Wisnei' 8tsät-8ililiotl,el<. A MW ' M «EÄ„d Theater von K o tz e b u e. VierzehnterTheil. DaS Epigramm. Die kluge Frau!m Walde,»derber stumme Ritter. Die Zurückkunft der Vaters. W i e n/ i 6 ii. CommissiStt bey Antsn D»ll. »M -octr Theater v o n K o tz e b u e. Vierzehnter Theil. sErschien»6«,.) Das Epigramm. E i n u st sp i e l i e r Aufzogen Personen Kanzley-Direetor Löwe, geheimer Referendar des Fürsten. Seine Frau. Earoline, Tochter erster Ehe, Eduard, Sohn zweyter Ehe.(Blind.). Rathinn Warning. Friderike, ihre Tochter. Doctor Busch. Hanptmann Klinker. Kammer-Rath Hippsldanz- korprral Müller. Luise, feine Tochter. Jacob, Bedienter im Löwischen Hause.» Ein Knabe von cils biö dreyzehn Jahren, Ein Bedienter. Erster A c t° Zimmer m des Kanzley- Directors Hause, Erste Scene. (Der Kanzley-Divector Sht und liest in Acten. Nach einer kleinen Weile rauschen die Thüren auf, und seine Frau tritt rasch herein.) Löwe. Herr Kanzley-Direkter? Löwe(ohne aufzublicken.) Madame! M. Löwe. Es ist ein Fremde, gekommen. "L ö w e. Das geht mich nichts an. M. Löwe. Ein Augen- Operateur. Löwe. Sehr wohl. M. Löwe. Hören Sie denn nicht? em Augen- Operateur. Löwe. Nun ja/ mein Schatz, was kümmert- mich? ich bin ja nicht blind. M. Löwe. Aber unser Eduard, unser einziger Sohn Löwe. Ja so, der ist blind. Nun, da haben Sie wieder Recht. M. Löwe. Der Fremde soll sehr geschickt seyn. Vielleicht könnte er unserm armen Eduard helfen. Löwe. Vielleicht. M. Löwe. Und ich meinen einzigen Sohn doch noch auf der Bahn der Ehre erblicken! Löwe(mmmt ein Acten-Stück und liest.) Die Gemeinde zu Felsendorf— contra den Schulzen Hans Nimmersatt^— M. Löwe. Aber sagen Sie mir um des Himmels willen, Herr Kanzlei)- Director— Löwe. Was soll ich Ihnen sagen, mein Schatz? M. Löwe. Sie hören von der Möglichkeit, Ihrem blinden Sohne zu helfen— L ö w e. Ja, so höre ich. M. Löw e. Und bleiben so kalt dabey, wie 7 das Stuck Marmor/ mit welchem Sie Are Papiere fest halten! Löwe. Aber mein Schatz/ Sie wisse!! ja/ basi ich mich um Wirthschaftsangelegenheiten nicht bekümmere. M. Löwe. Verdammtes Phlegma! Löwe. Ich habe meine Acten/ die Kinder gehören in Ihr Departement. M. Löwe. Nein, nein/ ich weiß schon/ Sie liehen den Eduard nicht. Löwe. Ich liebe die ganze Welt. M. Löwe. Ihre empfindsame Tochter liegt Ihnen mehr am Herzen. Aber so gehtS/ wenn man einen Wittwer heirathet. L ö w e. Wie geht es dann mein Schah? M. Löwe. Man bekommt nasenweise Stieftöchter. Löwe. Ist Caroline nasemveis? M. Löwe.'Allerdings. Löwe. Ey/ ey! M. Löwe. Was heißt denn das: ey/ ey? Löwe. Das heißt so eigentlich nichts/ mein Schatz. M. Löwe. Ich kann das Mädchen nicht länger hüthen. Löwe. Muß sie denn gehüthet werden? 8 M. Löwe. Besonders wen» Eduard sein Gesicht wieder erlangen sollte, dann bin ich nur Mutter für ihn. Löwe(kehrt zu seine» Acte» zurück.) Nachdem also die Gemeinde zu Felsendorf— M. Löwe. Caroline muß hsirathen. Löwe. Den Schulzen Hans Nimmersatt— M. Löwe. Ey, warum nicht gar! den Kammer- Rath Hippeldanz. Löwe. WaS hat der damit zu schaffen? M. L o w e. Er hat um ihre Tochter ange^ halten. Löwe. Ja, so! darein mische ich mich nicht. M. Löwe. Der Mann hat eine Halde Million im Vermögen. Löwe. Sehr gut. M. Löwe. Freylich, sehr gut; aber dem Mädchen steckt ihr verdammter August noch im Kopfe, und das ist sehr schlecht. Löwe. August? Wer ist dieser August? M. Löwe. Haben Sie schon vergessen den saubern Warning? Löwe. Ach den; nein, den habe ich nicht vergessen. 9 M.-Löwe. Die Dirne ist fo keck, mir ins Gesicht zu sagen, sie werde nie einen andern Man» nehmen. Löwe. Ey, da wird man doch wohl nachgeben müssen. M. Löwe. Nachgeben? sind Sie toll? Löwe. Bewahre der Himmel!— ein Kanzley-Director und innnta oazrlus! M. Löwe. Vergessen soll sie— und gehorchen. Löwe. Wo ist denn der Warning jetzt? WaS ist er denn? M. Löwe. Er ist ja schon vor sechs Jahren davon gelaufen. Löwe. Davon gelaufen? Ja so? ich erinnere mich. M. Löwe. Nachdem Sie ihn und seine Familie mit Wohlthaten überhäuft hatten. Löwe. Ganz recht. Sein Vater war«nein Freund. M. Löwe. Der Mutter gaben Sie freye Wohnung. Löwe. Eine kreutzbrave Frau. M. Löwe. Den Taugenichts sammt seiner Schwester lreßen Sie mit Ihren eigenen Kindern erziehen. Löwe. That ich das 2 Nun, das war ja recht gut von mit. M. Löwe. Albern war es. Sie hatten voraussehen müssen/ daß, wenn die Kinder heranwüchsen/ eine Liebesgeschichte daraus entstehen würde. Löwe. Recht/ mein Schatz. Mich dünkt/ ich sah das auch voraus. M. Löwe. Ja/ wen» es eins Appellation gewesen wäre. Löwe. Nicht doch/ wie ist mir denn? Ich meine, wir hatten damahls die jungen Leute für einander bestimmt. M. Löwe. Aber du mein Himmel! haben Sie denn ganz vergessen, daß der Bube durch seinen Hang zur Satyrs bey aller Welt verhaßt wurde? Löwe. Satyrs? ey! ey! M. Löwe. lind daß er endlich gar ein Epigramm auf mich machte? Löwe. Ein Epigramm auf Sie? ja, ja, ich entsinne mich. M. Lö we. Die Familie mußte ja sogleich» das Haus räumen. Löwe. Nicht mehr als billig. M. Löwe. Sie zogen Ihre Hand von dem Burschen ab. Löwe. Und da ging' er in die weite Welt. O, nun weiß ich alles— M. Löwe. Endlich! Löwe. Aber Mutter und Schwester, was machen die? M. Löwe. Was weiß ich! sie hungern vermuthlich. Löwe. Hungern? hm, das ist mir doch nicht lieb. M. Löwe. Esgeschieht ihnen recht. Warum hat die Mutter ihreö Sohnes Muthwillen nicht unterdrückt? Löwe. Der Vater war doch mein Freund, ein wackerer Jurist. M. Löwe. Und der Sohn hat ein Epigramm auf mich gemacht. Auf mich, Herr Kanzley- Director! hören Sie das? Löwe. Ja, ja mein Schatz, ich höre.— hei! hä! ha! wie lautete denn das Epigramm? M. Löwe. So? ich soll es Ihnen wohl noch wiederhohlen? Habe ich mich damahls nicht genug darüber geärgert? habe beynahe den Tod davon gehabt. 12 Löwe. Den Tod? ey, sehn Sir/ das wußt- ich nicht. M. Löwe. Weil Sie nichts wissen, als Ihre Acten. Löwe. Um Verzeihung, mein Schah, ich weiß doch noch, daß der August Warning ein drolliger gutherziger Bube war, den ich wohl leiden mochte. M. Löwe. Gutherzig, allerliebst! Sie reden, wie Ihre Streusandbüchse. Löwe. Desto besser. Jeder Mensch sollte eigentlich so eine Art von Streusandbüchse seyn, und wo er einen Flecken gewahr wird, geschwind die Liebe des Nächsten darüber streuen. M. L ö w e. Seht doch! der Herr Gemahl werden witzig. L ö w e. So? war nicht meine Absicht. M. Löwe. Jener gutherzige Bube, wie Sie ihn zu nennen belieben, und wenn er heute noch als Kaiser von Japan, zurückkehrt, so soll er doch nie mein Schwiegersohn werden. Löwe. Ja, das rst ein anderes, das ist Ihre Sache. M. Löwe. Das Epigramm vergesse ich chm nie. Löwe. Schade, daß ich es vergessen habe. M. Löwe. Caroline in.nß den Kammerrath Hippeldanz heirathen. Loive. Meinetwegen mag sie heirathen, wen sie will. M. Löwe. Nicht, wen sie will, sondern wen ich will. Löwe. Ja, ja, wen Sie wollen. M. Löwe. Heute Abend ist Verlobung. Löwe. Das und Wirchschaftsangelegenhei- ten, darum bekümmere ich mich nicht. M. L ö w e. Ich habe Carolinen bereits rufen lassen, und werde es ihr ankündigen. Löwe. Jetzt gleich? M. L ö w e. Auf der Stelle. Löwe. Dann gehe ich in mein Cabinet. (Er packt seine Acte» zufemmcii.) M. L ö w e. Sie würden wob! thun, mein Herr, die väterliche Autorität mit der mütterlichen zu vereinigen. Löwe. Nicht doch mein Schatz. Caroline wird vermuthlich jammern und weinen. M. L o w e. Daran kehrt man sich nicht. Löwe. Aber heirathen und Thränen gehören nicht in mein Departement.(Ab.) i4 Zweyte Scene. Madam Löwe und Jacob. M. Löwe(klingelt.) I a c.(tritt herein.) M. Löwe. Geht in alle Wirthshäuser und erkundigt euch nach dem berühmten Augenarzt, Doctor Busch. Iac. Sehr wohl. M. L ö w e. Habt ihr ihn ausfindig gemacht, so ladet ihn ein. Sagt ihm, eure Herrschaft habe so viel rühmliches von ihm gehört, und so weiter. Versteht ihr? Jac. Wann soll er kommen? M. Löwe. Sobald als möglich, heute noch. Jac. Sehr wohl.(Ab.) M. Löwe(allein.) Eduards Gesicht— und Caroline mir aus dem Gesichte— dann bin ich glücklich!< Sie wirft sich in einen Sessel.) Dritte Scene. M a d a m e Löwe. Car oli n e. Car.(tritt schiicht-n, ein.)'Sie haben befohlen— M. Löwe. Komm näher.(Earoline thut es.) Da hat die Mamsell einmahl wieder eine recht romantische, empfindsame Toilette gemacht. Rose» am Kopfe, Rosen an der Brust. Car. Ich liebe die Rosen. M. Löwe(anffahrenv.t Aber ich nicht! C a r.(nimmt still die Rosen von« Kopf und Brust und legt sie weg.) M. Löwe. Wovon siehst du so blast aus? Car. Ich habe nicht gut geschlafen. M. Löwe. Komm her, ich will dich schminken. Car. Schminke verdirbt die Haut. M. Löwe. Au deiner Haut ist so nichts zu verderben. Komm her.(Sie zieht eine Schmink- dose aus der Tasche und schminkt Karolinen.) Die Brust ist zu bedeckt. Car. Verzeihen Sie, liebste Mutter? die jetzige Mode mißfällt mir. :6 M, Lötve(sich blähcttd.) Für dich wurde sie freylich nicht erfunden. Car. Mich dünkt für die Sittsamkeit wurde sie nicht erfunden. M. Löwe. Schweig. Du bist heute überhaupt viel zu einfach gekleidet. C a r. Heute? warum denn eben heute? M, L ö>v e. Weil heute dein Verlobungstag ist. Car.(erschrecken.) Mein Verlobungstag? M. Löwe. Stellst du dich doch, als ob ich dir ganz etwas neues erzählte. Car. Wirklich, es ist mir neu. M. Löwe. Die Sache hat schon lang genug gedauert. C a rv Leider! M. Löwe. Es ist Zeit, daß man ein Ende macht. Car. Ich glaubte, liebe Mutter, nach meiner letzten Erklärung wäre daS erwünschte Ende schon da. M. Löwe. Erklärung? Deine letzte? hat man dich auch um eine Erklärung gefragt? Car. Es betraf nicht Rosen und Schminke, sondern das Glück meines Lebens. r? M. Löwe. Das weiß ich. Ca r. Gern will ich gehorchen, wenn bloß von Launen und Fantasien die Rede ist. M. Löwe. Willst du? wie gnädig! Car. Aber mein Herz— M. L ö w e. Ich forsche oon deiner Hand. Car. Soll mein Herz den Tod von meiner Hand enn ränge»? M. Löwe. Keine Wiheleyen, wenn ich bitten darf.-Schauen Säe in den Kale>ider, Sie werden finden, Laß Sie drey und zwanzig Zahr alt sind. Car. Das weiß ich auch ohne Kalender. M. Löwe. Folglich ist es die höchste Zeit zu heirathen. Car. Muß ich denn überhaupt heirathon? M, Löwe. Ei>w seltsame Frage. Was wollen Sie denn anfangen, Mamsell? Car. Sie und meinen Vater im Alter pflegen. M. Löwe. Du möchtest mich wohl überreden, du habest eben so großen Abscheu vor dem Heirathen, als weiland Königinn Elisabeth von England? Car. Das wäre ja doch nur Ziererey! M. L ö w e. Also«in anderer? ,6 Car. Nur einer! M. Löwe. Sehr bestimmt. C a r. Sie selbst billigten einst diese Wahl. M. Löwe. Hast du das vermalcdeyte Epigramm vergessen? C ar. Ach! wie kö>int' ich das? M. Löwe. Dieser eine ist daher so gut/ als keiner. Car. Hat eine sechsjährige freywillige Verbannung.seine Schuld nicht getilgt? M. Löwe. Nein, und wenn er sechs hundert Jahre wie der ewige Jud herumirrte. Car. Sie entzogen auch der Mutter ihre Hülfe/ und bestraften dadurch den Sohn doppelt hart. M. Löwe. Hatte er mich bestohlen/ vergiftet/ ich wollte es ihm verzeihen,— aber ein Epigramm— die Straßenjungen wußten es auswendig. Car. Er hat es bitter bereut. M. Löwe. Au spat. Du heirathest den Kammer-Rath Hippeldanz. Car. Als Warning sein Vaterland fliehen mußte, da gab ich ihm den Schwur ewiger Liebs zum Begleiter, um ihn vor Verzweiflung zu schützen. >9 M. Löwe. Und meinst du, er sey auch dir treu geblieben? Car. Gewiß. M. Löwe. Ha! ha! ha! Kaum einem Mädchen von fünfzehn Jahren würde man diese Leichtgläubigkeit verzeihen. Car. Nicht Spötrereyen, nur Beweise können mich in meinem Glauben wankend machen. M. L ö w e. Auch Beweise werden sich finden. Car. Nimmermehr! M. Löwe. Gesetzt aber— Car. Dann wäre ich sehr unglücklich! M. Löwe. Närrchen, dann würdest du ohne Widerstreben einem andern deine Hand reichen, nicht wahr? Car. Vielleicht. M. Löwe(der man es ansieht, dass ihr ein Plan durch den Kopf geht.) Du weißt vermuthlich, wo Warning sich aufhält? Car. Nein. M. Löwe. Sprichst dir wahr? Car. Bey der Asche meiner Mutter! M. Löwe. Es werden keine Briefs zwischen euch gewechselt,? 2 0 Gar. Keine. Du sollst nicht wieder von mir hören, sprach er beym Abschied, bis ich ohne Errathen vor dir erscheinen dars. M. L ö iv e. llnd die treue Schäferinn harrt noch immer? ke Kinn ai,nn, rznancl nevien- l?na-t-i1?(BeySeite.) Geduld, du sollst von ihm hören. Vierte Scene. Kammer-Rath Hippeldanz. Die Vorige n. Hipp. Kon sonn, Kon sonn. Na, was hab' ich gesagt? erinnern Sie sich noch meiner Worte? M. Löwe. Welcher? Hipp. Sie auch nicht, schöne Braut? Gar. Nein. Hipp. Als vor sechs Wochen von unsrer Verlobung die Rede war, was sagt ich da? wie? C a r. Nichts was der Muhe werth gewesen wäre, sechs Wochen lang daran zu denken. M> Löwe(strenge.) Caroline! Hipp. Ha! ha! HZ!"vergessen, rein vergessen. Holde Braut, sagte ich, mit unserer Verlobung kann es so schnell nicht gehen.— Car. Und das hatte ich vergessend Hipp. Sie müssen Geduld haben. Car. Von Herzen gern.' Hipp. Bis ich frischen Kaviar aus Rußland, und ein l'Lte äe eeriZurä aus Frankreich erhalte. M. Löwe(unwillig.) Ich dachte Herr Kam- mer-Rarh— Car. Sie haben ganz recht, mein Herr. Eine Vorladung ohne Kaviar, das geht nimmermehr. Und Rußland ist weit, nicht wahr» Hipp. Weit! weit! aber hören sie nur! was geschieht? Gestern Abend— Ich komme nach Hause. Mein Ambrosius schließt die Thür- auf— der Kerl ist ein Schalk, er schmunzelt. Ich trete hinein, was duftet mir da entgegen? ich schnuppere, es riecht so lieb-lich, so pikant. Ich folge meinem Jnstinct, und stehe plötzlich vor einer großen Pastete! da sind ziarcliix r»u- Zes, Trüffeln, ach! da ist alles! aller! ich alrerirte mich, mein Blut kam in Wallung, ich konnte dre ganze Nacht kein Auge zuthun. 2 2 Car. Armer Mann! Hipp. Reicher Mann, reicher Mann. Nur reiche Leute können so schöne schlaflose Nächte bezahlen. Bedenken Sie nur/ meine Damen, nnr ei» wenig darüber nachgedacht: Ich komme nach Hause und finde die Pastete. C a r.(ungeduldig.) Nun ja, wir haben das alles schon gehört. Hipp. Alles? ha! ha! ha! bey Leibe noch nicht alles. Was geschieht weiter? Diesen Morgen klopft es an meiner Thür, poch! poch!—> Herein!— ich denke es ist die Wäscherinn und sage Herein! Aber nichts weniger! rathen Sie ein Mahl? wie?(Er sieht sie beyde Wechselsweise an.) Der leibhaftige Postbvthe bringt nur den Kaviar aus Rußland. Car. Ey, wirklich? Hipp. Da machte ich meine Reflexionen. Car. Reflexionen? Sie? Hipp. Hier, dachte ich, hier ist GotteS Finger. Gestern kam die Pastete, diesen Morgen der Kaviar, und folglich ist heute Abend unsere Verlobung. Car. Die Pastete, der Kaviar und ich. Ein allerliebstes Kleeblatt! Hipp. Nicht wahr? Ha! ha! ha! M. Löwe. Sie habe» Siecht, Herr Kammer-Rath/ der Verlobung steht, nun nichts weiter im Wege. Hipp. Nichts, gar nichts. M. Löwe. Und wenn-S Ihnen daher gefällig ist— Hipp. Vollkommen gefällig. Car. Aber, mein Herr, Sie, der Sie so reich sind— und für Ihr Geld alles verschreiben können— Hipp. DaS kann ich. Car. Warum verschreiben Sie sich nicht «uch eine Frau? Hipp. Bin Patriot, will keine Fremde glücklich machen. M. Löwe. Caroline! Keine Sottisen. Hipp. Scherz, Muthwille, Amor neckt, hat nichts zu bedeute». Kommen Sie nur erst in mein Haus— Car. O,weh! Hipp. Sehen Sie mein Silber, meine Möbeln. Car. Alles, alles, nur Sie selbst nicht. M. Löwe. Du wirst unverschämt. Hipp. Und dann: Frau Kammer-Räthinn! picht wahr das kitzelt? L4 Car. Ztlm Tedtlachen. Hipp. Und was meinen Sie? Vielleicht^ bald gar: Frau Geheime- Kammer Rarhinn! M. Löwe. Wirklich? haben Sie Aussichten?^ Hipp. Aussichten auS allen Fenstern. Frey-^ lich muß man es sich sauer werden lasse»/ blutsauer. Car. Bey der Pastete? Hipp. Nein, nein/ hier ist von ganz andern Pasteten die Rede. Se. Durchlaucht haben befohlen—jeder Kammsr-Rarh muß einen Plan ausarbeiten— verstehen Sie? einen Plan— C a r. Um eine fürstliche Tafel zu arrangiern? Hipp. Nichts/ nichts, man ist Kammer- Rath, man arrangirt den Sraac. Car. O, weh!^ M. Löwe. lind dieser Plan?^ Hipp. Ja, sehen Sie nur, ich kann das nicht so von mir geben. Vier Wochen habe ich daran gearbeitet, täglich eine Stunde. Man ist sei reich, man könnte es bezahlen, aber nein, man al hat Gewissen! Alles selbst gemacht, ixse Kai! C M. Löw e. Da hörst du nun. Hipp. Heute wird es übergeben. Ist schon ins Reime geschrieben. M.Löwe. s 25 M. Löwe. So kommen Sie Herr Gehei- ^ mer Kammer-Rath— Hipp.(schmunzelnd.) Unterthanigster— M. Löwe. Damit auch wir unsre Sachen vollends inö Reine bringen. Hipp. Rein, alles rein. Die Pastete, der Kaviar— was fehlt noch? Car. Eine Kleinigkeit/ die Braut. Hipp. Werden diesen Abend schon anders sprechen. , Car. Diesen Abend werde ich nur ein ein- „ jigeS Wort sagen. Hipp. Und das wäre? 2 Car. Nein! Hipp. Nein? Car. Nein! Hipp.(stemmt voll Verwunderung die Arme in die Seite, fleht wcchselsweis bald auf die Mutter, bald «uf die Tochter, will etwas sagen, stottert und schweigt s endlich.)^ M. Löw e. Du wirst I a sagen.(Sie ergreife t feinen Arm.) Kommen Sie mein Herr, ich muß n allein mit Ihnen reden.(Im Abgehen.) Hörst du Caroline? Du wirst Ja sagen. H i p p.(im Abgehen.) Nun freylich, freylich Kotzebue's Theater iH- Bd. B 26 — nur erduld— ich schicke einen Ring, einen kostbaren Riirg— verstanden? he? Fünfte Scene. Caroline allein. Car. Mein guter Hippeldan;! die Kette druckt, wenn gleich ihre Ringe von Brillanten find.— Ich werde nein sagen, Frau Stiefmutter, und sollte ich gemißhandelt werden.— Dürfte ich es nur meinem Vater klagen!— Ach! er wird sprechen: du gehörst nichtckn mein Departement. Sechste Scene. Räthinn Warning. Friderike. C o r o l i n e. Car.(ihnen entgegen.) Was seh' ich! Fror Rathinn! meine gute Friderike! Rath. Nicht wahr, Sie habe» uns nich> erwartet? Car. Sie? weicher feierliche Ton! Warum nicht du wie vormahls. Rath. Liebes Kind/ das schickt sich nicht für mich. C a r. Es schickt sich nicht für Sie, ein Mädchen zu dutzen, das von Kindheit an keine andere Mutter kannte, als Sie, dem Sie Tugend in das Herz prägten, es denken und empfinden lehrten— Rath. Die schönen Zeiten sind nicht mehr! Car. Pfny der Liebe und Dankbarkeit, dw von irgend einer Zeit abhängig ist. Wollen Sie mich heute verschmähen, weil ich in sechs Jahren Ihre mütterliche Hand nicht küssen durfte? Räth.(ihr qerührt die Hand reichend.) Du— Car. Jetzt haben Sie meiner sterbenden Mutter Wort gehalten— und du Schwester Friverike? Willst du mich etwa auch durch ein kaltes Sie zurückscheuchen? Frid.(sie herzlich in die Arme schließend.) Habe ich es Ihnen nicht gesagt, Mutter, daß wir unsere Caroline so wieder finden würden? Car. Sie zweifelten? Ach! das thut mir weh. Räth. Vergib mir, daß ich an Keinem Herzen zweifeln konnte. B 2 C a r. Welch ein glücklicher Zufall führt Sie heute nach einer sechsjährigen Trennung in unser Haus? Rath. Ein glücklicher Zufall? Nein mein Kind; nur die Noth konnte mich zwingen, dieses Haus wieder zu betreten. Car. Die Noth? Rath. Kann ich deinen Vater sprechen? Car. Ich will Sie sogleich melden. c?>e geht und kehrt wieder um.) Aber nur noch eine Frage: Haben Sie keine Nachricht von August? Rath.(seufzend.) Keine! Car.(sie geht und kommt noch ein Mahl zurück.) Seit sechs Jahren gar keine Nachricht? R a th.(bricht in Thränen aus.) Keine! Car. Arme Mutter! Frid. Und dein guter, blinder Eduard? wie geht es ihm? Car. Wie immer. Er duldet still. Ist er allein, so fautasirt er wehmüthig auf seiner Flöte. Frid. Wer führt ihn jetzt? Car. Ich, wenn ich darf. Oft auch unrein Bedienter. Frid. Erinnert er sich noch zuweilen, daß eS vormahls mein Amt war ihn zu führen? 29 Car. O, das vergißt er nie! an dir und deinem Bruder hangt er mit unendlicher Liebe. Frid.(blickt mit gefalteten Hände» vor sich nieder in die Vergangenheit.) Räth. Melde mich Kind! ich mochte un- gerne deiner Mutter hier begegnen. Car. Meiner Mutter? ach! seit Sie unser Haus verließen, habe ich keine Mutter mehr! 1Ud in ihres Vaters Cabinet.) Siebente Scene. Räthinn Warning. Friderike. Rath. Wie mir alles hier so bekannt ist! Frid. Und mir! Rath. Zwanzig Jahre habe ich in diesem Hause gewohnt. Frid. Aus jedem Winkel lacht meine frohe Kindheit. Räth. In diesem Zimmer pflegten wir Thee zu trinken. Frid. Hier spielten wir blinde Kuh. Räth. Dein Vater saß dann dort!— 3» Frid. An jener Ecke stieß sich eines Tags der blinde Eduard. Rath. Da steht nvch emGlasschrank, dasselbe Porzelain. Da steht es noch! und die guten Menschen, die daraus tranken, sind nicht mehr. Frid. Und sehn Sie nuv, die stahmlichs zerbrochene Glücksgöttin,,, der Bruder August einst den Arm entzwey schlug. Rath. Ach, hatte er nur mein Glück zerbrochen! Er brach auch mein Herz! Frid. August sollte bestraft werden; da kam der blinde Eduard, und gab sich als den Thäter an. Rath. Der gute Knabe! Frid. Ja wohl! der gute sanfte Eduard! Räth. Es war damahls alles hier so einig— Frid. So froh— Räth. Die Welt rings umher schien uns so überflüssig. Frrd. Und war es wirklich. Rath. Bis das unselige Epigramm, wie ein scharfer Dolch alles zerschnitt.(Man hört hinter der Scene auf einer Flöte fantesiren.) Frid.(heftig r-wcgt.) Mutter/ hören Sie/ Mutter? Räth. Das ist Eduard. Frid.(weint, die Flöte sgntalikt fort.) Darf ich hinein zu ihm? R ä t h. Nicht doch. Frid. Ich habe ihn in sechs Jahren nicht gesehen. Räth. Wenn die Mutter bey ihm ist/ wie würde sie dich empfangen? Frid. Ich liebe ihn, wie meinen Bruder/ habe ihn oft kindisch geneckt/ das werfe ich mir jetzt vor. Einst machte ich ihm weiß/ ich sey krank/ und wolle schlummern. Da setzte er sich vor mein Bett und wehrte mir die Fliegen ab. Ich Muthwilltge schlich leise davon. Als ich nach ein Paar Stunden wieder kam/ saß er noch im wer da, stille und geduldig, und glaubte mir die Fliegen abzuwehren.(Die Flöte schweigt.) O, wie schämte ich mich damahls!— Liebe Mut- ter! darf ich zu ihm? 32 Achte Scene. Eduard. Die Vorigen. E d.(an der Thür.) Jacob! Jacob! Frid. Ach! da ist er! Ed. Ich höre hier eine bekannte Stimme. Ist denn niemand da, der mich führt? Frid.(nähert sich ihn, zitternd.) Ich bin da. Ed. Du? wer bist du? Frid. Kennst du mich nicht mehr? Ed. Guter Gott! Du bist meine Friderike! Frid.(ihm um den Hals fallend.) Mein lieber, lieber Eduard! Ed.(schleudert die Flore weit von sich, und drücke sie an sein Herz.) Ach! ich muß weinen! sie haben mir verbothen zu weinen, aber ich muß! Frid. Wie geht es dir? E d. Ich kann noch immer nicht sehen. Frid. Bist du gesund? Ed. Ich esse und trinke. Frid. Liebst du mich noch? Ed. Ich lebe ja noch. Frid. O! ich habe oft an dich gedacht! Ed. Und ich!— wenn sie mich so allein 35 lassen— wenn ich vergebens frage: ob es Tag oder Nacht ist— dann rufe ich dich! dann bist du bey mir!— Acht Jahre bin ich nun blind, aber ich weiß noch recht gut, wie du aussiehst. Frid. Mein Bruder! E d.(fühlt nach ihr.) Du bist so groß geworden— so groß— wirst du denn nun bey mir bleibe»? Frid. Ach nein! Ed. Es führt mich doch niemand so gut, als du. Frid. Wie gern wollt ich dich durch das Leben führen! Ed. Sage mir, sind wir allein? Frid. Nein. Ed. Wer ist denn noch hier? Frid. Meine Mutter. Ed. Deine Mutter? Wo ist sie? O, geschwind führe mich hin zu ihr. Frid.(führt>h».) Ed. Ach, wie du mich so sanft und gut führst! wie mir so wohl ist!— Nun, wo ist denn deine Mutter? Rath.(Sie ihre Thränen zu unterdrücke» sucht.) Hier, lieber Eduard. Ed. Ja, ja, das ist sie! das ist die Stimme, die ich immer so gern hörte!(Er tastet nach ihr.) Ihre Hand— Ihre Hand.— Räth.(gilt ihm die Hand.) E d.(küsit sie, und drückt sie an sein Herz.) Das ist ein froher Tag!— Ach! ich lebe so einför- mig, ich habe so viel lange Weile. Es liest mir niemand mehr vor, wie Andenke sonst wohl that.— Fridenke gib mir doch auch deine Hand. (Sie thut es, er drückt beyde Hände an sich.) Das ist ein recht froher Tag! Geht nicht wieder fort! verlaßt mich nicht wieder! ich bm so verlassen.— Rath. Ist Earoline nicht bey dir? Ed. Sw darf nur selten. Tue Mutter sagt, sie würde mich verderben. Des Abends schleicht sie sich wohl zu mir, und sagt mir, daß es Abend ist— aber am Tage habe ich nichts als meine Flöte. Frid.(weint.) Armer Mensch! Ed. Die Augen wollt ich wohl entbehren, aber Liebe! Liebe kann rch nicht missen. 55 Neunte Scene. Haupt mann Klinker. Die Vorigen. (Als Klinker herein tritt, ziehen Mutter und Tochter sich etwas schüchtern von Eduard zurüek.) Klink,(der Eduards letzte Worte hörte.) Da hast du Recht, mein Freund. Liebe ist das Athemhohlen der Natur; die Welt erstickt, wenn die Liebe hinaus scheidec. Ganz gehorsamer Diener, meine schönen Damen. Aber wissen Sie auch, daß das Vorzimmer eines Kanzler)- Di- rectors gar nicht dazu gemacht ist, um Liebeserklärungen anzuhören? Frid. Mein Herr— Klink. Ihr Herr? mein*ü önes Kind, möchte ich nur dann seyn, wen» der Priester es gesagt hatte; aber Ihr Sclave, sobald Sie es befehlen. E d. Willkommen lieber Hauptmann Klinker. Klink. Hier hast du meme Hand, blmder Liebesgott. Wie geht es dir. E d. Heute recht gut. Klink. Da haben wir dieMacht dcrSchon- heit. Sie rst wie die Sonne, auch ein Blinder fühlt ihre Nähe. Rath.(etwas empfindlich.) Herr Hauptmann ich weiß nicht— Klink. Madam, ich weiß schon, was Sie. nicht wissen. Mein Ton fällt Ihnen auf, nicht wahr? Räth. Allerdings, ich gestehe— Klink. Und ich gestehe, daß ich ein Narr bin, weil die Narren überall am besten durchkommen. Die ganze Stadt hat sich nun einmahl an meinen Ton gewohnt, und ich hoffe, Sie gehören auch zur Stadt, denn sonst wandere ich noch heute zum Thor hinaus. Rath. Wir sehen uns zum ersten Mahle.— Klink. Das thut mir sehr letd. Ich werde Sie täglich besuchen müssen, um den Verlust sinzuhohlen. Rath.(bey Seite.) Ein sonderbarer Mann. Ed. Hauptmann Klinker ist ein guter Mensch, immer lustig. Er spottet oft, aber beleidigt nie. Räth.(gedenkt ihres Sohnes und seufzt.) Klink. Blinder, du sollst mir denLeichen- Sermon halten. Ed. Er hat mich oft über meinen Zustand getröstet. Einmahl bewies er mir sogar, daß Blindheit ein Glück sey. 3? Klink. Allerdings. Frid.(lächelnd.) Blindheit ein Glück? Klink. Ja, ja, mein schönes Kind, das getraue ich mich zu beweisen, nur eben nicht in Ihrer Gegenwart, weit dann freylich zwey offene Augen noch zu wenig sind. Räth. Sie helfen sich durch eine galante Wendung. Klink. O, nein! wenn Sie mich herausfordern— zum Exempel, ist es dann etwa ei» Vergnügen, die Schurken auf der Welt herum- wandeln zu sehen? Rath. Ey nun, wer sie nicht sieht, der hört sie doch. Klink. Mit Nichten, sie treten gewöhnlich sehr leise auf.— Und denken Sie nur, wenn die ganze Welt blind wäre, wie manches Übel weniger, wie manches Gute mehr. Krieg, zum Beyspiel, Krieg wäre schon gar nicht; Sie mussten denn annehmen, daß ein Paar Armeen Blindekuh mit einander spielten. Jeder bliebe fein zu Hause, denn wer in der Welt herumliefe, stieße sich vor den Kopf. Kein Ehemann wäre untreu, denn er harre keine Augen für fremde Schönheiten. Niemand würde sich mehr durch Luxus ruinrren; keine blinde Dame könnte mit ^,3 blinde» Pferden ausführen, nur um zu sehen und gesehen zu werden. Und— denken Sie nur — welch' ein Vortheil für die Häßlichen! Eine sanfte, weiche Hand wäre schon genug um Liebe einzustoßen! Der Verstand würde anfangen etwas zu gelten. Wenn die Damen lachten, so müßten sie immer sagen, warum? Denn man würde nichts mehr verzeihen um der schönen Zähne willen. Die Gerechtigkeit bliebe zwar blind, wie bisher, aber die Liebe— dieLiebe würbe weit Heller sehen. Kurz, wenn ich einen Staat von lauter Blinden wüßte,—(zu Andenken mit einer leichten Verbeugung) oder, wenn ich Sie nicht gesehen härte—so ließe rch mir noch heute die Augen ausstechen, und zöge dahin. F r id. Sue würden wenig Nachahmer finden. Klink. Es wäre doch närrisch genug, und das Närrische findet immer Nachahmer. Ed. Nicht wahr, er hat es bewiese»? er hat Recht. Klink. Das sagst du, weil du blind bist. Ich behaupte(mit einem Btiik auf Andern«») daß ich Unrecht habe. Ed. Könnte ich nur meine Friderike sehn! Klink. Ey, wer ist denn die? Ed. Warum entzogst du nur deme Hand? (Er tappt»ach ihr.) Frid.(reicht ihm die Hand, die er sanft liebkost.) Klink. Ich erstaune. Man pflegt sonst zu sagen: die Lieb- schleicht sich nur durch die Augen in das Herz. Ed. Ganz recht, lieber Hauptmann, ich bin blind geworden, um ihr den Rückweg zu versperren. Klink. Mensch! Du stößest mein ganzes System um; denn wenn die Macht der^chön- h-it sich auch auf Blinde erstreckt.— Räth. Sie irren, Herr Hauptmann. Eduard und meine Tochter wurden mir einander erzogen. Klink. So? ist derVubedarum so sanft, so weiblich? Rath. Wir wohnten vormahls in diesem Hause. Klin k. Und jetzt? Räth. Jetzt sind wir Fremde, die als Bittende erscheinen. Klink. Schade, daß Sie nichts vpn mir zu hircen haben. Ho Zehnte Scene. Madam Löwe. Die Vorigen. M. Löwe(stutzt als sie Hereintritt.) S i e hier Madam? mein Gott! was wollen denn Sie hier? Rath. Ich wünsche mit dem Herrn Kanzler)- Direcror zu sprechen. M. Löwe(mit vornehmer Kälte.) So, so, schon gemeldet? Rath. Mademoisell Earoline ging hinein. M. Löwe. War denn kein Bedienter bey der Hand? Klink. Schöne Frau, wer auf Erden Unglückliche anmeldet, darf einst dort nicht lange im Vorzimmer warten. M. Löwe. Sieh da, Herr Hauptmann. Wie kommen Sie in die Clientcnstube?(Mit einem Blick auf die Räthinn.) Klink. Haben Sie mich noch nie hier gesehen? o ich bin sehr oft hier. Den ganzen Vormittag pflege ich von einem Staatsmanne zum andern, aus einem Vorzimmer inS andere zu laufen. M. Löwe. Haben Sie denn etwas zu suchend Klink. Gott sey Dank, nein! Wenigstens nichts, was ich da finden könnte. M. Löwe. Dann ist es eine von Ihren Sonderlingslaunen. Klink. Keinesweges. Aber Sie wissen, ich bin ein wenig Mahler, und auch ein wenig Dichter— M. Löwe. Gehören denn die schönen Künste in die Vorzimmer? Klink. Sie gehören sreylich nicht dahin, aber man findet sie meistens dort. Doch das bey Seite. Ein Mahler, ein Dichter, muß jede Leidenschaft mit allen ihre» Nuancen kennen lernen, und wo kann er das besser, als in dem Vorzimmer eines mächtigen Mannes?— Da sitze ich in einer Ecke und lausche.. Furcht, Hoffnung, Erwartung, Gram, Freude— alles das wogt in den Gesichtern auf und nieder. M. Löwe. Eine seltsame Unterhaltung. Und was gewinnen Sie am Ende dabey? Klink. Menschenkenntnifi. M. Löwe. Ich zweifle. Wer etwas zu suchen hat, der verstellt sich. Klink. L> ja, wenn er hinein geht zum Minister^ aber nicht, wenn er h e r a u s kommt, Ich habe es so meir gebracht, schone Fraii, dass rch es jedem Clienten an der Nase ansehen iviil, ob er das Gute oder Böse verdiente, was chm bey der Audienz wiederfahren ist. M. Löwe. Ein solcher Menschenkenner ist oft mehr werth, als ein Gelehrter. Klink. Und es wäre gar nicht übel, wenn statt der unverschämten Kammerdiener, in jedem Borzimmer ein solcher Mann stände.— Setze» Sie, zum Beyspiel, ich— ich wäre jetzt hierin dieser Qualität angestellt. M. Löwe. Nun? was würden Sie thun? Klink. Ich würde fürs erste diesen Damen Stühle setzen.(Er thut es wirklich.) M. Löwe(wendet sich hatt- spöttisch, halb verdrießlich ab.) Was machst du hier, Eduard? E d. Ich? ich habe meine Flöte verloren— M. Löwe. Wer hat dich aus dem Zimmer geführt? Ed. Niemand— M. Löwe. Du weißt, ich kann es nicht lei den, wenn man sein Elend öffentlich zur Schau tragt. Ed. Ach Mutter! ich bin so vergnügt! meine gute Andenke ist hier. M. Löwe. WaS sols das heißen'! Eure ehemahligen Verhältnisse sind langst vergessen. Ed. Ein Blinder vergißt nie. M. Löwe(mit einem bittern Blick auf Fridsri- km.) Solche Vertraulichkeiten sind unschicklich. Rath. Friderike! geh'auf diese Seite. Die gnädige Frau sieht es nicht gern, daß man ihren Sohn schwesterlich liebt. M. Löwe. Wie spitzig! das war wohl schon wieder ein Epigramm? E i lft e Scene. Der Kanzley-Director. DieVorige». Löwe(mit Hut, Stock und Degen, ein Bündel Acten unter dem Arm.)'Madam, es freut mich, Sie zu sehen. Ja, ja, es freut mich. M. Löwe«lösn ihn a». l-is--) Es freut Sie? Sind Sie toll? Löwe. Stille doch, mein Schatz.— Das die Mamsell Tochter? Ey, ey, hübsch groß geworden.— Gehorsamer Diener Herr Haupt- mann. Sie verzeihen— Geschäfte— Klrnk. Ohne Umstände. Ich bleibe, wenn 44 xch darf; oder ich gehe, wenn diese Damen allein mir Ihnen zu sprechen wünschen. Räth. Bleiben Sie, Herr Hauptmann, ich schäme mich meiner Armuth nicht. Klink.(lehnt sich mit verschränkten Armen an die Wand und beobachtet.) Löwe. Womit kann ich dienen? Räth. Herr Kanzley- Direetor, es geht mir sehr übel. L ö w e. Das höre ich mit Verdruß. Räth. Sie könnten helfen— Löwe. Wenn es in mein Departement schlägt, von Herzen gern. M. Löwe(hcimuch z» ihrem Manne.) Hast du vergessen? das Epigramm— Rath. Ich bin kränklich. Meine Tochter arbeitst Tag und Nacht; aber ihre Kräfte reichen nicht zu. M. Löwe. Schickt denn der Herr Sohn nichts aus fremden Landen? Räth Das ist hart! M. L ö w e. Nun er war sa ein Genie! ein Kraltmann! Solche Leute braucht man' überall. Ed.(der ängstlich zuhört.) Wo ist meine Flöte? Rath. Gestern, Herr Kanzley-Direetor 45 starb die Wittwe Brandenstein. Durch ihren Tod ist eine Pension erledigt worden, die die fürstliche Schatulle zahlte. Se. Durchlaucht versprachen einst in einem solchen Falle sich meiner gnädigst zu erinnern. M. Löwe. Ja, Las war zu einer Zeit wo— Löwe. Stille, mein Schatz! das gehört wirklich in mein Departement. Rath. Sie, Herr Kanzley- Director, waren der Freund meines seligen Mannes. Löwe. Das war ich. Räth. Sie wissen, daß er treu und redlich gedient hat— Löwe. Ja, ja, das hat er. Räth. Ich schmeichle mir daher mit der Hoffnung M. Löwe. Die Frau Räthinn scheinen ganz vergessen zu haben, daß die Unarten des Sohnes noch größer waren, als die Verdienste des Vaters. Rath. Nun ja, mein Sohn handelte unbesonnen, soll ich dafür büßen'! Oder habe ich nichr schon dafür gebüßt't M. Löwe. Ältern, die sich eine vernachlä- 46 ßigte Erziehung zu Schulden kommen lassen— Ed. O wer gibt mir meine Flöte! Räth. Ich weiß, Madam, daß ich von Ihnen nichts zu hoffen habe; aber den Freund meines Mannes, den gerechten Diener des Fürsten fordre ich auf— Löwe. Sehr wohl, Madam, ich werde— M. Löwe(hastig und leise.) Nichts, werden Sie thun, gar nichts! Löwe. Ich werde meine Pflicht— M. Löwe. Ihre Pflicht ist, die beleidigte Ehre Ihrer Gattinn zu rächen. Löwe(wendet sich jn ihr,) Aber was kümmert mich der Sohn? M. Löwe. Er hat Epigramme gemacht auf Stadt und Land. Löwe. Aber, mein Schatz, Sie sind ja nicht Stadt und Land. M. Löwe. Wenn Sie etwas versprechen — ich lasse mich scheiden. L o w e. Ja so! Vorbeygehen zu Eduard.) Blinder! es ist gut, wenn msn zuweilen auch stumm ist.(Ab.) Fünfzehnte Scene. Eduard und seine Mutteb. M. Löwe. Was ist hier vorgefallen? Ed. Nrchts. M. Löwe. Hast du Geheimnisse vor deiner Mutter? 55 Ed. Ein Blinder und Geheimnisse! M. Löwe. Aber hören kannst du doch? Ed. Leider habe.ich hören muffen, wie hart Sie mir meiner Friderike und ihrer Mutter umgingen. M. Löwe. Hart? Seht doch! Hast du das Epigramm vergessen? Ed. Was hat die Schwester mit des Bruders Unart zu schaffen? O, Mutter! Sie könnten mein Elend erleichtern, wenn Sie mir das liebe Mädchen— M. Löwe. Schweig! Dir steht ein Glück bevor. Ed. Mir? M. Löwe. Du wirst vielleicht bald keines Führers mehr bedürfen. Ed. Werde ich sterben? M. Löwe. Ein berühmter Augenarzt besucht dich noch heute. Ed. Kann er mir helfen? M. Löwe. Wir hoffen eS. Ed. O! dann werde ich Frideriken sehen! M. Löwe. Du würdest dann ganz andere Dinge sehen. Durch unsern Einfluß, unser Vermögen— o mein Sohn! was könnte noch aus dir werden! » 56 E d. Andenkens Gemahl! M. Löwe. Possen! Komm auf dein Zimmer. Ich will dir Entwürfe mittheile«/ vor deren Hohe dir schwindeln soll. Ed.(indem er abgeführt wird.) Ach! wenn ich Andenken nicht sehen darf, so gebe man mir meine Flöte, und lasse mich in der Blindheit. Der Vorhang 5? Zweyter Act. Eine abgelegene Gegend. Im Hintergründe ein Gar- ten-Zaun mu einer Tbiir. Seitwärts ein Ziehbrunnen; einige Bäume und eine Ralenbank. Erste Scene. Hauptmann Klinker tritt auf. Sonderbar!— Ganz verteufelt sonderbar! — es gibt Menschen, die man schnell liebgewinnt, so auch fremde Gedanken, mit denen man leicht vertraut wird— und der Henker werde sie wieder los! Sie wühlen sich, wie ein Haarwurm durch Fleisch und Blut.—(Er geht sich um.) Da bin ich in eine ziemlich abgelegene Gegend gerathen, ich weiß selber nicht wie. Setzen Sie sich, mein lieber Hauptmann Klinker. Sie 56 sind ,a so oft vernünftig gewesen, wo es ganz überflüssig war, jetzt haben Sie das Bischen Vernunft verdammt nöthig. Setzen Sie sich. (Er wirft sich auf eine Rasenbank.) Sie wollen also henathen!— St! ums Himmels nullen mcht so laut!—«Y,«Y, das ist ein schlimmes Zeichen. Warum schämst du dich, als ob du stehlen wolltest?— Frisch heraus damit! Sie wollen also—(er sieht sich überall um, dann laut.) Heimchen! Nun ja, schreyen Sie nur nicht so! — Aber sind sie nicht ein Narr in koli«? Als Sie die Mädchen noch für lauter Engel hielten, da zogen Sie sich drey Schritt zurück, so oft das Wort Ehestand ausgesprochen wurde, und jetzt, da Sie wissen, was ein Mädchen für ein unsicheres Ding ist— Klinker! Klinker! bist du darum so weit gereiset?— Ja, wenn du verliebt wärst, wie ein Knabe von siebzehn Jahren— aber— zwey Mädchen gaukeln vor dir herum, und du hast noch nicht einmahl gewählt. Sehr vernünftig— sehr weise— es läßt sich nichts dagegen einwenden— gar nichts. (Plötzlich Mlt dem Stocke stampfend.) Aber zum Henker; ich bin ja lange genug ein gescheiter KeA gewesen, ich will nun auch einmahl ein Narr seyn, der ganzen Welt zum Possen!—(er springt auf.) Heirathen will ich! und Sie ge- strenge Frau Vernunft/ Sie soll nicht einmahl eine Stimme bey meiner Wahl haben. Der Zufall soll entscheiden, das Looö!— Das Loos? ha! ha! ha!(plötzlich ernsthaft.) Na? was gibts denn da zu lachen?— Ist das Heirachen nicht schon tausend Mahl mit einer Lotterie verglichen worden? und wohl dem Sterblichen, der so einsetzt, wie ich l meine Lotterie har zwar nur zwey Treffer, aber keine Niete.— Wohlan! Freund Klinker, wir loo sen,(er pflückt zwey Blumen.) Zwey Gänseblümchen. Das eine ist Caroline, das andere Andenke.— Halt! halt! wer wird seine Mädchen mit Gänseblumen vergleichen?(Er wirft sie weg.) Hier stehen Veilchen, die sind passender. (Er Pflückt zwey Veilchen.) Beyde kaum aufgeblüht — beyde so duftend.—(Er nimmt in jede Hand eins.) Also hier Csrokne— und hier Friderike — wie mache ich es nun mit dem Loosen, ohne mich selbst zu betrügen?(Er blickt von»hngefädr seitwärts in die Ferne.) He! du Kleiner! pst! pst! Komm her zu mir! Zweyte Scene. Ein Knabe und Klinker. Knabe(mit einem leeren Vogelnest.) Was will der Herr? Klink. Das sollst du gleich hören. Was hast du da? Knabe. Ein Vogelnest. Klink. Es ist ja nichts darin. Knabe. Leider ist nicht darin. Gestern wa-, reu noch fünf Junge in dem Neste, die sperrten den Schnabel auf, wenn man ihnen nah kam. Klink. Und heute sind sie ausgeflogen? Knabe. Wie der Herr sieht. Das leere Nest. O, man musi gewaltig aufpassen! entweder kommt man zu früh— da sterben die Jungen; oder zu spat— weg sind sie! Klink. Ja, ja, du hast Recht: zu früh oder zu svat. Fast fürchte ich, daß ich zu spat komme. Aber da sich nun einmahl alles Nester bauet, warum soll ich denn allein, wie ein Guckguck herumfliegen?— Höre Bube, willst du ein Paar Groschen verdienen? 6, Kn.abe. Auch«vohl Thaler, wenn es seyn tau». Klink. Setze dein Nest auf die Erde. (Der Knabe«Hut es.) Siehst du diese beyden Veilchen? Knabe. Ja. Klink. Das hat einen langen Stiel, das andre einen kurzen. Knabe. Das seh' ich. Klink. Ich werfe sie in das Nest. Knabe. Was sollen sie da? Klink. Jetzt decke deinen Hut drüber. Knabe(«hu« es.) Curios! Klink. Jetzt fahre mir der Hand unter den Hut, und hohle mir eins von den Veilchen aus den« Neste. Knabe. Welches denn? Klink. Welches du willst. Knabe(«Hutes.) Nun da! Klrnk. Caroline! Knabe. Heim das Veilchen Caroline? Klink. Ich bin zufrieden mit meinem Losse. Knabe. Was nun weiter? Klink. Jetzt kannst du gehen. Knabe. Aber meine Paar Groschen? Klink. Allerdings,Ho gebühren dir.(Er zieht Earolinens Bsukeichcn hervor.) Und welche Groschen? Knabe. Ey, das gilt nur gleich! einer so gut, als der andere. Klink. Pfuy Knabe! wenn man die Geschichte jedes Groschens wüßte, man würde manchen nie in die Hand nehmen. Knabe. Ich versteh' den Herrn nicht. Klink. Da nimm. Noch eins: wenn du mich um Jahr und Tag wieder antriffst, und ich dann noch so vergnügt aussehe als heute, so fordere keck einen Thaler von mir, horst du? Knab e. Danke, danke.(Bey Seite, indem er Las Geld betrachtet.) Was der Mann für eine Freude über ein Veilchen hat. Ich will ihm einen Hut voll hohlen.(Lauft fort.) Klink. Also, gewählt hatten wir. Nun kommt es nur noch auf eine Kleinigkeit an:—> ob das Mädchen uns haben will? 65 Dritte Scene. Hippeldanz und Klinker. Hipp. Gehorsamer Diener Herr Haupt- mann. Wie kommen Sie in diese Einöde? ein galantes Abenteuer, wie? Klin k. Das schöne Wetter— Hipp. Ey, dar machen Sie einem Dummkopf weis. Klink,(bey Seite.) Nun ja, das thu ich ja. Hipp. Ich bin auch dabey gewesen, oft! verstehen Sie?(Er trocknet sich den Schweif; von »er Stirn.) Klink. Ist es Ihnen immer so sauer geworden, als heute? Hipp. Heilte? ja heute ist ein warmer Tag. Ich muß hinaus zu meinem Oheim. Klink. Hat er frische Austern bekommen? Hipp. Nichts Austern! Der Dienst— (witzig.) Unter uns. Haben Sie nichts gehört! Klink. O ja, die Nachtigall schlagt. Hipp. WaS Nachtigall! Hrer ist von ganz andern Tnllsm die Rede. Ha! hä! ha! Sft kommen überall hin. Aber die Staats- Geheimnisse sind Ihnen verborgen. Klink. Was ist zu thun? unS beyden sagt man nun schon einmahl nichts. Hipp. Mir wohl.— Se. Durchlaucht haben Verbesserungen im Sinne. Klink. Sie werden doch nicht abgesetzt? Hipp. Spottvogel!— Der Fürst hat sämmtlichen Kammer- Rathen anbefohlen ihre Gedanken— verstehen Sie! ihre Gedanken— Klrnk. Armer Mann! ja, ja, ich verstehe. Hipp. Über das Commereial- Wesen, über auswärtige Handelsverbindungen und dergleichen, auf das Papier zu werfen; und da habe ich nun—(er zieht ein Vüttdei Papier aus dem Busen.) Klink. Ein Kochbuch geschrieben. Hipp. Scherz bey Seite! Sie haben mir das nicht angesehen? Klink. Wahrhaftig, ich habe Ihnen garnicht» angesehen. Hipp. Sie haben nicht geglaubt, daß der ducke Hippeldanz im Stande wäre, so viele Bogen vollzuschreiben? Klrnk. Abzuschreiben, warum nicht? 65 Hipp. Selbst gemacht, Freundchen, em Gutachten— alles selbst gemacht. Und getrunken habe ich dabey! ganz mörderlich? Die Paar Bogen kosten mich ein halbes Faß Burgunder. Klink. Das muß ja ein recht feuriges Gutachten seyn! Hipp.-Feuer! viel Feuer! Der Fürst wird erstaunen! Diesen Nachmittag wird es überreicht. Ich will eben hinaus zu meinem Oheim; er ist ein alter Practicus, er soll mir das Ding noch einmahl durchsehen. Vier Augen sehen mehr, als zwey; wie? Klink. Nicht immer. ES gibt Fälle, wo hundert Augen kaum so viel sehen, als zwey. Hipp. Sehr verbunden. Sie sind ein kleiner Schmeichler. Klink. Nein, bey meiner armen Seele! Hipp. Da, da, lesen Sie, lesen Sie. Wir sind>a gute Freunde.(Er stopft ihm seine Papiere in die Hand.) Klink. Heute lese ich nichts, mein Schatz. Es ist zu warm, ich schlafe gleich ein. Hipp. Da haben Sie recht, so geht mirs auch. Aber nur die ersten Paar Seiten, die Hauptideen. 66 Klink. Sind auch Ideen darin? Hipp. Allerdings! große luminose Ideen! Da, zum Beyspiel, NvaZi'apkus 5 wo ich die Monopolia im Schutz nehme. Klink,(liest ein Paue Seiten; lräbrcnd dessen steht Hippcldanj»eben ihm- steht ihn sehr srenndlich an, Und sagt jUweilen!) Na? na? Klink. Ha! ha! ha! ha! ha! Hipp. Nicht wahr, Sie lachen? was sagen Sie nun? Klink. Daß Ihr Burgunder verdammt schlecht seyn muß. Hipp. Mein Burgunder? Der ist gut, sehr gut. Klink. Freund, ich rathe Ihnen, machen Sie Fidibus aus diesem Wische. Hipp. Fidibus? Wisch? Was wollen Sie damit sagen? Klink. Erstens ist es nicht einmahl deutsch. Hipp. Kein Deutsch? hä! ha! hä! ich bin ja ein Deutscher, wie? Klink. Zweytens ist es die kölnischste 011» x>otl'iäu von Gedanken-Spanen, die jemahls ein Gehirn zusammen gekocht hat. Hipp. 011» xotriü»?— Ich weiß, was das ist. Gedanken- Spane? das versieh ich nicht. Klink. Folgen Sie mir, werfen Sie da» halbe Faß Burgunder ins Feuer. Hipp. Das spricht der Neid aus Ihnen. Mein Kammer-Diener, mein Ambrosius, hat mir gesagt; so etwas habe er in seinem Leben nicht gelesen. Klink. Der Fürst hat aber mehr gelesen, als Ihr Ambrosius. Hipp. Nein Freundchen, Spaß bey Seite. Das ist eine ernsthafte Sache, wie? Das geht an Hals und Kragen. Klink. Ze nun, wenn nur der Bauch verschont bleibt. Hipp. Sagen Sie mir aufrichtig— wir sind ja alte gute Freunde— und gescheite Leute halten immer zusammen>— Klink. Gescherte Leute schreiben freylich auch mitunter etwas dummes, aber sie verbrennen es hinter drein. Hipp.(ängstlich.) Si-e meinen also wirklich— Klink. Lassen Sie Lerchen dabey braten— Hipp. Du lieber Gott? ich habe doch 68 vier Wochen daran gearbeitet, und mein Am- brosius— Klink. Der kann Papilloten daraus machen. Hipp. Was wird der' Fürst dazu sagen? Klink. Seyn Sie froh, wenn er lacht, wie ich. Hipp Und meine Braut. Klink. Was? Sie sind Bräutigam? Hipp. Allerdings! wegen der Posteritat. Man ist reich, man muß doch auch einmahl heirarhen. Klink. Wer ist denn die Glückliche? Hipp. Caroline Löwe. Klink. Herr! sind Sie des Teufels? Hipp. Nicht wahr, gut gewählt? ein Leckerbissen! Wie? Klink. Ich breche Ihnen den Hals! Hipp. Wie so? Freundchen? warum? Klink. Weil ich sie selbst heirarhen will. Hipp. So? Kommen zu spat, viel zu spat. Heute Abend Verlobung. Klink. Heute? Hipp. Der Caviar ist schon da. Klink. Heute Abend? Hipp. Die Pastete kam gestern. Klink. Herr! daraus wird nichts. Ein solches Mädchen— Hipp. Aber auch ein solcher Kammer-Rath! wie? reich! sehr reich!— Aha Freundchen! jetzt merke ich was! mein Gutachten hat nicht Ihren Beyfall? Verstehe, verstehe. Sie sind mein Nebenbuhler. Kann eS Ihnen nicht verdenken. Ja, es thut mir leid, Freundchen, aber man ist sich selbst der Nächste. Klink,(verdrießlich.) Sie haben auch keinen andern Nächsten, als sich selbst. Hipp.(spöttisch.) Also Fidibus soll ich machen, aus den Papieren? Klink,(immer ärgerlich.) Ja, ja, Fidibus. Hipp. Lerchen dabey braten? Klink. Sich selbst, wenn Sie wollen. Hipp. Papilloten für meinen Ambrosiüs! Klink,(bey Seite.) Unerträglicher Narr! Hipp. Ich sage Ihnen Freundchen, die Abhandlung ist gut, sehr gut. Aber ein Nebenbuhler, du lieber Gott! man weiß wohl, der lobt nichts, Nun, nun, es bleibt doch zwischen uns beym Alten. Ich lade Sie zur Hochzeit. Klink. In die Hölle. Hipp. Hä! hä! hä! lustig, sehr lustig, tragikomisch. Aber jetzt muß ich zum allen 7" Oheim, der wird eine Freude haben. Auf Wiedersehen, lieber Hauptmann.(Er schüttelt ihm die Hand, die ihm Klinker wider Willen reicht.) Sans rancnne. Sie sollen mit meiner Braut vor- tanzen.(2M Abgehen.) Ha! hä! ha! tragikomisch! tragikomisch! Vierte Scene. Klinker allein. (Ihm mit verschränkten Armen nachsehend.) Da geht ein Narr hin, gerade als wenn er ein gescheiter Kerl wäre,— und ich, der gescheite Kerl, bleibe stehen, wie ein Narr.(Er nimmt ras Veilchen vom Ermel.) Hangst'du das Köpfchen, armes Veilchen? Ich glaube dirs wohl. Unmöglich kannst du mit diesem Kohlstrunk sympathisiern.— Sollt« es wahr seyn?— oder sollte man ihn nur zum Besten haben?— Nein, nein, das ist ein Stückeben von der Frau Stiefmama. lEr bleibt in Gedanken stehen.) 7> Fünfte Scene. Doetor Busch und Klinker. Busch. Siehe da/ meine Linde! meine alte gute Freundinn!— Hier ruhete ich in der Am- me-Schooß— hier sasi ich oft als Knabe.— O/ diese Linde hat mich wie eine Großmutter verhätschelt/ denn Sie gab auch dem Jüngling Schatten, wenn er Epigramme schuft Klink.(den Fremdling musternd.) Den Mann soll ich kennen. Busch. War es nicht hier, wo ich im letzten bittern Jahre eine Thranenweide pflanzte? — sie ist vertrocknet!— die Thränen meiner Mutter fließen noch. Klink. Wahrhaftig! er ist es.(Er nähert sich ihm.) Mein Herr— Busch.(erschrickt und nimmt sich zusammen.) Klink. Verzeihen Sie meiner Neubegier. Tragen Sie schon lange eine Perücke? Busch. Ich?— o ja— von Jugend auf. Klink. Hin! ich wollre darauf schwören, Sie hauen in Venedig Ihr eignes Haar getragen. Busch. In Venedig?— ich war nre in Venedig. Klnlk. Aber ich war dort. Ich hatte ein hitziges Fieber. Ein Mensch oh n e Perücke wurde mein Retter, mein Wohlthäter, bind wenn dieser Mensch sich in Perücken kleidete vom Kopf bis zu den Fußsohlen, meinem Blick entgeht er nicht. Busch. Sie irren— Klink. Es'war freylich ein anderes Auge, mit dem jener Wochenlang an meinem Bette saß. Herr! es thut einem ehrlichen Mann verdammt weh, wenn sein Wohlthäter ihn nicht kennen will. Busch(streckt die Hand aus.) Hauptmann Klinker— Klink,(umarmt ihn mit Heftigkeit.) Sappcr- ment'Herr! Wenn sie meine Freundschaft verschmähen, wie vormahls mein Geld, so weis; ich nicht, warum Sie sich die Mühe gaben, mich vom Tode zu retten? Busch. Ich erstaune Sie hier anzutreffen. Klink. vurios ensu8, per tot cliw- erirnitin rerurn. Als ich meinen biedern War- ning verließ— Busch. Busch Ums Himmels willen! Nicht diesen Nahmen! Klink. Nicht? warum nicht? Busch. Hier heiße ich Busch. Klink. Busch?— doch wohl nicht der nähmliche, der dem Kommerziell--Rath Bauer den Staar gestochen? B n schu Eben der. Klink. Der für einen meiner Freunds einen Bauanschlag verfertiget, u id für den andern eine Luftpumpe reparirt hat? B u sch. Eben der. Klink. Der hier einen Prozeß führt, und dort junge Baume pfropft? Busch. Ganz recht. Klink. Von dem nran sagt: daß es ihm gleichviel gelte, ob er ein baut uimü mache, oder Kants Kritik der reinen Vernunft erkläre? Bus ch(Uichund.) Der nähmliche. Klink. Nun bey meiner Treu! Ich bin neugierig gewesen, diesen Wundermann kennen zu lernen, und ließ mir nicht träumen— Aber zum Henker, Herr! was sind S»e denn eigentlich? Arzt oder Baumeister? Jurist oder Gärtner? Dichter oder Professor? Kotzebue's Theater 14. Band. D Busch. Nichts von allem dem. Ich bitt em Unglücklicher. Klink. Und warum verschweigen Sie Ihren Nahmen?-- Ich dacht- die Hälfte von Jh-' reu Kenntnissen würde hinreichend seyn, ritten ehrlichen Nahmen berühmt zu machen. Busch. So lange ich Busch heiße, kann ich Gutes stiften. Der Nahme Warning würde jeden meiner Mitbürger von mir zurück schrecken. Klink. Wie s» steh' ich das? Busch. Diese Stadt ist mein Geburtsort. Klink. Ich wünsche ihr Glück dazu. Busch. Hier hat meine arme, wackere Mutter sich jeden Genuß des Lebens versagt,. um^ meine Erziehung zu vollenden. Klink. Diesen Zweck hat sie erreicht. Busch- Ich lernte viel als Knabe, aber^ alles nur oberflächlich. Ich ging auf Akademien und trüb es eben so. Von einem Dämon besessen, der schlimmer ist, als alle Gas,»ersiehe aeu- fel, vom Dämon der Satyre! kam ich zurück in mein Vaterland— Klink. Und fanden hjer Narren genug? Busch- Leider! Klink. Und machten sich Feinde? Busch. Wie Sand am Meere. Klink. Die Geschichte ist eben nicht neu. Der Kitzel, über die Thoren zu lachen, hat schon manchen feurigen Jüngling nnrer die Füße der Thoren gebracht. Busch. Ja, mich haben sie getreten? Klink. Mich Lünkr, ich habe etwas davon gehört. Busch. Wenn der Himmel mir jemahls einen Sohn schenkt, so soll schon die Amme ihm täglich vorsingen: Kind! laß die Narren ruhig ihre Straße wandeln! Klink. Das ist freylich ein Wiegenlied', bey dein auch alte Leute ruhig schlafen können. Busch. Das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Seele habe ich durch Witz verscherzt! Klink. Wußten Sie denn nicht, daß man eher ein Mahl stehlen, als ungestraft witzig seyn. darf? Busch. Vergebens hoffte ich auf Beförderung. Ich floh mein Vaterland mildem drückenden Bewußtseyn, Mutter, Schwester und Geliebte in Thränen zurück zu lassen! Klink. Auch eine Geliebte? Busch. In Thränen, die ich ihnen aus- presne! Klink. Nun erkläre ich mir die Schwermutb, die selbst in den lachenden Gefilden Italiens Sne begleitete. Busch. Ohne Brod irrte ich eine Zeitlang' umher. T ttS Glück lächelte mir einen Augenblick. Ich wurde Führer eines jungen Grafen auf Akademien und Reisen; ich hatt- Gelegenheit, mir man, gfaltige Kenntnisse zu erwerben, und benutzte sie. Klink. Daß ich noch hier bin, ist ein Beweis davon.. Busch. Mein Plan war: durch fleißiges Sammeln practischerGelehrsamkeit mein Vaterland zu zwingen, die Verirrungen meiner^ Jugend zu vergessen. Klink. Mangel an Menschenkenntnis;. Ausschweifungen, schlechte Streiche, v! die wer-! den vergessen; aber ein Epigramm— Freund, das vergißt sich nie. Busch. Leider habe ich diese Erfahrung ge-! macht! ich komme hier an unter fremden Nahmen, diese Verkleidung und die Blattern, an welchen ich schwer darnieder lag, machen mich unkenntlich. Ich sncke zu dienen, wo ich kann; nebenher lausche ich auf jedes Wort, daS man von dem armen vertriebenen Warning spricht. AH! noch immer ist dieser Nahme verhaßt!„Er war ein schlechter Mensch!" heißt es überall, „und ein Spötter! er hatte ein böses Herz"— Klink. Sehr natürlich. Welche andere Rache kann ein Dummkopf nehmen? Busch. Da steh' ich nun unter meinen Mitbürgern, und keiner heißt mich willkommen! Mutter, Schwester und Geliebte mir so nahe, und ich muß mich veihüllen, um ihren Umarmungen zu entgehen! Klink. Aber warum dar? Busch. Soll ich meiner Mutter unter die Augen treten, ohne ihr vergelten zu können, was sie um mich litt?— Soll ich meine Geliebte nur durch ferne, vielleicht leere Hoffnungen täuschen?— Nein, es ist fest beschlossen: Busch wird nicht eher wieder Warning, bis er durch Verdienste sich mit seinen Mitbürgern aussöhnt. Klink. Ist das nicht bereits geschehen? Die ganze Stadt ist voll von ihren Talenten. Busch. Aber wie wurde ich bekannt?— Drey blinde Bettler machte ich sehend, und niemand sprach von mir; viele arme Kranke habe ich geheilt, und niemand erwähnte meiner. Endlich führte mich der Zufall in das Haus einer Dame, deren Papagay dasPodagra hatte. Ich half ihm, und nun strömte die große Welt mir;u. K l i n k. Freund! Freund! Das Satyrisircn steckt Ihnen noch immer im Blute. Busch. Aber meine meiste Hoffnung habe ich auf eine Abhandlung gesetzt, an der ich seit mehreren Jahren mit der höchsten Anstrengung aller meiner Kräfte arbeitete. Klink. Eins Abhandlung? Die wird niemand lesen. Busch. Gleichviel, wenn nur der Fürst sie liest; nur er kann ihren Werth schätzen! Klink. Also— etwas statistisches? Busch. Über den Activ- und Passiv-Handel meines Vaterlandes. Klin k. Ein weites Feld. Busch. Meine Reisen und Beobachtungen haben mich in den Stand gesetzt, manche in die Augen leuchtende Verbesserung vorzuschlagen. Klink. Vortrefflich! Das kommt gerade zu rechter Zeit. Sechste Scene. Hippeldanz. Die Vorigen. Hipp.(außer Athem.) Uf! Freundchen! liebes, goldnes Frenndchen! gut, daß ich Sie noch antreffe. Klink. Was gibts? Sie scheinen ja ganz erschrocken? Hipp. Soll ich nicht erschrecken? soll ich nicht mager werden? und allen Appetit verlieren? Klink. Da muß Ihnen ja ein fürchterliches Unglück zugestoßen seyn? Hipp. Mein Oheim.— ich gehe zu ihm wohlgemuth— er setzt mir ein Frühstück vor— ich esse— Klink. Der Anfang ist ziemlich lustig. Hipp. Aber das Ende!— Ich ziehe mein Gutachten aus der Tasche, ich bitte ihn um seine Meinung— ach Gott! ich Haffe alle Meinungen, aber man muß doch, man ist doch nun einmahl Kammer- Rath. j Klink. Freylich. Hipp. Er liest— ich verzehre unterdessen 8a noch einige Bissen/ und bin außer Sorgen. Was thut er? er streicht das Wort Gutachten aus/ und setzt statt dessen: Ubelachten. Klink. Das war hart. H ipp. Ich denke/ der Schlag soll mich rühren. Vetter/ sagte er/ das Ding taugt nichts/ und/ sagte er/ du bist ein Narr.— Wie Freundchen? mir das?— ich bin Kammer-Narh— daS schmerzt. Klink. Wer weiß denn auch/ ob es wahr ist? Hipp. Es muß doch wohl wahr seyn. Ich habe Digestiv-Tropfen eingenommen. Klink. Schämen Sie sich. Ein Mann/ der eine Polenta verdaut/ s-ollre keimn Narren verdauen können? Hipp. Sehr wohl. Was das Verdauen anbelangt/ da suche ich meines Gleichen; o ja/ das thue ich. Aber das Gutachten? wenn es nun wirklich ein Übelachten ist? und der Fürst mich absetzt? wie? Klink. Je nun/ Sie haben ja zu leben. Hipp. Das wohl/ aber die Ehre! Freundchen/ ich halte auf Ehre, versteh» Sie mich? Klink. Halten Sie nur immer eine gute Tafel/ das wird Ihnen mehr Ehre bringen/ als wenn Sie ein zweyter Sully wären. llr Hipp. Herzlich gern. Ich lasse es mir sauer werden, das wissen Sie. Ich schäme mich nicht, selbst meine Schürze vorzubinden, und ein feines Auerhahns-Ragout zu schmoren. Aber das verdammte Gutachten!— Klink. Ist es Ihre Schuld, daß ein Gutachten sich weder schmoren noch braten läßt? Hipp. Freylich nicht, aber die Ehre! die verdammte Ehre! Man hat doch Geld, viel Geld, man null doch einen gewissen Rang in der Welt behaupten. Man bekommt zuweilen Briefe, die Addreffe ist lang, das läßt fein. Klink. Besser ein langer Küchenzettel! Hipp. Auch gut, sehr wahr. Aber doch— Freundchen, wie ist mir denn? Sie sind ja ein Tausendkünstler. Die letztere Sauce, die Sie mich neulich gelehrt haben, sie ist gut, sie ist probat. Konnten Sie nicht auch so ein Ding machen, so ein Gutachten? wie? Klink,(lachend.) Nein, wahrhaftig nicht! Hipp. Nun, nun, hören Sie nur. Ich habe einen Rheinwein im Keller, ein echtes Gewächs von Anno sechs und zwanzig. He? lauft der Mund voll Wasser? Klink. Weiter. 62 Hipp. Es ist ein Stückfaß, ich lasse es abzapfen, wir theilen, wie? Klink. Der Vorschlag ist reihend. Hipp. Topp! es gilt. Klink. Mir fehlen aber die Kenntnisse. Hipp. Was Kenntnisse! Ein Mann, der solche Saucen macht— Klink. Saucen gelten nur bey Romanen; aber ein Gutachten über das Commerzial-Wesen muß Saft und Kraft haben, wie ein Stück Nostbeef. Hipp. Aber mein Gott! wer hilft mir denn? ich bin ja doch ein reicher Alaun, kann alles kaufen: Titel und Leichenpredigten und Lobgedichte— soll denn so ein vermaledeites Gutachten nicht auch zu kaufen seyn? Klink. Vielleicht. Ich will Ihnen einen Gelehrten zuweisen, der die Sachs aus dem Grunde versteht. Hipp. Wo? wo? Klink. Sehen Sie den Mann, der da am Gartenzamie auf und nieder schleicht? Hipp. Ich sehe. Klink. Wenden Sie sich nur an ihn. Hipp. Wie heißr er? Klink. Busch? 63 Hipp. Professor? Klink. Nein/ er hat keinen Titel. Hipp. Ey, ey, Herr Busch schlechtweg? Ich bin Kammer- Rath, ich sollte es doch besser versteh», wie? Klink. Ja, wen» Sie sich an solche Kleinigkeiten stoßen wollen— Hipp. Nein, nein, ich stoße mich an gar nichts. Ich will mit dem Herrn Busch reden. Ach, Gott! ich habe heute schon so viel geredet. Klink. So will ich Platz machen. Hipp. Platz? Ja, wenn es mit dem Platz gethan wäre! Du mein Gott! ich säße lieber bey Tische, da ist mein Platz. Klink. Herr Busch, ich empfehle Ihnen meinen Freund, den Herrn Kammer-Rath Hip- peldanz, er hat ein Anliegen an Sie.- Busch. Wenn ich dienen kann. Klink,(leise im Abgehen.) Auf den Abend eine Flasche Wein unter vier Augen.(Ab.) 84 Siebente Scene. Hippeldanz und Busch. Hipp. Ja, ja, Herr Busch, es freut mich, Sie kennen zu lernen. Sie sollen bey mir spei- sen, und wie wollen Sie speisen? delicat. Busch. Wenn ich Ihnen in weiter nichts dienen kann, so bedaure ich, denn ich bin kein starker Esser. Hipp. Deßhalb sind Sie auch so mager. Nun, nun, nur getrost! wir wollen Ihnen schon einen Bauch verschaffen. In meinem Hause finden Sie keinen Menschen, der weniger als zwey Ellen im Umfange hatte. Busch. Der Umfang ist nicht immer eine Empfehlung für den Inhalt. Hipp. Sehr gut, dass Sie auf den Inhalt zu sprechen kommen. Ich brauche gerade ein solches Ding, und mein Freund, der Hauptmann Klin er, versicherte mich, Sie wären der Mann, der mir helfen konnte. Busch. Darf ich bitten, sich deutlicher zu erklären? Hipp. Allerdings dürfen Sie das bitten. 65 Leueuissimru? verlangt—(gibt ihm seine Papiere.) doch lesen Sie nur das/ Männchen/ so ersparen Sie mir eine Menge Worte. Busch(durchläuft die Papiers flücht'ig, sein Gesicht erheitert sich, er spricht bey Seite.) Du hattest RechtKlinker/ das kommt zu rechter Zeit. Hipp. Es sollen da verschiedene Mißbrauche herrschen. Böse Leute haben das dem Fürsten in den Kopf gesetzt. Ich bin doch auch Kammer- Rath/ ich gehe täglich ins Cvllegium und sitze da ganz ehrbar/ aber ich weiß von keinen Mißbrauchen. Busch. Der Wunsch des Fürsten ist eines braven Regenten würdig. Hipp. Sehr wohl, aber ich— was mache ich denn? B u s ch. Sie haben ja bereits ein Gutachten fertig. Hipp. Ja— es soll aber nichts taugen, wie?- Busch. Nun/ so machen Sie ein anderes. H i p p. Meinen Sie man schüttele die Gutachten nur so aus demErmel?— uud hernach/ meine Korpulenz— das Schreiben wird mir blutsauer. Sie hingegen sind mager/ bey Ihnen leidet der Unterleib nicht durch da§ viele Sitzen. 86 Wie wäre es Männchen, wenn Sie mir über Hals und Kopf so ein Paar Bogen lieferten? Versteht sich, gut bezahlt. Busch. Ich, Herr Kammer-Rath? Hipp. Ja, ja, Sie. Es muß aber unter, uns bleiben. Der Ehre wegen, verstehen Sie? Busch. Das Zutrauen, das Sie einem Unbekannten schenken, ist zwar schmeichelhaft— Hipp. O, ich kenne Sie! Sie sind der Herr Busch, ein Gelehrter. Ich weiß schon waS das heißt: Viel im Kopf, wenig im Magen. Nun, nun, dem läßt sich abhelfen. Busch. Ich habe nie in einem Departement gearbeitet. Hipp. Ich weiß ja wohl, Sie sind der Herr Busch und weiter nichts. Aber da kann man auch Rath schaffen. Ich weiß schon ein Ländchen, wo die Titel wohlfeil sind. Bus ch. Der Herr Hauptmann hat vermuthlich nur gescherzt. Hipp. Den Henker auch! jetzt ist nicht Zeit zu scherzen. Das Messer steht mir an der Kehle. Bestimmen Sie den Preis, Männchen, fordern Sie. Busch. Um keinen Preis. b? Hipp. Aber— wie soll denn das werden? He? B u sch(die Achseln zuckend.) Ja.^aS weiß ich nicht. Hipp. Wenn ich nur Zeit hätte— der Mittag ist vor der Thür— man soll essen, schlafen, verdauen. Überdies; bin ich mm gar Bräutigam, da habe ich alle Hände voll zuthun. Auf den Abend soll die Verlobung seyn: und noch ist die Tafel nicht einmahl gehörig arrangirt. Busch. Armer, geplagter Mann! Hipp. Arm nicht, aber geplagt! Sollte nun gar der Fürst eine Ungnade auf mich werfen— meine künftige Schwiegermutter ist eins stolze Frau, Sie werden sie kennen? Busch. Schwerlich. Hipp. Ein vornehmes Haus, die Kanzley- Directorinn Löwe. Busch(erschrickt heftig.) Wie? was? Hipp. Ja, sie führt wohl recht den Nahmen mit der That: es ist eine grimmige Frau! Bus ch. Demoiselle Löwe wäre Ihre Braut? Hipp. Meine Braut. Busch. Caroline Löwe? Hipp.(empfiin-iich.) Mademoiselle C»- rsline Löwe. 86 Busch. Sie werden von ihr geliebt? Hipp. Das wird sich finden. Busch. Und heute soll die Verlobung seyn? Hipp.^.utc. Busch(bey Seite.) O, Gott! Hipp. Es kommt mir freylich ungelegen— - die ganze Freude versalzen. Das vermaledeyte , Gutachten! Busch(hastig entschlossen.) Es scheint Ihnen sehr am Herzen zu liegen? Hipp. Allerdings! die Ehre! Sie können das nicht so gründlich beurtheilen, Sie sind nur Herr Busch schlechtweg, aber ich!— Busch. Wie, wenwich Ihnen in zwey Stunden ein Gutachten liefere? Hipp. O, Männchen, Männchen! Sie entzücken mich! Busch. Ich wurde einen hohen Preis fordern. Hipp. Fordern Sie, fordern Sie, man ist reich, man bezahlt. Busch. Hier ist nicht von Geld die Rede. Hipp. Wovon denn? Der beste Wein aus meinem K.ller— Busch. Aus das nicht. Ich begehre ein Opfer Ihres Herzens. Hipp. Mein Herz? damit känn ich nicht dienen. Busch. Sie müssen der Verbindung mit Mamsell Lome entsagen. Hipp. Wie? Busch. Unter dieser einzigen Bedingung arbeite ich für Sie. H ipp. Aber— wie ist mir denn?— Das macht mich ganz confuS. Was hat denn meine Heirakh mit demCommercial- Wesen zu schaffen? Busch. Gleichviel. Wollen Sie das nicht, so erwarten Sie ruhig Ihr Schicksal. Hipp. Wie? Werde ich denn ein Schicksal haben? Busch. Der Fürst ist streng, man spricht von Reformen— Hipp. Reformen? im Ernst? spricht man davon? Ach, Gott! Wenn man doch meinem Beyspiel folgte, wenn man doch mehr äße un-d weniger spräche. Busch. Man murmelt von Verabschiedung einiger unwissenden Räthe. Hipp. Murmelt man? o weh! Busch. Auf der andern Seite, was' verlieren Sie? Hipp. Eine Braut! « go Busch. Aber sie ist mager. Hipp. So ziemlich. Busch. Versteht sich schlecht auf die edle Kochkunst. Hipp. Nichts versteht sie davon, gar nichts. Busch. Ei» Mann wieSie, findet überall anständige Parthieen. Hipp. Das wohl. Bus ch. Kurz Herr Kammer Rath/ ich liefere das Gutachten, und Sie entsagen der Braut. Hipp. Aber Männchen/ wenn nun Ihr Gutachten auch nichts taugt? wie? Busch. So sind Sie an nichts gebunden. Hipp. Hm! Ja unter dieser Bedingung. B u sch. Die Hand drauf— Hipp. Topp!(Sie geben sich die Hände.) Aber NUN sagen Sie mir auch/ warum Sie es nicht leiden möge»/ dasi dre Caroline mein EhegesponS werbe? denn sehen Sie, ich bin Kammer-Rath/ ich muß doch wisse»/ warum ich eine Sache thue? Busch. Ach! Jetzt habe ich den Kopf so voll. von dem Eumchten/ daß ich unmöglich darauf antworten kann. Hipp. Ja, um drey Uhr muß es fertig seyn; hören Sie Männchen? um drey Uhr/ sonst fsyere ich um vier Uhr die Verlobung.(Geht es.) Achte Scene. Busch allein. -Wie ist mir geschehen!— Die Arbeit eines Jahrs, mit der Morgensonne begonnen/ bey der spaten Lampe vollendet/ in einem Augenblicke rasch geopfert.-— Wo bleibt nun meine Hoffnung auf Beförderung?— Wo der damit verknüpfte Unterhalt meiner Mutter?—Ach! ich gab alles/ was ich hatte! und wofür?— Habe ich Carolinens Besitz dadurch erkauft?— War sie nicht selbst vielleicht durch Rang und Reichthum verblendet?— Nein! nein! das nicht!— Von gehässigen Banden habe ich sie befcsyt/ und sie weiß es nicht! Ich war ihr Schutzgeist, ihr Retter/ ohne Hoffnung der Vergeltung, von reiner Liebe beseelt.— Aber meine Mutter! meine arme Mutter! Konnte ich an dieser Statte ihrer Noth vergessen?— Ach! das ist das liebe Gewichen, wo die Freuden meiner Kindheit neben Rosensträuchen blühten— hier der Grasplatz/ wo ich gehen lernte— dort der Brunnen/ vor dem die mütterliche Vorsicht mich oft warnte.(Er nähert sich den! Zaune.) Das Gartenhaus ist verfallen— die Hecke«»beschnitten -— fort sind die schönen Statuen/ an welchen mein Vater sich ergötzte— vermuthlich aus Noch verkauft—> dort wo mein Vater Blumen zog, steht jetzt Kohl— und hier/ wo die Baumschule war/ sind jetzt Erbsen gesaet.— Ach! dieser Garten dient nicht mehr zur Erhohlung! Er liefert Kohl statt Blumen.— Was seh' ich! — ist das nicht meine Schwester?— O! hinweg ihr neidischen Stachelbeeren! zurück ihr Blüthenzweige!— Ja sie ist es! nur der Strohhut verbirgt mir noch ihr holdes Gesicht.— Was gräbt sie da mit schwacher Hand?— Gute Friderike! die Schaufel ist dir zu schwer. Mit wem redest du?— Wem lächelst du so freundlich?—(Er sinkt plötzlich auf beyde Knie.) Gott! meine Mutter!(Paust. Er blickt bebend hin, bis Thränen rollen ihn« über die Wangen.) Meine arme Mutter!— sie ist alt geworden!— Der Gram um mich hat vor der Zeit ihr Haar gebleicht— Ach! sie begießt selbst ihren Kohl!— Warum darf ich ihr nicht helfen? Jetzt wischt sie sich ihren Schweiß von der Stirne>— im Schweiß ihres g3 Angesichts musi sie der Erde ihre Früchte abgewinnen— Unglücklicher! das ist dein Werk!— O! ich bin sehr elend!—(Er weint.) Halt!— meine Schwester nähert sich—(Er springt auf.) Sie tragt der Mutter Gießkanne— will vielleicht Wasser hier vom Brunnen hohlen— welche wollüstige Angst ergreift mich!— Ihr so nahe— soll ich mit ihr reden?— wird sie mich kennen?— Neunte Scene. Friderike. Busch. Frid.(eilt ohne Busch zu sehen mit der Gießkanne zum Brunnen. Sie läßt den Eimer hinab und schöpft. Als sie ihn wieder herauf winden will, wird er ihr zu schwer, sie muß ausruhen.) Busch(der ihr in großer Bewegung zusah, eilt herbey und spricht mit zitternder Stimme.) Darf ich Ihnen helfen, Mamsell? Frid. Ich danke Ihnen mein Herr, es wird schon gehen. Geduld und Beharrlichkeit richten oft mehr aus, als Starke. -Busch. Erlauben Sie mir Ihnen zu helfen» § r i d. Wenn Sie es gern thun— Busch(mit gerührter Stimme.) i);a, ich thue es sehr gerne!(Cr windet de» Eimer vollends herauf.) Frid.(halt ihm die Glesikanne hin, er füllt sie Mit Wasser,) Aber Sie zittern mein Herr; Sie sind der Arbeit nicht gewohnt. Sehen Sie/ Sie begiesien mich. Busch. Verzeihen Sie. Frid. Reines Wasser, es hat nichts zu bedeuten. Ich danke Ihnen.(Will gehen.) Busch. Darf ich fragen, Mademoiseli— ob nicht hier in der Nahe eine gewisse Wittwe Warnung wohnt? Frid. Ja, sie wohnt hier, ich bin ihre Tochter. Busch. Wirklich? so freut es mich, die Schwester meines Freundes kennen zulernen. Frid. Wie, mein Herr? Sie sind ein Freund meines Bruders? Busch. Wir halsn Italien mit einander durchreiset. F r i t. Mutter! Mutter! o, geschwind mein Herr, treten S w.über, Sie sind uns ein Böthe des Himmels! Mu-'"r! Mutter! Hier ist ein Fremder, ein Freu', von unserm August! ie lasst die Gießkanne stehen, und rennt in den Garten.) Busch. Um Gotteswillen! Das hatte ich nicht vorausgesehen.— Meine Mutter wird kommen— werde ich ihren Anblick ertragen?— soll ich fliehen?(Schmerzhaft.) FUehen vor meiner Mutter?— Armer Sohn!— nein ich will sie sehn— ich will ihren Segen stehlen^! — Verrathe dich nicht!-— Bettler! verrathe dich nicht. Zehnte Scene. Räthinn Warning. Friderike. Busch. Rath.(außer sich.) Wo? wo? Frid. Hier. Rath. Ist es wahr mein Herr?— meine Tochter hat mir gesagt— ach! ich kann nicht reden— Busch(bey Seite mit tiefeffer Wehmut!).) Sie liebt mich noch! Rath. Sie haben ihn gesehen? Er lebt?, wo? wie? Busch. Ich verlies; ihn in Venedig. Räth. Gedenkt er meiner? Frid. Und meiner? Busch- Mit der zärtlichsten Sehnsucht! Räth. Geht es ihm wohl? Busch. Ach nein! Räth. Nicht? Guter Gott! du hast mein Gebeth verworfen! es geht ihm nicht wohl! Frid. Warum schreibt er nicht? Busch. Um Sie nicht zu betrüben. R ä t h. Sein Schweigen betrübt mich. Dusch. Auch fürchtet er, wenn Sie seinen Aufenthalt und vielleicht seine Noth wüßten— Räth. Nun? Busch. Daß Sie Ihr eigenes karges Brod mit ihm theilen würden. N n t h. Das fürchtet er. Nicht einmahl die Freude gönnt er seiner Mutter, ihren letzte.^ Bissen mit ihm zu theilen. Busch. Er sinnt Tag und Nacht darauf, etwas zu erwerben. Rath. Doch wohlauf ehrliche Art? Busch. Ehrlich war er, und ists geblieben. Räth. Gewiß mein Herr? ist er ehrlich? hat ihn die Noch niemahls zu einem schlechtem Streiche verleitet? Busch« Busch. Niemahls. Frid. Sehn Sie Mutter/ daS wußte ich wohl. Räth. O! dann segne ihn Gott! Busch(durch den mütterlichen Segen heftig erschüttert, kann sich kaum„och halten, dass er nicht jli ihren Süßen sinkt. Pause.) Frid. Und- die Satyre, mein Herr? die verwünschte Satyre! hat mein Bruder noch immer diesen unseligen Hang? Busch. Nein! dieser Dämon ist ganz von ihm gewichen. Räth. O! wenn ich das glauben dürfte! Busch. Gewiß Madam. Die traurigste Erfahrung hat ihn weise gemacht. Er hat einsehen gelernt/ daß man die Menschen nur durch Liebe/ und nicht durch Witz bessert. Räth. Ja wohl. Busch. Er läßt jeden Narren seine eigene Straße wandeln/ sie sey krumm oder kothig. Frid. VormahlS pflegte er gleich mit Fingern auf ibn zu deuten. Busch. Jetzt lächelt er nur/ und geht vorüber. Räth. O Friderike! dann dürfen wir Kotzedue's Theater les. Kh. E hoffen, ihn einst glücklich in unsere Arme zu schließen! Frid. Hab' ich das nicht immer gehofft, liebe Mutter? Rath. Seinem Herzen mangelt nichts, um gute Menschen an sich zu ziehen, nur seine Zunge stieß sie zurück. Frid. Weil man das Herz nach der Zunge zu beurtheilen pflegt. Räth. Mein Herr, Sie haben uns frohe Augenblicke verschafft, die frohesten seit sechs Jahren! Wollen Sie nicht Hereintreten in meinen kleinen Garten? Busch(verwirrt.) Madam— Räth. Ich will Ihnen den vormahligen Spielplatz Ihres Freundes zeigen. Busch. Die Zeit erlaubt mir nicht— Räth. Es ist ein heißer Lag, womit kann ich Sie erquicken? Busch,(sehr sewegt.) Sie? biethen mir eine Erquickung? Rath. Was ich habe. Arm bin ich; die Armuth gibt wenig, aber gern. Frid. Eine Schale frische Milch liebe Mutter, was meinen Sie? Räth. Ja mein Kind, laus und hohle. 99 Frid.(ah in den Garten.) Räth. Wann werd' ich meinen Sohn wiedersehen? Rusch. Richt eher, bis er Ihrer s?iebe und Verzeihung vollkommen würdig ist. Rath. Das ist er ja schon! Busch. So lange Sie um seinetwillen darben? Rath. Trocken Brod und Freude, mehr bedarf ich nicht. Brod habe ich, Freude muß er mir geben. Busch(schmerzlich.) Trocken Brod! Frid.(kommt mit der Milch zurück, welche sie in einer altvaterischen, schwarzen, mit goldenen Blumen gezierten Schale«ragt.) Hier mein Herr. Wir haben nur eine Kuh, aber ihre Milch ist fett. Busch(wirft einen Blick a«f die Schale, seine Züge verändern sich, er geräth in wehmüthige Verwirrung.) Und die Schale, Mademoisell? die Schale— Frid. Nun, die Schale gehört freylich in ein Antiquitäten-Cabinet. Busch. Sie besitzen sie schon lange? Frid. O, so lange ich denken kann. E 2 Busch. Sie"haben vielleicht oft— mit Ihrem Bruder aus dieser Schale gegessen? Frid. Errathen, mein Herr, sehr oft. Dusch. Als Kinder, nicht wahr? Frid. Ja, als Kinder. Busch. Hier ist aber nur ein Löffel? Frid. Für Sie. Busch. Ich bin ja hier im Nahmen Ihres Bruders. Sie müssen mit mir essen! Frrd.(schöpft, kostet die Milch, und reicht ihm dann den Löffel.) Dusch. Pflegten Sie nichts dabey zu sagen? Frid. Da, lieber Bruder. Busch(nimmt zitternd den Löffel, will ihn zum Munde führen, bricht in Thrans» aus, legt den Löffel schnell zurück, wendet steh, verbirgt sein Gesicht und schluchzt.) Rath. Was ist Ihnen,, mein Herr? Busch. Verzeihen Sie, ich habe auch eine geliebte Schwester. Frid. Und ein gutes brüderliches Herz. Eilfte Scene. Jacob. Die Vorigen. Iac.(im Hintergründe.) In diese Gegend soll er gegangen seyn; wenn ich nur wüßte, wie er aussieht. Rath. Ehrlicher Jacob! wie kommt er hiev her? wen sucht er? Iac. Ich suche den Doctor Busch. Räth. Den kennen wir nicht. I ac. Ich auch nicht. Busch. Was verlangt er? ich bin Doctor Busch. Jac. Sind Sie es? desto besser! Rath. Verleihen Sie der mütterlichen Freude, die mich sogar vergessen ließ, nach Ihrem Nahmen zu fragen. Jac. Ich soll den Herrn Doctor in dasHau» des Kanzley-Dirsctor Löwe einladen. Busch. Löwe? Jac. Die gnädige Frau. hat erfahren, daß der Herr Doctor auch Blinde sehend machen konnten! Frid. Ach! wenn Sie das könnten! 10 2 Jac. Ja wohl Mamsell! so ein lieber junger Herr, so sanft und geduldig— Busch. Und seine Herrschaft hat das Zutrauen ju mir?- Zac. Ich soll Sie recht sehr bitten. Schon seit einer Stunde habe ich Sie überall gesucht. Der Herr Hauptmann Klinker wies mich hierher. Busch. Ich werde kommen. Jac. Bald? Busch. Bald. Jac. Nun Herr Doctor, wenn Sie dem braven jungen Herrn helfen; so tragt das ganze Haus Sie auf den Handen.(Ab.) Zwölfte Scene. Die Vorigen ohne Jacob. Frid. Sollten Sie wirklich einige Hoffnung haben? Busch. Warum nicht?— Vielleicht!— O ja! vielleicht! Frid. Wie würde Caroline sich freuen! Rath. Und du! Frid. Und ich! Räth. Und wir alle! Frid. Gehen Sie, mein Herr! ich beneide Sie um das göttliche Vergnügen, einem Menschen zum ersten Mahl Sonnenlicht und Freu- denthränen zu zeigen. Rath. Wir hoffen Sie wieder zu sehen. Nicht wahr, mein Herr, wir hoffen nicht vergebens? Busch(nach einer Pause, in welcher er mit sich selbst kämpft.) Madam— ich bitte Sie um Ihren Segen zu dieser Operation. Rath. Um meinen Segen? was kann der Ihnen nützen? Busch. Wenn ich mich recht entsinne— so hat Ihr Sohn mir erzählt, daß sein Leichtsinn Sie um die Freundschaft jenes angesehenen Hauses brachte. Rath. Er hat Ihnen die Wahrheit erzählt. Busch. Vielleicht wäre es mir aufbehalten,— vielleicht wäre es der Preis meiner Ge- schicklichkeit—> das wieder gut zu machen— auszugleichen— Räth. Braver Mann! Busch. Sehen Sie nun, daß meine Bitte Nicht ohne Grund war?(Er drückt ihre Hand zitternd an seine Lippen.) Ihren Segen, Madam! Räth.(legt die anders Hand auf sei» Haupt und spricht.) Von ganzem Herzen! Busch,(wendet sich, ruft leise:) Meine Mutter hat mich gesegnet!(und stürzt fort.) Rath.(sieht ihm verwundernd nach.) Rätselhafter Mensch! (Der Vorhang fällt.) io5 Dritter Act. Zimmer wie im erste» Act. Erste Scene. ü. a r o l i n e(steht und betrachtet einen kostbare» Brillantring, mit einem Miniatur-Portrait. 2»> Hin- terq«unde ein Bedienter. Auf dem Tischs ein ArbeitSkörbchen mit Strickzeug.) C ar. Nein, Herr Kammer-Rach, Brillanten thun es nicht; und wenn Sie auch lauter Pitts um ihr Portrait setzen ließen. Wer sich seinen Glanz so'von außen höhlt, bey dem ist es gewöhnlich inwendig dunkel.(Tic zieht eine Schreibtafel aus der Tasche und nimmt eine kleine Silhouette heraus.) Du bist mir doch lieber! O, pfuy! warum habe ich dich eben jetzt aus der^ Tasche gezogen? doch wohl nicht um Verglei- i«6 chungen anzustellen?— Da, mein Freund, nehm er seinen Ring wieder mit. Bed. Wieder mit? Ca r. Ich trage reine Ringe. Bed. Aber meines Herrn Portrait—- Car. Ist schön gemahlt. Bed. Er wünscht eS an Ihrer Hand zu sehen. Car. Weder sich selbst, noch das Partrait. Geh er. Bed.(schüttelt den Kopf und geht.) Car.(allem.) Wahrheit, Tugend und Liebe finden ihren Preis nicht in den Diamantgruben von Golconda. Erwerben kann man sie, aber nicht erkaufen.—(Sie drückt die Silhouette an ihr Herz.) Du bedarfst keiner Brillanten.(Sie hört komme», und verbirgt das Taschenbuch.) Zweyte Scene. Caroline. Jacob, dann Luise. Jac. Madam Warning will aufwarten. Car. Madam Warning, sie ist willkommen.(Jacob ab.) LO^ Car. Seine Mutter! O! wann werde ich sagen dürfen, meine Mutter!(Sie thut einige Schritte nach der Thür.) Luise(tritt herein, Garoims stutzt.) Car. Wer sind Sie Madam? Luise. Eine Unglückliche— Betrogene! Car. Sie wollen vielleicht zu meinem Vater? Luise. Bey Ihnen hoffe ich Mitleid zu finden. Car. Wenn Sie nur Mitleid suchen—- Luise. Ich bin eine Fremde— von meinem Manne hülflos verlaffen, den Sie und ich einst für gut hielten. C a r. Ich? Luise. Durch den Schwur ewiger Liebe lockte er mich aus meinem Vaterlande— aut den armen meiner Ältern!— Car. Wer? Luise. Mein undankbarer Mann!— Zn Sachsen ließen wir uns nieder. Er schrieb, ich arbeitete, wir verdienten unser Brod. Aber ein unglücklicher Hang zur Satyre machte ihm Feinde—> Car. Gott! wie hieß Ihr Mann? Lulse. August Warning— C a r.(steht wie vom Blitz getroffen.) Luise. Erwürbe verfolgt, und da sein Herz für mich erkaltet war, so ergriff er diesen Verwand, um heimlich zu entfliehen. Car. August Warning! Liirse. Mich, sein Weib, ließ er dem bittersten Elend zum Raube! Car. August! Luise. Oft hatte er mir von Ihnen erzählt, von Ihrer Gutmüthigkeit— Car. Und Leichtgläubigkeit! Luise. Das brachte mich auf den Gedanken, Hülfe bey Ihn-m zu suchen. Car. Warnings Gattinn, Hülfe bey mir! Lurse. Wir sind beyde hintergangen— Car. Beyde? Luise. Sie, dachte ich, weiß am besten, wie leicht es diesem Manne werden mußte, mich zu täuschen. Car O ja, Madam, o ja. Luise. Seine Gestalt, sein Verstand— C a r. Und einst sem Herz! Luise. Wer härte ihn nicht geliebt, den hassenswerthen Mann? Car. Sie sind glücklicher als ich, Madam. Sie können ihn schon hassen, ich muß daS erst lernen. O, es ist eine bittere Empfindung, wenn die Vernunft das Herz überzeigt, dasi es aufhören müsse zu lieben. Luise. Die Noth trieb mich zu Ihnen. Car. Gerne wollt' ich helfen— aber ich habe nichts— eben heute gab ich alles, was ich hatte, an gute Menschen— die ihn auch liebten! Luise. Was sott aus mir und der armen Waise werden! Car. Eine Waise?—Warnings Kind?— O bringen Sie eS her zu mir, ich will seine Mut-, ter seyn— wo ist Ihre Wohnung Madam? ich will es selbst abhohlen. Luise(verlegen.) Meine Wohnung! ich habe noch keine. Car. Wo ließen Sie Ihr Kind. Luise(stockend.) In— einem nahen Dorfe. Car. Eilen Sie es herzubringen.(Sie zieht «inen Ring von, Finger.) Geld kann ich Ihnen nicht biethen, aber hier ist ein Ring von einigem Werth«: verkaufen oder verpfänden Sie ihn, damit Las arme Geschöpf nicht Noch leide. LUije(mit einer Mischung von Rührung und Erstaunen.) Mademoisell—Ihre Eroßmuch— Car. Ach/ ich thue es nicht aus Groß- muth. Luise. Sie scheinen sehr bewegt! C a r. Und Sie sehr ruhig. Luise(gutwüthig.) Sollte meine Entdeckung Sie unglücklich machen? Car. Gehn Sie Madam/ ehe man uns überrascht. Der Nahme Warning/ den Sie trage»/ ist in diesem Hause keine Empfehlung. Luise. Ich fühle/ daß ich grausam gegen Sie gewesen bin. Ich raubte Ihnen eine süße Täuschung— aber Sie werden es mir einst Dank wissen.(As.) Dritte Scene. Caroline allein. (Sie sieht Luisen lange stumm»ach, und bricht dann mir Bitterkeit aus.) Dank?—- nein/ gutes Weib! du nahmst mir alles!— gälte es bloß meine Liehe— das Herr sollte schweigen/ und die Vernunft ihn entschuldigen— aber— August ein Bösewicht!— ach!— Jetzt fühl' ich es; Hochachtung allein knüpft schöne Seelen «n einander. Liebe leiht diesem Bande nur die Farbe. Verbleichen kann die Farbe, ohne daß das Band zerreißt, aber wehe, wehe, wenn eS zerrissen ist! Vierte Scene. Hauptmann Klinker. Caroline. Klin k.(in komischer Verlegenheit, wie er seine» Antrag einfädeln soll.) Mademoisell— C a r.(sich fassend.) Seyn Sie willkommen Herr Hauprmann. Klink,(steht vor ihr und versucht einige Mahl hu reden.) C a r.(bemerkt seine Verlegenheit und äusert ihre Verwunderung.) Nun— was ist Jhuen? Klink.( nach einer abermahligen Pause.) Sie '— Sie haben schöne Pferde— C a r. Das kann seyn, ich verstehe mich nicht darauf. Klink. Ich war eben in Ihrem Statte— C a r. Ich war in meinem Leben noch nicht darin. I I 2 Klink. Aber— Sie haben keine Hand voll Heu mehr vorrnthig. Car. Das müssen Sie dem Kutscher sagen. Klink. Man kann da» Haus nicht einmahl in Brand stecken, wenn man auch wollte. Car. Das wird hoffentlich auch niemand wollen. Klink. Doch, doch— ich war eben im Begriff— Car. Sie? Klink, toime Karolinen anzusehen, indem er tzüt dem Stockbande spielt.) 2^, lehn Sie nur, ich pachte so: mein lieber Klinker, du bist doch nun einmahl entschlossen zu heirachen— Car. Sie wollen heirathen? Klin k.(immer ohne sie anzufthn.) Ein besseres Mädchen findest du nicht auf dem weiten Erdenrund— als— Caroline Löwe— Car. Mich? Klink. Aber, ob sie dich mag? das ist die Frage!— Car.(lächelnd.) Und um diese Frage zu entscheiden, wollten Sie unser Haus anzünden? Klink. An allen vier Ecken. Dann, dachte ich, lassest du e» so ein Weilchen brennen—> Car. Allerliebst! Klink. Und wenn die Treppe schon wackelt, lo stürzest du mit Lebensgefahr hinauf, nimmst Carolinen in deine Arme und trägst sie durch die Flamme. Vielleicht heirathet sie dich dann aus Dankbarkeit. C a r. Die Wendung ist neu. Klink. Sagen Sie Ja, und in'einer Stunde brennt daS HauS lichterloh. C a r. Aber wenn nun mein Daseyn keinen Werth für mich hätte? Klink. Je nun! waS man nicht achtet, das verschenkt man. Schenken Sie es mir. Car. Dazu habe ich Sie zu lieb. Klink. So? am Ende muß ich Sie wohl gar ersuchen, mich etwas weniger lieb zu haben? Car. Wo bliebe Ihre frohe Laune, wem? mein Trübsinn sie täglich verscheuchte? Klink. Wer sagt Ihnen denn, daß meine frohe Laune sich verscheuchen laßt? und von Ihnen nun gerade gar nicht; Sie müßten denn— Apropos! darf ich bitren, daß Sie einen Augenblick so stehen bleiben, ohne sich umzusehen? Car. Warum das? Klink. Ich bitte/ nur eine Minute Ca r. Nun ja. Klink. Aber keinen Blick seitwärts. Car. Ich bin ja kein Orpheus. Klink,(nimmt daö Strickzeug auL dem Korbe, und versteckt den Korb unter dem Tische.) So/ nun istS geschehen. Car. Was denn? Klink. Es war nur wegen der Jdeen-Asso- riation. Ich habe den Korb da versteckt. Car. Meinen Korb? Klink. Ja/damit er nicht etwa meinKorb würde. Es ist immer ein böses Zeichen/ wenn man einem Mädchen seine Hand anträgt/ indem ein Korb auf dem Tische steht. Es bringt einen ehrlichen Kerl ganz aus aller Fassung. Car. Sie sind heute, sehr froh gestimmt. Klink. Noch nicht/ aber ich konnte es werden. Car. Ich beneide Sie um diese Heiterkeit/ weil sie Ruhe des Herzens vorausseht. Klink. Mein Gott! ich todte mich ja seit einer Viertelstunde/ um Ihnen zu beweise»/ daß mein Herz eben so wenig ruhig ist/ als die See bey Ästuinoctial. Stürmen— Nun?— Das Herbst- Äquinoetium meines Lebens rst vor- n5 Handen— die Blatter fallen ab— die Abende werden länger— o, bey Gott! ich brauche ein gutes Weib für den Winter. Car. Wer in Bildern spricht, ist ruhig. Klink. Ich bitte Sie, liebes Mädchen, weichen Sie mir nicht länger aus. Sagen Sie mir lieber geradezu: Hauptmann Klinker, du gefällst mir nicht.(Er höhlt den Korb unter dem Tische hervor, und reicht ihr ihn hastig hin.) Da! da! NUN thun Sie was Sie wollen. Car. Herr Hauptman»— Klink. Klinker wäre mir lieber. Car. Fast sollte ich glauben, daß Sie im Ernste sprächen— Klink. Fast?— fast! Car. Also wirklich? Klink. Der Angstschweis steht mir vor der Stirn— sie glaubt es fast! Car. Soll ich mich wundern? Sie sind so lange schon bey uns aus- und eingegangen, un^ nce habe ich bemerkst— Klink. Ja, ich habe es selbst nicht bemerkst. Das hat sich so,eingeschlichen, wieeinThau- tropfen in einen Blumenkelch. Car. Die Liebe eines so wackern Mannes schmeichelt meiner Eitelkeit— Klink. Eitelkeit? mein Ziel liegt weiter hinaus. C a r. Diese Liebe zu erwiedern, steht nicht in meiner Gewalt. Klink. Nicht? C a r. Jetzt nicht. Klink. Jetzt nicht? aber einst? Car. Das kann ich nicht versprechen! Klink. Warum nicht? wenn Sie mich wirklich für'gut halten? Car. Gewiß, das thue ich. Klink. Liebes Mädchen, ich habe nur einen Bedienten und einen Reitknecht, die sind beyde nun schon achtzehn Jahre bey mir, und ließen sich für mich todtschlagen. Auch habe ich eine alte Haushälterinn, eine wunderlich« Frau; außer ein Paar Katzen und mir, liebt sie nichts auf der Welt. Nun denke ich immer: wer mir seinen Domestiken gut umgeht, mit dem darf es eine geliebte Gattinn schon wagen,(mit vieler Gutmii- thigkeit und halSer Rührung,) was Ihnen etwa an mir nicht anstünde, das wollte ich mir abgewöhnen. Wenn ich spräche: ich liebe dich; so sollten Sie mir nur antworten: ich bin dir gut— und wenn Sie dann so ein Paar Jahre nacheinander gesagt hatten: ich bin dir gut— so sprachen Sie vielleicht endlich auch: ich liebe dich— und wenn es einmahl zum Scheiden ginge— bey meiner armen Seele! so sprachen Sie: es hat mich nicht gereut. C a r. Guter Mann! Klink. Thun Sie den Korb weg! ja, ja, thun Sie ihn weg! C a r. Soll ich Sie täuschen? Ich habe schon geliebt. Klink. Was geht das mich an? Car. Ich liebe vielleicht noch! Klink. Das ist schlimm. Car. Freylich ist der Gegenstand meiner Liebe»»werth— Klink. Wird er sich bessern? Car.(zuckt die Achseln.) Klink. Werden Sie ihn heirathen? Car. Nie. Klink. Nun da mag er sich vor den Kopf schießen; warum hat er sein Glück verscherzt? Car. Dann ist noch ein Hinderniß. Meine Mutter hat mich dem Kammer-Rath Hippeldanz zugesagt. Klink. O, den lehre ich nur neue Saucen machen, so gibt er seine Ansprüche auf. Car. Wohlan, Herr Hauptmann, lasse» Sie mir Bedenkzeit— Klink. Bedenkzeit? wozu?— Sie werden mich doch nicht besser kennen lernen; denn von nun an werde ich immer meine beste Seite herauskehren. C a r. Ich sehe ei», daß ich thöricht handeln würde, wenn ich in meiner jetzigen Lage die Hand eines Mannes ausschlüge, den ich herzlrch hochachte, und dem dieses Gefühl genügt. Klink,(hastig.) Nun? und folglich? Car.(nach einer Pause.) Reden Sie mit meinen Ältern. Klink,(drückt ihre Hand entzückt an sein«Lippen und rennt fort. An der Thüre treibt er ployüch stehen «ttd kehrt langsam zurück.) Aber— das geht mich nun eigentlich nichts an— Car. Was denn? Klink. Und Si« könnten es wohl gar übel nehmen— Car. Ich kann die Menschen nicht leiden, die alles übel nehmen. Klink. Ich wünschte den Nahmen des Mannes zu wissen, der Eindruck auf Ihr Herz gemacht hat. Er muß verdammt liebenswürdig seyn. Car. Er war es. August— Warning? """ r zg Klink,(wie vom Llitz geruhet.) August War- ning? Car. Sie haben ihn nicht gekannt. Klink. Doch—l wer weiß— und dieser Warning ist Ihrer Liebe unwerth? Car. Leider! Klink,(nach einer ziemlich langen Pause.) Sehn Sie— da steh' ich, und möchte mich selbst zur Thür hinaus werfen, daß ich so ein Schurke bin, mich auch nur noch einen Augenblick zu besinnen. Car. Woraus? Klink. Freylich war mein ganzes Glück nur eine Seifenblase— so bald ich den Mund aus- thue— paff! weg ist sie!(Er nimmt sich zusammen.) Aber pfuy! Klinker. Sapperment! ich sage pfuy! Car. Ich verstehe Sie nicht. Klink. Dieser Warning ist Ihrer Liebe vollkommen würdig. Car. Woher wissen Sie das? Klink. Gebe» Sie mir den Korb, es ist vorbey. Car. Kennen Sie ihn? Klink. Meinen Freund, meinen Wohlthäter? Car. Ihren Wohlthäter? Klink. Ich wäre ein Schurke, wenn ich ihn in diesem Augenblicke verleugnen könnte. Ich darf nicht alles sagen, aber— Car. Er ist verheirathet. Klink. Das ist nicht wahr. Car. Er hat Weib und Kind verlassen— Klink. Potz Element! das ist nicht wahr! Car. Die Verlassene war aber bey mir. Klink. Seine Frau? das sind Satanskniffs. Car. Aber der Zusammenhang?, Klink. Ey, was weiß ich, wo Spitzbübe- rey und Bosheit ihre Schwefelfäden zusammengeknüpft haben. Genug, ich haue den Knoteu durch, und spreche: es ist nicht wahr! Car. Ach, Herr Hauptmann! Wenn Sie Beweise dafür hatten— Klink. Wo ist das Weib? Lasse» Sie sie. kommen. Ich will ihr auf den Zahn fühlen, und wenn es ein Schlangenzahn wäre. Car. Sie ist fort, ich weiß nicht wo sie wohnt. K l ink. In der'solle. Car.(klingelt hastig.) Jacob! Jacob! Fünfte I2i Fünfte Scene. Jacob. Die Vorigen. Car. Habt ihr nicht gesehen/ welchen Weg die Frau genommen hat/ die sich Madam Wartung nannte? Iac. Sie ging zur gnädigen Frau. Car. Zu meiner Mutter? ha! Klink. Der Zusammenhang— merkeuSis was? Car. Ist sie noch dort? Iac. Das weiß ich nicht. Car. Verzeihen Sie, Herr Hauptmann— (Sie will gehen.) Klink,(hält sie auN Nur noch ein Wort — denn wenn ich es Ihnen jetzt nicht sage, s» konnte nachher der Satan sei» Spiel haben, und der Eigennutz mir die Zunge lahmen.— Dieser Warning ist nicht allein unschuldig— sondern er liebt Sie wie immer. Jetzt gehen Sie, und bleiben Sie mir gut. Car. Bis in den Tod!(Sie druckt ihm die Hand und eilt fort.) Jac.(Ab.). Kotzebuc'S Theater 14. Band. < Sechste Scene. Klinker allein. Nun mein lieber Klinker, deine Ehrlichkeit hast du gerettet, aber alles übrige ist zum Hen- ker!— Setze dich in einen Schmollwinkel, und lies Ciceros Buch von den Pflichten.— Hier Caroline— und da Cicero— o weh! o weh! .— ePause.) Und wenn es nun doch wahr wäre! — wenn der Zugvogel an irgend einer Leimruths ein Paar Federn im Stiche gelassen hatte!— Möglich ist es immer dumme Streiche macht auch der beste Mensch— dumme! ja!— aber schlechte! nein! Siebente Scene. Hippe ldanz und Klinker. Hipp. Sieh da, Freundchen, so ebeü habe ich 2ht'e Gesundheit getrunken. Klink. Und doch bm ich krank. Hipp. Schicken Sie zu mrr. Keine bessere Arzeney auf der Welt als Kapwein, das muß ich verstehen. Ein Dutzend Bouteilleu sind für Sie bestimmt. He? Sie machen große Augen? Heute bin ich generös. Klink. Ist denn heute ein Schalttag? Hipp. Wie so? warum ein Schalttag? Sricheley! Sticheley! mag passiven. Werden erstaunen. Klink. Worüber? Hipp. Es. wird sich ein Ruf verbreiten,- die IHma wird trompeten. Klink. Mit dem Munde? Hinp. Von meinerGeschicklichkeit— Klin k. Dann werde ich allerdings erstaunen». Hipp. Rathen Sie, wo ich herkomme. Klink. Vermuthlich veni Tische? Hipp. Falsch. Ich kommevomPrasidenten». Der Fürst hat meine Abhandlung gelesen. K l i n k. Und sie abgesetzt? Hip p. Wird sich finden, HL! hä! ha! Heute" noch. Ich bin bestellt. Klink. Wohin? Hipp. Zum Fürsten. Ja, ja, Freundchen, man geht zum Fürsten. Kli nk, Und Sie hoffen wirklich? Hipp. Ich hoffe nicht, ich weiß gewiß. Se.. Durchlaucht haben gesagt: das ist ein Mann! L 2 12^ haben Sie gesagt: das ist ein Mann! den müssen wir in Ehren halten!— Mein Präsident, der Schlaukopf, wollte wissen, wer mir die Abhandlung gemacht halte? aber ich war kein Narr, wie? Freundchen, ich bitte— reinen Mund! Klink. Aha! es war also nicht Ihre Abhandlung? Hipp. Nun freylich war es die meinigs; ich habe sie ja theuer genug erkauft! Klink. Von Busch? Hipp. Pst!— nun ia; von Busch. Sie sollen Dank haben. Schicken Sie nur nach dem Kapwein. Klink. Was haben Sie dafür bezahlt? Hipp. Unter uns: der Kerl ist ein Narr, er verlangt kein Geld. Klink. Was denn? Hipp. Er kann dasHeirathen nicht leiden? Ich glaube, wenn es auf ihn ankäme, so stürbe die Welt aus. Klink. Ich verstehe Sie nicht. Hipp. Seine Bedingung war°—meiner Braut zu entsagen. Klink. Und Sie thaten es? Hipp. Nun freylich, was sollt' ich machen. Mädchen finde ich überall mit meinem Gelde, wie? aber so eine Abhandlung— Geben-Die acht, ich werde heute noch Geheimer Kammer- Rath. Klink,(bey Seite.) Vortrefflich! er ist nicht verheirathet!(Laut.) Ich wünsche Ihnen Glück, Herr Geheimer Kammer- Rath. Hipp. Dank, dank, Freundchen! soll auch Ihr Schade nicht seyn. Speisen Sie nur fleißig bey mir. Klink,(bey Seite.) Warte du Kaliban! dir sollst, den Lohn seines Fleißes nicht verschlingen. (Er wiA gehen.) Hipp. Wohin? wohin? Klink. Zum Essen. Hipp. Ich gehe mit. Klink. Nichts als Fastenspeise. Hipp. Ach, ne! dann bleibe ich zurück. (Klinker ab.) Achte Scene. Hippeldanz allein. Zch lobe mir das Fleisch,(er faltet die Hände über den Bauch,) und dem Himmel sey Dank, ich 126 esse viel Fleisch;(er streichet sich den Bauch,) es gedeiht denn auch so ziemlich. Wenn man nur den Kopf schont, und sich vor Ärger hüthet, o, da kann man viel verdauen.— Ärger?— ja, heute wird es wohl nicht ganz ohne Ärger ablaufen.— Was wird die hoffärlige Schwic- germama sagen, wenn ich der Mamsell Tochter den Korb bringe?— Ich thue es eben nicht gern— aber Wort muß man halten.(Nach innigem Nachdenken.) Hm! und warum muh man denn Wort halten?— Ich frage warum?— Es ist Herkommens.—> Ich konnte mich wohl drüber wegsetzen, denn ich habe Geld, wie?— Aber den Busch könnte der Teufel reiten, daß er plauderte— und wo bliebe denn der Geheime- KammerRath?— Die Ehre! dw Ehre gehl über alles! Neunte Scene. Hippeldanz und Madam Löwe. M. Löwe. Willkommen Herr Schwiegersohn. Die Anstalten zu dem heutigen Feste sind Ketroffen. ,27 Hipp.(in größtre Verlegenheit.) Ey/ ey— die Frau Kanzley-Direetorinn haben ein Fest- veranstaltet? M. Löwe. Seltsame Frage. Hipp. Wunderliche Dinge geschehen in der Welt— M. L ö w e. O ja. Hipp. Und seltsame Fragen, entspringen auK wunderlichen Dingen— M. Löwe. Was soll das heißen? Hipp. Der Weg zum Ehestände ist holpö- richt/ wie eine sächsische Landstraße/ man wirft um/ ehe man sich» versieht. M. Löwe. Ey, man muß nur nicht s» langsam darauf fahren, wie eine sächsische Extrapost.- Hipp. Eile mit Weile. M. Löwe. Nun, ich denke Sie haben eben nicht geeilt. Hipp. Darum bin ich denn auch noch weit som Ziele. M. Lome. Herr Kammer-Rath— Hipp. Meine theure Frau Ex- Schwieget« mama s erlauben Sie! daß ich mich srepmuchiK expeerorire. M. Löwe. Nach Belieben, nur schonen Sie meiner Geduld. Hipp. Man söll sich vermahlen— m aber so ein Mensch hat keine Ursache.— Vermuthlich steckt die saubere Mamsell Stieftochter selbst dahinter.— Schon gut! fort soll sie mir, und wenn ich sie dem erstell besten Vorübergehenden an den Hals werfen müßte.(Sie zeht m ein Seitriijimmer ab.) rä2 E i l ft e Scene. Eduard. Jacob. Busch. Kanzleh- Directsr Lome. Eduard(hinter der Scene, fantasirt von Zeit zu Zeit auf der Flöte.) I a c.(der dem Doctor Bruch die Mittelthür öffnet.) Nur hier herein. (Die Flöte schweigt.) BUsch(tritt herein.) I a c.(ab.) Btlsch(sieht sich überall um— alles ist thm in- s teressanr^ wehmüthige Niitterimierunge» schwebe» auf seiner Stirn— er wischt sich eine Thräne aus dem Au- i ge.— Eduards Atöle laßt sich wieder hören.— Vusch wird aufmerksam und sehr bewegt.— Er nähert sich leise der Thür— er kämpft einige Augenblicke mit sich selbst.— Endlich stürzt er in Eduards Zimmer.— Die Flöte schweigt plötzlich. Man hört Eduard rufen: Wer umarmr mich?— Busch kommt weinend zurück, °und such! sich zu fassen.) K a:iz le y.-Di r rcto r(tritt auf, mit Acten «nter dem Arm.) Mas flehr zu Diensten mein Herr? B n sch. Ich selbst und meine Kunst ganz zu Ihren Diensten. i33 Löwe. Kunst?— doch'nicht etwa ein Taschenspieler? Busch. Ein Augenarzt. Man hat mich rufen lasse»— Löwe. Ach ja! ich weis?/ ich weiß. Nun das gehört in die Wirthschaft, dar, gehe mich nichts an. Busch. Mich beucht/ eS ist Ihr Herr Cohn, der— L ö w e. Mein Sohn ist kein Prozeß. He! Jacob! rufe meine Frau. Sprich, der Augen- .doctor wäre hier.(Jacob ab.) So— so— so—> Haben Sie denn auch eine Bude? B usch. Eine Bude? Löwe. Ja, ich meine so, mit dem Hanswurst. Ich habe das vor vierzig Jahren einmahl gesehen. Busch. Nein, Herr Kanzley-Director, ich habe seine Bude.^ Löwe. Das ist Schade. Der Hauswurst ist mein Favorit. Ich höre, sie haben ihn auf dem Thea-cr abgeschafft, die Herrn vom Parnaß. Darum gehe rch auch gar nicht mehr hin. Denn, wenn ich den ganzen Tag unter den Acten gesessen Habs, so will ich auf den Abend lachen und nicht weinen. Busch. Weinen ist zuweilen süßer/ als lachen., Lö we. Ey warum nicht gar. Das Weinen ist eine l'senu naturnlis der siindigen Menschheit. Ich höre meine Frau, sie wird Ihnen wohl sagen/ was mit dem Eduard geschehen soll. Ihr Diener Herr Augendoetor ohne Hanswurst.(Er gcht in sein Zimmer.) Busch. Er ist noch der alte. Zwölfte Scene. Madam Löwe und B u s ch. M. L ö w e. Willkommen mein Herr! und wenn Sie helfen können/ gesegnet von einer liebenden Mutter! Dusch. Ja, gnädige Frau, Muttersegen soll nur deyftehen. Ich werde meine ganze Kunst aufbiethen. M. Löwe. Ach! schon einige Mahl wurde ich in meiner Erwartung getauschet. Sie, mein Herr, der Ruf Ihrer Geschicklichkeit, geben nur neue Hoffnung. i35 Busch. Ich kann nichts bestimmen/ bevor ich die Auge» des Kranken untersucht habe. M. Löwe. Ich führe ihn sogleich her. (Sie will geim.) Busch. Doch verrathen Sie ihm meine Gegenwart nicht. Nur sehen will ich ihn/ nicht sprechen. M. Löwe. Ich verstehe.(Sie geht in Eduards Zimmer.) Busch(allein.) Diese Vorsicht war nothwendig. Ein Blinder hat schärfere Sinne. Eduard würde meine Stimme erkannt/ und mich vor der Zeit verrathen haben. Dreyzehttte Scene. Mad. Löwe führt Eduard herein. E d. Wohin Mutter? M. L ö w e. Nicht weiter. Hier steh. Busch(betrachtet seine Augen aufmerksam.) Ed. Was soll lch denn hier?—(Pause.) Sie«ntworten mir nicht?—(Pause.)— Mich beucht/ es sey noch jemand im Zimmer? Busch(z-, M»». Lewe.) Genug. M. Löwe. Komm Eduard, ich führe dich wieder hinein. E d. Was war denn das?(ImMa-hen.) M. Löwe. T-u wirst es schon erfahren. (Sie führt ihn fort.) Busch(allein.) O Gott!— wenn nur dieß Mahl meine Hand nicht zittert.— Ihm(st noch zu helfen! Vierzehnte Scene. Madam Löwe und Busch. M. Löwe. Nun, mein Herr. Ihr Ausspruch? Busch. Hülfe ist möglich. M. L ö w e- Sie hoffen wirklich? B n sch- Ich hoffe. M. Löwe. O, dann sind Sie mir ei» Böthe des Himmels!— Jetzt, mein Herr, muß ich Sie mit der ganzen L-age meines Hauses bekannt machen, um Ihren Eifer anzuspornen. Busch Dessen bedarf ich nicht. M. Löwe. Wir sind reich, mein Gemahl iZ^ steht in großem Ansetzn; schenken Sie unserm einzigen Sohn dos Tageslicht wieder/ so befördern Sie zugleich die herrlichsten Entwürfe für den Glanz unseres Hauses. Rechnen Sie daher auf eine fürstliche Belohnung. Busch. Das thue ich, gnädige Frau. Der Preis, den ich auf meine Kunst setze, ist sehr hoch. M. Löwe. Fordern Sie. Busch. Ich verlange kein Geld. M. Löwe. Was sonst? Busch. Ich suche eine liebenswürdige Gattinn, und hoffe sie in diesem Hause gefunden zu haben. 'M. Löwe. Zn diesem Hause? Busch. Ihre Mademoiselle Stieftochter—> M. Löwe. Wie mein Herr?— Dusch. Ein glücklicher Zufall hat mich einige Mahl mit ihr in Gesellschaft gebracht. M. Löwe. Davon hat sie mir nichrs gesagt. x Bu sch. Visllecht übersah sie mich; aber der Eindruck, den sie auf mein Herz machte, ist unverlüschbar! und wenn es mir gelingt, ihr den Bruder wieder zu geben, so fordere ich zum Lohn die Hand der Schwester. i36 M. Löwe. Sonst nichts? Dusch. Mich dünkt, ich fordere sehr viel. M. Löw e. Nach dem nians nimmt. Freylich>vir kennen Sie nicht. Ihre Herkunft— Ihre Umstände— Busch. Meine Herkunft ist untadelhaft; mein Brod erwerbe ich durch Fleiß und Verdienst. Was ich sage, kann ich beweisen. M. Löwe. Aber Sie kennen ja das Mädchen noch nicht? B u sch. O, ich kenne sie. M. Löwe. Sie hat ihre kleinen Launen und Grillen. Busch. Wer hat deren nicht zuweilen? die Liebe schont und tragt. M. Löwe. Ich zweifle sogar, daß sie ohne Zwang in diese Verbindung willigen wird. Busch. Wenn sie sich weigert, so haben Sie nichts versprochen. M. Löwe csey Seite.) Das kömmt zu rechter Zeit Das wäre eins treffliche Gelegenheit, die Dirne los zu werden.(Laut.) Wir müsse» doch vorher mit meinem Manne— Busch. Allerdings. M. Löwe(geht«n desKanzlsy-Direetors Thüre.) Kommen Aste heraus mein Schatz, WWW» iZg Löwe(inwendig.) Ich habe keine Zeit. M.^Lvme. Es ist nothwendig/ Sie müssen heraus kommen. Fünfzehnte Scene. K an z l e y! D ir e c t o r. Die Vorigen. Löwe(unwillig.) Immer geben Sie InZes positiv ns. Nun? was soll ich den»? M. Löwe. Der Herr Dcctor Busch will unserm Eduard helfen. Löwe. Das weiß ich schon. M. Löwe. Unter der Bedingung/ daß wir ihm CaroUnen zur Frau geben. Löwe. Aber mein Schatz/ gehört das nun wieder in mein Depanemcnc? M. Löwe. Sie haben also nichts dawider? L ö w e. Wenn sie will— und wenn er ein ehrlicher Mann ist, der sein Auskommen hat -— aber daran zweifle ich/ denn er führt keinen Hanswurst bey sich. M. Löwe. Schämen Sie sich. Löwe. Wofür? M. Löwe. Nirgends kann man Sie pro- duciren. Löwe.?lls auf dem Richterstuhle; dahin gehöre ich. Die Leute, die man überall produ- Liren kann, sind manchmahl am wenigsten zu Hause, wo es ihre Pflicht erheischt.(Geht in sein Zimmer.) Sechzehnte Seen». Madam Löwe und B u s ch. M. Löwe. Schon gut. Seine Einwilligung haben wir. B u s ch. Und die Ihrige? M. Löwe. Gebe ich unter einer Bedingung. Busch. Ich unterwerfe mich einer jeden. M. Löwe. Dasi Sie, nach vollzogener Verbindung einen entfernten Wohnort wählen. B u sch. Und die Ursache? M. Löwe. Familienverhaltnisse. B u sch. Die Bedingung ist harr! M. Löwe. Aber unerläßlich. Busch. Wohlan es ftp! M. Löwe. So sende ich meine Stieftochter her, damit Sie das übrige selbst vollenden.(Ab.) Sieben zehnte Scene. Busch allein. Geh nur. Alle meine Lieben werden mit mir ziehen!— Wo Gattinn, Bkutter und Schwester mich umgeben, da ist mein Vaterland! meine Welt!— Sie wird kommen!— ich werde meine Caroline wieder sehen!— meine Caroline!— ist sie es noch?(Er erwartet ihre Ankunft in heftiger Bewegung.) Achtzehnte Scene. Caroline uüd Busch. C a r.(verbeugt sich.) Meine Mutter hat mir gesagt, daß Sie mich zusprechen wünschen. Busch(mit möglichst veränderter Stimme.) Ich habe— ich bin— Ear. Sie sind'ein wohlthätiger Mann- der Meinen Bruder aus seiner ewigen Nacht hervorziehen will. Busch. Wenn der Preis- den ich fordere- nicht zu hoch ist— Car. Um die Augen ihres einzigen Sohnes zu offnen- ist meinen Ältern nichts zm kostbar. ' Busch. Aber Ihnen? Car. Was kann ich dazu beytragen? B usch. Ihre Frau Mutter hat Ihnen nicht erklärt— Car. Was? Busch. Daß ich gewagt habe- mir die einzige Belohnung- die Reitz für mich hat— Ihre Hand zu erbitten? Car.(höchst erste»»!.) Meine Hand? Busch. ES musi Ihnen auffallen!— Car. Wirklich, auch als Scherz fällt mir das ausi Busch. Es ist nicht Scherz— Car. Gewiß, mein Herr- gewiß. Sie sehen mich zum ersten Mahle in Ihrem Leben— Busch. O nein— Car. Und wenn auch, so haben Sie mich doch nur gesehen, nie gesprochen; können sich i43 höchstens in mein Bischen Larve verliebt haben; und solch einen Mann— doch verzeihen Sie, ich antworte ernsthaft, wo ich bloß lachen soilre. Busch. Ich habe Freunde, die mit Ihrem Charakter genau bekannt sind. CaräPfuy, mein Herr, wer wird auf bloßes Hörensagen um ein Mädchen werbend Busch. Ich weiß Züge Ihres edeln Herzens— Ca r. Ein Zug meiner Charakters ist der, daß rch mich ungern ins Gesicht loben höre.— Kurz, mein Herr, ich bitte Sie, brechen wir davon ab. Busch. Vielleicht ist Ihr Herz schon gefesselt? Car.(nach eine.' kleinen Pause.) Das gehört nicht hierher. Busch(mit erkünstelt« Empfindlichkeit.) So m«ß ich bedauern, Ihrem Herrn Bruder mit meiner Kunst nicht dienen zu können. Car. Wirklich-!-- Sie wären im Stande einen Blinden sehend zu machen? Sie hatten Ihre hülfreiche Hand bereits ausgestreckt? und der Eigennutz zöge sie zurück? Busch. Ein so edler Eigennutz— i44 Car. Gleichviel/ mein Herr. Wer mildem, schKnen Beruf, der leidenden Menschheit bey»§ zustehn/ einen Handel treiben kann— der wird nie mein Gemahl! Neunzehnte Scene. Corporal Müller. Die Vorigen. Corp. Pardonniren Sie. Ich suche die Mamsell Lome. Car. Die bin ich. Wer ist er? was will er? Corp. Zch Kinder alte Corporal Müller. Sie werden wohl von mir nicht,gehört haben? Car. Rein. Corp. Glaub es gern. Ich bin nur ein gemeiner Mann/ aber mein Haar ist mir Ehren grau geworden/ und darum wurde dieser Gang mir sauer. Car. Dieser Gang? wie so? Corp. Meine Tochter ist heute bey Ihnen gewesen. Car. Seine Tochter? Corp. Sie hat einen dummen Streich gemacht. 1^5 macht, der beynahe aussieht, wie ein schlechter Streich<— aber der Wille war nicht böse. Car. Speech er deutlicher. Corp. Die Frau Mama hat ihr einen Hausen Geld gegeben, und hat sie instruirt, daß sie sich für eine gewisse Madam Warning ausgeben sollte.— Car. Gott! Blisch(bey Seite.) Was ist das? Corp. Die Frau Mama hat versichert, meine Tochter würde ein gutes Werk stiften, wenn sie das Herz der Mamsell von einem Landstreicher abzöge— Car. Weiter! weiter! Corp. Meine Luise verschweigt mir sonst nichts— aber da liegt zu Hause ein krankes Weib— und weil das Mädchen sieht, daß es uns blutsauer wird, uns ehrlich durch die Welt zu bringe«, so denket sie mir eine heimliche Freude zu machen. Da kommt sie heute mit diesem Beutel und diesem Ringe, und spricht: Vater, uns ist geholfen!— Ich stutze— es überlauft mich eiskalt— das Mädchen ist hübsch — ich denke der Schlag trifft mich auf der Stelle.— Als meine Tochter das merkt, erzählt sie mir geschwind den Verlauf der Sache Ksyebue's Theater ist. Vd. G H. , «nd meint Wunder wie klug und wie gut sie gehandelt habe. Aber das meine ich nicht, ich weine, man soll sich nicht in fremde Handel mischen. Das Ding schien mir krumm, und ich hin mein Lebtage immer gerade gegangen. Meine Tochter sollte die Sachen selbst wieder Hertragen, und den Betrug melden; aber si- schümh sich, sie sitzt zu Hause und weint. D« mußte ich denn wohl selber meine Krücke zur Hand nehmen. Hier, Mamsellchen, hier ist der Ring und das Geld. Car. O! guter Mann! behalte er beydes. Mein August treu! er weis, nicht, welch' ein kostbares Geschenk er mir gemacht hat. Corp. Nein, Mamsellchen, das behalte ich nicht. Mein Kind hat eine» dummen Streich gemacht, und dafür laßt sich der Vater nicht bezahlen. Von Almosen lebe ich auch nicht, mein gnädiger Fürst gibt mir eine Pension. Ich bitt-, nehmen Sie, und verzeihen der unerfahrneu Dirne. Car. Mein August treu!— o lieber Alter! wenn er wüßte, wie gern ich in diesen' Augenblick die halbe Welt verschenkte! Corp.(lächelnd.) Kann wohl seyn. Ist nur «uch vor Zeiten so zu Muth gewesen. N»», >47 nun, wenn es einmahl eine Hochzeit gibt, so meldet sich der alte Müller wohl zn einem Stück Kuchen. Gott befohlen!(Ab.) Zwanzigste Scene. Caroline und Busch. C a r.(faltet die Hände, und wirft einen fröhlichen dankenden Blick zen Himmel.) Busch. Wenn ich recht verstanden habe— C ar. Ich liebe, mein Herr, ja ich liebe! — Sie fragten mich ja vorhin: ob mein Herz gefesselt sey?— Nun wissen Sie es, nun haben Sie es selbst gehört. Eine Freude, wie die meinige, laßt sich nicht verbergen. Ich liebe einen edeln Jüngling. Sie haben gesehn, was man thut, um ihn von meinem Herzen zu reißen, aber das kann nur der Tod!— Ich bitte Sie, mem Herr, geben Sie Ihre sonderbaren Wünsche auf. Ich liebe! ich bin Braur! nur der Tod ist das Ziel meiner Treue! nur der Tod kann meine Fesseln lösen. G 2 Busch(bey Seite, im höchsten Entzücken.) Guter Gott! gib mir Thränen! C a r. Verzeih, mein August! verzeih, daß ich einen Augenblick an deinem Herzen zweifeln konnte! Busch. Maden,oisell, Ihre Liebe ist mir heilig— ich werde«hne Eigennutz für Ihren Bruder thun, was ich kann. Car. So gebe Ihnen Gott zum Lohns einst ein treues Herz, wie das meinige. Busch(unwillkiihrlich auSbrechenh.) Er hat es mir gegeben! Car. Und doch—? Busch. Verzeihung! nur prüfen wollt' ich Sie— Warning ist mein Freund! Car. Ihr Freund? Busch. Er kömmt— Car. Er kömmt? Busch. Doch nicht unter seiner eigenen Gestalt— Car. Unter welcher? Busch. Er scheut Ihren Anblick— Car. Meinen Anblick? Dusch(mit seiner natürlichen Stimme.) Die Blattern haben ihn entstellt— vielleicht mch' noch Kummer und Sehnsucht— r-t9 C ar. Gott! welche Stimme! Busch. Wenn dem Herz ihn nicht erkennt— Car. August!—(Sie stürzt ohnmächtig in seine Arme.) (Der Vorhang fällt.) l5c> Vierter Act. Erste Seen e. Eduard. Busch. Madame LÜwe. Caroline. Ka n z l ey-D ir e cror L v>v e. Jacob. Eduard sitzt auf einem Stuhle iu der Mitte der Buhne; sein Kopf ist Mit einem weißen Luche leicht verhüll«. Busch steht vor ihm mit dem Instrument in seiner Hand. Nebe» ihm auf dem Tische noch ein Futteral mit mehrcrn Instrumenten, einem Fläschchen Weingeist zum Aufbewahren der Staarlinsc u. s. w. M. Löwe, Caroline und der alte Jacob zu beyde» Sei-, ten in ängstlicher Erwartung. Löwe sitzt gelassen>w Sorgenstuhl. Busch. Es ist geschehn! Ed. Nehmt mir das Tuch weg. Busch. Noch einen Augenblick Geduld, M. Löwe. Carol. und Jacob(d>< gleicher Zeit.) Kann er nun sehen? Busch. Nur noch eine kleine Erholung. Löwe. Und wenn er nun sehen kann/ so srage ich: was hat er gewonnen? M. Löwe. A» deinem Anblick freylich nichts. Löwe. Blinde können testiren, adoptiren, tutklam. führen, dona administriren. M. Löwe. Wenn Sie nicht schweigen, so lasse ich Sie an der Zunge operiren. Löwe. Nur König von Persien konnte er nicht werden; denn k'nonopius sagt: kersae ue luscrun c;!i'ulcnn ack ncAirum ackmitte inrut. Busch(»iiinnt Eduard das Tuch vom Kopfe., Schlagen Sie Ihre Augen langsam auf. E d.«Hut es.) O, wie hell! wie schön! es ist Morgen! Bus ch(hält ihm seine Hand vor.) Was ist das? Ed.(immer hastig.) Eine Hand. B usch(stellt M.(Swe vor ihm hin.) Kennen Sie diese Dame? Ed.(streckt deydk Arme nach ihr aus-) Meine Mutter! - ,52 Busch(indem er CaroUncn verfuhrt.) Und diese? Ed. Ihre Züge sind mir bekannt— Car. Bruder! E d. Meine Caroline! Car.(will in seine Arme stürzen.) Busch(hält sie zurück.) Lassen Sie ihn. Keine zu heftige Erschütterung. Car.(geht in einen Winkel, kniet nieder und dankt Gott still.) Jac.(tritt weinend vor Eduard.)- Ed. Du bist der-alte Jacob? I a c. Gott sey Dank! Busch(mit zitternder Stimme.) Kennen Sie auch mich? Ed. Sie sind mem Engel! mein Schutzgott! M. Löwe. OSohn! Sohn! Busch. Genug. Jetzt muß er auf einige Tage in freywillige Dunkelheit zurückkehren. (Er nimmt ein Tuch ihn zu verbinden.) E d. Muß ich? M. Löwe(während Eduard verbunden wird, zu ihrem Manne, der immer ruhig säst.) Man sollte darauf schwören, Herr Gemahl, daß die ganze Begebenheit Sie nichts anginge. ,52 L ö w e. Da würde man einen falschen Ei» schwören. M. Löw e. Keine Bewegung/ keine Freude. Löwe. Ich freue mich allerdings, daß mein Sohn in Zukunft, auch rsua testis oirulari.-- auftreten kann. M. Löwe. Unerträglich. E d. Bindet mir die Hände, oder ich reiße das Tuch wieder weg. Busch. Geduld, nur einige Tage, sonst wäre alles verloren! Iac. Ich will ihn schon Hütchen. E d.(kindisch ent-uckt.) Ich habe die Meinigen gesehen— und den allen Jacob und das schöne Tageslicht! es war so hell! so schön! Busch. Führen wir ihn jetzt auf sein Ruhebett. Ed. O ja, laßt mich nur allein, ich habe so viel gesehen und das Licht ist in meinem Herzen geblieben— es umschließt das Bild meines Wohlthäters! wo ist er, daß ich seine Hand küsse! seine segsnreiche Hand! Busch. Lieber Eduard, keine Gemüthsbewegung. Ed. O, nun kenne ich ihn! sogar seäne Stimme ist mir schon bekannt! Busch(erschrickt.) Fort auf sein Ruhebett! Busch, Caroline und Jacob(fahre» Eduard ab.) Zweyte Scene. Löwe und Madam Löwe. M. Löwe. Ich bin außer mir vor Freuden! Lome. Ich nicht. M. Löwe. Das glaub' ich wohl. Sie werden sich nicht eher freuen, bis einmahl der blinden Themis der Staar gestochen wird. Löwe. Bewahre der Himmel! die Lhemit muß blind seyn, und das von Rechtswegen. M. Löwe. Ob Ihr einziger Sohn fünf Sinne hat, wie ein Mensch, oder zwey, wie eine Auster, das gilt Ihnen gleich. Löwe. Keineswegs. Ich betrachte nur, wie manche Mühseligkeit ihn erwartet. Jetzt war er blind von Natur; doch welchen Stand er auch ergreifen mag, so wird er nun oft blind ax. vLLm-> seyn müssen. r55 Dritte Scene- Busch mit Caro linsn an der Hand. Die Vorigen. Busch. Es ist vollbracht. Ich wage eS nun- niehr, Sie an Ihr Wort zu cnnnern. M. Löwe. Ich gab es, und werde er halten. Carolineich entbinde dich von der Pflicht, veu Kammer-Rath Hippeldanz zu heirathen. Du bist wieder frey. Busch. Nicht frey, sie ist die meinige! Car. Von ganzem Herzen. M. Löwe. Wirklich?(spöttisch.) Hat sich das so schnell gemacht? Hätte ich doch kaum geglaubt— um desto bester. Car. Meines VaterS Segen. Löwe. Wovon ist denn die Redet M. Löwe. Segnen Sie nur, ich werde es Ihnen nachher schon erzählen. Löwe. Aber ich muß denn doch wissen— M. Löwe. Eine bloße Wirrhschafrsangele- genheit, die Verheirathung Ihrer Tochter. Löwe. Ach so! nun wohl, sud iwsenvu- tione aller meiner Rechte segne ich dein christliches Vorhaben. »56 Car. Und meine Mutter?<— M. Löwe(zu Busch.) Wenn Sie Ihre Herkunft eben so gut beweisen können, als Ihre Geschicklichkeit— Busch. Ich mag nichts erschleichen— Eduards offene Augen mögen für mich sprechen. -— Gnädige Frau! von dem Jüngling erlitten Sie eine Beleidigung, von dem Manne empfingen Sie eins Wohlthat. Darf der Mann hoffen, daß Sie dem Jüngling verzeihen werden? M. Löwe. Was soll das heißen? Busch. Ich bin der unglückliche August Warning. M. Löwe(erschrocken.) Sie? L ö w e. Ey, cy! M. L ö w e. Und Sie unterstehen sich, mir unter die Augen zu treten? Busch. Der die Augen des Sohnes öffnete, muß er die Augen der Mutter noch immer scheuen? M. L-owe. Welche Dreistigkeit! Mir wird schlimm fort aus meinem Hause! Busch. Habe ich nicht streng gebüßt? bin ich nicht Jahre lang unstät und flüchtig umher geirrt, wie ei» Brudermörder? M. Löwe. Ein Epigramm ist schlimmer, sls eine Mordthat. Löwe. Wo denken Sie hin, mein Schatz? das ilus Liilniiurle— M. Löwe. Wer fragt nach Ihrem ilus' «.'iminale? Ein Dolch in der Brust schmerzt nur Minutenlang, ein Epigramm zeitlebens. Busch. Sechs Jahre habe ich darauf studiert, mein Unrecht wieder gut zumachen— M.?ö w e. Jahrhunderte sind zu wenig. Busch. Ich ward Augenarzt um Ihrem Tohne zu helfen; Gärtner und Mahler um Ihren Neigungen zu huldigen; ich ward Jurrft um Ihrem Gemahl im Alter beyzusicheu— Löwe. Auch Jurist? Ey, cy, wir wollen ein kleines Tentamen versuchen. M. Löwe. Schweigen Sie. Busch. Wie oft hat mich das Morgenroth bey der Scudierlampe gefunden, we>l das immer rege Verlangen, Ihre Verzeihung zu verdienen, mich wachsam erhielt. M. Löwe. Vergebens mein Herr, die Operation soll Ihnen bezahlt werden, gut bezahlt. Fordern Sie. Busch. Wie? Ich hätte durch unzählige Opfer diesen Augenblick Jahrelang vorbereitet. ib8 um ihn nur durch ein Paar elende Goldstücke abkaufen zu lastend— Nem, ich habe Carolrnens Hand verdient, sie ward mir zugesagt, ichchor- dere was recht ist,(Er ergreift CarolinenS Hand,) C a r. Ich bin die Ihrige mit meines Vaters Segen. Jetzt scheidet uns nur der Tod. M. Löwe. Was? mir ins Gesicht? und dar leiden Sie, Herr Gemahl? Löwe. Warum denn nicht? M. Löwe. Sie wollen ei» Jurist seyn?— Löwe. Ich bin einer. M. Löwe. Und wissen nicht einmahl, waS Kinder ihren Ältern schuldig sind? Löwe. Aber mein Schatz, Sie selbst haben ja meinen ConsenS zu dieser Ehe begehrt? M. Löw c. Wußte ich denn aber— Löwe. Das war IZnonaritia-vineikilis. M. Löwe. Sie sind ein Narr! und kurz, ich will es nicht Habe». Löwe. Aber die Gesetze suppliren die alter- liehe Emwilligung, wenn kein rechtlicher Grund vorhanden ist. M. Löwe. Sie reden wie ein Perückenstock! Löwe. Ich rede wie Ulpianus, welcher ausdrücklich— M. Löwe. Kein Grund! ist denn das Epigramm kein Grund? Löwe. Das Epigramm ist mir entfallen. Haben Sie doch die Güte Herr Warning, und reperiren Sie kürzlich das Epigramm Hnno- stiouis. M. Löwe. Was? wollen Sie mich umbringen? Löwe. Ich will mich nur in den Stand setzen zu judieiren. M. Löwe. Judiciren Sie so viel Wie wollen, ich sperre das Mädchen ein, und damit hat der Prozeß ein Ende. L ö w e. Das ist via kaeti. M. Löwe. Ich sollte mich in den Augen der ganzen Stadt lächerlich machen? Busch. Dem Reuigen verzeihen, ich das lächerlich? M. Löwe. Ich sollt- meine Tochter einem Menschen geben, der nichts versteht, als Reimschmieden? der nichts ist, nichts hat, nichts werden wirb? den ich Hache? den alle seine Mitbürger Haffen? der— Löwe. Prrrr! i6o Vierte Scene» Klinker. Die Vorigen. Klink,-atemlos.) Geschwind mein lieber Docror! zum Fürsten! zum Fürsien! M. Löwe. Da haben wirs! er wird des Landes verwiesen. Klink. Se. Durchlaucht erwarten Sie sogleich, wie Sie gehn und stehn. Busch. Mich? Klink. Sie! Sie! fort! fort! M. Löwe. Ha! ha! ha! so hat ja die Co- mödie ohnehin ein Ende.'(Zu EakN'iien.) Nun Mamsellchen? wollen Sie nicht 2hr D>schen Hab- seligkeiten zusammenpacken, und dem herumziehenden Herrn Docror folgen? Ca r. Allerdings Mutter, das will ich. M. L ö w e. Dafür gibt es Schloß und Riegel. Klink. Ich merke, man hat sich ezpeciorirt. Busch. Ach! Klink, lind Eduard? D u s ch. Er sieht. Klink. Brav Bruder! Juchhe mein Freund! eile zum Fürsten! das Glück ist eine Blume, i6i die selten im Garten des Verdienstes blüht. Eile sie zu pflücken.. M. Löwe(spöttisch.) Keine Rosen ohne Dornen; wenn er sich nur nicht sticht/ ha! ha! ha! Klink,(galant.) Schone Frau, wenn wir noch in Ovids Zeiten lebten, ich glaube, Sie ließen sich in einen Rosenstrauch verwandeln, bloß um zu siechen. Löwe. Oder in eine Brennnefsel. M. Löwe(ja ihrem Manne.) Wenn Sie doch nur nicht witzig seyn wollten, es kleidet Wie gar nicht. Klink. Zum Henker Doctor! Sie sind noch nicht fort? Busch. Ich gehe schon.— Caewline! es geschehe, was da wolle— C a r.(ihm mit Entschlossenheit die Hand reichend.) Ich wanke nicht. Busch(verbeugt sich, und geht.) M. Löwe(spöttisch zu Karolinen.) Wie groß, wie erhaben! ich rathe dir, dich im nächsten Landstädtchen als Schauspielerinn für die Heldenrollen zu engagiren. Car. Warum nicht? bey unbefleckter Unschuld ziemt einem liebenden Weibe jede Rolle, die ihres Gatten Sorgen mindern kann. M. Löwe. Sehr rührend und erbaulich! l Lö>ve. Hat er die Jurisprudenz g r ü n d-> lich studiert/ so ist mir nicht bange um sein Fortkommen. M. Löwe. Ein Versemacher und Gründlichkeit! wo denken Sie hin? Klink. Aber er macht keine Verse mehr. M. Löwe. O/ wer diese rsrmaledeyte Krankheit einmahl am Halse hat, der wird sie nie wieder los. Klink. Sie irren/ ich hatte auch einmahl Verse gemacht, aber die Recensenten haben mir die Lust bald vertrieben. M. Löwe. Schade, daß ich keine Mannsperson bin; ich wäre ein Recensent geworden. Klink. O! werden Sie es noch. Diese Herrn bedürfen einer Dame, um Lebensart zu lernen. C a r. Aber ist es nicht grausam, Herr Hauptmann? Sie wissen welchen Antheil ich an War- ninas Schicksal nehme, Sie berufen ihn zum Fürsten, sehen mich zittern— und schweigen. Klink. Sie kennen meine Freundschaft für Warning; See sehen mich fröhlich und fürchten? M> Löwe. Darf man wissen, wodurch die- i63 ser moderne Juvenal sich Ihre Freundschaft erworben? Klink. Durch eine Kleinigkeit! Er hat mich in Venedig vom hitzigen Fieber curirt. Lome. Ein seltsamer Jurist, er sticht den Staar und curirt hitzige Fieber. Aber Serenissimus sind weder blind noch krank, was soll er denn b-y Hofe? Klink. Da kömmt ein Mann, der Ihnen das am besten erklären wird. Fünfte Scene. Hipveldanz. Die Vorigen. M. Löwe Hipp-w.) Wie, Herr Kammer-Rath? nach einem solchen Affront wagen Sie noch mein Haus zu betreten? Löwe. Affront? davon weis; ich ja nichts? M. Löwe. Weil es nicht m Ihr Departement gehört.- Löwe. Desto bester, so kann ich gehen.(M m>5in gimmee.) Hipp. Ich komme ganz zerknirrscht— M. Löwe. Sie sollten aber gar nicht kommen, auch nicht einmahl zerknirrscht. 164 Hipp. Ein Platzregen hat mich betroffen— M. Löwe. Hier gerathen Sie unter die Traufe. Hipp. Das sey ferne! ich bin ein armer, betrogener Mensch! M. Löwe. Betrogene sind meistens Dummköpfe. Hipp. Dieser Herr Hauptmann— eine Grube hat er gegraben, und man ist hinein gefallen. Klink. Ich? Hipp. Sie Freundchen! haben Sie mir nicht den verdammten Busch reeommandirt? haben gesagt, daß er gar nichts wäre?— ein Spitzbube ist er! Klrnß. Vor kurzem schienen Sie doch recht sehr zufrieden mit ihm? Hipp. Ein Narr war ich, wie? M. Löwe. Erzählen Sie doch. Gewiß hat der böse Mensch auch ein Epigramm auf Sie ge macht? Hipp. Was Epigramm! meinetwegen hätte er ein Heldengedicht auf mich machen mögen. Klink. Das wäre ein Meisterstück. Hipp. Ich kaufe ihm ein Gutachten ab-" M« Löwe. Sie kauften? Hipp. Nun ja, das Feuer brannte«nf die Nagel. M. Löwe. Und er verkaufte? o pfuy! Klink. Fragen Sie um den Preis, und nehmen Ihr Pfuy zurück. Hipp. Ein verdammter Preis! Ich mußte versprechen, das schöne Kiud da sitzen zu lassen. Klink. Und wenn die Mamsell sich nun zu todt gekrankt hätte? Hipp. Eben deßwegen. Ein verdammter Preis! M. Löw e. Das war also die saubere Ursach? Car. Was hör' ich! o August! M. Löwe. Und betrog Sie dennoch mit einem elenden Gewäsch? eS geschahe Ihnen Recht. Hipp. Elendes Gewäsch? den Henker auch! mein AmbrosiuS sagt: das Ding hat Hände und Füße. Klink. Und Kopf obendrein. Hipp. Er hatte Jahrelang daran gearbeitet. Klink. Hatte die Hoffnung seiner Beförderung darauf gesetzt. Car.(sehr bewegt.) Und opferte es für meine Freyheit! Hipp. Er gab mir sein Wort, reinen Mund 166 zu halten; aber so ein Mensch ohne Geld uiü ohne Titel, was ließ sich da erwarten? wie? Klink. Hat er denn geplaudert? Hipp. Freylich! hören Sie nur. Ich werde so schleunig nach Hofe berufen. Aha! denke ich, willkommen Herr Geheimer Kammer-Rach. Mit bescheidener Zuversicht trete ich vor den Fürsten. Er sieht mich lange an und spricht kein Wort. Sein Windspiel schnuppert an mir herum. Aus Verlegenheit kratzte ich es hinter den Ohre», und weiß nicht, daß ich mich bald selbst werde kratzen—Von wem ist dieß Gutachten? fragt der Fürst.— Von mir Euer Durchlaucht. — Können Sie mir die Hauptideen mündlich wiederhohlen?— Run reden Sie Freundchen! was ist das? was weiß ich von Hauptideen? Klink. Se. Durchlaucht sind auch der erste, der welche bey Ihnen sucht. Hipp. Eben deßwegen. Ich stottere, und weiß mir nicht zu helfen.— Ich will wissen, fährt er fort, worauf sich Ihre Gedanken con- centriren— Nun bitte ich Sie Freundchen, meine Gedanken! worauf concentriren sie sich denn? Klink. Eine seltsame Zumuthung. Hipp. Ich dachte, kluge Leute schweigen— und schwieg. Plötzlich donnert es mir in die Ohren: Sie sind ein Unverschämter! ich entlasse Sie Ihrer Dienste. M. Löwe. Entlassen? Hipp. Bedenken Sie Freundchen! ich, der reichste Mann im Lande, ein Unverschämter. Hipp. Als ob Schaam für den Reichthum erfunden wäre. Hipp. Vor Schrecken kniff ich das Windspiel in die Ohren, es schrie und biß mich in die Finger. Halbtodt kam ich ins Vorzimmer; ein verdammter Page hatte gehorcht, die Satans gratulicten mir. Als ich auf die Straße komme, laufen mir die Gassenbuben nach— was wars? — die gottlosen Pagen hatten mir einen Papier- uen Haarbeutel angeheftet. M. Löwe(verneigt sich höhnisch.) Herr Er- Kammer-Rath! ha! ha! ha! Hipp. Hat nichts zu bedeuten, so lange es nur mit dem Geld nicht Ex ist. Busch hat geplaudert, folglich bin ich an nichts gebunden. Was meinen Sie Mütterchen? wir thun als ob nichts vorgefallen wäre; der Kaviar ist da, die Pastete noch unberührt; ich kaufe mir einen andern Titel; und wir feyern die Verlobung. M. Löwe. Zwar sollte ich Ihr heutiges Betragen strenge ahnen— doch dem Herr» i66 Warning zum Possen! es sey darum. Denn— merke esCarvline— ehe ich deinem Landstreicher verzeihe^ ehe vermahle ich dich mit dem Neptun, der auf unserm Brunnen steht.(Ab.) Hipp. Neptun? was will sie damit sagen? Ich will nicht hoffen, das; sie mich für den Neptun ansieht? Klink. Wenn sie noch gesagt hätte: der reiche Pluto. Car. Neptun oder Pluto; so lange ich eine Sterbliche bin, werde ich nie die Honneurs an Ihrer Tafel machen.(Sie geht in Eduards Zimmer.) Hipp. Sterbliche, was will sie damit sagen? wir sind ja alle sterblich. Es ist recht fatal, wenn die Leute so in Bildern reden. Neptun, Pluto, Sterblichkeit, Kraut und Rüben, Kraut und Rüben. Leben Sie wohl Freundchen; der Schrecken hat mir Appetit gemacht. Ich muß mich ein wenig restauriern. Und dann ein Schläfchen, wie? Klink. Verschlafen Sie nur die Verlobung nicht. Hipp. Mein An brosius soll mich schon zu rechter Zeit wecken.(2m Abgehen.) Eine Verlobung bung— da haben Sie recht Freundchen— die er muß man nicht verschlafen.(Ab.) ^ Sechste Scene. s- Klinker allciiu Der Kerl ist ein Narr.— Stille! stille Freund Klinker! was bist du denn?— vor deP >e Hand nichts viel bessers.— Deine Heiraths- m Tollheit gleicht einer Lavine. Anfangs war es >.) nur ein Schneebällen/ der sich, der Himmel ,? wech wo! losgerissen hatte— nun ist ein Berg darin aus geworden, unter dem deine Ruhe begraben )/ liegt.—(Er setzt sich. Pause. Dann mit Innigkeit.) ,d Häuslichkeit! du schöner Abendstern! du stimme->nerst nicht eher, bis die brennende Jugendsonne. ich lm Meere der Leidenschaften verlöschte— dann n, scheinst du lieblich in jede Hütte, wo zwey gute Aienschen wohnen— und wenn du untergehst- ig wehe! dann ist es Nachr! zu o- H Kitzebu/z Theater ist.«h. Siebente Scene. Rächn,» Warning und Frnderike treten ein. KR»k.(springt auf und sagt d-y Seite.) Vortrefflich! msü, Stern geht auf.(Laut.) Meine schone Damen, wenn der Zufall die Welt regiert, so bin ich der Liebling des Regenten. Rät h. Ein- Wohlthar für den Bittenden, wenn in dem Hause, was er mir schweren Her- betritt, eil. freundliches Gesicht ihn empfängt. * A ti„k. Wenn ich Kanzley-Director wäre- Näth. Düiii, würde das Bitten mir leichter werd ein Klink. Der schönste Lobspruch! den» wer »ute Menschen kennen lernen will, der gebe iim lZjcht, hu wem der Unglückliche Mertrauen hat. /' Räch. Ja, Hsre Hauptmann, ich halt« Sie für einen guten Menschen. Kli>' k.(zu Fritzerikrn.) Sie aiich? Frid. Gewiß. Klink. Dank dir Natur für die leserliche Schrift auf meiner Stirn.^ R ä th. Der Seelen«Adel hat auch sein xlom.- i>71 Klink. Und dieses Diplom gibt Anspruch auf die Freundschaft schöner Seelen?— Auf die Ihrige? nicht wahr? Rath. Die'Armuth findet zuweilen Wohlthäter, selten. Freunde. Klink. Der ich ein Thor, der den Baum begiefit, und sich nie in seinem Schatten erquickt. — Ihre Hand Madam— und die Ihrige gutes Kind.(Vertraulich.) Nicht wahr, Sie sind hier wegen der Pension? Rath. Ja., Klink. Sie hoffen auf günstigen Bescheid?' Rath. Um der Verdienste meines Mannes willen, ja.. Klink. Und wenn es fehlschlagt? Räth.(juckt die Achse!».) Dann— Frid. Ich kann arbeiten, Herr Hauptmann. Klink. Können Sie wirklich? und solltem Ähre Kräfte hinreichen? Frid. Man Hort, daß Sie nie für eins? Mutter gearbeitet Haben. Klink. Geben Sie mir eine Mutter, nnö wir wollen sehen, wer es am weitesten bringt^ Frid. Sie würden dann fühlen, wie frech' auch d^ Armuth seyn kann. Klink. Wohlan, Madam; Sie haben vor' H 2. 1^2 der Hand keinen Sohn. Darf ich seine Stelle ersetzen? Rath. Ach, Herr Hauptmann! eines Sohnes Stelle ersetzt kern Fremdling. Klink. Aber ich werde Sie lieben, lieben, lieben! durch Liebe kann auch der Mann im Monde unser Bruder werden. Rath. Sie sind ein gutherziger Sonderling. Es wird mich freuen, Sie naher kennen zu lernen? Klink.(ju Frid.) Und Sie, liebes Mädchen? Halten Sie es auch der Mühe werth, mich naher kennen zu lernen? Frid. Wenn mir das Mühe kosten sollte, so würde ich schon mißtrauischer werden. Klink. Sie haben Recht; eigentlich kennen Sie mich schon durch und durch; denn ichgehLre leider zu den Menschen, die, wie überreife Fruchte, von selbst aufspringen, und bis auf den Kern schauen lassen. Frid. Desto besser, so ist man sicher, keinen Wurm darinn zu finden. Klink. Also— der Handel ist geschloffen? — ja?— ja?(Bcvde schlagen ein.) Run Manischen, gereuen soll es Sie mcht. Zwar habe ich meine Ältern früh verloren, aber das Lieben ist eine süße Gewohnheit, man verlernt sie nie. Doch eine Bedingung!— verstoßen lasse ich mich nicht, wenn etwa der rechte Sohn plötzlich ankäme. R ä t h. Ach! er wird nicht kommen! Klink. Nun man kann nicht wissen. Auf diesen Fall, mein liebes Schwesterchen, muffen Sie mich in Schutz nehmen. Merken Sie wohl? von Ihnen fordere ich dann die Mutter!— meine Mutter und Ihre Mutter— versteh» Sie mich? Frid.(etwas heften,d-t.) Herr Hauptmann—- Klink. Ja, ja, ich laufe davon—aber ich komme wieder— ich hohle mir nur einen Fürsprecher—(schalkhaft,) und dann muffen Sne mir sagen, daß Sie mich verstanden haben. (Schnell ab,) Achte Scene. Die Vorigen ohne Klinker. Frid. Was wollt' er damit sagen? Rath. Er scheint edle und ernsthafte Absichten auf dich zu haben. Frid. Nach einer Bekanntschaft von eim- geu Stunden? das wäre sonderbar. Räth. Aber ein Glück für mich und dich. Frid. Sie wünschen es? Rath. Wenn er der ist, der er scheint— Frid. Ich schätze ihn hoch, aber>verde ich ihn jemahls lieben? Räth. Verbindungen aus Hochachtung geschlossen, gerathen weit öfter, als Heiratheii aus Leidenschaft. Überdies;, dein Herz ist frey; wir sind arm, sehr arm! dein Bruder kömmt nicht— wer weiß, ob er jemahls kommen wirb! wie bitter chnrde meine Todesstunde seyn, wenn ich dich ohne Rath und Schutz in der Welt zurücklassen müßte! Frid. O, Mutter! nichts mehr davon! Ihrer Ruhe bringe ich jedes Opfer. Neunte Scene. Kanzley-Director. Die Vorigen. Löwe(tritt in die Thür seines Zimmers.) Aha, Grau Rathinn! vermuthlich wegen der Pein L„5 sion. Kein Bedienter hier? schon lange gewartet? Rath. Um desto langer habe ich gehofft. Lome. Ja, lieber Gott! die Hoffnung gehört nicht in mein Departement. Nur herein zu mir. Die allerhöchste Entscheidung soll Ihnen aiuiouUUidoi' eröffnet werden.(Sie geht zu ihm hmeui.) Frid.(allein.) Ich sehe Eduard nicht— ich höre nicht seine Flöte— war der Doeror schon hier?— wird er ihm helfen können?>— o l das möchte ich doch gern wissen, ehe wir dieses Haus„erlassen.— Wer weiß, ob ich ihn dann jemahls wiedersehe!—(Sie horcht an Eduard» Thür.) Alles still— ganz still— schlaft er?— oder ist erkrank?— krank! und es ist vielleicht niemand bey ihm!—(Sie klopft leise an die Thüre-k Was mache ich! das war unbesonnen. Zehnte Scene. Friderike. Jacob. Bald darauf Eduard. I ac. Zu wem wollen Sie MamMchen? - Frid. Guter Jacob, ich wünschte bloß zu Wissen, ob sein junger Herr sich wohl befindet? Jac. O recht sehr wohl! Frid. Ob der Angenarztschon hier gewesen? Jac. Allerdings. Frid. Ob er sich getraut, ihm zu helfen? Jac. Er hak ihm schon geholfen. Frid. Wie? Iah. Mein junger Herr sieht. Frid.(freudig uns laut.) Er sieht? Jac. Wer noch muß er sich hüthen. Frid.(außer sich.) Eduard siehe? O Gott! o Gore! Jac. Er darf mehr vom Bett aufstehn.' Ed.(mit verbundenen Augen.) Ich höre Andenkens Strmms. Frid.(an seinen Hals fliegend.) Eduard! Du siehst? Jac. Ums Himmelswillen! junger Herr! E d. Meine gute Friderike muß ich sehn, m:d sollt ich auch gleich die Augen auf ewig wieder schließen!(Er will die Binde wegreißen.) Frid.(sieht zitternd vor ihm.) Jac.(hindert ihn daran.) Nein, das darf ich mcht zulassen. Der Docker hat es strenge verbothen. -77 Ed. Ich bitte dich Jacob! nur einen Augenblick!— Du bist ja schon so lange hier im Hause— du erinnerst dich doch noch, wie sie bey uns wohnte. I a c. O ja, das wohl. Ed. Wie sie immer so gut war gegen uns alle! Iac. Das war sie. Ed. Und vor allen gegen mich! sie hat mich nie verlassen! wenn andere auf Balle und Schauspiele fuhren, ist sie bey mir geblieben! — Jacob! ich muß sie sehen!(Er will die Binde wegschieben.) Jac.(ihn hindernd.) Ich bitte Sie Mamsell, stehn Sie mir bey. F rid.(mit ihren Wünschen rümpfend.) Ich—- thu es nicht Eduard— Jac. Bester junger Herr! Sie werden wieder blind werden. Ed. O! so hab' ich doch Andenken gesehn! Jac. Nun, ich bin unschuldig. Ed.(schiebt die Binde weg und öffnet die Augen.) Fnderike— bist dir es?— rede, daß ich es glaube. Frid.(sanft weinend.) Ich bin es. Ed. So Moß! so schön! o, wie arm war meine Fantasie! Frid.(schluchzend.) Guter Eduard! ich wünsche dir von Herzen Glück! Ed. Du weinst? Frid. Ich freue mich. Jac. Die Binde vor die Äuge». Ed. Ja, ja, die Binde vor die Augen. (Er lägt sich geduldig verbinden.) Ma^)t was^ ihr wollt. Andenkens Gestalt vergesse ich nun nie wieder! ihreThränen habe ich gesehen!— vormahls fühlte ich sie nur— ich kannte das schone Auge nicht, aus dem sie flössen. Zac.(setzt ihn auf sein Ruhebett.) E d. Gib mir deine Hand, gutes Mädchen!(firiderike thut es, er drückt sie an sein Herz.) Lüsi mir deine Hand! laß nur sie auf immer! wenn auch der Blinde deiner Leitung nicht mehr bedarf, so führe doch den Sehenden sanft bis zum Grabe! F r i d.(lägt ihr Haupt gerührt auf seine Schutt» sinken.) Mein lieber, lieber Eduard! *79 Eilfte Scene. Räthinn. Vorige. Räth.(-kömmt traurig aus des Kaujlcy-Directorr Zimluer, der sie bis an die Thüre begleitet und mit einer Verdeugung entläsit.) Komm, meme Tochter! unsere einzige Zuflucht ist Arbeit— und wenn wir krank werben— Gott! Frid. Mutter! Eduard sieht! Rath. Er sieht? wirklich? ö, das freut mich von ganzem Herzen.(Sie geht zu ihm und reicht ihm die Hand.) Guter Eduard, den ich immer geliebt habe, wie meinen Sohn—- E d. Mutter! sobald ich ausgehen darf, besuche ich Sie. Räth. Thue das. Zu meiner Einsamkeit dürfen wir uns ungestört freue». Komm Friderike! Frid. Leb wohl, Eduard! Ed. Deine Gestalt tlnbt bey mir. Lebwohl! Zwölfte Scene. August Warniug. Die Vorigen. A n g.(trNk ras» in die Thür, stutzt alS er Mutter lind Schwester sieht, und nähert sich>mt chekwiinnenheit.) Räth.(im D--s«)gchn.) Empfangen Sie meinen Glückwunsch. F r i d. Und meinen Dank. A U g.(mit zitternder Stimme.) Bleiben S.e Madam. Ich habe einen Auftrag an Sie. Rath. An mich? Aug. Ich komme so eben vom Fürsten. Rath. Ach ich weist schon— Aug. Nein. Sie wissen nicht. Durch Ihren Segen gestärkt, habe ich diesem Jüngling sein Gesicht wieder gegeben. In dem nähmlichen Augenblicke werde ich nach Hofe berufen. Eine Abhandlung— die Frucht vieljahrigen Fleißes — hat mir die Gnade des Fürsten erworben. Er stellte mir frey, um eine Wohlthat zu bitten— ich bath— er gewahrte— nehmen Sie. Räth.(höchst erstaunt. entfaltet das Papier.) WaS ist das?— eine Pension?— und weit mehr, als ich hoffen durfte?>— um Gottes- willen, mein.Herr! was soll das heisicn!— Wie kommen Sie dazu, für mich zu thun, was nur ein Sohn für seine Mutter ihun konnte? Aug. O, wohl mir! wenn Sie in dieser Handlung den Sohn erkennen! Mr steht zUternS und mit halb ausgebreiteten Armen n»r ihr.) E d. Guter Gott, das ist Augusts Stimme! i6r Räth,(wird von diese» Worten, wie von einem electrischc» Schlage getroffen. Sie heftet ihr von Furcht, Zweifel und Sehnsucht glühendes Auge starr auf August, das Papier lebt in ihrer Hand.) Frid. Mutter! welche Ahnung!(Sie betrachtet August mit ängstlicher Aufmerksamkeit.) Räth. tmitheftigcrinncrcrBeweguiig.) O wellt! er mein Sohn wäre! warum käme er nicht an das Herz der Mutter? Aug.(hebt die Arme aus.) Darf er—(Die Mutter sinkt mit einem Schrey in die Arme ihrer Tochter.) A u g.(stürzt zu ihren Süßen.) Frid.(ihr beyflehend.) Bruder! Mutter! E d. Er ist es! er ist es!(Er will die Binde wegdcißen.) Jac.(ihn verhindernd.) Um Gotteöwillsn! junger Herr! Räth.(erhohlt sich, ihre Freude sucht vergebens in Worte auszubrechen— nur ihre trunkenen Blicks hangen mit Entzücken an ihrem Sohne.) Aug. Mutter! bin Ich nun wieder Ihrer Liebe werth?* Räth.(winkt ihm an ihr Herz, er stürzt in ihre Arme, sie drückt ihn fest an sich.) Aug. Heule stahl ich Ihren Segen— jetzt/ jetzt segnen Sie mich! Räth.(legt ihre Rechte auf sein Haupt, ,hie Linke drückt sie a» ihre Brust, blickt mit nassen Lugen sen Himmel und stammelt athcmlos.) O! 0! ,82 Aug.(im frohen Taumel.) Ha! welch rill" neues Leben! die Mutter hat den Sohn erkannt>— der Fürst den Bürger aufgenommen — alle jene zerrissene Bande sind wieder angeknüpft mein Herz klopft nicht mehr in einem liebeleeren Raume— ich bin Sohn! Bürger! C a r.(die während dem hereinteat, und ihn umfaßt.) Gatte! Frid.(von der andern Seite.) Bruder!—' E d.(breitet seine Arme aus.) Freund! Räth. O, nun weiß ich, wie jener Griechinn zu Muthe war, dre vor Freude über ihren Sohn starb! E d. Gehöre ich denn nicht zu euch? Aug.(ihn umarmend.) Weingüter Eduard! C a r. Er war dein Arzt, dein Retter. Ed. Er? Drcyzehnte Scene. Der K a n zle y- Di re c tor aus seinem Zimmer. Madam Löwe durch die Mittelthür. Vorige. M. Löwe. Ey, hier ist ja große Gesellschaft. 2ch sehe Thränen! vermuthlich eine Ab» »83 schieds-Scene? doch der Schauplatz in meinem Hause scheint mir nicht gut gewählt. Aug. Ihr Haus/ gnädige Frau/ ist ein Schauplatz der reinsten Freude. M. Löwe. So? ich denke Sie kommen vsm Fürsten? Aug. Von dem besten/ menschenfreundlichsten Fürsten. Er hat meiner Mutter eine Pension bewilligt. M. L ö w e'(erstaunt.) Wirklich? Aug. Hat mich zum Geheimen-Kammer- Rath ernannt. M. Lö w e. Ey! Löwe. Cy/ ey!- Aug. Alle sind mit mir ausgesöhnt! alle haben mir die Unbesonnenheit meiner Jugend verziehen! nur Sie nicht.(Er rmct nieder uns taste ihre Ha„d.) Wachen Sie mein Glück vollkommen! Ed. Er gab mir meine Augen wieder. Ca r. Er hat mich so treu geliebt. Rath. Er ist ein guter Sohn. Frid. Ein liebevoller Bruder. L ö w e. Ein wackerer Jurist. M. Löwe. Wenn es wahr wäre/ daß Se. Durchlaucht— Aug. Hier ist daS Handbillct au den Minister. M. Löwe.(durchlauft es und wankt.) Dieses erhabene Beyspiel,— Aug. Vollenden Sie! M. Löwe(nach einer Pause.) In der Hoffnung, daß Sie nie wieder Verse machen werden— Aug. Nie! nie! M. Löwe. Stehen Sie auf, Herr Geheimer Kammer-Rath. Ich verzeihe. Aug.(anfsp'mgend.) O, meine Brust ist z» eng, um dieß Übermaß der Freude zufassen! Letzte Scene. Klinker. D i e V ö r i g e n. ^ Klink,(der>m Hfreintrete» die letzten Worte hörte.) Hier ist die Brust eines Freundes, die dir offen steht. A ug. Lieber Hauptmann! Sie haben meinen Kummer geheilt— Klink. Drum hab' ich auch ein Recht auf deine Freude. Glück zu! Dein Echifflein ist im i85 Hafen. Das meinige tanzt noch auf den Wellen. Doch, wenn der erste Sturm des Entzückens sich gelegt hat/(mit cmcm Back auf Andenke») so sollst du mir steuern helfen. Aug. Gern— Klink. Stille nur! stille! Ed. Mutter/ sie sind Heine so gut!— ich will auch etwas bitten. M. Löwe. Bitte/ mein Sohn. E d. Geben Sie mir Andenken zur Gattinn. M. Löwe. Wie? Arid.(schlag« die Augen nieder.) Klink. Allerliebst. Ed. Sie hat mich geführt/ als ich blind war; an meiner Hand will ich sie durch das Leben führen. Klink« Vortrefflich! Ed. Rede, Friderike« Klink., Sie sagt nicht ein Wort. Ed. Könnt ich in deinen Augen lesen!— Klink. Ja, sie schlagt sie nieder. Ed. Könnt' ich deine Wange sehen! Klink. Sie glüht wie Feuer. Ed. Sie schweigen Mutter? r86 M. Löwe. Ich weiß nicht, mein Sohn — du kennst die glänzende» Entwürfe—- Ed. Glanz und Glück— dre Wahl ist leicht— M. Löwe. Freylich, da jetzt der Herr Geheime Kammer-Nach—(An ihrem Manne.) Was meinen Sie dazu, mein Schatz? Löwe. Das gehört nicht m mein Departement. Klink. Ich sehe wohl wie es steht.(Er führt Friderikett zu Eduard.) Da, du verdammter Blinder! nimm sie! Ed. Ach Friderike, daß ich dich noch nicht sehen darf! Klink. Schweig! wenn sie mein wäre, ließe ich mir die Augen ausstschen. M. Löwe(da§ junge Paar umarmend.) Nun ja, ich bin so attendrirt.— Rath.(Aug. und Car. umarmend.) Kinder! helft mir mein Glück tragen! Löwe. Doppelte Svomsaiia. Klink. Will mich denn niemand heirathen? (Der Vorhang fällt.) Die kluge Frau im Walde, oder: der stumme Ritter. E l» Zauber spiel, i» i ü n f A u f z ü g e n. ^Erschien r6or.) P e r s s n e n: Odo, Herzog von Eleve. Luitgarde, seine Tochter. Edmund, PrtNz von Jülich. Adolphine, seine Schwester. Welle da, die kluge Frau im Walde. Oswald, Graf von Orlamünde, der stumme Ritter. Bernhard, sein alter Knappe. Liebcmund, des Herzogs Stallmeister. Bolkmar, ein junger Edelknabe. Erich, ein alter Diener der Welleda. Ein Bauer. Aldo in, Unserm, Herirbert, Ubald, naben, im Dienste Welleda'S. Mädchen, im Dienste Welleda'S. Höflinge, Knappen, Knechte, Hofdamen, Rathsherrsn, Doctvken. Die Scene ist theils in Odo'S Residenz, theils n» dem nahe gelegenen Walde. ^ Knappen. ,8t) Erster Act. Ruinen einer alten Burg, im Hintergründe links ein grosses Thor, rechts ei» Lhurm; beyde durch verfallenes Gemäuer verbunden; in den Thurm führt eine kleine eiserne Pforte, in der Mitte des ThürmS sieht man eine Glocke hängen. Auch im Vordergründe sind z» beyden Seiten Überreste von Mauern mit Gesträuch bewachst!;. SS ist früher Morgen. Erste Scene. Ä o t s m st r liegt ungebunden im Hintergründe nahe M Thore und schläft t A l b o l n, A n s e l m, H e r i- berk, Ubnld, alle gebunden, schlafen zerstreut zwischen den Ruinen: elN KNstde, i» Thierfcllc gekleidet. tritt leise hinter dem Gebüsche hervor, belauscht die Schlummernden, zieht sich dann wieder zurück bis an seinen Schlupfwinkel und stösit in ein kleines Jagdhorn: bin andrer Knstbe, weiss gekleidet, erscheint oben a»f dem Thurm neben der Glocke. Der Knabe oben(ruft herab.) schlafen sie noch? Der Kn a be unten. Za! Ik)N Der Knabe oben. Geht die Sonne auf? Der Knabe unten. Ja!(entschlüpft.) (Der Knabe oben schlagt drey Mahl an die Glocke, lind verschwindet.) Volkm.(erwacht.) Habs ich wirklich geschlafen?— Willkommen, alter Freund! dein Besuch ist selten, du liebst nur trockne Augen, Thränen verscheuchen dich!(-Steht auf.) Ich bin erguickt.(Gegen das Thor.) Dir, Welleda, verdank' ich diesen Schlummer; in deiner Nähe schweigt das ungestümme Her;. Das Kind wird ruhig, wenn es nur die Murter nahe weist. O, dürft' ich bleiben, wo du bist! Q, war' ich eine von den Stauden, die zwischen diesen Ruinen hervorsprossen, so gingst du doch zuweilen an mir vorüber und ich blühte dir. Es soll nicht seyn, du stolze Zauberinn, du'"lberirdische! Zu meiner O.ua! hast du von einer Sterblichen die Hülle nur geliehen; warum nicht auch.das Herz? Auf! fort! ich bin verschmäht!— Im Kriege schlage Feindes- Schwert mit Wunden, damit diese Wunde heilt!(Aufs Herz heiueud.) Als Ritter seh' ich diese Mauern wieder, oder nie! Auf Kameraden! erwacht! die Sonne ist Am Horizont. Fort aus diesem Walde, dem Schauplatz meiner deiden, meiner verwegenen Hoffnungen und thörichten Wüpsche!(Näher« sich seinen Gelahrten, um sie-u wecken, und wird mit Erstaunen gewahr, daß sie gestunden sind.) Was? gebunden?— Wer hat so gefrevelt au meinen wackern Gesellen?(Zieht sein Schwert,) Rasch, Vvlkmar! zerschneide ihre Bande, und fliehe dann aus diesem Zauberkreise! (Ein Knabe in ThicrfcIe gekleidet, mit gespanntem Bogen lind eingelegtem Pferd tritt ihm entgegen.) (Ein anderer Knaste, gleichfalls in Thicrfelle gekleidet, kömmt eben so von der andern Seite.) Du bist des Todes, wenn du ihre Band« lösest! Volkm.(stuht.) Waö soll das?— Ha, Welleda! verhöhnst du so das Recht der Gast- sttt)heit?(Die Knasten verschwinden.) Z'weyrr Scene. Dle Vorigen. Eiu Bauer(an einer Krücke.) Der Bauer(will vorübergehen.) Guten Morgen, Junker! Volkm. Wer bist du, Alter? Der Bau e«. Ein Dauer aus dem nächsten, Dorfe.^ Volkm. Was machst du hier an diesem gefährlichen Orte? Der Bauer. Gefährlich?(Schüttelt den! Kopf.)'! Volkm. Kennst du diese Wohnung?, DerBauer. O ja! Hier haust die kluge i Frau im Walde, wie wir sie alle nennen. j Volkm. Die Zauberinn! i Der Bau e r. Mag seyn! doch mit bösen> Geistern steht sie gewiß nicht im Bunde. Volkm. Du hast Recht: dieß holde, freund-^ liche Gesicht— Der Baue r. Ich baue auf ihr Thun und Lassen, und nicht auf ihr Gesicht. Fragt einmahl, zehn Meilen in die Runde, geht von Dorf zu- Dorf, von Haus zu Haus, die kluge Frau im Walde segnet jeder. Dem hat sie ein krankes Kind gerelker, jenem ein liebeS Weib erhalten; i hi-'r wird ein sandiger Boden durch ihren Rath i befruchtet, und dort ein köstlich Obst durch chre> Kunst aus wilde» Stämmen hcrvorgelöckc: eas j thut kein böser Geist. Unsre Kinder sammelt sie i um sich her, und lehrt sie spielend Gujes. An t wen s wen sich Kinder hängen, der hat ein kindlich Herz, dem traut man nichts Böses zu. Volkm. Alter! du bist bestochen! Der Bauer. Bestochen? Ja, vor einem Monathe ging ich noch auf zwey Krücken. Jetzt habe ich die eine lustig fortgeschleudert, und eben komme ich von der klugen Frau mit frischen Krautern. Die andere Krücke wackelt mir auch schon in der Hand. Bestochen?— Ja, bestochen, baß mir die Thränen in die Augen treten. Lebt wohl!(Geht ab.) Dritte Scene. Volkmar, und die noch schlafenden Knappen. Volkm. Allen thut sie Gutes; nur ich bin ihres Spottes Zielscheibe. Lieben darf ich sie nicht, und doch hindert sie meine Flucht. Ha! warum diese Fesseln meinen unschuldigen Gefährten? warum diesen Zauberschlaf?— Hörst du mich, Welleda? schweben deine Geister um wich? Tritt hervor und gib einem guten Menschen Rechenschaft! Lieben soll ich nicht, muß Kohebue'ö Theater*4- Band, I -9i ich darum zweifeln?— Laß mich ziehen in Frieden!(Pause.) Grabesstille um mich her! Was soll mit mir werden?— Ha! ich will sie noch ein Mahl sehen, und wenn ihr Auge mir de« LebenSfunksn aus der Brust zöge.(Greift M einem Stein, und wirft ihn nach der Glocke; die Block! trat stark.) Vierte Scene. (Das graste Thor springt auf, Welleda, gar! weist gekleidet, mit einem weißen Stäbe in der Hau», steht in Hellem Lichte. Volkmar prallt zurück. Wcllcda tritt heraus, und LaS Thor schließt sich hinter ihr zu.! Die Vorigen. Well.(mit erhabener Ruh« und Freundlichkeit.) Was begehrst du von mir? Volkm. Was du jedem, außer mir, gewährst: Frieden. Well. Krieg, Krieg deiner Leidenschaft! Volkm. Hast du die Tage gezahlt, a» welchen ich fruchtlos kämpfte? Well. Ich zähle nicht die Schwachheiten meiner Freunde. Volkm. Hast du vergessen, wie oft seit jenem Tage, als mich ein scheues Wild in diese ig5 Gegend sockte, und ich zum ersten Mahle deine himmlische Gestalt erblickte, hast du vergessen, wie oft seitdem der Schwur, dich zu meiden, von «einen Lippen brauste? Well. Von deinen Lippen nur? Volkm. Was kann ich für«nein Herz?— Die Herrschaft der Vernunft findet überall auf den Lippen ihre Gränze. Nur die Flucht, die Flucht aus meinem Vaterlands blieb mein letztes Rettungsmittel. Es gibt jetzt Krieg, und wo Krieg ist, da wandelt auch mein Freund, der Tod. Diese Gespielen meiner Jugend, von der Gluth ergriffen, die aus mir loderte, schlössen einen Bund, mir zu folgen. Gestern zogen wir aus; unsre Straße führte durch diesen Wald. Ich vermochte nicht dem Verlangen zu widerstehen, an deinen Mauern zu übernachten. Du erschienst uns nicht; aber kaum hatten wir-uns gelagert, als deine Knaben Wein und Speise gastfrey spendeten. Düs schien dem armen Flüchtling ein Bürge deines Mitleids, das gab ihm Trost und Schlaf. Still und dankbar wollte ich diesen Morgen weiter ziehen— ich erwache— meine Gefährten schlafen wie die Todten; ich will sie we- cken— sie sind gebunden; ich will ihre Bande lasen, und Pfeile drohen meiner Brust. Sprich: 2 2 was soll das? Hast du den Frevel gebilligt! War der Wein, der ihre Sinne noch gefesselt fi halt, ein Zaubertrank von dir bereitet? 8 Well. Wein ist der Zaubertrank der Natur. st Volkm. Und ihre Bande?" Well. Wer band ste fester, ich oder du.?» Volkm. Ich verstehe dich nicht. Well. Was thaten dir die Unerfahrne»! f Beredsamkeit der Leidenschaft im Bunde mit du, Leichtsinn ihrer Jugend hat sie verwirrt. Dm° väterlichen Herde entronnen, ergriffen sie viel-( leicht das erste Glied einer langen Kette vs«« Lastern. Wehe dir!» Volkm. Mir?> Well. So ist der Mensch! Alles zieht»< mit sich in den Strudel, daß er nur allei« l nicht untergehe.— Wehe dir!^ Volkm. Du klagst den Menschen an,»ich» mich! Well. Dich, einer hülflosen Wittwe einzigen Sohn.^ Volkm. So rufe Wehe über dich selbst. Du hast der Mutter den Sohn geraubt, du hast^ jede Kraft in mir verzehrt. Ich thue das Gut- ohne Willen, und dem Bösen widerstehe H^ nicht. '97 Well. Hinweg mir einer Liebe/ die mich schändet! Entweihe nicht den Nahmen eines Funken, den ein kühner Sterblicher einst dem Himmel stahl. Er glüht nur in dem Herzen, >» dem er den Zunder der Tugend findet, und wenn ein gefallener Engel lieben konnte, an der Hand der Liebe würde er sich wieder hinaufschwingen vor Gottes Thron. Volkm. Welleda! Ich fühl' es, ich bin ein Stäubchen, waS nur sichtbar wird in deinem Glänze. Vergiß meiner Liebe, sey meiner Tu- zend hold. Auch in mir schlummert Kraft zum Guten; dein Blick wird diese Kraft beleben. Verschmähe meinen Dienst nicht länger! Eo mancher Knappe steht in deinem Solde— der Tugend huldigt,— was dir naht— rette, rette mich vor mir selbst!(Sinkt zu ihren Füßen.) Well. Du begehrst aufs neue, was ich schon oft versagte? V o lk m. Duscheust des Jünglings kühne Lei« deuschaftk O fürchte nichts! Nur mein Wachsthum in der Tugend soll dir heimlich sagen, daß ich dich noch liebe! Well. Wohlan! steh auf! Ich will dich drüfen. '». Volkm. Herbey ihr wilden Thiere des Waldes! Welleda will den Muth des glücklichen VolkmarS prüfen. Well. Nicht nur deinen Muth, ich fordere auch Gehorsam, Treue. Volkm. Sie wurden für dich mir angeboren. Well. Kennst du mich ganz? Weift du, was ich vermag? und wodurch? Volkm. Dir gehorchen gute Geister, mit Engeln bist du verschwistert. Well. Es sey wie du wohnst! Ich spiele mit den immer regen Kräften der Natur, und schaue ruhig in den Kampf der Elemente. Aus scheinbarem Übel entsproßt das Gute, aus Tod Leben. Oft wird ein Wurm zertreten, daß er Nahrung gebe einer edlen Heilpflanze. Verstehst du mich? Volkm. Muß ich dich verstehen, um dir zu gehorchen? Well. So wandle diesen Pfad hinab! er führt dich zu einer Brücke über den Strom, an dessen Ufer Kinder spielen. Nimm diesen Dolch- ermorde das jüngste, und bringe mir sein zuckendes Herz. Volkm.(schaudert zurück.) Wie? Well. Was ist dir? Volkm. Hab' ich recht gehört? Well. Du zauderst? Volkm. Ein Kind soll ich ermorden? Well.(ihm den Dolch biethend.) Nimm und eile! Volkm. Das befiehlt Welleda? Well. Sie befiehlt und brttet! Volk m. Nimmermehr! Well. Jenes Kindes Herz wird dir das meinige erwerben. Volkm. Der Preis ist so hoch— daß nur l die Holle ihn bezahlen kann. Well. Thor! Ich bedarf dessen, um ewix jung und reihend dir zu scheinen. Volkm. Scheinen? Ja, du schienst Well. Der Liebe Freuden, Ehre und ^ Reichthum harren dein. Volkm. Welche Nahmen für Gewissens bisse! Well. Fantome, die nur Kinder schrecken. Volkm. Ha! du bist entlarvt! Noch steht die reihende Gestalt vor meinen Sinnen; aber ach! wo ist mein froher Glaube an deine Verwandtschaft mit seligen Geistern?(Senfzi.) Dieser Seufzer löscht den bessern Theil von meiner Liebe— was übrig bleibt, ist nicht des Kampfes werth. Well. Besinne dich! Volkm. Hinweg!— Du bist eine gemeine Zauberinn. Das Kunstwerk deiner Tugend war die Glorie, die dich umgab— es ist zertrümmert. Krin zuckendes Herz eines arme» Kindes kann dir in meinen Augen wieder Reihe leihen— es ist keine Kraft in der Natur, die auf dem Antlitz eines Weibes die Verlorne Unschuld ersetzt.— Leb wohl! Well. Volkmar! reiche mir dieHand! D» Geprüfter bist es werth, der Tugend Ritter und mein Freund zu heißen. Volkm.(freh zweifelhaft.) Wellsda! es war Prüfung?(Ergreift ihre Hand.) Well. Sieh mir ins Auge! Volkm.(stiirztjti ihren Fügen.) Ja? es war! Well. Jeder, der sich meinem Dienste weiht, wird zuvor geprüft durch die Leidenschaft, die ihn beherrscht. Ist sie starker, als sein Gefühl für Recht und Tugend, so betritt er diese Wohnung nie. Volkm. O, dir gibst mir meinen Himmel wieder! Wels. Steh auf! deine Gefährten erwachen. Verbirg dich im Gebüsch. Auch sie muß ich prüfen/ ehe ich sie dir zugeselle. Volkm. O dreyfach bittre Reue/ wenn sich das Herz der Wahl der Augen schämt! O dreyfach süße Liebe/ wenn das Gute im Schonen wohnt!(Geht ab.) Well.(ihm nachsehend.) Wackerer Jüngling — Ach! warum hat Welleda kein Herz für dich?(Wirft einen Blick auf die Schläfer, welche sich rühren.) Sie erwachen!— Erich! wo bist du? Erichs Stimme(hinter der Seitenmauer^ Hier! Well. Thu/ was ich dir geboth.(Entfernt W.) Fünfte Scene. Alb ein. Heribert. Anselm. Ubald. Hernach Erich/ dann Knaben und M adchen. Alb. Wo bin ich? Aus. Wer halt mich? Herib. Was ist mit mir geschehen? 2o2 Ubald. Brüder! ich bin gebunden! A l b. Auch ich! A n s. und Herib. Auch wir! Alb. Wer that es? Ubald. Ist keiner erwacht? Aus. und Herib. Keiner. Alb. Ich schlummerte so süß. An s. Der köstliche Wein! Herib. Gebt Acht/ es war ein Zauberkran k. Ubald. Hab' ich euch nicht gewarnt? A l b. Die kluge Frau im Walde— Ans. Was hat sie mit uns vor? Ubald. Sicher nichts, Gutes! Alb. Wo ist Volkmar? Herib. Fort! Ubald. Ein böser Geist hat ihn entführt. Ans. Nicht doch! Laßt uns rufen! Alle(rufen.) Volkmar! Volkmar! Erich(tritt hervor.) Wer wagt es/ hierzu lärmen? Ans. Wer bist du? Erich. Ich diene der klugen Frau iin Walde. Alb. Und wir sind ehrliche Knappen« Erich. Ich kenne euch schon. 2o3 Ubald. Man har uns Schlafende gebunden. Erich. Schon recht. Ihr seyd Landstreicher. Ubald. Mit nichte»! Wir ziehen in den Krieg. Erich. Bleibt im Lande, es soll euch wohl gehen. Alb. Rede! wie? Erich. Ihr kennt die kluge Frau, die hier haust? Aus. Die Zauberinn? Erich. So nennt sie das Volk. Herib. Sie thut große Dings. Erich. Gold ist ihr Talisman», Klugheit ihr Zanberstab. Wollt Ihr es in ihrem Dienste versuchen? Ubald. Warum nicht? Herrb. Wenn es frommt— Aus. Und der Seele keine Gefahr droht. Erich. Volkmar, euer Gefährte Alle. Wo ist er? Erich. Auf drey Jahre hat er sich Wette- ba's Dienste geweiht. Alb. Nun, wo mein Volkmar blieb, da bleib' ich auch. Herib. und Ubald. Ich auch. 2 04 Aus. Sprich zuvor, was heischt die kluge Frau von uns? Erich. Muth und Verschwiegenheit. Alb. Wozu? Worin? Erich. Ihr wißt, wie manche Heerstraße durch diesen Wald führt. Täglich ziehen Reisende vorüber zu Roß und Wagen. Die Kostbarkeiten aller Lander sind eine lockende Beute. A l b. und A n f.(bestürzt.) Was? Herib. und Ubald. Weiter! weiter! Erich. Unsern Getreuen werdet Ihr zugesellt, die sich am Wege lagern, und die Reisenden schätzen. Alb. und Aus. Räuber? Erich. Grobian! Buschritter, die sich au^ dem Stegreif nähren. In wenig Jahren seyd ihr reiche Leute, und niemand fragt, wo Ihr es herhabt. Herib. Freylich. Alb. Niemand fragt?(Gen Himmel deutend.) Auch der nicht. Erich. Seyd ihr daheim, so gibt es eitel Zechen und Wohlleben. Ubald. Das wäre? Erich. Schöne Mädchen kredenze« euch die Becher. Herib. Auch Mädchen? Erich. Lanzen, Spielen, Essen, Schlafen. Alb. Ja, wer da schlafen könnte! Erich. Warum nicht? Alb. Es gehört zum Schlafen mehr als Müdigkeit Erich. Du bist ein Thor, das gibt sich alles.— Nun wollt Ihr?. Herib. WaS meinst du, Albvin? Alb.(unwillig.) Kannst du noch fragen? Ubald. Wenn Volkmar sich ergab— A n s. So laß uns weinen um sein Schicksal. E r i ch. Wer mir folgt, dessen Bande löse ich augenblicklich; wer sich weigert, wird ins Burgverließ geworfen.— Nun?— Besinnt euch! Alb. Ich thu' es nicht. A n s. Ich auch nicht. Erich. Und ihr? Ubald. Wenn die andern wollen. Erich. Was kümmern Euch die andern? (Er schlagt drei, Mahl in die Hände, schnell springen an Noer Geile drey Knaben hervor. Zwe» sind i» Thierselle gekleidete»nd mit gezückten Dolchen bewaffnet, zwey andere in weisien Gewändern mit Blumen geschmückt, di« beyden letzter» schimmernd von Gold mit vollen Geld- säcken in den Händen-, zu gleicher Zeit erscheinen auf 2 durch sein Herz ein Mensch, der die Natur in ihrer Werkstatt belauschte, und des Schöpfers Allmacht bald im Schoße der Erde, bald über den Sternen anbethend bewunderte; der für Kaiser Maximilian heute sein Schwert zog, und morgen seine Feder eintauchte, der Schwert und Feder jedem Schwachen willig lieh, ein Mann, der Weisheit ehrte, Wahrheit verkündete, Tugend übte— Ach! er war mein Vater. Volkm. Dein Vater? Well. Der Fluch, den eine höhere Macht über die großen Männer aller Zeiten, aller Volker aussprach, der Fluch des Neides ihrer Zeitgenossen, lag schwer auf ihm. Man sprach von Zauberey, man nannte ihn Ketzer— den» überall sind Neid und Mittelmäßigkeit mit einem gehässigen Nahmen bey der Hand, den sie oft selbst nicht verstehen, und mit dem sie das lästige Verdienst brandmarken. Bald ein Flüchtling aus seinem Vaterlands, bald ein Gefangener zuBrüffel, hatte er heute den Himmel zum Obdach, und morgen einen Kerker. Um einer Me i- nung nullen sah' er zu Metz seinen besten Freund in Stücken hauen; um einer Mein u n g willen wurde er zu Lion in Ketten geworfen,(mit steigender Wehmuth/) bis er endlich— er, der alle Menschen lieble, und allen Gutes that, unter reinem Himmelsstrich mehr ein Stück Brod für seinen Hunger, einen Freund für sein Herz fand — und dennoch seine Feinde segnend-— zu Gre- noble im Hospital, starb. Volkm. schaudernd.) Im Hospital? Well. Ruhe sauft, guter Vater! die Nachwelt möge dich richten. Nur im Grabesdunkel leuchtet das Verdienst, und de» N-ides Schlan- genkopf zertritt nur der Tod. Volkm. lind du, des großen Mannes Tochter, die Erbinn seiner Weisheit? Well.(mit ungekünstelter Wehmuth.) Nicht seine Weisheit, nur seine Erfahrung ward mein Erbtheil. Weltberühmt ist AgrippaS Buch von den verborgenen Wissenschaften; doch der-Ltchlüs« ssl zu diesem Buche ward nur wenigen seiner Vertrauten. Das ist der Brunnen, aus dem ich schöpfte, das ist der Zauberkreis, wo die Natur ihre Gürtel loste, und dem?luge der 2i2 Sterblichen sich entschleierte. Nicht dieser Stab, vor dem der Pöbel zittert, jenes Buch verschließt das Geheimniß meiner Macht. Die Kräfte der Natur gehorchen mir nicht; ich lernte sie nur kenne n. Volkm. Aber du, geschaffen eine Zierde -er Pallasts, mit väterlicher Weisheit und eignem Liebreitz ausgerüstet, warum wähltest du diesen Wald, diese Ruinen? Well. An Odo's Hof war ich vormahls die Willkommene, und wohnte gern bey jenem biedern Fürsten. Aber— Volkmar!—(ihre Stirne umwölkt sich.) was ich dir jetzt sagen werde— und daß ich dir es sage, sey dir Bürge meines Glaubens an deinen Edelmuth! fttnterbrochen mit beben- ver Stimme.) Ich habe geliebt— einen wackern Ritter— ich liebe ihn noch. Er weiß es nicht, und soll es nie erfahren; denn er liebt mich nicht — ist vielleicht schon todt.(Hastig.) Und nun, Volkmar, schone meiner;—Kein Wort, keine Frage mehr von deinen Lippen, kein mitleidiger Blick erinnere dich an meine Schwachheit. Siehst du dann und wann Thränen in meinen Augen, so stelle dich, als habest du nichts gesehen; ich weiß doch, daß du meine Leiden theilst; ich werde Loch in schlaflosen Nächten mein Herz mit 21H dem Gedanken trösten: es lebt doch ein Wesen außer mir, das meine Schmerzen kennt und fühlt. Volkm.(drückt ihre Hand heftig an seinen Mund,) Und mit seinem Blute lindern möchte. Well. Jetzt ist dir meine Einsamkeit snt- räthselt. Den Balsam für verschmähte Liebe legte die Natur allein in Me nsch e n l ieb e. Einen Menschen muß man lieben oder alle; was dazwischen liegt, füllt nicht das Herz. Darum habe ich diesen zauberischen Aufenthalt mir seit Jahren zubereitet; hier darf ich im Stillen weinen und im Stillen Gutes wirken; denn wer die Menschen beglücken will, der thue es im Verborgenen, die sichtbare Hand stoßen sie zurück. Darum erfanden wackre Männer einst das heimliche Gericht, ein Schutz des Unterdrückten, ein Schrecken des Verbrechers. Doch Mißbrauch entweihte Ihre edle Stiftung, und— möge immerhin meines Vaters Spruch in der Tochter Munde eitel klingen— der Weiber Klugheit war von jeher vor der Eurigen um Jahrhundert« voraus— wo die Veh.mrichter nur schreckten, da lockt die Zauberinn; wo man vor jenen zitterte, da liebt man diese; jene bestraften das Laster, ich belohne die Tugend; vor jenen flöhe der Böse- 2l4 rvicht, ich befire den Schwachen. Das ist mein himmlischer Beruf, das ist die Quelle, aus der mein armes Herz den kühlenden Trank der Ruhe schöpft. Volkm. Laß von der zärtlichsten Freundschaft dir hinfort den Becher reichen. Well. Du sollst in mir eine Schwester finden. Volkm. Doch— vergönne mir den Zweifel, ob eben dieser Wald den Wirkungskreis des Guten dir nicht beschrankte. Well. Du irrst. An beyden Ufer» des Rheins schwebt mein Nahme auf den Lippen jedes Kindes. Fürsten und Herren wallfahrten zu mir— Tagereisen schrecken sie nicht. Köstliche Geschenke bringt mir die trauernde Liebe, die mütterliche Hoffnung, die eitle Neubegier. Schon des Waldes düstre Schatten werfen ein heiliges Dunkel auf ihre Bewohnerinn zurück; nur zwischen jenen Felsen konnte ich unbemerkt eine Wohnung schaffen, die durch Wundergleiche Täuschung bald schreckt, bald entzückt. Und endlich, Volkmar/ fesselt mich an diese Gegend ein seltsames Geheimniß. In diesem Walde ward eine That verübt, die meines Vaters Ruhm befleckt, die er sterbend mir bekannte, deren Folgen zu ver- 2i5 hüthen, der Tochter heilige Pflicht erheischt; denn wisse——(ein Knabe schlagt drey Mahl an die Glocke.) Was gibrs? Der Knabe(»o« Thurm.) Es nahen sich Fremde. Well.(zu Bolkmar.) So folge deinen Gefährten. Noch heute erfährst du mehr. Volkm.(ergreift ihre Hand mit Innigkeit.) Wel- leda'S Vertrauter?— Hätt' ich den Ritterschlag von eines Fürsten Hand empfangen, ich ginge minder stolz von hier.(Das Thor öffnet sich. Volk- mar geht rasch hinein, und das Thor schließt sich schnell hinter ihm.) Achte Scene. Welle da(nach einer Pause mit erhabener Wehwuth.) Gott, dessen Wesen mein kühnster Gedanke nimmer erreicht, es stammeln die Lippen der trauernden Jungfrau dir kindlichen Dank. Den Balsam der Freundschaft goß deine Liehe auf blutende Wunden, und wo ist die Bürde, den Schultern des lild benden Freundes zu schwer? Das ist das Band, das Menschen an Geister wundersam knüpft. Nur ein Bild seiner Leiden kann der Mensch dem Menschen vertrauen, und dennoch bleibet der Schmerz gemildert und sanfter zurück. Mit feyernder Wehmuth, o Gott! mit Thränen der Wollust dankt dir mein Auge der Freundschaft süßeste» Zauber. (Sie geht ab.) N e u n t e S c e n e. Liebe mund; ein Knappe. Der Knappe(hinter der Scene.) Die Rohwolle» nicht weiter. Liebem,(hinter der Scene.) So halte stund warte hier.(Tritt schüchtern auf, und wirft fei« Blicke umher.) Die Roste haben Recht. Welches Mutterkind wird diese Geisterwohnung betreten, wenn es nicht muß? Mich treibt des Herzogs Sporn. 2-7 Sporn. Ware ich sein Leibroß, ich wurde wich bäumen, so aber bin ich nur sein Stallmeister. Menschen dürfen weniger als Pferde. Ihn melden soll ich bey der(sieht sich um und sag« dann ganz leise:) Hexe!— Stil!, Liebemund! hier hat jedes Blatt ein Paar Ohren, und jeder Zweig wird zn einer langen Knochenband, der dich zwicken kann, ehe du dichs versiehst. Schon recht! aber so viel darf ich doch wohl sagen, daß ich hungre wie ein Page, und durste wie ein Klosterbruder, daß mich der Herzog vom Frühstück aufgejagt und in den Wald gejagt, um seine Ankunft bey der Frau Hexe—(erschrickt.) Halts Maul, Lie- bemuud! und wenn dir die Zunge an, Gaumen klebt; sie möchte dir, trotz deinem Straußenmagen, ein unverdaulich Frühstück zubereiten. (pr hak sich bey diesen Worte:: der einen Seitenmauer genähert; ein Vertier schiebt sich aus der Mauer ihm entgegen. er prallt zurück und betrachtet ihn mit Mischung »°n Furcht und Neugier.) So?— Ey ein Becher! ' Leer oder voll?(Macht einen langen Hals, um 'Mcmjusehen.) Voll!(Er nähert sich nach und nack:.) Eein!(Riech! von ferne.) Guter Wein!— Soll >chs wagen?, soll ich trinken?— Laß sehen, wer von euch beyden größer ist: Durst oder »Urcht?(Streckt die Hand darnach ans.) Ich glaube Kotzcbue's Theater iP Bd. K 2l8 fast/ die Furcht. Es krabbelt mir so seltsam zwischen den Schultern, als ob mir eine Spinne über den Nucken liefe.— Nein, nein, ich bin zwar durstig; aber die kluge Frau im Walde, die alles werst, sollte doch auch wissen, daß Liebemund niemahls trinkt, ohne etwas Zuckerbrot zum Anbist.(Er hat sich he» diesen Worten nach dkk gtgcniiscr siebenden Mauer gelehnt, aus welcher sich ihtn ein Teller mit Zuckerdred entgegen schied«; er prallt zurück.) So?— Ey recht feines Zuckerbrod!— Aber in welcher Küche gebacken?— Je nun, was thuts?— wenn man immer wüßte, wie die Leckerbissen zubereitet werden, man würde selten etwas davon geniesien.(Bückt hrrüdcr uud hwutur.) Der Wein— das Zuckerbrot-— der Durst— der Appetit!— Wir wollen's wagen! Aus die Gesundheit der Frau Kö igmn von, Bloc-sberge!(Indem er nach dem Bccher greife» will, verschwinde» Becher und Zuckrrbred.) So?— das heißt bey mw zu Lande gefoppt!— Große» D ank! das ist keine Manier!— Ja, ,a, ich sage es laut, allen Heren zum Lros, das iß k tue Manier gegen einen Stallmeister, der der erste Reiter im Lande ist, von einer Frau, die nur auf dem Besenstiel reitet. Zehnte Scene. Liebemnnd. Odo. Luitgarde. Od o.thinter der Scene.) Wo ist Liebemund? Liebem. Gott sey Dank! der Herzog istc da. Hier, hier, gnädigster Herr!(Geht ihm e»t- S-gcn.) Odo(tritt wir Luitgarde auf.) Hast du mich gemeldet? Liebem. Ach! was brauchtS da zu melden? Diesem verwünschten Schlöffe darf keine Eidechse j» nahe kommen, so weiß es schon ein jeder Srein in der Mauer. Odo. Aber ich befahl dir doch Liebem. Ich stehe euch dafür, gnädiger Herr, die kluge Frau wird gleich hier seyn; sie ist nur noch in der Küche mit dem Frühstück beschäftigt. Odo. Nun, meine Tochter? Athmest drr hier freyer? Luirg. Noch nicht, mein Vater! mir klopft das Herz voll banger Erwartung. Odo. Gedenke deines Worts! Diese Stunde cmscherdet über die letzten Stunden deines' Vaters. K L 22 O ? n i t g. Ist gehorche meinem Schicksal. Odo. Ich bin ein alter Mann, dem alles abgestorben ist, Werd und Kinder, Freunde und Bruder. Unter all meinem Hofgesinde ist keiner, zu dem ich sagen kann: Komm, setz dich her zu mir, wir wollen von unsrer Jugend plaudern!— Da muß ich lauter Männer um mich sehen, die ich aus der Taufe gehoben, Menschen, die mir aus dem Wege gehen, wenn sie lustig seyn wollen. Ich bin nur noch ein all ter Kalender, den sie nachschlagen, wenn sie etwa verg-ssen haben, wer vor fünfzig Jahre» Maisch» an meinem Hofe gewesen. L u i:g. Guter Vater! zweifelt ihr an der Liebs eures Volks^ Odo. Mein Volk liebt in mir den gerechte» Fürsten; aber der Fürst will auch als Mensch in feiner Häuslichkeit geliebt seyn; er will, daß ihm am Abend der Muthwille seiner Kinder den schweren Purpur spielend von den Schulter» zerre, und das Vaterlachel» die Fnrstensorge» von der Stirn gaukle. Lu i tg.(an seinem Halst.) Ich will Euch wieder werden, waL ich einst war. O d o. Diese Hoffnung fristet mir das Leben- Drey Kinder habe ich in die Gruft gesenkt, das 221 vierte, mein blondgelockter Fridolm— Gott weiß, wo seine Gebeine modern— Du Lnik- garde bist merne letzte Stütze! In wessen Armen soll ich sterben, in wessen Hände die Zügel der Regierung legen, wenn du noch länger wankest, den Gemahl zu wählen, der deines Herzens und meiner Krone würdig ist? Luitg. Ich schwöre es euch, mein Vater,, drese Ruinen sind der letzte Schlupfwinkel meiner Hoffnung. W,en» auch hier der Nebel nicht zerrinnt, der mir die Sonne meiner Zukunft birgt, oder wenn der liebgewordne Glaube an unverdiente Treue schwindet—hier schwinden muß— dann folge ich euch noch heute zum Altars. Odo. Auch gern?. Luitg. Habt Geduld mit einer Schwärmerinn! Odo. Schon naht sich der Prinz Edmund meiner Burg mit der Sehnsucht eines Bräutigams. Er hofft ein freyes Herz durch Liebs zu gewinnen. Wird dein düstrer Willkommen ihm den süßen Irrthum rauben? Luitg. Nie, mein Vater! Ich werde scheinen, was ich zu seyn vergebens wünsche.' Wenn aber hier-— 222 Odo. Ich vertraue der klugen Frau im Walde; ihr Rath hat öfters schon dem Fürsten wie dem Vater wohl gethan, und verschmähe doch Keiner eines klugen Weibes Rath. Der^ Mann umfaßt das Ganze mit seiner kalte»^ Vernunft, das Weib mit einem dunkeln aber richtigen Gefühl. Ersieht die Wirkung, sie fühlt die Ursache; er berechnet, sie ahnet i die Folgen, und wer wird öfterer gerauscht? Doch die Sonne steht schon hoch— Wellcda zögert. Unsre Gaste treffen noch Vormittag ein, wir muffen erlen. Auf, Liebemuud! gib das Zeichen mit der Glocke! Liebem,(der ungern gehorcht.) Gnädigster Herr! ich finde reinen Srein. Odo. So nimm eine Handvoll Erde. D» weißt, die Glocke tont von der leisesten Berührung. Liebem. Ich wollte, daß ich eine Handvoll Blitze nehmen konnte, um das Gcspenster- Nest ganz von der Erde zu vertilgen.(Er will>» «inen Erd- oder MaulwurfShüqel greifen, indem guckt tzin Knabe freundlich mit Sem Kopfe aus dem Hügel.) i Der Knabe. Was willst du, Liebemund?> Liebem,(prallt zuriick, halb furchtsam und halb 2 2«) boshaft.) Was ich will? Deinen Kopf nach der Glocke werfen. Der Knabe. Da hast du einen Stein. (Der Knabe reicht ihm denselben'. Liebemund wcls; nicht recht, ob er trafen soll, nimmt aber doch den Stein, »nd der Knabe verschwindet.) Liebem. Nun, gnädigster Herr, habtIhrs gesehen? Unter Euren Füßen wimmeln die Geister wie Ameisen. Odo. Du weisst, Liebemund, das; die kluge Frau sich zuweilen einen Scherz mit dir erlaubt. Liebem. Ey gehorsamer Diener! dazu mag sie sich den diunmstenTenfel aus des Holle kommen lassen. Odo. Wirf hinauf! Liebem. Aber nur in Euren Nahmen! Ich will nichts von ihr, gar nichts, nicht einmahl ein Frühstück.(Wirst hinauf, die Glocke tönt, and das Thor springt auf.) 224 Eilfte Scene. Vorige. Welle da erscheint. Well. Herzog Odo! Seyd willkommen! — Und Ihr. mein holdes Fräulein! was führt Euch zu mir? Odo. Wir bedürfen Eurer Weisheit. Well. Auf den besten Willen darf mein edler Beschützer zählen. Odo. Ihr kennt des Menschen Unart, daß er Glück und Ruhe nie in der Gegenwart, stets in der Zukunft sucht. Vergönnt uns einen Blick in jene Nebel, die vor euren Augen schwinden; leset eine Zeile im großen Sternen- buche, die unser Schicksal deute! Well. Man sucht die Blume oft auf steilen Felsenhohen, die im Thale wächst; oft liegt der Pfad vor unsern Füßen, indem das Auge vom Himmel forscht. Ist es so mit Euch, so tretet herein und gebt mir nähere Auskunft. Odo. Wir folgen euch. Luitg. Mit Hoffnung und Vertrauen. Well.(schlägt an die Thnrmpforte, sie springt auf, und läßt einen finstern Eingang sehen.) 235 Odo(winkt Liebemund mitzukommen.) Freund Liebemund! Liebem. Dahinein? Mit Nichten! Odo. Sey kein Thor! Liebem. Gnädigster Herr! sendet mich lieber in den Rheinstrudel bey Bingen. Well.(rscheind.) Der tapfere Liebemund fürchtet sich vor einem Weibe? Liebem. O, das ist heut zu Tage keine Schande; es gibt gar viele Männer, die sich vor Weibern fürchten. Odo. Wohlan! so erwarte uns hier.(Geht mir Luitgardsn in den Thurm.) Well. Die Pforte bleibt geöffnet für dich, wenn etwa ein Regenguß dich überfallen sollte. Wolzt Odo und Luttgardcn.) Zwölfte Scene. Liebemund allein. Rege»?— ja wahrhaftig, da fällt mir schon ein Tropfen auf die Nase.— Kein Wunder! wo ein Paar Weiberangen sind, da ist der Regen nie weit. Wieder ein,Tropfen!— Die- 226 kluge Frau ist im Stande ein Donnerwetter zu machen, und mich bis auf die Haut zu durchnässen.— Soll ich hineingehen?— Daß ich ein Narr wäre!— Aber unter die Pforte treten— Das konnte ich wohl!(Thut es und lehnt sich mit verschränkten Armen an die Mauer.) Hier hat eS keine Gefahr!— merk' ich etwas Unheimliches, so bin ich mit einem Sprunge wieder draußen.(Ein eisernes Gitter fallt plötzlich vor die Pforte.) O weh! ich bin gefangen?— Hülfe! Heda! Hülfe!(Er sucht sich zu befreyen, wird aber plötzlich Lurch eine unsichtbare Kraft von innen in die Höhe gezogen, und bis auf die Spitze des Thurms gehoben.) Barmherzigkeit! der Satan führt mich durch die Lüfte! (Der Vorhang fällt.) 22^ Zweyter Act. Ei» unterirdisches schwach beleuchtetes Gewölbe— an einer Seite eine abgebrochene Säule, ohnqofähr i» der Höhe eines Altars, in der Mitte des Hintergrundes eine tiefe, einige Schritte breite Blende, in welche» auf einem Piedestal die Bildsäule eines GrosteS steht, im himmelblaue» Gewand, mit einer goldene» Schlange umgürtet, ein Buch unterm Arm, eine Lanze hängt über ihm herab.) Erste Scene. Welleda führt Odo herein. Well. Folgt mir, gnädigster Herr! Mit Euch allein zu sprechen habe ich begehrt, um des Fräuleins Kummer und Eure Hoffnung naher zu ergründen. Kann ich jenen mindern, diese Mehren, so redet frey. 228 Odo. Der letzte Wunsch an meines Grabes Schwelle ist meiner Kinder Glück. Well. Kinder! Habt Ihr mehr als eine Tochter? Odo. Ich hin der Vater jedes guten Bürgers. Well. Recht! Ihr seyd ei» deutscher Fürst. O d o. Soll der Zepter in eines Mädchens schwacher Hand ein Raub listiger Höflinge werden? Well. Gebt Eurer Tochter einen wackern Gemahl! Odo. Er ist gefunden. Well. So schmückt sich Euer Grab mit Blumen. Odo. Ach Welleda! meine Tochter ist nicht mehr/ was sie vor drey Jahren war! Entsinnt ihr Euch noch der schönen Zeit? Well.(mit einem Seufzer.) Wie eines Mor- gentraums. Odo. Damahls flatterte der Muthwille mit allen Reitzen kindischer Unbefangenheit um sie her. Wels. Man entwächst der Fronde wie der Puppe. 229 Odo. So mancher junge Fürst buhlte um ihre Gunst! sie gab nur Spott für Liebe. Well. Der Liebe Rächer ist die Neue. Odo. Ja, bittre Reue nagt an ihrem Herzen.— Gedenkt ihr noch des jungen Grafen von Orlamünde, des tapfern Oswald 1 Well.(ihre Verwirrung verbergend.) Ich gedenke seiner. Odo. Er war ein schöner Mann, und edler noch als schon. Well.(mit einem Seufzer.) Das war er! Odo. O wüßtet ihr, mit welchem Feuer er sie liebte! Well.(schmerzhaft.) Ich weis) es. O d o. Wie er nur Auge und Ohr für Luit- garden hatte. Well. Ich bitt'Luch, gnädigster Herr!— ich weiß es. Odo. So manche edle Jungfrau meines Hofes liebte heimlich den schonen Mann. Er sah' eS nicht, er wollte es nicht sehen. Jede Freude, die ihm winkte, gab er willig für ein kaltes Lächeln meiner Tochter. Well.(von ihrem Gefühl überwältigt.) Die Glückliche! 23k) Odo. Er warb rm, ihre Hand, sie versagte ihr Herz. Ich selbst vergaß, gerührt von seinen öeiden, den alten Trost, der seit Jahrhunderten unsre Geschlechter trennt. Den Greis bewegten seine Bitten, das Mädchen aber nicht; sie gab ihm Spott für Liebe, und als er weinend einst zu ihren Füßen lag, da ersann ihr Muthwille ein unwürdiges Gelübde, das seinen Gehorsam prüfen sollte. Er gehorchte, schwur ihr, und verschwand. Well. Und dieß Gelübde? Odo. Nie haben meiner Tochter Lippen es ausgesprochen; Scham und Reue binden ihre Zunge, und verrathen nur zu deutlich, daß es einer edlen Dirne wie eines Ritters un- werth war. Well. Er gehorchte— und verschwand. Odo. Seit jenem Tage war die Freude ein seltener Gast in meiner Burg, seltener noch in meines Kindes Brust; seit.'enem Tage hmrt sie seiner Rückkunft mit banger Sehnsucht, und verschlcyert sich vor jedem Mwuierauge. Nur meine Bitten, meine Thränen hab-'», sie endlich vermocht, ihrem Schmerz e>„ Ziel zu setzen. Wenn drey Jahre verstoßen sind, s» 23t sprach sie hocherröthend, dann sey mein Herz ein Opfer seiner Pflicht. Well.(seufzend.) Drey Jahre sind verflossen. O d o. Ich mahnte sie an ihr Versprechen. Ein leises Ja, das auf den Lippen sich mit einer Thräne mischte, war ihre Antwort. Nur eine Bitte mußte ich noch gewähren, nur eine Frage an die kluge Frau in, Walde: Lebt wohl Oswald noch? Liebt ernste noch? Well.(bestürzt.) Darum kommt ihr zu mir? Odo. Darum! Well. Ob er lebt? und wenn er lebt, ' ob er sie liebt? Odo. Das fragt die Leidende. Well. Und wenn es wäre? wenn er sie noch liebte? Odo. So seh'ich meines Grams kein Ende! Wo lebt er? warum kömmt er nicht?— und wenn er kömmt, wird es mir gelingen, den neu entflammten Haß gegen sem Geschlecht zu besiegen?— Er ist der Sohn von meines Sohnes Mörder. Well. Gnädigster Herr! Ihr seyd im Irrthum. Odo. Nein! der alte Graf von Orlamün- 232 ds hat es mir lange nachgetragen, daß sein Bruder einst dem meinigen iin Zweykampfe un- tergclegcn. Er lechzte nach Rache, und fand den Augenblick, der kalten Bösswichtern nie entschlüpft. Ihr wißt es, edle Jungfrau, wie vor zwanzig Jahren des Feindes Schwert auf kurze Zeit aus meinem Lande mich vertrieb, ihr wißt es, wie ich damahls auf hastiger Flucht den holden Knaben, meinen Fridolin, einem trengeglaubten Knappen anvertraute. Well.(verlegen.) Ich weiß es, O d o. Er kehrte nie zurück; mir schlug der Schmerz eine tiefe Wunde, der Mutter gab er den Tod. Dennoch war ich weit entfernt, Verratherey zu ahnen. Des Weges unkundig, von der Nacht getauscht, hat ein Sumpf im Walde das Kind sammt seinen Führer verschlungen, ss wähnte ich lange. Well. Auch ist das möglich! Odo. Weh mir! Jetzt weiß ich alles. Ein unbesonnener dienstfertiger Freund hat mir den kleinen Trost geraubt, statt böser Menschen nur mein böseS Schicksal anzuklagen. Der alte Paul von Orlamun.de ist meines Sohnes Mörder. Well,(hastig) Er ist es nicht. 2 O d o. Wsllr ihr die'Aussage des E^terden-- den bezweifeln?— Ja, sterbend hat er bekannt, das Kind, das ich beweine, sey von bestochenen Knappen für ihn einführt. Well. Und wo blieb es! Odo(mit bittrerWchnnith,) Wo? Im Grabe. Well. Auch das hat er bekannt? Odo. Er wollte weiter reden; aber der Tod druckte ihm das Siegel auf den Mund. Well. Dann, guäcigsier Herr, dann dürft ihr hoffen. Odo(gen Himmel deutend.) Meinen Fridolin bald zu finden?— O ja, für diese Hoffnung bm ich alt genug. Well. Es ist ein Irrthum möglich, Odo. Oswald ist der Sohn von meines Sohnes Mörder. Well. Nur darum haßt Ihr ihn? Odo. Nur darum! Well. Das soll, das darf nicht seyn. O, gnädigster Herr: ein edles Herz, das zwischen Haß und Irrthum wählen darf, halt lieber ei- nen Irrthum fest. Odo(ernst.) Genug!— Ihr seyd nun unterrichtet.— Ein wackrer Jüngling wirbt mit meiner Tochter Hand. Lnitgardens Ruhe und 2,)^ meines^llterS letzte Freude stehen jetzt in eurer Macht. Well. Zwey liebende Herzen soll ich trennen?— Gibt es denn etwa der echten Liebe so viel in der Welt, dasi eine arme Sterbliche es wagen dürfe, ihre seltenen Spuren zu zerrreien? Odo. Ich war immer euer Freund. Wollt ihr mir vergelten? Well. Wenn ich kann. Odo. So thut, was eure Kunst und euer Gewissen euch gebiethen. Well.(nach cmerPause.) Ich bitte Euch, gnädigster Herr, vsrlasit mich einen Augenblick! Odo. Meine Vatersorgen bleiben hier. (Geht ab.) Zweyte Scene. Welleda(geht in tiefen Gedanken umher.) Hart ist die Prüfung!— Dank und Ersatz dem Greise— Mitleid der Trauernden— kindliche Pflicht, der Ehre des Vaters zu schonen— Entsagen der Liebe— o welcher Gott knüpft die verworrenen Faden zusammen?(Paust) 2 55 Schweige/ mein Herz!-- Welleda, die Tochter des großen Agrivpa, erwache!— schweige, mein Herz! Rede laut, du heilige Pflicht!—- Wo ist die Gränze des Dösen? wo wird das Gute gedeihen? wo schimmert die Wahrheit? wo winkt mein Deruf?— Hier fordert ein Greis der Tochter Gemahl, und'AgrippaS Tochter ist einen Sohn ihm schuldig— dorr flehet ein liebendes Mädchen um Hoffnung, und ein liebendes Mädchen soll sie zerstören.— Lebst du, Oswald?— Konnte dein Herz drey Jahre die Hers; Gesiebte meiden?— drey Jahre?— Nein!— Ich habe den Todten beweint— auch sie möge ihn beweinen.(Knut nieder.) Der du den Menschen zum Bilde der Gottheit geprägt, als du der Sinne Gewalt durch edle Liebe ge- zügelt, offen liegt dir mein Herz, verwirf es, wie er es verworfen, wenn ein kleiner Gedanke die große Stunde entweihet! (Stehe auf und geht an die Thür.) Tretet herein! i 236 Dritte Scene. Welleda. Odo. Luitgarde. Well.(zu Luitgaedeu.) Ich heisie Euch schlve- steriich lvillkonimen!(Ergreift ihre Hand.) Zittert nicht! ich meine es gut mit Euch!(Fuhrt sie zur Säule.) liegt Eure Hund auf diese» kalten Marmor/ und wiederhohlt noch ein'Mahl lallt/ was ihr begehrt. li u i t g.(legt die Hand auf die Säule und spricht mit hetzender Stimme.) Ich begehre zu wisse»/ ob Oswald/ Graf oo» Orlamünde/ noch unter den Menschen wandelt/ ob der Man»/ den ich durch Hohn und Spott gebeugt, ein nichtswürdiges Gelübde ihm abgetrotzt, mir dennoch seine Liebe nicht entzogen?, Well. Sogt an das Gelübde, dessen Euch gereut! Lllitg. Drey Jahre und drey Tage sollte er schweigend meinen Übermuch ertragen— stumm— gehorsam— durch keinen Laut, keinen Seufzer Liebs mir verrathen. Er gehorchte — drey Jahre sind verflossen, und heute ist der dritte Tag. Well. Rein ist die Quelle Eurer Wünsche, Eurer Neugier? Luitg. Ich stehe zwischen ihm und meinem Vater.— Hier Liebe und Pflicht— dort Pflicht und Liebe. Eine höhere Macht entscheide. W e N. Und Ihr gehorcht dann ohne Murren? L ur tg. Ich gehorche. Well.(feyerlich.) Einen himmlischen Funken hat Gott in irdischen Thon gehaucht. Daß auch der Sterbliche w:sse, was morgen und knnfug geschieht. Zwar durch die Huste des Körpers leuchtet der Funke nur schwach; Darum ist Irrthum hieriueden der menschlichen Klugheit Gefährte; Doch der Wille sey rein— die Gottheit richtet den Willen. (Geht langsam in den Hintergrund, und tritt in die Blende.) Täuschende Schatten, senkt euch herab, sammelt ein Brld, das der Vergangenheit Schleyer zerreiße! (Die Blende füllt sich nach und nach mit Welken.) Luitg.(ängstlich.) Vater! haltet mich! 2o8 Odo(umfaßt sie.) Kindliche Liebe halte deine Seele empor! Luitg. Ich wage es nicht, den Blick dahin zu richten. Odo. Ermanne dich und sieh! (Die Wolken haben sich getheilt, Welleda und die Bildsäule sind verschwunden, wie durch einen Nebel crbuckt man das Grabmahl eines NiktcrS nur einem Wappenschild geziert.! Luitg.(sinkt in ihres Vaters Arme.) Ha! er ist todt! (Gesang von weiblichen Stimmen anS der Ferne.) Srnmm trug er seine Leiden bis aus Grab. Hier„ahm ein Engel ihm die Bürde ab. (Während dieses Gesangs füllt sich die Blende wieder mit Wolken.) Luitg.(stürzt verzweifelnd auf die Knie.) Seine Leiden trug er bis aus Grab. Odo(sich zärtlich über sie beugend.) Meine Tochter! Lu> tg. Bis»ns Grab. O d o. Soll auch ich die meinigen bis dahin tragen? Luitg. Mir fluchend stieg er i» die Gruft. Odo. Das that der edle Oswalo nicht. Luitg. Barmherzigkeit, ihr unsichtbaren Machte! Seht meinen Jammer, rettet mich vor Verzweiflung! Ein leises Flüstern verkünde mir, daß Oswald sterbend mir verziehen habe. (Die Wolke» theilen sich, ei» Heller Glanz füllt die Blende, der Gesang tönt.) Himmlische Freuden umschweben ihn, er liebt dich noch, er hat verzieh».*) (Der Glanz verschwindet, nnd die düstre Blende steht wieder da.) Lurtg.(schluchzend.) Er liebt mich noch, er hat verzieh». Odo. Auch ich verzeihe um seinetwillen dem Mörder deines Bruders. Lurtg.(steht auf und sagt mit gezwungener Fassung.) Jetzt, mein Vater, bin ich bereit, Euch zu gehorch-m. Odo(entzückt.) Gott segne dich! Luilg. Ach, vor ihm hat mein Gehorsam keinen Werth; denn er ist das Snefkind der Verzweiflung. Wem der Hoffnung letzter Faden enrzwey geschnitten wurde, der kauft den Nubm des Helden wohlfeil, und eine That, die Tau- *) Anmerkung für den Componisten: Der Gesang muß Ehoralmäsiig sey», und darf höchstens eins Minute dauern. 24o sende beglückt, ist oft mir Krampf des Lebensüberdrusses. Drum kam, ich nicht des Dürers Segen stehlen."Hinweg, hinweg aus diesen Mauern! Schon tönet nur Trompetsnsthall entgegen. Öffnet nur das Brautgemach! Hindurch, hindurch zum frühen Grabe! mich baden Geisterstimmen eingesegnet. Ich bin Oswalds Braut; er liebt mich noch, er hat verzieh«.(Stürzt fort.) O d o. Welchen Himmel, welche Hölle hat Gott in ein Varerherz gelegt!(Folgt ihr.) Vierte Scene. Namen des ersten Acts. LiebeINu>1 d(»och immer auf dem Thurm.) Soll ich denn hier oben verhungern?— Es gab einmahl eine schöne Zeit, da brachten die Raben Brod; aber jetzt flattern sie um mich her, als ob ich schon am Galgen hinge. Das krächzt, das hat Nester im Walds, und die Jungen haben Appetit zu eines Stallmeisters Augen.(Sicht sich überall um.) Eine schöne Anssichr! Ich glaube, der Teufel kömmt zuweilen hierher, wenn er frische Luft schöpfen will. Wenn das meine blinde 2 4 L bünde Großmutter mit ansähe, daß ich dem Himmel so nahe bin!— Horch! mein Rappe! er wiehert! Gewiß sagt ihm sein Herz, in welcher Noth ich stecke. Heiliger Georg! wenn du mir dieß Mahl aus der Klemme hilfst, so<>elobe ich dir ein Roß von Silber, so schwer als dein Gehirn!— Kömmt nicht jemand?— Ich höre Stimmen im Thurm!— Aha! was doch sim sübernes Roß nicht thut! Fünfte Scene. Wells da. Odo. Luitgarde(kommen aus dem Thurm.) Odo. Unsern Dank, edle Jungfrau! eure Weisheit zu belohnen vermag ich nicht. Well. Die Zukunft-lohne mich durch Eurer Tochter Ruhe! Liebem,(ruft wehmüthig.) Gnädiger Herr> Odo(unwissend, woher sie Stimme kommt.) Wo bist du, liebemund? Liebem. Hier! Odo(erblickt ihn.) Was machst du da? Liebem. Kalender. Kotzebue's Theater rH. Bd. L Odo. Wie bist du da hinaufgekommen? Lrebem. Darum müßt Ihr den Teufel fragen. Odo. Komm herab, wir müssen fort! Liebem. Ja komm! das ist bald gesagt; gber n ie? Meint Ihr, ich konnte springen wie Ludwig der Prinz von Hessen? Well. clä«el,w.) Liebemund hat kein Vertrauen zu seiner alten Freundinn. Liebem. War das eins von euren Freundschaftsstückchen? Well. Er schwebe sanft herab, und sey eingedenk der kleine» Züchtigung. -Äiebeuuind(ludet sich plötzlich um leingaua des Thurms; während der Sähet Hirt mau fein Geschrey.) Well. Willkommen auf festem Boden! Liebem,(tritt schüchtern. he>aus, befühlt sich.) Ich lebe noch! Odo. Geh und laß die Nösie zäumen! Liebem. Mit Freuden! und wenn ich se Mahls wieder diese Gegend betrete, so möcht ihr mich in eine Fledermaus verwandeln.(Ab.) Odo(reicht Wclleda die Hand.) Lebt wohl, Freundinn meines Hauses! Well. Zieht hin, gnädigster Herr, im Geleite frommer Wünsche! 24Ä Luitg. Jchdankeeuch, Welleda! Ihr habt meinem armen Herzen die grsßkche Ruhe vernichteter Hoffnung gegeben. Well. Aus zerschlagenen Saaten lockt eine freundliche Sonne oft neue Keime hervor. Mit Glauben und Muth den dunkeln Pfad zu wandeln, ist des Menschen Bestimmung. Wo der Tod ihn erwartet, da krümmt sich der Pfad, und plötzlich umgibt ihn das Licht. Wohl ihm, wenn er im Finstern einem guten Menschen begegnet, der im Vorbeygehen die Hand ihm drückt. Ich drücke deine Hand, du leidende Schwester, und wenn du verzagst, so komm und weine mit mir! (Luitgarde umarmt sie hastig und entfernt sich weinend» Welleda wendet sich ab, und trocknet ihre Thränen.) Odo(Luitgarden folgend.) Lebt wohl!(Ander Scene kehrt er nochmahls um.'l Wenn kein höherer Beruf euch bindet, so lade ich euch zur Vermahlung meiner Tochter. Well. Wann? Odo. Morgen. Well. Und des Bräutigams Nahme? Odo. Prinz Edmund von Jülich. Well(mit starrem Entsetzen.) Wer? Odo. Prinz Edmund von Jülich. L 2 > 244 Well.(i»!t bebenden Lippen.) Prinz— Edmund?— Odo. Was ist euch? Kennt ihr ihn? Well. Ich kenne ihn. Odo. Euer Staunen— euer Schrecken— Habt ihr ein böses Schicksal in den Sternen gelesen? Well. Lasit mir Zeit, gnädigster Herr; eine unsichtbare Hand hat mich er-griffen—(sie schaudert.) Ein Todesschauer bebt durch meine Gebeine.— Ich trage, was der Spruch des Allgewaltigen dem Rinde zu tragen geboth.— Geht! ich komme zur Vermahlungsfeyer— ich werde kommen— ich musi kommen. Odo. O, möge die Ruhe, die ihr außer euch verbreitet, doch auch in eurem Innern wohnen!(Geht ab.) S s ch s 1 e Scene. Welleda allein. Wie ist mir geschehen?— So muß vor selber gut geglaubten Handlung auch der reinste Wille zittern? So darf kein Sterblicher sich rühnien, er habe das Gute nicht bloß gewollt — auch gethan?— Kurzsichtige Menschen!—> Von den tausend Mahl tausend Ursachen oder Folgen, begreift ihr kaum eine oder zwey, und brüstet euch noch mic Klugheit und Güte!—> Was ihr mühsam gebauer, müßt ihr oft mühsam zerstören, und so verrinnt euer Tropfen aus dem Misere der Zeit!— Vater! Vater! hattest du das voraus gesehen!(Pause.) Wie soll ich es hindern?— Denn hindern muß ich es.— Alles entdecken?— dem alren, guten Wilhelm von Jüllch zum Lohn der Gastfreyheit seines Thrones Stütze rauben?— meines Vaters Nahmen schänden?— Und wenn ich es wollte— wenn ich es wollen müßte— wird man mir glauben? wo sind die Beweise? habe ich Zeugen? — Lebt er noch der Einzige, der hier der Wahrheit sich zum Opfer bringen könnte?— O Menschen! Nienschen! mic recht nennt ihr die unzu- bsrechnenden Folgen, deren Spiel ihr seyd, Zufall! wo thront der Grausame, der Rechenschaft von diesen Folgen fordert?(Sie kehrt sich von ungefähr seitwärts, ihr Blick wird von einem Gegenstand in der Ferne angezogen, ihre Aiismersamkeit verwandelt sich»ach nnd nach in zweifelndes Erstaunen, und endlich in eine halb furchtsame halb freudige über- «eugting, sie bebt bey folgenden Worten Schritt vor Schritt zurück.) Ist es ein Spiel meiner Einbildungskraft'?— Ähnlichkeit? Wirklichkeit?— Ein Mensch?— ein Geist?— Oswald? (Sie schlägt den Schleyer über sich und bleibt im Hintergründe stehen, halb durch einen Ruin bedeckn) Siebente Scene. Welle da. Oswald. Gleich darauf Bernhard. (Oswald tritt schwermüthig zwischen den Ruinen hervor, setzt sich aus einen Stein und stützt den Kopf in die Hand. Wclleda nähert sich leise und schüchtern; sie schlägt den Schleyer zurück, um ihn seitwärts zu betrachten. Entzücken über die Gewißheit der Entdeckung glüht in ihrem Auge. Oswald zieht- ein Bild hervor, das er wehmüthig betrachtet, und an seine Lippen drückt— Welieda sucht von fern das Bild zu erkennen, es gelingt ihr, sie seufzt, schlägt den Schleyer über und tritt zurück.) Beruh,(tritt auf.) Herr Ritter! ich habe die Rosse angebundene Wollt Ihr essen? (Oswald schüttelt den Kopf.) Schlafen? (Oswald schüttelt den Kopf.) Ruhen? (Oswald legt die Hand auf sein Herz, bückt gen Himmel und seufzt.) Hier kann ich auch weder schlafen noch essen; denn wenn mich mein Gedächtniß nicht betrügt, so sind das die Ruinen des alten Schlosses Schreckenstein. (Oswald nickt mit dem Kopfe.) Sind sie es? O Gort!(Halb für sich.) Dann ist es auch nicht mehr weit bis zu jenem unglückseligen Platze, wo ich vor zwanzig Jahren menl Gewissen verkaufte; drum drückt mich auch die i?uft, und meine Glieder sind gelähmet« (3» Oswald.) Herr Ritter! ich habe Euch noch nie gefragt: wie weit? wohin? weßwegenl Vorgönnt mir heute zum ersten Mahle, daß ch forschen möge: welche Straße wollt Ihr gehen? (Oswald deutet mit der Hand nach der Seite, w» der Herzog abgegangen.) Mitten durch den Wald? (Oswald nickt mit dem Kopfe.) Vielleicht nach Eleve? (Oswald nickt mit dem Kopfe.) Gott! dann muß ich Euch verlassen! (Oswald sieht ihn fragend an.) Nicht wahr, Herr Ritter, von den Ketten 2^3 der Tuneser habt Ihr mich nicht besreyt, um mich dem Henkersschwert zu überliefern? (Oswald stutzt und verneint es. O, so vernehmt ein Verbrechen, dessen Schrecken mir nach Afrika folgte, das tiefer als die Aeir meine Stirn furchte, und fester mein Gewissen umklammerte, als die Ketten der Barbaren meine Arme., (Oswald stebt auf Und betrachtet N», mit Verwundern»!!.) Ich war ernst Knappe am Hofe des Herzogs Odo von Cleve. Ehrlichkeit und Treue rühmte man an mir, und ich selbst war stolz auf meine nie geprüfte Redlichkeit. Äste der Memch nun ist! Manchen meiner Prüder, den ich auf glattem Wege straucheln sah, habe ich lieblos verdammt, ohne zu bedenken, daß mein Weg nickt glatt war, und daß, wo er nur strauchelte, ich gefallen wäre! Ach! und ich siel!-" Gott vergebe es Eurem Vater! (Oswald stutzt.) Ja, Eurem Vater, der aus bitterm Groll, um des erschlagenen Bruders willen, mir heftig zusetzen ließ, ich sollte den kleine» Pruste«, dem ich diente, seiner Rache in die Hände liefern. (Oswald weudet sich beschämt ab.) 2<9 Lange widerstand ich seinem Golde, weil ich an Oto's Hofe keinen Mangel lrct. Als aber in der blutigen Fehde mit Oranien mein guter Herr eine Zeitlang flüchtig herumirrre, als er, ohne Geld und ohne Freunde, selbst die Noth- durfc entbehre» mußte, und mir seinen wenigen Gerreuen am Morgen oft nicht wußte, wo er am Abend Herbergen werde! da bemeisterte sich der llnmurh meines undankbaren Herzens, und ich wurde nach und nach vertraut mit dem Gespenst, das mir lockend folgte. Des Krieges Ende war nicht abzusehen, Noth und Jammer mehrte» sich, Eures Vaters Gold blinkte, der Teufel schürte, und ich versprach ein Bubenstück. (SSwa!- ergreift hastig seinen Arm, und sieht ihm starr inS Gesicht.) Ich hakte doch zu viel versprochen. Im Bösen wie im Guten traut der Mensch sich mehr zu, als er vermag. Au einem neblichten Morgen trennte ich mich von un,erm Hausen. Den kleinen Prinzen harte ich vor mir auf den Sattel. Ich sprengte m die Welt hinein, von meinem Gewissen gespornt; der Gaul flog, die Kiesel sprühten Funken, der Staub wirbelte sich, die dürren Blätter rasselten hinter mir her. A>» Himmel wurde es dunkel— in mir rabenschwarz— es donnerte— das Kind schne — ich war von Sinnen. Endlich stürzte mein lechzendes Roß zu Boden— ich sah mich um — ich war in diesem Walde— es wurde finster— jeder ferne Baum schien mir ein Gespenst— düstre Felsenschlünde gähnten mich an. .Ich setzte mich auf einen Stein— das Kind lächelte und spielte mit dem Beutel, in dem mein Sündengeld lag. Ich weinte bethen konnte ich nicht. Wenn eine Holztaube über mw flatterte, so fuhr ich auf; wenn eine Eidechse im Grase zischelte, so pochte mein Herz. Das Kind schlief ein— ich blieb allein mit meinem Gewissen. Fledermäuse schwirrten um mich her — der Uhu heulte— endlich schwieg aller— die ganze Natur entschlummerte— mein Gewissen wachte— Herr! es war gräßlich! (Oswald betrachtet ihn mitleidig— Wclleda hat sich genähert, ihre» Schl-yer halb jurückgew-rfen nut gespannter Aufmerksamkeit— Pause.) So saß ich die ganz- Nacht. Wenn ein Käfer summte, das war mir Trost. Als der erste Vogel den Morgengesang zwitscherte, o, d» siel mir eine Centnerlast von, Herzen. 2cd bethete!— ich hob das schlummernde Kind von s5r meinen Knieen empor, und flehte zu Gott um Rettung für die Unschuld, wäre auch mein Leben der Preis. Da stand plötzlich ein Mann vor mir— war es ein Suerblicher, oder war es der guten Engel einer— ich werde seine Gestalt»immer vergessen— ein Greis mit grauem Haar und Bart, himmelblau war sein Gewand, sein Gürtel eine goldne Schlange— Well,(schrept lautauf.) Ha!(Oswald und Bernhard wenden sich, Wclled» wickelt sich in ihren Schleyer.) Bernh.(bebend.) Gottes Barmherzigkeit! «in Geist! die Mutter des armen kleinen Fri- dolin— sie fordert ihres Sohnes Blut von mir. Well. Verzeiht, Fremdlinge, wenn mein plötzliches Erscheinen Euch überraschtes Es ging mir eben so wie Euch. Ich suche Krauter in der »Mittagsstunde zu einer köstlichen Arzney. Gehabt Euch wohl!(Geht einige Schritte, und thut, als ob sie Kräuter pflückte.) Beruh,(nach einer Pause.) Seht nur, wie ich zittere!— Das ist nun mein Lohn! Überall seh ich Gespenster. Ich muß eile», meine Erzählung zu vollenden; denn dieser Wald ist mir «in Ort des Schreckens!(Führt Oswald etwas r52 mehr seitwärts.) Der Greis, Herr Ritter, hatte bald mit freundlicher Gesprächigkeit mir mein nagendes Geheimniß abgefragt. Sanfte Überredung floß von seinen Lippen, Trost der Zukunft schwamm in seinen Blicken; er nahm daS erwachte Kind auf den Arm, es spielte lächelnd mit seinem Siiberbarte; er erboth sich, den bekümmerten Ältern es zurückzubringen. Ich Unbesonnener? ich küßte sein Gewand, ich dankte schluchzend— ich warf mich bethend in den Staub— und als ich mein Antlitz wieder empor hob— da war der Greis— da war der Knabe verschwunden. (Oswald scheint hastig fragen zu wollen: Wohin?) Ja wohin?— Ich weiß eS nicht. Ich Betrogener wähnte in der Mutter Arme ihn zu liefern. Mit erleichtertem Herzen griff ich nach dem Pilgcrstabe, um im gelobten Lande die halbvollbrachte Sünde abzubüßen. Gebettelt habe ich bis Venedig— keinen Groschen von dem Blutgelde habe tch angerührt.(Zieht einen Beutel hervor.) Hier ist es noch beysammen; zu frommen Werken wollte ich in Jerusalem es weihen; aber unser Schiff wurde ein Raub der Tuneser, Zwanzig Jahre laug habe tch in Kelten gern- 253 dert, bis Eure Tapferkeit/ Herr Ritter, mich befr-yte. (Welleda geh; unvermerkt in den Thurm— Oswald stiitzr sich nachdenkend auf die Ruinen.) Mit frohen Hoffnungen erblickte ich die Küste des deutschen Vaterlandes; vertilgt wähnte ich die Spuren meines Verbrechens, den Prinzen Fridolin unter seiner Älrern Pflege zum Manne herangewachsen. Wer herrscht jetzt über Eleve? Lebt der alte Herzog? Wie geht es seinem Sohne?— Das waren in jeder Herberge, an jeden Reisenden meine ersten Fragen, und überall mußt' ich die Schreckensworte hören: „Sein Sohn? er hat keinen!"— Doch, doch! er hatte!—„Ach! meint ihr den, den vor so vielen Jahren ein untreuer Knecht gestohlen? der ist nie mehr zum Vorschein gekommen."— Da färbt sich meine Wange todtengrau, die Lippe hangt, daS Auge wird verglast— die Knie beugen sich, die Arme schlottern mir am Leibe ohne Kraft. So bin ich Euch mit schwerem Herzen bis hierher gefolgt, weil ich meinte, Ihr zögt nach Thüringen in Eure Heimath— Aher ach! Ihr wollt nach Eleve, und dahin kann ich Euch nicht folgen, ich kann den grünen 254 Schloßplatz nicht wieder sehe», wo das Kind in der Fruhlingssonne spielte, und vvm Söller herab die Mutterliebe lächelte. Achte Scene. Vorige. Vol hm a r(tritt aus dem Thor, hinter ihm vier wcistgskleidete Knaben, welche Wein, Brod und Früchte tragen.) Volkm. Seyd willkommen, Ritter Oswald, Graf von Orlamünde! (Oswald ist erstaunt seine» Nahmen zu hören.) Ich weiß, Ihr kennt den Gruß mir nicht erwiedern. Drey Jahre und zwey Tage sind verflossen. Nach Mitternacht, wenn beym ersten Hahnenruf der dritte Tag geendet, dann ist entfesselt Eure Zunge. (Oswald schlägt die Hände zusammen, und tritt«inen Schritt zurück.) Bernh. Wo sind wir? Dieses Schloß war öde. Volkm. Habt Ihr nie gehört von der klugen Frau im Walde? """" 255 Bernh. Wohl haben wir. Die Gegend rings umher ist ihres Ruhmes voll. Volkm. Ein guter Engel hat zu ihrer Wohnung Euch geleitet. In ihrem Nahmen soll ich den Ritter wie den Knappen willkommen heißen.(Nimmt eine» Becher und trinkt ihn Oswald t», nimmt dann einen andern Becher, und wendet sich i» Bernhard.) Willkommen in diesen Mauern jeder Biedermann, den keine böse That belastet! Bernh.(greift zitternd nach dem Becher.) Und jeder Reuige, der seine That beweint!( Ein Knabe gibt ihm Brod) Volkm.(zu Bernhard.) Wo wachst der Wald, der in seinen dunkelsten Schatten ein marterndes Gewissen verbergen könnte? Bernh. Was sagt Ihr?— Was seh' ich? Blut in diesem Becher?— dieß Brod ein Stein?(Läßt bcydcs fallen.) Weh mir! Unsichtbare Machte schwingen der Rache Geißel über Mich! Volkm. Leids, was du verschuldet, bereue und hoffe!— Herr Ritter! meine Gebie- therinn ladet Euch in ihre Wohnung. Was Natur und Kunst herbeyzuschaffen vermögen, lst bereit zu Eurer Erguickung. (Oswald dankt höflich und weigkkt sich.) 256 Weigert Euch nicht, Herr Ritter! den dunkeln Flor, der sich nm Eure Zukunft webte, wird Welledu's Macht zerreißen. Euer Schicksal, Eure Liebe heischen, daß Ihr ungesäumt mir folgt! (OSivald siebt zweifelnd.) Vertraut der klugen Frau im Walde, von der schon mancher ihre Hülfe segnend, und ohne Trost noch keiner schied. (Oswald äußert nach einer Pause seine» Entschluß j» folgen.) Bern h. Ihr geht, Herr Ritter? O vergönnt mir, ehe wir scheiden. Eure wohchatige tapfere Hand»och ein Mahl an mein Herz zu drücken. (SSwald reicht ihm die Hand, die Bernhard küßt und an feine Brust drückt— Oswald dringt»HM einen vollen Beutel auf, legt dann die Hand auf Bernhards Haupt, betrachtet ihn mit Wohlwollen und Mitleid, und entfernt sich dann; ihm folgt Volkmar mit den vier Knaben. Geschmückte Knaben und junge Mädchen cmpfanze» den erstaunten Oswald mit Blumen und Guirlande», wimmeln um ihn her, und ziehen ihn sanft hinein; das Thor schließt sich wieder.) 2Z7 Neunte Scene. Welle da(tritt aus der Thurmpsorte>, eben a!S SKr w«ld fortgozogen wird; mit ausgebreiteten Armen und Prahlender Freude sieht sie ihm»ach. bleibt dann einige Augenblicke m froher Wehmut!) versunken stehen.) Beruh,(ohne Welleda zu bemerken.) Was soll mir das Geld? Wo ist die Ruhe feil? und welcher Konig prägt die Münze, womit man sie erkaufen kann?— Die einmahl abgebrochene Blume vermag kein Sterblicher wieder an ihre Stelle zu heften. Fort, fort aus diesem Schre- ckenüw lee, wo meine Ehrlichkeit begraben liegt. Wo die Erinnerung mit frischen Farben mir meine That an jede zitternde Espe mahlt. (Will gehen.) Well Bernhard! Bern h.(bebend.) Wer ruft? Well. Bernhard! Beruh. Was wollt Ihr? Well. Bernhard! Bernh. Seyd barmherzig! Haltet einen Mann nicht auf, der vor seinem Gewissen flieht? 252 Well. Es wird dich überall ereilen. Beruh-. Wehe! wehe! Gebt mir Trost! Well. Du findest ihn in meiner Wohnung. Bernh. Nicht zwischen Mauern— O, es ist mir schon in freyer Luft zu enge-! Well. Aus dem Schooße der Reue geht nach langen Jahren die Ruhe wieder hervor; aus jenen Mauern winkt sie dir. Bernh. O, dürft' ich hoffen, nur im Grabe sie zu finden! Well. Du hast gebüßt; geh hinein! Bernh. Umsonst! Ich kann nicht. Well.(ergreift seine Hand und deutet auf die Mauer.) Wirst du auch dieser Einladung nicht folgen? (Ein Greis mit eisgrauem Bart, im himmelblauen Gewand, mit einer goldnen Schlange umgürtet, erscheint auf der Mauer; in einem Arme hält er ein Kind, mit der andern Hand winkt er.) Bern h.(fällt zitternd auf die Knie.) Heiliger Gott! was seh' ich? Er ist es— der Greis— der Knabe— er winkt— ich komme!(Indem er sich aufrafft.) Hülfe! helft mir! Bergebung oder Tod!(Indem er aufs Thor zuwankt, verschwindet die Gestatt.) Well.-(sanft gerührt, mit gefalteten Handen em- x-rschauend.) Vater! habe ich deine Gestalt gemißbraucht?— Vergebung dem Schwachen! (Der Vorhang fällt.) s6ü Dritter Act. (Ein romantisches Thal im Walde, in mäüigerEntfernung siede man die Ruinen, welche Welleda bewohnt, den Thurm und die Pforte; im Vordergründe seitwärts ei» Felsen, von welchem ein Wafferfall herabstürzt, der ein geräumiges mit Schilf bewachsenes Becken bildet; von dem Felsen beugt sich über das Wasser eine alte, hohle Weid- hinunter, und beschattet zum Theil den Eingang einer Grotte; ein Apfelbaum mit lockenden Früchten beladen, ein Busch von wilden Rosen, eine höbe, dunkle Tanne und einige andere Bäume sind einzeln gruppirt.) Erste Scene. Welleda(allein, liegt am Rande des Wasserbeckens, den Kops in die Hand gestützt, zeichnet mit ihrem Stab! gedankenvoll Figuren in den Sand.) Woher der Aufruhr meiner Sinne? der Sturm der Leidenschaften? Ist das Welleda? Ha! bist du Aprippa's Tochter? Dieß grollende Gefühl des Neides nennst du Liebe? Die schamroth glühende Wange straft dich Lügen. Erwache, hoher Sinn fürs Edle, Gute! Was kümmert mich die Hülle, die Gott um den geliebten Geist gewebt?— Sie verwese wie die Sinnlichkeit! Er schwebt empor und mit ihm meine Liebe, Ha! wenn alle schönen Seelen einst im Lichtmeer Hort zusammen fließen, wozu denn die Erinnerung, an welchen Staub sie hier gebunden waren? Zweyte Scene. Welle da. Volkmar.' Volkm.(kömmt vom Felsen herab.) Ich suchte dich, Welleda! Mich dünkt sie kommen. Well.(steht auf.) Die Straße von Jülich? Volkm. Von dorther schallen Stimmen durch den Wald und Rosse stampfen. Noch sind sie fern. Well. Ist alles zu ihrem Empfange berbit? Volkm, Wenn sie hier verweilen, ja! s 56 Well. In kühlen Schatten ladet diese Quelle. Ich hoffe, sie verweilen. Volkm. Oswald schlummert. Well. Wer ist bey ihm? Volkm. Erich. Well. Und Bernhard? Volkm. Fast hatte die Erscheinung seine Sinne zerrüttet.(?r wankt zwischen den Ruinen umher, und sucht und ruft den Greis. Well. Dieser Greis, Volkmar, war die Gestalt meines Vaters. Ich bin dir noch Ent- räthselung schuldig. Höre und schweig bis zur rechten Stunde. Am Hofe des Fürsten Wilhelm von Jülich ward mein Vater in den letzten Jahren seines Lebens gaftfrey aufgenommen. Er fand dort Schutz und Liebe, er durfte sich des Lebens freuen, und was noch mehr ist, er durste denken. Es war wie Srernenlicht, dem eine lange Nacht eine kurze Dämmerung verdankte. Einst begab es sich, als eben Herzog Wilhelm, ich weiß nicht mehr bey welchem seiner Freunde verweilte, daß die Herzoginn, Mutter eines einzigen holden Knaben, ihren Säugling im Schlafe erdrückte. Die gräßlichste Verzweiflung zerfleischte das Mutterherz, und Wahnwitz ergriff die Arme bey dem Gedanken an des Vaters 25) Heimkunft/ dessen ganze Seele an diesem Kinde hmg. Da wandelte Agrippa, von Dankbarkeit und Mitleid tief bewegt, in diesen Wald, da führte ihm das dunkle Schicksal einen Knabe» zu — von gleichem Alter— ähnlichen Zügen— Volkm. Ich errathe! Well.(beschämt.) Statt den wahren Ältern ihn zurück zu bringen— Volkm. Siegte Freundschaft über Pflicht— Well. Herzog Wilhelm war und blieb durch Täuschung glücklich; nicht so die Mutter, die der Gram gar bald zu ihrem echren Kinde führte. Volkm. Und auch Agrippa ging mit dem Geheimnisse aus der Welt? Well. In meinem Busen verschloß er es. „Wache über diesen Knaben, sprach ersterbend, „ verliere ihn nie aus den Augen! Wenn die „Noth es heischt, so rede! wo nicht, so fchwei- „ge! denn das Leben verliert der Mensch oft „lieber, als eine Täuschung, die ihn glücklich „macht." V o lkm. Und jetzt? Well. Jetzt muß ich reden. Der Bruder zieht als Bräutigam zu seiner Schwester. Von mir hintergangcn— Gott säh mein Herz!— will sie des Vaters Wunsch sich opfern. 264 Volkm. Hintergangene Well. Oswald lebt! Volkm. Ist Oswald ihr Geliebter? Well. Und der meinige. Volkm.(juriickbebend.) Der deinige? Well. Ha! jetzt fühle ich/ das; ich edel liebe, weil es mir so leicht wird zu bekennen. Diesen Morgen stockt« meine Zunge. Irdische Hoffnung war noch immer der irdischen Liebs Nahrung. Eine Flamme loderte in meinem Busen; jetzt ist sie nur ein Glanz in meiner Seele. Volkm. Fühlst du auch, Welleda, daß du mit einem Jüngling redest, dem es noch schwindelt vor der Höhe, auf welche deine Tugend sich emporgeschwungen? Well. Ich reiche dir die Schwesterhand, und ziehe dich zu mir herauf. Horch! sie kommen! Entferne dich! Volkm. Du Herzens-kundige! laß mich heute nicht lange allein! Gib mir Arbeit und Geräusch! Well. Bald! Gedenke indessen meiner Worte: Menschenglück befördern, heißt die Freuden des Ewigen theilen; Menschenglück ist sein Gedanke, und dieser Gedanke wird mir jedem Augen- 265 Augenblick zu einer neuen Schöpfung. Wir können nicht, was er kann; aber wir dürfen wollen, was er will, und so wird unser Leben ein Abglanz seiner Ruhe.(Geht ab.) Dritte Scene. Volkmar allein. (Er biegt die Zweige der nahe stehenden Bäume vor den Eingang der Grstte.) Ruhe? Ja, so ruht der Epheu an der Ulme; mir ihr strebt er empor, mit ihr sinkt er zu Boden. Ach, es gibt ja so wenig Menschen, die allein zu stehen vermögen— und wenn ein Schwacher fällt, war es denn seine Schuld, daß kein Baum ihm nahe stand, den er umfassen konnte?(Indem er sich gedankenvoll entfernt.) Oswald! Oswald! ich könnte für ihn sterben; aber lieben kann ich ihm nicht» Ab.) M Ketzebur's Theater Bd» 266 Vierte Scene. Edmund. Adolphine. Gefolge. Edm. Sieh nur/ Schwester/ welch eine zaubwüsche Einöde! Adolph. Ware statt der Schwester die Geliebte hier, dann wäre sie doppelt schon. Edm. lj-rstreut.) Die Geliebte? Meinst du meine Braut?' Adolph.(lache»?.) NüN/ wen denn? E d m.?1ber sieh dcch nur den Wasserfall/ die wilden Rosen und die Fruchte!— Sollen wir die Pferde hier verschnaufen lassen? Adolph. Wann deine Ungeduld die Aoge- rung vertragt? Edm. O ja/ oja! Wir haben nicht mehr weit. Es ist kaun! Mittag/ die Sonne druckt/ die Rosse sind ermüdet.— He! Knappen! dort im Schatten jener Eichen harret unser!(Des Gefolg entfernt sich.) Ad ol ph- Für einen Bräutigam ist dein Verlangen ziemlich kühl. Edm. Laß ine Neckereyen! Kaum zwey Wahl s«h ich Li.irgarden: wie kannst dir wollen, daß ich brenne? Adolph. Und doch vermahlst du dich mit. ihr? E d m. Nach dem Wunsche unsers Vaters. Adolph. Warst du nie verliebt? Edm. Ein einziges Mahl im Traum. Adolph. O, geschwind erzähle mir das! Wirst sich am Wasserbecken nieder.) E d m.(Ser vor ihr stehen bleibt.) Mich träumte, ich sey auf der Jagd, und sah durchs Gebüsch eine schlanke Jagermn eilen. Ich setzte ihr keuchend nach, sie. blickte um sich, und es war dein Gesicht. Adolph. Meines? Edm. Schwester! rief ich; aber sie fleh schnellfüßig mitten durch ein Dorf, bog um eine Ecke, und verschwand. Adolph. Und du? Edm..Ich schiich traurig weiter: da hüpfte ein Milchmädchen mir singend entgegen, und borh mir frische Milch aus ihrem Topfs. Ich sah sie an— du warst es. Adolph. Ich? Edm. AIS ich eben trinken wollte, horte ich «ns dem nächsten Fenster meinen Nahmen rufen, und denk dir nur: es war deine Stimme« M 2 263 2ldolph. Das ist doch drollig!— Aber wo blieb das Milchmädchen? E d m. Weg war sie! Ich sah mich nach chr um, da sprang dein Windspiel auf mein Bette, und ich erwachte. Adolph. Das nennst du verliebt? Edm. Nun>a, ich war es, in die Jage- rinn, in das Milchmädchen, und endlich in die Stimme. Adolph. Schade nur, daß meine Stimme bloß im Traume solchen Eindruck.auf dich macht. Edm. Ach nein! auch wachend! Ich höre deine Stimme immer gern. Zuweilen bin ich verdrießlich; wenn ich dann von ferne dich ein Liebchen singen höre, so fange ich an zu lächeln, und spreche zu mir selbst: das ist Adolphine! recht als ob ichs mir erzählen müßte. Adolph. In Zukunft wirst du sagen: das ist Luitgarde. E d m^ vielleicht! Ad 0 lpb. Sie ist doch schöner als ich. Edm.(tchüttclt den Ksxf.) Meinst du? Adolph. So sittsam E d m. Das bist du auch. Adolph. Immer fromm und still! Ed m. Sprich, schwermüthig. Deine Munterkeit ist mir weit lieber. Adolph,(verdrießlich.) Ach, ich bin auch nicht immer munter. Edm. Du? Was fehlt dir? Adolph. Es ist mir oft, als wünschte ich das oder jenes, und wenn ich mich befrage, so weiß ich selbst nicht was. Edm. Wahrhaftig, Schwester, das geschieht mir auch zuweilen.° Adolph. Dann kann ich oft über Kleinigkeiten verdrießlich werden. Zum Beyspiel eben jetzt, daß die schönen Apfel da so hoch im Baums hangen, daß ärgert mich. Edm. Möchtest du einen? Ich will hinaufsteigen. Adolph. Rufe lieber einen Knappen. Edm. Was ich für meine Adolphine selbst thun kann, das überlasse ich keinem Knappen. (Er will hmaufstrizen. plötzlich fallen du Apfel von scibff herunter.) Adolph,(indem sie einen aufnimmt.) Ey, das ist ein herrlicher Banm ss Edm.(verdriesMch.) Das ich nicht wüßte! Er gönnt mir nicht einmahl die Freude, für dich zu klettern. Adolph. Es ruht sich hier recht sanft. Wenn mir nur nicht die Sonne so gerade ins Gesicht st! jene: Edm. Ich will em Paar starke Zweige hin- r'ibsrbiegen. Adolph. Thue das, guter Edmund!(Indem er dannt beschäftigt ist, breitet sich ein Baldachin «on einem Baume zum andern aus, und beschältet Adolphinen.) Ed m. Nun, was soll das? Adolph. Sieh nur, Bruder! das geht nicht mit rechten Dingen zu. Edm.(mürrisch,) Hier haust wohl gar ein Zauberer! Adolph,(schalkhaft.) Oder eine Zauberinn! E d m. Der dir huldigt. Adolph. Die dich liebt. Edm. Ich denke, wir ziehen weiter. Adolph. Aha! der Bräutigam erwacht! Edm. Wenn du das meinst, so bleibe ich hier bis Morgen. Adolph. Wie mir doch zu Muthe seyn wird, wenn ich auch einmahl der Hochzeit s» entgegen reise? E d m. So? denkst du oft daran? A do! ph. Zuweilen! Edm. Wo wirst du es besser finden als daheim? Wird Jemand aus der Welt dich mehr lieben, als dein Vater und dein Bruder? Adolph. Ich denke doch; mein Mann. E d m. Dein Mann, dein Mann! Ich kenne keinen, der dich verdiente. Adolph.< lächernd.) Nur gemach! Man will doch endlich seinen eigenen Held haben, man will Hausfrau werden. Edm. Warum denn eben Hausfrau? Hausschwester ist eben so gut! Adolph. Wenn das wäre, warum begnügst hu dich nicht selbst mit deiner Schwester! Edm. Well— weil der Vater will— weil ich muß— weil— du fragst auch heute recht albern. Adolph. Nun, gnädiger Herr Bruder! (Lachend, leicht ihm einen Apfel.) Da, nimm und iß! E d m. Ich mag nicht. Adolph. Nun nimm nur! Du meinst hoch nicht, ich sey die Schlange im Paradiese? Fünfte Scene. Vorige. Lieb einund von einem Knappen Edmunds begleitet. Der Knappe. Prinz! dieser Mann begehrt mit Euch zu reden.(Gehe av.) Edm. Wer seyd Ihr? Liebem. Traugott Liebemund ist mein Nahme! Stallmeister meines gnädigen Herrn Herzogs zu Eleve. Edm. Wo ist der Herzog? Liebem. Er harret Eurer mit Verlangen. Euer Ausbleiben macht ihm Sorge; drum sandte er mich entgegen, Euch willkommen zu heißen. Edm. Ich danke! Liebem. Und wo möglich Eure Ankunft zu beschleunigen. Edm. Warum? Liebem. Warum? Wie ihr auch fragen könnt! Die Braut ist geschmückt, die Edelknaben stehen bereit zum Fackeltanz. Edm. Wie? Heute noch? Adolph,(sieht auf.) Schon heute? Liebem. Der Alte kann die Zeit ja kaum erwarten^ und da heute ihm zu Liebe das Fräulein sich entschlossen hat— Ad olph. 2hm zu Liebe? Liebem. So mächt er Euch die heimliche Freude— E d m. So? Liebe m. Darum eilt, gnädiger Herr, unb seyd froh, wenn Ihr hier so wegkommt! Edm. Hier? Warum? Liebem. Wißt Ihr denn nicht, daß hier eine fürchterliche Hexe wohnt? Edm. Eine Hexe? Liebem. Pst!(Heimlich.) Die kluge Frau im Walds. Säht nur dort das öde Schloß. Vor drey Jahren war es von Geistern nur bewohnt, keine Seele traute sich hinein. Aber jetzt hat die kluge Frau sie alle in Dienst genommen. Da wandeln sie herum in mancherley Gestalten, Menschenkörper mit Hasenköpfen, Wölfe mit Menschengesichtern, brr! Edm. Das mochte ich sehen! Liebem. Ihr Vater war ein mächtiger Zauberer, hieß Agrippa! der hatte immer einen schwarzen Hund bey sich, das war der Gott sey bey uns! Wenn er in Wirthshäusern zechte, so bezahlte er mtt blankem Golde; wenn er aber den Rücken wandte, so war das Geld in Mw schein oder Horn verwandelt. Eb m. Und was treibt die Tochter hier? Liebem. Durch Hülfe ihrer gottlosen Künste weiß sie Vergangenheit und Zukunft zu entdecken. E dm. Eine Wahrsagerinn? Vortrefflich: sie soll auch mir die Zukunft deuten. Liebem. Ich bitte Euch, gnädiger Herr, frevelt nicht! Edm. Wo ist sie? Wie heißt sie? Liebem. Wo sie ist?— Überall!— Wie sie heißt?— Sie hat einen heidnischen^ Nahmen: Welleda. E d m.(rüst.) Welleda! höre mich! Liebem,(vernicht weis!, wohin er fliehen soll.) Ums Himmelswillen! schweigt? Edm. Welleda! Verkünde mir mein Schicksal: was muß ich thun, um glücklich zu werden? (Um Felsen erscheint plötzlich eine Schrift.) Iliehe von der Schwester in die Atme der Schwester! K Liebem,(zitternd.) Da haben wir»! 2^5 Adolph,(liest.) Fliehe von der Schwester in die?lrme der Schwester. Ed m. Was soll das heißen?(Die Schrift verschwindet.) Adolph. Meint die kluge Frau ej gut oder übel mit mir? Liebem. Gui? Ach du wein Himmel! ej ist ja nicht einmahl für einen Heller Menschenverstand darin. E d m.(in tieft» Gedanken.) Seltsam? wahrlich seltsam! Adolph,(lehnt sich vertraulich auf seine Achseln.) Lieber Bruder! wenn es dir jemahls übel geht, so erfülle nur den letzten Theil dieses sonderbaren Befehls? Fliehe in die Arme der Schwester! Edm. Aber von der Schwester? warum von Dir? Adolph. Sie meinte wohl von mir zu deiner Braut? Edm. Bey Gott! es hat mich verstimmt. Liebem. So lange es noch beym Schreiben und Lesen blecht, Gott sey Dank! davon verstehe ich nichts; aber wenns an ein Fliegen geht— gnädiger Herr! ich warne Euch. Diesen Morgen kam auch ein Mann hierher, ein wackerer Mann, dessen Anblick sonst sogar den 2^6 Pferden Ehrfurcht einflößte, den hat sie mit Respekt zu meldet! gefoppt, als ob er ein Schulknabe wäre; drum aufgesessen! fortgesprengt! Edm.(verdrießlich.) Meine Pferde grasen noch, und ich— ich muß mich zerstreuen. Wie wäre es, Herr Stallmeister'! gibt es viel Wild in diesem Walde? Liebem. O ja! Wölfe und Bären genug. Edm. So laßt unS eine Stunde jagen. Liebem,(mit Achselzucken.) Wie es Euch beliebt. Doch, wenn ich bitten darf, nur weit von dieser Gegend; denn hier jagt der Teufel arme Seelen. Adolph. Und ich soll allein Hierbleiben? Edm. Laß mich, Schwester, ich bedarfs.' Dein Gefolge ist ja kaum zehn Schritte von hier» Halloh Knappen! gebt mir meinen Wnrfsp eß und meinen Bogen! lGeln ab.) Liebem. Ihr, mein Fräulein, konnt ganz ruhig seyn. Die Hexe ist.ja auch em Frauenzimmer, und Ihr kennt das Sprichwort von Heu Krähen.(Folgt Edmunden.) 277 Sechste Scene. Adolphine(anfangs-in wenig schüchtern.) Ich konnte meine Zo^s rufen— aber ich will nicht.— Nein/ ich furchte mich ja nicht. — Heimlich ist mir wohl zu Muthe, so—> wie soll ichs nennen?— als ob meines Vaters ^Geburtstag wäre, und ich stunde eben mit dem Glückwünsche vor seiner Kammerthür. Es säuselt hier so lieblich durch die Blätter— und die Luft ist so lau. so llnde.(Seufzt tief.) Ach!—> Wach-wer Pause.) Was girrt da oben im Tan- nenwipfel? ( Eine zarte Stimm- aus der Tanne.) Liebe! (Furchtsam, doch angenehm bewegt.) Wer sprach Las?— Was munnelt in der Quelle? (Eins Stimme aus dem Wasserbecken.) Liebe! Auch da?— Was lispelt im Schilfe? (Eine Stimme aus dem Schicke.) Liebe! O schon!— Was duftet im Rosenstrauch? (Ein- Stimme aus dem Rosens.rauch.) Liebe! 5^8 Überall? Rings umher zwitschern die W- zel (Stimmen von allen Seiten.) Liebe! Liebe! Liebe! WaS ist das? Wo bin ich?— Das habe ich nie gefühlt.— Geister umschweben mich, gute Geister!— Soll ichs wagen?— soll ich die Zauberinn bitten, auch mir die Zukunft zu einhüllen?(Halb furchtsam.) Welleda!— Wer ist der Mann, der einst als Gattinn mich beglücken wird? (Eine Schrift erscheint am Felsen.) Der Gespiele deiner Kindheit. .(Sie liest erstaunt) Der Gespiele meiner Kindheit! Ich kenne keinen— keinen— außer meinem Bruder! Das ist rathselhafc!— Hat die kluge Frau kein Mitleid mit der Neugier eines Mädchens?— soll ich nicht mehr erfahren? (Der Knabe guckt freundlich aus dem Schilfs vor, und i reicht ihr eine Lilie, indem er sagt:) Sey immer rein wie diese! (Adolphine tritt furchtsam einen Schritt zurück, und nähert sich dadurch dem Rosenstrauch. Der Knabe aus dem Rosenstrauch« reicht ihr eine Blume.) So wirst du blühen wie diese!(Besde Knaben »erschwind«,,.) Adolph,(drückt die Blume» an ihr Herz.) Bedeutende Blumen! ihr sollt mir heilig seyn. Welleda! wie verdank' ich dir die süßen Augenblicke! (Der Knabe aus dem Wasserbecken reicht ihr ein Blümchen.) Vergiß mein nicht!(Er verschwindet.) Adolph. Nimmer, nimmermehr! Ich bin so wunderbar bewegt!— Ach! was muß ich thun, bis alle diese Räthsel sich losen? (Der Knabe aus dem Nosenstrauchc guckt nochmahls hervor, legt die Finger auf den Mund und verschwindet.)_ Echweigen?(Sie ftusjt tief.) Das ist schwer. Siebente Scene. Adolphine. Oswald(tritt tiefimHintergründe auf.) Volkmar(folgt ihm und beobachtet ihn von ferne.) Adolph.(Oswald erblickend.) Wer kömmck da? Ein Ritcer? Da muß ich wohl zu meinem Gefolge. Die Herren Ritter legen es zuweilen übel aus, wenn sie ein junges Mädchen alleilt in einem Walde finden.(Oswald nähert sich lang- f!M in tiefer Schwermrtth.) Doch dieser scheint wohl nicht ein Held für solche Abenteuer. Ein schwerer Kummer beugt seine» Nacken— wenn er nicht wandelte, man konnte ihn für leblos halten.(Redet ihn an.) Mit Gunst, Herr Rircer! (Oswald fährt auf, und als erste erblickt, macht er ihr eine ehrerbiethige Verbeugung.) Ist es noch weit bis Eleve? (Oswald hebt zwei, Finger auf.) Zwey? Was soll das heißen?— Stunden? (Oswald bejaht es.) Warum antwortet Ihr nicht? (Oswald zuckt die Achseln, und deutet anf seinen Mund,) Seyd Ihr stumm? (Oswald bejaht es.) Stumm gebsreu? (Oswald verneint es.) Ein freywilliges Gelübde? (Oswald bejaht es.) Seyd Ihr unglücklich? (Oswald seufzt.) Wodurch? (Oswald legt die Hand aufs Her,.) Durch Euer-Herz?— Nun wahrhaftig, daS habe ich Euch angesehen. Um einen Verliebten stumm zu machen, muß man ihm nicht s8i bloß die Zunge lahmen; denn das Herz hat noch ein Paar andre gute Freunde, die nicht» verschweigen können.(Dcuti-t auf dieRuqcn.! Warum Hefter Ihr Eure Blicke so starr auf diesen Ro- senbusch d (Oswald bricht eins» dürre» Zweig vom Busche, und zeigt ihn Adolxhine».) Tarnen? (Oswald wirft den Zweig vor sich hin und setzt den Fug darauf.) Ich verstehe Euch, armer Ritter!— Ihr geht auf Dornen. Und wie nennt sich Eure grausame Geliebte? (Oswald zieht seinen Dolch und gräbt damit ein I> in den Apfelbamn.) I,? Das ist zu wenig! Ich bitte Euch, fahrt fort! (Oswald verweigert es; Luitgardens ganzer Nahme wird von selbst am Baums sichtbar—'Adolpyine wird es zuerst gewahr.) O, nun brauche ich Eure Schreibekunst nicht! Seht nur hin! (Oswald sieht es und erstaunt.) Luirgarde?— Ein hübscher Nahme!— Ich werde auch bald eine Schwägerinn haben, s82 die so heißt. Wollt Ihr, Euch zerstreuen, so kommt auf ihre Hochzeit. (Oswald bedankt sich.) Nicht? Nun wie Ihr wollt! Ihr wärt ohnehin ein Gast, der schwer zu unterhalten ist. Nehmt mirs nicht übel, Herr Rirter! ein Paar stumme Menschen können wohl Hand in Hand, Aug' in Auge ohne Langeweile ihre Tage verseufzen; aber e i n Stummer ist unerträglich.(Hüpft fort.) Achte Scene. Oswald- V o l k m a r. (Oswald betrachtet eine Zeit lang wehmüthig§«jtgar« denS Nahmen; dann faltet er dw Hände, als bethe er für ihr Gluck; als sein Auge wieder auf den Baum fallt, steht das Wert Hoffnung unter dem Nahmen; er erstaunt, und schüttelt trübe lächelnd den Kopf. Das Wort„Hoffnung" verschwindet; statt dessen erscheint Oswalds Nahme, beyde von einem Myrthenkranz umschlungen. Oswald entzückt, eilt aus den Baum zu, will ihn umarmen, alles verschwindet; er läßt Kopf und Arme Hoffnungslos sinken, kehrt sich langsam ab- L65 wärtS und will gehen, Volkmar hat sich indessen Unbemerkt genäbsrt. Oswald sieht ihn, wird unwillig, und gibt ihm zu»erstehen, daß er allein seyn w A.) Volk»,. Ich verstehe Euch/ Herr Ritter! Zhr wollt allein seyn; aber ich darf Luch nicht verlassen. (Oswald scheint zu fragen: Warum?) Warum"! das möge meine Gebiethen»!, Euch sagen. Neunte Seen e. Vorige. Welleda(tritt aus der Arstte.) Well. Graf von Orlamiinde! verzeiht meine Sorgen um Euren theuren Gast! Euer Knappe Bernhard ist unfähig/ Euch zu folgen; Schrecken und Gewissensangst haben des alten Manne» Kräfte ausgesegelt/ darum habe ich einen meiner Getreuesten Euch zugesellt. (Oswald deutet an, das, er dessen nicht bedürfe.) Verschmäht nicht die schwesterliche Hülfe! Ich bin Eure Freundin«/ ich habe ein Recht auf diesen Nahmen, und wenn Ihr mir vertraut. Euer Herz mir Offenheit für den guten Willen »ww, gibt, so wird vielleicht, ,vas dieser Baum Euch tröstend verkündete, durch meinen Zauber in Erfüllung gehen. (Oswald bezeig«, das, er ibr dankbar ganz vertraue.) Liebt Ihr Herzog Odo's Tochter noch mit eben dem Feuer, als vor drey Jahren? .(Oswald bcjabt es mit Gewißheit.) Ihr habt viel für sie gethan! Ihr habt ihre Farben und den Nahmen des stummen Ritters in Europa un.d Asien berühmt gemacht. Haktet Ihr auch jetzt noch Muth für sie zu sterben? (Oswald zieht rasch sein Schwert, reicht es ihr, und biethet seine Brust dar.) Genug!— der Tod ist nicht immer das schwerste Opfer. Sterben ist oft leichter als sein Herz besiegen.(Bey Seite mit tiefem Seufzer.) Ja, sterben ist leichter.(Laut) Wie aber, wenn Ihr Luitgarden entsagen müßtet?— Wie, wenn der Geliebten Glück und Niche an diesem Opfer hinge? (Oswald stutzt.) Seht diesen Jüngling, er ist edel von Gehurt; seine Treue, seine stille, bescheidne Liebe gewannen Luitgardens Herz. (Oswald druckt, während sie spricht, alle Empfindungen aus, die ihre Erzählung in ihm hervorbringt.) 285 Lange liebten beyde, ohne es z» wissen. Endlich haben ihre Blicke sich ve» standen. Luitgarde hat das Vaterherz bestürmt— vergebens! Herzog Ooo's Stolz verschmäht den Jüngling, der mchis besitzt, als seine Ahnen und sein Herz. Volkm.(erstaunt.) Welleda! was thust du? Well. Schweig!(Fährt fort.) Könntet Ihr ihn sehen, Herr Ritter, den Jammer der leidenden Liebe, wie das kranke Mädchen verzagt an jeder Hoffnung, und einem frühen Grabe zuivandelk. Ihr Geliebter ist arm; wo lebt der Großmüthige, der, um zwey Liebende zu beglücken, seine Schätze theilen mochte? (Oswald tritt ihr näher und schlägt entschlossen an seine Brust.) Ihr selbst? Das wäre etwas. Doch Gold allein besiegt den Vater nicht; der Jüngling müßte die Ehrenketre und den Ritterschlag von eines Fürsten oder Grafen Hand empfangen. (Oswald nimmt seine Halskette, und reicht sie Bolkmar, der sie gerührt empfangt.) Auch das?— Ihr handelt edel!— Doch ein Felsen khürmt sich immer noch der Liebe entgegen— Ihr selbst, Herr Ricter! Luitgarde bekennt reuig, daß jenes mukhwillige Gelübde, von ihr dem Biedermanne kindisch abgetrotzt. 286 diesem heilige Rechte auf ihren Besitz gebe/ daß sie dann nur frey mit ihrem Herzen schatten könne/ wenn Ihr selbst jenem wohlerworbenen Rechte feyerlich entsagt. (Oswald zieht nach einer Pause LuitgaediMS Bild hervor, kämpft einige Augenblicke mit sich selbst, drückt es schmerzhaft an seilte Lippen, und reicht es Doik- mar mit abgewandtem Gesicht.) (Wellcda bey Seite.- Ha! und ich konnte mich schämen/ diesen Mann zu luden?-Laut.) Graf! — Ritter!'— Held!— Ich bewundre Euch!— So schwer es ist, mir flacher Hand indenSchooß der Erde den Waffel ström zurück zu drangen/ der zwischen jedem Singer mächtig hervor quillt, so schwer verschließt der Mensch die Leidenschaft in seinem Busen. Doch leichrer ist es noch, sein Herz verschließen, als dem glücklichen Nebenbuhler es blutend öffnen. Ihr habt gesiegt! Es wächst kein Lorbeerbaum in meinem Garten; aber Myrrhen, Myrrhen soll meine Hand, ja meine Hand Euch pflücken, und wenn ich zitternd sie um Eure Schläfe winde, so lohne mich die Freundschaft deS edelsten der Männer.(Oswald erstaunt über diese Anrede, Wellcda will fortfahren,) tz-' Zehnte Scene. Vorige. Lieb einund. Liebem,(hinter der Scene.) Hülfe! Hülfe! W e l l. Was ist daS?(Oswald»nd Lolkmar jieben ihre Schwerter.) Liebe m.(stürzt athen los herbey lind schreyt, ine dem er seine Waffen von sich wirft.! Rettet! reitet! ein Bar! der Prinz!(Klettert auf die Tanne.) Ein grimmiger Bar! Mich hat er schon verschlungen^ jetzt speist er den Prinzen.(Oswald stürzt fort mit gezücktem Schwerte.) Well.(mit höchster Angst.) Eile, Volkmar, beschütze den Ritter! Volkm. Dich, Welleda, dich!(Stellt sich Mit entblößten« Schwerte vor sie.) Well. Nicht mich, ihn, ihn! Sein Lebe» ist das meinige! Fort, fort! Volkm. Soll ich dich allein lassen? Well. Volkmar! wenn du mich liebst Volkm. Gott! welche grausame Probe! (Eilt Oswald nach.) Well.(die Hände ringend.) Ihr Mächte des 268 Himmels! ich trete ihn ja willig ob; nur daß er Übe, nicht daß er mein sey, bitt' ich von euch. E i lft e Scene. Welleda. Oswald. Edmund(einen»erbrochenen Wurfspiesi in der Hand.) V 0 lkMar, bald hernach AdolphiIIe; Ltebemund (auf dem Baum.) Well. Ha! da ist er(thu! rasch einige Schritte entgegen, fast« sich aber schnell, und empfängt sie mit ruhigem jungfräulichen Anstand.) E d m.(zu Oswald.) Herr Ritter, Ihr habt mir das Leben gerettet!— Eben zerbrach mein Wurfspieß, und schon halte das Unthier sems Klauen nach mir ausgestreckt, da fuhr Euer breites Schwert ihm m die Weiche. Volk m.(zu Welleda.) Ich kam zu spat. Well.(furchtsam zu Oswald.) Ihr seyd nicht »ekwundets (Oswald verneint es.) Adolph,(stürzt toStenbleich Herrin.) Edmund, Btu- der!(umschlingt ihn bebend.) Bruder! Ich kann nicht mehr! Edm.(sie liebkosend.) Was ist dir, liebe Schwester? Adolph. Ich hörte— ein Knappe— er wollte gesehen haben— du seyst zerrissen. Edm. Ruhig, ruhig! Ich lebe, ich bin gesund, und kann mich deiner Schwesterkebe freuen. Hier diesem Manns verdanke ich es. (Adclphirie ergreift Oswalds Hand, und drückt sie dankbar an ihr Herz, geht dann wieder zu Edmund.) Well.(bey Seite.) Ja, sie liebt ihn! E d m. Herr Ritter! wie kaun ich Euch vergelten?— (Oswald bezeigt, daß er auf keine Vergeltung Anspruch tiiachs.t Euer Nahme?— Ihr schweigt? (Oswald zuckt die Achseln.) Volkm. Er ist stumm. Edm.(mitleidig erschrocken.) Stumm? Well. Ja, stumm! Er thut nicht Heldenthaten mit der Zunge; aber wo ein Mensch in Gefahr ist, da;>eht er rasch sein Schwert und kämpft schweigend. Edm So soll ich ihm mein Leben verdnn« ken, ohne einmahl;u wissen Kctzel'ue's Theater r/4. Band. N Well. Genug, Prinz? Ihr werdet ihn kennen lernen; heute noch. E d m. Schone Dame! seyd Ihr vielleicht> seine Gattinn? Well.(mit einem halben Seufzer.)'Man nennt mich hier die kluge Frau im Walde. Edm.(erschrocken.) Ihr selbst? Adolph,(ergreift mit Vertrauen Welleda's Hand.) Nicht wahr, Ihr meint es gut mit uns? Well. Wahrlich! Adolph. O, verweist es meinem Bruder, daß er auf der Jagd oft so tollkühn sein Leben wagt! Edm. Dasmahl thust du mir Unrecht. Freund Zrebemund war an allem Schuld. Wir fanden einen jungen Baren, er mochte kaum einige Wochen alt seyn, dem knipp er in die Ohren; er schrie, die Mutter stürzte herbey, sehr nalür-! lich. Ich setzte mich zur Wehre; der tapfere Lie- hemund lief davon.—(Sich umsehend.) Wo mag er geblieben seyn?—(Liebemund stößt auf dem Baume einen wehmüthigen Seufzet aus.) Aha! Mir herab, mein Held! der Feind ist geschlagen! zLiebemund wimmert,) Seyd Ihr verwundet? Liebem. Ja! Edm. Wie ist das möglich? Liebem,(klettert herab.) Die verdammten Nadeln da am Baume— das sticht— daS ritzt -- seht nur wie meine Hände bluten! E d m. Sonst nichts? Ey, ey, Herr Stallmeister! Adolph. Meinen Bruder so im Stiche zu lassen! Liebem. Mit Gunst, Fraulein, das versteht Ihr nicht! Ein Bär, ein wirklicher Bär, und wäre er noch so grimmig, der findet an mir seinen Mann; aber eine Bäreninutter—(mit einem Seitenblick auf Welleda.) Meint Ihr, das sey mit rechten Dingen zugegangen?— O, ich weiß recht gut, wer in der Bärenhaut steckt. Edm.(zu Welleda.) Verzeiht dem Schwätzer! Well.(lächelnd.) Ist ihm verziehen. Edm. Eure gastfreye Ausnahme, und was Ihr sonst mich ahnen lassen, steht in meinem Herzen. Adolph. Und in dem meinigen! Edm Gedenkt meiner! Well. Ihr werdet von mir hören. E d m. Auch mahne ich Euch an Euer Versprechen, mir m'inen,Wohlthäter— Well. Ihr sollt ihn kennen lernen. Edm. Heute noch? N 2 2^2 Wels. Noch heute. Edm. So lebt dann wohl! Liebem. Gott sey Dank! es geht zum Aufbruch. Adolph.(juW-lleda.) Eure Wohnung vergeh ich nie. Noch flüstern Eure Stimmen um mein Ohr,(auf ihr Herz deutend,) und hier— Lebt wohl! Well. Ich folge Euch bald. Edm.(Oswald die Hand druckend.) Herr Ritter! dieser Händsdruck sey meines Herzens Doll- metscher.(Oswald erwiedert ihn mit höflichem Ernst.) Adolph,(zu Oswald.) Wackrer Mann! Euren Edelmuts» vergelte Euch einst die Liebe!(Mir Edmund ab.) (Oswald seufzt.) Liebem. Halt! halt! Nehmt mich mit! (Will den andern nach.) (Mehrere Knaben schauen hier und da aus den Büschen hervor, wo Licbcmund vorbey muss, und rufen:) Leb wohl/ Liebemund! Leb wohl! Leb wohl! Liebem. Au weh! Laß mich zufrieden/ junge Teufelsbrut!(Lauft ab— die Knaben verschwinden.) 2g5 Zwölfte Scene. Welleda. Oswald. Volkmar. Well. Wißt Ihr auch, Herr Ritter, wem Ihr das Leben-rettetetd (Oswald verneint es.) 'Es war Edmund, Prinz von Jülich. (Oswald gibt zu versiehe», daß ihm das gleichgültig sey. Er geht nach Eleve, (Oswald wird aufmerksamer«) um dort sich zu vermählen mit Luitgarden- Herzog Odo's Tochter. (Oswald entfährt ein unwillkührlicher Ton des Schmer, zens, er wankt an einen Banm, starrt gen Him mel, besinnt sich dann plötzlich und deutet fragen» auf Volkmar.) Hinweg mit aller Täuschung! Von diesem Jüngling erzählte ich Euch ein Mährchen, um Euer Herz zu prüfen, ein Herz, das Liebe durchglüht; aber Leidenschaft nie zur todten Kohle ausbrennen wird. Geh, Volkmar, sage Erich, er soll das düstre Thal, den Zeugen väterlicher Schwache, wo Agrippa's Geist noch seufzend wandelt, mit allen meinen Rosen schmücken; er ^!)4 sott thun was ich schon lange vorbereitet; denn ich ahne Freude.(Bolkmar ab.) Triumph, Herr Ritter! Luitgarde liebt Euch!— ich, und stellt cS zur linken Seite des Throns.) Edm.(will dem Herzog kniebeuzend die Hand küsse».) Erlaubt, gnädigster Herr Odo. In meine Arme, Sohn!(Drückt ihn an sein Herz.) O, mir ist, als habest du mit diesem Kusse jede Sorge von mir genommen! Edm. Väterliche Weisheit leite mich! Odo. Der Tochter Liebs beglücke dich.(Zu Adolphinen.) Seyd auch Ihr willkommen, schönes Fräulein! und mochte Euer alter Vater bald die Zahl seiner Sohne, wie die seiner Tochter verdoppeln. 3c>2 Adolph. Er sandte mich al- Zeuginn von meines Bruders Gluck; mehr wünsch'ich nicht. Liebe m.(Sey Seite.) Sie lügt. -R ä mmerliI! g(iritt ein.) So eben ist die kluge Frau des Waldes von ihrem Zelter abgestiegen. Liebem. Das heißt, vom Besen. OLo. Sie sey mir herzlich willkommen! (Der Kämmerling zehr ab.) Liebe m.(bey Gsitey O weh! Fünfte Seen e. (rr«mp-tcti und Pauken- W e l l e d a' s K n a b e n Paarweise mit grünen Zweigen in den-Länden und Myrrhen-Kronen auf den Häuptern; ihnen folgt Welle d a ,n kostbarer idealischer Kleidung mit einem Sternen-Kranz im Haar, hinter ihr ein Gefolge VON verschleyerten Ittngfra!Ie,!.) Od o. Hakt Dank, edle Jungfrau, daß Ihr Wort gehalten. W el l. Ich folge gern, wo die Pfticht dem Herze» und das Herz der Psi-^eb-ut. Odo. Auf! die Gäste sinH versammelt! Man hohle meine Tochter!(Der Marschall lind zwey Kämmerlinge entferne» sich.) Well.(zieht Ldo bey Seite.) Ich darf nicyt verhehlen/ gnädiger Herr/ daß die Gestirne dieser Stunde abhold sind. O d o(erschrocken.) Weh! was verkündet Ihr? Welt. Seyd ruhig! Der kommende Morgen trägt das. Glück der Liebe m seinem Schooße; nur hüthet Euch/ von der Tochter zu erzwingen/ was vielleicht ihr Herz versagt! Odo. Diese Widersprüche— Well. Der Liebe Engel wird den Knoten losen. Sechste Scene. (Trompeten und Pauke». Der Marschalt und dir Kämmerlinge/ hinter ihnen LutgardL/ hochzeitlich geschmückt mit weiblichem Gefolge/ ihre Schleppe wird von Edelknaben getragen, sie lehnt sich schwach auf eine ihrer Frauen.) Edm.(heimlich zu Adolphinen.) O Schwester! Adolph,(heimlichzu Edmund.) Ö Drauugam! Edm. Ich zittre! ^ Adolph. Zu spat! Oho. Komm, meine Tochter! Ein Wort aus deinem Munde beglücke nun den Jüngling und den Greis. Well.(Sey Seite.) Armes Mädchen! Du bist schwach, ich muß dich langsam vorbereiten. E dm.(stammelnd zu Luitgarde.) Meine ehrfurchtsvollen Wünsche— meine bescheidene Ehrfurcht Luitg. Prinz! ich bin ein schwaches Kind, und bedarf der männlichen Geduld. Od 0(tritt zwischen beyde und legt LuitgardenS Merndc Hand in Edmunds.) Sohn! Ihr empfangt mit die-er Hand ein Kleinod, dem die zarte weibliche Tugend hohen Glanz und Werth verleiht. Die Liebe der Tochter bürgt für die Zärtlichkeit der Gattinn. Sprich es laut aus, Luit- garde, das Gelübde ewiger Treue! Luitg.(stamm-lnd.) Ich verspreche Gehorsam— Treue— Pflicht— Well.(ruft plötzlich begeistert aus, indem sir starr vor sich hinblickt.) OSwald, Graf von Orla- münde! . Luitg.(Indem sie schnell und bebend ihre Hand zurückzieht.) Ha! Odo(«„willig.) Was soll das?(Alle staunen.) Well.(mit hoher Begeisterung, ohne auf dar zu achten, was um ihr vorgeht.) Wer bindet die Zunge von himmlischen Mächten entfesselt? Weissagende Jungfrau! wo ist die Gewalt, die du scheust? Wenn Geister die ehernen Pforten der Zukunft zersprengen, Ha Liebe! was wäre der Himmel, was sind dir die Riegel der Holle? Du führest den schmachtenden Geist ins irdische Leben zurück. Ich sehe ihn wandeln— er kömmt. Luitg. lauster sich, sich an Wslleda schmiegend.) Wo? Wo? Well. Selige Täuschung! Ist es ein Traum? Sprossen die Blumen aus Gräbern hervor? Weg, hinweg ihr verhüllenden Schatten! Siehe, schon schwindet das freundliche Licht— Dämmerung— Dunkel— o, es ist Nacht! .Luitg. Welche Ahnung! welche Hoff» nung!— Freundinn! Schwester! Well.(ganz erschöpft, erhöh» sich nach und nach.) Wo bin ich? Wie ist mir geschehen? Odo(schmerzhaft.) Welleda! Was habt Ihr gethan? Well. Schmähet nicht das Werkzeug/ verehrt schweigend den Meister!(Zieht ihn lc» . Seite.) Soll ich es Euch noch einmahl wiederhoh- lsn: was auch geschehen möge/ ich verkünde Euch nahes Glück. Odo. Unbegreiflich! darf ich dir trauen? Well. Seht mich an! Odo. Ruhe wohnt in diesen Blicken. Well. Sie wohne in Eurem Herzen; doch Ihr sollt nicht Handel,,/ nur leiden. Odo. Es sey! Lui tg.(hall'leise.) Erbarmt Euch meiner Angst!— Soll ich das Opfer vollbringen? Ach/ ich kann es nicht/ jetzt nicht! Well. Kommt/ Fräulein/ daß ich still und heimlich mit ferner Ahnung Euren Busen schwelle! Segen über jeden guten Mensche,,/ der dem Leidenden sanft und leise wie einem genesenden Blinden die Binde von den AugeU schiebt, daß er von dem plötzlichen Glanz sie nicht aus ewig schließe!(Schlingt ihren Arm um Lull- garden und führt sie fort.) Odo(z„ Edmund.) Prinz! verzeiht! Was hier geschehen— erklären kann ich es Euch nicht— mich selbst umgibt ein schauerliches Dunkel— doch laßt die Hoffnung, die Welle- da's edle Zuversicht mir gab, aus meinem Herzen in das Eure übergehen: es wird sich fröhlich enden!(folgt LnitzarLcn.) E d M.(von feinem Eistaunen erwachend, undOdo nachsehend.) Fröhlich enden? Aber wie? für wen? — Für mich wohl schwerlich! Adolph. Fast kömmt mir alles vor, wie ein Mnhrchen aus der grauen Vorzeit. Liebem. Ich habe es gleich gesagt: so geht es, wenn man mit Hexen sich gemein macht. (Die Hoflente haben sich indessen größtenthcils zerstreut, nur»och einige stehe» Gruppenweise im Hintergrunds, und glossiren über das Vergangene; auch diese verschwinden jetzt. W-lleLa's Knaben entfernen sich gleichfalls— einige schütteln im Vorbeygehen Liebemund die Hand, und sagen:) Die Knaben. Guten Abend, Liebemund! Liebe m. Geht zu eurem Vater in die Hölle! (Macht sich von ihnen los und entschlüpft.) - 3o3 Siebente Scene. Edmund. Adolphine. E d m.(v»ll uiimuth.) Was meinst du? Schwester? Adolph. Ach/ ich weiß nicht— ich meine, daß ich sehr geputzt hin. E d m. Lege den Hochzeitschmück nur wieder ab! Adolph. Warum? Edm. Einpacken, Pferde satteln, fortreiten— Adolph. Brr! wie hastig! Es kann noch alles gut werden. Schmausen, Ringelrennen, Fackeitanz Edm. Das könntest du mir rathen? Adolph. Auf meinen Rath bist du nicht hergekommen; da wir aber nun einmahl hier sind Edm. Ein Mädchen soll ich heirathen, das mich offenbar nicht liebt? Adolph. Gemach, Herr Bruder, das ist doch auch viel begehrt. Zwey Mahl hat er sie S-sehen, und beym dritten Mahle fordert er schon Liebe. Edm. Just nicht Liebe; aber hier ist Wider Wille. Adolph,(halb schalkhaft, halb bitter.) Du hast i freylich keinen Widerwillen. Edm. Nein, das eben nicht! Adolph. O, wie wäre das auch möglich! ein so schönes Mädchen! Edm. Schön oder nicht schön! Ich habe e» unserm alten Vater versprochen. Adolph. Freylich! und Männer halten Wort, wenn ihnen es auch noch so sauer ankömmt. Edm. Vorausgesetzt, daß der Vater selbst nicht wollen kann, ich soll mich ausbringe». Adolph. Der Junker ist stolz. Edm. lind das Fraulein zur Unzeit Muth- willig.' Adolph. Üble Launen sind wie die Spinnen. Wenn man ihnen keine Nahrung gibt, so fressen sie sich am Ende selbst auf, und die letzte stirbt vor Langerweile. Drum Herr Bruder, gehe ich dir bedachtsam aus dem Wege. Edm.(empfindk-ich.) Geh nur! geh!—Das ist die gerühmte Schwesterliebe. Was sagte sie doch heute?— Wenn es dir übel geht, so komm in meine Arme!— Ja doch! wer auf HI o den Sand von schonen Worten baut! Nun geht mir es wirklich übel. Adolph,(breitet gerührt ihre Arme aus.) So komm in meine Arme! Edm.(drückt sie hastig aus Herz.) Schwester! laß uns fliehen! Adolph. Willst du es daheim verantworten? Edm. Kann der Vater mein Unglück wollen? Adolph. Luitgarde ist ein so schönes Unglück. Edm. Ist es meine Schuld, daß ich ihr mißfalle? Hat die Kindespflicht den väterlichen Wünschen nicht gehorcht? Adolph. Aber denke dir den armen kranken Mann, wenn er sich in Pelz gewickelt ans seiner Kammer tragen läßt, um die Schwiegertochter zu empfangen— und wir kommen allein zurück. Edm. Er möge Trost aus meiner Ruhe schöpfen. Warum soll ich denn auch eben heirarhen? Adolph. Damit kein Fremdling den Thron von Jülich erbe. Edm. Ö, ich werde sobald nicht— u!,« wenn auch— lebt nicht meine Schwester? 3i i Adolph. Ja, deine Schwester— ha, ha, ha! die kann, wohl ihre Zofen, aber kein Land regieren. Wenn ich gebiethende Fürstinn Ware, und es käme ein Abgesandter, oder so ein alter dicker Rath, und ich lachte ihm gerade inS Gesicht— nein, das geht nicht! Edm. Mir fallt ein Mittel ein, den Vater zu beruhigen: Ich bleibe ledig, und du hei- rathest. Adolph. Ich? Edm. Deine Kinder sollen meinen Thron einst erben. Adolph. Kinder? Ha, ha, ha! Hast du schon einen Mann für mich? Edm. Wir werden einen suchen, der deiner würdig ist. Wir werden uns einige Jahre Zeit dazu nehmen. Adolph. Einige Jahre? das ist lange! Edm. So? Ist dir das zu lange? Hast du vielleicht— vermuthlich wollte ich sagen— dein Auge schon auf Jemand geworfen? Adolph. Das Auge werfe ich hin und her; aber das Herz, Herr Bruder, das wirft man nicht. Edm. Jetzt habe ich dich gefangen. Recht, Schwester, das Herz wirft man nicht so weg, O! 2 wie einen wurmstichigen?lpfel. Luitgards verschmäht das meinige. Adolph,(rasch.) Hast du ihr es angebothen? Edm. Davon ist nicht die Rede! Adolph. Wovon denn? Edm. Von— von ihrer Abneigung— von der wunderlichen Frau im Walde.— Kurz und gut! ich reise. Adolph. Deine Pferde sind lahm. E d'm. So geh ich zu Fuße.(Reimt fort.) Achte Scene. Adolphine allein(ihm nachrufend.) Bruder! keine Übereilung!— Fort geht er! Kann ichs-hindern?— Vielleicht!— und ich sollte wohl! Warum thu ichs denn nicht? warum bin ich überhaupt so wohlgemukh?—> Vorher die Bangigkeit, jetzt kitzelt nnch der Murhwille. Es ist alles traurig um mich her— hier in der Burg verstörte Gesichter— zu Hauft memes Vaters Gram— ich muß nur auch suchen, die Stirne kraus zu ziehe».(Will fort.) Neunte A 1 H Neunte Scene. Adolph ine. Welleda. Well.(tritt ihr entgegen.) Bleibt, schönes Fräulein!— Wo ist der Prinz? Adolph. Sein Unmuth trieb ihn fort. Ihr habt mit eurem Scabe durch der Liebe Rechnung einen Strich gezogen. Well.(lächelnd.) Die Liebe rechnet nicht. Was ich that, war heilsam. Ich erwarte Dank von Euch. Adolph. Von mir?- Well. Konntet Ihr den liebenswerthen Prinzen gleichgültig in fremden Armen sehen? Adolph. Meinen Bruder? Well. Und wenn er nun nicht Euer Bruder wäre? Adolph,(heftig und erschüttert.) Wenn er es nicht wäre? Ach meinGott! wie habt ihr mich erschreckt! Well.(lächelnd.) Erschreckt? Adolph. Denkt doch nur, wenn er es nicht wäre— so hatte js mein alter Vater keinen Sohn. Kotzebue's Theater*4- Vd. O Wels. Ihr Mußtet freylich dann ihm eine» andern geben. Adolph. Einen andern? Nein! Well. Oder diesen Adolph. Ich bitte euch, edle Frau, scherzt nicht mit einer schwachen Dirne! Man denkt sich das hernach als möglich— man setzt sich so was in den Kopf Well. Setzt es immer Euch in das Herz, (mit Nachdruck,) denn es ist wahr! Adolph,(mit zweifelndem Erstaunen und furchtsamer Freude.) Wie? Mein Edmund? er wäre mir nichts? er dürfte mir alles seyn? die Schrift im Felsen hätte wahr gesprochen? der Gespiele meiner Kindheic? O, erklärt wir das Wunder! Well. Für jetzt sey es Euch genug zu wissen: Edmund, noch immer Prinz, zwar nicht von Zülich, nicht Euer Bruder; doch morgen, Wenn Ihr wollt, Euer zärtlicher Gemahl. Adolph. Mein Gemahl? Und Luitgarde? Well. Auch sie ist sorgsam vorbereitet. Der Freude allzuschnellen Wechsel erträgt die arme Kranke nicht; drum schweigt, daß ich den Knoten langsam löse! Wer ihn zerschneiden wollte, ach der zerschnitte ihren Lcbensfaden. Sie O L 3i5 ist beruhigt, sie hofft. Der Fackeltanz wird halb beginnen. Adolph,(erschrocken.) Der Fackeltanz? dennoch? Well. Stellt Euch nur muthig in die Reihe. Beginnen wirb er, aber enden nicht. Bis dahin gelobt mir Verschwiegenheit. ^Adolph. Gern! Aber Edmund—> Well. Auch er darf noch nichts wissen. Adolph,(entzückt.) Edmund nicht mein Bruder?— Ein wenig necken darf ich ihn doch? Well.(lächelnd.) Der Liebe das Necken zu verbiethen, dazu ist meine Macht zu klein. Ich gehe, um durch mildestWorte den schwachen Funke» lebendig zu erhalten, den der Hoffnung erster Strahl in Luitgardens Busen entzündet hat. Ach, ihr Leben ist mir zehnfach theuer. Wo fände ich Ruhe, welche Morgenluft würde je die schamrothe Wange kühlen, wenn ich unbesonnen oder gar verächtlich durch meine trügerische Kunst die arme Dulderinn, die mir im Wege stand, mit buhlerischer Faust ins Grab geschleudert hatte? Neui, nein! Ihr Leben, Liebe! Mir Tugend, Ruhe, Tod!(Ächt as.) 5»Ü Zehnte Scene. Adolph ine allein. Versteh ich sie?— Gleichviel! Was mich entzückt, berauscht, mir eine neue Sprache, neue Sinne gibt— das habe ich wohl verstanden. Ist das noch meine Hand? Ist das noch mein Herz?— Es klopft mir hier und da im Kopfe, im Herzen, in der Hand. Ich bin ein neues Wesen.— O, daß ich es ihm nicht sagen darf!— nicht sagen und ich mochte es schreyen! Er kommt!— Hilf Himmel! wie soll ich es verbergen?— Muthwille, mein alter Freund! Ich fühle wohl, daß wir bald von einander scheiden werden. Komm mir nur dieß Mahl noch j» Hülfe. Eilfte Scene. Adolphine. Edmund. Edm. Nun, Schwester, alles ist bereitet. Adolph. Bruder, denk nur—— E d?n. Heute denk' ich' nichts! 3»y Ad olph. Unverhofft kömmt oft! Ed m. Was sollen mir die alten Sprichwörter? Adolph. Wir sprachen vorhin vom Hei- rathen. Edm. Ich will nicht heirathen. Adolph. Aber ich! Edm.(stutzt.) Du? Adolph. Es hat sich eben ein stattlicher Mann bey mir gemeldet. Edm. Ja? Adolph. Gleich als du von mir gingst. Edm. Wirklich? Nun die Mädchen sind doch wahrlich wie die Mucken; sie lassen sich im Nu von jeder Schwalbe fangen. Adolph. Du hast doch nichts dagegen? E d m. Ich? O nein? Adolph. Es war dein eigner Einfall. Edm. Ey, allerdings!-- Darf man fragen, wer der Glückliche— Adolph. Noch darf ich ihn nicht nennen. Edm. Hat er nicht einmahl einen Nahmen? Adolph. O ja, er hat einen. Zwar besinne ich mich so eben, daß ich ihn selbst nicht weiß; aber einen Nahmen hat er— seit kurzem wieder gefunden. 3i6 Edm. Wieder gefunden? Also doch einmahl verloren? Das klingt sehr verdächtig! Adolph. Er ist von untadelicherHerkunft. Edm. Ich tadle ja auch nichts. Adolph. Eine schöne männliche Gestalt! Edm. Wer zweifelt daran?— Schade nur, daß nicht alle mit deinen Augen sehen werden! Adolph. Du doch gewiß? Edm. Dafür kann ich dir nicht bürgen! denn ein Mann, der so plötzlich aus den Wolken fallt, um eine» Nahmen und eine Frau zu suchen— siehst du, Schwester, nimm mir das nicht übel; aber ich wette, daß der Wolkenmann nicht viel taugt. Adolph. Wetten willst du? Nimm dich in Acht! Edm. Und mit seiner gerühmten Schönheit — man weiß wohl— die Augen der Liebe Adolph. So spricht seine Bescheidenheit. Edm. Ey, ja doch! sehr bescheiden! Kömmt hierher zur Hochzeit? Adolph. Ja, das thut er! Edm. Denkt noch gar nicht daran, dich zu lieben, oder gar zu heirathen. 3-9 Adolph. Da hast du Recht! Ed m. lind über Hals und Kopf——- Adolph. Mich dünkt, das mache meinen Reihen Ehre. Edm. Da haben wir die weibliche Eitelkeit! Ja, Eitelkeit, sonst ists nichts. Du meinst wohl gar, du liebst ihn? Adolph. Von ganzem Herzen. Edm. Ich sage dir, es ist nicht wahr. Adolph. Ich liebe ihn unaussprechlich, f Edm. Wirklich! Nun das ist ja ganz vortrefflich! Und wenn soll denn die Hochzeit seyn? Adolph. Hoffentlich recht bald! Edm. In der künftigen Woche? Adolpch. Wenn es der Vater will» Edm. Mit Gunst, Fraulein Schwester! nicht so rasch! Hier vertrete ich Vaterstelle. Du wirst dahero erlauben, daß ich den Abenteurer zuvor ein wenig prüfe. Adolph. Das magst du thun. Edm. Und zwar mit meinen Augen prüfe. Adolph. Wenn du das kannst. Edm. Da wird sich dann so mancherley entdecken, was vor deinen Blicken der Sturm der Leidenschaft vorüber wehte. 32» Adolph. Ich hoffe nicht. Edm. Ich auch nicht. O/ eswareSchade! Adolph. Gewiß! denn sich nur/ Bruder, ich habe mir das schon so süß gedacht. Edm. Wirklich? Adolph. Meine Kinder werden deine» Thron einst erben. Edm. So! Du rechnest wohl gar schon auf meinen Tod? Adolph. Das nicht! aber mit der Zeit! E d m. Und Kinder hast du auch schon i» Gedanken? Adolp. Die holden Püppchen! sie werde» dem Oheim Freude machen. Edm. O ja/ recht sehr/ recht große Freude! doch was die Erbschaft anbetrifft/ da wirst du mir verzeihen Adolph. Wie so? Du bleibst ja ledig? Edm. Ich habe mich anders besonnen. Adolph. So schnell? Edm. Darüber wunderst du dich? Ado l p h. Vor einer Viertelstunde wolltest du ja Edm. Und was wolltest du vor einer Viertelstunde? Adolph. Aber Luitgarde liebt dich nicht. Ed m. Gleichviel! Ich habe bedacht/, daß meines Vaters Wunsch und Wille Adolph. Ah so! Aus kindlicher Pflicht also? das ist brav! Edm. Und wirklich fange ich auch schon an zu fühlen, daß Luitgarde ,mir im Grunde nicht ganz gleichgültig ist. Adolph.(erwaS empfindlich.) Ja? Edm. Sie ist schon! Inder That, Schwester, sie ist schöner als du. Adolph. Habe ich denn das nicht gleich gesagr? Edm. Und ihre stille Schwermuth Adolph. Diesen Morgen rühmtest du meine Munterkeit. Edm. Nenne es lieber Muthwillen! Er ist zuweilen unerträglich. Adolph. Wohlan! so rathe ich dir, je eher je lieber die Vermahlung zu vollziehen! Edm. Ja, das will ich, sobald nur meine Braut, meine schöne, holde, geliebte Braut A dolph. Du bist ja außer dir! Edm. Sobald sie sich erhohlt haben wird. Adolph,(spöttisch.) Ihr Zittern— ihr Schrecken— es war so liebevoll, so schmeichelhaft für dich. S22 E d m. Keine Spottereyen! Wir.wollen sehen nach Jahr und Tag/ wer von uns beyden mehr lieben und geliebt seyn wird— du oder ich. Adolph. Ja/ ja/ das wollen wir sehen! Z w ö l f t e S e e n e. Vorige. Ein Knappe. Der Knappe. Die Pferde sind gesattelt.- Ed m.(verdrießlich.) Wer fragt darnach? Der Knappe. Gnädiger Herr! Ihr selbst habt befohlen Edm. Und jetzt befehle ich euch/ abzusatteln. Ich bleibe hier. Der Knappe. Desto besser!(Geht atz.) Edm. Ja, ja, ich bleibe hier. Ach! wenn wir doch nur gleich, jetzt gleich zur Trauung abgerufen würden! Adolph. Wer? Edm. Ich, ich! Adolph. Du gehst nicht ohne mich! Drryzehnte Scene. Vorige.- Ein Höfling. Der Höfling. Prinz! der Herzog läßt Sich ersuchen Edm. Hat das Fräulein sich erhohlt? Der Höfl. Vollkommen! Edm.(unruhig.) Das ist eine frohe Voth- schaft. Zwar wird sie heute noch der Ruhe bedürfen— Der H öfl. Sie ist bereit, Euch zum Altare zu folgen. Edm.(sehr retteten.) Wirklich? Sagt dem Herzog, ich sey entzückt— Der Höfl. Gnädiger Herr! sagt es ihm selbst. Man erwartet Euch zum Fackeltanz. (Gehl ab.) Adolph. Nun, Bruder, du stehst am Ziels. Edm. Allerdings! Adolph. Was ist dir? So bewegt sah ich dich noch ine.— Edm. Das Glück der Liebe--— 324 Adolph. Ich glaube gar, es schwimme» Thränen in deinen Augen? E d m. Freudenchränen.— Willst du mir folge»? Adolph. Von Herzen gern. Edm. So reiche mir zum letzte» Mahle die Hand. Adolph. Warum zum letzten Mahle? Edm. Weil dann der nahmenlose Bräutigam an meine Stelle treten wird. Adolph. Nur aus deiner Hand werde ich die seinige empfangen.(Edmund reicht ihr die Fingerspitzen, die sie mit den Fingerspitzen faßt, und beyde gehen ab.) Vierzehnte Scene. Liebe mund. Ein Höfling; hernach Oswald. Volkmar. Liebem,(von der andern Seite, indem er rückwärts schaut.) Wie die Leute sich herzudrängen! Ist das nicht ein LarM/ um einen Fackel- tanz zu sehen!— Ja, wenn es nur was zu «VF-ON 2^) gaffen gibt, es sey Hangen, Kopsen,' oder Hochzeit halten, das ist ihnen alls'> üuerley. Hösl.(der zugleich auftrat.) Fast hatte mir das Volk den Mantel zerrissen., Liebem. Mir haben sie den Knebelbart ganz schief gedreht. Hofl. Soll ich dir eine Bemerkung sagen? Liebem. Laß. hören! Hofl. Wo viele Menschen beysammen stehen, da lauft ein jeder hinzu. Liebem. Das ist nichts Neues. Hofl. Wo aber viele Tugenden beysammen sind, da wendet ein jeder den Rücken. Liebem. Hm!— An der Bemerkung habe ich nur eins auszusetzen. Hofl. DaS ist? Liebem. Sie klingt aus deinem Munde wie Flotenton aus einem Blasebalg.(Rufthinau«.) Heda! Leute! erdrückt euch nicht! Wache! die -Hellebarden ins Kreuz! Alle könnt ihr doch nicht hier herein.— Was gibts?.He?— Rathsherren? Ach, das lasse ich gelten! macht Platz für die Rarhsherren! die müssen nicken! (Mehrere schwarzgekleidete Männer mit grossen Halskrausen werden hereingelassen.) Nun? wer noch?— Doetoren? Schon recht! die gehören auch hier- 326 her. Macht Platz für die Doetoren! Die müssen trinken!—(Mehrere Männer in rothen Mail«- telii mit Baretten auf den köpfen werden' hereingelassen.) Das übrige Gesindel mag dransien gaffen. (Volkmars Stimme rra„^m) Wir sind Fremde. Liebem. Was ch r Fremde? Volkm, Reisende Kaufleute. Liebem. Kaufleute?(Zum Höfling.) Das Volk reist in alle Welttheile, sieht alles, erzählt alles— da muß man schon um des guten Leumunds willen—(Hinausrufend.) Laßt sie nur herein! (Oswald, Dolkmar und noch drey andere treten«Ni, Mit enthlöstten Häuptern und in„eigen Manteln.) Da stellt Euch nur da oben an die Ecke, und sperrt die Augen recht weit auf!(weist ihnen rechter Hand ihre Plätze an.) Hier müssen die Tanzenden vorbey.— Das sage ich Euch, Ihr mögt weit und breit in Asia und Afrika herumreisen, die Prinzessinn von Monomotapa ist nicht ss schön als unser Fräulein. .)2^ Fünfzehnte Scene. Vorige. Welle da. Liebem,(bey Seite.) O weh! die Hexe! (Er zieht sich nach und»ach zurück, und ist beym Schlüsse des Acts nicht meht sichtbar.) Well.(geht langsam vorwärts, übersteht die Versammlung zu beyden Seiten, und äußert ihregufrw-- Lenheit, als sie Oswald und seine Gefährten erblickt, die sie jedoch nicht zu kennen scheint; dann tritt sie vor an den Rand der Bühne, und spricht in sich.) Der Kluge kann das Gemüth wie der Land- mann die Erde bereiten, hier kann er fleißig wie dort das wuchernde Unkraut vertilgen; wenn Regen und Sonne dann wechseln— o, so gedeihen die Fruchte. Gott! ich habe gesaet, gepflanzt mit liebendem Herzen; führe nun segnend herbey mir die belohnende Ernte. (Trompeten und Pauken hinter der Scene.) H h fl. Sie kommen! 228 Sechzehnte. Scene. Odo erscheint unter Trompeten- und Paukenschall, und setzt sich aut den The,>, hierauf beginnt die Musik des AackeltanzeS hinter der Scene, Der Fackeltanz selbst ist eine Art verschlungener: eihen, der sich im mäßige» Tacte fortbewegt. Zuerst erichcine» Zwölf Edelknechte Paarweise mit weißen brennenden WachSfacksln in den Händen, ihnen folgt der Marsch all mit dem Stäbe, hierauf Edmund und Lttitgarde, dann Adolphine mit einem vornehmen Herrn des Hofes, dann das Gefolge beyderley Geschlecht». Nachdem der Tanz ein Paar Minuten gedauert hat, nähert sich Tnitgardc von ungefähr Oswalden, der starr sein Auge auf sie heftet— sie schreyt laut auf.) Odo(erhebt sich schnell vom Thron und ruft:) Halt!-(Die Musik schweigt plötzlich, alles drängt sich um Luitgarden. Luitgarde bebt langsam zurück bis auf die linke Seite dcS Vordergrundes, mit unverwandte» Blicken auf Oswald— Odo stürzt herbey.) Tochter! waS ist dir? Luitg.(schwach und stammelnd.) Er ist's! (Sinkt Adolphinen ohnmächtig in die Arme.) Odo(wirft sich neben ihr auf die Knie, ringt die Hände und ruft schmerzlich.) Gott! erbarme dich eines Greises. (Edmund sieht betäubt.) 32g (Volk!»« und seine Gefährten haben indessen ihre Mantel von sich geworfen, und stehen als vier schwarz geharnischte Männer neben dem erstarrten Oswald; jeder von ihnen trägt am Arm einen schwarzen Schild: auf welchem Welleda's verschleyerle Gestalt abgebildet ist.) Höflinge und Knappe»(durch Liesen Anblick in Erstaunen gesetzt, munmln durch einander.) Wer sind diese Männer? Feinde? Räuber? Friedensstörer? Zieht eure Schwerter! Nehmt sie gefangen!(Die Wachs will auf sie los.) Well.(streckt ihre,, Stab aus und ruft.) Halt! Sie stehen unter meinem Schutz!^ (Volkmar und seine Gefährten haben gleichfalls gezogen; zwey decken SSwald von vorne mit ihren Schildern, und zwey von hinten, so führen sie ihn mit langsamen Schritten mitte» durch den Haufen.) Die Knappen(weichen zurück, und murmeln dumpf unter einander.) Es sind Gelster! (Wslleda bleibt mit ausgestrecktem Stäbe stehen, während dem allen fällt langsam der Vorhang.) 33o Fünfter Act. Fürchterliche Wildnis,!>ni Hintergrunds erheben sich schroffe Felsen, auf jeder Seite zwey Höhlen oder Grota tsn; im Vordergründe ein großer Stein. Oben auf jeder Höhle liegt einer von Welleda's Knaben schlummernd, unten»eben jeder Höhle ein andrer. ES ist Nacht. Erste Scene. Erich. Volkmar. Erich(tritt mit einer Lampe aus der einen Höhle, und ruft leise.) Volkmar! Volkm.(kömmt aus der Höhle gegenüber.) Rufst du mich? Erich. Wie stehts? Volkm. Gut! Erich. Der stumme Ritter? 531 Volkm.(deutet rückwärts auf die Höhle.) Hier! Erich Und der Prinz? Volkm. Dort! Erich. Ist er unterrichtet? Volkm. Von allem. Erich. Wie geberdet er sich? Volkm. Wie ein Kind am Weihnachts- Abend. Erich. Recht, Junker! des Lebens froheste Stunden sind die/ wo der kleine Mensch um einen Baum mit Lichtern hüpft. Volkm. Doch errathe ich nur halb, warum Welleda eben diese fürchterliche Einöde zum Schauplatz wählte. Erich. Es ist ihr Lieblings-Ort. Volkm. In dieser wilden Gestalt? Erich. Hier weint sie oft— hier soll auch/ wie man sagt, Agrippa'S Geist um Mitternacht sich ächzend hören lassen. Doch heute wird die kindliche Liebe ihn erlösen. Heute schmücken sich die hüstren Felsen zu der Lugend Jubelfeyer. Volkm. Wenn nur der Herzog uns die Freude nicht verdirbt. Erich. Wie so? Volkm. Ich meine, wenn er ausbliebe. Erich. Er ist schon da. 53Z Volkm. Ist er? Das habe ich kaum gehofft. Er war sehr unwillig auf unsre Gebiethe- rinn. Sie mußte die ganze Kraft ihrer süßen Überredung anwenden/ um ihn noch in dieser Nacht hierher zu locken. Erich. Er kam vor wenigen Augenblicken und das holde Fräulein mit ihm. Volkm. Hat man sie getrennt? Erich. Sogleich. Volkm. lind des Herzogs Zorn? Erich. Welleda'S Sanftmuth hat ihn.entwaffnet. Volkm. O Erich! welch' ein Weib! Erich. Sagst du mir das? Volkm. Tobende Leidenschaften gängelt sie «n Blumenbändern;, sie haucht in den Sturm und er schweigt. Erich. Schweig auch du! Jchhörekommen. Volkm. Ist alles bereit? Erich. AlleS. Volkm. Die Kinder schlafen. Erich. Ihr Knaben erwacht!(Die Knete« werden alle munter.) Schüttelt den Schlaf von den Gliedern; morgen mögt ihr ruhen. Jetzt ein jeder an seine angewiesene Stelle!(Die Knabe« '-s'-H >.....'>,) sbcn auf den Grotten verschwinde», die unten schiüxfen unter die Höhle. Volkm. Mich. dünkt ich sehe eine Fackel. Erich. Es ist Welleda. Volkm. Wen führt sie? Erich. Den alten Bernhard. Wir müssen fort. Welleda will, er soll allein hier bleiben. Volkm. O, mochte sie nur immer etwas w oll e n; eS ist so süß, ihr zugehorchen.(Geht ab.) E r i ch. Doch nicht in jeder Gestalt herrscht die Tugend: aber sie vermag alles, wenn sie sich mit Liebe und Schönheit paart.(Geht ad.) Zweyte Scene. Welleda(mit einer Fackel in der Hand) fuhrt Bernhard. Bernh. Habt Erbarmen! Mich verlassen meine Kräfte. Well. Wir sind am Ziele! Bernh. So öffnet mir mein Grass. Well. Setze dich auf diesen Stein! Bernh. Laßt mich unter diesem Steine ruhen!(Setzt s>-h.) Well.(halt die Fackel hoch empor.) Sieh dich «m! Wo bist du? 354 Beruh,(erkennt nach und nach die Gegenstände um sich her, und ruft bebend.) Gott sey mir gnädig! Well. Erkennst du diesen Orc? Beruh. Das Grabmahl meiner Ruhe. Das ist der Stein, auf dem ich säst in jener Schreckensnacht. Seht nur, das Gras umher ist noch verdorrt. Well. Weine auf diesen Boden, daß frisches Grün ihn schmücke. Beruh. Thränen der Neue vertilgen kein Blut. Hier hat der Knabe mir zum letzten Mahle gelächelt; dort stand der Greis; hier lag ich mit dem Antlitz auf dem Boden— da haben meine Thränen jeden Keim verbrannt. Well. Furchtbarer Gott? warum noch jenseits des Grabes ewige Nacht, ewiges Licht? Gabst du nicht schon auf Erden dem Laster die Holle in den Busen? der Tugend den Himmel in das Herz? Beruh. Aus diesen Höhlen hat die Angst mich angegähnt; unter jenem Baume hat ein Johanniswürmchen mir Schrecken zugefunkelt. Well. Ihr Furien! laßt ab von seinem Herzen! Milde Hoffnung, kehre freundlich wieder!(Zu Bernhard.) Füsse Muth! du hast gebüßt. Hier, wo in düstrer Nacht dir nur ein Würmchen 335 funkelte, hier soll in düstrer Nacht dir bald enr, Stern glänzen— ein Stern, den keine Wolke deckt, der vor des Lasters Fackel zu schwinden scheint; doch steht er ewig da und leuchtet; sein Nahme ist Tugend. Der Müde, der ins Grab sich legt, wird aus der Tiefe ihn gewahr, und schließt sein Auge sanft.(Geht.) Beruh. Wohin? Verlaßt mich nicht? Well. Mit Trost kehre ich zurück.(Ab.) Dritte Scene. Bernhard allein. Ha! ich bin allein!— der Bösewicht allein!— Welcher mitleidige Schwärmer hat den Tumult der Hölle ersonnen?— Die Hölle ist einsam.— Da wandelt jeder vor sich in ewiger Stille, und seine Thaten stehen gräßlich schweigend vor ihm. Wer hat zuerst durch Beil und Ketten das Verbrechen bestraft? Den drückte selber keine böse That, sonst hätte er verordnet: der Bösewicht bleibe allein und lebe lange!— O, wäre ich noch geschmiedet an meine Ruderbank! hörte ich noch das Plätschern der Wellen, das Geheul der Galeerensclaven! weckte mich die Peitsche noch aus dumpfem Erstarren!— O, willkommner Schmerz! Damahls war mir leichter. Vierte Scene. Bernhard. Odo erscheint von Welleds geführt. Odo. Welleda! welche Traume erzählt Ihr mir? Well. Der Tochter Mund wird kein Gift «uf den Aschenkrug des Vaters spritzen. Wahrheit, gnädiger Herr! Odo. Und mein Fridolin? Well. Er lebt. Odo. Lebt? Well. Prinz Edmund kann Euer Sohn nicht werden. Odo. Nicht? Well. Denn er ist schon Euer Sohn. Odo. Er ist mein Sohn?(Nach einer Paust fein Haupt schüttelnd.) O, Welleda! Ihr meint es gut mit mir! Zhr wollt den kindischen Greis in seinen s seinen sehten Schlummer wiegen. Aber Täir? schung bleibt doch immer Täuschung. Well. So tausche mich die Hoffnung am Tage des Weltgerichts. Odo. Verzeiht dem alten Manne seine Zweifelsucht. Ihr wißt, die Jugend hofft zu viel, das Alter zu wenig.— Des Jünglings und des Greises Hoffnung sind Morgen- und Abendroth. Dem einen folgt der Tag dem andern die Nacht. Well. Meine Fackel soll Euch vorleuchren, !vo der Pfad dunkel ist. O d o. Ihr seyd eine edle, kluge Jungfrau. Gesteht, Ihr habt es gutmüthig ersonnen, um die Tochter von verhaßten Banden zu befreyen, und doch auch das Vaterherz zu beruhigen. Well. Wollt Ihr mir nicht glauben, so Hort diesen!(Fuhrt ihn zu Bernhard und hebt die Fackel hoch empor.) Ddo(steht halb gebückt in der Stellung eines Menschen, der mit starren Blicken in der Dämmerung einen Gegenstand zu erkennen strebt. Vernha,, dem des Herbst Züge nicht fremd sind, geht'nach nnd nach von Ahnungen zur Gewißheit über, sinkt langsam von» Steine auf die Knie.) Beruh,(stammelt dumpf.) Meine— letzte — Stunde. KotzBue'S Theater 14« Bd. P ZZ8 Wels.(zn Bernhard.) Weißt du, wer vor dir steht? Bern h. Der Rächer— Herzog Odo. tVückt Ach in den Staub.) .Odo. Was soll das? Wer ist der fremde Man»? Well. Erkennt Ihr ihn nicht? Odo. Wußte ich, nicht von sichrer Hand, daß der Be'rrächer schon lange im Grabe modert, ich spräche: es ist Bernhard. Beruh. Ja, er modert— aber nicht im Grabe— er verwest lebendig— Ich bin Bernhard. Odo. Ha! Räuber meines Kindes! Bern h. Todter mich! Well. Fridoljn lebt! Bernh.(sieht sie zweifelnd an.) So tobtet mich die Freude. Well. Bekenne Wahrheit! Bern h. Ihr wißt altes.«, Odo. Wer hat zu dem Bubenstück dich gedungen? Bernh. Paul von Orlamünde. Odo. Nun, Welleda? Well. Fragt weiter!> Odo. Wem ward der Knabe ausgelibfert? Bernh. In diesem Walde ereilte mich die Reue— Vorwärts wollte ich nicht, rückwärts konnte ich nichr. Ern Greis erschien und nahm das Kind oon mir. Well. Nun, gnädiger Herr? Odo(»ach einer Pause, in welcher seine frohen und frommen Empfindungen sich mahlen.) Guter Gott! ich murrre, und du sorgtest väterlich!—O, warum lebt mein Welk nicht mehr? Vaterfreude ist doch nur halbe Freude, wenn die Mutter sie nicht theilt. Well. Vergeht auch nicht den alten wackern Wilhelm von Jülich. Den Sohn, den er Euch schenken wollte, empfange er nun aus Eurer Hand. O d o. Zwey Tochter! O, wie reich werde ich an einem Lage! Well. Auch zwey Sohne. Oswald von Or- lamünde werde es. Odo. Schweigt von ihm! W>e ll. Aus den Klauen eines wilden Thieres hat er heute Fridolins Leben gerettet. Und wäre auch das nicht, gnädiger Herr, verdient Ihr Euer Glück, wenn Ihr in diesem Augenblick noch Groll gegen irgend einen Feind auf Erden hegen konnt? Odo. Ihr habt Recht! er komme in meine Arme.(Gegen Bernhard.) Und auch diesem sey verziehen! P 2 34» B ernh. Verziehen? Well.(hebt Ihn wieder auf den Stein.) Nun, Alter! kannst du wünschen: unrcx diesemSteine! — Heil dir! du steigst hinab mit ruhigem Gewissen. Beruh,(rar Freude bebend.) Darf ich— darf ich— des Herzogs Hand küssen?(2do reicht ihm gerührt die Hand.) Wie ist mir?— Neuen Athem hat der Schöpfer in mich gehaucht— Löscht Eure Fackel aus— es ist ja so hell, so hell!— Auf! auf! zu Euren F-üsien!(Versucht aufzustehen.) Ach! ich kann nicht, und doch ist mir so leicht!(Ringt UM Bernhard wachsen plötzlich Rosenbüsche hervor, und umgeben den ganzen Stein.) Was ist das? Wie geschieht mir? Rosen? Röftn überall? Well. Wer die Bürde von sich warf, die sein Gewissen drückte, für den wird auch der harte Stein-zum sanften Rosenlager. Odo(trocknet seine Thränen.) Freudenthränen? — Seltne Gaste! Wo sind meine Kinder, daß ich an ihrem Busen weine'? Well. Ehe ich Euch in ihre Arme führe, so beruhigt auch mein Herz. Odo. Sprecht, edle Freundinn! was kann rch thun?' Well. Dem Manne feyerlich vergeben, der zwanzig Jahre lang den Sohn Euch vor- enthielt.(Kniet nieder.) Verzeihung für Agrippa, meinen Vater! O d o. Von ganzem Herzen! Well. Daß keiner Eurer zahllosen Seufzer ihn einst vor Gott anklage! O d o. Keiner! Well. Daß Eure Gattinn vor dem Throne des Einzigen ihn nicht ihren Mörder nenne! O d o. Sie sehe herab'und lächle! Well.(erhebt sich freudig.) Wohl mir! die Hälfte meines Tagwerks ist vollbracht! Hier, wo der Vater dem lockenden Irrthum gHo'gt, hier hat die Tochter nun kindlich den Flecken vertilgt. Wandle jetzt ruhig, entlohnter Geist! Es schrecke den Pilger dein ängstliches Stich? neu nicht mehr. Segen! Segen! ihn hat die Tochter errungen. Es mischet sich ferner kein Fluch im dankbaren Segen des Armen! Herrlich! herrlich! wenn es dem liebenden Kinde gelungen, tief ermüdende Dornen vom Grabe der Ältern zu reißen! Z42 Ha! dieses stehe Bewußtseyn halte mich munter und aufrecht. Daß ich mit schweigendem Herzen den Lauf zum Ziele Verfolges (Schleudert die Fackel von sich.) Auf! es ist nur ein Schritt— ich thu ihn— ich will— ja ich will! Schmückt euch,, ihr' Felsen, mit Blumen der Freude! Liebe belebe die todte Natur! Es schwinde die Nacht vor dem sanften Glänze der Liebe! Fünfte Scene. (Es wird plötzlich hell; hinter jeder Grotte springt, einer von Wrlleda's Knaben hervor, mit Blumen und Rosen geschmückt. Zu gleicher Zeit erscheinen auch die Knaben ohen auf den Grotten—alle Mit Meßiel und Hammer in der Hand; sie setzen ihre Meißel an die Grotten, und schlagen schnell darauf, ein Stein nach dem andern fallt herab- Die Grotten werden zu Rosenlaubcn, in welchen man Oswald, Luitgarde, Edmund und Adol- phine sitzen sieht, die all« Merkmahle des Erstaunens von sich geben; im Hintergründe verwandelt sich das Theater in einen prächtigen Garten Mit Traubengsländern und Truchtbäumen— Volkmar, Erich, alle K!l a p- pen, Knaben und Jungfrauen Welleda's, stehen dort gruppirt.) Die Vorigen. Welle da(führt den Herzog rasch zur Lau- be, in der Edmund steht.) Greis! das ist dein Sohn! d 0. Fridolin!(Edmund sinkt in seine Arme.) Beruh. Dieser?(steht zitternd auf, wankt hin und umfaßt Edmunds Knie.) Well. Personen: Der Major. Marie, seine Tochter. Gegor, ein junger Offizier. Tedora,«ine junge Kaufmannsfrau, sein« Schwester. JwanPetrow» ein alter Soldat. 547 V s r b e r t ch t. ?enn gleich, nach dem Tode Kaiser Paul des Ersten, manche seiner Handlungen in einem andern Lichte erscheinen, und manches, was die Furcht niederschrieb, unter einer milden Regierung vermischt werden wird; so ist und bleibt doch das von ihm errichtete Milicair-Waisenhaus eine sehr lobenswürdige Anstalt. Zur Feyer des Thronbesteigungsfestes ein Vorspiel zu dichten, dessen Inhalt dem Kaiser schmeicheln könne, wünschte ich, und mußte ich in meiner Lage wünschen. Mich aber nicht durch wirkliche Schmeicheley zu erniedrigen— obgleich die Götter und Helden Europens mir mit ihrem Beyspiel darin vorgingen— war ein zweyter Wunsch, der auS meinem Charakter entsprang. Ich wählte daher zum Gegenstand das Militair- Waisenhaus, besuchte es selbst mehrere Mahle, sah und prüfte selbst die guten zweckmäßigen Einrichtungen; sah und kannte selbst den Chef desselben, den wackern Obersten vonWeymann; seinen Eifer, seine Güte und Liebe, das Vertrauen oller Kinder zu ihm; und erst nachdem ich von allem diesem durchdrungen und überzeugt war, ergriff ich die Feder. 3^«) Der Schauplatz ist ein«Aorten. Im Hintergrunds Vlu-. tMtibctte und einige Bienenstocks. Erste Scene. Der Major allein(er betrachtet einen Biene«« stock mit verschlungenen Armen.) !^)er schöne Bienenstock! er war so voll und schwer— Ein inn'rer Krieg entstand— und siehe, er ist leer. Den Weisel haben sie, Gott weiß warum, vertrieben. Und ohne Weisel ist kein Volk beglückt geblieben!— Da summt und brummt der Schwärm mit wil- demUngestümm— Es lauert schon der Specht, die Schwalbe schnappt nach ihm, ^5o Und wenn die Drohnen sich auf allen Blumen wiegen. So sieht man dennoch bald sie leer nach Hause fliegen. Vergebens, daß im Lenz aus Blürhen Honig quillt. Für Weisellose ward kein Blüthenkelch gefüllt!— O Mensch! was grübelst du? was suchst du in den Sternen? Die Wahrheit liegt dir nah, tritt her, hier kannst du lernen: So manches Trugsystem von Schwärmern ausgeheckt, ES wird vernichtet durch ein winziges Jnsect. Zweyte Scene. Marie und der Major. Marie(hastig.) Mein Vater— M a j o r> Nun, was gibt'S? Marie. Er ist zurück gekommen: 351 Majo r. Wer? Marie. Ist schon Hauptmann— hat die Batterie genommen—> Dem doppelt starken Feind zu trotzen sich erkühnt— Majo r. Zum Henker! wer? Marie. Hat sich ein Ordenskreuz verdient— M a j or. O, himmlische Geduld! von wem ist denn die Rede? Marie(schüchtern.) Hab' ich ihn nicht genannt? Major. Du stockst? warum so blöde? Wer ist der Held, für den der Tochter Auge glüht. Und ihre Wange sich mit Scharlach überzieht? Marie. Gegor Jwanowitsch— Major. Wie? was? der brave Junge? 352 Marie. Er selbst! er hat gestürmt! er war mit Einem Sprunge Hinab! hinauf!— M ajor. Hurrah! daran erkenn' ich ihn! Entschlossen wie ein Mann, und brav wie Con, stantin! Doch weiter Marie. Ihm ist auch bereits vergolten worden— Majo r. Das dacht' ich wohl. M arie. Er ist schon Hauptmann, hat den Orden— Majo r. Wahrhaftig?— Siehst du Kind, wir haben einen Herrn— Erhalt' ihn Gott uns lang!— er lohnt so schnell, so gern! Und Seinem Blick entgeht kein Zug von Lieb' und Treue. Marie. Ach Vater! wüßtet ihr, wie ich mich freue k freue!— Z55 M a jor. Ich seh' es— und fast mehr- als ich begreifen kann; Denn immer bleibt Gegor dir doch ein fremder Mann? Mari e. Ein Fremder 4 Majo r. Allerdings, den beyde wir nicht kannten; Denn daß in meinem Haus er im Quartier gestanden, Daß er mit uns gespeist und Schach mit mir gespielt; Ist das der Grund, warum mein Kind so heftig fühlt? Marie. Und daß sein wackrer Vater einst für euch ver» messen Sich in den Tod gestürzt, das hattet Ihr vergessen? M a j o r. Vergessen? wer- sagt das? Nein, Kind. Das wäre schlecht. Marie. Und folglich hat er auf der Tochter Lieb' ein Recht; Den Bruder-Nahmen darf ich ihm von Herzen geben,. ^ 35/j. Denn seinem Vater dank' ich meines Vaters Leben! Ma>' o r. Sehr wohl, dar tadl' ich nicht; nur hat es'fast den Schein, Als misch' in dein Gefühl noch etwas mehr sich ein. Was in der Regel sonst die Schwestern nicht empfinden; Etwas von, Heiden-Gott, verstehst du mich? vom blinde». Heraus damit! sey offen! hab ich mich geirrt? Mari e. Ich weiß nicht, Vater— Majo r. Nun? warum denn so verwirrt? Komm, komm, gesteh' mir's nur, du hast ein wenig Fieber, Die Influenza, wie? man ist nicht Herr darüber. Mari e. Ach leider nein! Major. Es ist zuweilen plötzlich da, Und kömmt und geht, man weiß nicht wie. M a r ie. Ach leider ja! 555 M ajor. In deinen Jahren ist die Krankheit oft sehr h-ftig. Doch gibt es Mittel auch, die wirken schnell und kräftig. Ich kenne Eins, das oft nur gar zu wirksam ist: Der Ehestand; man liebt— besitzt— wird lau— vergißt. Marie. Di-ß Mittel, Väterchen, ich möcht' es wohl versuchen— Major. Meinst du, man wand'le stets im Schatten grüner Buchen? Man tändle nur am kühlen Wasserfall? Belausche nur das Lied der Nachtigall? Mac i e. Bin ich denn noch ein Kind? und schwärm' ich in Gedichten? Habt ihr nicht selbst mir oft der Gattinn süße Pflichten So ernst erklärt?— Mich dunkt erfüllen würd' ich sie— Und gern— und leicht— doch nur mit ihm— sonst nie! 356 Maio r. Sonst nie? hast du bedacht? gibt es denn nur den Einen? Marie. Für mich den Einen nur! ihn, Vater, oder Keinen! M a j o r. Sehr hastig, sehr bestimmt. Wenn so die Tochter spricht. So m u ß der Vater, er mag wollen oder nicht. M arie. Nein, guter Vater, nein! nichts wider Ihren Willen. Zwar werd' ich hoch beglückt, wenn Sie den Wunsch erfüllen; Doch kann ich auch entsagen, wie ich heiß geliebt, Wenn seinen Segen mir nicht gern mein Vater gibt. Majo r. Nun, nun, wir wollen sehn. Erkund'ge dich indessen Nach ihm. Wer weiß, vielleicht hat er dich schon vergessen? Maris.' Ich wette-, nein! 33y Majo r. Gib Acht! man wettet-— man verliert, Mari e. Ich weiß es ganz gewiß! Majo r. Habt ihr correspondirt? M arie. Nicht doch, ich sprach ihn selbst— M a j o r. Ihn selbst? wann? wo? Marie. Nicht lange.. Major. Er ist schon hier? Mari e. In jenem Bogengänge Hat er mich schüchtern liebevoll begrüßt. Und harret, was mein Vater über uns beschließt. Major. So lass ihn kommen. M a r i e. Darf ich Hoffnung ihm verstatten? O sprecht ein freundlich Wort: Gebt mir den biedern Garten! Major. Es mag drum seyn! er ist nur ein Soldaten-Sohn, 356 Doch seines Vaters Treu' erwarb ihm solchen Lghn. Geh', hohl' ihn her. M a ri e. Ich flieg! o kindliches Entzücken! Wohl kannt' ich Euer Herz, es mag so gern beglücken!(Ab.) Dritte Scene. Der Major allein. Geh nur, mein Kind", ich habe längst daraus gedacht; Die Dankbarkeit hat mir den Plan zur Pflicht^ gemacht. Die Liebe hab' ich selbst in Euer Herz geffreuet, Den Ersten Keim genährt, des Wachsthums mich erfreuet, Und was ihr heimlich hegt in eurer jungen Brust/ Das hat der alte Vater lange schon gewußt.— Nun, er verdient'». Von ihm durft' ich dai Beste hoffen. Und mehr als ich gehofft,weit mehr ist eingetroffen. Vierte Scene. Gegor. Marie. Der Major. G e,q o r. (Eilt hastig auf den Major zu und drückt dessen Haut au seine Brust.) Darf ich es glauben/ was Marie mir vertraut? Major(lächelnd.) Was denn? Geao r. O, Herr Major! M a j o r. Nun ja doch/ sie ist Braut. Gego r. Und ich der Glückliche! von niederm Stamm entsprossen. Ich, ein Soldaten-Kind— und dennoch— dennoch— Majo r. Possen! Du bist jetzt Hauptmann durch Verdienst und Heldenmutb! Das Blut, das für den Kaiser floß, ist adlmh Blut. 'Auch war's dein Vater, der mein Leben mir gerettet! Zhn hat zu früh der Tod auf's Schlachtfeld hingebettkt. Für ihn bin ich zu arm, er höhlt sich dort den Lohn! Drum thu'ich, was ich kann, für seinen wackern Sohn,. Gego r. O, Herr Major? M a j o r. Sprich Vater. Gegor., Vater! sie ist mein!! Marie mein!? M a r i e. Ich bin es. Gegor. Gattinn? M arie. Ewig dein! Gegor. Zu viel des schnellen Glücks! ich muß mich fassen— sammeln— Zch kann nicht reden— kann des Herzens Dank nur stammeln— M azor. 561 Major. Schon gut/ ich weiß/ du trägst Empfindung nicht zur Schau. G e g o r. (Nach einer Pause, mit einiger Verlegenheit.) Noch eine Schwester hab' ich— eine Kaufmannsfrau— (Zu Marien.) Wirst du sie nicht verschmähen? (Zum Major.) Darf ich zu ihr eisen. Mein Glück ihr zu verkünden? es mit ihr zu theilen? Majo r. Unnütze Frage! ja, du darfst, du sollst, und bring Sie nur gleich selber mit sammt dem Verlobungsring. M a ri e. Und ich begleite dich. Major. Das thu'. M arie. So laß uns gehen. Gegor. -0 Vater! könntest du das Glück des Sohnes sehen! , Kotzesue's Theater Bt>. O. 562 Dieß nie gehoffte Glück/ das deine edle That Und des Monarchen Huld ihm zubereitet hat! O, lebtest du!— Genug!—Komm/komm zu meiner Schwester! (Ab Arm in Arm mit Marien.) Fünfte Scene. Der Major allein. Der Gott der Liebe knüpfe fest und immer fester Dieß schone Band/ von Lieb' und Dankbarkeit gewebt!— Wohl ist eS Schade, daß der Alte nicht mehr lebt! Wie hatt' ihn das erquickt! die Lebenskraft gehoben!— Allein sie wissen ja wohl auch von uns dort oben!— (Er.blickt gen Himmel. Pause.) Wohlan! jetzt will ich meine Blumenflor be- sehn. Ich that ein gutes Werk, dann blühn sie doppelt schon. (Er geht in den Hintergrund und bückt sich hier und da über die Blumenbeete.) 565 Sechste Scene. Iwan Petrow(tritt seitwärts auf.) Das ist der Ort/ wohin'die Leute mich gewiesen— Ja/ ja, er ist's als wir das Vaterland verließen— Zum Streik gerüstet und voll Kampfbsgier, War ich zum letzten Mahl mit meinem Hauptmann hier.— Mein guter Hauptmann!— lebt er noch?— wird er mich kennen? Den Greis/ den Jahre/ Meer und Alpen von ihm trennen/ Dem endlich Gott den heißen Wunsch gewährt/ Daß in die Heimath er gesund zurücke kehrt!— Zwar alt und arm— jedoch im Schatten dieser Linden, Mir sagr's mein Herz, werd' ich die Ruhe finden! Majo r. Mas spricht denn da? Iwan(den Major erblickend.) Er ichs! O. 2 56rj Major(kommt hervor.) Wer seyd ihr, guter Freund? I>va n. Ein ehrlicher Soldat— Major(bey Seite.) Ein Armer, wie es scheint— Iwan. Der einst nach Welschland zog mit vielen seiner Bruder— Es ist schon lange her— ihr kennt mich wohl nicht wieder? M ajor. Nein, Alter. Mir hat das Gedächtniß abge> nommcn. Warst du mein Kammerad, so bist du mir willkommen! I w a n. Erinnert Ihr Euch des Iwan Petrow wohl noch? In Eurc-r Compagnie der Flügelmann? Major. Ja doch! Er war ein braver K-" l! ich werd' ihn nie vergessen! Er durft' in der Bravour sich kühn mit jedem messen. 365 I w a n. Ein Zeugniß, das ihn ehrt. Doch nicht allein Bravour, Nein, auch ein redlich Herz verlieh' ihm die Natur; An seinem Hauptmann hing er mit der treusten Liebe. Majo r. Gott weiß, wie gern ich ihm dieß Zeugniß unterschriebe! Ich war sein Hauptmann ja. Iwan. Ihr war't es. Majo r. Braver Rüst'! Wir setzten einst bey Nacht durch einen tiefen Fluß; Ich kann nicht schwimmen, ich war in Gefahr zu sinken. Und ohne ihn, bey Gott! ohn' ihn mußt' ich ertrinken! Hinüber war er schon, doch kaum würd' er's gewahr. So kehrt' er schnell zurück, entriß mich der Gefahr'. 566 I w a n. lind deß gedenkt ihr noch? Ma, o r. Ja, solche Treu ist selten'- O, lebt er nur! o, konnt' ich ihm vergelten! Die Hälfte meines Guts war' ein geringer Lohn. (Bey Seite.) Doch waS er nicht bedarf/ empfange jetzt sein Sohn. Iwan. Er lebt nicht mehr? Major. Ach nein! ich seh' es noch wie heute! Die Kugel traf ihn hier(auf die Stirn deutend) er fiel an meiner Seite; (Sich besinnend.) ES war— Iwan. Am Po? Majo r. Ganz recht/ er fiel— sein Auge brach, Wir mußten vorwärts schnell dem flüchr'gen Feinde nach, .Und immer vorwärts, wie die Rasten pflegen; So konnt' ich nicht einmahl iu'S Grab ihn legen!— Wohl Schade, daß er mit dem Leben es gebüßt! So gern hatt' ich sein Alter ihm versüßt! Iwan. Das wolltet. Ihr? Major. Ich kann nicht jammern, heulen— Doch mit dem Redlichen den letzten Bissen theilen. Das kann ich, und das hatt'stch wahrlich gern gethan! Iwan. Wohlan, so nehmt mich auf! ich bin'»! Maj o r. Wer? Iwa n> Seht mich arr! Entstellt bin ich durch Wunden, Alter, Schmerzen— Ich bin Iwan Petrow-— M a j o r. Du? willst du mit mir scherzen? Iwan. Hier seht den Schuß, der einst zu Boden mich gestreckt; Hier ist die Narbe noch vom grauen Haar bedeckt. 363 Majo r. Du mein Iwan Petrow?— laß dir ins Auge blicken— Bist du es wirklich?— nun, so laß ans Herz dich drücken! Du, der sein Leben einst so rasch für mich gewagt! Du alter Kriegsmann, dessen Tod ich oft beklagt! Jetzt freue dich! du hast ein großes Loos gewonnen— Doch erst erzähl'! wie bist dem Tode du entronnen? Iwan. Ihr mußtet vorwärts, wie ihr wißt. Ich Armer lag Bewußtlos, blutend, fast den ganzen Tag. Doch gegen Abend schlichen welsche Bauern Sich auf das öde Schlachtfeld, Beute zu er- lsuern; Dem schwer Verwundeten, wenn gleich er sich noch regt. Zog man die Kleider aus, wie es zu gehen pflegt.^ Ein Bauer wollt' auch mich, den er für todt hielt, plündern; 26g Ich schlug die Augen auf/ ich rief nach mcr neu Kindern! Ich segnete sie laut!— den Kaiser!— dann auch Euch! Und bath den Fremdling um den letzten Todesstreich;— Er ward gerührt, er lud mich auf den Rücken, Trug mich in s Dorf, verbarg mich Femdes Blicken, Gab mir sein eignes Bett, verband mich, pflegte mein,— Der große Arzt Natur! und Welschlands Sonnenschein, Sie gaben nach und nach mir die Gesundheit wieder; Doch unterdessen waren meine Waffenbrüder Mit Ruhm bedeckt in ihre Heimath schon zurück; Umsonst schweift' über'S Meer mein sehnsuchtsvoller Blick! Beraubt der Möglichkeit dem Heere nachzueilen. Mußt ich bald hier bald dort des Bauers Arbeit theilen. So. hab' ich manches Jahr um Lohn als Knecht gedient, 370 Blö ich ein Sümmchen zu der Reise mir ver dient. M a j 0 r. Und warum schriebst du nicht an mich? Zwan. Ich kann nicht schreiben. Auch mußt icy stets in dem Gewirr verborgen bleiben, Der Sehnsucht Gram verschließen in die Brust! M a j 0 r. So spurtest du zu wohnen keine Lust, In Welschlands Garten, wo es Blüthen regnet. Und üppige Natur die bunten Fluren segnet?' I w a n. rieh! Weljchlands Fluren sind schon langst kein Garten mehr! Sie sind mit Blut gedüngt— die Hütten öde, leer— Nur Jammer, Ach und WehGvom Po bis an die Tiber! DaS alte stille Gluck erlag dem Freyheitssieber! So Mancher, der dem Schatten blind entgegen hüpft, Indeß, was er besaß, ihm aus den Armen schlüpft.— Ach nein! ich sehnte mich/ die HxitNüth zu erreichen/ Wo Recht und Ordnung nie dem Schattenbilds weichen; Wo milder Ernst den Thron zum Wohl der Volker ziert. Und eine feste Hand das Ruder männlich führt. M a j o r. Recht/ alter Kriegsmann! dort umgauckeln lufc'ge Traume; Doch hier bey uns— hier blühn zwar nicht Citroneirbäume/ Allein das eigne Brod genießen wir in Ruh/ Und sehn/ von Paul geschützt/ dem Wirrwarr sicher zu. Erzähle weiter. Iwan. So ist's endlich-mir gelungen/ Daß in Livorno auf ein Schiff ich mich verdungen. Nach manchem Hinderniß, bekämpft mit Muth und Glück, Erschien der frohe Tag, der süße Augenblick, Da Rußlands Ufer sich dem sehnsuchtsvollen Greise In blauer Ferne wies ich war am Ziel der Reise! Zn trunkner Fröhlichkeit betrat, nach manchem Jahr, Mein Fuß die Heimath, die mir stets so theuer war! Im ersten Taumel, ach! vergaß ich, nah dem Grabe, Daß ich auf dieser Welt nicht Weib noch Kind mehr habe! Daß für die Arbeit um ein tägliches Stück Brod Mir langst die Kraft gebricht— daß mir der Hunger droht! M ajo r. Wie, Alter? welch Geschwätz! warst du nicht Vater? Gatte? Zwey. Kinder hattest du? Iwan. Zwey"Kinder! ja, ich hatte! Sie waren noch sehr jung, als hier zum letzten Mahl Mein Vatersegen sie dem guten Gott empfahl. Und jetzt— ich mag mir diese Stunde nicht verbittern! Sie wieder finden— ach! fast muß ich davor zittern! M Ljor. Warum denn zittern? I w a n. O, sprecht selbst! verwaist— entblößt— Ein Kind in Lumpen, das ein jeder von sich stoßt— Wo steht wohl eine Thür— und wo ein Herz ihm offen? Gesetzt, sie leben noch, was darf oer Vater hoffen? Der Sohn«in Taugenichts— du- Tochter— ach! vielleicht— Ich mag nicht denken, was rief in den Staub mich beugt!— Nein, lieber will ich todt die guten Kinder glauben! Sie sind bey Gott! den Trost soll mir kein Zweifel rauben. M a so r. Seltsamer Greis! gesetzt, es wäre so— wohlan! Womit ernährst du dich hinfort? was fängst du an? Zwan. Ze nun! ich will zu meinem alten Hauptmann gehen, So dacht' ich, will zu ihm um Trost und Hülfe flehen; Der stößt mich nicht zurück, der übt die kurze Zeit, Die mir noch übrig ist, an mir Barmherzigkeit! Dort ruh' ich aus von meines Lebens Ungewittern; Dort ist mein Ziel— der wird wich gern zu Tode füttern. Major(mit Der^Muug.) Ja, guter Alter, ich- ich wollte gern—allein Ich darf nicht— Iwan(betreten.) Wie? M a i s r. Ja, ja, es fallt mir ein, Daß es noch Menschen gibt, die groß're Rechte haben, In deinem Alter dich zu pflegen und zu laben. Iwa n. Versteh' ich Euch? M a j o r. Genug! du sollst mich schon verstehen. Sey ruhig, hülflos sollst du nicht von dannen gehen. Dein Schicksal ward geläutert in des Unglücks- Flammen— Ich seh' sie kommen—Muth!- jetzt, Greis, nimm .dich zusammen! Iwan(bey Seite.) Was steht mir hier bevor? Siebente Scene. Marie. Gegor. Fsdvra. Die Vorige.'!. M a r i e. Da sind wir schon zurück. Die gute Schwester mit. F e d o r a. Sie theilt des Bruders Glück; Bon Eurer Großmuth ist sie, so wie er, durchdrungen. Majo r> Was Großmuth! es röar Pflicht an diesem braven Jungen! Ja Pflicht und weiter nichts! Hier steht ein lieber Gast, Der mag entscheiden, n« Gcger) ob du keinen Anspruch hast?— (Au 2wa».) Hör', Alter! wie gefällt der Jüngling dir? Iwa n. Vergnügen Macht mir sein Anblick. M a so r. Und die Frau?(Aut Sedora deutend.) 3z 6 Iwa n. In ihren Zügen Hat die Natur das Bild der Sanftmut!) ausgeprägt; Sie gleicht— es hat mein Herz dieß Bild schort lang' gehegt!— Ma> o r. Natur pflegt dann und wann sich selber zu be- stehlen! Das gleicht sich ü",f ein Haar— doch lasi dir jetzt erzählen; Der Jüngling, den du siehst, gar hoch und brav gesinnt, Und Hauptmann schon— ist doch nur ein Soldaten- Kind. An seiner Aufführung ist nicht der kleinste Tadel, Allein du weißt, ich bin von»item Adel, Und trotz Verdiensten gab' ich ihm die Tochter nicht; Doch es ist Dankbarkeit, die für ihn sprach und spricht.----- Ha! wie das Schicksal uns so Murderbar verkeilet! Sein Vater hatte mir das Leben einstgerettet— (Immer nachdrücklicher.) Sein Vater— hörst du wohl?— der sprang in einen Fluß— Mein Seel! er sprang hinein trotz dem Car- tcitschenschuß. Der unsern Paß bestrich— er höhlte mich hinüber— In Welschland war's'—nun Alter?— schüttelt dich das Fieber?— He! warum zitterst du? Iwa n. Herr Hauptmann— Herr Major— Majo r. Des Jünglings Vater war's! Iwan(bebend.) Was habt Ihr mit mir vor?— Major(zu Gegor.) Und du, mein junger Freund, der Mann,'dem ich mein Leben Verdanke— sieh, da steht er— uns zurückgegeben Von Gott! Gegor und Fedora zugleich. Mein Vater! wie! Zwan. Unmöglich! Major. Frag dein Herz. Gegor. Ich darf es glauben?— F e d o r a. O zu grausam war' der Scherz! M a j o r. Frisch, Kinder! he! was stehtihrda mitstarrcn Blicken! Er ist'S— sie sind's— auf Arm in Arm! (Der Vater und die Kinder, die schon die Arms zitternd nach einander ausbreiteten, sinken sich jetzt stumm an die Brust.) Majo r. Ha! welch Entzücken! Gegor. O Vater! F e d o r a. Segnet uns! Jw a n. Es ist ein holder Traum! Majo r. Erwache nie! I wa n. Noch trau ich meinen Sinnen kaum! Ihr meine Kinder? du mein Sohn Äej«ac? und diese Fedora meine Tochter? Majo r. Zweifle nicht; genieße Dein wundervolles Glück aus Gottes Vaterhand; Siesind's!— mein Ehrenwort zum Unterpfand; Gegor und Fedora (sich an den Vater schmiegend.) Wir sind's! . Marie. O ja gewiß! nicht nur des Vaters Ehre, Ein sichrer Bürge ist des Vaters Freudenzahre! Iwa n. So fegn' euch Gott!-- wie ist mir jede Nerv' erschlafft! O Freude! Freude! gib mir sie zu tragen Kraft! (Gen Himmel blickend.) Was ich gelitten— jeden Schmerz und jede Wunde Hast du vergolten mir in einer einz'gen Stunde; Dank dir, Allmächtiger! wie groß, wie gut bist du! Gegor. Erhöhst Euch, Vater! Fedora. Schöpft in unsern Armen Ruh! 36s Iwan. Es ist kein Traum! du Hanptmann?! du den Orden?'. So rede doch, mein Sohn l wie bist du das geworden? Du ein Soldaten- Kind, daShülflos'ich verließ! Wer war es, der dich auf die Bähn der Ehre wies? Durch wessen Hülfe brachst du diese Lorbeerreiser Wen gab ein guter Gott zum Vater dir? Gegor. Den Kaiser! Iwan(erstaunt.) Den Kaiser?! Gegor. Ja ihn selbst! hinauf zu seinem Thron!— Zu seinem Herzen dringt auch der Soldaten- Sohn! Für die Verwaisten hat die Freystatt er gestiftet. Wo Afterweisheit nicht das junge Herz vergiftet. Wo nicht die Schwarmerey mit der Vernunft entlauft, Und auch das Waisenkind zum wackern Manne reift. Iwan(außer stch.) Erzähle weiter! Gott! 36 r ^ Gego r. In jene heil gen Hallen Ward Euer Sohn gekracht/ er konnte kaum erst lallen. Dort wuchs er schnell heran bey der gesunden Kost, Gekleidet und genährt/ geschützt vor Hitz und Frost; Ein reinlich Lager und die liebevollste Pflege— Ein Mann/ für den ich noch die Gluth des Dankes hege! Von deS hellsehenden Monarchen Blick erwählt. Steht an der Spitze, schafft und wirket und beseelt! Ein holdes Schauspiel ist es, sieht man ihn erscheinen, Wie um die Vaterhand sich drängen all die Kleinen, Wie alles lächelt, hupft, wieAlles wimmelt, lebt, Dem zweyten Vater sich mit Lust zu nähern strebt. In seinem Auge Lieb', in ihrem Blick Vertrauen— So fährt er muthig fort das schone Werk zu bauen, Zu dem deS Kaisers Huld den festen Grund gelegt; So wird die junge Pflanz' im Strahl des Throns verpflegt? 362 Er selben der Monarch! war oft in unsrer Mitte; Er ist den Kindern hold/ Hort freundlich jede Bitte; Sein Vaterherz nie kalk, die Vaterhand nie leer— Und kurz— in Rußland gibt es keine Waisen mehr! Iwan. Jetzt offne, wann Gott will, der Tod mir seine Pforte! Ich Habs Thränen nur— ich habe keine Worte— Doch du Allmächtiger! ja du verstehst den Greis! F e d o r a. Auch ich, mein Vater, bin ein lebender Beweis Von seiner Huld— Ihr habt nicht Alles noch vernommen: An KindeS statt hat er auch mich einst angenommen! Mit meinem Bruder ward ich in das Haus geführt. Das einer Perle gleich des Kaisers Krone ziert! Dort ist die Kinderzeit mir wie ei» Traum verflogen. Denn eine Mutterhand hat sorgsam mich erzogen! In jeder häuslichen, dem Weib anstand'gen Pflicht, In jeder Arbeit, Kunst, erhielt ich Mrerricht. Doch nicht allein was nur das Äußre ubsr- güldet— Sie hat weit mehr gethan, sie hat mein Herz gebildet! Seht ihr ein gutes Weib und Mutter jetzt in mir! Beglück' ich meinen Mann— o so verdank' ich's ihr! Und Ihm! der von des Thrones Strahlen ungeblendet In jede vaterlose Hütte Hülfe sendet! Der sich vomThron hera!> auf eine Wiege bückt. Und an die Kaiserbrust den armen Säugling drückt! Iwan(begeistert.) Heil ihm! so sammelt er in seinen Unterthanen Dankbare Kinder nur um sieggewohnte Fahnen! Stark ist der junge Held, wenn Pflicht den Arm ihm stahlt. Doch starker, wenn mit Pflicht die Liebe sich vermahlt! Dann wird er hohen Muths, das Schwert m seiner Rechten, Nicht für den Kaiser bloß, auch für den Vater fechten! Den Vater! der sein hülflos Lallen einst gehört. Und schnell das Köstlichste— Erziehung ihm gewahrt! Heil niir beglücktem Greis! Heil jedem wackern Krieger! Er ziehe muthig aus! er kehre heim als Sieger! Wo nicht, so fließe doch mit ungebeugtem Muth Für seines Kaisers Ruhm des treuen Russen Blut! Er sterbe, wenn er muß— doch ruhig drum nich-t minder— Ein Vater wacht daheim für die verlaff'nen Kinder! Wenn dieses Trostes voll der Tod die Schale reicht, O dann ist Sterben süß! o dann ist Sterben leicht! (Er schließt seyde Kinder in seine Arme.) (Der Vorhang fiillt.) Wie», gedruckt l>ey Anton Strauß. M- d>TL-^.Htz-ü ^"H ^ ,/,.4, - D. j M^ U d- M«L