Wiens,- 8iaclt-8ibliottiek. 8729^ Die Dankbarkeit. Erzählung für die Jugend. Von Canouieus Hunkler. Wien, 4637. Gedruckt und im Verlage bei Leopold Grund- Die Dankbarkeit i. §)er Abend war bereits angebrochen, die Dämmerung stieg langsam von den Bergen herab, und breitete ihre Flügel über die Thäler und Felder, auch der arme Taglöhner Hildebrand schlug den Weg nach der Hütte ein, wo er mit seiner Familie wohnte. Vor ihm gingen zwei muntere Ziegen und eine Kuh, welche nebst seinem Häuschen und etlichen Ackern seinen ganzen Reichthum ausmachten. Zu Hause harrten auf ihn sein tugendhaftes Weib und acht frohe Kinder, die gleich den jungen Schwalben um den Tisch herum saßen, Augen und Mund aufsperrten, und mit Ungeduld die Ankunft des Vaters erwarteten, weil alsdann die Mutter eine große/ 4 Schüssel voll dampfender Erdapfel und süßer Milch auftischte, um den Hunger der kleinen Schaar zu stillen. Allein diesen Abend erschien der mit Sehnsucht erwartete Vater lang nicht. Man wußte nicht, warum er so spät ausblieb. Der Hunger stieg mit jedem Augenblicke, die Kinder waren ungeduldig, die Mutterselbst schien etwas besorgt, und fürchtete, es wäre ihrem Gatten ein Unglück widerfahren. Schon war sie im Begriff, ihr ältestes Söhn- chen auf den Acker zu senden, wo Hildenbrand den Tag hindurch gearbeitet hatte, als dieser endlich inS Haus trat. Auf dem rechten Arm trug er einen holden Knaben von zwei bis drei Jahren, auf der linken Achsel ruhte sein Spaten. Als die Kinder den Vater mit dem Knaben kommen sahen, sprangen sie auf und eilten ihm entgegen. »Was ist das für ein Kind?« fragten sie alle erstaunt« Auch die Mutter eilte herbei aus der Küche, um zu sehen, was vorgegangen. Hildebrand legte den Spaten ab, nahm — 5— den Knaben vorn Arme, führte ihn in die Stube, und sprach zu seiner Gattin. »Werde mir nicht gram, liebe Martha, daß ich diesen Knaben mit mir bringe. Ich fand ihn am Wege sitzend und weinend. Das gute Kind weiß nicht, wie es dahin gekommen ist. Ich konnte es nicht über mein Herz bringen, dieses unschuldige Geschöpf während einer kühlen Nacht draußen zu lassen, es hätte ja vor Hunger sterben können, und ich hätte mir tausend Vorwürfe zu machen gehabt: vielleicht wäre es von grimmigen Thieren aufgefressen worden, und eine solche Schandthat möchte ich nicht auf meinem Gewissen haben. Wir wollen das Kind für diese Nacht beherbergen, morgen früh gehe ich zum Bürgermeister, zeige ihm die Sache an, und dann wird es sich schon ergeben, was weiter vorzunehmen ist.« »Du haft recht gethan,» antwortete Martha,»den Knaben mitzubringen, er kann zu uns sitzen und mit uns zu Nacht speisen. Ich würde auch froh seyn, wenn eines unserer Kinder sich verirren sollte, und gute Leute dasselbe aufnähmen. Man muß immer den Andern thun, was man wünscht, daß auch sie uns thun.« Diese Worte der Mutter erregten das größte Mitleid in den andern Kindern. Sie sprangen hin, umrangen den Knaben, bewunderten seine blühenden Wangen, seine schönen, blonden Haare, seinen ziemlich reinen, wiewohl etwas ärmlichen Anzug und fragten ihn, wie er denn auch heiße und woher er wäre und noch vieles. Allein der Kleine antwortete auf alle diese Fragen nur mit einem Worte. Er hieß Peter, sonst wußte er nichts. Er nahm am Nachtessen seinen Antheil, aß wacker darauf und war heiter. Bald darauf legte ihn die Mutter schlafen; und Peter brachte eine gute Nacht zu. Am andern Morgen nahm ihn Hildebrand bei der Hand und führte ihn zum Bürgermeister, welchem er den Verlauf der ganzen Sache erzählte. Der Bürgermeister war höchst bestürzt, da er doch am vorigen Tage keine Fremden durch das Dorf hatte ziehen gesehen. Er ließ den Flurschützen rufen, und fragte ihn, ob — 7— er nichts von dem Knaben und seinen Ältern wüßte, dieser hatte auch nichts erfahren. Er stellte dann viele Fragen an den kleinen Peter, allein dieser konnte keinen Aufschluß geben, er war ja noch zu jung, um schon etwas bemerkt zu haben. Was war nun mit dem Kinde anzufangen. Wer konnten wohl seine Ältern seyn? Hatten diese den Knaben verloren, oder auf der Straße ausgesetzt, um sich denselben vom Halse zu schaffen? Dieß war ein Räthsel, das nur die Zukunft lösen sollte. Der Bürgermeister war indessen in großer Verlegenheit mit Peter. Er versprach, an alle Behörden der umliegenden Ortschaften zu schreiben, und sie zu bitten, Nachforschungen anzustellen, um die Ältern des Kindes zu entdecken. Allein mit diesem Allem war für den Augenblick dem armen Peter nicht geholfen. Als Hildebrand die Verlegenheit des Bürgermeisters sah, sprach er zu ihm. »Seyd ganz ruhig, Herr Bürgermeister, ich nehme den Knaben mit mir. Wo acht Kinder Brod finden, wird ein neuntes auch zu essen haben. Ich bin zwar nicht reich, jedoch — 8— wird mich dieser Knabe nicht armer machen. Übrigens ist dieß ein Werk der Barmherzigkeit, und ich erinnere mich der Worte des göttlichen Heilandes, welcher im Evangelium sagt:—»Was ihr für den geringsten der Meinigen thut, das thut ihr für mich selbsten.« Peter soll also bei mir bleiben, bis man ihn irgendwo unterbringen kann.« Der Bürgermeister war erstaunt, und lobte den Edelsinn des armen Taglöhners. Er versprach ihm einige Unterstützung und überreichte ihm sogleich einen Thaler, welchen aber Hildebrand ausschlug, weil er dem Kinde noch nichts geleistet hatte, das eine solche Belohnung verdiente. Er entfernte sich mit Peter und kehrte nach Hause zurück. !2- Als Hildebrand zu Hause angekommen war, erzählte er seiner Gattin, was vorgefallen war, und entdeckte ihr den Entschluß, den kleinen Peter bei sich zu behalten und zu erziehen. Martha willigte ein, wiewohl es ihr ein wenig schwer fiel, noch ein Kind zu — 9— den acht andern zu gesellen.»Wir wollen aljo die Stelle der Ältern an Peter versehen,« sprach sie:»nur um die Kleidung bin ich besorgt, denn ich weiß oft nicht, wie ich es mit den Unsrigen anfangen soll.« »Verzage nicht, Martha,« antwortete ihr Gemahl;»es wird sich auch schon geben. Der Herr, welcher die Naben in der Lust speiset, und die Lilien auf dem Felde kleidet, wird diesem Knaben auch Kleider schicken. Wer weiß, ob dieses unschuldige Kind nicht Gottes- Segen über unser Haus herabziehen wird. Es bleibt nichts unbelohnt in dieser Welt.« Als man im Dorfe erfuhr, was Hildebrand mit dem fremden Knaben vor hatte, wurde sein Benehmen verschieden beurtheilt. Einige lobten ihn, so zu handeln, andere hingegen tadelten ihn, schalten ihn einen Narren, einen unbesonnenen Mann, ein Kind aufzunehmen, da er doch schon acht hatte. Dieß hinderte aber den Hildebrand nicht, das angefangene Werk fortzusetzen. Er hatte zum Grundsatz aufgestellt, sich nicht an dem Geschwätze der Leute aufzuhalten, da er wohl wußte, daß der Mensch, wie er auch handelt, — LO— uie allen gefallen kann, und daß seine Thaten, wenn sie auch den Stempel der Vollkommenheit trügen, dennoch immer der Kritik.der Bösgesinnten ausgesetzt sind. Am folgenden Sonntage ließ der Pfarrer des Dorfes den armen Taglöhner zu sich rufen, um ihm seine Zufriedenheit auszudrücken, daß er den Knaben aufgenommen hatte.»Ihr seyd ein wackerer Christ,« sprach er zu ihm,»und könnt versichert seyn, daß Gott dieses Werk der christlichen Liebe segnen wird. Ihr erfüllt, was einst der sterbende Tobias seinem Sohne empfahl.—»Bist du reich,« sprach er,»so theile von deinen Reichthümern den Armen mit; bist du arm, so gib von deiner'Armuth, was du kannst.«— Ich weiß, daß es Euch oft schwer fallen wird, dieses Kind zu unterhalten, allein wenn es Euch an etwas mangelt, so kommt zu mir, ich werde Euch unterstützen. Ziehet diesen Knaben für Gott auf und seyd sein zweiter Vater; denn ich glaube nicht, daß er seine Ältern je wieder finden wird, und wie es mir scheint, haben ihn diese verlassen, um seiner los zu werden, darum hat der Herr Euch zu ihm geführt, auf daß Ihr denselben aufnähmet. Ihr verrichtet da eines der schönsten Werke der Mildthätigkeit, Waisen und Witwen unterstützen, ist so angenehm in den Augen Gottes.« Hildebrand versprach seinem Pfarrer, den kleinen Peter wie seine eigenen Kinder in der Furcht Gottes und nach den Grundsätzen der Religion zu erziehen. An ihm sollte es nicht mangeln, aus dem verlassenen Knaben emen frommen Christen zu bilden. Und er hielt Wort. Peter gedieh unter seiner Obsorge und wuchs blühend heran. Als er in die Schule ging, übertraf er bald die andern Zöglinge. Die Natur hatte ihm die herrlichsten Anlagen verspendet. Seine Gottesfürchtigkeit und seine gute Aufführung gewannen ihm alle Herzen. Jedermann liebte ihn im Dorfe, denn er vermied mit größter Sorgfalt Alles, was die Leute beleidigen konnte, leistete mit Freuden alle Dienste, die sein Alter ihm zu leisten erlaubte. Der Pfarrer ließ ihn öfters zu sich kommen, unterrichtete ihn im Guten und offenbarte ihm eines Tages, daß Hildebrand nicht sein Vater und Martha nicht seine Mutter wären, diese braven Leute hatten es ihm nicht gesagt, und Peter glaubte bis in sein zehntes Jahr, er wäre der Sohn dieses wackeren Mannes und dieser tugendhaften Frau. Der fromme Seelsorger ermähnte ihn zur Dankbarkeit gegen seine Pslegeältern, und stellte ihm vor Augen, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn sie sich seiner nicht angenommen hätten. Diese Worte drangen tief in das Herz des Knaben. Er versprach dem Pfarrer, alles anzuwenden, um der Familie, die ihn so liebevoll aufgenommen, seine Dankbarkeit zu beweisen, erhielt zum Unterpfand dieses Versprechens ein schönes Gebetbuch und kehrte froh nach Hause. Von diesem Tage an wurde er noch arbeitsamer und gehorsamte mit einer Pünktlichkeit, die den braven Hildebrand oft bis zu Thränen rührte. Jetzt war die Zeit angekommen, wo Peter seine erste heilige Kommunion verrichten sollte. Der fromme Knabe kannte den Einfluß, welchen diese wichtige Handlung auf das zeitliche und ewige Wohl des Christen hatte, und bereitete sich durch feurige Gebete, Tugenden und andere guten Werke zu derselben vor. - L3— Der Tag, an welchem er seinen Heiland zum erstenmale im allerheiligsten Sakramente empfing, war ein Tag der Wonne für ihn, und legte den Grundstein zu seinem zukünftigen Glück. Mit welcher Inbrunst flehte er nicht zum Ausspender aller Gnaden, auf daß er reichen Segen Herabgießen möge über seine Pflegältern und alle seine Gutthäter! Am Ende vergaß er sich selbsten auch nicht, und der Himmel erhörte ihn; denn das Gebet des Gerechten vermag viel beim Herrn, und durch- dringt die Wolken. Gestärkt im Guten und mit Gnaden ausgerüstet, sollte nun der holde Knabe den Weg der Welt antreten, und wiewohl die Zukunft dunkel und verschleiert vor seinen Augen lag, so war er dennoch innig zufrieden, weil er auf den Herrn vertraute. Er lebte nur für seine Pflegeältern, suchte sie immer zu befriedigen, wo er nur konnte, Gebet und Arbeit waren sein Denkspruch, und man konnte von ihm sagen: die Tugend und die Vernunft waren bei ihm vor den Jahren reif geworden. Sein bescheidener Wandel wurde oft von manchem Vater angerühmt, und Peter als — ir— das Muster der Jugend im ganzen Dorfe aufgestellt. 3 Nun traten aber auch bedenkliche Zeiten ein. Mißwachs und ein strenger Winter brachten eine allgemeine Theurung hervor. Das Brod stieg auf einen sehr hohen Preis/ und wie immer in ähnlichen Fällen geschieht/ der Wucher und die Habsucht mischten sich noch dazu/ so daß das arme Volk sehr bedrängt war. O wie sehr schmerzte es den guten Peter/ beim armen Hildebrand zu bleiben, und da die Ausgaben zu vermehren, da er so gerne irgendwo gearbeitet hätte, um dem guten Manne nicht überlästig zu seyn! Allein was sollte er anfangen? Er war kaum zwölf Jahre alt, und noch zu schwach, um schon als Knecht zu dienen. Täglich wurde die Nahrung sparsamer, täglich zeigte sich der Hunger mehr und mehr auf den bleichen Gesichtern der zahlreichen Familie. Peter konnte es nicht länger aushalten, sein Herz zerbarst, und er faßte den Ent- - L5— schluß, der Netter jenes Mannes zu werden, der ihn auch vom Tode errettet hatte. Er wollte das Land durchwandern, anklopfen an allen Thüren der reichen Leute, ihnen die Noth seiner Pflegeältern schildern, und nicht abstehen von seinen Bitten, bis er Geld erhalten, und so die Lage seines Vaters verbessert hätte. Auf den Flügeln der kindlichen Liebe lief er eines Tags zwei Meilen weit bis in ein benachbartes Städtchen, und flehte vor jeder Thüre, wo er glaubte erhört zu werden, um Beistand an. Der Himmel segnete sein Unternehmen. Er erhielt Brod, Fleisch und auch ein wenig Geld. Freudetrunken kehrte er am Abend in Hildebrands Hütte zurück und legte vor, was er gesammelt hatte. Er wiederholte dieses zu verschiedenen Malen und immer mit dem glücklichsten Erfolge. O wie sehr wurden Hildebrand und Mar- tha durch diese Aufopferung gerührt! Sie umarmten den holden Knaben, dessen Rückkehr jedesmal die Freude in ihrer Hütte verbreitete. Eines Tags, es war im blühenden Maimonat, unternahm Peter wieder eine kleine Reise. Er war so eben bei einer Brücke ange- — 16— kommen, und lehnte sich an das Geländer, um ein wenig auszuruhen. Plötzlich sah er in einer Wolke von Staubeinen prächtigen vierspännigen Reisewagen heranrollen, der dem Städtchen zueilte, in welches er ebenfalls gehen wollte. Er nahm die Mütze vom Haupt, als die Kutsche vorbeitrappte, flehte um ein Almosen, allein es wurde ihm keines gegeben. Er setzte seinen Weg fort und verlor den Wagen nicht aus dem Auge, da sah er etwas von demselben herabfallen und ging darauf los. Er fand im Staube ein schweres Felleisen, welches er nicht ohne Mühe aufhob, und in die Stadt trug.»Dieses Felleisen könnte ich behalten,« sprach er,»denn es hat mich Niemand gesehen, als ich dasselbe fand. Gewiß befinden sich darin Kleidungsstücke und auch Geld, welches meinen Ältern wohl thun könnte; allein dieß wäre ein Diebstahl, und weit sey von mir der Gedanke, je etwas solches zu begehen. Ich will also ins Wirthshaus gehen, wo die Herrschaften abgestiegen sind, denen dieses Felleisen gehört und überall nachfragen, um ihnen dasselbe einzuhändigen. Sollte ich sie nicht entdecken, so trage ich es zum Bür- — 17— germeister, auf daß er Nachforschungen an- stelle.« Peter eilte sogleich zu einem Gasthofe hin, der nicht weit vom Stadtthore lag und fragte nach den eben angekommenen Fremden; allein hier befanden sie sich nicht. Er erkundigte sich bei einem Wachter, welcher ihn nach dem Hirschen wies', wo er auch die Reisenden antraf. Eben war der Kammerdiener mit dem Gepäcke beschäftigt, und jammerte und tobte, als er das Felleisen nicht mehr fand. Schon hatte er den Grafen seinen Herrn von diesem Verluste unterrichtet, und letzterer hatte befohlen, einen Eilboten auf die Straße zu schicken, um das Verlorne aufzusuchen, als der kleine Peter in den Hof trat, den Wagen erkannte, und auf ihn los ging. Der Graf, der den Knaben kommen sah, war höchst erfreut und nahm ihn mit sich auf sein Zimmer. Das Felleisen wurde untersucht und es ergab sich, daß es unversehrt war. »Wer bist du, guter Bube, und wo wohnst du?« fragte der Graf. Peter erzählte ihm ganz treuherzig seine Geschichte. Der Graf war erstaunt, als er 2 — 18- das edle Benehmen des Hildebrands und die Aufopferung des braven Peters vernahm. »So gibt es denn,« sprach er zu seiner Gemahlin, die eben ins Zimmer trat,»großmüthige Seelen selbst in den niedrigsten Hütten, wo man sie nicht suchen würde.«—- Dann wandte er sich zu Peter, reichte ihm fünfzehn Gulden dar und sprach:»Bleib immer so fromm und tugendhaft mein Kind, und Gott wird für dich sorgen. Wirklich ist es mir nicht möglich, mehr mit dir zu sprechen, und Alles zu untersuchen, was du mir gesagt hast, weil ich sogleich fortreisen muß; ich werde aber bald wieder zurückkehren und nach dir fragen.« Er schrieb in sein Taschenbuch alles auf, von dem er später Gebrauch machen konnte, ließ dem Peter Speise und Trank reichen, und entließ ihn. Fünfzehn Gulden in den Händen des Knaben, das war ein Reichthum. Nie hatte er so viel Geld gesehen. Kaum nahm er sich Zeit ein wenig zu essen, was übrig blieb, steckte er in die Tasche und eilte freudig nach Hause:»Heute habe ich einen guten Tag gehabt,» rief er beim Eintritt in die Hütte aus; — 19— — und die blanken Thaler rollten aus der Tasche auf den Tisch, und Freudenthränen glänzten in seinen Augen.— Er erzählte was vorgefallen. Hildebrand war überrascht, er hätte bald an der Wahrheit der Worte des Knaben gezweifelt, da er ihn aber nie an keiner Lüge ertappt, so konnte er nur Gott danken für dieses so reichliche Geschenk. 4. Vierzehn Tage verstrichen. Das Geld schmolz nach und nach, wiewohl Peter, gleich einer emsigen Biene immer etwas sammelte, als plötzlich ein prächtiger Reisewagen vor Hil- debrands Hütte hielt. Ein Herr und eine Dame stiegen aus und begaben sich nach der Hütte. Hildebrand empfing die edlen Reisenden. Die Rede fiel gleich auf den kleinen Peter, der eben nicht zu Hause war. »Dieser Knabe,« antwortete Hildebrand, »ist ein Segenskind für unsere Familie, ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre ohne ihn. Täglich bringt er, was er nur auftreiben kann. Meine Kinder und wir alle sind fast immer - 20— ii änllich, Peter allein erfreut sich der besten Gesundheit, und opfert sich ganz für uns auf. Seine Dankbarkeit kennt keine Grenzen.«— Und er fuhr fort, sich in Lobsprüchen über Peter zu ergießen. Der Graf hatte Alles angehört.»Wenn sich die Sachen so befinden,« erwiederte er, so will ich einen Versuch mit dem Knaben machen. Peter scheint nicht nur ein gutes Herz, sondern auch einen lichten Verstand zu haben. Wenn ihr einwilligen wollt, so nehme ich den Knaben mit mir, lasse ihn unterrichten und gebe ihm eine Stelle aus meinen Gütern, Euch, braver Mann, wird mein Oberverwalter ein Iahrgeld von dreihundert Gulden auszahlen /auf daß ihr Eure Kinder gut erziehen könnt.« Bei diesen Worten stürzten Hildebrand und die Seinigen zu den Füßen des gerühr- ten Grafen, der sie aufhob und steh noch lang mit ihnen unterhielt. Endlich erschien auch Peter, der einen kleinen Sack voll Erdapfel mit brachte. Der Gras reichte ihm die Hand und kündigte ihm an, was er mit ihm vornehmen wollte. Peter war sehr zufrieden. — 21— Wenn ihn der Gedanke an die Trennung von seinen lieben Pflegeältern schmerzte, so fand er dennoch Trost in der süßen Hoffnung, denselben späterhin noch behilflicher zu seyn, als er es bis auf diese Stunde gewesen. Mit Thränen schied er von der Familie, die ihn aufgenommen und versprach, dieselbe nie zu vergessen. Nun mußte er seine Studien beginnen. Der Graf, der seine glänzenden Fortschritte bewunderte, ließ ihn in Allem unterrichten, was zur HauS- und Hofwirthschaft gehörte. Peter blieb rein an Seele und Herz, er hatte sein zwanzigstes Jahr noch nicht erreicht, als ihm sein Gönner schon eine bedeutende Stelle mit einem prächtigen Gehalt verlieh. In dieser Lage blieb sich Peter immer gleich. Er vergaß nie, daß er einst ein armes, verlassenes Kind war, was er ersparen konnte, schickte er seinem Pflegevater. Sein edles Betragen erwarb ihm die gänzliche Gewogenheit des Grafen, der ihm sein Zutrauen schenkte, und ihn nach einigen Jahren zum Oberverwalter seiner Besitzungen machte. Peter, durch diese Beförderung überrascht, schrieb an Hildebrand, den er immer seinen Vater nannte, ein Brief, in welchem er sein Gluck meldete, und ihm einige Worte sagte, die der gute Mann nicht begreifen konnte. Eines Tags erschien Peter. Ihm folgten vier große Wägen.»Nun,« rief er aus, nachdem er die ganze Familie herzlich geküßt hatte, »ist der schönste Tag meines Lebens angekommen, jener nämlich, an welchem ich euch vergelten kann, was Ihr an mir gethan. Ihr habt mich aufgenommen und verpflegt, als ich ein schwaches, verlassenes Kind war, nun ist es an mir, Euch aufzunehmen und zu verpflegen, da Ihr alt seyd. Ich habe demnach alles eingerichtet, um Euch sogleich mit mir zu nehmen. Der Herr Graf willigt in alles ein. Wir wollen Euer Geräth aufladen, um morgen früh fort zu ziehen. Heute schlafen wir im Wirthshause.» Hildebrand wollte sich entschuldigen; allein es half nichts. Die ganze Familie legte Hand an, und binnen vier Stunden war Alles zum Aufbrechen bereitet. Peter begab sich zum Pfarrer, um ihm zu danken für Alles, was er einst von ihm erhalten hatte. Der Weel- — 23— svrger lobte das schone Betragen des jungen Mannes, und mußte auch von ihm eine silberne Dose zum Geschenk annehmen. Rührend war der Wegzug der guten Leute aus dem Dorfe, in welchem sie zu sterben glaubten. Frohe Tage wurden ihnen nun zu Theile. Die Söhne und Tochter des alten Hildebrand wurden alle angestellt in den Besitzungen des Grafen, und sahen sich durchaus glücklich. An einem Tage versammelten sie sich alle wieder in der Wohnung des Ober- berwalterS Peter, es war nämlich der Tag, wo sich Letzterer mit der jüngsten Tochter seines Pflegevaters vermahlte. Als Hildebrand seinen Segen über das junge Ehepaar auösprach, konnte er nicht umhin, seine Bewunderung über das Vorgefallene auszusprechen und schloß mit diesen Worten:»Dieß sind die Folgen der Dankbarkeit.« -e - .r. - r» -