m,''"""",„ Wisnen 8iM-8ibiloinek L ö M>s /IEk», der Zinngiesser»„» Siegelstecher. Eine wahre Geschichte aus der jetzigen Zeit. Bon Anton Gundinger, Weltprkcster und corrcspondirendem Mitgliedc mehrerer gelehrten 'Gesellschaften im In- und Auslande. Wien, Druck und Verlag von A. Pichler's sel. Witwe. 1641. B o v r e d e. Familienkreise des bürgerlichen Lebens dürfte es kaum eine Geschichte geben, die im Ganzen wie im Einzelnen die Hand der allwaltenden Vorsehung in der Leitung menschlicher Schicksale so sichtbar zeigt, wie die nachstehende, wozu ein Gespräch mit einem geachteten Seelsorger derSt.Polt- ner-Diözese, welcher der Sohn des vielfach und in den mannigfaltigsten Erscheinungen äußerer Umstände und Verhältnisse hervortretenden Leidenshelden ist, Veranlassung gab. Die ganze Begebenheit, wunderbar in ihren einzelnen Zügen, ist in den Hauptmomenten strenge der Wahrheit gemäß gezeichnet,— und nur Weniges, was zur Veranschaulichung der Güte, zur Darstellung der väterlichen Vorsorge Gottes und zur Anregung heiliger Bewegungen dienen soll, Hinzuge- VI stellet, so daß im Ganzen der geschichtlichen Wahrheit nicht zu nahe getreten ist. Sollte übrigens auch dieses Schriftchen etwas zum Lobe der göttlichen Vorsehung oder zur Erleichterung schwerer Herzen beitragen, so ist hinlänglich belohnt der Verfasser. Grstes Hauptstück. Lernen ist stets Gewinn. 8§or vielen Jahren lebte in einer schönen und an- wüthigen Gegend des Erzherzogtumes Österreich eine in der ganzen Nachbarschaft im guten Rufe und mittelmäßigen Wohlstände stehende bürgerliche Familie, deren Vater, ebenfalls bürgerlicher Abkunft, Sigismund hieß. Die Mutter hieß Agnes. Beide Ältern konnten, da sie das unschätzbare Glück einer guten Erziehung selbst genossen hatten, solche auch um so leichter ihren Kindern zu Theil werden lasten. Dahin ging auch ihr einziges Streben, ihr wechselseitiges Zusammenwirken; denn beide hatten durch eigene Erfahrung die innigste Überzeugung gewonnen, daß eine gute Erziehung eine unschätzbare Perle und die segenvollste Erbschaft ist, der selbst das größte Vermögen nicht zur Seite gestellet werden kann. »Laß uns, liebe Agnes,« sprach oft der Vater,»unsere Kinder gut und christlich erziehen, dann sind sie wohlhabend genug, um in der menschlichen Gesellschaft zu nützen, sich rechtmäßig zu ernähren und ihr zeitliches und ewiges Heil zu erlangen.« Unter mehreren Kindern, mit welchen der Himmel dieses fromme Älternpaar gesegnet hatte, war besonders der jüngste Sohn die Freude des Vaters und der Liebling der Mutter, so wie auch der übrigen Geschwister. Der Knabe hieß Joseph. Schon als Kind zeigte er viele Anlagen, die durch gehörige Anleitung befähigt und aus- 8 gebildet, ihm einstens zur schätzbarsten Zierde werden könnten. Dabei war Joseph ein munteres Knäblein mit lebhaften schwarzen Augen und vollen Wangen, auf denen Leben und Gesundheit im frischen Farbenreize wettzu- eifern schienen. Die liebevollen Ältern des Kindes machten es sich zur größten Angelegenheit des Herzens, dasselbe zu einem wahren Christen und nützlichen Bürger heranzuziehen. Der Vater, ein sehr vernünftiger und einsichtsvoller Mann, dem es auch an Erfahrung nicht mangelte, war der Meinung, daß es für Kinder überhaupt, insbesondere aber für den kleinen Joseph von großem Nutzen seyn dürfte, recht frühzeitig zum Lernen angehalten zu werden. Daher sah er es auch gerne, wenn der kleine Joseph manchmal zu jener Zeit, in welcher er in der Werkstätte beschäftiget war, zu ihm hineinkam, nach seiner Art darin spielte, oder später sogar ihn um manches fragte, worauf er denn allemal eine auf seine Fassungskraft wohl berechnete Antwort erhielt. In kurzer Zeit hatte der gute Vater den Knaben so lieb gewonnen, daß, wenn das Kind zu lange ausblieb, ihn sogar eine gewisse Langweile anwandelte; um sich daher eines öfteren Besuches von Seite des Knaben zu versichern, nahm sich Sigismund dann und wann einenApfel oder Birnen in die Werkstätte mit, welche er dem Kleinen mit freundlicher Miene zum Geschenke machte, und wodurch er ihn näher an sich zog, so daß er den Besuch fast nie mehr unterließ. Als nun Joseph etwas größer geworden war, schickten ihn die Ältern in die Schule. Der Vater verfertigte 9 ihm eine Stundeneintheilung und befahl sie genau zu beobachten, wozu sich der Knabe zur großen Freude der Ältern recht gerne verstand. Da er also dadurch zum Fleiße und zur Thätigkeit gewöhnt und angehalten wurde, geschah es, daß er seine Mitschüler bald an Geschicklich- keit übertraf, wodurch er der Liebling seines Lehrers, die Zierde der Schule und ein Beispiel der Nachahmung sür alle übrigen wurde. Er erhielt auch den ersten Schul- preis, weßwegen ihm der Vater ein ganz neues Kleid von dunkelgrünem Tuche, wie es damals die vornehmeren Bürgerskinder trugen, verfertigen ließ, was dem Knaben recht gut anstand, und woran er auch eine lebhafte Freude hatte. Der Vater gewann sein Söhnchen jetzt erst recht lieb, und suchte daher, es recht fest an sich anzuschließen. Der Knabe erkannte die Liebe des Vaters, wiewohl er auch seine Strenge zu fürchten hatte, da sogar der geringste Fehltritt nicht ungeahndet blieb, und fand sich in der freien Zeit gerne und häufig in der Werkstätte ein. Der Vater war ein Zinngicßer und verstand und betrieb sein Gewerbe auf das Beste. So oft nun Joseph zu ihm hineinkam, rief ihn der arbeitende Meister auf eine kindlich liebreiche Weise zu sich hin, hieß ihn bei Allem genau zusehen, sagte ihm die Namen der verschiedenen Werkzeuge und machte ihn sogar auf den Gebrauch und die Anwendung derselben aufmerksam. Joseph hatte bei Allem die größte Aufmerksamkeit, zeigte zur größten Freude des Vaters recht viel Lust zu dieser Beschäftigung, und machte daher wirklich schon zu jener Zeit, die doch hauptsächlich zum Schulbesuche ihm bestimmt war, Vie- 10 les sich eigen, wodurch ihm die spätere Erlernung dieses Handwerkes bedeutend erleichtert wurde, so daß sich an Joseph die Wahrheit:»Lernen ist stets Gewinn,« in der Folgezeit recht kräftig bestätigte. Als so die Schuljahre verstrichen waren, ließ der Vater den lernbegierigen Joseph beim Handwerke auf- dingen, und sing nun an, ihm die Zinngießerei aus eine sehr faßliche und gründliche Art beizubringen. Der Lehr- junge machte, da es an Aufmerksamkeit und Fleiß ihm nicht mangelte, in kurzer Zeit auch recht gute Fortschritte, ja er setzte seinen Vater durch mancherlei kleine Arbeiten, deren Verfertigung er seinem Joseph noch gar nicht zugemuthet hatte, in Staunen. Der Vater hatte wirklich große Freude an ihm und glaubte jetzt schon an seinem Joseph einstens seinen Nachfolger, einen mit allen Kunstgriffen der Zinngießerei ausgerüsteten Bürger und Hausbesitzer zu sehen. Überdieß wurde Joseph während dieser Lehrzeit auch fleißig angehalten, das in der Schule Gelernte öfters zu wiederholen und es so vor Vergessenheit zu verwahren. Diesen Zweck um so leichter und auf eine für den künftigen Gebrauch als Zinngießermeister zusagendere Weise zu erreichen, übergab ihm der Vater öfters die Bestellungsbriefe an auswärtige Kundschaften zur Beantwortung, ließ sich manchmal Zinn, Blei oder schon verfertigte Waaren durch ihn verschreiben, übergab ihm später sogar das Rechnungsbuch zu führen, vertraute ihm die Herausziehung der Conti an, und ließ ihm empfangene Waaren oder Gelder durch Empfangsscheine oder Quittungen bestätigen. Dergleichen Verrichtungen wurden aber vom Vater allezeit genau geprüft. und wurde ein Fehler gefunden, die gemachte Schrift dem Joseph entweder zur Verbesserung oder gar neuen Abfassung mit einem sanften Verweise zurückgegeben. Weil Joseph mit seinen trefflichen Anlagen vielen Fleiß und unermüdete Thätigkeit verband, ja vermöge den Grundsätzen der Erziehung, nach welchen diese angefangen und fortgeführt wurde, verbinden mußte: so geschah es, daß er seiner guten Fortschritte wegen vom Handwerke bald die Freisagung erhielt. Von dieser Zeit an arbeitete er als Geselle in der gut bestellten Werkstätte seines Vaters. Von eben dieser Zeit an wendete Sigismund ein besonderes Auge auf seinen neuen Gesellen. Nie durfte Joseph ohne Wissen der Ältern außer Hause gehen. Die außerwerkstättlichen Arbeiten, Bestellungsschreiben, Cor- rcspondenzen und dergleichen mußten immer in den Freistunden, oder in der Nachmittagszeit, wann derGottcs- dienst, welchen Vater und Sohn nach alter, in Sigis-- mund's Hause eingeführter Gewohnheit gemeinschaftlich besuchten, an Sonn- oder Feiertagen geendet war, geschehen. Während andere Bürgerssohnc Unterhaltungen suchten, oder in eine Schenke eintraten, dort tranken, spielten, ärgerliche Reden führten oder freche Lieder sangen, saß Joseph zu Hause am Schreibtische des Vaters und fand in seinen Beschäftigungen ein ohne Vergleich größeres Vergnügen. Öfters gab ihm der Vater auch einige Zeichnungen oder Bücher vor, in denen Abbildungen der Maschinen, verschiedener Beschäftigungen und Arbeiten jener Menschen, die bei Zinn- und Bleibergwerken angestellet sind, sammt genauen Beschreibt!»- 12 gcn enthalten waren; ja sogar über Chemie hatte Si- gismund ein Buch, woraus Joseph nützlichen Gewinn hinsichtlich der Behandlungsweise seines Arbcitsmate- riales, der Mischung und Qualität, um beim Einkaufe nicht betrogen zu werden, zog, denn Lernen war ihm stets Gewinn. So hatte sich Joseph für sein Alter und Handwerksfach wirklich seltene und rühmliche Kenntnisse erworben, deren Besitz ihm in der Folgezeit recht wohl zu Statten kommen könnte. Daraus war er nichts weniger als stolz. Er war der bescheidenste Jüngling. Seine Frömmigkeit, seine Liebe zum Gebethe, sein Fleiß und seine beständige Thätigkeit sicherten ihn vor so manche. Gefahr, die sonst der Jugend zu ihrem größten Nachtheile oft zustoßt, und weßwegen ihn auch sein verständiger Vater so oft zur Arbeitsamkeit ermähnte, da er ihm das alte Sprichwort wiederholte:»Thätigkeit und Arbeitsamkeit schützen vor Sünde und Mangel, aber der Müssiggang ist aller Laster Anfang.« Joseph hatte durch sein Benehmen sich die allgemeine Liebe und Achtung bereits gewonnen. Überall, wohin er mit dem Vater, dem auch eben allgemein geschätzten Sigismund, kam, wurde er ehrenvoll aufgenommen und mit einer gewissen Art Ehrfurcht, die der würdevolle Anstand und seine ernste Sanftmuth Jedermann abzwangen, behandelt. Alle Bürger der kleinen Stadt priesen die Ältern glücklich, dir an Joseph, wie aber auch nicht weniger an seinen übrigen Geschwistern, eine so musterhafte Erziehung ausgeübt hatten, und so mancher Barer, so manche Mutter seufzte oder weinte gar Thränen 13 der Wchmuth, wenn von des Zinngießers Joseph die Rede war, und sie hingegen an ihren Kindern einen halsstarrigen und ausgearteten Sohn, oder eine ungehorsame und verdorbene Tochter gewahren mußten, von denen wenig Hoffnung sich versprechen ließ. Zweites HanpLstück. Die Wanderung. So hatte Joseph in derWerkstätte seines Vaters bis zum neunzehnten Jahre seines Alters gearbeitet, und dem Vater viel Geld mit verdienen geholfen. Da es aber in diesen Zeiten Sitte und gewisser Maßen sogar eine Nothwendigkeit war, daß jeder, der ein Handwerk bereits erlernt hatte und freigesprochen war, auf einige Zeit in die Fremde gehen sollte: so traf dic>es Loos auch den guten Joseph. Dazu ward nun der Hornung des kommenden Frühjahrs bestimmt. Man sing daher an verschiedene Zubereitungen zu machen, und die erforderlichen Nothwendigkeiten für die bevorstehende Wanderung zu besorgen. Besonders aber übersah der Vater keine Gelegenheit, die sich ihm darboth, eine Warnung oder Ermahnung seinem Joseph zu geben, die ihm einstens in der Fremde gut zu Statten kommen dürfte. So verstoß der größere Theil der rauhen Winterszeit, und der zur Abreise bestimmte Monät kam heran. Wiewohl Joseph viele Lust hatte, in die Fremde zu gehen: so überfiel ihn doch manchmal, wenn er von Unglücksfallen, die Wandernde treffen können, erzählen '-M 14 hörte, eine gewisse Traurigkeit und Mißlaune. Wie leicht, dachte er öfters bei sich selbst, kann ich in eine Krankheit oder in ein anderes Unglück verfallen, ich bin fern von meinen Ältern, ferne von meinen Geschwistern, ferne von aller Hülse, die mir doch unumgänglich nothwendig seyn kann! Wer wird sich in einer solchen Lage meiner wohl annehmen? Oder wie, wenn ich keine Arbeit fände? Wenn ich zu wenig geschickt wäre? Wenn überdieß noch eine Geldverlegenheit mich treffen würde? Mit diesen und ähnlichen Gedanken saß Joseph eines Tages Abends traurig in seiner Schlafkammer, und eine Thräne um die andere rollte über seine Wangen. Jetzt trat der Vater, der Joseph seine Furcht vor der baldigen Wanderung schon abgemerkt hatte, ein, erkannte die ähnliche Verlegenheit des Sohnes, und suchte ihm das Herz leichter zu machen, da er sprach:»Lieber Joseph, ich glaube deine Herzensangelegenheit errathen zu können. Sei aufrichtig und offenherzig, wie du es gelernt und immer auch gethan hast! Du bangst wegen des baldigen Antrittes deiner Wanderung, nicht wahr?« Ja wohl, liebster Vater, sprach Joseph mit schwacher Stimme.»Du kümmerst dich umsonst,« nahm der Vater das Wort, denke:»Überall, wo wir immer sind, stehen wir unter Gottes Allwissenheit und Fürsorge; er ist überall unser Vater, sieht immer und überall unsere Lage und ist stets bereitet, uns zu helfen. Überall in der Welt gibt es gute und wohlthätige Menschen, die sich der Armen, besonders wenn sie von einer Krankheit oder einem anderen unverschuldeten Unglücke heimgesucht werden, recht sorgsam annehmen, und einem wandern- 15 dm Handwerker versagt nicht leicht Jemand seine Hülse, besonders wenn er sich nicht zum Straßenbettler, die ihre Kennzeichen unverkennbar mit sich tragen, herabwürdiget.« Auf solche Weise richtete der Vater, der selbst mehrere Jahre in der Fremde gewesen war, den betrübten Joseph auf, und da er überdieß noch hinzusetzte:»Ich gestehe es aufrichtig, daß ich während meiner Wander- zcit die glücklichsten und angenehmsten Lage verlebt habe,- erweckte er sogar, wiewohl nur auf wenige Augenblicke, Neigung und Lust bei seinem Joseph durch die Welt zu wandern, um dann mit einer neuen Ausbeute hinsichtlich seines künftigen Erwerbszweiges zurückzukehren. Endlich kam der Lag der bald erwünschten, bald gefürchteten Abreise heran. Es war der Lag noch nicht angebrochen, als Vater und Mutter nebst den größeren Geschwistern schon aufgestanden waren, und sorgfältig alles Hergerichtete auf die Reise in Bereitschaft brachten. Die Geschwister packten alles recht ordentlich in das neue schöne Felleisen, auf dessen Vorderseite der Vater Jo- scph's Namen mit grünem Glanzleder hatte zierlich aus- nähen lassen, und überbrachten es dem Vater, um es recht fest mittelst drei zu diesem Zwecke angebrachten Schnallen zusammenzuziehen. Als nun Alles hergerichtet war, gab ihm der Vater ein auf mehrere Wochen hinreichendes Reisegeld, und sprach:»Lieber Joseph! Weil es denn bei uns Handwerksleuten einmal Gewohnheit ist zu reisen, so tritt diese Reise im Namen Gottes und unter seinem väterlichen Schutze an; bitte Ihn den überall Gegenwärtigen um seinen Segen und Beistand zur 16 glücklichen Ausführung deines jetzigen Unternehmens; unterlasse keinen einzigen Morgen, dein Herz und deinen Geist zu Ihm zu erheben und dich und dein Tagewerk seiner Gnade zu empfehlen, vergiß keinen Abend Dank, innigen Dank zu sagen dem Herrn für alle Wohlthaten, die dir den Lag hindurch zu Theil geworden sind. Wenn du Arbeit findest, so sei fleißig, verwende gewissenhaft und redlich die Zeit, halte genau die bestimmten Werkstunden und schone nicht etwa durch Langsamkeit, träge Laune oder Schleuderei, wie es hie und da zum Nachtheile des Meisters von leichtsinnigen Burschen geschieht, deine Kräfte, und scheue die Mühungen nicht. Bezeige stets Achtung und Gehorsam deinem Meister, sei artig und höflich gegen deine Frau, gefällig gegen deine Mitgesellen, verträglich und friedfertig gegen Alle, mit denen du in geschäftliche Berührung kommst. Hüthe dich vor allen Burschenschaften, nächtlichem Ausziehen, Her- umschwärmen, Trinkgelagen und andern verdächtigen Gesellschaften und Zusammenkünften, wodurch ein junger Mensch Ehre und Ansehen verliert, sein erworbenes Geld auf eine eben so thörichte als sündhafte Weise vergeudet, seine Gesundheit zerstört, woraufUnliebe und Trägheit im Geschäfte erfolgt, und man endlich vor der Zeit sich selbst in's Grab stürzt. Du würdest mein und deiner Mutter und Geschwister Herz mit der größten Traurigkeit und mit Kummer erfüllen, wenn wir von dir so etwas erfahren müßten.— Noch ermähne ich dich, es nie zu wagen, daß du gleich unverschämten und ehrlosen Stras- senbettlern, die es sich zum abscheulichen Gewerbe machen, von Haus zu Haus zu gehen, Almosen suchend 17 herumwanderst, denn die Wanderungssucht verräth Trägheit, brandmarkt den ganzen äußeren Menschen mit dem schändlichen Stempel der Liederlichkeit, und ist mehr oder weniger die Vorschule zum Diebstahle.« Während der Vater so sprach, weinte Joseph heftig. Auch die Mutter und alle anderen Geschwister trockneten sich die Thränen.»Solltest du,« nahm jetzt Sigismund uochmal das Wort,»in eine Noth kommen, so mache dich auf den Rückweg, und solltest du etwa. was Gott verbuchen möge, deine Heimath nicht mehr erreichen können, so schreibe alsogleich deine Bedürfnisse, und ich und wir Alle werden uns beeilen, dir möglichst baldige Hülfe zu verschaffen. Indessen wird es auch zu unserer jedesmaligen Beruhigung dienen, von dir, lieber Joseph, und deinem Befinden Nachricht zu erhalten. Sollte ich dich vor der gewöhnlich abgelaufenen Ausenthaltszeit in der Fremde brauchen, so werde ich dir solches schon frühe genug bekannt geben.— Und nun empfange den Segen deines Vaters, deiner Mutter und Geschwister und wandere im Namen Gottes, sein heiliger Geist sei stets mit dir, und dein schützender Engel leite dich auf dem rechten Wege, bis du wieder in unscreArme zurückkehren wirst.« Alle gaben sich hierauf den Abschiedskuß. Joseph warf sich das Felleisen um, küßte die Hände seiner Ältern, sprach seinen Dank mit rührenden Thränen aus, ergriff seinen Wanderstab, trat aus dem väterlichen Hause und verließ, da eben die ersten Purpurstrahlcn der lieblichen Morgenröthe herausbrachen, mit thränenden Augen und wehmuthsvollcm Herzen seine Geburtsstadt. Joseph nahm, wie zu Hause festgesetzt worden war. 18 seinen Weg Ungarn zu. Mit tausend bald traurigen, bald hoffnungsvollen Gedanken über die Zukunft seiner Wanderung beschäftigt, schritt er vorwärts. Ost und oft blickte er nach der Stadt zurück, vergegenwärtigte sich die letzten Scenen und Worte seines Vaters, und als er den Hügel, welcher seinen Blicken die Stadt und die Seini- gen entzog, erreicht hatte, bethete er unter heißen Thränen um Erhaltung seiner lieben Ältern und Geschwister, um Segen aus seine Reise und für seine Zukunft, und ging hierauf raschen Schrittes weiter. Sein Herz war getheilt, denn wiewohl er sich und den jetzt noch schweren Stein, den die Trennung vom väterlichen Hause ihm ausgeladen hatte, vorwärts trug, weilte er doch mit seinem Geiste mitten unter den Verlassenen, und trieb sich in traurigen Gedanken und Erinnerungen mit ihnen herum. Nach mehreren sehr langweiligen Tagen kam der Reisende an die Grenze des Königreiches Ungarn. Kaum in einer der größeren Städte dieses Landes angelangt, wurde Joseph von einem sehr ordentlichen und wohlhabenden Meister, der die Zinngießerei ziemlich ins Große trieb, in Arbeit gedungen. Da dieser an seinem Neulinge einen braven und geschickten Arbeiter erkannte, gewann er ihn bald lieb, und erhöhte aus Anerkennung seines Fleißes und seiner Genauigkeit bei Verfertigung schönerer Arbeiten, ihm den Wochenlohn. Dem guten Joseph gefiel es hier einige Zeit recht wohl. Er machte dieß, wie es des Vaters Wille war, seinen Ältern zu wissen, indem er ihnen folgenden Brief schrieb: »Theuerste Ältern! Die Reise von F. ging glücklich von Statten, wie- 19 wohl ich mir selbst nicht angehörte, und mit meinen Gedanken immer in Ihrer Mitte verweilte. Schon am vierten Lage erreichte ich den ungarischen Boden, und fand am folgenden Lage sogleich bei einem sehr braven Meister Arbeit. Doch der Hauptzweck, den ich nach dem Wunsche des Vaters erreichen soll, nämlich: aus eine weitere Ausbildung in der Zinngießerei besonders hinzu- streben, geht in dieser Werkstätte rein verloren. Um aber die Liebe des Meisters, vermöge welcher er mir den wöchentlichen Lohn erhöht hatte, nicht mit dem Undanke der zu frühen Aufsagung seiner Arbeiten zu vergelten, bin ich gesonnen, nach demVerlaufe eines halbenJahres die Erreichung meiner Absicht in einer anderen Werkstätte aufzusuchen. Indem ich meine lieben Ältern und Geschwister herzlich grüße, sehe ich in meiner Angelegenheit dem Auftrage des Vaters entgegen, nach dem ich mich genau fügen werde.« Euer dankbarster Sohn Joseph F. Als dieser Brief in die Hände des Vaters Sigis- mund kam, und dieser sogleich die Schriftzüge seines Sohnes erkannte, freute er sich, und diese Freude wurde noch höher gesteigert, als er daraus das Wohlbefinden seines Sohnes vernahm. Auch die Mutter und das ganze Haus war mit Freude erfüllt, und die Familie dankte Gott mit gerührten Herzen. Täglich wurde jetzt wieder vorn Joseph gesprochen, die von ihm verfertigten Arbeiten angesehen und gelobt, wobei immer fromme Wünsche für seine künftige Wanderung zum Himmel empor gesandt wurden. 20 Nach einigen Wochen beantwortete der Vater Josephs Brief, in welchem Schreiben er seinen Wunsch dem ausgedrückten Willen des Sohnes anschloß, und mit der Auffrischung und Wiederholung dessen, was er seinem Herzen beim Abschiede so nahe gelegt hatte, so wie mit der Erinnerung an das Gebeth und dem herzlichen Gruße der Mutter und Geschwister endete. Joseph erhielt dieses Schreiben, ersah darin das Wohlsein seiner theuren Angehörigen und vernahm den ihm willkommenen Wunsch des Vaters, den er auch zu thun gelobte. Nachdem nun ein halbes Jahr verflossen war, dankte Joseph seinem Meister für die Arbeit und nahm seinen Weg in das tiefere Ungarn. Wiewohl es diesem seinem Herrn sehr leid that, den geschickten jungen Menschen nicht länger behalten zu können, so wollte er ihn doch keineswegs bereden, bei ihm zu verbleiben, um nicht etwa seinem Glücke dadurch hinderlich zu seyn. Mit dem besten Zeugnisse der Sittlichkeit, des Fleißes und derGeschicklich- keit von Seite des Meisters versehen, kam Joseph nach einigen Tagen bis an die Grenzen des Großfürstenthumes Siebenbürgen. Dort verdingte er sich wieder in einer Zinngießerwerkstätte. Allein da hier viele Gesellen arbeiteten, deren Sittlichkeit nicht eben die rühmlichste war, und da noch überdieß einer von ihnen den unverdorbenen Joseph, wahrscheinlich in der Meinung, von seinem ersparten Gelde dann und wann in einer Schenke Nutzen und Interesse ziehen zu können, in seinen Umgangszirkel zu ziehen sich mühte, so verließ er diese Werkstätte in kurzer Zeit, denn er sah und kannte genau die ihm drohende 21 Gefahr, von seiner verdorbenen Umgebung angesteckt zu werden. Er setzte seinen Wanderstab weiter abwärts und kam in jenen Theil des Landes Ungarn, der das Banat heißt. Hier fand er bald, da er mit den besten Zeugnissen von zwei Meistern schon versehen war, wieder Arbeit. Er blieb ungefähr ein Jahr, während welcher Zeit er einige Male seinen lieben Ältern von seinem Befinden Nachricht gab, und auch von ihnen mehrere Schreiben, in denen es an den gewöhnlichen und noththuendcn Ermahnungen nicht fehlte, erhielt. Hier in dieser Werkstätte geschah es, daß ein Pole, ein junger und geschickter Mensch, Mitgcselle Joseph's wurde, der ebenfalls, wie aus seiner Erziehung zu schließen war, aus einem gut bürgerlichen Hause abstammen mußte. Beide gewannen wechselseitige Neigung und hielten gute Kameradschaft. Der Pole erzählte dem guten Österreicher Vieles von den Sitten und Gebräuchen seines Vaterlandes, so wie von der Art und Weise, mit welcher dort die Zinngicßerei getrieben wird, wobei nie die Lobeserhebungen über dieses Land und ihre biederen Bewohner ausblieben. In Joseph's Herz erwachte, so oft er dergleichen Verträge seines Mitgesellen hörte, allemal der Wunsch, seine Wanderung bis in dieses Land hin auszudehnen, nur ließ ihm anfangs der weite Weg dahin wenig Hoffnung, seinen Wunsch ins Werk zu setzen, gewähren. Am Abende eines Sonntages, da die beiden Gesellen wieder, wie sie es in freien Stunden öfters zu thun pflegten, einen Spaziergang vor die Stadt machten, kam der Pole wieder auf den Lieblingsgegenstand von seinem 22 Vaterlande, der Einfachheit, Gutherzigkeit der Bewohner, dem besonderen Betriebe der Zinngießerei, welche Art und Weise nicht so viele Zeit fordere, und dennoch ihre Leute besser ernähre, zu sprechen zurück. Dadurch geschah es, daß Joseph den Entschluß faßte, die Banats- Gegenden zu verlassen, und nach Polen fortzuwandern. Der Entschluß ging auch bald in seine Ausführung über. Er trat seine Reise an, setzte sie wacker fort und kam nach mehreren Lagen an die Grenze des Königreiches. Drittes Haupt stück. Der Lehrling. Joseph setzte seine Reise unter manchen Beschwerden bis nach Warschau, der Hauptstadt des Königreiches Polen, fort. Dort angelangt, begab er sich nach Gewohnheit auf die Herberge. Kaum war er zwei Lage in der Stadt, als er schon Arbeit bekam. Die Werkstätte, in welcher der neue Geselle stand, war groß, beschäftigte viele und unter andern sehr geschickte Arbeiter, und der Verdienst war dabei bedeutend höher als in den ungarischen Gewerbs- städten. Hier hörte Joseph von Zinn- und Bleimischungen, von verschiedenen Zinngattungen aus allerlei Bergwerken, sah die mannigfaltige Behandlung der Materialien, die vortheilhaftere Art und Weise, dieses Gewerbe zu betreiben, was ihm sehr willkommen kam. Er bestrebte sich daher, alles das sich eigen zu machen, um einstens auch in der Werkstätte seines Vaters einen solchen Betrieb einführen zu können. Joseph erinnerte sich 23 oft an seinen braven Kameraden im Banate, und es wurde ihm völlig räthstlhaft, warum denn dieser außer Land gewandert sei, da er doch in seinem Vaterlande selbst das Meiste hätte sich eigen machen können.— Er dankte Gott recht oft für sein so glücklich ausgefallenes Unternehmen. Hier war der lernbegierige Joseph also vollkommen zufrieden, denn, dachte er oft bei sich selbst, hier kann ich mir viele neue Kenntnisse sammeln, die mir und den Meinigen einst sehr Vortheilhaft werden können. Er berichtete das Alles seiner lieben Familie nach Österreich. Der Vater hatte viele Freude, und befahl Joseph in dieser Werkstätte so lange als möglich in Verdingung zu bleiben.»Gedenke,« schrieb der Vater,»lernen ist stets Gewinn, Kenntnisse und Erfahrungen sind keine schwere Last für den Menschen, sind üderdieß im Verbände mit Frömmigkeit und Gottesfurcht die größte Zierde junger Leute, verschaffen uns das Wohlgefallen Gottes und Ansehen unter Menschen, und begründen unser zeitliches und ewiges, unser jetziges und einstiges Wohl.«— Die Ältern und Geschwister, die Freunde und Nachbarn der Stadt hatten an Joseph eine recht herzliche Freude, und seine Fremde mußte vielen Bürgerssöhnen, die einst gleiches Loos zu gewärtigen hatten, zum Muster der Nachahmung dienen. Aber auch in der That. Wenn jemals irgendwo in der Welt ein Sohn die Grundsätze seiner guten Erziehung auf's genaueste verfolgt, und dem Willen seiner frommen Ältern, so wie den letzten Ermahnungen des Vaters buchstäbliche Treue in der Ausübung und Be- 24 obachtung gehalten hat: so war es gewiß Joseph; daher es auch immer geschah, daß er bald der Liebling seiner Meister, und von seinen Mitgesellen allgemein geachtet und geschätzt wurde. Das Nämliche ward auch nun hier wieder der Fall. Der wahrhaft tugendhafte Herr gewann Joseph außerordentlich lieb und hielt ihn sogar völlig seinen eigenen Kindern gleich, wodurch der gute Österreicher manchen Vortheil und Vorzug vor den übrigen Arbeitern erhielt. Nachdem Joseph durch achtzehn Monate in dieser Werkstätte in Arbeit gestanden war, und der Meister sah, daß er ihn ganz gut brauchen könne, machte er ihm eines Tages, es war eben sein Geburtstag, den Vorschlag, in der Vervollkommnung bei seinem Handwerke weiter zu schreiten, wozu er ihm Zeit und Gelegenheit zu verschaffen versprach. Dieser schätzbare Bürger der polnischen Hauptstadt war nicht nur allein Zinngießer- meister, sondern verstand auch die Siegelstecherkunst, und zwar den höheren Zweig derselben, sehr gut. Er eröffnete nun Joseph sein Vorhaben mit ihm, und sprach:»Lernen ist immer Gewinn für einen jungen Menschen. Vielleicht steht euch, lieber Joseph, die Siegelstecherkunst in eurem Leben einmal recht gut an, um so mehr, da die Zinngießerei ohnehin durch Errichtung der Steingutgeschirr-Fabriken vielen Nachtheil erleidet, und wir der Gefahr ausgesetzt werden, dieses Handwerk gänzlich in's Stocken gerathen oder gar überflüssig gemacht zu sehen.« Der Vorschlag des Meisters gefiel dem sinnigen jungen Menschen, der überdieß mit Anstrengung aller seiner Kräfte den vorn Vater ihm eingeschärften und vom ge- 25 genwärtigen Meister wiederholten Grundsatz, daß Lernen allemal Gewinn sei und daß Wissenschaft und Kenntniß den Menschen nie belästigen, vorausgesetzt, wenn sie gut angewendet werden, täglich mehr zu verwirklichen strebte. Joseph fing also an der Hand seines Meisters die Erlernung der schönen Siegelstecherkunst an. Der Meister machte ihm mit Stiftnadel und Grabstichel ein Geschenk, womit er Anfangs auf einer mit Wachs überzogenen Platte Manches auskratzte. Das in der Stadtschule etwas erlernte Zeichnen that ihm hier die besten Dienste, und er sah somit jetzt schon einiger Maßen die oft wiederholte Wahrheit»daß Lernen Gewinn sei« ein. Da der wohlerfahrne Meister bald viele Neigung, wozu sich schon auch Fleiß und Resultate seiner Übung gesellet hatten, an seinem neuen Lehrlinge fand, wechselte er bei ihm öfters die für die Zinngießerwerkstätte bestimmten Stunden mit denen der Siegclstecherei, wodurch es, da Lust und Thätigkeit nicht mangelten, geschah, daß Joseph in kurzer Zeit recht lobenswerthe Fortschritte machte und die sprechendsten Proben seiner Geschicklichkeit und des uncrmüdeten Eifers ablegte. Es siel nämlich einmal zu der Zeit, als Joseph schon ziemliche Fertigkeit in seiner Kunst, wiewohl aber nur immer noch auf weichem Metalle, erlangt hatte, der Geburtstag seiner Meisterin, einer sehr vernünftigen und allgemein geachteten Frau. Joseph dachte schon lange vorher ihr ein Andenken zu verfertigen. Er nahm zu dieser Absicht eine Perlenmutterplatte, gravirte darauf eine nach Art einer aus Blumen geflochtenen Guirlande schöne 26 Einfassung und mitten hinein ein Bild, die»seligste Jungfrau Maria,« denn das war ihr Name, zum Sprechen dargestellt, und überreichte es ihr am besagten Lage, indem er einige schöne auf diese Begebenheit passende Verse sehr artig producirte. Dieß gefiel der guten Frau außerordentlich; sie gewann den frommen Joseph sehr lieb, und es wurde ihm von nun an die Ehre, öfters am Familientische Theil nehmen zu dürfen, zuerkannt. Auch erhielt Joseph von seiner Frau Meisterin ein Ge- genandenken, das in einem sehr schönen, vorne mit dem Bildnisse des heil. Joseph gezierten Gebethbuche bestand, woran er große Freude hatte und an dessen Gebethen er sich oft erbaute. Nachdem Joseph auf weicherem Metalle wirklich eine achtbare-Fertigkeit im Siegelstechen erlangt hatte, gab ihm der Meister hartes vor. Aber auch darauf schritt er mit Riesenschritten vorwärts, und der Herr ward bald in den Stand gesetzt, seinem geschickten Joseph große und schwere Arbeiten anvertrauen zu können. Wiewohl Joseph als Schüler das Zeichnen, wenigstens in den Anfangsgründen gelernt hatte, und ihm dieses Wenige sehr vortheilhaft zu Statten kam: so reichte er doch damit bei Weitem nicht aus, und das Mangelhafte der Zeichnung trat bei netteren Arbeiten hie und da hervor. Daher munterte ihn sein Meister oft dazu aus, und er übte sich auch fleißig. Eifer und beständige Übung machten auch bald den Anfänger zum Meister. So ausgerüstet nahm ihn sein Herr aus der Zinngießerwerkstätte und stellte ihn zur gravischen Kammer, was für Joseph sehr profitabel war, denn er konnte sich beim 27 Stechen ungleich mehr in einer Woche verdienen, als beim vorher betriebenen Handwerke. Durch fast drei Jahre arbeitete Joseph theils als Zinngießergeselle, theils als Graveur im Hause dieses redlichen Bürgers und Wohlthäters zu Warschau, und verdiente sich und seinem Herrn außerordentlich viel; denn es war wirklich etwas Seltenes, Arbeiten von Joseph's Kunsthand zu sehen; sie trugen gar den Charakter gestochener Fabrikate nicht mehr an sich, sondern sie schienen, als ob sie unter der feinsten Presse gelegen wären. Jedermann, der dergleichen Arbeiten zu Gesichte bekam, staunte und wunderte sich über das Natürliche der Zeichnung und über den pünktlichen Ausdruck, der die Gegenstände darbot. Was die Symbolik der Graveur-Kunst anbelangte: so schaffte sich Joseph in Warschau mehrere Bücher an, in denen alles sowohl im höheren als gemeineren Leben Vorkommende enthalten war, und aus denen er die bestellten Sachen entlehnte. Damit es ihm an Neichthume und Mannigfaltigkeit der Bvrstellungsstücke nicht fehlen sollte, las er häufig die Legende der Heiligen, wobei er auch das Gefühl für Religion und Frömmigkeit in sich vervollkommte, so wie die Kriegs- und Staatengeschichte der Römer und Griechen, und verfertigte in seinen Freistunden, in denen er nie müssig blieb, die prachtvollsten Waaren und kleinere Arbeiten, die er mit Erlaubniß seines Herrn und Meisters oft um theures Geld verkaufte, denn sie stellten meistens Liebhabereien vor. 26 Viertes Hauptstück. Der Soldat. Gerade in dieser Zeit, als der Zinngießer und Siegelstecher in Polens Hauptstadt durch seine Geschicklich- keit bei Verfertigung neuer Modewaaren die Rolle so trefflich spielte und seinen Verdienst so hoch, wie nicht leicht ein anderer Geselle inWarschau, zu steigern wußte, brachen auf einmal die schrecklichen Unruhen in Frankreich aus. Fast ganz Europa gerieth in Furcht, von da aus mit Krieg überzogen zu werden. Der Ruf hiervon verbreitete sich auch bis nach dem fernen Polen. Als Joseph davon hörte, wollte er, im Falle diese vorläufige Sage zur Wahrheit werden sollte, seiner eigenen Sicherheit wegen und zur Beruhigung seiner Altern, von denen er schon seit geraumer Zeit keine Nachricht erhalten hatte, lieber in der Nähe der Seinigen, oder im möglichen Falle gar bei seinen Ältern und Geschwistern im Hause seyn, um Zeuge dieser traurigen Zukunft zu seyn, oder doch wenigstens beizutragen, das allenfalls die Familie treffende Unglück zu mildern. Er faßte daher den Entschluß Polen zu verlassen. Um aber nicht etwa gegen seinen Meister, Lehrer und Wohlthäter, diesen edlen Bürger von Warschau, undankbar zu erscheinen, eröffnete er ihm bei Zeiten seinen Willen und die ihn bewegende Ursache, nach Österreich zu seinen Ältern und Geschwistern zurückzukehren. Dieser edelgesinnte Mann, wiewohl er dem guten Joseph einige Vorstellungen, bei ihm zu bleiben, machte, erkannte die vorgebrachte Ursache für gewichtig genug, lobte noch überdieß die zärtliche 29 Liebe des jungen Mannes, stellte ihm ein sehr glänzendes Zeugniß aus, lohnte seinen Fleiß und seine Thätigkeit während der Zeit, so er in seinen Werkstätten zugebracht hatte, durch ein ansehnliches, wahrhaft mehr als bürgerliches Geschenk, und nachdem er von der Stadtobrigkeit ihm die erforderlichen Pässe, um ruhig und ungehindert fortreisen zu können, erwirkt hatte, nahm er und seine Gattin sogar unter Thränen von dem guten und wahrhaft frommen Joseph Abschied. Joseph dankte in den kindlichsten Ausdrücken für alles Genossene und Erlernte, weinte viele wehmüthige Thränen, und empfahl sich in den Schutz des Allerhöchsten und in das fromme Gebeth der edlen Familie und seiner Mitgesellcn. Nicht ohne schätzbaren Gewinn an Weltkenntniß und mancherlei sehr nützlichen Erfahrungen setzte er also seinen Wanderstab auf den ziemlich weiten Weg nach seiner Heimath, dem ersehnten Österreich. Die Reise ging gut von Statten. Joseph erreichte bald die Grenze des heutigen Galizien, durchwanderte nochmal einen kleinen Theil Ober-Ungarns und sah nach mehr als zwanzig Tagen schon seine geliebte Vaterstadt. Es war schon Abend, als er in F. ankam. Im väterlichen Hause wurde eben zum Abendessen hergerichtet, und Licht in das Speisezimmer gebracht. Plötzlich klopfte es an der Thüre der Wohnstube— Joseph, schön und nett, etwas mehr als standesmäßig gekleidet, denn er hatte sein Costüm gewechselt, trat ein. Vater und Mutter erkannten sogleich ihren Sohn, und umarmten ihn unter vielen Freudenthranen; auch die Geschwister, deren manches seit der Zeit seiner Abwesenheit ziemlich in die 30 Höhe gewachsen war, eilten alle herbei, küßten und drückten ihren Bruder und hatten über seine Ankunft das seligste Vergnügen. Noch nie war die ganze Familie bei Tische so heiter und gesprächig gewesen, noch nie wurden so viele Erzählungen über die Veränderungen in der Stadt und Nachbarschaft und Neuigkeiten vorgetragen, als dießmal. Joseph hatte eine solche Freude, daß er auf mehrere die Fremde betreffende Fragen gar nicht die rechte Antwort zu geben wußte. Aber noch größer ward die Freude der Ältern, als Joseph am andern Lage sein Felleisen öffnete, und seine schönen Kleidungen sammt dem ersparten Gelde, das in mehreren Goldstücken und Silbermünzen bestand, hervorzog.»Daran, lieber Sohn, sprach jetzt der Vater, erkenne ich, daß du in den fremden Ländern deine Kräfte nicht geschonet hast, sondern fleißig und thätig warft.« Hierauf wies Joseph die von verschiedenen Meistern ihm ausgefertigten Zeugnisse vor, die dem Vater so sehr gefielen, daß er in einen neuen Strom von Thränen ausbrach, ihn umarmte, küßte und drückte, auf seine Knie niederfiel und Gott für die Erhaltung seines Sohnes, so wie für die himmlischen Freuden, so ihm durch Joseph geworden sind, dankte. Auch Joseph bethete für die glückliche Vergangenheit und dankte der göttlichen Fürsorge mit eben so gerührtem Herzen. Auch alle Nachbarn, Freunde und Verwandte hatten eine wahre Freude an Joseph, und priesen die Ältern eines solchen Kindes glücklich.»So belohnet Gott, hörte man hie und da einen frommen Mund sprechen, eine gute Erziehung; ein weiser Sohn ist wirklich die Freude des 31 Bakers.« Diese Wahrheit wurde um so mehr dadurch bestätiget, als Joseph seinen Vater auch noch damit überraschte, daß er manchmal auf edlem Metalle Blumenkränze, Bilder oder Scenen auS der Jugend- und Leidensgeschichte Jesu gravirte, und solche ihm oder der Mutter als Beweis seiner kindlichen Liebe darreichte. Wirklich übergroß war die Freude des Vaters, der bald an seinem Sohne eine neue Kunst, die er in der Fremde sich eigen gemacht hatte, entdeckte, nämlich »die Siegelstccherkunst.« Joseph war dadurch auch in seiner Vaterstadt wieder in den Stand gesetzt, seinen Verdienst höher zu steigern, denn die Graveur-Kunst ist eine sehr einträgliche Hantirung und ihre Individuen zählen sich besonders in kleineren Städten zu den vorzüglicheren Bürgern. Auch fehlte es unserem Joseph nicht an Absatz. Da er seine Geschicklichkeit mit Fleiß und Thätigkeit verband, und so die schönsten und feinsten Arbeiten erzeugte, verschaffte er dem Vater so manche Ruhestunde, da er den in der Zinngießcrwerk- stätte dadurch entgehenden Gewinn reichlich ersetzte, und erwarb dem Vater auf diese Weise sehr vieles Geld. Der Vater überließ ihm daher einen Theil des erworbenen Vermögens als Belohnung für seine Arbeitsamkeit, den er aber stets aufAnschaffung edler Metalle, wie sie die Graveurs und Siegelstecher benöthigen, verwendete. So arbeitete Joseph theils als Zinngießer in der Werkstätte des Vaters, theils und zwar die längere Zeit in seiner neuen Kunst, wodurch die ganze Familie höheren Glanz gewann. So verstrichen fast zwei Jahre. 32 Als man aber in der großen Welt alles in Ruhe und Ordnung glaubte, und die bange Furcht hinsichtlich eines Krieges größtentheils aus den Herzen der Österreicher geschwunden war, erhoben sich auf einmal die fürchterlichen Unruhen in Frankreich, und Österreich mußte zu den Waffen greifen. Dadurch wurden viele Aushebungen und Anwerbungen benöthigt, und Joseph mußte gleich vielen anderen Bürgerssöhnen sein Geschäft und seine Kunst mit dem Militärdienste, und denGrab- stichel mit der Waffe zur Vertheidigung des Vaterlandes vertauschen. Er wurde im Jahre 1792 der kaiserlich österreichischen Artillerie zugetheilt. Da von Seite seiner Obern Joseph gar bald als ein im Geschwind- und Schönschreiben, Rechnen, genauen Zeichnen und änderen Kenntnissen bewanderter und erfahrner Mann, der überdieß in der schönsten Blüthe seiner Jahre Muth und Entschlossenheit hatte, erkannt wurde, geschah es, daß er schon im nächsten Jahre noch vor dem Ausmarsche auf das Kriegs-Theater zum Unterfeuerwerker avancirte, welchen Posten er zur gänzlichen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten auf das gewissenhafteste ausfüllte. Da von Seite der Feinde gegen Österreich der Krieg erklärt wurde, so traf noch im nämlichen Jahre den besagten Unterfcucrwerker der Ausmarsch gegen die Franzosen. Prinz Koburg kommandirte damals in den nie- derrhcinischen Provinzen, trat aber gegen Ende August im Jahre 1794 den Oberbefehl an Clerfait ab. Schon im nächsten Monate, es war am 17. September desselben Jahres, siel bei Mastricht gegen den französischen 33 Oberbefehlshaber Jourdan ein blutiges Treffen vor. Da die Feinde an Mannschaft den Österreichern weit überlegen waren, wurden letztere geschlagen und zogen sich über die Maas zurück. Hier in dieser Schlacht, nachdem auch den feindlichen Heeren ein bedeutender Verlust war beigebracht worden, verlor Österreich mehrere- Mannschaft, welche die Feinde zu ihren Gefangenen machten, und unter diesen hatte auch der benannte Unterfeuerwerker dieses traurige Loos. Fünftes Hauptsiück. Der Kriegsgefangene. Die Kriegsgefangenen wurden nun in größere und kleinere Parthien abgetheilt und in das Innere des französischen Reiches geschickt. Die Behandlung auf der Transport-Reise dahin ließ die Unglücklichen schon eine traurige Zukunft vermuthen und befürchten. Der Unterfeuerwerker Joseph F. wurde mit noch mehreren seiner Kameraden, es waren nämlich sieben und zwanzig an der Zahl, in ein altes, einsam gelegenes Schloß, dessen halbverfallene Thürme den gefräßigen Dolen zum Aufenthaltsorte dienten, gebracht. Schon die Gegend, welche diese von ihren Bewohnern, die in zwei Jägern bestanden, verlassene Beste beherrschte, machte auf die Herzen der Angekommenen einen empfindlichen Eindruck, dem sogleich die Vorahnungen eines künftigen Elendes und des traurigsten Mangels sich anreihten. Denn in einer schauerlich tiefen, vorne etwas in eine Krümmung, die jede Aussicht entzog. auslaufcn- 34 den Thalschlucht, auf einem nassen Felsen, den ringsherum etwa fünfzig Schritte entfernte hoch aufsteigende Berge, deren Grund wilde Fclsenwände, und hie und da schlecht wucherndes gestrippähnliches Nadelgewächs zur Schau trug, belagert hielten, lag diese einsame Burg; ihre Gemächer und Gänge waren vom Zahne der Zeit bereits durch Jahrhunderte angegriffen, und das alte Ziegeldach erlaubte an den meisten Stellen dem Auge freie Aussicht, deren Lücken bald Durchgang den Seufzern und Klagetönen der Schmachtenden, und Durchbruchsstellen den milden Sonnenstrahlen, die hier täglich Thränen zu trocknen haben dürsten, werden sollten. Hier lagen die Unglücklichen eingekerkert. Der sonst geräuschvolle Tag machte bloß durch das schwache Licht, so diese Nebelhöhle im Spätherbste andämmertc, von dem Dunkel der Nacht, welches in trüben Tagen mit seiner ganzen Dichte darüber schwebte, einigen Unterschied; kein menschlicher Laut ließ außer dem bewohnten Steinhaufen sich hören, sondern nur eitles Dolenge- krächze mit Rabengeschwätze und Geiergeschrei drang dann und wann in die finsteren Stuben, deren Wände von übelriechender durchgeschlagener Feuchtigkeit tropften. Die öage, in der sich die Unglücklichen befanden, war sehr traurig; Noth und Elend lagen gleich den himmelhohen Felsengebirgsmassen über die Häupter dieser Gefangenen. Die Nahrung, die so sparsam dargereicht wurde, daß sieben und zwanzig nicht mehr erhielten, als sonst in anderer Zeit drei oder vier Personen, um den Hunger zu stillen benöthigen, war überdieß sehr schlecht, bestand größtcntheils aus schwerem und 35 feuchtem unausgebackenen Brote, das mit gesottenem ungesalzenem Wasser, so eine kleine trübe Quelle, in der noch überdieß unreine Thiere sich aufhielten, darboth, zur Suppe dienen mußte. Man schien dieser aus dem Kreise der Lebenden gleichsam Hinausgeworfenen völlig zu vergessen, und die Absicht, sie des erbärmlichsten Hungers sterben zu lassen, zu haben und auszuführen. So verfloß denn der lange, lange Herbst. Aber noch trauriger wurde die Lage der Gefangenen im Winter. Denn der Mangel an Betten, die fürchterliche Kälte m diesem feuchten Gemäuer, die Noth an Wasser steigerten das Elend auf das Höchste. Wenn wir nur Geld oder etwas Anderes, wofür sich Geld einlösen ließe, hätten, riefen sie, so könnten wir uns unsere schreckliche Lage doch einiger Maßen erleichtern und erträglicher machen. Noth an Lebensmitteln und gesundem Wasser(denn jenes Wasser, welches sie tranken und zur Bereitung ihrer erbärmlich schlechten Kost gebrauchen mußten, war Wasser vom zerschmolzenen Schnee), die fürchterliche Kälte und dabei der schlechte Wohnort mußten nothwendig nach und nach die übrigens so feste Gesundheit dieser Leute untergraben, und Krankheiten verursachen. Das geschah auch wirklich. In wenigen Lagen lag der dritte Theil der Mannschaft darnieder. Weder die Gesunden noch die Kranken erlangten Hilfe. Alles rief nach Nahrung. Es wurde weder um Lebensmittel für die Hungernden, noch um ärztlichen Beistand für die ermatteten Kranken umgesehen. Die Todesstille dieser schauerlichen Thalschlucht und der grau- 3«, lichen Beste wurde nur durch immer lauteres Seufzen und Klagen der mit dem schmerzlichsten Hunger Käm- pfenden, und durch das markdurchdringende Stöhnen der mit dem Tode ringenden Kranken unterbrochen. Und das Ärgste bei diesem ganzen gräßlichen Schauspiele war, daß sich, so groß das Elend der Leidenden war, nicht der geringste Strahl von Hoffnung eines besseren Looses oder des Entkommens zeigte. Noth lehrt bethen. Diese schon oft erfahrne Wahrheit bestätigte sich auch hier unter diesen Gefangenen. Joseph, der die aus der Kinderstube mitgebrachten, und in der Fremde stets verfolgten Grundsätze genau übte, und der durch eigene Erfahrung belehrt worden war, daß durch vcrtrauungsvolles und anhaltendes Gebeth Gottes Baterherz am sichersten zur Hilfe und Rettung bewegt werden könne, unterließ keinen Tag, seine kraftlosen Hände zu ihm, dem Baker und Geber alles Guten, zu erheben, und ihn inbrünstig um Befreiung aus diesem Jammerthale anzuflehen. Er unterließ auch fast keinen Tag, seine Kameraden dazu aufzumuntern, denn, sagte er öfters, der Herr bleibt seinen Verheißungen getreu und seine Barmherzigkeit dauert von Geschlecht zu Geschlecht. Es ist uns von unserm Erlöser die Versicherung, daß der bethende Christ erhöret werden wird, gegeben worden:»Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. Bittet, so werdet ihr empfangen.« Und wirklich. Gerade in jenen Augenblicken, in denen das peinigendste Gefühl des Hungers und Man- 37 gels die Leidenden völlig der Verzweiflung nahe gebracht hatte, erschien wie durch einen rettenden Engel Hilfe. Zwei Pilger, die sich dem frommen Geschäfte, unglücklichen Armen, Vertriebenen oder Gefangenen in der Noth beizuspringen, gewidmet hatten, kamen, da sie von der traurigen Lage dieser Krieger, weiß Gott wie, unterrichtet waren, auf diese Beste und brachten zwei große Tragkörbc voll Eßwaarcn, die aus Brot, Fleisch und Mehl bestanden, mit sich. Kaum hatten sie die Hungernden erblickt, als Viele die letzten Kräfte sanu- melnd sich aufrafften, über ihre Lebensretter herfielen, und wären nicht einige dennoch Stärkere darunter gewesen, die ihnen das rohe Fleisch und Mehl aus den gierigen Händen entwunden hätten: so würden mehr als die Hälfte der Mannschaft traurige Opfer des Heißhungers geworden seyn, da sie die gebrachten Eßwaaren un- gekocht verzehrt hätten. Nachdem für die Bereitung einiger Speisen schleunigst gesorgt worden war, bemühte sich insbesonders der noch am meisten einiger Kraft sich erfreuende Joseph, solche zuerst unter die Kranken, und später unter die Gesunden auszutheilen, wobei alle in diesem Falle höchst nöthige Sorgfalt, daß Niemand durch zu große Gierde sein Übel vergrößere, angewendet, und Alle und jeder zur strengsten Mäßigkeit ermähnt wurden. Nachdem Alle bis zur Versättigung gegessen hatten, wurde ein kurzes Dankgcbeth, während welchem die ganze Mannschaft in die tiefste Andacht versunken war, verrichtet, und schließlich Gott um Befreiung und Rettung aus diesem Jammerortc angefleht..Sehet, Mitbrüder und Leidens- 38 geführten!« sprach Joseph,»ich habe es euch vorherge- sagt, daß Gott bethende Seelen erhöret, und daß sich an uns Allen so wunderbar durch diese beiden Pilger die Wahrheit, so der Herr in alter Zeit kund gethan hat, überlaut bestätigte:»Rufet mich in den Tagen eurer Noth an, und ich werde euer Helfer seyn.« Die Pilger sahen den ganzen Borgang mit wehmüthigen und frohen Herzen an, dankten Gott, daß sie gerade noch zur rechten Zeit erschienen waren, ließen ihnen zum gemeinschaftlichen Gebrauche meyrercs Geld zurück, nahmen Abschied von diesen Unglücklichen, deren Dank und Segen ihnen nachfolgten, stiegen über die Schneegcbirge hinüber und verschwanden. Niemand wußte, woher sie kamen und wohin sie gingen. Die erhaltenen Lebensmittel gingen bald wieder zu Ende, wiewohl sie sehr mäßig und genau ausgetheilet wurden. Auch das Geld wurde in einem bei vier Stunden entlegenen Dörfchen für Lebensmittel, mit denen dort ein Müller unbedeutenden Handel trieb, ausgegeben. Dieser kleine Vorrath drohte bald wieder auszugehen, und man hatte schon wieder die Furcht, daß die vorige traurige Lage rückkehren werde, und der letzte Zustand ärger als der erste werden dürste. Der gefühllose Aufseher ritt täglich Morgens fort, und kam oft in der späten Nacht nach der Beste zurück. Er bekümmerte sich wenig um die ihm Anvertrauten, ja er schien sogar täglich, wenn er Abends oder um Mitternacht die Gefangenen abzählte, und fand, daß Alle noch am Leben seien, mit neuem Unwillen erfüllet zu werden. Er blieb daher in der Folgezeit manchmal zwei bis drei 39 Lage aus, während einer von den Wachhaltenden seine Stelle vertreten mußte. Sechstes Hauptstück. Schreckliche Folgen der Noth. Zwischen großer Furcht und schwacher Hoffnung verflossen den Unglücklichen mehrere Tage, und hie und da regte sich schon wieder das Gefühl des quälenden Hungers. Die Nahrung wurde von Tag zu Tag schlechter, schmaler, das feuchte Brot stets unverdaulicher, und dabei die Kälte immer strenger. Bittliche Vorstellungen fruchteten nichts, das gefühllose Herz des Aufsehers blieb beim Anblicke dieses Elendes hart und unbeweglich, und das Ohr taub bei dem Jammer der Gefangenen. Vergebens sah man durch ein enges, mit einem eisernen Gitter verwahrtes Fenster gegen die Krümmung des Thales, von woher die zwei Helfenden im ärmlichen Pil- gerkleide kamen; vergebens sah man mit bangem Herzen jedem kommenden Augenblicke^entgegen, aber nie erschien Jemand, von dem Hülfe sich hätte erwarten lassen. Es singen sogar die Kleidungen hie und da schlecht zu werden an; man fürchtete neue Krankheiten. Die Noth war diesmahl ohne Vergleich größer als bevor die Pilger mit ihren besagten Tragkörben auf die Beste kamen. Man hörte stundenlang nichts als jammern und seufzen, bethen und schreien, auch manchmal mitunter ein Wort, so aus Ungeduld ausgesprochen wurde, und einer fragte bald mitleidig, bald mürrisch den andern um Rath, wie aus dieser schrecklichen Lage zu kommen wäre. Man dachte 40 sonst nichts als auf Mittel, sich Hülfe zu schaffen.»Warum, hieß es, sollten wir hier in träger und müßiger Ruhe als Gefangene eines Feindes schmachten, der an uns die Rechte des bloß natürlichen Menschen verletzend, es darauf anzulegen scheint, daß wir hier eines jammervollen Hungers sterben sollen? Wodurch haben wir uns gegen unsere Feinde versündiget? In den Krieg und aus's Kampffeld ziehen, war unsere Schuldigkeit kraft jener heiligen Pflicht, die das Vaterland von ihren Unterthanen zu fordern hat. Ob wir im gerechten oder ungerechten Kriege gefochten haben, kommt uns nicht zu, zu entscheiden. Lasset uns daher, sprachen sie untereinander, Mittel ausfindig machen, wodurch unser Schicksal erleichtert und wir dem sonst gewissen Hungertode entrissen werden. O, sprach der eine, wäre ich bei meinen Ältern zu Hause, so wäre ich doch wenigstens vor der Gefahr, Hungers zu sterben, gesichert. Ich, sagte ein anderer, kannte keine Noth, lebte vergnügt, hatte die nöthige Kost und eine warme Wohnstube. Ein Dritter erhob seufzend seine Stimme, und sprach: Ich hatte stets Arbeit, mein Vater ging mit mir fleißig dem Maurerhandwerke nach, wir hatten guten Verdienst, der Vater gute Einnahme und ich erspartes Geld, an Mangel und Noth, Kälte und Hunger dachte ich Zeit meines Lebens nicht.« »Auch ich,« sagte jetzt mit trauriger Stimme der gute Joseph,»auch ich kannte keine Noth, ich trieb meine Prosession, lernte später eine andere, die eigentlich schon mehr zu den Künsten gezähtet wird, und verdiente mir Vieles, was ich zusammenlegte und bei meiner Rückkehr meinen Ältern zur Aufbewahrung übergab. Hätte ich nur 41 dic Halste hier, ich würde gerne, wie Religion und Gewissen fordern, euch mittheilen und uns Allen diese unsere elende Lage möglichst erleichtern.« Ja Geld! Geld! riefen sie alle zusammen, wenn wir nur Geld hätten! Noch heute wäre Hülfe zu schaffen.«Wenn nur Arbeit für uns wäre, rief Joseph, meine Kunst, Kameraden, wie ich sie in der Fremde zu Warschau betrieb, wäre hinreichend, uns wenigstens vor Hungersgefahr zu sichern, bis Gott unsere Bitten erhören und uns befreien möchte.« Schön von einem Kameraden, hieß es, aber leider bloße Wünsche frommen uns nichts. Was war das wohl für eine Kunst, fragte hierauf ein Kranker mit schwacher Stimme.«Die Siegelstccherkunst,« antwortete Joseph, und erzählte, wie er oft auf Siegel oder andere Platten die schönsten Sachen, als: Blumenkränze, Nachteulen, Lorberzweige, Tauben oder andere Thiere und Figuren eingekratzt habe, ohne Unterschied des Metalles. Wie, rief plötzlich ein anderer aus der dunklen Ecke des Wohnzimmers, wenn ihr, Kamerad, das auch aus Platten eingekratzt habet, so ist es ja ein Leichtes uns zu helfen! Wie so? fragte man von allen Seiten in diesem nämlichen Augenblicke. Weil ihr dann Münzen machen könnet, war die Antwort. Ja wohl, ja wohl, riefen Alle zusammen, das ist wahr. Setzet euch zur Arbeit und werdet unser Netter; wir wollen es euch, schrie freudig ein Anderer, im ganzen Leben nicht vergessen; ich will euch, so setzte ein Dritter hinzu, wenn wir dadurch unser Leben erhalten können und einmal befreiet werden, dafür den halben Theil meines väterlichen Vermögens abrreten! Suchet nur uns zu helfen! Rettet unser Leben! 42 Der gute Joseph war wie vom Blitze getroffen, als er diese Reden hörte und von allen Seiten her das beispiellose Zubringen sah. Der Gedanke, seine Kunst so zu mißbrauchen, war noch nie in seine Seele gekommen und war ihm daher etwas Schreckliches. Er bemühte sich durch Vorstellungen zu widerstehen, indem er sprach: »Kameraden! es ist euch Allen bekannt, daß ein Falschmünzer als einer der schwersten Übertreter behandelt wird, und das Leben verwirkt. Ohne Zweifel drohen auch die französischen Gesetze die nämliche Strafe. Und sollte das hier Landes auch nicht der Fall seyn, so bliebe diese Art sich zu Gelde zu bringen, fluchwürdig, sündhaft, weil gegen ganz gewiß bestehende landesherrliche Verordnungen, ein Benehmen, das mein Gewissen verdammen und meine unsterbliche Seele mit Sünden beflecken würde. Ich würde ferner, da es mir am Metalle fehlt, auch wenn ich wollte, euren Wünschen und Worten nicht nachkommen können; Kupfermünzen zu erzeugen, wäre eitles Bestreben wegen der Wenigkeit des Werthes, und edleres Metall haben wir nicht. Endlich mangelten mir die nöthigen Werkzeuge, die doch unumgänglich wären, um auch nur halbwegs unter Lebensgefahr zum beabsichtigten Ziele zu gelangen. Ich bin eher bereit tausendmal des qualvollsten Hungers zu sterben, als durch eine einzige solche Übertretung der Gesetze mich am Leben zu erhalten.«— »Eitle Worte,« entgegnete einer;»ist es vernünftiger hier zu verschmachten, als durch Ausübung eurer erlernten Kunst so vielen Menschen das Leben zu erhaltend Habt ihr die Siegelstecherkunst in der Fremde betrieben, 43 solltet ihr sie nicht auch in der Gefangenschaft pflegen können? Habt ihr zu Warschau um des todten Geldes willen, wie ihr selbst vorher erzählet habet, bis zur Mitternacht gearbeitet, und des menschlichen Lebens wegen wollet ihr es nicht thun? Könnet ihr euch wohl auf Religion und Gewissen berufen, da beide Liebe und wohlthuende Gefälligkeit, so wir Christen sogar gegen unsere Feinde immer und überall beweisen sollen, euch als Pflicht auferlegen?« »Aus eurem Munde,« antwortete Joseph,»richte ich euch; es ist wahr, ich habe die Siegelstecherkunst erlernt, sie ausgeübt und mir vieles Geld dadurch gesammelt; aber darf ich sie darum auch zu einem Zwecke, der von dem Gesetze mißbilligt und verworfen wird, anwenden? Dürfet ihr wohl eure Flinte, die euch zurNertheidigung und dazu gegeben ist, dem Feinde Wunden beizubringen, und sogar durch sie Menschenblut zu vergießen, auch außer dem Treffen gegen Jemand gebrauchen? Würdet ihr im letzten Falle nicht die Gesetze übertreten, zum Mörder werden, und als solcher der Gerechtigkeit anheimfallen? Was im Allgemeinen erlaubt ist, kann im Besonderen oft verbothen seyn. Ferner, wenn wir Christen, wie ihr sagtet, zur Liebe und zum Wohlthun sogar unserer Feinde, durch die Heiligkeit der Religion und des Gewissens aufgefordert werden, wie möget ihr euch unterfangen, euer Schwert am Schlachtfelde zu ziehen, es nach erlernter Kunst zu führen und Menschen das Leben nehmen? Könnet ihr ohne der Fahne meineidig zu werden, den Feind schonen, den ihr zu erlegen im Stande wäret?« »Ich gebe euch eure Meinungen und Ansichten,« drängte sich ein Anderer herbei,»gerne zu, aber sollte 44 die äußerste Noth, in der wir uns befinden, ja sogar die Todesgefahr, denn seht hin auf die blassen Lippen und die abgezehrten Gesichter, und es werden eurem Blicke die schon angerichteten Spuren des Todes begegnen— den Ausspruch des Gesetzes nicht entkräften, und dessen Strenge in Hinsicht ihrer Forderung nicht Herabstimmen? Nicht strafbarer Frevel, nicht kunstsüchtiger Übermuthssinn, sondern reine Nothwendigkeit, Nothwendigkeit im Augenblicke der größten Gefahr ist es ja, zu einem Mittel seine Zuflucht zu nehmen, wodurch unser Leben erhalten werden kann; solltet ihr euch als unser Leidensgefährte nicht um so bereitwilliger dazu verstehen, als ihr es selbst wisset, daß wir durch unsere persönliche Schuld dieses so traurige Loos nicht verdient haben.« »Selbst die äußerste Noth,- entgegnete Joseph»l-r nicht einmal der Tod, wenn er in das fürchterlichste Schreckensgewand eingehüllt auf uns losstürmt, dürfen uns zur Übertretung eines Gesetzes hinreißen; Vernunft und Religion sprechen dafür. Denn zwischen zwei Übeln muß man das kleinere wählen; nun ist aber die Sünde das größte Übel, da sie uns die Liebe Gottes, die Ruhe des Gewissens raubt, und die ewige Berdamm- niß zuzieht; auf der andern'Seite sagt die heil. Schrift: »Wer das Geboth übertritt auch nur in Einem Stücke, der versündiget sich am ganzen Gesetze.« Ein zeitliches Übel auf schlechte Weise, durch ein unerlaubtes Mittel entfernen, ist strafbar und verdammlich. Gott hat in seiner Weisheit auf eine andere Art für uns Menschen gesorgt, er hat uns ein anderes Mittel an die Hand gege- 45 den, da er sprach:»Rufet mich in der Zeit der Trübseligkeit an, so werde ich euch erretten und ihr werdet mich preisen/ und wieder:»Das ist das Vertrauen, welches wir zu Gott haben sollen, daß er uns in allem, was wir nach seinem Willen bitten werden, erhöret,« und letztlich:»Wer bittet, der empfämt, wer suchet, der findet, wer anklopfet, dem wird aufgethan werden.« Wenn wir gleich durch eigene Schuld diese traurige und höchst betrübte Lage nicht herbeigeführt haben, sondern in unserem Berufe so unglücklich geworden sind, so hat Gott, in dessen Händen das Schicksal aller Reiche und Regenten liegt, und in dessen Werken ewige und unerforschliche Weisheit ruht, es so zugelassen, und sein heiliger Wille gebeute es also; was er thut und anordnet, ist wohl gethan. So wenig es uns Untergeordneten zusteht, unsere Vorgesetzten bei den Tagsbesehlen um die Ursache zu fragen, eben so, ja viel weniger dürfen wir in Gottes Rathschlüsse hineinsehen zu wollen uns unterstehen. Fürchtet Gott, denn er ist gerecht.« Während Joseph mit ruhigem Ernste die irrigen Vorstellungen seiner Mitleidenden zu berichtigen sich bemühte, drängten sich Mehrere zusammen und murrten leise, wurden aber bald lauter und warfen grimmige Blicke aus den gewesenen Unterfeuerwerker Joseph F. -Nicht langes Wehren und durch lästige Worte Widerstehen,« schrie einer aus dem Haufen mit toller Stimme: »Ihr könnt uns helfen, woll't ihr es nicht thun, so möget ihr nicht glauben, daß ihr mit dem Leben davon kommt; wir verlieren nichts, da wir ohnehin des Hungertodes sterben müssen, aber ihr müsset mit eurer Kunst zu Grunde 46 gehen; was wird euch das wohl nützen, Einfältiger! Werden euch eure strengen und überspannten Grundsätze auf deutschen Boden zurücksetzen und von dort in's ewige Leben einführen?« Es entstand plötzliches Geschrei und der Haufen drängte sich gegen Joseph. Da es bereits dunkel war, eilte er zur Thüre und entlief in den finstern Gang. Es verfolgte ihn aber Niemand. Joseph war gesonnen, das Vorgefallene ihrem Aufseher zu hinterbringen; allein einer der Wache haltenden Soldaten sagte, daß jener auf drei Lage verreiset sei. Er blieb hier in diesem Gange, bis Alles sich zur Ruhe begeben hatte, und erst dann schlich er sich in seine Lagerstätte. Zwischen Furcht und Hoffnung, aber auch nicht ohne innerlichen Kampf, der in Vorstellungen und Gegenvorstellungen bestand, vergingen mehrere Stunden. Bald wurde durch Stöhnen einiger Kranken, bald durch ungeduldiges Klagen über Kälte, hier von Schlaflosen über die gegenwärtige traurige Lage, dort über den thörichten Unterfeuerwerker in drohenden Ausdrücken die Ruhe unterbrochen. Man schrie aus Hunger, rief zu Gott, bethete mit halber Verzweiflung, raffte sich auf, und drückte in ungestümen Ausbrüchen seine inneren Gefühle aus.—-»Wenn wir morgen,« rief Einer,»nicht zu Geld kommen und Lebensmittel hergeschafft werden, so mag der Unterseuerwerker zur Verantwortung stehen und zusehen, was ihm seine aus der Kinderstube mitgenommenen Grundsätze nützen werden.« Joseph hörte jedes Wort, nahm es sich zu Herzen und überdachte es. Wahr ist es, sprach er bei sich selbst, in einigen Stunden ließe sich eine Münze zusammenar- 47 beiten, aber— jetzt siel ihm eine gewichtige Entschuldigung ein, so ein Geldstück würde und müßte ja wegen Mangel an Schwere und Abgang des Klanges leicht erkannt werden! Als am andern Lage dieselbe Sprache mit verstärktem Ungestüm gegen ihn wieder geführt wurde, und nebenher viele, die Joseph vorher lieb gewonnen hatten, mit den besten Worten auf ihn eindrangen, legte er ihnen die in der Nacht ihm in den Sinn gekommene Entschuldigung vor. Allein man achtete nicht mehr darauf.»Wenn unsere Feinde an uns die Rechte der Menschheit verletzen und Tirannei üben,« sprach einer,»warum sollen wir die Heiligkeit der Gesetze desselben achten, da wir noch überdieß die Entschuldigung der Noth haben? Mir beucht es für uns Soldaten ein größerer Ruhm, auf was immer für eine Weise zu sterben, als hier unter den Trümmern dieses elenden Steinhaufens zu verhungern. Sprecht Kameraden! was ist eure Meinung?« Verwirrtes Getöse, überlautes Schreien, tolles Durcheinanderstürmen und Herumstoßen erfolgten, so daß Joseph um sein Leben fürchtete. Er eilte davon, verbarg sich in einem dunkeln Gemach, siel dort auf seine Knie, bethete seufzend und weinend und sprach:»Herr! Du siehst in mein Herz! Ich hasse die Entschlüsse, durch Falschmünzen uns die Noth zu heben. Soll ich mich zur Übertretung des höchst wahrscheinlich auch in dem französischen Reiche bestehcndenGesetzes, zur Sünde wider dich und die Welt verleiten lassen? Soll ich noch länger widerstreben? Mein Leben steht in höchster Gefahr; auch jene, die es mir nehmen wollen, werden das ihrige verlieren, 4» und die andern etwa noch harter bestraft, und so steht uns also im Ganzen ein größeres Übel bevor. Oder soll ich mich etwa für meine Kameraden opfern?— Das scheint mir freilich edel und die Aufgabe für mich Soldaten.« Er stand auf und ging zu den Seinigm zurück. Noth bricht Eisen, der Hunger thut weh, das Leben ist süß und Gott ist barmherzig, dachte Joseph, faßte, da das Ungestüm am höchsten stieg, den Entschluß, einen Grabstichel sich zu verfertigen, und verlangte nach Messing.« Oben in der Thurmecke rechts liegen viele Scherben, große und kleine Stücke untereinander, holet und bringet sie eilig hieher,« hieß es,»denn der Unterfeuerwerker will arbeiten und uns nicht verhungern lassen.« Schnell waren mehrere Platten abgerundet und fein geschliffen. In einigen Stunden lag eine Münze fertig, und einer der Soldaten, die den Gefangenen beigegcben waren, mußte um Brot forteilen, denn die Eingekerkerten konnten nicht hinaus. So verfertigte Joseph etliche Münzen, wofür stets Lebensmittel eingekauft wurden. Alle freuten sich; nur der gute Joseph hatte bei der ganzen Sache ein unruhiges Gewissen, das ihm stets seine böse That vorwarf, ein banges Herz, das mrt Sünden beladen ist. Er nahm sich daher schon am zweiten Tage fest vor, keine einzige Münze mehr zu machen, und sollte es auch sein eigenes Leben und das aller seiner Kameraden kosten. Es ist und bleibt Betrug, sprach er, vor Gott und der Welt strafbar; ich erkenne die Schuldigkeit, daß ich dem französischen Staate so viel erstatten muß, als ich falsches Geld hinausgebracht habe, und sobald ich zurückkommen werde, will ich meine Sünde ablegen und 49 mich dem Ausspruche des Richters pünktlich unterwerfen. Sollte es aber. Allwissender, dein heiligster Wille seyn, hier des peinlichsten Hrmgers sterben zu müssen: so siehe nicht auf meine Missethat, gib mir ein reuvolles und zerknirschtes Herz, verstoß mich nicht in-deinem Zorne, sondern reinige mich von meiner Sünde und laß mich ewig bei Dir im Himmel seyn!«— So sprach, so bethete Joseph.— Siebentes Hauptstück. Entdeckung. Urtheil und Strafe. Inzwischen wurde der Betrug entdeckt. Der Müllermeister, bei dem der Soldat von dem alten Schlosse Brot, Mehl und einige andere Lebensmittel erkauft hatte, erkannte, wie Joseph früher vorgebracht hatte, die Münze, und um in keine weiteren Verantwortlichkeiten gezogen zu werden, trug er sie sogleich am andern Tage in das benachbarte Schloß zum Amtmanne. Nachdem dieser eben sogleich des Betruges einer Falschmünzerei gewahr wurde, und den Müller hinsichtlich seiner Vermuthungen vernommen hatte, gab er ihm den Auftrag, den Überbringer einer solchen Münze sogleich festzuhalten und hieher zu bringen. Hiervon wurde auch das Dorfgericht in Kenntniß gesetzt und für den vorkommenden Fall gleich dem Müllermeister verantwortlich gemacht. Noch gegen Abend desselben Tages erschien der Soldat, aus dem derVerdacht ruhte, wieder in der Mühle, um Lebensmittel einzukaufen. Sogleich wurde das Drts- gericht davon verständiget. Man erkannte die gebrachte 3 50 Münze wieder, denn sie hatte fast gar keinen Klang und Schwere. Der Soldat wurde sogleich festgehalten und von mehreren Bauern in die herrschaftliche Kanzlei geführt. Es wurde dem Amtmanne gemeldet, daß man hier einen Soldaten eingebracht habe. Der Amtmann, welcher von der Sache ohnehin schon gewußt hatte, erschien augenblicklich, sah den Soldaten, der, ohne gefragt worden zu seyn, nichts als Entschuldigungen vorbrachte, und zu erkennen gab, daß er nicht einmal die Ursache seines Festhaltens und der Hierherbe- sörderung wiffe, auch gar nicht vermuthen könne— scharf an, und da es schon sehr dunkel geworden war, befahl er dem Gerichtsdiener, denselben in einen leichten Arrest einzusperren. Es wurde ihm Abends Brot und etwas warme Suppe gereicht. Der Gerichtsdiener brachte ihm auch etwas weniges Gemüse, Mit völligem Heißhunger verschlang der Arme die ihm vorgesetzte Kost, und wiewohl seine Lage auf der alten Beste nicht so elend war, wie die der eigentlichen Gefangenen: so wollte er doch, wenn er hinsichtlich seiner Verhaftung etwas Näheres wüßte, lieber hier in diesem Gefängnisse bleiben, als irr seine vorigen Dienste wieder zurückkehren. Am andern Tage erschien der Amtmann mit einem Actuar und mehreren Beisitzern. Er nahm das Verhör nach den bestehenden Landesgesetzen auf, und da es sich durchaus zeigte, daß der Soldat hinsichtlich seiner gebrachten Münze gar nichts wußte, wurde eine Abschrift des Verhöres und der ganze Act durch den Gerichtsdie- ncr nach der Beste dem Oberaufseher über die dortige Mannschaft zugeschickt. Der Soldat selbst aber wurde 51 zurückbehalten, und der Amtmann machte Anstalt, daß so viele Lebensmittel dahin gebracht wurden, als der Werth des von ihm überbrachten Geldstückes auswies. Indessen stutzten die Gefangenen auf der Beste, und argwöhnten die Entdeckung ihrer falschen Münzen. Man brachte verschiedene, mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit an sich tragende Ursachen des so langen Ausbleibens vor. Vielleicht, hieß es, war der Krämer oder Eßwaa- renhändler nicht zu Hause; oder vielleicht ist ihm der Borrath ausgegangen; wieder andere meinten, der abgeschickte Böthe könne, da der Schnee hoch liege, nicht so geschwinde zurückkehren, oder sei von der Nacht überfallen worden, und habe den rechten Weg verfehlet. Wie während des so langen Ausbleibens des Soldaten dem guten Joseph zu Muthe gewesen seyn mag, läßt sich wohl leicht errathem Er hörte auch nicht auf, seinen Fehltritt, wozu ihn die Noth einerseits, das stürmische Zubringen und zuletzt die Drohungen und Äußerungen, die um sein Leben fürchten ließen, von Seite der Soldaten anderseits so mächtige Gewalt anthaten, stets und stets zu bereuen; immer schwebte ihm die Beleidigung Gottes, so durch die Übertretung der für die Gesellschaft und das Fortbestehen der Ordnung eines Reiches unumgänglich nothwendigen Gesetze, das Mißfallen derer, die über die Aufrechthaltung der Staatsgesctze zu wachen haben, so wie auch das gegebene Ärgerniß und jene traurigen Folgen, die er sich freilich mehr aus verzeihlicher menschlicher Schwäche zugezogen hatte, vor; er empfand darüber den tiefsten Schmerz; die innere Stimme seines Gewissens rief ihm beständig in's Ohr:»Was hast du 3* 52 gethan! Du hast die Wahrheit verkehrt und den Menschen mehr als Gott gehorcht!« Er weinte heiße Thränen der Reue, flehte zu Gott dem Vater der Barmherzigkeit um Gnade, und war bereitwillig, die aus dieser That hervorgehenden traurigen Folgen mit Geduld als ein Verhängniß des Himmels wegen seines Fehltrittes anzunehmen und zu ertragen.— O Joseph! groß war deine Sünde, aber auch groß deine Reue und sest dein Vorsatz der Besserung. Gott verzeiht dir, wenn du zur Kirche eilest, der Vermittlerin zwischen dem beleidigten Himmel und der Erde. Während die Soldaten in ihrer dunklen Wohnstube beisammen waren und über die Ursachen des Ausbleibens ihres Bothens sprachen, mitunter auch schon in unwillige Worte ausbrachen, öMete sich plötzlich die Thüre, und der Oberaufseher in militärischer Uniform, von mehreren zur Wache bestimmten anderen Soldaten begleitet, trat ein, trug das Geschehene in sonst gewohnter Befehlssprache vor, und schloß damit, daß dem Verbrecher die Strafe werde erleichtert werden, wenn er ohne Untersuchung sich als schuldig erklärt,»^zch erwarte,« sprach er,»daß bis morgen der Thätersich stellen werde, wo ihm das Weitere wird kundgemacht norden;—folgt er meinem Rathe, so hat er die Gnade des Gesetzes und mein Vorwort für sich; folgt er ihm nicht, so'werden alle und jeder aus euch zur Anzeige und Bekanntmachung des Schuldigen unter der Belohnung der Freiheit aufgefordert. Ich hoffe das Erste und traue es der Vernunft des Verbrechers zu, für seine bessere Zukunft dießfällig zu sorgen.« Kaum hatte der Sprecher geendet, als schon zwei 53 der Gefangenen hervortraten, und aussagten, daß der gewesene Unterfeuerwerker Joseph F. derjenige sei, der mehrere falsche Münzen aus altem vom Thurme herab- geholten Messing verfertiget habe. Joseph hätte zwar ohnehin sein Verbrechen sogleich eingestanden; aber da ihm diese zwei Kameraden zuvorkamen, so hatte sein Ge- ständniß vor dem Äuge eines menschlichen Richters, der nicht in das Herz sehen kann, wenig Werth, und dürfte daher zur Bestimmung der Strafwürdigkeit dieses Unglücklichen auch wenig beigetragen haben. Der Unterfeuerwerker wurde sogleich befehliget, der Wache zu folgen. Am anderen Tage mußte der unglückliche Mann unter Begleitung von vier Soldaten nach dem Schlosse gebracht werden, und von da ging der Thäter sammt dem aufgenommenen Verhöre an die militärische Gerichtsbarkeit. Der im Schlosse verwahrte Soldat wurde unschuldig erklärt und entlassen, und kam nach der alten Beste wieder zurück. Nachdem die Obrigkeit hinsichtlich der Falschmünzerei die gehörigen Untersuchungen gepflogen und den Grad der Übertretung ermessen hatte, wurde der ganze Act der betreffenden Stelle vorgelegt, und das Endurtheil erwartet. Joseph hatte inzwischen in dem Gefängnisse Zeit gehabt, die begangene Sünde mehr noch zu bereuen und sich mit Gott auszusöhnen. Das geschah auch auf die rührendste Weise. Der eifrige Diener Gottes, der dem guten Joseph in dieser bedrängten Lage vielen Trost brachte, verwies ihn besonders auf Geduld mit seinem ferneren Schicksale, zur Ruhe mit der Entscheidung, und frischte vorzüglich die Idee:»daß zur gänzlichen Til- 54 gung seiner begangenen Schuld auch die willige Fügung in den Ausspruch menschlicher Gerechtigkeit hinzutreten müsse,« in ihm auf, wodurch er auch leicht bewirkte, daß sich Joseph ganz vollkommen zufrieden gab und mit himmlischer Ruhe seinem Urtheile entgegensah. Eines Tages gegen Abend, als eben Joseph in einem Gebethbuche bethend auf der steinernen Bank des Gefängnisses saß, erschien ein Soldat von mehreren andern begleitet und hieß Joseph folgen. Er führte ihn in die Amtsstube. Dort wurde ihm das Urtheil, welches aus dem Gesetze geschöpft war, vorgelesen, und hinzugefügt, daß einerseits die Noth und der Mangel an Lebensmit- tcln, so wie das Eindringen seiner Kameraden, anderseits aber das allseitige genaue Geständniß und die auch während der Untersuchung an den Tag gelegte Reue das Urtheil sehr gemildert haben, und somit das Gesetz gnädig an ihm werde vollzogen werden. Das Urtheil lautete:»Auf fünfzehn Jahre an das Ruder der Galeere.« Zuletzt wurde ihm das Urtheil zur Namensunterzeichnung vorgelegt, welches er denn auch mit zitternder Hand that. Für die Gefangenen auf der Beste hatte der ganze Vorfall die Verbesserung ihrer Lage zur Folge, die wenigstens dahin bewerkstelliget wurde, daß sie durch bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln und Betten vielen Krankheiten und der Hungersgefahr entgingen. Den zwei Soldaten aber, welche sich bei der Entdeckung des Falschmünzers so werkthätig bezeigten, wurde die Freiheit geschenkt, und die Obrigkeit mittelte ihnen Pässe zu, mit welchen sie ruhig zum Regimente zurückkehren konnten. 55 Achtes Hauptstnck. Der Galeerensclave. - Nachdem nun der traurige Winter verflossen und das Frühjahr(es war im Jahre 1795) herankam, wurde die Vollstreckung des Urtheils an Joseph angefangen. Er wurde nämlich mit mehreren Menschen, die eben so schwerer Vergehungen sich schuldig gemacht, und daher der Gerechtigkeit anheimgefallen waren, von dem Orte sei» ner bisherigen Gefangenschaft weggebracht und nach Ro- chefort, einer freien Seestadt am atlantischen Meere, die überdieß einen großen und schönen Hafen hat, in welchem größere und kleinere Schiffe vor Wind und Sturm ruhig liegen können, fortgeführt. Dort ward ihm am Gestade dieses unermeßlichen Meeres sein fünfzehnjähriger Aufenthalt angewiesen. Die Wohnung für die Galeerensklaven in Rochefort war ein schauerlicher Kerker, welchen ein großes weites Gewölbe, das sich mitten auf eine massive steinerne Säule stützte, an welcher viele starke eiserne Ringe angebracht waren, bildete. An diesen Ringen waren schwere eiserne Ketten, welche große Glieder hatten, angebracht, und jeder der Unglücklichen wurde an eine solche Kette gehangen. Es wurde aber diese benannte Kette nicht als Mittel wider das Entspringen aus diesem Orte der Qualen, sondern um die Schwere des Verbrechens fühlbarer an ihnen zu rächen, gebraucht. Jeder Sclave hatte sogar bei der ohnehin schweren Arbeit noch eine andere Kette an Händen und Füßen, die über das Kreuz lief, und ihm bei seinen Verrichtungen oft die Last der Arbeit noch sehr erschwerte; 56 diese Kette brachte er nie vorn Leibe, denn sie war das Zwangsmittel, die Gefangenen zurückzuhalten, weil durch diese Hemmung jede Flucht unmöglich gemacht wurde. Überdieß war dieser Ort sehr dunkel, da nur ein einziges kleines Fenster gegen das Meer zu ihn beleuchtete und nur auf etliche Stunden des Tages der wärmende Sonnenstrahl einfiel. Der Hintere Theil dieses Gemaches, das bis zur Hälfte unterirdisch war, wurde in trüben Tagen nie recht licht, die Wände nie trocken, und sogar die schlechten Strohlager waren immer feucht, kurz der ganze Ort trug in recht sichtbaren Zügen das Gepräge des Elendes und Jammers für seine Bewohner an sich. Als Joseph hier eingeführt ward und seinen traurigen Antheil, die Kette erblickte, mittelst welcher er an die steinerne Säule angeschlossen wurde, brach er in einen Strom von Thränen aus, seufzte und jammerte zu Gott sv erbärmlich, daß sich steinerne Herzen hätten bewegen mögen. Doch hier hatte Barmherzigkeit keinen Platz; denn in diesen Zeiten galt dort der Erfinder solcher unmenschlicher Peinigungsmittel und Orte als ein dem Staate fruchtbares Talent, der die menschliche Gesellschaft durch neue Lieferungen seines forschenden Ersin- chungsgeistes beglücken konnte. Das Auge sah hier nichts als Werkzeuge der Qualm, das Ohr hörte nichts als Jammer und Angstgeschrei, der Geist hing mit seinen Gedanken an Schmerzen der Gegenwart und an der Furcht der ungewissen Zukunft, hier rasselte ein zitternder Mann, dort klirrten die Ketten eines kraftlosen Gebesserten, der seinen Bergehungen Fluch sprach; so oft in den wenigen Ruhestunden der Nacht einer auf dem 57 feuchten Leidenslager erwachte, drang nur schauerliches Kettengetön zu den Ohren. Wenn diese Unglücklichen den ganzen Lag oft unausgesetzt die heiße Sonne ertragen, die schwersten Lasten, die ihre ganze Kraft in Anspruch nahmen, vorn Schiffe an's Gestade, oder von da in das Schiff geschleppt, wenn sie überdieß noch öfters, da ihre Kraftlosigkeit zu ihrem Nachtheile gedeutet wurde, Beschimpfungen der niedrigsten Art erduldet, und von erbarmungslosen Aufsehern mit Schlägen bedient wurden, wenn sie gleichsam die Augenblicke des Tages zählten und durch ihre Wünsche dessen Lauf beschleunigen wollten, wenn die Mattigkeit auf's Äußerste getrieben wurde, so daß die Unglücklichen oft am Gestade kraftlos und ohnmächtig niedersanken, dabei die Last der Kette noch tragen mußten, und nach Hause gebracht oder selbst noch dahin gegangen waren, wurden sie an dieSäulen- kette gleich den Lastthieren in den Ställen angeschlossen. Ihre Nahrung bestand in etwas wenigem Brot, Brei aus schlechten Hülsenfrüchten, Bohnen, Kartoffeln, Mais oder auch etwas Reiß. Nie stärkte ein Tropfen wohlschmeckender Suppe den Magen, nie floß ein Tropfen Kraftspendenden Weines über die Zunge. Hunger, Noth und allseitiger.Mangel verbunden mit Mißhandlungen aller Art waren die steten Peiniger. Besserung oder Sinn für Reue wurden hier nicht gewürdiget; man hatte bei dieser Anstalt nur Einen Zweck imAuge, welcher dahin berechnet war, verirrte Menschen nur zu peinigen und an ihnen ihre Unthaten zu rächen, hatte aber den höheren und edleren Zweck, der jeder Strafanstalt zur Seele seyn muß, ganz außer Acht gelassen, welcher 58 Zweck nämlich darin besteht, daß dem unglücklich verirrten Gelegenheit, die Größe seiner Vergehungen einzusehen, und die daraus hervorgehenden üblen Folgen zu berechnen, verschafft werde, damit, wenn ein solcher Mensch schon auch für die menschliche Gesellschaft unnütz und verloren, nicht auch sein ewiges Heil gefährdet sehen müsse. Die angenehmere Jahreszeit war diesen Unglücklichen der Winter. Wiewohl die Kälte groß und für andere Menschen sehr drückend seyn mochte: so war sie es nicht so sehr für diese Armen, denn die Anstrengungen und das unaufhörliche Arbeiten beim Baue und der Ausrüstung der Kriegs- oder anderer größerer Schiffe milderten sie sehr. Wenn der durch Noth und Gutherzigkeit in dieses jammervolle Leos gebrachte Joseph nach vollendetem schweren Tagewerke nach der Wohnung zurückkam, und mit der anderen Lastkette wieder umgürtet in einer Ecke der Stube da saß, durchdachte er seine Schicksale, und erinnerte sich an die Worte, so ihm einst sein braver und redlicher Meister, der Siegelstecher zu Warschau, gesagt hatte, daß Lernen nämlich für einen Jüngling stets etwas Vortheilhaftes sei,»wenn es nur gut angewendet wird.« Ja, hätte ich das Letzte nur genug beherzigt, umstürmten ihn allemal die Vorwürfe seines Gewissens, hätte ich mich zu diesem verbrecherischen Schritte nicht verleiten lassen, ich könnte, wenn ich anders in der alten Beste nicht hätte verhungern dürfen, mein Glück in der Welt gefunden haben, und durch meine erlernten Künste einen Platz im Kreise des bür- 59 gerlichen Lebens hinlänglich und mit Ächtung ausfüllen. Er brach, von dergleichen Gedanken umhüllet, allzeit in einen Strom von Thränen aus, und gab auf eine leidende Weise so der Wahrheit:»nichts in der Welt ist so gut, daß es durch Mißbrauch nicht schädlich werden könnte,« das verdiente Zeugniß. Unter abwechselnden schweren Arbeiten, Anstrengungen, Elend, Noth und Thränen verflossen dem reuevollen Joseph vier lange Jahre. Er wollte nun eines Tages jene Unglücklichen, die mit ihm nach Rochefort waren zur Galeere abgeführt worden, oder die er schon in Ketten und Banden dort antraf, zählen, und wie staunte er nicht, als er keinen einzigen davon mehr fand! Alle waren bereits durch die anhaltenden Strapatzen, durch die Sorglosigkeit um ihre Pflege, durch den Mangel an erforderlicher Ruhe und oft durch die Lirannei der Aufseher als traurige Opfer dem schmerzlichsten Tode anheimgefallen. Diese Erscheinung war nun dem guten Joseph eine neue Quelle seines vielfachen Kummers, und er hatte recht viele Ursache hierin gesunden, für sein Leben in Zukunft zu bangen, welche Furcht noch durch den Umstand sehr vermehrt wurde, daß er eine völlige Abnahme seiner Kräfte in sich wahrnahm. In dieser traurigen Lage seufzte Joseph fast täglich und stündlich zu Gott dem liebevollen Bater der Barm- herzigkeit um Gnade, Geduld und Ausdauer, es sei nun zum Leben oder zum Tode. Nie unterließ er sein Gebeth und seine kurze Betrachtung des Leidens und Sterbens Jesu Christi unsers Erlösers und Heilandes. Wenn dieser, dachte er oft bei sich selbst, der seine Feinde fragte: «0 .Wer aus euch kaun mich einerSünde beschuldigen,« so viele Leiden und Mühseligkeiten ertragen Hatte, wenn dieser mit Geduld und Ergebung in den Willen seines himmlischen Vaters dieses Alles litt und zwar auch sür mich litt, warum sollte nicht auch ich für meine Sünden und Vergchungen leiden, was das Gesetz der menschlichen Gerechtigkeit, die Gottes Stelle vertritt, mir auferlegt hat? Er bethete daher auch häufig die Worte des Heilandes am Ohlberge:»H immlisch er Vater! wenn es möglich ist, so laß diesen Leidenskelch vorübergehen, jedoch nicht mein, sondern dein Wille geschehe,« und er erhielt Kraft und Stärke, in dem Ausspruche seiner Vorgesetzten Gottes Wort, und in ihren Befehlen sein Gesetz zu erkennen und zu erfüllen.— Wenn je ein Mensch auf Erden die Kraft und Stärke des Gebethes, das mit wahrem und festem Vertrauen auf die Hülfe Gottes und seine Barmherzigkeit gegen das Menschengeschlecht verrichtet ward, in sich wahrgenommen hatte, wenn je ein Mensch gewesen ist, der in des Lebens fürchterlichsten und gefährlichsten Stürmen auch den letzten Strahl einer besseren Zukunft, der schwach in die Seele blitzte, nicht verlor, so war es gewiß Joseph, der gleich dem gottessürchtigen Sohne Jakob's in seiner unglücklichen Gefangenschaft, harrend eines besseren Looses,-die innerliche Ruhe und das Vertrauen auf Gott nicht verlor, mit neuem Muthe die Kette ergriff und sich anschloß, oder sie ablegte, wenn die Stunden der Arbeit erschienen, die ihn an's Gestade riefen. Wenn auch mein Gebeth, dachte er oft, den ausgestreckten Arm der mensch- 61 lichen Gerechtigkeit nicht abkürzt: so gibt es doch Stärke der Seele, traust heilenden Balsam in das wunde Herz, gibt Ruhe und Ergebung; dessen bin ich gewiß, und das Erstere bleibt Gegenstand meiner frommen Wünsche, meiner Hoffnungen. Wenn das Gebeth zu Elias Zeiten den verschlossenen Himmel aufsperrte, auf daß häufiger Regen die lechzende Erde tränkte, wenn das Gebeth des frommen Moses dem Josue den Sieg über die Amaleki- ten errang; wenn das vertrauungsvolle Gebeth des Eze- chias den so mächtigen Feind Senacherib zurückschlug oder seine Verehrer aus Gefängnissen befreite; wenn dieses Gebeth sogar durch seine Kraft die Fesseln der harten Sclaverei, in welcher das ganze Israelitische Volk seufzte, auflöste, so daß der Herr selber sprach:»Ich will mein Volk befreien, da ich sein Gebeth gehöret habe,« so will auch ich bethend an Gottes Vaterherz anklopfen und nicht aufhören, bis mir Hülfe zu Theil wird. In diesen oder ähnlichen Gedanken traf einer der Aufseher oft Joseph auf den Knien vor seinem kleinen Bilde, das den gekreuzigten Heiland vorstellte, an. Der Aufseher wurde dadurch aufmerksam aus ihn, beobachtete bei den Arbeiten seine Mäßigung und Ausdauer, Geduld und vernünftigere Fügung in sein Schicksal, und erzählte den andern, die ebenfalls Aufsicht pflegten, die an Joseph beobachteten Züge. Man gewann ihn daher gewisser Maßen lieb, und jetzt war für den guten Joseph schon die erste Periode, die ihm eine etwas mildere Behandlung, und hie und da einige Schonung von den schwersten Verrichtungen hoffen ließ, herangekommen. 62 Joseph merkte bald die ihm wiewohl schwach zu Guten kommende Neigung seiner Vorgesetzten, schrieb diese Erscheinung seinem vertrauungsvollen Gebethe zu, freute sich über dessen so baldigen Segen und dankte Gott mit gerührtem Herzen;»wahr ist die Verheißung unsers Erlösers,« sprach er bei sich selbst, der einst sagte:»Alles um was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben,« und -wenn Jemand etwas bedarf, so bethe er zu Gott, er bethe aber standhaft und mit festem Vertrauen, ohne zu wanken, und es wird ihm gegeben werden.« So war denn wirklich das Gebeth die erste Ursache zur Erleichterung seiner Lage, zur Verminderung seiner Strafe, und begründete durch eigene Erfahrung in ihm die Überzeugung, daß die Wirkungen eines vertrauungsvollen Gebethes nicht nur allein den inneren Zustand des Menschen zur höheren Vollkommenheit führen, sondern daß sie auch auf die äußeren Umstände mächtigen Einfluß haben und oft auch diese Lage erleichtern.»Die Frömmigkeit also ist wirklich zu allen Dingen nützlich, und hat die Verheißung des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens.« Neuntes Haupt stück» Die rechte Anwendung des Erlernten schafft V o r t h.e i l. Eine gewisse Ordnung in der Eintheilung der wenigen freien Zeit, die Joseph von seiner Lehrzeit her zur nützlichen Erholung verwenden gelernt hatte, nahm er 63 auch mit in sein Gefängniß der Galeeren-Sklaverei. Eines Tages gegen Abend, es war ein Feiertag, als Joseph sein gewöhnliches nachmittägiges Gebeth verrichtet hatte, setzte er sich zum Tische, der in einer Ecke des dunkeln Wohnzimmers stand, und las einige Zeit in einem der Erbauungsbücher, so ihnen ein Aufseher zu diesem Zwecke überbracht hatte. Als er seine Parthie geendet hatte, und die schon so oft aufgefrischten Gedanken und Rückerinnerungen, mit welchen er sich oft die längste Zeit umhertrieb, wieder quälend in seine Seele zurückkehrten, siel ihm ein, daß er vor etlichen Tagen von einem Herrn, der am Gestade spazieren gegangen, eine Platte zum Geschenke bekommen hatte. Diese Platte war sehr dünn ausgearbeitet, schön weiß und von Elfenbein, weßwegen Joseph sie brauchen konnte, um etwas daraus zu verfertigen. Er holte sich also diese Platte herbei. Doch es fehlte ihm an Werkzeug. Statt eines feineren Grabstichels bediente er sich einer gewöhnlichen Nähnadel und kratzte mit dieser eine Zeichnung aus, so gut er es konnte. Das Bild stellte zwei fliegende Engel, die einen Lorberkranz einander entgegen hielten, vor.. Wiewohl die ganze kleine Arbeit nicht gar schön und zierlich ausfiel: so konnte doch ein Kenner einige Spuren der Zeichenkunst darin erblicken, besonders wenn er dachte, daß der Bersertiger dessen keine hiezu nothwendigen Werkzeuge hatte. Indem Joseph einsam bei dieser seiner Beschäftigung am Tische saß, kam der diesen Tag die Aufsicht pflegende Offizier, und nachdem er Alles untersucht hatte, kam er auch zu Joseph und fand ihn in seiner Bcschäf- 64 tigung begriffen. Sogleich fragte ihn jener, was er mit dieser Platte vorhabe. Joseph reichtest, ohne etwas zu antworten, ihm hin. Der Offizier, der sogleich erkannte, daß sein Sclave ein Zeichner sei, äußerte Wohlgefallen über das Bild, fragte ihn, ob er in seiner Jugend etwa zeichnen gelernt habe, und aus die Antwort:»Ich bin Zinngießer und Siegelstecher, und habe mich in die Symbolik dieser letztem Kunst so ziemlich hineingearbeitet,« sing der Offizier artig mit ihm zu sprechen an, und unterhielt sich sehr lange mit Joseph in verschiedenem Gespräche. Das Freundschaftliche und Gefällige seines Vorgesetzten öffnete dem sinnigen Joseph Herz und Mund, so daß er ihm sein Schicksal entfaltete. Er erzählte ihm nämlich, daß er in verschiedenen Städten der ungarischen Kronländer, so wie in Warschau, der Hauptstadt des Königreiches Polen, längere Zeit gearbeitet, von der Zinngießerwerkstätte zur Graveur- Kammer überbefördert worden sei, und nicht nur seinem Meister, sondern auch sich selbst mit Vorwissen seines Herrn vieles Geld verdient habe, weil er in den freien Stunden seine Ausheiterung in Verfertigung kleiner Modewaaren, deren Veräußerung ihm zu Guten gelassen wurde, gesetzt habe. Da es mir, sprach er weiter, an der Darstellungswissenschast sehr fehlte, da ich die Zeichenkunst nur in ihren ersten Ansangs- gründen erlernt hatte, verwendete ich meine ganzc.Zcit auf Vervollkommnung in der Zeichenkunsi und Darstellungsweise der Gegenstände, und ich brachte es in Kurzem zu einiger Fertigkeit, wodurch mich mein Herr, ein ansehnlicher Bürger der polnischen Haupt- 65 ftadt, lieb gewann, dem ich auch viel zu verdanken habe. Gott segne diesen guten Mann. »Aber,« unterbrach ihn der Offizier,»wie seid ihr denn in die gegenwärtige Lage gekommen? Was hat euch denn an das Ruder der Galeere verurtheilt?«»Eine Unthat,« antwortete Joseph,»indem ihm eine Thräne der Reue und der Tugend über die Wange floß, die ich als Kriegsgefangener beging.«»Wieso, eine Unthat?« fragte betroffen der Vorgesetzte.»Ich reisete von Warschau,« fuhr Joseph fort,»nach Hause, weil ich hörte, daß der Krieg von Frankreich aus auch in mein Vaterland sollte ausgedehnt werden, um meine Ältern nicht in der trair- rigen Ungewißheit über mein Befinden in diesen stürmischen Zeiten zu lassen. Nom väterlichen Hause wurde ich zum Militärdienste ausgehoben, und als ich am Rheine unter Clairfait gegen Jourdan focht, wurde mein Flügel überwunden, und ich sammt mehreren auf eine alte Beste hier in Frankreich gebracht, in der ich sammt allen Dahingeführten schrecklichen Mangel und Noth leiden mußte, so daß Viele vor Kälte und Hunger krank wurden; uns Allen stand die Gefahr, Hungers zu sterben nahe, und die ganze Mannschaft gerieth in völlige Verzweiflung. Alles schrie nach Geld. Durch einen langen Kampf, der in mir vorging, und durch heftiges und drohendes Eindringen von Seite meiner Mitgefangenen überwältigt, gab ich, da ich schon sogar um mein Leben zu fürchten hatte, und zweimal entrinnen mußte, nach, und machte von meiner Siegelstecherkunst einen falschen Gebrauch.«— Hier weinte Joseph, und auch im Herzen seines Zuhörers gingen gewaltige Regungen vor, die 6« sich in Gestalt der Verwunderung und Erwartung in seinem Gesichte aussprachen.»Ich machte einige Münzen,« sprach Joseph weiter,»aus altem im Thurme der Beste gefundenen Messing, wiewohl ich meinen Kameraden sogleich die hieraus entstehenden traurigen Folgen vorstellte, die in Bälde erfolgen müßten, da das verfertigte Geld durch den Abgang der Schwere und des Klanges bald den Betrug verrathen werde. Wirklich entspann sich in etlichen Tagen schon eine Untersuchung, und ich wurde als der Falschmünzerei schuldig erkannt, wiewohl ich diese meine schlechte und verbrecherische That schon auf das Höchste bereuet, und den festesten Vorsatz, künftighin nicht mehr Hand an dieses Werk zu legen, gefaßt hatte, und der Himmel sei Zeuge, ich würde eher alle meine Kameraden als Opfer des gräßlichsten Hungertodes hinsinken gesehen haben, als daß ich mich noch einmal zur Wiederbegehung dieser That hätte bereden lassen.— Nach vollendeter Untersuchung wurde über mich das Urtheil von hoher Stelle ausgesprochen, welches aus dem Gesetze geschöpft, mir zur Unterzeichnung kund gegeben wurde, und so lautete:»Auf fünfzehn Jahre an das Ruder der Galeere,«— welche Worte noch jetzt einen schrecklichen Widerhall in meiner Seele haben. Hierauf wurde ich hieher nach Rochefort abgeführt, wo ich Unglücklicher nicht als Frevelhafter, sondern durch Noth, Mangel und Zubringen der Kameraden, die bereits mit dem Hungertode rangen, gleichsam erzwungener Verbrecher die ganze Schwere des fühlbaren Armes menschlicher Gerechtigkeit bereits vier Jahre lang trage, und schon seit geraumer Zeit die Hoffnung aufgegeben 67 habe, durch meine erlernte Kunst je mehr der menschlichen Gesellschaft Nutzen schaffen zu können.«— So sprach Joseph mit gebrochener Stimme, indem eine Thräne um die andere seinen Augen entperlte. Der Offizier stand mit Verwunderung vor ihm und konnte vor Wehmuth und Mitleiden gegen den Unglücklichen keinen Laut hervorbringen.»Ja, Monsieur!« sing Joseph nochmal an,»mein guter und ehrlicher Meister und Wohlthäter in Warschau sprach viel davon, daß er sagte, Wissenschaft und Kenntniß sind eine Zierde der Jugend, die Quellen des Ansehens, und Fleiß damit vereint, die Grundpfeiler alles gesellschaftlichen Lebens, aber es muß von ihnen auch der wahre Gebrauch und die rechte Anwendung gemacht werden. Hätte ich diese letzteren Worte in steter Erinnerung gehalten, nie, gewiß nie hätte ich durch eine so traurige Lage die Wahrheit:»daß Alles in der Welt durch Mißbrauch schädlich werden könne,« unterzeichnen dürfen.— Ich habe meine Unthat bereuet, Gott um Verzeihung gebethen, und der menschlichen Gerechtigkeit glaube ich durch geduldige Fügung und Ertragung meines Looses genug zu thun, um einstens, wenn ich gleich mehreren meiner Mitunglückli- chen unter der Last dieser Sclavenkctten als Opfer des Todes hinsinken werde, ein ruhiges Ende und einen frohen Hintritt aus meinem mühsamen Lebenskreise zu haben. Der Vater der Barmherzigkeit, der den reuigen Sünder nicht verstoßen wird, wird auch meiner sich erbarmen, und meine Seele, die hier so viele Leiden, Drangsale und Kummer duldete, in die Wohnungen des ewigen Friedens aufnehmen.« 68 Der Offizier hörte gelassen und auch nicht ohne Rührung dem Sprecher zu, und gerieth mit sich selbst in Ungewißheit, was er denn aus diesem Sclaven machen sollte. Er ließ einige Trostworte fallen, flößte ihm Hoffnung für die Erleichterung seines Schicksales ein, wandte sich um und entfernte sich. Noch an dem nämlichen Lage hatte der Offizier Gelegenheit, mit dem Oberaufseher der Galeeren-Sclavenanstalt zusammen zu kommen. Diesem erzählte er den ganzen Vorgang mitJoseph, setzte bei, daß dieser Sclave nicht durch eine Reihe von Verbrechen, sondern durch eine einzige schlechte That, die zwar in ihrer Größe und wegen ihrer Folgen viele andere aufwiegt, zum Ruder verurtheilt worden sei, daß er aber schon vor der Entdeckung seiner Falschmünzerei den festesten Vorsatz der Besserung gefaßt, die That selbst schon sehr oft bereuet, und jetzt schon durch mehrere Jahre die über ihn verhängte Strafe mit aller Geduld und genauen Fügung ertragen habe. Der Lberausseher staunte nicht wenig über diesen Vorfall, und versprach am nächsten Feiertage selbst in die benannte Stube zu kommen und diesen Sclaven sich vorführen zu lassen, deutete aber dem Offizier an, von seinem Vorhaben nichts verlauten zu lassen. Am folgenden Feiertage lösete der Oberaufseher sein Vornehmen. Er kam in die besagte Wohnstube, ohne von seiner Absicht etwas merken zu lassen. Nachdem er hie und da nach gewöhnlicher Weise Untersuchung gepflogen hatte, und in dem dunkeln Gemache weiter vorwärts geschritten war, fand er einen Sclaven bei Tische sitzend, der eben wieder mit einer Nadel einen Kranz aus- 69 kratzte. Als dieser den Vorgesetzten erblickte, stand er sogleich auf, machte eine anständige Verbeugung und trat einen Schritt zurück. Der Oberaufsehcr nahm das fast verfertigte Bild in die Hand, betrachtete es einige Augenblicke und fragte dann um den Werth desselben, und nach dessen Bestimmung. Der artige Sclave getraute sich kaum seines Gedankens zu entäußern, drückte aber doch durch Mienen und Geberden aus, was in seiner Seele als Wunsch lag, nämlich, daß er es sich zur größten Gnade anrechnen würde, wenn der gnädige Herr Oberaufseher das Verfertigte aus der Hand eines seiner Sclaven anzunehmen geruhen wollte. Die nie von einem Sclaven gehörte artige Antwort gefiel dem Ober- aufseher so sehr, daß er das Bildchen wirklich annahm, und nachdem er sich über einige Umstände des Gefangenen erkundiget hatte, ihn seiner Zuneigung und allen- fallsigen Hilfe zur Erleichterung seines traurigen Looses versicherte. Joseph drückte Bitte und Dank durch einen Handkuß aus und war über diese Worte des Lberauf- sehers hoch erfreut. Am folgenden Tage brachte der vorher erwähnte Offizier dem Joseph einen Grabstichel, dessen Bedürfniß die Zeichnung verrieth, und den er m der Stadt in einem Handlungshause gekauft hatte; diejen machte er Joseph zum Geschenke. Nun war dem längst gefühlten Bedürfnisse auf einmal abgeholfen. So oft nun Joseph einige freie Zeit hatte, die ihm nur an Sonn- und Feiertagen gestattet wurde, griff er sogleich allemal nach seinem Werkzeuge. Nun verfertigte er verschiedene künstliche kleine Arbeiten. Wer ihm Materials brachte, dem gab 70 er es mit darauf niedergelegter Kunst, ohne etwas dafür zu fordern, zurück. Er machte Sonnenuhren, Kalendertafeln und Landschaften mit der größten Genauigkeit und Feinheit, und bot sie hie und da zum Geschenke dar. Dem Offiziere gravirte er aus Dankbarkeit für den ihm überbrachten Grabstichel eine Landschaft, die ihm jener als seine Heimath vorgezeichnet hatte, sehr genau und mit vielem Umfange seiner Kunst, und schrieb darunter die Worte:»Aus Dankbarkeit.^ Auch des gnädigen Herrn Oberaufsehers gedachte Joseph mit einem Beweise seiner Kunst. Er politirte nämlich mittelst eines Bims- steines eine große Kokusnuß, und gravirte in die ausgeschiedenen Felder einige interessante Scenen aus der Geschichte der Römer, Griechen oder anderer alrer Völker. Besonders schön war das größere Feld, das etwas erhabener als die übrigen vorne sich ausbreitete, und die ganze Höhe der Kokusnuß durchlief. Es stellte nämlich einen König dar, der auf die Fürbitte eines der Staatsdiener das traurige Loos eines unglücklichen Sclaven, nachdem dieser sein Vergehen vielfältig bereuet und allen Übertretungen göttlicher und menschlicher Satzungen durch ernsten Vorsatz einer fortbestehenden Besserung Hohn gesprochen hatte, den Ausspruch des Gesetzes erbarmend mildert. Zur rechten Seite des Königs stand die Barmherzigkeit sprechend, und zur linken die Gerechtigkeit zum Fortgehen sich anschickend, vorgestellt, und unten neben dem Sclaven zeigte sich die Hoffnung unter einer kleinen Wolke.— Nicht nur die nette und gefällige Form der Ruß selbst, nicht nur die Ein- theilung in Felder waren es, welche dem Lberausseher 71 Bewunderung ablockten, sondern ganz vorzüglich jene auf dem erhabenen Felde sich darstellenden Gedanken in diese vielsagenden und die Angelegenheiten des Herzens kundthuenden Symbole gekleidet, erregten in der Brust des Lberaufsehers viele Freude und gewannen dem guten Joseph dessen Neigung und Liebe. Von dieser Zeit an hatte sich Joseph einer viel sanfteren und gelinderen Behandlung zu erfreuen. Er wurde mit den schwersten Arbeiten nicht mehr so überhäufet wie zuvor, die gar niedrigen Dienste mußten von anderen Gefangenen verrichtet werden, und obgleich Joseph die Last der Ketten gleich den übrigen tragen mußte, da selbst der Oberausseher keinen Eingriff in die Straf- aussprüche der Behörde eigenmächtig thun konnte: so ließ man ihn doch manche Stunde ruhen oder bei seinem Lieblingsgeschäfte zubringen, während die Mitgefangenen am Gestade sich und ihre Lasten mühsam herumschleppten. In dieser Zeit erinnerte sich Joseph oft des von seinem Vater in der Zinngießerwerkstätte gehörten Spruches:»Lernen ist stets Gewinn« und des diesen ergänzenden seines unvergeßlichen Meisters in Warschau: »nur muß davon auch der wahre Gebrauch und die rechte Anwendung gemacht werden,« und konnte bereits aus seinen bisherigen Schicksalen im Leben die Wahrheit des ersten so wie die Wichtigkeit des zweiten Theils würdevoll zum aufmunternden und abschreckenden Beispiele unterzeichnen. Joseph vergaß nicht, Gott dem Geber alles Guten für die so glückliche Fügung seiner Umstände, wodurch 72 ihm seine Lage verbessert wurde, zu danken. Er bethete oft und gerne, besonders in den Abendstunden; die Last, so sein Herz beschwerte, wurde geringer, das Gemüth nach und nach heiterer und fröhlicher; kurz Joseph schien eine ganz neue Gestalt gewonnen zu haben. Durch die kleinen Arbeiten, welche Joseph verfertiget und hie und da zum Geschenke gegeben hatte, geschah es, daß er bald angegangen wurde, Mehreres zu machen. In der Stadt wurde nämlich laut, daß in der Sclavenanstalt ein Mensch sich befinde, der die Siegcl- stecherkunst verstehe, und nicht nur allein Petschaften, sondern auch die schönsten und zierlichsten Sachen, als: Bilder, Kalendertafeln, Sonnenuhrplatten nebst vielen anderen Kleinigkeiten um sehr geringen Preis gravire. Joseph erhielt einen völligen Zugang. Er bat daher den Offizier, ihm beimOberausscher die Erlaubniß gnädigst erwirken zu wollen, daß er wenigstens, einigen Kundschaften willfahren dürste, indem er versprach, nie eine zur Sklavenarbeit bestimmte Zeit dazu verwenden zu wollen. Die Bewilligung von Seite der Oberaufsicht wurde schon am folgenden Lage ertheilt. Jetzt sing Joseph in der freien Zeit, und auch in der Nacht an, sich mehr wieder seiner Kunst zu widmen. Er mußte Amtssiegel verfertigen, in goldene und silberne Ringe Buchstaben einkratzen, auf Löffel, Kreuze oder andere Dinge Namen schreiben, auch sogar Medaillen zum Andenken, bei deren Verfertigung die sich eigen gemachte Symbolik ihm besonders gute Dienste that, wurden bei ihm bestellet. Wo man Arbeiten aus seiner Hand erblickte, lobte man sie mit großem Bei- 23 falle, sprach von der Feinheit des Grabstichels, von der Genauigkeit der Vorstellung und insbesonders von dem Geschmacke, der Zierlichkeit und dem sehr billigen Preise. Leider! leider! hieß es oft, daß dieser Mensch auf so üble Wege gerathen ist, die ihn zum elendesten Sclavendienste führten. Man erkundigte sich öfters nach ihm, nach der Art und Weife, wodurch er sich in dieses-traurige Loos gestürzt hatte. So mancher Vater nahm von Joseph Gelegenheit, zu feinen Kindern oder Dienstleuten zu sprechen und ihnen die erprobte Wahrheit vorzulegen, daß Fleiß, Thätigkeit und Kunst den Menschen sehr leicht ins Verderben- führen können, wenn sie zum Mißbrauche angewendet werden. Vielleicht ist durch Joseph's hartes Schicksal so mancher vor Vergebungen gewarnt oder vor Missethaten zurückgeschreckt worden, denn die ganze Stadt erfuhr nach und nach den Hergang und die Ursache, die ihn in sein Elend brachten. Man bedauerte daher überall den armen Gefangenen, erkundigte sich nach den Jahren, die er in diesem Drte der Qualen noch zu verleben habe und zubringen müsse, ja man legte sogar beim Qberausseher Fürbitte ein, um solche höheren Lrtes anzubringen, um nur diesen unglücklichen Menschen bald befreit, und durch seine Kunst das häufige Zubringen, so von allen Seiten her geschah, bald befriedigt zu sehen.»Alles, sprach der menschenfreundliche Qberausseher, alles was ich zu thun vermag, besteht darin, daß ich diesem- Joseph, der bei allem dem doch immer Sclave bleibt, daß ich ihm, nachdem er bisher immer mit der ganzen Anstrengung seiner Kräfte die aufgelegten Arbeiten, verrichtete, den 74 eigentlichen Sckavendienst verringere, und da er nie einen Versuch, aus dem Gefängnisse zu entweichen, gewagt, nach auch nur ein einziges dahin zielendes Wort gesprochen hat, die schwerere Kette, so ihn an die steinerne Säule fesselt, abnehmen lasse, um mit mehr Gelenksamkeit und freierem Gebrauch der Hände leichter und geschwinder den Grabstichel führen zu können, was für ihn großer Gewinn seyn dürfte.- Der Oberaufseher hatte die Macht, einem Gefangenen, der Reue über sein Vergehen geäußert und Gesinnungen der Besserung für die Folgezeit an den Lag gelegt hatte, seine Strafe zu erleichtern und seine Lage erträglicher zu machen. Von diesem Rechte machte er aus Erkenntniß, daß Joseph diese Gnade verdiene, auch wirklich Gebrauch, lösete sein gegebenes Wort aus, verschonte ihn mehr und mehr mit schweren Arbeiten, und ließ ihm die erwähnte schwere Kette auf unbestimmte Zeit abnehmen.— Der gottesfürchtige Joseph dankte Gott für die Er- hörung seines Gebethes und allen jenen Menschen, die beitrugen, daß die Last seiner Sclaverei verringert wurde, und er sich in Stand gesetzt sah, durch die Sie- qelstecherkunst sich manches Geld zu verdienen, wodurch er sich etwas besser pflegen, und seinem kraftlosen Körper zur Wiedererlangung der Verlornen Gesundheit zu Hilfe kommen konnte. Gegen den menschenfreundlichen Lberaufseher und 'nunmehrigen Wohlthäter drückte Joseph seine Dankgefühle auf eine Art aus, die ihm viele Ehre, Liebe und Zuneigung verschaffte. Er kaufte sich nämlich eine schöne, 75 ziemlich große elfenbeinerne Platte, in deren etwas in die Länge gezogenem Kreise er ein auf die ihm gewordene Gnade recht gut passendes Stück aus der Lebensgeschichte des heiligen Petrus gravirte. Das Bild stellte nämlich jene Begebenheit vor, als dieser Schüler des Herrn von den Juden in das Gefängniß geworfen worden, nächtlicher Weile aber ihm durch sein und der Seinigen Gebeth Hilfe erscheint. Es nahte sich ein Enge! Gottes, dessen Haupt in einem sehr nett ausgearbeiteten Strahlenkränze glänzte, nahm dem Gefangenen die Ketten und Fesseln ab und entführte ihn. Die Feinheit, der lebhafte Ausdruck und die treffliche Wahl des Stückes gefiel Jedermann, und wer als Kenner der Kunst nur immer das Bild in die Hände bekam, bewunderte es mit vielem Lobe; es verdiente auch wirklich allen Beifall.— Der geehrte Vorgesetzte Hatte große Freude an dem Bilde, erinnerte sich, so oft er es anblickte, an den Sclaven, und allemal durchströmte süßes Wonnegefühl seine Seele, denn dieser Joseph war der erste, der während der zwar kurzen Zeit, als der Lberauffeher diesen Posten verwaltete, der Gnade, eines besseren Schicksales in diesem Orte der Qualen sich erfreuen zu können, theilhaftig wurde; darum ließ er auch in goldenen Buchstaben die Worte unter das Bild setzen:»Der thätigen Nächstenliebe geweiht." Wer denn immer vor das Bild hintrat und es ansah, las auch diese Worte, sprach wohl von der Begebenheit, so sich mit dem heiligen Apostelfürsten Petrus zutrug, wie auch von der wunderbaren Rettung desselben durch einen himmliichen Bothen, ahnte oft aber nicht im Gc- 4* 76 ringsten, daß es mit diesem Bilde ein der Vorstellung verwandtes Bewandtniß habe, und daß die nämlichen Mauern im Erdgeschoße jenen Gefangenen umschließen, der durch sein Gebeth und seinen frommen Lebenswandel dem erhabenen Apostel ähnlich, auch noch darin frohes Loos mit ihm theilte, daß er der Fesseln entlediget wurde. Zehntes Hauptstück. Fleiß und rechte Anwendung des Erlernten ist allemal Gewinn. Durch dergleichen Kunstwerke und Arbeiten wurde Joseph nicht nur der bürgerlichen, sondern auch der höheren und gebildeteren Volksklasse bekannt. Jedermann wollte etwas aus seiner Meisterhand in seiner Wohnung haben. Überall wurde der Sclave Gegenstand des Gespräches, denn es war in Rochefort etwas nie Erhörtes gewesen, aus der Hand eines Unglücklichen, der das schwere unlenksame Ruder der Galeere führen mußte, solche nette Galanterie-Waaren, auf denen der weiteste Umfang der Kunst sich ausbreitete und mit Seltenheit darstellte, hervorgehen zu sehen. Denn Joseph wußte seinen Arbeiten ein sehr gefälliges Äußeres, besonders durch vergoldete Verzierungen, die er in einem Handlungshause in der Stadt bekam, zu geben. Bei Anschaffung solcher Bilder, die etwas aus der Lebensgeschichte des allerheiligsten Erlösers, der seligsten Jungfrau Maria oder einzelner Heiligen darstellten, riß ein gewisser Wetteifer ein, und Jedermann wollte zuerst befriediget seyn. Beliebt waren auch Scenen aus 77 der älteren Geschichte Frankreichs, Seestürme oder Seeschlachten oder andere ruhmvolle Thaten großer Männer des französischen Reiches. Als Joseph zwei Jahre mehr Freiheit hatte, und als Künstler die gegenwärtige Epoche machte, fand man fast keine einzige Wohnung mehr, in der nicht etwas aus seiner Hand zu sehen war. Joseph erlangte einen völligen Ruf in der Stadt und in der nächsten Umgebung, und wiewohl man überall wußte, daß er bei allen dem doch das schwere Joch der Galeerensclaverei tragen, und mit der nämlichen Hand, die in den Stunden der freien Zeit oder der sonst nächtlichen Ruhe mit solcher Leichtigkeit den Grabstichel führte, dennoch auch schwere Arbeiten verrichten und Lasten tragen müsse: so war man doch, da die von Seite des guten Oberaufsehers ihm gewordene Gnade und Wohlthat allenthalben bekannt geworden war, überall der Meinung, daß Joseph bereits in einer Lage sich befinden werde, die ihn die beste Zufriedenheit, ja sogar körperliches Wohlergehen genießen lassen dürfte. Allein man hatte sich mit diesem Wahne sehr getäuscht. Denn das traurige Bild, so das in der Gefangenstube herrschende erbarmungswürdige Schicksal dieser Unglücklichen darbot und täglich und täglich wieder auffrischte, schwebte immer in seiner Seele und erneuerte auch beständig stärkere Eindrücke. Stets klirrten die Ketten, die Eisenringe an der Steinsäule, woraus das Gewölbe gestützt war, wurden durch die verschiedenen Bewegungen der Gefangenen auf und nieder geschoben; dort saß ein zitternder Greis, hier ein kraftloser Mann, darneben ein anderes menschliches Wesen, auf dessen Angesichte der blasse Tod schon seine Wohnung aufgeschlagen hatte; hier seufzte ein Einge- borncr, dort stöhnte aus ausgezehrter Brust ein anderer, der schon etliche Jahre unter Menschen büßen muß, mas Gott in seiner Barmherzigkeit bereits verziehen hat; nichts als Jammergeschrei um die geliebten Ältern, um das einzige Kind, um die entrissene Gattin, um Haus und-Vermögen, um die Verlorne Gesundheit, um Himmel und die Welt erfüllte die Ohren, so daß oft der mitten unter allen diesen Unglücklichen sitzende Joseph der Glücklichste war. Das erkannte er auch. Denn sein Loos war unvergleichlich besser als das aller Übrigen; er entbehrte die Last der schweren Kette, wurde mit den anstrengenderen Arbeiten verschont, und hatte durchaus die Strapatzcn nicht wie die meisten seiner Mitgefangenen; er genoß so manche Stunde Ruhe und erfreute sich schon der erholten Kräfte, während andere sie noch an einem schweren Steine verschwenden mußten, der aus einem Schiffe oder sonst woher ans Gestade gewalzt werden mußte; dabei konnte Joseph auf seine Gesundheit mehr bedacht seyn, da seine Kunst ihm hie und da Geld einbrachte und somit im Ganzen seine Lage merklich verbessert wurde. Der gute Joseph, wiewohl selbst Sclave, hatte viel Erbarmungssinn mir seinen unglücklicheren Mitgefangenen. Wenn er die ihm als Sträfling gereichte Kost, die größtentheils aus unverdaulichen Gerichten bestand, dann und wann mit einer anderen aus der Stadt hereingebrachten Suppe vertauschen wollte, wozu ihm der gnädige Herr Oberausseher die Erlaubniß gegeben hatte. 79 und wenn so Joseph erkannte, daß diese wohlschmeckendere Suppe einem armen Kranken oder einem schwachen Greise gedeihlicher seyn dürste: so theilte er oft, oder reichte sie ihm ohne selbst davon zu kosten, sich des Wortes unsers Erlösers und einstigen Richters erinnernd, der da sprach:»Alles was ihr dem Geringsten aus euren Mitmenschen Gutes gethan habet, das werde ich so ansehen und belohnen, als ob ihr es mir selbst gethan hättet.« Mit welchem herzlichen Danke aßen sie oft nicht! und welche Labung war oft nicht diese so gering scheinende Gabe! Nun erkannte Joseph erst mit der festesten Überzeugung, wie wahr der in seiner. Seele so oft aufgefrischte Weisheitsspruch,»daß Fleiß und nur wahre Anwendung des Erlernten sicheren Gewinn verschaffen,« sei.»Hätte ich, dachte er oft in dieser seiner gegenwärtigen Lage, die Siegelstecherkunst nie erlernt, so wäre ich freilich wohl nie zum Verbrecher geworden; aber wodurch bin ich es geworden? hätte ich nie einen so falschen Gebrauch gemacht, hätte ich meine sonst achtenswerthe Kunst nicht übel angewendet, nie, wahrlich nie hätte mich dieses traurige Schicksal getroffen. Darum bleibt,, die Wahrheit:»Lernen, Fleiß und rechte Anwendung des Erlernten ist allemal Gewinn« tief und unerschütterlich in meiner Seele eingedrückt. Die Siegelstecherkunst brachte mir, so lange ich keinen Mißbrauch davon machte, Ehre, Ansehen, Verdienst und Geld; und auch nach vollbrachtem Fehltritte ist sie wieder das einzige Mittel, wodurch ich in Stand gesetzt ward, mir mein trauriges tto Schicksal zu erleichtern.— Ewig lob- und preiswür- dig ist Gottes Vorsehung in der Menfchenregierung; alles in ihrer Hand ist geeignet Gutes-hervorzubringen und zu erzeugen; ja sogar Vergehungen und Missethaten können oft Ursache seyn, daß unser verblendetes Auge geöffnet, den reizenden Schleier der Sünde durchschaue, und das Eis, in welchem das Herz verstockt liegt, geschmolzen, vorn Tugendstrahle durchwärmt, die Anregrmgen der göttlichen Gnade wahrnehme, und so der ganze Mensch zur längst entwöhnten Besserung schreite. Dieselbe Kunst, durch die ich die Missethat beging, die mir die Sclavenkette anwarf, diese nämliche Kunst ist es, deren wahrer Gebrauch mir wenigstens einen Theil dieser Kette wieder abnahm; was mich rn's Unglück stürzte, befreite mich halbwegs wieder davon. Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung, wie unbegreiflich Gottes Rathschlüsse, wie unergründlich seine Werke! In allem, was er thut, ist Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit. Vielleicht wäre ich noch tiefer gefallen, vielleicht Hätte ich mich von Gott und seinem heil. Willen noch weiter entfernt, und hätte etwa gar meine Seele in das ewige Verderben gestürzt, wenn die Erbarmungen Gottes mich auf dem schon betretenen Sündenpfade nicht aufgehalten, und durch so strenge Ahnungen von Seite der menschlichen Gerechtigkeit zur Rückkehr bewogen, ja gezwungen hätten. Wiewohl ich die ungewohnte Last der schweren Ketten auf das Schmerzlichste empfunden habe, und zum Theile noch jetzt empfinde: so danke ich doch dem Vater im Himmel, und werde ihm immer danken, daß er zwi- 61 schen zwei Übeln das kleinere mich treffen ließ, denn ich erkenne die Sünde, zumal wenn sie eine Todsünde ist, als das größte Übel, mit dem zeitliches Elend, aller Jammer und alles Unglück nicht verglichen werden kann.« Gilftes Hauptstück. I o s e p h's ferneres Schicksal. Seine Befreiung. Das Gerücht von Joscph's Meisterhand in der Verfertigung so vieler netter und schöner Arbeiten verbreitete sich immer mehr und gelang sogar bis zu den ersten Honoratioren der Stadt. Die Wache haltenden Offiziere erzählten Vieles von Joseph, seiner Geschicklich- keit im Zeichnen, von dem Reichthume und der Mannigfaltigkeit der symbolischen Darstellungen, und insbesondere von seinen tugendhaften Gesinnungen und den häufig schon an den Tag gelegten Proben seiner Besserung, wodurch er sich die allgemeine Liebe seiner Vorgesetzten erworben hatte. Der Ruf von Joseph drang sogar bis zu den Ohren des Stadt- und Festungs-Commandanten. Dieser, da er von einem Sclaven, der zum Ruder der Galeere verurtheilt ist, noch nie solche Dinge gehört hatte, setzte anfangs sogar einigen Zweifel und Mißtrauen in die Wahrheit solcher Aussagen, die erst dann Glauben fanden, als einer der Offiziere behauptete, daß er öfters schon Augenzeuge gewesen sei, wenn der Sclave in der dunkeln Ecke der Gefangenstube beim matten Schimmer der Ohllampe einsam in den nächtlichen 82 Stunden, während alle andern schliefen, gesessen und mit seinem Grabstichel beschäftiget war. Um diesen Glauben, daß nämlich ein Sclave so schone Sachen verfertigte, in der Seele des FestungsCommandanten zur Überzeugung zu steigern, sprach einer der Offiziere: Euer Excellenz belieben nur gütigst etwas zu wünschen, sei es ein Bild, eine Schlacht zu Land oder zur See, sei es aus älterer oder neuerer Zeit, oder etwas anderes, so werden Euer Excellenz sich gewiß die Überzeugung von der Wahrheit des Gesagten verschaffen.»Wohlan!« sprach der General,»ich wünsche die Schlacht bei N. in Spanien. Finde ich Ihre Reden bestätigt, so bin ich geneigt beim Könige selbst für diesen Unglücklichen, der, wie Sie sagen, auch schon mehrere Beweise seiner Besserung gegeben hat. Bitte einzulegen, und wenn es auch schon nicht gelingen sollte, seine Befreiung von der königlichen Majestät zu erwirken, doch wenigstens ihm sein trauriges Schicksal zu erleichtern.« Der nämliche Offizier, welcher dem guten Joseph die verdiente Lobrede hielt, that ihm schon in der nächsten Stunde den Wunsch des Commandanten und seine freundschaftlichen Gesinnungen kund, und deutete ihm zugleich an, ja keine Mühe und keinen Auswand seiner Kunst in der Darstellung der gedachten Schlacht zu sparen, theils um die Wahrheit der gegebenen Aussagen und des sich überall herumtragenden Gerüchtes zu bestätigen, theils aber, um den Herrn Commandanten zur Ausübung seines erfreulichen Entschlusses, ihn und seine Lage selbst betreffend, geneigt zu machen. Zugleich 63 übergab er dem Joseph eine ziemlich große viereckichte versilberte Platte, in welche das Ganze gravirt werden sollte. Endlich trug er ihm noch ein Buch an, in welchem diese Schlacht vorn Anfange bis zum Ende genau beschrieben war, um welches Joseph auch bat, um doch sicher zu seyn, daß er keinen geschichtlichen Irrthum begehen werde. Joseph sing alsogleich an, die ganze Beschreibung mit aller Aufmerksamkeit zu durchlesen. Er sammelte sich die Hauptpersonen, wählte die entscheidendsten Gegenstände aus, nahm die örtliche Beschaffenheit der Gegend und der beiden Lager aus der Schilderung auf, und setzte sie in eine nur in den ersten Zügen entworfene Zeichnung über. Dann fügte er, so gut er es aus seinem Buche nn Stande war, die Nebenumstände hinzu, füllte den ersten Entwurf aus und hatte ein ziemlich vollkommenes Bild der benannten Schlacht zusammengefaßt. Nun ging's an das Werk. Er nahm die ihm zu diesem Zwecke vom Offiziere überbrachte Platte, stach zuerst einen Lorbcerkranz in der größtmöglichen Runde, wie sie die Fläche gestattete, aus, theilte sich das zur Darstellung bestimmte Feld ein und sing dann die eigentliche Darstellung an. Die beiden Feinde wurden sowohl in Kleidung als Waffen genau unterschieden; die Anführer erschienen auf ihren vortheilhaftcsten Posten, wie ihn die örtliche Lage des Kampfplatzes forderte, die Posti- rung der Fußgänger und der Reiterei war gut gewählt, der Kern derArmeen auf die gehörige Stelle angewiesen; der Anfang des Treffens auf dem einen Flügel, die Hitze des Kampfes und der Sieg am andern waren so genau B4 und trefflich dargestellet, daß derjenige, der Zeuge der Schlacht gewesen, oder auch nur das Schlachtfeld in späterer Zeit betreten hatte, sogleich Alles erkennen konnte. Dabei breitete sich vor den Augen des Beschauers die Graveurkunst in ihrem ganzen schönen Umfange aus; überall bot Feinheit des Grabstichels, Genauigkeit der aufgenommenen Gegenstände und die verdienteste Würdigung derselben sich dar,— kurz das Ganze war ein Meisterstück, wie es nur immer aus der schaffenden Hand des Künstlers hervorgehen konnte. Nicht einmal vierzehn Tage noch waren verflossen, als der Künstler sein Werk schon vollendet hatte. Täglich und täglich erschien der erwähnte Offizier, der das Bild nämlich bestellet hatte, und ging oft durch mehrere Stunden nicht von Josephs Seite. Als-es ganz vollendet war, übergab es Joseph dem Offiziere, der es mit eigenen Händen dem Festungs-Kommandanten selbst zu überbringen sich vorgenommen hatte. Das geschah denn auch.— Aber wie staunte nicht der Kommandant, als er das Bild erblickte.»Da haben Sie ja schon die Schlacht bei N.! Hat das wirklich dieser nämliche Galeerensklave verfertigt? Welch'Wunder! Laßt uns das Ganze näher ansehen.« Der Offizier legte das Bild äuf einen Tisch, der nahe am Fenster stand. Beide setzten sich hin und betrachteten es.— Nach einer Weile sprach der Kommandant:»Wie richtig Kleidung und Waffen der beiden Armeen sind! Wie richtig die Posten der beiderseitigen Befehlshaber! Wie trefflich die Stellungen der Kern- Lruppen, sowohl der Fußgänger als Reiterei! Genau ge- 65 troffen finde ich diese Werggruppen da zur Rechten, wo einiger Hinterhalt verborgen war, der, wenn er den günstigen Augenblick hätte benutzen können, bestimmt war, dem Feinde in den Rücken zu fallen! Richtig! Da fließt das Büchlein, damals angelaufen, was unsern Leuten wohl zu Statten kam, und dem Feinde einiges Hinderniß in der Schwenkung des linken Flügels verursachte!— Sogar die wenigen Ruinen einer alten Ritterburg hier auf diesem Berge sieht man, unsere Leute glaubten dort auskundschaften zu müssen, und fanden sie wirklich besetzt.« Dieß und noch mehrercs sprach der Kommandant über die Genauigkeit und Richtigkeit der Darstellung. »Und welche Feinheit aus dem Ganzen hervorleuchtet,- sprach der Offizier,»und was noch am meisten zu bewundern ist, daß dieser Sclave viele Kenntniß von der gesammten Kriegskunde und Stellungskunst der Armeen hat! Er war zwar Unterfeuerwerker bei der österreichischen Artillerie, aber wer sollte bei einem solchen so viele Wissenschaft voraussetzen?«»Ja wohl,« erwiederte der Kommandant;»übrigens finde ich das ganze Bild vortrefflich, und erkenne die Meisterhand dieses Mannes, der seines Gleichen etwa unter allen Siegelstechern und Graveur's kaum findet. Es wäre doch wirklich Schade, wenn dieser nun gebesserte Mann seine besten und schönsten Jahre außerhalb dem Lhätigkeits- kreise der menschlichen Gesellschaft zubringen müßte; wenn er gleich nicht ganz verloren für diese heilige Absicht seines Schöpfers ist, so ist doch wenigstens sein Arm durch die Last der Kette gehemmt, sein Geist ge- 66 lähmt durch beständige traurige Eindrücke, die Phantasie zur Forschung der Darstellungsarten fremder Gegenstände eingeengt, kurz das ganze geistige und leibliche Leben ist in einen kleineren Kreis zusammengezogen, und es fehlt ihm an Kraft solches zu äußern. Ich zweifle, ob es wohl der Wille der französischen Regierung ist, einen solchen nun gebesserten Menschen that- los im Gefängnisse unter Ketten und Banden schmachten zu lassen, einen Menschen, sage ich, dem es weder an Fleiß noch Geschicklichkeit mangelt, der gegenwärtig Herz und Gesinnung für bürgerliches Recht und Ordnung hat. Ich bin daher gesonnen, bildlich in Paris für seine Befreiung oder doch wenigstens Erleichterung seines traurigen Schicksales, in das ihn einerseits Noth, Elend und Mangel, wie Sie mir erzählten, anderseits aber die Unüberlegtheit der Jugend gestürzt haben, einzuschreiten, meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, ja mein ganzes Ansehen dazwischen zu stellen, um diesem unglücklich gewordenen Mann zu helfen.« »Wenn ich Euer Excellenz um gnädige Verwendung für diesen Mann bitten dürfte, so glaubte ich es für meine heiligste Pflicht zu halten, und ich würde die Gewährung dieser Bitte von der Regierung Frankreichs im Voraus verwirklicht mir zu denken getrauen.« So sprach der Offizier. »Indessen,« setzte der Kommandant bei,»bringen Sie dem Sclaven nebst meiner Liebesversicherung meinen Dank und dieses Honorar.« Es waren zwanzig Franken-Stücke. Der wohlgesinnte Offizier stattete im Namen des Künstlers den wärmsten Dank ab, und indem 67 er seine Bitte in den manierlichsten Ausdrücken wiederholte, entfernte er sich an den Ort, wo er die Nachricht sammt dem eben nicht gar bedeutenden Honorare überbrachte. Joseph erstaunte über Nachricht und Geld, dankte dem Offiziere auf das Herzlichste und versprach, seines Wohlthäters im Gebethe eingedenk zu seyn, denn dieß ist, sagte er, die einzige mir mögliche Weise, meinen Dank auszudrücken.»Sollte ich,« sprach der Offizier beim Fortgehen,»etwas Gewisses hinsichtlich eurer Person in Erfahrung bringen, so werde ich euch nicht lange in Ungewißheit lassen, da ich weiß, daß dieser Gegenstand die größte zeitliche Angelegenheit eures Herzens ist.« Der Kommandant löste sein Versprechen hinsichtlich des im Kerker schmachtenden Künstlers schon am andern Tage dadurch, daß er eine Bittschrift, in der alle Gründe, so für die Gnade der Befreiung oder Erleichterung des Arrestes sprachen, auseinandergesetzt waren, verfaßte und der königlichen Regierung zusandte.— Während der Kommandant in Rochefort die besten Hoffnungen hegte, und nichts anderes als die Gewährung seiner Bitte wenigstens zur Hälfte erwartete, kam entweder die erwähnte Schrift nicht an Ort und Stelle, oder die damalige Convent-Regierung wollte keine Erledigung geben. Der menschenfreundliche Bittsteller erhielt keinen Bescheid. Er hoffte vergebens. Daß auch unserm Graveur die Zeit im Gefängnisse doppelt lang wurde, bedarf kaum einer Erwähnung. Die Unruhen in Frankreich dauerten fort, ja die Kriege wurden von da immer weiter und weiter ausgc- 68 dehnt, und da die französischen Truppen hie und da doch bedeutende Niederlagen erlitten hatten, suchte man schon Alles, was nur Waffen tragen konnte, zusammen, und jagte es aus dem Vaterlande auf den Kriegsplatz der Armee nach. Plötzlich und unvermuthet traf ein ähnliches Loos auch den Stadt-Festungs-Kommandanten in Nv- chefort, der binnen etlichen Lagen, ehe man sich's versah, die Stadt verlassen hatte. Auch mehrere Offiziere wurden abgerufen. Wen traf dieses Ereigniß wohl schwerer als den guten Joseph, dem ein längst ersehnter Hoffnungsstrahl, befreit zu werden, bereits aufgegangen war! Wer in der ganzen Stadt hatte wohl mehr Ursache, über den Ruf des Kommandanten trauriger und bestürzter zu seyn, als Joseph! Und so war es auch. Denn als er hörte, daß sein unbekannter Gönner und werdender Wohlthäter nicht mehr in Rochefort sei, sing er laut zu klagen und zu jammern an, und gab sogleich die ganze Hoffnung auf, seine Lage erleichtert, oder sich gar befreit zu sehen. Wenn die Kriege auf's Neue wieder beginnen, dachte er, so darf ich auch nicht ohne Ursache eine Abnahme oder gänzliches Aufhören meines Verdienstes und die vorige Noth und Mangel wieder befürchten. Freilich, dachte er nebenbei auch, bin ich bereits volle acht Jahre schon in diesem Orte der Ovalen; aber wenn vielleicht auch der mir so wohlwollende Oberaufseher abgerufen würde: so könnte mir die andere Lasikette wieder an den Leib gegeben werden, und mir somit die sieben letzten Jahre saurer als die acht ersten werden.— Doch, man soll nicht das Allerschlimmste befürchten, sondern das 89 Bessere hoffen, um das Herz vor Kleinmütigkeit zu bewahren. Herr, du bist allezeit gerecht Es geschehe Dein Wille. Diese seine Lage erzählte er eines Tages dem Wache haltenden Offiziere, der ihm durch zwei volle Stunden bei Verfertigung eines Marienbildes aus Messing zugesehen hatte. Dieser gute Mann tröstete ihn, indem er ihn versicherte, daß der Oberaufseher inAnbetracht seiner Treue und Gewissenhaftigkeit, mit welcher er schon viele Jahre diesen sonst so schweren Posten verwaltete, nie mehr werde abgerufen werden, und daß somit die Furcht keinen rechten Grund habe.»Ich verlasse mich,« sagte Joseph,»auch in diesem Falle wieder auf Gottes Fürse- hung und Vaterliebe, der Alles gewiß so leiten wird, daß es zu meinem Besten ausfällt. Sollte mir das Glück zu Theil werden, auch nur in dieser meiner jetzigen Lage bleiben zu dürfen, so glaube ich, selbst wenn ich auch nicht von der Strafzeit begnadiget werde, doch noch einmal von der Last dieser Ketten befreiet zu werden, und in den weiteren Kreis des menschlichen Lebens nochmal zurücktreten zu kennen. Wahr ist es, und wird es immer bleiben, die schönsten Jahre, die eigentlich dem Menschen angewiesen sind, in der Welt sich die bleibende Stätte für seine Zukunft und Lebenszeit zu suchen, mußte ich hier zubringen; allein ich selbst war Schuld daran, wiewohl ich die Noth und die eigentliche Gefahr, auf der alten Beste Hunger zu sterben, nicht herbeigeführt habe. Mir schwebte damals nur das jammervolle Elend meiner Kameraden, und nicht so sehr die Unerlaubtheit und sündhafte Wahl des Mittels, dessen ich mich bediente. 9« vor, und in dieser Unüberlegtheit siel ich in Sünden, deren Folgen ich noch fast sieben ganze Jahre werde zu tragen haben.« -Wohl noch sieben Jahre,« sprach hieraus der Offizier,-ist eine lange Zeit, besonders wenn man sich nicht wohl befindet; aber zum Troste eines jeden Leidenden hat die Zeit die fröhliche Beschaffenheit, daß sie eben so schnell, wie in glücklichen Umständen dahin fließt. Lag und Nacht hat sie gleiche Eile, während wir ruhen und uns im sanften Schlafe erquicken, drängt ein Augenblick den andern mit der nämlichen fast unbegreiflichen Geschwindigkeit, wie wenn wir uns des Lebens freuen und dessen Annehmlichkeiten genießen. Da ihr nun, mein Lieber, die längere Zeit überstanden habet, und da diese Zeit für euch unstreitig mehr Herbes und Bitteres an sich hatte, weil euch jetzt doch einiger Maßen die Gewohnheit mit ihrer Macht zu Hilfe kommt, so werdet ihr die kürzere und doch angenehmere Zeit um so leichter überstehen, und dürfet nach meiner Meinung mit mehr Zuversicht der Stunde der längst ersehnten Befreiung entgegenharren.« -Das sehe ich Alles ein,« sagte Joseph,»aber ich fürchte, daß etwa mein bisheriger Verdienst abnehmen dürfte, da einige Herren, welche meine Gönner waren, und mir viele Arbeiten zubrachten, nicht mehr in Noche- fort sind?« -Was diesen Punkt betrifft,« entgegnete der Offizier, »so glaube ich, daß eure Furcht ungegründet, und ihr in der That unbekümmert seyn dürfet; denn man weiß von euch, kennt eure Geschicklichkeit, weiß eure Lage, 91 und wird daher eben so wenig aufhören, eure Dienste in dergleichen Fällen in Anspruch zu nehmen, zudem verspreche ich euch, so viel in meinen Kräften steht, an der Ausbreitung eures guten Namens zu arbeiten, und wo möglich Arbeiten euch zuzubringen. Laßt übrigens auch in diesem Stücke Den dafür sorgen, dessen Vorsehung und Hilfe auch sonst die Stützen eurer Hoffnungen sind, und erinnert euch öfters des göttlichen Spruches, den auch ich stets in meiner Seele aufgefrischt erhalte, daß der, welcher bis an das Ende ausharret, selig gepriesen wird. Vernunft, Geduld und Zeit sollen die Losungsworte aller Menschen seyn; wir würden uns, wenn wir sie allzeit recht verstünden und gebrauchten, vor vielen Vergebungen und Unglücksfällen verwahren, uns oft der Gegenwart zu erfreuen und vor der Zukunft nicht zu fürchten haben.«— Der wahrhaft menschenfreundliche Offizier entfernte sich. Joseph dachte über das Gesprochene nach, fand Alles wahr und Vieles darunter auch zu seinem Troste gesagt. Der Vater im Himmel, der mich durch acht- Jahre größtentheils gesund erhalten, und mich allein unter so vielen Unglücklichen, die als traurige Opfer des Elendes zu Grunde gingen, vom Tode noch errettet hat, wird auch in den letzten sieben Jahren mich erhalten, und mir Gesundheit und Leben schenken.— Er siel auf seine Knie und bethete, daß der Herr ihn der Erfüllung seines Wunsches möge theilhaftig werden lassen.— Wirklich nahm Joseph an seinen Arbeiten keine Abnahme wahr; von Monat zu Monat war er kaum im Stande, das Zubringen seiner Kundschaften zu befrie- 92 digen. Dabei verschonte ihn der Lberaufseher immer mehr mit den schweren Arbeiten der Galeeren-Sclave- rei, ja manchen Tag kam Joseph gar nicht an's Gestade, und er sah also in gewisser Hinsicht seine Lage um recht vieles erleichtert. So vergingen denn auch unter tausend innerlichen Stürmen, bitteren und frohen Augenblicken die sieben Jahre, und die längst ersehnte Stunde der Erlösung rückte heran.— Eines Tages gegen neun Uhr Vormittags, es war der nämliche Tag, an welchem Joseph vor fünfzehn Jahren die Kette als Galeeren-Sclave angeheftet wurde, erschien in militärischer Uniform der Oberaufseher von mehreren Offizieren begleitet, und las in der Gcfangen- stube im Beisein aller Sclaven dem vollkommen gebesserten Joseph F. das von der Regierung ausgestellte Befreiungsurtheil vor, dessen Inhalt im Wesentlichen so lautete: »Da die Strafzeit für Joseph F. abgewichen ist: so wird ihm bedeutet, daß er an dem heutigen Tage von Ruder und Kette der Galeeren-Sclaverei freigesprochen und derselben auch zu entledigen ist. Die königliche Regierung versieht sich, daß genannter Joseph F., so lange er auf französischem Gebiethe sich befindet, die bestehenden Gesetze achten werde, und erwartet, daß er durch die Graveurkunst oder den Militärdienst weiterhin jenem Staate nützen werde, der ihn durch fünfzehn Jahre erhalten und durch dessen Obsorge er zum tauglichen Bürger der menschlichen Gesellschaft wieder umgeschaffen worden sei; widrigen Falls aber habe er sich gehörigen Orts 93 um die Auswanderungspässe zu melden, die ihm nicht vorenthalten oder verweigert werden können.« »Das Urtheil ist von Joseph F. eigenhändig zu unterzeichnen, und hat nach geschehener Bekanntmachung sogleich in Wirksamkeit zu treten.« Nachdem dieses Urtheil verlesen war, wurde es Joseph hingegeben, und er setzte mit zitternder, ja völlig erstarrter Hand seine Namensunterschrift darunter. Jetzt nahm der Oberaufseher den Schlüssel, sperrte damit das Schloß, so Kette und Ring an der steinernen Säule, welche mitten in der Gefangenstube sich befand, und an welcher alle und jeder der Sclaven angehangen war, auf, öffnete den schweren Leibring, zog mittelst eines andern Schlüssels die breiten Fußbanden ab und entledigte den Glücklichen der längst getragenen eisernen Fesseln und gewichtigen Ketten, die ihre Stellen durch tiefe Einschnitte in den Leib unter der Empfindung heftiger Schmerzen bezeichnet hatten; er entledigte ihn jener Ringe und Ketten, die er volle fünfzehn Jahre getragen hatte, und unter deren Last viele Unglückliche, die gleich trauriges Schicksal mit ihm hatten, als erblaßte Opfer des schmerzenvollsten Todes schon dahinge- sunkcn waren. Alle Mitsclaven standen daneben, und Alle vergossen die bittersten Thränen, die je ein Auge geweint hat, während der Oberaufseher dem glücklich gepriesenen Joseph seine Last nach und nach abnahm. O! könnte ich an eurer Stelle seyn, sprach ein bejahrter Mann, der aus menschlicher Schwachheit von einem ehrlichen und redlichen Bürger zumStrafruder herabgekommen war, welche 94 überraschende Freude, welches Wonnegefühl würde ich meiner Gattin und meinen drei lieblichen Kleinen nach Hause bringen. Täglich und stündlich flehe ich den Himmel an, daß er mir die Gnade des Lebens nur noch vier Jahre schenken möge, weil so lange noch meine Strafzeit dauert. In diesen oder ähnlichen Worten sprachen alle Gefangenen untereinander, und priesen Joseph glücklich, da sie einstimmig zusammenriefen:»Er hat's überstanden.« Alle weinten laut, wiewohl entgegengesetzte Gefühle die Ursache dieser Thränen waren, die so häufig ihren Augen entperlten. Der Oberaufseher, ein frommer und von den gehaltvollsten Grundsätzen unserer heiligen Religion ganz durchdrungener Mann, der keinen Augenblick versäumte, um seine Gefangenen auf den Weg der inneren Besserung zu bringen, benützte, wiewohl er selbst kaum reden konnte, da ihn dieser erfreulich traurige Vorgang zu sehr angegriffen hatte, diese Gelegenheit und sprach: »An dem heutigen Lage vor fünfzehn Jahren hatte dieser Joseph F. das große Unglück in diese Strafanstalt gebracht zu werden; an eben diesem Tage warf ihm die Gerechtigkeit ihre Fesseln an, die er mit weniger Zwischenzeit von der schwereren Kette da losgelassen zu seyn, bis auf diesen Augenblick trug. Geduldiges Fügen in seine traurige Lage, Anerkennung seines Vergehens, Ausdauer in den ihm auferlegten Arbeiten, vernünftiges Verharren und Ordnung vor seinen Vorgesetzten, Reue- gefühle,- Buße, Besserung und gänzliche Aussöhnung mit Gott der beleidigten Majestät haben ihm sein Loos 95 erträglicher gemacht und nebst der Liebe seiner Oberen auch die Befreiung gebracht, die durch so lange Jahre der ersehnte Gegenstand seiner Wünsche war, und euer Aller seyn wird. Wenn gleich ein Gefangener aus dem Kreise der menschlichen Gesellschaft hinausgestoßen ist, wenn gleich seine Zeit, Mühe und Kraft eine einförmige Richtung haben und durchaus von den herben Gefühlen der eisernen Nothwendigkeit begleitet sind, wenn gleich der Nutzen für die bürgerliche Gesellschaft hier völlig verschwindet, ja wenn gleich jeder aus euch für die Welt fast todt ist, so bleiben doch einige Pflichten übrig, die ihr auszuüben habet, und diese sind die eben erwähnten, sie bilden zusammen jene Aufgabe, die Joseph F. so glücklich gelöset hat. Der menschlichen Gerechtigkeit thut und müsset ihr Alle äußerlich genug thun; damit ist sie zufrieden. Aber die göttliche Gerechtigkeit läßt sich durch ein bloß äußerlich gesetzliches Verhalten in ihren geheiligten Forderungen nicht aufwiegen; sie verbindet euch zur Reue des gethanen Fehltrittes, zum ernstlichen Vorsatz der Besserung, zum möglichen Kraftaufwand, euren innerlichen sittlichen Zustand, so der Schöpfer durch die Handlung seiner Allmacht, wodurch er euch zu Wesen für ein ewiges Leben bestimmt, rief, bezwecken wollte, nach seinem Willen zu begründen und zu erhöhen. Von dieser Pflicht dispensirt Gottes Gerechtigkeit nicht. Darum hat seine Weisheit die Einrichtung getroffen, daß der innere sittliche Mensch keiner äußeren Zwangsgewalt untersteht, und daß sein Herz und Geist dennoch in frommen Gebethen, Anregungen, Gefühlen und Empfindungen der Andacht und Gottesfurcht zu sei- 96 nem Throne und seinem ewig heiligen Wesen sich aufschwingen können, wenngleich der Leib, das Werkzeug des unsterblichen Geistes, in den Armen menschlicher Gerechtigkeit gefangen ist, und die Last schwerer Ketten zu tragen hat. So dachte, so handelte Joseph— und Gott, der seine Gnade und seinen Segen keinem einzigen Sünder, der nach Buße und Besserung mit reuevollem Herzen strebt, verweigert, ließ ihm die Gnade des Lebens und damit seine Befreiung zu Theil werden. Preiset also, wie Joseph F., seine Gerechtigkeit, die ihr gesündigt habt, so werdet ihr auch später, wie er, seine Barmherzigkeit loben, der ihr euch würdig gemacht habt- Jetzt wandte sich der Oberaufseher zu Joseph und sprach zu ihm noch Folgendes:-Lieber Joseph F.! Ihr seid der Erste, der während der Zeit, als ich die Oberaufsicht über die h-ierortigen Gefangenen pflege, seine Befreiung erlangte. Bald werden euch mehrere aus den Umstehenden hier folgen. Ihr tretet nun in die Welt, in den Geschäftskreis der bürgerlichen Gesellschaft wieder zurück. Ich habe alle Ursache, von euch zu hoffen, daß ihr entweder durch Betreibung eures Handwerkes, oder durch Übung eurer schönen Kunst einen Platz im bürgerlichen Vereine ausfüllen, und ihm jenen Nutzen und jene Bequemlichkeit schaffen werdet, wozu euch eure Ge- schicklichkeit befähigt und tauglich macht. Ich zweifle nicht, und die französische Regierung gewärtigt es mit vielem Rechte, daß ihr in ihrem Gebiethe bleiben und euch ansäßig machen werdet. Sie wird euch zu diesem Ende die Gnade ihrer Gesetze in Hinkunft angcdeihen lassen, euch als ihren Bürger betrachten, eure Rechte !)7 schützen und vertheidigen, und im möglichen Falle eure Dienste dafür in Anspruch nehmen.— Wollet ihr aber diesem Wunsche und Antrage nicht willfahren, so werden bis morgen die erforderlichen Pässe, zu deren Aus- fertigung ihr Nachmittags um 4 Uhr bei mir zu erscheinen habet, bereitet seyn und euch sodann zur Sicherheit übergeben werden. Was endlich eure Habschaft betrifft, so steht es bei euch, sie entweder zu veräußern, zu verschenken, als Vcrmächtniß dem hiesigen Hause für die Zukunft zu hinterlassen, oder mit euch zu nehmen.— Da ihr, mein Lieber! wie ich schon erwähstt habe, der Erste seid, dem die Befreiung zu Theil geworden ist, so rechne ich diesen Lag zu einem der schönsten und angenehmsten meiner späteren Lebenstagc, und um ihn noch mehr zu verherrlichen, sollt ihr die Ehre haben, in Gesellschaft aller hier anwesenden Offiziere heute Mittags bei meiner Tafel zu speisen.« Die Offiziere machten ihre Verbeugung, und Allen standen Thränen in den Augen. Joseph xwx Freudc. Alle Sclaven weinten. Joseph hätte gerne seine Dankbarkeit mit Worten ausgedrückt, aber er konnte solche nicht hervorbringen. Er küßte dem Oberaufsehcr die Hand. Als sich Alle, Joseph in der Mitte der Offiziere, entfernten, ks-nnte er sich doch so weit überwinden, daß er einige Worte hervorbringen konnte.»Wie sehr, sagte er zudem Offiziere, der zur rechten Seite neben ihm ging, wie p-hr wünschte ich, daß auch den armen Sclaven, die ich eben in ihrer traurigen Lage zurückgelassen habe, der heutige>L.ag ein Tag der Freude werden möchte! 9» Vielleicht ist's möglich, antwortete der Offizier, ich werde diesen Ihren Wunsch, mit meiner Bitte unterstützt, dem Herrn Oberaufseher vortragen, und ich zweifle nicht, daß er nachgeben wird; denn seine, edle Herzensgüte und seine Nachsicht gegen die armen Unglücklichen ist groß und allgemein bekannt. Ich will die Bitte wagen. Hierauf drängte er sich sogleich nach vorne, trug in leisen Worten dem Oberaufseher die unterthänigste Bitte Joseph's vor, machte auch seinerseits einige bitt- liche Vorstellungen und widerlegte die Einwendungen, die der pflrchtgetreue Obere vorbrachte, mit Worten, die nur Menschenliebe und Mitleiden ihm auf die Zunge legen konnten.»Wahrhaft, ein edles Herz von einem Manne, der im Sclavenhause so lange saß, sprach der Lberausseher; seiner und Ihrer Bitte willen, zum Offizier gewendet, will ich die Strenge des Gesetzes für heute mildern, und die Feier dieses mir so angenehmen Tages durch das Andenken, so das ganze Haus ihm weihen soll, erhöhen.« Alle Gefangenen wurden der schweren- Stubenkette entlastet, erhielten etwas bessere Speisen und einigen Wein, den Joseph von seinem ersparten Gelde ihnen reichen ließ, wofür die dankbaren Herzen ihren vorigen Leidenshelden segneten.— O was ist es nicht Schönes um die Nächstenliebe!— Die mitgehenden Offiziere dankten dem Lberausseher im Namen der Sclaven, und bewunderten nicht wenig das von thätiger Nächstenliebe durchdrungene/ Herz eines Mannes, gegen den alle Vermuthung sprach, daß solche edle, wahrhaft christliche Gefühle während der so langen Zeit, die er unter der Last solcher un- 99 menschlichen Strafen und in Gesellschaft roher, verwilderter und mitunter auch bo'ser Menschen zubrachte, in seiner Seele nicht erstickt worden sind. Man fand' an Joseph den Spruch eines frommen Weisen bestätigt, der so lautet:»Die Blume bleibt und verliert ihren Wohl- geruch nicht, selbst wenn sie auch von giftigen Pflanzen umlagert ist.« Zwölftes HanpLstiick. Das Mittagsmahl. Einer der mitgehenden Offiziere hatte sich für Joseph um eine andere Kleidung besorgt, die er in einer Klci- derbudc aufgekauft hatte. Er that dieses Joseph kund. und machte ihm den Antrag, mit in seine Wohnung, wo er sich umkleiden könne, zu kommen. O ihr guten Leute, dachte Joseph, welche unsichtbare Kraft hat euch denn so lebendige Liebe gegen mich in die Herzen gegossen! Wahrlich unverkennbar ist die Wirkung jener Religion, die Nächstenliebe lehrt, ihre Bande umschlingen parteilos alle Länder und Nationen, Menschen aller Stande, ihre Vorschriften verpflichten das Ansehen mit ^emulh zu vermählen, wenn es wahren Werth erlangen M W,e werde ich euch alles das wohl einmal vergelten können? Er nahm den Antrag dankbar an. Inzwischen erschien die gegebene Stunde und es war Jeit, zum Herrn Oberaufseher sich zu verfügen. Sie fanden nebst den übrigen Offizieren noch andere Gäste in dem schönen Speisesaale, in welchem Joseph sogleich ociin Eintritte das von ihm verfertigte Bild erblickte, 100 das sich unter vielen andern, da es etwas Besonderes war, sehr gut ausnahm. Alle sahen den befreiten Sclaven mit fröhlicher Verwunderung an, grüßten ihn sehr freundlich und wünschten ihm Glück. Als die ganze Gesellschaft so beisammen saß, äußerte der Oberaufseher den Wunsch, Josephs Lebensgeschichte aus seinem eigenen Munde recht genau und umständlich zu hören. Obgleich Joseph diesem Wunsche sehr ungern entsprach, da er selbst durch die bloße Erzählung die alten Wunden trauriger Erinnerung aufzureißen fürchtete: so konnte er dieser Aufforderung doch keineswegs widerstehen. Er erzählte also mit aller Umständlichkeit von seiner Kindheit angefangen bis auf die gegenwärtige Stunde, welche ihm seit mehr als fünfzehn Jahren her die angenehmste und fröhlichste war. Nachdem er in schöner Aufeinanderfolge seine Lebensgeschichte enthüllet hatte, schloß er:»Meine bisherige Lebenszeit ist mit einem Sommertage zu vergleichen, bei dessen Anbruche die liebliche Morgenröthe m ihrer ganzen Purpurschönheit den Horizont heraufsteigt, und die ruhenden Geschöpfe aus den weichen Armen des süßen Schlafes sanft aufweckt; die ersten Stunden des Vormittags sind der Thätigkeit und Sorgfalt geweiht, und der Segen Gottes, so in der vergangenen Nacht vom Himmel niederstieg, krönet die Mühungen des Arbeitenden. Gegen Mittag hin erhoben sich plötzlich von Abend her schwere Wolken, die sich in kurzer Zeit zu Gewitterwolken zusammenzogen, mit Majestät langsam und berathschlagend, ob sie Leben oder Tod schaffen sollen, am Horizont meiner Jugend heraufschweb- 101 lrn. Es rollte von ferne her schwacher Donner. Jetzt zuckten häufige Blitze aus ihrem dichten Dunkel hervor, zerrissen mit Macht ihre aschgrauen Eingeweide und verkündigten ungewisse Zukunft. Alle ergriff Furcht und Schrecken. Feurige Blitze sielen um mich her und neben mir gräßlich nieder, der fürchterlichste Donner rollte an mein Haupt fast anstreifend hinweg und ein entsetzlicher Sturm brauste von allen Seiten. Ich fürchtete Gott, flehte seinen allmächtigen Arm um Erbarmung an, und wurde lange nicht erhört. Das furchtbare Gewitter ruhte in seiner ganzen Stärke über meinem Scheitel. Als es mehr gegen Nachmittag ging, singen die starren Wolken dünner zu werden an, und nach einer guten Weile zeigte sich von Abend her wieder der blaue Himmel, der sich stets und stets herauf erweiterte. Die Wolken zogen sich gegen Morgen hinab, und der freundliche Sonnenstrahl ließ sich dann und wann wieder sehen. Diefem schwülen Tage mehr oder weniger ähnlich werden auch die übrigen Tage meines Lebens dahin fließen, bis Er einstens erscheint, der als Geistersonne einen ewigen Lag herausbringen wird, den keine Gewitterwolke mehr zu trüben vermag.« So sprach Joseph, während eine oder die andere Thräne über seine Wangen floß. Alle Anwesenden weinten. Selbst der Lberaufseher konnte sich der Thränen nicht enthalten. Auf allen Gesichtern hatte die Verwunderung über Joseph sich geäußert. Diese Lebensgeschichte, sprach jetzt einer der anwesenden fremdcw Gäste, zeigt Gottes wunderbare Fürsehung in der Leitung der Schicksale des Menschen. Man kann nirgends um das: 102 .Warum« fragen, und doch stehen alle einzelnen an sich betrachtet sehr verschiedenen Umstände und Ereignisse in einem natürlichen Zusammenhange und staunens- wcrther Fügung. Aus der ersten Ursache läßt sich jedoch eine wichtige Wahrheit folgern, nämlich:»Lernen bringt allemal Nutzen, wenn das Erlernte gut angewendet wird— wird es aber schlecht angewendet, so kann auf der andern Seite der Schaden ungleich größer seyn, denn das Reich des Bösen hat viel weitereGren- zen als das Gebieth des Guten.« Wenn der erste Theil dieser Lebensgeschichte den Vordersatz bewahrheitet, so bestätiget der zweite Theil ganz gewiß den Nachsatz, die mitsammen verbunden der Wahrheit das kräftigste Zeugniß geben. Darum bleibt die Ermahnung für die Jugend:»Lerne so viel du kannst, aber mache davon nie einen Mißbrauch« und für alle Menschen:»Thätigkeit und Geschicklichkeit ohne wahrer Tugend und Religion haben auch für den Staat keinen Werth« ewig wahr, und traurig ist es für jeden Menschen, der durch eigene Erfahrung diese Wahrheit bestätigen und unterzeichnen muß; es bleibt darum mein Wahlspruch:»Fürchte Gott, thue Recht und scheue Niemanden; nur Fleiß und Redlichkeit finden ihren Lohn in Zeit und Ewigkeit.« Der Obcraufseher hatte bisher die Hoffnung gehegt, daß er es bei Joseph dahin bringen werde, daß er dem ausgesprochenen Wunsche der Regierung Gehör geben und in Frankreich, wo jedwede Kunst gewürdigct 103 wird und schnelle Unterstützung findet, fürderhin bleiben werde. Er hatte in dieser gutgemeinten Absicht während des Mittagsmahles einige dahin zielende Worte fallen lassen, die Joseph zwar nicht überhört hatte, aber keine Äußerung darauf von sich gab. Was anfangs in dieser Beziehung im Allgemeinen gesagt wurde, wurde immer mehr und mehr an Joseph angepaßt, und der Herr Oberaufseher kam endlich mit der Sprache heraus. Er machte ihm die besten Vorstellungen, gab ihm die hoffnungsvollsten Zusicherungen für seine Zukunft, breitete sich über den werkthätigen Unterstützungssinn fremder Künste, wie man ihn auf französischem Boden antrifft, mit vielen Lobeserhebungen aus, und glaubte durchaus in unserem Joseph F. die Überzeugung begründen zu müssen, daß er, seiner Zukunft bedacht, wohl am Besten thun dürfte, wenn er in Frankreich bliebe und die Graveurkunst ausübte. Alle Anwesenden redeten ihm zu und bemühten sich, Joseph für die Sache des Herrn Oberaufsehers zu gewinnen. Allein Joseph ließ sich, wiewohl er ihre Vorstellungen und ihr Zureden gelassen und ruhig anhörte, dazu nicht bewegen. Man sprach von Bedenkzeit, denn der Mensch müsse, ehevor er einen wichtigen Schritt thut, überlegen, was, wie und wo? Aber Joseph blieb in seinem Entschlüsse fest und unbesiegbar, und antwortete dem Lberaufseher mit vieler Bescheidenheit:»Mir thut es wirklich leid,« sprach er,»daß ich für die vielen genossenen Wohlthaten meine Dankbarkeit durch Willfahrung des so gutgemeinten Antrages nicht bezeigen kann. Täglich regt sich in meiner Seele lebhafter der Wunsch, in mein Vaterland 104 wieder zurückzukehren und meine Ältern, Geschwister und Freunde, von denen ich durch mehr als sechzehn Jahre keine Nachricht erhalten habe, zu umarmen und in ihrer längst ersehnten Mitte zu leben und zu arbeiten. Nicht Mangel an Einsicht für die Wahrheit der mir dargelegten Vorstellungen, nicht etwa eine Art boshaften Starrsinns gegen ein Reich, dessen Gesetze ich so lange und so schwer fühlen mußte, nicht etwa andere verschlossene Absichten sind es, die mich aus diesem Lande forteilen machen, sondern einzig und allein die kindliche Liebe ist es, die ich so warm in meinem Herzen trage, und die mir die heilige Pflicht gebeut, nach meiner Heimath in das väterliche Haus zurückzukehren, und durch meine Mithülfe in der Werkstätte meines Vaters, der, wenn ihm der gütige Gott das Leben geschenkt hatte, bereits graue Haare auf seinem Haupte hat, die ich durch den fortwährenden Kummer, so der herbe Gedanke:»Wo wird Joseph, mein Sohn wohl seyn?« täglich neu in seiner liebenden Vaterseele schaffen mag, nicht noch mehr ergrauen will— meine Kräfte anzuwenden; einzig und allein die kindliche Liebe ruft mich von bannen, um meinem alten Vater unter die Arme zu greifen, und von seinem schwächlichen Rücken die Last der Erhaltung einer großen Familie doch einiger Maßen zu nehmen und so die für meine Geschwister längst getragene.Bürde ihm zu erleichtern. Der Himmel gebe nur, daß ich Alle noch am Leben treffe, und sollten meine Ältern durch die traurigen Kriege ihr Habe verloren und zum Bettelstab herabgekommen seyn, so will ich mir eher keine Ruhe gönnen, bis ich nicht diesen schweren Stab zerbrochen, die Noth gedeckt und wenig- 1tt5 stens so viel Verdienst aufgebracht habe, wodurch die theuren Ältern und Geschwister vor Jammer und Elend verwahret werden.« Dem guten Joseph standen Thränen in den Augen. Alle waren sehr gerührt, lobten die kindliche Liebe Josephs und priesen unbekannt die Ältern eines solchen Sohnes glücklich, an dem die Früchte der wahren Lugend und guten Erziehung so segensvoll sich zeigten. »Ich bitte daher, gnädiger Herr,« fuhr Joseph zum Oberaussehcr fort,»es mir ja nicht als Undank auszulegen, oder auf irgend eine andere Weise zu mißdeuten, daß ich meinen felsenfesten Entschluß, der auf rein kindlicher Liebe beruhet, nicht ändern und dem hohen Wunsche gemäß einrichlen kann, wie sehr ich übrigens die Billigkeit dieses Anspruches auf meine Person erkenne.* »Vom Undanke,« entgegnete der Oberaufseher,»kann hier keine Rede seyn. Vergebt mir, lieber F., daß ich so sehr in euch gedrungen habe, ich meinte es redlich mit euch und dachte eurer Zukunft, wußte aber nichts von dergleichen Umständen, die auch in meinen Augen und in den Augen eines jeden, von Vorliebe und vorgefaßten Meinungen befreiten Mannes der tüchtigste Beweggrund sind, und deren Ruf jeder Sohn Folge zu leisten hat. Ich bin von diesem Augenblicke an nicht mehr gegen eure Fvrtwandcrung aus Frankreich, sondern erkenne in eurem Entschlüsse ein edles Herz, das von kindlicher Liebe durchwärmt mächtig fühlet, was Religion und Frömmigkeit fordern. Dieser einzige Zug eures Charakters zeigt, daß ihr gute und christliche Ältern habet, und gibt euch selbst das rühmlichste Zeugniß, daß ihr 10« gute Grundsätze in eurer Seele bewahret.— Ich gestehe freimüthig, daß ich einen solchen Menschen im Sclavenhause nicht einmal vermuthet, geschweige erst gesucht hätte; daher versichere ich euch, daß es mir zum größten Vergnügen gereicht, euch so genau kennen gelernt, und sogar ein Andenken, von eurer Meisterhand verfertigt, zu haben. Immerhin wird mir dieses Bild ein Gegenstand angenehmer Erinnerung an euch seyn, und stets werde ich mit Wohlgefallen Bewunderern dieser feinen Arbeit eure Lebensgeschichte zum Lobe und zur Ehre der göttlichen Vorsehung, wie sie die menschlichen Schicksale oft leitet, enthüllen.« Alle Gäste bestätigten die rechtliche Billigkeit, so der Oberaufseher durch diese Worte äußerte, und lobten ihn hinsichtlich seiner schonenden Mäßigung im Vortrage. »Da also die Sache ganz anderer Gestalt ist, als ich glaubte, so will ich auch mit der Unterzeichnung eurer Entlassung, so wie mit der Bewerbung um einen Reisepaß nicht mehr länger säumen,« sagte jetzt der gefällige Oberaufseher.»Jedoch dürfte es für heute schon zu spät werden, denn der Reisepaß wird vom Stadtmagistrate ausgefertiget und von mir nur unterzeichnet. Da ihr ohnehin erst euren kleineren Vorrath noch veräußern wollet, so hättet ihr auf jeden Fall die Abreise um einen Tag noch verschieben müssen.« »Indessen,« fuhr der Oberaufscher fort,»hat es mit eurer Reise, mein lieber F., noch ein anderes Bewandtniß. Ihr wollet außer Land reisen. Nach den bestehenden Gesetzen wird hiezu die Bewilligung von Seite der Landesregierung erfordert, denn sonst würdet ihr das Reichsge- 107 setz übertreten und als Übertreter euch eine Ahndung der Behörden zuziehen. Ihr müsset daher entweder so lange in Rochefort bleiben, bis auf euer bittliches Ansuchen ein solcher Reisepaß, von der Regierung in Paris unterfertigt, euch zugesendet wird, was ungefähr vierzehn Lage dauern kann, oder ihr könnet selbst nach der, Hauptstadt, wo der Sitz der königlichen Regierung ist, euch verfügen, und dort um die Ausfertigung dessen bittlich anlangen, in welchem Falle ihr hier die Reiseroute nach Paris nehmen müsset. Ich für meine Person wäre für das Letzte.« Sogleich erwachte in der Brust des Joseph F. wieder der längst erstorbene Wunsch zu reisen und fremde Gegenden und Städte zu besuchen. Die Äußerung von Seite des Herrn Oberaufsehers war ihm also sehr angenehm, und wiewohl er wußte, daß der Weg über Paris seine Reisezeit viel mehr in die Länge ziehen und er somit etwa um einen ganzen Monat später seine geliebten Ältern und Geschwister in dem fernen Österreich werde in seine kindlichen Arme schließen können, so hielt dieser seligen Sehnsucht die Vorliebe, Neues und Schönes in der Welt, besonders in der gepriesenen Hauptstadt des französischen Reiches zu sehen, doch das Gleichgewicht, und gewann später sogar das Übergewicht. Joseph faßte also den Entschluß, das nördliche Frankreich zu durchwandern, und seinen Weg über Paris einzuschlagen. 10» Dreizehntes Hanptst»ck. Die Reise.— Aufenthalt in Paris. Nachdem das Mittagsmahl beendigt, und alle Gäste nach dargebrachten Dankesbezeugungen und Glückwünschen, so den Reisenden begleiten sollen, auseinander gegangen waren, eröffnete Joseph dem Herrn Oberaufsehcr seinen bereits gefaßten Entschluß, nämlich daß er den Weg in seine Hcimath über Paris und das nördliche Frankreich gegen die Provinz Elsaß zu nehmen wolle. Der Oberaufsehcr billigte seinen Entschluß. Er bewarb sich um einen Reisepaß für ihn, besorgte die Unterzeichnung vom Stadt-Festungs-Kommandanten und fertigte ihn vollständig aus. Am folgenden Tage verfügte sich Joseph zum Oberaufseher, um ihm nochmal seine Dankbarkeit zu bezeigen, und sich den Reisepaß zu holen- der schon bereitet dalag. Der Oberaufscher übergab ihm die Schrift, und mit ihr folgende Ermahnung, die unserem guten Joseph zur Befestigung und Stärkung in seinen Grundsätzen dienen sollte: »Lieber F.! Die Zeit hat, wie ihr wisset, das Verhältniß, in welchem wir zu einander standen, aufgehoben,— euch meinem überwachenden Auge entzogen und mich daher der Verantwortung für eure Person enthoben. Mein Streben ging, als eure Strafzeit zu Ende lief, dahin, für eure Versorgung bei der königlichen Regierung mich zu verwenden, wodurch ihr bei einer ordentlichen Anstellung/ zu der euch eure Meisterhand in der Graveurkunst befähigte, auch der Gefahr eines allen- 109 falsigen Rückfalles entlediget wäret. Der Posten eurer Zukunft wäre in Paris beim gravischen Institute. Ich bin mir zum Voraus überzeugt, daß ihr diesen euren Platz, der ein recht gutes Einkommen mit sich verbindet, sehr gut und mit Behauptung eures Ansehens imStaats- bildungsdicnste ausfüllen würdet, und dieß um so mehr, als man in Frankreich anfängt, dieser Kunst ihr geraubtes Verdienst wieder zu geben. Seid ihr also gesonnen, meinen gutgemeinten Rath anzunehmen, so will ich euch Empfehlungsbriefe mitgeben, auf die man in Paris gewiß einiges Gewicht legen wird« So schmeichelhaft dieser Antrag von Seite des wahrhaft edel gesinnten Herrn Oberaufsehers war, so mußte ihn Jegeph auch dießmal wieder ausschlagen, weil sein Auge mit zu vieler Sehnsucht nach dem fernen Osten, wo an Böhmens Grenze die väterliche Heimath lag, gerichtet war, und das Herz mit warmer kindlicher Liebe angefüllt, zu sehr nach den geliebten Ältern und Geschwistern im fernen Lande schlug.— Joseph dankte seinem Gönner unter vielen Thränen für alles Gute, und entfernte sich. Wiewohl Joseph seinen Äußerungen zu Folge von dem gemachten Antrage keinen Gebrauch zu machen schien, so gab der Herr Lberaufseher doch nicht alle Hoffnung auf, denn er hatte ein anderes zufälliges Mittel, dessen er sich bei Joseph zur Erreichung seiner edlen Absicht bedienen wollte, ausersonnen. Gerade nämlich, als der Herr Oberaufseher den für Joseph bestimmten Reisepaß unterzeichnete, kam einer der Offiziere, so in der Festung lagen, herein, um sich litt vor seiner Abreise nach Paris zu empfehlen. Der Ober- aufseher war sehr erfreut hierüber, und bot diesem Offizier einen Gesellschafter an.»Es ist dieser der in Roche- sort und in der ganzen Umgegend durch seine Siegelste- chcr- und Graveurkunst bekannt gewordene Joseph F., von besten Arbeiten Sie höchst wahr>cheinlich ichon werden gehört, oder gar etwas zu Gesichte bekommen haben.« Der Offizier, demJosepb erst vor Kurzem eine Madonna verfertiget hatte, war über diesen Antrag sehr erfreut und rechnete es sich zum glücklichen Zufalle, mit einem solchen Gesellschafter seine Reise machen zu können. »Dagegen,« sagte aber jetzt der redliche und für Joseph so väterlich besorgte Oberaufseher,»habe ich aber eine Bitte an Sie, welche darin besteht, baß Sie den Reisegefährten zur Dienstansuchung im gravischen Institute in Paris bereden möchten. Denn mir ist durch ein Schreiben aus der Hauptstadt bekannt geworden, daß dort ein Posten an besagter Anstalt in Erledigung gekommen sei, den ich in der gewissen Voraussetzung, mich in meiner Meinung nicht getäuscht zu sehen, diesem Joseph F., dessen Fleiß und Geschicklichkeit in der Graveurkunst ich kannte, immer zugedacht hatte, und in welcher Absicht ich auch an die Direktion des Institutes schrieb, daß ich ihr bald ein für diese Stelle sehr geeignetes und würdiges Individuum zuschicken wolle. Aber wie erstaunte ich nicht, als ich nach Eröffnung meines Vorhabens von dem guten Manne hörte, daß er nicht länger mehr auf französischem Boden zu verweilen gesonnen sei, und daß ihn kindliche Liebe und schuldige Dankbarkeit nach Hause rufen! Ich hätte freilich ohne sein Vorwissen die Sorge 111 für seine Zukunft nicht so angelegentlich übernehmen sollen; allein da dieß nun einmal geschehen ist, was bleibt mir anders übrig, als ihn durch Darstellungen für mein Interesse und zur Auslösung meines gegebenen Versprechens geneigt zu machen. Daher bitte ich Sie, mich in meiner Sache zu unterstützen, und dem guten Menschen die ssch selbst schuldige Bedachtsamkeit für seine eigene Zukunft näher vor das Auge zu rücken.« Der Offizier versprach dieß mit Hand und Mund, wiederholte seine Empfehlungen und entfernte sich, denn er ließ Joseph aufsuchen, um ihm seine Abreise und zugleich die Stunde derselben zu melden und zu bestimmen. Am folgenden Lage, als kaum der erste Strahl der Morgenröthe erwacht war, brachen die beiden Gefährten, die im Gasthofe zum goldenen Anker übernachtet hatten, auf, und traten ihre Reise an. Die Gesinnungen und Gefühle, so in Joseph's Innerem sich regten, waren denen, die er vor mehr als fünfzehn Jahren, als er die Thürme und den Hafen von Rochefort erblickte, hatte und wahrnahm, gerade entgegengesetzt. Wiewohl er hier hätte bleiben und sein Fortkommen auf eine leichte ihm übrigens angenehme Art finden können, so war ihm doch ein großer Stein vom Herzen gefallen, als er sich außer den Stadtthoren befand, die im Feuer der erwachenden Morgenröthe glühenden Lhurmspitzen allmählich hinter sich verschwinden sah, und sich dem Lhale, das so oft gesehene Gegenstände der traurigsten Erinnerung darbot, im schnellen Fluge entführt fühlte. Tausend fromme Regungen, flüchtig herbe und kurz anhaltend fröhliche Gedanken und Empfindungen aller Art gebar seine Seele und 112 kehrten in sie wieder zurück, so oft er den bläulichen unermeßlichen Wasserspiegel des atlantischen Meeres, an dessen Gestade sich die Straße hinzog, erblickte, oder so oft er eine Flagge aus ferner Ferne dem Gestade zueilen sah, schwebte ihm ein großes Ruder, an deren Hebelstange er durch so viele und die schönsten Jahre seines Lebens seine Kräfte ausgießen mußte, vor die Augen, was ihm allemal durch Mark und Bein ging. Jeder Gegenstand, der mit einem ähnlichen in Nochefort sich befindlichen auch nur schwach seinem Auge sich darstellte, frischte in seiner Seele das Verlorne Bild und das herbe Andenken, so ihm in seiner Gefangenschaft stets gegenwärtig vorschwebte, wieder auf, er vertiefte sich in seine traurige Vergangenheit zurück, bis ihn etwas anders, oder der Gedanke, welcher plötzlich in seine Seele trat, daß er einer besseren Gegenwart sich zu erfreuen habe, davon wieder abzog. Der neben ihm sitzende Offizier erkannte schnell die innere Beschaffenheit seines Gefährten, nahm eine heitere und muntere Seite an, unterhielt Joseph mit verschiedenen Neuigkeiten und würzte ihm mit passenden Erzählungen die Fahrt. Nachdem sie ungefähr den dritten Theil ihres Weges hinter sich hatten, suchte der Offizier seinen Gefährten für das Interesse des Herrn Obcraufsehers der Ga- leeren-Sclaverei in Nochefort zu gewinnen.»Was werden Sie, mein Freund, in Paris machen?« sprach er nebst anderm,»werden Sie Stadt und Umgebung gar nicht ansehen? Da Sie selbst Künstler sind, nicht einen auf Ihr Fach einschlagenden Kunstsaal besuchen? Das gra- 113 vische Institut in Paris hat viele sehcnswerthe Gegenstände, die einem Kenner, wie Sie es sind, doch höchst interessant seyn müssen. Ich bin auch gesonnen hineinzugehen, theils um zu sehen, und theils, weil ich dort einen meiner liebsten Freunde besuchen werde. Wollen Sie sich also an mich anschließen, so wird es mir eine Ehre seyn, einen Kunstverständigen dort aufzuführen und ich bürge Ihnen zum Voraus für das Interessante Ihrer Mühe.« Joseph fand sich dazu gerne bereitet und bat um diese unverdiente Gefälligkeit. Nun glaubte der muntere Offizier, für des Herrn Oberaussehers und mitunter auch seine Sache schon einigen Vorschub gewonnen zu haben. Er sprach viel von dem allgemeinen Ansehen und dem ausgebreiteten Thätigkeitskreise des gravischen Institutes, von den schönen Arbeiten und Kunstwerken, die darin erzeugt werden, von dem darin herrschenden Kunstsinne, von der Ge- schicklichkeit der angestellten Individuen, von ihrem guten Verdienste und von der Vorliebe der Bewohner der Hauptstadt und des ganzen Landes, so man an Fabrikation dieser Art antrifft.-Wenige Wohnungen in Paris und in der ganzen Umgegend wird man antreffen, wo nicht eines oder das andere Kunststück dieser Art die Wände ziert,« sprach er,»daher auch schon öfters im Institute die Klage laut geworden ist, daß man zu wenige Künstler ausfindig machen könne, und man war daher Noth gedrungen, aus England mehrere zu verschreiben, die jetzt im besten Rufe ihrer Geschicklichkeit stehen, und mit ihren Anstellungen die besten Einkünfte verbinden.« Joseph hörte diese Ruhmreden ruhig an, gab wohl 114 einige Äußerungen der Bescheidenheit, so seine Person betraf, von sich, aber überging das vom Offiziere gerne gehörte Moment mit Stillschweigen; denn Joseplsis Auge war mit zu vieler Sehnsucht nach der väterlichen Heimath gerichtet. Der Offizier sing neuerdings seine Belagerung an, rüstete sich mit neuen Borstellungen und Beweggründen, mahlte seinem Gefährten tausend Schönheiten in dieser Absicht vor, und glaubte Joseph eine günstige Äußerung Herauspressen zu müssen. Allein Joseph hörte, verstand die Sprache sehr wohl, konnte aber in sich durchaus keine Neigung erwecken, das Zureden seines Gefährten durch Folgeleistung zu würdigen. Zwischen Furcht, Hoffnung und Bemühung des einen und Festigkeit im gefaßten Entschlüsse des andern vergingen mehrere Tage, und die Beiden näherten sich allmählich der französischen Hauptstadt. Wenn mein Gefährte, dachte der gutmeinende Offizier bei sich selbst, die schönen und prächtigen Arbeiten in Paris zu Gesicht bekommen, und von dem Ansehen und Verdienste der im Institute angestellten Individuen hören wird, so könnte es dennoch geschehen, daß er von seinem wiewohl festen Entschlüsse abgehen, und seinen Willen meinem Rathe, der höchst uneigennützig und parteilos ihm scheinen muß, unterwerfen dürfte. Sollte aber das Alles nicht der Fall werden, so beruhige ich mich mir dem Gedanken, mich des von Seite des Herrn Oberaufsehers mir übergebenen Auftrages entledigt zu haben, und werde mich bei meiner Rückkehr nach Rochefort schon entschuldigen, daß ich an dem Mißlingen unserer Absicht nicht Ursache gewesen sei. 115 Noch an demselben Tage, an welchem der Offizier zum letztenmalc seine ganze Beredsamkeit an Joseph aufgeboten hatte, erblickten sie gegen Abend, als die ersten Schatten der Nacht vom Himmel nieder stiegen, in einiger Entfernung mehrere Landhäuser und im Hintergründe die weite Fläche, in deren Ausdehnung die ungeheure Hauptstadt des französischen Königreiches lag. Voll gespannter Erwartung und Sehnsucht, diese höchst merkwürdige Stadt, welche die große Wiege so vieler zweideutigen Entwicklungen war, zu schauen und zu betreten, und mit dem Geiste an der thatenreichen Vergangenheit und wankenden Gegenwart dieser Stadt und seiner Bewohner schwebend, kam Joseph mit seinem Begleiter bis an die ersten Linien. Sie mietheten sich einen der hundert auf jeden Wink der Passagiere zum Dienste stehenden Schnellwägen, der mit ihnen in möglichster Eile in einen genannten Gasthof flog, den der Offizier von seiner Studienzeit aus wußte, und wo sie übernachteten. Am folgenden Lage machte es sich der Offizier zum angelegentlichsten Geschäfte, seinem Reisegefährten einige öffentliche Plätze, Gebäude, Kunstwerke, besonders aber die berühmte königliche Bildergallerie zu zeigen, wodurch unser Joseph überall nur bewundern und staunen konnte- Nachmittags führte er ihn an den, auf ihrer Reise so ott besprochenen Lieblingsort, nämlich in das gravi- sche Institut. Als man dort hörte, daß Joseph ein deutscher Graveur sei, der in der Absicht, Vollkommenheiten zu sehen, nach Paris gereiset sei, öffnete der Adjunkt alle Schränke und Fächer, zeigte ihnen alle Kunst- 116 werke, so nicht nur in Paris, sondern auch in anderen Distrikten des Königreiches oder gar außer Landes verfertiget und vom Institute angekauft worden waren, wobei denn F. einige Male ohne Verletzung der geziemenden Bescheidenheit die Äußerung von sich gab, daß er gediegenere Beweise dieser Kunst hier zu finden geglaubt hätte. Er erinnerte sich jetzt auch der Worte, so einmal ein Offizier in Rochefort zu ihm sprach, daß der Graveurkunst die verdienstliche Aufmerksamkeit und Würdigung von Seite der Regierung zu spät geworden sei, daß daher diese Kunst in Frankreich auf eben keiner hohen, nichts weniger aber verhältnißmäßig mit anderen neueren Wissenschaften ähnlicher Art fortschreitenden Stufe stehe, und daß somit Individuen, die es in der Graveurkunst auch nur zu einiger Vollkommenheit gebracht hätten, zu einer glänzenden Rolle gelangen könnten. Joseph konnte sich ohne Eigenliebe und eingenommenem Wesen von sich und seiner Kunst, das Zeugniß der Wahrheit geben, daß er wirklich im Stande wäre, alle gezeigten Kunststücke eben so, wenn nicht noch feiner, netter und schöner zu verfertigen. Der Adjunkt, aus dem Munde des deutschen und namentlich des österreichischen Kenners viele Bewunderungen und Lobeserhebungen erwartend, wurde bei dem kalten und gleichgültigen Benehmen Josephs und des Offiziers, dessen Aussprüche wohl wenig Gewicht haben konnten, da einem Nichtken- ner oft das Alltägliche als Kunstsache, und das Künstliche oft als gemein erscheint, etwas ungehalten, und fragte Joseph, nach welcher Schule und Symbolik er sich halte? Joseph, der in Warschau besonders der römischen 117 vielen Geschmack abgewonnen hatte, und wovon er auch einige Fabrikate in dem Fache, bei welchem er eben stand, gesehen hatte, nahm eines der schönsten Stücke, so eine Villa auf Silber vorstellte, heraus, reichte es dem Adjunkt hin und sagte:»Nach dieser.« Diese Schule, war hierauf die Antwort, ist gegenwärtig bei uns die gesuchteste, und das Institut hat auch einen Graveur aus Italien, der auf mehrere Jahre hier Dienste genommen hat, und den man einmal ungerne verlieren und mit Bedauern vermissen wird, wiewohl die königliche Regierung keine Kosten schont, um stets Individuen ausländischer Schulen beschäftigt zu halten, weß- wegen auch so viele Kunststücke vom Institute aufgekauft werden. Der Offizier, in der Meinung, daß jetzt die günstigste Zeit und Gelegenheit erschienen wäre, erhob seine Sprache, sing über das große Einkommen der beim Institute angestellten Individuen sich auszubreiten an, und glaubte, den deutschen Künstler für die Anstalt seines Vaterlandes gewinnen zu müssen. Nicht weniger drang der Adjunkt, als er die Sprache des Offiziers hörte, in ihn, um einen eben erledigten Posten anzusuchen, dessen Verleihung ihm sicher zu Theil werden würde— aber alles Zureden half nichts; ja beide konnten es bei Joseph kaum und nur mit vieler Mühe so weit bringen, daß er sich mit ihnen zum Direktor des Institutes verfügte, und ihm ein Bild auf einer Kupferplatte, den Hafen und einige Festungsthürme von Rochefort vorstellend, so er verfertiget hatte, vorzeigte. Als der Direktor dieses Meisterstück der Graveurkunst und die römische Schule 116 darin herrschend erblickte, bewunderte er die außerordentliche Feinheit, Schattirung, das richtige Verhältniß der Liefe, die Ausnehmbarkeit, kurz er staunte das ganze Fabrikat mit solchem Wohlgefallen an, daß er die Kunsthand Josephs mit allem Beifalle und Lobeserhebungen überhäufte. Der für die Ausbreitung des Wirkungskreises seines Institutes stets besorgte Vorsteher ließ sich hierauf mit Joseph in ein kurzes Gespräch, welches die Graveurkunst zum Gegenstand hatte, ein, und nachdem er sicher ward, daß das verfertigte Bild wirklich von Josephs Hand sei, trug er ihm die erledigte Stelle an, deren Bcsetzungsrecht zwar der Regierung vorbehalten sei, die sich aber stets nach dem Vorschlage der Direktion halte, daher ich Sie, sprach er mit Nachdruck, versichern kann, daß Sie binnen einigen Tagen die Anstellung mit tausend Franken nebst dem Vor- rückungsrechte in höhere Gehaltsstufen, deren letzte auf mehr als dreitausend Franken hinausläuft, in die Hände bekommen werden. Welcher Staat spricht sich so eilfertig und ohne Vorbehalt gegen einen fremden Unterthan aus, oder welches Land biethet sogleich tausend Livres in der ersten Gehaltsstufe an? Joseph erkannte wohl das Vortheilhafte, so ihm diese Anstellung brächte, aber sckon regten sich auch wieder die kindlichen Gefühle, mit welchen er an seinem Vaterlande und an seiner Heimath hing. Der Gedanke, auch nur auf einige Jahre nach Art mehrerer hier angestellter ausländischer Individuen, die Anstellung anzunehmen, war ihm schon schmerzlich und beleidigte das 119 liebevolle Herz, das nur für die schon so lange nicht gesehenen Ältern und Geschwister schlug. Der eifrige Direktor, ein Muster für Alle, die gelehrten Vereinen oder Kunstanstalten vorstehen, als er merkte, daß der Künstler schwer zur Annahme der Stelle zu bewegen seyn dürfte, bot seine ganze Beredsamkeit, in der die französische Zunge ein großes Bereich hat, auf, brachte die triftigsten Gründe für seinen Antrag vor, zog alle für ihn vortheilhaften Statuten des Institutes an, sprach im Falle der gewordenen Unfähigkeit zum Dienste, von der Versorgungssicherheit mit dem ganzen Gehalte, und von allem Möglichen, was den Graveur zur Ansu- chung um die benannte Stelle hätte geneigt machen können; aber je mehr der Vorsteher sprach, je heftiger er in ihn drang, desto mehr weigerte sich Joseph, diesem Antrage zu willfahren, nahm aber doch die ihn gebothene Bedenkzeit bis auf den folgenden Lag an,»wo ich sodann, sprach der Direktor, Ihre Äußerung erwarte und hoffe, daß sie nicht gegen meinen Willen und Wunsch ausfallen werde.« Als sich nun die Beiden entfernt hatten, fragte der Offizier seinen Reisegefährten, ob er sich für oder gegen den ihm gemachten Antrag entschließen werde, damit ich, setzte er hinzu, bei meiner Rückkehr dem Herrn Oberaufseher in Rochefort die Nachricht bringen könne. Wenn ich im Stande wäre, fuhr der Offizier fort, den Ihnen angetragenen Posten auszufüllen, wahrlich, ich wäre schon entschlossen. Binnen etlichen Lagen müßte ich beim gravsicher.Jnstitute angestellt seyn, und ich würde es an mir gewiß nicht fehlen lassen, das Ansehen und den G 120 Thätigkeitskreis der Anstalt zu erweitern. Das sollten auch Sie thun, denn Sie hätten hierzu Ursache genug; oder werden Sie die Wohlthaten, so Ihnen der edelgesinnte Herr Oberaufseher, als Sie in ihrer elenden Lage in Nochefort schmachteten, so häufig erwiesen hat, jetzt dadurch, daß Sie sein Ansehen in Etwas, wo er-aus Liebe für Sie zu vorschnell handelte, bloßstellcn, mit Undank lohnen? Wollen Sie den guten Mann, der zu helfen bereit ist, wo er nur immer Möglichkeit und Gelegenheit findet, auf's Äußerste kränken? Wollen Sie in seinem edlen Herzen seine Wohlthätigkeitssucht gegen die armen Unglücklichen, in deren Mitte Sie einst waren, für die Zukunft vereiteln? Der redliche Menschenfreund hat mich bei meiner Abreise von Rochefort mit Wärme angegangen, Ihnen überfeine Absicht und Ihre einstige Zukunft, für welche er aus Liebe zu Ihnen so besorgt war, Vorstellungen zu machen. Das habe ich, wie Sie wissen, während unserer Reise oft und oft gethan, wodurch ich mich gewiß meines übernommenen Auftrages hinlänglich entlediget habe. Was werden Sie thun, werden Sie durch Ihre Weigerung auch mir den Verdacht, meines Befehles verrätherisch geworden zu seyn, zuziehen? Ist es nicht verkehrte Maxime, einen angebothenen Staatsdienst, um den oft die fähigsten Individuen vergeblich ansuchen, auszuschlagen, den Dienst jenes Staates, der Sie durch so viele Jahre verpflegte, und dessen Obsorge und Obdach Sie genossen haben?— Ich glaube nicht ein so verhärtetes Herz, das einem so schreienden Undanke zur Wohnung diente, in Ihnen anzutreffen, und versehe mich, wenn Sie auch 121 nur halbwegs ihrer Zukunft bedacht sind, einer Äußerung für das gemachte Anerbiethen, die das Bessere hoffen läßt. Diese Worte, so der Offizier mit einer gewiß Unwillen ausdrückenden Hastigkcit ausgesprochen hatte, gingen Joseph sehr zu Herzen und waren längere Zeit der Gegenstand seines Nachdenkens. Er erkannte jetzt, wie sehr man es mit ihm gut meinte, er sah das Bestreben, besonders von Seite, seines einstigen Vorgesetzten in Rochefort, seine Lage für die Zukunft fest zu begründen, er erfuhr die Bemühungen von Seite des Offiziers, des Direktors und Adjunkten am gravischen Institute aber die Sehnsucht nach seinem Vaterlande, die Pflicht der kindlichen Liebe, seine bereits alt und schwächer gewordenen Ältern und etwa gar unversorgten Geschwister zu unterstützen, klangen immer mächtiger und mächtiger in seiner Seele, brachten die Stimme der Selbst- sorge für seine Zukunft allemal wieder zum Schweigen, und gewannen allen Vorstellungen und Zureden das Übergewicht ab, so daß sich Joseph wider alles Vermuthen gegen die Wünsche seiner Gönner und Wohlthäter aussprach. Damit aber dem Offizier von Seitt des Herrn Oberaufsehers in Rochefort kein Verdacht, seines übernommenen Auftrages untreu geworden zu seyn, treffen werde, so will ich, sprach Joseph, dem gnädigen Herrn überaus,eher von Paris aus einen Bries schreiben, in welchem ich ihm die Gründe, welche mich für das Gegentheil seines Wunsches und Bemühens bestimmen, darlegen werde. Der Bries war folgenden Inhalts: 6 122 »Euer Gnaden!« »Ich nehme mir die Freiheit und Ehre, Euer Gnaden zu berichten, daß ich unter vielen Regungen meines Innern von Rochefort, wo ich, um dem Gesetze genug zu thun, meine schönsten Jahre zugebracht habe, abgereiset und wohlbehalten in Frankreichs Hauptstadt angekommen bin. Der Herr Offizier sprach eben so wie Euer Gnaden in der letzten Zeit vor meiner Abfahrt; er suchte mich auf alle mögliche Weise zur Annahme einer eben am gravischen Institute erledigten Stelle, womit ein Gehalt von tausend Livres verbunden ist, zu bewegen, und als er seine Bill auf dem Wege eines gütlichen Zuredens nicht durchgehen sah, wurde er bitter, aber ohne Vorwürfe.« »Die Ursache, warum ich seinem heftigen Zureden nicht willfahren kann, liegt in der heiligen Pflicht, die gute und wohlerzogene Kinder an ihre Ältern, besonders wenn sie an Jahren schon vorgerückt sind, fesselt. Ich kann demnach, wie sehr es mir wehe thut, Menschen nicht gehorchen, wo eine höhere Stimme, die Stimme Gottes, an mich ergeht, die mir gebiethet, meinen Ältern und Geschwistern die möglichste Unterstützung angedeihen zu lassen.— Ich wiederhole nochmal meinen verbindlichsten Dank für alle mir erwiesenen Wohlthaten, werde Ihrer hohen Person stets in meinem Gebethe eingedenk seyn, und werde nie aufhören, den Vater der Erbarmung um Dero langes Leben und Wirken zu bitten, damit sich die Unglücklichen, zu denen auch ich gehörte, noch lange eines so edlen und auf wahrhaft innere Besserung bedachten Oberen erfreuen mögen, wozu Gott auch seinen Segen geben wird.« 123 Der Offizier, welcher Mitwisser des Inhaltes dieses Briefes war, freute sich über den edelgesinnten Mann, und da er nicht mehr länger Zeit hatte, bei ihm zu verweilen, nahm er Abschied, wobei der gute Joseph heiße Thränen des wärmsten Dankes vergoß. Joseph, ein-großer Liebhaber aller Kunstwerke, beschloß noch einige Lage in Paris sich aufzuhalten, um noch Mehreres sehen zu können. Er ging daher den ganzen Tag fleißig herum, besah mehrere öffentliche Anstalten und Gebäude, die herrlichen Kirchen, Pallästc und Plätze, und da er auch etwas von der belebten Umgebung gewinnen wollte, fuhr er einige Male außer die Stadt. Alles gefiel ihm sehr wohl, aber wohnen in Paris, dachte er bei sich selbst, möchte ich doch nicht, denn dieses scheint mir etwas gefährlich, weil zu viele Menschen auf einem zu kleinen Platz beisammen wohnen, und da es an allen Künstlern und Handwerkern hier Überfluß gibt, müßte nothwendiger Weise Brotneid entstehen, welcher für die arbeitende Klasse immer die fürchterlich reichhaltige Quelle so vieler Sünden und Laster wird, deren Folgen oft sehr traurig sind. Indessen wäre der Reisende doch noch länger in dieser Hauptstadt geblieben, wenn ihm nicht die zu erhöhten Preise der Lebensmittel die Abreise räthlich gemacht hätten. Er hatte sich zwar in Rochesort vierhundert Louisd'or erspart, und auf seiner Reise nach Paris wenig ausgegeben, aber desto stärker wurden die Ausgaben in der Hauptstadt. Er entschloß sich also über Straßburg, der Hauptstadt im Elsaßischen nahe am Rhein, nach Österreich zu reisen. In dieser Absicht suchte er das Reise- 124 wägen-Comptoir auf und hielt Anfrage, ob nicht binnen zwei oder höchstens drei Lagen eine Gelegenheit über Straßburg in die jenseitigen Rheinprovinzen abgehe. Die abschlägige Antwort setzte ihn in einige Verlegenheit, denn, sollte ich, sprach er, da ich des Gehens ungewohnt bin, die ganze weite Reise zu Fuß machen, so würde ich sicher unterliegen, und erst nach langer Zeit mein geliebtes Vaterland und meine Heimath erreichen. Was ist zu thun?'Er fragte hin, fragte her, und konnte nichts ausfindig machen. Am Ende, dachte er, wird mir doch nichts anders erübrigen, als im Namen Gottes zu Fuß fortzuwandern. Nachdem er seinen Reisepaß, um welchen er gleich am andern Tage nach seiner Ankunft bei der Regierung angesuchet hatte, abgeholet, und einige Kleinigkeiten, die für seine Altern und Geschwister als Andenken aus Paris bestimmt waren, in Bereitschaft gebracht hatte, bethete er um den Segen des Himmels und trat seine Reise an. Vierzehntes Hauptstück. Die Abreise. Nutzen der Sparsamkeit. Die guten und christlichen Grundsätze, welche eine rechte Erziehung dem Joseph schon von seiner früheren Jugend eigen machen ließ, und denen er sowohl zu der Zeit, als er in Ungarn, Polen und Nochefort war, als auch bis auf die jetzige Stunde treu geblieben war, kamen ihm besonders jetzt auf seiner Reise gut zu Statten. Wie übel, dachte er sich oft, würde es mir wohl auf dem Wege er- 125 gehen! Was würde ich thun, wenn ich keine Kleidung, keine Fußbedeckung oder nicht so viel hatte, um leben und zehren zu können? Wie würde ich mich schämen, wenn ich jetzt meine frühere Verschwendung dadurch büßen müßte, daß ich anderen Menschen zur Last fallen, oder gar von Thür zu Thür wandern, und auf diese so traurige Art die Menschenfreundlichkeit in Anspruch nehmen müßte! Wie könnte ich es wohl über mein Herz bringen, arbeitsame und der Lugend der Sparsamkeit beflissene Menschen zu überlaufen, und jene Gaben zu genießen, die ihre milden Hände einem Trägen oder gar einem Verschwender darreichten? Ich erkenne jetzt die Wahrheit, welche in der heiligen Schrift aufbewahret ist:»Zur Zeit, wo ihr Überfluß habet, denket an die Zeit der Noth, an Armuth und an Dürftigkeit; denn zwischen Morgen und Abend kann sich die Zeit ändern.« Jetzt fühle ich die Wohlthat, daß ich frühe zur Arbeitsamkeit gewöhnt, und zum Lernen angehalten wurde, jetzt verstehe ich den von meinem Vater so oft wiederholten Spruch:»Lern en ist allemal Gewinn.« O wie vielen und großen Dank bin ich meinen Ältern nicht dafür schuldig, daß sie mich frühzeitig zum Lernen anhielten, und mir die gute Kunst der Sparsamkeit einflößten. Ich wäre ohne der Graveurkunst zu Rochefort unbemerkt geblieben, hätte gleich meinen unglücklichen Mit- kameraden an Kette und Banden darben müssen, wäre von den schweren Arbeiten nicht verschont gewesen, und hätte ohne Zweifel als ein eben so trauriges Opfer der Strapatzen an Kraftlosigkeit unter die Sterbenden da- hinsinken müssen. Durch meine Arbeiten war ich in den 126 Stand gesetzt, mir so viel Geld zu verdienen, daß die Summe auf vierhundert ganze Louisd'or anwuchs, was mir jetzt auf der Reise so trefflich zu Statten kommt/ und wovon ich noch einiges meinen etwa darbenden Ältern nach Hause werde bringen können. In diese und noch andere ähnliche Gedanken vertieft wanderte Joseph aus der Stadt und durch mehrere Gassen der Vorstädte dem fernen Watcrlande zu..Als er noch kaum eine französische Meile von Paris entfernt war, und hinter ihm ein Hügel die vielen Thürme und Palläste der geräuschvollen Stadt ihm entzogen hatte, und Joseph gerade an die Mühseligkeiten und an das Langweilige, so er auf seiner Reise noch werde auszustehen haben, dachte, begegnete ihm ein Pferdehändler, welcher viele Pferde und Maulesel nach einer Vorstadt der französischen Hauptstadt bringen wollte. Mit diesem fing Joseph um ein Thier letzterer Gattung zu handeln an. Sie wurden auch wirklich einig, und Joseph sah sich somit seine Reise bedeutend erleichtert. In dem nächsten Flecken schaffte er sich einen Sattel nebst Steigbügel an, und setzte jetzt seine Reise schneller als vorher fort. Wie oft geschah es nicht, daß dem auf seinem Maulthiere reisenden Joseph ein armer schon abgematteter Wanderer, der in zerrissenen Kleidern daher ging, entgegen kam, und ihn um Almosen ansprach. Bei solchen Ereignissen entstand allemal in seinem Innern eine gewisse Zufriedenheit mit sich selbst, er dankte dem Geber alles Guten für seine jetzigen Umstände, theilte den Armen gerne etwas Weniges mit, nach dem Auftrage unsers Heilandes und dem des alten Tobias, der zu sei- 127 nem Sohne sprach:»Hast du viel, so gib auch viel, hast du aber wenig, so gib auch von dem Wenigen gerne, was du hast, denn einen freudigen Geber liebt Gott.« Wenn er mehrere Stunden auf seinem Reisethiere zurückgelegt hatte, und wieder ausgerastet war, so ließ er öfters einem andern Reisenden dasselbe über, denn er erkannte die Wohlthat, wie sehr es einem müden Wanderer zu Guten komme, wenn er eine Strecke Weges, ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen, zurücklegen könne. So läßt sich denn immer und überall Gutes thun, dachte er oft, überall das Geboth der Liebe zu Gott und dem Nächsten ausüben, was ich alles nicht im Stande wäre, wenn ich mein erworbenes Geld nicht zusammengelegt hätte. Wahrlich schon jetzt sehe ich den Nutzen der Sparsamkeit ein. Härte ich in Rochefort»»nöthige Ausgaben gemacht, und mein Erworbenes muthwillig oder leichtsinnig vergeudet, so müßte ich jetzt einsam und verlassen, unter der Last des Hungers und dem Mangel eines stärkenden Trankes von Ort zu Ort wandern, und auf dem ganzen Wege meinen Mitmenschen lästig werden; ich hätte keine ordentliche Liegerstatt, kein warmes Bett, sondern müßte höchst wahrscheinlich in Scheunen übernachten, Kälte ausstehen, und würde dadurch etwa gar krank werden. Aber wie glücklich bin ich jetzt!— Und dieses Alles hat mir meine Sparsamkeit eingebracht. Ich kann jetzt bequemer als sonst reisen, erreiche schneller das Land meiner heißen Sehnsucht, meine väterliche Heimath, mir stehen stärkende Nahrungsmittel zu Gebothe, ich bin nicht so leicht der Gefahr ausgesetzt, meine Gesundheit einzubüßen, kurz meine Sparsamkeit 12« gewährt mir so viele Vortheile, die der Verschwender gar nicht kennt, und deren Nutzen er nie gewahren kann. Wie sehr ist daher diese Tugend nicht allen Menschen, besonders aber jüngeren Leuten zu empfehlen! Wahrlich, ich möchte diese Wahrheit sammt ihren wohlthätigen Folgen allen Ältern täglich auf die Zunge legen, damit sie dieselbe auch eben so oft ihren Kindern und Hausleuten predigen konnten. Bedeutend weniger Übel, weniger Sünden und Vergehungen gegen göttliche und menschliche Gesetze würden wir antreffen, wenn man auf die Tugend der Sparsamkeit mehr Bedacht genommen hätte! Wie viele und heiße Thränen der Noth und des Mangels würden nicht erspart werden, wenn man sparsamer gewesen wäre! Viele Seufzer und Klagen über Elend und Armuth würden nicht gehört werden, wenn man sich dieser Tugend mehr beflissen hätte! So mancher schwache und abgelebte Greis würde nicht milde Hände suchen, so mancher alte Mensch nicht darben dürfen, wenn er das Scinige nicht oft unbesonnener und sündhafter Weise vergeudet hätte! Wie viele Familien schmachten in Mangel! Wie viele sonst Bemittelte leiden Noth! Wie viele haben das Ihrige verprasset! Sie seufzen jetzt nach Nahrung, Kleidung und allen übrigen Bedürfnissen. Und was ist hiervon die Ursache? Weil sie nicht sparsam waren. Manche haben sich unnö- thigen Aufwand erlaubt, sie dachten auf andere Zeiten nicht, ein geringes Unglück traf sie, nahm ihnen das Ihrige hinweg, und jetzt sind sie dem Bettelstäbe nahe. Was war hiervon die Ursache? Nichts anders als Mangel an Sparsamkeit. Wie mancher Mensch hat zur Zeit 129 der höchsten Noth, in die er bei Ausübung der Sparsamkeit gewiß nicht gekommen wäre, gar zu unerlaubten Mitteln, sich zu helfen, und seine Lage zu erleichtern, Zuflucht genommen! Wie viel Übel, Ärgerniß und Sünde ist dadurch nicht zur Kenntniß der Menschen gekommen! Wie viele haben nicht aus Mangel an Sparsamkeit schwelgerisch gelebt, ihr Vermögen vergeudet, wodurch sie ihre Gesundheit untergraben, ihre Pflichten bei Seite gesetzt, nach und n,ach arbeitsscheu, und endlich sich selbst und andern Menschen zur Last geworden sind! Ja wie viele sind nicht, da sie der Sparsamkeit nicht gedachten, auf ibrem Sündenwege schon die traurigsten Opfer eines frühzeitigen Todes geworden, haben ihre Angehörigen mit Schmach und> Schande überdecket, und ihre unsterblichen Seelen etwa gar in das ewige Verderben gestürzt! Wahrlich, so groß und segensvoll die Sparsamkeit ist, so groß und traurig ist der Abgang derselben in seinen Folgen. Dessen erwähnte der göttliche Heiland in der Erzählung vom Verlornen Sohne, der sich dadurch, daß er der, im väterlichen Hause eingeführten Sparsamkeit Hohn sprechend, sein Vermögen in kurzer Zeit vergeudete, sich in solche Noth und in solchen Mangel stürzte, daß er am Ende sich bei einem Hirten verdingen, und um nicht Hungers zu sterben, sogar mit den Schweinen das Futter zu theilen gezwungen ward; und er wäre auch sicher auf die erbärmlichste Weise zu Grunde gegangen, wenn sich nicht der Vater seiner wieder erbarmet, und ihn, den Unglücklichen/ in seine Arme geschlossen hätte. Darum bleibt die Wahrheit unumstößlich:»Wer 130 in der Jugend sparet, wird im Alter auch nicht darben dürfen.« So dachte Joseph bei sich selbst, und legre unter solchen Gedanken oft ganze Strecken Weges zurück, dankte dem himmlischen Vater für alles Gute— und war sehr zufrieden, ruhig und heiter, besonders wenn er an seine überstandencn Leiden dachte, und der Gedanke, nach einiger Zeit seine Altern und Geschwister zu sehen, lebhafter in ihm erwachte. Eines Tages, es war schon nahe bei Straßburg, führte ihn die Straße durch einen Wald, dessen dunkelgrüne Tannen und Fichten Joseph schon von weiter Ferne her erblickte. Mitten im Walde breitete sich auf beiden Seiten der Straße eine schöne große Wiese aus, welche eine Heerde lustig herumspringender Schafe und Lämmer grasend durchschwa'rmte. Dem Reisenden gefiel dieser Anblick; doch dachte er, sehe ich keinen Hirten. Als er näher kam, erblickte er eine kleine Kapelle, von sechs hohen Kastanienbäumen umschattet, auf dessen Vorderseite ein altes, aber von durchbrochener Arbeit etwas über die Höhe des Daches hinausragendes Thürm- chcn stand. Die Fenster waren von rothem, gelbem, blauem und grünem Glase, in lauter regelmäßige sechseckichte Schcibchen in Blei gefaßt, in welchen die eben untergehende Sonne mit ihren Purpurstrahlen herrlich spielte, so daß es dem Joseph schien, als ob das ganze ehrwürdige Kirchlein in Feuer stände. Unter den Kastanienbäumen waren mehrere Sitze aus Birkenstäben zierlich geflochten angebracht, und unter einem der Bäume stand auch ein Lisch von Brettern. 131 Das Ganze gefiel Joseph sehr wohl; er entschloß sich sein Lastthier hier ein wenig an einen Baum zu binden, und das Kirchlein näher anzusehen. Das that er auch. Als er über die abgenützte Schwelle eingetreten war, fand er den Hirten, den er sogleich an Hut und Kleidung erkannte, in einem Stuhle auf den Knien bethend. Joseph kniete sich auf die andere Seite, und bethete auch. Nachdem er nun eine Weile sich hier aufgehalten hatte, und der Hirt sein Gebeth vollendet, nach seinem Hute greifend zum Fortgehen sich angeschickt hatte, stand Joseph auf, und bat den Hirten, ihm von dieser Kapelle Mehreres zu sagen, oder zu zeigen. Der Hirt verstand sich gerne dazu. »Was den Ursprung der Kapelle betrifft, sprach er, so verdankt sie ihr Dasein einem reichen Manne, der mehrere Güter besaß. In seinen späteren Jahren bekam er eine Anstellung in Paris, wohin er sich denn auch sammt seiner Gemahlin, einer sehr frommen und gottes- fürchtigen Frau, die besonders den Armen dieser Gegend viel Gutes that, zog. Dort lebte er mehrere Jahre. Auf einmal verlautete überall das Gerücht, der Herr dieser Gegend werde seine Herrschaftsgüter alle verkaufen müssen, denn seine Schwelgerei und sein Aufwand, in welche er in Paris verfallen war, haben ihn so sehr in Schulden gebracht, daß diese Güter kaum hinreichen dürften, seine Schulden zu tilgen. Wirklich kam denn auch seine Gattin von der Hauptstadt zurück, und lebte ganz einsam hier auf dem Schlosse, dessen Thurmspitzen dort über den Wald herüberblickcn. Man sagt, sie habe das Gelübde gemacht, hier auf diesem Platze eine kleine 132 Kapelle zu erbauen, wenn Gott ihrem verblendeten und in Schwelgerei versunkenen Gemahle die Augen offnen, und ihn zur vorigen Häuslichkeit wieder zurückführen würde. Darum bat diese Frau den barmherzigen Gott oft inständig, kam öfters hieher an diesen Platz, an welchem vorher nur ein rothes Kreuz stand, worauf der gekreuzigte Heiland sich befand, und wollte hier die Angelegenheiten ihres Herzens, so sie dem Herrn in stillen Gebethen und Seufzern schon so oft vorgetragen hatte, erneuern. Hier vor dem Bilde des Gekreuzigten, sprach er, sah ich, wenn ich als Kind die Hecrden manchmal Hertrieb, öfters die fromme Frau auf ihren Knien, während ihr Söhnchen in der Wiese umhersprang, Blumen pflückte oder Papillonen jagte;— dieser Platz war der guten Frau sehr heimathlich, sie achtete nicht aus die Unruhe, nicht auf die Vorüberziehenden, sondern in Andacht vertieft, ruhten ihre Augen auf den Gekreuzigten geheftet, während ihre Seele mit Gott sprach. So lebte und that die fromme Frau lange fort.« »Auf einmal erschien auch ihr Gemahl, der gnädige Herr. In kurzer Zeit verlautete das Gerücht, daß die Frau durch beständiges Schreiben, durch Vorstellungen, Zureden und Bitten es dahin gebracht habe, daß ihr Herr dem Andringen nicht mehr widerstehen konnte, sondern sich in ihren Willen gab. Inzwischen soll auch die ganze Sache zu höheren Ohren gelangt seyn, und man überhob den Herrn seines Dienstes in der Hauptstadt, und es wurde ihm der Wunsch von Seite des Höheren bekannt gegeben, daß er sich auf seinen gewöhnlichen Wohnort wieder zurückziehen solle. Durch das 133 Gebeth der gnädigen Frau, so sie täglich und unaufhörlich zum Himmel emporschickte, durch ihr Bemühen und durch die Mitwirkung einiger Großen in Paris, so auf ihn Einfluß hatten, wurden dem gnädigen Herrn die Augen geöffnet, sein Herz erweicht und er von seiner Verschwendung zurückgeholt.— Indessen war aber das verlautete Gerücht hinsichtlich der zerrütteten Vermögensumstände des Herrschaftsbesitzers sehr übertrieben, und nur so viel wahr, daß gerade die höchste Zeit für ihn zurückzukehren war, wenn er nicht in Schulden hätte gerathen wollen, bei welcher Bemerkung die Frau, der ohnehin die Lust in der Stadt nicht recht gut thun wollte, das hiesige Schloß der großen Hauptstadt vorzog.« »Als nun die gnädige Frau ihr Gebeth erhöret sah, erinnerte sie sich auch ihres gemachten Gelübdes und offenbarte ihrem Gemahl das Versprechen, der es auch billigte. Sogleich wurde Hand an's Werk gelegt, und in kurzer Zeit sah man unter den Händen derer, die zur Erfüllung und Auslösung des Gelübdes herbeigerufen wurden, die Kapelle, wie sie jetzt ist, entstehen, und zur gegenwärtigen Höhe sich gestalten. Der Gutsherr schonte auch hierbei wirklich keine Kosten, denn er sagte öfters:»Dem höchsten Herrn des Himmels und der Erde gebührt der schönste Wohnort.« Sowohl das hohe Ehepaar als alle Unterthanen der Herrschaft freuten sich über dieses Unternehmen und Alle gedachten hier dieser Stifter in ihren frommen Gebethen.« »Als nun das ganze Kirchlein dastand, wußte man nicht, was für ein Altarbild darin sollte angebracht wer- 134 den. Man suchte lange, machte verschiedene Begebenheiten aus der heiligen Schrift des neuen Bundes, die man für passend hielt, ausfindig, aber verwarf sie wieder nach einiger Zeit.»Am liebsten,« sprach nun einmal der gnädige Herr,»wäre mir ein Bild, das gewisser Maßen auch die Geschichte des Ursprunges der Kapelle symbolisch enthielte.« Da machte man nun den Vorschlag, etwas aus der Lebensgeschichte Jesu, und zwar:»Die wunderbare Brotvermehrung des göttlichen Heilandes, als er einmal fünftausend Mann speiste,« in einem Bilde vorzustellen, in welcher Vorstellung aber besonders das Wort Jesu:»Sammelt die übriggebliebenen Stücklein in Körbe, damit sie nicht zu Grunde gehen,« herausgehoben und im Bilde ausgedrückt werden sollten. Denn, sprach der benachbarte Herr Pfarrer, ein ehrwürdiger Greis, diese Begebenheit stellet uns an Jesu dem Wunderwirker ein schönes Beispiel der Sparsamkeit vor. Warum anders läßt Jesus, nachdem er die Schaaren des Volkes, so ihm nachzogen, um seine Lehre zu hören, bis zur Sättigung gespeiset hatte, das Übriggebliebene zusammensammeln, als uns die Tugend der Sparsamkeit zu lehren? Ihm wohnte ja dieselbe Gottesmacht für alle Zukunft bei; wäre er später wieder in Umstände gerathen, daß er das hungernde Volk hätte speisen wollen, so hätte er ja ausgleiche Weise das Wort der Allmacht sprechen, und das ihm eben so leichte Wunder wieder erneuen können. Die Sparsamkeit also wollte der neue Lehrer in der lebendigen Kraft Gottes uns einprägen, und uns den wahren Gebrauch der zeitlichen Güter lehren, der darin besteht, daß wir 135 unser Vermögen nur zur Anschaffung nothwendiger und nützlicher Dinge für uns und unsere Nebenmenschcn verwenden, daß wir erlaubte Unterhaltungen, aber mit Maaß und Ziel und gehöriger Rücksicht unsers Vermögens, genießen, und daß wir endlich das, was wir entbehren können, für die Lage der Noth und des Mangels für uns und unsere Angehörigen oder andere Mitmenschen zu erübrigen suchen. Darum ermähnet uns die Weisheit:»Zur Zeit des Überflußes denke an die Zeit der Noth, und beim Reichthume an Armuth und Dürftigkeit. Zwischen Morgen und Abend kann sich die Zeit ändern.« »Vorschlag und Rede von Seite des wohlchrwürdi- gen Herrn Pfarrers gefielen dem gnädigen Herrn und der Frau Gemahlin, die für die Bekehrung ihres Gatten dem Allmächtigen nicht genug danken konnte, sehr wohl, und der Herr Gutsbesitzer machte sogleich Anstalt, daß ein Mahler aus der Stadt Straßburg herbeigerufen wurde. Da man ihm keinen Plan schriftlich vorlegen konnte, so wurde ihm die biblische Begebenheit bekannt gegeben, mit der besonderen Angabe, die Tugend der Sparsamkeit recht herauszuheben. Der Mahler zeichnete zuerst auf eine feine Marmorplatte mit Bleistift die Begebenheit nur in ihren Hauptzügen, legte dieß dem gnädigen Herrn vor, und bat um seine Äußerung. Der Entwurf gefiel sehr wohl. Er ging also an's Werk. Das Bild wurde nach damals in Frankreich herrschender Sitte auf Holz gemahlt, wie denn auch ersichtlich ist.« Der Hirt führte den Reisenden in die Kapelle zurück, zeigte ihm das Altarbild und sprach:»Das Bild 136 drückt wirklich das Ganze so genau und schön aus, daß nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Dort, seinen Stab hebend: sitzen die Scharen des hungernden Volkes am grasigen Boden; hier steht Jesus, übersieht mit göttlichen Augen und wehmüthigem Herzen die wogende Menschenmenge, ein goldgelber Strahlenkranz umgibt sein erhabenes Haupt; er hebt in der Erinnerung an die Beschwerlichkeit des Weges seine mit Allmacht gefüllte Hand, dankt seinem himmlischen Vater, segnet die wenigen Brote und Fische und befiehlt vorzulegen. Tausende und mehr als abermals Tausende essen das Brot der Allmacht, nehmen die Speise des Leibes, nachdem sie vorher die Seelenspeise erhalten hatten. Sie aßen Alle und wurden satt.— Auf dieser Seite stehen die Jünger des Herrn, Körbe neben ihnen, und unterhalb die Worte:»Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht verderben.« Auf des Meisters Geheiß eilen die Schüler, sammeln zusammen, und füllen zwölf Korbe, wie hier vorgestellet ist, so daß nach geschehener Sättigung mehr übrig geblieben als vor derselben da gewesen war. Es ist wirklich die Tugend der Sparsamkeit in den Mienen der sammelnden Jünger, und besonders der beiden Kinder, die die Arbeit der Schüler des Herrn sehend, zur Nachahmung angeregt, auch in jeder Hand ein übrig gebliebenes Stücklein halten und zu den Körben geschäftig hineilen, auf das Trefflichste ausgedrückt. Neben Jesu dem Wunderthäter steht ebenfalls ein Kind, dessen Ältern etwa unfern standen, und hebt mit den beiden weißen Händchen ein etwas größeres Stück eines erübrigten Fisches zu ihm in die Höhe; der göttliche 137 Kinderfreund sieht cs, nimmt es himmlisch freundlich lächelnd, und lobet den Kleinen, auf den leeren Korb hinweisend.» Dem guten Joseph traten bei dieser Auslegung, die auf die Ursprungsgeschichte des netten Kirchleins so gut paßte, die Thränen in die Augen; selbst der Hirt versicherte, daß sein Herz, so oft er übrigens das Ganze schon erzählet habe, allemal eine gewisse Rührung dabei empfinde. Und was sind das für Bilder? fragte der Reisende. »Hier zur Rechten, antwortete der Hirt, ist der heil. Petrus. Die zwei Schlüssel, welche er trägt, deuten auf die Worte, so der Heiland zu ihm sprach, als er ihm die oberste Gewalt über die gestiftete Kirche einräumte. Dieser Worte, die der göttliche Heiland damals zum Apostel sprach, erinnere ich mich recht gerne, weil auch ich unter Schafen und Lämmern, mit denen die Schrift des alten Bundes im Geiste der Prophezeiung den still duldenden und in größten Leiden mit himmlischer Sanft- muth ausharrenden Sohn Gottes, als er zum Kreuzestode für uns Sünder hingeführt wurde, vergleicht, mein Brot verdienen muß. Wenn manchmal im Frühjahre oder im Spätherbste der Weg hier schlecht wird, und es dann und wann geschah, daß ein schwerer Lastwagen stecken blieb, und der Führer bisweilen ungeduldig wurde, eilte ich herbei, half nach meinen Kräften, hob den Wagen mit heraus, und ermähnte dann den Führer zur Sanftmuth und Geduld, indem ich von den Schafen hier ein Glcichniß entnahm; von Mehreren habe ich doch schon die Äußerung, die auf Besserung schließen ließ.« 136 »Zur Linken, fuhr der Schäfersmann fort, ist Paulus der eifrige Lehrer der Heiden. Seine Lebensgcschichte ist oft Gegenstand meiner Betrachtung. Gerne verweile ich bei jener Begebenheit, in welcher ihn Gottes Gnade so wunderbar ergriff, ihn von einem Verfolger der Religion zu ihrem heftigsten Vertheidiger und gleichsam zu einem Grundpfeiler umschuf, über welchem die katholische Kirche ruhen sollte. Darin besteht größtcntheils mein Gebeth zu dem Herrn, daß er auch mir und allen Menschen die Gnade, ihn nicht mehr zu verläugnen und zu verfolgen, geben, und in uns Allen den Saulus vertilgen und einen Paulus schaffen möchte. Das Buch in der Hand sinnbildet die neue von Jesu gebrachte Lehre, die der Apostel den heidnischen Völkern, die von dem Einen unsichtbaren Gott nichts wußten, predigte.« »Diese zwei Bilder hier sind Ohlgemälde auf Leinwand; eines stellet den heil. Ludwig, das andere die heil. Ludowica vor, und sind die Namenspatronen unserer einstigen gnädigen Herrschaft, die die Kapelle gestiftet hat und einrichten ließ.— Dort sind die Heiligen: Sebastian und Leonhard als die Fürbitte bei Gott, wenn Krankheiten über die Menschen oder Thiere hereinbrechen. Das letzte Bild dort in dem obern Fache stellet die allerhei- ligste Dreifaltigkeit, in dem unteren aber die allerseligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria vor. Dieses Bild ist bei Gelegenheit, als der jetzige Herr Gutsbesitzer als Knabe noch in eine schwere Krankheit, von der man keine Genesung mehr hoffte, verfallen war, gleichsam als Gelübde hereingeschafft worden.« Unter diesen ErzGlungen und Auslegungen, welche 139 Joseph sehr erbauten, kam der Abend heran. Die Sonne hatte sich bereits unter den dunkelgrünen Bäumen des Waldes verborgen. Die zerstreute Heerde sammelte sich und näherte sich blockend ihrem Hirten. Joseph wollte seinem Erzähler einiges Honorar geben, dieser aber weigerte sich auf das Kräftigste, es anzunehmen. Er dankte ihm herzlich, band sein Lastthier vom Baume los und setzte seinen Weg schnell fort, denn, sprach der Hirt,»ihr habet Eile, um noch vor dem ernsten Anbruche der Nacht die Herberge zu erreichen.« Der ganze Vorgang hatte Joseph sehr ergriffen und ihm auf dem Wege vielen und reichhaltigen Stoff zum Nachdenken dargeboten. So ist es mit der Sparsamkeit! dachte er, diese Tugend ist es, die Gottes heilige Vorsehung bewogen hat, an dem Stifter der Kapelle ein Wunder der Bekehrung zu wirken. Wäre der gute Mann auf den verlassenen Weg dieser Tugend nicht zurückgekehrt, hätte er sein Vermögen durch das entgegengesetzte Laster, der Verschwendung nämlich, durch- gebracht, wie vielen Kummer würde er dadurch seiner bethenden, frommen und gottesfürchtigen Gemahlin verursacht, wie viele Thränen ihren Augen entlockt, und wie großes Herzenleid ihr gebracht haben! Wie, wäre es nicht himmelschreiend gewesen, wenn dieser angesehene Gutsherr seine Herrschaftsbesitzungen mit Schulden überlastet, oder auf eine ungerechte und schwelgerische Weise seinen Hinterlassenen ihr Erbe versplittert, sie um ihr Ansehen gebracht und ihnen eine so traurige Zukunft bereitet hätte? Wäre er denn wohl im Stande gewesen, ein großes Unglück, womit allenfalls Gottes Vaterhand 140 seine Güter oder Unterthanen heimgesucht hätte, erträglicher zu machen, und die traurigen Folgen desselben durch seine Hilfe zu mäßigen? Was ließe sich in diesem Falle nicht Alles sagen! Doch wie groß war Gottes Vatergüte, er ließ den gnädigen Herrn erblinden, um seine Augen mir eigener Hand öffnen zu können. Er ließ die gnädige Frau von der Hauptstadt entfernen, erhörte ihre Seufzer und ihr Gebeth, ließ ihre Briefe an den gehörigen Ort gelangen, die vorgebrachten Gründe würdigen und überall geneigtes Ohr finden, der Strahl der göttlichen Gnade schmelzte das Eis feines Herzens, er leistete willige Folge, entfernte sich ohne Aufsehen und geräuschlos aus der Stadt, suchte die einsamen aber darum angenehmen Wohnungen auf seinen Landschlössern, fand bei seiner Gemahlin Wonne, auf seinen Gütern Wohnlust, Liebe und Frieden unter seinen Unterthanen. Alles das zusammengenommen gibt die Sparsamkeit sammt ihren wohlthätigen Folgen, denen freilich nicht ohne besonderer Mitwirkung und Dazwischenkunft der gnädigen Frau diese Kapelle ihren Ursprung verdankt. Ist aber das nicht ein heiliges Werk? Ist es nicht wahr, was die heilige Schrift sagt, daß der Herr das Unternehmen würdiget, wenn ihm eine Wohnung erbauet wird? Sollte das Gebeth aller derer, die das schöne Kirchlein zum Lobe und zur Anbethung Gottes auffordert, nicht gewisser Maßen sogar dem Stifter zu Guten kommen? Sollte der ewig Barmherzige die Werke eines Menschen nicht würdigen, wodurch sein heiliger Name mehr gelobt und gepriesen und das Reich der Tugend erweitert wird? Haben nicht 141 auch David und sein Sohn Salomon dem Herrn Himmels und der Erde ein wohlgefälliges Opfer gebracht, dadurch, daß sie zu seiner Ehre und Anbethung den prachtvollen Tempel zu Jerusalem erbauten?— Wahrlich, durch Sparsamkeit ist man im Stande, Tempel zu erbauen, in denen dann der Herr unser Gebeth lieber aufnimmt, und wodurch wir uns den Zugang zum Himmel leichter eröffnen können. Darum wird mir der Vers, der auf einer Bank bei der Kapelle aufgeschrieben stand, unvergeßlich bleiben; er lautete: »Frömmigkeit, Fleiß und Sparsamkeit Schaffen Lohn für Zeit und Ewigkeit." Fünfzehntes Hanptstnck. Fortsetzung der Reise. Unter solchen Gedanken und Erwägungen, in denen der gute Joseph seine Grundsätze sehr kraftvoll bestätigt fand, legte er die ziemlich weite Strecke des Weges zurück und kam gerade noch zur rechten Zeit, ehe sich die dichtere Nacht niedersenkte, in Straßburg, der Hauptstadt in der Provinz Elsaß, an. Gleich im ersten Gasthofe, der ihm eine geeignete Herberge zu seyn schien, kehrte er ein. Der Wirth war ein Deutscher aus Nieder- rhein, und sprach zur Noth auch französisch. Joseph erkannte sogleich seine Muttersprache, von der er mit weniger Ausnahme seit seinem ganzen Aufenthalte in Frankreich nichts mehr gehört hatte, freute sich hierüber sehr und glaubte fast schon zu Hause zu seyn, als er den Wirth deutsch reden hörte, der später auch versicherte. L42 daß die deutsche Sprache auf französischem Boden nicht recht fortkommen will, und daß sein Gasthof fast der einzige in ganz Straßburg sei, in welchem die deutsche Sprache durch Fuhrleute, die jenseits des Rheines kommen, erhalten werde. Also, siel ihm Joseph ins Wort, kommen hieher Fuhrleute aus den jenseitigen Ländern? O ja! versetzte der Wirth; erst gestern sind zwei Wägen angekommen, die aus Bayern sind, und die Kaufmannsgüter hieher gebracht haben. Das war unserem Reisenden sogleich willkommen. Wollten Sie mir nicht auch sagen, woher aus Bayern diese zwei Frachtwägen sind? Aus Regensburg, antwortete der Wirth, einer Stadt an der Donau, eine schwache Lagreise von der österreichischen Grenze.»Bis wann werden sie aber von hier abfahren?« Längstens in zwei Tagen, versetzte der gefällige Gastgeber. Wollen Sie etwa mit ihnen reisen? In diesem Falle dürfen Sie sich nur an den Schaffner oder Herrn wenden; ich zweifle nicht, daß er Sie nicht um ein Billiges wird mitkommen lassen, wiewohl es aber nicht gar zu schnell geht.— Indessen war dem Joseph doch eine solche Gelegenheit sehr erwünscht; er freute sich über das glückliche Ereig- niß und dankte Gott, denn er hatte das Alleinreisen, besonders in diesen Zeiten, wo es nirgends fast recht ruhig war, und wo man überall zu sorgen hatte, nicht etwa gar unter Wegs auf eine Horde Soldaten zu stoßen und der leidige Gegenstand ihres Muthwillens oder ihrer Ausgelassenheit zu werden, so ziemlich satt bekommen, da er auf diese Weise den größten Theil des Wegs von Paris an bis Straßburg zurückgelegt hatte. 143 Noch an demselben Abende siel Joseph ein, daß sein Reisepaß sich nur bis an die Grenze des Reiches gültig erstrecke. Er mußte also in Straßburg um einen neuen Paß sich bewerben. Er erkundigte sich dießfalls beim Wirthe, wo und wann er seines Wunsches theilhaftig werden könne? Der Wirth gab ihm hierin gerne eine Anweisung, der Joseph am folgenden Tag sogleich nachging. Der Reisepaß, hieß es, kann bis morgen abgeholet werden. Nun war es die angelegenste Sache des Reisenden, mit den erwähnten Führern zusammenzukommen, um mit ihnen die Übereinkunft, ob er mit ihnen reisen könne, zu treffen, und in diesem Falle auch den Tag der Abfahrt inne zu werden. Wirklich traf er sie in seinem Gasthofe. Nachdem er gehört hatte, daß sie wirklich nach Regensburg im Königreiche Bayern zurückfahren, und nachdem der Schaffner in Erfahrung gebracht hatte, daß dieser Fremde ein Österreicher sei, gab er ihm das Wort, ihn mitzunehmen, denn ich liebe auch, sprach er, die Gesellschaft, und das um so mehr, weil ich nicht allemal bei meinen Wägen seyn kann, da verschiedene Geschäfte meine Reise entweder oft beschleunigen oder auch bisweilen verzögern. Meine Abreise ist für jeden Fall aber erst nach zwei Lagen, wo wir gegen Mittag hin von Straßburg aufbrechen werden, und in wenigen Lagen, da nach meiner Vermuthung dießmal unter Wegs sich wenige Geschäfte ergeben werden, in Regensburg seyn können. Haltet euch also, mein Lieber, bis dorthin in Bereitschaft, versehet euch mit Pässen, damit wir in diesen unruhigen Zeiten auf der französischen Grenze und jen- 144 seits des Rheines keine Anstände und somit Verzögerung unserer Reise zu befürchten haben. Joseph erwiederte, daß er in dieser Hinsicht schon die nöthigen Vorkehrungen getroffen habe, und daß er des Versprechens zu Folge bis morgen schon seinen Reisepaß abholen könne. Joseph dankte Gott für das glückliche Ereigniß, daß er nämlich noch in Frankreich schon Leute angetroffen habe, die sich gewisser Maßen seiner annahmen und ihm alle Hilfe gewährten.,Insbesondere aber forderte ihn sein Inneres auf, dem gütigen Vater im Himmel dafür zu danken, daß er diesen Schaffner getroffen, an ihm gleich einen Nachbar seines Vaterlandes, einen menschenfreundlichen Deutschen und Reisebegleiter gesunden habe, denn in diesen unruhigen Zeiten war dieß besonders in jenen Gegenden, die den Feinden zum Durchmärsche dienten, etwas Seltenes, und daher für jeden Reisenden eine Wohlthat, wenn er einen so weiten Weg nicht allein machen durfte. In der Zwischenzeit besah Joseph die Stadt und ihre Umgebung, ging bis zu den Ufern des Rhein- stromes hinaus, besah den Landungsplatz der größeren Schiffe und manches Andere, bei welchem Anblicke alle Trauer-Scenen, so er in Rochefort während der Strafzeit erlebt hatte, seinem Geiste sich wieder darstellten. Mit der Erinnerung an diese herbe Vorzeit erwachten aber auch lebhafte Gefühle der Freude und des Dankes, die sich meistentheils in ein herzliches Gebeth auflösten, das Joseph nicht selten gleich unter freiem Himmel mit aufgehobenen Händen verrichtete. Unter allen Gebäuden gefiel Joseph die große alte Domkirche, der Münster ge- 145 nannt, am meisten; er bewunderte das Riescnartigc der Kirche und des Thurmes, der an Höhe, Alterthum, Kunst und gothischem Geschmacke wenige seines Gleichen in Europa hat, und wovon sich auch Joseph in Miniatur einen Abriß nahm.»Wahrlich,« sprach er:»dieser ehrwürdige Tempel Gottes trägt die erhabenen Eigenschaften jenes Wesens, zu dessen Ehren er erbaut ist, zur Schau, und der Anblick desselben erweckt Ehrfurcht und heilige Scheu in der Seele des frommen Gläubigen. Des Thurmes Höhe ruft über die Fluthen des nahen Stromes, gebeut Verehrung Gottes den Schiffenden und Ehrfurcht dem Wanderer.«— Der fromme Joseph wohnte hier mehreren heiligen Messen bei, wobei er Gott mit größter Inbrunst dankte, daß er ihn so wohl behalten aus jenem Lande geführet habe, in welchem er so viele und heiße Lage des Kummers, der Noth und des Mangels verlebt, aus jenem Lande, in welchem er so viel ausgestanden hatte, und in dem er unter Gottes Vorsehung etwa auch die Wiege, aus der für ihn der Anbeginn einer glücklichen Zukunft gestiegen seyn dürfte, getroffen hatte.—Da in Straßburg eine hohe Schule war, glaubte Joseph auch eine gravische Anstalt dort zu finden; er erkundigte sich deßhalb näher, erhielt aber eine verneinende Antwort. So verging die Zeit und Joseph dachte schon an die Abreise. Als er in den Gasthof wieder zurückkam, fand er mehrerejüdische Handelsleute, und unter andern einen, der sein feilgebothenes Lastthicr, dessen Preis er vom Wirthe bereits inne geworden war, schon gekauft hatte. Somit war auch der letzte Stein von seinem Herzen 7 146 gehoben, und wiewohl Joseph keinen Gewinn aus diesem Verkaufe gezogen hatte, so hatte er doch wenigstens den Vortheil genossen, die Reise von Paris schneller und bequemer gemacht zu haben, und wäre ganz sicher um die sich darbietende Gelegenheit zur Weiterreise gekommen, wenn er diesen weiten Weg hätte zu Fuß machen müssen. Joseph, der bei solchen Gelegenheiten der alles leitenden göttlichen Vorsehung zu danken, nie vergaß, entledigte sich auch dießmal seiner Pflicht getreulich, dankte Gott dem Vater der Liebe und Barmherzigkeit auf das Herzlichste, und schloß zuletzt mit den Worten:»Der Herr hat Alles wohl gemacht.« Sechzehntes Hanptstück. Ein unerwartetes Ereign iß. Die Zeit der Abreise erschien. Die beiden Reisenden verließen am erwähnten Tage gegen Mittag hin die Stadt und eilten auf einem leichten Wagen mit muthi- gen Pferden vorn Jll dem großen Rheinstrome zu, über welchen hier eine lange schone Brücke führt. Mitten aus der Brücke auf einem schönen Fußgestelle prangte die Statue des heil. Johann von Nepomuck. Joseph hatte die Statue im Auge, betrachtete sie mit Aufmerksamkeit, und verlor sich hierauf in Gedanken, die Lebcns- und Todesgeschichte des Heiligen betreffend, wie er solche in einer christlichen Legende einst gelesen hatte. Das war auch wirklich eine lobenswertbe Gewohnheit vcn 14? Seite Josephs. Wo er immer auf der Straße ein Bildnis, oder eine Statue, die entweder die allerheiligste Dreifaltigkeit, oder den gekreuzigten Heiland, oder eine andere Begebenheit aus dem Leben, Wirken oder Leiden unsers göttlichen Erlösers, oder eine Abbildung, die seligste Maria oder einen Heiligen vorstellend, antraf, betrachtete er es, dachte über die Lebensgeschichte desselben nach, erinnerte sich an die Leiden und Widerwärtigkeiten desselben, erwog das Wirken und die Mühungen des Vorgestellten, und suchte letztlich eine passende Anwendung für sich und seine Lage zu machen; bisweilen brachte er einen wichtigen Glaubenssatz oder eine Sitten- lehre mit in Verbindung, überdachte die Erhabenheit der christkatholischen Religion, die die Menschen zu solchen Gott angenehmen und wohlgefälligen Wesen bildete, stärkte dabei seinen Geist und Willen, ihrem erhabenen Beispiele nachzufolgen— vergaß aber auch nie auf die Nebenzeichen, wodurch man zur Kenntniß des Vorgestellten gelangt, zu achten, und prüfte manchmal mit vielem Scharfsinne und großer Genauigkeit den symbolischen Zusammenhang der Nebenzeichen mit der Lebensgeschichte. So wußte denn Joseph selbst aus der Ausübung seiner heiligen Religion Nutzen für seine Kunst und seine Vervollkommnung zu ziehen. »Gerade hier, sprach jetzt der Schaffner, als sie mitten auf der Brücke fuhren, ist die Grenze zwischen den Rheinprovinzen und dem französischen Königreiche.« Diese Worte gingen dem Joseph tief in das Herz, denn er erinnerte sich augenblicklich auf jenen so entscheidenden 148 Lag, an welchem er vor mehr als sechzehn Jahren als gefangener Unterfeuerwerker nach der blutigen Schlacht bei Mastricht über diese Grenze geführt wurde.»So viele tausend traurige und oft lebensgefährliche Stunden sind mir in dieser Zwischenzeit verflossen, so viele harte Stürme des mühevollen Lebens habe ich ausgestanden, dachte er, so viele heiße Thränen der Bitterkeit und Wehmuth habe ich geweint, besonders wenn ich meine traurige Lage, oder die Angst und den Kummer, so die liebevollen Herzen meiner theuren Ältern meinetwegen werden ergriffen haben, mir vergegenwärtigte. L> welch harte bedrängnißvolle Schicksale mußte ich seit meiner ersten Überwanderung über diese Grenze bis aus die jetzige Stunde erdulden! Was litt ich nicht Alles auf der alten Beste! Über mein Haupt lagerte und entleerte sich, wie über keines anderen aller meiner Mitgefangenen, so die schwarze Wolke damaliger Gegenwart oder späterer Zukunft! Gerade ich wurde, freilich nicht ohne meiner Schuld, da ich mich zu einem so verbrecherischen Mißbrauche meiner Kunst, noch schaudert meine Seele! verleiten ließ, in den ärgsten Wirbel des Elendes hineingezogen, aus dem ich mich so lange nicht retten konnte! Wohl wurde meinen Kameraden das schwere Joch der Kriegsgefangenschaft aufgebürdet, aber ich mußte auch dieses einige Zeit tragen, und dann mit einem noch drückenderen vertauscht sehen.— Der Himmel weiß, wie es meinen Mitgesährten auf der Beste in späterer Zeit erging! ob man sie des schmerzlichsten Hungers dahinsterben ließ, oder ob man ihnen die Freiheit schenkte, oder sie etwa gar französische Waffen zu tragen und so gegen ihr eige- 149 nes Vaterland zu kämpfen zwang! Doch mag in jedwedem Falle die Zeit für Keinen von so langer Dauer und ihre Lage nicht so traurig und mißlich gewesen seyn, als die mcinige. Freilich hat auch Keiner aus ihnen einen solchen Fehltritt gethan.« Der Schaffner, welcher erkannte, daß sein Reisegefährte stumm und gewisser Maßen in sich verschlossen, neben ihm sitze, zog fremde Gegenstände des Gespräches an. Er zeigte dem tiefsinnigen Joseph verschiedene Ortschaften, deren Thürme oder Gebäude gesehen werden konnten, sprach bald von der Fruchtbarkeit des Bodens, bald von der Beschäftigung der Bewohner, von Fabriken oder Gewerben, vom Handel und dergleichen, konnte aber nur mit Mühe seinem Begleiter eine Antwort abzwingen. Wenn der Schaffner nichts zu Joseph sprach, siel dieser sogleich auf seine vorigen Ideen wieder zurück. »Was stand ich, fuhr der stumme Joseph wieder in Gedanken fort, erst in Rochefort aus! Wie sehr würden sich meine lieben Ältern, Geschwister, Freunde und Anverwandte abgehärmt haben, wie sehr würden die Nachrichten von meiner traurigen Lage ihre Herzen verwundet haben! Was würden selbst meine Kameraden und Mitgefangenen auf der Beste zu meinem Elende gesagt baden! Wie würde alle diese der Anblick des Ruders, das ich führen, der Anblick der schweren Lasten, die ich am Gestade des atlantischen Meeres mühsam und mit Aufopferung meiner letzten Kräfte hin- und Herschleppen mußte, und dazu die schlechte feuchte Wohnung, zwischen deren Wänden ich volle fünfzehn Jahre gewohnt habe. 150 und das Raffeln der Ketten und des Ringes, wenn er ander steinernen Säule auf- und niederrollte, erschüttert haben! Wie würden sie erblaßt da gestanden seyn, wenn sie im Gefängnisse oder in der Wohnstube die erbarmungswürdigen Opfer der armen Unglücklichen unter der Last der Ketten, des Mangels und des gräßlichsten Hungers dem schauerlichen Tode in die Arme hätten dahinsürken gesehen, wie ich das Alles gesehen und so oft gesehen habr!« »Doch, wie schwer auch diese Prüfung für mich war, wie hart ich den niedergesunkenen Arm göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit fühlte, so verflossen doch die langen ewigen Jahre, und die dichten schweren Wolken, nachdem sie sich entladen hatten, zerstreuten sich. O wie freute sich nicht mein Herz, als ich von Seite des fremden Offiziers die Zuneigung merkte, als mehrere meiner Vorgesetzten sich mit freundlicher Miene mir näherten, als ich einmal gar die Ehre hatte, ihnen ein kleines Bild oder sonst etwas zu geben. Welche Wonne überströmte mein Herz erst dann, als der gnädige Herr Lberaufseher mich kennen lernen wollte, als er in die elende Wohnstube eintrat und mich gerade wieder bei meiner gewohnten Beschäftigung antraf, als er von mir die Kokusnuß annahm; welch' ein seliges Vergnügen für mich Armen war es nicht, als man mir für meine Arbeiten einiges Geld gab und mir erlaubt wurde, etwas kaufen zu dürfen! Welcher Trost für mich und für die Erhaltung meiner Gesundheit und sogar des Lebens, als der menschenfreundliche Obcraufseher(o der liebe Vater im Himmel möge ihm diese edle That mit dem 151 ewigen Leben belohnen!) mir die schweren Ketten abnehmen, und mich mit den schwersten Arbeiten verschonen ließ! O du edler Herr, du mein Lebenserhalter, mein rettender Engel aus der unausweichlichen Todesgefahr!« Jetzt bemerkte der Schaffner eine Thräne, welche langsam über die Wange seines neuen Reisegefährten herabrollte. Er war in großer Verlegenheit, und wiewohl es ihm an der Art und Weise, die Ursache dieser Erscheinung auf eine artige, nicht zu sehr ergreifende Weise auszuforschen, gebrach, so regte sich doch sein gutes Herz und empfand Wehmuth darüber, bis ihm endlich doch einiger Muth, seinen Gefährten etwa der Erinnerung an traurige Begebenheiten zu entäußern, die Zunge löste.«Freund, sprach der Schaffner, was fehlt euch denn? Fürchtet ihr etwas, oder ist euch das Andenken an eine traurige Vorzeit gegenwärtig?«— »Ihr habet es errathen, sprach Joseph, es ist die Erinnerung an ein edles Herz, das ein Herr weit von hier, wo nämlich das große Frankreich von den Fluthen eines gewaltigen Meeres, das den Namen:»das Atlantische« führt, bespület wird, in seinem Leibe trägt. Diesem edlen Herzen, das mit Wohlthaten mich überhäufte, und mit christlicher Wärme besorgt für meine Zukunft schlug, diesem sei eine Thräne meines heißesten Dankes geweiht. O wahrhaftig, lieber Freund, ich würde euch nie gesehen haben, nicht an eurer Rechten sitzen, wenn dieser Mann Gottes nicht gewesen wäre.« Der Schaffner, wohl einiger Maßen betroffen und nebenher neugierig, was denn am ganzen Vorgänge dahinter wäre, lobte das edle von Dank gegen seinen 152 Wohlthäter erfüllte Herz seines Reisegefährten, getraute sich aber nicht weiter zu fragen, vielleicht, dachte er, entschleiert er selbst das Ganze. Am andern Lage war Joseph munterer, denn sein Gemüth war mehr erheitert. Er sah wohl oft zurück, erblickte die weiten blauen Berge an den französischen Grenzen, die sanft aufsteigenden Hügel, deren Rücken die prächtigsten Lustschlösser, und deren Boden die kostbarsten Weine trägt, und sprach öfters die Worte: »Das dort ist Frankreich, wo mein Lebensretter lebt. Der Herr erhalte ihn noch lange, und preise ihn hier und dort selig!« Lebensretter! Lebensretter! dachte der Schaffner, was sind das für Reden, wohin deuten diese Worte? Es ward ihm bei der ganzen Sache etwas unheimlich; wer muß denn dieser mein Reisegefährte seyn? Er argwohnte allerlei Dinge, verlor sich in verschiedene Gedanken, die das Gedächtniß und die Einbildungskraft mit mancherlei andern Ideen und Geschöpfen ihrer Thätigkeit in Verbindung brachten, und wurde nebenher auch immer neugieriger aus die Entwickelung dieses räth- selhaften und gcheimnißvollen Knotens. Am Abende, so nahm sich der Schaffner vor, muß ich in Kenntniß kommen; ich will ihn fragen, was seine Laune, seine Thränen und der Ausdruck:»Lebensretter« für eine Bedeutung haben. In dieser zweifelhaften Ungewißheit blieb also der Schaffner, und konnte daher seine Wißbegierde bis zum Abend kaum unterdrücken. Als die Sonne am westlichen Himmel schon stand, und bald unter den Horizont un- 153 terzusinken drohte, lenkten die beiden Reisenden ihre Rosse in einen Gasthof eines ansehnlichen Fleckens ein. Der Schaffner fragte sogleich nach einem eigenen Zimmer. Er ließ eine Flasche guten Wein aufsetzen, und schenkte seinem Reisegespan ziemlich fleißig ein. Als er nun glaubte, die Zunge des Gefährten schon beredter gemacht zu haben, bat er ihn um die Entwickelung dessen, was er ihn durch die ausgesprochenen Worte der Dankbarkeit habe vermuthen lassen. »Das, mein Lieber,« antwortete Joseph,»will ich euch nicht vorenthalten, denn es ist kein Geheimniß; im Gegentheile zeigt es die wunderbaren Führungen Gottes in der Leitung und Regierung der menschlichen Schicksale sowohl im Ganzen als im Besonderen.« Er erzählte hierauf seine Lebensgeschichte, besonders von jener Zeit an, als er zum Militärdienste ausgehoben, und schon im folgenden Jahre ins Schlachtfeld komman- dirt wurde; dann wie er mit mehreren seiner Kameraden in die Gefangenschaft gerathen, in das Innere des französischen Reiches abgeführt, und auf eine alte Festung gebracht wurde, wo er großen Jammer und Elend zu ertragen hatte.— »Wie, fuhr jetzt der Schaffner auf, euch ist das Alles begegnet? WelchemMilitäre wart ihr denn zugetheilt?« »Der Artillerie,« antwortete Joseph.»Gegen welches französische Kommando habt ihr denn gefochten und wo siel denn die Schlacht vor?«»Ich focht gegen den französischen Befehlshaber Jourdan bei Mastricht und wurde dort Gefangener.«»O dann waren wir ja Kriegskameraden; die Schlacht war am siebenzehnten September 134 im Jahre I7U4.«^Nichtig,« entgegnete Joseph.»Unser Kommandirender war anfangs Prinz Evburg, trat aber am Ende August desselben Jahres den Befehlshaberstab an den General Clairfaitab, unter dessen Kommando wir dann fochten.« Alles wahr, sprach Joseph.»So haben wir, fuhr der Schaffner fort, gleiches Schicksal gehabt; auch ich wurde Gefangener und auf eine alte Beste gebracht, die in einer gräßlichen Bcrgschlucht lag, wo ich große Noth litt, und gewiß Hungers gestorben wäre, wenn nicht einer meiner Kameraden, Joseph F., er war früher Zinngießer und Siegelstecher, in welcher Kunst er sich sehr vervollkommnet hatte, durch diese Kunst uns Geld verschafft hätte, wofür uns ein Müller einige Kobensmittel verkaufte.« Hier brach dem guten Joseph neuerdings das Herz, häufige Thränen rollten über seine Wangen, und er schluchzte im lauten Weinen. Nachdem der erste Erguß des Herzens erfolgt war, und Joseph wieder eine Stimme bekommen hatte, sprach er zum Schaffner: »Was nahm aber das Ganze für einen Ausgang?« »O einen höchst traurigen; denn das falsche Geld erkannte man sogleich an Gewicht und Klang. Kaum waren ein paar Tage verstrichen, als auf einmal der Offizier, welcher über uns Gefangene die Aufsicht hielt, in unserer Stube erschien, und wüthend, mit geflügelten Worten von einer Unthat sprach, die einer aus uns sollte begangen haben. Erschrocken über diesen Vorfall durchforschte jeder sein'Gewissen, als auf einmal zwei unserer Mitgefangenen hervortraten, und den besagten gewesenen Unterfeuerwerker Joseph F. als Falschmünzer 155 angaben. Zum größten Leidwesen aller Anwesenden wurde er aus unserer Mitte weggerissen und fortgeführt, und der Soldat, der uns gewisser Maßen zur Bedienung beigegeben war(denn wir durften ohne Wache nicht einmal Wasser holen oder in dem nahen Wald Holz sammeln), kam, nachdem er durch die vom Müller gemachte Anzeige, daß ein Soldat verdächtiges Geld bringe, als er einige Lage auf einem Schlosse eingesperrt ward, und Alles ausgesagt hatte, zurück, und erzählte uns, daß der gewesene Unterfeuerwerker von einigen hier auf der Beste sonst Wache haltenden Soldaten abgeführt und auf das Schloß hingebracht worden sei. Was aber weiter mit diesem guten Unterfcuerwerker geschah, wohin man ihn schleppte, oder in welchem finsteren Winkel der Welt er verschmachten mußte, weiß ich nicht; oft hätten wir uns erkundiget nach ihm, aber da wir auf der alten Beste von der Welt fast ganz abgesperrt waren, so war uns das unmöglich.« »Wie sehr bedauerten wir den guten Mann, der diese That, die zwar immer verbrecherisch und schändlich bleibt, nicht so sehr seinetwegen, sondern auf das Zureden seiner Kameraden, unter denen einige gegen ihn sogar heftige Drohworte ausstießen und wilde Bewegungen, die auf persönliche Mißhandlungen schließen ließen, sich erlaubten, verübet hat; ja der gute Mensch, der damals etwas über zwanzig Jahre hinaus gewesen seyn mag, mußte sich sogar zweimal flüchten, um nicht handgreifliche Unbilden zu erfahren.— Ich gestehe es frei, daß ich damals in diesem Jammerorte gewiß mein Leben eingebüßt hätte, ja ich weiß es von Mehreren, die aus 456 Mangel der Lcbensmirtel schon ganz kraftlos und gleichsam in den letzten Lebenszügen halb verzweifelnd dahin lagen, daß sie ohne dieser That die traurigsten Opfer des schrecklichsten Hungertodes geworden wären. Ich kann es unverholen sagen, daß dieser Unterfeuerwerker vielleicht vier oder fünf Personen das Leben gerettet hat, und auch für die Zukunft die Ursache geworden war, daß wir in eine bessere Lage versetzt wurden, in der uns wenigstens keine Gefahr mehr drohte, Hungers zu sterben, wiewohl wir oft gräßlichen Mangel litten. Täglich und täglich dachte ich daher seiner in meinem Gebethe, ließ zu seiner Seelenruhe schon mehrere heil. Messen lesen und opferte für ihn, um wenigstens aus diese Weise meine Dankbarkeit gegen ihn auszudrücken; es ist eine meiner größten Herzensangelegenheiten, für die Seele dieses meines Lebensretters den Vater der Liebe und Barmherzigkeit auf das Inständigste zu bitten, daß er sie aufnehmen möge in das Reich seiner Gnade, wo nach Jesu Verheißung die geringste Wohlthat, so wir in Liebe unserm Nächsten zu Theil werden lassen, reichlich belohnet wird.« Hier brach dem Sprecher das Herz, er weinte laut, wandte seine Augen gegen Himmel und seufzte. Joseph schluchzte und konnte kein Wort hervorbringen. Der Schaffner ahnte nicht, daß er neben seinem Wohlthäter, dem er ein so herrliches Lob sprach, und vor welchem er sein edelgesinntes Herz ausgoß, sitze. Nach einer kleinen Weile griff Joseph in die Tasche, zog einige Schriften heraus, hielt sie in der Hand. sah sie lange Zeit an, und sprach dann:»Wisset ihr noch mit 157 Gewißheit den Namen dieses gewesenen Unterfeuerwerkers?«»O ja, erwiederte der Schaffner, er hieß Joseph F.« »Würdet ihr ihn denn nicht mehr kennen, wenn ihr ihn zu Gesichte bekämet?«»Kennen,« sagte er,»dürste schon schwer werden, denn er war damals jung, noch nicht ausgewachsen, und dergleichen Menschen ändern ihre Gesichlszüge oft noch zu sehr; wenn er sein frisches Auge, sein weißes rundes Gesicht und seine rothblühenden Wangen noch hätte, so glaubte ich ihn noch zu kennen. Allein der Himmel wird wissen, wie sehr seine traurige Lage, in die er nach der Abführung von der Beste gerathen seyn mag, das Feuer aus seinem Auge vertilgt, das Elend sein rundes Gesicht abgehagert, und Nothund Mangel seine frischen rothen Wangen verwischt, und dafür blasse Runzeln und kummervolle Mienen zurückgelassen haben werden, bis ihn endlich Sorgen und Jammer ins Grab werden gebracht haben.« Joseph blätterte eine seiner Schriften auf, es war der in Straßburg zur Sicherheit über die Grenze ihm ausgefertigte Reisepaß, reichte sie dem Schaffner hin und sprach:»Sie, mein bester Freund, werden gewiß lesen können?« O ja, erwiederte der Schaffner. Er las,— und las den Namen:»Joseph F., gewesener Unterfeuerwerker bei der k. k. österreichischen Artillerie— seiner Profession Zinngießer und Siegelstecher.« Wie vom Blitze getroffen saß der Schaffner einige Augenblicke da, sprang dann auf, fuhr auf seinen Gefährten zu, fiel ihm um den Hals, küßte und drückte ihn und weinte vor Freude. Auch Joseph weinte laut, und freute sich, einen solchen Kameraden gefunden zu haben; 156 er freute sich, denn er erkannte an dem Schaffner einen edelgesinnten Mann, dessen Herz vom Danke gegen ihn überfloß, und mußte sich hier um so mehr freuen, da er sein Lob aus einem unparteiischen Munde gehört hatte. Noch nie haben sich zwei Menschen auf Erden mehr erfreut, als diese beiden Reisenden, die auf eine so unvermutete Art sich kennen gelernt hatten. Wie hoch diese freudenvolle Wonne in der Seele des frommen Schaffners gestiegen seyn mochte, läßt sich nur fühlen und nicht beschreiben, da er seinen Wohlthäter, seinen und mehrerer seiner Kameraden Lebensretter, für den sein Herz nichts als Dank schlug, seine Seele nichts als Gebethe stammelte, den er schon längst nicht mehr unter den Lebenden gesucht hätte, so plötzlich wieder sah, kannte und ihn sprach. So hat denn Gottes allerheiligste Vorsehung an dem heutigen Tage unser mit solch' überschwenglichen Freuden gedacht! O Tag der Wonne und irdischen Seligkeit! Die Engel des Himmels können in diesem Augenblicke unmöglich höhere Freuden genießen, als uns jetzt zu Theil geworden sind! Wahrlich, Gott ist ein Vater der Liebe, er erfreuet seine Kinder durch seine wunderbaren Führungen, er hat es mit uns Beiden wohl gemacht; seine Barmherzigkeit währet wirklich von Geschlecht zu Geschlecht! Dieser Tag gehört unter die seligsten, die ich seit dem glücklichen Traumleben meiner Kindheit verlebt habe; immer wird er mir denkwürdig bleiben, und so oft er im Jahre wiederkehrt, soll er zur Feier und zur Verherrlichung des Namens Gottes, dessen Liebe uns heute im Übermaße zu Theil ward, bestimmt seyn. 159 Joseph konnte nicht sagen, welche Regungen in seinem Inneren vorgingen; er ward durch die srommen Äußerungen seines Gefährten zum gleichen Lobe und zur Anbethung der göttlichen Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit hingerissen, und sand die Bestätigung hierüber nur in den Worten des heil. Apostels Paulus, der da schrieb: »Unbegreiflich, o Herr, sind deine Nathschlüsse, uner- sorschlich deine Wege! Alles was der Herr thut, ist wohlgethan.«»Laßt uns,« sagte der Schaffner,»zur Ehre Gottes fröhlich seyn, und durch unsere Freude sein Lob verkündigen.« Siebenzehntes Hauptstück. Geschichte des Schaffners. Während die zwei Reisenden so beisammen saßen und bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand zu sprechen kamen, dachte Joseph an die traurige Lage, in der sie sich auf der Beste befanden; da entstand denn in ihm die Wißbegierde, deren Befriedigung er schon oftmals gewünscht hatte, wie es denn den armen Gefangenen, welche in dem alten Gemäuer eingeschlossen zurückbleiben mußten, ergangen sei. Jetzt fand er seiner Wißbegierde vollkommene Befriedigung, da er den Ausgang der ganzen Sache von einem Augenzeugen vernehmen konnte. Jojeph suchte in dieser Absicht den Schaffner auf den fraglichen Gegenstand zu bringen, und äußerte ihm seinen Wunsch. »Sie befehlen zwar, sing der Schaffner an, unaussprechlichen Schmerz zu erneuern, aber auch zugleich' 160 stimmen Sie meine Seele zum Lobe Gottes und zur Verherrlichung seines allerheiligsten Namens.— Statt unsers gewöhnlichen Soldaten, der zum ersten Male für das benannte Geld einige Lebensmittel herbeiholte, erschien ein anderer uns ganz unbekannter Mann in einen ärmlichen Mantel gehüllt, und brachte uns mehrere Lebensmittel, als: Brot, Fleisch, Mehl und einiges Gemüse. Wir sahen den Fremden nur von der Ferne den schmalen Gangsteig, wo die größere Quelle sich befand, eines Tages herabklettern.« Das Alles, unterbrach ihn Joseph, weiß ich noch, denn ich aß noch Einiges davon, wiewohl ich keinen rechten Appetit mehr hatte, da ich in meinem Innern weder Ruh noch Rast fühlte. »Unsere traurige Lage, als: Mangel an Nahrung, schlechtes, feuchtes und unverdauliches Brot, schlechte Betten, dazu die in dieser rauhen Jahreszeit herrschende Kälte, wozu überdieß noch der drückendste Wassermangel trat, dauerte längere Zeit noch fort. Wir flehten zu Gott um Hilfe und Abwendung unsers Elendes, aber wir waren der Erhörung nicht würdig. Mehrere von uns sind wirklich traurige Dpfer des Todes geworden; mehrere wurden schwer krank, und die Genesung konnte umso weniger bewirkt werden, da die Kranken keine andere Pflege genossen, und an einen Arzt gar nicht zu denken war. Wäre der gute Joseph F. der Unterfeuerwerker noch da. hieß es jetzt im ganzen Hause, er würde uns doch wenigstens mit einigem Troste beibringen, den man jetzt entbehren muß. Man ließ sich über die zwei Soldaten, welche bei ihrem Verrathe sich so eilfertig gezeigt hatten, in ungestüme Worte heraus, schalt 161 über sie als hinterlistige, übelgesinnte Kameraden, die sich nicht scheuten, ihren Wohlthäter anzuklagen und ihn ins traurigste Unglück zu stürzen; ja ich glaube, daß diese zwei Mitkameraden, wenn sie noch in unserer Mitte gewesen wären, Mißhandlungen der gröbsten Art sich hätten-gefallen lassen müssen.« »Das wäre ungerecht und sündhaft gewesen, unterbrach Joseph den Sprecher, denn was Verbrechen und Sünde ist, kann und darf nie gebilliget werden. Die Folgen einer Handlung bestimmen nie ihren sittlichen Werth; daher verbiethet die christliche Sittenlehre jede böse Handlung, gleichviel, ob daraus gute oder üble Folgen, Freude oder Traurigkeit, Glück oder Unglück, ja selbst Leben oder Tod erfolgen würde. Vielleicht ist es möglich, daß diese Beiden aus Gewissensdrang den Betrug entdeckt, daß sie damals noch gar nicht an eine Belohnung, die ihnen allenfalls zuerkannt werden dürfte, dachten. Wiewohl ich diese meine Meinung auf keinen sicheren und haltbaren Grund stützen kann, so ist doch auch einer eben so wenig im Stande, die von ihrer Seite vorgebrachte Meinung mit Grund zu behaupten. Dazu kommt noch, daß letztere Meinung mit der Sit- tenlchre unsers göttlichen Heilandes, der da lehrte, »daß man jeden Menschen so lange für fromm und gut zu halten verpflichtet sei, bis das Gegentheil erwiesen ist« im Widersprüche steht. Und letztlich, wer würde den wohl für böse halten, der durch Aufdeckung des Betruges, den ohnehin jeder Mensch zu verhüten die Pflicht auf sich hat, die Seele eines anderen vor ferneren Sünden gegen Gott, und künftigen Ungerechtigkeiten 162 gegen die menschliche Gesellschaft verwahret? Ich bin weit entfernt zu meinen, daß diese meine zwei Mitka- meraden mich in ein noch größeres, wenigstens längere Zeit anhaltendes Elend gebracht haben; nein, ich selbst war Ursache hiezu, meine That veranlaßte über mich die traurigen Folgen. Indessen kann ich Ihnen aber auch sagen, daß ich auch sogar selbst in der schlimmsten Zeit keine feindselige Gesinnung, die sich etwa in mir regen mochte, in meinem Herzen Platz greifen ließ; ich habe Alles vergessen, Alles verziehen, aufgefordert durch Wort und Beispiel unsers allerheiligsten Erlösers:»Thut denen Gutes, die euch zu hassen und zu verfolgen scheinen, bethet für eure Feinde. Wenn dich Jemand auf die linke Wange schlägt, so reiche ihm auch die rechte, und der dir den Mantel nimmt, dem sollst du auch das Oberkleid geben.« Ich kann mir selbst das Zeugniß geben, daß ich meiner Leidensgefährten auf der gräulichen Beste oft mit Wehmuth meines Herzens gedacht habe, daß ich in schlaflosen Nächten, wenn Kummer und Bangigkeit mir den erquickenden Schlaf entzogen, oft unter heißen Thränen für euch zum Himmel um Erlösung gebethet habe; ich wurde gleichsam das Lamm, auf dessen Kopf die ganze Schuldlast siel, und während ihr nach aller Wahrscheinlichkeit aus eurer traurigen Lage befreit worden seid, ward ich wie zur Stätte, wo das Leben nach und nach ersterben sollte, hingeschleppt, seufzte und jammerte dort, daß oft steinerne Herzen zur Erbar- mung hätten bewegt werden mögen.— Und wie, mein Lieber, seid ihr denn Alle von der unvergeßlichen Beste weggekommen?« 103 »Ihre Vermuthung, sing jetzt der Schaffner wieder zu reden an, war für uns erfreuliche Wahrheit. Es verstrich nämlich eine kurze Zeit nach Ihrer Entfernung, als auf einmal zwei fremde Offiziere in der Gesangenstube erschienen, uns über alles, was wir von Seite des Hauses empfangen, genau befragten, sogar den Kranken sich nahten, sie mit Freundlichkeit trösteten und endlich uns die Versicherung, daß unsere traurige Lage bald werde verbessert werden, hinterließen.« »Dieser Vorgang hatte einiges Aufsehen erregt und verschiedene Vermuthungen unter uns verbreitet. Doch Gewisses konnte man nichts inne werden. Jene, die sogleich sagten, an diesem Vorfalle, der den Schein einer förmlichen Untersuchung hatte, Ursache wahrscheinlich der abgeführte Unterfeuerwerker, sind auch meiner Vermuthung am nächsten gekommen. Doch sei dem, wie ihm wolle, das tröstliche Versprechen ging bald in Erfüllung. Kaum waren etliche Tage verflossen, als der Befehl käm:»Einige sollen entlassen werden.« Die Schwächeren wurden ausgewählt, und mitten in der rauhen Winterszeit des Monats Hornung weggeschickt. Wie es diesen Unglücklichen mag unter Wegs ergangen seyn, wird der Himmel wissen; denn sie hatten, wie auch wir keiner, keine warme Kleidung, keine ordentliche Fußbedeckung, kein Geld— kurz sie hatten nichts, wodurch sie sich vor der grimmigen Kälte hätten schützen und ihre Noth erleichtern können. Wahrhaftig, ich gestehe es, daß ich, ungeachtet des schlechten Befindens, in diesen Umständen doch viel lieber in der feuchten und finsteren Gefangenen,bc geblieben, als fortgewandert wäre. Die Armen nah- 164 mm unter lautem Wehklagen über ihren Mangel und die strenge Winterszeit von uns Abschied.« »Nach einigen Tagen erschien ein anderer Aufseher. An Lebensmittcln geschah uns kein Abbruch; somit war dadurch unsere Lage schon verbessert. Holz konnten wir uns herbeischaffen so viel wir wollten; der besser gesinnte Offizier sorgte für wärmere Kleidung, bessere Betten, und unsere Lage wurde so ziemlich erträglich. Aber damit wuchs auch der Drang nach Freiheit. So verfloß langsam der traurige Winter— und es ward uns Allen in der That unbegreiflich, warum man uns zu nichts verwendet hatte. Die träge Ruhe mißfiel uns sehr, und machte auch, daß uns die Zeit so unerträglich lang wurde.« »Das Frühjahr kam heran. Mit dem heiteren Himmel, mit dem Aufleben der abgelegenen Thalschlucht und der Berjüngerung der ganzen Gegend lebte auch in uns die Hoffnung, aus unserer zwecklosen Gefangenschaft einmal befreit zu werden, neu auf. Wir flehten oft zu Gott, er möchte sich erbarmen und die Herzen derer, die über uns zu verfügen hätten, erweichen.— Wie denn das anhaltende, vertrauungsvolle Gebeth aber fast immer Gottes liebendes Baterherz ausschließet: so war es auch hier. Eines Tages nämlich, es war etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, erschien ein fremder Offizier in Begleitung des unserigen, und kündete uns die Befreiung an, indem er hinzusetzte, daß jene, welche Lust und Liebe haben, französische Waffen nehmen zu wollen, sogleich cinrollirt, und zur Armee würden geschickt werden; jene aber, welche nach ihrem Baterlande zu- 165 rückkehren wollen, erhalten hierzu die Erlaubniß mit dem Bedeuten, daß sie sich längstens bis morgen von der Weste zu entfernen hätten.« »Diese Worte waren für uns wie aus dem Munde eines Engels, eine wahre Freudenbotschaft. Alle und jeder raffte sich auf, nahm seine kleine Habe in einen Bündel und eilte aus dem Kerker, dessen halbzerfallene Gemächer und Thürme ohnehin keine Wohnung für Menschen, sondern nur für Dohlen und Geier gewesen waren. Ich glaube, daß in zehn Minuten nach der Bekanntmachung unserer Befreiung Niemand mehr in der Weste war. Keiner verstand sich französische Waffen zu nehmen; alle, sechzehn an der Zahl, gingen schnellen Schrittes und in fast unbewußter Eile aus dem Lhale, ohne nochmal auf ihren unerwünschten Aufenthalt zurück zu sehen, und eilten den schmalen Fahrweg fort. So wanderten wir ohne Geld eine gute Strecke mitsammen fort, und wären bis an die Grenze beisammen geblieben, wenn uns nicht Hunger und Noth das Auseinandergehen nothwendig gemacht hätten. Es nahm also hie und da einer Abschied, andere verloren sich in Ortschaften, wo wir Alle-insgesammt wohlthätige Menschen und milde Hände suchen mußten, und kamen nicht mehr zu ihren Reisegefährten. Wie es ihnen nach dieser Trennung ergangen seyn mag, ob und wie sie aus Frankreich kamen, ob und unter welchen Gefahren alle ihr Vaterland und ihre Heimath erreicht haben mochten, wo sie jetzt leben oder sie sich besinden, kann ich nicht sagen. Oft und oft erkundigte ich mich um einen oder den andern, besonders um Sie, da mir schuldige Dankbarkeit das Andenken 166 an Ihre Person mehr als an alle andern erhielt—aber nie konnte ich etwas in Erfahrung bringen. Daher ich denn auch auf den Gedanken kam, daß vielleicht die Meisten der damaligen Leidensgefährten zum Feierabend der Seligen schon heimgeholt sind. Ich vergesse jedoch in meinem Gebethe ihrer nie; täglich bitte ich Gott für ihr Wohlergehen auf Erden, oder für ihre Seelenruhe.« »Ich wanderte mit einem meiner vertrauteren Kameraden bis an den Rhein. Ein armer Fischer, der Geschäfte halber eben, als wir ans Ufer kamen, seinen kleinen Kahn zur Überfahrt drehte, nahm uns mit. Der Wind blies sanft vom Abend her, als wir den etwas gekräuselten Wasserspiegel des breiten Stromes überru- derten. Mir ward etwas bange, denn ich fürchtete schon den Ausgang, da jeder von uns nur so viel hatte, um allenfalls Abends etwas Suppe für dieses Geld zu bekommen. Ohne irgend einer versteckten Absicht gestand ich dem ehrlichen Alten, daß an uns wenig zu verdienen sei, da wir eben aus einer harten Kriegsgefangenschaft zurückkommen, und den weiten Weg nach unserer Hei- math nur durch menschenfreundliche und edelgesinnte Wohlthäter zurücklegen können.« »Wie, entgegnete der freundliche Mann, soll also ich nicht zu diesen edelgesinnten Wohlthätern gehören dürfen? Glaubet ihr, daß ich euch Verdienste halber mitführe?- Nein, Freunde, es freuet mich, daß ich euch dienen kann. Wäret ihr zu meiner Hütte, die drüben in der Au neben der hohen Steinwand steht, gekommen, so hätte ich euch mehr geben können, denn ich habe stets Vorrath an Brot, geräucherten Fischen und frischem 167 Wasser, so unter einem Felsen hervorquillt. Das hätte ich euch vorgesetzt, hätte euch etwas aus meiner alten Flöte, die ich bereits ein halbes Jahrhundert habe, vorgespielt, oder euch ein munteres Fischerliedchen dazu gesungen. Indessen will ich euch mit einer kleineren Gabe zu Hilfe kommen. Da nehmt das Stück Gerstenbrot, behaltet es bis Abend; dort habe ich gestern die längere Angelschnur eingelegt, ich hoffe einen oder den andern perlenmuttigen Barsch euch noch dazu geben zu können, damit ihr ein Abendessen habet.« »Das war wirklich ein edler Mann, sprach hierauf Joseph, weil er armen Kriegern so werkthätig zu Hilfe eilte.« »Wir halfen ihm das Ruder führen, und erreichten wirklich bald das dießseitige User. Der Alte sah nach seiner Schnur, und wie erfreute er sich, als er zehn schöne Fische verschiedener Gattung an seiner Schnur hangend und zappelnd herauszog. Den doppelten Zehend, sprach er, sollet ihr haben, und gab uns die zwei größten und schönsten Fische herab. Wir dankten dem guten redlichen Alten für Überfahrt, Brot und Fische, und entfernten uns, nachdem ihm eine Thräne um die andere über seine noch röthlichen Wangen rollte.»Lebet wohl, sagte er, Gott begleite euch auf eurer Reise, sichere eure Wege und führe euch bald und unversehrt in euer Vaterland.« »Vorn Nheine machten wir uns schnell weg, denn die Ufer waren hie und da unsicher. Wir reisten mitsammen noch denselben Tag, blieben in einem Bauernhöfe unweit einem Marktflecken und baten die Hausfrau, 166 unsere Fische zu bereiten. Das geschah. Wir aßen mit dankbarem Herzen, segneten den guten Alten nochmal und begaben uns zur Ruhe. Mit den ersten Strahlen der Morgenröthe des folgenden Tages erwachten wir, machten uns auf, und setzten unsere Reise weiter fort. Wir kamen in eine Stadt, welche N. heißt, nicht gar weit vom Mainfluße entfernt, und baten dort um Unterstützung. Wir hatten uns in dieser Absicht getrennt, und kamen— leider nicht mehr zusammen. Traurig verließ ich nach langem vergeblichen Warten die Stadt, wanderte sodann langsam die Landstraße fort, sah wohl hundertmal den Weg zurück, aber erblickte meinen Reisegefährten nimmer.« »Einsam und allein wanderte ich fort, dachte bald an die Freuden, meine alte Mutter(denn meinen Vater hatte ich nicht kennen gelernt, da er mir als einem Knaben von zwei Jahren durch den Tod entrissen wurde) zu sehen, bald wieder an meinen Kameraden, von dem ich auf eine so sonderbare Weise getrennt worden war. So dauerte denn die Reise durch mehrere Tage. Ich fand überall gute Menschen, die mir gerne etwas mittheilten oder mich beherbergten.« -Jetzt kam ich an die Grenze Bayerns. Ich freute mich jetzt doppelt als zuvor, denn, dachte ich, so bin ich nun schon in jenem Lande, das an mein Vaterland grenzet. Ich dankte dem lieben Vater im Himmel für die bisher mir zu Theil gewordenen Wohlthaten, und bat jetzt nur einzig darum, daß ich meine Mutter noch am Leben und wohlbehalten antreffen mochte. Dieser Gedanke, der sich oft und oft in meiner Seele wiederholte, ver- 169 stärkte meinen Marsch, und kaum waren etliche Lage vorüber, als ich das Nachbarland durchwandert hatte, und mich bereits an den Grenzen von Salzburg befand. So bin ich wieder in meinem Vaterlande, sprach ich bei mir selber, und werde morgen Abends meine geliebte Mutter schon küssen; Gott gebe nur, daß ich sie noch am Lebm und gesund antreffe.« »Das ist auch mein einziger, aber sehnlichster Wunsch, sprach jetzt Joseph. Ich will aller Leiden und harten Schicksale, die mich trafen, nicht mehr gedenken, wenn mir der liebe Gott nur das Glück zu Theil werden läßt, meine Ältern und Geschwister noch am Leben zu finden, wenn es ihnen auch gleich eben nicht am besten ergehen sollte. Doch füge ich mich in seinen Willen, erkenne seine weisen Rathschlüsse und bethe seine heil. Vorsehung an.« »Ich wandte mich, fuhr der Schaffner fort, gegen jenen Theil des Salzburger-Landes, welcher an Steier- mark grenzet. Als ich fast eine Tagrcise vollendet hatte, kam ich nach N., einem kleinen Dorfe, in welches ich oft gekommen war, und wo ich auch mehrere Bekannte hatte. Ich bekümmerte mich sogleich um meine Mutter, und man sagte mir von ihrem Wohlbefinden, nur ein Stein, hieß es, beschwert ihr Herz, und der ist die Abwesenheit ihres Sohnes. Diesen Stein will ich heute noch, sprach ich, von ihrem Mutterherzen schaffen. In einer Stunde soll sie um ihren Sohn wissen, ihn in ihre Arme schließen und den Mutterkuß aufdrücken. Ich eilte fort, und kam, ehe ich es vermuthete, in das wohlbekannte Thal, dessen Alpensteige ich oft gelaufen, über dessen sanft aufsteigende Hügel ich oft muthige Lämmer trieb; in jenes 170 Thal, wo ich geboren, wo ich während meiner Abwesenheit so oft im Geiste gegenwärtig war, und wo so oft, wenn der Morgen kaum graute, liebliche Töne der Schalmeien erschallten. Als ich über den letzten Hügel, der mir die Aussicht ins ganze Thal öffnete, raschen Schrittes gegangen war, erblickte ich auf der kleinen Anhöhe das friedliche Häuschen— und welche himmlische Wonne überströmte meine Seele, als ich am nahen Hügel meine liebe Mutter in dem kleinen Gärtchen unter den Bäumen beschäftiget sah. Ich bethete im Gehen, heftete mein Auge unverrückt nach ihr hin, eilte schneller als vorher— und ehe ich sie mit dem schönen kindlichen Namen:»Mutter« begrüßen konnte, sah sie mich, erkannte mich sogleich, eilte mir entgegen und küßte und drückte mich an ihr Herz. Wir weinten vor Freude.»Gott sei Dank! sprach sie, daß ich dich nun wieder sehe; der Himmel wird uns Frieden schenken, daß du in deines Vaters Hause bleiben, und die Stütze deiner alten Mutter wirst werden können. Sei mir gegrüßt! sprach sie nochmal, nun kann ich mit Simeon sagen: Laß, Herr, deine Dienerin in Frieden fahren, denn meinen Sohn habe ich wieder gesehen.« Wir sielen auf unsere Knie, lobten Gott, betheten seine Vatergüte an, und empfahlen uns für die kommende Zeit seinem allmächtigen Schutze.«— »Die Kriege, erzählte der Schaffner fort, wurden geendet, und Salzburg an Bayern abgetreten. Als bayrischen Unterthanen stand uns also Weg und Handel ohne vieler Beschwerde offen. Meine Mutter hatte während meiner Abwesenheit bedeutenden Verrath gesponne- 171 ner Wolle, worunter viele gefärbte war, zu Hause liegen. Was ist, lieber Sohn, sagte sie eines Tages zu mir, mit unserem Wollvorrath anzufangen? Wie man hört, dürfte etwa von Neuem Krieg werden, wohin werden wir sie verbergen, um sie nicht etwa gar zu verlieren, denn auch unser Thal kann von Feinden heimgesucht werden, und dann wäre nicht nur meine Mühe und Arbeit, sondern auch sogar ein beträchtlicher Theil unsers kleinen Vermögens dahin. Was glaubst du also, was mag in diesem Falle zu thun seyn? Der Handel mit dergleichen Sachen ist jetzt hier völlig gesperrt, es ist schon eine geraume Zeit, daß kein bayrischer Luch- oder Wollhändler sich im Thale hat sehen lassen.« »Wie, liebe Mutter, erwiederte ich, wäre es denn, wenn ich den größeren Theil der Wolle nehmen, mich auf den Jnnfluß begeben und gegen Passau oder Regensburg hinauf gehen würde, und sie so an Mann zu bringen suchte? Wenn ich sie auch um einen geringeren Preis hindangeben würde, glaube ich, so wäre es dennoch besser, als wenn etwa Ihre Vermuthung, daß nochmals Feinde in unser Land kommen sollten, in Erfüllung ginge. Dein Rath gefällt mir, antwortete sie, auf diese Weise können wir einiges Geld einlösen, welches wir doch leichter als die Wolle selbst zu sichern im Stande seyn würden.« »^ch machte mich also nach etlichen Tagen auf, und that wie wir beschlossen hatten. Ich kam in verschiedene Märkte und Städte, in Fabriken, zu Wollhändlern, ^uchmacyern, aber nirgends konnte ich etwas verkaufen. >^o kam ich bis zur Donau herauf und bis nach Reit* 172 gensburg. In dieser nicht unbedeutenden Stadt bot ich an mehreren Orten meine Wolle an. Nirgends fügte sich ein Verkauf. Schon wollte ich in meiner traurigen Lage Stadt und Gegend verlassen, und auf anderen Wegen mit meiner schweren Bürde zurückkehren, als ich zum letzten Male es wagend, in ein Haus, ohne zu wissen was für eines, hineinging, und meine Wolle feil bot. »Wie, Wolle?« kam eine junge ansehnliche Frau imVor- hause auf mich zu,»woher ist diese Wolle?« Aus dem Salzburgischen, antwortete ich.»Wie kommt ihr denn in dieser Zeit auf den Gedanken, einen Wollhändler zu machen?« Ich bin kein Wollhändler, sagte ich, und erzählte ihr, die ganze Geschichte, aus der sie auch meine häuslichen Umstände abnehmen konnte.»Seid ihr, mein Lieber,- fragte sie hierauf,»der einzige Sohn eurer alten Mutter?« Ja, sprach ich, unsere ganze Familie besteht aus zwei Personen, nämlich der Mutter und mir.— Es wurde ein Handel geschlossen. Die Frau war billig gegen mich, gleich weit entfernt von einem Anböthe, das Unkenntnis der Waare, oder Hartnäckigkeit und Druck verriethen. Ich sagte ihr, daß, wenn meine Mutter mit diesem Kaufe zufrieden seyn werde, ich noch mehr Wolle um den nämlichen Preis herschaffen wolle, denn ich wußte von meiner Mutter, daß mehrere unserer Nachbarn noch vorräthige Wolle besäßen, denen gewiß auch mit einigem Verschleiße gedienet werden würde. Wenn das ist, erwiederte die freundliche Frau, so bin ich allezeit Käuferin, vorausgesetzt, daß auch die anderd Wolle von der nämlichen Güte ist. Das versprach ich. Sie zahlte mich genau aus, und ich entfernte mich mit dem 173 Versprechen, sobald als möglich mein gegebenes Wort auszulösen, und die Wolle zu bringen.« »Voll Freude und Zufriedenheit eilte ich unter vielem Danke, den ich dem Himmel abstattete, nach Hause. Meine Mutter war mit diesem meinem Verkaufe sehr zufrieden, denn ich hatte die Wolle um einen etwas höheren Preis, als ich von ihr die Erlaubniß zum Verkaufe hatte, angebracht. Ich sagte ihr hierauf von meinem Vorhaben, und von dem bedingnißweise geschlossenen Handel. Beides gefiel ihr sehr wohl. Ich kaufte daher zum Erstaunen aller Nachbarn und Lhalbewohner die Wolle um fast denselben Preis, wie ich ihn gemacht hatte, und ohne Schaden thun konnte, zusammen, brachte sie auf den Jnn und führte sie bis Passau. Von dorther brachte ich sie auf der Achse nach Regensburg. Der Frau gefiel es, daß ich so genau in der Erfüllung meines gegebenen Wortes war, daß ich ihr eine so schöne Wolle wie die vorige um denselben Preis gebracht hatte, und sie sing an von mir die Umstände, so ihr wissenswert!) waren, genauer zu erforschen.« »Diese ihre Fragen hatten freilich etwas Auffallendes für mich; ich konnte ihre Absicht dabei nicht errathen, und doch schien nicht bloße Neugierdc oder Fragesucht der Beweggrund hierzu gewesen zu seyn. Überlaß' es dem Herrn, dachte ich, er wird Alles recht leiten, füge dich in seinen Willen und preise seine heilige Fürsehung.« »Nach einiger Zeit kam sie mit der Sprache heraus. Weil ihr die Wolle, und überhaupt das Wirthschaftswesen kennet, auch schon hie und da unter fremde Men- 174 schen gekommen seid, so wollte ich euch, in so fern eure Mutter einwilligte, und ihr Lust und Neigung hättet, zu meinem Werksührer aufnehmen; denn ich hatte das Unglück, meinen Gemahl vor Kurzem zu verlieren, und brauche daher nothwendig einen anderen Menschen, der besonders von den verschiedenen Wollgattungen Kenntniß hat, der in Wirthschaftssachen nicht ganz fremd seyn darf, der aber, was die Hauptsache ist, gewissenhaft im Handel, treu und redlich seyn muß, was ich bei euch als einem Salzburger voraussetze. Denn wisset, daß ich eine bedeutende Summe Geldes stets im Umlaufe halte, daß mein Gemahl seligen Andenkens ein ausgebreitetes Handelsgeschäft trieb, daher auch sein Name überall bekannt ist, und daß er sogar Lieferungen zur Armee unternahm. Je mehr ihr daher, mein Lieber, diesem Geschäfte gewachsen seid, desto weniger wird mir der Verlust meines zwar unvergeßlichen Gatten fühlbar werden, und desto mehr werdet ihr für eure Bemühungen in meinem Hause euch selbst gewinnen können. Es ist aber Schaden auf Verzug. Wollet ihr mir dienen, so ziehet zuvor eure Mutter zu Rathe, und machet mir sobald als möglich euren Entschluß zu wissen, damit ich meine Verfügungen darnach einrichten kann. Lebet wohl, setzte sie am Ende noch hinzu, Gottes Segen begleite euch in eure Heimath, und eurer lieben Mutter bringet unbekannter Weise meinen Gruß.« Achtzehntes HcnrptsLück. Lohn für Fleiß, Geschicklichkeit und Treue. »Die Worte der Frau gingen mir sehr zu Herzen. Ich entfernte mich aus dem Hause und aus der Stadt, und machte mich aus den Weg, unserem stillen Thäte zu. Der Dienst, dachte ich, dürfte wohl gut und einträglich seyn, aber kann ich ihm auch von allen Seiten wohl vorstehen? Die Art und Weise, wie man bei uns die Wirthschaft betreibt, mag von der hierörtlichen vielleicht verschieden seyn; und wie würde es mit dem Handelswesen aussehen. Freilich sagte die Frau vom Wollhandel, darauf verstände ich mich schon. Aber sie sprach auch von Lieferungen.— Und was wird meine Mutter dazu sagen? Sie freute sich in himmlischer Wonne, als ich aus dem Kriege zurückkam, sprach damals von einer Stütze für ihr Alter, und noch täglich bittet sie Gott um Frieden, um ja meinen Abruf zum Militärdienste nicht mehr zu erleben. Würde sie die Wirthschaft allein fortbringen können? Würde sie mich gerne fortlassen? Und wenn sie nicht gerne einwilligte, konnte ich als Sohn den kindlichen Gehorsam bei Seite setzen, die Wünsche meiner Mutter nicht achten, und meine Person, die im väterlichen Hause unumgänglich nothwendig wäre, einer Dienstgcberin verdingen? Würde ein liebender Sohn seiner alten schwachen Mutter, die fast täglich auf seine Hilfe rechnet, so etwas anthun?«— »Nein, sprach Gottes Stimme in mir. Wenn die Mutter zur Ausführung des Entschlusses, zur Annahme dieses Dienstes ihre Einwilligung nicht gerne gibt, so werde 176 ich es nie wagen, ferner in sie zu dringen; dcnnihrWort in diesem Falle ist Gottes Wort; wer dem Wunsche seiner Ältern zuwider handelt, der hört auf, ihr Kind zu seyn, er übertritt das Geboth des Herrn, und versündiget sich schwer. Ich erinnerte mich der fürchterlichen Drohung Gottes in den Sprichwörtern:-.Ein Auge, das der Mutter den Gehorsam verweigert, werden die Raben am Bache aushacken, und die jungen Adler sollen es fressen.« Nein, dieser Fluch soll mich nicht angehen. Sollte die liebe Mutter ihre Einwilligung verweigern, so will ich mich sogleich in ihre Wünsche fügen, bei ihr bleiben, das väterliche Häuschen antreten, und Alles thun, wodurch ich ihr das Leben recht angenehm und zufrieden machen kann.— Übrigens aber will ich ihr Alles genau so, wie es sich zugetragen hat, erzählen, werde zuerst ihren Willen erforschen, und im Falle, als sie für die Annahme des Dienstes nicht seyn sollte, meinen Wunsch vor ihr gar nicht ausdrücken, sondem von diesem Augenblicke an meinen strengsten Gehorsam zeigen.— Auch dießmal, wie immer, verlasse ich mich auf Gottes Weisheit und Güte; verdiene ich dieses etwa bessere Loos, so wird er das mütterliche Herz dazu geneigt machen, damit sie mir ihre Einwilligung und ihren mütterlichen Segen nicht verweigern wird; ist es aber das Gegentheil, so vertraue ich auf seine allmächtige Hilfe, mit der er mich davon zurückhatten, seine unendliche Güte, mit der er das Herz meiner Mutter umstimmen, und endlich auf seine Liebe und Barmherzigkeit, mit welcher er mich auch in der Zukunft in anderen Umständen begnadigen wird.-Herr, dein heiliger Wille geschehe! 177 Ich werfe mein Vertrauen auf Dich allein; denn Du bist der beste Vater aller deiner Kinder! Du hilfst, wo es dein Wille gebeut, Du ordnest an, was das Beste ist, und schenkest deine Gnade Allen, die Dich darum bitten.«— »Das ist wahr, sprach Joseph, das habe ich in meinem Leben, in frohen und kummervollen Tagen oft erfahren. Der Herr wählet überall das Beste, und wenn wir Menschen es auch oft nicht einsehen und begreifen, so entfalten sich seine Absichten mit uns doch stets zu heiligen Zwecken.« »Während ich mich mit solchen Gedanken, Vorstellungen und Gegenvorstellungen, zwischen Lust und Unlust, die in mir erwachten, herumtrieb, verfloß ein Lag um den andern, und ich erreichte, ehe ich es vermuthete, das friedliche Thal. Mannigfaltige Regungen und Empfindungen entstanden, wie vorher noch nie, in meinem Innern, als ich den letzten Hügel, hinter dem meine Heimath sich ausbreitete, überschritten hatte. Vielleicht, dachte ich, steht in Gottes Rathfchlusse für mich eine andere Bestimmung, vielleicht bewohne ich das stille Thal, in dem ich geboren ward, in Hinkunft nicht mehr so lange, als ich es bereits bewohnet habe. Doch, Herr, dein Wille geschehe jetzt und allezeit und einst in Ewigkeit!« »Fast mit Thränen in den Augen trat ich bei meiner Mutter ein. Sie war über meine Ankunft sehr erfreut, sah mir aber bald an, daß etwas Anderes im Hinterhalte seyn dürfte.»Bist du, fragte sie, im Handel, auf der Reise, oder mit dem Gelde unglücklich gewesen?« »O nein, liebe Mutter, sprach ich, Gott sei Dank! ich war so glücklich, wie zum ersten Male; aber ich werde 176 euch etwas Besonderes erzählen.« Diese Worte machten sie sehr neugierig. Ich erzählte ihr also den ganzen Vorgang und das Anbiethen des Dienstes bei der nämlichen Frau in Regensburg, die die Wolle bestellt und gekauft hatte. Ich sagte ihr Alles, was die Frau zu mir gesprochen, und setzte letztlich hinzu, daß sie auch darum mich angegangen habe, ihr sobald als möglich Nachricht zu geben, ob sie sich auf mich verlassen könne, oder nicht; im entgegengesetzten Falle müsse sie, da Schaden auf Verzug hafte, andere Verfügungen treffen. Am Ende, ehevor sie sich entfernte, sprach sie noch:»Eurer lieben Mutter bringet unbekannter Weise meinen Gruß.« -Das muß eine fromme, christliche und wirthschaft- liche Frau seyn, antwortete hierauf meine Mutter. Es freuet mich recht sehr, daß sie unbekannt meiner gedachte.« »Daher liebe Mutter, fuhr ich fort, bitte ich euch um euren Rath, Wunsch und Willen; ich werde euch in allen Stücken strengen Gehorsam erweisen. Was ihr für das Beste haltet, werde ich thun; soll ich bei euch bleiben, oder dort den Dienst annehmen?« »Es ist schwer, lieber Sohn, sprach betroffen die Mutter, in diesem Falle auf der Stelle zu entscheiden. Laß uns bis morgen warten, und vorher den göttlichen Geist um die Gabe des Rathes bitten, denn ich will deinem Fortkommen auf eine leichtere Art, als dein verstorbener Vater und ich es gefunden haben, keineswegs durch unzeitige oder zu wenig überlegte Äußerungen hinderlich seyn. Laß uns statt deines leiblichen Vaters den himmlischen Vater um seinen Rath bitten, denn bei ihm wohnet Weisheit, Liebe und Güte gegen jedes sei- 179 ner Kinder; er wird uns beispringen und uns in unserer zweifelhaften Angelegenheit das Beste wählen lassen.« »Wir besprachen uns über Vieles und Verschiedenes. Wir flehten inbrünstig zu Gott und baten um Hilfe und Rath.— Am andern Lage sprach sie zu mir: »Lieber Sohn, ich habe uns und unsereAngelegenheit gestern Gott auf das Herzlichste empfohlen; ich glaube, da ich bereits an Jahren so weit vorgerückt bin, daß mir das Alter graue Haare aufgestreuet hat, und ich die Last des Lebens zu fühlen anfange, da ich ferner die ganze Wirthschaft nicht allein zu übersehen im Stande bin, und daher fremde Leute benöthige, da ich endlich durch öftere Unpäßlichkeiten und Kränklichkeiten verhindert, die gehörige Nachsicht bei den Arbeitern nicht pflegen kann, daß du bei mir bleiben und jenem Hause, in dem du geboren, und das die Habe deiner Ältern war, vorstehen sollst. Sieh, dein Vater und ich sind hier in diesem Lhale geboren, mitsammen aufgewachsen, und sind nie aus diesem geheiligten Bethanien gekommen, mehr als sechzigmal sah ich den Wald um unsere Hütte grünen, ernährte mich stets von den Früchten unserer kleinen Wirthschaft, arbeitete fleißig, bethete gerne— und weder der Verblichene noch ich haben je auch nur Eine Stunde Noth gelitten. Verschiedene Unglücksfälle, Mangel und Elend mannigfaltiger Art trübten nie unser Herz; mit Wenigem zufrieden, viele Bedürfnisse nicht kennend, ward Neid und Schwelgerei von uns verbannt, ruhig flössen unsere Tage fort, wie die Wellen des silbernen Büchleins, das draußen rieselt und nicht weiß, auch nicht bekümmert ist, in welches Wasserbecken es 1N0 sich ausgießct. Diese Hütte und Wirthschaft sammt dem wenigen Ersparten ist dein Eigenthum, das überkommene Erbe deiner redlichen und biederen Ältern. Wer weiß, was in der großen Stadt dort deiner harret, welcher Unglücksfall dich trifft!... Benachrichte der guten Frau meinen und deinen Entschluß, lege ihr diese einfachen Gründe in Wahrheit dar, wünsche ihr Glück zu einer andern Wahl, und melde ihr unsern Dank und meinen herzlichen Gegcngruß... Ich glaube, du wirst mit mir gleicher Meinung seyn... Wenn du dich bald zum Schreiben setzen wirst, so mag der herrschaftliche Böthe, der bald kommen muß, den Brief auf die Post mitnehmen.«— »Ich setzte mich hierauf zum kleinen Wandtische, schrieb, wie mir meine Mutter angegeben hatte, las ihr den Brief vor, und ward gerade fertig, als die Mutter den Ämtsbothen Hereingehen hieß. Wir gaben ihm den Brief mit.« »Aber kaum glaubten wir, daß unser Brief an Ort und Stelle sei, so erhielten wir schon einen andern, in welchem die erwähnte Frau von Regensburg aus uns folgender Maßen zuschrieb: »Meine lieben Freunde! »Der Inhalt eures Briefes war mir ganz unerwartet, indem ich das Gegentheil hoffte. Die vorgebrachten Entschuldigungsgründe sind von der Art, daß sie sich alle leicht Hinwegschaffen lassen. Der alten Frau Mutter will ich in meinem Hause recht gerne eine Wohnung einräumen, mein Tisch soll auch der ihrige seyn. Die Bequemlichkeiten der Stadt sind in Anbetracht ihres Alters für sie weit angenehmer als auch die schönste Gegend 161 eures stillen Thales. Sie mag bei mir nach Herzenslust leben, mag im Stillen ihrem und meinem Gott dienen, während der Sohn meine Geschäfte besorgt. Veräußert daher, liebe Leute, das Häuschen sammt Grund und Boden und ziehet euch zu mir, denn eure Dienste sind mir unentbehrlich. Verlasset euch auf das Wort einer christlichen Frau und trauet dem Versprechen einer bayerischen Unterthanin...Jch erwarte euch Beide.»So schrieb uns diese Frau zu.« »Der Inhalt dieses Briefes, sagte hierauf Joseph, der dem Sprecher mit aller Aufmerksamkeit zuhörte, verräth edle und wahrhaft christliche Gesinnungen, die nur in religiösen Herzen Wurzel fassen konnten. So gibt es denn doch überall gottergebene Seelen, in denen die Kraft unserer heiligen Religion wirksam sich zeigt.« »Wir lasen diesen Brief, fuhr der Schaffner fort, und erstaunten über dessen Inhalt nicht wenig. Was ist jetzt zu thun? fragte die Mutter. Haus und Grund veräußern.— Wo werden wir in so kurzer Zeit einen Käufer finden? Das ist wahr, fügte sie bei, das Letztere gefiele mir schon; ich könnte in der Stadt alle Lage die heil. Messe anhören, fleißig und ungestört Gott dienen, und mich auf die Ewigkeit recht wohl vorbereiten. Wohnung und Tisch verspricht die Frau mir zu geben; aber hieße das von dem Guten nicht zu viel fordern? Doch sie machte mir frei, ohne mein Zuthun, diesen Antrag. Was glaubst du mein Sohn, getrautest du dich dem Geschäfte wohl vorzustehen? Wärest du zur Annahme dieses Dienstes geneigt? So viel an mir liegt, liebste Mutter, antwortete ich, glaubte ich schon mit der Hilfe 162 Gottes den Hoffnungen dieser Frau nachzukommen; freilich wenn in dem Kreise des Werkführers ganz fremdartige Geschäfte vorkämen, würde es mir übel ergehen. Aber, versetzte die Mutter, sollen wir den so gut gemeinten Antrag dieser Frau auch dieses Mal wieder aus- schlagen? Vielleicht bedarf sie deiner Dienste dringender als wir meinen. Der Mittelweg, sagte sie jetzt, ist immer der beste. Ich glaube daher, du sollst dich aufmachen, nach Regensburg gehen und dich bei der Frau stellen, um das Nähere mündlich mit ihr zu schlichten; sind die Bedingungen zur Dienstannahme von der Art, daß sie dir und mir zusagen, so glaube ich, sollte auch ich in Gottes Namen nachziehen und von dem'Äntrage Gebrauch machen; oder damit mein Seyn im Hause dort mit der Zeit nicht etwa doch zur Unzufriedenheit oder zu anderen Unannehmlichkeiten Anlaß geben dürfte: so magst du die Dienstbedingungen darnach abschließen. Übrigens glaube ich bei meinen wenigen Bedürfnissen überall leicht durchzukommen, und ich wäre im schlimmsten Falle sogar im Stande, mir in der Stadt eine Wohnung zu miethen, und durch einige Beschäftigung mein Tägliches zu gewinnen; auch wäre die Absicht, dich in meiner Nähe zu haben, auf diese Weise genugsam erreicht." -Dieser Vorschlag gefiel mir. Ich that, wie meine Mutter wollte, machte mich auf und reiste nach Regensburg. Dort angekommen, fragte mich die Frau, als sie mich kaum gesehen,»wo habt ihr eure Mutter gelassen?« Ich entfaltete ihr hierauf den von ihr entworfenen Plan und setzte bei, daß, wenn die Bedingungen dieses Dienstes hier mir zusagten, und ich sehen sollte, daß ich ihm 183 ohne Beeinträchtigung wohl würde vorstehen können, sie sich gewiß hieher^ ziehen werde; sollte aber das Gegentheil der Fall seyn, so müßte ich ihrem Wunsche, der mir allezeit Befehl ist, zu Folge, wieder zu ihr zurückkehren, das väterliche Haus übernehmen, und in jenem Lhale leben, wo auch meine Ältern gelebt haben.« »Eine vorsichtige Frau, sagte hierauf die Rcgens- burgerin, die wahrhaft Vorsicht mit Klugheit zu verbinden weiß. Wenn ihr es eurer bedächtigen Frau Mutter nachmachet, so werden die Dienstbedingungen gewiß nicht zu eurem Schaden ausfallen, nie wird es euch dann reuen, daß ihr euer hochgepriesenes Thal verlassen, und euch zu mir unter mein Dach in die Stadt gezogen habet... Ich will euch somit die Erfordernisse des Dienstes bekannt geben. Sie sprach jetzt von allem Möglichen, was mir in meiner Lage nur immer unterkommen könnte, sagte mir, wie ihr seliger Gemahl dieses oder jenes veranstaltet.oder ausgeführt habe, kurz, sie machte mich mit meinem ganzen Geschäftskreise bekannt, vergaß aber auch nicht, mich über Lohn, Kost und andere dergleichen Dinge in Kenntniß zu setzen.« »Diese Bedingungen sagten mir zu, denn nach einem Überschlage, den ich in der Eile bei ihr machte, sollte mir dieser mein künftiger Platz mehr eintragen, als zu Hause ein recht gesegnetes Jahr. Daher besann ich mich wirklich nicht lange, das Jawort auszusprechen; ich nahm also in der Voraussetzung, daß Alles so, wie die Frau es mir sagte, sich wirklich verhalte, den Dienst an. Die Verhandlung und Dienstesannahme sammt einigem andern Wissenswerthcn schrieb ich noch am nämli- 164 chen Tage der Mutter mit der Bemerkung, daß sie binnen einem Monat einen zweiten Brief von mir erwarten solle, in welchem ich ihr Näheres und auf ihre Übersiedlung Beziehendes schreiben werde. Auch empfahl ich mich ihrem Gebethe, so wie ich auch ihrer täglich gedachte.« »Nun stand ich in neuen Verhältnissen, in welche ich mich aber auch bald finden konnte, da mir die Frau bei allen Unternehmungen gewisser Maßen den Plan vorlegte, nach welchem ich mein gesummtes Thun und Lassen einrichten sollte. Ihre Ansichten waren aber auch stets die besten, ihre Begriffe die hellsten, ihre Gründe die vernünftigsten und jedes ihrer Vorhaben, jede ihrer Spekulationen so durchdacht und wohlberechnet, daß ich ihr in allen Stücken genauen und pünktlichen Gehorsam bezeigen mußte. Da meine Vervollkommnung immer der Hauptgegenstand meiner ganzen Handlungsweise war, so holte ich oft bei ihr Rath ein, worauf sie mir immer mit dem bescheidenen Beisätze:»So machte es wenigstens mein seliger Gemahl« Auskunft ertheilte. So ging demnach das ganze Geschäft gut von Statten.« »Als ungefähr ein Monat verflossen war, schrieb ich dem gegebenen Versprechen gemäß meiner lieben Mutter, und schilderte ihr meine ganze zufriedene Lage. Sie freute sich darüber sehr, dankte Gott, dessen leitender Arm mich in diese erfreulichen Verhältnisse gesetzt hatte, und ließ mir vom Hause nebst einigem Wisscnswerthcn bekanntmachen, daß sich bisher noch kein Käufer vorgefunden habe, was mir sehr unlieb war, da die Übersiedelung derselben mir die größte Freude verschafft hätte. 185 Indessen blieb mir doch immer die Hoffnung, daß ich meine Wünsche in dieser Beziehung in Bälde erfüllet sehen dürfte.« »So verfloß ein halbesJahr.Jch befand mich sehr wohl, hatte den Geschäftsgang dieses Hauses so ziemlich kennen gelernt, und mir in dem ersten halben Jahre so viel durch Fleiß, Umsicht und Sparsamkeit zurückgelegt, daß ich meiner Mutter Schwester, die sich eben in einer Verlegenheit befand, zu Hilfe kommen konnte. Ich gestehe es zum Lobe und zur Ehre meiner Frau, daß sie mich wie ihren eigenen Sohn hielt, mir Gutes that, wo sich ihr nur immer Gelegenheit darbot, und mich am Ende mit Wohlthaten fast überhäufte. Ich vergaß die heilige Pflicht, Gott in allen Stücken die Ehre zu geben, so wie die der Dankbarkeit nie, da ich wußte, wie oft der Undank die reichlichsten Quellen der Wohlthätigkeit schon verstopft, und der Seele des Wohlthäters oft die schmerzlichsten Wunden versetzt hatte.« »Ja wohl, sagte der ruhig horchende Joseph hierauf, nichts in der Welt ist schmerzlicher als Undank, und auch keine Untugend entkräftet den Wohlthätigkeits- finn so sehr, als eben diese häßliche Eigenschaft des Menschen, ja der Undank vernichtet oft die letzten Keime, welche Nächstenliebe in milde Herzen gelegt, und die sonst gewiß die süßesten Früchte für Arme und Nothleidende gebracht hätten. Daher ermähnet uns auch die heil. Schrift, der Pflicht der Dankbarkeit stets eingedenk zu seyn:»Saget Dank für Alles, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu in euch Allen,«— und verbiethet uns sogar mit undankbaren Menschen umzugehen.« litt! Neunzehntes Hcruptftück. Die Überraschung. »Ich hatte die ganzen außerhäuslichen Geschäfte mit größter Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit fortgeführt. Auf einmal verbreitete sich überall das Gerücht, daß unser Vaterland sollte mit Krieg wieder überzogen werden. Und wirklich. In kurzer Zeit geschahen Kriegsrüstungen.»Diese kostbaren Augenblicke, sprach die Frau zu mir, dürfen wir nicht übersehen. Wir müssen zur Armee Lieferungen übernehmen. Daher müssen wir uns um dergleichen Bedürfnisse umsehen, um zur Zeit der Nothwendigkeit dem Vaterlande dienen zu können." Die Geschäfte mußten in dieser Absicht eine andere Wendung nehmen.— Wirklich begann der Krieg, und ich hatte auf den Namen der Frau eine bedeutende Lieferung übernommen, die ich auch so glücklich fortführte, daß ich die vollste Zufriedenheit, ihre Zuneigung und Liebe gewann.« -In dieser unruhigen Zeit verging freilich kein Tag, an welchem ich nicht an meine liebe Mutter dachte und um ihr Schicksal bangte, und dieß um so mehr, als ich schon längere Zeit hindurch von ihr keine Nachricht erhalten hatte. So viel brachte ich indeß zu meiner größten Beruhigung in Erfahrung, daß das etwas abgelegene Thal keine Feinde gesehen habe, aber dergleichen Nachrichten konnten mich doch nicht ganz beruhigen, weil mir nichts für ihre Wahrheit bürgte. Die gute Frau war immer um meine Mutter auch bekümmert, und äußerte einige Male den Wunsch, sie nicht nur kennen zu lernen, sondern auch unter ihrem Dache wohnen zu sehen.« 187 »Nachdem der Himmel unserem Vaterlande den sehnlichst erwünschten Frieden wieder geschenkt, und die Frau meine allenfallsige Tauglichkeit zur beständigen Fortführung ihrer Geschäfte bereits erkannt hatte, rief sie mich eines Tages in ihr Zimmer, und sprach: »Freund! Eure bisher mir zu Nutzen gewordene Geschick- lichkeit, Fleiß, Treue und Frömmigkeit erweckten in mir den Entschluß, in nähere Verbindung mit euch zu treten. Ich mache euch hiermit meine Hand zur Ehe an- biethig gegen Bedingungen, die die etwaigen guten Eindrücke von Recht und Billigkeit, so ihr aus meinem Benehmen gegen euch möget gewonnen haben, eher erhöhen als vermindern dürften. Bedenket euch, und findet ihr wahre Liebe und Neigung zu mir, so öffnet mir euer Herz und bittet Gott um seine Gnade, um welche auch ich flehen werde, daß er unsere Entschlüsse genehmigen, und sie zu unserem zeitlichen und ewigen Wohle uns möge vollführen lassen. Setzet letztlich eure Frau Mutter hievon in Kenntniß, bittet sie um ihren Segen und heißet sie in meinem Namen hieher ziehen und bei uns wohnen.« »Ich staunte über diesen Antrag, und wurde von hoher Freude überrascht. Doch die Offenherzigkeit, welche mir zur Gewohnheit war, öffnete mir den Mund, und ich antwortete:»Werthe Frau, der gemachte Antrag ist für mich nicht annehmbar, da ich nur wenig Vermögen besitze, und das Erbe von meiner Mutter ungewiß ist.« »Davon, siel sie mir ins Wort, ist keine Rede. Der Himmel hat mich, ewiger Dank sei ihm dafür, mit zeitlichen Gutem gesegnet; darnach trage ich weder Verlangen 166 noch Streben; ich brauche nur einen Gemahl, der mir die schwere Last, mein großes Hauswesen allein zu führen, einiger Maßen erleichtert, damit ich nicht vor der Zeit unterliege, und so einer höheren Pflicht entgegentrete, während ich einer geringeren nachstrebe.«— Wenn es so ist, erwiederte ich, so glaube ich mit mir auch schon einig zu seyn; nur werde ich die Sache meiner Mutter zu wissen thun, und mir ihre Einwilligung und ihren Segen erbitten. Das that ich. Allein der Bries, wie ich später erfuhr, kam nicht in ihre Hände; wir glaubten, der Böthe sei etwa unter einen Trupp feindlicher Nachzügler gefallen,— denn er kam nicht mehr zurück.« »Einen so unerwarteten Vorfall gar nicht ahnend, machten wir in dieser Zwischenzeit alle Vorbereitungen zu dem künftigen Schritt. Täglich war die Rede von der Mutter. Wir dachten Verschiedenes, faßten allerlei Muthmaßungen, erwarteten ein Schreiben aus ihrer Hand, oder eine anderartige Antwort. Aber stets hofften wir vergebens. Was war zu thun?— Da alle Vorbereitungen zur Vermählung schon getroffen, alle Veranstaltungen hiezu schon gemacht waren, und also der bestimmte Tag keine Verlegung der Feierlichkeit auf einen späteren, besonderer unvorhergesehener Umstände wegen gestattete: so ließen wir uns durch des Priesters segnende Hand verbinden, und empfingen das heil. Sakrament der Ehe. So war denn nun meine vorige Gc- bietherin meine Frau, meine theure Gattin geworden.« »Zum Hochzeitsmahle ward eine große Anzahl der ansehnlichsten Bürger der Stadt geladen. Alle Freunde und Verwandten hatten uns mit ihrer Gegenwart be- 169 ehrt. Alle Anwesenden freuten sich sehr; die fröhlichen Gespräche, welche die neue Gemahlin in den Gang zu bringen und zu beleben wußte, ergetzten die Versammelten noch mehr als die mancherlei Speisen und köstlichen Weine der wohlbesetzten Tafel. Gegen das Ende der Mahlzeit, da auch schon die Sonne unterzusinken drohte, winkte mir einer, so mir gegenüber saß, auf die Gesundheit der Frau und aller werthen Gäste Wohl zu trinken. Aber unser Freund und Nachbar merkte es, stand schnell auf und rief:»Braut und Bräutigam sollen leben!« Alle Anwesenden hoben sich eben so schnell und wiederholten die Worte:»Braut und Bräutigam!» und tranken. Der Nachbar fuhr fort:»Alle werthen Herrn und Frauen sollen leben!«—»sollen leben« erschollt aus jedem Munde. Nun, nachdem Alles so ziemlich ruhig ward, stand die Braut, welche eine schöne, große und ansehnliche Frau damals war, auf und sprach mit ehrfurchtsvollen Worten:»Es lebe meine Frau Schwiegermutter!« Alle eilten auf, tranken mir ihre Gesundheit zu, wiederholten die nämlichen Worte, und einige setzten bei:»wir hoffen sie bald kennen zu lernen.«»Sie lebe, sprach ich, sie lebe hoch!« »Wie wunderbar ist doch Gottes leitende Vaterhand bei menschlichen Ereignissen!— Staunet, lieber Herr Unterseuerwerker, fuhr der Schaffner fort, staunet über Gottes Fügung! Nachdem ich die Worte:»Sie lebe— sie lebe hoch!« ausgesprochen hatte, erscholl bei der Thüre des Speisesaales eine fremde Stimme, und wir hörten die Worte:»Ja, sie lebe so lange Gott es will!« Alle Gäste sahen blitzschnell um; ich konnte nicht sogleich IA> zur Thüre hinsehen, aber erkannte augenblicklich die Stimme meiner Mutter, die wie aus den Wolken gefallen, vor unseren Augen stand. O liebste Mutter, eilte ich auf sie zu, siel ihr um den Hals, küßte und drückte sie, hieß sie tausendmal willkommen und führte sie allen anwesenden Gästen als meine einzig geliebte Mutter auf. Alle staunten. Ich führte sie zu meiner Braut, die ihr auch schon entgegenkam und sie will- kommte. Alle Gäste begrüßten sie auf das ehrenvollste und freuten sich, sie kennen zu lernen. Hiebei erinnerte ich mich auf das bekannte Sprichwort:»Oft ereignet sich das im Augenblicke, was man lange Zeit vergeblich hofft.« Aller Augen waren auf meine Mutter gerichtet, die sowohl wegen ihres augenblicklichen Erscheinens als wegen ihrer Tracht etwas für die Stadtbewohner Auffallendes an sich hatte, und es war eine völlige Stille eingetreten. Jetzt stand die Mutter auf, wandte sich zur Braut, nahm das gefüllte Gläschen Wein, der auf den rheinischen Hügeln gewachsen war, trank auf ihre Gesundheit und sprach:« »Liebe und werthe Frau Schwiegertochter!« »Vergebt mir, daß ich euch, ohne näher bekannt zu seyn, so nenne, ihr seid die ehrenvolle Gründerin des Glückes meines Sohnes und meiner Ruhe. Der Himmel vergelte euch, was ihr uns Beiden Gutes gewollt und gethan habet. Was ich nicht einmal vermuthen konnte, das finde ich jetzt als wirklich vorhanden. Ich bangte um euer und sein Befinden, fürchtete, was mich däs Bewußtsein, daß jeder Mensch Fehltritte zu thun fähig sei, möglicher wiewohl unwahrscheinlicher Weise fürchten ließ, und da 191 kein Schreiben und kein Böthe erschien, der mich aus meinen zweifelhaften Erwartungen gerissen hätte: da ich ferner in der Erreichung eurer und meiner Wünsche glücklich war, wiewohl ich bis auf die vorletzte Woche warten mußte: so unterstand ich mich, euren öfters gegebenen Äußerungen zu Folge, nach dieser Stadt zu ziehen, und beschloß, hier den kleinen Rest meiner noch kurzen Lebensdauer zuzubringen. Gerade als die werthen Anwesenden Gesundheit einander zutranken, trat ich über die Schwelle des mir gezeigten Hauses, und blieb, nach meinem Sohne umsehend und ihn aufsuchend, dort bei der Thüre stehen..Sogleich erkannte ich dann seine Stimme.— Und nun, geliebtes Paar: Ihr seid durch das unauflösliche Band des heil. Ehesakramentes ewig vereint; fahret fort einander zu lieben in nie erkaltender Liebe, haltet Treue und Frieden, gehorchet Gott .und seinen Stellvertretern, achtet euch selbst wechselseitig und ertraget eines die Schwächen des andern, denn darin ruht die Erfüllung des Gesetzes Christi unsers Heilandes. Nehmet den Segen, den mein mütterliches Herz euch aufbewahrte, in seiner ganzen Fülle über eure Häupter hin! Gott der Vater aller Zukunft, lasse ihn stets reichlich über eure Mühungen hernicdersteigen, lasse euch recht frohe und glückliche Lage erleben, in ungestörter Wonne seine Gnade genießen— erhalte zms alle so lange es ihm gefällt und führe uns nach diesem Leben in jene himmlische Stadt, wo nur die Auserwählten und Seligen wohnen.«— Alle gaben Beifall.— Hierauf trank sie die Gesundheit aller Anwesenden, deren mehrere Thränen vergossen, und beschloß das Ganze damit, 192 daß sie sagte:»Jetzt zur Ehre Gottes!« Allen gefiel diese fromme Art, wozu uns die heil. Schrift selbst auffordert, die Gabe Gottes zu genießen, erwiederten diese Worte— und jetzt erfüllte ein allgemeiner Jubel den Speisesaal.« »Nach einiger Zeit, als einige der Gaste sich mit Wiederholung ihrer Glückwünsche entfernt hatten, sing die alte Mutter wieder zu sprechen an. Ihre Worte sind mir noch nicht verhallt. Sie redete von Gottes allweiser Leitung der menschlichen Schicksale und von der Zeit, die so wunderbar unsere Verhältniße und Umstände ändert. Hättest du wobl, mein Sohn, sagte sie, damals, als du nach deiner Erzählung auf dem alten Felscnnest zwischen feuchten Mauern als Kriegsgefangener saßest und bis zur halben Verzweiflung Hunger leiden mußtest, eine solche Lage, wie die gegenwärtige ist, vernünftiger und wahrscheinlicher Weise je erwartet? Weder ich noch du ahnten selbst nach deiner Befreiung vor anderthalb Jahren noch nichts. So beschränkt ist der Mensch, so wenig vermag er für die Zukunft. Darum bleibt es ewig wahr, Menschcnpläne sind nicht Gottes Pläne, und Mcnschenwille ist nicht sein Wille. Sorgen wir daher für die Gegenwart und überlassen wir vertrauungsvoll dem Herrn die Zukunft. Er wird kommen und helfen zu seiner.Zeit, und unsere Schicksale nach seinen uner- forschlichen heiligen Absichten stets und stets zu unserem Besten leiten. Hoffet daher immer auf den Herrn, denn: »Wer auf ihn vertraut Der hat auf festen Grund gebaut.« 193 »Das ist und bleibt wahr, sagte Joseph hieraus: ich glaube, wenn ich an diesem Gedanken nicht Kraft und Stärke gefunden hätte, und von der Wahrheit desselben so fest überzeugt gewesen wäre, ich würde schon oft aus Abwege, die mich zur gräßlichsten Verzweiflung geführt hätten, gerathen seyn. Ihr dürft es mir, lieber Freund, gewiß glauben, daß eben diese Wahrheit aber auchsso viel Tröstliches und Stärkendes in sich hat, daß jeder Betrübte bei reifer Erwägung in den Willen Gottes sich fügt, sein Auge nach aufwärts richtet und von dorther Hilfe erwartet.« »Ich mußte, da meine Gattin mich aufforderte, sogleich der Mutter die Wohnung im Hause, und zwar neben jener meiner Frau anweisen. Sie führte bei uns, wie sie es auch in ihrem Häuschen im stillen Thale zu thun gewohnt war, ein sehr einfaches und zurückgezogenes Leben. Die Stunden des Vormittags brachte sie meistens mit dem Besuch der Kirche, Anhörung der heiligen Messen und im Gebeth zu; Nachmittag saß sie gerne bei ihrem großen Gebethbuche oder bei der Legende, in welcher das Leben und Wirken Jesu, der seligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen enthalten war, gerne betrachtete sie das Leiden und Sterben unsers Erlösers, und bethete am liebsten das Gebeth des Herrn, denn dieses, sagte sie oft, scheint mir das dem Herrn angenehmste Gebeth, weil er es selbst so gelehret hatte. Ihr Vermögen, da ich mit Einwilligung meiner Frau keinen Anspruch darauf machte, theilte sie bei ihren Lebzeiten größtcntheils unter arme Kinder, schaffte ihnen die nothwendigen i^chulgeräthe oder Kleidungen, nahm aber 9 194 auch vielen Bedacht auf hilflose Kranke.— So lebte sie mehrere Jahre zu unserer größten Freude unter unserem Obdache, und der Segen des Himmels'war mit ihr und mit uns.— Meine Frau ehrte an ihr das Alter, gewann sie ihrer vortrefflichen Eigenschaften wegen sehr lieb, unterhielt sich bei den Erzählungen und Erfahrungen, welche sie in dem abgelegenen Thale in ihrem stillen Häuschen, wo Liebe, Friede, Zufriedenheit und lautere Frömmigkeit herrschte, inneward, oft stundenlang, redete mit ihr von der Art und Weise der Führung weiblicher Geschäfte, des übrigen Hauswesens, der Erziehung der Kinder, oder die Mutter erzählte ihr Mehreres von den Schicksalen, die ich während meiner Militärdienste, im Felde oder auf dem alten Felsennest in Frankreich erfuhr; kurz, Beide hatten sich einander sehr lieb, und Gott, der ein Gott der Liebe und des Friedens ist, hatte Freude an diesem Paar. Dadurch gewann ich viele Ehrfurcht vor der Frau, denn es ist und bleibt ein schöner und löblicher Zug des Jüngeren, wenn er den Älteren schätzet und hochachtet; und Gott selber hat dieser Lugend so wie keiner andern so ausdrücklich die Verheißung zeitlicher und ewiger Belohnungen hinzugefüget.« »So lebten wir in Friede, Liebe und Eintracht mehrere Jahre fort; wir freuten uns der glücklichen Lage wegen, lobten und priesen den Herrn, und dankten ihm für Alles, dessen Geber er war.« »Aber wie nach schönen, sonnigen Lagen gewöhnlich der Horizont sich antreibet, und der Himmel sich wölket, so ergeht es im menschlichen Leben. Es drängen sich in den Familienkreis unangenehme Umstände, mißliche Au- 195 genblicke und Bitterkeiten, die die gewohnte Ruhe stören und die Zufriedenheit entfernen. So war es auch in meinem Hause. Denn eines Tages saßen wir, ich weiß nicht in welchem bespräche vertieft, in der Wohnstube der Mutter beisammen, als sie plötzlich über Übelkeiten zu klagen anfing. Binnen einer Stunde nahm das Übel so sehr zu, daß wir es für etwas bedenklich hallend, so- gleich einen alten, sehr geschickten und erfahrnen Arzt herbeiriefen. In dem ersten Augenblicke, als er die Kranke sah und einige Zustände von ihr erforschte, sprach er zu uns der geliebten Mutter das Leben ab. Wir erschraken sehr— flehten zu Gott um Hilfe, ergaben uns aber seinem heiligsten Willen. Wirklich wurde der Zustand der Kranken von Lag zu Tag ärger, und wiewohl wir Wartung, Pflege und unsere Gebethe zum Herrn des Lebens und des Todes verdoppelten, so erkannten wir doch, wie ihre Kräfte in steter Abnahme begriffen wären. Wir ließen sie daher mit den heil. Sterbsakramenten versehen. Sie sprach von Reue über ihre Sünden, bethete mit heißer Inbrunst, und hatte das Brot des Lebens als Wegzehrung mit fast beispielloser Andacht und felsenfestem Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes empfangen. Die Worte, welche die fromme Dulderin in jenen Augenblicken, ehedenn ihr der schon graue Diener Gottes das. allerheiligste Sakrament des Altars reichte, mit ruhiger Ergebung aussprach, wiederhatten noch in meinen Ohren:»So komm jetzt Du o Jesu zu mir, bald werde ich kommen zu Dir.« »Sie rief mich und die Frau einige Male zu sich hin, cuuahnce uns zur gegenseitigen Liebe, Frieden und Ei- 496 mgkeit, zur Haltung der göttlichen Gesetze, zum beständigen Gebethe, als dem kräftigsten Mittel, wodurch der göttlichen Gerechtigkeit gleichsam heiliger Zwang angethan werden kann, empfahl uns letztlich, auf ihre Seelenruhe durch eine fromme Stiftung bedacht zu seyn, und gab sodann, während wir in Thränen zerflossen umher- standen, unter schwacher Aussprache des allerhciligsten Namens Jesu ihren Geist auf. Sie starb an Auflösung der Lebenssäfte. Unsere Thränen flössen lange noch fort, und die Wohlthätigkeit gegen Arme und Unglückliche erhielt sie bis auf die jetzige Stunde im frischen Andenken. Ihre guten Werke und unsere Gebethe werden, wie uns unsere heilige Religion versichert, ihr nachfolgen, und vor Gottes strengem Richterstuhle für sie das Wort sprechen. Wir hielten hinsichtlich unserer, der sterbenden Mutter gegebenen Versprechungen getreulich Wort: errichteten sogleich eine jährliche Stiftmesse, theilten das vorhandene Geld ihrem Wunsche gemäß unter die Armen,— und hielten Liebe, Friede und Eintracht mitsammen bis auf die jetzige Stunde. Ich fahre fort, die Geschäfte des Hauses mit gleicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit zu führen; und eben ein Handelsgeschäft, das ich in Straßburg abzuthun hatte, war die Ursache meiner gegenwärtigen Reise und die Gelegenheit, Sie, meinen ehemaligen Vorgesetzten und Wohlthäter, wieder zu sehen und zu erkennen.— Ick) versichere, daß mir jener unvergeßliche Tag, an welchem meine liebe Mutter, seligen Andenkens, in den mit Freude und Wonne erfüllten Speisesaal trat, nicht tiefer im Gedächtnisse haften wird, 197 als dieser, an welchem mir im Gefühle gleicher Überraschung, die Ehre und das Glück zu Theil ward, Sie wieder zu sehen undsogar zumReisegefährtenzuhaben.— So kommen denn nach Jahren die Menschen wieder zusammen, sehen und lernen sich wieder kennen, und freuen sich mit einander. Wahrhaftig, wunderbar ist Gottes Fürsehung, und in Altem, was er thut, ist Liebe zu seinen Geschöpfen; stets leitet er die Folgsamen die rechten Wege, bis wir einstens, wenn der Tod das Pilgerkleid uns auszieht, einander in den Wohnungen, wo ungetrübte Seligkeit herrschet, ewig beisammen uns sehen und freuen werden.« »Ja wirklich, wunderbar ist Ihre Lebensgeschichte, mein Lieber! Gottes Führungen und seine heil. Fürsehung leuchten daraus mit solcher Klarheit hervor, daß sie von jedem, auch nur halb geöffneten Auge gesehen und erkannt werden müssen, sprach jetzt Joseph. Ich freue mich, fuhr er fort, Ihre Frau, eine so edle, fromme und vernünftige Frau kennen zu lernen, die noch überdieß die Ursache Ihres und der verstorbenen Mutter Glückes war. So lohnt der Himmel Fleiß, Treue, Rechtschaffenheit und Lugend; und wenn ihnen ihr verdienter Lohn auch später erst zukommt, so bringt ihn doch sicher die Zeit, denn Gott ist getreu in seinen Verheißungen, und die Wahrheit seiner Worte, so er bei der Gesetzgebung auf Sinai zu Israel sprach, bestätiget sich von Fall zu Fall: »Wenn ihr meine Gebothe halten werdet, so werde ich euch lieben und belohnen.«— Dieser trostvollen Verheißung zu Folge, setzte der Sprecher noch bei, hoffe ich auch zu Gott, daß ich meine lieben Ältern und Geschwi- im; stcr, die ich'schon mehr als sechzehn Jahre nicht gesehen habe, noch am Leben finden werde, und daß ich ihnen mit meinem ersparten Gute, woran mein durch mehr als ein Jahrzehend so sauer vergossener Schweiß klebt, die Last eines etwaigen Mangels erleichtern, oder nach Umständen sie gar davon befreien kann.- Das wäre mein einziger, aber auch gewiß mein süßester Wunsch. Indessen sollte es dem Herrn, der die Zügel aller menschlichen Ereignisse in seinen Händen hält, und der der Herr über Leben und Tod ist, anders gefallen haben, so unterwerfe ich mich willig seinen heiligen Anordnungen, erkenne seine Liebe, und werde nie aufhören, seine unbegreiflichen Rathschlüsse anzubethen. So sprach oft mein Lehrmeister: „Heilig und unbegreiflich ist Gottes Plan, Und Alles, was er thut, ist wohlgethan." Zwanzigstes Hauptstiick. Ein schöner Zug des Schaffners. Unter verschiedenen Gesprächen, die mehr oder weniger ihre mannigfaltigen Erfahrungen zum Gegenstände hatten, verflossen ihnen einige Lage. Sie befanden sich schon einige Zeit auf bayrischem Boden, und hatten nur mehr eine kleine Lagreise zur Heimath des Schaffners, nämlich nach Regensburg. So oft die Reisenden einen Berg überfuhren, und am Gipfel desselben einen weiteren Gesichtskreis gewannen, blickte Joseph immer mit nassen Augen gegen jene Seite, wo er seiner Meinung nach, seine Heimath und Geburtsstadt zu finden glaubte. 199 Was den guten Joseph sehr niederschlug, war, daß er auf seiner Reise her überall erfuhr, daß die Feinde da gewesen, und der Eroberungsplan des Ruhestörers auch bis über Böhmen sich erstreckt habe, was ihn vermuthen ließ, daß auch seine Vaterstadt von Feinden heimgesucht, und etwa gar ein Schauplatz kriegerischer Bewegung geworden sei. Hie und da sah er Spuren der Verwüstung, sei es, daß sie durch den zerstörenden Zahn der Zeit oder kürzlich durch blinde Kriegswuth der Feinde verursachet worden sei. Oft und oft fragte er daher seinen Gefährten, den Schaffner, ob er ihm nicht sagen könne, ob der Feind auch nach F., seiner Vaterstadt gekommen, ob er bis in diese oder jen^ Orte vorgedrungen sei? ob diese oder jene Gegend auch Feinde gesehen habe? Denn, dachte er, sind die Feinde bis in meine Heimath gekommen, so habe ich nicht viel Gutes zu erwarten, und ich wäre wenigstens einiger Maßen auf die traurige Lage, in die diese kriegerischen Unruhen meine Ältern, Geschwister und Gewerbe versetzt haben dürften, vorbereitet.— Wirklich erlangte er in seiner Sache Gewißheit. Denn einige Stunden vor Regens- burg kehrten sie in einem Gasthofe ein, und als Joseph den Wirth über seine Herzensangelegenheit auch wieder befragt hatte, gab ihm dieser zur Antwort:»O ja, die Feinde haben dort die ganze Gegend überschwemmt, ich selbst lag in F. im Quartiere, und befand mich dort wohl. Die Stadt hat aber gar keinen Schaden gelitten, und so viel ich weiß, sing man dort auf Befehl des französischen Kommandanten, an allen Orten die Handwerke zu betreiben an; ich glaube, daß, einige Verunglimpfun- 20« gen, die bei solchen traurigen Umstanden nie ganz ferne bleiben, abgerechnet, Niemand dort sonderlichen Schaden erlitten haben dürste. Ich kannJhnen, lieber Freund, setzte der Gastwirth bei, schon so viel zum Troste sagen, daß fast an keinem andern Orte die feindliche Mannschaft so in Zügel und Ordnung erhalten wurde, als gerade in diesem Städtchen, wiewohl die Anzahl dieser unerbete- nen Gäste ziemlich bedeutend gewesen seyn mag.« Joseph fragte den Wirth um einige Namen, worüber dieser aber nicht die geringste Auskunft zu geben im Stande war. »Es wird sich, sprach jetzt der dem Wirthe wohlbekannte Schaffner, Ihre Meinung oder Hoffnung, die Sie in Ihrer Brust hegen, nach und nach zur Wirklichkeit bestätigen; Sie werden finden, was Sie Gutes wünschen, und erfahren, was Ihnen angenehm seyn wird; denn oft bereitet der Himmel im fernen Lande uns Freuden und Vergnügungen, daß wir auch dort seinen heiligen Namen preisen; und gerade mitten in jenen Gegenden, wo der Gräuel der Verwüstung gehauset hat, stehen schone Denkmähler der göttlichen Barmherzigkeit, die die Vorsehung erhält, um uns Menschen zum Danke auffordern zu können. Lassen Sie daher diesen Kummer, der Ihr Herz so sehr beschwert, fahren, freuen Sie sich mit mir der angenehmeren Gegenwart, und übertragen Sie Ihre Sorgen auf den Herrn, der unser Aller Helfer ist.« Nach etwa drei Stunden, als die Sonne schon nahe am westlichen Horizont stand, öffnete sich den beiden Reisenden die Gegend, in welcher die alte Stadt Regensburg hart am Donauflusse liegt. Die Thürme der Stadt glühten mit ihren vergoldeten Kuppeln ungemein im 201 Feuer der Abendsonne. Bald, sagte der Schaffner, werden wir das Ziel unserer einstweiligen Reise erreicht haben.— Beide freuten sich recht herzlich, da ihnen ein Ruhetag höchst nothwendig und wünschcnswerth war.— »So endet eine Reise um die andere, sagte der Schaffner; so oft ich von einer weiteren Reise nach Hause komme, fällt mir allemal die große Wahrheit ein, daß wir lauter Pilger sind, hier auf Erden wie in einem fremden Lande herumwandern, und nie wissen, wie weit unsere zeitlichen Reisen sich erstrecken, oder wo ihr Ende ist; nur Eine Reise ist gewiß und steht uns Allen ohne Ausnahme bevor, und das ist nämlich jene Reise, von welcher der heil. Apostel Paulus redet, deren letztes Ziel nicht in diesem Lande, sondern in dem geheimnißvollen Lande der Ewigkeit liegt. Wollte Gott, daß wir auch jenes so leicht und gewiß erreichen möchten, wie wir dieses jetzige erreicht haben.« Als jetzt der Sprecher geendet hatte, bielt er seine Pferde an und sagte:«Gottlob, hier sind wir zu Hause!« Beide stiegen ab, als auch schon einer der Knechte her- auseilte, den Herrn freundlich grüßte und die Equipage übernahm. Der Schaffner führte seinen Reisegefährten seiner Gemahlin, die er zuvor herzlich bewill- kvmmte, mit den Worten auf:»Sieh, liebe Frau, welch seltenes Glück; dieser Herr war vor mehr als sechzehn Jahren mein Vorgesetzter und später— mein Lebensretter!« Die Frau begrüßte ihn auf das Freundlichste, bot ihnen sogleich Plätze an, indem sie Joseph das Ruhebett anwies, setzte ihnen einige Erfrischungen vor, besorgte vorläufig durch Anordnung ein gutes Abendessen, 2V2 nahm hierauf an der Seite ihres so werthen und geheim- nißvollen Gastes Platz, und bat sich sogleich die Ehre aus, ihn nicht nur heute, sondern einige Tage bewirthen zu dürfen. Wiewohl Joseph, voll von Sehnsucht und Wießbegierde seiner Ältern und häuslichen Verhältnisse wegen, gleich am folgenden Tage hatte forteilen wollen, so konnte er einerseits doch hier keine abschlägige Antwort ertheilen, um sich gegen die Gutherzigkeit der Frau nicht zu verstoßen, anderseits aber, da ihm einige Ruhe nach einer so weiten, ungewohnten Reise höchst nothwendig war.»Da Sie, theure Frau, sprach er, schon so freundschaftlich gegen mich sind, so bin ich so frei, von Ihrem gütigen Antrage Gebrauch zu machen.« Übcrdieß, setzte die Frau hinzu, ist mir ja das von meinem Gemahle ausgesprochene Wort:»Lebensretter« zu wichtig und zu bedeutungsvoll, als daß ich um eine nähere Entwickelung dieses Geheimnisses mich zu bekümmern, nicht unterlassen könnte, und darum wollte ich ja heute keine Bitte mehr einlegen.—,, Wirklich eine artige Frau, dachte Joseph, wie mir ihr Herr gesagt hat. Sie stellte verschiedene Fragen an die Angekommenen, fragte ihren Gast, wie ihm Gegend und Stadt gefalle, wie weit er mit ihrem Gemahle Herreise, sprach von dem Vortheile und der»Sicherheit der Reisenden, wenn auch nur Ein Gesellschafter ist, und noch von vielen andern Dingen. Bei Tische Abends erzählte die Frau Mehreres, so sich während seiner Abwesenheit in der Stadt oder Umgegend zugetragen hatte, was für Joseph, da er Niemanden kannte, weniger Interesse hatte.— Der Reisende erkundigte sich um Man- 203 ches, worüber die Hausfrau stets mit vieler Überlegung und Umsicht antwortete und Auskunft gab. So wurde dieser Tag beschlossen. Der müde Reisende dankte dem lieben Gott für die ihm zu Theil gewordene Wohlthat, eine solche Gelegenheit zur schnelleren und sicheren Reise gesunden zu haben, gedachte wohl auch des noch bevorstehenden weiten Weges, und begab sich im Namen des Herrn zur Ruhe. Am andern Tage wohnte der Gast in Begleitung des Hausherrn der h. Messe bei, besah mit ihm mehrere öffentliche Gebäude und Plätze in der alten, einst so berühmten Stadt Regensburg, und kehrte dann wieder zurück. Die Frau, voll Neugierde, die einstigen Verhältnisse ihres Gastes und ihres Gemahls, so wie die Art und Weise, wie jener der Lebensretter dieses geworden war, inne zu werden, konnte auch nach gestellten gewöhnlichen Morgenfragen nicht länger widerstehen, sondern äußerte ihren Wunsch. Der Beherbergte erzählte ihr im Beisein ihres Gemahls die ganze Geschichte, bis zur Zeit, als er von der Beste weggebracht wurde, mit vieler Genauigkeit, wie denn auch der nebensitzende Zeuge dieß inzwischen öfters bestätigte. Allen brach bei dieser Erzählung das Herz, und die Frau weinte laut. Nachdem Joseph geendet hatte, setzte der Hausherr hinzu:»Ich muß zur Ehre Gottes und zu Ihrem Lobe gestehen, daß ich nebst noch einigen Personen in unserer Krankheit, die eine Folge der schlechten Nahrung, schlechten Betten, und der damals herrschenden grimmigen Kälte war, höchst wahrscheinlich mein Leben verloren hätte, wenn Sie nicht gewesen wären. Dieß will ich wohl gerne zugeben, sagte 2V4 Joseph, aber die Erhaltung Ihres Lebens durch ein unerlaubtes und daher sündhaftes Mittel gereicht mir weder zur Ehre vor dem menschlichen, noch zum Verdienste vor dem göttlichen Richterstuhle; und ich wünschte daher heute noch diese That nicht verübt zu haben; ich habe dadurch meine Seele befleckt und eine schwere Sünde auf mich genommen.»Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, alles Menschenleben dem Tode entreißt, aber dadurch an seiner Seele Schaden leidet!«— Joseph war auch besorgt, sich hier neue Kleidungen, die für seinen Stand passend wären, anzuschaffen, damit er durch seinen äußerlichen Anzug, auf welchen allein das seicht prüfende Menschenauge oft hangen bleibt, und während der Prüfung ihre Sehkraft verliert, nicht etwa zu Gerüchten, die seine Person in ein schiefes Licht stellen dürften, Anlaß geben sollte. Auf seiner Reise war er sehr sparsam, so wie er überhaupt nicht die geringste Neigung zur Unwirthschaftlich- keit in sich hatte, und ertrug mit wahrem Mißfallen jedweden Überfluß in der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Ich fühle, sprach er öfter, durch und durch die Wahrheit des alten Spruches:»Der Mensch ist desto glücklicher, je weniger Bedürfnisse er hat.« Nachdem nun Joseph bereits einige Tage bei seinem Freunde, dem Schaffner, in Regensburg zugebracht hatte, wollte er Abschied nehmen und sich wieder auf den Weg nach seiner Heimath und seinen lieben Angehörigen begeben. Aber wie staunte er nicht, als ihm aus die erste Äußerung seines Wunsches die Frau vom Hause den An- 205 trag machte, daß er sich im beliebigen Falle ihrer Gelegenheit bis zum Hause seiner Ältern bedienen könne, indem sie sprach:»Da Sie vor Jahren mit Aufopferung Ihres guten Namens, Ihrer Gesundheit und Zeit, deren Güterverlust Ihre Handlung nach sich zog, der Erhalter meines Gemahles, dem ich mit reiner christlicher Liebe anzuhangen alle Ursache habe, waren, da Sie also, wiewohl unbewußt und ohne beabsichtigtem Zuthun, mein größter Wohlthäter geworden sind: so halte ich meinen Einsichten zu Folge es für die schuldigste Pflicht der Dankbarkeit, daß Sie, einen schwachen Beweis derselben nicht verschmähend, unserer Pferde bis nach F., Ihrer Vaterstadt, sich bedienen mögen. Was die Reise von Straßburg bis hieher betrifft, so wird mein Gemahl, der ohne Zweifel von gleichen Gesinnungen der Dankbarkeit beseelt seyn wird, nichts annehmen, sondern die ganze Zeit, die er mit Ihnen hieher zugebracht hat, als eine der angenehmsten seines Lebens im frischen Andenken halten; sprich, Gatte, setzte die Nednerin hinzu, findest du meinen Antrag billig? Bist du damit einverstanden?« »Dein Edelsinn, welchen du, theure Gattin, antwortete mit nassen Augen der Schaffner, gegen meinen einstigen Vorgesetzten und Wohlthäter an den Tag legest, erhöhet in meinen Augen nicht allein das Ansehen deiner Person, sondern zwingt mir noch überdicß das Geständniß ab, daß dein Herz wahre Gottes- und Menschenliebe in sich trägt, und somit den höchsten Adel sterblicher Größe errungen hat. Was bisher während dieser Lage, als unser Haus meinen Wohlthäter beherbergte, bloße Angelegenheit meines Herzens war, hast du jetzt 206 auf eine schöne uns mögliche Art entziffert; denn ich ging Mit mir schon öfters zu Rathe, welchen Beweis meiner noch nicht erstorbenen Dankbarkeit ich meinem einstigen Wohlthäter geben könne.« Joseph sah das christliche Ehepaar an; eine Thräne um die andere entperlte seinen Augen; er war in einer sichtbaren Verlegenheit. Endlich faßte er männlichen Muth und sprach:»So vieler und großer Wohlthaten bin ich nicht würdig, werde auch nie im Stande seyn, sie früher oder später zu erwiedern. Da ich aber so gute und zarte Herzen, die aus dankbarer, aber von meiner Seite unverdienter Liebe zu mir, überfließen, an Ihnen Weiden, werthes Ehepaar, angetroffen habe: so will ich diesem so wohlwollenden Antrage nicht auf eine Erkenntliche Weise hemmend für die Zukunft entgegen treten, sondern erbitte mir diese Wohlthat aber nur für den halben Weg. Nehmen Sie als geringen Beweis meines wärmsten Dankes gegen Sie hier diese zwei Bilder, worauf Ihre Namenspatrone in weichem Metalle vorgestellt sind, ich verfertigte sie, ohne zu wissen, daß sie für zwei so edle Personen bestimmt seien, mit eigener Hand und dem ganzen Umfange meiner unbedeutenden Kunst,— nehmen Sie überdieß noch die Versicherung, daß die Lage, die ich bei Einem wie bei Beiden von ihnen, zubrachte, auch mir seit mehr als sechzehn Jahren die angenehmsten waren, und daß sie auch in alle Fürderzeit der erfreulichste Gegenstand meiner Erinnerungen bleiben werden. Hierauf reichte Joseph nach bayrischer Sitte Beiden die Rechte, was zu den damaligen Zeiten noch als Zeichen deutscher Freundschaft, Liebe und Offenher- 207 zigkeit galt, küßte sie und sprach:»So lebet denn wohl, christliche Freunde, der gütige Vater im Himmel vergelte, was ich aus Eurer Hand Gutes genossen; er erhalte Euch nach seinem heiligen Rathschluße, segne Eure Mühungen und Euer ganzes Tagewerk; lasset uns sür einander bethen und durch Lugend Gottes Gesetze heiligen, damit wir, wenn uns die allweise Vorsehung hier in diesem Thalc der Zähren nimmermehr zusammenführt, uns einstens hinter den Bergen ewiger Freude und Wonne, wo kein Jammer mehr ist, und keine Thräne mehr Meßt, wieder sehen mögen!« Die beiden Ehcleute dankten mit inniger Herzlichkeit, begleiteten den guten Joseph eine kleine Strecke fort, und nahmen nach den Worten, so Beide fast zu gleicher Zeit aussprachen:»Gott sei mit Ihnen, und sein schützender Engel begleite Sie auf Ihren Wegen!« den schmerzlichsten Abschied, den je gute und christliche Herzen nehmen konnten. Schnell rollte die Kutsche durch die Gasse fort, bis eine Ecke eines vorstehenden Hauses sie den Blicken der Begleiter entzog.»Gott wolle ihn nur glücklich nach Hau>e kommen, und alle seine lieben Angehörigen im erwünschten Wohlsein finden lassen,« sagte der Schaffner nochmal. Sie kehrten nach ihrer Wohnung zurück. 20» Ein und zwanzigstes Hanptstück. Glückliche Vollendung der Reise. Muthig und raschen Schrittes zogen die Rosse den vvm reichlichen Segen der beiden Eheleute begleiteten Reisenden fort. Sein Herz war voll Gegendank, wozu ihn die wohlwollenden Gemüther aufforderten; er bethete zu Gott für ihre Erhaltung, um Glück und Segen, um ihr zeitliches und ewiges Wohl.—»Wenn ich das ganze Ereigniß, dachte er im Fahren bei sich selbst, näher erwäge, so treten auch hier wieder die kräftigsten Beweise jener schon so oft erfahrnen Wahrheit:»daß Gottes Vorsehung die Schicksale der Menschen stets zum Besten leite,« vor mein Geistesauge. Was ist es doch Wunderbares, daß ich gerade zu jener Zeit von der Hauptstadt des französischen Reiches auf meinem Lastthiere die weite Reise in so wenigen Lagen vollendete, um diesen Schaffner noch anzutreffen; oder ist es weniger wunderbar, daß ich in Straßburg unter den vielen größeren und kleineren Gasthöfen gerade jenen traf, wo dieser Schaffner sich einlogirt hatte? War es etwa bloßer Zufall, daß ich in seiner Gesellschaft in diesen unruhigen Zeiten die hie und da unsicheren Wege passiren konnte, daß er noch überdieß einer jener Wenigen war, die auf der Beste gleich trauriges Schicksal, das uns bald Alle dem schmerzlichsten Hungertode Preisgegeben hätte, mit mir erlitten; war und ist es denn nicht Gottes Geist, der das Herz dieses Mannes, so wie das seiner schätzbaren Frau, mit so vielem Danke gegen mich erfüllte, der mir in meiner Lage so gedeihlich zu Statten kam, und noch im jetzigen Augen- 209 blicke guten Dienst leistet? Ja wahrlich, ich erkenne eine heilige, allwaltende, göttliche Vorsehung, die die kleinsten Ereignisse und Umstände der Menschen leitet, und immerfort zu einem glücklichen Ende führet!« »Wie viel konnte ich durch Benützung dieser Reisegelegenheiten nicht an Kleidung und Geld ersparen. Wahrscheinlich seufzen meine Angehörigen zu Hause, wenn sie anders noch am Leben sind, in Noth und Mangel; wie sehr zum Vortheile wird mir dann das ersparte Geld seyn. O welch' unaussprechliche Freude für mich, wenn ich nach Hause kommen, und den mißlichen Umständen meiner Ältern und Geschwister werde steuern können. Wie sehr werden sich meine lieben Altern freuen, wenn ich, etwa schon längst für todt gehalten, ihnen jetzt zu Hilfe eilen werde.— Nur das ist mein einziger Wunsch. Vater im Himmel, du siehst in mein Herz, es schlägt mit warmer kindlicher Liebe, erhöre mein Gebeth, damit ich die Meinigen wohlbehalten in meine Arme schließen, und deine Liebe, Güte und Barmherzigkeit immerfort loben und preisen möge.« Unter solchen und ähnlichen Gedanken und gemischten Gefühlen ließen die muthigen Pferde bald die Ebene, in welcher Regensburg liegt, zurück. Die Reise ging sehr gut von Statten. Der gute Joseph fand auch einige Zerstreuung, indem der beredte Führer ihm die zu beiden Seiten der Straße liegenden Orte zeigte, nannte, und to Manches davon erzählte. Auch unterhielt er ihn mit so manchen Neuigkeiten, an denen eine größere Sradt nie Mangel leidet. Dem Reisenden verging die Zeit ziemlich schnell. Aber auch mit unverrücktem Auge sah er nach 210 jenen Bergen hin, hinter welchen seine geliebte Heimath verborgen lag. Dort werde ich diejenigen wieder finden, dachte er oft bei sich selbst, für welche mein Herz in kindlicher Liebe schlägt. Schon war der Reisende, dessen Herz von Sehnsucht und Erwartung hoch aufgeschwollen war, über die Hälfte des Weges hinaus, als er in einem Dorfe bei einem hübschen Gasthofe abstieg und den Führer mahnte, daß er ohnehin schon über das Ziel der Bestimmung hinaus sei, folglich, daß er umkehren sollte.»Nein Herr, sprach der Kutscher, ich darf nicht eher umkehren, als bis ich Sie nach F. geführt habe; weder Zureden noch Belohnungen darf ich annehmen, so gebot mir mein Herr, und ich habe bisher seine Befehle nie übertreten, und würde mich auch jetzt dazu nicht bewegen lassen. Ich erkannte es aus den Worten der Frau, in deren Hause ich schon länger als dreißig Jahre im Dienste st-che, daß es ihr höchst mißfallen würde, wenn ich vor der bestimmten Zeit nach Hause kommen würde, denn man weiß zu Regensburg genau, wie weit es von dort nach F. ist.« »So ist denn noch kein Ende des Dankes, sprach Joseph, an welchem ich so wenig Verdienst hatte! O die guten Seelen in Regensburg, wie werde ich ihnen das einmal vergelten können. Wahrlich, sie sind vom Wohlthätigkeitssinne ganz zusammengesetzet. Vergelte ihnen, himmlischer Vater, was sie an mir Gutes geübet! Laß es ihnen und Allen, die eines guten Willens sind, wohl ergehen, und nimm sie nach diesem Leben in deine Wohnungen auf, wo sie die Belohnungen ihrer Tugenden und guten Handlungen ohne Ende genießen werden.« 211 Je naher Joseph der Gegend seiner Heimath kam, desto sehnsuchtsvoller wurde auch sein Herz; immer und immer drängte sich der Gedanke:»Werde ich denn doch meine lieben Angehörigen noch finden?— und in welchen Umständen dürfte ich sie finden/ vom Neuen in seine Seele. Dieser Gedanke fing ihn jetzt zu quälen an, denn wenn er bedachte, daß schon mehr als sechzehn Jahre verflossen seien, seit welchen er vom väterlichen Hause nichts mehr gehört hatte, wenn er ferner bedachte, daß hier feindliche Einfälle geschahen, daß hier die Feinde einige Zeit hausten, daß bei solchen Gelegenheiten oft wilde Ausfälle, blutige Auftritte und andere Ausbrüche barbarischer Leidenschaften Statt haben, wenn er endlich noch bedachte, daß seine Ältern schon damals nicht mehr jung waren: so ließ ihm das Alles traurige und höchst niederschlagende Nachrichten vermuthen. Wiewohl der fleißige und kraftvolle Vater vor dieser Zeit seine Familie gut bürgerlich ernährte, so gerieth etwa das Zinngießergewerbe während der unruhigen Zeiten ins Stöcken, und die Quelle, woraus sein Einkommen floß, ist vertrocknet; ferner hat der arbeitsame Vater an Jahren zugenommen, sein Arm ist schwächer geworden, und die Ausdauer in der Werkstätte hat nachgelassen. Gott weiß, wie es mit meinen lieben Geschwistern steht, ob sie leben und durch ihre Arbeiten die schwere Last dem Vater erleichtern können, oder vielleicht sind die Ältern durch die Feinde etwa gar um ihr Habe und Vermögen gekommen, wie mir der Wirth dort, ehe ich nach Regensburg kam, einige solche traurige Vorfälle erzählet hat. Mein Gott, was würde ich thun, wenn ich den übelsten Fall 212 annehme. Vielleicht sind die guten Ältern schon lange gestorben oder vertrieben worden, und meine Geschwister irgend wo in harten Diensten, wo sie das karg zugemessene Stücklein Brot in den sauren Schweiß ihrer täglichen Mühungen tauchen müssen. Wo werde ich in diesem Falle sie finden? In welch abgelegenen Hütten werden ihre Thränen fließen, die vom Throne des Ewigen Er- barmung erwirken sollen.— Wohl hoffe ich zu Dir, o Allmächtiger, der Du stets mit Vaterliebe über deine Kinder herrschest, daß Du sie von harten Schicksalen und schweren Bedrängnissen wirst befreiet haben— allein auch mir ließest Du das Joch des Lebens, so alle Adamskinder drücket, so schwer werden, daß ich unzählige Thränen vergoß, und Jahrelang aus kummervoller Brust und aus beängstigtem Herzen zu Dir um Abwendung, um Hilfe und Barmherzigkeit flehte. Du betrachtest das Erdenleben nach Deiner höchsten Weisheit, nach Deiner ewigen Heiligkeit, wie es auch. jeder Christ betrachten soll; und in diesem Falle ist es sonst nichts, als eine Vorschule zum ewigen Leben; hier ist die Vorbereitung, die Prüfungszeit. Du unterwirfst uns Menschen Deinen heiligen und unerforschlichen Absichten zu Folge oft harten Proben, Du prüfest die Lugend, um den Lohn unserer Thaten im andern Leben desto höher steigern zu können. Daher sind oft harte Leiden unser Antheil, deren Anblick unser Auge oft netzet und der Brust schwere Seufzer entlocket.« »Solltest du, o gütiger Vater, meine lieben Angehörigen mit Leiden und Widerwärtigkeiten heimgesucht haben: so geschah es nach deinen ewig heiligen Rathschlüs- 213 sen; es geschah zu ihrem ewigen Heile. Ich wage es nicht, in deine Geheimnisse einzugreifen, denn sie sind un- crforschlich, und stehen für menschliche Ansichten oft in einem räthselhaften Dunkel. Dein Wille, o Herr, geschehe! Was Du thust, ist und bleibt wohlgethan.« Unter solchen Gedanken und Regungen, wobei dem guten Joseph oft Thränen in die Augen traten, verstoßen etliche Lage und er kam schon in jene Gegenden, in die er von F. aus zu jener Zeit, als er noch in der Werkstätte seines Vaters arbeitete, gekommen war. Hier also konnte er sich schon genau orientiren. Welche Freude hatte er nicht, als er mehrere ihm bekannte Gegenstände erblickte, freilich Gegenstände, die er seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, aber sie lagen in seiner Seele, und die Anschauung erneuerte die schon gehabten Vorstellungen, und frischte die schon früher gemachten Eindrücke auf. Als er ungefähr drei Stunden Weges von seiner Vaterstadt noch entfernt war, befehligte Joseph seinem Kutscher, an einem Gasthofe anzuhalten. Er bat hier um ein Zimmer, kleidete sich um, so, daß er in einem sehr schönen Anzüge in seiner Geburtsstadt einziehen konnte. Die Tracht war nach bayrischer Sitte, denn er hatte diese Kleidungen in Regensburg gekauft; sie standen ihm übrigens gut an und paßten so genau, als ob sie gerade für seinen Leib ausschließend verfertiget worden wären. Auch in der Wahl der Farbe war Joseph glücklich und auf seinen Stand wohl bedacht. Jedermann, der ihn sah, gefiel er seines netten und schönen Anzuges wegen, wiewohl ihn in dieser Gegend Niemand kannte. 214 Auch hatte er vom Wirthe, der ein ansehnlicher Mann war, und der Geschäfte halber öfters nach F. hineinkam, Vieles zu seinem Tröste erfahren.— Joseph hätte hier gerne um den wohlbekannten Zinngießermeister in der Stadt Nachfrage gehalten, aber, dachte er, erfahre ich etwas Trauriges, so wird es mir immer noch zu früh werden,— erfahre ich etwas Freudiges, so wird es mir dann um so überraschender seyn; ich will dießmal meine Neugierde, oder wie diese Neigung dann immer heißen mag, so viele Überwindung sie mich auch kostet, unterdrücken, und Gott, von dessen Liebe und Barmherzigkeit ich alles Gute hoffe, dieses Opfer bringen. Wohl ein kleines Opfer, aber Gottes Auge ist nicht Menschenauge— es sieht nie die Gabe, sondern stets den Geber an. Denn nichts ist eine große Gabe vor Dem, der Alles gibt. Was hast du, o Mensch, was dir Gott nicht gab? Hat er es aber gegeben, was rühmst du dich, als ob du es nicht aus seiner Hand empfangen hättest!— Gott, der die Schwächen seiner Kinder kennt, sieht mit Wohlgefallen auf uns hernieder, wenn wir seiner Ehre auch ein kleines Opfer bringen. Doch Joseph, durch die festeste Hoffnung und das lebendigste Vertrauen auf Gottes Waterliebe gestärkt, vermeidet eitle Fragsucht, bewahret sein Herz vor blutenden Wunden, die er ihm vor der Zeit nicht beibringen will, und harret einer größeren Freude, einer seligeren Stunde der kindlichsten Wonnegefühle entgegen, die Lottes väterliche Fürsehung in dem Kelche ihrer Liebe ihm vorbehalten hat. So ist deim nichts auf Erden, was mit dem menschlichen Herzen in Vergleich gestellt werden kann. Es ist eine 215 nie ruhige und unzugängliche Stätte, in welcher stets lebendige Quellen der verschiedensten Mannigfaltigkeit vorhanden sind. Das menschliche Herz ist die gcheimniß- volle Geburtsstärte aller Neigungen, Begierden und Leidenschaften, aller Wünsche, Freuden und Vergnügungen, aber auch alles Mißfallens— und ihre Grenzen verlieren sich ins Unendliche. Nie wird es leer von Regungen angetroffen, stets liegen naher oder ferner Gegenstände ihrer Thätigkeit, ihres Strebens. So war es, dachte der in sich gekehrte Joseph, als ich in der Beste lag, ich flehte nach Befreiung. Der Wunsch wurde gewährt. So seufzte ich in Rochefort und netzte Kette und Ruder mit den heißen Thränen, die die Regungen meines gebrochenen Herzens erzeugten. Auch dort wurde ich meines Wunsches theilhaftig. Die Grenze wurde nun wieder weiter hinausgerückt. Ich kam nach Paris, von da nach Regensburg und nähere mich jetzt meiner Hcimath, und erst hier schlägt das Herz hoch auf, und verbirgt die Wünsche, die in den ersten Lagen, als ich am Gestade des atlantischen Meeres stand, bei ihrem Entstehen auch schon wieder verflohen. Wahrlich, es ist so wie der heil. Augustin gesagt hat:»Stets, o Gott, wird mein Herz unruhig seyn, bis der Pulsschlag endet, und es seine Liebe in Dir, o Herr, findet.« So dachte Joseph. Sie hatten jetzt den letzten Berg überfahren, und es öffnete sich allmählich das Thal, in welchem seine Vaterstadt lag. Die wenigen Thürme glühten im Feuer der Abendsonne, die ihre letzten Strahlen noch zurücksendete, und in wenigen Stunden zu einem fröhlichen und wonnevollen Tage, deßgleichcu seit mehr 216 als sechzehn Jahren für Josephs Familie, Freunde und Anverwandte nicht erschienen war/ erwachen sollte.— Herr des Himmels und der Erde, bethete mit feuriger Inbrunst jetzt Joseph, erinnere Dich Deiner Barmherzigkeit, so Du dem Menschengeschlechte schon durch so viele Jahrhunderte hast zu Theil werden lassen, damit ich in diesem Orte, in welchem ich Dein herrliches Sonnenlicht erblickte, und den nach so vielen tausend Stunden der größten Bitterkeit und härtesten Drangsale in diesem Augenblicke wieder zu betreten mir vergönnt ist, neue Denkmäler Deiner unbegrenzten Vaterliebe finde! Gib, o Gott, daß ich meine theuren Ältern und Geschwister noch am Leben antreffe, und ich so in Stand gesetzt werde, in ihrer seligen Mitte den Becher der Freude zu trinken, und mit den Worten der heil. Schrift auszurufen:»Die Erbarmungen des Herrn werde ich in Ewigkeit besingen!« Zwei und zwanzigstes Hanptstück. Die unerwartete Ankunft und Freude. Voll unbeschreiblicher Sehnsucht und mächtig aufgeregtem Gefühle, fuhr der Reisende in seine Vaterstadt ein, als es schon ziemlich dunkel geworden war. Klugheit und Vorsicht jedoch änderte seinen bisherigen Plan, der darin bestand, sogleich das väterliche Haus aufzusuchen und seinen Geliebten die Freude des Wiedersehens nach so langer Zeit nicht noch länger zu verschieben. Dieser Augenblick, dachte er, könnte uns die Freude rauben, und traurige Stunden herbeiführen, denn ich habe 217 schon oft gehört, daß man Nachrichten, welche in der Seele eines Andern heftige Bewegungen der Freude oder Traurigkeit hervorbringen dürsten, nur nach und nach kund geben soll. Aber wie, sprach er jetzt leise bei sich selbst, wie werde ich das anfangen, wie ausführen, daß ich, im Falle die Familie lebt, zu einem glücklichen Ende gelange? In der Absicht, um mit sich selbst hierüber zu Rathe zu gehen, und die nothwendigen Erfahrungen über seine Familie sich einzusammeln, ließ er bei einem Gasthofe halten, und befahl dem Kutscher, hier zu übernachten. Nachdem er seinen Führer abgefertigt, und mit seinen verbindlichsten Danksagungen an dessen Herrn und Frau in Regensburg beauftragt hatte, verlangte er mit dem Wirthe allein zu sprechen. Um diesem unbekannt zu bleiben, fragte er, ob hier in dieser Stadt nicht ein gewisser F., der vor vielen Jahren hier gewesen seyn sollte, sich befinde? Ja wohl, antwortete der Wirth, wenn Sie anders den nämlichen Bürger meinen, er ist Zinngießer. »O ja, sprach Joseph, der ist es, den ich meine. Dem Himmel sei Dank, daß er noch lebt und gesund auch seyn wird. Lebt auch seine Frau noch? Leben auch seine Kinder noch?« Frau und Kinder leben, entgegnete der Wirth, und befinden sich Alle wohl;— nur einen Sohn hatte er, der höchst wahrscheinlich nicht mehr lebt— und das ist das Einzige, was das Herz des guten Mannes so sehr beschwert. Dem Joseph traten bei diesen Worten Thränen in die Augen, was aber der Wirth nicht leicht bemerken konnte, da es bereits finster geworden war. Gerne hätte 10 218 er sich bei dem Wirthe noch um Mehreres erkundiget; aber die heftigen Vorgefühle der Freude und des Dankes, der in seinem Herzen zu Gott, dem Geber alles Guten, erwacht war, ließen ihn nichts mehr sprechen.— Er dankte dem Wirthe für die gegebene Auskunft, wünschte ihm eine angenehme Ruhe, und empfahl sich. Das Gasthaus war nur einige Häuser von der Wohnung seiner Ältern entfernt. Aus dem Wege dahin faltete er seine von Freude und Erwartung zitternden Hände, die er gerne zum Himmel emporgehoben hätte. Aber wie der Mensch in Augenblicken, in welchen das Herz den Gegenstand der höchsten Freude und Sehnsucht bald zu erlangen hoffet, sich selbst gleichsam nicht angehört, und in solchen Augenblicken nicht Vernunft und Überlegung ihn leiten, sondern ein unbewußtes mehr sinnliches Dahinsterben der sonstigen Gebiethen» im Menschen die Zügel entreißt, so war es dießmal auch bei Joseph der Fall. Bald dachte er an die himmlische Freude, seine Ältern und Geschwister in die Arme schließen zu können, bald vergegenwärtigte er sich die Hochgefühle in den Herzen seiner Altern, bald sprach die innere stimme:»Vergiß nicht Gott, der die erste Ursache deiner und der Deinigen Freude ist, zu danken;-— und jetzt siel ihm ein, wie und auf welche Art gibst du dich den Ältern und Geschwistern zu erkennen? Wie stellst du es an, daß deine Bekanntgebung den Ältern nicht etwa gefährlich wcr- de? Er blieb eine kleine Weile stehen— und jetzt erinnerte er sich einer Erzählung, aus der er die Art, sein Vorhaben glücklich auszuführen, entnehmen konnte. Was siel ihm also ein?— Ich bin ein reisender Zistn- 219 10* gießergeselle, der schon längere Zeit auf der Reise ist, und einen Meister und Arbeit sucht.— Zn der Zwischenzeit war es so finster geworden, daß man Licht in die Wohnzimmer brachte. Joseph ging also etliche Schritte vorwärts, stand jetzt vor dem Hause seiner innigst geliebten Ältern, segnete sie in seinem wonne- vollen Herzen, und trat zur Schwelle. Schon war die Thür des Hauses verrammelt. Er klopfte leise an, als die jüngste Schwester, eine blühende Jungfrau von etwa zwei und zwanzig Jahren, mit einem messingenen Leuchter, der wie Gold glänzte, in der Hand, aufzumachen herauscilte.-Verzeihen Sie, sprach Joseph, ich bin ein wandernder Zinngießergeselle und bitte höflichst um Nachtherberge.« Amalia, so hieß die Schwester, stellte den Leuchter auf ein im Vorhause stehendes Tischchen, und eilte den kleinen Gang hinaus, der zur Werkstätte, worin der Vater arbeitete, führte, und brachte ihm Nachricht von dem Fremden.— Welche Regungen und Gefühle in Josephs Seele in diesen Augenblicken, als er bei der Thüre stand, vor sich gingen, läßt sich nicht beschreiben.— Jetzt kam der Meister Zinngießer herbei. Schon beim ersten Anblicke erkannte Joseph seinen Vater, wiewohl er ihn durch mehr als sechzehn Jahre nicht gesehen, und obgleich das Alter seine Gesichtszüge so ziemlich verstellet hatte. Die Schwester aber, die damals ein Kind von etwa fünf Jahren war, hätte Joseph nickt gekannt. »Was Gutes? lieber Freund!« kam fragend der nichts ahnende Vater auf den Fremden zu. 220 »Einen Gruß von allen Meistern und Gesellen, nach Handwerksgebrauch, sprach Joseph, ich bin ein wandernder Zinngießergeselle und suche Meister und Arbeit.« Dem guten alten Sigismund, so hieß der Meister, gefiel gleich beim ersten Anblicke der Fremdling, da er schön gekleidet dastand.»Schon etwas spat, sagte er, hat aber übrigens nichts zur Sache. Kommet mit mir.« Er führte ihn in das Zimmer, wo sein Geselle wohnte und sagte:»Hier mache dich bequem und raste aus, denn Reisen macht müde Glieder, oder willst du etwa in die Werkstätte herüberkommen; es wird ohnehin bald die Feierstunde kommen, wo wir dann zu Tische gehen. Du, Amalia, sagte er zur Tochter, sage der Mutter, daß wir einen Gast bekommen haben.« Der Vater ging in die Werkstätte zurück— und Joseph folgte ihm mit einer Seele voll himmlischer Wonne und Erwartung nach. Die Beiden, Joseph nämlich und der dort arbeitende Geselle, begrüßten sich einander. Joseph erkannte hier in der Werkstätte des Vaters so Manches, was er vor so vielen Jahren schon gesehen hatte. Auch der Platz nahe am Fenster, welchen er eingenommen hatte, war noch derselbe. Jetzt arbeitete der Geselle dort. Was ihm aber bald Thränen in die Augen gebracht hätte, war ein aus einer großen Zinnplatte ausgestochertes Bild, den gekreuzigten Heiland vorstellend, mit der Unterschrift:»Es ist vollbracht.«— Ja wohl, dachte Joseph, das große Werk der Menschenerlösung, o Jesu, hast Du vollbracht, dadurch, daß Du Dein kostbares Blut vergossen hast. Mit Deiner Gnade war auch ich im Stande, mehrere meiner Mitgefangenen zu ret- 221 ten— freilich auf eine ganz entgegengesetzte Art und mit unendlich geringeren Beschwerden. Dieses Bild hatte er, als er von Warschau zurückgekommen war, ausgestochen, und da es dem Vater sehr gefallen hatte, es an dem Platze, wo er arbeitete, aufgehangen.»Ein schon altes Bild, sagte Joseph, während er hinaufblickte, aber noch sehr gut erhalten.« Ja wohl, entgegnete der alte Sigis- mund, es ist schon bei zwanzig Jahre alt.«— Jetzt kam die Tochter, so dem Fremdling die Thüre geöffnet hatte, in die Werkstätte herein, und brachte die Nachricht, daß die Mutter bereits die Abendsuppe aufgetragen habe. »Nun, so lassen wir es für heute wieder gut seyn, sprach Sigismund, denn jeder Lag, wie unser Heiland, indem er auf das Bild hinaus deutete, versicherte, hat feine Last, die für ihn hinreichend ist.— So wollen wir gehen.« Joseph freute sich schon, seine liebe Mutter, deren er sich nicht zu erwähnen getraute, und die anderen Geschwister bei Tische zu sehen. Als er in das Zimmer, wo aufgetragen war, eintrat, grüßte er die Frau Meisterin und Tochter auf das Höflichste, und bat nochmals um Nachtmahl und Beherbergung. »Welch ein artiger Mann, sagte die Mutter heimlich zur Tochter— und wie schön er angezogen ist, erwiederte diese; er scheint kaum ein Zinngießergeselle zu seyn, oder. wenn das schon ist, so muß er aus einem guten Hause seyn.« Während Alle so bei Tische saßen, kam das in der Werkstätte Hangende Bild, so den Erlöser vorstellte, noch- 222 mals zur Sprache.»Dieses Bild, sprach jetzt der Vater, ist schon oft und durch viele Jahre Ursache meines Gebethes und meiner Thränen gewesen.« Auch ich, sagte die Meisterin, habe beim Anblicke desselben schon so heiße Zähren vergossen, daß, wenn sie gesammelt wären, das ganze Bild selbst darin schwimmen könnte. Amalia sprach zwar nichts; sie hatte ihren Bruder nie gekannt, sondern nur von den Altern so Manches erzählen gehört, jedoch standen ihr Thränen in den Augen. In der Seele des Fremdlings kreuzten jetzt die heftigsten Bewegungen der schneidendsten Gefühle durch einander, die sich sogar im Gesichte ankündeten, die der alte Sigismund auch bemerkte, aber den vernommenen Worten seiner Person und seiner Gemahlin zuschrieb. Er ahnte nicht das Geringste. »Und warum, sprach jetzt der Fremde, wenn ich anders fragen darf, hat Ihnen denn dieses Bild so viele Thränen verursachet? Der Name Jesu ist uns ja sonst zum Vertrauen, zur Stärke, Ergebung und Standhaf- tigkeit gegeben worden.« »Ja wohl, antwortete der Vater, auch uns war dieser heilige Name zur Ergebung und Standhaftigkeit, mit Geduld Gottes Fügungen zu ertragen— aber'bei uns steht im Hintergründe ein ganz anderes Bewandtniß. Hinter diesem Bilde ist eine traurige Geschichte verborgen.«— Mutter und Tochter weinten. »Eine traurige Geschichte? sagte der Wanderer— dem eine Thräne aus dem Auge perlte; vielleicht kann ich Ihnen etwa einigen Trost geben; oder vielleicht wird Ihnen das Herz leichter, wenn Sie mir Einiges davon 223 mittheilen. Ich vermuthe etwas, setzte er bei, die Geschichte, von der Sie da reden, wird wahrscheinlich Ihr Haus und Ihre Familie betreffen.« »Du hast es errathen, lieber Freund, entgegnete Si- gismund. Weil wir in unserem Gespräche schon so weit gekommen sind, so will ich auch Dir mein Herz öffnen, um im Troste wieder einige Linderung zu finden.«— Er sing also zu erzählen an: »Wir hatten nebst mehreren Kindern einen Sohn Joseph, der in seinen Jugendjahren sehr fleißig lernte, und viele Neigung zur Erlernung des Zinngießerhandwerkes zeigte. Dazu nun konnte ich ihm Gelegenheit und die Mittel verschaffen. Wirklich erlernte er in meiner Werkstätte seine Sache so ziemlich gut. Dabei verlegte er sich auf die Führung der Rechnungen, auf meine zwar kleine Correspondenz, machte sich einige Wissenschaft in der Mischungskunst eigen, und sing auch zu zeichnen an. Als die Lehrzeit vorüber war, wollte er auch andere Werkstätten besuchen. Er reisete in dieser Absicht nach Ungarn, arbeitete dort in verschiedenen Städten, ging sodann über die Gränze nach Polen, und nahm in Warschau Arbeit. Dort lernte er die Siegelstecherkunst, und sein Meister gab ihn dann zur Graveur-Kammer, wo er höheren Lohn als bei der Zinngießerei hatte. Mit Erlaubniß seines Meisters, der an ihm viele Freude hatte, durfte er auch kleinere, damals abgehende Galanteriewaaren verfertigen, die er unter der Hand verkaufte, und dafür vieles Geld einnahm. Er hatte sich dort mehr auf's Zeichnen verlegt, denn als Siegelstecher brauchte er nothwendig die Art und Weise, wie verschiedene Gegen- 224 stände am passendsten dargestellt werden können. Zu diesem Ende schaffte er sich in Warschau sogar Bücher an, las die Geschichten alter Völker und christliche Legenden. Mit Menschenkenntniß, mannigfaltiger Erfahrung, mit der neu erlernten Kunst und Geld kam er durch die Gerüchte, daß Frankreich mit unserem Vaterlande Krieg zu führen sich rüste, erschreckt, aus der Fremde zurück nach Hause, setzte mich, seine Mutter und Geschwister mit seiner neuen Kunst in Staunen, und half mir in der Werkstätte, oder arbeitete hier als Graveur.— Bei allen dem hatte er eine unselige Sucht, einmal recht weit in die Welt zu kommen, um recht viel Erfahrungen in Bezug auf Handwerk und Kunst zu sammeln. Unglücklicher Weise brach plötzlich Krieg aus. Seine größte Freude war, angeworben zu werden, und fort zu müssen. Und das geschah. Er wurde der Artillerie zugetheilt, und an den Rhein, wo der Kriegsschauplatz werden sollte, kom- mandirt. Auch avancirte er zum Unterfeuerwerker.« Jetzt stürzten dem bewegten Vater Thränen der Wehmuth aus den Augen.»Von dieser Zeit an, sprach,er weiter, hörten wir nichts mehr von ihm. Niemand konnte uns Nachricht geben; daher ich denn glauben muß, daß er ganz sicher eine Beute des zu frühen Todes geworden sei. Gott weiß, in welcher Gegend der Unglückliche etwa zum Krüppel geschossen wurde, oder in welchem Spi- tale, oder wo unter freiem Himmel er ohne leiblicher und geistlicher Hilfe seine Seele mag ausgehauchet haben. Doch sei ihm, wie ihm wolle, so fügen wir uns in den Willen Gottes, und in seine heiligen Rathschlüffe.« 225 »Es sind bereits mehr als siebzehn Jahre vorüber, daß er zum Militärdienste ausgehoben worden ist.— Das Bild in der Werkstätte, so du, lieber Freund, gesehen hast, ist seine Arbeit; er verfertigte es, als er von Warschau zurückkam. Weil ich nun daran seine Handarbeit erblicke, so frischt sich in mir, doch nicht mehr so lebhaft wie vor einigen Jahren, da die Zeit sogar den Schmerz lindert, allzeit die Erinnerung an meinen geliebten Sohn Joseph auf, und beschwert mein Herz mit Traurigkeit. Oft und oft bethe ich vor diesem Bilde für die Seelenruhe dieses meines Sohnes, dessen Verlust ich jetzt um so schwerer empfinde, weil ich in die höheren Jahre komme, welche den Armen ihre Kraft, und dem ganzen Körper seine Gesundheit rauben.— Doch, Herr! Du hast es gewollt, Du hast es gethan. Dein Name sei gelobt!« »Wunderbar, sprach jetzt Joseph, dessen Herz hoch aufgeschwollen war, ist der ganze Vorgang. Wann wurde denn Ihr Sohn zum Militärdienste ausgehoben? Im Jahre 1792, antwortete der Meister, und den letzten Brief bekam ich im folgenden Jahre von seiner eigenen Hand geschrieben; er berichtete dort, daß sie auf das Kriegsfeld kommandirt worden— und bittet auch, im Falle er etwa nicht mehr zurückkommen sollte, wir möchten seiner in unseren Gebethen eingedenk seyn. Und diese höchst traurige Pflicht hat er uns auch zurückgelassen.«— Auch ich, sagte der Fremde, bin im nämlichen Jahre zum Militärdienste ausgehoben worden, und wurde gegen den Feind, der uns am Rheine erwartete, im folgenden Jahre geschickt. Auch ich bin bei der Artil- 226 lerie gewesen.— Wie hat denn Ihr Sohn geheißen? »Sein Name, antwortete der Vater, war Joseph F.« Der Name ist mir bekannt, sagte der Fremde. Da Ihr Sohn bei der Artillerie war, so konnte es leicht geschehen, daß er gefangen, und als Kriegsgefangener in das Innere des französischen Reiches abgeführt wurde. Dort mag er heutiges Tages noch am Leben seyn, und es ihm vielleicht besser gehen, als Sie es vermuthen.»O daran, daß er noch lebt, ist nicht zu denken. Wenn das wäre, so hätte er schon lange von sich und seinem Aufenthalte Nachricht gegeben.« Wohl, Herr Meister, entgegnete der Wanderer, wer weiß, ob er sich mit Bricfschrciben abgeben darf, und einen Brief von einer andern Hand in seinem Namen geschrieben, mag ihm zu gefährlich seyn; zudem glaube ich, daß Ihr Sohn nicht gegen das Verboth seines Vorgesetzten in diesem Falle handeln würde. Glauben Sie mir, Herr Meister, ich rede hier aus eigener Erfahrung. Ich bin auch durch meine Sucht, die Welt zu sehen, zum Militärdienste susgehoben worden, und wurde gleich beim ersten Angriffe schon gefangen. Wenn Ihr Sohn an diesem Flügel gestanden ist, und das ist sehr wahrscheinlich, so hatte er gleiches Loos mit mir; er wurde auch fortgeführt, in einer alten menschenleeren Beste irgendwo in Frankreich eingesperrt, und ist von dort etwa aus einer Ursache, die sich nicht gleich errathen läßt, wo andershin verschickt worden. Glauben Sie, daß es nicht möglich wäre, daß mehrere in der Gefangenschaft einen etwa unüberlegten Schritt zu ihrer Befreiung gethan haben könnten, der vielleicht entdeckt worden, und über alle Mitwisser, unter denen ja 227 Ihr Sohn vielleicht halb und halb gezwungen, hätte gewesen seyn können, eine verstärkte Strafe verhängt worden sei. Das ist alles möglich— und ich meine mich weniger zu irren, als Ihrer Vermuthung beizutreten, daß Ihr Sohn gestorben sei; denn daß er nach der Schlacht noch lebte, erinnere ich mich sehr genau, weil uns die Namen aller Gefangenen vorgelesen wurden, und ich versichere Sie, diesen Namen öfter als einmal gehört zu haben.— Könnten Sie sich nicht mehr zu der Hoffnung erheben, daß Ihr Sohn noch am Leben sei? Sind Sie sich denn so innigst überzeugt, daß er schon todt ist?— Alle Anwesenden weinten. »Freilich wohl nicht so innigst überzeugt, antwortete der etwas bewegte Vater, aber Du wirst doch wohl die Unwahrscheinlichkeit Deiner Meinung einsehen?« »Ganz und gar nicht, antwortete der Wanderer, denn ich erinnere mich ja genau, diesen Namen öfters gehört zu haben.« »Freilich, versetzte der alte Meister, indem einige Fröhlichkeit wieder in seine Mienen zurückkehrte, wenn das ist, so könnte etwas an Deiner Aussage seyn.« L>, sprach jetzt Agnes, so hieß die Gattin des Zinngießermeisters, ich kann mir den Gedanken, daß mein Sohn Joseph noch am Leben seyn sollte, durchaus nicht denken; er würde doch gewiß von sich Nachricht gegeben haben. »Liebe Frau Meisterin, entgegnete der Fremde, Nachricht zu geben, ist oft unerlaubt, oft nicht räthlich. Ich rede hier aus eigener Erfahrung. Ich war volle fünfzehn Jahre französischer Kriegsgefangener; konnte ganz ge- 226 wiß der Meinung seyn, daß meine lieben Ältern mich für todt gehalten, und in ihren frommen Gebethen öfters meiner Seelenruhe mögen gedacht haben— aber meine traurige Lage ließ mir ihnen von meinem Leben und Befinden keine Nachricht geben, denn allen Kriegsgefangenen ist der Briefwechsel verbothen.« »Aber du, lieber Gott, sprach jetzt Amalia mit weinenden Augen, sind gerade wir solche Sünder, daß uns der Himmel mit einem so schweren Unfälle heimgesucht hat. Niemand in der ganzen Stadt hat seinen Bruder verloren, als eben gerade ich.« »Nicht so, meine Liebe, antwortete der wandernde Handwerksbursche, ist es, wie Sie meinen; erinnern Sie sich des alten Vaters Jakob, der auch seinen Sohn, den Liebling seines Herzens, Benjamin, den jüngsten, verloren hat— aber dachte er darum wohl, daß ihn dieser Unfall etwa darum getroffen habe, weil er schwere Sünden begangen hätte? Sind denn unsere Leiden allzeit richtige Folgen unserer Missethaten? Wir Christen wissen gar wohl, daß zwar alles Unglück und Elend von der Sünde herrührt, aber diese Wahrheit leidet ja auf einzelne Menschen nicht allemal Anwendung. Wie oft geschieht es nicht, daß auch die Frommen von Leiden und Widerwärtigkeiten heimgesucht werden; denken wir nur an die wunderbare Geschichte des frommen Job zurück, und wir werden uns überzeugen, daß der Herr die gerechten Menschen oft prüfet, um sie dadurch einer höheren Belohnung würdig zu machen. Wer sieht denn in die Geheimnisse der Haushaltung Gottes hinein?— Ich 229 bleibe dabei, daß Ihr Bruder lebt, und bin mir sogar überzeugt, daß er in kurzer Zeit kommen dürfte.« »Ich wüßte nicht, welches Opfer des Dankes, sagte jetzt Sigismund, ich dem Himmel brächte, wenn ich meinen Sohn, der jetzt die Stütze meines Alters wäre, noch einmahl sehen und bei mir haben könnte. Wahrlich, gleich dem alten Simeon wollte ich mit freudigem Herzen ausrufen: Nun will ich gerne sterben, da meine Augen den Liebling meines Herzens gesehen haben.« »Wie Gottes Vatergüte das Flehen des alten Sr- meon erhört hat, so wird er auch das Ihrige erhören, antwortete der Unbekannte, denn die Thränen und das Gebeth einer solchen Familie können vor seinem Angeflehte nicht verloren gehen. Vielleicht bekommen Sie bald Nachricht vonJhrem Sohne. Ich erinnere mich stets mehr und mehr, ihn gesehen und erzählen gehört zu haben. Ich weiß es genau, daß er ein Siegelstecher ist, und wenn ich nicht irre, hat er Ihnen sogar etwas gestochen.« Voll Freude riefen jetzt Vater und Mutter, wie mit einer Stimme:»Ja, das ist wahr, nun sehen wir, daß Deine Worte Wahrheit sind. Doch sage mir, mein Lieber, woher weißtDu das?«»Aus seinem eigenen Munde, antwortete der unerkannte Fremdling. Ich glaube, fuhr er fort, mich sogar erinnern zu können, was er Ihnen, als seinen Ältern gegeben hat; waren es nicht Bilder, die etwas aus der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu darstellten?« O ja, o ja, riefen alle zusammen, es waren solche Bilder, wir haben sie noch, sie hangen in einem kleineren Seitenzimmer.»O Joseph, mein Bruder, sagte Amalia, 23V mit thränenden Augen, ich wollte, du wärest auch unter demselben Dache, wo deine Bilder sich befinden.« »Und was würden Sie thun, sagte der Reisende, wenn er unter diesem Dache wäre? Würden Sie nicht etwa zu sehr erschrecken, Ihren Bruder auf einmal zu sehen, den Sie etwa gar nicht mehr kennen dürften?« »O nein, o nein, nicht erschrecken würde ich, auch Sie nicht, liebster Vater und Mutter, wir würden keineswegs erschrecken, sondern ihm um den Hals fallen und ihn küssen, und Gott für diese unendliche Gnade danken, mit der er uns heimgesucht hätte.« »Aber, entgegnete der Wanderer nochmal, wie viele traurige Beispiele, besonders von älteren Personen, sind schon vorhanden, daß eine plötzliche Freude sie tödtete, oder wenigstens zu heftig erschütterte!« »Das, glaube ich, sprach Sigismund, würde bei uns jetzt nicht mehr der Fall seyn, weil wir durch Deine Reden, von deren Wahrheit wir alle drei schon überzeugt sind, schon hinlänglich vorbereitet wären.— Es fehlt wirklich jetzt nichts mehr, fuhr er fort, als daß unser Sohn hier wäre, wir würden ihm, wie Amalia gesagt hat, ohne einen Unfall befürchten zu dürfen, um den Hals fallen und seinen Lippen den Kuß des herzlichsten Willkommens aufdrücken.«— »So drücken wir uns,« eilte Joseph von der Ecke des Tisches herüber, diesen Kuß auf, siel seinem Vater um denHals und sagte:»Ich bin Joseph, Euer Sohn! Willkommen, willkommen, liebster Vater und Mutter; willkommen, liebste Schwester, seid mir tausendmal gegrüßt, theureste Ältern! ich bin Joseph!«— Jetzt gingen den 231 Ältern die Augen auf, sie erkannten ihren Sohn Joseph, küßten und drückten ihn und riefen: Sei gegrüßt, liebster Joseph, du unser Sohn! Gott hat dich nach so vielen Jahren wohlbehalten in die Arme deiner Ältern wieder zurückgeführt, o sei uns gegrüßet!— Alle weinten vor Freude. Das selige Vergnügen, so Allen in diesem Augenblicke zu Theil wurde, die bimmlische Wonne, die die Herzen der Anwesenden überströmte, war so hoch gesteigert, daß Alle in die Worte:»Diese Stunde ist die angenehmste meines ganzen Lebens," einstimmten. Sie küßten sich Alle nochmal— insbesondere Joseph und Amalia, die einander in ihrem Leben wohl gesehen aber nicht gekannt hatten.»Sieh, liebste Schwester, Dein Bruder ist wirklich unter demselben Dache, unter welchem die Bilder sind— o sei gegrüßt, liebste Amalia, meine Schwester!« »So hat uns denn der liebe Gott, rief jetzt der Vater aus, wirklich so viele Freuden bereitet! Wahrlich, wie gütig und väterlich ist er nicht gegen uns Menschen, seine Kinder! Wahr ist es: Gott ist gut, er ist die Liebe. Alles was er thut, ist Liebe, was er geschehen läßt, geschieht aus reiner Liebe zu uns Menschen. Dank, wärmster Dank sei Ihm, dem guten Gott, der mir gleich dem alten Vater Jakob, seinen Sohn Joseph, den er auch längst für todt hielt, wieder schenkte. Größere Freuden mag dieser Patriarch des alten Bundes kaum empfunden haben, als mir und uns Allen in diesem Augenblicke zu Theil geworden sind. So erstreckt sich denn wahrhaftig Gottes Güte und Barmherzigkeit von Geschlecht zu Geschlecht, und ihrer ist kein Ende. Hochgepriescn bist 232 Du, o großer Gott, siel jetzt der alte Vater auf seine wankenden Kniee nieder, und seinem Beispiele folgten Alle. Vater der Barmherzigkeit, ich lege hier vor Deinem Angesichte mein von Dank überfließendes Herz nieder, und bethe im Geiste und in der Wahrheit Deine heiligste Vorsehung an, ich erkenne Deine unendliche Güte und preise Deine Liebe. So lange mein Herz warm ist, soll jeder Pulsschlag Dein Lob verkündigen; solange meine Zunge beweglich ist, soll sie Deine Liebe und Güte preisen und meine Seele Dich ewig anbethen. Danket Ihm, dem großen Gott, meine Lieben, denn er hat seine Gnadenhand über unser Haus ausgestreckt, uns erhalten, was wir für verloren hielten, und den Liebling unserer Herzen, die Stütze meines Alters, den Trost meiner Jahre, und den Erhalter unsers Hauses nach so langer Zeit unversehrt in unsere Arme wieder zurückgeführt. Dafür, o Gott, erschalle ewig unser Dank- gebeth.« Nachdem der tief bewegte Vater ausgesprochen, und alle Anwesenden noch eine Weile Gott ihre herzlichsten Dankgebethe dargebracht hatten, standen sie auf, küßten sich einander nochmal mit wahrer Liebe und Freude— und Joseph sagte, daß die vorher erwähnten Fälle, so er als möglich dargestellt hatte, zusammengenommen die ganze Summe seiner wirklich ausgestandenen Leiden und Drangsale ausmachen. »Wo sind denn meine anderen Geschwister, fragte Joseph, hat auch sie der Himmel erhalten, sind sie wohl und gesund, oder hat Gott eines oder das andere etwa. zu sich genommen?« 233 »Nein, antwortete der Vater, Gott sei Dank, sie leben, sind gesund und befinden sich wohl. Morgen, lieber Joseph, wirst Du sie Alle sehen. Ich will gleich dem Hausvater im Evangelio, auf den morgigen Lag ein Freudenmahl veranstalten, wobei alle Deine Geschwister, Schwager, Schwägerinnen und die nächsten Anverwandten Theil nehmen sollen. Heute noch will ich ein Rundschreiben abfassen, und solches morgen, sobald die Dämmerung grauen wird, an Alle senden, damit sie Alle kommen, und so unser Haus zur Ehre Gottes mit Freude erfüllen.— Da es für heute schon spät wird, so magst Du Dich zur Ruhe begeben, und ich werde mich an meinen Schreibtisch setzen, und mein Vorhaben zu Papier bringen.«— Wirklich erschienen am andern Tage alle Geschwister mit ihren Familien, begrüßten und küßten ihren Bruder und Schwager, freuten sich, wie sich nur immer gute und liebende Herzen freuen konnten, und verherrlichten unter den Glückwünschen der ganzen Stadt, diesen Tag auf eine Art, die Gott, dem Geber alles Guten, gewiß höchst wohlgefällig und der Begebenheit recht angemessen war. Die Familie lebte noch mehrere Jahre froh und glücklich fort.— Nach dem Ableben der Ältern, deren Tod allen Kindern und der ganzen Stadt viele Thränen auspreßte, übernahm Joseph die Werkstätte seines Vaters, verehlichte sich mit einer der angesehensten Bürgerstöchter der kleinen Stadt, und lebte als ein sehr angesehener Mann in der Mitte seiner Familie Gott und den Menschen wohlgefällig viele Jahre— lebt heut zu Lage noch 234 als ein nach schweren Lebensstürmen, im Schooße der wohlthätigsten Ruhe achtungswerthcr und auch allgemein geachteter Bürger, und erntet die süßen Früchte seiner christlich erzogenen um Kirche und Staat verdienstvollen Kinder, während er selbst zum ewigen Leben heranreift. Gott erhalte ihn noch lange! I>i halt ^ Seite Erstes Hauptstück. Lernen ist stets Gewinn.. 7 Zw eit es H au ptstück. Die Wanderung.... 13 Drittes Hauptstück. Der Lehrling 22 Viertes Hauptstück. Der Soldat 28 Fünftes Hauptstück. Der Kriegsgefangene... 33 Sechstes Hauptstück. Schreckliche Folgen der Noth 39 Siebentes Hauptstück. Entdeckung, Urtheil und Strafe 49 Achtes Hauptstück. Der Galeerensclave.... 5S Neuntes Haupt stück. Die rechte Anwendung des Erlernten schafft Vortheil 62 Zehntes Haupt stück. Fleiß und rechte Anwendung des Erlernten ist allemal Gewinn 76 Eilftes Hauptstück. Joseph's ferneres Schicksal. Seine Befreiung 8t Zwölftes Hauptstück. Das Mittagsmahl.... 99 Dreizehntes Hauptstück. Die Reise.— Aufenthalt in Paris 108 Vierzehntes Hauptstück. Die Abreise. Nutzen der Sparsamkeit 124 Fünfzehntes Hauptstück. Fortsetzung der Reise. 141 Sechzehntes Hauptstück. Ein unerwartetes Ereigniß 146 Seite SiebenzehntesHauptstück. Geschichte des Schaffners 159 LchtzehntesHauptstück. Lohn für Fleiß, Geschicklich- keit und Treue 175 Neunzehntes Hauptstück. Die Überraschung.. 186 Zwanzigstes Hauptstück. Ein schöner Zug des Schaffners.- 198 Ein und zwanzigstes Hauptstück. Glückliche Vollendung der Reise 208 Zwei und zwanzigstes Hauptstück. Die unerwartete Ankunft und Freude........ 216 Im Verlage von A. pichler's ftl. Witwe in Wien, Stadt, Plankengasse Nr. 1061, sind auch zu haben und durch alle Buchhandlungen der k. k. Provinzen, so wie des Auslands zu beziehen: Vaterländische Merkwürdigkeiten: Biographien berühmter und ausgezeichneter Männer; Erzählungen ans der^österreichischen Geschichte; Schilderungen großer Städte, merkwürdiger Völker, der Sitten, Gebräuche und des Gewerbsfleißes derselben; Beschreibung der Naturwunder und Naturerscheinungen, der Natur- und Kunst- Produkte, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten, schöner und edler Handlungen im-Oesterreichischen Kaiserstaate u. s. w. Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch für die Jugend, zur Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens, Belebung des sittlichen Gefühls, Beförderung der Vaterlandsliebe und Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, Von Leopold Chimani. 6 Bandchen mit 6 schön illuminirten Kupfern. Zweite, viel vermehrte Ausgabe. 8. Wien, 1837. Jeder Band bei 250 Seiten stark und in Umschlag broschirt. Der Preis ist pr. Bandchen 48 kr. C. M. Inhalt des ersten Bündchens. Leopold der Glorreiche.— Der Fremde im Kaffehhausc.— Entstehung, allmähliger Wachsthum, Reichthum und innere Kraft des Österreichischen Kaiserstaatcs.— Des Staatsministcrs Fürsten von Kaunitz hellsehender Blick in die Zukunft.— Venedig.— Wohlthat und Dankbarkeit.— Der Feind handelr schöner als der Freund.— Die Salzbergwerks von Wiliczka in Galizicn.— Der Clarinettc-Spieler und sein Hund.— Ältern- liebe.— Militär-Gränze des Österreichischen Kaiserstaatcs gegen die Türkei.— Merkwürdige Blinde.— Eine Sängerin, die nicht sprechen kann.— Leopold Graf von Berchthold, ein großer Menschenfreund.— Wie der liebe Gott oft das Unglück des Einen zum Besten des Andern lenkt. Edclmuth und Dankbarkeit.— Die Gemse.— Nächstenliebe und Wohlthätigkeit.— Vorn Kohlendampf Erstickte.— Menschenrettung. Inhalt des zweiten Bündchens. Rudolph Graf von Habsburg.— Muth und Geistesgegenwart der jungen Gebirgsbewohner.— Sehr alte Menschen.— Die Verlorne Brieftasche.— Liebe und Wohlthätigkeit' gegen einen Camcradcn.— Verona.— Tapferkeit und Grcßmuth eines hochherzigen Ungarn aus den vorigen Zeiten.— Quecksilber.— Jdria.— Maximilians von Österreich Abenteuer auf einer Jagd.— Die Steiermarkcr Bauern.— Achtung für das Alter.— Reichthum ohne innern Frieden macht nicht glücklich.— Andreas Hofer.— Der Bär, ein inländisches Raubthier.— Gewitter.— Mcnschcnrettung.— Eine üble Gewohnheit, vor der man Mädchen nicht genug warnen kann.— Was du findest, gib zurück. Inhalt des dritten Bündchens. Kaiser Maximilian I.— Maria Theresia im Cadctten- hause.— Eine zahlreiche. Familie.— Das Tintenfaß statt der Streusandbüchse.— Peter der Große und der Edelknabe.— Leplitz.— Unschuld kommt immer an den Tag.— Das Salzkammergut im Lande ob der Enns.— Einkünfte des Österreichischen Staates.— Kindliche Liebe.— Der Meineidige.— Ausgezeichnete Talente.— Das Schaf.— Dem Vergehen folgt die Strafe auf dem Fuße nach.— Patriotismus und Tapferkeit der Brünner Studenten in den vorigen Zeiten.— Der Bauer auf dem Balle.— Die Pohlnischen Bauern in Gali- zien.—Die neuen Helden bei Thermopvlä.— Leopold der Tugendhafte und Richard Löwenherz.— Joseph Hapdn.— Religiöser Sinn eines tapfern Kriegers. Inhalt des vierten Bündchens. Earl V.— Kaiserinn Karolina, eine große Kinderfreundinn und Mutter der Armen.— Thätigkeit gibt sichern Erwerb.— Mantua.— Wer nicht die Stunde hält, muß oft büßen.— Pudel-Proceß.— Naturercigniß in Böhmen.— Pferdezucht in Ungarn.— Achtung für die deutsche Sprache.— Kaiser Joseph II. und Mozart.— Was man selbst thun kann, lasse man nicht von einem andern verrichten.— Man kann es in jeder Kunst und Wissenschaft weit bringen, wenn man nur will.— Achtung des Kaisers Sigismund für Gelehrsamkeit.— Rettung aus Todesgefahr.— Unglück durch ein Schwein veranlaßt.— Eisen.—Die Jnnerberger Eisenwerke.— Edclmuth.— Gebrüder Schröder.— Zipsen.— König Ferdinand mit dem gläsernen Auge.— Reise in die Ferien.— Herzensgüte.— Der menschenfreundliche Arzt.— Quacksalberei.— Wohlthätigkeit.— Böhmens Vaterlandsliebe in den Zeiten der Gefahr.— Heldenmuth eines Kanoniers. Inhalt des fünften Bündchens. Kaiserinn Maria Theresia.— Edle Wohlthat.— Hohe Tugend in einer niedrigen Hütte.— Gottes Strafe holt den Sünder ein.— Anhänglichkeit der Jllvricr an das österreichische Kaiserhaus.— Ehrlichkeit.— Wien im strahlenden Glänze.— Das Neujahr.— Kaisers Franz I. herablassende Güte.— Mailand.— Eifer für Menschcnwohl.— Ehre, dem Ehre gebührt.— Kindliche Verehrung der Kaiserinn Maria Theresia gegen ihre Großmutter.— Gold und Silber.— Schemnitz.— Krcmnitz.— Graf von Pappenheim.— Fürchterliche Naturerscheinung.— Fürchterlicher Sturmwind in Wien.— Religicsität der Regenten aus dem Österreichischen Kaiserhause.— Unglück und Glück.— Die Tiroler.— Muth und Kampflust eines jungen Tirolers.— Valentin Jamcrai Duval.— Die Ziege.— Zwei zusammen gewachsene Menschen in Ungarn. Inhalt des sechsten Bündchens. Papst Pius VIl.— Beispiel Deutscher Treue aus den alten Zeiten.— Aberglaube.— Dienstfertigkeit und Ehrlichkeit.— Gesunde Hände sind ein Kapital.— Das große Siegcsfest im Prater in Wien während des Eongreffes am 18. October 1814.— Kleine Merkwürdigkeiten von Wien.— Neustadt.— Die Fußwaschung.— Acht Brüder unter den Fahnen des Vaterlandes.— Böhmische Musikanten.— Deutsche Rechtlichkeit.— Hclden- sinn der Tirolerinnen.— Steicrmärkisches Salzkammergut.— Abenteuer des Herzogs Franz und seines Bruders Carl auf der Jagd.— Mozart.— Die Portatschen in Mähre».— Ein Mensch, der kein Fleisch ißt.— Alpen-Wirthschaft.— Die Lhierquäler.— Wilde Ante.— Ein verwildcter Hund.— Nebel.— Hundswuth.— Herzcnsgüte des Kaisers Leopold II.— Standhafligkeit eines Richters.— Wunderbare Rettung aus der Wassergefahr.— Fastnacht.— Treue eines Hundes.— Ein Stcinfrcsser.— Ein merkwürdiger Schlafwandler.— Bil- dungs-Anstalt für Österreichs Töchter in Hernals.— Nöthige Vorsicht mit Feuer und Licht. Erzählungen für meine Söhne. Von I. S. Cbersberg. Zweite, neu durchgesehene Auflage. Mit vier Abbildungen. Wien, 1839. In zwei Bänden complet in 8. 820 Druckseiten stark. Alle 2 Bände in Umschl. brosch. 2 fl. C. M. Daß die erste Auflage dieses Werkes, an 3000 Exemplare stark, so schnell vergriffen wurde, zeugt, wie der einstimmige Beifall, welcher den aus dem wirklichen Leben, ja meist aus den Erfahrungen des Verfassers selbst genommenen Erzählungen zu Theil geworden, von dem Nutzen und Werthe derselben. Der Verfasser, welcher in dieser Schrift seine eigenen Söhne vor Augen hatte, wollte in der freimüthigen Erzählung wirklicher Begebenheiten aus dem Leben und in scharf gezeichneten Darstellungen der Menschen, wie sie jetzt sind, Jünglingen einen Führer in der gefährlichsten Zeit, einen Freund an die Seite geben, der wirksamen Einfluß auf ihr Herz, auf die Richtung ihrer Einbildungskraft, auf ihre Lebensansichten, ihre Thätigkeit-ja, auf ihre ganze künftige Stellung nimmt. Es ist dieses schöne Werk eine wahre Schule unseres Lebens, und mag wohl von keinem jungen Manne noch durchlesen worden seyn, ohne ihn mit edlen Vorsätzen erfüllt, zum Handeln erkräftigt und seinem wah- ren Glück gewonnen zu haben! Deßhalb darf die Anlage desselben ganz originell genannt, und mit dem Beurtheilen der ersten Auflage in der Hallcr Literatur-Zeitung wieder gesagt werden,»daß unter den bisherigen Bildungsschriften dieser Art noch keine gleich wohlthuend und wirksam ins Leben gegriffen."— Offen werden darin die Gefahren aufgedeckt, wie sie Jünglingen heut zu Tage so häufig drohen; die Stufenleiter der Leidenschaften wird in den einzelnen Skizzen, vom kleinen Beginn bis zum düsteren Ende geschildert; überall spricht—wie ein anderer Beurtheilen in der Zürcher Schulzcitung sagte:»ein väterlicher Freund, ein edler Mensch zu der Jugend, der seine eigenen Lebensschicksale und Irrthümer mit rührender Offenheit Preis gibt, um dadurch Andern zu nützen."— Alles hat in diesem Buche eine praktische Richtung; der Leser sieht sich gleichsam selbst handelnd darin, und erfindet am Ende, was ihm der väterliche Freund auf seinen Weg mitgegeben wünschte: Muth in widrigen, die richtige Ansicht der Dinge in zweifelhaften, Ausdauer und Edelsinn in allen Lagen des Lebens.— Diese neue Auflage übertrifft die erste an Schönheit und Correctheit; es sind ihr vier Abbildungen beigegeben und ein ungemcin billiger Preis, in sicherer Erwartung der verdienten Theilnahme, gestellt worden. .^ -