VViener 8iacIt>6ibriot!i6l<. 8172 c 5- .5^ -< ->?> - - MW - -.-' V- -7/^ 7 0 '.. D A m a l i e die unglückliche Waise, oder unerwartete Rettung in dem Drang der Verzweiflung war der Lohn ihrer Tugend. Eine wahre Geschichte unserer Zeiten. Wien, hey Christoph Peter Nehm. ^07^ WL ^ />//--- Vorbericht. ^ch glaube nicht,-aß Amalieus traurige Lebensgeschic! te, die mit so vielen Abwechselungen des wandelbaren Glückes verwebet, und daher auf den gefühlvollen Leser Eindruck zu machen und ihn zu rühren fähig ist, unwillkommen s.evn wird. Eine vertraute Bekanntschaft, der ich von der Heldinn derselben und ih. rer Familie gewürdiget bin, hat mir solche verschafft; und ich thue hierbey nichts, als was ich der Freundschaft, was ich der Hochachtung einer Frau schuldig bin, die sich durch ihr Un- )( 2 IV Vorbericht. glück, durch ihre Tugend und überhaupt durch die Beharrlichkeit auf dem Wege der Unschuld und derRecht- schaffenheit den Werth errungen hat, der ihr so allgemein zuerkannt wird. Man wird in dieser Lebensgeschichte eine Reihe von Begebenheiten finden, aus denen der Merelendeste Trost und der Hoffnungsloseste Aufmunterung, er mag vvm Schicksal noch so sehr gedrückt seyn, schöpfen kann; da das Elend immer durch die Betrachtung eines noch tiefern Un- glücks erleichtert, und die Seele durch Beyspiele unerwarteter Rettung gegen die Verzweiflung verwahrt wird- Der Herausgeber Inhalt. Erstes Kapitel. Seite Vorläufige Geschick'- Amaliens Älter». Wer Vater und Mutter war. Beyder Liebe, Flucht und eheliche Verbindung. i Zweytes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte ihrer Ältern. Traurige Zufälle. Beyder Tod, und Amaliens unglückliche und armselige Geburt." Drittes Kapitel- Ei» Soldatenweib nimmt sich aus Mitleid der armen Waise an, und reicht ihr die Brust. Sie wird auf dem Marsch nach ihrem Vaterland von Zigeunern gestohlen, aber denselben glücklicher Weise wieder abgenommen. Von einem Officier ihrem mütterlichen Groß- vater zuaeschickt. aber von ihm ver. stoßen. Ein Onkel nimmt sie liebreich auf. Sie wird auf Veranlassung ihres Großvaters entführt. 20 Seite Inhalt. Viertes Kapitel. Amaliens glückliche Errettung aus den Händen der Räuber. Sie nerliert in einiger Ze t darauf ihre Tanke, und nach nicht gar zwey Jahren auch ihren wohlthättgeu Onkel durch den Tod. Fünftes Kapitel. Amaliens gänzliche Verlassang von aller Welk bewegt einen Edelmann. Er nimmt sie zu sich. Ihre Vervollkommnung durch dessen Wohlthaten. Es wird um ihre Hand angesucht. chr Sechstes Kapitel. Unterredung zwischen Amalien und ihrem Wohlthäter in Rücksicht der vorgeschls, genen Heirath. Lolche wird beschlossen. Sie verliert aber ihren Geliebte» drey Tage vor dem Beylaaer durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde. Siebentes Kapitel. Der Sohn ihres Wohlthäters kommt von seinen Reisen zurück. Amalieus Annehmlichkeiten fesseln ihn. Er macht ihr tüebcsanträge. Sie verwirft sie, und fällt aus Angst, wenn der Vater Wissnichaft davon erhalten sollte, in eine tödtlichc Krankheit. Absichten dabey. 6z Inhalt. Seite 7» Achtes Kapitel. Nie Anträge werten wied>rhvhlt. Der Vater hört beyden unwissend end unbemerkt, ten Sohn mit ihr von de>' Hei- raib sprechen. Der Argwohn b. meistert sich des Alten, daß sie dieselbe in Aück. stcht ihrer Umstände eingehen möchte. Er beschloß ehr Unglück durch die Entfernung au- seinem Hause. Neuntes Kapitel. Der Vater kündigt ihr unschuldiger Weise mit aller Bitterkeit das Ende seiner Wohlthaten und die Verlassung seines Hauses an. Amaliens Entsetzen darüber, die Noth nähert sich ihr von allen Seiten, und die Zukunft ihres Elendes setzt sie in Verzweiflung. Zehijtes Kapitel. Amalie verlier! durch eine Feuersbrunst alles, was sie halte, rillet ihr Leben kümmerlich, und wird zum Überfluß ihres Elendes a»d>o sehr be ckäbigr. Armuth und die änßeiste Dl'nkugkeit üdersällt sie. Sie wird von einer armen Witwe aus Barmderziakeir aufgenommen iiud gipflig.l L tzte Piüsiivg des Schick a!s. E„e wuuderbartiche und glacktiivr Enu.ckuna icheiur ihr Uu- giück zu milderm. S>,c mach« Gedrnuep davon. 8k 89 Inhalt. Seite Eilftes Kapitel. Eine nahmhafte Erbschaft, so auf ihren Vater falle» sollte, wird von ihr in Anspruch genommen. Sie wird unter, sticht, und von wem? Geschi tue einer unbekannten Gönnerinn. Umstände klaren sich auf, als Ursachen ihres bevorstehende» Glückes. Amalie tritt in den Besitz ihres väterlichen Erbtheils, und wir- glücklich. y/ Zwölftes Kapitel. Amaliens Rechtfertigung gegen ihren vorigen Wohlthäter über die ihr zugemu- theke heimliche Verheirathung mit dessen Sohn. Beyder Versöhnung. Auftritte dabey. Er gibt seinem Sobn Amaliens Hand, und sucht nun das selbst j» bewirken, was er mit so großem Eifer vorhin zu verhindern beflissen war. Beyder Glückseligkeit. ioA ite A m a l i e, die unglückliche Waise. Erstes Kapitel. Vorläufige Geschichte AmalirnS Älter». Wer Vater und Mutter war. Beyder Liebe. Flucht und eheliche Verbindung. §benn je ein Mädchen ihres Unglücks wegen bemitleidet zu werde» verdient, so ist es Amalic, die Heldinn dieser Geschichte. »3 Schon die traurigen Umstände, unter wel- chen sie in die Welk gesetzt wurde, schienen sie mit Noth und Elend bekannt zu machen, als den unzertrennlichsten Gefährten, die ste einen guten Theil ihres harmvollen Lebens begleiten wurden. Unschuldiges Geschöpf! warum mußtest d» schon damahls die Streiche des unerbittlichen Schicksals Amalie. gl empfinden, da du noch kein Verbrechen bes gangen haktest? aber es war einmahl auf der Tafel des Verhängnisses geschrieben, daß du unglücklich, lange unglücklich seyn solltest; daß du die Fehler deiner Ältern zu büßen bestimmt seyst, deren sie sich durch Ungehorsam und Hindanfttzung väterlichen Ansehens schuldig gemacht haben. Amalicns Vater war der jüngere Sohn eines Landedelmannes, der ein Vermögen von einigen tausend Gulden jährlicher Einkünfte, in einer Österreich angehörige» Provinz, besaß; allein da dieses der ältere Sohn erben sollte, und noch drey Schwestern davon ausgestattet werden mußten, so bestimmte ihn der Vater für die Rechte, um mittelst derselben im Civilstande sein Auskommen zu finden. Carl, dessen Einbildungskraft durch Lesung der Heldenthaten berühmter Kriegs- männer, so wie.der Siege, die eine großmüthige Verwegenheit gewonnen, ange, stammt war, suhlte sich nicht geneigt, den Villen seines Vaters zu befolgen, noch den o(XX>Ä)o Z Ruf eines Rechtsgelehrten für seinen höchsten Ruhm zu halten. Sein gegenwärtiger Zustand schien ihm schimpflich, und eine Entehrung seines Adels- so wie eine Vereitelung seiner liebgewonnenen Hoffnungen zu seyn; voll Sehnsucht nach seinem Hirngespinste etwas Größeres zu werden, vernachlässigte er sein Studium, als seiner Aufmerksamkeit unwürdig, und ging endlich, nachdem er zwey Jahre mit größtem Widerwillen in dieser gesetzmäßigen Sclaverey zugebracht, heimlich davon, und ließ sich unter die Soldaten einschreiben; er zweifelte gar nicht, daß er durch feine militärischen Verdienste, und das Kriegsglück, das so manchem wider Verhoffen won der Picke zum Commandostab verholfcn, bald als Officier zurück kehren würde, zur Beschämung seines Vaters, der ihn gern, um seinen ältern Bruder glänzen zu sehen, in die Dunkelheit und unter den Staube ver- morschner Prozcßacten begraben wollte. Carl, dieser hitzige Martissohn suchte alle Hindernisse seiner Anverwandten durch A 2 4 k>(XXX)k> eine weile Entfernung vom Geburtsorte zu vereiteln, indem es ihm von äußerster Wichtigkeit war, ihren dienstfertigen Bemühungen, seine Absichten zu zernichten, und seine eingebildete militärische Beförderung zu hindern, zuvor zu kommen. Man schickte ihn mit anderen Rekruten nach dem Regiment, und quartirlc ihn mit seinen Gefährten auf das Land in eine Gegend ein, die demselben zugetheilt war. Seine gute Gesichtsbildung, sein schöner Wuchs, so wie sein ausgezeichnetes Betragen machte, daß er in kurzem zum Corporal befördert wurde- Diese erste in seiner Laufbahn erlangte Würde war ihm eiue starke Vorbedeutung dessen, was er noch zu werden hoffen könnte, und eiferte ihn nur mehr an, den Trieben seines Berufes zu folgen. So verstrichen zwey Jahre, während welchen er sich iingcmein bildete. Er kam mit einem Commando nach einer Gegend, die einige Meilen vom Standquartier entfernt lag. Eines Tages ward er in daö Haus eines benachbarten Edelmanns von einem o(XA^)o Z seiner Kameraden mitgenommen, wo diezer mit dem Stubenmädchen bekannt war, und durch ihre Vermittelung freyen Zutritt in die Küche hatte. Der Edelmann, ein Herr weit über das Mittelalker, hakte sich vor einigen Jahren zum zweyten Mahl mit einem jungen Frauenzimmer verheirakhet, die zwar wohl erzogen, aber ohne Vermögen war. Von seiner ersten Gemahlinn, die vor zehn Jahren verstorben war, hatte er verschiedene Kinder; das jüngste war eine Tochter, mit Nahmen Friedcrike, die eben in ihr siebzehntes Jahr trat. Sie hatte angenehme Gc> sichlszüge, und eine schlanke wohlgebildete Leibcsgestalt; aber ihr Vater, der sie, wie ein Thier seine Jungen aus bloßem Jnstink, te liebte, bekümmerte sich um ihre Erziehung gar nicht. Es sey ihm unmöglich sag- te er, wenn die Rede von Fnederikcn war, da er nicht reich genug wäre, ihr an einem Orte ,' der so weit von der Hauptstadt der Provinz entlegen ist, eine Gouvernanntc und die nöthigen Lehrer zu halte»; und er fände 6 v(XVX)ci es über dieß viel schicklicher, das Mädchen eher zur Hauswirkhschaft, als zu dergleichen kostspielige» Schnickschnackcreycn, die sie mehr verderbten, als besserten, angeführt würden, die einem Manne mehr Nutzen schaffte, als alle dergleichen nichts bedeutende Dinge; und so wuchs das gute Kind, roh und im höchsten Grade unwissend auf. Sie kannte kein größeres Vergnügen, als mit dem Hausgesinde blinde Maus, Frau Gevatterinn leih mir die Schere, und was dergleichen dumme und abgeschmackte Spiele waren; die Mägde machten sie zu ihrer Vertrauten; sie offenbarte ihnen dagegen alles, was sie sah und hörte, und fühlte sich nirgends glücklicher, als in der Küche, und in derselben Gesellschaft. ^Da die wunderliche Zärtlichkeit ihres Vaters nie ihre Gegenliebe erweckt hakte, so war es ihr auch ganz gleichgültig, als er nach seiner zweyten Hcirath kalter gegen sie wurde. Sie ließ sich von ihrer Stiefmutter, die sie zu beherrschen beginnen woll« te, nichts sagen, und diese bemerkte mit geheimen Vergnügen, daß ihre Stieftoch, tcr gewohnt war, sich zu verstecken, wenn Besuche kamen, indem sie weder wußte, wie sie sich dabey betragen sollte, noch im Stande war, sich standesmäßig gekleidet sehen zu lassen; sie wollte sie daher lieber aus aller ehrbaren Gesellschaft ausschließen, und dadurch ihre Unvollkommcnhcilen verbergen, als sie in eine Kostschule thun, und ihr bessern Unterricht geben lassen. Friederike, die von der Dienstmagd gehört hatte, an der ihre Seele hing, daß sie ihren Liebsten erwarte, und daß sie sich mit selben, den der schöne Corporal, so nannte man Carln, begleiten würde, durch ihre gewöhnlichen Spiele unterhalten wollte, fühlte ein ungemeincs Vergnüge», da sie hörte, daß auch dieser, den sie schon einige Mahl in der Küche gesehen, und ihn liebenswürdig gefunden Hatte, heute mitkommen wurde, und schlich sich die Treppe hinab, um ihre Augen an ihn zu weiden, M,d blinde Maus mit zu spielen. Carl, der von gleichen Liebcsflammen 3 o(X>«)o gegen daS Fräulein brannte, wurde unter dem Spiele von dem aufgeweckten Geiste Friederikcns noch mehr eingenommen, und entdeckte, oder glaubte doch in der Einfalt der Natur Annehmlichkeiten zu entdecken, welche die Bemühung der Kunst in ihren Werth setzen würbe- Unterdessen war ihm alles wichtig, was seiner Liebe schmeichelte, sie sahe» sich öfter, entdeckten einander, daß sie sich liebten, und seine Eitelkeit fand sich nicht wenig durch die Hoffnung geschmeichelt, unter der Verkleidung eincö Soldaten ein Fräulein sich anhängig zu machen, ohne seine Geburt, die der ihrigen nicht ungleich war, zu offenba- ren, noch sich seiner großen Erwartungen zu rühmen. So standen die Sachen, als Carl mit dem Commando abzuziehen Befehl erhielt. Die LiebeSrittcr entdeckten ihren Schönen, daß sie dieselben zu verlassen gezwungen wä» ren; sollten sie aber ihr Schicksal mit dem ihrigen zu vereinen ein c§ Sinnes seyn, so müßten sie sich bequemen, nachzufolgen, wo v(X>^X)o- sie durch priesterliche Hand verbunden, Gluck und Unglück mit einander theilen wollten. Ohne vielem Nachdenken gab Friederike Carln, so wie das DienstmädchenKunigunde ihrem Geliebten die Hand, und versprachen in drey Tagen ihren Fußtapfcn zu folgen, und das Bündniß zu schließen, das keine irdische Macht zu trennen vermögend wäre. Friedcrikc packte in Geheim alles, was ihr und auch nicht ihr war, in ein Bündel zusammen, und mit Tages Anbruch verließ sie an der Seite ihrer getreuen Kunigunde das Haus ihrer Ältern so gleichgültig, als wenn sie dasselbe weiter nichts anginge, als darin gewohnt zu haben. Glücklicher Weise trafen sie eine Fuhre an, die sie an Ort und Stelle ohne Zufall beförderte. Carl und sein Compagnon, die von den RegimentS- commendanten die Erlaubniß sich zu ver- heiratheu schon vor einiger Zeit erhalten hatten, wurden ohne weiteres bey ihrer Geliebten Ankunft öffentlich getrauet, worauf Friederike so dumm und unwissend sie auch sonst in den Welthandel!, zu seyn schien. r" v(Xx>:)o doch mit klugem Vorbedacht drang, um dadurch aller Verfolgung und Nachsetzung ihres Vaters vorzubeugen, und ihn zu verhindern, daß er seine Rechte, sie zurück zu führen, nicht mehr ausüben könnte. So bald als der alte Vater erfuhr, daß feine Tochter sammt dem Mädchen vermißt wurde, stellte er eine so sorgfältige Nachfor, schling an, daß er bald entdeckte, mit wem, wohin und in welcher Absicht sie die Flucht ergriffen hatte. Er stieg sogleich zu Pferde, und sehte ihr mit Fluchen und Verwünschungen »ach. welche mehr die Wuth des Unwillens als die Regungen der väterlichen Zärtlichkeit an den Tag legten; sein Zorn war mehr der Zorn eines Herrn gegen einen rebellischen Unterthan oder viel mehr Sclaven, als eines Vaters gegen ein ungehorsames Kind. Er höhlte sie indeß erst am fünfte,, Tage ein, da das schon vollendet war, was er verhindern wollte. Ganz entrüstet über die fehlgeschlagen Hoffnung, wollte er seine ungehorsame Tochter nicht einmahl sehen, und kehrte sich, da osXXX)"" ihn der junge Ehemann dessen versicherte, mit den niederträchtigsten Schimpfwörter» von ihm weg, und schwor hoch und theuer, daß er Friedcriken dieß Verbrechen nie verzeihen würde, woran er doch selbst durch seine nachlässige Erziehung schuld war. Zweytes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte ihrer Ältern. Traü^ rigc Zufälle. Beyder Tod, und LmalienS unglückliche und armselige Geburt. §)as junge Paar, ungeachtet ihre Verbindung sie oft in gedoppelte Noth versetzte, liebte sich doch mit gleicher Zärtlichkeit. Der unternehmende Geist, und die kühnsten Hoffnungen hakten Carln noch nicht verlassen; und er empfing den Befehl bey Ausbruch der erste» Unruhen in Pohlen, und der Vorrü, ckung mit einem Corps k. k. Truppen an der Grenze der Republik, mit Frohlocken und Entzücken; denn er zweifelte nun so we- »2 vfXXX)» nig an seiner Erhebung zur Unabhängigkeit und Ehre, als wenn man ihm die Nachricht gebracht hätte, daß er von einem ihm zugefallenen Rittergute Besch nehmen sollte. Da seine Frau, die seit einigen Monathen in der Hoffnung war, und außer einigen Gulden Geldes, die wahrend ihrer Ver- ehclignng verzehrt worden, nichts hatte, wovon sie in seiner Abwesenheit leben könnte, so wirkte sie sich, die ihres guten Betragens wegen so wohl als ihres Fleisses, mit dem sie nacki jedem Verdienste griff, der sich ihr darboth, geachtet war, von dem Regiments, commendanken die Freyheit aus, mit ihrem Mann an die pohlnischc Grenze marschieren zu dürfen. Wie erschrak sie aber, als sie in ihrem Quartier auch das Nothwendigste nicht fand, dessen sie in ihrem Vakerlande gewohnt war. Ihre gewesene Dienstmagd, Kunignnde, die auch ihren Mann begleitete, war in diesem elenden Zustande die einzige Person, mit der sie sprechen, umgehen, und von der sie den Beystand hoffen konnte, den sie bey v(xx>!<)0 IZ Herannahung ihrer Entbindung bedürfen würde. Das Volk in dieser Gegend, so roh und ungebildet sie für ihrem Stande selbst war, hatte ihr gegen alles Ekel und Abscheu, ich will nicht erst sagen Schrecken eingeflößt. Unterdessen wußte sie oft nicht, wenn ihr Mann auf dem Cordonsdicnst stand, von was sie bis zu seiner Ablösung leben sollte, bis sie einmahl zufälliger Weise einen Officier nennen hörte, von dem sie sich erinnerte, daß er ihre Stiefmutter, bald »ach der Heirath mit ihrem Vater besucht halle, und sogar durch eine geraume Zeit als ein Hausfreund betrachtet und behandelt worden wäre. An diesen wandte sich die beklemmte Fricdcrike, sagte ihm ihren Nahmen, und bath ihn, daß er sich ihrer annehmen, und die Besorgung seiner Wäsche anvertrauen möchte. In diese Bitte willigte der cdelden- kende Hauptmann, der sich in Rückerinnc- rung ihrer Geburt über ihr unglückliches Loos sehr verwunderte, und sie aus wahrem Menschengesühl bedauerte. 14 o(XXX)o Durch diesen glückliche» Einfluß, dett sie sich als Wäscherinn verschaffte, besserten sich ihre Umstände; ihr Schicksal ward leidlicher, und ihr Gemüth, das durch ge- räume Zeit ganz zusammen geschlagen war, ruhiger. Sie selbst konnte durch diesen Verdienst ihrem Mann, den die strengen Cvr- donsdicnste sehr abmatteten, durch einigen Zuschuß nach dem Wunsch ihres Herzens beystehen, und ihn zur Tragung und Dauer der Fatiken geschickter und tauglicher machen. Aber bald kam nach diesen glücklichen Aussichten ein neues viel größeres Elend, als sie bisher empfunden hatte, über sie. Sie sah ihren Mann des Morgens gegen einen Trupp conföderirtcr, mißvergnügter Pohlen, die von Wuth und Unsinn geleitet au der Grenze den Cordon durchbrechen wollten, mit mehreren andern vorrücken, um sie zu verjagen; aber des Abends tödklich verwundet zurück führen. Den folgenden Morgen ward er mit noch einigen, die sich in eben dem Zustande befanden, auf einen Wagen gelegt, um in daS Spital, wo für ihre Wun- o(XXX)o'S -tt den gehörig cknd besser gesorgek werden könn» m te, gebracht zu werden, rd Die in Thränen schwimmende Friederi- e-. ke bath den Officier, er möchte sie auf dem r,- Wagen mit fahren lasse»; aber er mußte r- ihr-diese Bitte aus dem Grunde versagen, r- weil der Wagen klein,»nd der Verwundern kcn, die weder im Stande zu gehen, noch zurück gelassen werden konnten, zu viel wa- ren. Doch versprach er ihr, sich den folgen-- >n. den Tag um ein Fuhrwerk für sie zu bemühn hen, wenn sie so lange warten wollte: al- lein sie wollte lieber, so sehr ihr die Lcibes- bürde das Gehen einen so weiten Weg auch pp erschwerte, dem Wagen zu Fuße folgen, als ihren Mann allein lassen, und" ihm die Wartung zu entziehen, die sie ihm zu leisten ?h- schuldig wäre. Sie packte daher ihr Wcni- ja- ges an Geld, und was sie sonst hakte, zu- dek sammen, und begab sich auf den Weg. Sie irh konnte aber ihrer Bürde wegen nicht so ge- E schwinde fortkommen als der Wagen, den ge, sie zum Überfluß ihres Unglückes in der Fin- n- 16«(XXX)o siere der Nacht, und iu Mitte- eines Waldes verlor; inid sich verirrte. Bey einer Stunde brachte sie unter Jammer und Ächzen auf der Irre zu, als sie von Ferne eines Feuers gewahr wurde. Sie ging getröstet auf selbes zu, in der Hoffnung, den Weg nach dem Spital zu erfahren, den sie einzuschlagen hatte. Doch wie sehr er- schrak sie, als sie unter eine Bande nackender Menschen, die unter dem Nahmen herumzie« hender Zigeuner bekannt waren, gelangte, deren Hauptgeschäfte inSlehlcu undRauben bestand. Sie fragte sie in deutscherSprache nach dem Wege, den sie um nach dem Spital zu gelangen nehmen sollte. Drey von diese» Spitzbuben verließen ihre Sitze, nahmen sie beyder Hand, und sie in der Meinung auf den rechten Weg gebracht zu werden, und ohne was Arges zu befürchten, folgte ihnen willig. Sie hatten sie aber kaum bey einer Viertelstunde seitwärts in den Wald gebracht, als sie stille standen, mit einander in ihrer Mundart sprachen, und unverzüglich, nachdem ihr einer den Pack mit Gewalt von dem Rücken riß, o(xx>!<)o>7 ihre Säcke und Taschen zu durchsuchen anfingen. Die Erschrockene wollte sich diesen Gewaltthätigkeiten widersetzen und schreyen; allein die Böscwichter drohten ihr mit dem Verluste ihres Lebens, wenn sie nur einen Laut von sich geben würde, und sie sah sich gezwungen, alleS zu erdulden, und sich alles rauben zu lassen. Sobald sie ausgeplündert war, ergriff sie einer bey dem Arm, und, führte sie, während dem die zwey andern mit dem Raube sich aus dem Staube gemacht hatten, eine gute halbe Stunde weiter rechts, und deutete ihr mit der Hand, daß sie diesen Weg nach dem Spital nehmen sollte. Sie verfolgte denselben mehr todt als lebendig, so gut sie konnte, und langte nur noch gerade früh genug im Spitale an, daß sie auf ein wenig Stroh bey ihrem geliebten Carl nie^ dcrknieen, ihn unter dem letzten Todeskampf erliegen sehen,«nd daS letzte Röcheln des Sterbenden hören konnte. Die Ermüdung von dem Wege, die ängstliche Verirrung und die daraus erfolg!« Amalie. B Beraubung, der Schrecken des angedrohten Todes, und der Verlust ihres geliebten Ehegatten, sammt der Verwirrung, worin sie sich in dem bevorstehenden Zustande ihrer Entbindung, sogar von dem Nothwendigsten beraubt, ohne irgendwo Hülfe zu gewärtigen, befand, veranlaßten eine solche Erschütterung deö Körpers, daß nach einigen Tagen, wahrend welchen sie noch ihre getreue Kunigunde rufen lassen konnte, ihre Entbindung erfolgen mußte; aber die trostlose, unglückliche Friederike, geschwächt durch die erwähnten traurige» Zufälle, konnte die Geburksschmerzen nicht gänzlich überstehen, und starb i» eben dem Augenblicke, als ihre unglückliche Tochter, die auf Veranlassung Kunigundcns in der Taufe den Nahmen, Amalie, zum Angedenken ihrer Großmutter erhielt, das Licht der Welt erblickte. In solchem unaussprechlich armseligen Zustande wurde der kleine Wurm, die hülf- lose Amalie, unter die Slcrbhichen versetzt, ohne Vater, Mutter, oder sonstigen Freund, der sich ihrer annehmen, oder für die Er-- L» o(rOsLX)c) 19 halkung ihrer nnglücklichen'Tags soMtl wür- de; in einem fremden Lande, in Umstanden, die keine Hoffnung der Vergeltung für d e Liebe, die man ihr.eripeisc»»röchle, darboten, und unter Leuten, die durch Gewohnheit', alle Arten von Elend zu sehen, unempfindlich geworden waren. Kleines, schuldloses Geschöpf! du warst also das Vcrsöhnungsopfcr für die- Uyfolg- samkoit deiner armdn> verirrten Nid unglücklichen Ältern! du mußt und wirst also die Schuld derselben bezahlen, die sie afff deine Rechnung gemacht haben!. Zittere- aber verzweifle nicht! du wirst fie tilgen diese Schuld; mit deinen Zähren, bis auf den letzten Strich, sp der Tqfel des Verhängnisses aufgedrückt ist,. wirst du ste til» «« Drittes Kapitel. Ein Soldotenweib nimmt sich au« Mitleid der armen Waise a», und reicht ,be die Brust. Sie wird auf dem Marsch nach ihrem Vater» land von Zigeunern gestohlen, aber densel« ben glücklicher Weise wieder abgenommen. Von einem Officier ihrem mütterlichen Groß» Vater zugesch'ckt, aber von ihm verstoßen. Ei» Onkel nimmt ste liebreich auf. Sie wird auf Veranlassung ihres Großvater« entführt. ^s traf sich, daß unter denen, die der be- daurungswürdige Zustand Friederikens, oder daS Mitleid bey Amaliens Geburt herbey geführt hatte, sich ei» junges Soldatenweib befand, deren Mann an einer Krankheit vor kurzem verstorben war, und die einige Tage zuvor einen Knaben, den sie säugte, verloren hatte. Diese legte die mutterlose kleine Waise an ihre Brust, mehr vielleicht, um sich einiger Beschwerden zu entledigen, als aus Mitleiden. Kunigundr, die an ihrer einstweiligen Gebiethen»!,, eine gute Freundinn verloren hakte, wollte, so viel es von ihr abhing, auch ihre Anhänglichkeit an der unglücklichen Tochter dadurch bezeigen, daß sie das Soldatcnweib bath/ für dieses arme Geschöpf ihr Herz zu öffnen, und die Brust auch ferner zu reichen; der Himmel wür» dc sie anderwegs zu belohnen nicht ermangeln, und dergleichen. Sie willigte darein. Doch ihr Beweggrund mochte dieser oder jener seyn, so glaubte sie wenigstens, daß der Unterhalt, welchen sie der Kleinen verlieh, ihr ein Recht auf dieVcrlassenschaft der Verstorbenen gebe. Sie nahm solche also in Besitz; als sie aber die Rocksäcke durchsuchte, fand sie weiter nichts, als einen Fingcrhut, einige Groschen an Silbermünze, die die Räuber in der Eile übersehen hatten, und ihren Trauschein, der in den Brustlatz eingenähet war. Diesen, den sie nicht lesen konnte, gab sie bey Zurückkauft dem Hauptmann, Gönner und Wohlthäter der Verstorbenen, der bey der Erzählung, die man ihm auf die Nachfrage von seiner Wäscherinn machte, auf das empfindlichste gerührt wurde. Er 22»(XXX)« lobte die Solda'tcnfrsu, welche sich um Amrp lien angenommen halle, und gab ihr die B-eforgung seiner Wasche statt der Erblaßten. Dieß munterte das gute Weib auf, sich ferner des Kindes anzunehmen, bis der Hauptmann nach hergestellter Ruhe, und wirklicher Besitznehmung des polnischen Antheils nach seiner Station zurück kehrte, wohin sie ihm mit dem Kinde folgte, und in wirkliche Dienste bey ihm trat. Doch bevor noch dieß geschah, maßte die kleine Amalie, so wie ihre selige Matter, dem Zigeunergesinde gleichfalls in die Hände fallen, das, in der Meinung eines bessern Raubes, sie hinterlistiger Weise ihrer Amme entwendete, aber auch theuer büße» m::ßle. Der Fall geschah folgender Maßen: Beym Rückmarsch der Truppe kam die Amme mit Amalien auf dem Vorspannwagen, der des Hauptmanns Bagage führte, zuschen; diese, um das Kind von den ge- gewvhnlichen Stößen dieses elenden Fuhrwerkes zu sichern, hing dasselbe in einem Trag- korbe an die Seileuleiter des Wagens, um selben zur Hand zu seyn, wenn es die Noch erfordern sollte. Der Tag war heiß; das Fuhrwerk ging langsam, und die Amme fiel aus Ermattung in einen Schlaf, in welchem ihr der Fuhrmann treulich folgte. Der Fahrweg ging durch ein starkes Gebüsche, an welchen Gegenden sich gewöhnlich das Zigeunergeschmeise des Stehlens oder des Bkltclns wegen, aufzuhalten pflegte. Unter diesen günstigen Umstanden fiel es ihnen leicht, sich des Korbes, worin sie vielleicht etwas Beffers vermutheten, zu bemächtigen. Ein Bauer, der gurr Weges kam, begegnete der Zigeunerinn mit dem Korbe auf dem Rücken, und sah sie ihrem Schlupfwinkel damit zueilen. Zufälliger, aber glücklicher Weife nahm er seinen Weg durch das Dorf, wo die Trupp- Station hielt. Der Lärm. den die Amme wegen des Verlornen Kindes erregte, zog ihn herbey, und der Mann erzählte, was er gesehen hatte. Der Hauptmann liest ohne Verweilen die Vorspannspferde von seinen Solda- Z 24 o(XXX)o ten besitzen, welche zu führe» sich der Bauer frcywillig anboth, und befahl, alles was sie antreffen würden, gcfänglich mit sich zu nehmen. Nach zwey Stunden brachten sie vier dieser Räuberbande, das ist, einen Mann und drey Weiber sammt der gestohl- nen Amalie glücklich ein. Jedes derselben erhielt fünfzig Streiche zn seiner Genug, thuung, dann aber übergab er sie als Straßenränder dem Gerichte zur weiteren Bc' strafung. Der Bauer wurde beschenkt, und die unglückliche Waise kam ihrem Wohlthäter abermahl in die Hände, der väterlich für sie sorgte. So bald derselbe nach Zurückkunft seine eigenen^Ängelegenheiten in Ordnung gebracht halte, schickte er Amalien, seine bisherige Pflegetochter, unter der Aufsicht ihrer Wärterinn zu ihrem mütterliche» Großvater, nnd legte den Trauschein ihrer Ältern in eine» Brief, der eine Nachricht von ihrem Tode, und der Art, wie das Kind, feine Enkelinn erhalten worden, enthielt. Er wußte, als ein erfahrner Weltmann, daß wir uns derjenigen, die uns ehemahls lieb gewesen, so sehr sie uns auch im Leben beleidiget, und unsere Liebe durch ein rk- waniges Vergehen von sich abwendig gemacht haben, gemeiniglich mit Zärtlichkeit zu erinnern pflegen, wenn sie gestorben sind; und daß wir oft alsdann, wenn das Grab sie wider unsern Willen schützt, und eine Aussöhnung unmöglich macht, diejenige Strenge als gar zu hark mißbilligen, die uns vorher gerecht zu seyn schien. Er hoffte also, daß die väterliche Zärtlichkeit, die ein be- jahrter Mann ehemahls für seine Tochter, die unglückliche Friederike gesuhlt hatte, bey dem Anblicke ihrcS KindeS, einer armen, ver- laßncn und älternlosen Waise, wieder aufleben; daß die Erinnerung ihres Vergehen-, j„ der Vorstellung ihres erlittene!, Unglücks sich verlieren, und er sich nun bemühen würde, den unerbittlichen Unwillen, der dasselbe veranlaßt hatte, dadurch wieder gut zu machen, daß er zärtlichst iür ein Leben sorgte, auf welches seine unglückliche Tochter gleichsam ihr eigenes übertragen hatte- 26 o(X>t><)o Allein in dieser Erwartung, so vernünftig sie auch war, betrog sich dieser edeldenkende gefühlvolle Mann. Als der Großvater von der Amme erfuhr, daß das Kind, welches sie auf ihren Armen hielt, seine Enkelinn sey, die man seiner Fürsorge und Erziehung übergeben wollte, so nahm er weder den Brief des Haupt- manns an, noch wollte er den Inhalt desselben lesen, sondern schickte sie mit den schrecklichsten Drohungen, und einer an Wildheit grenzenden Unbarmherzigkeik unter diesen Worten fort: daß wenn sie sich nicht gleich mit diesem Auswurf seiner un- gerakheneu Tochter feinem Augen entziehe oder sich nur ein Mahl noch gelüsten ließe, mit selben ihm beschwerlich zu fallen, so wolle er sie und das Kind mit Hunden aus dem Bezirke vertreiben, oder beyden einen solchen Aufenthalt anweisen lassen, der sich besser als sein Haus für sie schicken würde. Voll Schrecken über die Gefühllosigkeit, so,wie über die Scheltworke und Drohungen eines Mannes, der mehr einem Bar- v»o-rx)" hör als einen sittlichen Menschen glich? verließ sie» mit Thränen im Auge das Haus dieses,.Unmenschen, und ging,»m sich zu erhvNen, und die kleine unschuldige Waise durch Reicbuug einiger Nahrung gleichfalls zu ergmcken, in. eine Herberge, um die Nachl. die sie mit dem Kinde an der Stelle zurück zu kehren verhinderte, zuzubringen. Sie erzählte, nachdem man sie um die Ursache ihrer Thränen gefragt hatte, die ganze Bewandtniß ihrer Pcherkuuft, des wider Verhoffeu unglücklich ausgefallenen Erfolges, und schwatzte gegen die Anwesende von Gefühllosigkeit und Tyranncy, mik der ein Vater das unglückliche Kind seiner Tochter von sich stoßt, und gleichsam in sein eigenes Eingeweide wüthe und tobe- In einem kleinen Orte wird jeder ungewöhnliche Vorfall bald allgemein bekannt. Die Erzählung der Zlmme drang den Zuhörern in daS Herz, und um so mehr, weil das verlassene Kind eine Person anging, die von den meisten gekannt und bedauert ward. Ei» Onkel der unglücklich verstoßenen rS Amalie, der von seinem Vater gehaßt war, weil er wider seinen Willen sich mit einem Mädchen verheirathet halte, das ihm nicht reich genug war, hörte noch an eben dem Abend diesen neuen Beweis seiner Hartnäckigkeit mit Betrübniß und Unwillen; er schickte noch in der Nacht in die Einkehre, nach dem Kind und dem Brief, und versi- cherte die Wärterinn, daß er statt seines hartherzigen Vaters, seine unschuldige, kleine Nichte, auS Liebe zu seiner unglücklichen Schwester, ihrer verstorbenen Mutter, zu sich nehme, und daß es ihr an nichts, was er für sie thun könnte, fehlen sollte. Z» der That war eS nicht in feiner Macht, viel für sie zu thun: denn da sein Vater ihm ganz unversöhnlich alle Untersiü« Kung versagte, so unterhielt er sich bloß von den Einkünften eines kleinen Gutes, daS er von einem reichen Landjunker gepachtet halte; aber da er ein guter Haushalter war, und keine Kinder hatte, so lebte er ganz anständig, und warf deßwegen die Zufrie- denheit nicht weg, weil sein Vater ihm den Überfluß versagt hatte. Amalie legte inzwischen bey ihrem wohlthätigen Onkel die ersten Kinderjahre zurück, überstand die Pocken glücklich, und ward ihrer gutmüthigen Tante einzige Freude und wahres Vergnügen. Sie wurde wegen des Unglücks ihrer Mutter, von dem ihr Onkel noch ins besondere durch ihre ehemahlige Dicnstmagd Kunigunde, die als Witwe zu ihren Freunden auf das Land zurück gekommen war, genaue Nachricht ihres traurigen Schicksals erhalten hatte, nicht so wohl bedauert, als wegen ihren eigenen gu, ten und schönen Eigenschaften geliebt. Sie lernte lesen, schreiben und mit der Nadel umgehen, so bald sie dazu fähig war, und in ihrem zehnten Jahre, wo manches Mädchen noch einer Wärterinn oft bedarf, überhob sie in den HauSgeschäften ihre Tanke vollkommen, und der ganze junge Adel dort herum bemerkte sie als das hübscheste Mädchen in der Nachbarschaft. Diese Lobeserhebungen, die man Ama- Wv- r ZO«(XXXlo lien allgemein ertheilte, waren eben sd viel Dolchstiche, die das Herz ihres unbarmherzigen Großvaters verwundeten, so oft solche, und vielleicht mit marternder Absicht, uck ihm seine Herzhartigkcik vorzuwerfen wie- derhoblt würden, Sein boßhäftcs Gemüth» das sich zu seinem eigenen Henker machte, konnte diesem geglaubten SchiMsif-ckänger nicht widerstehe», nttd gab ihm sie» unse iigcn Gedanken ein: da er sich an seiner Tochter nicht hatte rächen können, seinen Zorn all der unschuldigen Enkelin» auszulassen. Er beschloß also, AMälien unvermerkt ergreifen zu lassen, sie in ein entferntes Land zu verschicken, und solcher gestalt alle den kränkenden Vorwürfen, durch Hintanrän- mung der Ursache, ein Ende zu machen. Wer sieht nicht, welche abscheuliche See-^ le in diesem venvunschungswerthen Großvä-, ter wohnte, dessen Bdßheit wegen des Fehl-^ tritls seiner unglücklichen Tochter- sich sogar mit Hintansetzung alles Menschengefühls, auf seine unschuldige Enkelinn erstreckte, und^ iel r- u, m ie^ !h- tc^ >ctt ter att Ec ei- nd en st- te- a- )l- ar ls id o(XXX)o Zi sie, statt zu retten, selbst in das Verderben zu stürzen suchte. Der Bösewichr bcdung also vier seines Gleichen, eben so Ruchlose, wie er. und ließ ANalieu, die an einem Abende ganz allein von der Tenne zurück kehrte, wohin sie des Nachmittags von ihrem Onkel, um dem Schiffer einen Befehl zu hinterbringen, geschickt wurde, überfallen, sie in ein unweit davon halsendes Fuhrwerk bringen, ,und unter derselben Begleitung mit verhängtem Zügel die Straße nach der Grenze mit ihr forteilen. Das erschrockene Mädchen, unwissend, was man mit ihr vorzunehmen Willens wäre, weinte, bath um Vcrschonung, und sie zu ihrem Onkel zurück zu führen, dem sie über ihrem gehabten Auftrag Auskunft ertheilen muffte', und was dsrglciDeffwar, dessen sich ein Kind von zehn Jahren zur Erstehung um Gnade, hcy ihre,, unbekgnnscn Räubern bedienen mag; allein, man ackte- le ihrer Bitten nicht, sondert« drohte, ihr vielmehr auf das härteste zu begegnen, wMu Z2 osxxx)» sie weiterS wegen der Zurückkehr Meldung machen würde. Amalie durch die Drohungen der Bö- sewichlcr abgeschreckt, schwieg, ohne mehr zu bitten; konnte aber dem Schmerz, der Angst und dem Schrecken nicht gleichen Einhalt thun, wie dem Mund, und mußte gestatten, daß sich ihr Herz durch die Thränen jene Erleichterung verschafte, die ihr zur Überstehung dieses Unglücks so sehr nöthig war. Viertes Kapitel. Amaliens glückliche Errettung aus be» Handen der Räuber. Sie verliert i» einiger Zeit darauf ihre Tante, und»ach nicht S-r zwey Jahren auch ihren wohllhätigr» Onkel-urch den Tod. Indeß die Räuber mit dem armen Kinde nach der Bestimmu-ig ihres unba^herzige» Großvaters zueilten, ward ihrem Sickel wegen des späteren Ausbleibens seiner gclicb- 0(XX^)0 ZZ ng reu Nichte i» der That bange. In der Vermuthung, daß ihr ein Unglück unter Weges >ö- zugestoßen seyn könne, und daß sie vielleicht chr hülflos auf der Straße liege, mußte man >cr ihm, da es bereits Nacht zu werden anfing, in- deinen Gaul satteln, und er eilte in Begleite- tung eines Knechtes unter genauester Aus- ra- merksamkeit gerade zu dem Schaffer, zu dem ;ur er sie abgeschickt hatte. Was konnte ihm aber hig dieser sagen, als daß sie gegen den Abend ihn verlassen, und vermöge dieser Zeit bey zwey Stunden zu Hause eingetroffen seyn — müßte. Die Unruhe, die er darüber empfand, veranlaßte ihn nun, sich ihretwegen in dem Dorfe zu erkundigen. Nach langem Nach- ieit forschen, das er eben so vergebens, mieden Ritt zu dein Schaffer gemacht halte, wollte er unter den traurigsten Ahndungen, seine liebe Kleine wohl auf immer verloren zu ide haben, zurück kehren, und abwarten, ob >en sie ihm nicht eine Spur entdecke, die an' ih- oc« rcr Verschwindung Ursache sei); denn, daß eh, sein Vater an diesem Bubenstück Antheil ha» Amalie- C Z4«(XX>t)cr den sollte, ließ er sich gar nicht träumen, da er keinen Beweggrund sah, der ihn dazu halte verleiten können. Schon war er zu Ende des Dorfs, als ein Jnsaß desselben ihm entgegen kam, den er dann auch mit Webmulh fragte, ob ihm von seiner kleinen Amalie, die das ganze Dorf kannte, nichts zu Gesichte gekommen sey, die er schon länger als drey Stunden vermisse. Mein Gott! sagte der Mann, ich habe vor beyläufig anderthalb Stunden wohl einen Wage» vorüber fahren gesehen, in welchem bey drey Mannspersonen ein Mädchen saß, die mir zu weine» schien, ob es aber Amalie oder eine andere war, weiß ich nicht, den» sie war vermummt, und ich nahm nur wahr, daß sie sich mit einem Tuche die Augen trocknete. Der Wagen muß aber nicht gar gut beschaffen seyn, weil an selben, da er etwa fünfzig Schritte hinter mir auf ebenem Wege, die Hintere Azw zerbrach. Z» deren Herstellung, da besonders das nächste Dorf, wo ein Wagner sich befindet, über o(XXA)o ZL eine gute halbe Stunde von der Straße entfernt ist, sie drey bis vier Stunden damit zubringen werden. Dieß war eine glückliche Nachricht, die ihm nicht vernachlässigt zu werden schien. Er bath den Mann, ob er ihm nicht gegen einer guten Belohnung zum Anführer zu Pferde dienen wolle? Mit wahrem Vergnügen, erwiederte der Bauer, will ich es thun, nur werden sie mir es nicht übel nehmen, wen» das Mädchen, so ich gesehen habe, nicht Amali'e seyn sollte. Der Bauer ging ohne Verweilen mit ihm in den Pachthof; alle Knechte und Frohnleute, die zugegen waren, mußten die Pferde satteln, und die übrigen alle mir Gewehren, und was sonst zur Hand war, versehen, begleiteten sie zu Fuß, und zogen an der Zahl zwölf mit ihrem Herrn unter der Anleitung ihres Insassen gegen das Dorf zu. Eben schlug die Glocke ein Uhr, als sie das Dorf erreichten. Man hörte auch schon von weitem den S chmid arbeiten, das C 2 sie in der Hoffnung stärkte, daß der Wa« gen noch nicht hergestellet sey, in dem das Mädchen gefahren war. Ohne sich daran zu kehren, eilten sie auf das Wirthshaus zu, aus welchem ihnen der Schein eines dunkel brennenden Lichtes in die Augen siel. Der Pachter und der Anführer stiegen ab, um zu probircn, ob sie nichts entdeckten, das nach ihren Wünschen wäre. Aber, hilf Himmel! die arme Amalie war der erste Gegenstand, der sich ihrem Onkel vorstellte. Sie lag mit dem Kopf auf dem Tisch, und schlief. Er erkannte sie aus der Kleidung, die sie trug. Drey der Räuber saßen an einem andern Lisch, worauf das Licht stand, das zu verlöschen schien, und die KerlS schliefen, vermuthlich berauscht, mit offenem Munde, den Kopf an die Wand gelehnt, ohne Waffen, so viel zu scheu war. Jetzt brauchte es weiter nichts, als einen jähen Überfall; der aber mit Vorsicht und Klugheit geführt werden mußte. Da zu vermuthen war, daß jemand von diesen Schurken bey den Pferden im Stall sey» wird, so mußten zwey zu Pferde selben bewachen, und im Fall des Versuches zu entfliehen, ihn wo nicht handfest machen zu können, ohne weiterer Rücksicht zn Boden zu schlagen. Zwey andere mußten sich mit gespanntem Hahn vor die Fenster postiren, um ihnen gleichfalls die Flucht abzuschneiden, und die acht übrigen sollten in das Zim, mer dringen, wovon er der Onkel, sichAma- liens, die andern aber der Räuber sich zu bemächtigen hätten, welche, wenn sie sich zur Wehre setzen wollten, keineswegs zu verschonen waren. Dieser Entwurf ward wider Verhoffen glücklich ausgeführt. Man drang mit ein Mahl abgeredeter Maßen, aber so leise, alS immer möglich in das Zimmer, ohne daß nur einer von den Spitzbuben erwachte, und ehe sie sichs versahen, waren sie überwältigt, gebunden und verwahrt. Amalic, die von dem Lärm, der bey diesem Vorfall entstand, aus dem Schlaf geweckt wurde, wußte anfänglich nicht, wie ihr geschah, noch wo sie war; erst da sie sich ermunterte, und Z8 o(XXX)o ihren lieben Onkel vor sich sah, stürzte sie sich unter Vergießuug der Thränen in seine Arme, und bath ihn um seinen Schutz wider dieRauber, die sich ihrer mit Gewalt bemächtiget halten. Er hieß sie ruhig seyn, indem für sie nichts mehr zu befürchten wäre. Siehst du, Amalie! sagte er, hier sind die Räuber, deine Feinde, deren jeder den Galgen zum Lohn seines frechen Unternehmens zieren soll!— Die Reihe kam nun an jenen im Statt, der vor Betrunkenheit nicht zu ermuntern war, erst da man ihn schon gebunden halte, schien er sich durch einige Rippenstöße zu entsinnen, was mit ihm vorgegangen war; wvraufcr z» den dreyen gekuppelt denen Berittenen zwischen die Pserdc zur Verwahrung übergeben ward- Inzwischen wurde der Wage» hergestellt, Wagner und Sckmid bezahlt, und Amalie fuhr mit ihrem Onkel in Begleitung ihres unwiderruflichen Schutzgcistes, des redlichen Bauers nach dem Pachthof zurück, ws o(XXX)o Z? Ür man erst mir den Räubern bey Hellem Tage ne eintraf. cr Aber wie sehr entsetzte sich Amalicns On- kcl, den vertrauten Bedienten seines Vaters, m und eben jenen, als Rädelsführer, wie ihn >si die übrigen drey anklagten, unter dieser Rollt- ke zu sehen, der zu seiner Verstoßung auS e» dem väterlichen Hanse am meisten bcygetra- e« gen, dem er sein Herz geöffnet; er aber alle ihm anvertraute Geheimnisse, seinem Ball, ter verrathen hatte. >r. Es lag nun keinem Zweifel mehr ob, wer en der Urheber Amaliens gewaltlhätiger Ent- n, führung sey; um aber wider seinen Vater, er den er bey alle seinen Ungerechtigkeiten denen noch als Sohn ehrte, in keine Rechtslage er-' verwickelt zu werden, gab er, nach gehaltener scharfen Strafpredigt, alle» vieren die Frey- llk, hcit gegen dem, daß er sie bey erster Dawi- lie Verhandlung als Straßenränder der Gerechtes tigkeir angeben würde, worüber das ganze li- Dorf, das sie als solche einbringen gesehen, wo Zengenschast geben müßte. So endigte sich Amaliens trauriger Zu- 4« v(AXX)o fall. Doch der Schrecken, der sie bey dieser unerwartelcii Gewaltthätigkeit so heftig erschüttert hatte, warf sie auf das Krankenlager, von dem sie allem Ansehen nach nicht mehr aufstehen sollte; doch die gute Pflege, Jugend und die Vorsehung, die noch große Dinge mit ihr vorhalte, halfen ihr wieder zur Gesundheit, ohne welcher sie ein Kind des Todes gewesen wäre. Auf diese Art entging Amalie einem Nn- glück nach dem andern, und kaum hatte sie sich aus dem letzten, so weit crhohlt, daß sie ihrer verehrungswürdigen Tanke in ihren häuslichen Geschäften wieder unter die Arme greifen konnte, als dieselbe plötzlich starb, da sie kaum eilf Jahre alt war, und noch vor ihrem drcyzchnten verlor sie auch ihre» Onkel. Fünftes Kapital. Amaliens gänzliche Vcrlassung von aller Welt bewegt einen Edelmann. Er nimmt sie zn sich. Ihre Vervollkommnung durch dessen Wohliha- ' teil. Es wird um ihre Hand angelacht. (§o war Amalie also auf das neue in die Welt verstoßen, eben so hülfloS, wie vorher, obgleich ihre Bedürfnisse sich vermehrt hatten, und nun desto unglücklicher, je mehr Glück ste seit ihres Bewußtseyns in dem Hause ihres Ziehvalcrs erfahren und genossen halte. Sie war freylich die Erbinn seiner hinterlassenen Wenigkeiten; allein, da sich kein bares Geld vorfand, und das durch den Genuß des Pachtes Erworbene durch die beyläufig ein Jahr anhaltende Krankheit ihres OnkclS gänzlich aufgezehrt ward, so betrug es sehr wenig, was ihr von dieser Erbschaft zu Statten kam, ja, nicht einmahl so viel, daß sie ihren Unterhalt nur einige Monathe bestreiken konnte. Mit Betrübniß und Schmerz sah ste in 42 o^)o 43 SS dauerte ihn nun, daß ein Leben, welches fast durch ein Wunder erhallen worden, bey solchen traurigen Umstanden, dem Elende überlassen seyn sollte. Ganz von dem Gefühl eines Menschenfreundes durchdrungen, entschloß er sich, die von aller Welt verlassene Waise in sei» Haus aufzunehmen, nicht als eine Dienerinn, er schätzte sie ihrer vorzüglichen Eigenschaften, gleichwie ihrer unglücklichen Ältern wegen, viel zu erhaben gegen diese Mcnschenclaffe; sondern als eine Gesellschafterinn für seine Tochter, ein junges, wohlerzogenes Fraulein von etwa fünfzehn Jahren. Amalic ward von ihr mit großer Zärtlichkeit und Gefälligkeit empfangen, weil sie wußte, daß ihr Vater, der sie ihr nach ihrem wahren Werthe geschildert hatte, sie dieser Achtung, in Rücksicht ihres unverdienten Schicksals würdig fand. Sie trocknete ihre Thränen ab, und der durch diese» unverhofft glücklichen Zufall wieder halb belebten Amalic blieb von ihrer quälenden Bekümmerniß jetzt nichts zurück, als ein zärtliches Angedenken an ih- 44 o(X^X)c> ren seligen Onkel, den sie als einen Vater§ liebte und ehrte. i So bald sie von dieser drückenden Sckwer- rnukh sich in etwas erhohlt hatte, erinnert- S sie sich einer Schachtel, die ihr der Selige 2 einige Augenblicke vor seinem Hinscheiden^ mit dem Bedeuten eingehändiget hatte, r „daß sie das, was sich in selber sinden würs^ de, gut aufbehalten sollte."— Sie öffnete" solche, fand aber weiter nichts darin, als" den Trauschein ihrer Mutter in des Haupt-^ Manns Brief eingewickelt, nebst einer Nach«^ richt von den Begebenheiten ihres eigenen* Lebens, die, wie wir bisher erzählet haben,^ ihr verstorbener Onkel, so, wie er sie erfuhr, als eine wunderbarliche Fügung selbst^ aufgesetzt hatte. e Die ganze Reihe von traurigen Vorfiel-' lungen, wie unglücklich ihre liebe Ältern^ waren, und in welchen elenden und erbar-^ mungswürdigen Umstanden sie von ihnen k verlassen worden, drangen jetzt in ihre See-' le, und erregten Bewegungen in ihr, die,^ wenn sie nicht durch die Macht der Vernunft' v(X!<)o 4Z ter besänftiget werden konnten, doch bald durch ihre eigne Heftigkeit zerstöret wurden, er- Amalie, die an diesem ruhigen und borte glückten Aufenhalte bald ihr voriges gutcS jgk Aussehen wieder erhielt, was Gram nnd >rn Harm nach dem Tode ihres Onkels ihr ge- x. raubt hatten, wurde bald der Liebling al- ir-- ler, die sie sahen, vorzüglich aber dieser eke wohlthätigen, menschenfreundlichen Familie, ,l§ unter deren Schutz sie nun zn leben das Glück hakte, und mit welcher sie einige Wo- ch. chen darauf nach der Stadt zurück kehrte, en um den Winter mit mehr Gemächlichkeit als auf dem Lande zuzubringen, er- Dieser neue Aufenthalt, von dem sie bisher weder Kenntniß noch Begriff hatte, erfüllte sie mit Wonne und Freude. Alles, es- was sie sah und hörte, spannte ihre A»s- ^ mcrksamkcit im höchsten Grade, und ihre ^ Sinne erhielten ein ganz neues Leben. Der gute, alte Herr, der sich nun selbst zu ih. b, rem Vater gemacht hatte, sah sie nicht an. ^ ders als sein Kind, so wie daS Fräulein ^ als ihre Schwester an. Sie lernte tanzen 46 v(X^X)o und Musik, ward in die besten Gesellschaft ten eingeführt, genoß das Vergnügen alle> winterlichem Unterhaltungen, je wie solch nach dem Lauf der Zeit wechselten, war! schön gekleidet, und erhielt, eben nicht karg- lich, so viel am Taschengeld, als zu ihr« kleinen Ausgaben hinreichte. Amalie ward nun so glücklich, als o! sie wirklich ein Vermögen besessen hätte welches die Bequemlichkeiten und den Glanz die sie schon jetzt genoß, wenn es ändert nicht scheinbar gewesen wäre, dauerhaft und unabhängig gemacht haben würde Doch die Jugend läßt sich selten durch Furch vor dem morgenden Tage in den-Vergnügen des heutigen stören; sie betrachtet lieber die gegenwärtige Glückseligkeit als ein Unterpfand der zukünftigen, und täuscht sich — viel Mahls— gewaltig. So erging es auch Amalie!-.'Sie war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre, schön wie eine Rose des Morgens, und schlank rvi« ein junger Zcdcrbaum, der das Auge des Bewunderers an sich zieht. Die wohlthätig o()<)!<>;<) n 4^ haf- Natur hatte sie, um das Glück zu bcscha- ille> men, das sie so stiefmütterlich behandelte, lchl Enik allen Reihen und Vortheilen ihres Ge- >ar> schlechtes gezieret, und damit reichlich beleg- gäbet. jrei Diese unschätzbaren Vorzüge konnten inzwischen, bey Amaliens öfterer Erscheinung ^ gj in Mitte der grossen Welt, nicht so geheim tte gehalten werden, daß sie nicht auffielen, und in; sich die Bewunderung eines und des andeku gefühlvollen, jungen Mannes zum Vortheil Hof d" Besitzerinn derselben zuzögen, rdc stand nicht gar lange au, so wurde rch der alte Herr, mit der Fräulein Tochter und nü- Amalien von einem seiner Bekannten, der ^ den Winter mit seiner Familie gleichfalls in ein d"^>tadt zubrachte, auf einen Hausball sich. eingeladen. Bey diesem Feste zeigten sich Amaliens schöne Eigenschaften und' Talente in wal solchem Glanz, dass sie sich nicht nur allge- „>j, meinen Beyfall, sondern auch das Herz ei° nch»es sehr edeln jungen Mannes, des Sohns chees Bcwirthers erwarb, stg! Ma» würde Amaliens Tugend sehr na-- 48 osXXXso he treten, wenn man sagen wollte, daß s>i h auf Eroberungen ausgegangen wäre, ob- st rvodl die Schönen bey dergleichen Gelegen- j, Heiken, wo sich ihnen ein so weites Feld z. glücklicher Aussichten darbiethet, selten ihre« u Vorcheil vernachlässigen, mittelst welchen sn b nicht nur alle ihre möglichen Reihe auffordern, sondern auch, wenn es die Noth er- S heischte, noch geborgte mit unter mischen s um ein Herz zu kapern, auf das sie Absichi e haben, und das schwach genug ist, sich vor g solchen Flikkcrreitzcn blenden zu lassen. d Doch dieß war bey Lmalien der Fai? nicht. Sie rührte, ohne es zu wissen, no-s s die Absicht zu haben, und machte diese Er-- obcrnng, weil ihre Reihe ungekünstelt, wei l sie natürlich und des Glückes würdig wäre«> daß sich ihr darboth.> Der feurige Liebhaber, den die Leide«-' schaft, so er für Amalicn gefaßt hakte, nich! 1 mehr ruhen ließ, entdeckte sich, noch bevor« die Lustbarkeit zu Ende war, Amaliens l Wohlthäter, und bath ihn, sich um ihtt Hand bey ihr zu bewerben. Er wolle hoffe« o(^X)o 49 !>i da ihm seine gegenwärtigen Vermögensum- stände hinlänglich bekannt wären, ohne der- 'w jcnige» zu erwähnen, die ihm einstens noch eld zufallen würden, daß er sein Ansuchen ge- m nchmigcu, und seine Wünsche zu befördern s>! beytragen wolle. on Ganz erstaunt über diese unverhoffte Er- cr> öffnung, so wie über das Glück, so sich e» seiner Pflegetochter von selbst anboth, sagte ich er demselben alles zu, was von ihm abhän- M gen würde; doch müßte er sich nicht wundern, wenn er ihn fragete, ob er mit ;al! Amalieus Umständen bekannt wäre? denn, olE sagte er; wenn sie glauben, an dem Mäd- Er chen eine reiche Parthie zu machen, so murre! den sie sich sehr bekriegen. Sie lebt von mei- m neu Wohlthaten, ist eine ältcrnlose Waise, und kann ihrem einstweiligen Galten, außer >xü> ihre» Tugenden und andern guten Eigen- jchl schaflen, nichts zum Braukschatz zubringen, vo! als ihre Reiße. Sollten ihnen diese hinläng- ens lich seyn, so bin ich erbökhig, einen Derart such zu machen, und zu erforschen, ob sie cn, Amalie. D Lv c,(>^XX)o sich geneigt finden laßt, ihren Wünschen zu entsprechen. Noch hatte er diese Worte nickt gänzlich geendet, als ihm Amaliens Verehrer mit diesem Ausdruck in die Rede fiel: Ach! ich weiß allcü, bin von allem unterrichtet. Ich wünsche nichts, als Amaliens Hand— diese ist mir über Schätze und Reichthum!—- Diese Versicherung machte, daß sie unter Versprechen und Hoffen nach geendigker Lust» barkeit von einander schieden. Sechstes Kapitel. Unterredung zwischen Amalien und ihrem Wohlthäter in Rücksicht der vorgeschlagene» Hei- raih. Solche wird beschlossen. Sie verliert aber ihren Geliebten drey Tage vor dem Bey. lagcr durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde. Äic starke Ermattung, dir sich die beyden Schönen, das Fräulein und Amaüe, ihre Gespielinn, durch das viele Tanzen, zudem sie unausgesetzt aufgefordert wurden, zugezogen hatten, konnte, so groß und ungewöhnlich sie auch war, die beyden Freundinnen nicht abhalten, daß sie sich nicht, nach Gewohnheit der Mädchen, noch bevor sie der Ruhe und dem Schlaf sich überließen, von allen den Gegenständen besprachen, die ihre Aufmerksamkeit rege gemacht hatten. Eine erzählte der andern, wie sich dieser und jener gegen sie betragen, was er ihr Süßes und Schmeichelhaftes vorgesagt, welchen Eindruck seine Gestalt auf sie, und die ihrige auf ihn gemacht habe, und mit einem Worte: jede entfaltete ihr Herz gegen der andern, welchen aus den gegenwärtigen Adonisen sie vorzüglich ihrer Liebe würdig gefunden hätte. Amalie rühmte unter andern ibrer vertrauten Freundinn die Aufmerksamkeit, die der Sohn ihres Bcwirlhers vorzüglich gegen sie bewiesen hätte; sein ganzes Bekra- gen, sagte sie, war gefällig und einuebmend, und ich wüßte nicht bald einen, dem ich nehr gewogen seyn könnte, als ihm, Recht- D 2 L2»(XXX)o schaffenheit blickte ihm aus dem Auge, und seinem sanften Wesen nach zu urtheilen, mag er des edelsten und liebenswürdigsten Charakters seyn, den eine Mannsperson je besitzt, um ein Mädchen glücklich zu machen. Mit dergleichen Apologien unterhielten sich die beyden Zärtlichen so lange, bis ihnen der Schlaf die Augen zudrückte, und sie in die angenehmsten Träume wiegte, mit welchen er sie bis att den hellen Lag beschäftigte, der sie zu ihrem größten Verdruß aus selbem weckte. Der alte Herr, den das Versprechen, so er dem dringlichen Ansuchen des verliebten Brautwerbers gemacht hatte, mit wahrem Vergnügen die Nacht hindurch beschäftigte, erfuhr kaum, daß Amalic das Berte verlassen hatte, als er sie zu sich rufen ließ. Nn»! sagte er in seinem gewöhnlichen liebreichen Tone, als sie sich ihm nahcte, und die Hand küßte, wie hast du, unvergleichlich schöne Tänzerinn! auf dein gestri, gcs Herumschwärme» geschlafen. o(XXX)o LZ Gnädiger Papa! recht angenehm, unvergleichlich, besser als jemahls!— Wie so? warum besser, als jemahls? vielleicht unter den angenehmsten Träumen von diesem oder jenem Gegenstand, der dir etwa in die Augen gefallen ist, nicht wahr? Ja! so beyläufig— aber es war nur ein Traum— und weiter nichts!— Zu was dieser Ausdruck: es war nur ein Traum und weiter nichts! wolltest du nicht etwa, daß er sich nicht auch schon rea» lifirt hätte? du kleine Schäkerinn! Dieß eben nicht, gnädiger Papa! aber weil ein Traum immer nur ein Spielwerk der Fantasie ist, das mit ihm aufhört; so bediente ich mich dieses Ausdruckes, um seine Nichtigkeit dadurch anzudeuten, auf die nicht zu achten ist. Du besinnst ja trotz einem Philosophen! wisse aber, daß auch Träume viel Mahl in Erfüllung gehen, und nicht immer tauschen. Sage mir! wem, oder was betraf denn der Traum, der dich zwar, wie du S4 o(XxX)o cingestehest, amusirtc, ihn aber als nichts beveukend verachtetest? Er betraf, um ihnen nicht vorzulügen, und die unschuldige Wahrheit zu gestehen, er betraf;...(wobest sie die Hand für die Augen hielt, und erröthekc) dem Sohn, unsers Bcwirthcrs! Wie? den Sohn unsers Bewirkhers, der so viel mit dir tanzte? Ja, eben diesen! und ich begreife nicht, warum mich der Traum eben mit ihm die Nacht durch beschäftigte, da ich mich mit allen übrigen eben so unterhielt, wie mit ihm, und dennoch ward die Phantasie von keinem derselben beunruhigt. Weißt du die Ursache, warum dich der Traum bloß mit ihm allein beschäftigte? sieh! es ist diese: Er gefiel dir, du fandest Wohlbehagen an ihm, an seinem Bestreben, dir den Vorzug vor den übrigen Mädchen zu geben, dir zu gefallen. Diese Vor- zügliä-keit drang dir in die Seele, diese erkannte den Werth, den du in seinem Auge vor andern deines Gleichens hattest, du wur- 0(>«>!<)0 LA best ihm gewogen, schenktest ihm gleichfalls den Vorzug vor den übrigen, und dein Herz, so wie deine Einbildungskraft war bloß und allein von ihm eingenommen, nur er herrschte in selben, verdrängte alle übrige, weil er dir aus allen der Liebste war. Sag mir! habe ich nicht nahe hinzu getroffen? Amalie ward bey dieser Frage, die ihr ein Gestäudniß entriß, wie vvm Donner getroffen, wußte nicht, was sie antworten sollte; ihre Gesichtsfarbe änderte sich, sp oft sie ihr Wohlthäter mit seinem forschenden Auge anblickte, und schon wünschte sie sich von ihm entfcryen zu dürfen, um allen weiteren Fragen, die er noch auf sie wegen dieser Materie anwenden könnte, auszuweichen. Stumm und niedergeschlagen stand sie eine gute Weile vor ihm, als er, um sie wieder aufzurichten, und seinem Endzweck, dem er schon so nahe gekommen, gänzlich zu erreichen, sie bey der Hand nahm, und herzlich zu lachen anfing. Liebe Amalie! sprach er, und sah sie L6 v(XXX)ci dabey liebreich an, sage mir, warum erschrickst du, und entfärbst dich über meine Frage? glaubst du vielleicht, daß mich dein Geständniß wider dick aufbringen würde, wenn du mir entdecktest, daß dein Herz für den Sohn unseres Bewirthers schlüge? kei- nesweges; vielmehr würde es mich freuen, daß du eine Wahl getroffen hattest, die dei,- ucr würdig wäre. Es ist ein Mensch, der schon jetzt ein schönes Vermögen besitzt, das ihm von seinem mütterlichen Großvater zugefallen ist, ohne dessen zu erwähnen, was ihm nach dem Tode seines Vaters zufallen wird. Sein Charakter ist edel, er ist Menschenfreund, so viel man es nur seyn kann, und verbindet eine schöne Tugend mit der andern in solchem Grade, daß sich ein Mädchen wirklick glücklich schätzen könnte, der er einstens seine Hand geben würde. Dieß wäre ein Glück für dich, wenn er Neigung zu dir fühlte; sey versichert, daß ich alles anwenden würde, um dich dieses Glückes theilhaftig zu machen; es wäre denn, daß du ihm aus Ursachen abgeneigt wärest, mR tt- ne ün >e, 'ür ei- 'i>, ei.- >er as u- as en n- n, er d- er kß 'S 'S >ß o(XAX)o 57 welchen er vielleicht die Liebe deines Her» zcns nicht erwecken könnte; doch daran zweifele ich, da man ihn als einen schönen und artigen Mann von jedem Mädchen loben hört. Gesteh mir also unverhohlen, und ohne Nachtheil zu befürchten, ob du ihm dein Herz schenken könntest, wenn er dich darum anspräche? Ich muß gestehen, erwiederte' Amalie; (unter neuer Erröthung, und immer mit der Hand vor den Augen herumfahrend,) daß ich ihn wohl leiden könnte. Meine Frage ist nicht, ob du ihn leiden könntest; sondern ob du ihm dein Herz schenken, das ist; deutlich gesprochen, ob du ihn liebe» könntest?— dass ihr Mädchen immer gegen einen dritten so hart mir euern Her- zensangelcgeuheiten heraus kommt, und lauter Umschweife machet; wo ihr im Gegentheil, wenn ihr euch mit dem geliebten Gegenstände unter vier Augen befindet, ohne viele Umstände zu machen, gleich, wenn er diese Frage an euch thut, mit dem freudigen-—Ja!— aufzuwarten bereit seyd. F8 olXXX)o Zwischen wohl leiden, und lieben können, ist ein Unkerschicd. Gesteh mir also, ob du ihn lieben— von ganzem Herzen liebe» könntest? Nun, ja! ich könnte es! Wurdest du ihm aber auch deine Hand geben, wenn er darum anhielt? Da ich mich schon bloß gegeben habe, daß ich ihn lieben könnte,(wobey ste ihrem Wohlthäter schalkhaft anblickte) so würde es wohl ungereimt seyn, ihm die Hand zu verweigern, wenn er mich darum ersuchen würde. Nun weiß ich genug, sagte der alte Herr, und das, was ich zu wissen wünschte. Er erzählte ihr hieraus alles, was stch gestern zwischen ihm und ihrem Braukwer. der zugetragen hatte, ohne den Umstand zu vergessen, dessen er ihn wegen ihrem Vermögen erinnert hätte. Amaüe ganz betäubt über das, was sie gehöret hatte, machte zwar Einwendungen, wie die Mächen immer zu machen pflegen, obschon man überzeugt ist, daß es ihnen nie- »(XXXjo Z9 mahls Ernst ist, was sie sagen; doch ihr Wohlkyäter beruhigte sie über dergleichen Scheinbedenklichkciten, und ermähnte sie, die Zeit abzuwarten, die, wie er hoffte, nicht weit zurück seyn würde, um ihr Schicksal zu erfahren. Amalie war ein Mädchen, wie jedes andere. Die Liebe, die sie von dieser Minute mit Freude erfüllte, hatte so viel Reihendes für sie, daß sie alles, was sie erfahren hatte, ihrer Freundinn von Wort zu Wort entdeckte. Diese, die an allem, was Ama- lien betraf, wahren Antheil nahm, freute sich vom Herzen, und wünschte ihr unge- häuchelt Glück. Doch, Amalie, die des Glückes wunderliche Laune schon so oft und nach, drücklich empfunden hatte, wollte demselben noch keinen Glauben beymeffen, bevor sie nicht von ihrer Untrüglichkeil überzeugt wäre. Nach einigen Tagen, da sie es am wenigsten vermuthete, kam der Geliebte, der von ihrem Wohlthäter von allem unterrichtet war, sie zu besuchen. Eine kurze, mit 60 o(XXX)o Absicht studirte Eingangsrede, leitete nach und nach zu dem Punct, auf den man zu kommen Willens war. Amalie, nachdem sie den Antrag, wodurch er sie um ihre Hand bath, angehöret hatte, ward dadurch so gerührt, daß sie ihm unter den zärtlichsten Thränen, gleichsam als ahndete sie die Tücke, die ihr das unerbittliche Verhängniß, um ihr Unglück zu vergrößern, spielen würde: das Jawort ertheilte. Man ward bald einig, wem, und unter welchen gcnugthuen- den Bedingnissen der Eheconkrack errichtet werden sollte, wobep man es in kurzer Zeit auch mit aller Berichtigung so weit gebracht, daß man schlüssig wurde, binnen acht Tagen die Vermählung zu fepern. Diese wenigen Tage, die den Mädchen überhaupt die holdseligsten ihres ganzen Lebens sind, waren für Amalien nichts als Freude und Vergnügen. Sie zählte jede Stunde, die sie zu ihrem Glücke zurück legte, und träumte nichts weniger, als daß, stakt mit ihrem Geliebten vor dem Altar zu treten, um in Gegenwart des Allmächtige» v(XX^o 6 t einander unverbrüchliche Treue zu schwören, und mit den unauflöslichsten Banden auf immer verknüpfet zu werden, sie ihn zum Grabe begleiten, und allen Ehestandsfrcudcn mit ihm auf ewig entsagen müßte. Noch waren drey Tage bis zu dem Augenblick, wo ihre Liebe gekrönt werden sollte, und sie saß an der Seite ihrer Freundinn, die sie einige Mahl über den Ticfsiun, in den sie plötzlich versunken war, zur Rede stellte, und sie aufzumuntern trachtete, als die erschreckende Nachricht ankam, daß AmalienS Bräutigam unglücklicher Weise mit dem Pferde gestürzt, und dergestalt zugerichtet nach Hause gebracht worden sey, daß man mit jedem Augenblick gewärtige, wenn er seinen Geist aufgeben würde. Man bath sie zu eilen, wenn sie ihn anders noch bey Leben antreffen wollte- Das erschrockene Mädchen sank bey dieser Nachricht zu Boden, und nichts war»er, mögend, sie binnen einer Stunde aus dieser Ohnmacht zurück zu bringen. Ihr Wohlthäter ging stakt ihr dahin; allein sein Weg 6-r o(XXX)o war vergebens, der Unglückliche hatte schon ausgelitten. Beyde Füße waren gebrochen, und der Kopf zerschmettert. Dieß war ein trauriger Zufall für die unglückliche Amalie. Ihre erste Frage, die sie, nachdem sie ihr Bewußtseyn wieder erlangt hakte, war, ob ihr Geliebter lebe? da man ihr aber keine Antwort ertheilte, schloß sie, daß er nicht mehr sey, rindern Strom von Thränen schoß aus ihren Augen- Man suchte sie zu besänftigen, und durch Trostgrnnde ihrem Jammer Einhalt zu thun. Sie bath aber, man möchte ihr diese Wohlthat vergönnen, indem sie nichts thäte, als was der Selige verdiente. Thränen waren also das Opfer, das ihm die Liebe brachte. Dieß Glück, sagte sie; nachdem sie sich wieder erhohlt hatte war für die unglückliche Amalie zu groß, als daß sie desselben theilhaftig würde. Wer ein Mahl unglücklich ist, der bleibt es immer. Ich bin der Beweis davon. v(XXX)o 6Z Siebentes Kapitel. Der Sohn ihres Wohlthäters kommt von seinen Reisen zurück. AmalienS Annehmlichkeiten fesseln ihn. Er macht ihr LiebesaurräAe. Sie verwirf» sie. und fällt aus Angst, wenn der Vater Wissenschaft davon erhalten sollte, in eine tödiliche Krankheit. Absichten dabey. Es brauchte mehr, als man glaubte, Ama- lieus Schwermuth zu vertreiben. Ihre empfindsame Seele war zu starken und nicht so leicht vertilgbarcn Eindrücken geschaffen, und man mußte sich aller Kunst bedienen, um den Erblaßten ihrem Angedenken, so viel möglich, zu entwenden, und sie für die Jugendfrcuden wieder empfänglich zu machen. Dieser gewünschte Zeitpunct war kaum eingetreten, als der einzige Sohn ihres Wohlthäters, von seinen Reisen zurückkam. Anlasse hatte ihn vielmahls, wenn seine Schwester ihr das Portrait von ihm wies, als eine schöne Mannsperson gelobt, aber "in wie viel übertraf er ihre Erwartung, 64 da er sich ihren Auge» vorstellte. Eines er- e> staunte über den ersien Anblick des andern, v> Ernest, so hies der schöne Ankömmling,^ las wohl vielmahl, wen» ihm seine Schwester von der reizenden Amalie schrieb, die st ihr der Herr Vater zur Gesellschafterin« d und Gespielinn ihrer Jngendfreuden zuge tl geben hatte, daß sie ein allerliebstes Mad-^ chen sey, der mau ihrer holden Gesichts- d- bildung und anderer schönen Eigenschaftc« ul wegen nicht abgeneigt seyn könnte; Doch ward er ganz Bewunderung, als er sie per- sehnlich sah. Ihre Gestalt, ihr Betrage«^ und ihre Reden, die von Vernunft und Anstand begleitet waren, nahmen ihn ein, un!^ er ließ keine Gelegenheit vorbey, dasjcnigl an ihr zu rühmen, was ihm Bewundern»-" abnothigte.^ Die ersten Eindrücke bey junge» gefühl-^ vollen Personen, sie mögen eine Leiden-^ schast betreffen, welche sie wollen, sind, sagl^ man, immer die heftigsten. Ernst fühlte Ama-^ liens Werth zu stark, als daß er gleichgül-^ tig dabey bleiben konnte; jedes Wort, das s er- er sprach, so wie jede Handlung, die er )er„. vollzog, hatte Bezug auf den Gegenstand, ling, der>hu dazu antrieb, hau- Amalie wurde bald gewahr, und wie . sollte dieß einem schlauen Mädchen entgehen, 'tim daß er ihr besondere Merkmahle seiner Bch- ag^ tung gab, wenn er glaubte, von niemand beobachtet, oder bemerket zu werden, und chiz- daß er durch eine emsige Dienstfertigkcit, und unablässige Aufmerksamkeit auf die ge- ringsten Kleinigkeiten, die zu ihrem Vergnü- gen beytragen konnten, sich ihr zu empfeh- age° len suchte. Allein Ernests dienstfertiges Betragen, ^ so sehr eS ihrer Eitelkeit schmeicheln mochte, ,„-g, mußte in der Lage, wo sie sich befand, noth» ^ wendig ihre Furcht rege machen. Sie sah voraus, daß der Friede des ganzen Hau- ühl^S würde gestört werden, wenn sein Va- ter oder seine Schwester eben das in seinem ^ Betragen bemerken sollten, was sie darin !>M bemerkte; und daß sie selbst in dem Sturm gilb entweder Schiffbruch leiden, oder über Bord Amalie. b 66 os)r0XX)o geworfen werden müßte, um ihn zu stillen,, wenn er ausbrechen sollte. Dieser Kampf, wo Tugend und Dank-, barkeit in Cvllufion kommen, wirkte nach und nach mit solchem Druck auf Amalien,^ daß sie zusehends abnahm, und ehe man sich^ es versah, krank darnieder lag.^^ Die Furcht sie zu verlieren, veranlaßt! E ihren Wohlthäter, alles zu versuchen, waS^ zu ihrer Rettung beytragen konnte. Allein,^ Kunst und Erfahrung der Ärzte ward ver-^ gcbens angewandt, sie wollten der? Eebrc-^ chen deS Körpers abhelfen, und erkannten- nicht, daß das Übel im Herzen verborgen^ lag. Selbst Amalie trug zur Täuschung der^ Ärzte aus Versatz bey, um dadurch zu er-^ zielen, daß sie, da schon alle Anstalten zui^ Reise auf das Land gemacht waren, und^ man nur ihre Herstellung erwartete, die Er-^ laubniß erhielt, bey der Beschließerinn in^ der Stadt zurück bleiben zu dürfen, um th-^ rcr Gesundheit zu pflegen. So gern man sie mir auf das Land ge-§ nommen hätte, so konnte mau doch ihr die'' llen, ank- ricnh lien, sich aßt! waS ein, ver- brc- iten ^gkN dtt er- zur und Er- l i« >h- ge- d>- 6/ Bitte nicht versagen, die das Edelste, nähmlich die Gesnndheit zum Zweck hatte, und sie blieb zurück- Wie glücklich dünkte sich nun Amalie, daß sie den Versuchungen des schmeichelnden Ernests entgangen, und dadurch einem Unglück ausgewichen war, das sie über kurz oder lang über ihren Scheitel auszn- brechcn befürchtet hatte. Sie würde sich freylich außer aller Schuld gesetzt haben, wenn sie seine Zudringlichkeit dem alten Herrn entdeckt hätte; allein, da dessen Betragen bloß in gefälliger Aufmerksamkeit für sie, ohne die Grenzen der Bescheidenheit zu überschreite», bestand, so wollte sie den Sohn nicht mit dem Vater in Uneinigkeit verwickeln, aus welcher für ihn und sie so große Unge- mächlichkeitcn erwachsen könnten. Sie glaubte daher am klügsten zu handeln, wenn sie sich desselben Augen entzöge, und ihm Zeit vergönnte, sich eines Bessern zu besinnen. Und in der That nahmen Amalicns Umstände so bald sie sich von der Furcht befccyk sah, die ihr ganzes Übel verursacht hakte, E» 6-r o(XXX)o eine andere Wendung; die EemüthSruhr, die seil langem von ihr geflohen war, siell- §e sich wieder ein, die Kräfte sammelte» sich, um daö Krankenlager verlassen z» xöniicn, und nach einiger Zeit blieb ihr von dem ganzen Übel weiter nichts zurück, als das Angedenken und die Warnung, einen Rückfall, so viel möglich, zu v« meiden. Amalie konnte aus Bescheidenheit ihr- Bcfferung nicht verschweigen, so gern si! es auch gethan hatte, und schrieb sie ihrem! Wohlthäter mit allen Zeichen der Dankban keil für die auf sie verwendete Kosten; sie bath ihn, beliebigst anzuordnen, wie er ei in Rücksicht ihrer bey so bewandten Umsta»- den gehalten wissen wollte, ob sie nach deir Landgut kommen, oder bis zur Zurückkuch jn der Stadt verharren sollte. Sie legt diesem Schreiben ein anderes unoersiegcl< tes an ihre liebe Freundinn bey, in welchem sie derselben alle den Schmerz schilderte, mit dem ihre Leiben, die ihr die Krankheit verursachte, noch vermehret wurden, sich lch', M- lke» S» >h- üch ng, VI! ihk- ß- » e ck NII> den inss e„!i gcl< vel< ^nk- s.^ osXKXjo 69 von einer Familie getrennt zu sehen, der sie so vielen Dank, ja ihre ganze Glückseligkeit schuldig wäre, und schloß mit der Bitte, sie ihrer ferneren Liebe und Gewogenheit z» würdigen- Die Absicht Amaliens durch dieses beygelegte Schreiben war, Ernestens Empfindlichkeit wider sie aufzubringen. Sie wußte, daß er selbes von seiner Schwester zum lesen erhalten, und sich ärgern würde, wenn er sahe, daß von ihm gar keine Meldung geschehe, und glaubte also, wegen dieser Vernachlässigung sich seinen Unwillen so weit zuzuziehen, daß er sie in Zukunft seiner Aufmerksamkeit nichts weniger als würdig achten sollte. Und dieß war der Wunsch nach welchen sie seufzte. Der alte Herr schrieb ihr ganz zärtlich zurück: Sie sollte, da sie es schon so weit gebracht hätte, alles anwenden, um ihre Gesundheit vollkommen und dauerhaft herzustellen, und zu Erziclung dieser Absicht lieber verbleiben, wo sie wäre, als sich durch die Reise Ungemächlichkeittn aussetzen, dir 7«, v(^X)o sie zu ertragen, noch viel zu schwach wäre. Er und seine Familie wollten sich eher des Vergnügens begeben, sie bey sich zu haben, als Ursache zu seyn, eine halb errungene Gesundheit wieder einzubüßen. Auch das Fräulein schrieb ihr in den verbindlichsten Ausdrücken; bedauerte ihre traurige Lage, und versicherte sie, wie unendlich es sie erfreue, ihre liebe Amalic in besseren Umstände» anzutreffen, als sie dieselbe verlassen hätte. Da also in diesem letzteren gar keine Meldung von Ernesten gemacht wurde, so war sie halb überzeugt, daß ihr Wunsch erreicht, und er wegen dieser gleichgültigen Behandlungsart wider sie erbvßt sey. Es gehörte in der That eine große Überwindung dazu, sich einen Menschen geflis. scntlich zum Feinde zu machen, dem man im gesellschaftliche» Leben täglich und stündlich unter die Auge» kommen mußte; in dessen Vaters Hause man seiner Armuth weisen mit Wohlthat überhäuft wurde, und der keines ander» Verbrechens schuldig war. o(^>^)o 7» als daß er zu einer Person Neigung zeigte, die sich aus Bewußtseyn ihres ungli'ickli- chen Zustandes und aus Gefühl der verletzten Dankbarkeit verbunden findet, solche von sich zu verscheuchen, und dem Argwohn einer absichtlichen Verführung oder Verleitung auszuweichen. Dieß waren Amaliens Beweggründe, die sie wider ihr eigenes Gefühl so handeln machten. In wie weit sie abcr damit ihr Ziel erreicht hatte, wird die Folge beweisen. Achtes Kap'tel. Die Anträge werden wiedrrhohlt. Der Vater hört beyden unwissend nnd unbemerkt, den Sohn mit ihr von der Heirath sprechen. Der Argwohn bemeistert sich des Allen, daß sie dieselbe in Rücksicht ihrer Umstände eingeben möchte. Er beschloß>hr Unglück durch die Entfernung aus seinem Hanse. Ä^an war kaum wieder in die Stadt zurück gekommen, und Amalie dem Schooß 7» der Familie, aus dem sie fast ein halbes Jahr durch ihre Krankheit ausgeschlossen gelebt hatte, einverleibt, als Freude und Vergnügen mit ihr dabin zurück kehrte. Eines lebte in dem andern wieder auf, und erfreute sich des Zufalls, der sie glücklich und gesund einander zugeführt hatte. Die Krankheit hatte Amaliens Schönheit nichts benommen; vielmehr, hatte sie derselben Reihe entwickelt und in ein helleres Licht gesetzt. Diese Vervollkommnung zündete das Feuer in Erriestcns Herzen, das die Zeit seiner Abwesenheit immer fort unter der Asche glimmte, von neuem an, und brach nun in neue Flammen aus. Amalie, sosehr sie jede Gelegenheit vermied, mit ihm zusammen zu kommen, und so sehr sie sich bestrebte,.seine Gefälligkeiten von sich abzulehnen, so konnte sie, ohne den Wohlstand nicht zu beleidigen, doch nicht verhindern, daß er ihr nicht zuweilen, wenn er sie irgend wo allein antraf, von seiner Leidenschaft, von ihrer reihenden Gestalt, und von dem Glücke vorschwatzte, das o(>!0«)o 73 er genoß, sie zu sehen, und ihre Vollkommenheiten bewundern zu können. Sie müßte kein Mädchen gewesen seyn, wen» sie nicht verstanden hätte, und welche versieht nicht, was dergleichen Lobsprüche ,u bedeuten hätten,»no wohin sie zielten. Mein Amalie, so schwer es ihr ankam, mußte oder wollte sich verstellen, als ob sie nicht merkte, was er dabey für Absicht halte, und hoffte, ihm dadurch den Muth zu benehmen, sich deutlicher gegen sie zu er- klären. Doch, so sehr Ernesten diese Verstellung kränkte, daß sie dasjenige so wenig achtele, und mit Gleichgültigkeit anhörte, wovon er doch wußte, daß sie es verstanden hatte, so entschloß er. sich in solchen Ausdrücke» gegen sie zu erklären, daß es ihr nicht möglich bleiben sollte, ihre Verstellung länger beyzubehalten, und ihn dadurch zu quälen. Ob er gleich ihre Tugend verehrte, so fürchtete er sich doch zu sehr vor dem Zorn feines Vaters, als daß er hakte daran den« 74 c,(XX>:<)<, ken sollen, Amalien eine geheime Heirath vorzuschlagen, oder, wenn sie wirklich ein-^ gewilligct hätte, sie auf diese Art zu heira- rhen. Ihre Schönheit hakte ihn aber zu sehr bezauberl, als daß er die Hoffnung, sie als eine geheime Liebste zu besitzen, hakte aufgeben können. Dieser Gedanke diente ihm zum Steckenpferd, auf dem seine verliebte Fantasie so lange ritt, bis er Gelegenheit fand, ihn dem Gegenstand zu entdecken, der die Ursache seiner Entstehung war. Amalie nahm diese Liebeserklärung anfänglich mit Gelächter und Leichtsinn auf; als sie aber merkte, daß eine Schlange dahinter stak, und er Absicht hakte, sie Hinterlistiger Weise um ihre Unschuld zu bringen, so brach sie in Thränen aus, und ge- rieth in solche Beängstigung, daß sie kein Wort vorbringen konnte, sondern gefühllos zur Erde sank. So bald er sah, wie sehr das tugendhafte Mädchen über seinen unerlaubten und sträf, I licheu Antrag gerührt war; ward er von osXXXl» 75 Schmerz und Reue durchdrungen; seine Zärtlichkeit konnte den Anblick ihrer Be, kümmerniß nicht ertrugen, und ihre Tugend vermehrte seine Hochachtung in eben dem Grade, als ihre Schönheit in ihm Liebe angestammt hatte. Er schloß sie in seine Arme, und both ihr um die angethane Beschimpfung wieder gut zu machen, die Ehe an. Allein, so wenig ihre Keuschheit ihr verstattete, seine geheime Liebste zu seyn, so wenig verstattete ihr die Dankbarkeit, die sie seiner Familie schuldig war, seine Gemahlin» zu werden, und die Absichten seines Vaters zu zerstören, die er etwa in Rücksicht seiner gefaßt hätte. War AmalicnS Elend vor dem groß, so hatte es nun alle Grenzen überstiegen; ein endloser Schmerz ergriff ihr Herz, und marternde Vorwürfe, daß sie vielleicht, wenn dieser Vorfall ruchlbar werden möchte, die Quelle des Unglücks unter einer Familie seyn würde, der sie unzählige Wohlthaten zu verdanken hätte, folterten sie von diesem Augenblicke an. Schande, Elend und die gräßlichsten Bilder schwebten in ihrer ^eele, und drohten ihr Verderben statt der Glückseligkeit, die sie bisher genossen hatte. So bald ste sich von der Betäubung, in die ste der verhaßte Antrag verfehle, erhohlt, und ihre Sinne wieder beruhigt hatte, bath ste Ernestcn, der doch bey alle seiner Unbesonnenheit der Sohn ihres Wohlthäters »rar, dem sie auf gewisse Art, wo nicht Hochachtung, doch Erkenntlichkeit schuldig war, daß er doch nie wieder in sie dringen wöchre, die Verbindlichkeiten, die sie sich selbst, so wie ihrem Wohlthäter, feinen Va- ter, schuldig wäre, zu verletzen. „Würde nicht, sagte sie, unter Vergie- ßung häufiger Thränen, würde nicht die Gegenwart einer Elenden, die sie von Unschuld und Frieden zu einem so großen, unverantwortlichen Verbrechen, und zur mar- tcrndcn Gewissensangst verführt halten, ein ewiger, stets quälender Vorwurffür sie seyn? und würden sie nicht immer fürchten, von einer Gattinn betrogen zu werden, deren Treue man sich durch keine Wohlrhakeli vcr- sichern konnte, wie der Füll mit mir eintreffen würde; welche alle Bande, die sonst edle und gute Seelen fesseln, zerreissen, und durch die schwärzeste Undankbarkeit auf einmahl den Gipfel des Verbrechens erreicht hatte, den andere nur durch unmerkliche Stufen ersteigen? O, bester Ernest! Sohn eines tugendhaften und wohlthätigen Vaters! bedenken sie, in welchen Abgrund des Verderbens sie mich, eine Unglückliche, stürzen, wie verächtlich sie mich vor ihrem Vater, vor ihrer Schwester, vor ihnen selbst, und vor der ganzen Welt machen würden. Ich hätte mehr Redlichkeit, mehr Tugend unter einer Bildung gesucht, die mit so schönen Eigenschaften zu glänzen schien, ais ich wirklich zu meinem unvergeßlichen Entsetzen, und zu meiner Betrübniß erfahre. Ich bitte sie, um alles, was der wohlthätigen Freundschaft, waS der Tugend, und selbst um daS, was ihrem Edelmuih, der Zierde ihrer werthen Familie, heilig ist, verschonen sie mich mit neuen, audenvartigen Vortragen die- 78 o(XXX)o ser Art, und machen sie mich nicht unglücklicher, als ich nicht ohnehin bin!"— Ernesi stand, wahrend Amalie vom Schmerz durchdrungen ihm in die Seele re- dete, beschämt und tiefsinnig vor ihr; Allein die Einwürfe, die sie ihm wegen seinem Betragen machte, obwohl er sie weder widerlegen, noch ihnen ausweichen konnte, waren doch nicht im Stande, ihn zur Vernunft zurück zu bringen, noch seinen Eigensinn zu überwinden: er liebte mit mehr Delicakessc, aber auch mit größerer Hitze; und so, wie er nicht alle Mahl seine Einwendungen und Überredungen zurückhalten konnte; so war auch Amalie nicht alle Mahl im Stande, sie so nachdrücklich zu beantworten, daß er eS für überflüssig gehalten hätte, sie zu wieder- hohlen. Die Lage war für die gute Amalie nicht nur traurig, sondern auch bedenklich. Sie war Ernsten von ganzer Seele geneigt, nur feine Liebe, auf der er eigensinnig beharrte, konnte und wollte sie nicht billige». Sie hatte zu viel Ehrfurcht für den Vater, als Saß o(XX-!<)o 79 sie die Raserey des Sohns gewähren sollte. Sie sah vor, daß, wenn der Vatcb nur einen Wind eines heimlichen Einvcrständ- nisseS argwöhnen sollte, sie, vbschon unschuldig, das Opfer seyn müßte, dascr der väterlichen Beleidigung bringen würde. Unglücklicher Weise begegneten sie einander des Morgens nach dem Frühstück. Ernst nahm Amalieus Hand in die seinige, nnl» redete ihr voll Ernsthaftigkeit zu, ob sie seinen Wünschen nicht entsprechen würde; un- terdeß sie ihn mit schüchterner Gefälligkeit und ängstlichem Herzen anblickte, und ihm mit einer Aufmerksamkeit zuhörte, die sie ihm nur aus dem Grunde gönnte, weil er der Sohn ihres Wohlthäters war, wegen welchen sie ihn schätzte; kcineswegcs aber Wohlgefallen daran hatte. Sein Vater kam in diesem zärtlichen Augenblick, da ihre Aufmerksamkeit zu sehr eins mit dem andern beschäftigt war, als daß sie etwas anders hätten bemerken sollen, ihnen nahe genug, um zu hören, daß sein Sohn, sein künftiger Erbe, ihr Hei 8» vs^^c» rakhsvorschläge gemacht hatte, und zog sich beyden unbemerkt in größter Bestürzung über das Gehörte wiederum zurück. Er konnte sich nicht überreden, daß dergleichen Vorschlage von einem Mädchen, i» Amaüens Umstanden, könnten verworfen »der ausgeschlage» werden; besonders wo der Erblass r am hohen Alter und dem Tode sehr nahe war, wie er; denn er bildete sich ein: jedes Frauenzimmer halte ihre Tugend für unverletzt, so lange nur ihre Person nicht geschändet sey. Hiernach richtete er, ganz von diesen Gedanken eingenommen, da daS Alter ohnehin dem Eigensinn sehr ergeben ist, seine Maßregeln ein. Unglücklicher Augenblick! wie theuer kommst du der Unschuld zu stehen, wie schrecklich sind deine Folgen!— 8l Nantes Kapitel. Der Va'er kündigt ihr unschuldiger Weis- mit aller Bitterkeit das Ende seiner Wohlthaten und die Verlassung seines Hauses an. Ama- liens Entsetze» darüber, die Noth nähert sich ihr von allen Seiten, und die Zukunft ihres Elendes setzt sie iu Verzweiflung. N?it jeder aufgehenden Sonne schickte die unruhige Amalie ihre S.ufzer zu der wohlthätigen Gottheit, und bath sie um ihren Schutz und Beystand wider altes, was ih, rcr Unschuld nachtheilig seyn konnte. Sie fürchtete sich wirklich mit jedem Morgen den lästigen Ernst anzutreffen, und aus Ehrfurcht für den Vater desselben Liebesbethcurungen anhören zu müssen; sie brachte daher ihre meiste Zeit bey ihrer Freundinn zu, wo sie wußte, daß er sich einhalten mußte, und sie verschont blieb. Indeß nahete die Zeit heran, da der Herr gewohnt war, sich mit der Famckie auf das Land zu begeben. Er befahl also, F 82 o(XXX)o daß mau alles zur Reise fertig machen, und daß die Kutsche den folgenden Morgen um sechs Uhr vor der Treppe seyn sollte; zugleich schickte er einen Bedienten zn Pferd« voraus, ihre Ankunft zu melden. Die jungen Leute wunderten sich zwar ein wenig über den plötzlichen Befehl zur Abreise: allein so gutherzig auch der Herr sonst war, so ließ er doch nicht gern seinen Befehlen widersprechen; und als sie daher bemerkten, daß ihm etwas Verdruß gemacht haben müsse, so unterstanden sie sich nicht, nach der Ursache zu fragen, und die wahre erriethen sie nicht. Amalie packte ihre Sachen, wie gewöhnlich, zusammen, und hielt sie in Bereitschaft. Den Morgen aber, nachdem der junge Herr und seine Schwester auf Befehl ihres Vaters in die Kutsche gestiegen waren, rief er Amalien in sei» Zimmer, wo er in wenig Worten, aber mit vieler Bitterkeit, ihr vorwarf:„daß sie darauf umginge, seinen Sohn ohne seine Einwilligung zu hei- rathen; eine Undankbarkeit, die ihm daS o(xxx)o rs Recht gebe, ihr seine bisher erwiesenen Wohlthaten vorzurücken, denen er durch ein Bankozeliel von fünf hundert Gulden, das er ihr in die Hand steckte, hiermit ein Ende mache; er erwarte übrigens, fügte er hinzu, daß sie innerhalb einer Woche sein Haus verlassen würde."— Auf diese harte Beschuldigung war Ama- lie nicht im Stande zu antworten. Sie verlor alle Besiiinungskraft, und war einer Statue ähnlicher als einem lebenden Geschöpfe; er wartete aber auch nicht langer, daß sie es hätte thun können, sondern stieg eilends in die Kutsche, die also bald abfuhr. So war also Amalie zum dritten Mahl durch eine so plötzliche und unerwartete Ver- stoßung der Dürftigkeit und dem Elende ausgesetzt. Ihr Unglück war jetzt dclio größer, da Überfluß und Bequemlichkeit ihr zur Gewohnheit geworden, und ihre jetzigen Umstände, wenn gleich nicht so hülflos, doch weil größeren Gefahren ausgesetzt waren, als bey dem Tode ihreS DukelS; denn nur 34 o(XXX)o wenige, die gewohnt gewesen sind, auf sanften Flauinen zu schlafen, und zu im- nrer neuen Gesetzlichkeiten zu erwachen, können den Lockungen des Lasters wider» stehen, das allein ihnen noch Bequemlichkeit und Überfluß anbiethet; wenn sie auf der andern Seite nichts als einen Strohsack und ein armseliges Dachstübchen, knappe Bissen, grobe Kleider und unaufhörlich harte Arbeit zu hoffen haben. Das unschuldige, und mehr als unglückliche Mädchen wußte vor Betäubung nicht, wie sie sich bey der ganzen, ihr zur Last gelegten, Geschichte benehmen,„och was sie an der Stelle anfangen sollte; sobald sie sich aber von dem Erstaunen, worein eine so schreckliche Glücks Veränderung sie versetzte, und die Thränen, die ihr das schimpfliche Zumuthen ausgepreßt hatte, zu fließen aufhörten, sich etwas erhohlt hatte, faßte sie den Entschluß, das Geschenk von einem Mann, der sie seiner fernere» Wohlthaten unwürdig fand, und das sie der Schmerz bisher nicht einmahl anzusehen gc- «>(X^X)o 8,5 stattete, nicht anzunehmen. Eben so wenig wollte sie sich gegen ihn rechtfertigen, weil doch immer ihre Glaubwürdigkeit nur verdächtig scheinen, und es das Ansehen haben mußte, als thäte sie es bloß in der Hoff, nung, in einem Stand glänzender Abhängigkeit wieder eingesetzt zu werden, aus welchem Eifersucht oder Eigensinn sie immer einmahl wieder, ohne Grund und ohne vorhergehender Warnung mit der größten Un- dilligkeit verjagen könnten. Sie hqtte in der That nicht die mindeste Hoffnung, daß sie jemahls im Stande seyn würde, sich auf gleichem Fuß gegen ihre» Ankläger, der zugleich Richter wäre, rechtfertigen zu können; noch weniger wußte sie, wovon sie in der Zukunft leben sollte, wenn sie das Bankozctlel zurück gegeben und das Haus verlassen hätte. Sie besaß freylich noch einige Gulden ihres ersparten monath. lichen Taschengeldes, und einige saubere Kleider, die sieden Wohlthaten ihres über sie ungerechter Weise erzürnte» Freundes zu verdanken hatte; aber wie weit konnte sie z6 o(XXX)o mit den ersteren auslangen, da es ganz unbedeutend war, und was würde sie von dem Verkauf der letzten, zu hoffen habe», wenn man erführe, daß sie dieselben aus Noth gedrungen hintan zu geben sich bemüßigek sehe, in welchem Falle der Werth einer Sache von sich selbst schon um die Hälfte verliere. Alle diese Unannehmlichkeiten stellten sich ihr in wahrer Gestalt vor die Augen; allein ihre Seele war zu edel, sich durch diese Bcdenklichkeiten aufhalten oder abschrecken zu lasse». Sie versiegelte also bald da- Bankozettel in ein leeres Cvuverl; addres- sirte es an ihren ehemahligen Wohlthäter nach den Landgut; rief die Beschließerinn herauf, welche zu Besorgung deS Hauses zurück gelassen war, und schickte sie augenblicklich damit nach der Post. Nun brachen die Thränen aus, die ihre heftige Gemüthsbewegungen bisher zurück gehalten halten; und als die Beschließerinn zurück kam, erzählte sie ihr alles, was sich zwischen dem Herrn und ihr zuge- v(KXX)o 87 kragen hatte, und bath sie um Rath, waS sie in dieser grausamen Verlegenheit machen, und zu waS sie sich. da man sie auf keine» Fall vorbereitet hatte, um ihren Le- bensunterhalt zu gewinnen,, bequemen sollte. Das Mädchen, eines der besten und Mitleidigsten Geschöpfe, die der Menschheit soviel Ehre machen, erzählte ihr, nachdem die ersten Bewegungen der Verwunderung und des schmerzlichen Bedauerns vorüber waren, daß sie schon vor einiger Zeit von einer Frau angesprochen worden, ihr eine Person anzuempfehlen, welche ihre zwey Töchter in denjenigen Arbeiten gegen eine billige Belohnsng nebst Kost und Wohnung unter ihren Augen zu unterrichten belieben möchte, von welchen sie wüßte, daß sie eine Meisterinn wäre; dieser, fuhr das Mädchen fort, würde sie sehr willkommen seyn, weil sie die beyden Töchter zugleich in den Sprachen, so wie in der Musik, von welchen selbe schon einige Kenntniß hätten, zur Vollkommenheit bringen könnte. Sollte eS ihnen aber an diesem Orte, liebste Frau» 28 o(>'XX)o lein Amalie! nicht gefallen obwohl ich es nicht hoffen will, so habe ich eine Schwester, die in eincni anständigen Hause wohnt, und Franc,izimmerarbeit macht, dieser will ich ste nachgehends zuführen, den» sie hat oftmahls mehr zuthun, als sie allein zu bestreiken im Stande ist; hier könnten sie so lange bleiben, bis sich vielleicht etwas Besseres für sie fände., Ama-ie hörte aus diese beyden Vorschlage, als auf eine Stimme des Himmels; ihr Herz ward auf einmahl beruhigt und von der quälendsten Verlegenheit befrepct, von der Furcht, ohne Geld oder Arbeit, und anbey noch anderen Beschimpfungen ausgesetzt bedrohet, herum wandern zu müssen. Sie beschloß also den erster» der Vorschläge anzunehmen, und war schon ängstlich, daß ihr jemand zuvor kommen und sie darum bringen möchte. Sie ging daher angeiihliMch mit der Beschließerinn zur gedachten Frau, mit der sie bald einig ward; und Amalie zog mit ihrem Habe bey selber ein. 8y Z Hutes Kapitel. Amalie verliert durch eine Feuersbrnnst alle«, w?s sie hatte, rettet ibr Lehen knmmeel.ch, vnd wird zum Überfluß ihres Elend.s a, d-y sehr beschädigt. Armuth und die äußerste D>u f- uske I üd-efäll- sie. Sie wird von einer ar. wen Witwe aus Barmherzigkeit aufzene»,- wer uud gepfi-get. L'tz.ePrüfung des Schick- sass. Eine wunder barleche u> d glvcklrcbe^«t- deckunq scheint ihr Unglück zu mildern. Sie macht Gebrauch davon. Raum glaubte Amalie dem Schicksal der Noth und des Kummers durch diesen erlang, ten Unterstand entgangen zu seyn, so prüfte sie die Vorsehung durch neue Leiden; denn in einer Nacht, nachdem sie nicht gar vier Wochen in diesem stillen und ruhigen Zufluchtsort zugebracht, ward ihr und ihrer Frauen mühsam erworbenes Gut durch die Unachtsamkeit des Gesindes in dem an ihrer Wohnung anstoßendem Hause ein Raub des Feuers, aus dem sie nichts als ihr Leben retten konnten.. Sie halle noch anbey das Unglück, das ohnehin sich über so osx^x)o ihr Haupt zusammen gezogen hatte, daß sie in der Eile, von Furcht und Schrecken ver- folgt, über einen brennenden Baum, der vom Dachstuhl des verzehrten Hauses herab gefallen war, dahin stürzte, und im Fall nicht nur bepde Hände sehr beschädigte, svn- dern sich auch am Leibe verschiedene Brandmahle zuzog. Hier fing nun die wahre Epoche ihres Elendes an. Von allen verlassen; nichts z» ihrer Bedeckung für die rauhe Kälte der Jahrszeit; keinen Unterstand; nichts wodurch sie sich nur den Unterhalt eines Tages verschaffen konnte; krank, elend und ver- bräunt, mußte sie sich auf die Barmherzigkeit ihrer Mitmenschen verlassen. Durch diese äußerste Noth eines so un- schuldigen, eingezogenen und tugendhaften Mädchens gerührt, both ihr, die keine bckann. tc(Lcele hatte, eine arme Witwe ihre Wohnung an. Diese arme, aber wohlthätige Frau pflegte ihrer in den Wehetagen; nahm sich ihrer wie eine Mutter ihres Kindes an, bis stc geheilt war; und dann die r,(XKX)o 9» Arbeit ihrer Hände und das Mitleid Rei- s cherer, die ihre Gelassenheit und Fügung in die Ratschlüsse der Vorsehung nach und nach in etwas bewog, nährte sie. Nur mit den einfachsten Kleidungsstü- cken, die ihr das Mitleid zur Bedeckung ihrer Blöße geschenkt hatte, versehen, woll. le sie ihrer barmherzigen Bewinherinn, die selbst nichts zum Besten halte, langer nicht zur Last seyn. Sie erinnerte sich des zwey» ten Vorschlages der Beschließerinn, ihrer vorigen Freundinn; sie ihrer Schwester zu empfehlen. In dieser Hoffnung verließ sie ihren Zufluchtsort, mit dem Versprechen: so bald ihr der Himmel glücklichere Tage verleihen würde, die genossenen Wohlthaten doppelt zu ersetzen, und sich derselben mit Dank und Empfindung, so lang sie le- ben würde, zu erinnern. Mit Thränen verließ sie dieselbe, die so viele Barmherzigkeit an ihr ausgeübet harke; und noch im Hinwege zur Beschließe- rinn rief fit osXXX)c> sie nie gekannt,«in Anrecht auf ein sehr ansehnliches Vermögen erlangt halte; daß sie aber nicht wüßte, was für Beweise zur Unterstützung ihrer Ansprüche nothwendig wären, noch wie sie sich in Rücksicht derselbe» zu verhalten, und wie sie diese Beweise vorbringen, auch wem sie die Führung einer Streitsache, wo die Gegenpartcp Vermögen und Ansehen wider sie, die arm und unbedeutend wäre, gebrauchen würde, anver, trauen sollte. Der alte, rechtschaffene Greis empfing sie mit derjenigen ungezwungenen Höflichkeit, die seinem Stande beynahe allein nur eigen ist, und mit derjenigen Wärme des Wohlwollens und der Auftichtigkeit, die man in jedem andern Staude so seilen antrifft. Er wünschte ihr in der Fülle seines Herzens zu einem so glücklichen und unerwarteten Vorfall Glück; und ohne dem Pompe einer prahlerischen Freygebigkeit, ohne ihr ein ausdrückliches Geständniß ihrer Dnrf. tigkcit, die er ihr ohnehin ansehen mochte, o(XX.^)o-9 ! auszupressen, gab er ihr einen Brief an seinen RcchtSfreund. der sei» naher Anverwandter, und ein Mann des unbescholtensten Charakters, voll Redlichkeit und Menschenliebe war, auf den sie sich, sagte er; sicher verlassen könnte, und nichts weiter zu thun nöthig halte, als ihm ihre Geschichte zu erzählen. „Und zweifeln sie nicht, meine Liebe! sehte er hinzu, an einem guten Ausgange, denn ich bin bereit, so bald es gefordert wird, alles, was ich von der Sache weiß, z» bezeugen, und die Frau, die bey ihrer Geburt zugegen gewesen, die sie statt ihrer verstorbenen Mutter gesaugek, und dann hierher gebracht hat, lebt noch, und kann ihnen bey dieser Gelegenheit die ansehnlichsten Dienste leisten."— Amalie über diese trostreichen Worte gerührt, brach in Thränen aus; erwiederte aber: daß sie dennoch, so hoffnungsvoll als dieses wäre, das Ansehen und die heim- lichen Ranke ihrer überwiegenden Gegen» G 2 jvo o(X^)c» parke» furchte.„Nichts fürchten sie! sprach er, und»ahm sie bey der Hand,»ud eine liebreiche Thräne funkelte in dem Auge des wohlthätigen Greises, seyn sie nicht klein- wüthig! genug ist es, daß ich noch lebe, der ihren Vater und Mutter gekannt habe; ich allein, wenn man so verwegen seyn sollte, ihre Ansprüche streitig zu machen, will Mit meiner Person, mit meiner Redlichkeit sie vertheidigen, will ihre Rechte behaupten."— Amakie ging mit einem Herzen von .Dankbarkeit erfüllt und von den besten Hoffnungen belebt, von ihm, und an der Stelle zu dem Rcchlsfrennd, für den des Haupt- niauns Brief die stärkste Empfehlung war. Dieser, bey dem Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und alle übrige vereßrungswürdige Eigenschaften auf der Stirne zu lesen waren, die einem Sachwalter Her; und Zutrauen des Clienten bey dem ersten Anblick gewinne», hörte sie mit aller erforderlichen Aufmerksamkeit an, und nachdem sie alles, was sie iv! osXXX)« wußte, vorgetragen hatte, überreichte sie ihm die Documcnten, die den stärksten Beweis ihrer Ansprüche für sich hatten. Gehen sie in Gottes Nahmen! sagte er; meine Beste! und verlassen sich gänzlich au; mich- Ihre Sache wird von nun an die meinige seyn, sie dürfen sich darüber wei- ters nicht sorgen, ihre Ansprüche sind gerecht, und ich hoffe, wir werden glücklich seyn. Brauche ich sie, so will ich sie rufen lassen. bis dahin seyn sie unbekümmert!"— Amalie verließ ihren Rechtsfreund mit erquicktem Herzen, aber Tiefsinn u-d nagender Kummer, den ihre verweinten Augen verriethen, war ihrem Antlitz aufgeprägt. Noch hatte sie nicht fünfzig Schritte auf der Straße fortgesetzt, als ihr cinc sihr zierlich gekleidete Frauensperson, die sie mit scharfem Auge betrachtete, entgegen kam. Verzeihen sie mir, sprach die Unbekannte, und blieb stehen, nennen sie sich nicht Amalie von N.?— Ja! erwiederte diese; ich führe eben den i>02 Nahmen, um den sie sich zu erkundigen be- liebt haben! Die Unbekannte erfreute sich des Unge fahrs, das ihr nach der Beschreibung, die man ihr von Amaliens Person gemacht halle, so unocrhost die Gelegenheit verschaffte, sie näher kennen zu lernen, und entdeckte ihr, daß sie diejenige sey, die die Einrü- ckung des Artikels in die Zeitung veranlaßt h Ute, wodurch ihr Vater von der Erbschaft benachrichtiget wurde, die nun, da er nicht mehr wäre, die ihrige werden müßte. Kommen sie, meine Freundickn, sagte sie, und gönnen mir die Ehre i» meiner Wohnung, wo wir mehre Muße haben, unS über ein und anderes zu bereden, vielleicht finde ich unter den Schriftewdes Seligen noch etwas, das ihren Ansprüchen günstig ist. Amalie folgte ihr mit Vergnügen. Ihre Gesichtsbildung hatte so viel Angenehmes, daß man ihr vvm ersten Augenblick an gewogen seyn mußte.— Glückliche Fügung! sagte sie, als wir in ihrer Wohnung ange- o(XXX)o>vZ langt waren, die mich in das Haus ihres väterlichen Onkels geführt hak! dieß war ein Fall, den die Vorsehung zu ihren einstweiligen Glücke veranlaßte. Sehen ste, meine Freundin»! wie wunderbarlich dieß geschehen mußte. Der Selige stand mit einem reiche» und schöne» Fräulein in Verbindung, da sei» Vater starb! und er in seine Rechte trat. Ich hakte eben in meiner Jugend das Glück zur Feindinn, wie sie, und mußte, altern- los und von aller Welk verlassen, suche», meinen Unterhalt zu siuden, und kam in meinem achtzehnten Jahre zu den Ältern des Fräuleins in die Dienste. Hier lernte ich ihren Onkel kennen. Der Tod, der das gute Kind kurze Zeit vor ihrer Vermählung dahin raffte, machte, daß ich dienstlos wurde. Ein Ungefähr führte mich ihrem Onkel unter die Augen. Er fragte mich bey dieser Gelegenheit, ob ich schon andere Aussichten hätte? ich sagte, nein! wohl, erwiederte er, ich bedarf einer Person, die sich um mein r»4 o(XX^)c> Haus besorgt lindem ich mit meinen Schwestern in Uneinigkeiten gerathen, und ailen weiteren Verbindungen auf immer zu entsagen entschlossen bin. Wollen sie sich diesem Geschäfte unterziehen, so werden wir bald einig seyn. Ohne mich viel zu besinnen, sagte ich, ja! kam in das Haus; machte mir aber die Schwestern von diesem Augenblick an zu unversöhnlichen Feindinnen, die mir diezwan- zig Jahre, so ich darin zubrachte, in eine wahre Höllenpcin umschulen. Es gibt gar keine Erfindung von Beschimpfung, die sie mir nicht angethan, noch ein Laster, dessen sie mich nicht schuldig ausgeschrien halten; ich litt aber alles auf Veranlassung meines Herrn mit beyspielloser Geduld, und dachte, daß sich mir vielleicht eine Gelegenheit darbiethen würde, wo ich mich für das erlittene Ungemach rächen könnte. Diese traf auch wirklich ein. Nach etwa zehn Jahren meines Daseyns fing ihr Onkel an zu kränkeln. Bey diesen Umstanden, da er nichts von seinen Schwestern hören noch wissen wollte, sprach er öfter von Karin, seinen jünger» Bruder, und bescuszte vielinahl, daß er gar nichts von sich hören ließe. Er erzählte mir, daß derselbe heimlich seinem Vater davon gelaufen, und wie man gemurhmaßt hatte, Soldat geworden sey. Selbst seinen Schwestern gehässig gab ich ihm den Rath, zu Gunsten dessen, oder, seiner allfälligen Erben, wenn es darauf ankommen sollte, eine vorläufige letzteW-l- lcusverordnung zu verfassen; vielleicht, sagte ich; findet er sich dereinstens, oder wenigstens seine Nachkömmlinge wieder, denen ich das rückgelaffene Erde tausend Mahl lieber gönnen wollte, als denen rachgieri- gen Schwestern. Ganz von meinen Vorstellungen aufgemuntert,»och mehr aber von der Liebe seines unglück.iche» Bruders hingerissen, ließ er eine» Morgens, da ihm schon alle Hoff- nuug eines längeren Lebens abge,proche,n Amatie. H io6 war, seinen Sachwalter, rbcn jenen, bey welchen sie sich der Nachricht wegen, so sie in Rücksicht ihres Vaters in der Zeitung gelesen, und erkundigt haben, rufen, und verordnete an der Stelle seinen letzten Willen zu Gunsten seines Bruders oder dessen allfälligen Erben. Bey diesen Worten stand sie auf, öffnete einen Schreibkasten und händigte mir das Testament meines O.!eis mit diesen Wor« ten ein: Hier, beste Freundinn! übergebe ich ihnen das Eigenthum ihres Vaters, und da dieser nicht mehr im Leben, also daS ih- rige! machen sie Gebrauch davon, es gehört ihnen vor Gott und der Welt. Ich! schätze mich glücklich, das Werkzeug zu sey», ihren kummervollen Tagen ein Ende, und den beglückteren einen wonnevollen An- i fang zu machen. Der Himmel segne sie da- durch, und lasse ihnen Gerechtigkeit widerfahren; schenken sie mir in Zukunft ihre! Freundschaft, auf die ich stolz seyn werde, damit wir uns in den heileren Tage» der H r ost^XÄOo 107 vergangenen traurigen mit einander erinnern, und der Vorsehung danken können, die es mit uns beyden, einer der andern zum Nutzen, so anzuordnen für gut befunden hat.— Amalie von Dank und Hochachtung durchdrungen fiel ihr um die Hand, die sie ihr aber entzog, und sich dafür auf die Lippen küßten, mit der Versicherung eines ewigen Freundschaflbündnisses. Sie ging auch an der Stelle mit diesem vielbedeutenden Docu- mente zu ihrem Sachwalter zurück, und händigte ihm solches ein. Er verfolgte ihre Ansprüche mit, so viel Gefchicklichkeit und Fleiß, daß sie in wenig Monathen in den Besitz ihres rechtmäßigen väterlichen Erb- theilS eingesetzt ward. i»8 Zwölftes Kapitel. Amaliens Rechtfertigung gegen ihren porigen Wohlthäter über die ihr znaemuthete heim- ltcke Ve beirathnng mit dessen Sohn. Leu- der Versöhnung. Auftritte huben. Er a>bt seinem Sohn Slmaliene Hand, und kucht nun hss selbst z» bewirken, wus er mit to gi oßem Eifer vorhin zu verhindern beflissen wur. Beyder Glückseligkeit. Ämaliens erste Sorge nach so beglückten Zufällen war, den Hauptmann, ihren nun. mehr zwevmahligen Erretter, zu besuchen, dem sie nicht nur vormahls ihr Leben, sondern auch jetzt ihr Vermögen zu verdanken hatte. Er nahm ihre Danksagung mit einem Vergnügen an, das nur die genießen kön- neu, die es verdienen; und drang darauf, daß sie so große Summen, als es ihr be, lieben, oder sie bedürsen wurde, auf ihn ziehen möchte, bis ihre Rcnlen fällig waren. In eben dieser dankbaren Gesinnung o(>«>6)o>oy ging sie auch zu ihrer neuen, und wohlthätig für sie gesinnt gewesenen Freundinn, und entdeckte ihr die glückliche Vollendung ihrer Streitsache. Gegenseitige Versicherung des Dankes und der Freundschaft war das Band, das beyde auf allezeit vereinigte. Amalie bezog hierauf eine sehr hübsch eingerichtete Wohnung; lchaffte sich, ihrem Stande und dem Glücke gemäß, eine Bedienung an, die ihr Ansehen gab, und entschloß sich sogleich ihre Aufführung gegen ihren vorigen Wohlthäter, den Landidel- mann, an dessen Güte sie sich noch immer mit Dank erinnerte, und ihm seine harte Begegnung schon vergeben halte, zu rechtfertigen. In dieser Absicht fuhr sie in einer Kutsche mit vieren bespannt, und in Begleitung zweyer sehr kostspielig gekleideter Livrcbe- dienten nach seinem Landsitze, wo sie durch einige Jahre so glückliche und zufriedene Ta, ge einstens durchlebt halte, und er sich nun mit seiner Familie aufhielt, Die Nacht brachte sie in einer Einkehre H 10 zu, die eine Stunde davon entfernt lag, und als sie den folgenden Morgen frühe auf seinen Wohnsitz zufuhr, sah sie die Bedienten in größter Eilfertigkeit hin und her laufen, und das Fräulein mit ihrem Bruder durch die Fenster spähen, um zu sehen, ob sie die Livree kannten. Amalie bemerkte jeden Umstand, der ihre Wichtigkeit andeutete, mit der größten Freude, und vergnügte sich über die Verlegenheit und Emsigkeit, die ihre Ankunft unter Leuten hervorbrachte, aus deren Gesellschaft sie vor nicht gar langer Zeit mit Verachtung und Unwillen war verjagt worden. Sie vermehrte jetzt ihre Verwunderung, als sie einen Bedienten vorausschickte, dem alten Herrn zu melden, daß ein Frauen, zimmer dringender Geschäfte wegen mit ihm zu sprechen wünschte; ihn aber nicht lange aufhalten würde. Er ließ sie auf das höflichste ersuchen, ihn mit ihren Befehlen zu beehren; eilte in sein schönstes Besuchzimmer, setzte eine weis o(XXX)o irr gepuderte Perücke auf, und erwartete in der besten Verfassung, sie zu empfangen. Amalic fuhr in daS Haus ein, stieg in Geschwindigkeit aus, und erschien in einem sehr niedlichen und dabey sehr reichen Dcs- habille, das zu der prächtigen Kutsche und dem eleganten Aufzuge ihrer nach der neuesten Mode gekleideter Dienerschaft vollkom. men paßte. Sie verbarg im Hineingehen ihr Gesicht, so gut sie konnte, um nicht zu früh erkannt zu werden, und ward sogleich zn ihren alten Freund eingeführt, dem sie sich bald zu seinem großen Erstaunen entdeckte, und ihn, noch ehe er sich aus dieser Betäubung sammeln konnte, also anredete: „Sie sehen hier eine Waise vor sich, der sie durch ihre Wohlthaten unendliche Verbindlichkeiten aufgelegt; aber durch ihren Argwohn eben so viel Unrecht zugefügt haben. Da ich noch von ihrer Freygebigkeit abhing, wollte ich meine Unschuld nicht rechtfertigen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß man mich für falsch hal- o(XXX).r ten würde: aber jetzt, da ich im Besitz mei, ner väterlichen Güter bin, muß ich sie rechtfertige», weil ich den Gedanke» gleich« falls verabscheue, für undankbar gehalten zu werden." „Daß ihr Herr Sohn mich zu einer Heirath zu bereden suchte, isi wahr; aber eben so wahr ist es, daß ich seine Anträge ausschlng, weil ich ihre Hoffnungen nicht vereiteln, und ihre Nachkommenschaft nicht in Armuth bringen wollte."— Die Verwirrung des alten Mannes wurde durch die Verwunderung, worein er von^ allen Seiten gesetzt wurde, vergrößert. Anfänglich brachte er mit seltsamen Geberden und stotternd einige Entschuldigungen wegen seines Argwohns vor; darauf zweifelte er wieder, ob er dem äußern Schein auch trauen sollte, und brach deßwegen auf einmahl ab, und sagte kein Wort; dann machte er sich Vorwürfe deßwegen, und fing an, ihr zu der angenehmen Veränderung ihrer Umstände Glück zu wünschen; brach aber o(XX>i<)o>»A wieder ab, ehe er noch das Corupliment zu Ende gebracht hakte. Amalie, der seine Verlegenheit zu Herzen ging, und sah, wie er sich selbst Vorwürfe über daS rasche Verfahren machte, mit dem er sie behandelt hatte, fing daher an, ihm von der plötzlichen Veränderung ihrer Umstände eine genauere Nachricht zu geben; allein das Fraulein feine Tochter, welche durch ihr Kammermädchen von den Bedienten erfahren hatte, daß das fremde Frauenzimmer Amalie hieß, und daß sie vor kurzem durch den Tod ihres Onkels väterlicher Seile zu großem Vermögen gekommen sey, konnte die Ungeduld ihrer L-ebe und Freude nicht langer zurück halten; Sie stürzte in das Zimmer, und fiel Ama- lien um den Hals mit einem Entzücken, das nur durch die Freundschaft gefühlt, und durch Thränen ausgedrückt werden kann. So bald dieß zärtliche Stillschweigen vorüber war, wurden bald alle Zweifel gehoben; die Versöhnung war von beyden Amalie. 3 l>4 o(XXX)o Seit?« aufrichtig. Der Vater«ahm Ama- lien bey der Haud, führte sie zu seinem Sohn, und entschuldigte sich wegen seines Betragens gegen beyde.„Ich habe, sagte er zu seinem Sohn, mit meiner Beschämung Verzeihung erhallen, dn, der an Amaliens Ungemach einzig und allein Schuld bist, kannst dich mit ihr dessentwegen auch abfinden. Ich wünsche, daß es dir eben so gut gelingen möge, wie mir, dafür kannst du besorgt seyn."— Amalie hatte schon ein Mikkagmahl und Betten für sich in der Einkehre bestellt; man ließ sie aber nicht weg, bey welcher Gelegenheit der Vater seinen begangenen Fehler zu verbessern, und das nun selbst zu bewirken suchte, was er mit so großem Eifer zu verhindern beflissen war. Nach einigen Wochen ward sie die Schwiegertochter ihres alten, wohlthätigen Freun-! des, der seinem Sohn ihre Hand mit vie- r lem Vergnügen gab. Amalie lebte nun mit ihrem Gemahl in! MMM WOWL i'äMWK-".' .-^W SEM ^AD-"''>-'tÄ xMÄb ^ GKr-Lh^^ ^->.'''/>?>! MML. »E^s