Msnei- 8tsöt-8ib!ioili6k. 1^8183 W"! D i e « » Die Kunst, in allen Verhältnissen des Lebens froh und zufrieden zu seyn. Nach den Grundsätzen des berühmten Anton Alfons äs 8nra8a, von Afivor Täuber. Zweyte verbesserte Auflage. TNieu. 1834. Vertag von Franz Tendier. r-- Vorrede. Änton Alfons de Sarasa, aus der Gesellschaft Jesu, wurde im Jahre 1613 i» Nieuport in Flandern geboren. Von seinen Aelrern wissen wir nicht viel mehr, als daß sie aus Spanien abstammten, und aus dem Leben unsers Alfons selbst ist uns nur wenig bekannt.— Als Knabe verlegte er sich auf jene Wissenschaften, worin die Jugend unterrichtet zu werden pflegt, mit solchem Glücke, daß er bald zur Mathematik und Philosophie überging, wodurch sich sein scharfer und durchdringender Verstand, den wir noch heute an ihm bewundern, gebildet hat. Seine Lieblingswissenschaft war aber die Moral. Mit begeistertem Eifer lehrte er das Wort Gottes und die Pflichten, welche es dem Menschen auferlegt, indem er alle Hindernisse beseitigte und die Vorurtheile zerstreute, welche die Wirkung des göttlichen Wortes hemmen und nicht selten aufheben. Sarasa's Leben war von nicht langer. Dauer. Er starb als Seelsorger zu Antwerpen den Z. Zuly 1667, da er kaum das neun und vierzigste Jahr erreicht hatte. In der Mitte seiner ruhmwürdigen Laufbahn aufgehalten, beweinten ihn seine Freunde, trauerten um ihn Alle, die ihn kannten. Seine Schriften erhielten seit ihrem Erscheinen jederzeit das Lob, welches sie verdienen, und unzählige Gelehrte, von denen wir nur einen Philipp Alegambe, ei- V nenLeibnitz und Wolfs anfühlen wollen, haben sich auf das vortheilhasteste über ihn ausgesprochen. Das Anpreisen eines Mannes, dessen Verdienst beynahe durch ein paar Jahrhunderte anerkannt worden ist, wäre daher überflüßig; aus seinem Werke selbst werden wir ihn näher kennen lernen. Während Andere bey einer Menge geringer Bewegungsgründe über den vorliegenden Punkt sich aufhalten, stützt sich Sarasa auf den größten und erhabensten, auf die Weltregierung Gottes, den festesten und dauerhaftesten Grund unserer Ruhe. Gegenwärtiger Bearbeitung diente ein französischer Auszug aus dem weitläufigen Werke Sarasa's: seiuper Kuuäeucil« zur Grundlage; er ist aber mit dem Originale sorgfältig verglichen worden, um meinen deutschen Gefährten auf der Wallfahrt dieses Lebens den Geist eines Werkes zu lie- VI fern, welchem unter allen seiner Art einer der ersten Plätze gebührt, und um den Freunden des Wahren, Nützlichen und Schönen einen Mann in das Andenken zurückzurufen, dem wir Hochachtung und Dank schuldig sind. Inhalt. Erster Theil, welcher Beweise von der göttlichen Vorsehung enthalt. Erste Betrachtung. Seite. Es ist möglich, in dieser Welt einer dauerhaften Freude zu genießen. Diese Kunst besteht hauptsächlich darin, daß man sich in die Begebenheiten dieser Welt schicke, ohne zu verlangen, daß sich dieselben nach unserem Willen richten.. 3 Zweyte Betrachtung. Um in dieser Welt einer dauerhaften Freude zu genießen, muß man sich eine erhabene Idee von Gott und von seiner weisen Vorsehung machen. 20 Dritte Betrachtung. Die Idee von der göttlichen Vorsehung wird desto größer, wenn man betrachtet, daß sie sich auch auf Dinge erstrecket, welche uns von geringem , Werthe zu seyn scheinen....... 32 VIIL Seite Vierte Betrachtung- Gott regiert nicht nur alle Dinge, sondern Er regiert sie auch mit Weisheit. Davon muß man sich überzeugen, um in dieser Welt zur Ruhe des Gemüthes und zum Frieden der Seele zu gelangen Fünfte Betrachtung. Nichts geschieht aus Zufall; sondern Gott regiert die Welt nach seinem Weisheit..... 52 Zweyter Theil, welcher auf einige Zweifel über die göttliche Vorsehung antwortet. Sechste Betrachtung. Gott läßt die Sünde nach seiner Weisheit zu, und mau kann deßhalb seine Vorsehung und Welt- regierung nicht bestcciten. 65 Siebente Betrachtung.» Auch deßhalb kann man die göttliche Vorsehung nicht bestreiken, wenn auch die Bösen glücklich sind, und die Guten im Elend und Betrübniß schmachten Achte Betrachtung. Ente und Döse müssen unter einander wohnen; die Glücksgüter, die Körpers- und Geistes- n Seit« fräste müssen verschieden seyn. Daher dürfen »ins weder unsere eigenen Schwachheiten, noch die Anderer beunruhigen........ 86 Dritter Theil, welcher Mittel enthält, sich durch die Betrachtung der göttlichen Vorsehung in allen Veränderungen dieser Welt zu beruhigen. Neunte Betrachtung. Beantwortung der Frage: Wie müssen wir uns in allgemeinen Unglücksfällen betragen, daß unsere Ruhe nicht gestört werde?....... 98 Zehnte Betrachtung. Um ruhig zu leben, muß man mit seinem Zustande zufrieden seyn, und nicht verlangen, daß es anders sey, als es ist. 109 Eilst« Betrachtung. Um mit seinem gegenwärtigen Zustande zufrieden zu seyn, muß eS der Mensch auch mit dem vergangenen seyn, auf welchen der gegenwärtige gegründet ist- 120 Zwölfte Betrachtung. Um mit seinem Zustande zufrieden zu seyn, muß man sich beruhigen über das Gute und das * X Seite Böse, was daran geknüpft ist, z-B. über Ehre, Macht, Reichthum, Armuth u. st w.... 122 Dreyzehnte Betrachtung. Um mit seinem Zustande zufrieden zu seyn, muß man sich auch beruhigen in denUngemächlichkei- ten dieses Lebens, die uns von außen zustoßen, und die uns täglich begegnen 1^2 Vierzehnte Betrachtung. Um ruhig zu leben, muß man mit allem zufrieden seyn, was an unseren gegenwärtigen Zustand geknüpft ist, und kein Zeichen des Mißvergnügens in Rücksicht der Folgen geben, die damit verbunden sind 151 Fünfzehnte Betrachtung. Um mit unserem Zustande zufrieden zu seyn, dürfen wir uns nicht deßhalb beunruhigen, daß wir sterben müssen, und daß uns die Stunde und die Art des Todes unbekannt sind; sondern wir müssen ruhig darauf gefaßt seyn 169 Sechszehnte Betrachtung. Das Gewissen verursacht in uns die größte Furcht vor dem Tode, und störet die Freude der Menschen in dieser Welt 181 Schluß 1S2 1- Die Kunst, in allen Verhältnissen des Lebens froh und zufrieden zu seyn. Erster Theil, welcher Beweise von der göttlichen Vorsehung enthält. Grste Betrachtung. Es ist möglich, in dieser Welt einer dauerhaften Freude zu genießen. Diese Kunst besteht hauptsächlich darin, daß man sich in die Begebenheiten dieser Welt schicke, ohne zu verlangen, daß sich dieselben nach unserem Willen richten. silier dauerhaften Freude zu genießen, ist der gemeinschaftliche Wunsch aller Sterblichen, und vielleicht die einzige Regung des Herzens, zu der alle gleich gestimmt sind. Mit diesem Wunsche steht der Reiche, wie der Arme, des Morgens auf; mit demselben legt sich der Vornehme, wie der Gemeine, des Abends nieder.— 1 4 Aber obgleich dieses Verlangen allgemein ist/ so glauben doch die Meisten, daß man es in dieser Welt nicht befriedigen könne. Der klagt über das Elend der Zeiten, die sich täglich verschlimmern; Jener über die traurigen Verhältnisse, in welche er gerathen ist; Diesem erpreßt die Noth Thränen des Schmerzens; Jener wandelt, überfüllt von der Betrübniß des Geistes, unstat umher. Klein ist die Zahl derjenigen, die mit allen Begebenheiten dieser Welt zufrieden sind. Das Verlangen nach einer wahren Freude, die durch nichts unterbrochen werde, ist immer von Seufzern begleitet; denn nichts kann den Menschen, der sich eine Sache als ein Gut vorstellet, mehr erschrecken, als wenn er sich zu derselben Zeit vorstellet oder einbildet, daß sein Hoffen vergebens ist, und daß er nie zum Besitz dessen gelangen kann, was er mit heißer Sehnsucht wünschet.— Es ist nicht möglich, erheben sich an allen Orten Stimmen, daß es hier eine dauerhafte Freude gebe.—Das ist jenes allgemeine Vor- urtheil, welches einen Kerker aus dieser Erde macht, in die uns Loch,Gott gestellt hat, um glücklich zu seyn; eine Einbildung, die den Geist des Menschen so lange quält, als er nach unwandelbarer Freude seufzet! Wir wollen also beweisen, und in unseren Lesern die Ueberzeugung hervorzubringen suchen, daß .5 eine dauerhafte Freude in dieser Welt Statt haben kann. Dieß ist der Satz, dessen Behauptung wir aber erst beweisen müssen, ehe wir auf die Mittel denken, durch welche wir zu dieser Zufriedenheit des Geistes gelangen können, denn wozu würde es nützen, von einer unmöglichen Sache zu reden? Der Wunsch nach einer dauerhaften Freude ist so tief in das Herz des Menschen eingeprägt, daß Jedermann, wessen Standes er immer sey, mit Aengstlichkeit darnach trachtet, und alle seine Handlungen nach demselben Ziele richtet. Dieses Verlangen ist an sich nicht nur billig und gerecht, sondern auch von der Schrift gcheiliget. Paulus an die Philipp. IV. 4-„Erfreuet euch immer in dem Herrn, ich sage euch noch ein Mahl, erfreuet euch."— Betrachten wir nun diese Worte als ein Gesetz, so befiehlt uns der Apostel nach einer dauerhaften Freude zu streben, betrachten wir sie als eine Ermunterung, so will er uns dahin bringen, daß wir derselben genießen sollen, kurz, der Apostel will sagen: Begnüget euch nicht mit dem bloßen Verlangen nach einer dauernden Freude, sondern verkostet ihre Süßigkeit, erfreuet euch immer! Der Trieb nach einer dauerhaften Glückseligkeit ist also unaustilgbar in dem Herzen des Men- 6 schen gegründet, und die Weisheit des allmächtigen Gottes kann ihn nicht vergebens dahin gepflanzt haben; ferner, was die Natur in uns spricht, wird durch die Offenbarung geheiliget, woraus sich also diese Folgerungen ziehen lassen. ErsienS: Eine dauerhafte Freude ist in dieser Welt nicht nur möglich, sondern wir können sie auch erlangen. Zweytens: Jene, welche das Gegentheil behaupten, streiten gegen ihre eigene Natur und die heilige Schrift, und sind in einem gefährlichen Irrthume; denn wie thöricht wäre der Arzt, der dem Kranken ein Mittel verschriebe, welches sich in einem andern Planeten befinden soll und nie herbeygeschafft werden kann. Drittens: Wir sündigen gegen uns selbst, wenn wir mit Unmuth klagen, mir Aengstlichkeir seufzen, da wir immer zufrieden leben, immer fröhlich und guten Muthes seyn können. Gesetzt nun, wir können zu dem Genusse einer dauerhaften Freude gelangen, werden wir fragen, welches sind denn die Mittel dazu? Sollen wir es dem Zufalle überlassen, oder müssen wir uns darum bemühen? Die Zahl dersenigen, welche die Ruhe und Unthätigkeit lieben, ist leider sehr groß; daher sind die Herzen der Meisten so albern und verkehrt, daß sie ohne Anstrengung das erlangen wollen, 7 was se für ein Gut halten, und ein gewisses Mißvergnügen zu erkennen geben, wenn sie sich um den besitz einer Sache viel bemühen sollen. Wir werde, also ihre Ohren nicht ergötzen, wenn wir ihnen mit Seneka, dem weisen Heiden, zurufen, da er von der Freude sagt:„Daß man sie nicht durch Zufall erhalte, und daß man sich bemühen müsse, zu ihrem Besitze zu gelangen." Nebstdem st eine kluge Wahl der Mittel nöthig; denn die Unklugheit und Unvorsichtigkeit, mit welcher man dabey gewöhnlich zu Werke geht, ist eine Hauptursche, warum die Meisten nicht zu derFreude geladen, welche sie wünschen. Während sich einige vor dem guten Wege gänzlich entfernen, kommen»ohl Andere zu einer Freude, die aber nicht dauerhaft ist. Sie gerathen bald auf rauhe Pfade urd ungebahnte Fußsteige, irren unentschlossen umher, und beunruhigen ihre Reisegefährten. Es ist äso nicht genug, einen Weg zur Freude zu wällen, sondern man muß ihn mit Klugheit betretet und mit Vorsicht fortsetzen; man muß einen Wtz wählen, welcher mit einem gewissen Vergnügen verbunden ist; man muß sich vor den Umwegen and dornigen Pfaden wohl in Acht nehmen, und allen Unannehmlichkeiten, welche uns aufstoßen könnten, mit Umsicht auszuweichen suchm.— Welcher ist aber dieser Weg? wie 8 können wir ihn finden? welcher Mittel sollen wir uns dabdy bedienend Ehe wir diese Frage beantworten, müssen wir unS zuvor eine gerechte Idee von'er wahren Freude machen, indem die Meinungei der Menschen über diesen Punkt sehr verschie'en sind, aus dem Grunde^ weil die wenigsten de Natur der wahren Freude kennen.— Mau bilde sich nicht ein, daß wir sie in einem angewhmen äußeren Gefühle bestehen lassen, daß wü dieses Wort in einem Sinne nehmen, den ihm die sogenannten Weltleute zu geben pflegen. Wllten wir hier die Idee zu Grunde legen, welche sich die Menschen gewöhnlich machen, dann wirrte aus unseren Bemühungen eine Kette von Widersprüchen entstehen, weil wir uns nach Wen richten müßten. Der größte Theil läßt die Freuds in nichts anderem bestehen, als in einem Zrstande, in dem sich der Körper wohl befindet, ü welchem sich unsere Freude durch Schreyen, Spelen, Lachen, Tanzen, durch sinnliche Vergnüjiingen zu erkennen gibt. Aber„alle, diese Vergnigungen", sagt der weise Seneka,„treffen und erfüllen nicht das Herz, sie sind wankelmüthig rud erschlaffen bald." Eine solche Idee von der Freude wollen wir uns also' nicht machen; denn sie ist nicht dauernd: es ist eine Weltsreude, die aus vergängliche Din- ge gestützt ist, die sich gleichsam auf die Oberfläche des Menschen anseht, aber nie in sein Inneres dringt. Sie ist unbeständig und dauert nur so lange, als die Sinne mit lieblichen Trugbildern umgaukelt und belustiget werden. Die Freude, von welcher wir hier reden, muß dauerhaft seyn und bis in das Innerste des Herzens dringen; sie muß in dem Geiste des Menschen wohnen und denselben über alles erheben. Nach unserer Ansicht besteht die wahre Freude: in jener Ruhe, in jenem wünschens- werthen Zustande der Seele, wo sie nichts erschreckt, wo sie immer ruhig, und über alle Stürme, die gegen sie aufstechen, erhaben ist,«ud wo sie alle Gefahren dieses Lebens überwindet.— Wo ist jener Große, der in den Stürmen der Welt mit heiterem Geiste dasteht? der von dem Staube der Bosheit und des Neides überschüttet, der von den Vipernzungen, welche die Tugend anhauchen, gestochen, der durch die Lobpreisungen der Menschen und die Gunst der Vornehmen emporgehoben, aber plötzlich durch Ungerechtigkeit bis zur Erde niedergedrückt, der bey diesen Mühseligkeiten und Beschwerden, bey diesem Wechsel der Dinge seine ruhige Seele durch eine heitere Miene sprechen laßt?— Das sind 10 die Wunder der wahren Freude/ welche den Menschen zu einer Zufriedenheit geleitet/ die durch nichts erschüttert werden kann. Ehe wir unseren Gegenstand weiter verfolgen/ müssen wir einigen Einwürfen entgegenkomme»/ welche Viele durch den Mißbrauch unserer Erklärung der Freude machen werden. Es gibt/ wie wir schon gehört haben/ Leute/ welche eine dauerhafte Freude auf dieser Erde läugnen, und sich für überzeugt halte»/ daß es unmöglich sey/ sich dieselbe zu verschaffen. Wir haben dieß bereits als ein falsches Vorurtheil erklärt; aber nun erheben jene Menschen ihre Stimmen und wollen uns mit unseren eigenen Waffen schlagen. „Wie?« sagen sie,„die Freude besteht in einer Ruhe? Wohl, wir geben es zu, aber wir behaupten zugleich, daß sie unmöglich dauerhaft seyn kann. Wer sollte in dieser Welt so wenig Erfahrung haben, wessen Augen sollten so verblendet, wessen Geist so schwach seyn, um nicht das Gegentheil einzusehen? Alles ist in Bewegung; das kann Niemand läugrien. Wie oft können also die Unfalls dieses Lebens unterbrechen, wie oft unterbrechen sie wirklich die Ruhe in einer Seele, welche mit unsäglicher Mühe zu dem Glücke gelangt ist, sich zu erfreuen?— Da erhebt sich der Neid gegen unsere Geschicklichkeit, gegen unseren guten Nahmen, ge- gen unsere Ehre, unsere Gunst, unser Amt, weil er sich in seiner Thorheit für würdiger und verdienstvoller halt, als uns; er lästert uns, ohne daß wir es verdienen, und wenn er von uns spricht, bedient er sich der empfindlichsten Ausdrücke. Welches ist das Mittel, sich dadurch in seiner Ruhe nicht stören zu lassen!— Dort sehen wir unsere Plane vereitelt, unser Eigenthum der Ruine nahe, unser Vermögen durch Unfälle aufgezehrt, unsere geliebten Angehörigen in des Todes kalten Armen liegen, und Tausende der Unglücksfackeln auflodern. Bald werden wir von schmerzlichen Krankheiten heimgesucht, bald wird unsere Seele kleinmüthig, bald sehen wir unsere Ehrlichkeit verkannt, bald sind wir durch die Verfolgung des Lasters angefeindet. Wenn also das menschliche Leben so vielem Elende ausgesetzt ist, wie soll der Geist dann ruhig bleiben? Welcher Ruhe, welches Friedens, welcher Freude soch die Seele des Menschen genießen in dieser Welt, wo Alles voll Unruhe, Alles so verwirrt, so wunderlich, so im Aufruhre ist? O Prah- serey über Prahlerey! Welche Ruhe!"— So spricht man über unsere Erklärung der Freude und begleitet die Einwürfe mit Seufzern, um sie desto wichtiger zu machen. Aber wir verändern nichts daran, sondern behaupten nochmahls, daß dessen ungeachtet eine dauerhafte Freude, eine 12 immerwährende Ruhe des Geistes statt haken könne, indem wir die Erfahrungen, welche man uns entgegensetzt nicht läugnen, aber die Folgerungen, die man daraus zieht, verwerfen. Wir können unseren Satz nicht zum vorhinein ganz beweisen, sondern wir müssen ihn aus der Summe der Betrachtungen ziehen; aber wir wollen ein Beyspiel anführen, welches einiges Licht darüber verbreiten soll. Wer wird, oder wer kann läugnen, daß man in einem Schiffe schlafen könne, wenn auch das Meer stürmt, und alles um uns in Bewegung ist? Die Fluchen rauschen, die Winde sausen, die Bootsleute laufen mit Ängstlichkeit von einer Seite auf die andere, die Segel schlagen an den Mast; der Körper derjenigen, welche auf dem Schiffe sind, wird hin und her bewegt, je nachdem das Schiff mehr oder weniger von den erzürnten Wogen und Winden umhergeschleudert wird: und dessen ungeachtet liegt der Schiffer in süßer Ruhe mitten unter diesen Bewegungen, glaubt sicher zu seyn vor allen Stürmen und bringt die Nacht ohne Angst und Furcht in dem sanftesten Schlafe zu.— Das beweist Jonas durch sein eigenes Beyspiel. Ruhte und schlief er nicht ganz friedlich auf dem Boden des Schiffes, während auf dem bleichen Angesichts Aller, die um ihn waren, der Schrecken gezeichnet 13 stand, weil ein furchtbarer Sturm das Fahrzeug heftig bewegte d Ihr Geist und Muth sank mit ihren Körpern, und sie sahen jeden Augenblick dem Tode entgegen, der schon seine kalten Arme nach ihnen ausstreckte. Alle waren in Bestürzung, Unordnung und Unruhe; nur Jonas ruhete-—„Ja," saget ihr,„er schlief."— Wohl, wenn er schlief, so ruhte er auch. Oder wollt ihr vielleicht nicht zugeben, daß der Geist des Weisen eben so ruhen kann, wie der Körper deL Müden im Schlafe, wenn auch Stürme tobend Aber woher kommt denn diese Unruhe wegen den Jrrgängen und labyrinthischen Verwicklungen dieser Weltd Ich erinnere mich eine Geschichte gelesen zu haben, welche diese Frage beantworten kann.—Im Jahre I5g0 trat das Meer aus seinen Ufern und überschwemmte den größten Theil von Holland, Seeland und FrieSland. Eine Menge Menschen und Thiere wurden von seinen Fluthen ersäuft, indem in FrieSland allein gegen 20,000 Personen umkamen. Nachdem die Gewässer ein wenig abgelaufen und das Meer ruhig geworden war, schickten die Magistrate nach allen Seiten Fahrzeuge auS, um diejenigen einzuholen, welche sich auf die Anhöhen und Gebirge geflüchtet hatte», damit sie nicht, da sie den Wogen entkommen waren, vor Hunger zu Grunde gingen. Auf einer dieser Anhö- 14 he» fand man einen kleinen Knaben in seiner Wiege, indem er ruhig mitten unter diesen Gefahren schlief. Hatte der Knabe nicht seine Freunde, vielleicht auch seinen Vater und seine Mutter verloren: War seine kleine Hütte nicht von den Gewässern zerstört? War er nicht den Gefahren des Meeres und dem Tosen der Stürme ausgesetzt wie alle seine Mitbürger? Wie kam es also, daß er so unerschrocken war, daß er so ruhig schlief, mitten in der Gefahr seines Lebens?— Man wird mir darauf antworten, daß dieses Kind nichts von allen Umstanden wußte, daß ihm die Einbildung keine Idee seiner Gefahr und seines Unglückes vorstellen konnte. Gut gesprochen! Aber aus diesem Geständnisse werden wir leicht die Antwort ziehen auf die Frage: Woher kommt denn die Unruhe unseres Geistes in den widrigen Zufallen dieser Welt?— Die Entscheidung fallt leicht in die Augen. Epictet hat recht, wenn er sagt:„Nicht die Dinge sind es, welche die Menschen in Unruhe versetzen; sondern die Ideen, welche sie sich davon machen, sind es, die ihren Frieden stören." Das Beyspiel, welches wir angeführt haben, beweist augenscheinlich, wie passend Epictet auf diese Frage geantwortet hat. Hatte jener Knabe nicht auch Ohren, um die Wuth der Wellen und das gewaltige Toben der Winde zu vernehmen? Kann man sich wohl einbilden, daß 15 er die ganze Zeit, als der Sturm dauerte, wird geschlafen haben? Ist es nicht höchst wahrscheinlich, daß er einmal erwacht sey? Und dennoch konnte er wieder einschlafen. Seele, die du voll Unruhe und Besorgniß bist, wirst du es in einem ähnlichen Falle auch können?— Deine Glieder würden vielleicht eben so von Angstschweiß durchnäßt seyn, als es das Bett des Knaben vom Regen und den dareinschlagenden Wellen seyn konnte. Warum ist also der Zustand deines Geistes von dem jenes Kindes so verschieden?— Die Einbildung ist Schuld daran. Der Knabe war gewohnt eingewiegt zu werden; er glaubte, daß man ihn schaukele, und daß seine Mutter die Wiege bewege. Euere Ideen sind ganz anders über diese Bewegung; daher urtheilt ihr auch anders über die Gefahr.— Es erhellet also, daß unsere Unruhe nicht sowohl von dem Tumulte und dem Treiben der Dinge, welche uns von außen begegnen, komme; als vielmehr von der Einbildung, welche wir über ihren Wechsel und ihre Bewegung zu haben pflegen. Um also in dieser Welt zu einer dauerhaften Ruhe zu gelangen, ist nothwendig, daß wir die alberne Ungereimtheit unserer Einbildung unterdrücken, indem sie in uns falsche Ideen von den Dingen erweckt 16 und die Hauptquelle aller Besorgnisse ist. Wir müssen uns nach der Welt richten, und uns von den Vorurth eilen frey zu machen'su ch e n,,.w e l ch e wir von ihr gefaßt haben. Das ist die Hauptregel, welche uns lehrt, wie wir uns über alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens erheben müssen. Wir hätten wohl gleich im Anfange die Quelle derselben verstopfen sollen, ehe wir eine Regel angeben, deren Ausübung und Anwendung uns eine wahre Ruhe verschaffen joll: denn der Arzt muß eher das Uebel vertreiben, als er auf Mittel denkc, die Gesundheit wieder herzustellen: wir wollen daher noch durch ein Beyspiel zeigen, wie thöricht es sey, zu verlangen, daß sich alles um uns in Ruhe und Frieden befinde, damit wir auch in uns eine dauerhafte Freude und einen glücklichen Frieden erhalten können. — Ein Seefahrer erfreut sich der süßen Ruhe, ohne daß er zuvor denjenigen Stillschweigen gebothen hat, welche mit ihm auf dem Schiffe sind. Seine Gefährten würden über ihn lachen, wenn er ihnen befähle, daß sich keiner regen soll. Er würde sich dem allgemeinen Gelächter aussetzen, wenn er vor dem Schlafengehen die Winde bäthe, nicht zu blasen, und die Fluthen, kein Geräusch zu erregen und nicht gegen sein Schiff zu schlagen: 17 2 ja, man würde ihn für einen Wahnsinnigen halten, wenn er etwas Aehnliches zu thun im Begriffe stände. Aber er läßt alle, welche ihn umgeben, sich hin und her bewegen, er läßt seine Gefährten reden und die Winde und die Wellen kreischen, die Segel flattern; und dessen ungeachtet schläft er mitten unter diesem Lärmen. Man kann also der Ruhe selbst dann genießen, wenn alles um uns in der größten Bewegung ist. Gleich wie wir uns aber eines glücklichen Friedens erfreuen können, wenn Alles um uns bewegt ist; eben so kann uns auch unsere Einbildung beunruhigen, selbst dann, wenn alles um uns in Frieden ist. Setzen wir den Fall', daß sich ein Mensch, der über das Meer reist, thörichterweise einbildet, er könne nicht schlafen, bis alles Geräusch von ihm entfernt ist. Er flüchtet sich auf den Boden des Schiffes hinab, wo er nichts sehen, nichts hören kann; er hüllet sein Haupt in den Mantel, und alles ist still und ruhig. Der Himmel ist heiter, kein Lüftchen wehet, und er schließet die Augen; aber plötzlich stellt ihm die Einbildungskraft tausend Ungeheuer vor, welche seinen zagenden Geist betäuben. Bald fürcht-t er, daß das Schiff durch die Uebermacht der Last in die Tiefe des Meeres sinken wird; bald bezweifelt er die Kenntniß und Geschicklichkeit des Steuermannes; bald sieht 13 er sein Schiff an den Klippen zerschellen, bald auf den Sandbänken scheitern. So wird er durch Unruhe gefoltert, da er doch am friedlichsten seyn konnte; so macht ihn seine Einbildung unglücklich, da er doch kein Ungemach zu fürchten hat. Wenn man also zufrieden leben und einer dauerhaften Freude genießen will, dürfen wir uns nur der falschen Meinung entwinden, daß wir uns diesen glücklichen Zustand nicht verschaffen können, indem alles, was uns umgibt, nicht still und ruhig ist. So lange wir an dieses Vorurtheil gefesselt sind, wird kein bleibender Friede bey uns Eingang finden.— Zaghafte Seelen! entfernet darum diese Gedanken aus euerem Geiste; verlasset euch auf den Steuermann, welcher das Universum leitet, und nichts wird euch gefährlich und schädlich seyn. Verlanget nicht das Unmögliche, um euer Ziel zu erreichen, denn ihr könnet den Lauf der Dinge nicht ändern. Könnet ihr den Wolken gebiethen, um sich nicht über euch auszugießen? Könnet ihr die Flu- then des Stromes aufhalten, um nicht Euere Felder zu überschwemmen? Könnet ihr euere Freun« de aus den Todes-Armen reißen? Könnet ihr den schleichenden Krankheiten die Pforte verschließen, daß sie nicht zu euch und den Lungen dringen?— Ohnmächtige! beherrschet die ausschweifende Einbildungskraft, welche euch die Dings dieser Welt 1Z anders vorstellet/ als sie sind. Wenn ihr den Frieden wünschet, so verlanget nicht, daß sich alles nach euerem Eigensinne richte und so gestalte, wie ihr wollet. Dieß ist ein übereiltes und thörichtes Vorurtheil, eine falsche Idee, welche uns den Eintritt zu einer wahren Freude verwehret, die allein uns trösten und erquicken kann. Sobald sich uns die Begebenheiten dieser Welt anders vorstellen, als wir es wünschen, so fangen wir an zu seufzen, zu weinen, uns zu beklagen; der Geist wird be. kümmert und unruhig. Dieß sey von nun an aber fern von uns! Befolgen wir die Lehren, welche uns hierüber der Philosoph Epictet gibt, indem er spricht:„Wünsche nicht, daß sich alles nach deiner Willkür richte; wenn du weise bist, schicke dich in den Lauf der Dinge dieser Welt, laß alles gehen wie es geht und alles wird dir angenehm seyn." Der Weise hält das nicht für ein Uebel, woran er nicht schuld ist, und was er nicht andern kann. Wenn sich etwas ereignet, das wir weder abwenden, noch besser machen können, so sollen wir auch wollen, daß es so geschehe, und um es zu wollen, bedenken, daß es so hat geschehen müssen. Strengen wir nur alle unsere Kräfte an, um ein gutes Gewissen zu haben, wo dann nichts mehr in der Welt unsere Freude stören kann.— Es mag 2* 20 donnern oder blitzen, wir werden es nicht hindern können und sagen, daß es so hat geschehen müssen. Feinde werden über uns stürzen und unseren Nahmen mit Schande zu marken suchen; Leiden werden uns heimsuchen, und wir werden ausrufen, daß es so hat geschehen müssen. Bezähmen wir also unsere Einbildung; denn das Mißvergnügen entspringt nicht aus der Natur der Dinge, sondern es besteht nur in der Idee und der thörichten Meinung des Menschen, der sich oft selbst nicht kennet. Aber wie können wir uns nach dem Laufe der Dinge dieser Welk richten? und welche sind die Mittel, um unsere Einbildung zu bezähmen?— Wir werden auf diese Fragen in der Folge antworten. Twevte Betrachtung. Um in dieser Welt einer dauerhaften Freude zu genießen, muß man sich eine erhabene Idee von Gott und seiner weisen Vorsehung machen. Wenn wir in dieser Welt, mitten unter allem Elende, einer dauerhaften Freude genießen wollen, so müssen wie uns lebhaft vorstellen und erkennen, daß nichts aus Zufall geschieht; mir müssen unsere Gedanken zu der göttlichen Vorsehung erheben, unter deren Leitung wir gänzlich stehen; wir müssen uns überzeugen, daß der Allerhöchste es besser weiß, als wir, was uns gut und heilsam ist. Alles geschieht auf sein Geheiß und mit seinerZulassung; seine unendliche Güte leitet alles zum Besten der Menschen, indem er nie den Hauptzweck vergißt, welchen er vom Anbeginn bezeichnet hat. Das ist die vornehmste Kunst, sich zu beruhigen und zufrieden zu seyn; die Meiste» wünschen sie zu verstehen, aber die Wenigsten gelangen zu ihrem gänzlichen Besitze. Um aber der göttlichen Vorsehung jene Verehrung zu erweisen, welche wir ihr schuldig sind, müssen wir uns vor allen Dingen von dem Daseyn Gottes überzeugen, und fest glauben, daß es ein über diese Welt unendlich erhabenes Wesen gibt, aus dessen Händen das Universum und seine Theile gekommen sind. Woher sollen wir aber Stoff nehmen, um uns die Idee von dem Daseyn des Schöpfers, seiner Weltregierung und seinen erhabenen -Eigenschaften zu bilden? Betrachte» wir nur die Werke des Herrn, und wir müssen nothwendiger« weise ausrufen, daß ein unendliches Wesen seyn müsse, dem alle Dinge ihren Ursprung zu verdan- 22 ken haben. Wohin wir unsere Augen wenden, finden wir die Fußtritts der Gottheit; auf welche Ereatur wir immer niederbliäen, gibt sie uns ein Zeugniß von ihrem Urheber.„Alles, was wir selbst sind," sagt Tertulian,„und die ganze Welt, in der wir sind, gibt Zeugniß von Gott." Wir rufen also mit dem Propheten aus:„Dein Nahme, o Herr, unser Gott, sey gepriesen: Die Werke der Natur sind das Lob des Herrn, und sie erzählen den Ruhm des Allmächtigen."— Versammelt euch also um mich, die ihr euch nach Ruhe sehnet, wir wollen den Tempel des Ewigen betreten, um darin seinen Ruhm zu sehen und zu erkennen- Ehe wir aber in diese seligen Hallen eingehen, müssen wir zuvor in der Kürze untersuchen, wie wir diese Welt betrachten sollen, um eine würdige Idee von Gott und einen tief gegründeten Beweis von seiner Gegenwart und Existenz daraus ziehen zu können. Wer eine Reis- unternimmt, macht sich zuvor einen gewissen Plan, um zu erforschen, wie er am sichersten zu seinem Ziele kommt; worauf er vorzüglich sein Augenmerk richten soll, und welchen Vortheil oder Nachtheil er davon haben wird. Eine ähnliche Betrachtung wird nicht unnütz seyn, ehe wir den Weg in den Pallast des Ewigen betreten, um daselbst seine Majestät ken- 23 nen zu lernen; denn wir werden zu gleicher Zeit einsehen/ daß so viele Menschen die Well betrachten/ und sie doch nicht recht erkennen. Das, was wir täglich vor Augen habe«/ wird für uns mit der Zeit alt; wir schätzen es nicht hoch/ weil es keinen Reitz der Neuheit hat. Wir sind schon daran gewohnt/ ehe noch der Verstand ein vernünftiges Urtheil darüber fallen kann. Die Gewalt der Gewohnheit ist so groß/ daß sie die Sinne fesselt und uns des Gefühls beraubt/ so daß uns die Dinge, welche wir immer sehen, weder schon, noch groß vorkommen, daß sie uns weder unterrichten, noch rühren können. Ein Seefahrer gewohnt sich an das Meer und hört mit einer Art von Wohlbehagen das verwirrte Getöse der Winde und der empörten Wellen: weder der Donner der Kanonen, das Stöhnen der Sterbenden, noch das Jammergeschrey der Belagerten, noch die Thränen des beraubten Landmannes rühren denjenigen, der an den Krieg gewohnt ist. Er-bebte und fühlte sich von Mitleid erschüttert, als er davon die erste Idee erhielt; aber die Gewohnheit machte ihn weniger aufmerksam und verhärtete sein Herz. Eben so verliert auch der wunderschöne Anblick der Welt an seiner unaussprechlichen Herrlichkeit, weil wir sie von Kindheit auf vor unseren Augen haben. Wer im Reichthum und Ueberfluß geboren und 24 erzogen wurde/ bewundert seinen schönen und herrlichen Pallast eben so wenig/ als der Hirte leine niedere Hütte/ und der Landmann sein aus Holz und Lehm erbautes Stübchen.— Wenn der Fremdling in den Pallast des Königs kommt/ wie sehr wird er die Pracht und Herrlichkeit anstaune»/ an die sein Auge nicht gewohnt ist! Erwirb an jeder Wand/ in jeder Ecke einen Gegenstand binden, bey welchem er> in Betrachtungen versunken/ aufmerksam verweilet. Eben so müssen wir auch die Welt ansehen/ als wenn wir sie erst beträten. Gesetzt wir hätten sie noch nie gesehen und würden mit völligem Bewußtseyn auf dieselbe gebracht, wie würden wir erschüttert und zur Anbethung dessen hingerissen werden, der Alles erschaffen hat! Fern sey jedoch der Gedanke, daß wir die Werke GotteS selten beschauen sollen, um sie nach Verdienst zu würdigen; nein wir sollen uns täglich und recht oft in ihren Anblick versenken, wir sollen sie aber mit großer Aufmerksamkeit und mit beständigem Hinblick auf den Schöpfer betrachten, und Alles wird uns jederzeit neu. Alles unserer Bewunderung würdig seyn. Sehen wir also auf die Wunder Gottes, und wie wird sich der beschränkte Geist in ihre Anschauung verlieren! Mein Auge ist geblendet durch die zahllose Menge und die unendliche Pracht der Dinge. 25 Welche mannigfaltige Schönheit entdecken wir nicht am unermeßlichen Raume des Himmels? Wie viele Millionen Gestirne/ welche schöner als Diamanten funkeln/ nehmen wir nicht wahr? Wie sehr wird aber unser Geist erhoben werde»/ wenn wir bedenke»/ daß diese kleinen Lichtpunkte unendlich größer sind/ als unsere Erdkugel? Wenn wir die regelmäßigen Abwechslungen und die gleichförmigen Bewegungen dieser Himmelskörper betrachten/ so müssen wir mit dem königlichen Propheten David ausrufen:„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit GotteS und das Erdenrund gibt uns das Werk seiner Hände zu erkennen."— Ja, ein unendliches Wesen muß es seyn, welches an dem Himmel diese Lichter anzündete, ihnen ihren Platz und ihre Bahn bezeichnete. Schon die Heiden fanden dieß so wunderbar, daß viele Völker des Alterthums die Gestirne unter ihre Götter versetzten, und daß andere, deren Geist in der Bildung schon fortgeschritten war, daraus schlössen, daß es Götter gebe, von denen diese Schönheit, Ordnung und Regelmäßigkeit Herstamme; ja man hielt dieß für so fest und ungezweifelt, daß man jene für Thoren ansah, welche es zu bezweifeln wagen würden. Sehen wir auf das Wunder in Hinsicht seiner Größe, LaS Wunder in Hinsicht seines Standortes, daS Wunder in Hinsicht seinesZweckes: die Sonne! 5 S6 Durch sie hat unsere Erde Licht und Wärme, Leben uvd Gedeihen. Ihr Glanz blendet unsere Augen, und der menschliche Geist sieht gleichsam in ihren Strahlen das Bild Desjenigen, der sie erschuf.— Betrachten wir das freundliche Gestirn der Nacht, den Mond, welcher seinen Einfluß auf unseren Wohnplatz auf so mannigfaltige Art äußert, und dem Leben der Pflanzen und Thiere so nothwendig, unserer Erde so segen- und heilbringend ist. Wer kann sie gemacht haben, als Derjenige, welcher die Himmel nach der Große seines Geistes erschuf? Der Herr ist es/' rufen wir mit dem Psalmisten aus,„welcher die Sonne machte, um dem Tage vorzustehen, welcher den Mond und die Gestirne erschuf, um die Nacht zu beherrschen.« Wenden wir uns auf die Erde, welche neue Wunder führen uns da zur Erkenntniß Gottes und seiner Große! Wohin wir immer unsere Blicke werfen, nehmen wir unzählige Dinge wahr. Da ein Baum, dort eine Blume; da eine blühende Wiese, dort eine hüpfende Heerde; da ein Vogel, welcher Hymnen störet, dort ein riesenmaßiges Lastthier. Alle diese Dinge sind von verschiedener Art; jedes hat seine Gestalt und seine Größe, jedes seinen Zweck, alle stehen mit einander in der innigsten Verbindung und schönsten Ordnung. Sie bilden zusammen eine große Kette, in welcher jedes Wesen 27 dem andern zu Gefallen ein Glied ist. Aus dieser wohlgetroffenen und weisen Ordnung erhellet, daß ein unendlicher Geist seyn muß, ich will sagen, der Geist des allmächtigen Gottes, welcher alle Ding« so weise zusammengestellt und unter einander vtrket» , tet hat. ,„Aber könnte dieses alles nicht aus Zufall so , vereiniget seyn?"— Ein thörichter Einwurf, des x wir hier zu erwarten haben. Und wie leicht ist eS > möglich, daß die Einbildung des Menschen daraus r verfallen kann; denn welche Albernheiten und Thor» , heiten gibt es nicht, auf welche der schwache Sterb- § liche kommt, indem er so oft wachend träumt!—- 2 Jedoch wie geschieht es denn, daß diese unzähligen Weltkörper immer in ihrer Ordnung bleiben? Wenn b sie ein Zufall unter einander geworfen hätte, so wür- d. de sie eben derselbe Zufall schon längst wieder ausein» >, ander gerissen haben. Wenn sie ein Zufall hervorge- „ bracht hätte, würde sie derselbe schon längst zerstört haben. Lassen wir hierüber Seneka, den weisen .r Heiden des Alterthums sprechen:„Es ist nicht no- ^ rhig, zu zeigen," sagt er,„daß ein so großes Werk >g ohne einen Erhalter und Regierer nicht bestehen „ kann, und daß der Lauf der Gestirne keineswegs ^ von einem Wurfe des Geschickes, von der Gewalt „ des Zufalls herrührt, und daß sie, wenn sie ein „ Ungefähr in Bewegung setzte, bald erschüttert wer» 23 den und in Ruinen zerfallen würden; daß ihr beständiger Umschwung nur nach der Anordnung eines ewigen Gesetzes besteht, und daß diese Anordnung keineswegs die Wirkung eines Wesen ist, an wel- chem Irrthum haftet." Wir habe» nun gesehen, daß ein Gort ist, der dieses große Universum erschaffen hat; wir wollen daher unsere Betrachtung weiter verfolgen.— Erwägen wir nur etwas genauer, daß diese unermeßlichen Weltkörper nicht für sich allein geschaffen worden sind, sondern daß der unendlich große Schöpfer da sie von seiner Existenz und Größe Zeugniß geben, sich auch derselben bedienen wird, um seinen Weltplan zu vollenden und seine Creaturen zu beglücken.— Der Weise thut nichts ohne Zweck; Gott, welcher die unendliche Weisheit ist, hat also auch einen Zweck gehabt, als er die Weltkörper erschuf, und sie werde» vollkommen nach dem Zwecke seyn, den Er ihnen verzeichnete, als er sie in das Werde rief.— Der Meister eines Werkes ist am besten im Stande, zu beurtheilen, ob sein Werk seiner Absicht entspricht, oder nicht. Er muß am besten seinePlane kennen; folglich muß er auch am besten einsehen, ob das, was er hervorbrachte, seinen Planen gemäß ist.— Hören wir also, welches Urtheil der allmächtige Gott über seine Werke ausgesprochen hat.„Und Gort sah alles, was er gemacht hatte: 29 und es war sehr gut." Was will nun das sagen; „Gott sah alles, was er gemacht hatte?" Er stellte sich seine Absichten vor, und verglich, mit ihnen seine Creaturen nach der unendlichen Große seines Geistes. Und was will dieß sagen:„Alles war sehr gut?" Alles entsprach den Gesetzen, die Er sich vorgeschrieben hatte; das ganze Werk war demUr- plane seines Geistes gemäß; alles war so, wie es seyn sollte, um sich dessen nach der festgesetzten Ordnung der Natur zu bedienen, um zu dem Ziele zu gelangen, welches Er sich vorgesetzt hatte, und um die künftigen Ereignisse nach seinem Willen anzuordnen. Von welcher Bewunderung, von welchem Staunen wird mein Geist Nicht ergriffen, wenn ich meinen schwachen Plan den unendlichen Planen Gottes entgegenstelle. Die Vielfältigkeit der Dinge und ihre unendliche Schönheit, welche aus ihrer Ordnung und weisen Verkettung entspringt, beraubt meine Auge» ihrer Sehkraft. Es ist eine Untersuchung, welche weit über die Kräfte eines ohnmächtigen Menschen geht. Ich kann sie nicht fassen, werde sie nie ausdrücken können,, und ich muß mit David rufen:„Ewiger! wie herrlich sind deine Werke! Deine Gedanken sind wunderbar tief." Obgleich ich nicht durchaus die Größe der ver- 30 borgenen Absichten Gottes in seinem Schöpfn,,gs- werke erkenne; obgleich ich hier in Dunkelheit und Schatten wandle: so sehe ich doch deutlich ein, daß die Sonne ein Werkzeug ist, dessen sich Gott bedienet, um die Erde und andere Körper zu erleuchten und zu erwärmen. Ich sehe ein, daß Nässe, Kälte und andere Erscheinungen dem Monde größtentheils ihr Entstehen und Fortdauern zu verdanken haben. Ich sehe ein, daß durch die vereinigten Kräfte der Sonne und des Mondes das Leben der Pflanzen und Thiere besteht, daß unzählige andere Erscheinungen ein Produkt dieser himmlischen Werkzeuge sind. Ich finde, daß die Sonne es ist, durch deren Wärme die Dünste emporsteigen, sich durch das Luftmeer zerstreuen, dann sich wieder in Wolken sammeln und als Regen herabfallen. Ich weiß, daß durch die Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne Tag und Nacht, Winter und Sommer entsteht, daß im Sommer die Früchte gedeihen und reifen, daß im Winter die Natur schlummert, um zu einem neuen'Leben aufzustehen. Aber ich frage nun: wie geschieht dieses alles? Niemand kann die geheimen Triebwerke ergründen, durchweiche diese. Dinge sind und werden. Da beugt sich demüthig weine Erkenntniß und meine Bewunderung wird desto größer, Aa es muß ein Gott seyn, der die Körper in Bewegung setzte, ihnen ihre Kräfte und Eigenschaften mittheilte, ihnen die Abwechslungen vorschrieb; es muß ein Gott seyn, der das große Weltgebaude erhalt und regiert. Es muß«in unendlich erhabenes, unendlich mächtiges, unaussprechlich weises Wesen seyn, welches die Dinge so geordnet und unter einander verkettet hat. Herr. groß sind deine Werke! Schwacher Sterblicher! warum sollte ich mich beunruhigen und tadeln die Rathschlage der göttlichen Weisheit, die ich nie deutlich zu erkennen vermag, aber von denen ich überzeugt bin, daß sie sehr gut sind.—Herr! du hast alles wohl gemacht, darum vertrau' ich mich Deiner Leitung an. Führe mich, o Herrnach Deinem heiligen 32 Dritte Betrachtung. Die Idee von der göttlichen Vorsehung wird desto größer, wenn man betrachtet, daß sie sich auch auf Dinge erstrecket, welche uns von geringem Werthe zu seyn scheinen. Wir haben nun die unermeßlichen Weltkörper betrachtet, die großen Werke des heiligen Gottes, welche vor allen andern wegen ihrer Schönheit und Herrlichkeit in die Augen fallen, uns Bewunderung gegen ihren Urheber einstoßen und das Herz mit besonderer Freude erfüllen. Wir wollen nun auch einige kleine Theile der Welt ansehen, welche wir eben nicht sehr hoch zu achten pflegen, weil wir daran gewohnt sind. Diese Betrachtung wird unser Vergnüge» erhöhen, unsers Bewunde.ungvergrößern und wird uns zu erhabenen Empfindungen stärken über den Schöpfer und die göttliche Vorsehung, so wie über den Zweck, den wir vor uns haben— jene Ruhe des Geistes zu verkosten, welche wir suchen. Die aufmerksame Betrachtung der himmlischen Körper, die überraschende Stellung und Ordnung der Gestirne, die immerwährende Regelmäßigkeit 33 in ihren Bahnen, welche seit undenklichen Zeiten immer dieselbe ist u. s. w. hat auch das Her; der Heiden gerührt, und die Verständigsten unter ihnen gezwungen, daraus zu schließen, daß ein allmäch. tiges Wesen, ein Gott seyn müsse, unter dessen Leitung dieses wunderbare Weltgebäude steht. Sie schlössen ganz richtig, daß eine so große Gleichheit und Uebereinstimmung, eine so enge Verkettung und feste Ordnung der Körper, die sich seit so langer Zeit ohne die geringste Abweichung bewegen, nothwendigerweise nur Ein verständiges Wesen fordert und voraussetzt, und daß dasselbe die höchste Aufsicht über alle Dinge haben, daß seine Macht alles erhalten muß. Die heidnischen Völker des Alterthums irrten aber hierin, daß sie dem einzigen höchsten Wesen mehrere andere an die Seite stellten, wie einem Fürsten seine Minister, welche die Herrschaft über das Universum theilten; so daß jeder Theil der Welt seinen besonderen Regenten hatte, der unter dem Einen höchsten Gotts stand und sein Reich nach dessen Anordnung beherrschte. Die Größe, welche sie ihm auf der einen Seite gaben, benahmen sie ihm auf der andern, und irrten auch hierin, daß sie behaupteten, seine Regierung erstrecke sich nur über die Körper des Himmels und bekümmere sich wenig oder gar nicht um das, was auf der Erde ist und geschieht.„Wie?" 34 sagten sie,„Gott, welcher das heiligste Wesen ist, sollte sich um Würmer und Schlangen, um Wespen und Fliegen, um Spinnen, Mäuse und andere dergleichen Dinge bekümmern, welche der nur etwas erzogene Mensch nicht einmal mit der Hand berührt? Der Herr der Herren, welchen die Himmel nicht fassen, und der seinen Thron über den Wolken und Gestirnen errichtet hat, sollte Herabsteigen und um so elende Dinge besorgt seyn? Wie läßt sich dieß mit der Majestät Gottes vereinbaren?— Ist es nicht lächerlich, zu glauben, daß sich der erhabenste Geist mit den niedrigsten Kleinigkeiten beschäftiget?" Allein die Einwürfe, welche wir nun vernommen haben, sind falsche Lichtpunkte, welche nur diejenigen verführen, die nicht klar genug sehen. Der, welcher die Winde abwog und die Weltkör- per in die wunderbarste Vereinigung brachte, wird eher etwas Mögliches unternehmen, als jene, welche die Allgemeinheit der göttlichen Vorsehung bezweifeln wollen, nur den geringsten Grund von Wichtigkeit dazu finden werden. Alle jene Einwürfe sind Beweise einer verwirrten Einbildung und eines beschränkten Verstandes. Man müßte sich eine Gottheit voll menschlicher Leidenschaften vorstellen, wenn man dem Gedanken nur einigen Schein der Wahrheit geben wollte, daß Gott keine Sorge für jene 35 Dinge trägt, welche uns Menschen von geringem Werthe zu sey» scheinen. Wir wollen vor allem andern den alten Heiden und den Zweiflern unserer Zeit die Gedanken eines andern Heiden entgegenstellen, indem er also redet:„Wenn die Götter die Dinge nicht regierten und ihre Vorsehung nicht statt hätte, so wurde dieß geschehen, entweder weil sie nicht konnten oder weil sie nicht wollten. Wenn sie es nicht können, so müssen die menschlichen Dinge zu erhaben seyn und die Macht der Götter überschreiten, oder sie müssen der Vorsehung zu niedrig und geringe seyn« Wenn Gott es kann, und er will es nicht, so thut er es aus Sorglosigkeit oder Verachtung. Nun aber, wie die Gottheit die erhabenste Einsicht und größte Macht besitzt, eben so hat sie auch den besten Willen, so ist sie die Quelle und der Ursprung aller Dinge, die sie wohl kennet, so muß sie alles erhalten, was sie erschaffen hat, Gott kann sie wegen ihrer Größe nicht vernachlässigen, sonst wüßte daS Geschöpf größer seyn, als der Schöpfer; aber er kanu auch ihre Erhaltung nicht ver- vachlässigen, denn warum hätte er sie erschaffen, wenn sie keinen Werth besäßen?— Er wird sie also nicht verachten, weil er sie hervorbringen wollte; Gott wird für sein Geschöpf Sorge tragen." Sp dachte und schrieb Simplicius, ein 56 Heide, dessen Erkenntniß der Gottheit wir nur bewundern können.— Betrachten wir nun die Weltkörper neben einander, so werden wir nach der täglichen Erfahrung gestehen müssen, daß der Einfluß der Gestirne auf die Erde sehr mannigfaltig ist, und verschiedene Veränderungen hervorbringt. Die auffallendsten sind die Abwechslungen der Tage und Nächte, der Jahrszeiten und vieler anderer Erscheinungen, welche sich auf unserem Wohnplatze ereignen. Wen» nun dieses so ist, laßt sich dann vernünftigerweise glauben, daß Gott nur für diese Himmelskörper Sorge trägt und sich um die Schicksale der Erde wenig bekümmert?— Ist es nicht vielmehr einleuchtend, daß diese von jenen die zahlreichsten Wohlthaten erhält? Die Sonne erleuchtet und erwärmst sie, der Mond erhellet, der Regen erquickt, der Schnee bekleidet sie; die Wärme ist ihr angenehm, die Kälte erfrischt sie; Kräuter, Blumen, Blätter, Bäume, Früchte zieren sie; und so wird sie tauglich gemacht, daß lebendige Wesen bestehen und fortkommen, leben und gedeihen können: dieß alles aber sollte kein Werk der göttlichen Vorsehung seyn, welche sich über diese Erde erstrecket? Es sollte ihr gleichgültig seyn, oö Thiere erzeugt und Menschen geboren werden, oder nich-t? ob sie zu Grunde gehen, ob sie erhalten werden, oder nicht, wenn nur die Ordnung der Himmelskörper nicht verrückt wird? 37 Wenn man den Gedanken fassen wollte, daß sich Gottes Weltregierung nicht über die Dinge dieser Erde erstrecke, so müßte man alles, was geschieht, einem Zufalle anrechnen, selbst ihre Dauer und die Erhaltung ihrer Existenz. Wir wollen aber das Gegentheil beweisen. Wenn wir unsere Augen hier und dorthin werfen, so bemerken wir eine mannigfaltige Abwechslung der Dinge und der Erscheinungen. Bey einer oberflächlichen Anschauung und einfachen Erkenntniß dieser Dinge werden wir ausrufen, daß alles aus Zufall so und nicht anders ist; gleich wie ein Kind, welches den Hammer hört, wenn er auf die Glocke schlägt, aber die Einrichtung der Uhr nicht kennet, und keinen Begriff hat von der Kunst, welche sie in sich schließt. Jedoch betrachten wir nur ein wenig als vernünftige Menschen diese Abwechslungen und Veränderungen, welche auf der Erde vor sich gehen, so werden wir bald andere Gedanken fassen. Sehen wir auf die Ordnung und Gleichförmigkett, wie sie auf einander folgen; bedenken wir, wie alles zu seiner Zeit geschieht; wie alles nach einem Ziele und zu einem Zwecke lebt und strebt; wie alles in die große Kette eingreift, welche das Weltall umfängt: und wir müßten uns vor uns selbst schämen, uns selbst Thoren schelten, wenn wir diese unendlich weise Ordnung in dem Wechsel der Dinge dieser Erde einem 38 blinden Zufall anrechnen wollten. Nein, wir werden vielmehr mit David ausrufen:„Groß ist der Herr/ und außerordentlich lobenswerth!" Wenn also die Himmelskörper mit unserer Erdkugel in inniger Verbindung stehen/ was läßt sich natürlicherweise daraus folgern? Daß es Gott ist/ welcher dieses Band knüpfte und es immer in seiner Gleichförmigkeit erhält. Die Vernunft gebiethet uns zu behaupten, daß der Herr des Himmels auch der Herr der Erde ist.„Seine Augen blicken auf die Erde, die er gebildet hat. Er ist es, welche» die Jahre und Jahrszeiten anordnete! Er ist es, welcher dem Menschen seine Gränzen setzte, und die Zeit seines Erdenwallens bestimmte. Von ihm kommt Schnee und Hagel; Er bahnt den Blitzen und Donnern ihren Weg." Richtet aber der Ewige seine Aufmerksamkeit auf alles, was sich auf der Erde befindet? Erstreckt sich seine Vorsehung auch auf ihre kleinen Theile?— Man sollte glauben, daß dieses der Gottheit unwürdig wäre, und daß diejenigen, welche diesen Satz aufstellen, sehr niedrige Ideen von dem unendlichen Wesen haben.— Eitle Einbildung! Un-, nöthige Furcht! denn wenn es der Gottheit unwürdig wäre, sie zu erhalten, würde es ihrer nicht eben so unwürdig seyn, sie erschaffen zu haben? Wenn die Erschaffung dieser Dinge der unendlichen 39 Wesenheit Gottes nichts benimmt, sollte sie denn die Erhaltung dieser Schöpfung in ein anderes Licht stellen? Ich kann mich nicht enthalten dem heiligen Ambrosius Beyfall zu zollen, indem er spricht: „Kann es eine größere Thorheit geben, als sagen, und behaupten zu wollen, daß Gott die Welt erschaffen hat und keine Sorge mehr für sie trägt? Wie kann er etwas gemacht haben, wenn er sich dessen, was er gemacht hat, nicht mehr annimmt, und nicht mehr darum bekümmert ist?"— Somit schließe ich, daß Gott auch für diejenigen Dinge sorgt, welche uns klein, gering und verächtlich scheinen, sonst kann Er sie nicht erschaffen haben, welche Behauptung eben so thöricht seyn würde. Wir müssen ferner läugnen, daß die Dinge, welche man für so klein, verächtlich und werthlos hält, es auch wirklich sind. Siehe her, stolzer und aufgeblasener Mensch! bemerkst du vielleicht an dieser kleinen Blume, die du unter deine Füße trittst, weniger Kunst, als an der Sonne oder den Gestirnen, über welchen der Ewige seinen Thron errichtet hat? Brauchte der Allmächtige, um die unermeßlichen Körper zu machen, mehr Kunst dazu, als zur Hervorbringung dieser Pflanze, welche in deinen Augen ein Nichts ist? Höre an den heiligen Au- gustin, wie wir diese Dinge ansehen und betrachten sollen,„Gott ist ein Meister, welcher groß in 40 seine» großen, und nicht kleiner in seinen geringsten Werken ist, die man nicht nach ihrer Größe, sondern nach der Weisheit Desjenigen beurtheilen muß, der sie hervorgebracht hat."— Ich scheue mich nicht, noch hinzuzusetzen, daß ich in dem kleinen Wurme mehr Kunst bemerke, als in der Lichtmasse der Sonne. Während dem wir an dieser keine Veränderung wahrnehmen, bemerken wir an jenem eine Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit seiner Theile, eine Zartheit seiner Gefäße, eine Schönheit seiner Gestalt und viele andere Wunder, welche uns mit Staunen erfüllen müssen. Und wem verdankt dieses Thierchen sein Daseyn?„Lobet den großen Gott, welcher den Engel im Himmel und den Wurm auf der Erde gemacht hat!" O Mensch voll des Hochmuthes! Deine Bewunderung wird größer seyn, wenn du die Zellen der Biene, das Gespinnst des Seidenwurmes, das Gewebe der Spinne, das Nest des Vogels ansiehst, als wenn du den Raum des Himmels betrachtest, den du nicht fassen kannst.— Sollte also Gott für Liese kleinen, uns gering scheinenden Dinge keine Sorge tragen, und sie aus dem Kreise seiner Vorsehung verstoßen, da er sie mit solcher Vortrefflich- keit erschuf, daß wir sie kaum begreifen können? Es benimmt seiner göttlichen Majestät eben so wenig, wenn wir sie auf der kleinsten Blume, auf 41 dem niedrigsten Wurme ruhe» sehen, als wenn wir seine Hand wahrnehmen, welche die Himmelskörper Zusammenhalt, damit sie nicht sich unter einander zerstören und in Ruinen zerfallen. Seine Vollkommenheiten sind immer dieselben. Keine von ihnen wird geschmälert oder erniedriget, wenn auch die Herrlichkeit Gottes jene Dinge leitet, welche dem menschlichen Auge gering und werthlos vorkommen. Jene, welche das Gegentheil behaupten, messen die großen und unendlichen Vollkommenheiten des Allmächtigen nach den niedrigen und thörichten Gewohnheiten der Menschen, und nach der falschen sich selbst gebildeten Idee von dem, was sich schickt, oder nicht. Sie bilden sich ein— o Truggebilde!— daß, wie unsere Gedanken, auch die Gedanken des Ewigen, wie unsere Handlungen, auch die Fügungen des Allerhöchsten sind. Lassen wir also unsere Sinne nicht bethören, und betrachten wir die Dinge nicht bey dem matten Schimmer unserer Einbildung, sondern mir dem wahren Lichte der Vernunft; so werden wir vor Gott demüthig gestehen, daß er bewunderungswürdig in allen seinen Werken ist, und daß Er mit unaussprechlicher Sorgfalt über alles aufdieser Erde wacht. Wenn sich demnach die Fürsorge Gottes über kleine, uns gering scheinende Wesen er- streckt, um wie viel mehr wird sie auf uns ge- 4 42 richtet sey»; und haben wir dann Ursache zaghaft und kleinmüthig zu werden? Wenn mir unter dem Schutze des Allerhöchsten stehen, warum wollten wir noch einen Gedanken fassen, der unsere Freude, unsere Ruhe, unseren Frieden stören könnte! vierte Betrachtung. Gott regieret nicht nur alle Dinge, sondern Er regiert sie auch mit Weisheit; davon muß man sich überzeugen, um in dieser Welt zur Ruhe des Gemüthes und zum Frieden der Seele zu gelangen. Wir haben uns bisher in unserer Kunst, froh und zufrieden zu seyn, zu Gott und seinen ge- heimnißvollen Werken gewendet, und es wird vielleicht Menschen geben, welche sich darüber verwundern, und-es für eine Abweichung von unserem Zwecke halten werden; aber sie haben dazu keinen Grund. Weil alles, was uns unwillig macht, unsere Ruhe in dieser Welt störet und unseren Geist- verwirret, wenn wir auf die erste Ursache zurückgehen wollen, von Gott kommt, so müssen wir 43 4» auch, um die Mittel gegen unsere Unruhe aufzufinden, zu Gott zurückkehren. Wir müssen dem Geschöpfe, welches seufzet und sich selbst verzehret, eine wahre Kenntniß des Allerhöchsten verschaffen, um es zu beschämen; weil es nicht mit dem zufrieden ist, waS ihm die unendliche Weisheit gibt, was sie ihm verordnet und bestimmet hat. Wir wollen nun noch deutlicher zeigen, daß hauptsächlich in dieser Kenntniß die Kunst besteht, sich im Geiste zu beruhigen und zufrieden zu seyn. Wir wollen klar machen, daß man bey jeder Gelegenheit tausend Mittel finden kann, um der Unruhe des Geistes zuvorzukommen, und um sie zu verbannen, wenn sie uns bereits ergriffen hat. Ich lege dieser Betrachtung folgende Sätze zu Grunde: Wenn Gott alles anordnet und regieret, und wenn Er alles nach seiner größten Weisheit thut; wenn er immer für das Glück und Heil der Menschen Sorge trägt, und wenn er zu diesem Entzweck die tauglichsten Mittel wählet: so kann ich mit Allem zufrieden seyn, was mir begegnet. Daraus ziehe ich also diese Regel: Diejenigen, welche in dieser Welt zufrieden seyn und die Ruhe des Geistes haben wollen, müssen sich fest überzeugen, daß die göttliche Vorsehung die Welt weise regieret.—Wir werden dieß untersuchen und dar- thun, daß Er dabey das Wohl der Menschen zum Zwecke hat, und daß sich seine Vorsehung der besten Mittel bedienet, um diesen Zweck zu erreichen. Wenn'wir uns lebhaft vorstellen, daß Alles in dieser Welt von Gott kommt, und daß nichts ohne seine Zulassung geschieht, daß er gerecht ist und Jedem so viel gibt, als für ihn gut ist; so werden wir nie mit unserem Zustande unzufrieden seyn dürfen. Man muß also sein Herz zu überzeugen suchen, daß Alles nach dem Willen Gottes geschieht, und daß Er gerecht, weise und heilig ist. Er ist weise und kennet also, was mein Glück gründet und mein Heil befördert; Er ist gerecht, folglich wird Er an Ungerechtigkeit ein Mißfallen finden und Jeden nach seinem Verdienste geben; Er ist heilig, und sucht also die Menschen in die geheiligten Hafen der Ruhe zu führen und durch die Pforten des Lebens in den Tempel der Glückseligkeit zu geleiten. Wenn dieses außer Zweifel ist, wie sehr wird dann unser Geist Ursache habe», zufrieden zu seyn! Wenn man sein Vertrauen auf die Weisheit irgend eines Menschen seht, so verläßt man sich ruhig auf sejn Wort und auf seine Handlungen. Mit welchen Vertrauen folgt nicht der Soldat seinem Führer, wenn er von seiner Erfahrung im Kriege überzeugt ist? Kaum hat er befohlen, als ein Anderer schon den Vefehl vollzieht. Mit welchem unbedingten Vertraue» unterwirft man sich nicht 45 den Aussprüchen eines Rechtsgelehrten, welcher sich einen großen Nahmen durch seine Geschicklichkeit, Wissenschaft und Gelehrsamkeit erworben hat? Mit welcher Geistesruhe nimmt man nicht das Heilmittel, welches der Arzt verordnet hat, dessen Fleiß, Verstand und Erfahrung im Rufe sind?— Betrachten wir nun etwas genauer und nach unserem Zwecke den Verstand und die Weisheit des Allerhöchsten. Gott kennet erstens alle möglichen Dinge, die Er durch seine Macht hervorbringen kann. Von welchem ungeheueren Umfange ist nicht das Reich dieser Dinge? Und von welchem Umfange muß also das Reich der Erkenntnisse Gottes seyn? Wir Menschen erwerben uns unsere Kenntnisse nur nach und nach; ein Gedanke verdrängt den andern. Geistesschwache hindert uns, alle Dinge auf ein Mahl zu übersehen und zu überdenken; so verhalt es sich nicht mit dem unendlichen Geiste Gottes. Er kennet genau alle nur möglichen Welten und alle Theile derselben. Niemand kann dieß läugnen, sonst würde er das Unendliche des göttlichen Geistes beschranken. Gott übersieht also alle Dinge auf ein Mahl, und nichts ist seinen Augen verborgen. Die Schöpfung dieser Welt verlangte auch, daß der unbegränzte Geist Gottes alle Dinge erkannte, dir nicht wirklich vorhanden waren. Wenn 46 Ec davon keine Kenntniß hätte/ so ist es unmöglich, daß Er eine Schöpfung unternehmen konnte. Es ist nebstdem unmöglich/ daß Gott die Dinge zu gewissen Zwecken bestimmen konnte, wenn er sie nicht schon vorher erkannt, durchdacht, und unter einander in Gedanken verbunden hätte, ehe sie noch wirklich bestanden, und als sie erst möglich waren. Entwirft nicht ein Baumeister zuvor den Plan und den Abriß des Gebäudes, ehe er es wirklich aufführt?— Wir werden den höchsten Urheber aller Dinge nicht beleidigen, wenn wir uns seinen erhabensten Geist wegen unseren Schwachen so vorstellen, wie wir ihn nach unserem Verstände fassen können. Wenn Gott eine so schön geordnete Welt, als diese ist, welche wirklich besteht, schaffen wollte, mußte er zuvor sein Augenmerk auf das unermeßliche Reich der nur möglichen Dinge werfen. Er ging, um sich nach unseren Begriffen auszudrücken, gleichsam mit sich zu Rathe, und zog die gegenwärtige Welt allen übrigen möglichen Welten vor. Wer wollte nun, wenn er die unendliche Weisheit und Heiligkeit Gottes erwägt, noch zweifeln, daß diese Welt vor allen übrigen, noch möglichen, den Vorzug hat? daß alles, was Er macht, gut ist?— Wohl wissen wir von unzähligen Wirkungen keine Ursachen, wohl erkennen wir an vielen Dingen keinen Zweck; aber das zwingt uns eben, unsere 47 Schwachheit zu gestehen und die Beschränktheit unsers Geistes vor dem Throne des Allerhöchsten zu bekennen.— Bedenken wir nur, daß alle Werke Gottes dahin zielen, seine Größe zu offenbaren und seinen Nahmen zu verherrlichen, so ist es wahrscheinlich, oder vielmehr gewiß und außer allem Zweifel, daß Er diese Engel, diese Menschen, diese Elemente, diese Himmel, mit einem Worte, daß Er diese Welt erwählet hat, weil Er sie und ihre Creaturen am meisten geeignet fand, seine Vollkommenheiten zu verkündigen und seinen Ruhm zu offenbaren. Eben so wenig als Gott alle nur möglichen Dinge verborgen sind, eben so wenig können ihm auch die verborgen seyn, welche jetzt sind oder einst seyn werden. Die Menge von Jahren, welche die Zeit mit sich fortgerissen hat, sind ihm eben so klar, als die gegenwärtigen, als der Augenblick, in welchem wir nun athmen; die dunkle Zukunft kann keinen Schleyer über seine Augen ziehen, so daß ihm also auch nichts von dem verborgen ist, waS erst kommen wird. Er verliert nichts durch die Vergangenheit, und gewinnt nichts durch die Zukunft; Er kennt die Dinge nach allen ihren Eigenschaf, ten und Veränderungen, nach ihrem Alter, nach ihrer Ordnung, in welcher sie aufeinander folgen, nach ihrer Vollkommenheit, nach ihrer Zahl, nach 48 ihrer Größe, nach ihrem Vermögen u. s- w. Und diese Erkenntniß ist von solchem Umfange, daß es kein Haar, kein Ständchen gibt, welches ihm nicht bekannt wäre. Er ordnet alle Dinge an, bestimmt den Ort, die Dauer, die Veränderungen aller leblosen und lebenden, vernünftigen und unvernünftigen Creaturen. Er kennet alle Verrichtungen, nicht allein diejenigen, welche nothwendig sind, sondern auch diejenigen, welche einzig von dem freyen Willen des Menschen abhängen und mehr zufällig sind, da sie unter gewissen Bedingungen vor sich gehen. Daß Gott diese Eigenschaften zukommen, sagt nicht nur die gesunde Vernunft, sondern auch das heilige Wort, welches aus dem Munde der ewigen Wahrheit stoß. Heißt Gott nicht,„der Allwissende, der bis in die tiefsten Falten des Herzens dringt? kennt nicht sein Auge alles?— Dem göttlichen Geiste ist demnach alles Mögliche bekannt, folglich auch die Tiefe unsers Herzens, von dem die Entschlüsse abhängen, die wir erst vollbringen werden, indem auch die zukünftigen Ding- unter die Zahl der. möglichen gehören. Wir könnten uns in eine weitläufige Betrachtung über diesen Punkt einlassen; allein sie würde zu lang und ohne Nutzen für diejenigen seyn, welche nicht gewohnt sind, tief zu denken. Wir werden trachten, uns auf eine leichte und kurze Art von der Vorsehung Gottes zu 49 überzeugen/ um iu dieser Wahrheit diejenigen zu bekräftigen/ deren Glaube noch schwach seyn sollte. Wozu werden wir aber am ehesten und am sichersten unsere Zuflucht nehmen können/ als zu dem Worte der Wahrheit selbst. Da werden wir die klarsten Beweise finden, daß die Vorhersehung der freyen Handlungen der vernünftigen Geschöpfe, und der zukünftigen Dinge, welche von gewissen Bedingungen abhängen, ein Gegenstand der göttlichen Allwissenheit sind. Wir werden es ganz deutlich einsehen, wenn wir uns nur von jedem Vorurtheile frey machen und unterrichten lassen wollen. Die heilige Schrift lehret uns ausdrücklich, daß Gott die freyen und zukünftigen Handlungen der Menschen wisse, denn was will der königliche Prophet anders sagen, wenn er spricht:»Herr! Du erforschest und kennest mich, ob ich sitze oder stehe. Du weißt es. Du nimmst von weitem meine Gedanken wahr. Deine Augen sahen mich, als ich noch eine ungeformte Masse war, und in deinem Buche waren alle Tage aufgezeichnet, welche erst kommen sollten."—Wem dieß nicht genüget, höre die Worte Gottes selbst, die Er durch den Mund des Propheten Ezechiel spricht:„Da hast also geredet, o Haus Israel! aber ich erkenne deine Gedanken, einen nach dem andern." Und wie könnte Salomon sagen: »Des Königs Herz ist in der Hand des Ewigen, 5 50 wie die Bäche voll fließenden Wassers; Er wird dasselbe lenken, wohin er will.«-Zu diesen Bewersen wollen wir noch den der Weissagungen und ihrer, Erfüllung hinzufügen. Gott hat künftige Dinge Jahrhunderte vorhergefagt, und alle Vorhersagun- gen sind genau in Erfüllung gegangen. Sie reden von gewissen Ereignissen, welche einzig von dem freyen Willen der Menschen abhängen, da sie doch, wenn wir nur etwas vernünftig denken, mcht vor- hergesagt werden konnten, wenn nicht Gott eine sichere Erkenntniß dieser freyen Entschlüsse gehab,, hätte. Wir gehen noch weiter und untersuchen nun, sb der göttliche Geist auch diejenigen zukünftigen Dings wisse, welche sich unter gewissen Bedingungen ereignen; denn dieß ist eine Klippe, gegen welche der menschliche Verstand nicht selten scheitert.— Wie wir aus Erfahrung wissen, ist der Mensch sehr geneigt, die Erkenntnisse Gottes nach seiner unvollkommenen Erkenntniß zu beurtheilen. Dieß geschieht nicht selten, weil er das Wenigste versteht, und fällt m Irrthum^, weil er das Wenigste dabey denkt. Er vergißt oft den unendlichen Unterschied, welcher zwi-^ schen ihm und dem allerhöchsten Schöpfer ist. Er glaubt oft, mit Grund laugnen zu können und zu dürfen, dessen Möglichkeit er nicht einsieht.— Wenn wir, mu auf unsern Stoff zurückzukommen, unsere Z1 Seele wohl in Acht nehmen, wenn wir stets wach. sam sind, um nicht einzuschlummern und in Irrthum zu verfallen, wenn wir uns von jedem Vor- urtheil und von jedem übereilten Schlüsse frey machen, und wenn wir uns eine richtige Kenntniß von Gottes Wesenheit zu erwerben suchen; so werden wir nicht läugnen können, daß dem Allwissenden auch jene zukünftige Dinge bekannt sind, die unter gewissen Bedingungen vor sich gehen. Wir wollen uns indessen mit dem begnügen, was uns die heilige Schrift über diesen Punkt sagt. Gott kennt am besten seine Wesenheit und Natur, und wenn er sich in dem Menschen abspiegelt, so sind die Züge dem Original vollkommen ähnlich. Bemerken wir nur, was der heilige Matthaus sagt:„Wenn die Wunder, die unter euch geschehen sind, zu Typus und Sidon sich ereignet hätten, so würden sie sich längst bekehret haben." Ein Beweis, daß Gott auch von jenen zukünftigen Handlungen und Ereignissen Kenntniß habe, die von einer Bedingung abhängen. So lesen wir auch im ersten Buche der Könige, XXIII. 11 und 12-„Werden mich auch die Männer zu Ceila in seine Hände überantworten, und wird Saul auch hinabkommen, wie dein Knecht gehört hat? Herr, du Gott Israel! gib das deinen Knecht zu erkennen. Und der Herr sprach: Er wird Hinabkommen. Und David sprach: 5* 52 Werden auch die Männer zu Eeila mich, und die Männer, so bey mir sind, in die Hände Sauls übergeben? Und der Herr sprach: Sie werden euch übergeben." Gott! wir sind von der Große Deiner Erkenntniß überzeugt. Alles Mögliche ist klar vor Deinen Augen, es mag im Himmel oder auf der Erde, gegenwärtig, vergangen oder zukünftig seyn. Du weißt Alles, und nichts ist Dir verborgen. Allwissender Goct! Deiner Weisheit sey Lob, Ehre und Ruhm! F-ünfte Betrachtung. Nichts geschieht aus Zufall; sondern Gott regiert die Welt nach seiner Weisheit. Wir haben in der vorhergehenden Betrachtung den unermeßlichen Umfang der Erkenntnisse Gottes dargethan, und daraus ziehen wir diesen Schluß, den,wir leicht begreifen werden, wenn er wird erklärt worden seyn, nämlich: daß nichts aus Zufall erschaffen oder hervorgebracht worden ist, und daß nichts in der Welt durch ein blindes Ungefähr geschieht. Der Ewige hat sich nach seiner Allwissenheit alle nur möglichen Web- Z3 ten vorgestellt/ und diese, welche er seinem Zwecke gemäß fand, durch sein allmächtiges Wort hervorgebracht. So wie im Anfange der Schöpfung sich alles nach dem unerforschlichen Rathschlusse Gottes ereignet hat, so geschieht auch jetzt nichts in der Welt aus Zufall.„Kein Sperling fällt vom Dache ohne den Willen des Vaters." Die Hand des Ewigen wirkt in dieser Welt, sey es mittelbar oder unmittelbar, und alles, was sich ereignet, läßt Gott zu; Er weiß alles, und was Er will, trägt sich zu, und was sich zuträgt, will Er; daher geschieht nichts von Ungefähr. Wer also einen blinden Zufall behaupten wollte, würde sich gegen die Vorsehung Gottes und gegen seine Erkenntniß der Zukunft versündigen. Man glaube ja nicht, daß es ein Zufall sey, wenn uns die Erde ihren Segen versagt, wenn Krankheiten herrschen, wenn Seuchen wüthen, wenn Kriege verheeren; das alles ist in dem Rathschlusse und geschieht nach der Weisheit des Herrn, welcher Himmel und Erde und Luft zu diesem Unglücke geeignet gemacht hat, und in seinen Planen war es, uns damit heimzusuchen. Wenn man Gott die weise Regierung über diese Dinge absprechen wollte, wie könnte dann die Allgemeinheit der göttlichen Weltregisrung bestehen? Wie ließe es sich mir der heiligen Schrift 54 vereinbaren, welche ausdruchlich sagt:„Gott erhalt alle Dinge nach seinem allmächtigen Wortes— Wenn sich also die Vorsehung Gottes über die freyen Handlungen der Menschen erstreckt, und wenn folglich Gott sowohl die guten als die bösen Werke der Sterblichen kennt, so kann keines derselben aus bloßem Zufall geschehen. Die Entschlüsse der Menschen sind offenbar; Er sieht vorhinein, wie der Mensch seine Freyheit gebrauchen wird, in jeder Gelegenheit und in allen Umstanden, in denen er sich jedesmal befinden wird. Er weiß, welche Handlungen der Mensch unternehmen wird, wenn er in diesem, oder in einem andern Verhältnisse ist. Er kennt zum Voraus die Handlungen, welche unter einer gewissen Bedingung geschehen, und nach dieser Erkenntniß wählt Gott diejenigen Umstände, in welchen sich der Mensch seiner Freyheit auf eine solche Art bedienet, daß seine freyen Handlungen dem letzten Zwecke, welchen sich Gott vorgesetzt hat, gemäß seyn können. Dieß ist freylich ein überraschender Ausspruch, jedoch er ist klar und deutlich, und bedarf nur einer vollständigen Erklärung, um recht verstanden zu werden. Wir wollen es durch Beyspiele darthun, welche zugleich unserem Gegenstände entsprechen werden. Man weiß aus der heiligen Schrift, daß Ab- salom, als er durch einen Wald ritt, mit den LZ Haaren an den Aesien einer Eiche hangen blieb. Das Maulthier ging unter seinen Beinen durch, und so hing der Unglückliche zwischen Himmel und Erde. Ein Mann sah ihn in diesem beklagenswer- then Zustande; allein er that ihm nichts zu Leide. Joab fand ihn, nahm drey Wurfspieße und durchbohrte das Herz des Absalom. Geschah dieß vielleicht aus Zufall? Gott, welcher gerecht ist, hatte über ihn nach seinem weisen Rathschluffe dieß Unglück vechängt, und so mußte es auch vollendet werden. Wenn man nur die nächsten Ursachen, die man in seinem Tode findet, betrachtet, so konnte man leicht auf den Gedanken gerathen, daß dabey mehrere Dinge vorkommen, welche durch einen bloßen Zufall geschehen sind. Es scheint mir, daß man sagen wird:„Es ist ein bloßer Zufall, daß Absalom unter einer Eiche vorbey ritt, ein Zufall, daß die Aeste des Baumes so niedrig waren, ein Zufall, daß die Haare frey über den Scheitel herabhingen, ein Zufall, daß sie durch den Wind in die Aeste des Baumes verflochten wurden." Aber damit verhalt es sich ganz anders. Gott bestrafte die Bosheit, wollte dem Frevel des»«gerathenen Sohnes ein Ende machen, und der Welt ein Beyspiel geben, wie hart er die Bösen züchtiget. Da schlug Gott gleichsam das Buch seiner Vorsehung auf. 56 Er wußte, daß der von dem Schlachtfelde vertriebene Absalom aus freyem Antrieb die Flucht ergreifen würde; Er kannte die Wege, welche der Flüchtige vorübereilen würde; Er sah die langen Haare, welche er frey hange» ließ: Er wählte also diese Umstände, ohne in die Freyheit des Menschen den geringsten Eingriff zu thun. Absalom wurde geschlagen, er nahm selbst die Flucht, wählte selbst den Weg, den er nehmen wollte; aber dieses alles erkannte der allwissende Gott zum voraus. Es erhob sich ein Sturmwind; auch das wußte Gott, denn„Er ist es, welcher die Winde aus ihren Hohlen läßt." Der Sturmwind verwickelte die Haare in die Baumciste, welche Absalom wahrscheinlich nicht sah, theils aus Unwillen, daß er die Schlacht verloren, theils aus Furcht vor den ihn verfolgenden Feinden, theils aus Begierde, dem Tode zu entgehen; und in eben der Zeit, als er dem Tode entgehen wollte, ging er ihm entgegen. Gott sah dieß alles vorher und ließ es zu, weil es seinem Zwecke gemäß war; geschah aber etwas, so der Freyheit des Manschen im Wege stand? Noch ein Beyspiel; denn Beyspiele haben eine ganz eigenthümliche Kraft, welche macht, daß die Wahrheit leichter in unsern Herzen Wurzel faßt. Die Wichtigkeit des Gegenstandes verdienet wohl, daß wir dabey ein wenig in Gedanken verweilen.— 57 Jesus Christus, der Erlöser des menschliche» Geschlechtes, wurde zu Bethlehem, einer der ver- achtersten Städte des Judenlandes geboren, und eine arme Hütte war es, welche ihn in unserem Fleische empfing. War dieß ein Zufall? Man könnte leicht darauf verfallen, wenn man nur die nächsten Ursachen betrachtet, die der Geburt unmittelbar vorangegangen sind. Scheint es nicht zufällig zu seyn, daß Cäsar Auguftus den Befehl ergehen ließ, daß sich jeder Jude in der Stadt seiner Vater sollte aufschreiben lassen? Scheint es nicht zufällig zu seyn, daß die Einwohner Bethlehems Marien einen Ort der Ruhe versagten? Scheint es nicht ein bloßes Ungefähr zu seyn, daß sie verlassen von der ganzen Welt, noch eine Hütte fand, in welcher sie das Heil der Menschen gebar? Ein Wahnwitziger könnte solche Behauptungen aufstellen. Gott sah nach seiner Vorhersehung alle diese Umstände voran», so wie Er sie auch schon Jahrhunderte vorher durch den Mund der Propheten kündbar gemacht hatte. Er wählte sie, weil er sie nach seinen Absichten und Planen für die besten hielt. O konnte sich doch Jeder fest überzeugen. Laß alles in der Welt nach den weisen Rathschlüssen Gottes geschieht; dann würde unser Urtheil die wahre Richtung bekommen und nichts mehr würde unsere Ruhe stören. Der Regen stürzt vom 58 Himmel, es blitzt, es donnert; Trockenheit saugt die Erde aus, und Kälte tobtet Menschen und Thiere; Krankheiten fallen über uns und Mißwachs macht das Land öde; Kriege entflammen die Herzen und zerstören die Reiche: jedoch nichts ist Zufall, sondern Fügung des Himmels. Wir dürfen nur nicht bey den nächsten Ursachen der Begebenheiten dieser Welt verweilen, sondern die Gedanken höher, das Angesicht zu Gott erheben. Gott läßt ein Uebel zu, um nicht die Freyheit des Menschen zu beschränken; allein Er weiß sich dessen zu unserem Besten zu bedienen. Betrachten wir dieß jedesmahl, wenn die Ereignisse auf dieser Erde unsere Ruhe stören wollen. Wir werden nun eines Einwurfes ermähnen, welcher bey der Betrachtung dieser Wahrheit leicht in den Sinn des Menschen kommen könnte, indem derselbe zu Zweifeln sehr geneigt ist, wenn er seine Meinung über die unendlichen Wege Gottes aus- sprrchen will. Man könnte sagen;„Ich gestehe es, daß Gott die Folge der Begebenheiten und Ereignisse zusammengekettet hat; aber hätte er in vielen Dingen nicht eine bessere Wahl und Ordnung treffen können? Warum läßt er oft die Sonne durch lange Zeit brennen? Warum beraubt Er die Erde des Regens, daß Früchte, Blätter und Kräuter verdorren, daß die Thiere ihrer Nahrung beraubt wer- 59 den? Warum laßt er die Kriege zu? Warum vernichtet er nicht vorher die Macht derjenige«/ von «. denen Einer den Andern zu Grunde richten will? Warum gibt Er nicht seinen Creaturen einen ewigen Frieden?"— Wer aber so spricht/ verräth eine gewisse Einfalt eines sterblichen Menschen/ eine Einfalt, die aus eingebildeter Klugheit, aus Hoffahrt entsteht, welche er selbst nicht einsehen kann. Man beleidigt den Ruhm des Allerhöchsten, wenn man sich einbildet, Gott könne eine bessere Ordnung herstellen, und man müßte aller Vernunft abgeschworen haben, wenn man dieser Meinung Beyfall geben wollte.— Ohnmächtiger Mensch! du willst Dinge beurtheilen, die über deinen schwachen Geist so unendlich erhaben sind, und kannst nicht einmahl Leine eigenen Geschäfte, welche du vor deinen Augen hast, gehörig anordnen? Du bist blind in deinem kleinen Häuschen, und willst Mängel in dem großen Hause des Ewigen auffinden? Welche Unordnung, welcher Kampf würde nicht auf der Erde herrschen, wenn Gott alles nach dem oft so mannigfaltigen und wankelmüthigen Sin- - ne der Menschen machen wollte? Während dem Einer schöne Witterung haben will, wünscht der Andere Regen. Der Landmann wünscht den Frieden, um in Ruhe zu leben und seine Früchte einernten zu können; der Soldat wünscht den Krieg, um Beute zu ma- 60 chen, und dort zu ernten, wo er nicht gssäet hat. Der Gärtner will eine ruhige und heitere Lust, damit die Früchte seiner Bäume nicht zu Grunde gehen, und zu derselben Zeit verlangt der Schiffer einen glücklichen Wind, um seine Reise schneller zu vollenden. So widersprechen sich die Menschen in ihren Wünschen und Begierden, und wie konnte sie Gott alle zu gleicher Zeit befriedigen? Und wie würdest du, o Mensch, dir selbst genug thun, da du zu der nämlichen Zeit so widersprechende Dinge begehrest, und wie würdest du zu gleicher Zeit den ganz entgegengesetzten Wünschen deines Nachbars genüge leisten, wenn dir der Ewige die Regierung der Welt überließe? Bekennen wir also, daß wir nicht im Stande sind, die verborgenen Wege Gottes zu beurtheilen. Wie können wir mit verbundenen Augen entscheiden, ob ein Ereigniß in der Welt besser ist, als ein anderes, ihm entgegengesetztes, indem wir nicht einen Augenblick die Verkettung aller Dinge zu übersehen vermögen! Wer will vernünftigerweise sagen:„Das ist besser in der Welt," wenn er nicht einen Augenblick in das Universum sehen kann, wenn er nicht von Grund aus alle Umstände kennt, die daran geknüpft sind?— Die Wege Gottes bleiben dem menschlichen Auge verborgen, bis wir zu Gott, dem Ende derselben, kommen und einsehen, 61- wie sie die Offenbarung der Weisheit, Güte, Gerechtigkeit und Heiligkeit des Unendlichen vollständig ergänzen. Wenn wir nun wissen, daß ein Gott ist, der alle Dinge, die sich ereignen, angeordnet hat, und daß Er sie nach seiner Weisheit angeordnet und nicht einem blinden Zufalle überlassen hat, warum sollten wir also noch so unvernünftig seyn, und uns gegen die Rechte des Allerhöchsten versündigen, warum sollten wir noch entscheiden wollen, ob das, was die höchste Weisheit nur gut machen konnte, gut ist, oder nicht? Wenn aber das, was sich ereignet, gut ist, warum sollten wir uns noch darüber beunruhigen? Gott ist es, welcher es in seinen weisen Rathschlüssen so bestimmt hat, ehe noch Himmel und Erde waren. Wiederhohlen wir nun in Kürze das, was wir bisher gelehret haben. Gott hat die Welt erschaffen; Er regiert sie, und nichts geschieht aus Zufall. Alles ist nach seiner höchsten Weisheit gemacht, und immer befördert Er das Beste seiner Ereaturen. Dieser Gedanke wird alle Unruhe von uns verbannen und uns mit einer dauerhaften Freude erfüllen. Wenn wir nur erkennen und uns das Zeugniß geben können, daß wir gut sind, werden wir sicher fröhlich seyn. Wenn du demnach auf dieser Welt zufrieden 62 und in Ruhe seyn willst, so bedenke, o Mensch, daß Gott alles leitet, und verlange nicht, daß er den Lauf der Dinge nach deiner Willkühr richte. Wenn du zweifelst, daß diese Gedanken die Kraft haben, deinen Geist jederzeit zu beruhigen und dich in den Betrübnissen dieser Welt zu trösten, daß die Regierung Gottes ein wirksames Mittel sey, um den Seelenfrieden zu erlangen; so wirf deine Augen auf David. Wilde Volker überschreiten die Gränzen, drohen, die Gestalt der Erde zu verändern und alles zu verschlingen, was sich nicht ihrem Willen unterwerfen will. Sie ergießen sich wie Heuschrecken über das Land und zerstören alles, was der Landmann ge- saet, gepfleget und im Schweiße seines Angesichtes geerntet hat. David aber läßt seinen Muth nicht sinken, weil er sein Auge auf die ewige Vorsehung richtet.„O Ewiger! ich bin gutes Muthes, wann ich bedenke, wie Du von Anbeginn d erWelt regieret hast." Und:„O Ewiger! wenn ich nur Dich habe, so bekümmere ich mich weder um Himmel noch Erde. Mag auch mein Körper und mein Geist in Ohnmacht sinken, so bist doch Du,' o Gott! immer der Trost meines Herzens und mein Theil. Meine Seele ist an Dich gefesselt. Deine Rechte halt mich." Ja, Gott regieret, hat seit aller Ewigkeit regieret, und wird nie aufhören zu regieren. Diese Betrachtung kann alle Besorgnisse des Geistes stillen und uns beruhigen. Zweyter Theil, welcher auf einige Zweifel über die göttliche Vorsehung antwortet. Sechste Betrachtung. Gott laßt die Sünde nach seiner Weisheit zu, und man kann deßhalb seine Vorsehung und Weltregierung nicht bestreiten. 26str haben bisher die unbegreiflichen Tiefen der göttlichen Weisheit betrachtet, ohne jedoch die Absicht zu haben, sie gänzlich zu ergründen; nein die Erkenntnisse EotteS sind ein Abgrund, den die Schwache unsers Auges nicht ermessen kann. Wir wollten uns nur eine feste Idee davon machen, damit wir unsere Ruhe finden könnten. Wir wollen nun auch einige Zweifel heben, welche der Mensch in seinen Irrthümern gegen die göttliche Regierung zu machen pflegt. Einer der vorzüglichsten davon ist 64 dieser: Wenn es eine göttliche Vorsehung gäbe, so würde Gott die Sünde nicht zulassen, durch welche sein Ruhm verdunkelt und die Welt in Unordnung gebracht wird. Um dieß zu widerlegen, wollen wir vor allem noch ein Mahl betrachten, daß Gott in allen seinen Werken die Offenbarung seiner Vollkommenheiten zum Zwecke hat. Dieser Zweck besteht hauptsächlich darin, um die vernünftigen Geschöpfe in den Hafen der ewigen Seligkeit zu geleiten. Unter den sichtbaren Wesen hat der Mensch vor allen andern dieser Art den Vorzug; aber Gott hat ihn zu einer weit höheren Würde erhoben, als diese ist, welche er auf der Erde besitzt. Er zieht ihn in den Himmel, und in Betracht dessen kann man sagen, daß er sehr glücklich ist. Gott führt die Erde durch den unermeßlichen Raum, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern aus Liebe zu dir, o Mensch, um deine Glückseligkeit zu befördern, und um dich in den Schooß der Ruhe zu führen, wo du ihn ewig loben sollst. Ein Schiffer wirft sein Augenmerk auf alle einzelnen Zweige der Schifffahrt. Er führt ein festes Gebäude auf, macht die Segel, spannt sie aus, läßt sie von dem Winde aufblasen; er nimmt das Steuerruder in die Hand und leitet das Schiff. Warum thut er dieses» Nicht aus Liebe 6Z zu dem Schiffe, zu den Segeln oder zu dem Ruder; nicht um die Winde zu ergötzen: sondern um das Glück derjenigen zu befördern, welche auf dem Schiffe sind. Alle seine Unternehmungen zielen dahin, weil er sich vorgenommen hat, sie glücklich in den sichern Hafen zu bringen. Eben so verhalt es sich mit der göttlichen Regierung der Welt. Wie in ein Schiff hat uns Gott gestellt, um uns in den Hafen der ewigen Glückseligkeit zu bringen. Wir sind nicht um der Erde willen da; sondern Gott leitet alle Veränderungen so, daß wir, wenn wir, nicht durch eigene Schuld Schiffbruch leiden, in das Land seiner Herrlichkeit kommen. Ich eröffne nun eine neue Quelle, welche die Freude und Zufriedenheit des Menschen sowohl im Glücke als im Unglücke befördern kann. Wenn der Ewige Alles hervorgebracht hat, um seinen Ruhm kund zu machen; wenn Er alle Dinge erschaffen hat, um seine Vollkommenheiten zu offenbare»: so muß auch seine Güte auf die möglichste Weise kennbar seyn. Diese besteht in nichts anderem, als seinen Creaturen jene Vollkommenheiten zu geben, deren sie fähig sind; und wenn dieß ist, muß Er ihnen so viele, als möglich, gegeben haben. In sofern können wir nicht zweifeln, daß Ex alle Dinge auf das Beste leitet, in- 6 66 dem er unveränderlich und sein Zweck fest und unerschütterlich ist. Wenn aber sein Zweck fest und unerschütterlich ist, wird er es in Ewigkeit bleiben und in Ewigkeit das Beste seiner Geschöpfe befördern. Warum sollte mein Geist noch zaghaft und nicht zufrieden in seinem Gott seyn? Man werfe mir nicht vor, daß sich oft der Mensch durch seine Thorheit Uebel zuziehe, die er hätte vermeiden können, wenn er vorsichriger gewesen wäre, wenn er sich seines Verstandes mehr bemächtiget, wenn er seine Leidenschaften unterdrückt hätte; man werfe mir nicht vor, daß viele Leute sich selbst in den Stand der Dürftigkeit und Noth bringen, daß viele durch eigene Schuld ihren Körper zu Grunde richten.— Es ist wohl wahr, die meisten Menschen sind selbst die Stifter ihres Glückes oder Unglückes; allein sie haben sich auch selbst ihr Unglück, ihre Schande, ihren schmählichen Tod zuzuschreiben. Man glaube aber nicht, daß Gott bey diesen Dingen ein müßiger Zuschauer ist: sondern man bemerke, daß diese döse Eigenschaft eines solchen Menschen ein Werkzeug ist, dessen sich Gott bedienet, ihn seiner Güter, seiner Gesundheit, seiner Ehre, seiner Macht zu berauben, um ihn durch diese Veränderungen desto glücklicher zu machen, und um seinen unendlichen Ruhm desto mehr zu befördern. 67 Wenn man dieß bedenkt, kann man jederzeit froh und mit seinem glücklichen oder unglücklichen Stande zufrieden seyn. Wenn du aber, o Mensch, einer dauerhaften Freude genießen willst, erfreue dich nicht bloß deßwegen, daß dir alles nach deinem Wunsche geht. Erfreue dich deiner Reichthümer, aber nicht bloß deßwegen, daß sie zu deiner Bequemlichkeit dienen, erfreue dich deiner Gesundheit, aber nicht bloß deßwegen, daß sie deinem Aussehen günstig ist; erfreue dich deiner Ehrenden, aber nicht bloß deßwegen, daß sie dich berühmt machen und dir Ansehen verschaffen: sondern erfreue dich deßwegen, weil es Gott ist, der d,ch zum Werkzeuge erwählet hat, durch welches er^ seine Güte und die Reichthümer seiner Gnade offenbaren wollte; daß es Gott ist, welcher dich zu dem gemacht hat, der du bist; daß es seine güti- gen Hände sind, von denen du alles erhalten hast. Erfreue dich nicht sowohl, daß du in den Umständen lebest, welche du gewünschet hast; sondern vielmehr deßwegen, weil du ein Bild bist nach dem Willen des Herrn. Dw Beweggründe einer wahren und beständigen Freude dürfen nichr von den Dingen dieser Welt genommen werden, welche sich jeden Augenblick verändern; eine Freude, welche sich auf diesen Grund stützet, kann unmöglich von Dauer 6* 68 seyn. Setzen wir den Fall, daß sich ein Reicher nur deßwegen erfreuet, weil er im Ueberflusse lebt, und seiner Bequemlichkeit pflegen kann. Welchen Beweggrund der Freude wird er dann haben, wenn sich sein Reichthum in Armuth verwandeln sollte? Elende Freude, die nur auf den trügerischen Glanz der Erdendinge gegründet ist! Wenn wir aber einsehen, daß alles, was man besitzt, von Gott kommt, der immer unser Bestes besorgt, dann werden wir einer beständigen und dauerhaften Freude genießen können. Man sey reich oder arm; der Grund und das Prinzip dieser Freude wird bestehen; der Geist wird sich immer derselben Ruhe, desselben Friedens erfreuen. Man wird uns folgenden Zweifel entgegenstellen:„Wenn sich Gott bey allen Dingen zum Zwecke gemacht hat, seine Ehre und seinen Ruhm zu verherrlichen, woher kommt denn das viele Uebel in der Welt? Woher denn die so vielen Sünden?"— Jedoch es ist eine ganz andere Frage: Wäre es besser, wenn es keine Sünde in der Welt gäbe? als: Welches von beiden ist besser, daß Gott die Sünden zuläßt und nicht hindert, oder daß Er sie nicht zulaßt? Wir behaupten, daß es dem ewigen Gesetzgeber mehr zukommt, die Sünde zuzulassen, als chr den Eingang so zu verschließen, daß Niemand sündigen kann. Wir wollen eS beweisen. 69 Alle vernünftigen und endlichen Geschöpfe sind von einer Natur, daß es möglich ist, daß sie sündigen. Diese Möglichkeit kommt ihnen wesentlich zu. Wenn sie also nicht sündigen sollten, müßte sie Gott ihres Wesens berauben, und dieß ist un, gereimt, oder Er müßte sie hindern, daß sie nicht in der-r.hat sündigen. Er müßte sie also entweder nicht erschaffen haben, oder sie ihrer Freyheit berauben. Nun aber hat Gott vernünftige Wesen erschaffen, und nicht gehindert, daß sie sündigen. Die Sache ist zu wichtig, als daß wir hier ein - Bollwerk von Meinungen aufstellen könnten; wir wollen nur den Ruhm und die Weisheit des allerhöchsten Gottes vertheidigen. Wir behaupten vor allem, daß es dem Pla. ne Gottes und seiner Weisheit gemäß war, unter den körperlichen Creaturen eine zu erschaffen, z. B. einen Menschen, welcher mit freyem Willen begabt, das^ was ihm vorgeschrieben war, erfüllen oder nicht erfüllen konnte. Die Nothwendigkeit, das Gute zu thun und das Böse zu meiden, hätte wohl in der That den Menschen glücklich gemacht, aber dadurch wäre er nicht besser und keineswegs lobenswerth geworden. Was mir aus Zwang thun, macht uns keine Ehre. Nur derjenige ist lobens- würdig, welcher die Befehle Gottes«übertreten kann, und sie nicht übertritt, welcher sündigen 70 konnte und nicht gesündigt hat. Jedoch sehen wir nun nicht auf das, was den Menschen vortheilhast ist; sondern betrachten wir vielmehr den Ruhm und die Herrlichkeit Gottes. Es wird wohl Niemand laugnen, daß es für einen Fürsten rühmlicher ist, solche Unterthanen zu haben, welche seinen Befehlen freywillig gehorchen, aus Liebe zu ihm, mit dem Vorsätze, ihm zu gefallen, um sich ihm furchtlos zu nähern; daß die^ für ihn rühmlicher ist, als von Sclaven umr.ngt zu seyn, welche er an der Kette halt, bannt sie sich seinem Gehorsam nicht entwinden. Gott wurde eben solche Sclaven haben, welche seine Befehle nothwendig vollziehen müßten. Es war daher der Heiligkeit Gottes nicht unwürdig, solche Wesen zu erschaffen, z. B. die Engel und die Menschen, welche sich seinem Willen unterwerfen, oder auch das Gegentheil thun könnten; ja Gott hielt es für besser, sie so zu schaffen, denn sonst halte Er Maschinen gemacht, die seinen Ruhm nicht so erheben können, als freye Wesen; oder Er hätte ,eden Augenblick Wunher wirken müssen, um die Freyheit des Menschen in den Schranken zu halten, was aber der Weisheit G°.ttes entgegen gewesen wäre, wenn Er dadurch die Sünde hindern wollte. Wir geben zu, daß der allmächtige Gott den Menschen so schaffen konnte, daß er nicht sündigte; 71 1-doch würde dann sein Geschöpf so frey seyn, als jetzt? Aber Gott wollte, daß der Mensch ein freyes Geschöpf sey, weil es mehr geeignet wurde, seine Ehre zu befördern.— Da nun Alles gut, und die Sünde böse ist, so ist es nothwendig, daß Gott den Menschen so leite, daß er, obwohl er nach seiner Wesenheit sündigen kann, auch die Freyheit habe, nicht zu sündigen. Der unendlich gütige und barmherzige Gott kommt daher der Schwache des Menschen zu Hülfe und stärkt sie durch die Ermahnungen und Drohungen un Inneren: durch das Gewissen. Er sucht dadurch den Frevel zu verhüthen, und verspricht die reichsten Belohnungen seiner Gnade denjenigen, die selnen Befehlen gehorchen: aber er läßt auch dem Menichen die Freyheit, das Gute oder das Böse zu vollbringen. Alle Werke des Herrn verkündigen seine Ehre und seinen Ruhm; und selbst dadurch, daß Gott lr ünde zuließ, haben wir einige seiner erhabensten Vollkommenheiten kennen gelernt. 1) Als der Mensch gesündiget und die heiligste Majestät Gottes belerdiget und verletzt hatte, gab Gott seine Güte und Barmherzigkeit zu erkennen, indem um seiner Gerechtigkeit genug zu thun, dem Menschen ein heilsames Mittel vorbereitete, bis ,einen Sohn in unsere Hülle kleidete, damit 72 er durch seinen Tod die Menschen mit der Gottheit versöhnte. 2) Indem das unendliche Wesen dem Menschen das Gesetz gab und über dessen Übertreter das Verdammungsurtheil aussprach, hak Er sich als den höchsten Gesetzgeber geoffenbaret und gezeigt, daß das Geschöpf seiner Macht unterworfen ist. 3) Gott hat uns sein- Gerechtigkeit gezeigt, indem Er dem Bösen Strafe, dem Guten die Belohnungen seiner Gnade zuerkennet- 4) Gott hat auch seine Langmuth und Geduld geoffenbaret, indem Er nicht immer sogleich diejenigen bestrafet, welche sich gegen sein Gesetz erheben; seine Lieb-, indem er die Sünder von den Irrwegen zurückrufet, sie einladet, sich mit ihm zu versöhnen, und sein- Feinde, wenn sie sich bekehren, in Gnaden aufnimmt. Ich füge endlich noch hinzu, daß sich Gott oft der Sünde zum Glücke des Menschen bedienet hat Wenn der Mensch ernstlich betrachtet, wie seh^ er sein ganzes Leben hindurch der Sünde unterworfen war, so kann er sein Unvermögen, seinen beschränkten Geist, seine Schwach- einsehen, und sich vor der Beleidigung des Allerhöchsten hu- then. Seine Liebe gegen Gott wird desto zarter werden, je mehr er erkennet, daß er sich m dem Sündenpfuhl herumwälzte, des Todes und der Strafe würdig ist. Wenn Gott diejenigen strafet, 73 welche sich nicht bekehren, so dient dieß andern zum Beyspiele und zur Betrachtung, daß auch sie dieselbe Züchtigung verdienet hätten. .«'ehe dich aber vor. Wahnwitziger! daß dir nie rn den Sinn komme, das Böse zu billigen; wage es nicht, zu sagen, daß die Sünde etwas Gutes l,r; sie ist böse und bleibt böse und verdient bestraft zu werden. Der ewige Vater läßt sie nach ftmer Weisheit zu; sie soll uns zu unserer Ver- °°llkommnung dienen, aber nicht dazu, daß wir h,.fortsrohnen;^ uns nicht von dem Höchst. S-",gen mehr und mehr entfernen, sondern zu 3hm zurückführen.^ Siebente Betrachtung. Auch deßhalb kann man die göttliche Vorsehung nicht bestreiten, wenn auch die Bösen glücklich sind und die Guten in Elend und Betrübniß schmachten. Die Erfahrung bestätiget, daß die Guten oft >n Betrübniß und Elend seufzen, während die Bösen im Glücke und Wohlseyn jubeln. Diese beiden vorzugsweise vor jenen Güter und Reichst 74 thümer, bekleiden Ehrenstellen, erfreuen sich großer Vorzüge und unterdrücken obendrein die Guten; sie entreißen denselben durch Ränke und Be--- trügereyen ihr Eigenthum, verspotten sie, lasiern sie. So ist der Lauf der Welt.— Wir muthma- ß-n gemeiniglich mit dunkeln und verworrenen Ideen von dem, was um uns her geschieht: daher kommen oft die verkehrten Urtheile, welche wir über den Wechsel und den Lauf der Dinge dieser Welt fallen. Es gibt Leute, welche sich durch den Stand und Zustand der Guten und Bösen zu dem schädlichen Irrthume verleiten lassen, daß sich die gött-^ liche Vorsehung über die irdischen Dinge nicht erstrecke; sie glauben, daß die Sünde der Ursprung aller Uebel und Unglücke, aller Leiden und Drangsale sey, und betrachten also diese als Strafen der So wahrscheinlich der Einwurf ist, eben so groß ist die Unverschämtheit derjenigen, welche ihn behaupten und eben so unverständig betragen sich die, welche sich davon verführen lasse». Wir können durch unerschütterliche Beweise zeigen, daß^ alles in der Welt durch Anordnung und Zulassung Gottes geschieht; warum sollten wir also daran rweiseln, wenn wir nicht begreifen, wie sich gewisse Wechsel der Welt mit seinen vollkommensten Eigenschaften vereinbaren lassen. Dieser Einwurf kommt also von einer Schwache des Geistes her. Wenn eine Wahrheit gehörig bewiesen werden kann, so sind die größten Zweifel nicht im Stande, ihr Ansehen zu bestreiten. Sie verschwinden mit der Zeit von selbst, je mehr man in die Wahrheit dringt, deren Licht die Finsterniß erhellet. Wenn man alles laugnen wollte, was man nicht begreift, so würden wir an uns selbst viele Dinge laugnen mästen, weil kein Mensch sich vollkommen zu fasten vermag. Indessen wollen wir uns nicht begnügen, bloß im Allgemeinen zu zeigen, worin der Einwurf besteht, weil man sich leicht einbilden könnte, daß er zu kräftig wäre, um ihn zu widerlegen. Es ist wahr, wir können uns nicht schmeicheln, die Wege des Herrn begreiflich zu machen und immer die nächsten Ursachen anzugeben, warum Gott so handelt und nicht anders. Das wird uns dann erst klar werden und jeder Zweifel wird verschwinden, wenn wir in das Heiligthum des Ewigen eintreten werden. Indessen wird die folgende Betrachtung hinreichen, um den Geist desjenigen zu beruhigen, der bey dem Anblicke des Glückes der Bösen und des Unglückes der Guten an der Gerechtigkeit Gottes und seiner Vorsehung zweifeln wollte. Erstens bemerke ich, daß das Glück der Bösen mich in dem Glauben an ein zukünftiges Leben ltz- -* 76 kräftiget. Gott ist gerecht, das lehrt die Vernunft und die heilig- Schrift; es ist daher nothwendig, daß seine Gerechtigkeit das Gute belohne und das Böse bestrafe. Jedermann erhält nicht in dieser Welt vollkommene Vergeltung seiner Handlungen. Die Bös-n schwelgen oft in Uebersluß und Glück, während die Guten in Unglück und Betrübniß seuf- zen; das lehrt die tägliche Erfahrung. Es muß daher ein anderes zukünftiges Leben geben, wo dre Guten und Bösen ernten werden wie sie gesaet haben. Das Glück der Bösen, welches ich wahrnehme, wird mir nicht dazu dienen, zu behaupten, daß Gott nicht die Welt regieret, sondern daß Gott nicht zum voraus seine Gerechtigkeit über die Menschen ausübt. Ich werde in dem Glauben gestärkt, daß wir außer diesem Leben noch ein anderes zu erwarten haben, von dem mich auch die heilige Schrift versichert, wenn ich lese:„Es kommt einst die Stunde, wo alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorgehen werden; die Gutes gethan haben, werden auferstehen zum ewigen Leben, die aber Bosts gethan haben, zur ewigen Ver- dammniß.«—Es ist wahr, wir können nicht ganz begreifen, warum die Bösen glücklich sind; aber am Ende ihres Hierseyns werden wir einsehen, daß es noch ein anderes Leben, eine andere Freude, eine andere Glückseligkeit, eine andere Hoffnung/ 77 aber auch andere Peiiren und andere Qualen, als diese irdischen, geben muffe. Zmeytens: die Hoffnung der Gerechten wird durch das Glück und die Glückseligkeit der Bösen beträchtlich vermehrt. Wenn der Ewige seine Feinde mit Segen überhäufet, wie groß muß das Maß seiner Güte seyn, welches die Gerechten zu erwarten haben! Wir stellen uns die Bösen gewöhnlich als ganz böse vor; wir glauben, daß alles, was sie an sich haben, unvollkommen und böse ist. Ein beschränkter Geist, ein zu heftiger Eifer für daS Gute ist Ursache, daß wir unbillig und lieblos von Andern urtheilen. Wenn wir unsere Beobachtungen, so wie es sich gehört, anstellen, wenn wir ohne Vorurtheil die Handlungen der Bösen betrachten, wenn wir dann erst unser Urtheil aussprechen wollten, nachdem wir die Sache wohl erwogen haben, so würden wir wahrnehmen, daß es keinen Dösen gibt, der so entartet, so verdorben, so verworfen wäre, daß er nicht eine Handlung unternehmen könnte, die gut und lobenswürdig, die der Natur und Vernunft gemäß, kurz, die moralisch gut wäre. Ein Tirann sey noch so wild, unbarm- herzig und grausam, er kann sich dennoch nicht der Menschlichkeit so entwinden, daß er nicht zuweilen Zeichen des Mitleids von sich gäbe. Und selbst diese» Wenige von Güte, sey es auch unendlich klein. 78 laßt die Gerechtigkeit und Liebe Gottes nicht unver- golten. Da könnten sich aber die Bösen schmeicheln, daß ihre Verdammung nicht so groß seyn wird, und^ daß sie noch leicht Vergebung zu hoffen haben; jedoch sie sollen bedenken, daß die zeitliche Belohnung ihnen dir frivole Hoffnung benimmt, welche ihr Herz noch mehr zur Sünde ermuthigen konnte. Sie sollen bedenken, daß dos durch ihre Handlungen verdiente Gute in diesem Leben hinlänglich vergolten worden ist, daß es keiner andern Belohnung, als einer irdischen werth war, und daß sie nach dem Tode eine gerechte Strafe für das verübte Böse erlangen werden. So wenig als der Böse durchaus böse ist, eben so wenig dürfen wir uns einbilden, daß der Gerechte vollkommen gur ist, daß ihn die Sünde gänzlich verlaßt und daß er sich derselben durchaus entwunden hat.»Der Gerecht- fällt des Tages siebenmahl.« Hat er daher Ursache, sich zu verwundern, wenn er sich von Leiden und Mühseligkeiten umringt sieht? Er muß in dieser Welt leiden, um ge- reiniget und''um im Himmel jene vollkommene B--^ lohnung zu erlangen, die ihm Gottes Gnade bestimmt hat. Siehst du nun ein, o Bösewicht! was du von deinem Erdenglücke zu halten hast? Du hast keine Ursache, dich,über den Zustand deiner Dinge auf- 79 zu blasen und dich deiner Glückseligkeit zu rühmen. Sie dauert nur bis an das Ende deiner Tage. Du bist in Ehrenstellen, lebst glücklich, schwelgst in Freuden und Vergnügungen; aber Gott wird einst dein Schuldbuch aufschlagen und dir zeigen, was er von dir zu fordern hat.— Die Gerechten erfreuen sich hiernieden nur weniger Dinge, weil ihre himmlischen Gedanken nur nach himmlischen Dingen trachten; sie leiden hier, um dort die Krone der Gerechtigkeit zu erlangen. DaS Glück der Bösen soll uns drittens auch die Größe des himmlischen Ruhmes zu erkennen geben. Man mache sich eine Idee von dem Glücke eines Menschen so groß, als man immer will; er erfreue sich der höchsten Würden, besitze unermeßliche Schatze; so verschwindet alles in ein Nichts, wenn man bedenkt, wie der Ewige, da er so wenig gute Handlungen reichlich vergeltet, seinen getreuen Diener einst mit Freude und Wonne überfüllen wird. Wenn der Ewige gegen seine Feinde so gütig ist, wie unaussprechlich groß wird seine Gnade gegen diejenigen seyn, welche ihn lieben. Trachte daher, o Mensch! dich darüber zu beruhigen, und entkräfte jeden Zweifel, welcher dir bei der Betrachtung der Begebenheiten dieser Welt in den Sinn kommen wollte. Wenn Gott gerecht und weise verfahrt in Ansehung aller Bösen, so schließe von al- 80 len auf den einzelnen; frage nicht, warum der Ewige diesen Lirannen duldet, warum Er nicht dieses Laster unterdrückt, warum Er diesem Bös-- wichte eine so ausgebreitete Macht gegeben hat. Es ist oft nur unsere Bequemlichkeit, unser eigenes Interesse, welches dergleichen Fragen in einzelnen Fallen macht. Aber es ist eine Thorheit. Ueberlasse die Bösen dem gerechten Gerichte Gottes und wage es nicht, sie selbst zu richten. Wenn du den Ruhm des Allerhöchsten befördern willst, so dulde, was dir auferlegt wird, und ertrage die Bösen mit Gelassenheit. Wer so handelt, lobt den Herrn. Lasse also immerhin die Bösen glücklich seyn aus dieser Erde, und wenn der Ewige zögert, seine Gerechtigkeit über sie zu verhängen, so soll dieß keinen Zweifel in deinem Herzen entstehen lassen. Es wird sicher die Zeit kommen, wo der Herr den Sieg über sie davon tragen, sie von ihre» kostbaren Hüllen entblößen und ihren Hochmuth ersticken wird. Es kommt auch die Zeit, wo uns das Kreuz von den Schultern wird genommen werden, wo wir einer e-vigen Seligkeit, einer himmlischen Freude, die nie endet, genießen werden, in Vergleich deren der heilige Paulus alle Leiden dieser Zeit für nichts achtet. Wir wollen nun einige Schwierigkeit heben, welche nachdenkenden Lesern leicht in den Sin" 81 kommen kann. Man wird glauben,„wenn sich die Dinge so verhalten, so müssen alle Bösen auf dieser Welt glücklich, und alle Gerechten von Leiden heimgesucht seyn. Beydes widerlegt die Erfahrung. Viele Böse sind sehr unglücklich in dieser Welt;- werden sie also keinen Lohn der Gnade nach dem Tode zu erwarten haben? Sollten sie nach diesem Leben durchaus verloren gehen? Es gibt aber auch Gerechte, welche sich hier eines großen Glückes erfreuen; jedoch keiner von ihnen ist vollkommen gut. Da die göttliche Gerechtigkeit auch das kleinste Böse bestrafen muß, wo werden sie also dafür leiden?" Wenn wir einen Blick in die Schriften der alten Kirchenvater werfen, so werden wir die Antwort auf alle diese Fragen finden, nähmlich: Die Bösen sind nicht allein im Glücke und die Gerechten nicht allein in Trübsal, damit der Mensch dadurch lerne, daß das, was man gu» und glücklich, nnd das, was man böse und unglücklich nennet, unrichtig mit dem Nahmen des Glückes und Unglückes belegt wird. Wir armseligen Menschen betrügen uns sehr in dem, was wir Glück nennen; denn, wenn es wahrhaft so wäre, wie könnte der gerechte Herr diejenigen, die ihn lieben, desselben berauben und es seinen Feinde» geben? Wenn das, was wir in dieser Welt so nennen, ein wahres Unglück wäre, wie könnte der Ewige seine Kinder da- 82 mit belasten? Geben wir also in Zukunft weder der Armuth/ den Krankheiten, der Versuchung u. s. w. den Nahmen eines wahren Unglückes, noch den Schätzen, Reichthümern, Ehrenstellen und Würden den Nahmen eines wahren Glückes. Es sind nur Werkzeuge, deren mau sich zum Guten oder Bösen bedienet, und je nachdem man sich derselben bedienet, kann man sie gut oder böse nennen. Wer wollte die Reichthümer gut heißen, wenn sie deren Besitzer zum Schaden seines Nächsten, zur Stiftung der Uneinigkeit und des Haders, zur Nahrung seiner sinnlichen Lüste und Begierden gebraucht? Wer wollt- aber auch einen Reichen unglücklich nennen, weil er reich ist, wenn er sein Eigenthum zur Ehre Gottes, zu seinem und seines Nächsten' Nutze», zur Unterstützung der Dürftigkeit, zur Beförderung nützlicher Anstalten verwendet? Die Armuth ist gut, wenn sie Derjenige, den sie trifft, mit Geduld und Ergebung in den göttlichen Willen erträgt; sie ist böse, wen» er sie zum Deckmantel der Ungeduld, des Betruges und Diebstahles mißbrauchet. Die Erfahrung lehret, daß Krankheiten, allgemeine Plagen und ähnliche Dinge, welche die Menschen zu den Uebeln zählen, uns zu Gott erheben oder von Gott entfernen, je nachdem wir sie zum Guten oder zum Bösen anwenden. Wer wollte also noch freveln gegen die Gerechtigkeit Gottes, 82 welche sowohl den Getreuen, als den Ungetreuen diese Werkzeuge ertheilet, um sich derselben nach ihrem freyen Willen zu bedienen? Alles wird uns zum Besten gereichen, wenn wir nur wollen. Man wird uns wohl zugeben, es sey gut, daß es Gott sowohl den Guten, als den Bösen wohl gehen läßt, daß Er die Einen und die Andern in glückliche Umstände versetzt und sie mit Schätzen und Reichthümern beschenkt;„aber," wird man fragen,„wäre es nicht besser, wenn Gott nur alle Guten mit Glück und alle Bösen mit Unglück heimsuchte?" Auf diese Art will man die Bösen mit allem Unglücke belasten und ihnen so die Waffen, welche sie zu ihrem Schaden und zum Schaden Anderer gebrauchen, aus den Händen reißen. Würde dieß aber zum öffentlichen Wohle gereichen? würde es der Gottheit und ihren Planen gemäß seyn? Denn indem Gott den Bösen so unendliche Wohlthaten erweiset und sie nicht alle ihres Glückes beraubet, da sie aber dennoch seinen heiligen Befehlen entgegenhandeln; in welchen Frevel würden sie verfallen, wenn sie glaubten, daß ihnen Unrecht geschähe? Wenn sie in einem Zustande, wo ihnen nichts fehlet, als Frömmigkeit und Tugend, sich nicht scheue», ihre Bosheiten zu verüben und den Nächsten gegen ihr Gewissen zu betrügen, was 84 würde diese Gattung von Menschen dann erst thun. wenn ihnen das entrissen würde, woran ihre schwarze Seele hangt? Betrug, Unrecht, Unterdrückung und alle Ausgeburten der Hölle würden in zahllosen Heeren die Menschheit geißeln.— Man wird daraus sehen, daß man sich durch den Glauben betrügt, daß sich die Bösen keines Glückes erfreuen sollen. Sie müssen im Ueberflusse leben, damit sie nicht noch verderbter werden; sie müssen sich aber auch nicht alle in dem Schooße des Glückes befinden, indem man weiß, daß Schatze und Reichthümer die besten Seelen verdorben haben. Wenn nur die Bösen auf Reichthum Anspruch machen dürften, wie groß würde in kurzer Zeit die Anzahl derselben seyn? Wie viele würden sich verblenden und von dem Wege der Tugend abbringen lassen? Werfen wir nun einen Blick auf jene Gattung von Menschen, welche die Tugend und Frömmigkeit üben. Sollen sie alle reich, oder sollen sie alle arm seyn? Man wird mir antworten,„daß sie alle reich, und daß sie allein es seyn sollen; dann würde sich Jeder zu d^r Zahl der Gerechten gesellen." Das habe ich erwartet; denn Jeder spricht zu seinem Vortheile, Jeder sorgt für sich selbst. Wer aber würde dann die Menschen zu der Tugend anleiten? Der größte Theil würde sie verlassen und die Gebothe Gottes vernachlässigen, um ihren Wunsch 85 nach dem zu befriedigen, was die Welt schon, vor- theilhafr, ansehnlich und anziehend heißt. Mit Leichtigkeit würde man der Ruine entgegen gehen, indem sich der kleinste Theil der Menschen im Glücke zu mäßigen weiß. Oder will man, daß alle Getreuen arm seyen, damit sie nicht durch die Reichthümer verführet werden? Das wäre eben so schädlich; denn da es unter den Gerechten noch immer sehr viele gibt, welche irdische Güter besitzen, da sich aber dessen ungeachtet so Wenige vorfinden, welche Gott ehren, fürchten und lieben; wie gering würde dann erst die Zahl derselben seyn, wenn das Entbehren der zeitlichen Güter und der Bequemlichkeiten dieser Erde an die Heiligkeit des Lebens nothwendig geknüpft wäre? Welcher Bösewicht würde den süßen Weg der Sünde verlassen und den Pfad der Tugend betreten, der von Mühseligkeiten umringt ist? Wer würde die Tugend und Religion beschützen und sich der Bosheit entgegenstellen?— Man sieht demnach deutlich, daß weder die Bösen allein reich oder arm, noch die Guten allein in Ueberfluß oder Dürftigkeit seyn können. Daraus schließen wir also, daß die Vertheilung, welche Gott in dieser Welt getroffen hat, seinem Ruhme und dem öffentlichen Wohls am meisten gemäß ist, daß also Keiner den Andern zu beneiden Ursache hat. 86 Achte Betrachtung. Gute und Böse müssen unter einander wohnen; die Glücksgüter, die Körpers-und Geisteskräfte müssen verschieden seyn. Daher dürfen uns weder unsere eigenen Schwachheiten, noch die Anderer beunruhigen. Wenn wir um uns her sehen, so bemerken wir unter den Menschen eine auffallende Verschiedenheit, nicht nur in Hinsicht der Glücksgüter, sondern auch in Betreff der Eigenschaften der Seele und des Körpers. Wir stammen alle von demselben Vater ab; Gott ist der Vater aller Menschen, und seine heilige Vorsehung ist über alle ausgebreitet und dennoch erfreut sich Einer aller Bequemlichkeiten dieses Lebens, der größten Freuden, Lobes«. Hebungen, Ehrenstellen, und kommt zu diesem allen mit leichrer Mühe; wahrend dem ein Anderer im Schweiße des'Angesichtes sein Brot verdienen, ein Anderer zu der Barmherzigkeit seines Mitbruders die Zuflucht nehmen muß. Wenn wir alle Kinder desselben Vaters sind, fwarum sind wir nicht gleiche Erben? Einige haben einen gesunden und lebhaften Körper; Andere einen schwachen und kränk- 87 lichen; und selbst unter diesen ist eine große Mannigfaltigkeit- Der ist wohlgestaltet, kräftig und ausdauernd, jener von einer schwachen Beschaffenheit, daß ihn das geringste rauhe Lüftchen entkräftet und krank macht. Wenn wir nun alle aus der nähmlichen Erde gebildet sind, warum sind wir so verschieden gestaltet, warum haben wir nicht alle dieselbe Lebhaftigkeit oder dieselbe Schwäche, da alle aus der Hand desselben Bildners kamen? „Eben so verschieden sind die Menschen in Ansehung der Kräfte und Fähigkeiten der Seele. Einige sind von so schwachem Geiste, daß sie zu nichts fähig sind; Andere haben ein gutes Genie und einen hellen Kopf. Dieser faßt alles mit Leichtigkeit und Schnelle; Jener nur wenig, langsam und mit großer Anstrengung: Einige sind zu diesen. Andere zu jenen Wissenschaften und Künsten geeignet. Man wird selten zwey Menschen finden, welche sich gleichen; die Einen sind melancholisch, hipochondrisch und seufzen unaufhörlich; die Andern haben ein sanguinisches Temperament und leben immer froh. Diese sind schläfrig und träge, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen lasse»; Jene hüpfen und springen unaufhörlich und kommen leicht an das Ziel mit allem, was sie unternehmen. Einige sind hart! Andere sanft und biegsam." So klagt man gewöhnlich; und man kann noch hinzusetzen, daß sich diese Verschiedenheit der Naturen auch bey jedem Menschen im Einzelnen vorfindet, da Jeder bald dieses, bald eines andern Sinnes ist. Man glaubt, daß es besser wäre, wenn die Menschen immer dasselbe Glück, dieselben Neigungen und Begierden, denselben Geist und Sinn hatten, oder wenn gleichgesinnte Menschen mit einander wohnten, wodurch vielen Uebeln vorgebeugt werden würde. Man erkläre mir doch das. Wenn die Menschen der nämlichen Gesinnung wären und immer dieselben Neigungen, Absichten und Plane hätten und sich nie in dieser Hinsicht veränderten, wie wollte man denn die Sache einrichten? Laß doch hören, Herr Kritikus!—„Wenn der Melancholische immer melancholisch, der Sanguiniker immer lustig, der Cholerische immer cholerisch u. s. w. wäre; so würde ich das Land in gewisse kleine Bezirke ein. theilen, und diejenigen, die gleichen Sinnes sind, müßten mit einander wohnen. Eine Stadt besetzte ich mit Fleißigen, die andere mit Faulen, die dritte mit Lrunkeikbolden, die vierte mit Cholerischen, die fünfte mit Schwätzern u. s. w. Ich ließ die Weisen und Gelehrten mit einander wohnen, um entfernt vom Geräusch und Lärm der Wissenschaften und Künsten pflegen zu können." Dieß ist der Plan der neuen Welt, welche der 89 Herr Kritikus für besser hast, als die des weisesten Schöpfers, in welcher die Menschen verschiedener Art unter einander verbunden sind. Aber erlaube mir doch, weiser Herr, noch einige Fragen. In welcher Sladt wolltest Du wohnen? an welche Gesellschaft wolltest Du dich anschließen? Wahrscheinlich an die der Weisen und Gelehrten. Jedoch ws wird dann deine Frau wohnen?— Du lächelst und willst sie unter die Zahl der Narren versetzen, weil sie zänkisch und unverständig ist.—Nimm mir aber nicht übel, was ich dir nun sagen werde: Wenn ich Euch einen Platz bestimmen dürfte, so würde ich dich unter die Zahl der Thoren, und deine Frau in He Gesellschaft der weisen versetzen. Weil Du gelehrt genug bist, die Menschen nach Verschiedenheit ihres Sinnes und ihrer Temperamente in verschie. dene Classen einzutheilen, und sie nach ihren Neigungen so schön unter einander zu verbinden; so hast Du gewiß die größte Thorheit begangen, indem Du dich mit einer unverständigen Frau vereinigtest: jedoch diese verdient unter die Zahl der Weisen versetzt zu werden, weil sie ihre Schwach, heit einsah und einen klugen und verständigen Mann sich auserwählte.— Streite nun mit deiner Frau über den Platz, den jedes von euch einnehmen will: mir genügt es, dadurch die Thorheit dieser neuen Welt entdeckt zu haben. Ich will nur^eine einzige 90 Schwierigkeit anführen, welche entstände, wenn man die Menschen nach diesem Project vertheilte. Was für ein Lärmen und Toben würde stch erheben, wenn man die Theilung beginnen wollte t Wer will grob, zornig, faul, melancholisch, thöricht seyn?— Einer würde den Andern von seinem Platze verdrängen, und die Menschen würden sich einander zuvor aufreiben, ehe man sie in diese Ordnung bringen konnte. Gesetzt aber diese Theilung ginge vor sich, und Traurige wohnten bey Traurigen, Fröhliche bey Fröhlichen, Böse bey Bösen u. s. w.; wie lange würde dann diese Gesellschaft dauern? Nicht einen ganzen Tag. Der Mensch ist so geneigt zum Wechsel, das, er seinen Sinn oft nicht eine Stunde bey- behält. Was ihn heute fröhlich machte, macht ihn morgen traurig; was er heute verabscheute, gefällt ihm morgen. Wenn also jede Gattung von Menschen einen gewissen Bezirk bewohnte, wie oft müßte dann ein Mensch seinen Platz verändern? Ein immerwährender Wechsel wäre dann die Folge, und wir würden wie Narren durch einander laufen. Die Sache verhält sich eigentlich so: Wir sind nur selten das, was wir sind, oder so, wie wtt seyn sollen; Umstände und Verhältnisse umstricken uns dergestalt, daß wir uns nicht immer gleich-» können, selbst wenn wir es wollten. Jetzt wünsche» 91 wir das, was wir zu einer andern Zeit fliehen: jetzt Haffen wir das, was wir ein anderes Mahl lieben. Wir verändern uns nach den Umstanden und Zeiten und nach dem Wechsel der Dinge, welcher damahls, als wir existiren, vor sich geht. Schreiben wir daher nicht unsere Unruhe dem Betragen unseres Nachbars zu, welcher wie wir lebt, aber für sich selbst. Niemand denke, daß er, wenn er mit diesem oder jenem lebte, diesen oder jenen zu Freunde hatte, ruhig seyn würde. Man tauscht sich gewaltig, weil unsere Meinungen zu sehr der Veränderung unterworfen sind. Die Klage ist eine reine Thorheit, wenn man es für schlimm hält, daß man unter Leuten leben muß, deren Sinn und Geist mit dem unsrigen nicht übereinstimmt. Bedenken wir nur reiflich, waS der heilige Paulus sagt:„Einer trage die Last des Andern." Die ewige Weisheit, welche die Welt nach dem Sinne jener Klugheitsmänner hätte einrichten können, fand es aber für bester, sie so anzuordnen, als sie ist; und die Verschiedenheit der Menschen, wie wir leicht begreifen werden, ist nicht nur nützlich, sondern auch nothwendig. So wie bey einem jeden Menschen mehrere Glieder, die an Große, Vortrefflichkeit und Gebrauch sich von einander unterscheiden, zur Erhaltung, Dauer s* 92 und Regierung des ganzen Körpers nothwendig sind: eben so muß auch die große Maschine, die Welt, welche das ganze Menschengeschlecht in sich faßt, aus verschiedenen Theilen, und so zu sagen, aus mannigfaltigen Gliedern bestehen, damit nicht nur das große Werk sich selbst ähnlich sey, sondern, daß auch alle einzelnen Glieder erhalten werden können. Es ist eine einleuchtende Sache, daß, wenn der ganze Körper nichts taugt, auch die einzelnen Glieder von keinem Werthe sind. Ach kann demnach denjenigen, welcher sich über die Verschiedenheit der Menschen beklagen und die Ursache wünschen, warum sie Gott in dieser Welt zugelassen hat, nichts Treffenderes sagen, als wenn ich sie mit Theo boret frage:„Warum haben nicht alle Glieder unseres Körpers dieselbe Kraft? Warum hat der große Schöpfer den Augen das Vermögen gegeben, über die Farben und die Gestalt der Dinge zu urtheilen; den Ohren das Vermögen, die Töne und Laute vernehmbar zu machen u. s. w.?"— Man wird uns gleich antworten:„Zur Vollständigkeit deS menschlichen Körpers gehören ja mancherley Glieder. Eines würde nicht hinreichen, um alles zu verrichten, was der Mensch zu verrichten hat."— Jedoch wenn man glaubt, daß zur Vollständigkeit des Körpers verschiedene Glieder noth- 93 wendig>md, so ist es überflüssig zu fragen, warum eines das andere an Größe, Vortrefflichkeit und Kraft übertrifft; denn ohne diese Verschiedenheit der Umstände würden die Glieder nicht verschieden seyn. Eben so verhalt es sich auch mit dem ganzen Menschengeschlechte, welches gleichfalls einen Körper ausmacht, dessen einzelne Glieder von dem Schöpfer zu verschiedenen Verrichtungen bestimmt sind, und folglich an Vortrefflichkeit, Kraft und Anlage nicht gleich seyn können. ^zeder wird durch seine Erfahrung überzeugt seyn, daß Niemand alle Verrichtungen, welche zu seinem Unterhalte, zu seiner Bequemlichkeit und zur Beförderung des allgemeinen Besten nothwendig sind, auf sich nehmen kann. Da die Mensche,^ verschiedene Handwerke, Wissenschaften und Künste treiben, so muß sich der Eine auf diese, der Andere auf jene Sache verlegen, denn wenn Alle dasselbe thun wollten, so würde nichts geschehen. Daraus folgt, daß Körper und Seele der Menschen verschieden seyn, daß Einige mit der Hand, Andere mit dem Kopfe, noch Andere mit Hand und Kopf arbeiten, baß Diese Handwerke verrichten, -",ie Künste ausübe». Diese Waffen führen. Jene Wissenschaften pflegen müssen. Alle diese Dinge sind von einer großen Verschiedenheit: jedes Handwerk, jede Kunst hat ihr Eigenthümliches. Ein 9» Tagwerk» kann sich daher eben so wenig den Wissenschaften widmen, als ein Gelehrter die niedrig- sten menschlichen Beschäftigungen auf sich nehmen kann. Daher hat Gott die Kräfte und Fähigkeiten, Neigungen und Anlagen mannigfaltig vertheilt, daß das Band der Gesellschaft fester geknüpft und erhallen, daß das Wohl des einzelnen und aller Glieder befördert werde. Er machte Diese reich, Jene arm; gab den Einen Ueberfluß an Schätzen, den Andern einen hellen Geist, Fleiß, Geschicklich- keit, Anlage zur Kunst und Wissenschaft. So wie der Arme arbeiten muß, um sich seinen nöthigen Lebensunterhalt zu verdienen; so braucht auch der^ Reiche seinen Fleiß, um zu leben, oder um wenigstens bequemer leben zu können. Laß daher, o Mensch! nie dein Herz von Stolz und Hochmuth einnehmen. Du bist reich, das ist wahr; Du stehst in Ansehen, das ist gut, viele Leute hängen von Dir ab, das nenne ich ein Glück: aber bedenke doch ein wenig, von wie vielen Leuten Du selbst abhängest. Es ist wahr, daß Manche ohne Dich nicht leben können; aber läugnen kannst Du ebenfalls nicht, daß auch Du ohne die Hülfe vieler Anderer nicht bestehen kannst. Das ist der unläugbarste Beweis von der Vorsehung des Allerhöchsten, lind wir erkennen zugleich daraus, daß die Menschen in Hinsicht der Schatze und Reichthümer dieser Erde verschieden seyn müssen. 95 Eben so mannigfaltig hat auch Gott die Menschen in Hinsicht der Fähigkeiten des Geistes geschaffen, damit sich Jeder freywillig einem Geschäfte widme, wodurch sowohl seine Neigung, als auch seine Liebe zum Gewinne befriediget würde. Setzen wir den Fall, daß alle Menschen dieselben Neigungen hatten, dasselbe Handwerk treiben und sich auf dieselben Wissenschaften verlegen wollten; in welchem elenden Zustande würde sich dann die menschliche Gesellschaft befinden! Aber die göttliche Vorsehung ist weise zuvorgekommen. Sie gab den Menschen verschiedene Neigungen, Anlagen und Fähigkeiten, so daß sich der Eine durch natürliche Ge- schicklichkeit auszeichnet und zu den wichtigsten Geschäften dieses Lebens tauglich wird, daß sich der Andere zu großen Dingen von Natur aus unfähig fühlt, daß sich ein Dritter nur bis zum Mittelmäßigen erschwingen kann. Hierbey ist aber zu bemerken, daß die natürliche Geschicklichkeit, die Gaben des Geistes, die mannigfaltigen Neigungen zu diesen oder jenen Wissenschaften und Künsten oft durch unsere schlechten Gewohnheiten, durch den Umgang mit Dösen, durch unseren Irrthum und durch den Irr» thun. Anderer geschwächt und verderbt werden. Ferner ist einleuchtend, daß nicht alle Menschen mit demselben Temperamente, derselben Neigung, den- selben Leibes-und Geisteskräften begabt seyn kön- 96 nen>> weil die menschliche Gesellschaft verschiedene Beschäftigungen und Verrichtungen erfordert, um bestehen und fortdauern zu tonnen. Wir wollen nun auch zeigen, daß diese Man» nigfaltigkeit für unsere ewige Seligkeit nützlich ist. Wenn sich die Menschen in allen Dingen gleichen und immer dieselben seyn sollten, so müßten wir auch entweder immer glücklich, oder immer unglücklich seyn. Sollten wir aber immerwährend unglücklich seyn? Niemand wird es weder sagen noch wünschen wollen. Wäre es aber auch für unsere ewige Glückseligkeit nützlich, wenn wir uns immer in dem Schooße des Glückes befänden? Keineswegs. Wenn sich unser Körper hiernieden immer wohl befände, wer dächte dann an die Zukunft?— Mit Leichtigkeit würde die Furcht des Herrn verschwinden, wenn wir alles, was wir nur wünschen können, besäßen, und keinen Schmerz, keine Mühe und Beschwerde, kein Leiden empfänden. Würden mir es besser machen, als unser Vater im Paradiese?— Der Allwissende hat es vorausgesehen und den Menschen mit allerley' Mühseligkeiten, Elend und Betrübniß heimgesucht, um seinen hochmüthigen und unbändigen Geist im Zaume zu halten; Er hat Glück und Unglück unter einander gemischt, damit wir im Glücke nicht übermüthig und im Unglücke nicht zaghaft werden. 97 Ja, werfen wir nur einen Blick auf uns selbst, und auf die Tage unsers Hierseyns. Wie oft erheben wir uns gegen Gott, wenn die Schläge des Unglücks auf uns niederstürzen? Wie oft sind wir kühn und verwegen, wenn wir keine Sorge, keinen Kummer, kein Leiden haben?— Hören wir nur die Worte, welche uns Chrisostomus zi»- ruft:„Wenn wir nicht aufhören zu sündigen mitten unter Beschwerden und Mühseligkeiten, wie weit würde unsere Verwegenheit zu sündigen gehen, wenn Gott beschlossen hätte, uns in Müßiggang und Wollust einzutauchen? Müfsigang ist der Anfang alles Lasters." Und David spricht: „Die Bösen blähen sich auf, wie ein unbändiger Wind, sie thun alles, was ihnen in den Sinn kommt, sie schmähen, sie lästern."— Ich kann leicht vorhersehen, welchen Einwurf man uns machen wird. Man wird glauben, daß wir alles bisher Gesagte widerrufen müssen, wenn wir nur voraussetzen werden, daß alle Menschen weise seyn und handeln sollten. Aber ich verweise sie auf die allgemeine Erfahrung von den Zeiten unseres Urva» tcrS bis auf den heutigen Tag; der Mensch'kann gleichsam sein Glück nicht ertragen. Ein immerwährendes Glück verbannt die Furcht Gotteö aus unserem Herzen und hindert uns an der Erlangung der ewigen Seligkeit. Noch mehr: wenn wir 9 93 » auf dieser Erde nur daS besäßen/ was wir Wonne und Vergnügen nennen, dann waren wir ja nicht mehr Erdenbürger, sondern Bürger des Himmels. Wer würde dann nach dem wahren Himmel ringen, wenn er schon auf dieser Erde das Maß seiner Wünsche angefüllt hatte. Wenn es schwer halt, diese Erde zu verlassen, obschon uns traurige Umstände durch das Leben begleiten; wenn wir jetzt schon sagen, o Tod! wie bitter bist du dem Menschen, der an dich denkt: was würden wir dann erst sagen, wenn wir immer frey von Sorge und Kummer, in Wohlseyn und Ueberfluß leben konnten?— Also ist die Verschiedenheit der Menschen in Hinsicht ihrer Glücksgüter, ihrer Kenntnisse, ihrer Körpersund Geisteskräfte sowohl nützlich, als auch nothwendig.„Herrl Deine Werke find groß und herrlich; Du hast Alles weise angeordnet.« Dritter Theil, welcher Mittel enthält, sich durch die Betrachtung der göttlichen Vorsehung in allen Veränderungen dieser Welt zu beruhigen. Kennte Wetrachtung. Beantwortung der Frage: Wie müssen wir uns in allgemeinen Unglücksfällen betragen, daß unsere Ruhe nie gestöret werde? u m dieser Welt einer dauerhaften I»> d ununterbrochenen Freude zu genießen, müssen wir uns von der Vorsehung und Weltregierung Gottes fest überzeugen, wie wir bisher gethan haben. Wir werden nun auch die Anwendung dieser Lehre zeige», um in allen Veränderungen der Welt zu ie- ner Ruhe zu gelangen, welche wir wünschen.— Vor allem wollen wir aber wieder die Klagen über die allgemeinen Unfälle anhören, welche den Frie» 9* LOO den so vieler Menschen stören, ehe wir die Mittel vorschreiben, sich von dieser Unruhe zu befreyen.! Alles in der Welt,« sagt man, gleichet ei-, ncm Meere, das immerwährend in Bewegung ist. j Glück und Unglück reichen sich unaufhörlich die, Hand. Welches gemeinschaftliche Elend haben wir j nicht zu erdulden? Wie groß sind die Mühselig-( leiten, wie heftig die Betrübnisse, welche rings d um uns gelagert sind? Ein stiller und friedlich« s Augenblick ist häufig der Vorbothe eines großen r Sturmes; Traurigkeit ist die treue Schwester der, Freude. Wo gibt es eine Freude, die nicht ge- h meiniglich von Leid verfolgt wird?— Wer kann t mit trockenen Augen daS Elend ansehen, welche f sich manchmahl über ganze Lander ausbreitet un l ganze Völker verzehrt. Bald machen Sturme und n Ungewitter die gesegneten Felder, welch- uns Nah- L rung für den frostigen Winter spenden sollten, zui traurige* Linnöde; bald verzehren Heuschrecken und i anderes Ungeziefer die blühenden Fluren, welch- g uns freundlich entgegenlachen. Nun muß das Volk, Noth leiden und dahinschwinden. Wer sein Vaterland d liebet sollte dieses alles ruhig und,gelassen ansehen und, d ertragen können? Er sollte zufrieden seyn, wenn das g verheerende Seuchen ihre Flügel ausbreiten und> ganze Familien, ganze Geschlechter»iederdrücke" ganze Städte und Lander entvölkern?« 101 "„Aber alle diese Uebel, die uns umgeben und - denen wir nicht ausweichen können, würden noch erträglich seyn, wenn nicht Haß und Zwietracht in den Gemüthern der Menschen loderten. Thrä- nen rollen über meine Wangen nieder, wenn ich sehe, wie ein Mensch der Qualgeist des andern ist. >g' Ein Volk überfällt das andere mit den Waffen in lg§ der Hand und schon stehen Städte und Dörfer in Flammen, und überall, wohin man seine Schritte ;en wendet, bezeichnen Leichen den allgemeinen Jam- der mer. Das größte Elend entspringt oft aus der Bos- ge- heit eines Einzigen und der ungerechte Verwüster mn trägt nicht selten den Sieg davon. Die Herrsch- hes sucht eines einzigen Alexander setzte ganz Griechen- rnd land und Asten in Feuer und ungeheuere Länder and waren die Beute seiner unersättlichen Ruhmbe. ah gierde." zur Höret auf zu klagen, unruhige Seelen, die und ihr aus Liebe zum Vaterlande über allgemeine Un- lch« glücksfälle Schmerz empfindet. Unterbrechet euer olö Seufzen und höret uns mit derselben Geduld an, and tue wir euch geschenkt haben.— Es ist wohl wahr, und, daß diese Klagen sehr bitter find und daß diese Un- a»!> glücksfälle uns in dem ersten Augenblicke sehrbeun- und ruhigen. Aber woher kommt diese Unruhe? Daher, ken, weil wir die Dinge nur an sich selbst betrachten und unsere Gedanken nicht zu Gott erheben, wel- 102 cher dar Universum regieret. Wenn man auf dem Schiffe ist, und sieht die Matrosen bald auf dar Verdeck, bald auf den Boden des Schiffes eilen; wenn man hört, mir welcher Heftigkeit die zügellosen Winde durch die Segel heulen; wenn man sieht, wie sich die schäumenden Flnthen rings um das Schiff aufrhürmen, wie alle Menschen vor Bestürzung ein Angstgeschrey ausstoßen; wenn man dieses alles sieht, sage ich, verliert man den Muth und gerath,in Verwirrung. Wenn man aber zu gleicher Zeit seine Blicke auf den richtet, welcher das Schiff leitet, und sieht, daß dessen Miene heiter, unerschrocken und furchtlos ist, daß Alle seinen Befehlen gehorsamen, seine Winke vollziehen; so wird man entweder kein Vertrauen auf seine Ge- schicklichkcit und Erfahrung setzen, oder man wird mitten unter diesem Getöse ruhig und gutes Muthes seyn. Ich gestehe, daß es manchmahl scheint, als wenn alles in dieser Welt in Unordnung und Verwirrung wäre; daß man fast glauben möchte, die Menschheit-hatte die Laufbahn der Erdenherrschaft vollendet.— Die Erde bebt und verschlingt alles, waS sie auf ihren Schultern trägt; die Elemente scheinen sich zur Umwälzung der Luft, des Landes und der Gewässer verschworen zu haben; Seuchen hauchen unheilbare Eiste aus; Nationen stehen 103 am, um sich wechselweise zu vertilgen: das ist wohl ein trauriger Anblick, der tief unser Herz erschüttert. Aber woher kommt dieses alles? Ist es nicht Gott, der Himmel und Erde in Bewegung setzt? Wir haben daher nicht Ursache, unS zu beunruhigen, weil diese Unglücke, die uns zustoßen, natürliche Ursachen zum Grunde haben und von Gott kommen, der den Lauf der Natur leitet und jederzeit das Beste des Weltalls befördert- Jedoch es ist nothwendig, daß wir auch ein Wort über jene Dinge sprechen, die von dem freyen Willen des Menschen abhängen und von denen wir den Krieg als Beyspiel anführen wollen. Wir dürfen bey Kriegen und andern Vorfallen dieser Art, welche unser öffentliches Wirke» hemmen und in Unordnung versetzen, unsere Blicke eben so wenig von Gott abwenden, als bey Unglücksfallen, die von der Natur der Dinge abhängen. Kriege und ähnliche Vorfälle, welche die menschliche Gesellschaft in Verwirrung setzen, sind eben sowohl Dinge, welch- von dem freyen Willen der Menschen abhängen, als auch solche, welche mit der Weltregierung Gottes in Verbindung stehen. Der Allerhöchste ist dabey keineswegs ein bloßer Zuschauer; die Weisheit seiner Rathschlüsse läßt es zu, daß Nationen und ihre Oberhäupter sich entzweyen, daß Städte verwüstet werden, Schlachten verloren ge- he», um entweder die Menschen mit seiner Straf- rnthe heimzusuchen, oder um noch größeren Uebeln vorzubeugen, welche der thörichte Sterbliche durch den Mißbrauch seiner Freyheit sich zuziehen würde. Gott sah in dem Buche der Zukunft, daß, wie das Glück einzelner Familien, so auch das Heil ganzer Staaten nicht von immerwährender Dauer seyn, daß es durch die Irrthümer, Fehler umd Lasier der Menschen untergraben und zerstört werden würde, indem wir meistens durch unser eigenes Glück dem Untergänge entgegen gehen. Er bestimmte daher nach der Heiligkeit seiner Rath. Schlüsse, daß ein Reich nicht von einer immerwährenden Dauer, daß nicht jedes von demselben Zustande, von gleicher Beschaffenheit, daß nicht daS, was die Menschen Glück nennen, der Antheil ei» nes Einzigen, sondern daß es nach Zeit, Ort und Umständen verschieden ausgetheilt sey. Die Ver- theilung der Schätze, Würden und des Ansehens der Städte, Länder und Reiche ist ebendieselbe, wie unter den Menschen, jeden einzelnen betrachtet. Er erhebt ein Land und erniedrigt das andere; Er macht dieses reich, jenes arm; aber D a- vid spricht:„Er ist gerecht in allen seinen Wegen und heilig in seinen Werken." Werfen wir einen Blick in die Geschichte der Menschheit durch alle Jahrtausende, so werden wir 105 - die Weltregierung Gottes im hellsten Lichte erken- , nen und uns zugleich überzeugen, daß alles Unheil, ) welches über ganze Völker niederstürzte, daß der Untergang der Staaten eine Folge des Ungehor- , samS und des Uebermuthes seiner Bewohner war. Z Wenn sich Weichlichkeit und Trägheit einschleichen, r wenn Recht und Gerechtigkeit erschlaffen, Zucht r und gute Sitten verschwinden; wenn Ungerechtig- t keit ihre Höllenfahne schwingt, wenn Jeder nur - seinen Vortheil suchet und auf die Ruinen seiner r Mitbrüder die goldenen Abgötter pflanzet; wenn das allgemeine Beste vernachlässiget und das Schlechte - käuflich wirtu dann kommt der heiligste Herrscher . her Staaten und Völker mit dem Schwerte der , Gerechtigkeit, um diejenigen zu züchtigen, welche > sich seiner Leitershand entwunden haben und sich d anf die gerade Bahn nicht zurückführen lassen. - Zweifler! nimm nie auf die nächsten Umstände z allein Rücksicht, sondern erhebe deine Augen cm» , por zu Gott, der von entarteten Völkern sein - Angesicht wendet und sie mit vielerley Unfällen . heimsuchet, weil sie es verdienet haben. Der All- -- mächtige selbst bezeugt es, da-ß Länder und Reiche » nur durch seinen Rath und seine Wachsamkeit bestehen können.„Durch Ihn herrschen die Könige c und üben die Fürsten die Gerechtigkeit aus; durch Ihn befehlen die Herren der Erde." Folgere dar- 106 aus, daß es auch Gottes Wille ist, wenn Lander und Staaten untergehen. Gott gibt den Völkern/ die ihn lieben, gerechte und weise Fürsten; denn„durch Ihn herrschen die Könige," damit das Land blühe und von Segen reich sey; die ihn aber verlassen, denen entziehet Er seine Helfershand. Die Jsraeliten hatten sich von ihm gewendet, und sie erhielten den gefühllosen Roboam, da ihnen schon lang« vorher die Strafe, die auf den Ungehorsam folgt, angekündiget worden war. Levit. XXIV. 17. „Ich will mein Angesicht gegen euch setzen und ihr sollet zu Boden fallen vor eueren Feinde» und denen unterworfen werden, die euch hassen. Ihr sollet fliehen, wenn euch Niemand verfolget." Und weiter unten:„Ich will denen, die von euch übrig bleiben, eine Furcht in ihre Herzen einjagen, wenn sie im Lande der Feinde seyn werden; das Geräusch eines fliegenden Blattes soll sie erschrecken und sie sollen vor demselben eben so fliehen, als vor dem Schwerte; sie sollen fallen, wenn sie auch Niemand Verfolger."— Gott wollre das Reich der Golhen vernichte» und er gab den Herrscherstab in die Hände eines Roderich, der durch seinen Blutdurst alle Kräfte des zahlreichen Volkes aussog. Sage nicht, dass es ein bloßer Zufall ist. 107 wenn oft die weisen Rathschläge der Besseren unterdrückt und verworfen werden; Gott will es so, damit seine unerforschlichen Plane ausgeführt und seine Absichten erfüllet werden. Gott läßt die Uebel zu, welche die Länder treffen, weil Er es für gut und nothwendig hält; aber wir beklagen uns, wir seufzen deßwegen und sagen in unserem Herzen: Warum wälzt Er Staaten um und erniedrigt die einen, um die andern zu erheben? Warum erfreut Er nicht alle Länder durch eine gleiche Ruhe?— Gefühlloser Frevler! willst du mit Gott in eine Untersuchung eingehen? Glaubst du, Er handle gegen seine Gerechtigkeit? Er will dazu große Glück, welches dein Vaterland in das Verderben führt, mäßigen und unterdrücken.— Die menschliche Schwäche erlaubt es nicht, daß ein Land immer blühe und die Gerechtigkeit Gottes kann das Böse nicht ungestraft lassen; denn wo ist ein Land, in dem Gottesdienst und Tugend so blühen, daß man sagen kann, eS sey ganz ohne Flecken und Unreinigkeir? Selbst wenn es äußerlich scheinet, daß die Bewohne» Gottesfurcht und Tugend im Innern tragen; so trifft es sich doch nicht selten, daß das Herz böse und verdorben ist. Jedoch Gott kennt das Innere des Menschen und seine Gesinnungen; wir dürfen daher keineswegs über ihn klagen, sondern über die Bewohner des Landes, welche Er züchtiget. 103 Wenn unser Vaterland in Unglück und Bestürzung ist, wenden wir nie unser Herz von ihm ab; dann wird die Ruhe des Geistes nicht gestört, und wir werden nicht außer Stand gesetzt werden, unsere Blicke zu Gott empor zu heben, welcher diese Gerechtigkeit ausübet, weil er sein Volk liebet. Wenn man seine Augen auf ein Rad wirft, welches sich mit großer Schnelligkeit um seine Achse drehet, so verwirret die Heftigkeit dieser Bewegung unsere Blicke. Der Wechsellauf des Glückes ist noch viel gewaltiger und zu hastig, um ihn ruhig betrachten zu können. Lassen wir daher die Betrachtung des Unglücks unseres Vaterlandes nicht zu lebhaft in uns werden; sondern erheben wir vielmehr unseren Geist zu Gott und ertragen wir mit Geduld, was er uns schicket. Bedenken wir, daß wir wegen unseren Sünden weit größere Züchtigung verdienet hatten.„Herr, Dich suchen wir in unseren Trübsalen, denn Du züchtigest diejenigen, welche Du liebst.« 109 Lehnte Betrachtung. Um ruhig zu leben muß man mit seinem Zustande zufrieden seyn, und nicht verlangen, daß es anders sey, als es ist. Wie viele Menschen findet man wohl, die mit sich selbst zufrieden find? Ihr Stand und die Umstände, in denen fie sich befinden, gefallen ihnen selten; daher seufzen fie und beunruhigen sich in ihrer Seele. Betrachten wir also, um zu unserem Frieden zu gelangen: l) Daß Gott, wie die Welt im Allgemeinen, so auch die Schicksale jedes einzelnen Menschen leitet. 2) Daß die Unzufriedenheit mit seinem Stande daher kommt, daß man ihm nicht von Gott herleitet. Z) Daß jeder Mensch in seinem Stande Gott dienen kann. 4) Daß Niemand mit Gewißheit sagen kann, er würde in einem andern Stande ein vollkommneres Leben führen. 5) Daß Gott den Stand, in dem man sich befindet, allen übrigen vorgezogen hak, weil er dem Wohls und Glücke des Lebens am meisten angemessen ist. Dieß find fünf Punkte von der größten Wichtigkeit, die man wohl erwögen muß, um in den Zustand zu gelangen, immer mit sich selbst zufrieden zu sey». 110 Gleich wie Gott die ganze Welt'regieret und immer ihr Bestes befördert, so sorgt 8r auch für die einzelnen Theile derselben und für jeden Menschen insbesondere.„Der Herr," spricht Salo- mon(Sprichw. VI. 8.)»hüt den Kleinen und den Großen gemacht, und er sorgt gleichmäßig für alle." Wenn ein Mahler ein vollkommenes Kunstwerk herstellen will, muß er sein Augenmerk auch auf die kleinsten Theile richten, damit sie in gehöriger Verbindung mit dem Ganzen stehen und zur Vollkommenheit desselben beytragen. So handelt auch Gott in der Regierung der Welt. So wie sich seine Fürsorge über das ganze Weltgebaude aus. breitet, eben so erstreckt sie sich auch auf die einzelnen Theile; eben so sorgt der Herr immer für das größte Glück, dessen wir fähig sind, und gibt uns so viel Gutes als wir zu ertragen vermögen. Was wollen wir also noch mehr haben, indem wir alles besitzen, was wir besitzen können? Was wir darüber wünschen ist ein Nichts, eine Thorheit, dir von unserer Einbildung kommt. Jedoch es ist ein alter Fehler, der uns gleichsam zur Natur geworden ist, daß man nie mit sich selbst zufrieden ist; aber durch diese immerwährenden Wünsche, die nie erfüllet werden können, macht man sein Leben unangenehm, bitter und lästig. Das ist eine Sünde gegen Gott und gegen sich selbst, worauf die we- 1L1 nigsten Menschen acht geben und die sie zu einer Zeit begehen, da sie sich für die Unschuldigsten halten; eine Sünde, an die man selten denkt. Aen- dern wir daher unser Urtheil in dieser Hinsicht; wir, die wir blind sind, können nicht Heller sehen, als das Auge des unendlichen Gottes, welches alles erleuchtet. Wenn Er immer seinen Ruhm und seine Herrlichkeit durch uns befördern will, wenn Er sich nie täuschet; so überlassen wir uns seiner Leitershand und feiner väterlichen Fürsorge. Wenn wir dieses thun, dann wird es uns leicht seyn, alle Gedanken zu unterdrücken, die uns beunruhigen, unser Herz schwer machen, und täglich neue Ursachen der Angst und Qual verschaffen.— Gemeiniglich gefällt uns das nicht, was wir haben. Wir sind unzufrieden mit unserem Körper, mit unserem Verstände, mit unseren Talenten, mit unserer Gesundheit. Wir sagen wohl, es ist wahr, daß dieses von Gott kommt, aber wir beklagen uns über ihre Unzulänglichkeit; entweder haben wir nicht genug, oder wir sind neidisch, daß Andere mehr haben. Und gesetzt den Fall, wir gingen über alle diese Klagen hinaus, welche der Neid in den Gemüthern erregt, so gibt es noch andere Quellen der Unzufriedenheit genug. Denn was geschieht wohl am häufigsten, als daß unsere Bemühungen vereitelt werden, daß wir das, was wir 112 Laven wünschten und hofften, nicht erlangen? Wir klagen dann über die Umstände, welche uns dieses Unglück zugezogen haben.„O wenn wir doch Engel wären und kein Fleisch und Bein hatten!« rufen wir ein anderes Mahl aus, wenn e.n lichter Husten oder irgend eine andere Kränklichkeit uns überfallen hat. Wir wollen Engel seyn um nicht der Speise und des Trankes zu bedürfen, derentwegen wir Tage und Nächte aufopfern. Sel'ger Kaufmann!— ruft der Streiter, Der in Feindes Fesseln liegt— Deines Glückes Bah» wird breiter, Kommst auf dieser immer weiter. Und du selbst bleibst unbesiegt. Fern von nagender Beschwerde Dreht dein Lebensrad sich um: Da ich hier gefesselt werde. Steht dir frey die halbe Erde Hast schon hier Elysium. Stürmt es, ruft der Kaufmann wieder r Sel'ger Krieger, selig du! Sich'rs Ruhe strahlt dir nieder, Lncbelt-dir durch blaffe Glieder Oder durch den Lorber zu. Armen Landmanns Busen schwellet Von der Hoheit Trciumereyn; Denkt zu Fürsten sich gesellet. Denkt auf Throne sich gestsllet. Glaubt sodann vergnügt zu seyn 1t3 Und der Fürst erhebt die Hirten In dem Schooße der Natur; Wünscht die Lenden zu umgürten Und die Heerden zu bewirthen Auf der stillen Vlumenflur. Kurz, der Mensch ist nie mit seinem Stande zufrieden. Zahlreich sind die Klagen; und selbst diejenigen, welche an die göttliche Welcregierung glauben, hören nicht auf gegen die Vorsehung zu murren. Das einzige Mittel uns von dieser Unzufriedenheit zu befreyen, ist dieses: Wir müssen trachten, alles, was wir sind und was wir haben, auf Gott zu übertragen, von dem, in dem und durch den wir das sind, was wir sind. Dieß müssen wir uns recht oft lebhaft vorstellen, besonders, wenn die Trübsale dieses Lebens unserem Geiste Gewalt anthun wollen. Da müssen wir ganz vorzüglich bedenken, daß diese Welt die beste von allen ist, daß wir einen Theil derselben ausmachen und daß Gott nicht allein auf das Ganze, sondern auch auf das Einzelne seine Fürsorge wendet: wir müs- ftn bedenken, was der heilige Paulus sagt:„Jeder hat die Gaben des Herrn empfangen; der Eine auf diese Art, der Andere auf jene." Man wird mir einwenden: es sey wahr, daß, wenn ein großer Theil der Menschen in einen andern Zustand versetzt, wenn der Hohe erniedriget 10 114 würde, weil er in seiner Hoheit Ueberdruß findet; wenn der Niedrige erhöhet würde, weil er sein Brot nicht mehr im Schweiße des Angesichtes essen will: wenn ein großer Theil der Welt so umgewandelt würde, daß dieses keineswegs zum Vortheile des Menschengeschlechtes gereichen konnte; jedoch, sagt man, waS für ein Nachtheil könnte für die Welt entstehen, wenn mein Stand allein verändert würde, wenn ich von dem Armen, der ich jetzt bin, zum Reichen, zum Herrn und Gebiethet' erhoben würde, da ich jetzt gehorchen muß. Kümmerlicher Thor! du denkst wohl sehr vor- theilhaft für dich, machst dich aber auch ziemlich lächerlich. Wenn du in deinem jetzigen Zustande nicht zufrieden bist, wirst du es wohl nie seyn. Gott dürfte dich alle Tage metamorphosiren, Er könnte dir eine neue Welt schaffen, um dich darauf zu stellen, und du würdest mit deinen unersättlichen Wünschen noch kein Ende machen. ES ist wahrhaftig eine große Thorheit, zu verlangen, daß sich die Welt nach einem Einzigen richte, weil er das zu seyn wünscht, waS er nicht ist. Jedoch gesetzt, du würdest nach deinem Vergnügen und nach deiner Wahl in andere Umstände versetzet, konnten die übrigen Geschöpfe nicht dasselbe mit dem nähmlichen Rechte von Gott begehren, waS du begehrest? Du mußt dich entweder darüber vergleichen, L1Z oder einen besondern Vorzug hüben wollen. Verlangst du einen Vorzug— was für ein Recht hast du denn dazu? Bist du nicht aus demselben Lehme gebildet, wie die Andern? Siehe dich ver, daß du nicht elender wirst, als die übrigen sterblichen Lreatu» ren, wahrend du die glücklichste werden willst. Alle Menschen würden sich gegen dich und dein Glück empören, tausend Neider würden dich umgeben; und was für ein Stand wäre dann elender, alS dieser? Wenn aber alle Sterblichen das Recht hätten, sich einen Zustand zu wählen, je nachdem er ihnen gefällt; dann wäre die unvergleichliche Ordnung der Welt gänzlich aufgehoben: alles würde in das alte Chaos zurückstürzen. Das ist nicht schwer zu verstehen und zu beweisen. Man setze den Fall, daß es seit dem Anbeginne der Welt Jedem frey gestanden sey, alles»ach Wunsch zu begehren; dann hatte es auch von dem bloßen Willen abgehängt, unter die Zahl der Menschen versetzt zu werden; dann würde vielleicht Jeder ein Konig und kein Unterthan seyn wollen, dann würden Millionen einander entgegengesetzte Wünsche die Well wie der Sturm das Meer, durch einander peitschen. Die Erde hätte jährlich viele tausend Mahl umgewandelt werden müssen; denn wie oft sind wir wohl mir uns selbst einig? Heute 10* Ll6 wünschen wir dieses, morgen jenes. So würde kein Staat von Dauer, keine Ehre beständig seyn. Alle Gleichheit, alle Ordnung müßte verschwinden, kurz sie müßte aufhören zu seyn. Um mir seinem Stande, in den uns der weise Schöpfer versetzt hat, zufrieden zu seyn, muß wan sich in die Verhältnisse und Begebenheiten der Welt schicken. Der heilige Paulus sagt:„Jeder hat seine eigenen Gaben Gottes, der Eine auf diese, der Andere auf jene Art. Jeder berrage sich nach dem Maß-, welches er von Gott empfangen hat. Jeder bleibe in dem Berufe, zu dem er bestimmt ist." Der große Apostel wiederholt diese Ermunterung oft, weil er wohl wußte, von welcher Wichtigkeit sie ist und wie sehr sie unsere Glückseligkeit befestiget, wenn wir von ihrer Wahrheit gänzlich durchdrungen sind. Dre Welt gleichet einem Theater. Gott gab einem Jeden die Rolle zu spielen, welche er spielt. Er wußte am besten, welche Rolle uns am meisten zusagt. Machen wir also nicht eine andere Wahl, wenn wir die unserige bereits haben, sondern Jeder thue, wozu er berufen ist. ES gibt keine größere Thorheit, als immerwährend zu sagen:„Wenn ich Loch reich wäre! wenn ich doch noch frey lebte! u. s. w." Eitle Klagen! Wenn Gott gewollt hat, daß du die Rolle eines Arme» 117 auf dem Weltcheater spielest, so spiele sie gut. Wenn du in dem Ehestände lebest, so wünsche nicht frey zu seyn, sondern bemühe dich, die Pflichten zu erfüllen, die daran geknüpft sind. Wenn wir die Sachs etwas genauer untersuchen, so kann ein Mensch unmöglich mit Gewißheit sagen, daß er in einem anderen Stande ein vollkommnereS Leben führen und nicht so vielen Nerdrüßlichkeiten unterworfen seyn würde; denn wie kannst du, o Mensch l mit Grund voraussehen, wie du in einem andern Stande handeln wirst, indem du nicht weißt, wie da deine Gesinnungen seyn werden? Dir ist unbekannt, welchen Versuchungen du von Seite deiner inneren und äußere» Welt unterworfen, mit welchen Kräften der Seele und des Leibes du begabt, von welchem Temperamente du seyn wirst; denn du weißt jetzt nicht einmahl, welche Gesinnung und Stimmung du in einer Stunde haben wirst. Du lachst nun, vielleicht würdest du dann weinen; du bist nun froh, vielleicht dann in Uneinigkeit und 'Hader; du hast„un treue Nachbarn, eine aufrichtige Gefelljchafc, folgsame Kinder, ehrliche -tstenstbothen, und dann würden vielleicht deine 9>acybarn falsch, deine Gesellschaft ohne Freundschaft für dich, deine Kinder wild und ausgelassen, deine Disnstbsthen untreu seyn. N8 Und glaubst du vielleicht, daß der andere Stand, den du dir wünschest, zur Erlangung deiner ewigen Glückseligkeit vortheilhafter seyn würde, wenn du dich wirklich darin befandest» Glaubst du genug Kräfte zu haben, die Ungemächlichkei- ten, die daran geknüpft sind, zu ertragend Du antwortest mir:„Gott wird mir seine Gnade schenken, ohne welche wir Menschen nichts vermögen. Wohl, du denkst gut von Gott, aber aus welchem Grunde kannst du dir dieß versprechend Würde sich Gott gegen dich freygebiger zeigen in einem Stande, den du dir selbst genommen hast, als in demjenigen, in den Er dich nach seinem heiligen Willen versetzte» Wenn du dich in diesem gegenwärtigen Stank- nicht um die Gnade GotteS bewirbst und dich derselben nicht unterwirfst, so wirst du sie in einem anderen gewiß vergebens erwarten. Es sind nur Zeichen unserer Schwäche, wenn wir sagen:„Wenn uns doch der Himmel nicht so lästig- Geschäfte und Verrichtungen verliehe» hätte, mft welchem Eifer würden wir Gott diene»! wie wollten wir unseren Glauben durch gute Werke zeigen!«— Wenn du den Willen hast, Gott aufrichtig zu dienen, und wenn du cir nur in dieser Absicht einen andern Stand wählest; s° diene nur Gott in deinem gegenwärtigen Stande, so gut du kannst; denn der Allerhöchste verlang' 119 nicht mehr von dir. Erfülle nur mit Treue und Gewissenhaftigkeit die Pflichten deines Berufes, wende deine Blicke dankbar zu Gott empor und du wirst in jedem Stande, mag es nun dieser oder jener seyn, zufrieden leben. ! Es bleibt mir nun noch zu zeigen übrig, daß - uns Gott in die gegenwärtigen Umstände versetzt hat, weil sie am meisten geeignet sind, auf un- „ ser Heil hinzuarbeiten.— Wir haben deutlich Hetz sehen, daß Gott die Welt regieret und daß sich >- seine Fürsorge über das Einzelne, so wie über das >- Ganze erstrecket. Wir haben gezeigt, daß wir l- nicht aus Zufall in diese Welt gekommen sind, r- sondern daß es der Wille des Allerhöchsten war, ffk der uns zu seiner Ehre und zu unserem Heile er- ?u schaffen hat. Wenn ohne den Willen Gottes kein Blatt von dem Baume, kein H.ac von unserem an Haupte fällt; um wie viel mehr wird Er für uns cht Menschen sorgen, die wir nach seinem Ebenbilde >c» erschaffen sind? Und wenn Gott für die Menschen sie- ffrgt, können wir dann noch zweifeln, daß Er ule uuö in jenen Stand versetzt, der seiner Ehre und st, unjerem Glück am meisten entspricht? Gott konnte niu es thun, und es unterliegt keinem Zweifel, daß ss Er es auch wollte, weil er immer das Beste will, ade/""d das, was seiner Ehre am meisten gemäß ist. ,ng> Scistckeu wir uns also i» den Lauf dieser Welt! 120 Seyen wir zufrieden mit dem unendlich Weisen, welcher uns das Nützlichste gibt, und uns nichts versagt, was seine Ehre und unser Glück befördert. Gilfte HerrschtuirL- Um mit seinem gegenwärtigen Zustande zufrieden zu seyn, muß es der Mensch auch mit dem vergangenen seyn, aus weiche» der gegenwärtige gegründet ist. Viele Menschen werden unruhig, wenn steinen Blick in die Vergangenheit werfen, und wünschen, daß sie anders gewesen wäre, als st- gewesen ist. Es ist dabey ein doppelter Unterschied, der Umstände zu bemerken. Sie kommen entweder von Dingen, die uns angehen, aber außer unS sich befinden,, wie z. D. unsere Aeltern, unsers Geburt, der Tod unserer Aeltern und Freunde, die Aufführung unserer Kinder u. s. w.; oder st- detrcffen unser Inneres, wie z. B. unsere Neigungen, unseren Willen, unseren Verstand u. s- w. Diese Dinge verursachen oft mehr, als Unruhe. Bald beklagen wir uns über unsere Angehörige» 12l und> wünschen, sie nie gekannt zu haben; bald verdrießt uns das Betragen unserer Kinder; bald sind wir unzufrieden mit derjenigen Person, an welche wir durch die unauflöslichen Bande der Ehe geknüpft sind. Die Geistesschwäche, die wir an uns wahrnehmen, gibt uns nicht minder Ur« fache zu klagen. Wir sehen, daß Andere haben, was uns mangelt, und dadurch vermehrt sich unsere Unruhe. Um diesen neuen Abgrund von Klagen auszufüllen, muß der Mensch mit seinem vergangenen Zustande zufrieden seyn, indem der ge» genwärtige darauf gegründet ist. Deßhalb wollen wir folgende Wahrheiten etwas näher betrachten: 1) Der Mensch muß mit seinen vergangenen Um« ständen und Verhältnissen zufrieden seyn. 2) Er muß sich über seine inneren Eigenschaften beruhigen. 3) Es ist eine Thorheit, das Glück einet Andern zu beneiden. Man nimmt leicht wahr, daß es nothwendig ist, im voraus zu zeigen, worin der Stand eines jeden Menschen im einzelnen bestehe. Man muß sich in dieser Hinsicht über einen doppelten Stand verständigen. Der erste besteht in jener vernünftigen Lebensart, von der man sich, ohne zu sündige», und ohne die Tugend zu verletzen, nicht trennen kann. Der andere besteht in jener vernünftigen Lebensart, die man, ohne zu sündigen, 11. 122 verändern kann, deren Veränderung aber von»rettn Ungemächlichkeiren nicht ausgenommen und nur dann erlaubt ist, wenn wichtige Ursachen obwalten Wir wollen über beyde ein Wort sprechen. Man nehme-inen Menschen, welcher m dem Stande der Ehe lebet und deßhalb ein gewisses Gelübde gemacht hat; oder einen solchen, der dem Fürsten geschworen hat, das Beste des Staates befördern. Wenn man die Treue bricht, gegen sein Gelübde und gegen den Schwur handelt, so sündiget man. Gesetzt, man tritt.n ähnliche Verhältnisse ein, man»erehlicht sich, man nt.«.ch tig- Bedienstungen und Aemter an: geschieht d auf eine gesetzliche und unschuldige Art, so kann man mit Sicherheit denken, daß Gott alle Mü- tel weise angeordnet hat, um uns m den«tand, ru versetzen, in dem wir uns befinden. Das„ wohl zu bemerken; denn viele Menschen sind>n Zweifel,°b das Leben, welches sie fuhren, d-- selbe ist, das Gott bestimmt hat, um ihr Glu^ zu machen, weil sie selbst nicht wissen, wie si--n- diese Umstände gekommen sind- Sie sagen:„Du Ehrfurcht gegen meine Aeltern, der Rath memel Freunde hat mich bewogen, die,e Lebensart zu wählen; meinen Aeltern zu gefallen verehlichte,ch> mich, aus Liebe zu ihnen übernahm ich das Amt, welches ich bekleide; aber wer weiß, ob es der 123 , Willen des Herrn ist.— Das behaupte ich auf r jeden Fall. Gott hat alle diese unschuldigen Quel- len eröffnet, um uns in jene Umstände einzuführen. Der Zufall findet hier keinen Platz. Der n Rath deiner Aeltern, Freunde, Anverwandten, z insofern er sündenfrey ist, war nichts anders, als y eine göttliche Stimme, welche dich in die Umstän« de berufen hat, die Gott als die besten für dich „ erkannte. Daraus folgt die Schuldigkeit, damit ^ zufrieden zu seyn und dabey zu verbleiben. ^ Menschen, welche alles nur leicht und ober- h, sachlich ansehen, nehmen die meisten Umstände für Begebenheiten, welche der Zufall herbeygeführt in hat; aber sie irren sehr. Tausend Beyspiele bie- it, thet die Geschichte dar, und jeder Mensch wird sich nd selbst ein Beyspiel seyn, wenn er sich bemühen ist* will, in die Tiefe seines Inneren zu dringen und in die Begebenheiten seines Lebens zu prüfen und zu vergleichen, daß hierin kein Zweifel obwaltet, daß st^ Gott sowohl seinen eigenen Sinn, als den Sinn in» derjenigen leitet, die auf ihn einwirken. Wirf ^ wir kein Mißlingen vor, was im Plane Gottes „er nicht gewesen seyn kann; du nimmst wieder nur ^ auf die nächsten Umstände Rücksicht und vergißt, ich^ daß der Hochmuth den Menschen blendet, damit er seine eigene Schuld nicht erkenne.— Es ist her ganz sicher, daß derjenige, welcher zu seinem Ziele * 124 zu gelangen wünscht, auch die Mittel wählen muß,^ welche ihn dahin bringen können. Da nun Gott,, wie wir in der vorhergehenden Betrachtung gezeigt haben, der Urheber aller Verhältnisse der Men-^ schen ist und uns nach seinem Wohlgefallen in ei-^ neu Stand versetzet, so folgt daraus, daß alle^ Mittel, durch welche wir in einen Stand getre- ten sind, die Sünde ausgenommen, von ihm ih-„ ren Ursprung haben. d Aber es geschieht oft, daß Sünden die Ursa-^ che unserer zukünftigen Veränderungen sind. Bös-^ Leidenschaften sind zuweilen der einzige Grund,^ warum sich viele mit einer gewissen Person durch§ die Ehe verbinden. Die Wege, durch welche Man-„ che zu Aemtern kommen, sind ungerecht und straf-^ bar. Hat Gott auch diese Mittel gewollt?—„ Wir sagen, daß Gott an der Sünde ein Miß-^ fallen hat, daß Er sie aber aus Liebe zu der Frey-^ heit der Menschen zulaßt. Er bedient sich diese-^ verbothenen Wege als Mittel zur Besserung der-^ jenigen, welche sie betrete» haben. Gesetzt nun, daß du dich in einem ähnlichen Stande, in welchen^ du durch eine Sünde getreten bist, befandest, so h, mußt du darin verbleiben, wenn du ihn nicht vtt-„ lassen kannst, ohne eine neue Sünde zu begehen. Gott verabscheuet deine Sünde; aber da du schon^ ,in einem Stande durch die Sünde bist, so mußt^ 125 Lu damit zufrieden seyn und an keine Aenderung denken. Es ist nothwendig, daß wir noch ein Wort von dem anderen Stande sagen, ich meine von jener Lebensart, aus der wir ohne Sünde treten können, aber nur auf eine außerordentliche Art, mit vielen Unbequemlichkeiten und Beschwerden, wozu wir selbst keine hinlänglichen Ursachen ha- den. Es ist wahr, daß ein Landbauer ein Eelehr« ter werden kann, wenn er Pflug und Egge ver- laßt, um sich den schönen Wissenschaften zu widmen; aber mit wie vielen Beschwerden ist dieß verbunden, indem uns alle Dinge, zn denen wir nicht erzogen worden sind, schwer ankommen, und ich glaube, er hat keine hinlängliche Ursache, seinen in jeder Hinsicht ehrwürdigen Stand zu ver«^ lassen. In dem Falle wir versucht würden, unseren Stand gegen einen andern zu vertauschen, müssen wir wohl Acht geben, ob diese Neigung von Gott kommt, oder anders woher. Wir können mit Gewißheit schließen, daß sie nicht von Gott kommt, wenn die Veränderung unsers Standes Wunder verlangt, die sich nicht ohne Noth ereignen. Die gewöhnlichen Umstände, unter de. nen Gott den Stand eines Jeden bestimmt, sind: Die Beschaffenheit des Körpers, Gesundheit, Leides und Geisteskräfte, Aeltern, Reichthümer, Ar- 126 muth. Freunde und ähnliche Dinge: Aus diesen Umstanden kann man mit Wahrscheinlichkeit schließen, ob die Neigung zu einem andern Stande von Gott kommt, oder ob sie nur in uns entspringt. Wenn unser Körper und Geist zu schwach ist, um dem neuen Amte, nach dem wir streben, pflichtmaßig vorstehen zu können; wenn unsere Vermögensumstande nicht hinreichen, die Kosten zu bestreiken, die damit verknüpft sind: so können wir mit Gewißheit denken, daß diese Lust, welche wir in uns haben, nicht von Gott kommt. Wenn daher unsere Wünsche nicht immer erfüllet werden, habe» wir nicht Ursache zu schmähen; es ist eine Thorheit lind Gottlosigkeit. Ziehen wir daraus einen Lehrsatz, welcher dienen wird, uns von einem großen Theile unserer Klagen zu befreyen. Wenn wir mit unserem Stande zufrieden seyn wollen, müssen wir mit den Umstanden zufrieden seyn, durch welche wir in denselben gekommen sind, sie mögen entweder außer uns mitgewirkt haben, wie z. B. Geburt, Erziehung U. s. w. oder in uns selbst, wie z. B. Beschossen-, heit des Körpers und der Seele rc.— Beklage dich nicht, um ein Beyspiel anzuführen, über die Niedrigkeit deiner Geburt; Gott hat dich dazu erwählt, weil Er es für das Beste hielt, seine Ehre und dein Glück zu befördern. Würde es dein Herz nicht iä? mehr beschweren, wenn deine Aeltern von hoher Geburt, ansehnlich, reich, deine Hände nicht an die Arbeit gewohnt waren, und du würdest nun alles dieses gänzlich beraubt und müßtest deine zärtlichen Händchen an den Pflug legen? Beseitige daher deine Klagen, lobe Gott und danke ihm, daß Er dich so wunderbar erschaffen hat. So wie wir mit den äußeren Umständen, welche zu unserem gegenwärtigen Zustande mitgewirkt haben, zufrieden seyn müssen, eben so wenig dürfen wir uns über die inneren Umstände, über die Gaben des Geistes beschweren, deren sich Gott als Mittel bedienet, um unseren Stand zu bestimmen. Wir wollen nun betrachten wie wir uns betragen müssen und was wir zu thun haben, um mit unserem schwachen oder starken Geiste, mit unserem großen oder kleinen Talente, kurz, mit allen Fähigkeiten der Seele zufrieden zu seyn, und um nicht mehr und nicht weniger zu wünschen, als wir haben. Ich glaube nicht, daß sich Einer beklagen wird, zu wenig Verstand zu haben; denn die Eigenliebe hält die Menschen so fest an ihren Ketten, daß sich fast jeder für klug und weise hält. Wer wird wohl sagen, daß er keinen Geist und Verstand hat? Das geschieht sehr selten, und wenn es geschieht, ist es Verstellung oder falsche Demuth, und wir wissen zum voraus, daß uns Andere nicht beystimmen werden. Proben davon gibt das tägliche Leben. 123 Wir wollen uns mit jenen Leuten nicht zanken, welche ihren Verstand durch ein Vergrößerungsglas ansehen; aber wir wollen zu denen re-' den— obwohl ihre Zahl sehr klein ist— welche von sich selbst mit Bescheidenheit urtheilen und einsehen, daß ihre Geistessähigkeiren eben nicht die stärksten und in Vergleich mit Andern sehr klein sind. Diese Leute sind gemeiniglich so verkehrt, daß sie ein Mißvergnügen über das kleine Maß zu erkennen geben, welches der Herr ihnen gegeben hat, und sich betrüben, daß Andere vor ihnen einen Vorzug haben.— Betrachtet aber, daß ihr die Fähigkeiten der Seele von dem Herrn empfangen habet, der Jedem gegeben hat, so viel er braucht. Wenn wir nun LaS haben, was uns nothwendig ist, so seyen wir damit zufrieden! Denn warum sollten wir uns beklagen, wenn uns nichts mangelt? Geletzt, daß Andere vor euch einen Vorzug haben, gesetzt, daß ihr Verstand großer sey; folgt daraus, daß ihr besser seyn würdet, wenn sich jener Geist in euch befände? Ein Degen ist besser als eine Nadel; ist aber der Degen für den Schneider nützlicher, als die Nadel? Jbr habt so viel Verstand, alS ihr bedürfet; seyd also damit zufrieden. Nichts als Neid ist es, welcher uns zu diesen Klagen bewegt; um uns daher zu beruhigen, darf man seinen Stand nicht mit dem Linderer ver- 129 gleichen, und wenn man sieht, daß Andere in bessere» Umstanden sind, beneide man sie nicht. Wir gestehen, daß wir mit unserem Stande zufrieden seyn können, indem mir alles besitzen, um was man Gott bitten kann; wenn man aber sieht, daß Andere in besseren Umständen sind, dann werden wir unruhig. Diese sind reicher, jene i„ größerem Ansehen; und weil man ihnen nicht gleich ist, so klagen und seufzen wir. Unerhörte Klagen, wozu ihr Menschen kein Recht habet! Ungerechte Forderung! Ihr wollet, daß Euch Gott in einen andern Stand versetze, während dem ihr euch in demjenigen befindet,- welchen der höchste Herr für euch und die ganze Welt als den nützlichsten erkannt hat. Beraubte Er euch einer Sache, indem Er Anderen ein reichlicheres Maß gab? Worauf stützt sich Euer Recht, besser zu seyn, als diese? Höret also auf, euch mit Andern zu vergleichen; wenn ihr aber ein Vergnügen daran findet, so thut es auf eine vernünftige Art; wenn ihr aber eine vernünftige Vergleichung machen wollet, so vernehmt die Vorschriften, die ihr dabey zu beobachten habet. Wenn ihr euch mit euerem Nächsten vergleichet in Hinsicht der Bedürfnisse, so betrachtet nicht bloß das, was er mehr hat, als ihr; sondern sehet auch auf das, was ihm mangelt, und was ihr, im Ueberflusse besitzet. Das vergessen wir 130 gewöhnlich. NeLsidem vergleichet nicht einen Theil eures Standes mit einem Theile des Nächsten; sondern eueren ganzen Stand mit dem ganzen deS Mitbruders. Das thun wir meistens nicht. Wir nehmen das, was uns am Nächsten gefallt, und vergleichen es mit dem, was uns an uns mißfallt; wir vergessen die Unbequemlichkeiten des Nächsten mit unseren Bequemlichkeiten zu vergleichen. Ist es dann zu verwundern, daß die Wagschale auf einer Seite so tief herabsinkt, wenn die Dinge, die man gegen einander wägen will, nicht gehörig auf die Wage gelegt werden, wenn man Reichthum mit Armuth, Glück mit Unglück vergleichet? Wägen wir nur die ähnlichen Dinge gegen einander ab, und wir werden nicht Ursache haben, den Stand unseres Nachbars zu beneiden. Gott hat nicht alles einem Einzigen gegeben, sondern eine weise Ver- theilung getroffen. Er gab diesem, was ihr beneidet, und von dem ihr glaubt, daß er euch vorgezogen worden sey, Gott, sage ich, gab ihm viel Verstand, aber einen kränklichen Körper; große Güter, aber einen schwachen Kopf; viel Weisheit, aber eine thörichte Umgebung; eine Menge Kinder, aber ausartende; ein großes Amt, aber unaussprechliche Arbeiten; eine reiche Erbschaft, aber einen endlosen Prozeß; ein schönes Gesicht, aber einen dummen Kopf u. s- w. Ihr habet weniger Ver- 131 stand, aker mehr Ruhe; weniger Kinder, aber gutgezogene; weniger Geld, aber eine gefällige und tugendhafte Frau; ein geringes Amt, aber weniger Ungemächlichkeiten; keine prächtige Tafel, aber einen guten Magen. Was euer Nachbar vor euch hat, schickt sich nicht für euch, und der Vortheil, den ihr vor ihm empfangen habet, schickt sich nicht für ihn. Diese Ungleichheit erhalt das Band der menschlichen Gesellschaft und stellt die herrliche Ordnung her, welche die unendliche Weisheit Gottes so wunderbar beabsichtigte. Seyen wir daher mit der Vergangenheit zufrieden, auf welche unser gegenwärtige Zustand gegründet ist, und wagen wir eS nicht, unseren Milbruder irgend eiues Verzugs wegen zu beneiden. 132 zwölfte Vetrachtung. Um mit seinem Zustande zufrieden zu seyn, muß man sich beruhigen über das Gute und das Böse, was daran geknüpft ist, z. B. über Ehre, Macht und Reichthum, Armuth u. s. w. Wir haben gesehen, baß wir mit dem vergangenen Zustande zufrieden seyn muffen, weil ihn Gott angeordnet hat; aber auch der gegenwärtige gibt dem ungenügsamen Menschen Stoff zum Klagen im Ueberflusse. Man sagt oft:„Ich bin vergnügt mit dem, was ich habe; würde es aber nicht schon seyn, wenn ich ein wenig reicher wäre, um meine Geschäfte mir mehr Gemächlichkeit führen zu können? Ich will mich der göttlichen Weisheit nicht widersetzen, ich will mich nicht beklagen, daß sie mir keinen Ueberflnß gegeben hat: aber konnte eS wohl schaden, wenn ich ein wenig mehr Besoldung, ein wenig mehr Einkünfte hätte? Konnte es wohl schaden, wenn ich ein wenig mehr Vermögen besäße, um meine Geschäfte mir größerem Nachdruck zu betreiben? Würde es nicht gut seyn, wenn ich etwas wohlgestalteter, gesünder wäre, ein ansehnlicheres Amt zu bekleiden hätte? 133 So denkst dir, o Mensch. Du begehrst nur er» wenig, dein Wunsch ist klein, und du glaubst darum, daß du gegen Gott nicht murrest; aber du thust Unrecht und handelst verkehrt, wenn du dich beklagst, daß du nicht in besseren Umstanden bist Wie viel willst du denn mehr haben?„Nur ein wenig," sagst du.„Wenn ich mich in ein wenig öes. seren Umstanden befände, würde ich recht zufrieden seyn; wenn ich nur etwas von dem hatte, was Andere zu viel haben.«— Wenn dir nur ein wenig fehlt, warum beraubst du dich denn deßwegen deiner Ruhe, welche der vornehmste Schatz der Seele ist? Ist es nicht zu beklagen, daß man mit der Nertheilung der Erdengüter immerwährend unzufrieden ist, da doch der Herr Alles nach seiner unendlichen Gerechtigkeit abgewogen hat? Ist nicht der Neid die Quelle dieser Klagen? Hat dich Gott dessen beraubt, was er deinem Nächsten gab? Gehst du nackend, wahrend sich ein Anderer in Gold und Seide kleidet? Leidest du Hunger, weil ein Ande- rer in Ueberfluß schwelget? Wie thöricht handelst du, o Mensch, wenn dich das Glück deines Nächsten quälet! Gesetzt, daß Niemand bequemer lebte, als du; daß sich Niemand einer besseren Gesundheit erfreute, als die deinige ist; daß alle Menschen essen, was du ißt: würdest du dann noch an deinem Stand« ein Miß- 134 fallen finden? Würdest du nicht zufrieden seyn, wenn du auch deinen Körper nur mit Wasser und Brat nähren, und deine Blöße mit einem einfachen, dicken Gewebe bedecken könntest? Ich gestehe es gern, daß du nichts anderes wünschen würdest, als das, was du hast. Hättest du aber dann mehr, als jetzt? Ist das Brot, welches du jetzt ißt, nicht so stärkend, gibt es dir weniger Kräfte, weil Andere Fleisch essen? Dient dir dein Haus nicht zur Sicherheit und Ruhe, weil das deines Nachbars mit reichen Tapeten ausgezieret ist? Warum bist du also nicht mit dem zufrieden, was du hast, indem das, was dein Nachbar mehr besitzt, deinen Zustand nicht schlechter macht? und warum beraubst du deinen Geist seiner Ruhe, indem die Dinge, mit denen wir zufrieden sind, wenn sie andere Menschen wie wir besitzen, sich nicht ändern, wenn auch anderck Dinge besser sind? Wahrhaftig, wir machen es wie die Kinder, und ängstigen uns noch viel thörichter, als diese. Nehmt euere Kinder und gebt einem jeden ein Stück schwarzes Brot; sie werden vor Freuden springen, danken und es mit größten Geschmack essen. Gebt aber ein anderes Mahl dem einen ein Stück weißes Brot, werden dann die andern damit zufrieden seyn? Nein, alle werden desgleichen haben wollen, schreyen, lärmen und das Brot weg- 45Z werfen, welches ihnen vorher so appetitlich vorkam. Warum thun sie dieß und warum will ihnen das schwarze Brot nicht mehr schmecken? ist es verändert worden? hat es seinen Geschmack verloren? Keineswegs; aber sie bilden sich ein, daß das weiße besser ist als das schwarze. Sein Anblick in den Handen ihres Bruders hat ihnen den Geschmack verdorben; der Neid erweckte die Unzufriedenheit über das, was ihnen kurze Zeit vorher so angenehm war.— Seyd ihr besser, als diese Kinder? ist ein Unterschied zwischen euch und ihnen? Keiner, als daß ihr alter seyd und euch daher vernünftiger betragen solltet; aber der Greis ist bisweilen so thöricht, als das Kind. Seneka sagt: „Die Kindheit haftet nicht mehr an uns; was sie aber als Folge nach sich zieht, ist dieses, daß in uns viel Kindisches und Närrisches zurückbleibt. Und was noch schlimmer ist, wir haben den Schein des Alters und der Jahre, aber dabey die Fehler der Jugend; und nicht allein die Fehler der Jugend, sondern sogar der Kindheit." Wir haben, wie die Kinder, nie genug, weil Andere etwas besseres haben; wir sind nie mit unserem Besitz zufrieden, weil uns unser Glück, in Vergleich mit dem des Nachbars, zu geringe scheint. Daraus entspringt Mißvergnügen, Erschöpfung der Kräfte des Leibes und der Seele, Feindschaft, Haß 136 und Neid. Der Nahme eines Reißen oder Ver- möglichen ist höchstens die Frucht unserer Bemühung, Anstrengung und Unruhe, mit der wir aufstehen und uns niederlegen; und daSEnde?—Wir verzehren uns selbst und machen uns diese schön« Welt zum Jammerthal?. Unersättlicher Mensch! wenn Du doch die Thorheiten deiner eitlen Wünsche und Begierden einsähest. Dein Gort ist so gnädig und gibt dir, dessen Du bedarfst und was Dir zum Nutzen gereicht; kannst Du dich damit nicht begnügen? Du wirst sagen: „Ich habe wohl so viel, um mich zu sättigen; aber das reicht für meine» Stand nicht hin." Jedoch untersuche einmahl, ob d» nicht einen Aufwand machest, der über deinen Stand geht; das ist gewöhnlich die Ursache der Noth auf der andern Seite, Der Bauer will den Edelmann spielen, und der Edelmann'dem Grafen gleich geehrt werden. Kann man dann die Gottheit anklagen, wenn deine Güter nicht hinreichen?— Jeder Mensch würde an dem Seinigen genug haben, wenn er mit seinem Stande zufrieden wäre.^egen wir daher alleKin- dereyen ab und wünschen wir nichts, was wir zu erreichen nicht im Stande sind. Wenn dir Gott das nicht gibt, was du nicht hast, so bedenke, o Mensch, daß dieß sein weiser Rathschluß ist; erinnere dich, daß Er dich in jenen 137 Stand versetzt?, welcher für dich der beste ist. Er kennt die Schwierigkeiten, welche an die Geschäfte des Lebens geknüpft sind; Er kennt der Menschen Kräfte und beladet Niemanden mit einer größeren Last, als er zu tragen vermag. Wenn dir die Armuth schwer ist, so bedenke, daß dich der Reichthum sicher niederdrücken würde. Wenn du reich und in Ansehen bist, dessen ungeachtet aber deine Last zu tragen hast; so wünsche nicht arm und von niederem Stande zu seyn, was du nie ertragen würdest. Die Gnade des Ewigen, deines Gottes genüge dir. Man wird mir antworten: Das sind nur solche Leute, die alles im Ueberfluß haben, und doch noch„ach unermeßlichen Schätzen trachten; die müssen das beobachten. Ich wünsche keinen Ueberfluß, sondern nur ein mittelmäßiges Einkommen, damit ich nicht so mühsam arbeiten dürfte, indem ich auch für meine Kinder sorgen muß, und kaum so viel gewinnen kann, als ich bedarf. Eine neue Ausnahme! Man sucht die Unruhe seines Geistes mit dem Scheine der Vatersorgen »u umhüllen; aber ich frage dich, sorgfältiger Va- r-r: warum bist du denn so sehr bekümmert um deine Kinder? und du gibst mir zur Antwort: »Gott und die Natur haben mir diese Sorge auf. "legt und nachdrücklich befohlen. Warum arbeite« »2 138 wir denn, alS daß unsere Kinder zu leben haben?" Ganz recht; Gott hat dir die Sorge für deine Kinder befohlen; wenn Er sie aber dir ertheilte, hat Er ein größeres Recht auf sie, und wird für sie mehr sorgen, als du. Unterstehst du dich zu läugnen, daß Gott besser wisse, als du, welcher Stand deinen Kindern der vortheilhafteste seyn wird? Wenn dir Gott die Sorge für sie auferlegte, so wirst du auch so viel Mittel haben, alS der höchste Herr zu diesem Zwecke für nothwendig gefunden hat. Wenn sie sich in besseren Umstanden befinden, wenn sie ansehnlicher erzogen werden sollten, würde ihnen der Herr reichere und ansehnlichere Aeltern gegeben haben. Wende nur auf ihre Erziehung so viele Mittel an, als du hast und als du ehrlich finden kannst? aber nicht so viele, als du wünschest. Siehe dich vor, daß du ihnen von deinen wirklichen Mitteln nie etwas entziehest. Wenn dir Gott derselben nur wenige gegeben hat, um sie zu erziehen und bey dir zu lassen, so glaube fest, daß es der Wille des Herrn ist, daß sie arm seyen, und daß Er sich deiner Dürftigkeit bedienet hat, um aus ihnen Leute von niederem Stande zu machen. Beunruhige dich also nicht über den zukünftige» Stand deiner Kinder, denn du weißt nicht, was ihnen nützlich ist; Gott aber weiß es. 139 Jedoch es entsteht noch ein Zweifel in deinem Herjen und du sagst:„Wenn Gott mein Einkommen nur ein wenig vermehrte, konnte ich auch ein wenig glücklicher leben, ohne daß deßhalb mein Stand verändert würde. Ein Bauer hört darum nicht auf ein Bauer zu seyn, wenn er auch einen Groschen mehr bekommt, als er auf Brot und Käse braucht, wovon er sich ernähret. Ich wünschte nur bey meinem Handwerk, das ich eben nicht verändern will, ein etwas besseres Einkommen." Kannst du mich aber auch versichern, daß du deine Gedanken nicht ändern wirst, wenn dir der Herr einige Mittel mehr gegeben haben wird? Nicht wahr, wenn der Bauer nur etwas mehr hat, als er braucht, um seine nothwendigsten Bedürfnisse zu decken, will er denn nicht gleich ein Bürger seyn? Und wenn der Bürger ein wenig mehr besitzt, als ein ehrlicher Bürger bedarf, will er nicht gleich den Edelmann spielen? Je mehr der Mensch hat, desto mehr will er haben: ein bekanntes Sprichwort, eine allgemeine Erfahrung. Der Mensch hat nie genug, seine Wünsche sind unersättlich und jede Vermehrung vermehrt auch seine Begierde. Du verlangst nur ein wenig mehr; aber kaum hast du eS erhalten, begehrst du abermahls ein wenig mehr. So sind die Menschen; wir kennen die Genealogie ihrer Begierde» sehr wohl. Aber ich will jetzt am Menschen 140 nicht seine unersättliche Begierde tadeln, sondern nur bemerken, daß, wenn euch Gott in einen Stand versetzte der für euch der beste ist, daß alles, was iyr darüber begehret, böse ist.— Murret nicht gegen Gott, wenn Euers Wünsche nicht erfüllet, und wenn Er euch nicht mehr gibt, als ihr besitzet; saget nicht, daß Er unerbittlich ist, sondern lobet vielmehr seine Güte. Wenn Er alle eure thörichte Birien und Wünsche er- füllete, würde es wohl etwas anderes heißen, als einem Kinde einen Stein statt Brot, einen Skorpion stakt einem Ey gebend Er versagt euch das, waS ihr begehret, weil es euch schädlich ist. Erwiedere mir nicht, unzufriedener Mensch! daß du viele Leute glücklich machen würdest, wenn dir Gott größeren Reichthum gegeben halte. Sage nicht, daß du dann den Armen mehr Gutes thun, den Wittwen und Waisen mehr helfen, die Kirchen, Schulen und wohlthätigen Anstalten mehr unterstützen könntest. Diese Worte sind eine Hülle, unter welche du dein Mißvergnügen verbergen willst. Je mehr sich dein Glück vermehrte, desto mehr würde sich deine Gesinnung ander»; das lehrt die tägliche Erfahrung an unzähligen Anderen, wenn wir nur ein wenig mit Aufmerksamkeit um uns blicken, und ich will es dir noch durch ein Beyspiel erläutern. Eulogius war arm und von niederer Her- IN kunft, aber von hohem Geiste und reich an Tugend. Er diente Gott auf alle Art und erfüllte treu alle Pflichten der Religion. Er nährte sich mit vieler Mühe, und obfchon er selbst sehr arm war, theilte er doch den Gewinn seiner Arbeit mit den Armen. Einst kam zu ihm ein Einsiedler, Nahmens Daniel, den er in seineHücce führte und so gut bewirthete, als es seine Dürftigkeit gestattete. Daniel bewunderte die Tugend des Eulogius, bemitleidete ihn wegen der mühevollen Lebensart und wünschte nichts sehnlicher, als ihn in besseren Umständen zu sehen, indem er glaubte, daß er, da er jetzt so freygebig gegen die Armen ist, es dann noch mehr seyn würde. Er warf sich auf seine Kniee und bath Gott demüthig, denEulogius in bessere Umstände zu versetzen, und er wurde erhört. E u- lvgius fand auf dem Gebirge in einem Stein bruchs, wo er arbeitete einen Schatz, und so schnell «dadurch reich geworden war, eben so schnell änderte sich seine Gesinnung. Er dachte nicht mehr au Gott, theilte nichts mehr den Armen mit, verließ seine^Lebensweise, begab sich nach Constantinopel und strebte nach einer Bedienung bey Hofe. Sein Geld machte ihn bey den Höflingen angenehm und verschaffte ihm großes Ansehen. Eulogius erhielt von dem Kaiser mehrere Ehrenämter und je mehr " sich in den Schooß des Glückes versenkte, desto 142 mehr überließ er sich den Vergnügungen und bekümmerte sich nicht mehr um Gott. So sehr verkehrt das große Glück das Herz der Menschen. Ihr saget wohl, daß ihr mehr Gutes thun könnet, wenn ihr mehr Mittel besäßet; das kann wohl wahr seyn; aber würdet ihr dann noch an's Wohlthun denken? Thut nur indessen was lhr könnet, und beweiset euch so freygebig als es euere Umstände zulassen. Gebet den Armen ein Stückchen Brot, wenn ihr nicht mehr»erwöget; gebet ihnen ein Stückchen Tuch, wenn ihr kein ganzes Kleid zu entbehren habet. Gort verlangt nicht mehr; sein Wille ist, daß ihr so viel gebet, als ihr zu leisten im Stande seyd. Uebrigens beruhiget euch über alles, woran euer Zustand geknüpft ist; ihr möget reich oder arm, vornehm oder niedrig seyn, der Herr has es so angeordnet und wer vermag es, seine geheimen Plane zu durchsehen? 143 Drtvjehnte Betrachtung. Um mit seinem Zustande zufrieden zu seyn, muß man sich auch beruhigen in den Un- gemächlichkerten dieses Lebens, die uns von außen zustoßen, und die uns täglich begegnen. Man glaubt, daß, wenn man auch mit sich selbst, mit seinen Gütern, mit seinen von Gott erhaltenen Körpers- und Geisteskräften zufrieden ist, daß es doch noch genug Hindernisse außer uns gebe, welche verursachen, daß der Geist nie immer ruhig seyn kann. Man klagt, wie gewöhnlich: „Welcher Mensch kann wohl ruhig seyn, da es in dieser Welt so närrische Köpfe gibt, daß der Eine dieses will, der Andere jenes. Der Mann ist zum Zorne geneigt, das Weib empfindlich und ungeduldig, die Söhne unbesonnen, die Töchter unbescheiden, und beyde ungehorsam. Die Knechte find faul und thöricht, die Mägde zänkisch, lärmen im Hause und wollen befehlen, wenn es sich um das Gehorchen handelt. Die Nachbarn haben einander in scharfen Augen, spüren jeden Fehler auf und einer beneidet den andern. Wer kann da ruhig seyn? Wenn ßch meine Kinder in Lastern herumwälzen, wenn sie 144 meinen guten Nahmen besudeln, den Nächsten verleumden, betrügen, ausborgen und nicht zahlen, so daß ich ihre Schulden abstatten muß; wenn sie mich so auf die empfindlichste Art betrüben, kann ich da ruhig seyn? das billigen, was jene begehen/ die mir am nächsten sind?" „Noch mehr: ivas für Arten von Krankheiten schleichen sich nicht in«nein Haus ein? und was für unruhige Gäste sind sie nicht? Bald haben wir Kopfschmerzen, bald fehlt es im Magen, bald guält uns der Husten, bald ein Rheuma, bald liegt die Frau darnieder, bald müssen die Kinder das Bett hüthen. Da verlieren die Menschen wahrhaftig den Muth; da ist uns die Freude selbst gehässig." Wollte Gott, daß alle Menschen einsähen, daß nicht die Dinge an sich selbst es sind, welche diese Klagen verursachen, sondern die falschen Ideen, die man sich davon macht. Wir haben gleich im Anfange unserer Betrachtungen durch das Beyspiel eines Menschen, der über das Meer reiset, die Thorheit dieser Klagen gezeigt, daher wollen wir sie nicht wiederholen; aber wir werden uns bemühen, den Geist durch die Betrachtung der göttlichen Vorsehung zu beruhigen, indem wir zu gleicher Zeit auf das sehen, was Gott in diesen Umständen thut. Erinnert euch nur ihr sorgenvollen Menschen, daß«s Gott ist, der die Welt regieret; betrachtet 14Z m eurem Herzen, daß nichts ohne den Willen deS Herrn geschieht, die Sünde ausgenommen; bemerket, daß Gott auch diese zuläßt, damit die Beförderung seiner Ehre nicht unterbrochen werde. Wir haben sonst die Gewohnheit alles auf die göttliche Vorsehung zu übertragen; wenn sich aber etwas ereignet, was uns nicht gefällt, so vergessen wir darauf unsere Gedanken zu Gott zu erheben. So verkehrt sind die Gesinnungen der Menschen! Nichts kann meine Ruhe stören, meinen Geist quälen, keine Stürme können meinen Muth brechen, wenn ich mich lebhaft überzeugt habe, daß es Gott ist, der sie erregt, der ihre Kräfte und Ge. walten abwägt, der sie leitet, wohin Er will, der sie auch auf mich richtet, weil Er es für gut befin- det. Wenn Er mein Glück befördert, wenn er mich in den Hafen der ewigen Ruhe zu geleiten sucht; warum laß ich mich nicht von seiner Liebe führen und warum sind mir die Wege zu beschwerlich, auf welchen mich seine unendliche Liebe begleitet?— Führt Er uns im Dunkeln?— Nein, Er kennt die Wege, auf welchen wir wandeln. Und warum fuyrt Er uns durch Disteln und Dornhecken? Weil Er weiß, daß es für uns besser ist. O Mensch! sein weiser Rath, der sich nie täuschet, hat erkannt, daß der Stand, den du beweinst, der beste sey; darum hat Er ihn dir angewiesen und bestimmt. 13 146 I Gott nimmt dir deine Reichthümer, weil Er einsieht, daß sie deinen gänzlichen Untergang befördern würden. Darum verzehren Feuersbrünste dein Eigenthum, darum verschwenden Kinder dein Geld, darum wirst du unvermuthet inRechtshäridel verwickelt; kurz, alles, was dich beunruhiget, hak Gott beschlossen, um dein ewiges Heil zu befördern «nd um dich auf die Wege zurückzubringen, welche dahin führen und welche du verlassen hast.—Kannst du ein Zeichen von Ungeduld über die weise Fügung Gottes von dir geben? Er ladet ein Betrübniß, ein Kreuz auf dich, um dich zum ewigen Heile zu bringen. Nennst du dieß grausam? Dein Körper ist schwach und krank; aber diese Schwache und Krankheit soll dich vor Lastern bewahren, welche dich in die Verdammnis; stürzen würden.—Wir Menschen tauschen uns sehr oft in dem, was Glück und Unglück ist und verwechseln eines mit dem andern. Wir nennen gemeiniglich das, was uns Vergnügen macht, Glück, ohne darauf zu sehen, ob es auch zu unserer Besserung und Vervollkommnung gereichet; eben so bezeichnen wir das, was uns mißfällt, mit dem Nahmen Unglück, wenn es uns auch unserer Vollkommenheit näher bringt. Wir machen es da abermahls wie die Kinder. Diese betrachten dl- väterliche Züchtigung als ein Uebel, verabscheuen sie und glauben, daß es ihnen nur dann wohl geht, 117 wenn sie ohne Zucht sind. O^ivenn wir uns doch recht zu Herzen nehmen möchten, daß oft unser wahres Glück am meisten befördert wird, wenn wir uns für die Unglücklichsten halten. Suchen wir dieses durch ein Beyspiel tiefer iu unser Herz zu drücken, um uns vor den Versuchungen zu verwahre», welche aus dem bloßen Schein entspringen. Wann schien das Glück und Heil der Jsraeliten dem Untergänge näher zu seyn, als zu jener Zeit, da sie in Aegypten unter einem barbarischen Könige lebten, der alle männliche Kinder umbringen ließ! Die Mutter des Moses verbarg ihr Kind, und indem sie es dem Tode zu entreißen suchte, setzte sie es in einem Binsenkörbchen der Gefahr aus, umzukommen. Das Kind wurde glücklich gerettet und die Erhaltung Israels war daran geknüpft. Wenn dieser Befehl nicht gegeben worden wäre, so wäre Moses nie an den Hof gekommen, und wenn sich dieß nicht ereignet hätte, so hätte Moses nicht thun können, was er that. Nach der Meinung eines Jeden neigte sich Israel dem gänzlichen Untergänge entgegen, aber dieses Unglück selbst legte den Grund zu einer neuen Erhaltung. Wir Menschen täuschen uns sehr, wenn wir das für ein Glück halten, was unseren Sinnen schmeichelt. Alle unsere Wünsche, alle Sorgen zielen dahin, um dieß zu erlangen, und wir merken 13* 143 nicht auf die Absicht, welche Gott hat, wenn Er uns das schicket, was wir Unglück nennen.—Der Wille des Herrn ist euere Heiligung; euer Wille> geht auf Reichthümer, Ehrenstellen u. dgl. Diese sind das Ziel euerer Handlungen, und ihr nennet alles Unglück, was euch davon entfernet, und Glück, was euch denselben naher bringt. Es gibt nichts Gutes in der Welt als das, was uns als Mittel dienet, unsere Seele zu der ewigen Glückseligkeit zu geleiten; wir aber heißen das gut, was unsere Sinne — Sterblicher! traue nie dem Meere, wann es am ruhigsten ist, denn dann empört es sich am ehesten; selbst wenn süße Lüftchen wehen, können strich Sorglosen von dem Ufer in die hohe See stoßen, um dich den Stürmen auszusetzen, da d» am wenigsten darauf gefaßt bist. „Aber warum ist das Meer dieser Welt so stürmisch!" fragst du mich, und ich kann dir darauf leicht antworten. Würdest du wohl an Gott denken und die ewige Glückseligkeit suchen, wenn der Himmel auf der Erde wäre und wenn der Herr nicht Dornen auf die Wege streute, die unsere» Willen aufwecken, um einen besseren Weg und ein seligeres Land aufzusuchen! Leiden und Betrübnisse müssen in uns die Sehnsucht erwecken, nach dem Reiche des Herrn zu streben; sie find das Band, dessen sich Las höchste Wesen b-' 149 dienet, um uns von gefährlichen Straßen, die zur Holle führen, zurückzureißen und an sich zu ziehen. Durch Leiden treten wir in das Reich Gottes ein; aber was sind alle Leiden dieser Erde gegen den Werth der Erbschaft, die jenseits unserer wartet? Unterwerfen wir uns also mit Geduld! Jedoch der Mensch ist sehr geneigt, der Geduld und dem Leiden Gränzen zu setzen und gewisse Ausnahmen zu machen. Sie wollen gern leiden, ausgenommen das, was sie eben jetzt ertragen. Der Schlemmer, dessen Bauch sein Abgott ist, kann sein Haus zu Grunde gehen sehen, wenn nur sein Weinfaß nicht leer wird; der Hoffärtige macht sich nichts daraus, von trockenem Brote leben zu müssen, wenn man ihn nur nicht seiner kostbaren Kleider beraubt, de- ue>; man tiefe Verbeugungen macht.— Andern beliebt es sogar die Zeit zu bestimmen, mann sie leiden wollen. Sie glauben, ihre Betrübnisse nur dann ertragen zu können, wenn sie von fremden Personen kommen werden; ihre nächsten Anverwandten und Freunde sollen sie aber durchaus nicht betrüben. Bey näherer Betrachtung dessen erkennt man deutlich, daß diese Leute, denen es gefällt, die Leide,, selbst zu wählen und die Zeit zu bestimmen, wann es ihnen anständig seyn wird, dieselben zu "tragen, gar kein Leiden haben wollen. Sie su-- kZO chrn immer eins andere Gattung des Duldens; aber sie finden keine, die ihnen behagen konnte. Wenn das Dulden ihnen gefällt, ist ihnen die Zeit nicht angenehm, oder die Personen, welches verursachen, sind nicht diejenigen, welch- si- gern haben wollten. Weißt du aber zum voraus, o Mensch! was deine Schultern tragen können? Weißt du, wie viel Leiden zu deinem Frieden gut seyn wird? Unterwirf dich nur der Züchtigung Gottes, welcher weiß, wie weit er dich strafen muß, damit daraus deine Beruhigung folge. Er ist der Arzt, und du bist der Kranke; Er hat zu verordnen, und du mußt gehorchen. So befestigen und besiegeln wir diese Wahrheit in unserem Herzen, daß es kein Uebel gibt, welches nicht von Gott kommt, und daß uns kein Mensch schaden kann, wenn es Gott nicht zulaßt. All- Unglücke,' welche uns die Menschen verursachen, kommen von einem Fehler ihrer Natur, von ihrem unrichtigen und dunklen Verstände, von ihren bösen Sitten oder von ihrem verkehrten Willen. Ueberzeu- gen wir uns wohl, daß die Uebel selbst, welch- von der BoSheit der Menschen kommen, uns nicht durch Gottes weisen Rathschluß zustoßen; daß mir aber daraus lernen können, unser Leben wohl einzurichten.— Setzen wir den Fall, daß ein roher, zorniger, tückischer Mensch mir gefährlicher sey; so kann ich entweder seinen Umgang vermeiden/ oder es steht nicht in meiner Gewalt/ mich davon los zu machen. Im ersten Falle werde ich wohl thu»/ mich seiner Gemeinschaft zu entwinden; denn was könnte mich verpflichten, Freundschaft mit ihm zu pflegen. Ich sehe die Gefahr, welcher ich mich aussetze; also habe ich Recht, ihn zu vermeiden. Bin ich aber an eine Person durch die unauflöslichen Bande der Ehe oder auf eine andere Art geknüpft, so daß ich ihren Umgang wegen gewissen Gesetzen und Verbindlichkeiten nicht vermeiden kann; so muß ich das Ungemach ertragen und denken, daß es der Wille des Herrn ist, der mich nach seiner Weisheit an diese Person gebunden hat. Man wird hier denken, daß dieser Unterricht an sich wohl recht gut, aber die Ausübung eben so schwer ist. Ich höre sagen:„Ja, wenn man sich nur in alle dies- Dinge schicken könnte; wenn unS nur diejenigen, die uns am Theuersten sind und seyn sollen, nicht so vielen Verdruß verursachten. Wenn uns Personen, an die wir durch das Band der Ehe geknüpft sind, wenn uns unsere Kinder böse Streiche spielen, da kann man leicht in Zorn gerathen. Und wie beleidigt man Gott im Zorne?!«— Ganz richtig; kann man denn aber das auf die Rech- nung Gottes schieben? Wer ist denn Ursache davon. 1Z2 als der Mensch selbst, der im Zorne ohne Maß und Gränzen auffährt? Man mäßige also die Hitze seines Blutes und lasse sich nicht von Leidenschaften überwältigen. Ist das Kind nicht thöricht, welches gegen die Ruthe erboßt, womit es gezüchtiget wor- den ist? Die väterliche Zurechtweisung wird diesem Kinde wenig nützen, doch können wir ihm einen solchen Fehler seines Unverstandes wegen leicht vergeben; aber mit erwachsenen Menschen können wir keine Nachsicht haben, welche wie die Kinder die Werkzeuge verachten, deren sich Gott bedienet, um sie zu züchtigen. Erhebe, o Mensch! deine Augen zu Sott, so oft du Unmuth in deinem Herzen fühlest; erhebe dein Angesicht zum Himmel; sieh auf die Hand des Ewigen, welche dich züchtiget und küsse die Ruthe.— Ahmet, ihr ängstlichen Seelen! das Beyspiel dbs Job nach. Dieser war von der ganzen Welt verlassen; Jedermann lästerte und spottete über ihn. Seine Frau selbst vergaß die ihm schuldige Liebe und sah ihn mit Verachtung an. Was that Job in diesem Elende? Er sagte bey allen seinen Leiden:„Die Hand des Ewigen züchtiget mich." Edle Seelen, die ihr in Leiden und Betrübnissen erkennet, daß sie von Gott herrühren!— Wenn ihr von dem Ungemach dieses Lebens heim- 155 gesucht werdet, geschieht dieß vielleicht, um such für eure Vergehungen zu bestrafen, damit ihr nicht jenseits dafür büßen dürfet; vielleicht geschieht es auch, um euere Tugend, eueren Glauben, euer Vertrauen auf Gott, euere Frömmigkeit zu prüfen. Vielleicht will euch Gott die Schwache euerer Kräfte und die Nothwendigkeit seiner Gnade zu erkennen geben; vielleicht will Er auch, indem Er sieht, daß ihr immer gleich freudenvoll, gleich standhaft in allen Betrübnisse» und gleich muthvoll in den Stürmen seyd, die euch entgegenstürzen, vielleicht will er euch daher Andern als Muster und Beyspiel aufstellen; vielleicht will Er endlich eueren Geist in den Schranken halten, damit er im Rechthandeln nie erschlaffe. Die nächste Ursache vermoget Hr nicht zuerkennen und ihr brauchet sie auch nicht zu erkennen, und es genüge euch, zu wissen, daß Gott diejenigen züchtiget, welche er liebet. Lobet daher den Herrn, so oft Er ein Leiden über euch schicket; Er mag euch etwas geben oder nehmen, sagst immer: Der Nahme des Ewigen sey ge priesen! 1Z4 ^ierrehnte Wetrachtung. Um ruhig zu leben, muß man mit allem zufrieden seyn, was an unseren gegenwärtigen Zustand geknüpft ist, und kein Zeichen des Mißvergnügens in Rücksicht der Folgen geben, die damit verbunden sind. Leider geschieht es sehr häufig, daß die Men» schen mit ihren Handtierungen, Aemtern und Würden nicht zufrieden sind, und andere Dinge unter» Nehmen, welche für sie gar nicht paffen; sie sind sogar in der eitlen Einbildung, daß sie dadurch Gott einen Dienst erweisen, und verrathen den größten Unwillen, wenn sie in dieser Einbildung, von der sie»nicht ablassen, unterbrochen werden. Hieraus entsteht nicht selten ein auffallender Wi» derspruch, indem man das seyn will, was man ist, aber das nicht thun will, wozu man verbunden ist. Welcher Schmid kann mich überreden, daß er nichts anders, als ein Schmid ffeyn will, während er den ganzen Tag murret, daß das glühende Eisen seinen Augen nachtheilig, die Hammerschlage seinen Ohren schädlich sind; während sein Tagesgespräch darin besteht, daß die Feder und die Nadel 15Z leicht zu regieren, daß dir Arbeit des Gelehrten und des Schneiders mit der seinigen gar nicht zu vergleichen sey? Ist ein solcher Mensch mit seinem Handwerke zufrieden? Keineswegs. Sempronius steht nahe an dem Staatsruder; er wird von einem ganzen Lande geachtet und geehrt: das gefällt ihm, aber er beklagt sich zu gleicher Zeit, daß er so mit Geschäften überhäufet ist, daß er diejenigen, die sein Haus und seine Familie betreffen, vernachlässigen muß. Ein Anderer will Vater seyn, aber die Sorge der Erziehung verdrießt ihn und beklagt sich, daß er so viel Zeit darauf verwenden muß. Man beruft sich nebstdem immer auf Leute, die in einem Stande leben, dessen Folgen angenehmer sind, und man beunruhiget sich, daß man ihnen nicht gleicht, ob- schon unser Stand ganz verschieden ist von dem Stande derjenigen, mit denen wir uns vergleichen, und darum nicht dieselben Folgen haben kann.„Dieser," sagt man, sitzt und bethet; aber ich muß die Elle in der Hand haben und Tuch messen. Jener singt und lobt den Herrn; aber ich muß die-- Zeit in Schriften und Rechnungen begraben zubringen. Was für Arbeit hat man da nicht und wie beschwerlich ist sie!" Aber so nimm doch dein Gebethbuch, setze dich vor deinen Laden und laßjdie Käufer warten bis du dein Gebeth vollendet hast; wirf 1Z6 die Schriften und Rechnungen beyseite und lies, wie jene Leute, ein erbauliches Buch. Du wirst sagen, daß dieß eine Thorheit wäre.— Ich bin auch deiner Meinung, weil es lächerlich ist, sich zu beklagen, daß man sich nicht mit Dingen abgeben kann, womit sich ein Anderer beschäftiget. Gott verlangt nicht, daß man andere Standespflichten erfülle, als diejenigen, welche an unseren Beruf geknüpft sind; der geringe Dienst des Schwachen ist ihm eben so angenehm, als der des Starken. Wer so viel thut, als er zu thun vermag, der erfüllet den Willen des Herrn und seine Werke sind Gott wohlgefällig. Wenn du also dem Willen Gottes durch deine Verrichtungen Genüge leistest und wenn er daran ein Wohlgefallen findet; warum mißfallen dir deine Beschäftigungen und warum verachtest du sie? „Aber/t wirst du sagen,„wer weiß, ob Gott an den Verrichtungen, die an meinen Stand geknüpft sind, ein Wohlgefallen hat?"— Ich weiß es gewiß und will es dir beweisen. Der Stand, in dem ich mich befinde, ist mir von Gott angewiesen; Er ist es, der uns zu dem macht, was wir sind wnd ohne ihn sind wir nichts. Dieser Stand hat seine Verrichtungen, die sich von ihm nicht trennen lassen; wenn also Gott will, daß ich in diesem und in keinem andern Stande lebe, so kann ihm 157 auch die Verrichtung, die zum Wesen desselben gehört, nicht mißfällig seyn. So wie Gott will, daß die Sonne mit ihren Strahlen die Erde erleuchte und erwärme; eben so ist es auch sein Wille, daß der Mensch den Beschäftigungen, die sein Stand erfordert, obliege.— Welcher Vater kann von seinem Sohne, den er das Handwerk eines Schmides lernen und neben dem Feuer, dem Amboß und den Hämmern erziehen ließ, vernünftigerweise fordern, daß er die Mahlerey nach allen Regeln der Kunst verstehe? Oder welcher Vater kann von seinem Sohne, den er von Jugend auf an den Pflug gewohnte, verlangen, daß er die Klugheit besitze, die zu einem Feldherrn erforderlich ist? Ist es nicht genug, wenn er nur den Pflug zu führen und die Erde zu bearbeiten weiß?— Eben so verhält es sich auch mit unserem himmlischen Vater. Wenn mich Gott in den Stand versetzt hat, daß ich sein Wort dem Volke verkündige, verlangt Er nicht, daß ich ein Handwerk lerne. Er befiehlt, daß ein Jeder thue, wozu er verbunden ist, und daß er seine eigenen Pflichten und nicht die eines Andern erfülle. Wir muffen daher mit den Verrichtungen unseres Standes zufrieden seyn und nicht klagen, wenn unsere Unternehmungen mit vieler Mühe und Beschwerde begleitet sind. Mir dürfen diese- 158 rügen nicht beneiden, welche sich einer mehr ruhigen und angenehmen Lebensart erfreuen; jeder Stand hat seine Beschwerden und Annehmlichkeiten, jedes Amt seine Verdrießlichkeiten und Vortheile. Der ganze Unterschied ist dieser, daß der eine weniger Ungemach und mehr Vortheil verschafft, als der andere; jedoch wir müssen an allem, was an unseren Stand geknüpft ist, ein Gefallen finden. Die Niedrigkeit und Dürftigkeit zieht mit einem Gefolge von Beschwerden einher- deßhalb ist es aber nicht erlaubt, die Großen zu beneiden und zu wünschen, an ihrer Tafel zu speisen, in ihrem Bette zu ruhen, oder sie für vorzüglich glücklich halten: ihr Stand, so glänzend er ist, hat auch seine Beschwerden, ihre Tage sind eben so von Ungemach begleitet, als die der Niedrigkeit, welche sich im Schweiße des Angesichtes ihr Brot verdienen und mit trockenem Brote und frischem Wasser sich ernähren muß. Wenn man von hoher Geburt, von großem Ansehen ist, der Hülfe vieler Leute bedarf und über viele zu befehlen hat, so haben wir auch für Viele zu sorgen; wir müssen die Seufzer einer Menge von Unglücklichen anhören, wachen und auf Hülfe sinnen, während die Dürftigkeit in süßem Schlafe dahinliegt. Wenn Viele von uns abhängen, so beneiden uns auch Viele und suchen uns in den Hin« 159 terhalt zu ziehen. Wo Sonne ist, dort ist auch Schatte»; und wo Ansehen herrscht, dorr herrscht auch Neid. Wenn man das Eine will, muß man sich auch in das Andere schicken und kein Zeichen des Mißvergnügens von sich geben. Wer. ein Amt oder eine Verrichtung hat, sie mag von was immer für einer Art und Beschaffenheit seyn, der lasse sich ja nicht in den Sinn kommen, daß er von allen Ungemachlichkeiten befreyt seyn wird. Wenn wir unseren Stand erhalten wollen, muffen wir auch das Ungemach desselben ertragen. Wen» Jemand glaubt, daß der Bilterwein seine Kräfte stärkt, so würde er thöricht handeln, wenn er beym Trinken verlangen wollte, daß er nicht bitter schmecken soll. Er muß ihn entweder nicht trinken oder sich seine Bitterkeit gefallen lassen. Eben so müssen wir die Bitterkeit, die wir in unserem Stande antreffen, als einen wesentlichen Theil desselben betrachten und bedenken, daß er ohne dieselbe das nicht wäre, was er ist. Wen» man mit sei- nen Beschäftigungen zufrieden ist, muß man sich nicht über die Ungemachlichkeiten, Sorgen und Beschwerden beunruhigen, die daran geknüpft sind, weil dadurch der Friede unseres Geistes gefährdet würde; denn sie erzeugen Mißmuth, Thränen und Seufzer, verursachen schlaflose Nächte oder ängstli. che träume, schwächen den Körper, verzehren die Kräfte und beschleunigen den Tod«! 160 Das sind die natürlichen Folgen, welche aus einem unzufriedenen Leben entspringen, und sie sind von einer solchen Beschaffenheit, daß sie sich schwer vermelden lassen. Die Erfahrung bestätigt es. Jedoch man wird sagen:„Wie kann man denn aber dabey zur Ruhe des Geistes gelangen? Die Geschäfte dieser Welt sind von der Art, daß daran immer Ungemächlichkeiten geknüpft sind, und es gibt keinen Stand, der nicht einige Betrübniß verursachte. Sollte daher nicht derjenige, welcher uns unterrichten will, uns zu lehren anfangen, wie man die Natur der Dinge verändern und den Bitterwein in Nectar verwandeln könne? Und besteht denn diese Kunst, zufrieden zu seyn, nicht in der Wissenschaft, die natürlichen Folgen der Dinge umzugestalten, das Herbe und Bittere in das Süße zu verwandeln? Und ist dieß nicht etwas Unmögliches?—»Diesen Einwurf haben wir wohl vorausgesehen; jedoch wir haben versprochen, die Kunst zu lehren', sich in allen Zuständen des Lebens zu beruhigen, aber nicht die Kunst zu lachen; wir haben uns verbindlich gemacht, eine Freude zu lehren, welche sich in der Seele und dem Geiste des Menschen befindet, aber keine solche, die sich auf die Weichlichkeit des Körpers stützt. Wie könnte ich voraussetzen, daß man weinend lachen soll? Sündigte ich da nicht gegen die Natur der Dinge? Wenn wir uns bemühen, eine beständige und dauerhafte Freu» de zu lehren, die durch nichts unterbrochen wird, so verstehen wir darunter die Idee, welche der heilige Paulus davon hat, wenn er spricht:„Erfreust euch immer!" Und diese Freude ist eine Freude ohne Lachen, die man selbst unter den heißesten Thränen haben kann, indem sie in der Ruhe des Geistes besteht. Aber was haben wir denn zu beobachten, da» mit wir unter dem Joche der Leiden gutes Muthes seyn können?— Höre mich an! Diese Kunst besteht in dem Eintritts in das Heiligthum des Ewigen, in der Versicherung, daß der Stand, in welchem wir uns befinden, UNS angemessen, und wir wir bereits gehört haben, immer mit Ungemach» iichkeiten verbunden ist, und daß dieß unseren Umständen zum Vortheil gereichet. Alles, was geschieht, geschieht auf Befehl oder mit Zulassung Gottes, und was Er zuläßt, sucht er in genaue Verbindung mit seinem letzten Zwecke zu bringen. Wie oft ha» den wir das schon gesagt? Gott handelt nach seiner Weisheit, wenn Er uns in diesen Stand setzet und nicht in einen andern. Bin ich krank und von Leiden heimgesucht, so hat es Gott so angeordnet. Weil Er voraussah, daß Gesundheit und Wohlbe» finden in dieser Zeit nicht zu meinem wahren Glücke gereichen würde; aber Er weiß auch, wie lange 162 X ich in diesem Zustande verbleiben muß, damit er mir nicht schade. Er kennt die Veranlassungen dazu und hat es zu einer Zeit geschehen lassen, wo Er, wußte, daß es für meinen Körper oder für meine Seele, oder für beyde zugleich nützlich seyn würde. Wenn wir diese Gedanken in unserem Herzen befestiget haben, werden wir ruhig alle Leiden und Mühseligkeiten ertragen und mit David ausrufen:„All-, welche Dich suchen, erfreuen sich und sind voll Fröhlichkeit und die dein Heil lieben, sagen ohne Aufhören: Der Herr sey gepriesen! denn ich bin arm und betrübt, aber der Herr sorgt für mich. Du bist mein Helfer und mein Retter. Empfiehl dem Herrn deine Wege und vertraue auf ihn, Er wird AllcS wohl machen. Lege deinen Kummer auf den Herrn; Er wird für dich sorgen und den Gerechten nicht immerwährend in Elend lassen." Man' kann also heiteren Geistes seyn, wenn man auch in Betrübniß ist, ja man muß es seyn, wenn wir auf Gott hoffen und auf ihn unser ganzes Vertrauen setzen, da Er alles zum Besten der Menschen leitet. Wenn wir also lehren und zeigen wollen, daß man immer einen heiteren Geist besitzen könne, so behaupten und verlangen wir dabey keineswegs, daß du nie traurig und betrübt seyst. DaS hieße dem Menschen seine Menschheit ausziehen- Es gibt Falle, welche natürlicherweise das 163 Herz des Menschen betrüben. Gesetzt, daß unsere Ehehälfte, unsere Kinder gestorben wären, daß wir - unser Vermögen verloren hätten; wir müßten ein Felsenherz haben und nicht mehr unter die Zahl der Menschen gehören, wenn wir dabey unempfindlich blieben und lachten. Weine, weine! wenn deine theuere Ehehälfte dir sterbend zum letzten Mahle die Hand darreichet und dich bittet, ihrer eingedenk zu seyn; laß deine Thränen fließen, wenn dir dein Kind die schon blaffe Hand entgegenstreckt, um der- i nen letzten Segen fleht und dir noch einen Beweis ? seines Gehorsams und seiner Dankbarkeit für die - vielen Sorgen gibt, die du um seinetwillen getra- , gen hast. Klage und weine, wenn eine Feuersbrunsi c dein Haus zerstört, wenn feindliche Schaaren deine i Felder aufzehren; aber siehe dich wohl vor, daß dein Geist nicht erschüttert werde. Es hängt von a deinem Verstände und von deinem Willen ab. Bey , solchen Gelegenheiten müssen sie beyde in den ge- ,« rechten Schranken erhalten werden, damit sie nicht r ausarten. Wir müssen dann unseren Verstand zu n Gott erheben und zu gleicher Zeit bedenken, daß --- Er es ist, der uns dieses Leiden schickte, diesen y Schmerz verursachte, und daß der Verlust selbst i. uns heilsam ist. Wir müssen mit Iob sagen:„Der e- Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen." Unser Verstand muß betrachten, daß alles, Ivas ! wir haben und besitzen, nicht unser Eigenthum ist, sondern daß es uns Gott auf kurze Zeit zur Verwaltung gegeben hat, und daß es al>o auch in seiner Macht steht, uns diese Verwaltung abzunehmen, wenn uns seine Weisheit nicht mehr für fähig dazu erkennet, oder für«»würdig und untauglich halt. Weine denn in deinen Unglücksfällen, aber Murre nicht gegen Gott. Weine mit Freudigkeit, weil die Gnade, welche dir nur Gutes geben will, sich sogar in deinen Thräne» offenbaret.„Wenn ich auch, o Herr! in ein dunkles Thal wandern sollte, werde ich nichts fürchten; denn Du bist bey mir und dein Stab tröstet mich." Die Seele wird also eine wahre Freude mitten im Dulden genießen, wenn sie sich in Gottes Wille» ergibt, und der Schmerz selbst wird dadurch gemäßiget werden: denn die Erfahrung lehret, daß der Widerstand unseren Schmerz noch mehr verbittert. Wir müssen nun noch eine Schwierigkeit heben, die leicht in dem Herzen unserer Leser entstehen und sie beunruhigen konnte. Man wird uns vielleicht Folgendes entgegenstellen:„Wenn ich in allen Leiden, die über mich kommen, gelassen und ruhig seyn soll, so darf ich mich weder um mich oder mein Glück bekümmern, noch die Uebel abwenden, die mir zustoßen können, oder die mir 165 schon zugestoßen sind; denn um ruhig zu seyn/ muß ich mich in den Willen Gottes ergeben. Wenn ich krank bin, so ist es der Wille Gottes, und Arzeneymittel nehmen, hieße eben so viel, als sich dem Willen des Herrn widersetzen. Wenn mein Hans brennt, muß ich es brennen lassen; denn das Feuer löschen, wäre eben so viel, als sich dem Willen des Herrn widersetzen. Ich muß der Sünde freyen Lauf lassen; denn Niemand ist verdammet, wenn ihn nicht Gott verdammet." Dieser Einwurf hat eine» großen Schein der Wahrheit; aber die Wahrscheinlichkeit wird niederstürzen, wen» wir den Unterschied betrachten zwischen den absoluten(unumschränkten) und dem con- ditionellen(bedingten) Willen Gottes« Der absolute Wille Gottes ist in seiner Wesenheit selbst begründet; nach diesem wollte Er, daß die Welt und alle Geschöpfe, die darauf sind, existiren, daß der Mensch sterblich sey u. s. w. Alles, was in der Natur vorgeht und von ihr abhängt, ist in diesem Willen begründet, und sich demselben zu widersetzen, wäre die größte Thorheit. Der conditionelle Wille Gottes ist in der Freyheit der vernünftigen Geschöpfe gegründet und setzt eine freye Handlung dieser Geschöpfe voraus. Es hängt z. B. von dem absoluten Willen Gottes ab, daß das Feuer brenne, verbrenne, schmelze u. s. w., daß ich aber 166 meine Hand in das Feuer strecke und sie brenne/ ist sein conditioneller Wille. Eben so verhalt es sich auch mit der Verdammung des Menschen. Gott will nicht/ daß Einer verloren gehe. Er will nicht den Tod des Sünders/ sondern daß er sich bekehre und lebe. Dieß ist der absolute Wille Gottes. Jedoch Gott hasset die Dos» heit/ und die Sünden der Menschen sind Schuld/ daß Er verdammen muß. Dieß ist sein conditionel- ler Wille. Wenn wir auch den absoluten Willen Gottes nicht ändern können/ so müssen wir doch oft dem conditionellen entgegenhandeln/ das heißt/ wir müssen z. B. jede Bosheit verabscheuen/ um den Willen Gottes aus Liebe zu ihm zu verhindern/ daß Er uns verdamme und bestrafe. Es ist sicher, daß Gott will, daß ihr verhungert/ wenn ihr nicht die dargereichte und nothwendige Nahrung nehmet, daß ihr sterbet, wenn ihr nicht die Arzeneymittel nehmen wollet, welche die Krankheit mit Gottes Hülfe heben können. Hieße es aber nicht thöricht handeln, das Brot wegzuwerfen und das Arzeneymittel deßhalb von sich zu stoßen, weil Gott will, daß wir sterben?— Gott will, daß wir in Armuth gerathen, wenn wir die Pflichten unseres Berufes nicht erfüllen, und wenn uns Faulheit hindert, uns den nöthigen Lebensunterhalt zu erwerben. Ist es aber der Wille 167 Gottes, daß wir faul sind? Ermähnet Er unS nicht vielmehr, Müssigang, als die Quelle aller Laster, zu meiden? Man kann mir vielleicht noch den Einwurf machen,„daß es eine Sünde wäre, sich der Arzeneymittel zu einer Zeit zu bedienen, da man schon krank ist, weil Gott nach seinem absoluten Willen uns krank haben will, da man schon krank ist. Wenn ich arm bin, unterstehe ich mich nicht, zu arbeiten, um mir ein Eigenthum zu erwerben, weil Gott will, daß ich dann arm sey."— Dergleichen Schwierigkeiten macht man, weil man uns nicht recht verstanden hat. Ich setze den Fall, daß ich heute krank bin und das Fieber habe, so ist dieß der Wille des Herrn, dem ich mich ergebe und gegen den ich mich nicht zu murren unterstehen werde; weiß ich aber, ob es morgen auch der Wille des Herrr seyn wird, daß ich noch krank sey? Vielleicht will Er es, vielleicht auch nicht. Dieß hangt unter andern auch von dem freyen Willen des Menschen ab, ob er solche Bedingungen, die Gott gefallen werden, voraussetzen will oder nicht; denn wenn ich mich guter Arzeneymit- lel bediene, die gegen mein Uebel wirken, so wird es dem Herrn gefallen, daß ich mich besser befinde. Wenn ich heute arm bin, so weiß ich nicht, was der Herr auf das künftige Jahr für mich be- 163 stimmt hat; denn dieß hängt vcn vielen Bedingungen ab, deren einige zum Theil in unserer Gewalt stehen. Das genüge denn, uns in allen traurigen Umständen zu beruhigen, um in Gott zufrieden zu seyn und nicht zu murren über das Leid, welches wir heute zu ertragen haben; denn der Herr gestattet uns, alle Kräfte aufzubiethen, um uns in der Folge davon zu befreyen. Wenn ich heute krank bin, so werde ich trachten, daß ich mich morgen besser befinde; ist dieß nicht der Fall, so werde ich keineswegs murren, sondern daraus erkennen, daß es der Wille des Herrn ist, daß ich morgen krank sey. Wenn ich aber auch noch nicht weiß, was Gott übermorgen über mich verhängt hat, so werde ich deßwegen den Muth nicht verlieren, sondern den Gebrauch der Arzeneymittel fortsetzen. Das gegenwärtige Uebel wird mich nicht beugen; jedoch für die Zukunft werde ich mich vorbereiten und wenn alle meine Bemühungen vergebens sind, dann überlaß ich mich gänzlich dem Willen des Herrn. Daraus kann man auch leicht die Regeln abnehmen, wie man rechtmäßig dahin arbeiten muß, seine Umstände zu verbessern, sein Ansehen zu vergrößern und seine Einkünfte zu vermehren. Wenn man immer zufrieden ist mit dem Stande, in dem 469 man lebt, so ist es auch erlaubt, sich zu bestreben, daß man seine Umstände verbessere. Segnet Gott unsere Bemühungen, so sollen wir den Namen des Ewigen preisen; gelingt uns aber unser Streben nicht, so überlegen wir dann, daß Gott alles weise anordnet. Wenn selbst der Tod vor unsere Thüre kommt und wenn wir kein Mittel finden, ihm den Eintritt zu verwehren, so seyn wir auch dann noch zufrieden und rufen wir aus: Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist! ^ünfjehnte Vetrachtung. Um mit unserem Zustande zufrieden zu seyn, dürfen wir uns nicht deßhalb beunruhigen, daß wir sterben müssen und daß uns die Stunde und die Ztrt des Todes unbekannt sind; sondern wir müssen ru- hig darauf gefaßt seyn. Das letzte aller Dinge ist der Tod. Nichts ist dem Menschen theurer, als das Leben; daher erweckt der Gedanke, daß wir sterben müssen, daß der Tod das Ende unserer Schifffahrt in die- 15 t70 ser Welt ist, in den Herzen der meisten Menschen Betrübniß, und Seufzer steigen aus dem Innersten der Seele empor. Ueberall verbreitet der Feind des Lebens Angst und Schrecken.— Der Tod ist uns furchtbar, erstens: weil er gegen unsereNa- tur zu seyn scheint. Er beraubt uns des Lebens, und was ist uns süßer und angenehmer, als das Lebend Er entreißt uns denjenigen, die uns am theuersten sind; wir müssen unseren Gemahl oder unsere Gemahlinn verlassen, von unsere» Aeltern, Kindern, Freunden und Schätzen scheiden. Schmeichler umgaben und preisen uns, und nun werden wir eine Speise für häßliche Würmer; einst wandelten wir durch weitläufige Palläste und dann umfaßt uns eine enge finstere Grube. Wer hat so viel Muth und geräth nicht in Bestürzung, wenn er sich diese so großen Veränderungen vergegenwärtiget d' Zweytens ist uns der Tod furchtbar, weil wir die Stunde nicht wissen, in welcher er sich unserer Wohnung nähern wird. Wenn wir die Stunde wüßten, in welcher wir dieses irdische Leben verlassen müssen, so könnten wir unS desto besser darauf vorbereiten, unsere Geschäfts in Ordnung bringen und uns gegen seine schreckliche Annäherung schützen. Aber er kommt, ehe wir noch daraus denken, und verschont weder die Blüthe 171 15* der Jugend/ noch die weisen Rache der Alten, noch das Verdienst und Bestreben des Mannes. Jeden Augenblick müssen wir auf seine Ankunft gefaßt seyn, weil wir nie vor ihm sicher sind, und ist dieß nicht eine schreckliche Sache? Drittens: Was ist wohl sür uns furcht» barer, als die Art des Todes? Welche grausamen Krankheiten, wie viele Schmerzen und Leiden haben wir meistens nicht auszustehen, ehe wir sterben können? Jedoch nicht selten geschieht es auch, daß uns ein Augenblick dahinrafft, und was ist wohl schrecklicher, als auf einmahl zu seyn aufhören? aufhören, der Freuden dieser Welt zu ge. nießen, aufhören zu lachen, Muthwillen zu treiben und schneller dahin zu schwinden, als der Wind? Viertens macht uns die Ungewißheit den Tod am schrecklichsten, die Ungewißheit, ob wir m jener Welt Bürger des Lebens und Genossen des Himmels, oder Kinder des Todes und der Hölle seyn werden. Es ist der Augenblick, von welchem unser ewiges Glück oder Unglück abhängt. Wem sträuben sich nicht die Haar des Hauptes empor, wenn er ernstlich an die Ewigkeit denket? Wenn wir des ewigen Heiles versichert wären, hätten wir etwas, der Natur des Todes entgegenzusetzen; aber die Seinigen zu verlassen, de- neu Lebewohl zu sagen, die uns am theuersten sind, und nicht zu missen, ob wir etwas Besseres wiederfinden werden: das erregt in uns schrecken- volle Angst vor des Todes kalter Umarmung. Um diesen Klagen ein Ende zu machen, muß ich vor allem andern wissen, ob ich mit Menschen oder mit Engeln zu thun habe. Wenn ich mit Menschen zu thun habe, so frag' ich dich, der du bey dem Gedanken an den Tod zitterst, ob du damit zufrieden bist, daß du ein Mensch bist, oder ob es dich kränket, eS zu seyn? Du wirst mir antworten, daß du es zufrieden bist. Wohlan denn! wie kannst du dich dann noch betrüben, daß du sterblich bist? Wir sind unter der Bedingung geboren, daß wir einmahl sterben; daher darf uns das nicht befremden, was unumgänglich nothwendig ist. Wenn man sich je über den Tod beklagen könnte, so müßte es deßwegen seyn, daß der Mensch, welcher unsterblich seyn könnte, sterblich ist; hieße das aber nicht, den Werken Gottes widersprechen, und sich dem Willen des allmächtigen Herrn widersetzen? Niemand beklage sich, daß uns der Tod des Lebens beraubet, welches das Angenehmste ist, was der Mensch haben und besitzen kann; er ist vielmehr das Ende aller Betrübnisse und Leiden. Der Tod ist das einzige Mittel, wodurch wir auf ein- 173 mahl von einer Menge Elend Lefreyt werden; er macht allen Sorgen und allem Kummer der Armen, Unterdrückten und Verfolgten ein Ende; er ist der Hafen der Ruhe, in den wir eintreten, nachdem wir auf dem Ocean des Lebens von Stürmen hin und her geschleudert worden sind. Der Tod bricht die Ketten der Gefangenen und setzt sie in völlige Freyheit; er trocknet die Thränen, welche die Wangen der Witwen und Waisen rothen; er verschafft einen dauernden Wohnplatz denjenigen, welche unstät umher irren lind keinen sicheren Aufenthalt haben; er erstickt die Klagen über Hunger und Blöße des Körpers. Welche herrlich« Vortheile! Was hat das Leben dieser Welt noch Angenehmes?— Jedoch so sehr sich der Mensch des Lebens freut, eben so sehr beklagt er sich über das Ungemach, welches er in dieser sterblichen Hülle zu ertragen hat, und wenn der Tod diesen Klagen ein Ende machen will, ist uns das Leben angenehm. So verkehrt sind hierüber unsere Gedanken. Es gibt wohl Viele, welche einsehen, daß es eine Thorheit ist, deßwegen ein Zeichen des Mißvergnügens von sich zu geben, daß man sterben muß; aber das erschreckt sie, daß ihnen die Zeit des Todes unbekannt ist. Wir sind immer in Ungewißheit, wann der Augenblick kommen wird, da wir diese irdische Wohnung verlassen müssen. Er 174 kommt gewöhnlich, wenn wir es am wenigsten erwarten, und überrascht oft diejenigen, welche kaum in das Thal dieses Lebens eingetreten sind. Er^ kommt nicht selten zu uns, da wir der Welt nothwendig, unseren Freunden und Angehörigen unentbehrlich sind. Die Kürze der Lebenszeit und die Ungewißheit des Todes verursachen in uns viel Schrecken und Bekümmerniß,— aber warum befiehlt man denn nicht sein Ende Gott an, der unsere Tage nach seiner Weisheit bestimmet? Murre nicht, schwacher Sterblicher! daß du die Anzahl deiner Lebenstage nicht bestimmen kannst. Weißt du denn, wie lange oder wie kurz du leben mußt, damit du glücklich seyest? Wer ein wenig Erfahrung in dieser Welt besitzt, wird finden, daß eine Menge Ungemach an ein langes Leben geknüpft ist, und oft in so großer Anzahl, daß ich sehr zweifl«, ob das Leben dann noch angenehm seyn kann.— Gesetzt, du könntest zu deinen Tagen noch einige Jahre hinzufügen, wer kann dich da versichern, daß dein Leben in dieser neuen Zugabe nicht noch größerem Elend, als du bisher erduldet hast ausgesetzt sey? Vielleicht wird die Laist^ ge der Zeit dich deiner Güter berauben, vielleicht die Verleumdung dich aus deinem Amte stoßen und dem allgemeinen Gespräche preisgeben. Wenn dn vielleicht in die größte Dürftigkeit verfielest, von deinen Kindern, Freunden, von allen verlassen würdest, wirst du dann noch wünschen in dergleichen Umstanden, unter dergleichen Bedingungen zu leben? Alles, was du mir einwerfen kannst, ist, daß es ungewiß ist, ob dergleichen Umstände eintreten werden. Das ist wohl wahr, ich bin gezwungen, es zu gestehen: aber kann es nicht auch geschehen? und worüber beklagst du dich denn? Ist dir die Zeit des Todes nicht auch ungeweiß? und ist es dann erlaubt, eine Verlängerung des Lebens zu begehren, in einer Zeit, da man ehen so ungewiß ist» wie viele Uebel daran geknüpft seyn werden, Uebel, die ärger sind, als der Tod? Ein Leben, in welchem die Ungewißheit der Todesstunde statt hat, ist dir unangehm, und du willst dennoch die Verlängerung eines Lebens, obgleich du noch mehr in der Ungewißheit schwebest, ob es durch das Glück erheitert, oder durch das Unglück verfinstert seyn wird. Warum überläßt du also diese zweifelhaften Umstände nicht demjenigen, welcher die Tage gezahlt hat, welcher jeden Augenblick kennt und wohl weiß, wie viel Bekümmerniß an jeden Tag gebunden ist: Gott mag dein Leben verlängern oder verkürzen, Er hat immer deine Glückseligkeit zum Zwecke. Wir hören noch eine andere Stimme, welche 176 sich über den Tod beklaget. Man sagt:„Ich will rticht langer leben, als die göttliche Weisheit für gut befindet, ich bin zufrieden mit den Tage», welche der Rarhschluß Gottes für die Lange meines Lebens bestimmet hat, was mich aber beunruhigt, ist dieses, daß der Tod nicht selten die Menschen zu schnell überrascht und sie des Lebens beraubt, da es ihnen an, angenehmsten ist,"— Du wünschest dir also kein längeres Leben, als dir Gott bestimmet hat; aber du beklagst dich über die Zeit, da du sterben sollst. Du hast fünfzig Jahre zu leben und du bist damit zufrieden; aber die Zeit, da dein Leben endigen soll, gefällt dir nicht. Ist das nicht ein offenbarer Widerspruch? Indessen, weil uns der Tag unseres Todes mißfällt, und weil es dennoch nothwendig ist, daß wir einmahl sterben: so bestimme denn selbst,, eitler Mensch,! den Augenblick, in welchem du, ohne zu murren, sterben willst, damit sich der Tod, wenn er deiner Wohnung nahe kommt, nicht erst in einen Srreithandel einlassen darf, ob er zu rechter Zeit komme oder nicht. Ich bin ganz gewiß und fest überzeugt, daß du keinen Tag findest, da es dir angenehm seyn wird, zu sterben. Deine Begierde zu leben wird sich den unüberwindlichsten Einwürfen widersetzen. Du wirst nicht in der Jugend sterben wollen, weil du erst zu leben anfängst; 177 du wirst eS nicht im Mannesalter wollen, weil du erst zu handeln begonnen hast und in Wirksamkeit getreren bist; dir wird es im Greisenalter nicht willkommen seyn, weil du erst angefangen hast, dich der Annehmlichkeiten dieses Lebens zu erfreuen und von Sorge und Kummer auszuruhen. So wirst du nie zu einem gänzlichen Entschlüsse kommen. Jedoch gesetzt, du bestimmtest deinem Leben ein Ziel, wie sehr wird dich dasselbe gereuen, wenn du ihm nahe kommst? Auch dann noch wird dir der Tod zu unrechter Zeit kommen,»seil du noch viele Dings in Ordnung zu bringen hast.— So.sind wir Menschen; wir wollen sterblich seyn und nicht sterben. Ist das nicht lächerlich? Gott bestimmt deine Tage, o Mensch! und seinen Rathschluß kannst du nicht ergründen; Er allein ist es, welcher die Dauer deines Lebens angeordnet hat. Sterben wir daher gern, wenn uns der Herr von dieser Welt abrufet.— Jener hat genug gelebt, der für Gott gelebt hat, und Jener stirbt zur besten Zeit, der dann stirbt, wenn der weise Richter für ihn den Tod bestimmt hat. Betrüben wir uns daher nicht, daß uns die Stunde unbekannt ist, da wir uns zu unseren Vatern versammeln sollen. Fragen wir nicht, warum uns Gott den Augenblick verhehlet, da wir diesen irdischen Wohnvlatz verlassen müssen.„Dann 173 konnte ich aber/' sagst du„meine Angelegenheiten in Ordnung bringen, und ich würde mit Vergnügen sterben, wenn ich die Meinigen versorgt habe, wenn ich mit meinem Körper und besonders mit meiner Seele in Nichtigkeit gekommen bin." Dürfen wir aber hoffen, daß der Mensch, wenn er die Stunde seines Todes wüßte; wüßte, daß er heute über ein Jahr sterben wird, daß er sich darauf vorbereiten würde, da«r es jetzt nicht thut, wo er nicht weiß, ob nicht die Stunde morgen schon da ist, wo man zu ihm sagen wird: „Heute werde ich deine Seele von dir zurückfordern?" Würden wir mehr an Gott denken, und ihm eher in unserer Seele einen Wohnplatz brrei» ten, als wenn der Tod schon vor der Thüre wäre? Man bilde sich nicht ein, daß man von der Furcht vor dem Tode befreyt seyn würde, wenn wir unser Lebensende zum voraus wüßten. Nein, des Klagens würde kein Ende, das Leben eine Kette von Unzufriedenheit seyn. Wenn wir auch mit der Ungewißheit der Zeit zufrieden sind, so beklagt sich wieder der Mensch sehr häufig über die Art des Todes, über seine Verbothen, die langen und heftigen Krankheiten, welche gleichsam der Schlüssel sind, dessen er sich bedienet, um sich den Eingang in unser Haus zu öffnen. Jedoch willst du denn mit gesundem und 17S starkem Körper sterben, wenn die Stunde des Todes kommen wird? Müßte dieß nicht ein gewalt- - samer Tod seyn, gegen den sich die Natur sträubt? Betrachte ein wenig, wie unklug du handelst, wenn du dich über Krankheiten beklagest, welche Verbothen des Todes sind. Gott hat den Körper sehr weise so eingerichtet, daß das Band der Glieder nur nach und, nach erschlaffe; und das bewirken die Krankheiten. Sie stürzen nicht das Gebäude des Körpers, sondern sie lösen die Bänder auf, welche es vereinigen und zusammenhalten. Selbst wenn die letzte Krankheit schnell und heftig ist, daß unser Haus " umstürzt, so ist doch der Grund schon vorher so durchgraben, daß es nun leicht in Ruinen zerfällt. Warum sollten wir uns daher vor der Krankheit entsetzen, da sich Gott derselben bedienet, um uns aufzulösen. Man wird freylich über die Schmerzen schreyen, über die unerträglichen Schmerzen; jedoch nicht alle Krankheiten sind so schmerzhaft und immer unserer Natur angemessen, wenn wir dieselbe nicht durch Unmäßigkeit und Unvorsichtigkeit zerstöret haben. -e Gott, dessen Weisheit und Güte unergründlich ist, sucht, wie überall, auch durch die Krankheiten unseren Nutzen zu befördern. Dieser Gedanke allein kaun unsere Schmerzen lindern, den Klagen Einhalt thun und die Thränen abtrocknen. Die weisen Plane Gottes sind, uns durch Krankheiten dahin zu bringen, daß wir unsere Seele desto lieber in seineHande übergeben. Es ist eine erhabene Lugend gern zu sterben, und diese Welt ohne Widerstand zu verlassen. Würde aber unser Geist diese edle Tugend besitzen, und würde er sich gern von diesem Fleische trennen, wenn seine Vereinigung mit ihm immer glücklich und süß wäre? Wer wird gern einen Ort verlassen, wo er nichts als Wonne und Vergnügen einerntet? Weil wir unseren Körper gemeiniglich zu viel lieben, darum hat eS Gottes Weisheit und Güte so angeordnet, daß er uns zuweilen selbst zur Last falle, damit wir ihm nicht vor dem unsterblichen Geiste den Vorzug geben, und damit wir uns williger von ihm trennen. Wer wird z B. nicht gern eine Herberge verlassen, wo uns der Wirth mit schiefe« Augen ansieht, uns unfreundlich behandelt und alle Augenblicke die Thür zeigt? Ist aber unserKör« per etwas and ers als ein Haus, in dem wir Fremdlings sind? oder will man es als ein solches betrachten, das uns als Eigenthum angehört? Davon denkt auch der weise Heide Sencka anders, wenn er spricht:„Unser Körper ist nicht ein Haus, welches uns als Eigenthum angehört, sondern eine Herberge, und zwar eine Herberge, in der wir nur kurze Zeit wohnen, und die wir verlassen müssen, wenn wir dem Wirth zur Last fallen." 181 Die Krankheiten verschaffen noch einen anderen Nutzen, welcher darin besieht, daß sie die gewaltigen Schmerzen des Todes lindern, und verursachen, daß oft der Sterbende von ihrer Heftigkeit nichts empfindet. Das Fleisch verliert seine Lebhaftigkeit, das Gefühl schwindet dahin, die Gewalt der Einbildungskraft ich gefesselt, und so zerfällt die Maschine des Körpers nach und nach in Ruinen, dergestalt, daß es der Sterbende kaum wahrnimmt. Unvergleichliches Mittel, dessen sich die Natur bedienet, um diese Hülle aufzulösen! Aechsrehnle Betrachtung. Das Gewissen verursacht in uns die größte Furcht vor dem Tode und störet die Freude der Menschen in dieser Welt. Das Gewissen wirft unsern Freuden dieser Welt das größte Hinderniß entgegen. Das Gewissen besteht in der Prüfung seiner Handlungen nach dem Gesetze; es urtheilt über unser Thun und Lassen, ob es dem Gesetze gemäß ist, oder nicht. Wenn unsere Handlungen dem Gesetze gemäß sind, so haben wir ein gutes Gewissen, welches in uns eine wahre Freude verursachet; wenn unsere Hand- 182 lungen dem Gesetze zuwider sind, so haben wie ein böses Gewissen, welches uns mit Furcht und Angst, Schrecken und Schmerz erfüllet; wenn wir die Gewohnheit haben, sehr zu zweifeln, daß unsere Handlungen dem Gesetze entsprechen, so haben wir ein ängstliches Gewissen, mit dem wir diese Betrachtung beginnen wollen. Das ängstliche Gewissen zeigt sich häusig bey getreuen und tugendhaften Seelen, welche sich aus allen Kräften bemühen, Gott zu dienen, aber jeden Angenblick fürchten, ob sie dem Willen des Herrn genug gethan haben, und sich darum beunruhigen. Ein solches Gewissen verdammt uns, ohne daß wir etwas gethan haben, was uns verdammen könnte. Man dürfte vielleicht glauben, daß es gut wäre, dieses Gewissen zu erhalten, weil es durch die Furcht vor der Sünde dieselbe verhindern und uns immer zu.-neuer Reue erwecken würde; jedoch weit gefehlt! das Gewissen muß urtheilen, weil es in einem vernünftigen Urtheile über unsere Handlungen besteht. Jedoch das ängstliche Gewissen urtheilet nicht und weiß kein Gesetz anzuführen, daL von ihm übertreten worden ist; er vergleicht nicht das Gesetz mit der Handlung und glaubt böse gehandelt zu haben, ohne davon versichert zu seyn. Es fällt dem Geiste zur Last und erfüllt ihn mit schrecklichen Ideen, welche oft die Wirkungen ei- 183 ner ungerechten Einbildungskraft und eines verdorbenen Verstandes sind. Daraus erhellet zugleich, wie man das ängstliche Gewissen und seine Wirkungen von der Angst des bösen Gewissens unterscheide» müsse. Die Gewissensbisse finden nur bey Bösen statt und sind Zeichen ihrer Bosheit, die deutlich zu. erkennen geben, daß sie Kinder des Fleisches und folglich Kinder des Zornes Gottes sind, und daß über ihnen die göttliche Gerechtigkeit mit der Strafruthe schwebet; aber die Zweifel des ängstlichen Gewissens beruhen nur auf der Einbildung, daß man nicht gut gehandelt hat, oder daß man nicht gut handeln wird. Das ängstliche Gewissen ist eine gefährliche Krankheit, die schwer zu heilen ist. Diese Schwierigkeit kommt daher, weil diejenigen, welche mit dieser Krankheit behaftet sind, es sehr selten einsehen und gestehen, oder weil diejenigen, welche wissen, daß sie davon ergriffen sind, nicht selten in der eitlen Einbildung leben, daß das Uebel nicht so groß sey, als es in der That ist, und weil sie sogar diese Zweifel für besondere Zeichen der Helligkeit, oder für sichere Mittel, dazu zu gelangen, oder für Regungen eines zarten Gewissens halten, welches sie ganz besonders ermu- thiget, in der Tugend immer mehr und mehr fortzuschreiten. 184 Man hatt diese Gewisscns-Scrupel für eine ganz vorzügliche Tugend, und diejenigen, welche die Gewohnheit haben, an der Vollkommenheit und Gerechtigkeit ihrer Handlungen mit Aengstlichkeit zu zweifeln, glauben sehr oft, daß sie nicht aufdcm^ rechten Wege der Tugend und Frömmigkeit wandeln, oder sie sind darüber in immerwährender Ungewißheit, so daß der Geist bey allen Gelegenheiten, die sich darbiethen, zittert und sich entsetzet. Falsche Ideen, die man sich von dem wahren Heile macht! Kann wohl derjenige, der sich jeden Augen-! blick umsieht, oft stehen bleibt und lange nachforscht, ob er auf dem rechten Wege ist, bald an einem ge- 7 wissen Ziele ankommen? Halt die immerwährende Furcht nicht den Lauf auf? Wenn man mit Schnelligkeit seinen Lauf vollenden will, muß man sich nicht zu viel umsehen, und seinen Geist von aller Furcht befreyen. David bezeugt dieß durch sein eigenes Beyspiel. Er gesteht, daß er niemahls mehr fortgeschritten ist, als wenn sein Geist heiter war, und wenn er den Weg, ohne sich aufzuhalten verfolgte. Er lief, wie er selbst sagt, wenn sein Herz voll Heiterkeit undHoffnung war.„Wenn Du mein 4 Herz mit Trost erfüllest, laufe ich auf dem Wege- deiner Gebothet Kann denn das Gewissen nicht zart seyn, wenn es nicht vor dem geringsten Schatten einer lOo Sünde zittert? Ein zartes Gewissen ist?r.7 süßem Frieden begleitet, das ängstliche aber r.-^d nur von Furcht und Schrecken verfolgt. Es rst also ein großer Unterschied zwischen einem ängstli- , chen und einem zarten Gewissen. Diejenige»/ welche das Gesetz des Ewigen lieben, d. h. die ein zartes Gewissen haben, sich sorgfältig vor der Sünde hüthen und dem Herrn auch im Kleinen getreu sind, sind unerschrocken auf ihren Wegen und wandeln guten Muthes auf den Fußsteigen des Ge- ! setzes dahin. Wenn sie einen Fehler begangen haben, beängstigen sie sich nicht übermäßig, und 7 wenn sie selbst in eine Todsünde verfallen sind, nehmen sie ihre Zuflucht zu dem Herrn der Gna- ^ de und schreiten im Guten vorwärts. Sie machen es wie Reisende, welche ihre Schritte verdoppeln, um ihren Weg bald zu vollenden: wenn sie einen Stein finden, bleiben sie nicht stehen und gehen nicht mit sich zu Rathe, wie sie ihn wegwälzen sollen; sondern sie schreiten oder springen darüber und setzen rastlos ihre Reise fort. Die aber ein ängstliches Gewissen haben, finden immer Hinder- ^ nisse auf ihrer Bahn und wollen dieselben erst gänzlich wegschaffen, ehe sie weiter gehen. Wenn sie einen Bissen Brot essen wollen, untersuchen sie zuvor, ob sie wirklich hungrig sind, und wenn sie ihn genossen haben, sind sie schon im Zweifel, 16 186 ob sie vielleicht nicht mehr gegessen haben, als zur Erhaltung ihres Körpers nothwendig ist. Dieß ist das Zeichen eines verdorbenen Verstandes, die Wir-, kung einer Geisteskrankheit. Da sich nun die Sache so verhält, so werden freylich wenige aus denen, welche von dieser Krankheit ergriffen sind, es gestehen; denn wer bekennt gern seinen Unverstand? Aber man kann nicht anfangen, die Krankheit zu heilen, wenn man sie nicht zuvor erkennet: so muß erst derjenige, welcher von einem ängstlichen Gewissen geauältwird, gestehen, daß er mit diesem Uebel behaftet ist. Seneka sagt:„Niemand ist schwerer zu heilen, als derjeni-- ge, welcher in dem Gedanken ist, daß er sich wohl befindet." Wenn man die Ursache einer Krankheit weiß, dann ist sie leicht zu heilen. Das ängstliche Gewissen kann aus einer zweyfachen Quelle entspringen: Die eine befindet sich in, die andere außer dem Men'chen. Die in dem Menschen hat ihren Grund im Temperamente. Das melancholische Temperament ist sehr fruchtbar an Gewissens-Scru- peln. Melancholische Geister sind gewöhnlich nach- denkend und tiefsinnig; sie sind argwöhnisch und behalten die empfangenen Eindrücke sehr lange- Daher muthmaßen sie leicht, daß etwas böse ist, leicht kommt ihnen eine Sache verdächtig vor. Ihre 16* 1»7 Einbildungskraft ist stark, hängt fest daran, und sie lassen sich weder durch Gemalt, noch durch gründliche Vorstellungen davon abbringen. Auch die Phlegmatiker sind sehr fruchtbar an Gswissenszweifeln. Sie sind gewöhnlich furchtsam, haben wenig Muth und eine kalte Natur. Sie bilden sich jeden Augenblick schreckliche Ideen und mache» gern, wie das Sprichwort sagt, aus einer Äiücke einen Elephanten. Ueberdieß stellen sie sich die Sachen nicht so vor, wie sie eigentlich sind, sondern ihre Einbildungskraft macht sie immer furchtbarer und abscheulicher. Die Besorgniß, welche schon von Natur aus in ihnen ist, wird durch falsche Ideen mehr und mehr genährt, und sie fürchten sich, wenn alles in Sicherheit und Ruhe ist. So machen es diese Menschen auch in Dingen, welche die Religion betreffen- Alles, was den Schein einer Sünde hat, verursachet in ihnen Angst und Schrecken, der ihre Gebeine erzittern macht. Sie streben nach wahrer Frömmigkeit, aber immer mit Furcht; sie glauben sich schon in die Hölle verworfen, da sie sich doch des tiefsten Friedens erfreuen könnten. Die Geisteskrankheiten, welche aus dieser Quelle fließen, sind schwer zu heilen. Wir können kein genügendes Mittel vorschreiben, aber einen heilsamen Rath wollen wir ertheilen. Vor allem 188 müssen sich dergleichen Menschen der Mäßigkeit befleißen; den Körper weder durch das Uebermaß beschwere»/ noch durch zu große Enthaltsamkeit schwächen. Sie müssen sich bemühen/ ihre Einbildungskraft in die gehörigen Schranken zurückzubringen und sie darin zu erhalten/ die Dinge von der wahren Seite zu betrachten und ihre Handlungen mit dem Gesetze auf eine vernünftige Art zu vergleichen. Die zweyte Quelle der Gewissens- Scrupel befindet sich außer dem Menschen und besteht in dem Umgänge mit Zweiflern/ wodurch man sich der Gefahr aussetzt/ selbst von dieser Krankheit ergriffen zu werden. Diejenigen also, welche sich zu ähnlichen Gewiffenszweifeln geneigt fühlen, müssen sich sorgfalfig vor dein weiter» Umgänge mit zweifelhaften Leuten hülhen und im Gebethe verharren, um« sich vor der Versuchung zu bewahren- Dieses Mittel ist das sicherste; den» der Herr wird unserer Schwachheit zu Hülfe kommen und nicht zulassen, daß wir über unsere Kräfte versuchet werden. Wir wenden uns nun zu jener Angst, welche das böse Gewissen bey denen verursache!, die Gott hassen, denen der Tod den größten Schrecken verursachet, weil er ihnen die Pforten der Hölle öffnet, wo sie als Uebertreter LeS Gesetzes ihren ver- 189 dienten Lohn erhalten werben. Traurig ist der Zustand eines Menschen, welcher in der Sclaverey der Sünde lebt, wenn ihn sein Gewissen verdammet. Denkt er an die Vergangenheit, wo er sich in Vergnügungen herumwälzte und seine Kräfte zerstörte; betrachtet er seine Schahs, die von dem Blute der Unterdrückung triefen; sieht er nach seinen Freunden, die ihm höhnend den Rücken zukehren; blickt er zum Himmel empor— überall wird sein Herz von Schrecken und Angst ergriffen. Zitternd denkt er an den Richter, welchen er beleidiget hat, bittere Thränen erpreßt ihm der Schmerz, und der Gedanke an die Ewigkeit, zu welcher der Tod das Riesenthor öffnet, sträubt sein Haar empor. Das böse Gewissen verdammet den Menschen, weil er das Gesetz Gottes nicht beobachtet hat, und da findet freylich keine Ruhe der Seele statt. Wen» man sich aber von diesen Gewissensbissen bewahren will, so musi man trachten, den Richter zu besänftigen, damit er uns von den Sünden frey spreche und uns unsere Laster vergebe. Je länger wir uns von Gott entfernt hallen, desto länger sind wir des Friedens beraubt und desto mehr verdammet uns un>er Gewissen. Daher können diejenigen, welche die Martern eines bösen Gewissens empfinden, nichts besseres thun, als den Höchstheiligen bald um Gnade anzuflehen und es nicht bis auf den letzten Tag ihres Lebens zu verschieben.— Aber wie werde ich diese Vergebung erhalten? Wird mich Gott in Gnaden aufnehmen, da ich mich derselben durch so viele Sünden unwürdig gemacht habe? Und Mikanit ich der unendlichen Gerechtigkeit Gottes genug thun? Die unbegrenzte Gnade Gottes hat seinen Sohn für uns gegeben, damit er uns durch fein Blut erlöse. Dieser hat dem Tode seine Macht genommen und der beleidigten Majestät Gottes genug gethan, als Er für uns sein Leben hingab. Dadurch hat er uns Vergebung unserer Sünden erworben; jedoch unter dieser Bedingung, daß wir Reue empfinden und an den Herrn Jesus Christus glauben, wozu uns der heilige Petrus mit den Worten ermuntert:„Glaube an den Herrn Jesus Christus und du wirst gerettet seyn."— Erkenntniß seiner Sünde», Reue, der Vorsatz der Besserung, das Bekenntniß und ein rastloser Eifer, der Tugend nachzustreben, wird unser Herz beruhigen, die Furcht vor dem Tode verbannen, und uns ein gutes Gewissen wiedergeben, ohne welches keine dauerhafte Freude bestehen kann. Das gute Gewissen versichert uns, daß wir im Stande der Gnade, Kinder Gottes und seine Erben sind. Es befreyet uns von der sclavischen Furcht vor dem himmlischen Vater, und gibt uns die Waffen, mit denen wir alle Stürme, die um uns toben, überwältigen können.— Wir leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen, und wenn in unserem Hause auch alles ruhig ist, wenn wir auch mit uns und den Unsrigen zufrieden sind; so wird diese Ruhe doch oft unterbrochen, wenn sich in dem Hause unseres Nachbars ein Getöse erhebt. Wenn wir und unsere Angehörigen auch noch so gefällig und tugendhaft sind, der möglichsten Zufriedenheit und Ruhe genießen; so kann eine einzige böse Nachbarszunge diese Ruhe stören, sobald sie unsere Ehre angreift und die Tugend lästert. Jedoch das gute Gewissen ist der Schild, den man nicht durchbohren kann; wer damit bewaffnet ist, hat nichts zu fürchten; alle Pfeile prellen zurück. Es braucht keine fremde Hülfe, um sich gegen die lügenhafte Zunge des Verleumders zu vertheidigen. Das Bewußtseyn, recht gehandelt zu haben, reicht hin, daß der verwegene Lügner weiche, ohne die Ruhe unserer Seele gestört zu haben. Das gute Gewichen wendet das Tosen dieser Welt von uns ab, erhalt unseren Muth aufrecht, laßt uns in Gefahren nicht erliegen, gibt uns die wahre Ruhe und den wahren Frieden, welchen der Tod selbst nicht erschüttern kann. Gelachen harret der Gerechte der Stunde, wo der Herr zu ihm sa- l92 yen wird:„Du bist in Wenigem getreu gewesen, ich will dich über Mehrere«, setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn." Er verlaßt gern diese irdische Hülle, weil er den süßen Tag der Ewialeik durchseincn Glauben wunderschön dämmern sieht.— So erhält ein gutes Gewissen die Ruhe und den Frieden des Geistes, wenn wir an den Tod denken, und verbannt aus unserem Herzen die Furcht vor dem letzten Ende Schluß. Wie wir in dem Verlaufe unserer Betrachtungen gesehen haben, beruht die Kunst, froh und zufrieden zu seyn, auf der erhabenen und gerechten Ueberzeugung, daß der unendlich weise Gott die Begebenheiten dieser Well anordnet und leitet. Wir dürfen uns daher nur eine richtige Idee von der wahren Freude machen und uns mit kindlicher Ergebenheit dem ewig gerechten Führer anvertrauen. Es ist wohl wahr, daß uns die Stürme dieser Erde zuweilen unwiderstehlich in ihre Wirbel drehen; Unglücksfalle aller Art brechen herein, die Lästerzunge schändet unsere Ehre, Schmeichler heucheln uns Freundschaft und verlassen uns dann mit Hohngelschter, unsere Theuersten und Liebsten nimmt de/un-rbiltliche Tod dahin: jedoch ein Blick zudem weisen Register emporgewendet wird uns trösten, der Gedanke, daß nichts ohn- sein Wissen und Wollen geschieht und daß Er jederzeit unser Bestes beabsichtiget, wird die gewaltige Waffe seyn, mit der wir jeden LebenSsturm besiegen werden. Wir haben gesehen, daß es möglich ist ruhig zu seyn, wenn auch Alles um uns bewegt wird; lassen wir also diese Möglichkeit zur Wirklichkeit reifen: verlangen wir nicht, daß sich die Welt nach uns richte, und bedenken wir, daß nicht die Dinge außer uns den Frieden stören, sondern daß es nur die Einbildung oder die Meinung ist, welche man davon hat. Begnügen wir uns mit dem, was wir besitzen, und fügen wir uns in unseren Stand und die Beschäftigungen, die daran geknüpft sind. Ue- berzeugen wir uns, daß ihn der Höchstweise finden erkannt hat, welcher zur Beförderung unsers wahren Heiles am angemessensten ist; ertragen wir seine Beschwerlichkeiten, ertragen wir sie willig und mit dem Gedanken, daß jeder Stand, welcher es auch immer sey, seine Last und seine Bürde auf un§ ladet. Nehmen wir endlich alle Leiden dieser Welt mit kindlicher Ergebung in Gottes Willen auf uns, und suchen wir unser Herz von jeder Schuld frey zu machen, damit uns der Tod nicht erschrecke, 1? 194 damit wir mit seliger Ruhe die Stunde erwarten können, wo uns der Ewige zu sich rufen wird. Bedenken wir, daß Gott alles weise anordnet und die erhabensten Absichten bey allen Ereignissen auch dann hat, wo sie unsere Schwache nicht zu fassen vermag; wenn wir die Begebenheiten betrachten, verweilen wir nie bey den nächsten Ursachen, sondern gehen wir bis zur Grundursache alles dessen, was ist und geschieht, zurück, und alles wird sich enträthseln und offenbaren oder wir werden wenigstens zu der Ueberzeugung gelangen, daß wi: jenseits die vollendete Offenbarung der Größe und Herrlichkeit Gottes erlangen werden. Machen wir uns also eine deutliche und erhabene Idee von der Vorsehung des Allerhöchsten, und nichts wird unsere Ruhe und unseren Frieden stören, wir werden jederzeit gelassen und froh seyn, wir werden zu jener Freude gelangen, welche wir wünschen und deren Vollkommenheit wir jenseits erwarten. Dann wird jener Zuruf des Apostels an uns in Erfüllung gehen:»Erfreuet euch allezeit in dem Herrn: ich sage es noch ein Mahl: erfreuet euch!(Philipp. IV. 4-) AMiM, 1834. Verlag von Franz Tendier.