Die Geheimniss e von Wie«. Von Julian Chownitz. Zweiter Band. Leipzig, L844. Druck und Verlag von Phil. Reclam guo. ..... '.., 7.- !!Z k-u i.^? ->--- I. Bundcr und seine Getreuen auf neuem Boden. Und wieder erblicken wir uns in der Höhle der Genies. Aber es ist eine andere Höhle und sie steht auf einem anderen Platze. In einem der verstecktesten Winkel der Vorstadt Lichtenthal, mitten zwischen Hohlwegen, Gründen, Pfützen, Gebüschen und verfallenen Mauern (Ruinen eines ehemaligen alten Gebäudes decken den Schauplatz auf der Hauptseitc), befindet sich ein weitläufiger unterirdischer Keller.... Gott weiß, zu welchem Gebrauche ursprünglich gebaut(er lag seit langer Zeit verödet). In diesen hat man die Zusammenkünfte der Kameraden Bunders, Gründlings, Theobalds und Tiefcngreifs verlegt.— Hier versammeln sie sich seit mehreren Tagen und hierher kommen sie auch heute aus allen Theilen der L>tadt... Geheimnisse. H. 1 — 2- Denn es ist eine alte Vorsichtsmaßregel der Brü- der, zerstreut zu wohnen und auf verschiedenen Wegen einzeln zu kommen.... Schon ist die Höhle zahlreich angefüllt... es fehlen indessen noch Mehrere, deren Ankunft erwartet wird... So Theobald. Theobald, der auserlesene Jüngling, soll Nachrichten bringen über eine gewisse Damengesellschaft, in deren Mitte er sich, mit mehreren seiner Kameraden, die dort alle als Männer von Welt auftreten, verfügt hat. Es ist dies die uns bereits bekannte „Grüne Versammlung" oder„Retterin", deren Präsidentin die Gräfen von Grünberg. „Wir brauchen Geld, Geld... die»Emanci- pirten« müssen uns aushelfen und werden es auch, sobald nur Theobald und die Andern ihre Sachen klug machen...." „Ja— wir brauchen Geld!" wiederholte eine alte Schandgestalt(der ehrwürdige Papa Gründling) und krabbelte dabei mit seinen dürren Fingern in der Luft umher, als machte er Griffe auf der Violine. „Uebrigens— ein Talent besitzt Theobald bei all seinen Fehlern. Er weiß mit einer gewissen Sekte von Weibern umzugehen." „Ja— nämlich mit jungen und alten Närrinnen!... Diese versteht er trefflich zu bearbeiten... Wenn er nur mehr Geld aus ihnen herauspreßte!" „Er macht ihnen Phrasen vor— vom--freien Weibe»— von-emancipirten, cigarrenrauchcnden Damen«— von>der Gleichheit der Geschlechter«... und was solches Zeug mehr ist..." „Doch— es wäre Zeit, daß wir zur Tagesordnung übergingen!" „Sehr wahr... indeß fehlen noch einige Kameraden, lieber Papa Gründling!" Indem treten Mehrere ein und werden von den Anwesenden bewillkommt; dann begeben sie sich zu Bunder, der mittlerweile sich mit Büchern und andern Dingen zu schaffen macht. Diesem reichen sie ihre Hand, wofür er ihnen auf die Achsel klopft: „Es ist gut, daß Ihr da seid..." „Der Weg hierher ist bedeutend schwieriger als der alte..." „Dafür ist aber auch der Ort sicherer!" „Die verdammten Spürnasen der Polizei!" „Sie sollen uns hier nicht auswittern!" „Still doch!— Was ist das dort für ein Lärm?" „So eben kommt der lüderliche Paul— gefolgt von seiner Dirne.— Fanny steigt ihm überall nach... Was hat das Mädchen hier zu schaffen?... Wir sollten in Zukunft Weibern den Eintritt versagen!" „Du— abscheulicher Mensch!" läßt sich jetzt Fanny vernehmen.„Wollte mich durchaus hierher nicht mitnehmen... Aber ich bin ihm nachgeschlichen, ohne daß cr's gemerkt hat... Oh, mich betrügt 1* 4 man nicht— zumal in solchem Zustande... denn der Taugenichts ist schon wieder voll wie ein Faß..." „Fanny— ich sage Dir— daß Du Dein Maul halten sollst... oder... nun, Du kennst mich schon!" „Elender Mensch! willst Du mich vielleicht hier vor Deinen Kameraden schlagen?..." „Da!— Damit Du siehst, daß ich mich nicht scheue!" „Und da— hast Du's zurück!" Die beiden Liebenden liegen sich auf die zarteste Weise von der Welt in den Haaren, und führen zusammen, accompagnirt vom Gelächter der Umstehenden, eine wahre Höllenkomödie auf, bis Herr Bunder, der edle Vorsteher, zwischen sie tritt und mit lauter Stimme Ruhe gebietet. Augenblicklich bescheiden sie sich und Bunder zürnt nun:„Wie? auch hier sollen diese Abschculichkeiten fortwähren?.... Haben wir keine wichtigeren Angelegenheiten vor uns, als daß sich hier eine Dirne mit einem Kameraden herumschlägt?.... Gefahren lauern von Außen ringsherum auf uns.... und unter uns giebt es Zank und Schlägereien?!" „Mit Erlaubniß," versetzt Fanny,„wenn es Gefahren giebt, wie ich höre, so kann man auf mich eben so sicher zählen, wie auf den besten Mann.... Ich werde meinen Knüppel oder mein Messer führen, trotz diesem Schlingel von Paul, der immer trunken ist und nie weiß, was er thut „Ja— die Dirne ist tapfer, das hat sie eben an ihrem Geliebten bewiesen!" schreien Einige. „Still doch!" ruft Bunder....„Zur Ruhe und keine Zeit versäumt. Wir müssen mit der Arbeit anfangen! Und Du, Fanny— da Du Dich einmal hereingestohlen hast, magst nun hier bleiben .... Aber die geringste Verrätherei...." „O— seid ruhig!— Verräther mögen Andere unter Euch sein.... So lange mein Paul lebt, könnt Ihr auf mich Schlösser bauen.... Ihr wißt also nicht, wessen ein liebendes Weib fähig ist?— Komm her, Paul.... laß uns dort in jenen Winkel gehen!.... Laß uns Frieden schließen!.... Komm!" Die Beiden gehen— und schließen unter Küssen Frieden. Alles hat sich zur Ordnung begeben.— Bunder ist in die Mitte seiner Kameraden getreten und ha- ranguirt dieselben: „Ihr Alle kennt unsere Lage.... Man hat uns mit Spionen umstellt.... Aber wir spotten ihrer List.... wir sind feiner denn sie.— Wer kennt so die verborgensten Pfade und Winkel wie wir?.... Wer besitzt unsere Ausdauer?.... Wer wacht sechs Nächte, wenn es sein muß? Wer scheut kein Blut — das eigene oder fremde: gleichviel!— Wer kann 6 Mauern erklettern und Sterne aus ihnen herausbre- brechen?— Wer schlüpft durch eine Oeffnung von zwölf Zoll im Gevierte und springt drei Klaftern tief hinab?— Wem widerstehen weder Schlösser noch Riegel? Wer endlich hat Alles zu gewinnen, wenn er klug— und den Hals zu verlieren, wenn er dumm oder faul ist? Doch nicht die Spürhunde, die uns verfolgen?— Wir haben das? Wir sind das!— Wir vermögen dieses!— Kurz die Söhne der Höhle der Genie's spotten ihrer Feinde.... Verderben ihnen, und Glück uns!" „Ja— Verderben ihnen! Glück uns!" brüllte die ganze Versammlung und erhob Hände, Stöcke, Messer. „Still! Sachte!— Nicht zu bunt!" bedeutete Bunder.„Zwar sind wir tief unter der Erde und weit von den Menschen entfernt.... dennoch müssen wir selbst die todten Wände fürchten.... und wollen selbst dem blinden Maulwurfe, der tauben Ratte nicht trauen.— Eines aber sage ich Euch: schärft Euern Blick noch zehnfach mehr als bisher.... er diene Euch setzt als erstes, vornehmstes Werkzeug.... Wir sind nicht mehr so sicher, wie vordem. Wir können nicht mehr so harmlos unserm wackern und männlichen Geschäfte nachgeben, wie ehemals.... Ueberall müssen wir Entdeckung fürchten.... überall Verräther wittern.... denn schon haben sie sich in unsere Mitte eingeschlichen...." „Der elende Norbert!" murmelten einige Mitglieder. „Nicht der allein versetzte Wunder und gab seiner gedämpften Stimme einen Nachdruck: „Nehmt mir besonders— den Hold ermann aus's Korn.... Ich nähre Verdacht gegen ihn.... der Bursche gefällt mir nicht...." „Der Holdermann!" murmelte man dumpf. „Ja, ja!— Noch ist er heute nicht da! Er wird vielleicht auch wieder nicht kommen.... Wenn er aber kommt, dann denk' ich wär's am besten, wir ließen ihn nicht mehr fort." Während dieser Worte schlüpfte im dunklen Hin- terraume eine Gestalt an der Mauer hin, indem sie sich bis auf den Boden niederduckte.... und bald war sie im tiefsten Grunde verschwunden. Niemand hatte sie bemerkt; denn es war an diesem Orte der Keller verschüttet, und da man hier keine Gefahr besorgte, hatte man auch, kein Licht dahin gestellt. Nun begann Bunder sich an den Nächsten wendend:„Was hast Du heute ausgeführt?" Dieser, ein gemeiner Mann im zerrissenen Anzüge, versetzte:„Ich habe Einem— diese Tabacks- pfeise aus der Tasche gezogen.... es ist ein guter Meerschaumkopf mit Silberbeschläge...." „Behalte ihn für Dich.... doch lasse ihn noch einige Zeit in Gründlings Gewahrsam. Es könnte 8 sonst auffallen, wenn Du diesen Pfeifenkopf in der Stadt verkaufen wolltest...." „Aber bei unseren Handelssuden...."' „Wir dürfen ihnen nicht mehr trauen." Der Mensch gab gehorsam die Pfeife ab. „Was haben Sie gethan?" fragte Bunder einen Mngen Mann von gutem Aussehen. „Ich habe im Kaffeehause auf der Leimgrube ge- sp.elt und- fünf und zwanzig Gulden durch die „Zehn davon gehören Ihnen- fünfzehn der Kasse." „Her das Geld.'" Gründling streckte gierig seine Hand darnach. „Und Sie?" „Mir ist heute Alles mißglückt!" „Gut.... sein Sie morgen vorsichtiger!" „Und Du?" „Ich habe einer Frau den Schlüsselbund abgeschnitten.... Er schien mir schöne Schlüssel zu enthalten...." „Wir können sie brauchen.... leg'sie nieder!" „Und Ihr Zwei? Ihr geht stets mit einander...." „So rst es.... Wir haben nichts machen können.... Ein Kerl schien uns immerwährend zu beobachten.... Es war ein„Naderer." *) Ein Agent der geheimen Polizei. 9 „Mög' er in der Hölle braten— der Schurke! — Nehmt Euch vor ihm wohl in Acht.— Es ist das zweite Mal, daß Ihr ihn bemerkt habt." „Er scheint's auf uns abgesehen zu haben.... doch soll er sich täuschen." „Doch nun," sprach Bunder, sich an einen kleinen, listig blinzelnden Mann in gewöhnlich bürgerlichem Anzüge wendend:„auf Euch, Gevatter, haben wir stets große Stücke gehalten.... Was habt Ihr Neues und Großes vollbracht?" „Hier— diese zwei Uhren...." lächelte der Mann:„es sind echte Genfer und sie gehen auf sieben Rubinen." „Sehr gut. Das ist Etwas, namentlich mit den goldenen Ketten und Petschaften.... Laßt diese netten Dinger von Papa Gründling abschätzen und Euch die Hälfte in Baarem Herauszahlen.... denn Ihr verdient es, Ihr seid fleißig, Gevatter." „Sachte, sachte...." antwortet der Gevatter: „Hier ist noch Etwas.... eine Brieftasche.... darin 600 Thaler in Preuß. Kassen-Scheinen.... Und hier, als Daraufgabe, noch ein kleines silbernes Dintefaß.... es ist inwendig ganz schwarz.... ich habe die Tinte ausgegossen." „Wo zum Guckuck habt Ihr das Alles auf ein Mal her, Gevatter?" „Ich war," lächelte der Kleine,„vorige Nacht zwei Etagen hoch in einem schönen Hause.... bin — 10— von der Gartenseite eingestiegen durch ein einfaches Fenster...." „Allein?" // Ja— wie gewöhnlich. Ich erkletterte einige Bäume; das Uebrige geschah durch einen leichten Schwung." „O! Ihr gebildetster aller Voltigeure!.... Ihr verdient wahrhaftig, daß man Euch ein Wappen verleihe mit einem Hochgebirge im rothen Feld und der Devise darunter: Dem Kühnen ist nichts unersteig- lich....— Nun denn, Gevatter: die Hälfte von dem Allen gehört Euch." „So viel Geld!" kreischt Papa Gründling:„Bei so schlechten Zeiten soll man haushalten!— Die Kasse ist ganz leer!— Meine väterlichen Augen sehen ihren Grund...." „O! der Geizhals!— der Gclddrache!— Er ist unersättlich! Und wohin thut er das viele Geld?" „Still, ihr Bursche! Ihr werdet doch keinen Zweifel in meine Ehrlichkeit setzen!" „Genug! Kein Streit— Weiter, weiter!— Wer hat noch Etwas geleistet?" Drei Gentlemen treten vor— sie sehen wirklich ganz vornehm aus! Einer beginnt:„In der gestrigen Soiree bei dem reichen Lederhändler.... ist nichts Besonderes vorgefallen.... Von den Aktien jedoch, die wir ihm angetragen haben, will er keine mehr nehmen.... Er scheint Unrath zu wittern." 11 „Dann thut künftig so, als wäre das Geschäft schon anderseits abgeschlossen, und behauptet: Ihr hättet daran verloren; Ihr selbst wäret getäuscht worden von Andern.... und wolltet künftig mit solchen Papieren nichts mehr zu thun haben.— Das wird ihm jeden Verdacht benehmen." „Ich," trat jetzt ein starker, wildaussehender Kerl vor,„habe gestern einen Hund von»Naderer« verfolgt, der um unsere vorige Höhle umherschnüffelte .... Wenig fehlte, so hätte ich ihm das Messer in die Kehle gebohrt...." „Halt!— Bei Leibe kein Blut!— das würde unsere Sache nur verderben.... Wir dürfen jetzt keine Gewaltstreiche wagen.... und Ihr wißt, vor Blut habe ich immer einen Abscheu gehabt." „Aber es ist oft nicht zu vermeiden...." „Nur im Falle der Nothwehr ist dergleichen erlaubt.... Wir sind in Wien und nicht in London .... Die hiesige Polizei ist nicht die englische.... und die zärtlichen Wiener würden sich sämmtlich in ihre Häuser verkriechen, falls sie Etwas von Mord hörten. Ihre Nerven sind nicht so stählerner Art, wie die an der Seine und Themse.... Versteht Ihr mich?" Die Thür ging auf und Theobald trat mit einigen jungen Leuten ein:„Da sind wir!" rief er, indem er dabei ein salonsmäßiges Compliment schnitt .... er strich sich den Bart, der noch vom Regen 12 träufelte und klopfte sein Parapluie aus....„Es ist draußen ein wahres Hundewetter.... Unsereins ist solche Kothwege, wie sie zu diesem verdammten Neste führen, nicht gewohnt.... Ich habe Glanzstiefel an.... und die gehen dabei caput." „Zur Sache!" rief ihn Bunder an:„Wie steht es mit der Gräfin Grünberg und ihrer Sippschaft?—" „Wir haben blos diese lumpige Börse erobert .... und auch das hat uns Mühe genug gekostet. — Ich sagte Euch schon oft: Ihr sollt mich allein machen lassen.... Aber da gabt Ihr mir seit einiger Zeit immer diese vier Bengel mit— Kerle, die keinen Begriff vom»guten Ton« haben...." „Dich jedoch wenigstens überwachen.... damit Du nichts für Dich einsteckst.... Wir kennen Dich, Schufterle...." „Ich heiße nicht Schufterle, sondern von Wurm- ser, aus der alten Familie der Wurmser, die von Wurm, ihrem Urahnherrn stammen, der den Lindwurm getödtet hat.... Wer mich anders nennt, beleidigt mich, und Ihr wißt wohl, daß ich nichts einstecke.... weder Geld, noch eine Beleidigung." „Schon gut, schon gut.... Wie hat sich Theo- bald aufgeführt? Redet Ihr Andern!" Einer von seinen Begleitern beginnt:„Wir mußten lange warten, bis wir ihn kriegten. Er kam eine Stunde später, als es verabredet war.... — 13- Er hat jetzt mit einer gewissen Antonie zu thun .... bei der liegt er den ganzen Tag...." „Es ist nicht wahr.... Ich liege bei Tage nicht bei ihr Doch genug.... Schweige, mein Mund!— Diese Antonie— wißt Ihr, weshalb ich mich an sie gemacht habe?— Es geschah zum Besten der Gesellschaft.... Aus keinem andern Grunde.... Allein es ärgert Euch wohl, daß ich so leicht Verbindungen anknüpfe, Bekanntschaften mache.... O— aber ich besitze auch eine Art, der nicht zu widerstehen ist.... Vorgestern erst habe ich Lord Bormann, den großen englischen Gutsbesitzer, kennen gelernt.... und gestern den Sen- hor Bildotschi de las Alkantaribus a Zu- malakarehkuy.... Ihr wißt doch.... es ist der jetzige spanische Minister der geistlichen Angelegenheiten...." „Genug, genug!— Wir verstehen. Wir wissen, was wir davon zu halten haben, und jetzt.... ruhig! Theobald, Sie haben ausgesprochen!" „Doch— was macht Casimir von Malten, mein edler Freund, und der Graf Lothar von Mühlen- dorf, ebenfalls ein Dutzbruder von mir.... Allein .... freilich, Tiefengreif oder Baron von Tiefengreif ist nicht hier; der würde mir Alles sagen können...." „Nennen Sie diesen Namen hier nicht noch ein Mal laut!" raunte ihm Bunder in's Ohr— und 14 das in einem Tone, welcher den Jüngling plötzlich ernst und still werden ließ. „Ich gehorche!" sagte er und setzte sich. „Und nun—" nahm Bunder wieder das Wort, indem er Allen winkte, aufzumerken:„vernehmt, welche Instruktionen ich Euch für den heutigen und morgenden Tag ertheile.— Es handelt sich um eine Sache, bei der Ihr Alle gemeinsam mitwirken müßt. Jedes Einzelnwerk sei einstweilen eingestellt. Es betrifft eine große Angelegenheit unserer Gesellschaft. — Merkt auf!— Jenes Kind, jener Wilhelm— der für uns so wichtig ist.... befindet sich noch immer außerhalb unseres Bereiches.... Seine Entführung ist neulich mißglückt und er wird jetzt schärfer bewacht, denn früher.... Nicht allein durch Malten wird er bewacht, sondern die Polizei selbst hat das genaueste Augenmerk sowohl auf ihn, wie auf seinen Pflegevater.... Dieser selbst ist seit längerer Zeit in Verdacht, zu unserer Gesellschaft zu gehören— da er, ich weiß nicht mit Welchem von uns, bemerkt wurde.... Ihr kennt in dieser Hinsicht den Argwohn der hiesigen Behörden.... Ihr müßt demnach Alle insgesammt— jedoch Jeder für sich— auf Mittel sinnen, wie dem Kinde beizukommen.... wie unbemerkt in die Wohnung Maltens zu gelangen wäre.... Jedoch nehmt Euch in Acht, daß Euer nicht zu Viele auf ein Mal das Terrain betreten oder vielmehr recognosciren 15 .... und Ihr, niedereren Kameraden in der Jacke und Blouse, seid besonders vorsichtig.... denn ich sage Euch...." Während der Vorsteher so sprach, hatte Fanny, jene Dirne, die bisher an der Seite ihres Geliebten saß, sich langsam und lauernd erhoben; ihre Blicke waren starr nach jenem dunkeln Hintergründe gerichtet, in dessen Tiefen wir vordem die unbekannte Gestalt beobachtet haben.... Mit einem Male sprang das Mädchen auf und schrie, indem sie mit dem Finger nach dem Platze deutete: „ Nehmt ihn fest!— Ihr seid belauscht!— Da ist ein Spion!— So eben trat er aus seinem Verstecke hervor und horchte...." „Wo? Wo?" rief der Vorsteher, dessen Rede dadurch unterbrochen ward. „Da!" Fanny lief mit einem Lichte nach dem Fond.... und Alle liefen ihr mit Lichtern nach, wobei sie einhellig riefen:„Nieder mit dem Ver- räther!— Tod dem Schurken!" Gleich daraus zog man einen Menschen heraus: es war Holdermann.... und nun erkannte man in ihm bald einen sogenannten„Naderer" oder Agenten der geheimen Polizei.— Die Dirne aber ging ruhig zu ihrem Paul zurück, gab ihm einen Kuß und sagte:„Siehst Du! das Alles thue ich Deinetwegen." Die Waffen der Kameraden waren über dem 16 Haupte des Spions gezückt. Nur eines Winkes hätte es bedurft und sie senkten sich alle in seine Brust.... Aber Bunder erhob fest die Stimme:„Keinen Mord! — Kein Blut!— Ich hab's Euch soeben gesagt.... Nehmt den Burschen gefangen und legt ihn in Ketten.... Er bleibe hier in der Höhle.... bewacht von Zweien aus unsrer Mitte.... bis eine andere Verfügung getroffen wird." „Der Schuft verdient nicht zu leben!" „Der Schuft kann uns nützlich sein.... Hoffentlich wird er beichten!" schloß Bunder. II. Auch eine vornehme Liebe.— Eine Brille bemächtigt sich der andern. Aber was hier den Behörden mißglückte, konnte ihnen anderwärts gelingen.... Ihre Thätigkeit, eine der allgemeinen Sicherheit so gefährliche Bande, die sich nach und nach aus fremden Ländern hier cingeschlichen hatte und anfangs im Kleinen, später im Großen ihr Wesen trieb, immer aber durch ihre Anzahl, ihre Organisation und ihre Chefs sich fast unzugänglich zu machen wußte: eine solche Bande aufzuspüren und aufzuheben, war die Thätigkeit der Behörde sehr groß. Man hatte zwar schon einige Spuren, fa man 17 konnte sogar mehrerer Individuen, die als Glieder der Bande denunzirt waren, mit leichter Mühe und augenblicklich habhaft werden.... aber man fing sie nicht, in der Hoffnung, erst den Sitz des Schwar- mcs aufzuspüren und dann mit einem Schlage das ganze Wespennest zu zerstören. Wir haben gesehen, daß bereits die Polizei ihre Leute mitten unter der Gesellschaft besaß.... und ohne Zweifel wäre von ihr(der Polizei) sofort ein entscheidender Coup ausgeführt worden, wenn Holdermann sich nicht hätte fangen lassen. Er war so geschickt hereingeschlüpft; ohne Zweifel wollte er ebenso unbemerkt davon schleichen.... aber die Adleraugen eines liebenden Weibes hatten ihn im tiefsten Versteck ergründetem demselben Momente, als er eben seinem Werke die Krone aufsetzen wollte. Es ist indessen möglich, daß die Behörde selbst dann, wenn Holdermann glücklicher gewesen wäre, noch nichts Auffallendes unternommen hätte.... denn da galt es vorher noch einigen Dingen aus die Spur zu kommen, die außerhalb dieses Schauplatzes lagen: etwa einer Verbindung mit fremden Gaunerbanden, oder der Entlarvung gewisser Personen in der Stadt, die hier zwar als noble, ja sogar als vornehme Leute lebten— auf die man jedoch nicht ohne Grund ein genaurs Augenmerk hatte. Ueber Einen von diesen vornehmen Männern war Geheimnisse.». 2 18 man nicht länger in Zweifel und wir werden sogleich sehen, wie die Polizei ihr geheimes Amt auch nöthi- genfalls öffentlich verrichtete. Wir wissen, daß der Graf Lothar von Mühlen- dorf schon vor längerer Zeit als der Erklärte Hele- nens von Planen galt; man sprach seither schon von der nahen Verheirathung dieses Paares.... Der Graf war fast täglich in der Nähe des Fräuleins zu sehen und man munkelte sich von einer vorhergehenden Vertrautheit, die in einem solchen Verhältniß nicht ganz an ihrem Platze war, Etwas in's Ohr. Wir kennen jedoch hinlänglich den Charakter Helenens und begreifen daher, wie wenig sie sich aus solchem Gerede machte. Sie empfing nach wie vor den schönen Kavalier auf ihrem Zimmer, in ihrem Boudoir.... und zuckte gleichgiltig die Achsel über jegliche Controlle, selbst wenn ihre Verwandten es waren, die sich eine solche erlaubten. Mit einem Worte: sie that für sich, was ihr beliebte, in der Gesellschaft aber wußte sie sich dadurch in ihrer alten Bedeutung zu erhalten, daß sie ihren Stolz, ihre Koketterie und ihre Süffisance überall verdoppelte.— Damals, als wir zum letzten Mal den Salon ihres Hauses betraten, haben wir darin unter Andern auch unsern guten Baron von Tiefengreif bemerkt. Wohl denn, so erfahre man, daß er seit jener Zeit sich nicht mehr daselbst hat blicken lassen; denn eine — 19— Stimme hatte dem Grafen von Mühlendorf, als dieser aus der Soiree in seinem Wagen nach Hause fahren wollte und über die Treppe hinunter ging, zugerufen: „Graf Lothar! meiden Sie, wenn Ihnen Ihre Ehre lieb ist, den sogenannten Baron von Tiefengreif. Dieser Mensch ist nichts Anderes als ein Betrüger!"— Und Tiefcngrcif hatte dies gehört. Lothar sah sich rasch um und bemerkte einen Mann, der sich schnell im Gedränge der Gäste verlor.... Zu jener Zeit nun war Lothar auch noch von einigen andern Freunden, die zum Theil in Staatsdiensten standen, auf den Baron aufmerksam gemacht worden.... und Einer, welcher mit irgend einem politischen, was oft so viel heißt als polizeilichen, Amte bekleidet war, sagte zu ihm: „Ich beschwöre Sie, diesen Menschen aus ihrer Nähe zu verbannen.... die Behörden sind einer Anzahl von Gaunern auf der Spur.... einer der vorzüglichsten darunter ist dieser Baron von Tiefengreif...." Wie erstaunte daher Lothar, als sich Tiefengreif seit jener Zeit bei ihm nicht mehr blicken ließ; ja auch das Haus Helenens mied.— Tiefengrcif war gewiß ein feines Talent; allein der Talente gibt es noch mehr und wohl auch noch feinere.— 2* 20 Jetzt endlich können wir unter Anderm auch einen Grund dafür angeben, weshalb Malten von aller Welt geflohen und geächtet war.... Er ging öffentlich mit dem Baron um und man hatte ihn»aller Sitte der bessern Gesellschaft Hohn sprechen sehen-- (wic man sich ausdrückte), man hatte ihn in der Gesellschaft von Spielern und anderem»Plebs-- geschehen.... So z. B. war es notorisch, daß er das Haus des Herrn Wunder besuchte, hier mit der Tochter Gründlings, den man überaÜ als Wucherer und gemeinen Pfandauslciherkannte, ein Verhältniß unterhielt w. Ueberdies auch die stete Abgeschiedenheit Mal- tens!— Doch zurück zu einem Faktum. Heute war einer der Tage, an welchem der Salon im Hause Helenenö für die be-m moncke offen stand. Doch wurde er nur spärlich besucht, ohne allen Grund vielleicht, wie so Vieles in der Welt ohne Grund geschieht.— Unter diesen Umständen nun verstanden sich die wenigen Gäste zu einem kleinen Concert; der beste Ausweg, die Leere eines Salons zu verbergen und das Gähnen dann ebenfalls. Es wurde Etwas auf dem Piano vorgetragen, und da der Virtuose einen anerkannten Namen besaß, so applaudirte man aus Leibeskräften. Wäre 21 es ein Dilettant gewesen, dann hätte man es vielleicht bei weitem nicht so schön gefunden; denn nirgends herrscht Namenritter ei in höherem Grade, als in der vornehmen Welt.— Nach diesem Virtuosen kam eine Dame, die in der Gesellschaft überall unter dem Epitheton der»holden Philo- mele» bekannt war, weil sie wirklich schön sang, jedoch immer blos Rührendes, Sentimentales. Die »Norma« war von ihr schon um und um gekehrt worden.... jetzt hatte sie, wie wohlunterrichtete Leute behaupteten, die Absicht, sich an die»Lucia-- zu machen; jedoch schien ihr die Motive in dieser Partie zu wild, zu energisch. Reicher Beisall und hinreichende glühende Blicke wurden ihr von Seiten einige: Herren zu Theil, die sich der Sängerin gerade gegenüber postirt hatten und jeden Ton mit einem»Ah! wie göttlich!» empfingen.... Nun folgte eine kleine braune Romanzensängerin, welche nach unendlichen Bitten endlich Etwas vortrug, was weder gut noch schlecht war.... sondern so ziemlich jenen mittelmäßigen Leistungen glich, worin sich heut zu Tage die Tochter eines jeden Epicier auszeichnet — nots. den« in Paris, denn bei uns hat man's im Romanzensingen noch nicht so weit gebracht, und schwärmt noch für das einfache Lied.— Ein Paar junger Jünglinge, die schon bei mehreren Gelegenheiten Proben ihres Talentes abgelegt und die Absicht zu verstehen gegeben haben,»große Künstler-- — 22— zu werden, traten nunmehr hervor; bei ihrem Erscheinen schon erhob sich ein allgemeiner Beifallsruf, denn diese zwei Herren sind in der desu monäe jetzt en vozue, oder auf Deutsch: im Zuge;— sie finden überall ungeheuere Protektion. Die besu moncke, oder wenn man will die»gute Gesellschaft--, hat immer einige solcher Kunstjünger In xett», die sie in Zug bringt, deren Leistungen sie unterstützt, in denen sie wahre»Kunstwund'er-- erblickt und von denen sie ununterbrochen acht Wochen lang spricht, um sie sodann zu vergessen und Andere dafür in Schutz zu nehmen, zu unterstützen, in Zug zu bringen und zu — vergessen. Die zwei Brüder— denn das waren diese Künstler— theilten sich in die zwei ssashionablen Instrumente, der Eine spielte Klavier, der Andere abwechselnd das Cello und die Violine. Der Eine trug sich ü 1» Liszt, sein Bruder bald ü Is Romberg und bald ü Is Ole Bull... Jener hatte lange Locken, die mit der Zeit wahre Mähnen zu werden versprachen.... er klappte mit den Fingern in der Luft umher und ließ sie dann mit Centnergewicht auf die Klaviatur fallen.... auch trank er viel Essig, um mager zu werden, wie sein Vorbild; der Zweite, der seit einiger Zeit fand, daß das Cello zu wenig »ziehe--, da es einen jungen wohlgewachsenen Mann hindere, seinen Gliederbau zu zeigen, war heute wieder ganz Ole Bull, trug glatt geschnittenes Haar, SÄZKLN'S««»»»' E«» — 23— nahm eine melancholisch lächelnde Norweger-Miene an und kapriolirte mit seinem Bogen wie ein englisches Pferd, das über einen Graben setzen soll.... Dieses Virtnosen-Paar trug eine eigene Composition vor und wurde stürmisch beklatscht, zog sich aber sehr bald zurück und ließ sich mit einem Schein von nervöser Abspannung auf das Sopha nieder, wo Beide kein Wort mehr sprachen.... Helene hatte erklärt, im Concerte mitzuwirken.... Sie wollte eben zum Piano treten, als ein Paar Herren im Salon erschienen, wovon der Eine zuerst ihrer Tante, sodann ihr selbst vorgestellt zu werden wünschte.... der Andere war ein Bekannter. Jener war noch jung, sehr elegant, trug einige Ordenskreuzchen im Knopfloch und hatte einen bedeutenden Bart, sowie eine blaue Brille mit Seitenlinien, was seine Gcsichtszüge fast ganz maökirte.... Er wechselte einige Worte mit Helene und erkundigte sich nach dem Grafen von Mühlendorf, den, wie er sagte, er kennen zu lernen begierig sei; man erwiderte ihm jedoch, der Graf sei noch nicht da; —„wahrscheinlich verhinderten ihn die wichtigsten Geschäfte," setzte Helene hinzu....„denn seit einiger Zeit arbeitet er im Ministerium...." „So!" betonte der Bebrillte und schien über die Worte nachzudenken.— Jedoch die gebieterische Nothwendigkeit zwang nun Helenen, mit ihrer Musik zu beginnen und sie spielte ziemlich zerstreut einige MSSZW^^MW' — 24— Etüden von Chopin.... wobei sie immer ihre Blicke im Salon umherschickle, um nachzusehen, ob denn Lothar noch nicht gekommen sei.... „Seit einiger Zeit," murmelte sie vor sich,„bemerke ich, daß er nicht mehr so pünktlich kommt!" hier brach sie ab und gerieth in einen solchen Zorn, daß sie auf's Klavier schlug, als wäre dieses eine Trommel.... Endlich erschien Lothar. Sie that jetzt so, als gewahrte sie ihn nicht, und blieb zwei Mal so lange am Piano, als sie sich es vorgenommen hatte. Er schien das wenig zu bemerken und nahm neben einer Dame Platz, die erst vor wenigen Tagen aus der Provinz gekommen war, durch ihre Schönheit und ihren Geist jedoch in der Residenz Alles entzückte und nahe daran war, in die Linie der--Löwinnen« vorzurücken. Diese Frau von Butnowsky, die Wittwe eines polnischen Woiwoden... war kaum zwanzig Jahre alt und, wie gesagt, äußerst liebenswürdig, was sie durch eine ungemeine Freundlichkeit, durch eine aus dem innersten Herzen kommende Sanft- muth noch zu erhöhen wußte.— Sie hatte schon einen ganzen Schwärm von Rittern um sich; die trefflichsten Kavaliere mühten sich in ihren Diensten ab, welche sie zwar niemals forderte, die sie jedoch mit vieler Anmuth hinnahm,— und Helene merkte mit Verdruß, daß seit etwa zwei Tagen auch Lothar- unter diesen Rittern sei.... Wie mußte es sie er- MWMWMWHWG. — 25- zürnen, als sie ihn nun heute neuerdings an ihrer Seite erblickte.... Ihre Etüden schienen ihr jetzt lauter Fegscuerqualcn zu sein simd sie machte an dem Klavier das Studium von Dante's vorzüglichsten zwei Gesängen. Jetzt erhob sie sich/um zu ihren Freundinnen zu gehen.... zur Erhöhung ihres Aergers hatte man ihr auch nur lau applaudirt.... wahrscheinlich weil sie zu lange gespielt.— Hastig warf sie sich unter die Damen und begann mit denselben ein eifriges Gespräch.— Den Grafen würdigte sie noch immer keines Blickes, nur ein Mal sirirte sie ihn von der Seite und dies war gerade zu einer Zeit, als er, wie es ihr schien, einen leisen Seufzer ausstieß über einige Worte der reizenden Wittwe aus Polen. Da traten unserer kleinen Kokette Thränen in die Augen:„Bin ich denn weniger schön, als diese da?" sagte sie zu sich.„Ich will nicht glauben, daß es von ihm ernstlich gemeint sei, denn er hat mein Jawort, er ist mit mir verlobt, und seine Pflicht besteht darin, daß er an meiner Seite bleibe...." In diesem Augenblicke traten neue Gäste herein, darunter drei Herren, wovon Einer zur allgemeinen Verwunderung ebenfalls mit blauer Brille und einem dichten Bart, so wie mehreren Kreuzen auf der Brust.... „Kommen denn heute lauter Brillen!...." sagte Helene ärgerlich zu sich, denn sie ärgerte sich jetzt 26 über Alles. Der neue Brillenträger ward vorgestellt, jedoch blos der Tante; dann schien dieser Brillenträger sich immer unter die dichtesten Gruppen (die heute nicht eben zahlreich zu finden waren) mischen zu wollen.... auch sprach er mit Niemand, sondern—— Nun, wir werden ja bald sehen.... Dieser Herr guckte durch sein blaues Augenglas beständig im Saale umher und schien die Wände durchbohren zu wollen.... Jedermann passirte vor ihm die Musterung und bei Manchem verweilte er mehrere Minuten; er maß ihn Zoll für Zoll, durch und durch. So auch jenen ersten Brillenträger.... Als er bei diesem anlangte, ging er nicht mehr weiter, und man hätte, neben ihm stehend, jetzt ein leichtes Zucken seiner Gesichtömuskel, wie von einer freudigen Entdeckung veranlaßt, wahrnehmen können. Der erste Brillenträger schien indeß davon nichts gU merken und unterhielt sich anhaltend mit einigen Herren, er trachtete augenscheinlich an Lothar zu gelangen.... doch dieser wich nicht von seiner Polin. Plötzlich erhebt man sich, um nach einem andern Salon, zu einer andern Unterhaltung zu gehen, als jetzt der erste oder lange Brillenträger auf den Grafen Lothar zu schreitet, ihn beim Arme nimmt und ihm zuflüstert:„Herr Graf! ich habe Ihnen Etwas zu vertrauen." „Und ich," sagte der zweite, der beobachtende Ml'tiV i' — 27 Brillenträger zu dem ersten, indem er diesen gleichfalls beim Arme nimmt,„habe Ihnen Etwas zu vertrauen...." „Was wollen Sie?" Lothar spricht zum ersten, dieser zum zweiten Bebrillten.... Es war eine gute Szene, bisher jedoch von Niemand beobachtet; denn Alles befindet sich bereits im andern Salon und diese drei Herren sind hier auf sich allein beschränkt.... „Ich bin ein Bekannter von Ihnen, Herr Graf,. und habe Ihnen eine sehr wichtige Nachricht mitzutheilen!" spricht der Lange zu Lothar. „Und ich— bin der Polizeikommissär P** und komme, Sie, Herr Tiefen greis, zu verhaften!.... Trotz Ihrer Maske habe ich Sie erkannt!" sagt der Zweite, indem er sich entlarvt. „Aber mein Gott!" murmelte Tiefengreif, denn das ist der erste große, elegante Herr mit den Kreuzen und der blauen Brille wirklich:„Sie irren sich in der Person." „Aber— ich sage Ihnen, daß ich mich nicht irre!— Seit einigen Tagen schon suche ich Sie in Ihrer Wohnung, die Sie verlassen zu haben scheinen— endlich finde ich Sie hier...." Und nun erkennt Tiefengreis denselben Mann vor sich, der seit langer Zeit ihm und Malten gefolgt ist, und zwar in der Begleitung Herrn Holder- 28 manns, der, wie wir wissen, jetzt in der neuen Höhle der Genies gefangen und gefesselt liegt. Hier war kaum noch ein Widerstand möglich. Tiefengreif hatte seinen Falkenblick nach Thüren und Fenstern geworfen— erst jetzt gewahrte er, daß überall Leute aufgestellt waren, die er nicht kannte, die jedoch den Polizeioffizianten sehr gut zu kennen schienen, weil sie nur auf dessen Wink warteten.... Diese Menschen hatten sich erst- im Augenblick der Festuehmung Tiefengreifs auf ihre Posten begeben.... Der Gauner schnaubte vor Wuth. Er schien einen Moment lang Etwas zu überlegen— darauf wandte er sich an den Offiziantcn: „Mein Herr, ein schreckliches Mißverständniß, das sich hoffentlich bald aufklären wird und für welches Sie mir verantwortlich bleiben—zwingt mich, Ihnen jetzt zu folgen.— Herr Graf," fuhr er gegen Lothar fort, der ganz erstarrt dieser Szene beiwohnte—„Sie sehen, wie es bisweilen auch einem Ehrenmann gehen kann.... Bedauern Sie mich, aber seien Sie überzeugt, daß ich noch heute Sie aufsuchen werde— nun—" „Fort! fort! folgen Sie mir!" unterbrach ihn der Kommissär ziemlich unsanften Tones, und indem er seinen Helfershelfern einige Worte zurief, kamen diese von Thüren und Fenstern herbei, umringten den Arretirtcn, zwei von ihnen nahmen ihn unterm Arme— und sehr schnell brachten sie ihn die ««8 ".r« SWL»M>»- — 29— Treppe hinab— packten ihn in einen Wagen, der schon bereit stand— und sort ging's auf die Oberdirektion jener Behörde, die über die Sicherheit der großen Kaiscrstadt wacht.— Graf Lothar von Mühlendorf aber ergriff seinen Hut und ohne sich lange zu besinnen, verließ er dies Haus. Er hatte nicht einmal Abschied von Helene genommen. Tags darauf schrieb er ihr einen Brief: „Entschuldigen Sie mich, daß ich aus Ihrer Nähe mich freiwillig verbanne. Allein ich kann ein Haus, in welchem man gestern einen der berüchtigtsten Schurken gefangen nahm, nicht mehr betreten. — Unter dielen Umständen wäre es vielleicht auch für Sie besser, auf einige Zeit in ein Bad zu reisen .... Von einem Verhältniß ernster Art, welches zwischen uns stattgefunden haben soll, weiß ich nichts und kann nicht begreifen, wer diesen Scherz ersonnen hat. Gewiß ist jedoch, daß wir uns öffentlich nie in einem solchen Verhältnisse gezeigt haben.... Was zwischen uns Beiden allein geschah, ist Ihrerseits wohl eben so vergessen, wie bei mir. Nicht wahr?—— Leben Sie wohl.... Graf Lothar von Mühlendorf." ——„Der Nichtswürdige!" rief Helene und sank jammernd auf einen Sessel nieder.— Sie zerriß das. Billet in tausend Stücke, warf es zu Boden, — 30— trat es mit Füßen— sie hätte es angespuckt, aber für eine Dame von Stande ist dies kein Geschäft— dafür jedoch warf sie die Papierchen in den Kamin und verschloß sich einen ganzen Tag lang auf ihrem Zimmer— wo sie weinte, wie ein böses Kind, indem sie, gleich diesem, Alles zerschlug, was ihr unter die Finger gerietst. „Das ist blos ein Vorwand für ihn! Hat dieser Elende jenen Gauner nicht selbst zu allererst bei uns eingeführt....? Und nun nimmt er davon Anlaß — sich zu entfernen! Und auf diese Weise!— O wie schändlich! wie niedrig! wie gemein!— Diese Frau von Butnowsky, diese polnische Circe, verläßt in Kurzem die Stadt— um sich Gott weiß wohin zu begeben.... dahin wird er ihr folgen.... ich sehe es schon im Geiste; denn ich kenne ihn.... O, daß ich ihn erst jetzt ganz kennen lernen mußte! — O, wie unausstehlich, wie entsetzlich ist es— was er mir da anthut! Es drückt mir das Herz ab!— Es bringt mich zum Wahnsinn...." „Ach— ich habe es schon seit geraumer Zeit gemerkt— daß es mit seiner Liebe blos Scherz, Spaß, ein bloses Fastnachtsspiel sei.... Und ich konnte mich so weit vergessen— konnte ihn so weit in mein Herz, in meine Seele.... Still! still!" knirschte sie mit den Zähnen, denn dieser Gedanke schnürte ihr das Herz zusammen und sie wäre jetzt fähig gewesen, sich selbst weh zu thun, wenn sie 7- 31— nicht im selben Augenblicke von einem wilden Rachedurst ergriffen worden wäre, der eben so mächtig ihre Seele umstrickte....„Ich will mich an ihm rächen!.... Ich, die Stolze, die Mächtige, die in meinem Kreise Alles Vermögende.... ich will.... doch genug."— Aber gleich darauf sank sie, wie von übermenschlicher Scham ergriffen, nieder:„O! o!— Ich kann nicht! Ich werde nichts thun können.... Meine Niederlage wird offenbar werden.... schon in dieser Stunde weiß es alle Welt, daß er mich verlassen hat und warum er mich verließ.... Ich werde nichts thun können gegen diesen Lügner, diesen Wortbrüchigen.... diesen Meineidigen.... diesen herzlosen Menschen.... Hab' ich ihn nicht in meine Seele hineinsehen lassen— gab ich ihm nicht fast mein Leben hin....? Und dennoch, dennoch.... O die Scham tödtct mich! Ich ersticke!" Sie sank mit einem durchdringenden Schrei, der durch alle Zimmer schallte, zu Boden.... Die Diener fanden sie in ihrem Blute liegen. Ein Blutsturz hatte sie niedergeworfen.... sie war beinahe schon ganz kalt.... - - — 32— III. Das Geständniß Mat Hildens. Wenn ich nicht irre, so war es dieser hochverehrte Zschokke, welcher einmal die Behauptung aufstellte, der Mensch, welcher nicht an das Dasein einer Vorsehung glaube, gleiche dem Kinde, welches noch nicht einmal bis zu dem Begriffe kam, daß jede Wirkung ihre Ursache habe und daß somit auch die lebendige Schöpfung eine solche haben müsse, und zwar eben auch eine lebendige, welche Definition später Oken(wenn gleich an anderem Orte und zu anderem Zwecke) dahin vervollständigte: daß es der Vernunft widerstrebe, anzunehmen: Leben könne durch Lebloses— Geist durch Materie erzeugt werden.... Oken sagt dies in Bezug auf ein ganz eigenthümliches, hier fast komisch klingendes Thema, nämlich bei der Erklärung:»wie die Käsemilben entstehen--— nichtsdestoweniger ist der Satz allgemein und überall paffend.... Es handelt sich im Grunde dort wie hier um Gegenstände der philosophischen Physik.... Aber wie kommt diese Einleitung zu unserem neuen Nomankapitel?— Sehr natürlich.... Wir befinden uns zwischen zwei Personen, denen sie Beiden sehr zu Statten kommt und welche diese Philosophie jetzt nöthiger haben zu ihrer Tröstung als Wir.... Es handelt sich um zwei Unglückliche— zwei Leidende— zwei Verzweifelnde— zwei dem Wahnsinn Nahe.... um Helene um Ca- simir. Es ist merkwürdig/ daß diese zwei so heterogenen Existenzen sich endlich in einem gemeinsamen Berührungspunkte treffen. So trifft im Leben, in der Natur endlich Alles zusammen.... der Elephant mit der Ameise.... der Paradiesvogel mit dem Käfer, welcher im Unrath kriecht.... der edle Mann mit einem erbärmlichen Weibe.— Ob sie jedoch beisammen bleiben? Schwerlich!— Das Große vereinigt sich nicht mit dem Kleinen— das Gute flieht das Böse nur noch mehr, nachdem es mit ihm zusammengestoßen.... Es gibt einen Unterschied in der Schöpfung und Gleichheit eristirt nur auf der tsLuls rsss. Ob Helene in ihrer Verzweiflung dieselben Behelfe zur Hand nehmen wird, wovon Casimir Gebrauch macht?— Wahrscheinlich nicht, aus dem angeführten Grunde.— Aber vielleicht die entgegengesetzten; das ist wahrscheinlicher.... Während Er zum Himmel klagt, seufzt, stöhnt— und an Gottes Dasein sogar verzweifelt— wird sie toben, lästern und ihn verläugnen.— Ach nein, diese negative Großartigkeit besitzt sie nicht einmal; sie ist ein flaches Geschöpf.... und wird blos beim Lästern stehen bleiben— worauf sie später ohne Geheimnisse. II. 3 - 34— Zweifel beten und endlich vor jedem Donnerschlag angstvoll erzittern wird.... Casimir statte damals, auf dem freien Anger bei Tstury, die Geliebte seiner Seele von sich scheiden festen, indem sie ihm zuvor ein zweischneidig Schwert in die Brust stieß. Das war das Bekenntniß, daß sie ihn nicht liebe!— Freundschaft! Wer verlangt nach Freundschaft, wenn er Liebe braucht?— Die Freundschaft ist eine Himmelstochter, wie Liebe— und wer weiß, ob nicht reineren, unmittelbar göttlicheren Ursprungs. Allein wir armen, aus Erdcnschlacken und Himmels- tstau zusammcngckneteten Sohne der Welt bedürfen der ersteren mehr als der zweiten. Ohne Liebe kein Leben— ohne Freundschaft eristiren Tausende.... Wie selten, daß sich diese hehre Göttcrtochter auf ein menschliches Haupt sternicdcrsenkt. Es muß dies ein sehr edles Haupt sein! Casimir war auf jenem Anger zurückgeblieben bis die Morgensonne ihn von da vertrieb und der Anblick der Menschen ihn zur Einsamkeit zurückschcuchte, welche er jetzt auf den abgelegensten Wegen außerhalb der Stadt fand. Hier suchte er alle Plätze auf, wo Natur sich in majestätischer Stille offenbart— wo nicht einmal das Rauschen des Baches und das Säuseln der Bäume zu hören ist— wo höchstens der laue West über langes Gras hinstreicht und 35 dessen Spitzen niederbeugt zur Muttererde, woraus sie entsprossen sind. Malten legte sich auf den Rasen nieder, das Antlitz zum Himmel gekehrt und zum ersten Male in seinem Leben stieß er den Ruf aus: „Lebt denn ein Gott in dieser Welt?" Seine Blicke versuchten die Decke des Firmaments zu durchstürmen— dieses Firmaments, das jetzt so rein, klar und azurblau, wie ein unermeßliches Zeltdach, sich über ihm ausspannte und woran die goldene Sonne hing wie eine große Weltlampe.... „Soll ich also ewig unglücklich sein?— Bin ich wirklich nur zu Jammer und Qual geboren?— Und alle Menschen sind glücklicher denn ich? der Tagelöhner, der Bettler, der Dieb— ja das Thier- selbst hat es besser als ich...." „Auch von ihr zurückgestoßen!.... Von jedem Weibe, von jedem Menschen zurückgestoßen— hin- geschleudcrt zu meinem alleinigen Ich, welches so klein ist, daß es nicht für sich allein bestehen kann! Denn Liebe ist mir Bedürfniß.... eine zweite Seele.— Ein Weib muß ich haben, wenn ich nicht zu Grunde gehen soll." „Sie hat mir Freundschaft angeboten, während ich ihre Liebe suchte.... Sie hat mich mit einem Lächeln abgefertigt, während ich ihr Herz, ihr Blut — ihr ganzes Wesen verlangte.... Und warum betrog auch sie mich? Warum führte auch dieses 3* - 36- Mädchen mich am Narrenseile?.... Richtig, ich bin ja häßlich— und sie heuchelte mir Liebe blos weil sie dazu gezwungen war...." „Und frei will sich mir also Keine hingeben?—, Aber ich fordere sie frei! ich will, daß sie mein sei — um meinetwillen!— O! was bin ich? ein Abscheulicher, ein Zerrbild— eine Schreckensgestalt...." „Aber warum hat mich Natur so geschaffen?— Und warum Andere schön?— Es ist hierzu kein Grund vorhanden!— Natur hat das Alles so zufällig gemacht— ohne Gerechtigkeit— ohne zu wissen, weshalb.— Also ist Natur auch— ein blindes Nichts! und Gott— eine Fabel!" Dahin war er gekommen— und damit trug er sich. Auch nachdem er den Ort verlassen, nachdem er zur Stadt und in seine Wohnung zurückgekehrt war, beschäftigte ihn nichts Anderes, als die Hölle des verzweifelnden Atheismus. Er hatte jetzt keinen Sinn für seine weltlichen Angelegenheiten— für sein Leben nicht einmal.... ihm war Alles gleichgiltig. Und der Knabe, der gute kleine Wilhelm, richtete vergebens seine Fragen an ihn:» „Vater, was ist Dir? Was hast Du?— Du liebst mich nicht mehr, und ich bin doch so brav— so fromm— ich denke nur an Dich und freue mich, daß Du jetzt recht lange bei mir bleibst...." Er erhielt keine Antwort.... 37 Casimir saß oft stundenlang in einem Winkel oder ging im Zimmer auf und nieder, die Hände auf dem Rücken— vor der Brust gefaltet, das Haupt , gesenkt, die Augen finster in der Erde wurzelnd.... Da faßte ihn einmal urplötzlich eine helle Idee.... sein Auge strahlte einen Moment lang voll Feuer— seine Brust hob sich und er rief laut: „Ich muß sie noch ein Mal sehen— und dann — sei es meinetwegen zu Ende mit Allem!— Was liegt daran!" schloß er.„Aber mit ihr will ich nochmals reden.... Sie ist und bleibt noch die Beste unter den Schlechten.... sie hat mir doch Etwas geboten— die Andern gar nichts." ^ Rasch machte er sich auf den Weg und ging hinaus nach Thury. Aber— wie das Haus finden? Da siel es ihm ein, daß Gertrudens Vater auch als Geldverleiher Geschäfte machte und unter diesem Namen draußen allgemein bekannt war.... Malten kommt in Thury an. Er fragt nach dem Vater Gründling und ein Mensch in abgerissenen Kleidern, der vielleicht ein Kanalräumer war, ant- ^ wortet ihm: „Dort— sehen Sie— dort wohnt der alte Spitzbube!" Casimir ist bald in dem bezeichneten Hause; er ersteigt die obersten Treppen und langt vor der Wohnung Gründlings an. Sie wird ihm geöffnet— - 38- und wer öffnet sie ihm?— Es ist Lucie.... es ist das Mädchen mit dem Antlitz einer spanischen Schönen und dem Herzen— eines Steins.... Beide sind anfangs keines Wortes mächtig; doch Casimir blos— weil er nicht weiß, womit er beginnen soll.... sie, Mathilde oder Lucie, ist erschreckt.... sie hält sich nur schwer aufrecht.... sie sieht ihn nicht an.... „Ich habe sehr wenig mit Ihnen zu reden!" spricht Casimir;„vergönnen Sie mir einige Minuten.... und Alles wird damit abgethan sein! ich habe Sie dann zum letzten Male gesehen— und Sie sind frei!— so wie ich—" setzte er leise hinzu. Das Mädchen geht schweigend voraus und führt ihn bei einer Thür vorbei, hinter welcher er Geld klingen hört und dazwischen ein Lied singen, welches so lautet: „O holdes Himmelsschäftlein, Zch bin fürwahr Dein Äindelein; O nimm mich doch in Deinen klein- En allersiißeften Himmel hinein." Darauf betet dieser Jemand etliche Sprüche her und läßt, ein Mal über's andere, das Geräusch hören, welches man beim Kleiderausklopfen macht.— „Das ist mein Vater!" bemerkt Mathilde.... „er verläßt zum Glück heute sein Zimmer nicht .... und wir sind somit allein, denn meine Mutter ist außer dem Hause beschäftigt." - 39— Casimir nimmt stillschweigend den Stuhl ein, welchen das Mädchen ihm anbietet, und erst nachdem sie wieder eine Weile stumm da gesessen haben, beginnt unser Freund: „Ich komme zu Ihnen, um von Ihnen Abschied zu nehmen, Mathilde.... denn ich werde Sie nie wieder sehen!—" Mathilde fährt bei diesen Worten zusammen; sie faßt sich jedoch und bald ist wieder die vorige Ruhe an ihr sichtbar. Er scheint das Alles nicht zu bemerken, er ist jetzt nur mit seinen Worten und der Absicht seiner Gegenwart beschäftigt und fährt fort: „Als ich Sie kennen lernte— damals dachte ich, ich müßte der glücklichste unter den Menschen werden durch Ihren Besitz.... Bald berichtigte ich meine Meinung und fand, daß mich ein verzehrendes Feuer bcschlichen habe, was nicht wahre Liebe sein konnte — die allein fähig ist, glücklich zu machen. Ich hatte mich somit an Ihnen betrogen.... Später nun wuchs unser Verhältniß wirklich zu einem reineren, sanften, holden, uns beseligenden.... es glich so sehr der wahren Liebe, daß ich an ihr nicht länger zweifeln konnte; und schon sagte ich zu mir: ->Du hast dich dennoch nicht getäuscht.... Du wirst glücklich werden, denn es ist ein edles Mädchen.«— Da klärten Sie mich selbst hierüber auf— gestanden offen, daß Ihr erstes Gefühl blos erheuchelt, Ihr zweites ebenfalls nicht Liebe gewesen sei.... und 40 ich fand mich demnach zum zweiten Male betrogen — und zwar in einem höheren Maße.... Darauf trugen Sie mir, mir, dem armen Liebenden— dem so oft Getäuschten— dem im innersten Leben Verwundeten—.... mit kaltem Blute ein halbes Glück an, was ihm seinen Verlust und seinen Schmerz nur noch fühlbarer machen mußte.... und nun fand ich mich der Verzweiflung nahe— aus welcher mich nur ein kühner und männlich großer Entschluß riß. Dieser Entschluß ist gefaßt und mit ihm ist Alles überwunden.... wird Alles zu Ende sein.... Bevor dieses sedoch geschieht, komme ich noch ein Mal zu Ihnen- ich, der Arme, Betrogene, Ge- demüthigte, Verzweifelnde.... komme hierher, um Ihnen, die Sie mir das Alles angethan haben— zu danken.... weil Sie bei alledem doch noch das beste Wesen sind, welches ich unter Ihrem Geschlechte fand.... Ich komme, Mathilde, von Ihnen Abschied zu nehmen.... ich komme, mich auf ewig von Ihnen zu beurlauben.... Ich dachte, dies würde rascher und ruhiger geschehen!— Aber in diesem Augenblick überkömmt mich eine Rührung— ein wehmüthiges Gefühl— ein Schmerz, auf den ich nicht gefaßt war. Daraus, daraus, Mathilde, erkennen Sie— daß ich Sie wirklich geliebt habe .... Ja, das habe ich!— Gott im Himmel ist mein Zeuge.... und er sieht auch setzt mein Leiden. Diesen ungeheuern Schmerz, der einen Mann —M, f», I - 41— am Rande seines selbstgewählten Grabes umfängt, — ich weine ihn jetzt an Ihrem Busen aus.— Er wird davon durchnäßt werden wie von den Fluthen des Himmels. O Mathilde! Mathilde!— was haben Sie mir angethan!" Indem er dies sprach oder vielmehr stöhnte, überfloß er in Wahrheit von Zähren der innersten Rührung— er hatte sein Haupt auf Mathildens Brust geneigt, ihre Hände drückte er an die sei- nige.... „Ich gehe in den Tod! Noch in dieser Stunde!" ächzte er schwer; aber er konnte nicht weiter reden — denn sie, sich aufreißend aus ihrer erzwungenen Ruhe, umschlang ihn jetzt mit ihrer ganzen Kraft und rief laut:„Um Gottcswillen!— Was hör' ich!— Casimir, was wollen Sie thun?!" „Ja!" wiederholte er gelassen:„ich sterbe!— ich kann ja nicht leben—" Er sprang auf. „Halt!— bei allen Gnaden des Himmels! Casimir— keinen Schritt von hier!" „Und doch— da Du mich nicht liebst.... so leb' auf ewig wohl!" Er riß sich los und stürzte nach der Thür.... Aber sie flog ihm nach, fiel ihm zu Füßen, umklammerte diese und rief, ihrer selbst nicht mehr mächtig: „Halt!— Geh' nicht fort! Ich liebe Dich!...." - 42— ,,Ja— ich liebe Dich!" lispelte sie nach einer Weile, ganz aufgelöst in Schmerz und mit dem Antlitz fast zu Boden sinkend:„Ich liebe Dich!" sagte sie, wie betend. Er traute seinen Sinnen kaum— er hob sie auf und zog sie hinauf bis zu seiner Brust, dann nahm er sie mit beiden Händen um den Leib— sah ihr lange in's Antlitz und fragte endlich:„Du, Du liebst mich?!" „So ist es!" antwortete sie nach einer Pause.... „Aber ich konnte, ich wollte Dir's bisher nicht sagen — nicht bekennen.... ich...." „Du?— Was— Du?" „Ich— eine Tochter...." „Nun?" Eine Tochter der Gauner!" Sie verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen und floh zurück zu ihrem früheren Sitze. Diesen nahm sie ein und hier verharrte sie im Schweigen.... Auch Ca- simir folgte ihr dahin— langsam— sinnend'— denkend— lautlos— ohne mit ihr zu sprechen. Dann ließ er sich an ihrer Seite nieder— nahm eine ihrer Hände zwischen die seinigen und begann in einem Tone des innigsten, treuesten Gefühls: „Du bist eine Tochter der Gauner.— Und weißt Du, was ich bin?— So höre!—-Ein von der Gesellschaft, die sich die ehrliche nennt— Ausgesto- ßener! Das bin ich.... Und weshalb wurde ich 43 von jenen ehrlichen Leuten ausgestoßen?— Das weißt Du vielleicht noch nicht. So vernimm: weil ich häßlich und dabei nicht demüthig bin. Denn sie würden den Häßlichen wohl leiden können, wenn er sich ihnen zum Gegenstände ihres Spottes, ihrer Satyre, ihrer Launen hingeben wollte. Allein der Häßliche wollte geliebt und dabei geachtet sein— das war ein Verbrechen, welches sie ihm niemals verzeihen konnten.— Unter solchen Verhältnissen nun— als Verstoßener, Irrender, Flüchtiger kam ich zu— Dir, Tochter der Gauner!— und fand bei Dir, wenn auch nach langen Wirrnissen und Widerständen, endlich Liebe, die heilige Himmelsflamme, die nur um so schöner brennt, je tiefer, je niedriger ihr Herd.— Soll ich nun diese Liebe nicht hinnehmen?— O Mädchen, o Mathilde— Du hast nicht Ursache, Dich vor mir zu schämen, weil Du eines Gauners Tochter bist! Mir gegenüber sind Jene dort, die in goldenen Palästen wohnen, die Schlechten— Du bist ein reiner, ein guter, ein frommer Engel.... denn Du hast mich dem Leben wiedergegeben...." Und er umfaßte sie ungestümer, indem er laut aus voller Seele zu ihr rief: „Sei mein! Gehöre mir an!— Weiche nicht mehr von mir!— Hörst Du, Mathilde?.... Werde mein Weib!" Wie?" lispelte sie nach einiger Zeit:„Du wolltest mich zur Gattin nehmen?.... Du, ein - 44- Edelmann und ein edler Mann; ich— ein Mädchen, auferzogen unter Dieben, Räubern?...." „Wir wollen diesen Ort verlassen.... Wir wollen diese Diebe und Gauner fliehen!" Hier erhob sich das Mädchen mit edlem Stolz: „Nein— ich werde nicht fliehen!" sagte sie fest. „Ich werde meine Mutter und meinen Vater nicht verlassen, und diese gehören auch zu jenen Dieben und Mördern." „Aber— Mathilde...." „Mein Name ist Lucie!" sagte sie traurig und fuhr fort:„Jetzt weniger als je will ich den armen Eltern treulos werden, jetzt, da Gefahr sie und die Ihrigen umgiebt.... da ihr Leben.... ihre Freiheit.... Alles, Alles bedroht ist: jetzt wird mich Niemand dazu bringen, diese Eltern, die zwar schlecht — aber doch die meinigen sind— zu verlassen.... Sie sehen wohl, Herr von Malten," sagte sie nun still lächelnd,„daß wir uns trennen müssen.... So gehen Sie denn im Namen des Himmels! und nehmen Sie meine ganze Liebe mit sich!" Casimir hatte sich wieder aufgerafft.... Sein Kopf drehte sich in wirbelndem Kreise.... Er wußte nicht, wie ihm geschah. Tausend Gewalten stürmten auf ihn ein.... Er war so gänzlich rathlos, ohne Hilfe.... er erkannte so wenig, was er thun, was er lassen sollte, daß er mit dem Ruf: „O mein Gott!.... schon wieder Nacht um — 45- mich— und tiefere als je!" hinstürzte in einen Winkel, wo er fast sterbend liegen blieb. Vatcr Gründling weiß sich dennoch bezahlt zu machen. Wie lange er hier mag gelegen haben, ist uns nicht bewußt— so viel jedoch kann als gewiß angegeben werden, daß er endlich, voll Liebe am Halse Luciens hangend, ihr die zärtlichsten Schwüre zuflüsterte:„Ja," sagte er,„ehe ich Dich verlasse, will ich lieber einer der Euren werden .... das heißt nicht Eurer That, sondern meinem Herzen nach.... O ich weiß recht gut, was da zu thun ist! Ein Strahl des Himmels hat mich erleuchtet.... Ich werde Euch retten! Dich und Deine Eltern.... schon deshalb schließe ich mich an Euch. Und sollte ich deshalb auch mit dem ganzen übrigen Menschengeschlechte auf ewig brechen — was liegt daran? Ich besitze ja Dich! Jene haben mich verachtet— Du hast mich geliebt.... es ist billig, daß ich Jedem nach seinem Verdienste lohne.... So wisse denn, ich habe Entwürfe gemacht— Pläne.... Eure Sache, das heißt die Deiner Eltern, kann noch nicht gänzlich verloren sein.... Sagtest Du mir doch, Dein Vater sei nicht schuld an dem vergossenen Blute— an Naub — 46— und Gewaltchat;— er sei wohl ein Hehler gewesen, allein er könne Alles wieder zurückerstatten. Und man hat Beispiele.... daß.... Wir wollen fliehen, fliehen!— Alle— Du und Deine Eltern mit mir! Wir wollen in ein fremdes, fernes Land— nach Amerika wollen wir ziehen.... und dort, wäre es auch in einem einsamen Thale, inmitten der großen, ungeheuern Naturwunder, werden wir der kleinlichen Menschen vergessen— ihre und unsere Vergehen werden aus unserem Gedächtniß schwinden. Wir werden glücklich sein!— Ja, nicht wahr, meine Geliebte?" „Guter— armer Freund! Was Du Dir so schön ausmalst— wer weiß, ob es je in Erfüllung geht.... Meine Eltern sind gefesselt, mit tausend Banden sind sie an jene Menschen geknüpft, die— rettet sie kein Gott—— und das wird er nicht, denn er ist gerecht in seinem Zorne— ein schreckliches Ende nehmen müssen.... Meine Eltern werden es miterleiden müssen.... und ich— weiche nicht von meinen Eltern!— Darum— siehst Du, darum— hab' ich Dich nicht lieben, Dir meine Liebe nicht gestehen wollen.— Ich reiße Dich mit mir in's Verderben, und Du bist doch so unschuldig, so rein!" „Auch Du, meine Geliebte!— Kein Verbrechen befleckt Deine Hände, und Dein Herz ist gut.... O mein Gott, wie könnt' ich Dich verlassen?.... 47 Nein, nein.... hier ist mein Platz.... und geschehe auch, was da wolle.... Die Menschen haben mich zu Euch verhetzt, zu Räubern und Mördern— und theile ich das Schicksal der Räuber und Mörder, so sind die Menschen daran schuld...." In diesem Augenblicke ließ sich draußen Lärm hören. Lucie schob unsern Freund hinter eine Blende und ging hinaus;— da sah sie ihre Mutter mit dem Alten vor dessen Thüre in Zank und Streit. „Ich habe den Lumpenhund allenthalben gesucht; er ist jedoch nicht zu finden." „O heiliger Bartolomirus! Nirgends zu finden.... und dieser gnädige Herr Baron— ist mir also wieder mit 100 schweren Thalern durchgegangen.... Weh!" „Warum leihst Du Dein Geld auch ohne Aufhören aus?!.... Diese Spitzbuben, diese Barone und Grafen.... das sind gerade die schlechtesten.... Man bekommt von ihnen nie Etwas wieder." „Aber diese Grasen und Barone haben gewöhnlich Familie, Verwandte.... und ich werde mich endlich an diese halten.... Doch jetzt ist es unmöglich! Jetzt in dieser Zeit.... wo uns der Henker schon auf dem Nacken sitzt.... der Teufel soll Alles holen!— O Sanctus Methusalemus, beschütze uns!.... Doch jetzt, Frau— pack' Dich fort.... ich habe zu thun und werde in einigen M — 48— Stunden meine alte Kalesche anspannen lassen, um dem gnädigen Herrn nachzureisen." „Allein— da solltest Du ja lieber gleich" „Halt das Maul, Weib! Das verstehst Du nicht.... Es gehen mir zwar Viele durch— aber endlich werde ich doch Einen erwischen, der bezahlt sodann für Alle...." Und Papa Gründling fing an, Stiefel zu putzen und dazwischen einen Psalm zu singen, welcher im ganzen Hause widerhallte. Mama aber wollte eben in seine Thür treten, als er fie ihr vor der Nase zuschlug. „Mache doch auf.... ich habe Dir noch Etwas zu sagen!" „Wer ist das— Ich?" rief drinnen der alte Wucherer:„Ich— das kann ja Jeder sagen.... Man muß sich in diesen Zeiten sehr in Acht nehmen .... Man nenne also seinen Namen!" „Alter Esel!... habe ich denn nicht soeben erst mit Dir gesprochen?— Ich bin's— Dein Weib!" „Ach— dann ist's etwas Anderes. Da! Es ist geöffnet.... Aber, was willst Du? Schnell, alle Hagel!— ich habe keine Zeit; muß noch einige Conti schreiben— zwei alte Westen ausbessern und sieben Vaterunser beten.... sodann will ich jenem Vogel nachsetzen, um ihn—" „Nicht zu erwischen, wie gewöhnlich.... Sobald Du in die nächste Station kommst, wird es 49 heißen: er sei schon wieder weiter geflogen und lasse Dich grüßen." „Mag ihm dann der Teufel beistehen!— Ich hätte ihm lieber den Hals umgedreht, als 100 Thaler geliehen, wenn ich das hätte vermuthen können... Allein Geld muß in Circulation kommen.... Ich kann es nicht hier todt im Schranke liegen lassen...." Während er so sprach, war Papa Gründling in eine Staubwolke eingehüllt, denn er klopfte eben wacker die zwei Westen aus... Dieser Staub aber war von so höllischer Art, daß Papa sowohl wie Mama den Husten bekamen. Solches Geräusch nun wollte Mathilde, die noch immer auf der Lauer stand, benutzen— sie winkte Casimir, um ihn jetzt rasch zum Hause hinaus zu schmuggeln.... Allein zufällig stieß dieser beim Gehen so tüchtig an Mama Gründling an, daß sie aufschrie:„Ach! Ach!— Wer packt mich da?!— Ich glaube gar, es ist der Böse.... oder aber der Häscher...." und im Nu war sie bei ihrem Mann drinnen. Dieser nun, wie wir wissen, im Nachstellen sehr gewandt, war zugleich herausgesprungen— hatte Casimir schon an den Schößen erwischt und rief jetzt: „Wenn es der Böse ist— so kann er mir, einem geweihten und heiligen Manne, nichts anhaben.... ist es aber ein Spion— dann wollen wir ihn hier behalten...." Geheimnisse. II. 4 - 50— „Ich bin es, ich!" versetzte Malten rM-ig. „Lassen Sie mich nur los.... ich-entwische 2Zernicht." „O— das ist leicht gesagt; allein der H e ll.; mag es glauben!" „So sieh doch nur, Vater.... es ist ja ein Herr, der...." „Oh! still! dumme Dirne!— Willst Du hier auch noch mit schwatzen?— Was verstehst Du vorn Handwerk?.... Packe Dich m Dei e Stube .... während wir, ich und die Alte, uM"^ saubern Gaste da ein Bischen auf den Zahn suhlen wollen." Und ehe er sich dessen versah, befand sich Casimir im Laboratorium oder Kabinet des Greifes, der ihn mit seinen dürren Händen festhielt, wie ein Geier- seine Beute, und ihn durchbohren wollte mit den kleinen stechenden Aeuglein. Nachdem die Thür abgeschlossen war, fragte er: „Wer ist man? Man rede!" Dabei hatte der Gnome eine alte Hellebarde ergriffen, seine Frau aber einen Bratspieß und eine Sense. Casimir, trotz seiner traurigen Gemüthslage, vermochte das Lachen nicht länger zu halten, als er diesen Austritt sah. „Wer ist man?" schrie Vater Gründling abermals und schlug mit der Hellebarde auf den Boden. — 51— „Aber, Vater— so höre doch!" rief"rr.chru Mathilde. „Wer ist man?" kreischte der Gnome mit ft.'. dünnen Stimme zum dritten Male. Casimir setzte sich ruhig nieder und begann....: „Ein Mann— den die Verhältnisse—" da pUchUch rief die Gattin des Wucherers, welche sich inzwisch:a hinter dem Rücken ihres Mannes mit einem E /rr aus einer gewissen, mit Stroh Verflochtenen Flache gestärkt hatte:„Holla!— Jetzt fällt mi: S-. Schuppen von den Augen! Ich erkenne dies-,-» Patron da— es ist—" „Ein alter Schuldner von mir! Nicht wahr?" meinte Gründling. „Nein— sondern...." „Ja— es ist ein alter Schuldner: Er st mir noch 1000 bis 2000 Dukaten schuldig.... Dsw ner und Teufel!— Ora pro nvbis!.... Sehr-ut, daß ich den Burschen da endlich erwischt babe." „Aber, Väterchen.... ich versichere Dr, es ist...."' „Mein Schuldner! und jetzt glerch vird Er die 2000 Dukaten bezahlen— versteht Er mich?!" kreischte Gründling mit seinem Weibe um de Wette. Er hielt Malten die Hellebarde vor die Bmst. „Die geringste Weigerung...." knirsche er wir Wüthend mit den Zähnen:„und ich durchlohre diesen 52 Burschen.... der mir schon so lange-das Geld schuldig ist!" „Aber...." wollte die Alte wieder d'rein reden.... „Aber...." sagte Papa Gründling und gab ihr mit dem Stiel der Hellebarde einen Stoß. „Ah— jetzt versteh' ich!— O, mein alter Mann .... ist ein Pfisfikus.... das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er soll leben!" und die Dame stärkte sich mit einem neuen Schluck. Lucie oder Mathilde aber rasselte draußen an der Thür und bat, flehte— jedoch Alles vergebens. „Will man bezahlen?" brüllte Papa Gründling und die Spitze seiner Lanze berührte Casimirs Bauch. „Gern," entgegnete jetzt dieser lächelnd;„aber nicht wegen der Drohung.... Ich theile Alles mit ?uch, Ihr Leute!— Mein Vermögen ist von nun ar auch das Eure.... denn Ihr wißt vielleicht noch nicht...." Mir brauchen nichts zu wissen.... Nur schnell das Geld her!" „Llles— was ich bei mir habe.... Da sind we Staatsscheine— jeder zu 1000 Gulden." „Hw damit! her damit!——" Und Papa fing an, während er das Geld in die Tasche steckte, den schönsten Lobgesang auf die Wunder des heiligen Nimrod zu singen. 53— „Hat man— nicht noch mehr bei sich?" rief er, wieder schnell die Hellebarde fällend. „Nichts!" „So mag man seiner Wege gehen.... und künftig bezahle man ordentlich, seine Schulden.... versteht man mich?.... alle Wetter.... Ssoro nom äe— L)-rie ele^son.... Frau, öffne schnell die Thür." Das geschah, und Casimir, schon hinausgedrängt, stieß beim ersten Schritt auf Jemand, der soeben Hereintreten wollte. Es war— Herr Bund er, der Vorsteher in der Höhle der Genies. „Eine wichtige Angelegenheit führt mich hierher, Vater Gründling! Säumen Sie keinen Augenblick, sondern folgen Sie mir sogleich.... Die Mitglieder der Gesellschaft versammeln sich in diesem Augenblick, um Wichtiges zu berathschlagen.... Man hat eine Person arretirt, die für uns sehr gefährlich werden kann." „Wer hat sie arretirt?" „Die Polizei." „Wie heißt die Person?" „Tiefengreif." „Alle Teufel!— Das ist schlimm!— Er wird am Ende...." „Uns Schaden bringen! Freiwillig nicht— allein ich fürchte, die Folter...." ,:Ssr.«L » - 54- „Die ist abgeschafft." „Es giebt jedoch Mittel, die der Folter gleich kommen.... Man wird nicht säumen, sie gegen uns anzuwenden.... Unsere ganze Sicherheit hängt nur noch an einem Haar.... und ich werde heute in -er Höhle der Genie's den Vorschlag machen...." „Nun?" „Dir muffen— uns zerstreuen— flüchten!" „Nicht doch.... wo bliebe dann mein Geld?— Ich habe hier bei ehrlichen Kavalieren und wohlchr- sa-Acn Bürgersleuten sehr viel ausstehen. Noch heute muß ich Einem nachsetzen.... Zwar habe ich mich in diesem Augenblicke gedeckt," murmelte er: „die 2000 Gulden.... welche, wie ich immer sagte, endlich Einer für die Andern wird bezahlen müssen, sind in meiner Tasche.... Indeß...." „Hier ist keine Zeit zu verlieren.... und kein Privatvortheil kommt dabei in Betracht.... Sie sind- der Kassirer der Gesellschaft.... Nehmen Sie die Kasse unter den Arm und folgen Sie mir!" „Die Kasse!... aber sie ist leer." „Dies ist unmöglich!— Es befanden sich noch schöne Summen darin.... Allein, nun fort! Unsere Gegenwart ist noch nöthiger als das Geld.... Die Kameraden warten auf uns." „Dann— sollen sie nicht lange warten. Meinetwegen— ich gehe mit Ihnen.... Allein, die Kasse, wie gesagt, ist blank und rein...." W W -w — 55- „Nur fort! nur fort— Vater Gründling." Während dieses Zwiegesprächs hatte Lucie ihren Geliebten in Sicherheit gebracht. In den verborgensten Winkel des Hauses hatte sie ihn versteckt und hier sagte sie zu ihm: „Ich kann Dich' solcher Gefahr nicht preisgegeben sehen.., Alles scheint zum Aeußersten gekommen zu sein... Ich rette Dich! Mag ich dabei auch verderben!" Papa Gründling und Bunder waren bereits aus der Treppe, um eiligst das Haus zu verlassen— wo nur noch die beiden Liebenden zurückblieben nebst der alten Dame, die jedoch jetzt ihrer Flasche dermaßen zusprach, daß sie(die Alte) bald in einem Winkel lag— und die Zimmerdecke über sich für den gestirnten Himmel hielt. V Die Scsc.hr ist groß; aber Tiefcngreif ist dies auch. Das neue System. Bunder und Gründling schreiten der Höhle der Genies zu. Sie wählen die abgelegensten Straßen und winden sich durch mannigfache Winkelgäßchen und Durchhöuser*), bis sie aus den Platz gelangen. Man findet hier schon die Kameraden ihrer har- Offene Häuser mit Durchgängen. , - 56— ren... Eine allgemeine Stille verbreitet sich, als sie eintreten. In einer Ecke auf Stroh und schlechten Matratzen liegt noch immer jener Hold ermann gefesselt, welcher von der Stunde seiner Fcstnehmung an das Tageslicht nicht gesehen. Man hat vor Kurzem ein Verhör mit ihm angestellt, aber er spricht kein Wort— man erfährt nichts oder nur Dinge, von denen Holdermann weiß, daß sie bereits bekannt sind. „Meine Herren— und Kameraden!" beginnt Dunder, nachdem er sich in ihre Mitte gestellt:„es ist schlimmer geworden, als wir anfangs vermuthet haben... Nicht nur, daß wir überall umstellt sind von den Spürhunden der sogenannten Gerechtigkeit — sondern man hat sich auch eines unserer Häupter zu bemächtigen gewußt.— Ich habe bisher seinen Namen hier noch niemals ausgesprochen und thue es nur jetzt im Augenblicke der äußersten Noth. . Tiefen greif ist der Name eines der großartigsten und erhabensten Talente unserer Kunst.— Ticfcn- greis, der Mann, welcher, Euch Allen unbewußt, für uns gewirkt... Tiefengreif, der sich immer in den höchsten Kreisen dieser Stadt als vornehmer Mann bewegte— der unsere Sicherheit von oben herab überwachte und beförderte— der uns den so unschätzbaren Knaben wiederbringen sollte— der manche That vollbracht, an welcher wir Alle umsonst uns abgemüht haben würden— dieser Tiefengreif nun ist gefangen... eingesteckt... - 57— sein Leben in Gefahr... und er muß befreit werden... Dies ist meine erste Botschaft an Euch!" „Meine zweite ist folgende: Unseres Bleibens ist nicht länger hier... Wir sind förmlich in eine Sackgasse verhetzt... Sobald Tiefengreif gerettet— und jener Knabe(wofür ohne Zweifel Tiefengreif selbst Sorge tragen wird) in unserer Gewalt ist— verlassen wir das Territorium— diese Stadt— in welcher die Ausübung des Gaunerhandwerks, wegen der ausgezeichneten Polizei, mit der dasselbe hier in Conflikt geräth, zwar große Ehre bringt... aber wo zugleich auch diese Ausübung so schwer ist— Kurz: wir sehen uns nach einer andern Stadt um... Unter Anderen wäre Konstantinopel nicht übel... dort ist noch wenig gearbeitet worden... das ist ein jungfräulicher Boden... und wir werden ihn mit geringer Mühe befruchten... So! Ich habe jetzt ausgeredet!— Was dünkt Euch zu diesen Vorschlägen?" „Sie sind sehr gut!— Sie sind trefflich! Ja— den Tiefengreif befreien... den Wilhelm erbeuten... nach Konstantinopel ziehen ... das sind herrliche Vorschläge!— Herr Bunder lebe hoch!" So schrie Alles durcheinander und der Lärm dauerte lange Zeit. „Bravo!" ruft Theobald, der heute seine Haare - 58- unmenschlich schön frisirt hat und nach hundert Salben riecht:„Bravo! das wird ein Götterleben sein! — Ja, nach Konstantinopel!— Da giebt es Sul- taninnen und Odalisken! Da kenne ich den Reschid- Pascha... da ist mein Terrain... Hier hingegen — was ist hier noch zu machen? Alles ist schon ausgebeutet... bis auf die Liebe zur mondsüchtigen Antonie herab, die in ein Kloster gehen will, weil sie glaubt, daß ich sie betrogen habe... daß ich sie nicht mehr liebe... die ich jedoch unter meine Freundinnen bringen will— zur-grünen Coterie«, in welcher sie ein herrliches Glied vorstellen und— mir noch manchen Gulden wird blechen müssen... doch, ich vergesse ja, daß ich nicht hier bleibe... Gleichviel! also nach Konstantinopel!" „Ja— nach Konstantinopel möchte der Kerl mit gehen— aber wie sieht es denn mit der Rettung Tiefengreisis aus?" fragt ihn ein Anderer. „O— den überlasse ich Euch!— Ich habe einen Groll auf ihn! Er hat mich beleidigt... er hat mich einst aus der Gesellschaft meiner intimen Freundin Helene von Planen fortgejagt!... Den Tiefengreif könnt Ihr selbst retten...!" „Der Taugenichts!— der Zieraffe!— der Pflastertreter!..." rufen Einige und Paul kommt herbei und versetzt dem Jüngling, als dieser eben seine Locken drehen will, Eins mit der Faust:„Da, Du Hasenfuß!" sagt er:„thut nichts Anderes, - 59— als Leckereien essen und süße Weine trinken... geht in sammtnen Röcken und trägt vergoldete Ketten— während Unsereins im groben Tuchspencer steckt und höchstens einen--Heurigen-.- genießt... Zum Henker mit Theobald! Ich breche ihm's Genick!" „Still! still!" gebietet Bunder.—„Entferne Dich sogleich, Paul— und berühre den Theobald nicht wieder... sonst müßte ich Dir eine Strafe dik- tiren..." „Wie— der Gelbschnabel soll Pasteten essen?" „Ein Jeder nimmt hier unter uns die Stellung ein, die er sich zu erwerben tpeiß! Hier gilt blos das Talent... Hier ist ein Parnaß, ein Elysium!" Aber schon hatte Paul wieder den Jüngling, der ihn„Gemeiner Lump!" genannt— angepackt und schleuderte ihn nun zu Boden. „Auseinander!" schrie Bunder— und sogleich traten die Uebrigen herbei und trennten diese Zwei... „In dem Augenblicke," fuhr Bunder fort,„da wir von äußeren Feinden umgeben sind... auch noch Zerwürfnisse im Innern?!" „Ah!" rief mit einem Male mit gellender Stimme Fanny, die sich schon wieder hier befand:„Ihr habt es, wie ich sehe, auf meinen Paul gemünzt.— Warum hindert Ihr ihn, diesen dummen, gelockten Wein. — 60— Affen da durchzuprügeln?..." und sie warf sich nun selbst auf Theobald— um ihm die Augen auszukratzen, wie sie sagte, jedoch auch sie mußte bald der Uebermacht weichen... und nun trat sie mit ihrem Geliebten, wie gewöhnlich, in ihren Winkel zurück— hier zog sie denselben an sich heran, hier flüsterte sie ihm zu:„Weißt Du was, Paul... Willst Du thun, was ich Dir rathe?" „Ja!" versetzte er. „So verlassen wir diese Schurken... und geben sie bei der Polizei an... die wird uns dafür belohnen... und für unsere Zukunft sorgen... Ohnehin wird hier Alles bald auseinander gesprengt." Inzwischen wurde unter den Gaunern die Berathung fortgesetzt. Man spricht von den Mitteln, wie zuerst Tiefengreif zu befreien wäre... und es bieten sich sogleich Mehrere von den Niedrigsten zu diesem Geschäfte an. „O es giebt noch Mauerbrecher unter uns!— In London haben wir's bewiesen." „Ich rühme mich, zehn Riegel sprengen zu können— und zwar mit der bloßen Hand." „Und ich öffne mit einem Nagel das künstlichste Schloß... den Nagel aber ziehe ich mir aus derselben Thür heraus." „Sehr gut! sehr gut— meine Jungen!" meinte Bunder.„Dieser Eifer ist löblich... Wer also will die Befreiung Tiefengreifs auf sich nehmen?" 61 Sogleich traten zwölf Kerle heraus— alle in Jacken oder Blousen... auch der war darunter, welchem die Entführung Wilhelms mißlungen. „Wir wollen Tiefengreif aus dem Loche holen!" riefen sie einhellig. „Das ist nicht nöthig!—" ließ sich in diesem Augenblicke eine Stimme an der Thür vernehmen. — Und Tiefengreif stand leibhaftig vor ihnen. „Das ist Tiefengreif!" rief Wunder, indem er mit staunenden Blicken den Eingetretenen betrachtete und ihn jetzt der Versammlung zeigte. „Ich habe mich selbst befreit... aus dunklem Kerker.— Aus dem härtesten Gefängniß des neuen Kriminalhauses in der Alservorstadt bin ich ihnen entwischt!— Ich danke Euch für Euren beabsichtigten Beistand— aber ich benöthige ihn nicht!" „Tiefengreif soll leben!— Tiefengreif— der große Künstler, hoch!" Tiefengreif verzog fast unmerklich den Mund zum bittern Lächeln, sagte aber gleich darauf: „Ich mußte jetzt unter Euch erscheinen... in den Tagen des Glückes habt Ihr mich nicht gekannt ... aber in dieser Stunde des Bedrängniffes sollt Ihr mich kennen lernen... Ja, meine Freunde— wir sind in Gefahr... es ist für uns kaum noch Rettung möglich!" „Die Flucht!" schrie Alles. „O nicht doch... Nur das nicht... Die würde — 62— uns unsern Henkern am sichersten in die Zinne jagen... Wir dürfen vorläufig Wien nicht verlassen." „Was sollen wir aber sonst thun?" „Hier bleiben— uns ruhig verhalten— alle unsere Thätigkeit einstellen— uns so selten als möglich versammeln... und namentlich uns selbst gegenseitig beobachten.— Seht!— ich z. B. darf, so lange ich noch in dieserStadt weile, nicht mehr das Tageslicht sehen— ich muß mich stets verborgen halten hinter Schloß und Riegel. Dasselbe könnt ja auch Ihr thun... Jeder bleibe zu Hausse... Einige wohnen hier in der Höhle und unterhalten beständig eine Art von Haupt- und Garnisonswache... Man kommt nur bei den wichtigsten Fällen zusammen und betritt in diesem Falle blos Abends oder zur Nachtzeit die Straße.— Unsere künftigen Versammlungen(die gebieterische Nothwendigkeit müßte es denn anders wollen) sollest nur zur Nachtzeit vorgenommen werden... Dies ist meine Meinung. Ein Jeder von Euch kann sagen, was er davon hält." Tiefengreif zog sich ein wenig zurück und warf sich auf ein Ruhebett von Leder, welches hier stand. Er schien sehr ermattet zu sein, was von den Anstrengungen kam, welche er erst vor Kurzem bestanden. Es war in der That keine Kleinigkeit, aus dem Gefängniß zu brechen, in welches man ihn gebracht hatte; denn das Gebäude war neu, fest und — 63- mit großer Sorgfalt bewacht; zudem hatte mau den Tiefengreif dort auch noch unter besondere Aufsicht gestellt. Und dennoch war er entkommen! Es scheint unglaublich, aber es ist wahr. Er entkam durch die Thür, die sich vor ihm öffnete, als hätte man sie nicht seinetwegen verschlossen. Er entkam durch eine kühne List, eine freche Geistesgegenwart, deren nicht Jedermann fähig ist. Sein anfänglicher Plan war: durch den Schornstein zu entwischen, oder aber durch die Mauer zu brechen.- Jenes wie dieses hatte xr bereits zu mehreren Malen praktizirt. Amsterdam und P aris waren Zeugen davon.— Ein Zufall half diesmal unserem Virtuosen auf andere Art aus der Klemme... Er erwürgte den Gefängnißwärter, der zu ihm in die Zelle kam, eignete sich dessen Kleider, dessen Mienen und Manieren an(er war ein großer Schauspieler) und da es draußen jetzt dunkel war, so ging er, den man als Gauner hereingebracht hatte, als Gefängniß- wärter ruhig hinaus- indem er noch dazu vermittelst seines Schlüsselbundes die Thür hinter sich abschloß. Das Alles ward in wenigen Augenblicken vollführt— es bedurfte jedoch der ganzen Gewandtheit eines Gauners von der glänzendsten und sublimsten Sorte, als welchen wir diesen Tiefengreif ja eben kennen. Man hatte den Vorschlag, welchen er jetzt seinen versammelten Kameraden gemacht- lange hin und her - 64- besprochen. Viele waren dagegen, nur Einige dafür. Aber noch kannte man den Geist Tiesengreifs nicht hinlänglich, weil man sich ihm sonst blindlings unterworfen hätte.— Dieser Mensch besaß nämlich eine moralische Ueberlegcnheit, die auf Leute seiner Profession mit unwiderstehlicher Kraft wirkte, die sie bezwäng, niederwarf, und vor der sie sich, wie es gewöhnliche Menschen vor einer hohem Gewalt immer thun, in den Staub beugen mußten. Tiefengreif, als er sah, daß man zu keinem Entschlüsse zu kommen schien, erhob sich und begann ihnen in bercdtsamen Worten seine Meinung auseinanderzusetzen:„Seht," sagte er,„unter Euch ist kein Einziger, der sich einer solchen Uebersicht, einer so hohen Kenntniß aller hiesigen Verhältnisse zu rühmen vermag, wie ich. Beständig mit den vornehmsten Leuten der Gesellschaft, mit Staatsmännern und zum Theil auch mit Polizcibeamten verkehrend, wußte ich mir eine Ortskenntniß und ein lokales Coup d'oeil zu erwerben, dergleichen Ihr unmöglich besitzen könnt. — Wie wäre es Euch nur 24 Stunden lang möglich gewesen, Euch in einer Stellung, wie die mei- nige einst war, zu halten?... Ich wohnte in einem vornehmen Stadtviertel, inmitten der feinsten Welt, die ich und die mich besuchte; ich ging in den ersten Salons frei aus und ein; ich erschien an allen Punkten der Stadt öffentlich und zwar ein volles Jahr hindurch... und bei dem Assen ryqr ich die ganze »«AHMMMWÄSLWW^ — 65— Zeit hindurch für Euer Wohl und das Gedeihen unseres Bundes thätiger, als Einer unter Euch... Der Vorsteher da, Herr Bunder, mag Euch dies bestätigen... Und nun frage ich: wer von Euch darf sich mit meinem Verdienste messen?— wer täuschte die Welt und die Polizei so wie ich?— wer erbrach ein Gefängniß wie das meine, und wer geht noch immer mit der Ausführung solcher Pläne um, wie es die meinigen sind, welche nichts Geringeres bezwecken, als unsM — 66— und nun ertheilte er ihnen, Mann für Mann, Separat-Instruktionen, was hier zu wiederholen jedoch zu weitläuftig wäre. Kurz, die Söhne der Höhle verstanden sich dazu, jetzt noch in Wien zu bleiben. Tiefengreif übernahm nun Bunder und Papa Gründling in eine Ecke, um mit ihnen folgendes Gespräch zu führen: „Wie viel beträgt der Inhalt unserer Kasse?" „Ich weiß es nicht auswendig!" antwortete Gründling. „Es müssen über 10,000 Gulden vorhanden sein..." „Zehn Tausend!" ächzte Papa Gründling und fiel beinahe um.„Wohin denken Sie?... 0r» pro nobis 8snetu8 ksrileelsug kombsstris... Zehn Tausend!— So viel haben wir nie besessen!" „Ich kenne unsere Einnahmen, ich kenne die Verwendung, ich kenne somit auch das Facit, oder den Rest!" bemerkte Tiefengreif und firirte den Papa scharf. „Sie kennen nichts!" sagte dieser.„O, heürger Nabuchodonosor!— Zehn Tausend!— Da müßte ja früher die Welt untergegangen sein, bevor wir soviel erspart hätten... Wer weiß so gut, wie ich, was wir ausgegeben haben? Ich allein führe die Kasse! ich allein bezahle— ich allein rechne... ich allein kann sagen: so und so viel ist vorhanden und nichts weiter." — 67— „Habt Ihr diesem Manne die Kasse allein anvertraut? Habt Ihr keine Kontrole über ihn geführt?" fragte der vornehme Gauner den Vorsteher. „Wir haben unser ganzes Vertrauen in ihn gesetzt und überließen ihm Alles." „Und das Ende hiervon ist, daß wir jetzt arm sind, nichts besitzen." „Nein, wir sind nicht arm!" versetzte Gründling. „Wir mögen noch so an dreitausend Gulden haoen bei den Propheten Kain und Abcl, nebst-andern zehntausend Patriarchen!" „Nehmt mir diesen Menschen unter Euern Gewahrsam!" sagte Tiefengreif leise zu Wunder, und das Gespräch war zu Ende. Vk. Das Souper im Casiuo und ein hübsches Finale, Was machte indessen Casimir? Wir wissen, daß seine Geliebte ihn versteckt hatte, als der würdige Papa Gründling mir Wunder gum letzten Male das Haus verließ. Casimir befand sich in diesem Augenblicke mit Lucie allein. Noch immer stand sein Entschluß fest, sich an die Verwandten des Mädchens anzuschließen, nämlich an ihre Herzen, an ihr Unglück, an ihre Noth. Von den Thaten dieser 5* — 68- Menschen wollte er nichts wissen und er war Willens, ihnen, so viel in seinen Kräften stand, eine Ende zu machen. Er hatte bisher gedacht, Noth und Armuth hätten Papa Gründling zu einem Gewerbe getrieben, welches eben so schändlich als gefährlich war; allein bald überzeugte er sich, daß dieser würdige Mann nichts weniger denn arm sei. Nunmehr jedoch sah er ein, daß hier nur noch durch ein verzweifeltes Mittel geholfen werden könne: durch Furcht, durch Schrecken. Gründlings Leben, seine Sicherheit war bedroht: wenn er, Malten, ihn aus diesen Gefahren befreite— vielleicht würde der Alte dann in sich gehen und, einmal gerettet, ein Gewerbe verlassen, das er ja gar nicht mehr nöthig hatte und das ihn die Tage seines Greisenalterö unterm Beil des Henkers verleben ließ. So dachte Castmir. Voll von diesen Hoffnungen und Entwürfen verließ er das Mädchen und begab sich nach Hause, um hier seine eigenen Verhältnisse, so wie die Lage seines Kindes in Augenschein zu nehmen.— Lange schon hatte er sich nicht mehr hiermit befaßt; seine Wohnung, der kleine Wilhelm, waren ihm fast fremd geworden, und als der Knabe ihm jetzt so fröhlich hüpfend entgegenkam und mit kindlicher Zärtlichkeit rief: „Heute, Papa, siehst Du mich nicht mehr so finster an. Was habe ich bisher immer geweint, — 69— da ich glaubte, Du seiest böse auf mich— und ich hatte doch nichts verschuldet!..." Da nahm er den Jungen in seine Arme, drückte ihn an's Herz, lieb- kosete ihn und bat ihm das Unrecht ab, was er seither an ihm begangen. Casimir war ja so glücklich, so selig.— Doch bald mußte er wieder sein Haus verlassen, um Vorkehrungen zu dem Werke zu treffen, von dessen Gelingen jetzt die Dauer seines Liebesglückes abhing. Der erste Gang brachte ihn zu seinem Bankier. Er will nachsehen, wie seine Kapitalien stehen... Casimir kann trotz seiner Verluste noch immer über ansehnliche Fonds disponircn; er ist entschlossen, sie alle flüssig zu machen und an sich zu ziehen... denn man kann nicht wissen, was geschieht; es ist kein Augenblick zu verlieren. Wie er durch die Stadt geht, um sich nach der Herrengasse zu verfügen, wo sein Bankier wohnt, hört er sich beim Namen rufen und erblickt nun die uns wohlbekannte dicke Ehehälfte des Herrn Nus- berger, also Mutzi Nusberger; dieselbe kommt eben mit einer ganz dürren Magd vom Markte, wo sie Verschiedenes eingekauft hat. „O—" sagte die Edle zu ihm,„ich wußte wohl, daß Sie noch in Wien sind... Mein Mann versicherte mir zwar, Sie befänden sich zur Zeit in Neapel... Sie wissen, er erräth Alles... allein ->rhW -N' ^ 70— ich habe ihm das abdisputirt... ich sprach: Nein, der Herr von Malten können sich unmöglich in Neapel befinden, weil... doch gleichviel, was ich ihm sagte... Genug von dem, er hat sich abermals blamirt, wie gewöhnlich... Allein wohin sührt Sie Ihr Weg?... Was mich betrifft, so komme ich vom Hos*) und habe dort einiges Geflügel eingekauft... fette Dinger... Das wird einen Braten geben!... Wollen Sie vielleicht unser Gast sein...? Sie sind doch gesund? Sehen wohl aus. Ich war zwei Tage krank-- hatte ein Uebel, das ich nicht nennen will ... nun, Sie verstehen schon... hehe!... die Wärmflaschen spielen dabei eine Hauptrolle... Doch jetzt ist der Appetit wieder da... Und wenn wir Wiener nur essen können!... Allein dort sehe ich schon meinen Putzi! Er wartet auf mich— und—" Casimir wollte sich rasch in ein Haus flüchten— die redselige Dame hatte ihn bereits fast taub gemacht— allein, gerade als er in den Thorweg schlüpfen will, fährt ein Wagen heraus— und unser Freund muß nun mit Dame Mutzi weiter gehen.— Zwei Schritte vor der Ecke wird er schon von Herrn Putzi Nusberger angerufen, der dort steht, mit einem kolossalen Regenschirm bewaffnet, auf welchen er sich stützt: „Wie?— Sie sind nicht in Neapel, bester *) Ein Markt. - 71- Herr von Malten? Das ist doch sonderbar!-.och pflege mich sonst nicht zu irren... Aber dicvmal sehe ich schon..." „Daß Du ein Dummkopf bist!" ergänzt die Ehehälfte und ihr Gemahl faßt Casimir ohne Weiteres unterm Arm— doch dieser erwidert:„Entschuldigen Sie— ich habe Geschäfte." „Ach— ich weiß...Das General-Com- mando ist bier in der Nähe... Sie gehen dahin, haben dort Geschäfte, haben Militärdienste genommen... O, Ihre Tapferkeit ist bekannt—" „Nein— ich gehe nicht zum General-Commando, sondern zu meinem Bankier." „Nun— gleichviel; aber früher müssen Sie mit uns... Eine kleine Jausen*) wird Ihnen nicht übel schmecken... Wir haben Krenwürstel zu Hause und echt russischen Kaviar, auch eine Forelle und drei Dutzend Krebse aus Böhmen... Ich weiß ja, Sie essen die Krebse gern." „Ich kann sie nicht ausstehen." „Aber..." „Ich empfehle mich Ihnen, Herr und Madame Nusberger." „Madame...?— Was ist das für ein Wort? Wir nennen uns»Gnädige Frau« und nicht Madame... indeß..." *) Vcspcrbrod. — 72— „Also— gnädige Frau— leben Sie wohl!" „Warten Sie noch ein wenig, warten Sie doch, Herr von Malten. Jetzt errathe ich, wohin Sie gehen. Es ist nicht der Bankier... O, Sie Feiner! Weißt Du, was seine Absicht ist, Mutzi?" „Laß mich zufrieden— Putzi!" „Er— schleicht jenem hübschen Kinde dort in der Rosamantille— dort, siehst Du— nach— und wird sie ohne Zweifel anreden. Ach— ich habe mich geirrt— er weicht ihr aus... steigt in einen Fiaker... Nun, das passirt mir sonst selten— ich irre mich nicht... Ich weiß Alles... ich kenne die Gedanken der Menschen so ziemlich auswendig ... O mich betrügt man nicht... ich weiß jeden Augenblick, was geschehen wird... Ich sehe sogar in die Zukunft... Jetzt zum Beispiel wird sich die Sonne gleich hinter den Wolken verstecken..." Während Putzi die Nase in die Luft steckt, um nach der Sonne zu gucken, fährt ihm ein Bursche mit einem Schubkarren zwischen die Beine... Er schreit— fällt zu Boden— die Kleider seiner dicken Eheliebsten verwickeln sich während seines Falles— sie fällt auf die andere Seite der Straße... und die Magd, ein ungeschickter„Landtrampel," stürzt zwischen Beide... so daß jetzt diese Straße von der Familie Nusberger vollkommen verbarrikadirt und die Passage durch dieselbe aufgehoben ist. „Au! au!— Putzi!" — 73 „Au! au!— Mutzi!—" kreischen Beide, dazwischen läßt die Magd eine Art thierischer Laute hören— die Umstehenden lachen— die Hunde bellen — die Kutscher schelten, daß sie nicht durch können — die Polizeisoldaten mengen sich d'rein... und heben zuerst die dicke Mutzi auf... doch diese hat in ihrem Falle drei Hühner und eine Ente bedeckt, welche setzt ein höllisches Gekrähe und Geschnatter erheben, was von einer Katze, die oben vom Dache des Hauses dem Spektakel zusieht, miauend akkompagnirt wird... Endlich schreien die Polizeisoldaten... die Umstehenden sind wüthend... die Kutscher fluchen. „Nur sachte— nur Geduld," sagt Herr Putzi Nusbcrger.„Man kann sich nicht so leicht erheben, wie Sie glauben, meine Herren." Endlich steht er auf den Beinen: „Mutzi— ist Dir nichts geschehen?" „Und Dir— Putzi?" Die beiden Ehegatten umarmen sich auf's Zärtlichste, die Magd hat sich an die Wand gelehnt, ihr schwindelt noch, indem diese Edle gerade auf ihr Hintcrhauptsloch gefallen war. Jetzt ist die Passage wieder frei und das ehrsame Haus Nusbcrger setzt seinen Weg langsam weiter fort. Noch haben sie jedoch nicht zwanzig Schritte gemacht, so treten sie schon in eine Restauration ein, um sich von dem Schreck zu erholen, um sich zu laben, und Herr Putzi Nusbcrger meint:„Das — 74— wird jetzt schmecken!— Aber früher will ich mir noch meinen Mecrschaumkopf stopfen— es ist der große, mit Silber beschlagene... o, ich weiß, ich habe ihn hier in der Tasche..." Aber wie sperrt Putzi das Maul auf, als er in der Tasche nichts findet.— Das konnte nicht anders kommen! Sein trefflicher Meerschaumkopf ist ihm in der Herrengasse während der Verwirrung gestohlen worden. Durch wen?— Durch unsern würdigen und insonders hochzuverehrenden Herrn Doktor Norbertus aus Leipzig. Wir wissen recht gut, daß Doktor Norbert jetzt bei der Polizei angestellt ist— das hindert jedoch diesen Biedersinnigen keineswegs an der Fortsetzung seines frühern Gewerbes, und er, der immer vielseitig war, der als Literat pumpte— betrog und durchging, hat später als Gauner gestohlen— veruntreut und dabei Lektionen in der Aesthetik gegeben, daher braucht er sich auch jetzt, als Polizeispion, keineswegs auf's Spioniren allein zu beschränken, sondern kann noch nebenbei einige andere Geschäfte machen, wie z. B. das obige. „Das höhere Talent unterscheidet sich vom gewöhnlichen Menschenschläge durch Elastizität, Lebendigkeit,— durch ein bewegliches und mehrseitiges Anschauungsvermögen..." läßt Capitän Marryat -slM ,»>«sM« — 75— einen seiner Helden, der indeß mit dem unsrigen keine Aehnlichkcit hat, sagen. Wohin aber wollte Herr Norbert eigentlich gehen, als er dieses gute Nebengeschäft improvisirte?— Denn dem Herrn Nnsberger allein nachzustellen, verlohnte sich wahrlich nicht der Mühe. Herr Nus- berger war sür Norbertus im ganzen Wesenall ei n Subjekt, das man blos so bei Gelegenheit mitnehmen konnte.— Herr Nusberger war sür Norbertus ungefähr das, was ein Nebelfleck am Firmamente für einen Astronomen ist, der einen Stern sucht: er nimmt ihn eil psssanl mit aus in sein Sehfeld, er zeichnet ihn auch in seine Karte, aber u. s. w.— Sie verstehen mich schon, meine Leser. Wem also stellte der Herr Doktor eigentlich nach?— Das wird leicht zu errathen sein: unserem Freunde, C a sim i r von Malten. Er hatte ihn bereits vor einer Viertelstunde erblickt und nun stellte sich ihm jene Wesenheit vor's innere Angesicht, die er in jenem Traume gesehen, worin uns Allen das höchste Bewußtsein des Unbezweifelt-Wahren, des Einzig-Wahren aufgeht, in den Schleier der Isis zwar eingehüllt, nichtsdestoweniger jedoch von den lächelnden Augen Memnons und dem wegen der Menschheit verzweifelnden Typ hon durchbrochen, bis zur Erkenntniß des Omega. So. Diese Periode können sich die Leser erklären, wie sie wollen. Ich habe sie nicht ohne — 76— Absicht hierher gesetzt. Ich thue dergleichen in jedem meiner Werke. Man soll auch dieses(diesen Roman) ein geistvolles, ein tiefsinniges nennen und dazu gehört in Deutschland, daß man darin wenigstens ein Mal einen mystischen Gallimathias vorbringt.— Zugleich aber paßt diese Periode ganz in den Mund, oder in das Gehirn des großen Doktors aus Leipzig, der, wie wir wissen, eins der größten Lichter in der Gelehrtenrepublik war,— wie er mehrmals von sich behauptet hat, und zwar in den Recensionen, worin er anonym sich selbst gelobhudclt. Norbertus, mit der Pfeife Nusbergers bereichert, ging unserem Freunde Casimir jetzt vorsichtig nach. Hierzu war er beauftragt.— Aber er wäre unserem Freunde auch ohnedies nachgegangen, denn hier war noch Etwas zu holen: Norbert hatte des Dukatens und der 100 Gulden nicht vergessen. Wie freut er sich nun, als er Malten zu einem Bankier eintreten sieht:„Da gibt es Geld— und mit einiger Fingergelenkigkeit...— Was den Polizeidirektor, meinen Prinzipal, betrifft, so mag diesen guten Mann der Henker holen!... Ich denke immer zuerst an mich... ich bin mir der nächste Prinzipal..." Er lachte hier, wie man zu sagen pflegt, in den Bart und stellte sich draußen hinter einem Thorflügel auf, um das Erscheinen Casimirs abzuwarten. — 77— Dieser kam endlich. Sehr gut bemerkte Doktor Norbertus noch, wie Jener einige Bankpapiere in sein Portefeuille steckte und letzteres in der Brusttasche verbarg. „Ein fataler Platz!" wachte Norbertus bei sich. „Warum hat er das Portefeuille nicht lieber in die Hintere Tasche gesteckt?..." Casimir nahm den Weg nach Hause.— Es ist jedoch bereits Abend geworden und noch hat er nicht zu Mittag gegessen.— An diesem Tage hat er ja so viel erlebt, daß der Geist den Körper beinahe in Vergessenheit brachte... der letztere fühlte fast kein Bedürfniß mehr, da jener zufriedengestellt war. Doch jetzt ging Casimir in einen Gasthof, und zwar noch aus andern Gründen.— Es war das Casino. Dies ist noch immer, und zwar seit ein paar Jahren das erste der Wiener Speisehäuser. Es re- präscntirt die Tafel der ambulanten k-mte creme... und die ambulante kaute creme der Gesellschaft fand sich heute hier auch ein... fremde Lords, Fürsten, Bankiers, reiche Privatpersonen aus allen Ländern ... einige Cavaliere aus der Residenz, die einander eingeladen haben und nicht zu Hause speisen wollen— ein Professor und ein General— ein Diplomat und ein Künstler— eine reizende Gräfin mit ihrem Manne und ein häßliches Stiftsfräulein mit ihrem verkrüppelten Bruder, der aber ein großer — 78— Gutsbesitzer in Ungarn ist— endlich eine ganze englische Familie und eine bürgerliche von der besten Art aus Wien(diese will sich heute einen guten Tag machen und delikate Bissen essenI göttlichen Champagner trinken!):— da habt ihr die Gesesschaft, die sich im Eafino versammelt.— Livreebcdieme empfangen Euch auf der Treppe und im Vorzimmer; Ihr legt Hut und Stock ab,— tretet in die Salons ein, die von Glanz und gutem Geschmack strahlen. An der Decke die schönsten Fresken— an den Wänden die schwersten Tapeten— goldene Leisten— grandiose Spiegel überall— Parquet-Fußböden— Spiegelfenstcr und in denselben die köstlichsten Blumen... kurz, Ihr befindet Euch in einem Paläste. Auf der Tafel(oder wollt Ihr einen einzelnen runden Tisch?) Alles echtes Porzellan und Krystall... statt der immensen Speisekarten, welche in den andern Wiener Gasthäusern aufliegen, findet Zhr hier kleine Cahiers von Velinpapier, in Saffian funden— mit Goldschnitt.- Auf jedem Blatte steht eine andere Sorte von Gerichten und Alles wird in Conventionsmünze berechnet, wohingegen in den übrigen Etablissements die Zahlung nach Wienc. Währung erfolgt. Aufwärter im schwarzen Frack und Evcarpiiw treten Euch entgegen— und Ihr bestellt Euer Diner— Souper.— Alles ercellent, unübertrefflich. Lukullus' Geist — 79— scheint hier zu walten und die Köche zu inspiriren. — Ihr esset, was Euch gefällt— und bezahlt, was dem Wirth gefällt... die geringfügigste Mahlzeit, inclusive Wein— oder gar Champagner, wovon die kleine Bouteille für 7 Gulden Conv. Münze— kostet Euch ein wahres Heidengeld. Aber Ihr habt auch dinirt wie im Olpmp und Champagner aus dem Keller des Fürsten von Mctternich getrunken. Hier also ist nun auch Casimir eingetreten. Erhofft da am wenigsten beobachtet zu werden, weil zumeist Fremde sich hier cinfinden; überdies will er bei einigen von ihnen Erkundigungen einziehen. Und was man kaum glauben wird:— Doktor Norbertus ist hinter ihm eingetreten.— Sein dummes Auge, das in Leipzig sich höchstens zu den Herrlichkeiten des Hotels de Pologne oder Noacks, des Bierwirths, hinaufgeschwungen, ist jetzt geblendet, verblüfft... aber unser Leipziger Genie ist nicht der Mann, den irgend Etwas lange in Verlegenheit setzt, und ohne Weiteres nimmt er nun seinen Platz gegenüber von Casimir. Dieser entdeckt ihn nicht sogleich— er mustert noch die übrigen Gäste und es freut ihn, als einige von ihnen an seinen Tisch kommen. Mit diesen kann er ein Gespräch anknüpfen... Plötzlich gewahrt er Norbert, der ihm ein tiefes Kompliment macht und dieses so stark wieder- 80 holt, daß seine Nase an den Porzellan-Teller stößt, den er herabwirft und in hundert Stücke zerschlägt. Der Anfwärter hebt ihn kaltblütig aus und schiebt dem Doktor einen neuen vor— denn einem Manne, der hier speist, kommt es auf einen Teller mehr oder weniger nicht an... Auch scheint Norbert nicht im Mindesten verlegen, sondern redet Malten ohne Weiteres an: „Ich hatte lange nicht die Ehre, Sie zu sehen... mein bester Herr von Malten. Wie freut es mich nun—" Casimir wird verlegen, denn das Aeußere Norberts bezeichnet ihn eben nicht als Gentleman... indeß antwortet er, wie es seine Art ist, höflich: „Mich nahmen verschiedene Angelegenheiten in Anspruch... und ich verließ nur selten mein Haus..." „Ich weiß, ich weiß... Kellner: eine Suppe!" „Was für eine befehlen der gnädige Herr— Bouillon— Krebssuppe— Sago— italienische Suppe?..." Der Doktor, der in seinem Leben noch keine Speisekarte von der Art, wie sie hier eristiren, in Händen gehabt— und in die vorliegenden noch keinen Blick geworfen hat(er hielt die Hefte für Zeitungsbroschüren), glaubt sich ein besonderes Ansehen zu geben, indem er entgegnet: „Bringen Sie mir eine schwedische Suppe." „Was ist das für eine? Die haben wir nicht!..." 81 „Also eine— mexikanische!" Der Aufwärter fängt an zu lachen:„Auch diese ist nicht da!" „Eine— portugiesische— eine— eine— aber was haben Sie denn eigentlich für Suppen?—... man sieht ja keinen Speisezettel!" „Hier sind blos Eahiers" und der Aufwärter öffnet eins von den Heften... Die dummen Augen stieren hinein... das dumme Gesicht des Doktors wird noch dümmer— so recht zum Malen...„Ah— das sind Ihre Zettel!... Nun gut, bringen Sie mir diese Suppe da!" „Und sodann?..." „Und sodann— Limburgcr Käse!" „Nach der Suppe?" „Gewiß... oder meinetwegen Sauerkraut mit Klößen!" Der Aufwärter lacht laut auf und die andern Gäste auch; Norbertus aber beißt sich auf die Lippe und murmelt:„Es scheint, daß ich da eine Betise begangen habe... und doch habe ich so lange in den Leipziger Bierkellern und auch hier in Lerchenfeld*) dinirt..." Aber der Aufwärter thut, wie ihm geheißen wurde und bringt dem Doktor Limburger Käse nebst *) Die communste Vorstadt Wiens. Geheimnisse, II. 6 - 82- Sauerkraut.„Die Klöße haben wir nicht/" sagt er und Norbert erwidert: „Thut nichts!" Und er legt den Limburgcr Käse auf's Sauerkraut und genießt Beides zusammen— was sämmtliche Aufwärter, die ihm dabei zusehen, zu dem stillen Ausrufe veranlaßt: „Guten Appetit!" Prosit!— sagen auch wir und lassen den Doktor essen, der dabei acht Semmeln verzehrt und jetzt eben die neunte verlangt.— Casimir hat sich inzwischen mit seinem Nachbar in ein Gespräch eingelassen. Dieser ist ein Schweizer und spricht von der Freiheit seines Vaterlandes.— Wir Wissen, was das für eine Sorte von Freiheit ist. Sie hat sich noch vor Kurzem an der Jesuitenfrage, dem Vctogesetz, der Ausweisung des Dichters Herwegh, der Genfer Revolution und in der Klostersache bethätigt. Norbertus unterläßt nicht, seine Ohren zu spitzen, denn da er ein Knecht der heiligen Hermandad ist, so gehört es unter Andern auch zu seinen Pflichten, auf jedes Wort zu horchen, ob es nicht etwa wie »Freiheit-- klingt.— Gleichwohl-thut er dabei so, als sei er einzig und allein in den innersten Tiefen seines Limburgerkäs-Sauerkrauts versunken. „In wie viel Tagen gelangt man von hier nach Zürich?" Ä-MWM>«L«>'.M«^MUNWHLMM — 83— „Welchen Weg halten Sie für den zweckmäßigsten?" „Hierbei ist der Unterschied nicht groß; der südliche durch Tyrol hat keine Annehmlichkeiten, der nördliche durch Deutschland(man versteht darunter in Oesterreich stets die außerösterreichischen Bundesländer) ist besser bestellt." „Tausendüappermcnt!" murmelt Norbert,„da mache ich eine gute Entdeckung!... Dieser Malten erkundigt sich nach den Wegen in die Schweiz... Er will also durchgehen!... Doch gleichviel! Lauschen wir weiter... und thun wir immer so, als hörten wir nichts." Und Herr Norbert strengt jetzt seine Ohren ungeheuer an— wir wollten sagen: seine ungeheuren Ohren— aber Cast'mir hat die Zudringlichkeit dieses Menschen satt und ersucht den Schweizer, mit ihm zu einem andern Tische zu gehen, was auch geschieht und worauf der noble Doktor ganz allein sitzen bleibt bei seinem Limburger Käse und Sauerkraut. „Schwerenoth!" murmelt er—„er ist fort. Wer wird jetzt meine Zeche bezahlen? denn ich hätte ihn zuerst ausgehorcht und dann angepumpt." Dabei schüttelt der Biedere dermaßen das Haupt, daß die Aufwärter herbeispringen: „Befehlen Euer Gnaden noch Etwas." „Keineswegs— keineswegs— oder meinetwegen — noch eine Bouteille von diesem Wein." 6* — 84— Er will sich Courage antrinken, da er dann hofft, leichter durchzukommen. Der Biedere hat nämlich, wie gewöhnlich, keinen Kreuzer in der Tasche. Er trinkt ein Glas ums andere. Plötzlich fühlt er nicht nur den Muth, Casimir um die Zahlung seiner Zeche anzugehen, sondern auch nebenbei noch ein paar Gäste zu bemausen. Zuerst jedoch will er sich mit der Zeche sicher stellen und tritt daher zu Malten hin: „Mein Herr von Malten— guten Abend." Er erhält keine Antwort. „Guten Abend— mein hochgeschätzter Herr von Malten." Abermals keine Antwort. Unser Freund hat ihm den Rücken zugedreht und unterhält sich mit dem Fremden. „Aber, mein verehrtester Herr von Malten— ich habe Ihnen schon mehrere Male..." In diesem Augenblicke winkt Casimir einem Aufwärter und sagt zu diesem:„Schaffen Sie mir den Menschen vom Halse!" Dies geschah in demselben Momente, da Doktor- Norbert eben nach einer Serviette langen wollte, um sie sammt dem daraufliegcnden silbernen Löffel einzustecken. Der Aufwärter aber hat es bemerkt— er hat Norberts Arm plötzlich wie in einem Fuchseisen gefangen, indem er denselben zwischen zwei Stühlen einzwängte...„Ein Dieb! ein Dieb!" ruft er halblaut seinen Kameraden zu, und sogleich eilen diese herbei und transportircn den Doktor hinaus, denn hier im Salon darf eine solche Scene nicht weiter gespielt werden.— „Aber, meine Herren, ich betheure Ihnen mit lilienreinem Herzen..." „Aber, mein Freund, Er ist ein Dieb und wird auf die Wachstube geschafft werden!" „Um Gotteswillen! nur das nicht.. Schonen Sie meines Lebens, meiner Ehre, meiner Familie; ich bin Vater und Gatte..." „Gleichviel— nur fort mit ihm!" „Gnade! Gnade!..." „Aber früher soll er bezahlen!" sagt Einer. „Ich habe keinen Pfennig in der Tasche..." jammert Norbert. „Also so! Betrüger!— Dieb!... Zur Polizeidirektion mit ihm!" Norbert fällt auf die Knie:„Um Gotteswillen... haben Sie Erbarmen! Thun Sie mit mir, was Sie wollen... Prügeln Sie mich durch!... Wissen Sie was? Für jeden Groschen, den ich hier verzehrt habe, will ich fünf Stockprügel aushalten... Heißt das nicht brüderlich gehandelt?— Nur nicht auf die Polizei, meine Herren... Prügel, ja!... aber nur nicht auf die Polizei!" „Der Kerl muß die Polizei besonders fürchten. 86 Eben deshalb wollen wir ihn dahin schicken... Wer weiß, was er sonst noch angestellt hat." „Was sollte ich angestellt haben? Weh' mir!— Ich bin rein, wie eine Jungfrau... fromm, wie ein Lämmlcin... Ich bin ein Gelehrter, ein Dichter im Fache der Ritter- und Geistergeschichten... das ist's! Meine Ehre leidet durch die Polizei... deshalb... Oder, wissen Sie was?— wenn Ihnen das Prügeln allein nicht genügt,—" hier lächelte Norbertus sogar:„ich habe eine Frau— die hat einen Shawl..." Augenblicklich verstummen die Drohungen und der Leipziger Ehemann beginnt nun einen Vertrag mit den Aufwärtcrn zu schließen... worunter jedoch Einer meint: „Für das Durchprügeln wäre ich lieber gewesen!" „O!" versetzt Norbertus,„Sie werden sich mit dem Shawl Lukrezia's, meiner lieben Frau, gewiß... hehe! hehe!— Und vielleicht auch... hehe!... hehe! ... hehe!" Was meint der Brave? VII. Lasimir. Lucie. Wilhelm. Der nächtliche Raub. Casimir verläßt ziemlich spät das Easino. Er hat sich über Alles instruirt, was bei einer Reise nach der Schweiz zu wissen von Wichtigkeit ist. Er 87— ist wirklich entschlossen, diese Reise sowohl in seinem Interesse, wie vorzüglich in jenem seiner geliebten Lucie zu machen. Er hofft diese, sowie ihren Vater zu bewegen, ihm zu folgen; denn was könnte dem Letztem erwünschter sein, als sich aus den trüben Verhältnissen, worin er lebt, herauszureißen?... Ueberdies ist er geldgierig und Malten besitzt noch ein schönes Vermögen. Diese Gedanken beschäftigen unsern Freund beim Nachhausegehen, und er ist entschlossen, sie gleich des andern Tags in Ausführung zu bringen. Er findet Wilhelm im Zimmer, der ihm erzählt, daß sich heute wieder mehrere verdächtige Leute vor den Fenstern hätten sehen lassen;„sie schielten herauf nach mir," fuhr Wilhelm fort,„aber ich habe ihnen mit der Faust gedroht, denn ich fürchte mich nicht vor ihnen." Casimir fragte seinen Diener Friedrich, was hieran Wahres sei:„Ich habe Dir aufgetragen, genau Acht zu geben, Wache zu halten und jede mögliche Vorsicht anzuwenden..." „Das Alles ist geschehen, gnädiger Herr. Schon vor einigen Tagen zeigte sich Gesindel, das hier um's Haus herum schlich; allein ich habe meinen Bruder und seinen Schwager— ehrliche Kerle, auf die ich mich verlassen kann— an die zwei Haupteingänge des Hauses postirt;— kls die Spitzbuben das bemerkten, zogen sie unverrichteter Dinge ab..." „Sind Deine zwei Verwandten noch im Hause?" — 88- „Sie befinden sich unten in einer Stube und sind jeden Augenblick bereit, zu erscheinen." „Sie mögen diese Nacht wohl auf ihrer Huth sein. Jeder soll auf dem Platze schlafen, den Du ihm bei Tage angewiesen. Ich werde sie dafür zu belohnen wissen." Auf diese Weise stellte sich Casimir für die nächste Nacht sicher. Aber er konnte während ihrer ganzen Dauer kein Auge zuschließen. Das unentwirrbare Geheimniß, welches seinen Schützling betraf, beschäftigte ihn abwechselnd mit seinen eigenen Angelegenheiten. Bald behauptete jenes, bald wieder diese das Ueberge- wicht. Es schien gänzlich unmöglich, in das Labyrinth einzudringen, das sich um Wilhelm zog, und in seiner jetzigen Lage konnte Casimir nicht einmal die Behörden um Rath fragen. Auffallend war es ihm unter Anderm auch, daß seine Verhöre auf der Oberdirektion so plötzlich aufgehört hatten und nicht mehr angeknüpft worden waren. Fast schien es ihm, als vernachlässige die Behörde diese ganze Angelegenheit; das war gewiß nicht recht, aber es kam ihm jetzt sehr gelegen. Den andern Tag blieb er zu Hause, um Alles anzuordnen, was zur baldigen Abreise nothwendig war; Abends begab er sich zu Lucie. Er nahm seinen Schützling mit und nur Friedrich allein blieb zurück. L--MWM SMS» — 89— Es war schon dunkel, als er draußen in Thury anlangte. Dennoch fand er seine Geliebte noch bereit, ihn zu empfangen. Ihre Mutter war krank, der Vater wieder nicht zu Hause.— „Wahrscheinlich," lächelte Lucie,„ist er einem Schuldner nachgereist und wird bald tobend und wüthend nach Hause kommen." Sie wußte in der That selbst nicht, wo er sich befand... denn seit einigen Tagen that der Alte sehr geheimnißvoll und vertraute Niemand Etwas von seinem Vorhaben. „Ich komme," begann Casimir,„mit Dir ein entscheidendes Wort zu sprechen, meine Freundin." Sie hörte aufmerksam zu; jedoch gcnirt, wie es schien, durch die Gegenwart des Knaben, wagte sie weder denselben anzublicken, noch zu ihm zu sprechen... Wilhelm hingegen trat dreist vor, stellte sich mit auf dem Rücken gefalteten Händen vor sie hin und sagte: „Ei— ich glaube, Dich schon ein Mal gesehen zu haben." Easimir horchte verwundert auf:„Wo?— Wo?" fragte er den Knaben. Doch nein!" versetzte dieser—„ich irre mich... ich habe Dich nur im Traume gesehen, liebe Frau!" Lucie hatte den Kopf gesenkt, ihr Gesicht zersprang fast, so schoß ihr das Blut in die Höhe. — so- Doch jetzt ergriff der Knabe ihre Hand, die er küßte, dann nahm er auch Casimirs Hand, der gerührt ihm nachgab, und legte sie, durch einen wunderbaren Instinkt geleitet, in jene, worauf er zurücktrat, rufend: „Ach— wie schön ist das!" Casimir nahm das Kind auf seine Arme, Herzte und küßte es, ließ es sodann auf seinen Schooß herab und fuhr mit Lucie in seiner Unterredung fort: „Ihr Alle werdet mir nach der Schweiz folgen— bald— in den nächsten Tagen— vielleicht schon morgen... Ich glaube nicht, daß Dein Vater Etwas dagegen einwenden wird. Noch ist es für ihn Zeit, diese Stadt zu verlassen, später würde es unmöglich sein, denn gewiß ist auch er bei der Polizei de- nuncirt." Lucie schüttelte das Haupt:„Er wird Dir nicht folgen... Er wird diesen Rath nicht annehmen... Ich kenne ihn zu gut... Er weicht von seinem Platze nicht eher, als— „Als?" „— Bis auch die Andern es thun... und auch dann wird er sich nur schwer von hier trennen." „Und dennoch wird er's früher oder später thun müssen... oder aber er verfällt dem Gesetz." Lucie schauderte zusammen:„Nicht diese Worte! — Ich lebe seit vielen Tagen in Angst und Schrecken. So oft er ausgeht, fürchte ich, er werde nicht wie- der zurückkehren... Und doch ist er so unbeugsam, so hart. Glaube mir, mein Freund, ich habe mit ihm schon von dem Allen gesprochen, ich selbst that den Vorschlag, so schnell als möglich zu entfliehen. Aber er kreischte mir zornig entgegen:»Und meine Geschäfte?«" Lucie sah düster vor sich hin.„Vertrau' mir!" nahm Malten das Wort.„Wir dürfen den Muth nicht sinken lassen... Vielleicht gelingt meinen Worten, was den Deinen nicht gelang... O ich will ihm Alles so klar darstellen... ich will ihm die Gefahren schildern... meine Aufopferung... meine Liebe zu Dir... Alles, Alles, und er wird nicht unempfindlich sein für so viele treue Anhänglichkeit. — Ich gebe ja Alles für Euch hin— meine Ehre und meinen Namen— meine Lebenskraft und mein Vermögen... warum sollte er mir das Wenige nicht gewähren, das ja zu seinem eigenen Besten ist?" so rief Casimir in edlem Eifer. „St!" bedeutete das Mädchen...„Ich glaube Schritte vernommen zu haben! Verhalten wir uns ruhig..." „Nein— es ist nichts... bemerkte sie nach einer Pause... Auch kann ja Niemand herein. Der Vater ist nicht da— und ich habe die Thüre abgeschlossen...— Doch nun geh! verlasse dieses Haus ... Weile nicht länger hier... O thue es mir zu Lieb'!" 92 „Aber— Lucie— mein Leben!— soll ich so von Dir gehen?— Und weshalb bin ich denn gekommen?— Ohne alle Hoffnung, ohne die mindeste Gewißheit, daß ich Euch befreien werde?— Wie, um Himmelswillen! sollen wir denn vereinigt werden, wenn nicht auf diese Weise?..." „Komm zu anderer Zeit wieder!— Ich will indeß darüber nachdenken! Aber verweile nicht länger an diesem Orte... Ich will Dich aus dem Hause bringen... Es ist draußen finster und man wird uns nicht bemerken... Eile, Cafimir! folge meinen Bitten!" „Nun wohl— so laß uns gehen... Doch morgen komme ich wieder, und so will ich nicht ruhen noch rasten, bis ich Euch zum Abzüge bewogen." Sie traten hinaus... Alles war verschlossen, wie Lucie es gesagt hatte— jetzt befanden sie sich auf der Straße... da schien es Cafimir, als hörte er hinter sich noch ein Mal die Hausthüre öffnen, in demselben Momente flüsterte das Mädchen ihm zu:„Cafimir— Herr des Himmels!... wir sind nicht allein..." „Der Knabe ist bei mir!" versetzte Cafimir, das Kind, welches er auf dem Arme trug und das in festen Schlaf versunken war, an seine Brust drückend. Aber noch bebten die letzten Worte auf seinen Lippen, als drei starke Kerle über ihn und das Mädchen herfielen— sie schienen wie aus der Dunkelheit 93 herausgewachsen, so unsichtbar, so unbemerkt und leise kamen sie heran-— „Hilfe!" schrie Lucie. „Willst Du schweigen, elende Dirne!" erscholl es dumpf, und Casimir konnte weder ihr, noch sich helfen, denn schon lag er geknebelt und wie mit eisernen Klauen festgehalten, am Boden— das Kind aber war ihm entrissen... sein letzter Ruf:„Sie tragen mich weg, Vater!" verhallte in den Lüften. Mit einigen Sätzen waren die Kerle auf und davon— sie verloren sich in derselben Nacht, aus der sie entstiegen waren; Casimir und Lucie aber lagen am Boden. Der Erstere fühlte sich setzt frei und sprang rasch auf. Nachdem er sich vorn Knebel befreit hatte, eilte er dem Mädchen zu Hilfe, die besinnungslos darnie- derlag.— VIII. Die Leibgarde RatanS. Der Pakt zweier Biedermänner. Das Alles hatte sich in kürzerer Zeit begeben, als wir zu dessen Erzählung gebraucht haben. Die Räuber waren, außer Buuder, noch zwei oder drei Glieder aus der Höhle der Genies gewesen. Was Papa Gründling betrifft, so gab dieser dabei nur einen kalten Zuschauer ab. 94 Der Hergang aber war folgender: Papa Gründling war heute keineswegs, wie Lucie glaubte, einem Schuldner nachgejagt, sondern er befand sich während der genannten Zeit im Schooße der Gesellschaft. Man hatte ihn Abends von dort mit Wunder und den Anderen abgesandt, die Rechnungsbüchcr zu holen; denn Papa Gründling war, wie uns bewußt, in Verdacht gerathen, die Kasse nicht nach ganz uneigennützigen Prinzipien verwaltet zu haben. Er begab sich demnach mit seinen Begleitern nach Thun- in seine Wohnung und langte daselbst um dieselbe Stunde an, in welcher wir Casimir und den Knaben hier bei Lucie getroffen haben. Die Gauner traten, wie es ihre Art war, leise in's Haus; vor der Thüre des Mädchens hörten sie Stimmen und sogleich entdeckte man nicht nur Malten, sondern auch den lang ersehnten, lang erkornen Knaben, der bisher so unerreichbar gewesen und den die Abgesandten der Höhle nun, wie sie sahen, aus spielende Weise sich zu eigen machen konnten. Die Disposition ward sofort entworfen und was sonst geschah, wissen wir. Die Bücher ließ man vorläufig in Stich und eilte mit Wilhelm der Höhle zu. Mit einem ungeheuern Jubelruf wurden sie hier empfangen und sogleich nahm Tiefengreis, der - 95 auch zugegen war, seine Ringe, seine Uhr, seine Kostbarkeiten herab, um Alles dieses den Räubern des Kindes zu schenken. „Da!" sagte er,„dieses und noch eine schöne Summe in baarem Gelde sei sür den gemachten Fang Euer Lohn!... Euch ist mehr gelungen, als selbst mir... freilich vcrhalf Euch das Glück dazu... Doch, gleichviel!— Der unschätzbare Knabe ist in unserer Gewalt. Nun, Freunde! laßt uns frischen, doppelten, starren Muth fassen und hohe Freude erfülle unsere Brust. Nun sind wir wieder reich." „Ja!" versetzte Theobald herzutretcnd:„und das ist vorzüglich mein Werk! denn habe nickt ich darauf gedrungen, daß man die Rechnungsbücher des Papa Gründling untersuchen möge? habe nicht ich den Rath hierzu gegeben? Und hätte ich ihn nicht gegeben, so wären sie nicht nach der Wohnung Pa- pachens gegangen, und wären sie nicht nach seiner Wohnung gegangen, so hätten sie nicht den Fang gemacht.— Folglich gebührt, der Logik nach, mir die Ehre und ich habe mich da wieder als Genie bewiesen!" „Still doch— Du Prahlhans!" „Kein Wort ist wahr!—" „Der Kerl lügt wieder, wie ein Perser!— Kein Wort hat er gesagt... Keinen Rath hat er gegeben— als etwa den Rath, daß wir trinken und einige hübsche Damen aus der--Grünen Coterie-- her- — 96— beiholen möchten, wofür er von Tiefengreif zurecht gewiesen wurde." „Was?— Ihr Narren! Ihr Dummköpfe!— Ich hätte nichts Anderes gesagt?... O, Ihr selbst lügt! Ihr seid nicht würdig, daß ich mich mit Euch abgebe... Ein Mann meiner Dualität, ein Eava- licr von meiner Distinktion, der mit Prinzen und Pascha's in Verbindung steht... der erst gestern von der Ritterakademie zu Kropfburg zum correspon- direnden Mitgliede ernannt wurde... der..." „Ruhe!— Zur Ordnung!" rief plötzlich Herr Bunder und sogleich verstummte Theobald mit seinen Nodomontaden. „Herr Tiefengreif, unser hochverehrter Mitbru- der, hat das Wort!" bedeutete der Vorsteher. „Tiefengreif rede!— Tiefcngreif rede!" „Vernehmt mich!— Wir werden ohne Verzug einen Handstreich wagen, der unsere Sache fördern und zum Ziele bringen wird.— Jetzt, da wir im Besitze des Knaben sind, der dort ruhig und still schläft—"(Wilhelm war in.der That vor Erschöpfung umgesunken und lag in tiefem Schlummer auf dem Ruhebett)„jetzt können wir einen kühnen Handstreich unternehmen.— Es gilt vor allen Dingen, unsere Häscher irre zu führen, und die Behörden in ihren Anschlägen auf uns zu verwirren. Zu diesem Ende werde ich Einigen von Euch einen — 97 Auftrag geben, von dem die Uebrigen nichts zu wissen brauchen... Diese Auserwählten seid Ihr da!" Tiefengreif wies hier auf eine Anzahl Subjekte, größtenteils in Jacken und Blousen, welche sogleich ihre Stimme erhoben: „Wir werden Alles thun, was uns befohlen wird! — Wir bedanken uns auch für die uns zugedachte Ehre!" „Es ist eine Ehre!" wiederholte Tiefengreif. „Ich habe Euch auserwählt, weil mir Euer fester, kalter Muth bekannt ist." „Wir Alle haben Muth!" riefen nun auch die Andern. „Gewiß;— allein der Muth ist verschiedener Art, und jenen, den ich hier zu allererst brauche, besitzen diese Männer da allein. Was Euch, Ihr Anderen, betrifft, so zweifelt nicht, daß Eure Courage auch sehr bald auf die Probe gestellt werden wird. Einstweilen jedoch habt Ihr eine andere Obliegenheit und die besteht darin: Euch vollkommen ruhig zu verhalten, wie bisher... keinen Schritt zu thun, keine That, auch nicht die geringste, zu unternehmen, bevor man sie von Euch gefordert hat." „Sehr wohl! Sehr wohl!" „Und nun mögt Ihr sämmtlich nach Hause gehen. Zerstreut Euch in der bekannten Weise... morgen aber"findet Euch zur gehörigen Zeit wieder ein." „Mach und nach verließen die Kameraden den Ort, Gehn,nnisse, II.I 7 98 an welchem nur noch Tiefengreif, Bunder, jene bezeichneten Individuen(ungefähr zwanzig an der Zahl), sodann Wilhelm, welcher noch immer schlief, und der gefangene Hold ermann, der, so schien es, krank und leidend darnieder lag, zurückblicken. — Doch war noch insgeheim eine Person zugegen... Papa Gründling, welcher sich hinter der Thür versteckt hatte und nun leise in denselben Hinterhalt schlüpfte, woraus man früher Holdermann hervorgezogen. Tiefengreif redete die Zwanzig an: „Gebt Acht und merkt genau auf meine Worte: Ihr werdet noch in dieser Nacht, wohlbewaffnet und mit hinlänglicher Baarschaft, welche Euch sogleich ausbezahlt werden soll, versehen, einen Ausfall durch die St. Marrcr- Linie machen... Ihr wißt, daß dieses Thor am stärksten besetzt ist, ,wcil man die Hauptlinie unserer Verbindung, die eben dort liegt, kennt. Einzeln oder zu Zweien werdet Ihr Euch an die Wälle schleichen und sie solcher Art zu ersteigen versuchen, daß Ihr bei diesem Geschäfte bemerkt werdet.— Seid indeß immer auf Eure Sicherheit bedacht. Euch ist bewußt, daß wir draußen auf dem freien Felde ein Versteck haben, in welches selbst der Teufel nicht dringt... Ihr Alle kennt den Eingang zu demselben... dieses Versteck nun muß von Euch in rascher Eile gewonnen werden, so daß Ihr schneller dort seid, als Euch die 99 Häscher folgen können.— Nur Zwei von Euch, Du, Stephan, und Du, Thomas, lassen sich fangen... Für Euch sind weder Schlösser, noch Mauern fest genug, und überdies sind wir zu Eurer Rettung bereit. Bevor vierundzwanzig Stunden vergehen, sollt Ihr aus dem Gefängniß befreit sein. Ich selbst will Euch retten.— Seid Ihr es zufrieden?" „Wir sind's! Wir trotzen jeder Gefahr!" antworteten Stephan und Thomas, zwei Kerle, die aussahen wie Bären. Einer davon war derselbe, der früher an dem mißlungenen Versuche, Wilhelm aus Casimirs Hause zu entführen, Theil genommen und darauf heiler Haut entkommen war, um Tiefengreif die blutige Geschichte zu rapportiren. „Wohl denn!" fuhr Tiefcngrcif jetzt fort:„Euer Auftrag ist hiermit noch nicht zu Ende... Sobald man Euch Zwei erwischt haben wird, wird man mit Euch ein Verhör anstellen und dann..." „Dann— sagen wir Nichts!" „Sachte, sachte. Dann sagt Ihr Folgendes, aber erst nach langem Zögern, und nachdem Ihr Euch so angestellt habt, als hättet Ihr Furcht, gleich Memmen...dann also sagt Ihr:»Alle sind ausgcrissen— die ganze Bande— Tiefengreif und die Uebrigen an der Spitze— haben unter den Ausreißern gesteckt und sind über die Wälle entkommen--... Kurz, Ihr gebt vor— jedoch, wie gesagt, erst nach lan- 7-i- KSW-, MWWW — 100— gern Zaudern: unsere ganze Kompagnie sei auf der Flucht... Mehrere von uns seien bereits Tags zuvor unbemerkt aus der Stadt hinausgeschlichen... Versteht Ihr mich?" „Wort für Wort!" .„Und nun— laßt uns keinen Augenblick länger verweilen, sondern frisch an's Werk!" Alles Nöthige wurde jetzt herbeigeschafft. Waffen befanden sich in der Höhle und Geld gab Wunder aus seiner eigenen Börse her. „In letzterer Zeit," sagte er,„habe ich eine Separat-Kasse angelegt, denn mit Gründling werden wir nicht weit kommen, und das Beste ist, wir fassen ihn je eher je lieber beim Kragen." Papa Gründling, der in seinem Loche Alles mit anhörte, kicherte in's Fäustchen:„Hehehe!— Das wird Dir schwer werden, lieber Mann, beim heiligen Porzellanius!" Die Zwanzig standen nun gerüstet.—„Ihr erwartet mich draußen im Versteck," sagte Tiefengreif zu ihnen.„In der zweiten Nacht werde ich in Eurer Mitte erscheinen, bis dahin müßt Ihr Euch mit dem wenigen Gelde behelfen... In der nächsten Ortschaft könnt Ihr die Einkäufe machen, welche zu Eurer Verpflegung nothwendig sind." „Gut— gut— Alles wird nach Befehl geschehen und nun laßt uns aufbrechen, denn wir brennen — 101— vor Begierde, unseren Spürhunden ein Schnippchen zu schlagen." „So brecht denn auf!— Von dieser Stunde an will ich Euch nicht anders nennen, als die Leibgarde Meister Satans... und unter diesem Namen Euch zu meiner eigenen Leibgarde erheben!— Nun fort!" „Es lebe Meister Satan— und Tiefengrcif! Unsere beiden Herren!" „In einer Person!" Die Leibgarde verlor sich langsam durch die Thür. Als sie fort war, sagte Ticfcngreif zu Bunder: „Sie werden ihren Auftrag vollführen— das weiß ich; die Wirkung wird die beste sein, das weiß ich auch— Alles stimmt zusammen, Alles scheint gut zu gehen und wir dürfen uns der schönsten Hoffnung hingeben.— So lenken wir Beide fast unmerklich die ganze Maschine. Dieser Theil weiß von jenem nichts, jener nichts von diesem.— Die Zwanzig wissen nicht, was mit den klebrigen geschieht— und diese sind eben so ungewiß über das Schicksal der Zwanzig... Ja sie begreifen nicht einmal sich selbst, und der Grund ihrer Thaten wird ihnen erst klar, nachdem sie dieselben bereits vollbracht haben. Doch so muß es sein. Nur auf diese Weise kann eine Gesellschaft regiert werden, sei dies nun eine Gesellschaft von Bürgern oder von Gaunern." Das war die Moral Tiefengreifs. Er hatte es 102 nicht nöthig gehabt, sie aus dem„Prinzipe" des Macchiavelli herauszustudiren. Er hatte in so vielen Ländern gelebt und seine Studien dort empirisch gemacht.— „Wir müssen," bedeutete Bunder, bevor sie fortgingen,„den Schuft von Gründling scharf in's Auge fassen." „Das wollen wir auch. Doch ist er vorläufig noch nicht gefährlich. Unser Vortheil ist zu sehr auch der seinige... Jedoch überwachen Sie mir sein ganzes Haus. Seine Tochter scheint mit jenem Malten im Einverständnis zu sein, und wiewohl dieser Mensch ein unschädlicher Phantast ist, könnte er uns gleichwohl durch Luciens Belehrung..." Die übrigen Worte verhallten. Die Zwei hatten bereits die Höhle verlassen, welche sie hinter sich zuschlössen.— Bunder hatte den schlafenden Knaben mitgenommen.— Nach einer Weile kam Papa Gründling aus seinem Versteck hervor. Zuerst fiel er auf seine Knie und fing an zu beten. In sein Gebet jedoch mischten sich von Zeit zu Zeit unterschiedliche Flüche, als: „Hol' Euch der Henker, Ihr Spitzbuben!— Wartet nur, ich will Euch die Suppe schon versalzen!— Tausend Donnerwetter!" Und sodann begann er wieder leise ein Lied zu singen: 103 „O du heiliger Cephises! Höre auf dein Kind— Fromm ist er und eben Auch im Glauben nicht mehr blind! O du heiliger Kolophonius! Du kennst mich auch so ziemlich; Hab' ich nicht wie ein Engel Stets gelebt— so rühmlich!" Darauf folgten abermals lange Gebete und endlich schloß er mit einem kernigen Fluch, der einem Husaren Ehre gemacht haben würde. „Schläft der Bursche, oder ist er todt...?" sagte er sich, indem er jetzt zu dem gefesselten Polizeiagenten trat. Mit matter Stimme fragte dieser:„Was will man von mir?" „Das wird sich finden.— Sag' Er mir'mal, oder sagen Sie mir'mal, wie steht's denn draußen unter Ihren polizeilichen Kameraden?... Verdient Ihr bei Eurem Geschäfte Geld? Ist was dabei zu machen?— Nun so antwort' Er mir! Hört Er? — Man hat Ihn da angebunden, wie einen gefangenen Hamster... weiß Er, daß ich Ihn befreien kann...?" Diese Worte belebten schnell das hinsinkende Wesen Holdermanns, so daß er sich jetzt langsam erhob und mit großen Augen den Papa anstarrte:—„Sie — konnten mich loslassen?—" — 104 „Allerdings! das heißt— wofern ich will... Bin ich jetzt nicht allein hier?— Besitze ich nicht die Schlüssel zu dieser Höhle?— Ja— und was Seine Ketten betrifft, kann man diese nicht durchfeilen?— Aber Er muß darum noch nicht glauben, daß ich's auch wirklich thun will. Es könnte Alles blos Scherz von mir sein... O, ich bin ein großer Spaßvogel.— vomimis vobiseum!—" Der Gefangene faltete die Hände:„Wenn nur ein Funke Menschlichkeit in Ihnen wohnt—" „So muß er mir nicht kommen. Leute unseres Schlags dürfen einander nichts vormachen.— Ein Spion und ein— hm— ehrlicher Mann müssen frei weg von der Leber zu einander sprechen. Also kurz: was bezahlt Er mir, falls ich ihn befreie?" „Mein ganzes Leben soll eine Kette von Dankbarkeit—" „Pfui!— Alle Donnerwetter!- Was soll mir das!— Hat sich was mit Seiner Dankbarkeit! Die Münze kenne ich nicht. Etwas Reelleres! Hat er Geld?—" „Ich bin ein armer Mann— besitze nichts." „Dann bleibt Er hier angekettet!" „Ich habe blos einen geringen Sold—" „Hör' Er'mal— das glaube ich Ihm nicht. Ich weiß, man bezahlt Euresgleichen sehr gut. Wie würde Er sich sonst in diese Gefahren gewagt haben?" „Die Dienstpflicht!" — 105— „Der Henker auch!— Heiliger Metallikus, verzeih' mir meine Sünden!— Die Dienstpflicht allein verlangt von Keinem, daß er seine Gurgel dran setze/' „Nun ja— ich gestehe— daß—" „Was? Heraus damit! Er hat soeben reden wollen. Er gesteht also, daß Er—" „Man hat mir eine— Prämie—" „Gegeben! Heraus damit!" „Versprochen blos— wenn ich—" „Wenn Er hier in der Höhle mit Erfolg spionirt. Allein— ich weiß, Er hätte sich die Mühe nicht genommen, wenn Er nicht im Voraus eine Abschlagszahlung auf die Prämie erhalten hätte. Also reden wir deutsch! Wrll Er mir zwei Drittheilc seiner Prämie ablassen— natürlich auch Etwas von dem Baaren, was Er schon besitzt— dann löse ich augenblicklich Seine Ketten und versichere Ihm obendrein, daß Er mittelst meines Beistandes noch mehr solcher Prämien verdienen kann.— Denn, mit einem Worte, ich selbst will—" hier verstummte Vater Gründling, mit dem Beinamen»der Biederbe«, und erwartete die Antwort des Agenten. „Gut!" erwiderte dieser—„Sie sollen das Verlangte haben... aber nun machen Sie mich ohne Weiteres frei!" „Soll geschehen! Doch hör' Er: falls Er mir blos Mucken vorgemacht hat, irrt Er sich. Wenn — 106— Er mich nicht sogleich bezahlt, sobald Er frei ist, dann weiß ich ein Mittelchen... O, Er kennt mich noch nicht. 6orpo äi 8an1o Ussliuno!—" Und nun ging der Biederbe ohne Weiteres an die Befreiung des andern Ehrenmannes, was mit Hilfe der nöthigen Instrumente bald geschehen war, worauf der Agent sein Lager verließ und mit Gründling auch die Höhle. Sie gingen sachte hinaus. Bald hörte und sah man nichts mehr von ihnen. IX. Die»Grüne Cdterie« rckrutirt sich. Der Kapuziner und Theobald. „Ich habe mich meine Lebtage sehr wenig um die Befehle irgend eines Menschen bekümmert. Ich bin mir selbst Befehlshaber genug und gehorche nur mir. Ksere l>I«u! Dafür aber bin ich auch der, welcher ich bin; nämlich Theobald, das Genie!— Ueberdies sind meine Freunde von einer Art, wie z. B. Me- hemed Ali..." Wer sprach auf diese Weise?— Man hat es bereits errathen. Es war der Jüngling Theobald Wurmser und er redete sich mit obigen Worten an bei Gelegenheit seines Aufstehens am nächsten Tage, nach der letzten Zusammenkunft mit seinen Kameraden. 107 „Ich muß heute große Toilette machen... denn es gilt!... Ich werde mich von nun an keine Nagelspitze groß um jene anderen Kerle, die sich meine Kameraden nennen, die aber ganz commune Subjecte sind, mehr bekümmern, sondern meine eigenen Wege gehen, wie ich's in früheren Zeiten gethan. Ach, diese Nadel steht mir sehr gut!... Ich habe sie von Antonie... dieses Atlashalstuch ebenfalls— diese Weste dürfte ein wenig greller sein... man liebt jetzt die grellen Farben— es ist Mode, guter Ton... Und was meine Frisur betrifft, so finde ich, daß sie sich bald zu jener Größe herangebildet haben wird, welche man heut zu Tage vom echten Dandy i- verlangt— nämlich man muß damit aussehen, wie ein kleiner Löwe..." Bei diesen Worten stülpte er sich den Hut auf den Kopf, hing seine Lorgnette um den Hals, schraubte sich ein Paar vergoldete Sporen an die Absätze und besprengte sich über und über mit fünf verschiedenen Wässern, so daß er wie ein ganzes Gartenbeet roch;— schließlich salbte er sich seinen Hohenpricsterbart noch mit Rosenöl ein und so verließ er nun das Haus, wenig bekümmert um die t, Instruktion Tiefcngreifs, wornach die edlen Glieder der Höhle sich bei Tage nicht mehr öffentlich zeigen sollten. Theobald ging direkten Weges nach der Wohnung der Gräfin von Grünberg. Hier war heute eine Art conversationeller Matinee und Theobald sollte dabei 108 mitwirken. Ihm jedoch war es weniger um Con- versation, als um andere Dinge zu thun, wie wir bald sehen werden. Bevor er jedoch bei der Gräfin eintrat, begab er sich noch zu An tonte, die, wie wir wissen, ganz in der Nähe wohnte, um diese Dame zu der Matinee abzuholen; denn heute zum ersten Male sollte das Fräulein den Cirkel der alten Jungfrauen besuchen und ihr Geliebter, als welchen wir Theobald längst und zwar mit dem besten Rechte ansehen können, sollte sie hier einführen. Er hatte ihr so lange von diesem Cirkel vorgeschwatzt, welchen, wie er sagte, man mit Recht die»Grüne Versammlung« nenne, da viel jugendlich blühende Geschöpfe daran Theil nähmen, bis sie endlich in sein Begehren willigte. „Sind Sie bereit, meine Theuerste?" sprach er, bei dem Fräulein eintretend. „Ich sitze schon seit länger als einer halben Stunde angezogen. Wie gewöhnlich, kommen Sie zu spät. O, ich wußte es ja längst." „Nun— was denn?— Schon wieder schmollen Sie mit mir— kaum daß ich erscheine. Was denn wußten Sie schon längst, Antonie?" „Daß Sie..." „Heraus mit Ihrem Verdacht! denn ein solcher ist es... Ich ahne das... Reden Sie also!" 109 „Daß Sie mich nicht mehr so lieben, wie— damals—" „Nämlich?" „In der ersten Stunde, als Sie mir Treue schwuren!" „Natürlich!— da baben Sie auch ganz recht. So freilich, wie damals, liebe ich Sie nicht mehr, sondern viel weniger— heftiger, will ich sagen. Nun Sie Verstehen mich schon. Ach, aber was soll das heißen? Werden wir denn auf diese Weise zur Gräfin von Grünberg gehen?— Mit dieser Miene! — O, nicht doch, ich beschwöre Sie, Antonic, ängstigen Sie sich doch nicht umsonst! Quälen Sie sich nicht vergebens!— Wahrhaftig— die Sonne und der Mond sind meine Zeugen, daß ich Sie täglich mehr anbete, täglich mich mehr in meine grundlose Leidenschaft(der Witzbold!) zu Ihnen versenke... und mit einem Worte... ein Wurmser spricht immer die Wahrheit... das ist unser Familienfeier... wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das aus zwei bis drei Briefen, die Thiers an mich geschrieben hat, beweisen, wo er sagt:»die Wahrheit ist ein Fehler in der Diplomatie... es ist hier nur Wahrscheinlichkeit am Platze...«— Nun, so sein sie endlich wieder gut— lachen Sie — und besonders— kommen Sie!" Antonie war versöhnt und bald hat sie sich an 110 den Arm des auserlesenen Jünglings gehängt, um die»Grüne Eoterie-- zu besuchen. Diese befindet sich, als man ankommt, bereits in xleno versammelt und man hat soeben eine ungeheure Theemaschine aufgesetzt, welche dermaßen quirlt, surrt und prasselt, daß man sein eigenes Wort nicht hören kann. Dieses brauchen die Damen auch vorläufig nicht zu hören, denn jetzt haben sie eine andere Obliegenheit, sie schöpfen aus vorstehendem warmen castalischen Quell so viel Begeisterung, daß er bald erschöpft ist. Während dieser Zeit hat man weder Auge noch Ohr für etwas Anderes und Antonie muß warten, bis sich die Begeisterung gelegt hat, worauf erst der Empfang stattfinden wird. Das verbrieft sie jedoch und sie sagt zu Theobald leise: „Ich finde, daß man hier keine Lebensart besitzt. Läßt man fremde Damen so lange stehen? Diese Geschöpfe da baden sich ja förmlich in Thee. Und welche Gesichter!— Sie sind ja fast alle alt und häßlich!— Nur zwei oder drei junge." „Das macht der Theedampf, meine Liebe! Es kommt Ihnen jetzt nur so vor.— Später werden Sie sehen, daß es hier sehr viele hübsche Lärvchen gibt." Endlich will Theobald seine Liebenswürdige vorstellen; aber in diesem Augenblicke beginnt wieder ein neues Manöver, nämlich mit Tabaksdosen, die so- 111 eben hervorgezogen worden sind und nun ein endloses Klappern entwickeln. Darauf fängt das Niesen an und»Prosit! Zur Gesundheit! Zur Genesung!-- wird hundert Mal wiederholt; denn hier respektirt man in dieser Hinsicht noch die guten alten Sitten. Erst nachdem Alles das zu Ende ist, kann Thco- bald an's Werk schreiten.— Dafür aber empfängt man seine Dame auch mit einer Freundlichkeit, die diese in Entzücken versetzt. Alles drängt sich um sie; man setzt ihr drei Stühle statt eines hin— man nöthigt sie zum Thee— man bietet ihr Schnupftabak an und als sie diesen aus- schlägt, fragt man sie, ob sie vielleicht Cigarren vorzöge. Ganz erstaunt bemerkt sie, wie in diesem Augenblicke zwei Damen aus der Gesellschaft wirklich zu rauchen anfangen, die Eine eine Cigarre, die Andere aus einer langen persischen Pfeife, und als sie nun ihren Jüngling fragend anblickt, sagt dieser ihr in's Ohr:„Die zwei Damen haben Zahnschmerz. Das Rauchen ist ein treffliches Mittel dagegen." Aber noch mehr frappiren sie die Gespräche, welche hier gepflogen werden. „Hat Jemand den Artikel in den Zeitungen gelesen, welcher von der Emanzipation der Amerikanerinnen handelt?" — 112 „Nein, nein... doch was ist der Inhalt dieses Artikels?" ruft Alles. „Herr von Wurmscr hat mir davon erzählt. Er wird so gütig sein, es Ihnen zu wiederholen." „Ja," spricht Thcobald mit einiger Verlegenheit, die jedoch sofort seiner angeborenen Frechheit weicht, „es handelt sich um eine Gesellschaft von Damen in Philadelphia— Sie haben unter sich die Ehe aufgehoben, das heißt, unter sich haben sie blos den Beschluß hierzu gefaßt, sie wollen in männlichen Kleidern einhergehen, Würfel spielen, Tabak rauchen." „Gerade wie wir!" antworteten die zwei rauchenden Damen. „Sie wollen das Stricken, Nähen, Kochen u- dgl. abschaffen." „Gerade wie wir." „Die innere Wirthschaft des Hauses den Dienstboten überlassen." „Gerade wie wir!" „Und kurz— gleiche Rechte mit den Männern beanspruchen!" „Gerade wie auch wir!" versetzten die Nauche- rinnen. „Erlauben Sie," erhob sich hier eine Andere aus der Gesellschaft,„erlauben Sie, daß ich Ihnen heute abermals widerspreche... ich habe dies bereits oft gethan... Ich glaube, der Beruf des Weibes ist ein ganz anderer, als jener der Männer... und..." Rasch erwiderte Eine von den Rauchenden:„Jede mag das halten, wie sie will. Ich bin einmal für die Emanzipation— die Befreiung von den Banden— die Freiheit... Und übrigens finde ich in diesem Cirkel mehrere gleichgesinnte Freundinnen." „Ja, ja!" erhoben sich sogleich Etliche;„der Zweck unserer Zusammenkünfte ist im Grunde auch — ein emanzipatorischer, nicht wahr, lieber Wurmser?" „Nein— er ist ein freundschaftlicher... man will sich unterhalten, über Dies und Jenes sprechen ... Thee trinken..." „Ach— Sie meinen also: ein Cirkel von Theeschwestern— ein Kaffeeklatsch..." „Oh— ersparen Sie sich diese Bemerkungen, meine Liebe..." „Beruhigen Sie sich doch, meine Damen!" fiel die Gräfin von Grünberg ein.„Enden wir den Hader und Zank, der sich für uns nicht ziemt. Wir Versammeln uns in diesem Hause seit mehr als dreißig Jahren..." „Oh— so alt bin ich noch nicht einmal!" „Oh— ich komme erst seit zwei Jahren her!" „Dreißig Jahre!— Warum nicht gar!— Das ist ja fast ein halbes Säculum." Und mit einem Male wollen alle diese Damen, von denen nur wenige noch mit»Rosen« verglichen zu werden verdienten, fünfundzwanzig Jahre alt sein. Geheim»!,7e. II. g 114 „Doch— mit einem Worte," fuhr die Präsidentin, Gräfin von Grünberg, fort:„Der Zweck unserer Zusammenkünfte ist ein grenzenlos freier. Hier auf diesem Boden soll Alles gedeihen!— Einem jeglichen Streben ist freie Bahn gelassen, und war auch anfangs diese Gesellschaft blos in der Absicht gestiftet, sich im harmlosen Gespräch bei Thee und Kaffee zu unterhalten, so hindert dieses nicht, daß mit der Zeit die Tendenz derselben eine viel ernstere werde. In der That, der größere Theil dieser Damen ist für'die Grundsätze, welche wir aus dem Munde des edlen Jünglings von Wurmser, so wie mehrerer seiner Freunde, namentlich aber jenes Barons von Düffenkreis— jenes außerordentlichen Mannes, welcher uns blos ein Mal die Ehre seines Besuches gönnte— überkommen haben. Allein, ich sehe, wir sind in diesem Augenblicke noch nicht ernst genug gestimmt, und werden uns daher, wenn Sie erlauben, vorläufig über andere Dinge unterhalten." Antonie hatte ihrem Jüngling bereits mehrmals zugeflüstert:„Ich halte es hier nicht aus!— Das sind widerwärtige Geschöpfe! Wohin haben Sie mich geführt? Welche Grundsätze!" Es war Tiefengreif, der hier jene Namcnsver- ündcrung mit sich vorgenommen. 8* 115 „Beruhigen Sie sich, meine Liebe... das Alles ist blos Schein." „Doch— gehen wir fort... Ich sehne mich schon so sehr nach dem Alleinsein mit Ihnen." „Wird schon noch die Zeit dazu kommen..." sagte er mit einem stillen Seufzer...„Doch setzt— Geduld." „Haben Sie von der Räuberbande gehört, der man hier auf der Spur ist?" begann eine Dame, sich an Tcheobald wendend. Diesem wird grün und blau vor den Augen— doch mit seiner gewöhnlichen Unverschämtheit erwidert er: „Räuberbande? Sie scherzen wohl!" „Nein, nein— in der That." „Davon habe ich noch nichts gehört." „O— es soll eine Rotte von durchtriebenen Bö- sewichtern sein! allein man hat bereits ihre Fährte ausgespürt." „So?— Wirklich?— Nun es geschieht diesen Schelmen ganz recht!" versetzt Theobald, dem es heiß wird, wie in einem Ofen. „Zwei von ihnen sollen sogar schon ergriffen sein... sie sitzen fest... und man hofft, daß sie Alles beichten werden." Theobald fürchtet, daß seine Dreistigkeit ihn bald verlassen werde. Diese Nachrichten sind für ihn keineswegs so erfreulich, wie für die Damen. 116 „Daher auch," sagt eine Andere,„die vielen Raubthaten und Einbrüche, von denen man von Zeit zu Zeit gehört hat... Seit zehn Jahren wurde in Wien nicht so viel gestohlen, wie jetzt. Man ist seiner Nase nicht mehr sicher." Jene, welche die Erzählerin besitzt, wird ihr indeß gewiß Niemand nehmen. Sie ist blau und groß wie eine gepfropfte Pflaume. Theobald versucht es, dem Gespräch eine Wendung zu geben, aber es gelingt ihm nicht; mau unterhält sich fort und fort von den Gaunern, man hat sich, so zu sagen, auf den Schauplatz versetzt, und viele von den ehrenwerthen Mitgliedern dieser --Grünen Coterie« nehmen sogar Parthei für die Bösewichter, indem sie finden, daß in unserer un- romantischen Zeit sehr viel Poesie dazu gehöre, ein Räuber zu sein. Dieses Thema war mehr nach dem Geschmacke Antoniens und zum Verdruß Theobalds nahm auch sie nun an demselben Theil; sie mischte sich in's Gespräch, sie fragte, sie erkundigte sich, und es schien ihr, wie sie sagte,„daß jene Liebe, welche in alten Zeiten so schön erblühte— jene schwärmerische Ritterliebe— jetzt nur allenfalls noch unter den Räubern zu finden sei." Theobald verwünschte die Phantasien seiner Dul- cinea in die Hölle und beinahe sich selbst eben dahin. Jedenfalls schien ihm jetzt die Hölle nicht feuriger zu sein, als der Aufenthalt in diesem Damcnkreise; denn nun fing man gar an, von den einzelnen Individuen, die zur Gaunerbande gehören sollten, zu reden und schilderte unter Anderen zuerst den»Räuberhaupt- mann--. Doch lieferte man ein Bild von ihm, das weder Bunder, noch Tiefengreif, sondern höchstens dem Abällino ähnlich sah, so daß Theobalds Seele nun wieder zur Ruhe kam. Endlich hörten diese Descriptionen auf. Man plauderte von hunderterlei andern Sachen, und zuletzt rüstete man sich zum Aufbruch, indem man An- tonie als neuen Gast noch ein Mal bewillkommte und fic einlud, ihre Besuche recht oft zu wiederholen, sich ganz als ein wirkliches Mitglied der Gesellschaft zu betrachten, und so weiter. Sie versprach es auch und auf dem Wege nach ihrer Wohnung betheuerte sie dem Jünglinge:„daß sie sich köstlich unterhalten habe und diese Damen ganz nach ihrem Geschmacke finde." Theobald blieb einige Zeit bei ihr, dann schützte er wichtige Geschäfte vor und riß sich mit Gewalt los, um rasch zur Gräfin Grünberg hinüberzuschlüpfen. „Habe ich meine Sache gut gemacht?" sagte er zu dieser, die nun allein war. „Vortrefflich!— das Fräulein ist die Unsere! Sie wird den Bund der»Emanzipirten-- vermehren... 118 und hier ist die Belohnung, welche ich Ihnen zugedacht habe." Es war eine sehr schöne Uhr mit Steinen. „Geben Sie her!... das heißt: ich danke, liebe Gräfin! Nie wird dies Andenken aus meinen Händen kommen." Und er empfahl sich, um das Andenken— zum Trödler zu tragen. Aber noch war er damit nicht weit gekommen, als ihm in einem Durchwcge ein alter Kapuziner- Mönch begegnete, der einen gewaltigen grauen Bart trug und seine Kapuze über den Kopf gezogen hatte. „Wohin?" herrschte er ihn an, nachdem er sich zuvor überall umgesehen. Theobald blieb wie angewurzelt auf dem Platze. Er erkannte die Stimme Tiefengreifs. Der Gauner xsr excellenee stand wirklich vor ihm; er war in dieser Verkleidung ganz unkenntlich. „Kennst Du den Befehl nicht?— Keiner von uns soll sich öffentlich zeigen!— Hast Du mein Gebot schon vergessen? Weißt Du nicht, in welcher Gefahr wir schweben?" Theobald erzitterte vor dem Blicke Tiesengreifs; aber jetzt kamen Leute heran; sogleich veränderte Tiefengreif seine Stimme und sprach im Greisentone: „Ja— mein Sohn— Du kommst also noch heute in's Refektorium. Die Vater werden sich freuen, Dich zu sehen." Die Leute waren arglos vorbeigegangen, indem sie den Kapuziner grüßten, der, wieder allein mit Theobald, zu diesem sagte:„Und was hast Du da für eine Uhr?— Diese gehört uns und nicht Dir." „Ich wollte Sie auch an Euch abliefern." Mit saurer Miene händigte er die Uhr aus, worauf Tie- sengreif rasch zu ihm sprach:„Wähle den Weg über die Bettlerstiege, und dann durch die Leimgrube, alte Mieden, rechts, dort bist Du am sichersten; hierauf erscheinst Du in der Höhle, wo wir uns alle versammeln." Sie trennten sich; der Pseudo-Kapuziner trippelte rechts fort und Theobald ging links, indem er, sich nun allein erblickend, ausrief:„Der Teufel soll mich holen, wenn ich in die Höhle gehe! Diese Kerle sind ja wahre Geier! Sie nehmen Einem die wohlverdientesten Sachen ab... Die schonen das Kind im Muttcrleibe nicht. Nein, ich habe diesen gemeinschaftlichen Reichthum bei individueller Armuth satt." X. Rettungswege des Lasters. Ein paar Stunden später war die Höhle der Genies wieder bevölkert. Aber Schrecken und Angst offenbarte sich auf den Gesichtern der Söhne dieser Höhle. Man hatte die Flucht Holdermanns entdeckt, und harrte nun, wie auf brennenden Kohlen, der Ankunft Tiefengreifs und Wunders; denn diese waren noch nicht zugegen. Die Anwesenden standen indeß in Gruppen, in Haufen beisammen, und man vernahm unter ihnen jenes dumpfe Murmeln, welches sich bisweilen in zusammengerotteten Volkshaufen erhebt und von so gefürchtetcr Bedeutung ist. Zu gewissen Zeiten bilden solche düstere, murrende Gruppen die gewöhnlichen Staffagen der Straßen, Märkte, kurz der Plätze, auf denen in Zeiten des Glückes eine frohe und lärmende Menge dahin zog. „Diese halb schweigsamen und halb lärmenden Menschen-Pyramiden, zusammengesetzt aus drei bis fünf Köpfen," sagt ein italienischer Schriftsteller, „sind der Schrecken der Tyrannen, oft aber ihr eigener. Aus der Mitte dieser Pyramiden stiegen stets Feuersäulen auf, welche Städte und goldprunkcnde Gemächer verheerten." Ganz recht; und diese Pyramiden stehen gleichsam beständig da, als Warnungszeichen für böse Gewalten, als Monumente heranbringender Noth. Laßt Euch nicht schrecken durch sie, Ihr Edlen! Sie sind nur gegen den Feind der Menschheit errichtet und stürzen vernichtend über sich selbst zusammen, lebt dieser Feind in ihrer Mitte. Es war wieder Abend, ringsherum Dunkelheit, Wie immer, wenn die biederen Brüder dieser Höhle — 121- zusammentraten, das heißt nämlich, in letzterer Zeit; denn früher, als noch keine Gefahren drohten, war das anders. Damals sah man die Höhle oft schon am frühen Morgen lustig angefüllt. Endlich geht die Thüre auf und die zwei Ersehnten treten ein. Tiefengreif und Wunder, Beide ermattet, setzen sich nieder, und Jener spricht zur Versammlung: „Die Unternehmung der Zwanzig ist gelungen! — Sie haben die Scheinflucht gut bewerkstelligt. Sie sind in Sicherheit, und auch die zwei Teufelskerle, Stephan und Thomas, befinden sich wohl, obgleich im Kerker. Jetzt könnt Ihr das Alles erfahren, jetzt, nachdem es vollbracht ist. Und nunmehr bleibt uns nur noch eine Frage: Sind die Behörden durch unsere Demonstration getäuscht worden?— Noch in dieser Nacht dringe ich in's Gefängniß zu Stephan und Thomas, werde von ihnen Alles erfahren und zugleich diese beiden Wackeren befreien." Ohne Zweifel erwartete jetzt Tiefengreif einen Beifallsruf von der Menge, aber diese blieb still. „Was habt Ihr?— Und wo ist Gründling, Thcobald?" „Es fehlt noch ein Anderer!" trat ein Mann in der Blouse vor:„Wo ist unser Gefangener, der Polizeispion, welcher sich hier befand?" Mit einem Satze war Tiefengrcif an der Stelle, wo nur noch die Ketten des Entflohenen lagen: 122 die Hände über „Entwischt!— dem aber „Entwischt!" schrie er Kopfe zusammenschlagend, durch wessen Beistand?" Es verbreitete sich ein wilder Aufruhr... Murmeln, Fluchen, Klagen, das Alles tönte durch einander und erfüllte die Höhle mit dem Geräusch eines über Felsen hinrollenden Flusses. „Hier ist Geistesgegenwart nothwendig!" rief Tiefengreif, der diese urplötzlich wieder gefaßt hatte und schon mit erhobenem Haupte dastand. „An Geistesgegenwart hat es Dir noch niemals gefehlt!" versetzte Bunder. „Nein, nein!— Doch— laßt mich einen Augenblick nachsinnen, was hier zuerst zu thun sei. Halt! ich hab' es!— Diese Höhle muß sofort verlassen werden." „Aber wohin gehen wir jetzt?" „Gleichviel! das wird sich finden. Zuerst nur fort, fort! die Spürhunde werden uns in wenigen Augenblicken entdeckt haben. Es wundert mich, daß sie noch nicht da sind; die Kommiöbrodritter werden uns umzingeln. Das Erste also ist, ihnen zu entkommen; das Andere ist dann leichter zu bewirken. Rasch! lade Jeder, was er von Waffen und Gerüche tragen kann, auf seine Schultern und dann ohne Verzug— folgt mir!" Gesagt, gethan;— in wenigen Minuten war die Höhle verlassen. Einzeln, lautlos, schleichend, 123 wie die Katzen, zogen Tiefengreifs Kameraden ihm nach, der sie durch Gebüsche, über krumme Wege, durch Schluchten, Abgründe und Gräben führte, bis sie in einem Graben unfern der Donau Halt machten. Hier waren sie ziemlich sicher; hier gebot ihnen Tiefengreif, sich niederzulassen, während er sich mit zwei beherzten Kerlen zurückbegab. Er schlug den Weg nach der Höhle ein, ebenso vorsichtig schleichend, wie er gekommen war. Noch waren sie nicht eben weit, als Tiefengreif stehen blieb, sich mit dem Ohr auf die Erde legte und zu ihnen sprach:„Es ist Jemand in unserer Nähe; laßt mich allein vordringen." Kaum daß er's gesagt hatte, war er auch schon verschwunden.— Nach drei Minuten kehrte er zurück und flüsterte seinen Begleitern mit einer Art teuflischer Freude in's Ohr:„Wißt Ihr, wer es ist?— Hold ermann, der entflohene Spion!— Gerade ihn brauchen wir, und bei meiner Ehre, er muß unser werden! Wenn ich nicht irre, ist er soeben im Begriff, die Polizei nach der Hohle zu führen— zwei Menschen begleiten ihn. Doch laßt mich nochmals horchen, ob ihrer nicht etwa mehr sind."— „Ich glaube nicht!" sagte er nach einer Pause. „Nun— so kommt!" Und sie gingen weiter— das heißt, auf allen Vieren.— Auf einmal hörte man einen dumpfen Fall. Tiefengreif war auf den Spion gestoßen, hatteWn zu Boden geworfen, sich auf ihn gestürzt und verstopfte ihm nun behend den Mund.— Die Begleiter Tiefengreifs thaten desgleichen mit den zwei Andern, deren sie sich zur selben Zeit ebenfalls bemächtigt hatten. Das Alles geschah ohne allen Lärm, blos das Fallen mehrerer Körper erschütterte den Boden. >„Knebelt und bindet sie!" flüsterte Tiefengreif. Es geschah.— Der Widerstand jener Drei war furchtbar, aber die Gauner hatten den Vortheil des Angriffs, die Diener der Gerechtigkeit waren überrascht worden. Bald führte Tiefcngreif seine Gefangenen mit sich fort— er ging nach dem Lager seiner Kameraden zurück.— „Diesmal ist es uns gelungen!" sagte er zu sich.„Es ist ein unschätzbarer Fang!" Aber noch hatte er diese Worte nicht vollendet, als einer von den Spionen den Ruf ausstieß: „Zu Hilfe! Wir sind überfallen!" Er hatte sich auf geschickte Weise seines Knebels entledigt.— Dreißig Stimmen antworteten aus größerer oder geringerer Entfernung seinem Rufe, und schon hörte man von mehreren Seiten Waffengcrassel. „Rettet Euch!" raunte Tiefengreif seinen Be- 125 gleitern zu und versetzte im selben Augenblicke dem Rufer einen Schlag auf den Kopf.„Es ist Holdermann, der Schurke!" sagte er, indem er mit einem Satze entsprang. Im Nu war er bei seinen zwei Begleitern, mit denen er durch das Dickicht kroch, welches sich vor ihnen ausbreitete.— Nachdem sie es passirt hatten, befanden sie sich am Wasser. Nasch zog sie Ticfen- greif hinein. Sie duckten sich bis zum Halse in die Fluth und verbargen den Kopf im Ufcrgebüsche. In kurzer Zeit kamen ihre Verfolger herbei. Einer sagte:„Es schien mir, als sei Etwas in's Wasser gesprungen." „Pah!" erwiderte ein Anderer,„Du träumst wohl. Es ist zwar dunkel, aber der Spiegel der Donau ist sichtbar, und nirgends zeigt sich Etwas auf demselben."— „Holla!" schrie ein Dritter—„ich hörte dort in der Schlucht ein Geräusch!— Feuern wir unsere Gewehre dahin ab!"— Es geschah— worauf sich die Mannschaft dahin begab. „Das ist unser Glück!" flüsterte Tiefcngreif; „hätten sie statt dessen hierher gezielt, so wär's mit uns vorbei!" „Die Esel!" meinte der Eine seiner Begleiter. „Die Nürnberger hängen Keinen, sie hätten ihn denn zuvor!— wie Schiller sagt;" bemerkte der An- 126 dere, der früher einmal dramatischer Künstler gewesen. /,Doch still!— Wir müssen hier noch wenigstens eine halbe Viertelstunde bleiben/" bedeutete Ticfcngrcif. z,Da werden wir ja von den Krebsen aufgefressen." „St! Kein Wort weiter!" Nach einiger Zeit war in der Umgegend Alles ruhig. Jetzt stiegen die Gauner aus dem Wasser und glitten, durchnäßt, auf dem Bauche am Ufer hin.— So erreichten sie endlich ihre Kameraden. „Ich hoffe," meinte Tiefcngreif, nachdem er Wunder Alles erzählt hatte,„daß wenigstens Holdermann in diesem Augenblick ein kalter Mann ist!— Ich habe ihm einen tüchtigen Schlag aufs Haupt versetzt.— Und nun laßt uns unsere letzte Zufluchtsstätte vor der Marx er Linie, wo jetzt die achtzehn Leibgardisten des Satans Hausen, zu gewinnen suchen, bevor es Tag wird." Auch hier langten sie endlich ohne Gefährde an. Aber dieses Asyl war sehr enge für so viele Leute. Sie saßen da aufeinander geschichtet wie Häringe. 127 XI. Neue Aufklärungen und neue Verwickelungen. „Ich muß sie befreien, koste es, was es wolle!" „Aber— in unserer gegenwärtigen Lage ist es nicht gerathen, dieses Versteck zu verlassen— am wenigsten, um solche energische Versuche zu machen. Und wozu wollen Sie Stephan und Thomas befreien? Damit Sie statt ihrer ergriffen werden? — Das wäre ein hübscher Gewinn für uns.— Nein! zwar beklage ich jene zwei trefflichen Männer, die als Opfer ihrer Treue für Sie gefallen sind... dennoch aber..." „Und eben deshalb werde ich sie retten!" antwortete festen Tones Tiefengreif, der dies Gespräch mit Wunder führte.—„Ja," fuhr er fort,„ich will sie retten, und sollt' ich selbst dabei verderben.— Das Vertrauen dieser zwei Menschen zu mir soll nicht auf schnöde Weise vergolten werden.— Sie haben sich auf mein Wort hin gefangen nehmen lassen— auf mein Wort hin muß ich sie befreien. Und nun ohne Zeitverlust an's Werk!"— Mehrere Gauner, die zugehört hatten, brachten Tiefengreif jetzt ein donnerndes»Vivat!-- und wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter den Andern die Kunde von seinem edelmüthigen Entschlüsse. Sie umringten ihn nun Alle, und man sah es an 128 ihren Mienen, daß sie hohe Freude empfanden, einen solchen Chef zu besitzen. „Wir sind nicht verloren," sagte Einer,„so lange Tiefengreif unser Führer ist!" „Führ' uns in den Tod!" riefen Andere,„und wir folgen Dir!" „Sachte, fachte!" erwiderte Tiefengreif, der sich schon ausrüstete zum bevorstehenden Werke und fetzt gepanzert und bewehrt vor sie hintrat:„Verhaltet Euch ruhig, bis ich wieder komme!" bedeutete er ihnen.„Und— ich komme nicht ohne sie!" setzte er hinzu.„Entweder seht Ihr mich mit Stephan und Thomas zurückkehren— oder gar nicht!" Ein dumpfes»Hurrah« war die Antwort. Der Morgen brach eben an, als er dies Asyl verließ. Er schlich sich in die Stadt ein und verharrte hier bis zum Abend. Jetzt begab er sich auf den Weg nach dem Gefängniß. Er hatte die ganze Nacht zur Thätigkeit übrig.— Es sollte dies eine düstere, vielleicht stürmische Nacht werden. Der Regen siel dünn und durchdringend vom Himmel, und dieser war mit einer schwarzen, massenhaften Wolkenschicht überzogen, so daß weder Mond noch Sterne sichtbar waren.— „Halt!" redete sich Tiefengreif an:„Eins darf um des Anderen willen nicht vergessen werden. Vor Allem muß ich zu Gründling gehen, um zu erforschen, wie hier unsere Sachen stehen; der Augen- MÄ« — 129— blick ist günstig; setzt treffe ich den Mann sicher zu Hause, und ist er ein Verräthcr— dann..." Tiefengreif zückte seinen Dolch und schlug rasch einen Seitenweg ein.— Er ging nach der Wohnung des Alten. Längst hatte er ihre Lokalitäten studirt.„Er ist daheim," sagte er, indem er einen Dietrich hervorholte.„An der Art des Abschließens entdecke ich es."— Tie- sengreif ging leise die Treppe hinauf. Auch eine zweite Thüre wußte er zu öffnen und setzt forschte er mit dem Gehör die Lage der Dinge aus.— In einem Zimmer hörte er zwei Stimmen mit einander sprechen:„Es ist Lucie," sagte er,„und— Malten. Längst kenne ich ihre Verbindung: sie lieben sich; doch daran liegt mir setzt wenig. Ha, was sagt das Mädchen soeben? Ich will sie behorchen." „Mein Vater ist noch nicht zu Hause," sprach Lucie,„Du kannst also noch hier verweilen, Casimir; laß uns von unserer Rettung sprechen, denn die Zeit drängt." „Ja," versetzte Casimir, der, wie Tiefengreif durch eine Ritze bemerken konnte, das Mädchen umschlungen hielt,„sa, meine Geliebte, laß uns darüber sprechen. Trotz dem Schmerz, der meine Brust erfüllt, muß ich setzt nur auf Dich und mich bedacht sein. Unsere Liebe ist ein heiliges Gut. Ach, senes andere scheint für mich auf ewig verloren." Geheimnisse, n. n Casimir war gerührt, und weich fuhr er fort: „Ich liebte ihn so sehr, den Knaben; er war so gut, so kindlich, so voll Geist, dieser kleine Wilhelm. Ich dachte ihn zu einem rechten Manne zu erziehen; .— die arme Waise hoffte ich dereinst in die Welt hinauszustellen, als wäre sie mein eigen Kind, und es sollte ihr besser ergehen, als mir.— Denn was die Natur mir versagte, das hat sie diesem Kinde im Uebermaße gewährt: ein freundliches Aeußere!— O mein guter Knabe, wo bist Du jetzt?" Die Stimme Casimirs zitterte hier!und dieser Mann vergoß Thränen über den Verlust eines Wesens, das ihm fremd war.— Es fehlte wenig, so hätte auch— Tiefengreif in seinem Hinterhalte geweint.— Wie kam das?— „Und obgleich," redete nach einer Pause Lucie, „obgleich ich Dir gesagt habe, daß Wilhelm der Adoptiv-Sohn einer Gaunerbande sei, betrübt Dich dennoch sein Verlust!— Was bist Du für ein gutes Herz!— O mein Casimir, wie liebe ich Dich!" „Ja— Du sagtest mir: Wilhelm sei das erwählte Kind jener Rotte Bösewichter, zu denen leider auch Dein Vater gehört, ja, Du entdecktest mir, welche Bewandtniß es mit dem Knaben habe, Wilhelm sei bestimmt, dereinst die Stütze dieser Bande zu werden. Man habe ihn gefunden oder geraubt — gleichviel;— und als man in ihm ein Kind von ungewöhnlichen Anlagen entdeckte, sei man auf den — 131— Gedanken gekommen, ihn groß zu ziehen, um ihn später in dem schändlichen Handwerk zu unterrichten, so wie man schon mehrere Kinder darin unterrichtet hat, die ebenfalls gesunden oder geraubt worden waren. Allein, Lucie, trotz alledem liebe ich Wilhelm noch so wie früher, sehne mich nach seinem Wiederbcfitz nur um so heftiger;— denn was kann die;es arme Kind dafür, daß man es zum Bösen bestimmt hat? Ach, eben darum ist es sa ein um so unglücklicheres Kind!" „Er mag Recht haben!—" seufzte Tiefengreif, dem kein Wort hiervon entging;„allein— den Knaben soll er nimmermehr bekommen; dafür ist ae- sorgt." „Du erzähltest mir, glaub' ich, Wilhelm sei einst in Eurem Hause gewesen?" „Allerdings, mein Freund, und zwar bevor Du ihn zu Dir genommen; er befand sich in der Obhut meines harten Vaters, der uns Frauen niemals gestatten wollte, mit ihm umzugehen; er behielt ihn immer bei sich auf seinem Zimmer; dort mißhandelte er ihn oft so grausam, daß der Knabe endlich seinem Peiniger entfloh, auf die Straße lief, worauf Du ihn unter den Hufen des Pferdes gerettet hast." „Sonderbar und traurig genug, was Du mir da sagst!— Allein, weißt Du denn gar nichts von dem Herkommen des Knaben?" „Nichts— gar nichts. Einer von den Käme- »».«L.«kWrM?KLMM>'"'''«MM'-.ELLIKI — 132- raden meines Vaters hatte, so hieß es wenigstens, ihn, Gott weiß von wo? hieher nach Wien und zwar zuerst zu Tiefengreif gebracht. Wilhelm konnte sich dessen jedoch nicht mehr erinnern; was ich hierüber aus ihm herausgebracht, war wenig, und nur flüchtig habe ich ihn gesprochen. Eins indeß hat Wilhelm nicht vergessen: er besaß einst einen guten Vater und eine gute Mutter, auch eine Schwester, bevor er hierher kam. Ueber sein ganzes Schicksal waltet ein tiefes Geheimniß;— denn an jenem Vorgeben, daß er gefunden sei und nach den Absichten der Bande erzogen werden sollte, ist gewiß kein wahres Wort."— „Um so mehr beklage ich ihn!— Gott weiß, wessen Kind er ist! Gewiß ist er indeß von gutem Blute, von edlem, achtbarem Blute; denn in ihm wohnt so viel Trieb zur Tugend und so viel Rcchtö- sinn, daß ich vermuthe, er würde nur ein sehr schlechter Gauner geworden sein. Gewiß, er kann nur von guten Menschen abstammen." Tiefengreif fühlte sich bei den letzten Worten Maltens im Innersten erschüttert, er war keines Wortes mächtig, in seiner Brust stürmten entfesselte Gefühle heftig auf und nieder, und er mußte sich zusammennehmen, sonst hätte er sich vielleicht durch Seufzen, durch Stöhnen verrathen. „O— könnt' ich doch zu Dir, braver Malten! könnt' ich Dir doch dafür danken, was Du soeben — 133— gesprochen!— Ja, er ist guter Eltern Sohn, dieser Knabe. Guter?— Hahaha!— Ein Mensch, der gut war, sollte der jemals schlecht werden können?" So redete Tiefengreif mit sich. Mittlerweile hatte das Gespräch der Liebenden eine andere Richtung genommen. „Es war meine Absicht," sprach Casimir,„Euch all' meine Habe anzuvertrauen, Deinem Vater bedeutende Summen zu versprechen, damit er uns folgen mochte— weit weg von hier. Die Geldgier, weiß ich, hätte ihre Wirkung bei ihm nicht verfehlt, und so würde ich Dich endlich errungen— besessen haben als mein eigen Weib.— Doch— jetzt besitze ich Dich ja um den einfachen Preis meines Herzens! Du gehst mit mir, ohne daß ich es von dem habsüchtigen Greise mit Geld zu erkaufen brauchte." „Gewiß, Casimir, ich folge Dir, und so rasch, als Du es verlangst. Nur Dir gehöre ich von nun an! Nur mit Dir habe ich zu schaffen. Mein Vater- ist für mich verloren. Seine letzte That erstickte in mir den letzten Funken kindlichen Gefühls.— Ich verabscheue ihn!—" „Verräther an Allem!— O wie schändlich!—" rief Malten.„Verräther am Kinde— am Weibe— an sich— an allem Rechte— am Gesetze der Menschheit— und nun gar an seinen eigenen Helfershelfern! O, ist es möglich, daß ein so holdes, ein so — 134— gutes Kind, wie Du, die Tochter eines so großen Schurken sein kann?!" Sie schwiegen einen Augenblick; dann bedeutete Malten:„Doch ich muß mich jetzt von Dir trennen. Ich habe mein ganzes Vermögen bei mir und darf darum in dieser Gegend hier nicht verweilen.— Gewiß schleichen die Kameraden Deines Vaters unten wieder um das Haus herum. So leb' denn wohl!" In diesem Augenblicke brach aus der Thür eines Nebenzimmers Vater Gründling, der seinerseits auch gehorcht hatte, hervor; wie ein Wolf auf seine Beute stürzt, so stürzte er auf Malten, indem er demselben eine Pistole entgegenhielt. „Keinen Schritt weiter, Mann!" kreischte der Gnome;„Dein Geld her!— Die Summe her, welche Du bei Dir trägst und für die ich Dir meinetwegen diese Dirne überlassen will... oder aber Du bist des Todes!" „Halt!" donnerte in demselben Augenblick eine zweite Stimme, und diese gehörte Tiefengreif, der jetzt ebenfalls aus seinem Verstecke hervorsprang und den Greis heftig am Arme faßte, so daß ihm das Pistol entfiel.—„Elender Dieb!— Gauner!— Schurke und Verräther!" rief er.„An einem Manne, wie dieser, sollst Du Deine bübische Habsucht nicht befriedigen, dafür will ich sorgen.— Du bist nicht werth, diesem Manne da die Schuhriemen aufzu- — 135- lösen, und willst bestimmen, ob er Deine Tochter besitzen soll oder nicht?— Fort! Hinweg mit Dir!— Du bist der Schlechten Schlechtester, und hast nicht zu verfügen über ein edles Wesen, als welches die Natur dieses Mädchen unerklärlicher Weise gerade aus Deinem Blute hervorgehen ließ.— Fort mit Dir, Schurke!— Und Ihr, guten Leute, seid frei! — Ihr mögt schalten und walten mit Euren Herzen, wie's Euch beliebt.— Ich nehme diesen Burschen hier," fuhr er fort, indem er Papa Gründling an beiden Händen gefesselt hielt,„mit mir zur Abrechnung. Unterdessen flieht aus diesem Hause, denn hier seid Ihr nicht mehr sicher!" Und mit kräftiger Faust schleppte er den Alten hinaus, zwang ihn, die Thüre seines eigenen Zimmers zu öffnen, woselbst er mit ihm verschwand, während Casimir seinerseits Lucie, welche niedergesunken war, um den Leib faßte, sie auf seine Schultern lud und mit ihr das Haus verließ, um es nie wieder zu betreten. „Hast Du uns— verkauft an!die Häscher?" donnerte Tiefengreif jetzt dem Alten zu.— „Laß mich! laß mich!— Du hast mich um viel Geld gebracht, herrliches, schönes Geld!—" „Nun?" Welches uns gehören sollte; das Geld Maltens!" „So?— Beweise erst, daß Du wahr sprichst, 136 oder, bei der Hölle! ich ermorde Dich hier in Deinem eigenen Schlupfwinkel.— Warum bist Du nicht bei uns?— bei den Kameraden, deren Vermögen Du verwalten solltest? Warum bist Du hier? Und endlich— wer hat unserem Gefangenen, jenem Polizeispion, die Fesseln gelöst?" „Sachte— sachte— Ich bin unschuldig— beim heiligen Vokativus! Allein— alle diese Fragen kann ich Dir ja nicht auf ein Mal beantworten." „So rede und beantworte mir jede einzeln!— Warum bist Du nicht bei uns?" „Bei meiner frommen Seele!— weil ich hier bin in meiner Stube!" „Warum bist Du hier, Elender?" „Beim heiligen Citronius!— weil ich zu thun habe und— krank bin." „Schändlicher Lügner! Was hast Du hier zu thun?" „Was?— Unser Geld in Bereitschaft zu legen, unsere Finanzen in Stand zu setzen, um zu Euch stoßen zu können, sobald es gilt, so wahr mir St. Buze- phalus helfe!" „So?— Unser Vermögen also?— und wo ist es? Zeige mir's!" Der Alte wies auf eine kleine eiserne Lade:„Da!" „Oeffne!" herrschte Tiefengreif, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Es soll geschehen!" Der Greis öffnete die Lade: — 137— ,/Da sieh' hinein!— Bei allen meinen Gebeten!— Sind das nicht echte, gute, treffliche Banknoten?— Herrliches Geld? Ich habe es für Euch aufbewahrt — ich habe damit geknickert, um es Euch jetzt in der entscheidenden Stunde mit Wucher zurückgeben zu können." Tiefengreif traute seinen Augen kaum—:„Und Du hättest es uns wirklich zurückgegeben?" „Du kannst es sogleich nehmen!— Ueberzeuge Dich, daß ich kein Betrüger— kein Schurke— kein Verräther bin!— Ich habe gezögert, ich bin in den letzten Tagen nicht zu Euch gekommen, eben weil ich dieses Geld da in Ordnung bringen, klingende Münze in Papier umsetzen und Schulden eintreiben mußte. — Allein noch in der heutigen Nacht, oder spätestens morgen würde ich Euch aufgesucht haben, und, beim Taufbecken des Propheten! ich hätte Euch gefunden. Mein Herz hätte Euern neuen Schlupfwinkel, wie das Eisen den Magnet, gefunden." Tiefengrcif spricht kein Wort. Das, was er hier sieht, läßt ihn nicht mehr zweifeln, daß auch das, was er hört, wahr sei. Denn, wenn der dürre, habsüchtige, geldgierige Greis das Geld herausgab, was sollte ihn noch vermögen, zurückzubleiben, sich von der Kompagnie zu trennen?— Und es war kein Zweifel: das Geld, wie es da lag, war zur Auslieferung an die Gesellschaft bestimmt; denn es lag eine Schrift bei demselben, deren Tert sich an — 138- die Gesellschaft richtete und ihr Rechenschaft ablegte von der ganzen Verwaltung der Kasse. Also war da kein Zweifel mehr möglich, und nach einigen Aufklärungen, die Vater Gründling annoch gab, schwand jedes Mißtrauen in Tiefengreifs Brust; so daß er sagte: „Wir haben Dich verkannt, alter Kamerad; aber um so erfreulicher wird uns Deine Wiederkehr sein, welche Du keinen Augenblick aufschieben darfst!"— „Gut— aber wo ist Euer jetziger Aufenthalt?" Tiefengreif bezeichnete dem Alten das Versteck. „Während ich gehe," schloß er,„zwei andere Bursche aus ihrer Haft zu befreien, magst Du Dich zu der Gesellschaft verfügen; dieses Geld jedoch nehme ich einstweilen zu mir. Bist Du wieder in unserer Mitte, dann soll Dir vorerst eine vollständige Satisfaktion zu Theil, und sodann wieder das Amt des Kassirers übertragen werden." „Ich bin es zufrieden!" Die Beiden schieden von einander. XU. Tiefengrcif erklettert die Gefängnisse. Während Tiefengreif fortging, trat Papa Gründling zu seinem Betschemel, fiel auf die Knie nieder, breitete die Arme aus wie ein Gpmnosophist, der 139 sich für seinen Gott dem Tode weiht; dann lachte er in's Fäustchen, und sprach:„Der Dummkopf!" endlich aber fing er auf die allcrzarteste Weise von der Welt an, eine Hymne zu singen.— Indeß hat Tiefengreif mit seinem Gelde, seinen Instrumenten, seiner Kühnheit und— warum sollen wir's nicht auösprechen?— seinem Edelmuth, die Gegend des Gefängnisses erreicht, worin Stephan und Thomas sitzen. „Er wird kommen!" sagt Thomas und rüttelt drinnen an seinen Ketten. „Gewiß, er wird kommen!" antwortete Stephan; „ich schwör's bei meiner blutigen Seele, daß er noch in dieser Nacht erscheint!" Zu derselben Zeit,^als diese zwei Kerle das sprachen, maß Tiefengreif draußen die Höhe des Schornsteines, den er erklettern wollte. Denn auf diesem Wege beabsichtigte er zu seinen Kameraden vorzudringen.— „Ich werde auf dieser Seite nicht hinaufkommen!" sagte er,„und muß eine andere aufsuchen.— Gut, gut— hier ist die Passage eher möglich... hier wollen wir den Versuch wagen..." Und indem er jetzt mit seinem Falkenauge, welches eine noch weit dichtere Finsterniß zu durchdrungen vermag, den Punkt erspäht, auf den er zuerst seinen Fuß setzen soll, fängt er an, sich seiner überflüssigen Kleidungs- 140 stücke zu entledigen, die er in einen Graben wirst und mit Steinen zudeckt.— Der Regen wurde immer stärker, große Tropfen fielen aus den Wolken herab;— unser Mann aber redete zu sich:„Um so schwieriger wird mir das Steigen werden, da Alles glatt ist! Doch nur Muth! Es muß gelingen!" Er schwingt sich zuerst auf eine niedere Mauer, die blos einen kleinen, leeren Hofraum einschließt; dann sucht er das nächste Fenster zu erreichen, von hier kann er auf eine Reihe regelmäßig vorspringender Ecksteine treten, die freilich nur einen Zoll breit sind, jedoch nichtsdestoweniger immer einen Anhaltepunkt gewähren. Er bohrt einen eisernen Haken in die Mauer, und auf diesen steigend, hat er sogleich sein Fenster erreicht.— An dem Haken befindet sich ein Strick, so daß er ihn mittelst desselben wieder aus der Mauer reißen und zu sich hinaufziehen kann. Das geschieht, und er beginnt nun die Eckquadersteine zu benutzen. Er zwängt bei jedem derselben sein Instrument, welches an der Spitze in einen förmlichen Steinbohrer ausläuft, in die Mauer und gewinnt auf diese Art immer einen neuen Stützpunkt.— Die zollbreiten Vorspränge der Steine dienen ihm als Basis, und kurz, um Alles mit wenigen Worten zu sagen: nach Verlauf von einer halben — 141— Stunde ist es seiner kühnen, unermüdlichen Thätigkeit gelungen, das erste Dach zu ersteigen. Hier ruht er aus. Er entwirft seine neue Disposition.— Aufs zweite Dach zu gelangen, ist mit neuen Schwierigkeiten und mit Lebensgefahr verbunden; aber er verachtet Beides, und so gelingt es ihm, sich auch auf dieses Dach zu schwingen, unter dessen weitvorragendem Simse er einige Augenblicke lang, wie eine Schwalbe an ihrem Neste, gehangen hat.— Verließ ihn hier die Kraft seines Armes, so fiel er vierzehn Klaftern tief aufs Pflaster hinab und zerschmetterte sein Haupt. Aber seine Sehnen sind gestählt und seine Finger wie von Eisen.— Ein Schwung und er war auf dem obersten Dache. Hier jedoch muß er neuerdings ausruhen; das war der schwerste Schritt. Tiefengreif kriecht nunmehr wie eine Katze über die Schiefersteine, die wieder so glatt sind, daß er sich an jedem einzelnen festklammern und überdies nach allen Seiten mit Händen und Füßen stützen muß.— Nach unsäglicher Mühe ist auch der Schornstein erreicht, und da dieser sehr hoch war, mußte wieder das alte Manöver von der Mauer vorgenommen werden. Endlich sitzt Tiefengreif oben und tappt mit den Händen um sich. Ein eiserner Rost durchschneidet den Schornstein und verschließt ihn zwei Schuh unterhalb der Krone. — 142— Der Rost muß also durchbrochen werden, und Tiefengreif nimmt seine Feilen zur Hand. Auch diese Arbeit wird vollbracht; unser Mann kann jetzt bereits einen Theil dieses Rostes ausheben, er legt die auf solche Weise erbeuteten Eisenstangen neben die Mauer, und nun läßt er sich in den Schornstein hinab.— Er steigt behutsam mehrere Klaftern nieder... ein neues Gitter versperrt ihm den Weg und er macht sich an eine neue Arbeit. Draußen nimmt das Unwetter indessen an Heftigkeit zu... frische Wolken sind herangezogen und ein dumpfes Rollen aus der Ferne verkündet die Ankunft eines Gewitters. Die Blitze gefährden zwar Tiefengreif bei seiner Arbeit, der Donner aber ist sein treuer Bundesgenosse. Jetzt hat er auch das zweite Eisengittrr durchbrochen... jetzt gilt es große Vorsicht... er kann bereits den Herd mit einigen verkommenden Kohlen darauf sehen.„Das ist die große Küche," spricht er zu sich, da er die Lokalitäten hier sehr genau kennt, denn er hat nicht versäumt, sich in früheren Zeiten hierin zu unterrichten... und auch seine neuerliche Verkleidung als Mönch war nicht umsonst gewesen: mittelst derselben hat er beim Pförtner Eintritt erhalten und von diesem herausgebracht, in welchem Theile des Hauses Stephan und Thomas sitzen.„Sie sind rechts von hier!" murmelt er 143— und! springt auf den Herd hinab—;„es ist Niemand da und ich muß nunmehr jenes kleine Fenster zu durchbrechen suchen, um nach einem Gange zu gelangen, der mich zu der Zelle meiner Kameraden führt." Das war vorläufig mit geringer Gefahr verknüpft, da, wie gesagt, hier der Gang unbewacht war.— Tiefengreif befindet sich endlich darin, ,und nun legt er sich auf den Bauch, kriecht so auf dem Boden fort und bald soll er einen Ort pasfiren, welcher der gefährlichste auf dem ganzen Wege ist. Es ist dies eine Halle, wo zwei große Lampen brennen und zwei Schildwachen auf- und abgehen. Schon ist er an der Ecke dieser Halle, er wirst einen Blick hinein.— Welche glückliche Ueberraschung für ihn! Eine von den Schildwachcn lehnt gemüthlich an der Mauer und schläft, die andere geht langsam hin und her.— Tiefengreif lauert den Augenblick ab, da diese ihm den Rücken drehen wird— dann schlüpft er leicht und fast unhörbar aus seinem Hinterhalte hervor, durchschneidet im Fluge die Halle und ist schon jenseits in einem engen, dunkeln Raume angelangt. Das Alles wäre unmöglich gewesen ohne die Donnerschläge des Gewitters, welche die Luft erschütterten. Tiefengreif befindet sich in dem Gange, welcher 144 zur Zelle seiner Gefährten führt. Man muß nämlich wissen, daß aus sämmtlichen Zellen kleine Gänge in jene erleuchtete Halle einmünden. Er horcht— er hört die schweren Tritte der Wache, die jetzt ungefähr fünfundzwanzig Schritte von ihm entfernt sein mag. In einem Augenblicke, wo ein starker Donnerschlag erfolgt, klopft er an die Zelle... Stephan und Thomas haben ihn gehört. Sie nähern sich und Einer flüstert durch's Schlüsselloch hinaus:„Unser Herr und Freund?" „Ich bin's: Tiefengreif!" Es ist aber ein vergittertes Fenfterchen in der Thür, durch welches die Wächter nach den Gefangenen zu sehen Pflegen, bei deren Zellen sonst auch Lampen brennen müssen, welche jedoch heute überall vom Zugwind ausgelöscht worden sind. Tiefcngreif zieht einen Diamant aus der Tasche; mit einigen Zügen hat er ein Loch in das Fenster geschnitten, und kann nunmehr mit den Zweien sprechen. „Wo ist die schwächste Stelle der Thür?" „Das Schloß muß geöffnet werden, sonst geht es nicht. Die Thür ist zu stark." Tiefengreif versucht mehrere Dietriche, einer öffnet wirklich; aber jetzt sind noch zwei eiserne Quer- stangen, die man auswendig vor die Thür gelegt — 145- hat, durchzufeilen, und unverdrossen begibt man sich an's Werk. Auch sie weichen—und die Gefangenen sinken ihrem Meister lautlos zu Füßen. Er aber hebt sie auf und ermähnt sie zur Eile. „Wir müssen denselben Weg nehmen, den ich gekommen bin." Und er beschrieb ihnen diesen. „Gut," sagte Thomas, der ein großer Techniker ist,„ich habe zur Vorsorge schon einige Seile aus unserem Lagerstroh geflochten." „Und ich bin im Besitze eines langen Strickes," antwortete Tiefengreif...„Kommt denn!" Während eines ungeheueren Blitzschlages schlüpfen alle Drei durch die Halle, wo die eine Wache noch lieblich schlummert, während die andere sich ihr Gewehr besieht, ob es auch recht blank sei. Die Gänge, das Fenster zur Küche, der Herd und der Schornstein werden erreicht— und nun klettert Einer hinter dem Andern, gleich den trefflichsten Schornsteinfegern, hinan. Sie haben es alle schon versucht und sind darin routinirt. Oben auf dem Dache verändert sich die vorige Manipulation, indem statt der Steigeisen— Seile angewendet werden, an denen sich Einer nach dem Andern hinabläßt, vom höheren auf das tiefere Dach und von hier auf die Erde. Geheimnisse. II. 10 !46 Endlich sind sie frei!— Trotz Jack Shep- pard, dessen Leben Harrison Ainsworth so vortrefflich beschrieben, haben sie die dicken Mauern ihres Kerkers durchbrochen... und sind(noch ein Mal sprech' ich das Wort aus, welches Dieben und Mördern, wie edlen Menschen gleich süß klingt), sie sind frei!— Rasch zieht Tiefengreif wieder seine Kleider an, die unter den Steinen nur wenig naß geworden sind. „Vorwärts!" ruft er,„in einer Stunde muß der Tag anbrechen!" „Wir folgen Dir, Herr!" versetzen die zwei Gauner,„bis in die Holle! Unser Blut gehört von nun an Dir allein!" Der Eine will ihm die Hand küssen, aber Tiefengreif entzieht sie ihm, indem er zur größten Eile ermähnt. Sie langen glücklich in der neuen Höhle bei ihren Kameraden an und werden von diesen mit einer Freude empfangen, die nur durch jene übertreffen wird, welche sie beim Anblick Tiefengreifs empfinden. „Gibt es nicht auch brave und große Menschen unter Räubern?" fragt Bunder die Schaar, und diese antwortet ihm begeisterungsvoll mit„Ja!" Nachdem Tiefengreif sich ein wenig erholt hat, fragt er: „Wo ist Gründling?" 10* — 147— „—- Der Schurke! Vielleicht zu Hause— vielleicht bei der Behörde, um uns anzugeben..." „Ist er denn nicht zurückgekehrt?" „Wir haben ihn mit keinem Auge gesehen." „Sollte er dennoch—?" springt Jener erschrocken auf.„Aber nein, er gab mir ja das Geld— dieses Geld da— seinen köstlichsten Schatz. Es ist viel Geld... und ohne dieses mag er nicht leben. Ich faßte zu ihm Vertrauen, da er mir die Summen einhändigte— und ich nannte ihm unsern jetzigen Aufenthalt." „So wird er ihn verrathen!" rief Einer aus der Gesellschaft, der die Bankscheine besichtigte und sich auf sie verstand;„denn," setzte er hinzu,„diese Papiere da sind— falsch! Gründling hat sie selbst gemacht!" xm. Warum liebt ihn das Kind nicht? Jetzt waren sie auch hier nicht mehr sicher und noch in derselben Stunde verließen sie auch diese Höhle. „Aber wohin nun?" fragten auch die Beherzteren mit Zagen. — 148— „In unsere erste Höhle!" versetzte Tiefengreif kalt.— Und sie begaben sich wirklich dahin. Alles ist hier bereits demolirt, nur das Gewölbe besteht noch, das Dach darüber ist abgetragen, die Thüren und Fenster ausgehoben, die innere Einrichtung entfernt, kurz, nur noch die kahlen Mauern ragen aus dem Boden. „Um so besser!" bedeutet Tiefengreif seinen Kameraden;„um so weniger wird man uns hier suchen, da man diesen Ort für ganz unbewohnbar hält." „Wahr; dafür jedoch sind wir allem Ungemach des Wetters preisgegeben,— und wenn das mehrere Tage dauern sollte..." „Schweige!" donnerte ein alter Kerl.„Bist Du ein Weib, ein entnervter Städter, daß Du nur vom Wetter sprichst? Für Unsereins gibt es nur ein Wetter: gutes Wetter, wenn die Geschäfte gut, und schlechtes, sobald sie schlecht gehen." Indeß wurde dennoch einige Bequemlichkeit zu erzielen gesucht.— Ohne daß man das Aeußere des Gebäudes nur im Geringsten verändert hätte, geschah im Inneren so Manches zum Besten der Bewohner. Schirmdächcr aus Flechtwerk wurden bereitet und inwendig unterhalb der Fenster schräg aufgestellt, so daß dadurch dem Wind und Regen gewehrt wurde. Ferner breitete man auf dem Boden Matten von Laub und Moos aus, und was dergleichen mehr war. 149 Alles dieses ward noch in nächster Nacht vollendet, und nun ruhte man den Tag darauf aus, indem Einige Wache hielten, während die Anderen schliefen. Lebensrnittel wurden leicht herbeigeschafft, denn in der Nähe gab es Kramläden in Menge, und noch besaßen die Gauner Geld genug, um Alles baar zu bezahlen. Während nun so die Meisten ermüdet hinsanken, wachte Ticfengreif und arbeitete hier für sie eben so, wie er es auswärts gethan. Dieser Mensch hatte eine unbegreifliche Natur, in geistiger wie in körperlicher Hinsicht übertraf er sie allcsammt. Er schlief fast gar nicht, war einige Stunden unter ihnen, die andere Zeit über in der Stadt, man wußte nicht wo. Stephan und Thomas hatten erzählt, daß man sie während ihrer Gefangenschaft ein Mal ins Verhör genommen. Man wollte aus ihnen Etwas herausbringen; sie gaben indeß falsche Antworten, indem sie so die Häscher irre zu führen hofften. Jener Holdermann jedoch, sagten sie, lebe, sei gesund, und sie glaubten ihn sogar bei ihrem Verhöre gesehen zu haben, dem er einen Augenblick lang beigewohnt habe. Auch von Papa Gründling sprachen dort die Gerichtsbeamten, und zwar so, als sei derselbe Einer der Ihrigen.— Was endlich den Ausfall der Zwanzig, den diese über den Wall gemacht hatten, betraf, so waren dadurch die Späher der Polizei wirklich irre geführt worden, indem sie dachten, die 150 ganze Kompagnie habe daran Theil genommen, worin Thomas und Stephan die Herren des Gerichts noch bestärkten. „Bis hierher," versetzte darauf Tiefengreif,„wären unsere Arbeiten beinahe vollständig gelungen. Wir müssen jedoch noch erfahren, welche Folgen die zweite Verrätherei Gründlings gehabt.— O warum schenkte ich ihm Glauben! Aber wer sollte auch an Fälschung der Papiere denken, in einem Augenblicke, wo so viel Anderes zu bedenken war? Wer würde ihn für einen so abgefeimten Schurken gehalten haben! Dergleichen ist ja noch gar nicht dagewesen. Und die Raschheit, womit er Alles bewerkstelligte— und die Sicherheit— und diese unmenschliche Heuchelei!... Doch es ist einmal geschehen und es muß nun auf Mittel gesonnen werden, wie dem neuen Unglück zu entgehen. Gerätst jedoch der schändliche Verräther in unsere Hände, dann soll er uns alle Schuld seines Lebens in Zeit von wenigen Stunden bezahlen.— Und jetzt lebt wohl! Ihr meine Freunde, Stephan und Thomas, habt ein aufmerksames Auge auf Alles, was hier vorgeht, und der erste Verdacht, der euch aufstößt...Jstr wißt, wie Ihr ihn bestrafen sollt. Haltet Euch an Bunder, dieser ist treu." „Und Du, Hauptmann, wohin führen Dich Deine Wege?" „Ich gleiche dem feindlichen Minirer, der eine - 151 Gegenmine baut, um darin die Arbeit des andern Mineurs zu behorchen. Ich gehe auf Entdeckungen aus." „Nimm Dich wohl in Acht!" „Habt keine Sorge!" Tiefengreif begibt sich auf Wegen, die nur ihm bekannt sind, zur Stadt; hier hat er überall seine Schlupfwinkel, dieser Mensch weiß tausend Formen anzunehmen und schleicht sich in dies Haus unter dieser, in ein zweites unter jener Gestalt ein. Hierzu braucht er noch nicht einmal fremde Kleider. Einige Pflaster, eine Augenbinde, ein künstlicher Bart und andere Requisiten, die er stets bei sich trägt, dienen ihm zur Entstellung des Gesichts, er zieht die Achseln schief, verdreht das Bein, legt den Arm in eine Schleife, hinkt, geht gebückt, kurz durch die einfachsten Mittel weiß er sich unkenntlich zu machen. So schlüpft er durch Häuser, schleicht über Höfe, betritt kleine Seitengäßchen und erreicht endlich seine geheime Wohnung, die er irgendwo, unerreichbar für ein gewöhnliches Späherauge, besitzt. Einige Zeit nach der Katastrophe, von welcher wir in diesen Blättern bald handeln werden, soll man diese Wohnung Tiefengreifs dennoch entdeckt haben. Sie befand sich, wie versichert wird, in einer alten Gruft unter einer Vorstadtskirche. Hier also zwischen Särgen und Kreuzen war die eigentliche Hei- math Tiefengreifs;— freilich hier befand er sich auch in Sicherheit. — 152— Er langt jetzt daselbst an und wirst sich schnell in einen Anzug, deren er eine Menge von allen Sorten liegen hat. Der gegenwärtige wird ihn zu einem französischen Offizier machen und zwar mit der täuschendsten Aehnlichkeit. Tiefengrcif verändert mit dem Kleide natürlich auch sein Gesicht; er bringt einige Metamorphosen an Kinn, Augenbrauen und Mund an, er nimmt eine Augenbinde, er setzt eine graume- lirte Perrücke auf, die vollkommen paßt, und besitzt nun ganz das Ansehen eines ziemlich alten Haudegens, der mehrere Schlachten mitgemacht hat. Erwiest einen Mantel um und verläßt endlich sein Mysterium. Er steigt in einen Fiaker und läßt sich nach der Vorstadt Mariahilf fahren. Hier steigt er in einer kleinen Winkelgasse ab, verabschiedet den Kutscher und begibt sich in ein unscheinbares Haus. Er ersteigt mehrere Treppen, endlich betritt er ein bescheidenes Logis in der Mansarde. Die Insassen sind arme, alte, gute Leute. Sobald er im Zimmer erscheint, vernimmt man eine Knabenstimme, sie kommt aus dem Winkel:„Ach, da ist er schon wieder... der Onkel! Aber warum kommt mein Vater nicht?" „Beruhige Dich, lieber Wilhelm; er wird nicht lange mehr ausbleiben." Es ist in der That Wilhelm. Der Knabe sängt an zu weinen und ruft: „Ach, mein guter Vater, ich werde ihn wohl nicht mehr sehen. Er ist todt, man hat ihn damals er- — 153— schlagen, als man mich ihm entriß. O, ich weiß, ich weiß es!" und der Knabe jammert laut. „Das ist seine fire Idee!" spricht der Gauner zu den alten Leuten.„Sie wissen, er phantasirt beständig von einem Vater, der gar nicht eristirt. Thut er's auch in meiner Abwesenheit?" „Immer!" versetzt die alte Frau. „Der arme Junge!— Ach, wann wird er endlich genesen? Sie wissen, ich habe Ihnen das Kind einstweilen anvertraut, bis ich ihn in irgend einem Krankeninstitute unterbringen kann." „Ja, gnädiger Herr Oberst!" „Nun suche ich schon mehrere Tage nach einem solchen, aber immer vergebens, und Sie müssen das Kind noch kurze Zeit behalten." „O, wir thun es gern, gnädiger Herr. Es ist ein so guter Knabe; wenn er nur nicht beständig von seinem Vater, der, wie Sie sagen, blos in seiner Einbildung lebt, dann von jenem nächtlichen Ueber- fall, der ebenfalls zu seinen firen Ideen gehört, spräche. Wir haben ihm so lieb." „Und ich will Ihnen diese Sorgfalt reichlich vergelten. Doch jetzt lassen Sie mich einen Augenblick mit ihm allein." Die beiden alten Leute gehen hinaus und Tiefen- grcif versucht das Kind mit den süßesten Namen zu sich zu locken. „Mein guter Wilhelm, mein Herzenskind, mein — 154— holder Engel! O, warum bleibst Du mir beständig so fremd? Du stehst, wie ich Dich liebe!" „Aber ich liebe Dich nicht und ich werde schreien, sobald Du mich wieder küssen willst. Auch Deine süßen Sachen will ich nicht mehr haben; ich will nichts, als zurück zu meinem Pflegevater... oder oder... zu meinem alten Vater, meiner lieben Schwester." Der Gauner wischt sich eine Thräne aus den Augen:„So erinnerst Du Dich endlich wieder Deiner Schwester... Deines alten Vaters?— Ach!" setzt er leise hinzu,„warum kann er sich meiner nicht auch erinnern?!" „Aber," fährt er laut fort,„weißt Du, Wilhelm, daß ich Deine Schwester gekannt, daß ich sie ebenso geliebt habe, wie Dich? Sie läßt Dich grüßen und küssen." „Wirklich?" das Kind schlägt frohlockend in die Hände;„sieläßt mich wirklich grüßen? Ach, das ist ja schön! Ach, lieber Mann, bring' mich doch zu meiner lieben Schwester!" „Wirst Du mir dann auch gut sein?" „2a, ja, sehr gut, und ich nehme dann auch Zuckerwerk von Dir." „Nun da, nimm es gleich!— Und Deine Schwester sollst Du recht bald sehen." Der Knabe nimmt die Düte und zeigt sich zu- trauungsvoller, indem er spricht:„Erzähle mir Etwas 155 von meiner Schwester! Hat sie noch immer den kleinen weißen Lili?— den schönen Hund, der mich einmal beißen wollte, aber ich habe ihn dafür mit dem Stock geschlagen. Und ist die arme Schwester noch immer so schön? Wenn sie mich ansah, weinte sie, und doch küßte sie mich ununterbrochen und nahm mich auf ihren Schooß." Der Gauner hörte diese Worte mit einer Rührung an, die ihn nöthigte, zum Fenster zu treten. Da fiel ihm der Kirchthurm in die Augen und auf demselben die Uhr:„Schon wieder!" sprach er zu sich.„Werde ich denn niemals mir selbst angehören dürfen und meinem Herzen? Die unerbittliche Zeit ruft mich auf den Schauplatz meiner Pflicht... Doch genug! Ich eile, ihr zu genügen." Und indem er den Knaben fast mit Gewalt ergreift, der setzt wieder schreit und sich von ihm losmachen will, sagt er zu demselben:„Bald, bald wirst Du vielleicht mich lieben, Wilhelm! Unterdessen leb' wohl und denke— an Deinen Vater!" Tiesengrcif geht rasch ab, wobei er draußen noch zu den alten Leuten spricht:„Hier ist Geld, und wachen Sie mir über den Knaben, als sei es Ihr eigen Kind. Lassen Sie Wilhelm keinen Augenblick allein und besonders nicht aus der Stube heraus, bis ich wiederkehre. Adieu!" „Vertrauen Sie auf uns, Herr Oberst!" 156 XIV Eine Weltdame trauert.— Tiefengrcif im Salon. Draußen nimmt Tiefengreif einen anderen Wagen, mittelst dessen er sich nach dem Hause des Fräuleins Helene von Planen begibt. Wie lange haben wir dieses Fräulein nicht mehr gesehen? Was macht sie? Wie steht es mit ihr? Wie lebt sie und woran denkt sie?— Geduld, Geduld, wir werden dies Alles bald erfahren. Aber dieses Erzählungswerk besteht aus so vielen und so sehr in einander geschlungenen Fäden, daß wir nur langsam und der Reihe nach von der Ablösung des einen zur Entwirrung des andern gehen können... von der Oeffnung eines Knotens zu jener des andern, welcher häufig noch nicht völlig gelöst ist, indeß sich der frühere schon wieder neu zu schürzen beginnt. Doch, geht es denn im Leben nicht eben so?— Endlich aber löst oder vielmehr vereinigt sich hier Alles zur allgemeinen Harmonie und eine durchdringende Klarheit wird selbst die dunkelsten Partieen dieses Gewebes erhellen. Helene, die stolze, eitle, übermüthige, lachende, spöttische und glückliche Helene, ist jetzt eine Andere geworden. Ihr ist eine That, eine Absicht, eine Laune im Leben mißglückt, und sie, der bisher noch 157 nie Etwas gegen den Willen geschah, ist dadurch dem Zorn, dem Unmuth, der Verzweiflung, der Rachsucht anheim gefallen, was aber nicht beständig so fortschreiten konnte, sondern damit endigte, daß das Mädchen in eine Art krampfhafter Verwirrung ge- ricth— und zuletzt schwer erkrankte. Ihre betrogene Liebe zu dem Grafen Lothar von Mühlendorf hatte sie fast dem Tode in die Arme geworfen. Nachdem sie sich indeß wieder erholt, war ihre ganze Leidenschaft wie aus dem Herzen gelöscht, vielleicht aber auch nur tief niedergedrückt. Sie faßte jetzt allerhand Vorsätze, zum Beispiel: nie mehr zu lieben, keinen Mann in ihrer Nähe zu dulden, sie alle zu hassen, zu verachten.— Doch dies dauerte nicht lange. Sie war noch zu jung zu einer solchen Resignation, und hatte dazu auch noch zu wenig erfahren— gelitten. Sie mußte sich also bald wieder aufraffen, jedoch hatte sie hierbei eine Lehre gewonnen: daß dem äußeren Schein zu mißtrauen sei. „Wie," sagte sie zu sich,„diese Larve, diese Miene, diese Worte, diese Schwüre, diese Beweise des Grafen waren alle zusammen blos eine einzige Lüge?! Wie hätte ich das damals glauben sollen? aber jetzt sehe ich, daß es so ist." Um sich zu erholen, hatte Helene nach ihrer Krankheit täglich einen abgelegenen Garten besucht, wo sie sich mehrere Stunden und mcistentheils allein, 158 mit einem Buche versehen, aufhielt; denn auch an Lektüre, welche für sie ehemals als der Beschäftigungen letzte galt, fand sie jetzt Geschmack, und sie las zum Theil gute Bücher, Sitten- und Herzensschilderungen, in denen der Dichter der Natur einen Spiegel vorgehalten, und also nicht blos utopische Träume oder alberne Spitzfindigkeiten aufgetischt hat. Nun traf es sich durch einen merkwürdigen Zufall, daß gerade an diese Gartcnwohnung eine andere stieß, in welcher seit wenigen Tagen zwei Leute wohnten, ein Herr und eine Dame, die Letztere noch ganz jung, und, wie Helene auf den ersten Blick aus der Ferne schloß, die Gemahlin des Herrn. Welche Ueberraschung! auf sie war Helene durchaus nicht gefaßt, und lange hielt sie Alles blos für Täuschung, für ein Blendwerk ihrer noch angegriffenen Sinne.— Als sie nämlich ihre Nachbarn schärfer ins Auge faßte, erkannte sie in dem Herrn— Malten, jenen von ihr so schwer mißhandelten Malten, der hier mit der Dame wohnte. Daß diese Dame seine Frau war, wurde ihr aus den wenigen Worten, die sie erlauscht hatte, klar. Nunmehr konnte sie sich nicht mehr einreden, es sei Alles blos Fiktion, ein Hirngespinst. Es trennte sie von jenem Garten nur eine Scheidewand aus Schlingpflanzen gebildet, und sie konnte, sobald sie wollte, Alles was trüben im Freien vorging, beobachten.— Sie war nicht fähig, ihre Neugierde — 159— zu bekämpfen, es trieb sie zu der Hecke, hier verbarg sie sich, hier lauschte sie. Welche Worte!— welche Reden!— Welche hingebende Zärtlichkeit! welch ein Liebesglück offenbarte sich ihr jetzt hier!— Sie, in ihrer Verlassenheit, in ihrem Unglück konnte es jetzt so recht würdigen. Eine Art Erstaunens bemächtigte sich ihrer, als sie jetzt den häßlichen, armen, den vielmißhandelten Mann einer so großen Liebe fähig sah; als sie jetzt sein ganzes, volles, reiches Herz kennen lernte— wie sich dieses vor der Geliebten ausgoß, wie es sie umgab mit tausend Schätzen, mit tausend Glückseligkeiten höherer Art. Das hatte sie nimmer erwartet!— Und— die nächste Empfindung ihrer Seele war, daß sie jene Frau, daß sie Casimirs Geliebte beneidete! Ja, sie beneidete sie! das war so ihre Weise. Noch immer hatte das Unglück nicht Alles an ihr verändert, noch immer blieben dieselben Urstoffe, das alte, blos oberflächlich geläuterte Herz. Aber, wie gesagt, sie hatte im Unglück Eins gelernt, nämlich, daß sie nicht mehr blos dem äußeren Schein traute, daß sie endlich einzusehen begann, es wohne tief unten in der Menschenbrust ein Etwas, das mehr werth sei, als die paar schönen Striche, welche Natur uns in's Antlitz gezeichnet hat. Es war zu derselben Zeit, als der Mann, welcher sich für einen französischen Obersten ausgab, als Tiefengreif, der Gauner, Helenens Haus besuchte, jedoch nicht das kleine im Garten, sondern ihr Palais in der Stadt. Sie befand sich eben hier— es war nämlich der einzige Tag in der Woche, wo ihre Tante noch Gesellschaft annahm. Indeß ließ man nicht mehr jene Unmasse von Personen aus allen höheren Ständen zu; es wäre auch nicht mehr möglich gewesen, da seit jenen Vorfällen Viele nicht mehr kamen; es versammelten sich nur noch einige„Freunde", und höchstens brachten diese dann noch ein paar Fremde mit. Unter diesen„Freunden" des alten Herrn von Planen nun befandensich, wie wir wissen, auch einige höhere Staatsbeamte. Das wollte Tiefengreif eben benutzen und darum hatte er den Plan gemacht, hier aufzutreten. Er hoffte so Einiges zu erfahren, was ihm und seinen Kameraden von Nutzen sein konnte, er hoffte Erkundigungen einzuziehen über die Operationen der Behörde— über Gründlings letzte Verratherei und dergleichen mehr. Was thut er jedoch, um sich in den Salon einzuführen? Wie wird er das anfangen und welche Hilfsmittel wird er neuerdings aufbieten? Zu allererst besieht er sich in jenem Spiegel, welcher im Innern eines jeden Wiener Fiakerwagens hängt; er findet, daß sein Aussehen nichts zu wünschen übrig läßt; kein Zug von Tiefengreif— Alles deutet auf einen redlichen Krieger der neueren französischen Armee. Vor dem Hause des Herrn von Planen angelangt, schickt er den Fiaker, wie gewöhnlich, fort—(auch dies ist eine Vorsichtsmaßregel, denn in seinen Verhältnissen kann man mit den Wagen nicht genug wechseln), und begibt sich ohne Weiteres hinauf ins Vorzimmer, wo er den Herrn des Hauses zu sprechen verlangt. Dieser erwartet ihn in einem Kabinet, wohin man jetzt den vermeintlichen Obersten führt. Hier eröffnet Tiefcngrcif dem Vater Helenens, daß er Nachrichten aus Algier bringe, woselbst ein naher Verwandter des alten Herrn den Franzosen gegen Abd- el-Kader beistcht. „Ein naher Verwandter?" fragt Herr von Planen.„So viel ich mich entsinne, habe ich in der französischen Armee keinen solchen; ein sehr entfernter Verwandter, ein ehemaliger Jugendgenvsse, dient wohl in Sardinien." „Ganz recht," erwidert Tiescngreis, ohne aus der Fassung zu kommen,„das ist derselbe, und er hat erst vor Kurzem bei uns Dienste genommen— als Volontair nämlich." „Der Marquis von F...?" ruft der Alte. „Ja, der Marquis von F...!" bedeutet Tiefengreif. „Aber wie erkläre ich mir das? Geheimnisse. N. 11 162 „Sehr leicht, wenn Sie erfahren werden, daß Herr von F..., Ihr Freund, wegen eines Zweikampfes, den er in Turin gehabt und worin er seinen Gegner erschossen, sich zur Flucht genöthigt sah. Er ist nicht ohne Vermögen." „Er ist reich!" „Eben deshalb. Was konnte er Klügeres thun, als..." „Nun begreife ich, weshalb ich seit länger als zwei Jahren keine Silbe mehr von ihm gehört habe." „Er bedauerte schmerzlich, Ihnen nicht schreiben zu können; zwar war er Willens, mir Briefe mitzugeben, allein meine eilige Abreise, indem ich als Adjutant des Gouverneurs mit wichtigen Depeschen nach Paris reiste, verhinderten mich an der Erfüllung seines lebhaften Wunsches, und nun bin ich hier, nun möchte ich Ihnen so gern recht viel Neues von ihm erzählen... allein, unsere Bestimmungen haben uns im Felde stets getrennt und nur ein einziges Mal habe ich neben ihm gefochten.— Ja richtig! auch eine Razzia habe ich mit ihm ausgeführt; das ist jedoch Alles!" „Und so können Sie mir nichts weiter von ihm sagen, Herr Oberst?" „Nichts, als daß er wie ein Löwe streitet und uns Allen als Muster der Tapferkeit voranleuchtet." „Nun, mein Herr— auch diese wenigen Nachrichten verpflichten mich gegen Sie zu großer Dank- barkeit— und Sie würden mich sehr verbinden, wollten Sie mir erlauben, Sie meiner Familie, meinen Freunden, sowie den anderen Gästen vorzustellen." Das bat Tiefcngreif gewollt und bald sieht er sich inmitten der Salonsgesellschaft— spricht setzt mit Diesem, sodann mit Jenem... und endlich, nachdem er seinen ganzen Verrath an afrikanischen Kenntnissen erschöpft hat, beginnt er, sich hier diejenigen zu erwerben, welche für ihn so wichtig sind. Das Gespräch dreht sich, wie gewöhnlich, um Tagesereignisse, und man kommt also auch auf die Gaunerbande, deren„Unausrottbarkeit" alle Gemüther mit Schrecken erfüllt hat. Tiefcngreif sieht, daß man über Vieles sehr genau unterrichtet ist,— doch bei Manchem irrt mau sich gewaltig... Dasjenige, was bis zur Flucht Holdermanns aus der Höhle reicht, hat dieser verrathen und alle Welt weiß es. Von hier an jedoch beginnen die Vermuthungen und vagen Gerüchte. — Auch über die Expedition gegen die zweite Höhle und Holdermanns Verwundung ist man unterrichtet, aber die Verratherei Gründlings scheint, wie Tic- fengrcif sieht, noch kein Resultat gehabt zu haben... denn obgleich man erfahren hat, daß jener Ausfall der Zwanzig blos ein scheinbarer gewesen, so weiß man doch nicht, was mit diesen Zwanzig weiter geschah, welche mit der ganzen Bande das Versteck 11* «SMKMiSM»"'dLKr^^«Z«iiL' — 164— vor der Stadt bereits verlassen hatten, als Papa Gründling die Polizei dahin führte. Kurz man ist über den gegenwärtigen Aufenthalt der Gauner in gänzlicher Ungewißheit, auch spricht man mit Erstaunen von der Flucht Thomas' und Stephans, womit man Casanova's Flucht aus den Venezianischen Bleikammern vergleicht. Indeß setzt man noch volles Vertrauen in die Thätigkeit der Behörden, und ein Herr, der ohne Zweifel bei der Polizeibehörde angestellt ist, bemerkt mit jenem mysteriösen Lächeln, welches von diesen Leuten in solchen Fällen angenommen zu werden Pflegt: „Die Spitzbuben werden mit einem Streiche vernichtet werden... Ich erbiete mich zu einer Wette mit Jedermann!" Die Wette wird in der That angenommen.— Tiefengrcif selbst hatte gute Lust, der Gegner dieses Herrn zu sein. Er lavirt jetzt bei ihm umher und sucht ihm sein angebliches Geheimniß zu entreißen; doch der Mann meint:„Es ist ein Amtsgeheimniß— und meine Zunge wird durch den Amtscid gebunden." Da geht Tiefengrcif lachend ab, vor sich hin murmelnd:„Er weiß nichts!— Wir sind sicher. — Doch dürfen wir nicht zögern, den letzten entscheidenden Schritt zu thun!" Nachdem noch so Manches hin und her gesprochen, nachdem von einigen Herren selbst die Vermu- thung aufgestellt worden ist, die Bande habe sich wahrscheinlich geflüchtet, weit weg von Wien, ergreift man ein anderes Thema und Tiefcngreif ist Willens, sich zu empfehlen. Da hört er hinter seinem Rücken den Namen „Malten" aussprechen und nun treibt ihn Ncu- gierde, an diesem Gespräche Theil zu nehmen. Mehrere Damen sitzen hier— darunter Helene, in dem Winkel einer Ottomane. Zwei ältere Herren stehen neben ihr. „Er ist plötzlich wie aus der Welt verschwunden — der arme Malten. Was hat dieser Mann nicht für ein Schicksal gehabt!— Von edler Geburt, war er ursprünglich zu Allem berechtigt— nur nicht vielleicht zur Liebe. Doch suchte er diese und sie führte ihn zu den traurigsten Wirrnissen. Zuletzt hat er sich nun gar der Gaunerbande angeschlossen... jedoch, wie später die Behörde ergründete, ohne deren Natur zu kennen. Er wurde von den Spitzbuben ordentlich ausgebeutet und dies Alles— um Liebe..." „Um Liebe?" „Ja— denn er liebte die Tochter eines dieser Bösewichtcr und soll jetzt mit ihr..." Man ist gespannt.— „— Wie mit seinem— Weibe leben!" Ein schallendes Gelächter folgt dieser Erklärung; nur der Erzähler lacht nicht— nur der Oberst lacht - 166- nicht— und noch Jemand lacht nicht: Helene, welche düster, mit gesenktem Blicke, in ihrer Ecke sitzt. Ein gepreßter Seufzer entstiehlt sich ihren Lippen — sie neigt das Gesicht noch mehr auf die Brust. Niemand hat es bemerkt, außer Ticfengreif, welcher zu sich sagt: „Sie trauert um ihn— oder sie liebt ihn gar!" Einige Zeit darauf verläßt er den Saal. Noch ist er keine Viertelstunde fort, als zwei Leute im schwarzen Frack erscheinen, davon der Eine auf den Herrn, welcher die Wette proponirt hat (wir sagtcn's schon— ein höherer Beamter der Polizei) zuschreitet, um ihm Etwas in's Ohr zu sagen. Der Mann erbleicht... seine Miene droht zu versteinern:„Unmöglich!" ruft er. „Aber wir haben den Beweis!" „Meine Herren!" redet Jener die Gesellschaft an:„Wissen Sie, wer soeben unter uns war? Wissen Sie, wer jener französische Oberst war?" „Nun?" ruft Alles, zusammenströmend. „Tiefengreif!" „Wer ist Tiefcngreif?" „Der oberste Hauptmann der Bande— und einer der ersten Gauner dieses Erdballs." „Aber— wie erfuhren Sie das?" „Diese zwei Männer— es sind Commissärc der Behörde— suchen ihn hier..." „Aber woher wissen es diese Männer?" - 167 „Das darf ich Ihnen nicht entdecken... Genug, Tiefengreif war hier und jetzt entschuldigen Sie mich. Er nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen die Gesellschaft und verließ, gefolgt von den zwei Schwarzröcken, eiligst das Haus. „Also immer dieser Gauner bei uns!— Ist das eine Strafe des Himmels?" seufzte Helene... und ihr nächster Gedanke war Malten. XV. Malten. Scinc neuen Bcgcgnisse. Putzi und Mutzi Nus- bcrgcr. Theobald. Ein Unfall und seine Folgen. Malten lebte indessen, wie bereits bemerkt worden, mit Lucie ein Leben nie geahnter Seligkeit, ein Stillleben, einfach, zurückgezogen in seinem Garten, den er vor Kurzem gemiethet hatte, um gänzlich abgesondert zu sein. Noch war er jedoch nicht Luciens Gatte, noch vereinte sie weder der priesterliche Segen, noch jener, womit Natur zwei liebende Herzen voll entzückender Gewalt verknüpft.— Er war noch ihr Geliebter, sie seine Geliebte, so rein, fromm und kindlich, als hätten sie sich in diesem Augenblick zum ersten Mal begrüßt.— - 168- Malten war entschlossen, einem albernen Vorurteile, das gerade die entnervtesten Zeiten gebaren, zu spotten und Lucie, die Tochter der Gauner, zu seinem Weibe zu nehmen, und obgleich sie in rührender Bescheidenheit sich immer dagegen sträubte, obgleich sie ihm zärtlich zuflüsterte:„Ich verlange es sa nicht, und werde doch immer bei Dir bleiben, Dir angehören!" so traf er doch, ihr unbewußt, alle Vorbereitungen zu jenem Bunde, der ihm der einzige Hafen schien, wo sein armes, von so vielen Stürmen bewegtes Herz Ruhe finden würde. Malten hatte die Absicht, sich von Wien zurückzuziehen und in der Provinz sein stilles Glück zu genießen. Er wollte in irgend einer schönen, abgelegenen Gegend ein Gut kaufen, es bestellen und als Landmann hier leben; denn er hatte die Stadt und ihre glänzenden Kreise hinlänglich satt; sie hatten ihm nur Schmerzen bereitet— er sah, daß er nicht für sie tauge. Er ging jetzt häufig aus, um bei Geschäftsleuten nach einem solchen Kaufe zu forschen. Auch bei den Behörden stellte er deshalb Nachfragen an und hier unterließ er niemals, nach dem verlorenen Knaben zu fragen, die Beamten aufzufordern, sich dafür zu verwenden; allein man tröstete ihn noch immer mit einem leidigen Achselzucken... man wußte nichts, man wollte nichts haben herausbringen können... und unser Freund sagte zu sich im Stillen:„Sie 169 geben sich keine Mühe! sie bekümmern sich nicht darum..." Auch die früheren Verhältnisse berührte man mit keinem Worte: die ganze Angelegenheit mit dem Knaben, dem ersten Raubversuch und die zweite That schien gleichsam niedergeschlagen zu sein. Wie stutzte er nun, als ihm eines Tages bedeutet wurde: er dürfe die Stadt noch nicht verlassen — man werde ihn vielleicht brauchen und Auskunft über gewisse Dinge verlangen. Auch mußte er jetzt genau zu Protokoll geben, auf welche Art er zuerst mit jenem Tiefengreif in Berührung kam, so wie den ganzen spätern Umgang mit ihm— das Zusammentreffen mit den Kameraden Tiefengreifs, die Bekanntschaft mit Lucie und sein Verhältniß zu dieser wie zu ihrem Vater, bis auf den letzten Augenblick... endlich auch alle Orte, worin er mit den Gaunern je zusammengekommen war, mußte er vollständig beschreiben... und jetzt erst entließ man ihn, jedoch nahm man sein Ehrenwort, daß er die Stadt ohne Bewilligung der Behörde nicht verlassen werde. Man hatte bei diesem neuen Verhör ein so geheimnißvolles Schweigen beobachtet, sich in ein so mystisches Helldunkel gehüllt, daß Malten nicht zweifelte, es müsse nun etwas Bedeutendes im Werke sein... Als er Lucie davon benachrichtigte, murmelte diese, still in sich gekehrt:„Sie sind alle verloren— 170 und mein Vater mit ihnen. Ich bin vielleicht eine ungehorsame Tochter; aber er ist auch ein böser, ein abscheulicher Vater!" Denselben Tag noch ließ man Malten zum zweiten Male rufen; er sollte jetzt geloben, schleunige Anzeige zu machen, sobald ihm Einer von den Gaunern aufstieße. Dieses jedoch lehnte Casimir mit Festigkeit ab, indem er kein Häscher sei und nichts mit dem Amte der geheimen Jnvigilanz gemein habe. Auf dem Rückwege betrat er das Glacis und wollte zu Fuße nach Hause gehen. Eine zahlreiche Menschenmenge bewegte sich heute zwischen der Stadt und den Vorstädten; Alles strömte nach der Bri- gittenau hinaus, um die Vorbereitungen zum morgenden Volksfeste zu besichtigen. Das Volksfest in der Brigittenau ist eins der lustigsten und beliebtesten im ganzen Jahre; es ist dann so zu sagen die ganze Bevölkerung auf den Beinen, um sich an diesem Feste zu vergnügen... nämlich in österreichischer Weise: durch Essen, Trinken, Tanzen, Singen, Schauen, Lachen, und Alles dies von Morgens früh, die Nacht hindurch bis zum andern Morgen.— Viele fangen, wie wir sahen, schon am Vorabend an. Auf einem großen freien Raume, der mehrere Tausend Klaftern im Gevierte hat und von Waldungen und Wasser umgeben ist, breitet sich der Schauplatz des Festes aus; dies ist die Brigittenau ÄMSW8« MWx — die geliebte Brigittenau. Hier werden Hunderte von Zelten, große und kleine aufgeschlagen, wie bei einem Jahrmarkt; allerhand Trödclkram wird zum Verkaufe ausgeboten, zahllose Musikchöre, vom großen Orchester bis herab zu den Bierfiedlern, ja bis zu den Drehorgeln, die ebenfalls in Unzahl heraus- wandern, vertheilen sich in den Zelten oder pflanzen sich im Freier unter Gottes blauem Himmel auf... Tänzer versammeln sich... anderwärts lagern Gruppen von Müßiggängern... in den Zwischenreihcn ziehen die Zuschauer umher... vornehme Damen mit Jägern und Kavalieren hinter sich(ihre Equipagen halten am Anfange der Brigittenau), Bürgersleute, Studenten, Soldaten, Fremde, Kinder, Bettler und Zigeuner. An Komvdicnbuden, Improvisatoren, Traumdeu- tcrn, Charlatancn, Equilibriften, Eskamoteuren, Puppenspielern, Affen- und Hundespektakeln fehlt es nicht. Kurz, es ist ein wahres Volksfest, im heitern, im vergnügten Sinne der Wiener.— Dahin wallfahrtetcn die Leute nun schon heute, da erst die Buden aufgeschlagen, die Pfähle eingerammt werden; Casimir wird auf seinem Wege von tausend lachenden Mienen begrüßt, worunter mehrere an ihn die Frage zu stellen scheinen:„Und der Herr geht nicht hinaus in die Brigittenau?" Aber Jedermann hat seine eigenen Freuden und Leiden, und Casimir braucht die ersteren jetzt nicht — 172— mehr außerhalb Hauses zu suchen. Daher zeigt auch er den fröhlichen Spaziergängern ein heiteres Gesicht, und einigen Bekannten darunter reicht er schon von Weitem die Hand. Das waren dieselben Leute, von denen es ihm noch vor einiger Zeit dünkte, daß sie ihn flohen, daß sie ihm auswichen, daß sie ihn beobachteten mit mißtrauischen und verächtlichen Blicken. Seht da wieder die Wirkung unseres inneren Ichs auf die Welt um uns herum!— Casimirs Auge trägt jetzt die roscnfarbige Brille und Alles erscheint ihm in diesem holden Blumcnglanze.— Plötzlich fühlt er sich hinten beim Nockschooße erfaßt, er dreht sich um— es sind Mutzi und Putzi Nusberger, die vor ihm stehen. Wie zwei Vollmonde sind sie rasch an seinem Horizonte aufgegangen und lächeln ihn, dick und fettigglänzcnd, an. „Tausend Jahre wenigstens haben wir Sie bereits nicht gesehen, liebster Herr von Malten... aber heute sagte ich zu meiner Frau: Mutzi, gib Acht, wir werden dem Herrn von Malten begegnen... O ich errathe so was!" „Ja, ja— das hat mein Mann, der Putzi, Wirklich gesagt... das erste Mal, daß seine Prophezeiung eingetroffen ist." „Das erste Mal!— Was sprichst Du da, Mutzi? Ich fehle niemals... O, ich weiß Alles in Voraus ... ich habe ein inneres Auge... Aber wohin gehen .RÄTE«»ü. 173 Sie, bester Herr von Malten? Gewiß nach der Brigitten«»! Wir werden Sie begleiten." „Nein— ich gehe nach Hause." „Auch dahin werden wir Sie begleiten." „Aber, mein lieber Herr von Nusberger." „O— wir begleiten Sie, wohin Sie wollen! Sein Sie deshalb außer Sorgen." „Wichtige Geschäfte jedoch verbieten mir's, Ihre Begleitung anzunehmen." „Ah— ich errathe! Wichtige Geschäfte!— Sie lassen sich gewiß die Hühneraugen operiren. Stellen Sie sich vor: gestern ließen wir uns Beide, ich und Mutzi, uns ebenfalls unsere Hühneraugen ausschnciden... da sage ich zu Mutzi: gib Acht, er wird uns in die Zehe schneiden, der Barbiergesell... O ich weiß das Alles schon im Voraus. Was glauben Sie, habe ich Recht gehabt oder nicht? Nun hören Sie weiter: der kleine Kerl fängt bei mir an. Kaum hat er angefangen, so schneidet er so scharf drauf los, daß ich denke, er will mich am- putircn; ich ziehe also den Fuß zurück... und Skrsk!— hat er mich in die Zehe geschnitten. Habe ich es denn nicht vorhergesagt? O, für mich gibt's kein Dunkel... ich durchschaue die Zukunft!" „Allein, wie?" löst ihn seine Ehehälfte ab— „haben Sie schon von der großen Räuberbande in unserer Stadt gehört, Herr von Malten?— Das ist ja entsetzlich!— Wir schlafen fast keine Nacht vor 174 Angst und haben zwei Lastträger gemiethet, die immer bei uns wachen müssen. Ich trage auch beständig Thymian, mit Wanzenpulver vermischt, bei mir. Es ist gut gegen den Schreck!—" Hierbei weist die Dame auf den Tragbcutel, den sie am Arme hat... er ist ungeheuer groß. „Aber," versetzt Malten,„ich sehe außer dem beliebten Pulver auch noch andere Sachen in Ihrem Beutel." „Ach— da ist sonst nicht viel: etwas Kalbsbraten, etwas Rinderbraten, eine halbe Gans, eine halbe Ente, zwei Bratwürste, drei Kroncwcttcrvögel (Krammetsvogel), vier Semmeln und sechs Kipfcln. Man muß doch ein Bischen Essen mit hinausnchmcn in die Brigittenau... einen kleinen Imbiß." „Und den werden Sie Beide allein verzehrend" „Das ist der Anfang; wenn wir dann noch hungrig sind, gibt es ja Garküchen draußen." „Gott segne Ihren Appetit, Madame!... Verwechseln Sie jedoch das Wanzenpulver nicht mit dem Kalbsbraten!" „O, das Pulver nehmen wir blos, wenn die Räuber kommen... man streut sich sodann ein wenig davon auf die Nase." „Die Ihres Herrn Gemahls wird viel bedürfen!^ lacht Malten. „Ha! ich fürchte die Räuber nicht!" antwortet Putzi;„und überdies, heut' sind wir ganz sicher... mir sagt es mein inneres Auge... ich errathe das." In demselben Augenblick hören sie eine Stimme hinter sich, die mit schallendem Tone ruft:„Guten Tag! meine Herren!" Mit einem Sprunge steht der edle Jüngling Theobald an ihrer Seite... und als Herr Nus- bergcr ihn mit den Niescnlocken, mit dem Hohenpric- stcrbart, einem gewaltigen Knotenstock in der Hand ansichtig wird, fängt er an zu zittern, wie Espenlaub, verkriecht sich hinter die weitläufigen Rücken- gegenden seiner Frau und klappert mit den Zähnen: „O weh, das ist gewiß einer von den Räubern." Er erinnert sich Theobalds nicht mehr.— „Haben Sie nicht etwas klein Geld bei sich, bester Freund?" redet der Jüngling Malten an... „Ich will eine Banknote von fünfundzwanzig Gulden nicht wechseln... aber, wenn Sie mir dieselbe vielleicht wechseln könnten?" „Es thut mir leid, aber ich trage heute nicht so viel Geld bei mir," sagt Malten. „O, ich habe etwas Geld!" bemerkt Nusbcrger, der gern dem Räuber einen Gefallen erweisen möchte, da er sich vor ihm fürchtet;„ich habe Geld— es werden wohl fünfundzwanzig sein... Da... fünf Gulden... zehn Gulden... noch zwei Gulden... das sind erst siebenzehn... ich muß jedoch mehr bei mir haben;" und Putzi sucht in allen Taschen:„da ^MiüSWSiWWWM — 176— sind noch fünf Gulden... das wären zweiundzwanzig. Aber wahrhaftig, mehr finde ich nicht... dies ist Alles!" „Nun, gleichviel!" antwortet Theobald;„geben Sie die zweiundzwanzig Gulden her!... so!— Drei bleiben Sie mir schuldig— und morgen erhalten Sie von mir die Banknote!— revoir!" Nach diesen Worten verschwindet Theobald geschwind, wie der Wind; Nusbergcr aber sieht ihm eine Weile mit offenem Munde nach, dann ruft er: „Hab' ich's nicht gesagt, daß es Einer von den Spitzbuben ist?... da hat sich's ja gezeigt!— Läuft der Kerl mir mit meinen zweiundzwanzig Gulden fort... O, es ist einer von den Räubern... Ich errathe Alles!" „Putzi, das war wieder sehr dumm von Dir!" „Mutzi— ich hab's ja vorhergesagt!" „— Ich sagte es auch vorher, daß Du eine Dummheit begehen würdest!" - Mutzi, beleidige mich nicht... Du kennst meinen Zorn." „O, mach' Dich nicht lächerlich, alter Narr!— Ich hab' Dir's schon einige Mal bewiesen, daß Du keine Courage hast." „Was?— Mir dieses?— Halt's mich— oder ich zerreiß' sie!" „Wie gewöhnlich... Du blamirst Dich, Putzi!" — 177— „Halt's mich— oder ich vergreif' mich an ihr!" schreit er, indem er dabei roth wird wie ein Hahn. Die Vorübergehenden bleiben stehen und sehen dem ehelichen Spektakel zu. „Schämst Du Dich nicht, alter Mensch?!" Aber jetzt geberdet sich Herr Putzi wie ein Schauspieler... er nimmt die Stellung eines Ritters an und brüllt abermals:„Halt's mich— oder ich thue ihr—" „Nichts!" versetzt ein Schusterbube, der eben mit zwei Paar Stiefeln seinem Meister in die Brigittenau folgt.— Alles lacht... und die Ehegatten auch... sie sinken sich gegenseitig in die Arme und schließen Frieden, wobei Putzi sagt:„Ich schwitze am ganzen Leibe." „Sie haben sich aber auch angestrengt!" ruft der Schusterjunge, und setzt hinzu:„Wenn Sie ein ander Mal wieder eine so hübsche Komödie aufführen, so können's von den Zuschauern Entroegeld verlangen!" und lachend läuft der Schlingel davon, indem er seine Stiefel im Kreise in der Luft herumschwingt. „Aber— wo ist denn der Herr von Malten?" fragt Herr Nusberger. „Er muß fort sein!" antwortet die Dame. „Das hab' ich vorausgesehen... und jetzt vorwärts nach der Brigittenau!-" Geheimnisse. II. 12 - 178— „Aber wir haben ja kein Geld, den Wein zu bezahlen!" „Ja richtig;— da müssen wir also nochmals nach Hause gehen." Und das Ehepaar macht Kehrt; als es jedoch in seiner Wohnung anlangt, bemerkt Mutzi:„Aber— da fehlt uns ja auch der Kalbsbraten, den ich mitgenommen!" „Gewiß hat ihn der Schusterbub' gestohlen. Das habe ich auch vorausgesehen." Während Alles dieses vor sich ging, ist Malten bereits ebenfalls vor seiner Wohnung, in die er soeben eintreten will. Da sieht er einige Schritte vor sich einen eleganten Wagen fahren, der sich plötzlich durch die Ungeschicklichkeit des Kutschers auf die Seite legt und im nächsten Augenblick umstürzt; aus demselben ertönt ein gellender Angstschrei. Dieses geschah so rasch, daß Malten nicht eher als jetzt zu Hilfe eilen konnte; doch kommt er noch zeitig genug an, um eine Dame aus dem Wagen zu heben, die ohnmächtig ist und die auf der Schulter eine starke Verletzung erhielt. Casimir, ohne sie im Gesichte näher zu betrachten, nimmt sie auf seine Arme und trägt sie in seine Wohnung, wo Lucie, ihn so erblickend, die Hände zusammenschlägt, indem sie ruft:„Aber— das ist ja—" Jetzt hat auch Casimir die Dame erkannt; es ist 1 — 179— Helene.— Ohne Zweifel wollte sie in ihr Gartenhaus fahren und muß nun in einem so traurigen Zustande bei ihm einkehren. Sie ist noch immer ohne Leben; man legt sie fetzt auf ein Ruhebett, wo Lucie sich um sie beschäftigt, sie entkleidet, ihre Wunde wäscht, indeß Malten mit seinem Diener rasch nach einem Arzte läuft, den er auch bald findet und mit welchem er fetzt vor der Kranken erscheint. Als er fcdoch bemerkt, daß sie entblößt, obgleich noch immer bewußtlos daliegt, zieht er sich zurück, fedoch vergißt er nicht, sie dem Doktor eifrig zu empfehlen, und geht nun nach seinem Schreibzimmer, wo er Helcncns Vater mit einigen Zeilen von dem Unfall seiner Tochter benachrichtigt. Diese ist endlich wieder zur Besinnung zurückgekehrt, und der erste Blick gibt ihr zu erkennen, daß sie sich in einem fremden Hause befinde. „Wo bin ich?" fragt sie. Der Arzt gibt ihr nun die Versicherung, daß sie hier die nämliche Pflege finden werde, wie in ihrem eigenen Hause. Zugleich bemerkt er, daß sie vorläufig noch hier bleiben müsse, denn fede Bewegung sei gefährlich, so lange man die ganze Beschaffenheit ihres Leidens nicht entdeckt hätte. Nunmehr läßt dieser Doktor sie mehrmals tief Athem holen und überzeugt sich so, daß ihre Brust nicht verletzt worden sei:„Es wird 12* eine einfache Verrenkung sein und hoffentlich ohne alle Gefahr ablaufen." In früheren Tagen wäre bei einer solchen Gelegenheit Helencns erste Frage wahrscheinlich gewesen: „Werde ich nicht entstellt sein?— Wird das Uebel nicht meiner Gestalt/ meiner Schönheit Schaden bringen?"— Aber nichts von dergleichen kommt ihr in diesem Augenblick in den Sinn... sie ist jetzt eine Andere geworden, wenigstens in vielen Stücken. Bald erfährt sie nun, daß sie sich in Maltens Wohnung befinde; diese Nachricht erfüllt ihr Auge anfangs mit Thränen und eine innere Stimme flüstert ihr zu:„Alles das ist eine höhere Schickung! Daran sollst Du erkennen, daß in dieser Welt Alles vergolten wird.— Du, die einst jenen Mann aus ihrem Hause gestoßen, bist nun gezwungen, bei ihm Obdach und Schutz zu suchen." Herr von Planen, der Vater Helenens, erschien bald darauf mit seiner Schwester; die Letztere zeigte sich sehr ungehalten über die Verordnung des Arztes, nämlich daß Helene dieses Haus nicht verlassen dürfe. „Es ist doch abscheulich!" bemerkte dieses alte Weib gegen ihren Bruder.„Gerade hier muß es geschehen sein! Gerade hierher muß man sie gebracht haben! An ihrem Unfälle liegt weniger— es wird vorübergehen; aber daß Malten diesen Triumph haben soll, ist mir unausstehlich." — 181— „Du mußt an diesem Orte sehr genirt sein, mein Kind?" fragt sie die Kranke, als sie mit ihr allein ist. Helene schüttelte das Haupt, und leise bebte es von ihren Lippen:„O nein! Könnte es doch so immer bleiben!"— XVI. Hclcncns Brief und Ccisimirs Antwort. Sie befand sich nun schon seit mehreren Tagen unter Luciens und Casimirs Pflege. Der Letztere besuchte sie setzt häufig, ihr Zustand erlaubte ihm das. Sein Betragen war jenes eines edlen und braven Mannes, der Beleidigungen vergißt, die ihm von Schwächeren zugefügt worden sind, und der Gutes übt selbst an seinem Feinde. Aber war denn Helene wirklich seine Feindin gewesen?— Es handelte sich da von längst vergangenen Zeiten, und Casimir, in seinem jetzigen Glücke, hatte für diese kein Gedächtniß mehr.— Mit einem freundlichen Lächeln kam er in's Zimmer und verließ es mit Herzlichkeit. Während er an der Seite der Kranken weilte, schien es fast, als sei ein Bruder bei seiner Schwester, und ohne gerade eine Zärtlichkeit blicken zu lassen, die hier nicht am Platze war und die er auch nicht fühlte konnte jetzt Helene dennoch recht deutlich den Unterschied sehen zwischen dem Bilde, das sie sich einst — 182— von Malten gemacht hatte, und jenem, welches sie hier in Wirklichkeit vor sich sah. „O!" sprach sie leise zu sich,„was ist das füren: Mann!— Thörin, die ich war, eine solche Seele zu verstoßen... Elende, die ich ihm so viele bittere Schmerzen bereitet habe!— Aber die Stunde der Vergeltung ist nicht ausgeblieben, und ich empfinde sie jetzt in ihrer ganzen Schwere... Und diese Frau oder dieses Mädchen, die seinen Werth besser zu würdigen verstand, als ich, wie glücklich muß sie sich preisen!— Ach, sie weiß es aber auch ... ihr Auge glänzt, sobald es dem scinigcn begegnet, ihr Busen hebt sich höher in seiner Nähe und jeder ihrer Pulse scheint ihm im raschen Fluge zuzuflüstern: O wie liebe ich Dich, Casimir!— Doch, ich will nur gerecht sein: sie verdient ihn auch!— sie ist ein Engel... und Casimir wird mit ihr Tage des Glückes verleben!— Ach, ach!" fuhr sie fort in diesem Selbstgespräche,„wie bitter ist gleichwohl ein solches Bewußtsein für mich! Wie beneide ich dieses Weib! Ja, ich beneide sie... ich mißgönne ihr dies schöne Loos... ich... ich... o wäre ich nicht hier, ich würde vor Wuth... Doch," beschwichtigte sie sich,„was tobe ich da? was ereifere ich mich?— Ist das nicht schlecht von mir?— Verdient dieses Mädchen, dieses liebe, gefühlvolle, theilnehmendc Wesen, verdient es denn meinen Zorn? — Ach, sie pflegt mich ja, als sei ich ihre theuerste Freundin... Jeden meiner Wünsche scheint sie zu erlauschen, um mir ihn zu erfüllen... O ich bin ungerecht!— Ich habe dieses gute Geschöpf im Geiste gekränkt... Ich schäme mich vor mir selbst!"— Helene war in wenigen Tagen so weit hergestellt, daß sie Casimirs Haus verlassen konnte, in welchem sie so viel Wohlwollen genossen hatte und das ihr als ein Paradies erschien, bewohnt von zwei seligen Menschen. Casimir reichte ihr zum Abschiede die Hand, und als sie ihm nun mit gesenktem Blick Etwas sagen wollte, was er errieth, kam er ihr zuvor und flüsterte ihr leise zu:„Alles ist längst vergessen, Helene! Ich habe Ihnen längst verziehen!—" Ihrer Sinne kaum mehr mächtig, stieg sie in den Wagen; hier sank sie zusammen, zerfloß in Thränen und rief:„O wie groß ist das Herz dieses Mannes!" Nichtsdestoweniger schrieb sie an ihn, kaum daß sie zu Hause angelangt, folgenden Brief: „Mein Herr.— Mögen Sie es nun aufnehmen, wie Sie wollen, ich muß meine Seele vor Ihnen ausschütten, meinem gepreßten Herzen Luft machen, oder die namenlose Angst tödtet mich sonst und mein Geheimniß verzehrt mich im innersten Leben.— Ich liebe Dich, Casimir!... ja, ich liebe Dich!— Magst Du über mich lachen, magst Du mich ver- — 184— spotten, verhöhnen!— Doch das wirst Du nicht! Das that nur ich... und Du bist ein edleres Herz! — Du rächst Dich durch Wohlthaten.— Aber eben dies peinigt mich. Was nützen mir alle Deine Beweise von Freundlichkeit und Großmuth, so lange Du mich dabei nicht auch liebst!— Ach— liebe mich, Casimir!... Gib mir Dein Herz zurück, das Du mir einst gewidmet... Ich erkenne es jetzt besser... ich weiß seinen Werth jetzt zu würdigen ... Ich würde mich glücklich schätzen, nur ein Atom jener Liebe wieder zu besitzen, welche ich einst in wahnsinniger Verblendung von mir wies!— O Casimir, mein theurer Freund— nicht Deine Großmuth kann mich beseligen— nur Deine Liebe!— Du bist noch nicht der Gatte jener Frau, die mich mit Engelsmilde in meiner Krankheit pflegte... doch was sie für mich that, hätte ich für sie jetzt gewiß auch gethan; ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war... und Du würdest an mir nunmehr ein treues Herz, eine zärtliche Seele besitzen... Doch jene Lucie steht mir im Wege... Ach, wenn Du kannst, übersteige dies Hinderniß und komm zu mir... Nur ein einzig Wort, Casimir— nur das geringste Zeichen, und ich verstehe Dich, ich bin die glücklichste oder die unglücklichste der Frauen!— Helene von Plauen." Auf diesen Brief antwortete ihr Casimir kurz: „Mich binden heilige Bande an Lucie. Meine 185 ganze Theilnahme, meine brüderliche Liebe jedoch bleibt Ihnen, Helene, für's ganze Leben!— Casimir." XVII. Der Lohn für gute, die Strafe für böse Thaten. Doch hier tauschen Herzen ihre Gefühle aus— ihre zarten heiligen Empfindungen flüstern mit leisen Geistesworten zu einander in stiller Einsamkeit... und draußen in der Welt stürmt es, gährt es, tausend wilde, tausend blutige Elemente kreuzen sich, wie in der Schlacht. Nur zu Zeiten ertönt dazwischen die lustige Querpfeife... sogleich aber rollt wieder dumpf und brausend der Donner des Geschützes... schon zieht er heran. Da gibt es dann zerschmetterte Köpfe— zerrissene Rümpfe;— Arme — Beine— zerstreut umher liegend, beweisen, daß hier der große Würger Tod vorübergegangen sei. Casimir und Lucie sitzen neben einander, ihre Arme sind verschlungen, ihre Blicke spiegeln sich in einander— ihr Odem haucht leise und vermischt sich— sie sprechen nicht und doch sagen sie sich Dinge, die fähig sind, das kleine, arme, sonst so traurige Mcnschenherz mit einem Himmel voll Freude zu erfüllen. „Bist Du glücklich?" fragt Lucie ihren Casimir, — 186— und er antwortet ihr nur mit einem sanften Lächeln, welches sie versteht.— Ihr Mund begegnet dem seinen— ihre glühende Seele strömt hinüber in die seinige— ihre Arme drücken ihn krampfhaft an den üppigen Busen, durch den das Herz im unaufhaltsamen Schlage ihm entgegen strebt; oft im wilden Schlage, denn es rollt darin ein heißes Blut. „So besitzen wir uns denn endlich! So bist Du endlich ganz mein... mein rechtmäßiges Eigenthum!... O wie habe ich nach Dir verlangt, gestrebt!" „Ich zählte die Augenblicke... jeder schien mir endlos... aber ich wußte, daß Du mich liebest und ich wußte, daß ich Dir dereinst angehören müsse." „Göttlich ist die Liebe!... Welche Gewalt wohnt in ihr! Wahre Liebe, wie die unsere, kennt die Irrthümer der Welt nicht oder achtet nicht darauf. — Und Du liebst den Häßlichen eben so innig, wie er Dich, die Schöne, liebt!" „Du bist ja nicht häßlich!— Vor meinen Augen bist Du schön, so schön, wie ich mich Dir wünsche. Unser erstes Zusammentreffen war eine Täuschung; um so größer war die Wahrheit des zweiten.— Als ich Dich zum ersten Male erblickte, dachte ich für Dich nichts zu fühlen— und ich war eine Heuchlerin, die sich bald auf's Süßeste betrog... Als Du mich zum ersten Male sahest, ahntest Du in mir nur ein entbranntes, leidcnschastschwcres Herz, und später fandest Du, daß ich der reinsten Liebe fähig fei." Ach— im tiefen Grunde des Herzens wohnen oft, wie im Grunde des Meeres, die köstlichsten Perlen, von denen oben der kurzsichtige Schiffer keine Ahnung hat. Nach einer Weile sagte Casimir zu ihr:„In kurzer Zeit verlassen wir diese Stadt... fern von den Pflichten der Welt, werden wir nur die unsrigen kennen; in heiterer Zurückgezogenheit wird meine Gattin die Tage meines Lebens verschönern... ich werde suchen, ihrer würdig zu sein, und eine liebliche Sonne wird über uns leuchten bis in die späteste Zeit." So sprachen sie.— Da schreckte sie eine Nachricht aus milder Friedensruhe auf. Friedrich, der Diener Casimirs, trat ein und berichtete:„In diesem Augenblick hat man die Bö- sewichter, denen man so lange nachgestellt, überfallen ... sie sind alle gefangen... Wilhelm ist jetzt viel-, leicht zu retten!" Ob sich diese Worte bestätigten, wird der Verfolg unserer Geschichte zeigen— doch früher müssen wir einige Tage in die Vergangenheit zurückkehren und zwar zu demselben Tage, an welchem das Fest in der Brigittenau stattfand.— Dieses selbst haben wir schon in allgemeinen Umrissen beschrieben. Schon vor demselben hieß es in — 188— der Höhle der Genies:„Wahrscheinlich wird Herr Bunder und Herr Ticfengrcif das Brigittenfest nicht vorbeistrcichen lassen— ohne—" „Ohne einen Streich auszuführen." „Pah!— einen Streich!— was nützt uns der? Man soll uns wegführen aus diesen traurigen Mauern ... weit weg/ in eine andere Stadt, auf einen andern Boden— denn hier ist für uns nichts mehr zn gewinnen. Es bietet sich jetzt eine günstige Gelegenheit: während des Festes in der Brigitten««, da dort die ganze Stadt versammelt ist und die Polizei daselbst alle Hände voll zu thun hat, könnten wir uns hübsch unbemerkt aus dem Staube machen. Was meint Ihr dazu?" Der Vorschlag gefiel und man beschloß, ihn dem Vorsteher mitzutheilen, der sonderbarer Weise jetzt nicht zugegen war, da doch auch Ticfengreif fehlte. Paul, der Geliebte jener Dirne, welche wir unter dem Namen Fanny kennen— Paul nun, der Taugenichts und Müßiggänger, welcher sich bereits ein Mal vorgenommen, zur Polizei überzugehen, es jedoch bisher noch nicht ausgeführt hatte— dicier Paul murmelte jetzt vor sich: „O welche Eselsköpfe! Eine so schöne Gelegenheit zum Arbeiten!... und sie wollen sie zum Durchbrennen benutzen!—" „Ja," versetzte Fanny;„es sind wahre Dummköpfe und sie begreifen ihren eigenen Vortheil nicht! — 189— Das Brigittensest nicht zu benutzen!... Was lassen sich dabei für Geschäfte machen!... Aber weißt Du was, Paul? Wer kann Dich zwingen, den einfältigen Launen dieser Leute da zu folgen? Kannst Du Dich nicht mit noch Einigen, die so wie wir denken, verbinden? Und können wir nicht während des Festes auf eigene Faust arbeiten? Wie— hast Du denn gar keinen Verstand mehr? hast Du ihn schon ganz im Glase gelassen?" Paul war, seit er das Mädchen kannte, eben nicht besser geworden. In früheren Zeiten ein tapferer und entschlossener Gauner, hatte er sich später dem Trunk und Müßiggänge hingegeben; unter Fanny's Anleitung eignete er sich auch noch Widersetzlichkeit an.— Er warb nun wirklich mehrere Kameraden, die gleich ihm dachten, und verabredete mit ihnen einen separaten Handstreich; jedoch wollten sie Alle nach Ausführung desselben in den Schooß der Kompagnie zurückkehren. Wunder erschien jetzt in der Höhle. Er meinte zu dem ersteren Antrag, daß derselbe zuvor mit Tiefengreif reiflich überlegt werden müsse, und als nun Tiefeugreif erschien, wurden alle Stimmen laut: „Während des Brigittenfestes müssen wir uns fortmachen!" „Nein!" antwortete Tiefengreif,„das kann nicht geschehen!— Uebrigens muß ich Euch sagen, daß sich hierüber im Voraus noch nichts bestimmen läßt...Wir 190 werden den günstigen Augenblick nicht ungenützt vor- bcistreichen lassen, zweifelt nicht daran; allein wir dürfen uns auch nicht unnütz der Gefahr preisgeben und vielleicht gerade während jenes Festes wird man uns schärfer in Acht nehmen." Bunder pflichtete dieser Meinung bei.„Jedoch," bemerkte er,„kann man uns während des Festes nicht so scharf beobachten, als zu anderer Zeit. Die Kräfte der Polizei sind dann zu sehr zersplittert." „Wir sollten Geschäfte machen in der Brigit- tenau!" platzte Paul heraus. „Tolles Begehren!" cntgegnete ihm Tiefengreif; „Ihr würdet dort sehr kuriose Geschäfte machen!" setzte er mit einer bezeichnenden Geberde hinzu. „Der Narr!" murmelte Fanny. „Wir machen sie doch!" meinte Paul. „Es bleibt dabei!" versetzten die übrigen Ver- schwornen. Das Fest war im vollen Zuge. Eine ungeheure Menschenmasse hatte sich hinausbegeben; die Straßen der Stadt waren verödet. Allgemeine Lust und Fröhlichkeit! Die Lust summte und surrte auf fünf Meilen in der Runde... das machten die Geigen, die Pfeifen, die Trompeten, die Gesänge, die Vivats und Juchheisa's und noch allerhand anderes Freudengeschrei. WLM-M'« — 191— Wir wollen in der Menge ein wenig auf und ab schreiten, um zusehen, ob wir keine Bekannten darunter treffen... Lange erscheint uns Niemand, und schon wollen wir uns, ermüdet und gesättigt von dem bunten Anblick, zurückziehen, als uns plötzlich bekannte Stimmen in die Ohren schallen. Wir sehen uns um—— Das sind sie wirklich, die zwei Biedermänner, an die wir zugleich gedacht, die wir schon so lange aus den Augen verloren haben... da sind sie und noch dazu in schönster Einigkeit, Arm in Arm.— Wer sollte es glauben! Der fromme, menschenscheue, tugendliche und reiselustige Herr Gründling geht mit dem Ausbund aller Gelehrsamkeit und allen Biedersinnes, Herrn Doktor Norbertus in lieblicher Eintracht spazieren! — Allein, wie Herr EberSbcrg in Wien sagt:„der Mensch denkt und Gott lenkt!" und das ist auch hier geschehen.— Ach, wie schön sich das ausnimmt! Unsere Augen werden schier geblendet, da sie zwei so außerordentliche Männer auf ein Mal anschauen müssen.— Sie hingegen, nämlich die außerordentlichen Männer, bemerken uns noch nicht, denn sie sind in eifriges Gespräch vertieft und soeben spricht Herr Doktor Norbertus: „Was wir gethan, das haben wir wohlgethan. Schon der große Cartesius, der Vater unserer modernen Philosophie, sagt:-'Die Verhältnisse können von einer solchen Mischung sein, daß sich darin der Jndiffercnzial-Punkt nur mit Mühe herausfinden läßt, vorausgesetzt, daß das Element der Spontaneität heterogen ist..." „Was Sie da plappern, versteh' ich zwar nicht," meint Papa Gründling,„ich glaube jedoch, daß Sie sagen wollten: jetzt, wo die ganze Kompagnie unserer ehemaligen Kameraden ohne Zweifel durch einen einzigen Schlag erlegt oder gefangen genommen wird, haben wir Zwei gut gethan, ihr Valet zu sagen... und uns dem edlen Spionirdienst zu weihen!" „Nicht doch! wir sind keine Spione— wir sind Agenten!..." „Beim heiligen Wurzclius! das ist eben so viel... Allein, unter uns, mein Liebster, ich fange an zu merken, daß dieser Dienst nicht viel einträgt..." „Was meinen Sie, mein Hochachtbarer?..." Man wird dabei arm und muß, wie ein Bär im Winter, vom eigenen Fett zehren... vra pro noliis!" „Was Sie da reden!— Haben Sie doch Geduld!— Man muß Krullatim, wie wir Gelehrte uns ausdrücken, fortschreiten: zuerst bekommt man Nichts— dann Etwas— dann Mehr und endlich Viel..." „Es kann auch so sein: zuerst Nichts— dann noch weniger— und endlich gar nichts! — 193— O du meine Gnade, Hier auf diesem Pfade In dem Jammerthale Muß ich Alles selbst bezahle..."*) „Mich dünkt gar, Sie singen!... Machen wir uns doch nicht lächerlich, mein Werthester..." „Aber die Frömmigkeit, mein Lieber— die Gottseligkeit ist nicht lächerlich... Doch, wen seh' ich dort?- Ist das nicht Einer von der Kompagnie? Paul, wie mir scheint!— Hab' ich's nicht getroffen? Ich wußte, wir würden hier heute einen Fang machen..." „Richtig, es ist Paul!" „Dank Dir, heiliger Buzephalus!" „Ihm nach!" „Jedoch leise— sachte- hübsch schleichend— Verbergen wir uns hinter den Vorübergehenden und schleichen wir so dem würdigen Paul auf Tritt und schritt nach... Ha! er ist nicht allein! Es sind ihrer Mehrere... sie gehen ohne Zweifel..." „Auf Geschäfte aus!" „Ilnd— ohne Zweifel wird sich die ganze Kompagnie hier befinden... Sie wollen noch Beute machen, bevor sie ab>egeln... O, wir werden sie Alle bekommen und die Herren da oben müssen uns dann belohnen, ksx teoum!" Papa Gründling stammte aus Mittel-Deutschland, wo man das n am Ende einer Sylbe nicht ausspricht. Gehemmiffe. II.^^ — 194— „Das trifft sich ja herrlich!... Ach, wie wird man in L... staunen, wenn man vernimmt, ich, das heißt, wir Beide, hätten eine ganze Räuberbande gefangen genommen... Man wird mich nach S... zurückrufen— Man wird mich mit der Organi sinnig eines Corps geheimer Agenten beauftragen— was zwar gegen die Constitution ist, jedoch hole der Teufel die Constitution! Es ist dummes Zeug— und ich habe sie immer verachtet, wiewohl ich äußerlich so that, als sei ich ein zweiter Mirabeau." Paul war soeben daran, sich an die Taschen eines vornehmen Herrn zu machen... da flüsterte Norbert seinem Begleiter zu: „Fassen wir ihn ab!" „Geduld— mein Doktorchcn— nicht so leidenschaftlich!— Hier noch nicht; wir müssen unser Schäfchen erst im Trocknen haben." „Was heißt das? Sie meinen wohl, daß wir selbst zuvor— einige Taschen leeren müssen?" „Nicht doch... ele^son!— Was denken Sie von mir? Ich bin ein ehrlicher Mann..." „Da! der Spitzbube Paul hat die Hand bereits in der Tasche jenes seinen Herrn... Nichtig! er zieht ihm ein seidnes Schnupftuch heraus... O, wie schön das Tuch ist!... Ich könnte damit meiner treuen Lukrezie ein Präsent machen... Doch dort ist auch ein Herr, ebenfalls sehr elegant... den werde ich um Etwas leichter machen," denkt Norbert bei sich;„der alte Mensch da— soll mich daran nicht hindern..." Und eben will Herr Norbert seinen Griff thun, als der feine Herr ihn bei der Hand erfaßt. „Halt da, Schurke! Nicht so rasch!" Dieser feine Herr ist— Hold ermann, der Agent. „Also— mich will man bestehlen?... und Sie sind es, mein ehrenwertster Doktor, ein Mann der Vehörde?— Sie stehlen auch?" „O— nicht doch— Ich wollte blos— Ihr Luch hing etwas zu lang heraus— ich wollte es Ihnen hineinstecken." „ Ach so... Ein ander Mal sagen Sie das mir! Ich werde es dann schon selbst thun." „Wie Sie befehlen." „Haben Sie bereits Etwas entdeckt, Herr Norbert?" „Noch nicht— noch nicht allein— dort ist mein Freund, Herr Gründling! Ich muß ihm nachEntschuldigen Sie, Herr Holdcrmann." Und der Doktor eilt dem Papa nach, welcher Paul nicht aus den Augen läßt und ihm beständig folgt... Der Bursche macht heute mit großer Kühnheit seine Streiche; schon hat er mehreren Personen Dosen, Mcerschaumpfeifen, Tücher und Börsen entwendet— 13* — 196- Jetzt nähert er sich dem Saum des Waldes; wahrscheinlich ist das der Punkt, wo er seine Mitverschwor- nen, die sich auf einige Augenblicke zerstreut haben, erwartet, um mit ihnen die erschwungenen Schätze in Sicherheit zu bringen. Papa Gründling und Norbert stellen sich daher in einiger Entfernung hinter Gebüschen auf und lauern. „Der Moment ist gekommen!" flüstert Gründling;„wissen Sie was, mein Liebster— eilen Sie zu dem Polizeipiquet— Sie wissen, fünfzig Schritte dorts rechts um die Ecke— und benachrichtigen Sie den Kommandanten, daß wir Einige erwischen können— Bringen Sie Mannschaft mit— recht viel, jedoch vorsichtig— fort!" Der Doktor läßt sich das nicht zwei Mal sagen, sondern begibt sich auf den Weg; unterdessen beginnt Papa Gründling zu beten und murmelt ein Mal über's andere: „Sanctus Buzephalus... beschütze uns!" Paul harrt noch immer. Ebenfalls hinter einem Busche versteckt, ist er im Begriffe seine Sachen zu besichtigen, als von seinen Kameraden Einer um den Andern herbei schleicht, und zwar ebenfalls mit Beute. „Das wird eine ganze That sein!" meinte Gründling.„Hoffentlich wird man mir dafür— ein Privilegium zum freien Prozcntenhandel geben— hihihi..." 197 In diesem Augenblick langt der Doktor mit der Wache an. „Still!— Warten wir noch!" bedeutet Gründling.„Es müssen ihrer noch Mehrere hinzukommen... Wir werden sie Alle fangen!" Aber er sieht sich bald in dieser Hoffnung getäuscht. Paul und seine Gefährten sprechen leise unter einander, dann verbergen sie die Beute unter ihren Kleidern— und nun bücken sie sich nieder und retiriren so von einem Strauch zum andern, immer tiefer in den Wald.— „Sollten das Alle sein?" murmelt Gründling; „so laßt uns ihnen nachsetzen... Vielleicht warten die klebrigen irgendwo im Walde auf sie..." Papa Gründling schleicht mit seiner Wache hinter den Gaunern her. Aber immer dichter wird der Wald.„Wir können es nicht länger aufschieben!" meint Gründling; „wir dürfen uns nicht so weit hineinwagen— die Kerle könnten uns dort Widerstand leisten— und unser sind nur Zehn,—— also— rasch auf sie los!" Man schlägt hurtig einen andern Weg ein— (Papa Gründling kennt sie alle von seinen Reisen her)— und schon hat man auf diese Weise einen Vorsprung erlangt,— da legt man sich in einen Hinterhalt, in eine Vertiefung des Bodens... Jetzt ist Paul mit den Seinen in der Nähe.„Atta- 198 kirt!" ruft Gründling. Seine Wache springt in die Höhe, umringt die Gauner und schon sind sie alle überwältigt, ohne daß auch nur ein Schuß gefallen wäre. „Haben wir Euch— Ihr saubern Vogel!" ruft der alte Gnome und reibt sich die Hände. „Ha— der Schuft! das Scheusal!— Er also hat die Häscher gegen uns geführt!" „Ich, ich— und ich rühme mich dessen!— O, beim Propheten! nicht wahr, Ihr habt Euch in mir betrogen? Ihr hieltet mich wohl auch für so einen Spitzbuben wie Ihr seid? Allein, ich bin ein ehrlicher Mann... und mein Freund, der Doktor, ist es auch." „Ja, ich bin auch ein ehrlicher Mann!" versetzt Norbert. „Mögt Ihr dafür in der Hölle braten!" brüllt Paul, dem man soeben die Handschellen angelegt hat... „O, warum sind wir diesem Kerl, diesem Paul gefolgt!" rufen die Andern;„hätten wir auf Wunder und Tiefengreif gehört, säßen wir jetzt bei ihnen im Trocknen." „Hoffentlich werdet Ihr bald bei ihnen sitzen!" lächelt Papa Gründling.„Auf Tiefengreifs Kops ist ein Preis gesetzt, ich will ihn mir verdienen." '«WWSMiÄ- — 199- Wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter allen Klassen des Publikums die Nachricht, man habe die Gauner ertappt; die Fama vergrößerte das Gerücht und bald hieß es: alle seien gefangen genommen. XVIII. Die Disposition zum Abzüge aus Wien. Auch in die Höhle der Kameraden drang dieser Ruf. Aber das ahnte man hier längst; denn kaum hatte man die Abwesenheit Pauls und seiner Gefährten entdeckt, als Tiefengreif finster ausrief: „Sie sind verloren! Die Strafe wird sie dafür erreichen; aber auch wir müssen ihren Ungehorsam büßen!" Sofort ordnete er Alles an zum eiligen Abzüge. „Jetzt können wir uns hier nicht länger halten ... Paul, der elende, treulose Paul, wird, gleich den Andern, unsern gegenwärtigen Aufenthalt verrathen — zweifelt nicht daran... Wir müssen uns folglich sogleich zerstreuen. Dies ist noch das Einzige, was uns übrig bleibt.— Ich will Euch nunmehr meine letzten Anordnungen geben, im Ganzen sowohl wie zu Eurem einzelnen Verhalten.— Wir theilen uns in sechs Haufen. Ihr da gehört zum ersten— Ihr zum zweiten— Ihr zum dritten— das ist der vierte— der fünfte— der sechste... Ein jeder — 200 Haufe erhält seinen Führer, dem Ihr blindlings gehorchen müßt, so lieb Euch Euer Leben, Eure eigene Sicherheit ist. Denket nicht daran, zu entwischen, Euch der Großmuth der Polizei zu vertrauen — des Teufels Lohn würde Euch dafür werden, jetzt, da sie bereits einen Theil von uns haben und damit prunken können. Denn dieser Polizei ist es nicht immer um die allgemeine Sicherheit, vielmehr nur häufig um ihr Renommv zu thun, und damit Etwas für den hohen Sold, den sie erhält, gethan werde. Also, achtet auf mich!— Den ersten Haufen führe ich selbst an und die Auserlesensten von unsern Kameraden werden ihn bilden. Thomas und Stephan, Ihr steht neben mir.— Unsere Aufgabe wird die schwierigste sein— wir haben die größten Gefahren zu überwinden... Wir brechen Nachts über den Wall und ziehen gerade die Straße hinab, die nach Ungarn führt, jedoch nicht die gebahnte, sondern jene in die Karpathen... Wir dürfen uns kaum verbergen, damit Ihr Andern uns stets finden, jeden Augenblick zu uns stoßen könnt... Deshalb auch marschiren wir einzeln— in einer langen Kette, Einer vom Andern mehrere hundert Schritte entfernt.— So müßt Ihr immer mit Einem von uns zusammentreffen können, wenn Ihr nur unsere Hauptdircktion im Gedächtniß behaltet... Ihr Andern sucht Euch inzwischen so viel als möglich zu decken— Ihr schleicht von Schlupfwinkel zu 201 Schlupfwinkel— wählt die ungangbarsten Wege— verbergt Euch vor allen Augen und werdet hierbei nur noch auf Eins merken: Euch zu beeilen, damit Ihr uns baldmöglichst erreicht... Du, Lan- genhans, bist der Führer des zweiten Haufens— Du, Peter, führst den dritten... Sie, Herr Map- per, werden den vierten leiten, und Du, Andres, den fünften— Herr Wunder endlich wird den sechsten und letzten übernehmen.— Dieser hat auch einige Schwierigkeiten zu überwinden, denn er muß bei Wien über die Donau setzen und stößt erst in der Nähe von Preßburg in den Karpathen zu uns.— Langcnhanö steigt beim Thury über den Wall— Peter nicht weit davon, dort, wo das kleine Ausfall- pförtchen steht— Andres geht durch die Marrer Linie und Mappcr nimmt einen Umweg, erschleicht sich am Augarten vorüber. Sucht jedoch immer weit auseinander zu bleiben— ein Haufe vermeide den andern, damit Eure Zahl nicht zu groß werde und sich leichter bewegen könne... Noch ein Mal, bedenkt, daß es sich um Euern Kops handelt; in den Karpathen sehen wir uns wieder, frank und frei!" „Aber," fragte Wunder,„warum in die Karpathen? Dort wird nicht viel zu holen sein... Sollten wir nicht lieber direkt nach Pesth oder gar nach Paris..." „Wir sind jetzt zu sehr im Gedränge... vorläufig können wir nichts unternehmen." «kMS, — 202— „Allein- der Knabe?— Ist Wilhelm in Sicherheit?" „Ich habe dafür gesorgt! Er bleibt unter meiner eignen Obhut!" „Unter Ihrer?" versetzte Wunder und ein eigenthümliches Zucken spielte um seinen Mund. „Jetzt rasch die Führer zusammen!" Tiefengreif stellte sie in einen Kreis um sich und besprach sich leise mit ihnen; darauf gab er ihnen Geld...„Es ist mein letztes!" sagte er;„und Ihr müßt damit haushalten... Der elende Gründling hat uns um Alles gebracht... Ich theile mit Euch das Meinige!" „Es lebe Tiefengreif!" erscholl es von den Führern. Da bemerkte man mit einem Mal, daß sich Einer von der Schaar wegschleichen wollte. „Wohin?" rief Alles einhellig. „Ich wollte— nur— hinausgehen..." stotterte der Mensch, und seine Verwirrung verrieth, was er beabsichtigte. „Es ist ein Angeber! Er wollte uns verrathen!" „Was bestimmen unsere Gesetze dafür?" rief Tiefengreif. „Den Tod!" „Er treffe ihn!" - Schon zuckten die Messer über seinem Haupte, da warf sich Bunder dazwischen: »,Kein Mord! in diesem Augenblick kein Mord! -- 203— — Wer weiß, ob der Mensch Böses im Sinne hatte ... Man fessele ihn lieber— lege ihm Handschellen an." „Nein— den Tod!" schrien die Meisten. „Nicht doch!" meinten Andere.„Sein Blut würde über uns kommen." „Seid Ihr so feig!" versetzte Tiefengreif;„nun gut— Euer Wille werde erfüllt!... Der Kerl lebe!... Entwischt er uns, so wird er's bereuen— denn ich kenne die Absichten der Behörden. Sie par- doniren Keinen mehr!— Selbst jener Gründling— meine Vorhersagung wird eintreffen— Ihr werdet eines Tages erfahren, was mit ihm geschah; Theo- bald und Norbert jedoch werden als Lumpe enden. — Doch jetzt fort von hier... Versteckt Euch in Gebüschen, Hohlwegen— überall— und brecht, sobald es thunlich, auf, jedoch zur Nachtzeit!— Auf ein glückliches Wiedersehen!" Rasch entleerte sich die Höhle. XIX. Auch einige komische Scenen. Abermals hin zu dem edlen Vater Gründling, zu Norbert dem Biederben, und ihrem Fang. Sie führten die gefangenen Gauner zu jener Behörde, von welcher sie ausgesandt waren. 204 „Hier bringen wir sie!" sagte der musterhafte Vater. „Gut!" antworteten die Behörden;„aber das sind noch nicht Alle... Suchet nach den Andern." „Suchet nach den Andern!" höhnte Vater Gründling, als er sich mit dem Doktor allein sah;„ist das das Ganze?— Ist das unsere Belohnung?... Die Bursche hat man uns abgenommen... allein wo bleibt der Lohn?... Suchet nach den Andern... Nun, und wenn wir, zum Beispiel, auch die Andern erwischen und einbringen— was wird man dann zu uns sagen?— Ohne Zweifel nichts, als: So! jetzt könnt Ihr gehen!— Das wäre also unser Douceur! dafür also sollten wir uns abmühen!— Nein, da mögen sie sich einen Andern suchen. Vater Gründling ist nur gewohnt, auf's Sichere zu spekuliren... Ich gehe nach Hause zu meinen Büchern, meinen alten Kleidern... die vorigen Geschäfte waren einträglicher... ich flüchte mich wieder an ihren geheiligten Altar... Ors pro nodis... Sanktus Kolo- phonius... sogleich bin ich wieder bei Dir!" Und ohne Abschied zu nehmen, verließ er den edlen Doktor, welcher seinerseits ihm mit starren Augen nachsah, indem er vor sich murmelte: „Der Alte hat Recht... Ich finde eben keinen großen Profit bei unserem neuen Metier. Die Geschäfte schienen anfangs in Wien gut zu gehen.— Jetzt gewahre ich, daß sie in Leipzig und namentlich im Riescngebirge, besser gingen.— Ha, ein erhabener Gedanke! Wie wär's, wenn ich wieder dahin zurückkehrte? Ich werde im Vaterlande sagen, daß ich große Dinge vollbracht habe; ich werde von der Türkei, von Australien und Mesopotamien, so wie von andern Ländern reden, wo ich— nicht gewesen. Aber man wird mir Glauben schenken, denn ich habe Kenntnisse, Gelehrsamkeit und Phantasie. Wenn ich hier nur noch so viel zusammcnstehlen könnte, daß ich damit bis zur böhmischen Grenze ausreichte. Dort kenne ich das Terrain besser als hier. Zurück! zurück zur Lukrezia, der Theuren! An ihrem Busen will ich Trost und Rath schöpfen!" Inzwischen hatte er seine Schritte nach der entgegengesetzten Seite gelenkt— er ging wirklich zu seiner Lukrezia, der Dünnen, der Durchsichtigen, bei welcher Alles spinnwebenartig war— auch ihre Tugend. Unterdessen ging auch Vater Gründling seiner Wege. Auch er begab sich, und zwar sehr eilig, nach seiner Wohnung, die noch immer in Thurp sich befand; jedoch hatte er in den letzten Tagen aus Vorsicht ein anderes Haus bezogen. Auf diesem Gange begegnet ihm Herr Theobald von Wurmser, welcher Arm in Arm mit Fräulein Antonie umherspazierte. Es muß ihm dies ziemlich sauer werden, denn er redet mit ihr fast kein Wort und schielt nach allen Mädchen, die vorübergehen. — 206— „Werden wir noch lange so herum geben, meine Theure?" „Noch einige Augenblicke, dann sind wir bei der Ruine... köstliche Ruinen! Die Räuber, von denen setzt alle Welt spricht, sollen auch darin gehauset haben. O wie gern möchte ich einen von diesen Räubern sehen!" „Ei— alle Donner!" kreischt Papa Gründling —„so nehmen Sie sich doch in Acht, mein Herr, Sie treten mir ja auf den Fuß." — ich bin so in Gedanken." „Was seh' ich?" „Was seh' ich?" „Das ist ja unser Theobald!" „Das ist ja— Papa Gründling!" Aber schnell flüstert der Jüngling ihm zu:„Nehmen Sie sich in Acht... Verrathen wir uns nicht— diese Dame ist meine..." „Ja— diese Dame scheint Geld zu haben!" denkt Gründling bei sich. „Liebe Antonie— ich habe die Ehre, Ihnen hier einen intimen Freund von mir, Herrn von Gründling äs Lrsxogerst-I vorzustellen. Er war Großzahlmei- ster des Pascha's von Tprus und Epirus— und lebt setzt als Privatmann den Musen." „Ja— den Hosen!" denkt Vater Gründling bei sich, indem ihm dabei seine alten und neuen Kleider einfallen. — 207— „Wie geht es Ihnen, mein lieber Aga— seitdem wir uns zum letzten Male gesehen haben?" „O— die Geschäfte..." „Sie meinen die Musen." Gehen schlecht. Ich habe mich von jenen Kerlen getrennt." „Das heißt von den Priestern der Musen. Nun, ich that das Gleiche. Hol' sie Dieser und Jener! — das sind ja wahre Gurgclabschncidcr... sie lassen Einen das Sauererworbene nicht einmal genießen. Neulich nahmen sie mir eine Uhr ab, die Spitzbuben!" „Wer—?" fragte Antonie. „Nun— natürlich die Priester der Musen!— Allein— wie stchts?" setzte er leise hinzu, indem er sich dem Ohre Gründlings nähert,„können wir zusammen einen Handel mächen?— Wie?" „Hat Diese da Geld?" fragt Gründling ebenso. „Ziemlich!" „Dann kommen Sie recht bald... aber bringen Sie mir eine Hypothek mit, denn ohne diese ist nichts zu machen." „Gut. Welches ist Ihre Hausnummer?" „Nro. 281. „Aber wovon reden denn die Herren insgeheim... noch immer?" „Von den Musen, natürlich!" versetzt Theobald. „Von den Hosen— eigentlich!" murmelt W — 208— Gründling, der alte Fuchs, und schleicht nach seinem Quartier. Tags darauf erschien Theobald mit dem Frühesten bei ihm. „Ich habe hier Etwas für Sie, Papa Gründling." Gründling war eben am Poliren eines alten Bügeleisens, und sang wie gewöhnlich sein Morgenlied dazu. „Was ist das für ein Etwas?" Doch zuvor müssen wir den Eintritt Theobalds beschreiben, da dieser nicht so ohne Weiteres erfolgte, sondern, wie wir wissen, von gewissen Bedingungen abhängig war. Der alte Papa nämlich schloß sich in seiner Stube noch immer ein, wie sonst;— als daher Theobald an der Thür erschien und klopfte, rief Gründling: „Wer ist es?" „Ich!" „Wer ist dieser Ich? Man nenne seinen Namen. Die Zeiten sind setzt von der Art, daß ein ehrlicher Mann seinem eigenen Bruder nicht mehr trauen darf." „Ich bin's— Theobald von Wurmscr!" „Ach so! Das ist was Anderes." Und sogleich ging die Eisenthüre auf. Das Wohnzimmer des Greises sah dem vorigen auf ein Haar ähnlich. Noch immer diese Unzahl alter und halbneuer Kleider, die, wie Wäsche zum Trocknen, auf Stricken umher 209 hingen, welche quer durch das Zimmer gezogen waren— noch immer dies abgenutzte alte Geräthe von tausenderlei Gestalt und Form dazwischen— noch immer der Betschemel da— das aufgeschlagene Rechnungsbuch... kurz noch immer das alte Gemach Papa Gründlings und mitten in demselben er, der kleine Gnome. „Also— was ist das für ein Etwas, das Sie mir da bringen?" fragte er. „Einige alte Bracelets, die ich in der größten Geschwindigkeit von meiner Braut— denn jene Gestrige ist meine Braut— erschwungen habe!" antwortete der Jüngling. „Her damit!" Er wog die Dinger auf der flachen Hand—:„Das ist nicht viel werth— dreißig Gulden etwa." „Dreißig Gulden? Nehmen Sie es!" „Haben Sie sonst nichts?" „O— noch Etwas— allein..." „Was— allein?" „Ich weiß nicht, ob Sie darauf eingehen." „Nun— reden Sie nur! Nennen Sie es! Was haben Sie?" „Es ist da— mein väterliches Erbtheil," das heißt, ein Theil meines Erbtheils. Eine kleine Obligation von etwa fünfzehnhundert Gulden Werth." „Her damit! Lassen Sie sie sehen!" Der Alte nahm das Papier, prüfte es mit kundigem Blick und Geheimnisse, n. — 210— antwortete:„Die Obligation ist gut... Staatspapier... Obwohl ich weder Ihres Vaters Namen, noch den Ihrigen darauf sehe, sondern es steht da Etwas von Antonie—" murmelte Gründling vor sich hin. „Antonie! Ganz recht. So hieß mein Vater eben mit seinem Vornamen." „Hatte er einen weiblichen Vornamen?" „Das nicht— keineswegs— allein er schrieb den seinigen französisch: Antoine. Er ist hier ein wenig verschrieben... das thut jedoch nichts; Antoine soll's heißen; Sie wissen doch, mein Papa war Einer von Napoleons Flügeladjutantcn— Marschall von Frankreich und Pair, et cselers, ei c-reters." „Beim heil. Carbonarius— sehr gut— gleichviel— die Obligation ist an sich ohne Tadel.— Was wollen Sie dafür?" „Was geben Sie mir?— Reden Sie kurz!" „Kurz! Sie ist lang— das heißt die Obligation, die Zahlung erfolgt erst nach vielen Jahren, einstweilen blos lumpige drei und ein halb Prozent Interessen. Also, mit einem Worte: ich gebe Ihnen siebenhundert Gulden dafür... ein brüderlicher Handel, Niserere mei Vomine!" „Siebenhundert!" Theobald besann sich einen Augenblick.„Gut! Geben Sie die Siebenhundert— weil Sie es sind! und nehmen Sie das Papier." „Sie müssen mit mir jedoch zuerst zur Hostam- — 211— mer gehen.. die Obligation muß auf mich überschrieben werden." „Lk Kien! allein jetzt kann ich nicht... jetzt brauche ich Geld." „Ich will Ihnen einstweilen zweihundert geben. Sie lassen die Schrift in meinen Händen... und dann— übermorgen ist der Tag, dann begeben wir uns..." „Zur Hofkammer!" „Haben Sie vielleicht noch einige solcher Papier- chen? He?" Theobalds Auge glänzte:„O freilich— gewiß — kein Zweifel— es ist noch eines vorhanden oder— zwei... Allein— zum Beispiel: ich kann noch eine bekommen, das heißt von meinem Bruder. Er schreibt sich ebenfalls Antoine." „Wie groß ist diese Obligation?" „Das weiß ich nicht auswendig... jedoch... jch werde sie Ihnen bringen." „Dann muß aber Ihr Herr Bruder mitkommen — oder wenigstens eine Cession missenden— von Zeugen bestätigt." „So?— das ist was Anderes!— Nun, wir wollen schon sehen. Jedenfalls eile ich sofort nach Hause und..." „Bringen mir die Obligation? Jch möchte sie so gern beisammen haben... beide Antoine's!" 14* 212 schmunzelte der alte Spitzbube.„Beide Antoine's möchte ich beisammen haben." „Gut. Ich werde mein Möglichstes thun. Bis dahin— tlckäio— mio caro, oarissimo—^äieu, inoii eoaur!"— „Addio!" Und der Alte fing wieder an, seine Kleider auszuklopfen. Es vergingen mehrere Tage und Theobald erschien nicht.„Wo mag er sein?" fragte sich der Gnome.„Ah—richtig! er besitzt zweihundert Gulden. So lange solche Gesellchcn Geld haben, ist mit ihnen nichts anzufangen— da kommen sie nicht — vergessen ihre heiligsten Versprechungen— ihre frömmsten Gelöbnisse. Doch kaum ist der goldene Vogel aus der Tasche geflogen— husch sind auch sie da. Nnn, bei meiner dcreinstigen unfehlbaren Seligkeit! er wird schon wieder kommen, dieser Theobald. Doch was ist das heute für ein Bimbambum?" Er horchte:„Ich höre schon einige Male mit der Glocke anschlagen, es muß in der Stadt Feuer sein. Ei, was liegt mir daran? Bis es heraus kommt nach Thury—da muß zuvor ganz Wien abbrennen. Noch immer Bimbam!— Das ist kein kleines Feuerlein mehr; das ist ein ordentliches Flambeau. Gehen wir zum Pulte und beten wir für unsere Neben- menschen." — 213— Wirklich ging der Papa Pin, kniete nieder und bewegte seine Lippen: „Vor Feuersbrunst Und blauem Dunst Der Schuldener Beschütze uns— o Du, mein Herr! Und auch vor fal- Scher Wechsel Zahl Bewahr' uns und Das zwar zu jeder Stund; Denn nichts ist trau- Riger, nichts schau- Riger, als allzumal Ein solches Wechsel-Scheusal!" Jetzt wurde an seine Thüre gepocht. Wir dürfen nicht vergessen zu sagen, daß der Tag sich seinem Ende zuneigte.—„Wer ist da?" „Ich!" „Ja— ich, das kann Jeder sagen. Wer ist dies»Ich«?— Man nenne seinen Namen. Bei jetzigen Zeiten muß ein ehrlicher Mann..." „Ich bin's: Theobald von Wurmser!" Der Alte öffnete:„Was bringen Sie mir?" „Mich!" antwortete der Jüngling mit Pathos. „Und sonst nichts?" „O— sachte... Ich bringe auch noch die bewußte Obligation." „Schön! Das freut mich. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein Lieblicher?— hier in diesem Lehnstuhl da?" „Es ist ein schöner Lehnstuhl!— Ich erkenne in ihm ein Mobiliar aus den Zeiten Karls des Kahlen oder Kühnen, gleichviel. Es ist ein verehrungswür- diges Stück!— Sie dürfen ihn unter dreihundert Dukaten nicht losschlagen." „Wollen Sie mir die vielleicht dafür geben?" „O nein... ich brauche selbst Geld... ich bin mit Möbeln versehen; ich besitze z. B. den Krönungssessel des chinesischen Kaisers TL—ta—tu—to.— Allein" „Wo haben Sie Ihr Obligatiönchen?" „Hier ist es." „Ebenfalls auf Antoine!" „Antoine— soll's heißen, wie gesagt. Es ist mein leiblicher Bruder!" Hierbei wischte sich Theo- bald die Augen. „Was ist Ihnen? Sie weinen?" „Sollte ich denn nicht..." „Nun, meinetwegen. Das ist Ihre Sache. Aber wo ist Ihr Herr Bruder oder seine Cession?" „O— weh mir! Darum eben weine ich!— Ein entsetzliches Unglück!— Sie hören doch die Glocken in der Stadt Fcuerlärm läuten." „Ja— aber?" „Ein ungeheurer Brand... Und mein Bruder — mein armer Antoine..." „Weiter!" Büßte dabei sein Leben ein!" MU-M. KÄSN!-«LLMKk»'-?- — 215— „Jetzt?" „Vor drei Stunden.— Er wollte retten, zu Hilfe eilen... und kam selbst dabei um. Er ist Verbrannt!" „Verbrannt?" „Sehen Sie hier seine Knochen!— Fromme Pietät ließ mich sie sammeln; ich habe sie aus dem Feuer gezogen, sie dampfen noch!" Dabei zog Theobald in der That einen Haufen Knochen heraus, die in ein Tuch gewickelt waren und welches Bündel er unter seinem langen Ueber- rocke trug. Die Knochen hatten stark das Ansehen von Kcw ninchen- oder Katzcnknochen. „Aber— da muß Ihr Herr Bruder ja sehr klein gewesen sein," lächelte Papa Gründling. „O— er war groß! Einen Kopf höher als ich — aber die Knochen schrumpfen im Feuer ein, wie Ihnen jeder Chemiker bestätigen wird." „Und also haben Sie keine Cession erhalten von dem Verblichenen?" „Es war ihm unmöglich! Er mußte löschen— retten— da dachte er nicht an mich. Jedoch, als sein einziger Bruder bin ich sein Universalerbe!" „Und— was wollen Sie für die Obligation haben?— sie lautet auf zweitausend Gulden." „Was geben Sie?" „Weil ich sie ohne Cession übernehmen muß: drei- «^LzWSSWWMSM?^ - 216— hundert Gulden baar und noch sechshundert, sobald sie auf meinen Namen überschrieben ist." ,„Zählen Sie das Geld auf." „Da sind dreihundert Gulden!" „Gut..." Er strich das Geld ein:„Empfehle mich Ihnen. Die Knochen lasse ich Ihnen da." „Sie können sie mitnehmen. Ich bin kein Drechsler." „Lästerer!— So trage ich sie fort und lasse für sie ein Mausoleum errichten." „Mit der Inschrift:»Dem kleinen Kaninchen der große Theobald!--" Dies sprach Gründling jedoch so leise, daß blos er es verstehen konnte. Der Jüngling war fort und Gründling stimmte ein Lied an: „Heiliger Barnabas, Ich sage Dir blos das: Der eben gemachte Handel War süß wie Zuckerkandcl. Sind die Schein' gestohlen auch Nach Theobaldens Brauch: So muß seine Braut sie am End' Auslösen mit hundert Prozent." Der alte Spitzbube ahnte nämlich, woher usie Theobald habe. Er hatte sich bereits nach den Verhältnissen von Fräulein Anton ie erkundigt.— 217 XX. Tiefengreifs Meisterstreich in Wien. Jene Feuersbrunst, wovon die beiden Ehrenmänner sprachen, war keine Fiktion. Ein Haus in der Nähe der großen Artillerie- Kaserne war in Brand gerathen und das Unglück hatte sich mit reißender Schnelligkeit der Nachbarschaft mitgetheilt. Die Löschanstalten der Kaiserstadt sind bekanntlich ausgezeichnet... selten, daß ein ganzes Dach von den Flammen verzehrt wird; denn man schreitet so schnell ein— Alles ist in bester Verfassung; Feuerreservcn, Wachen stehen überall; Spritzen, Wasserfässer sind beständig in Bereitschaft und Pferde sind Tag und Nacht angeschirrt, um aufs erste Zeichen bei der Hand, am Schauplatz des Unglückes zu sein. Aber dieses Feuer schien aller Vorsicht, aller Maßregeln, aller Geschicklichkcit der Löschmannschaft zu spotten.— Es war gerade so, als sei Schwefel und Pech in Brand gerathen— das Wasser schien keine Kraft dagegen zu haben. Eilen wir zur Brandstätte und sehen wir, was sich hier zuträgt.— Militär- und Polizeiwachen haben ein Quarree um den Platz geschlossen, in welches sonst Niemand eindringen darf, als die mit dem Löschen Beschäftigten. Fünf große Spritzen, Fässer, ^ü«»/ 218 Wassereimer stehen da; immer wird noch neues Material herbeigeschleppt... fünffach schießt der Strahl gegen das Dach des ersten Hauses; Kaminfeger und Pompiers klettern mit Haken und Beilen darauf umher und demoliren, reißen Ziegel, Latten, Bretter und Balken ab. Nichts hilft... die Flamme schlägt zum Nachbar hinüber, sein Haus steht gleich darauf in Heller Lohe. Eine allgemeine Verwirrung tritt ein; vergebens bemüht man sich, Ordnung zu machen — Alles läuft hin und her, die Reihen der Wachmannschaft werden durchbrochen, Tumulte entstehen in der Straße; Geschrei, Klagen, Fluchen, Kom- mandowörter schallen durcheinander. Ein Chaos ist aus den geordneten Massen geworden. Aber es kann nicht das Feuer allein sein, was diese schreckliche Verwirrung erzeugt... die Ursache muß noch eine andre sein. Polizeisoldaten laufen ab und zu— Leute, die als»Vertraute«- oder geheime Agenten der Polizei bekannt sind, führen sie an— unter Andern auch Hold ermann und noch Etliche, die wahrscheinlich auch dasselbe Fach bekleiden. Endlich ruft Jemand aus dem Volke:„Die Gauner werden soeben verfolgt, ergriffen... sie wollen sich durchschlagen, entfliehen... die Polizei ist ihnen auf der Ferse." Und so war es in der That. Ist nun jenes Feuer, dessen Beschaffenheit darauf schließen ließ, daß es durch künstliche Mittel erzeugt 219 wurde, von den Kameraden Tiefengreifs angelegt worden, oder haben sie es blos benutzen wollen: genug— in diesem Augenblick war einer ihrer Haufen gefangen genommen worden, als er eben das Thor passiren wollte, in dessen Nähe das Feuer brannte. Es war dies das Marrer Thor, von dem wir so oft gesprochen haben. Die Polizei schien gut unterrichtet zu sein. Sie war längst bereit, die Flüchtlinge in Empfang zu nehmen— und das nicht blos an jenem Thore, sondern auf allen Punkten, durch die der Ausfall der verschiedenen Haufen bewerkstelligt werden sollte. Wie ging das zu?— In dieser Zeit fehlte Ticfcngreif nicht an seinem Platze. Er hatte sich auf einige Augenblicke von seinem Haufen getrennt, um den bedrohtesten seiner Kameraden beizustehen. Die eingetretene Dunkelheit begünstigte ihn auch in seinem Vorhaben. Ueberdics war er nicht allein— Stephan begleitete ihn und trug unter einem weiten Mantel Etwas auf dem Rücken.— Es war ein Kind, es war, mit einem Worte, Wilhelm, in tiefen Schlaf versunken, welcher eben so wenig, wie jenes Feuer, von natürlichen Ursachen herrührte, sondern durch einen Schlaftrunk erzeugt war. Tiefengreif nun hatte ebenfalls einen Mantel umgeworfen, unter welchem auch er Etwas trug. Diese — 220— Mantel beider Gauner waren kurz und leicht, so daß sie sie am Gehen und Bewegen nicht hinderten. Tiefengreif war außerdem noch bis an die Zähne gewappnet und mit Waffen versehen. „Fort— zum Marrer Thor!" hatte er gerufen, „Thomas führt dort das Kommando beider Haufen— und erwartet uns ruhig. Wir müssen die Kameraden schützen, ihren Ausfall begünstigen. Was mit den andern Haufen geschieht, weiß das Schicksal... doch ahnt mir Böses. Ein neuer, unbekannter, ein tiefversteckter Verräther lauerte in unserer Mitte. Unser Plan war viel zu fein gesponnen für die groben Hände der Häscher." Sie kamen beim Thore an. Hier fanden sie, wie wir schon gesagt haben, ihre Freunde bereits entwaffnet— niedergeworfen. Ein dumpfer Schrei entrang sich der Brust Tiefengreifs. „Versuchen wir noch... allein es ist nichts mehr zu retten! Sie sind verloren!" „Hauptmann," versetzte Stephan,„seien wir auf unsere eigene Sicherheit bedacht!" „Ich möchte früher noch nach unseren andern Haufen sehen!" „Unmöglich— sie sind zu weit entfernt; wir müßten uns durch die Brandstätte zwängen, dort stehen Tausende von Menschen, Häscher, Soldaten— und Alles drängt bereits hierher gegen uns— gegen das Thor." — 221— „Und gleichwohl müssen wir hin!— Wenn uns auch nur noch ein Haufen übrig bleibt, außer dem unsern. Unsere Pflicht verlangt, daß wir noch einen Versuch machen!" „Vergebens... Ihr seht ja, die Straßen sind hell wie am Tage... hundert Fackeln tanzen um uns herum." „O— mein Himmel!" rief Ticfengreif und lehnte den Kopf einen Augenblick in seine Hand, die er auf Stephans Schultern stützte. „Fort! fort!— Verzieht nicht länger, Hauptmann! Jetzt können wir uns noch durchschlagen... Ich beschütze Euch mit meinem Leibe... das Kind nehme ich in meine Arme." Bei dem Worte»Kind" schien Tiefengreif neu zu erwachen:„Du hast Recht!" sagte er hastig; „hinweg!— Es handelt sich hier nicht blos um uns und unsere Kameraden." Sie bückten sich jetzt nieder, um solchergestalt mehr im Schatten und Dunkel zu bleiben; wie zwei Gespenster huschten sie hin. Schon hatten sie sich aus dem dichten Gedränge entfernt, als mit einem Mal hinter einer Ecke, die sie soeben umgehen wollten, zwei Fackeln ihnen fast in's Antlitz geworfen wurden, und eine Stimme schrie: „Hier ist Tiefengreif!" Tiefengreif xrkannte diese Stimme. Sie gehörte— B u n d e r. R — 222— W Zwischen zwei Wagen, die zu seinem Glück hier standen, wollte er setzt durchschlüpfen, als ein anderer Ruf:„Das ist Stephan! Er trägt das Kind! Haltet ihn fest!"— Tiefengreif zurückriß und ihn nöthigte, seinem Kameraden beizuspringen. Es entspann sich ein furchtbarer Kampf. Tiefengreif vertheidigte den Träger des Kindes gegen eine ganze Schaar Häscher, worunter Bund er; setzt erkannte er hier auch einen andern Mann, dessen Anwesenheit ihn wie der Blitz des Himmels traf... Casimir von Malten war es. Dieser drängte sich mit Wuth hervor, indeß er, wie es schien, von Jemand hinter sich zurückgehalten wurde. Tiefengreif führte einen mächtigen, weit ausgeholten Streich nach Casimir, aber in demselben Momente stürzte ein Weib, stürzte Lucie hervor und würde den Streich mit ihrem Leibe aufgefangen haben, wenn sich nicht zu gleicher Zeit über ihr das Gewehr Wunders erhoben hätte, auf welchem der Todcsstreich abprallte. „Mein Knabe!— Mein Wilhelm!" schrie Ca- simir;„rettet ihn!" „Dein Knabe?" versetzte Tiefengreif knirschend; „doch," fuhr er fort,„Du hast ihn mir einst gerettet... und so magst Du ihn setzt immer so nennen. Aber in dieser Stunde sind wir Beide quitt." Dies Alles geschah unter anhaltendem Kampfe, welchen, wie gesagt, Tiefengreif fast allein gegen — 223— eine ganze Schaar Bewaffneter aushielt; denn Stephan hatte das Kind in Acht zu nehmen und konnte höchstens sich selbst decken. Er stand immerfort hinter dem Rücken seines Meisters. Da kam für die zwei Gauner unerwartet eine mächtige Hilfe; durch die Ungeschicklichkeit eines Spritzenlenkers, der gerade in dieser Richtung fuhr, entlud sich ein voller Wasserstrahl und fuhr in die Mitte der Kämpfcnden. Augenblicklich erlöschten hier alle Fackeln, und in der ersten Ucberraschung entschlüpfte nun Tiefengreif mit seinen Kameraden auf so behende Art, daß man es erst merkte, als er bereits einen Vorsprung von dreißig Schritten gewonnen hatte. „Ihm nach!" schrieen Malten und Wunder zugleich. Alles stürmte dahin. Man erkannte in der Ferne zeitweise, sobald nämlich ein Lichtstrahl darauf fiel, die Gestalten der zwei Flüchtlinge;'dieselben nahmen ihren Weg durch die engsten Gäßchen. So kam man endlich zu einem offenen Platze— zu einem alten Garten, hier standen Bäume und mitten zwischen ihnen ein alter halbverschütteter Brunnen. „Die zwei Gauner sind am Brunnen!" rief ein Häscher, und wirklich hörte man dort jetzt auch Geräusch und sah bei mattem Lichtschimmer, wie ein Mensch in den Brunnen sprang. „Er ist hineingesprungen!" hieß es und sogleich befand man sich auch dort. — 224— „Es ist Jemand im Mantel unten auf dem Grunde des Brunnens... Tiefengreif muß es sein!" rief Alles. Man richtete die Gewehre hinab. „Schießt nicht— um Gottes willen!— der Knabe muß auch bei ihm sein!" schrie Casimir. Aber aus dem Brunnen ertönte keine Antwort. „Wer wagt sich da hinab?" fragte Casimir. „Ich!" trat ein Mann hervor, ein alter Soldat. „Hundert Dukaten sind Euer— wenn Ihr mir den Knaben bringt... und auch auf Tiefengreifs Kopf ist ein Preis gesetzt." Der Soldat stieg unter tödtlichster Spannung der klebrigen in den Brunnen. „Hölle und Teufel!" rief es, als er unten war — aber das war des Soldaten eigene Stimme— „Hier ist Niemand!" „Ich habe mit eigenen Augen einen Menschen hinabspringen gesehen— und ich habe scharfe Augen!" versetzte Lucie. „Eine Puppe ist das— in einen Mantel gehüllt— weiter nichts!" rief der Soldat aus der Tiefe; und nachdem man ihn heraufgezogen hatte, sah man, daß er wahr gesprochen. Tiefengreif hatte unter seinem Mantel eine große Puppe getragen, fast von der Größe des Knaben; als.er mit Stephan bei diesem Brunnen angelangt — 225— war, riß er sie sammt seinem Mantel von der Schulter und warf Beides in die Tiefe. Auf diese Weise hatte der Meister-Gauner seine Verfolger getäuscht.— Er, sammt Stephan und dem Kinde, waren längst davon. Umsonst war setzt alles Suchen. Die Verfolger kehrten heim; als man ankam, war das Feuer ae- löscht.- Außer Tiefengreif, Stephan und dem ganzen ersten Haufen, waren alle klebrigen gefangen.— Die Söhne der Höhle der Genies waren in den Händen der Gerechtigkeit. Man hatte das Wundern zu verdanken. Er war längst in Diensten der Polizei... lange bevor der Doktor Norbert, Vater Gründling, Theobald von Wurmser und die Andern ihre größere oder geringere Verrätherei bewirkt hatten. Bundcr wollte die ganze Bande auf einmal in die Hände der Justiz liefern— und besonders auch den Knaben Wilhelm, von dessen Dasein seit seiner Entführung, außer Tiefengreif, Niemand Kunde hatte. — Ticfengreif hatte die Vollständigkeit von Wunders Anschlag dadurch vereitelt, daß er mit seinem Haufen noch in der letzten Minute den Schlupfwinkel wechselte. Geheimnisse. H. 15 — 226— XXI. Dir Gatten. Die Geschichte Tiefengrcifs und Wilhelms. Vierzehn Tage später sehen wir unsern Freund Casimir im vollen Besitze eines schönen ehelichen Glückes. Er lebt mit seiner geliebten Lucie in einem kleinen Städtchen Oberösterreichs, fern vom Treiben und von den Gaukelspielen der großen Welt, umgeben nur von den reichen Schätzen einer gütigen Natur. Wie sehr lieben sich die jungen Ehegatten und wie verdienen sie dieses auch!— Wie wunderbar war ihr beiderseitiges Schicksal!— Sie, die Tochter eines Gauners, rettete ihre Seele, worin der Keim des Edlen niemals schlief, in den schönen Hafen häuslicher Ruhe; Er, der Häßliche, dem nie ein weibliches Herz entgegenschlagen wollte, fand zuletzt ein solches von der besten Art.— ^Jhre stillen Freuden wurden nur durch einen Gedanken getrübt, der besonders unsern armen Casimir mit Bitterkeit und Wehmuth erfüllte; es war dies der Gedanke an Wilhelm und die Unkenntniß seiner jetzigen Lage. Noch immer tönten dem Gatten Tiefengreifs Worte in'ö Ohr:„Dein Knabe?— Doch Du hast ihn mir gerettet!" Was bedeuteten diese Worte? Welcher war ihr geheimnißvoller Sinn?— — 227— Da langte ein Brief an. Er war ohne Post- zeichen— obwohl ihn unser Freund von dem Briefträger des Städtchens, in dem er fetzt wohnte, erhalten. Der Brief war von einem Unbekannten Abends in den Sammclkasten geworfen worden. Das Schreiben war aus Ungarn. Staunen ergriff Caftmir, als er unten am Ende den Namen »Tiefengreif« las. „Mitten aus den Hochwäldern der Karpathen schreibe ich Ihnen.- Mein Herz treibt mich hierzu, welches mit Dank erfüllt ist für den Retter meines Kindes; denn erfahren Sie fetzt, wessen Sohn Wilhelm ist:— er ist mein Sohn, er ist der leibliche Sohn Tiefcugreifs, des Gauners.— O mein Herr, Sie verachten diesen Gauner wohl, Sie hassen ihn — doch wüßten Sie erst, wie er's geworden, vielleicht würden Sie ihn bedauern, ihm gar eine Thräne des Schmerzes weihen!— Ja, nicht Alles an mir ist schlecht gewesen, was schlecht wurde.— Ich bin der Sohn bemittelter, aber gemeiner Eltern— mein Name ist einer aus fenen Millionen,.welche die Welt nicht kennt und nicht nennt, weil sie nur der bescheidenen Bürgerklasse angehören.— Mein Vater war ein braver Handwerksmann— und ließ mich studiren: ich sollte mehr werden als er. Auf der Hochschule in einer kleinen deutschen Stadt bildete ich mich mit Eifer heran und war entschlossen, eine meinen Fähigkeiten entsprechende Stufe in der Ge- 15* 228 sellschast zu ersteigen. Mein Sinn strebte zu dem Edelsten hinan.— Das Schicksal aber hatte es anders bestimmt.— Ich sollte zwar eine Höhe erreichen, aber keine von jenen, die der Mensch mit Achtung nennt. Ich machte aus der Ferne die Bekanntschaft eines schönen Mädchens. Für mich war sie nur das — ihr Stand jedoch wies ihr einen glänzenden Rang in der Gesellschaft an.— Wie durfte ich armer Student es wagen, mich der Tochter des Fürsten von N... zu nähern? Und dennoch liebte sie mich ... unsere Liebe aber war ein Verbrechen— im Stillen ausgeübt. Niemand ahnte Etwas davon. Endlich, endlich kam es an den Tag... sie trug das Pfand ihrer eben so reinen als großherzigen Liebe unter dem Herzen. Sie wollte mit mir fliehen... Zu spät. Man hatte bereits Alles entdeckt.— Man wollte nunmehr gegen mich einschreiten, als gegen einen gemeinen Burschen, der sich unterfangen, die Tochter des deutschen Magnaten mit Gewalt zu verführen... Die feige Lüge empörte das Herz des edlen Mädchens, es wandte sich mit so großem Abscheu von ihren Eltern, daß sie mir nun selbst Gelegenheit verschaffte, mit ihr in die weite Welt zu gehen. Sie öffnete mein Gefängniß— sie hatte einige Kostbarkeiten aus dem väterlichen Hause mitgenommen, welche ihr und nur ihr allein gehörten. Schon waren wir fort, schon glaubten wir in Sicherheit zu sein... da wurden wir ertappt, zurückgc- 229 bracht und ich nun als— Dieb angeklagt. Denn mir schrieb man die Entwendung der Kostbarkeiten zu.— Mit teuflischem Wohlgefallen ließ mich der herzlose Vater eines so lieben Kindes zur grausam- entehrenden Strafe des Zuchthauses verurtheilcn... Aber jetzt erwachte die gewaltige Natur in mir... sie, die vielleicht berufen war, mich zu Großem und Edlem heranzubilden, verkehrte mich zum Entgegengesetzten: ich zerbrach wie Kinderspiclzeug meine Fesseln— erschlug den mitleidlosen Fürsten und entführte seine Tochter zum zweiten Male— doch so, daß man uns nicht mehr trennen konnte.— Mir war jetzt meine Bahn vorgezeichnet.— Geächtet in allen Landen, durfte ich mich unter den Menschen nicht mehr blicken lassen. Mein Weib und mein Kind aber verlangten Brod— ich mußte es ihnen verschaffen— wie?— sehen Sie nun wohl ein.— Das unstäte, das flüchtige, das harte Leben, welches ich zu führen gezwungen war, konnte meine arme Wilhelmine nicht gewöhnen; sie ertrug es indeß mit Geduld— sie ertrug es ohne Murren, bis— der Tod sie davon erlöste. Sie starb ruhig, denn sie starb in meinen Armen. Mir blieb von ihr nur die Erinnerung und diese verkörperte sich mir in unserem Sohne, in Wilhelm.— Auf ihn übertrug ich jetzt die ganze Liebe, die ich einst für diejenige besessen, welche ich jetzt beweinte. Er sollte das nicht werden, was sein unglücklicher Vater war. Er sollte 230— ein Mann werden, der frei im Sonnenlichte wandeln, sich zu ihm hinaufschwingen durste: er sollte ein ehrlicher Mann werden.— Die Natur hatte ihn mit guten Anlagen beschenkt, und ich habe daran meine Freude gehabt.— Ich beschloß, ihn nach und nach in eine solche Lage zu versetzen, woraus ihm eine schöne Zukunft entsprießen konnte. Ich war darauf bedacht, ihm, fern von den Leuten meines Gewerbes, eine Erziehung zu geben— und trennte ihn gleich nach dem Tode seiner Mutter von mir. Zuerst lebte er bei guten Bürgersleuten, die ihn so hielten, wie ihr eigen Kind. Diese braven Leute nannte der kleine Knabe mit dem ersten Bewußtsein Vater, Mutter, und ihre Tochter Schwester. Mich, der ihn nur selten besuchen konnte und den später sein Gewerbe in ganz entfernte Gegenden führte, kannte er fast nicht.— Sie lernten mich zu dieser Zeit in Wiesbaden kennen. Da verschlug nullund meine Kameraden das Schicksal nach Wien.— Ich wollte mein Kind in meiner Nähe haben, entriß es seinen liebenden Pflegeeltern und gab es zu jenem schlechten Manne, jenem verrätherischen Schurken, den auch Sie unter dem Namen Gründling kennen gelernt haben.— Ich war hierzu gezwungen: unser Gewerbe ging anfangs schlecht, und ich konnte in dieser Zeit Wilhelm nicht anders, als auf Kosten der Gesellschaft ernähren. Daher log ich ihnen auch ein Märchen vor: ich sagte, der Knabe habe große Anlagen zum Gaunerthum, und könne dereinst unsere Stütze werden— so nahmen sich diese Menschen seiner an.— O, mein Herr, ich habe viel Böses im Leben verübt, das ich kaum beweinte— als ich jedoch diesen traurigen Schritt that, da blutete mein Herz sich fast zu Tode.— Sie wissen bereits, wie der elende Gründling das Kind behandelte. Er strich große Summen für dessen Unterhaltung ein— und Wilhelm, den er stets unter Verschluß hielt, ohne ihn auch selbst nur seinem Weibe, seiner Tochter, der guten Lucie, zu zeigen— Wilhelm darbte bei ihm und wurde mißhandelt. Ich erlangte von dem Allen erst später Kenntniß. Wilhelm, nicht länger fähig, bei seinem Peiniger zu bleiben, entlief demselben, gericth in Lebensgefahr... und Sie, mein Herr, begingen die menschenfreundliche That, ihn unter Pferdcshuf zu retten. Möge es Ihnen der Himmel lohnen! Mögen es Ihnen die Thränen eines Vaters vergelten— möge der reichste Segen dereinst über Ihre eigenen Kinder kommen!— Sie behielten jetzt den Knaben bei sich, Sie pflegten sein mit dem lie- bendsten Menschcnherzen. Sie wurden ihm ein wahrer Freund... und ach, es war vielleicht undankbar, schlecht von mir, daß ich Ihnen das Kind entriß.— Aber, mein Herr, seit Wilhelms Unglücksfalle hatte sich meines Vatcrhcrzens eine solche Trauer, eine solche Angst um ihn und eine solche Sehnsucht nach demselben bemächtigt, daß ich ohne ihn nicht länger 232 leben konnte.— Sie kennen die Anstrengungen, die ich gemacht habe, in seinen Besitz zu gelangen... sie kosteten sogar Blut. Wie schwer wurde es mir, Ihnen überall öffentlich zu folgen!— Sie wissen nicht, daß ich während meines ganzen Aufenthaltes in Wien, wie früher in allen größern Städten, eine künstliche, eine durch Kunstmittel zusammengesetzte Physiognomie trug. Man hätte mich sonst vielleicht erkannt. Das war auch der Grund, der mich als rechtmäßigen Vater abhielt, das Kind bei den Behörden zu reklamiren.— Endlich kam ich in dessen Besitz, ich nahm es Ihnen mit Gewalt. O, mein Herr, wie glücklich war ich von diesem Augenblick an! — Wilhelm hatte einen sonderbaren Widerwillen gegen mich, aber das kränkte mich nicht: wußte ich mich ja als Mörder seines Großvaters, als Ver- derber, wenn gleich schuldloser Verderber seiner Mutter. Noch immer ist der Knabe nicht völlig mit mir ausgesöhnt; doch neigt sich sein Herz mit jedem Tage mehr zu mir... und ich hoffe dereinst noch seine ganze Liebe zu gewinnen.— Mein Herr, ich schließe.— Diese Zeilen glaubte ich Ihnen schuldig zu sein, ich mußte dem Erretter meines Kindes Rechenschaft ablegen— ihm, dem edlen Manne, dem großmüthigen Beschützer einer armen Waise, dem unvergeßlichen Menschenfreunde danken!— Noch ein Mal: Gott segne Sie dafür!— und er wird es durch die Liebe der treuen Gattin, die er, gleich einem Edelstein unter Schlacken, für Sie aufbewahrt hat! — Nun noch Ein's. Sterbe ich, bevor mein Wilhelm groß geworden, so bringt ihn ein Freund zu Ihnen... und Sie werden auch dann die Waise nicht von sich stoßen!— Ach, er gedenkt noch immerfort Ihrer! Unter zwanzig Räubern— wie sollte er sich da nicht des edlen Mannes erinnern, bei dem er in so stiller, friedlicher Kindheit gelebt!— Leben Sie denn wohl, mein Herr! Nehmen Sie den Gruß eines dankbaren Vaters, des Räubers Tiefcngreif." Mit Thränen in den Augen lasen die Gatten dies Schreiben. Tiefes Mitleid erfaßte sie um den Mann, von dem es kam. Und sie gelobten, seiner nur mit Rührung zu gedenken.— XXII. Das Schicksal der übrigen Personen. Der gütige Leser wird nun auch von diesen Etwas erfahren wollen. Zuerst von Gründling. Dieser Ehrenmann hatte sich in jeder Hinsicht arg betrogen. Er, der Alles betrog, sogar seinen Gott, wurde zuletzt selbst getäuscht— nämlich für's ganze Leben. Die Obligationen Theobalds nützten ihm gar nichts, denn als er damit zu Antonie ging, erklärte diese: der Schurke Theobald habe sie ihr entwendet und nachdem er noch andere Stücklein an ihr verübt, sei er auf und davon gegangen— nach Polen. Papa Gründling reis'te ihm nach, erfuhr auf der ersten Station der Jüngling sei bereits durchgereift; er lasse ihn grüßen, hieß es wie gewöhnlich— ihm auch sagen: er(Papa Gründling) möge sich die Mühe nicht nehmen, ihm(Theobalden) weiter zu folgen— ausgenommen in dem Falle, daß er fünf ächte Araber unter seinem Sattel zu Tode hetzen — oder aber in der größten Geschwindigkeit eine elektro-magnetische Eisenbahn anlegen wolle. Er, Theobald, begebe sich jetzt zu seinem intimen Freunde, dem König Pollifar, nach Grönland, wo er sehr gut zu leben und den Papa Gründling wacker auszulachen gedenke.— Wüthend darüber, kehrte dieser nach der Stadt zurück... aber wie erschrak selbiger Biedermann, als er sich hier von den nämlichen Häschern, an die er seine Freunde verrathen, ergriffen— und bald darauf vor Gericht als Gauner, Betrüger und Wucherer verurtheilt sah! „Das ist somit der Lohn!" sagte er zu sich. „O heiliger Pimpernello— bete für mich!" Es erging ihm gleich den übrigen Gaunern, die 235 man eingesungen hatte— sie wurden sämmtlich nach Munkätsch und auf andere Ehrenplätze verpflanzt. Nur Bund er, der der Gerechtigkeit wichtige Dienste geleistet und seit langer Zeit bereits umgekehrt war, ging frei aus und attachirte sich dem Corps der für die allgemeine Sicherheit so nothwendigen geheimen Agenten.— Von Theobald erhielt man keine weitem Nachrichten. Aber Doktor Norbert, dieser rüstige Gelehrte, ließ später noch Etwas von sich hören. Zuerst als er in Quedlinburg seine Biographie unter dem Titel: „Biographie des sächsischen Schobri" herausgab... und später, als er im Königreiche*** wegen verübten Meuchelmordes gerädert wurde.— Die Gräfin Grünberg und ihre„grüne Cotcrie" blühen, oder vielmehr welken, noch bis auf diese Stunde.— Sie sind für Kaffeeklatsch, Schnupftabak und Medisance thätig. Die Emanzipation des Weibes haben sie aufgegeben— seit ihnen diese Liebhaberei bei Theobald et consortos so schöne Summen gekostet. Antonie ist setzt eine der eifrigsten Mitglieder der „grünen Coterie".— Sie will nichts mehr von den Männern wissen— kokettirt jedoch insgeheim mit einem brünetten Ladenschwengel. Helene von Planen, die anfangs ihr Schicksal mit Kummer getragen und um Casimir viele Thränen geweint, hat sich endlich doch noch getröstet. Sie ist wieder in der Gesellschaft, hat dort ihren vorigen Platz erobert und man spricht sogar davon, daß sich Graf Lothar von Mühlendorf wieder um sie bewerbe. Sie wird ihn zuerst ignoriren, sodann maltraitiren, und endlich acceptiren; er wird ihr Gemahl werden und zuletzt leben sie Beide— wie es ihnen eben gefällt. Auch von Putzi und Mutzi Nusberger müssen wir noch berichten, daß sie täglich dicker werden, daß er noch immer Alles im Voraus erräth— daß sie sich zuweilen zanken, gleich darauf versöhnen, worauf Mutzi ihm eine von seinen zehntausend»Leibspeisen-- kocht, bratet, schmort oder siedet— selbst jedoch ein Mittelchen gegen die Unverdaulichkeit einnimmt.— Casimir lebt nun schon seit zwei Jahren mit seinem Weibe. Noch hat kein Wölkchen den ehelichen Himmel getrübt, der immer klarer wird und auf welchem sich bereits das zweite Sternchen zeigt. Casimir besitzt eine Tochter— ein Knabe wird ihr wohl bald nachfolgen. Gestern langte ein Unbekannter bei ihm an, der ihm— Wilhelm zuführte, und einen letzten Gruß vom sterbenden Tiefeng reif. — 237— Dieser verschied an einer Wunde, welche er im Kampfe erhalten. Wo— sagte der Unbekannte nicht, der schnell verschwand. Es war dies Stephan gewesen, der zu seinen Kameraden zurückkehrte, nachdem er noch zum letzten Male, in starker Bewegung, den Knaben seines Hauptmanns an's Herz gedrückt. Epilog. An die Leser. Dies wäre denn das zehnte größere Erzählungs- werk, welches ich der Leserwelt hiermit darbiete.— Gern möcht' ich hinzusetzen:„und auch der Kritik"; allein hierbei müßte noch Einiges vorausgeschickt werden.— Versteht man unter Kritik sene starre, pedantische Macht, die bei uns in Deutschland mehr als anderswo eine Macht ist— und welche Alles in ihre abstrakten Schulschubfächer hineinzwängen oder aber Alles aus ihnen hinauswerfen will, dann mag ich mit der Kritik nichts zu schaffen haben. Versteht man unter ihr jenes Institut, das blos vorhanden ist, einem momentanen Bedürfniß des nach kritischem Gewäsche lüsternen Publikums abzuhelfen, und welches auf seinem Wappenschilde entweder einen dickköpfigen Stier oder eine melkende Kuh führt, dann will ich gleichfalls nichts mit dieser Kritik zu schaffen haben.— Versteht man aber unter Kritik jenen verständigen und redlichen Beruf, der das Kunstwerk als ein selbstständiges Objekt auffaßt, es aus sich heraus beurtheilt, keinen Maßstab daran legt, der zu demselben nicht paßt... allgemeine Prinzipien wohl mitbringt, die Gesetze der innern Form, sowie der äußeren Ausführung jedoch in dem Werke selbst aufsucht... und, mit einem Worte, ein gerechter, bei der Sache verbleibender Richter ist, der die Selbstständigkcit und Würde des Künstlers, des Dichters respcctirt: dann, ja dann wende ich mich allerdings auch an die Kritik, dann rufe ich ihr meinen lautesten Willkomm entgegen, dann anvertraue ich ihr mit Freuden diese Zeilen und dieses Werk, so wie dasselbe bei meinen anderen geschehen ist. Mit dieser nützlichen Kritik und meinen Lesern nun möchte ich hier einige Worte reden.— Ein Autor, der im Augenblicke nicht auch Journalist ist, hat so selten Gelegenheit, sich über den theoretischen Theil seiner Leistungen, über seine Tendenzen und Kunstzwecke auszusprechen, daß er nach einer, die sich ihm z. B. in Vor- oder Nachreden bietet, mit beiden Händen greifen muß. Ohne Verständigung kein erschöpfendes Verständniß! Zuerst über Titel und Inhalt des vorliegenden Werkes. Ich habe dieses neue soziale Gemälde meiner Feder„Geheimnisse von Wien" genannt, 240 nach dem Beispiel Eugene Sue's, dessen„Mysterien von Paris" in diesem Augenblick so große Sensation erregen.— Auf den Titel beschränkt sich meine ganze Nachahmung— denn, aufrichtig gesagt (und jeder Leser wird mir es bestätigen), ich habe die Mysterien von Paris noch nicht einmal gelesen. Erst jetzt, nachdem mein Roman fertig, werde ich an die Lektüre jenes berühmten Werkes gehen. Was nun den ersten Unterschied zwischen Sue's Mysterien, so viel ich darüber vom Hörensagen weiß — und diesen betrifft, so ist das Buch des Franzosen mehr Historie, das meinige mehr eine Fiktion; ich will nämlich keineswegs behaupten, daß es in Wien wirklich so ist, wie hier geschildert wurde,— aber daß es so sein könnte, wird mir Jedermann einräumen und mit der Wahrscheinlichkeit hat es der Dichter zu thun. Eben so wahrscheinlich jedoch, und hier kann man sagen: gewiß, ist es, daß die Wiener Polizei solche Mysterien aufdecken und aufheben wird, und ich betrachte vorzüglich den letztem Theil meiner Zeichnung als topographisch. Ferner: Eugene Sue beabsichtigte durch sein Werk gerade die entgegengesetzte moralische Wirkung, als ich durch meines. Er wollte die Gesellschaft aufregen, er wollte sie erschrecken, indem er ihr zeigte, neben welchem gefährlichen Abgrunde sie wandle und daß unter ihren Füßen Alles unterminirt sei.— Ich meinerseits wollte die Gesellschaft beruhigen, ich 241 wollte dem ruhigen Bürger Vertrauen einflößen, indem ich ihm zeigte, wie die Staatsgewalt mit ihren unsichtbaren Händen die Höhlen des Lasters und Verbrechens zudeckt— für die allgemeine Sicherheit Wiens besser wacht, als dies zu Paris vielleicht geschehen kann. Dies ist aber auch die einzige löbliche Seite der geheimen Polizei. Die äußere Haltung meiner Erzählung anlangend, so erscheint hier abermals jener Styl, der mir von Seite vieler Rezensenten den Ehrennamen des deutschen Paul de Kock zugezogen, wornach ich wahrhaftig nicht gestrebt.— Möglich, daß in meiner Individualität ein ähnliches Element liegt, wie in Paul de Kock; auch bekenne ich frei meine Vorliebe für diesen Autor, besonders aber für seinen genialen Vorgänger Pigault Lebrun; ich habe mir jedoch niemals die Mühe genommen, Diesen oder Jenen zu Lmitiren, indem ich, bei aller Werthschätzung ihrer Schriften, daran gar Manches auszusetzen hätte, was ihnen vielleicht eben den Hanptreiz verleiht. In Pigault Lebrun und namentlich in de Kock ist fast nirgend ein geordneter Plan, ein moralischer Großgedanke im Ganzen, eine künstlerische Compofi- tion zu finden; Alles an ihren Werken ist momentane Inspiration— sie fangen einen Roman heute an, ohne zu wissen, wie sie ihn morgen fortsetzen und nach so und so viel Wochen schließen werden. Das Geheimnisse. II. 1g — 2L2— hat sein Gutes... das Werk erscheint dabei so leicht, so naiv, so natürlich hingeworfen, als käme es eben, wie ein anderes Produkt, aus dem Schoße der Mutter Natur. Aber eben deshalb ist es kein eigentliches Kunstwerk, da dies eine innere Nothwendigkeit, eine organische Gliederung und einen bestimmten Kunstzweck haben muß, der nicht blos darin bestehen kann: zu unterhalten... Das Letztere ist blos Mittel— wiewohl ein unbedingt nothwendiges, welches leider so vielen deutschen Autoren fehlt, die in ihrer gelahrten Unproduktivität mir wie lauter auf die Köpfe gestellte Pigault Lebrune und de Kocke vorkommen. Mag man mich in Bezug auf Detail-Form, meinetwegen auch von Seite der ganzen äußeren Auffassung, immerhin zu jener Schule zählen, wohin Lebrun und de Kock gehören, und welche Schule in Voltaire, in Scarron wurzelt, eigentlich aber die älteste, weil natürlichste Erzählungs-Schule ist(Boccaccio): so muß ich dessen ungeachtet nochmals, wie ich dies schon ein Mal gethan, gegen eine unbedingte Vergleichung mit jenen zuerst genannten zwei französischen Autoren protestiren. Das Fach des Romans und der Novelle ist in neuerer Zeit jenes Feld, auf dem, wie dieses Lewald geistvoll ausdrückt, die moderne Poesie sich manifestirt. Auf diesem Felde sind jetzt so viele und so große Kräfte thätig, daß es fürwahr aussieht, wie eine gewaltige poetische Armee, die den ganzen Erdkreis des Idealen erobern will.— In dieser Armee hat Jeder von uns seinen bestimmten Posten, den es zu behaupten gilt. Ich habe mir bis setzt jenen des modernen Sozialismus auserwählt und diri- gire meine Kolonnen nach den Großstädten in Nah und Fern. Die Schilderung sozialer Konflikte habe ich auf einen bestimmten Schauplatz getragen, und dieser Schauplatz heißt bald Paris, bald Wien, Venedig, Berlin u. s. w. Ich glaube, daß nur auf diese Weise sich etwas Heilsames in der No- vellistik erzielen läßt. Wir müssen, nach dem Beispiele der Franzosen, Engländer, der Spanier, Italiener, ja der Russen— den Gebilden unserer Phantasie einen realen(lokalen) Stützpunkt unterlegen, sollen diese nicht in der Luft nihilistisch verschwimmen. — Was nützen die utopischen Gebilde einer deutschen Schule, was fruchten diese Handlungen, Begebenheiten, welche nur im Gehirne des Autors eristiren, — was bezwecken diese Menschen und Charaktere, zu denen sich in der Wirklichkeit kein Vorbild finden läßt? Sind wir nicht schon von vorn herein träumerisch, schwärmend, nebelnd, schwebelnd, kurz deutsch genug? Müssen wir auch noch eine Theorie, eine Schule des Jnconcreten schaffen und Systeme dazu entwerfen? Wohin wird uns eine solche unselige Aesthetik noch führen!— Ein poetisches Werk, das, bei starrer Leblosigkeit, 16* W — 244— nur ohne Tadel in der Form ist, wird von vielen unserer Kritiker noch immer mit lauterem Beifall aufgenommen, als das entgegengesetzte Produkt, als eine Dichtung, die wahr, lebensvoll, kräftig und beweglich, aber nicht über jenen belobten deutschen ästhetischen Leisten genäht ist. Auf diese Art jedoch wird es unter uns auch nie zur That kommen,- da wir das Machen so hoch halten.— Ein guter Kontrapnnktist kaun jeder Schulfuchs werden, ein guter Poet muß vom Himmel fallen!— Aber trotz alledcm werdet Ihr doch immerfort auf Eurem begriffsstarren Katheder-Klepper reiten; Ihr werdet immer wieder das Ganze verwerfen, weil Euch Einzelnes daran nicht, behagt; Ihr werdet wieder kategorifiren und prokrustiren... das lebendige Bild in Euer Fachwerk stopfen, und paßt es nicht hinein, ihm ohne Weiteres die Beine oder gar den Kopf abhauen; Ihr werdet wieder mäkeln und feilschen am Kleinlichen; Ihr werdet wieder das Wasser trüben hier und dort. Das Ganze aber, den See, das Meer werdet Ihr nicht befahren auf großen Schiffen, da es Euch viel bedeutender scheint, das poetische Schlinggewächs und Unkraut der Uferklippen kritisch auszuraufen!— Immerhin! Und traurig genug!— Ich aber sage Euch, daß mir ein großer See mit L 245 wild verworrenem Ufergcstrüppe höher gilt, als Eure engen, tiefen, reinlichen Brunnen mit ihrem durch künstliches Salz gehärteten Trinkwasser.— Und nun genug davon!— Ich hätte hier noch so Manches auf dem Herzen aus früherer Zeit— ich möchte hier noch so manche große und winzige Kritiker auf ihre Urtheile über meine geringen Leistungen zurückführen, um ihnen zu sagen, welche persönliche Absichten sie dabei geleitet haben. Aber das ist eher ein Privatgeschäft, denn ein öffentliches. Das Publikum und die gute Kritik weiß es auf's Haar, was man von rczensirendem Geschrei halten soll, das z. B. mit Worten, wie diese, anfängt: „Der geringste Fehler des gegenwärtigen Romans ist, daß seine Handlung auf Null-Grad steht." Das hat das ehemalige Jenaische Literaturblatt über meinen Roman:„Eugen Neuland, oder: So wird man Minister!" gesagt— welchen Roman z. B. Theodor Mundt im„Piloten" als„-eines der hervorragendsten Produkte im Felde des neueren deutschen komischen Romans" bezeichnete.— Und so erging es mir wohl an hundert Mal.— Man müßte hier entweder all' das hundertfältig sich Widersprechende, all' das in den siebenten Himmel Erhebende — und all' das in die siebente Hölle Schleudernde anführen... oder aber lieber Alles verschweigen. — Allein, wie gesagt, das Publikum kennt diese 246 Verhältnisse aus eigener Erfahrung und so— schweigen wir hier darüber. Eines aber muß ich noch erwähnen. Es gibt unter den Aftergeistern der Kritik nicht nur solche, die in uns den Schriftsteller besudeln mit ihren schmutzigen Händen, sondern auch den Menschen. Sie nehmen von einem Buche Gelegenheit, sich für Dies oder Jenes im Leben am Menschen zu rächen. Sie werden soziale Verläumder und politische Denunzianten. Ein böswilliger, für raffinirte Bosheit jedoch viel zu stupider Rezensent war es zum Beispiel, der in der Zeitschrift„Rosen" meinen Roman:„Cölestine oder der eheliche Verdacht", über den von anderen Seiten so viel Aufmunterndes für mich geschrieben wurde, mit einer von Gemeinheit und Lüge strotzenden soi-äissnt-Kritik bedachte. Der Mann heißt Herr Otto von Corvin-Wiersbitzky, ist seines Gewerbes ein Schwimmmeister und Verfasser einer deutschen Geschichte der Niederlande, die der Verleger(Fr. Fleischer) ob ihrer unvergleichlichen Vor- trefflichkeit nicht fortsetzen will.— Besagter Otto von Corvin-Wiersbitzky äußerte einmal in Leipzig, er stehe mit dem ungarischen König Mathias Corvinus in direktester Verwandtschaft— und ich, der damals in Leipzig wohnte— ließ ihn, den Ge- schichtsschreiber, auf den historischen Irrthum hinweisen, daß nämlich eine Familie„Corvin" in Ungarn (ich bin nun zufällig in der Historie meines Vaterlandes ziemlich gut bewandert) niemals eristirt habe und daß er, falls er durchaus mit dem großen ungarischen Könige verwandt sein wolle—„Hunyady" heißen müßte, da Mathias aus diesem Geschlechte stamme— den Beinamen Corvinus aber blos wegen der bekannten Begebenheit mit den Naben(eor- VU8—eorvi— eorvlnns) erhalten habe.— Was thut nun der Mann, welcher nicht allein Königssprosse sein will, sondern auch Geschichtsschreiber und Schwimmmeister ist? Er geht hin und schreibt eine Beurtheilung meines Romans, worin er seine Galle— nicht gegen den Roman, sondern gegen mich ausgießt und unter Anderm mit der Bitte schließt: ich möchte ihn doch in Zukunft mit der Lesung meiner Romane verschonen. Als ob ich ihn jemals mit der Lektüre eines Romans von mir beauftragt hätte! — Wahrhaftig, wenn ich mir jemals meine Leser aussuchen soll, dann will ich dieses nicht unter den Schwimmmeistern thun... ich müßte denn einmal etwas Wässeriges über alte Schwimmhosen schreiben. Wie kann man nur so albern schließen? Wahrhaftig, dieser Schluß ist nicht besser, als der Anfang jener niederländischen Geschichte. Das ginge jedoch noch Alles hin— dieses ungewaschene Gewäsche verzeihe ich dem Schwimmmeister! allein er bleibt nicht bei seinem Berufe, er denunzirt mich auch... er zitirt eine Stelle aus meinem Buche, 248 worin er gemeinen Servilismus entdeckt haben will, nnd so muß ich ihm denn sagen, daß er sich in der Identität jenes Fürsten, von dem ich dort gesprochen, bedeutend geirrt hat: auf dem von mir gemeinten ruht die Pietät der liberalsten Männer Oesterreichs. Ich habe von keinem Unterdrücker gesprochen, sondern von einem Freunde des Geistes, der ihn schon um seiner selbst willen ehrt und anerkennt. So viel für Herrn Otto von Corvin-Wiersbitzky, dem ich wiederhole, daß ich auch ohne ihn mit der Zahl meiner Leser zufrieden sein werde. Wollte Gott, sein Verleger dürfte in Hinsicht auf die mehr- erwähnte Geschichte der Niederlande Aehnlicheö sagen. Für das vorhergehende Werk noch die Notiz, daß ich den Gauner-Jargon darin absichtlich vermieden habe, da er für die meisten ehrlichen Leute unverständlich ist und endlose Erklärungen nothwendig macht.— Wir lassen ja auch den Bauer, den niedern Bürger, die verschiedenen Handwerker, welche größtentheils ihre eigene Terminologie haben, rein deutsch sprechen.— Julian Chownitz. In demselben Verlage ist ferner erschienen: G esch ich Le I o f e p h s II. Kaiters von Deutschland von M. Gamille Prrgerne!, Depulirter, Staatsrath. Aus dem Französischen von vr. Friedrich Köhler. 2 Bände. Preis: 2 Thaler. Böhmens Posvinzra^Zustände auf dem Schachbrete der Defferrtlichkeit. Vom Verfasser der Schrift „Oetterreieh und keine Staatsmänner." Preis: 10 Ngr. Revue österreichischer Zustände. Erster und zweiter Band. Preis: L Band 1 Thlr. Ansichten eines österreichischen Staatsbürgers über Oesterreichs Fortschritte im Jahre 1846. Zwei Bände. Taschenbuch romantischer Erzählungen für 1844 von Robert Heller. Mit 6 Stahlstichen. ^arische Inhalt sowohl, wie die artistische Ausstattung sichern den„Perlen" in ihrem dritten cl'gant"n^ Berücksichtigung und Vorliebe der Preis elegant in Goldschnitt geb. 2^ Thaler. r D . MLSUdM- -äM AV.W--»-/» ° W ^> - tz>!^MWWMML«WN V- v M N LdÄ -- -- UM« 8»«« MMdMMzW.M^EMMU MMMZW ?- .WMSW MAWkMM WEM ZMMS '-M WL8NMSKL >c W » As''^ ^-- K. e° KM MZA« s.-AN« .MUMM« tL-M^KAW 'Ä- KM ?W WZM U MOA5-K