Gumal und Lina. Eine Geschichte für Kinder, zum Unterricht und Vergnügen, besonders, UM ihnen die ersten Religionsbegriffe beizubringen, von Kaspar Friedrich Lossius. Zweyter Theil. Neue wohlfeilere Ausgabe. R e u t l i n g e n, Verlag der I. 3. Mäcken'schen Buchhandlung. Wien, in Commission bei Franz Härter, i 8 r 8. groß die Freude Gumals war, die er über den wiedererhaltenen Besitz seines geliebten Vaters und seines Freundes empfand: so hatte gleichwohl jener traurige Auftritt bei dem Dahinsterben des geliebten Pedro die Empfindung derselben gar sehr gemaßiget; als aber der Morgen anbrach, und sich die Gesellschaft wieder in der Sommerlaube versammelte: da überließ sich der Knabe ganz dem Gefühl der Freude; da hieng er zitternd am Halse des Vaters, und dieser schloß ihn eben so vergnügt in seine Arme. Lina nahm zugleich den nächsten Antheil an dem Besitze eines so guten Vaters; sie bemühte sich, so viel sie nur konnte, ihm die angenehmsten Dienste zu erweisen, streute Blumen zu seinen Füßen, brachte ihm die auserlesensten Früchte aus ihrem Gartchen und empfieng von ihm die Versicherung seiner zärtlichsten Liebe. Der Greis, der sich bei dem Anblick der Liebenden innig freute, lenkte bald das Gespräch dahin, zu erfahren, ob Chilum gesonnen sey, wieder mit den Kindern zurück zu kehren, oder sich in der Gegend, die er bewohnte, niederzulassen. Mit Vergnügen vernahm er von dem Negsrfürstett die Erklärung, er habe in seinem Vaterlande sich langst nach Ruhe gesehnt, aber sie nicht finden können: hierüber habe er sie gefunden; er sey daher gesonnen, wenn es ihm der Greis erlaube, sein Leben in seinem Umgänge mit diesen seinen Kindern zuzubringen. Gumal und Lina bezeigten über diese Entschließung ihres Vaters laut ihre Freude, und unterstützten sie durch ihre A 2' 4' Bitten, wobei sie sich schmeichelnd an den Greis anschwieg? ten; nicht wahr, Vater, sprachen sie, du erlaubst es uns, bei dir zu'bleiben? Dann giebst du uns noch fernem Unterricht von Gott, und lehrst uns, wie wir recht glücklich leben können» Der Greis versprach es ihnen; reichte darauf dem C h i- lum die Hand, welche dieser mit lebhafter Freude an seine Brnsi drückte. Aus dein Gesichte Aller war Heiterkeit verbreitet; nur in Widdams Augen drückte sie sich wenig aus; er hielt sie nach der Gegend hingerichtet, wo sein Vaterland war, und man bemerkte in ihnen deutlich eine gewisse Sehnsucht nach demselben. Doch aus inniger Ergebenheit an Chilum und auS Liebe zu seinem geliebten Gumal verbarg er, so viel möglich, die innere Empfindung seines Herzens; der Umgang mit diesen Lieben heiterte ihn auf, und die nach- herigen zerstreuenden und angenehmen Geschäfte gewohnten ihn immer mehr an seinen gegenwärtigen Aufenthalt. Noch an diesem Morgen wurde der Plan zum Anbau einer neuen Wohnung für die Neuangekommenen gemacht, weil die bisherige zur bequemen Einrichtung der erweiterten Familie nicht hinreichte. Es wurde beschlossen, daß sich die Gesellschaft nur durch eine kleine Entfernung von einander trennen, jeder Theil die Geschäfte des Tags für sich betreiben sollte, doch so, daß sie einander hülfteiche Hände dabei leisteten; an den Abenden wollten sie sich dann in einer gemeinschaftlichen Laube oder Hütte versammeln, und sich über ihre wichtigsten Angelegenheiten mit einander besprechen; Chi- lum mit seinem Sohne und Widdsm sollten den neuen Aufenthalt beziehen, und Lina zur Unterstützung des Greises mit Antonio in der bisherigen Wohnung zurückbleiben. Diese Trennung war für die beyden Kinder, die durch den bisherigen Umgang zu sehr an einander gewöhnt waren, sehr unangenehm; besonders bezeugtesina ihre Unzufrieden- heil laut darüber. Mit Thränen im Auge sahe sie auf ihren Gumal, dann nach dem Greise und bat ihn dringend, sie nicht von einander zu trennen. Der Greis, der einmal aus wohl überdachten Gründen diese Absonderung für nöthig hielt, that alles, um dsrLina das Unangenehme, welches sie sich dabei dachte, zu mildern; zeigte ihr das Unschickliche ihrer Forderung, daß Gumal bei ihr verweilen und seinen Vater, der ihm zu Liebe eine so beschwerliche Reise gemacht und so viel daran gesetzt habe, verlassen sollte. Am Ende sprach er zu ihr in einem Tone, und mit einem Blicke, der ties in ihr gutes Herz eindrang: Also willst du, dem Gumal zu Gefallen, mich verlassen? Soll ich mit Antonio allein, ohne deine Unterstüz- zung in meinem Alter bleiben? Da schmiegte sich das Mädchen weinend an ihn an: Nein, Vater, das kann ich auch nicht. Du hast mich so liebreich in deine Hütte aufgenommen— ich bleibe bei dir; Gumal! Wir sprechen uns ja doch mit jedem Abende! Gumal. Ich denke, liebe Lina, wir werden nicht erst den Abend erwarten. Noch ehe die Sonne sich verbirgt, werden wir uns schon in der gemeinschaftlichen Laube befinden. Der Greis, der mit der Gegend, die er bewohnte, langst schon bekannt war, hatte das Thal,(welches sich von der Abendsoite des Berges, auf welchen, das Winterhaus war, hinabzvg, sich gegen Mittag an eine waldigte Bergkette lehnte und nach einer sehr beträchtlichen Weite und abwechselnden kleinen BuschwÄdchen von einem breiten Strom begrenzt wurde,) zum Aufenthalt dieser neuen Kolonie bestimmt. Noch am Abende dieses Tags begab sich daher die ganze Gesellschaft, mit nöthigen Lebensmitteln versehen, nach jener Win- 6 terwohmmg, von welcher sie in dies angenehme Thal hinab sehen konnte, das noch von den Strahlen der untergehenden Sonne erleuchte: wurde. Ehilum gerieth auch hier in nicht geringes Erstaunen über die verschiedenen Kunstwerke, und noch nie gesehenen Werkzeuge des menschlichen Freistes; die er in dieser Wohnung des Greises antraf; bemerkte mit steigender Bewunderung die ganz neuen Kenntnisse, welche sein Sohn Gumal während dieser Zeit von so vielen vorher ganz fremden Dingen erhalten, und die Geschicklichkeiten, die er sich in verschiedenen Handarbeiten, als Drechseln, Schnitzen, Hobeln und dergl. verschafft hatte; auch Lina ließ es nicht fehlen, ihm Beweise von ihrer erworbenen Fertigkeit im Flechten, Drehen der Seile und andern nützlichen Arbeiten zu zeigen: so daß der erstaunte Mann mit noch merklicherer Ehrfurcht auf den Lehrer dieser Kinder, den Greis, sah, und ihn gleichsam als ein Wesen von höherer Art betrachtete, Auch Wid dam fand hier eine sehr angenehme Unterhaltung, und ließ sich von seinem jungem Freunde über die nrannichfalti- gen neuen Gegenstände unterrichten, bis die Dunkelheit der Nacht einbrach, und sich die Gesellschaft zur Ruhe begab. Der Morgen war noch nicht angebrochen, als sich der Greis mit Antonio schon vorn Lager erhoben, und außen vor der Hütte ihr Gebet verrichteten. Sie empfiengen darauf die Reisegefährten mit einem freundlichen Gutenmorgen und traten ungesäumt ihren Weg ins Thal an, Es kostete ihnen anfangs einige Mühe, sich den Weg hinab durch das verschlungene Gebüsch zu bahnen- wobei ihnen einige Aerte und Messer, die sie mitgenommen hatten, gute Dienste thaten. Das erste lebende Geschöpf, welches durch das gemachte Geräusch aufgeregt wurde, war eine Art Geier, der von den wilden Bewohnern jener Gegenden, der Todtenrufer genemir wird, und jetzt mit krächzendem Geschrei und aus- gebreiteten Schwingen über ihren Köpfen aufflatterte. W i d-- dam, der mit Gumal immer der Vorderste im Zug und mit Bogen und Pfeilen versehen war, wollte auf denselben schießen; aber ganz mwcrmuthet zersprang die Sehne am Bogen, und das abgetrennte Theil derselben schlug dem nahestehenden Gumal so nahe ans Auge, daß es nicht viel fehlte, es hatte ihm dasselbe ausgeschlagen. Bald nachher verwundete sich Widdam mit dem Messer, mit besten Gebrauch er noch nicht recht bekannt war, den Daumen seiner linken Hand; und noch am Fuße des Berges, als sie den ersten Schritt ins Thal thun wollten, stieß Lina mit dem Knöchel des einen Fußes so heftig an einen unter Moos ver- sieckren spitzigen Stein, daß sie genöthigt wurde, sich eine Zeitlang auf die Erde zu legen, bis sie den empfindlichen Schmerz überwand. Dies nöthigte die Gesellschaft etwas zu verweilen, und während Lina den empfindlichen Theil mit ihrer Hand rieb, Gumal sein aufgeschwollenes Auge und Widdam das Blut aus der verwundeten Hand drückte, und die abgerißne Sehne seines Bogens wieder zu befestigen suchte, fieng der Greis auf seinen Stab gelehnt, folgende Unterredung an: Greis. Wie kömmt dir, Gumal, dieser Ansang unserer Reise und Unternehmung vor? Haltst du sie für glücklich oder unglücklich? Gumal. Das wird der Erfolg lehren; der Anfang war so gut eben nicht. Greis. Kann wohl jemand von uns vorher wissen, was uns bei dem Fortgang unserer Reise begegnen, wie der Ausgang derselben seyn werde? Gumal. Wohl niemand. Greis. Da hätten wir ja wohl alle Ursache, besorgt zu seyn, daß es uns bei unserm Vorhaben nicht gelingen werde, weil der Anfang so gut eben nicht war. 8 Gumal. Das sollte ich nicht meynen. Es kann in der Folge besser gehen, als wir denken. Greis. Hangt denn der glückliche Erfolg unserer Unternehmungen vorn Ungefähr ab? Gumal. Nein, Vater, du hast uns ja gelehrt, daß ein Gott ist, dessen Weisheit alle unsre Wege, unsre Schicksale, unsre Unternehmungen leitet, und zwar imjner recht gut leitet. Greis. Was kannst du also für ein Vertrauen zu diesem weisen und guten Gott fassen. Gumal. Daß er auch unsere Reise, und unser Vorhaben, einen Aufenthalt zu suchen, zum Besten leiten werde. Greis. Dürfen uns wohl einige unbedeutende Zufalle, die uns begegnen, sogleich in diesem Vertrauen irre machen und von unserm Vorsatz abbringen-? Gumal. O nein- sonst hätten wir ein schlechtes Vertrauen zu Gott, und müßten Nichtwissen, daß er weise und allmächtig ist. Greis. Ich habe Menschen gekannt, die, wenn sie eine Sache von Wichtigkeit unternahmen, nicht sowohl mit ihrer Vernunft überlegten, ob sie auch gut sey und wohl ausgeführt werden könnte, und nicht das Vertrauen zu Gott faßten, daß er sie dabei leiten werde, sondern die nur darauf merkten, was ihnen gleich beim Jlnfange ihrer Unternehmung begegnete, und daraus den Schluß machten, so würde auch der Ausgang sey». Sie hielten gewisse angenehme oder unangenehme Ereignisse für Vorbedeutung ihrer künftigen Schicksale. Wenn ihnen zum Beyspiel beim Antritt einer Reise ein Vogel von der Art, wie uns vorhin, aufstieß— oder wenn sie sich verletzten oder stießen: so hielten sie dieß für ein böses Zeichen, für eine unglückliche Vorbedeutung, und gaben daher lieber den Entschluß ihrer Reist auf. Grünst. Ich sehe nicht ein. wie das zusammenhangt. Das würde mich ja nur ängstlich wackren, da. wo ich am meisten Muth bedarf, und die geringste Kleinigkeit würde mir oft den besten Vorsatz vereiteln und mich um den Vortheil bringen, den ich mir davon versprach. Solche Leute denken und handeln unvernünftig. Greis. Können solche Leute auch wohl richtige Begriffe von Gott und seiner weisen Vorsehung, können sie festes Vertrauen zu ihm haben? Gumal. Wie können sie das. wenn eins solche Kleinigkeit sie sogleich irre macht. Wenn mein Vorhaben gut ist, so weiß ich, daß mir der allmächtige Gott auch wohl bei noch größern Hindernissen beisiehen und helfen werde. Greis. Sich. Gumal! Wer sich unvernünftige und falsche Vorstellungen von Gott und seiner Vorsehung macht, und nicht nach vernünftigen und festen Grundsätzen handelt, sondern nach bstrüglicher Einbildung, der ist aberglaubig; der hat keine rechte Erkenntniß von Gott. und kann also auch kein rechtes Vertraue» zu ihm haben. Lerne du daher von dem, was dir begegnet und widerfahrt eine vernünftige und richtige Anwendung auf dich machen: werde du dadurch weiser und verständiger; denn in dieser Absicht läßt dir die Vorsehung Gottes diese Zufälle begegnen. Wenn dir bei deinen Unternehmungen— ich setze voraus. daß du sie vorher wohl überdacht und als gut erkannt hast— wenn dir beim Anfang derselben gewisse Hindernisse in den Weg treten— wirst du sie darum gleich aufgeben? Gumal. Ich will sie vielmehr zu überwinden suchen und meinen Weg getrost fortgehen. . Greis. Durch Ueberwindung kleiner Hindernisse und Leiden, die uns im Anfange unserer Unternehmungen begegnen. lernen wir*künftig größere überstehen und zugleich in Zukunft immer vorsichtiger und weiser handeln. Widdam wird künftig seinen Bogen und Waffen besser untersuchen und führen lernen— du wirst dich nicht so unvorsichtig in Gefahr setzen, deine Augen zu verlieren, und Lina rvird desto bedachtlicher gehen, um nicht die Schmerzen eines Fehltritts zu empfinden. Lächelnd trat Lina wieder aus ihre Füße, dankte dem Greis für seine väterliche Warnung, und die Gesellschaft setzte getrost die Reise fort. Die aufgehende Sonne warf jetzt ihre' ersten Strahlen in das Thal; alles empfieng ein lachendes Ansehen; der Gesang der Vogel wurde noch vollstimmiger, die jetzt diese neuen Ankömmlinge mit ihren freudigen Liedern zu bewillkommen schienen. Vom Berge herab rieselte eine kleine Quells, deren Rand dicht mit Bäumen mannichsalkiger Art bewachsen war. Die Reisenden schöpften stus ihr einen erquickenden Trank, folgten derselben in ihrem schlangelnden Gange noch, und wurden von ihr in manche angenehme Gegenden geleitet; sie verlohr sich zuletzt in einer etwas sumpfigten Tiefe, wo im dichten Schilf eine Menge Wasservögel nisteten, die jetzt mit lautem Geschrei aufflatterten, und ihre Zuflucht zu einem etwas entfernten See nahmen, der rund umher mit sehr hohen Bäumen eingeschlossen war. Ein schmaler fester Erdstrich bahnte unsern Reisenden den Weg zu diesem See, dessen umliegende Gegend ihnen vorzüglich geschickt zu einem angenehmen Aufenthalte schien. Auf der mittäglichen Seite ward sie von dem waldigten Gebirge bekränzt, an dessen Abhänge sich manche Grotten und flache Stellen befanden, wo sich sehr bequem eine Hütte aufschlagen ließ, von da aus hatten sie die Aussicht über den See nach einer weiten freien Gegend hin, die sich bis zu den blauen Gebirgen hindehme. Kaum hatte Chilum auf einer dieser Stellen Fuß gefaßt, als er den Stab, den er in der Hand führte, in den Boden steckte und seinem Gumal zurief: Hier laß uns anbauen! Er wendete darauf sein Gesicht nach der Morgensonne zu, warfsich zur Erde nieder, und blieb einige Minuten in dieser betenden Lage. Alles schwieg. Auch der Greis hob seine Augen zum Himmel, und in seinem Gesichte drückte sich sichtbar der Gedanke an Gott aus. Nachdem d'e Gesellschaft an dem ersten Anblick dieser schönen Gegend ihre Augen geweidet hatte, ließ sie sich auf dem Rasen nieder, um durch ein Frühstück ihren Hunger zu stillen. Die Reisebündsl wurden geöffnet; Lina breitete eine saubere Bastdecke, die sie selbst geflochten und zu diesem Behuf mitgenommen hatte, aus die Erde, und bediente mit Gumal die ganze Gesellschaft. Wahrend dem Frühstück wurden schon manche Entwürfe wegen künftiger Einrichtung der Wohnung gemacht; Chilum fand hier manche Aehn- lichkeit mit seinem vormaligen Lieblingsaufenthalte in seinem Vaterlands, und Gumal erinnerte Wid dam an einen der dortigen Seen, wo sie sich mehrmals im Schwimmen geübt hatten; er und sein Vater fanden jedoch diese Gegend noch anmuthiger; nur Widdam gab der vaterländischen den Vorzug. Nach genoßenem Frühstück wurde die Gegend nach ihrem Boden und Fruchtarten genauer untersucht. C h i l u m zeigte sich hier als einen erfahrnen Naturkundlgen, sowohl in Kenntniß der Arten von Baums», als auch der theils nährenden, theils heilsamen Pflanzen und Krauter, die er hier in Menge antraf. Auch war die Gegend vor: lebenden Geschöpfen bewohnt. Man bemerkt? verschiedenemale Schakals, die sich bei ihrem Anblick in den Wald flüchteten; Affen von verschiedener Gattung; eine große Menge Feldkaninchen und einzelne Zibetkatzen. Der ganze See wimmelte yon Fische«,, so wie die Luft von Vögeln mancher Art, besonders Enten und andern Wasservögsln. Hier, sagte Gumal zu Widdern, werden wir manchen guten Fang machen, und unsre gute Köchin(auf Lina hinblickend) mit reichem Verrath für die Küche versehen können. Die übrige Zeit des Tags wurde mit Untersuchungen und Entwürfen zu künftigere Einrichtungen zugebracht. In der Abenddämmerung kehrte die Gesellschaft nach der Winter- wohnung zurück, die von dieser Zeit als der Mittelpunkt der Kolonie angesehen, und zum gemeinschaftlichen Versammlungsorte derselben in den künftigen Wintermonaten bestimmt wurde. So müde auch Gumal von dem langen Uniherzrehen war, And alle die Lieben um ihn her in sanftem Schlummer lagen, wollte doch lange kein Schlaf in seine Augen kommen. Sein lebhafter Geist beschäftigte sich noch immer mit den unmuthigsten Bildern der Einbildungskraft; er dachte sich schon die.Hätten und neuen Pflanzungen; die Fruchtbäume und Garten, die er anlegen würde. Der See war besonders sein Element; den hatte er sich längst gewünscht, um seine schon früh erlangte Geschicklichkeit im Schwimmen üben zu können; schon zimmerte er in Gedanken einen kleinen Nachen, womit er ihn befahren könnte; dachte sich schon in demselben, fühlte schon das angenehme Schaukeln und schlummerte endlich darüber in süßen Traumen ein. Allein beim ersten leisen Geräusch seines erwachenden Vaters, war auch der Schlaf aus seinen Augen verschwunden. Man hatte den Abend zuvor die Verabredung getroffen, daß der Greis mit Lina in Ruhe zurück bleiben; die übrige männliche Gesellschaft aber die neue Gegend wieder bereisen und den Anfang zum Anbau derselben machen sclllte. Die Reisegesellschaft versähe sich daher noch mit einigen nöthigen Werkzeugen, und Antonio nahm um mehrerer Sicherheit willen, wenn ihnen etwa wider Vermuthen ein wildes Thier aufstoßen sollte, eine geladene Flinte nebst einigen Patronen mit. So leise auch der Aufbruch geschah, wurde gleichwohl Lina munter. Es wurde ihr schwer, sich von ihrem geliebten G umal zu trennen: sie bat ihn dringend, sich ja wohl vorzusehen, und sich besonders ja nicht zu tief in den See zu wagen; denn dafür war ihr am meisten bange. Sie begleitete ihn noch etliche Gange aus der Hütte, drückte ihm die Hand und bar: daß er ja seine Zurückkunft beschleunigen möchte;„wie lange, sagte sie, wird mir in deiner Abwesenheit der Tag wahren!" Noch lag die ganze Gegend in nächtliches Dunkel gehüllt; kaum daß das aufgehende Licht so viel Helligkeit verbreitete, Laß die Reisenden ihren bezeichneten Pfad verfolgen konnten, der sie wieder zu der Gegend des Sees leitete. Jetzt kamen sie zu dem Platz, den sie Tags zuvor zum Wohnort bestimmt, und wo sie in eins der naheliegenden Grotten ihre Gsräth- fchaften, die sie gestern mitgenommen, niedergelegt hatten. Aber wie erstaunten sie, als sie dieselben jetzt nicht mehr antrafen, und aus sehr deutlichen Spuren merkten, daß jemand vor ihnen hier gewesen sey, und ihre Habseligkeiten hinweg- gstragen habe. Nach einigen Untersuchungen fanden sie dieselben in einem nahen Busche versteckt; die frischen Fuß- siapfen im bethauten Grase ließen vermuthen, daß sich die Gäste kaum erst entfernt hatten, daß es nicht mehr als zwey Personen gewesen wären, und Chilum, ein Mann von Muth und Entschlossenheit, forderte seine Begleiter auf, die noch frische Spur zu verfolgen. Diese führte sie nach den: Walde zu, wo die zu dicht verschlungenen Zweige, und diy Dunkelheit ihnen das weitere Nachsetzen unmöglich machte. 14 Sie beschlossen daher am Abhänge des Waldes hinabzugehen, dessen Ende man sehr deutlich sehen konnte. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als zwey Wilde aus dem Dickigt mit starkem Geschrei hervorsprangen, ihre Streitkslben über ihre Häupter schwangen, zum Zeichen, daß sie bereit zum Streit waren. Seyd ihr friedliche Bewohner dieser Gegend, rief ihnen Chilum entgegen: so erwartet nicht von uns, daß wir such beunruhigen werden. Wir sind hier Fremde, und suchen eure Freundschaft. Gier legte er den Bogen, den er gespannt hielt, zur Erde nieder). Habt ihr aber Lust zum Kampfe— Wohlan, wir sind auch gerüstet!(Hier hob er den Bogen wieder auf.) Und ich gebiete euch, rief Antonio mit furchtbarer Stimme, eure Waffen niederzulegen, wenn euch euer Leben Lieb ist! Der Anblick eines Menschen, wie Antonio war, von so ganz ungewöhnlicher Art, setzte die Wilden in einige Bestürzung. Da sie aber nicht geneigt schienen, die Waffen aus der Hand zu legen, legte Antonio die Flinte an und brannte sie los, so daß der Schuß über ihren Häuptern hinging. Der unvernmthete Knall, den der Wald zehnfach widerhallte, setzte sie in ein solches Schrecken, daß ihnen die Streit- kölbeN von selbst aus den Handen-fielen und sie sich in einer demüthigen Stellung zur Erde warfen. Chilum benutzte diesen Augenblick des Entsetzens und ging ohne weitere Waffen, als einem kurzen Messer, das er irn Gürtel trug, auf sie los. Wir kommen, sprach er, in keiner feindlichen Absicht zu euch. Eure Hütte soll uns für einen Tag Schütten und eure Quelle bis zum Abend Erquik- kuug geben; dann ziehen wir wieder in Frieden nach unsern Wohnungen, Mit diesen Worten knüpfte er einen schmalen Riemen, der am Gürtel hieng, los, und warf ihn den beyden Fremden zu.— So war es in ihrem Lande Silke. Warf ihn der Gegentheil zurück: so war dies ein Zeichen des Kampfs; knüpfte er ihn an den ssinigen: so war es ein Zeichen der Freundschaft.— Einer der Fremden fieng ihn auf und knüpfte ihn sogleich an den Seinigsn. Jetzt näherten sich beyde Theile einander, und der Frieds war errichtet. Bei genauer Unterredung erfuhr Chilum mit nicht geringem Erstaunen, daß diese beyden Wilden die einzigen Gefährten des Fürsten Hadsi waren; die einzigen, weiche ihm in seinem Unglück treu geblieben und ihn in diese entfernte Gegend begleitet hatten: daß dieser Fürst durch seine Wunden und durch die lange Flucht entkräftet, in einer Höhle im nahen Thale seinen Tod erwarte und kaum noch einige Tage leben werde. Wer? Hadsi? riefGumal aus! der Vater Chilum fiel ihm in die Rede, und gebot ihm und den übrigen Begleitern mit einem bedeutenden Winke, daß sie sich den Fremden nicht entdecken mögten. Sogleich ließ er sich zu der Statte hinführen, wo sein vormaliger Feind lag. Auch Gumal begleitete ihn mit den übrigen Gefährten dahin, voll Begierde, den Vater seiner Lina und seinen ehemaligen Gebieter wieder zu sehen, Sie fanden ihn ausgestreckt auf einem Lager von Moos liegen; seinen Kopf auf den linken Arm gestützt, das Gesicht nach dem Eingänge der Höhle gerichtet aus seinen, obgleich matten Augen, blickte das erlöschende Feuer wilder Wuth; er wollte sich beim Anblick der Fremden, die er für Feinde hielt, aufraffen; aber eS fehlte ihm««Kräften; selbst die Stütze des Arms wankte, sein Kopf sank zur Erde nieder; er hob die Brust etwas empor, als ob er mit derselben i6— den letzten tödtlichen Streich empfangen wollte, indem er ausrief: Vollendet euren Sieg! Chilum trat jetzt näher; mit einem mitleidigen Blick betrachtete er den Elenden, der da von allen Kräften erschöpft zu seinen Füßen lag. Wer du auch bist? rief er ihm zu, bedauernswürdiger Fremdling, du hast nichts von uns zu befürchten; wir kommen als Freunde zu dir, um dein Schicksal zu erleichtern. Kannst du den Felsen, da über mir, Wegschleudern? versetzte Hadsi: so kannst du auch mir Erleichterung verschaffen. Geh, Schwacher! ich bedarf deiner armseligen Hülfe nicht! Eben blickte er nach dem Eingang der Höhle, vor welcher die übrigen Begleiter Chilums standen; ihr Anblick, besonders des Antonio, des weißen Mannes, war ihm auffallend; sein Auge wurde feuriger, seine Gesichtszüge verriethen Wuth! er versuchte sich aufzurichten und rief mit rauher Stimme seine Gefährten. Bei ihrem Eintritt gebot er ihnen, das Aeufferste zu wagen, um ihn von diesen Menschen zu befreien. Auf ihre Versicherung, daß sie ja als Freunde gekommen wären, befahl er dem einen mit einem gebietenden Tone, der schleunige Vollziehung des Befehls forderte, die Streitkolbe über seinem Kopfe aufzuheben und ihn augenblicklich zu erschlagen. Der Wilde hob auch wirklich das Gewehr empor; aber Chilum hinderte ihn, den tödtlichen Streich zu vollziehen. ES war schrecklich, die Wuth dieses Elenden mit anzusehen, dem es nur an körperlicher Kraft gebrach, um sich ganz dem wilden Triebe seiner aufgebrachten Leidenschaft zu überlassen; denn sein rechter Arm war gänzlich durch einen Schlag, den er im Gefecht auf die Schulter bekommen hatte, gelähmt; fast jeder Theil seines Leibes war verwundet; er selbst war der gänzlichen Entkraftung sehr nahe; doch raffte i7- er noch die letzten Kräfte zusammen, um seine Wuth auszutoben. Seine Zahne knirschten, die Muskeln seiner Hände und Füße zogen sich krampfhaft zusammen; er schlug einigemal den Kopf so heftig auf den Boden, als wollte er ihn zerschlagen, und sank nach eitrigen Minuten völlig entkräftet nieder. Gerührt standen jetzt alle um den Elenden. Gumal empfand besonders beim Anblick dieses schrecklichen Schauspiels unbeschreibliche Angst; er fieng sogar an laut zu weinen, und mußte sich von der furchtbaren Stätte entfernen. Chilum gab sich nochmals Mühe, seinen bedaurens- würdigen Feind zu besänftigen: aber vergebens; er überließ ihn daher, weil er wohl merkte, daß seine Gegenwart ihm unangenehm sey, seinen beyden Begleitern; befahl aber diesen, ja für seine Erhaltung zu sorgen, weil sie mit ihrem Leben dafür haften müßten. Aus Vorsicht entwaffnete er zugleich die beyden Wilden, mit der Versicherung, daß sie bei einem ruhigen Verhalten nichts Feindseliges zu befürchten hätten; er werde sich jetzt entfernen, um ihnen einige Erfrischungen zu holen. Mit der schnellsten Eile begab er sich sogleich mit den übrigen auf den Weg zur gemeinschaftlichen Wohnung, um demGreiS von diesem ganz unerwarteten Auftritte Nachricht zu geben, und bei ihm Rath und Hülfe zu suchen.— Sie fanden ihn mit Lina in der Morgenlaube, etwas erstaunt über ihre so unerwartet baldige Zurückkehr. Was ist euch begegnet, Kinder; rief er ihnen entgegen? Warum kehrt ihr so eilig zurück? Vater! rief Chilum in einem gefaßten, ruhigen Tone ihm zu: Deine Colonie erweitert sich mit jedem Tage. Du wirst noch alle, die zu unserer Familie gehören, um dich her LossniL Gumal. ll.^ versammelt sehen.(Ar Lina:) Wirst du es glauben, Lina? Auch dein Vater ist hier! Lina(erstaunt). Wie? mem'Vater? Greis. Er, der dir deinen Sohn raubte? den du bekriegtest und überwandst? Ich glaubte, er wäre in der Schlacht geblieben? Chilum. Noch lebt er, und zrvar in unsrer Nähe— aber vielleicht nur auf kurze Zeit; denn er ist von der Reise äußerst entkräftet. Greis. Hast du dich ihm zu erkennen gegeben? Chilum. Rein; wie würde er eS sonst ausgehalten haben? Schon unser Anblick, als fremder Menschen, die ihm Hülfe anboten, setzte ihn in Wuth. Sie erzählten hierauf, was sich zugetragen hatte. Lina erkannte in der Erzählung ihren Vater, und zitterte am ganzen Leibe. Sie warf sich ihrem Gumal in die Arme, mit den Worten: ach! wenn er uns nur nicht noch einmal von einander trennt. Gumal. Das wird er nicht können. Dazu gebricht es ihm an Kräften. Ader! ob er dich wohl kennen wird—— Der Greis machte sogleich Anstalt, mit hin zur Stätte zu gehen, wo diese Fremden anzutreffen waren. Die Sonne war noch nicht zu hoch gestiegen, und der Weg dahin führte durch schattigte Wälder. Er versah sich mit einigen Arzneimitteln und Salben, die er auf solche Falle bereit hielt; befahl der Lina und Gumal, die Körbe mit Lebensmitteln und Erfrischungen zu füllen, nahm seinen Pikgerstab und brach mit der ganzen Gesellschaft auf. Unterwegs wurde berathschlaget, wie man dem aufgebrachten Hadsi am besten beikommen und ihn beruhigen könnte. Der Greis, der schon verschiedenem«!« von flüchtigen Wilden für einen Geist war gehalten worden, und trotz dieses Vorurtheils doch einige gerettet hatte, hoffte auch dies- 19 mal so glücklich zu seyn, als ein gutgesinntes wohlthätiges Wesen auch vom Hadsi erkannt und aufgenommen zu werden. Allein er fand sich bald in dieser Erwartung betrogen. Menschen, von so feindseliger Gemüthsart, wie Hadsi, haben fast keine Empfindung von Wohlwollen und Güte; sie sehen alle andre Menschen für ihre Feinde an; sind mißtrauisch und argwöhnisch; und selbst die Vorstellung, die sie sich von höhern Wesen machen, nimmt diese gehässige Farbe an; ihre Einbildungskraft malt ihnen böse schadenfrohe Geister von häßlicher Gestalt, die nur am Verderben und Plagen der Menschen Freude empfinden. Ein höchst gutes, wohlthätiges, liebenswürdiges Wesen ist ihnen beinahe undenkbar. So war die Erscheinung unsers so ehrwürdigen, gutmüthigen Greises mit seinen! weißen Gesicht und der Miene des Wohlwollens in demselben, diesem Unmenschen die Erscheinung eines furchtbaren Geistes, der auch noch gekommen sey, ihn in seinen letzten Augenblicken zu ängstigen. Schnell wandte er seinen Blick von ihm weg; furchtsam suchte er es in dem Moose zu verbergen, auf welchem er lag. Zwar warfenftch auch seine beyden Begleiter erschrocken auf die Erde nieder; aber ihre Augen verweilten doch langer auf dem Gesicht des Greises und schienen ihn zu bitten, ihrer zu verschonen. Seyd mir willkommen, in meinem friedlichen Aufenthalte! rief ihnen der Greis zu; ich bin euer Freund, und wenn ihr mir euer Zutrauen schenken wollt/ bereit, euch, so viel ich kann, zu dienen. Mit diesen Worten reichte er den beyden knieendm Wilden freundschaftlich die Hand, welche diese ehrerbietig küßten. Jedoch Hadsi, mit dem Gesicht zur Erde gekehrt, blieb unbewegt in dieser Lage. Man rief ihm zu, bemühte sich, B 2 20 ihn aufzurichten; aber er gab kern Zeichen des Lebentz von sich. Er lag in einer gänzlichen Betäubung; der Greis befahl den beyden Wilden, ihm die Stirne und Schläfe zu reiben, nahm von dem mitgenommenen Wein, besprengte ihn mit demselben und goß ihm einige Tropfen in den Mund. Es währte lange, ehe er wieder Sinnen kam; kaum aber .schlug er die Augen auf, als er einen Schreckensblick auf die Umstehenden warf, und dann schweigend wieder das Gesicht abwendete. Der Greis führte indeß die beyden Wilden aus der Höhle; ermunterte sie, getrost zu seyn, und führte sie der übr igen Gesellschaft zu. Diese ernpfieng sie sehr freundschaftlich; Lina kam ihnen mit vollen Handen von Fruchten entgegen, und G umal reichte ihnen eine volle Schaale Milch, die sie auch dankbar annahmen. Der Anblick der Lina zog besonders ihre Aufmerksamkeit an sich: sie betrachteten sie mit aufmerksamem Blick, sahen einander an, und man bemerkte aus ihren Mienen, daß sie das Mädchen für die rechter ihres Herrn erkannten. Bist du nicht Lina, Hadsi's Tochter? fragte der eine. Freunde, fiel ihnen der Greis in die Rede: ihr sollt alles erfahren; für jetzt haltet euch ruhig und seyd bemüht, euren Herrn zu überreden, daß er gleiches Vertrauen, wie ihr, zu uns faßt. Bringt ihm dieses zur Erholung(er gab ihnen einige stärkende Tropfen in einer Muschel mit Wein), und versichert ihn unsrer Freundschaft. Es währte lange, ehe sie ihn überreden konnten, das Geschenk des weißen Geistes(so nannten sie den Greis), anzunehmen; m der Meynung, es sey ein tvdtliches Gift, nahm er es an und trank es mit fürchterlich lächelnder Miene; sagt ihm, sprach er, als er das Gefäß zurück gab, ich sey z«„ Tode bereit. Der heilsame Trank that bald seine Wirkung. Neue Lebenskraft schien in ihm zurückzukehren; seine Begleiter erstaunten über diese Veränderung und suchten ihn nun durch alle mögliche Gründe zu bereden, die angebotene Hülfe anzunehmen. Wenn uns nicht alles trügt, sagte unter andern der eine: so haben wir auch deine Tochter in der Gesellschaft des weißen Geistes gesehen— Lina! rief er mit starker Stimme, daß man es sehr vernehmlich außer der Höhle hören konnte; bringt mich heraus, daß ich sie sehe. Das halte ich nicht aus, rief das erschrocken« Mädchen und machte Miene zu entfliehen. Der Greis nahm sie in die Arm/und trat mit ihr.und Gumal in einiger Entfernung von der Höhle. Die beyden Wilden trugen ihren Fürsten heraus und setzten ihn am Eingänge nieder. Er sah und erkannte gleich beim ersten Anblick seine Tochter; sah mir wildem Mick auf Gumal und auf die übrige Gesellschaft. Der Anblick dieser bekannten und unbekannten Gestalten, vermischt mit den schrecklichen Bildern seiner Einbildungskraft, war zu lebhaft, zerrüttete vollends ganz sein Gehirn und versetzte ihn in den bejammernswürdigen Zustand eines Rasenden, dem es nur an Kräften fehlte, seine Wuth auszulasten. Er blieb in diesem Zustande, bK seine Kräfte völlig erschöpft waren. Gumal und Lina entfernten sich zitternd von dieser schaudervoüen Scene, und suchte» unter einem schattigten Baume ihren Herzen durch Thränen Luft zu machen. Bald darauf versammelte sich auch die übrige Gesellschaft um sie, weil keine Hoffnung zur Rettung des Unglücklichen übrig war; man hatte ihn unter der Aufsicht seiner beyden Begleiter zurückgelassen, die den Auftrag hatten, bei dem ersten Anschein von Besinnung der Gesellschaft Nachricht zu geben. 2S Dieser ganze Tag wurde unter Unruhe, ohne zweckmäßige Beschäftigung, unter Hin- und Hergehen zugebracht. Erst am Abend sammelt- sich die Gesellschaft wieder auf die erhaltene Nachricht, der Kranke werde ruhiger. Es war eine Ruhe, wie sie es nach einem vorhergegangenen fürchterliche» Sturm ist; eure Erschlaffung der Nerven, die noch zuweilen durch krampfhafte Verzückungen unterbrochen wurde; ohne Zeichen eines Bewußtseyns und Empfindung lag der Sterbende, ausgestreckt auf seinem Lager; die Augen waren gebrochen, die Lippen schwarz, wie sein Gesicht, in welchem »och die Züge der Wuth und deö HaA-s sehr merklich waren. Eö"war selbst Wohlthat für die Umstehenden, als nach ängstlichem Röcheln in langen Musen der Athem endlich still stand, Der Greis hatte auch jetzt absichtlich die beyden Kinder zu dem Sterbenden hmgeleitst. Noch war die Erinnerung an das saufte Dahinscheiden ihres geliebten Pedro so lebhaft in ihren Seelen, daß folglich der Anblick dieses sterbenden einen ganz verschiedenen Eindruck auf sie machen mußte. Dort hatten sie in jeder Miene, in jeder Aeußerung des guten Greises, bei Annäherung seines Todes, eine ausgezeichnete Heiterkeit bemerkt, die der Ausdruck der innern Ruhe und der freudigsten Hoffnung war. Hier waren lauter Merkmale von Unruhe, Angst, Verzweiflung; dort schied ein Freund mit der freudigen Hoffnung des Wiedersehens von ihnen, der noch mit sterbendem Munde sie segnete; hier unterlag ein Elender der Macht der feindseligsten Leidenschaft, die seine Miene noch im Tode entstellte. Der Greis machte die Kinder in der nächsten Unterredung mit ihnen auf diesen schon bemerkten und auffallenden Unterschied zwischen den beyden Sterbenden noch aufmerksamer, und nahm daraus Gelegenheit, ihnen zu zeigen: welchen Einfluß hie Religion auf unsre beßre Gesinnung im Leben und dann auch auf unsre Ruhe im Tode habe; daß derjenige Mensch, der die Ueberzeugung von dem Daseyn eines gütigen Gottes habe, der die Liebe selbst sey, nie feindselige und rachsüchtige Gesinnungen in seinem Herzen unterhalten und sich einer so unwürdigen Leidenschaft überlassen könne; daß aber auch nur der menschenfreundliche, tugendhafte Verehrer Gottes mit Zufriedenheit die Welt verlasse und mit der seligsten Erwartung seines zukünftigen Glücks hinüberschlummere. Die beyden Begleiter des Hadsi machten nach einigen Tagen, nachdem sie ihren bisherigen Herrn beerdigt hatten, Anstalt zu ihrer Rückreise. Bald aber ließen sie sich durch Chilum und durch die beyden Kinder bereden, ihren Aufenthalt bei ihnen zu nehmen; der Greis sahe es mit Vergnügen; die Colonie erhielt durch sie einen beträchtlichen Zuwachs, und man sah- in der Folge ein, welch einen wohlthätigen Einfluß diese Begebenheit auf das Glück der Gesellschaft hatte. Beyde waren Männer von gutem, obgleich noch unausgebildetem Charakter; auf ihre Treue konnte man um desto mehr rechnen, da sie bei ihrem vorigen Herrn bis zu seinem Tode ausgehalten hatten; ihr starker Körperbau machte sie zur Arbeit tüchtig und schon in den ersten Tagen ihrer freundschaftlichen Aufnahme in die Familie bewiesen sie durch ihre Diensifertigkeit und unverdroßnen Arbeiten, daß sie des Vertrauens werth waren, welches man in sie gesetzt hatte. §)er Anbau der neuen Kolonie in dieser Gegend gieng nun durch die Hülfe dieser beyden Ankömmlinge desto schneller von Statten; in wenige Aeit war eine geräumige Wohnung für sie, an dem Abhangs des Berges auf der Absndseite,'zugerichtet; die ersten Wege, die theils zum See, theils zunächst zur alten Wohnung des Greises führten, waren aufgeräumt, und hier und da schon einige kleine Anpflanzungen angefangen. Mit jedem Tage wurden neue Entdeckungen von fruchtbaren Pflanzen und Bäumen gemacht. Die Jagd und der Fischfang gab ihnen sehr reiche Ausbeute, so, daß wenn sich die Gesellschaft gewöhnlich gegen Abend mit einem Theil ihres Vorrathes nach der Wohnung des Greises begab, es daS Ansehen hatte, als ob sie zu Markte zöge, und Lina nicht fertig werden konnte, alles in Empfang zunehmen. Diese Abende, die sie so in gemeinschaftlichem Umgänge zubrachten, dienten ihnen zur wohlthätigsten Erholung, und wurden von dem Greise dazu benutzt, um theils den Religionsunterricht, den er mit den Kindern angefangen hatte, mit diesen fortzusetzen; theils aber auch sich mit den Erwachsenen über diese wichtigen Wahrheiten zu unterhalten, in welchen jene schon einen so guten Grund gelegt hatten. Stille Aufmerksamkeit herrschte in diesem ym den ehrwürdigen Vater geschloßnen Kreise; jedes Auge war auf ihn gerichtet, jedes Herz geöffnet, wenn er mit dem Ausdruck der innigsten Ueberzeugung die erfreuenden Wahrheiten von Gott, von seiner Größe, Macht, Weisheit und Güte, von seiner Vorsehung. und von seinen so liebevollen Absichten, die Menschen recht glücklich zu machen, vortrug. Es war oft tief in der Nacht, wenn die Gesellschaft sich trennte, dem Greise dankbar die Hände küßte und in sanftem Mondschein den Weg nach ihrer Wohnung dahin wandelte. — Vater, sprach Chikum einst bei einer dieser lehrreichen Unterredungen zum Greife, du sagst uns so viel Erfreuendes von Gott, leitest uns durch deinen Unterricht zu immer deutlicherer Erkenntniß Gottes und derjenigen Wahrheiten, die auf unser wahres Glück Beziehung haben: sag uns doch, woher hast du denn diese Wissenschaft von Gott? Hast du sie vpn dir selbst, oder wie bist du dazu gekommen? Gumal. Ja, Vater, das möchte ich auch wissen; woher du das Alles wissen und uns nnt solcher Zuverlässigkeit sagen konntest. Greis. Eure Frage kömmt mir nicht unerwartet; ich meyne, es sey auch nun Zeit, euch zu der Quelle selbst hin- zuleiten, aus der ich den Unterricht schöpfte, den ich euch bisher gegeben habe, und bei der ihr euren Durst nach Erkenntniß noch besser befriedigen werdet. Ihr habt mir schon mehrmals eingestanden, daß ihr, seitdem ich euch zur Erkenntniß Gottes, als eures gütigen Vaters, hingeleitet habe, verständiger, heiterer und glücklicher geworden seyd; ihr sehet jetzt alle Gegenstände um euch her in einem erfreuenden Lichte; ihr bewohnt diese schöne Erde noch einmal so vergnügt, da ihr wisset, daß sie von den« guten Gott auch zu eurem Besten so schön geschaffen ist, und daß ihr auf derselben gleichsam unter seinen Augen, unter seiner Aufsicht zu seinem Wohlgefallen wandelt; ihr freut euch täglich seiner Liebe, und werdet einmal mit der seligen Hoffnung eines noch bessern Lebens diese Erde verlassen. Seht, meine Lieben, so viel hangt von der Ueberzeugung ah, daß ein Gott ist, und daß er denen, die ihn suchen, die sich bestreben, ihn recht kennen zu lernen und ganz nach seinem Willen zu leben, dies redliche Bestreben gewiß^lohnen werde. Meynet ihr nun nicht, Kinder, daß Gott auch denen, die ihn- suchen, die ihn gern möchten kennen lernen, werde 2 6 Gelegenheit dazu verschafft und die Mittel zu dieser Erkenntniß gegeben haben? Gumal. Das meyne ich allerdings. Greis. Und weher dieses? Gumal. Weil Gott ein höchst gütiges Wesen ist- Greis. Woraus schließest du dieses? Gumal. Ja, weil ichs schon mit meinen eigenen Augen sehe und mit meinem Verstände begreife. Hat er doch alles so schön, so vollkommen gemacht; laßt er es uns doch an nichts fehlen, was zu unserem Glücke unentbehrlich ist. Wohin ich nur sehe, entdecke ich Beweise seiner Liebe. Greis. Durch welches Mittel, oder durch welchen Sinn also siehest du das, was schön und angenehm um dich her ist? Gumal. Durchs Auge. Greis. Wenn du aber keine Augen hattest? Gumal. So würde ich nichts sehen. Greis. Wenn du nun zwar Augen zum Sehen hattest, aber die Dinge, die Gegenstände lagen zu entfernt, als daß du sie mit deinen Augen erreichen könntest, oder sie waren rn nächtliche Dunkelheit gehüllt— Gumal. Dann würden mir auch die Augen nichts helfen. Greis. Um also gewisse Dinge zn sehen, mußt du nicht nur gute gesunde Augen haben: sondern diese Dinge muffen auch deinen Augen so nahe liegen, daß du sie erreichen kannsi, und in einem solchen Lichte, daß sie dir auch deutlich werden können. Allein, außer den sichtbaren Gegenständen giebt es doch noch Vieles, was wir gern wissen möchten; ja, an dessen Erkenntniß uns ungsm'ein viel liegt, das aber gleichwohl nicht in unsere Sinne fallt, z. V. eben die so wichtigen Wahrheiten von Gott, von seinen Gesinnungen, Absichten L7 und Willen. Wie kannst du wohl zu dieser Erkenntniß gelangen? Gumal. Durch ein vernünftiges Nachdenken, woran du uns eben bisher gewöhnt hast. Greis. Was hast du also in dir für ein Vermögen oder für eine Kraft, durch die du dir auch solche Dinge vorstellen kannst, die nicht in dir Sinne fallen? Gumal. Die Kraft zu denken. Greis. Und jemehr du diese Kraft deiner Seele übst, nicht wahr, desto mehr erlangst du Fertigkeit in derselben, und diese durch Uebung erlangte Fertigkeit im Denken, heißt der Verstand. Durch Hülfe dieser Kraft kann also der Mensch auch zur Erkenntniß solcher Dinge kommen, die nicht in die Sinne fallen, und eben durch die Anwendung dieses Vermögens seiner Seele wird er ein vernünftiges Wesen. Was das Auge für den Leib ist, das wird der Verstand für die Seele; durch ihn erkennet sie, was für sie gut und heilsam ist. Ein Mensch, der keinen Verstand hätte, wäre also so unfähig zur Erkenntniß der Wahrheit, wie der Blinde zum Sehen. Aber zum Gebrauch dieses Vermögens wird noch mehr erfordert. Du kannst viele Dinge nicht sehen: weil sie dir zu entfernt liegen. Du siehest nicht was hinter jenem Gebirge liegt; dein Auge kann dem Fluge des Vogels nicht nachfolgen, wenn er sich nur etwas höher in die Luft erhebt; sollte es nicht auch Wahrheiten geben, die für den menschlichen Verstand zu entfernt sind, die er, auch bei allem Anstrengen seiner Denkkraft nicht erreichen könnte? Gumal. DaS glaub ich wohl. Greis. Du siehest auch wohl Manches in der Entfernung; aber siehest du es auch wohl so deutlich, als wenn du es vor Augen hast? Machst du dir nicht oft manche falsche Vorstellungen von einer Sache, die etwas weit aus deinem Gesichtskreise liegt? 28—" Lina. Wie vielmal habe ich, wenn ich von der Anhöhe meinem kommenden Gumal entgegen sahe, einen Baum, oder ein Thier in der Entfernung sin ihn angesehen. Greis. Und wenn du gern von einer Sache, die dir zu entfernt ist, recht deutlich überzeugt werden möchtest, was wünschest du da? Lina. Daß sie mir möchte näher seyn, um sie recht deutlich zu erkennen. Greis. Oder, wenn's finster um dich ist, so daß du die Gegenstände nicht so deutlich, als du es wünschest, erkennen kannst, womit wäre dir dann geholfen? Lina. Wenn es lichter oder Heller um nstch würde. Greis. Laßt uns dies, meine Lieben, näher auf die Erkenntniß Gottes anwenden» Der gütige Gott wollte, daß die Menschen, seine Geschöpfe, recht glücklich werden sollten; hätten sie das wohl werden können, wenn er ihnen nicht die Mittel dazu gegeben hätte? wenn er ihnen nicht die Gelegenheit verschafft hatte, das zu erkennen, was zu ihrem wahren Glück diente? Wenn er sie nicht in den Stand gesetzt hätte, vernünftige, gute, tugendhafte Menschen zu werden? Lina. Gerviß nicht. Greis. Um dies zu werden, mußten sie einsehen, wozu sie da wären; was die Absicht ihres Schöpfers sey, warum er sie erschaffen, und wie sie am besten diese Absicht erreichen könnten. Dies konnte ihnen nun schon ihre Vernunft lehren; sie konnten durch Anwendung derselben einsehen lernen, daß sie, eben als vernünftige Geschöpfe, dazu bestimmt wären, weise und gut, und in dieser Beziehung glücklich zu werden; sie konnten diesen Willen Gottes schon aus der Einrichtung ihres Wesens erkennen; denn Gott hatte die Grundsätze von dem, was recht und gut sey, genau mit ihrer Natur verwebt, ja ihnen gleichsam mit der Ver- . ,29 nunft eingeprägt: so, daß sie schon bei diesem Lichts der natürlichen Erkenntniß den Zweck ihres Lebens hakten erreichen können. Gleichwohl gab es so viele Menschen, die, ohnge- achtet sie Vernunft hatten, dennoch nicht zu der rechten Erkenntniß gelangten, sich irrige Vorstellungen von Gott machten und falsche Grundsätze annahmen, nach welche» sie handelten. Woher mochte dies wohl kommen? Gumal. Vielleicht, weil sie keinen rechten Gebrauch von ihrer Vernunft machten. Greis. Du hast recht: es erfordert immer einige Mühe und Anstrengung, mn zur Erkenntniß der Wahrheit zu kommen; diese scheuen aber oft die Menschen, und bringen sich so aus Nachlässigkeit selbst um den Gebrauch ihrer edelsten Kräfte, entfernen sich immer weiter von der Wahrheit; es entstehen falsche Vorstellungen in ihren Seelen, von denen sie sich auch nur mit Mühe wieder losmachen können; und wenn sie es auch zuweilen versuchen, so finden sie so viele Hindernisse und Schwierigkeiten, die oft ihre Kräfte übersteigen. Was bedarf also da der Mensch, wo seine eigenen Kräfte nicht hinreichen? G u m a l. Der Hülfe, der Unterstützung Anderer. Greis. Gewiß, ohne Hülfe, ohne Unterstützung würde der Mensch das nie werden, was er ist, was er seyn soll. Aber meynt ihr wohl, daß Gott den Menschen so ohne alle Hülfe gelassen Habs? Lina. Das läßt sich von einem so gütigen Gott nicht denken. Gumal. Er wollte ja, daß die Menschen sollten glücklich werden; so wird er es ihnen auch an der dazu nöthigen Erkenntniß nicht haben fehlen lassen. Greis. Von Zeit zu Zeit hat sich auch-Gott in dieser wichtigen Angelegenheit der Menschen angenommen; so wie er für ihren leiblichen Unterhalt sorgte, so sorgte er auch für Zo das Bedürfniß ihrer Seele, für ihre Erkenntniß. Er war selbst ihr Lehrer, ihr Freund, ihr Rathgeber; er prägte ihnen ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht gegen ihn, ihren Schöpfer, ein, und die Empfindungen dessen, was Recht oder Unrecht sey. Aber die Menschen folgten ihm nicht immer; achteten nicht auf seine sanfte, väterliche Leitung, und entfernten sich von ihm und dem Wege ihrer Glückseligkeit. Je- nrehr sich ihre Anzahl auf der Erde vermehrte, je weiter sie sich ausbreiteten, desto mehr verlor sich jene ursprüngliche Erkenntniß Gottes bei ihnen, und desto verderbter wurden sie in ihren Sitten. Nur bei sehr wenigen erhielt sich der Saame der bessern Erkenntniß in ihren Seelen und brachte gute Früchte; die meisten Menschen arteten ganz aus, verwilderten gleichsam an ihrer Seele; handelten nicht nach Vernunft, sondern nach sinnlichen Trieben, so, daß das menschliche Geschlecht in Gefahr stand, ganz und gar verloren zu gehen. Lina. Das wäre Schade gewesen. Greis. Aber wer hatte wohl diesem abhelfen können? Gumal. Doch wohl niemand anders, als Gott selbst. Greis. Und er that es auch. So wenig es auch die Menschen werth waren: so liebte er sie doch, und wollte nicht, daß sie verloren gehen, sondern erhalten werden sollten. Er beschloß daher, ihnen wieder aufzuhelfen, sie wieder zur Erkenntniß der Wahrheit zu bringen und durch Besserung glücklich zu machen. Dies konnte aber, nach seiner Weisheit, nur nach und nach geschehen: sie mußten wieder allmählich auf diese Verbesserung vorbereitet und mit der Zeit wieder in den Stand gesetzt werden, werft, gute und Gott wohlgefällige Menschen zu werden. Was nun der weise und gütige Gott in dieser Absicht gethan hat, darüber werde ich euch bei der nächsten Zusammenkunft weiter beleh- — Zl ren. Gehet jetzt hin, und danket es dem guten Gott im Stillen, daß er euch die Gelegenheit verschafft hat, zur Erkenntniß der Wahrheit zu kommen. Der gewöhnliche Versammlungsort der Familie war die Wohnung des Greises, der durch sein Alter gehindert wurde, an den Arbeiten der Cvlonie Theil zu nehmen, aber immer Beschäftigung genug zu Hause und den naheliegenden Gärten fand, wobei ihm zuweilen Antonio, gewöhnlich aber die geschäftige Lina zur Hand gieng. Dies gute Mädchen war so recht die Stütze des würdigen Alten, so wie die Freude der ganzen Gesellschaft. Sie erleichterte jenem jede Beschwerde, kam oft seinen Wünschen zuvor, und seufzele nicht einmal, wenn ihr auch Helle Schweißtropfen bei ihren häuslichen Geschäften von der Stirne fielen. Sie freute sich innig, wenn sie es nur dem guten Vater recht machte, wenn dieser mit Beifall ihre Mähe bemerkte und in einer ruhigen Stunde sich mit ihr unterhielt. Mit gleicher Zärtlichkeit sorgte sie aber auch für das Vergnügen der übrigen Gesellschaft, die sie fast mit jedem Abende bewirthete, und wobei sie immer darauf sann, sie mit diesem und jenem schmackhaften Gerichte zu überraschen. Gewöhnlich gieng sie, nachdem sie die nöthige Zubereitung gemacht hatte, an der Hand des Greises in der Abendkühle den ankommenden Gästen entgegen, und schloß sich alsdann an die Seite ihres geliebten Gumal an, der ihr die Geschäfts des Tages, seine neuen Entdeckungen und Arbeiten erzählte, und sie mit den ausgesuchtesten Blumen und Früchten beschenkte. Zuweilen aber brach sie auch wohl noch früher mit dem Greise auf, um diesen Freunden zuvor zu kommen 32—. und sie noch über ihren Arbeiten anzutreffen. Wie fanden sie dann diese vormals öde und verwilderte Gegend jv lebhaft und mit jedem Tage verschönert! Wie freundlich blickte jetzt die untergehende Sonne auf den anmuthigen Hügel, auf welchem neben einer geräumigen Wohnung mehrere kleinere Hütten angebracht waren; wie flimmerten ihre Strahlen in dem großen hellen See, der durch die Menge seiner Bewohner auch bei der größten Stille immer ün zitternder Bewegung erhalten wurde. Wie schön war es jetzt durch die Reihe von niederem Gebüsch mit abwechselnden hohen Bäumen zu gehen, seitdem die neuen Bewohner der Gegend schlangelnde Gänge durch dies vormalige Dickigt gehauen hatten. Wenn dann die ankommenden Gäste von einem aus der Gesellschaft bemerkt wurden: so verkündigte es ein lautes Freudengeschrei den übrigen, und alle eilten zu ihrem Empfang entgegen. Einst, an einem Abende, wo die Gesellschaft länger als gewöhnlich verweilte, kam der Greis mit Lina in dieser Gegend an, ohne daß sie zuvor, wie gewöhnlich geschahe, bemerkt wurden. Es herrschte in der Gegend eine ungewohnte Stille; schon näherten sie sich der Hütte, als erst der eine davor sitzende Neger sie gewahr wurde, und der in derselben befindlichen Gesellschaft das Zeichen ihrer Ankunft gab. Gumal kam ihnen zuerst aus der Hütte entgegen, aber nicht mit der gewohnten heitern freudigen Miene, nicht wie sonst von seinem Freunde Widdam begleitet; auch Ehi- lum kam mit langsamen Schritten nach, und in seinem Gesichte waren die Züge einer ängstlichen Besorgniß bemerkbar. Was ist euch begegnet, rief Lina ihrem Gumal entgegen? Wo ist dein Widdam? Wo Antonio? Gumal. In der Hütte, gute Lina. Lina. Lina. Ach da erwarteten wir euch nicht. Sag mir, ist euch etwas Widriges begegnet? Gumal. Der gute Widdam hat— hat— wenn du ruhig dabei bleibst. Lina, will ich dirs sagen! Doch warte, von meinem Vater wirst du es bestimmter hören. Lina. Was ist mit unserm Widdam, Vater! fragte sie ängstlich den kommenden Chilum. Was ist ihm begegnet? Chilum. Er hat sich niedergelegt, um etwas von der Arbeit auszuruhen. Lina. Auszuruhen? Er hat sich gewiß zu sehr angegriffen. Chilum. Ja, und zwar so sehr, daß er beinahe den einen Arm darüber verloren hatte. Greis. So! hat er sich vielleicht verletzt? Chilum. Wir waren heut beschäftigt, einen Baum niederzuhauen, der ganz verwachsen war und einen so krummen Schaft hatte, daß ihn Gumal geschickt hielt, einen Kahn daraus zu zimmern; da hatte Widdam das Unglück, daß ein Ast des Baums ihn im Niederstürzen ergriff und ihm den linken Arm beschädigte. Greis. Doch ohne weitere Gefahr? Chilum. Davon wirst du dich selbst überzeugen, wenn du ihn siehest. Sie fanden beim Eintritt in die Hütte den guten Widdam mit verbundenem Arm auf einem niedrigen Lager, unter der Verpflegung des Antonio und eines von den Negern, Riggult, der sich bei diesem Vorfall als einen beherzten und geschickten Wundarzt bewiesen und einen sehr guten Verband gemacht hatte. So stark auch noch die Empfindung des Schmerzes war, so suchte er. sie doch zu verbergen; er empfieng die Eintretenden mit einem lächelnden Blick, und erzählte ihnen selbst die Geschichte seines Unfalls. Lossüis Gumal. Id E 34 Der Greis machte noch einige nöthige Verfügungen, ließ durch den Antonio Salben und einige chirurgische Instrumente aus dem Wmtsrhause holen; Lina aber ließ sich mit Gumal»eben seinem Lager nieder, beyde bezeugten ihm ihr Mitleiden und versicherten ihn ihres Beistandes. Der Greis entschloß sich, mit Lina so lange hierzu bleiben, und die Wartung des Widdam zu übernehmen, bis dieser wieder von seinem Lager aufstehen könne, damit die übrigen desto ungehinderter ihre Geschäfte fortsetzen könnten. Ein Entschluß, der nicht nur für den Kranken, sondern auch für die ganze Gesellschaft überaus aufheiternd war. Wie lernten sie bei dieser Gelegenheit das Glück schätzen, daß der gütige Gott sie in so genaue Verbindung mit einander gesetzt habe, um sich unter einander das Leben angenehm zu machen"und die Beschwerden desselben zu erleichtern; daß er die Triebe des Wohlwollens, der Theilnahme und der Liebe in das menschliche Herz gelegt habe, um mit den Fröhlichen vergnügt, mit den Leidenden mitleidig zu seyn; daß er als ein gütiger Vater der Menschen, auch für die unvermeidlichen Uebel des menschlichen Lebens gesorgt, heilende Kräfte in die Natur gelegt und den Menschen Verstand gegeben habe, sie aufzufinden und gehörig anzuwenden. — 35 Wahrend ihres Hierseyns hatte Lina Gelegenheit, die Arbeiten der sich hier anbauenden Kolonie zu bemerken; unter ihren Augen schien Gumal seine Kräfte zu verdoppeln und wurde oft von Lina durch Widdams Schicksal erinnert, vorsichtig zu seyn. Selten vergieng jedoch ein Tag, wo nicht einer und der andere aus der Gesellschaft mit verwundeten Handen oder Füßen nach der Arbeit zur Hütte zurückkehrte; aber die Erwartung, wie angenehm sie sich für die Zukunft ihren Aufenthalt durch ihren Fleiß machen würden, machte, daß sie mit immer neuen: Muthe ihre Arbeiten fortsetzten. Als sie sich einst an: Abende eines sehr mühevollen Tages um den Greis gesammelt hatten, und Lina ihrem Gumal den Schweiß an der Stirn abtrocknete: wurde ihre Unterredung dahin geleitet, wie viele Mühe es koste, eine verwilderte Gegend urbar zu machen, wie viel noch zu thun sey, ehe das alles zu Staude kommen würde, was sie sich vorgenommen hatten; wie viele Fahre noch darüber hingehen, wie viele Schwierigkeiten und Hindernisse dabei zu überwinden warm. Greis. Und doch ist dieses nur ein schwaches Bild von der Mühe, welche es kostete, jene Verwilderung des menschlichen Verstandes und Herzens, und das daher entstandene mannichfaltige Elend unter dem Menschlichen Geschlecht wieder aufzuheben, Wie viele irrige Vorstellungen und Vorur- theile, die, wie hier die Dornen, den guten Bodeü eingenommen hatten, Mußten wieder hinweggeschafft, wie viele schädliche Neigungen und Gewohnheiten, die gleich den: wuchernden Unkraut den guten Böden auszehrten, wieder aus dem menschlichen Herzen verdrängt werden. Auf welchem verwachsenen und beschwerlichen Pfade mußten diejenigen gehen, und welche Hindernisse hatten sie zu bekämpfen, die 3b sich dem Geschäft der Verbesserung und Veredlung der Menschen unterzogen.— Denn wisset, meine Liehen, von jeher bediente sich der weise und gütige Gott des Mittels, die Menschen durch Menschen zu belehren und zu bessern. Er erhielt von Jett zu Jett unter ihnen einige wenige, die sich durch eine vernünftigere Denkungssrl und Handlungsweise vor andern auszeichneten, die den Saamen der bessern Erkenntniß erhielten und ausstreuten, der denn auch hier und da ausgieng und Früchte brachte. Unter allen Nationen und Menschengeschlechtern befanden sich immer einige weise und gute Menschen, die sich dem überhandnehmenden Verderben muthig entgegensetzten, und ays die Deukungsart und Sitten ihres Volks einen wichtigen Einfluß hatten. Besonders aber hatte sich unter allen den Völkerschaften, die sich auf der Erde ausgebreitet hatten, die wahre Erkenntniß Gottes vorzüglich bei einer Familie und unter einem Volke erhalten, welches so recht von dem guten Gott dazu ausersehen zu seyn schien, daß sich von demselben aus diese bessere Erkenntniß auch auf' die klebrigen verbreiten sollte. Unter diesem Volke ließ er von Zeit zu Zeit Männer auftreten, denen er vorzügliche Weisheit und Kenntnisse ertheilte, und welche er mit den erforderlichen Kräften und Geschicklichkeiten versah, um die Menschen, die zu ihrer Zeit lebten, von Gott, seinen Gesinnungen und Willen zu belehren und bessere Grundsätze unter ihnen zu verbreiten. Da diese ihre Lehren njcht nur mündlich vortrugen, sondern sie auch in Schriften aufbewahrten: so wurde ihr Unterricht auch für die nachkommenden Geschlechter wichtig, die ihre Rsligionserkenntniß größ- tencheils aus ihren Schriften schöpften. Demungeachlet, lieben Kinder, blieb diese bessere Erkenntniß und Belehrung noch viel zu eingeschränkt; nur Wenige hatten die Gelegenheit, an diesem Unterrichte Theil zu nehmen, und auch diese Wenigen machten nicht immer den rechten Gebrauch davon; die mshresten Menschen befanden sich in Umvisssnheit und Irrthum, und überließen sich, weil sie keine richtige Erkenntniß von Gott und von ihrer eigentlichen Bestimmung hatten, ihren sinnlichen Trieben und Begierden, wodurch sie immer tiefer in ihr Verderben und immer weiter von dem Zweck ihrer wahren Glückseligkeit geleitet wurden. 8 i na. Wenn denn aber Gott, wie du uns ihn hast kennen gelehrt, ein so guter und dabei weiser und mächtiger Gort ist: so dächte ich, wurde er auch den Menschen noch besser geholfen haben? G-imal. Das dacht' ich auch, Vater. Laßt ers uns doch sonst an nichts fehlen. Er laßt uns die Sonne scheinen, damit wir sehen können, weil uns sonst unsere Augen nichts helfen würden; sollte er denn nicht auch den Menschen das nöthige Licht einer bessern Erkenntniß gegeben haben? Greis. Mit Recht könnet ihr dies von Gott, als einem gütigen Vater der Menschen, erwarten; aber ihr wisset auch, daß Gott in allen seinen Handlungen weise ist. Ihr habt dies bei so manchen Einrichtungen in der Natur eingesehen. Wißt ihr noch, worauf ich euch mehrmals beim Auf- gang der Sonne aufmerksam gemacht habe, warum sie Gott nicht gleich in ihrem vollen Glänze hervortreten läßt? Lina. Ja, weil dies unsre Augen zu sehr blenden würde. Greis. Und warum ich den Wunsch, den du einnial thatest, dieser Sonne, als sie in ihrer Herrlichkeit hervor trat, so recht nahe zu seyn, für Thorheit erklärte? Lina. Weil ich ihre Nahe nicht ertragen könnte. Greis. So kann auch der Verstand des Menschen nicht Alles und auf Einmal fassen und ertragen, er muß erst nach und nach vorbereitet werden; Zu dieser Vorbereitung wurde eins lange Zeit erfordert, bis er das Licht einer bessern Erkenntniß ertragen lernte. Endlich erschien dieser gehvffks 38'° Zeitpunkt, den Gottes Weisheit dazu ausersehen hatte, wo die Menschen zu einer richtigen Erkenntniß gebracht und zur wahren Glückseligkeit geleitet werden sollten. Und derjenige, durch welchen dies bewirkt wurde, war Jesus. Lina. Ach, das ist der Name, den du so oft in deinen vertrautem Unterredungen mit Pedro nanntest, der Name desjenigen, von dem ihr euch so oft mit merklicher Freude unterhieltet, und den du auch uns kennen zu lernen versprachst. Ja, Kinder! sprach der Greis mit einem Ausdruck der herzlichsten Liebe im Gesichte, wie, wenn man an seinen besten Freund denkt— das ist der Jesus, dessen Namen ich nie ohne die innigste Ehrfurcht und Liebe nennen kann, durch tzen ich Gott als meinen Vater kenne, dem ich jede Wohlthat meines Lebens, meinen Frohsinn, meine Zufriedenheit, ja— meine ganze Seligkeit verdanke, Mit diesem Jesus werde ich euch auch bekannt machen, und dann werdet auch ihr ihn lieben und einsehen, es sey in keinem andern Heil, es sey auch kein anderer Name henMenschen gegeben, darinne wir sollen selig werden. Gerne hätte die Versammlung nun noch länger dem Unterricht des Greises zugehört; aber er brach hier ab, mit dem Versprechen, mit dem kommenden Morgen darin fortzufahren, wo er sich desto langer mit ihnen unterhalten werde, zveil es ein Ruhetag sey, wo sie von ihrer Arbeit seyen,. sollten,„.^- x Er untersuchtemoch mit Riggult den. Justano dev kranken Widdams, fand ihn sehr erträglich, sprach ihm Muth ein, und begab sich mit den übrigen zur Ruhe, Es war ein feierlicher Morgen, an welchem sich die Gesellschaft in der Hütte Chilums versammelte und auf die Ankunft des Greises wartete, der mit Antonio sehr früh aufgestanden war, um sich an einem stillen Orre durchs Geber zu dem Geschäfts dieses Tags zu stärken. Mit erheitertem Gesichte, wie einer, der eins recht erfreuende Nachricht bringt, trat er in die Versammlung ein, wünschte ihr Glück zum heurigen Tage, und wurde von ihr mit allem Ausdruck der Liebe und Freuds empfangen. Der Greis konnte die Empfindung seiner frommen Freude nicht zurückhalten; in seinen Augen glänzten Frcnden- thranen, als er sie zum Himmel erhob und aus der Fülle seines Herzens Gott dankte, daß er die Menschen, seine Geschöpfe, in den Stand gesetzt habe, weise und gut, und immer vollkommner an ihrer Seele, und dadurch immer glücklicher zu werden, daß er in dieser Absicht Jesum Christum in die Welt unter die Menschen habe kommen lassen, um sie wahrhaft selig zu machen. Denn, fuhr er in den vertrauter» Unterhaltungen mit den versammelten Freunden fort, wobei er sich besonders an die Kinder wendete: wir würden doch nie zu einer so lebhaften Erkenntniß Gottes, zu einer so völligen Ueberzeugung von seiner Liebe gegen uns gekommen seyn, wenn er uns nicht durch noch nähere Belehrung dazu verholst» hatte; wir würden von gar vielen Wahrheiten, die doch für unsre Erkenntniß so wichtig, und für unser Herz so erfreuend und beruhigend sind, nichts, oder doch nicht mit der Deutlichkeit und Bestimmtheit wissen, wenn uns dieser Gott nicht einen besondern Unterricht davon ertheilt hätte. Nicht wahr, lieben Kinder, ihr habt schon durch den bisherigen Unterricht manches erkannt und eingesehen, was ihr vorher nicht 40 wußtet, und worauf ihr, wenn ihr euch selbst wäret überlassen geblieben, nie gekommen seyn würdet? Gumal. Das ist wahr; ohne deinen Unterricht wurden wir noch so unwissend, wie zuvor seyn; aber sage uns doch, woher hast du denn diese bessere Erkenntniß?» Greis. Ich habe sie vorzüglich auch dem Unterrichte zu verdanken, den ich von meinen ersten Jahren an m diesen so wichtigen Wahrheiten erhalten habe. Du wirst aber wohl vorzüglich wissen wollen, woher die Menschen überhaupt diese bessere Erkenntniß von Gott und göttlichen Dingen zuerst bekommen haben? und worauf sich noch jetzt unsere Ueberzeugung gründet? Dies will ich euch jetzt lehren. Schon habe ich such gesagt, daß die Menschen, wenigstens dem größten Theile nach, sich in großer Unwissenheit und vielen Irrthümern in dem, was die Erkenntniß Gottes betraf, befanden; daß daher auch ihr Verhalten nicht gut war, und sie folglich in einem Zustande lebten, in welchem sie nicht glücklich seyn konnten. Die bessern unter ihnen erkannten es ja wohl, wie gut eS für sie seyn würde, wenn sie aus diesem elenden Zustande der Unwissenheit und des Verderbens befreit würden; sie sehnten sich nach dem Lichte einer bessern Erkenntniß, und fühlten das Bedürfniß eines deutlichen und bestimmten Unterrichts zu ihrem Glück. Da trat ein Mann unter ihnen aus, mit Namen I e sn s, der es sich zum eigensten Geschäfte machte, die Menschen in den Wahrheiten zn unterrichten, die zu ihrer Seligkeit so wichtig waren. Sein äußerliches Ansehen war zwar durch nichts, von den gewöhnlichen Menschen unterschieden: aber m Absicht seines Verstandes, seiner Weisheit und Erkenntniß zeichnete er sich vor Alten, die mit ihm zu gleicher Zeit lebten, ganz vorzüglich aus; und eben so ausgezeichnet war sein ganzes Betragen. Es hatte zwar von jeher Menschen gegeben, die große Vorzüge des Verstandes vor andern hatten, sich 41 durch langen Fleiß viele nützliche Kenntnisse erworben harten, und daher für Gelehrte unter ihrem Volke galten; auch, wenn sie von ihren Wissenschaften Gebrauch machten und ihre Kenntnisse Andern mittheilten, Lehrer des Volks hießen: aber alle diese Gelehrten und bisherigen Lehrer wurden weit von diesem Jesus übertreffen. Er hatte eins so deutliche und gewisse Erkenntniß von Gott und allen den wichtigsten Wahrheiten, die auf Menschenglück Beziehung haben, wie einer, der alles dies selbst gesehen, oder es unmittelbar von Gott selbst erfahren hat; er wußte dies in einer so deutlichen und eindringenden Lehrart vorzutragen, daß es auch der gemeinste Verstand fassen konnte: dabei zeigte er eine ganz außerordentliche Neigung, die Menschen durch seine Belehrungen glücklich zu machen, so, daß er diesem Geschäfts sein ganzes Leben widmete, und ganz und gar nicht auf eigne Vortheile oder Bequemlichkeiten, oder sonstigen Genuß des Lebens auf der Erde dabei dachte. Nirgends' befand er sich besser, als wenn er einen Kreis von Menschen um sich her hatte, die ihm so recht aufmerksam zuhörten und seinen Unterricht annahmen; darüber vergaß er Essen und Trinken, und sein edles Herz empfand das innigste Vergnügen, wenn er bemerkte, daß sein Unterricht-Gutes wirkte. Gumal. Mir dünkt, Vater, du hast viel Ashnliches Mit ihm. Ich sehe dich auch nie heiterer und vergnügter, als wenn du uns Unterricht von Gott giebst; du lebst dann ganz eigentlich in diesem Geschäfte, Das hast du gewiß diesem Jesus abgelernt! Greis. O lieber Gumal! Ware ich ihm doch so ganz ähnlich und seiner würdig! Ich kenne keinen edlem Zweck als diesen, ihm ähnlich zu werden, und ich bin überzeugt, daß, wenn du diesen Jesus recht wirst erkannt haben, du dich auch ganz nach ihm bilden wirst. Einen edleren und liebenswürdigeren Menschen als ihn, hatte die Welt noch 42 nie gesehen; keimn, der sich fo ganz für die menschliche Wohlfahrt verwendete, der es in allen seinen Reden und Handlungen bewies, daß er in keiner andern Absicht in die Welt gekommen sey, als um die Menschen glücklich zu E h'ilu m. Ehrwürdiger Vater! Du machst uns begierig, diesen außerordentlichen Menschen, Jesus, näher kennen zu,lernen. Sage uns doch, wo kam er her? War er wirklich ein Mensch, oder war er ein höheres Wesen? Greis. Daß er wirklich ein Mensch war, das zeigte seine menschliche Gestalt, seine körperliche Bildung, sein ganzer. Leben auf der Erde. Er war gleich wie ein Mensch, und an Gsbehrden, in allem, was der menschlichen Natur eigen ist, wie ein anderer Mensch erfunden; von einem Weibe gehören, wuchs er unter den Augen seiner Artverwandten auf, und wurde nicht nur von ihnen für des Menschensohn gehalten, sondern nannte sich auch selbst gewöhnlich mit diesem Namen. Aber nicht nur die großen Anlagen mtd Fähigkeiten seines Geistes, die sich schon in seiner frühen Jugend entwickelten und zeigten, ließen etwas Außerordentliches von ihm erwarten, sondern als er in seinen männlichen führen als Lehrer der Menschen auftrat: so bemerkten nicht nur diesigen, welche die Gelegenheit hatten, ihn näher kennen zu lernen, eine ganz besondere Erhabenheit und Würde in seiner Person: sondern er selbst kündigte sich der Welt als denjenigen an, der mit dem höchsten Wesen, mit Gott, indem genauesten Verhältniß stehe, und unmittelbar von diesem Gott gesandt sey, die Menschen von ihrem Verderben zu erretten und selig zu machen. Wenn er von Gott sprach: so geschahe dies in einem so vertrauten, zuversichtlichen Ausdrucks, wie ein Sohn von seinem Vater spricht. Er nannte Gott gewöhnlich seinen Vater, und zwar in einem so bestimmten vorzüglichen Sinn, der auf eine höhere Abkunft von diesem höchsten Wesen nnd die genaueste Gemeinschaft mit demselben hinwies. Ich bin, sprach er, vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen, und gehe, wenn ich mein Geschäft auf Erden vollendet habe, wieder zu ihm zurück.— Wer mich siehet, der siehet den Barer.— Wisset, daß der Vater in mir und ich im Vater bin. Die Lehre, die ich verkündige, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Ich thue nichts von mir selbst, sondern wie mich mein Vater gelehrt hat, so rede ich; und der mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater läßt mich nicht allein; denn ich thue allezeit, was ihm gefallt. WaSmeynstdir,(Zumal, welcher Sinn liegt wohl in diesen Worten, und was. wollte Jesus damit sagen? Gumal. Ja nun, daß er mit Gott in sehr genauer Verbindung stehe, wie ein Sohn mit seinem Vater; und daß er von Gott gekommen sey, und daß Gott alles' durch ihn thue. Greis. Wenn nun das wahr ist, was Jesus von sich sagte, was verdiente da wohl seine Person? Gumal. Unsre größte Ehrfurcht. Greis. Und seine Lehre? Gumal. Unsern ganzen Beifall, Greis. Warum verdient sie diesen? Gumal. Ja, eben weil JesuS von Gott gekommen war, so mußte er ja auch Gott am besten kennen, und wis« sen, was er den Menschen von diesem Gott zu sagen habe. Greis..Wenn also die Menschen Zutrauen zu ihm haben, und seiner Lehre Beifall schenken sollten, wofür mußten sie da Jesum halten? Etwa für einen gewöhnlichen und blos menschlichen Lehrer? 44 Gumal. Nein; sondern für einen Lehrer, der von Gott gekommen sey. Greis. Und seine Lehre? Gumal. Für wahr, für göttlich. Greis. Das erste, was also Jesus von den Mensche», die durch ihn glücklich werden sollten, forderte, war: daß sie an ihn glauben, daß sie Zutrauen zu ihm fassen und sein? Lehre für wahr, für göttlich halten sollten. Und nicht wahr, Lina, du siehst es wohl«in, warum dies nöthig war? Lina. Ja freylich, weil er sonst das Gute unter ihnen nicht hätte bewirken können. Greis. Was war die Ursache, liebes Mädchen, daß dein Vater die Hülfe, die wir ihn- in seinem Elende anboten, nicht annahm, sondern zurückstieß? L ina. Ach, er hatte kein Zutrauen zu dir, guter Vater, und er sahe uns alle für seine Feinde an. Greis. Wir hätten ihm gewiß seine Leiden gar sehr erleichtern und seine Lebenslage vielleicht noch verlängern, oder doch sehr angenehm machen können: wenn er Zutrauen zu uns gehabt hätte. Wo dies nicht ist, da läßt sich wenig mit den Menschen ausrichten.— Woher kam es aber, daß dein Vater kein Zutrauen zu mir hatte, da ich ihm doch meine Hülfe anbot? Lina. Er kannte dich nicht; er- machte sich eine falsche Vorstellung von dir. Greis. Wenn ich also zu jemanden Vertrauen haben soll, was wird da vorausgesetzt? Lina. Ich muß ihn kennen, muß wissen, daß ers gut mit mir meynt, und daß er mir helfen will, und kann. Greis. Denke du dich einmal jetzt in eine Gesellschaft von sehr vielen Menschen, die dir zum Theil bekannt, zum Theil aber auch ganz unbekannt waren; stelle dir vor, du hättest eine sehr entfernte Reise an einen bestimmten Ort zu 45 thun, und wüßtest den Weg nicht, der dahin leitete. Du bedürftest also eines Führers dahin; wen wm-desi hu aus jener Gesellschaft dazu wählen? Würdest du dich so leicht einem jeden von ihnen anvertrauen? Lina. Gewiß nicht. Greis. Wem würdest du dein Vertrauen schenken? Lina sahe sich in der gegenwärtigen Gesellschaft um, und ihre Augen ruhten lächelnd aufGumal. Greis. Ich merke, was dein Auge sagt; du würdest den zu deinem Führer wählen, den du als deinen besten Freund kenntest, nicht wahr? Lina. Ja, Vater; von dem ich überzeugt wäre, daß er mich gern führen würde. Greis. Aber, wenn dieser Freund bei seinem besten Willen den Weg selbst nicht wüßte, könntest du dich ihm denn, ohne Gefahr zu irren, sicher anvertrauen? Lina. Das nicht. Greis. Wenn aber bei deinem Freund, mit der Bereitwilligkeit dich zu führen, auch die Kenntniß des Wegs verbunden wäre; wenn er dir mit Zuverlässigkeit sagen könnte, er wisse den Weg genau, sey selbst von dem Orte her, wohin du wolltest, und seine Absicht sey, dich dahin ohne alle Gefahr zu bringen: nicht wahr, dann würdest du dich ihm anvertrauen?' Lina. Ganz gewiß. Greis. Nun, Kinder, denkt, daß ihr jetzt den Weg zu eurer wahren Seligkeit beginnen wollt; es ist dies das gemeinschaftliche Ziel unsers Lebens; wir sind alle auf dem Wege nach demselben: aber wir bedürfen eines Führers, der uns sicher dahin bringt. Das soll uns nun dieser Jesus werden, der von sich gesagt hat: er sey dazu von Gott, seinem Vater, ausgesandr und in die Welt gekommen, die Menschen zu ihrer Seligkeit zu leiten; er sey der sicherste 46 Wegweiser zum ewigen glücklichen Leben, durch chn und durch seinen Unterricht würden wir gewiß zur Wahrheit und zum Leben kommen; aber ohne ihn würde es uns nie gelingen, zum Vater, zur richtigen Erkenntniß Gottes, zur völligen Ueberzeugung seiner Liebe, die der Grund unsrer Seligkeit ist, zu gelangen: Laßt uns also diesen Jesus künftig noch mehr kennen lernen, und untersuchen, ob er auch unsere« ganzen Vertrauens würdig ist: und finden wir dies, bann Kinder, dann laßt uns auch recht getrost und freudig den Weg gehen, den er uns' durch seine Lehre gewiesen hat. Der Greis stieg von seinem Sitze auf; die übrige Gesellschaft folgte ihm zu einem Spaziergsnge nach, den sie von dem Walde, an welchem die neue Wohnung lag, nacy der Gegend des Sees-nachten. So sehr dies der Lieblmgscrt des Gumal war: so schien es doch, als ob er diesmal nicht damit zufrieden sey, daß der Greis die Richtung dahin nahm; er hatte nämlich mit seinem lieben Antonio und Widdam in der Nähe desselben einen Baum gefallt, und ^gefangen, den Stamm desselben zu einem Nachen auszuzimmern. Dies sollte so lange geheim gehalten werden, bis sie denselben flott machen und die gute Lina mit emer Seefahrt überraschen könnten. Ob nun gleich dies Mh'zeug bsr- nahe fertig war: so sollte es doch nicht eher gebraucht werden, bis auch Widdam, der zuerst mit Hand angelegt hatte. wieder völlig hergestellt wäre. Antonio gab es dem Gumal Mit einem Winke zu ver- stehen, baß er wohl seine Verlegenheit merke und schon da- fch ee orqt habe; er leitete die Gesellschaft nach dem westü- §2«s-,s.«>° st»---u>«°» 7" Pappeln zu einer kleinen Fischerhütte gelangten, die er den 4? Abend zuvor mit den beyden Negern von Schilf aufgeführt hatte. Gumal selbst/ vor dem sie es geheim gehalten hatten, wurde dadurch überrascht: sie war so geräumig, daß sie die ganze Gesellschaft aufnehmen konnte; kaum war diese eingetreten: so machten die Eigenthümer der Hütte Anstalt zu ihrer Bewirthung, wozu Antonio schon vor Anbruch deS Tags alles vorbereitet hatte; er hatte Steine glühend gemacht und Fische darauf gebraten, die er jetzt seinen Gasten zum Frühstück vorsetzte, und aus geröstetem Reis und Honig eins Art von Getränk bereitet, welches die ganze Gesellschaft, besonders Lina, sehr wohlschmeckend fand. Während der Mahlzeit äußerte Gumal den Wunsch, daß doch auch der kranke Widdam, der mit seinem Arzte Riggult, hatte zurückbleiben müßen, an' den? Vergnügen dieses schönen Morgens Theil nehmen könnte. Leise schlich der andere Neger, Fenlo, sich von der Hätte weg; und ehe man seine Entfernung bemerkt hatte, sahen sie die beyden guten Reger den Widdam auf ihren Armen, so geschickt, wie in einem Lehnsessel, Herbeitragen, und sanft auf den Rasen vor der Hütte niederlegen. Es laßt sich leicht denken, wie sehr dies die Freude der Gesellschaft vermehrte; wie vergnügt sich Gumal und Lina an seiner Seite niederlegten, wie herzlich sie ihren Landsleuten für diesen Beweis ihrer Liebe dankten; auch Chilum drückte ihnen dankbar die Hände, und bezeugte gegen den Greis, daß er sich jetzt in der Gesellschaft so guter Menschen glücklicher fühle, als jemals, und das Glück, unter Freunden zu leben, höher schätze, als alle Vorzüge eines Fürsten. Der Greis wendete sich bei diesem Auftritte, an welchem sich seine gute Seele weidete, zum Antonio, und sprach zu ihm: Freund! Verstehest du nun, was Jesus, unser Herr, bei mancher ähnlichen Veranlassung, wo er noch gute unverdorbene Menschen vor sich fand, zu einem und 4«— dem andern sagte: Du List nicht fern vom Reiche Gvtttes!- Lieber Antonio, laß uns akes thun, um ihm auch diese Seelen zuzuführen. Unterstütze du nach der diesem so seligen Geschäfte ihres Unterrichts, und eunnere dich bei diesem See, daß dies auch unser Beruf, wie Mer ersten Jünger des Herrn, ist, und es für uns keinen hoher» Gewinn giebt, als diesen, der Menschen Seelen zu erhalten. ->-n: kranken Widdam chat eS sehr wohl, daß er sich wieA-r im Freien befand; die kühle Lust, die über den Seher wehete, und der Schatten der Bäume, milderte die Hitze des Tages, und es wurde beschlossen, hier den Abend zu erwarten. Unter abwechselnden Gesprächen und angenehmen Zerstreuungen, die sich ein Theil der Gesellschaft durch klem- Spaziergänge in dieser schönen Gegend machte, brach oer Abend an; die beyden Neger hoben den Krankn««der auf ihren Arm und trugen ihn zur Hütte, wohin der übrige-r.be,l der Gesellschaft langsam nachfolgte.,^ Nach dem Abendessen, wo sich der Greis gewöhnlich mit dem Unterrichte der Kinder beschäftigte, schloß sich Vertrauliche Kreis enger um ihn her, und m den Augen 2.er «jäte sich ein Verlangen, welches den nachdenkenden Gre-S um fortgesetzte Belehrung von Jesu zu bitten schien.^ Greis. Erinnert ihr euch, meine Lieben, was^esus von sich erklärte, und wofür er von den Menschen anerkannt seyn wollte?.. Gurtial. Ja; daß er von Gott gekommen seyum ihnen den besten Unterricht zu ihrer Seligkeit zu ertheilen. Greis. Und welches war die erste Forderung an si, hei Verkündigung seiner Lehre? Lina. Daß sie ihm ihr Zutrauen schenken, an ihn glau- be/und seinen Unterricht als wahr, als eine göttliche Lehre ^nnebmen sollten. Greis. 49 Greis. Konnte denn aber Jesus dieses mit Recht von den Menschen fordern? Gumal. Allerdings; wenn er, wie du sagtest, von Gott gesandt war, und in so genauem Verhältniß mit Gott stand, wie ein Sohn mit seinem Vater. Greis. Ja; aber woher konnten denn dies die Leute wissen? Lina. Weil er es ihnen sagte. Greis. Gut; aber wenn sie es nun nicht glaubten; wenn sie bei sich gedacht hätten: wer weiß, ob er das auch wirklich ist, wofür er sich ausgiebt? Wenn sie wohl gar wider ihn waren eingenommen gewesen— wie hätte da Jesus sie wohl überzeugen können? Gumal.(nach einigem Nachdenken) Ich sollte meynen, wenn Jesus wirklich von Gott gekommen war, so hatte man dies an allen seinen Reden und Handlungen merken müssen; so hatte er gewiß alle Menschen an Weisheit und Vollkommenheit übertreffen, und die Leute, die ihn sahen und hörten, hätten sagen müssen: der muß wirklich von Gott gekommen seyn! Greis. Da hast du wohl recht, Gumal; und es gab auch in der That einige, die so dachten; aber dies setzte eine genauere Bekanntschaft mit diesem Jesus, und einen geübtem Blick oder eine vernünftigere Ueberlegung voraus, die nicht von allen zu erwarten ist. Die mehresten Menschen der damaligen Zeit, als Jesus lebte, waren aber nicht an ein vernünftiges Nachdenken gewöhnt; was nicht sogleich in ihre Sinne fiel, was sie nicht mit ihren Augen sehen und gleichsam begreifen konnten, das war ihnen nicht wahrscheinlich. Nun aber hatte Jesus in seinem Aeußerlichen nichts, das ihn von andern Menschen unterschied; daher hielten sie ihn für ihres gleichen, und wenn er nun sagte, er sey von Gott Lvffius Gumal. H. D 5o gekommen: so forderten sie von ihm, daß er dies auf eine sinnliche und in die Augen fallende Art beweisen sollte. Gumal. Wie denn das, Vater? Greis. Auf sinnliche Menschen, wie sie gemeiniglich sind, macht die Vorstellung einer hohem Macht immer den stärksten Eindruck; selbst Gott ist ihnen nur darum vereh- rungswürdig, weil die Vorstellung einer unendlichen Kraft, oder Allmacht, mit dem Gedanken an ihn verbunden ist; wer also behaupten wollte, er sey von Gott gekommen. habe ganz besondere Aufträge von ihm erhalten: der mußte auch vor ihnen Augen diese höhere Würde dadurch beweisen können, daß er ein höheres Maas von Kräften erhalten habe, und mehr thun könne, als die Menschen gemeiniglich durch ihre Kruste ausrichten können; nun kann aber der Mensch, wie ihr ev auch erfahret, nicht mehr thun, als es die Kräfte und die Gesetze der Natur erlauben; er hat gewisse Grenzen, über die er nicht hinausgehen kann; wo sein Vermögen oder ferne Kraft zu wirken, nicht zureicht; zum Beispiel, er kann den Lauf der Veränderungen in der Natur, die nach gewissen festen Gesetzen geschehen, nicht aufhalten, als: dem Sturm gebieten, daß er nicht fortwüthe, sondern sich auf einmal legen soll; oder dem Strom, daß er plötzlich still stehen, oder eine entgegengesetzte Richtung nehmen soll, so wie es der Befehlende will; er kann die Gewitterwolken nicht nach seinem Gefallen am Himmel heraufführen oder durch j-men Wink verschwinden lassen, oder den Blitz nach feinern Gefallen lenken: das kann nur Gott, der auch die Kräfte der Natur in seiner Gewalt hat, und allmächtig ist; er kann thun, was er will. Wenn der Mensch auch ein Werk von Wichtigkeit thut: so bedient er sich dazu gewisser Mittel und Kräfte, die schon in der Natur vorhanden sind, und durch Hülfe derselben, bringt er auch wohl zuweilen vorzügliche Wirkungen hervor; z. B. bei Krankheiten seines Körpers weiß ^ er durch den Gebrauch gewisser Mittel, durch die Anwendung solcher Kräfte, die in der und jener Pflanze liegen, der Krankheit Einhalt zu thun, und sie nach und nach zu heben; aber ohne diese Mittel würde er dies gewöhnlich nicht thun können. Wer dies thun könnte, wer solche Wirkungen hervorbringen könnte, die sich nicht aus dem gewöhnlichen Laufe der Natur und den Kräften des Menschen erklären ließen, was würde der dadurch beweisen? Gumak. Daß er mehr als ein gewöhnlicher Mensch sey; daß ihm Gott ganz außerordentliche Kräfte gegeben habe. Greis. Solche Wirkungen, die sich nicht aus dem gewöhnlichen Laufe der Natur und den Kräften des Menschen erklären lassen, und also ganz vorzügliche und übernatürliche Kräfte voraussetzen, nennt man Wunder: hast du dies verstanden, gute Lina? Lina. Nicht so recht, Vater. Greis. Ich will sehen, ob ich es dir noch verständlicher machen kann. Kannst du dir es wohl erklären, warum es jetzt so dunkel um uns wird? Lina. Ja, weil es Nacht ist und die Sonne nicht mehr an unserm Himmel scheint. Greis. Ist dir dies eine gewöhnliche oder ungewöhnliche Erscheinung? Lina. Eme sehr gewöhnliche; denn ste geschiehet ja M desmal beim Untergänge der Sonne. . Greis. Wenn es aber jetzt auf einmal so helle um uns wurde, wie am Tage, wenn ein Heller, leuchtender Glanz sich um uns her verbreitete, ohne daß wir etwas in der Lust, oder am Himmel entdecken könnten, woher er entstehen könnte, und wir die Ursache gar nicht erklären könnten, wofür wurdest du dies halten? D 2 „2-L Lina. Für etwas ganz Außerordentliches, oder, wie du es nanntest, für ein Wunder. Greis. Und wenn nun diese Helligkeit aus meinen Wink entstehen und wieder verschwinden müßte: würdest du mir nicht ganz vorzügliche Kräfte zugestehen müssen? Lina. Ja gewiß. Greis. Und woher könnte ich dies erhalten haben? Lina. Doch wohl nur von Gott; denn wie könntest du sonst dazu kommen?..^ Der Greis, um etwas auszuruhen, ohne i-doch den Faden der Unterredung abzubrechen, trug dem Antonio auf, die Vorstellung von dem, was ein Wunder sey, naher zu emwickeln..... Antonio. Erinnerst du dich noch, Lina, in welche Verlegenheit wir versetzt wurden, als unser guter Widd am den Arm brach? Eins solche Verletzung seines Körpers hätte ja wohl sehr gefährliche Folgen für ihn haben können, wenn wir, und besonders Riggnlr, ihm nicht sogleich zu?» fe gekommen wären; doch ist sein Arm, ungeachtet er ihn schon mehrere Tage in der Binde tragt und ihm täglich Salben emgerieben werden, noch lange nicht geheilt, und er wird noch-ine geraume Zeit Geduld haben müssen, ehe er ihn völlig gebrauchen kann. Wenn nun damals, als ihm der Unfall begegnete, jemand zugegen gewesen, der ohne wettere Mittel, ja ohne nur den Arm zu berühren, blos durch einen Machisvruch: dein Arm soll wieder gcheilet seyn! ihn augenblicklich wieder hergestellt hätte, oder auch jetzt noch zu ihm sagte- strecke deinen Arm aus! und er wäre auf dies Wort so gesund, wie zuvor: würdest du dies nicht für außerordentliche Wirkung halten, und dem, der sie hervorbrachte, übernatürliche Kräfte zutrauen? Lina. Ja, das würde ich. Ich würde ihn für mehr als einen gewöhnlichen Menschen halten, der gewiß meine ganze Hochachtn^ verdiente. Antonio. Merkst du nun, was jene Leute von Jesu verlangten, wodurch er sich als den Sohn Gottes, oder einen göttlichen Gesandten, wofür er sicherklärte, beweisen sollte: so, daß sie auch wirklich davon überzeugt würden? Lina. Gewiß durch solche außerordentliche Thaten. Gumal. That denn dies Jesus auch? Greis. Ja; er ließ sich auch darinne zuweilen zur Denkungsart des Volks herab, weil er wohl sahe, daß er ohne dies sich nicht so allgemeines Zutrauen verschaffen und seine Lehre nicht den verdienten Beifall finden würde. Zwar hätten die Leute seiner Zeit gern gesehen, wenn er sich sogleich durch außerordentliche glänzende und stark in die Augen fallende Thaten ausgezeichnet, wenn er den Donner aus den Wolken gerufen oder in einem hellen Lichtglanz unter ihnen aufgetreten wäre. Das that aber Jesus nicht; denn seine Absicht war nicht, die Menschen zu übertäuben, sondern zu belehren; nicht Aufsehen unter ihnen zu erregen, sondern sie nur aufmerksam auf sich zu machen, und mit sanfter anziehender Gewalt zu sich zu ziehen, aber nicht zurückzustoßen; er wollte nicht Furcht, sondern Liebe in ihre Herzen pflanzen; daher führten auch alle seine außerordentliche Thaten immer das Gepräge einer geräuschlosen Güte, und stillwirkenden Menschenliebe; ja, sie dienten eben zum Beweise, daß er von dem Gott, der die Liebe und Güte selbst ist, gekommen sey, und auch darinne das Ebenbild seines Wesens an sich trage. Denn sagt selbst, meine Lieben, wodurch und auf welche Art verherrlicht sich Gott am meisten unter uns? Worin zeigt er sich am deutlichsten in der Natur als unsern Gott und Herrn? Etwa darinne, daß er täglich ganz ungewöhnliche und schreckenerregende Auftritte in der Natur be- 54 wirkt? Daß er seine Macht im Zerstören der Dinge, im Sturm und Donner beweist? Führt er die Sonne, das Bild seiner segnenden Güte, mit großem Geräusch am Himmel herauf? oder sind die Anstalten, die er zur Fruchtbarkeit der Erde und zur Beglückung ihrer Bewohner macht, so überraschend und auffallend? GuMal. Nein, Vater. Ich erinnere mich wohl, daß du uns oft die größten Wunder der Güte Gottes im Verborgenen, im stillen segnenden Fortwirken in der Natur hast bemerken lassen; und daß du uns dabei sagtest: Gott dringe die Erkenntniß Seiner und seiner Güte niemanden auf: sondern wolle, daß die Menschen ihn suchen und finden möchten; denn er sey nicht fern von jedem unter ihnen: denn in ihm leben, weben und sind wir. Greis. Siehe, Gumal, auch darinne bewies sich Jesus seinem Vater im Himmel so ganz ähnlich; er kündigte auch die Wohlthat, die er den Menschen durch seine Gegenwart verschaffte, nicht mit großem Geräusch an, sondern suchte mehr im Stillen Gutes zu wirken. Seine Wunder, die er verrichtete, zum Beweis, daß er zu ihrer Errettung und Beglückung in die Welt gekommen sey, waren daher auch lauter wohlthätige Handlungen, die er am liebsten, picht vor den Augen einer neugierigen großen Menge, sondern im kleinern Kreise guter Menschen verrichtete, und wobei er diejenigen, die Augenzeugen davon waren, mehrmals bat, daß sie kein großes Aufsehen darüber erregen, oder sie auf eine prahlerische Art ausbreiten sollten. Lernst daher, meine Lieben, aus diesem Verhalten Gottes und Jesus: wie auch ihr gesinnet seyn und Händeln müsset, wenn ihr in der Welt und in der menschlichen Gesellschaft Gutes stiften wollt. Wirkt das Gute im Stillen, vhüe darnach zu fragen, ob es auch immer von den Menschen erkannt wird oder nicht. Wer das Gute thut, um des Ruhms 55 willen, daß Anders von ihm reden und ihn bewundern sollen, der hak seinen Lohn dahin, und seine beste Handkmg verliert desto mehr am innern Werth. Wer aber auch unerkannt, ja selbst bei dem Undank seiner Zeitgenossen, still und thätig fortwirkt, der nähert sich dadurch dem Bilde Gottes, der seine Sonne scheinen laßt über Böse und Gute, und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Sei dem Beschluß dieser Unterhaltung war verabredet worden, mit dem kommenden Morgen eins Reise nach der Wohnung des Greises zu machen, um da einige nöthige Geschäfte zu besorgen; die beyden Kinder, nebst Antonio, sollten den Greis dahin begleiten; und kaum war der Morgen angebrochen, als sich diese in völliger Bereitschaft befanden, die Reise anzutreten. Unterweges wurde das Gespräch wieder auf die gestrige Unterhaltung zurückgeleiret: die Kinder waren begierig zu wissen, was denn Jesus vorzüglich gethan chabe, um sich den Menschen als ihren von Gott gesandten Wohlthäter zu beweisen. Greis. Er ist unter ihnen umhergezogen und hat wohlgethan, und gesund gemacht, die mit mancherlei Krankheit behaftet waren: denn Gott war mit ihm. Antonio wird euch davon manche merkwürdige Geschichte zu erzählen wissen. Antonio. Einsmals befand sich Jesus in einer Versammlung von sehr vielen Menschen, wo er eben beschäftigt war, ihnen Unterricht von Gott und den Wahrheiten der Religion zu ertheilen; es Herrschte Sülle und Aufmerkjamkett um ihn her; denn so wie dieser Jesus lehrte, so verständlich und so eindringend, waren sie es von ihren bisherigen Lehrern nicht gewohnt zu hören, so daß einer den andern fragte: woher mag er wohl diese außerordentliche Weisheit haben? Auf einmal schrie einer in der Versammlung laut auf und gab alle Zeichen eines unsinnigen Menschen von sich; in seinem verwirrten Zustande dachte er sich Jesum zwar als ein höheres, aber als ein furchtbares Wesen, fast so, wie dein unglücklicher Vater Hadsi sich unsern guten Geronio dachte, und verfiel darüber in die heftigste Verzückung. Kaum bemerkte ihn Jesus. so befahl er ihm, ruhig zu seyst und zu Verstände zu kommen; und nach wenigen Augenblicken geschah es wirklich. Dies erregte allgemeines Erstaunen; denn die Leute, die diesen Menschen lange schon als einen Unglücklichen kannten, der öftere Anfälle vom Wahnsinne hatte, standen in der Meynung, er werde von einem bösen Geiste geplagt. Wie groß mußte daher Jesus in ihren Augen werden, der mit einem einzigen Worte einen Menschen zurecht bringen und solch ein Uebel heilen konnte, das menschlichen Kräften zu trotzen schien. Noch ehe sich das Volk aus seinem Erstaunen über diese That finden konnte, hatte sich Jesus aus der Versammlung entfernt und sich in das Haus eines seiner Bekannten begeben. Hier traf er die Schwiegermutter seines Freundes auf dem Krankenlager an; das gute Weib lag an einem heftigen Fieber darnieder, und die ganze Familie war für ihr Leben besorgt. Jesus näherte sich ihr, richtete sie freundlich von ihrem Lager auf, reichte ihr die Hand, und in dem Augenblicke fühlte sie sich frei von ihrer Krankheit, und so gestärkt, daß sie aufstehen und noch denselben Abend, wo dies geschahe, das Geschäft der Hausmutter besorgen und Jesum bei der Mahlzeit bedienen konnte. Die Freude über die Genesung einer so guten Mutter konnte nicht im Kreise ihrer Kinder und in ihrem Hause eingeschränkt bleiben, sie mußte auch andern mitgetheilt werden; und folglich breitete sich die Nachricht davon sogleich in der Stadt aus« Die Sonne war noch nicht untergegangen, als ,————^ es schon daS allgsmeirre Gespräch in der Stadt war, daß Jesus auf eine so wunderrhätige Art helfen könnte. Wo also irgend ein Kranker in einem Hause war, der fortgebracht werden konnte, der wurde hin zu dem Orte geschafft, wo Jesus verweilte, mit der Bitte, daß er doch die Hand auf ihn legen und ihm helfen möchte; und in diesem so wohlthätigen Geschäfte brachte der gütige Menschenfreund den ganzen Abend bis in die Nacht zu. Mit dem frühesten Morgen aber entfernte sich der edle Wohlthäter in eine einsamere Gegend, theils um da im Stillen sich mit Gott, seinem himmlischen Vater, im Gebet zu unterhalten; theils aber auch dem Andringen des Volks auszuweichen; doch suchten ihn einige seiner vertrauten Freunde daselbst auf, und baten ihn, doch wieder zurück zu kehren, und den Dank ihrer Landsleute anzunehmen. Rein, sagte der Edle zu ihnen: Laßt mich lieber auch an andern Orten Gutes wirken, und meine Lehre verkündigen; dem? dazu bin ich in die Welt gekommen.— Erst einige Tage darnach kam er wieder an den vorigen Ort zurück, weil da noch ein elender Mensch auf seine Zurückkauft harrte. Kaum war er wieder in das Haus seines Freundes eingetreten und die Nachricht von seiner Gegenwart ruchbar geworden, als sich das Volk in dichten Haufen dahin drängte, so, daß es das Haus nicht fassen konnte, und selbst der Eingang zu demselben von der Menge versperrt war. Da brachten sie einen elenden Mann, dessen Glieder von heftigen Gichtschmerzen ganz zusammengezogen waren, auf seinem Betts getragen, und nur mit der größten Mühe gelang es ihnen, diesen Unglücklichen zu den Füßen Jesu zu legen. Wahrscheinlich hatte sich dieser Mensch diese Krankheit durch seine vorige schlechte Lebensart zugezogen, und manche von den Anwesenden vermutheten, Jesus würde ihm deswegen verdiente Vorwürfe machen. Aber der Menschenfreund. der das Antrauen, welches dieser unglückliche Menfth 58 zu ihm faßte, zu schätzen wußte, redete ihn liebreich an: mein Sohn, sagte er zu ihm, deine Sünden sind dir verge- den! Und um bei dieser Gelegenheit zu zeigen, daß er die Macht habe, auch die Sünden zu vergeben, hob er sogleich die Folgen der Sünde, nämlich die Krankheit selbst auf; indem er zu dem Kranken sagte: stehe sogleich auf und trage selbst dein Bette wieder nach Hause. Zu Aller Erstaunen erhob sich der Mensch, der zuvor seiner Glieder nicht mächtig war, raffte sein Bette zusammen, und gieng selbst, mit innigem Dankgefühl durchdrungen, in seine Wohnung zurück. Gun: al. Das ist doch zum Erstaunen! Wer hatte da nicht Zutrauen zu diesem Jesu fassen wollen? Gewiß werden ihn die Leute überall aufgesucht haben, und recht begierig geworden seyn, ihn kennen zu lernen. Antonio. Ja; der Ruf von seinen großen und wohlthätigen Handlungen verbreitete sich bald in der Gegend umher, gieng gleichsam vor ihm her, wenn er in irgend eine Stadt oder in ein Dorf kam; jedermann war begierig, den großen Wunderthäter zu sehen. Bei vielen war dies freilich blos Neugierde, und wo dies Jesus merkte, da entzog er sich gewöhnlich ihren Augen; aber wo sie ihm mit so recht herzlichem Zutrauen entgegen kamen, und ihn um Hülfe baten, da entzog er sich ihnen nie. So kam einsmal auch ein angesehener Mann zu ihm, dem man es schon im trüben Auge und abgehärmten Gesichte ansehen konnte, daß er grossen Kummer in seinem Herzen hatte: er hatte eine einzige Tochter von zwölf Jahren, die der Liebling seines Herzens war, und diese lag eben todtkrank; schon hatte er alle Hoffnung zu ihrer Erhaltung aufgegeben, als er hörte, daß Jesus in die Gegend gekommen sey. Da machte er sich auf, ihn aufzusuchen, warf sich ihm zu Füßen, und bat ihn flehentlich, er möchte doch mit ihm gehen, und seine Hand auf seine kranke Tochter legen; denn er habe das Zutrauen 5g zu ihm, daß er ihr gewiß helfen könne. Das freuete den guten Jesus; er brach sogleich mit dem ängstlichen Vater auf, begleitet von einer großen Menge Menschen unter denen sich auch ein armes elendes Weib befand, das zwölf Jahre schon einen siechen Körper an sich getragen und ihr geringes Vermögen ganz an die Aerzte, aber vergeblich, gewandt hatte; denn niemand konnte ihr helfen; ach! dachte diese, dürfte ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich gesund werden! sie thars; und in dem Augenblick spürte sie eine außerordentliche heilsame Veränderung in ihrem Körper; ihre vorige Plage war mit einemmale verschwunden, und neue Lebenskraft strömte gleichsam in ihre Glieder. So geheim dies geschah, so wußte es doch Jesus wohl; wußte, was der geheime Wunsch ihres Herzens und wie aufrichtig ihr Zutrauen war; und schon hatte er ihr geholfen, als er sich nach ihr umdrehte und ihr einen Verweis wegen ihrer Zudringlichkeit zu geben schien; das gute Weib warf sich erschrocken zu seinen Füßen, und gestand ihm alles; und der leutselige Jesus richtete sie mit den Worten auf: sey du getrost meine Tochter! dein Glaube, dein Zutrauen zu mir, hat dir geholfen! gehe hin, und sey künftig von deiner Plage befreit. Lina. Ach, das wird gewiß dem Vater des kranken Mädchens-vollends Muth gemacht, und ihn in dem Vertrauen gestärkt haben, daß er auch diesem helfen werde. Antonio. Ja; aber beinahe hatte er diese Hoffnung aufgegeben; denn eben jetzt kamen einige von seinen Leuten aus seinem Hause mit ängstlichen Gesichtern und mit der erschreckenden Nachricht ihm entgegen:„bemühe den guten Lehrer weiter nicht; seine Hülfe kommt zu spat: deine Tochter ist nicht mehr am Leben." 6s Gumal. Das wird für den guten Vater eine schreckliche Nachricht gewesen seyn! Ware er doch nur früher zu Jesu gekommen. Lina. Mich dauert das gute Mädchen; so jung- und schon todt. Was wird ihr armer Vater nicht empfunden haben! Antonio. Den mußte diese Nachricht freilich sehr niederschlagen. Aber Jesus richtete ihn auf. Sey du nur ohne Furcht, sprach er zu ihm, und behalte Muth und Vertrauen^ Damit zog er ihn aus dem Gedränge des Volks, und gieng mit ihm und einigen seiner vertrauten Freunde nach dem Orte hin, wo seine Hülfe so nöthig war. Jetzt kamen sie der Wohnung naher; da war nun alles im Orte zusammengelaufen; jedermann wollte dem bedaürenswurdigen Vater sein Mitleid über den Verlust einer so geliebten Tochter bezeugen; viele suchten auch Sei dieser Gelegenheit etwas zu verdienen, indem sie die Leiche in einem so angesehenen Hause nach dortiger Sitte recht anständig und mit vielem Geräusch beschik- ken halfen. Kaum konnte Jesus der Wohnung vor der Menge Menschen beikommen; auch das Zimmer, wo das todte Mädchen lag, war ganz von ihnen angefüllt.„Wozu dies Geräusch, sprach Jesus mit ernstem Blick! Gehet doch hinaus; das Mädchen ist ja nicht todt, sondern es schläft." Diese Erklärung Jesu erregte ein allgemeines Lächeln; denn alle hatten gesehen, daß es wirklich todt war; und nur mit Mühe ließen sie sich von dem Sterbelager des Kindes entfernen. Jetzt stand Jesus mit den beyden Eltern des Kindes und einigen aus der Familie allein vor diesem Lager, wo das holde Mädchen, todtenblaß und ohne einiges Zeichen des Lebens vor ihnen lag; das thränenvolle Auge des Vaters und der Mutter ruhte auf diesem erblaßten Lieblinge— jetzt nahm es Jesus bei der kalten Hand und rief ihm zu: Mädchen, stehe auf! Im Augenblick öffneten sich die Augen des Kindes, es erhob sich von seinem Lager, und gieng an der Hand seines Erretters den staunenden Eltern entgegen, warf sich in ihre Arme, die es nun als neu geschenkt mit der zärtlichsten Liebe an ihre frohe dankbare Brust drückten. Auch den Kindern glänzte bei dieser Erzählung Freude aus den Augen; sie erklärten, daß sie nicht wüßten, ob sie diesen Jesum mehr wegen seiner außerordentlichen Kräfte, die er bei diesen Gelegenheiten bewiesen habe, bewundern, oder seines edlen, liebevollen Herzens wegen verehren und lieben sollten. Gewiß, sagten sie, verdient dieser Jesus auch unser ganzes Vertrauen und unsere innigste Liebe. Mährend dieser Erzählung kamen sie der Wohnung des Greises näher. Schon in den naheliegenden Feldern und Garten bemerkten sie es, wie nöthig ihre Gegenwart sey; wie viel durch ihre Abwesenheit war versäumt worden. Das Unkraut hatte sich in den Gärten ausgebreitet; verschiedene junge Bäume waren durch den Wind pfahllos geworden und von den Lauben hiengen' die srischgetriebenen Zweige wild umher; so daß sie Beschäftigung genug für mehrere Tage fanden, das alles wieder in Ordnung zu bringen. In der Wohnung selbst fand Lina so vieles aufzuräumen und auszubessern, daß sie leicht hälts den Muth verlieren können, wenn sie nichl wäre belehrt worden, daß man nur frisch die Hände an seine Geschäfte legen müsse, so gehe alles leichter, als man es sich denke, von statten. Der Eifer, mit welchem sie an ihre Arbeiten giengen, die Munterkeit, die selbst der Greis bei denselben bezeugte, die Unterstützung, die eines dem andern dabei leistete, erleichterte ihnen dieselbe gar sehr, und es däuchte ihnen so wohl, wenn sie sich in den Stunden der Erholung an einem schattigten Orte zusammensetzten, 6s mit Speise und Trank erquickten, und mit aufheiternden Gesprächen unterhielten. Gegen Abend fand sich auch der gute Vater Chilum zu der Gesellschaft ein; die Kinder hatten ihn schon von Ferne bemerkt, und waren ihm freudig entgegen gesprungen; von ihm empfiengen sie die gute Nachricht, daß es mit W i d- dam immer besser werde; daß sein Arzt heut seine Wunde untersucht und versichert habe, er werde bald völlig wieder hergestellt seyn. Sie führten ihn zur Sonimerlaube, wo ihn der Greis mit Antonio auf das freundschaftlichste em- pfieng, und Lina die möglichst beste Anstalt zu seiner Be- wirthung machte. Nach dem Abendessen wurde ein Spaziergang nach der östlichen Gegend gemacht, wo die Fruchtbäume eben in voller Blüthe standen. Der balsamische Geruch der Pomeranzen, Citronen und anderer Obstbaume war ungemein erqnik- kend; mit vorzüglichem Vergnügen aber bemerkten die Kinder die Blüthe des Olivenbaums. Baker! die Olive blüht, riefen sie erfreut dem Greise zu, nun werden wir bald einen Besuch von deinen Brudern zu erwarten haben. Der Greis erklärte dem stutzenden Ehilum, was es damit für eine Bewandtniß habe, und die Kinder sprangen vor Freude, als sie hörten, daß er sie mit jedem Tage erwarte. Bei der Zurückkehr nach der Hütte, erzählten die Kinder diesem ihrem Vater wieder, was sie heut durch den Unterricht des Antonio von Jesu gehört hatten. Antonio und der Greis knüpften an diese Erzählung noch die Geschichte mehrerer solcher großen und menschenfreundlichen Thaten Jesu an, durch welche er sich unter seinem Volk als den von Gott gesandten Erretter und Wohlthäter bewiesen habe; wie er so manchem Blinden das Gesicht, den Tauben das Gehör, den Stummen den Gebrauch ihrer Zunge zum Sprechen, den Wahnsinnigen den Gebrauch 63 ihrer Vernunft wieder gegeben, und so viele Kranke von aller Art gesund gemacht, ja sogar Todte wieder erweckt habe, und das ohne alle weitere Mittel, blos durch sein Wort. Gleichwohl, setzte der Greis hinzu, gleichwohl hielt es so schwer, die Menschen von der Wahrheit seiner göttlichen Sendung zu überzeugen. Gumal. Wie ist dies möglich, Vater! Ich sollte meynen, daß auch nur ein Wunder dieser Art hinreichend gewesen wäre, sie davon zu überzeugen. Greis. Auf Viele machte es allerdings Eindruck; sie schloffen daraus, er müsse gewiß von Gott gesandt seyn, weil doch kein Mensch solche außerordentliche Thaten, ohne Mitwirkung einer Hökern, göttlichen Kraft verrichten könnte. Das Ansehen Jesu, als eines göttlichen Lehrers, verbreitete sich auch daher mit jedem Tage unter dem Volke, und so auch die Zahl seiner Verehrer. Aber ein großer Theil des Volks hieng sich auch nur aus bloßer Neugierde an ihn, und in der Erwartung, daß dieser so mächtige Jesus ein großes weltliches Reich stiften und seine Anhänger darinne zu vorzüglichem Glück erheben würde. Wenn ihnen aber Jesus erklärte, daß er in ganz anderer Absicht in die Welt gekommen sey: nämlich, um die Wahrheit zu verkündigen, die Menschen von ihrer Unwissenheit und von ihren Smrde'n zu befreien, wahre Gotteserkenntniß und Tugend unter ihnen zu verbreiten, und sie auf diesem Wegs zu ihrem wahren Glück zu leiten; wenn er von denen, die seine rechten Verehrer und Nachfolger seyn wollten, verlangte, daß sie ihre bisherigen irrigen Vorstellungen aufgeben, von ihren gewohnten Sünden ablassen, und sich um des Guten willen alles, auch das Härteste, sollten gefallen lassen— da zogen sich viele zurück; da war ihnen dies eine zu harte Forderung; da glaubten sie weiter nicht mehr an ihn. Außerdem gab es auch Viele, die schon zum Voraus wider Jesum und seine 54"""' Lehre eingenommen waren, und sich durchaus nicht von seiner göttlichen Sendung überzeugen wollten. Wenn sie nun gleichwohl die Wunder sahen, die Jesus vor ihren Augen that, und es nicht läugnen konnten, daß mehr als gewöhnliche Kräfte dazu gehörten: so fiengen sie wohl gar an, diesen Jesus zu lästern, und ihm Schuld zu geben, er stehe mit einem bösen Geiste in Verbindung, und durch Hülse desselben verrichte er diese Wunder— Gum all Was denkst du von dieser Beschuldigung?^ Gumal. Daß sie äußerst boshaft war. Wie kann denn ein böser Geist Gutes thun? Der würde ja eher den guten Absichten Jesu zuwider, als beförderlich gewesen seyn, und Jesus wollte ja nur Gutes in der Welt stiften. Greis. Erkenne daraus, mein Lieber! wieweit der Mensch gehen, und zu welcher unvernünftigen Behauptung er seine Zuflucht nehmen kann, wenn er einmal Wider die Wahrheit eingenommen ist. Lina. Was aber dieses den guten Jesus kranken mußte l Greis. Es that allerdings seinem edlen Herzen wehe; über nicht etwa um seinetwillen, sondern blos um dererwillen, die so vorschlich in ihrem Unglauben beharrten, und sich dadurch ihrer Besserung und ihres Glücks unfähig machten; dennoch ließ er sich dadurch in seinem Bestreben, die Menschen durch seinen Unterricht zu bessern, nicht aufhalten: sondern wirkte, wie sein Vater im Himmel, der auch oft bei seinen Wohlthaten von den Menschen verkannt wird, immerfort Gutes. Selbst die Lästerungen seiner Feinde mußten dazu dienen, die Wahrheit seiner göttlichen Sendung in noch helleres Licht zu setzen: man untersuchte die Beweise derselben, seine Wunder, desto genauer; forschte mit angestrengter Aufmerksamkeit nach, fand sie völlig unverdächtig, und bemerkte desto stärker in ihnen die Wirkungen einer höher» göttlichen Macht. —^ 65 So gewiß aber auch diese Wunder Jesu von seiner übermenschlichen Macht zeugten, und so nöthig sie auch für die damalige Zeit zum Beweis seiner göttlichen Sendung waren: so legte doch Jesus selbst nicht den größten Werth auf sie; ja, er sahe es nicht einmal gern, wenn die Menschen, blos um der Wunder willen, an ihn glaubten. Er erklärte mehrmals, er thue sie mehr um der Schwachen willen, solcher Menschen wegen, die nicht Sinn genug für die Wahrheit selbst hätten, nicht verständig und weift genug wären, aus dem Inhalt seiner Lehre selbst und den großen Wahrheiten derselben einzusehen, daß sie von Gott sey. Ja, er pries diejenigen vorzüglich glücklich, die, auch ohne Wunder und Zeichen zu sehen, dennoch an ihn glauben, und aus innerer Ueberzeugung seine Lehre als göttlich anerkennen würden. „Werder nur, sprach er, erst recht mit meiner Lehre bekannt, macht euch die Grundsätze, die ich euch vortrage, so recht eigen, und befolgt sie: dann werdet ihr inne werden, ob meine Lehre von Gott sey, oder ob ich von mir selbst rede. Wer einmal die Wahrheit erkannt hat, der wird sie dann so leicht nicht wieder aufgeben, sie wird ihn frei von allen Vor- urtheilen machen, und ihn mit innerer göttlicher Kraft beleben. Diese Erkenntniß der Wahrheit ist aber nicht daS Werk der Sinne, sondern des Verstandes; sie kann nicht mit dem Auge des Leibes, sondern mit dem Auge des Geistes, das ist, mit dem Verstands, gefaßt werden; dies ist das Licht der Seele, und wer dies hat, wer erst recht durch nreine Religion erleuchtet ist, der wird nicht mehr in Finsterniß wandeln, sondern wie im Licht, weift und tugendhaft." Sagt selbst, meine Lieben, wenn die Lehre Jesu dies in der That bei dem Menschen bewirkt, daß sie ihn weise und tugendhaft macht; wenn sie seinem Verstünde zu Hülfe kömmt, und ihn zur deutlichsten und gewissesten Erkenntniß derjenigen Wahrheiten leitet, die seine Vernunft nur schwach Lvssius Gumal. Il E 66 und ungewiß erkennen konnte, und an deren Ueberzeugung ihm doch alles gelegen seyn muß; zum Beispiel von Gott, von seiner gütigen Gesinnung gegen diö Menschen, von seiner Fürsorge für sie, von der eigentlichen Bestimmung des Menschen zur Seligkeit, und wie er es anzufangen hat, dazu zu gelangen: wenn sie das, was ihn hinderte, diese Bestimmung zu erreichen, völlig aufhebt, und ihn in den Stand setzt, vollkommen glücklich zu werden, wenn sie ihm Kräfte ertheilt, nach dem Bilde seines Gottes und nach dem eigentlichen Zweck seiner vernünftigen Bildung, tugendhaft und heilig zu werden; wenn sie ihn in allen Verhältnissen seines Lebens auf der Erde lehrt, gut und nützlich, heiter, zufrieden und glücklich zu seyn, und ihm sogar noch nach dem Tode die gewisseste Versicherung eines ewigen Glücks ertheilt: was werdet ihr nun von einer solchen Lehre urtheilen? Gumal. Vater! Eine solche Lehre muß gewiß von Gott seyn. Greis. Und derjenige, der sie den Menschen verkündigte— Lina. Muß ganz gewiß von Gott seyn. Greis. Nun, meine Lieben, ich werde euch künftig mit dieser Lehre Jesu und mit derjenigen Person, die sie uns verkündigt hat, bekannter zu machen suchen, und ihr werdet dann gewiß keines weitem Beweises für die Wahrheit und Göttlichkeit derselben bedürfen. Eure eigene innigste Ueberzeugung wird dann dafür sprechen. Ihr werdet mit der innigsten Liebe und Hochachtung gegen diesen Jesus erfüllt werden, der so ganz zum Besten der Menschen auf Erden lebte, und es durch seinen ganzen Wandel, durch Wort und That bewies, daß er von Gott gekommen sey, zu suchen und selig zu machen, was verloren war. Gumal. Ach Vater! Wenn du wüßtest, wie ich ihn schon jetzt liebe, ungeachtet du mir nur noch wenig von ihm gesagt hast, wie sehr ich wünsche, ihn zu kennen, und in feiner Lehre unterrichtet zu werden! Lina. Ich glaube gewiß, daß wir durch ihn erst recht glücklich werden. Der Greis mit dem Ausdruck der innigsten Freude und mit zum Himmel gerichtetem Blicke: Das ist Gottes Werk, daß ihr an den glaubet, den er gesandt hat. Die Unterhaltung des Greises mit seinen lehrbegierigen Schülern hatte sich bis in die Nacht hin verzogen; doch schien es dem aufmerksamen Chilum noch zu bald, daß er die Gesellschaft verlassen und nach seiner Wohnung zurück gehen sollte; er hatte es aber dem kranken Widdam versprochen, und um diesen nicht in Unruhe zu setzen, brach er endlich auf. Die Gesellschaft begleitete ihn bis zur Anhöhe; der Mond erleuchtete ihren Pfad, und die sanfte Abendlust, die von dem Duft der blühenden Baume erfüllt war, wehte ihnen Erquickung entgegen. Am Fuße des Berges blieb der Greis und Antonio; die Kinder aber empfiengen die Erlaubniß, ihren Vater noch bis auf die Anhöhe zu begleiten; erst da, wo sich die Aussicht in das ruhige Thal öffnete, schieden sie unter Anwünschung einer ruhigen Nacht und herzlicher Umarmung auseinander; sahen noch dem guten Vater Ch ilum nach, wie er einsam das Thal hinab wandelte, kehrten dann Arm in Arm geschlungen zu dem Greise, und mit ihm und dem Antonio zu ihrer Hütte zurück, und empfanden da auf ihren frischbereiteten Lagern die sanfte Wohlthat des Schlafs. Mit dem frühesten Morgen erwachten sie wieder» versammelten sich auf einer kleinen Anhöhe zum Gebet, und grenzen gestärkt durch dasselbe an ihre Arbeiten, 68 Der Kreis ihrer Wirksamkeit hatte sich in dem Maaße erweitert, als diese Colonie sich vermehrt hatte. Es war nun ein größeres Feld zu bearbeiten, und kaum reichten ihre Hände und Kräfte zu, die neu angelegten Gärten und Felder gehörig in Ordnung zu erhalten.-. Der guten Lina wurde es besonders bei ihren häuslichen Geschäften, die sie größtenteils allein betrieb, sehr sauer; sie war das einzige weibliche Geschöpf in der Gesellschaft; ihr guter Wille, gerne alles zu besorgen, was zur Bequemlichkeit und Erholung ihrer Freunde erforderlich war, gieng weit über ihre Kräfte: daß sie oft, wenn sie den Tisch für ihre lieben Gaste bereitet hatte, ganz ermüdet an der Seile ihres geliebten Gumals niedersank, und vor Müdigkeit selbst nicht essen konnte. Auch fehlte es oft an nöthigen Ge- räthschaften; denn so erfinderisch auch Antonio, und p geschickt seine Hand zu verschiedenen künstlichen Arbeiten war: so mangelte es ihm doch oft an Zeit und an verschiedenen unentbehrlichen Hülfsmitteln. Beruhigt euch nur, meine Lieben, sprach dann der Greis zu ihnen: mir der Zeit wird das alles besser werden. Wenn wir nur nach dem Maasllmsrer Kräfte unverdrossen fort arbeiten; so wird die Vorsehung unsers gütigen Gottes unsere Arbeiten von Tag zu Tage segnen, und uns die Mitte! gleichsam in die Hände geben, unsern gegenwärtigen Zustand immer mehr zu verbessern. Gebet, Arbeit und Vertrauen auf Gott überwindet auch die größten Hinderniffeund Beschwerden. Wenn sich denn auch auf der einen Seite unsere Geschäfte vermehren; so bedenkt nur, daß wir auch aus der andern an Vergnügen, Bequemlichkeit und mannich- faltigen Freuden gewinnen. Wahr ist's, unsere Bedürfnisse nehmen immer mehr zu, jemehr die Gesellschaft, in der wir leben, sich vermehrt. Als ich noch mit meinem Pedro allein war, dawar uns unsere kleine Hütte geräumig genug, wir brauchten nur ein kleines Fleckchen Garten zu umzäunen und ein mäßiges Landchen mit Reis zu bestellen, unsers einfachen Mahlzeiten erforderten keine große Zubereitung; wir aßen die Früchte, die uns die Jahrszeit eben darbot, tranken aus der nächsten Quelle, und preßten nicht mehr Saft aus den Trauben, als wir etwa zur Erquickung und Aufheiterung an einem festlichen Tage nöthig hatten. Jetzt fangen wir schon an, uns manches zum Bedürfniß zu machen, was wir auch wohl entbehren könnten; unsere Lina macht sich's zum Vergnügen, uns statt der gewöhnlichen Kost mit manchem angenehmen Gerichte, zu überraschen; ihr, meine jungen Freunde, macht auf euren Jagden und Fischereien manchen guten Fang für ihre Küche; ich selbst werde in meinen alten Tagen durch euch verleitet, meinen Gaumen wieder an eine beßre Kost zu gewöhnen, und bei unfern freundschaftlichen Zusammenkünften wird ja freilich ein größerer Vorrath erfordert, als vormals in meiner Einsamkeit. Aber wenn ich auch bedenke, wie vieles Vergnügen mir durch euren Umgang zugewachsen ist: welche frohe Stunden ich jetzt bei euch genieße— o dann wünsche ich mir oft die Kräfte meiner Jugend, um euch eu- ern Aufenthalt bei mir so angenehm als möglich zu machen. Gumal. Guter Vater! Das laß nun an uns kommen. Du hast genug gearbeitet. An uns ist es nun, dir deine Lebenstage zu versüßen. Gerne wollen wir unter deinen Augen arbeiten, und uns in deine Geschäfte theilen, wenn wir uns nur jeden Abend um dich versammeln und deinen so beglück- kenden Unterricht genießen können. Lina. Und achI wenn ich doch so recht dein Vergnügen vermehren und alle diese Lieben so recht froh um mich machen könnte! Dies, dies würde mir die größte Freude seyn. Darum hat uns ja auch der liebe Gott, wie du uns gelehret hast, mit einander in Verbindung gesetzt, daß wir uns mit 70 einander freuen, seine Gaben mit frohe» dankbaren Herzen genießen, und uns daS Leben angenehm machen sollen; ja, er sieht es als ein guter Vater gern, wenn wir als seine guten Kinder auf seiner schönen Erde vergnügt sind: und ich glaube gewiß, der gute Jesus, den du uns hast kennen gelernt, würde dies such billigen: denn er kam ja zu den Menschen, um sie glücklich und also auch recht froh zu machen. Greis. Allerdings bewies er sich auch darin als einen Freund der Menschen, daß er ihnen nicht nur lehrte, wie sie auch schon auf dieser Erde recht froh und zufrieden leben könnten: sondern indem er auch, während er mit ihnen um- gisng, an ihren unschuldigen Freuden Theil nahm, und dieselben durch seine Gegenwart beförderte. Auch war er gern im Kreise guter Menschen, und ruhte oft in der ruhigen Wohnung solcher Menschen, wo Eintracht, Liebe und Friede herrschte, und wo es also auch nicht an wahren Freuden fehlte, von seinen mühsamen Geschäften aus.^a er that sogar eines seiner ersten Wunder im freundschaftlichen Kreise. Er wurde einstmals zu einer Hochzeit geladen, die in seiner Familie gehalten wurde; er nahm nicht nur die Einladung an: sondern kam auch noch mit mehrern von seinen vertrauten Freunden zu der Gesellschaft, bei der sich zugleich seine gute Mutter befand; dich wurde darüber etwas verlegen, daß Jesus nicht allein, sondern noch mit mehrern Begleitern kam; denn sie fürchtete, der Verrath von Speise und Trank möchte für so viele Gäste nicht hinreichen: wirklich fieng es auch an, an Wein zu fehlen, und die ängstliche Mutter ließ dies ihrem Sohne merken; sey unbekümmert, sagte Jesus zu ihr; ich werde schon meine Zeit ersehen. Nun stand eben eine ziemliche Anzahl leerer Gefäße in Bereitschaft, und Jesus befahl denen, die bei der Mahlzeit aufwarteten, daß sie dieselben mit Wasser füllen möchten; dies geschahe; und nun ließ er einen Becher davon füllen, und dem, der die Mahlzeit besorgte, zureichen, ihn zu versuchen. Dieser kostete ihn, fand, daß es ein herrlicher Wein sey, und wunderte sich, daß der Bräutigam nicht gleich zuerst von dieser Sorte seinen Gästen hatte vorsetzen lassen. Doch es blieb nicht lange verborgen, daß Jesus dieser wohlthätige Freudengeber gewesen sey; man bewunderte seine dadurch bewiesene Macht, und seine Freunde wurden nun desto gewisser in der Ueberzeugung, daß er mit Gott in der genauesten Verbindung siehe. Gumal. Vater, mir kömmt dies fast unmöglich vor, aus Wasser Wein zu machen. Greis. Für blos menschliche Kräfte ist es auch allerdings unmöglich, ohne irgend eine Mischung oder Zusatz, sondern blos durch unsern Willen, eine solche Verwandlung der Dinge zu bewirken; aber übersteigt wohl das, was uns unmöglich ist, auch die Kräfte Gottes? Habt ihr nicht schon oft bemerkt, daß er mehr thun kann, als wir verstehen, als wir denken können? Geschieht es nicht täglich, daß nach seinem Willen sich diese und jene Sache veredelt, oder verwandelt, wobei wir es eben so wenig begreifen können, wie dies eigentlich zugeht? Woher wird die Melone so saftig, so wohlschmeckend; woher empfängt die Traube ihren süßen, erquickenden Saft? Ziehen sie ihn nicht aus derselben Erde, aus welcher so viele andere, an Geschmack so ganz verschiedene Pflanzen und Früchte, ihre Nahrung nehmen, die doch von einerlei Regen befeuchtet und befruchtet werden? Woher entsteht diese Mischung der Säfte, diese Verschiedenheit der Früchte nach ihrer äußerlichen und innerlichen Beschaffenheit? Das alles würden wir für eben so unmöglich halten, da wir es uns nicht erklären können, wenn wir uns nicht täglich davon überzeugen könnten. Daß die Traube am Weinsiocke aus der Erde erzeugt wird, ist im Grunde eben so wunderbar, wie jene Verwandlung des Wassers in Wein, beydes muß uns zu derselben Ueberzeugung führen, daß derjenige, - der dies nach seinen! Willen bewirkt, unendliche Kräfte besitzt, und unsrer Verehrung würdig ist. Lina. Ja; besonders wenn er sie so, wie Jesus, zum Wohlthun und zur Freude Anderer anwendet. Bisher, sprach der Greis,, in einer der folgenden Unterhaltungen mit den Kindern, bisher meine Lieben, habe ich euch auf einige außerordentliche Handlungen aufmerksam gemacht, welche Jesus vor den Augen der Menschen verrichtete, nicht, um nur Aufsehen und Bewunderung unter ihnen zu erregen: sondern damit sie Zutrauen zu ihm fassen und ihn als ihren von Gott gesandten Freund, Lehrer und Wohlthäter annehmen möchten. Wenn ich euch daher jetzt und künftig von diesen Thaten Jesu unterhalte: so dürft auch ihres nicht blos bei Bewunderung derselben bewenden lasten; ich erwarte vielmehr von euch, daß ihr nun desto begieriger seyn werdet, zu erfahren, was denn dieser Jesus zum Besten der Menschen gethan, und was er zu ihrer Belehrung vorgetragen hat. Gumal. Ja, Vater! das möchten wir gern erfahren. Greis. Er wollte die Menschen vollkommen glücklich machen: in dieser Absicht suchte er zuvor ihren Verstand durch richtige Erkenntniß der Wahrheit zu erleuchten, und durch die besten Grundsätze der Tugend recht gut zu machen. Und wodurch meynet ihr, konnte wohl Jesus am besten beweisen, daß er dazu in die Welt gekommen sey, Wahrheit und Tugend zu verkündigen und auszubreiten? Wurden wohl dazu die Beweise seiner Macht erfordert? Konnte wohl durch sie die innere Güte und Vortrefflichkeit seiner Lehre bewiesen werden? Wodurch kann wohl ein Lehrer am besten beweisen, daß die Lehre, die er andern vorträgt, wahr und gut ist? Giimal. Doch wohl dadurch, wenn er es an sich selbst beweist, wenn er selbst so weise und so gut ist, als er will,. Laß auch Andere seyn sollen. Greis. Da hast du Recht, Gurnal; und eben dieses Merkmal der Wahrheit und Vortrefflichkett seiner Lehre finden wir am stärksten und einleuchtendsten an ihm selbst, in seiner ganzen Art zu denken und zu handeln. Ein so vollkommenes Muster der Weisheit und Tugend war noch nie auf der Welt gewesen, als Jesus in seiner Person darstellte. Dadurch zeigte er sich vorzüglich als das Ebenbild Gottes; ganz heilig und vollkommen. Aus allen seinen Reden und Handlungen leuchtete die erhabenste Weisheit und Güte des HerzenS hervor. Er that alles, in Beziehung auf seine große Bestimmung, der Erretter der Menschen zu werden, und in Beziehung auf Gott, der ihn zu dieser Absicht gesandt hatte, mit so unermüdeter Thätigkeit, mit so uneigennütziger Wirksamkeit, durch welche er bewies, daß er nicht um feinet-, sondern Andrer willen auf Erde» lebte. Irdische Vortheile, Hoheit, Reichthum, sinnliche Freuden und Bequemlichkeit suchte er nie; seine edle Seele fand nur im Wohlthun Freude, und fühlte sich glücklich, wenn er dieselbe Liebe zur Wahrheit und Tugend, die ihn belebte, auch bei Andern erwecken konnte. Seine Handlungen stimmten genau mit den Gesetze» überein, die der weift Schöpfer schon in die Natur des Menschen gelegt, und wodurch er ihn fähig gemacht hat, ein gutes, gesittetes Wesen edlerer Art zu werden; sein Verhalten diente daher zu einem vollkommensten Muster der Heiligkeit, und zeigte, zu welcher erhabenen Würde der Mensch gelangen könne, wenn er sich den Vorschriften der Tugend gemäß bezeuge. Nie«lachte er sich irgend eines Fehlers schuldig; sein Leben war ganz untadelhafr: so sehr sich auch seine Feinde bemühten, etwas aufzufinden, worüber sie ihm einen Vorwurf hätten machen können: so fanden sie doch 74 Nichts mit Grunde an ihm zu tadeln. So vollkommen und gerecht sein Verhalten war: so sanftmüthig und schonend war er gegen Andere; die Schwachen trug er mit Geduld, die Fehlenden mit Sanftmuth; er suchte sie mehr durch Güte, als durch Strenge zu ihrer Besserung zu leiten; selbst seinen Feinden begegnete er mit Liebs; er erduldete ihre Beleidigungen auf die großmüthigste Art, und verwendete sich für ihre Wohlfahrt. Liebe war gleichsam sein ganzes Wesen, der Grundtrieb aller seiner Handlungen, die herrschende Gesinnung, mit welcher er alle, die sich ihm näherten und seine Belehrungen annahmen, zu erfüllen bemüht war. Lina. Vater! du erfüllst uns immer mehr mit Ehrfurcht und Liebe gegen diesen Jesus! Gumal. Ach, er verdient sie auch ganz. Greis. Ja, Kinder! Werdet auch ihr seiner Liebe werth! Gumal. Wie können wir dies werden, Vater? Greis. Wenn ihr euch recht folgsam gegen seine Lehren beweiset, euch redlich bestrebet» so gesinnet zu seyn, wie Jesus war, und so in der Welt zu leben, wie er gelebt und euch durch sein Beispiel gezeigt hat. Beyde. Ja, das wollen wir thun. An der Wohnung des Greises und den dazu gehörigen Garten war nun das Nöthigste geschehen; um desto mehr aber fand sich in der neuen Colvnie zu thun, um ihr die nöthige Einrichtung zu geben. Der Greis begab sich mit seiner Gesellschaft dahin, nachdem er zuvor in seiner Wohnung einige Zubereitung zur Aufnahme der entfernten Bruder, wenn diese etwa kommen sollten, gemacht hatte. Zu ihrer Bewunderung fanden sie, daß auch Chilum in seinen neuen Anpflanzungen merkliche Fortschritte, mit Hülfe seiner beyden Landsleute, gemackt hatte. SeinsWoh- nung war gegen Wind und Wetter gesichert, das Feld umher umzäunt, um das Eindringen der kleinen wilden Thiere, die in der dasigen Gegend sich aufhielten, zu verhindern und — was besonders dem Gumal die größte Freude verursachte, das Fahrzeug war völlig ausgezimmert und mit Ruderstangen versehen, und warme nur auf seine Ankunft, mm flott gemacht zu werden. Auch Widdsm hatte sich merklich gebessert; zwar trug er noch seinen Arm in der Binde, aber er konnte doch frei umhergehen, der freien Luft genießen, und wenigstens den theilnehmenden Zuschauer bei den Geschäften seiner Freunde machen. Sein Gesicht heiterte sich besonders bei dem Anblick seines Gumals und der Lina auf; diese hatten ihm so vieles zu erzählen, was sie wahrend seiner Abwesenheit vom Greise gehört, und was sie bei ihrem dortigen Aufenthalte verrichtet hatten. Sie suchten ihn, da er einige Unzufriedenheit mist seinem jetzigen Zustande merken ließ, aufzuheitern; versprachen ihm, so viel sie nur könnten, zu seiner Zufriedenheit beizutragen, um, wie sich Lina dabei ausdrückte, dem guten Jesus darinne ähnlich zu werden, daß, wenn sie ihm auch nicht helfen könnte, sie ihm doch die möglichste Erleichterung verschaffen und seinen Zustand erträglich machen wollte. So viele Mühe sie sich auch deswegen gaben, und ihn überall hin begleiteten, wo sie glaubten, daß er bei dem Anblick der schönen Natur Freude finden möchte, blieb doch immer ein gewisser Zug von Schwermuth in seinem Gesichte merklich, so sehr er sich auch Mühe gab, ihn zu verbergen. Man hielt dies für die Wirkung des bisherigen eingezogenen und geschäftslosen Zustandes, in welchen er durch die Lähmung seines Arms war versetzt worden, und hoffte, daß es sich mit der Zeit geben würde. ?6— Der Greis bezeugte indeß dem Chilum und seinen Negern seine Zufriedenheit mit- ihren bisherigen Arbeiten und getroffenen Einrichtungen, und ermunterte sie durch seinen Beifall zu fortgesetztem Fleiße. Vorzüglich freute sich Antonio über die Entdeckung einer gewissen Thonerde, die einer der Reger auf seinen Reisen in dieser Gegend gernacht hatte, welche zur Verfertigung so mancher nöthigen Küchen- geräthe sehr brauchbar war; nur Schade, daß sie dieselbe zu weit herbeischaffen und einen zwar flachen, doch breiten Fluß durchwaten mußten, um dahin zu gelangen. Hätten sie bei einer bequemen Stelle eine Brücke über den Fluß schlagen können, so wäre ihnen gar sehr geholfen worden; aber dies erforderte eine längere Zeit und noch bessere Werkzeuge, als sie vor der Hand hatten, um sich dies Geschäft zu erleichtern: jedoch wurde einstweilen der. Plan dazu entworfen, und der Greis versicherte sie, daß sie ihn bald ausführen, und die nöthige Erleichterung finden würden, wenn sie nur ernstlich auf ihrem guten Vorsatz beharrten. So vergnügt auch dieser Tag unter abwechselnden Beschäftigungen und Spaziergänger, war zugebracht worden: so wurde doch der Abend für Gumal noch weit angenehmer; denn an demselben versammelte sich die Gesellschaft bei dem See, mn daselbst den ersten Versuch einer Fahrt auf demselben mit dem neuen Kahne zu machen. Das Fahrzeug wurde glücklich in See gestoßen, und Gumal war der erste, der in dasselbe sprang, eine Ruderstange ergriff, und sich da wie in seinem Elemente befand, während Lina am Ufer zitterte, und ihm die möglichste Vorsicht empfahl. Die beyden Neger sprangen bald nach, und nun stachen sie unter einem Freudengeschrey in die See. Der erste Versuch gelang glücklich; die drey Seefahrer bewiesen, daß sie in diesem Geschäfte geübt waren, machten so geschickte Wendungen, daß sie auch bei seichten Stellen ihren Nachen immer flott erhielte», 77 und wurden nach einigem Hin- und Herfahren von der am Ufer stehenden Gesellschaft mit Beifall empfangen. Der Abend wurde in der Wohnung Chilums bei einer Fisch-Mahlzeit zugebracht, welche die beyden Neger, die in ihrem Fischbehälter immer einen ziemlichen Verrath hatten, veranstalteten, und bei der sie ihre Gäste mit der größten Freundlichkeit bedienten. Der Greis bemerkte mir stiller Freude die Dienstfertigkeit und das edle Betragen dieser braven Neger, und äußerte gegen seinen Antonio den Gedanken, daß es doch unter allen Nationen gute Menschen gebe, die von dem Vater der Menschen gewiß mit Wohlgefallen bemerkt und von ihm geschickt geachtet würden, früher oder später in einen bessern Zustand gesetzt zu werden, wo auch sie Antheil an der durch Jesum gegründeten Seligkeit nehmen würden. Eine ähnliche Bemerkung, wie sie einer der ersten christlichen Lehrer machte, als er das erstemal mit Verkündigung der Lehre Jesu in einer Versammlung von Heiden eintrat, und ausrief: Wer Gott fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm, er sey von welcher Nation er wolle. Eo waren einige Tage im gemeinschaftlichen Umgangs vergnügt durchlebt worden, als sich an einem Morgen der Greis, begleitet von den beyden Kindern, wieder zurück in seine Wohnung verfügte. Die Gegend umher wurde eben durch den Anbruch des schönsten Frühlingsmorgen verschönert; das lebhafte frische Grün der Baume hob sich aus der Dämmerung, und wurde durch die angenehme Mischung der weißen und röthlichen Blüthen noch mehr erhöht; bei jedem Schritte trafen die Kinder Blumen an, die eben ihre duftenden Kelche zu öffnen anfiengen, von denen immer eine die andere an Schönheit der Farben übertraf. / 8 Es bedurfte daher nur eine kleine Ermunterung von Seiten ihres guten Führers, dessen Seele schon frühe erfüllt mit dem Gedanken an Gott, an seine Ente un Lieb? tvar, um die Seelen dieser Kinder zu gleichen Empfindungen zu stimmen. Er zeigte ihnen dabei, welch ein seliges Geschäft es für den vernünftigen Menschen sey, Gott für alle die schönen und guten Einrichtungen zu preisen, die er zur Freude seiner Geschöpfe auf Erden gemacht habe, und daß sie um desto mehr von diesem gütigen Gott erwarten könnten, daß er, der so reichlich für die Vergnügungen der Sinne des Menschen gesorgt habe, gewiß auch für den noch edleren Theil ihres Wesens, für ihre Seele sorgen, und ihnen Gelegenheit verschaffen werde, zu einer bessern Erkenntniß und Ueberzeugung seiner Güte zu gelangen, die sie durch den Unterricht Jesu gewiß finden würden. Als sie die Anhöhe bestiegen hatten, von der sie ihre Wohnung sehen konnten, ließ sich der Greis nieder, um auszuruhen; die Kinder aber sprangen, aus seine Erlaubniß, voraus.' Kaum hatten sie sich aber aus seinem Gesichte verloren, als sie bald nachher eiligst wieder zurückkehrten und dem Greise mit Erstaunen meldeten: sie hätten unweit der Wohnung zwey große Thiere bemerkt, dergleichen sie noch nicht gesehen hätten. Der Greis hieß sie ruhig seyn, und brach mit ihnen aus. Jetzt näherten sie sich dem Orte; steh dort, Vater, rief Lina ängstlich aus: das sind gewiß wilde Thiere! Wohin werden wir flüchten? Sey du nur ganz ohne Furcht, Lina, sprach der Greiv, es hat keine Gefahr; und so wie er naher kam und sie deutlicher bemerken konnte, rief er mit heiterem Blick und lebhafter Stimme den Kindern zu: Kinder, die Olive blüht! 7<, Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens riefGumal freudig aus: ach nun merke ich, was der Vater sagen will, und hüpfte freudig an der Hand des Greises. Diese Thiere, fuhr der Greis fort, indem er sich zu Lina wendete, vor denen du dich'fürchtetest, werden dir künftig viel Freude machen; sie verkündigen es mir: daß meine Bruder aus dem Gebirge angekommen sind; es sind Maulthiere, zahme Geschöpfe, deren man sich in jenen Gegenden zum Reisen bedient; ich habe die Bruder gebeten, mir einige derselben mitzubringen, weil sie auch uns bei unsern Geschäften sehr gute Dienste leisten werden. Wie freuten sich die Kinder, als sie sich den Thieren näherten, die unweit der Hütte im Grase weideten, da sie bemerkten, daß sie gar nicht scheu waren, sondern sich von der Hand des Greises streicheln ließen; auch sie wagten dies bald darauf, und hatten gern langer bei ihnen verweilt, wenn sie nicht auch begierig gewesen waren, die angekommenen Freunde zu sehen. Ganz leise giengen sie zur Hütte, öffneten die Thür und fanden die beiden Reisenden noch im tiefen Schlafe; aber zu ihrem Erstaunen regte sich etwas in dem einen Winkel der Hütte, das sie bei der Dämmerung nicht recht bemerken konnten; doch schien es ihnen eine menschliche Gestalt zu seyn; bald erhob es sich vom Lager, trat ihnen naher, ergriff die Hand des Greises, und küßte sie. Es war ein bräunliches Mädchen, ungefähr in der Größe und in dem Alter der Lina-, das bei einiger Schüchternheit doch ein gutes Zutrauen verrieth, und zu bitten schien, daß man es gütig aufnehmen möchte..Mit stiller Bewunderung betrachtete es der Greis, wollte sich eben in Unterredung mit ihm einlassen, als auch die beyden Freunde erwachten, und ihn, mit einem freundlichen guten Morgen begrüßten. „Gott sey gelobt, rief der Eine aus, als er sich von seinem Lager erhob, baß mir dich gesund wieder finden. Es befremdete uns zwar beim Eintritt in deine Wohnung, dich nicht anzutreffen, aber aus der Ordnung, die darin herrschte, vermutheten wir gleich, daß du nicht weit entfernt seyn würdest, und müde von der Reise bedienten wir uns des Nachtlagers, das du uns gütig bereitet hattest." Seyd mir herzlich willkommen, erwiederte der Greis, indem er Beyde umarmte. Ich habe lange auf eure Ankunft geharrt, und danke Gott, daß er euch glücklich zu mir geleitet hat. Auch die Kinder bezeugten ihre Freude, ergriffen die Hände der lieben Gäste und drückten sie an Mund und Brust. Gott segne euch ihr Lieben, sagte Bernhardt, der schon das vorigemal mit Antonio zugegen gewesen, und daher den Kindern bekannt war, wie habt ihr euch während der Zeit befunden? Sehr glücklich, versetzte Gumal; denn ich habe auch meinen Vater wieder gefunden, und meinen Freund Widdam. Lebt auch unser Freund Pedro noch? Greis. Ja; aber nicht mehr unter uns; der ist in beßre Gefilde hinübergeschlummert! Bernhardt. Der gute Pedro! Er ist der Thräne werth, die ich in deinem Auge bemerke. Ihm ist wohl. Aber, wo ist Antonio? Greis. Den werdet ihr bei der neuen Colonie finden, wo ich euch noch mit mehreren Freunden bekannt machen werde; denn wißt, ich werde in meinem Alter noch Vater einer ausgebreiteten Familie. Bernhardt. Wenn das ist, so wirst du ja auch wohl dieses Mädchen mit in dieselbe aufnehmen? Er 8i Er nahm es bei der Hand und führte es dem Greise zu.„Hier wirst du einen Vater finden, wenn du dich als eine würdige Tochter beträgst." Greis. Schon vorhin habe ich mich über diese unerwartete Erscheinung gewundert; doch es wird sich alles aufklaren. Jetzt, meine Freunde, laßt uns ins Freie gehen, ich muß meinem Herzen Lust machen und Gott für diesen freudigen Morgen mir euch danken. Ihr(zu den Kindern), werdet indeß für ein gutes Frühstück bei unsrer Zurückkehr besorgt seyn. Die Sonne gieng auf und verschönerte mit ihrem erfreuenden Lichte die anmuthige Gegend, als sich die Alten hin zur Grotte begaben, ihr Morgengebet zu verrichten. Gu- mal und Lina bereiteten indeß in der Sommerlaube ein Frühstück, trugen das Beste aus ihrer Vorrathskammer dazu bei; und das braune Mädchen trieb ihre Maulthiere, die sich auf ihre bekannte Stimme ihr näherten, in ein nahegelegenes Thal. Als sich die Gesellschaft nachher in der Sommerlaube versammelt halte, war die erste Frage des Greises an seine Freunde, wer das Mädchen sey, und Zu welcher Absicht sie es mitgebracht hatten? Beruh. Sieist aus Rubien gebürtig, von einer christlichen Mutter geboren, die bald nach ihrer Geburt starb und dem Vater allein die Sorge ihrer Erziehung überließ; aber auch dieser starb ihr schon in ihrem sechsten Jahre dahin, wo sie dann in die Hände eines ihrer Verwandten gekommen ist, der ihre Erziehung vernachlässigt, sie zu den niedrigsten Geschäften, als eine Sklavin gebraucht, und äußerst hart behandelt hat. AuS seinen Handen haben wir sie empfangen, als einen rohen Edelstein, aus dem du durch deine bekannte Geschicklichkeir einen schönen Diamant schleife»! wirst, Lossius Gumal, H, F 8 2-—— Ihr Name ist Agathe. Dies ist alles, was ich von ihrer Geschichte weiß. Greis.(Im vertraulichen Tone zum Mädchen): Und du hast dich zu einer so weiten Reift entschließen können, gute Agathe! Wirst du auch gern in dieser einsamen Gegend verweilen? Agathe. Herzlich gern, wenn du es mir. erlaubst. Beruh. Als wir, deinem Auftrag gemäß, die bestellten Waaren eingehandelt hatten, und einige Maullhiere zur Fortschaffung derselben suchten, wurden wir zur Wohnung ihres Pflegevaters hingewiesen; wir fanden an ihm einen sehr unfreundlichen, rauhen Menschen, der uns zu der Wiese führte, wo seine Maulthiere unter der Aufsicht dieses Mädchens weideten. Er befahl dem Mädchen, mit einem ungestümen Tone, uns die Thiere vorzutreiben, und so wenig sie ihm Ursache zur Unzufriedenheit gab, behandelte er sie gleichwohl in unsrer Gegenwart auf die wegwerfendste Art. Es that uns weh; wir schloffen den Handel so bald als möglich ab, gaben der Agathe etwas von unsern Lebensmitteln, weil wir ihr den Hunger im Gesicht ansahen, beschenkten sie mit etwas Geld, und eilten, um von dem widrigen Manne zu kommen, der, wie wir merkten, für nichts, als nur für Geldgewinn Sinn hatte. Wir waren etwa eine halbe Meile entfernt, als uns das Mädchen einholte, und unter den bittersten Thränen klagte, wie unmenschlich sie von ihrem Vetter sey behandelt worden, der ihr unter Drohungen und Schlägen nicht nur das Geld, sondern sogar die Lebensmittel abgefordert, und sie darauf fortgejagt habe. Die Spuren der Mißhandlung waren noch sehr merklich an ihrem Leihe' sie warf sich uns zu Füßen, und bat uns, sie mit zu nehmen, wohin es auch sey; sie wolle gern nach ihren Kräften alles thun, uns die Reift zu erleichtert,. Wir grenzen darüber mit einander zu Rathe; mir fiel es gleich ein, daß 83 sie wohl eine gute Gesellschafterin für Lina abgeben könnte, nutz. von dir gütig aufgenommen werden würde; nur glaubten wir, es möchte das Ansehen einer Entführung haben, und uns Verdrießlichkeiten verursachen, wenn wir sie ohne Einwilligung ihres Vormunds mit uns nähmen. Wir brachten daher unsre beladenen Thiere am nächsten Orte in Sicherheit, und grenzen mit dem Mädchen, so sehr es sich auch aus Furcht vor neuen Mißhandlungen dagegen setzte, zum Manne zurück. Hier, lieber Freund, sprachen wir beim Eintritt in seine Hütte, bringen wir dir das Mädchen zurück, das du in der Aufwallung einer hitzigen Leidenschaft von dir hinweggetrieben hast.— Sie hätte immer bleiben können, wo sie war, versetzte er mit einem wilden Blick, stieß eine Menge Schimpfworte gegen sie aus, und drohte ihr, die sich zitternd hinter unsern Rücken verbarg, mit geballter Faust. Wir suchten ihn zu besänftigen, stellten ihm seine Ungerechtigkeit und die Unschuld dieses Mädchens unter Augen: aber er blieb bei aller Vorstellung raub, und erklärte: er werde sie nie wieder in seine Hätte aufnehmen, er habe sie lang genug gefüttert; sie sey groß genug, sich selbst zu versorgen.„Wenns so ist, lieber Freund, sprach ich, so überlaß uns dieselbe, daß sie uns auf unsrer Reise begleite: was forderst du für diese Gefälligkeit, die du uns dadurch erweisest?" Diese Frage machte ihn geschmeidiger; es war dies Nahrung für seinen Geldgeiz; er fragte nach der Zahl der Tagereisen, die wir machen würden, machte darnach seine Forderung, strich das Geld ein, und du, sprach er zum Mädchen, kommst mir nicht wieder unter die Augen! Wir lösten noch einige ihrer Kleidungsstücke um Geld ein, und versprachen ihm beim Fortgehen, für seinen Mündel Sorge zu tragen, und im Fall er ihn wieder verlange, sollte er sich an unsern Freund Bal- timor in Senar wenden, der uns die Nachricht von seinem Willen ertheilen werde. Allein wir sind überzeugt, daß dies F r 84 wohl nie geschehen werde. Uebrigens hat uns Agathe, da sie mit den Maulrhieren umzugehen weiß, auf unsrer Reise gute Dienste gethan, und wir erwarten von ihr, daß sie uch auch hier zu deiner Zufriedenheit betragen, und unsre Lina an ihr eine Gehülfin bei ihren Geschäften haben werde.^ Lina hatte schon wahrend dieser Erzählung manche Thräne auS den Augen gewischt und das arme Mädchen mit Mitleid betrachtet: setzt gieng sie voller Vertrauen auf sie los, umarmte sie und sprach: Sey meine Freundin; du hast ei« ähnliches Schicksal mit mir gehabt: theile nun auch mit wir das Glück, einen so guten Vater hier zu haben, und laß uns gemeinschaftlich uns seiner Liebe werth zu machen suchen. Sie führte darauf dem Greise das Mädchen zu, und bat ihn, es auch als seine Tochter aufzunehmen, und es so wohlthätig zu behandeln, wie sie es von ihm bisher erfahren habe. Der Greis schloß sie beyde in seine Arme. Agathe, sprach er, soll auch an mir einen guten Vater haben, wenn sie sich so gut, wie meine Lina, betragen wird. Nach eingenommenem Frühstück gieng es an das Auspacken der Körbe und Bündel, welche die Fremden auf ihren Thieren mitgebracht hatten. Wie erstaunten die Kinder über die Mmge von Sachen, Werkzeugen, Gefäßen, Sämereien und nützlichen Gerathschaften, die da zum Vorschein kamen! Für sedes der Kinder war auch ein eignes Bündelchen zu rechte gemacht, womit sie von den Gästen beschenkt, und bei deren Eröffnung sie in die größte Freude versetzt wurden. Gumal fand in dem Seinigen verschiedene Messer, Beile, Musel, Bohrer und andere zum Drechseln nöthige Werkzeuge; Lina, verschiedene Zeuge, Tücher, Scheeren, Nadeln und andere weibliche Gerathschaften; beyde wußten nicht, wie sie ihre Freude und Dankbarkeit genug ausdrücken sollten. Der Greis führte hierauf seine Freunde, nachdem er ihnen für diese gütige Bemühung herzlich gedankt hatte, in der 85 Gegend umher, und erzählte ihnen die Geschichte der sonderbaren Ereignisse, die er bisher erlebt habe; die Kinder machten sich indeß mit der Agathe bekannt, ließen sich von ihr über die Beschaffenheit und Brauchbarkeit der Maulihiere unterrichten, bewunderten die Geschicklichkeit, mit der sie sich derselben zum Reiten bediente, und es wahrte nicht lange, so wachte auch Gumai den Versuch, eines dieser Thiere zu besteigen, empfand zitternd das Vergnügen, sich als den Herrn des Thiers über der Erde erhaben, erst von der Lina, und dann von dem zurückkehrenden Greise, wegen seiner Herzhaftigkeit, bewundert zu sehen. Kaum konnte er den Abend erwarten, um seinen Vater und die übrigen Freunde auch zu Zeugen seines Glücks zu machen. Da wurde er vorausgeschickt, um die neue Colo- nie von diesem angenehmen Besuche zu benachrichtigen, und sie zum Empfange der lieben Gaste vorzubereiten. Mit untergehender Sonne folgte der Greis mit der übrigen Gesellschaft ihm nach, und wurde an der Grenze von Antonio und Gumal empfangen. Antonio warf sich freudig in die Arme seines altern Freundes Bernhardt, mit welchem er vormals in Gesellschaft gelebt hatte; näherte sich dann seinem Begleiter, um auch ihm die Hand zum Empfange zu reichen— aber welch Erstaunen, als er ihn nahe ins Auge faßte, und in ihm— seinen leiblichen Bruder entdeckte, den er seit langen Jahren nicht gesehen hatte. Jst's möglich? rief er aus: Bist du es, Philipp— mein Bruder! Ja, Antonio! mein Einziger— den ich noch einmal zu umarmen wünschte! Mit sprachlosem Entzücken hiengen sie einer in des andern Armen, und schienen einander durch ihre Küsse zu ersticken. 86 Staunend und theilnehmend schloß sich der Kreis der übrigen Freunde um sie her; Bernhardt hatte eö selbst für den Greis geheim gehalten» um ihn durch das unerwartete Zusammentreffen der Bruder zu überraschen; innigst gerührt stand er da bei diesem freudigen Auftritte. Beim Guma! erwachte die Empfindung der Freude wieder» die auch er ehemals bei Entdeckung seines geliebten Bakers empfunden hatte; auf alle» selbst auf die beyden Wilden» machte es emen rührenden Eindruck. Nachdem sie sich untereinander kennen gelernt und be- willkommt hatten» und die Freude des Wiedersehens sich nach und nach mäßigte» näherten sie sich der Wohnung Chi- lums. Antonio erfuhr unterwegs von seinem Bruder» daß er wach dem Tode seiner Gattin seine Handlung in Alerandrien aufgegeben» sein entbehrliches Vermögen in den Händen seiner Anverwandten gelassen» und mit dem Verlangen» seinen geliebten Bruder zu besuchen» und wo möglich seine übrigen Lebenstage in seiner Gesellschaft zuzubringen» die Reise nach Cairo angetreten» und da» wider alles Vermuthen» seinen gegenwärtigen Reisegefährten gerade in dem glücklichen Zeitpunkte angetroffen habe» diese Reise bisher zu machen» die ihn nun zum Ziel seiner Wunsche gebracht habe.^ Jetzt traten sie rn die Wohnung Chilums ein; säst war dieselbe zu enge» die ganze Gesellschaft aufzunehmen. Der Greis hatte sich seit langer Zeit nicht,im Kreise so vieler Menschen befunden» die sich jetzt um ihn, als das Haupt der Gesellschaft» versammelten» und man sah es in seinem aufgeheiterten Gesichte» wie wohl er sich darin befand. Chilum bot alles auf» um seine Gäste gut zu bewirthen; seine treuen Neger gierigen ihm dabei zur Hand»und Lina half nach ihren besten Kräften. Es wurde eine Mal,- zeit gegeben» die» ob sie gleich nur aus Reis» Fischen, ge- §7 trockneten Feigen und Obst bestand, und unter freiem Himmel vor der Hütte gehalten wurde, ihres gleichen in dieser Gegend nickt gehabt hatte, und wirklich wegen der besondern Mischung von weißen, braunen und schwarzen Menschen, die zu Einer Familie gehörten, einzig in ihrer Art war. Der Greis bemerkte dies, als er nach geendigter Mahlzeit ein feierliches Dankgebet sprach, worin er dem guten Vater im Himmel mit aufgehobenen Handen und freudigen! Aufblicken für die geschenkte Freuds und für die gütige Führung dankte, durch welche er alle diese Lieben auf so wunderbaren Wegen zusammengeführt und zu einem solchen Freudenmahls versammelt habe, und ihn so herzlich bat, daß er, der sie alle zum gemeinschaftlichen Genuß der Freuden dieses Lebens auf der Erde berufen habe, sie auch mit gleichen Gesinnungen der Liebe, der Eintracht und des Friedens beseelen möge, damit sie nach seinem Willen und nach dem Beispiels seines Sohnes Jesu auf dieser schönen Erde leben und einst zum gemeinschaftlichen Genuß der Freuden in einer bessern Welt gelangen möchten. Ja, Vater Geroni o, sprach Bernhardt, als er nach dem Essen dem Greise dankbar die Hand drückte: das sind so selige Augenblicke dieses Erdenlebens, aus denen wir ahnden können, daß uns der gute Gott gewiß noch höhere Freuden in einer bessern Welt aufbehalten habe. Gewiß ist dies eine der erfreulichsten Versicherungen des göttlichen Stifters unserer Religion, daß er die Seimgen, seine tugendhaften Verehrer, in jener Welt um sich versammeln und zum ewigen Glück vereinigen werde. Er fühlte auch daS Glück des freundschaftlichen Umgangs auf Erden, suchte es durch seine Lehre und Beispiel noch mehr zu erhöhen, und wird es uns, wenn wir uns hier schon desselben werth bezeigt haben, im vollkommensten Maaße empfinden lassen. 88 Als sie des andern Tages sich zu der Wohnung des Greises verfügten, wunderte sich Antonio nicht wenig über die Menge der mitgebrachten Güter; er fand dabei so viele seiner Wünsche befriedigt, so viele Geräthschaften, die er bei dem Anbau des Landes und der bessern Einrichtung deS Hauswesens für nöthig fand, und da er den Werth derselben gar wohl zu schätzen wußte, war es ihm ein Geheimniß, woher der Greis, auf dessen Veranstaltung doch dies alles sey besorgt worden, die dazu nöthigen Mittel möchte erhalten haben. Bei einer geheimen Unterredung aber mit demselben wurde ihm dies Geheimniß eröffnet. Du weißt, sprach der Greis zu ihm, welchen Werth das Gold in den Augen der meisten Bewohner dieser Erde hat; für mich hatte es bisher einen sehr unbedeutenden Werth, weil ich bei meinen wenigen Bedürfnissen, und außer dem Umgänge mit geldbegieri- gen Menschen, dasselbe gar nicht nöthig hatte; gleichwohl befand ich mich im Besitz dieses Metalls, daß ich mich wohl unter die reichsten Menschen des Erdbodens zahlen könnte, wenn ich Gebrauch davon machen wollte. Ich würde aber nicht so ruhig und sicher diesen Aufenthalt bewohnen, wenn es auf irgend eine Art jener habsüchtigen Gattung von Menschen, deren es in allen Welttheilen giebt, bekanntwürde, daß hier in dieser Einöde dies glänzende Metall anzutreffen sey, dessen Entdeckung mir so wenig Mühe gekostet hat. Dort am Abhänge des Felsen, auf welchem ich meine erste Wohnung aufgeschlagen hatte, führt der Fluß, besonders nach heftigen Gewittergüssen, eine Menge Goldkömer mit sich, die ich, als ich mich zuerst hier ansiedelte, aus Mangel an anderer Beschäftigung, einsammelte, und aufbewahrte; ich habe nachher dieses Geschäft, von dem ich mir nach meiner damaligen Lage gar keinen Vortheil versprechen konnte, ———- 8z aufgegeben, und mir nicht einmal die Mühe gegeben, zu untersuchen, welche Gegend dies Erz enthalte. Bei deiner ersten Ankunft mit Bernhardt, fiel mir zuerst der Gedanke ein, daß ich ja wohl Gebrauch von diesem aufgesparten Schatz machen könnte; ich habe ihm einen Theil desselben unter dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit anvertraut, um mir Liefe nöthigen Gerathschaften einzukaufen. Du, Antonio, wirst mich bald überleben, und dann die Führung dieser Co- ilonie, die das Werk einer hohem Vorsehung ist, nach meinem Tode übernehmen, und auch die Quelle, als ein Mittel der Vorsehung zur Beförderung ihres weisen Zwecks, mit Weisheit anwenden. Dir vertraue ich daher dies Geheimniß an, bewahre es in deinem Herzen, und mache nur dann Gebrauch von demselben, wenn es die Wohlfahrt derer erfordert, die dir anvertraut sind. Ich weiß, daß du die dazu nöthige Klugheit besitzest, und von deiner Rechtschaffenheit kann ich erwarten, daß, so lange du lebst, durch deine Schuld dieses Geschenk der Natur nie zu einer Quelle des Verderbens werden wird, welches sie durch Mißbrauch unter den niehre- sten Menschen ist. Erinnere dich beständig, daß es dein wichtigstes Geschäft seyn muß, diese Menschen, unter denen du lebst, durch die Belehrungen des Christenthums, durch Weisheit und Tugend zu einem Glück zu leiten, das weit wichtiger, als der Besitz dieser Erde mir aller ihrer Herrlichkeit ist; dadurch wirst du dich als einen wahren Wohlthäter deiner Nebenmenfchen, und als ein ächter Nachfolger Jesu beweisen. Antonio versprach es; und hielt Wort. H8'——-— Durch die Ankunft der Gaste war der Geist der Thätigkeit in der neuen Colonie noch mehr geweckt, und durch die mitgebrachten Werkzeuge unterstützt worden; auch die Maul- thiere thaten dabei treffliche Dienste; sie erleichterten gar sehr die Arbeit in Herbeischaffung der nöthigen Materialien, und gewährten den Kindern, die sich abwechselnd ihrer zum Reiten bedienen lernten, ein ungemeines Vergnügen. An Agathen fand Lina eine sehr gute Gehülfin, mit der sie nun die Geschäfte des Hauswesens theilen konnte; nur das theilnehmende, wohlwollende, offene Herz fand sie an ihr noch nicht, wie sie es sich wünschte; das Mädchen war durch eine schlechte Erziehung und bisherige sklavische Behandlung scheu und furchtsam geworden, woraus der Fehler des Mißtrauens, der Arglist und eines heimtückischen Betragens entsprang, der sich sehr bald bei ihr zeigte, und in der Folge zu mancher Verdrießlichkeit und Unzufriedenheit Anlaß gab; so suchte sie z. B. manches, das der Gesellschaft zugehörte, heimlich zu entwenden, und bei der Untersuchung zu laugnen; zuweilen vernichtete sie die Arbeiten Anderer, und äußerte eine boshafte Schadenfreude darüber; die Maul- thiere, die ihrer besondern Aufsicht und Wartung anvertraut waren, mußten gar oft ihre Hartherzigkeit empfinden, indem sie dieselben unbarmherzig schlug, daß Lina, wenn sie es bemerkte, die bittersten Thränen darüber vergoß, und ihr vergeblich in die Arme fiel, um sie von diesen Mißhandlungen der Thiere abzuhalten. Vernünftige Vorstellungen machten anfänglich wenig Eindruck auf sie, weil sie zuvor gewöhnlich jeden Fehler durch Stockschläge hatte büßen müssen; keine andere Drohung wirkte daher auch stärker, als diese: sie wieder zu ihrem Vormund zurück zu schicken; dann versprach sie alles; nur blieb sie ihrem Versprechen selten länger als einen Tag treu. Es kostete daher dem guten Greise K' unsägliche Mühe, sie zur Erkenntniß ihrer Fehler zu bringen, ihr das Schädliche ihrer Denkungs- und Handlungsweise fühlbar zu machen, und sie nach und nach an ein würdig, res Verhalten zu gewöhnen; desto größer aber war auch seine Freude schon da, als er bei nachdrücklicher Ueberführung eines begangenen Fehlers, dem beschämten Mädchen die erste Thräne einer aufrichtigen Rene aus den Augen fallen sah, und von ihr die feierliche Versicherung empfieng, daß sie sich bessern wollte; noch mehr, als sie auch Wirklich durch ihr gebessertes Verhalten Beweise gab, daß seine väterliche Ermahnungen bei ihr gefruchtet hatten. Einsmals klagte Lina dem Greise mit weinenden Augen, daß Agathe eines ihrer Lieblingsschaafe so sehr geschlagen habe, daß es wie todt zur Erde gefallen sey, und äußerte dabei den Wunsch, er möchte das böse Mädchen wieder fortschicken. Aber, fiel ihr der Greis in die Rede, kannst du mir nicht sagen, wie sich Widdatu befindet? Ob sein Arm wieder geheilt ist? Lina. Ja, Vater, gestern ist er zum erstenmale wieder ohne Binde gegangen; nur hat ihm sein Arzt befohlen, den Arm noch zu schonen, und nicht zu sehr anzustrengen. G r e is. Es hat aber doch sehr lange gewährt, ehe ihn der gute Riggult wieder hergestellt hat. Was meynst du, hätte er nicht besser gethan, wenn er gleich anfangs den beschädigten Arm vom Leibe geschnitten hätte? Lina. Nun ja! da härte ja Widdam keinen Arm mehr. Greis. Also hältst du es nicht für rathsam, ein beschädigtes oder krankes Glied vom Leibe zu trennen, weil es doch wohl wieder gesund und brauchbar werden kann, wenn auch gleich die Heilung desselben eine etwas lange Zeit erfordert. Wie, wenn nun Agathe auch so ein krankes Glied 92 in unserer Gesellschaft ist, willst du sie darum verstoßen und ausschließen, weil sie bösartig ist? Lina.-Vater, ich habe mich übereilt. Greis. Meynst dmnicht, daß Agathe auch wieder gebessert werden kann, wenn wir auch, wie Riggult, Geduld und Fleiß auf ihre Besserung verwenden? Erhalten wir uns dann nicht an ihr nicht nur zwey gesunde Arme, sondern was noch mehr ist, einen Menschen^ der ohne diese unsre Hülfe und Unterstützung auf immer unglücklich werden würde? Wer soll sich ihrer sonst annehmen, wenn wir es nicht thun? Willst du sie wieder zu ihrem grausamen Better schicken, der sie auf eben die Art behandelt, wie Agathe vorhin dein Schäfchen? Lina. Lieber Vater! Verzieh mir die unbesonnene Bitte. Nein; laß uns Agathen behalten; sie wird gewiß gut werden! Greis. Da mußt du aber auch Geduld mit ihr haben, wenn sie es nicht gleich, nicht mit einemmale wird. Du mußt ihr oft mit vernünftigen Vorstellungen zu Hülse kommen, und ihr besonders durch dein besseres Verhalten ein gu-! tes Beispiel geben; dein Umgang wird sie gut machen. Lina. Ich will gern alles dazu beitragen. Greis. Erinnere dich dabei an Gott und an deinen Jesum, den ich dich jetzt kennen lerne. Denke nur, wie viele Menschen auf der Erde leben, die an Denkungsart und Lebensweise noch viel schlechter, als Agathe, sind; die gleichwohl von Gott mit schonender Geduld getragen werden, und die er auf mannichfaltige Art zu bessern sucht. Es fehlt den meisten an einer guten Erkenntniß, und eben aus Mangel derselben entspringen die meisten Fehler der Menschen. Ware Agathe gut unterrichtet und erzogen worden, so würde sie sich auch besser betragen. Nun will aber der gute Gott, daß allen geholfen werde, und daß sie zur Erkenntniß der °— ZZ Wahrheit dessen, was für sie gut und heilsam ist, kommen sollen: und hat selbst in dieser Absicht seinen lieben Sohn Jesum in die Welt gesandt, daß die Menschen durch ihn belehrt, gebessert, von ihren Fehlern befreit und glücklich werden sollen. Und— o wenn du es wüßtest, was dieser Jesus zum Besten der Menschen gethan hat! Wie er so ganz in der Absicht auf Erden lebte, die Sünder selig zu machen, wie er diese armen, ohne ihn Verlornen Menschen aufsuchte; welche Mühe er sich gab, die Unwissenden zu belehren, die Irrenden zur Wahrheit zu führen, die Fehlenden zu bessern, und aus den vorhin verdorbenen und ungesitteten Menschen, gute, tugendhafte und Gott wohlgefällige Menschen zu machen, die ihm dann, als ihrem Wohlthäter und Heiland, ihre Erhaltung zur Seligkeit verdankten; ja, wie er sogar in diesem so beglückenden Geschäfte sein Leben aufopferte:— v Lina, solltest du dir nicht wünschen, diesem guten Jesu auch darin ähnlich zu werden, um, wär's auch nur Eines Menschen Seele zu erhalten? Lina versicherte dem Greise nochmals, daß sie Agathen, auch bei ihren Fehlern lieben, mit ihr Geduld haben, und, so viel sie könne, zu ihrer Besserung beitragen wolle. Durch ihr sanstmüthiges, liebreiches und dienstfertiges Betragen gewann sie auch in Kurzem so viele Gewalt über das Herz der Agathe, daß sie dieselbe ganz nach ihrem Willen leiten konnte; ihre Freundschaft schloß sich bei dem täglichen Umgänge immer enger; und Lina erkannte es in der Folge mit herzlichem Danke gegen den Greis, daß er ihr in Agathen eine so gute Freundin erhalten habe. I-HH- er Noch während der Anwesenheit des Bernhardt gewann der Aufenthalt dieser frohen Gesellschaft von Menschen in dieser Gegend ein immer reizenderes Ansehen, denn mit jedem Tage wurde an Verschönerung derselben, an Erbauung neuer Hütten und Erweiterung der alten, an besserer Einrichtung der Gärten, an neuen Pflanzungen mit unermüdetem Fleiße gearbeitet. Ungern trennte sich der tb-ilnedmende Freund nach einigen Wochen von dieser ihm so angenehmen Gesellschaft, und besonders von dem Greise, in dessen Umgänge er sich so wohl befand und den er so innigst liebte; er versprach ihm beim Abschiede, so bald es ihm möglich sey, zurück zu kehren, und vielleicht dann seine noch übrige Lebenszeit mit ihm unter Einer Hütte zu verleben;, beinahe die ganze Gesellschaft, bis aus Widdam und Agathe, geleitete ihn an einem schönen Morgen auf den Weg nach dem Gebirge, wo sie sich mit dem Ausdruck der herzlichsten Liebe und Dankbarkeit für, die geleisteten Dienste und mit der Hoffnung des baldigen Wiedersehens von ihm trennte. Die Gesellschaft nahm beim Zurückkehren ihren Weg nach der Winterwobnung zu; theils um hier in der Felsenhöhle und bedeckten Wohnung der, Hitze des Tages auszuweichen; theils aber auch den Plan zur Erweiterung dieses Aufenthalts zu machen, der sie gemeinschaftlich in den künftigen Regenmonaten aufnehmen sollte. Hier brachten sie den Tag unter sehr angenehmen Beschäftigungen zu. Antonio machte die beyden Neger in seiner Werkstatt- mit dem Gebrauch der und jener Werkzeuge bekannt: Gurr; al und Lina zeigten ihnen ihre erworbene Geschicklich- keiten, jener auf der Drehbank, und diese im Flechten. Sie freuten sich schon im Voraus auf die Zeit, wo sie sich —— 9^ hier versammeln und ihren Kunstfleiß üben würden. Erst spät am Abend kehrten sie wieder in ihre Wohnung zurück. Obgleich die mehrste Zeit. die sie hier gemeinschaftlich verlebten, unter Arbeiten und körperlichen Beschäftigungen zugebracht wurde: so blieb doch der jedesmalige siebente Tag ganz und beinahe jeder Abend der Erholung gewidmet, und diese Stunden der Erholung wurden zugleich zur Ausbildung ihres Geistes und Herzens durch lehrreiche Unterhaltungen und Gespräche über die Wahrheiten der Religion verwendet. Es wurden nicht nur die schon erkannten Wabrheiten von Gott, von seinen Eigenschaften und gütigen Gesinnungen gegen die Menschen, von seiner Fürsorge und den fortdauernden Beweisen seiner Macht und Güte, so wie seine Absicht, die Menschen immer glücklicher zu machen, durch nähere Betrachtung in ein immer helleres Licht gesetzt und dem Herzen dieser seiner Verehrer eingeprägt: sondern sie wurden auch immer mehr durch den Unterricht des Greises und Antonio mit der so erhabenen und liebenswürdigen Person Jesu, dem sie besonders die beßre Erkenntniß von Gott, die völlige Ueberzeugung von seiner Liebe und von ihrer eignen Bestimmung zur Seligkeit zu verdanken hätten, bekannt gemacht, so daß ihre herzliche Zuneigung und Liebe zu ihm, so wie ihr Verlangen, immer mehr von ihm zu hören, ihn immer besser kennen zu lernen, mit jedem Tage zunahm. Aber, guter Vater, sagte Gumal einsmals zum Greise: Du sprichst ja von Jesu, wie von einem deiner Bekannten; du mußt wohl von langer Zeit her mit ihm sehr vertraut gelebt haben. Greis. Ja, Gumal, ich kenne ihn von meiner Jugend auf, liebe ihn so innig, wie ich nur meinen besten Freund lieben kann, und bin im beständigen vertrauten ,ss,^- Umgänge mit ihm, ob ich ihn gleich nicht, so wenig wie du, jemals mit diesen meinen Singen gesehen habe. Lina. Wie? du hast diesen Jesus nie gesehen, und liebst ihn doch? Greis. Und auch du wirst ihn lieben, ob du ihn gleich jetzt noch nicht siehest; desto größer aber wird deine Freude seyn, wenn du den, den du schon jetzt liebest, sehen wirst, wie er ist. Lina. Du sprichst doch aber von ihm, wie man von einer Person redet, die man genau kennt. Ist es denn schon lange, daß Jesus gelebt hat? Greis. Ja, es ist schon sehr lange, daß er auf dieser Erde als Mensch gelebt hat; schon mehrere tausend Menschen haben nach einander seit der Zeit gelebt, daß Jesus, als Mensch, unter ihnen verweilte. Lina. Wie kannst denn du da etwas von ihm wissen, wenn du ihn nicht selbst gesehen und gesprochen hast? Greis. Meynst du denn nicht, daß es außer denen Personen, die hier mit dir in Verbindung leben, auch noch andere, in andern Gegenden der Erde giebt? Lina. Ja, das weiß ich. Greis. Und hast sie doch nie gesehen oder gesprochen. Lina. Aber ich habe es von denen gehört, die in jenen Gegenden gewesen sind, und diese Leute gesehen und gesprochen haben. Greis. Du weißt es also aus dem Zeugniß Anderer. Und so wirst du auch wohl wissen, daß es vor dir, ehe du zu leben angefangen hast, Menschen gegeben hat, die du auch nie gesehen und gesprochen hast? Lina. Auch das weiß ich. Greis. Und doch wohl auch daher, weil diejenigen, die älter sind, als du, und noch mit jenen früher lebenden Personen umgegangen sind, es dir gesagt habe«. — 27 Lina. So isis, denn so hat mir Narrli, da ich bei ihr war, gar vieles von meiner Mutter erzählt, daß sie ein gar gutes holdes Weib gewesen sey, mit der sie so vertraut, wie mit ihrer Schwester, gelebt habe; ich würde ja nicht wissen, daß ich eine Mutter gehabt hätte, wenn ich es nicht durch Nanll erfahren hätte; denn ich bin ganz klein gewesen, da meine gute Mutter starb. Greis. So können wir also von Personen, die lange vor uns lebten, noch Nachricht haben und sie kennen lernen, V)NS sie gesehen zu haben, nämlich durch das Zeugniß und aus der Erzählung derer, die mit ihnen zu gleicher Zeit lebten. So kannst du dir, Gumal, es nun auch wohl denken, wie man von Personen, die seit sehr langer Zeit gelebt haben, noch Kenntniß erlangen kann. Hat dir de:n Vater sonst nicht verschiedene seiner Vorfahren, der Helden seiner Nation, kennengelernt? eu^ ich weiß noch ihre Namen, und die E«ch" ,h„r Dst ,i„, ich mi, ,«i«m Vater m sicher Nacht zu einem Eichenwalde, da führte er wich zu einer Stelle hin, wo ein großer bemooster Stein, von wildem Gebüsch und hohen Bäumen beschattet, lag; da erzählte er mir von einem seiner Vorfahren, der ein sehr tapferer aber dabei guter Mann gewesen sey; und da mußte ch mederkmeen und mit offnem Blick zum gestirnten Himmel s-hin bei seinem Grabe versprechen, auch einmal so brav, f» tapfer und gut zu werden, wie YuÜb ah; dies war der Name des Edlen, den ich nie ohne Ehrfurcht nennen durfte. . ch kenne rcy außer diesem noch mehrere, die sich vor langer, langer-e-t unter meinen Landsleuten merkwürdig gemacht haben, und kann dir, wenn du es einmal erlaubst, Lieder beschrieben sind, die wir als Kim E 98— Greis. Damit hast du, lieber Gumak, die ersten Quellen der Geschichte angegeben, oder die Art, wie die Nachrichten von gewissen vormaligen Personen und Begebenheiten auf uns gekommen sind: nämlich durch Ueberlieferung, daß es eins dem andern, ein Geschlecht dem andern erzählt hat, wodurch das Andenken an sie bis auf ihre spätesten Nachkommen gekommen ist; dazu dienten denn auch gewisse Merkmale, als: Steine, die man an solchen merkwürdigen Orten ausrichtete, mit denen man die Statte bezeichnete, wo sich eine wichtige Sache zugetragen harte, oder eine geschätzte Person begraben lag; da führte der Vater seinen Sohn, der Greis den Jüngling hin, und erzählte ihm die erlebte Geschichte; dieser erzählte sie wieder seinem Sohne, und so wurde sie auf ferne Enkel fortgepflanzt. Auch dienten gewisse Feierlichkeiten und vorzüglich Lieder, die aus die merkwürdige Begebenheit verfertigt wurden, dazu, das Andenken derselben auf die späteste Nachwelt fortzupflanzen. Lina. Nun erkläre ich es mir, wie du Jesum kennen und wissen kannst, was er gethan hat, nämlich aus den Nachrichten derer, die mir ihm zu gleicher Zeit gelebt, ihn gesehen und gekannt haben. Greis. Recht so, Lina; nur ist dabei die Frage, auf welche Art diese Nachrichten auf uns gekommen sind, und ob sie auch unsern völligen Glauben verdienen? Gumal. Ja, Vater, das sage uns doch. Greise Die eine Art, wie die Nachrichten von frühern Begebenheiten aus die spätere Nachwelt kommen können, wäre also die Ueberlieferung, oder die Erzählung derselben von^ Mund zu Mund, von einem Geschlechte zum andern; viesw,.r auch in den ältesten Zeiten das einzige Mittel, die G-M-chtt^ merkwürdiger Veränderungen zu erhalten; aber dieses Mittel, ist nicht so ganz hinreichend und sicher; es kann dabei glE, wohl manches in Vergessenheit gerathen, manches durch 99 fremde Ausätze entstellt werden, weil jeder Erzählende gern etwas hinzusetzt oder wegläßt, je nachdem es ihm gestillt; wir würden uns daher nie mit Auverläßigkeit an dergleichen Nachrichten halten können, die blos auf mündlicher Ueberlieferung beruhen; man erfand daher ein sicheres und bequemeres Mittel, geschehene Dinge unvergeßlich zu machen, nämlich: die Zeichen- und nachher die Buchstabenschrift, zu der auch ihr bisher schon einige Anleitung empfangen habt; durch diese Zeichen drückte man den Sinn oder die Vorstellungen von solchen Dingen aus, die man sich dachte, und über die man sich mit Andern unterhalten wollte, so daß sie geschickt waren, die mündlichen Unterredungen zu vertreten. Man lernte dasjenige, was man gesehen, gehört oder gedachthatte, schreiben, das heißt, mit bestimmten Zeichen ausdrücken, die die Stelle der Sprache vertraten; und lesen, das heißt, den Sinn, der durch diese Zeichen ausgedrückt wurde, verstehen, und durch dieses Mittel gelang es den Menschen, einander, auch ohne sich mündlich zu sprechen, wichtige Nachrichten zu ertheilen, und das, was zu ihrer Zeit geschehen war, noch für die spatesten Zeiten aufzubehalten. Selbst die Vorsehung Gottes bediente sich dieses Mittels, um die Belehrungen, die sie den Menschen ertheilte, durch diese Art der schriftlichen Ueberlieferung unter ihnen zu erhalten und zu befördern, und dieser verdanken wir vorzüglich den Unterricht, den auch wir noch über die wichtigsten Wahrheiten der Religion erhalten haben. Zu der Zeit nun, als Jesus auf der Erde lebte, war der Gebrauch der Schrift, oder die Art, seine Gedanken durch schriftliche Zeichen auszudrücken, schon sehr allgemein, und unter denen, die ihn kannten, mit ihm sehr vertraut umgrenzen, und Zeugen von allem dem waren, was Er redete und that, fehlte es nicht an solchen, die diese Geschicklichkeit besaßen, das, was sie gesehen und gehört harren, nicderzu» G L Ä6S schreiben, und es auf solche Art auch auf die Nachkommen zu bringen. Wo sie also mit ihrem mündlichen Unterricht nicht hinkommen konnten, da konnten sie es durch ihre Schuften thun, und dadurch konnten sie die wichtigen Begebenheiten, die zu ihrer Zeit geschehen waren, auch auf die spätesten Nachkommen bringen. G umal. Aber besitzen wir denn auch noch diese schriftlichen Nachrichten? Greis. Ja; noch sind sie in unsern Händen; noch können auch wir Gebrauch von denselben machen, und durch sie werden wir in den Stand gesetzt, Jesum so kennen zu lernen, als ob er noch in unsrer Mitte wäre, seine großen Thaten vor unsern Augen verrichtete und mit uns redete; denn seine Bekannten, mit denen er täglich umgieng, haben uns das Merkwürdigste von seinem Leben, von seinen Thaten und Reden aufgezeichnet, und uns in ihren Schriften die Lehren aufbehalten, wie sie dieselben von ihm selbst und durch seinen Unterricht empfangen hatten. Diese schriftlichen Nachrichten wurden nachher gesammelt, und von denen aufbewahrt, die sich zu der Lehre dieses Jesus bekannten; sie wurden un- zahligemal abgeschrieben, und in alle die verschiedenen Sprachen derjenigen Völker übersetzt, die in dieser Religion unterrichtet wurden; und so ist es unter der besondern Leitung der göttlichen Vorsehung geschehen, daß auch wir uns noch, außer dem fortgesetzten mündlichen Unterricht, in dem Besitz dieser wichtigen Urkunden aus den Zeiten Jesus befinden, und aus ihnen den völligen Unterricht zur Seligkeit schöpfen können. G amai. Was du uns also bisher von Jesu erzählt hast, das hast du wohl auch aus diesen Nachrichten genommen?, Greis. Ja; und eben darum konnte ich es euch nur der Zuverlässigkeit und Gewißheit wieder erzählen, als ob ich ! OI es selbst gesehen oder aus dem Munde dieses Jesus selbst ge-- hört hätte; denn diese Schriften haben die höchste Glaubwürdigkeit. Gumal. Weil sie freilich von solchen Menschen geschrieben sind, die zu gleicher Zeit mit ihm lebten— Lina. Und alles selbst mit angesehen und von ihm selbst gehört haben— Greis. Und noch dazu Männer waren, die in ihren Reden und schriftlichen Aufsätzen die größte Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe bewiesen. Es waren Männer, die so ganz dazu geschickt waren, die Wahrheit zu bezeugen; nicht gelehrte, auf ihre Weisheit eingebildete Menschen; sondern Männer von gesunden Sinnen, von gutem Verstände und Herzen, und mehr gehörte ja nicht dazu, um zu bezeugen was sie gesehen und gehört hatten: dies thaten sie auch.mit der größten Offenherzigkeit und Freimüthigkeit. Ihre Aufrichtigkeit gieng so weit, daß sie auch selbst ihre eignen Fehler nicht verschwiegen, sondern manches in ihren Schriften von sich erzählten, was ihnen eben keine Ehre brachte; ihreWahr- heitsliebe trieb sie an, sogar mit Verlust aller irdischen Vortheile, selbst ihres eignen Lebens, alles dasjenige auch im Angesichts ihrer Feinde zu bezeugen, was sie von Jesu wußten, und wovon sie selbst auf das innigst- überzeugt waren. Solche Männer verdienen doch wohl unser Zutrauen und unsern Beifall? Gumal. O gewiß! Greis. Dazu kömmt nun noch, meine Lieben, daß Jesus selbst von ihnen erklärte, daß sie die untrüglichsten Zeugen der Wahrheit wären und allen Glauben verdientem Er hatte nicht nur ihre Treue geprüft und redlich gefunden, hatte sie nicht nur selbst unterrichtet, und bei langem Umgang mit ihnen sie immer mehr nach seinem Sinne gebildet, und schon dadurch geschickt gemacht, als Lehrer seiner Reli- ro2 gion aufzutreten: sondern er versprach ihnen auch, daß sie, so lange sie lebten, unter seiner und seines himmlischen Vaters Aufsicht und besondern Leitung stehen sollten, daß er ihnen seinen Geist geben und sie in alle Erkenntniß der Wahrheit leiten würde, daß er Nach dem genauen Verhältnisse, in welchem er mit Gott, seinem Vater, stehe, sich immer für sie verwenden, und ihnen die nöthigen Kenntnisse, Kräfte und Geschicklichkeiten ertheilen werde, die sie als künftige Lehrer der Wahrheit bedürften. Wie wich mein Vater gesandt hat: so sende ich euch. Wer euch höret, erklärte Er dabei von ihnen, der höret mich, und wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und ihr werdet meine Zeugen seyn, so lange Menschen auf der Welt leben.— Wenn also je das Zeugniß Anderer ein fester Grund unsrer Ueberzeugung seyn kann: so ist es gewiß das Zeugniß dieser Bekenner Jesu: und je- mehr ihr euch nun und in Zukunft mit ihren Schriften und Belehrungen bekannt machen werdet, um destomehr werdet ihr aus dem ganzen Zusammenhange ihrer Geschichte und ihres Vertrags einsehen und bekennen: wir wissen, daß ihr Zeugniß wahr ist. Nunmehr hatten die Sommerbeschäftigungen für die Gesellschaft ihren Ansang genommen. Bei der überhandnehmenden Hitze konnte des Tags über nur wenig gethan werden; dieser wurde größtenteils in kühlen Grotten und im dichten Schatten des Waldes in Ruhe zugebracht: desto reger aber wurde der Fleiß der Kolonie mit der sinkenden Sonne bis zur Nacht, wovon nur wenige Stunden dem Schlafe gewidmet waren; denn noch vor Anbruch des Morgens waren alle schon wieder an der Arbeit. Es war ein Vergnügen, wenn - i->3 «och in der frühen Dämmerung die Gesellschaft sich bei der Hütte des Greises versammelte, jedes das Werkzeug des Fleißes in der Hand haltend, und den heraustretenden Greis bewillkommend, der sie dann auf eine kleine Anhöhe führte, das Morgengebet verrichtete, und sie mit guten Ermahnungen und Erinnerungen entließ; dann ordnete Vater Chilum das Tagsgeschnfte, wies jedem seine bestimmte Verrichtung an, und jedes gieng dann vergnügt und heiter an seinen Beruf. In kurzer Zeit gewann daher die Gegend auch an den Stellen, wo sie bisher noch angebaut und wild war, ein freundliches Ansehen; Saatfelder und Garten wechselten mit kleinen Wäldern von Obstbäumen und bewachsenen Hügeln ab; hier und da waren anmuthige Hütten angelegt; die Wege, die zu den gemeinschaftlichen Wohnungen führten, waren aufgeräumt, hin und wieder mit Ruhebänken von Rasen oder aufgetragenen Steinen und Moos versehen, und in den Wohnungen selbst wurde schon eine gewisse Art von Wohlstand merklich: überall herrschte Ordnung und Reinlichkeit; besonders zeichnete sich die Hütte der Lina durch geschmackvolle Verzierung aus; die Wände waren statt der Tapeten mir artigen, von ihrer Hand gewebten Malten behängen, der Fußboden auf eine Art Estrich geschlagen, den sie immer sehr reinlich hielt; die Sitze an den Wänden waren gepolstert und mit der ausländischen Leinwand bekleidet; ihr Tisch war von Antonio auf das netteste gearbeitet, und was diesem ihrem Smatszimmer in ihren Augen einen besondern Vorzug gab, war ein kleiner Spiegel, den ihr der Greis Sarinne aufgehängt hatte, und den Gumal täglich mit neuen Blumenkränzen verzierte. Wer weiß, sagte der Greis lächelnd zu Antonio: ob irgend eine europäische Dame sich so glücklich in ihrem Staatszimmer fühlt, als Lina in dem Ihrigen, Jedes war mit seinem gegenwärtigen Zustande vollkommen zufrieden. Chilum erklärte mehrmals: er sey als Fürst nie so glücklich gewesen, als er sich hier im Schooße der schönen Natur und in dem ungestörten Umgänge mit seinen Kindern und Freunden befände; und seine beyden treuen Neger bezeugten, es wäre ihnen, als ob sie jetzt erst recht zu leben anfiengen. Selbst Agathe, der diese Gegend bisher noch immer zu einsam und menschenleer vorkam, gewöhnte sich allmählich an den stillen Aufenthalt, und hatte keinen Wunsch weiter, als nur noch eine größere Anzahl Maulthiere unter ihrer Aufsicht zu haben; denn die beyden anwesenden gaben ihr zu wenig Beschäftigung, und zu andern Arbeiten bezeigte sie wenig Lust. Nur Widdam war der Einzige, der in dem Kreise dieser zufriednen und glücklichen Menschen nie recht heiter und froh war; so sehr er es auch zu verbergen suchte, bemerkte man doch in seinem Gesichte die Züge des Mißvergnügens, die Spuren eines innern Harms. Ein gewisser Hang zur Schwermuth, der besonders seit seiner letztem Krankheit, wo er oft in der Hütte sich selbst und seinem Kummer überlassen blieb, war genährt worden, zog ihn oft von der übrigen Gesellschaft zu einsamen Orten hin, und oft fand mmr ihn mit rothgeweinten Augen im schaurigsten Dickigt; dann nahm er zwar die Miene der Heiterkeit an, und zwang sich, an den Freuden der Uebrigsn Theil zu nehmen: man bemerkte aber gleichwohl das Gezwungene, und so sehr sich auch Gumal Mühe gab, die Ursache seines geheimen Kummers zu erforschen, so währte es doch lange, ehe sich das Herz seines Freundes gegen ihn öffnete. Es war an einem schönen Abende, nach einem zwar starken, aber schnell vorüber gegangenen Gewitter, als Gumal mit seiner geliebten Lina vor dem Eingänge ibrer Hütte auf einer Rasenbank faß, und mit herzlichem Vergnügen die am ——- io5 Himmel schnell dahin eilenden zertheilten Gewitterwolken betrachtete, die von der untergehenden Sonne beleuchtet, in so mannichfgltigen Farben und Schattirungen dem Auge ein prächtiges Schauspiel gewahrten. In ihren Seelen wurde, wie gewöhnlich, durch dergleichen herrliche Naturscenen, der Gedanke an Gottes Allmacht und Güte erregt, und eben befanden sie sich in der angenehmsten Unterhaltung darüber., als sie ihren lieben Widdam in einer kleinen Entfernung, einsam dahin wandelnd, gewahr wurden. Sie riefen ihn zu sich, daß er doch auch an diesem großen Schauspiel Theil nehmen und sich mit ihnen freuen mochte. Widdam näherte sich ihnen, richtete seine Augen zum Himmel, sah mit unverwandtem Blick nach demselben— aber helle Tropfen hiengen an den Augenwimpern und träufelten über seine Wangen herab; auch drängte sich-ein langverhaltener Seufzer aus seiner gepreßten Brust. Du weinst, Lieber? rief Lina aus, und strich mit der flachen Hand ihm die Thränen aus dem Gesicht; wie kannst du bei solch einem entzückenden Anblick weinen? Ach lieber Widdam, wer zum schönen Himmel aufsehen und sagen kann: Du Gott, bist mein Vater! der darf nicht weinen, er müßte es denn vor Freuden thun. Widdam. Wenn nun dies der Fall bei mir wäre? Lina. Ja, da müßte dein Gesicht anders dazu aussehen; deine Freude müßte auch aus dem nassen Auge vor- blicken; und woher der Seufzer aus deiner Brust? Gumal. Lieber, guter Widdam! Tausche uns doch nicht langer mit verstellter Heiterkeit. Dein Gesicht, dein ganzes Wesen zeugt zu sehr wider dich; du bist der heitere Widdam nicht mehr, der du vormals warst, als wir im Vaterlands bei einander waren; da warst du bei unsern jugendlichen Spielen immer der Erste.— Widdam. Ja, im Vaterlands war es anders! rol- Gunral. Dir gefallt es also nicht in unserm jetzigen Aufenthalte? Widdam. Gumal! Du hast mich schon oft mit dieser Frage gekränkt: Dir und deinem guten Datei zu Liebe, habe ich ja die vaterländische Gegend mit dieser vertauscht; freilich würde sie, und wenn sie auch noch einmal so schön wäre, mich nicht an sich fesseln, wenn du und Chilum nicht in derselben verweiltest. Gumal,(indem er seinen Freund in den Arm faßt und in das nahe Wäldchen leitet:) Widdam! rede aufrichtig, und entdecke mir deinen Kummer; diesmal entlasse ich dich nicht eher, bis du mir das Geheimniß deines Herzens entdeckt hast: wenn du anders mein Freund bist und ich deines Zutrauens werth bin. Widdam. Wie kannst du an meiner Freundschaft zweifeln? Habe ich ihr nicht alles andre aufgeopfert(Er seufzt)! Gumal. Freund, dieser Seufzer verräth es, wie theuer dir diese Freundschaft zu stehen kömmt! und nun bei dieser Freundschaft bitte ich dich, entdecke mir deinen Kummer, du sollst sehen, daß auch ich im Stande bin, alles, was mir noch so lieb ist, aufzuopfern, um dir Beruhigung zu verschaffen. Widdam,(nach einigem Stillschweigen)— Nicht wahr, du siebst deine Lina? Gumal. Ja— so sehr ich nur immer eine Person, der ich mein Leben und meine Erhaltung zu verdanken habe, sieben kann. Widdam. Würdest du dir wohl, ohne sie, diese Gegend zu bewohnen wünschen? Gumal. Ich— ohne Lina?— Ja, da würde mein Leben sehr traurig seyn. l»7 Widdam. Und wenn sie getrennt von dir in einer entfernten Gegend lebte— würdest du keinen Wunsch für sie in deinem Herzen haben? Gumal. Allerdings; ich würde keimn sehnlicheren Wunsch als nach ihr haben, und um ihn zu befriedigen, würde ich mich eher noch einmal der Gefahr aussetzen, die unwegsamste Wüste zu durchwandern, um zu ihrem Besitz zu gelangen. Widdam. So wisse denn, daß ich in meiner Heimath eine Freundin habe, die ich eben so sehr liebe, wie du nur immer deine Lina lieben kannst. Von meiner frühesten Kindheit an, war sie meine liebste Gespielin, es vergieng selten ein Tag, wo wir einander nicht sahen; wir versprachen einander, uns immer zu lieben; als ich mich das Letzremal aus ihren Armen riß, um deinen Vater in den Krieg zu begleiten, beschwor sie mich, unter Vergießung häufiger Thränen, sie ja nicht zu vergessen; ich that ihr das heilige Gelübde; da knüpfte sie die Schnur, die ich hier auf der Brust trage, und hieng sie mir um den Hals. Widdam, sprach sie, dies sey dir Erinnerung der gegebenen Treue; vergiß deine Mella nicht, und schone dein Leben! Zwar wahrend dem Getümmel der Schlacht, und da, als mich die Liebe zu dir mit deinem Vater durch die Wildniß trieb, mußte die Liebe zur Mella der Pflicht der Freundschaft nachstehen; aber jetzt fordert sie ihre Rechte wieder, mahnt mich Tag und Nacht an mein Versprechen, und ich würde schon langst wieder die Rückkehr zu ihr angetreten haben, wenn mich nicht die Liebe zu dir und deinem Vater, so wie zu den hier gefundenen Freunden zurückhielte. Schon manchmal kam mir der Gedanke ein, ganz in der Sülle aufzubrechen; schon einmal war ich wirklich auf dem Wege— aber Euch zu verlassen, fiel mir zu schwer; doch zweifle ich, ob ichs langer aushalten werde. Du weißt nun mein Geheimniß, Gumal; nun rathe mir, wie ich, ohne Euch zu beleidigen, ohne untreu an deinem Vater zu werden, zum Besitz meiner Geliebten gelangen kann. Gumal. Widdam! aus- Freundschaft gegen mich hast du dich den größten Gefahren ausgesetzt; wäre ich dessen werth, wenn ich nicht auch deinen Kummer mir dir theilen, und um ihn zu heben, dir wieder zunr Besitz deiner Mella verhelfen wollte? Ich begleite dich hin zu ihr. Hier hast du meine Hand darauf; mein Vater wird mir gewiß die Erlaubniß dazu ertheilen, und unser ehrwürdiger Greis wird die Absicht unsrer Reise nicht mißbilligen. Widdam. Deine Hand nehme ich nicht an; du darfst dich nicht wieder den Gefahren einer solchen Reise aussetzen, wirke du mir nur die Erlaubniß zu derselben aus; die Liebs wird mir alle die Beschwerden derselben überwinden lehren. Wie fühle ich schon jetzt mein Herz erleichtert, da ich dir meinen Kummer anvertraut habe. Wie glücklich ist der, der so einen treu?» Freund hat! Beyde umarmten einander. Lina, die ihnen heimlich nachgeschlichen war und ihre Unterredung Mit angehört hatte, sprang jetzt aus dem Gebüsch hervor, ihrem Gumal in die Arme, drückte ihn fest an ihre Brust und sprach: und wenn du auch von allen die Einwilligung zur Reise empfängst, so wird sie dir Lina versagen, und den will ich sehen, der dich aus meinen Armen reißen kann. Widd wm. Du hast nichts zu befürchten, gute Lina; ich kenne die Rechte der Liebe und ehre sie. Gumal fand noch an demselben Abende Gelegenheit, mit dem Greise über die Angelegenheit seines Freundes zu sprechen; dieser versprach ihm seinen Beistand; den folgenden Tag wurde auch Chilum zwRathe gezogen, und beyde willigten in die Reise des Widdams ein; nur müsse er eine bequemere Zeit dazu erwarten; wenn erst der Sommer vorüber und die Hitze gemaßiget sey, dann sollte einer von den Negern ihn begleiten und ihm freigelassen werden, ob er wieder mit seiner Mella zurückkehren oder sich auf immer von ihnen trennen wolle. Dies war nun schon zur Beruhigung Widdams genug; sein Gesicht ward wieder heiter; aus seinem Gemüth verschwand jeder Kummer; mit Munterkeit grenz er an seine Arbeit, und so oft sich die Gesellschaft versammelte, erschien er mit der heitersten Mime und teilnehmendem Herzen. Die Kinder baten nun den Greis, daß er ihnen doch die Geschichte Jesu, nach den Nachrichten seiner Zeitgenossen, erzählen möchte. Recht gern, sagte der Greis, nur muß ich euch zuvor noch über einige merkwürdige Dinge, die auf diese Geschichte Beziehung haben, belehren, damit ihr diesen Unterricht besser verstehen möget. Ihr wisset nun schon, meine Lieben, daß, ehe Jesus in Die Welt kam, ein sehr großer Zeitraum vorüber war, und viele tausend Menschen vor ihm auf der Erde schon gelebt hatten, die, ob sie gleich alle ursprünglich von Einem Geschlecht waren, sich doch nach und nach von einander abgesondert und in verschiedenen Völkerschaften auf dieser Erde ausgebreitet hatten; durch diese Absonderung entstand unter ihnen eins Verschiedenheit in der Denkungsart, in den Sitten, in der Sprache, in der Kleidung und Lebensart, daß man sie beinahe nicht mehr für Abkömmlinge Einer Familie hätte halten sollen. Unter ihnen befand sich besonders ein Volk, das sich von jeher von den übrigen, zwar nicht durch seine Größe und Macht, aber durch eine sehr eigenthümliche Denkungsart auszeichnete, ein zwar kleines, aber fruchtbares Land bewohnte, und sich immer abgesondert von den übrigen Völkerschaften erhielt; es führte den I l ir Namen von einem seiner Stammvater, Israel; späterhin wurden sie Juden genannt. Dieses, im Verhältniß mit andern Völkerschaften geringen Volks, bediente sich die Vorsehung des weisesten Gottes, um durch dasselbe die richtige Erkenntniß von Gott und die rechte Art, ihn zu verehren, unter den Menschen zu erhalten, besonders aber durch einen aus ihrer Mitte, einmal das ganze menschliche Geschlecht zu beglücken. Daß nur ein einziger Gott sey, ein höchst vollkommenes Wesen, dem der Mensch allein Anbetung und Verehrung schuldig sey: war eine der ersten und wichtigsten Wahrheiten, die diesem Volke anvertraut wurde. Gumal. Wurde denn diese Wahrheit damals nicht allgemein erkannt und angenommen? Greis. Nein; sondern der größte Theil der Menschen hatte diese Erkenntniß verloren; sie machten sich zu sinnliche Vorstellungen von Gott; dachten sich sein Wesen bald unter dieser, bald jener Gestalt; bald unter der Sonne, bald dem Monde, oder dem Feuer, oder,sonst einer Sache, die einen wichtigen Einfluß auf ihr Glück hatte: daraus entstand der Glaube an Vielgötterei, oder die Meynung, daß es mehrere Wesen gäbe, die der Anbetung der Menschen würdig waren; man erwies diese Ehre wohl gar leblosen Gestalten, als Steinen, Bäumen, Pflanzen, oder Thieren, die den Menschen theils sehr furchtbar oder sehr nützlich waren; oder auch wohl den Menschen selbst, die sich durch ausgezeichnete körperliche oder geistige Borzüge, durch wohlthätige oder schaudervolle Thaten merkwürdig gemacht hatten. Oft schufen sie sich selbst durch ihre Einbildung gewisse Gestalten, gaben ihnen durch die Kunst gewisse Formen, schrieben diesen besondere Kräfte zu und stellten sie zur öffentlichen Verehrung auf. Da warfen sich oft Menschen, vernünftige Geschöpfe, vor Bildern aus Holz oder Stein, oder Erz nieder, die ihre eignen Hände gearbeitet hatten, und beteten sie an; und den Gott, der sie erschaffen und ihnen Vernunft gegeben hatte, kannten und ehrten sie nickt. Beinahe wäre durch diese Abgötterei,(denn so nennt man diese Art der Verehrung und Anbetung solcher Dinge, die nicht Gott sind,) die Erkenntniß des einzigen wahren Gottes, des Schöpfers der Welt, und die würdige vernünftige Art der Gottesverehrung von der Erde verdrängt worden, wenn sie sich nicht, zum Glücke für die Menschen, in der vorhin erwähnten Familie, deren Stammvater Abraham hieß, ein Mann von vorzüglicher Gottesfurcht und Recht- schaffenheit, erhalten und sich von dieser weiter ausgebreitet hatte. Ihm und seinen Nachkommen, die späterhin ein eignes Volk ausmachten, gab Gott eine deutliche und bestimmte Erkenntniß seines Willens, oder die Gesetze, nach denen sie sich als seine wahren Verehrer richten sollten. Er bediente sich in dieser Absicht gewisser einsichtsvoller und erleuchteter Menschen, unter andern eines Moses, der als Gesetzgeber des Volks ihm eine eigenthümliche Verfassung gab, die ganz dahin zweckte, es zu einem heiligen, tugendhaften Volk zu bilden; eines Davids, der als König diese Nation in einen sehr glücklichen Zustand erhob, und selbst als ein Verehrer des wahren Gottes durch seine Belehrung sehr vieles beitrug, um seinen Zeitgenossen würdige Begriffe von Gott und ihren Pflichten beizubringen; außerdem gab ihnen Gott von Iejt zu Zeit besondere Lehrer(Propheten,) die die Menschen mit seinem Willen bekannt machen und sie immer mehr auf den wichtigen Zeitpunkt vorbereiten sollten, wo er ihnen einen noch großem Lehrer als alle Vorhergehende senden und sie zu noch höherer Glückseligkeit erheben wollte. Gumal. Ich dachte, das müßte wohl ein ausgezeichnet gutes Volk geworden seyn, da es doch von jeher ei- 112 nen so vorzüglichen Unterricht von Gott und seinem Willen gehabt hat. Greis. Das sollte man mit Recht erwarten; aber eben die Geschichte dieses Volkes dient zum Beweis, wie lies das menschliche Geschlecht gesunken war, und wie sehr es einer noch größer« Hülfe bedurfte, um es wieder zu erheben. Ungeachtet der bessern Belehrung, die es empfangen hatte, und der öftern nachdrücklichen Ermahnungen, welche von Zeit zu Zeit durch jene göttlichen Gesandten, die Propheten, an dies Volk ergiengen, blieb es doch, dem größten Theile nach, in einem verdorbenen Zustande. Bei aller Erkenntniß des göttlichen Willens, handelte es doch oft geradezu demselben zuwider, achtete nicht auf die warnende Stimme der Religion, begegnete denen, die es zu einer bessern Sinnesart zurück zu rufen suchten, auf die verächtlichste und beleidigendste Art, und tödtete nicht selten diejenigen, die Gott zu ihnen sendete, um sie an ihre Pflichten zu erinnern. Dieses so unwürdigen Betragens ungeachtet schmeichelten sie sich gleichwohl, das Volk Gottes zu seyn, und als die Nachkommen Abrahams einen Borzug vor allen andern Menschen zu haben. Sie glaubten, alle übrigen Bewohner der Erde wären von der Achtung und Liebe Gottes ausgeschlossen, nur sie allein hätten Anspruch auf seine Gnade zu machen. Gott sey nur ihr Gott; ihr Tempel zu Jerusalem wäre der einzige Ort, wo man ihn auf eine würdige Art anbeten könnte^ und eine genaue Befolgung der, bei dem öffentlicher! Gottesdienste vorgeschriebenen Gebräuche, wäre das einzige Mittel, sich ihm wohlgefällig zu machen. Daran dachten die wenigsten, daß, wenn man ein ächter Verehrer Gottes seyn wolle, man auch fromm und tugendhaft leben, und seine Pflichten redlich und gewissenhaft ausüben müsse: sondern die mehresten glaubten, wenn sie nur zu bestimmten Zeiten in den Tempel gierigen und da ihre Gaben und Opfer 11Z darbracksett, so hatten sie ihrer Pflicht, als Verehrer Gottes, genug gethan, wenn auch ihr übriges Verhalten nickt so gar g nau mit den Gesetzen der Tugend und dem Willen Gottes übereinstimme. War nun schon die Denkungsart und Handlungsweise dieser Menschen, die sich doch einer bessern Erkenntniß Gottes und seines Willens rühmten, so fehlerhaft: was ließ sich wohl von andern erwarten, die keinen nahem Unterricht von Gott empfangen Hütten, und in nvck größrsr Unwissenheit und gefährlichern Irrthümern lebten. Die Abgötterei und der Aberglaube herrschte allgemein unter den Menschen; jede Nation schuf sich in ihrer Einbildung eins eigene Gottheit, und verehrte sie unter verschiedenen Vorstellungen und durch gewisse äußerliche sinnliche Gebräuche. Die unrichtigen Vorstellungen, die man sich von Gott machte, erzeugten fehlerhafte Gesinnungen, und wurden der Grund vön so vielen Lastern und Ausschweifungen, zu denen der sinnliche Mensch nur gar zu geneigt ist. Nur wenige unter ihnen zeichneten sich durch eine weisere Denkungsart und ein gesitteteres Verhalten aus, bemerkten mit Mitleid die Unwissenheit und das sittliche Verderben ihrer Zeitgenossen, bemühten sich zwar auch, die Liebe zur Weisheit und Tugend unter ihnen zu erwecken und auszubreiten: aber ihre Bemühungen blieben gewöhnlich fruchtlos, oder wirkte» nur auf eine sehr kleine Anzahl von Menschen, die aber auch die Mangel ihrer Erkenntniß und das Bedürfniß einer bessern Belehrung desto dringender empfanden. In jeder andern Rücksicht, nur nicht in derjenigen, die ihre wesentliche Bestimmung betraf, durch Weisheit und Tugend glücklich zu wei den, brachten es die Menschen immer weiter. Sie erfanden Künste und Wissenschaften, die aber gößtentheils auf den gegenwärtigen sinnlichen Genuß des Lebens Beziehung hatten, und brachten es darinne zn Lossins Gumal. U- H 114 immer mehr Vollkommenheit. Die edelsten Fähigkeiten und Kräfte ihres Geistes wurden blos darauf verwendet, um Mittel zu erfinden, ein recht bequemes und üppiges Leben zu führen. Dies fahs man als den eigentlichen Zweck alles menschlichen Bestrebens an, und vernachläßigte darüber, was auf die Seele und ihr wahres Glück Beziehung hatte. Die Begierde zum Reichthum, zur Ueppigkeit, erhielt die Menschen in rastloser Beschäftigung, trieb sie oft zu sehr unwürdigen Handlungen an, erregte die feindseligsten Leidenschaften des Neides, der Habsucht, der Eifersucht und Rache in ihnen, löste oft die Bande der menschlichen Gesell-. schaft, der Liebe und Eintracht auf, und störte den Frieden und die Ruhe ganzer Nationen. Ein Volk suchte das andere aus seinen Besitzungen zu verdrängen, sich in den Besitz seiner Güter zu setzen) und sich dasselbe unterwürfig zu machen. Durch fast nie aufhörende Kriege wurde die Erde, die doch ein Aufenthalt glücklicher Menschen seyn sollte, ein Schauplatz von Grausamkeit und Ungerechtigkeit, so wie durch sie der Menschen Herzen immer mehr verwilderten, und die natürlichen guten Anlägen und Triebe desselben in feindselige und lasterhafte Neigungen ausarteten. Gumal. Das ist eine traurige Beschreibung, Vater, die du uns da von dem menschlichen Geschlecht machst. Greis. Und doch ist sie genau aus der Geschichte der Menschheit genommen. Wie konnte es auch anders seyn? Jemehr sicft der Mensch, oder auch ein ganzes Menschengeschlecht, von Gott, als dem Urheber seines Daseyns und Glücks entfernt, ihn nicht in seinen weifen und gütigen Einrichtungen als seinen Wohlthäter verehret, nicht seinen Willen sich zum Gesetz macht: um desto mehr entfernt es sich von dem Wege seines Glücks, um desto tiefer sinkt es in Elend und Verderben, aus welchem es sich hernach nicht selbst wieder heraushelfen kann.— Groß und allgemein war das Ver- 11Z derben der Menschen; aber auch um desto größer die Hülfe, desto wichtiger die Wohlthat der Errettung, die der allgütigs Gott, dem so tief gefallenen menschlichen Geschlecht, durch die Sendung Jesu Christi seines Sohnes in diese Welt erzeigte. Lina. Ach, Vater, nun wirst du doch bald unser Verlangen befriedigen, und uns wieder von diesem guten Jesus unterhalten, aufweichen du uns Anfangs hingewiesen, und mit dem du uns noch bekannter zu machen versprochen hast. Gumal. Ja, bester Vater, halte unS nicht langer auf, wir wollen auch recht aufmerksam seyn. Der Greis gab der edlen Wißbegierde der Kinder seinen Beifall, und versprach ihnen, in der nächsten Unterredung sie mit der Geschichte Jesu und seines wohlthätigen Geschäftes auf Erden zu unterhalten. §)amit Mr die Menschen, fuhr der Greis bei der nächsten Zusammenkunft fort, und insbesondere das jüdische Volk, die Wohlthat Gottes, die er ihnen durch die versprochene Hülfe erzeigen wollte, auch recht dankbar erkennen und anwenden möchten: so mußten sie zuvor erst recht einsehen lernen, wie sehr sie derselben bedurften; das eigne Gefühl ihres elenden Zustandes mußte in ihnen den Wunsch nach Errettung immer dringender und sie desto geneigter machen, die Person, die zu ihrem Heil in die Welt kam, mit desto freudigern und williger» Herzen aufzunehmen. Ss mußte selbst der äußerliche Zustand, in welchem sich die jüdische Nation zu der Zeit befand, als der Menschenbeglücker Jesus in die Welt kommen sollte, dazu dienen, um sie auf seine wohlthätige Erscheinung vorzubereiten. Seit einer sehr langen Reihe von Jahren, wo die Juden sehr abwechselnde, oft traurige Schicksale erfahren hatten, war auch H- ihr äußerlicher Wohlstand sehr in Verfall gerathen. Sie wa- ren nickt mehr das freie glückliche Volk, das sie in frühem Seiten gewesen waren; ein fremdes, und noch dazu heidni- sches Volk, hatte sie sich unterwürfig gemacht, und ihren Stolz, nach welchem sie sich immer noch für das vorzüglichste, von Gott begünstigte Volk stielten, gar sehr gedemürhiget. Zwar genossen sie noch das Glück, den wahren Gott, den ihre Vater erkannt und angebetet hatten, und zu dessen Erkenntniß sie durch ihre ehemaligen Lehrer und Propheten waren geleitet worden, nach ihrer Ueberzeugung zu verehren: aber auch diese Gottesverehrung, bei der sie Aufheiterung und Trost hatten finden, und die ihnen das Mittel zu einem recht glücklichen, tugendhaften und heiligen Leben hätte seyn sollen, war in einen sehr beschwerlichen und lästigen Dienst ausgeartet, bestand blos in ausserlichen Gebrauchen und Ceremonien, die mit vielem Aufwand verbunden waren, in Opfern und Gaben, in beschwerlichen Reisen zu dem Tempel, und Beobachtung einer Menge Gesetze und Verordnungen, die ihnen ihre Priester auflegten, wobei die eigentliche Bildung ihres Verstandes und Herzens gar sehr vernachlässigt wurde. Unter dieser doppelten Last, die so sehr auf den Geist dieses Volkes drückte, war es nicht zu verwundern, daß eS sich nach Erleichterung derselben, nach einem bessern Zustande sehnte: daß die Hoffnung bei sehr vielen desto lebhafter wurde: Gott werde doch einmal die ihnen gegebene Verheis- sung erfüllen, und den versprochenen Erretter und Heiland (oder in ihrer Sprache den Messias, Christus), senden und durch ihn sei« Volk wieder vollkommen glücklich mache». Gumal. Ich sollte auch meynen, Vater, sie hätten dies mit Recht erwarten können. Greis. Und aus welchem Grunde meynsi du dies? Gumal. Ja, weil es ihnen doch Gott versprochen hatte, und der ist ja wahrhaftig, und hält, was er verheißt. 4 I 7 Greis. Dies war auch die gegründete Hoffnung und der Trost des bessern Theils der Jsraeliten. Nur Schade, daß sie sich nicht alle die rechte Vorstellung von diesem verheißenen Heilande und der eigentlichen Absicht seiner göttlichen Sendung machten. Der größte Theil der Menschen hat von dem, was er für sein Glück halt, ganz unvollkommene und oft sehr verkehrte Begriffe; die mehresten von ihnen suchen ihr Glück nur im äußerlichen Wohlstände, in dem Besitze solcher Dinge, die den Sinnen schmeicheln, dem Leibe wohl thun, oder ihren gegenwärtigen Zustand angenehm machen können, und wünschen nur das von sich zu entfernen, was sie in diesem sinnlichen Genusse irdischer Freude stört. Um ihre Seele, um das, was ihren Verstand weiser, ihren Willen gut macht, und sie zu ihrer eigentlichen Besinn- mung immer vollkomnmer und wahrhaft glücklich zu werden, leitet, bekümmern sie sich wenig oder gar nicht. Reichthum hat in ihren Augen mehr Werth, als Weisheit; eins wohlschmeckende Speise ist ihnen lieber, als die Erkenntniß der Wahrheit; körperlicher Schmerz, oder der Verlust eines Gutes, ist ihnen empfindlicher, als der Schade, den sie an ihrer Seele, durch Irrthum, durch schlechte Handlungen und Sünden nehmen.— So sinnlich, so eingeschränkt war denn auch die Vorstellung, die sich der größte Theil des jüdischen Volks von dem erwarteten Heiland oder Messias machte. Die mehresten dachten sich in ihm einen irdischen Erretter, der sie von allen den Beschwerden und Lasten befreien würde, die sie bisher hatten ertragen müssen, der als ein Sohn Davids, als Abkömmling eines ihrer ehemaligen siegreichen Könige, alle Feinde des jüdischen Volks überwinden, ein weltliches Reich stiften, sich alle Nationen unterwürfig machen, und die jüdische Nation zum höchsten Ansehen und Glück erheben würde. Nur wenige edlere und einsichtsvollere Menschen unterhielten bei sich eine würdigere Erwartung von dem verheißenen Messias und Beglücker des Volks. Sie sahen den Verfall der Religion, den Mangel der achten Gottesfurcht und Tugend unter dem Volke als die erste Quelle des Elends an, unter Welchem jetzt die Nation erlag; sie erkannten, daß, wenn den Menschen wieder geholfen werden sollte, jener Mangel zuvor aufgehoben,, der Unwissenheit und der Sittenlosigkeit Einhalt geschehen, und das Verderben der Sünde hinweggefthafft werden müßte. Sie selbst sehnten sich so herzlich nach besserer Erkenntniß, nach innerer Ruhe und völliger Ueberzeugung von ihrer Seligkeit, und wünschten sich die Zeit zu erleben, wo Gott durch den verheißenen Heiland diese glückliche Einrichtung zur Seligkeit der Menschen auf Erden, oder, wie sie es nannten, das Reich Gottes unter ihnen errichten und gründen werde. Unter diesen Erwartungen des Volks trat in einer Gegend des jüdischen Landes, die etwas entfernt von der Hauptstadt Jerusalem lag, und, weil sie eben nicht sehr volkreich war, die Wüste genannt wurde, ein Mann als öffentlicher Lehrer des Volks auf, und verkündigte laut die Wahrheit: die Zeit sey nun gekommen, wo Gott seine Verheißungen erfüllen, den versprochenen Messias senden und durch ihn das Reich der Glückseligkeit errichten werde. Diese Verkündigung erregte bald die allgemeine Aufmerksamkeit des Volks, sie verbreitete sich zuerst in der umliegenden Gegend, und bald darauf auch in den entferntem, unter den Städte- und Landbewohnern, so daß sich von allen Orten her Menschen von allen Standen und Alter hin zu dem Orte drängten, wo Johannes, dies war der Name dieses außerordentlichen Mannes, verweilte. Man war begierig, den Mann zu sehen und zu hören, der das, was von jeher die Erwartung des Volks gewesen war, was die ehemaligen Volkslehrer und Propheten nur als entfernt verkündigt hatten, nun so bestimmt und seiner Erfüllung so nahe anzeigte. Er war ein Mann von ausgezeichnetem Ansehen; sein Aeußerliches war von der gewöhnlichen Haltung verschieden, und kündigte einen Menschen von strengen Sitten und ungewöhnlicher Enthaltsamkeit an; ein rauhes Harnes Kleid mit einem ledernen Gürtel umwunden, dienten zur Bedeckung seines Leibes, und die gewöhnliche einfache Kost der dortigen Waldbewohner zur Stillung seines Hungers. In seinem jugendlich-männlichen Gesicht war feierlicher Ernst und diejenige erhabne Würde ausgedrückt, die den Charakter des Weisen und Tugendhaften bezeichnet; die Worte, die er sprach, die Reden, die er zu dem versammelten Volks hielt, waren der Ausdruck der lebhaftesten Ueberzeugung von den Wahrheiten, die er verkündigte und des wärmsten Eifers für Wahrheit und Recht.—- Einen Lehrer dieser Art, der in der Würde eines göttlichen Gesandten auftrat, und seinem erhaltenen Auftrag gemäß, mit solcher Starke und Nachdruck redete, hatte man seit langer Zeit nicht gehört. Der Inhalt seiner Vortrage aber war vorzüglich dieser; Der Zeitpunkt sey gekommen, wo Gott seine so heilsame und wichtige Absicht von Verbesserung und Beglückung des menschlichen Geschlechts ausführen, und den zu dieser Absicht schon langst verheißenen Messias senden werde. Es sey daher nöthig, daß jeder, der an dieser glücklichen Veränderung Theil nehmen wollte, seine bisherige fehlerhafte Gesinnung und Lebensart erkennen, und mit Einge- fiandniß seiner Fehler nicht nur seine Besserung wünschen, sondern sich auch mit allem Ernst und Eifer derselbigen befleißigen müsse. Diese Sinnesänderung und aufrichtige Le- benshessenmg sey die unnachläßliche Bedingung, unter der sich der Mensch der ihm von Gott zugedachten Glückseligkeit theilhaftig machen könnte. Hier waren keine andern Ansprüche geltend; umsonst nennten sie sich Abrahamskinder, wenn sie es nicht auch dem Geiste nach wären, und es durch aufrichtige Gottesfurcht und rechtschaffene Handlungen bewiesen. I 20 Atzt sey der höchste Zeitpunkt, wo sie sich durch eine aufrichtige Lebensbesserung der ihnen angebotenen Gnade Gottes würdig, oder bei fortdauerndem Leichtsinn und unsittlichem Verhalten, auf immer verlustig machen würden. Zeder un- gebefferte Mensch sey zu dem Reiche Gottes untauglich; ein unfruchtbarer Baum sey seiner Stelle nicht werth, sondern werde abgehauen und ins Feuer geworfen. Diese Reden des Jobannes, mit aller Lebhaftigkeit und Stärke des Ausdrucks vorgetragen, machten auf die Gemüther seiner Zuhörer Eindruck; sie mußten der Wahrheit Recht geben, sie erkannten es, daß ihr sittlicher Zustand äußerst verdorben sey, und eins durchgängige Verbesserung bedürfe; sie fühlten'dies um desto mehr, da Johannes mit einer ungewohnten Freimüthigkeit das Laster in jeder Gestalt, so versteckt es auch war, angriff, auch da, wo es sich unter dem äußerlichen Scheine von Anstand und guten Sitten verbarg.! Er nannte geradezu diejenigen, die sich nur äußerlich fromm stellten, und ihren Gottesdienst nur in die Beobachtung aus- serlicher religiöser Gebräuche setzten, Heuchler, die von Gott mit dem äußersten Mißfallen bemerkt, und seinem Gericht nicht entgehen würden. Er stellte denen, die sich als die Vorgesetzten der Nation, oder als die Beschützer derselben, ihres Standes unwürdig gemacht hatten, ihre Ungerechtigkeit in Bedrückung oder Bevortheilung Anderer, lebhaft unter Augen, und drang auf gänzliche Umänderung ihres bisherigen Sinnes und Betragens, wenn sie den gerechten Unwillen des heiligsten Gottes und den so sehr verdienten Strafen entgehen wollten. Diejenigen nun, die seinen Ermahnungen Gehör gaben, und mir dem offenherzigen Gestandmß ihrer bisherigen Unarten und Fehler den redlichen Vorsatz ihrer Besserung bezeigten, wurden von ihm der Gnade Gottes versichert, und zu künftigen Gliedern des Messias-Reichs feierlich einge- weiht, indem sie von ihm in den nahe vorbei fließenden Fluß unter Wasser getaucht wurden, zu einem Zeichen, daß sie nun als gereinigte und gebesserte Menschen leben sollten. Diese Handlung, die mit einem feierlichen Gebet und dringender Ermahnung zur Lebensbefferung verbunden war, wurde Taufen genannt. Der sich immer mehr ausbreitende Ruf von diesem ganz außerordentlichen Lehrer in der Wüste, erregte die Aufmerksamkeit des jüdischen Volks und seiner Vorgesetzten. Man fällte sehr verschiedene Urtheile über seine Person und über die Absicht seiner Lehrvortrage. Die mehresten hielten ihn für einen Propheten oder göttlichen Gesandten, dergleichen vormals unter dem jüdischen Volke aufgetreten waren; einige kamen sogar auf die Vermuthung, ob er nicht vielleicht der Messias, der verheißene und schon langst erwartete Erlöser und Beglücker der Menschen selbst sey? Es wurde daher eine eigene Gesandtschaft von den Vorgesetzten der jüdischen Nation an ihn abgeschickt, die ihn selbst darüber befragen sollte. Als diese ihm die Frage vorlegte, ob er ein Prophet, oder etwa der Messias(Christus) selbst sey? antwortete Johanr.es mit edler Freimüthigkeit: das sey er nicht; er sey nur ein Vorgänger von dieser großen Person, uns der Zweck seiner Lehre sey: das jüdische Volk auf die nahe Ankunft dieses ihres Messias vorzubereiten. Dieser sey schon jetzt unter ihnen, und werde bald öffentlich hervortreten. Mit dieser erhabenen Person dürfe er sich in gar keine Verglsichung setzen; er sey viel zu gering, ihm auch nur die geringsten Knechtsdienste zu erweisen. Am folgenden Tage sahe Johannes, als er eben mit dem Unterricht der um ihn versammelten Menschen best äftigt war, einen Mann an dem Ufer des Flusses, der die Gegend seines Aufenthalts durchschnitt, eindeichen. War es der Eindruck, den die einnehmende, gleich beim ersten Anblick 12L Liebenswürdige Gestalt des bis jetzt von ihm noch nie gesehenen Mannes auf ihn machte, oder sagte es ihm ein inneres Gefühl, das er sich selbst noch nicht zu erklären wußte— genug; er rief mit lauter Stimme und fest auf ihn gerichtetem Blick aus: Siehe! das ist Gottes Lamm, das dex Welt Sünde trägt. Gumal. Vater, erlaube mir, daß ich dich unterbrechen darf— war denn dies der Jesus, der in die Welt kommen sollte? .Greis. Ja, er war-s selbst. Gumal. Was wollte denn Johannes damit sagen: Siehe! das ist Gottes Lamm u. s. w.' Greis. Das kann ich dir für jetzt noch nicht erklären: aber wenn du diesen Jesum erst aus der Geschichte seines Lehens wirst kennen lernen, wenn du erfahren wirst, wie er zum Besten der Menschen auf Erden leiden und dulden mußte, und welche überaus wichtige Wohlthat er ihnen verschaffte: dann wirst du es verstehen, was Johannes damit sagen wollte. Lina. Wo kam denn aber der gute Jesus jetzt auf einmal hierher? Hatte er denn nicht zuvor schon unter den Menschen gelebt? Kannten sie ihn denn bis jetzt noch nicht? Greis. Jesus hatte damals schon eine geraume Zeit gelebt, war beinahe von gleichem Alter wie Johannes, ungefähr dreißig Jahr alt; aber er war bis dahin ganz unbe- kanyt gebliebenselbst Johannes hatte ihn bis jetzt noch nicht gesehen; unter seinen nächsten Anverwandten war er zwar als ein sehr hoffnungsvoller Jüngling aufgewachsen, und ob diese gleich im Geheim große Erwartungen von ihm gefaßt hatten, so wußten sie doch nicht, wozu ihn die Vorsehung Gottes eigentlich in der Welt bestimmt habe. Jetzt erst, als er öffentlich auftrat, und von dem Johannes für den erwarteten Messias erklärt wurde, da wurde man begie- rig, den Mann zu kennen, da fragte man auch, wie du Lina, woher er sey? Man zog die Nachrichten von der Geschichte feines frühern Lebens ein, die sich in seiner Familie erhalten hatten, und erfuhr daraus, wie er schon von seiner Geburt an durch die göttliche Vorsehung auf ganz außerordentliche Art, als der künftige Erlöser der Menschen, war bezeichnet worden. Lina. Das erzähle uns doch auch, Vater! Greis. Ja, Kinder, ihr sollt dies auch erfahren, so viel uns davon in jenen schriftlichen Nachrichten von Jesu ist aufbehalten worden und zu eurem Unterricht nöthig ist. Bittet nur euren guten Antonio darum, der dies angenehme Geschäft gern über sich nehmen wird. Antonio versprach es bei der nächsten Gelegenheit zu thun. 6°in anhaltendes, aber in seinen Folgen sehr wohlthätiges Gewitter hatte die Gesellschaft einige Tage gehindert, sich, wie gewöhnlich, in der Hütte des Greises, zu versammeln. Doch waren auch diese Tage nicht unthätig, sondern unter sehr nützlichen Arbeiten in der Colynie zugebracht worden. So manches Geschäft, das eben auf diese Tage, wo die Arbeiten im Freien unterbrochen wurden, aufgespart war, wurde jetzt vollendet; dahin gehörte vorzüglich ein neuer geräumiger Wagen, den der in Handarbeiten so geschickte Philipp, mit den übrigen männlichen Gehülfen, verfertigt hatte. Wer es empfunden hat, was für ein Vergnügen damit verbunden ist, wenn man mit eignen Händen ein nützliches Werk zu Stands gebracht, hat, der denke sich die Freuds, mit welcher diese Arbeiter jetzt dies Werk ihrer Hände betrachteten, zu dessen Vollendung doch jeder etwas beigetragen hatte. 124 Mit Anbruch des Tages, nach der letzten Gewitternacht, wurde der Wagen mit grünen Zweigen besteckt, daß er einer beweglichen Laube ähnlich sahe, und mit vereinigten und angestrengten Kräften der Gesellschaft hin nach der Wohnung des Greises gefahren. Mit Mühe erreichten sie durch die vorn Gewitter hier und da zerrißnen Wege die Anhöhe, von welcher hinab sie sich mit schnellen Schritten der Hütte näherten, vor der sie den Greis mit Antonio und Lina erstaunt und erfreut über diese Ueberraschung antrafen. Agathe schlief noch in ihrer Hütte neben ihren Maulthieren. Erweckt von der lauten Freude trat sie hervor, betrachtete mit Vergnügen den Wagen, zog ihre Thiere herbei, «nd spannte sie vor. Lina mußte sich zuerst einsetzen, und wurde mit lautem Jubel aus dem freien Platze vor der Hütte einigemal herumgefahren; die Reihe traf dann auch die übrigen, ja selbst der Greis, der an der Freuds seiner Familie den innigsten Antheil nahm, wurde in Begleitung derselben und unter Anstimmung eines Freudengesangs bis hin zur Sommerlaube gefahren, in welcher die Gesellschaft einen ihrer vergnügtesten Morgen zubrachte. Ihr Lieben, sprach der Greis mit aufgeheitertem Gesichte, welche Freuden werdet ihr euch auf Gottes schöner Erde verschaffen können, wenn ihr immer so nach seinem Willen in Eintracht und Liebe bei einander lebt. Fühltest du dich, Chilum, wohl jemals im Getümmel der Schlacht, oder als Sieger, wo du eine Menge Feinde niederwarfst, je so glücklich, als in diesen friedlichen Hütten? Chilum. Erinnere mich nicht mehr, Vater, an jene traurigen Auftritte; ich bemühe mich mit Fleiß, sie zu vergessen. Hätte ich Gott so gekannt, wie du mir ihn als das gütigste Wesen kennen gelehrt hast, der nicht am Zerstören» sondern am Wohlthun Freude empfindet, der sich aller seiner Geschöpfe erbarmet und selbst die Unwürdigen nicht von 125 feiner Liebe ausschließt, sondern sie noch glücklich zu machen sucht— ich hatte nie meine Hand zum Streit aufgeho. m. Greis. Wie würde diese Gegend, die sich mit neuer Fruchtbarkeit und Schönheit hier vor unsern Augen erhebt, jetzt aussehen, Gumal, wenn sich Gott seiner Macht, von der auch das gestrige Gewitter Zeuge war, zum Zerstören dieser Erpe bedienen wollte. Beweist er sie nicht vielmehr zum Wohlthun, zum Segen seiner Geschöpfe? Befördert er nicht durch sie unsre Freuden? Sollten wir nicht auch unsre, obgleich geringen Kräfte dazu anwenden, einander die Freuden des Lebens zu vermehren? Siehe um dich her, ob nicht alles, was vorhanden ist, von der Absicht des gütigen Gottes Zeuge ist, seine Geschöpfe, und besonders die Menschen froh und glücklich zu machen. Siehe,'wie die aufgehende Sonne unsern Aufenthalt verschönert, uns so freundlich mit ihren ersten Strahlen begrüßt, als freue sie sich unsers Daseyns. Verdient nun wohl derjenige ein Mensch zu seyn, und diese schöne Erde zu bewohnen, der nicht auch Freuds an dem Glücke Anderer empfinden und es so viel möglich befördern sollte? Gumal. Ich wüßte nicht, ob ich selbst froh seyn könnte, wenn sich nicht auch Andre mit mir freuten. Greis. Zu dieser theilnehmenden Empfindung hat der Allgütige, der selbst die Liebe ist, jedes menschliche Herz fähig gemacht; es gehört dies mit zu den Borzügen, die unser Geist erhalten hat, in denen wir das Bild des gütigsten .Gottes an uns tragen. Je vollkommner wir darinnen werden, desto mehr nähern wir uns ihm, und werden mit Wohlgefallen von ihm bemerkt, und du, Gumal, hast vorhin erklärt, du fühltest dich um desto glücklicher, wenn Andere sich mit dir freuten, nicht wahr? Gumal. Ja, Vater, drum bin ich nie vergnügter, als wenn ich mich in deinem und dieser Lieben Umgang befinde. Du glaubest nicht, was es mir für Freude macht, wenn du, guter Vater, mit theilnehmenden, wohlwollenden Blicken uns bemerkest. Wenn wir uns drüben in unsern Wohnungen versammeln, und uns gemeinschaftlich uoer etwas freuen, da wünschen wir jedesmal: wenn doch unser Vater und Lina mit Agathen gleich bei uns wären, und der gute Antonio, daß sie Theil an unserer Freude näbmm! Greis. Wenn du vollends wüßtest', Gumal, daß es auch außer den Menschen. noch andre vernünftige und gute Wesen giebt, die an unsern.Angelegenheiten auf der Erde Theil nehmen, sich unsers Glücks freuen, und dasselbe zu befördern suchen: würde das deine Freude nicht ungemein vermehren? Gumal. Allerdings; aber wo wären diese? Greis. Wynst du wohl, daß diese Erde mit ihren Bewohnern schon die ganze Schöpfung Gottes ausmache, daß ausser derselben nichts vorhanden sey? Wie e-ngejchnwkl würdest du dir da die Allmacht Gottes und seine Schöpferkraft denken. Der unermeßliche Raum da über uns, wo schon H oft dein Auge, besonders in sternenheller Nacht mit Erstaunen hinbückte, ist er nicht auch von Gottes schöpferischer Güte erfüllt? Sollten sich nicht auch da Geschöpfe befinden, die sich, so wie wir hier, ihres Daseyns und ihres guten Schöpfers freuen?^ Gumal. Das will ich wohl glauben. Greis. So wird es dik auch nicht unwahrscheinlich vorkommen, wenn in jenen früheren Belehrungen, die der liebe Gott den Menschen, zut Vermehrung ihrer Kenntnisse und zur Beförderung ihrer währen Glückfeligkeit gegeben hat, wenn in jenen heiligen Schriften, die ich euch als diese Er- kenntnißquelle bekannt gemacht habe, gesagt wird: daß es außer den Menschen auf der Erde, auch noch andre vernünftige Wesen von noch höherer Art gebe, die uns an Voükom- ! a'/ menheit übertreffen, und als Geister einen noch seligern Aufenthalt in jenen hohem Gegenden des Himmels bewohnen; daß aber gleichwohl diese edleren Geister mir unö, der Seele nach, gleichsam verwandt sind und in gewissen Verhältnißen mit uns stehen; daß sie Antheil an unsern Angelegenheiten nehmen, sich des Guten freuen, das hier auf der Erde geschieht, und dasselbe zu befördern suchen. Lina. Vater! da sagst du uns etwas sehr Erfreuliches. Also auch diese guten Geister bemerken uns? Greis. Ja; und zwar mit Wohlgefallen und Freude, wenn auch wir gut sind, und, so wie sie, den Wille» Gottes, unsers gemeinschaftlichen Schöpfers, gerne befolgen, heilig und tugendhaft in der Welt leben. Lina. Das soll mir wieder ein Antrieb mehr seyn, mich immer recht gut zu betragen, damit auch diese, so wie alle gute Wesen, sich über mich freuen mögen. Mit herzlicher Freude drückte der Greis das gute Mädchen an seine Brust, und ermähnte sie, ihrem gefaßten Vorsatz treu zu bleiben- Es gehört, fuhr der Greis in seiner Unterredung fort, mit zu der weisen Einrichtung, die unser Gott in seiner ganzen Schöpfung gemacht hat, daß immer ein Geschöpf, ein Wesen außer seinem eigenen Daseyn und Glück, auch das Daseyn und Glück Anderer befördern hilft; dadurch sind eben alle einzelnen Theile seiner großen Schöpfung zu einem allgemeinen Ganzen vereinigt; und Gott bedient sich her seiner Regierung der auch in dieser Absicht von ihm erschaffenen Wesen, um seine weisen Absichten auszuführen. Das Edlere muß oft dem Geringem,, das Stärkere dem Schwächer» zum Dienste seyn; das schwache Kind findet an den altern und schon erwachsenen Menschen einen Führer und Bs- schuher; der Verständige muß dem stnerfahrnen Lurch seine Emsicyten dienen. So sind auch jene hohem, edler» Geister vvn Gott zum Dienste Anderer erschaffen, zur Befyrdermrg drr Glückseligkeit der Menschen; und mehrmals bediente sich seine Vorsehung ihrer in den Angelegenheiten dieser niedern Erdbewohner, um durch sie seine wohlthätigen Absichten auszuführen. Um dieses Geschäftes willen werden sie in den bMgm Schriften, Boten Gottes, Gesandte an die Menschen, oder Engel genannt, und ihr werdet, meine Lieben, bei dem fernern Unterricht von dem, was Gott zur Seligkeit der Menschen gethan hat, erkennen, welchen freudigen und thätigen Antheil sie an dem Glück der menschlichen Seelen genommen haben. Nach dieser Unterhaltung in der Sommerlaube entfernte sich Lina mit Antonio-, um die nöthige Veranstaltung zur Bewirthung ihrer lieben Gäste zu machen. Agathe hatte indeß ibre Maulthiere wieder auf die Weide getrieben, und die übrigen aus der Gesellschaft theilten sich in vie GelLyäst>! des Tags. ES war jetzt die Zeit der Erndte nahe; die Wai- zenselder wurden schon weiß, die Baume bogen sich unter der Last ihrer Früchte, und an den Wsingelandern wurden die Trauben immer größer. Es wurde daher schon die Verabredung getroffen, wie sie einander die Arbeiten des Ein- sammelns erleichtern wollten, zugleich aber auch beschlossen, die noch übrigen Tage zur Erweiterung des Magazins oder des Vorrathshauses in der Winterwohnung anzuwenden. Um Abend dieses Tags, den sie gemeinschaftlich genutzt und genossen hatten, versammelten sie sich wieder in der Wohnung des Greises; hier ruhten sie von ihren Geschäften aus, unterhielten sich anfangs mir freundschaftlichen Gesprächen, schloffen den Kreis noch enger, und baten den Antonio, daß er sein Versprechen erfüllen, und ihnen die Geschichte des Lebens Jesu auf Erden, vom Anfange an, erzählen möge. 129 Ihr erwartet wohl mit Recht, fieng Antonio an, daß der Eintritt dieser so großen und merkwürdigen Person, Jesus, in die Welt auch mit ganz ungewöhnlichen, außerordentlichen Austritten müsse begleitet gewesen seyn, daß man schon dabei unverkennbare Merkmale seiner hohem göttlichen Sendung werde entdeckt haben. Ihr irret euch auch in dieser Erwartung nicht; aber wenn ihr diese Merkmale in aus- serliche, in die Augen füllende und allgemeines Aufsehen erregende Umstände setzen wolltet, wie die ehemaligen Juden, welche meynten, der Messias werde mit großer Pracht und Herrlichkeit unter ihnen auftreten und sich gleich bei seinem Eintritt in die Welt, als den großen König darstellen, der ein großes weltliches Reich stiften wollte: so würdet ihr euch in dieser Erwartung tauschen. Es gehörte vielmehr mit zu dem Zweck, zu welchem Jesus in die Welt kam, die Menschen zu belehren, daß sie doch ja keinen zu großen Werth auf diese äußerliche und sinnliche Vorzüge fetzen, nicht zeitliches Glück von ihm erwarten sollten, sondern das, was sie vollkommen an ihrer Seele glücklich machen könnte. In einem kleinen, unbedeutenden Städtchen des jüdischen Landes, welches Nazarerh hieß, lebte eine sehr tugendhafte und gottesfürchtige Jungfrau, Namens Maria. Sie war zwar aus jenem vormals unter den Juden so angesehenen Geschlechte Davids; aber diese Familie war durch eine Reihe von Jahren von ihrem ehemaligen Ansehen sehr herabgesunken: so daß dieser Abkömmling derselben in ihrer einsamen Wohnung in einem Zustande, der nahe an Dürftigkeit grenzte, lebte. Ihre Tugend, die Unschuld und Reinigkeit ihres Herzens, war ihr einziger Reichthum; so sehr sie sich-auch durch diese edleren Vorzüge vor vielen ihres Geschlechts auszeichnete: so verband sie doch damit diejenige edlere Bescheidenheit und Demuth, die immer das Losstus Gum«l. H. I — Merkmal einer guten Seele isi. Bei ihrer eingezogener» stillen Lebensart erwarb sie sich gleichwohl die Achtung ihrer Zeitgenossen. Denn ob sie sich gleich nicht wegen ihrer edlen Borzüge hervorzudrängm suchte, wurde sie doch von andern guten Menschen bemerkt: und ein Mann aus demselben Orte und aus derselben Familie, Namens Joseph, bewarb sich um ihre Freundschaft und erwählte sie zu seiner künftigen Gattin. Aber die Vorsehung Gottes hatte sie zu einer hohem Bestimmung ausersehen. Ihre Gottesfurcht, ihre Tugend und Sittsamkeit, die sie von ihrer frühen Jugend auf bewiesen hatte, wurde von Gott mit Wohlgefallen bemerkt; sie wurde daher unter allen ihres Geschlechts von ihm gewürdigt, die Mutter des verheißenen Heilandes der Welt zu werden. Einst, als sie sich in ihrer stillen Wohnung allein befand, empfieng sie den ganz unerwarteten Besuch eines Engels. Ihr werdet es euch, meine Lieben, noch aus der vorigen Unterredung erinnern, daß Gott zuweilen bei sehr wichtigen Veränderungen auf der Erde sich dieser höher« Geister, als seiner Gesandten an die Menschen, bediente, um ihnen seinen Willen bekannt zu machen.— Ueber diese unerwartete Erscheinung eines himmlischen Boten in sichtbarer Gestalt, der sich ihr mit ehrerbietigern Anstand und dem freudigen Zuruf näherte: Sey gegrüßt, du Holde! der Herr ist mit dir! Du Glücklichste deines Geschlechts— wurde Maria in Erstaunen und in eine Art von Furcht gesetzt, die sich gar wohl aus diesem außerordentlichen Auftritte erklären laßt. Sey getrost, Maria, rief ihr der Engel zu: Du hast Gnade bei Gott gefunden! Dich-hat er zur' Mutter eines Sohnes bestimmt, dem du den Namen Jesus geben sollst, weil er der Beglücker und Erretter seines Volks seyn wird. Er wird groß und ein Sohn des Höchsten genennet werden, und ein Reich stiftet,, das an wahrem Glück und an Dauer das Reich seines Vaters Davids unendlich übertreffen wird. Maria, die sich diesen großen Gedanken kaum denken konnte, erklärte gegen den Engel, daß ihr dieses ganz unmöglich vorkomme, zumal, da sie noch unverheirathet sey; sie wurde aber von ihm belehrt: daß das, was Menschen unmöglich vorkomme, von Gott gar leicht geschehen könne, daß er durch seine allmächtige Kraft, durch seinen alldele- benden Geist in ihr wirken, und dieses ausgezeichnete Kind erzeugen werde, das daher auch mit vollem Rechte den Namen: Sohn Gottes, führen werde. Dieser außerordentliche Umstand mußte ja wohl bald dem vertrauten Freunde der Maria, dem Joseph, bekannt werden; und kaum erfuhr es dieser, als er, aus Achtung gegen die Maria, und besonders aus Ehrfurcht gegen Gott, der sie zu so großen Absichten bestimmt hatte, bei sich beschloß, sich als fernern Umgangs mit ihr zu enthalten. Aber auch er empfieng bald darauf, durch ein nächtliches Gesicht, den Befehl von Gott, daß er es nicht thun, sondern die Maria, als seine Gattin, zu sich nehmen, sich des Sohnv, den sie gebaren würde, als Vater annehmen und ihm den Namen Jesus geben sollte; den dieser werde der Beglücker seines Volks werden. So lebten nun diese beiden Personen im freundschaftlichen Umgänge in ihrem stillen Aufenthalte zu Nazareth in froher Erwartung der Zeit, wo jene große Verheißung erfüllt werden würde. Einst wurden sie durch einen Befehl rhrer LandeSobrigkeit aufgefordert, eine Ueise nach einem entfernteren Orte, der Bethlehem hieß, zu machen, wo- lnn sich die sämmtlichen Bewohner der umliegenden Gegend versammeln mußten. Bei ihrer Ankunft fanden sie schon alle Wohnungen dieses ohnehin kleinen Ortes mit Men- schen angefüllt, so daß es ihnen schwer wurde, in einer kleinen ärmlichen Hütte unterzukommen. Und hier— an einem Orte, wo es ihnen an aller Bequemlichkeit und freundschaftlichen Hufe fehlte, da schon die Nacht angebrochen war und die ermüdeten Reisenden im ersten Schlum-, mer lagen— da trat die feierliche Stunde der Geburt Jesu, des Heilandes der Welt, ein; da wurde Maria die glückliche Mutter des verheißenen Sohnes, drückte ihn im^ seligsten Entzücken an ihre Brust? hüllte ihn, so gut es gehen wollte, in Tücher ein, legte ihn, aus Mangel an einem bequemern Raum, in eine Krippe, und überließ sich an der Seite ihres geliebten Josephs, bei dem Anblick des holden Kindes, den süßesten Gefühlen der Mutterfreude und des innigsten Dankes gegen Gott. So, ohne alles äußerliche Ansehen, so geräuschlos, so unbemerkt von den Menschen, trat Jesus, der Sohn des höchsten Gottes, in die Welt ein; so niedrig, so arm und gering war sein erster Zustand auf der Erde; wer hälts in diesem Winkel einer schlechten Hütte,— in diesem Kinde, das so armselig in Windeln gewickelt in einer Krippe lag, und hier von den Händen armer Eltern verpflegt wurde, den Erretter der Menschen, der Heil und Glück über alle bringen würde, erwarten sollen? Was jetzt noch den Augen der Menschen verborgen und gleichsam in nächtliche Dunkelheit eingehüllt war, das bemerkten jene seligen Geister des Himmels in hellerem Lichte: sie nahmen den freudigsten Antheil an dem Glücks der Menschen, und waren die ersten, die ihnen die so erfreuende Nachricht von dieser über alles wichtigen Begebenheit brachten. Es befanden sich nämlich in der Gegend von Bethlehem einige Hirten bei ihren Heerden auf dem Felde; die Nacht verbreitete Dunkelheit und Stille um sie her; auf einmal entstand eine Helligkeit, wie das Leuchten eines Bli- tzes, und mit Entsetzen sahen sie einen Engel in hellglänzender Gestalt sich ihnen nähern, der ihnen zurief: Fürchtet euch nicht! Ich bringe euch eine Nachricht, die für euch und für das menschliche Geschlecht höchst erfreulich ist! Denn euch ist heute der Heiland geboren, der Messias, der verheißene Sohn Davids, der Beherrscher seines Volks.— Er bezeichnete ihnen darauf die Stätte und gab ihnen die äußerlichen Merkmale an, an welchen sie das Kind erkennen und sich selbst von dieser erfreulichen Wahrheit überzeugen sollten; verließ sie dann im freudigen Erstaunen, mischte sich in die Gesellschaft mehrerer Geister seiner Art und stimmte mit ihnen in das Lob Gottes ein, wobei sie ausriefen: Preis sey Gott dem Allerhöchsten; Friede auf der Erde und Heil ihren Bewohnern! ^ Sobald sich die Hirten von ihrem Erstaunen erholt hatten, giengen sie zu dem Orte hin, den ihnen der Engel bezeichnet hatte; fanden da das holde Kind in der Krippe, neben seiner Mutter Maria und dem Joseph, bezeugten ihre Freude bei diesem Anblick, erzählten, aufweiche wunderbare Art sie diese Entdeckung gemacht hätten, und dankten Gott, daß er sie dieses Glückes gewürdigt habe. Durch ihre Erzählung wurden zwar mehrere aufmerksam gemacht; weil aber Maria nicht lange mit ihrem Kinde an diesem Orte verweilte, so verlor sich auch bald wieder der Ruf von diesem wichtigen Auftritte in Bethlehem; aber um desto unvergeßlicher blieb der Eindruck, den alle diese besondern Umstände auf die Seele der Maria und derer, die Zeugen der Geburt Jesu waren, gemacht hatten. Wenn ihr nun, meine Lieben, über diese Umstände bei der Geburt Jesu aufmerksam nachdenkt, so werdet ihr finden daß sie zwar auf wunderbare und von Gott ausgezeichnete Art geschahe; aber gleichwohl mit solchen Auftritten begleitet war, die in den Augen der mehresten Men- > cks schen erniedrigend und gering schienen. Die armselige und noch dazu fremde Hütte, in welcher Jesus zur Well kam. die armen Eltern. in deren Hände er zur Verpflegung als ein kleines, hülfsbedürftiges Kind gelegt wurde, die ersten menschlichen Zeugen seiner Geburt, die Hirten Bethlehems -- ließen nicht erwarten, daß er in der Absicht gekommen sey, ein irdisches Reich auf der Erde zu stiften. Ehre vor den Menschen und zeitliches Glück zu suchen. Von seiner Geburt an lebte Jesus in Niedrigkeit, nahm an den gewöhnlichen Schicksalen der Menschen Theil, war schon als Kind den Beschwerden und Gefahren des Lebens ausgesetzt. Denn kaum war die Nachricht von der merkwürdigen Geburt dieses Jesus durch eine sonderbare Veranlassung ruchbar geworden, und bis zu den Ohren des damaligen Königes He rohes gekommen, als dieser den grausamen Anschlag faßte, dieses Kind, von dem er befürchtete, es möchte ihm einst schädlich werden und ihn um seine Herrschaft bringen, zu ermorden; aber die Vorsehung Gottes, die über das Lebe» dieses geliebten Kindes wachte, vereitelte diesen mörderischen Anschlag. Joseph empfieng Nachricht von der Gefahr, die dem Kinde drohete; er brach daher zeitig mit ihm und der Mutter desselben auf, zog aus dem Lande und wählte das zwar entfernte, aber sichere Egypten, zum Zufluchtsorte. Hier verweilte er so lange, bis jener boshafte König gestorben war; dann zog er wieder in seine Vaterstadt Nazareth zurück, wo Jesus in dem Hause seines Pflegevaters die ersten Jahre seiner Kindheit ruhig und unbemerkt verlebte. Schon frühe zeigten sich in der jungen Seele dieses Jesus große Anlagen und vorzügliche Verstandeskräfte, die sich bei ihm früher entwickelten, als man sonst in einem solchen Alter erwarten konnte. Schon in seinem zwölften Jahre, als ihn seine Eltern bei einer Reise nach der Haupt- i35 stadt des Landes, Jerusalem, zur Feier eines Volksfestes mitgenommen hatten, zeigte Jesus in einer Versammlung der Volkslehrer» die in dem Tempel gehalten wurde, so große Kenntnisse in den Wahrheiten der Religion, und dabei so viel Bescheidenheit, daß die ganze Versammlung über ihn in Verwunderung gesetzt wurde; man konnte sichs nicht erklären, wie ein Kind von den Jahren,, das doch keine gelehrte Erziehung erhalten hatte, so fertig über vorgelegte Fragen antworten und so richtig über die wichtigsten Wahrheiten der Religion urtheilen konnte. Gleichwohl drängte er sich nicht etwa mit seinen Kenntnissen vor; verbarg sich vielmehr; brachte seine Jugendjahre im Hause seiner Eltern in Eingezogenheit und geräuschloser Uebung seiner Pflichten zu; that mit zunehmenden Jahren immer mehr Fortschritte in der Weisheit und Tugend, und lebte so zum Wohlgefallen Gottes und der Menschen, Wie Vieles, meine Lieben, könnt ihr schon von diesem Jesu aus dieser kurzen Geschichte seines jugendlichen Lebens auf der Erde lernen; wie Vieles auch auf euren gegenwärtigen Zustand anwenden. Muß es euch nicht schon Freude seyn, auch auf der Erde zu leben, auf der auch Jesus vormals als Kind gelebt hat?— Hat Gottes Güte sich nicht auch an euch von eurer Geburt an bis jetzt so wohlthätig bewiesen? Hat sie nicht auch für eure Erhaltung und Erziehung gesorgt, und euch aus so manchen Gefahren des Lebens gerettet? Hat sie euch nicht in Verbindung mit so manchen guten Menschen auf dieser Erde gesetzt, in deren Umgänge ihr die Jahre eurer Kindheit so angenehm als nützlich zubringen könnt? Wozu muß euch wohl diese Güte eures Gottes verpflichten? Gumal. Daß auch wir zu seinem und der Menschen Wohlgefallen in der Welt leben, wie Jesus, Antonio. Und wie könnt ihr dies schon jetzt in eurer frühen Kindheit thun? Lina. Wenn wir auch, wie Jesus, immer mehr an Weisheit und Tugend zunehmen, uns immer recht gur verhalten und dabei bescheiden sind. Antonio. Ja, Kinder, wenn ihr das thut, so werdet ihr auch wieder von Gott und allen guten Menschen ge- liebst werden. Euer äußerlicher Zustand in der Welt sey übrigens, welcher er wolle, ihr werdet euch immer darin wohl befinden. Gesetzt auch, ihr müßtet manches entbehren, was ihr euch zu eurer Bequemlichkeit oder Vergnügen wünschtet; ja, ihr müßtet auch wohl manche Beschwerde erdulden: so lasset euch dieses nicht befremden; erinnert euch vielmehr dabei, daß auch Iesus im niedrigen Stande zufrieden lebte, daß er sich in demselben zu seinem Beruf vorbereitete und schon frühe an die Beschwerden gewöhnte, die er bei seinem nachherigen thätigen und geschästevollen Leben auf Erden zu ertragen hatte. ^er Greis leitete bei der nächsten Unterredung die Aufmerksamkeit der Kinder wieder auf jenen merkwürdigen Auftritt des Lebens Jesu, als er dort am Jordan öffentlich vor dem Volke erschien, und vom Johannes für den langst erwarteten Messias und Heiland der Welt erklärt wurde. So wichtig schon, sprach er, das Zeugniß dieses Johannes, als eines angesehenen Volkslehrers von Jesu war: so erforderte es gleichwohl die Wichtigkeit der Sache, daß dieses auf eine noch feierlichere Art von Gott selbst bestätiget wurde. Dieß geschah bei folgender Gelegenheit: Als Jesus eben im Begriff war, öffentlich als Lehrer seiner Religion aufzutreten, kam er zuvor zum Johannes ^am Jordan und verlangte von ihm, daß er ihn auch durch jene feierliche Handlung des Untertauchens im Wasser einweihen sollte. Anfangs weigerte sich Johannes dies zu thun, weil er ihn schon nach seiner innern Ueberzeugung für diejenige erhabene Person hielt, die zum größten Segen der Menschen in die Welt gekommen sey. Wie? sprach er: ich habe wohl nöthig, von dir getauft und unter die Zahl deiner Verehrer und Schüler aufgenommen zu werden, und du kömmst zu mir? Jesus erklärte ihm darauf: seine Bestimmung in der Welt fordere von ihm, sich selbst allen den Anordnungen zu unterwerfen, die Gott zum Besten der Menschen gemacht habe, und also auch durch dies sein Beispiel diese neue Verpflichtung der Menschen zu einem tugendhaften Leben zu bestätigen. Er stieg daraus ins Wasser und Johannes tauchte ihn unter; als Jesus wieder heraufstieg, öffnete sich auf einmal der Himmel über ihm; ein helleuchtender Blitz fuhr herab und ruhte in sanfter Bewegung, wie das Schweben einer Taube über seinem Haupte, und aus der ihn begleitenden Donnerwolke tönte die Stimme vom Himmel: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Johannes, der nächste Zeuge dieses majestätischen Auftritts, wurde nun dadurch völlig überzeugt, daß dieser Jesus der verheißene Messias und Heiland der Welt sey; er bezeugte dies um desto freimüthiger und getroster, wies die Menschen, die ein aufrichtiges Verlangen zu ihrer Seligkeit bezeigten, hinzu ihm, und freute sich innig, als er kurze Zeit nachher die Nachricht erfuhr, daß dieser Jesus durch seine Lehren und außerordentliche Thaten sich eine große Anzahl von Freunden und Verehrern verschafft habe. Von dieser Zeit an machte Jesus den Anfang mit Verkündigung seiner Lehren; wobei er sich"nicht etwa an einen Ort oder an eins bestimmte Zeit band, sondern er that dies ,38 überall und wo er eine schickliche Gelegenheit dazu fand, bald in dieser, bald in jener Gegend, bald in offnem Felde bei dem Anblick der schönen Natur; auf einer Anhöhe unter freiem Himmel; am Ufer eines Sees, wo er von einem Schiffe aus zu dem am Gestade versammelten Volke redete; bald in dem Tempel oder an den besondern Versammlungsorten der damaligen Volkslehrer, überall suchte er die Menschen zur richtigen Erkenntniß Gottes zu leiten und sie zu lehren, wie sie ihn als das heiligste Wesen auf eine würdige Art verehren müßten. Bei diesem so wohlthätigen Geschäfte, welches ihn im täglichen Umgänge mit Menschen von verschiedener Denkungs- art aus allen Ständen der bürgerlichen Gesellschaft erhielt, erwarb sich Jesus durch sein so menschenfreundliches Betragen überall Zuneigung und Liebe. Es fehlte nicht an Redlichgesinnten, die ihm ihr ganzes Zutrauen schenkten, seinen Unterricht annahmen und sich für seine Verehrer erklärten. Aus diesen wählte er sich besonders einige, die er gleich beim ersten Blick ihres guten Verstandes und Herzens wegen seines Zutrauens würdig erkannte, zu seinem vertrautem Umgänge. Es waren dies Männer aus dem gemeinen Stande, mehren- theils Fischer, die von ihrer Hände Arbeit lebten; auch anfangs noch eine Zeitlang ihr gewöhnliches Gewerbe fortsetzten, aber zuletzt es völlig aufgaben, und Jesum aus seinen wohlthätigen Meisen begleiteten; ihre Anzahl belief sich auf Zwölfe; sie führten den Namen der Jünger oder Schüler Jesu, den sie ihren Meister, Lehrer und Herrn, nach damaliger Sitte, nannten. Diese waren nicht nur seine nächsten-Zuhörer bei den Vortragen, die Jesus öffentlich zu dem Volk: hielt, und Zeugen der großen bewunderungswürdigen Thaten, welche er Errichtete; sondern sie wurden von ihrem großen Lehrer besonders unterrichtet und noch vertrauter mit denjenigen Wahrheiten gemacht, die sie künftig als Lehrer seiner Religion unter den Menschen verkündigen sollten. ' Begleitet von diesen seinen Schülern durchreiste Jesus das jüdische Land; bemühte sich, die Menschen von ihren bisherigen irrigen Vorstellungen, die sie sich von Gott und der Art ihn zu verehren, gemacht hatten, zur Erkenntniß der Wahrheit zu führen und ihnen beßre Grundsätze ihres Verhaltens beizubringen. Ihr könnet leicht denken, mit was vor Mühe und mit wie vielen Beschwerden diese so wohlthätige Bemühung Jesu, des besten Menschenfreundes, verbunden war; es that seinem edlen Herzen so wehe, wenn er das Elend der Menschen sahe, in welches sie aus Unwissenheit und Mangel an besserem Unterricht gerathen waren;„sie sind, sagte er von ihnen, wie Schaafe ohne Führer, ohne Hirten, die sich selbst überlassen in der Irre gehen und unglücklich werden würden; aber ich werde sie, als ein guter Hirte sammeln und selbst mein Leben für sie dahin geben, um sie vom Verderben zu erretten; denn dazu bin ich in die Welt gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; das ist der Wille meines Vaters, der mich gesandt hat, und ihn zu erfüllen, meine Bestimmung auf der Erde." Oft, wenn er bemerkte, wie das arme Volk bisher recht vorsätzlich von seinen Vorgesetzten und bisherigen Lehrern in Unwissenheit und unter dem Druck harter Gesetze war erhalten worden, wie es sich Gott, nicht als das gütigste, liebevollste Wesen, sondern als einen strengen und zornigen Gebieter dachte, zu dem man sich nicht ohne Zittern und Jagen nahen dürfe, der erst durch Opfer und Gaben versöhnt werden müßte— wie bei dieser Vorstellung sklavische Furcht an die Stelle der herzlichen Liebe, und Aengstlichkeit an die Stelle des kindlichen Zutrauens getreten war, da jammerte es ihn in seiner Seele: daß gerade das, was den Menschen das Erfreuendste seyn sollte, die Religion, ihnen zur drückendsten Bürde gemacht 140 worden sey. Da suchte er den menschlichen Geist von dieser Last zu befreien, Gesinnungen der Liebe und des Vertrauens zu Gott in ihm zu erwecken, und durch Ueberzeugung der Gnade Gottes zu beruhigen^„Kommet her zu mir, rief er dann aus, ihr Tiefgebeugten und Beladenen! Ich will euch erquicken. Nehmet meinen Unterricht an! Sanft und beruhigend ist meine Lehre; ihr werdet durch sie Ruhe für eure Seelen erlangen, und die Forderungen derselben zu eurer Seligkeit nicht schwer finden."— Wenn er dann sahe, wie begierig sich das Volk zu ihm drängte, um von ihm belehrt zu werden, mit welcher Aufmerksamkeit es ihm zuhörte und seinen Unterricht mit Beifall annahm; wie mit jedem Tage sich die Zahl derer vermehrte, die seinen bessern Anweisungen folgten— ach dann hob er seine Augen und Hände zum Himmel und dankte Gott, seinem Vater, daß er gerade diese vormals so vernachlässigten und gering geachteten Menschen dieser bessern Erkenntniß gewürdigt habe, die von so vielen eingebildeten Klugen und Weisen der Welt bis jetzt noch verkannt würden: zum Beweis, daß wahre Belehrung der Menschen nicht das Werk menschlicher Klugheit und Weisheit, sondern das Werk Gottes sey, welches er durch ihn, seinen Sohn, ausführe. Diese Freuden seiner edlen Seele, die Menschen durch seinen Unterricht glücklich zu machen, wurden jedoch auch oft gestört. Er fand nicht überall, und bei allen Menschen die gute Aufnahme, die er verdiente. Viele, und darunter waren besonders seine eignen Landsleute, unter denen er vormals als Jüngling aufgewachsen war, versagten ihm ihr Zutrauen und ihren Beifall, und gestatteten ihm nicht einmal, unter ihnen zu verweilen und zu lehren. In ihren Augen hatte er zu wenig äusserliches Ansehen; sein Stand war ihnen nicht vornehm genug; er unterschied sich so wenig von einem gewöhnlichen Menschen, und versprach denen, die sich —— z für ihn und seine Lehre erklärten, keine großen irdischen Vorzüge; darum achteren sie ihn nicht. Zwar wäre es Jesu leicht gewesen, sich auch unter solchen Menschen Ansehen zu verschaffen, wenn er nur vor ihren Augen irgend ein auffallendes Wunder hätte verrichten wollen; aber eben weil sie sich seiner so unwürdig betrugen und so wenig Zutrauen zu ihm hatten, that er es nicht; denn er wollte niemand zum Glauben an ihn zwingen, und gab daher durch sein Beispiel seinen Jüngern die Weisung, daß auch sie in Zukunft die Wohlthat seiner Religion niemand aufdringen, sondern denen, die sich ihrer unwürdig bezeigen würden, ausweichen sollten; zugleich ermähnte er sie, daß sie als künftige Lehrer der Menschen, bei ähnlicher Erfahrung nicht etwa muthlos, verdrießlich, oder alkzuempfindlich werden möchten.„Betrachtet, sagte er zu ihnen, den Säemann, der streuet mit voller Hand seinen Saämen aus; aber nicht jedes Korn fallt auf einen guten Boden, wo es aufgehen und Frucht bringen kann; manches fallt auf den Weg und wird zertreten oder von den Vogeln verzehret; manches fallt zwischen Steine, oder Domen, wo es zwar aufgehet, aber nicht Frucht tragt, weil es nicht recht einwurzeln kann, dort von der Sonnenhitze verdorret und hier von dem aufgehenden Unkraut erstickt wird; wo es ab» einen guten Boden findet, da bringt es auch desto reichlichere Früchte; so ist es auch mit dem Worte Gottes, oder mit dem Unterrichte, den der liebe Gott den Menschert ertheilen läßt; viele sind noch nicht gehörig dazu vorbereitet, ihre Seelen sind noch nicht empfänglich genug, ihn aufzunehmen; viele sind zu zerstreut und mit andern Dingen, zum Beispiel, wie sie nur reich werden, oder ein recht bequemes und üppiges Leben in der Welt führen wollen, beschäftigt; da macht jener Unterricht auf sie keinen rechten bleibenden Eindruck; aber bei denen, so ihn mit einem offenen guten 142, Herzen annehmen und behalten, wirkt auch derselbe desto reichlicher Gutes, und erzeugt die edelsten Tugendfruchte."— Selbst das so leutselige und herablassende Betragen Jesu, auch zu den Geringsten im Volke, war Vielen anstößig; sie hielten dies unter der Würde eines von Gott gesandten Lehrers, und machten es ihm zum Vorwurf, daß er sich auch wohl mit sehr gemeinen Menschen in einen fteundschaftlicyen Umgang einließ; kaum konnte es Jesus solchen eingebildeten Menschen begreiflich machen, daß er eben bei diesenin den Augen anderer gering geachteten Menschen, das meiste Guts stiften könne; diese wären nicht so von sich eingenommen, als ob sie schon vollkommen weise und tugendhaft wären, und bedürften um destomehr seines Unterrichts, so wie die Kranken der Hülfe des Arztes.„Wundert euch, sagte er zu seinen Jüngern, über diese thörichten Urtheile der Menschen nicht; es ist von ihrer Denkungsart nichts besseres zu erwarten: sie betragen sich gemeiniglich wie die unverständigen Kinder,^denen man es immer nicht recht machen kann, und die darüber unwillig werden, wenn man sich nicht nach ihrem Eigenstmie richtet. Johannes trat unter ihnen auf, und führte eine sehr strenge Lebensart, hielt sich eingezogen und entfernt vom gewöhnlichen Umgänge der Menschen, da sagtewviele von ihm, er ist ein Sonderling; jetzt, da ich mich den Menschen nähere, mit ihnen freundschaftlich mmgehe, da macht man mir darüber Vorwürfe. So ist der weiseste und beste Mensch immer dem Tadel anderer Menschen ausgesetzt, die ihn gemeiniglich falsch beurtheilen." So großmüthig und nachsichtig ertrug Jesus die unbilligen Urtheile der Menschen von sich und seiner Lehre; so ruhig und gelassen blieb er sogar bei wirklichen Beleidigungen. Einst befand er sich mit seinen Jüngern auf der Reise nach Jerusalem; der Weg führte ihn zu einem Orte, der von Samaritern bewohnt war; dies war ein Volk, das mit den Ju- - i^ den seit langen Zeiten in beständiger Feindschaft lebte; sie leiteten zwar auch ihren Ursprung von dem ehrwürdigen Stammvater der Juden, dem Abraham her; verehrten auch mit den Juden denselben Gott, aber nicht öffentlich an einem und demselben Orte, nicht, wie diese, in dem Tempel zu Jerusalem, sondern hatten ihren eigenen Versammlungsort auf einem Berge, und das war ein vorzüglicher Grund, warum sie einander feind waren. Weil nun die Bewohner ' jenes Orts Jesum für einen jüdischen Lehrer hielten, so wollten sie ihm nicht erlauben, daß er bei ihnen einkehren, ja nicht einmal über ihre Grenzen kommen sollte. Dies verdroß die Jünger Jesu; sie hielten das für eine Beleidigung ihres großen Lehrers, und einige unter ihnen äusserten den Gedanken: diese Menschen verdienten, daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. Da wendete sich Jesus mit einem Blick des Unwillens zu ihnen, und sagte:„Wie könnt ihr euch so sehr vergessen! Ist das eine Gesinnung, die eurer, als Kinder des sanftmüthigsten, gütigsten Gottes, als meiner Jünger würdig ist? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten." Noch lange nach diesem Unterrichte unterhielt sich die Gesellschaft von diesem so sanften und liebreichen Verhalten Jesu bei der Belehrung der Menschen, und der Greis nahm daher Gelegenheit, so manche nützliche Lehre» für Kinder aus diesem Beispiel Jesu herzuleiten: daß man sich, wenn man in der Welt Gutes stiften wolle, nicht durch die damit verbundenen Bejchwerden, oder vorkommenden Hindernisse dürfe abschrecken lassen; daß man auch selbst bei dem Undank der Menschen fortfahren müsse, ihre Wohlfahrt zu befördern; daß man sie bei ihren Fehkrn mir Geduld tragen, und sie lieber auf Aechnung ihres Unverstandes und ihrer Umrüste». 144 heit setzen, als für Beweise eines boshaften Herzens halten, und nie im Gutesthun ermüden müsse u. dgl. Diejenigen, fuhr der Greis in der nächsten Unterredung fort, die unserm guten Jesus den meisten Verdruß machten, und ihm bei Verkündigung seiner Lehre die größten Hindernisse in den Weg legten, waren die Pharisäer: diese machten unter den Juden eine Gesellschaft von Menschen aus, welche sich durch eine aufferordentlich strenge und genaue Beobachtung des mosaischen Gesetzes auszeichneten, und das Anse-' hen vorzüglich religiöser und heiliger Menschen haben wollten; ihre Gottesverehrung bestand aber blos, so wie ihre Tugend, in äußerlichen Geberden und Handlungen; sie thaten alles, um nur von den Leuten gesehen zu werden und in ihren Augen für besondere Heilige zu gelten; im Geheim aber erlaubten sie sich die unsittlichsten Handlungen; es waren mehrentbeils Menschen von schlechten, boshaften Gesinnungen, und doch dabei im höchsten Grade von sich selbst eingenommen, als wären sie die besten Menschen. Da nun Jesus bei seinem Religionsunterrichte dies als den ersten Grundsatz einprägte: daß Gott, als das heiligste, geistige Wesen, von den Menschen auch nur auf eine geistige Alt, durch ihren Verstand und durch reine tugendhafte Gesinnungen verehrt werden könnte; daß folglich Aufrichtigkeit und reine Liebe zum Guten das Haupterfordermß eines wahren Gottesverehrers ftv, so mußte er die Denkungsart und dav Verhalten jener Menschen tadeln, deren Gottesdienst Verstellung, und deren Tugend nur ein äußerliches Blendwerk war; er mußte seine Schüler vor der Denkungsart jener Pharisäer nachdrücklich warnen, weil sie bei derselben niemals wahre Gottesverehrer, nie wahrhaft tugendhafte Menschen und geschickt zum Reiche Gottes werden könnten.— Dies verdroß diese eingebildeten Frömmlinge, zumal da Jesus ohne alle Zurückhaltung, öffentlich vor dem Volke, ja oft selbst in-hrer -—— Gegenwart, ihre Verstellung ins Licht stellte, und sie für Heuchler erklärte, die es nicht aufrichtig weder mit Gott noch mit den Menschen meynten.— Gleichwohl standen diese Pharisäer in großem Ansehen bei dem Volke; sie bekleideten zum Theil öffentliche Aemter und hatten einen sehr großen Einfluß in die öffentlichen Angelegenheiten ihrer Nation; bei ihrer Arglist wußten sie daher nicht nur die Priester des Volks, die dem öffentlichen Gottesdienst vorgesetzt waren, und die Schriftgelehrten, die die heiligen Schriften und Gesetzbücher der Juden auslegten, wider Jesum einzunehmen, als ob er ihnen ihr bisheriges Ansehen rauben und alle die heiligen Gebrauche und Ordnungen aufheben wollte: sondern sie suchten auch daS Volk wider ihn aufzubringen, und alle diejenigen, die es mit Jesu und seiner Lehre hielten, für gefährliche Leute zu erklären, mit denen man alle Gemeinschaft und allen Umgang aufheben müsse.— So viele Hindernisse sie nun zwar der Lehre Jesu in den Weg legten: ss konnten sie doch die Ausbreitung derselben nicht aufhalten; mit jedem Tage stieg das Ansehen Jesu und die Zahl seiner Verehrer; dies erregte ihren Neid und entflammte ihre Bosheit; gern hatten sie diesen lautgepriefenen Lehrer aus eine mörderische Art auf die Seite geschafft, wenn es in ihrer Macht gestanden hatte; auch fürchteten sie sich dabei vor sein Volk, bei welchem Jesus doch fast durchgängig in dem Rufe eines sehr großen Propheten stand; sie suchten daher durch List auszuführen, was sie mit Gewalt nicht wagen durften; sie legten Jesu oft sehr verfängliche Fragen vor, und lauerten ihm bei seinen Handlungen auf, ob sie etwas gegen ihn ausbringen mochten, weswegen sie ihn bei der Obrigkeit verklagen könnte; aber die Wahrheit und die Unschuld^esu vereitelte ihre bösen Absichten, ja selbst ihre mißlungnen Anschläge trugen dazu bei, das Ansehen Jesu, als Lossmr MiMl. v. s ,146 des weisesten und untadelhaftesien Lehrers, in ein noch helleres Licht zu setzen. In kurzer Zeit hatte sich der Ruf von Jesu, als einem Außerordentlichen von Gott gesandten Lehrer, durch da» ganze jüdische Land verbreitet; der Wunsch, ihn persönlich zu sehen und Zeuge seiner großen Thaten zu werden, zog Menschen von allen Gegenden zu ihm herbei; selbst Ausländer, die nicht zur jüdischen Nation gehörten, nahmen an seiner Lehre und an seiner wohlthätigen Hülse Theil, und verkündigten es dann ihren Landsleuten, was sie gehört, gesehen oder selbst erfahren hatten.— Um seine Lehre noch schneller auszubreiten, nahm Jesus außer den Zwölfen, die ihn begleiteten, noch siebenzig andere Jünger an, und sandte sie unter das Volk, mit dem Auftrage, ihm seine Ankunft zu verkündigen, und es auf seinen Unterricht vorzubereiten, wobei er ihnen die Macht ertheilte, in seinem Namen Kranke gesund zu machen, und sich dadurch als Gesandte des Messias zu beweisen, der als Wohlthäter der Menschen in die Welt gekommen sey. Allein, die Vorstellung, welche sich die darnaligen Menschen von diesem erwarteten Erretter oder Messias gemacht hatten: daß er ein irdisches Reich stiften werde, war zu tief bei ihnen eingewurzelt, als daß sie so geschwind hätte verdrängt werden können. Jesus war daher vielen nicht nach ihrer Erwartung: selbst seine nächsten Bekannten konnten sich nicht so recht in seine Person finden, und sahen noch nicht deutlich ein, was sein Leben auf der Erde für einen eigentlichen Zweck habe; darüber sollten sie erst noch belehret werden, wenn, wie Jesus sagte, alles vollendet seyn würde, was Gott durch ihn ausführen wollte. Was er jetzt thue und lehre, sey alles nur Vorbereitung, nur als Grundlage zu einem weit größern Geschäfte anzusehen, welches er vollenden - würde; aber bald werde nun der Zeitpunkt kommen, wo sie dies alles im helleren Lichte erkennen würden» Do jorgfaltig daher Jesus alles vermied, was etwa jene sinnliche Vorstellung von einem irdischen Reiche in den Gemüthern der Menschen hätte unterhalten können; so sehr er auch seine großen Vorzüge verbarg und sich im gewöhnlichen Umgänge mit den Menschen, als Mensch zeigte: so gab er doch zuweilen, wo es seine Weisheit nöthig fand, Merkmale seiner hohem Abkunft, und der genauesten Verbindung, in welcher er mit Gott, seinem Vater, stehe. Dies that er bewnders in dem vertrautem Umgänge mit seinen Jüngern; diese belehrte er nicht nur mehrmals, daß er vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen sey, und wieder zum Vater zurückkehren werde; sondern machte sie auch selbst zuweilen zu Zeugen seiner Herrlichkeit, die er, als der Sohn Gottes, habe. So nahm er einst einige dieser seiner vertrauten Freunde, namentlich den Petrus, Jakobus und Johannes besonders zu sich und führte sie auf einen erhabenen Berg; sie waren es schon von ihrem Herrn gewohnt, daß er, wenn er sich im Gebet mit seinem himmlischen Vater unterhalten wollte, eine Anhöhe bestieg: sie hielten sich daher, als sie die Spitze des Bergs erreicht hatten, in einiger Entfernung von ihm, um ihn nicht in der stillen Unterhaltung mit Gott zu stören, und überliessen sich der Ruhe. Auf einmal veränderte sich die Gestalt Jesu, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, sein Leib, der weit edler und verklärter schien, wurde von einem weißen hellleuchtenden Gewand umflossen; zu gleicher Zeit erschienen zween ehrwürdige Gestalten, Männer aus den frühesten Zeiten, Mosch und Ellas, die sich vor- mats um die Wohlfahrt des jüdischen Volks sehr verdient gemacht hatten, und sich jetzt in eine vertraute Unterredung mit Jesu einliessen. Mit Erstaunen bemerkten die Jünger Jeju bei ihrem Erwachen diese feierliche Erscheinung; voll 148 Ehrfurcht wagten sie es nicht, sich Jesu zu nähern; aber ein inniges Wvhlgefühl nahm ihre ganze Seele bei diesem seligen Auftritte ein. Petrus konnte diese Empfindung nicht bei sich zurückhalten; er äusserte daher gegen seinen Herrn: es sey hier so gar angenehm; hier wünschten sie langer zu verweilen, und wollten gern, wenn ers erlaubte, ihm und den beyden anwesenden Personen Hütten aufschlagen. Indem er dies sprach, überschattete sie eine lichte Wolke, und aus der Wolke tönte eins Stimme: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Erschrocken und ehrfurchtsvoll warfen sich die Jünger aus ihre Gesichter zur Erde nieder, wagten es nicht aufzublicken, bis Jesus sich ihnen näherte, sie mit der Hand aufrichtete, und sie ermunterte: getrost zu seyn; da sahen sie auf, erblickten aber niemanden, als Jesus allein, den sie nun wieder von dicht- heiligen Stätte herabbegleiteten. Jan Heruntergehen unterhielten sie sich von dieser herrlichen Erscheinung mit Jesu, der ihnen befühl, noch nichts von dem zu sagen, was sie sitzt gesehen hatten, bis erst alles mit ihm vollendet seyn würde. Indessen fuhr Jesus unausgesetzt fort, sich den Menschen als ihren besten Wohlthäter zu beweisen; kein Undank, keine Verfolgung, keine Schmach, hielt ihn in diesem seinem Geschäfte auf; auch die unbilligsten Urtheile der wider ihn eingenommenen Menschen, machten ihn nicht muthlos; er erklärte vielmehr dabei: er sey nicht gekommen, um Ehre und Ansehen in der Welt zu suchen, sondern die Ehre seines Vaters im Himmel durch einen bessern Religionsunterricht unter den Menschen zu verbreiten. Auf diese richtige Erkenntniß Gottes gründe sich auch seine Ehre;„denn, setzte er hur zu: ich bedarf nicht das Zeugniß der Menschen: der Vater, der mich gesandt hat, der zeuget von mir; was ich thue, ist sein Werk, und er wird noch größere Dinge durch mich thun, denn er hat mir alles, was auf Menschen-Wohlfahrt M- r49 ziehung hat, übergeben, auf daß sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren; wer den Sohn nicht ehret, der ehret den Vater nicht, der ihn gesandt hat." Diese erhabne Würde Jesu, als des Sohnes Gottes, war in allen seinen Reden und Handlungen sichtbar; seine Freunde wurden auch immer mehr in der Ueberzeugung befestiget, daß er Christus, der verheißene Heiland und Erlöser der Menschen sey, und glaubten an ihn. Die Wunder, die er fast täglich verrichtete, von denen ich euch einige schon erzählet habe, zogen die Aufmerksamkeit der Menschen immer mehr aus ihn, so daß auch diejenigen, die noch nicht fähig waren, das Göttliche seiner Lehre aus ihrem eigenthümlichen Inhalt zu erkennen, schon um der außerordentlichen Thaten willen an ihn glaubten.— Eine dieser äusser- ordentlichen Begebenheiten muß ich euch besonders noch erzählen, weil sie einen vorzüglichen Eindruck auf das Volk machte, und auch auf das Schicksal Jesu Einfluß hatte. In der Nahe Jerusalems, welches, wie ihr wisset, die Hauptstadt des Landes und der Versammlungsort der jüdischen Nation bei ihrer goktesdienstlichen Verehrung war, lag in einer etwas gebirgigten Gegend ein kleiner aber volkreicher Ort, Bethanien. Hier wohnte unter andern auch eine kleine Familie, um die sich Jesus durch seine wohlthätigen Handlungen sehr verdient gemacht, und sich ihr Zutrauen und Liebe ganz vorzüglich erworben hatte; sie bestand aus einem Bruder, Namens Lazarus und seinen beyden Schwestern, der Martha und Maria. Die Eintracht, in welcher diese Geschwister bei einander lebten, die achte Gottesfurcht und Liebe, die unter ihnen herrschte, verschaffte ihnen die Achtung Jesu, des edelsten Menschenfreundes, der daher mehrmals in ihrem freundschaftlichen Kreise verweilte, so oft er in diese Gegend kam. Einst, als Jesus eben im Begriff i5s" war, nach Jerusalem zur Feier des Osterfestes zu reisen, und noch einige Tagereisen von Bethanim entfernt war, kam ein Bote aus diesem Orte zu ihm, der ihm die Nachricht von den Schwestern des Lazarus brachte, daß dieser sein Freund todtkrank liege. Jesus aber erklärte die Krankheit nicht für todtlich, vielmehr für eine Gelegenheit, bei der sich die Ehre Gottes und seines SohneS verherrlichen werde: er brach auch nicht früher auf, sondern verschob seine Abreise noch einige Tage. Als er jetzt mit seinen Jüngern aufbrach, sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund schläft; ich gehe aber hin, daß ich ihn aufwecke. Seine Jünger meynten, er rede vvm natürlichen Schlafe, und erklärten dies für ein Zeichen der Besserung; da sagte ihnen Jesus geradezu: Lazarus sey wirklich gestorben, und es wäre ihm eben lieb, daß er nicht zugegen gewesen sey, damit sie nun um desto mehr in ihrem Glauben an ihn befestiget würden.— Ehe also Jesus in Bethanien ankam, war der gute Lazarus schon unter den Händen seiner ihn pflegenden Schwestern erblaßt, und mit ihm waren alle ihre Freuden und süßesten Hoffnungen dahingeschwunden. Ihre Freunde und Bekannten, die sich bei diesem Trauerfall zu ihnen eingefunden hatten, konnten ihre Thränen nicht stillen, mit denen sie den Verlust des besten Bruders beweinten, dessen Leichnam sie nun schon zur Ruhe in eine Felsenhöle gebracht hatten. Erst den vierten Tag darnach kam Jesus in diese Gegend; kaum erfuhr Martha seine Ankunft, als sie ihm entgegen eilte, und mit dem Aus- drucke des empfindlichsten Schmerzens zu ihm sagte: Herr! wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Doch bei dem Anblick Jesu kam wieder ein Stral von Hoffnung in ihre Seele. Noch bin ich überzeugt, sprach sie, daß, was du bittest von Gott, das wird dir gegeben. Nun, versetzte Jesus, dein Bruder soll auferstehen! Dies, meynte Martha, würde erst bei jener allgemeinen Auferstehung der Todten geschehen. Jesus aber sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, wird nie aufhören zu seyn. wenn er auch gleich stürbe: ja er wird eigentlich gar nicht sterben. Martha setzte keinen Zweifel in diese Versicherung Jesu; sie eilte zu ihrer Schwester zurück. um ihr die beruhigende Nachricht von der Ankunft Jesu zu bringen. Als auch diese sich Jesu näherte, warf sie sich weinend zu seinen Füßen nieder. und beklagte ihren Verlust; alle Anwesende wurden bei diesem Auftritte gerührt; mit herzlicher Theilnahme an der Betrübniß dieser beyden edlen Seelen, ließ er sich von ihnen hin zu der Statte leiten, wo sie ihren guten Bruder hingelegt hatten; und dem edlen guten Jesus giengen bei diesem Anblick die Augen über, zum Merkmal, wie lieb er ihn gehabt habe. Jetzt befahl Jesus den Umstehenden, daß sie das Grab öffnen und den Stein, womit die Todtengruft bedeckt war, Hinwegschaffen sollten. Martha war dabei besorgt, weil der Leichnam schon vier Tage im Grabe gelegen habe: so möchte der Geruch der Faulniß zu widerlich seyn. „Sagte ich dir nicht, sprach Jesus zu ihr: du solltest Zeuge der Herrlichkeit Gottes, auch bei dem Grabe deines Bruders werden, wenn du recht festes Vertrauen zu mir fassen würdest.^ Als jetzt das Grab geöffnet war, sprach Jesus mit zum Himmel gerichtetem Blick:„Vater! ich danke dir, daß du mich erhöret hast! Dies Bekenntniß von deiner mir immer gegenwärtigen Hülfe lege ich hier um dieses umstehenden Volks willen ab; damit es überzeugt werde, daß du mich gesandt hast." Mit lauter Stimme rief er dann in die Gruft, worinnen der Todte lag: Lazarus. komm wieder hervor! — Auf einmal kehrte das Leben in den vorhin entseelten Körper zurück; er fieng an, sich zu bewegen, und bald darauf trat er zum Erstaunen aller Anwesenden, noch im Todten- gewanda, mit Tüchern umwunden, aus der Grabeshöle her- vor; man wickelte ihn vollends von diesen Banden los, wors auf er mit allgemeiner Bewunderung und Freude wieder zu seiner Wohnung zuräckgeleitet wurde. Ihr könnt leicht denken, meine Lieben, welchen Eindruck diese wichtige That Jesu auf die Gemüther der damaligen Menschen machen mußte; sie war vor den Augen so vieler Leute geschehen, die dabei zugegen gewesen waren, in der Nähe Jerusalems, wo eben damals um des bevorstehenden Festes willen, ein außerordentlicher Zusammenfluß von Menschen war, unter denen sich gar bald die Nachricht von der Auftrweckung des Lazarus verbreitete; jedermann war begierig, den großen Wunderthäter nicht nur, sondern auch den Mann zu sehen, an welchem sich seine wunderthatige Kraft so wirksam bewiesen habe; dieses zog eine große Menge Volks nach Bethanien, um sich an der Stelle selbst, wo die That geschehen war, davon zu überzeugen. Man sprach in Jerusalem überall von Jesu, unterhielt sich von seinen Thaten, hörte von Augenzeugen, wie er hier Kranke gesund gemacht, dort den Blinden das Gesicht, den Tauben das Gehör, den Sprachlosen die Sprache, den vom Schlag gerührten den freien Gebrauch ihrer Glieder wieder verschafft, wie er mehrere tausend Menschen mit einem kleinen Verrath von Brod, den ein kleiner Knabe tragen konnte, bis zum Ueberfluß ge- sättigst habe n. s. w.; man erinnerte sich der merkwürdigen Reden, die er bei der und jener Veranlassung gehalten, welche wichtige Wahrheiten er dabei vorgetragen habe, und er» klärte laut: es sey noch nie ein solcher Lehrer unterEm Volke ausgestanden, er sey gewiß der Messias, der verheiße« ye Heiland, und wartete sehnlich, daß er diesmal zum Feste kommen und sich da in seiner Größe zeigen werde.— Dieser allgemeine Beifall und die Achtung, womit man von Jesu sprach, erregte natürlich den Neid und den Unwillen seiner Zünde, besonders der Priester und Pharisäer; sie beschlossen r53 daher in einer ihrer Versammlungen, Jesum umzubringen, stellten überall Leute auf, die ihn auskundschaften und ihnen sogleich die Anzeige von seinem Aufenthalte thun sollten, damit sie ihn könnten gefangen nehmen. Jesus hielt sich damals in einer etwas entfernten einsamen Gegend aus, um sowohl der neugierigen Menge, als auch der Bosheit seiner Feinde auszuweichen, ob er gleich fest entschlossen war, in kurzem nach Jerusalem zu gehe» und da zu sterben. Wie? zu sterben?— fiel hier Gumal dem Greis in die Rede— und die ganze Versammlung bezeigte ihreBe- fremdung darüber. Greis. Ja, Freunds; diesen Entschluß hatte Jesus schon frühe gefaßt, und ihn schon zuvor seinen Jüngern bekannt gemacht, als er mit ihnen diese letzte Reift nach Jerusalem antrat. Lina. Ach, da hätte er lieber nicht nach Jerusalem reisen sollen- Greis. So dachten seine Jünger auch; sie suchten ihn daher auch von dieser Reise abzuhalten; aber Jesus blieb fest auf seinem Entschlüsse. Gumal. Warum denn dies, Vater? Er konnte ja durch sein Lehen so viel Gutes stiften: er konnte die Menschen lehren und glücklich machen, warum wollte er denn sterben? Greis. Weil dies, wie er selbst sagte, der Wille seines Vaters im Himmel sey, und die Menschen nicht anders, als durch seinen Tod glücklich werden könnten. Gumal. Das begreife ich nicht. Greis. Eben so wenig konnten sich seine Jünger darein finden, als er ihnen auf dem Wege nach Jerusalem sagte: dies sey das letztemal, daß er mit ihnen dahin gehe: denn des Menschensohn werde nun den Händen der Heiden über- "4 anrwortet werden; diese würden ihn verspotten und mißhandeln; ihn mir Ruthen hauen und todten, doch am dritten Tags werde er wieder auferstehen. Gumal. Das alles ich mir unbegreiflich. Wie lange hatte denn Jesus auf der Welt gelebt? Greis. Nicht lange; etwa drey und dreyßig Jahre. Gumal. Und seit wie langer Zeit war es denn, daß er als Lehrer und Wohlthäter der Menschen unter ihnen auftrat? Greis. Seit etwa drei Jahren. Gumal. Und nun wollte er schon sterben? Er, der in so kurzer Zeit so viel Gutes unter den Menschen gestiftet hatte— was hatte er nicht thun können, wenn er langer unter ihnen verweilt hatte! War denn seine Lehre schon allgemein unter den Menschen angenommen? Greis. Nein; nur eine sehr kleine Anzahl Menschen war durch sie zu einer bessern Erkenntniß und zu würdigern Gesinnungen gebracht worden. Gumal. Nun, warum setzte denn da der gute Jesus nicht noch eine Zeitlang diesen Unterricht fort? Greis. Weil, wie er selbst sagte, das Waizenkorn zuvor in die Erde fallen und gleichsam sterben müßte, wenn es viele Früchte bringen sollte: so würde auch erst nach seinem Tode seine Lehre desto ausgebreiteter werden, und desto reichere Früchte bringen.— Ueberhaupt, lieber Gumal, getraust du dir wohl über eine Sache richtig urtheilen zu können, ehe du sie ganz kennen gelernt hast? Oder, wenn du von einer Begebenheit hörst, öder sie auch in deinem Leben selbst erführest, weißt du auch schon bestimmt zum Voraus, was sie für Folgen habe? Mußt du nicht erst den Allsgang derselben erwarten, ehe du richtig darüber urtheilen kannst? Gumal. Du hast Recht, Vater. —— iZZ Greis. Kann nicht eine Sache weit wichtigere Folgen haben, an die wir vorher nicht gedacht hatten? Gumal. Das glaube ich wohl. Greis. Wer ists denn aber, der alle diese Folgen einer Handlung oder Begebenheit am zuverlässigsten voraus weiß? Gumal. Doch wohl niemand als der allweise Gott. Greis. Wenn dieser Gott nun etwas geschehen laßt, so muß er auch wohl einen weisen Grund dazu haben. Gumal. Davon bin ich fest überzeugt. Greis. Können wir diesen aber allemal vorher einsehen? Gumal. Nein; so wenig wir den Erfolg vorherwissen; wir erfahren es gewöhnlich erst hinterdrein. Greis. Daß Gott sehr große und wichtige Absichten bei der Sendung Jesu in die Welt hatte, das wirst du, wie ich überzeugt bin, aus der bisherigen Geschichte seines Lebens erkannt haben; meynst du, daß dieser weise und gütige Gott nicht auch bei dem frühen Tode Jesu die besten Absichten gehabt habe? Gumal. Ja; nur kann ich sie jetzt noch nicht einsehen. Greis. Du wirst es aber erfahren, wenn du den Zusammenhang dieser Geschichte des Leidens und des Todes Jesu einsehen, und den wahren Aufschluß, den uns dieser Jesus selbst, und besonders nachher durch seine Apostel ertheilt hat, erhalten wirst. Wahr ist es, hatte Jesus nur darum in der Welt gelebt, um durch seinen Unterricht die Menschen zu belehren und zu bessern, so wüßte ich nicht, wie es sich mit seiner Weisheit und mit der Weisheit und Gute Gottes, unter dessen unmittelbaren Leitung er stand, vereinigen ließ, warum er so frühe sein so wohlthätiges Leben auf Erden endigte, da es doch bei ihm stand, es zu erhalten und zu verlängern; warum er es gerade zu der Zeit endete, da jenes große Werk der Erleuchtzmg und Besserung der Menschen kaum angefangen war, und selbst seine Jünger 156 seines Unterrichts so sehr bedurften. Aber er selbst, Jesus, der die Absicht Gottes von der Seligkeit der Menschen, und die Mittel, durch welche sie bewirkt werden sollte, am besten kannte, erklärte mehrmals: daß sein Tod dazu unumgänglich nöthig sey: daß er sein Leben um der Menschen willen dahingehen müsse, damit sie erhalten und selig werden möchten; so sey es der Wille seines Vaters, und er sey bereit, ihn zu erfüllen, und mit Aufopferung seines Lebens die Welt von? Verderben zu erretten. Lina. Ach Vater! Das geht über Alles. Selbst sein Leben um Andrer willen dahingehen— das ist doch wvh! der größte Beweis der Liebe! Greis. Ja wohl, Lina; schon da, wenn ein Freund sein Leben für einen Freund wagt, ist es der größte Beweis der Freundschaft— aber, daß Jesus für Sünder, ja sogar für seine Feinde starb; daß er, der Sohn Gottes, der doch hatte können Freude haben, freiwillig allen Vorzügen entsagte, die bittersten Leiden wählte, und sich dem schmerzhaftesten Tods unterwarf: das ist ein Beweis von Liebe, die ihres gleichen nicht hak.— Wie stark wird deine Liebe zu diesen: Jesu werden, wenn du es auch mit Ueberzeugung erkennen wirst, daß er auch dir zum Heil gestorben ist, daß dieser Jesus auch dich geliebt, und selbst sein Leben für dich, zu deinem Besten, dahmgegeben hat! Als die Gesellschaft sich das nächstem«! wieder um den Greis versammelte, bemerkte dieser deutlich in den: Gesichte Aller, die auf seinen Unterricht begierig waren, die Merkmale einer bangen Ahndung und Wehmuth, mit der ihre Seelen bei der Erwartung erfüllt waren, daß er sie nun mit der Geschichte des Todes Jesu unterhalten werde. Schon bei dem —^7 Hingange zur H>ütte hatte Antonio die ihn begleitenden Freunde darauf vorbereitet; er hatte sie auf jenen rührenden Auftritt in dem Leben Jesu hingewiesen, als er das letztem«! in Begleitung seiner Jünger nach Jerusalem gereiset war, wo er sich mit ihnen von seinem bevorstehenden Tode unterhalten hatte.— Sie fanden jetzt den Greis in Gesellschaft der Lina und Agathe vor der Thür der Hütte; der Ernst in seinem Gesichte, und der bekümmerte ängstliche Blick der Lina ließ es ihnen errathen, daß auch sie schon in Betrachtung dieser Abschiedsscene Jesu von seinen Jüngern begriffen waren; schweigend ließen sie sich jetzt alle zu den Füßen des christlichen Lehrers bei der Abenddämmerung nieder, in Erwartung seines fortgesetzten Unterrichts. Wenn ihr euch, meine Lieben, so recht in die Lage jener ehemaligen Jünger und Freunde Jesu denkt: so wird es euch nicht befremden, daß sie über die nahe Trennung von diesem ihrem geliebten Herrn und Meister äußerst niedergeschlagen und traurig wurden. Sie liebten ihn doch so aufrichtig, befanden sich in seinem Umgänge so wohl, hatten, ihm zu Liebe, alle bisherigen Verbindungen und Geschäfte ihres bürgerlichen Lebens aufgegeben, und sich noch immer in Geheim mit der Hoffnung irdischer Vortheile geschmeichelt: wie sehr war es daher aller ihrer Erwartung entgegen, als Jesus ihnen nicht blos in allgemeinen Ausdrücken sagte, daß er hingehe, zu sterben: sondern auch die besondern Umstände seines nahen Todes bestimmt voraus sagte, wie, und auf welche Art dies geschehn würde. Ein solcher trauriger Ausgang feines Lebens war ganz den Begriffen entgegen, die sie sich von der Größe und Hoheit ihres göttlichen Lehrers gemacht hatten: wie leicht hatten sie daher an seiner Person irre werden, oder wegen ihres eigenen Schicksals muthlos und verzagt werden können: wenn Jesus ihnen nicht selbst ihren 158—' Glauben und ihre Hoffnung durch die stärksten Beruhigungs- grüude unterstützt hätte. Dahin gehörte unter andern diese seine Versicherung, die er mir der Anzeige seines Todes verband, daß er nicht im Tods bleiben, sondern den dritten Tag darnach wieder lebendig werden, und wieder aus dem Grabe auferstehen werde. Auf diesen höchstwichtigen Umstand machte Jesus mehrmals seine Zeitgenossen aufmerksam, als einen Beweis von der Göttlichkeit seiner Sendung und der Wahrheit seiner Lehre, der aber auch für seine Jünger desto wichtiger seyn mußte, weil die Versicherung Jesu damit verbunden war, daß er sie alsdann wieder sehen, um sich her versammeln und sich mit ihnen freuen würde. Ueberhaupt belehrte er sie: daß seine Bestimmung nicht sey, immer als Mensch auf dieser Erde zu verweilen; er sey von Gott ausgegangen, und gehe wieder zu Gott seinem Vater zurück; wenn sie ihn nun aufrichtig liebten: so dürften sie nicht über seinen Abschied von ihnen traurig seyn, sondern sich vielmehr darüber freuen, weil sie dann desto gewisser seyn könnten, daß er sich ihrer annehmen, sie versorgen, und nicht wie verwaist und hülflos auf der Erde zurücklassen werde. Als seine Freunde könnten sie sich seiner und der Liebe seines Vaters gewiß versichert halte», sich getrost in allen ihren Angelegenheiten aus ihn verlassen, und erwarten, alles Gute, was sie in seinem Namen den Vater bitten würden, das werde er ihnen geben.— Zwar dürften sie sich in der Welt keine frohen und glücklichen Tage versprechen, am wenigsten erwarten, daß sie als Bekenner und künftige Lehrer seiner Religion allgemeinen Beifall finden würden; sie sahen es ja an seinem Beispiel, wie es ihm in der Welt gegangen sey, und müßten sich als seine Nachfolger auf ein gleiches Schicksal gefaßt halten: sie würden um seiner Lehre willen von den Menschen gehaßt, verfolgt und gelobtet werden— aber sie sollten nur getrost bleiben; er habe die Welk überwunden, und sey durch Leiden erhöhet worden: er werde auch sie nach sich ziehen und an seiner Herrlichkeit Theil nehmen lassen; in seines Vaters Hause waren viel Wohnungen, auch ihnen sey schon in einer bessern Welt ihr künftiger Aufenthalt bereitet, dort werde er sie zu sich nehmen; denn, sagte Jesus, wo ich bin, da soll mein Jünger auch seyn.— Als eine vorzüglich wichtige und wohlthätige Folge seines Hingangs zum Vater stellte Jesus endlich auch drese seinen Jüngern vor: daß er an seiner Stelle ihnen einen andern Lehrer und Führer vom Vater senden werde, den' Geist der Wahrheit, der sie nicht nur an alles dasjenige wieder erinnern werde, was er sie bisher gelehrt habe: sondern sie auch in alle Erkenntniß leiten, jede noch fehlende Belehrung ihnen ertheilen, ihre Ueberzeugung befestigen und sie mit allenden Kräften und Gaben versehen werde, die sie als künftige Lehrer seiner Religion nöthig hatten. Dies, meine Lieben, war der vorzüglichste Inhalt derjenigen Reden, mit welchen Jesus in den letzten Tagen seines Lebens sich mit seinen Jüngern, besonders auf dem Wege nach Jerusalem, unterhielt. Als er jetzt die Höhe des Oelbergs überstiegen hatte, von da herab der Weg zur Stadt führte, schickte er einige seiner Jünger in einen naheliegenden Ort voraus, die ihm einen dort bereirstehenden Esel, deren man sich gewöhnlich zum Reiten bediente, besorgen mußten, weil er diesmal willens war, einen öffentlichen und feierlichen Einzug in Jerusalem zu halten; eins Menge Volks versammelte sich sogleich auf diese Nachricht um ihn her; das Thier, das Jesum tragen sollte, wurde mit Kleidern behängen; man hieb Zweige von den Bäumen und bestreuet« damit den Weg, aufweichen: Jesus einherritt, und so begab er sich unter dem lauten Freudengeschrei des Volks, das den Zug begleitete, und ihn als den Messias, den Sohn Davids, begrüßte, nach der Stadt. r6o Als Jesus sich derselben näherte, betrachtete er sie mit einem wehmüthigen Blick, und Thränen traten ihm in die Augen.„Ach! rief er aus, unglückliche Stadt, die du nicht erkennen kannst, was zu deinem Besten dienet— bald wirst du die Folgen deiner Unbesonnenheit erfahren; denn deine Feinde werden dich in kurzem belagern, von allen Seiten einschließen, und dann zerstören, so daß kein Stein auf dem andern bleiben wird."— Unter den- Jubel des Volks zog Jesus, begleitet von seinen Jüngern, in den Thoren Jerusalems ein; alles war begierig, den erwarteten Messias zu sehen; der Haufe der Begleiter vermehrte sich mit jedem Schritt; selbst Kinder stimmten in den Freudengesang ein: Gelobt sey, der da kömmt im Namen des Herrn! Der Zug gieng zum Tempel.— An dieser Statte, die eigentlich der öffentlichen Gottesverehrung gewidmet war, fand Jesus eine Menge Käufer und Verkäufer, die hier mit vielem Geräusch ihr Gewerbe trieben. Mit gerechtem Unwillen zeigte ihnen Jesus das Unschickliche eines solchen Handels an diesem Orte, drohte ihnen mit ernstem Blick, und trieb sie von der heiligen Starte hinweg. Er selbst lehrte öffentlich im Tempel, brachte den Tag über mit belehrendem Unterricht des Volks zu; nur mit Anbruch der Nacht entfernte er sich, und hielt sich mit seinen Jüngern gewöhnlich in der Gegend des Oelbergs in dem nahe liegenden Bethanien auf. Als sich Jesus auch eines Tages im Tempel befand, und seine Jünger mit Bewunderung die Größe dieses Gebäudes und die innere Pracht desselben betrachteten, leitete er die Unterhaltung mit ihnen wieder auf das traurige Schicksal, welches diesem Tempel, so wie überhaupt der Stadt Jerusalem und dem jüdischen Volke bevorstehe: daß nämlich der Zeitpunkt nahe sey, und nicht lange nach seinem Tode eintreten werde, wo diese jetzt so blühende Stadt verwüstet und zerstöret, ihre Bewvhner auf daS Aeußerste geängstet, und die bisherige Verfassung des jüdischen Volkes ganz aufgelöst werden würde. Nur wenige von demselben würden dem Schwerdt entrinnen, und dann unter allen Nationen zerstreut leben. Dabei gab er seinen Jüngern einige besondere Merkmale, an welchen sie die Annäherung dieses traurigen Schicksals vorher erkennen, und wie sie alsdenn auf ihre Rettung bedacht seyn sollten; sie selbst sollten dabei nicht ängstlich und verzagt, sondern vorsichtig und getrost seyn, weil selbst durch dies vorherverkündigte Schicksal des jüdischen Volks, die Wahrheit seiner Lehre noch mehr bestätigt und die Ausbreitung derselben würde befördert werden. Er verband damit noch manche andere wichtige Belehrung für seine Jünger, und wendete so die ihm noch übrige kurze Zeit des Umgangs mit ihnen dazu an, um sie auf ihre bevorstehenden Schicksale vorzubereiten, ihren Muth zu starken, und sie zur Erfüllung ihrer wichtigen Pflichten zu ermuntern. Vorzüglich prägte er ihnen dieses als sein vorzüglichstes Gebot ein: daß sie sich unter einander lieben sollten, so wie er sie geliebt habe. Daran, sagte er, wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seyd, so ihr Liebe unter einander habet. Während dieser Zeit, die Jesus in und ausser Jerusa- ,.em zubrachte, wo er frei und öffentlich lehrte, und sich immer mehr Zutrauen und Achtung unter dem Volke erwarb, gierigen seine neidischen Feinde immer mit dem boshaften Gedanken um, wie sie ihn auf irgend eine Art umS Leben bringen möchten. Dazu schien ihnen aber der gegenwärtige Zeitpunkt der allerungünstigste zu seyn, weil jetzt die Feier jenes großen Volksfestes, des Passah, eintrat, wozu sich das Volk aus allen Gegenden des Landes in Jerusalem versammelte,^worunter sich so viele Verehrer Jesu befanden, daß sie befürchten mußten, es möchte ein allgemeiner Auft Losime Gumal. H. K l6r— rühr im Volke geschehen, wenn sie ihre Hände an die Person dieses so allgemein verehrten Jesus legten. Sie schoben daher ihren mörderischen Anschlag so lange auf, bis sie eine schicklichere Gelegenheit, ihn auszuführen, finden würden: und diese fand sich früher, als sie jetzt dachten. Unter den zwölf vertrauten Jüngern Jesu befand sich auch einer, Namens Judas, ein Mensch von schlechter eigennütziger Denkungsart, der aus Gewinnsucht und in Hoffnung großer Vortheile in die genauere Verbindung mit Jesu getreten war, und bei dieser Gesellschaft die wirthschaftlichen Geschäfts, die Einnahme und Ausgabe des Geldes bisher besorgt hatte. Dieser Mensch wußte, wie viel den Feinden Jesu daran gelegen sey, diesen seinen Herrn in ihre Hände zn bekommen, und ließ sich durch seine Leidenschaft zu dem schändlichen Gedanken verleiten, sich ihnen dazu zum Vermittler, zum Werkzeuge anzubieten. Wahrscheinlich bildete er sich dabei ein, Jesus werde gleichwohl wieder Gelegenheit finden, ihren Handen zu entgehen, und durch seine Macht und Weisheit, die er so oft bewiesen habe, sein Leben zu erhalten wissen, indeß er sich doch dabei einen Vortheil machen könnte. Mit diesem bösen Vorsatz gieng er wirklich an den Ort hin, wo sich die Priester und Volksobersten versammelt hatten, und erbot sich, wenn sie ihm eine annehmliche Vergeltung thun würden, ihnen Jesum zu verrathen. Dies war diesen Feinden Jesu eine erwünschte Gelegenheit; sie nahmen das schändliche Anerbieten des Judas mit Freuden an, gaben ihm Geld, und dieser versprach ihnen, dafür zu sorgen, daß sie Jesum ohne alles Aufsehen und Geräusch ehestens in ihren Handen haben sollten. So geheim dieser Anschlag auf das Leben des unschuldigsten und besten Jesus gehalten wurde: so war er doch diesem gar wohl bekannt. Er, der auch die Gedanken der Menschen und ihre geheimsten Gesinnungen kannte, wußte seinen i63 Verrathet wobt, wusste, was in seinem Herzen beschlossen war; er ließ es einigemal in der Gesellschaft seiner Jünger und selbst in der Gegenwart dieses Judas merken, daß einer unter ihnen ihn verrathen würde. Noch den Abend zuvor, ehe dieser böse Mensch seinen gefaßten Vorsatz ausführte, noch bei der letzten Mahlzeit, die er mit seinen Jüngern hielt, äusserte Jesus diesen Gedanken, und zeigte selbst bestimmt seinen Verrather an; aber dieser war nun zu sehr von seinem boshaften Vorsatz eingenommen, daß der so sanfte Verweis seines Herrn keinen Eindruck auf sein böses Herz machte, ihn nicht von der Ausführung der schrecklichsten That zurück hielt. Der Greis bemerkte bei dieser Erzählung die sichtbaren Spuren des Unwillens an dieser abscheulichen That, in den Gesichtern seiner Zuhörer. Gumal äußerte auch denselben laut, und erklärte, es sey ihm unbegreiflich, wie ein Mensch so niederträchtig handeln und seinen Freund, seinen Wohlthäter, ohne alle Ursache zum Tode überantworten könne; dies gab Gelegenheit zu manchen lehrreichen Betrachtungen; welche Gewalt böse Leidenschaften über das menschliche Herz haben; wie derjenige Mensch, der eine schädliche Neigung bei sich unterhalte, zu solchen schrecklichen Handlungen verleitet werden könne, welche zu begehen, er sich zuvor selbst nicht fähig gehalten hätte; wie sorgfältig man daher über sich selbst wachen, den ersten bösen Gedanken bei sich unterdrücken und böse Neigungen gleich Anfangs bekämpfen müsse, um nicht durch sie zu wirklich sündlichen Handlungen hingerissen zu werden. Mit diesen Unterhaltungen wurde der Abend zugebracht, zugleich beschlossen, den morgenden Tag, der ein Ruhetag war, den fortgesetzten Betrachtungen über die Geschichte des Leidens und des Todes Jesu zu widmen; die Bewohner der neuen Colome sollten daher mit dem anbrechenden Morgen zk4- sich wieder in der Wohnung des Greises zur gemeinschaftlichen Verehrung Gottes und Jesu versammeln, und Zeugen einer feierlichen Handlung werden, welche dieser Jesus zum Andenken an seinen Tod angeordnet habe. Mit dem frühesten Morgen fand sich die Gesellschaft wieder an dem gemeinschaftlichen Versammlungsorte ein, wo sie den ehrwürdigen Greis mit Antonio und den beyden Mädchen Lina und Agathe, schon zu ihrem Empfange bereit fanden.° Im Gesichte des Greises ruhte stiller Ernst und tiefes Nachdenken, sein Auge war der Ausdruck der Andacht und des Andenkens an Gott und Jesum, das seine Seele erfüllte. Es herrschte eine feierliche Stille in der Versammlung, bis Antonio einen Lvbgesang, zum Preis des Allgütigen, anstimmte, den sie gewöhnlich an dem Tage der gemeinschaftlichen Gottesverehrung, und auch diesmal mit vieler Rührung, sangen. Der Greis las darauf ein Gebet vor, welches Jesus kurz vor seinem Tode gethan, worinnen er die Seinigen der Liebe und dem Schutze seines Vaters im Himmel empfohlen und für sie gebeten hatte, daß sie Gott in Erkenntniß der Wahrheit erhalten, zu guten Menschen machen, und sie einst, wenn sie auch ihrLeben aufErden in seinem Dienst würden vollendet haben, wieder mit ihm in einer bessern Welt vereinigen möchte. Dem frommen Greise rollten die Thränen über die Wangen, als er das Gebet las, und sein Gesicht glühte von inniger Freude, als er die Worte Jesu nachsprach: Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seyn, die du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Er begleitete dieses Gebet Jesu mit einigen frommen Wünschen aus der Fülle seines Herzens, und leitete darauf die ganze Gesellschaft hin zu der Grotte, wohin er sich sonst gewöhnlich mit Antonio und Philipp an festlichen Tagen allein begab; diesmal abn, erlaubte er auch der übrigen Gesellschaft, als Zuschauer bei ihrer Gottssverehrung zugegen zu seyn. — Im Hintergründe der Grotte war eine Erhöhung von Steinen, in- Gestalt eines Tisches, in dessen Mitte ein Buch lag, auf der einen Seite ein Teller mit etwas Brod, auf der andern ein Beter mit Wein stand; die Grotte selbst war von einer brennenden Lampe erleuchtet. Mit ehrfurchtsvollem Anstand trat der Greis mit Antonio und Philipp naher zu dieser Stätte, indeß die übrigen beim Eingänge verweilten, und mit stiller Aufmerksamkeit bemerkten, wie jene unter abwechselnden Gesängen und Gebeten sich mit dem Gedanken an Gott und Jesum eine Zeitlang unterhielten, sodann eine Mahlzeit hielten, indem sie von dem vorhandenen Brot aßen und aus dem Kelchs tranken, und sich mit dem Ausdruck der herzlichsten Freude und Dankbarkeit gegen Gott und Jesum zu seiner Verehrung, zur Befolgung seiner Gebote und zur aufrichtigsten Liebe unter einander verpflichteten. Als sie sich nach verrichtetem Gebete in der Sommerlaube versammelt hatten, fragte Gumal: was denn die Mahlzeit, die sie vorhin bei ihrer Gottesverehrung gehalten hatten, für eine Beziehung habe? Diese halten wir, sagte der Greis, als Verehrer Jesit bei unsern gottesdienstlichen Zusammenkünften zum Andenke» an seinen Tod, nach der eignen Anordnung dieses Jesus« Denn als sich dieser unser Herr das letztem«! vor seinem Tode mit seinen Jüngern zu Jerusalem befand und der letzte Abend seines Lebens auf dieser Erde anbrach, versammelte er sie noch einmal um sich, um mit ihnen nach damaliger Gewohnheit das Osierlamm zu essen, oder jene feierliche Mahlzeit zu halten, welche in den jüdischen Familien alljah- rig zum Andenke» ihrer ehemaligen Befreiung aus der Knechtschaft, bei der Feier dieses Festes, gehalten wurde. Wahrend dein Esse», wobei Jesus den Gedanken von seinem be- i66""" vorstehenden Abschied in der Seele seiner Freunde erregt hatte. nahm er das Brot. sprach ein Dankgebet darüber, brach eS in kleine Stücken und theilte diese unter seinenJüngern aus, wobei er die merkwürdigen Worte sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der sür euch gegeben wird. das thut zu meinem Gedächtniß. Nach der Mahlzeit nahm er auch den Becher mit Wein, reichte ihn nach gesprochenem Dankgebet seinen Jüngern, und sprach: Nehmet hin und trinker alle daraus, dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Mut, das sür euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; so oft ihr daher diese Handlung wiederholt, so thut sie zu meinem Gedächtniß.— Nachdem sie, fuhr darauf der Greis in seiner Erzählung fort, diese merkwürdige Mahlzeit mir einem Lobgesange beschlossen Hütten, unterhielt sich Jesus noch mit seinen Jüngern über sein herannahendes Ende, wobei er unter andern den Gedanken äußerte: in dieser Nacht würden sie sich alle an ihm argem, oder an seiner Person irre werden, und ihn Verlassen.— Eine solche wankelmürhige Gesinnung trauten sie sich selbst bei ihrer Anhängigkeit und Liebe zu Jesu ganz und gar nicht zu, und einer von ihnen, Petrus, der sich vorzüglich eifrig für die Sache seines Herrn bewiesen hatte, hielt dies für seine Person ganz unmöglich, und erklärte: er werde dies gewiß nicht thun, sondern sey vielmehr bereit, mit ihm in Bande und Tod zu gehen.„Und eben du, erwiederte Jesus, wirst mich, noch ehe der Morgen anbricht, dreimal verläugnen." Noch gab Jesus den Seinigm manche belehrende Winke und Ermahnungen, empfahl sie im Gebet der Liebe seines Vaters im Himmel, und forderte sie dann auf, ihn ausser der Stadt in einen naheliegenden Garten am Oelberge, zu begleiten, wohin er sich gewöhnlich des Abends begab, um sich da in der Stille der Nacht in heiligen Betrachtungen 167 mit Gott zu unterhalten.— Dies wußte sein ehemaliger Jünger Judas wohl, und benutzte diese Gelegenheit, zur Ausführung seiner Verrätherei. Er hatte sich daher schon frühe aus der Gesellschaft der übrigen Jünger emf'rnt, war hingegangen zu den Priestern, die ihn zum Werkzeug ihrer Bosheit gedungen hatten, um die Anstalten zur Gefangen- nehmung Jesu zu treffen. Jesus gab seinen Jüngern bei dem Eintritt in den Garten den wohlgemeynten Rath, daß sie sich wachsam halten, und durch Gebet im Vertrauen auf Gott starken sollten, um sich bei der bevorstehenden Gefahr standhaft zu beweisen« Er selbst warf sich, in einiger Entfernung von ihnen, betend zur Erde nieder, überdachte jetzt die Leiden, denen er entgegen gehe, fühlte mit voller Seele die Schwere derselben, kämpfte in seinem Innersten mit der schmerzlichsten Empfindung, so, daß der Schweiß, wie Blutstropfen, von seiner Stirn herabtroff, und rief zu wiederholtenmalen aus: Vater! ists möglich: so gehe dieses Leiden vorüber! Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Wahrend dieses harten Kampfs hatten sich seine Jünger sorglos der Ruhe überlassen, und selbst der dreymalige Zuruf Jesu an sie: daß sie sich doch ermuntern möchten, blieb bei ihnen fruchtlos, bis wirklich der Zeitpunkt kam, wo der ver- rätherische Judas, begleitet von der feindlichen Wache, von einer ganzen Schaar bewaffneter Männer, unter Fackelschein in den Garten eintrat, und Jesum aufsuchte. Dies setzte alles in Verwirrung und Schrecken; nur Jesum nicht. Entschlossen erwartete er die Annäherung seines Verräthers, der mit der Miene der vorigen Freundschaft auf ihn lvsgieng, und der Wache das verabredete Zeichen zum Angriff gab, indem er Jesum küßte. Diese hatten indeß schon einige von den Jüngern Jesu angegriffen— da gieng Jesus ihnen selbst entgegen, und fragte sie: wen sie suchten? Auf die Ant- M Wort: Jesum von Nazareth, sprach er mit festen; Tone: ich Hins! Diese unerwartete Erklärung setzte die Wache ganz ausser Fassung; sie wagte es nicht, die Hand anzulegen, geriet!) in Verwirrung, und stürzte Zum Theil zu Boden nieder. Diese Verwirrung suchte einer der muthigsten Jünger Jesu, Petrus, zu benutzen, zog, zur Vertheidigung seines Herrn, das Schwerdt, und ohne die Erlaubniß von diesem zu erwarten, hieb er einem Knechte des Hohenpriesters das eine Ohr B. Dieser kühne Streich, der leicht die nachtheiligsien Folgen hätte haben, und für Widersetzlichkeit und Empörung erklärt werden können, wurde ihm nicht nur von Jesu nachdrücklich verwiesen, sondern auch auf der Stelle wieder gut gemacht, indem er durch seine wunderthätige Macht das Ohr wieder anheilte, und dabei erklärte, er bedürfe der Vertheidigung der Menschen nicht; wenn er sonst sein Leben retten wollte, würde es ihm nicht an Mitteln fehlen; er sey aber entschlossen, dasselbe nach dem Willen seines Vaters aufzugeben, und sich auch den empfindlichsten Leiden zu unterwerfen. Jesus ließ sich darauf freiwillig binden und gefangen fortführen. Seine Jünger, die nun blos auf ihre eigene Sicherheit dachten, verließen ihn alle, und suchten sich durch die Flucht zu retten, wozu ihnen die Dunkelheit der Nacht sehr günstig war. Nur zwey von ihnen, Johannes und Petrus, schlichen in einiger Entfernung nach, um zu sehen, was diese Sache für einen Ausgang nehmen möchte. Der Zug gieng in das Haus eines Hohenpriesters, ,wo die Feinde Jesu in voller Versammlung ihn erwarteten. Wahrend der Untersuchung, die hier über die Lehre und das Leben Jesu angestellt wurde, wobei man sich alle Mühe gab, etwas auf ihn zu bringen, das wider die Gesetze wäre, hatte sich Petrus unter den Haufen des Volks und der Knechte gemischt, die sich in dem Vorhofe hei einem Feuer versammelt hatten« ——rl'y Hier wurde er von einer Magd des Hauses erkannt und als einer von den Jüngern Jesu angegeben; er laugnete es aber, daß er es sey, oder in irgend einer besondern Verbindung mir Jesu stehe; eS trat noch ein anderer Zeuge hinzu: er blieb aber bei seiner Erklärung; und als noch ein Dritter kam, der ihn kurz zuvor noch im Garten mit Jesu bemerkt hatte: so erklärte er unter den heftigsten Betheumngen: er kenne den Menschen gar nicht, wisse nichts von ihm. Indeß verkündigte das Hahngsschrey den Anbruch des Morgens, und in demselben Augenblick wendete sich Jesus von der Genchtsstatte mit einem Blick nach ihm, der ihm durch die Seele drang, ihn an das erinnerte, was Jesus den Abend zuvor ihm gesagt hatte, seiner Untreue überwies, und mit so bitterem Schmerz darüber erfüllte, daß er sich von der Gesellschaft entfernen mußte, um seinen Thränen freien Lauf zu lassen. Umsonst bemühten sich die Feinde Jesu, eine förmliche Klage gegen ihn einzuleiten, oder ihn eines Verbrechens zu beschuldigen, welches den Tod verdiente, obgleich einige gedungene falsche Zeugen auftraten, die das und jenes wider ihn aussagten, aber es nicht beweisen konnten. Er selbst sprach nur wenig zu seiner Vertheidigung, weil die Beschuldigungen, die man wider ihn vorbrachte, sich von sechsten widerlegten. Nur da, als er von dem Hohenpriester feierlich aufgefordert wurde, zu erklären, ob er Christus, der Sohn Gottes sey? sagte Jesus mit Freimüthigkeit: ja, er sey es; und sie würden bald noch größere Beweise davon erhalten, daß er es sey. Dies war seinen Feinden genug, ihn für einen Gotteslästerer zu erklären, der nach ihrem Gesetze müsse hingerichtet werden. Hatte es in ihrer Macht gestanden, so würden sie dies Todesurtheil über Jesum sogleich vollzogen hüben; so aber Mußten sie zuvor die Bestätigung dieses Urtheils bei der Obrig- seit suchen, die damals die höchste Gewalt im Lands hatte. Die Juden standen seit einiger Zeit unter der Oberherrschaft einer sehr mächtigen Nation, die sich den größten Theil der damals bewohnten Lander unterwürfig gemacht hatte; diese nannten sich Römer, nach der Hauptstadt ihres Landes Rom, wo ihr Fürst, der Kaiser, seinen Aufenthalt hatte, der durch seine untergeordneten Befehlshaber die uberwund- nen Nationen beherrschte. Der damalige kaiserliche Statthalter in Judaa hieß Pilatus: an diesen mußte also jetzt die Sache mit Jesu gebracht werden, daß er sie zuvor untersuchte, und wenn er die Anklage gegründet fand, das Todesurteil vollzöge.— Bis dahin war Jesus in den Handen seiner Landsleute, der Juden, und wurde von diesen auf das schändlichste gemißhandelt. Es sammelte sich, noch ehe der Tag anbrach, ein Haufen schlechter Menschen um ihn, die ihrem Muth-willen freien Lauf ließen, und den heiligsten, unschuldigsten Jesus auf die niederträchtigste Art höhnten, verspotteten und schlugen. Mit der edelsten Großmuth erduldete der erhabne Leidende auch die empfindlichste Schmach, ohne Widerrede, ohne sich darüber zu beschweren. Kaum brach der Morgen an, als das Volk hin zu der heidnischen Gerichtsstätte strömte, wohin Jesus unter Begleitung der Wache von seinen Anklägern geführt wurde. Pilatus, betreten über diesen Auflauf des Volks, ließ Jesum sogleich vor sich führen, und fragte die Umstehenden, was sie für eine Klage wider ihn hatten? Man beschuldigte ihn, er sey ein gefährlicher Mensch, der das Volk zum Aufruhr gegen seine Vorgesetzten hatte bewegen wollen, sich zum Könige ausgeworfen, und Lehren ausgestreut habe, die wider ihre Grundsätze und Verfasiung wären. Bei näherer Untersuchung sahe der Richter wohl ein, daß diese Beschuldigung keinen Grund hatte, daß die jüdischen Volkslehrer und Priester sie blos aus Neid vorgebracht hätten, und gab die Erklärung: er finde keine Schuld an Jesu; das brachte die Feinde Jesu nur noch mehr in Hitze; mit Ungestüm drangen sie darauf: er muffe Jesum hinrichten; sonst mache er sich selbst verdächtig, als wäre er kein Freund des Kaisers, und handle dem Vortheil seines Herrn zuwider. Pilatus gab sich alle Mühe, das Volk zu besänftigen, und Jesum, von dessen Unschuld er so gewiß überzeugt war, ja der ihnt selbst durch sein edles Verhalten bei diesem gefährlichen Handel Ehrfurcht einflößte, zu retten; aber umsonst. Vergebens suchte er es den Juden begreiflich zu machen, wie sehr sie wider ihren eignen Vortheil handeln würden, einen Wann aus ihrem Geschlecht, und noch dazu ihren König zu todten.— Sie erklärten: sie wüßten von keinem Könige, als dem Kaiser. Vergebens überließ er es ihrer Wahl, indem er einen andern Gefangenen vorführen ließ, der als ein offenbarer Missethäter, um Raubes und Mordes willen, in Banden war: ob sie diesen oder Jesum in Freiheit setzen wollten? Sie baten um den Mörder, und bestanden auf der Hinrichtung Jesu.— Vergebens glaubte er, die Wuth des Volks dadurch zu stillen, daß er den Unschuldigen an einen Pfahl binden, und seinen nackenden Rücken mit Ruthen oder Geißeln hauen ließ— ihr Blutdurst wurde dadurch noch nicht gestillt— jeder Versuch des Richters zur Befreiung Jesu, jedes Mittel, sich aus diesem ungerechten Handel zu ziehen, schlug ihm fehl; das Volk beharrte auf seiner unmenschlichen Forderung: Jesus müsse sterben, müsse öffentlich ans Kreuz geschlagen werden. Selbst die Verzögerung des Richters, das Todesurtheil über den Unschuldigen auszusprechen, gereichte nur noch mehr dazu, das Volk zu erbittern, und die Leiden des Edelsten, des heiligsten Jesus zu erschweren; denn selbst in den Iwischen- raumen, wo er unter den Händen der römischen Soldaten war, wurde er auch von diesen ohne alle Schonung behandelt; diese suchten ihn als einen jüdischen König lächerlich zu machen, flöchte» eine Krone von Domen, und drückten sie auf sein Haupt, warfen ihm einen Mantel um die Schultern, gaben ihm ein Rohr in die Hand, beugten sich höhnisch vor ihm, spieen ihm ins Gesicht, und schlugen ihn mit dem Rohr.— In dieser bejammernswürdigen Gestalt eines so tief gekränkten, verwundeten und gemißhandelten Menschen, ließ Pilatus noch einmal Jesum dein Volke vorstellen, um, wenn es auch nicht möglich wäre, ihr Ehrgefühl zu reitzen, doch wenigstens menschliches Mitleid in ihnen zu erregen, indem er ihnen zurief: Sehet, welch ein Mensch! Aber auch dies machte auf ihr Herz keinen Eindruck. Hinweg mit ihm: rief das Volk wie mit Einer Stimme! Hinweg zum Kreuz! Der immer mehr zunehmende Ungestüm des Volks nahm endlich dem ohnehin furchtsamen und schwachen Richter allen Muth, daß er zuletzt, wider feinen Willen, das Todesurtheil Jesus bestätigte, doch mit der öffentlichen Erklärung: er wollte keine Schuld am Blute dieses Gerechten haben. Gut! rief das Volk, wir und unsere Kinder wollen diese Schuld auf uns nehmen. „Ach, Vater! rief Lina, die wahrend dieser Erzählung sich schon manche Thräne aus dem Auge gewischt und lange die Aeußerung des innigsten Mitleids schluchzend zurück gehalten hatte, jetzt mit dem Ausdruck der tiefsten Wehmuth aus: ach Vater, ich kann's nicht langer aushalten!" Laut weinend erhob sie sich von ihrem Sitze, und überließ sich, an einen nahen Baum gelehnt, der Empfindung des Mitleids an dem traurigen Schicksal ihres geliebten Jesus. Auch der Greis, ungeachtet er bei seiner Erzählung alle Vorsicht angewendet, und die empfindliche Seite des Herzens geschvnet hatte, bedurfte einiger Erholung; er brach daher die Unterhaltung ab, gieng mir Antonio der Hütte zu, und überließ seine Zuhörer, deren keiner ungerührt geblieben war, den Empfindungen ihres Herzens. Diese zerstreuten sich in einzelnen Parthien; Eumal nahm seine Lina in den Arm, die ihr weinendes Gesicht an seine Brust legre, und ihm bezeugte: so einen traurigen Ausgang des Lebens des guten Jesus habe. sie nicht vermuthet. Die Sonne war indeß aufgegangen; der Morgen war heiter; ein kühlender Ostwind milderte die Luft; die Gesellschaft nahm daher mit Vergnügen den Vorschlag des Greises an, noch an diesem Morgen einen SpaZiergang zu machen. — So verschiedene angenehme Gegenstände sich auch auf demselben dem Auge darboten, so machten sie doch keinen sonderlichen Eindruck auf sie. Es war ihnen, als feierten sie den Todestag eines ihrer Geliebten; und in der That suchte auch der Greis diese Stimmung bei ihnen zu erhalten» Er leitete daher absichtlich den Gang anfangs zu dem Myr- themvaldchen, an dem Grabe des geliebten Pedro vorüber; verweilte einige stille Augenblicke bei demselben, ließ seine Thränen darauf fallen, und erinnerte die beyden Kinder, als sie die Blumen, die sie auf dem Wege gesammelt hatten, aus dasselbe streuten, an das sanfte, ruhige Ende dieses ihres geliebten Freundes. Bald lerne ich eS verstehen, sagte Gumal, was unsern Pedro so freudig bei seinem Hinsterben machte. Ach mit welchem sichtbaren Entzücken nannte er da so oft den Namen Jesus, und unterhielt sich mit ihm, auf seinem Sterbelager, wie mit einem gegenwärtigen Freunde. Ich war einsmal allein bei ihm, und weinte; da sahe er mich so ruhig an, und sagte: weine doch nicht, Gumal, mir ist ja so wohl! —„Du stirbst ja aber, lieber Pedro!"— Nein, versetzte er; ich schlafe nur ein, um zu einem bessern Leben zu erwachen. Ich komme da zu Jesu, meinem Herrn, der auch mir zum Besten gestorben, aber auch auferstanden ist, und mir verheißen hat, daß er auch mich zu sich in sein besseres Reich aufnehmen will.— Ich wußte nicht, was er damit sagen r 74""" wollte; aber er faßte mich so traulich bei der Hand und sagte: G»mal, du wirsi diesen Jesum auch kennen lernen, und lieben, und dann werden wir zu ihm kommen, und ihn sehen, wie er ist. Ja gewiß, ihr Lieben, fuhr der Greis fort, so traurig euch setzt die Betrachtung des Todes Jesu ist: so wird sie künftig I und noch einst im Tode, der Grund eurer Freude unti Beruhigung werden. Denn Jesus starb, damit wir Friede hätten, damit wir im Leben und im Tode desto getroster seyn sollten. Erinnert ihr euch, was er bei seinem Abschied zu den Seinigen sagte: eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden; ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen; und eure Freude wird dann niemand stören. Von dem Grabeshäge! des Pedro führte der Greis feine Begleiter durch einige schattigte Gänge westwärts, nach derjenigen Gegend, wo die Winterwohnung lag, und wo er beschlossen hatte, den übrigen Theil des Tags in ihrer Gesellschaft zuzubringen. Auf dem Wege dahin fanden sie überall schon reift Baumfrüchte, durch deren Genuß sie sich erquickten. Die Wohnung selbst war durch den seither daran verwendeten Fleiß sehr erweitert worden; durch Hülfe des Chi- lum und der beyden Neger, hatte Antonio einen ganz neuen Flügel an dieselbe angebaut, und sie durch Schilf und Baumrinden vor dem Eindringen des Regens wohl verwahret. Auch für die Maulthiere war eine sichere Bedeckung bereitet, und schon ein hinreichender Vorrath an Heu und Stroh eingebracht worden. Der Greis bezeigte bei diesen Anstalten seine Zufriedenheit, und führte darauf seine Gesellschaft in das Zimmer, welches er, wegen einiger darinnen aufbewahrten Seltenheiten, sein Kunst- und Naturalienkabi- net nannte, wo seine lernbegierigen Schüler schon manche nützliche Kenntniß gesammelt hatten. ———— 175 In dieser kleinen Sammlung von Kunstwerken befand sich auch ein aus Elfenbein sehr fein gearbeitetes Bild des gekreuzigten Jesus. Der Greis hatte dasselbe bisher vor den Augen der Kinder verborgen gehalten; jetzt aber stellte er es ihnen zur Betrachtung auf. Seher, sprach er, meine Lieben, dies ist das Bild des sterbenden Erlösers; dies war die Art, wie ihn die Juden hinrichten wollten, als sie vorn Pi- larus forderten: er sollte ihn kreuzigen lassen, und wie Jesus selbst seinen Jüngern ausdrücklich vorhergesagt hatte, auf rvelche Art er sterben würde. Er machte ihnen dabei eine kurze Beschreibung von dieser Todesstrafe, womit man ehemals gewöhnlich die größten Verbrecher aus dem. niedrigsten Stande belegte; wie entehrend und schmerzhaft sie zugleich war, indem man einen solchen Unglücklichen entkleidet, an Handen und Füßen an den Pfahl genagelt, unter freiem Himmel den Augen des Volks zur öffentlichen Schau ausstellte, wo er sich dann entweder langsam nach etlichen Tagen verblutete, oder, wie es bei den Juden üblich war, wo jede Todesstrafe vor Untergang der Sonne vollzogen seyn mußte, man ihm gegen Abend die Beine mit Keulen zerschmetterte, daß er dann unter den empfindlichsten Schmerzen den Geist aufgab. Zu dieser schändlichen und empfindlichen Todesstrafe, fuhr der Greis fort, wurde also auch unser geliebter Jesus, der Edelste und Beste unter den Menschen, verdammt, und diese wurde auch noch an demselben Morgen an ihm vollzogen. Es wurde s»gleich der Pfahl herbeigeschafft, an welchem er sollte hingerichtet werden; man legte diesen auf die Schultern Jesu, und führte ihn so, mit zwey verurtheilten Uebelthalern, dk zugleich mit ihm getödtet werden sollten, ausserhalb der Stadt, zu der Richtstatte Golgatha, wo gewöhnlich das Tvdesurtheil an den öffentlichen Verbrechern vollzogen wurde. 17b-— An dieser furchtbaren Statte wurde Jesus von den r§L mischen Soldaten entkleidet, an Händen und Füßen mit Nageln an das Kreuz geschlagen, und in der Mitte der beyden Verbrecher an dem schimpflichen Pfahle in die Höhe gerichtet. Oben ans Kreuz war eine Tafel geheftet, mit der Inschrift: Jesus von Nazareth, ein König der Juden. In seine Kleider theilten sich die Soldaten, die die Kreuzigung verrichtet hatten, und jetzt den erhabenen Gekreuzigten bewachten, der mit der größten Seelenruhe und bewundernswürdigsten Gelassenheit diese empfindlichste Schmach erduldete, sich nicht mit einem Worte über diese so unverdiente Behandlung beschwerte, sondern noch am Kreuze mir Mitleid auf seine Beleidiger sahe, und dann mir einem Blick zum Himmel ausrief: Vater, vergisb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! So hatten nun die Feinde Jesu ihren Zweck erreicht; sie sahen ihn jetzt dem schimpflichsten nahe» Tode ausgesetzt; dies war für ihr boshaftes Herz ein sehr unterhaltendes Schauspiel. Selbst noch am Kreuze verfolgten sie den Heiligsten durch lästernde Spöttereyen. Siehe da, riefen sie aus — er hat Andern geholfen, und kann sich selbst nicht helfen! Wenn er der Messias, der Sohn Gottes ist: so steige er doch nun von! Kreuze herab, so wollen wir ihn auch dafür erkennen.— Diese Spöttereien, wozu selbst Priester und angesehene Personen den Ton angaben, fanden bald unter dem gemeinen Haufen Beifall; sogar einer von den Mitgekreuzigten erfrechte sich, Jesum zu lästern, und ihn aufzufordern, sich und ihnen zu helfen. Der andere aber dachte vernünftiger, verwies jenem sein unwürdiges Betragen, und bat Jesum, er möchte seiner gedenken, wenn er in sein Reich komme. „ Ja, sprach Jesus, noch heute sollst du mit mir zum bessern Leben eingehen! —— Der freche Haufe, der sich hier bei dem Kreuze Jesu versammelte, würde vielleicht in seinem Muthwillen noch weiter gegangen seyn, wenn nicht dieser Auftritt durch eine ganz besondere Naturerscheinung ernster und feierlicher geworden wäre. Die Sonne, die schon hoch am Himmel stand, wur» de auf einmal verfinstert; die ganze Gegend in düstre Schatten gehüllt; es verbreitete sich eine feierliche Stille: die Natur schien gleichsam zu trauren. Der Eindruck dieser unerwarteten Veränderung brachte die Feinde zum Schweigen, und entfernte sie zum Theil von dieser heiligen Statte; um desto aufmerksamer wurden die Wenigen, die mit wahrer herzlicher Theilnahme Zuschauer bei diesem rührenden Auftritte der Leiden des geliebten Jesus waren. Unter diesen befand sich auch Maria, die Mutter dieses Jesus, die mit unbeschreiblich schmerzlicher Empfindung diesen ihren Sohn, auf dem ihre größte Hoffnung ruhte, vor ihren Augen dahinsterben sah, und Johannes, der vertrauteste Jünger Jesu, der Liebling seines Herzens. Mit liebevollem Blick sah jetzt der sterbende Freund auf diesen seinen Geliebten herab; mit wenigen Worten übertrug er dem Johannes die Sorge für Maria, als seine Mutter, und empfahl ihr diesen, alö ihren Sohn. Die Finsterniß um Golgatha nahm mit dem Mittage immer- mehr zu. Schweigend erduldete der große Leidende die Schmerzen des Todes, fühlte ganz die Angst eines Menschen, der mit den empfindlichsten Leiden kämpft, nur einmal seufzte er in dem Ausdruck der leidenden Menschheit: „Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen?" — Es dauerte noch einige Stunden, bis Jesus seine Leiden vollendete; da, als er sich am Ziel derselben sah, rief er: mich dürstet!"— Man reichte ihm einen Schwamm mit Essig getränkt zu; er trank einige Tropfen; rief dann mit starker Stimme:„Es ist vollbracht! Vater, ich befehle Lossius Gumal. H. M 1^ meinen Geist in deine Hände," neigte sein Haupt und verschied. Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten, der frommen Rührung gewidmet, fuhr der Greis in der Erzählung fort: In diesem Augenblicke des Todes Jesu am Kreuz drang gleichsam ein Schauder durch die leblose Natur; die Erde bebte, die Felsen sprangen, die Todtengrüfte wurden geöffnet, daß die darin befindlichen Leichname sichbar wurden; und selbst in dem Tempel zu Jerusalem, wo eben die Priester mit Zubereitung des Osterlamms beschäftigt waren, war die Wirkung der heftigsten Erderschütterung sehr merklich; wie hätte dies nicht auf die Gemüther derer, die Augenzeugen des Todes Jesu waren, einen Eindruck machen sollen! Alle bezeugten ihr Erstaunen über diese außerordentliche Begebenheit; besonders aber ein römischer Hauptmann, der die Aufsicht über die Wache bei dem Kreuze Jesu Hatte, herbei diesem furchtbarem Ereigniß öffentlich von dem sterbenden Jesus bezeugte: Wahrlich dieser ist ein frommer Mensch— ist Gottes Sohn gewesen! Das glaube ich auch, brach hier Gumal mit dem Ausdruck der lebhaftesten Ueberzeugung und mit Thränen im Auge aus: und ich würde dies auch erklärt haben, wenn ich bei dem Tode des guten Jesus zugegen gewesen wäre. Greis. Wenn dies aber die Feinde Jesu von dir gehört hätten, würden sie dich dann nicht für einen Verehrer und Bekeuner Jesu, des Gekreuzigten, erklärt haben? Gumal. Nun ja, das bin ich auch; und das würde ich auch im Angesicht seiner Feinde erklärt haben. Lina. Und ich auch, Vater! Der Greis erhob sich von seinem Sitze und sprach mit Würde und gesetzter Stimme: Nun, Kinder, und ihr mei- ue Freunde, ihr bekennt also auch bei dem Andenken an Jesu Tod, daß ihr seine Verehrer und Freunde seyd? Alle. Ja, ja! G reis. Und wollt ihr bei diesem Bekenntniß treu bleiben, und euch als seine Bskenner bis in euren Tod beweisen? Alle. Ja, das wollen wir. Greis. Werdet ihr dies euer Versprechen erfüllen: so werdet auch ihr an der Wohlthat des Todes Jesu Theil nehmen; so wird sei» Friede, den Er noch vor seinem Ende den Seinigen verhieß, auch auf Euch kommen; auch Euch wird Er für die Seinigen erklären vor seinem himmlischen Vater, und, wenn auch ihr einst euer Leben auf der Erde vollbracht habt, zu sich aufnehmen in sein himmlisches Reich. Er sprach darauf ein sehr rührendes Gebet aus dem Herzen, worin er Jesu für seine Liebe dankte, mit der er sich zum Besten der Menschen in den Tod dahin gegeben habe, und sich zur innigsten Dankbarkeit, herzlichsten Gegenliebe und treuen Bekenntniß bis in den Tod verpflichtete. Ä ieseii ganzen Tag über unterhielt sich die Gesellschaft größtemheils mit ernsthaften Betrachtungen des Todes Jesu und der Zurückerinnerung an sein so wohlthätiges Leben, welches er auf der Erde geführt hatte: so wie man das Andenken eines sehr geliebten Todten feiert. Gegen Abend bestieg der Greis mit ihnen Allen die Anhöhe, von welcher sie das Thal hinab nach der Wohnung Chilums sehen konnten; die Sonne neigte sich eben zu ihrem Untergänge; der Wald, hinter welchem sie sich verbarg, dampfte gleichsam die Feuerröthe, von welcher der Horizont und die entgegenstehenden Vergspitzen zu glühen schienen, und hüllte das Thal in seinen Schatten ein; alles i8o——— um sie her war ruhig; ein sanfter Abendwind wehrte ihnen Kühlung entgegen; der Greis legte seinen Pilgerstab nieder, setzte sich auf ein abgerißnes Felsenstück und sprach zu seinen Begleitern: hier laßt uns noch einige Augenblicke dem Andenken des Todes unsers Jesus am Kreuze widmen. Der Abend jenes merkwürdigen Tages, an welchem Jesus als Mensch sein Leben auf Erden endigte und sein Haupt am Kreuze neig«, war nun angebrochen, und mit seinem Tode waren alle seine Leiden überstanden. Die Nachricht von seinem Tode erfüllte seine Jünger und Freunde mit innigster Betrübniß; die ängstliche Furcht, wegen ihres eigenen Schicksals, hielt sie entfernt von jener traurigen Stakte, wo ihr geliebter Herr den peinlichsten Tod erduldet hatte; nur Einer seiner vormaligen Verehrer und Freunde, der sich aber bis jetzt noch nicht öffentlich für ihn erklärt hatte, ein sehr angesehener und begüterter Mann, Namens Joseph, der in großer Achtung bei dem Volke stand, faßte den edelwüthigen Entschluß, diesen Jesum, den er zuvor im Stillen hochgeachtet und in seinem Herzen geliebt hatte, nun auch in seinem Tode zu ehren und für eine anständige Beerdigung seines Leichnams zu sorgen. Er gisng in dieser Absicht selbst zum römischen Statthalter Pilatus, und bat ihn um die Erlaubniß, den Leichnam Jesu vorn Kreuze zu nehmen und zu beerdigen. Dieser wunderte sich über die Nachricht, Daß Jesus schon todt sey; zog darüber von dem wachthabenden Hauptmann nähere Erkundigung ein; und um desto gewisser zu seyn, daß Jesus auch wirklich todt wäre und man nicht erst nöthig habe, ihm, wie man gewöhnlich bei Gekreuzigten pflegte, noch die Beine zu zerschlagen, stach einer der Soldaten mit einem Spieße in die Seite Jesu; wo denn Blut und Wasser(schon geronnenes Blut) aus der Wunde, als ein sicheres Kennzeichen des Todes, floß. Pilatus fand daher kein Bedenken, in die Bitte Je- sephs einzuwilligen, der sich sogleich dem, für sein edles Herz so traurigen Geschäfte unterzog, den todten Körper seines besten Freundes vorn Kreuze zu nehmen, und nach damaliger Sitte auf eine recht anständige Art zu seiner Beerdigung zu beschicken; an welchem Geschäfte auch noch ein anderer Freund Jesu, Nikodsmus thätigen Antheil nahm. In der Nähe des Golgatha, der Stätte, wo Jesus ge- kreuziget ward, lag ein Garten, der diesem Joseph zugehör- te; hier hatte er sich in einem Felsen ein Grab ganz neu aushöhlen lassen, um einmal in seinem Tode darin zu ruhen: diese Statte räumte er jetzt seinem entseelten Freunde ein; hier legte er den beweinten,Leichnam des Geliebten, den er zuvor mit köstlichen Salben begossen und mit feinen Tüchern umwunden hatte, zur Ruhe nieder, und verwahrte den Eingang zu dieser Todtengruft mit einem großen Steins. Dieser Stein wurde noch denselben Abend, aufbesonderes Ansuchen der Juden, vom Pilatus mit Siegeln verwahrt, das Grab selbst aber mit einer Wache römischer Soldaten besetzt, damit nicht etwa ein Betrug vorgehen, der Leichnam Jesu von seinen Freunden heimlich auf die Seite gebracht und hernach vorgegeben werden möchte, er sey, wie er vorhergesagt habe, auferstanden. So waren nun mit dem Tode Jesu auf einmal alle die angenehmen und schmeichelhaften Erwartungen verschwunden, welche seine bisherigen Freunde und Verehrer von seiner Person und dem von ihm zu stiftenden weltlichen Reiche gefaßt, und bis zu dem letzten Augenblick seines Lebens bei sich unterhalten hatten; ängstliche Besorgniß trat jetzt an die Stelle der Hoffnung, und setzte sie in jenen trostlosen Zustand des Gemüths, wo man sich in einer Art von Betäubung dem Dränge der Umstände überlaßt, ohne zu wissen, welchen Ausgang sie nehmen werden. So viele unter denen, die ihn als ihren größten Wohlthäter verehrten beklagten im Stillen seinen unersetzlichen Verlust und widmeten seinem Andenken ihre wehmüthigen Thränen; unter diesen befanden sich besonders einige gute, edle Weiber, die kurz zuvor Zeugen seines Todes gewesen waren und jetzt bei seiner Beerdigung ihn bis zum Grabe hin begleiteten, wo sie den Entschluß faßten, so bald der darauf folgende Ruhetag vorüber sey, wieder dahin zurückzukehren und Salben mitzubringen, um wenigstens auf diese Art ihre dankbare Liebe gegen Jesum auch noch in seinem Tode zu bezeigen. Hier beschloß der Greis seine Erzählung, indem er noch hinzusetzte: Laßtauch uns nun, meine Lieben, mit stillem dankbaren Andenken an Jesum zu unsern Wohnungen hin- wandeln, mit dem Gedanken an ihn zur Ruhe legen und mit dem kommenden Morgen wieder erwachen. Dann wollen wir uns wieder auf dieser Anhöhe zur Verehrung dieses Jesu versammeln, der uns, wenn wir auch einmal im Grabe ausgeschlummert haben, zum seligsten Leben in seinem bessern Reiche wieder erwecken wird. Mit Anbruch des Tages fand sich die Gesellschaft wieder an dem verabredeten Orte ein; die eben aufgehende Sonne goß neues Leben in die erwachende Natur; eine erquickende Luft wehete vom nahen Cypressenwäldchen herüber, dessen hervorragende Spitzen von den Strahlen der Morgensonne vergoldet waren. Obgleich dies herrliche Schauspiel der Natur, an welchem sich das Auge nie satt sehen kann, sich mit jedem Morgen den beobachtenden und aufmerksamen Blicken der Bewohner dieser offnen schönen Gegend darstellte; so fanden sie doch immer bei demselben neue Nahrung für ihren Geist, neue Ermunterung zum Preise des Schöpfers, dessen Güte ihnen mit jedem Morgen neu wurde. Um nun diese angenehmen Empfindungen des Herzens zu unterhalten, wählte der Greis, besonders an festlichen Tagen, immer einen neuen Standort, von welchem sie in veränderten Ansichten, die so sichtbaren Spuren des alles belebende» und erfreuenden Gottes bemerken konnten. Nachdem sie auch hier auf dieser Anhöhe sich versammelt und durch Gesang und Gebet ihre Seelen zum Preise Gottes ermuntert hakten, leitete der Greis die Unterredung wieder auf Jesum, von dessen Tode und Beerdigung er sie den vorigen Abend unterhalten hatte. Gumal bezeugte seinen Beifall an der edlen That des Josephs, der seinem entschlaf- nen Freunde die Ruhestätte in seinem Garten eingeräumt hatte; und Lina erklärte, wenn sie an der Stelle jener Freundinnen Jesu gewesen wäre, so würde sie auch zu seinem Grabe gegangen seyn, es mit wohlriechenden Blumen bestreut und mit ihren Thränen benetzt haben. In gleicher Absicht, fuhr der Greis fort, giengen jene guten Weiber, bei Anbruch des dritten Tages, seitdem Je- 184 sus begraben war, den Weg zu seinem Grabe; die eben aufgehende Sonne erhellte die Gegend; schon sahen sie von ferne den Garten und den Felsen, wo Jesus war hingelegt worden: aber jetzt erst dachten sie daran, daß der Eingang zu dieser Gruft mit einem großen Stein sey verwahrt worden, zu dessen Wegschaffung ihre Kräfte nicht hinreichen würden; jetzt aber kamen sie näher und bemerkten mit Erstaunen, daß der Stein schon weggewälzt und der Eingang zur Höhle ganz offen war. Sogleich fiel ihnen der- Gedanke ein, es müsse schon jemand da gewesen seyn, und dqS Grab geöffnet haben, und ohne es weiter zu untersuchen, kehrte sogleich eine von ihnen, Maria Mag dalena, nach der Stadt zurück, ym die Jünger Jesu auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, der ihnen befürchten ließ, man möchte den Leichnam ihres Herrn heimlich weggeschafft haben,- Gumal. Wie wäre denn dies möglich gewesen, Vater? Du sagtest uns ja, das Grab wäre von den Juden fest verwahret, und mit Soldaten besetzt gewesen? Greis. Aber auch diese waren nicht mehr bei dem Grabe. Schon zuvor, ehe die Weiber ankamen, waren diese durch eine ganz außerordentliche Begebenheit von dem Grabe Jesu weggeschreckt worden. Eine starke Erderschütterung, begleitet mid einem Gewitter und hellleuchtenden Blitzen hatte sie in banges Erstaunen gesetzt; noch mehr die Erscheinung eines Engels, der wahrend dieses großen Auftrittes den Stein von der Höhle walzte, und sich ihnen in einem blendend weißen Gewand zeigte. Von Furcht und Schrecken ergriffen, verließ die Wache diese furchtbare Statte, floh in die Stadt, und verkündigte diese Begebenheit den Hohenpriestern. Diese, die an dem Tode Jesu die erste Schuld hatten, gmerhen über diese Nachricht in nicht geringes Ent- i85 setzen; sie sahen wohl ein, daß wenn diese Nachricht unter das Volk kommen sollte, sich alles gegen sie empören würde» Sie gaben daher der Wache Geld genug, daß sie den Vorgang nicht weiter bekannt machen, sondern vorgeben sollte: der Leichnam Jesu wäre in der letzter» Nacht, als sie geschlafen hätten, von seinen Freunden gestohlen worden; übrigens wollten sie, wenn die Sache vor den Statthalter kommen sollte, ihre Vertheidigung auf sich nehmen. Indeß traten jene Weiber in die leere Todtengruft ein, fanden den Leib Jesu nicht, und waren eben im Begriff, wieder heraus zu treten, als sie von dem Anblick zweyer Engel in Lichtgestalt überrascht und in Erstaunen gesetzt wurden, deren einer ihnen zurief:„Seyd unerschrocken! Ihr suchet hier Jesum den Gekreuzigten— umsonst suchet ihr den Lebendigen bei den Todten. Sehet hier die Statte, wo sie ihn hinlegten— und hier die Tücher, in welche sie seinen Leichnam einhüllten. Er selbst ist nicht hier. Er ist auferstanden. Erinnert euch doch dessen, was er euch selbst vormals sagte: des Menschen Sohn muß durch die Hände seiner Feinde gekreuziget und gelobtet werden, aber am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Gehet jetzt hin, und saget es seinen Jüngern, besonders dem Petrus: bald würden sie ihren Herrn wieder sehen!" Zitternd vor Freude eilten nun auch die beyden Weiber vom Grabe, um den Jüngern Jesu diese frohe Nachricht von seiner Auferstehung zu bringen. Zwey von diesen, Johannes und Petrus, hatten sich schon auf die erste Nachricht der Maria Magdalena, auf den Weg gemacht, um zu untersuchen, was es mit dem leeren Grabe Jesu für eine Bewandtniß habe; sie kamen jetzt von einer andern Seich r86 zur Grabstätte, ohne also jenen beyden Weibern zu begegnen, und wie groß war ihre Bestürzung, als sie wirklich das Grab leer und weiter nichts als die Leichentücher und den Kopfschlsier fanden, jedes sorgfältig eingewickelt und an einen besondern Ort gelegt. Wie dies zugegangen sey, wußten sie sich nicht zu erklären; an seine wirkliche Auferstehung dachten sie nicht; sie glaubten, der Leichnam Jesu sey anderswohin geschafft worden, und waren nur begierig zu erfahren, ob dies von Freundes-oder Feindes-Handen geschehen sey? In dieser bangen Ungewißheit kehrten sie vom Grabe ihres Herrn zu den übrigen Jüngern zurück. Indessen hatte sich auch Maria Magdalena wieder in dem Garten eingefunden. Der Gedanke: ob vielleicht die Feinde Jesu ihm auch diese Ruhestätte nicht einmal vergönnt hatten— setzte sie in Wehmuth; weinend warf sie sich beim Grabe nieder, und blickte mit nassen Augen in die Gruft— da wurde sie der beyden Enge! gewahr, die sich bei dieser heiligen Stätte niedergelassen hatten, und ihr zuriefen: Weib, was weinest du?„Ach! sprach sie: sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben." Mit diesen Worten sahe sie sich um, und erblickte da die Gestalt eines Mannes, der sie mich anredete und um die Ursache ihrer Betrübniß fragte. Im ersten flüchtigen Blick hielt sie ihn für den Gärtner:„hast du ihn etwa weggetragen, sprach sie zu ihm, so zeige mir den Ort, wo ich ihn finden kann." Statt der Antwort rief der Unbekannte den Namen: Mari a! Der bekannte Ton dieser Stimme machte sie aufmerksam: sie faßte die Person schärfer ins Auge— und sieht— Er ist es selbst— Jesus, den sie sucht!—„Du— mein Lehrer!" Mehr vermag sie nicht für Entzücken zu sagen; ganz außer sich für Freude stürzt sie Jesu mit offnen Armen entgegen! Sey ruhig, ruft ihr dieser zu! mäßige deine Freude! ihr werdet mich mehr sehen, ehe ich zu meinem Vater auffahre! Gehe, und sage dies meinen Jüngern. Denkt euch, meine Lieben! die Freude, mit welcher dieses Weib den zu Jerusalem anwesenden Jüngern die Nachricht brachte: Sie habe den Herrn gesehen, und so habe er zu ihr gesagt.— Jetzt traten auch die beyden andern Weiber in die Versammlung mit der frohen Nachricht ein: auch ihnen sey er auf dem Wege begegnet, habe sie freundlich begrüßt, und als sie sich im ersten Erstaunen über seine Gegenwart ihm zu Füßen geworfen hatten, habe er ihnen Muth zugesprochen, und sie mit gleichem Auftrage an seine Jünger und mit der Versicherung fortgeschickt, daß sie ihn in der Gegend Galilaa wieder sehen sollten. So erfreuend diese Nachricht für die Jünger Jesu seyn Mußte: so konnten sie sich doch noch nicht vcm der Wahrheit der Sache selbst überzeugen. Wer weiß, dachten sie, was diese Weiber in ihrer Einbildung gesehen haben? Der Tod Jesu, ihres Herrn, hatte ihren Muth zu sehr niedergeschlagen; der kleine Strahl der Hoffnung konnte ihn noch nicht beleben; sie brachten den Tag in banger Furcht hin; aus ängstlicher Besorgniß, daß auch sie von den Juden möchten zur Verantwortung gezogen werden, schloffen sie sich in ihre Wohnung ein, und erwarteten den Ausgang ihres Schicksals. Der Abend war schon angebrochen, als sie durch die unerwartete Zurückkunft zweyer Männer von ihrer Bekanntschaft, die auch Jünger Jesu waren, überrascht wurden. Diese waren an demselben Tage von Jerusalem nach einem nahegelegenen Orte, Emmaus, wo ihre Hei- i88 wüth war, gegangen; Unterweges, als sie sich eben von Jesu unterhalten, und einander ihre Bedenklichkeiten und Zweifel über den Tod Jesu mittheilen: tritt eine ihnen unbekannte Person zu ihnen, nimmt an ihrer Unterredung Theil, zeigt ihnen, daß alles, was bisher mit Jesu vorgegangen sey, genau mit dem übereinstimme, was die Propheten in ihren Schriften von dem Messias vorhergesagt hätten: und daß eben sein Leiden und Tod desto mehr zu seiner Verherrlichung gereiche.'— Ueber diesen Gesprächen kommen sie mit untergehender Sonne an ihrem Orte an; sie bitten den Unbekannten, bei ihnen zu bleiben, weil es schon Abend sey; er läßt sich» gefallen, setzt sich mit ihnen freundschaftlich zu Tische, nimmt das Brod, spricht das gewöhnliche Dankgebet, bricht es in Stücken und reicht es ihnen zu— da gehen den Jüngern die Augen auf— sie erkennen in seiner Person Jesum, ihren Herrn— und in dem. Augenblick ihres Erstaunens verschwindet er vor ihren Augen. Indem diese Beyden dies in der Versammlung der übrigen Jünger erzählen, tritt er selbst, Jesus, mitten unter sie ein, mit dem erfreuenden Zuruf: Friede sey mit euch! Diese unerwartete Erscheinung setzt alle in Schrecken— sie trauen ihren Augen nicht, meynen, einen Geist zu sehen.„Wie könnt ihr erschrecken, ruft ihnen Jesus zu: wie nun noch irre werden? Ich selbst bin es! Sehst meine Hände und Füße— und überzeuget euch durch eure Sinnen, daß ich es bin." Jetzt fangen die Jünger an, sich auv ihrer Bestürzung zu finden, und um sie noch mehr von seiner Gegenwart zu überzeugen, fordert Jesus von ihnen zu essen, und genießt vor ihren Augen von den ihm vorgetragenen Fischen und Honig. Die Freude der Jünger über das Wiedersehen Jesu, ihres Herm, war nun über allen Ausdruck; es war '' einer der seligsten Abende, den sie nun wieder in seiner Gesellschaft zubrachten, an welchem sich Jesus mir ihnen von dem eigentlichen Zweck seines Todes und seiner Auferstehung unterhielt, und sie zugleich über ihre künftige Bestimmung belehrte, daß sie als seine Zeugen unter den Menschen auftreten, und von Jerusalem aus alle Böller mit den so wohlthätigen Wahrheiten seiner Religion bekannt machen sollten, zu welchem Geschäfte er ihnen die nöthigen Kräfte ertheilen werde. Gumal. Nun werden es doch wohl die Jünger geglaubt haben, daß Jesus wieder auferstanden sey? Greis. Ja, nachdem sie sich durch ihre eigenen Sinne davon überzeugt hatten; außerdem würden sie immer in Zweifel darüber geblieben seyn. Dies sehen wir aus dem Beispiel eines dieser Zeugen, welcher Thomas hieß; dieser war eben nicht zugegen gewesen, als Jesus den übrigen- Jüngern erschienen war; ob sie es ihm nun gleich Alle versicherten: sie hatten den Herrn gesehen, ließ er sich doch nicht überreden, sondern erklärte: er werde es nicht eher glauben, bis er ihn selbst gesehen, und mit seinen Handen diejenigen Theile seines Leibes würde berührt haben, die bei seiner Kreuzigung waren verwundet worden. Dies geschah dann auch wirklich bei einer andern Gelegenheit, wo Jesus wieder in ihre Versammlung eintrat, und um auch diesen seinen Freund zu überzeugen, sich ihm besonders darstellte, und ihm die Merkmale seiner ehemaligen Kreuzigung zeigte, wobei derselbe in Bewunderung ausbrach!„mein Herr' und mein Gott!" Ja, sagte Jesus, jetzt glaubest du, Thomas, weil du mich gesehen hast; selig find, die auch, ohne mich zu sehen, an mich glauben. 192 Lina. Nun blieb wohl der gute Jesus wieder bei seinen Jünger»? Greis. Nicht so anhaltend, wie vor seiner Auferstehung; sondern er kam nur dann und wann zu ihnen; bald an diesem, bald an jenen? Orte, um sie so nach und nach auf seinen völligen Abschied von der Erde vorzubereiten. Lina. Also wollte Jesus doch wieder diese Erde verlassen? Greis. Ja, um, wie er seinen Jüngern mehrmals sagte, wieder zu seinem Vater im Himmel zurückzukehren. Lina. Ach, das wird wieder ein trauriger Austritt für seine Jünger gewesen seyn! Greis. Nein; sage lieber, ein recht erfreulicher; der angenehmste, den sie nur erwarten konnten. Lina. Wie meynst du das, Vater? Greis. Weil sie sich dann mit völliger Zuversicht auf ihn verlassen, und die Erfüllung aller von ihm empfangenen Versicherungen gewiß erwarten konnten, bei der Ueberzeugung: Jesus, unser Freund und Herr, ist bei Gott— ist im Himmel! Um sie in diesem Vertrauen zu starken, mußten sie also zuvor völlig von seiner Auferstehung überzeugt seyn; und dies wurden sie immer mehr; da ihnen Jesus zu wiederholtenmalen erschien und sich mit ihnen freundschaftlich unterhielt. Dies geschah besonders einmal auf einem Berge in Galilaa, den ihnen Jesus zu einer besondern Zu- fammenkunft angelesen hatte. Hier erschien er ihnen in der erhabnen Würde ihres Herrn, und sprach zu ihnen: „Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben. Darum gehet hin und verkündiget meine Lehre unter allen Nationen der Erde, weihet sie durch die Taufe zur Verehrung des Vaters, Sohnes und des heiligen Geistes ein, und lehret sie die Vorschriften meiner Religion befolgen. Wisset, ich bin bei such alle Tage, bis aus Ende der Welt." Solche wichtige Versicherungen gab ihnen Jesus noch mehrmals wahrend seines sichtbaren Umgangs mit ihnen, unter- andern: daß sie künftig als Lehrer seiner Religion unter den Menschen ganz außerordentliche Kräfte empfangen und von dem Geiste Gottes erfüllt werden sollten, sobald er zu seinem himmlischen Vater würde aufgefahren seyn. So auf seinen nahen Abschied vorbereitet, konnten sie ja wohl denselben mit Ruhe und Heiterkeit erwarten; und dieser merkwürdige Zeitpunkt trat denn auch nach Verlauf von vierzig^.agen, die Jesus noch aus der Erde verweilte, ein« Da versammelte Jesus an einem Morgen die Seinigen zum letztenmal? in der Gegend Bethaniens, unweit Jerusalem, auf einem Berge um sich, erinnerte sie nochmals an die gegebenen Aufträge und Verheißungen, hob dann seine segnenden Hände über sie auf, betete für sie zu seinem Vater, empfahl sie seinem gnädigen Schutz, und indem er betete, ließ sich allmählich ein- lichte Wolke zu feinen Füßen herab, hob ihn langsam in die Höhe, und trug ihn vor den Augen seiner staunenden Jünger zürn Himmel.— So weit ihre Augen reichten, sahen diese ihrem erhöheten Herrn nach, biv er nach und nach vor ihnen verschwand. Lange noch verweilten ihre Blicke an der Stätte, wo Jesus zu seiner Herrlichkeit eingegangen war; heilige Ehrfurcht erfüllte ihre 1g2 Seelen; Anbetung war auf ihrem zum Himmel gerichteten Angesicht ausgedrückt; die Hoffnung des Wiedersehens schlug stärker als jemals in ihrem Herzen, und wurde durch die überraschende Erscheinung zweyer Engel noch mehr belebt, die, wahrend dieses feierlichen Auftritts, sich unbemerkt bei ihnen eingesunken hatten, und sie in der frohen Erwartung des Wiedersehens dieses zum Himmel erhöheten Jesus bestärkten.— Freudig kehrten sie nun wieder nach Jerusalem zurück, um nun bald öffentlich als Zeugen von allem dem, was sie gesehen und gehört halten, unter dem Volke aufzutreten, und die so beglückenden Wahrheiten der Lehre Jesu, ihres Herrn, zum Heil der Menschen zu verkündigen.