gebäuden der Altstadt, welche sonst von der Neustadt durch Stadtmauern und Thore abgesondert war, nun aber durch zwey Castanien- und Linden-Alleen, den gewöhnlichen öffentlichen Sp.aziergang der Präger, von einander getrennt ist, zeichnen sich besonders aus: Der fürstlich Kinsky'sche, der gräflich Gallische, Defoursche Pallast, das königliche ständische Theater, die vorige Münze, nun das Haus deS General-Comman- do, der Carolin, das Universitäts-Gebäude, pom Kaiser Carl IV. erbauet, das Altstädter Rathhaus mit seiner merkwürdigen astronomischen Uhr von Tycho Brahe, welche 24 Stunden schlägt, und das Tychonische Welt- System in seiner Bewegung darstellt, die uralte Lein- kirche, wo sich das Grabmahl des Tycho Brahe befindet; der daran stoßende Teiner-Hof, ehemahls der Wohnsitz der böhmischen Herzoge; der zu einer Militar- Caserne eingerichtete Königshof, das General-Eommando, das Spital der barmherzigen Brüder.— DieNeustadt hat unter den vier Prager-Städcen den größten Umfang, gerade, breite Straßen und einige schöne Plätze, wie den Bichmarkt, wo das allgemeine Kranken- und Irrenhaus, das große Militär-Spital, das Benedickiner-Stift EmauS oder Montserrat, das Piaristen-Collegium, das Waisenhaus, das frey adelige Damenstift, das Neustädter Rathhaus, aus dessen Fenstern die dreyzch» katholischen Raths- herren bey dem ersten Ausbruche der Hussitischen Unruhen unter König Wenzel dem Trägen von dem wüthenden Pöbel herabgestürzt worden sind, das gräflich Philipp Kinsky'sche und freyherrlich Wimmer'sche Haus sammt dem Mauthhause oder Umgelde merkwürdig sind. ZurNeu- stadt gehört auch der Wisschrad, ein befestigtes Schloß, und befreyteö Collegial-Stift. Am Fuße des Z is ka-Ber- 11 L-s vor der Neustadt ist das vom Kaisci-Jo fep h H.^richtete Jnvaliden-Haus. Auf dem Militär-Kirchhofe ist das Denkmahl sehenswerth, welches der russische Kaiser Alexander seinen Kriegern im Jahre i6r5 hat errichten lasse»/ welche an ihren i» der Schlacht bey D r e s d e n und Eulm erhaltenen Wunden in Prag gestorben sind. Endlich zeigen noch die drey herrlichen und großen Jesuiten- Collegien in der Altstadt, Neustadt und Kleinfeite von der Wohlthätigkeit Kaisers Ferdinand II. und seiner Nachfolger gegen den Orden der Jesuiten/ welche sich als Vertheidiger der Religion und Lehrer der Jugend auszeichneten. Das Altstadter Collegium wurde aus achtzig Bürgerhäusern erbaut/ schloß fünf Kirchen ein, und hak sieben Hofe und Garten, und einen astronomischen -rhurm. Es enthalt nun das erzbischöfliche Seminarium für angehende Priester/ die Lehrsäle der Theologie/ der Phi- losophie/ und eines Gymnasiums/ die Sternwarte/ die große kaiserliche Bibliothek mit i2o,ooo Banden Bücher und Handschriften/ das k. k. Naturalien-Bilder- und physikalische Cab.net/ die Akademie der bildenden Künste, die Wohnungen des königlichen Bibliothekars und'k. Astronoms und mehrerer Professoren. In dem ehemahligen Jesuiten- Eolleglum zu St, Wenzel befindet sich das ständische polytechnische Institut. Das Kleuise-tner Collegium sammt dem ehemahligen Profeß-Hause, begreift das königliche Gubernium und die höchsten Landesstellen. ES wohnt hier auch der Oberst-Burggraf.^ Das vormahlige Neustadter Collegium mit seinen zwey Kirchen ist zu einem Militar-Spitale eingerichtet worden, Fabriken. Prag hat sehr viele einträgliche Bier-Braucreyen, — 12 eine Menge Fabriken und Handwerker, welche nicht allein das Inland mit ihren Waaren versehen, sondern auch einen beträchtlichen Handel ins Ausland treiben. Die Manufac- turen liefern besonders viele baumwollene und seidene Zeuge von aller Gattung. Es gibt hier beträchtliche Leinwandbleichen, viele Färbereyen, eine Fischbein-, Handschuh- und Hut-Fabrike, wovon die Erzeugnisse der letzteren in Sachsen und Schlesien sehr gesucht werden. Dann gibt es hier ferner eine Lichrzieher--, Moldon- und Nadel-Fabrik. Noch findet man hier eine Pottaschen-Niederlage, Salpe- tersiedereyen und Seifenfabriken. Hier ist auch eine Steingut-Fabrik, welche sehr vielen Arbeitern Nahrung verschafft. Züge von Seelengröße und Menschenliebe. i. Ein Schiffs- Capitän wird mit Frau und Kind gerettet. Im Jahre i8o3, hatte ein fürchterlicher Sturm in dem Hafen von Triest sehr viele Fahrzeuge aller Nationen zu Grunde gerichtet, oder doch stark beschädigt. Außerdem Hafen war ei» Schiff aus Dalmatien vor Anker gelegen. Die Matrosen hatten sich in Booten gerettet, nur der Capitän mit seiner Gattinn und dem Sohne befand sich auf dem Schiffe, und fürchtete mit jedem Augenblicke Tod und Untergang. Niemand wagte es, sich auf das stürmische Meer zur Rettung dieser Verlassenen zu begeben; man bedauerte, man beklagte sie unthätig, ohne ihnen helfen zu können. Da beschloß das Triester Handelshaus Plastara, alles aufzubiethen/ die Unglücklichen zu retten. Es suchte die Menschenliebe kühner Schiffer durch Darstellung der Gefahr, in welcher der Capitän mit den Seinigen schwebte, rege zu machen, und versprach jedem, der es waget, den armen Verlassenen Lebensrnittel zuzuführen, und sie dem drohenden Untergänge zu entreiffen, hundert Ducaten im Golde. Lange war sein Bemühen fruchtlos; endlich fanden sich einige Kühne, die sich getrauten, ihr Leben zur Rettung ihrer Mitmenschen in Gefahr zu setzen. Drey Tage bemüheten sie sich vergebens, in die Nähe des Schiffes zu gelangen; unaufhörlich Lroheten fürchterliche Wellen das Boot zu verschlingen; doch gelang es ihnen endlich, unter den größten Anstrengungen LaS Schiff zu besteigen, wo sie den Capitan und die Frau mit ihrem Kinde schon ganz sinnlos trafen. Ihre Ankunft war die höchste Zeit der Rettung. Nur einige Stunden später wären sie verloren gewesen. Sie nahmen die Unglücklichen in ihr Boot, und brachten sie glücklich aus Land, wo sie Lurch ärztliche Hülse wiederhergestellt wurden- Mau stelle sich die Freude der Geretteten vor, als sie wieder zu sich kamen, lind sich an einem sicheren Orte mitten unter Menschenfreunden befanden, die thätig für ihre Herstellung bemüht waren. Welch' süßes Vergnügen empfanden die edlen Handelsleute, als sie ihr Bemühen für die Rettung dieser Unglücklichen durch einen so herrlichen Erfolg belohnt sahen! 2. Die brave Berger rettet ein Kind aus den Flaramen. In dem Dorfe Kaiserslautern, nicht weit vom 14 Schneeberg, brach in der Nacht vom 7. bis 8. Aprill i8o3 Feuer aus. Bald wurde das kleine Haus des Holzhauers Berg er ergriffen; die Flamme wirbelte hoch empor, und nur mit Mühe konnte sich der arme Berg er mit seinem Weibe retten. Da dringt das Jammergeschrey einer andern Inwohnerinn zu ihrem Ohre; die Arme, aus dem Schlafe gah geweckt, und von Schrecken ganz belaubt, hatte ihren vierjährigen Knaben in der Stube vergessen, der rettungslos ein Raub der Flammen wird. Schmerz und Schrecken über den Verlust ihres Kindes hatten sie bis zum Wahnsinne gebracht, wie gelahmt an allen Gliedern stand sie da, und rief aus:„Mein Kind, mein Kind, mein unglückliches Kind!" und machte keinen Schritt zur Rettung desselben; so hatte sich der Schmerz ihrer bemeistert. Da svringt Bergers Ehegattinn, die erst den Flammen entronnen war, mit raschem Entschlüsse mitten durch die rings herum hervorbrechenden Flammen in das Haus, dringt bis in die rauchende Stube, faßt das Kind, welches vom Rauche schon ganz betäubt da lag, schließt es mit den Händen an ihre Brust, und bringt es der unter das Thor ihr entgegen eilenden Mutter. Aber in dem nähmlichen Augenblicke, da die Mutter, welcher der Anblick ihres geretteten Kindes Besinnung und neue Kräfte gab, das Kind aus den Armen der Retterinn empfing, stürzt ein brennender Balken herab, und beschädigt die brave B erg er so, daß sie selbst in Todesgefahr kommt, und zwey Monathe unsägliche Schmerzen an den Folgen dieser Beschädigung leidet. Nur durch die fortgesetzten Bemü"'ingen des dortigen Wundarztes Roßner wurde sie gerettet. Dieser Biedermann besorgte nicht allein die Beschädigte bis zu ihrer Genesung mit allem Fleiße, und unterstützte sie mir allem Nöthigen, sondern er war auch weit entfernt, nur die geringste Belohnung für seine l 1Z Muhe anzunehmen. Solche Züge von Edelsinn und See- lengröße erfüllen das Herz mit Wonne, und lehren die Menschheit in allen Ständen achten. 3. Gaber und sein Sohn retten Verunglückte. Zu Zwischenbergen in Kärnthen stürzte im Winter 1802 eine ungeheure Schnee-Lawine von einem Festen herab, und das dort stehende Mauthhaus wurde mit der ganzen Umgebung in einem Augenblicke von ihr verschüttet. Drey Gränzaufseher, zwey Weiber und zwey Kinder lagen unter dem tiefen Schnee begraben. Mit größter Mühe gelingt es einem dieser Leute, sich empor zu arbeiten. Beynahe nackt, ganz erstarrt, kommt er in die nicht ferne Wohnung des Bauers Gaber, und ruft um Hülfe und Rettung der andern Verunglückten. Dieser eilt mit seinem Vater zu denselben, beyde greifen muthig zur Arbeit, schaufeln den Schnee hinweg, und es gelingt ihnen, einen zweyten Aufseher zu retten, der mit seinem Weibe sich mit größter Anstrengung unter dem Schnee hinauf arbeitet. Nun riefen Vater und Sohn mit raschem Eifer die nahen Landleute herbey; alle verwenden die größte Mühe, und endlich vernehmen sie die Stimme des altern Kindes, eines Knaben von sieben Jahren, der um Hülfe schreyt. Die Hoffnung, den Knaben zu retten, gab ihnen neue Kraft; die Arbeit wurde beschleuniget, und um sieben Uhr Abends waren sie der Stimme ganz nahe, und kamen an einen hohlen Baum, in welchen sich der Knabe geflüchtet, und so den Druck des Schnees von seinem zarten Körper abgewendet hatte. Freudig nahm ihn Gaber in seine Arme, und gab ihn den gebetteten Aeltern zurück. So wurde das Leben mehrerer Menschen durch den Vater und Sohn Gaber gerettet, welche auch noch die Ver- — 16— unglückten mit Kleidern und Lebensrnitteln unterstützte», und sie mitleidig in ihr Haus aufnahmen. Handlungen dieser Art lohnen sich lebenslänglich durch das süße Bewußtseyn, ein Retter und Wohlthäter seines Rebenmenschen zu seyn. Der Knabe und die Datteln. Ein Schüler aß, wie viele Knaben, Die Datteln um sein Leben gern; Und um des Guten viel zu haben. So pflanzt er einen Dattelkern. Der Vater sah ihm lächelnd zu Und sagte:„Datteln pflanzest du? „O'Kind, da mußt du lange warten; „Denn wisse, dieser edle Baum „Trägt oft nach zwanzig Jahren kaum „Die ersten süßen Früchte!" Carl, der sich dessen nicht versah. Hielt ein, und rümpfte das Gesichte. „Das Warten soll mich nicht verdrießen. „Belohnt die Zeit mir meinen Fleiß, „So kann ich ja dereinst als Greis, „Was jetzt der Knabe pflanzt, genießen." 17 Mmählige Aufnahme und Verschönerungen der Stadt Wien. Das alte Vindobona, aus dem unser jetziges Wien entstand, war Anfangs ein unbedeutender Flecken auf dem Hügel, über den noch jetzt die Fischerstiege und der Katze«steig führen. Am Fuße des Hügels, wo jetzt der Salzgries und der Stadtgraben bey der dortigen Caserne ist, floß damahls ganz nahe ein Arm der Donau vorbey. Dort muß das alte luvi-ms gestanden seyn; denn erst Heuer(1826) fand man, als die Grundfeste des neu gebauten G a m i n g e r h 0 f e s sechs Klafter tief gegraben wurde, eine alle Mosaik-Tafel, Backsteine mir römischen Inschriften und selbst zwey Elephan- tenzähne. Um diesen Flecken, gleichsam als den Kern, legten sich allmahlig, stufenweise, ohne allen Plan und höchst unförmlich die' neuen Häuser an, bis Wien zu einer Stadt erwuchs. Sie waren bloß unansehnliche Wohnungen, und so widersinnig zusammengedrängt, daß Heinrich der Zweyte, Markgraf von Oesterreich, in, zwölften Jahrhunderte keinen Platz für die StephanS-Kirche, und Herzog Leopold der Siebente, keinen für sei. ne Burg darin fand, sondern beyde dieselben außer der Stadt anlegen mußten. Die Häuser, die in engen und krummen Gassen an einander lagen, waren weder mit Kunst noch Pracht gebaut; nur die Kirchen zeichneten sich aus. Noch jetzt erinnern viel Häuser in dieser Gegend an die alte Bauart. Mehrere derselben, z. B. der Passauer- Hof, find in den letzten Jahren neu und regelmäßiger aufgeführt worden. Wien, eine Residenz-Stadt. In der Folge, als Wien die bleibende Residenz- 18 Stadt der österreichischen Erzherzoge und der deutschen Kaiser ward, würde man ohne Zweifel auch auf die Verschönerung derselben mehr bedacht gewesen seyn, wenn nicht die im sechzehnten und siebenzehnten Jahrhunderte vorgefallenen Belagerungen durch die Türken und die steigende Macht derselben, die sich immer weiter ausdehnte, es nothwendig gemacht hätte, mehr die Befestigung als die Verschönerung Wiens angelegen seyn zu lassen. Erst nachdem Prinz Eugen von Gavoyen zu Ende des siebenzehnten und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts herrliche Siege über die Türken erfochten, und ihre Macht geschwächt hatte, konnte man sich vor neuen Anfällen derselben gesichert halten, und von dieser Epoche, unter Kaiser Carl dem Sechsten, beginnen die wesentlichen Verschönerungen Wiens. Zu dieser Zeit entstanden die herrlichsten Gebäude in Wien, die noch jetzt als ein Muster der höheren Baukunst prangen, und eine große Zierde der Stadt sind. Prinz Eugen selbst legte sein prächtiges Belve- dere in der Vorstadt am Rennwege und seinen schönen Pallast, jetzt die k. k. Münze, in der Stadt an. Das Belvedere, in welchem jetzt die k. k. Bilder-Gallerie sich befindet, und welches in der gesundesten Lage von Wiens Umgebungen erbauet ist, zeiget von dem verfeinerten Geschmacke und Kunstsinne dieses großen Mannes. Kaiser Carl ließ die prächtige Carls-Kirche auf jenem erhabenen Platz, wo sie mit Würde und Majestät pranget, erbauen. Er ließ durch den Baumeister Fischer von Er lach die Hof-Bibliothek am Josephs-Platze, die Reichs-Kanzelley am Burgplatze, die Reitschule, den Marstall an dem Glacis aufführen, lauter Gebäude, welche noch immer den ersten Rang in der Kaiserstadt behaupten. S' di en ?r- l.N 'te ei- e, zu en N/ >or ser ln- ser )ie e- en >as 'ich ns se- urf rar e r die en el- — 19— Bauwerke unter der Kaiserinn Maria Theresia. Unter der Kaiserinn Maria Theresia wurden nebst mehreren Kirchen, das Theresianum auf der Mieden in der Favoriten-Gaffe, die Ingenieur-Akademie auf der Lermgrube, die großen Casernen, die Universität, die Theater, Redouten-Säle, das Banco-Haus, die ungarische und böhmische Kanzelley, das Rathhaus, die Haupl- mauth u. s. w. erbauet, welche alle als Gebäude vom zweyten Range die Stadt zieren. Mehrere der ersten Familien, Fürsten und Grafen: die Liechtenstein Esterhazy, S ch w a rz e n b e r g, Lobkowik^ Starhemherg, Kaunitz, Schönborn, H a r. räch, Barhiany, Trautson, Auersperg u. s.>v. legten in dieser Epoche ihre Pallaste und Gärten theil« m der Stadt, theils m den Vorstädten an. Die Stadt wurde durch mehrere Lampen beleuchtet,„nd eine ähnliche Beleuchtung an dem Glacis und in den Hauptgassen der Vorstädte neu eingeführt. Verschönerungen unter Kaiser Joseph. Kaiser Joseph der Zweyte ließ das Glacis um L:e Stadt reinigen, und jene herrlichen Rasenplätze- den Tummelplatz der Jugend und jeden Alters, anlegen. Eigene Fahr. straßen und Fußwege wurden rings um die Stadt und durch daS Glacis in verschiedenen Richtungen hergestellt; die Fußsteige mit Bäumen besetzt, welch-schon zu herrli. chen Alleen herangewachsen sind, und Schutz gegen die Strahlen der Sonne geben. Er verschönerte den Prater und Au garten, und öffnete beyde, die vorher nur dem Hofe und hohen Adel, und nur zu gewissen Stunden den andern Ständen-u- gänglich waren, dem Volke. Er bauet- die herrlich- me- dicinisch- chirurgische Akademie in der Währinger-Gasse, B 2 richtet« das allgemeine Krankenhaus in der Alser- Vorstadt und das Invaliden- Haus am Canale ein; er ließ die fiebenbürgische Kanzelley und viele andere herrliche Gebäude zu wohlthätigen Zwecken herstellen. Aus den unter seiner Regierung aufgehobenen Klöstern entstanden ganze Reihen neuer Häuser mit Kunst und Geschmack erbauet/so daß sich das alte Wien allmählig zu verjüngen, schien. Das geebnete Pflaster an den Häusern, aus Quader-Steinen von Granit gemacht, entstand auf seinen Befehl, da sich vorher die Fußgänger über ungleiche Steine forthelfen mußten. Die bessere Reinigung der Gassen, welche Wien vor allen übrigen Hauptstädten auszeichnet, fing unter seiner Regierung an. Verschönerungen unter Kaiser Franz I. Nicht minder bedeutend schritten bis jetzt die Verschönerungen Wiens unter unserm allverehrten Kaiser Franz dem Ersten fort, obschon er in den schwersten aller Kriege verwickelt war, die daS Haus Oesterreich je geführt hat, der gerade mit seiner Thronbesteigung begann, und ein Paar kleine Zwischenräume des FriedenS abgerechnet, von 1792 bis zum Jahre 18,4 beynahe ununterbrochen fortgedauert hat. Schon der Regierungs-Anfang unsers allgeliebten Landcsvaters gab der Kaiserstadk eine neue Zierde. Die Huldigung und Kaiserkrönung seiner erlauchten Vorfahren wurden durch Errichtung von Triumph- Pforten gefeyert, welche Hochstdenselben die getreue Stadt Wien errichten ließ. Dre Slephanskirche, dieses herrliche Denkmahl gothischer Bauart, war ehemahls mir unansehnlichen, niedrigen Häusern umgeben, der Platz um den alten Dom durch Thore geschlossen, die Fahrstraße an demselben eng und bey der großen Volksmenge im belebtesten Theile der Sradt sehr unbequem, bey dem Zudrange der Wäge» un^ der Fußgänger oft gefährlich. Seine Majestät Franz I. unser gnädigster LandeSvater sah es mit Wohlgefallen, daß die Summe, welche zur Errichtung der Ehrenpforten von dem Magistrate bestimmt waren, zur Abtragung der beengenden Häuser und Thore, welche den Dom umgaben, verwendet wurden, wodurch nicht nur der Stephans- Platz sehr erweitert wurde, der Dom freye Umgebungen erhielt, sondern auch die freye Strömung der Luft, welche zur Gesundheit viel beyträgt, befördert, und die Ansicht des ehrwürdigen uralten Prachtgebsudes frey wurde. Der schiffbare Carral, welcher von W i e n nach Neustadt führt, und den Transport der Waaren erleichtert, entstand unter der Regierung Franz I. Der geräumige Hafen desselben an dem In- validen-Hause, wo sich in den Wintermonathe» gewandte Schrittschuh-LLuferherumtummeln, nimmt den Platz ein, wo ehemahls Schlachtvieh verkauft wurde, welches in großen Heerden aus Ungarn und Pohlen kommt. Nicht selten gerierhsn Fußgänger, welche von der Stadt in die Ärorstadt Landstraße wandelten, in große Gefahr, wenn ein Schlachtochs scheu wurde, und aus den Stan- den sich los machte. Nicht selten drang ein Stier wüthend bis in die Stadt, und verbreitete Schrecken und Unheil. Der Weg von dem Stuben thore bis zur Landstraße war unbequem und bey Regenwetter kothig. Jetzt wandelt man über die schöne Canal-Brücke, an welcher zu beyden Seiten die Gipfel herrlicher Pappeln hervorragen. Standbild Kaiser Joseph II.— Rittersaal. Den Josephs-Platz ziert das majestätische Standbild zu Pferd, welches Kaiser Franz I. feinem zwey- — 32— teil Vater Joseph II. aus Liebe, Achtung und Dankbarkeit gesetzt hat. Es ist ein Kunstwerk unserer Zeit aus Erz, welches noch unsere Nachkommen anstaunen werden. Die k. k. Burg erhielt eine neue Zierde durch den Zubau des großen Rittersaales. Durch die Mauern der Stadt wurden drey neue Thore geöffnet, weiche bey dem Kärnthnerthore die Stockung der Fuhrwerke verhindert, und den auf das Glacis und nach den Vorstädten wandelnden Fußgängern viele Bequemlichkeit verschaffe^. Brücken. Als neue Bauwerke verewigen die Regierung unsers allgeliebten Landersvaters die zwey unzerstörbaren Brücken mit einem steinernen Mittelpfahle, die F r a n z e n s-B r tick e und die F e r d i n a n d s- B r ü ck e, welche über den Do- nau-Canal führen. Eine Kettenbrücke, von einer Gesellschaft durch Ackien erbauet, die erste im Kaiserstaate über einen Arm der Donau, verbindet die Vorstadt Landstraße mit dem Prater. lieber den Wienfluß, der in ein engeres Beet beschränkt, an beyden Ufern mit Bäumen, Gesträuch und einem lebendigen Zaune besetzt wurde, führt in der Vorstadt Gumpendorf eine neue, schöne und bequeme Brücke für Gehende und Fahrende. Die steinerne Brücke über diesen Fluß gegen die Vorstadt Mieden ist verschönert und mit einem eisernen Geländer versehen worden. Der Bau einer neuen Brücke wird ehestens anfangen. Zwey hölzerne Brücken für Fußgänger über die Wien sind in einem Bogen ohne Mittelpfeiler gespannt und eben so schön als bequem. Gebäude. All neue auf kaiserliche Kosten errichtete Gebäude prangen daS p o l y t e ch n i s ch e I» sti t u t, Thier- arzne y-J nstitut und das Lorenze r-G e b a u d e. Dem Lhierarznep-Instituts gegenüber ist eine Stückbohrerey neu erbauet. Die schadhafte Kirche Maria am Gestade, an Alter die zweyte in der Stadt, an dem ehemahligen Ufer der Donau erbauet, wo die erste Anlage des alten Wien gemacht wurde, ist durch kaiserlich- Freygebigkeit im alten Style mit großem Kunstaufwande erneuert und zu einem ehrwürdigen Gotteshaus- eingerichtet worden. Die Umgebungen derselben, der unregelmäßigste und dunkelste Theil der Stadt ist durch neue Ballführungen schöner Häuser, Erweiterung des Platzes und der Gassen geregelt worden. Die österreichische N at i o n a l- B a n k hat sich in der- Hcrrngasse ein Gebäude im schöüen Style erbauet. Neue Bauführung en. Die Zeit des Friedens, der uns schon an zwölf Jahre beglückt, hat zur Verschönerung der Stadt Wien sowohl, als der Vorstädte sehr viel beygetragen. Eine sehr große Zahl Häuser ist von Privatleuten erbauet worden, wobey die zu sehr beengten Gassen erweitert und der freye Luftzug befördert wurde, wodurch die Stadt nicht nur an Schönheit, sondern auch an Bequemlichkeit und der der Gesundheit so sehr zuträglichen reinen Luft gewann. Diese Verschönerungen der Stadt haben sich bis in die abgelegensten Gegenden verbreitet. Alke Häuser wurden niedergerissen und neue Gebäude wie Palläste entfliegender Erde. Wo ehemahls der unansehnliche Dempsingerhof stand, pranget ein herrliches Bauwerk mit der schönen Synagoge der Juden. Gegenüber erhebt sich schon der neu gebaute Gamminger-Hof, und beyde begranzen eine erweiterte Gasse, die für Wägen und Fußgeher bequem ist. Statt des alten Paffauerhoses stehen mit schöner Fronte gegen den 24 Salzgries neue Häuser da. In den Vorstädten sind ganz neue Gassen entstanden/ welche durch neu aufgeführte Gebäude gebildet wurden. Alls leeren Plätze und viele Gärten innerhalb der Linie werden zu neuen Häusern verwendet, überall sieht man neue Ballführungen, und Wien steht in vielen Gegenden wie verjüngt da. Kaiser- und Bolksgarten.— Glacis. Eine der größten Zierden erhielt Wien durch das neue Burgthor, durch den Kaiser- und Volksgarten. Beyde sind durch einen sehr geräumigen Platz getrennt. Ersteren ziert ein Gewächshaus, welches seines Gleichen in Europa nicht hat; letzteren der Theseus- Tempel. Durch den neuen Bau der von den Franzosen zerstörten Bastionen ist den Bewohnern WienS ein angenehmer Spazierweg auf denselben bereitet worden, der im Winter zur Mittagsstunde zahlreich besucht wird, und zum Theil mit Baum-Alleen besetzt ist. In dem Stadtgraben zieht sich eine Pappel-Allee um die Stadt herum. Die Fahrtwege um die Stadt herum wurden mit Steinen gepflastert und mit Pappeln besetzt. Von den Stadtthoren, aus welchen niedliche Brücken auf einen mit Bäumen besetzten Rundplatz führen, ziehen sich neu angelegte Alleen nach den Vorstädten. Das neu angelegte Caroli- iien-Lhor führt zu einem Platze des Glacis, welcher in einen Garten umgestaltet ist, wo man des Morgens Mineral-Wässer trinkt, und wo schattige Alleen zum Lustwandeln einladen. So ist kein Theil der Stadt und Vorstädte, der nicht während der vier und dreyßigjährigen Regierung unsers geliebten Landesvaters ansehnliche Verschönerungen erhalten' hat. Eßwaren muffen in Kellern sorgfältig verwahret werden. t. Unglücklicher Tod durch eine gebratene Gans. Am 27. November 160g ereignete sich zu Königsberg in Preußen ein trauriger Zufall. Eine Frau kaufte von einer Bäuerinn eine geputzte fette Gans, welche dieselbe einige Tage im Keller aufbewahret hatte. Gebraten bringt die Frau die Gans auf den Tisch, und ihr Gatte, ihre Tochter und die Dienstmagd ließen sich dieselbe wohl schmecken. Aber bald darauf empfanden alle schreckliche Schmerzen im Magen und in den Eingeweiden. Der Vater und die Tochter starben früher, als ihnen der Arzt Hülfe leisten konnte, und zwar zwey Stunden darauf, als sie von der Gans genossen hatten. Die Frau und die Magd, welche vermuthlich weniger davon genossen hatten, bekamen auch große Schmerzen; aber der Arzt fand noch Mittel, sie zu retten. Alle vermutheten, daß sie durch die Gans vergiftet worden seyen. Man suchte die Bäuerinn auf, und diese gestand, daß sie die Gans mehrere Tage vor dem Verkaufe geschlachtet, geputzt, ausgenommen, und in dem Keller habe liegen lassen. Beym Heraushohlen hätte sie in dem geöffneten hohlen Bauche derselben eine große Kröte bemerket, die hineingekrochen war, und sie hätte dieses Thier, unbesorgt, daß das Fleisch der Gans dadurch leiden würde, heraus genommen, und die Gans verkauft.—— Vermuthlich ist ein Theil des ätzenden Schleimes der Kröte inwendig in der Gans angeklebet, und die Gans vor dem Braten nicht rein ausgespühlet worden. Bey dem Braken bat sich das Gift durch alle Theile der Gans verbreitet, und so die schädlichen Wirkungen bey denen hervorgebracht. 26— die davon aßen. Diese Unglücksgeschichte erinnert zugleich, wie nothwendig in der Haushaltung besonders bey Bereitung der Speisen die Reinlichkeit sey, und daß man bey Krankheitsfällen und gähem Uebelbefinden, so schnell als möglich einen erfahrnen Arzt rufen müsse. 2. Eine ähnliche Geschichte erzählte auch das Unterhaltungsblatt zur Pesther- und Os- ner Zeitung. Im März 1612 lud ein wohlhabender Bürger zu Bistritz in Siebenbürgen einige gute Freunde auf den Sonntag zu Gaste. Seine Frau ließ noch Sonnabends eine GanS schlachten, sie putzen, und über Nacht in den Keller stellen. Sonntags darauf früh ging der Bürger sammt seiner Frau und seinen zwey Töchtern in die Kirche. Unterdessen hatte die Magd die Gans aus dem Keller gehöhlt, sie an den Spieß gesteckt, und zum Feuer gebracht, damit sie bey der Zurückkauft der Familie gebraten sey. Als die Frau aus der Kirche nach Hause gekommen war, nahm sie das Fett von der gebratenen Gans ins Zimmer, und tunkte mir ihrem Gatten und zwey Töchtern Brot in dasselbe, bis es verzehrt war. Die Magd verrichtete indessen ihre Geschäfte in der Küche, und nach einer halben Stunde kamen die geladenen Gäste. Allein wie erschraken diese, als sie bey ihrem Eintritts in das Zimmer die ganze Familie auf die Erde hingestreckt ohne Zeichen des Lebens fanden. Sogleich riefen sie die Magd; aber diese betheuerte, sie wisse nicht, wie daS zugegangen sey, da alle noch vor einer halben Stunde das Gänsefett mit Appetit gegessen hatten. Man lief nach den Aerzten und Gerichtspersonen. Diese erklärten die unglückliche Familie für todt, ohne daß man Spuren eines gewaltsamen Morde» an ihnen entdecken konnte. 27 Nun wurde genau nach allem gefragt, was die Fami-- lie an diesem Tage gethan und gegessen hatte, und nun kam man auf die Vermuthung, daß wohl daS Gänsefett mochte vergiftet gewesen seyn. Die Aerzte tauchten daher einige Vissen Brot ins Fett, und warfen sie einem Hunde vor. Bald darauf bekam er ein Zittern und Zuckungen, er walzte sich, und nach einer Viertelstunde war er todt. Jetzt zerlegte man die Gans. Wie groß aber war Las Erstaunen Aller, als man eine große Kröte im Innern der Gans fand. Das ganze traurige Ereignis) klarte sich nun auf. Während der Nacht, wo die geputzte und geöffnete Gans im Keller gelegen, war eine Kröte in dieselbe gekrochen, des andern Tages unvorsichtiger Weise mir dieser an den Spieß gesteckt und gebraten worden. Beym Braten haben sich die schädlichen Säfte der Kröte mit jenen der Gans vermischt, und dieselbe vergiftet. Diese Unglücksgeschichte lehrt wieder aus eine traurige Art, wie nothwendig es sey, alle Eßwaren, die in Kellern und wo immer aufbehalten werden, sorgfältig zu verwahren. Sie ermuntern auch zur nothwendigen Sorge für Reinlichkeit bey Bereitung der Speisen. Hätte die Bauennn, die Bürgersfrau inK ön ig s b erg und die Dienstmagd in Bistritz die Gans sorgfältig gereiniget und aus- gespühlt, so wären jene verderblichen Zufälle nicht erfolgt; jede reinliche Familie würde die Gans, in welche eine Kröte gekrochen war, weggeworfen haben. Sehr sträflich ist die Bäuerinn, welche die Gans, in welcher sie die Kröte gefunden hatte, verkaufte. Sie ist Mitursache an dem Tode der Unglücklichen. ^ Besonders aber lasse man Milch, Rahm und anders Flüssigkeiten nicht unbedeckt in Kellern stehen. Noch hier und da pflegen leichtsinnig- Leute den Ratten und Mäusen m Kellern und unterirdischen Gemächern Gift zu streuen. Fangt das Gift in den Eingeweide,, dieser Thiere zu wirken an, so suchen sie den Schmerz durch Trinken zu lindern. Sie laufen allenthalben nach Getränken, gerathen auch oft in die Keller und Gemächer der Nachbarn, trinken von den unbe^ deckten Milchropfen, und vergiften dieselben durch das Gift, welches an ihren Haaren und an der äußeren Haut hängen geblieben war. Mehrere traurige Beyspiele haben diese Erfahrung bestätiget. Der Wagen und der Schlitten, (Eine Fabel.) In einem Hinterhause stritten Ein Galla-Wagen und ein Schlitten, (Die Zeit ward ihnen mächtig lang). Sich einst erhitzt um ihren Rang. Umsonst wird mit dem prächt'gen Kasten, Den bunten Rädern, stolzen Quasten, Und Allem, was den Wagen ziert. Von diesem, der Beweis geführt. „Denn sprich nur selbst," versetzt der Schlitten, „Kommt erst der Winter angeschritten, „Der euch aus diesem Dunkel zieht, „Ob man dich dann nicht übersieht?" „Geschmückt mit Putz, verbrämt mit Fellen, „Bin ich beym muntern Klang der Schellen „Allein der Schönheit würd'ger Thron. „Gewiß, ich trag' den Sieg davon!" Nach langem Streite, bittren Fehden, Und ganz erschöpft von vielen Reden, (Demi jedem fiel das Sprechen schwer) Rief man das Pferd zum Richter her. Das Pferd erwiedert zum-Bescheide: „Den Vorzug zwar verdient ihr beyde; Doch sagt, was seyd ihr ohne mich?" Hochmütiger Prahler, spiegle dich! Spielet mit dem Feuer nicht. In der Gemeinde A lt- G a n d e r s h e i m bey Eim- bock ereignete sich am r3. April! i8»r eine traurige Begebenheit. Die hoffnungsvolle, sechsjährige Tochter LesAcker- mannsAugust Koppei hüihete in Gesellschaft ihres zehnjährigen Bruders auf einer nahe gelegenen Wiese die jungen Gänse. Aus Lust machten sie da ein Feuer an. Der Wind, welcher zu der Zeit heflig wehere, treibt die Flamme zu der Seile, wo das kleine Mädchen steht. Die Schürze wird von der Flamme ergriffen: weil dieselbe aber mit Stecknadeln befestiget ist, so kann der Bruder, welcher zu Hülfe eilt, dieselbe nicht losmachen. Er weiß sich vor Angst nicht zu helfen; er ruft aus vollem Halse irm Hülfe. Ein in der Nahe wohnender Schmiedmsister, Nahmens Holz, kommt auf das Geschrey schnell herbey; aber das unglückliche Kind stand schon in vollen Flammen, und war so am Leibe verbrannt, daß eS in einigen Stunden darauf starb. Die beyden Kinder hat bey den Gänschüthen die lange Weile g e- plagt, und was unternehmen sie da? Seht Freunde, wie schädlich der Müßiggang ist, zu was er verleitet! 30— Patriotismus der Oesterreichs im Jahre 1808. Beynahe zwanzig Jahre war Oesterreich schon in hartnäckige Kriege verwickelt. Die Tapferkeit der Kriegsheere, welche in vielen Treffen sich auszeichneten, konnte den Feind, der sich wie ein Strom über ganz Deutschland ausbreitete, nicht hindern selbst die Residenz-Stadt Wien im November i8o5 zu besetzen. Mit beträchtlichen Lander- Abtretungen, selbst mit dem Verluste von Tirol, welches immer dem Erzhause Oesterreich mit unverbrüchlicher Treue ergeben war, erkaufte unser gute Monarch seinen getreuen Unterthanen den Frieden, und befreyete sie von den Gewaltthätigkeiten der Feinde. Errichtung der Reserven. Nun war Oesterreich durch die Abtretung der äußersten Provinzen und Festungen jedem feindlichen Einfalle bloß gestellt. Mitten im Frieden sollte es zahlreiche Heere bereit halten, um bey jedem Anscheine des Krieges gerüstet zu seyn, und den Feind dadurch vom Kriege abzuhalten. Aber die Aufstellung solcher überaus zahlreichen Heere würde große Steuern und Opfer von den Unterthanen erfordert haben. Auch wurde durch die so oft nöthigen Truppenaus- hebungen wahrend des zwanzigjährigen Krieges die junge Mannschaft in den Erbländern so vermindert, daß es beynahe schon dem Ackerbaue und den Gewerben an arbeitenden Handen fehlte. Mehr Leute konnten also füglich nicht von der Landwirthschaft, von den Handwerken und Fabriken zu Soldaten genommen werden, ohne diese ins Stocken zu bringen. Die weise österreichische Staatsverwaltung fand Mittel, die Armee in einen furchtbaren Stand herzustellen, ohne daß Ackerbau, Gewerbfleiß und Handlung darunter litten. Die junge dienstfähige Mannschaft wurde ausgehoben, jährlich durch vier Wochen in den Waffen geübt, und dann wieder nach Hause zu ihren Beschäftigungen entlassen. Diese Truppen nennt man die Reserve. Bey Ausbruch eines Krieges waren diese Reserven bereit, als geübte Soldaten an die Regimenter sich anzuschließen, und Las Vaterland tapfer gegen jede Gefahr zu vertheidigen. Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit waren diese Neser- ven gestellt; die Mannschaft fand sich meistens sehr gern ein, und zeigte unter den Waffenübungen den besten Willen. Als die Uebungszeit verflossen war, wünschten mehrere Männer, sogleich beym Regimente zu verbleiben. Die Reserve deS Regiments Kerpen sollte den Tag vor der Ausführung eines Feld-Manövers entlassen werden; da bath sie dringend, dieses Manöver mitmachen zu dürfen. Bey der Stellung der zweyten Reserve wollten sich mehrere junge Leute, die zum Militär-Dienste als unfähig befunden wurden, durchaus nicht abweisen lassen. Sie wollten mit ihren Kameraden dienen, und die Ehre theilen, das Vaterland mit Leben und Blut zu vertheidigen. Die Officiere wußten aber auch den guten Willen und Eifer der Mannschaft zu schätzen, und behandelten sie so gütig und ehrenvoll, daß ihnen der Wehrstand erst recht angenehm wurde. Bald darauf wurde die Landwehre errichtet. Dienstfähige Jünglinge und Männer, die nicht in jene Classe gehörten, welche zum Militär ausgehoben werden konnte, sollten freywillig eigene Bataillone bilden, und sich an Sonn- und Feyertagen in den Waffen üben, um in den Lagen der Gefahr das Vaterland, Haus und Hof gegen feindliche Einfälle vertheidigen zu können. Eine herrliche Anstalt, welche dem Vaterlands eben so nützlich, als jedem biedern Oesterreicher willkommen war! Der gute Monarch kannte die Liebe und Ergebenheit seiner Völker, welche sich so oft durch Wort und That bewähret hat. Er wußte, daß jeder Oesterreicher sich glücklich fühlte, ein Bürger eines so mächtigen und glücklichen Staates zu seyn, und daß es ihm äußerst kränkend und schmerzlich seyn würde, wenn sein Vaterland von auswärtigen Feinden herabgewürdiget, und durch Ahtremng von Provinzen zerstückelt würde. Unser guter Landesvarer wußte, daß im Jahre 1797, wo der Feind in Oesterreich eingedrungen, eben damahls, wo die Gefahr am größten war, das Volk nur zu den Waffen gerufen werden durfte, und in zahllosen Haufen herbeystromte, um Haus und Hof zu vertheidigen. Er hatte also nur dafür zu sorgen, daß dieses bereitwillige, patriotischgesinnte Volk in den Waffen geübt, in geschlossene Heere gebildet, und sich mit der Zeit nicht nur an Muth, sondern auch an kriegerischer Einsicht und Gewandtheit mit den feindlichen Heeren messen konnte. Die Erzherzoge leiteten diese Völkerbewaffnung, und stellten sich an die Spitze dieser Heere. Dieses gab den Wehrmännern Zutrauen, und der Monarch konnte die Landwehre nicht mehr ehren, als daß er diese erlauchtenPrin- zen zu ihre» Führern bestimmte. Ein herzerhebender Anblick war es, zu sehen, wie alle Classen und Stände harmonisch zusammen wirkten, um diese herrliche Anstalt, welche schwierig und mit Hindernissen verbunden zu seyn schien, bald zu ihrer Vollkommenheit zu bringen. Kaum war unterm 2. Julius 1608 der Wille des Monarchen, eine Landwehre zu errichten, kund gemacht, als schon das tapfere Volk sich haufenweise herbey — 33— drängte, um ihre Nahmen als Vertheidiger des Vaterlandes in die hierzu eröffneten Einschreibebücher vormerken>u lassen. Aus dem Frohsinne/ der sich durch das ganze Land verbreitete/ wurde es deutlich/ daß der Monarch durch Errichtung der Landwehre dem Volke eine Wohlthat erwiesen und einen Wunsch/ den sie schon lange hegten, erfüll« habe. In drey Tagen sah man in der Hauptstadt die derselben vorgeschriebene Anzahl von Wehrmannern ganz durch eigens freywillig- Stellung nicht nur erfüllt, soiwern übertreffen. Aehnliche Berichte liefen vom Lande ein, und man mußte schon unterm 24. Julius durch eine eigene Kundmachung der übermäßig anwachsenden Anzahl der Wehrmanncr Schranken setzen, und jene, welche nicht mehr angenommen werden konnten, vertrösten, daß ihnen das Recht vorbehalten bleibe, für die Zukunft vorzugsweise d« Laüvwchre beytreten zu dürfen. Braöce's erhabenes Beyspiel wirkt. edv fehlte hie und da nicht an unzufriedenen boshaften Mcn,cheii(aber ihre Zahl war sehr gering), welche diese herrliche Anstalt verdächtig zu machen suchten. So brachten diese unter die Leute, man würde die Wehrmänner unter die requlaire Infanterie stecken. Dieses boshaft-verleumderische Gerede war Ursache, dap in einer Vorstadt Wiens die Leute zögerten, sich einschreiben zu lassen; aber die schöne Handlung eines Einzigen regte das schlummernde Ehrgefühl auf. Der Wech^cl- Sensal Brabee, ein damahls sechzigjähriger,»ermögliche", jetzt noch rmmer hochgeachteter Mann trat vor, und lies- sich als Gemeiner einschreiben. Sogleich von edlem Schamgefühle ergriffen, strömte eine Menge h-rbey, und solare dem aufmunternden Beyspiele. Der Erzherzog erhob sodann Bra be e nach Verdienst znm Offizier. In der Folge wurde ir. B.-i- dieses Bataillon so zahlreich, daß man es in zwey abtheilen mußte. Der hohe Adel und die Landstände zeigen sich als Patrioten. Der würdige Prälat von Schotten, Andreas Wenzel, versammelte in kurzer Zeit ei» ganzes Bataillon auf seinem Grundgerichte, und die treue Kaufmannschaft bildete aus ihren jungen Leuten gleichfalls ein volles Bataillon; und versah es auf eigene Kosten mit allem Nothwendigen. Die niederosterreichischen Herren Stande, immer ge-- wohnt, zu jeder nützlichen Anstalt alles Mögliche beyzutragen, schafften große Summen Geldes herbey, um die Wehr- männer mit Kleidung und Waffen zu versehen. Die Güterbesitzer trugen zu den übrigen Erfordernissen daS Ihrige bey; viele derselben traten als Offiziers an die Spitze der Bataillons, die aus ihre» Unterthanen gebildet waren, und suchten auf alle mögliche Art mitzuwirken. So haben im Viertel Ober-Manhartsberg der Landgraf von Fürstenberg, die Grafen Veterani und Gillei§ durch Anschaffung der Seitengewehre für die Unter-Offiziere, durch Zulage für altgedients Soldaten, welche die Wehrmanner in den Waffen übten, durch Unterstützung anüer Landwehrmannner, sich die Liebe der Mannschaft erworben, welche die zwey letzteren und der Sohn des gedachten Landgrafen mit rühmlichen Eifer als Hauptleute anführten. So führte im Viertel Unter-Manhartsberg der verstorbene geheime Rath, Gras v. Breun er, der, nachdem er dem Staate als Gesandter wichtige Dienste geleistet, sich zu einer ehrenvollen Ruhe begeben hatt-, ein Bataillon, welches zum Theile aus seinen Unterthanen bestand, als Major an, und schaffte mit seinem Haupt- L z — 3L—- manne, dem Obergespane Grafen v. Schönborn mit einem ansehnlichen Anfwande alles Herkey, was zur besseren Kleidung des Wehrmannes, zur Erhaltung seines guten Muthes und Frohsinnes nur immer beytragen konnte. Zu diesem Bataillon hatten sich Graf Engel, Baron G u denus, die jungen Grafen Schönborn und Breu- ner als Offiziere gestellt. Bey dem zweyten Bataillone dieses Viertels war es Graf Ferdinand Colloredo, jetzt ständisch Verordneter, der unter dem hohen Adel sich der Erste zur Annahme einer Offiziers-Stelle bey der Landwehre angebothen hat, und sodann als Hauptmann seine Compagnie mit Gewehren auf seine Kosten versah. Zm Viertel Unter-Wiener-Wald bestand das vierte Bataillon meistens aus Unterthanen des Grafen von F,o- yos, jetzt Hof- und Landes-Oberjägermeister, der so wie der Graf Cavriani beyde als Hauptleute, sich den guten Fortgang der Landwehre mir Ernst und Eifer angelegen seyn ließen. So zeichneten sich im Viertel Ober-Wiener-Wald die Abtey Göttweih und der Fürst Starhemberg durch wichtige Anstrengungen auS. Diesen bath der Kreishauptmann, daß er einem seiner Beamten erlauben möchte, in die Landwehre zu treten.„Diente ich nicht als Gesandter," sprach der hochherzige Fürst,„so sollten Sie mich selbst bey der Landwehre dienen sehen." So zeigte sich der Adel, nicht nur im Lande unter der Enns, sondern in allen Provinzen des österreichischen Kaiserstaates durch Vaterlandsliebe der erhabenen Thaten seiner Ahnen würdig, und munterte durch sein schönes Beyspiel die Bürger in unserm glücklichen Staate zur Nachahmung auf. Veteranen treten zur Landwehre. Ein herzerhebender Anblick war es, alte, im Kriege ergrauete Soldaten mit ehrenvollen Wunden bedeckt, zu sehen, ivie sie, welche Ruhe und Erhohlung schon langst verdient hatten, zum Dienste der Landwehre allenthalben herheyeilten, um diese angehenden Krieger in den Waffen zu üben, und sie durch ihre Erfahrung zuleiten. Rührend war es besonders, den Hauptmann Koch, einen ygjähri- gen Greis mit dem beseelten Eifer eines jungen Mannes bey diesen Uebungen rastlos thätig zu erblicken. Die Wehrmänner waren aber auch unermüdet, sich recht bald zum Kriegsdienste zu bilden. Die Sonn- und Feyertage reichten nicht hin; auch an Werktagen nach der Arbeit strömten sie in Menge zu ihren Offizieren, und bathen, von ihnen geübt zu worden. Nicht nur die untergehende SonNe, auch der Mond beleuchtete diese Waffen^ Übungen. So machten sie schnelle Fortschritte, und am vierten Feyertage konnten die Bataillone der Stadt Wien schon in großen Abtheilungen exerzieren. Ein cdlek kriegerischer Geist ergreift die Oesterreicher. Durch den Antheil, welchen man so allgemein an der Landwehre nahm, hatte sich ein edler kriegerischer Geist in der ganzen Nation erhoben. Ueberall versammelten sich selbst die Knaben zu kriegerischen Spielen, und die Aeltern sahen ihnen mit Wohlgefallen zu. Selbst die Weiber des Landvolks strömten in ihren besten Sonntagskleidern herbey, sahen die Uebnngsn mit an, und rühmten sich dessen, einen Wehrmann zum Gatten zu haben. Freundschaftlich zogen dann die Wehrmänner aus dem Dorfe, die fremden aus den benachbarten Oertern, die mit ihnen in Reihe und Glied exerzierten, mit altöst^reichischer Gastfreundlichkeit herzlich und froh an ihren Lisch, und tranken auf das Wohl des österreichischen Kaiserhauses. Einzelne Züge des Patriotismus. Viele schöne Züge von Vaterlandsliebe rühren von dem Zeitpuncte der Errichtung der Landwehre her. Hier folgen einige wenige. Die Gemeinde von Erdberg, eine minder bedeutende Vorstadt Wiens, welche großen Theils von Küchen- gärtncrn bewohnt ist, bildete allein eine überzählige Compagnie von 3o8 Mann. Man erwartete, daß bey der Musterung am 4- März a6c>8 mehrere Landwehrmänner, besonders jene, welche Weib und Kinder hatten, ihre Ent- tassung wünschen würden. Aber nur ein Einziger wagte diesen Wunsch. Kaum vernahmen es die Andern, als sie ihn mit Bitterkeit einen Wortbrüchigen nannten. Die Offiziere und Commiffäre erstaunten. Nun erklärten sie:„sie haben einen heiligen Brüderbund unter sich geschlossen, daß keiner von ihnen zurückbleiben sollte, avenn das Vaterland sie zu seiner Vertheidigung rufe, sondern daß sie bey einander ausharren wollten in Noth und Tod. Wer diesen Schwur verletze, sey ein Meineidiger." Der Beschämte nahm seinen Wunsch zurück, und die klebrigen reichten ihm wieder die Bruderhand. Andreas Palzer hatte als Feldwebel bey dem Regiments Erzherzog Carl gedient-»-und als seine Dienstzeit vorüber war, den Abschied gewünscht und erhalten. Er war ohne Vermögen, Gatte und Vater von sechs unmündigen Kindern. Dennoch trat er zum vierten Bataillon der Landwehre, wo er zum Unter-Lieutenant befördert wurde, und zog aus mit demselben, während seine Gattin», um den wackern alten Krie- 38 ger dem Dienste des Vaterlandes nicht zu entziehen, durch ihrer Hände Arbeit sich und ihre Kinder ernährte. Korirad Reschauer, Besitzer einer Seidenzeug- Fabrik auf der Mieden Nr. 02 u, ermunterte siebenzehn seiner Arbeiter, zur Landwehre zu treten, die er doch zum Betriebe seiner Manufaetur nöthig hatte. Nicht zufrieden, dem Staate dieses Opser gebracht zu haben, sicherte er einem jeden derselben eine tägliche Zulage an Geld und den Wiedereintritt in seine Fabrik zu. Als man diese echtpatriotische Handlungsweise erhob, da wunderte er sich.„So," meinte er,„muffe und werde in diesem Augenblicke jeder gute Bürger handeln." Der Bürger und Seidenfärber- Meister Andreas Zaure (Besitzer des Hauses Nr. 429 in der Vorstadt Mieden) munterte mit einem beyspiellosen Patriotismus alle seine sechs Gesellen auf, als Schützen an die Landwehre sich anzuschließen. Er selbst gab jedem derselben einen Kugelstutzen. Als sie auszogen, zahlte er jedem einen doppelten Monakhsgehalt aus, und sicherte ihnen eine monathliche Zulage von fünf Gulden zu. Sein Gewerbe stand zwar beynahe ganz still; aber er achtete dieses großen Verlustes nicht, und vergaß sich selbst über der Gefahr des Vaterlandes. In dem Hause des Bürgers und Hofmüllers Karl Hof (Vorstadt Gumpendorf Nr. 3g) wohnten sechs Familien, deren Vater bey der Landwehre standen. Als der wackere Bürger dieses vernahm, erklärte er sogleich, von diesen Familien so lange keinen Wohnungs- zins zu nehmen, bis die braven Vaterlandsvertheidiger wieder zu ihren Gewerben und Geschäften zurück kehren würden. Damit noch nicht zufrieden, both er den Dürftigeren aus ihnen Unterstützung an, und unterzeichnete noch einen besondern Beytrag zu der allgemeinen Sammlung für die zurückgelassenen Familien der Landwehrmanne»^. Auch in der niedersten Hütte zeigte sich die schone Liebs für das Vaterland und seine Vertheidiger in Wort und That. Sebastian Grub er, ein Lastträger(wohnhaft im Altlerchenfelde Nr. ig5) hatte einige Jahre vorher sein ganzes Vermögen verloren. Mühevoll, im Schweiße seines Angesichtes hatte er sich in der Zwischenzeit wieder hundert Gulden erspart. Als die Landwehre auszog, dachte er mit Rührung an daS Schicksal der Familien, deren Vater dem Rufe des Vaterlandes folgten. Er nahm, einstimmig mit seinem braven Weibe, sich selbst vergessend, die ersparten hundert Gulden, und übergab sie dem Richter, damit sie dieser unter dreyzehn Familien, welche er bestimmte, austheile. Segen dem brave» Manne, und hohe Achtung von jedem, der das Gute und Schöne zu schätzen weiß! Wohlthätige Unterstützung der Familien der Landwehrmänner. Als die Landwehre im Frühling 1609 ins Feld zog, verließen manche Wehrmänner mit Kummer ihre Familien, weil sie für den Unterhalt derselben nicht mehr sorgen konnten. Aber alle Beforgniß war bald unnutz. Man — 40— veranstaltete Geldsammlungei, für die zurückgebliebenen Kamillen, man unterzeichnete monathliche bestimmte Beytrage; jeder auch der ärmste Dieustbothe trug seinen Groschen bey; und so haßte man in wenigen Tagen eine so große Summe beysammen, daß man die Angehörigen der LandwehnnLnner, welche das Vaterland tapfer vertheidigten, hinlänglich unterstützen konnte. Ein schönes und großes Beyspiel gab der edle, bieder- h-rzige Graf v. Burgstall, k. k- Kämmerer, und innerösterreichischer Gubernial-Rath. Er legte in die Hände Sr. kais. Hoheit des Erzherzog Johann eine Erklärung nieder, in welcher er sich verbindlich machte, jedem seiner zahlreich bey der Landwehr« steheiideu Untetthanen, welcher die goldene militärische Verdienst-Medaille sich erring-, drey hundert Gulden, jedem aber, der mit der silbernen Medaille belohnt zurückkehre, hundert Gulden auszuzahlen. Eben so viel versprach er jedem, welcher durch Wunden gehindert würde, sich nach dem Kriege durch Arbeit seinen Unterhalt zu verschaffen. Im gleichen patriotischen Geiste handelte der Graf Anton Gundacker v. SlaHemherg, damahls Oberst beym Husaren- Regiments Radetzky, jetzt General-Wachtmeister. Er bestimmte zur Unterstützung der Weiber und Kinder seiner unter der Landwehre stehenden Unterthanen der Herrschaften Haus und Eschelberg (im Lande ob der Enns) jährlich die Summe von fünfhundert Gulden, und verband damit die Versicherung: für die Witwen und Waisen derer, die den schönen Tod fürs Vaterland sterben würden, so viel es in seinen Kräften stünde, zu sorge». Sollten Sohne von Bauern auf dem — 4l Felde der Ehre bleiben/ so würde er gleiche Wohlthaten den Vatern angedeihen lassen. Jedem Wehrmanne, der sich vor dem Feinde ausgezeichnet, oder durch Wunden zur Fortsetzung seiner Arbeit gehindert würde, versprach er Nachlaß an Zehenden und Dienstpflichten. Felix Jaschke, ein Patriot. Als nach der Schlacht beyAusterlitz sowohl österreichische als russische Verwundete und Kranke nach Ful- nek(an der mährischen Gränze) gebracht wurden, da bosh der wackere Bürger und Handelsmann Felix Jasch- ke unaufgefordert sein eigenes Haus zum Spitale für dieselben an, verpflegte sie, unterstützte sie mit Bettgerä- the, Lebensbedürfnissen, und ward so der Retter, der Wohlthäter von Hunderten tapferer Krieger. Kaum erging der Aufruf zur Landwehre, so war der patriotische Jaschke ebenfalls der erste, welcher zu derselben übertrat. Sein schönes Beyspiel wirkte. Ihm folgten viele frohen Sinnes nach, und aus seinem eigenen Vermögen unterstützte er jene, die es bedurften. Sr. Majestät der Kaiser, gerührt durch diese Züge der höchsten Vaterlandsliebe, haben dem vortrefflichen Manne die goldene, für Bürgerverdienste bestimmte Eh- renmünze ertheilt. Karl Würth war als gebildeter Jüngling in k. k. Kriegsdienste getreten, und hatte sich in 20 Dienstjahren von dem untersten Posten zu dem Range eines Hauptmanns im Jnfanterie- Regimente Erzherzog Ludwig geschwungen. Bey einem glücklichen Talente und einem eisernen Fleiße bildete er sich durch ununterbrochenes Lesen der zweckmäßigsten militärischen Schriften zu einem der brauchbarsten Männer seines Standes. Immer herzhaft und tapfer vor dem 42 Feinde war er mit mehreren ehrenvollen Wunden bedeckt. Er wurde von seinen Vorgesetzten eben so geachtet, als von seine» Kameraden und seiner untergeordneten Mannschaft geliebt, für die er einen beträchtlichen Theil seines Vermögens verwendete. Er war es, der wahrend der Dauer- seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich im Jahre a6o5 die ganze gemeine, ebenfalls kriegsgefangene Mannschaft seines Regiments mit Gelde unterstützte. Ja er entlehnte Geld gegen hohe Zinsen, um seinen ermatteten und kranken Waffenbrüdern so gar kostbare Weine zur Stärkung zu verschaffen. Endlich trat dieser wackere Offizier um seiner ganz zerrütteten Gesundheit willen in den Pensions-Stand. Einige Zeit darauf erging der Aufruf zur Landwehre. Da ertrug sein immer reger patriotischer Geist die verdiente Ruhe nicht. Würth übernahm das Commando einer Compagnie der mährisch- schlesischen Landwehre, und führte sie tapfer vor den Feind. In der Folge wurde er zum Major befördert. Schöner Zug zweyer Landwehr-männer. Der Hauptmann v. Sch luderer von der zweyten Compagnie des vierten Bataillons der Landwehre bestimmte, um in die Waffenübungen seiner Mannschaft eine höhere Nacheiferung zu bringen, für die zwey vorzüglichsten Schützen einen Preis von 25 Gulden.— Die Gemeinen Georg Hayn und Franz Zie- gslbauer verdienten denselben. Aber mit edlem Selbstgefühle schlugen sie diese Belohnung ihrer Geschicklichkeit aus, und bestimmten dieselbe zur Unterstützung der dürftigen Gattinnen und Kinder einiger ihrer wackern Kameraden. Patrioten in Mähren und Schlesien. Der Tag der Fahnenweihe der Landwehr-Bataillone in Mahren und Schlesien waren Feste, bey welchem der 43 hohe patriotische Sinn der Obrigkeiten und der Ortsbewohner auf die mannigfaltigste Weise sich äußerte. So hat die Administration der Güter weiland des durchlauchtigen Herzogs Albert königlicher Hoheit ganz nach dem erhabenen Willen dieses großen Menschenfreundes jedem Kinde der ärmern Landmehrmänner, während der Dienstesabwesenheit des Vaters, eine bestimmte Unterstützung aus den Renten angewiesen, und die Landwehrmänner während ihrer Dienstesabwesenheic von mehreren Abgaben und Leistungen befreyek. Das Letztere geschah auch auf den fürstl. v. Sal m'schen Herrschaften. Der durch seine Humanität wie durch seine hohe Vaterlandsliebe rühmlich bekannte, und nur leider zu früh als das Opfer seiner seltenen Menschenliebe verstorbene Graf Leopold Berchthold v. Buchlau nahm es auf sich, für alle zurückgebliebenen dürftigen Familien der ausmarschirenden Landwehrmänner väterlich zu sorgen. Der edelmüthigs, für die Landwehre mit der Wärme und den Aufopferungen echter Vaterlandsliebe thätige Fürst v. Dietrichstein Proskau übernahm in allen seinen in Mähren liegenden weitläuftigen Besitzungen die Fürsorge der zurückgebliebenen Gattinnen und Kinder, so wie der verwundeten Offiziere und Landwehrmänner, und sicherte den Wittwen derjenigen, welchen es beschieden seyn sollte, den rühmlichen Tod fürs Vaterland zu sterben, Pensionen zu. Graf Larisch zu Teschen sicherte bey dem Ausmarsche des braven Regiments Wenzel Colloredo dem Obersten desselben 2000 Gulden für jene braven Soldaten zu, welche sich durch besondere Tapferkeit auszeichne» würden. Der würdige Pfarrer, Johann Schmiasko, aber bestimmte seinen zweyjahrigen Zehend aller Gattung, und einen Betrag, den er an dem Religions-Fonde zu fordern hatte, zur Un- terstützung der dürftigeren Familien der Teschner-Landwehr. männer. Graf Ferdinand v. Weissenwolf, k. k. Kämmerer, übernahm gleich bey Errichtung der Landwehre die Stelle eines Bataillons-Commandanten, und beförderte auf alle mögliche Art daS Gedeihen derselben. Er bestimmte aus dem Ertrage seiner Herrschaften jährlich tausend Gulden zur Unterstützung der Gattinnen und Kinder jener von seinen Unterthanen, welche mit der Landwehre auszogen. Zugleich aber erklärte er alle Landwehrmänner seiner Herrschaften, die im Kriege sich auszeichneten, oder die Ehren-Medaille erringen würden, von allen Abgaben frey, so lange er und sie leben würden. Der Patriotismus der edlen Stände des Königreichs Böhmen äußerte sich auf eine rührende Art. Als am Zi. October a8o8 die Stände auf einem Landtags zu Prag versammelt waren, und ihnen vorgetragen wurde, daß der Kaiser und König die Summe von i,5oaooc> fl. zur Uniformirung und Rüstung der Landwehre in Böhmen von ihnen fordere, so erklärte die Versammlung in einem einstimmigen frohen Ausrufe:„nicht nur mit Schnelligkeit diese Summe hsrzuschießen, sondern mit allem Eifer die Errichtung der Landwehre zu unterstützen, und für die geheiligte Person Sr. Majestät, für Thron und Vaterland Blut und Leben freudig darzubringen." Und die edlen Böhmen haben auch Wort gehalten. Schnell waren die Bataillone errichtet, und viele Divi- fiouen erbothen sich auch außer den Gränzen des Königreichs gegen den Feind zu dienen, und haben ihr Work wacker gelöset. Patriotismus der hochherzigen Ungarn. Die gränzenloseste Liebe für Vaterland, König und Thron belebte die hochherzigen Ungarn bey dem Landtage am 3. September 1808. Die immer merkwürdige Scene vom Jahre 174*/ wo mit Enthusiasmus die Stande der großen Maria Theresia schwuren„Noriumur xwo reZ« noslro" erneuerte sich. Das ganze Corps der Stände eilte aus freyem Antriebe zu dem geliebten Monarchen, und indem sie seinen Thron umgaben, erklärten sie einstimmig, daß ihnen für ihren König und ihre Verfassungen kein Opfer zu theuer wäre. Wenn binnen drey Jahren das Vaterland feindlich angegriffen würde, sollten alle Edelleute zu den Waffen greifen, um den König, den Thron und das Vaterland zu vertheidigen. Zugleich bothen sie an, wenn ein Krieg die Vermehrung der Armee erfordern sollte, zwanzig tausend Soldaten unaufgefordert zu stellen, und noch weitere Maßregeln zur Reichsvertheidigung zu treffen, wenn dringende Umstände sie gebiethen sollten. Sie brachten einen Fond von mehreren Millionen Gulden znr Errichtung der schönen Luiseus-Akademie zusammen, in welcher die Jugend zu Offizieren gebildet werden sollte. Die ganze Nation schien seit diesem merkwürdigen Landtage von edlem Patriotismus begeistert. Einzelne Züge lassen auf die allgemeine Stimmung schließen. Die drey erhabenen Brüder, Franz, Carl und Stephan Grafen Zichy stellten auf eigene Kosten eine Division zu dem Husaren-Regiments Ott; die verstorbene Gräsiun Keglevics, oormahls vermählte Gräfinn Karoly, stellte im Nahmen ihrer Kinder aus der ersten Ehe eine fünfte Division zu dem Palatinal-Husa- ren-Regimente. Aehnliche Anerbiethungen, die mit Schnelligkeit ausgeführt wurden, geschahen von andern Großen des Reichs. Die Neutra er Gespannschaft stellte außer der Jnsur- rection und ihrem Antheile an der festgesetzten Anzahl von Soldaten zu den Linien- Infanterie- Regimentern, noch ein Cavallerie-Regiment von 900 Mann ausgerüstet ins Feld; die Preßburger Gespannschaft ebenfalls außer der Jnsurreetion und der festgesetzten Soldaten-Zahl, 600 Mann zu Pferde und zwey Bataillone Freywilliger zu Fuß, die B a r sch e r Gespannschaft 3oo Mann zuPferde. Ewig denkwürdig wird diese österreichische Landesvertheidigung in der vaterländischen Geschichte seyn. Als wackere Soldaten haben die Wehrmänuer für das Vaterland gekäinpft, das Wohlwollen ihres gnädigen Landesvaters, den Dank ihrer Mitbürger, die Achtung des Auslandes und selbst ihrer Feinde sich erworben. Segen der Asche der Braven unter ihnen, welche den Tod für's Vaterland starben! Die kaiserliche Burg in Wien. So nennt man den von Seiner Majestät dem Kaiser und von seiner erlauchten Familie bewohnten Pallast, und den Platz, welcher dieses große Gebäude einschließt, heißt der Burg platz. Dieser hat eine Länge von 64, und eins Breite von 35 Klaftern. Steht man nun auf diesem Burgplatze mit dem Gesichte gegen die Hauptmache gewendet, so hat man vor sich ein einfaches langes Gebäude, die eigentliche Burg, und zur Linken und Rechten zwey Seitengebäude, welche vorne an das Hauptgebäude stoßen, hinter dem Lücken — 47 aber an die der Burg gerade gegenüber liegende prächtige Reichskanzelley sich anschließen. Beyde Seitengebäude haben einen viereckigen Hof. Der Schweizerhof. Das Seitengebäude zur Linken(gegen Osten) ist der älteste Theil der Burg und wurde zu Anfang des drey- zehnten Jahrhunderts von Leopold dem Dritten, Herzog von Oesterreich, erbauet. Im Jahre 1276 wurde es durch eine große Feuersbruust zerstört. Ottokar der Zweyte, damahliger König von Böhmen und Herzog von Oesterreich fing sogleich an, es wieder aufzubauen; aber da er zwey Jahre darauf in der Schlacht bey Laa von Rudolph v. Habsburg besiegt, sein Leben endete, so wurde dieses Gebäude wahrscheinlich erst zu Anfang des vierzehnte» Jahrhunderts von Albrecht dem Ersten, dem Sohne Kaiser Rudolphs, vollendet. Kaiser Ferdinand der Erste hat in den Jahren a536 bis a55o diese Residenz hier und da vergrößert und verschönert. Auch die Kaiserinn Maria Theresia, die höchst selige Großmutter unsers gnädigsten Monarchen, hat verschiedene Verschönerungen und Bequemlichkeiten durch neu angelegte Treppen, Gange u. dgl. daran vornehmen lassen, unter denen die sogenannte Bothschafter-Stiege und die fliegende Stiege ein schönes und kühnes Bauwerk sind. Der Hof, welchen dieses Gebäude einschließt, heißt der Schweizerhof, weil ehemahls eine Schweizerwache hier ihren Posten hatte. Gewöhnlich nennt man, wie wohl unrichtig, dieses ganze Gebäude den Schweizer- hof, besser aber, die alte Burg. In diesem Gebäude, im dritten Stockwerke, wohnt unser allgeliebter LandeS- vatcr, der jetzt regierende Kaiser Franz der Erste. Mit diesem Theil ist der unter der Regierung Seiner — 48— Majestät Franz des Ersten erbaute große und prächtige Rittersaal verbunden. Das gegen Süden liegende lange Mittelgebäude, an welchem im Erdgeschosse die Burgwache ist, und an welches links der Schweizerhof stoßt, hat Kaiser Leopold der Erste im Jahre 1660 zu bauen angefangen. In demselben sind schone Zimmer und große Säle, als: der Rittersaal, der Spiegelsaal u. dgl., welche ehemahls zu allen öffentlichen Hof-Feyerlichkeiten, als da sind: Belohnungen, Ordensfeste, offene Tafel, Hof- Gala, großer Cercle u. s. w., von denen mehrere jetzt in dem großen neu erbauten Rittersaals gehalten werden, gebraucht werden. In dieser-Abtheilung wohnten die Kaiserinn Maria Theresia und Kaiser Joseph der Zweyte. Die Burgwache, welche hier täglich um eilf Uhr Vormittags mir fliegender Fahne, mit klingendem Spiele und Musik auszieht, und von zwey Offizieren geführt wird, besteht aus einer Compagnie Grenadiere, und hat zwey Kanonen vor der Wachtstube. Liegt keine Militär. Garnison in Wien, wie es im Frühjahre 1809 und im Herbste a8r5 geschehen ist, so versehen die Grenadier-Compagnien des Bürger-Corps die Wachtdienste. An den zwey entgegen gesetzten Endpunrten gehen drey Durchgänge durch dieses Gebäude. Gleich an dem Durchgänge zur Rechten(gegen Westen) fangt das dem Schweizerhofe gegenüberliegende Gebäude der Amalien- H 0 f an, und läuft bis an die R e i ch s ka n z elle y fort. Seinen Nahmen hat dieses Gebäude vermuthlich von der Kaiserinn A m a l i 0, der Witwe Kaisers Josephs des Ersten, welche diesen Flügel bewohnte. Er ist zu Ende des siehenzehnten Jahrhunderts aufgeführt worden. Kaiser Le op old d er Z w eyte, der Vater unsers gnädigsten Monarchen wohnte hier. Sonst steht dieser Flügel gewöhnlich leer- und wird hohen Gästen, welche die kaiserliche Familie besuchen, zur Wohnung angewiesen. Während des Wiener- Congreffes im Jahre 1814 wohnten in der k. k. Burg alle anwesenden Monarchen Europens mit ihren erlauchten Familien; der Kaiser von Rußland, der König von Preußen, von Bayern, von Würtemberg, von Dänemark u. s. w. Die k. k. Reitschule. Kaiser Carl VI. unter dessen Regierung die herrliche Reichskanzelley erbauet wurde, welche aus der Nordseite die alte Burg mit dem Amalien-Hof verbindet, wollte einen prächtigen Pallast zur Wohnung für die österreichischen Vionarchen herstellen, und die Burg ganz neu bauen. Der Hof-Baumeister Fischer von Erlach machte den Plan dazu. Der Bau wurde angefangen, aber bloß die k. k. Reitschule aufgeführt. Sie steht an die alte Burg angebaut, gegen die Stadt zu. Und die Hauptseite davon ist gegen den Michaels-Platz. Im Jahre 1729 wurde sie von Carl dem Sechsten ganz hergestellt. Der Eingang zu diesem prächtigen Gebäude ist auf dem Josephs-Platze. Man hält es für die schönste Reitschule in ganz Europa. Sie ist ein längliches Viereck mir Säulen und Statuen verziert. An der inneren Wand läuft eine steinerne Gallerie mit einem steinernen Geländer rings herum, welche auf 46 Säulen ruht. An dem einen Ende ist eine für den kaiserlichen Hof bestimmte Loge, und daselbst ist auch Kaiser Carl der Sechste reitend abgebildet.— Während des Congreffes im Jahre 1814 wurden hier Carouffel gegeben, bey großen feyerlichen Vorfällen sind auch schon öfters öffentliche Bälle darin gehalten worden, und Ende November und Anfangs De- II. Bd. D 50 cember 1612, und auch zur Congreß-Zeit wurden von mehr als 5oc> Musik-Freunden Cantaten in derselben gegeben, wobey mehr als 5c»oc» Zuhörer waren. So was Aehnli- ches ist kaum in Europa jemahls gehört worden. Hier pflegen auch an jedem Wochentage die kaiserlichen Prinzen und der hohe Adel Vormittags zwischen ro und i Uhr zu reiten, wobey jedem Zuseher der Eingang erlaubt ist. Das Innere der Burg. Aus der Anlage der Reitschule sieht man, daß die Burg zu einem der prächtigsten Gebäude in der Welt märe erhoben worden, wenn der von Fischer von Er lach entworfene Plan wäre ausgeführt worden. So ist sie aber von Außen gar nicht ansehnlich; aber die innere Einrichtung ist prächtig und verdient gesehen zu werden; so wie der ausgezeichnete Mann allen äußeren Prunk vermeidet, und seine Schätze in seinem Inneren verschließt, die jedermann bewundert, wenn sie zum Vorschein kommen. Man findet in der Burg kostbare Tische von Lazur- Stein, herrliche Leuchter von Krystall, ungeheuer große Spiegel, prächtige und künstlich gearbeitete Tapeten und andere Möbel, die Bewunderung erregen. Es befinden sich in der Burg zwey Capellen. Die größere davon in der alten Burg ober dem Schweizerhofe ist die Hofpfarre, in welche die kaiserliche Familie alle Sonntage, so lange sie sich iü der Residenz befindet, auf eine scyerliche Art unter Begleitung der Leibwachen Ht einem großen Theil des höchsten Adels und der inländischen und fremden Minister um n Uhr Morgens zum Gottesdienste geht. Jedermann kann den feysrlichen Zug ungehindert sehen, und dem Gottesdienste beywohnen. Diese Capelle wurde schon im Jahre>448 von Kaiser Friedrich dem Dritten erbauet. Am Hochaltars befindet sich ein aus Metall gegossenes Kreuzbild von dem Bildhauer Donner. Die Blätter an beyden Seitenaltaren sind von Ti- tian gemahlt. Die kleinere/ oder so genannte Kammer-Capelle wird nur bey besonderen Veranlassungen gebraucht. Das Hochaltar-Blatt/ welches den sterbenden heiligen Joseph vorstellt/ ist von Carl Morati/ die Blatter der beyden Seitenaltäre aber von Strudel verfertiget. Die übrigen Verzierungen sind von Fischer und Maulbertsch. Die k. k. Schatzkammer. Die k. k. Schatzkammer ist in der Burg im Schweizerhofe im ersten Stockwerke. Das kostbarste Stück in derselben ist ein großer Diamant/ der F l o r e n t i n i sch« genannt. Er war einst das Eigenthum Carl des Kühnen/ Herzogs von Burgund, welcher ihn durch die Schlacht beyGranson verlor, nach welcher ihn ein schweizerischer Landsknecht im burgundischen Lager erbeutete, und da er dessen Werth nicht kannte, an einen Bürger zu Bern um fünf Gulden verkaufte. Von diesem ging er im Verkaufe durch mehrere Hände, wurde immer theurer und theurer bezahlt, bis er in die herzogliche Schatzkammer zu Florenz kam. Als der Großherzog von Toscana, Franz der Erste, durch die Heirath mit Maria Theresia römischer Kaiser wurde, brachte er diesen unschätzbaren Edelstein mit nach Wien« Noch ein anderer Brillant von ungewöhnlicher Größe ist hier, welcher in Form eines Hutknopfes gearbeitet ist, und welchen Kaiser Franz I., der Großvater unsers gnädigsten Monarchen im Jahre 1764 zu Frankfurt gekauft hat. Von eben diesem Kaiser ist eine ganze Gar- nitur von Knöpfen auf eine Mannskleidung vorhanden/ wobey jeder Knopf ein einziger großer Brillant ist. Nebst diesen ist noch der sehr reiche Familien-Schmuck des österreichischen Erzhause» hier, wie auch viele goldene Gefäße/ seltene Kunststücke des Alterthums und der neueren Zeiten/ und unter vielen andern, eine runde Schüssel von zwey Schuh und zwey Zoll im Durchmesser, aus einem einzigen Achat gearbeitet; wieder ein anderes Gefäß aus weißem und braunem Achat, welches drey Maß hält. Eine Stockuhr ist hier, welche im Jahre 1760 der damahlige Landgraf von Hessen der Kaiserinn Maria Theresia zum Geschenke gemacht hat, auf welcher mit jedem Stundenschlage die wohl getroffenen Porträt-Figuren des Kaisers und der Kaiserin» und des erwähnten Landgrafen, nebst mehreren anderen erscheinen. Sehr groß ist der Verrath von andern kostbaren Uhren, Basreliefs, kleinen Statuen, Büsten, Vasen, Dosen, Tafel-Servicen, brillantenen Ordenskreuzen u. d. gl. Die Krönungskleidung eines römischen Kaisers sammt Krone, Zepter und Schwert nach dem Originale nachgearbeitet, sieht man hier. Der ganze Schatz ist in einer Gallerie von vier Zimmern vertheilt, und über alle darin vorfindlichen Stücke ist ein sehr genaues Verzeichniß vorhanden. Den großen goldenen Tafel-Service, welchen ebenfalls schon Kaiser Franz der Erste, der Großvater unsers gnädigsten Monarchen, angeschafft hatte, hat unser allgn- tiger Landesvater in den Kriegs-Jahren in die Münze abgegeben, und ihn zu den Bedürfnissen des Staares als Opfer dargebracht; denn der gute Landesvater wollte lieber sein Eigenthum zur Bestreitung des langwierigen Krieges gegen die Franzosen hergeben, als seine Unterthanen, die er väterlich liebt, mit immer neuen Lasten beschweren. Zugleich hat Höchstderselbe ein erhabenes Beyspiel gegeben. was jeder brave Staatsbürger in bedrängten Zeiten dem Staate opfern soll.— Die k. k. Schatzkammer kann Jedermann sehen; er hat sich nur einige Tage zuvor bey dem k. k. Hofrathe und Schatzmeister Herrn Vesque v. Püttlingen zu melden. Wo ist das größte Weinfaß? Meine jungen Leser werden wohl gleich auf das bekannte Heidelberger- Faß rathen. Es ist ein Riesen- saß, welches 708 Eimer oder 286000 Bouteillen Rheinisch faßt. Oben hinauf führt eins bequeme Treppe zu einem kleinen Tanzsaale. Kein Reisender läßt dieses Faß unbe- sucht, aber es ist jetzt immer leer. Einst war e§ bey einer ergiebigen Weinlese voll. Doch auch in den österreichischen Staate» gibt es solche ungeheure Weinbehälter. Wer hat noch nicht das große Faß in Kl 0 ste r 11 euburg gesehn, welches 999 Eimer halt, und mit den tausendsten Eimer zugespundet ist? Mehrmahl war es mit Wein gefüllt, jetzt aber ist es schadhaft, und trägt die schwere Last des Weines nicht mehr. Meine Leser mögen sich das Vergnügen machen, zu berechnen, welche Last dieses Faß trägt, wenn es voll ist. Sie mögen die Maß Wein nur zu 2^ Pfund annehmen. Doch der größte Riese unter allen Fässern in dem österreichischen Kaiserthume, ja auf der bewohnten Erde war lange das große Faß in dem fürstlich Dietrichsteinischen Residenz Schlosse N ik0 ls b urg in Mähren. Es faßt 2000 Eimer Wein. Die Inschrift auf demselben sagt, daß es im Jahre 1648 von dem Werkmeister Christoph Specht, Binder und Bankrichter von Brünn erbauet worden ist. Bartholomäus Schütz, Sr. hochfürstlichen Gnaden Zimmer-mann aus Innsbruck in Tirol, hat die künstlichen Sattel verfertiget, die unter jedem Reife sich befinden, und auf welchen das ungeheure Faß ruht. Zwey und zwanzig dicke und breite Reife umspannen das Faß, und halten die ungeheuren Dauben zusammen. Jeder dieser Reife wiegt 700 Pfund. Es wurde also zu den Reifen allein ein Gewicht von 164000 Pfund Eisen erfordert. Man denke sich dazu die Schwere der dicken Dauben, und dann erst die Schwere des ganzen Fasses, wenn es mit Wein gefüllt ist, so muß man über diesen Riesen-Weinbehältsr, der mehr als ein großer Keller enthält, erstaunen. Dieses Faß war oft voll, nun ist eS leer. Ein vaterländischer Dichter singt von ihm: Da lieg' ich ärmstes aller Fässer, Nur noch zur bloßen Rarität! Ei» Wink für jeden Eisenfresser, Der sich so närrisch aufgebläht. Doch füllt man wieder kunsterfahren. Mich mit dem allerstärksten Wein, Darf Schwarzenberg mit seinen Scharen, Allein der Kellermeister seyn. Der nächste an diesem Riesen war immer das große Faß zuD 0 tis oder T 0 tis(Tota), einem beträchtlichen Marktflecken derK 0 m 0 rne r- Gespan,ischaft in Ungarn. Es kann in seinem Schlunde i5oo Eimer verbergen, und folglich seinem Heidelberger Kameraden nicht nur an die Seite gestellt, sondern vorgezogen werden. Die Höhe desselben beträgt 14, die Länge 24 Schuh; die Dicke der Dauben 6Zoll. Die Dauben werden durch mehrere Zoll dicke ungeheure eiserne Reife, und auch noch durch armdicke eiserne Schraubenstangen zusammen gehalten. Man steigt mittelst einer Leiter zum 2.', Spundloch hinauf, welches, statt des gewöhnlichen Spundes, mit einem Eimer-Fäßchen verschlossen wird. Oben auf dem Fasse kann man bequem herumspazieren. Dieses Meisterstück in seiner Art wurde von dem herrschaftlichen Binder aus Eichenholz, welches in den dortigen Wäldern gewachsen ist, an Ort und Stelle verfertiget, und hat außer dem Vorzüge, ein ganz inländisches Kunst- Pro-- duet zu seyn, auch noch das vor dem berühmten Heidelberger- Fasse voraus, daß es nicht bloß zur Schau da ist, sondern auch als Weinbehälter benutzt wird. Vor mehrern Jahren war es noch ganz gefüllt; allein der außerordentliche Druck dieser großen Masse von Wein zersprengte ein Paar Reife, und eine beträchtliche Menge Wein ging verloren, ehe man dem Uebel abhelfen konnte. Doch der Schaden wurde verbessert, mehrere Reife wurden angelegt, und es wird, wenn die Weinlese reichlich ist, gefüllt. Der große Keller. Dieses Faß muß in einem ungeheuren Keller liegen, werden meine jungen Leser sagen. Ja freylich, der Keller ist so groß, daß er 5o,ooo Eimer fassen kann. Er liegt eine halbe Stunde vom Marktflecken entfernt, und ist in gerader Richtung in einen Hügel, welcher zu dem allenthalben mir Reben bepflanzten Verlescher- Gebirge gehört, hinein gegraben. Durch den ersten Gang kommt man zu einem sehr großen unterirdischen Saal, aus welchem acht Gänge wie t Strahlen aus einem gemeinschaftlichen Mittelpuncte nach allen Richtungen, in einer Länge von beyläufig 3o Klaftern auSlaufen. Auf beyden Seiten in jedem Gange liegt eine Reihe kleinerer zehneimeriger Fässer, dann folgen Fässer von 3oo— stoc»— 5oo— 600 Eimer, von denen ein jedes als Riese erscheint, und nur durch die Nachbarschaft des ungeheure» r5oo eimerigen Fasses, welches mitten im großen Saale liegt, zum Zwergen herabsinkt. Der Keller ist überhaupt so groß, daß man mit einem sechsspännigen Wagen hineinfahren, und in der Mitte um das große Faß umwenden kann. Die Füllung des großen Fasses geschieht auf eins ganz besonders Weise. Gerade oberhalb desselben ist über dem Keller ein geräumiges Zimmer erbaut; in den vier Ecken des Zimmers stehen Bottiche, deren jeder bey zehn Eimer- halt. Aus jedem derselben geht eine starke Röhre in die Mitte des Zimmsrbodens, und alle vereinigen sich in einen großen dicken Schlauch. Dieser lauft durch eine Oefsnung, welche im Boden des Zimmers oberhalb des Spundloches angebracht ist, in das Faß, und führt auf eine sehr bequeme Art den Most, der in die Bottichs ausgeleert worden ist, dem Spundloche zu, welches denselben mittelst einer sehr großen Gießkanne auffängt, und ihn in das Faß lauft» läßt. Das Riesenfaß zu Tyrnau. Diesen Riesen aller Fässer hat imJahre 1828 der Bürger und Weinhändler Anton Walz zu Tyrnau von dem Pesther Faßbindermeister Ma r t i n D 0 n n e r verfertigen lassen. Es faßt Lna§ Eimer, und ist aus dem slavonischen Ei- chenholze gebaut, hat 19 Schuh 6 Zoll Länge, und 16 Schuh 11 Zoll größte Höhe. Dieses Riesenfaß halten 22 eiserne Reift zusammen, welche 65 Centner wiegen. Es ruht in 6 eichenen Satteln, welche bis an die Mitte des Fasses hinauf reichen. Der Meister hat es in 90 Tagen zusammen gesetzt und völlig hergestellt, und am 19. 20. und 2i. Aprill 1624 wurde es unter Feyerlichkeiten mit Wein aus den Rebengebirgen Sr. kaiserl. Hoheit deS Erzherzogs Palatiuus ganz angefüllt. 57 Merkwürdigkeiten von Dotis. Aber nicht ein Weinfaß allein macht Dotis bekannt. Es ist die zweyte bedeutende Ortschaft der Komorner-Ge- spannschaft, hat gegen drey Stunden im Umfange und zählt bey 7000 Einwohner, Dieser beträchtliche Ort gehört dem Grafen Franz Esterhazy und ist durch seine freundliche Lage überaus angenehm. Ein Theil desselben liegt auf einem Hügel, und wird die obere Stadt genannt; der andere Theil, welcher an einem eine halbe Meile langen und 400 Klafter breiten Fischteich liegt, heißt die Seestadt. In der Mitte dieser zwey Städte liegt das alte Schloß. Allein nur Ruinen mit Moos bedeckt, zeigen auf dessen ehemahlige Große und Erhabenheit hin. Hier hatte der König von Ungarn Mathias Corvinus viele Frühlinge zugebracht, und durch die reihende Natur sein Gemüth erheitert. Außer einem prächtigen Pallaste war hier auch ein künstlich angelegter Teich und ein Lustgarten. Noch jetzt umgibt Wasser die Ruinen des Schlosses, welches im Vierecks gebaut war, und es ist kein anderer Eingang als über eine steinerne Brücke. Die gesunde Luft, welche den Marktflecken und seine Umgebungen durchwehet, zeiget sich an dem guten Aussehen und starken Körperbaue der Einwohner. Diese nähren sich meistens von Handarbeiten; vorzüglich gibt es hier viele Tuchweber, Kotzenmacher und Schuster. Auch eine Majolika-Fabrik ist hier, und die in derselben verfertigten Geschirre werdenw eit und breit verführt. In den 56— Umgebungen von Dotis findet man außer Tufsteinen und Versteinerungen au verschiedenen Orten schönen rothen und Klauen Marmor und zwar in solcher Menge, daß die ganze obere Stadt aus Marmor-Stücken erbaut zu seyn scheint. Dotis hat auch einen an Naturschönheiten reichen englischen Garten, welchen erst vor dreyßig Jahren der Besitzer des Marktfleckens, Graf Franz Esterhazy, hat anlegen lassen. Außer dem, daß in diesem Garten die einfache schone Natur das Auge ergeht, setzen die Quellen, welche an zwey verschiedenen Orten hervorsprudeln, den Zuschauer in das größte Erstaunen, indem daS Wasser in der Dicke eines Weinfasses drey Schuh hoch mir großem Geräusche sich emporhebt, und dann auf künst-. lichen Wegen durch verschiedene Theile des ganzen Gartens in verschiedenen Krümmungen fließt, an einigen Orten dem Auge sich entzieht, an andern wieder in dem Schatten dichter Baume und zwischen spitzigen Felsen mit großem Gemurmel hervorstürzt. Angenehme Grotten sind angebracht, welche auf niedlichen Sitzen dem Spatzierge- henden Ruhe und Kühlung anbiethen. Das Wasser dieser zwey Quellen hat die Kraft, innerhalb sieben Tage jedes Holz mit einer Steinrinde zu überziehen. Beyde vereinigen sich in einen Bach, der über zwanzig Mahlmühlen und einige Walkmühlen in Dotis und in den Umgebungen in Bewegung setzt. Der Feldmesser und seine MeßruLhe. Ein sehr betrunkener Feldmesser wollte dennoch seine Arbeit fortsetzen. Er konnte aber kaum aufrecht stehen, viel weniger die Meßruthe gehörig anlegen. Seine Aus- 59 messimg und Berechnung fiel daher grundfalsch aus, daß mau ihm große Vorwürfe machte. Sta^ alle Schuld sich beyzumeffen, lallte der Berauschte:„Daran ist nur die verwünschte Meßstange Schuld, die bald vier, bald acht Fuß hält." Erzürnt warf er sie ins Feuer. Wem fallen hier nicht jene unluftigen und faulen Knaben ein, welche, wenn sie schlecht schreiben, und deßwegen Vorwürfe bekommen, die Schuld auf die Feder geben, und sie voll Unwillen auf Tisch und Bank aufstoßen? Spielet mit Schießpulver nicht. 1. Ein Knabe wird durch eine Explosion getödtet. Im November i8o5 hatten die Russen bey ihrem Rückzüge nach dem Gefechte bey O b e r h o l l a b r u n n V. U. M. B. einen Pulverkarren zurückgelassen. Der Wirth von M* führte ihn nach Hause, und verbarg ihn vor den nacheilenden Franzosen. Zwey Monathe darauf, als diese Gegend von den Feinden geraumst war, wurde das Pulver aus dem Karren in ein Zimmer des obern Stockwerkes gebracht.— Eines Abends machte sich der Sohn des Wirthes beym Lichte Geschäfte in diesem Zimmer. Er fing an, das Pulver aus den Säck- chen auszuleeren, und auf den Tisch zu schütten. Aber ein Funken vom Lichte hatte, man weiß nicht wie, das Pulver entzündet. Mit einem schrecklichen Krachen flog der obere Theil des Hauses in die Luft, und der Knabe wurde weit hinaus geschleudert, wo er ganz zerrisse» und todt zur Erde siel. Der untere Theil des Hauses war erschüttert und die Mauer geborsten. Alles mußte sich retten, um sich vor dem nahen Einstürze zu sichern. Zum Glücks war bey dieser schrecklichen Explosion des Pulvers niemand in der Nähe, der von den herabfallenden Trümmern hatte beschädiget werden können.— Ist es nicht eine wohlthätige Anordnung, daß man Pulver nur auf dem Dachboden aufbewahren darf? War es nicht ein unverzeihlicher Leichtsinn, daß der Knabe mit einer brennenden Kerze in ein Zimmer ging, wo Pulver in Säcken aufbewahrt war, und sogar Pulver aus den Säcken leerte? Wie schwer hat er seinen Leichtsinn und Unverstand gebüßt, und welchen großen Schaden hat er angerichtet 2. Knaben zünden mit Pulver ein Dorf an. Mehrere Knaben hatten sich zu Stephansdorf bey Neisse in Schlesien im August i8n versammelt, um verschiedene Feuerwerke mit Pulver zu machen, welches sie auf dem Exerzier-Platze von den weggeworfenen Patronen gesammelt hatten. Nachdem sie einige Zeit ihr gefährliches Spiel getrieben hatten, sireueten sie in einer langen Linie Pulver auf die Erde, und zündeten es an. 'Aber dieses Lauffeuer ergriff einen darneben stehenden Strohhaufen, in dessen Nähe sie vermuthlich Pulver verstreut hatte». Er brannte bald hell auf; all ihr Bemühen, das Feuer zu löschen, war vergebens. Als sie um Hülfe riefen, hatte die Flamme schon das nächste Strohdach ergriffen, und in einer Stunde standen 22 Häuser in Flammen, welche nebst dem Pfarrgsbäude in Asche gelegt wurden. Der Schade,^en diese leichtsinnigen Buben durch ihr Spiel angerichtet hatten, belief sich auf 5o,oc>o Thaler. Wie viele arbeitsame Menschen sind durch den Muthwillen und die Unbesonnenheit dieser Knaben um ihr Vermögen gebracht worden, welches sie im Schweiße des Angesichtes sich erworben halten! Konnten sie jemahls froh diesen Leuten ins Angesicht sehen? Werden sie nicht mit eigenen Ohren die Leute sagen gehört haben:„Seht da die Muthwillige», die uns das Dorf angezündet, uns an den Bettelstab gebracht ha-- hx„!" So großen Schaden bringt Muthwills und Leichtsinn! 3. Ein Knabe versengt sich mit Pulver. Ein Knabe von zwölf Jahren, der nach dem Schuljahre die Ferien auf dem Lande bey seinen Aeltern in R* zubrachte, hat von dem Jäger des Ortes eine Düte voll Pulver erhalten. Er wollte mit demselben einen feuerspeyen- de» Berg im Kleinen machen. Schon hatte er einen Theil des PulverS mit Wasser zu einem Teige geknetet, denselben in ein Loch auf einer Wiese gethan, und mit Erde bedeckt, als er das übrige Pulver in der Düte neben sich hinlegte, und neben demselben knieend Feuer anschlug. Aber ein Funke fiel auf das Pulver, welches neben der Duke verstreuet lag, zündete und flog ihm mit der Düte ins Gesicht, beschädigte ihn dergestalt, daß er auf dem einen Auge lebenslang blind blieb. Alls Haare am Haupte waren mit den Augenwimpern und Augenüedern verbrannt. Die Haut schalte sich vom Gesichte, und mehrere Wochen lang litt er Schmerzen. Handelte der Jäger klug, daß er sich durch das Bitten des Knaben verleiten ließ, ihm Pulver zu geben? Soll man um Dinge bitten, die leicht schaden könne»? Wer von eucb wird wohl noch s-i» Svie! mit Pulse-? - 62 4- Unglück mit Schießpulver durch Unwissenheit. Die Gattinn eines Hafnergesellen in Wien wollte im Winter i 8 n, um das Holz in ihrem Ofen anzuzünden, Feuer schlagen. Aber der Zunder fing nicht. Da fiel ihr ein, daß Pulver viel leichter sich entzünde", und—in der Einfalt ihres Verstandes nahm sie einen Topf mit Pulver hervor, den ihr Gatte im Kasten aufbewahret harte, und fing an, auf denselben Feuer zu schlagen. Aber schon auf den ersten Schlag zersprang der Topf mit einem fürchterlichen Krachen; Thüren und Fenster wurden zerschmettert, die Mauern zerrissen, die Unglückliche selbst aber im Gesichte, auf der Brust und an den Armen so schwer verwundet, daß sie nur durch die sorgfältigste Pflege des Arztes beym Leben konnte erhalten werden. Ihre Augen waren so übel zugerichtet, daß sie lebelang ein b.lodes Gesicht haben wird. Eines ihrer Kinder, ein Knabe von sechs Jahren, der in ihrer Nahe stand, wurde ebenfalls, jedoch weniger stark beschädiget; zwey ihrer Kinder aber, welche in einiger Entfernung standen, kamen mit dem Verluste ihrer versengten Haare davon. Würde das Weib wohl Feuer auf das Pulver angeschlagen haben, wenn sie die verderbliche Wirkung desselben gekannt hattte? Wie gut ist es, liebe jungen Freunde, daß ihr über Ursache und Wirkung der Dinge belehret werdet. Benützet diesen Unterricht! 63 Der Knabe und die Quelle. (Eine Fabel.) An eines Dachleins Quelle Ein Knabe spielend stand, Ee trug ein Stäblein in der Hand, Und taucht es in die Welle. Und wenn es in die Welle sank. Das Stciblein schien gebogen. Und dann herausgezogen Erschien es wieder grad' und schlank. Das daucht dem Knaben wunderbar. Er sprang erzürnt zur Quelle: „Du bist zwar klar und helle, „Allein dein Bornlsin hell und klar, „Hat mich getauschet immerdar.— „Du hast mich schnöd belogen, „Geh! bin dir nicht gewogen." Da tönte fein und helle Ein Sümmchen aus der Quelle. „Mein Kind, ich tausch' und trüge nicht! „Dein eignes blödes Augenlicht „Vermag nicht, meiner Wellen Spiel „Vollkömmlich durchzuschauen; „Drum solltest künftig nicht zu viel „Dem eignen Blicke trauen." — 64 Bieget euch nicht Zu weit über das Fenster hinaus. Theresia R., ein Mädchen von rc> Jahren, griff bey häuslichen Geschäften gern zu. Das Aufräumen und das Ausfegen der Zimmer war ihre gewöhnliche Beschäftigung an jedem Morgen, Irnd sie verrichtete diese Arbeit so emsig, daß ihre Mutter ein Vergnügen daran hatte. Im August 1812 hatte sie den Staub von den Tischen, Kästen und Schränken abgewischt, und wollte das Luch außer dem Fenster ausstauben. Aber unvorsichtiger Weise war sie auf einen Schämmel gestiegen, bog sich zu weit aus dem Fenster hinaus, der Vorderleib bekam das Uebergewicht, und die Unglückliche stürzte vom zweyten Stockwerke hinab auf die Straße, brach den Rückgrat-, und starb nach wenigen Minuten. So hat.eine Unvorsichtigkeit einem hoffnungsvollen Mädchen das Leben geraubt. Und doch sieht man so manche Kinder in den obern Stockwerken leichtsinnig an den offenen Fenstern spielen, sich über dieselben hinausbiegen, wo sie der größten Gefahr, herabzustürzen, ausgesetzt sind. Möchte ihnen diese Unglücksgeschichte zur Warnung dienen! Das Riesengebirg in Böhmen- Lage und Nahme. DaS Riesengebirg erstreckt sich zwar vom Jserge- Lirge im B u n z l a u er- K r e ise in Böhmen an, bis an jene B-rge an der mbhcksch-m Gran.;e, die Böhmen von der Grafschaft Glatz trennen,(ich kitte meine /»Ilsen Leser, hier die Karte von Böhmen zur Hand zu nehmen). Aber hier soll nur von den hervorragendsten Theilen dieses Granzgebirges im Bidschon, er und Königgra- her Kreise in Böhmen die Rede seyn, welche unter'dem Nahmen des Riesengebirges bekannt sind. Der Nahme Riese ngebirg zeigt an, daß diese Gebirge sehr hoch sind. Das erst genannte Granzgebirge mag einen Flächeninhalt von 20 deutschen Quadrat-Meilen haben, und gehört unter die bevölkertsten Bergrücken Deutschlands; aber wegen seiner rauhen Witterung und des unfruchtbaren BodcnS ist e§ eine der unfreundlichsten und unbewirrhbarsten Gegenden des österreichischen Kaiser- staateS, und wird doch von einem braven und fleißigen Völklein bewohnt. Klima, Man sagt gewöhnlich, daß es im Nieftiigebirge drey Vierteljahre Winter, und ein Vierteljahr kalk sey; und beynahe ist dieses Sprichwort wahr. Ein rauher, wintermäßiger Wind wehet der Regel nach gewöhnlich schon mit Ende des Septembers, wo wir in Oesterreich noch schöne Tage haben, und die Trauben erst vollends reifen müssen. Um diese Zeit fallt auf dem Riesengebirae zuweilen auch schon Schnee, der zwar wieder wegschmilzt, oft aber auch bis zum künftigen Frühjahre liegen bleibt. Von dieser Zeit an wird der Winter immer strenger, und der gefallene Schnee liegt oft Mannes hoch über einander, und mehrere Klafter hoch in den Thalern aufgetürmt. Von den Wohnungen der Menschen sind oft nur die Dachgiebel und rauchenden Schornsteine sichtbar, alles Uebrige ist unter Schnee begraben, und die Schwere desselben drückt oft die Wohnungen der guten Leute so sehr, E daß sie einstürzen. Aus den Hütten selbst müssen sie sich Ausgangs durch und unter den Schnee graben. Daher kommen wahrend des Winters die Weiber selten, die Kinder aber gar nicht aus den Hütten, und selbst erwachsene Männer wagen es bey großem Schnee nicht, ohne Schneereife, das ist. Körbe, die an den Füßen befestiget sind, und durch ihre Breite verhindern, daß der Fuß sich nicht zu tief in den Schnee eindrückt, und bey Glatteise ohne Fußeisen sich weit von ihren Wohnungen zu entfernen; denn im ersteren Falle würden sie im hohen Schnee versinken, ohne Fußeisen aber oft ausglitschen und über die schroffen Wege Herabgleiten. Die Fußeisen, das ist, eiserne Spitzen, werden unten an der Fußsohle mir Schnüren und Riemen befestiget. S ch n e e b a h n e n. Selbst wenn durch mehrere Fußgänger eine feste Bahn getreten worden, ist es für jene Bewohner, welche nicht kräftig und rüstig sind, gar nicht räthlich, sich weit von ihrer Wohnung zu entfernen; denn ein unvermuthet eingefallenes Schneegestöber hat binnen kurzer Zeit jede Spur der getretenen Bahn unkenntlich gemacht. Um die einmahl sicher getretenen Bahnen, welche in die entfernten Ortschaften führen, nicht zu verlieren, werden Stangen>üit Strohwischen als Merkmahle und Wegweiser ausgesteckt; aber auch diese werden oft bis' oben an mit Schnee bedeckt, und man findet sich genöthiget, neue solche Wegzeiger auszustecken. Zuweilen lösen sich große Schneemassen von den steilen Felsen los,, rollen über die Berge herab, und vergrößern sich im Herabrollen zu ungeheuren Ballen, die alles zerstören, was ihnen im Wege ist. Abgeschiedenheit im Winter. Diese Bergbewohner, deren Hütten mehrentheils zer- streut auf den Abhängen der Berge liegen, sind also im Winter von der ganzen übrigen Welt getrennt. Kranken kann kein Arzt, Sterbenden kein Seelsorger beystehen. Kränkliche und alte Leute, welche besorgen, den Winter nicht durchzuleben, rufen vor Einbruch desselben den Priester zu sich, versorgen sich mit geistlichem Troste, und überlassen sich dem Willen Gottes. Sterben sie, so müssen sie im Schnee verscharret werden, bis es die Witterung und die Wege gestatten, ihre Leichname in den entfernten Gottesacker zur Beerdigung zu überbringen. Neugeborne Kinder bleiben bis zum Frühlinge ohne Laufe; denn es gibt keinen Weg in die Kirche; der Pfarrer kann auch nicht in das Haus kommen, wo der Neugeborne die Taufe empfangen könnte. Das Schmelzen des Schnees bringt Gefahr. So lange der Winter dauert, so kurz ist in dem Niefengebirge Frühling, Sommer und Herbst. Nur vier Monathe, vom Junius bis September, nehmen diese drey Jahrszeiten ein. Mit Ende May, wo es bey uns schon manches Mahl reife Kirschen gibt, ist im Niefengebirge selten der Schnee von den hohen' Bergen ganz geschmolzen; ja man kann noch im JuMus und Julius in hen riefsten Schluchten vielen Schnee antreffen. Das Schmelzen des Schnees, wo wir uns schon des kommenden Frühlings erfreuen, macht den Bewohnern der Thäler viele und große Besorgnisse. Kleine unbedeutende Bäche schwellen durch das zusammengelaufene Wasser zu reißenden Flüssen, und Flüsse, die bey ihrem Ursprungs in den Bergen ganz klein sind, wachsen zu gewaltsamen Strömen an, und verwüsten in den Thälern die mühsam angelegten Gärten, die sorgfältig gepflegten Wiesen und Felder; indem sie dieselben mit unfruchtbarem E 2 - 68- Sande überschütten, der nur mühsam wieder weggeschafft wird; oder sie reißen da? fruchtbare Erdreich, welcher nur sparsam den steinigen Boden bedeckt, mit sich fort, und erweitern ihr Flnsibeet in das fruchtbare Land. Der Sommer. Die Luft ist im Sommer immer kühl, und des Nachtr, wie bey uns im Herbste kalt. Nur im August gibt es bey anhaltend trockenem Wetter auch schwüle Tage wo aber gerne Gewitter mit Platzregen, Hagel und Wolkenbrüchen entstehen, die fürchterlich wüthen. Oft sind schon Hirten und ihr Vieh, welche sich während eines Donnerwetters in Waldungen verborgen hatten, von. Blitze getodtet worden. Sturmwinde reißen ganze Strecken Waldes nieder, und das bey starken Regengüssen von den Bergen h-rabstromende Wasser zernichtet die mit Müh- bebauten Felder, reißt die Feldfrüchte, den Dünger und das gute Erdreich mit sich fort in die Thäler von wo es wieder durch die angewachsenen Bache und Flüsse fortgeführt wird. Mitten im Sommer, während auf dem flachen Lande die Sonne angenehm scheint, und die Früchte zur Reife bringt, oder ein lauer Regen fällt, toben kalte Winde anf den hohen Bergen und in den Thälern, die in dicke Wolken gehüllt sind. Erzeugnisse. Bey einem so rauhen Klima auf den hohen Bergen kann man auch kein- Fruchtbarkeit erwarten. Zwar bringen di« Thaler des niederen Vorgebirges alle Getreidea^en des flachen Landes, Korn, Weitz-n, Gerste und Hafer hervor, aber in geringer Menge, und nicht so vielmals die Bewohner dieser Thäler jährlich brauchen. Auch Hülsenfrüchte, einiges Gemüse, und einige Banmsrüchte gedeihen hier, wenn sie sorgfältig gepflegt werden. Besonders aber kommen in - 69— diese» Gegenden die Erdapfel und der Flachs gut fort. Der Flachs erhalt hier bey einem sonst günstigen Jahre eine Lange und Zartheit, wie man sie im flachen Lande selten findet. Wie aber die Bergs stufenweise hoher werden, nimmt die Fruchtbarkeit des Bodens ab. Nur in den Hausgarten, wo das gute Erdreich mit Mühe gesammelt wird, sieht man Kraut, Rüben und Erdapfel; nur hier und da wird dem steinigen Boden ein kleines Feld abgewonnen und bebauet, und dieser Platz muß der Sonne sehr ausgesetzt seyn, daß die Strahlen derselben von Früh bis Nachmittag hinfallen; sonst gedeihet nichts. Denn die Sonnenwärme muß in den wenigen Sommertagen durch eine stärkere Einwirkung die Früchte schnell zur Reife bringen. Viehzucht. Der Riesengebirgs-Bewohner muß sich größten Theils von seinen Kühen und Ziegen nähren; aber auch diese Nahrung macht ihm in diesen unmirthbarew.Gegsnden Mühe und Sorge. Um Futter zu gewinnen, hat er auf drey verschiedenen Plätzen Wiesen: in den Thälern, welche, wenn sie nicht Überschwemmungen ausgesetzt sind, am meisten Gras liefern; auf den Abhängen der Berge, welche er init der Jauche der Viehställe dünget, damit sie ergiebiger werden; dann hat er Grasplätze auf den höchsten Gebirgsgegenden; aber diese bringen nur ein kurzes, mageres und sprödes Gras, welches erst nach zwey Jahren die Mühe des Abschneidens lohnt, und mühsam auf Schlitten zu den Wohnungen geführt wird. Der vermöglichere Gebirgsbewohner hält zwölf bis zwanzig Kühe, der ärmere kann sich oft kaum eine anschaffen. Er nimmt daher aus den niederen Gegenden ein Stück gegen gewisse Zinsen den Sommer hindurch in die Miethe, und sucht sich von selbem zu nähren, und Käse für den Win- 70 ter aufzusparen. Die Aermsten halten eine Ziege, die man ihnen aber nicht gern gestattet, weil sie auf der Weide die jungen Bäume abnagen. In der kurzen Sommerszeit ist das Vieh gewöhnlich auf der Weide. Die Bergbewohner legen höher auf den Bergen Hütten an, und übersiedeln dorthin mit dem Mehe. Sie machen Butter und Käse, und tauschen den Verrath, welchen sie für den Winter nicht brauchen, gegen andere Nahrungsmittel und Lebensbedürfnisse in den benachbarten Ortschaften Böhmens und Mährens um. Pferde werden nur in den niedern Gebirgsorten gehalten; denn wegen der steinigen und schmalen Wege in den höheren Gegenden sind sie weder zum Reiten noch zum Tragen, und wegen des gänzlichen Mangels der Fahrwege zum Ziehen gar nicht zu gebrauchen. Auch Schweine und Schafe trifft man nur in den niedern Gegenden an, wo mehr Futter wächst. Körperliche Beschaffenheit und Nahrung der Gebirgsbewohner. Im Allgemeinen sind die Gebirgsbewohner von mittlerer Größe; ihr Körper ist untersetzt, jedoch bey der armseligen Nahrung hager, ihre Knochen sind stark, die Muskeln kraftvoll; die Gesichtsfarbe ist meistens braun oder blaß. Ihr Gang ist schnell; sie halten mit besonderer Leichtigkeit Stundenlanges Bergsteigen ohne Schweiß aus, und sind im Stande auf ihren hölzernen Tragstellen(Kraksen), welche auf den Kopf und Rücken aufliegen, über Centner schwere Lasten ohne sichtbare Anstrengung in gerader Richtung über die steilsten Gebirgssteigs zu tragen. Sie werden sehr alt, neunzig bis hundertjährige Greise trifft man nicht selten unter ihnen an, und diese sind gewöhnlich munter und noch bey Kräften. 71 Die Kinder werden armselig auferzogen. Den ganzen Winter bringen sie in der schwülen mit Wafferdämpfen vermischten Stubenluft liegend, oder mit unter sich geschlagenen Beinen sitzend zu, und werden ärmlich genährt. Sind sie süns bis sechs Jahre alt, so müssen sie Flachs spinnen oder spuhlen. Nur im Sommer haben sie Bewegung in freyer Lust, und werden zu kleinen Hausgeschäf- ten, zum Hüthen der Kühe u. dgl. verwendet, oder in in die Schule geschickt. Nahrung. Die tägliche Kost des Riesengebirgs- Bewohners besteht nebst Brot, Milch, Käse und ein wenig Butter aus Sauerkraut, Wasserrüben und Erdapfeln; selten sieht er Hülscnfrüchte, als Erbsen, Linsen, Bohnen. Ein allgemeines Lieblingsgericht ist der so genannte Sauerkübel, eine säuerliche Suppe, die meistens mit gesäuertem Brotteige bereitet wird. Eine festliche Mahlzeit geben Mehlklöße(Knödel) mit Butter abgeschmalzen, öderem aus Mehl gekochter Brey, der, wenn es das Vermögen zuläßt, mit zerriebenem Pfefferkuchen bestreut wird. Fleisch kommt bey dem armen Gebirgsmanne kaum einmahl im Jahre auf den Tisch. Im Sommer werden die Erd- und Heidelbeeren, im Herbste allerley Schwämme gesammelt und genossen. Das gewöhnliche Getränk der Gebirgsleute ist Wasser, Molken- und Buttermilch. In dem Frühstücke, Mittags- und Abendmahle ist kein wesentlicher Unterschied, als daß nur Mittags auch Brot genossen wird, mit dem man sehr haushälterisch seyn muß, weil die wenigsten ihren kümmerlichen Bedarf an Rocken bauen, und den Abgang von ihrem wenigen G-de kaufen, oder für Butter und Käse eintauschen müssen. 72 Wohnungen der Gebirgsleute. Die Wohnungen baut sich der Gebirgsbewohner fast dmchgehends von Holz, und au grasreiche Plätze, wo er Futter für sein Vieh und frisches Quellwaffer findet. Das hölzerne Gebäude ruhet auf einer von Stein gemauerten Unterlage. Auf diese werden dicke Bohlen, welche sie au§ den Waldbäumen hauen, dicht übereinander gefügt, und bilden die Wände. Die Fugen zwischen den auf einander liegenden Bohlen werden mit Moos ausgestopft, und mit Lehm verschmiert. Der Fußboden und die inneren Wände sind gewöhnlich nur bey Vermöglicheren mit Bretern bekleidet. Jene Seite des Hauses, welche dem Anfalle des Windes, Regens und Schnees am meisten ausgesetzt ist, wird mit Schindeln überzogen; der Eingang aber zur Winterszeit mit Wänden von Reisig, mit Holzschobern oder mit aufgethürmten Fichtengranen verschanzt, damit er nicht vom Schnee verwehet werde. Das Dach ist allenthalben mit Schindeln bedeckt, weil das Stroh zu den Strohdächern in diesem feldarmen Gebirge schwer zu bekommen, und zu kostbar ist. Die Fensterscheiben sind von Glas, die Fenster selbst aber klein, und mit einem Schuber versehen, der, wen» er auch geöffnet wird, nicht hinreicht, die Stube gehörig zu lüften, Die Baude. Das ganze Haus besteht in einer Stube, manchmahl in einer daran stoßenden Kammer, in einem Vorhause, das zugleich die Küche ist. Die andere Hälfte des Gebäudes nimmt der Viehstall und eine Kammer zu den Hausge- räthschaften ein. Auf dem Boden wird das Viehfutter aufbewahrt, und dort schlafen gewöhnlich auch die größeren Kinder und das Gesinde. Rückwärts ist an das Haus eine Holzschuppe und der Milchkcller angebaut, durch welchen das kalte Bergwasser aus einer Quelle, deren es hier viele gibt, mittelst einer Rinne in einen Trog geleitet wird, um Milch und Butter im Sommer frisch zu erhalten. Eine solche Wohnung nennt der Riesengebirgs-Bewohner eine Baude. Ein zur Viehzucht ordentlich eingerichteter Gebirgs- mann hat nebst jener Baude, die er mit seiner Familie und seinem Viehe im Winter bewohnt, auch noch eine Sommerbande, welche auf den höheren Gebirgsleh- neu zerstreut liegen. Hier bringt er mit seinem Viehe den kurzen Sommer zu. Der Kachelofen ist nicht nur im Winter, sondern zu allen Zeiten des Jahrs das wichtigste Hausmöbel; in demselben sind eine Bratröhre, und ein, auch zwey kupferne oder eiserne Ofenröpfe angebracht. In der Röhre werden Winter und Sommer die Speisen gekocht, die Erdapfel gebraten; in den Töpfen aber werden das ganze Jahr hindurch Futterkräutsr für das Vieh abgebrühet. Die Luft in der Stube ist daher wegen des, selbst an den wärmsten Sommcrtagen geheitzten Ofens, und der au» den Kesseln aufsteigenden Dampfe, die von den Futterkräutern heftig riechen, für jeden unerträglich, der nicht daran gewöhnt ist. Beschäftigung des Riesengebirgs- Bewohners. Der Riesengebirgs-Bewohner ist ein arbeitsamer Mann, und doch erwirbt er sich kaum so viel, daß er sich und seine Familie nähren kann, und lebt dabey schlechter als der geringste Taglöhner in Oesterreich. In Mißjahren, welche besonders in kalten und nassen Sommern eintreten, und wenn der Preis des Getreides auf dem flachen Lande hoch steigt, kann er sich und die Scinigen kaum vor Hunger schützen, wie es im Jahr 1804, i8i5 und 1816 der Fall war, wo äußerstes Elend, Mangel und Hunger in diesen armen Gegenden herrschten. 74— Menschenfreunde suchen sie dann durch Sammlungen an Geld und Feldfrüchten zu unterstützen, welches in dringenden Fallen durch bedeutende Hülfe aus dem Staatsschätze geschehen ist, und die edlen Bohmen haben hierin schon öfters schone Beyspiele gegeben. Wie getrost können die guten Gebirgsbewohner seyn, welche der Zufall in so unfreundliche Gegenden versetzt hat, daß sie einem großen Staats mit menschenfreundlichen Bewohnern angehören, wo der gütige Landesvater für alle seine Unterthanen, auch für die ärmsten sorgt, und wo alle bereit sind, das Elend ihrer Mitbürger zu lindern. Tagesbeschäftigung. Der Gebirgsbewohner steht bey Tagesanbruch im Sommer, und bey noch finsterem Morgen im Winter mit den Seinigen auf, und kommt gewöhnlich vor ro Uhr Nachts nicht wieder zur Ruhe. Den ganzen Tag beschäftiget er sich mit dem Viehe, und im Hauswesen, mit Spinnen und Weben oder mit einer andern Arbeit innerhalb oder außer seiner Wohnung. Die Besorgung des Viehes, das Brechen des Flachses, die Bereitung der armen Kost ist das Geschäft des Weibes; das Brotbacken, daS Holz fällen und Zuführen im Winter, das Lastencragen, und die Ausbesserung und Verfertigung der einfachen Hausgeräthschaften die Arbeit der Männer. Bey der Heuernte und in ihrem kleinen Gärtchen helfen beyde zusammen. Eines von den Kindern hüthet das Vieh, wobey es sich gewöhnlich mit Spinnen an der Spindel die Zeit verkürzet, welche schöne Gewohnheit auch die Kinder in unserem Oesterreich, besonders im Viertel ober dem Manhartsberge und ober dem Wienerwalde nachahmen dürften, welche-die Zeit beym Vieh- hüthen gewöhnlich mit Nichtsthun oder mit Muthwillen verderben. 75 Alte übrigen Geschwister sind indessen zu Hause beym Spinnrads beschäftiget; Vater und Mutter leisten ihnen Gesellschaft, so bald sie außer Hause nichts zu thun haben. Zur Winterszeit ist Spinnen und Weben das einzige Geschäft, welches bey dunklem Morgen anfangt und bis in die späte Nacht fortgesetzt wird. Sind mehrere Bauden neben einander, und läßt es der Schnee zu, so finden sich Verwandte und Nachbarn mit Spinngeräthschaften zum wechselseitigen Besuchs ein, wo man sich durch freundschaftliche Gespräche und Lieder die Arbeit angenehm macht. Armuth der Spinner. Bey aller dieser Mühe und Arbeit leben gewiß neun Theils von der Summe der Gebirgsbewohner in Dürftigkeit, und nur den zehnten Theil kann man wohlhabend nennen. Denn zuerst ist der Boden äußerst unfruchtbar, und nur mit unchglicher Mühe kann ihm eine Frucht abgewonnen werden. Die wenigsten besitzen so viel Vieh, daß sie von demselben die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse erhalten konnten; die Kühe selbst geben trotz aller Pflege kaum die Hälfte der Milch, welche wir von den unsrigen erhalten. Viele aber haben weder Haus und Grund noch Vieh, und müssen üch von, Spinnen, Weben und vom Taglohne kärglich erhalten. Das Spinnen und Weben selbst wird wie überall, doch hauptsächlich hier schlecht bezahlt; denn wie konnte sonst die Leinwand, deren Bereitung so viele Mühe, Arbeit und Zeit erfordert, so wohlfeil seyn t Dazu kommt noch, daß das hohe Gebirge die zum Spinnen erforderliche Menge Flachs nicht hervorbringt. Der Spinner muß ihn aus Mangel des Geldes in kleinen Partien oft pfundweise einkaufen, und so immer theurer als jener bezahlen, der eine größere Menge auf einmahl nimmt. Das daraus gesponnene Garn verkauft der Gebirgs- — 76— bewohner Strähn- oder Stückweise dem sogenannten Garnmanne, dergleichen es einen oder mehrere in jedem Dorfs gibt; dieser bezahlt es ihm um einen niedrigen Preis, daß der Spinner kaum bestehen bann. Oft ist, während der Riesengebirgs-Bewohner seinen theuer erkauften Flachs verspinnt, derselbe im Preise gefallen, und er erhalt für das daraus gewonnene Garn kaum so viel, als ihm der Flachs gekostet hat. Webt er das Garn selbst zu Leinwand, so ergeht es ihm auch nicht viel besser. Er muß, um Geld zu bekommen, bald seine verfertigte Leinwand verkaufen. Das weiß der Käufer, und sucht sie von ihm um den möglichst niedrigen Preis zu erhalten. Ist der Flachs, wie es öfters geschieht, wahrend der Verarbeitung zur Leinwand, wohlfeiler geworden, so bekommt der Weber manchmahl kaum das für den Flachs ausgelegte Geld zurück. So sieht sich mancher um seinen Verdienst gebracht; aber er wird dadurch noch unermüdeter, um so viel zu gewinnen, daß er Brot für sich und die Seinigen schaffen kann. Arbeiten im Walde und auf der Bleiche. Durch das Fällen und Zerhauen des Holzes in den hohen Wäldern schaffen sich auch manche Bewohner des Riesengebirges Verdienst. Diese Arbeit wird hauptsächlich im Frühjahre unternommen, wenn die Wässer hoch angeschwollen sind. In diese wird das Holz von den hohen Bergrücken hinabgeschläudert, und in denselben in die Gegenden des Vorgebirges und in das stäche Land geschwemmt. Andere Wege, das Holz durch Fuhrwerk weiter zu bringen, gibt es auf diesen steilen Bergen nicht. Viele von den Gebirgsleuten glauben ihre Lage dadurch zu verbessern, daß sie sich in die benachbarten Fabriken als Bleich knechte verdingen. Ihre Arbeit besteht darin, die Leinwand auf der Bleiche aufzuspannen. 77 zu begießen u. dgl. Dabey sind sie von vier Uhr Morgens a» bis neun Uhr Abends beschäftiget, und verdienen kaum zwey Gulden die Woche hindurch; oberes ist mehr, als sie zu Hause gewinnen würden, und sie sind zufrieden. Andere sammeln in den Wäldern und auf den Bergen heilsame Kräuter und Pflanzen, und verkaufen sie in den böhmischen und schlesischen Apotheken, wodurch ihnen auch mancher Groschen zufließt Schleichhändler. So wenden diese guten Leute alle Mühe und Arbeit an, sich in ihren unfruchtbaren Wohnsitzen Unterhalt zu verschaffen. Freylich gibt es unter ihnen auch einige übelgesinnte Menschen, die durch widerrechtliche Mittel Geld gewinnen wollen. Diese treiben ein gefährliches Händwerk, den Schleichhandel. Sie tragen aus Böhmen Giftn oder Leinwänden nach Preußisch- Schlesien und injdie bssiachbarte Lausitz, und nehmen baumwollene und wollend Waaren, Zucker, Kaffeh, Taback u. dgl. zurück, welches einzuführen streng verbothen ist. Sie betrügen dadurch die Staatsverwaltung, welche nur, um den inneren Wohlstand des Landes zu befördern, die Ausfuhr des Garnes und die Einfuhr obgenannter und noch mehrerer anderer Waaren verbothen hat. Sie täuschen aber oft sich selbst; denn indem sie den Weg über die rauhesten Gebirge und dicksten Wälder bey der Nacht nehmen müssen, machen sie oft einen gefährlichen Fall, der ihnen ihre gesunden Glieder kostet; oft werden sie auch ertappt, und zur verdienten Strafe gezogen. Nebstbey vernachlässigen diese Schleichhändler immer ihre Wirthschaft, verlieren die Lust zur Arbeit, und verthun das Geld, welches sie auf eine so sträfliche Art gewonnen haben, beym Bier- und Branntweinkruge in der Schenke, so daß sie oft ärmer als ihre Nachbarn sind. —^8— welche noch überdieß das gute Bewußtseyn haben, nicht niederträchtig gegen den Staat gehandelt zu haben. Unrecht Gut thut nicht gut, gedeihet nicht. Das Spinnen untergräbt die Gesundheit. So ärmlich im Allgemeinen sich die Bewohner des Riesengebirges ernähren, so sind manche ihrer Arbeiten der Gesundheit auch nachtheilig, und oft lebensgefährlich. Das viele Sitzen beym Spinnen in der heißen und feuchten Stuben- luft, der Verlust des Speichels bey dem immerwährenden Netzen der Finger zum Spinnen; der Dampf der Kienleuchte (denn Kerzen tonnen sich diese armen Leute nicht anschaffen) daS immerwährende Einathmen des Staubes von dem Spinnrocken und dem Garne, daS fortdauernde Arbeiten bis in die tiefe Nacht haben Lungensucht, Auszehrung, Bleichsucht, Wassersucht, selbst oft Blindheit und die fallende Sucht zur Folge. Gewöhnlich sehen diese Leute blaß aus. Die gefährlichste Arbeit für die Männer bleibt aber immer das Zuführen des nöthigen Holzes zu den Wohnungen, welches nur im Winter geschehen kann,' und wobey sich mancher Hals und Bein bricht. Alles Holz wird auf einer Gattung Handschlitten zugeführt. Diese haben keine Stange oder Deichsel voran, sondern bestehen aus zwey starken an einander befestigten Kufen, die vorne aufwärts wie Hörner gebogen sind, welche sich diese Leute auS dazu geeigneten Holzstämmen selbst verfertigen. Auf den Schlitten wird oft eine Klafter Scheiter geladen, und er muß durch seine Schwere über die Abhänge der höchsten Gebirge von selbst Herabgleiten. Rückwärts wird ein Baum oder eine andere Holzschleppe angebunden. - 79- damit der Schlitten nicht allzuschnsll hinabführt. Vorne zwischen die zwey Hörner der Kufen, welche mit Ketten an einander befestigt sind, setzt sich der Mann auf den bela- denen Schlitten, und sucht ihm wahrend der schnellen Fahrt über die steilen Abhänge die nöthige Richtung zu geben, und jedem Baume und jeder hervorstehenden Felsenspitze auszuweichen. Pfeil'chnell gleitet der Schlitten oft hinab, und da geschieht es nicht selten, daß der arme Steuermann durch das Anprellen an einen Baumstamm oder an ein Felsenstück erschlagen, oder daß er unter den Schlitten gerath, und von der Last des Holzes erdrückt wird. Verrenkungen und Beinbrüche sind nicht selten; denn die Füße, mit welchen er das Fuhrwerk regieren will, indem er sie an einen vorkommenden Baum oder Stamm anstemmt, um dem Schlitten die Richtung zu geben, können dem Drucke des herabgleitenden schweren Schlittens nicht widerstehen, und werden oft verrenkt oder gebrochen^ Das Tragen schwerer Lasten zur Sommerszeit auf dem Kopfe und Mücken oder mit beyden zugleich, indem in den hohen Gebirgen alle Lebensbedürfnisse, so wohl für Menschen als für das Vieh, auf dem Rücken herbeygeschafft werden müssen; das viele Gehen mit bloßen Füßen über Steine, Gestrippe und Baumwurzeln, und bey Nachtszeit auf schmalen, unebenen, glatten Fußsteigen, nahe bey steilen tiefen Klüften und Bergabhangsn, sind nicht minder nachtheilig für die Bewohner des Riesen- gebirgs, wenn auch die viele Uebung und Gewohnheit ihnen das leichter macht, was wir für die größte Beschwernis) ansehen. So leben und weben die armen Leute im Riesengebirge, deren Erzeugnis) mancher meiner jungen Leser an seinem Hemde am Leibe tragt, von dem ihnen aber ein winziger Gewinn zufließt. Möge der Himmel ihnen fortdauernd fruchtbare Jahre geben! Aber auch in diesen leben sie, wie wir gesehen haben, nothdürftig. Zur Zeit des Mangels aber wollen wir ihnen beyftehn, undzeigcn, daß der wahre Oesterreich«!: auch seinen entferntesten Mitbürger nicht vergißt. Die B l u m e n k n o s p e. Sag, Vater, warum hat die freundliche Natur Das Knospchen hier auf unsrer Blumenflur So hart und enge eingehüllt? Sieh, wie es aus den Spalten quillt. Und zeigt der Farbe röthlichen Schein! Und möchte gern frey und fröhlich seyn! Was hindert, ich mache das Knospchen auf?" So sprach das Kind. Äer Vater sagte darauf; „Das mußt du liebes Kind nicht thun! Laß nur das rothe Knospchen ruhn. Es ist ja noch so zart und klein, Drum muß es wohl verwahret seyn. Und darf noch nicht seh'n den hellen Tag, Daß Frost und Wurm ihm nicht schaden mag. Es ruht ja in Windeln, weich und grün, Noch braucht es der heimlichen Pflege,. Bald wird eS am Wege Uns lieblich duften und blühn." 8L Der Blinde und sein Hund. Mit Rührung betrachtete ich oft den alten Blinden, der von seinem Hunde, wie von einem sorgsamen treuen Freunde geleitet, die gangbarsten Straßen Wiens, wo Fußgänger sich drangen, wo schnell fahrende Wagen sich kreuzen, sicher durchwandelt, und unbesorgt zu den Wohnungen der Menschenfreunds gelanget, die den Blinden auf einen bestimmten Tag in der Woche zu sich beschicken, wo er eine inilde Gabe, Speise und Trank von denselben erhalt. Wenn ich dem Armen so nachschlich, auf ihn und den Hund, wie auf zwey unzertrennliche Freunde hinsah, deren wechselseitige Hülfe keiner von ihnen entbehren kann, so rief ich oft gerührt aus:„Wie groß ist die Schöpfung, wie wohlthätig die Natur, die das, was sie mit zerstörender Hand raubt, auf einer andern Seite wieder ersetzt! Was kann der Mensch, wenn er nur will! In einem Hunde findet er einen helfenden Freund!" Oft war ich in Versuchung zu glauben, daß der Blinde doch einigen Schein des Lichtes haben müßte, weil er so sicher den Weg von den entferntesten Vorstädten in die Stadt und von da wieder zurück macht; selbst einige argwöhnische Leute hörte ich so sprechen, die leider manchen Guthmüthigen verleiteten, die wohlthätige Gabe, die er schon in der Hand hatte, wieder in die Tasche zu stecken; aber zur Rechtfertigung des Armen sey es gesagt, er ist stockblind, und ex ist kein Straßenbettler, der durch Täuschung Mitleiden zu erregen sucht; er hat den Ruf eines biaven Manne», und lebt nur von den Gaben, die er in bestimmten Häusern noch vor kurzem an dem Leitbande seines Hundes, jetzt im hohen Alter von einem Weibe geführt, an festgesetzten Tagen abhohlr. n. Bd. F 82 Ursache seiner Blindheit. Dieser zwey und siebenzigjährige Blmde, heißt Joseph Reisinger, und ist der Sohn eines Invaliden aus dem Wiener Jiwaliden-Hause. Als Knabe kam er mit gesunden Augen hier zu einem Siebmacher in die Lehre, und führte sich so gut auf, daß er lebenslänglich die Liebe und Freundschaft seines Lehrherrn und dessen Gattinn genoß. In seinem sieSeuzehnteu Jahre ging er, wie es bey Handwerrsburschen gebräuchlich ist, auf die Wanderung. Als er zwey Jahre darauf zu F ü n f k i r ch e n in Ungarn in Arbeit stand, bekam er eins heftige Entzündung an beyden Augen, die sich immer mehr verschlimmerte, weil er bey seinen geschwächten Augen noch fleißig fortarbeitete, und dieselben nicht schonte. Das Uebel ward zu arg, und der Meister selbst suchte Hülfe für seinen braven Gesellen. Noch wäre Rettung möglich gewesen, hätte er sich an einen verständigen Arzt gewendet; aber auf Amathen seines Meisters ging der Arme zu einer ungarischen Edel- frau, die sich mit Heilung der Augen abgab. Diese wendete daK allgemein bekannte Hausmittel der quacksalbernden Weiber an— sie blies ihm so lang sein gestoßenen Kanarien-Zucker in die Augen, bis beyde durch Eiterung zerstört, und der arme Siebmachergesell stockblind war. Ein warnendes Beyspiel für alle, welche sich in Krankheiten, und besonders bey Angenübeln an alte Mütter chen und Quacksalber, statt an verständige Aerzte wenden. Der Blinde kehrt nach Wien zurück. Der arme junge Mann war nun von seinem Broterwerbe ganz getrennt, und dem Mangel und Elende Preis gegeben. Aber die Hoffnung, sein Augenlicht wieder zu er- halten, hatte er nicht fahren lassen, denn welcher Elende hoffet nicht was Besseres? Die Hoffnung ist es, welche uns die größten Leiden erträglich macht, und unsern Muth erhalt. Zn Wien hoffte er Erlösung von seiner Blindheit, und er fand gutmüthige Menschen, welche ihn aus Mitleiden mit auf die Reise nahmen, und in der Hauptstadt zu dem damahls berühmtesten Augenärzte, Herrn Professor B arrh brachten. Dieser aber erklärte alsbald seine Augen für unheilbar. Das war nun ein Donnerschlag für den armen Blinden. Sein Muth sank, er jammerte, daß er nun dem Mangel und Hunger ausgesetzt, und bey gesunden Händen nicht im Stande sey, sein Brot durch Arbeit zu verdienen. Doch der Gedanke an Gott, der die Lilien auf dem Felde kleidet, und die Sperlinge in der Luft ernähret, richtete ihn wieder auf. ,,Der Vater im Himmel wird auch mich nicht verhungern lassen," dachte er bey sich selbst, und er hatte sich nicht geirret. Er findet eine Wohthätcriim. Seine Lehrfrau, dessen Gunst er durch gute Aufführung während der Lehrjahre sich erworben, hatte kaum fein Unglück erfahren, als sie ihn mit aller Liebe in ihr Haus aufnahm, und ihn mütterlich verpflegte. Sie erhielt für ihn einen Platz im Siechenhanss, in dem ehemahligen sogenannten Bäckenhäussl, wo er eine tägliche Pfründe von fünf Kreuzern bekam. Da aber dieses kleine Almosen auch bey den damahls sehr wohlfeilen Lebensrnitteln doch nicht zu den unentbehr- !:chnen Bedürfnissen hinreichte, so unterstützte sie ihn noch mit Spcilcn, und markte Menschenfreunde auf sein unverdientes Elend aufmerksam, welche ihm bestimmte Gaben festsetzten, die er in ihren Wohnungen hohlen sollte. § 2 84 Diese schone Handlungsweise der Lehrfrau zeiget auch, wie geneigt man ist, wahrhaft Unglücklichen zu helfen, die sich sonst gut betragen haben, und ohne ihre Schuld elend geworden sind. Er erhält einen Hund. Um das Almosen außer dem Siechenhause bey den Wohlthätern abzuhohlen, brauchte der arme Blinde immer einen Führer, den er sich aus den andern Pfründlern wählte. Aber diesem mußte er einen Theil seiner Gabe für die ihm geleistete Mühe überlassen. Obwohl er schon jeden Weg, jede Thür und Treppe im Siechenhause genau kannte, und ohne Stock gefahrlos dort herum ging, so wagte er sich doch nicht allein weit vom Hause, aus Furcht sich Schaden zu thun. So war er acht Jahre an dieses Haus wie gebunden, und betrübt darüber, daß er sein Leben unthätig und freudenleer zubringen müßte. In tiefen Gedanken über seine traurige Lage saß er nun eines Nachmittages im Hofe des Hauses, als ihm ein Fleischhauerknecht, der öfters Geschäfte im Hause harre, freundschaftlich einen jungen Spitz anboth, und ihn ermunterte, zu versuchen, ob er diesen Hund nicht so abrichten könnte, daß er ihm statt eines Führers diente, wodurch er die für ihn so kostspieligen Geleitsmänner aus den Pfründlern ersparen könnte. Was den wohlwollenden Fleischhauer zu diesem gutgemeinten Antrage verleitet habe, läßt sich nicht bestimmen. Vielleicht setzte er in die Erlernungsfähigkeiten der Hunde ein so großes Zutrauen, weil sich die Fleischer überhaupt viel mir Belehrung der Hunde abgeben. Oder wollte er dadurch dem Blinden nur einen treuen Freund und einen angenehmen Zeitvertreib durch Belehrung des Hundes verschaffen. Oder hatte er von jenen Blinden in Paris gehört, welche von Hunden auf allen Wegen sicher geleitet werden. 85 und welcher nützliche Gebrauch sich dort seit Ludwig dem Frommen erhalten hat, wo für dreyhundert Edelleute, denen die Sarazenen die Augen ausgestochert hatten, Hunde zu Führern abgerichtet wurden. Kurz unser blinde Reisinge r nahm das Geschenk mit Freuden an, und schritt gleich zum Unterrichte. Erster Unterricht des Hundes. Vor allem suchte er den Hund ganz an sich zu gewöhnen und zu seinem unzertrennlichen Begleiter zu machen. Wohlwollend theilte er sein Essen mit ihm, und liebkosete ihn auf alle Art, um ihn ganz lan sich zu fesseln. Damit er nicht von seiner Seite käme, band er um dessen Hals und Leib einen Riemen, und an denselben befestigte er eine Schnur, welche er beständig in der Hand hielt. So war nun der Hund immer bey ihm. Nun sollte der Hund lernen, immer voraus zu schreiten. Das war eine schwere Aufgabe. Bald Schmeicheleyen, bald Drohungen, bald der Stock selbst mußten da mithelfen, um ihn vorwärts zu bringen, und ihn zu gewöhnen, langsam und gleichen Schrittes zu gehen. Unbegrenzte Geduld und unbeschreibliche Mühe hat dieses gekostet; manches sich vom Munde abgedarbte Stück Fleisch hat der Blinde dem Hunde zum Lohne gegeben, wenn er seine Leetion gut gemacht hatte. Der Unterricht fruchtete, der Hund schritt bedächtlich, langsam und gleichen Schrittes weiter, und eine gute Sache war gewonnen. Nun gings dahin, den Hund augenblicklich vor sich zum Stillstehen zu bringen. Dieß lehrte ihn der Blinde leicht durch ein schnelles aber immer leiser werdendes Anziehe» der Schnur. Wollte er wieder weiter gehen, so ließ er die Schnur sehr nach, oder gab mit der Hand, mit dem Stocke oder durch Zurufen das Zeichen zum Vorwärtsschreiten. 86— Jetzt gewohnte der Blinde den Hund, die sichersten Wege der Fußgeher zu erwählen und nur auf denselben zu gehen. Dazu wurde vor allen die Gehbahn im Hofe des Hauses, die beyder Seits von Rasen begränzt ist, als Vorübung bestimmt. Das war eine schwere Lsction. Da mußte wieder der Stock zu Hülfe kommen. Mit diesem suchte der Blinde die Gränze des Rasens auf, zeichnete dem Hunde den Weg vor, indem er sich immer vorivars beugte, um den Hund mit der Hand zurecht weisen zu können, wenn er den Rasen betrat. Wie der Hund seine Lectisn gut machte, vergaß der Lehrer alle Mühe und Arbeit, liebkosete ihn, und ging im Unterrichte weiter. So bald nun der kleine Führer seinen Herrn auf der Gehbahne des Hofraumes sicher herumführte, ohne nur ein einziges Mahl den Rasen zu betreten, so wagte er sich mit ihm in die Gaffe, um ihn das Gehen au den Häusern zu lehren, welches ohne viele Mühe gelang. Und so hat es der Blinde dahin gebracht, daß der Hund, wenn er in der Folge in die Stadt und Vorstadt seinen H>errn führte, immer die besten Gehwege auf dem Glacis wählte, und nie in der Mitte der Gaffe ging, sondern sorgsam denselben an den Häusern hin geleitete, und so gar jeden Stein, jede Kothlache vermied. Fortgesetzter Unterricht des Hundes. Keine kleine Mühe erforderte es, den Hund Thüren und Wohnungen finden zu lehren. Der Lehrling mußte nun bald an dieser, bald an jener Thür des Siechenhauses stehen bleiben. Dabey zog der Blinde das Führband schnell an, und wendete es gegen die Thür hin, durch die er zu gehen gedachte. Dieses begriff der Hund bald. Wollte der Blinde nun inner der Thür rechts oder links gehen, so zog er die Schnur auf jene Seite, wohin ergehen sollte. Kam er in eine Halle des Hauses, so ließ er ihn langsam an der Wand fortschreiten/ bis er wieder zu einer Thür kam, wo die Schnur angezogen wurde. Der Blinde behalf sich bey diesem Unterrichte theils durch seine Hände, theils kam ihm die genaue Ortskenntniß sehr zu Statten. Der Hund gewöhnte sich sehr bald daran, vor jeder Thür stehen zu bleiben, um seinen Herrn aufmerksam zu machen. Dieser durfte ihm dann nur ein Zeichen geben, wenn er durch diese Thür nicht hinein gehen wollte, so ging derHund auch seinen Weg schnurstraks weiter; zog er hingegen die Schnur nur äußerst leise an die Thür hin, vor welcher der Hund stehen geblieben war, so führte er ihn auch ohne weiters hinein. Alle diese Usbuilgen wurden auch in den benachbarten Häusern angestellt. Eben so lehrte der Blinde seinen treuen Führer, ihm den Weg auf Treppen zu weisen. Wenn er im Hause an eine Stiege kam, so zog er das Band sehr straff an, und blieb lange stehen, bis er ihm ein Zeichen zum Vorwärtsgehen gegeben. Der Hund stieg nun langsam hinan, und lernte es bald, auf jeder Abtheilung der Treppe stehen zubleiben. Diese Uebung wurde in fremden Häusern wieder- hohlt, und noch nicht zwey Monathe waren verflossen, ss konnte sich der Blinde im Hause vollends auf seinen Füh- rerssverlassen, und auch mit Vorsicht die nächsten Gassen durchwandet,,. Erste Wanderung mit dem Hunde. Doch der Arme traute dem Hunde zu viel. Er wagte eine Wanderschaft von dem Versorgungshause in der Wäh- ringer-Gasse bis zu seiner Lehrfrau auf die Leimgrube. Mir dem Stocke in der einen, und dem Leilbande in der andern Hand trat er den Weg au. Mit einer genauen Kenntniß der Gasseg und Wege glaubte er, wenn er nur die Vor- 68 übergehenden immer um die rechten Wege früge, würde er von seinem Hunde geleitet, gewiß dorthin gelangen. Aber dieses Wagestück kam ihm theuer zu stehen. Obwohl er sein treffliches Gehör unglaublich anstrengte, um die Gegend aus den Arbeitern und fahrenden Wagen zu erkennen, obwohl er mit dem Stocke immer fleißig herum tastete, und sich beständig fest an den Häusern hielt, so nahm doch der Hund an den Ecken'der Gaffen die Reihe zu kurz, führte ihn an Graben und über Stege, die mit keinem Geländer versehen waren, so daß der Arme oft fiel, und ganz blutig bey seiner Wohlthäterinn ankam. Diese erschrak nicht wenig über den unerwarteten Besuch, speisete ihn, und gab ihm einen sicheren Begleiter nach Hause. Fortgesetzter Unterricht. Nun wurde freylich der Unterricht des Hundes mit noch größerer Vorsicht und Behuthsamkeit betrieben, und es wurden nur stufenweise immer weitere Wege angetreten. Aber nach einem Zähre konnte sich der Blinde auf seinen Führer ganz verlassen, so daß er von seinem treuen Spitz geleitet, die ganze Stadt und die entferntesten Vorstädte durchwandern konnte. Ging er durch dem Hunde unbekannte Straßen, so nahm er sein Gehör zu Hülfe, und fragte die Vorübergehenden, ob er nicht irre, und um das Haus, wo er einteeren wollte. Der Hund aber verstand so gut die Leitung seines Herrn, daß er bey jedem völlig geschlossenen Schranken, bey jedem kleinen Graben, ja sogar bey jeder Gasse, oder wenn ihm ein Wagen oder ein Reiter in die Quer kamen, still stehen blieb, um seinen Herrn aufmerksam zu machen, damit er entweder mit dem Stocke vor sich hin den Weg genau untersuchen, oder sich gegen die Pferde sichern konnte. — 89— , Es verflossen volle vierzig Jahre, daß der arme Bkinde keines andern Führers als seiner getreuen Hunde sich bediente. Mit ihnen suchte er seine Wohlthäter in den entferntesten Gegenden der Stadt und Vorstädte auf, theilte mit seinem Führer dort die Speise, welche er erhielt, und war versichert, daß ihn sein getreuer Gefährte gewiß dahin leitete, weil er gern auch an den Ort hinwan- derte, wo er gespeifet wurde. Hatte der Blinde einen dem Hunde ungewohnten Gang zu machen, so mußte er allerdings stets nach dem Wege fragen, und den Hund, mittelst verschiedener Züge an der Schnur aufmerksam machen, wohin er sich wenden sollte; aber er konnte gewiß seyn, daß ihn der Hund einen sichern Weg führte, und ihn auf alles aufmerksam machte, was ihm nachcheilig werden konnte. Hatte der Blinde das ihm unbekannte Haus erfragt, so führte ihn der Hund gewiß vom Hausthore zur Treppe, wenn nur eine im Hause sich befand. Waren aber mehrere da, so mußte der Blinde fragen, welche die rechte sey. Der Hund, so abgerichtet, machte seinen Herrn in jedem Stockwerke aufmerkjam, wie hoch sie gestiegen seyen, und so war es ihm leicht, sich zurecht zu finden, besonders da der Hund bey der nächsten Thür so stehen blieb, daß sein Herr einen sichern Platz hatte, und auch leicht, wenn er die Thür seines Wohlthäters verfehlt haben sollte, zurecht gewiesen werden konnte. Kam der Hund am Glacis oder auf der Bastey zu einem halb offenen Schranken, so lief er niemahls darunter weg, wie alle andern Hunde, sondern er führte seinen -yerrn zwischen derOeffnung des Schrankens sorgsam durch, ohne die Schnur am Kreuz zu verwickeln. Während des langsamen Fortschrsiccns auf dem Wege sah er sich sorgfältig nach seinem Herrn um, um auf jeden Laut, auf jedes Zeichen Üets aufmerksam zu seyn. 90 Dieser Blinde heirathets in der Folge eine Witwe, durch die er aus dem Siechenhaiffe jn eine wohlthätigere Verpflegung kam; aber auch in dieser Lage schlug er die Leitung seines Weibes aus, und vertraute sich lieber seinem wohlunterrichteten Führer an, woran er sehr wohl that, weil der Hund leicht ohne Uebung größten Theils das Erlernte vergessen hätte. Diese Ehe wurde mit zwey Kindern gesegnet, mit einer Tochter, welche sich durch Verfertigung schwarzer Spitzen ihr Brot verdient, und einem Sohne, der als Buch- drnckergeselle immer seinen Unterhalt sich verschaffte, und als Landwehrmann dem Vaterlands diente. Auf diesen beyden Kindern beruht die Hoffnung des Vaters, daß sie ihn im hohen Alter unterstützen, und ihm die Wohlthaten von seinen Gönnern einsammeln helfen werden, wenn seine schwachen Füße dem getreuen Hunde nicht mehr folgen können. Sein zweyter Führer. Bey sechszehn Zahre hatte der getreue Spitz unserm Blinden die ersprießlichsten Dienste geleistet, als er eines Tages auf dein gewohnten Wege am Kärnthner-Thore zusammen siel, und gleich darauf iu den Arme» seines dankbaren Herrn starb. Schmähsüchrige Leute haben erzählt, ein heimtückischer Hundsschläger habe ihn zu den Füßen seines Herrn erschlagen, aber zur Ehre der Menschheit sey es gesagt, dieses ist grundfalsch. Untröstlich würde der Blinde über diesen großen Verlust gewesen seyn, wenn er nicht vorsichtig genug gewesen wäre, neben seinem gewohnten Führer einen andern auszubilden, der ihm gleiche Dienste erwiese, wenn jener Altershalber nicht mehr fort könne, oder gar sterbe. Er hatte weislich einen Pudel gewählt, welche Gattung Hunde leichter zu belehren sind, und die treueste An- hängigkeit an den Menschen zeigen. Schon durch ein Jahr hatte er ihn an der Seite seines alten Spitz geübt und benutzt; er»ahm sehr bald die Geschicklichkeit, Anhänglichkeit und Treue seines alten Genossen an, und übertraf ihn in der Folge weit. Drey,zehn Jahre hatte sich der Blinde noch weit sorgenloser auf ihn verlassen, als auf seinen ersten Führer, und bewunderungswürdig war die Sorgfalt dieses zwar häßlichen aber sehr gutmüthigen Thieres, mit der er seinen Herrn allenthalben leitete. Festen und bedachtlichen Schrittes vorwärts gehend, wandte er die Augen alle Augenblicke auf seinen Herrn, nur ihm jede Bewegung, jedes Zeichen abzulauschen, und beobachtete dennoch alles zugleich genau, was aus seinen Herrn Bezug haben konnte. So bemerkte er es unter andern schon von Weitem, wenn sich jemand auf der Straße dem Blinden nähern wollte, und zugleich in die Tasche griff, um ihm ein Almosen zu reichen: denn augenblicklich stand er still, und suchte seinen Herrn dadurch aufmerksam zu machen, daß ein Wohlthäter, ihm näher komme. Einst wollte der Blinde bey der Alser- Caserne über den Fahrweg na:h der Allee gehen, als plötzlich ein Reiter im vollen Galopp quer über de» Weg sprengte. Der Hund konnte nun nicht mehr geschwind genug vorwärts mit seinen: Herrn; er sah die Gefahr, in der derselbe schwebte, und warf sich mit einem heulenden, den: Hunde sonst nicht gewöhnlichen, mehr die Stimme eines heftig erschreckenden Kindes ähnlichem Geschrey, zwischen die Füße des Blinden, um ihn am Vorwärtsschreiten zu hindern, obwohl der Reiter noch mehrere Schritte entfernt war. Mit unerschütterlicher Treue hing dieser Pudel an seinem Herrn. Keine Hundsbekanntschast auf der Straße, kein serrer Knochen, den er fand, konnte ihn seine Pflicht vergessn machen. Mir gewohnter Genauigkeit setzte er seine Schritte weiter, und die leiseste Erinnerung mit dem Stocke, ohne eben geschlagen zu werden, auch nur ein Wort oder ein leiser Zug an der Schnur war hinlänglich, ihn in Ordnung zu erhalten. Dritter Führer. Am 2. Februar 1609 hatte unser Blinde das Unglück auch diesen vortrefflichen und getreuen Führer durch Krankheit zu verlieren; er hat sich aber seid dieser Zeit wieder einen neuen, ziemlich großen Hund zu seinem Geleiker abgerichtet. Mit diesen sah man ihn täglich die Stadt und Vorstädte durchwandeln, und mau erstaunte, daß er ohne widrige Zufälle in dem so volk- und wagenreichen Wien von einer entfernten Gegend in die andere kam, wo selbst Ungewohnte nur mit aller Vorsicht gehen können. Doch auch diesen treuen Führer verlor der arme Blinde im Jahre 1824. Bey seinem vorgerückten Alter wollte es ihm nicht mehr gelingen, einen andern Hund so abzurichten, daß er ihm ganz vertrauen konnte. Er ließ sich gewöhnlich von seiner Tochter, und da diese vor Kurzem gestorben ist, läßt ersieh von einer andern Weibsperson zu seine» Wohlthätern führen, um das Almosen abzuhohlen. Möchte meine getreue Erzählung meine jungen Leser- auf diesen armen Blinden aufmerksam machen! Möchten auch sie ihm eine Gabe zuwenden, die er mit Vergnügen in ihrer Wohnung abhohlen wird, und aus seinem Munde alles das umständlicher- hören, was ich so eben gesagt habe. Der arme Reisinger wohnt jetzt in Hernals Nr. 67. Lernen Sie aber auch, liebe Freunde, einsehen, daß die ganze Schöpfung so weislich eingerichtet ist, daß der Mensch in der unglücklichsten Lage Mittel findet, sein Schicksal zu verbessern, wenn er nur will, und die ihm von Gott verliehenen Kräfte anwendet.> 93 Man halte keine gefährlichen Thiere. Ein Kaffeh-Sieder in Pesth harte einen jungen Baren in seinem Hause auferzogen. Er hing im Hofe an einer Kette, und schien zahm zu seyn. Mehrere Kinder machten sich oft eine Unterhaltung, und warfen ihm Brot, Fleisch u. dgl. vor, welches er begierig auffraß. Doch wagte keines, sich ihm zu nähern, auch warnte der Kaffeh-Sieder jeden, dem Baren nicht in die Nähe zu kommen, weil man diesen Raubthieren nie trauen darf. Im November i8r2 waren wieder mehrere Knaben bey dem Bären versammelt, und neckten das Thier. Der siebenjährige Sohn eines im Hause wohnenden Koches warf ihm Aepfel zu, und in dem nähmlichen Augenblicke stieß ihn ein muthwilliger und unbesonnener Knabe gegen den Bären hin, daß ihn derselbe erreichen konnte. Der Bär schlug ihn mit der Vordertatze zu Boden, fiel grimmig über ihn her, biß demselben einen Arm ab und ein Auge aus, und würde wahrscheinlich den Unglücklichen ganz zerfleischt haben, wenn man nicht auf das Jammergeschrey herbeygeeilet wäre, und das Thier durch einen Flintenschuß niedergestreckt hätte. Wieder eine Warnung für euch, liebe Freunde, mit gefährlichen Thieren nie euer Spiel zu treiben, nie Thiere zu necken und zum Zorne zu reihen. Auch eine abschreckende Lehre ist diese Trauergeschichte für jene muthwilli- gen Buben, die sich und andere durch ihre unverzeihliche Unbesonnenheit in die größten Gefahren stürzen! 94 Reu entdeckter Serpentin- Steinbruch in Oesterreich. Meine jungen Leser werden wohl schon öfters jene schwarzgrünen steinernen Mörser und Reibschalen gesehen haben, deren sich gewöhnlich die Apotheker zur Vermischung der Pulver und Bereitung trockener Arzneyen bedienen. Diese Mörser sind aus Serpentin-Stein. Auch Schreibzeuge, Dosen, Büchsen, Salzfässer u. dgl. werden daraus verfertiget, und häufig gebraucht. -Der Serpentin gehört zu den Talksteinen, ist aber härter als jene, ob er gleich, wenn er aus der Grube kommt, weicher ist, als nachher, wenn er an der Luft gelegen hat. Man findet ihn zwar in vielön Ländern, nirgends aber wurde er so benützt, wie zu Zöplitz in Sachsen. Seine Farbe ist gewöhnlich schwarzgrün, zuweilen mit Flecken und schönen rothen Adern; selten findet man ihn gelb. Auch trifft man braune, rothe, seltener weiße Serpentine mit orange- gelben Puncten und Flecken an. Er fühlt sich fettig an, läßt fich gut drehen, schleife» und poliren. Alle jene nützlichen Geräche, welche man häufig aus Serpentin in unseren Haushaltungen hat, mußten wir lange Zeit von Zöplitz aus dem Auslande beziehen. Schon seit zweyhundert Jahren beschäftigen sich viele Arbeiter dort mir Bearbeitung dieses Steines, und verhandeln ihre verfertigten Waaren durch ganz Europa, ja wiest nach Persisn und China. Entdeckung des Serpentins. In Oesterreich konnte man diesen Stein nicht auffinden. Vor fünfzehn Jahren aber haben der Eissnhänd- — g.z— ler in Krems, Anton Koch und der Büchsenmacher zu Melk, Ananias Simen, auf der Herrschaft Gleiß nächst WaidHosen an der Abs im Viertel Ober-Wiencr-Walde einen Serpentin-Steinbruch entdeckt, welcher auf mehrere Jahrhunderte Steins zum Verarbeiten liefern kann, die hier nur, wie in andern gewöhnlichen Stsingruben gebrochen werden dürfen. Matt machte Versuche mir diesem Serpentin, und man sand, daß er sich sehr gut drechseln lasse, und die daraus zur Probe verfertigten Waaren wurden jenen, welche bisher von Zöplitz kamen, an Güre und Schönheit ganz gleich geachtet. Durch diese glücklichen Versuchs aufgemuntert errichteten die beyden Entdecker eine kleine Anstalt zur Erzeugung solcher Waaren in der Stadt Waidhosen. Der Serpentin wird wie Holz auf einer Drechselbank mit Drehstählen mittelst der gewöhnlichen Drechsler- Handgriffe zu verschiedenen Forme» gedreht, und dann mit Sandstein geschliffen und pvlirt. Da die in dieser neuen Anstalt verfertigten Waaren häufig gesucht wurden, so erweiterten sie dieselbe, und erhielten auch zu größerem Betriebe ihres Unternehmens von der n. ö. Landesregierung das Landes- Fabriks- Privilegium. So sind wir durch die Betriebsamkeit zweyer Mitbürger in Oesterreich wieder um einen Artikel reicher, den wir vorher um vieles Geld vom Auslande beziehen mußte»; und von dem Kunstfleiße unserer geschickten Landesleute ist zu erwarten, daß sie diesen Stein noch zu vielen anderen Kunstwerken verwenden werden. Zugleich hat die durch ihre Eisen-Fabriken so lebhafte Stadt Waidhofe n dadurch einen neuen Erwerbszweig erhalten, und wird nebst ihren Sensen, Feilen, Messern, Sägen, Fischangeln und andern Eisengeschmeide auch die artigen Arbeiten aus Serpentin in die entferntesten Gegenden Europens, und in alle Welttheils versenden. 66—- Auf ein andermahl bedächtiger! Häuschen jagte einst in, Garten Einen bunten Schmetterling. „Willst du nicht ein wenig warten," Sprach er,„kleines keckes Ding? „Gut! ich will dich doch wohl kriegen!" Er verfolgt ihn überall. Alles möcht im Wege liegen, Häuschen denkt an keinen Fall. „Ich will dich doch endlich haben!" Schrie er, und sah in die Höh; Doch da war ein tiefer Graben, Häuschen fällt darein— o weh! Kartesianisches Läucherlein. Wilhelm sah seinen Vater mit einer langlichten Flasche vom Jahrmarkts nach Hause kommen. Die Flasche war voll Wasser und oben am kurzen Halse mit einer Blase fest zugebunden. Inwendig oben im Glase schwamm eine kleine schwarze Figur von emaillirtem Glase. Dieses kleine Männchen, das von dem Erfinder des Spielwerks ei» kartesia- nische§ Täucherlein heißt, war nun sehr folgsam. Denn wenn der Vater das Glas in die Hand nahm, so brÄirchto er nur zu commandieren, ob es steigen oder zu Boden sinke», stille stehen oder herumschwimmen sollte; es geschah sogleich. Zuweilen wirbelte es sich nach erhaltenem Befehle schnell herum, und tanzte, wie man ihm pfiff. Erklärung dieser Bewegungen. „Das ist artig," rief Wilhelm auS. „Aber ich mochte doch wissen," fuhr er fort„wie es zugeht, daß das Taucherlein auf Ihr Wort gehorcht. Ich sehe wohl, daß Die den Daumen immer auf dem Glase haben, und auf die Blase drücken; aber warum deßwegen der kleine Schelm im Glase immer auf und nieder steigen muß, das sehe ich nicht ein." Vater. Wirst es aber sogleich ganz deutlich einsehen. Das Puppchen ist hohl, und hat seitwärts nur eine kleine Oeffuung. Es wiegt etwas weniger, als die Wassermenge, die aus dem Raume weggedrückt wird, in welchem es schwimmt. Daher bleibt es, wenn man das Glas unberührt laßt, oben im Wasser- Das Glas ist ganz voll Wasser gefüllt, so daß die Blase, womit es zugebunden ist, unmittelbar aus dem Wasser liegt. Drückt man nun mit dem Daumen auf die Blase, so pflanzt sich dieser Druck sogleich durch das Wasser bis zu der Figur fort, und es tritt etwas Wasser durch die Oeffnung derselben in den hohlen Leib der Figur, wodurch diese schwerer wird und untersinkt. In der Höhlung ist zwar stuft. Diese Luft laßt kein Wasser eindringen, weil zwey Körper nicht zugleich in einem Raume seyn tonnen. Durch den Druck auf die Blase aber, wird das Wasser mit Gewalt an die Oeffnung gedrängt, überwindet den Widerstand der Lust, und dringt hinein; II. Bd> 6; — 98— dadurch wird dieÄifl in der Höhlung zusammengedrückt und gepreßt; sie strebt immer sich auszudehnen, und so Kalo nun der Druck mit dem Daumen wieder nachläßt,, kann sie sich auch ausdehnen, und treibt dadurch das in die Höhlung Hineingetretene Wasser heraus, wodurch die Figur wieder leichter wird, und in die Hohe steigt. Durch die Art des Drucks kann man den Bewegungen des Täucherleins allerley Abwechselungen mittheilen. Drückt man nicht zu stark, aber anhaltend, so läßt es sich langsam auf den Boden hinab. Drückt man hingegen schnell und stark, so wird auf einmahl viel Wasser hinein getrieben, es wird schwerer, und sinkt schnell zu Boden. Laßt man all- mählig mit dem Drucke nach, so strömt das Wasser langsam heraus, das Männchen wird geringer, und steigt langsam in die Höhe. Hebt man den Daumen plötzlich auf, so dehnt sich auch die Luft in der Höhlung plötzlich aus, und die Figur kommt schnell herausgefahren; durch schnell abwechselndes Drücken und Nachlassen gibt man ihr eine tanzende Bewegung. Das Herumdrehen des Täucherleins um sich selbst rührt daher, daß die Oeffnung zur Seite hinausgeht. Wenn nähmlich bey einem schnellen Aufheben des Daumens die Luft in der Figur sich plötzlich ausdehnt, so spritzt das Wasser aus der engen Oeffnung heraus, und stoßt gegen das anliegende Wasser im Glase: weil nun dieses nicht so plötzlich weicht, so wird die Figur selbst dadurch genöthiget, nach der entgegen gesetzten Richtung auszuweichen, und sich so gleich umzudrehen. Das Täucherlein liegt unbeweglich am Boden. Wilhelm versuchte jetzt selbst, den kleinen Taucher eine Künste machen zu lassen, es belustigte ihn nicht wenig, daß es so gut ging. Er stellte endlich das Glas ans - 99— Fenster hin, wo gerade die Sonne den ganzen Nachmittag darauf schien. Als er es aber an dem andern Morgen einem seiner Freunde zeigen wollte, so war ihm der Spaß verdorben. Das Täucherlein, welches gestern immer, wenn man eS in Ruhe ließ, oben an der Bedeckung des Glases schwamm, lag jetzt unten auf dem Boden, und war durch kein Drücken und Schütteln in die Hohe zu bringen. Daß das Drücken nicht helfen könne, härte Wilhelm nach der gestrigen Belehrung schon im Voraus wissen können. Denn dadurch würde das Wasser in den L-rb der Figur getrieben, und sie müßte um so viel mehr genöthigt werden, am Boden liegen zu bleiben. Daß die Figur schon ohnehin zu viel Wasser müsse eingeschluckt haben, und daß sie eben deßhalb nicht in die Höhe könne, war leicht zu vermuthen, auch verfiel Wilhelm bald darauf; aber wie das zugegangen sey, konnte er durchaus nicht begreifen. Das Glas hatte die ganze Zeit unberührt da gestanden, es war Niemand dazu gekommen der etwas verdorben hätte; sowohl das Glas als die Figur waren unbeschädigt, und jenes so fest zugebunden, wie gestern. Er brachte den Patienten so gleich zum Vater, damit dieser den Sitz des Uebels aufsuchen, und ihn curie- ren möchte. Erklärung. „Helfen können wir ihm bald", sagte der Vater,„wir brauchen nur das Wasser mit dem Munde heraus zu saugen, wovon er zu viel in sich gezogen hat; aber wie mag dieses hinein gekommen seyn?" Wilhelm. Darum wollte ich Sie eben fragen. Zch habe das Glas seit gestern nicht wieder angerührt. Vater. Aber es hat in der Wärme gestanden, und darin liegt eben der Grund. Die Wärme dehnt alle feste und flüssige Körper, so auch die Luft aus. Halte eine auf. G 2 100 tzMastne Echweinsblase über Kohlfeuer, oder lege sie auf einen geh-itzt-n Ofen, so wird sich die Luft in derselben so ausdehnen, daß sie darin keinen Platz mehr hat, und die Blase zerplatzt. Nun durch die Wärme der Sonnenstrahlen wurde die Luft in der Höhlung der Figur ausgedehnt, und ein Theil derselben ging, weil er darin keinen Platz mehr hatte, beider Oeffnung heraus. So lang nun die Wärme fortdauerte, drang freylich kein Wasser hinein; denn die erwärmte Luft nahm allen Platz ein, und war elastisch genug, um das Eindringen des Wassers zu vermehren. Aber da es die Nacht über wieder kalt wurde, so zog sich die Luft zusammen, die ausgetriebene Luft konnte nicht wieder hinemkommen; denn diese war in Bläschen über die Oberfläche deS WasserS hinauf gestiegen. Daher drang nun Wasser hinein, und machte das Laucherleiu zu Boden sinken. Flachs und Leinwand. DieLeinwand wird aus Flachs(Lein) bereitet. Dieses allgemein nutzbare Gewächs, mir dessen Anbau und weiterer Verarbeitung sich eine unzählige Menge Menschen besonders in Gebirgsgegenden, wo nicht alle andern Feldfrüchte gedeihen, beschäftiget, wird auf ein etwas feuchtes, lockeres und fetres Erdreich zu Ende Aprill oder Anfangs May gebauet. Aus dem Samen erwächst eine zwey bis drey Fuß hohe Pflanze, welche schone himmelblaue Blüthen treibet, aus welcher runde Knoten entstehen, die den Samen enthalten. Im Julius oder August, wenn die Scängel der Leinpflanze noch etwas grün sind, werden sie sammt der Wurzel aus- — tOl— geraufet, in Bündel gebunden, und an die Sonne zum völligen Reifen gestellt. Die Wurzeln und die Pflanze enthalten den nützlichen Flachs, aus den Samenkörnern wird das Leinöhl gepreßt. Auch auS Hanf, welcher auf ähnliche Art, wie der Lein gebauet wird, verfertiget man Leinwand, die aber viel gröber ist. .Zart blühet der Flachs auf den Feldern und Au'n DaS liebliche Pflänzchen der Mädchen und Frau'n: Sie tragen'S gar sorglich in Bündeln hinein. Zu schmücken den Rocken mit silbernem Schein, Sie singen zum schnurrenden Rädchen, und dreh'n Die Fäden wie Seide so glatt und so schön. Flachs wird in Oesterreich in den Vierteln ober dem Manhartsberge und ober dem Wiener-Walds, sehr häufig im Lande ob LerEnnS gebauet; am häufigsten aber in Mäh. r e n und in dem öst err eich i sch en S ch le si e n; inBLh- m e n, inKärnthe n, auch in der Steyermark und in Italien wird der auch Flachsbau betrieben. Der böhmische Flachs ist der beste. Nach diesem wird der schlesische am mei» sten geschätzt. In Ungarn und Gaüizien ist der Flachsbau weniger beträchtlich. Bereitung des Flachses. Sehr viele Arbeit wird erfordert, bis auS der rohen Lein» pflanze L e i n w and wird. Der Stängel dieser Pflanze besteht aus einer dünnen Haut, den Fasern und dem Kerns, welche durch ein harziges Wesen mit einander verbunden sind. Nur die Fasern sind zur Leinwand brauchbar, und müssen durch verschiedene Behandlung der Stängel von den unnützen Theilen getrennt werde». 102 Die Stängel werden zuerst gerüfelt, d. i. man zieht sie zwischen mehreren auf einer Bank„eben einander befestigten eisernen Stiften durch, welche zwar den Stan- gel durchlaffen, aber die Knoten mit den darin befindlichen Samen abreißen. Der Same wird in derHaushalrung zum Futter für das Geflügel und in der Apotheke verwendet. Auch wird das bekannte Leinöhl aus demselben gepreßt. Nach dieser Arbeit folget das Rösten. Man breitet nähmlich die Leinstängel, die nun Flachs heißen, auf einem Rasenplatze oder auf Stoppelfeldern aus, und läßt sie dem Thaue, Regen und Sonnenscheine ausgesetzt liegen, bis sie so mürbe geworden sind, daß sich die Fasern von der Haut und von dem Kerne leicht trennen lasten. Man nennt dieses die Luftroste. In einigen Orten wendet man die Wasserröste an. Man bindet die Flachsstängel in kleine Gebünde zusammen, und legt sie zwischen eingeschlagene Pfähle in fließendes, oder wo keines ist, in stehendes Wasser, beschwert sie mit Stroh und Steinen, damit sie niedersinken, und läßt sie etwa eine Woche lang liegen. Durch dieses Rosten wird der harzige Schleim, der die Fasern mit den übrigen Theilen der Stängel verbindet, aufgelöset, so daß die letzter» nun leicht von jenen getrennt werden können. Nach dem Rösten werden die Stängel mit Wasser rein abgespühlt und auf Wiesen ausgebreitet, wo sie vierzehn Tage bis vier Wochen liegen bleiben, damit Sonne und Thau die Röste vollenden. Der geröstete Flachs wird bey mäßiger Hitze in Backöfen oder auf eigenen Flachsdarren gedarrt, oder auch auf einem Rasenplatze in der Luft und Sonne in kegelför- 103 migen Büscheln zum allmähligen Trocknen aufgestellt, worauf die äußere Haut von den Fasern losspringt. Das Brechen und Schwingen. Hierauf wird der Flachs aus der Breche(Bracke) gebrochen(gekrackt.) Die B reche besteht aus zwey Hölzern mit Fugen oder Falzen, zwischen welchen die Stange! gequetscht oder gebrochen, und dadurch von dem innern Kerne befreyet werden. An andern Orten bedient man sich zu diesem Zwecke eines Botels oder Blauels, d. h. eines harten runden, mit einem Griffe versehenen Klops- holzes, womit man den Flachs aus einem flachen Brete oder Klotze mürbe klopft. Hierauf reiniget man den Flachs vollends von der Haut, indem man die über einen Block gelegten Stange! mit der Schwinge, einem flachen Holze, schlägt. Bey dieser Arbeit, welche das Schwingen heißt, fallt die Haut zerbröckelt zu Boden. Das Hecheln. Noch hat der Flachs seine gehörige Reinheit nicht, und auch die Fasern desselben sind nicht alle gleich lang und fein: man muß daher den Flachs, ehe man ihn spinnen kann, hecheln. Die Hechel besteht aus einem Bretchsn, welches mit vielen senkrechten zugespitzten feinen oder gröberen Drahtstiften besetzt ist. Je feiner die Hechel seyn soll, desto näher an einander müssen ihre Zähne stehen, und zugleich desto zarter und dünner seyn. Durch diese Zähne zieht man eins Hand voll Flachs nach der andern durch, erst durch gröbere, dann durch feinere. Je öfter dieses geschieht, desto reiner und feiner wird der Flachs. In der Hechel bleiben die kurzen und groben Fasern sitzen; welche das Werg(Werrig) sind. Aus — 104— diesem bereitet man grobe Sack- und Packleinwand, schlechte Stricke, Dochte u. s. w. Der gehechelte Flachs wird in Reisten derb zusammen gewunden, das Werrig hingegen in Wickel gerollt, und beyde am gehörigen Orte sorgfältig verwahret. Alle diese Arbeiten verrichten die Landleute selbst, welche Flachs bauen. Der so bereitete Flachs wird entweder im Hause selbst gesponnen, oder verkauft. Das Spinnen. Der Flachs wird auf dem bekannten Spinnrads oder auf der Spindel zu Faden gesponnen. Das Spinnrad soll der Sage nach ums Jahr i55o von einem Steinmetz und Bildschnitzer Nahmens Jürgens zu Watenmüt- tel bey Braunschweig erfunden worden seyn. Es gibt auch Spinnräder, worauf mit beyden Händen zwey Fäden zugleich gesponnen werden können. Der Prediger Trefurt im Hoyischen hat eines um das Jahr 1765 erfunden, obwohl man dergleichen schon früher hatte. In Oesterreich auf dem Lande wird allenthalben, auch wo kein Flachs gebaut wird, im Winter, wenn die Feldarbeit ruht, besonders des Abends, und spät in die Nacht hinein, von den Weibspersonen auf dem Spinnrads gesponnen; im Lande ob der Enns,, in Schlesien, Mahren und Böhmen besonders in den Gegenden, wo viel Flachs gewonnen wird, spinnt alles. Jung und Alt, im vertraulichen Zirkel. I» Schlesien, in einigen Gegenden Böhmens, vorzüglich im Riesengebirge, auch in Mä h- ren, an der Gränze Schlesiens spinnt man auf der Spindel, wodurch man ein feineres Garn gewinnt. In Böhmen nähren sich über 40000 Menschen allein vom Spinnen, und im Kreise ob dem Manhartsberge, wurden im Jahre 1812 bey Z^oo Spinner gezählt. Der Spinner oder die Spinnerinn hat zur Linken 10Z einen gedrehten Stock, woran der Flachs befestiget ist, der gesponnen werden soll. Unten an demselben ist ein Bretchen mit kurzen Füßen befestiget, worauf der Spinner oder die Spinnerinn die Füße seht, und auf diese Weise das Ganze fest hält. Mit der linken Hand wird nun der Faden von dem Flachse gezogen, und an die Spindel angelegt, welches ein rundes, oben zugespitztes und unten mit einer Scheibe versehenes Holz ist. Mit der rechten Hand dreht der Spinner die Spindel oben bey der Spitze um, und wickelt damit zugleich den Faden auf. Wenn dieser so lang ist, als der Spinner mit der rechten Hand reichen kann, so dreht er ihn kegelförmig hinauf. Der Flachs kann ungemein fein gesponnen werden. In Schlesien spinnt man aus einer Portion Flachs, die mau um einen Groschen kauft, ein Garn, welches zwey Thaler werch ist. Im Nietbergischen, wo die feinste Flachsspinnerey in Deutschland ist, spinnt mai^aus einem Pfunde Flachs einen Faden, der 23 Meilen lang ist, jede Meile zu 20,000 Fuß gerechnet. 19,200 Fäden, jeder 6 Fuß lang, können etwas zusammen gedrückt, durch einen Fingerring gezogen werden. Die indianische» Spinnerinnen drehen so feine Fäden, daß der daraus gemachte Zwirn kaum gesehen werden kann. So weit bringt es der menschliche Kunstfleiß, wenn er nur immer weiter fortschreiten will. In den neuesten Zeiten hat man erfunden den Flachs mittelst Maschinen zu spinnen. Solche Flachs- Spinn- Fabriken befinden sich in Oesterreich zu St. Veit und Neuste dl im V. Ü. W. W. und sind!m größten Betriebe. Nach dem Spinnen wird das Garn von der Spuhle oder Spindel gehaspelt. 4» Fäden um den Haspel machen ein Bünd oder Geb unde, 20 Ge künde eine Strähne. Hierauf wird daS Garn gekocht. Dieses geschieht 106 in einem Kessel mit Lauge, worauf man eS rrockneu läßt. Das Garn wird nun zu Spitzen, Bändern, Leinwand, allerley leinenen Zeugen u. dgl. verarbeitet, oder gezwirnt. Es werden nähmlich auf einem Spinnrade, oder auf einer Spindel zwey oder mehrere Fäden in einen zusammen gedreht. Der Zwirn wird hernach gebleicht oder gefärbt, Bereitung der Leinwand. Von dem Garne, welches nicht gezwirnt wird, webt man Leinwand und andere leinene Zeuge. Dieses ist die Arbeit des Webers. Er ist uns ein achtungswerther Mann, denn er bedeckt durch seinen Fleiß unsere Nacktheit, und arbeitet in seinem Weberstuhle für einen geringen Gewinn, oft in elenden ungesunden Wohnungen. Er ist dadurch manchen Gesundheitsgesahren ausgesetzt. Man betrachte den Ackersmann, den Schmied, den Zimmermann, welche mehr in freyer Last arbeiten. Sie unterscheiden sich auffallend durch ihr frisches gesundes Aussehen von dem blaffen Weber und andern Handwerkern, die sich in eingesperrten Zimmern beschäftigen müssen. Fast in jedem Dorfe ist ein Weber, welcher das Garn, das die Landleuce gesponnen haben, verarbeitet. In den Gegenden, wo viel FlaHs gebauet wird, ist gewöhnlich der Hausvater ein Weber, und webt Leinwand, während Weib, Kinder und die übrigen Hausgenossen fleißig spinnen, Haspeln und spuhlen. Das Werkzeug, auf welchem der Weber Leinwand webt, heißt Weberstuhl. Es ist schwer die Einrichtung desselben, und die Handgriffe, die der Weber dabey macht, anschaulich zu beschreiben. Meine jungen Leser finden sehr leicht Gelegenheit, einen Weber auf seinem Weberstuhle arbeiten zu sehen, und ich sage im voraus, daß 107 es ihnen Vergnügen machen wird, demselben einige Zeit mit aller Aufmerksamkeit zuzusehen. Die Leinwand wird gewöhnlich in Stücken zu dreyßig, oder in Weben zu vier und fünfzig Ellen verfertiget, und ist meistens fünf Viertelellen breit. B l e ich e. Die Leinwand wird, wenn sie aus den Händen deZ Webers kommt, in scharfer Lauge gesotten, um die Schlichte heraus zu bringen, und gebleicht, damit sie ganz weiß werde. Sie wird nähmlich an einen grasbewachsenen Ort gebracht, an Pflöcken ausgespannt, und fleißig mit Wasser begossen, und so dem Sonnenscheine ausgesetzt. Bey günstigem Wetter bleicht die Leinwand in drey bis vier Wochen, indem durch Luft und Sonne die voll- kommffe Reinigung bewirkt wird. Die Leinwand ist dann zum Verbrauche fertig, und wird von fleißigen Hausmüttern, Rächerinnen, Schneidern u. d. gl. zu allerley Bedürfnissen verarbeitet. Man schneidet daraus Hemden, Schürzen, Bett- Tücher u. d. gl. Die Leinwand ist unsere erste Hülle, wenn wir auf die Welt kommen, und die letzte, die wir ins Grab nehmen. Der Weber machet aus Flachs Bänder, Tisch- und Handtücher, Zwillich, Drillich; aus gesponnener und gekochter Baumwolle, worunter Garn kommt, Barchent, aus baumwollenen Fäden Kattun, u. dgl. Andere Weber verfertigen Kannevas, Zits, Neffeltuch(Musselin), Damast, Taffent, Atlas, Sammt u. dgl aus Lein- Seidcn- und Baumwollen- Fäden. Aber meistens beschäftiget sich jeder Weber nur mit einerley Gattung Gewebe. Baumwolle wachst in jedem heißen Land, Am niedern Strauch, im dürren Sand. 103 Der Samen eilt an diesem leichten Flügel Durch Feld und Flur und Thal und Hügel. Der Mensch verwandelt Millionen Flocken Macht Barchent/ Kannevas, Manchester; Auch bauen viele Vogel ihre Nester Mit dieser Waare, die als rürkisch Garn verschickt. Jetzt Tausende von Menschen schmückt. So allgemein der Gebrauch des Leinenzeuges ist, so wird in den österreichischen Staaten doch bey weitem mehr Leinwand erzeugt, als in denselben verbraucht wird. Sie ist ein wichtiger Handelsartikel, der häufig nach Italien, nach der Türkey, ja selbst bis nach Spanien und Amerika verführt wird. Das verrissene unbrauchbare Leinzeug wird zur Verfertigung des Papieres verwendet. Das Gemählde. Ein rechtlicher Mann in Rom hatte vor mehreren Jahren durch allerley Unglücksfälls sein ganzes Vermögen verloren. Schon alt, durch Krankheit geschwächt, war er nicht mehr im Stande, sich und seine bejahrte Frau zu ernähren. Er fing also an, eines um das andere von seinen Habseligkeiten zu verkaufen, um sich die nothdürf- tigste Nahrung zu verschaffen. Unter andern hatte er auch ein kleines Gemählde von denr berühmten Mahler Rap ha el, das er von einem seiner verstorbenen Verwandten geerbt hatte. Es hatte einen sehr hohen Werth; er aber war kein Kenner der Gemählde, achtete dieses Bild, welches die heilige Familie vorstellte, nicht hoher als seine übn. gen, und der Staub und Rauch, womit eS schon seit vielen Jahren her beschmutzt war, verminderten den Werth in seinen Augen noch mehr. Ein schlauer Käufer. Um jedoch dafür etwas Geld zu erhalten, wandte er sich an einen Mahler, der mehr ein erfahrner Gemähldehändler, als ein geschickter Künstler war. Kaum hatte er das Glück in Augenschein genommen, so entdeckte er auch sogleich, daß eS ein Meisterstück sey, und folglich einen sehr hohen Werrh habe. Doch ließ dieser gewinnsüchtige Mann davon nichts merken; er machte sich vielmehr die Unwissenheit und Ar. muth des alten Mannes zu Nutzen, und zahlte ihm nur einige Grössten dafür aus, indem er noch sagte. Laß er ihm nur aus Mitleid mehr gebe, da das Gemählde kaum so viel werth wäre. Indessen lachte der Bctrieger heimlich über die Einfalt des armen Mannes, und berechnete schon den Gewinn, welchen er aus diesem Gemählde ziehen würde. Doch der schlaue Mann hatte sich zu früh über das Gelingen seines Schelmenstreiches erfreut! Ein braver Freund. Einige Tage darauf besuchte den armen Mann ein alter Freund, und da er das Gemählde nicht mehr sah, das ihm sonst gewöhnlich in die Augen fiel, so fragte er ihn, wo es hingekommen sey? Der arme Alte erwiederte, er habe es verkauft; auch sagte er ihm, wer es ihm abgekauft, und wie viel er dafür erhalten habe. Der ehrliche Freund gerieth in den heftigsten Unwillen, als er vernahm, wie man die Einfalt des guten Alten hintergangen habe, und ve>s.chette ihn, das Gemählde wäre von der Hand eines großen Meisters, und hätte einen sehr hohen Werth. Er gab ihm daher den Rath, zum Gouver- — 110 nerir, dem Cardinal AeneasSylviuS Piccolomini, einem gelehrten und gerechten Manne zu gehen, und ihn von der ganzen Sache zu unterrichten. Der Freund erboth sich, ihn dahin zu begleiten, um ihm desto eher Muth zu machen. Der ehrwürdige Prälat horte den Vorfall aufmerksam an, ließ alle Umstände, die Größe des Gemähldes, und was auf demselben vorgestellt sey, die Wohnung und den Nahmen des Käufers angeben, und tröstete den armen Alten, daß er den Werth desselben, um den er hintergangen worden wäre, erhalten sollte. Der Käufer wird gerufen. Glücklicher Weise hatte der edle Gouverneur in seiner Gemähldesammlung zwey Gemählde, die beynahe von der nähmlichen Größe waren. Er befahl daher, eines aus seinem Rahmen zu nehmen; dann schickte er nach dem Mahler und ließ ihn zu sich kommen. Bey seinem Eintritts fragte ihn der Gouverneur, ob er ihm nicht ein Gemählde verschaffen könnte, das in den Rahmen paffe, den er ihm zeigte. „Ich habe gerade eines, daS sich dazu schickt," erwiederte der Mahler;„es ist ein Meisterstück von Raphael, das ordentlich dazu bestimmt zu seyn scheint." „Zeigdn Sie mir es doch," fuhr der Gouverneur fort. Der Mahler eilte nach Hause, und kam bald mit dem Gemählde wieder. Schon hatte der Mahler den Staub und Rauch von dem Gemählde weggewischt, und nun zeigte es sich in seinem schönsten Glänze. RaphaelS Meisterhand schien sich in diesem Bilde erschöpft zu haben. Der Mahler stellte eS in das gehörige Licht; der Gouverneur betrachtete es eine Zeitlang bewundernd, und erkundigte sich nach dem Preise, um welchen es ihm der Mahler überlassen wollte. „Ein Freund," erwiederte der Mahler,„hat es ge- 111 stem für einen Engländer kaufen wollen, und zweyhundert Ducaten dafür angebothen; allein ich habe es ihm nicht gelassen, da ich zweyhnndert fünfzig dafür zu erhalten hoffe. Gefällt jedoch Eurer Eminenz das Gemählde, so will ich zufrieden seyn, wenn ich nur etwas mehr erhalte, als was mir der Engländer gebothen hat." Der Gouverneur gerielh bey diesen Worten in gerechten Unwillen; allein er ließ sich nichts davon merken, sondern sagte bloß mit einer freundlichen Miene, er wolle nicht mit ihm über den Werth des Gemähldes streiten, er könne aber doch nicht glauben, daß er das so hohe Anboth des Engländers ausgeschlagen habe. Der Mahler versicherte auf die feyerlichste Weise, daß er die Wahrheit gesagt habe, und daß er Seiner Eminenz den Freund bringen wolle, der ihm so viel dafür gebothen hätte. Beschluß. „Man hat Ihnen also zweyhundert Ducaten dafür gebothen?" fuhr der Gouverneur fort. „Ja!"„aber ich hoffe noch mehr dafür zu erhalten," sagte der gewinnsüchtige Mann.—„Gut," entgegnete der würdige Prälat,„ziehet doch einmahl jenen Vorhang von der Alkove weg," sagte er zu einem seiner Bedienten. Der Befehl wurde vollzogen, und der gute Alle, den man heimlich hatte kommen lassen, und den man hier versteckt hatte, erschien. Man kann sich leicht vorstellen, wie sehr der Mahler bey diesem Anblicke erschrak. Er wurde bald blaß, bald roth, und fing an, vom Kopfe bis zu den Füßen zu zittern. Der Gouverneur ließ ihn einige Augenblicke in diesem Zustande; dann nahm er eine finstere Miene an, und fragte ihn, ob er sich nicht geschämet Hätte, einen armen alten Mann so schändlich zu bekriegen? 112 „Fühltest du denn keine Gewissensbisse, als du diese Niederträchtigkeit begangen hattest?" sagte der Cardinal, du kennst die Strafe, welche ein solches Bubenstück verdient. Es ist in der That zu viel Gnade, wen» ich dich in das nähmliche Urtheil verdamme, das du selbst gefällt hast; doch es sey! Aber der Himmel bewahre dich vor einem ander» derley Verbrechen, sonst sollst du für beyde schwer büßen. Jetzt sollst du ohne Aufschub die zweyhun- dert Ducaten an diesen alten Mann auszahlen, welche das Gemählde nach deinem eigenen Geständnisse werth ist, und die erste Betriegerey, die ich wieder von dir höre, sollst du schwerer büßen." Der überführte Mahler ging erschrocken, verwirrt und beschämt fort. Der arme alte Mann vergoß Thräne» der Dankbarkeit und Bewunderung, und segnete seinen Wohlthäter und Beschützer tausendmahl. Der Gouverneur aber genoß das Vergnügen einen schuldlosen, alten Mann gegen Betrug gesichert, und die Beruhigung, einen niedercrächligen Berrieger in seinen eigenen Netzen gefangen und vor andern Betriegereyen gewarnt zu haben. Ocstcrreichifche Helden. Die griechischen und römischen Geschichtschreiber haben die Tharen vieler Männer ihres Vaterlandes autgezeichnet, die von Liebe Ar dasselbe beseel,, freudig sich den größte» Gefahren, und selbst ihr Leben Hingaben, wenn sie ihrem Vaterlands dadurch einen wichtigen Dienst erweisen 1 113 konnten. Wir erstaunen über ihren Heldensinn und ihre Heldenthaten, und laut rufen sie zur Nachahmung auf. Aber auch der österreichische Kaiserstaat hat Männer gehabt, und har sie noch, die Großthaten ausgeführt haben, welche der alten Griechen und Römer würdig sind. Nur von einigen will ich erzählen. Major Fedak und der StandarLm-Führer Kozma. Im Kriege gegen die Türken war der Vortrab des kaiserlichen Heeres in der Nacht vom i->. auf den n. September i^8g bey Beschania über die Save gegen die Festung Belgrad vorgerückt. Kaum bemerkten die Türken in dieser Festung die kaiserlichen?Truppen, als gegen 800 Reiter(Spahi) einen Ausfall wagten. 1 Zwischen den dortigen Anhöhen und der Eugenischen Schanze erstreckt sich ein morastiger Grund, über den eine schmale Brücke führte; vor demselben bis an den Fluß Save war eine Strecke Mais-Felder(Kukuruz-Felder,) in welchen mehrere Türken sich verbargen. „Sehen Sie dort den Feind," sagte der Feldmarschall London zum Major Fedak vom Regiments Gramen Husaren,„treiben Sie ihn zurück." Die Türken flohen sogleich vor den vorrückenden Husaren; aber ein Rittmeister verfolgte sie mit seiner Escadron ohne erhaltenen Befehl bis über die Brücke, todtste mehrere, und einige Husaren, von ihrem Muthe hingerissen, stürzten sich in die vom Feinde stark besetzte E tigern sehe Schanze. Allein hier erst nahmen sie die große Anzahl der Spahis, die von einem Corps Janitscharen verstärkt- worden waren, gewahr, und mit einem Kugelregen empfangen, jagten sie voll Bestürzung zurück, und verbreiteten unter ihren Kameraden ein panischen Schrecken. Alle eilten nun im vollen Trabe gegen die Brücke zurück; eilt. Bd.-- H 114 mge stürzten sich in den Morast/ und fanden hier ihren Tod/ oder wurden gefangen. Die Flüchtigen rissen auch die zweyte Escadron, welche sie unterstützen sollte, mit sich fort. Vergebens war der Zuruf des Majors:„Brüder! seyd ihr die Helden, seyd ihr die Braven von Gramen, sonst der Schrecken der Türken!« Vergebens stießen die Trompeter in ihre Trompeten, daß sich die Zerstreuten sammeln sollten; der Schrecken hatte alle ihre Sinne betäubt. Da stand mm an der kleinen Brücke voll Verzweiflung der Major, nur von acht bis zehn Getreuen umgeben; er sah seine Division heute zum ersten Mahl fliehen, sie floh unter Loudons Augen! Er wünschte sich den Tod; in der Vertheidigung der Brücke wollte er fallen. Der Standarten-Führer, Demeter Kozma, war immer an der Seite seines Anführers geblieben; doch kaum bemerkte er bey dem heftigen Andringen der Feinde dessen Gefahr, als er voll Zorn den Fliehenden nachjagte: „Fluch und Schande euch Memmen!" rief er ihnen mit donnernder Stimme zu,„verlaßt ihr so den Major? Wohlan, auch die Standarte sollet ihr verlieren: ich reite zurück, und will an der Brücke mit ihm als braver Soldat sterben. Freuet euch auf den Empfang, wenn ihr ohne Major und ohne Standarte zum Vater(London) zurück kommt." Diese Worte wirkten; die Husaren ermannten sich, faßten Muth, und thaten, was braven Männern geziemt. Einige folgten sogleich dem wackern Kozma, andere Hielten die fliehenden Kameraden mit Gewalt auf. Die Division sammelte sich, trieb mit Umgestüm, um ihren vorigen Flecken zu verwischen, den Feind in die Eugenische Schanze zurück, erbeutete eine Menge Schlachtvieh, und — L15— zog sich dann auf erhaltenen Befehl in guter Ordnung an die Anhöhe zurück. Prinz Commercy. Die Schlacht bey Mohacz am 12. August 1687 wird für die österreichischen Waffen immer ruhmwürdig bleiben. Kurz vor dieser Schlacht hatte die Leib-Schwadron des Regiments, in welchem Prinz Commercy diente, ihre Standarte verloren; eine Schande, die der Prinz mit seinem Regimente tief fühlte. Als er daher im Anfange der Schlacht einen Türken mit einer kleinen Fahne(Copy) vor der kaiserlichen Schlacht- Linie herumsprengen sah, bath er den eommandirenden General, Herzog Carl von Lothringen, um die Erlaubniß, diesem Türken seine Fahne abnehmen zu dürfen, um seinem Regimente die Verlorne zu ersetzen, und dadurch dessen Ehre, zu retten.„Vetter, das ist keine Arbeit für euch, war die Antwort des Herzogs. Commercy wiederhohlte noch einige Mahle seine Bitte, doch immer vergebens.„Wohlan!" rief er dann mit Heftigkeit aus,„Niemand mache mir von nun an einen Vorwurf über die Verlorne Standarte meiner Leib- Schwadron; ich wollte ihr eine erkämpfen, man verbiethet es mir." Der Herzog ehrte den Schmerz des Prinzen, und gewährte ihm jetzt seine Bitte. Commercy sprengte nun auf den Türken los, schoß nach ihm niit der Pistole, verfehlte ihn aber in der Hitze. Der Türke wandte sich jetzt gegen seinen Angreifer, und rannte ihm den stählernen Spitz seiner Fahnenstange in die Seite. Der Prinz verlor nicht die Geistesgegenwart; er hielt mit der linken Hand die Copy fest, und todtere mit dem Säbel in der rechten den Feind. Nun zog sich erst der Prinz die Copy, deren weißes Fähnchen von seinem Blute ganz H 2 — 416— roth gefärbt war, aus seiner Seite, krachte sie dem Herzoge, und übergab sie dann dem Fahnenjunker mit den Worten:„Hier hat die Schwadron wieder eine Standarte, man vertheidige sie besser als die erste; sie kostet mich mein eigenes Blut." Dieses heldenmüthige Betragen des Prinzen gefiel dem damahls regierenden Kaiser Leopold dem Ersten so wohl, daß er diese Copy nach Wien bringe», und nach damahliger Sitte in einer Kirche aufhängen ließ. Die Kaiserinn Eleonore, seine Gemahlinn, sandte dagegen dem Regimente eine neue Standarte, an der sie mehrere Verzierungen selbst gestickt hatte. Die Dragoner vorn Regimente Savoyen. Das Dragoner- Regiment Savoyen führt seinen Nahmen von dem Prinzen Eugen von Savoyen, jenem großen Helden, der eben so große Einsicht, Muth und Tapferkeit im Kriege besaß, als er Staatsmann und Freund der Künste und Wissenschaften war. Bey Wien wurde einst Heerschau über dieses Regiment gehalten. Der römische König, nachmahliger Kaiser Joseph der Erste staunte über die Haltung, den kriegerischen Ernst und die sprechenden Gesichtszüge der Soldaten dieses Regiments, die in so vielen Schlachten unüberwindlich gefochten hatten. „Glauben wohl Eure Majestät," rief ihm Eugen zu,„daß einer von diesen Braven im Stande wäre zu fliehen, und seine Fahne im Stiche zu lassen? Gewiß keiner." Da ritt der Flügelmann von Eugens Regimente, vor dessen Fronte die Unterredung Statt fand, zu dem Prinzen hervor.„Im Nahmen meiner Kammeraden schwöre ich," sagte der unter den Waffen ergraute Veteran, keiner von uns wird fliehen^ keiner seine Fahne per- lassen!" Die nächsten Reiter wiederhohlten den Schwirr, und als die entfernten hörten, wovon die Rede sey, rief die ganze Linie, einem Lauffeuer gleich, jin der höchsten Begeisterung aus:„Keiner von uns!". Diese Braven haben ihr Wort wie Helden gehalten, die größten Siege mit erfechten geholfen, und keine ihrer Standarte» in diesem dreyzehnjährigen Kriege verloren. Das Cürassier- Regiment Hohenzollem. Unter der ehrwürdigen Reihe jener vielen Regimenter, die in den Kriegen für Oesterreichs Wohl tapfer kämpften, und glorreiche Siege mit Leben und Blut erkauften, steht das Cürassier- Regiment H o h e n z o l le r n, jetzt Prinz Constantin, oben an. Treulose Unterthanen hatten gegen Kaiser Ferdinand den Zweyten einen Aufruhr erreget, und waren von dem Monarchen abgefallen; feine Heere wurden geschlagen Her selbst war in seiner Burg in Wien belagert, und die Aufrührer droheten mit jeder Stunde Sturm und Verderben. Da warf sich der fromme Kaiser auf die Knie vor dem Kreuzbilde des Erlösers, und flehete um Hülfe vom Himmel, da er von seinen verblendeten Unterthanen, von allen Menschen verlassen war. Da ward er in seinem Innern erheitert, eine leise Stimme erklang in seiner Seele, als würden ihm die Worte vom Himmel gesagt:„Ferdinand, ich werde dich nicht verlassen!" Und sieh! auf einmahl erschallt derTrompeten-Schall; wie vom Himmel gesandt dringen mitten durch das aufrührerische Wien die Tapfern vom Regiments Hohonzollern, welche sich eben so kühn als schlau herangeschlichen hatten, und befreyen den beängstigten Kaiser in der Burg. Die Rebellen retteten sich durch die Flucht;»euer 118 Muth erwacht i» den gutgesinnten Einwohnern der Hauptstadt, die ohne Hülfe dieses Regiments, allem Gräuel und allen Gewaltthätigkeiten ausgesetzt gewesen wären; auf die dumpfe Bestürzung folgte Jubel, und Ruhe und Ordnung kehrten zurück. Erst ein Jahr zuvor war dieses Regiment errichtet, und in der Nacht des 6. Junius 1619 hat es diese herrliche That ausgeführt. Zum immerwährenden Andenken an diese Begebenheit ward dieser tapfern und treuen Reiterschar das Vorrecht gegeben, durch die Hauptstadr und Burg zu ziehen und auf dem Burgplatze ihre Fahnen aufzupflanzen und dort neue Krieger zu werben. Seins Majestät, unser gnädigster Kaiser haben diesem Regiments einen besondern Beweis Ihrer Achtung gegeben, daß Höchstdieselben als königlicher Prinz von der untersten Stufe an die Militärs- Dienste mit diesen Kriegsmännern thäten, und das Regiment in eigener höchsten Person anführten. Am 6. März 1809 zog dieses Regiment durch die Hauptstadt. Feyerlich wurde es von Seiner kaiserlichen Hoheit dem Erzherzoge Carl und den anwesenden Generalen empfangen, und begleitet von dem jubelnden Volke in den Hof der Kaiserburg unter schallender Regiments- Musik geführt, wo der Oberste in einer Herzei,-dringlichen Rode diese Braven an die Großthaten ihrer Vorfahren erinnerte und zu neuen Heldenthaten ermunrerte. Die Standarten wurden aufgepflanzt, und achtungsvolle Veteranen, mit der Tapferkeits- Medaille an der Brust, begannen die Werbung. Zahlreich strömten handfeste Jünglings herbey, um einen Ehrenplatz in diesem Regiments zu erhalten. Der folgende Tag war ein Ruhetag. Alle Stände wetteiferten, durch Gastfreundschaft den braven Kriegern ihre Achtung zu bezeigen, jeder machte sich's zum Vergnügen, einen Tapfern dieses Regiments an seinem Tische zu — L19— haben, auf das Wohl des erhabenen Monarchen zu trinken, und Mit deutschem Handschlags Treue und Bürgerst»!! zu geloben. Im October i8r5 nach der siegreichen Volker- Schlacht bey Leipzig haben Seine Majestät, unser allergnä- digster Kaiser dieses ausgezeichnete Regiment Seiner kar,. Hoheit, Coustantin, Großfürsten von Rußland verliehen, der es bey dem Siegesfests im Prater am a6. Otto- Her 1814 selbst anführte. Oberst- Lieutenant O- Brien. In dem Kriege im Jahr 1809 haben viele Tapfere des österreichische» Heeres Beyspiel von Heldenmuth, von Entschlossenheit und Geistesgegenwart in den furchtbarsten Augenblicken gegeben, und Großthaten ausgeführt, welche den gepriesensten Helden der Vorzeit Ehre gemacht hatten. Unter denselben steht der Freyherr von O- Brien, Oberst-Lieutenant des Jnfanterie-.Regiments K e r P e n oben an. Am 2a. April! 1609 hielt er an der Spitze seines braven Bataillons, das auf dem Landwege aufgestellt war, welcher von Landshnt in Bayern aus die Straße nach Neumarkt führt, länger als eine Stunde den dreymahl stärker» Feind auf, der mit Ungestüm andrang, und'das Bataillon zu werfen drohte. Er stürzte sich im Sturmmarsche von der Anhöhe ins Thal mit den Deinigen herab, und warf sie in dem nähmlichen Augenblicks mit gefälltem Ba- jvnnette zurück, als die Feinde seine beyden Flanken bedrohe- ten. Mitten in einem hitzigen Gefechte stürzte O-B r ie n mit seinem Pferde, welches von zwey Kugeln getroffen war. Zweyte Heldenthat. Am 3. May d. I. nach dem blutigen Gefechte bey Ebersberg, im Lande ob der Enns, stand Baron O- Brien mit seinem schwachen Bataillon, ohne Unterstützung, sich ganz allein überlassen, links bey Ebersberg. — 120 ' Ganze feindliche Colonnen rückten auf das Bataillon an, und wurden nach einem dreymahligen wüthenden Angriffe zurück geworfen. Das Bataillon zog nun vom Feinde immer verfolgt, auf der Ebene gegen den Wald, wo es einen Hohlweg passiven mußte, in welchem O- Briens Pferd erschossen wurde. Er stürzte— aber ohne einen Augenblick die Gegen-. wart des Geistes zu verlieren, befahl er, daß das erste Glied der reihenweise marschierenden Compagnien die Höhen des Hohlweges besetzen, und den herandringenden Feind abhalten sollten, während die andern durch diesen engen Weg drangen. Pünctlich wurde der Befehl befolgt, der Feind zurückgedrängt, und so erreichten diese Tapfern mit ihrem Oberst- Lieutenant den Feldweg, der links zur Straße nach Enns führt, und endlich unter immer fortdauernden Gefechten die Stadt selbst, nachdem sie fünfmahl den Feind geworfen, und durch ihr standhaftes Ausharren in den größten Gefahre» die Flanke der Armee, auf welche der Feind vorzudringen die Absicht hatte, in dem entscheidendsten Augenblicke gesichert hatten. Eroberung einer Donau- Znsel. Die schwarze Lacke, eins Insel gegen das linke Ufer der Donau ober der großen Brücke, der Brigitten- Au gegenüber, wurde von den Feinden, die von Nußdorf auf Schiffen über die Donau fuhren, besetzt. Die Kanonen aus den Batterien bey Nußdorf beschützten die Landung und den Besitz. Der österreichischen Armee war sehr viel daran gelegen, wieder Meister dieser Insel zu werden, weil die Feinde leicht von da den Uebergang auf das linke Donau- User wagen konnten. — 12i.— Am i3. May 1809 erhielt das Infanterie-Regiment Kerpen den Auftrag/ die Insel wieder wegzunehmen. Baron O- B rie n machte mit dem ersten Bataillon, von neun Compagnien der andern zwey Bataillons unterstützt, den Angriff, und rückte durch ein unwegsames Gebüsch mit klingendem Spiele gegen den Feind, der sich hartnäckig wehrte. Die Artillerie-Batterien von Nußdorf machten ein mörderisches Kartätschen- Feuer auf unsere Truppen. Nichts konnte sie hindern, der Feind wurde geworfen, und zog sich zurück. Aber der Feind, 800 Mann Kerntruppcn stark, sammelte sich an dem äußersten Puncte der Insel wieder, und nahm eine sehr vorrheilhafte Stellung. Vor sich hatte er einen dreyßig Schritt breiten Teich; seine linke Flanke dehnte er bis an das dort befindliche gut gebaute Jägerhaus und an den großen Donau- Strom aus; seine rechte flanke war durch einen Wassergraben gesichert, der bis an den Teich hingezogen war. Hier wehrten sich die Feinde als Verzweifelte; das Kanone»- Feuer dauerteununterbrochen fort, Offiziere und Soldaten sielen todt darnieder. Der Ausgang des Gefechts schien lange zweifelhaft; alles lag daran, dasselbe schnell zu entscheiden, da die Feinde bey einbrechender Nacht entweder Verstärkung an sich ziehen, oder einen sicheren Rückzug gewinnen konnten. Da durchwatete Baron O- Brien mit einigen Offizieren und etwa hundert Freywilligen jenen tiefen Wassergraben, zog sich längs einem Gebüsche in die Flanke und in den Rücken des Feindes, griff ihn an, und dieser eilte um nicht abgeschnitten zu worden, in mehreren Abtheilungen nach der großen Donau seinen Fahrzeugen zu. Doch hier fiel Oberst- Lieutenant O- Brien an der Spitze seiner Leute den Feind mit gefälltem Bajonette an, und brachte ihn so in Verwirrung, daß er sich ergab. 28 Offiziere und 680 Mann 122 wurden zu Gefangenen gemacht, und dadurch den Oester- reichern der Besitz dieser Insel gesichert. Der Held ergreift die Fahne. In der mörderischen Schlacht bey Wagram stand das Infanterie-Regiment Kerpen nachstMarkgraf- Neusiedl, und wurde am 6. Julius 1809 um 9 Uhr früh von einem vielmahl überlegenen Feinde angegriffen. Da drang der tapfere O- Brien, den nichts erschüttern und aus der Fassung bringen konnte, mit seinem Bataillon auf die erste feindliche Masse mit dem Bajonnete ein, und warf sie auf ihr zweytes Treffen zurück, wobey ihm ein Pferd unter dem Leibe erschossen wurde. Das zweyte feindliche Treffen, welches noch alle Kräfte vereiniget hatte, rückte nun vor, und drohte das brave Bataillon, vom Kampfe ermüdet, zu durchbrechen. Schon wollte es der Usbermacht weichen. Da ergreift Baron O- Brien mir beyspielloser Tapferkeit die Fahne, und ruft seinen tapfern Kriegern zu:„Fürs Vaterland sterben oder siegen!" Er führt sein Bataillon wieder vor, und stellt es dem andringenden Feinde, der über diesen muthigen Angriff selbst betroffen war, als einen undurchdringlichen Damm vor. Auf diesem ehrenvollen Platze drang eine Muskete»- Kugel durch die Brust des Oberst- Lieutenants, und er stürzte tödtlich verwundet mit der Fahne in der Hand zu Boden. Doch die Vorsehung erhielt diesen Helden noch langer dem Vaterlande. Wie durch ein Wunder, wurde der Verwundete aus dem brennenden Markte Bockfluß, in welchen» viele seiner Mitverwundeten durch die Flamme umkamen, glücklich gerettet, und eben so glücklich von seiner Wunde(die Kugel fuhr durch die Brusthöhle beym 123 Rücken heraus,) geheilt. O- Briens Heldenmuth wurde durch den militärischen Marien- Th-resien- Orden belohnt. Gehorsam. Mein Hündchen ist ein gutes Thier; So bald ich rufe, folgt es mir; Doch kommt es nicht, wenn ichs ihm sage. So ist es werth, daß ich es schlage. Bestraft mich meine Mutter nun. Will ich nicht ihren Willen thun; Darf ich es dann so übel nehmen?—- Mich würde ja mein Hund beschämen. Gesellschaft adeliger Frauen z u r Beförderung des Guten und Nützlichen in Wien. 1. Ihre Entstehung. In dem Zeitpuncte, wo der österreichische Kaiserstaat durch Bestreitung der Auslagen zu einem langjährigen Kriege, in den er wider seinen Willen verwickelt war, die öffentlichen Lassen fast ganz erschöpft hatte, wo er aus Man- 124— gel eines Fondes die schon bestehenden gemeinnützigen Anstalten nach ihrem Bedürfnisse nicht unterstützen/ noch weniger manche wünschenswerthe neue Anstalt gründen konnte, zeigte sich die wahre Vaterlandsliebe bey allen Bewohnern in ihrem größten Glänze. Eine Anzahl adeliger Frauen, deren Herz fremdem Elende und dem Mitleiden für Unglückliche immer offen stand, schlössen den schönen Verein um das nach ihren Kräften zu leisten, was der Staat eben damahls zu thun nicht im Stande war. Den Entwurf zu diesem schönen V e r e i n e adeliger Frauen z u r B e f ö rd erung des Guten und Nützlichen legte der k. k. Regierungsrath und damahliger Hof-Theater-Seeretar, Herr Joseph v. Sonnleith- ner, ein für alles Gute eifrig bemüheter Mann, einer allgemein verehrten Dame, der verstorbenen Fürstinn Caroline von Lobkomitz im Jahre 1810 vor; rühmlich bekannte Geschäftsmänner und Freunde ihres Vaterlandes bearbeiteten nach diesem Entwürfe einen Plan zu dieser Gesellschaft, und durch die eifrige Verwendung der Frau Fürstinn von Lobkowitz und der Fürstinn von Odesealchi hatten sich binnen wenigen Wochen hundert und sechzig Frauen vom höchsten und hohen Adel erklärt, daß sie derselben beytreten würden. Seine Majestät der Kaiser, Allerhöchst welcher aus angsborner unbegrenzter Menschenliebe jeden Verein zur Wohlthätigkeit mit Vergnügen aufkeimen sehen und in Schutz nehmen, geruhten dem verdienten Herrn Verfasser, als Allerhöchst demselben der Plan vorgelegt wurde, zu erkennen geben zu lassen, daß Sie den Plan mit Vergnügen aufgenommen haben, und daß diejenigen Frauen, welche einer so gemeinnützigen Verbindung beytreten würden, auf Allerhöchst Ihr Wohlgefallen und Ihre Erkenntlichkeit mit Zuversicht rechnen können. Der Plan wurde am 2o. JuninS r3io von Allerhöchst Demselben genehmiget, und der Po- — 125— lizey-Hofstelle aufgetragen, diese Gesellschaft in besonderen Schutz zu nehmen. Dieses Allerhöchste Wohlgefallen war schon ein schöner Lohn für den Menschenfreund, der den Entwurf vorgelegt hatte, und für die erhabenen Mitglieder, welche sich zum Wohlthun vereiniget hatten. Obschon diese Gesellschaft ursprünglich eins adelige ist, so war Loch im Plane selbst schon daran gedacht, daß Frauen aus allen Standen aufgenommen werden sollten. Jene erhabenen Damen, welche sich bloß aus der schönen Absicht, Gutes und Nützliches allenthalben zu verbreiten, vereiniget hatten, vergaßen ihren hohen Rang; sie betrachteten sich nur als Bürgerinnen des Staates, dem sie von ganzem Herzen anhingen, und munterten die Frauen aus allen Ständen durch die herzlichsten Einladungen auf, daß sie sich mit ihnen zu dem edlen Ent- zwecke vereinigen sollten. Die Anzahl der bepgetretenen Frauen mehrte sich mit jedem Monathe; nicht nur in der Hauptstadt, in allen übrigen Städten und Märkten Oesterreichs, auch auf dem flachen Lande beeilten sich Frauen aus allen Standen, an einem so nützlichen Vereine Theil zu nehmen. Und so ward die Gesellschaft adeliger Frauen zurBeförde- rung des Guten und Nützlichen gegründet, welche mit dem Jahre 1811 anfing, ihre wohlthätigen Gaben weit und breit auszuspenden. 2. Verfassung. Die Mitglieder theilten sich in bloß beytragende und in wirkende. Jedes Mitglied verpflichtete sich, einen jährlichen Beytrag zu leisten, und die wirkenden nahmen die Mühe über sich, in einem bestimmten Kreise von Menschenfreunden, die ihnen nach Gassen und Häusern zugetheilt wurde, Gaben für die wohlthätigen Zwecke zu sammeln. — 126— So wurde die Hauptstadt nach Vorstädten, Straßen und Häusern, und auch das ganze Land Oesterreich in Bezirke(Fiüale) eingetheilt, und diese den Mitgliedern zu ihrem Wirkungskreise angewiesen. Von Menschenliebe ermuntert, beeiferte sich jede Frau, reichliche Gaben zu erhalten, und nach Kräften beyzutragen, daß Wohlthaten in ihrem Bezirke verbreitet, und menschliches Elend gelindert würde. Aus der großen Anzahl der Mitglieder wurden zwölf Ausschuß- Damen und aus diesen eine Vorsteherinn erwählt, deren jede einen der zwölf Bezirke in der Stadt und in den Vorstädten zu besorgen hat, und denen die wirkenden Mitglieder die eingehohlten Beyträge des ausgedehnteren Bezirkes wegen zuzuschicken haben. Ihre Obliegenheit ist es auch, das Ganze zu leiten, und die wohlthätigen Zwecke zu bestimmen, zu welchen die eingegangenen Beyträge verwendet werden sollten. Die Wahl zur Vorsteherinn fiel einstimmig auf die allgemein verehrte, leider zu früh verstorbene Frau Fürstinn von Lobkowitz, welcher diese Gesellschaft ursprünglich ihr Daseyn verdankt, und welche bis zu ihrem allgemein betrauerten Tode Liese erhabene Stelle zum Wohle der leidenden Menschheit begleitet hat. Zu AuSschuß- Damen wurden erwählt: Die Frau Baroninn von Arn- stein; die Frau Fürstinn von Auersperg; die Frau Gräfinn Dietrich st ein; die Frau Fürstinn von Ester- hazy; die Frau Gräfinn von Lancskoronska; die Frau Fürstinn von Lichnowska; die Frau Fürstinn von Liechtenstein; die Frau Gräfinn von Rzewus- ka; die Frau Gräfinn von Thun; die Frau Fürstinn ponTrauttmannsdorf. Der würdige Herr von S o n n- leithner übernahm unentgeltljch das mühsame Geschäft eines immerwährenden Secretärs, und Seine Excellenz Herr Moritz Graf von Dietrichstein, jetzt Oberst- Hofmeister bey Sr. Durchlaucht dem Herzog von Reichstadt, ein Eiferer für alles Gute und Nützliche, vertrat die Stelle des Cassiers der Gesellschaft. Beseligende Wirkungen hat schon im ersten Jahre nach seiner Entstehung dieser wohlthätige Verein, der bis jetzt unausgesetzt zur Unterstützung der Armuth und Linderung des menschlichen Elendes fortwirkt, hervorgebracht. Eine Summe von 144207 Gulden 54 Kr. im Baren, an Obligationen und an Lotto-Losen sind als milde Gaben eingegangen, ein herrlicher Beweis von der angeborncn Mildthätigkeit der-Bewohner des Erzherzogthums Oesterreichs! Diese Beyträge wurden theils in der Hauptstadt, theils in den 45 Filial- Gesellschaften, welche in den übrigen Städten und auf dem flachen Lande verbreitet sind, eingesammelt. Rührend zu lesen aber ist es, wie weise und wohlthätig diese Gaben noch in demselben Jahre vertheilet wurden. Z. Unterstützung der Taubstummen. Zuerst zogen die unglücklichen Taubstummen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich. Das Taub stumme n-In sti tut, diese menschenfreundliche Anstalt, durch deren Gründung Kaiser Joseph H. sich ein bleibendes Denkmahl seiner immer regen Menschenliebe errichtet hatte, und das durch die Allerhöchste Gnade unsers allgeliebten Landesvaters Franz!, größere Ausdehnung seit dem Pariser Frieden erhalten hat, fing in den schworen Kriegszeiten schon an, durch die immerwährende Theurung sehr zu leiden. Die demselben festgesetzten jährlichen Einkünfte reichten nicht mehr hin, die bestimmte Zahl Zöglinge zu nähren und zu kleiden. Der Staat ist zwar zu Hülfe gekommen; aber ganz konnte er den Abgang an Kleidung, Wäsche und Betten nicht ersetzen. Die Zahl der Zöglinge sollte, um zu ersparen, vermindert werde». Die Gesellschaft, von Menschenliebe und 123 Patriotismus geleitet versah des Institut mit allen diesen dringenden Bedürfnissen und verwendete zu diesem wohlthätigen Zwecke 10998 Gulden; noch größer würde die Aus- lage für dieses Institut gewesen seyn, wenn nicht Herr Freyherr von Lau g und der Großhändler Herr Kunz mehrere Stücke Stoffe unentgeltlich geliefert, und auch mehrere Kaufleute die zu diesem Zwecke erforderlichen Waaren um einen weit herabgesetzten Preis der Gesellschaft überlassen hätten. So ergreifen Oesterreichs menschenfreundliche Patrioten jede Gelegenheit, die sich darbiethet, zu einem Werke der Menschenliebe mitzuwirken. Schon in diesem Jahre faßte die Gesellschaft den edlen Vorsatz, mehrere Taubstumme auf ihre Kosten im Institute erziehen zu lassen, da leider die Anzahl dieser Unglücklichen so groß ist, daß damahls über hundert die Aufnahme in das Institut erwarteten. Bis jetzt wird eine Zahl Taubstumme auf Kosten dieses schönen Vereins im Institute verpflegt. 4. Unterstützung des Minden-Instituts. Der zweyte Gegenstand der Wohlthätigkeit war die Erziehungs- und Bildungsanstalt für blinde Kinder. Auch.diese Unglücklichen rufen zu dem Menschenfreunde um Hülfe, und welches Herz könnte bey ihrem Schicksale ungerührt bleiben? Dieses Institut, welches durch die Menschenliebe und den ausdauernden Muth des verdienten DirectorS Wilhelm Klein im Jahre 1809 entstanden ist, hatte zwar durch ansehnliche Gaben, welche der menschenfreundliche Erzieher der Fürsten von Liechtenstein, Abbe Werner, durch Subscriprion unter dem hohen Adel gesammelt hatte, eine ansehnliche Stütze erhalten, und wurde in der Folge zu einer — 129— öffentlichen Anstalt erhöbe»/ wobey der Staat die Versorgung von acht Zöglingen übernahm. Auch wurde das Institut vom Staate durch die Fürsorgej Seiner Excellenz des Herrn Staatsministers, Grafen von Sau- rau mit einem eigenen Hause beschenkt. Nur in dieser Rücksicht beschrankte die wohlthätige Gesellschaft ihre Gaben für dieses erste Jahr; und gab dem Institute nur Kleidungsstücke und Leinwäsche für die Zöglings, ein Forte- Piano, mehrere Blas-Jnstrumente zum Musik-Unterrichte und andere Bedürfnisse/ in der festen Ueberzeugung/ daß die übrigen Wohlthäter, welche das Institut bisher so freygebig unterstützt haben, mit ihren milden Gaben fortfahren werden. Doch wurden zur Unterstützung des Blinden-Instituts 68Z4 Gulden 3o Kr. großmüthig verwendet. Zugleich»ahm sich die Gesellschaft vor, künftiges Jahr einige blinde Kinder ins Institut zu geben, und sie von den eingegangenen Beyträge» zu versorgen, welches bis setzt immer geschehen ist. Z« Unterstützung der Klöster mit Lehranstalten. Von allgemein anerkanntem Nutzen sind die Klöster der englischen Fräulein, der Ursulinerinne» und Salcsia- nerinnen. Diese Klosterfrauen beschäftigen sich ganz allein mit der Erziehung und dem Unterrichte der weiblichen Jugend. Der Welt haben sie entsagt, bringen ihre Lebenszeir zwischen den Mauern ihrer Klöster zu, und sehen nur die frohen und muntern Mädchen durch ihre Pforte kommen, welche sie mit mütterlicher Sorgfalt im Lesen, Schreiben, Rechnen, in allen weiblichen Handarbeiten und in anderen nützlichen Kenntnissen unterrichten, zur Gottesfurcht und guten Sitten anweisen. Auch diese Anstalten haben durch den Druck der Zeiten sehr gelitten. Die edlen Damen konnten jene verdienten Mitglieder ihres Geschlechtes nicht in einer mißli- U. Bd. I 130 chen Lage sehen, Sie unterstützten dieselben großmüthig, und gaben dem Erziehungshause der englischen Fräulein in St. Polten 3ooo Gulden, jenem in Kre.m's 2000 Gulden; den Ursulinerinnen in Wien 6000 Gulden, jenen in Linz 2000 Gulden, und den Salesianerinnen in Wien 6000 Gulden. Der Orden der Vater der frommen Schulen(Pia- risten) haben ausgezeichnete Verdienste um die Erziehung und den Unterricht der Jugend. Nach dem ersten Jahre des Eintritts in den Orden wird jedem Mitgliede desselben eine Schul-Classe übergeben, in welcher es mit allen den Beschwerlichkeiten, welche das Lehramt drücken, zu lehren hat, und sich nebstbey zu dem Priesterstande vorbereiten, und in andern nützlichen Kenntnissen zu einem höheren Lehramts ausbilden muß. Die ganze Lebenszeit bringen diese würdigen Priester im Schulstunde zu. Dabey ist für Unterhalt und körperliche Pflege nur sparsam gesorgt. Oft reichten ihre geringen Fonde nicht zu, denselben einen nur gewöhnlichen Lebensunterhalt zu verschaffen. Der Staat hat ihnen von jeher mit beträchtlichen Summen aushelfen müssen; aber ihre Lage war wieder im Jahre i8n sehr bedenklich. Die Gesellschaft edler Damen wußte den großen Nutzen, den dieser Orden stiftet, wohl zu schätzen, und gab dem Piaristen-Collegium in Wien auf der Mieden ivoo Gulden, und jenem in Krems 3ooo Gülden. §. Unterstützung der Kranken-Institute. Der Orden der barmherzigen Brüder beschäftiget sich ganz allein mit der Pflege armer, kranker Mannspersonen, und der Orden der Elisabethinerinncn nimmt arme kranke Weibspersonen aller Religionen in sein Kloster zur Pflege auf; wahrlich ein mühsames und samaritanisches Geschäft, welches dem Menschenfreunde um so ehrwürdiger wird, — 131— da jährlich Tausende dieser Unglücklichen unter der sorgfältigen und liebevollen Pflege dieser barmherzigen Wärter Heilung und Gesundheit erhalten, und mit Segen und Dank diese wohlthätigen Spitäler verlassen! Von geringen Fonden, von milden Stiftungen und von dem eingesammelten Almosen allein erhalten sich diese wohlthätigen Kloster. Während der Anwesenheit LeS Feindes im Jahre 1809 hatten sie viel gelitten, und selbst von ihren für die Pflege der Kranken so nothwendigen Habss- ligkeiten Manches verloren. Aber es bedurfte nur, daß der edle Damen-Verein in die Kenntniß ihrer Dürftigkeit gesetzt wurde, um ihnen hülfreiche Hand zu biethen. Mit Rührung vernahmen die Damen die Hingebung, mit welcher die Mitglieder dieser Orden sich selbst das Nöthigste versagten, um Mittel zu haben, den Kranken Arzeney und Pflege zu verschaffen; sie unterstützten liebevoll die Elisa- bethinerinnen in Wien mit 6000 Gulden und jene in Linz mtt 2000 Gulden; den Reconvalescenten, das ist jenen genesenden Kranken, welche aus diesen Spitälern austreten, und in die angewiesenen Gebäude zur Erhoh- lung übergehen, bis sie Kräfte genug haben, ihre gewöhnliche Arbeit wieder fortzusetzen, gaben sie 55oo Gulden, und den barmherzigen Brudern in F eldsb erg 2000 Gulden. Das Institut für arme kranke Kinder, von dem menschenfreundlichen Arzte Mastalier im Jahre 1787 gegründet, welches von dem Doctor Gölis mit so vieler Liebe und Hingebung seit dem Tode des Stifters im Monathe November 1798 besorgt wird, und durch welches so vielen armen kranken Kindern das Leben, und ihren armen Ael- tern Trost und Stütze im Alter erhalten wurden, konnte kaum mehr von dem geringen Fonde und von den einge gangenen wohlthätigen Gaben die nöthigen Auslagen be' 2 2 132 streiten. Hülfreich reichte ihm die Damen-Gesellschaft eine reichliche Gabe von ivoo Gulden. 7. Unterstützung der ausgetretenen Züchtlinge. Für die nach der Strafzeit aus dem k. k. Provinzial- Strafhause austretendeu Züchtlinge eröffnete der menschenfreundliche Herr Regierungsrath und Polizey- Ober- Direc- tors-Adjunct Oß im Jahre r8io eine Sammlung, von deren Ertrage sie bey ihrem Uebertritte in die bürgerliche Welt mit Kleidern und einigem Gelde zu den nöthigsten Bedürfnissen versehen werden sollten, damit sie nicht durch die größte Noth zu neuen Verbrechen verleitet würden. Mitglieder der erhabenen Damen-Gesellschaft beeilten sich zu diesem wohlthätigen Zwecke mitzuwirken; es wurden Sammlungen veranstaltet, und i5oo Gulden zu dieser nützlichen Verwendung übergeben. Von einer ähnlichen Sammlung wurden zur besseren Pflege der Zöglinge im Erziehn,igshause des Infanterie-Regiments Strauch 5oa Gulden der Damen-Gesellschaft eingehändiget, und dem Hause übergeben. Eben so erhielt sie zur Unterstützung der Abgebrannten in Neustadt i5oo Gulden, welche denselben zugesendet wurden. 6. Unterstützung der Findlinge. Unter die hülflosesten Geschöpfe der Welt gehören die von ihren Aeltern verlassenen Kinder, die Findlinge. Welch großes Unglück für diese armen Würmchen ist es, von der Geburt an Mutterpflege und Vaterliebe entbehren zu müssen. Der Staat hat sich zwar ihrer angenommen; schon Kaiser Joseph II. hat ein Haus zur Unterbringung dieser Unglücklichen errichtet, wo sie theils verpfleget, theils von da aus rechtlichen Leuten gegen eine geringe Bezahlung in Verpflegung gegeben wurden. Aber laßt sich Muttertreue, lassen sich jene sorgenvollen Tage, jene schlaflosen Nächte erkaufen, welche die Mutter ihrem klei- 133 ncn Säuglinge liebreich opfert? Eine gut bedungene Kindeswärterinn kann nie Mutterpflege ersetzen, noch viel weniger ein Weib, das für einige Kreuzer des Tages den Säugling aus dem Findelhause in Kost nimmt, und darin»och einen Gewinn sucht. Von jeher ist es den Findelkindern nicht wohl ergangen; aber ihre Lage verschlimmerte sich mir der zunehmenden Theurung immer mehr und mehr, weil der Fond des Hauses zur Bezahlung eines höheren Kostgeldes nicht hinreichte. Die Unglücklichen starben dahin, und machten mit einem Mahle ihrem Elende ein Ende— von hundert blieben kaum zwey oder drey am Leben. Die Damen- Gesellschaft nahm mit liebevoller Hingebung diese Findlinge in ihren besondern Schutz, und nahm sich vor, Mutterstelle an ihnen zu vertrete». Nach Bezirken haben die wirkenden Mitglieder sie mit edler Bereitwilligkeit in mütterliche Aufsicht genommen. Sie gingen in die niedrigsten Hütten zu den Pflegmüttern der Findlinge, wachte» über ihre Pflege, und halfen, wo es an etwas gebrach. Sie haben Prämien für jene sorgfältigen Pflegmütter festgesetzt, welche die Kinder am besten warten. Die Findlinge selbst haben sie mit Kleidern und Arzeneyen unterstützt, für sie Zulagen an Kostgeld gegeben, und brave Weiber auf dem Lande, bey welchem man mehr Menschenliebe, Gewissenhaftigkeit und Religiosität, als in der gemeinen oft verdorbenen Menschen- Classe der Hauptstadt findet, aufgesucht, die bereitwillig waren, Findlinge in Pflege zu übernehmen, über welche die Mitglieder auf dem Lande mit mütterlicher Sorgfalt wachen. Einhundert ein uud fünfzig hülflose Säuglinge hat die Gesellschaft auf ihre Kosten in Privat- Versorgung gegeben, und ein glücklicher Erfolg krönte diese menschenfreundliche Handlung; nur die Hälfte derselben starb, da außer dieser Sorgfalt vielleicht nur einige dem Tode — 134 entgangen wären. Zur heilsamen Unterstützung der Findlinge wurden im Jahre i8n von der Damen-Gesellschaft 3o24g Gulden 6 Kreuzer verwendet. 9. Unterstützung der Armen in den Versorgungshäusern. Die übrigen Armen und Pfründler in den Versorgungshäusern wurden auch nicht vergessen. Da das ihnen ausgeworfene Almosen bey der großen Theurung auf den nöthigsten Lebensunterhalt nicht hinreichte, so wurden auch sie mit einer Summe von Gulden auf Kleidung und Lebensbedürfnisse unterstützt. 10. Belohnung für treue Dienstleute. Die allbesorgte österreichische Staatsverwaltung hatte lm Jahre 1810 bey der Erscheinung der neuen Gesindeordnung zehn Prämien von aöo Gulden für brave Dienst- bothen ausgesetzt. Damit noch mehrere Dienstleute ange- cifert würden, mit Liebe und Treue ihrer Herrschaft anzuhängen, und alle Obliegenheiten ihres beschwerlichen Standes mit Hingebung, Diensteifer und Ehrlichkeit zu erfüllen, hat auch die Damen- Gesellschaft ausgezeichneten Dienstbothen ansehnliche Prämien auf jedes Jahr bestimmt. Zehn derselben wurden im Jahre 1611 betheilt, und zu diesem nützlichen Zwecke 3ooo Gulden verwendet. 11. Gründung des Luisen- Spitals. Viele tausend Kranke haben durch Benützung der überaus heilsamen Bäder in Baden den Gebrauch ihrer Gliedmassen und die vorige Gesundheit wieder erhalten. Doch konnten bis jetzt die entfernten armen Kranken nur mühsam die Wohlthat der Heilkräfte der Bäder — 133— genießen. Die Verpflegung in der Stadt Baden war wie an allen Orten, wo ein großer Zusammenfluß von Menschen ist, kostspielig, selbst die Unterkunft theuer. Bey weitem der kleinere Theil konnte nur in das dortige Spital aufgenommen werden. Die Gesellschaft edler Damen wollte auch hier den armen bedrängten Menschen zu Hülfe kommen; sie entwarf den Plan zu dem Baue eines großen Spitals nächst Baden, in welches arme Kranke ohne Unterschied der Nation und der Religion aufgenommen werden sollten, und noch im Jahre 1811 wurde die Grundfeste zu diesem Hause der Menschenliebe gelegt. 10164 Gulden wurden schon in diesem Jahre zum Baue angewiesen. Dieses Spital verbreitet noch immer reichliche Wohlthaten unter arme Badbedürftige. 12. Heilung der Augenkranken., Noch wurde eine wohlthätige Anstalt von der hochverehrten Gesellschaft adeliger Frauen gegründet. Nicht unbeträchtlich ist die Anzahl unglücklicher Personen, welche durch Krankheit und verschiedene andere Zufälle das Augenlicht verlieren. Viele derselben kann ärztliche Hülfe noch retten. Aber wo können diese Bedauernswürdigen, die oft in der größten Entfernung von der Hauptstadt leben, einen geschickten Augenarzt finden? Die edle Damen-Gesellschaft hat schon in dem ersten Jahre ihres wohlthätigen Wirkens die Anstalt getroffen, daß derley arme Blinde, welche noch Hoffnung zur Heilung geben, auf Kosten der Gesellschaft nach Wien gebracht, unenkgeldlich geheilt, verpflegt und dann wieder in ihre Heimath gebracht werden. So zeigte sich nun dieser edle Venen zum Wohlthun schon gleich nach seiner Entstehung als ein wohlthätiger Stern in unserm Vaterlands. Das weibliche Herz, weich und mit- 136 leidig von der Natur geschaffen, empfindet fremdes Leiden, und schafft Mittel es zu lindern. Damen von hohem und höchsten Adel sind von immer regem Geiste der Wohlthätigkeit beseelt. Heil euch, Töchter des Vaterlandes, die ihr so edle Mütter habet; lernet von ihnen wohlthun, werdet ihnen ähnlich, und auch ihr werdet einst der Stolz des Vaterlandes, die Stütze der leidenden Menschheit seyn! Unglück durch Schießgewehr- Die Erfindung des Schießpulvers und der Schießgewehre ist allerdings der menschlichen Gesellschaft sehr nützlich. Der Krieg ist dadurch weniger blutig geworden, der vorher bloß im Handgemenge durch das Schwert entschieden werden mußte. Die Jagd und die Vertheidigung gegen grimmige und reißende Thiere, so wie gegen die Anfalle mörderischer Räuber ist dadurch sehr erleichtert worden. In Gewerken und bey Sprengung der Steinmassen, die sonst lange und mühsame Arbeit erforderte, wird ein nützlicher Gebrauch davon gemacht. Aber man vergesse ja nicht, daß Pulver ein zerstörendes Mittel, und Feuergewehre immer ein gefährliches Werkzeug sind, mit dem man sehr vorsichtig umgehen muß. Besonders sollen junge Leute, die damit nicht zu hantieren wissen, sich nie mit denselben etwas zu schaffen machen, und auch Jünglinge, welche mit der Flinte gut umgehen können, sollen nur unter vernünftiger Aufsicht dieselbe zur Hand nehmen. Selbst geübte Jäger und Schützen habe» schon oft großes Unglück angerichtet. Jedes Jahr gibt uns Beweise hiervon; wie leicht kann eS also geschehen, daß un- 137 geübte Knaben sich und andern Schaden zufügen, wenn sie mit Feuergewehren leichtsinnig umgehen? Folgende traurige Beyspiels mögen dazu beytragen, meine lieben Leser vorsichtiger zu machen. 1. Bäcker G. erschießt seinen Frermd. Zu Mvlln in dem Herzogthume Lauenburg lebten zwey wohlhabende, allgemein geachtete Bürger G. und H. Sie waren Vatersbruder-Kinder, von Kindesbeinen an mit einander aufgewachsen, und durch treue Freundschaft verbunden. Freuden und Leiden theilten sie, und fanden das größte Vergnügen, in Gesellschaft mit einander zu seyn, Sie wohnten auch gemeinschaftlich den Jagden bey, welche G. besonders liebte. In der Mitte Novembers i8n gingen beyde auf eine Rchfagd in den Forst. Viele andere Schützen und Treiber waren zu derselben zusammen gekommen; aber ohne ein Wild aufgefunden zu haben, kehrten alle nach der Stadt zurück. Nahe vor derselben kamen sie an einen Fußsteig. G. ging voran und der kleinere H. dicht hinter ihm; die Treiber folgten in einiger Entfernung. Da fiel es dem Bäcker G. ein, sein Gewehr über die Schulter zu werfen, allein das Gewehr ging los, der Schuß traf den unglücklichen H., und riß ihm den ganzen Schädel weg. Bleich und entsetzt sah G. seinen Freund im Blute hingestreckt liegen, und sank ohnmächtig auf denselben hin. Beyde wurden auf einem hcrbeygehohlten Wagen nach Hause geführt. G. erhohlte sich, aber wie ein Schattenbild schleicht er herum; sein getödteter Freund fleht ihm immer vor Augen; Tag und Nacht quält ihn der schreckliche Gedanke, seinen Freund gemordet zu haben. Die Aerzte haben ihn auf Reisen geschickt, um ihn zu zerstreuen; aber — 138— wird je Ruhe und Zufriedenheit in seine traurige Seele wieder zurück kehrend Merkwürdig ist bey diesem traurigen Unfall nach folgender Umstand. Schon die Vater dieser beyden Bürger- waren gute Freunde. Sie kamen oft zusammen. Eines Tages kam der alte G. von der Jagd, besuchte die Mutter des H., setzte sich der Wiege, worin der kleine H. schlummerte, gerade gegenüber, und fing ein trauliches Gespräch an. Plötzlich ging das Jagdgewehr los, welches er mit sich führte, und der Schuß fuhr über den Kops des Kindes in den Wiegenkorb.„Großer Gott! bald hatten Sie mir mein Kind getödtet!" schrie die Mutter von Schrecken ganz außer sich. G. zitterte an allen Gliedern, und beschloß durch diesen Vorfall gewarnet, nie wieder auf die Jagd zu gehen, nie wieder ein Gewehr zur Hand zu nehmen, was er auch treulich gehalten hat. Er warf also, wie er nach Hause kam, unwillig sein Gewehr auf das Himmelbett. Der Alte starb viele Jahre darnach. Der Sohn nahm von dem Hause und der Backerey Besitz, verkaufte den alten unnöthigen Hausrath, und fand zugleich das verrostete, mit Staub bedeckte Gewehr. Die Mutter erzählte dem Sohne zur Warnung, was dem Vater mit diesem Gewehre begegnet war; allein er ahnste nicht, was ihm bevorstand. Er ließ das Gewehr reinigen, gebrauchte es zur Jagd, und erschoß damit seinen Freund, dessen Leben in der ersten Kindheit schon durch dieses unglückbringende Gewehr bedrohet worden war. 2. Ein Iägerbursche tödtet auf der Jagd einen hoffnungsvollen Jüngling. Der Enkel des Oberjägers in Spill ern, ei» wohl- gebildeter und gut gesitteter Jüngling ging im Sommer 139 r8iS mit einem Jägerburschen auf die Jagd. Beyde stellten sich in einer Entfernung am Abhänge einer Anhöhe auf die Lauer. Es sing schon an dunkel zu werden. Der Jüngling änderte seinen Platz; er schlich aber zwischen Gebüschen gebückt, daß ihn der Jägerbursche nicht sehen konnte. Nun brach ein Wild hervor. Der Jägcrbursche faßte es mit der Flinte, drückte los, und schoß den Jüngling, der in gerader Schußlinie mit ihm und dem Wilde sich befand, und in dem nähmlichen Augenblicke sich aufrichtete, mitten durch den Schädel, daß er auf der Stelle todt niederstürzte. Man stelle sich den Schrecken und das Entsetzen des Jägerburscheu vor, als er nach dem Wilde hinlief, und den Jüngling, dem er von Herzen zugethan war, mit zerschmetterter Hirnschale liegen sah. 3. Ein Schloffermeister wird getödtet. Während des letzten Krieges hatte der Schlossermeister Jgnaz Pl. in Wien mehrere alte Flintenläufe gekauft, und bey sich aufbewahrt. Am i2. Julius 1612 wollte er einen derselben zur Verfertigung eines Rohres für einen Blasbalg benützen. Zu diesem Ende befahl er seinem Lehrlinge, den Lauf ins Feuer zu legen. Allein kaum war dieses geschehen, als ein darin eingerosteter scharfer Schuß losging, und dem Meister, der nahe dabey stand, durch den Unterleib fuhr. Der Unglückliche, ein Mann von vierzig Jahren, starb nach drey qualvollen Stunden. 4. Ein Vater tödtet sein Kind. Ein Einwohner in Leipzig hatte im August 1612 von einem seiner Anverwandten eine fast neue, dem Anscheine nach sehr schone Flinte zum Aufbewahren erhallen. Er nimmt sie, besieht sie, und während seine Frau ihr 140 noch nicht einjähriges Kind auf dem Arme tragend, dahergegangen kommt, legt er die Flinte aus einem gar n.cht verzeihlichen Scherze auf das Kind an, drückt den Hahn los, und das Zündkraut brennt ab. Jetzt war er doch gewarnt genug, er hatte dre Flinte weglegen sollen; aber nein, weil dieß Spiel dem KmLe gefallen hatte, zog er den Hahn wieder auf, und legte, ohne zu untersuchen, ob das Gewehr geladen sey, zum zweyten Mahle aufsein Kind an. Er drückt los, und ein voller Schuß Schrotte donnert aus dem Laufe, und fahrt dem armen Kinde in den oberen Theil des Armes und der Brust, so daß eS Tags darauf an diesen Wunden sterben mußte. Welche Gewissensbisse werden den leichtsinnigen Vater gequält haben, daß er die Ursache des Todes seines geliebten Kindes war! 5. Ein Knabe spielt mit einer Flinte, und erschießt sich. Ein Jäger besuchte am 5o. September iLn einen Freund in einer Vorstadt von Paris, und stellte beym Eintritte seine Doppelflinte in einen Winkel des Vorhauscs. Während er mit seinem Freunde im Gespräche begriffen war, nahm der zehnjährige Sohn des letzteren die Flinte, spannte den Hahn, und da er auf der Zündpfanne kein Pulver sah, blies er in den Lauf hinein, um vollends zu untersuchen, ob sie geladen sey. Bey dem Umwenden der Flinte, um den zweyten Lauf zu untersuchen, streß er mit dem Kolben auf das Pflaster; das Gewehr ging los, und der Schuß fuhr ihm durch den Kopf, und zerschmetterte ihm auf eine erbärmliche Weise die Hirnschale.— Warnung genug für jedes Kind, mit keiner Flinte zu spielen! 141 6. Ein Student tobtet seinen Schulfreund. Der Sohn eines Forstbeamten, welcher auf der Universität zu Erlangen studierte, besuchte in Gesellschaft seines vertrautesten Schulfreundes Donaner aus Thur- nau gebürtig, am 25. November 1612 seine Aeltern. Beyde gingen mit einander im Rednitzer- Gebüsche auf die Jagd. Es stand ein Hase vor ihnen auf. Der Sohn des Forstbeamten legte auf ihn an; und in dem Augenblicke, wo er die Flinte am Gesichte auf den Hasen losdrückte, trat ihm sein Gefährte, der nur sechs Schritte von ihm entfernt war, in die Schußlinie; der Schuß traf ihn, und er stürzte zur Erde. Vergebens bothen die Aeltern des unglücklichen Schützen und die Aerzte alles auf, um den schwer Verwundeten zu retten. Er starb in dem Hause des Forstbeamten am folgenden Tage um 5 Uhr Morgens. Der ganz in der Nähe gefallene Schuß hatte die Lunge, die Nieren und den Rück- grad verletzet. Man denke sich den Schmerz des Förstersohncs, der unverschuldet seinen innigsten Freund getodtet hatte! 7. Unglücksgeschichten auf der Schießstätte. Der Handlungs-Diener D. wollte im Julius i8n zum ersten Mahle auf der Schießstätte der Bürger zu Wien seine Geschicklichkeit zeigen. Aber während er das Gewehr zum Abfeuern richtete, ging dasselbe durch seine Unvorsichtigkeit los, und die Kugel fuhr dem Zieler Franz L* durch den Leib. Der Unglückliche starb»ach einigen Tagen. Der Inhaber der Spaa-Mühle nächst Berchtholds- darf, ein junger Mann von acht und zwanzig Jahren und Vater von zwey Kindern, stand am r. Junius i8r2 142 auf der Schießstätte in Berchtholdsdorf nahe an der Zielscheibe, und ordnete an dem dort aufgestellten Polier. So oft ein Schütze zum Abfeuern in den Zielstand tritt, gibt er mit der Glocke ein Zeichen, damit sich alles von den Zielscheiben entferne. DerZieler tritt da bchurhsam in seine gemauerte Hütte. Die Glocke wurde gezogen, der Zieler entfernte sich, und rief dem Müller zu, eiligst wegzugehen. Aber dieser hoffte, wan würde ihn sehen, und nicht abfeuern,— er blieb. Doch der Schütze hatte nur den Zielpunct ins Auge gefaßt, der Schuß fiel, und zwar von der Hand eines der trautesten Freunde des Müllers, und die Kugel fuhr ihm durch den Arm und in die Seite. Der schwer Verwundete ließ sich zur Heilung nach Wien bringen; aber die Kunst der Aerzte vermochte nicht, ihn zu retten. Er starb nach wenigen Tagen als das Opfer- seiner Unvorsichtigkeit. 8. Ein Knabe erschießt seinen Gespielen. Zwey Knaben, Distler und Berghausen, beyde eilf Jahre alt, von F l am e r s h e im bey Ko bl e n z gebürtig, waren gute Schulfreunde, und liebten einander wie Brüder. In den Erhohlungsstunden verweilten sie gewöhnlich zusammen, und unterhielten sich durch mancherley Spiele. Am i5. Jänner i8i2 kam Distler zu seinem Spielgefährten. Während ihres muntern Spieles fand Berg Hausens Schwester in einem offenen Schranke eine Pistole, welche ihr Vater, der erst kurz von einer Reise zurück gekommen war, dorthin gelegt hatte. In der Vermuthung, daß die Pistole nicht geladen sey, ergriff sie dieselbe, spannte den Hahn, und drückte auf ihren Bruder ab. Doch wie erschrak die Schwester, als Pulver von der Zündpfanne abbrannte, und ihr in Las Gesicht fuhr, daß es ihr bald Augenbraunen und Haare versengt hätte. Hastig eilte sie zum Schrank, 143 um das gefährliche Werkzeug hineinzulegen, und denselben zuzuschließen, damit kein Unglück entstehe. Doch ihr leichtsinniger Bruder reißt ihr das Gewehr- aus der Hand, drückt es einige Mahle los, und ergötzt sich an dem Schrecken, welches er seiner Schwester dadurch einjagt, daß er auf sie zielt. Schwesterlich ermähnt sie den Bruder, vom Losdrücken abzulassen, die Pistole möchte geladen seyn, und er könnte Unglück anrichten. Da er auf ihre Warnung nicht achtete, entfernte sie sich, um den Aeltern von dem gefährlichen Spiele des Bruders Nachricht zu geben. Aber der leichtsinnige Knabe, der freylich das Gewehr nicht für geladen hielt, nimmt'Pulver, das-sein Vater in eben dem Schranke verwahrt hatte, thut es auf die Zünd- pfanne, zielt im Scherze auf seinen Schulfreund, drückt ab, und dieser stürzt röchelnd zu Boden. Die Pistole war scharf geladen, und der Schuß ging dem armen Distler durch die Brust. Nur wenige Au- gsnlicke lebte er; er starb, durch den unverzeihlichen Muthwillen seines Freundes gerodet. Knaben als MenschenretLer. 1. Orlow rettet seinen Mitschüler. Bey Kaluga in Rußland badeten sich im Julius mehrere Zöglinge einer Erziehungsanstalt, und übten sich im Schwimmen. Einer derselben, der etwas weiter von den übrigen weggeschwommen war, stieß mir dem Fuße auf einen Menschenkörper. 144 Erschrocken erhob er ein Geschrey, und die andern schwammen eilig herbey. Da sie nun alle beysammen waren, vermißten sie einen ihrer Mitschüler, den zehnjährigen Bogolubov. Da tauchte sich der wackere Orlo w, ein Knabe von vierzehn Jahren, mit aller Anstrengung unter das Wasser, um den Leichnam, der auf dem Boden lag, herauf- zuhohlen. Nach einem dreymahligen Untertauchen gelang es ihm, den ertrunkenen Bogolubov zu erhäschen; er zog ihn in die Höhe auf die Oberfläche des Wassers, und brachte ihn mir Hülfe der übrigen Zöglinge ans Land. Man schickte nach dem Arzte; er kam schnell herbey, wendete alle Mittel an, und nach einer halben Stunde schlug Bogolubov die Augen auf— und kam wieder ins Leben. Als man den braven Orlow wegen seiner That lobte und pries, sagte er:„Ich habe nur das für meinen Mitschüler gethan, was jeder andere gewiß auch für mich gewagt hätte." 2. Der neunjährige Bruch hold rettet einen Knaben. Das Städtchen Pulsnitz in der Oberlausitz wird von dem Dorfe Pulsnitz durch ein Flüßchen gleiches Nahmens getrennt, über welches ein steinerner Steg führt. Durch schnell eingetretenes Thauwetler war dieses Flüß- che» am 26. Februar i8io so angeschwollen, daß das Wasser bis an den Steg reichte, und an beyden Ufern weit in die nahen Vertiefungen gedrungen war. Die Neugierde lockte die Kinder herbey, und aus Muthwillen, oder auch um ihren Heimweg aus der Stadtschule ins Dorf zu nehmen, bestiegen sie alle den langen glatten Steg, über welche» schon hier und da daS Wasser 145 floß. Ein Unbesonnener wagte sich sogar auf die abhängige Mauer, auf welcher der Steg rührte, glischte ab, wie es vorauszusehen war, und fiel ins Wasser. Voll Angst liefen da alle Knaben davon, und keiner dachte aus Angst und Schrecken daran, die Leute aus den benachbarten Häusern zu Hülfe zu rufen. Gegenüber auf der andern Seite des Flusses stand in einiger Entfernung Hermann Bruch hold, der neunjährige Sohn des Zollbeamten. Er hatte den Knaben ins Wasser fallen gesehen, und bemerkt, daß ihn der Strom auf seine Seite herüber gegen den Steg trieb. Nicht ohne Gefahr, aber mit schneller Entschlossenheit durchwatet er die Vertiefung, die zwischen ihm und dem Stege war; er hält sich dann mit der einen Hand am Siege fest, geht weiter im Wasser fort, und in dem Augenblicke treibt der Strom den Knaben so weit gegen ihn herzu, daß er ihn beym Kragen des Rockes erhäschen konnte. Er hält ihn mit der einen Hand über dem Wasser, mit der andern aber sich selbst am Stege fest, und ruft aus allen Kräften um Hülfe. Die Leute laufen herbey, und ziehen ihn mit dem Geretteten aus dem Wasser. Dieser kommt nach und nach wieder zu sich, und Hermann Bruchhold hilft, ihn zu seinen Aeltcrn bringen. Dann geht er nach Hause, bittet seine Aeltern um trockene Kleider, und um Vergebung, daß er so ganz durchnäßt zurück käme, ohne nur mit einem Worts seiner so schonen und klug ausgeführten That zu erwähnen. Aber die ganze Stadt, ja die ganze Gegend sprach davon. Der Ruf gelangte bis zu den Ohren des Königs, der ihm den Preis, der in Sachsen auf Menschenrettung ausgesetzt ist, öffentlich austheilen ließ. Hermann aber gestand nachher oft, daß ihm diese öffentliche Belohnung II. Bd. K — 146— nicht so viel Vergnügen gewährt habe, als das süß- Bewußtseyn, einem Menschen des Leben gerettet zu haben. Z. Ein Knabe rettet einen Kutscher. Im Monathe März 1786 spielten mehrere Knaben aus der Stadt Soissons auf der Brücke, welche über den Fluß Aisne führt. Weil unterhalb der Brücke ritt ein Kutscher seine Pferde in die Schwemme, und wagte sich tief mir denselben hinein. Auf einmahl bäumte sich das Pferd, auf welchem der Kutscher saß, und warf ihn ab ins tiefe Wasser. Ein Knabe von dreyzehn Jahren, der gut schwimmen gelernt hatte, sieht es während des Spieles. Er verläßt das Spiel, läufr mit Blitzesschnelle bey hundert fünfzig Schritte am Flusse abwärts, stürzr sich ins Wasser, rudert aus den Unglücklichen zu, erhaschr ihn bey der Jacke, und bringt ihn in Gegenwart vieler Zuseher, die allenthalben Mittel suchten, den Unglücklichen zu retten, gegen das Ufer. Hier war ihm schon ein Nachen entgegen gefahren, der ihn und den Geretteten aufnahm, und sie beyde aus Land brachte. Der Kutscher war besinnungslos; aber er lebte bald wieder auf, und konnte dem braven Knaben nichr genug danken. Er verdient auch den Dank aller, da er mehr Besonnenheit und Entschlossenheit zeigte, als hundert Erwachsene, welche vom Ufer aus den Kutscher verunglücken sahen. Schade, daß des wackern Knaben Nahme nicht bekannt ist! Diese Geschichte lehrt auch, wie nützlich es seyn kann, im Schwimmen Fertigkeit zu haben. Wer Gelegenheit dazu hat, versäume ja nichr, es unter guter Au,ficht zu lernen. Er kann vielleicht sich und andern das Leben retten. Es läßt sich aber nirgends sicherer erlernen, als in den öffentlichen Schwimmschulen, von denen eine im Jahre iLn — 147— m Prag und im Sommer i8i5 in Wien am Prater errichtet worden ist. 4. Michael Duchesne rettet ein kleines Mädchen. Am i3. May 1786 fiel ein kleines Mädchen zu Angers in Frankreich in den Fluß, und ward augenblicklich von dem Strome fortgerissen. Ein anders kleines Mädchen sah es, und rief seinen Bruder Michael Duchesne, einen Knaben von zwölfZahren, zu Hülfe, welcher in einiger Entfernung spielte. Der Knabe lief eilig an den Fluß, suchte mit den Augen das Mädchen auf, welches noch auf dem Wasser plätscherte, und eben anfing, unterzusinken. Er stürzt sich ganz angekleidet, wie er war, in den Fluß, und rudert aus allen Kräften auf das Mädchen zu. Aber er sieht es nicht mehr; es war schon zu Boden gesunken. Da taucht er sich unter, fischt mit den Händen rund umher, und ist so glücklich, das arme Kind bey dem Kleide zu erhäschen. Schnell hebt er sich auf die Oberfläche des Wassers, hält mit der einen Hand das Mädchen fest, und arbeitet sich mit der andern und mit den Füßen an das Ufer, wo er von den herbeigelaufenen Leuten mit dem Mädchen anSLand gezogen wird. Das arme Kind lebte noch zur größten Freude des Retters, und ward bald wieder ganz hergestellt. Der Muth, die Entschlossenheit und die Menschenliebe dieses Knabe», der sehr armen Aeltern angehörte, rührten alle Leute, welche von dieser That hörten. Man veranstaltete eine Sammlung, und verwendete die eingegangenen Gaben, den Michael Duchesne gut lesen, schreiben und rechnen lehren zu lassen. Er wurde dann zu einem brave» Meister in die Lehre gegeben, und was von dem Sammelgelde noch übrig war, wurde zur Ausstattung des Knaben am Ende seiner Lehrzeit verwendet.— K 2 Auch diese Geschichte beweiset, wie nützlich es sey, gut schwimmen zu können. Z. Zwey Bruder retten einen Betrunkenen. Ein Unteroffizier zu Lyon in Frankreich, der einen verderblichen Hang zum Spielen und zur Völlerey von je her hatte, setzte eines Tages eine Summe Geldes, welche ihm zur Bezahlung der untergeordneten Mannschaft anvertraut worden war, aufs Spiel, und verlor sie bey einem Halter. Kein Mittel wußte er ausfindig zu machen, diesen Verlust zu ersetzen. Vom Weine betäubt, den er in vollen Zügen getrunken hatte, schlenderte er taumelnd und wankend am. Ufer fort, sprach mit sich selbst, strauchelte, und stürzte ins Wasser. Zwey Brüder, der eine vierzehn, der andere zwölf Jahre alt, die Söhne eines Vögelkramers, hatten den Bedauernswürdigen gesehen, wie er an dem Ufer der Saone hinwankte, und alle Augenblicke in Gefahr war, ins Wasser zu fallen. Sie waren auf ihn zugegangen, um ihn zu warnen; aber in diesem Augenblicks lag ersuch schon im Flusse. Da rief der ältere Bruder, Nahmens V i g o u r e u x dem jüngeren zu:„Eile Bruder! den müssen wir retten, der liebe Gott wird uns beystehen." Mit unglaublicher Geschwindigkeit reißen sie sich die Kleider vom Leibe, stürzen sich mir einander in den Fluß, tauchen sich oft unter, suchen allenthalben den Unglücklichen, den das Wasser schon verschlungen hatte, erhäschen ihn endlich am Rocke, und bringen ihn unter dem freudigen Zurufe der herbeygelaufenen Menge Volkes glücklich aus Ufer. „Habe ich dirs nicht gesagt," rief da Vigoureur, athem- und kraftlos durch die große Anstrengung,„habe ich dirs nicht gesagt, daß wir ihn retten werden?" 149 Die Leute/ welche die zwey Lebensretter und den Geretteten in einem weiten Zirkel umgaben, überhäuften sie mit Lobeserhebungen/ ürid eilten ihnen Geschenke zuzuwerfen. Wenn aber schon die muthvolle That der beyden Brü- der/ denen das innigste Vergnügen über die gelungene Rettung im Gesichte zu lesen war, jedes Herz rührt, so muß man noch dabey ihre Großmuth anstaunen. Sie nahmen zwar die Geschenke, aber ohne viel Vergnügen darüber zu bezeigen, an; ihr größtes Vergnügen war, den Mann gerettet zu haben, der allmählig die Augen aufschlug, und anfing sich zu erhöhten. Wie die beyden Bruder Zeichen des Lebens an ihm wahrnahmen, umarmten und liebkoseten sie ihn, und suchten einen Arzt, der ihm nun Hülfe leisten sollte. Allmäh- lig wurde der Verunglückte ganz hergestellt, klagte aber noch laut über Unglück, und erzählte, Laß er die ihm anvertraute Summe Geldes leichtsinnig im Spiele verloren habe, und daß ihm nur Strafe und Schande bevorstehe. Als die beyden Knaben dieses hörten, gaben sie freudig die ihnen zugeworfenen Geschenke her, sammelten»och weiterS unter Den Herumstehenden, und hatten bald die abgängige Summe und noch etwas Mehreres beysammen, welches sie freudig dem Soldaten übergaben. Dieser hatte nun sein Blut durch das kalte Bad abgekühlt, er sah sich schnell durch den Edelmuth dieser Knaben von der Todesgefahr und seiner Verlegenheit gerettet. Mit Thränen in den Augen blickte er seine großmüthigen Retter an, doppelt fühlte er die Wohlthat seiner Rettung; die Erde, welche so viele edle Menschen trägt, schien dem Neuerwachten ein Paradies; er verabscheuet« seine Spielsucht und Trunkenheir, wendete die Augen gen Himmel, und dann auf die Knaben, denen er so viel zu verdanken hatte, brach in einen Strom von Thränen aus, um- 1Z0 armts und küßte seine Retter, verwünschte wiederhohlt das Spiel und den Weinkrug, versprach Besserung, und wurde wie im Triumphe in der Mitte der beyden Knaben von der jauchzenden Menge in die Stadt geführt. Der Soldat soll Wort gehalten haben, und einer der bravsten Männer der Armee geworden seyn. Das Taubstummen- Institut in Wien.' Die Taubstummen sind unglückliche, bedauernswürdige Menschen, sie hören nicht, und können nicht sprechen. Der Mangel des Gehörs macht es, daß sie nicht reden lernen; denn selten bemerkt man einen Fehler in ihren Sprachwerk- zeugen. Wenn man bedenkt, wie viel Belehrung und Unterricht das hörende Kind von dem Zeitpuncte an, als es anfangt, die Worts der Mutter, des Vaters und der sie umgebenden Personen zu verstehen, bis zu seiner Ausbildung durch die Sprache anderer und durch Unterredungen mit andern erhalt, so darf man sich nicht wundern, daß gewöhnlich die Taubstummen roh und ungebildet sind. Dazu kommt noch, daß gefühllose und muthwillige Leute ihren boshaften Scherz mit diesen Unglücklichen treiben, sie necken und ihren Zorn reihen, wodurch die Gemüthsart derselben nur immer mehr verwildert. Man gibt die Zahl dieser Unglücklichen in den österreichischen Staaten, Ungarn ausgenommen, auf 2000 an, mnd Dank sey es der wohlthätigen Vorsehung unserer allbe- sorgten Staatsverwaltung, daß auch hierin Anordnungen 151 getroffen worden sind, einem großen Theile der Taubstummen einen Unterricht zu ertheilen, den sonst nur Hörende und Redende genossen haben, und daß sie auf diese Art für die bürgerliche Gesellschaft ganz brauchbar gemacht werden. 1. Gründung des Taubstummen-Instituts. Dem unvergeßlichen Kaiser Joseph II. verdankt Oesterreich auch diese wohlthätige Anstalt, das Taubstum- m e n- I nstitut in Wien. Dieser große Monarch durchreiset« fremde, auch die entferntesten Lander, und was er dort Gutes und Nützliches antraf, suchte er in seine Staaten zu verpflanzen. So besuchte er im Jahre 1778 zu Paris das Jnstirur für Taubstumme des ehrwürdigen Greises, des Abbe de l'Epüe, der durch volle vierzig Jahrs Taubstumme aus allen Standen, arme und reiche unent- geldlich unterrichtete, und sein ganzes Vermögen zum Besten dieser Unglücklichen auf die edelste Art ganz aufgewendet hatte. Kaiser Joseph hielt sich durch zwey Stunden in dieser Schule auf, und von der Nützlichkeit dieser Anstalt überzeugt, faßte er den erhabenen Entschluß in Wien eine ähnliche Bildungsanstalt zu stiften. Kaiser Joseph war damahls Mitregent seiner glorreichen Mutter, der hochstieligen Kaiserinn Maria Theresia, einer eben so einsichtsvollen als gutmüthigen Fürstinn. Auf den Vorschlag des erhabenen Sohnes wurde bald nach seiner Zurückkunft von der Reise der im Jahre 1825 verstorbene Abbe Stork, nachmahliger Direetor des Instituts, darin Domher an der Metropolitan- Kirche zu St. Stephan in Wien, auf Befehl der Monarchinn nach Paris geschickt, um dort die Methode des Unterrichts der Taubstumme» zu erlernen. Nach acht Monathen kam Stork in Wien wieder an, und die hochselige Monarchinn errichtete gleich darauf im Jahre 1779 eine Frey- 152>— schule in der Stadt im Bürger- Spitale für sechs arme taubstumme Knaben und sechs Mädchen, und ernannte den Abbe Stork zum Director derselben. Joseph Viay, der im Jahre 1820 verstorbene Director des Taubstummen- Jnstituts, von B 0 hm i sch-L eippa gebürtig, war damahls Lehrer der deutschen Sprache in der Militär-Schule in Paris. Der Gedanke, seinem Vaterlande nützlich zu werden, munterte ihn auf, die Methode des Unterrichts der Taubstummen von Abbe de l'Ep^e zu lernen, und als er in derselben Fortschritte gemacht hatte, reisete er nach Wien, und wurde als Lehrer in der neu errichteten Freyschule angestellt. Im Jahre 1782 legte Kaiser Joseph der Zweyte den vollständigen Grund zu diesem dem Staate so nützlichen Institute. Die Zahl der Taubstummen wurde von a2 auf Zo vermehrt, und die' ganze Anstalt in ein bequemes Misthhaus(in das Stögerische Haus Nr. 791 nahe an dem Stubenthore) übersetzt. Hier blieb solche bis zum Jahre 1784, da der gute Monarch das in der Schönlaterngasse gelegene und sehr geräumige Pazmaniten- Collegium Nr. 665 für das Institut der Taubstummen bestimmt hat. Außer diesem Hause hat der Monarch das am alten Fleischmarkte gelegene Haus Nr. 685 dem Instituts gewidmet, welches die jährlich abfallenden Zinsen zu seinem Besten verwendet. Zur Unterhaltung und Erhohlung der Zöglinge in den Sommcrmonathen schenkte der gute Kaiser dem Institute das in der Leopoldstadt in der Sradtgutgasse Nr. 876 gelegene Haus und den Garten. Die Erziehungsund Bildungsanstalt war durch den Raum nicht mehr beschränkt. Der große Menschenfreund Kaiser Joseph II. vermehrte die Zahl der Zöglinge von 3o auf 45, und setzte den jährlichen Vsrpflegsbetrag für jeden auf ioc> st. Aus dem Pazmaniten-Collegium wurde das Institut in das Windhagische Stiftungshaus Nr. 655 in der oberen Bäckerstraße im Jahre r8o5 versetzt. 1Z3— Seine Majestät, unser jetzt regierender Kaiser, Franz der Erste, dessen Vaterherz an dem Wohls der armen taubstummen Jugend den wärmsten Theil nimmt, ließ dem Institute das. geräumige Haus auf der Mieden Nr. 162 in der Favsriten-Gasse neben der k. k. Theresianischen Ritter-Akademie kaufen, welches mit einem geräumigen Hofe und schonen Garten versehen ist, und eine sehr gesunde Lage hat. Dorthin wurde dasselbe im Jahre 1868 übersetzt. Dieses Gebäude vereiniget in sich alles, was man von einer öffentlichen-Erziehungsanstalt an Raum, Luft, Licht und äußerem Ansehen wünschen kann. Hier konnten männliche und 14 weibliche taubstumme Zöglinge untergebracht werden, und es war auch Raum für die Wohnungen des Lehr- und Dienst-Personals. Die gewöhnliche Verwahrlosung der Taubstummen im älterlichen Hause und die vielen Bittgesuche um Aufnahme derselben in das Institut, bewogen das Vaterherz unsers gütigsten Monarchen Franz I., daß er dasJnstitnts-Haus durch den Anbau eines Quer-Tractes zu vergrößern befahl. Durch diese beträchtliche Erweiterung können jetzt 5c> männliche und 2a weibliche, zusammen 70 Zöglinge die große Wohlthat im Institute genießen, daß sie ernährt, gekleidet, gepflegt, unterrichtet, und so weit ausgebildet werden, um Handwerke und andere Geschäfte zu erlernen, durch welche sie sich in der Zukunft ihren Unterhalt selbst erwerben können. Wahrlich eine große Wohlthat vom Staate, wenn man bedenkt, in welcher mißlichen Lage gewöhnlich der Taubstumme ohne Bildung ist! 1Z4 Unterricht der Taubstummen. 1. Geberdensprache. Worin besteht aber der Unterricht der Taubstummen? Die Taubstummen lernen durch Gebsrden und Mienen ihre Gedanken und Empfindungen einander mittheilen, welches ihnen einiger Maßen die Wortsprache ersetzt. Zwar weiß schon jeder ungebildete Taubstumme sich durch Zeichen in etwas verständlich zu machen; aber durch Anleitung, durch den Umgang mit andern Taubstummen, welche die Geber- densprachs bis zur Fertigkeit gebracht haben, erhalten die Zöglinge im Institute bald eine solche Uebung, dap ste durch Zeichen mir den Händen und durch Mienen sich einander ihre Gedanken deutlich mittheilen, und sich wechselseitig in der Geberdensprache so gut verstehen, als wenn sie die Tonsprache ganz entbehren konnten. Es ist ein rührender Anblick, die ganze Schar der Taubstummen in ihren Unterhaltungsstunden im Garten, auf den Spaziergäiigen und bey ihren Spielen zu sehen, wie geschäftig sie unter einander sind, wie sie sich durch die Geberdensprache erzählen, an einander Fragen stellen, sich wechselseitig Gegenstände erklären, und unter Scherz und Lachen ihres Lebens froh sind. Da ich mich einst unter dieser Gesellschaft auf dem Kahle„berge befand, sah ich zum Erstaunen der Herumstehenden einen Türken sich in herzlichen Gesprächen mit den Taubstummen unterhalten. Der Türk konnte auch italienisch sprechen. In der Gesellschaft befand sich ein hörender deutsch sprechender Knabe, der die Geberdensprache und zugleich italienisch verstand. Der Türk gab seine Fragen und Antworten italienisch; der Knabe sagte sie in der Geberden- svrache den Taubstummen, und übersetzte ihre Fragen und Antworten in die italienische Sprache, um sie dem Türken 155— wieder verständlich zu machen. Dadurch wurde die wechselseitige Mittheilung leicht und allen, dem Türken sowohl al-, den Taubstummen konnte man das Vergnügen in der Miene lesen, welches sie über eine so seltene Unterhaltung hatten. 2. Lesen. Die Taubstummen lernen auch lesen. Durch die verschiedenen Stellungen und Lagen der Finger und der Hand bezeichnen sie die verschiedenen Buchstaben de§ Alphabets. So drückt z> B. die geballte Faust den Buchstaben die offene, aufrecht stehende Hand den Buchstaben L, der Zeige- und Mittelsinger an einander offen und aufrecht stehend das U; wenn diese beyden Finger aus einander gehalten werden das V, der Zeige- Mittel- und Ringsinger offen aufrecht stehend und aus einander gehalten das aus. Diese Art, die Buchstaben auszudrücken, nennt man das Hand-Alphabet der Taubstummen. Meinen Lesern, die eine deutliche Ansicht davon haben wollen, wird es leicht seyn, das Alphabet im Kupferstichs iin Taubstummen- Institute selbst zu erhalten. DaS Auge muß dem Taubstummen die Stelle des Gehörs vertreten, seine Hand ersetzt ihm die Zunge. Die einfachsten Buchstaben lernt er zuerst auf der Schiefertafel schreibe», und mit dem Handzeichen angeben. Hat er die Schrift und das Al- phabeth erlernet, so wird ihm gezeigt, wie aus Buchstaben Sylben und Wörter entstehen. Mittelst des Hand- Alphabets sehen die Taubstummen dann Sylben und Wörter zusammen, und lösen die Sylben und Wörter wieder in Buchstaben auf. Das Nähmliche thun auch in unsern Schulen die kleinen Kinder, nur dass diese die Buchstaben, Sylbe» und Wörter mit dem Munde aussprechen, jene aber durch Zeichen mit den Fingern und der Hand dieselben ausdrücken. 156 Wie viel Mühe ein solcher Unterricht den Lehrern macht, wieviel Geduld sie mit den armen Unglücklichen haben müssen, wie oft sie eine und die nähmliche Sache wieder- hohlen müssen, bis sie die Taubstummen gefaßt und behalten haben, läßt sich leicht begreifen; aber die Schüler lohnen auch die Mühe und Geduld des Lehrers; sie sind aufmerksam, wenden kein Auge ab, und schreiten so, zwar langsam, aber doch mit Eifer fort, bis sie lesen können. Der Gegenstand des Wortes, welches sie lesen und durch Zeichen aus- sprechen, wird ihnen immer vorgezeigt und nach seiner Form, seinen Bestandtheilen, seinem Nutzen und Gebrauche erklärt, und so lernen sie die Dinge in der Welt kennen, schätzen und gebrauchen. Selige Wirkungen bringt dieser wohlüberdachte Unterricht bey den Taubstummen hervor. Wie sie in das Institut treten, sehen sie gewöhnlich etwas blöde und schüchtern aus, ihre Blicke irren herum, und zeigen, daß sie nur dunkle Vorstellungen haben. Genießen sie nur einige Monathe lang den Unterricht, so wird es auf einmahl in ihrem Inneren helle; ihre Miene ändert sich, klare und deutliche Vorstellungen schweben ihrer Seele vor; mit gierigen festen Blicken suchen sie alles zu erforschen, und sie treten aus dem Zustande der Rohheit in die Gesellschaft der Gebildeten über. Dank dem Stifter, der diese Wohlthat den Armen bereitet hat. Dank unserm erhabenen Monarchen, unter dessen Schutze diese Wohlthat immer weiter und weiter ausgebreitet wird. Dank den edlen Männern, welche das mühsame Geschäft der Bildung der Taubstummen auf sich genommen haben, und unermüdct, mit Amcstreue und Menschenliebe in diesem Weinberge des Herrn arbeiten. 3. Schreiben mit der Feder. Wenn die Taubstummen die Schrift- Buchstaben auf der Schultasel mit Kreide, und auf ihren Schiefertafeln 157 mit dem Stifte nachbilden können, und hierin einige Fertigkeit erlangt haben, werden sie angeleitet, die Schrift-Buchstaben mit der Feder auf dem Papiere zu schreiben. Hierin machen sie bald Fortschritte, und sie bringen eS zu einer seltenen Fertigkeit im Geschwindschreiben. Dieses erleichtert allen folgenden Unterricht sehr, und jene Fertigkeit im Schreiben macht es leicht, daß sie den Hörenden ihre Gedanken und Empfindungen mittheilen können. Gewöhnlich schreibt der geübtere Taubstumme in der Unterredung mit einem Hörenden seine Gedanken in kurzen Sätzen auf; nur den Hauftbegriff und die Handlung, alles klebrige deutet er durch Zeichen, und macht sich auf diese Art leicht und geschwind verständlich. So kann man sich Stunden lang mit den Taubstumme» unterhalten, und man muß den menschlichen Erfindungs- geist bewundern, der Mittel und Wege gefunden hat, den Mangel an Gehör und Sprache diesen Unglücklichen zu ersetzen, und ihnen ihr Schicksal zu erleichtern. -.Sprechen. Jene wackeren Männer, welche sich mit dem wohlthätigen Geschäfte, mit den. Unterrichte der Taubstummen abgeben, besonders der vorige, würdige Director des Taubstummen-Instituts in Wien, Herr Joseph May, haben es auch durch unsägliche Mühe und durch»»ermüdete Versuche dahin gebracht, die Taubstummen Worte auszu- sprechen und reden zu lehren. Da wenige Taubstumme Fehler und Gebrechen an den Sprachwerkzeugen haben, und nur aus Mangel des Gehörs von Kindheit auf nicht reden lernten, weil sie nie die Worte anderer hörten, und daher auch nicht nachahmen konnten, so versuchte man es, ihnen deutlich zu machen, welche Lage die Zunge, die Lippen, die Zähne haben, welche Anstrengungen mit der Lunge gemacht werden muffen, um Laute hervor zu bringen. 158 Nach vieler Mühe und Geduld gelang diese Arbeit, und die meisten Taubstummen können die Tonsprache. Sie lesen aus dem Buche laut, sie reden Hörende an, und durch diese Uebung in der Wortsprache bringen sie es auch dahin, daß sie selbst den Hörenden die Worte von dem Munde absehen, wenn diese langsam sprechen, und die Worte gut arri- culiren. Durch diese Fertigkeit sind die Taubstummen der menschlichen Gesellschaft wahrlich viel naher gebracht worden. 5. Religion, Rechenkunst, Zeichnen u. dgl. Außer diesen Gegenständen werden die Taubstummen von einem eigenen Katecheten in der Religion, und von den Lehrern im Rechnen und in andern gemeinnützigen Kenntnissen, besonders auch im Zeichnen unterrichtet, worin sie bey der zweckmäßigen Anleitung bedeutende Fortschritte machen. Die Fertigkeit im Zeichnen ist mir der künftigen Bestimmung des taubstummenZöglings, ein Handwerk zu erlernen, enge verbunden, und macht ihn zu seinem künftigen Berufe nicht allein geeigneter, sondern verschaffet ihm bey jedem Meister eine Aufnahme.— Die Zöglinge, zwischen 60 und 70 an der Zahl, bleiben 6 bis 6 Jahre in der Versorgung dcS Instituts. Während dieser Zeit werden sie oft in die Werkstäcre der Künstler und Handwerker geführt, und mau stellt mit ihnen die mannigfalrigsten Versuche an, um zu erfahren, zu welcher Manufactur, Fabrik oder Kunst dieser oder jener Zöglmg Lust, Anlage und Fähigkeit habe. Das Beyspiel der erwachsenen ausgetretenen Taubstummen, die bey verschiedenen Handwerkern und in Fabriken arbeiten, und die von Zeit zu Zeit das Institut besuchen, ist eine große Aufmunterung für die kleineren, sich ein Handwerk zu wählen, und in unserer Hauptstadt gibt es immer menschenfreundliche und wohlwollende Meister und Fabrikanten, welche diese hülflosen Geschöpfe, besonders da sie in kurzer Zeit schnelle und gute Fortschritte machen, gern in die Lehre — 1Z9— übernehmen. Mit dem Uebertritt in die Lehre zu einem Meister verlaßt der taubstumme Zögling das Institut, das er nur mehr an Sonntagen wegen des Religionsunterrichtes besuchet, und sein Stiftungsplatz wird durch einen andern fähigen Taubstummen besetzt. 6. Brauchbarmachung zu bürgerlichen Gewerben. Anfangs erhält der Meister den taubstummen Zögling eine Zeit lang nur auf die Probe, und wenn der Zögling eine besondere Lust und Fähigkeit beweiset, so tritt er nach zunftmäßiger Uebereinkunft bey ihm in die Lehre. Während der Lehrzeit wirkt das Institut gemeinschaftlich mit dem Meister zu seiner weiteren Ausbildung mit, und er bleibt bis zu seinem Freysprechen unter der Aussicht der Direction. Alle taubstummen Lehrjungen müssen an Sonn- und Feyertagen bey dem Religionsunterrichte des Katecheten erscheinen. Hat nun ein solcher Zögling nach den sechs oder acht Erzishungsjahren ein ordentliches Handwerk bey einem geschickten und rechtschaffenen Meister erlernt, wodurch er sich seinen Lebensunterhalt verschaffen kann, und ist er Geselle geworden, so bleibt er entweder bey seinem Lehrmeister in Arbeit, oder er geht wieder in seine Heimalh, wo er wie jeder andere Handwerker leben kann. So sind aus dem Institute getreten eine beträchtliche Anzahl Schneider, Schuster, Leinweber, Tuchmacher, Bandmacher, Zeugschmiede, Feilhauer, Tischler, Drechsler, Sattler, Lakirer, Uhrblatt-Schmelz-Arbeiker, Buchdrucker, Kot- tun- Modelstecher, Kupferstecher, Erzverschneider, Porzellan-Mahler, Kupferdrucke»', Silberarbeiter u. d. gl. Adelige Taubstumme oder Söhne von Honoratioren dienen als Beamte in k. k. Aemtern. Taubstumme Mädchen sind auS dein Institute theils >n herrschaftliche und andere Dienste getreten, oder sie sind bey ihren Aeltern, und leben von ihrer im Institute erlernten Handarbeit, als: von, Weißnähcn, Stricken, Netzen u. dgl. oder sie sind Seiden- und Goldstickerin- rien. Band- und Spitz-veberinnen. Auf diese Art erreicht nun dieses wohlthätige Institut den menschenfreundlichen Zweck, den die erhabenen Stifter Maria Theresia und Joseph II. im Auge hatten, arme hülflose Taubstumme für das bürgerliche Leben brauchbar zu machen, sie vor Armuth zu sichern, ihnen zu verhelfen, sich selbst ihr Brot zu verdienen, und dadurch ihre mißliche Lage zu verbessern.— Segen und Dank den großen Stiftern für diese Wohlthat! Mit Thränen im Auge segnet der Taubstumme ihre Asche, und verehret dankbar das Grab, welches die Gebeine derjenigen umschließt, welche diese große Wohlthat ihm bereitet haben. Er freuet sich ein Vaterland zu haben, wo der erhabene Monarch sein beglückendes Auge auch an die Hülflosen und Verlassenen wendet. Wohlthäter des Instituts. Beseelet durch das leuchtende Beyspiel des Monarchen haben auch immer menschenfreundliche Bewohner deS Kaiserstaates Gaben zu diesem wohlthätigen Institute gelegt, theils am Lottenbette mit Vermächtnissen dasselbe bedacht, und noch jährlich weiset die Instituts- Rechnung neue Wohlthaten aus. Herzog Albert von Sachsen- Lieschen, welcher eben so durch seine erhabenen Wohlthaten als durch seine hohe Geburt sich den Bewohnern Wiens und des ganzen Kaiserstaats unvergeßlich gemacht hat, hat zwey Plätze, der wohlthätige Banquier v. Steiner einen und das Großhandlungs- Gremium, vier Plätze, für hülflose Taubstumme im Institute gestiftet; die Geselljchaft adeliger Damen zur Beförderung des Guten und Nützt!- 161— lichen hat im Jahre a8ii die Zöglings mit frischen Betten und neuer Kleidung und andern Bedürfnissen reichlich' versehen, und erhalt mehrere Taubstumme größten Theils auf ihre Kosten. Der verstorbene Bibliothekar in der k. k. Lheresianischen Ritter-Akademie Sartorihat ein Capital von 1000 Gulden gestiftet, dessen jährliche Zinsen zu drey Schulpreisen für fleißige Zöglings bestimmt sind. Der fromme Domherr Franz Schmid hat 5oc> Gulden dem Institute zur Anschaffung der Erbauungsbücher geschenkt. Mögen doch so seltene Beyspiele gut gewählter Wohlthätigkeit andere zur Nachahmung aufmuntern; mögen sich alle meine Leser im Institute selbst, wo alle Sonnabende von iv bis i2 Uhr öffentliche Prüfung gehalten wird, von der Hülflosigkeit der Taubstummen, und von den Mitteln zu ihrer Bildung, von ihren Fortschritten und von dem unermüdeten Eifer ihrer Lehrer überzeugen, und vom Mitleiden gerührt dazu nach Kräften beytragen, daß noch mehreren Taubstummen die Wohlthat der Bildung zur bürgerlicheu Brauchbarkeit zu Theil werde. Was vereinter Wille und Kraft vermögen, zeigen uns die hochherzigen Ungarn. Seit dem Jahre 1602 besteht auch im Königreiche Ungarn ein solches Institut für Taubstumme zu Waitzen. Durch die patriotischen Beyträge der Narion, und durch die landsevacerliche Milde Sr k. k. Majestät des Kaisers wurde eS Anfangs für 3c> Zöglinge gegründet, und ihre Zahl wird nach und nach auf 60 anwachsen, besonders da sich die milden Beyträge mit jedem Jahre mehren. Was ehret wohl eine edle Nation mehr, worin spricht sich ihre Vaterlandsliebe lauter und reiner aus, als wenn sie mir gemeinsamen Kräften eins wohlthätige Anstalt stiftet, sich dadurch ihrer hülflosen Mitbürger annimmt, und Glück und Wohlergehen im Lande verbreitet? Böhmens Hauptstadt, Prag, hat schon vorher ein In- U. Vd. L — 162— Mut für Taubstumme gehabt, und eS gedeihet von Jahr zu Jahr immer mehr. So hat sich in Linz ein ehrwürdiger Priester, Herr Michal R eitler, der verlassenen Taubstummen angenommen. DieDamen-Gesellschafr in Linz verschaffte ihm Mittel, den Unterricht der Taubstummen in Wien zu erlernen, und mit diesen Kenntnissen ausgerüstet, ist er der Lehrer und Wohlthäter dieser unglücklichen Menschen geworden; seine Schule bestand aus 22 Schülern, und er bereitete sich ein Verdienst, das sich schon in dem schönen Bewußtseyn belohnte, ein Vater der Verlassenen zu seyn. Dieses Taubstummen-Institut gedeihet jetzt immer mehr unter der Leitung des würdigen Directors Bihringer, und hat neben andern wohlthätigen Gaben einen beträcht- liehen Zufluß aus dem Verkaufe der Religionsbücher für philosophische Schüler, welche der verdienstvolle n. ö. Re- gi-rungsrath und Domscholaster Herr Michael Le 01,- hard dem Institute überlassen hat. Unterschied zwischen Gcitz und Sparsamkeit. Als man in N... zum Baue einer Kirche Geld sammelte, kamen die Einsammler vor ein kleines Haus, dessen Thür halb offen stand, und in welchem man einen alten Mann mit seiner Magd gewaltig darüber zanken hörte, daß sie ein Schwefelholzchen weggeworfen hatte, ohne die beyden Ende gebraucht zu haben. „Ha!" dachten sie,„da werden wir wohl leer ausgehen." Indessen bathen sie doch denAlten um einen Beytrag, den sie nach dem, was sie gehört hatten, für einen Erzgeitzhals hielten. 163 Mit Eile schloß er seil, Schreibepult auf, nahm eine,, Beutel, und zahlte ihnen hundert Thaler aus. Voll Erstaunen über diese große Freygebigkeit, gestanden sie ihm, daß sie gar nichts von ihm erwartet hätten, da er wegen eines weggeworfenen Schweselhölzchens seine Magd so derb ausgezankt hätte. „Meine Herren!" sagte da der Alte,„ich habe meine eigene Art hauszuhalten: ich spare und gebe Geld; ich spare zur Zeit, damit ich bey rechter Gelegenheit geben kann. Was Gaben und Wohlthaten anbetrifft, so können Sie solche nur von verständigen Leuten erwarten, die genau Rechnung führen." Hiermit gab er ihnen Abschied, und schloß die Thür hinter ihnen zu, mehr um das ungebrauchte Schwefelhölzchen, als um die ausgegebenen hundert Thaler be, kümmert. Weiblicher Edelsinn und kindliche Liebe. 1. Die Tochter des Kanzlers Morus. Die älteste Tochter des berühmten englischen Kanzlers Thomas Morus zeichnete sich eben so sehr durch Kenntnisse als durch erhabene Tugenden aus. Ihr Vater machte sich durch seine edle Freymüthigkeit viele Feinde, die es durch allerley Verleumdungen dahin brachten, daß er in das Gefängniß geworfen wurde. Die Tochter verließ den Vater nicht, und pflegte ihn Tag und Nacht mit kindlicher Zärtlichkeit. Die Boßheit seiner Feinde bewirkte, daß Mo- rus zum Tods verurtherlt, und durch das Schwert hingerichtet wurde. Die lief erschütterte Tochter begleitete ihn L 2' — i64— auf das Blutgerüst, und kaufte des Vaters Haupt mit vielem Gelde aus den Händen des Scharfrichters, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, und ihn zur Erde zu bestatten. Nach einiger Zeit wurde sie selbst ins Gefängniß geschleppt und angeklagt, daß sie den Kopf ihres Vaters und seine Bücher und Schriften aufbewahrt hätte. Mit Unerschrockenheit erschien sie vor ihren Richtern, und vertheidigte sich mit einem edlen Anstaube, den nur gekränkte Unschuld.haben kann. Die Richter horten sie mit Bewunderung an, und sprachen sie von der abgeschmackten Anklage los. Seit dieser Zeit lebte sie einsam, und brachte die Zeit mit Arbeit und Wohlthun zu. 2. Die ftarkmüthige Spartanerinn. Eine Spartanerinn bekam die Nachricht, daß ihr Sohn im Treffen geblieben sey.„Gut," sagte sie,„ich habe ihn deßhalb geboren, daß er für das Vaterland sterben soll." 3. Die Tochter des Mandarins. Die strengen Gesetze in China gebiethen, daß einem der an öffentlichen Geldern untreu wird, die Hände sollen abgehauen werden. Ein Mandarin(hoher Beamter) entwendete eine Summe aus dem öffentliche» Schatze, der ihm anvertraut war, und wurde zu dieser Strafe verur- theilt. Schon befand er sich auf dem Richtplatze, wo das Urtheil in Gegenwart des Kaisers an ihm sollte vollzogen werden. Da drängte sich, seine Tochter, eine schöne junge Dame, durch das Volk zu dem Throne des Kaisers hin, und sprach mit rührender Stimme: „Ich laugn- nicht, großer Kaiser, mein unglücklicher Vater hat diese Strafe verdient, und er muß den Gesetzen gemäß, seine Hände verlieren,"—„Hier sind sie," fügte 165 sie hinzu/' indem sie ihre Handschuhe auszog.„Ja, großer Kaiser, diese meine Hände hier gehören meinem unglücklichen Vater.— So unnütz als sie zum Unterhalte seines Hauswesens sind, übergebe ich sie willig den strengen Gesetzen, um diejenigen zu erhalten, die uns alle, meinen Großvater, meine Brüdcr, meine Schwestern und mich ernähren müssen. Haue sie ab, Scharfrichter, aber schone jener meines Vaters!" Der Kaiser wurde gerührt; er begnadigte den Vater um der Tochter willen, welche von dem erstaunten Volke wie im Triumphe nach Hause geführt wurde. Man hänge sich an Wägen nicht an. Am Nachmittage des 4-August lLii. brach ein starkes Gewitter mit Srurm und Regen aus. Ein Knabe zwischen sieben und acht Jahren war eben auf dem Rückwege von Schönbrunn nach Wien. Uni geschwinder zur Stadt zu kommen, hängte er sich an einen Zeiselwagen, der mit mehreren Personen nach der Mariahülfer Linie fuhr, und setzte sich endlich auf die Stange, auf'welchen mau in den Wagen steigt. Der Wagen fuhr sehr schnell. Der Knabe stürzte von der Stange herab, der Hintere Theil des Wagens ging über seinen Kopf, und zerdrückte denselben so, daß der Unglückliche nach einigen Minuten seinen Geist aufgab.— Ein warnendes Beyspiel für so viele muthwillige Buben, die sich gern an fahrende Wägen anhängen, oder sich hinten aufstellen! Jährlich ereignen sich derley Unglücksfalle. 166 Garriks Wohlthat. Ein Diener in einem Tabaksladen zu London, der sich wider den Willen seines Herrn verheirathet hatte, verlor dadurch seinen Dienst. Nirgends konnte er Unterkommen finden, und in der größten Noth wendete er sich an den berühmten englischen Schauspieler G a rrik, dessen Großmuth er schon öfters rühmen gehört hatte, und bath ihn um Hülfe. Garrik bestellte das junge Ehepaar auf den andern Tag zu sich. Da setzte er sich in eine Kutsche mit ihnen, fuhr nach einer entfernten Straße, ließ vor einem artigen Tabaksladen halten, sagte dann, er habe ihnen diesen eingerichtet, sie sollten nnr auf gute Waare halten, Käufer wolle er ihnen genug schicken. Als er nun an demselben Tage Abends auf der Bühne auftrat, präsentirke er seinen Mitspielern fleißig Schnupftabak, rühmte dessen Güte, und gab den Laden der jungen Leure nach Gasse und Hausnumer als denjenigen an, wo dieser gute Tabak zu haben sey. Die Zuseher hielten dieses Anfangs für Scherz; da aber Garrik diese Angabe ernsthaft wiedsrhohlte, strömte eine Menge Menschen nach beendigtem Theater nach diesen Tabaksladen; sie erfuhren dort die schöne Handlung Garriks, und Tausende bemüheten sich die gute Absicht des Schauspielers dadurch zu unterstützen, daß sie dort Tabak kauften, so daß das jungePaar schnell zu einem Wohlstands gelangte, der sich noch unter seinen Nachkommen erhält. 167 Monument der Erzherzoginn Christinn. Maria Christina, Erzherzoginn von Oesterreich, Tante unsers Kaisers und Gemahlinn des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen(gestorben am 24. Jnnius 1798) leuchtete lange durch ihre erhabenen Tugenden und besonders durch eine nie ruhende Wohlthätigkeit hervor. Häufige Thränen flössen bey ihrem Grabe;„die Mutter der Armen ist todt'° horte man wie aus einem Munde tönen. Jener große Verlust, den unser gemeinsames Vaterland durch den Tod dieser erlauchten Erzherzoginn erlitt, mußte ihrem erhabenen Gemahle doppelt fühlbar seyn. Um ihr Andenken der dankbaren Nachwelt zu übergeben, ließ er der Verklärten ein Denkmahl errichten, welches ihrer und seiner würdig ist. Die Ausführung übergab er dem ersten Künstler unsers Zeitalters, dem berühmten Bildhauer Lanova in Rom,, welcher mit so viel Kunst-Genie dieses Grabmahl bearbeitete, daß es unstreitig das gelungenste Werk seiner Meisterhand und eines der kostbarsten Kunstwerke von ganz Europa ist. Im Jahre r8o5 wurde es in der Hof- Pfarrkirche bey den Augustinern in der Stadt aufgerichtet. Es stellt eine Pyramide vor, aus Carrarischem Marmor erbaut, 26 Fuß hoch, und auf einer Grundfeste von 2 Fuß 9 Zoll ruhend. Zwey Stufen von gleichem Marmor geleiten zum Eingänge dieser Pyramide, der durch eine schmale Pforte in eine Todtengruft führt, ober deren Schwelle mit goldenen Buchstaben geschrieben steht: VxovH opiimas Hierin«(Herzog Albert setzte dieses Denkmahl seiner besten Gattinn.) Ober dieser Inschrift schwebt in halb erhabener Arbeit das symbolische Bild der Glückseligkeit, welche in ihren Armen das Bildniß Christinens in einem Medaillon — 168 trägt, das von einer Schlange, dem Sinnbilds der Ewigkeit, umschlungen ist, und an dessen innerem Rande die Worte stehen: Maria 6irri8tiuL Lmstriaca.(Maria Christina von Oesterreich.) Auf der andern Seite des Medaillons schwebt ein Genius, welcher Christinen den ihren Tugenden gebührenden Palmzweig darreicht.(Christina hat durch ihre erhabenen Tugenden einen ewigen Lohn in der andern Welt verdient.) Die Stufen am Eingänge in die Pyramide sind mit einem Teppich belegt. Zu diesem Eingänge hin schreitet die Tugend, in ein langes faltenreiches Gewand gehüllt,§ mit aufgelöseten Haaren und einem einfachen Kranze von Oehlzweigen auf dem Haupte; sie tragt in beyden Hän-! den eine Urne, an welcher eine Blumenkette hangt, deren beyde Enden über die Arme zweyer unschuldiger Mädchen fallen, welche mit Leichcnfackeln in den Handen, die Tugend in das Innere der Gruft begleiten.(Mit Christinen gingen Unschuld der Silken und reine Tugend zu Grabe. Alle Tugendhaften trauern um Sie.) Rechts in einer kleinen Entfernung, folgt der Urne die Wohlthätigkeit, mit stillem Schmerz in Miene und Stellung; sie führt an ihrem rechten Arme einen dürftigen blinden Greis, den zur linken Seite ein noch ganz kleines Mädchen unterstützen hilft.(Christinen, die Wohlthäterinn der Unglücklichen deckt dieses Grab.) Links am Eingänge in die Pyramide liegt ein Löwe, den Kopf mit dem Ausdrucke des Schmcrzens auf seine Pfoten gesenkt; unter dem Löwen, auf der ersten Stuft, sitzt ein geflügelter Genius, beynahe ganz nackt, der seinen rechten Arm auf die Mähne des Löwen gelegt hat, und sein Haupt mit sanfter Wehmuth im Blicke, auf diesen Arm lehnt, den linken nachlässig vorwärts gegen den sächsischen Wappenschild hinstreckt, welches, wie das hinter «— 469 dem Löwen angebrachte österreichische Wappenschild, sowohl die Verblichene als den Stifter dieses Denkmahls verdeutlichen hilft. Alle diese Gruppen, die Figuren, der Ausdruck in den Gesichtern, ihre Stellungen, die Haltung ihrer Kleidung, und die Zusammenstellung verrathen nicht weniger den großen Künstler, alS das Sinnreiche der Erfindung selbst. Kein Mann von Geschmack wird Wie» bestachen, ohne dieses Monument zu sehen, und den Stifter und Künstler zu preisen. Schminke. Es ist doch eine lächerliche Mode, sein Gesicht mit weißer und rother Farbe zu übertünchen. Es zeigt von Eitelkeit, und niemand macht sich dadurch achrungswerlher; vielmehr verringert eine solche Ziererey die gute Meinung, welche man wegen der übrigen guten Eigenschaften von einer Person hat. Reinlichkeit und ein anständiges, artiges Betragen sind die schönste Schminke, und aufgetragene Farben können nie das ersetzen, was die Natur nicht gegeben hat. Nebst dein beweiset die Erfahrung, daß alle Schminken, selbst wenn sie aus so genannten unschädlichen Mitteln bestehen, wenigstens die Schweißlöcher der Haut verstopfen, und die Ausdünstung hindern; daher die Haut selbst vor der Zeit spröde und runzelig wird. Die verhinderte Ausdünstung selbst verbreitet einen üblen Geruch, der nur durch künstliche Wohlgerüche vertilgt oder geschwächt werden kann. 170 Unglück durch SchönheiLswafser. Daß aber auch zu den Schminkwäffern bey der genauesten Aufsicht der Obrigkeit dennoch oft höchst schädliche Dinge genommen werden, beweiset nachstehender Vorfall. Eine Flasche, in welcher ein in allen Zeitungen mit vielem Lobe angebothenes Schönheitswasser gewesen war, kam durch Zufall aus den Küchentisch einer Bürger- Familie. Die Hausfrau läßt darin von der Magd Essig zu einem Salate hohlen, und diese vergißt, die Flasche vorher zu reinigen. Der Salat wird mit Essig aus dieser Flasche bereitet, und Vater, Mutter und Kinder essen am Abende davon mit großem Appetit. Alle bekommen darauf ein heftiges Schneiden im Leibe, und ein Erbrechen, am heftigsten der Vater, der von dem Salate am meisten genossen hatte. Es wird ein Arzt herbeygehohlt, und dieser schloß gleich auf Vergiftung, durch Bley- oder Quecksilber-Auflösung, und richtete darnach seine Heilart ein. ES dauerte mehrere Tage, ehe sich die Kranken ganz erhöhten konnten. Anfänglich konnte der Arzt nicht auswickeln, wodurch diese Vergiftn, g entstanden seyn mochte, bis er endlich die Essigfiasche fand, in welcher sich noch auf dem Boden Spuren eines weißgelblichen Ansatzes von dem ehemahls darin gewesenen Schminkwasser fanden, ein Beweis, wie gefährlich solche Schönheicswäffer sind. Diese Geschichte möge auch dem weiblichen Geschlechte zur Warnung dienen, Gefäße, in welcher Speisen gekocht und Getränke aufbewahrt werden, mit äußerster Vorsicht zu reinigen. 17l Der Zugs, oder das aus der Erde brennende Feuer bey Klein- Saros in Siebenbürgen. Bey Klein-Saros in der Kokelburger Gespann- schaft in Siebenbürgen, nur 1200 Schritte von diesem Dorfe am Abhänge eine» Hügels, befindet sich ein ss-uatz, der in die Runde sich erstrecket, anderthalb Klafter im Durchmesser hat, und nur sparsam mit Gras, besonder» aber mit einer Art von Riedgras bewachsen ist.-r-ste isan- deseinwohner nennen ihn Zugo. Innerhalb dieses Kreises sind mehrere kleine Vertiefungen, von denen einige mit Wasser gefüllt, andere ganz trocken sind. In denselben hört man ein lärmendes Gezisch und ein Aufbrausen, als wenn Wasser im Innern der Erde kochete. Wenn man nun angezündetes Stroh, oder sonst einen brennenden Körper in diese Hiruben wirst, oder nur mit demselben langsam darüber fahrt, so fangen sie alle Feuer, wenn auch kein Gras oder ein zündba- rer Körper in denselben ist, und brennen theils mir einer grösseren, theils mit einer kleineren hell auflodernden Flamme so lang fort, bis man sie wieder auslöscht. Die kleineren Flammen, die so aus der Erde herausbrennen, habet! eine bläuliche, die größeren aber eine weißliche Farbe; sie brennen ohne Rauch und ohne bemerkbaren Geruch. Dabey wird das Erdreich rund herum trocken, und nach und nach so heiß, daß die Flamme, wenn man sie mit dem Hute auslöscht, doch wieder aiks der Erde hervorbricht. Selbst die Gruben, welche mit Wasser gefüllt sind, brennen hell auf; die Flamme bricht wie der Blitz aus dem Wasser hervor, verschwindet und lodert wieder unter dem Wasser bis über die Oberfläche desselben auf, und schwebt auf detfelben herum, bis sie wieder verlischt und neuerdings emporsteigt. Die Flamme hat eine beträchtliche Wärme; man kann über derselben kochen und schmelzen, wie am Kohlfeuer, und die Erde wird nach und nach verhärtet, und wie ein Ziegelstein roth gebrannt. Man mag mehrere Klafrer tief an diesem Platze in die Erde eingraben, wie man schon Versuche gemacht hat, so brennt in dieser Tiefe die nähmliche Flamme aus dem feuchten oder trockenen Boden hervor, so bald man ihn mit einem brennenden Körper berührt. Diese seltene Naturerscheinung zeigt sich schon seit undenklichen Jahren an diesem Orte. Die ältesten Greise sagen, daß sie von ihren Aeltern und Grosiältern gehört haben, daß dieser Ort seit Menschengedenken immer in gleichem Zustande sich befinde und hell brenne, so bald man ihm eine Flamme nähere. Die Viehhirten»siegen ihn anzuzünden, wo er dann Wochenlang mit lebhafter Flamme brennt; sie pflegen sich dabey zu wärmen, Erdapfel und Maiskörner zu braten. Aber sie muffen dabey auf ihrer Hurh seyn, daß sie nicht einschlafen, weil sie sich leicht die Kleider anbrennen konnten. Manchmahl ist dieser Platz voll Wasser, meistens aber, und besonders zur Sommerszeit ganz trocken, wo er auch stärker brennt, und das unterirdische Getose lauter wird. Ist die Erde aber feucht, oder sammelt sich Wasser auf derselben, so bricht das Getöse mir einem Gezische hervor, das Wasser macht Blasen, und geräth in Bewegung,..als wenn es siede. Schon vor mehreren dreyßig Jahren, erzählen die Dorfältesten von Kleiir-Saros, waren Cürassiere hier gelegen, und harten in der Nähe des brennenden Platzes einen. Badbrunnen von beyläufig vier Fuß Tiefe gegraben, und das Wasser hingeleitet. Dieses Wasser hat sich besonders gegen die Krätze und andere Hautausschläge sehr heil- — 173— fam bewiesen, weswegen sich die kranken Soldaten häufig dort badeten. Bäder zu Felsö Bajom. Drey Viertel-Meilen von Kleiu-Saros liegt der Ort Felsö Bajom, in dessen Nahe drey mineralische Quellen und: das Kirchenbad, das Bettlerbad und der Sauerbrunnen, welche in verschiedenen, besonders rheumatischen und gichtischen Krankheiten, in Lähmungen und Hamausschlägsn heilsame Kräfce zeigen. Vorzüglich bewährt sich Las Kirchenbad, in welchem das Wasser immer in einer siedenden Bewegung herumgetrieben wird. An, Rande desselben liegt ein großer Sumpf, dessen Wasser jenem im Bade ähnlich ist, und der sich bis an das Bertlsrbad erstreckt. Das Bettlerbad ist größten Theils verfallen, und befiehl nur aus einer Grube mit etwaS trübem Wasser, welches durch die von unten am Boden einströmende Luft zu sieden scheint. Die letzte Quelle, welche von den Einwohnern sehr unrichtig Sauerbrunnen genannt wird, liefert ein sehr klares mit Kochsalz geschwängertes Wasser. Wenn man nun im Kirchen- und Bettlsrbade brennendes Stroh an die Wasserblasen, die in dem wallende» Wasser aufsteigen, hält, so entzünden sie sich sogleich überall in eine lebhafte, blitzähnliche Flamme, die emige Zeit fortlo- dert. Läßt man aber ans diesen beyden Bädern das Wasser ausschöpfen, welches bey dem Bettlsrbade gar leicht geschehen kann, und hält man einen hellbrennenden Körper an den, wenn auch noch feuchten Boden, so entsteht eine helle Flamme, bis sie von dem häufig zuströmenden Wasser oder durch Gewalt ausgelöscht wird. Ein herrliches Schauspiel gewährt es, wenn das zufließende Wasser die Flamme zu verdrängen sucht. Wie der Blitz fährt sie aus dem Wäss-t hervor, verschwindet, bricht 174 wieder aus, bis sie endlich von der Gewalt des Wassers überwältiget, unter zuckenden Bewegungen erstirbt. In dem Bcttlerbade, wo ohnehin der Zufluß des Wassers fehr gering ist, brennt das Feuer viele Tage und Nächte fort, und gewährt besonders bey der Nacht das sehr angenehme Schauspiel eines ewigen FeuerS, welches ohne hinzugegebene Nahrung immer fort brennt. Die ganze Gegend an diesen Bädern in einer Längs von 80, und in einer Breite von 6 Klaftern, zeigt die nähmliche wunderbare Naturerscheinung, wie der Zugs bey Klein- Saros. Uederall brennt Feuer aus der Erde hervor, so bald man eine helle Flamme nähert. Ursache dieser Naturerscheinung. Wie läßt sich nun diese wunderbare Naturerscheinung, von der wir in Europa kein anderes Beyspiel haben, erklären t Wohl unterrichtete Naturforscher haben an Ort und Stelle Untersuchungen angestellt. Sie bemerkten, daß bloß eine brennbare Luft, welche sich unter der Erde erzeugt, die Ursache dieses Feuers sey. Sie fanden, daß der Boden dieser entzündbaren Stellen wie ein Sieb mit unzähligen Rohren von dem Durchmesser eines Strohhalms oder eines Regenwurms, wie mir Pfeifen durchlöchert sey, durch welche die unsichtbare brennbare Luft mit einer solchen Gewalt herausströmt, daß sie wie ein leichter Wind an die Hand anschlägt, und um so mehr gefühlt werden kann, da sie Papierfleckchen, welche man an eine größere Oeffnung halt, zurückstoßt, umbiegt, und fort treibt. Das Ausströmen der Luft durch diese röhrenförmige Oeffnuiigen geschieht zwar ohne beträchtliches Geräusch i wenn sie aber oben verstopft oder verenget sind, oder wenn ei» Stückchen Erde oder so etwas auf der Oeffnung liegt, so drängt sich die Luft mit Mühe heraus, und da entsteht ein gewaltiges Zischen. AuS der nähmlichen Ursache laßt sich auch ein Gezisch und ein Rasseln hören, wenn die Mündungen dieser Röhren mit Wasser bedeckt sind: die Luft drängt sich durch das Wasser in die Höhe, und macht Blasen auf der Oberfläche des Wassers, und um so viel mehrere und größere, je dichter die darauf ruhende Wassermasse ist. In diesem Falle wird das Geräusch manchmahl so stark, daß man es mit dem Schlottern des siedenden Wassers vergleichen kann, so daß es in einer ziemlichen Entfernung hörbar ist. Entzündung. So bald man nun dieser aus dem Innern der Erde empor steigenden entzündbaren Lust eins Flamme nähert, so wird sie entzündet, und brennt fort, bis sie durch das Uebergießen mit vielem Wasser, durch einen heftigen Wind oder durch heftiges Schlagen windmachender Werkzeuge oder Kleidungsstücke ausgelöscht wird. Die Röhren in der Erde erweitern sich von unten gegen oben. Je tiefer man an diesen Orten gräbt, und je enger dann die Röhren werden, desto größer und lebhafter wird immer die Flamme, bis man an einen Felsen kommt, aus welchem sie mit Gewalt herausströmt. Versuche. Die Naturforscher haben mit dieser brennbaren Luft verschiedene Versuche angestellt. Sie steckten z. B. eine drey Fuß lange kegelförmige Röhre in die Erde, und kitteten sie am Grunde des Brunnens genau dort an, wo durch die meisten Oeffnungen diese Luftart ausströmte. Wie man aber der Röhre ein Licht näherte, so fing die durch dieselbe ausströmende Luft sogleich zu brennen an, und brannte immer fort. Der oberste Rand dieser Röhre wurde auf diese Art sehr heiß, der untere blieb kalt. — 176 Sie fingen diese Lust auch in Gefäße auf. Näherte man der Mündung der Flasche ein Licht, so fing die darin verschlossene Lust gleich. Feuer, und brannte einige Zeit fort. Dasselbe geschah auch dann, wenn diese Gas- Art aus den Flaschen in eine Ochsenblase gefüllt, und daraus mittelst eines engen Röhrchens durch Seifem»«^^ geleitet wurde. Es entstanden große Seifenblasen, die sich im Lichtgleich entzündeten, und mit einer mehr als Schuh hohen Flamme verbrannten. Sonst ist diese Lust für Menschen und Thiere zum Achemhohlen ganz untauglich/ und glühende Kohlen verloschen in derselben. Usbrigens ließ-sich von dieser brennbaren Lust ein vielfältiger nützlicher Gebrauch machen; denn sie konnte den Mangel an Brennholz ersetzen so wohl an dem Orte des Ausbruchs dieser Gas-Art, selbst, oder auch, wenn sie durch wohlverschloffene Röhren bis in das Dorf oder an einen andern entfernten Ort geleitet würde. Da könnte sie zum Branimveinhrennen, zum Bierbrauen, zum Zimmer- heitzen, als Herdfeuer zum Kochen und Braken starr der gewöhnlichen Feuerung mir Holz und Kohlen, so wie auch zur Beleuchtung statt der Kerzen und Lampen ohne die geringste Unbequemlichkeit verwendet werden, indem sie beym Verbrennen weder Rauch noch Ruß, noch unangenehmen Geruch verursachet. 177 Lebensart der Bewohner des Riesengebirges in Böhmen. Erste Erziehung. Die gewöhnliche Lebensart des Riesengebirgs-Bewoh- ners beweiset, wie wenig der Mensch bedarf, um zufrieden und glücklich zu seyn. Er begnügt sich mit dem, was der mühsam gepflegte Boden nur kärglich gibt, lebt unbekümmert für die Zukunft, und gewöhnt sich schon vom Knabenalter, den magern Bissen, den er genießt, durch Arbeit zu verdienen. Mehr auf einem schönen als milden Boden geboren, wird schon das kleinste Kind an Mühe und Anstrengung, selbst in Spielen gewohnt; und da es bestimmt ist, unablässig unter einem rauhen Himmelsstriche zu leben, so wird es schon in der ersten Kindheit zur Ertra- gung der Nässe und Kälte vorbereitet. Abhärtung und Duldsamkeit gegen die Unbilden der Witterung ist demnach der erste Grundsatz der körperlichen Erziehung in, R i e s e n g e b i r g e. Alle Mütter säugen ihre Kinder selbst ein Jahr, auch noch wohl ein halbes Jahr darüber, und nichts ist lieblicher als der Anblick dieser von Gesundheit strotzenden, blühenden Kleinen. Keine Kleidung deckt sie bis in das vierte Jahr, und wie junge Wilde entspringen sie bey dem Anblicke eines Fremden in die verborgenen Winkel der Stube. Außer dem, daß hier die Mütter ihre Kinder selbst säugen, widmen sie ihnen eben keine zu große Sorgfalt. Während die Mutter von einem Geschäfte an das andere geht, sitzt oder schläft ihr Säugling ruhig in einer Schaukel, die von der Decke der Stube herabhängt, Bd. M 178 und der die Mutter nur eigentlich einen Schwung zu geben braucht, um die schwingende Bewegung derselben stundenlang zu unterhalten. Oder das kleine Kind liegt in der Wiege, und wird von einem seiner größeren Geschwister, ohne sich dadurch im Spinnen zu stören, mit dem Fuße gewiegt. Das Knabenalter. So bald daS kleine Geschöpf fest auf den Füßen ist, arbeitet es bey allen häuslichen Geschäften mit, so viel es seine Kräfte zulassen. Der Knabe folgt der Herde auf die Bergweide, das Mädchen hilft die Hausgerärhschaften und den Stall reinigen, oder Butter und Käse machen, oder sie ist mit Spinnen beschäftiget. Doch sind diese Beschäftigungen nicht immer regelmäßig unter Knaben und Mädchen ausgetheilt; abwechselnd sieht man beyde Geschlechter diese oder jene Arbeit verrichten; nur darin vereinigen sie sich immer, daß sie alle unermüdet thätig sind. Jedes greift zu, wo sich Gelegenheit darbiethet, und jedes wählt sich die Arbeit, wo seine Kräfte zulangen. Die Freuden der Kindheit, welche mit Spielen und Tändeln bey uns zugebracht wird, kennt die Jugend des Riesengebirges nichr; und dennoch ist sie munter und froh, und bleibt es selbst in den wachsenden Jahren; je weniger sie von Vergnügungen genießt, desto mehr weiß sie jede Veranlassung zum Frohseyn zu schätzen. Einfach ist die Nahrung, die Bekleidung, die Wohnung des Bewohners des Riesengebirges. Wenn er am Weihnachtstage, bey einer Hochzeit oder anderen seyerli- chen Gelegenheit eine junge Ziege schlachtet, oder ein Stück Rindfleisch herbeyschafft, so gibt das für ihn ein herrlicheres Mahl, als unsere reich besetzten Tafeln; denn Fleisch sieht er des Jahres kaum zweymahl ausseinem Tische. — 179— Die Kleidung der Riesengebirgs-Bewohner -st von jener ihrer Nachbarn in Schlesien unh Böhmen nicht wesentlich unterschieden. Ein tüchener Rock, der gewöhnlich nur bis an die Hälfte der Schenkel, seltner bis an die Knie reicht, meistens von blauer, manchmahl auch von"grüner oder grauer Farbe; eine Weste von gleichem Stoffe, nebst ledernen kurzen Beinkleidern von schwarzer oder schmutzig gelber Farbe, weder zu enge noch zu weit, sondern bequem zu jeder Bewegung; hellbraune, graue oder weiße wollene Strümpfe mit Schuhen, und ein schlechter dreyeckiger Filzhut, ist die gewöhnliche Tracht der Männer bey ihren Verrichtungen im Freyen lind bey kalter Witterung. Zu Hause oder bey starker Sonneiihitz- geht der Bergbewohner gewöhnlich bloßfüßig, ohne Rock i-nd Weste. Wenn ihn Geschäfte übers Gebirg zu gehen nöthigen, so nimmt er einen glatten etwa fünf Schuh langen und ziemlich dicken Stock, der unten mit einem spitzigen Stachel versehen ist, und hält durch diesen sowohl, als durch die von seinen dicksohligen Schuhen hervorstehenden eisernen Nagel(Zwecke) seine Schritte fest, daß er nicht ausgleiter. Bey Glatteis bedient er sich der Steigeisen, bey hohem frisch gefallenenen Schnee der Schneereife, die an den Füßen befestiget werden. Kleidung der Weiber. Die Weiber tragen einen grauen oder buntfarbigen von den Hüften bis nahe an die Fersen Herabreichenden Rock von wollenem Zeuge, und ein tüchenes Mieder. Das Hemd, dessen Aermel nur die Hälfte des Oberarms bedecken, wird vorn unter dem Halse mir einer Nadel zusammen gehaftet, und Hals und Brust werden meistens noch mit einem Tuche von gedruckter Leinwand verhüllt. M 2 180— Der Kopf ist bey Uuverheiratheten gewöhnlich bloß; die Haare werde» in mehrere Zöpfe geflochten, und auf dem Scheitel dergestalt aufgeschlagen, daß sie eine Art Krone oder Nest bilden, von welchem der dickere Theil wieder in den Nacken zurück fließt, welches in der That bey mancher recht artig laßt. Die Weiber tragen eine Haube von weißer oder mit Blumen gedruckter Leinwand; häufig haben auch Weiber und Mädchen, vornähmlich bey ihren häuslichen Verrichtungen der Reinlichkeit wegen ein gefärbtes leinenes oder baumwollenes Tuch um den Kopf gebunden. Zum vollen Anzüge gehört nebst Schuhen und wollenen Strümpfen noch ein Jäckchen, das gewöhnlich vom schwarzen, zuweilen auch anders gefärbten Zeuge gemacht, und rückwärts mit mehreren Schoßfalten versehen ist.— Schwarz ist überhaupt die Staatsfarbe der Weiber. Die Wohnungen der Bergbewohner(die Bauden) sind mehr auf die Unterkunft und Erhaltung ihres Viehes, zur Aufbewahrung der Milch, der Butter, des Käses und aller zur Bereitung desselben nöthigen Gefäße, als zu ihrer eigenen Bequemlichkeit berechnet. Der Bergbewohner zieht fast seinen ganzen Unterhalt von feinen Hausthieren, und wartet sie so gut, als wenn er ihretwegen, und sie nicht seinetwegen da wären. Im Allgemeinen ist der Bewohner des Riesengebirges ein Muster rastloser Geschäftigkeit. Hat er von Sonnenaufgange bis zum Untergänge derselben seine Geschäfte mit den Seinigen verrichtet, so gönnt er sich nur eine kurze nächtliche Ruhe. Bey kürzeren Tagen verwandelt sich Abends die ganze Familie in eine muntere Spinngesellschaft. Groß und Klein trillt dann in einem — 181 Kreise um den leuchtenden Kienspan sitzend, die geschäftige Spindel oder das schnurrende Spinnrad, während der Hausvater Kienspane schneidet, oder irgend einen Hausrath schnitzt. Bey der Gastfroyheit dieser guten Leute wird nicht selten ein Bewohner des Thales über Nacht beherberget, welcher die gute Aufnahme dadurch vergelten will, daß er ihnen, die von der übrigen Welt gleichsam getrennt sind, allerhand Neuigkeiten von ihren Bekannten und Verwandten und die Tagesbegebenheiten erzählt, wovon die Bergbewohner große Liebhaber sind, und aufmerksam zuhören. Hat dieser alle Neuigkeiten zu Markte gebracht, so überlaßt sich das junge Volk zwanglos frohen Gesprächen, Scherzen und unschuldigen Neckereyen; aber der Spinnrocken wird dabey nicht vernachlässiget. Scherz und Freude vermehren die Lust zur Arbeit, und indem sie unter einander wetteifern, wer eher die Spuhle gefüllt hat, wird ihr immer reger Fleiß nur mehr belebt. So vergehen unter Erzählungen, Schäckereyen und Liedern die Stunden, und spät, wenn in heiterer Sommernacht nur das entfernte Bellen treuer Haushunde, oder das eintönige Rauschen des Waldstroms aus den Thälern bis zu der einsamen Stille der Bauden herauf dringt, hüpfen sorgenlos und sicher diese Kinder der Natur auf schroffen, und für die Bewohner desj stachen Landes unwegsamen Pfaden ihrer heimischen Baude zu, um durch gesunden Schlaf neue Kräfte und Heiterkeit zur Arbeit des folgenden Tages zu sammeln. Körperliche Beschaffenheit. Bey der rastlosen Regsamkeit bleiben die Gebirgsbewohner bis in ein hohes Alter munter und kräftig. Ihr Gang ist schnell, und da sie bey der herrschenden Unebenheit des Bodens selten einige Schritte in völliger Ebene 182 gehen können, immer hüpfend. Greise von siebzig bis achtzig Jahren haben noch nicht jene Hinfälligkeit und Schwäche, die sich bey einem Alter von sechzig, oft selbst von fünfzig Jahren in niedern Landgegenden gewöhnlich äußert.' In allen ihren Handlungen zeigen sie eine ungemeine Lebhaftigkeit und eine biedere Offenheit, welche eine sichere Folge der Zufriedenheit mit ihrem Zustande und ein Zeichen ihres körperlichen Wohlbehagens ist. Geistige Ausbildung. Noch vor fünfzig Jahren sah es um die geistige Ausbildung der Gebirgsbewohner übel auS. So wie das magere Gras auf den hohen Bergrücken unter Regen und Sonnenschein ohne fernere Pflege gedeihet, so wuchs auch hier der Mensch, sich selbst überlassen, in völliger Unwissenheit auf. Er war zwar nicht böse, er kannte nicht einmahl die Laster der Flächenbewohner, noch viel weniger jene der Städter; denn er hatte keine bösen Beyspiele gesehen, welche üble Neigungen in ihm erregen konnten. Er war immer ein arbeitsamer, gutmüthiger Mensch, aber einfältig, und in der größten Unwissenheit. Joseph H., jener menschenfreundliche Monarch, dessen Auge beym Anblicke der Siuneseinfalt und Heizensgüte dieser Bergbewohner Thränen der Rührung entflossen, war auch in dieser Hinsicht der Wohlthäter dieses vergessenen Winkels seiner Staaten. Er errichtete mehrere Schulen in diesen unfreundlichen Gegenden, besetzte sie mit fähigen Schullehrern, und sorgte auch für den Religionsunterricht der Bergbewohner dadurch, daß er mehrere Seelsorger denselben gab.> Ehmahls hielten die wohlhabendsten Aeltern im Riesengebirge, derenZahl nicht groß ist, Privatlehrer zuHause für ihre Kinder; die ärmeren theilten das Wenige, was 183 sie von Religions- und Sittenlehre wußten, ihren Kindern mit. Lesen und Schreiben war damahls eine große Seltenheit. Jährlich einmahl zur Fastenzeit wurden in verschiedene Bauden deS Gebirges von einem katholischen Seelsorger die zerstreuten Pfarrkinder zusammen gerufen. Vier bis acht Stunden hatten manche hin zu reisen. Die Ael- tern nahmen ihre Kinder mit. Der Seelsorger erklärte die nothwendigsten Lehren der Religion, und besonders die Lehre von der Beicht und Communion, und prüfte dann darüber. Jenen, welche als hinlänglich unterrichtet befunden worden waren, erlaubte er dann, in der Pfarrkirche diese heiligen Sacramente zu empfangen. Sprache. Die Bewohner des Riesengebirges sprechen fast durch- gehends deutsch. Nur an der Süd-West-Seite längs den Ufern der Jser, und zwischen dieser und der Elbe bis an den Fuß der hohen Bergkette wird böhmisch gesprochen. Man hat aber Mühe, ihre deutsche Sprache zu verstehen, weil sie den Selbstlaut a immer statt anderer Selbstlaute gebrauchen, und die Sylbe la den Nennwörtern anhängen. Statt Mädchen, Berg sagen sie Madla, Bargla. Das viele Rufen und Sprechen von einem Abhänge des Berges zu dem gegenüberstehenden ist die Ursache, daß das Gebirgsvolk selbst in der Stube sehr laut spricht", und einen singenden Vertrag hat, der aber dem Ohre nicht unangenehm ist. Einfalt der Sitten. Wer die höchste Gutmüthigkeit, Sinneseinfalt und möglich unverdorbene Menschennatur will kennen lernen. — 194—. der wandle zu den Bewohnern des Riesengebirges. Ihre Sitten scheinen so rein, wie die Luft, welche sie umgibt, ihre Herzensgute so hoch, wie der Gipfel des Berges, der ihre Baude tragt. Wie man von den Bauden, welche näher an den besuchtesten Straßen liegen, in die abgelegensten Wohnungen kommt, so wachst auch die Reinheit der Sitten, weil diese vom Laster nie angesteckt werden. Man trifft auf Leute, die sich in einer paradiesischen Unschuld erhalten haben. Arbeitsamkeit, Eintracht, Dienstfertigkeit, Genügsamkeit, Zufriedenheit und herzliches Wohlwollen gegen Jedermann äußern sich bey jeder Veranlassung. Unbefangener Frohsinn, der gar nichts Arges befürchtet, eine liebenswürdige Lebhaftigkeit in Worten und Handlungen, eine schlichte Geradheit in ihrem Benehmen machen sie jedem Fremden äußerst schätzenswerth. Das junge Volk äußert in Unschuld der Sitten seine Fröhlichkeit bey jeder Veranlassung durch tausend unschuldige Scherze und kleine Neckereyen bey jeder Gelegenheit, bey jeder Zusammenkunft, in der Spinngesellschaft, in der Schenke, bey Musik und Tanz. Oft sieht man bejahrte Leute, wie sie sich mit der ihnen eigenen Fröhlichkeit in die muntern Reihen ihrer Söhne und Töchter mengen, und an ihren Vergnügungen Theil nehmen. Neuigkeiten. Alte Leute lieben aber vorzugsweise gesellige Unterredungen über allerley Begebenheiten, die sie luden umliegenden Gebirgsstadten erzählen hören. Bey der Nachhause- kunft wird alles, was man Neues erfahren hat, in versammelten Zirkeln erzählt. Diesen guten Leuten ist Vieles neu, wovon man Monathe lang im stachen Lande nichts mehr spricht. Kommt ein Fremder in die abgelegenen Bauden, so wird ihm jedes Wort vom Munde abgelauert, 48Z und wochenlang wurden sie ihren ärmlichen Vorrath Mit ihm theile»/ wenn er ihnen nur immer neue Begebenheiten erzählecc. Dabey glauben die Bewohner des Riesengebirges in ihrer Einfalt jedes Wort, das ihnen ein redseliger Neuig- keitskrcimer vorspricht. Jedoch wer sie einmahl unrecht berichtet und belogen hat, dem glauben sie nie mehr. An der Religion und der alten Sitte hangen sie mit unverbrüchlicher Treue. Sie sprechen gern von den Verdiensten ihrer Verfiltern, und wissen viel Außerordentliches von denselben; gegen Neuerungen, die sich auf ihre Lebensweise oder ihr Hauswesen beziehen, sind sie mißtrauisch, und schwer von der Nützlichkeit derselben zu überzeugen, weil sie nichts Besseres kennen, als sich in ihrer Heimath befindet. So sind sie auch anfänglich gegen jeden Fremden zurückhaltend, bis sie merken, daß er nicht gekommen sey, ihnen zu schaden. Bedarf er aber ihrer Hülse, dann eilen sie mit ihrem natürlichen Wohlwollen ihm entgegen; ihre immer rege Menschenliebe kennet kein Mißtrauen, keine Be- denklichkeit mehr, und sie haben dann keine andere Sorge, als ihm nach allen ihren Kräften Hülfe zu leisten, und ihm Bequemlichkeit zu verschaffen. Nicht ohne Rührung sieht sich hier der Reisende von Menschen umgeben, die mit aller zuvorkommenden Willfährigkeit ihm Dienste erweisen, ohne den mindesten Lohn dafür weder zu verlangen, noch zu erwarten. Ja der Gebirgsbewohner gerfith in Verlegenheit, wenn man ihm für Dinge, die er gastfreundlich aufgetischt hat, eine Bezahlung aufdringen will. 186 Selbstgefälligkeit. Die Frosch bild ung. (Eine Fabel.) Ein alter kahler Frosch bestieg sein Schilf-Katheder, Ihm schwoll der Bauch, ihm strotzte das Geäder, Die Frosche horchten rings, er öffnete den Mund, Den hohlen, breiten, und that männiglichen kund: „Geneigte Bruder! leiht mir euer günstig Ohr! Auf daß ihr lernt, euch selbst nach Würden ehren. Will ich euch jetzt der Ordnung nach belehren: Wie die Natur vor andern uns erkor Zu ihrem Lieblingsvolk.— Bemerket dann zuvor: Aus Eyern in der Fluth, wie Perlen hingegossen, Sind wir den Schwanen gleich entsprossen; Doch seltsam! ohne Glieder drehten Wir uns, geschwänzt gleich himmlischen Kometen Im Wasser hin und her, und auf und ab; es klang Im Röhrigt noch kein Froschgesang. Natur, wie gut bist du! Sie schuf euch nun zwey kleine, Zwey Aermchen an die Brust, man nennt sie Vorderbeine, So schwimmt ihr- reitzenden Sirenen völlig gleich. Halb Frosch und halb geschwänzt im Teich. Noch war der Mund geschloffen; es erklang Im Röhrigt noch kein Froschgesang! Soll denn mein Lieblingsvolk, dem ich die holden Gaben Des Sangs bestimmte, nur zwey Vorderbeine haben? So sprach die Schöpferinn Natur, und wunderbar! Sie schuf zum ersten noch ein zweytes Deinchenpaar! Vierbeinig und geschwänzt— so schwammt ihr, wie im Nil Das Götterthier, das große Krokodils. Noch war't ihr stumm, wie jenes; es erklang Im Röhrigt noch kein Froschgesang! Vergnügt sah die Natur euch jetzt im Wasser schweben— Nein, sprach sie, schlanker soll mein Völklein sich erheben. Dieß hindert nur der Schweif, der hinterher sich krümmt. Mein Volk ist zum Gesang bestimmt! Sie sprach's und es geschah; ihr schwammt nun ohne Schweife Geglättet und gefeilt.— So kämet ihr zur Reife. Allein noch war es still im Teich, und es erklang Im Röhrigt noch kein Froschgssang! Nachdem sie mütterlich euch nur die Hintertheile Geründet und polirt, da legte sie die Feile Auch an das Vordertheil, und schuf in euren Schlund Zwey Blasen, wunderbar! daß euer Sängermund Des Lenzes Wiederkehr, den Glanz der Abendrörhe-, Die Sommernacht im Schilf besing' und austrompete. So ward das große Werk vollendet; es erklang Melodisch nun der Frösche Chor-Gesang." ! So sprach der alte Frosch, und Brekekeg' erklang Im Röhrigt Beyfall ihm, und lauter Froschgesang. 188 RaubLhiere in Ungarn. Der Winter vom November 1812 bis März 181Z war in Ungarn einer der strengsten, den man seit io4 Jahren erlebt hatte. Schon im November zeigten sich in diesem Lands auf den Karpathen viele Bären, welche in Gesellschaft zu Fünfen und Sechsen die Wälder, welche mehr gegen Norden liegen, durchstreiften, und den Menschen und Thieren sehr gefährlich wurden, indem sie sich aus Mangel der Nahrung selbst den Ortschaften näherten. Ihre Erscheinung war um so unerwarteter, da es in Ungarn nicht viele Bären gibt, und diese Raubthiere einen Theil des Winters gewöhnlich in ihren Höhlen zubringen. Da aber im vorhergegangenen Herbste in den angränzenden Ländern, in Pohlen und Rußland Krieg geführt wurde, wo sich noch viele Bären aufhalten, so ist sehr wahrscheinlich, daß sie durch den Donner der Kanonen auS den dortigen Wäldern verscheucht worden sind, und die Wanderschaft nach Galizien und von da nach Ungarn angetreten haben, um einen ruhigeren Aufenthalt zubekommen. Aber so bald es die Witterung erlaubte, hat man häufige Jagden auf diese Thiere gemacht, und viele derselben erlegt. Besonders aber wurden die Wolfe in diesem Winter gefährlich. Sie verließen von Kälte und Schnee dazu verleitet, die Sümpfe und Wälder, näherten sich den Straßen, und fielen oft, mehrere miteinander, Menschen und Thiere an. Jeder Reisende mußte bey Tag auf seiner Huth seyn; Nachts zu reisen, war ein gefährliches Unternehmen; denn die Wölfe fielen die Pferde an, zerfleischten und todtsten sie, und rissen oft die Reisenden aus Wagen und Schlitten, und fraßen sie auf. 189 Ein Pfarrer wird von Wölfen zerrissen. Eine solche traurige Begebenheit hat sich in der S a- bolisch er Gespannschaft ereignet. Ein Pfarrer fuhr von dem Pfarrorte nach einem Filial-Dorfe, um einem Sterbenden die letzte Oehlung zu reichen. Auf seiner Rückkehr sah er einige Wölfe in der Nähe der Straße. Beherzt sprang er aus dem Schlitten, gab mit der Flinte, welche er bey sich hatte, Feuer auf diese Raubthiere, und erlegte eines derselben. Aber durch den Schuß wurden die Pferde scheu, und sprengten unaufhaltsam davon. Der Pfarrer lief dem Schlitten nach, die Wölfe folgten ihm, fuhren auf ihn los, rissen ihn zu Boden, zerfleischten ihn, und fraßen seinen Körper auf. Nur die Kleidung und Gebeine wurden von ihm ge- funden. Diese Naubthiere schlichen sich sogar bey der Nacht an die Häuser, und raubten Schafe und Kinder. So war eines Abends ein Mädchen auf der Insel Schütt, wo sich in den Rohrsumpfen viele Wolfe aufhalten, vor die Thür des Hauses gegangen, und in Verlust gerathen. Ein Wolf hatte es in seinen Schlupfwinkel geschleppt, und dort aufgefressen. Muth zweyer Frauen. Zuletzt wurden diese Raubthiere, von äußerstem Hunger geguält, so verwegen, daß sie bey Hellem Tage in die Häuser gingen, und den Müttern die Kinder vom Arme wegreißen wollten. Bey solchen mörderischen Anfällen zeigten zwey Frauen einen Heldenmuth, welcher der ungarischen Nation würdig ist. Ein Wolf war in ein Bauernhaus in der Zem- pliner Gespannschaft gedrungen, und sprang bey offener ^hür in die Stube, in deren Mitte die Bäuerinn eben — 190— mit leeren Händen stand. Der Wolf ging auf das Kind los; aber in dem nähmlichen Augenblicke faßte ihn das Weib so kräftig an beyden Ohren, daß der Mann Zeit gewann, einen Prügel zu ergreifen, und das Raublhier todt zu schlagen. Eine andere Frau war aber nicht so glücklich. Zwey Wolfe machten zu gleicher Zeit im Hause den Angriff, und sie wurde mit ihrem Kinde jämmerlich zerfleischt, und Las Kind die Beute der räuberischen Thiere. Die Frau eines Edelmanns reisete in einem offenen Schlitten. Ein Wolf sprang auf sie zu, und wollte sie aus dem Schlitten reißen, während ein anderer die Pferde angriff. Aber die entschlossene Frau ergriff noch zu rechter Zeit eine Hacke, welche sie aus Vorsicht in den Wagen genommen hatte, und traf den Wolf so gewaltig auf den Kopf, daß er todt zur Erde stürzte, worauf sich auch der andere entfernte, daß sie ihren Weg fortsetzen konnte. . In diesem Winter ließen sich auch Wölfe in Oesterreich, an den Gränzen Ungarns, Mahren und derSreyer- mark sehen; einer soll sich bis in die Waldungen und Gebirge, welche an die Hintere Brühl stoßen, gewagt haben. Man will Spuren von ihm entdeckt haben. Wüthende Wölfe. Mehrere Wölfe wurden auch in diesem Winter von der Wuth befallen, und richteten in den zur Zempk-iner Gespannschaft gehörende» und schon an Galizien gränzenden vier Orten Mikowa, Dritsna, Stacskotz und Roskotzim Monathe Hornung grausame Verheerungen an. Zu Mikowa biß ein wüthender Wolf vier Personen, welche alle wasserscheu wurden. Trotz aller angewandten Hülfe waren sie nicht zu retten, und starben unter den heftigsten Anfällen von Wuth. Als der griechische Pfarrer dieses Ortes einen Mann, der an der Wuth krank lag, nut 191 heilsamen Ermahnungen zum Tode vorbereiten/ und ihn mit dem heiligen Abendmahle versehen wollte, brach bey dem Kranken eben eine so fürchterliche Wuth aus, daß der Priester auf der Stelle vor Schrecken die fallende Sucht bekam, und zu den Füße» des jammervollen Unglücklichen seine» Geist aufgab. Wäprend dieses zu M i k o w a vorfiel, wagte sich ein anderer wüthender Wolf in das Dorf Dr i tSn a, biß drey Menschen, welche alle an der Wasserscheu elend starben. In dem benachbarten Dorfe Statskotz tödtete eine solche Bestie gleichfalls vier Bauern, fiel auch bereits den fünften an, als diesem sein Vater zu Hülfe kam. Kaum wurde der grimmige Wolf denselben gewahr, als er von dem Sohne abließ, und auf den Vater losstürzte. Dieser packte ihn mit einer Kraft, die er nur im höchsten Schrecken haben konnte, hob ihn empor, und schrie um Hülfe; aber niemand hatte Herz und Muth ihm beyzustehen, weil sich jeder der augenscheinlichsten Todesgefahr würde ausgesetzt haben. Der Wolf machte sich los, und zerfleischte den Vater jämmerlich, daß er starb. Zu gleicher Zeit sprang in dem Dorfe Roskotz ein Wolf mit dem vor ihm fliehender» Bauer in das Haus, und drängte sich mit ihm bis in die Stube, in welcher sein Weib mit dem säugenden Kinde an der Brust stand. Der wüthige Wolf fiel über die unglückliche Mutter her, riß ihr beyde Brüste weg, zerfleischte das Kind, und tödtete den Bauer, so daß alle drey als das Opfer seiner Wuth elend starben. Mehrere Menschen wurden von diesen grausamen Bestien eben so übel zugerichtet, weil sie der Thiere, die sie anfielen, immer schonten, so bald sie einen Menschen ansichtig wurden. DaS Traurigste bey diesen Unglücksgeschichten war, daß die Mittel, welche man gewöhnlich bey Menschen, die von wüthenden Hunden gebissen wurden, gegen die Wasserscheu anwendete, hier ganz ohne Wirkung — 192— blieben. Vier dieser grausam wüthenden Bestien wurden nach einem langen Kampfe gelobtet, nachdem sie weit umher Mord und Verheerungen verbreitet hatten. Unglücksfälle in früheren Jahren. Derley Unglücksfalle mit wüthenden Wölfen haben sich auch in den vorhergehenden Jahren in Ungarn ereignet. In einem Garten, eine kleine halbe Stunde von Leutschau wohnte eine.Mutter mit zwey Kindern, von denen der ältere Sohn achtzehn bis zwanzig Jahre alt, der andere aber noch klein war. Am 2. März i8ii wollten sie in die Stadt gehen; aber kaum war die Mutter zur Thür hinaus getreten; so wurde sie von einem Wolfe angefallen, der ihr eine Wange ganz zerfleischte und ein Paar Zähne aus dem Munde brach. Hierauf überfiel der Wolf das Kind, und biß ihm beyde Augen aus; der ältere Sohn sprang herz», er griff den Wolf bey den Rachen, und schützte sich auf diese Art gegen seine Bisse. So balgte er sich einige Augenblicke mit der Bestie herum; aber er hatte nicht Kräfte genug; sie machte sich los, biß ihn in den Hals bis an die Mandeln, und riß ihm auch ein Stück Fleisch heraus. Auf das Geschrey dieser Unglücklichen kamen Leute herbey! aber der Wolf war schon entflohen. Die Armen wurden nun in die Stadt Leutschau gebracht, dem Arzte übergeben, und man traf sogleich Anstalt, das Thier aufzusuchen. Jäger, Jagdliebhaber und Waldhüther setzten ihm nach, und bothen alles aus, die Gegend von einer so grimmigen Bestie zu befreyen. Sie trafen sie hinter einer Buchs liegend an. Ein junger Bürger, der dem Wolfe am nächsten war, legte auf ihn an, aber die Flinte ging nicht los. So gleich sprang der Wolf hervor, stürzte auf den Schützen, und hätte ihn gewiß jäm» — 193— merlich zerfetzt, wenn nicht ein Waldhürher das Thier mitten im Sprunge mit dem bey sich habenden Czakan zu Boden geschlagen, und mit Hülfe seiner Gefährten getödtek härte. Man öffnete das Thier, und fand seinen Magen ganz zusammen geschrumpft, zum Beweise, daß eS schon lange »ichrs gefressen hatte, und wahrscheinlich wüthend gewesen war. Einige Tage vorher hatte ebenfalls ein Wolf, vermuthlich der nähmliche, einige Menschen in dem benachbarten Dorfe Wilkowawetz gebissen. Einer davon starb an der Wasserscheu. Die erst gedachten drey Personen wurden durch ärztliche Hülfe gerettet, indem sie der Stadt- Chi- rurgus von Leut schau gleich Anfangs wie Unglückliche behandelte, die von einem mit der Wuth behafteten Thiere gebissen wurden. Schrecklicher Unglücksfall im Zahre 1812. Gräßliche Verwüstung richtete aber ein wüthender Wolf in der Nacht vom g. bis auf den ro. Julius 1812 in der Nähe eines Waldes bey Kaacs an. Ein Grän- zer aus Littel, im Bezirke des Tschaikisten-BataillonS, trieb, auf dem Pferde sitzend, sein Hornvieh zu Markte. Gewitterwolken verbargen den Himmel, und nur zuweilen erleuchteten Blitze die Straße. In der Nähe des Waldes wurde er durch ein Geräusch aufmerksam, und sein Pferd von einem Wolfe grimmig angefallen. Dieses wehrte sich nach Kräften gegen die Bestie; aber im Kampfe warf es den Reiter ab, der durch den schweren Fall betäubt und wehrlos auf der Erde liegen blieb. Von da eilte der Wolf einem andern Gränzer aus St. Ivan entgegen, der in einiger Entfernung hinter dem ersten sein Vieh trieb. Auch er war zu Pferde. Der N.?Ld. N — 19»— Wolf stürzte auf ihn los, verwundete ihn im Rücken und im Beine; aber der tapfere Gränzer wies alle Angriffs zurück, und versetzte dem Unthiere so gewaltige Streiche mit dem Stocke, daß es die Flucht ergriff. Der Wolf kehrte nun zum ersten Gränzer zurück, der noch immer in einiger Betäubung auf der Erde lag, und versetzte ihm Bisse ins Genick, in den Kopf und in den Fuß. Indessen hatte der Gränzer von St. Ivan einige Fuhrleute, welche auf der benachbarten Huthweide mit ihren Pferden ausruheten, zu Hülfe gerufen. Diese wollten sich eben mit Stocken und Haken gegen den Wolf maff- nen, als sie ihn bey der Helle des Blitzes auf sich zukommen sahen. Er fällt sie grimmig an, verwundet vier derselben, und darunter zwey todtlich, dann wirft er sich auf ihre Pferde, und zerfleischt deren neunzehn. Ein Hirt in der Nähe, der seine Herde weidete, und eingeschlafen war, wurde durch das Lärmen dieser Leute aufgeweckt, und kündigte nach Landesart den Hirten in der Gegend an, daß ein Wolf in der Nähe sey. Dieser aber war auch gleich, ehe es der Hirte vermuthete, bey ihm; der Hirt erhielt drey Bisse ins Gesicht, und zwey Esel die neben ihm standen, wurden ebenfalls verwundet. Nun eilt der Hirt nach Kaacs, und ruft seinen Vater, dann zwey andere Gränzer vom Orte, Peter und Wasa Strainies zu Hülfe. In der Finsterniß der Nacht, konnten sie mit Gewehren bewaffnet, den Wolf nicht entdecken, und geriethen an eine andere Schafherde, wo sie den Hirten aufweckten, und ihm riechen, auf seiner Huth zu seyn. Bald darauf wurde dieser von dem Wolfe im Rücken angefallen, und ins Genick gebissen, auch ein Esel wurde angepackt; die Schafe aber blieben, wie bey der vorigen Herde verschont. Nun stoßt der Wolf in der Dunkelheit auf den ihm nachspürenden Peter Strainies, durchbeißt seine — 195— linke Hand, und versetzt ihm sieben Bisse in die rechte Achsel/ ohne daß ihn dieser abwehren konnte. Doch der Gränzer verlor die Fassung nicht; er packt den Wolf bey den Ohren, wirft ihn zu Boden, kniet aus ihn, und ruft um Beystand. Wasa, sein Vetter eilt herbey; Peter richtet dessen Flinte an dem Kopf des Thieres, aber zweymahl drückte er los, ohne daß sie Feuer gab. Nun will Wasa den Wolf mit dem Messer todten; geräth aber mir der Hand in den Rachen des Thieres, und wird beschädiget. Dadurch bekam der Wolf wieder mehr Luft, und wehrte sich so hartnackig, daß ihm Wasa nur leichte Wunden beybringen konnte. Das Unthier windet sich endlich ganz los, und entfernt sich erst, nachdem es noch zwey andere herbeygeeilte Gränzer und den Vater des einen Schafhirten gebissen hatte. So wurden zwölf Menschen, zwanzig Pferche und drey Esel von diesem Thiere verwundet, welches später aller Nach- suchung ungeachtet nicht mehr aufgefunden werden konnte. Das Granz-Bataillons-Commando sorgte, so bald eS den traurigen Vorfall erfuhr, mit rühmlicher Thätigkeit für schleunige Hülfe. Die verwundeten vier Personen, welche keine Gränzer waren,(die Provinzialisten) übergab man, nachdem ihre Wunden gehörig gereiniget und verbunden waren, ihrer Obrigkeit zur ferneren Aufsicht und Pflege; es ist nicht bekannt geworden, ob sie genesen, oder an der Wuth gestorben sind. Den acht Gränzern wurden zu Kaacs und Littel eigene Feldärzte beygegeben, welche unter der Leitung des Regiments-Arztss alles anwendeten, um die Unglücklichen zu retten. Aller ärztlichen Bemühungen ungeachtet brach an dreyen der Verwundeten die Wasserscheue aus, und sie starben unter den fürchterlichsten Anfallen. Der muthige Peter war darunter. Die übrigen fünf wurden durch die angestrengte Sorgfalt der Aerzte wieder hergestellt. Die gebissenen Pferde und Esel N 2 — 196— glaubte man zur größeren Sicherheit insgesammt todten zu muffen. Das bittere Blümchen. Ein röthlich zartes Blümchen stand Am Weg. Die kleine Minna fand Das Blümchen, brach es freudig ab. Pries seine Wohlgestalt, und gab Manch Mäulchen ihm, und roch daran. Und lächelte das Blümchen an. Zuletzt war sie des alles satt, Sie aß es nun, es schlüpfte glatt Die Kehl' hinab; doch bald darnach Kam Minna schnell mit Weh und Ach Zur Mutter, schrie und weinte laut: „Das Blümlein hier hab ich gekaut! Es sah so schön und lieblich aus. Und zieht mir nun den Mund so kraus. Pfuy! wenn sie auch so garstig sind."— Die Mutter sprach:„Mein liebes Kind, O laß des frommen Blümleins Huld, Nicht büßen deine eigne Schuld; Es trägt die holde Wohlgestalt Zu letzen Herz und Angesicht. Ach, es verwelket ihm so bald Des kleinen Kelches süßes Licht. Man iffet ja die Blümchen nicht.,, 197 Selbstliebe. Der Mensch, der Gott verlaßt, erniedrigt sein Geschicke; Wer von der Tugend weicht, der weicht von seinem Glücke; Die Pflichten sind der Weg, den Gott zur Wohlfahrt gibt: Ein Herz, ws Lasier herrscht, hat nie sich selbst geliebt. Bereitung des Tuches. Das Tuch wird aus Schafwolle gemacht. Die Schafe werden entweder einmahl des Jahres(um Pfingsten), oder zweymahl, im Frühjahre und im Herbste geschoren. Daher gibt es einsch irrige und zweyschü- rige Wolle. Nach sichern Beobachtungen und Erfahrun-' gen soll das einmahlige Schweren nicht bloß bessere und längere, sondern auch mehr Wolle geben, als das zweymahlige. Die Lammerwolle, so wie jene, welche sich am Kopfe, Bauche, Schweife und den Füßen der erwachsenen Schafe befindet, ist die schlechteste; sie ist zum Weben zu kurz, und wird von den Hutmachern zu Hüten benutzt. Ein Lamm gibt etwas über ein halbes Pfund, ei» Hammel bey vier, und ein Widder über vier Pfund Wolle. 198 Die Schafe werden vor der Schur gewaschen/ dann ihnen die Füße gebunden/ und geduldig lassen sie sich die schätzbare Wolle von der Haut abscheeren. In großen Schäfe- reyen werden eigene Leute bedungen/ welche Liese Arbeit mir verrichten helfen. Die schönste und die feinste Wolle ist die peruanische oder Vigogne-Wolle/ die das Schaf-Ka- mehl(Vicunha) liefert/ dann die persische. In Europa behauptet die spanische den ersten Rang/ und nach derselben ist die englische die beste. Vormahls mußte die seine Wolle und auch die feinen Tücher meistens aus dem Auslande für Oesterreich gehöhlt werden. Seit mehreren Jahren aber war man auf Verfeinerung der Schafwolle bey uns bedacht. Man ließ mit sehr großen Kosten Widder aus Spanien kommen, gesellte sie den Herden bey, und so erhielt man Schafe, welche so seine Wolle tragen, daß sie der spanischen nahe kommt. In dieser feinen Schafzucht zeichnet sich unter sehr vielen andern die Schäferey auf der' kaiserlichen Familien-Herrschaft H olitsch in Ungarn aus. Zu gleicher Zeit wurden allenthalben, besonders in Ungarn viele Schäfereyen errichtet, so daß eine sehr große Menge Schafwolle gewonnen wird, welche nicht nur für die vielen Manufakturen, welche Wolle verarbeiten, hinlänglich ist, sondern auch außer Land und selbst nach England verführt wird. Sie zeichnet sich auch durch Länge, Feinheit und Zartheit aus. Bereitung der Wolle. Der Tuchmacher(Tuchweber) macht aus Wolle Tuch. Er muß sie aber dazu erst vorbereiten, bevor er sie verarbeiten kann. Er wäscht sie zuerst, um sie von dem natürlichen Schmutze und Schweiße zu reinigen. Hierauf wird alles Unreine,(Futter genannt,) sorgfältig ausgelöst», und die Wolle nach ihrer verschiedenen Güte sorrirt. Die feinste - 199- Wolle heißt der Kern, und die aus verschiedener Wolle verfertigten Tücher heißen nach ihrer Güte Kern- Mittel- und ordinäre Tücher. Die sortirte Wolle wird nun mit den Fingern zerzauset, und geflacket, d. i. mit Stäbchen geklopft, damit sie von Staub und Schmutz vollends gereiniget werde. Dann kommt sie in ein heißes Bad von Wasser, Urin und Pottasche, die schlechte in eine Lauge von Seifenwaffer. Ist sie da gehörig gereinigt und aufgelockert, so wird sie in einen Waschkorb geschüttet und mit diesem in ein fließendes Wasser hinabgelassen und darin ausgewaschen, endlich aus- gerungen, ausgewunden und vollends getrocknet. Zu den so genannten melirten Tüchern wird die Wolle nach dem Waschen verschiedentlich gefärbt, und gut unter einander gemischt. Auch zu anderen Tüchern von dunkler Farbe, schwarz ausgenommen, wird die Wolle gefärbt; die übrigen färbt man erst nach dem Spinnen. Die Wolle hingegen, die zu ganz weißen Tüchern verarbeitet werden soll, wird, wenn sie gereiniget ist, geschwefelt. Sie wird nähmlich in einer dicht verschlossenen Kammer auf Stangen gehängt, unter denselben stehen irdene oder eiserne Gefäße mit glühenden Kohlen. Auf dieselben wird gestoßener Schwefel gestreuet, und durch den Dunst demselben erhält die Wolle eine völlige Weiße. Hierauf wird die Wolle wieder vorsichtig mit Stäben geschlagen, um sie aufzulockern, und in eben dieser Absicht in den Wolf gebracht. Dieser ist ein Kasten, an dessen innern Wänden Haken befestiget sind. Eine Welle, mit eisernen Haken und Zähnen besetzt, wird in demselben herum gedreht, und dadurch die Wolle durch einander gezogen und aufgelockert. Eben dieses Werkzeuges bedient man sich auch, die verschiedentlich gefärbte Wolle zu melirten Tüchern recht unter einander zu mischen. Um die Wolle recht geschmeidig zu machen, wird sie mit Oehl besprengt(eingeschmalzct) und dann kardätscht. Die Kardätsche besteht aus zwey Krämpeln, das ist aus zwey Bretern, welche mit feine,-, eisernDrahtstiften besetzt sind. Eines ist über dem Krämpelkasten befestiget, das andere halt der Arbeiter in der Hand, und zieht es, nachdem Wolle zwischen beyde gelegt worden ist, der Länge nach über das andere herab, wodurch die Wolle in eine Tafel(Flöte) gezogen wird, welche Flöten auf einander gelegt, und zum Spinnen in Locken zusammen gerollt werden. Das Spinnen der Wolle. Hierauf wird die Wolle gesponnen. Dieses geschieht auf einem großen Rade(Wollrade), welches die Spinnerinn mit der rechten Hand dreht..In der linken halt sie die Woll- Locken, und zieht den Faden, der ganz rauh beym Drehen um das Rad sich wickelt. Wird die Wolle auf kleineren Spinnrädern gesponnen, welche mit dem Fuße getreten und dadurch in Bewegung gesetzt werden, so wird der Faden glatter, draller, und ist mehr zu Zeugen als zu Tüchern anwendbar. Die Wolle wird dann gehaspelt, gespuhlet, in Strähne gebunden, oder gleich von dem Spinnrads auf den Weberstuhl gespannt. Das Tuchweben. Der Stuhl des Tuchmachers ist nach der Breite des Luches einmannig oder zweymännig, d. h. es arbeitet ein Tuchmacher oder zwey auf demselben. Die Arbeit des Tuchmachers hat viele Aehnlichkeit mit jener des Leinmandwe- bers: aber der ÄZeberstuhl, eines der ältesten und nützlichsten Werkzeuge, läßt sich nicht so deutlich beschreiben, daß meine jungen Leser eine genaue Vorstellung davon haben könnten; er muß gesehen werden. Auf den Weberstuhl werden zu groben Tüchern 2000 Faden, zu feinen aber 4000 Faden der Länge nach aufge- — 20 k spannt, welche die Kette oder der Auszug heißen. Diese Faden werden geschoren und durch ein heißes Leimwasser gezogen, damit sie mehr Festigkeit und Steifigkeit erhalten. Nun werden sie durch verschiedene Handgriffe des Tuchwebers mit andern Fäden in der O.uere,(Einschlag, Eintrag) so dnrchflschten, daß ein Einschlagsfaden über den ersten Kettenfaden, dann unter den zweyten, hierauf über den dritten Kettenfaden u. s. w. fortläuft, und bey der Rückkehr vom entgegengesetzten Ende über die Faden weggeht, unter welchen er vorher durchgezogen war, und so umgekehrt. An beyden Seiten bekommt das Tuch eine starre Leiste von Ziegenhaaren und schlechter Wolle, welches daS Sahlband(Tucheude) heißt. Weitere Bereitung des Tuches. Wenn das Tuch fertig gemacht ist, so wird es ge- fettnoppt, d. i. es wird gegen das Licht beschauet, und mit einer kleinen Zange werden alle Knotchen, Stroh und andern fremdartige Theile weggekncipt. Die Löcher, die dabey entstehen könnten, verliere» stch entweder hernach in der Walke, oder sie werden ausgestopft. Hierauf werden die Tücher gemalket, damit sie dichter- und fester werden. Zuvor pflegt man sie in dem Walkstocke mit klein durchstampfen zu lassen, um dadurch das Fett herauszubringen, welches durch das Besprengen der Wolle mit Oehl in das Tuch übergegangen ist. Hierauf kommt es erst in die eigentliche Walke, indem es mit Seife in kochendem Wasser aufgelchet, und in dem Walkstocke durchgearbeitet wird. Statt der Seife, die in einigen Farben nachteilig ist, gebraucht man auch Schafkoth und Oehl., Gersten-Hafer-Bohnenmehl, und W alke r e rd e, d. i. einen feinen Thon, der leicht im Wasser zergeht, und wie Seife schäumt. Jetzt kommt das Tuch in die Hände des Tuchscheerers. — 202 Es wkd gerauhet, das heißt, die Wolle wird mit Kardätschen oder Karde», einer Art Disteln, ausgekratzt. Vorher wird das Tuch in einem Fasse mit Wasser ernge- rreten, um die Wolle weicher zu machen, weil sie sonst bey dieser Arbeit zu sehr angegriffen würde. Dann wird das Tuch mit der Tuchscheere geschoren. Es liegt bey dieser Arbeit aus einem Tische, der mitScheer- wolle gepolstert, und mit Fries oder Zwillich überzogen ist- DaS untere Blatt der Scheere wird mit Gewichten an Las Luch gedrückt und ist unbeweglich; das obere Blatt ist beweglich, und mit demselben wird geschoren. Das Rauhen und Schweren wird dreymahl wiederhohlet, bis das rauch eine ganz glatte Oberfläche hat. Nach dem letzten Scheeren wird das Tuch von neuem mit Karden gestrichen und in einem Rahmen ausgespannt, um es auseinander zu ziehen, und ihm überall gleiche Breite zu geben. Dieses Ziehen geschieht aber oft zu stark. Deßwegen lassen die Schneider gewöhnlich das Luch, auS dem sie Kleidungsstücke verfertigen sollen, zuerst eingehen, d. i. mit Wasser benetzen und einlaufen. Wenn man dieß nicht thut, so wird das Tuch auf einmahl eng am Leibe, wenn man damit in den Regen kommt. Hierauf reiniget man das Tuch nochmahls mit dem Moppeisen, stopft die Löcher zu, die bey der vorigen Behandlung entstanden sind, und gibt ihm den Strich, d. l. man streicht es mit einem Bretchen, das mit einem Gemisch von Leim und Sande übergössen ist, in einer Linie von dem Ende angefangen, wo der Weber anfing zu weben, bis zum andern. Hierauf wird es in eben der Richtung rein ausgebürstet, und kommt in die Presse. Das Tuch wird nähmlich im Zickzack zusammen gelegt, zwischen jede Lage kommt ein sehr glatterPappendeckel, unlsn und oben ein Bret. Das obere Biet wird mittelst einer Schraube gegen das untere Ende gedrückt, und so 203 das Tuch gepreßt. Nach der ersten Presse faltet man das Tuch anders, damit die ersten Falten auch ein- Presse bekommen- Zuweilen werden die Tücher beym Pressen g u m- mi r t, d. i. mit arabischem, im Wasser aufgelöseten Gummi benetzt; oder laudieret, d. h. mit Baumohl bestrichen; beydes sind aber Verschönerungen von kurzer Dauer. Zuletzt wird das Tuch in leinerne Kappe» gesteckt und so verschickt. Das Tuch ist die gewöhnliche äußerliche Bekleidung der Europäer und allenthalben um einen mäßigen Preis zu haben, obwohl so viele Arbeiter sehr verschiedentlich Hand anlegen müssen, bis es der Schneider verarbeiten kann. Der österreichische Kaiserstaat ist sehr reich an Tuch- Manufacturen, welche Tücher von vorzüglicher Schönheit liefern. Vorzüglich erzeuget Klagenfurt sehr feine Tücher. Böhmen und besonders Mähren liefern eine große Menge ordinärer und auch sehr feiner Tücher. Diese werden in alle übrigen Provinzen des Kaiserstaates, besonders nach Ungarn und Galizien verhandelt, und auch außer Land so häufig verführt, daß das Tuch einer der wichtigsten Handelsartikel des östereichischen Staates ist. Seit dein die Schafzucht so ansehnlich bey uns vermehret worden ist, haben sich auch die Tuch- Manusaeturen sehr ausgebreitet, und dieses geschah hauptsächlich in den letzten dreyßig Jahren, wo man sich auch bemühet hat, Tücher von vorzüglicher Güte und Feinheit zu verfertigen, welche aus dem Auslande einzuführen, streng verbothen worden ist. Durch dieses nützliche Verboth konnten die inländischen Manufacruren auf sichern Absatz ihrer Fabricate rechnen, und schritten in Veredlung ihrer Tücher immer weiter fort. 204— Der Buchfink, der Hänfling und der Laubfrosch. (Eine Fabel.) Ein Buchfink und ein Hänfling stritten Voll Eifer um den Rang; Schon wollten sie zum Wsttgesang Als Richterinn die Lerche bitten; Da hörte von des BaumeS Spitze Ein alter Laubfrosch ihren Streit. Er rief von seinem dunklen Sitze: „Ach lebet doch in Einigkeit, Und fliegt in Rnh zu eurem Neste! Denn Fried' und Eintracht ist das Beste. Zhr wisset ja, wir Vogel haben. Ein jeder seine eignen Gaben I" „Was! riefen beyde ihm entgegen, Du zahlst dich zu der Vogel Stamm* Geh und verkriech dich in den Schlamm, Dort deiner kalten Brüt zu pflegen!" Wenn Künstler um den Ehrenpreis sich streite», Streckt oft der Dumme seinen Kopf empor. Sich durch den Ausspruch Ehre zu bereiten. Allein, wie täuschet sich der Thor! Vorher gab niemand auf ihn Acht! Nun wird er überall verlacht. 205 Anhänglichkeit einer Lerche. Der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Webermeister W* hielt sehr viele Vogel zur Lust. Er hatte eine reichhaltige Sammlung, welche sich durch Schönheit der Federn auszeichneten; und von den Singvogeln, die durch ihren lieblichen Gesang unsere Ohren ergötzen, fehlte keiner. Er selbst fütterte sie täglich, und verweilte stundenlang bey jenen unter ihnen, die zahmer als die übrigen waren. Besonders unterhielt er sich oft mit einer Lerche, die immer das Futter aus seiner Hand aß. Der Lederer starb, und am Abende des Sterbetages wurde seine Leiche in eine Kammer auf das Bett gelegt, in welcher sich mehrere seiner Vogel befanden. Am frühen Morgen des andern Tages ging der betrübte Sohn des Verstorbenen zu der Kammer, um dem Vater den letzten Besuch abzustatten, und mit kindlicher Liebe den Tod desselben bey seinem Leichname zu beweinen. Aber schon vor der Thür hörte er eine Lerche ungewöhnlich laut und mir übermäßiger Anstrengung unaufhörlich singen. Wie er die Thür öffnete, fand er die Lerche auf dem Kopfe ihres verstorbenen Ernährers sitzen, wo sie noch kurze Zeit mit sichtbarer Anstrengung sang, und endlich todt zur Erde siel. Auffallend war dem Sohne, die Lerche mitten im Zimmer, auf dem Leichname sitzend anzutreffen, da ihr Käfig gewöhnlich verschlossen war. Aber der treue Vogel hatte sich mit Gewalt durch das Drahrgitter des KäfigS gedrängt, und sich dabey mit Verlust vieler Federn blutrünstig geritzt. In der Kammer, und selbst auf der Stirn des Verstorbenen — 206— waren Blutstropfen, welche die Lerche bey dieser Verwundung verloren hatte. So endete diese Lerche als das Opfer treuer Anhänglichkeit au ihrem verstorbenen Ernährer ihr Leben, dessen genossene Pflege sie durch einen Grabgesang mit Verlust ihres eigenen Lebens zu lohnen suchte. Zeigen unvernünftige Thiere so viele Dankbarkeit und Anhänglichkeit au ihre Wohlthäter, was sollen erst Menschen thun, welche Vernunft in der ganzen Schöpfung auszeichnet? Derselbe Mann besaß auch eine stockblinde Lerche, welche ihm auf das Wort folgte. Auf den Ruf: Lerche sing bey Tage", öffnete sie ihre Kehle, und sang in schmetternden Tönen. Eben so kennte er sie bey Nacht dadurch zum Singen auffordern, wenn er sie ansprach:„Lerche, sing bey der Nacht! — 20? D a s Schlittschuh-Laufen. Das S chl i t tschuh- L a u fe n ist jetzt eine sehr gewöhnliche Winterbelustigung in Wien für Kinder und Erwachsene, woran fast alle Stände Theil nehmen. Die spiegelglatte Eisdecke im Stadtgraben, über den Wienfluß und im Hafen des Canals sind die Tummelplätze. Von r2 bis 4 Uhr Nachmittags ist die gewöhnliche Zeit dieser Un- Haltung. Allerdings kann die Fertigkeit im Schlittschuh-Laufen uns in manchen Fällen, wo Zufall oder Geschäfte uns auf das Eis führen, nützlich seyn; es gibt dem Körper Gewandtheit, macht ihn geschickter, immer das Gleichgewicht zu erhalten, verschafft eine sehr gedeihliche Bewegung, und stärkt die Muskelkraft. Man kann es daher allen Knaben anrathen, unter Aufsicht das Schlittschuh-Laufen zu lernen, und sich in demselben zu üben, wenn diese Eisschule sie nur nicht von der Lese-, Schreib- und Studier-Schule abhält, und wenn sie vorsichtig sind, daß sie sich nicht zu gäh abkühlen, wenn sie sich dabey erhitzt haben. Ehemahls waren die Schlittschuh-Läufer in Wien sehr selten, und man strömte im Gedränge zu dem Teiche im Belvedere hin, wo man an manchem schönen Wintertage einen derselben auf dem Eise herum tummeln sah. Diese waren meistens Männer aus den gebildeten Ständen und Fremde, die nicht selten auch eine Dame vor sich im Schlitten führten. Erst nach Erbauung des Hafens am Wiener- Canale, in welchem sich eine sehr geräumige Eisdecke im Winter bildet, wurde seit beyläufig 25 Iah- 208 ren das Schlittschuh-Laufen allgemeiner. Jetzt sieht man und zwar im Stadtgraben und auf dein Wienflusse ganze Schaaren Knaben, meist Anfänger und Schüler in der Kunst, im bunten Gemenge auf dem Eise sich herum treiben, wobey der Geübtere den Ungeübteren dienstfreundlich unterstützt, und bey der Hand führt. Auf dem Eisspiegel im Canal-Hafen ist der Tummelplatz für Meister in der Kunst und für Schlittschuh- Läufer aus den gebildeten Ständen, unter welche sich freylich manchmahl Halbgeübte mengen, die man nicht selten ausgleiten und niederplatzen sieht. Immer gibt es auf allen diesen Plätzen geschäftige Leute, die, eines kleinen Verdienstes halber, den Schnee von dem Eise wegfegen, eine Bank bereit halten, auf welcher die Schlittschuh-Läufer Platz nehmen, um sich die Eisschuhe anschnallen zu lasten, oder um auszuruhen. Dort geben sie gegen ein kleines Geschenk Mantel, Ueberröcke und was ihnen beym Schlittschuh-Laufen hinderlich seyn konnte, in Verwahrung. Man hält dort Eisschuhe in Bereitschaft, welche für Bezahlung ausgeborgt werden,; auf Labung wird auch nicht vergessen; denn immer stehen Leute mit Obst, Bretzeln, Gebäcke, auch mir einem Schnapps bereit. Eine Sicherheitsmache sorgt für Ordnung und hält die Händelsüchtigen im Zaume. Das Schlittschuh-Laufen in Holland. In andern Ländern ist das Schlittschuh-Laufen schon länger im Gebrauche, und man trifft dorr Meister in dieser Kunst an. Besonders zeichnen sich hierin die Holländer aus. Die Einwohner der Provinzen Holland, Friesland und Utrecht, welche Länder mir Canälen durchschnitten sind, haben eine solche Fertigkeit im Schlittschuh-Laufen, daß sie einen Weg von zwey Meilen und noch mehr in einer — 209— Stunde zurück legen. Die Landleute, wenn sie in die Stadt zu Markte gehen/ setzen ihre Milchkübel und Krambündel auf den Kopf, und gleiten mit Blitzesschnelle auf dem Eise fort. Bursche und Mädchen, Männer und Weiber laufen auf Eisschuhen. Die Holländer scheinen das Schlittschuh-Laufen von den Völkern des äußersten Nordens, von den Lappländern, Kamtschadalen, Samojeden und Kanadern abgelernt zu haben, welche auf hölzernen Schlittschuhen ihr eisiges Vaterland durchstreifen. Die Holländer sind nicht nur sehr schnell auf den Eis- schuhen, sie wissen auch sich einen besondern Anstand und eine Grazie bey diesen Vergnügungen zu geben, und zeichnen sich durch besondere Leichtigkeit in allen Bewegungen aus. Einige beschreiben mit jedem Anstoß oder Schub einen regelmäßigen Zirkel von drey oder vier Klaftern, andere ritzen mit den! Ende des Schlittschuhes verschlungene Nahmen und artige Zeichnungen ins Eis. Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren selbst die vornehmen holländischen Damen sehr geschickte Schlittschuh-Läuferinnen. DaS Eis war mitPersonen beyderley Geschlechts an schönen Winterragen bedeckt. Man sah oft eine Dame vom ersten Range über weite Strecken von Wiesen, die unter Wasser gesetzt und mit einer Eisrinde bedeckt waren, in der Mitte von zwey Bauern durchlaufen, dort gab wieder ein junger Herr einer Bäuerinn den Arm. Nach und nach hat diese Sitte abgenommen, und der Adel hat sich aus der Gesellschaft der gemeinen Leute beym Schlittschuh-Laufen zurück gezogen. Doch gibt es noch immer viele Damen, welche dieses Vergnügen lieben, und so wie alle Bäuerinnen und Bewohnerinnen des Landes gern auf Schlittschuhen fahren. Da sieht man oft dreyßig Personen hinter einander H. Bd. O 210 nähmlich fünfzehn junge Bursche, jeder mit einem Mädchen an der Hand, über den weiten Eisspiegel hingleiten. Die Erfahrensten und Geschicktesten sind an der Spitze oder beschließen den Zug, die Schwächeren nimmt man in die Mitte. So bewegt sich die ganze Reihe in einer regelmäßigen Ordnung fort, und gewährt einen angenehmen Anblick. Kein Paar bleibt zurück, die Schwächeren werden von den Geübteren fortgezogen; jeder hat auf das folgende Paar Acht, daß es nicht zurückbleibe, und so gleitet man bis an den bestimmten Ort mit Blitzesschnelle hin. Dort beschreibt der Anführer einen halben Kreis, alle übrigen folgen dieser Richtung, und kehren dann in gerader Linie an den Ort wieder zurück, woher sie gekommen. Keiner darf bey dieser abgemessenen Bewegung die Hand seines Nachbars fahren lassen, sonst verliert er das Gleichgewicht, und verwickelt alle übrigen in seinen Fall. Schlitten und Schiffe auf dem Eise. Um Kindern und Frauenzimmern an den Annehmlichkeiten der Eisfahrt Theil nehmen zu lassen, hat man kleine Schlitten erdacht, die auf langen eisernen, vorne aufgebogenen Stäben statt der Kufen ruhen. Der Mann steht auf Schlittschuhen hinter diesen Schlitten, auf welchen eine oder zwey Personen sitzen, und schiebt sie schnell vor sich her. Man hat in Holland auch Kähne, von ao bis i5 Schuh in der Länge, welche gleichfalls auf großen Schlittschuhen ruhen, und Mäste und große Segel haben. Wenn nun der Wind in ihre aufgespannten Segel stoßt, so laufen diese Schlittschuh-Kähne mit einer Schnelligkeit, von der man sich kaum einen Begriff machen kann. Sie scheine» über das Eis zu fliegen, und in weniger als einer Viertel- 211 stunde legt man eine Meile, und oft einen Viertelstunden- weiten Weg in zwey Minuten zurück. Allein die Fahrt in diesen Kähnen ist gefährlich, weil sie doch umstürzen können, wenn von ungefähr ein Windstoß von der Seite kommt. Auch verursacht die zu große Schnelligkeit des Laufes, welche den Fahrenden den Athem benimmt, oft gefährliche Krankheiten und Zufälle. Das Juden- Spital in Wien. Seit uralten Zeiten haben sich die Juden des Handels wegen inWien niedergelassen. Sie wohnten ehemahls, als die Donau an dem Orte, der jetzt der tiefe Graben heißt, und wo die uralte Kirche Maria S t ieg e n(am Gestade) sich befindet, vorbeyfloß, in der dem Ufer nahe liegenden Gegend, und die noch jetzt benannte Judengaffe weiset auf ihren damahligen Wohnsitz hin. Späterhin wohnten viele derselben in der Leopoldstadt, und besaßen dort eigene Häuser. Ihre Zahl vermehrte sich immer; sie hatten Synagogen und im Jahre 1629 halte einer ihrer Glaubensgenossen, Oppenheimer, einen öden Grund in derRossau angekauft, wo die Leichname der verstorbenen Juden beerdiget wurden. Nebenbey wurden auch Zimmer für arme Kranke eingerichtet. Ihr Aufenthalt wurde in der Folge beschränkt, sie durften keine Häuser mehr ankaufen, und waren mit ungewöhnlichen Abgaben belegt. Kaiser Joseph II., der große Menschenfreund, der allen Religions-Par- teyen die freye Ausübung ihres Gottesdienstes in dem österreichischen Kaiserstaate gestattete, und selbst das erhabenste O 2 212— Beyspiel christlicher Duldung seinen Unterthanen gab, erleichterte auch das Loos der Juden in seinen Staaten, enthob sie von vielen Steuern; er war väterlich besorgt, sie durch bürgerliche Brauchbarmachung naher an die menschliche Gesellschaft anzuschließen, und sie allmahlig fähig zu machen, in der Folge der Zeit mehr bürgerliche Rechte zu genießen. Die Leichenhöfe werden von den Wohnungen entfernt. Dieser große Monarch, der unabläßlich für das Wohl seiner Unterthanen besorgt war, und alles zu entfernen suchte, was denselben nachtheitig seyn konnte, verordnete nach vielen weisen Einrichtungen auch, daß die Grüfte in den Kirchen, in welche Priester und andere angesehene Personen bisher begraben wurden, geschloffen, und die Leichenhöfe, welche sich gewöhnlich um die Kirchen herum befanden, weit entfernt von den Wohnungen der Menschen außer den Städten und Ortschaften angelegt werden sollten, damit die Ausdünstungen der verwesenden Leichname der Gesundheit nicht nachteilig werden könnten. So wies dieser menschenfreundliche Monarch auch den Juden in Wien eine Stelle außer der Währinger- Linie zum Ruheplatz ihrer Verstorbenen an, und dorthin wurden auch alle die schonen Grabmahle von ihrem vorigen Leichenhöfe in der Rossau übersetzt. Nützliche Verwendung des jüdischen Leichenhofes. Dieser ehemahlige Leichenhof sollte eine andere viel wohlthätigere Bestimmung erhalten. Kaiser Joseph H., dem alles menschliche Leiden zu Herzen ging, und es auf alle Art zu lindern suchte, hatte das allgemeine Kranken- 213 Haus. in der Alser- Gasse erbauen lassen, wo Tausende der leidenden Menschen wohlthätige Pflege und ihre vorige Gesundheit wieder erlangen. Auch für die kranken Juden war eine Abtheilung in demselben bestimmt/ und mehrere derselben fanden auch bey den barmherzigen Brudern in der Leopoldstadt einen Zufluchtsort in Krankheiten. Diese menschenfreundlichen Pfleger der Kranken sehen nicht auf den Unterschied der Glaubensmeinungen; sie nehmen jeden Kranken auf/ und halten den für ihren Nächsten, der ihre Hülfe am meisten bedarf, er mag Katholik, Protestant oder Jude seyn. In diesem Zeitalter, wo durch das erhabene Beyspiel der Monarchen Menschenliebe in allen Ständen und bey allen Religions- Parteyen rege ward, wollten auch die Juden viel für ihre leidenden Mitbrüder thun, und für ihre Kranken ein eigenes Spital erbauen. Dazu wurde ihnen der Platz des vorigen Leichenhofes bewilliget. Ein menschenfreundlicher Jude, Salomon Edler von Herz lieh das Geld zu dem Baue her, und so entstand im Jahre 179Z das noch jetzt bestehende Juden-Spital in der Roffau Nr. 80, welches als ein herrliches Denkmahl der väterlichen Milde unsers allgeliebten Kaisers Franz zu Anfang seiner Regierung pranget. Fond des Juden»Spitals. Alle wohlhabenden Juden in Wien haben seit dieser Zeit gewetteifert durch beträchtliche Beyträge die Erhaltung dieser Anstalt zu sichern, damit immer mehr Kranke aufgenommen und auf das menschenfreundlichste verpflegt werden könnten. Da in den vorigen Kricgsjahren bey dem damahls steigenden Preise der Lebensrnittel und aller für diese Anstalt nöthigen Bedürfnisse reichlichere Zuflüsse nö- 2l4 thig wurden, so hat sich die Judengemeinde schon im Jahre 1807 äu bestimmten Beytragen herbey gelassen. Jeder Jude zahlt das Pfund Koscher-Rindfleisch um »2 Kreuzer hoher als die gesetzmäßige Tare in Wien ist. Hierdurch fließen dem Spital-Fonde jährlich mehr als 9000 Gulden zu. So zahlt auch jeder Wohlhabende auS der Judengemeinde jährlich 24, 3o bis 36 Gulden an diese Krankenanstalt, wofür seine Hausgenossen unentgeldlich aufgenommen werden. Dieses sogenannte Büchelgeld beträgt jährlich bey 2000 Gulden. Wenn ein Jude in Wien heira- thet, oder ihm ein Kind geboren wird, leistet er auch einen bestimmten Beytrag. Bey Streitigkeiten welche verglichen werden, wird auch diese wohlthätige Anstalt bedacht. Zu dem üben viele wohlhabende Juden noch an ihrem Sterbebette Menschenliebe, und sorgen durch fromme Vermächtnisse für die Pflege ihrer leidenden Mitbrüder. Durch alle diese Zuflüsse erhält das Juden-Spital eine jährliche Einnahme von i5 bis 16,000 Gulden, durch deren nützliche Verwendung eine große Anzahl Kranker, die unbemittelt sind, und auch jüdische Dienstleute unentgeldlich verpflegt werden können. Auch fremde Juden, welche sich nur kurze Zeit in Wien aufhalten oder durchreisen, werden so wie ihre Dienstleute wenn sie erkranken, in das Spital aufgenommen, und wenn sie arm sind, unentgeldlich verpfleget. Vermöglichere zahlen einen mäßigen Betrag. Das Spital hat einen angesehenen Juden Wiens zum Vorsteher; ein jüdischer Arzt und Doctor der Arzneykunde so wie ein jüdischer Wundarzt besorgen die Kranken. In wichtigen Fällen und bey schwierigen Operationen werden die berühmtesten Aerzte Wiens zu Hülfe gerufen, und nachdem vorhandenen Spitals- Vermögen belohnt. So besteht schon durch 35 Jahre in Wien unter diesen fremden Glaubensgenossen, die den kleinsten Theil der Be- 21Z wohner ausmachen, eine wohlthätige Anstalt, welche durch rege Menschenliebe gegründet worden ist, und alljährlich unter den bedrängtesten dieser Nation Heil und Segen verbreitet. Aber auch andern hat diese Kranken-Anstalt Nutzen gebracht. In den Kriegsjahren aLo5 und a8og wurden, so wie in alle geräumigen Gebäude Wiens, auch in das Juden-Spiral kranke Krieger gelegt, und dort von eigenen Militär-Aerzten und Militär-Krankenwärtern gepflegt. Aber auch das jüdische Personals diente den kranken Soldaten mit Bruderliebe, und der jüdische Ober- Krankenwärter Ascher Matzel hat sich durch diese freywillige, unermüdete Krankenpflege so große Verdienste erworben, daß er mit der Ehren-Medaille belohnt wurde. Gewissenhaftigkeit und Nächstenliebe. Im Jahre 1746 zog ein österreichisches Dragoner- Regiment aus den Niederlanden nach Wien. Bey demselben diente ein gemeiner Mann, Nahmens Balthasar Klemens, aus Mainz gebürtig. Er hatte kurz zuvor seine junge geliebte Frau durch den Tod verloren. Sie hinterließ ihm einen zweyjährigen Knaben, an dem sein Herz mit großer Liebe hing. Ihm auf dem Zuge zu pflegen, und gegen alles Ungemach zu schützen, kostete dem zärtlichen Vater keine geringe Sorge und Mühe. Zwar hatte ihm sei» Rittmeister erlaubt, sich mit dem Kleinen auf einen Packwagen zu setzen; aber auch da war das Kind aller Witterung ausgesetzt, und das Rütteln und Stoßen bekam ihm nicht gut. Schon fing dessen Gesundheit zu leiden an. Der Vater mußte nun, um seinen lie- 216 ben Kleinen zu erhalten, bedacht seyn, ihn an einen ruhigen Wohnort zu bringen, so schwer eS auch seinem Va- tcrherzen ankam, sich von ihm zu rrennen. Seine Frau hatte Verwandte in Bayern, von wo sie gebürtig war; dorthin wollte er das Kind schicken, und es ihrer Obsorge anvertrauen, bis er ein festes Stand-Quartier bekäme. Klemens schickt das Kind nach Bayern. Am i. November desselben Jahres hielt das Regiment Rasttag zu Hohenleuben, einem gräflich Reußi- schen Marktflecken im Voigtlande. Dort suchte er einen gewissenhaften, ehrlichen Mann auf, der daSKind zu dem Bruder seiner Frau, Thomas Wie bemann, der zu May- enburg in Bayern Fleischhauer war, bringen sollte. Ein Taglöhner, Nahmens Georg Krämer both sich zu diesem Dienste an. Die Entfernung von Hohenleuben betrug 36 deutsche Meilen. Für sechs Ducaten Lohn, versprach Krämer, das Kind zu überbringen. Der Vater zahlte ihm diesen Betrag aus; um jedoch der Treue dieses Tagelöhners sich fest zu versichern, mußte ihm dieser vor der Obrigkeit mit Hand und Mund versprechen, daß er auf dem Wege das Kind liebreich behandeln und treulich an den Ort seiner Bestimmung bringen werde. Der Taglöhner erhielt aus den Händen der Obrigkeit einen Reisepaß, den Taufschein des Kindes und den Trauungs- und Todtenschein der Mutter, damit er auf dem Wege nicht nur nirgends gehindert würde, sondern daß auch die Verwandten des Kindes keinen Anstand haben konnten, das Kind zu übernehmen. Nun drückte der Vater das Kind nochmahls an sein Herz, und empfahl es dem Schutze Gottes, und der Nächstenliebe des Taglohners. 217 Krämer richtet seinen Auftrag gut aus. Der Dragoner hatte sich nicht an den unrechten Mann gewendet. Georg Krämer war ein christlicher, gewissenhafter und menschenfreundlicher Mann. Um es dem Kinde auf dem Wege bequemer zu machen, spannte er über seinen Schubkarren ein Dach, und richtete ihn so her, daß das Kind wie in einem bedeckten Korbe liegen konnte, und gegen jede Witterung geschützt war. Am 6. November desselben Jahres trat er wohlgemut!) seine weite Reise an. Wenn er den Karren schob, schlummerte das Kind gewöhnlich, und wenn er einkehrte- fanden sich immer liebreiche Mütter, welche den kleinen Reisenden mit Nahrung versorgten. Krämer ließ es dem Kinde an nichts fehlen; da es aber doch härte geschehen können, daß demselben ohne sein Verschulden eine Unpäßlichkeit zugestoßen wäre, so ließ Krämer zur eigenen Sicherstellung in jedem erheblichen Orte, durch weicherer reifere, von der Obrigkeit auf seinem Reisepässe bezeugen, daß er das Kind frisch und gesund bis hierher gebracht habe. Krämer kommt in Mayenburg an. In acht Tagen legte der brave Mann den Weg von 56 Meilen mit seinem Schubkarren zurück, und er kam mit dem Kinde glücklich und wohlbehalten vor dem Hause des Fleischhauers an. Er hoffte auf gute Aufnahme und Dank; aber wie sehr hatte sich unser braver Schubkärner ge- irret. Der Fleischhauer ließ ihn hart an, und sagte ihm trotzig, daß er kein fremdes Kind aufnehmen und ernähren wolle. Er wies ihn mit barschen Worten ab. Da war guter Rath theuer. Doch Krämer faßte schnell seinen Entschluß. Er führte den Kleinen zu der Obrig- — 218 keit, indem er meinte, daß diese christlicher als der leibliche Brnder-seiner Mutter denken würde. Das Kind findet einen Versorget. Dort war der Gerichtsherr von Mayenburg, Baron von Burg au gegenwärtig. Kaum hörte dieser die Geschichte mit dem Kinde, als er vom Mitleiden durchdrungen dasselbe in sein Haus bringen ließ, mit dem christlichen Vorsätze, es zu nähren und zu erziehen. Er übergab es seinen beyden Schwestern zur Obsorge. Diese pflegten es mir mütterlicher Zärtlichkeit. Dem braven Kram er kaufte der Baron den Schubkarren ab, um ihn aufzuheben, und dem Knaben, wenn er heran gewachsen wäre, in demselben das Fuhrwerk zu zeigen, welches ihn ans dem Voigtlande nach Bayern gebracht harte. Krämer wurde für die dem Kinde bewiesene Liebe und Treue noch überdies; von dem Baron und seinen Schwestern belohnt und mit einem förmlichen Zeugnisse versehen, daß er seinen Auftrag auf das redlichste ausgerichtet hatte. Nach Krämers Rückkehr schrieb das Olrtogericht zu Hohsnleuben am 2i. November nach Wien an den Vater des Kindes, an den Dragoner Klein e n s, und meldete ihm den ganzen Vorfall. Wie sehr wird das Vaterherz den edlen Baron und seine ihm ähnlichen Schwester» gesegnet haben. Wird er auch mit dem Schubkarner zufrieden gewesen seyn? — 219— Der S p e i k, ein inländisches H and els kv ant. Der Speik, lettische Baldrian(Vslerisna cottios.) ist eine perennirende, und nur wenige Zoll hohe Staude, die aus mehreren einfachen Stängeln zusammen gesetzt ist. Die Blüthen haben drey Staubgefäße; die eyrundlänglichen stumpfen Blätter sind am Rande völlig glatt, und mit drey oder mehreren hervorragenden Adern durchzogen. An den Spitze» der Stange! sitzen die röthli- chen Blüthen über einander, und bilden eine Art von Aehre, Diese Staude wächst außer der Schweiz, auf den hohen, mit kleinen. Holze, und nur mit zarten Grasarcen bewachsenen Alpen Steyermarks und Kärnthen. Sie gibt einen so heftigen Geruch von sich, daß man sie oft schon auf eine weite Strecke wahrnimmt, wenn der Wind über sie gegen die kommende Person wehet. Wenn man sie auf den Hut steckt, oder in die Tasche legt, so bringt man den Geruch Monathe lang nicht wieder aus den Kleidern. Es gibt eigene Sammler dieser Staude, welche man Speikgräber nennt. Sie graben sie sammt der Wurzel aus, trocknen sie auf eigenen Bühnen in der Luft. Der trockene Speik wird in Fässer gepackt, nach Triest und Venedig verführt, und von da weiter in die Türkey bis nach Alexandria in Aegypten gebracht. Dort werden die Fäßcr aus einander geschnitten, mit Häuten überstunden, auf Kamchle gelegt, und nach Arabien verschickt. Jährlich werden für viele tausend Gulden dieses Specks außer Land geführt. Man bedient sich in der Türkey und in Afrika dieses Specks mit Vorliebe zu Räucherungen, zu Salben und zu Bädern. 220 Zum Rauchwerk wird er besonders gebraucht, um damit die Mäuse und Ratten abzuhalten, welche sich dort gern bey den Tafeln der Großen einfinden, wo man der Gewohnheit nach auf der Erde speiset; denn wirklich hat diese Pflanze einen so durchdringenden Geruch, besonders wenn sie angezündet wird, daß sie der Bauer in Sber-Steyer- mark selbst zu diesem Zwecke gebraucht. In Abyssinien und Aethiopien bereiten die Reichen aus der Wurzel des Speiks eine Salbe, und bestreichen sich bet) großer Hitze die Haut damit, um sie geschmeidig zu erhalten. Der Lämmergeyer. Der Lämmergeyer(Bartgeyer, Goldgeyer), ist unter allen Vögeln nicht nur im österreichischen Kaiserstaate, sondern in ganz Europa der größte. Seins Länge beträgt vom Schnabel bis zur Schwanzspitze 5, die Breite bey ausgespannten Flügeln 9 bis 10 Fuß. Er hat einen vier Zoll langen, geraden, und nur an der Spitze hakenförmig gebogenen Schnabel von dunkler Fleischfarbe. Die Seiten des Schnabels und der Kehle sind mit schwarzen, borstenähnlichen Federn besetzt. An der Kehle bildeu dieselben eine Art von Bart, daher der Nahme Bartgeyer. Die Zunge ist, wie bey andern Geyern gespalten, und derKopf wollig. Die Stirn, die Backen und zwey Striche an beyden Seiten des Kopfes sehen schwarz aus; die übrigen Theile sind so wie der Hals, gelblich weiß. Den Oberleib deckt ein braunes, ins schwarze laufendes Gefieder; der Unterleib ist rörhlich gelb, und die Beine sind bis auf die Zehen 221 mit einer weißlichen Wolle bekleidet; die Zehen sind bleichfarbig; die Krallen braun. Zn Schönbru n n befindet sich dieser fürchterliche Raubvogel in der Gefangenschaft. Der Lämmergeyer bewohnt nur die höchsten Bergspitzen. Auf den Alpen in Tirol, in der Steyermark, auch auf den Karpathen in Ungarn wird er angetroffen. Doch auch in Sibirien und in Afrika ist er zu Hause. Er nährt sich nicht sowohl vomAase, wie die übrigen Geyer, als vielmehr vom Raube lebendiger Thiere. Er fällt Schafe, Ziegen, Lämmer, Murmelthiere, Hasen, Katzen, auch wohl Rehe und Gemsen an. Wenn er ein größeres Thier z. B. eine Gemse am Abhänge eines Felsens erblickt, stürzt er dasselbe vermittelst eines heftigen Stoßes in den Abgrund, schießt demselben nach, und verzehrt seine Mahlzeit in Ruhe. Er hat schon bisweilen kleine Kinder fortgeschleppt und verzehrt. Man will sogar Beyspiele wissen, daß er es gewagt hat. Erwachsene anzufallen. In der Schweiz sind auf die Erlegung dieses^schädlichen Raubvogels von der Obrigkeit Belohnungen ausgesetzt, so wie bey uns die Jäger ein gutes Schußgeld für ihn bekommen. Daß der Lämmergeyer Kinder raube, zeigt folgende wahre Geschichte. Die Lämmergeyer-Anny. Anna Zuburchen im Bernischen Oberland in der Schweiz, geboren im September 1760 war mit ihren Aeltern auf ein weit entlegenes Wiesenfeld, als ein beynahe dreyjähriges Kind, zum Hcumachen gegangen. An diesem Wiesböden befand sich eine Scheuer, dort blieb daS Kind sitzen, und die Aeltern gingen au die Arbeit. Bald aber entschlummerte bey der warmen Witterung das Kind im Schatten; der Vater deckte ihm das Gesicht mit einem Strohhute zu, und begab sich unbesorgt wieder aus Mähen. 222 Mit einer Heubürde beladen, kam er einige Zeit nachher wieder zur Scheune, und sah nach dem Kinde, aber es war fort. Rufen und Schreyen half nichts, kein Laut war von dem Kinde zu hören. Mit wahrer Seelenangst suchten es Vater und Mutter unter beständigem Zurufen rings umher; aber umsonst, nirgends war das Kind zu finden. Die Betrübniß und das Herzenleid der Aeltern stiegen immer höher, als ihr langes Suchen ohne Erfolg blieb, und keine Spur vom Kinde zu entdecken war. Während dieses traurigen Vorfalls ging ein Landmann, von Aelgan zurückkehrend, auf einem einsamen, wilden felsigen Wege zwischen aufgethürmten Bergen längs dem Wägis- B a ch e. In dieser Einöde, welche selten von einem einzelnen Wanderer betreten wird, hörte er zu seinem großen Erstaunen ein Kind jämmerlich schreyen. Mit schnellen Schritten eilte er nach der Gegend hin, woher das Jammergeschrey zu schallen schien. Da erhob sich, von dem Anschlagen seiner genagelten Schuhe auf die Steine beym Gehen aufgeschreckt, von einer kleinen Anhöhe ein Lämmergeyer, und schwebte über einen tiefen Abgrund dahin. Auf dieser Anhöhe fand nun der Bauer das Kind, ganz am Rande deS Abgrundes, in welchem der Bach wild dahin brausete; nur eine kleine Bewegung, und das arme Kind hätte hinunter stürzen müssen. Das Kind hatte keine andere Verwundung als an dem linken Arme und der Hand, so daß es der Geyer bey diesen gepackt, und fortgeschleppt haben muß. Der Bauer nahm das gerettete Kind freudig auf seine Arme, und eilte damit nach seinem Wege, wo ihm bald die suchende» Aeltern entgegen kamen. Die Freude derselben über die wunderbare Erhaltung ihres Kindes, und ihr Dank gegen den Retter läßt sich nicht beschreiben. Dieser Vorfall ereignete sich am i2. Julius 1763. Die Anhöhe, auf welcher das Kind gefunden 223 wurde, ist von jener Scheuer, wo es schlummerte, Schritte entfernt, und dieser Ort von dem sehr tief liegenden Graben und Bache durchschnitten. Man nannte nun dieses Kind L a m m e rg e y e r- An n y. Sie lebte noch vor einigenIahren, vielleicht»och jetzt, ist gesund und wohl, und war seit langem an einen Schneider inGoldswyl ver- heirathet. Räthsel, Charaden und Logogryphen, i. Räthsel. Ich bin ein zartes Kind, zum Sterben auserkoren, Doch wird aus meinem Tod die Mutter neu geboren- z. Charade. Mein Erstes ist voll Licht, mein Zweytes ist voll Lieder Mein Ganzes ziert, bewacht, vertheidigt, stoßt auch wiedew 3. Logogryph. Bald fließ ich langsam durch beblümte Auen, Bald eil' ich rauschend durch die Fluren hin; Du kannst in mir dein Antlitz lieblich schauen, Wenn ich nur heiter, ungerrübet bin. Wenn mir die bevden ersten Zeichen fehlen. So kann ich dir von einer Stadt erzählen, Die, weltberühmt und weltbekannt Bon jedem Knaben wird genannt. 4. Räthsel. Ruht auf der ersten Sylbe der Accent, So findet ihr, was man verwesen nennt. Wenn der Accent aus meiner Zweyten ruht, So bin ich neu, jedoch nicht immer gut. 225 5- Räthsel. An Köpfen, Füßen, Tafeln, Würfeln, Bäumen Sieht man mich glänzen, sitzen, schwimmen, fallen, keimen. 6. L o g o g r y p h. Sechs Zeichen klingen zwar als Titel etwas grob, Doch nimm nur eins hinweg, so ist's das größte Lob. 7. Räthsel. Bald sichtbar, bald auch nicht, bald über groß bald klein, Bald hier, bald anderswo, und immer nichts,— allein Nennt ihr mich Etwas Nichts, muß Nichts doch Etwas seyn. 8. Räthsel. Ich bin ein fernes Land. Doch rückwärts als Gewürz bekannt. S. Räthsel. Unten sticht's, oben prangt's, Oben von unten getrennt, crkrankt'L; Es blühet dahin und stirbt, und lehrt Daß Leid und Freude zusammen gehört. 10. Charade. Mein Erstes schmerzt, mein Z w e y te s fließt, Mein Ganzes schnell das Leben schließt. 1l. Bd. P 226 Charade. Mein erster Theil, bestehend aus zwey Sylben, Mag deinen Fuß bequem umschließen; Du trittst ihn täglich nur mit Füßen, Das Zweyte muß zum Dienste sich bequemen, Mein Ganzes brauchest du. Mein Erstes von dem Fuß zu nehmen. 12. Charade. Vers bin ich zur Hälfte, zur Hälfte nur Tand; Erräthst du mein Ganzes; so hast du Verstand. 13. Charade. Mein Erstes, Leser ist nicht wenig, Mein Zweytes ist nicht schwer; Allein der Bettler wie der König, Hofft oder zweifelt er, Zst meinem Ganzen unterthänig. 14. Charade. Mein Ganzes scheu'st du mehr als Kerker selbst und Banden Doch sind in ihm zwey Wörter noch vorhanden: Das Erste wirst du selbst, das Letzte brauchet man, Daß man des Ersten sich bequem entled'gen kann. 15. Räthsel. Eins sind wir zwey, doch wenn wir uns zusammenfügen, Entzwey'n wir alles, was wir kriegen. 227 16. Charade. Das Erste brechen viele Leute Weit lieber als ein Bein; Das Zweyte bringt bald gute Beute, Bald Lust, bald Aerger ein; Das Ganze soll, zum Scherz auch heute Hiermit getrieben seyn. 17. Räthsel. Du bringst mich mit dir auf die Welt: Du leihst mich dem, der dir gefällt; Mit Ringen pflegt man mich zu zieren. Ich bin der Weg zum Herzen, zum Verstand; Wohl dem, der mich geneigt, im Unglück fand, Nur Schurken können mich verlieren. 18. Räthsel. Ich bin ein Theil vom Stier, Und könnte nächtlich hallen. Wenn es der Kunst gefallen. Doch schwand nicht die Begier, Mit lautem Ton zu schallen; Drum trag' ich was in mir— Geh nur ins Wald- Revier, Gewiß, du hörst es knallen. 19. Charade. Ein ewig Schweigen schließt der Bordern Mund, Laut tönend thun sich dir die Letzten kund; Doch wenn das Ganze von dir tönt und spricht. Auch noch so laut, du hörst es nicht. P 228 20. Räthsel, Ohne Schiff und ohne Mast, Ohne Segel, ohne Brücken, Trag ich deines Körpers Last Schnell auf kalter Fluthen Rücken. Nicht zum Sitzen, nein zum Stehen, Ist mein Fahrzeug nur gemacht;. Du mußt stehen, schweben, gehen, Sonst nimm deinen Kopf in Acht. 21. Räthsel. Als Mark der Pflanze steig ich aus der Erbe. Die Kunst kocht mich zu einem weißen Stein. Und soll ich dir recht nützlich seyn, So machst du, daß ich Wasser werde. 22. Räthsel. Die Erde wars, die mir das Leben gab Mein Haupt stieg in die Lust, und wuchs von Jahr zu Jahr Das Eisen warmein Tod, das Wasser meine Bahre, Das Feuer ist mein Grab. 25. Räthsel, Leicht könnt ihr, wie ich heiße, wissen: Ich bin das Ziel für Jung und Alt. Ihr alle ruht in mir, so bald Ihr umgekehrt in mich gebissen. — 229— 2h. L° g o g r y p h. Ich auf Papier mit Siegel kann Das Reisen leicht und sicher machen. Setz einen Buchstaben voran, So reitz ich gern zum Lachen. Auslösung der Räthsel, Charaden und Logogryphen. 1. Der Schnee. 2. Hellebarde. 3. Strom. 4. Modern. 3. Die Augen. 6. Bengel-— Engel. 7. Der Schatten. 8. Sinn— Anis. 9. Der Rosenstock. 10. Schlagfluß. 11. Stiefelknecht. 12. Verstand. iZ. Vielleicht, is. Staubbesen. 15. Die Schcere. 16. Wortspiel. 17. Das Lhr. 18. Pulverhoen. 19. Todenglocke. 20. Schrittschuh auf der Eisbahn. 21. Der Zucker. 22. Flotzbaum. 2Z. Sarg— Gras. 24. Paß.— Spaß. Bey dem Berleger dieses Werkes sind nachstehende Schriften für die Jugend zu haben: ^himani(Leop.) vaterländische Unterhaltungen für die Jugend. Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur Bildung des Verstandes/ Veredlung des Herzens/ Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse für die Jugend Oesterreichs. 6. Theile/ m. K. gr. 6. i6i5. Erzählungen und belehrende Unterhaltungen aus der Lander- und Völkerkunde/ aus der Naturgeschichte, Physik und Technologie. Ein Geschenk für die Jugend. Mit 4 Kupfern. Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage. 8. i6i6. die Milchbrüder/ oder Gottes allweise/ väterliche Fürsehung und strenge Gerechtigkeit in Leitung unsrer Schicksale. Eine religiös-moralische Erzählung als Lehre und Beyspiel für gute Kinder. Mit i Kupfer. 8. 1825. Drepler(A. F.) die kleinen Gratulanten, eine Sammlung von poetischen und prosaischen Aufsetzen für alle Fälle im jugendlichen Leben. Mit i Kupf. 6. 1616. Gaheis, Fr. Ant., deutsche Sprachübungen nach einer neuen Lehrart. Ein Hülfsbuch für Schüler zur Vorbereitung im Sprachunterrichte. Neue'Aufl. 6. i6i6. Genersich, Wilhelmine. Ein Lesebuch für Mädchen von 10 bis ,5 Jahren. 2 Theile, 2te verb. Aufl. 8. 1816. Alfred. Ein Lesebuch für Jünglinge von i5 bis 2c> Jahren. 2 Theile, m. Kupf. 1612. Sophron für reisende Jünglinge. 2 Thle. 6. r8i6. Glatz(Jak.), Jakob Stille's Fabeln und Erzählungen für die Jugend. Lts verh. Aufl. m. 12 Bild. 6. 1617. Glah(Jak.) Jakob Stille's Gratulationv-Büchlsin für die Jugend. Enthaltend Glückwünsche, Anreden, Condolenz- briefe u. Gesänge bey verschiedenen Gelegenheiten, nebst Denksprüchen für Stammbücher. Dritte verbeff. Anst- r2. 1617. Gutmann(H. K.) erste Nahrung für den keimenden' Verstand guter Kinder, oder neues A. B. C. Lese- und Bilderbuch für Knaben u. Mädchen. Mit ioc> illum. Abbildungen. Auf Schreibpap. 2te verbeff. Ausi. 6. 1812. In Umschlag gebunden. Gedichte für die jüngere Jugend zur Unterhaltung u. Belehrung, so wie auch zur Uebung im Auswendiglernen und Declamiren. 6. 1814. — Gedichte für die ältere Jugend zur Unterhaltung u. Belehrung, so wie auch zur Uebung im Auswendiglernen und Declamiren. 6. 1614. —-— historisch-biographische Bibliothek für die Jugend beyderley Geschlechts; oder interessante geschichtliche Darstellungen und Lebensbeschreibungen merkwürdiger Männer und Frauen. Zur Belehrung und Charakterveredlung deutscher Söhne u. Töchter..4 Bändchen. 8. 1617. Bibliothek für deutsche Töchter, od. Samml. belehrender und unterhaltender Erzählungen für Mädchen vom 6ten— r6ten Jahre; zur Bildung ihres Geistes und Herzens. 4 Thle. gr. 6. 1816. Magazin von moralischen Erzählungen, für alle Fälle der Sittenlehre, alphabetisch geordnet. Ein Handbuch für Aeltern und Lehrer beym Unterricht in der Moral, wie auch zur nützlichen Lecküre für die Jugend. Aus den Werken der vorzüglichsten Jugendschriftsteller gesammelt. 2 Bde., 2te verb. Anst. mit Salzmann's u. Glatz's Porträt, gr. 6. 1617. sW8 Rr v s« j» Ei M j^ -- 7/ N^- .^7 KGG.'^ K ^ H ^ 7^'" -i.'„ 'W E«-L t AM^ H- ^ H-..ifi ?--s DD' >!., .» "M^ M^ AM- K ..MA- -Ätz.' -r" xM '-'°t--,' MK'^I, «.^» '»./^d>^ ^ K M'E ,M M L