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Sie sind unter allen gebildeten Völkern von den trefflichsten Schriftstellern, vorzüglich für Freunde der Dichtkunst, vielfältig bearbeitet und mit ähnlichen Erzählungen vermehrt worden. Eins Auswahl solcher Geschichtchen, mit Ausschluß der eigentlichen Fabel, einfach und schmucklos für Kinder erzählt, und wo es nöthig ist, unsern Begriffen anbequemt, dürste Schmid'sIugendsch. 8 Bd. Kl. Erzähl.1, Bd.» 2 als eine Sittenlehre in Beyspielen ein sehr schätzbares Büchlein für Volksschulen seyn. Sey das Verdienst, sie auszuwählen, und ihnen diese Gestalt zu geben, immerhin sehr klein— der Nutzen, den sie den Kindern für ihr ganzes Leben gewähren können, und den man hier einzig im Auge hat, dürfte sehr groß seyn. Um Uebrigens keine wichtigere Lehre zu übergehen, mußten auch einige neue Erzählungen mit eingestreut werden. 1. G o L t. (din frommer Knabe lebte in dem Hause eines Götzendieners und sagte öfters zu ihm:»ES ist nur Ein Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Er läßt die Sonne scheinen und regnen. Ersieht unser Thun und Lassen, und hört unsere Gebeths. Er, der lebendige Gott, kann unS strafen und belohnen, erretten oder verderben. Diese Götzenbilder da sind nur aus Erde gemacht: sie sehen und hören nicht, und können uns weder Gutes noch Böses thun.« Allein der Heide gab der Wahrheit kein Gehör. Einmahl ging nun der Mann über Feld. Da nahm der Knabe einen Stecken, und zerschlug die Götzenbilder; nur das größte ließ er ganz, und gab ihm den Stecken in die Hand. Als der Mann wieder heim kam, rief er zsrmg:»Wer hat das gethan?« Der Knabe sagte:»Glaubst Du denn nicht, Dein großer Götze Habs seine kleinern Bruder zerschlagen?« »Nein,» schrie der Mann,»das glaube ich nicht; denn noch nie hat er eine Hand bewegt. Du hast es gethan, Du böser Bube, und für diese Deine Bosheit will ich Dich jetzt mit dem Stecken zu todt schlagen.« Allein der Knabe sagte freundlich:»O, zürne nicht! Trauest Du Deinem Götzen nicht einmahl das zu, was ich mit meiner schwachen Kinderhand vollbringen konnte; wie sollte er der Gott seyn, der 4 Himmel und Erde erschaffen hat!« Der Heide verstummte, dachte nach, zerschlug den noch übrigen Götzen, fiel auf die Kniee nieder, und bethete das erste Mahl den wahren Gort an. Wie selig ist, wer Gott erkennt. Und ihn mit Wahrheit Vater nennt. 2. Der gute Vater. Ein guter Vater hielt sich wegen wichtiger Geschäfte in der Hauptstadt des Landes auf, die Mutier und die Kinder lebten indessen, weit von ihm entfernt, auf einem kleinen Landguts. Da schickte der Vater den Kindern einmahl eine große Kiste voll schöner Sachen und einen Brief, in dem geschrieben stand:»Liebe Kinder! Seyd fromm und gut; dann dürft Ihr bald zu mir kommen. Freuet Euch, in der Wohnung, die ich Euch bereitete, habe ich noch viel schönere Geschenke für Euch aufbewahrt.-- Die Kinder hatten eine große Freude, und sagten:»Wie gut ist doch unser Vater, und wie viele Freuden macht er uns! Dw haben ihn recht von Herzen lieb, obwohl wir ihn nicht sehen, und ihn uns nicht mehr denken können. Wir wollen ihm gewiß auch Freude machen, und alles thun, was in dein Briefe steht. O wie freuen wir uns, den gu- ,i!rn Vater einmahl zu sehen!« Die Mutter sagte hierauf:--Liebe Kinder! Wie ss euer Vater auf Erden mit Euch macht, so macht es der himmlische Vater mit den Menschen.» »Wir Menschen sehen den lieben Gott jetzt frey- Kch noch nicht. Allein Er gibt uns allerley schöne Geschenke, Sonne, Mond und Sterne, Blumen, Obst und Feldfrüchte, aus denen wir seine Lieda erkennen. Die heilige Schrift ist gleichsam ein Brief Von ihm, darin er uns seinen Willen offenbaret. und uns den Himmel verspricht. O dort warte» noH schönere Gaben und größere Freuden auf uns, als diese Welt unS geben kann!« »Wir wollen also Gott wieder lieben, seinen Willen thun, und uns auf den Himmel freuen. Dorr werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, und unsers Freude wird unbeschreiblich seyn.« Gott ist die lautre Lieb' und Güte. Liebt ihn mit freudigem Gemüthe. 3. Die fromme Mutter und ihre Söhn e. 1. An einem hohen Festtage sagte eine adelige Frau auf dem Lande zu ihren zwey Söhnen:»Ach, daß ich doch heute auch in dein Tempel erscheinen, und mit den Tausenden, die sich dort versammeln, Gott, den Allmächtigen anbothen könnte! Allein in die Stadt zu gehen ist für mich zu weit, und unsere Kutsche hilft uns jetzt nichts, da wir die Pferde wegen unserer dürftigen Umstände verkaufen mußten.« Die Söhne schoben sogleich d;e Kutsche vor, und erbothen sich, die Mutter in den Tempel zu fahren, der weit vom Orte entfernt war. Tue Mutter stieg ein, und die adeligen Jünglings zogen anstatt der Pferde die Kutsche, Alles Volk war über die Frömmigkeit der Mutter und die kindliche Liebe der Söhne bis-zu Thränen gerührt, bestreute ihren Weg von dein Stadtthore bis zum Tempel mit grünem Laube und frischen Blumen, und rief entzückt: Heil der glücklichsten Mutter und den edelsten Söhnen!« Die allerschönste Tugend übt. Wer Gott und Aeltern kindlich liebt. Unter dem freudigen Zurufe des Volks erreichten die guten Söhne den Tempel; die gute Mutter aber kniete weinend am Altare nieder, und bethete in ihrem Herzen:»Lieber Gott! segne meine zwey Söhne, und gib ihnen daS, was Du für das Allerbeste erkennest.« Die Jünglings führten die Mutter wieder nach Hause und gingen Abends fröhlich schlafen. Als die Mutter sie Morgens wecken wollte, lagen Beyde da, schön und lieblich wie schlafende Enge!— allein sie erwachten nicht mehr. Ttte Mutter war über den Tod der geliebten Söhn« anfangs sehr erschrocken; allein bald faßte sie sich wieder und sagte:»Guter Gott! Du hast mein Gebeth erhört! Nun sehe ich es ein, ein sanf- rer, seliger Tod ist das Beste, was sterbliche Menschen sich wünschen können. Meine Söhne sind nun bey Drr. Die Erde war zu arm, ihre kindliche Liebe zu belohnen, deßhalb hast Du sie zu Dir in den Himmel genommen.« llm vor dem Tode richt zu beben. Gedenke an das bessire Leben. 4. Die zwey Geschwister. Jacob und Anna waren einmahl allein zu Hause. Da sagte Jacob zu Anna:»Komm, wir wollen in dem Hause etwas Gutes zu essen aufsuchen, und eS uns recht wohl schmecken lassen!« Anna sprach:»Wenn Du mich a» einen Ort hinführen kannst, wo es Niemand sieht, so will ich mithalten.« »Nun,« sagte Jacob,»so komm mir in das Milchkammerlein, dort wollen wir eine Schüssel voll süßen R-Hm verzehren.» Anna sprach:»Dorr sieht es der Nachbar, der auf der Gasse Holz spaltet.«., »So komm mit mir in die Kucye,« tagte^acor, »in dem Kächenkastcn steht ein Topf voll Honig. In diesem wollen wir unser Brot eintunken.« Anna sprach:»Dort kann die Nachbarinn herein sehen, die an ihrem Fenster sitzt und spinnt!» »So wollen wir drunten im Keller Aepfel essen,« sagte Jacob.»Dort ist cS w stockfinster, daß un§ gewiß Niemand sieht.«'^ Zlnna sprach:»O mein üeber Jacob! Msrn^ Du denn wirklich, daß uns dort Niemand sehe? W-int Du nichts von jenem Auge dorr oben, daS die Mauern durchdrmgr, und rn's Dunkle sieht?« Jacob erschrak und sagte:»Du hast Recht, liebe Schwester! Gott sieht uns auch da, wo unö kein Menschenauge sehen kann. Wir wollen daher nirgends BöseS thun.« Anna freute sich, daß Jacob ihre Worte zu Herzen nahm, und schenkte ihm ein schönes Bild, das Auge GotteS, von Strahlen umgeben, war darauf, und unten stand geschrieben: Gib, Gott, daß ich Dein heilig Auge scheu'. Und rein vor Dir von jeder Sünde sey. 5. Der Sonnenschein. »Wenn doch nur immer die Sonne schiene!« sagte Friedrrike an einem trüben Regentage. Ihr Wunsch ward erfüllt. Es ließ sich Monathe lang kein WLlttsin sehen. Tue lange Trockene richtete aber großen Schaden auf Aeckern und Wiesen an, auch in FrieLerikens Garten verwelkten Blumen und Krauter, und ihr Flachs, auf den sie sich sehr gefreut hatte, wurde kaum Fingers lang. »Siehst Du nun,« sagte die Mutter,^daß der Regen so nöthig ist, als der Sonnenschein! Und so wäre es auch für uns Menschen nicht gut, wenn wir lauter heitere und fröhliche Tags hatten; es müssen auch trübe Tage, Leiden und Trübsale über uns kommen, damit wir gute Menschen werde».« Nicht nur der Sonnenschein und Regen, Auch Freud und Leid ist Gottes Segen. 6. Der Regen. Ein Kaufmann ritt einst von dem Jahrmärkte nach Hause, und hatte hinter sich ein Felleisen mit vielem Gelde aufgepackt. Es regnete heftig, und der gute Mann wurde durch und durch naß. Er war daher sehr unzufrieden, daß Gott ihm ein gar so schlechtes Wetter zur Reise gab. Jetzt kam der Kaufmann in einen dicken Wald, und sah mit Entsetzen einen Räuber am Wege ste- hen, der mit einer Flinte auf ihn zielte, und— sie abdrückte. Allein von dem Regen war das Pulver feucht geworden, und die Flinte ging nicht los. Der Kaufmann gab dem Pferde den Svoren und entkam glücklich. Als er nun in Sicherheit war, sprach er:»Was für ein Thor bin ich gewesen, daß ich das schlechte Wetter nicht als eine Schickung Gottes geduldig annahm! Ware das Wetter schön und trocken gewesen, so läge ich ,'etzt todt in meinem Blute, und meine Kinder warteten vergebens auf»reine Heimkunft. Der Regen, über den ich murrte, rettete mir Gut und Leben.« D>as Gott schickt, das ist wohlgemeint. Obgleich er anfangs anders scheint. 9 7. Der Regenbogen. Nach einem furchtbaren Gewitter erschien ein lieblicher Regenbogen am Himmel. Der kleine Heim rich sah eben zum Fenster hinauf, und rief voll Freude:»Solche wunderschöne Farben habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dort bey dem alten Wei- denbaum am Bache reichen sie aus den Wolken bis auf die Erde herab. Gewiß tröpfeln alle Blattlein des Baumes von den schönen Farben. Ich will eilends hin, und alle Muschelschalen in meinem Färb- kästlein damit füllen.« Er sprang, so schnell er konnte, dem Weiden- baumezu; allein zu seinem Erstaunen stand der arme Kleine nun im Regen da, und ward nicht daS Geringste von einer Farbe wahr. Ganz durchnäßt vom Regen ging er traurig wieder heim, und klagte sein Mißgeschick dem Vater.^ Der Vater lächelte und sprach:»Diese Farben lassen sich-.n keine Schale auffassen; die Regentropfen scheinen nur im Glänze der Sonne einige Augenblicke so schön gefärbt. Die schöne Farbenpracht aber ist nichts Wirkliches und hat keinen Bestand. Und so, liebes Kind, ist es mit aller Herrlichkeit der Welt; ,sie dünkt uns Etwas zu seyn, ist aber nur eitler Schein. Darum: Laß Dich vom Scheine nicht betrügen,, Sonst kehrt in Schmerz sich das Vergnügen.» 6. Der Wi e d erhall. Der kleine Georg wußte noch nichts von dem Wiederhalle. Einmahl schrie er nun auf der Wiese: »Ho, hopp!« Sogleich rief's im nahen Wäldchen auch:»Ho, hopp!» Er rief hieraus verwundert: »Wer bist Du?« Die Stimme rief auch:»Wer bist — 10— Du?« Er schrie:»Du bist ein dummer Junge?«— -Dummer Junge!« hallte eS aus dem Wäldchen zurück. Jetzt ward Georg ärgerlich und rief immer ärgere Schimpfnahmen in den Wald hinein. Alle hallten getreulich wieder zurück. Er suchte hierauf den vermeinten Knaben im ganzen Wäldchen, um sich an ihm zu rächen, konnte aber Niemand finden. Hierauf lief Georg heim und klagte es der Mutter, wie ein böser Bube sich im Waldlein versteckt und ihn.geschimpft habe. Die Mutter sprach: Dieß- mahl hast Du Dich recht verrathen, und Dich selbst angeklagt!— Wisse, Du hast nichts vernommen, als Deine eigenen Worts. Denn wieDu Dein Gesicht schon öfter im Wasser gesehen hast, so hast Du jetzt Deine Stimme im Walde gehört. Harrest Du ein freundliches Wort hinein gerufen, so wäre Dir auch ein freundliches Wort zurück gekommen.« »So geht es aber immer. Das Betragen Anderer ist meistens nur der Wiederhat! des unsrigen. Begegnen wir den Leuten freundlich, so werden sie auch uns freundlich begegnen. Sind wir aber gegen sie rauh und grob— so dürfen wir auch von ihnen nichts Besseres erwarten.« Wie Du hinein rufst in den Wald, Die Stimme Dir entgegen hallt. 9. D i e O. uelle. An einem heißen Sommertage ging der kleine Wilhelm über Feld. Seins Wangen glühten von Hitze, und er lechzte vor Durst. Da kam er zu einer Quelle, die im grünen Schatten einer Eiche, hell wie Silber, aus einem Felsen hervor brach. Wilhelm trank sogleich von dein eiskalten Wasser— und sank fast ohnmächtig zur Erde. Er kam krank nach Hause, und verfiel in ein gefährliches Fieber.»Ach,« seufzte er auf seinem Krankenbette,»wer hatte es jener Quelle angesehen, daß sie ein so schädliches Gift enthalte!« Allein Wilhelms Vater sprach:»Die reine Quelle ist an Deiner Krankheit nicht schuld, sondern Deine Unvorsichtigkeit und Unmäßigkeit. Auch die unschuldigsten der Freuden Verkehrt Begisrlichkeit in Leiden- 4V. Die Blume. Die kleine Margaretha kam an einem schonen Frühlmgsmorgen in das Wiesenthal nächst dem Dorfs, und pflückte sich Blumen zu einem Strauße. Bey einer Dornhecke sah sie eine Menge der lieblichsten Veilchen. Sie hatte eine große Freude, und sing an, begierig abzupflücken. Da rief ihr ein Bauersmann zu:»Kind, blecke hinweg von jener Hecke! Es halten sich giftige Schlangen darin auf.« Margaretha erschrak— und hielt einen Augenblick inns. Allein ihre Begierde nach den lieblichen Blumen war zu groß.»Das Veilchen dort,« sagte sie,»das so schön blau aus dem Grase hervor blinkt, muß ich doch noch haben.« Als sie es nun abbrechen wollte, fuhr plötzlich eine Natter aus der Hecke hervor, ringelte sich um Margarethens Arm, und versetzte ihr einen tödtk- chenBiß—-und nach wenigen Stunden war das holde, blühende Mädchen eine Leiche. Q traue niemahls der Begier. Leicht bringet st« Verderben Dir. — 12 14. Die A e p f e l. Der kleine Gregor sah eines Morgens aus seinem Fenster in dem Baumgarten des Nachbars eine Menge der schönsten rothen Aepfel im Grase umher liegen. „ Gregor lief geschwind hinüber, kroch durch eine Lücke des Zaunes in den Garten, und füllte alle Taschen in Rock und Weste mit Aepfel!! an. Allein, plötzlich kam der Nachbar mit einem Stecken in der Hand zur Gartenthüre herein. Gregor sprang, so schnell er konnte, der Zaunlücke zu, und wollte eilendS wieder hinaus kriechen. Aber o weh, wegen seiner vollgestopften Taschen blieb der kleine Schelm in der engen Lücke stecken. Er mußte die gestohlenen Aepfel wieder zurück geben, und wurde für seinen Diebstahl noch derb ae- züchtiget. »Merk Dir's,« sagte der Nachbar: »Das sremds Gut, das Du genommen, Laßt Dich der Strafe nie entkommen.« 42. D i e B i r n. Eine Edelsrau brachte ihren Sohn Adolph als Edelknaben an den fürstlichen Hof. Sie gab ihm beym Abschiede mit weinenden Augen noch die schönsten mütterlichen Lehren.»Lieber Sohn,« sagte sie unter andern,»trage Gott stets im Herzen, und thue alles wie vor seinen Augen. Habe eins kindliche Ehrfurcht gegen den Fürsten, Deinen Herrn, und eine brüderliche Liebs gegen Deine Mitedelknaben. Besonders aber hüthe Dich vor Deinem Hauptfehler— der Naschhaftigkeit. Adolph mußte den Fürsten bey der Tafel bedienen. Eines TageS trug er eine silberne Schüssel voll Bornen auf, die in Zucker gekocht waren. Es kam ihn eine große Lust an, eins zu nehmen. Die Ermahnungen seiner Mutter fielen ihm wohl em—- allein er folgte nur seiner Begierde. Noch vor der Thüre des SpersesaaleS nahm er geschwind eine Bum, und schluckte sie begierig hinunter. Kaum hatte er aber tue Schüssel auf die Tafel gestellt, so fiel der unglücklich- Knabe todt zu Boden. DieBnm, ine noch sehr heiß war, hatte ihn. Hals und Magen verbrannt. Die bös« Lust mußt Du bezwingen, Sonst wird sie Dir Verderben bringen. 43. Die Nuß. Unter dem großen Nußbaume nächst dem Dorfe fanden zwey Knaben eure Nuß.»Sie gehört mir,« rief Jgnaz; denn ich habe sie zuerst gesehen.«-- »Nein, sie gehört nur,« schrie Bernhard;»denn ich habe sie zuerst aufgehoben.« Beyde geriethen in einen heftigen Streit. »Ich will den Streit ausmachen,« sagte ein größerer Junge, der eben dazu kam. Er stellte sich üi die Mitte der beyden Knaben, machte die Nuß auf, und sprach: Die Eine Schale gehört dem, der die Nuß zuerst sah; die andere Schale gehört dem. der sie zuerst aufgehoben; den Kern aber behalte ich — für den Urtheilssprnch!« »Das,« setzte er lachend hinzu,»istda? gewöhnliche Ende der'meisten Prvcesse.« Wer Freude hak an Procefsiren, Wird statt Gewinnes stets verlieren- 14 Die Nußschale. Das kleine Lieschen fand in dem Garten eine Nuß, d-.e noch mit der grünen Schale überzogen war. 14 Lieschen sah sie für einen Apfel an, und wollte sie essen. Kaum hatte sie aber hinein gebissen, so rief sie:»Pfuy, wie bitter!« und warf die Nuß weg. Conrad, ihr Bruder, der klüger war, hob die Nuß sogleich auf, schälte sie mit den Zahnen ab, und sagte:»Ich achte diese bittere Schale nicht; weiß ich doch, daß ein süßer Kern darin verborgen steckt, der mir dann desto besser schmecken wird. Acht keiner Mühe Bitterkeit. Die Dich mit süßem Lohn erfreut. 45. Der grüne Zweig. Fritz war ein leichtsinniger, muthwilliger Knabe. Er achtete nicht auf gute Lehren, ja er machte sich sogar darüber lustig. Eines Tages ging er mit seiner Schwester Sophie in den Garten. Sophiens Gartenbeetlsin war voll der schönsten Blumen, Fritzens Gartenbeet aber war ganz verwildert und voll Unkraut. »Bruder! Bruder!« sagte das ordentliche Mädchen,»Du hast Deine Sachen doch gar nicht in Ordnung. Denk an mich, es geht Dir noch, wie die Mutter sagte: Du kommst;n deinem Leben auskernen grünen Zweig.« Fritz lachte, kletterte auf den großen Birnbaum, und schrie:»Sophie, da sieh einmahl herauf! Jetzt bin ich gar auf einen grünen Ast gekommen!« Krach, --- brach der Ast, und Fritz fiel herab, und brach den Arm. Mit guten Lehren Mulhwill treiben, Kanu niemahls ungestraft bleiben.; 16. Das kostbare Krau klein. Zwey Mägde, Brigitte und Wallburg, gingen der Stützt zu, und jede trug einen schweren Korb voll Obst auf dem Kopfe..,, Brigitte murrte und seufzte beständig; Wall- burg aber lachte und scherzte nur.^ Brigitte sagte:»Wie magst Du docy lachen? Dein Korb ist;a so schwer wie der meinige, und Du bist um nichts stärker als ich.«„ Wattburg sprach:»Ich habe ein gewisses Krautlein zur Last gelegt, und ss fühle ich!is kaum. Mache es auch so!«, »Ey« rief Brigitte,»das muß«>n kostbares Krautlein seyn. Ich möchte mir meine Last damit auch gern erleichtern. Sag mir doch einmahl, wie es heißt.«,„. Wallburg antwortete:»Das kostbare Kräutlern, das alle Beschwerden leichter macht, heißt— Geduld. Denn Leichter tragt da, was-r trägt. Wenn er Geduld zur Bürde legt.« 17. Die N ü b c. Ein armer Taglöhner hatte in seinem Gürtlern «ine ungemein großeRübsgezcgcn, überdiesich Jedermann verwunderte.»Ich will sie unserm gnädigen Herrn verehren,-- sagte er,»denn es freut ihn, wenn man Feld und Garten wohl bestellt.« Er trug die Rübe in das Schloß, und der gnädige Herr lobte den Fleiß und den guten Willen des Mannes, und schenkte ihm— drey Ducaten- Ein Bauer im Dorf,, der sehr reich und sehr geizig war, horte das, und sprach:»Jetzt verehre rch dein gnädigen Herrn auf der Stelle mem großes Kalb. Gibt er für eine lumpichte Rübe schon drey Goldstück-— wie viel werde erst ich für-in so schönes Kalb bekommen!« 16 Er führ» das Kalb an einem Stricke in das Schloß und bath den gnädigen Herrn, es zum Geschenke anzunehmen. Der gnädige Herr merkce wohl, warum sich der geizige Bauer so freygebig anstelle. Er sagte, er wolle das Kalb nicht. Allein der Hsuer fuhr fort zu bitten und zu betteln, es doch nicht zu verschmähen. Endlich sprach der kluge Herr:»Nun wohl, weil Ihr mich denn dazu zwingt, so nehme ich daS Geschenk an. Da Ihr aber so besonders freygebig gegen mich seyd, so darf ich mich auch nicht schlecht finden lassen. Ich will Euch daher ein Gegengeschenk machen, das mich wohl drey Mahl mehr kostet, als Euer Kalb werth ist.« Und mit diesen Worten gab er dem erstaunten und erschrockenen Bauer— die ihm wohlbekannte große Rübe., Ein edles Herz erwirbt sich Lohn, Verstellte Tüte Spott und Hohn. 48. Der K o h l k o p f. ZwsyHandwerksbursche, Joseph und Benedict, gingen ernst an dem Krautgarten eines Dorfes vorbey. «Sieh doch,« sagte Joseph,»was das für große Krautköpfe sind!« denn so nannte er die Kvhlköpfe. »Ey,» sagte Benedict, der gern prahlte,»die sind gar nicht groß. Auf meiner Wanderschaft habe rch einmahl einen Krautkopf gesehen, der war viel größer, als das Pfarrhaus dort.« Joseph, der er» Kupferschmid war, svrach hierauf:»DaS will viel sagen. Indeß habe ich einmahl einen Kessel machen helfen, der war so groß, als die Kirche.« »Aber um des Himmels willen,« ricfjetztBene- dict,»wozu hakte man denn einen so großen Kessel nöthig?» Joseph sagte:»Man wollte Deinen großen Krauckopf darin sieden.« Benedict sagte beschämt: Nun seh ich erst, wo das hinaus wollte!—Du hältst es sonst immer mit der Wahrheit, und hast jetzt nur so geredet, um meine prahlerische Lüge lächerlich zu machen. Ich Muß mir dieß gefallen lassen. Denn »Wer unverschämt mit Lügen prahlt, Wird oft mit gleicher Münz' bezahlt.« 49. Die Schwämme. Die Mutter schickte einst die kleine Katharina in den Wald, Schwämme zu holen, die der Vater sehr gern aß.»Mutter,« rief das Mädchen, als sie zurück kam,'-dieß Mahl habe ich recht schön, bekommen! Da sieh nur,« sagte sie, undoffnete das Körbchen,»sie sind alle so schon roth wie Scharlach, und wie mir Perlen besetzt. Es gab wohl noch von jenen grauen unanschnücheu, von denen Du neulich brachtest. Sie waren mir aber zu schlecht und ich ließ sie stehen.« »O Du einfältiges, thörichtes Kind,» rief die erschrockene Mutter,»Liese schonen Schwämme sind trotz Scharlach und Perlen lauter giftige Fliegen- schwämme, und wer davon ißt muß sterben. Jene grauen aber, die Du verschmähtest, sind ungeachtet ihres schlechten Aussehens gerade die besten.« »Und so, liebes Kind, ist es noch mit vielen Dingen in dieser Welt. Es gibt bescheidene Tugenden, die wenig Aufsehen machen, und glänzende Fehler, die der Thor bewundert. Ja die Sunde selbst sucht uns durch angenehmen Schein zu verführen. Allein Die Sünde, die uns Lust verspricht. Ist süßes Gift— o trau ihr nicht.« Schmld'S Jugendsch. 8. Bd. Kl-Erzähl, l, Bd. 2 18 26. Der Kürbiß und die Eichel. Ein Bauersmann lag in dem Schatten einer Eiche, und betrachtete eine Kürbißstaude, diean dsm nächsten Gartenzaune empor wuchs. Da schüttelte er den Kopf und sagte:»Hm! hm! das gefällt mir nicht, daß die kleine niedrige Staude dort so große prächtige Früchte trägt; der große, herrliche E'.ch- bäum aber nur so kleine, armselige Fruchte hervor bringt. Wenn ich die Welt erschaffen hätte, so hätte mir"der Eichbaum mit lauter großen, goldgelben oentnerschweren Kürbissen prangen müssen. Das wäre dann eine Pracht zum ansehen gewesen! Kaum hatte er dieses gesagt, so fiel eins E'-chsl herab, und traf ihn so stark auf die Nase, daß sie blutete.»O weh!« rief jetzt der erschrockene Mann, »da habe ich für meine Naseweisheic einen derben Nasenstüber bekommen. Wenn diese Eichel ein Kürbiß gewesen wäre, so hätte er mir die Nase gar .zerquetscht.« Mit Weisheit und mit Wohlbedacht Hat Golt die ganze Welt gemacht. 21 Die Eiche und die Weide. Eines Morgens nach einer furchtbaren, stürmischen Nacht ging Vater Richard mit seinem Lohne Anselm in das Feld hinaus, um zu sehen, was der Sturm für Schaden angerichtet habe. Der kleineAnselm rief:-Ey, sieh doch, Vater, die stärkste Eich- liegt dort aus dem Loden hingestreckt; die schwache Weide hier am Bache aber, waS mich wundert, steht noch schlank und aufrecht da. Ich hätte gemeint, der Sturmwind wäre Mit der Weide leichter fertig geworden, als mir der Eiche.« 19 »Kind,« sagt- der Vater,»die stolze Eiche, die sich nicht biegen kann, mußte brechen; die Weide aber gab nach, und beugte sich vor dem Sturmwinde, und so konnte er ihr nichts anhaben.« Mit Starrsinn bringt man eS nicht wert. Diel besser ist Nachgiebigkeit. 22. Der Eichbaum. Einmahl in uralter Zerr erschienen zwey Jünglinge, Edmund und Oswald, vor Gericht. Edmund sagte zum Rechter:»Als ich vor drey Jahren aus Resten ging, gab ich diesem Oswald, den ich sür meinen besten Freund hielt, einen kostbaren Ring mit Edelsteinen rn Verwahrung; allein jetzt will er nur den Ring nicht mehr zurück geben.« Oswald legte seine Hand auf die Brust, und rief:»Ich betheure es bey meiner Ehre, mir ist von dem Ringe nichtdasGeringste bekannt. Mern Freund- Edmund muß in der Lhat nicht recht bey Sin- "^Der Richter sprach:»Edmund! kann es Dir Jemand bezeugen, daß Du ihm den Ring übergeben hast?«-, Edmund sagte:»Leider war Niemand dabey, als ein alter Eichbaum im Felde, unter dem wir von einander Abschied nahmen.« Oswald sagte:»Ich bin bereit, einen Eid daraus abzulegen, daß ich von dem Baum- so wenig weiß, als von dem Ring.« Der Richter sprach: Edmund, geh hm und bringe mir einen Zweig von dem Baume. Ja- will rhn sehen. Du aber Oswald, warte indessen hier, bis Edmund zurück kömmt« Edmund ging. Ueber eine kleine Weile sprach 20**** der Richter: Wo doch Edmund so lange bleiben mag? Oswald offne einmahl das Fenster und sieh, ob er noch nicht kömmt.« Oswald sagte:»O Herr! so bald kann er noch nicht zurück kommen. Der Baum ist über eine Stunde weit von hier entfernt.« »Jetzt rief der Richter:»O Du gottloser betrie- gsrischer" Mensch, der Du beschwören wolltest, Du wissest von dem Baum so wenig, als von dem Ringe! Du weißt um den Ring eben so gut als um den Baum.» Oswald mußte den Ring heraus geben, und wurde an dem Baume aufgeheult. Oft kommt schon hier Verborgenes an'ö Licht. Doch alles einst beym Weltgericht. 23. Der A ck e r. Die Hütte des armen Niklas stand auf einem Platze, der ganz mit Dornbüschen und Haselstauden überwachsen war. An einem heißen Tage, zur Zeit der Ernte, lag Niklas einmahl im Schatten einer Haselstaude. Ein Bauer mit einem hochbeladenen Wogen voll Korn fuhr an ihm vorbey- Niklas sah den vollen Wagen mit schelen Augen an, und grüßte den Bauer kaum. Der Bauer blieb stehen und sagte zu Niklas: »Wenn Du von diesem wüsten Boden, der Dein Eigenthum ist, täglich nur so viel umarbeiten wolltest, als Du nut Deinem faulen Körper bedeckest, so könntest Du jährlich wohl mehr Korn schneiden, a!S Du aus dem Wagen da siehst« Dem Niklas gefiel dieser Rath. Er reutete die Gesträuch und Stauden aus, und bearbeitete den Boden. So bekam er einen Acker, der ihn keinen -»»» 21>»»» Kreuzer kostete, und ihn und die Deinigen reichlich ernährte. Der Faule leidet bitt'rc Noth. Dem Fleißigen sehlt's nie an Brot. 24. Die Kornähren. Ein Landmann ging mit seinem kleinen Sohne Tobias auf den Acker huiauS, um zu sehen, ob das Korn bald reif sey.»Sieh, Vater,» sagte der un- erfahrne Knabe,»wie aufrecht einige Halme den Kopf tragen; diese müssen wohl recht vornehm seyn; die andern, die sich so tief vor ihnen bücken, sind gewiß viel schlechter.« Der Vater pflückte ein Paar Aehren ab, und sprach:»Thörichtes Kind, da sieh einmahl, dies- Aehre hier, die sich so stolz in die Höhe streckte, ist ganz Staub und leer; diese aber, die sich so bescheiden neigte, ist voll der schönsten Körner.« Trägt einer gar so hoch den Kopf, So ist er wohl— ein eitler Tropf. 25. Die Erbsen. Ein Taschenspieler bath um die Erlaubniß, vordem Fürsten ein noch nie gesehenes Kunststück zu machen. Der Fürst erlaubte es, und der Künstler trat mit einer Schale voll eingeweichter Erbsen in das Zimmer, ließ sich eine Nadel vorhalten, und warf nut den Erbsen so sicher, daß die Erbse allemahl an der Nadelspitze stecken blieb. Der Fürst sprach:»Lieber Mann! Ihr habt Euch in der That sehr große Mühe gegeben, und sehr viele Zeit darauf verwendet, es so weit zu bringen. Ich will Euch dafür belohnen.« Der Fürst sagte nun einem Bedienten etwas in Geheim/ und dieser ging hinaus, und kam bald darauf mir einem schweren Sack wieder herein- Der Künstler freute sich sehr und glaubte, der Sack werde voll Gold seyn. Als man nun auf Befehl des Fürsten den Sacc öffnete, erblickte man darin nichts— als Erbsen- Und der Fürst sprach: Da Euer Kunststück den Men- scheu rnchks nützt, und sre es ütjo auch wohl schlecht belohnen werden, so dürfte es Euch bald an den dazu nöthigen Erbse» fehlen. Deßhalb ließ ich Euch damit versehen.« Befaß dich nicht mit solchen Dingen, Die keinem Menschen Nutzen bringen. 26. Die Linsen. Es war einmahl ein reicher Mann, der sehr sparsam lebte. Er aß nichrS als Linsen, weil er sie für die nahrhafteste und wohlfeilste Speise hielt. Ja, um davon nicht mehr zu verzehren, als für HungerS- sterben nöthig war, so zählte er die Linsen alle Tage in den Topf.„. Allein mit dem Linsenzählen versäumte er, nach seinem Hauswesen zu sehen, und zog sich manchen großen Schaden zu. Indem er so da sasi und zahlte, und hier und da eine Linse ersparte, trug ihm der Knecht manchen Sack voll Korn davon.. Der reiche Mann starb sehr arm, und sagte noch auf seinem Sterbebette: Im Kleinen sparen ist schon gnt,^ Wenn man es auch im Großen thut. 27. Der Lein. Eine reiche Frau wollte auf ihrem Landgut-recht schönen Flachs bauen. Da kam ein Leinhandler zu ihr und sagte:»Geben Sie mir einen Sack voll von 23— Ihrem inländischen Leinsamen, der wenig taugt, ich will Ihnen ausländischen dafür bringen, der nicht besser seyn konnte. Sie müssen mir aber alsdann einen Dneaten aufgeben.« Die Frau war mit dem Handel zufrieden. Der Leinhandler war aber ein ausgemachter Schelm. Er dachte: Die Frau will ich nun recht anführen. Ich bringe ihr den nähmlichen Lein wieder. So Habs ich den Ducaten umsonst. Fallt der Flachs schlecht aus, so schiebe ich die Schuld aus die schlechte Witterung oder auf den schlechten Boden. Er brachre ihr den Lein. Die Frau hatte eins große Freude, und ließ den Sack sogleich ausleeren. Aber sieh— da funkelte auf einmahl was in dem Leine. Es war ein goldener Ring— und die Frau rief verwundert:»Das ist ja mein Ring, den ich im lehren Herbste verloren habe. Als ich mit meinem Lerne umging, muß ich ihn abgestreift haben.» Zu dem Leinhändler sagte sie aber:»Ihr seyd ein Betrieger, und Euer Betrug ist nun am Tage. Ihr habt mir meinen eigenen Lein für fremden verkaufen wollen- Anstatt, daß Ihr einen Ducaten bekommt, sollet Ihr einen Ducaten Strafe bezahlen müssen.« Er mußte auch wirklich das Strafgeld vor Gericht erlegen, und kam überdies; in einen so üblen Ruf, daß er seinen Leinhandel ausgeben mußte. Ein Schurke sang es noch so listig an Die Falschheit schlägt zuletzt den eig'nen Mann. 28. Der Schatz im Acker. 1. In einem weit— weit entfernten Lande traten einst zwey Bauern vor den Richter. Der eine sagte: »Ich habe von meinem Nachbar hier ein Grundstück «so» 24 gekauft; als ich es umgrub, fand ich einen Schatz darin, den kann ich mit gutem Gewissen nicht behalten. D-nn ich kaufte nur den Boden, und habe an den Schatz kein Recht.«,,^ Der Ändere sagte:»Ich kann das viel-Gold und Silber eben so wenig mit gutem Gewissen annehmen. Ich habe das Geld nicht vergraben, und es gehört mir also auch nicht- Ueberdieß verkaufte ich dem Nachbar den Boden mit allem, was darin war, und behielt mir nichts vor.« »Entscheide nun Du, weiser Richter, wem der Schatz gehöre.« Der Richter sprach zu ihnen:»Ich habe gehört, der Sohn des Einen und die Tochter des Andern wollen einander heirathsn. Gebt den zwey Kindern den Schatz zum Heirathsgnte.« Die ehrlichen Männer versprachen es zu thun, und gingen erfreut nach Hause. Wie schön ist doch die Ehrlichkeit. Die Gott und gute Menschen freut. 2. Ein fremder Mann, der dabey stand, warhöchst erstaunt, und sagte:»In meinem Lande wäre d:e Sache ganz anders gegangen. Der Käufer hätte nicht daran gedacht, dem andern nur einen Heller zu geben, und deswegen den Schatz verheimlicht. Wäre ihm dieses nicht gelungen, so hätte der andere geklagt, und den Schatz für sich gefordert. Der Proceß aber, der daraus entstanden wäre, hätte vielleicht mehr gekostet, als der ganze Schatz betrug.« Der Richter verwunderte sich und sprach:»scheint in Deinem Lande auch die Sonne?«»O ja!« sagte der Mann.»Regner es dort auch?« fragte der Richter weiter.»Freylich,« sagte der Mann.»Das ist sonderbar,« sprach der Richter;>»allein gibt e« bey Euch auch Kühe und Schafe?«»Sehr viele!« sagte der Fremde. »Nun wohl,« rief der Richter,»so wird der liebe Gott ipegen dieser unschuldigen Thiere in jenem Lande die Sonne scheinen und regnen lassen. Denn Ihr verdient es wahrhaftig nicht.« Im Land, wo Treu und Glauben fliehen. Kann weder Glück noch Segen blühen. 29. D e r G ran z st e i n. .Ulrich bewohnte ein hübsches. Haus, das mit einem schönem grünen Platze voll fruchtbarer Baume umgeben war. Die, Wiese des.ÄachKars. stieß daran. Der gewissenlose Ulrich wollte seinen Alatz auf Kosten des Nachbars vergrößern, und rückte heimlich bey Nacht den Gränzstei« eine ziemliche Strecke weiter in die Wiese des Nachbars hinein. Einige Zeit nachher stieg Ulrich an einer Leiter auf einen Baum) Kirschekr zu pflücken. Als er ganz oben war., siel er,, sammt Her. Leiter, die zu gerade stand, rückwärts zu Bohen, und. zerschmetterte sich an dem Gränzstein das Genick) Hätte. Ulrich den Stein nicht verrückt, so wärt er darüber hinaus gefallen, und hätte sich auf dem weichen Grasboden wenig Schaden gethan. Daher sagt man gleich-- nißweise: Wie sorglos wälzt der freche Bvsewicht Den Stein herbey, der ihm den Nacken bricht. 30. Der Weinstock. Ein Gärtner hatte an seinemHause einen Weinstock gepflanzt, der die ganze Hauswand mit sei- Schmid's Jugendsch. 8. Bd. Kl. Erzähl. I.Bd. 3 — 26-»» neu Blattern bedeckte, und sehr köstliche Trau- Sein Nachbar beneidete ihn darum^und schmN einmahl bey Nacht mehrere der schönsten Reben- zwelge^ab.^^ Morgen den Weinstock erblick», war er sehr betrübt. Denn damahls wußte man noch nicht, wie gut dem W-mstock das Be- '^Jchmich,..»-ix-»,. d-- E d,,W»n»°ck-d<- ju w». nen scheint!« Aile-.n sieh da— der Wem stock trug in diesem Jahr- so viele und so schone Trauben wie noch nie in keinem der vorigen Jahre. Der Gärtner aber kam auf den glücklichen Gedanken, d,e W-mstocke durch Beschneiden fruchtbarer zu machen. Womit ein Feind zu schaden denkt, Wird uns von Gott zum Heil gelenkt. 31. Der Weinberg. Ein Vater sagte kurz vor s-inemTod- zu semen drey Söhnen:«Liebe Rinder! Ich kann Euch Nichts rurück lassen, als diese unsere Hütte und den Wein« Lerg daran. Indem Weinberg aber liegt ein verborgener Schatz. Grabt nur fleißig nach, so werdet Ihr Nach dem Tode des Vaters gruben die Söhne den qam-n Weinberg mit dem größten Fl«ße um - und f-nden weder Gold noch Silber. Weck aber den Weinberg noch^"^'6^arbeitet hatten, so brachte er eine solche Menge Trauben hervor, daß sie darüber erstaunten.., r^-« Jetzt erst fiel den Söhnen em, was ihr seliger Vater mit dem Schatz-gemeint hab-, und sie ,chne- — 27— ben an die Thüre des Weinberges mit großen Buchstaben: Die rechte Goldgrub' ist der Fleiß— Für den, der ihn zu üben weiß. 32 Die Singvogel. „Ein freundliches Dörflein war von einem ganzen Walde fruchtbarer Baume umgeben. Die Bäume blähten und dufteten im Frühlinge auf das Lieblichste. Auf ihren Aesten und in den Hecken umher sangen und nisteten allerley muntere Vöglein. Im Herbste aber waren alle Zweiglein reichlich mit Ae- pfeln, Birnen und Zwetschken beladen. Da fingen einige böse Buben an, die Nester der Vögel auszu- nehmen. Die Vögel zogen daher aus dem Orte nach und nach ganz hinweg. Man hörte an den schönen Frühlingsmorgen kein Vöglein mehr singen, und in den Gärten war es ganz still und traurig. Die schädlichen Baumraupen, die sonst von den Vögeln hin- wsggefangen wurden, nahmen überhand, und fraßen Blätter und Blüthen ab. Die Baume standen kahl da, wie mitten im Winter, und die bösen Buben, die sonst köstliches Obst im Ueberfluffe hakten, bekamen nicht einmahl mehr ein Aepfelein zu sehen. Zu unserm Wohle hat Gott die Natur geschaffen! Weh dem, der sie zerstört, er wird sich selbst bestrafen- 33. Das Canarienvögelein. Christine bath ihre Mutter, ihr ein Canarien- vögelein zu kaufen. Die Mutter sagte:»Du sollst eines bekommen, wenn Du immer recht artig, fleißig und folgsam seyn wirst!«— und Christine versprach es. Eines Tages kam Christine aus der Schule heim. 28 Da sagte die Mutter:»Jchgehe jetzt ein wenig aus. Hier auf dem Tische steht ein kleines, neues Schäch- lelein. Bey Leibe mache es nicht auf; rühre es auch nicht an! Wenn Du mir folgst, werde ich Dir, sobald ich zurück komme, eine große Freude machen.« Kaum war die Mutter zur Thüre hinaus, so hatte das vorwitzige Mädchen das Schachtelein schon in der Hand.»Es ist so leicht,« sagte sie,»und in dem Deckel sind kleine Löchlem! Was mag doch wohl darin seyn?« Sie dachte, die Mutter sieht es ja nicht, und machte das Schachtlein auf, und sieh, augenblicklich hüpfte ein wunderschönes, gelbes Ca- narienvögelein heraus, und flog freudig zwitschernd ,n der Stube herum. Christine wollte das Vogelein geschwind fangen, und es wieder einsperren, damit die Mutter nichts Merke. Wie sie nun außer Athem und mit glühenden Wangen das flinke Vogelein vergebens in der Stube herum jagte, trar die Mutter herein, und sagte:»Du vorwitziges, ungehorsames Mädchen 1 Das schöne Vogelein habe ich Dir schenken wollen; doch wollte ich Dich zuerst prüfen, ob Du es verdienst. Jetzt aber werde ich es sogleich dem Vogel- händler wieder zurück geben.« Ein gutes Kind thut seine Pflicht, Selch, es auch gleich die Aeltcrn nicht. 34. Der Staar. Der alre Jäger Moritz hatte in seiner Stube einen abgerichteten Staar, der einige Worte sprechen konnte. Wenn zum Beyspiele der Jäger rief: »Stärlein, wo bist Du?« so schrie der Staar allemahl:»Da bin ich.« Des Nachbars kleiner Carl hatte an dem Vogel eine ganz besondere Freude, und machte ihm.öfters 29^ einen Besuch. Als Carl wieder einmahl kam, war der Jäger eben nicht in der Stube. Carl fing geschwind den Vogel, steckte ihn>n die Tasche, und wollte sich damit sortschleichen. Allein in eben dem Augenblicke kam der Jäger bey der Thür herein. Er dachte dein Knaben eins Freude zu machen, und rief wie gewöhnlich:»Star- lein, wo bist Du?--— Und der Vogel in der Tasche des KnabenS schrie, so laut er konnte:»Da bin ich!« Ein Diebsiahl sey so schlau er mag. Er kommt oft seltsam an den Tag.- 35. Der Haushahn. Eine fleißige Hausmutter weckte ihre zwey Mägde alle Morgen zur Arbeit, sobald der Haushahn krähte. Die Mägde wurden über den Hahn sehr zornig, und brachten ihn um, damit sie langer schlafen durf- ren. Allein die alce Hausmutter, die setzt gar nicht mehr wußte, wie sie in der Zeit war, weckte die Mägde von nun an immer noch früher, ja oft schon um Mitternacht Ein kleines Ungemach-zu meiden. Stürzt mancher sich in grvß're Leiden. 36. Die Henne. Ein armes Weib hatte eine Henne, die alle Tage ein Ey legte. Das Weib wollte mit einem Ey nicht zufrieden seyn. Sie mästete die Henne, und hoffte nun täglich zwey bis drey Eyer in dem Neste zu finden. Allein die Henne wurde durch das übermäßige Futter zu fett, und hörte gar auf zu legen. Laß Dir an Wenigem genügen. Statt mehr, wirst Du sonst gar nichts kriegen. 37. Das große Vogelnest. Ein grausamer Knabe suchte in allen Hecken die Vogelnester auf, und stach mit boshafter Freude den jungen Vögeln» die Augen aus. Die Mutter warnte ihn öfter.»Du gottloses Kind,« sagte sie, denke an mich, wenn Du Dich nicht besserst, so wird Gott gewiß Dich noch strafen.« Allein der freche Bube lachte heimlich dazu, und machte es je länger je ärger. Einmahl an einem Sonntage ging er anstatt in die Kirche in den Wald, neue Grausamkeiten auszuüben. Da erblickte er auf einer hohen Eiche ein großes Vogelnest. Er kletterte sogleich hinauf, riß einen der jungen Vögel aus dem Neste, und warf ihn herab. Schon wollte er nach dem andern greifen, da kamen plötzlich die Alten, die grimmige Naubvö- gel waren, herbey geflogen, und hackten mir rhren scharfen Schnäbeln ihm beyde Augen aus. Wer Gott und Aeltern nicht zu achten sich erfrecht. An dein wird sicherlich es schrecklich einst gerächt. 33. Die Bienen. 1. Albert kam in den Garten des Nachbars, und sah einen blühenden Rosenstrauch. Er pflückte eine Rose, und sagte:»Nun will ich mich einmahl daran satt riechen!« Als er aber sein kleines Naschen begierig in die halb geöffnete Rose hinein steckte, empfand er mit einem Mahl einen entsetzlichen Schmerz. Ein Bienlein war in der Rose versteckt, und stach ihn, weil er es fast zerdrückt hatte, in die Nase. Mit Unverstand genoß'ne Freuden. Verwandeln sich in Schmerz und Leiden. M ««»» 31»—» 2.' Albert, der sehr jähzornig war, ergriff nun ganze Hände voll Erde und Schoten, und warf wüthend nach den Bienenstöcken. Da wurden die Bienen so aufgebracht, daß sie in Menge über ihn her fielen, und«hm wohl hundert Stiche versetzten. Er wurde tödtlich krank, mußte unsägliche Schmerzen ausstehen, und kam kaum mir dem Leben davon. Erträgst Du ein« Unbill nicht mit Ruh, So ziehst Du Dir deren hundert zu. 39. Die Fliegen und die Spinnen. Ein junger Prinz sagte öfter:»Wozu hat doch wohl Gott d«e Fliegen und Spinnen erschaffen! Dergleichen Ungeziefer nützt ja keinem Menschen er- was! Wenn ich nur könnte, ich vertilgte alle von der Erde.» Ernst mußte der Pr«nz sich rm Kriege vor dem Feind flüchten. Ermüdet legre er sich Abends im Walde unter«mein Baume nieder, und entschlief. Ein feindlicher Soldat schlich mit gezücktem Schwerte auf ihn zu, um ihn zu ermorden. Allein plötzlich kam eine Fliege, setzte sich dem Prinzen auf die Wange, und stach ihn so heftig, daß er erwachte. Er sprang auf, zog sein Schwert, und der Soldat entfloh... Der Prinz verbarg sich nun m eine Hohle des Waldes. Eine Spinne spannte zu Nacht ihr Netz vor dein Eingänge der Höhle aus- Am Morgen ka» inen zwey feindliche Soldaten, die ihn suchten, vor die Höhle. Der Prinz horte sie miteinander reden. »Sieh,» rief der eine,»da hinein wird er sich versteckt haben!»»Nein,» sagte der andere,»da drin- ,-»»« Z2»»»- nen kann er nicht seyn;,denn im Hineingehen hatte sr ja das Spinnengewebe zerreißen müssen. Als die Soldaten fort waren, rief der Prinz gerührt und-ini't aufgehobenen Händen:»O Gott, wie danke r-ch Dir! Gestern hast Du mir durch eine Fliege und heute durch eine Spinne das Heben ge- rektet. Wie gut ist alles, was Du gemacht hast!-!- Ein Thisrchen, so auch noch so klein. Es kann den Menschen nMich' seyn!" -W. Der HVoße Fisch. . Fischer fuhr Morgens, in seinem KKifflein auf den See, und fischte den ganzen Tag. Allein so oft'«r das Netz auswarf, so fing tr doch-nicht ein einziges Fischlein. Traurig ünd betrübt fuhr er Abends wieder dem Lande zu.»B-Äleicht,« dachte er,»ist meine Arbeit deßhalb vergeblich gewesen, weil ich nicht zuvor Gott um«SMen, Segen'gebechen chabe.; ich-will es! aber -künftig thuu-r-,'- Da fuhr auf-elnmaht ein-großer Fisch, der von e.nem andern verfolgt wurde, aus dem Wasser empor, fiel in das Schifflein, und zappelte zu den Fügendes erfreuten-FischerS- sZetzt>« sagte- der Mann,»sehe ich-es klar.: WaS MeiischenfleiZ allein nicht zwingL., Mit GokkeS Segen leichter g'!tt,gt.le aus eurem>a- mehle daher geritten, erbarmte sich deS halb ver- 43 hungerten Menschen, gab ihm Brot und köstlich- Früchre, und nahm ihn dann zu sich auf sein Ka- mehl.»Sieh sagte der Mohr,»wie wunderbar Gott alles fügt. Ich hielt es für ein Unglück, daß ick die Perlen verlor, es war aber ein großes Glück. Gott ließ eS zu—daß ich wieder hierherkäme, und Dir das Leben rettete.« Durch kleine Dinge rettet Gott Die Menschen oft aus großer Noth. 53. Die Edelsteine. Ein Goldschinid mußte für eine vornehme Frau einen prächtigen Schmuck machen, zu dem sie ihm mehrere kostbare Edelsteine gab. Robert, sein Lehr- junge, hatte an den hellen funkelnden Steinen von allen Farben eine große Freude, und betrachtete sie sehr oft. Mit eine!» Mahls bemerkte der Meister, daß ihm zwey der schönsten Steins fehlten. Er hatte sogleich den Lehrjungen im Verdachte, und suchte in der Schlafkammer desselben nach. Da fand er die Edelsteine in einem Loche, das sich ober einem alten Kasten in der Mauer befand. Robert betheuerte zwar, er habe die Steine nicht genommen; allein der Meister züchtigte ihn sehr hart, sagte, daß er das Hängen verdient hatte, und jagte ihn fort. Am andern Tage fehlte wieder ein Stein, und der Goldschmid fand ihn im nähmlichen Loche. Nun gab er fleißig Acht, wer doch die Edelsteine dahin verstecke. Da kam eine Aelster, die der Lehrjnnge aufgezogen und zahm gemacht hatte, auf das Arbsits- brst geflogen, nahm einen Edelstein in den Schnabel, und rrug ihn in das Mauerloch. Der Goldschmid bedauerte es^m^herzlich, daß — 44— er dem armen unschuldigen Knaben Unrecht gecyan habe, nahm ihn wieder an, gab ihm seine Ehre zurück, und beschenkte ihn zur Vergütung der Schmerzen sehr reichlich. Denn Arawohn fliehe wie das Gift, Weil er gar oft die Unschuld trifft, 54. Die Kieselstein chen. Florian, ein junger Fuhrknecht, hatte sich durch Bcanntweintrinken eine gefährliche Krankheit zugezogen. DsrArzt sprach zu ihm:»Wenn Du den Branntwein nicht ganz aufgibst, so mußt Du st-ro-u; denn, er ist Gift für die Jugend.« Dec Kranke sagte»Das kann rcy n:^)t; rcy om ihn schon zu gewohnt. Dieses Fläschlein hier muß ich'täglich auSttinken,«'!"z.^ Dn-Arzt sagte:»I- nun, so mup icy auf etwar. anders denken!« Am andern Tage brachte er eur buntes Schächtelchen voll reinlicher Klel-lstemchen, und lvrach: Wirf alle Tage eines von dielen Wiemchsn rn Dein Branntweinfläschlein^— laß es«ber alle Mahl darin, so wird der Branntwein Dir unschad- ^ Der Kranke glaubte, die Stsinchen Mitten die Kraft den Branntwein unschädlichen machen, und that täglich eines in die Flasche. So trän. er täglich, ohne es selbst zu merken, einige a.rops-n weniger, und als die Flasche am Ende voll«terncy-n war, hatte er sich daS verderbliche Branntwettunn- ken abgewöhnt. Wer sich zu bessern, täglich etwas thut. Der wird bald gänzlich f-hlsrfrey und gut. 55. D e r S t e in. Ein reicher Mann warf einen armen Tagwer- ker, mitdemer Streit angefangen hatte, mit einem Stsine. Der Arme hab den Stein auf, schob ihn ein, und dachte: Es wird schon eine Zeit kommen, da ich den feindseligen Mann wieder werfen kann. Der Reiche ward durch Uebermuth, Muffig- gang und Verschwendung zum Bettler, und ging ein Mahl in Lumpen gekleidet an der Hätte des Armen vorbey. Da langte der Tagwerker den Stein hervor, um den unglücklichen Menschen zu werfen. Allein plötzlich hielt er inne, und sagte:»Jetzt seh' lch's, daß man sich gar nie rächen soll. Denn ist unser Feind reich und mächtig, so ist es nicht klug. Ist er aber unglücklich, so wäre es grausam. Sey er aber, was er will, so ist es allemahl bös und un- christüch.« Statt Dich zu rächen, hab' Geduld, Lo ruht auf Dir des Höchsten Huld. 56. Der Sack voll Erde. Ein reicher Mann brachte eine arme Witwe um ihren einzigen Acker, um damit seinen Garlckn zu vergrößern. Als er am andern Tage auf dem Acker umher ging, kam die arme Witwe mir einem leeren Kornsacke, und sprach zu ihm mit weinenden Augen: »Ich bitte Euch, laßt mich von meinem väterlichen Erbtheile nur so viel Erde nehmen, als in diesen Sack hineingeht.« Der Reich«sagte:»Diese thörichte Bitte kann ich euch wohl gewahren!« Die Witwe füllte den Sack mit Erde und sprach dann:»Nun habe ich aber noch eine Bitte! Seyd ss gut,und lüpft mir den Sack auf die Schulter!« 46 Der Reiche, der das Arbeiten nicht gewöhnt war, wollte lange nicht daran. Allein die Witwe ließ mit Bitten und Flehen nicht nach, bis er endlich einwilligte. Als er aber den Sack aufheben woll- te, rief er seufzend:-Es ist unmöglich, er ist nur zu schwer!« Jetzt sprach die Witwe mit großem Nachdrucke: »Da Euch dieser Sack voll Erde schon zu schwer ist, wie wird erst der ganze Acker— den tausend solche Sacke nicht fassen könnten— Euch in der Ewigkeit drücken!« Der Mann erschrack über diese Rede, und gab ihr den Acker wieder zurück.»Ich sehe es nun wohl ein ,« sagte er: »Unrechtes Gut ist eine Bürde, Die ewig mich beschweren würde.« 57. Der Bauernhof. Der alte Wiliöald war sehr streitsüchtig und führte beständig Processe. Einst sah er, daß man in dem Hause deS Nachbars die Mauer ausbreche, um ein neues Fenster hinein zu sehen. Da wollte Wilibald das nicht leiden, und drohte dem Nachbar, ihn zu verklagen. Die übrigen Nachbarn gingen zu Wilibald und sagten:»Fang doch in Deinen alten Lagen keinen Proceß mehr an, Du kannst beydem dummen Handel unmöglich etwas gewinnen.« Allein Wilibald wurde zornig, schlug mit der Faust aus den a.ijch, und schrie fürchterlich:»Ich gebe euch mein Wort, ich gewinne und dringe es so weit, daß der Nachbar nicht mehr in meinen Hof herein sieht.« Wilibald fing den Proceß an, verlor ihn, und mußte alle Kosten bezahlen. Weil er aber durch sein 47 ewiges Processiren in Schulden gerathen war, und nicht bezahlen konnte, so verkaufte man ihm den Hof. Michel, ein reicher Bauersvhn, kaufte den Hof. Da spotteten einige Nachbarn über Wilibald, und sagten: Du hast den Proceß gewonnen und erlangt, was Du wolltest. Der Nachbar sieht nun nicht mehr in Deinen Hof herein, sondern in den des Michels.« Gewinnen ist beym Processiren Gar oft nicht besser als Verlieren. 58. Die sonderbare Mauer. Die Leute eines einsamen Bauernhofes waren während des letzten Krieges in großen Aengsten. Besonders war eine Nacht für sie sehr fürchterlich. Der Feind nahte sich der Gegend. Der nächtliche Himmel war, bald da, bald dort, von Feuersbrünsten roch wie Blut. Man hörte furchtbar schießen. Zudem war es Winter, und das Wetter sehr kalt und stürmisch. Die guten Leute waren keinen Augenblick sicher, ausgeplündert, und jetzt, zur rauhesten Iahrszsit, von Haus und Hof verjagt zu werden. Großä'ltern, Aeltern und Kinder blieben die ganze Nacht hindurch in der Stube bey einander auf, und betheten beständig. Die Großmutter las aus einem alten Gebethbuche vor. In emein Gebethe zur Zeit des KriegeS kamen die Worte vor:»Gott wolle eine feste Mauer aufführen, um die Feinde von dieser Wohnung abzuhalten.« Der junge Bauer, der andächtig zugehört hatte, meinte jedoch, das Aufführen einer Mauer sey gar zu viel von dem lieben Gott verlangt. Indeß ging die Nacht vorüber, ohne daß ein feindlicher Soldat in das Haus kam. Allsim Hause wunderten sich darüber. Als sie aber sich Morgens 48 vor die Thür wagten—-— sieh, da war gegen jene Seite hin, wo die Feinde standen, der Schnee von dem Winde hoch wie eine Mauer aufgsthürmt, so, daß man gar incht durchkommen könnte. Alle lobten und priesen Gott. Die Großmutter aber sagte:»Scht, so hat doch Gott eine Mauer aufgeführt, die Feinde von unserer Wohnung abzuhalten. Ich bleibe dabey: Wer auf den lieben Gott vertraut. Der hat auf festen Grund gebaut.« 59. Das B r o t. Zur Zeit der Theuerung ließ ein reicher Mann die ärmsten Kinder der Stadt in sein Haus kommen, und sagte zu ihnen:»Da steht etn Korb voll Brot. Ein jedes von Euch nehme eines davon-- und so dürft Ihr nun alle Tage kommen, bis Gott bessere Zeiten schickt.» Die Kinder fielen über den Korb her, stritten und zankten um das Brot, weil jedes das schönste und größte haben wollte, und gingen endlich fort -—- ohne einmahl zu danken. Nur Franziska, ein ärmlich aber reinlich gekleidetes Mädchen blieb in der Ferne stehen, nahm daS kleinste Laibchen, das im Korbe blieb, küßte dem Manne dankbar die Hand, und ging dann stille und sittsam heim. Am andern Tags waren die Kinder eben so ungezogen,und die arme Franziska bekam dieses Mahl ein Laibchen, das kaum halb so groß war, als die übrigen Brote. Als Franziska aber Heini kam, und die kranke Mutter das Brot anschnitt— da fielen eine Menge neue Silberstücke heraus. Die Mutter erschrack und sagte: Gib das Geld den Augenblick Wieder zurück; denn es ist'gewiß aus — 49— Versehen in das Brot hinein gekommen.« Franziscs trug es hin.^ Allein der wohlthätige Mann sprach:»Nein, nein, es war kein Versehen. Ich habe daS Geld mir Wohlbedacht m daS kleinste Brot hinrinbacken lassen, Dich, Du gutes Kind, zu belohnen.' Bleibe immer so friedfertig und genügsam. Wer lieber mir dem kleinern Brote vorlieb nimmt, als um das grö- d^^e zankt, bringt allemahl einen Segen damit nach Hause, und sollte auch kein einziges Mahl Geld m das Brot hinein gebacken seyn. Genügsamkeit des Friedens wegen. Bringt einem Hause Gottes Segen. 60. Das Stück Fleisch. Zwey Bauernknechte, Klaus und Görg, führten ein Paar Wagen voll Holz in das Schloß ihres Gutsherrn, und kamen in die Schloßkirche. Kaum ging der Koch zur Thüre hinaus, um ihnen einen Krug B-er zu holen, so stahl der listige Klaus geschwind ein Stück Fleisch aus dem Kessel,.schob"es dem Görg m die Tasche, und sagte: Wenn nun der Koch wieder herein kommt, und nach dem Fleische fragt, so schwöre ich darauf, daß ich es nicht Angeschoben, und Du kannst daraus schwören, daß Du es nicht gestohlen. So kommen wir leicht durch.« Der Koch kam über eine Weile, guckte in den Nessel, blickte die beyden Knechte scharf an, und fragte:»Wohin ist das Fleisch gekommen?« Beyde verantworteten stch, wie sie es verabredet hatten. ^ Allein der Koch sprach:»Du, Klaus, hast das fleisch aus dein Kessel genommen; das steht man an Deinem rußigen Aermel. Und Du Görg, hast es Schmid's Jiigendsch. 8. Bd. Kl Erzähl. I Bd. 5 »WG» 50—^ eingeschoben, denn das Fett tröpfelt ja unten bey Deinem Rock« heraus. Schämt Euch, und fürchtet Euch der Sünde. Denn, wenn ich Eure Schalkheit nicht gemerkt hatte, so wüßte sie doch Gott, der m aller Herzen blickt, und nichts Böses ungestraft laßt.« S-e mußten das Fleisch heraus geben, und wurden für den Diebstahl noch geziemend gestraft. Was bälf'S, die Menschen zu belügen, Man kann doch niemahls Gott betrügen. 61. Das Gewürz. Ein Prinz wurde auf einem Spaziergänger von einem Platzregen überfallen, und flüchtete stch in die nächste Bauernhütts. Die Kinder saßen eben bey Tische, auf dem eine große Schüssel voll HabermuS stand. Alle ließen sich's recht gut schmecken, und sahen so frisch und roth aus, wie die Rosen... »Aber wie ist es doch möglich,« sagte der j-rui, zur Mutter,»daß man eine so rauhe Speise mit so sichtbarem Appetit verzehren, und dabey so gesund und blühend aussehen kann?« DieMutter antwortete:»Das kommt von dreyer- ley Gewürze, die ich daran thue. Ich lasse die Kinder ihr Mittagessen erst durch Arbeit verdienen; außer der Tischzeit gebe ich ihnen nichts, damit sie Hunger mir zu Tische bringen: auch gewohnte ich sie zurGenügsamkeit mit dem, was sie haben, indem ich sie gar nie mit Leckerbissen und Nasche- reyen bekannt machte.« Die köstlichsten Gewürze weit und breit. Sind Arbeit, Hunger und Genügsamkeit. 51 62. Das seltene Gericht. Ein Kaufmann hatte seine Freunde in der Stadt auf sein Landgut am Meere eingeladen, um sie mit seltenen Meerfischen, die man Lampreten nennt, zu bewirthen. Es wurden mehrere Speisen aufgetragen, und am Ende kam eine große verdeckte Schüssel, in der man die Lampreten vermuthete. Allein, als man den Deckel abnahm, fanden sich anstatt der erwarteten Fische einige Goldstücke darinnen. Der Kaufmann aber sprach:»Meine Freunde! die Fische, die ich Ihnen vorzusetzen versprach, sind dieses Jahr drey Mahl theurer, als ich dachte. Es kostet einer ein Goldstück. Da fiel mir denn ein, daß m dem Dorfe ein Lagwerker krank liege, und mit seinen Kindern Hunger leiden müsse. Von dem, was dieses einzige Gericht kosten würde, könnten die armen Leute wohl ein Halbes Jahr leben.— Wollen Sie, meine Herren, nun die Seefische, so werde ich sie unverzüglich kommen lassen, und sie sollen sogleich zubereitet werden. Wollen Sie aber das Gold dem armen Mann überlassen, so werde ich Sie mit schmackhaften, wiewohl minder theuren Flußfischen bewirthen.« Alle Gäste gaben ihm Beyfall, jeder legte Noch sin Goldstück dazu, und dem armen Manne war auf ein Jahr aus seiner Noth geholfen. Verschwende nicht Dein Geld für Leckerbissen, Wo andre bittern Hunger leiden müssen. 63 Das zerbrochene H u feisen. Ein Bauersmann ging mit seinem kleinen Sohne Thomas über Feld.»Sieh,« sprach der Vater einmahl unterwegs,»da liegt ein Stück von einem » —» 52 Hufeisen auf der Straße! Heb es auf und steck' es em.«—»Ey,« sagte Thomas,»das ist ja nicht einmahl der Mühe werth, daß man sich darum bäckt!« Der Vater hob das Eisen stillschweigend auf, und schob es in die Lasche. Im nächsten Dorfe verkaufte er eö dem Schunde für drey Pfennige, und kaufte für das Geld Kirschen. Beyde gingen weiter. Die Sonne schien sehr heiß; weit und breit war kein Haus, kern Baum und keine Quelle zu sehen. Thomas verschmachtete beynahe vor Durst, und konnte dem Vater fast nicht mehr nachkommen. Da ließ der Vater wie von ungefähr eine Kirsche fallen. Thomas hob sie so begierig auf, als wäre sie Gold, und fuhr damit sogleich dem Munde zu. Nach einigen Schritten ließ der Vater wieder eine Kirsche fallen. Thomas bückte sich eben so schnell darnach. So ließ der Vater dem Thomas alle Kirschen aufheben. Als nun die Kirschen zu Ende waren, und Thomas die letzte verzehrt hatte, wandte der Vater sich lachend um, und sprach:-Sieh, wenn Du Dich um das Hufeisen ein Mahl hättest bücken mögen, so hättest Du Dich um die Kirschen nicht hundert Wahl bücken müssen.« Die nicht auf kleine Dinge achten. Sich oft um klein're Mütze brachten. 64. Der Hufnagel. Ein Landmann sattelte sein Pferd, um in die Stadt zu reiten. Er bemerkte zwar, ehe er aufsaß, daß an einem Huf- ein Nagel fehle. Allein er sagte: »Auf einen Nage! komm l's nicht an!-und ritt fort. Nach einer Weile verlor das Pferd das Hufeisen. »Wenn eine Schmide in der Nähe wäre,«sprach er. 53 »ließ ich das Pferd beschlagen; indeß werden es drey Eisen auch thun« Allein das Pferd beschädigte nun auf dem steinigten Boden den Huf, und fing an zu hinken. Zwey Räuber sprangen aus dem Walde hervor, den Reiter zu berauben. Auf dem hinkenden Pferde konnte er nicht entfliehen, und sie nahmen ihm das Pferd sammt Zaum, Sattel und Felleisen. Als er nun zu Fuße nach Hause kam, sagreer: »Das hätte ich nicht gedacht, daß ich wegen eines Hufnagels das Pferd verlieren würde. Es ist doch wahr, was das Sprichwort sagt, und es gilt sowohl vom Zeitlichen als vom Ewigen: Versäumniß in den kleinsten Dingen Kann Dich in großen Schaden bringen. 65. Die goldene Angel. Ein Prinz bekam Lust zu angeln. Man verfertigte ihm eine zierliche Angelruthe, woran an einer seidenen Schnur ein goldener Angelhaken hing. Der Prinz ging an den See, warf die Angel aus, und zog sogleich ein Frschlein aus dem Wasser. Er warf die Angel wieder aus, ein großer Hecht biß an, zerriß aber die Schnur, und schwamm mir der Angel davon. Da sprach der Prinz:»So hab' ich denn für meine goldene Angel nichts, als ein elendes/ kleines Fischlein.' Bringt mir einen eisernen Angelhaken, denn es ist übel gethan, viel daran zu wagen, wo wenig zu gewinnen ist.« Von dieser Zeit an ward es zum Sprichworte, das von allen theuren Spielen, besonders aber von der Lotterie gilt: Der Spieler fischt mit goldner Angel, Und tauscht für Gold Verdruß und Mangel. 54— 66. Die Hirtenflöte. Ein König hatte einen Schatzmeister, der sich som Hirtenstabe zu diesem wichtigen Amte erschwungen hatte. Der Schatzmeister wurde aber bey dem Könige verklagt, daß er die königlichen Schatze veruntreue, und die geraubten Gelder und Kostbarkeiten in einem eigenen Gewölbe mit einer eisernen Thüre aufbewahre. Der König besuchte den Schatzmeister, besah den Pallast, kam an die eiserne Thür, und befahl sie zu öffnen. Als der König nun hinein trat, war er nicht wenig erstaunt. Er sah nichts, als vier leere Wände, einen ländlichen Tusch, und einen Stroh- sessel- Auf dein Tisch- lag eine Hirtenflöte nebst einem Hirtenstabe und einer Hirtentasche. Durch das Fenster sah man auf grüne Wiesen und waldige Berge. Der Schatzmeister aber sprach:»Zn meiner Jugend hüthske ich die Schafe. Du, o König, zogst mich an Deinen Hof. Hier in diesem Gewölbe brachte ich nun täglich eine Stunde zu, erinnerte mich mit Freuden meines vorigen Standes, und wiederholte die Lieder, die ich ehemahls bey meinen Schafen zum Lobs des Schöpfers gesungen habe.— Ach, laß mich wieder zurück kehren auf meine väterlichen Fluren, wo ich glücklicher war, als an Deinem Hofe!« Der König ward über die Verleumder sehr unwillig, umarmte den edlen Mann, und bath ihn, ferners in feinen Diensten zu bleiben. Ein ruhig'S Herz. nicht Gold und Pracht, Jst's. waS uns Menschen glücklich macht- 55 67. Der Quer sack. Melcher ging mit einem wohlgefüllten Quersack auf der Schulder über Feld, und Casimir gesellte sich zu ihm. Melcher redete unterwegs beständig von den Fehlern anderer Menschen, von seinen eigenen Fehlern aber schwieg er mäuschenstill- Da sagte endlich Casiimr:»Du hast, wie es scheint, alle fremden Fehler m den vordern Theil Deines Zwerchsa- ckes gethan, um sie immer vor Augen zu haben, und sie tadeln zu können. Deine eigenen Fehler aber hast Du auf den Rücken geworfen, damit sie Dir aus den Augen kommen. Kehre einmahl den Sack um, das wird Dir viel nützlicher seyn.« Wer eigne Fehler bessert, ist ein weiser Mann; Ein Thor nimmt sich nur fremder Fehler an. 68. Die sieben Stäbe. Ein Bauersmann halte sieben Söhne, die öfter mit einander uneins waren. Ueber dem Zanken und Streiten versäumten sie die Arbeit. Ja, einige böse Menschen machten sich diese Uneinigkeit zu Nutzen, und trachteten, die Söhne nach dem Tode des Vaters um ihr väterliches Erbtheil zu bringen. Da ließ der Vater eines Tages alle sieben Söhne zusammen kommen, legte ihnen sieben Stäbe vor, die fest zusammen gebunden waren, und sagte: »Dem, der dieses Bündel Stäbe abbricht, zahle ich hundert große Thaler bar. Einer nach dem andern strengte lange alle seine Kräfte an, und jeder sagte am Ende:»Es ist gar nicht möglich!« »Und doch,» sagte der Vater,»ist nichts leichter!« Er löste den Bündel auf, und zerbrach einen Stab nach dem andern mit geringer Mühe-»Ey,« — 56— riefen die Söhne,»so ist es freylich leicht, so könnte es ein kleiner Knabe!« Der Vater sprach:»Wie es mit diesen Stäben ist, jo ist es mir Euch, meine Söhne! So lange Ihr fest zusammen haltet, werdet Ihr bestehen, und niemand wird Euch überwältigen können. Bleibt aber das Band der Eintracht, das Euch verbinden sollte, aufgelöst, so wird es Euch gehen, wie den Stäben, die hier zerbrochen auf dem Boden umherliegen.« Das Haus, wo Zwietracht herrscht, zerfällt.- Nur Einigkeit erhalt die Welk. 69. Der Spiegel. Zwey Geschwister, Anton und Pauline, sahen den Spiegel ihrer Mutter am Fenster stehen, und schauten hinein. Anton war sehr schön, und lächelte sein Bild mit Wohlgefallen an. Pauline war etwas von den Kinderblattern entstellt, uM weinte, als sie ihr Angesicht im Spiegel erblickte. Die Mutter, die dazu kam, sprach:»Du, An- ron, bilde Dir nichts ein auf vergängliche Schönheit, und nimm Dich in Acht, sie durch böse Leidenschaften nicht vor der Zeit zu zerstören. Du, Pauline, tröste Dich damit, daß es etwas Besseres gibt, als Schönheit des Leibes, und ersetze den Mangel derselben durch Schönheit der Seele.« Die Schönheit der Gestalt vergeht. Der Seele Schönheit nur besteht. Das Porträt. Vor vielen hundert Jahren starb in einer großen Stadt ein Kaufmann, der ein ansehnliches Vermögen hinterließ. Man wußte zwar, daß er einen 57 einzigen Sohn habe, der sich auf Reisen befand allein Niemand in der Stadt kannte den Sohn von Angesicht. Nach einiger Zeit kamen drey Jünglinge in der Stadt an, und jeder behauptete, daß er der einzige Sohn und rechtmäßige Erbe sey. Der Richter ließ ein wohl getroffenes Bildniß des Vaters bringen, und sprach:»Wer von Euch Dreyen das Zeichen, das ich hier auf der Brust des Bildes mache, mit einem Pfeile treffen kann, dessen soll die Erbschaft seyn.« Der Erste schoß, und traf sehr nahe; der Zweyte noch naher; der Dritte aber sing, indem er zielte, an zu zittern, erblaßte, brach in Thränen aus, warf Pfeil und Bogen zur Erde, und rief:»Nein, ich kann nicht schießen; ich will lieber die ganze Erbschaft verlieren!« Nun sprach der Richter zu ihm:»EdlerJüngling, Du bist der wahre Sohn und der rechte Erbe; die andern zwey, die so gut geschossen, sind es nicht. Denn ein echter Sohn kann das Herz seines Vaters auch nicht einmahl im Bilde mit einem Pfeile durchbohren.» Ein Kind muß seine Aeltern lieben. Und sie um alles nicht betrüben. 71. Das schönste Kleid. Ein Kaufmann, der mit Seidenwaaren handelte, kam in ein Schloß. Fraulein Jsabella erhielt von ihrer Mutter die Erlaubniß, sich Lasset zu einem Kleide auszusuchen, konnte aber in der Wahl nicht mit sich einig werden, und sagte endlich:»Liebe Mutter, entscheiden Sie, welche Farbe mir am besten stehe— grün oder gelb oder blau?« Die Mutter antwortete lächelnd:»Ich denke— weiß, 28 die Farbe der Unschuld, und roth, die Farbe der Schamhaftigkeit.« Unschuld und Schamhaftigkeit Sind der Jungfrau schönstes Kleid. 72. Die goldene Dose. Ein Oberster zeigte den Offizieren, die bey ihm speisten, bey Tische eine neue goldene Dose. Nach einer Weile wollte er eine Prise Tabak nehmen, suchte in allen Taschen, und sagte bestürzt: Wo ist mein« Dose? Sehen Sie doch einmahl nach, meine Herren, ob nicht etwa einer sie in Gedanken einge- schoben habe.» Alle standen sogleich auf, und wendeten die Taschen um, ohne daß die Dose zum Vorschein kam. Nur der Fähnrich blieb in sichtbarer Verlegenheit sitzen und sagte:»Ich wende meine Taschen nicht um; mein Ehrenwort, daß ich die Dose nicht habe, sey genug.« Die Offizier« gingen kopfschüttelnd aus einander und jeder hielt ihn für den Dieb. Am andern Morgen ließ ihn der Oberste rufen, und sprach:»Die Dose hat sich wieder gefunden. Es war in meiner Tasche eine Naht aufgegangen, und da fiel sie zwischen dem Futter hinab. Nun sagen Sie mir aber, warum Sie Ihre Tasche nicht zeigen wollten? Es haben es doch alle übrigen gethan!« Der Fähnrich sprach:»Ihnen allein, Herr Oberst, will ich es gerne bekennen. Meine Aeltern sind sehr arm. Ich gebe ihnen daher meinen halben Sold, und esse Mittags nichts Warmes. Als ich eingeladen wurde, hatte ich mein Mittagsessen bereits in der Tasche, und da hatte ich mich ja schämen müssen, wenn beym Umwenden der Tasche ein Stück schwarzes Brot und eine Wurst herausgefallen wäre.« 59»»» Der Oberste sagte gerührt:»Sie sind ein sehr guter Sohn! Damit Sie Ihre Aeltern desto leichter unterstützen können, sollen Sie nun täglich bey mir speisen.» Er führte ihn in den Speisesaal, und überreichte ihm vor allen Offizieren, als einen Beweis seiner Hochachtung, die goldene Dose- Wer seine Aeltern liebt und ehrt. Ist Gott und Menschen lieb und werth. 73. Die silberne Uhr. Ernest, ein armes Studentlein, blieb einst in einer Mühle über Nacht. Eine Bank in der untern Stube diente ihm zum Berte. Um Mitternacht wachte er auf, und hörte neben sich an der Wand etwas picken. Er schaute hin, und erblickte beym Mondscheine eine silberne Sackuhr. Es kam ihn eine große Lust an, die Uhr zu nehmen, und damit durch das Fenster zu entfliehen. Das Gewissen sagte ihm wohl:»Du sollst nicht stehlen.« Allein die Begierde nach der schönen Uhr wurde immer starker. Da sprang er mit einem Mahle auf, und stieg zum Fenster hinaus, um der Versuchung zu entrinnen. Als er einige hundert Schritte weit gelaufen war, kam ihn eine Reue an, daß er die Uhr nicht genommen habe, und er wollte schon wieder umkehren. Allein sein Gewissen warnte ihn noch ein Mahl, und er gab ihm Gehör, und wanderte seinen Weg weiter. Jetzt ging der Mond unter, und es wurde sehr finster. Ernest verirrte sich in einen Sumpf, erreichte aber doch endlich eine Anhöhe. Dort legte er sich sehr ermüdet nieder, und schlief fest ein.— Mit Anbruch des Tages wurde er von einem gräßlichen 60 Geschrey geweckt, und als er die Augen aufschlug, hatte er einen großen Schrecken. Er lag unter dem Galgen, und sah über seinem Kopfe einen Dieb hangen, um den sich eine ganze Schar schreyender Raben versammelt hatte. Da war es ihm nicht anders, als sagte in seinem Innern eine Stimme:»Sieh, so wäre es am EndeDirge- gangen, wenn Du das Stehlen angefangen hättest.« Er knieete nieder und bethete: »O Gott, Du warnest uns auf viele Weisen,! Ich will stets Dir zu folgen mich befleißen.« 74. Der Geldbeutel. 1. Norbert, ein armer Köhlerknabs, saß unter einem Baume im Walde, und jammerte, weinte und bethete. Ein vornehmer Herr, in einem grünen Kleide, und mit einem Sterne an der Brust, jagte eben im Walde, kam herbey, und sprach:»Kleiner, warum weinest Du?« »Ach,« sagte Norbert,»meine Mutter war lange krank, und da hat mich mein Vater in die Stadt geschickt, den Apotheker zu bezahlen, und ich habe das Geld sammt dem Beutelein unterweges verloren.« Der Herr redete heimlich mit dem Jäger, der ihn begleitete, zog dann einen kleinen Beutel von rother Seide heraus, in dem einige Goldstücke waren, und sprach:»Ist vielleicht dieses dein Geldbeutelein?«»O nein,« sagte Norbert,»das mei- nige war nur ganz schlecht, und es war kein so schönes Geld darin.« »So wird es wohl dieses seyn?« sagte der Jäger, und zog ein unansehnliches Beutelein aus der Tasche.»Ach ja,« rief Norbert voll Freude,»dieses ist es!« Der Jäger gab eS ihm, und der vornehme Herr sagte:»Weil du so fromm und ehrlich bist, so schenk ich dir diesen Beutel mit Gold noch dazu. Gebeth erlöst aus Aengsten. Und ehrlich währt am längsten. 2. Stephan, ein anderer Knabe aus dem nächsten Dorfe, hörte von dieser Geschichte. Sobald nun der vornehme Herr wieder in dem Walde jagte, setzte Stephan sich unter eine Tanne im Walde, und schrie und heulte:»O mein Geldbeutel! O mein Geldbeutel! Ich habe meinen Geldbeutelverloren!« Der Herr kam auf das Geschrey herbey, zeigte ihm eine volle Geldbörse, und fragte ihn:»Ist dieses der Beutel, den du verloren hast!«»Ja!« rief Stephan, und griff mit beyden Handen darnach. Allein der Jager, der neben dem Herrn stand, sprach mit trotziger Stimme:»Unverschämter Bube! den Fürsten unterstehest Du Dich anzulügen? Jchwill Dich mit anderer Münze dafür bezahlen.« Er züchtigte ihn mit einer Gerte, die er vom nächsten Haselstrauche riß, so nachdrücklich, als es der boshafte Betriegcr verdient hatte- Untreu schlägt de» eigne» Mann, Und Falschheit kommt oft übel an. 75. Der große Thaler. Fridolin, ein frommer Bauersmann, hatte einen Knecht, der sehr jähzornig war, und dann in die rohesten Worte ausbrach. Fridolin ermähnte ihn öfter, er solle aus Liebe zu Gott den?orn überwinden. Allein der Knecht sagte:»Das ist mir nicht möglich; Menschen und Thiere machen mir zu viel Verdruß.« Eines Morgens sagte Fcidolin zu ihm:»Mathias, sieh da einen schönen neuen Thaler! Diesen will ich Dir schenken, wenn Du den Tag hindurch geduldig bleibest, und kein zorniges Wort von Dir hören lässest.« Der Knecht ging den Handel mit Freuden ein. Die übrigen Dienstbothen aber redeten es heimlich mit einander ab, ihn um den Thaler zu bringe». Alles was sie den ganzen Tag sagten und thaten, zielt« nur darauf, ihn zornig zu machen. Allein der Knecht hielt sich so tapfer, daß ihm nicht ein einziges zorniges Wörtlein entwischte. Am Abende gab Fridolin ihm den Thaler,, und sagte:»Schäme Dich, daß Du einem elenden Stücke Geld zu lieb Deinen Zorn so gut überwinden kannst, allein aus Liebe zu Gott es nicht thun magst.« Der Knecht besserte sich, und wurde ein sehr sanflinüthi- ger Mensch. Die Liebe Gottes muß Dein Herz durchdrnigen, So wirst Du auch das Schwerste leicht vollbringen. 76. Das Kreuzchrn. Lherese hatte ein kleines niedliches Kreuz zum Geschenke bekommen. Es war von schwarzem Ebenholz«, und die vier Ende waren in Gold gefaßt. Sie trug es an einem blauen Bande zur Zierde an der Brust. Einst brach das kleine Querholz des Kreuzes heraus, und Therese bath den Vater, das Kreuz- chen wieder zurecht zu machen. »Das will ich gern,« sprach der Vater,»ja ich willDich überdies; noch lehren, wie Du machen kannst. 63—» daß kein Leiden in der Welt für Dich ein Kreuz seyn soll.« »Da sieh einmahl her; ohne das Querholz ist das längere Holz kein Kreuz. Erst wenn das Querholz hinzu kommt, wird ein Kreuz daraus.« »So ist es mit jedem Leiden, das wir ein Kreuz nennen. Der Wille Gottes ist gleichsam das längere Holz; unser Wille aber, der den göttlichen Willen immer durchkreuzen möchte, ist das Querholz.« »Nimm daher bey jedem Kreuze, das Dich einst treffen wird, das Querhölzlein heraus, so wird es für Dich kein Kreuz mehr seyn.« Ergebenheit in Gottes Willen, Kann jeden Schmerz des Kreuzes stillen. 77. Das Wunderkästchen. Eine Hausfrau hatte in ihrer Haushaltung allerley Unglückssälle, und ihr Vermögen nahm jährlich ab. Da ging sie in den Wald zu einem alten Einsiedler, erzählte ihm ihre betrübten Umstände und sagte:»ES geht in meinem Hause ein Mahl nicht mit rechten Dingen her. Wißt Ihr kein Mittel, dem Uebel abzuhelfen?« Der Einsiedler, ein fröhlicher Greis, hieß sie ein wenig warten, brachte über eine Weile ein kleines versiegeltes Kästchen, und sprach:»Dieses Käst- lein müßt Ihr ein Jahr lang, drey Mahl bey Tag und drey Mahl bey Nacht, in Küche, Keller, Stal- lungen und allen Winkeln des Hauses herumtragen, so wird es besser gehen. Bringt mir aber üb-r's Jahr das Kästlein wieder zurück.« Die gute Hausmutter setzte in das Kästchen ein großes Vertrauen, und trug es fleißig umher. Als sie den nächsten Tag in den Keller ging, wollte *>»» 64 der Knecht eben einen Krug Bier heimlich herauf tragen. Als ne noch spät bey Nacht in die Küche kam, hatten die Mägde sich einen Eyerkuchen gemacht. Als sie die Stallungen durchwanderte, standen die Kühe tief in Koth, und die Pferde hatten anstatt des Hafers nur Heu, und waren nicht gestriegelt. So hatte sie alle Tage einen andern Fehler abzustellen. Nachdem das Jahr herum war, ging sie mit dem Kästchen zum Einsiedler, und sagte vergnügt: »Alles geht nun besser. Laßt mir aber das Kästchen noch ein Jahr; es enthalt gar ein treffliches Mittel.« Da lachte der Einsiedler, und sprach:»Das Kästchen kann ich Euch nicht lassen: das Mittel aber, das darin verborgen ist, sollt Ihr haben.« Eröffnete das Kästchen, und sieh, eS war nichts darin, als ern weißes Blä'ttlein Papier, auf dem geschrieben stand: »Soll alles wohl im Hause stehen. So mußt Du selber wohl nachsehen-« 78, Der bethende Prinz. Ein Prinz flüchtete sich zur Zeit des Krieges vor dem Feinde, und nahm Niemand mit sich, als einen einzigen alten Diener. Um nicht erkannt zu werden, waren Beydegar nicht kostbar, sondern nur sehr einfach gekleidet. Eines Abends spät kamen sie nun zu einem abgelegenen Bauernhof im Gebirge, und blieben da über Nacht. Der Prinz konnte aber nicht schlafen, es war ihm sehr bange vor dem Feinde, und überdies; ging ihm das Geld aus, mit dem er sich in der Erle nicht hinreichend versehen hatte. Er stand daher in der Nacht auf, knieete in der einsamen Kammer nieder, und bethete lange im Stillen. Da ihm aber das Herz gar so schwer war, so sagte er ein- » 6Z mahl mit einem riefen Seufzer und lauter Stimme: »O Gort, erbarme Dich eines armen Prinzen!« Diese Worre hörre der Bauer, und sprach am Morgen zu dem Bedienten: Ich weiß, Euer Herr ist ein Prinz; sagt mir doch, warum er so traurig ist.« Der Bediente gestand die Wahrheit, und bath, den Prinzen nicht zu verrathen. Als nun der Prinz abreisen wollte, trat der Bauer ehrerblethig und mit Zähren in den Augen in die Kammer, und sprach:»Lieber Prinz! Ihr nächtliches Gebeth hat mir ihren Kummer endeckr. Erweisen Sie mir die Gnade, und nehmen Sie diese zwanzig Goldstücke, bis Sie wieder in bessere Umstände kommen. Auch will ich Ihnen einen Wegzei- gen, auf dem Sie bald in Sicherheit seyn sollen.« Der erstaunte Prinz dankte dem edelmüchigen Bauer, noch mehr aber Gott, der ohne Wunder zu thun, fromme Gebethe wunderbar erhören kann. Der Prinz langte glücklich bey einem verwandten Fürsten an, und ersetzte in der Folge dem braven Bauer das Geld zehnfach. Beth' recht von Herzen in der Noth, So rettet Dich der liebe Gott. 79. Der fromme Hirtenknabe. An einem herrlichen Abend im May, da alles grünte und blühte, hüthete Wendelin seine Schaf- lein. Allein traurig stand er bey einem blühenden Dornbusch, und die hellen Zähren flößen ihm über die rothen Wangen. Des Jägers kleiner Aloys, der aus dem Walde kam, fragte ihn mitleidig:»Warum weinest Du?« »Ach,« sagte Wendelin,»ich habe eben eine abscheuliche Kröte gesehen, die sich da in dem Busche ver- «Lchmid's Jugeiidsch. 8. Bd. Kl. Erzähl. I. Bd- 6 66—* kroch.«»Ey,« rief Aloys,»wie magst Du doch über so etwas weinen?« Wendelin sprach:»AlS ich die Krore sah, dachte rch, dieses Thier sieht so häßlich aus, kriecht mühsam auf dem Boden, wird von allen Menschen verfolgt, weiß nichts von seinem Schöpfer, und bringt seine meiste Lebenszeit im Schlamme und in dunkeln Löchern zu, bis es endlich verfault.« »Und Du,« sagte ich zu mir selbst,»hast die aufrechte menschliche Gestalt und daS schone menschliche Angesicht! Du kannst frey umher wandeln, Himmel und Erde betrachten, und an Gras und Blumen Freude haben; Du erkennest Deinen Schöpfer, und hast eine unsterbliche Seele. Und doch hast Du Ihm noch nie recht vom Herzen dafür gedankt. Dieser mein Undank schmerzte mich so, daß ich weinen mußte.« Aloys wurde von diesen Worten sehr gerührt, und vergaß stein seinem Leben nicht mehr. Noch als Greis erzählte er sie seinen Enkeln, und fügte noch bey:»Wenn die häßlichsten Thiere auch sonst ganz unnütz wären, so haben sie doch einen großen Nutzen! Sie lehren uns die Vorzüge des Menschen besser schätzen, mit denen ihn Gott zum edelsten Geschöpfe auf Erden ausstattete.» Wer seines Schöpfers sich nicht wollte freu'n, Verdiente wahrhaft nicht ein Mensch zu seyn. 80. Der kleine Korbmacher. Der junge Eduard hatte sehr reiche Aeltern. Er verließ sich auf ihren Reichthum, und wollte nichts' lernen. Der kleine Jacob des armen Nachbars lernte aber mit großem Fleiße das Korbmachen. Eines Tages stand Eduard am User des Meeres, und angelte zum Zeitvertrnb. Jacob hatte ei- 67 neu großen Büschel Weidenruthen geschnitten, und wollte sie eben nach Hause tragen. Da sprangen plötzlicheinige Seeräuber aus dem Gebüsche hervor, und schleppten die beyden Knaben auf ihr Schiff, um sie als Sclaven zu verkaufen. Das Schiff wurde von dem Sturme weic fort getrieben, und an den Felsen einer fernen Jnselzer- schmerterr. Nur die zwey Knaben retteten sich an das Land, das von grausamen Mohren bewohnt war. Jacob dachte, seine Kunst könne ihm vielleicht Gnade vor ihnen verschaffen. Er zog sein Messer heraus, schnitt Weidenzweige ab, und singan, ern niedliches Körblein zu flechten. Mehrere schwarze Männer, Weiber und Kinder kamen herbey, und sahen ihm neugierig zu. Als das Körblein fertig war, schenkte er es dem Vornehmsten aus ihnen. Da hatten nun alle, Groß und Klein, gern solche Körblein gehabt. Sie schenkten dem Jacob eine Hütte, tue von fruchtbaren Bäumen beschattet war, damit er dort ungestört arbeiten könne. Auch versprachen sie ihn reichlich mit Lebensrnitteln zu versehen. Hierauf verlangten sie, Eduard solle auch einen Korb machen. Als sie.aber merkten, daher nichts gelernt habe, schlugen siechn; ja, sie hätten ihn gar umgebracht, wenn Jacob nicht für ihn gebethen hätte. Eduard mußte jedoch auf ihren Befehl seinen Sammetrock dem Jacob geben, Jacobs.Zwilchkittel anziehen, ihm als Knecht dienen, und ihm die Wei- deuzweige zutragen. Die fleißige geschickte Hand Erwirbt sich Brot in jedem Land. * 68 8t. Die kleinen Schiffer. , 1. Der leichtsinnige Valentin nahm seinen jünger» Bruder Philipp mit an den Fluß, stieg mit ihm in ein Schifflein, und stieß vom Lande. Der reißende Ström warf das Schifflein an die Felsen, daß es in Stücke zerbrach. Valentin schwamm mühsam an dem steilen Felsen umher, konnte aber nirgends daran empor klimmen, den Philipp riß der Fluß mit sich fort. Em Fischer, der das Geschrey der beyden Knaben gehört hatte, lief herbey, sprang in das Wasser, schwamm mit eigner großer Lebensgefahr dem kleinen Philipp nach, erreichte ihn, brachte ihn glücklich an das Land, und freute sichunbeschreiblich, Hn gerettet zu haben. Es wagt ein edler guter Mann Für And're gern das Leben d'ran. 2. Wahrend der gute Fischer den Philipp aus dem Wasser heraus holte, war Valentin ertrunken. Die Leute, die zusammen gelaufen waren, sagten zu dem Fischer:»Da Du nicht alle Beyde retten konntest, warum hast Du Dein Leben daran gewagt, diesem zu helfen? Den andern hättest Du ja ohne gküßs Mühe und Gefahr aus dem Wasser ziehen können!« Der Fischer sprach:»Der leichtfertige Valentin, der errrunken ist, hak mir oft Fische und Krebse gestohlen, und mir vieles an meinen Netzen verdorben; der gute Philipp hat mir, als ich wegen eines bösen Fußes lange nichts verdienen konnte, oft sein Abendbrot gebracht, und mir manchen Kreuzer ge- ^ 69»—» schenkt. Wie hatte ich nun einen so guten Knaben nicht zuerst retten sollen. Es bringt gar oft auf Erden schon Das Böse Straf', das Gute Lohn- 82. Der Blinde. Andreas, ein blinder Jüngling, ging einst mit Hilfe seines Stabes sehr langsam und bedächtlich aus der Kirche nach Hause. Lucas, ein muthwilliger Bauernbursch, spottete über ihn, und rief:»Wollen wir nicht miteinander eine Wette anstellen? Gilt's zehn Thaler, ich laufe schneller als Du?« Der blinde Andreas sagte:»Ja, es gilt, wenn ich einen Weg wählen darf, den ich kenne, und eine Zeit, die mir gelegen ist.« Lucas schlug sogleich mit Lachen ein, und nahm alle Umstehenden zu Zeugen. Der Blinde sagte: Nun gut! So wollen wir heute Nachr um zwölf Uhr zur Wette in die Stadt laufen.« Mit dem zwölften Glockenschlage gingen sie ab. Die Nacht war sehr finster und stürmisch, und der Weg führte durch einen dunkeln Wald. Andreas, dem Tag oder Nacht einerley war, erreichte noch vorAn- druch der Morgenröthe die Stadt. Der spöttische Lucas aber verirrte sich im Walde, stieß bald den Kopf an einen Baumast, siel bald über eine Wurzel, verwickelte sich bald in den Dornen, und kam erst in der Stadt an, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Er mußte die zehn Thaler bezahlen, und Jedermann sagte:»Es ist ihm recht geschehen, und er hätte noch eine größere Strafe verdient.« Treib' mit Unglücklichen nie Spott, Sonst straft Dich der gerechte Gott. 70 83. Die zwey Wanderer. Zwey Reisende, Albrecht und Burkbard, gingen friedlich mit einander ihren Weg. Da sah Albrecht einen Beutel voll Geld auf dem Wege liegen. Er sprang sogleich darauf zu, und hob ihn eilends auf.»Bruder,« sagt« Burkhard,»mir wollen das Geld redlich mit einander theilen!« Allein Albrecht sagte:»Nein, das thue ich nicht. Ich habe denBeu- rel gefunden, und deßwegen ist er.auch mein.« Er schob ihn lachend in seine Tasche, und Burkhard ging traurig mit ihm weiter. Jetzt kam ein Räuber mit bloßem Schwerte auf siezn. Albrecht wurde todtenblaß, und sagte:»Bruder! wir wollen einander treulich bevstehen. Ein Mann wird nicht so leicht zwey überwinden. Eile und ziehe wie ich das Schwert!« Allein Burkhard sagte:»Das thue ich nicht! Mir kann der Räuber- nichts nehmen- Du hast das Geld für Dich allein behalten, so magst Du Dich auch allein darum wehren.« Albrecht wurde von dem Räuber überwältigt, und trug statt des Geldes mehrere Wunden davon. Du mußt Dein Glück mit dem GesaHrken theilen, Soll E r im Unglück Dw zu Hilfe eilen. 84. Der Köhler und der Bleicher. Ein Kohlenbrenner sagte zu einem Bleicher, der eine Wohnung miethen wollte:»Bruder! zieh zu mir in mein Haus; es ist groß genug, Deineund meine Waaren darin unterzubringen.» Allein der Bleicher sprach:»Das geht nicht, Bruder! Denn die Leinwand, die ich mit vieler Mühe weiß mache, würde ja von Deinen Kohlen schwarz werden.« Da lachte der ehrliche Köhler, und sagte:»Du hast Recht! Weiß und Schwarz schicken sich nicht zusammen. Ja, wie es der weißen, reinen Leinwand unter den Kohlen gehen würde, so geht es auch reinen Seelen unter Menschen von schwarzer Seele und schmutzigen Sitten.« Bewahrest Du die Unschuld gern. So bleib von bösen Menschen fern. 85. Der Müller und sein Esel. Ein Müller und sein Sohn trieben einen Esel in die Stadt, um ihn auf dem Markte zu verkaufen. Ein Reiter, der ihnen begegnete, sagte:»Ihr seyd nicht g-scheid, daß Ihr den Esel leer laufen laßt, und daß keiner von Euch beyden aufsitzt.« Der Sohn saß sogleich auf. Allein nun rief einFuhrmann, an dem sie vorbey kamen:»Du ungezogener Junge, schämst Du Dich nicht, baß Du reitest, und deinen alten Vater zu Fuß gehen lässest.« Der Sohn stieg eilends ab, und ließ den Vater aufsitzen. Bald darauf sagte aber eine Bäuerinn, die einen Korb voll Obst auf dem Kopfe trug:»Das ist ein ümbarmherziger Vater, der sich auf dem Esel bequem macht, und seinen armen Sohn im Kochs nachwaten läßt.« Nun setzte sich der Sohn zu dem Vater auf den Esel. »Ach, das arme Vieh!« schrie nun ein Schäfer, der am Wege die Schafe hüthete.»Es muß zu Grunde gehen, Ihr seyd wahre Thierquäler.« Jetzt stiegen beyde wieder ab, und der Sohn sagte voll Verdruß zu dem Vater: Was sollen wir doch mit dem Esel anfangen, um es den Leuten recht zu machen? Sollen wir ihn an einer Stange zu Markte tragen, oder dort im Flusse ersäufen?« — 72 Allein der Vater sprach:»Nun sehe ich es klar ein, daß man es niemahls allen Leuten recht machen kann, und daß der Rath sehr klug sey: »Such' Dein« Sache wohl und gut zu machen. Und laß die Tadler schimpfen oder lachen.« 86. Der Jäger» nd sein Hund. Ein Jager hetzte einst seinen Hund auf einen Hasen.»Faß, faß!« riefder Jager, und der Hund sprang aus allen Kräften, jagte den Hasen weit im Felde umher, erreichte ihn endlich, und hielt ihn Mit den Zähnen fest. Der Jäger ergriff hierauf den Hasen bey den Ohren, und sagte zum Hunde:»Laß! laß!« und der Hund ließ ihn sogleich los, und der Jäger steckte den Hasen in seinen Ranzen. Mehrere Leute aus dem Dorfe hatten zugesehen,, und ein alter Bauersmann unter ihnen sagte:»Diesem Jagdhunde gleicht der Geizige.« Der Geiz ruft dem Geizigen zu:»Faß, faß!« und der verblendete Mensch gehorcht, und jagt aus allen Kräften den zeitlichen Gütern nach. Am Ende kommt aber der Tod, und sagt:»Laß, laß!« und der arme Mensch muß den mit vieler Mühe erjagten Reichthum un- genossen zurück lassen: Laßt uns nach besjern Gütern streben. Die uns noch sreu'n in jenem Leben. 87. Das stolze Fräulein. Fräulein Gertrud wohnte in einem prächtigen Schlosse, und bildete sich auf ihren vornehmen Stand nicht wenig ein. Eines Tages kam Maria, eine arme Maurers- tochtcr, zu ihr, und sprach:»Mein Vater, der todt- »«»» 73 krank ist, läßt Sie bitten, zu ihm zu kommen; er hat Ihnen etwas Wichtiges zu sagen.« Das Fräulein antwortete spöttisch:»Das mag wohl etwas Wichtiges seyn, was ein so armer Mann mit mir zu reden hat! Geh, ich habe in Deiner elenden Hütte nichts zu thun.« - Ueber eine Weile kam Maria wieder, und rief fast außer Athem:»O liebes Fraulein, kommen Sie dochgeschwind. Ihre selige Mutter hat wahrend des Krieges eine Menge Gold und Silber einmauern lassen, und meinem Vater befohlen, den Ort keinem Menschen zu sagen, als Ihnen, wenn Sie einmahl zwanzig Jahre alt waren. Jetzt ist er aber dem Tode nahe, und kann nicht mehr so lange warten.« Fraulein Gertrud eilte nun, so sehr sie konnte "77 als sie aber in die Stube trat, war der gute Mann bereits verschieden. Sie kam vor Schrecken undAerger fast von Sinnen, ließ bald da, bald dort im Schlosse die Mauern aufbrechen—fand aber nicht das Geringste von einem Schatz. Sie bereute es ihr ganzes Leben hindurch, daß sie durch ihren Stolz einen so redlichen Mann noch rn seinen letzten Augenblicken betrübt, und sich selbst um einen großen Reichthum gebracht hatte. Vor Hochmuth nimm Dich wohl in Acht, Der Keinem— Rose» noch gebracht. 88. Die Bettlerinn. Zur Zeit der Theuerung ging eine unbekannte Bettlerinn, die sehr ärmlich, jedoch sehr reinlich gekleidet war, in dem Dorfe herum, und flehte um Almosen. Bey einigen Häusern wurde sie mit rauhen Worten abgewiesen; bey andern bekam sie eine sehr ge- Schmid'S Jugendsch. 8. Bd. Kl- Erzähl.i. Bd. 7 — 74—» ringe Gabe; nur ein armer Bauer rief sie, da es sehr kalt war, herein in die warme Stube, und die Bäuerinn, tue eben Kuchen gebacken hatte, gab ihr ein schönes großes Stück davon. Am folgenden Tage wurden ülle d'.e öeüte /bey denen die Unbekannte gebettelt hatte, in das Schloß zum Abendessen eingeladen. Als sie in den Speise- sal traten, erblickten sie ein kleines Tischchen voll köstlicher Speisen, und eine große Tafel mit vielen Tellern, auf denen hie und da ein Stückchen verschimmeltes Bror, ein Paar Erdapfel, oder eine Handvoll Kleye— meistens aber gar nichts zu sehen war. Die Frau des Schlosses aber sprach:»Ich war jene verkleidete Bettlerinn, und wollte bey dieser Zeit, wo es den Armen so hart geht, Eure Wohlthätigkeit auf die Probe stellen. Diese zwey armen Leute hier bewirtheten mich so gut sie konnten, sie speisen deßhalb jetzt bey mir, und ich werde Ihnen ein Jahrqeld auswerfen. Ihr andern aber nehmt mit den Gaben vorlieb, die Ihr mir gereicht habt, und hier auf den Tellern erblickt. Dabey bedenkt, daß man Euch ein Mahl in jener Welt auch soauf- tischen werde.« Wie man die Aussaat hier bestellt, So erntet man in jener Welt. 89. Der Schweindieb. Eines Abends spat kamen zwey Barenkreiber mit einem Tanzbären in ein Dorf, und blieben in dem Wirthshaus über Nacht. Der Wirth hatte eben ein sehr großes Mastschwein»erkauft, und sperrte den Bären in den leeren Schweinikall. Um Mitternacht kam em Dieb, und wollte das Schwein stehlen. Er wußte von allem, was vorge- —« 7ä»—» gangen war, nichts, machte leise die Stallthüre auf, ging hinein, und ergriff im Finstern anstatt des Schweines- den Bären. Der Bär fuhr fürchterlich brummend auf, packte mit seinen gewaltigen Pratzen den Dieb, und ließ ihn nicht mehr loS. Der unglückliche Mensch schrie vor Schrecken und Schmerzen ganz entsetzlich. Alle Leute in dem Wirthshaus erwachten und kamen herbey. Mit vieler Mühe rissen die Bärentreiber den Dieb— blutend und übel zugerichtet— dem grimmigen Thiere aus den Klauen, und überlieferten ihn dem Gerichte. Die böse That trägt bösen Lohn Ost schon in dieser Welt davon. W. Die drey Räuber. Drey Räuber mordeten und plünderten einen Kaufmann, der mit einer Menae Geld und Kostbarkeiten durch einen Wald reiset«. Sie brachten die geraubten Schatze in ihre Höhle, und schickten den jüngsten aus ihnen in die Stadt, Lebensmitteln einzukaufen. Als er fort war, sprachen die zwey zu einander:»Was sollen wir diese großen Reichthümer mit diesem Burschen theilen? Wenn er zurück kommt, wollen wir ihn erstechen, so fallt sein Antheil uns zu.« Der junge Räuber aber dachte unterwegs:»Wie glücklich wäre ich, wenn all« diese Schätze mein wären! Ich will meine zwey Gefährten vergiften, so bleibt der Reichthum mir allein.. Er kaufte in der Stadt Lebensmitteln ein, that Gift in den Wein, und kehrte damit zurück. Als er in die Höhle trat, sprangen die andern auf ihn zu, stießen ihm ihre Dolche in das Herz, daß er todt zu Boden fiel. Hierauf setzten sie sich hin, aßen— tranken den vergifteten Wein—und starben — 76 unter den schrecklichsten Schmerzen. Rings von aufgehäuften Schätzen umgeben, fand man sie todt. Gott läßt die Bösen hier auf Erden Oft ihre eignen Henker werden. 91. Der Menschenfresser. Zwen Knaben aus der Stadt verirrten sich m einem fürchterlichen Walde, und blieben dort rn einem unansehnlichen, einsamen Wirthshaus« über Nacht. Um Mitternacht horten sie m der nächsten Kammer reden. Beyde hielten sogleich die Ohren an die hölzerne Wand und horchten. Da vernähmest sie deutlich d>e Worte:'Weib, schüre morgen Frühe den Kassel, ich will unsere zwey Burschlem aus der ^Tüe'annen Knaben empfanden einen Tvdesschre- cken'»O Himmel, dieser Wirth ist ein Menschenfresser!« sagten sie leise zu einander, und sprangen beyde zum Kammerfenster hinaus, um i» entlaufen. Allein von dem Sprunge thaten ihnen die Fuße s wehe, daß sie fast nicht mehr gehen konnten, und überdieß war das große Hofrhor fest verschlossn^ Da krochen sie zu den Schweinen m den Stall, und brachten die Nacht in Todesängsten zu- Am Morgen kam der Wirth, machte die Stallthure auf, wetzte sein Messer, und rief:»Nun, Ihr beyden Bürschlein heraus; Eure letzteStunde ist gekommen^. Beyde Knaben erhoben ein Jammergeschrry, un flehten auf den Knieen, sie doch nicht zu.schlag- Der Wirth wunderte sich, sie im Sch wem stall j finden, und fragte, warum sie ihn für einen M«n- schenfresse^h^n Sachen weinend:»Ihr habt i» heute Nacht selbst gesagt, baß Ihr uns diesen Morgen metzgen wollt.« Allem der Wirth rief.»O JHr thörichten Kinder! Euch habe ich ja nicht gemeint. Ich nannte nur meine zwey Schweinlein, weil ich sie in der Stadt gekauft habe, im Scherze meine zwey Bürschlein aus der Stadt. So geht's aber, wenn man horcht. Merkt Euch daher das Sprüchlein: Schäm Dich des Härchens an der Wand, Es bringet nur Verdruß und Schand.« 92. Der Arzeneykrämer. Ein gut gekleideter Reisender kam an einem Sonntage auf den Abend in eine Dorfschenke, und ließ sich ein Paar gebratene Hühner und eine Flasche vom besten Weine geben. Sobald er aber den ersten Bissen in den Mund steckte, fing er an erbärmlich zu winseln, hielt ein weißes Tuch an den Backen, und sagte, daß er schon seit vierzehn Tagen mit entsetzlichen Zahnschmerzen geplagt sey. Alle Bauern in der Stube hatten ein großes Mitleid mit ihm. Ueber eine Weile kam ein Arzeneykrämer herein, setzte sich in eine Ecke, und verlangte ein Glas Branntwein. Als er horte, was dem fremden Herrn fehle, sagte er:»Da kann ich auf der Stelle helfen!« Er langte aus seinem Kästchen ein kleines, nert zusammen gelegtes Goldpapier hervor, machte es auf und sprach:»Mein Herr! benetzen Sieein- mahl ihre Fingerspitze, dupfen Sie damit in dieses weiße Pulver, und berühren Sie damit den Zahn.« Der Fremde machte es so, und rief sogleich laut aus;?Wie ist mir? Aller Schmerz ist wie weggeblasen!« Er gab dem Arzeneykrä'mer einen großen Thaler und nöthigte ihn, mit ihm zu essen und zu trinken. Alle Gäste und alle Leute!m Dorfe wollten nun von dem Pulver haben, und der Krämer verkaufte wohl hundert Päckchen, daS Stück zu zwölf Kreu- — 78 rer. Wenn nun Jemand im Dorfe Zahnweh kriegte, kam man sogleich mit dem Wunderpuloer, und zur Verwunderung aller— half es keinem Einzigen. Der Betrug kam endlich an den Tag. Die zwey Reisenden hatten den Handel mit einander verabredet. Das weiße Pulver war nichts, als ein wenig geschabte Kreide. Beyde Betrüger aber wurden wegen dieser und ähnlichen Betriegereyen in das Zuchthaus gesperrt. Kaufst Du von Fremden Arzeney'n, So wirst Du oft betrogen seyn. 93. Der Schatzgräber. Es kam einmahl in der Abenddämmerung ein fremder, seltsam gekleideter Mann, mit einem dicken Buche unter dem Arme und einem weißen Stäbchen in der Hand, zu dem Bauer Lienhart, und sprach zu ihm: »Ich muß Euch ein Geheimniß anvertrauen! In einem Eurer Aecker liegt ein großer Schatz von Gold und Silber vergraben. Wenn Ihr nur den zehnten Theil davon geben wollet, so will ich den Schatz erheben. Ihr könnet so mit einem Mahls steinreich werden.^ Der Bauer willigte mit Freuden ein. machts um zwölf Uhr gingen beyde mit Schaufeln und einem Schiebkarren auf den Acker, gruben, ohne em Wort zu reden, ein großes Loch m den Boden, fanden eine schwere Kiste, und brachten ste auf dem Karren glücklich in das Haus desBauers. Der Schatzgräber besah nun die Kiste auf allen Weiten, berührte sie bald da, bald dort mit seinem Stäbchen, las dabey aus feinem Buche allerley unverständliche Worte, und schüttelte den Ksvf. 79**** Endlich sagte er:»Wenn uns der Schatz nicht zu Kohlen werden soll, so müssen da, bevor wir die Kiste öffnen, ganz besondere, geheime Mittel angewendet werden. Es hat sie aber Niemand, als ein altereUpotheksr, zehn Stunden von hier, und unter zwanzig Du-euen gibt er sie nicht her.-- Der Bauer, der vor Eem-Paar Tagen gerade so viele Ducaten für ein Pferd eingenommen hatte, zählte sie in der Freude seines Herzens dem Manne sogleich hin. Der Schatzgräber machte sich noch in der Nacht auf den Weg—und kam nicht mehr zurück. Der Bauer schlug nach langem Warten die Kiste auf, und fand darin weder Gold, noch Silber, noch Kohlen, sondern lauter Kieselsteine aus dem Bache, der an seinem Acker vorbey stoß. Dabey lag ein Zettel, auf dem die Worte standen: »Sieh, wie man durch Schatzgräberey In Bälde— reich an Steinen sey.« 94. Das Gespenst. Martin schlich sich um Mitternacht in den Schloßgarten, füllte zwey Säcke mit Obst, und wollte nun zuerst den einen Sack nach Haufe tragen. Wie er mit dem Sacke so längs der Gartenmauer hinging, schlug es auf dem Kirchthurme eben zwölf Uhr— die Luft rauschte gar schauerlich in dem Laube der Bäume— und Martin erblickte plötzlich neben sich einen schwarzen Mann, der dienstfertig den andern Sack zu tragen schien. Martin that einen Schrey, ließ den Sack fallen, und sprang, was er konnte. Der schwarze Mann ließ den Sack auch fallen, sprang eben so schnell neben Martin her— bis an das Ende der Gartenmauer, wo der Mann verschwand. Martin erzählte am nächsten Morgen überall von dem gräßlichen Gespinste; nur daß er gestohlen habe, verschwieg er. Allein der Amtmann ließ den Martin noch am nähmlichen Tage kommen, und sagte zu ihm: »Du hast heute Nacht in dem Schloßgarten Obst gestohlen. Die Säcke, auf denen Deines Vaters Nahmen steht, haben Dich verrathen. Ich werde Dich deßhalb m den Thurm sperren lassen. Das schwarze Gespenst aber war weiter nichts, als Dein Schatten, den Du— da um zwölf Uhr der Mond aufging-- an der neugeweißten Gartenmauer erblicktest.« »So geht's Jedem, der Unrecht thut. Jedes rauschende Blatt erschreckt ihn, und er läuft vor seinem eigenen Schatten.« Bewahr' ein ruhiges Gewissen, So wirst Du niemahls zittern müssen- 95. Der Pilger. In einem schönen Schlosse, von dem schon längst kein Stein auf den andern geblieben ist, lebte einst ein sehr reicher Ritter. Er verwendete sehr viel Geld darauf, fein Schloß recht prächtig auszuzieren; den Armen that er aber wenig Gutes. Da kam nun einmahl ein armer Pilger in das Schloß und bath um Nachtherberge. Der Ritter wieö ihn trotzig ab, und sprach:»DieseSSchloß ist kein Gasthaus.« Der Pilger sagte:»Erlaubt mir nur drey Fragen, so will ich weiter gehen.« Der Ritter sprach:»Auf diese Bedingung hin mögt Ihr immer fragen. Ich will Euch gerne antworten.« Der Pilger fragte ihn nun:»Wer wohnte doch wohl vor Euch in diesem Schlosse?«»Mein Vater!« sprach der Ritter. Der Pilger fragte weiter:»Wer wohnte vor Eurem Vater da?«»Mein Großvater?« — 81 antwortete der Ritter.»Und wer wird wohl nach Euch darin wohnen?« fragte der Pilger weiter. Der Ritter sagte:»So Gott will, mein Sohn.« »Nun,« sprach der Pilger,»wenn Jeder nur eine Zeit in diesem Schlosse wohnet, und immer einer dem andern Platz machet—was seyd Ihr denn anders hier, als Gäste? Dieses Schloß ist also wirk- lich ein Gasthaus. Verwendet daher nicht so viel, dieses Haus so prächtig auszuschmücken, das Euch nur kurze Zeit beherbergt. Thut lieber den Armen Gutes, so bauet Ihr Euch eine bleibende Wohnung im Himmel.« Der Ritter nahm diese Worte zu Herzen, behielt den Pilger über Nacht, und wurde von dinier Zeit an wohlthätiger gegen die Armen. Die Herrlichkeit der Wett vergeht. Nur was wir Gutes thun, besteht. 96. Der Einsiedler. Ein Prinz, der sich aus seine Schönheit, seinen Reichthum und hohen Rang nicht wenig einbildete, tagte einmahl in einer einsamen Gegend des Gebirges. Da erblickte er einen alten Einsiedler, der vor Mner Zelle saß, und sehr ernsthaft einen Todten- schedel betrachtete. Der Prinz ging zu ihm hin, und fragte mit einem spöttischen Lächeln:»Warum betrachtest Du diesen Schedel so aufmerksam? Was willst Du daran sehen?« Der Einsiedler sah den Prinzen sehr ernsthaft an, und antwortete:»Ich mochte gern wissen, ob dieß der Schedel eines Fürsten oder eines Bettlers sey. Ich vermag eS aber nicht heraus zu bringen.« Wie eitel Schönheit, Geld und Ehre», Kann Dich ein Todtenschedel lehren. —» 82 97. Das verstorbeneFräulein. Ein adeliges Fräulein starb in der schönsten Blüthe ihrer Jahre. Man legte die Leiche, weißgekleidet, in den Sarg; ihre Haare waren mit einer Schnur guter Perlen geschmückt, und an ihrer rechten Hand hatte sie einen goldenen Ring mit Edelsteinen. Diese Kostbarkeiten gaben ihr die betrübten Aeltern mir in das Grab. In der nächsten Nacht schlich sich der Todten,qrä'- ber mit einer kleinen Laterne auf den Kirchhof, schaufelte das Grab wieder auf, und wolltedie Leiche ihres Schmuckes berauben. Allein die Todte setzte sich auf, sah ihn starr an, und sagte mit hohler Stimme:»Was willstdu?« DerTodtengräbernahm vor Schrecken eilends die Flucht. Das Fräulein, das nicht wahrhast todt, sondern nur scheintodt gewesen, stieg aus dem Grabe, nahm daS Laternlein, das der Todtengräber hatte stehen lassen, und ging nach Hause. Als sie in das Zimmer trat, hatten die Aeltern zuerst einen unbeschreiblichen Schreck— zuletzt aber eine eben so große Freude. Q laßt uns doch die größte Sorge haben.'" Die Menschen nicht lebendig zu begraben. 98. Die Erbschaft. Ein reicher Kaufmann überließ sein ganzes Vermögen seinen Kindern, und die Kinder versprachen ihm dagegen ihn ganz seinem Stande gemäß zu unterhalten. Anfangs ging es gut; aber nach und nach wurden die Kinder sehr hartgegen ihn. Sie zählten ihm gleichsam jeden Bissen in den Mund, und versorgten ihn nicht einmahl mit anständiger Kleidung. «-B-» 83 Der^ bedauernswert- Vater sagte gar oft:»Ich habe gefehlet, daß ich all mein Geld und Gut meinen Kindern übergab. Besser wäre es, sie müßten mich bitten, als daß ich sie jetzt bitten muß.« Auf einmahl wurden den Vater von einem alten Handelsfreunde unerwartet 20,000 Thaler zurück bezahlt, die er langst für verloren geschätzt. Er ließ eine starke eiserne Kiste mit vielen Schlössern machen, und verwahrte sein Geld darin. Die Kinder thaten jetzt dem Vater wieder schön, und verpflegten ihn auf das sorgfältigste, um so dieses Geld auch heraus zu schmeicheln. Allein der Vater gab ihnen keinen Kreuzer mehr, und sie trösteten sich mit der Erbschaft. Nach seinem Tode öffneten sie begierig die Kiste, um das Geld zu theilen. Allein der Vater hatte insgeheim das Geld dem Waisenhause geschenkt, und anstatt desselben Ziegelsteine in die Kiste gethan. Bey den Steinen lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: Den Kindern, die undankbar an den Aeltsrn handeln- Soll all ihr Geld in Steine sich verwandeln. 99. Das Lächeln im Tode. Ein frommer Greis war dem Tode nahe, und seine Kinder und Enkel standen um sein Sterbebett. Er schien jetzt zu schlafen, und lächelte drey Mahl mit geschlossenen Augen. Als er die Augen wieder öffnete, fragte einer seiner Söhne, warum er denn drey Mahl gelächelt habe? Der fromme Greis sagte:»Das erste Mahl gingen alle Freuden meines Lebens vor mir vorüber — und ich mußte lächeln, daß die Menschen dergleichen Seifenblasen für etwas Wichtiges ansehen können.« »Das zweyte Mahl erinnerte ich mich an alle Leiden meines Lebens— und freute mich, daß sie nun für mich ihre Dornen verloren haben, und daß die Zeit da ist, wo sie mir Rosen bringen werden.« »Das dritte Mahl gedachte ich des Todes, und mußte lächeln, daß die Menschen diesen Engel Gottes, der sie von allen Leiden befreysn, und sie>.n die Wohnungen ewiger Freuden einführen will, sogar fürchten und scheuen können.« Wer sich befleißt, hier fromm zu leben. Dem wird Gott dort den Himmel geben. 400. Die Freunde nach dem Tode. Ein Vater erzählte einmahl seinen Kindern »Der königliche Statthalter aus einer Insel wurde einmahl von seinem Herrn, dem Könige, abgerufen, über seine Verwaltung Rechenschaft abzulegen.« Diejenigen von seinen Freunden, in die er sein größtes Vertrauen gesetzt hatte, ließen ihn fort ziehen und regten sich nicht von der Stelle. Andere, auf die er sich auch nicht wenig verlassen hatte, gingen nur mit ihm bis an das Schiff. Einige aber, denen er das kaum zugetraut hätte, begleiteten ihn auf der ganzen weiten Reise bis zu dem Throne des Königs, sprachen für ihn, und brachten ihm die Huld und Gnade des Königs zuwegen.« »So,-fuhr der Vater fort,»hat auch der Mensch dreyerley Freunde auf Erden, die er aber meistens erst alsdann recht kennen lernt, wenn er von dieser Stelle abgerufen wird, um über sein Thun und Lassen Gott Rechenschaft zu geben.« »Die ersten dieser Freunde, Geld und Gut, bleiben ganz zurück. Die andern Verwandten und Bekannten gehen mit ihm nur bis an das Grab.« »Die dritten, seine guten Werke, begleiten ihn 85 auf seiner weiten Reise in die Ewigkeit, sind seine Fürsprecher vor Gottes Thron, und erwerben ihm Gnade und Erbarmung.« »Wie thöricht handelt also ein Mensch, der sich gerade um solche treue Freunde am allerwenigsten bekümmert!« Thu Gutes in der kurzen Lebenszeit, Nur dieses folgt Dir in die Ewigkeit. Inhalt. Seite Vorrede.. i 1. Gott.- 3 2. Der gute Vater...... 4 3. Die fromme Mutter und ihre Söhne.- 8 4. Die zwey Geschwister 6 8. Der Sonnenschein 7 6. Der Regen....... 8 7. Der Regenbogen y 6. Der Wiederhall—- y. Die Quelle 10. Die Blume ri. Die Aepsel. 12 ir. Die Birn.......— -3. Die Nuß->3 ist. Die Nußschale— ,8. Der grüne Zweig..... ist rb. Da» kostbare Krautlein....— 17. Die Rübe....... iS r». Der Kohlkopf......-6 iy. Die Schwämme 17 20. Der Kürbiß und die Eichel....18 2>. Die Eiche und dieWeide....— 22. Der Eichbaum iy 28. Der Acker.......20 äst. Die Kornähren 21 25. Die Erbsen— 26. Die Linsen....... 22 27. Der Lein— 28 Der Schatz im Acker.....23 29. Der Gränzstein 28 30. Der Weinstock......— 31. Der Weinberg...... 26 3a. Die Singvögelu......27 33. Das Canarienvöglein.....— 34- Der Staar.... 33. Der Haushahn. 36. Die Henne 87- DaS große Vogelnest 38. Die Bienen.... 3y. Die Fliegen und die Spinnen 4«. Der große Fisch. 4>. Dar Hündchen 4a. Die Schafe.... 43. Das gestohlene Pferd. 44- Der große Ochs. 45. Der Esel... 46- Der Maulesel 47. Der Affe.... 48. Der Bär.... 4y- Der Wolf.... So. Der Löwe.. öi. Das Gold S2. Die Perlen.... ö3. Die Edelsteine 64- Die Kieselsteinchen. 65- Der Stein.... 66- Der Sack voll Erde 67, Der Bauernhof 68- Die sonderbare Mauer. Ly- Das Brot.... 60. Das Stück Fleisch 61. DaS Gewürz. 62. Das seltene Gericht 63. DaS zerbrochene Hufeisen 64- Der Hufnagel 65- Die goldene Angel 66. Die Hirtenflöte... 67. Der Querssck 68. Die sieben Stäbe- 6y. Der Spiegel. 70. Das Porträt-. 71. DaS schönste Kleid "r. Die goldene Dose. 73. Die silberne Taschenuhr Seit« .»8 . 2Y . 3o ^ 3r . 32 ! 33 . 38 . 36 . 3? . 38 ^ 3y . 4» 4- 42 . 43 . 44 . 45 ! 46 .^ . 4y . öo . Si '. S» . SS . S4 . SS I 56 . S7 . 63 . 29 74> Der Geldbeutel. 75. Der große Thaler. 76. Das Kreuzchen 77. Das Wunderkästchen 78. Der bethende Prinz 79. Der fromme Hirtenknabe 80. Der kleine Korbmacher. 81. Die kleinen Schiffer 82. Der Blinde. 83. Die zwey Wanderer 84. Der Köhler und der Bleicher 85. Der Müller und sein Esel 86. Der Jäger und sein Hund 87. Das stolze Fräulein 89- Die Bettlerinn 89. Der Schweindieb. 90. Die drey Räuber 91. Der Menschenfresser 92. Der Arzneykrämer 93. Der Schatzgräber. y4. DaS Gespenst yS. Der Pilger 96. Der Einstedler 97. Das verstorbene Fräulein 98. Die Erbschaft. 99. Das Lächeln im Tode. 100. Die Freunde nach dem Tode 'V^ -