W!sns!' Siscli- uncl l.sncjssblb!iows>< 8S2L!^<5^ >VI^ g- soLS- so- /S11- 3SS22- 45 r — ' d' ^'1 Keueste österreichische Jugend- BiNtothrK. oder: Sammlung der vorzüglichsten Krnderschriften j u r Belehrung und Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens und Erweiterung der Kenntnisse in allen Zweigen des Unterrichtes. Lweyter Jahrgang. Geschichtchen für meine Tochter. Von Aug. v- Kotzebue. 1. TN i e n. An ton MauSberger's Druck«abDerlag. 1830. Gkschichtchrn für meine Tochter. Nach Bouillp frey aus dem Französischen übersetzt von August von Rotzrvue. Erstes Bändchen. «Mir«. Anton MauSberger's Druck und Verlag. 'M EM! M AkU d^ Vorrede des Uebersetzers. s>§ch glaube, allen Aeltern, die Töchter haben, mit diesem Büchlein ein angenehmes Geschenk zu machen; denn es enthält die trefflichsten Lehren im anmuthigsten Gewände. Der Verfasser— dem deutschen Publikum hinreichend bekannt durch seinen Wasserträger, und mehrere, diesem ähnliche, unterhaltende dramatische Produkte— ist Einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich in Paris habe kennen lernen. Ich kenne auch seine holde Tochter, für welche diese kleinen Erzählungen geschrieben sind. Ich bin oft Zeuge von Bouilly's väterlicher und wohlverdienter Zärtlichkeit gewesen. Das viele Gute, welches dieses Büchlein gewiß stiften wird, möge dem wackern Manne den reinsten Genuß bis in's hohe Alter gewähren! Ich habe nicht sklavisch übersetzt, sondern nur dem Geiste meines Freundes mich anzuschmiegen, und bisweilen eme gewisse französische Redseligkeit zu vermerken gesucht. Vor allen Dingen war ich bemüht, einfach zu schreiben, wie es dem Verfasser und mir passend für das Alter scheint, dem diese Blatter bestimmt sind. Der Uebersetzer. Einleitung. v^eschichtchen— wer unter uns macht Leren nicht bisweilen?— auf Lein Lande zum Zeitvertreib; in den Zirkeln der großen Städte, um Aller Blicke auf sich zu ziehen; selbst in Gefängnissen, um Fesseln zu erleichtern. Geschichtchen erzählt man dem leidenden Greise, dem weinenden Kinde, dem brummenden Herrn, dem drohenden Gläubiger. Da hab' ich zu mir selbst gesagt:»Warum denn nicht auch ich meiner Tochter? Mit ihr plaudernd will ich versuchen, ihr das Peinliche des Verweises, die Scham des Voc- wurfs, den Schmerz der Reue zu ersparen, will versuchen, ihr unbewußt, ihren Geschmack, ihre Gewohnheiten, ihren Geist und ihr Herz zu bilden. Der finstere Lehrer verliert oft die Frucht seines Unterrichts, während der Erzähler, der das Gängelband versteckt oder damit spielt, die Aufmerksamkeit fesselt, und so gelingt es diesem auf einem Umwege, der den Zögling nie stutzig macht, einem Laster vorzubeugen, einen Fehler zu bessern, eine Lächerlichkeit anzudeuten.«* Darum hab' ich unternommen, meiner Tochter Geschichtchen zu dictiren, in denen sie bisweilen sich erkennen sollte. Aber um der kindlichen Fassungskraft sich ganz zu bemächtigen, sie nach Gefallen zu leiten, ist nicht genug, daß man dem Kinde nur darstelle, was ihm noch mangelt, man muß zugleich ihm freundlich vorrechnen, was es schon geleistet hat. Die Eigenliebe weckt das Vertrauen; indem man gute Eigenschaften lobt, erlangt man das Recht, Fehler zu 8 tadeln. Auch hab' ich oft, wahrend dem Dictiren, bey dieser oder jener interessanten Episode, die Augen meiner Kleinen funkeln sehen, weil sie mir den Stoss dazu geliefert; sie errothete, sie stampfte heim- lich mit den Füßen, wenn ich einen Fehler schilderte, den sie sich zu Schulden kommen lassen; sie sah mich auch wohl an und sagte:»Du hast mich getroffen.« Um diesen zu erreichen, der, nach meiner Meinung, die glücklichsten Wirkungen hervorbringen muß, war ich vor allen Dingen bemüht, Alles zu vermei- den, was nach Gelehrsamkeit oder Schulmethode schmeckte; ich wählte den einfachsten Styl; ich drang nur sanft und stufenweise in das junge Herz, das ich bilden wollte; ich bediente mich bloß solcher Ausdrücke, die dem kleinen Neuling selber in die Feder geflogen seyn würden, wenn er die verschiedenen Scenen hätte beschreiben wollen, durch deren Darstellung ich seinen Erinnerungen liebkoste, oder sein Nachdenken weckte. Dann glaubte ich, jedem meiner Geschichtchen eure dramatische Handlung geben zu müssen, aber ,n engen Gränzen, um die Aufmerksamkeit nicht zu ermüden, und nach und nach entwickelt, je nachdem ich den Eindruck in den Zügen meines interessanten Secretä'rs bemerkte. Oft dictirte ich ihr den Titel, ohne noch zu wissen, welchen Weg ich einschlagen, oder wohin er mich führen würde. Ihr Gesicht war meine Magnetnadel; an diesem lernte ich, ob es Zelt sey, einen scharfen Pfeil abzudrücken, der dennoch nrcht zu tief verwunden würde, oder durch innen muntern Zug das Gemählde freundlich zu machen, wenn etwa eine düstere Träumerey sich unserer zu bemeistern schien; oder endlich, um das Gefühl wieder anzusprechen, wenn wir etwa lachend vom Wege uns verirrt hatten. Man muß Vater seyn, ich fühle es wohl, um alle diese kleinen Einzelnheiten mir zu verzeihen; auch vertraue ich sie nur Solchen, 9 die diesen geheiligten Nahmen führen; andere vielleicht würden es verschmähen, mich anzuhören. Meine handelnden Personen hab' ich geglaubt aus dem Stande wählen zu müssen, zu dem mein lieber Zögling gehört; nähmlich solche, die wohlhabend genug sind, um keinen Mangel zu leiden, welchen aber Glück und Rang das oft Unheil bringende Recht versagt haben, mit Glanz abzutreten: Also unter Gelehrten und Künstlern, Offizieren und Kaufleuten, diesem zahlreichen und ehrwürdigen Theile des Volkes, der die Sitten und den National-Charakter bewahrt, hab' ich meine Helden und Meister erkoren. Die Gegenstände, die nicht über unserem Horizonte schweben, ergreifen uns am meisten. Die ersten Blicke der Jugend kann man nicht zu sorgfältig richten; ja nicht immer tiefer als der Platz, den das Kind auf der Weltbühne einnimmt, denn das blendet und droht Verderben für immer.—— Ich war entschlossen, diese Geschichtchen iri meinem Pult zu verschließen, da ich sie bloß als eine von der Vaterliebe eingehauchte Tandeley betrachtete, als einen Versuch ohne literarischen Werth", allein viele meiner Freunde, unter ihnen solche, deren Nahme» von Gewicht sind, drängen mich, diese Sammlung dem Drucke zu übergeben. Sie lassen mich hoffen, daß man sie mit den gewöhnlichen Erziehungsschriften nicht vermengen werde; sie behaupten, daß die Jugend durch sie ergötzt und belehrt werden könne. Ich scheue mich, hervorzutreten, aber dem frohen Gedanken, nützlich zu werden, kann ich nicht widerstehen. So unterwerfe ich mich denn dem Urtheil des Publikums. Möchte es mir günstig seyn! Aber vor allen Dingen, möchte das junge Mädchen, welches diese Geschichtchen liest, ausrufen:»Der Verfasser war ein guter Vater!« Der S L a a r. n Hinter allen Vögeln, die sprechen lernen, redet der Staar am deutlichsten.»Er kann,« so sagt Büffon, »französisch, deutsch, griechisch, lateinisch nach Belieben lernen, und ziemlich lange Perioden hinter einander hersagen. Seine zarte Kehle fügt sich in jede Biegung, jeden Ton.« Jakob, der Seifensieder, dessen Bude in einer der Hauptstraßen von Paris an die Mauer eines Hauses sich lehnte, hatte einen jungen Staar aufgezogen, der, obschon er nie aus seinem alten Käfig von Weidenzweigen kam, doch immer lustig und schwatzhaft seinen Herrn ergetzte, und alles nachplauderte, was er hörte-»Wo ist Jakob?« fragte bisweilen ein Kundmann, der den Seifensieder nicht in seiner Bude fand.»In der Schenke,« antwortete der Staar. »Wie-meQkln ich Euch schuldig?« wollte ein Anderer wissen.»Zwanzig SouS wohl gezahlr,< rief der Staar. Kurz, des Vogels artiges Geschwätz war in dem ganzen Stadtviertel so bekannt und beliebt, daß die Zahl von Jakobs Kunden sich täglich mehrte; der wackere Seifensieder befand sich wohl dabey und fröhlichen MutheS. Sein Staar und seine Bude waren sein ganzer Reichthum. Gerade über dieser Bude waren die Fenster eines verdienten Offiziers, dessen einzige Tochter, Flore, ein niedliches Mädchen von zwölf Jahren, den Staar für ihr Leben gern schwatzen hörte, und dem Vater täglich in den Ohren lag, ihn für sie zu kaufen. Dieser ewigen Bitten müde, ließ der Offizier eines Morgens den alten Jakob herauf komm.», und 11 fragte ihn: wie theuer er seinen Staar verkaufe? »Meinen Staar verkaufen!» rief der Seifensieder; »nein, gnädiger Herr, das hieße mein Leben verkau- fen. Er lockt mir die Kunden; um seinetwillen kommen die hübschesten Mädchen aus der Nachbarschaft in meine Bude; ihm verdank' ich meine Liederchen, meine lustigen Einfälle, meine Gesundheit, mein Glück. All ihr Gold, gnädiger Herr, würde nicht hinreichen, mir meinen Staar zu bezahlen.« »Hörst Du?« sagte der Vater zu seiner Tochter, »dieser wackere Mann will sich nicht von seinem Vogel trennen, und ich kann es ihm nicht verdenken.« Fröhlicher als jemahls kehrte Jakob in seine Bude zurück, denn er war mit sich selbst zufrieden, daß sein lieber Staar ihm nicht feil gewesen, und der Vogel schien in diesem Augenblicke ihm seine Zuneigung vergelten zu wollen, indem er die von den Kunden aufgeschnappten Worte:»Jakob ist ein braver Mann,« eben jetzt recht oft wiederholte. Indessen erfuhr der Seifensieder bald nachher durch einen Bedienten des Offiziers, daß Flore noch immer ein großes Verlangen nach dem Vöglein trage, und da gerieth er auf den Einfall, ihr verhaßt zu machen. Er lehrte ihn nähmlich mehrere Worte, welche Beziehung auf den Charakter und die Gewohnheiten des MädchenL hatten, wie sie von den Leuten im Hause ihm waren verrathen worden. Warum ihretwillen ein Bedienter ausgeschalten worden, gleich mußte sie am andern Morgen, wenn sie heraus auf den Balcon trat, den Vogel unten rufen hören:»Flore ist boshaft! Flore ist boshaft!« Hatte sie ihren Vater belogen, dessen Güte und Vertrauen mißbraucht, alsobald ließ der Vogel sich vernehmen:»Flore hat gelogen! Flore hat gelogen!« Kurz, jedes Mahl, wenn sie Böses gethan, konnte sie darauf zählen, von dem Staar einen Verweis zu empfangen, der ihre Eigenliebe tief verwundete. Was Jakob voraus gesehen, traf zu; so heftig Flore den Vogel zu besitzen gewünscht, eben so heftig war er ihr nun zuwider. Sie klagte bey ihrem 12 Vater über die Verwegenheit deS Seifensieders, uird verlangte, er solle für seine Unverschämtheit gezüchtigt werden. In demselben Augenblicke rief der Vogel:»Flore ist boshaft! Flore ist boshaft!«—»Da hören Sie es!« schrie sie erbittert,»nein, Sie werden nicht langer dulden, das; man Ihre Tochter so beschimpft. Mir geht eS nicht allein so; auch gegen Sie, mein Vater, ja, gegen Sie selbst—« Hier unterbrach sie der Staar mit seinem:»Flore hat gelogen! Flore hat gelogen!« Dieses Wort zu rechter Zeit, welches freylich nur der Zufall dem Vogel in den Schnabel legte, trieb ihren Zorn aufs höchste, öffnete aber auch zugleich dem Vater die Augen. Er unterdrückte seinen Unwillen, nahm sich aber ingeheim vor, aus diesem wunderlichen Abenteuer Nutzen zu ziehen. Einige Tage darauf erfuhr er, daß, während seiner Abwesenheit, FlorenS Amme sie habe besuchen wollen, allein mit einer Gleich- giltigksit, einem Uebermuth von ihr empfangen worden, die der wackern Frau durch die Seele ging. In Thränen schwimmend verließ sie daS HauS, und nahm sich vor, die Undankbare nie wieder zu sehen, die an ihrer Brust genährt, und während zweyer Zähre mit der zärtlichsten Sorgfalt von ihr gepflegt worden. Marthe(so hieß die gute Amme) hatte ihren Schmerz und ihre Thränen den Leuten im Hause verborgen, um F lo rens Ruf noch zu schonen, und ihr die Achtung der Bedienten nicht zu entziehen; aber in ihrem Dörfchen erleichterte sie ihr Herz gegen einige Nachbarinnen, die es eben nicht verheimlichten, und so kam es endlich zu den Ohren des Offiziers. Aufgebracht gegen seine Tochter, nahm er heimlich Abrede mit dem Seifensieder, um ihr gelegentlich eine heilsame Lehre zu geben. Eines Tages hatte er große Gesellschaft bey sich. Nach der Tafel drängten sich die Gäste zum Balcon, um frische Luft zu schöpfen. Ihr Lachen, ihr lautsS Gespräch, reizten den Staar zum Plaudern, und er schwatzte alles, was er wußte. Sagte Einer der hübschen Tochter seines Wirthes 13 etwas Verbindliches, gleich rief der Staar:»Flore ist boshaft!«—»Welch' ein Unverschämter,» fragte ein Anderer auS der Gesellschaft,»darf sich unterstehen, Mademoiselle Floren zu beleidigen?«—»Das ist der verwünschte Staar da unten,« antwortete sie, vor Zorn glühend,»täglich schimpft er mich; aber mag er schimpfen! Jedermann weiß doch, was ich werth bin.«—»Zwanzig Sous, wohl gezählt!« schrie der Vogel,»zwanzig Sous, wohl gezählt!« Flore biß sich auf die Lippen, ihr Auge funkelte vor Wuth. »Hören Sie wohl,« sagte sie, indem sie sich zu ihrem Vater wandte,»um mir die Lust zu benehmen, den Staar zu besitzen, lehrt ihn der Seifensieder täglich neue Beleidigungen, täglich neue Lügen.« »Marthe hat geweint!« unterbrach sie der Vogel sehr deutlich,»arme Amme!« Bey diesen Worten verstummte Flore plötzlich und erblaßte.»Arme Amme!« wiederholte der Staar noch lauter;«Marthe hat geweint! Flore ist boshaft! Zwanzig SouS, wohl gezählt.» »Glaubst Du,« fragte jetzt der Vater mit einem strengen, forschenden Blicke,»daß der Staar dieses Mahl lügt?«—»Ach, mein Vater!« rief die beschämte Flore,»jetzt erkenne ich, daß Sie es sind, der mich Um emes Fehlers willen züchtigt, welcher schon lange Wein Herz gedrückt. Offen bekenne ich ihn hier vor aller Welt. Ja, ich habe meine Amme nicht so aufgenommen, wie sie eS um mich verdient hat. Ich hoffte, Sie würden meine Undankbarkeit, die ich wieder gut machen wollte, nie erfahren; aber ich danke dem Zufall, der mir Gelegenheit verschafft, Ihnen meine aufrichtige Reue zu beweisen. Vergeben Sie mir! und auf der Stelle eile ich in das Dorf zu meiner guten Marthe, um auch ihre Verzeihung zu erbitten. Der Staar ist mir lieber als jemahls geworden, und die bittere, aber heilsame Lehre, die der Seifensieder mir gegeben, soll ihm dankbar vergolten werden.« Hoch erfreut drückte der Vater seine Tochter an Pie Brust, und ließ sogleich einen Wagen vorfahren. 14 Flore eilte in das Dörfchen, erhielt die Verzeihung ihrer guten Amme leicht, und brachte sie noch an demselben Tage mit nach Hause. Aber wie erstaunte sie, als sie dort den ehrlichen Jakob in einen Haushofmeister verwandelt, und im Saale einen kostbaren Käfig fand, in welchem der wohlbekannte Staar herum hüpfte, der nun nach und nach die Worte lernte:»Flore ist gut! Flore ist allerliebst. Das Körbchen mit Erdbeeren. -64mf dem schönen Wege von Paris nach Bagnolet ist eine anmuthige Wohnung, die Einstedeley genannt, deren Umzäunung an der großen Straße liegt. Es war in der Mitte des May, um welche Zeit jene freundlich» Gegend der Hauptstadt die ersten Erdbee- ren liefert. Laura, die Tochter eines Pariser- Banquiers, der diese Einstedeley bewohnte, saß eines Abends ganz allein hinter dem Stärket, und vertrieb sich die Zeit mit Zählen eines kleinen Schatzes, den sie von ihrem monathlichen Taschengelde erspart hatte. In dem Augenblicke, wo sie tausend Projekte machte, wie sie einen seit mehreren Monathen ersparten Louisd'or am besten anwende-, wolle, hörte sie plötzlich auf der Straße ein Geschrey, sah hin und erblickte ein jun« geS Mädchen mit bloßen Füßen, das eben ausgeglitscht war, und im Falle mehrere Körbe mit Erdbeeren, die es auf dem Kopfe trug, um sich her verstreut hatte. Die arme Babet weinte bitterlich.»Ich Unglückliche!« schluchzte sie,»erst diesen Morgen bin ich bey Hanns Peter in Dienste getreten, zum Ersten Mahle habe ich in seinem Garten Erdbeeren gepflückt, und siehe, da liegt die ganze Frucht seines Fleißes. Zch kann sie nicht bezahlen— Er wird mich fortjagen—- mir wohl gar im Dorfe einen bösen Ruf machen— und meine arme Mutter! die Niemand hak als mich— o meine arme Mutter! was wird auS ihr werden!« Solche Klagen jammernd las Babet eilig die wenigen Erdbeeren zusammen, die noch zu retten wa- 16 ren, doch kaum Ein Körbchen füllten; alle die übrigen waren durch des Mädchens Fall zerquetscht oder im Staube besudelt worden. Die rührenden Worce: »Meine arme Mutter! was wird nun aus ihrwerden!« waren Lauren tief an's Herz gedrungen.»Mein Kind!« rief sie, indem sie dem Mädchen winkte,»wie viel waren die Erdbeeren werth, um die Du so jammerst?« »Ach, schöne Mamsell!« antwortete Babet,»von sechs Körben ist mir nur Einergeblieben. Fünf, zu vier Franken das Stück, denn sie sind jetzt noch rar— das macht—« sie zählte an den Fingern.»Zwanzig Franken!« rief Laura.»Mag wohl so seyn,« schluchzte Babet.»Das ist mehr, als ich in zwey Monathen verdiene. Was werde ich anfangen! o meine arme Mutter!«—»Sey ruhig,« sagte Laura, indem sie hastig durch«in Pförtchen herausschlüpfte,»ich will es wieder gut machen. Gib mir den einzigen Korb, den Du noch hast, und nimm diesen Louisd'or; das istgerade so viel, als die sechs Körbe Dir einbringen sollten. Sage Deinem Herrn, Du hättest sie Alle auf Einmahl in der Einsiedeley verkauft; so verliert er nichts, Du wirst nach wie vor Deine Mutter unterstützen, und ich kann unmöglich von meiuem kleinen Spar- pfennig einen bessern Gebrauch machen.« Babet, gerührt, überrascht, reichte Lauren ihr Körbchen, küßte ihrer Wohlthäterinn hundert Mahl die Hände, das Goldstück, das von allem Jammer sie befreyte und trippelte fröhlich heim. Laura fühlte sich glücklich und stolz, ihr Geld so wohl angewandt zu haben. Sie trug das liebe Körbchen in ihr Zimmer, und nahm sich vor, die Erdbeeren zu essen, ein Genuß, der ihr mit so vollem Rechte zukam, vor allen Dingen aber den Werth ihrer guten Handlung dadurch zu erhöhen, daß sie keinem Menschen ein Wort davon sagte. Allein ihr Vater hatte hinter den Jalousien seines Fensters alle- mit angesehen, und bemerkt, daß sie das Körbchen verstohlen weg trug. Sobald sie ihr Zimmer wieder verlassen hatte, holte er die Erdbeeren heraus und 17 ging in den Saal, wo er die Tochter neben der Mutter mit einer Strickerey beschäftigt fand. Er kündigte beyden an, daß am andern Tage mehrere Freunde bey ihm speisen würden, und unter diesen einige Personen von Stande, die er gern rechr glänzend bewirthen mochte. Während dieses ziemlich langen Gesprächs konnte er sich nicht enthalten, seiner Tochter die zärtlichsten Liebkosungen zu erweisen. Kaum war es geendigt, als Laura wieder in ihr Zimmer hüpfte, um ihr Körbchen zu besuchen und einige Erdbeeren zu schmausen, denn es kam ihr vor, als habe sie in ihrem Leben keine schönern gegessen. Allein wie groß war ihr Erstaunen, als sie den Schatz verschwunden fand!— Sie suchte, sie forschte, sie fragte, doch mit Umschweifen; keinMensch im Hause begriff, was sie wollte. Nur ihr Vater ergetzte sich im Stillen an ihrer liebenswürdigen Verwirrung. Am andern Tage fanden sich die Gäste in großer Anzahl ein. Es wurde ein herrlicher Nachtisch ser- virt. Er bestand aus Allem, was der Lupus nur hatte Herbeyschaffen können, dem seltensten Zuckerwerke, den vortrefflichsten Ananas, und Eis auf italienische Manier zubereitet, und schöne Pyramiden von Früchten aller Art; allein Jedermann bemerkte mit Verwunderung, daß keine Erdbeeren dawaren, die doch um diese Jahreszeit so sehr gesucht und geliebt werden. Laurens Mutter, die das eben sowenig begreifen konnte, als die Gäste, war verdrießlich, daß man ihre Befehle so schlecht befolgt habe, und wollte so eben denjenigen ihrer Leute ausschelten, dem sie die Besorgung übertragen, als ein Bedienter mit Laurens geliebtem Körbchen herein trat, und es mitten auf die Tafel unter die Blumen setzte. Als Laura es erblickte, konnte sie einen freudigen Ausruf nicht unterdrücken, und ihr holdes Errörhen ließ ahnden, daß in dem Körbchen irgend ein Geheimniß verborgen sey. Da nahm ihr Vater das Wort, und erzählte das kleine Abenteuer, von dein er ein glücklicher Zeuge gewesen.»Ich habe geglaubt,« sagte er,»daß ich mei- Jahrg. ll. Geschichtchen für meine Tochter, 2 18 nm Freunden keine andern Erdbeeren als diese vor- s-tzen dürfte. Denn wahrlich! ich kenne auf der Welt kein Körbchen, wäre es auch von japanischem Por- Man und Mit den seltensten Früchten angefüllt, welches mit Babets von Weiden geflochtenem Körbchen zu vergleichen wäre.« Jedermann drängte sich herzu, ZU"mannen, vor Allem ihre Mutter, die A„.A?^uhl keme Worte hatte. Man ersuchte sauren, d:e Erdbeeren nun selbst an die Gaste zu ver- that es mit fröhlichem Herzen, und— letzten Erdbeeren sammelte, fand sie auf dem Boden des Körbchens eineKorallen- L-chnur, an der ein Medaillon in echte Perlen gefaßt hing, auf dem die Worte eingegraben waren:-B adet ihrer Wohlthäterinn.« Der kleine schwarze Hund. eorg, der alte Thürhüther eines großen Hotels in Paris, Witwer seit einigen Jahren und kinderlos, hatte in seiner Kammer(oder Loge, wie man den Käfig nennt) keinen andern Gefährten, als einen kleinen schwarzen Hund, Colibri, dessen Jnftinct und Vernunft seinem ehrlichen Herrn nicht nur die Zeit vertrieben, sondern ihm auch täglich sehr nützlich wurden. Freylich konnten die Gaben, die Colibri von der Natur empfangen, ihm nur solcher Leute Gunst erwerben, die nicht auf ein glänzendes Aeußere zu sehen pflegen. Sein langer, magerer Leib, krumme Pfoten, ein kurzer Schwanz, zerrissene Ohren, kleine Augen, deren ganze Lebhaftigkeit das zottige, rothe, sie bedeckende Haar oft verbarg,— so war Colibri's Gestalt beschaffen, und zu allen diesen nicht empfehlenden Eigenschaften gesellte sich oft auch noch ein derber Schmutz, der wiederum einen Geruch veranlaßte, durch welchen Jedermann, nur nicht sein alter Herr, von ihm zurückgeschreckt wurde. Unter den Bewohnern des Hauses befand sich auch ein berühmter Mahler, gleichfalls Witwer, und Vater einer einzigen Tochter, Josephine, die in ihr dreyzehntes Jahr ging. Sie verband mit der angenehmsten Gestalt einen muntern Geist und lebhaften Witz, aber leider bemerkte man auch an ihr eine Art von Kritt- lichkeit, die oft sogar in Härte ausartete. Die sämmtlichen Einwohner, und vor Allen der gute Georg, machten davon täglich die unangenehmsten Erfahrungen. Nur Josephinen's Vater, durch Liebe verblen- 20 det, wurde jenen Fehler nichtgewahr, der einer sorgfältigen Erziehung so zuwider und dem Glücke Aller so nachteilig ist. Man kann leicht denken, daß Co- libri, bey Josephinen's zänkischer Laune, nicht auch leer ausging. Nie hatte er einen Brocken von ihrem Tische erhalten, nicht ein Mahl die dürren Brotrinden, die von ihrem Frühstück übrig blieben.»Das garstige Thier,« pflegte sie zu sagen,»wie es stinkt! fort an die Thür! fort! kusch!« Das waren die einzigen Liebkosungen, die dem armen Hunde zu Theil wurden, und er konnte noch froh seyn, wenn nicht der Besenstiel sie begleitete, denn auch damit war Josephine sehr freygebig. Unter allen Talenten, die sie übte, war ihr der Tanz das liebste. Sie tanzte mit vieler Leichtigkeit und Grazie, und über ihre ganze Gestalt ergoß sich dann ein holder Ausdruck, der die Fehler ihres Herzens verhüllte. Man umringte sie auf Ballen, ihr Ohr vernahm Lobsprüche, die ihrer Eitelkeit schmeichelten, sie aber auch bemerken ließen, daß, so reich man auch immer von der Natur ausgestattet seyn möge, geliebt zu werden, doch unter allen Vorzügen der größte bleibt. Auf einem jener glänzenden Bälle, wo Josephine so gerne im Geleite ihrer Grazien herum schwebte, widerfuhr es ihr, daß sie von ungefähr sich heftig an einen Sopha stieß, und ziemlich stark am Fuße verwundete; aber aus Furcht, ihr Vater möchte sie am Tanzen hindern, stellte sie sich, als fühle sie nichts. Auch ließen in der That Wärme und Bewegung sie selber nicht bemerken, wie beträchtlich die Wunde sey, und sie fuhr fort, die ganze Nacht hindurch das Fest durch ihr Talent zu schmücken. Aber am andern Morgen, als sie aufstand, fühlte sie einen heftigen Schmerz, den sie noch immer ihrem Vater verbergen wollte, in der Hoffnung, er werde nicht lange dauern. Allein die Anstrengung mehrerer Tage, was sie litt, zu verhehlen, machte die Wunde so schlimm, daß sie gar nicht mehr gehen konnte, und nun alles bekennen mußte. Der Arzt wurde geru- 2t fen. Er erklärte, eine Nerve sey angegriffen, und es sey zu fürchten, daß die Heilung langsam von statten gehen werde. Das war ein Donnerschlag für Josephinen. Sie war schon eingeladen zu so vielen Ballen, hatte versprochen, so viele Gavotten zu tanzen, wollte vor allen Dingen mit einem der geschicktesten Tänzer einen niedlichen russischen Tanz versuchen, und— um sie vollends zur Verzweiflung zu bringen— mußten gerade jetzt der Einladungen täglich mehrere kommen; es war, als ob man sich verschworen hätte, ihr Unglück ihr recht fühlbar zu machen. Das Uebel nahm noch überhand: bald mußte sie gar das Bett hüthen, und befand sich nun in gänzlicher Abgeschiedenheit. Da erkannte sie, daß nur die Eigenschaften des Herzens Freunde erwerben; daß, wo diese fehlen, man verlassen seufzt. Ihr Vater war eineZeirlang ihr einziger Tröster. Unter den Bedienten, welche ihre Härte so oft empfunden hatten, war keiner, der zum Trost der Kranken etwas beytragen mochte. Nur der alte Georg, der sie noch in der Wiege gerannt, konnte dem Verlangen nicht widerstehen, sie zu besuchen. Sie litt an diesem Tage gerade mehr, als gewöhnlich und ihre traurige Lage Preßte Thränen aus ihren hübschen Augen. «Ich bitte tausend Mahl um Verzeihung, Mam- scllchen,« sagte Georg, indem er die Thür leise öffnete,»ich wollte doch ein Mahl sehen, was St« machen und Ihnen den herzlichen'Antheil bezeigen, den ich an Ihrem Leiden nehme. Ey, ey, Sie sind wohl recht krank?«—»Ja, mein lieber Georg, recht krank,« antwortete Josephine mit einer Sanftmuth, die den alten Mann überraschte und erquickte.»Ihr seyd der Erste unter allen Leute» hier im Hause,« fuhr sie fort,»der eine Theilnahme äußert.«—»Das macht,« erwiederte Georg mit seiner gewöhnlichen Freymürhigkeit,»sie pflegen alle vor Mamsellchen zu zittern. Ich selber getraue mich noch nicht recht.«— 22 »Ach ja,« antwortete Josephine,»ich habe es an Euch allen verschuldet, aber ich will es wieder gut machen.«—»Und ich,« versetzte der Thürhüther,»ich will Ihnen beweisen, daß ich immer an Sie gedacht habe. Ich komme, Sie zu heilen. Ja, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, so sollen Sie in acht Tagen im Stande seyn, wieder auf den Ball zu gehen.«— »In acht Tagen!?« rief Josephine freudig:»guter Georg! wie dankbar würde ich seyn!« »Dazu ist nur ein ganz einfaches Mittel erforderlich, das ich vorigen Sommer selbst erprobt habe, als ich in meiner Loge mich schwer verwundete.« »Und welches? geschwind!«—»Ich ließ,« fuhr er fort, indem er sie scharf ansah,»ich ließ die Wunden von meinem Colibri lecken, und in wenig Tagen war sie geheilt. Aber vielleicht wird Mamsellchen das arme Thier nicht haben wollen?— es ist freylich häßlich und stinkt auch wohl— überdieß hat Mamsellchen es so oft geschlagen, daß ich fürchte, Colibri wird nicht lecken wollen. Solche Thiere haben ein Gedächtniß—« »Bringt ihn nur her,« sagte Josephine hastig, »ich will ihn so gut füttern, daß er vielleicht die üble Behandlung vergessen wird, die ich leider nur zu oft ihin widerfahren lassen.« Der Alte gehorchte, und als er die Thür des Vorzimmers öffnete, fand er seinen Colibri, der ihn wedelnd erwartete. Aber auf das erste Zeichen seines Herrn, um m Josephinens Zimmer ihn zu locken, nahm er Reißaus, die Treppe hinab, in die Loge hinein, und kroch hinter das Bett, aus welchen Schlupfwinkel man ihn lange vergebens hervor lockte, so tief hatten sich die von der Kranken empfangenen Schlage m sein Gedächtniß eingeprägt. Georg konnte sich nur mit Gewalt seiner bemächtigen, und mußte ihn hinauf tragen. Josephine erwies ihm nun alle möglichen Liebkosungen, zeigte ihm ihre Wunde, und machte ihm bald begreiflich, daß sie denselben Dienst von ihm er- 23 warte, den er seinem Herrn geleistet. Das gute Thier, dessen Jnstinct es anzuweisen schien, Böses mit Gutem zu vergelten, fing sogleich an, aus allen Kräften zu lecken, wiewohl zitternd am ganzen Leibe. Er wiederholte das so oft, bis er in weniger als acht Tagen, Josephinens Fuß gänzlich geheilt hatte. Da streichelte Josephine mit nassen Augen das zottige Fell ihres großmüthigen Aesculap, gelobte ihm herzliche Dankbarkeit, und hielt Wort. Sie hatte nun gelernt, daß man auch das niedrigste Geschöpf nie herabwürdigen niuß, und daß oft unter einem häßlichen Aeußern die seltensten und nützlichsten Eigenschaften gefunden werden. Die beyden Roftnsträuche. ^4-n einem jener schönen Frühlingsmorgen, wo sich Paris mit allen den Blumen füllt, die in der Gegend umher wachsen, kam D orlis, ei» Kaufmann, mit seinen beyden Töchtern, A n a i s und Celina, aus dem Pflanzengarten zurück. Siegingen über denBlu- menmarkt, der ein Tempel der Flora schien. Wirklich findet man an diesem lieblichen Orte Alles vereinige, was Natur und Kunst an seltenen Sträuchern und fremden Pflanzen hervor bringen können. Reichthum und Mannigfaltigkeit der Farben entzücken das Auge, wahrend man in Wohlgnüchen schwimmt. A naiS und Celina, in diesen Zaubergesilden sich bewegend, konnten dem Verlangen nicht widerstehen, an den Frählingsgaben Theil zu nehmen; sie bathen ihren Vater, einer Jeden einen Rosenstock zu kaufen.»Gern,« sagte Dorlis,»wählt das Seltenste und Schönste.« Anais, deren Geschmack sehr verwöhnt war, wählte einen jener schönen bengalischen Rosenstöcke, welche den Damen von großem Ton so wohl gefallen, und deren größtes Verdienst doch nur die Seltenheit ist. Er sollte blühend ein reiches Porzellan-Gesäß füllen, welches ihren Schrank zierte. Celina hingegen war sehr einfach in ihrem Geschmack, verschmähte Prunk und Mode, zog beyden vor, was ein sicheres, dauerhaftes Vergnügen gewahrt, und wählte darum auch dieses Mahl einen gewöhnlichen Rosenstock, der aber für alle Jahreszeiten und mit Knospen bedeckt war, und den sie in einem hölzernen, grün lackirtcn Gefäße auf ihr Fenster setzen wollte. 'Nachdem nun beyde Rosenstöcke die ihnen bestimmten Platze eingenommen hatten, zeigte sich der 25 der ältern Schwester bald im vollen Glänze. Das Treibhaus hatte seine Safte vorzeitig in Bewegung gesetzt, und er prangte mit vielen fremden Rosen. Anais konnte gar nicht aufhören, ihn zu rühmen, und jedem Besuchenden zeigte sie ihn stolz. Celina's einfacher Rosenstrauch hingegen befolgte langsam die von der Natur ihm vorgeschriebene Ordnung. Durch keine fremde Wanne getrieben, zeigte er kaum erst die entstehenden Knospen. Seine nur halb entfalteten Blatter hatten noch keinen andern Reiz, als den der Hoffnung. Auf dem Fenster im hölzernen Kasten lockte er kein Auge, gewährte noch keinen Genuß. Alle Lobsprüche, alle Bewunderung ergossen sich allein über den eleganten bengalischen Rosenstock, der in seinem Porzellan Gefäß prunkte, und für den schönsten Schmuck des BoudoirS galt. Aber die Natur duldet nicht ungestraft, daß man ihren Gang beschleunige. Sie scheint solchen Pflanzen und Sträuchern die Kraft zu versagen, sich lange mit den Gaben der Kunst zu schmücken. Man sollte fast glauben, sie wäre eifersüchtig, so schnell verblühen die am sorgsamsten gepflegten Treib- Haus-Blumen. Auch der schöne bengalische Rosenstock gewährte nur kurzen Genuß. Seine zweyten Blumen glichen den ersten nicht mehr. Kaum öffneten sich die Kelche, als auch schon die Rosen verwelkten. Viele Knospen brachen gar nicht auf, sondern neigten sich welkend. Auch die Blätter fielen ab oder verdorrten, und ehe noch die schöne JahreSzeitvorüber war, zeigte sich der fremde Strauch in der Nacktheit des Winters, unwürdig des schönen Porzellan-Gefäßes, dessen Glanz zuvor durch ihn erhoben wurde. Hingegen entwickelte sich jetzt, durch die frische Luft gestärkt, die ihm auf dem Fenster zu Theil wurde, Celina's Rosenstock immer mehr. Seine Knospen öffneten sich nach und nach, und bald stand er mit einer großen Menge Rosen bedeckt, deren Duft den vom stolzen Fremdling ausgehauchten an Lieblichkeit weit übertraf; und— was ihm noch den größten Vorzug vox Zahrg. II. Geschichtchen für meine Tochter. 3 26 Jenem gewährte— seine Blumen welkten zwar auch, doch neue traten immer wieder an ihre Stelle, und den ganzen Sommer hindurch war Celina's Gemach mit Rosen geschmückt; jeden Morgen brachte sie ihrem Vater eine frische Rose, und war sicher, daß ihr Strauch am andern Morgen ihr wieder eine liefern würde. Anais, die schon längst keine mehr halte, fing an zu merken, daß ihre Wahl minder glücklich gewesen,—> als die ihrer Schwester. Der Anblick eines fremden Gutes schwächt ohnehin die Erinnerung .an das eigene, einst besessene, und so gestand auch Anais jetzt offen, daß die Rose für alle Jahreszeiten süßer dufte, als die bengalische, die nur seltener und gesuchter, jene hingegen knospenreicher, dauerhafter und genußbringender sey. Als sogar, beym Eintritt des^Winrers, Celina's Rosenstock zum vierten Mahle blühte, da wollte Anais, auf ihren vertrockneten Indianer grollend, ihn aus dein Porzellan-Gefäß reißen, und dieses dem Liebling der heimischen Flora räumen, aber Celina ließ es nicht zu; sie fürchtete, er möchte in dem Prunkgefäße sich »under wohl befinden, als in seinem hölzernen Kasten. Anais gab nach, und eignete sich für das ganze Leben die glückliche Gewohnheit an, den Gegenständen der Mode und des sogenannten großen Tones diejenigen vorzuziehen, deren Nutzen dauernd ist, und von welchen die Erfahrung uns belehrt hat, daß unser Clima sie hervor zu bringen vermag. Die gute, großmüthige Celina, die nicht, wie ihre Schwester, gleich alles übertrieb, nahm sich jetzt des verlassenen Fremdlings an, pflegte sein, und halte im nächsten Sommer das Vergnüge», ihn wieder blühen zu sehen. Wenn man auch das Heimische mit Recht vorzieht, meinte sie, so braucht man darum das Fremde nicht zu verachten; man darf es schon bisweilen Pflegen und sich daran ergehen, wäre es auch nur, um die unend- licke M-nnigfaltigkert der Natur zu bewundern; eine Beschattung, die oft zu nützlichen und wichtigen Entdeckungen leitet. Der verfehlte Ball. K^aul und Virginie, Kinder des Herrn und der Frau vsn ArciS, waren inniger noch durch ihre Zärtlichkeit, als durch die Bande des Blutes vereinigt. Sie konnten nicht ohne einander seyn, hatten gleichen Geschmack, gleiche Neigungen. Ueberall sah man Schwester und Bruder beysammen, bald im Geleite eines Verwandten, bald unter der Obhuth einer sichern Person, welche die Kinder nie aus den Augen verlor. Sie besaßen manche Talente; den Tanz übten sie am meisten. Da sie täglich mit einander ihre schönsten kus, ihre gefälligsten Stellungen wiederholten, so drängte man sich auf allen Bällen um sie her, um sie ein xas cke ävux tanzen zu sehen. Vorzüglich bewunderte man sie in einer Episode des berühmten Ballets: »Paul und Virginie.« Der Ausdruck, die Grazie, das Lseinple, mit welchen sie die Episode darstellten, und der Umstand, daß sie gerade auch dieselben Nahmen führten, alles das bewirkte die vollkommenste Täuschung. Kurz, die beyden liebenswürdigen Kinder stellten so treu, als sie es selber fühlten, die wechselseitige Zärtlichkeit dar, welche Lernai-cUir ste 8r. kior-ie in seinem Roman so rührend schildert. Eines Tages waren sie zu einem Ball eingeladen, der in derselben Straße, mnd zwar in dem Hause, welches ihrer Wohnung gerade gegenüber lag, gegeben wurde. Sie hatten ihr pas äe stoux mehr als jemahls geübt, und schmeichelten sich, neue Lobsprüche einzuernten. Paul hatte sich ein Kleid machen lassen, ganz so, wie es in dem Roman beschrieben wird, und auchVirginie hatte jenen einfachen, aber elegan- 28 ten Anzug gewählt, der für ihre Rolle paßte. Sie wollten auch bey ihrem Eintritt in den Saal, Einen der Kupferstiche nachahmen, welchen sie oft gelesen und fast auswendig wußten, das heißt, sie wollten gleichsam vor dem Regen flüchtend, herein treten, und ihre Köpfe unter Virgimens Gewand verbergen; kurz, Alles war vorbereitet, um dre Gesellschaft angenehm zu überraschen, und Beweise von Grazie, Talenten, Geschmack und wohl benutztem Unterricht abzulegen. Allein das Schicksal, welches bisweilen die schönsten Entwürfe vereitelt, wollte, daß gerade an demselben Tage ein Verwandter des Herrn von Arcis, der in der Nachbarschaft wohnte, plötzlich sterben mußte. Es wurde sogleich in der ganzen Straße bekannt, und natürlich durften nun Paul und Vir- ginie nicht auf dem Balle erscheinen. Es gibt Wohlstandspflichten, die man nicht vernachlässigen darf, ohne in der öffentlichen Meinung anzustoßen; und obgleich der Verstorbene bey seinen Lebzeiten keinen Anspruch weder auf Liebe, noch Achtung des Herrn von Arcis hatte machen können, so war es doch schon genug, daß er zur Familie gehörte, um iene Pflichten zu beobachten. Virginie empfand das plötzliche Zuwasserwerden ihrer Hoffnungen schmerzlicher, als ihr Bruder. Die Creolentracht stand ihr so gut, sie war so hübsch mit dem einfachen kleinen Kopftuche von rothem Madras. Sie konnte ihren Unwillen nicht verbergen, die Zeichen desselben entschlüpften ihr in jedem Augenblicke. Paul hingegen hatte sich gefaßt. Er schlug seiner Schwester vor, den Vater um Erlaubniß zu bitten, das Vesperbrot auf einem Landhause einzunehmen, welches er an den Barrieren von Paris besaß, und sich auf diese Weise für den entbehrten Ball in etwas zu entschädigen. Herr von Arcis willigte ein, miethete einen Wagen, und vertraute die Kinder der Obhuth eines alten Bedienten, der seit ihrer Geburt sie kannt- und liebte. Sie vertrieben sich dort die Zeit mit aller- 29 ley kleinen Spielen, in Gesellschaft der jungen Leute des Dorfes, in welchem das Landhaus lag; em schmackhaftes Vesperbrot wurde verzehrt, und da der Hun- ,»el so heiter war, auch ein fröhlicher Spaziergang in das nahe Gehölz von Vincennes unternommen. Erst um neun Uhr Abends kamen sie wieder nach Hause. Be»m Aussteigen aus dem Wagen erblichen sie die Menge Lampen, welche die Pforte des Hauses umga- ben, in dem der Ball gegeben wurde; sie horten die Musik und das Tanzgerausch.»Jetzt waren wir auch dort,« sagte V irg> nie seufzend,»ohne den alten geizigen Verwandten, dem es beliebt hat zu sterben.« —»Man sollte denken, er habe es mit Fleiß gethan, um uns den Ball zu vereiteln,« fügte Paul lächelnd hinzu. »Wie hübsch waren wir herein getreten.« »Wie artig hatten wir uns ausgenommen unter Deinem grünen Röckchen!« »Man muß nicht mehr daran denken, liever Bruder!«.. »Em anders Mahl, liebe Schwester. Es wird ,a nicht immer uns zum Possen ein alter Vetter sterben.« Kaum hatten sie dieß Gespräch geendigt, da erblickten sie neben der Thorfahrt einen Bettler, mit einem großen, herabgeschlagenen Hute auf dem Kopfe, ben der Mangel ganz ausgemergelt zu haben schien. Er vary um ein Almosen mit einem so rührenden, m die Her- z-n schneidenden Tone, daß Paul bewegt zu semer Schwester sprach:»Bemerke den grellen Contrast. da oben wird getauft, man ist fröhlich und glücklich, während an der Pforte Elend, Kälte und Hunger daS Alter zu Boden drücken.« »Wie herzlich dauert mich der arme Bettler.«fuhr Paul fort.»Wohlan, Schwester, ich habe einen Ein- fall, der uns für den verfehlten Ball gänzlich ent- schädigen könnte. Laß uns zusammenrechnen, wie viel er uns gekostet haben würde, und dann Mit diesem Gelde dem Armen helfen und ihn kleiden.«—»Herzlich gern,« antwortete Virginie.»Um unsere Vel- 30 kleidung vollständig zu machen, hä'tten wir Jedes ein -"ck»ch,° A«g-„b,.ck di« z,-,k-n r-, mir,- sagtePa u l hinzu, rdaS Monaths-Geld, das derVa- Rmch- D>> ,1- r.mL: «vall entschädigt worden!« Der S t r o h h u t. O anny, die einzige Tochter eines alten Jnvaliden- Offiziers, schlenderte am Arme ihres Vaters durch das Thal von Montmorency. Da kamen sie zu einem alten prächtigen Schlosse, welches von einer schönen, geistreichen, und was noch mehr sagen will, sehr guten Fürstinn bewohnt wurde. Es war im Monath August, und sehr heiß. Die brennende Sonne hatte die Quellen ausgetrocknet, aber auch die Aehren gereift. Sie neigten ihre gelben Häupter auf trocknen Halmen, und harrten der Sichel, um des Schnitters Fleiß zu vergelten. Fanny und ihr Vater bemerk- ten, wie reich belohnend, aber auch wie mühselig der Stand eines Landmanns sey.»Wie glücklich muß ich mich preisen!« sagte das Mädchen,»wenn ich mit diesen Leuten mich vergleiche. Sie tragen des Tages Last und Hitze, ich bin hier mit meinem Vater im kühlen Schatten. Sie haben oft nur trockenes Brot und laues Wasser; ich habe Kuchen, Früchte, Milch.» Wahrend Fanny so redete, setzte sich unfern am Wege, der nach dem Dorfe führte, eine Schnitterinn, durch das Alter gebückt und durch die Arbeit des Tages erschöpft. Sie verzehrte in Eile eine sehr frugale Mahlzeit, wahrend die übrigen Schnitter, nach ihrer Gewohnheit, durch ein Stündchen Schlaf die Verlornen Kräfte ersetzten.»Ihr esset da em hartes Brot,« sagte Fanny's Vater zu der Schnitterinn.—»Ach, mein guter Herr!« antwortete sie,»es ist freylich hart, aber wollte Gott, ich wäre nur sicher, nie Mangel daran zu leiden!«—»Wie!« rief Fanny,»in Eurem Alter kein Brot!? Legt das bey Seite, welches 34 Ihr da esset, und nehmt ein Stück frischen Kuchen aus meinem Körbchen. Ich habe bessere Zähne als ^zhr, ich werde Euer schwarzes Brot verzehren, und wir werden bey dem Tausche Beyde gewinnen. Die Schnitterinn nahm das anfangs für Scherz, allein Fanny hatte das trockene Brot schon im Munde und kaute lustig, wahrend ihr Vater ihr freundlich die Hand drückte. Die Unterredung kam nun in Gang. Die Schnitterinn erzählte mit ziemlicher Ge- ^watzigkeit, wie sie, nach einer glücklichen Ehe, Witwe geworden; wie sie, nachdem sie Mutter von sechs Kinder gewesen, ihre beyden letzten Söhne im Kriege verloren; wie sie nun verlassen und ohneande- re Hilfe als die Arbeit ihrer Hände sey, eine Hilfe, die noch obendrein Alter und Kränklichkeit ihr oft versagten. Ein trauliches Geschwätz erquickt, und wie ein liebenswürdiger Weiser sagt:»Seine Leiden erzählen, heißt oft sie mildern.« Die Ruhestunde war vorüber, die Schnitter gingen wieder an die Arbeit. Auch die Alte machte sich fertig, ihneii^zu folgen. Sie bedeckte ihr Haupt mit einem Stück Pergament, welches sie vermittelst ein Paar schlechter Strumpfbänder unter dem Kinne festband/ um sich gegen die Sonnenstrahlen zu schützen. Dieser komische Kopfputz gab der Alten ein so sonderbares Ansehen, daß Fanny sich des Lachens nicht enthalten konnte. Zugleich erlaubte sie sich allerley Scherzreden, wie der Leichtsinn ihrer Jugend sie ihr eben eingab.»Sie lachen über mich,« sagte die gute Alte, »und ich will wohl glauben, daß mein runzliges Gesicht unter diesem bewucherten Pergament sich wunderlich genug ausnehmen mag; aber liebes Mamfell- chen, das erhält mir meine Augen, daß einzige Gut, das ich noch besitze, und das mir eben so theuer ist, alsJhnen Ihr niedlicher Strohhut und das Blumen- sträußchen daran, womit Sie freylich eben so jung und frisch aussehen, als ich unter meinem Pergamente gelb und vertrocknet.« Fanny, von ihrem Vater beobachtet, erröthete, und, fürchtend, sie habe die 35 Schnitterinn gekrankt, entschuldigte sie ihren Leichtsinn, und um das Andenken daran gänzlich zu verlöschen, both sie der Alten ihren Strohhut an, sprechend:»Nehmt ihn, gute Frau, er wird Euch vielleicht noch besser schützen, als Euer Pergament, und wenigstens werden junge, unbesonnene Mädchen, wie ich, die Euch etwa noch begegnen möchten, nicht über Euch lachen.« Die Schnitterinn wollte den Hut durchaus nicht nehmen. Fanny bestand darauf. Diesen kleinen Streit vernahm die Fürstinn, welche eben auf einem Spaziergange, von einem einzigen Pagen begleitet, sich unbemerkt genähert hatte. Sie befahl der Schnitterinn, den Strohhut anzunehmen, und in demselben Augenblicke setzte sie ihr eignes Kopszeug mit blauen: Sammt, mit einer diamant'nen Agraffe geziert, auf Fanny's blondgelocktes Haupt, sprechend:»Wenn man, wie Du, das Unglück ehret, wenn man sich selber mit Vergnügen beraubt, um den Armen zu geben, so verdient man Liebe und Belohnung. Wie alt bist Du?«—»Zwölf Jahre, Madame.«—»Hast Du Bruder? Schwestern?«— »Ich bin die einzige Tochter.«.—>»Verwahre diese Agraffe sorgfältig, und gib sie Niemand als derjenigen Person, die in meinem Nahmen sie fordern wird.« Mit diesen Worten verschwand die Fürstinn. Fanny und ihr alter Vater standen betäubt, und es schien ihnen fast ein Traum. Das holde Mädchen ergetzte sich an dem schönen Kopfzeug von blauem Sammt, welches sie bald abnahm, bald wieder aufsetzte, aber nicht hübscher darin aussah, als in ihrem einfachen Strohhut. Die Diamanten fesselten besonders ihre Blicke, sie schienen ein Geheimniß zu verbergen. »Lebt wohl, gute Mutter,« sagte sie zu der Schnitterinn.»Ich werde recht oft hierher kommen, um mit Euch zu schwatzen. Verwahrt auch Ihr meinen niedlichen Strohhut, und wenn Ihr Etwas bedürft, so sagt es nur mir.«— Sie nickte noch ein Mahl freundlich, und trippelte am Arme ihres Vaters heim zu der bescheidnen Wohnung. 38 Sechs Monathe verstrichen, ohne daß Jemand im Nahmen der Prinzessinn erschien. Fanny fragte unaufhörlich ihren Vater, wie sie sich zu verhalten habe? Bald wollte sie nach dem Schlosse, um die Brillanten, die man ihr doch nur anvertraut hatte, wieder abzuliefern; bald hielt sie sich die Agraffe wieder an den Kopf— ach! sie war so prächtig! sie kleidete so schön! F a n n y wollte doch lieberwarten, bis der Abgesandte sich meldete. Allein der Winter kam. Noch sechs Monathe verstrichen, und kein Abgesandter meldete sich. Uni Fann y's Erstaunen und Ungeduld auf's Höchste zu treiben, verbreitete sich das Gerächt, die Fürstinn sey ihrer Gesundheit wegen auf Reisen gegangen; und werde erst in zwey Jahren zurück kommen.»Ach! sie hat sich auf meine Kosten nur belustigen wollen,« meinte Fanny und verschloß das Kopf- zeug sammt der Agraffe. Sie ging nun in ihr sechzehntes Jahr. Die alte Schnitterinn oft zu besuchen, hatte sie nicht versäumt, und ihr jedes Mahl Erquickungen gebracht. Eines Abends saß sie vor der Hütte dieser guten Frau und theilte ein ländliches Mahl mit ihr, siehe, da erschienen vier junge Reiter in vollem Gallop, hielten plötzlich, stiegen ab, näherten sich Fanny mit Ehrfurcht, und sagten ihr, die Fürstinn sey agr Abend zuvor von ihrer langen Reise zurück gekehrt, und habe ihren Pagen angekündigt, daß derjenige, der ihr die Agraffe zurückbringen würde, eine Lieutenants-Stells bey der Cavallerie erhalten, und der Gemahl des jungen Frauenzimmers werden solle, dem die Brillanten anvertraut worden, voraus gesetzt, daß sie darein willige.»Wählen Sie mich, schöne Fanny!« riefen alle Viere zugleich.»Ich bin der einzige Sohn eines reichen Mannes von Stande,« sagte der Erste mit einer gewissen Würde.»Ich bin der beste Tänzer, der fröhlichste unter meinen Cameraden,« rief der Zweyte und machte eine Pirouette. 37 »Zch habe dieses Jahr den Preis des Fleißes er- rungen,« ließ der Dritte sich vernehmen. »Ich,« stammelte der Vierte,»bin eine arme Waise und habe nichts auf der Welt als die Protektion der Fürstmn. Mein Vater ist auf dem Bette der Ehre gestorben. Ich war es, der vor drey Zähren die Fürstinn an eben dieser Grelle begleitete- Ihre holde Gestalt, mehr noch ihre Güte, sind mir seitdem nie aus dem Sinne gekommen.«—»Ja,« antwortete Fanny sehr bewegt,»ja, ich erkenne Sie.« »Ihm,« rief die Alte,»ihm müssen Sie die Agraffe ausliefern.« Fanny, sich zu ihrem Vater wendend, fragte sehr naiv:»Das wollte ich Ihnen eben vor- schlagen.« Bey diesen Worten fiel der glückliche Page zu ihren Füßen. Sie hob ihn auf und wies ihn an den Vater. Dieser führte ihn zu seiner stillen Wohnung sammt den drey Eameraden, die ohne Neid ihrem Freunde Glück wünschten. Die Agraffe wurde aus- Am andern Lag ließ die Fürstinn sich Vater und Tochter vorstellen, billigte die getroffene Wahss erhob den Pagen zum Lieutenant, fügte zu der Agraffe noch ein ansehnliches Heirathgut, und feyerte die Vermahlung auf ihrem Schlosse. Fanny bath um Erlaubniß, auch die alte Schnitterinn einzuladen, um Zeuginn ihres Glückes zu seyn. Die gute Frau erschien auch wirklich mit dem Strohhur auf dem Kopfe, den sie sorgfältig aufbewahrt hatte. Der kleine Blumenstrauß, wiewohl vertrocknet, war noch daran befestigt. Der Bnvaliden- Ofstzier fand in seinem Eidam einen wackern Stellvertreter im Felde und einen liebevollen Sohn. F a n- n-y glaubte zu träumen. Die arme Schnitterinn weinte tausend Freudenthranen, küßte ih> die Hände und rief andächtig;»N i m m e r laßt Gott eine gute Handlung u n vergo lt en!« Das umgeworfene Cabriolet. s^^allstein, Ober-Ingenieur der Brücken und tzLtraßen, der die Arbeiten außerhalb Paris leitete, durchunch oft die ganze Gegend in einem bequemen, eleganten Cabrioler. Er verweilte dann stets in den besten Häusern, wo man ihn mit aller der Achtung aufnahm, die seinen Verdiensten, feinem Range, und vor Allein seinem liebenswürdigen Charakter gebührte. Er war jchon längst Witwer und besaß nur eine Tochter, Herminie, die kaum die Kinderschuhe vertreten hatte. Da er die Erziehung dieses geliebten KmdeS, die Freude und Hoffnung seines Alters, nicht selbst übernehmen konnte, so hatte er sie in eine be- rühmte, in der Vorstadt Montmartre gelegene Pen- sions-Anstalt gebracht. Wenn sein Weg ihn da vor- bey führte, so nahm er wohl H ermrnien bisweilen mit sich, und führte sie zu diesem oder jenem Be- »annten, wo sie sicher war, einen frohen Taa zu verleben.° Eines Tages versuchte Wall stein ein neues Cabriolet, das er gekauft hatte. Es war in Form einer Gondel, Mit vergoldeten Ressorts, schön gemahlt und reich verziert. Alles das, meinte er, könne Her- mrniens kleiner Eitelkeit schmeicheln. Ihre Reize, ihre liebenswürdigen Eigenschaften wurden oft durch unmäßige Eigenliebe und einen lächerlichen Stolz verdunkelt. Wall st ein holte seine Tochter ab, um mit ihr nach einem Landgut zu fahren, welches unweit St. Denis in einem reichen Dorfe lag. Man feyerte dort gerade das Fest eines Schutzheiligen, und der Abend sollte durch einen ländlichen Ball verherr- 39 licht werden, auf welchem die reichsten und elegantesten Damen aus der ganzen Gegend zu erscheinen pflegten. Deßwegen hatte auch Herminie ihren schönsten Putz hervorgesucht. Ein Kleid von Berlr- ner-Tricot, ein Rock von weißem Marcellin mit Blumen garnirt, ein weiß atlassener Gürtel mit einer goldenen Agraffe, ein Corallen-Halsband, ein italienischer Strohhut, ein kleiner Shawl von Kasche- mir, weiß mit Rosenknospen gerändet, und die med- lichste Fußbekleidung— so war Herminiens Anzug beschaffen, und man sieht wohl, daß ihr Vater gern verschwendete, wenn es darauf ankam, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln. Ein junger galonirter Jokay, ein prächtiges, feuriges Roß entsprachen der Eleganz des Cabriolets. Her minie war in ihrem Leben nicht zufriedener und glücklicher gewesen. Es war um die Tag- und Nachtgleiche des Herbstes, wo die Witterung gewöhnlich sehr veränderlich ist, und dicke Wolken, die den Horizont bedeckten, drohten mit einem Unge- witter. Wirklich hatten auch Wall stein und seine ^ Tochter kaum die Barrieren von Paris hinter sich, als mehrere Donnerschlage sich hören ließen, und ein Platzregen erfolgte, der zwar nicht lange anhielt, hingegen die, ohnehin schon durch böse Wetter der verflossenen Tage verdorbenen Wege vollends mit Koth bedeckte..- Herminie, ganz in die Ecke des Cabriolets gedrückt, bedeckte ihre Knie mit ihres Vaters Mantel, und gebrauchte die größte Vorsicht, um von ihrer Toilette nichts zu beschädigen; aber— was ihr freylich ingsheim sehr fatal war—Wallstern hatte den kleinen allerliebsten Jokay auch mit herein steigen lassen, und zwischen sich und seiner Tochter gesetzt, denn der arme Schelm war so leicht gekleidet, daß er - draußen durch und durch naß geworden wäre. Nun ' nahm er sich zwar sehr in Acht, mußte aber doch wider Willen seine kleine Nachbarinn em wenig drucken, und diese schwebte in großer Furcht, ihr Kleid von 40 Berliner-Tricot zu zerknittern. Als sie ungefähr mitten in der ungeheuren Ebene von St. Deiüs waren, begegneten sie einem armen alten Gemüse-Verkäufer aus der Nachbarschaft, der in einem kleinen, von drey neben einander gespannten Eseln gezogenen Karren heim fuhr. Die Esel gingen Schritt vor Schritt, schienen sehr ermüdet, hielten sich m der Mitte der Chaussee, und schlichen so der Hütte zu, aus welcher sie an jedem Morgen Gemüse aller Art zu Markte brachten. In dem Augenblicke, wo Wallst eins elegantes Cabriolet sich dem demüthigen und unansehnlichen Fuhrwerk näherte, wollte der gute Alte aus die Seite biegen, um es vorbey fahren zu lassen. Die Straße war an dieser Stelle eng. Als das erste seiner Räder vom Steinpflaster abwich, sank es in ein sehr tiefes Geleise und der Karren fiel um. Dadurch wurde auch Einer der Esel auf die Seite geworfen. Sein Herr glaubte ihn verwundet, er wollte den Karren aufrichten, und dadurch das Thier erleichtern; allein der arme, ermüdete Alte hatte nicht Kraft genug dazu. Woll st ein, der auf das Geschrey des Greises sein Cabriolet hatte halten lassen, sprang sogleich heraus, und half den Karren wieder aufrichten. Natürlich besudelte er sich dabey die Hände, das Kleid, die Strümpfe; aber hingerissen von dem Vergnügen, dem armen Teufel beyzustehen, wurde er es nicht eher gewahr, bis er wieder in sein Cabriolet stieg. »Wie Du aussiehst!« sagte Her Minie mit Verwunderung und Ekel:»Komm mir nicht zu nahe, Du verdirbst mir daS Kleid.« »Bedenke doch,« antwortete W a ll sie i n,»der' arme alte sMnn war, bloß um uns auszuweichen, in das trefe'Geleise gesunken: es war also nicht mehr als billig, daß ich ihm wieder half. Du weißt über- dieß, daß ich der Stimme und dem Anblick eines leidenden Wesens nie widerstehen kann.« Der Tochler genügte diese Antwort wenig. Sie fuhr fort, ihrem Vater eine zu weitgetriebene Güte vorzuwerfen; sie machte die Bemerkung, daß es nicht 41 schicklich sey/ in einer glänzenden Gesellschaft, wo man sie erwarte, so zu erscheinen. Kurz, sie erlaubte sich so viele bittere Spöttereyen über den Koth, der ibn verunstaltete, daß er endlich wohl die Quelle derselben erriech. Mit Klugheit und Sanftnmth lieber sie fühlen, wie lächerlich, wie ungerecht sie sey. Die Unterhaltung wurde lebhaft über dreftu G-gensta^, und kaum waren sie noch erne halbe Ä?e, Denis, als plötzlich die Achse des Sl°^end-n Cabrio, lets brach, und es nun an ihnen war, sich mitten auf die Landstraße in den Koth zu betten. ^»Ich bm todt!« schrie H-r'NiNie a s ll u Kräften,»ja, ich bin todt!« Der erschrockene Vater eilte ihr zu Hilfe, fand aber bald, daß nur der Schrecken sie betäubte, und Laß'hrn.chtdas^ widerfahren war.»Ja, rch bm todt!« schne Her "'^Mriw Gott",' so schrey ,ve?nt Wallstein lachend,»wenn man todt ist, s """ K'sR den Sturz vermieden. Mit seiner, und emrger Vor- bwaebend-n Hilfe richtete Wallstern das Cabriolet wieder auf. Herminie war an ihrem Platze geblieben und fing an, sich vom ersten Schrecken ern we- «ia m erboten Was sie am schnellsten tröstete, war di? Bemerkrmg, Ä- Dank-der Vorsicht ihres Vaters der sie im Augenblicke des Fallens rn leine Arme aenommen- ihr Kl-id gar n.cht beschmutzt, sondern nur etwas zerknüttert war. Auch das Llumen- sträußchen, das'hr-n niedlichen tt^rrschen^ Hut ierte. hatte sich nur ein wenig verschPen. Wallstein kündigte ,hr nun an, daß sie'" dem Cabrio- lrt nicht bleiben könnten,°h"-die RA^ts m Gefahr zu seüen. Man mußte daher auf MlNsi denken, nach St- Denis, und von da nach dem Landgute zu kommen, wo man sie erwartete.. Es zogen freylich in jedem Augenblicke ,ene fernen Fuhrwerke vorüber, die unaufhörlich zwischen Iahrg. ll. Geschichtchen für meine Tochter. 4 42 d-ario uno St. Denis rollen, aber es war eben Sonntag uns folglich alle angefüllt. Man mußte also warren. DieZeir verstrich, eS war fast vier Uhr. Wäh- auS de!'?^"r"" 7 V"' her dachte, wie man sich ^7.«.- e^/nhe-t helfen sollte, kam auch der arme Gemufeverkaufer wieder nachgetrollt. Als er Wall- »rein so beschmutzt durch den Liebesdienst erblickt, den er ,hm eine halbe Meile rückwärts geleistet, rief er seinen drey Eseln ein Prr! zu, stieg schnell von seinem Karren und both seine Hilfe an.»Was ist Ihnen widerfahren, mein lieber Herr?«—»Ich habe 7 wie Ihr, guter Alter, aber ich kann ^"^'werk nicht so schnell wieder herstellen, die Ach,e ist gebrochen.«»Wir wissen nicht,« fügte Her- Mlnie hinzu,»wie wir nach dem Schlosse kommen sollen, wo man unS erwartet.« weit von hier?« fragte der Alte.»Eine eleine halbe Meile hinter St. Denis,« erwiederte """d ich fürchre sehr, wir werden nichc zu Mittag kommen, welches mir äußerst unangenebm wäre, denn ich liebe eine gute Mahlzeit, und bin verzweifelt hungerig.« »Wenn ich dem Herrn und der Mamsell vorschlagen durfte-«—»Was?« fragte Herminie hastig. »Wenn man sich ein wenig zusammendrückt, so hat mein kleiner Karren Platz für zwey Personen. DaS Stroh ist heute Morgen frisch hinein gelegt, man dürfe eS nur umwenden, und das Bänkchen mit des Herrn Mantel bedecken.« »Ich nehme es an, guter Alter,« riefWall- ucht wahr,« fuhr er fort, indem er sich beobachtenden seiner Tochter wandte,»nicht wahr, Du bist fo wie ich, von dem Anerbiethen des braven Mannes gerührt?« »Ohne Zweifel,« antwortete sie stotternd,»es ist immer besser als nichrs, und auf die Gefahr, ein wenig gerumpelt zu werden, könnte ich wenigstens meinen Anzug unbelchadigt erhalln.« Ganz war Wallftein mit dieser Antwort nicht 43 zufrieden, die ihm zu wenig Erkenntlichkeit ausdrückte Der Alte führte indessen seinen Wagen dicht neben das Cabriolet, Her minie stieg mit großer Be- huthsamkert aus dem Einen in den Andern, und fand sich wohlbehalten auf dem Bankchen des kleinen Gemüsekarrens. Ihr Vater setzte sich neben sie. D-r^o- key erhielt Befehl, das schöne Cabriolet ganz langsam nach St. Denis zu führen, um es bis zum Abend wieder in brauchbaren Stand setzen zu lassen. Der Alte geleitete zu Fuße sein groteskes Fuhrwerk, und nach einer halben Stunde hielt Herminie einen triumphirenden Einzug in St. Denis, wo die e-eute auf der Straße lachend stehen blieben, und alle Welt an die Fenster eilte, um die seltsame Karavane zu beschauen.. Wallst ein lachte aus vollem Halse mit, allein Herminie schlug die Augen nieder, biß sich die Lippen, und wiederholte alle Augenblicke. es sey doch äußerst unangenehm, einer ganzen kleinen Stadt so zum Gesp-tte zu dienen.»Was kümmertsD-ch?« sagte der Vater stets lachend und mit Abstcht:»Du wirst nicht beschmutzt werden, und wie Du eben selber sagtest,- es ist doch besser als nichts.« Als sie über den Marktplatz zogen, bath Herminie ihren Vater, einen der kleinen Wagen zu miethen, die da gewöhnlich halten, und den Triumphwagen des G-müsekrämers zurück zu lassen.»Wir werden bequemer sitzen,« sagte sie.»Wir werden schneller an Ort und Stelle kommen, und vor allen Dm- aen qeüemender vor der glänzenden Gesellschaft erscheinen, in die Du mich führst.«»O nein, 4.och- terchen,« antwortete Wallstein,»das würde den braven Mann kränken, der uns so dienstfertig aus der Verlegenheit gezogen, der um unsertwillen von seinem Wege sich abgewandt, und eme halbe Meile im Kothe geganaen. Ich meine, er soll uns bis an den Ort unserer Bestimmung führen.« Das war sm Dolchstich für Herminie, die auf ihrer Meinung beharrte.^ 44 Unterdessen war der Karren immer sachte vorgerückt, und bald befanden sich die Reisenden amEin- gang der Allee, die zu dem Schlosse führte. Hermi- nie schlug abermahls vor, abzusteigen, und zu Fuße die Allee zu durchwandern, da seit einer Stunde die « schien, der Weg ziemlich trocken war, und folglich ihre Toilette keine Gefahr lief. »Nein, nein,« sagte der Vater,»meine Ea u i- ^ ist mir zu lieb geworden, um nicht der zahlreichen Gesellschaft ein Schauspiel dadurch zu geben.« ,."7^ drey Esel schritten immer sachte vorwärts, durch den ersten und zweyten Schloßhof, und gelangten endlich zu den Stufen der großen Treppe, nachdem sie zuvor den Versammlungssaal passirt, ivo Alles Mit lautem Gelächter an die Fenster, dann auf die Treppe stürzte, um die schöne Herminiezu empfangen, welche scharlachroth vor Scham und Verdruß, von ihrem Strohsitze sich erhob, und von den unmäßig lachenden»ungen Herren in Empfang genommen wurde. Wallstein präsentirte sie mit einem Ernst, d-e die ganze Scene noch komischer machte. Er erzählte das Abenteuer. Jedermann bewunderte die Gefälligkeit des guten alten Gemüsekrämers. Wallstein trug Herminien auf, ihm einen Loulsd or einzuhändigen, um ihn dafür zu be- lohnen, daß er ihre Kleidung vor Schmutz bewahrte. »Vergib mir duese Lehre,- sagte er, sie umarmend, »und erinnere Dich stet-, daß man vor einer Wohlthat n.e errothen muß, sie komme aus welcher Hand sie wolle. Vergiß auch nicht, was der ehrliche Lafontaine in einer seiner Fabeln davon sagt: «Man sey so viel man kann. Gefällig Jedermann; Luch wenn Du vornehm bist. Oft des Geringern Hilfe Dir unentbehrlich ist,-- Der kleine Savoyarde. AOon jeher haben die Einwohner vonSavoyen durch Fleiß und Redlichkeit sich ausgezeichnet. Man bedient sich ihrer in den angesehensten Hotels von Paris, und nie hat man Ursache gefunden, das ihnen geschenkte Vertrauen zu bereuen. Gewohnt, von Wenigem zu leben, und selbst im Schoße der Hauptstadt weder ihre Lebensweise, noch ihre grobe Kleidung ändernd, haben sie nur Einen Zweck, nur Ein Verlangen, nähmlich durch den Fleiß und saure Arbeir eine mäßige Summe zu ersparen, mit der sie fröhlich und triumphirend zu ihren armen Familien zurück kehren, die oft während ihrer Abwesenheit Mangel litten. Unter den Arbeiten dieser guten Menichen ist das Schornsteinfegen eine der gewöhnlichste». Sie pflegen paarweise mit einander zu gehen, der Eine groß und erwachsen für die großen Schornsteine, der Andere klein, fast noch ein Kind, um durch die kleinen Schornsteine der Cabinette und Boudoirs schlüpfen zu können. Dieser letztere steht gänzlich unter den Befehlen seines großen Eameraden, der als Mentor und als Herr eine unumschränkte Gewalt über ihn ausübt. Es war gegen das Ende des Herbstes, als Herr Destinval, ein wackerer Kaufmann m PariS, zwey Savoyarden von der Straßenecke in sein Cabinet rief, um den Camin zu fegen. Dieser, nach der neuesten Mode angelegt, war sehr eng, und folglich siel das Geschäft dem Kleinen zu. Man bedeckte, wie es gewöhnlich ist, die Oeffnung des Camins mit doppelten Tücher», damit kein Rauchgeruch im Zimmer sich verbreiten sollte. Nachdem der kleine Schornsteinfeger sein Werk begonnen, wurden dem großen indessen andere Arbeiten in demselben Hause aufgetragen. Elise, Destinval's Tochter, blieb in ihres 46 Varers Cabinet, weil sie Lust hatte, das Liebchen zu hören, welches die Savoyarden zu singen pflegen, wenn sie die Spitze des Schornsteins erreicht haben. Um den Gesang noch besser zu vernehmen, wollte sie das Tuch aufheben, welches den Camin bedeckte, ließ es aber fallen, raffte es schnell wieder zusammen, doch freylich in einer dicken Wolke von Ruß, die augenblicklich hervordrang, und lief hinaus, Gesicht und Hände abzuwaschen, damit keine Spur ihrer kleinen Naseweisheit zurück bleiben möchte. Wahrend dieser Zeit hatte der kleine Schornsteinfeger sein Liebchen gesungen, war wieder herabgestiegen, und, da er sich ganz allein in dem Cabmete befand,, so rief er seinen Cameraden, der sogleich erschien, von Herrn Destin- v a l und mehreren Bedienten begleitet. Nachdem der Ruß weggeräumt war, der kleine Savoyard sich abgeschüttelt und gereinigt, auch seine Jacke wieder angezogen hatte, gab ihm Herr De- stinval einen Thaler, um auf seine Gesundheit zu trinken, weil er nicht allein mit der Arbeit des munteren Burschen sehr zufrieden war, sondern auch dessen naive und freymüthige Fröhlichkeit ihm wohlgefiel. Der Kleine dankte und entfernte sich sogleich mit seinem Cameraden, um diesem letzter» den Ruß von einem andern Schornsteine wegräumen zu helfen, den er unterdessen gefegt hatte. Elise kam jetzt wieder herein, und erzählte ihrem Vater, was so eben zwischen den beyden Savoyarden vorgegangen war. Sie hatte nähmlich gesehen, daß der Kleine dem Großen den empfangenen Thaler ausgeliefert, und gehört, daß er über die einträgliche Morgenstunde hoch erfreut gewesen war. Kurz, sie wiederholte jedes Wörtchen, was gesagt, geantwortet und wieder gesagt worden war, denn das Mamsellchen, ob- schon sonst sehr liebenswürdig, hatte sich einsSchwatz- haftigkeit angewöhnt, die sie oft bis zur größten Unschicklichkeit trieb, und die von ihren Aeltern ihr schon oft vergebens war verwiesen worden. Als AlleS wieder in Ordnung war, wollte Herr 47 Destinval sich ankleiden, fand aber auf dem Camin die goldenen Knieschnallen nicht mehr, die er dahin gelegt hatte. Er suchte sie überall, wurde unruhig, und vermuthete sogleich, der kleine Savoyarde könne sie wohl entwendet haben.»Aber,« meinte er,»das ehrliche, fröhliche Gesicht des Burschen, seine Freude über den Thaler— es ist schwerlich zu glauben, daß er eines solchen Diebstahls fähig gewesen.« Indessen suchte er doch stets vergebens seine goldenen Schnallen. Elise schlug vor, die Leute im Hause zu befragen. «Thue das,« sagte der Vater,»allein hüthe Dich, bestimmten Argwohn zu äußern. Gib nur dem Thürsteher einen Wink, daß er, wenn der kleine Savoyard aus dein Hause gehen will, ihn noch ein Mahl zu mir herauf schicke, weil ich mit ihm zu sprechen, ihm etwas aufzutragen hätte.« Elise befolgte ihres Vaters Befehle, keiner von den Bedienten hatte die Schnallen gesehen. Ein Jeder brachte seine Muthmaßungen zu Markte, und Alle waren bekümmert wegen dieses Vorfalles. Denn in einem Hause, wo alle Domestiken ehrlich sind, erregt das Verschwinden einer Kleinigkeit allgemeine Betrübniß, weil der bloße Zweifel eine Kränkung, ein bloßer Argwohn eine Marter ist. Elise, die von ihrer häßlichen Neigung zum Schwatzen oft verleitet wurde, vergaß in diesem Augenblicke ihres Vaters Warnung, und bemerkte gegen die Bedienten, daß der kleine Schornsteinfeger nach vollendeter Arbeit sich ganz allem im Cabinet befunden. Sie fügte hinzu, sie glaube auch einige Verlegenheit an ihm bemerkt zu haben, eine gewisse Bewegung, als Herr D e st i n v al mit den Leuten herein getreten sey u. s. w. Endlich vertraute sie ihnen, doch unter-dem Siegel der Verschwiegenheit, daß ihr Vater selbst Argwohn gegen den kleinen Savoyarden geschöpfr habe. Dann ging sie hinunter, brachte dem Thürsteher den ihr aufgetragenen Befehl, und begab sich dann schleunig wieder zu ihrem Vater. »Nein,« wiederholte dieser,«ich kann und will 48 es noch nicht glauben, daß der arme Bursch sich so weit vergessen habe. Ich null mich von seiner Unschuld überzeugen. Sollte er aber schuldig seyn, nun, so will ich ihm zwar eine derbe Lcction geben, ihm aber doch den Schimpf erspare», und vielleicht die furchtbare Rache aller seiner Landsleute.« Kaum hatte Herr D eft in v al diese Worte gesprochen, als man im Hofe ein Gekreisch und den Schall von Peitschenhieben vernahm, wodurch augenblicklich nicht allein alle Leute im Hause, sondern auch dre auf der Straße Vorübergehenden herbeygezogen wurden. Herr Destinval öffnete das Fenster, und sah, wie der arme kleine Savoyard von seinem großen Cameraden noch immer geschlagen wurde, und wie er mit gefaltenen Handen seine Unschuld betheuerte. Herr Destinval eilte hinab, vermuthend, der Knabe habe den Dwbstahl bereits gestanden, und gesonnen, ihn seinem traurigen Schicksal zu entrer- ßen. Seme Tochter folgte ihm, und bildete sich gleichfalls ein, der Dieb sey entdeckt. Aber wie groß war ihr Schmerz, als sie einen der Bedienten, der den kleinen Schornsteinfeger noch immer bey den Haaren hielt, schreyen hörte:»Ja, ja, er ist der Schuldige; er hat uns Alle dem kränkendsten Argwohn ausgesetzter soll es theuer bezahlen!« »Und welche Beweise habt Ihr?« fragteDestin- val, durch den Haufen sich drängend.»Gibt es einen starkern Beweis,« antwortete der Bediente,»als Ihre eigene Anklage?«—»Wer sagt Euch, daß ich ihn anklage?«—»iRamsell Eliss. Warum wollen Sie den kleinen Spitzbuben schonen, der uns alle in Verdacht bringen konnre.« »Wie, meine Tochter?« rief Destinval mit Unwillen,»Du hast das G-Hsimniß verrathen, welches ich Dir auf die Seele band?— Nein! nein!« fügte er hinzu,»ich bezeuge auf meine Ehre, daß ich den Knaben nicht angeklagt habe. Nur ein Verdacht konnte mich ergreifen, und ich war weit entfernt, zu glauben, als ich diesen Verdacht meiner Tochter ver- 4S traute, daß sie einen so grausamen Gebrauch davon machen würde.« Wahrend er so redete, hatte sich der kleine Sa- voyard zu seinen Füßen geworfen, bath um Gerechtigkeit, flehte um Barmherzigkeit. Elise, verwirrt und zitternd, sah die Folgen ihrer Unbesonnenheit zu spät ein. Die erbitterten Domestiken, so wie die umstehenden Fremden, die dem ersten Eindrucke nachgaben, verlangten mit lautem Geschrey, der Dieb solle auf die Wache geführt, der Polizey ausgeliefert werden. Aber in demselben Augenblicke rannte Elise ns Kammermädchen athemlos herbey^ und überreichte rhrem Herrn die goldnen Schnallen, die sie in dem Tuche gefunden hatte, welches während des Fegens über dem Cannne hing, und welches Elisens Neu- begler in Unordnung gebracht. Man denke sich die Verzweiflung des jungen Mädchens, als sie, gleich allen Umstehenden, die Unschuld des armen kleinen Schornsteinfegers erkennen mußte, der noch in diesem Augenblicke um ihr Mitleid flehte. Fast ohnmächtig sank sie in ihreSVaters Arme. Die Bedienten erbleichten, bereuend, daß sie der kleinen Schwätzerinn so leicht geglaubt. Die Fremden murrten und sagten: es wäre abscheulich, die Unschuld so zu mißhandeln. Der große Savoyard wußte nicht, wie er feinen armen kleinen Eameraden für die voreilige Bestrafung entschädigen sollte. Herr Destinval zeigte Eli- sen die Striemen, mit welchen der Knabe bedeckb war.»Das ist Dein Werk!« sagte er. »Ach! ich will es wieder gut zu machen suchen!« rief E l rs e außer sich,»ich will ihn selber pflegen und heilen, und, wenn Sie es erlauben, ihn in meine Dienste nehmen; er soll mich nie wieder verlassen.« »Ich willige darein,« sagte ihr Vater,»und möchte sein AnblickDich stets erinnern, daß das kleinste, voreilig ausgeplauderte, falsch ausgelegte Wort, so wie auch immer die Absicht seyn mag, oft die schrecklichsten Wirkungen hervorbringt, ja, das Unglück unsers ganzen Lebens veranlaßt!« Zahrg. ll. Gcschlchtchen für meine Tochter. L- Die Haarwickel. ^)err von St. Victor, vormahliger Wechselagent, war Vater einer zahlreichen Familie gewesen, von der ihm aber, zum Trost seines Alters, nur eine einzige der Töchter, die jüngste, übrig geblieben war; alle die übrigen hatte ihm der Tod geraubt. Natürlich, daß er seine ganze Zärtlichkeit in Theonren vereinte. Diese trat so eben aus der Kindheit. Ihrer Mutter war sie langst beraubt; eine alte, ehrwürdige Gouvernante, welche Zeuginn ihrer Geburt gewesen war, hatte sie erzogen, aber nicht verhindert, daß Theo nie eine der abscheulichsten Gewohnheiten angenommen, nähmlich die, Alles nach ihrem Köpfchen zu thun, nur ihren Grillen und Launen zu folgen, oder dem, was ihre lebhafte, unerfahrne Einbildungskraft ihr eingab. Sie herrschte in ihres Vaters Hause unumschränkt. Die Eigenschaften einer liebenden, zarten Seele machten nach und nach einer lächerlichen Anmaßung, einer rauhen Härte Platz, und Theonie wurde selten gewahr, welchen Eindruck ihr Betragen auf alle ihre Umgebungen mächte. Vergaß ein Bedienter irgend einen kleinen Auftrag, den Mamsell ihm gegeben, so wurde er aus das wegwerfendste gescholten. Erschien ein anderer auf den ersten Laut der gezogenen Klingel einen Augenblick zu spät, so war das ein Verbrechen, welches die heftigsten Vorwürfe, und wohl gar die Drohung, aus dem Hause gejagt zu werden, nach sich zog. Uebersprang das Kammermädchen aus Versehen ein einziges Loch im Schnürleibe, so glühte Theonie vor Zorn, stampfte mit dem Fuße 5l und schrie Nttt bellender Stimme:»Ich bin ja ganz schief geschnürt! Du bist auch so linkisch, so ungeschickt!«— Machte das Mädchen ihr die Haare zurccht, so fand sie, daß daSHaar nicht genug in Locken falle, oder daß eS ihr die Augen bedecke, ihr lästig werde, unausstehlich sey. Probirte man ihr ein Kleid an— eS saß abscheulich; die Taille war ohne Grazie, der Besatz zu dick, die Aermel nicht genug gefaltet, und tausend dergleichen Kritteleyen. Der Bediente, der bey Tische aufwartete, konnte ihr nie den Teller zur rechten Zeit geben. Immer mußte sie,»ach ihrer Behauptung, mehrere Mahle zu trinken fordern, ehe sie eS erhielt, und dann goß man ihr entweder zu viel oder zu wenig Wasser unter den Wein. Noch weit schlimmer war man daran, wenn man ihr Schuhe brachte, die waren zu lang, zu kurz, zu weit, zu eng, die machten ihren Fuß abscheulich, und hatten nie die Farbe, welche sie verlangte. Die ganze Welk hatte sich gegen sie verschworen, ihr zuwider zu handeln, sie ärgerlich zu machen. Von solchem ewigen Kritteln und Belfern und Zanken litt, ihren Vater ausgenommen, das ganze Haus. Theoniens Launen und Despotismus wurden endlich so unerträglich, daß die meisten Domestiken sich gegen ihren Vater beklagten und fort zu gehen beschlossen, so sauer es ihnen auch ankam, einen so guten Herrn zu verlassen. St. Victor seufzte im Stillen über das Betragen seiner Tochter, wollte sie aber nur durch ein Mittel, das er schon lange im Sinne hatte, zur Sanftmuth zurück führen. Er befahl nähmlich den Leuten, wenn Mamsell schreye oder zanke, gar nicht zu thun, als ob sie eS hörten; gar nicht darauf zu antworten, als durch ein Lächeln, und vor allen Dingen ihren Befehlen nie zu gehorchen, wenn sie sie knttlrch oder anfahrend ertheile. Dieser Plan wurde treulich ausgeführt. Rief Theo- nie Einem der Leute mit ihrer gewöhnlichen Härte, so kam Niemand, fragte sie etwas, befahl sie etwas mit ihrem gewöhnlichen Uebermuth, so lachte ihr Jeder in's Gesicht, entfernte sich nut Achlelzucken, und 52 ließ sie in einem Erstaunen zurück, dem nur ihr Zorn gleich kam. Natürlich eilte sie gleich zum Vater, beklagte sich bitterlich, und meinte, der Verwegene, der sich unterfangen, ihr den gebührenden Respect zu versagen, werde sogleich fortgejagt werden. Aber St. Victor antwortete ihr sehr ruhig:»Du hast ganz Recht, es scheint in der That, als ob alle unsere Leute sich verabredet hatten, Dir nicht mehr zu gehorchen; aber bist Du nicht vielleicht selber Schuld daran? Ich habe oft gesehen, daß Du hart mit ihnen umgegangen, daß Du ihre Dienste und ihre Geduld mißbraucht hast, Deine alte Bonne selbst nicht ausgenommen, die indessen weniger dabey leidet, weil sie Dich von Kindheit auf erzogen, und mit mütterlicher Zärtlichkeit liebt. Vergiß nicht, meine Tochter, das sicherste Mittel, gut bedient zu werden, ist, wenn man sich so benimmt, daß die Leute ein Vergnügen daran finden, ihre Pflichten zu erfüllen. Ich selber gebe Dir den Beweis davon. Ich bin der Herr von, Hause, und Habs hier ein größeres Recht zu befehlen, als Du, aber nie lasse ich daö meinen Leuten fühlen; auch sind sie Alle m i r eben so eifrig ergeben, als sie Dir abgeneigt sind. Bey diesen Worten zog er mehrere Mahle hinter einander stark an der Klingel, und augenblicklich stürzten die Leute von allen Seiten herbey. DerKam- „lerdlener fragte:»Was ist dem Herrn begegnet?« — E»i Bedienter folgte diesem auf dem Fuße:»Ist der?,err krank?«— Der Kutscher sogar stolperte eilig die Treppe herauf und rief:»Ist Feuer bey Ihnen ausgebrochen?« Auch die alte Bonne eilte zitternd herbey!»Es ist doch meiner lieben Kleinen nichts widerfahren?«—»Siehst Du wohl, meinKind?« sagte der Vater zu seiner Tochter.—»Nein, lieben Freunde,« fuhr er fort, indem er sich zu den Leuten wandte, und sie Alle bewegt ansah,»ich habe nurTheonien eine Probe Eures Diensteifers geben wollen, weil sie behauptet, man könnte nichts von Euch erhalten.« Die Leute verstanden den Wink ihres Herrn und ent- 53 fernten sich einer nach dem Andern lächelnd und mit Achselzucken.. /. Lheonie, aufgebrachter als jemahls, erklärte ihrem Vater, sie sey entschlossen, kein Wort, gar kein Wort mehr mit den Leuten zu reden, und ihrer Dienste ganz zu entbehren.»Möge sie gebrauchen, wer da wolle!« rief sie erbittert:»Keiner soll den Fuß mehr in mein Zimmer setzen; selbst nicht meine alte Gouvernante.«—»Dann wirst Du me gehört werden,« antwortete der Vater sehr ruhrg.— »Alles will ich selber besorgen, mein 3">"ner, mein Bett, meine Toilette—«-»Dann bist Du sicher, daß Alles so gemacht wird, wie Du es haben willst^« »Auch bey Tische soll mich keiner bedienen. Ich werde Alles, was ich brauche, neben nnr^auf ein Tischchen stellen.«—»Sehr wohl, meine ä.ochter^ das kann geschehen, und es wird mir sogar ein großes Vergnügen machen, allen diesen Leuten zu be. weisen, daß wir sie entbehren können, und gar nich nöthig haben, sie theuer zu b^hl-n.« Noch an se- bigemTage hielt d.e kleine, launenhafte Person Wor. Sie schenkte sich selbst zu trm^n ein, h»"e die a.el- llr, schnitt ihr Brot, und sah dabey die Bedienten boshaft kachelnd an. Sie stellten sich sämmtlich erstaunt Über diese Verwandlung. Freylich zerbrach ,,e eine Carafine von Krystall und einen Teller von Porzellan, goß auch rothen Wein auf ihre Serv.etto; alle.» der Vater sagte m.t seiner gewöhnlichen-Danft- nilith:»Man muß Lehrgeld geben, und sich an Al- les^ Theonie aus der Comodie kam, legte sie selber ihren Shawl fein erdenklich zusammen, verschloß ihren Hut und ihre Handschuhe. Das Kammermädchen kam,"M<>e°sziischnuien auszukleiden, ihr die Haare in Wickel zu^gen, s wie sie es alle Abende zu thun pflegte.^be Dich nicht nöthig,« sagte^be°>'ie, e anf.iH rend,»ich habe ein Lorset gekauft, welches von vorne geschnürt wird, ich werde mich selber aus- WWW ' 51 kleiden, mir selber die Haare aufwickeln. Ja, ja lache nur und wiege dein Köpfchen; es wird doch geschehen.« Endlich kam auch die alte Bonne, forderte den Schlüssel zu Theoniens Schlafzimmer, wollte ihr Bett machen und sie schlafen legen; allein sie schlug es rund ab, so beweglich auch die gute Frau bath. Am meisten erstaunten Alle, und der Vater selber, als Mamsell am andern Morgen selbst ihr Zimmer fegte, putzte, aufräumte, und ihr Bett machte. Freylich zerbrach sie dabey einen großen Toilette-Spie- gel, zerriß eine Fußdecke von gesticktem Musselin,' und beschüttete eine Sopha von himmelblauem Atlas mrt Oehl; allein der Vater wiederholte ganz gelassen:--Man muß Lehrgeld geben, und sich an Alles gewöhnen.« Jetzt wollte Lheonie auch bey sich einhetzen. Mit einem Feuerzeug ausgerüstet, welches sie Lages zuvor gekauft hakte, übte sie sich im Feuer- schlage», es gelang ihr auch, den Schwamm zu entzünden, und gleich darauf loderten in hellen Flammen einige Bündel Reisholz, die sie in ihrem Ca- mrne aufgeschichtet hakte.«Lwe verbrannte sich freylich die Finger ein wenig dabey,,schlug sich mit dem Stahl mehrere Mahle auf die Finger, und hatte durch die allzugroße Menge der Reisbündel beynahe daS Haus in Brand gesteckt; allein zum Glücke kam ihr Vater zu rechter Zeit dazu, half löschen, und sagte sehr sanftmüthig!»Man muß Lehrgeld geben.« Einige Stunden nachher erschien Theo nie im Spei- sesaalc, wo mehrere eingeladene Gaste sich versammelt hatten. Man konnte nicht umhin, die Unordnung in ihrer Toilette zu bemerken. Ihr Kleid saß schief, und bildete auf den Schultern sehr lächerliche Falten. Ihr Corset war so wunderlich zugeschnürt, daß es ihr bis unter das Kinn reichte, und ihren hübschen Hals ganz versteckte, den sie vergebens mit einem reichen, eleganten Halsbande verziert hatte. Zhr HalStuch hing über die eine Schulter herab, 55 während die andere entblößt war. Ihr Gürtel, von vorn recht artig angelegt, zeigte von hinten einen dicken, zerzausten Knoten; aber- was mehr als Alles denjenigen auffiel, d.e gewohnt waren, sie. mer sorgfältig cooffirt zu sehen, ihr Haar, das sie selbst aufgewickelt hatte, war nicht ein Bischen kraus, sondern hing ihr glatt in's Gesicht, bedeckte ihre hübschen Augen, und verstellte sie dermaßen, daß^ermann lachend fragte:'Woher diese seltsame Verwandlung?«— St. Victor theilte der Gesellschaft Ue großen Entschlüsse seiner Tochter Mit, und stellte sich, als ob er sie billige.. ^ Indessen fühlte sich Theonre sehr gekrankt durch das svöttische, allgemeine Lachen über ihre neue Loi^tte. Am empfindlichsten war ihr, zu h°^n, daß chre glatten Haare ihr Gesicht entstellten. Nachlamg gekleidet scheinen, das mag noch hingehen, aber häßlich wenn man hübsch ist, das ist zu arg'- das übe stieg ihre Kräfte! Sie beschloß daher,^ Haarw ckel ganz wegzuwerfen, und, um sich einen schollen, liau sen Tituskopf zu verschaffen, brannte sie«och am s biaen Abend ihr Haar Mit dem Eisen. Freylich v brannte sie sich das Ohrläppchen, und zeichnete sich auch!in Mahl auf derSurn; aber sie ertrug es he- denmüthig, setzte ihr Nachthäubchen auf, und legte sich mit der süßen Hoffnung schlafen,^^"bernM- aen zierlicher als jemahls cooffirt zu er,chemen, und da durch zu beweisen, daß sie Jedermann entbehren könne. Aber wie ersetzte sie sich beym Erwachen, als si- das Nachthäubchen abnahm,»nd fast sammtluh-Haar- wickel mit sammt dem gebrannten Haare, we ches sie - Letten, zu ihren Füßen fielen. Zitternd fuhr sie mit'der Hand nach dem Kopfe, zitternd trat sie vor den Spiegel, und erkannte nun, aber zu spa, Eilen dessen sich zu bedienen sie ungewohnt war, viel ku^heiß gewest?/und alle ihre Haare wegg°bra„nt hatte. Ein Schrey der Verzweiflung entschlüpfte ihr. Alle Leute im Hause, die a"e,^° men, stürzten herbey, und wurden aus vollem Halst 56 gelacht haben, wenn nicht die Thränenstrome, welche Theonie vergoß, sie zurück gehalten hätten. Auch den Vater hatte ihr Geschrey herbey gezogen, und weniger schonend als seine Leute, lachte er recht von Herzen über den Kahlkopf, auf dem noch hin und wieder Büschel gebrannter Haare standen, und sehr seltsam gegen das niedliche Gesichtchen abstachen, dem sie noch Tages zuvor eine Zierde geliehen hatten. Man war genöthigt, nun auch das übrige Haar noch abzuschneiden. Langer als sechs Monathe mußte Theonie eine Perrücke tragen, die zwar nach der ihres Haares gewählt war, doch sie bey Weitem nicht so gut kleidete. Nun fühlte sie endlich, daß man, ohne den Beystand derer, welche die menschliche Gesellschaft größtentheils bilden, unmöglich in derselben leben kann. Sie bekannte Allen ihr Unrecht, bath, es zu vergessen, und wurde so sanft, so nachsichtsvoll, als sie zuvor herrisch und schwierig gewe- jen. Alle traten ihre Dienste wieder bey ihr an, wurden durch ihre Freundlichkeit gefesselt, und verdoppelten den Eifer, ihr zu dienen. Endlich wuchsen auch die schönen Haare wieder, die Perrücke wurde weggeworfen; Theonie erschien hübscher als jemahls, die Sanftmuth und Selbstzu- Uiedenheit erhöhten ihre Reize. Nur das mit dem leisen gebrannte Mahl auf der Stirn hinterließ eine zwar leichte, aber unvertilgbare Narbe, und so oft Theonie in den Spiegel sah, schien diese Narbe ihr zuzurufen:»Alles selbst machen wollen, übersteigt unsere Kräfte, und, wo wir auch seyn mögen, wir bedürfen Alle Einer des Andern. Es ist gefährlich, an den Thüren zu horchen. I^nter allen Fehlern ist die Neugierde derjenige, der die Seele am meisten herabwürdigt, und die empfindlichsten Demüthigungen zuzieht. Frau von Wolmar, die reiche Witwe eines verdienten See-Offiziers, hatte drey Kinder, zwey Knaben, Julius und Adolph, und eine Tochter, Clara. Alle drey"machten das Glück ihrer angebe- theten Murter. Die beyden Brüder wollten in die ehrenvollen Fußstapfen ihres Vaters treten, und ihre glühende Einbildungskraft war schon mit den Heldenthaten derDuquesne, Jean Bart und Dugnay Trouin angefüllt. In den Ferien der Marine-Schule, wo sie erzogen wurden, waren sie nach dem Schlöffe Wolmar, nicht weit von Paris, gekommen, und ihre Ankunft hatte große Freude bey Mutter und Schwester hervorgebracht. Clara besaß ein vortreffliches Herz und tausend liebenswürdige Eigenschaften, nur wurden sie oft alle durch eine Neugierde verdunkelt, die bis zu diesem Tage unbezwinglich geblieben war. Hundert Mahl hatten die Bedienten sie schleichend und horchend ertappt. Die Mutter selbst, wenn sie mit irgend Jemand sich liigeheim unterredete, harte sie mehr als ein Mahl an ihrer Thür gefunden; bisweilen auch wohl im Cabinet hinter einem Schrank versteckt, um alles zu erlauern. Weder Furcht, noch Beschämung konnten diese unersättliche Neubegier heilen. Auf Spaziergänger! war sie stets so beschäftigt, auf jedes Wort zu lauschen, was um sie her gesprochen wurde, daß sie nie, weder die an sie ge- 58 richteten Fragen beantwortete, noch für die verständigen Bemerkungen ihrer Mutter Ohren hatte. Mrk Schmerzen fühlie Frau von Wolmar, daß Geduld und Ermahnungen eine eingewurzelte böse Gewöhn/ hcit nicht auszurotten vermögen. Sie beschloß daher, so stark als möglich auf der Tochter Einbildungskraft zu wirken. Eines Abends führte sie dieselbe in den Garten der Tuillerien, wo eben ein großes Gedränge von Spaziercngehenden war. Als nun Clara wie gewöhnlich bemüht war, jedeS Wort aufzuschnappen, und darüber gar nicht mehr auf ihre Mutter achtete, so verlor sich diese mit Fleiß plötzlich im Gedränge, und ließ nur einen alten Bedienten zurück, dem sie ihr Geheimniß anvertraut, und der, hinter einen Baum versteckt, die Verwirrung der Neugierigen be» obachten, ihr von fern folgen sollte. Clara, vom Lauschen und Horchen ermüdet, wollte sich endlich zu ihrer Mutter wenden, sah aber mit großem Schrecke» sich allein, zitterte, wußte nicht, was sie anfangen sollte; Angst und Verdruß preßten ihr Thränen aus. Sogleich wurde sie von einer Menge Menschen umringt, deren Fragen sie noch mehr verwirrten. Sie wagt es nicht einmahl, ihren Nahmen zu nennen; sie geht einige Schritte, kehrt wieder um, entfernt sich wieder, kommt noch ein Mahl zurück, sucht mit den Augen, und kann sich gar nicht einbilden, daß ihre Mutter sie einer so grausamen Verlegenheit Preis gegeben. Endlich, der vielen Fragen überdrüssig, und durch das Gelächter Anderer empfindlich gekränkt, beschließt sie, die Tuillerien zu verlassen, und zu versuchen, ob sie ganz allein das Quartier von Lurenburg, wo ihre Mutter wohnte, erreichen könne. AIS sie der Pforte sich näherte, begegnet ihr der alte Bediente, der ihr von fern nachgeschlichen war. Sie läuft auf ihn zu, bittend um seinen Beystand, erzählt daS seltsame Abenteuer, und äußert ihre Angst wegen des plötzlichen Verschwin- denS ihrer Mutter. Ein Lächeln, welches dem braven. Kerl entschlüpft, gibt ihr wieder Muth; sie erräth 59 nun die Absicht der Frau von Wolmar, und von dem Alten begleitet, geht sie zü Fuß nach Hause, wo em deiner Äönvels lhver Dorrte, und l^)r vel^lchevk wurde, daß sie ,edes Mahl eben so werde verlassen werden, wenn ihre Neugier sie verleite, statt auf ihre Mutter zu hören, sich bloß mit dem zu beschäftigen, was die Vorbeygehenden sagten, und was noch obendrein oft gefährlich, ja ihre Sittsamkeit verwundend seyn könnte. Allein vergebens hatte Frau von Wolmar sich geschmeichelt, auf diese Weise ihre Tochter zu bessern, deren Neugierde mit neuer Stärke über- hand nahm. Besonders fand sie, wahrend des B-',u- ches ihrer Bruder, Gelegenheit, dieß traurige Talent zu üben. Adolph und Julius ertappten si- olle Augenblicke, wie sie ihnen nachschlich und jedes ihrer Werte auffing. Schon hatten sie durch allerley Schelmereyen sie davon zu entwöhnen vernicht. ErneS Tages unter andern, als sie in ihrem Zimmer mit einander plauderten, wurden sie hinter der halb offenen Thür den weißen Zipf eines Kleides gewahr, den ein Lüftchen hin und her bewegte. Sie erriethen sogleich, wem dieser Zipfel angehöre, und gaben ftch verstohlne Winke. Adolph schlich leise nach der Tour, zog sie rasch an sich, und klemmte dadurch Clärens Rock so fest ein, daß es ihr unmöglich war,!>ch los zu machen. Durch Schreyen wollte sie iich>ncht verrathen, um nicht ausgelacht zu werden; blieb pe aber so angenagelt, wie leicht konnte Jemand vorübergehen, und ihrer Mutter die peinliche Lage, m der sie durch ihre Neugier sich befand, hinterbringen. Sie beschloß daher in der Angst, ihr Kleid auszuziehen, und im blossen Hemde in ihr Zimmer zu ent- schlüpfen. Aber sie hatte noch einen großen Vorsaal zu durchlaufen, in dem ihr ein Gärtnerbursch bcgeg- nete, der aus Leibeskräften schrie:»Ach mein Gott. welch' ein Gespenst ist das!« Die beschämte Clara wich zurück, erreichte eine Winkeltreppe, und kam endlich, von Furcht und Frost gejchüttelt, zu der Kammerfrau ihrer Mutter, von der sie denn auch W mit Spöttereyen nicht verschont wurde. Indessen holte sie der bestraften Neugierigen doch andere Kleider, in welchen sie bald nachher wieder im Saale erschien, wo sie die Neckereyen ihrer Brüder und die mütterlichen Verweise ertragen mußte; denn die beyden Schelme hatten das erbeutete Gewand der Frau von Wol- mar gebracht. Ein anderes Mahl, es war gegen Ende des Herbstes, hatte Frau von Wolmar die Jugend aus der ganzen Nachbarschaft zu einem Balle eingeladen, den sie um ihrer Söhne willen veranstaltete, die nun bald in die Marine-Schule zurück kehren sollten. Klär- chen war an diesem Tage sehr niedlich geputzt. Schon eine Menge Gaste hatten sich eingesunken. Adolph und Julius waren noch auf ihrem Zimmer beschäftigt, einigen jungen Leuten ihre See-Karten und Zeichnungen vorzuweisen. Ein kleines Geräusch,>vel- ches der Schlüssel an der Thür machte, ließ sie errathen, daß die Schwester durch das Schlüsselloch guckte. I u l i u s, der gern einen lustigen Streich ausgehen ließ, zugleich seine Schwester aufrichtig liebte, und von Herzen wünschte, ihr den garstigen Fehler abzugewöhnen, stellte sich, als müsse er einen Augenblick hinausgehen. Wie der Wind entschlüpfte Clara. Julius hatte ein Stück Reißbley mitgenommen, mir welchem er von außen über das Schlüsselloch, und zwar in verkehrter Ordnung die Worte schrieb:»Unheilbare Neugier.« Dann ging er wieder hinein, machte die Thür hinter sich zu, schwatzte und lachte mit seinen Freunden. Kaum hatte das Gespräch auf's Neue begonnen, als auch Mamsell Clara leise wieder herbey schlrch, um zu horchen, und, da sie gewahr wurde, daß man den Schlüssel abgezogen hatte, so wollte sie doch auch sehen, was im Zimmer vorging, und legte das Auge an das Schlüsselloch, wodurch sie ihre Stirne gerade auf die Stelle drückte, wo ine beyden verrätherischen Worte verkehrt geschrieben standen. Diese prägten sich nunmehr, ihr unbewußt, in ganz richtiger Ordnung 61 auf ihre Stirn, und so gezeichnet trat sie bald darauf in den mit Gästen angefüllten Saal.^. Sobald Frau von Wolmar den streich gewahrwurde, den man ihrer Tochter gespielt, freute sie sich im Stillen darüber, und bath jedermann, ihr nichts merken zu lassen. Clara tanzte wirklich zwey Stunden mit diesem bösen Steckbrief auf der Stirn, bemerkte aber doch endlich, daß der Eine, wenn er sie ansah, mit Mühe das Lachen unterdrücke, der And-r- mit dem Finger auf sie deutend, seinem Nachbar in's Ohr flüsterte, und sich auf ihre Kosten zu belu- Sw wurde unruhig, und weil sie vermuthete, daß etwa an ihrem Putz etwas m Unordnung gerathen seyn möchte, so eilte sie vor einen Spiegel, wo sie denn sogleich die häßliche Inschrift erblickte und begriff, daß sie mehrere Stunden lang der ganzen Ge- fellschast zum G-spbtt gedient hatte. Sie schrie laut auf, lief davon, verschloß sich in ihr Zimmer, und kein Zureden konnte sie bewegen, wieder aus oem u U unbekannte sich als den Urheber der Neckerei) und war untröstlich über den heftigen Eindruck, den sie auf seine Schwester gemacht halte. Zwanzig zurück in den Saal zu kehren, allem vergebens- sie antwortete bloß:»N'° werde ich den abscheulichen Streich vergessen! nie soll man Mich wieder sehen.« Der Ball ging zu Ende ohne sie.^^< Frau von Wolmar tröstete den Bruder durch die Versicherung, daß er se.ner Schwester emen wich- t.gen Dienst geleistet habe. Doch um ihn"lcht>mt ihr zu entzweyen, mußte er und die ganze Gesellschaf ihr versprechen, den Urheber der heilsamen Lehre Clären nicht zu verrathen. Am andern Morgen erschien Clara vor ihrer Mutter. Aerger und Scham hatten der Ueberlegung Platz gemacht. entfern, ru klaaen oder zu murren, umarmte sie Frau von Wolmar mit Innigkeit und Ruhe, und gestan, 62 daß sie die ganze schlaflose Nacht damit zugebracht habe, die Gefahren zu erwägen, denen ihre verdammte Neugierde sie aussetze. Sie schwur, daß sie den festen Vorsatz gefaßt habe, nie wieder zu horchen, was auch um sie her gesprochen werden möchten Endlich bath sie sogar ihre Mutter sehr ernstlich, ihr denienigen zu bezeichnen, der die Inschrift, von welcher noch Spuren auf ihrer Stirn waren, über das Schlüsselloch gemahlt hatte, und versicherte, daß sie ihn als ihren besten Freund betrachten, ihn ewig lieben werde. Die bis zu Thränen gerührte Mutter umarmte das reuige Kind, ließ die Brüder rufen, und stellte Julius, als den Anstifter der Neckerey, Clären vor.»Ich hatte es halb und halb vermuthet;« rief Clara, und warf sich in seine Arme.»Wie froh bin ich, gerade ihm einen so wichtigen Dienst zu verdanken, und in meinem ältesten Bruder meinen redlichsten Freund zu finden!« Julius erwiederte ihre Liebkosungen mit Rührung und einigem Stolz auf den guten Erfolg seines Einfalls. Er bath die Mutter, vor seiner Abreise das kleine Tanzfest zu erneuern, dessen Clara durch ihn beraubt worden. Es geschah, und dieß Mahl trat Clärchen an der Hand ihres geliebten Bruders, zwar mit niedergeschlagenen Blicken, aber unter dem Zujauchzen aller Gäste in den Saal, wo Julius statt jener häßlichen Inschrift, einen Kranz von weißen Rosen, das Sinnbild der Herzensremheit, auf ihr Haupt setzte. Clärchen, sanft bewegt, fühlte in diesem Augenblicke: daß die erworbene Kunst, sich selbst zu überwinden, die größte Zufriedenheit, das größte Glück gewahrt; und daß Lächerlichkeiten, böse Gewohnheiten, ja selbst Fehler, der auf Vertrauen gegründete» Selbstbetrachtung weichen. Der Eroßvaterftuhl. Willis, ein sehr betagter Rechtsgelshrter, fühlte schon lange des Alters Schwachen, die ihn oft nöthigten, in seinem Sorgenstuhl zu bleiben, wo ihn Frau von Rainefort auf das Zärtlichste pflegte. Sie war seine einzige Tochter, und Witwe eines Offiziers, der auf dem sogenannten Felde der Ehre geblieben. Sie hatte zwey Kinder, einen Sohn, Stephan, von zwölf Jahren, und eine Tochter um ein Jahr alter. Gestalt und Ton der Stimme dieser beyden Kinder glichen sich, aber weder ihre Charaktere, noch ihre Neigungen. Stephan war lebhaft, fröhlich, einschmeichelnd, hatte nw Launen, blieb sich gleich gegen Reiche und Arme, Vornehme und Geringe; den Wtolz der Eigensucht kannte er nicht. Ihm galt nur das Verdienst der Menschen, ihn fesselte nur ihre Güte, ihre Freundlichkeit. Das AlleS hatte er von seinem wackern Großvater gelernt, dessen Gesellschaft er oft der seiner Spielkameraden oder den glänzendsten Lustbar- Alfonsine hingegen reizte nur, was ins Auge fiel. Weil sie gut gewachsen und hübsch war, so glaubte sie, mit ihr sey nichts zu vergleichen. Nur Eleganz und Lupus schmeichelten ihrem Hochmuthe, und nur seltene, Reichthum verrathende Gegenstände hatten Werth für sie. Talente üben, durch weibliche Tugenden die Seele zieren, schien ihr langweilig, überflüssig, Verlorne Zelt. Unter den kostbaren, eleganten Meubeln, welche den Gesellschaftssaal ihrer Mutter schmückten, be- fand sich auch ein aller Großvaterstuhl von Buchenholz, mit altem rothen Leder beschlagen, an dem dttz 64 ehemahls vergoldeten Nagel nur noch ein schwärzliches Metall zeigten, und hier und da Ueberreste von antiken, bestaubten Fransen herabhingen. Dieser Stuhl auf vier kleinen Rädern, und dessen Lehne man nach Gefallen herab lassen konnte, war der gewöhnliche Sitz des ehrwürdigen alten L i m ü, und behagte ihm weit mehr, als die modernen Meubeln, deren scharfe Formen und gekünstelte Stellungen ihm eben so lächerlich als unbequem vorkamen. Stephan, der in diesem gothischen Erbstücke nichts weiter sah, als das Plätzchen, auf welchem sein lieber Großvater oft seine Leiden vergaß, hielt den Stuhl in großen Ehren, besserte ihn aus, und fügte gern alles hinzu, was zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit des Alten beytragen konnte. Wenn der Winter nahte, brachte er am obern Ende eine Bedeckung an, die seines Großvaters kahles Haupt vor jedem Lüftchen schützen sollte. Kehrte der Sommer wieder, so setzte er ein Bänkchen von Nußholz vor den Stuhl, auf welchem er täglich durch frisch duftende Blumen in dem Alten die Erinnerung an dessen eig'- ne Blüthenzeit weckte. Oft rollte er den Stuhl mit der geliebten Bürde in die Sonnenstrahlen, die, den Greis erwärmend, ihm neue Kräfte, neue Munterkeit schenkten. Bisweilen ließ er sich auch wohl durch das sanfte Herumrollen in den Schlummer wiegen, und lächelte dann im Schlafe so freundlich, als ob er das holde Kind segne, das seine Tage zu verlängern und zu verschönern so emsig bemüht war. Alfonsine theilte diese Bemühungen nicht. Noch kein einziges Mahl hatte sie den großen alten Stuhl gerollt, noch nie eine Blume davor gelegt. Es war ihr vielmehr eine'Marter, das häßliche, schwerfällige Ding unter den reichen Stoffen und herrlichen Meubeln von Mahagonyholz zu sehen. Hatte sie nur gedurft, schon hundert Mahl hätte sie es entzwey geschlagen.»Ja,« sagte sie eines Tages sehr verdrießlich:»so bald mein Großvater todt seyn wird, so lass' ich seinen alten Stuhl verbrennen.« Der alte L i in ä- 65 hztte den Widerwillen seiner Enkelinn gegen seinen lieben Stuhl wohl bemerkt, auch sogar die letzten harten Worte gehört. Sie drückren sein Herz, und er beschloß, ihr eine Lehre zu geben, die sie so bald nicht vergessen sollte. Unter den Sitz des Gropvater- stuhl's hatte er, ohne daß irgend Jemand darum wußte, ein Kästchen anbringen lassen, von dem er allem den Schlüssel hatt-, und in dem er seme Kostbarkeiten verwahrte. Jedes Alter hat leme Schwachen; Gren- trcnnen sich so wenig als möglich von dem, was sie durch Fleiß und Sparsamkeit erworben haben. Lines Tages war Also nsine zu einem Feste eingeladen, wo, wie sie wußte, die elegantesten Damen von ihrer Bekanntschaft erscheinen würden. Sie klagte laut, daß sie kein Kleid habe, welches schon genug sey; s» wünschte sich besonders einen Belak vo» künstlichen Blumen, wie sie eben damahls von allen ,ungen Mädchen ihres Standes getragen wurden: aber Frau von Rain-fort, die ihre Tochter zu einer we„en Sparsamkeit gewöhnen wollte, hatte ihr ein bestimmtes Mo- nathsqeld für dergleichen ausgesetzt, und das war oe- reits verschwendet. Folglich mußte sich dw iunge Co- kecte entschließen, em einfaches weißes 6 orkleid anzuziehen. J-bt bereute sie, ihr Monathsgeld für Kleinigkeiten verschleudert zu haben, und lleß>hre» B-r- druß in Geaenwart ihres Großvaters ausbreche», der sich aber stellte, als achte er nicht darauf. AIS sie, einige Stunden nachher, ihre Klage wiederholte, sagte der Greis lächelnd:»Nun wohl, wein Krnd, um Dich für Deine ärmliche Toilette zu entschädigen, sey ein Mahl Deinem Großvater nützlich, nimm diesen Schlüssel, und hilf nur a un dem Stuhle etwas offnen, hier auf d>-ser Seite. Also nsine errörhete und war unschlüssig, denn sie bildete sich-m, es sey die Rede von-mem gew.ssen verboraenen Gefäß, welches man unter solchen^-tuh en z. finden Pflegt. Sie will sich entschu drgen, sie st-ll/ sich, als könne sie das Schloß nicht offnen- Der Alte belustigt sich an ihrem Irrthum. Endlich Zahrg, U. Gcschrchtchen für meine Tochter. b 66 drehte sie den Schlüssel zitternd und den Kopf weg- wendend. um, öffnet- und erblickt ein niedliches Kolbche.., mir Wohlgerüchen geschwängert, mit blau- em Ullas gefuttert, in dem ein vollständiger Besatz von den schönsten weißen Rosen liegt. Nun begriffst« die freundliche Lehre ihres Großvaters, gestand, sie sey noch me so angenehm überrascht worden, und citte -5'""""'warteten Geschenke das Florkleid zu schmucken. Allein ihr Widerwille gegen den alten Groß- varerstuhl war dadurch noch innner nicht ganz vertilgt worden. Sie konnte sich durchaus nicht daran qewöh- modernen Plaudersitzen und Gon-- veln des Ge.ellschaftssaales figuriren zu sehen. Zwar äußerte sie das nicht mehr laut, doch sobald Limü nicht zugegen war, schob sie ihn in einen Winkel, und suchte ,hn auf allerley Weise zu verstecken. Ein ^E'As^anwb Abenteuer zerstörte jedoch plötzlich chren Widerwillen für immer, und machte ihr"den Großvaterstuhl eben so lieb, als er ihr zuvor verhaßt gewesen.^ ES war im Carneval. Alfonsine sollte bey einer ihrer Freundinnen, wo eine Menge ihrer Gespielinnen sich versammelten, als ein alteS Mütterchen verkleidet erscheinen, in einem weiten Faltenrocke, mit langen dreyfachen Manschetten, ein Schmetterl-.ngs- «opfzeug auf dem Haare, und Schuhe mit hohen Absätzen. Eine runzelige, hämische Larve sollte vorgebunden werden, und kurz, es mangelte nichts, um sie, im Frühling ihres Lebens, als ein siebenzlgjähriges Mütterchen auftreten zu lassen. Ihre Mutter hatte Alles mit aaergnügen angeordnet. Stephan, als elsqan- ter^zokey gekleidet, sollte der alten Baroninn die Schleppe tragen, und so mit ihr den triumphirenden Einzug in die glänzende fröhliche Versammlung halten, wo man sie erwartete. Es war ausdrücklich verabredet, daß Vater und Mütter dabey nichtzugelassen werden sollten. Nur die Frau von, Hause hatte es übernommen, über das lustige, sich selbst überlassene Häuflein die Aufsicht zuführen. Um die alte Baroninn 67 ganz vollkommen darzustellen, hatte Alfonftlls die Unbesonnenheit begangen, ohne daß irgend jemand darum wußte, diamantene Ohrgehänge von ziemlich großem Werthe aus ihrer Mutter Schrank zu neh- men die sie nicht eher in die Ohren hing, als bis sie bey ihrer Freundinn angekommen, und wodurch sie allerdings die Täuschung noch erhöhte. S>e fand allgemein Beyfall. Jedermann gestand, sie habe die reichste und abenteuerlichste Maske, die man je gesehen. Sie war entzückt, ihrer Eigenliebe geschmeichelt. Freudetrunken, und mit der ganzen Unbesonnenheit ihres Alters, nahm sie L-heil am Lanze und an allen den kleinen, dazwischen gemengten Spielen. Endlich schlug die Mitcernachtstunde, e.n fataler Klang, denn er rief den Befehl der Aeltern m ö Gedächtniß, nach Hause zu fahren, seufzend gehorchten auch Alsonsine und Stephan. Von-mein alten Bedienten begleitet, fuhren sie heun, undfat^ den ihre Aeltern schon schlafend. Aber welch em D°»- nerschlag für Aif° ns. nen, als sie, um sich auszukleiden, vor den Spiegel trat, und^Eines von ihrer Mutter Ohrgehängen vermißte! Wie stieß einen lauten Schrey aus und schwamm m Thränen. Der gute kleine Stephan lief alsobald zurück m das Haus, wo der Ball gewesen war, suchte und fragte überall, aber vergebens.»Was wird meine AU sagen!« rief Alf° nsine,»o wre hart bmichfür me-.ne Thorheit bestraft!-- Ein so ersetz'«her Verlust' vielleicht von«—»Zweytausend Thalern,« sagte Stephan,»wie hast Du es doch gewagt, ohne Wissen der Mutter— ich dachte, sie selber harte Dir den kostbaren Schmuck geliehen. Ach! das nnrd ihr vielen Kummer machen!« D.e armen K-nder bracht-n die Nacht in der furchtbarsten Unruhe zu, besonders Alfonsine, die kern Auge schließen konnte. Natürlich sahen beyde am andern Morgen sehr erschöpft aus. Man hielt das für Nachwehen des Balle.. Mehrere Tage verstrichen. Der Großvater bemerkte, daß sein Liebling, Stephan, nicht mehr*so heiter alS 68 gewöhnlich war, nicht mehr jene freye Huvernckt au,zerre, welche ein reines Herz beweist/und die Tu- S-nd so wohl kleidet. Er drang in ihn, und St e- Al?/n"s1?^-K"""glück nicht, schilderte ihm tl i so nsinens Verzweiflung. ande/e^dd,^"^- der Grpjs,»verschaffe mir das wissen^ darf aber Niemand darum wissen, und am wenigsten Deine Schwester. G-ch, me-n gutes Kind und beruhige Dich.« Stephange- augenblicklich und befolgte seines Großvaters Vorschr.fr auf das pünctlichste. Einige Zeit nachher wurde Frau von Raine- , t zu einem großen Diner eingeladen; Älfon- sln e vermuthete, daß sie an diesem Tage ihre Ohr- g hange werde gebrauchen wollen, und-n dieser Angst kam auch sie„tzt zu dem Alten, und schüttete chrgequä- er-Zk?/de»^ gerade-n seinem Großva- d-'ssÄ^^^^ a""« Saale herumrollte. Bey de. cnkelinn perzbrechender Erzählung lächelte er, gab ihr abermahls seinen Schlüssel, und sagte, sie möch- "Ließen. Dieß Mahl ließ Alfonsine und a^obä^ lagen; sie schloß hastig auf, und alsoba^ sielen ihre Blicke auf das Schmuckkäst- chen ihrer Mutter, m welchem ein neues, bemalten un/äatu/^'^ Ohrgehänge lag, daß man beyde ala/l L ss"°'"°nander unterscheiden konnte. Anfangs v-rlorne sey wieder gefunden; als aber Stephan ihr erklärte, sie hab-die Beendigung Gr'/,//^" Zärtlichkeit und Großmuth des G enes zu verdanken, da stürzte sie tief gerührt in Er und schluchzte an seine,» Busen. .^ or''' lauft an sich, und sagte mit dem ruh. nen alt^Wenn ich sterbe, verbrenne meinen alten Stuhl nicht.« Die beyden Uhren. t. Alb an, ein reicher Gutsbesitzer, hatte zwey Tochter, deren Neigungen eben so verschieden waren, als ihre Gesichtszüge. Cla risse, die Aelteste, war sehr hübsch, allem sie verunstaltete sich selber unaufhörlich durch Gesichterschneiden, durch lächerliche Angewohnheiten, besonders durch eine unerträgliche Ver- nachläßigung und thörichte Verschwendung. Amalie hingegen, die ein Jahr jünger war, verbarg unter großer Bescheidenheit eine Klugheit, einen Scharfsinn, die ihr schon oft den Vorzug vor ihrer Schwester erworben hatten. Zuglanzen, Aufiiierklamkeit zu erregen, war das Bestreben der Einen; zu beobachten und aus Allem Nutzen zu schöpfen, die Lust der Andern. Weihnachten war nicht fern, diese der Jugend so erwünschte Zeit, wo Fleiß und gut- Aufführung durch Geschenke aller Art belohnt werden, wo aber auch nicht selten blinde Zärtlichkeit und Sucht, sich hervorzuthun, gefährliche Wirkungen veranlassen. St. Alban, sehr reizbar und pünktlich, aber von dem besten Herzen, führte seine Töchter in eines der reichsten Uhren- Magazine von Paris, und gab einer Jeden die Erlaubniß, sich eine Uhr zu wählen. Cla- r i sse durchlief schnell mit den Augen die glänzendsten Uhren, und wählte eine sehr kleine, aber mit Diamanten besetzte, deren Schimmer sie geblendet hatte. Ohne zu fragen, ob die Uhr auch gut sey, und trotz der Bemerkungen, die man ihr darüber machte, bestdnd sie auf ihrer Wahl und hing sogleich das gebrechliche Kleinod an eine goldene Kette, die sie um den Hals trug. 70 Amalie hingegen sah in demAnerbiethen ihres Vaters bloß den Vortheil, künftig die Stunde rich. tig zu missen, in der er dieß oder jenes zu thun pfl.-g- ts, und dadurch im Stande zu seyn, zu verhüthen, daß er nie auf etwas warten müsse, denn er war sehr ungeduldig. Sie bath also den Uhrmacher, ihr nur eine einfache Uhr zu geben, auf die sie sich aber auch verlassen könnte. Es geschah. Sie empfing eine Ubr ohrre alle Zierathen, und befestigte sie an eine Kecce von den, Haar ihres Vaters, die sie immer trug. Einige Tage nag her ließ Clarisse beym Früh. stück sich erwarten, welches Punct zehn Uhr eings- nommen wurde. Man mußte sie rufen, und als der Vater ihr einige Vorwürfe darüber machte, ant- wertete sie mit ihrer gewöhnlichen Nachlaßigkeir: »Meine Uhr geht zu spat.« Bald darauf sollten mehrere Freunde bey St. Alb an zu Mittag speisen, auch einige, welche nach der Tafel sehr wichtige Geschäfte hatten, die ihre Ge- genwart zu einer bestimmten Stunde forderten. Er befahl daher seinen Töchtern, sich mit ihrer Toilette so einzurichten, daß sie mit dem Glockenschlag vier im Speisesaal erscheinen könnten. Amalie, deren Uhr sehr richtig ging, fand sich vor vier Uhr ein, und empfing die Gaste ihres Vaters mit ihrer gewöhnlichen Anmuth. Es schlug vier, Clarisse kam noch nicht. Der reizbare St. Alb an, der seine Ungeduld nicht bemeistern konnte, ging selbst hinauf zu ihr, und fand sie im tiefsten Negliges am Flügel sitzen; sie dachte noch gar nicht daran, sich zur Tafel anzukleiden. »Wie, Clarisse! Du bist noch im Nachtkleids?«—»Ja, mem Vgter, ich habe noch Zeit genug, es hat noch nicht drey geschlagen.«—»Es hat vier geschlagen!« rief St. Alban mit Hitze,»wir werden zu Tisch gehen.« Mit diesen Worten verließ er sie hastig, und schlug die Thür hinter sich zu. Clarisse wiederholt- ganz gelassen:»Meine Uhr geht zu spat.« Indessen kleidete sie sich nun so schnell, als ihr 7l möglich war, an, das heißt, noch immer langsam ge- nug. Denn auch Coketterie war einer ihrer Gewohnheitsfehler, und so erschien sie bey der Tafel, als man schon den Nachtisch auftrug. Allen, die es bedauerten, nur einen Augenblick ihrer Gesellschaft zu genießen, antwortete sie:»Entschuldigen Sie mich, meine Herren, meine Uhr geht zu spät.« Dieser Ton der Sorglosigkeit, und besonders die Ziererey, mit der sie sprach, waren ihrem Vater unausstehlich, und er nahm sich vor, ihr starke Lehren zu geben, die zugleich ihre Eigenliebe und ihr Gefühl angreifen sollten. Er besaß bey St. Cloud ein Landhaus, wo Pracht und Geschmack wetteiferten. An jedem Sonntage versammelte er daselbst auserlesene Gesellschaft. Manche, die am Montage Morgens Nichts in Paris zu thun harten, übernachteten auch wohl dort, und in jedem Falle wurde Montags das Frühstück in einem nahen, sehr reizend gelegenen Dorfe eingenommen. St. Alban, mit seinen Entwürfen schwanger, sagte seinen Gästen, daß, um die Hitze zu vermeiden, man Punct acht Uhr den Weg dahin antreten, und vorzüglich seiner Tochter Am alle befahl er, Clarrssen ganz sich selbst zu überlassen; und zu dieser sagte er bloß beym Schlafengehen:»Ich hoffe, Du wirst morgen zu rechter Zeit fertig seyn. -Vergiß nicht, daß wir Punct acht Uhr fahren, und daß ich nie warte.« Clarisse, die am andern Morgen ein sehr zierliches Morgenkle-d zur Schau tragen wollte, zog ihre hübsche Uhr mit aller nur möglichen Behuthsamkeit auf, stellte sie nach der Wanduhr im Saale, und begab sich ganz ruhig auf ihr Zimmer. Aber das kleine niedliche Ding, welches von seiner Besitzerinn nie zu rechter Zeit und oft gar nicht aufgezogen wurde, war schon zu sehr in Unordnung gerathen, und blieb in dieser Nacht noch mehr als gewöhnlich zurück. In dem Augenblicke, wo Clarisse erwachte, zeigte die täuschende Uhr nicht mehr als sechs, indessen es schon 72 acht geschlagen harte. Sie schlief also ganz ruhig wieder ein, und wachte nicht eher auf, als bis der Fei- ger ihrer Uhr nicht weit von acht mehr war. Sie sprang aus dem Bett, kleidete sich schnell an, und begab sich hinunter in den Saal, wo sie denn mit großem Erstaunen erfuhr, daß es bereits zehn geschlagen, und daß die Gesellschaft schon langst fort sey. Sie seufzte, weinte, verfluchte die allerliebste Uhr tausend Mahl, bath die Bedienten, sie nach dem Dövrchen zu führen, wäre es auch zu Fuße: allein das war ihnen scharf verbothen worden, und st« mußte sich entschließen, auf jeden Antheil an de» herrlichen Lustparthis Verzicht zu thun. Endlich gegen vier Uhr kam dre Gesellschaft zurück, und auf dem Gesicht der guten Amalie glänzte eine Freude, welche verrieth, daß irgend em glückliches Ereigniß ihr widerfahren.»Ach, Schwesterchen!« sagte sie zu Cla- rissen,»Du hast viel verloren! die Partie war sehr angenehm und besonders sehr glücklich!« Hierauf erzählte sie der trübselig Zuhörenden, daß sie, mit ihrem Vater im Gehölz spazierend, den Kaiser auf der Jagd angetroffen; ein großer Theil des Hofes habe ihn begleitet, und der ganze Wald sey von Jagdmusik ertönt. Begierig, dem Sammelplatz etwas näher zu kommen, habe sie sich durch dickes Gebüsch gedrängt, und plötzlich mitten in einem großen, von Zweigen geflochtenen Saale eine junge Dam« erblickt, die von ihrem Pferde abgeworfen, ohne Besinnung gelegen.»Wir liefen zu ihr bin,« fuhrAtya- lie fort,»ich faßte sie in meine Arme, erwärmte sie an meinem Busen. Sie kam zu sich, öffnete ihre schönen Augen, dankte mir für den Beystand, den, ihr zu leisten, mir selbst so viel Vergnügen gewährt harte, nahm diese goldene Kette von ihrem Halse, an der das Bildniß des Monarchen in Diamanten gefaßt hängt, und sagte mit unaussprechlicher Anmuth zu mir: So oft Sie die Augen auf das Bild dieses großen Mannes werfen, so erinnern Sie sich, daß Sie einer seiner Schwestern Hilfe geleistet.— »» E- - V>.. - M'4 E t,' -E .UE. M « F .--v >.-v 7 Dr U -E M LS-- MW'. -H - Wlsnsr Ltsctt- I-sn^ssdiblioikisk 893 ^^77/^^ !V!/X g- SO 25- so- 7811- 38532- 45 - O i» 7-^ 7 7- ->.F.' L, > 7^ r Rx--, -M7 X' '^-MM c'-^ ^...-V.^....' E^^7 ^- v-i-^«-.- r^-- 7-'' 7'-" 7'7<7''-n--V 7^.. ' 7 L, -"7-7^--> k- ''" ,i.^.-^-"7 ''7"-.°ß.", ">7"^:v"7- "'.-7"7-'7 ^'*7"... X E.! . h- r ...^^--.. r7-ä. x-^ /E - M 'M U'" "5 5 -777 W» 73 Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als auch schon eine Menge Offiziers und Höflinge herzu sprengten, und die Prinzessinn umringten. Sie verlangte durchaus meinen Nahmen, den meines Vaters, und genau den Ort zu wissen, wo unser Landhaus liegt, denn, sagte sie, indem sie in den Wagen stieg, morgen will ich Sie besuchen, um Ihnen nochmahls zu danken.« Die arme, reuige Cla risse wurde bey dieser Erzählung bald blaß, bald roth, warf sogleich ihre prächtige Uhr weg, und schwur, sie nie wieder zu tragen. Aber ihr Verdruß und Kummer stiegen noch weit höher, als am andern Morgen die Prinzessinn wirklich mit mehreren Damen ihres Gefolges kam, Amalien auf's Neue ihren Dank ausdrückte, und sie mit Güte überhäufte. Sie wollte das liebe Mädchen sogar in Paris in ihrem Pallast empfangen, und sagte, sie würde der Pflicht der Dankbarkeit sich nicht eher ganz entledigt glauben, bis sie Amalien glücklich verheirathet habe. Elarisse hörte das Alles mit tiefem Unmuth, und murmelte in sich hinein: »Warum mußte meine Uhr so spät gehen!« Die Prinzessinn bemerkte auf ihrem Gesichte die Bewegung, die in ihr vorging, und fragte, wer sie wäre?—»Meine Schwester!« sagte Amalie, und präsentste sie der Fürstinn.»Vermuthlich keine Liebhaberinn von, Spazierengehen?« meinte diese.»Um Vergebung, Madame, nahm St. Alb an das Wort, indem er mit ironischem Lächeln einen Blick auf L l a- rissen iwarf:»ihre Uhr geht nur zu spät.« Die Prinzessinn ließ sich das Räthsel erklären, belustigte sich sehr an Clarissens Verwirrung, und sagte endlich mit vieler Güte:»Morgen wird ihre Schwester bey mir frühstücken, auf demselben Platze, wo sie mir so liebevollen Beystand geleistet hat. Ich hoffe, Sie werden sie gern begleiten, und, damit Ihre Uhr nicht wieder zu spät gehe, so ersuche ich die liebenswürdige Amalie, die ihrige, die sehr gut zu seyn scheint, ihrer Schwester zu schenken, und dagegen diejenige von mir anzunehmen, die Jahrg. U. Geschichtchen für meine Tochter. 7 74 ich hier am Halse trage, unh die nie um eine Minute Mich getäuscht hat.« Amalie empfing diesen wiederholten Beweis einer wahrhaft fürstlichen Freygebigkeit. Die Prinzessinn stieg in den Wagen und ließ Clarissen weit mehr als Diamanten, nähmlich die gute Lehre, zurück:»Daß wir oft aus Trägheit die glücklichsten Augenblicke unsers Lebens versäumen, und daß Indolenz und Ziererey uns nur Genüsse rauhen, und Reue schaffen. ce r- -ß H it Di e P ocke n. »-^ ^nser Geschmack, unsere Neigungen wechseln mit dem Alter. Kinder, die sich liebten, werden, wenn sie heran wachsen, oft sehr kühl gegen einander, und bisweilen hassen sie sich sogar im reifen Alter. Diese traurige Erfahrung soll uns lehren, gegen unsere Neigungen auf der Huth zp seyn, und nur von unsern Aeltern geleitet, die ersten Verbindungen zu knüpfen. Herr von Beauvallon, ein sehr reicher und eben so angesehener Mann, bewohnte den ersten und zweyten Wtock eines Hotels in Paris, welches dem Herrn von Bonneval, einem verabschiedeten Of- sizier, zugehörte, der in demselben im Erdgeschoß wohnte. Das dritte Stockwerk hatte Bertrank, ein verdienstvoller, aber armer, Schriftsteller gemiethet, der bloß durch anhaltenden Fleiß sich und seine Familie ernährte. Bonneval besaß hinter seinem Hotel einen prächtigen Garten, dessen Genuß er sich allein vorbehalten. Eveline, seine einzige Tochter, lud oft ihre beyden Nachbarinnen, Mirza, die Tochter des Herrn von Beauvallon, und Zoo, Bertrands Tochter, dahin ein. Alle Drey waren fast von gleichem Alter, gewisser Maßen mit einander erzogen, liebten sich seit ihrer Kindheit, und brachten alle ihre Freystunden mit einander in diesem Garten zu. Puppen, Spielwerk, Naschereyen, Alles war unter ihnen gemein. Den Unterschied des Ranges und der Glücksgüter kannten sie noch nicht. Sie theilten ihre Freuden, ihre Blumen, ihre Früchte unter unschuldigen Liebkosungen, kurz, sie genossen jenes Glück der Kindheit, daS erste und reinste des Lebens! sfte 76 genossen es bis zum zwölften Jahre kernen Lag g- ?r nnt; keine konnte ohn- die andern Beyden fröhlich styn. Durch wichtige Dienste hatte H-rw von Bear/vallon sich nun zu den höchsten Stufen im ^inanr-Departement empor ge,chwungen; er empfing jetzt alle Großen der Hauptstadt in semem Hause, und man drängt- sich zu semem glänzenden Cmkel. Bertrand hingegen trug seufzend die Holzen der büraerlichen Unruhen, der traurigen Stockung in den schonen Künsten, die in Frankreich nicht mehr blühten. Seine mäßigen Einkünfte verringerten sich mtt jedem Tage, Wohlstand und Gluck verscywanren. Bonneval, der reich, ohne die Sucht zu glänzen ein Teind aller zweydeutlgen Speculatronen war, und alle ftine Wünsche darauf einschränrte, m behaglicher Äurückgezogenheit das Glück seiner Tochter zu machen, wä weder reicher noch ärmer geworden, und hatte seine Lebensweise in nichts geändert,^em einziges Vergnügen bestand darin, ein'ge geprüfte Freunde bey sich zu sehen, deren Talente und Kenntnisse zur Bildung seiner geliebten Eveline beytragen konnten Unter allen diesen Freunden war B er er and derjenige, von dem er die unzweydeutigstm Merkmahle einer wahrhaften Ergebenheit empfing. Die,er wackere Mann betrachtete Evelinen als ferne zweyte Loch- ter liebte sie zärtlich, und ließ sie an dem Unterricht Theil nehmen, den er Zoön gab. Dagegen müderte Bonneval mit der zartesten Schonung die häuslicke BedrangniZ seines Mierberv. ttllein s Glück erlaubte den drey kleinen Freundinnen nicht, di! erste kindliche Zutraulichke.t beyzubehalten, es ließ sie bald die Klüfte gewahr werden,"eiche es .wischen seinen Günstlingen und denen, die eö ver- ^u ckaffen pflegt. In einem Alter von zwölf llkchu- zehn Jahren wurden Mrrza und Evelyn e vvn jener, leider eben so allgemeinen als gefall.chen Ccketterch ergriffen, von jener Eigenliebe, jener ... welche nur ru bald sie verleitete, V H ch Ni de re S Z lu >v lh te ss w F al gi .g- li S> k- d< n w so VI ze Ä F E Eoketterie ergriffen, von jener Sucht zu schimmern, welche nur zu bald sie.verleibte, che einfache, schüchterne Zoe zu vernachlafiigen. Das di 77 Vergnügen, ein hübsches Halsband, einen eleganten e- Hut, einen reichen Fächer und tausenderlsy derglei- h- chen Dinge gegen einander auszutauschen, schien lh- )N neu jetzt weit anziehender, als die Unterhaltung mit in der dritten Freundinn, die nie einen Hut trug, de- ag ren Haar immer nur mit einem kleinen Kamme von e, Schildplatt aufgesteckt war, die sich bloß in einfachen Zitz kleidete, und ihnen zum Austauich ihrer Herren lichkeiten nichts anzubiethen hatte. Nach und»ach ng wurde Zoö's Freundschaft ihnen sogar recht lästig, hr ihr Zuvorkommen widerlich; ihrer Kenntnisse spokte- ich ten sie. Endlich vermieden sie ihre Gegenwart, ließen n. sie allein im Garten, beschuldigten sie wohl gar bis- n, weilen, sie entwende da die schönsten Blumen und nd Früchte. )er Zoö, die unveränderlich Sanftmuthige, setzte :n, allen diesen Kränkungen nichts entgegen, als Schwellte gen und Resignation. Sie ging nur noch deS Mordes gens früh in den Garten, ehe die beyden Unzertrenn- ide lichen aufgestanden waren, doch auch das that das ^ur gute Mädchen unter allerley Vorwand, um Jenen en. keine Verlegenheit oder gar Verweise zuzuziehen. Jn- n d dessen trauerte sie doch im Stillen, das war auf ihrem hle niedlichen Gesicht wohl zu lesen; sie blühte nicht mehr ^ere wie sonst, eine auffallende Bläße überzog ihre tonst ich- so frischen Wangen, ihre Fröhlichkeit schwand, sie ier- verfiel in düstere Träumereysn, die nur durch Seuf- gen zer unterbrochen wurden. Das konnte dem zärtlichen die Vater nicht entgehen; der wollte die Ursache wissen; das und ob sie gleich aus Schonung für ihre jungen cht, Freundinnen darauf bestand, ihm dieselbe zu verheim- es lichen, so errieth er doch bald, daß einzig und allein es iene Lieblosigkeit und Undankbarkeit Schuld daran ver- sey- Vergebens versuchte er, auf eine geschickte Weise, völf Evelinen zu den Pflichten der Freundschaft zu ine führen; seine Bemühungen wurden bloß durch Kälte chen»nd Geringschätzung vergolten. Bald versäumte sie rner die Stunden, die er gab, bald brachte sie eine lange iete, 78 Weile, eine Unachtsamkeit mit hinein, die den wackern Lehrer noch tiefer schmerzte. Er hielt es nun für seine Pflicht, Bonneval davon zu unterrichten, der sogleich Lärm machen und seine Tochter züchtigen wollte.»Nein,« sagte Bertrand,»folgen Sie mir. Lassen Sie Evelinen eine Zeitlang der glänzenden Täuschung sich hingeben, vielleicht wird sie deren bald müde werden. Soll sie gebessert werden, so geschehe eS nur durch sie selbst.« Bonneval schwieg. Die Leichtsinnige hatte einige Monathe lang nur Augen und Herz für die elegante Mirza. Sie putzten sich miteinander um die Wette, sie spielten Sonaten mit vier Handen,« sie sangen Duetts aus den neuesten Opern, sie übten^ sich>n den schwersten Pas, und strebten, den Gipfel' der Kunst, die Gavotte, zu erreichen. Darin bestan-< den die Beschäftigungen der Unzertrennlichen. Ber- trän d's Weissagung ging bald in Erfüllung. EVeline, deren Vater wohlhabend, aber ohne Prunk war,* konnte eS ihrer Gespielinn im Putz, und besonders in 1 Diamanten, nicht gleich thun. Die übermüthige Mir-* za, von ihrem Vater verhätschelt, empfing täglich f Geschenke, die ihrem Alter nicht angemessen waren.^ Das setzte sie hoch über Evelinen, und diese litt! im Stillen manche solche Demüthigung.! Zoö hingegen wußte von dem Allen nichts. Sie' beschäftigte sich bloß damit, die schönen Künste an-' zubauen, und machte besonders in der Mahlerey so i schnelle Fortschritte, daß man schon überall von ihr^ sprach, während Niemand die beyden jungen Coket-^ ten kannte. Nach einiger Zeit riß ein unerwartetes' Ereigniß Evelinen die Binde von den Augen,< und führte sie zum Altar der Freundschaft zurück, den sie so oft entweiht hatte. Sie bekam die Pocken. Diese^ furchtbare Krankheit ergriff sie um so heftiger, da' ihr Blut durch die vielen Feste, welchen sie bey dem' reichen Beauvallon beygewohnt, in gefährliche* Wallung gerathen war. Gleich in den ersten Tagen^ schwebte ihr Leben in Gefahr. ZoL, in diesem Au- 1 79 >r„ genblicke alles Unrecht vergessend, das sie von der Kranken erlitten, erkundigte sich stündlich nach ihrem al Befinden, und ob sie gleich die Pocken noch nicht nd selbst gehabt hatte, auch ihr Vater, ein Feind der :r- Schutzpocken- ihr ausdrücklich verbothen hatte, das e n Krankenzimmer zu betreten, so konnte sie doch den >n schmerzhaften Seufzern nicht widerstehen, die sie von sie der Freundinn ihrer Kindheit ausstossen hörte. Oft 2.« näherte sie sich ihr verstohlen, und pflegte sie mit der thx zärtlichsten Sorgfalt. Mirza hingegen, deren Freund- die sst>aft nur Laune war, und die sich vor den Pocken rm fürchtete, obgleich ihr die Schutzblattern zwey Mahl N eingeimpft worden, Mirza setzte keinen Fuß in E velin e n s Zimmer, ja, sie erbath sich sogar von fel ihrem Vater die Erlaubniß, während dieser Krankheit st,. auf's Land zu gehen. Indessen stieg die Gefahr für Evelinens Leben so hoch, daß eines Tages der > e- Arzt erklärte, sie werde die Nacht nicht überleben, wenn man ihr nicht von Viertelstunde zu Viertelest stunde einen vorgeschriebenen Trank beybringen könn- j x, te. Zo« war gegenwärtig bey diesem Ausspruche. Sie ich zitterte für das Leben'ihrer Freundinn, pflegte sie ,st den Ueberrest des Tages, ging dann hinauf und stellte itt sich, als wollte sie zu Bette gehen. Aber die Worte des Arztes:»Von Viertelstunde zu Viertelstunde, Hjx oder sie muß sterben,« klangen beständig vor ihren ,st, Ohren, und zerrissen ihr Herz.»Bonneval,« sagte sö sie zu sich selber,»ist durch Alter und Kummer ge- Hr beugt, daß er unmöglich die ganze Nacht bey seiner et- Tochter wachen kann. Die Krankenwärterinn schien ^ erschöpft,— wenn sie einschlummerte— ach meine st arme Eveline!« Leise verließ Zoö ihr Zimmer, leise schlich sie e-z die Treppe hinab, auf den Zehen näherte sie sich dem da Krankenzimmer, horchte an der Thür, vernahm nichts, E öffnete leise, erblickte die Wärterinn auf einem Sessel che eingeschlafen, und Ev e lin en nn Begriff, den letzest ten Seufzer auszuhauchen.»Ach mein Gott!« flüsterte ^st. sie still,»ich danke Dir für Deine Eingebung!« sie 80 sucht und findet die verordnete Arzeney, sanft hebt und stützt sieEv el inens Haupt, flößt ihr von Viertelstunde zu Viertelstunde den Trank ein, befeuchtet jetzt ihre heißen Lippen, jetzt ihre brennenden Augen mit einigen Tropfen eines würzhaften Geistes, wärmt die ganze Nacht hindurch Wasche, mir der sie Brust, und Füße der Kranken bedeckt, und so gelingt es ihr nach und nach, die Kräfte der Sterbenden wieder zu erwecken. Evelinens Vater hatte einige Stunden fieberhaft geschlummert. Jetzt sprang er aus dem Bette, die Angst trieb ihn zu seiner Tochter, bey der er Zoön als Krankenwärterinn findet. Sie schleicht ihm entgegen, gibt ihm einen Wink, sich still zu verhalten, und kündigte ihm an, daß Eveline minder schwer athmet, daß ihre Hände sich erwärmen, ihre Augen sich öffnen. Bonneval, freudig überrascht, nähert sich der Kranken, schöpft Hoffnung, wirft einen Blick auf die Wanduhr, die iin Begriff war, sechs zu schlagen, und fragte Zoein, seit mann sie hier sey?»Seit Mitternacht,« antwortete sie,»ich konnte nicht früher kommen, aus Furcht, meinen Vater aufzuwecken.«—»Sie haben also die ganze Nacht hier zugebracht?«—»Ein guter Geist hat mir das eingegeben,« sagte sie,»denn ich-habe die Wärterinn entschlummert angetroffen, und, da der Arzt so ernstlich befohlen harte—«—»Ihnen verdanke ich meine Eveline!« rief Bonneval ziemlich laut, und schloß Zoä in seine Arme. In diesem Augenblicke trat Bertrand herein. Er hatre wohl vermuthet, daß seine Tochter während der Nacht die Kranke besuchen würde. Jetzt theilte er seines Freundes Rührung, drückte die wackere Tochter an sein Herz und sagte:»Du hast rechc gehandelt.« Plötzlich erhob auch Eveline ihre schwache Stimme: «Nein, Sie wissen nicht Alles, was ich ihr verdanke! ihre Sorgfalt— ihr unermüdetei Eifer— ihre zärtliche Unruhe— ich konnte nicht sprechen, nicht danken, aber Alles hab' ich bemerkt— ine gab es eine treuere, gefühlvollere Freundinn!« 8! Die Krankenwärterinn, die während dieses Gesprächs erwacht war, stotterte eine Menge Entschuldigungen, und bekannte, daß die Kranke ihre Rettung bloß ihrer jungen Freundinn verdanke. Endlich kam auch der Arzt, und kaum hatte er einen Blick auf Evelinen geworfen, als er sie außer Gefahr erklärte, und sogar hoffen ließ, daß keine Narben ihr hübsches Gesicht verunstalten würden.»Hier steht meine Retterinn,« sagte Eveline schon mit einer kräftigern Stimme.»Leben und nicht häßlich werden— o geliebte Zoö! wie viel verdank' ich Dir!« Zoö wollte sie umarlNen, allein der Arzt verhinderte sie daran, erinnernd, daß nun derjenige Zeitpunct der Krankheit eintrete, wo sie ihr Gift am leichtesten mittheile. Zoö sollte sich dein Bette Evelitt ens nicht eher wieder nähern, als die Kranke völlig genesen sey. Aber die Warnung kam schon zu spät, Zoö war bereits angesteckt, und mußte der Freundschaft diesen Tribut bezahlen. Noch an demselben Abend meldeten sich die Vorbothen jener tödtlichen Krankheit, ein schrecklicher Frost, ein Uebelbefinden des ganzen Körpers. Nach zwey Tagen brachen die Pocken aus, und die großmüthige Freundinn sank bald in den nähmlichen Zustand, in welchem sich Eveline befunden hatte. Der Arzt behandelte sie mit der größten Sorgfalt. Bertrand, dem das Beyspiel von Evelinens Krankheit vorschwebte, wachte selber Tag und Nacht bey seiner Tochter, und B o n- neval, derEvelinen dieß traurige Ereigniß verbarg, brachte jede Stunde bey der Kranken zu, die er von jener abmüssigen konnte. So zärtlich gepflegt, ging auch bey Zoö die Gefahr vorüber, nur blieb sie nicht von Narben verschont. Doch es waren nur leichte Spuren, die, statt zu verunstalten, ihren Zügen vielmehr noch etwas Pikantes liehen, und wenn man vollends wußte, wodurch diese Narben entstanden, so fand man sie schön, ja recht schön! Bald daraufkam Mirza vom Lande zurück, und da sie nun von den Pocken nichts mehr zu fürch- 82 ten harte, so wollte sie die alte Vertraulichkeit mit Evelinen wieder anknüpfen; allein der Schleyer war zerrissen; alle Täuschungen verschwunden, die Freundschaft erloschen. Eveline vergalt Mirza's Aufmerksamkeiten bloß durch kühle Höflichkeit. Bald trennte sich auch noch dieß lockere Band. Mirza taumelte im Wirbel der großen Welt; ihr Vater kaufte einen Pallast, und verließ Bonneval's Wohnung. Z o e und Eveline wurden dadurch für immer von einer lässigen dritten Person befreyt. Täglich besuchten sie nun wieder schönen Garten, zogen und pflückten Blumen mit einander, vereinigten ihren Geschmack, ihre Talente, ihre Vergnügungen, und machten die süße Erfahrung: daß eine Freundschaft, auf Dankbarkeit und Zartgefühl gegründet, nur mit dem Tode erlöscht. 2 Das gestickte Kle -adame Remival, die Witwe eines berühmten Advocaten, lebte in mäßigem Wohlstände mit ihren beyden Töchtern, Clara und Jenny. Die Aelteste hatte schöne Züge, einen edlen im- ponirenden Wuchs, aber ein harter, stolzer Blick verrieth einen stolzen, herrschsüchtigen Charakter. Die Jüngste schmückte ihre minder schöne Gestalt durch ein bescheidenes Wesen, eine naive Grazie, und besonders durch einen Blick, der zu sagen schien:»Ich brn nicht geschaffen, um zu glänzen, ich wünsche nur geliebt zu werden.« Da die Umstände der Mutter keinen großen Aufwand verstatteten, so waren beyde immer sehr einfach gekleidet. Von Stickereyen oder künstlichen Blumen wußten sie nichts. Ein kleines Florhäubchen, ein Gewand, das nur durch Reinlichkeit sich auszeichnete, Schuhe von Nanguin oder schwarzem Leder, aber an den Fuß gegossen, ein Halstuch von weißer Wolle; das war der ganze Schmuck, den sie von Jugend auf kannten. Jenny begnügte sich damit, wünschte nichts Besseres, war immer gut und fröhlich, die Freude ihrer Mutter, die, wie die Tochter selbst sich sagte, Alles für sie that, was in ihren beschränkten Kräften stand. Mit Clara war es anders. Von Hochmuth und Coketterie besessen, seufzte sie im Stillen über die erzwungene Einfachheit. Nach und nach wurde sie immer träumerischer, ungeduldiger, krittlicher, wodurch sie um so auffallender von ihrer sanften Schwester abstach. Gingen sie mit einander spazieren, so bemerkte Clara bald, daß dieses oder jenes junge Mädchen, 84 dessen Aeltern doch auch nicht reich waren, einen eleganter» Hut trage, als sie! bald wieder, daß eine andere ein gesticktes Halstuch mit Spitzen garnirthabe. »Wir armen Mädchen,« fügte sie mit Verdruß hinzu,»wir müssen heute wie gestern, und morgen wie heute in unsern einfachen Kleidern herum wandern; Niemand bemerkt uns, im ganzen Quartier weiß man nicht, wer wir sind.« »Was kümmert uns das?« antwortete Jenny lachend,»wir bleiben darum doch die Tochter eines berühmten Mannes, und sind wohl eben so gut erzogen, als jene eleganten Mamsells, die sich bloß mit Coketterie beschäftigen, und, so zierlich sie auch da vor uns herum tändeln, doch vielleicht weniger Talente besitzen, als wir. Was mich betrifft, ich ziehe meine Einfachheit all' dem bunten Kram von Blumen und Stickereyen vor, und da ich nie etwas Kostbares zu verderben habe, so kann ich»ach Belieben laufen, springen und tanzen. Meine Fröhlichkeit vertausch ich nicht gegen die schönsten Hüte und prächtigsten Kleider in der Welt.« Der Zufall— der bisweilen die Laune hat, die Bescheidenheit zu erheben und den Uebermuth zu demüthigen— der Zufall wollte, daß iü der Familie der Madame Remival eine große Hochzeit gefeyert wurde. Einer ihrer Verwandten, ein reicher Finanz-Pächter, wohnhaft in der schönsten Gegend der Chaussee d'Antin, vermahlte sich mit der Tochter eines angesehenen Mannes, und die ganze schöne und große Welt von Paris war zu dem Feste eingeladen, auch Madame Nemlval mit ihren Töchtern. »Wir können die Einladung nicht annehmen sagte Clara sogleich,»wir müßten Kleider dazu haben, die Mama uns schwerlich wird anschaffen wollem- »Warum das?« antwortete die fröhliche Jenny:»man weiß ja, daß wir nicht reich sind; eine anständige Einfachheit ist Alles, was man von uns erwarten kann. WaS mich betrifft, ich hoffe recht viel zu tanzen, ich tanze für mein Leben gern, und da 85 uns dieses Vergnügen eben nicht oft zu Theil wird, so denke ich, wird Mama es uns gewiß nicht ver- »Aber Schwester!« rief Clara,»denke doch nur, wie unsere baumwollenen Kleiderchen und Strümpfe sich armselig und lächerlich ausnehmen werden, un- ter all' dem reichen Schmuck! Man wird uns ver,p°t. ten, man wird glauben, wir wären ein Paar Dirnen vom Lande, die man ausdrücklich kommen lassen, um die Gesellschaft zu belustigen.«—»Ey, das mochte ich doch sehen!« erwiederte Jenny,»ich wurde u-nen fürwahr beweisen, daß die Dirnen vom Lande eben so stolz sind, als die schönen Damen der Chaussee d'Antin, und ich würde auf ihre Kosten noch lauter lachen, als sie auf die meimgen. Ich bm Nicht boshaft, das weiß Jedermann, aber Lächerlichkeiten kann ich auch verspotten.«. Der große Tag nahte heran. Clara war m Verzweiflung, und machte allerley Projekte, um sich der Nothwendigkeit zu entziehen, in einer so glänzenden Versammlung so prunklos zu erscheinen. Am Vorabend des Tages stellte sie sich krank, und erklärte, sie könne nicht hingehen. So große Lust auch Jenny Hatte, dort zu seyn, so war sie doch noch unruhiger über die Krankheit ihrer-L-chwester, die sie keinesweges für erdichtet hielt, und wollte nun auch zu Hause bleiben, um sie zu pflegen. Die Mutter, welche ClarasCharakter wohl durchschaute, wünschte ihren Uebermuth zu strafen, doch so zart und vorsichtig, daß sie das Werr der Mutterliebe bloß dem Zufall beymessen sollte. Eben saß sie mit Jenny am Krankenbette, als em Menjch hereintrar, der sich beauftragt erklärte, hier ein Paket abzugeben, welches eine sehr schon gestickte Robe enthalte. Diese sey auf die erste Nummer der Pariser Lotterie gewonnen worden, und>nan wisse, daß diese Nummer sich in den Händen der Madame R e- mival befinde. Die Mutter stellte sich hoch erstaunt. Es fiel ihr bey, daß sie wirklich auf Bitten einer 86 Nachbarinn ein Lotterie-Billet genommen, sie ging an ihren Schrank, um es zu suchen; es fand sich natürlich, da sie es zuvor hingelegt hatte, sie händigte es dem Ueberbringer ein, und spielte nun die Hocherfreute über den glücklichen Z-ufall. Das Packet wurde hastig geöffnet. Man fand eine herrliche Robe von indischem Moufselin mit einer Stickerey im neuesten Geschmack. Clara, ihre Krankheit vergessend, beschaute sie von allen Seiten, und ihr Auge glühte von Lüsternheit. »Schade,« sagtedie Mutter,»daß man diese Robe nicht theilen kann, sie wäre dann für Euch gewesen.« —»Ach, Mütterchen!« rief Jenny,»das wäre zu kostbar für uns. Du selber wirst Dich morgen damit putzen, und sollte ich auch die ganze Nacht aufsitzen, um sie Dir zurecht zu machen.« »Ich?« antwortete Madame Nemival,»ich sollte mich in eine so elegante Robe stecken? nachdem ich schon so lange das Gelübde der Einfachheit abgelegt? Das sey ferne! aber weil der Zufall sie mir beschert hat, so soll sie auch wiederum derjenigen von Euch zu Theil werden, die der Zufall begünstigen wird. Loset darum. Wir wollen sehen, welche von Euch beyden sie morgen tragen soll.«—»Ich bin's zufrieden!« rief Clara mit großer Hastigkeit und Begierde.»Nein,« sagte Jenny,»warum erst losen? Ich lese in meiner Schwester Augen, daß dies« Robe vielleicht zu ihrer Genesung beytragen wird, und trete ihr mit Vergnügen meine Rechte ab.«— »Nicht doch,« meinte Clara,(in ihren Augen stand: ja doch)»Mama hat befohlen zu losen—«—»Aber Du weißt,« fuhr Jenny fort,»daß großer Putz mir zuwider ist. Dir ziemt er eher, Du bist auch die Aelteste. Gib nach. Setzen wir uns frisch an die Arbeit; morgen wirst Du herrlich geschmückt auf der Hochzeit erscheinen, und morgen, denke ich, wollen wir den schönen Damen der Chaussee d'Antin beweisen, daß eine gestickte Robe hinreicht, um sich ihnen gleich zu stellen, ja wohl gar, um sie zu übertreffen.« 87 Sobald die Mutter es erlaubte, willigte Clara nur gar zu gern in den Vorschlag. Jenny schnitt sogleich das Kleid zu, und beyde Schwestern arbeiteten um die Wette, um für den folgenden Tag das große Werk zu vollbringen. Die Mutter fragte nun mit Absicht Clären, was sie auf den Kopf zu setzen gedenke? Das Haar mit dem Schildplatt-Kamm aufgesteckt, möchte nicht passend seyn; zu einer solchen Robe gehöre auch ein besserer Kopfputz.»Allerdings!« bejahte Jenny lebhaft,»und wenn Mama es zufrieden ist, so schmückst Du Dich mit einer schönen Rosen-Guir- lande, wie sie jetzt Mode sind. Auch die baumwollenen Strümpfe, so weiß sie immer seyn mögen, ziemen sich wohl nicht, und wenn Mama mir glauben will, so verstattet sie wohl zum ersten Mahle seidene Strümpfe und Schuhe von weißem Lasset.« »Gern,« sagte die Mutter, und ging sogleich, um diese Dinge einzukaufen. Während ihrerAbwesen- heit konnte Clara sich nicht enthalten, ihre Freude und Verwunderung ausbrechen zu lassen.»Aber Du,« sagte sie,»Du bekümmerst Dich gar nicht um Deine Toilette?«—»Hab' ich denn nicht ein Kleid von Bazin? Fast ganz neu? Und Schuhe von Nanquin? und ein Halsband von Deinem Haar? Mehr brauche ich nicht. Ich gehe nicht hin, um zu glänzen, sondern um zu tanzen, zu lachen, und mich an allen Zierereye» der Mode-Schönen zu ergehen. Der beste Schmuck, den eine junge Tänzerinn anlegen kann, ist, nach meiner Meinung, die Einfachheit.«—»Aber wenn Du nun gar zu einfach bist,« erwiederte Clara, »wer wird dann mit Dir tanzen? Das wäre doch sehr verdrießlich, wenn Du sitzen bliebest, denn ich an Deiner Stelle ärgerte mich zu Tode.«—»Bah, bah!« sagte Jenny,»ich fürchte nichts. Es gibt immer mitleidige Seelen, die aus Barmherzigkeit mit Einem tanzen. Man kann es auch schon so anstellen, daß Einer der schönen Herren wenigstens zu einem Contre- Tanz gezwungen wird. Zum Glück bin ich weder dumm noch blöde, und werde mir schon helfen.« Un- 88 ter so fröhlichen Gesprächen nahte sich die Robe immer mehr ihrer Vollendung. Die Mutter kam zurück und hatte allerley eingekauft. Clären überreichte sie eine schöne Rosen-Guirlande, seidene, durchbrochene Strümpfe und zierliche Schuhe, auch ern gesticktes Tuch und ein Halsband von weißem Agath.»WaS Dich berrifft, Jenny,« sagte sie,»da Du eine einfache Kleidung, dem Vergnügen, zu schimmern, vorziehst, so habe ich Dir bloß diese Rosenknospe mitgebracht, die Du morgen in Dein hübsches Haar stecken wirst.« Endlich kam der ersehnte Augenblick. Der Bräutigam schickte einen Wagen, um Mutter und Töchter abzuholen. Die Pforten des Saales öffneten sich. Der Ball begann. Ein Schwärm von allerliebsten, reich geschmückten Tänzerinnen wogte und flatterte aus und nieder beym Glänze von zmeyhundert Wachskerzen; alle Herzen waren berauscht von Fröhlichkeit. Clara, in ihrem neuen ungewohnten Schmuck, durch den sie Aller Blicke zu fesseln hoffte, an dem sie aber auch jeden Augenblick etwas zu verderben fürchtete, schien linkisch, und erregte gar keine Aufmerksamkeit. Trotz ihrer weißen Rosen-Guirlande und aller der gehäuften Zierathen erlebte sie die Kränkung, fast immer neben ihrer Mutter sitzen zu bleiben, und hatte kerne andern Tänzer, als die von Zeit zu Zeit die Wirthinn vom Hause ihr aus Höflichkeit schickte. Sie mußte auch um sich her ihre gezierte Toilette bespötteln und sich mit einer schonen Statue vergleichen hören. Einige flüsterten, sie komme aus der Provinz, wo sie vermuthlich den Ton ihrer Großmutter angenommen; andere behaupteten, sie Habs ein Gelübde gethan, unbeweglich zu bleiben. Kurz, die beißendsten Spöttereyen umschwirrten Clarens Ohren, mehrten ihren Verdruß, ihre Verwirrung. Jenny hingegen taumelte in Fröhlichkeit. Ihr Kleidchen von Bazin brauchte sie nicht zu schonen, befürchtete auch nicht, ihre baumwollenen Strümpfe und Nanguin-Schuhe ein wenig zu beschmutzen, und doch gewann sie die allgemeine Aufmerksamkeit durch 89 ihr niedliches, immer lachendes Gesichtchen, ihr naives, geistreiches Geschwätz, und besonders durch die reizende Leichtigkeit ihres Tanzes. Man sprach auf dem ganzen Balle nur von der artigen Rosenknospe. So nannte man sie überall. Die Herren suchten ein- ander den Rang abzulausen, um mit ihr zu tanzen. Eben ihre Einfachheit, die so sehr mit dem Glanz ihrer Umgebungen contrastirte, machte, daß man sie um so mehr bemerkte. Die geputzten Damen selber wiederholten— ob zwar mit verbissenem Neid— »Sie ist wirklich eine Rosenknospe.« Madame Remival bemerkte Alles, was vorging. Es war ihr ganz recht, daß Clara, seit jenen beyden, von der Frau vom Hause anbefohlenen, Con- tre-Tänzen, verlassen blieb, und vergebens ihre gestickte Robe zur Schau trug, um Tänzer anzulocken. Endlich kam doch Einer, wiewohl eine Art von Zwang an ihm zu bemerken war; sie folgte ihm ohne Zögern, und er walzte einige Mahl mit ihr herum. Zuvor hatte er Jenny schon zum dritten Mahl gebethen, mit ihm zu tanze»; allein die liebenswürdige Rosenknospe, die Clarens Leiden nichtsehen konnte, ohne sie zu theilen, hatte nur unter der Bedingung zugesagt, daß er erst mit ihrer altern Schwester, die sie ihm zeigte, tanzen solle. Er gehorchte, war aber so unbescheiden, Clären merken zu laj- sen, warum er sich an sie gewandt. Das gab ihr den Gnadenstoß. Keine andere Tänzer zu haben, als die ihre Schwester ihr zuschickte, das konnte sie nicht ertragen: sie stellte sich krank, und bath ihre Mutter, nach Hause zu fahren.»In der That,« sagte diese,»ich habe schon bemerkt, daß Du Dich nicht wohl befindest, und will sogleich nach einem Wagen schicken. Aber Dein- Schwester, die so fröhlich ist, und der so selten ein solches Vergnügen zu Theil wird, es wäre doch Schade, wenn sie das Ovfer von diesem Zufall würde.« In der That fuhr Madame Remival mit Clären nach Hause, kam aber sogleich zurück, um bey Jenny zu bleibe,, die sie während Iahrg. H. Geschichtchen für meine Tochter. 8 90 ihrer kurzen Abwesenheit der Aufsicht einiger bekannten Damen anvertraut hatte. Sobald Jenny erfuhr, daß ihre Schwester den Ball verlassen, trat zärtliche Besorgniß an die Stelle der Fröhlichkeit, und erhöhte nur noch den Reiz ihrer niedlichen Figur. Vergebens sagte ihr die Mutter, es habe nichts zu bedeuten;»nein, nein,« war ihre Antwort,»meine Schwester leidet, und für mich ist kein Vergnügen mehr.« Sie zog die gerührte Mutter mit sich fort, und entschlüpfte dem dichten Kreise der Tänzer, die sie seufzend zum Magen führten, und noch oft wiederholten:»Schade! Schade! o die allerliebste Ro- senknospe!« Als Madame Remival heim kam, fand sie Clären in Thränen schwimmend und genagt von dem Verdruffe, den der Beyfall, ihrer Schwester gezollt, ihr verursachte. Kaum hatte sie aber aus dem Munde ihrer Mutter Ienny's großmüthige Anhänglichkeit vernommen, und das Opfer, welches sie so eben gebracht hatte, um ihr eine tröstende Theilnahme zu beweisen, als jene Thränen der Eifersucht sich in süße Zähren des Gefühls verwandelten. Sie gestand, daß nur der Aerger, sich vernach- laßigt zu sehen, sie bewogen, eins Unpäßlichkeit vorzuschützen, und erkannte endlich, daß der reichste Schmuck und alle Zierathen der Welt oft minder gefallen, als natürliche Grazie und bescheidene Einfachheit. Das Testament. D, artus, ein Advocat, stand in großem Rufe, und sein Reichthum entsprach seinein Ruhme; allein die Natur hatte diese Vorzüge ihn theuer bezahlen lassen. Vater von sechs Mindern war er gewesen, Ein's nach dem andern hatte er sterben sehen, zuletzt deren Mutter, die der Gram verzehrte. In den tiefsten Schmerz versunken, blieb er viele Jahre lang Witwer. Aber auf einer Reise in die Schweiz lernte er eine Verwandtinn kennen, die noch jung und schön war, und um wichtiger Geschäfte willen ihn zu sich hatte rufen lassen. Sie machte den lebhaftesten Eindruck auf ihn, und er entschloß sich zur zweyten Ehe. So wahr ist, daß man nur sehr schwer dem Glück, geliebt zu seyn, der Hoffnung, Vater zu werden, entsagt. Freylich war Dartus nicht jung mehr, allein er wußte so gut zu sprechen, alle seine Manieren waren so angenehm, und er genoß einer so allgemeinen Achtung, daß seine schöne Verwandtinn, trotz ihrer Jugend, ihm die Hand reichte. Er blieb nun langer als ein Jahr in der Schweiz, um die Angelegenheiten seiner Gattinn zu ordnen, und ihr Vermögen nach Frankreich zu bringen. Bald wurde auch sein liebster Wunsch, noch ein Mahl Vater zu werden, erfüllt, und nun verschwanden die letzten Spuren seiner vormahligen Melancholie. Er sehnte sich jetzt nach Paris zurück., Eine liebliche Tochter, Zelta, hatte seine Gattinn ihm geboren, doch dabey fast ihr Leben eingebüßt. Sie konnte das Kind nicht selber stillen, man 92 mußte ihm eine Amme geben. Erst nach mehreren Monathen hatte die schöne, wackere Frau wieder so viele Kräfte gesammelt, daß sie die Reije antreten konnte. Sie kam nach Paris, um nun für immer da zu wohnen, mit ihrer sechsmonathlichen Tochter uns mehreren Bedienten, die alle Schweizer waren, unter ihnen auch Zelinens Amme. Des Kindes Züge fingen an sich zu entwickeln, allein sie waren nlcht mehr so zart, und ähnelten nicht mehr so sehr den Zügen der schönen Mutter, alS es gleich nach der Geburt geschienen; es war, als ob sie sich täglich mehr veränderten. Madame Dartus bemerkte auch, daß ihres ManneS Glück und frohe Laune, die, seit er Vater geworden, ihn neu belebt hatte, setze einer rieselt Schwermutch wichen, die er vergebens zu verbergen strebte. Indessen schob sie daS auf die Erinnerung an seine vormahligen Leiden, und, da er sonst der bravste und liebenswürdigste Mann von der Welt war, so stellte sie sich, als bemerke sie die Wolken nicht, die seine Stirn so oft bedeckten, und fragte nie um die Ursache. Herr DartuS widmete sich in Pariö, wie vormahls, dem Advocaren-Stande; war Einer der berühmtesten unter seinen Mitbrüdern, und dabey reich genug, um ein Haus zu machen, in dem Gelehrte, Künstler und selbst die vornehmsten Ma- gistratSpcrsonen gern aus- und eingingen; während die Sä' cheit und Anmuth der Madame Dartus auch die bedeutendsten Frauen von Paris dahin zog. Kurz, Jedermann drängte sich in diesen angenehmen Cirkel. Da war es wohl kein Wunder, daß, bey solchen Aeltern und in solchen Gesellschaften, Zelia in jeder Rücksicht ein Muster der Vortresflichkeit wurde. Sie genoß der sorgfältigsten Erziehung, und ihre Talente wurden durch eine reizende Gestalt, besonders aber durch die einnehmendste Fröhlichkeit noch verschönert. Allein sie ha>,>. keinen Zug weder vom Vater, noch von der Mutter, keine Aehnlichkeit in der stimme; auch jene imponireude Würde, durch welche ihre 83 Aeltern sich auszeichneten, war nicht auf sie vererbt worden. Fremde machten diese Bemerkung oft, und da erblickte man auf des Vaters Antlitz eine Art von Verwirrung, die er jedoch schnell wieder zerstreute, indem er die Gesellschaft mit seiner gewöhnlichen An- muih unterhielt, und seine geliebte Z elia mit Liebkosungen überhäufte. Da in der Natur nichts vollkommen, und auch der beste Mensch nicht ohne Fehler ist, so besgß denn auch Zelia, bey allen ihren vortrefflichen Eigenschaften, eine sehr große Portion von Leichtsinn und Unbesonnenheit, Fehler, die ihr manchen Verweis von ihreni sie sonst anbethenden Vater zuzogen. Kam sie m sein Studierzimmer, so schweiften ihre Blicke sogleich auf allen Papieren herum, und verstohlen las sie, was er schrieb. Kam ein Brief an ihn, oder auch nur ein Billet, so wendete sie es hin und her, besah die Aufschrift, den Stämpel, vermuthete, was darin stände, sprach und entschied wohl gar darüber, als sey sie ihres Vaters Geheimrath. Oft erzählte sie in Gesellschaften, der und der habe einen Proceß gegen den und den, die Sache sey unverlierbar; aber die und die sey gleichfalls in einen Proceß verwickelt, mit dem es so stehe. Kurz, Alles, was in ihrer Aeltern Hause geschah, bemerkte sie, beurtheilte und verbreitete es, und das ging so weit, daß endlich ihr Vater, bey aller Liebe, die er für sie hegte, ihr den Eintritt in sein Studierzimmer verbiethen mußte. Aber auch das besserte sie nicht, und trotz aller angewandten Mittel mehrte sich dieser unselige Hang, statt sich zu mindern. Bald machte Zelia die traurige Erfahrung, daß man nicht ungestraft die ersten Pflichten der Gesellschaft verletzt. Eines Tages war ihr Vater ausgegangen, und der Kammerdiener hatte vergessen, die Thür seines ZimmerS zu verschließen; die kleine Unbesonnene schlich sich hinein, schnüffelte-überall herum, und erblickte auf des Vaters Bureau eine Schrift von seiner Hand, welche mit den Worten iMWNWWWWWWSiUWWWWSWWWWNMWWW^SSMWWWUWBSSSSMIWWSSSSWVSSWSS» 94 anhub:»Das ist mein Testament.« Dem Verlangen, die geheimsten Gedanken ihres Vaters zu erfahren, konnte ihre Neugier nicht widerstehen; sie las wie folgt: »Da jeder ehrliche Mann, ehe er vor Gott erscheint, die Wahrheit bekennen muß, so erkläre ich hiermit auf meine Ehre, und betheure unter Thränen, die ich schon so oft vergossen, daß Zelia weder mein noch meiner Gattinn Tochter ist.«— Sie erbleicht, zitternd und kaum sich auf den Füßen erhaltend, liest sie weiter, und erfährt, daß das Schicksal, welches Herrn Dartus verdammt zu haben schien, die Vaterfreuden nur zu schmecken, um sie sogleich wieder zu verlieren, ihm auch das einzige Kind von seiner zweyten Gattinn durch den Tod entrissen hatte, und zwar zu einer Zeit, wo der Mutter Leben noch in Gefahr schwebte. Um sie zu schonen, hatte er nnt Hilfe der bestochenen Amme ein anderes Kind untergeschoben, eine Waise, deren arme Mutter gestorben war, indem sie ihr das Leben gab. Sie wurde Zelia genannt, und einige Monathe nachher der Madame Dartus als ihr eigenes Kind gebracht. Endlich erfuhr auch Zelia noch durch dieses Testament, daß ihr vermeinter Vater ihr die Hälfte seines Vermögens zugesichert, allein die andere Halste aus Achtung für seine Familie, den Aermsten unter seinen Verwandten vermacht hatte. Die Entdeckung dieses schrecklichen G-Heimmsses sowohl, als die Güte und Großmuth des Herrn Dartus, machten aufZelien einen so heftigen Eindruck, daß sie kaum hinaus auf ihr Zimmer wanken konnte. Hier überließ sie sich ganz der Verzwers- lung, fiel in eine Art von Wahnsinn, und rief mit einer herzzerreißenden Stimme:»Ich bin nicht seine Tochter! ach! ich war so glücklich! so stolz aufdieses Glück! nun bin ich nur eine arme Waise! ich habe keine Aeltern mehr!«..., Schluchzend und fast ohnmächtig sank sie auf den Sspha, und lag länger als eine Stunde betäubt. SS Als endlich ihre Besinnung zurück kehrte, beschloß sie, die traurige Entdeckung zu verschweigen, und ihren Kummer in ihr Herz zu verschließen. Allein den sorgenden Blicken des Herrn und der Madame Dartu s konnte dieser Kummer nicht entgehen, nur dessen Ursache vermochten sie nicht zu errathen. So oft Zeliens Auge auf ihm oder ihr ruhte, füllte es sich mit Thränen. Die Worte Vater, Mutter, konnte sie nicht ohne Bewegung ausspre- chen. Die Aufmerksamkeiten, die man, alS für die einzige Tochter des Hauses, für sie hatte, drückten sie schwer, und mitten unter dresen Qualen wurde sie noch von dem heftigsten Verlangen gemartert, den Nahmen ihrer wahren Aeltern zu wissen.»Meine Mutter,« sagte sie,»ist gestorben, indem sie mir das Leben gab; aber vielleicht lebt mein Vater noch? vielleicht schmachtet er im Elend, während ich im Ueber- fluß schwelge? Diese Ungewißheit vermag ich nicht zu tragenl« Da sie nun eines Tages allein mit ihrer alten Amme sich befand, hub sie folgendes Gespräch an: »Weißt Du auch, daß ich nicht-die mindeste, Ähnlichkeit weder von meinem Vater, noch von meiner Mutter habe?«—-»Kann wohl seyn.«—»Wenn Du mich nicht erzogen hättest, so würde ich glauben, ich sey ausgetauscht worden.« »Ey bewahre!« stotterte die Amme.»Es hätte ja wohl geschehen können aus Achtung für einen braven Mann, oder um das Leben einer sterbenden Gattinn zu retten, oder um das Glück einer armen Waise zu machen, eines Schweizer-Kindes, etwa in Deiner Nachbarschaft geboren? Das wäre ja kein Verbrechen gewesen, gute Amme, da hättest Du nur eine löbliche Handlung verrichtet.«—»Mein Gott!« fuhr die Alte unwillkürlich heraus:»Sie wissen die ganze Geschichte?« »Ja,« erwiederte Zelia, in Thränen schwimmend und sich in ihre Arme werfend, glaube nicht, daß ich davor erröthe, aber ich beschwöre Dich, wenn 96 Du mich liebst, entdecke mir, wer meine Aekteri, sind, und zahle auf meine ewige Dankbarkeit! Da Zelia doch schon die Hauptsache wußte, so erzählte ihr die Amme nun auch das Uebrige. Ihr Vater war schon todt, als ihre Mutter sie gebar. Fritz hieß er, und war ein braver, mit Narben bedeckter Soldat. Da, nach beyder Aeltern Tode, dem armen Kinde keine andere Zuflucht blieb, als das Waisenhaus in Zürich, so nahmen die Vorsteher des Can- tons keinen Anstand, sie einem wackern Manne zu vertrauen, der sich auch wirklich an ihr als ein wcch rer Vater bewiesen. Am Schluß dieser Erzählung beschwor nun auch die Amme ihren Pflegling, sie durch Verrath dieses großen Geheimnisses nicht unglücklich zu machen, und vor allen Dingen die ehrwürdige Madame Da r tu s nicht durch die Nachricht zu todten, daß ihr Kind wenige Tage nach der Geburt gestorben. Zelia, die ihre Pflegemutter wahrhaft kindlich liebte, nahn, sich wohl in Acht, sie das mindeste merken zu lassen, allein sie litt unglaublich im Stillen. Jedes Mahl, wenn Madame Dartus sie zärtlich in ihre Arme drückte, sie Tochter, liebe Tochter, die Hoffnung und den Trost ihres Alters nannte, bebte die Unglückliche wider Willen und kämpfte gegen einen Thränenstrom, der hervor zu brechen drohte. Aber diese stillen Leiden entgingen dem scharf beobachtenden Vater nicht: er spähte allen ihren Empfindungen nach, wog jede ihrer Aeußerungen, und überzeugte sich endlich, daß sie um das Geheimniß ihrer Geburt wisse. Die Amme, die er jetzt auf ihr Gewissen befragte, verhehlte ihm nichts. Nun hatte er auch mit Zelien eine geheime Unterredung, und erfuhr, durch welchen Zufall sie Alles entdeckt hatte. Er tröstete sie auf das zärtlichste, und empfahl ihr, um größeres Unheil zu vermeiden, das tiefste Schwel- gen.»Ich versprech es,« sagte Zelia, indem sie ihres Wohlthäters Hand küßte und mit ihren Thränen benetzte,»ach! ohne meine strafbare Indiskretion würde ich immer glauben, daß Sie mein Vater sind! 97 Obichon die;unge Waise ihrem Versprechen treu zu bleiben sich selbst geschworen hatte, so wurde dieser Vorsatz doch oft durch ihre peinliche Lage erschüttert. Eli, unerwartetes Ereigniß, dem zu widerstehen sie nicht Kraft genug hatte, zerriß den Schleyer vollends, und verursachte die traurigste Begebenheit. Herr Dartus besaß ein ansehnliches Landgut einige Meilen von Chalons, an der großen Landstraße, die nach Straßburg führt. Die französischen Heere hatten in Deutschland-Siegs erfochten, und eins Menge österreichischer Kriegsgefangenen wurde nach Chalons gebracht. Zweyhundert sechzig dieser Gefangenen, die am Schlosse vorüberzogen, machten Halt, um auszuruhen. Viele derselben wollten aus einer nahen Quelle trinken. Es war außerordentlich heiß. Der Anblick der armen, erschöpften, mit Staub und Schweiß bedeckten Reisenden, machte auf Madame Dartus und ihre Tochter, die eben gegenwärtig waren, einen tiefen Eindruck.»Wartet, ihr guten Leute, das Quellwasser ist zu kalt, es würde Euch schaden. Geh', meine Tochter, laß ein Paar Dutzend Vouteillen Wein herbey bringen, um die wackern Deutschen zu erquicken.« Zelia eilte fort wie der Wind. Bald erschienen die Bedienten, und Herr Dartus selbst, mit Wein beladen, den sie den Gefangenen darbothen. Zelia nahm selbst eine Flasche und ein Glas zur Hand, und schenkte emem Greise mit schneeweißen Haaren ein, der mit Narben bedeckt war.»Mein braver Soldat,« redete sie ihn an,»seyd Ihr ein Ungar oder ein Oesterreicher?«—»Ein Schweizer,« antwortete der Alte, seit mehr als dreyßig Jahren in Diensten des deutschen Kaisers, aber im Canton Zürich geboren; mein Nahme ist Wilhelm Fritz.« »Fritz! meines Vaters Nahme!« schrie Zelia unwillkürlich.»Was sagst Du, meine Tochter?« rief Madame Dartus erschrocken.»Ja, meines Vaters Nahme!« fuhr Zelia noch lauter fort, ohne Lahrg. ll. Geschichtchen für meine Tochter. 9 98 aus ihre Pflegemutter zu achten.»Er war, so wie °zbr Soldat aus dem Canton Zürich, und nanne am Ke° raFri tz.«—»Mein Neffe,« sagte der alte sEbweuer»Der Sohn meines armen Bruders Zl7rg. Wenn See seine Tochter sind, so sind See die Nichte von Ihrem gehorsamen Diener.«^ Mit diesen Worten druckte er sie bewegt und in seine Arme. Madame Darrus, deren sinastlich-s Erstaunen bey jedem Worte wuchs, und d'e 2 ich gewahr wurde, daß ihr Gatte Zel.en ^ Winke gab, drang auf Erklärung die,es sch^ckuchen^-hei-nnisies. Die alte Amme wurde her- schrer...cyen. bekennen, und die kinderlo e LL7 7nk VL in ihr-Gatten Arme. Er ^ k-in-.« Blick auf Zelien, die nun erst gewahr wurde, welches Unglück sie, obgleich unwillkürlich, " a nnd saate zu ihr mit dem rührendsten Ausguck:»Was hast Du gethan! geliebte Waise! welche o^ndlscretwn uns bereitet.« °->.^tzt stürzte Zelia außer sich auf dke Ohnmach- tiae bed-ckre sie mit Thränen und Küssen, nannte sie kreischend ihre Mutter, ihre geliebte Mutter, erweckte sie endlich zum Leben, allein sie war ,o heftig a, aeariff daß man sie auf das Schloß tragen muff- t^Jwmer heftete sie die Augen starr auf seUen, und r.ef verzweifelnd:»Du bist nicht meine Tochter; "ch habe kem K-nd!«- Ihr Gatte wachte die ganze Nacht bey ihr, und wandte vergebens alles an, um 7-i, berub.aen. Zelia, die von dem Offizier, der die Gefangenen führte, Erlaubniß erbothen hatte, ,h- r!n alten Ohenn auf dem Schlosse zu behalten, vereinte ihre zärtlichsten Bemühungen mit denen ihres .-i-'b rührendsten Beweise der Liebe und der Dankbarkeit. Der alte Fritz, obwohl stolz und glücklich, e.ne solche Nichte entdeckt zu haben, theilte aufrichtig den Schme» des ganzen Hauses, und die Angst um dessen verehrte Gebiethen«»,. Ach! sie hatte den To.es- streich einpfangen! 99 Vergebens lagen ihr Gatte, Zelia, und alle der Armen der Gegend, deren Mutter sie gewesen, ^.ag und Nacht auf ihren Knieen, um dieses theure Leben vom Himmel zu erflehen— sie starb in Zeltens Armen, die unaufhörlich schrie:»Ich bin ihre Mörderinn! Ohne meinen Vorwitz lebte sie noch! ich dürfte sie noch Mutter nennen! Ich bin eine elende, verworfene Creatur!« Ihre Verzweiflung war so heftig, daß man für ihren Verstand fürchtete. Herr Dartus selbst mußte von seinem tiefen Schmerz sich losreißen, um nur sie zu trösten. Er bath sie, ihn nie zu verlassen. Durch seine Verwendung bewirkte er die Freyheit des alten Schweizers, der in seiner Nichte eine zärtliche Tochter fand. Ihre Reize und die treffliche Erziehustg, deren sie genossen, lockten manchen Freyer; allein sie wollte nie einen andern Nahmen führen, als Zelia Fritz; in dem Hause des Herrn Dartus wollte sie bloß für eine Waise gelten, die er erzogen und mit Wohlthaten überhäuft; und wenn dieser wackere Mann sie dennoch nach wie vor seine Tochter nannte, die väterlichsten Liebkosungen an sie verschwendete, so empfing sie diese nur mit Ehrfurcht. Oft in Thränen schwimmend, und mit einer durch Schluchzen erstickten Stimme, rief sie schmerzlich: »Ohne meinen Vorwitz würde Madame D a r- tus noch leben, und ich würde glauben, ihre Tochter zu seyn. Ach! ich erfahre es zu spät: eine einzige Indiskretion ist oft hinreichend, um das Glück des ganzen Lebens zu zerstören! ' -M E Die beyden Käfige. Eleganz und Reichthum befördern oft minder das wahre Glück, als unbemerkre Einfachheit, und wie ColliN d'Harleville in semem Lustspiele. »Der alte Hagestolz,» leyr richtig lagt-»Of wird im Thürhüther-Stübchen herzlicher gelacht, 'Chan"o?te, eine Tochter der M.rda»,e D.,r- Stunden aus. Da sie auch dem Luxus ergeben, und sehr zierlich in allen ihren Anordnungen war, so hatte sie einen mächtigen Käfig machen lassen, vergoldet, mit Stäbchen von Mahagoniholz, die Gelchine von Porzellan. Jedermann bewunderte das kleine Meister- ^wbarlotte fand sich durch diesen Beyfall sehr /.-kikmerckelt, und wollte nun auch keine andere als ki! seltensten Vogel in den schönen'Käfig setzen, Canarien-Vögel, Dompfaffen aus Canada, Grasmücken aus Cayenne, Hänflinge auS Brasilien, kurz, was am meisten auffiel und am theuersten war. Die Thorheit der Herren geht oft auf die Bedienten über, Z gewöhnlich deren Affen sind. Anne, eine der Töchter des Thürstehers, war oft Zeuge von der L.eb- haberey ihrer jungem Herrschaft gewesen,""d hatte diese nach und nach zu ihrer eigenen gemacht, aber da st- wenig daran wenden konnte, so begnügte sie sich mit einem derben Käfig von Weid-nruthen ge- IttL flochten, Stäben von Hollunderholz und Tongeschirr. Dahinein sperrte sie Distelfinken, Meisen, Fliegenschnäpper und dergleichen. Die beyden jungen Naturalisten fanden lange großes Vergnügen an diesem Zeitvertreib, und pflegten ihre Vogel den ganzen Tag. Allein bald ergab sich eine große Verschiedenheit in dem Gedeihen der Bewohner beyder Käfige. Denn Charlotte, die in den Wirbel der großen Welt gezogen wurde, wo sie oft halbe Nächte zubrachte, konnte folglich nur spät aufstehen, und das mußten ihre armen Vogel entgelten. Die seltensten starben nach und nach, die übrigen saßen trübselig auf ihren Stäben, und bliesen sich auf, weil die schönen Porzellan-Geschirre meistens nur verdorbenes Futter und unreines Wasser enthielten. Keiner von Allen baute ein Nest. Nie hatte Ch arl o tt e die Freude, sie Eyer legen und Junge ausschlüpfen zu sehen. Es schien, als hätten Eleganz und Reichthum, so Glück als Fruchtbarkeit aus dem prächtigen Gefängnisse verjagt. Anne hingegen, die jederzeit mit Tagesanbruch ihren Weidenkäsig wohl versorgte, sah an jedem Morgen ihre Vögelein schöner und fröhlicher herum hüpfen. Sie füllten mit ihrem schmetternden Gesang das ganze HauS. In jedem Frühlinge bauten sie Nester und vermehrten sich bald so stark, daß Anne genöthiget war, einen zweyten Käfig dem ersten beyzufügen. Das gab denn schon einen ganz ansehnlichen Raum, der wohl zwanzig Pärchen verschiedener Gattung faßte. Darunter zeichneten sich besonders zwey Canarien-Vögel aus, die Anne von Charlotten erbethen, als sie schon im Sterben waren, und die sie glücklich wieder aufgefüttert hatte. Der Glanz ihres Gefieders und ihr frohes Gezwitscher bewiesen, daß sie auf dpn Hollun- derästen in des Thürstehers Loge sich besser befanden, als in jenem goldenen Käfig im ersten Stockwerk, wo ihnen fast immer Wasser, Luft und Nahrung fehlte. Charlottens Neid erwachte, und aus Neid klagte sie eines Tages ihrer Mutter, daß die vielen 102 Vogel der Tochter des Thürstehers, sobald nur der Tag graute, einen so entsetzlichen Lärm machten; sie war hartherzig genug, zu verlangen, das; man dem armen Kinds verbiethen solle, Vogel zu halten. »Wenn sie Deine Ruhe stören ,« sagte Madame D a r- leinont, ihre Tochter durchschauend,»so ist es billig, daß sie ihr Völkchen auf eine andere Stelle versetze. Aber da diese Vogel ihre einzige Freude ausmachen, und ich selber mich an der Sorgfalt ergetze, die sie darauf verwendet, so werde ich rhr auf dem Boden einen geräumigen Platz anweisen, wo sie nicht allein ihre, sondern auch Deine Vogel mit halten kann, die in Deinem prächtigen Käfig Hungers sterben.« Dieser Beschluß wurde sogleich in's Werk gesetzt, und die glückliche A n n a sah sich an der Spitze einer Republik, die, mit Allem wohl versorgt, sich täglich mehr bevölkerte, und ein sehr angenehmes, mannigfaltiges Schauspiel darboth. Nun überzeugte sich Charlotte, daß Gepränge weniger gilt, als stille Sorgfalt, und gestand, ihre Mutter habe Recht gethan, den Ueberrest ihrer seltenen Vogel Annen zu vertrauen. Frey von dem häßlichen Neide, wollte sie nun vielmehr des MädchenL B^nMumgLN, theilen^ bey ihr gleichsam in die Schule gehen, Fleiß und Geduld von ihr lernen. Aber ihre zerstreute Lebensweise durchkreuzte beständig diesen Plan, und sie schlief gewöhnlich noch, wenn Anna schon die neubelebte kleine Vogelwelt versorgte. Auch gewährte ihr diese nicht denselben Genuß. Wenn sie kam, flatterten die Vögel scheu herum, die Mütterchen verließen sogar ihre Eyer und suchten einen Schlupfwinkel; hingegen wenn Anne erschien, so flogen sie ihr auf die Schulter und pickten ihr die Körner von den Lippen. Dieß Vergnügen wollte Charlotte doch auch ein Mahl genießen, darum vertauschte sie eines Morgens ihr elegantes Negliges gegen Annens einfache Kleidung, ging mit Sonnenaufgang zu den Vögeln, ahmte des Mädchens sanfte Stimme nach, fütterte 103 das lustige Völkchen gleich Annen, und hatte dre Freude, zu sehen, wie die Vögel nach und»ach sich an sie gewöhnten, und eben so zutraulich wurden. Mi Entzücken beschloß sie nun, künftig die Ver,orgung ihrer Voliere keinen fremden Handen zu überlassen, und um sich ganz zu überzeugen, daß nur ihre prach- tigen Kleider bisher den muntern Sängern Furcyr eingeflößt, mußre Anne eines Tages diese anziehen, und sie so herausgeputzt begleiten. Sogleich entflat- terten auch die Vöglem, als-irre» sie emen Raubvogel erblickt, und vergebens lockte sie cknne mit ihrer liebkosenden Stimme.-O, Mamsell.« nes Anne schmerzhaft,»nehmen Sie Ihre sch°"°" Sachen wieder, und lassen Sie mir Gorserr von Nanquin, mein wollenes Rockchen, dem ich n h Glück verdanke, als Ihren Spitzen und Ihrem at- laffEN Hute-^f^ Charlottens Kleider von sich, und alsobald kehrten die gefiederten Pfleglinge traulich zu ihr zurück. Seit diesem Augenblick cheilte Cbarlotte die Bemühungen der guten Anne. Jeden Morgen gingen sie beyde, das lustige gedeihende Völkchen zu bewirthen. Die Mahagonystabe, die Porzellan-Gesch.rre verschwanden. Frisches Gesträuch wölbte sich über dem einfachen Käfig, Bündel von Hirse verzierten, reines Wasser erfrischte ihn. Die Voliere wurden berühmt>n der ganzen Nachbarschaft, und Charlotte fühlte durch diesen Ruhm sich mehr geschmeichelt, als wenn ein glasender Zirkel ihr bey einer Gavotte oder Sonate Beyfall geklatscht hatte. Sie lernte, daß man das dauerhaftes Glück nur sich selber schafft, und daß es eben dadurch vor allem Wandel geschützt wird. Anne trennte sich Nie von Charlotten. Ihre gegenseitige Anhänglichkeit war auf em durch Wohlthätigkeit erhöhtes Vergnügen^rundet, un darum unerschütterlich. In einfachen Gewändern be- suchten beyde täglich ihre lieben Voliere, und fingen 101 an, sich als Schwestern zu betrachten. Anne, mit den glücklichsten Naturanlagen begabt, bildete sich in Charlottens Umgang, und erwarb sich dadurch einen braven Mann, der sie in den Stand setzte, d>e Wohlthäterinn ihrer armen Aeltern zu werden. Auch Cha r lo tte vermahlte sich glücklich, aber mit den Pflichten der Gattinn und Mutter verband sie stets die zarte Sorgfalt für jene kleine gefiederte Familie, der sie Einfachheit des Geschmacks, süße, stille Freuden, und das wohlthuende Gefühl verdankte, Glückliche gemacht zu haben. Der Baumstamm. 4-^.iter allen Unannehmlichkeiten, die aus emer vernachlässigten Erziehung entspringen, ist Furcht die lächerlichste, auch oft die verderblichste. Sie benebelt den Geist, verzerrt die Grazie, hemmt alle Augenblicke den Schwung des Gedankens, und kerkert die Seele in die engen Schranken der Schwachheit und Dummheit. Man kann nicht vorsichtig genug seyn, Kinder vor Schreckbildern zu bewahren, vor Beschreibungen von unterirdischen Höhlen, vor Gespenster- mährchen und was dergleichen mehr ist, wodurch man so gern der Kinder Einbildungskraft erschüttert, und den Schlaf der Unschuld durch fürchterliche Traume stört. Mirecourt, ein berühmter Baumeister, bewohnte seit langer Zeit ein altes gothisches Schloß im Walde von SenarS gelegen. Es machte ihm Freude, in dieser anmuthigen, mahlerischen Wohnung die Kunst mit der Natur zu vereinen. Man kam von allen Seiten, um die Verschönerungen zu bewundern, die er geschaffen hatte. Madame Valville, seine einzige Tochter, Witwe eines ausgezeichneten Künstlers, brachte gewöhnlich den Sommer mit ihren beyden Töchtern, Hersllie und Victorine, bey ihrem Vater zu. Beyde, von Natur schön und gut gebildet, liebte die Mutter zärtlich, und gab sich alle Mühe, den Vater ihnen zu ersetzen. Bisweilen trieb sie ihre Zärtlichkeit wohl ein wenig zu weit. Die Furcht, der Kinder Liebe und Vertrauen zu verlie- !06 ren, machte sie allzu nachsichtig/ und dadurch hatte sie nach und nach das mütterliche Ansehen enigebußt. Hersilie und Victorine thaten, was ihnen beliebte. Machten sie ein Project, es wurde loglerch ausgeführt. Verlangten sie irgend etwas Kostbares, es wurde sogleich gekauft. Wollten ße ihren Großvater besuchen, von da nach Paris zurück komnien, von Paris noch ein Mahl heimfahren', in vier Wochen die ganze Gegend durchstreifen, die Pferde standen immer angespannt, und die gefällige Mutter kannte kein größeres Glück, als das, alle ihre Launen zu befriedigen..... Mirecourt, dessen Alter dw liebliche» Kinder erheiterten, verdarb sie noch mehr, als die Mutter. Nie hatte er gewagt, ihnen den kleinsten Verweis zu geben, oder ihnen in irgend einer L-ache nicht zu Willen zu seyn. Mit ihnen tändeln, sie liebkosen, ihnen Gespenstergeschichtchen und Feenmahrchen e>- zahlen, über ihre Furchtsamkeit herzlich lachen, das war sein Vergnügen und— seine Thorheit. Wie sehr er dadurch den Kindern schadete, daran dachte er nicht. Ihre, durch L-chreckbüder stets aufgeregte Einbildungskraft bewirkte, daß sie nun vor dem kleinsten Geräusch zitterten, bey dem unbedeutendsten Vorfall erbebten. So lange sie noch in dem Alter waren, wo man Alles entschuldigt, hatten Mirecourt, sammt Allen, die ihn besuchten, ihren Spaß an diesem kindischen Schrecken; als aber die Mädchen heran wuchsen, wurde diese beständige Furcht so lästig, und sie selber so oft die Fabel und der Spott der Gesellschaften, daß Madame Valville und ihr Vater beschlossen, Alles anzuwenden, um sie davon zu heilen. Aber solche Eindrücke verlöschen Nicht so leicht. Es bedarf starker Erschütterungen, um einen veralteten Fehler der Erziehung zu entwurzeln. Nur Hersl- lien gelang es nach und nach, ihn zu überwinden. Sie war an Körper und Geist starker, als Victo- 167 rine, sie faßte Muth, und nach manchen Kämpfen verscheuchte sie die elende Furchtsamkeit, spottete sogar mit über ihre Schwester, die sich täglich durch diesen Fehler lächerlich machte. Die arme Victo- rine, den Kopf mit allen den Mahrchen ihres Großvaters angefüllt, versank in eine Zaghaftigkeit, die alle ihre Sinne beherrschte. Ließ ein Unbekannter sich auf dem Schlosse blicken, gleich hielt sie ihn für einen Mörder, der ihrem Leben drohe. Kam ein Hofhund von ungefähr in's Zimmer, so meinte sie, er wäre toll, und wolle sie beißen. Horte sie die Glocke eines benachbarten Dorfes, so war es Sturmgeläute. Zogen einige Conscribirte vorüber, und machten Halt beym Schlosse, um auszuruhen, so war es eine feindliche Armee, die Alles mit Feuer und Schwert verwüsten wollte. Kurz, ihre Einbildungskraft vergrößerte alle Gegenstände, sie sah überall nichts als Räuber, Mörder, Plünderung und Verwüstung. Madame Valville seufzte, aber zu spat, über diese unglückliche Stimmung, und suchte vergebens Mittel, um sie zu wandeln. Sie trennte sich nicht mehr von ihrer Tochter, ließ sie in ihrem Zimmer schlafen, und durchaus in deren Gegenwart keine romantischen Abenteuer mehr erzählen. Eines Abends, als Madame V alv i ll e allein mit ihren Töchtern in einem abgelegenen Theile des Parks spazieren ging, hörten sie hinter einem Busch ein Winseln, welches der Stimme eines Kindes glich. Victor ine fuhr sogleich zurück, und schrie:»Man ermordet den Sohn des Gärtners!«—»Welch ein Einfall!« sagte die Mutter,»in diesem wohl verschlossenen Park, wo denkst Du hin? Komm, wir wollen sehen, was es ist.« Noch furchtsamer wiederholte Victor ine:»Es ist wahrhaftig die Stimme des kleinen Paul! er wird ermordet oder ist in's Wasser gefallen.«—»Um so eher müssen wir zu Hilfe eilen,« versetzte Madame Valville.»Gewiß, Schwester!« fügte Hersilie 108 hinzu,«es wird nicht so arg seyn, als Du Dir einbildest, komm mit uns.« Bey diesen Worten zog sie mit Gewalt Victo- rinen mit sich sort. Der Busch wurde erreicht, und siehe da, es war ein Lamm, das sich in den Strauch verwickelt hatte, und weil es der Herde nicht folgen konnte, jämmerlich schrie.»Ach, mein Gott!« rief Victorine,»es ist mein kleiner Liebling, dem ich noch gestern ein Rosaband um den Hals gebunden.« Sie sprang hinzu, befreyce das Lämmchen und liebkoste ihm. «Siehst Du nun, meine Tochter,« sagte Madame Valville,»wären wir eben so furchrsam gewesen als Du, so wäre das arme Thierchen vielleicht in dieser Nacht verhungert.« Ein anderes Mahl spazierte Victorine»ut ihrer Mutter längs dem Rande des Waldes von Se- nars, denn hinein zu gehen, hatte sie nie gewagt, weil sie ihn für den Schlupfwinkel aller Räuber zehn Meilen in die Runde hielt. Sie bewunderte die langen unabsehbaren Alleen, und fand großen Gefallen an dem kühlen Schatten, dein Duft, den gewürzhafte Pflanzen aushauchten, und dem süßen Gezwitscher der Vogel. Madame Valville wollte diese Stimmung benutzen, und führte sie unvermerkc von Baum zu Baum immer tiefer in den Wald. In ein Gespräch über die Reize dieses Aufenthaltes verwickelt, wurde Victorine es lange nicht gewahr; doch plötzlich seufzte sie, schauderte; veränderte die Farbe, und rief:»Um Gotteswillen! retten wir uns! es ist um uns geschehen!« »Was hast Du wieder für Erscheinungen?«— »Sehen Sie denn nicht dort durch das Gebüsch einen Räuber, der auf uns zukommt?«—»Ich sehe nichts.« »Nun, ich sage Ihnen, er kommt auf uns zu, er ist sechs Fuß hoch, er hat etwas Behaartes in der Hand, vermuthlich den Kopf eines-Unglücklichen, 109 den er eben ermordet hat. Umarmen Sie mich noch ein Mahl, beste Mutter, unsere Stunde ist auch gekommen!« Mit diesen Worten warf sie bleich und zitternd sich in der Mutter Arme. In der That ließ sich ein Geräusch hinter dem Gebüsch vernehmen, allein der sechs Fuß hohe Räuber mit dem blutigen Kopf in der Faust verwandelte sich in einen niedlichen Hirtenknaben von etwa zwölf Jahren, der die Damen von fern erblickt hatte und herbey geeilt war, um ihnen ein Turteltaubennest anzubiethen, das er soeben gefunden hatte. Madame V a lv i lle lachte überlaut, und Victorine selbst bekannte dieß Mahl ihre Schwäche. Sie kaufte das Nest, wollte die beyden Täubchen, die darin lagen, selbst erziehen, crröthete über die Albernheit, vor dem Symbol der Sanftmuth und Zärtlichkeit so zu erschrecken, und nahm sich zum ersten Mahle ernstlich vor, ihre Zaghaftigkeit zu bekämpfen. Aber es ging nicht recht damit; allerley Zufälle vereitelten ihre heldenmüthi- gen Entschlüsse. In einer Winternacht lag sie im Zimmer ihrer Mutter und glaubte ein Geräusch in ihrer Nähe zu hören. Bebend horchte sie und athmete kaum. Sie vernimmt ein Gesumse, und bildet sich ein, es sey eine Fledermaus, oder wohl gar ein fliegender Drache, der durch den Schorstsm herein gekommen. Gern möchte sie ihre Mutter wecken, allein sie wagt es nicht, ihren sanften Schlaf zu stören. Sie richtet sich in die Höhe, und da sie anfängt zu frieren, so will sie ein Halstuch umnehmen, das gewöhnlich auf einem Stuhle neben ihrem Bette lag: sie streckte die Hand darnach aus, und— faßt eine zottige Haut, was ihr denn augenblicklichem fürchterliches Geschrey auspreßt. Madame Valville erwacht, taumelt auf, fragt:»Was gibt's?« und Victorine, die ihre Bettdecke über den Kopf gezogen hat, versichert, es sey ein Drache zum Schorstein herein gekommen, und dicht neben ihr stehe ein wildes Thier, das sie selbst gefühlt habe. 110 Dieß Mahl sey es gewiß keine Einbildung, sie habe mit eigenen Ohren gehört, mit eigenen Handen gefühlt. Wahrend Victorineso jammert, ist ihre Mutter aufgestanden, hat ein Licht angezündet, und gefunden, daß der Drache ein Nachtschmetter- lmg war, der im Zimmer herum flatterte, und das zottige ivilde Thier war nichts mehr und nichts weniger als ihr Pelzkragen, den sie des Tages zuvor aus Versehen dahin geworfen. Jetzt holt sie Victori- nen aus ihren Laken und Kissen hervor, unter welchen sie fast erstickte, zeigt ihr die nichtswürdigen Gegenstände ihres Schreckens, und zwingt sie endlich, über sich selbst zu lachen. Beschämt und bereuend, den Schlaf ihrer Mutter unterbrochen zu haben, waffnet sie sich mit neuem Muthe; sie will durchaus einen Fehler unterdrücken, der sie zum Gespött der ganzen Welt macht. Der Frühling kam. Madame Valville hatte vor einiger Zeit einen Brief von ihrem einzigen Sehne Ernst empfangen, der seinen Schwestern ein geliebter Bruder war. Er diente als Adjutant, und meldete, daß sein General ihn mit wichtigen Depeschen nach Deutschland schicken werde. Da er nun ani eilften Juny zwischen neun und zehn Uhr Morgens die große Straße, die durch den Wald von Senars führt, passiren müsse, so hoffe er das Glück zu haben, auf dein Schlosse seines Großvaters seine Familie zu umarmen. Doch könne er, da er sehr eilen müsse, höchstens eine Stunde bleiben. Diese Nachricht verursachte große Freude unter der ganzen Familie, und alle Leute im Schlosse theilten sie, da der junge Adjutant schon seit zwey Jahren abwesend war.»Wie werde ich den guten Bruder an mein Herz drücken!« rief Victor ine,«er hat mich immer so lieb gehabt. Wenn doch nur der eilste Juny schon da wäre! es wird der schönste Tag meines Lebens seyn!« Dieser erwünschte Tag erschien. Fröhlichkeit herrschte im ganzen Schlosse. Hersilre und IN Victor ine waren sehr früh aufgestanden, und hatten ein herrliches Frühstück bereitet, zu welchem Mirecourt die Nachbarn hatte einladen lagen. Es schlug neun.»Wenn Du nicht so furchtsam wärest,« sagte Herfilie zu ihrer Schwester,»so wurden wir dein Bruder auf der großen Straße entgegen gehen, während die Mutter die SMe empfängt^ »Ich dachte auch schon daran,« antwortete Victor i n e,»wenn man nur nicht dieserwegen m den Wald hinein müßte.«—»Bah!« erwiederte H e r s l- lie,»wir haben ja bloß zwey Alleen zu durchritten, deren Eine»och dazu dicht an den Park stoyt. Das Wetter ist so schön, der Scharten so kühl. Wir wurden das Vergnügen haben, unsern Ernst früher zu umarmen. Es wäre zugleich eine herrlicye Gelegenheit, Deine Furchtsamkeit zu besiegen, die, wie Du weißt, auch unserm Bruder so sehr Mißfallt.--»So laß uns gehen,« sagte V> cco r i n e,»ia, ich will dem Bruder beweisen, daß ich die Nachschlage befolge, die er mir in allen Briefen gibt, und daß ich verdiene, die Schwester eines braven Soldaten, wie er ist. zu seyn. Gib mir den Arm, Schwesterchen, laß mich aber nicht los. Wir gehen in den Wald, und sagen Niemand ern Mönchen davon.« Sie gingen. Hers.lie öffnete die Pkorte^dle aus dem Park>n die erste Allee führte, ließ sie offen, und lief nun aus allen Kräften mit Victor inen, die sich fest an sie schmiegte, und wider Willen schauderte und erblaßte, so oft die Blatter unter ihrem Fußtritt raffelten, oder ein Zephyr in den Zweigen ^"H»Muth, Muth, Victorine! Du siehst, es ist nichts. Denke nur an den Bruder, und an die Freude, die unser harret.«—»Hörst Du nicht einen schrecklichen Lärm hinter dem Strauche?«—»Ls ist ein fliehendes Kaninchen, fast eben so furchtsam, als Du.«—»Siehst Du nicht dort im Gebüsch etwas Rauches, das sich bewegt und zu springen scheint I!2 —»Es ist ein Rehbock, der uns für Jäger ansieht.-- —»Aber jetzt— jetzt sind wir verloren! hörst Du nicht?«—»Was denn?«—»Es wird gepfiffen.«—> »Vielleicht ein Vogel.«—»Nein, nein, es sind Räuber! so pflegen sie zu pfeifen, wenn sie sich Sig-. nole geben. Fliehe! fliehe!« Und nun lauft sie aus allen Kräften, schlägt in der Verwirrung den ersten besten Fußsteig ein, gsräth immer tiefer in den Wald, und verschwindet aus H ersil ie ns Blicken, die ihr vergebens nachläuft, und lachend den Urheber deS Pfeifens entdeckt; es war— eine Nachtigall, die bekanntlich ihren melodischen Gesang immer mitlvie- derholtem Pfeifen zu beginnen pflegt. Allein vergebens ruft und sucht Hersilie ihre Schwester, und da sie befürchten muß, sich endlich selbst zu verirren, so geht sie zurück in die Allee, die zu der Pforte des Parks führt, kommt in's Schloß und erzählt, was vorgefallen. Kaum hat sie ausgesprochen, als Peitschenknall und Pferdsgetrappel Ernstens Ankunft verkünden. Er stürzt herein in seinen großen Courierstiefeln, er wirft sich aus einem Arme in den andern, von einer Brust an die andere. Im ersten Taumel bemerkt er Victor inens Abwesenheit nicht. Doch bald sucht er sie nut den Augen, fürchtet, sie sey krank. Hersilie beruhigt ihn lachend, und erzählt ihm das Abenteuer. »Daran erkenne ich sie,« sagte Ernst,»und fürchte sehr, ihr Uebel ist unheilbar. Aber ich habe sie lange nicht gesehen, ich wünsche so herzlich, sie zu umarmen.«—»Sie wird nicht lange ausbleiben,« meinte der Großvater, sicher hat sie einen Hirten oder einen Holzhacker gefunden, der sie nach dem Schlosse geleiten wird.«—»Aber hier ist kein Augenblick zu verlieren,« erinnerte Madame Valvilie,»setzen wir uns zu Tische und genießen der wenigen Minuten, die mein Sohn unS schenken kann.« Mire- court drückte den Enkel noch ein Mahl an sein Herz, und meinte, nichts entwickele einen Jung- 113 lmq schneller und vortheilhafter, als das Tragen der Waffen; Ernst sehe schon recht kneger,ich auv, und, ob er gleich erst siebenzehn Jahre alt geworden, sey er doch fast so groß, als er selber. Wahren» des Frühstücks sah Ernst alle Augenblicke durch das Fenster, welches nach dem Park ging, und.weder- holte eben so oft:»Sie kommt noch nicht,«oll denn ihre verdammte Furcht mich des Vergnügens berauben, sie zu sehen?« Die Stunde, d.e er verweilen durfte, flog schnell vorüber. Der fianzoflsche Soldat ist ein Sclave seiner Pflichten. Er nimmt Abschied, schwingt sich zu Pferde, schaut noch em Mahl nach der großen Allee des Parks, wird iim)ts gewahr, sprengt fort nnt Thränen m den Augen, und ruft:»Meine liebe Victorine hüb ich doch ncht gesthr wurde die Familie doch unruhig über V i c t o r i n e n s langes Ausbleiben; man fürchtete, es könne ihr etwas zugeflossen seyn. G'-os>- vater, Mutter und Schwester, sammt allen Bedienten im Schlosse gingen aus, sie zu suchen. Sie halte sich gleich anfangs m e.n dickes Gebüsch verirrt, wo sie abermahls das furchtbare. seifen der Nachtigall vernahm, die Räuber su)°n hinter sich glaubte, immer weiter floh, im stillen ihre SäMester beklagte, die bereits den Unholden zur Beute geworden, und manchen Stoßseufzer gen Himmel schickes:»O mein Gott! mein Gott, ich bin ganz allem? was wird aus mir werden-« Jetzt kam sie von ungefähr in eine Gegend, wo eure Husch, kuh ihr Junges säugte, und bey Vl,"/^nen^ Anblick die Flucht ergriff. Das Geraschel, welcye- dadurch im dicken Gebüsch entstand, schreckre Vic- rorinen so heftig, daß auch sie»nt gleicher Schnelligkeit floh, und in einen Theil des Waldes generh, wo d.e höchsten Bäume standen, die durch den dunk^ len Schatten, den sie verbreiteten, ihre Furcht»och mehrten. Aber was sie vollends um ihre Sinns brach- Jahrg. U. Geschichtchen für meine Tochter. IO 114 te, war die schreckliche Begebenheit, daß ihr Gewand, indem sie lief, an einem alten Baumstamm hängen blieb und sie sich plötzlich zurückgehalten fühlte. Natürlich war nun nichts gewisser, als daß ocr Räuber sie schon ergriffen hatte. Sie stürzte nieder, mit dem Gesicht auf den Boden, rief:»Barmherzigkeit!« und empfahl ihre Seele Gott! So fand man sie mit kaltem Schweiß bedeckt und fast ohnmächtig. Anfangs glaubte man wirklich, es habe ein wildes Thier sie angegriffen. Madame Valville und der alte Mirecourt bebten vor Schrecken, wurden aber bald durch Victorinens Geschrey beruhigt; denn mit gefalteten Händen, ohne einen Blick in die Höhe zu wagen, rief sie winselnd:»Schonet meiner, Ihr Herren Räuber! tobtet mich nicht! ich heiße Victorine— ich habe nichts bey mir— aber ich bin die Enkelinn des Herrn Mirecourt, der Euch gewiß reich belohnen wird, wenn Ihr di« Gnade habt, mich nach seinem Schlosse zu führen.« Zu diesen herzbrechenden Bitten wollte sie einen eben so herzbrechenden Blick fügen, schlug endlich die Augen auf, und erblickte, statt der Räuber, ihre ganze Familie. Man hob sie auf, inan beruhigte sie. Ihr Kleid hing noch immer an dem Baumstamm fest, und nun begriff sie, wodurch sie gehalten worden. Eine Nachtigall in der Nähe fing abermahls an zu pfeifen, und sie mußte selber über ihren Irrthum lächeln. Aber wie wurde ihr zu Muthe, als sie erfuhr, Ernst sey da gewesen, habe ihre Zurückkunst nicht abwarten könne»!»Hättest Du ihn gesehen,« sagte Hersilie,»kein Bissen schmeckte ihm, immer sah er nach dem Walde, und als er zu Pferde stieg, rief er mir noch mit nassen Augen zu:»Schildere ihr meinen Unmuth darüber, daß ein so kindischer Fehler mich ihrer Umarmung beraubt.» ^ Victorine schwamm in Thränen.»Eine ganze Stunde,« rief sie schluchzend,»ist mein guter Bm- 115 Ler auf dein Schlosse gewesen, und ich habe ihn nicht gesehen! Tausend Gefahren eilt er entgegen, und ich werde ihn vielleicht nie wieder sehen! O, wie verabscheue ich jetzt meine alberne Furchtsamkeit!« Ihr Vorsatz, sich j» bessern, war nun ernstlicher, als jemahls; und wenn man ernstlich will, so erreicht man sicher, wenn auch langsam, das Ziel.— Die Gespenster und Räuber verschwanden nach und nach aus ihrem Kopf; sie gewöhnte sich, zu untersuchen, wenn ihr etwas Auffallendes begegnete; und da bey solchen Untersuchungen die Schreckbilder stetS in Luft sich auflösten, so wuchs und stärkte sich ihr Muth in Kurzem, und sie lernte, daß oft die Furcht von dem Uebel weit schlimmer ist, als das Uebel selbst. Die grünen Schuhe. n Unendlich verschieden hat die Natur den Menschen erschaffen. Weder unsere Züge, nvch unsere Charaktere gleichen sich, und oft findet man die auffallendsten Contraste bey Kindern, die aus demselben Bluts erzeugt, mit derselben Milch genährr, von denselben Lehrern unterrichtet worden sind. Fontannes, Obrister bey der Artillerie, begab sich, um seine Gesundheit wieder herzustellen, auf ein Landgut am Ufer der Marne. Hier beschäftigte er sich ganz mit der Erziehung seiner beyden Töchter, Adele und Stephanie. Die älteste, blond und von himmlischer Sanfcmulh, kannte keine größere Freude, alS zu geben und jedem Unglücklichen beyzustehen. Stephanie hingegen, brünett, mit schwarzen, tiefliegenden Augen, einer kurzen, von schwarzem, lockigen Haar bedeckten Stirn, besaß einen empörenden Egoismus, verschenkte nichts, fürchtete immer, nicht genug zu haben, und wenn ein Armer sie ansprach, so war ein bitteres Lächeln ihre ganze Antwort. Es war im Monath May. Ganz Paris trug damahls grüne Schuhe. Madame Fontannes, die oft auf ihrem Gute angesehene Gäste empfing, hatte für ihre beyden Töchter auch Schuhe von grünem Saffian machen lassen. Sie trugen dieselben zum ersten Mahle, und hatten große Freude daran. An einem Sonntage kamen sie mit ihren Ael- tern in einem Hrlbwaqen aus der Kirche zurück. Indem sie durch das Dorf fuhren, und einen Au- Il7 genblick hielten, erblickte Adele eine junge Bäuerinn, ungefähr von gleichem Alter mit ihr, die mit bloßen Füßen sich dem Wagen näherte, und für ihren alten Vater um ein Almosen barh. Er war lange Zeit Fuhrmann am Strome gewesen, nun aber alt und krank. »So sagen sie Alle,« rief Stephanie,»ich wette, daß nicht ein Wort davon wahr ist.«—>»Ich lügen, schönes Fräulein?« antwortete Franziska (so hieß das junge Mädchen).»Fragen Sie alle unsere Nachbarn, sie alle werden Ihnen bezeugen, daß der arme alte H i er o n y m u s keinen andern Beystand hat, als seine Tochter, die nicht erröthet, in der ganzen Gegend für ihn zu betteln.« »Warum seyd Ihr denn nie nach dem Schlöffe Fontannes gekommen?« fragte Adele mit dem weichen Tone deS Mitleids.»Ach, mein gutes Fräulein, wenn man mich hart empfängt, so wage ich es nicht, wieder zu kommen.« »Wer in meinem Hause hat sich unterstanden, Euch hart zu empfangen?« fragte der Vater hastig. FranziSka stockte und wollte Niemand anklagen, allein Stephanie verrieth sich selbst durch ihr plötzliches Errathen.»Da,« sagte der Vater zu ihr, »gib der Unglücklichen diesen Louiöd'or; versichere ihr, baß sie ine aus meinem Schlosse mit Geringschätzung soll behandelt werden, und daß, biS ihr Vater gänzlich wieder hergestellt ist, Du ihr an jedem Sonntage eine gleiche Summe einhändigen wirst.«—»Und ich,« unterbrach Adele dieß für ihre Schwester peinliche Gespräch,»ich will nicht, daß das arme Mädchen mit bloßen Füßen für ihren Vater betteln gehe.« Mit diesen Worten zog sie ihre hübschen grünen Schuhe aus, und gab sie ihr. Franziska bediente sich ihrer auf der Stelle, segnete das gute Fräulein, daß schon ihren Blicken entschwunden war, und nahm sich vor, am andern Morgen ihr auf dem Schlosse zu danken. Adels 118 zog, als sie heim gekommen, andere Schuhe an, die freylich nicht so neu und nicht so nach der Mode waren, die ihr aber, im Bewußtseyn ihrer guten Handlung, recht schön vorkamen. Bey der Tafel erschienen eine Menge Gäste. Stephanie rühmte mit ironischem Lächeln die Großmuth ihrer Schwe- ster, und schilderte hämisch die Gestalt der jungen Bäuerinn mit Lumpen bedeckt, aber mit den niedlichsten Mode-Schuhen angethan.»Gleichviel,« sagte Adele,»sie wird sich doch nun die Füße nicht mehr auf den spitzigen Kieseln verwunden, und mehr hab' ich nicht gewollt.« Stephanie wollte ihre Spöt- tereyen fortsetzen, aber ein strenger Blick des VaterS brachte sie zum Schweigen. Er erzählte der Gesellschaft das Abenteuer, und Jedermann betrachtete Stephanien mit Unwillen, indessen Adele Lobsprüche erntete, und aufgefordert wurde, für ihren Schützling eine Sammlung zu veranstalten. Fran- ziska hatte ihrem Vater ihr unverhofftes Glück verkündet, ihm den Louisd'or gezeigt, und ihn fröhlich vertröstet, daß er, mit solcher Hilfe, gewiß bald genesen, und zu seiner gewohnten Beschäftigung zurück kehren werde. Dann hielt sie ihm die hübschen grünen Schuhe unter die Augen, die sie freylich ein wenig drückten, und ergoß sich in Segnungen über den Engel, der um ihretwillen sich selbst der Schuhe beraubt.»Lieber Gott!« sagte der alte Hirre nymus,»laß mich nicht sterben, bevor rch selber meiner Wohlthäterinn danken können!« Franz iska ging nun sogleich, alles herbey zu schassen, was zu seiner Genesung beytragen konnte. Sie zeigte alle» Leuten ihre schönen grünen Schuhe, und erzählte ihr glückliches Abenteuer. Am andern Morgen begab sie sich nach den» Schlosse, wo ihr Adele eine ziemlich große, von den Gasten gesammelte Summe einhändigte, und ihr zugleich alle Schuhe gab, die sie nur entbehren Il9 konnte. Fontannes selber führte Franziska zu Stephanien, und sagte zu dieser: »Du hast gestern ganz richtig bemerkt, daß Deiner Schwester hübsche Schuhe zu diesen Lumpen nicht passen; wüßtest Du kein Mittel, diesem Uebelstand abzuhelfen? Mich dünkt, dieß Muster der kindlichen Liebe habe es wohl verdient.« Stephanie begriff sehr wohl ihres Vaters Meinung, und schenkte dem Mädchen einige alte zerrissene Röcke und Strümpfe, die jene zwar demüthig empfing, im Stillen aber beschloß, nur das anzulegen, was die Hand ihrer wahren Wohlthäterinn ihr gereicht hatte. Auf dem Heimwege zog sie ihre grünen Schuhe aus, verwahrte sie in ihre Schürze, um sie so lange als möglich zu erhalten, und zog andere von schwarzem Leder an, die sich m dem von Adelen geschenkten Bündel befanden. Eine so kräftige Hilfe brachte den alten Hieronymus bald wieder auf die Beine, und nicht lange nachher konnte er schon selber, von seiner Tochter geleitet, auf das Schloß wanken, um dankbar seine Wohlthäter zu segnen, vor Allen Adelen, deren Hand er Mit Ehrfurcht an seine Lippen drückce. Er bath, man solle ihn doch ein Mahl in seiner Hütte besuchen, man versprach es, und hielt Wort zu seiner unaussprechlichen Freu- de. Seiner Tochter Entzücken über diesen ehrenvollen Besuch glich der Trunkenheit. Sie hatte sich mit allen Gaben der guten Adele heraus geputzt, die grünen Schuhe nicht zu vergessen. Am User des Stromes harte sie eine Hütte von Zweigen und Blumen erbaut; Moosbänke zogen sich um einen Tisch von Stein, der die schönsten Früchte der Jahreszeit trug, neben den besten Fischen, welche die Marne liefert, und frischem Kuchen und trefflicher Milch. Zwölf junge, weiß gekleidete Bäuerinnen, Franziska's Freundinnen, halfen ihr die Honneurs des ländlichen Festes machen. Aller Blicke waren auf die gute Adele geheftet, Alle liebkosten ihr, Niemand br- 120 kümmerte sich um Stephanien, und wenn man ihr Achtung bewies, so war es wohl zu merken, daß sie diese nur dem Nahmen ihres Varers verdankte. Nach der Mahlzeit gab Franziska ein Zeichen, und also'oald erschien auf dem Strome ein mit Blumen geschmücktes Fahrzeug; eine Wafserfahrt wurde vorgeschlagen und Mit Vergnügen angenommen. Der alte, mit frischen Kräften ausgerüstete Hieronymus setzte sich mit seiner Tochter an die Ruder, und sührte'seine lieben Gäste nach einer nahen, sehr unmuthigen Insel, wohin die Mädchen aus anderen Böten folgten. Dort fanden sie die jungen Leute aus der Nachbarschaft versammelt, ein fröhlicher Tanz begann, in welchem auch Adele und Stephanie sich mischten, und der bis zum anbrechenden Abend wahrte. Als nun Alles wieder zu den Böten eilte, wollte die vorwitzige S tephani e auch versuchen, das Boot in Bewegung zu setzen, ergriff ein Ruder, machte es ungeschickt, taumelte zurück, und fiel in's Wasser. Adele stieß einen lauten Schrey aus, erwischte sie beym Rock, wollte sie zurück halten, wurde aber selber mit in den Strom gezogen. Fontannes stürzte sich augenblicklich nach, konnte aber keine von beyden erreichen. Der alte Hieronymus seyerte auch nicht. Mit dem Ausruf:»O, meine Wohlthäterinn!« sprang er m die Wellen. Bald erschien er wieder am Ufer mitAdelen im Arme, die, zu sich kommend, ihrer ohnmächtigen Mutter zu Hilfe eilte. Indessen retteten mehrere Bauern auch ihren Vater, und brachten endlich auch Stephanien zu der Hütte. Sie war so lange im Wasser gewesen, daß man für ihr Leben fürchtete; eine halbe Stunde lag sie leblos; doch dtp Natur, und die Hilfsmittel der Kunst riefen sie endlich in's Leben zurück.»Verzeihen Sre, gnädiges Fräulein,« sagte der alte Hieronymus»ut naiver^reymü- thigkeit,»wenn ich anfangs nur an Ihre Lchwester I2L dachte. Ihr verdank' ich mein Leben, und folglich mußte ich es auch zu ihrer Rettung wagen.« Diese, mit der Kraft der Wahrheit gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Stephanien. Sie fühlte jetzt, daß der Egoismus alle Herzen uns entfremdet, und daß man kein Recht hat, von Andern mehr zu erwarten, als man für sie thut. Indessen holte Franziska alles herbey, was sie hatte, um den beyden Schwestern trockene Kleider zu verschaffen, und Adele fand bey dieser Gelegenheit mit innigem Vergnügen ihre eigenen Kleider wieder. Auch Stephanie, obgleich viel größer, als ihre Schwester, mußte sich mit Einem von ihren Kleidern behelfen. Franziska, die sie, so gut, als es gehen wollte, ankleiden half, sagte naiv:«Verzeihen-Sie, mein Fräulein, ich habe nichts, was Ihnen paßt. Hatte ich auch nur einen einzigen guten Rock von Ihnen erhalten, so sollte er Ihnen jetzt zu Diensten stehen.« Die beschämte Stephanie gelobte sich im Stillen, solche Vorwürfe nicht mehr zu verdienen, und künftig auch den Genuß, den Wohlthätigkeit gewährt, sich zu verschaffen. Endlich stieg die ganze Familie wieder in den Wagen. In dem Augenblicke, wo Adele Platz in demselben nahm, küßte F ra nz iSka ihr die Hand, deutete auf die grünen Schuhe, die sie mit so großem Vergnügen ihr wieder angezogen hatte, und sagte: «Sie geben sie mir doch wieder? Denn diesen Schuhen verdank' ich mein Glück und meines Vaters Genesung.« Man sagt, als diese Anekdote in Paris bekannt geworden, haben alle Damen um die Wette grüne Schuhe getragen, und sie Franziska-Schuhe genannt. Jahrg.H. Geschichtchcn für meine Tochter. Der indische Shawl. c»E->ie Leute noch den Kleidern beurtheilen, ist ein Irrthum, der uns oft verleitet, den besten Menschen die gebührende Achtung zu versagen, hingegen an Unwürdige sie zu verschwenden. Diese Wahrheit wollte Se da ine einprägen, da er seine»Epistel an mein Kleid« schrieb, ein Muster von Natürlichkeit und Moral. Forlis, ein angesehener Beamter im Kriegs-Departement, wurde vom Staate wegen seiner Dienste, und vom Publicum um seines gefälligen Charakt-rs willen hoch geachtet. Besonders in Kriegszeiten fand er oft Gelegenheit, seine trefflichen Eigenschaften zu entwickeln, und ließ keine dieser Gelegenheiten unbenutzt. Kaum erwachte er des Morgens, da füllte sich sein Zimmer schon mit den Verwandten und Freunden aller wackern Krieger, die im Felde standen, und von welchen, nach einer großen Schlacht, sie Erkundigung einzogen. Hier eine weinende Gattinn, forschend, ob ihr Mann noch lebe? Dort eine bleiche, zitternde Mutter, fragend, ob ihr Sohn, die einzige Stütze ihres Alters, ein Opfer seines Muthes geworden? Dort zwey Schwestern, die, gleich schüchternen Tauben, sich aus dem Gedränge hervor wagen, um von einem geliebten Bruder Nachricht einzuziehen, der im Treffen sich rühmlich ausgezeichnet. Kurz, bis zu dem Augenblicke, wo Forlis seine Wohnung verließ, noch auf der Treppe und an der Pforte, wimmelte es von Menschen jedes Standes, die ihn wie einen Vater 123 befragten, oder seinen Rath sich ausbathen. Allen antwortete er tröstend und freundlich. Wenn der, nach dem geforscht wurde, noch lebte, so theilte er herzlich die Freude des Fragenden; war einer auf dem Bette der Ehre geblieben, so schwieg er seufzend, und half, wo er konnte, dem Unglücklichen, den sein Schweigen betrübt hatte. Viele kamen auch wohl in seiner Abwesenheit, dann wurden sie von Palmiren, seiner einzigen Tochter, empfangen, die, was sie von ihrem Vater erfahre», ihnen gern wiederholte; allein Jedermann bemerkte mit Unmuth, daß ihr Empfang sich nach der Kleidung des Anfragenden richtete. Einfach gekleidete Personen behandelte sie mit Gleichgiltigkeit, schlecht gekleidete ließ sie kaum ein Mahl herein treten, gab ihnen nur unbestimmte Auskunft, und verbitterte auch diese noch durch den Ton des Uebermu- thes. Ganz anders benahm sie sich gegen solche, die elegant oder gar prächtig gekleidet erschienen; besonders wenn ein Frauenzimmer einen indischen Shaw! oder einige Diamanten trüg, so war Palmire an Höflichkeiten unerschöpflich, both selber einen Stuhl, nöthigte sie neben sich auf den Sopha, und ertheilte die begehrten Antworten weitläufig, mit der verbindlichsten Anmuth. Ihr Vater, der diese Thorheit oft bemerkt harte, beschloß, durch einige Prüfungen sie davon zu heilen. Eines Tages, als Palmire, inForli's Abwesenheit, einen großen Cirkel um sich hatte, zeigte sich auch ein Greis mit schneeweißem Haupte in ziemlich abgetragenem Rocke an der Thür, obgleich die Bedienten ihm den Zutritt versagt hatten. Mit niedergeschlagenen Augen trat er näher und sprach noch kein Wort.»Warum läßt man alle Welt herein?« rief Palmire mit rauher Stimme ihren Leuten zu. Dann wandte sie sich mir Geringschätzung gegen den schüchternen Alten, setzte sich und fragte, ohne ihn ein Mahl anzusehen:»Was wollt Ihr,, 124 mein Freund? sagt geschwind, denn ich habe keine Zeit.— Nun so redet doch! was begehrt Ihr?« »Ach, mein schönes Fraulein!« antwortete der Unbekannte, immer noch bey der Thür sich haltend, ich wünschte Nachrichten von dem braven Marschall zu erfahren, der jetzt unsere Armee in Pohlen commandier, und der, wie man sagt, im letzten Treffen verwundet worden.«»Er befindet sich besser,« antwortete Palmire sehr nachlaßig.»Seyd Ihr Einer von seinen Leuten?« fügte sie hinzu, indem sie ihn vom Kopfe bis zum Fuße maß. »Ja, mein schönes Fraülein, ich bin so glücklich, ihm anzugehören.«—»S-'in Thürsteher vielleicht?« »Nein.«—»Oder ein alter verabschiedeter Bedienter?« —»Auch nicht. Der Herr Marschall hat nie Jemand verabschiedet.«—»Ach, ich errathe. Man hat mir gesagt, daß er ingehenn den Armen wohl thue. Vermuthlich seyd Ihr Einer von diesen?«—»ES istwahr,« versetzte der Unbekannte mit einem Lächeln, das ihm wider Willen entschlüpfte,»der Herr Marschall ist die Hoffnung und der Trost meines Alters.« Bey diesen Worten sah er die unbescheidene Fragermn starr an. EtwaS höflicher fuhr sie fort:»Solltet Ihr wohl gar zu des Marschalls Fannlie gehören?«—»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich so glücklich bin, ihm anzugehören.«—»Doch nur von Weitem?«—»So nahe, als nur immer möglich.«—»Wie? Sie waren?«-—»Sein Vater, mein schönes Fräulein.« Palmire, wie vom Blitz getroffen, rief stammelnd: »Mein Gott! so hätte ich die Ehre, den Herrn Grafen von Argen teuil bey nur zu sehen? ich bitte, setzen Sie sich, und entschuldigen Sie meinen Mißgriff. Aber wie konnte ich auch glauben— in dieser Kleidung— mit diesem bescheidenen Tone—« »Bescheidenheit, Mademoiselle, ziemt jedem Alter, jedem Stande. Ich bin es so müde, um der reichen Kleidung willen geehrt zu werden, die ich gewöhnlich trage, daß es mir zuweilen Spaß macht, 125 zu versuchen, was ein großer Herr werth ist, wenn man ihm alle die äußern Unterscheidungszeichen nimmt. Allein ich glaubte sicher, wenn ich m dreser Trachr mich dem Fräulein Forlis darstellte, daß ich eines gütigen Empfanges mich würde rühmen dürfen. Doch ich sehe, daß ich lästig werde—« »Ganz und gar nicht, Herr Graf, ich versichere—«—»Doch, doch. In Ihren schönen Zügen ist eine Verlegenheit, und etwas Peinliches zu lesen. Ueberdieß haben Sie mir gesagt, Sie hätten keine Zeit. Ich wünschte nur wegen meines Sohnes beruhigt zu werden, und gehe, überzeugt, daß Ihr Herr Vater keinen bessern Dollmetscher wählen konnte, sowohl uin die Glücklichen zu erfreuen, als um Hie Unglücklichen zu trösten.« Mit diesen Worten, die von einem etwas boshaften Lächeln begleitet wurden, entfernte sich der alte Graf von Argenteuil, und ließ Palmir en um so beschämter und verwirrter zurück, daß sie befürchten mußte, daß diese seltsame Scene bis zu den Ohren ihres Vaters gelangen möchte, der sie ihr schwerlich verzeihen würde. Schon waren ernste Betrachtungen in ihr entstanden über die böse Gewohnheit, nur nach dem Aeußern zu urtheilen; schon faßte sie den Vorsatz, einen Fehler abzulegen, der ihr Demüthigung und Reue zugezogen, als ein Bedienter beyde Flügel der Saalthür öffnete, und eine junge, ziemlich hübsche Dame herein treten ließ, deren Asußeres und Benehmen eine Frau von hohem Stande anzukündigen schien. Ein reiches, elegantes Negliges schloß sich an den schlanken Leib; ein ama- ranthfarbner Hut mit einem schönen, englischen Schleyer bedeckte das braune, lockige Haar, und besonders zeichnete sich ein schwarzer, indischer Shawl von hohem Werthe aus, den sie nachläßig über die Schultern geworfen.»Ein so kostbarer Shawl,« sagte Palmire sich leise,»kann nur einer Frau von Stande angehören, vielleicht gar eine Dame von L26 Hofe.«—»Sollte Herr Forlis schon ausgegangen seyn?« rief dre schöne Unbekannte im Hereintreten: »Das ist grausam! das ist entsetzlich! warum hab' ich denn meine Pferde halbtodt gejagt?« »Wollten Sie die Gewogenheit haben, sich nieder zu lassen?« sagte Palmire, sie zum Sopha führend,»vielleicht könnte ich in Abwesenheit meines Vaters so glücklich seyn, Ihnen die gewünschten Nachrichten mitzutheilen.« »Mein Gott! ich brenne vor Ungeduld, zu hören, wie es unserm lieben Marschall geht, der in Pohlen commandlrt? Ist seine Wunde gefährlich? am linken oder rechten Arme? wird es mit der Heilung langsam gehen? dürfen wir uns schmeicheln, ihn bald wieder zu sehen?« »Ohne Ihre Wünsche ganz befriedigen zu können,« antwortete Palmire ehrfurchtsvoll,»so kann ich doch versichern, daß des Herrn Marschalls Leben außer Gefahr ist.«—»Sie erfreuen mich, Sie entzücken mich, Mademoiselle! Der brave Marschall! er hat so viel Ruhm erworben— er ist mir so theuer!« —»Madame ist sonder Zweifel mit dem Herrn Marschall verbunden?—«—»Durch die heiligsten Bande, mein schöner Engel!«— Vielleicht gar die Frau Marschallinn selbst, mit der ich die Ehre habe zu reden?« sagte P a lm i re, indem sie ein Fußbankchen der Unbekannten unterschob.»Nein, mein schönes Kind, ich bin nicht des Marschalls-Gattinn; ich bin nur von Kindheit auf mit seiner Gemahlinn durch die innigste Freundschaft verbunden. Wir wohnten in Einem Hause. Wir sahen uns zu jeder Zeit des Tages, und sie begreifen wohl, daß, wenn man sich so an einander gewöhnt—- Besitzt Herr von F o r- lis außer Ihnen keine Kinder?«—»Keine, Madame.«—»Er hat Sie wohl recht lieb?« sie faßte bey diesen Worten Palmiren ganz vertraulich unter das Kinn.»Auf Ehre! man kann nicht liebenswürdiger seyn, sich nicht anständiger benehmen.« 127 »Wie könnte man die gebührende Ehrfurcht Personen von Ihrem Stande versagen?«—»Sobald ich Ihren Vater sehe, werde ich ihm Glück zu einer solchen Tochter wünschen. Er kommt oft zu uns. Sie müssen ihn begleiten, mein schöner Engel, ich werde Sie dem alten Grafen Argenteuil vorstellen.« »Er war eben hier in derselben Absteht, in der Madame gekommen.—»Sonder Zweifel haben Sie ihn Mit der Verbindlichkeit empfangen, die Ihre Reize so sehr erhöht. Sicher war er entzückt von Ihnen.« Palmire erröthete und schwieg.»Aber mem Gott! ich vergesse ganz, daß die Baroninn Armentiere, meine Freundinn, mich in Bagatelle erwartet. Ich gab ihr gestern ein Rendezvous bey dem russischen Gesandten. Ich verlasse Sie, mein schöner Engel. Fahren Sie fort, Jedermann so liebreich und höflich aufzunehmen, als mich, so werden Sie sich unzählige Freunde erwerben.« »Madame, ich weiß, was ich Jynen zchulmg bin—»Genug. Sie kommen mit Ihrem Vater zu uns, nicht wahr? Sie sollen herrliche Mustk hören. Wir wollen Sie in unserm Wagen mit ins Gehölz von Boulogne und in die Oper nehmen; kurz, wir wollen Ihnen die Zeit vertreiben. Noch heute melde ich Sie bey meiner Freundinn, der Marjchal- linn, und sage ihr alles das Gute von Ihnen, das ich denke. Aber ich bitte, gehen Sie nicht welker.« »Erlauben Sie, Madame, daß ich Sie bw zu Ihrem Wagen begleite.« »Ich bin nicht im Stande, mich dem zu wider- setzen/ weil iH dadurch das Vergnügen, Sie zu sehen, ein wenig langer genieße. Auf Wiedersehen, Mademoiselle. Auf Ehre! man kann die Honneurs nicht besser machen^ als Sie: man kann nicht anstatt- diger, nicht liebenswürdiger seyn.« Mit diesen Worten stieg die Unbekannte m einen Wagen, der wirklich des Mar>challs Wapen t-rug, und verschwand aus Palmirens Augen, die 128 freudetrunken zurück in ihr Zimmer kam, und recht sehr entschlossen war, der ehrenvollen Einladung, die sie erhalten, Folge zu leisten.»Wie einnehmend wissen diese Damen von Stande sich zu betragen,« sagte^sie zu sich selber;»nur sie haben einen so richtigen Tact für alles Anständige, bedienen sich oft aufmunternder Vertraulichkeiten— es geht doch nichts über den Hof! Harre eine Andere mir unter dasKinn gefaßt, ich würde es übel genommen haben; aber bey einer Frau von Stande— o da ist es ein Zeichen der Gunst, auf welches man mir Recht stolz seyn darf.« Als Palmire sich noch so brüstete, und schon im Geiste im Gehölz von Boulogne in des Marschalls Wagen spazieren fuhr, der Oper in des Marschalls Loge beywohnte, kam Forlis zur gewöhnlichen Stunde zum Essen nach Hause. Palmire erzählte ihm Alles, was in seiner Abwesenheit vorgegangen, nahn, sich aber wohl in Acht, von der Aufnahme zu sprechen, die der alte Graf von Arg e» t e u i l bey ihr gefunden. Von diesem sprach ihr Vater mit der höchsten Ehrfurcht und Bewunderung.»Ich kenne,« sagte er,»in Paris keinen großen Herrn, der so treffliche Eigenichaften deö Geistes und Herzens besäße. Jeden Morgen wandelt er schlecht gekleidet umher, sucht die Armen in ihren Dachkammern auf, und hilft ihrer 3uoth ab. Abends ist er,die Seele der glänzendsten Gesellschaften. Er ist eben so reich an Kenntnissen, als an Bescheidenheit. Seit vierzig Jahren beehrt er mich mit seiner Freundschaft. Seinem mächtigen Einfluß verdanke ich meinen Posten und mein ganzes Glück.« Jedes dieser Werte mehrte Pa lmi re n s Verlegenheit. Von nun an glaubte sie in jedem Menschen, der zu ihrem Vater kam, einen Mann von Stande zu erblicken, und empfing Alle ohne Unterschied mit der verbindlichsten Anmuth. Wenige Tage nachher empfing sie von, Grafen d'Argenteuil eine Einladung, mit ihrem Vater bey ihm zu speisen. Sie erschrak; sie fürchtete, es könne von ihrem albernen 129 Betragen gegen den ehrwürdigen Alten die Rede seyn. Um das zu vermeiden, bath sie ihren Vater, allein dahin zu gehen, vorschützend, sie sey noch zu wenig in der großen Welt gewesen und werde sich da nicht zu benehmen wissen. »Du kannst die Ehre nicht ausschlagen,« sagte Forlis,»die der Graf Dir erzeigt: Du verdankst ihm vielleicht mehr, als Du glaubst, und wich würdest Du sehr betrüben, wenn Du nicht hingingest.« Diese Worte waren ein Befehl für Palmiren. Sie kleidete sich außerordentlich sorgfältig, und faßte Muth, hoffend, der großmüthige Greis werde verschweigen, was unter ihnen vorgegangen; hingegen schmeichelte sich schon ihre Einbildungskraft mit allen den schönen Dingen, welche die vornehme Unbekannte ihr versprochen. Ais sie in den Saal trat, fand sie den alten Grafen in denselben Kleidern, die er trug, da sie ihn zum ersten Mahl sah. Dieser Umstand erregte ihr ein gewaltiges Herzklopfen; allein der Graf ermuthigte sie, indem er zu ihr trat, und mir einem freundlichen Lächeln sagte:»Entschuldigen Sie mich, mein Fräulein, daß ich Sie in meinem Morgenkleide empfange, aber ich habe mir eingebildet, daß der alte Vater eines tapfern Reichsmarschalls in Ihren Augen keines Schmuckes bedürfe.« Einen Augenblick nachher trat seine Schwiegertochter, die Marschallinn, herein, welcher er den Herrn von Forlis, als seinen alten, würdigen Freund, vorstellte, und dessen Tochter ihrer Gewogenheit empfahl. Diese Dame zeichnete sich bey Hofe eben so sehr durch Schönheit als durch Talente aus. Die Unterhaltung entspann sich. Wahrend derselben sah Palmire sich sehr oft nach der schönen Unbekannten um, die sich eines so ehrfurchtsvollen Empfanges von ihr zu erfreuen hatte. Indessen wurde berichtet, daß aufgetragen sey, und man setzte sich zur Tafel. Als auch hier die Vermißte noch nicht er- 130 schien, konnte Palmire sich nicht enthalten, die Marschallinn zu fragen, ob ihre Freundinn abwesend oder krank sey? »Von welcher Freundinn reden Sie, Mademoiselle?«—»Von der, die von Kindheit auf mit Ihnen verbunden ist, und mich neulich hoffen ließ, daß ich die Ehre haben würde, sie hier anzutreffen.«—»Sie ist noch auf ihrem Zimmer,« sagre der Graf von Argenteuil, indem er seiner Schwiegertochter einen Wink gab,»sie ist gewohnt, sich nie eher anzukleiden, bis die Marschallinn mit ihrer Toilette fertig ist, und meistentheils erscheint sie erst beym Desert.« Palmiren war das ein Räthsel, und die Marschallinn begriff, trotz der Winke ihres Schwiegervaters, eben so wenig davon. Aber die Erklärung blieb nicht lange aus; denn als der Caffeh servirt werden sollte, erschien eine Kammerfrau mit der Caf- fehkanne in der Hand, und in den nähmlichen Kleidern, in welchen sie bey Forlis war. Pal mirs stand in der tiefsten Beschämung da. Der Graf bekannte ihr nun, daß er, mit Zustimmung seines alten Freundes, die Täuschung veranstaltet, um sie von einem Fehler zu heilen, der ihre vielen liebenswürdigen Eigenschaften entstelle. Die Marschallinn erfuhr jetzt, daß ihre Kammerfrau, in ihrem Wagen und mit ihren Kleidern ausstaffirt, die ihr aufgetragene Rolle gespielt. Man lachte herzlich. Das niedliche Kammermädchen bath tausend Mahl Palmiren um Verzeihung, daß sie mit Hilfe des indischen Shawls die vornehmeDame gespielt und ihre Güte mißbraucht habe. Forlis dankte dem Grafen auf das lebhafteste für die treffliche Lehre, die er seiner Tochter gegeben. Die verspottete Palmire erinnerte sich mit Verdruß des Fußbankchens, welches sie einer Kammerfrau untergeschoben, und am empfindlichsten war es ihr, daß sie sich von dieser Person hatte unter das Kinn fasten lassen. Doch bald gewann ihr besserer I3l Geist die Oberband. Sie lachte mit, umarmte ihren Vater und selbst den alten Grafen, und überzeugte sich für i-mmer, daß man die Leute nicht noch den Kleidern beurtheilen muß, und daß— da eine Höflichkeit zu viel nie schaden kann, wohl aber eine zu wenig— man am besten thut, gegen Jedermann sich artig und verbindlich zu betragen. Der Strauß von Kirschen -»v^adame Clinville, die Witwe eines Notarius, führte am ersten May ihre fast vierzehnjährige Tochter in die Tuillerien, um FrühlingSluft zu schöpfen und Blüthenduft einzusaugen. Als sie durch das kalais rockst gingen, erblickte E»> meline(so hieß die Tochter) in einer von jenen Buden voll Speisewaaren, wo man jederzeit das Seltenste und Frühzeitigste findet, einen Strauß von Kirschen, der so niedlich und anlockend war, daß sie sich nicht enthalten konnte, ihrer Mutter ein Verlangen nach diesen Kirschen zu bezeigen, ob sie gleich wohl wußte, daß sie um diese Zeit sehr theuer seyn würden. Madame Clinville, die ihrer sonst sehr genügsamen Tochter nie etwas abgeschlagen harte, kaufte die theuern Kirschen, und setzte ihren Weg mach den Tuillerien fort. Nachdem Mutter und Tochter in den schönen Alleen dieses wahrhaft zauberischen Aufenthaltes eine Zeitlang herum spaziert, setzten sie sich auf Stühle unter den großen Kastanienbaumen. Es war kaum zehn Uhr Morgens, wo es gewöhnlich noch sehr leer dort zu seyn pflegt, so passend auch die Stunde zum Lustwandeln seyn mag; denn die Pariser eleganten Damen scheinen überein gekommen zu seyn, nie vor drey oder vier Uhr hin zu gehen, und zwar in einem Negliges, welches andeutet, daß sie eben erst aus dem Bette kommen, und die Sonne heute zum ersten Mahle sehen. Auch dieß Mahl fand Madame Clinville sehr wenige Spaziergän- !33 ger. Nur eine einzige Dame fiel ihr auf, die noch schön war, und deren Aeußeres eine Person von Stande verrieth. An ihrer Seite ging ein junges Mädchen, ungefähr von gleichem Alter mit Emmeli- nen, weiß gekleidet und das»redliche Gesicht unter einen kleinen grünen Hut versteckt, den eine Guirlande von weißen Maasliebchen zierte. Beyde setzten sich neben Madame Clinville. Der Strauß von Kirschen zog die Blicke der jungen Unbekannten auf sich, und sie bezeigte ihrer Begleiterinn ein großes Wohlgefallen daran. Das Verlangen, den Strauß zu besitzen, mahlte sich deutlich in ihren Augen, in allen ihren Bewegungen, sie näherte sich Emmelinen nach und nach, und endlich sagte sie mit großer Anmuth zu ihr:»Sie haben da einen köstlichen Strauß, Mademoiselle: er gleicht ihnen an lieblicher Fülle.« »Das möchte eher von ihnen gelten,« antwor- tete Madame Clinville,»denn wenn man unter ihren grünen Hut schaut, so glaubt man eine Maykirsche zwischen Blattern zu sehen.« »Am meisten wundere ich mich,« fuhr die junge Unbekannte fort,»daß Mademoiselle»och immer der Versuchung widerstanden hat, die appetitlichen Kirschen zu essen.« »Sie sind ein Geschenk meiner Mutter,« sagte Emmeline bescheiden,»und sie sind noch so selten, daß ich nur vorgenommen habe, sie nicht allein zu genießen. W-nn Sie mir das Vergnügen machen wollen, mit zu essen— was man besitzt, gewinnt doppelten Werth, wenn man'das Glück hat, es zu theilen.« Diese letzten Worte, die Emmeline mit dem rührendsten Ausdruck sprach, machten auf das junge Mädchen einen lebhaften Eindruck. »Wie könnte man der Grazie widerstehen,« sagte jetzt die Begleiterinn,»die vom Gefühl verschönert wird.« Zugleich gab sie ihrer Kleinen einen billigenden Wink, worauf diese die erste Kirsche von dem 131 niedlichen Strauße pflückte. Emmeline pflückte die Zweyte und brachte sie ihrer Mutter. Dasselbe that die Unbekannte mit der'dritten gegen ihre schöne Begleiterinn. Dann wurde wechselweise eine Kirsche um die andere abgelöst, und bald waren nur die Blätter übrig. Es entspann sich ein Gespräch. Madame Clin- ville suchte durch allerley geschickte Wendungen den Nahmen des niedlichen grünen Hutes zu erfahren, da sie aber merkte, daß die Dame der Kleinen einen Wink gab, incognito zu bleiben, so drang sie auch nicht weiter in sie. Man begnügte sich mit gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen, und man trennte sich endlich mit der gegenseitigen Aeußerung des Vergnügens, welches die unvermuthete Zusammenkunft beyden Theilen gewährt hatte. Beym Nachhausegehen bemerkte Madame Clin- ville, daß ein Bedienter in rother Livree ihr folgte, und zuletzt die Nummer ihrer Wohnung sich einzuprägen schien. Mutter und Tochter schloffen daraus, daß die unbekannte Dame zu wissen wünschte, mit wem sie gesprochen, ob sie gleich jede Kunde von sich selber sorgfältig verheimlichten. Mehrere Wochen verstrichen. Madame Clinville dachte schon nicht mehr an das Abenteuer der Tuillerien, als eines Morgens— sie saß eben beym Frühstück mit Ein» melinen und Gustav, ihrem einzigen Sohne, einem siebzehnjährigen Jüngling und Zögling der polytechnischen Schule, der Hauswachter herein trat, mit einer trefflichen Ananas und einem Billet an Emmelinen, welches also lautet:»Man schenkte mir so eben zwey Ananas. Erlauben Sie mir, Ihnen Eine davon anzubiethen, und erinnern Sie sich dabey der schönen, von Ihnen selbst gesprochenen Worte: Was man besitzt, gewinnt doppelten Werth, wenn man das Glück hat, es zu theilen.(Unterzeichnet) Der kleine grüne Hut.« 135 Vergehens befragten Madame Clinville und ihre Kinder den Hauswächter, wer das Billet gebracht habe?— Em Unbekannter, behauptete er, der die Frucht sammt dem Billet schweigenv in seinem Stübchen abgelegt habe, und verschwunden sey. Emmeline theilte die Tsnanas, die sie als eine gerechte Vergeltung für die Kirschen betrachtete, mit Mutter und Bruder, trug aber fortwährend ein großes Verlangen, die geheimnißvolle Dame kennen zu lernen. Einige Zeit nachher trat der Hauswächter übermahl herein, dieses Mahl mit einen! kostbaren Porzellan-Gefäß, in welchem ein kleiner Orangenbaum in voller Blüthe stand; dabey folgendes, an Em- melinen gerichtetes Billet:»Vorgestern an meinem Nahmenstage, dem Feste der heiligen Chlotilde, schenkte man mir zwey ganz gleiche Orangenbäum- chen, deren Eines ich Ihnen übersende. Denn was inan besitzt, gewinnt doppelten Werth, wenn man das Glück hat, es zu theilen.« Dieß neue Geschenk war von demselben Unbekannten überliefert worden, der die Ananas brachte. Der Hauswachter hatte ihn vergebens auszufragen gesucht. »Soll ich denn nre erfahren,« rief Em m e lrn e, »wer diese reizende Chlotilde mit dem grünen Hute gewesen?« »Laß mich nur machen,« sagte ihr Bruder, »ich will ihr schon auf die Spur kommen. Beschreibe sie mir nur so treu als möglich.« Das that Emmeline, und entwarf eine so reizende Schilderung, daß Gustav meinte, wenn er sie entdecken sollte, so werde seine Mühe durch ihr bloßes Anschauen reichlich vergolten werden. Er strengte alle Kräfte an, um der Schwester Wort zu halten. Auf allen öffentlichen Spaziergangen, in allen Theatern u. s. w. suchte er die reizende 136 Unbekannte, allein umsonst, nicht die mindeste Spur von ihr konnte er entdecken. Einen Monath später fand Emmeline, als sie vom Spaziergange heim kam, auf ihrem Arbeitstische ein Körbchen von weißem Tastet mit Sti- ckereyen verziert, welches, nach Aussage des Kammermädchens, ein hartnäckig schweigender Bedienter gebracht hatte. Emmeline muthmaßte sogleich, daß es abermahls ein Gesandter der liebenswürdigen Chlotilde sey, öffnete das Körbchen, und fand es mir Zuckerwerk aller Art angefüllt; oben darauf ein Billet, worin die Geberinn meldete, sie habe zu Gevatter gestanden, und sey mit dergleichen Dingen so überhäuft worden, daß sie also- bald wieder des Denkspruches sich erinnert habe, der ihr nie aus dem Gedächtniß kommen werde. Wirklich waren Emmeltnens Worte in goldenen Buchstaben und mit einem Klrschenzweig umgeben, auf das Körbchen gestickt. So angenehm auch die kleine Familie durch diese abermahlige Erinnerung sich überrascht fand, so schien es doch, daß ihre Delicatesse ein wenig darunter litt, so viele nahmenlose Geschenke zu empfangen, obschon sie auf die zarteste Weise dargebothen wurden. Indessen machte Emmeline und ihr Bruder sich doch kein Gewissen, das Zuckerwerk zu verzehren. Doch wie groß war ihr Erstaunen, als sie den Bodem des Körbchens erreichten und da ein halbes Dutzend reiche Fächer, sechs Dutzend Paar Handschuhe und einen herrlichen indischen Shawl fanden. »Das darf ich nicht tragen,« rief E m meli- ne,»ohne die Geberinn zu kennen. Das ist eine zu reiche Vergeltung für meine Kirschen.« »Ich billige Deine Delicatesse,« sagte die Mutter.»Offenbar sind die schönen Unbekannten im Range und an Glücksgütern uns so weit überlegen, daß wir es ihnen nicht gleich thun können, und ein Aus- 137 lausch von Geschenken darf nur unter Personen gleiches Standes geschehen.« Es wurde folglich beschlossen, den kostbaren Shawl zu verschließen, bis man ihn der Geberinn wieder zustellen könne. Selbst der Fächer und Hand» schuhe wollte Ein ineline sich nicht bedienen, sie wurden in dem eleganten Körbchen verwahrt, und bloß das Zuckerwerk nicht verschmäht. Gustav, indem er treulich es verzehren half, faßte aufs Neue den Vorsatz, den allerliebsten grünen Hut auszuspähen, der ihm das lebhafteste Interesse einflößte. Aber ferne erneuerten Nachforschungen blieben fruchtlos, wie die ersten, und vergebens lief er jedem grünen Hure in ganz Paris nach, nie fand er darunter das Original zu de>n von seiner Schwester entworfenen reizen» den Gemählde. Emmeline hatte einen andern Einfall. Sie schrieb ein Billet, welches sie dem Hauswächter mit dem Befehl einhändigte, im Fall abermahls ein Geschenk gebracht würde, es dem Ueberbringer mitzugeben. Es war überschrieben:»An den allerliebsten grünen Hut,« und lautete wie folgt: »Wenn die Zartheit Ihrer Gesinnungen den Rei» zen Ihrer Gestalt entspricht, so werden S:e meinen Entschluß nicht mißbilligen, Ihrer Geschenke mich nicht zu bedienen. Sie liegen in Verwahrung bey meiner Mutter, die es gleich mir schmerzlich empfindet, daß Sie das Jncognito so hartnäckig beobachten. Emmeline von Clinville.« Das Billet blieb nicht lange in des Hauswächters Händen, denn schon zwey Tage nachher wollte ein Unbekannter ihm ein Paket abgeben, und wie gewöhnlich entschlüpfen. Allein der Hauswächter, vormahls Soldat und noch wohl bey Kräften, erwischte ihn beym Kragen und rief E m m e l l n en s Bruder mit großem Geschrey herab. Gustav kam, Mutter und Schwester folgten ihm auf dem Fuße. Aber weder Bitten, noch Drohungen, noch Bestechung konnten Jahrg. H. Geschichtchen für meine Tochter. 12 138 den braven Kerl verleiten, das Geheimniß zu verrathen. Er blieb bey der Aussage, daß er das Paket van einem alten Bedienten in rother Livree empfangen, der ihm für seine Mühe einen Thaler gegeben. Das Einzige, wozu er sich verstand, war das Versprechen, Emmelinens Billet richtig zu bestellen. Er ging. Man war doch neugierig, den Inhalt des Pakets zu wissen, welches von größerem Umfang, als alle die vorigen, war. Gustav selbst löste sehr geschäftig die darum gewickelte Leinwand, und siehe, es enthielt eine glänzende Uniform eines Artillerie- Osfiziers, und einen kostbaren Säbel, an welchen ein Taschenbuch von rothem Saffian befestigt war, in dem folgende Zeilen lagen:»Der Kriegsminister, mem Verwandter, pstegt mir alle Jahre an meinem Geburtstags ein Offizier-Patent zu verwilligen, für denjenigen auS meiner Familie oder unter meinen Freunden, der sich dessen würdig gemacht hat. Ich bitte Sie, das beyfolgende für Ihren Herrn Bruder anzunehmen, als eine wohlverdiente Belohnung seines Fleißes in der polytechnischen Schule. Wenn er, wie ich nicht zweifle, ein Held wird, so fordere ich weiter nichts von ihm, als daß er die Werte: was man besitzt, gewinnt doppelten Werth, wenn man das Glück hat, es zu theilen, zu seinem Wahlspruch mache.« Gustav glaubte zu träumen. Seine feurigsten Wünsche, deren Erreichung aber noch fern schien, erfüllte plötzlich eine schöne Unbekannte, und auf die zarteste Weise. Das Patent enthielt zugleich den Befehl, sich binnen acht Tagen bey dem angewiesenen Regiments Anzufinden. »Und ich sollte abreisen, ohne meine Wohlthäterinn zu kennen? ohne ihr danken zu dürfen?« »Es gibt ein Mittel!« riefen Mutter und Tochter, die Augen in süßen Thränen gebadet.»Wir wollen uns»och heute zu der Audienz des Kriegs- Ministers begeben und von ihm werden wir erfahren.«— 139 »Recht,« sagte Gustav,»wir gehen Alle zusammen.« Er legte sogleich die Uniform an, die, zu seiner großen Verwunderung, ihm vollkommen paßte, Emmeline kleidete sich sorgfältig, schon nach einer Stunde befanden sie sich bey dem Kriegs-Minister, der sie sehr freundlich empfing, und da er glaubte, sie wüßten Alles, ganz treuherzig sagte:»Indem ich der dringenden Bitte der Mademoiselle St. Leon nachgegeben, habe ich bloß ihrem interessanten Schützling Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich lese in seinen Blicken, daß er uns Ehre machen wird.« Die Familie dankte ehrerbiethig und entfernte sichf»Mademoiselle de St. Leon!« wiederholte G u- stav tausend Mahl.»Sonder Zweifel die Tochter des berühmten Generals dieses Nahmens,« sagte Madame Clinville,»der durch seine Thaten eine Stütze des Thrones und ein Günstling des Monarchen geworden. Wir müssen zu erfahren suchen, wo er wohnt, und sogleich uns hinbegeben.« Sie gingen zu dem ersten besten Buchhändler, um in dem Hof-Kalender des Generals Adresse zu finden. Er wohnte in der Vorstadt St. Honore, neben den elysäischen Feldern. Sie eilten dahin, und ließen bey Mademoiselle de St. Leon sich melden. Sie erschien, mit demselben grünen Hute auf dem Kopfe, und von derselben Dame begleitet, die sie ihre Tante nannte. Hastig umarmte sie Emmeline, und bath sie um Verleihung wegen des Jncognito, durch welches deren Delicatesse verwundet worden. »Aber,« fügte sie mit unbeschreiblicher Anmuth hinzu:»ich mußte sa wohl Sie stufenweise vorbereiten, die Beweise der Gesinnungen zu empfangen, welche Sie mir eingeflößt haben. Es gelang mir, Ihren Lieblingswunsch auszuspähen, nähmlich den, Ihren Herrn Bruder als Offizier in den Schranken der Ehre zu erblicken, und ich eilte, in Abwesenheit meines Vaters, der sich bey der Armee befindet, diese tz I4Y Gunst auszuwirken, die eigentlich nicht ich, sondern die Zeugnisse seiner Lehrer ihm errungen haben. Ich schätze mich glücklich, daß ich Ihnen beweisen konnte, wie tief Ihre Worte, als Sie die schönen Krrschen mit mir theilten, sich in mein Herz gegraben haben.« Mutter und Tochter drückten das liebenswürdige Mädchen an die Brust, und mit kriegerischem Feuer schwur Gustav, in Jahr und Tag das Kreuz der Ehren-Legion zu tragen. Die Familie sollte zur Tafel bleiben.»Wenn man Glückliche gemacht har,« sagte die wackere Tante,»so wünscht man sie auch so lange als möglich um sich zu sehen.« Die Einladung wurde angenommen. Nur eilten Madame Clinville und ihre Tochter zuvor nach Haufe, um sich umzukleiden. Dann erschienen sie in denselben Kleidern, die sie in den Tuillerien bey der ersten Zusammenkunft mit der schönen Chlotilde trugen, doch hatte Emmeline sich mit dem indischen Shawl geputzt und hielt in ihrer Hand einen der geschenkten Fächer, eme Aufmerksamkeit, welche von der Mademoiselle de. St. Leon zart empfunden wurde. Diese fand, als man sich zu Tische setzte, unter ihrer Serviette einen kleinen Ring von drey Diamanten, inwendig die Worte eingegraben: Pfand der ewigen Dankbarkeit. Sie steckte ihn sogleich an den Finger, und versprach, sich nie davon zu trennen. Die beyden holden Mädchen wurden die vertrautesten Freundinnen, und wiederholten noch oft unter sanften Liebkosungen die wahren, von jeder schönen Seele tiefempfundenen Worte: Was man besitzt, gewinnt doppelten Werth, wenn man das Glück hat, es zu theilen. Inhalt. Seite Vorrede-g Einleitung^ Der Staar ro Das Körbchen mit Erdbeeren ig Der kleine schwarze Hund ,g Die beyden Rosenstrauchs«H Der verfehlte Ball ,7 Der Strohhut zz Das umgeworfene Cabriolet 38 Der kleine Savoyarde HZ Die Haarwickel Es ist gefährlich, an den Thüren zu horchen.. S7 Der Großvaterstuhl 63 Die beyden Uhren. 6g Die Pocken 7Z Das gestickte Kleid 83 Das Testament g, Die beyden Käfige 102 Der Baumstamm ,oZ Die grünen Schuhe 116 Der indische Shaw! 122 Der Strauß von Kirschen........ ,3» ' ' I n Anton Mausberger's Verlage, in der großen Schulerstraße, an der Ecke der Grünangergasse Nr. 85o, ist erschienen und zu haben: Religion und Tugend, die Leitsterne zur inneren Zufriedenheit in dem menschlichen Leben und zum Heile. Eine Sammlung neuer Erzählungen, lehrreichen, religiösen und moralischen Inhaltes, zunächst für die Jugend, aber auch für die Erwachsenen, die nach Glückseligkeit streben. Von L. Chimani. In zwölf Bündchen, mit dem wohl- getroffenen Bildnisse des Verfassers und eilf schönen Kupfern, gezeichnet vom Professor Herrn I. Schindler, gestochen von den berühmten Künstlern Herrn L. Bayer und Herrn M. Hofmann. Preis mit eilf schön illuminirten Kupfern im prächtigen Prämien-Einbande: 6 fl. 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Mit einem illuminirten Kupfer, steif im schönen Einbande: 48 kr. C. M. M I /I ,-O X W -. ^L >r^ E ?x K FL Wj. M -T- ^»i //^->.>'^j A^-')/C l» 5.' v^ M»- L- t^L ^6Ä 7' M '7 L.7, - ->E ^VV'^ 5^' iL.