M!E AM-Libriotlwk. ' -- - 7V" - . rv,- W ? > Theater von K o tz e b u e. Neunter Theil. Die Versöhnung. Die Dcrwgndtschasten. Die Unglücklichen. Wien, 1810. H1» Kommission bey Anlon Ds!l- A T h e a L e v o I! K o tz e b u e. Neunte v, e r i. ! V o r h e r L ch t- Äas Erste Schauspiel in dieser Sammlung: Dir Versöhnung oder Bruderzwist, lst mir in Wien v o rgedruckt morden. Wer diesen niederträchtigen Vordruck auch nur flüchtig mit der jetzigen Ausgabe vergleichen will,'der wird finden, das; dort fast keine Periode un verstümmelt geblieben, das; manches ganz ausgelassen, und in sehr viele Stellen ein f a l sch e r S in n gelegt worden; kürz, daß noch nie ein Schelm von Nachdrücker ein so elendes Ding aus seiner DicbeLtasche her- vorgehohlt hat. Beweise könnte ich bey Hunderten abschreiben, aber ich schone den Leser und mich selbst. Der Geisel meiner Recensenten gebe ich dieses Schauspiel geduldig Preiß; denn—- zwey A 2 Bruder, dre s-rt acht Jahren m Zuuetrachr lebten/ sind vor kurzem dadurch ausgesöhnt worden. Das ist eine wahre Anredete, und cm Lohn, den mir kein Recensent verkümmern rann. Das zweyte Lustspiel: Die Verwandtschaften, ist vielleicht ein neuer Beweis, daß ich für das eigentliche Lustspiel wenig Talent habe. Der verstorbene brave A lxinger hat es au, seinem Gewissen, denn er überredete mich dazu. Das dritte Schauspiel: Der Opfertod, (welches in dieser Ausgabe im nächsten Bande folgt) hat wenig Glück auf der Bühne gemacht, und ein gewisses Journal, welches bey allen Gelegenheiten gern über mich herfallt, hat ihm, mit einem schneidenden, spöttelnden Tone jedes Verdienst abgesprochen. Ich halte es aber dem- nngsachtet iür Eines meiner besser» Stücke, vielleicht für mein bestes. Die Unglücklichen sind, wie ich mir sthmeichle, eine unterhaltende Posse- D i e Versöhnn n g. Ein Schauspiel i>^ f ü n f A« f z ü g' s lErschie»»798.) P e r s o>l e n: I Zwillinas- ^ Brttd.r. Franz Bertram, vormahls Schiffst kaxitain. Philipp Bertram, Steuereinnehmer. L° ttchcn, Philipps Tochter. Anne, dessen alte Magd. Frau Griesgram, Fragens Haushälterinn. Hans Bullsr, Franzens Diener, vorinahls Niatros, Doctor Bluhm. Advocat Eyt erh o rn. Graf So.nnenster«. Trangott, ein Schustergesell. Ein Ztpotheker-Burschs. Erster Act. (Der Schauplatz ist eine abgelegene Straße in der Vorstadt. Lrnks eine Reihe Häuser, vor Einem derselben eine Bank.; rechts Bäume; im Hintergründe Wnsen und Feld. Es ist Morgen, E r st e S c e n e. Zlrangott(sitzt aus einem Schemel unter den Bäume», arbeitet an einem Paar Frauenzimmerschutzd und singt dabey.) ^.'enn sich tu Ballasten Tagediebe mästen, Sind sie drum beglückt? Jeder weiß am besten Wo der Schuh ihn drückt. Klug, wer in Beschwerden Sich sreywillig bückt, Denn der soll auf Erden Noch geboren werden, Den der Schuh nicht drückt, 8 Zweyte Seen?. A N n e tloniwt aus dem Haust mit cincm Besen, u«L s gt ror der Thür.) Traugott. Traugott. Guten Morgen, Jungfer Anne. Llnne. Schonen Dank, ehrlicher Traugott! L r a u avtk. Mae gehts daheim'l was macht der alre Herr t Anne. Hat gut geschlafen, bessert sich von Tage zu Tage, Traugott. Nun, mein Scel! das freut mich um der guten Manuell willen, und auch um ihretwillen, Jungfer Anne. Anne. Ja wohl! so eine brave Herrschaft bekomme ich nie wieder. Setzt es gleich schmale Bissen, so hat sie der Herr roch selbst nicht besser, und wenn die Liebe das Brod schneidet, so sieht man nicht darauf, ob dir Stücke gross oder klein smd. Manche Karnmerjungfer bekommt freylich grossen Lohn, geht in Flvr und Seide; aber dafür sind auch die gnädigen Frauen zuweilen so ärgerlich, nichts kann man ihnen recht machen; jede Stecknadel wird zehn Mahl anders gesteckt, und ,ede Halstuchfalcs zwanzig Mahl verändert. Nein, da lobe ich mir meine Mamsell. Mit Einem Sprunge ist sie aus dem Becre, und husch in den Kleidern! bedarf keiner fremden Hülfe. Traugort. Und immer ist sie freundlich, wie ein MuttergotteSbild. Arme. Noch habe ich kein böses Wort aus ihrem Munde gehört. Traugotl. Ist auch ein Mund, der gar nicht dazu gemacht scheint. Anne. Richt einmahl ungeduldig wird daS gute Kind. Inder schweren Krankheit ihres Vaters hat sie redlich ausgehalten. Der Alte mochte kritteln, wie er wollte, sie blieb immer freundlich, immer gelassen. In vielen Wochen hat sie kerne Nacht geschlafen, sie litt nicht einmahl, daß ich bey dem Alten wachte, so bald die Glocke zehen brummte, ragte sie mich zu Bett. Anfangs traute ich nicht, ich dachte, die Mamsell ist jung, sie chat den besten Willen, aber sie schlaft ein, und wenn das junge Blut ein Mahl ins Schlafen komm4, so mag der liebe Gottdon- nern, so stark er will, das wacht nicht auf. Aber großen Dank! Mamsell Lottchen nickte wohl an ihres Vaters Berte, doch, wen» er auch nur leise leise hustete, gleich war sie munter bey der Hand. Lraugott. Ich denke Jungfer Anne, so etwas bleibt nicht unbelohnt. Anne. O! das ist noch n-ichtS. Die Finger hat sie sich.wund genaht, damit nur immer Geld im Hanse seyy sollte. Der harte Winter—- ich sage ihm Lraugott, der Alte hatte frieren müssen, ohne die wackere Tochter. Traug ott. Ist mirs doch, als ob sie mich mit erwärmt hatte. Anne. Als der Vater so elend war— ich hatte nichc einen Kreuzer auf sein Leben verwettet— kniete sie nicht in jedem Winkel und weinte und bethete! Aber wenn der Vater rief: Lottchen! husch waren die Thränen abgetrocknet, und ein freundliches Gesichrchen hergelogen, das ihr oft sauer genug werden mochte. Traug ort. Kem Wunder, da-ß der Alte dem Tode entronnen. So ein Gesichrchen wirkt besser als Arzney, und schmeckt auch besser. Ist denn nun alle Gefahr vorüber? A nn e. Ich denke, ,a. Lraugott. Aber er hustet noch immer stark, ich höre es zuweilen oben aus meiner Kammer. Anne. Je nun, der Herr Doctor spricht: in seinem Alter könne man auch mit einem Stück- I l chen Lunge immer drauf los leben, wenn nur das Herz gesund ist Traugott. Za wohl/ Jungfer Anne, lieber eine halbe Lunge und ein ganzes Herz. Anne. Daran fehlt es meinem braven Herren nicht; ich habe ihn»och so klein gekannt, er war immer ein frommer, gutherziger Knabe, und der Himmel hat ihn vor Reichthum bewahrt, sonst wäre er vielleicht auch ein Filz geworden, wie sein Bruder. Traugott. Ist der Bruder reich? A n n e. Der hat im Kriege— Gott weiß am beßren, durch welche Mittel-— ein großes Vermögen zusammen gescharrt, aber der hat mehr Lunge als Herz, er laßt den armen Bruder darben. Traugott. Hm! ich höre ihn doch überall loben. A n n e. Die reichen Leute werden immer gelobt; Alles was sie thun, ist recht. Aber wenn ein armer Teufel nur einen Fußbreit aus dem Wege tritt, gleich fallen sie christlich über ihn her, und stampfen ihn in den Koth. Traugott. Curios, daß die Menschen sich ihre Freundsstafren bezahlen lasse», und die Feindschaft umsonst geben. Man sollte deyken. 12 es m-üffe nmZi'kehrt seyn; denn bey der Feindschaft ist doch nur Herzeleid. Anne. Lage Er das nicht. Es gibt Menschen, denen man reine geistere Freude machen kann, als wenn man ihnen was Döjeö vom lieben Nächsten erzählt; das erzählen sie denn flugs dem Nachbar zur Rechten und dem Nachbar zur Linken, und dabey glänzen ihre Augen vor Freude, wie Katzenaugen im Dunkeln. Lraugott. Ist es denn wahr, daß die Eruder mit einander prvcefsiren? A n n e. Leider ja! seit fünfzehn Jahren schon, und weswegen? um den elenden Garten drau- sten am Derge. Der ganze Dcltel ist ein Paar hundert Thaler werrh. Sund' und Schande für den reichen Mann!— Hatte ich mir das ein gebildet, als er noch in der Kappe.herumlief!.er war freylich wild, aber gut. Lraugott. Ich dachte, wenn er Mamsell Lottchen sahe, da müßte ihm das Herz weich werden; denn ich dächte, wen» der Teufel sich nur seiner Großmutter zankte, und Mamsell Lottchen träte dazwischen, da müßte der Teufel seiner Grostmiurer um den Hals fallen. Anne. Das gute Kind! er hat sie seit ih- rem dritten Jahre nicht gesehn. Die Bruder ge- i)en einander überall aus dein Wege. - Lraugotc. Sie sollte zu ihm gehn. Anne. Und sich wegwerfen? oder wohl gar von der alren Haushälterinn anschnauhen lassen? nem, dazu ist meine Mamsell zu gut. Lraugott. Cy freylich, sie ist überall zu gut, ich meine nur um des lieben Friedens willen. Anne. Haben wir uns doch bis jetzt ehrlich durch-die Welt geholfn.' Wir können arbeiten, und ein verdienter Groschen ist besser, als ein geschenkter Thaler. ,Traugott. Ja wohl, Jungfer Anne, zumahl, wenn man für eine>o liebe Herrschaft arbeiten darf, da geht es funk von der Hand. S apperlot,, was für Schuhe wölke ich machen, wenn es für Mamsell Lsttchen'wLre.„Du bist ein fauler Gesell!" pflegte mei» Vater sonst wohl zu schelten, aber seit, sie hier in unserm Hause wohnt, sagt er nicht ein Wortchen mehr; denn wenn ich das liebe Engelsgencht auch nur ein Mahl des Morgens erblicke, so ist mirs den ganzen Lag, als ob die Pfriemen in meiner Faust lebendig wurden. Deßhalb trage ich auch immer meinen Schemel hier heraus vor die Thür, weil ich es ihr abgemerkt habe/ daß sie bey gutem Wetter gern auf der Bank da sitzt. Anne. Ich denke/ sie wird auch heute nicht kauge mehr ausbleiben. .Dritte Scene. Graf Sonn e n st e r n(in leichter Morgentracht.) Die Vorigen. Graf(hüpft trällernd über die Bühne; ats er Annen crl-lickt, ruft er:) Ah! gute» Tag, alte He^e! A n!I e(zornig.) Was! meint der Herr mich? Graf. Hast du doch den Besen in der Hand/ als ob du eben zur Walpurgisnacht reiten wolltest. Anne. Schade nur, daß ich nicht allenUn- rath damit wegfegen kann. Graf. Ha! ha! ha! du bist witzig. Gib dich zufrieden Mütterchen/ es war so böse nicht gemeint. Anne. Mütterchen? der Himmel behüthe mich vor einem solchen Sohne. Graf. Cy/ was hast du an mir auszuse- Ä tzeil? Ware das nicht fein/ wenn du sagen könntest: msmSobn, der Graf von Sonnenstern, Erbhcrr auf Adlerschwert und Kronenburg. A n n e. Nein wahrhaftig, mein Sohn müßte arbeiten, er möchte seyn, wer er wollte. Aber manche Grafen müsse» wohi nicht viel zu thun haben; denn ich sehe Sie immer strahieren gehen. Graf. Ich brauche eine Fruhlingskur. Anne.(furios, wenn die jungen Herren wo» der Universität kommen, jo brauchen sie Frühlingskuren. Gr af. Ist deine Mamsell schon aufgestanden? Anne. Vielleicht. ,G r a f. Wird sie herunter kommen? Anne. Vielleicht. Gk'af. Hat sie das Buch schon gelesen, daö ach ihr neulich lieh? Anne. Ja, sie hat es angefangen. Graf. Wie gefällt es rhr? Anne. Schlecht. Sie sagt, es werde jo viel darin» geweint. Graf. Desto besser! es ist ein Buch für edle, gefühlvolle Herzen. A ntt e. Muß man denn immer meinen, wenn man Gefühl hat? i6 Graf. Alte, das verstehst du nicht. Junge Leute müssen lieben, und folglich auch weinen. Wenn du in deiner Küche frisch gehauenes Holz anzündest, nicht wahr, so schwitzt es am andern Ende? A n n e. Gibt aber mehr Rauch als Flamme. Graf. Apropos! will euer Alter noch immer nicht sterben? A n n e. Er muss wohl eine gute Natur haben, ob er gleich in seiner Jugend keine Frühlingskur gebraucht hat. Graf. Hm! ein armer Teufel, der von isländischem Moose leben muß, thäte auch besser, er ginge Heini. A n n e. Und vermachte Ihnen die hübsche Tochter? nicht wahr? Graf. Recht Mütterchen, wenn du mir diese Erbschaft zuwendest, so nehme ich dich mit auf den Kauf. Anne. Ey, wenn Sie meine Mamsell lieb haben, so gibt sie Ihnen der Vater selbst. Graf-spöttisch.) Wahrhaftig? Anne. Und wenn Sie das nicht wollen, so haben Sie sie auch nicht lieb. Graf. Ja, mankann nur nicht immer, was man will. l? Anne. Wenn man das Gute nicht kann, so nmsi man auch das Böse nicht wollen. Traugott(fängt wnkrend dieses Gesprächs an sein Lied zu singen, und so oft Somienstcrn etwas sagt. daS ihm misnäilt, erhel l er fcme Stimme lauter.) Graf. Mit euren wunderlichen Begriffen— Anne. Glauben Sie etwa, meme Mamsell sey zu schlecht, um eine Gräfinn aus ihr zu machen. Graf. O, sie wurde die niedlichste Gräfinn von der Welt seyn. Anne. Oder zu arm? Graf. Armuth schändet nicht. Anne. Das ist ein Sprichwort, das alle Menschen im Munde sichren, und keiner im Herzen. Graf. ApropoS! habt ihr Geld nöthig? Anne. O ja. Graf. Da nimm.(Ce reicht ihr einen sollen Beutel.) Anne. Solches Geld brauchen wir nicht. Graf. Solches Geld? was willst du damit sagen? Anne. Geschenke nimmt mein Herr nicht, dazu ist er zu stolz. Graf. Aber du? .8 Ä ü n e. Ich bin freylich nur eine Magd, bekomme fährlich acht Gulden Lohn, aber wenn ich Sonntags in die Kirche gehe, fehlt es wir doch nie ar, einem Kreuzer, ihn in den Klingelbeutel zu werfen. Gras, Alre, sey vernünftig. Deine Mamsell ist ein Schal;, bey dem du das Drachenamt übernommen hast, aber tu magst nun Flammen Sprühen, so viel du willst, ich werde doch endlich mein Schnupftuch aus die glühende», Kohlen werfen,(crr sieln sich„m Zu,» Henker!, was blockt der Kerl, als sey er ein Nachtwächter? Anne(lachend.) Er singt, daä kann ihm Niemand wehren. Graf(wirft Traugott eine Münze z„.) Landsmann! trinke auf meine Gesundheit. Die Kehle ist dw verzweifelt rauh. Traugoct(nimmt die Münze, und nagelt sie an? feine Schlisterbant.) Graf. Kerl! was machst du da? Anne. Ha! ha! ha! er mach, eS wie unser Nachbar, der Gewürzkrämer, der pflegt auch tue fauchen Münzen aufzunageln. Graf. Mensch! gib Antwort! Traugott(singt.) Wenn sich in Paklasten, Tagediebe mästen n. s. w. Anne(lachend.) Lassen Sie chn zufrieden/ er ist taub. Gra f. Ist er taub? desto besser! nur Schade, das; er nicht auch stumm ist— Ach! Mamsell Lottchen! Vierte Scene. Lottchen. Die Vorigen. Lottchen. Bist du fertig, liebe Anne? der Vater wird gleich herunter kommen. Anne. Selbst kommen? Lottchen. Zum ersten Mahle. Das Wetter ist so warm und schon.(ZMmduch.) stauten Morgen, Trangott!(Sittsam bescheiden.) Guten Morgen, Herr Graf! Traugott(zieht smmrrich und«hrertiethi» seine Mütze ab. So lange Lottchen gegenwärtig ist, vergißt es oft seine Arbeit, um sie anzuschauen, und verräth durch Mienenspiel die Theilnahme am Gespräch.) Graf. Fast sollte ich zürnen, mein schönes Kind, wenn dieser Blick nicht meinen Zorn entwaffnete. Lottchen. Zürnen? worüber? Graf. Daß der taube Schuster Ihre» ersten Morgengrus; empfing. Lottchen. Taub? Er ist unsers Wirrhs Sohn, ein guter stiller Drusch. Graf. Sonderbar, daß man die stillen Menschen immer für gut halt. Lottchen. Die Tugend macht wenig Geräusch. G r a f. Und ist eine Tochter der Liebe. Lo trchen. Dann wäre es Schade, daß sie der Mutter so selten utur den Kopf wachst. Graf. Em verliebter Mensch, ist immer ein guter Mensch. Lotrchen. Wirklich? Graf. Die Sonne lockt Blumen aus der Erde, und die Liebe, Tugenden aus demHer^en. Lottchen. Ich armes Mädchen! da hab' ich mir immer eingebildet, gut zu seyn ohne Liebe. Graf. Eigendünkel! was nützt Geld ohne Gepräge? Die Liebe muß die Tugend ausprägen, wenn sie gemeinnützig werden soll. l Lottchen. Das gilt wohl nur von der Menschenliebe. G r a f. Haben Sie jede Andre verschworen? Lotrchen. Können Sie das eine liebende Tochter fragen? O! freuen Sie sich mit unri mein Vater wird Herabkommen, und zum ersten Mahle die frische Lufr genießen. Hier unter dieser Linde wird er sitzen, von der er>m vergangenen Herbst, trüber Ahnung voll, die Blatter abfallen sah. O! ich bin so froh', so innig froh! wenn Sie wüßten, wie viel er gelitten! wie manches er entbehren müssen— Graf. Entbehre»? das war Ihre Schuld. Lottchen. Die Meinige? Graf. Allerdings. Warum hatten Sie nie Zutrauen zu einem freunde? warum verschmähten Sie meine Hülfe? Lottchen. Sind Sie auch ein Arzt? Graf. Sorgen quälen mehr als Krankheit; ich würde jene getheilt, und vielleicht diese gemildert haben. Lottche n. Ich verstehe Sie nicht. Graf. Wenn ich zum Beyspiel, was der Zufall mir gab, durch den Gebrauch veredelte? wenn ich einer guten Lochter Unterstützung anböthe, um den kranke» Vater zu erquicken?(Er zieht seine» Beutel hervor, und wiegt ihn auf der Hand.) Lottchen. So.r-ürde Sie den grotzmüthi- gen Mann selbst zu dem geliebten Kranken führen. Graf. Und wen» er seine fromme Gabe nur in oie Hände der Tochter legen wollte? Lotlch e». Sie verbitten. Graf. Das heißt: verachten? Loctchen- Nicht doch/ Herr Graf. Es gibt eine zarte Achtung vor sich selbst, die einem Dritte» zuweilen V erachtung scheint. Graf. Diese Rose werden Sie dochnicht verschmähen? Lottchen. O nein, ich danre Ihnen. Mein Ärater liebt die Rosen, und es ist heute sein Geburtstag. Ich werde ihn mit der Ersten Rose überrasche».(Sie macht eins flüchtige Verbeugung. nickt freundlich hinüber nach Traugott, und schlüpft in das Haus. Der Graf bleibt ein wenig albern flehn.) Anne. Wenn Ihnen Ihr Geld zur Last wird, Herr Graf, dort nuten wohnt ein alter blinder Fischer, dem geben Sie den Deute!, dann mögen Sie mich immerhin noch zwanzig Mahl Ihr Mütterchen, oder eine alte Hexe nsn- neu.(Sie geht in das Hans.) 23- Fünfte Scene. Graf Sonnenstern. Trangott. Graf. Die Weiber haben mich zum Narren, keine Aufklärung, keine Kultur. Wenn ich es nur erst dahinbringen konnte, das? sie Romane läse.^hne Romane mag der Henker mit einem unschuldigen Mädchen fertig werden.—- Da sitzt der taube Esel— er wohnt mit chr in Einem Hause— konnte man den zu nichtsbrau- chen?— He! guter Freund! Traug.(arbeitet, und stellt sich- als höre er ihn nicht.) Graf(schreyt ihm in die Ohren.) Landsmann! Traug.(rauh auffahrend.) Was gibt-? Graf. Nun, nun, nur gnädig! weißtdu, ;ven du vor dir hast? Ich bin Graf. Traug. Kann Er Schuh machen? Graf. Tölpel! Traug. Nun, was kann Er denn? Graf. Dir den Buckel voll prügeln, wenn du nicht höflich wirst. Traug. Hm! das kann ein Schuster auch ' Graf. Willst du Geld verdienen? 24 Traug. Geld verdienen? O ja, wer will mir denn was zu verdienen geben? Graf. Ich. Traug. Auf eine ehrliche Art? Graf. Auf die leichteste Art von der Welt. Traug. Die leichteste ist nicht immer die ehrlichste. Braucht er Schuh? Graf. Willst du wohl ein Briefchen bestellen? T r a u g. Auf der Post? Graf. Nein, hier im Hause, an Mamsell Lottchen; aber die alte Anne darf es nicht sehn. Traug. Ganz wohl, nur her mit dem Briefe. Graf. Wie wirst du es denn machen? Traug. Ich werde ihn dem Vater brin- gen— Graf. Warum nicht gar! Traug. Nun, der Vater wird doch wissen dürfen, was man der Tochter schreibt? Graf. Narr!— dann brauchte ich drch nicht. Traug. Narr? je nun, man muß keinen Narren brauchen, wo man einen Schelm nöthig hat. Gr a f- ill Graf.hDrr Kerl ist auch noch zu dumm, fehlt ihm auch an Aufklärung.'— Ach! da kommt ein Mann nach meinem Herzen, der versteht halbe Worte, lt.^ Sechste Seen e, E yterb o rn. Die Vorigen. ,n- Graf. Guten Morgen, lieber Nachbar! Sie kommen wie gerufen. Eyterb. Serviteur! >m Graf. Ich weiß, Sie sind ein Mann, den man zu Allem brauchen kann. Eyter b. Ich bin ein ehrlicher Mann, das weiß die ganze Welt. Graf. Glück zu, wenn Sie es so weit gebracht haben, daß die Welt es weiß— oder glaubt, denn das gilt gleich viel. Sy t e r b. Wie verstehen dev Herr Graf ach das?- Graf. Sehn Sie, es gibt zweyerley E Gattungen von ehrlichen Leuten, die Eine ist „z. ehrlich für sich, und die Andere für die Welt. KotzeSue's Theater, g. Bd. B s6 Eyterb. Schlimme Grundsätze. Graf. Aber man wird dick und fett dabey, nicht wahr? Sie haben sich da einen Bauch a n- geehr licht, der Sie zum Kaiser von Japan gualificirt. Eyterb. Auge ehrlicht! welch'ein«n- deutscher Ausdruck! Graf. Neu, aber nich. undeutsch. Soll denn Campe allein das Recht haben, neue Worte zu schaffen? S ich etwas au ehrlichen, der Begriff ist unter den Deutschen neu, folglich mußte auch ein neues Wort dafür erfunden werden. Eyterb. Sie haben Lust zuplaudern,Herr Graf, und ich habe Geschäfte. Graf. Die ich zu vermehren gedenke. Hören Sie, lieber Nachbar, weder Ihr Bauch, noch Ihre Perücke, noch Ihre eiskalte Tugend- nnene schrecken mich ab: ich mache Sie zu meinem Postillon ckAmrmn'. Eyterb. S ervireur! Graf. Als Postillon müssen Sie aber auch beritten seyn;-Ich scheute Ihnen meinen Schweißfuchs. Eyterb. thastig.) Den Siegestern ritten? Graf. Der so stolz curbemne. Eyterb. Mit dem Ramenskopfe? Graf. Und der herrlichen Mahne. Eyterb.(freundlich.) Obligirt, gar sehr ob- ligirt! worin kann ich dienen? Gra f. Sie kennen ja den alten Steuereinnehmer Bertram? E y t er b. Der hier wohnt? Allerdingskenne ich ihn.(Um sich schauend.) Aber reden Sie leise, wir sind nicht allein. Graf. Sie meinenden Schuster? Seyn Sie unbesorgt, der ist taub. Eyterb. Nichts auf der Welt ist taub, die Wände haben Ohren. Nun was solls denn geben mit dem alten schwindsüchtigen Steuereinnehmer? Graf. Er hat eine hübsche Tochter, die Nichts weniger als schwindsüchtig ist, Eyterb. Ein unreifes Ding. Graf. Unreif? Wie alt war Ihre selige Frau, als Sie von der Mutter zu der Tochter flatterten, und den Vater zwangen, über Hals und Kopf icine Einwilligung zu geben? Eyterb. Sk! was wollen Sie damit sagen? Graf. Lieber Eyterborn, wir sind ja - B 2 Nachbars Kinder, da wird man so Manches gewahr— Eyterb. Stille doch! ostiosa muß man nicke berühren, zumahl wenn die Welt sie vergessen hat. Graf. Wir sind ja unter uns. Die Larve ist gut für den Masken-Saal, aber wenn ein Paar Männer mit einander an den Punschtisch treten, um zu zechen, so nehmen sie die Larve ab. So denke ich, ists auch im bunten Gewimmel der Welt. Ein Satan, der den Andern erkannt hat, zieht den seidenen Hand? schuh aus, und reicht ihm die bloße Tatze. (Nr schüttelt ihm die Hand.) TA'a n g.(fängt wieder an zu singen.) Eyterb. Sie sind ein loser Schelm. Um der Schweißfnchses willen verzeihe ich Ihnen Ihre Sarcasmen.-Ich bin und bleibe doch immer ein ehrlicher Mann. Graf. Ey freylich! ich kenne starkgläubige Menschen genug, die darauf schworen würden. Machen Sie nur, daß der alte Bertram Sie auch dafür halte. Eyterb. Das thut er. Graf. Und Lolchen? -st. 29 Eyterb. Ha! ha! ine halt alle Menschen für ehrlich. Graf. Desto besser! Eyterb. Dürfte-ich bitten, sich kurz zu fassen. Graf.'Kurz wie ein Spartaner: ich soll mich verheirachen— Eyterb. Gratulire- Graf. Ein reiches Mädchen. Eyterb. Bravo! Graf. Jung— Eyterb. Vortrefflich! Graf. Und häßlich wie der Satan. Eyterb. Ey! Graf. Nun wünschte ich wenigstens, daß meine häßliche Frau Gemahlinn ein hübsches Kammermädchen annähme, Eyterb. Sehr natürlich. Graf. Der alte Bertram ist ein armer Teufel— Eyterb. Das ist er. Graf. Er wird froh seyn, die Tochter zu versorgen. Eyterb. Vielleicht. Aber er ist eigensinnig, stolz, und ein großer Tugendfreund. Graf. Ey nun, Sie müssen ihm sagen, meine Braut sey auch sehr fromm und tugendhaft,(lachcnd) und ich glaube wahrhaftig, es ist auch wahr. Eytsrb. Er ist freylich m Noth, er hat Schulden, das müßte mau nutzen. Graf. Recht, ich gebe Ihnen die ausgedehnteste Vollmacht über meine Caffe. Wenn es gelingt, so werden immer noch 5o Louisd'or für Sie übrig bleiben. Eytsrb. Nur stille! nur Alles ins Geheim! den Wohlstand beobachtet! Sie glauben gar nicht, was man Alles in der Welt thun darf, wenn man es nur mit Art und Manier anfangt. Graf. Recht, lieber Mentor! ich bin Ihr Telcmach mit Leib und Seele. Traug.(steht auf, zu dem Grafen.) Der Herr haben da ein Loch in den Schuh gerissen, soll ich es flicken? Graf. Narr! ich habe es selbst hinein geschnitten, um der Hühneraugen willen. Traug. Selbst hinein geschnitten? Brä- vo!(bey Seite) wenn das Gewissen zu eng ist, und die Hühneraugen der Seele sangen an zu schmerzen, so schneidet man ein Loch in das Ge wissen, und dann geht es wieder recht gut. (Er setzt sich au die Arbeit.) Graf. Ich mache Ihnen Platz zu Ihren Operationen. Lasse!: Sie sich umarmen, mein theurer Freund! Eyterb. Ssrviteur! DieFrsundschaft ist ein wenig;ung. Graf. Wenn ein Paar ehrliche Leute sich brauchen können, so macht sie Riesenschritte. (Sr hupft fsrt.) Siebente Scene. Die Vorigen, ohne den Grafen. Eyterb. Schlaukopf! Ich muß vorsichtig mit ihm verfahren, muß mich decken. Junge Leute prahlen gern, uvenn sie ihren Zweck erreichen; stehlen Früchte aus einem fremden Garten, und necken dann noch oben drein den Gärtner; zeigen ihm die gestohlenen Früchte von Ferne, und rufen: Etsch! Etsch!— Das könnte mir einen bösen Leumund machen.— Zwar, 32 dem Himmel sey Dank! ich habe es so weit gebracht, daß die Leute auf meine Unschuld schwören würden. Und wenn sie mich auch auf einem Einbruch ertappten. HL! ha! ha! die Welk glaubt Alles, und lernt Alles auswendig, wenn man nur Geduld hat, es ihr Millionen Mahl vorzusagen.„Ich bin ein ehrlicher Mann!" spreche ich seit zwanzig Jahren, und siehe da, nun ruft mir jedes Kind auf der Straße nach: da geht ein ehrlicher Mann!(er schielt»ach Traugott.) Verfluchter Kerl, mit seinem Singen! Achte Scene. Philipp Bertram. Lottchen mit dem Strickstrumpf. Die Vorigen. Phil. Hier laß mich sitzen, liebes Kind, hier ist es warm und schon. E y t e r b. Serviteur, Herr Steuereinnehmer. Phil. Ey, ey, willkommen lieber Eyter- born! mir haben unS in einigen Wochen nicht gesehn. 25 Eyterb. Eine Reise in Geschäften— ist doch nichts vorgefallen? Phil. Viel, sehr viel! das Wichtigste: ich bin gesund! Eyterb. Gratulire. Phil. Danke, danke. Ja, Gott bat mir wieder Luft gegeben. Meine Tochter mußte mir so oft das schone Lied von Claudius vorsingen: Ach! gib mir nur ein wenig Luft! Du hast der Luft so viel. Eyterb.'Der Frühling thut denn auch das Seinige. Sie gehen in Ihren Garten— Phil. Reden Sie mirnichts von dem Garten. Es wäre besser, ein Erdbeben hatte ih» verschlungen, als daß ein Paar Bruder sich seitab Jahren drum anfeinden. Eyterb. Das höre ich zum ersten Mahle von Ihnen. Phil. Leider! ich mußte krank werden, um einen gesunden Einfall zu bekommen. Eyterb. Wenn man, wie Sie, das strengste Recht für sich hat— Phil. Ach, lieber Freund, wenn man, wie ich, den Pforten eines Gerichtshofes so nahe gewesen ist, wo kein Sterblicher Recht hat/ sondern Alles nur aus Gnaden vertuscht wird/ da gibt man der Rechthabsrey gern gute Nacht. Drum hat/ aus meine Bitte, der brave Doetor Blnhm es über sich genommen, den bösen Bruderzwist vor dem Gewissensgerichte auszugleichen. Eyterb.(erschrecke,,.) Vor dem Gewiffens- gericht? Im Ernst?*) Phil. Schon seit einer Woche. Ey terb. Und ich erfahre kein Wort? Phil. Sie waren abwesend. Eyterb. Aber mein Himmel! wofür haben wir den» die Rechte, wenn das Gewissen überall entscheiden soll? Phil. Die Rechte haben wir, um einander zu quälen, und das Gewissen, um die Qual wieder gut zu machen. Eyterb. Wenn aber Ihr Bruder sich auf nichts einlafit? Phil. So schenke ich ihm den Garten, Das Gewissensaericht war eine vortreffliche, leider nun such aufgehobene Einrichtung der Kaiserin» Katharina, durch welche mancher schlimme Rechts- Händel oft in der Geburt erstickt wurde. Anm. d. Verf. 55 denn ich verlange Ruhe, und bin zu arm, um langer zu proeeffiren. Kann ich erst wieder arbeite»/ und ein Paar Thaler erübrigen/ so will ich sie lieber an meine Tochter wenden/ die braucht noch Erziehung/ die ist unversorgt. Lottchen. Sie haben mich bethe» und arbeiten gelehrt/ was bedarf es mehr? Phil. Heutzutage weit mehr. Die jungen Herren fragen jetzt weniger darnach/ ob man bethen? als ob man tanzen kann? Lortchen. Was kümmern mich die jungen Herren? Phil. Du taugst jetzt nicht einmahl zur Kammsrjungfer bey irgend einer vornehmen Herrschaft/ denn auch die wird dich nicht frage»/ ob du bethen kannst? sondern: Jungfer/ versteht sie Hauben zu stecken? oder Spitzelt zu waschen und dergleichen. Lottchen. Ich kann nähe»/ stricken/ koche»/ backen— Phil. Und deinen Vater lieb habe»/ das ist aber auch Alles. Für mich sehr viel! für eine Dame in der großen Welt blutwenig. Eyterb. Ich kenne indessen eine junge/ reiche Braut/ noch reicher an Tugend als an Schätzen/ die ein sittsames Frauenzimmer um 36 sich zu huben wünscht. Ich bin Ihr Freund/ und ein ehrlicher Mann. Kann ich der De- moisell Tochter diese Stelle verschaffen/ so— Lottchen(sich a» ihre» Vater schmiegend.) Hier ist meine Stelle. Phil. Ich danke Ihnen/ lieber Eyterborii/ es läßt sich mehr darüber sprechen. Lottchen. Nein/ Sie werden mich nicht verstoßen! Phil. Verstoßen/ Kind?Ich wünsche dein Glück. Lottchen. Ich bin in meinem Leben nur Ein Mahl unglücklich gewesen; als Sie so krank waren. Phil. Aber die Zukunft— Lottchen. Mein Vater wird mich nicht fragen/ ob ich Spitzen wascken kann? Neunte Scene. Doctor Bluhm. Die Vorigen. Bluhm. Ha! das freut mich, Sie zum ersten Mahls unter blauem Himmel zu finden. ^7 Phil. Willkommen lieber Doctor, reichen Sie mir die Hand. L o t t ch e u(sehr freundlich.) Guten Morgen, lieber Herr Doccor. Phil. O, wie glücklich muß ein Arzt sich fühlen, der einem Hausvarcr dar Leben rettete, und unerzogenen Waisen ihren Versorget zurück gab! Bluhm. Wenn die Kunst immer gleichen Schritt mit dem guten Willen hielte. Phil. Ist darum die Bestimmung weniger edel, zu einer Classe von Menschen zu gehören, die jeder Fremdling, jeder Unbekannte um Hülfe anrufen darf?— Als der Bluthusten mich zum ersten Mahle an das offene Grab hinwarf — ich kannte Sie nicht, aber Sie kaMen bey Tag und Nacht, in Sturm und Regen, und wenn Sie nicht immer helfen konnten, so gab Ihr freundliches, wohlwollendes Gesicht doch meinem Kinds Trost, und mir Vertrauen. Ich kannte Sie nicht, ich bin ein armer Mann, nur Menschenliebe führte Sie an mein Lager. O, wie selig ist der Stand, dessen einziges Geschäft Menschenliebe ist. Bluhm. Habe ich Ihnen erlaubt, ss viel zu reden? 33 Phil. Das volle Herz kann seine Ergisßun-^ gen nicht nach den Kräften.der Lunge abmessen.-^ Ich feyre heute meinen drey und fünfzigsten^ Geburtstag, das verdanke ich Ihnen! dieses gu- te Mädchen ist noch keine Waise, das verdankt^ sie Ihnen! g Bluhm. Wirklich, braver Mann! ich muß^ Ihnen, als Arzt, das Reden verbiethen. Es„ ist eine Eigenheit schöner Seelen, daß sie die y Dankbarkeit übertreiben. Ich habe meine Pflicht gechan; wollte Gott! sie würde mir immer so herrlich belohnt.-—> Mein heutiger Besuch ist. der Besuch eines Freundes, den Arzt bedürfen^ Sie nicht mehr. Als wir gestern Abends von Ihrem Geburtsfcste sprachen, da hoffte ich Sie schon diesen Morgen mit der frohen Nachricht§ überraschen zu können, daß Ihr unseliger Proceß geschlichtet sey., Phil. Welch'ein köstliches Angebinde wäre mir das! Bluhm. Auch gebe ich die Hoffnung noch nicht auf. Unser Gewissensrickter ist der edelste Mann, den ich kenne, der Einzige vielleicht, der die Tugend um der Tugend willen liebt. Muß ich ihn nennen, um jedem Zuhörer Vertrauen einzuflößend er ist wechsslsweise Freund und Richter, Vater und Bruder, Überredung fließt von seinen Lippen, und Menschenliebe aus seinem Herzen. Wenn seine edlen Bemühungen fruchtlos bleiben, so macht es ihm schlaflose Nachte, und ist es ihm gelungen, Friede zu stiften, so legt er sich am Abend froher zu Bette, als die, denen er den Frieden wieder gab. Wer erkennt ihn nicht in diesem Bilds*)? Phil. Und wer segnet ihn nicht! B l u h m. Vielleicht erhalten Sie noch heute einen Beweis seines unermüdecen Bestrebens, das Gute zu wirken. Enterb. Der Herr Doetor sind rasch. B lu h m. Im Guten kann man nie zu rasch seyn. Ey t erb. Doch! doch! der Herr Steuereinnehmer war auf dem besten Wege, die Sache num exponsis zu gewinnen. Bluhm.(miir oxpensis? Rechnen Sie die seit fünfzehn Jahren Verlorne Ruhe auch unter die Lx^ensew? ') Ich kann s-Z meinem Herze» nicht versage», das Original zu diesem Bilde zu nennen— Der bescheiden« Mann möge cS meiner Dankbegierde verzeihen—«4 ist der Etatsrath vsn Kurftl in Repal. Eyterb.(spöttisch.) Man'hört wohl, daß h< der Herr Doctor auch Romane schreiben. fe Bluhm. Ist es denn etwa eine Sünde, R Romane zil schreiben? Man findet die Menschen e in der wirklichen Welt zuweilen so schlecht, daß es Einem recht wohl thut, wenn man an sein S Schreibpulr fliehen, und aus der Ideenwelt bessere hervorzaubern kann. Sonderbar, das, mit- n tel-naßlge Köpfe immer mit einer Art von Hohn auf Nomaneuschreiber herabseht,, und die Leute ssc gar zu gern überreden möchten, ein solcher Mensch verstehe nichts weiter. Eyterb. Viag wohl daher kommen, weil S gewöhnlich die soliden Wissenschaften dabey ver-^ nachlässigt werden. r< Bluhm. Ich weiß schon, waS die Juristen solide nennen: barbarische Wortfügun- d> gen, undeutsche Redensarren, die kein Mensch di versteht— Eyterb. Versteht man denn Ihre Recepte? h Blum. Leider nein! und ich gebe diese me-^ dicinischeScharlatanerie herzlich gernJhremSpot- te Preis. e^ Eyterb. Gefangen, Herr Doctor! jeder Stand hat seine Scharlatanerie, und muß sie g aß haben, von Rechtswege», um dem großen Hänfen Ehrfurcht einzuflößen. Sie haben dicht' e, k«eip>s, und ich meine 0!i>u?u!a rnli, tzi'ati en et in ciemu'isationis. Serviteur!(Er geht ab.) aß Blühm. Es scheint ihm nicht recht, daß in Sie sich vergleichen wollen, es- Phil. Soldaten und Advocaten wünschen it- nie Frieden. hn Bluhm. Das Gewiffensgericht ist ihm ne schon lange ein Dorn im Auge. sch Ph il. Er meint es ehrlich. Blum. So sagt wenigstens die ganze eil Stadt. Indessen gibt eS Leute, die das Glück w- haben, für ehrlich gehalten zu werden, ohneselbst recht zu wissen, wie sie dazu gekommen sind. n- Phil. Schlimm genug, daß auch der Ruf n- der Redlichkeit eine Laune des Glücks, ein Spiel ch des Zufalls ist. Anne(kommt.) Das Frühstück ist fertig, e- Philipp. Gleich, gleich. Die frische Luft hat mir Appetit gegeben. Wollen Sie sehen, e- Herr Doctor, wie es mir wieder gut schmeckt? Bluhm. Ich habe hier in der Nahe noch einen Patienten. er Philipp. O dann will ich Sie keinen Au- 7ie genblick aufhalten. Ich weiß, nur sshnsuchts- 42 voll eil! Kranker auf die Erscheinung des Arz- H tes harrt. Auf Wiederfth'n! di (Er geht oon Annen geleitet, in dar Haut.) s? . m Z e h n t e S c e n e. st Die Vorigen, ohne Philipp.^ Lottchen(sich schüchtern nähernd.) Was wer- se den Sie von mir denken, lieber Herr Docker, ft das; ich vorhin so stumm war bey meines Vaters Danke? Aber Gott weiß, wie es zugeht, wenn d mir Jemand eine recht große Wohlthat erzeigt, a da kommen immer eher Thränen als Worte. Bluhm. Thränen sind des Herzens Doll- 8 metfcher. Lottchcn. Ich hätte so gern geweint, aber ich schämte mich vor dem Advocaten. L Bluhm. Also nicht vor mir, liebes Kind? d Lottchen. Vor Ihnen? O nein! In jener fürchterlichen Nacht, als mein Vater das viele r Blut verlor, da habe ich wohl geseh'n, daß Ihnen selbst die. Thränen über die Backen liefen. s Blu hm. Das sollte freylich nicht seyn. Die I Hermen der Ärnte sollte des Natur vomiern wie die Schildkröten. Lottchen. Nicht doch, dann könnten Sie sich ja auch nicht freuen, wenn Sie Hülfe in eine jammernde Familie gebracht haben. O! es mich herrlich seyn, wenn man so in der bittersten Noth helfen kann.(Mit Lebhaftigkeit.) Wäre ich ein Knabe geworden, dann hatte ich auch Recepte schreiben gelernt, hätte meinen Vater er- selbst curirt— und dann wäre ich so reich, so >r, froh gewesen! rs Bluhm. Ich gebe Ihnen das Zeugnis;, in daß Ihre liebevolle Pflege mehr gewirkt hat, ;t, als meine Mittel. Lottchen(entzückt.) Gewiß? Ist'oas Ihr ll- Ernst? Bluhm. Mein völliger. er Lottchen(in Fecnt'enthränen ausbrechend.) O! Sie wissen nicht, welche unaussprechliche Freuds de Sie mir durch diese Versicherung machen! er— Nicht wahr, nun wird mein guter Vater ste recht alt werden? h- Bluhm. Wenn er vorsichtig ist, sich vor starken Anstrengungen, vor Leidenschaften Hüne thet— Lottchen. Das ist meine Sorge, ich will ihn schon hüthen, ich will alles entferne»/ was ihm Gefahr droht. Bluhm. Werden Sie auch immer um ihn -seyn? Lottchen. Immer! immer! Bluhm. Aber wenn einst andere Pflichte» Sie binden? Lottchen. Andere? Aber doch nicht heiki/ gere? Bluhm. Die Pflichten der Gattinn, der Mutter— Lottcheiw Nein, ich werde nie heirathen. Bluhm. Nie heirathen? Lottchen. Wenn ich meinen Vater verlassen müßte—- Bluhm. Sie wurden ihm einen Sohn schenken. Lottchen. Und der Sohn wurde ihm seine Tochter rauben. Bluhm. Wie aber, wenn ein Mann sich fände, der ihrem Vater ein ruhiges, sorgen- freyes Alter verschaffen könnte? Der, weit entfernt ahm der Tochter Pflege zu rauben, das Band der Liebe und Häuslichkeit um drey gute Seelen schlänge? Der unter Ihrem Dache w th de di gl a w 5 tl ü 6 d d i b c i machn iteu der 1. 'as- -hn ins ich Ultras ey che wohnte, Ihre Freuden mehrte, Ihre Sorgen theilte— Lottchen. Ja, wenn ein solcher sich fünde— Blüh in. Wurden Sie ihn lieben? Lottchen. Nun, wie konnte ich denn anders?— Bluhm. Und wenn Ihr Vater spräche: gib diesem Mann Hand und Herz,—^ Lottchen. Mit Freuden! aber das wäre auch Alles, was ich ihm geben könnte, denn wir sind arm. Bluhm. O! Sie wissen nicht, wie reich Sie sind! Lottchen. Wenn Ehrlichkeit für Reichthum gilt— Bluhm. Ja, es gibt noch Menschen, die in dieser Tugendöden Welt, den Preis der Ehrlichkeit kennen, so wie man in der Wüste den Werth eines Stuck Brodes schätzen lernt, das in Pallästsn kein Schooshund hin nimmt.— Leben Sie wohl, gutes Kind! ich vergesse mich bey Ihnen. Gedenken Sie unsers Gesprächs. Es könnte vielleicht bald eine Zeit kommen, wo ich Sie wieder daran erinnerte.(Ab.), 46 E i l ft e Scene.^ Lottchen und Traugott. B k! Lottchen(bleibt nachdenkend stehen.) Was wollte er damit sagen?— Ich soll mich dieses Gesprächs erinnern?—(Nach einer Pause mit ci-,^ nem halben Seufzer.) Ach! ich glaube/ ich würde^ es so nicht vergessen haben.(Sie geht langsam aul das Haus zu.)^ Traugott(steht auf.) Liebes Mamsell- chen— Lottchen(freundlich.) Was will Er?^ Traugott. Sie müssen>nir meine Frey-^ heit nicht iibel nehmen— Lottchen. Nein, guter Traugott. Traugott. Ich habe da ein Paar Schuh gemacht— z. Lottchen. Das seh'ich. h Traugott. Weil nun heute Ihres Herr»§ -Vaters Geburtstag ist/ und weil Sie ihn st herzlich lieb habe,!/ daß mir dort auf meiium^ Schemel die Thränen über die Backen gelaufen^ sind— so wollte ich mich uuterstehn— Sie^ müssen aber nicht böse werden— x 4? Lottchen. Warum sollte ich böse werdend Er meint es ja gut mit uns. Traugott(mit der Hand auf der Brust und den BUck gen Himmel.) Ja, ja, wahrlich! ich meine es gut. Lottchen. Nun, so rede er frey. Traugott. Ich wollte— daß Sie die schlechten Schuh— von mir zum Angebinde nahmen— Lottchen. Ich danke ihm, lieber Traugott, und werde eS gelegentlich zu vergelten suchen. Traugott. Nein, nein, das müssen Sie nicht. O! ich bin so froh, das; Sie meine Schuh nicht verachten. Lottchen. Pfuy! ein Geschenk aus gutem Herzen, wer könnte das verachten? Traugott. Herzens- Mamsell! nun Sie das sagen, nun haben Sie die Schuh reichlich bezahlt. Das Geld von dem vornehmen jungen Henn— ich hebe es wohl gesehn— Sie schlugen es aus; aber des armen Traugotts Schuh rerschmlchen Sie nicht. Das macht, der arme Traugott meint es ehrlich. Jener Graf, oder war er ist, hürhen Sie sich vor dem bösen Mcn- 48 scheu; der Advocat ist sein Helfershelfer. Hier^ auf diesem Platze haben sie von Dingen gere-^ det, von denen nur vornehme Leute so mir nichts h. dir nichts reden können, und' haben sich eaory^ angeseh'n, und sind gar nicht einmahl roch ge- worden. Ich. mag es Nicht nachsagen: es ich.!! sich nicht für Mich. Aber hüthen Sie sich oor ccii Pharisäern., Lottchen. Ich danke ihm, ehrlicher Train- gott! nun nehme ich sein Geschenk noch lieber, und wenn böse Menschen mir mit glatten Wou ten nachstellen, so will ich singe herab auf mcn ne Schuhe sehen, und an seine Warnung dein ken.(Sie geht in das HauSO ZwölfteScene- Traugott(allein.) (Er steht und wischt sich eine Thräne aus den M gen.) Das ist ein Frauenzimmerchen!— cho guh so herablassend— ach! wenn ihr doch nur er« Mahl das Haus über dem Kopfe brennte, das ich in die Flammen stürzen, und sie heranstra- gen 49 gen konnte!— Da stand sie.-„ehrlicherTrau- gott,' sagtest«— horst du, Traugott! wenn du nun nicht bis an deines Lebens Ende ehrlich bleibst, so verdienst du barfuß in die Holle zu wandern. (Der Vorhang fällt.) C Ketzehue's Theater. 9. Bv. t Jv Zweyter Act. (Zimmer in Franz Bertrams Hause.) Erste Seen e. Hans B ttllev(allein.) (irr sitz« vor einem Tische, worauf Wein und ein S« -kck befindlich.) Dr°y und fünfzig Jahr—er soll l- tzett!—(Er iri.it.) Mir lange i— gleichviel! weil! er nur länger lebr als ich. Den Degen ihm kreuz weis auf den Sarg legen— das Lrauerpf» hinter seiner reich? führen— nein/ das ms ein Andrer thun. st a . h 8 h d e a st h 5i Z w e y t e Scene. F r a u Grießg r a m und H an s Bulle r. Fr. Grießgr. Du lieber Gott! ist er schon wieder bey der Flasche? Hans. Ja-, Frau Grießgram; ich trinke auf meines wackern Herrn Gesundheit. Fr. Grießgr. Das verzweifelte Gesundheit trinken! davon worden eben die Leute krank. Wer aller Menschen Gesundheit trinkt, der v ertrinkt die Seiuigs. Hans. Ich trinke aber nur zwey Gesundest heilen: der König und ckein Herr. Fr. Grießgr. Der König? ey! seht doch, v">l das klingt fein patriotisch. Der alte Steueren' einnehmer, unsers Herrn Bruder, wird wohl pft" auch den König so lange haben hochleben las- sen, bis er dir Schivtndsucht davon bekommen hat. Hans.(auffahrend.) Was!—(er faßt sich.) Höre sie, Frau Grießgram, sie ist ubtl berietet Ich will ihr aus ein Haar sagen, wovon er die Schwindsucht beioinmeu hat. C 3 02 Fr. Griestgr. Nun?^ Hans. Er hat einmahl eine böse Haushcss- terinn gehabt, die hat den ganzen Tag mit de«^ Mädchen gekeift, und des Abends ihm geistlich-^ Lieder vorgebrüllt.^ F r. G riestgr. Vermuthlich zum Heil sei ner Seele. Hans. Eine Xantippe, die ihm den Weil in Lupfen zuzahlte, und die Danziger Liquem Flaschen hinter ihr Bett versteckte.^ Fr. Griestgr. Ey! ey! Hans. Kurz, eine Xantippe, die— st, soll leben, Frau Griestgram!(Ertrinkt.) Pn war mirs doch, als hatte ich glühendes Vl« A' hinunter gegossen., Fr. Griestgr. Was trinkt er denn st häßliches Aeug? Hans. Will sie kosten?(Er schenkt ein.) Fr. Griestgr. Laß er doch sehn.(S- teert das Glas auf Einen Zug.) Hm! das schmeck ja fast wie— schenke er doch noch ein Mahle,«^ (Hans thut es. sie leert das Glas atermahls.) Nei« das taugt nichts.^ Hans. Glaubs wohl. Kostet auch«' »2 Kreuzer, aber 12 ehrlich verdiente Kreuzer. .Fr. Grießgr. Komm er heute Abst auf mein Kammersein, da will ich ihm was Delicates vorsetzen. Hans. Danke schön. Ich brauche keinen ^ Schlaftrunk/ um mein Gewissen einzulullen. Fr. Grießgr. Er ist und bleibt ein Murr- köpf/ ein widerhaariger Mensch/ es ist nichts mit ihm-anzufangen. Hans. Ich bin schon zu alt/ um etwas anzufangen, Fr. Grießgr. Er könnte sich einen guten Tag pflegen. s,, H a n s. Nun das thire ich ja. Fr. Grießgr. Bey dem sauren Kratzet/ g.,« hci! ha! ha! Hans. Saurer Wein, Frau Grießgram, wird süß/ wenn er durch eine ehrliche Gurgel fließt. Fr. Grießgr. Ja/ ja, er schwatzt vkl (A, von Ehrlichkeit/aber in die Kirche geht er nicht, ^ und geistliche dieder singt er nicht. Hans. Und seinen Herrn bestichst er nicht, zei» seinen Nächsten lästert er nicht. Fr. Grießgr. Wenn er wenigstens dös Abends meine Berhstunde besuchte— -er. HanS. Und ihr den Mammon zählen Fr. Grießgr. Und dem Herrn nicht uii-. nier rorbrunlniie—^ Hans. Und die-lugen fein zuthäte— Fr. Grießgr. Er ist ein wunderlicher^ Mensch. Wofür dient man denn? Der Hm. hat weder Kind noch Rind. Hans. Er hat einen Bruder und eim-.^ Bruder-- Tochter. F r. 6) r ießg r. Ey ja-doch! die böser^ Menschen, die ihn geflissentlich ärgern und gna- S* len, denen sollte er das schöne Vermögen- hinterlassen? Hans(mit B.j-Nnuiq.) Nun, wenn ihm Gott noch langes veb.n schenkt, so>vird wohl von dem. schonen Vermögen nicht viel übrig^ bleiben.' Fr. Grießgr. Wie lange kann der all« Mnrrkopf denig noch leben? man sieht ja wohi, es geht auf die Neige. HanS(ernst,.) Meint sie? Fr. Grießgr. Die Kräfte nehmen täglich ab. Hans(ängstlich.) Wirklich? Fr. Grieß gram. Noch ein Paar Mt nach— Hans. Was? 55 Fr. Grießgr. Allenfalls bis zum Herbst, wenn die Blatter von den Bäumen fallen. Hans. So bald?(Gerührt.) O nein! (Unwillig.) Nein!(Mit dem Fuße stampfend.) Neu)! nein! Fr. Griesigv. Sage- er noch hundert Mahl Nein, wenn der Tod Ja sagt, so behalt er doch nicht das letzte Wort. Aber>0 geht es, hätte der Herr meine Haitische Wunder- Essenz genommen— Hans. Wenn die Blätter von den Bäumen fallen? Hat der Doctor das gesagt? Fr. Grießgr. War Dsttor! ich verstehe mich so gut darauf, als der Milchb.art von Doe- tor. Der Herr hat das Podagra, das tritt ihm in den lieib, und weg ist er! Hans. Nun so wollte ich, sie mns-te ins Gras beiße», ehe noch die Kirschen rech werde». (Er geht ab.) 56 Dritte Scene. ha Frau Grießgr am. Gleich darauf Ey Her- bö r n. Fr. Grießgr. Fataler Mensch!— ich^ mny ihn scheuen— er hat sich bey dem Alten eingenistelr. Zwanzig Bediente habe ich ausdem Hause geschafft/ es hat mir nur ein Wort ge- kostet; aber den Brnmmkater kann ich nicht los werden.^ Eyterb.(leise auftretend.) Guten Morgen/ meine ehrwürdige Freundinn.^ Fr. Grießgr.(sehr freundlich.) Gott^ grüße Sie/ lieber Herr Eyterborn! Ey woher so früh?" Eytsrb. Za wohl früh/ und doch zu spat. Fr. Grießgr. Was soll das heißen?^ Eyterb Es gehen bedenkliche Dinge vor. Fr. Grießgr. Bedenkliche T inge?^ Eyte r b. Der Alte will sich vergleichen. Fr. Grießgram(erschrocken.) Mit dem Bruder?' Eyterb. Die Sache liegt im GewisseuS- gericht. Fr. Grießgr. Unniöglich! Eyterb. Ich komme eben daher, beyde haben Vollmachten ausgestellt. Fr. Grießg r. An wen? Eyterb. Anden Doctor Bluhm. Fr. Grießgr. An den Lassen? Ohne mir ein Wort davon zu sagen? ohne Sie zu Rathe zu ziehen? Eyterb. Sachte! sachte! Frau Grieß- gram, durch Hitze würden wir AlleS verderben. Fr. Grießgr. Was ist denn nun anzufangen? Eyterb. Contraminiren, den unberufenen Friedensstifter verdächtig machen. Die Gemüther aufs neue erhitzen— Fr. Grießgr am. Und wenn das fehlschlagt? Eyterb. Wenn das fehlschlägt? je nun, dann werden sie sich vergleichen, aussöhnen; dann wird eine rührende Theater-Scene vorfallen; die beyden alten Narren werden heiße Thränen vergießen, das junge Ding wird em lieben Oheim um den Bart gehn, und die schöne Erbschaft wegschnappen. Fr. Grießgr. Wegschnappen? mir die Erbschaft wegschnappen? Eyterb. Ja, ja, Frau Gricsigram, da habe» Die sich es nun so viele Jahre sauer werden lassen, haben sichgeplactr und geplagt, um dem albernen Mädchen eine» Brautschatz zusammen zu sparen.- F r. l:' e si g r. Hören Sie auf! ich falle in Ohnmacht. Eyterb. Ich wollte gern drey Mahl in Ohnmacht fallen, wenn ich eS nur hindern konnte. Fr. G riesig r. Im Grunde, mein trauter Seelenfreund, verlieren Sie freylich mehr dabey als ich. Mir war es immer nur um Ihre werthe Person zu thun. Eycerb. Servileur! Fr. Griesigr. Wenn ich Tag und Nacht zusammen sparte, und hier und da einen Groschen durch die Finger fallen ließ, so geschah es bloß, uni meinem künftige!» Eheherrn nicht die leere Hand zu reichen. Eyterb. Obligirt. F r. Griesigr. Mel habe ich freylich nicht, ein Paar- tausend Thäler' m», was null das sagen? meine ganze Hoffnung stand auf dem Testamente. Ey terb. Wenn es nur schon unterschrieben wäre. F r. Grießgr. Nun,-wie Gott will! ich weiß, daß mein werrher Herr mich nicht um der zeitlichen Güter willen zu seiner Halfce er- kohren hat. Eyterb. So lange wir aber in der Zeit- lichkeit leben, Frau Grießgram, bedürfen wir such der zeitlichen Eurer. Fr. Grießgr. Fleiß, Sparsamkeit— (verschilint) und Liebe— Eyterb. Serviteur! Fr. Grießgr. Sie sind ein ehrlicher Mann. Ey terb.(mit der Hand auf der Brust.) Das bin ich! und Sie eine fromme Frau. Fr. Grießgr. Das bin ich! Drum wollen wir nicht verzagen, sondern christlich drauf losarbeiten, unsere Feinde zu Schanden machen. Soll aber die Boßheit triumphiren, nun so bleibt uns immer eine Hütte, wo wir in Liebe und Eintrachc Hausen werden. Nicht wahr, mein süßer' Herr'Eyterborn? Ey terb. Ach! die Hütten, liebe Frau Grießgram, die Hütten sind nur angenehm in 6o Schäfergedichten. Ein fettes Testament wäre mir lieber, als alle Hütten im ganzen römischen Reiche. Vierte Scene. FranzBertram hinkt an einem Krückenstock herein. Die Vorigen. Franz. Guten Morgen/ Kinder! guten Morgen! ich habe heute verdammt lange geschlafen. Das macht der späte Besuch von gestern Abend. Eyterb. Haben der Herr Patron Gastet Franz. Nur Ein Gast, nur Einer/ aber höhst ihn der Teufel! es ist schon an dem Einen genug. Das Podagra/ mein Freund, das Po- dagra!(Er fetzt sich.) Setzen Sie sich/ wenn Sie wollen; stehen Sie/ wenn Sie nicht sitzen mögen. M:r mir ist es leider so weit gekommen/ das? es Noth thäte, ich ließe mich auf dem Stuhle annageln. Eyterb. Eine Krankheit/ tue nur vor den Thüren der Reichen anklopft. 6i Franz. Herr/ sie klopft nicht an, sie brich: ein wie ein Dieb in der Nacht. F r. Grie s;g r. Härten Sie nur meine Höllische Wunder-Essenz gebraucht. Franz(auffahrend.) Höre sie, Frau Griesi- zrain, bleibe sie mir mit ihrer Wunder- Essenz vom Leibe; ich kann die Wunder vor den Tod nicht ausstehn. Neulich lies; sich ein Sänger hören/ ein berühmter Bassist, aber ich ging bloß deßhalb nicht hin, weil er W unde r hieß. F r. Gric ß g r. Der Mensch hat auch nichts als westliche Arien gesungen, Opern-Arien, und solch gottloses Zeug. Franz. Wovon schwatztet ihr denn, als ich kam? laßt doch hören. Eyterb. Wir sprachen— F r. Grie ß g r. Wir bedauerten— Eyrerb. Wir verwunderten— Fr.-Grießgr. Und ärgerten uns— Franz. Was denn? worüber denn? Eyterb. Das; es bösen Menschen so leicht wird, ehrliche Lenke zu überlisten. Franz. Nichts weiter? das ist was uraltes. Eyterb. Der Herr Capitan haben ei- iik Vollmacht an den Doctor Vluhm ausgestellt?— Franz. Ja, das hab' ich. d Fr. Griesigr. Sie wolle» sich mit Ihrem Bruder vergleichen? u Franz. Ja, das will ich. r Ey kerb. Curios! nach fünfzehn Jahren— d Franz. Halte es freylich fünfzehn Jahre r früher thun sollen. c Eycerb. Gerade da die Sache so gut steht—^ s Franz. Eben weil sie immer steht, und niemahls vorwärts geht. i Eyterb. Der Jncident-Punct wegen des l'Un'i pnivilvAiati wäre in dieser Woche entschieden worden. Franz. Und was hatte ich dadurch gewonnen? Eyterb. Die Gewißheit, vor welchen Richter die Sache gehöre. Franz. So? und dann wäre der Proceß von vorne'wieder angegangen. So weit hatte ich es also m fünfzehn Jahren gebracht, daß ich endlich wüßte, bey wem ich klagen sollte. Eyterb. Meine Schuld ist es Nicht, ich bin ein ehrlicher Mann. 63 Fr a n z. Das weist ich. Eyterborn. Die Schikanen Ihres Bruders— Franz. Eben deßwegen. Er hac Lust, mich unter die Erde zu processiren, aber nun-habe ich Jagd auf ihn gemacht, habe ihn vom Ocean der.Schikane in den Hafen des Gewissensgerichts gejagt; dorr halte ich ihn blokirt, da soll er' mir nicht entmischen. Ey kerb. Glanbs wohl, er wird froh seyn, so wohlfeilen Kaufs abzukommen. F r a n z. Was nennen Sre wohlfeilen Kaufs? meinen Sie, das Geuvissettsgerichtiverde ihm den Garren zusprechen? Ey'terb.(die Achseln zuckend.) Man kann nicht wissen. Franz. Und wenn auch. Der ganze Bettel ist 3c»- Thaler werth, und kostet mich schon eben so viele Tausende. Fr. Griestgr. Aber das ärgert mich nur, daß der böse Mensch Recht behalten soll. Fra n z. Recht behalten? Nein, Frau Griesgram! den Garren kann er behalten, aber nicht mir Recht. F r. Grießg r. Ihr väterliches Erbtheil— Franz. Ja, das war es! 64 Eyterb. Wahrend Sie auf dem Meere mir tausend Gefahren kämpfen— Fr. Grießgr. Schnappt er den Garten weg/ wie Jakob das Recht der Erstgeburt. Franz. Ja/ das that er/ der Bube! F r. Grießg r. Und dafür soll er nun noch Ihr Erbe werden? Franz. Mein Erbe? wer sagt das? Fr. Grießgr. Nun/ wenn Sie sich vergleichen— Fr a n z. Was folgt daraus? Fr. Grießgr. So werden.Sie sich auch wohl förmlich aussöhnen. Franz. Nun und nimmermehr! Fr. Greefigr. Das wird recht lustig hier un Hause hergehn. Eyterb. Je nmi/ Frau Griesigrani/ so werden wir wenigstens für alle unsere Mühe einen Schmaus zum Besten haben. Fr. Grießgr. Ich rühre keinen Topf an. Die Jungfer Nichte mag selbst in die Küche gehn. Eyterb. Das wird sie auch recht gerne thun. Sie fr^r-sich schon darauf/ wie sie bey dem lieben Onkel wirthschaften will. Franz. Halr er an! macht mir den Kopf nicht warm. Was redet ihr da für albernes Zeug? Lyterb. Mamsell Bertram weiß sich einzuschmeicheln/ sie weiß den Mantel nach dem Winde zu hangen. Kaum erfuhr sie, daß ein Vergleich un Werke sey, husch! brach sie alle ihre kleinen Intriguen ab, weil sie fürchtete, der Onkel mochte scheel dazu sehn, und ihr den Brautschatz verkürzen. Franz. Was? hat das Mädchen Intriguen? Eyt erb. Ich will es gerade nicht nachgesagt haben. Sie wissen, ich bin ein ehrlicher Mann, und rede lieber Gutes von meinem Nächsten. Da ist ein junger Graf Sonnen-, stern, ein schmucker Cavalier, der ist l?y Ihrem Bruder wie zu^Hause, geht mit den. Mamsell spazieren— Fr. Grieß gr. Spazieren? ach du lieber Himmel! Eyterb. Sitzt des Abends mit ihr vor der Hausthür— Fr. Gri'eßgr. Des Abends? welch ein Skandal! Franz. Blitz und der Hagel! über die un- verschämte Dirne! Hut eine so brave Mütter gehabt. Eytcrb. Wie hätte denn Ihr Bruder den kostspieligen Proceß aushalten können, wenn er nicht allerley Mutelchsn wüßte, sich Geld zu verschaffen? Franz. Mittelchen? Pestilenz! über die saubern Mittelchen! Eyrerb. Der Herr Doctor mag vielleicht selbst ein Auge auf das Mädchen haben, aber ohne Mitgift nimmt er sie nicht; deßhalb liegt ihm der Vergleich so am Herzen. Franz. Nein Herr! hals er an! den Doctor!§sse er mir zufrieden; der ist ein Mann wie eine Magnet-Nadel, dreht sich immer nach dem Pol der Tugend. Eyterb. Möglich, dasuich mich irre. Als ehrlicher Mann und als Ihr Sachwalter war ich verpflichtet, meine Meinung zu sagen.. Franz. Danke, danke. Ich werde den Avis gelegentlich benutzen. Es ist nur auch gar nicht um weinen Bruder zu thun, wenn ich den Vergleich wünsche; ist mir mir um meiner eigenen Ruhe willen. Vor fünfzehn Jahren, ja da harte ich mich lieber auf einer wüsten Insel aussetzen lassen, ehe ich auch nur eine Händ breit. von meinem Recht gewichen wäre. Aber jetzt— ich werde alt-—bin kränklich—mochte gern in Ruhe sterben/ und mir die letzten beuge nicht durch Processe verbittern lassen. Ey terb. Sehr löblich! Fr. Griesigr. Und christlich. Franz.'Wenn aber der Herr Bruder im Trüben zu fischen mrinj; wenn er/ oder seine saubere Jungser Tochter»ach meiner Erbschaft lüstern sind/ so haben sie die Rechnung oyne den Wirth gemacht. Eyterb. Das ist männlich. Fr. Griefigr. Und gerecht. Eyterb. Wenn der Herr Capitain etwa testamentarische Verordnungen— F r. G r l r i g r. lweinerlich) Ach! reden Sie doch nicht von Testamenten! das Herz bricht mir! Ey! erb. Nun/ nun/ Frau Griesgram/ deßwegen stirbt man kerne gründe früher. Der Herr Capitain liebt die Ordnung. Franz. Ganz recht/ ich werde darauf denken. Eyterb. Vielleicht zu frommen Stiftungen— Franz. Nein Herr! halt' er an! damit ist es nichts. 68 Eyrerb. Oder für treue Dienste— Franz. Ja, das lasit sich hören. F r. Criesigr. Ach! wer wollte einem so guten Herrn nicht treu dienen, auch ohne zeitlichen Loh». Der Himmel verleche ihm langes Leben! Franz. Danke, Frau Grießgram, sie soll nicht vergesien werden. Fünfte Scene. Doctor Bluhm. Die Vorigen. Franz. Willkommen, lieber Doetor!(Aus seine Süße deutend) Der Feind halt sich brav. Blüh m. Wir wollen Frieden mit ihm machen. Franz. Hatten wir nur erst Waffenstillstand geschlossen. Blüh m. Haben Heiterkeit und Ruhe den Frieden im Cabinet der Seele beschlossen, so legen die rebellischen Unterthanen die Waffen von selbst nieder. Eyterb.(spöttelnd) Siehe da, ein Arzt, der mit Sentenzen kurirt. Bluhm. Eine herrliche Arzeney! nur Schade, daß so wenige Körper empfänglich dafür sind. Eyterb. Die Friedensstifter machen es beyden Parteyen selten zu Danke. Bluhm. Deßhalb legen sich auch manche Menschen lieber auf das Unfrieden stiften. Fr. Grießgr. Immer besser, als wenn man sich um ungelegte Eyer bekümmert. Blüh m. Zumahl wenn es Schlangen- Eyer sind. Franz. Halt' er an! halt' er an! das klingt ja beynahe wie ein Scharmützel. Ich merke, worauf es hinausgeht. Der Eilte null mich rechts führen, der Andere links; beyde meinen es gut, beyde halten ihren Weg für den besten, mögen auch wohl beyde Recht haben; aber ich bin alt und ermüdet, ich schlage mich zudem, der mir eine freundlichcHerberge zeigt, und spricht: laß uns einkehren. Bluhm. So recht, Herr Capital»! bleiben S'e bey diesen Gesinnungen, und Las Po- dagra wird keine Macht au Ihnen haben. Ära uz. Ware es mir auch nicht um Gesundheit und Ruhe, ich würde den Bojewlcht »erfolgen bis ms Grao. 7° B l u hm.'Das kam nicht aus Ihrem Herzen- Franz. Nein,- das sollte es auch nicht. Wenn das Herz'Verbrechen entschuldigt, mitwaren es auch die Verbrechen eines Bruders, so ist es eine alte Plaudertasche. Bluhm. Ihr Bruder ist kein Bösewicht, kein Verbrecher. Franz. Seit fünfzehn Jahren schleppt er mich von einem Richterstuhl zum andern— Blüh m. Wer hat den Proceß angefangen? Franz. Ich! und meßwegen?— nicht um das lumpichte Gartchen processire ich mit ihm, sondern um die Rebe meiner Älterm Bruder! sagte ich zu ihn,, das geht so nicht; die Leute würden denken, ich-sey ein»»gerathener Sohn, und der sterbende Vater habe dir'Alles zugewandt, weil dein Bruder ein Taugenichts gewesen. Begreifst du Bruder? das geht nicht. Meine Ehre— mein Herz— mein guter Nahme leiden darunter. Laß uns gewissenhaft theilen.— Aber das wollte er nicht; da beriefet' sich auf eiu erschlichenes Testament; da meinte er, er könne fcu-em unmündigen Kinde nichts vergeben— wehe dem Menschen, der fern Kino durch ungerechten Mammon bereichert! -7D F r. Grießg r. Ja wohl, wehe ihm? Bluhm. Bereichern? das ist wohl hier nicht der Fall. Der Gegenstand ist, wie Sie selbst gestehen, zu gering. Sagen Sie lieber, es haben sich Leidenschaften ins,Spiel gemischt, denn welche Menschenelasse nährt sich mehr von Leidenschaften als die Advocaten? Eyterb. Servitour. Bluhm. Harten Sie mit Sanftmuth gefordert— ich kenne Ihren Bruder, er harte wahrlich nachgegeben! Aber Sie polterten, Sie wurden hitzig, Erwürbe hitzig, die Flamme loderte empor, böse Menschen gössen Ohl dazu, und so wurde ein Brand daraus, der fünfzehn Jahre dauerte, indem er sich von Bruderliebe nährte. Jedes hastige Wort, das Ihnen entfuhr, wurde flugs hinüber getragen; jede beißende Antwort von ihm mit stacheligen Zusätzen vermehrt, in ihr Herz. gedrückt. Die unbedeutendste Äußerung in seinem Munde wurde zum Pfeile gespitzt, und ein nichts bedeutender seemännischer Fluch in dem Ihrigen, war ein Schwertstreich. Ihre Freunde gaben Ihnen Recht, wie ihm die Seinigen; im Grunde hatten sie beyde Unrecht. Aber es gibt gute Freunde, die zu Allem ja sagen, weil sie denken: was geht es mich an? ich will es nicht mit ihm verder-^ den.— Es gab Andere(mit einem ernsten Blick auf Eyterbsrn) die den dienstfertigen Freund gegen Sie beyde spielten/ die, unter dem Verwand/sie zu vereinigen/den Knauel immer mehr und mehr verwirrten/ Mißtrauen erweckte»/ c, Argwohn erregten/ Phantome schufen, und Sie in das Labyrinth der Juris- Prubenz führten, deren wächserne Nase so leicht zu drehen,^ aber nie im S trahl der Menschenliebe zu schmelzen ist.— So-, Herr Capitain, so entsteh«^ Processe, so werden Menschenfreuden ver-^ giftet, so wird brüderliche Eintracht gemordet.— O! konnte man jedem Processe die^ Nahrung entziehen, die er von Rechrhabsrey^ und Starrkopfigken an Einer Seite, von An-§ hetzen, Zwischentragerey und Gewinnsucht an j der andern empfängt- wahrlich! die Richter, würden leichte Arbeit haben, und die Advoca-^ ten verhungern. Eyterb. Danke für das Prognosticon. ,, Fr. Grießgr. Schade, daß der Hen^ Doctor kein Prediger geworden.^ Franz^ Wahrheit ist gut Ding in jedem^ Munde. Bluhm. Ich bringe Ihnen die frühe Hoffnung, daß Ihr Proceß noch heute beendigt wird. Eyterb. Wirklich? Fr. Griefigr. Ey, das ist ja vortrefflich! Franz. Herzlichen Dank, mein Freund. Eyterb. Vermuthlich wird von beyden Theilen nachgegeben? Blüh m. Vermuthlich. Eyterb. So wohl von dem, der Recht, als von dem, der Unrecht halte? Bluhm. Von beyden, denn es gab ncch nie eine Streitsache auf der Welt, in welcher E i n Theil ganz Recht gehabt hätte. Franz. Schon gut. Ich wünsche mir die Sache um jeden Preis vom Halse. Und wenn es die Garten derHesperidey, oder der berühmte Park zu S-towe in England wäre, so gäbe ich ihn um das Vergnügen, die paar letzten Jahre meines Lebens ruhig unter der Einzigen Linde zu sitzen, die vor meinem Hause steht. Bluhm. Ich habe Ihre Vollmacht nicht mißbraucht, und hoffe, Sie werden zufrieden seyn. O! wie freue ich mich auf die süße Stunde, wenn ich Ihren Bruder in Ihre Arme führen, und eine Freudenthräne in den Ru»- Ketzebxe'S Theater. 9>Dd. D 7^ zeln"sehen werde, die Zwietracht in brüderliche Wangen grub. Franz. Halt er an! nein Herr Doctor, daraus wird nichts. Der Proceß mag in Gottes Nahmen verglichen werden, aber mein Herr- Bruder muß mir vom Leibe bleiben. Bluhm. O! dann wäre das gute Werk nur halb vollbracht. Franz. Ein schlechter Mensch, der seine eigene Tochter verkuppelt. Bluhm. Wie! wer wagt diese Lästerung? .Franz. Der junge GrafSonuenstern—mit dem treibt sie es, daß alle Nachbarn davon rede». Bluhm. Eine schändliche Lüge! welche Spinne ist über diese Blume gekrochen? Franz. Meinetwegen! ich mag es nicht untersuchen. Genug, ich hasse den Vater, und der Vater haßt mich. Bluhm. Er Eie hassen? nein, wahrlich nicht! wenn Sie noch diesen Morgen Zeug-gewesen waren, mit welcher Rührung er den Glückwunsch seiner Tochter zu seinem Geburlstag- empßng, mit welcher innigen Rührung er sich erinnerte, daß er ihr ZwMingsbruder, und folglich heute auch Ihr Geburtstag sey. Franz. That er das? Eyterb/Zhr GebmtStag? he Fr. Grießgr. Ach du lieber Himmel! und daran hat Niemand gedacht! r, Franz. Gleichviel. ,t- Blüh m. Ihr Bruder hat daran gedacht, m Mit Entzücken sprach er von jenen glücklichen Zeiten, wo Sie in brüderlicher Eintracht an erl diesem rrage ein Familienfest feyerten. Franz. Ja, ja, es waren gute Zeiten! ine und er sprach davon? B lu hm. Ihre Mutter, sagte er, sey dann ig? immer so froh gewesen, mit Fran z. Ja, sie war dann immer sehr froh» ein Blüh m. Sie habe Sie beyde in Ihre Arme lche Zuschlössen, und zur Eintracht ermähnt. Franz. Ja, das that sie. icht Bluhm. Noch im lehren Jahrs ihres Le- mid b-ns hab« sie gesagt: wenn ich einst schon langst todt seyn werde, so gedenkt meiner an diesem lih Tage, und laßt mich aufleben in eurer Bru- gc- derliebe. ück- Franz,(seh, gerührt) Ja, das hat sie ge- a>g- sagt. sich Bluhm. Da waren sie einander in die und Arme gesunken, und die mütterliche Thräne sey auf beyder Wangen herab geträufelt, und 'icie hatten sich ewige Liebe geschworen—— D 2 Ihr Bruder konnte nicht ohne Schluchzen davon sprechen. Franz,(unwillig über seine eigene Rührung) Kann ich doch Nicht ohne Thränen davon reden hbre». Eyterb.(gibt Frau Griesigram einen Wink) Empfangen der Herr Capttain den aufrichtigen Glückwunsch eines ehrlichen Mannes— Fra nz. Tanke, danke. Fr. Grießgr.(mit Seycrlichkeit) Der Himmel wolle bis ins spateste Alter— seinen reichsten Segen— Gesundheit und Wohlergehen— Franz. Halter an! es ist schon genug. Fr. Grresigr. Du lieber Gott! deSHerrn Lapirmns Geburtstag kann doch nicht so in der Stille gefeyert werden. Franz. I» der Stille. Ist mir so am liebsten. Blühm. Die frohsten Stunden der Menschen fliesen st i ll e dahin. Fr. Grießgr. Aber eine Mandeltorte mi! einem Zuckerguß, die muß doch wenigstens gebacken werden. Franz. Ist nicht vonnothen. Fr. Grießgr. Ey was! di-> Freude lasse ich nur nicht nehmen. Ein Zuckerguß, mit der 77 Jahrzahl und Herzen von Citronat, und drey und fünfzig brennende Wachsüchterchen—ja, ja, das soll leuchten wie ein Wsihnachtsbaum. Franz. Nun m Gottes Nahmen! wenn es ihr Freude macht— Fr. Grießgr.(zum Dsctor) Die Mandeltorte wird doch dein Herrn Capitain nicht schaden? Bluhm. Was man mit frohem Muthe der,ehrt, schadet nie. Fr. Gr.ießgr, Ihre Dienerinn. Nun bringt mich vor Mittag Niemand aus der Küche. Und wahrend dem Backen will ich ein geistliches Lied anstimmen zum Lobe des Herrn! dann gedeiht alles besser.(Im Abgehen heimlich jU Eytrr- b°m) Um 4 Uhr erwarte ich Sie in meinem Kämmerlein. Eyterb.(sieht nach der Uhr) Ein Termin ruft mich ab. Sollte der Vergleich sich zerschlagen, und der Herr Capitain der Dienste eines ehrlichen Mannes ferner benothigt seyn— Franz. Auch ohne Dienste ist der ehrliche Mann immer willkommen. Eyterb. Serviteur! (Ergeht«b.> Sechste Scene. Franz Bertram und Doctor Blühm. Franz. Es ist doch ein braves Weib, die Frau Griesigram; sie sieht aus wie eine Meerkatze, aber sie meint es gut. °Bluhm. Wenn das Gesicht ein Spiegel der Seele wäre, wie manche behaupten— Franz. Possen! die Seele spiegelt sich nur in Handlungen, aber nicht im Gesichte. Ich habe wackere Männer gekannt, mit Satyrs- laroen, und Schurken mit Adonis-Gesichtern. Da ist die Frau Griesigram, sie lagt sichs blutsauer werden, und was hat sie davon? Tag und Nacht keine Ruhe, Plackerey, Wirthschaftssorgen— Bluöm. Ich wünschte nur, daß ihre Manier etwas gefälliger wäre. Franz. Ey nun, lieber Herr Doctor, es geschieht so wenig Gutes in der Welt, daß man froh seyn Muß, es anzutreffen, die Manier ley welche sie wolle. Klares Htuellwasfer erguickt, wenn es auch gleich aus einem rauhen Festen sprudelt.— Und ist denn etwa meine Monier gefällig? ich psltre den ganzen Lag. Blühn,. Eine schmerzhafte Krankheit entschuldigt üble Laune. Franz. Krankheit sollte entschuldigen? und Herzensgute nicht? Nein, lassen Sie mir die Frau Grießgram in Ehren. Gott möge es mir verzeihen, daß ich sie zuweilen anfahre wie ein Ehemann. Bluhm(lächelnd.) Gott verzeihe Ihnen das Gleichniss. Franz(zleichgüwg:) Ich war nie verheiratet. Bluhm. Desto schlimmer. Franz. Wie mans nimmt. Wenn nun meine Frau mit. finstern Blicken aus einem Winkel nach mir schielte, und dachte: da sitzt er— hat das Podagra— ist mürrisch— ist ein Quälgeist— und ich muß bey ihm aushalten, ich mag wollen oder nicht, ich muss!— nein, da lobe ich mir die Frau Grießgram, die thut Alles freywillig, die ist nicht mit Ketten an mich geschmiedet, die geht und backt ihre Mandeltorte, ohne daß ein Schwarzrock das Mehl dazu eingesegnet hat. Bluhm. Wohl ihr, dass sie einen Mann vor sich hat, dessen Herz schon eine solche Man- dsltorts für ein Pfand der Liebe nimmt. Eine 8-i zärtliche Gattinn wurde leichtes Spiel mit Ihnen haben. Sie sind wohl nie dabey gewesen, wenn ein glücklicher Hausvater seinen Geburtstag seyerte? Fra n z. Nein, nie. Dluhm. Wenn die Kleinen an der Thür lauern, ob der Vater erwacht sey? und sich geschwind ihr Versuchen noch einmahl überhören; wenn sie dann, glatt gekämmt, in ihren Sonntagskleidern hereiutreien, die vä-. terliche Hand küssen, und ihre Wünsche her- stammeln; wenn die Mutter hinter der Gardine lauscht, und eine Freudenthrane in die Frangen fallt. Franz. Ja, ja, daS mag wohl recht artig seyn. Bl'uhm. Wenn die Mutter, die sich früh von seiner Seite stahl, nun schüchtern hervortritt, als eine Braut in seine Arms sinkt, und ihn mit einer Weste, oder mit einem Geldbeutel anbindet, den sie heimlich strickte. Franz. Eine Mandelcorte thut die nähmlichen Dienste. Bluhnu O ja! das Herz kann böhmische Steine in Diamanten verwandeln. Ein Ge- Hans(der diese Bewegunz bemerkt.) Und werden mir doch auch nichts dafür geben? Franz(zieht die Hand schnell zurück.) Nein, nein, du hast Recht. Hans. Juchhsy! nun mag Frau Grisß- gram immerhin ihre Mandeltorte von gestohlnen M rkcpfennigen zusammen backen. Franz. Pfuy Hans! was redest du da? Hans. Die Wahrheit. Ich komme eben aus der Küche. Sie macht groß Aufhebens von ihrer Torte, hat es aber doch erst diesen Morgen erfahren, daß heute des Herrn Geburtstag ist. Ich habe mich schon seit vier Wochen darauf gefreut. Franz. Und weil du ein besseres Gedächtniß hast, so darfst du die arme Frau lästern? Schäme dich! Hans. Mit Gunst, Herr Capitain, das' Weib taugt nichts. Fra n z. Halt er an! Hans. Gestern sollte sie eine Weinsuppe kochen, es wurde aber eine Biersuppe daraus; dafür backt sie heute eine Mandeltorte. Franz. Wirst du schweigen? Hans, AmNothwendigen laßt sie es fehlen; der Herr muß zuweilen um reine Wasche, als um eine Wohlthat bitten. Franz,(hitzig) Halt das Maul!- ich befehle es dir. Hans. Als Sie voriges Jahr zur Ader ließen— sie hat hier im Hause Kisten und Kasten voll Leinwand gesammelt, aber nicht einmahl eine Aderlafibinds gab ne her. Ich mußte noch in der Geschwindigkeit mein Sonntags- hsmd zerreißen. Frau z. Hans! du bist ein verleumdrischer Bube! geh zum Teufel mit deiner Pfeife!(erwirkt sie ihm vor die Fiißc.) Hans.(sieht bald seinen Herrn, bald die Pfeife wehmüthig an) Ich, ein verlnumdrischer Bube? Franz. Ja! Hans. Sie wollen die Pfeife nicht? Franz. Nein! ich nehme nichts von einem Menschen, der allein gut seyn will. Hans.(emvfindlich, hebt die Pfeife auf, u»? wirft sie zum Fenster hinaus.) Franz. Kerl, was machst du? Hans. Ich werfe die Pfeife zum Fenster puiauS. Franz. Bist du" toll? 8a schenk aus der Hand der Liebs— da darf es der Bettler mit dem Fürsten aufnehmen. Franz. Recht, Herr Doetor. Siebente Scene. Hans Bull er. Die Vorigen. Hans(treuherzig.) Guten Tag, Herr Cw pitain! Franz. Guten Tag, Hans Buller. Hans. Es ist heute Ihr Geburtstag. Frau z. Das weiß ich. Hans. Ich freue mich herzlich darüber. Franz. Das weiß ich auch. Hans. Sie haben gestern Ihre meerschau mene Pfeife zerbrochen. Franz. Nun Hans Taps, warum erinnerst du mich daran? eS war ein dummer Streich.— Sie müssen wissen, Herr Doctor, ich hatte gestern Abend verdammte Schmerzen m der großen Zehe; daS Bad von Salzsäure, das Ihr He^ Rowley, oder wie er da heißt, empfohlen hat, wollte nicht helfen; da warf k)2 ich den Pfeifenkopf auf die Erde, daß er in Stücken sprang; das half freylich auch nicht. Aber merke dirs, Hans Duller! alle Menschen machen dumme Streiche, und noch habe ich keinen gefunden, der gern daran erinnert seyn mochte. Hans. War auch nicht so gemeint. Es sollre nur eine Einleitung vorstellen. Ich habe da einen hölzernen Pfeifenkopf gekauft, und ein Rohr von Ebenholz— wenn das Ding nicht zu schlecht wäre,— und der Herr Capi- tain wollte mir die Freude machen, an seinem Geburtstage eine geringe Gabe von dem alceu Hans anzunehmen. Franz. Ja so; laß doch sehn. HanS. Es ist freylich kein Meerschaum, aber der Herr Capitain muß denken, daß meine Liebe zu ihm auch kein Schaum ist. Franz. Gib her, ehrlicher Knabe. Hans. Sollte wohl mit Silber beschlagen seyn, aber ein Schelm thut mehr als er kann- Franz. Ich danke dir. Hans. Sie nehmen es? Franz. Freylich. Hans. Und werdsn auch daraus rauchen? F ranz. Ganz gewiß.(Er greif! i» die Tasche^ 67 wenn sie von achtem Schrot und Korn ust, müsse sich auch durch ein Loch in der Dachkammer belauern lassen. Franz. Bube! du lassest mich heute in den unterste» Raum deines Herzens schauen. Hau s. Desto besser! Mein Ballast ist Liebe und Treue für meinen Herrn. Bluhm. Es wäre doch immer der Mühe werth, die Sache zu untersuchen. Franz. Das will ich auch. Mit meinem lahmen Beine will ich auf die Dachkammer hinken, und— pfuy! wird mirs doch sauer, das elende Wort auszusprechen— ich will horche n. Aber Gnade dir Gott, Bursche! wenn du gelogen hast! ich jage dich ohne Barmherzigkeit aus dem Hanse. HanS(ttmiherjig.) Das thaten Sie doch nicht. Franz. Wie? Hans. Nein, das thaten Sie nicht. Franz(hitzig!) Potz Element! ich sage dir aber: ja, ich werde es thun! und will es thun, und wenn du noch ein Wort rasonnirst, so thue ich es jetzt gleich auf der Stelle. Hau s. Nun so geht der alte Hans Buller inS Hospital. Franz(von diesem Worte ergriffen.) In s Hospital?— wie?—was willst du da machen? Hans. Was sonst, als sterben. Franz. Du willst im Hospitale sterben? — He?— meinst du, ich konnte dich nicht versorgen, wenn ich dich auch aus dem Hause jage? Hans. O.ja, Sie würden mir einenZehr-^ pfennig nachwerfen, das; ich genug halte bis ins Alter; aber lieber betteln, als einen nachgeworfenen Aehrpfennig aufheben. Franz. Lieber betteln? da haben wir den stolzen Buben. Hans. Wer mich nicht lieb hat, der muß mir auch nichts schenken. Franz. Hören Sie nur, Herr Doctor, ist das nicht, um das Podagra auf der Stelle zu kriegen, wenn man es noch nicht hat? Als wir vor zwanzig Jahren in die Klanen der Algierer geristhen, und mir die Korsarcn mein letztes Wamms vom Leibe nahmen, da hatte der Bube seine paar Goldstücke im Haarwulst verborgen; niemand fand sie. Ein halbes Jahr nachher wurden wir ausgelost, Leben und Freyheit brachten wir davon; aber nackt und bloß trat ich wieder in die Welt, und hätte, wie 85 Hans. Was soll ich denn mit der Pfeife machen? Sie wollen sie nicht, und ich konnte doch in meinem Leben nicht daraus rauchen. So oft ich den Dampf von mir bliese, würde ich denken: Hans Bnller, du bist ein elender Mensch! ein Man», dem du dreyßig Jahre treu und redlich dientest, hat dich einen verleumderischen Buben genannt— und da würde ich täglich drüber weinen müssen wie ein Kind. Ist aber die Pfeife einmahl zum Henker, so vergißt -sich das übrige leicht. Ich werde denken: mein guter Herr ist krank, er hat es so böse nicht gemeint. Franz steweat.) Hans, komm her,(er reicht ihm die Hand) ich habe es so böse nicht gemeint. Haus(küßt hie Hemd.) Das wußt ich wohl. Zch meine es ja wahrlich gut! und wenn ich sehn muß, daß eine alte Beihschwester Sie betrügt, von Zbrem fairer erworbenen Gelde schmaust, und Sie wohl gar noch darben laßt, da kocht mir das Blut. Franz. Fängst du schon wieder an? H a n s. Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Das Eis ist gebrochen. Was ich auf dem Herzen trage, muß vollends herunter. Vor 86 zwey Tagen habe ich zufälliger Welse eine Entdeckung gemacht: In meiner Dachkammer hinter dem Ofen ist in der Diele ein Loch mit einem Schieber. Der.das Haus gebaut hat/ mag am besten wissen/ warum er eben da ein Loch ließ. Ich stehe und krame unter alten Lumpen, da fällt mir plötzlich der Schieber in die Augen. Hm! denke ich/ was soll das bedeuten? ich stoße mit dem Fuße das Ding auf die Seite/ und siehe, man kann Herunterschauen in Frau Grießgr am s K ä m m srle in. Franz(hämisch.) Und horchen, wenn mau Lust dazu hat? Hans. Und horchen, wenn man seinen Herrn liebt. Franz. Nun, was hast du denn da aufgeschnappt? Hans. Der Linksmacher, der Eyterborn, lehrt sie die Bolzen drehen, die sie auf Ihren Geldkasten losschießt. Franz(hitzig.) Halt er an! Kerl! ist der Satan in dich gefahren, daß du dich heute, wie eine unverschämte Fliege, auf jeden blanken Spiegel setzest? Eyterborn, der ehrlichste Maizn in der Stadt— Hans. Ich meine immer, die Ehrlichkeit, ei» Handwerksbursche, mich nach Hause fechten müssen, Iveiiü(mit gerührter Stimme) der Kerl da nicht seine Goldstücke mit mir getheilt harte. (Hitzig) Und nun will er im Hospitale.sterben! Hans.(bereuend) Herr Capitain— F r a n z. lind als mein Schiffsvolk die Meuterei) gegen mich anzettelte, und er mir Gefahr seines Lebens mirs entdeckte— hast du das vergessen, Bube? Hans. Dafür bauten Sie meiner alten Mutter ein Haus. Kran z. Und als wir mit dem braven Franz- mann Bord an Bord fochten, als die Säbelklinge über meinem Haupte schwebte, und du den Arm lahmtest, der mir den Kopf spalten wollte— hast du das auch vergessen? habe ich dir dafür auch ein Haus gebaut? willst du noch im Hospitale sterbe»? he? Hans. Mein guter Herr! Franz. Meinst du, mau solle einst auf meinen Grabstein setzen: Da unten liegt ein undankbarer Hund?— Sage gleich/ daß du bey mir sterben willst, du Bube! komm her, gib mir die Hand. -Hans(stürzt zu seinen Füßen.) Ja, mein wackerer Herr! diese Hand wird dem alten Hans fl Bnller die Augen zudrücken. n Franz. Halc er an! komm mir nicht an b mein krankes Dein! aber wenn es denn doch^ seyn toll, lieber an das Dein als an das Herz. S B lud m. Vortrefflich! diese Stimmung" wiisi ich nutzen. Wer so mir einem alten treuen Diener umgeht, der kann nicht unversöhnlich 2 gegen einen Bruder seyn.(Er geht ah.) h k Achte S c e n- e. l i Franz Bertram und Hans Buller.^ Franz. Steh anf! geh hinunter und hohle l mir die Pfeift.^ Hans. Mit Freuden.(Er steht auf) Aber i was sprack der Doctor von ihrem Bruder? wird es Ernst mit der Aussöhnung? Franz. Er hofft es.^ H a n s. Und Sie wünschen es, nicht wahr? Franz. Ja, wenn ich so Manches ungeschehen machen könnte! Hans. Wer weis; denn auch, ob Alles geschehen ist, was die Leute Ihnen in den Kopf m« setzen. Eö gibt so böse Menschen, die, wo sie nur ein wenig Ranch sehn, gleich blasen und a„ blasen, bis eine helle Flamme daraus wird. och Dann stehen sie schadenfroh dabey, und schla- ry gen die Arme in einander, oder tragen auch „g wohl noch ein Stuck Holz zum Feuer. Löschen ,e,i würde keiner, wenn es ihn auch nur ein Glas Ach Wasser kostete. Franz^nachdenkend.) Ja, ja, Alter, da hast du wohl Recht. Hans. Ich kabe manchmahl bey Feuersbrünsten zugesehn, irre die Leute eine Reihe machen, vom Brunnen bis zum Feuer, und sich die Waffereimer Hand in Hand reichen. ' Gerade so gehts auch, wo Hader und Zwietracht hle brennen; da laufen auch die Eimer aus einer Hand in die andere, aber der Brunnen, aus ier dem geschöpft wird, ist mit Ohl gefüllt, ird F r a n z. Mag wohl seyn. Hans. Machen Sie den bösen Menschen einen Querstrich durch ihre Satansrechnung, rl Biethen Sie die Hand. Thun Sie einen halben ;e- Schritt entgegen. Es ist doch immer Ihr Bruder— Ihr Zwillingsbruder. Fran z(vor sich hinsehend.) Mem Uoruder Hans, Segen über den braven^üoctor? rch ;e- 92 habe immer gedacht: ein Arzt könne nur den sieib curiren, aber so etwas ausgleichen, das H muffe ein Prediger thun. Nun auf den Rock kommt es ja nicht an, und auf die Perrückt h« auch nicht- Franz(mit einem Seufzer.) Bruder! Bru- Fr der! HanS. Was hilft», wenn er Sie vom he Podagra curirtV sterben muffen Sie doch Ein Mahl. Aber wenn er Ihnen die böse Wunde sti heilt, die sonst vielleicht im Grabe nicht zuwüchse— ls Franz. Ja, wenn er das thut— Hans. Und wenn nun Ihr Bruder Philipp mit freundlichem Gesichte hercintritt— Franz(auffahrend.) Herei>itritt?, hier Her- eintritt? Hans. Ja, und wenn er die Hand ausstreckt— Franz. Die Hand ausstreckt?(er streckt selbst unwillkürlich die Hand au-, und zieht sie wieder zurück.) Hans. Ja, und wenn er sagt: Bruder! zieh deine Hand nicht zurück— Franz(ängstlich.) Nun? weiter? 9^ Hans. Und wenn er dann mit der offenen Hand immer naher kommt— Franz. Immer näherkommt?(erreichtihm die Hand juckend entgegen.) Hans. Ja^ und wenn er sagt: Bruder Franz! unsere Mutter sieht uns— Franz(sehr gerührt auf seine»! Stuhle hin und her rutschend.) Wenn er das sagt— Hans. Und sich dabey in Ihre Arme stürzt— Franz(die Arme a»M'reitend.) Bruder Philipp! (Der Vorhang fällt.) 94 Dritter Act. (Der Schauplatz ist wie im ersten Act.) Erste Scene. Traugolt(allein.) (Er aröcitst an einem große» Stiefel.) Db unser^ Eins Pantoffeln für ein hübsches Mädchen macht, oder ein Paar Stiefel für einen Kürassier, man sollte denken, das käme auf Eiri. heraus, und ist doch nicht wahr. Woran'' liegts?— der nähmliche Draht— das nahm!!-^ che reder—- nur nicht der nähmliche Fuß. Da steckrs eben. Wenn ich einen solchen Stich!^ betrachte, so steht immer der ganze Küraffirl^ vor mir, und da geht denn auch die Arbeit lang-^ sam und schwerfällig. Aber ein Schuh M^ Mamsell Lottchen—(Er si-yt sich um, und s-rM sich auf den Mund.) Stille! Lo gol Zin bei we Zweyte Scene. Lottchen mit dem Strickstnunpf. Traug o t t. Lottchen. Noch immer so fleißig, Tran- gott? Trangott. Fleißig? ach nein! heute früh ging es besser. Lottchen. Wer mit Tages Anbruch zu arbeiten begann, der muß sich nach dem Essen ein wenig schlafen legen. Traugort. Ach liebe Mamsell! mit dem Schlafe» will es seit einiger Zeit nicht recht bey mn- fort. Lorrchen. Wie geht daS zu? Er ist jung IMd gesund. Tra ug ott. Ja, das nvohl. Essen und Trinken schmeckt mir auch, aber der Schlaf hat mir alle Freundschaft aufgekündigt« W,enn ich in meiner Kammer den Pava husten, oder Sie gehen höre— o, ich kann Ihre Schritte gar eigentlich von den Schritten der alten Amme unterscheiden— weg ist der Schlaf! Lottchen. Armer Traugott! also sind wir Schuld daran? Traugott. Ach! das hat nichts zu bedeu- ten. Ich musi es mir gesteh»: zuweilen ist er ordentlich, als ob ich mich freute, wenn Pcwa hustet, denn rch weiß schon, gleich nach dem Husten höre ich Sie herbey laufen. Lottchen(sich umsehend.) Ach da kommt der fatale Graf schon wieder. Keinen Schritt kann man vor die Thür thun. Null Traugott, nu» werde ich an seine Schuhe denken. Dritte Scene. Gr. Sonncnstern. Die Vorigen. Graf. Vortrefflich! meine Ahndung hat mich nicht betrogen. Lottchen. Glaubt man in der großen Welt auch noch an Ahndungen? G raf- Mein Herz flüsterte mir zu, das;ich Sie hier finden würde. Lottchen. Sehr natürlich, denn ich bin immer um diese Zeit hier, um meines Vaters Mittagsruhe nicht zu stören. Graf. Der Himmel scheint Sie aber einmahl zur Ruhestvrerinn bestimmt zu haben. Lott- 97 L o ttchen. Da thun Sie dem Himmel und mir Unrecht..^ Graf. Sie sagen das so gleichgültig— Lottchen. Und ich bin doch wirklich ärgerlich, denn— es ist mir da eben eine Masche gefallen. Graf. Ich verstehe, Sie sind furchtsam, mich anzublicken. Lottchen(ficht ihn mit großen Augen an.) Warum das? Graf. Lesen Sie nichts in meinen Augen? Lottchen. Gar nichts. Graf. Wie lauge wird die Sprache, des Herzens Ihnen fremd bleiben? Lottchen(mit erkünstelter Einfalt aus ihr Strick- Mg sehend.) Je nun, so lange, bis der rechte Sprachmeister erscheint. Graf. S'.e hören die Stimme der Liebe, und verschließen Ihr Ohr. Lortchen. Ein Mädchen muß nicht Alles Hören. Graf. Sonderbar! gerade waS die Mädchen am liebsten hören, sollen Sie nicht hören dü rfe n. Lottchen. Und das wäre? Graf. Eine Liebeserklärung. Koheimc'S Theater, g. Ld. E 98 Lot tchen. In Gegenwart des Vaters darf das wohl geschehen. Graf. Warum denn nur in Gegenwart des Vaters? der Varer erfährt das immer noch früh genug. Überhaupt gibt es Dinge, dre man nur unter vier Augen sagen, wenigstens gut sagen kann. Wenn so ein Graubart dabey steht, mit Schnee auf dem Scheitel und Eis im Herzen, da gefrieren die Worte dem Liebhaber auf der Zunge. Lottchen. Das müssen wohl auch nur Worte seyn, weil sie so leicht frieren. " Graf. Liebes Mädchen, das Alter ist des Lebens Winter, die Liebe hingegen des LebenS schönste und zarteste Blume, sie verträgt den frostigen Hauch des Winters nicht. L ot tchen.Das ist viel zu hoch für mich, viel zu poetisch. Graf(»geduldig.) Mem Gott! Lesen Sie denn nicht wenigstens einen Musen- Almanach? Lottchen. Ich lese nur Gelletts Fabeln. Graf. Nun, so muß ich Ihnen in platter Prose sagen, das ich Sie liebe. Lottchen. Da ß Epigramm hatten S>e mir auch wohl m Versen sagen können. Graf. Wie? Sie nennen meine Liebe ein Epigramm? Lottchen. Ja, Herr Graf, ein beißendes Spottgedicht auf Unschuld und Armuth. Graf. Spott?— Sehen Sie mir ins Auge. Diese Thräne sey mein Fürsprecher. Lottchen(steht ihn an.) Eine Thräne? Ich sehe nichts. Graf. Mein klopfendes Herz,, meine glühende Wange— Lottchen. Warum gehen Sie auch in der Mittagshitze spazieren? G r a f. An mir ist jetzt die Reihe, über Spott zu klagen. LFttche n. Das Vergelrungsrecht. Graf. Sie weichen der Antwort.auf meine' Erklärung aus. Lottchen. Soll ich denn wirklich ernsthaft antworten? Graf. Ernst und gütig. Lottchen. Nun, Herr Graf, ich bin ein einfältiges Mädchen, aber Einfalt und Leicht Müdigkeit sind nicht immer beysammen. Von Mren jchonsn Phrasen glaube ich nicht eine Sylbe. Wie können Sie mich lieben?—- «s eit zwey Monathen gehen Sie oft hier vorbey, und wenn ich vor der Thür bin, so reden Sie mit mir,dasistesAl'es. Graf. Und ist das nicht genug? man darf Sie nur sehn— Lottchen. O, es haben mich viele Leute gesehen/ und sind ganz ruhig dabey geblieben. Übergesetzt, Sie liebten mich, was weiter? Graf. Eine sonderbare Frage. Lottche n. Ich bin ein armes Mädchen, und Sie sind'ein reicher Graf. Graf. Sie haben Recht, es gibt Vorurteile, aber das Herz weiß sie zu überlisten. Ich habe nur Ein Herz> es gehört ganz Ihnen; ich habe zwey Hände, und darf ZlMN wenigstens die linke biethen.» Lottchen. Die Linke? ha! ha! ha! gilt das nicht gleichviel? G r a f. Für Liebende gleichviel, für dsi Welt ei» wenig Staub rn die Augen. Lottchen. Und für meinen Vater? Graf. Er ist vernünftig. Lottchen. Aber den Staub liebt er nicht. Er spricht immer: was man nicht vor den hellen, klaren Blicken der ganzen Welt thün kann, das muß man lieber gar nicht thun.(Scham-asi.) Mich dünkt/ ich höre ihn kommen. Wollen Sie ihn um seine Meinung fragend Graf(verlegen.) O ja— warum nicht— wenn nur—(bey Seite.) Verdammt! ich will leichter zehn Koketten besiegen/ als Ein unschuldiges Mädchen.(Laut.) Ich bin in Verzweiflung/ daß ich Sie verlassen muß. Der Baron Sommer gibt heute einen Ball— wer Henker wird in dieser Hitze tanzen?' ich habe es gesagt/ ich habe eS hundert Mahl gesagt/ aber da war nicht los zu kommen. Ich muß eilen, mich umzukleiden. Auf Wiedersshn, schöne» Lsttchen! Ich lasse Ihnen mein Herz zum Pfande..(Er hüpft fort. Am Ausgang der Scene begegnet ihm E V t e r r> o r n.) Ach! gut, daß ich Sie finde! Auf ein Wort.(Er faßt ihn unter den Arm, nnd geht mit ihm davon.) Lottchcn. Er mag sein Pfand immer auch mitnehmen; denn ich weiß wahrhaftig nicht, wo ich es verwahren soll. Schade, daß ich nicht früher auf den Einfall kam, ihn mit meinem Vater,zu schrecken. Traugott(den Kopfschüttelnd.) Ey! ey! wenn doch der junge Herr lieber ein ehrliches Handwerk gelernt hätte, so wäre er kein Bötzhase in der Rechtschaffenheit geblieben. Vierte Scene. Philipp Bertram von Annen geführt. Die Vorigen. Lo ticken. Lieber Vater, Sie kommen zu spat, eben ist mein Liebhaber davon gelaufen. Phil. Dein Liebhaber? Lottchen. Er lief, weil er Sie kommen hörte. Phil. Hüthe dich vor einem-Liebhaber, der des Vaters Tritte scheut. A n n e. Gewiß ist der junge Graf wieder hier gewesen? Lottchen. Errathen. Phil. Graf? junger Graf? ich will nicht hoffen— Lottchen. Werden Sie nickt ernsthaft, es ist nicht der Mühe werth. Phil. Lottchen! ein liebender Vater zitiert, wenn sich auch nur im Traum seiner Tochter Busentuch verschiebt. Rede, wer ist dies» Graf? Lottchen. Er heißt Sonnenstsrn- Phil. Ich kenne seinen Vater, er V reich ic>5 und mächtig bey Hofe; dann taugen gewöhnlich die Sohne nicht viel. L-eechlN. D>Ue etiUgri« Mviml-Hrn läuft er täglich wohl zwanzig Mahl hier vorbey. Phil. Laß ihn laufen. Lottchen. So oft er mich vor der Thür findet/ redet er mich an. Phil. Er muß dich nicht vor der Thüre .finden. Lo ttchen. Unter dem Verwand/ mir Bücher zu leihen— Phil. Was für Bücher? Lottchen. Romane. Phil. O weh! du sollst keine Romane lesen. Ich kenne deren kaum drey oder vier/ bw ich dir in die Hände geben möchte/ und auch die haben noch das Üble an. stch/daß sie mehr zu lesen reihen. Lottchen. Bald bringt er mir Obst oder Zuckermerk/ bald einen Blumenstrauß— Phil. Und du nimmst es? Lottchen. Solche Kleinigkeiten/ ja. Phil. Lottchen! das war nicht recht. A nn-e. Ich habe es hundert Mahl gesagt- (Sie geh? sald darauf in§ HauS.) Lottchen. Er hat mir oft auch kostbare Geschenke angebothen. Pyii. Zcy frage nicht, ob sachter sie ausgeschlagen. Horst du? Ich frage nicht. Lottchen. Nein, mein Vater; denn es versteht sich von selbst. Phil. Schlimm genug, daß man sich unterstand, dir welche anzubiethen. Lottchen. Heute sprach er gar vom Hci- rathen. Phil. Vom Heirathen? Der Mensch ist entweder ein Narr, oder ein Bosewicht. Lottchen. Ein Narr, lieber Vater. Er schwatzte von einer Trauung an die linke Hand. C'.lt es denn nicht gleichviel, mit welcher Hand man sein Herz verschenkt? Phil. Nun errathe ich. Nein, er ist keui Narr, er ist ein Bosewicht; Lottchen! ich verbiethe dir jedes Gesxrach mit ihm. Lottche n. Desto besser! Phil. Siehst du ihn von Ferne kommen, so geh ins Haus. Lottchen. Recht gern. Phil. Der Mensch hat dich und mich be- io5 leidigr; er hat die Achtung mit Fußen getreten, die jeder edle Mann der Armuth schuldig ist. Lottchen. Sie nehmen das so ernsthaft, lieber Vater; habe ich denn etwas Böses gethan? Phil. O mein Kind! ein Mädchen thut schon Böses, wenn es den Schein nicht vermeidet. In der ganzen Natur gibt es keine so zarte Pflanze, als die Unschuld. Der Staub aus den Flügeln des Schmetterlings ist minder vergänglich, als der gute Ruf eines Mädchens. Sein gefährlichster Feind ist nicht Verführung, sondern die Eitelkeit der Jünglinge, die jeden freundlichen Blick, jedes höfliche Wort in der Stadt herum tragen, und durch leise Winke zu verstehen geben: man dürfe nach Belieben das Übrige hinzu setzen. Was meinst du, wenn dieser Gras seine Geschenke xou Zuckerwerk und Blumenstraußern beym vollen Glase ausposaunt? wenn er zum Nachbar spricht:„Herr „Bruder! dort in der Vorstadt wohnt ein kleines hübsches Mädchen, wir sind schon ziemlich „bekannt u. s. w." Dann ergreift der Nachbar das Glas, und antwortet:„Herr Bruder! dein „Mädchen soll leben!," Lottchen. Lieber Vater, ich schäme mich.. Phil. Was hilft dir dann deine Unschuld» dein Bewußtseyn? kannst du auf den Markt treten und sprechen: Hort/ ihr Leute! murmelt nicht! ich bin unschuldig! Lottchen(weinerlich.) Ach/ mein Vater! Phil. Und eben weil du das nicht rannst, mußt du dichten und trachten, daß man gar nicht von dir spreche/ nicht einmahl etwas Gutes, wenigstens nicht viel; denn das Gute erweckt Neider/ und die Neider finden gleich ei» Aber. Wohl dem Mädchen/ von dem man/ wenn es Braut wird/ sagt: wer ist sie? ich kenne sie nicht; ich habe nie von ihr gehört. Lottchen(an seinem Halse.) Sie sollen, nie Ursache finden/ diese Lehren zu wiederhohle». Phil.(sie umarmend.) Dieß Versprechen ist das köstlichste Geschenk/ das du mir an meinem Geburtstage machen kannst. Fünfte Scene. ^ Eyterborn. Die Vorigen. Eyterb. Serviteur! Ich komme so eben von der jungen Dame/ deren ich diesen Morgen 107 erwähnte. Ich wünsche Ihnen Glück, Lre Sache ist richtig. Phil.- Welche Sache? Eyterb. Sie ist erböthig, Ihre Mamsell Tochter als Gesellschafterinn zu sich zu nehmen. Die Bedingungen sind vortheilhaft. P h i l. Gesellschafterinn? Ach lieber Freund! meine Tochter hat wenig gelernt, und die Kunst, Andere zu amüsiren, versteht ste gerade am wenigsten. Eyterb. ES ist ein Haus, wo sie sich in kurzem bilden würde. Phil. Lottchen, hast du Lust? Lottchen« Große Lust, bey Ihnen zu bleiben. Phil. Wer ist denn die Dame? Eyterb. Die Braut des jungen Grasen Sonnenstern. Phil. So, so. Hm! hm! Was meinst du, Lottchen? Lottchen. Mein Vater straft mich durch diese Frage. Phil. Ey, ey, Sie haben da einen häßlichen Auftrag übernommen. Eyterb.(verlegen.) Häßlich? wie so? ic>8 Phil. Sind Sie Bevollmächtigter der Brand? oder vielleicht des Bräutigams? Eyterb. Gilt das nicht gleichviel? Phil. Nein— ich habe einige Bedenklich- keiten— meine Tochter spürt'keine Neigung zu dieser Lebensart— ich bin alt und kränklich— kurz« soffen Sie uns nicht weiter davon reden.- Eyterb. Haben Sie alle Vortheile erwogen, die Sie von sich stoßen? Phil. Alle. Eyterb. Graf Sonnenstern ist reich. Phil. Desto besser für ihn! Es gibt so viele Leute, die nicht» seyn würden/ wenn sie nicht reich waren. Eyterb. Sein Vater hat mächtigen Ein- fluß— Phil. In seinem Cirkel/ und zu dem gebäre ich nicht. Zyterb. Er konnte Ihrem Prozeß leichk >br vortheilhafte Gendung geben. st)-> l. Würde hoffentlich zu spät kommen. Eyterb. Er könnte Ihnen eine Oberein- nch-mer Stelle verschaffen.- Dhil. Habe ich sie verdient? Eyterb. Ganz gewiß. 10g Phil. Es ist schön, wenn die Leute sagen: Schade, daß der Mann nicht Obereinnehmer ist, er hatte es wohl verdient! Eyterb. Ich kenne Ihre Umstände; ich weiß, Sie haben Schulden. Phil. Doch keine Gewissensfchuld. Eyterb. Wenn Ihre Gläubiger Sie drä- Een sollten— Phil. So hilft mir ein Freund aus der Noth. Eyterb. In der Noth pflegt die Taubheit epidemisch unter Freunden einzureisen. Traugott(steht auf.) Herr Steuereinne.h^ mer, hier ist meines Vaters Quittung. Phil. Welche Quittung? Traugott. Für die Hausmiethe. Phil. Guter Freund, die kann ich in diesem'Augenblick nicht bezahlen. Traugott. Sie ist bezahlt. Phil.(erstaunt.) Von wem? Traugott. Das weiß ich nicht, das geht mich auch nichts an. Phil. Unmöglich! Traugott. Belieben Sie nur zu lesen:zu Dank bezahlt. Phil. Was soll ich davon denken? Trau'gott. Alles Gute. Phil. Will fern Vater mir ein Geschenk machen? Traugott. Behüthe der Himmel! dazu -ist er selbst zu arm. Phil. Also wirklich bezahlt? Traugott. Wirklich. Phil. Und von wem? das erfahrt man nicht?. Eyterb. Vielleicht hat der nähmliche ver schmähte Graf— Phil. Herr! wenn ich das wüßte—- Traugott. Seyn Sie ganz ruhig/ das' Geld kommt von keinem Grafen. Ich glaube es ist ehrlich verdient. Sechste Scene. Ein Apotheker-Bursche. Die Vorigen. Der Bursche(-» Philipp.) Hier ist dü Rechnung. Phil. Wer ist er? Der Bursche. Ich bin der Bursche von der Apotheke. Phil. Schon gut. Komm er in der künftigen Woche wieder, dann hoffe ich ihn bezahlen zu können. Der Bursche. Wird nicht nöthig.seyn, die Rechnung ist schon, bezahlt. Phil. Bezahlt? von wem? Der Bursche. Das weiß ich nicht.(M.) Phil.(entfaltet die Rechnung IMS liest.)„drey „und vierzig Thaler zwölf Groschen dankbarlichst „qnittirt."— Was soll das heißen?— Euter Gott! habe ich denn je an Menschenliebe verzweifelt, daß solche Beyspiele nöthig waren, um mich zu bekehren?— Wem soll ich danken? —(zu Eyterbon,.) Freund, ich bin arm, aber ich schäme mtch meiner Armuth nicht. Wer mir heimlich gibt, meint es freylich gnt, er verschmäht meinen Dank nicht, der edle Mann will mir ihn nur ersparen. Aber einem guten Menschen ist damit nicht gedient, ein guter Mensch nimmt nur das gern, wofür er herzlich danken darf.-— Freund! ich bitte Sie, wenn Sie können, helfen Sie mir aus dem Traume. H2 Eyterb.(zackt die Achsel»,»ud macht ein zwa,- »emige Miene.) Phil. Was bedeutet dieß Achselzucken? Sie- können nicht? oder Sie wollen nicht? Eyterb. Wenn Sie Ihre w ah r e n Freu,!- de kennen/ was bedarf es denn noch einer Erklärung? und wenn Sie deren viele habe»,^ die solcher Handlungen fähig sind/ so wünscht; ich Ihnen Glück. Phil. Diese Art, mir auszuweichen, bringt mich fast auf die Vermuthung, daß Sie selbst^ der großmüthige Geber sind. Eyterb.(sich nur schwach vertheidigend.) Ich! — o ich bitte— freylich, meine Freundschach Sie— meine Grundsätze— aber ich b!» selbst nicht reich— Phil. Umso eher. Die Reichen geben selten, und noch seltner heimlich. Eyterb. Zu so ansehnlichen Geschenken gehört nicht bloß guter Witte, sondern auch Vcw mögen. Beydes vereint kenne ich nur in de« jungen Grafen. Lottch e n. Vater, wenn der es ist, so will ich Tag und Nachtarbeiten, bis wir das Geld bezahlt haben. l r Phil. Eher wurde ich deiner Vtutter Rrng »erkaufen/ als solche Wohlthaten annehmen. E y-t,'e k. Manche Leute würden das Eigensinn schelten. Phil. O, Sie glauben nicht/ wie kräftig solcher Eigensinn eine magere Suppe würzt. Lottchen. Ich sehe unsern Doetor kommen. Vielleicht kann er das Räthsel losen. Eyterb.(spöttisch.) Ey freylich' Das ist ein Doetor/ der Alles kann/ Kranke curireii/ und Processe führen/ und Romans stylisiren. (Bey Seite.) Fataler Mensch/ mit seinen starren Blicken/ überall durchkreuzt er meine Wege.(Laut.) Serviteur, Herr Steuereinnehmer! Überlegen Sie meinen Vorschlag. Ich meine «s. ehrlich, und kenne die Welt nicht aus Romanen.(Ab.) Lottch en. Immer hackt er auf den braven Doctor. Das ist schlecht. Phil. Pfui), Lottchen! verdamme Niemand. So lauge die Herzen der Menschen ohne Glasfenster bleiben, so lange darf keiner sagen: das ist schlecht! denn nur Gott schaut auf den Grund. Eyterborn ist ein ehrlicher Mann, aber ein Mensch. Der Doetor hat ihm in's juristische Handwerk gepfuscht, und da« hat ihi> oerdroffen. Lottchen. Ich wette/ wenn d>i>,s»v E>-t-r- bsrn einen Kranken curirke, der Doctor w-ürdr sich drüber freuen, und folglich ist er ein befsr- rer Mensch. Phil. Das mag seyn. Siebente Scene. Doctor Bluhm. Die Vorigen.' Phil. Willkommen, lieber Doctor! mein Lottchen hielt Ihnen eben eine Lobrede. Blüh m. Ich höre mich zwar nicht gern iiü Gesicht loben, aber dieß Mahl Ware ich doch gern dsbey gewesen. Lottchen. O ich denke viel mehr Guteiu von Ihnen, als ich sage. Wir sprachen über Sie und Eyterborn. Mas habe» Sie dem Mam>< gethan: er kann Sie nicht leiden. Bluhm. Er gibt Menschen, deren Feint schaft man bloß dadurch erwirbt, daß man st kennt und durchschaut; so wie es bnl sicherste Mittel ist, die Liebe der ganze» Welt z» gewinnen, wenn man jeden Menschen für das zn nehmen scheint, wofür er sich gern geben mochte. 'Phil. Heute ist es mir unmöglich, mit Ihnen über die Menschen zu philosophi- ren, denn heute kann ich sie nur lieben. Denken Sie, lieber Doctor, da halte ich zwey bezahlte. Rechnungen in meiner Hand, bezahlt und quittirt, ohne daß es mich einen Heller kostet. Vluhm(sich fremd stellend.) Ey, wie das? Phil. Ein unbekannter Wohlthäter. Helfen Sie mir rathen. Bluhm Machst,inend.) Ich wüßte nur Einen Mann, den ich dessen fähig hielte— Phil.(hastig.) lind der wäre? Bluhm. Ihr Bruder. Phil. Mein Bruder? Er, der seit fünfzehn Jahren die bittersten Schriften gegen mich eingab? Blüh m. Jens Schriften hat sein Advo- cat geschrieben; diese Rechnungen hat er selbst bezahlt. Phil. Wirklich bezahlt? B luhm. Ich vermuthe wenigstens. Er hat 1l6 mich einige Mahl von weiten über Ihre Umstände ausgehöhlt. Phil.(versinkt in Nachdenken.) Traugott(vor sich murmelnd.) Hm! wer da schweigen kann— Bluhm(ihn schnell unterbrechend.) Gute» Tag, Traugott! wie geht es ihm? Traugott(brummend.) Ich weiß auch gar nicht/ warum Bluhm. Warum die Leute so wenig.Stie-, sein tragen? das kommt daher, weil wir in einer Neside»ß leben.(Sk winkt«hin mit den Augen.) Traugott. Ja, ja, ich verstehe. Schon gut, schon gnt. Phil. Freund! Sie haben eine Centnerlast auf mein Herz gewalzt. Bluhm. Sollte Bruderliebe so drückend seyn? Phil. Wohlthaten aus Feindes Hand— Blnh m. Sind der Erste Schritt in das Gebieth der Freundschaft. Lottchen. Ach! wenn ich doch endlich den Oheim lieben dürfte! Bluhm. Das werden Sie bald dürfen. Lieber Freund, ich bin ein Friedensbothe. Der Proceß ist geschlichtet, ganz nach Ihrem Wuin "7 sche. Die Arten werden, in die Polterkammer geworfen, und mit ihnen aller Groll. Phil. Hilf mir auf, Lottchen! daß ich dem Biedermanne um den Hals falle. Bluhm(ihn umarmend.) Gott erhalte Ih^- »en Gesundheit und Frieden! es sind die größten irdischen Schätze. üortche n(ergreift mit beyden Handen die Sehnige i,,!d drückt sie mit Wärme.) Guter, lieber Herr Bcctor! Gott segne Sie! wenn ihre alte Mutter einmahl krank werden sollte, nehmen Sie >a reine andere Wärterinn, als mich. Bluhm. Ich halte Sie beym Wort. Phil. Gott! du hast mich nie über meine -ümuth murren hören!— nur heute— warum kann ich diesem Manne nicht vergelten! Blüh in. Sie arm? im Besitz einer solchen Tochter? Phil. Kann sie mehr, als ihre dankbaren thränen nur den meinigs» vermischen? Bluhm(mit Nachdruck.) Sie könnte mehr. P h> l.(stutzt.) Wie— Herr Doctor— Bluhm. Werden Sie schlechter von mir ^nken, wenn Sie mich eigennützig finden sollten? H P h r l.(zweifelhaft.) Ich verstehe Sie nicht. Bin hm. Auch Sie nicht/ gutes Kind?— Sie errörheu? Lottchen. Ja, das fühle ich— aber ich weiß wahrhaftig nicht warum? B luh m. Sagten Sie nicht diesen Morgen, Sie würden den Mann lieben, der Ihres Es- ters Alters sorgenfrei) machte? Lottchen. Ja, das habe ich gesagt. Bluhm. Und würden ihm Hand und Herz mit Freuden gebe»? Lottchen(schweigt nnd blickt t-er sich nieder.) Bluhm. Sagten Sie das nicht auch? Lottche n. Ich glaube fast. Blüh m. Werden Sie Ihr Wort nicht zu? rückziehn? Lottchen. Nein. Bluhm. Auch wenn ich der Mann wäre? Lottchen(schweigt.) Bluhm. Sehen Sie mich an. Lottche n. Ich kann nicht. Bluhm(ergreift ihre Hand.) Ich habe Sie herzlich üeb. Lottchen. Ich Sie auch. Bluhm. Sie wollten meine alte Mutter pflegen— "9 Lottchen. Herzlich gern. B luh m. Und ich Ihren braven Vater. Lottchen« Ach! Sie sind so ,gut—(mit sanften Thränen.) Ich verdiene das nicht. Bluhm. Wer eine Tochter sieben Monathe lang am Krankenbette ihres Vaters beobachten durfte, der kann in seiner Wahl nicht irren.— Ich bitte um Ihr Herz und Ihre Hand. Lottchen(vorn Gefühle überwältigt, reißt sich los, stürzt in ihres Vaters Arme, und verbirgt ihr Gesicht a» seinem Busen.) Mein Vater! Phil.(legt seine Hand auf ihr Haupt.) Gott segnet mich heute um deinetwillen! du gutes, frommes Kind! dieß Gluck verdankst du deiner kindlichen Liebe. O Herr Doctor! wenn meine Brust heute aufs Neue blutet, so ist es Ihre Schuld. Aber Sie würden mir den schönstenLvd geben, den Tod der Freude. Bluhm(ergreift seine Haub.) Lasten Sie >nich den väterlichen Segen theilen. Phil.(mit inniger Herzlichkeit.) Mein Sohn! — Sclame dich nicht, Lottchen, dein Manne, der dich so liebt, deine glühende Wange zu »eigen. lottchen(blickt schüchtern auf.) Phil. Gib ihm in deines Vaters Gegen-> wart den Ersten Kuß. Bluhm(umarmt mit Entzücken die sich sanft Sträubende.) Phil. Mit diesem Kusse hat mein Sohn jede bange Sorge der Zukunft von mir genom-> men. Nun, Gott! gebiethe über mein Leben!! ich hinterlasse keine Waise.— Das Capitel meines Kindes, Unschuld und Tugend, sind m den Handen eines redlichen Vormunds. Blüh in. Im erweiterten Kreise Ihrer> häuslichen Freuden ivird ihre Brust von nut l an freyer athmen. Nur Einer fehlt uns noch u> I diesem glücklichen FamUrenzirkel--- Ihr Bru- l der— Phil. Ach!^ Bluhm. Bald, hoff- rch, sind wir am^ Ziele.^ Phil. Keine Demüthigung, lieber Dcc-! tor!—^ Bluhm. Ihre Ehre rst jetzt die Meinige. Phil. Er wird den Ersten Schritt nicht; s thun, und ich kann ihn nicht thun. S B!» h m. Warum nicht? Pht l. Weil mein Bruder reich ist. Bluhm. Ich ehre Liese Getznnungen, hatte em hätte sie voraus gesehn, darum erklärte ich mich heute. mst P h i l. Welchen Unterschied kann diese Erklärung— je- Bluhm. Allerdings! bin ich nicht auch m- reich? und ist, was ich besitze, nicht Ihr Einst genthum! täl Phil.(schütte!! den Kopf.) >» Bluhm. Sie gaben mir, was keine Erde,Mätze aufwiegen— gures Weib! und m weilten das Wenige verschuiahen, was ich zu uw. geben vermag?— Nein, die Gleichheit zwirn Heu Ihnen und Ihrem Bruder ist wieder Herrn- gestellt, und Gleichheit gibt Vertrauen. Doch »erlange ich nicht, das, Sie selbst ihm entgegen kommen, nur an meine Braut wage ich die Erste an. Bitte. "ottchen(mit kindlicher Herz'ichkcit.) O, ge- oc- schwind! wenn ich doch Etwas thun konnte, das Ihnen lieb wäre. - Bluhm. Es würde mir sehr lieb seyn, bellst st-» bottchen, wenn Sie zu Ihrem Oheim gingen, und ihm zu seinem Geburtslage Glück wünschte,,. Locrchen. Herzlich gern. Phil. Sie ist Ihre Braut, und meine , Kotzri'ue's Theater, H. Bii. F Tochter— bedenken Sie, wie tief wir beyde uns gekrankt fühlen würden, wenn er sie zurück wiese. Bluhm. Das ist meine Sorge. Ich kenne Ihren Bruder, und kenne Lottchen. Phil. Nun, in Gottes Nahmen! Blüh m. Dann müssen wir den Abend froh. mit einander zubringen. ES ist ja mein Verlo- bungsrag. PH U. Sie bleiben bey unS, lieber Sohn. Bluhm. Nicht hier in diesem engen Hause. Frömmigkeit und Freude haben das miteinander gemein, daß sie unter.Gones freyem Himmel..»> lautesten, am gerührtesten sind. In Ihrem Garten wollen wir zusammen kommen. Phil. In meinem Garten? Bluhm. Sie müssen doch sehen, wie« aussi-chr, nachdem das Unkraut des Bruderzwistes ausgerollet worden. Wir, und ein Paar redliche Freunde— wenig Menschen, aber>» jeder Brust ein Herz. Ich habe mir das s-^ ausgedacht. Verderben Sie mir meine Freist' Nicht- Phil. Ich sollte Ihnen eine Freude reo derbrii? da sey Gott für! Die alte Anne soll nur gleich meinen braunen Rock Ausbürsten- r23 Ach Gott! wo ist'tonn die alte Anne? die ha, den wir ganz vergessen.— Anne! Anne!— pfui)! daß ich auch so spat an sie denken mußte. A nne(kommt aus dem Häuft,) Hier bin ich, Herr Steuereinnehmer. Phil. Blstduda?(er klopft sie auf die VEtt.) Komm, komm, du gute, alte, rerliche Seele! Führe mrch hinein, ich will dir Wunderdinge erzählen. Anne. Ey, Sie sehen ja so vergnügt aus. Phil. Komm nur, komm; ich sage dir, du wirst vor Freuden weinen.(Anne fuhrt ihn in das Haus.) Pluhm. Gehn Sie, liebes Lotlchen, gehn Ene zu Ihrem Oheim. Der Engel des Friedens umschwebe Sie!(Er folgt Philipp,) Achte Scene. Lottchen und Traugott. Lottchen. Wie ist mir?— habe ich geträumt?— ist denn Alles das wahr, was hier vorgegangen?— ich bin Braut?--- die Braut des edelsten, liebenswürdigsten Mannes?— F 2 124 Draugott(naht sich schüchtern.) Darf ein ehelicher Kerl seinen Glückwunsch— Curios, die hellen Thränen laufen mir über die Backen. Lottchen. Ich danke ihm, guter Traugott. Lraugott. Ich hätte wohl noch eine Bitte an Sie, Mamsell—(°e stockt.) Mamsell Braut.. Lottchen. Rede er. Traugott. Sie waren diesen Morgen so gut, em Paar Schuh von mir anzunehmen— eS sind freylich nur schlechte Schuh von Leder— aber Sie könnten mir eine große Freude mache«/ wenn Säe— wenn Sie in den Schuhen zur Trauung gingen. Lockchrn. Das will ich. Da hat er meine Hand darauf. Traugott-(küsit ihr die Hand. ehrerbiethig.! Dank und Segen/ liebe, gute Mamsell! Nun will ich Morgen mit dem Frühsten aufdie Wanderschaft gehen. Lottchen. Morgen schon? wie fällt ihn! dar so plötzlich eilt? Traugott. Ach! der Vater hat schon lange davon gesprochen, aber ich weiß nicht, ich hurte immer keine rechte Lust dazu. Nun ist n»rs aber, als müßte ich noch heute fort. Lottchen. Will er denn nicht hier bleibe», bis zu meiner Hochzeit? Traugott(ängstlich und schnell.) Nein!— nein!—- nein!— Morgen ganz früh, wenn Sie noch sanft schlummern, und von Ihrem braven Liebsten träumen, ist Traugon'schon über alle Berge. Lottchen. Gott lasse es ihm auch in der Fremde wohl gehn. Traug.ort. llm drey Jahre komme ich zurück, da wird wohl schon—(er mach! eine»er- stohlne Pantomime, doch ohne Lottchen anzusebn.) IlUN leben Sie wohl! Herzens- Mamsell! ich->vill mein Bischen Habssligkeiten zusammen packen. Lottchen. Wo gedenkt er denn hin? Traugott. Nach Rußland, dort soll es brav kalt seyn. Lottchen. Vergesse er seine guten Freunde nicht in der Ferne. Traug. Ach»ein! nein! dafür ist mir gar nicht bange.(Ce geht langsam, und kehrt«och ein Mahl um.) Darf ich Sie denn auch besuchen, wenn ich zurück komme? Lottchen. Es wird mir lieb seyn, ehrlicher Traugott. Trang. Es wird Ihnen neb,seyn?—-M- wiß'i— Nun, mir wirds auch recht lieb seyn! —(Er wischt sich die Thränen aus den Augen, und geh! langsam in das Haus.) Lottchen. Nun zu meinem Oheiml— O? wenn es Mir gelange, meinem guren Vater, heute an seinem Geburtstage,, einen Sohn und euren Bruder zu schenken.(Sie geht ad.) (Der Vorhang fällt.) l27 Vierter Act. (Zimmer in Franz Bertrams Häuft.) Erste Scene. (Frau Grieß gram sitzt und schlummert, mit emem Gebethbuch iu der Hand und der Brille auf der Nase. Lottchen tritt schüchtern herein, und sieht sich überall um. lottchen. Draußen Niemand und hier Niemand.(Sie erblickt die schlafende Frau Gricßgram, erschrickt und weiß nicht, ob sie näher treten soll. Endlich hustet sie.) Fr. Grieß gram(erwacht, gähnt und reibt sich die Augen.) War mirs doch/ ais ob Jemand hustete. Lottchen(hustet noch rinmahl.) Fr. Grie ßgr.(fleht sich um. Verdrießlich und -i-i-gen.) Nun? wer ist denn da? Lottchen. Ihre Dienerinn'/ Madam. 128 F r. Grie ßg r.(immer unfreundlich.) Wer-ist sie? was will sie? Lorrchen. Ich wünschte den Herrn Capital!! zu sprechen. Fr. Griesigr. Was hat sie bey dem Herrn Capitain zu schaffen? Lorrchen. Ich wollte ihm zu seinem Geburtstage Glück wünschen. F r. G r ießg r. Curios! Arme Leute konnten ein Dutzend Geburtstage im Jahre habe»/ kein Mensch würde darnach fragen; aber ein reicher Mann— da kommen sie wie die Ameisen aus allen Lochern i da machen sie rothe Striche im Kalender, damit sie es künftiges Jahr nicht vergessen, wo was zu hohlen ist.— Je du mein Gott! Jüngferchen, was geht sie denn des Herrn Capitains Geburtstag an? Lorrchen. Das werde ich ihm schon selbst sagen. Fr. Griesigr. So?— ey! seht mir doch! ihm selbst sagen?— ja, wenn wir ihn nur schon gesprochen-hatten. Mein gutes Kind, hier bin ich Frau im Hause, mir muß man sein Anliegen vertrauen. Lorrchen. Ich wußte nicht, daß mein -Heim verheirather sey. F r. Grr e'ß gv.(stutzt.) Oheim?— Ich will nicht hoffen— sie ist doch wohl nicht— ja, ja, das Gesicht gib» Mystrche— dre Jüngste Bertram? Lottchen. Die bin ich. Fr. Grießgr.(sie schief ansehend.) Ja, ja, sie ist ihrer seligen Mutter wie aus den Augen geschnitten. Lottchen(geht freundlich und zutraulich auf sie zu.) Haben Sie meine selige Mittler gekannt? Fr. Grießgr. So vorn Ansetzn. Je du lieber Gort! was will sie denn hier? weiß sie denn nicht, daß der Herr Capikain von der ganzen Familie nichts hören und nichts sehen mag? Lottchen. Das war vormahls. Aber jetzt, da der böse Proceß verglichen ist— Fr. Grießgr. Was? ist er verglichen? haben sie meinen armen Herrn doch endlich übertölpelt?* Lottchen. Ach Gott! wir sind so froh über den Vergleich— Fr. Grießgr. Ja, das glaub ich. Nun denkt ihr euch hier einzunisteln, hier ist ein warmes Nest. Lottchen. Nein, Madam, wir denken nur, daß cs schön'.st/ wenn ein Paar Bruder sich wieder lieb haben dürfen. Fr. Grießgr. Die Redensart hat ihr der liebe Papa wohl einstudierr? und da kommt sie nun her, und will ihre» Senf an den Mann bringen, und stört mich da in meiner Andacht; aber daraus wird nichts, Jungferchen, geh sie in Dotter Rahmen ihrer Wege. Der Herr Capi- tain ist krank, er schlaft, und hat auf das strengste verbothen. Besuche anzunehmen, am wenigsten aus dem Hause., Lottchen. Soll ich ihn denn wirklich nicht einmahl sehn? Ir. Grießgr. Kind, was kann das helfen? sie würde nur ein böses, brummisches Gesicht sehn? Lottchen. Aber ich darf doch gegen Abend wieder kommen? Fr. Griesigr. Beyseibe nicht! Ich darf nicht einmahl sagen, daß sie hier gewesen ist, sonst ärgert er sich, und bekommt gleich wieder Anfalle vom Ziyoerlein. Lottchen. Ach! daS wird meinen guten Barer sehr schmerzen! Fr. Grießgr. Er mnß sich wie ein Christ darein finden. Hat er doch den- ersten Schritt i3i zur Aussöhnung gethan, daS war löblich. Ach sie glaubt gar nicht, war für ein wunderlicher Mann der Herr Capitain ist! man hat seine liebe Noch mit ihm. Den ganzen Tag gepoltert um nichts und wieder nichts.— Geh sie, geh sie, Iungferchen, daß er sie ja nicht hier an^ trifft; denn in der ersten Hitze ist er ein Barbar. Lottchen. Mein Vater spricht doch immer, er habe ein gutes, redliches Herz. Fr. Grießgr. Ja, ja, redlich,das wohl, aber grimmig!— Fort! fort Jungfer! grüße sie den lieben Papa. Sage sie, die Frau Grieß- gram hat seit fünfzehn Jahren an dem harten Bruderherzen gehämmert und geklopft, aber es hilft nichts, es ist Alles vergebens. Lottchen. Mein armer Vater! Fr. Grießgr. Arm? ja so höre ich. Du lieber Gott! wir können nicht Alle reich seyn. Es geht ihr wohl knapp Iungferchen? Das Fähnchen da ist wohl ihr Sonntagsstaat? Nun, nun, wenn man nur ehrlich dabey ist. Lottchen. Das sind wir. Fr. Grießgr. Das gute Kind dauert mich, das Herz geht mir über!— Ich werde— ja gewiß ich werde— Jot bähen(hoffnungsvoll.) Was liebe Ma- dam? Fr. Grießgr. Sie und den lieben Papa rn mein Gedeih einschließen. Lottchen. Ach! ich bethe auch für alle Menschen, selbst für die, die uns übel wollen. Leben Sie wohl, Madam!—(Sie entfernt sich langsam.) Fr. Grießgr. Gott befohlen!—(bey Seite.) Endlich geht sie. Das wäre mir eben recht, einen solchen glatten Iltis unter meine Eyer zu lassen, über denen ich seit fünfzehn Jahren so emsig brüte. Zweyte Scene. Hans Biiller. Die Vorigen. Hans(der Lottchen an der Thür begegnet.) Wer ist sie, liebes Kind? zu wem will sie? Lottchen. Ach! ich wollte zu meinem Oheim, aber ich darf nicht. Hans. Ey, Sie sind doch wohl nicht gar Mamsell Bertram? Lottch en. Ja, die bin ich. i33 Hans. Willkommen! willkommen! wenn so ein hübsches, frommes Kind über die Schwelle eines Hauses tritt, so bringt sie den Frieden in jeder Nockfalte mir. Lottchen. Wollte Gott! Hans. Und Sie dürfen nicht zum Herrn Lapitain? Wer hat es Ihnen denn verbothen? Fr. Griesigr. Ich. Hans.-Ey, ey, Frau Griesgram, mit welchem Rechte— Fr. Griesigr. Darum lasse er sich unbekümmert, ich weis wohl was'ich thue. Lasse er die Jungfer in Gottes Nahmen gehn, der Herr schlaft. Hans. Er schlaft? bin ich doch noch vor zehn Minuten bey ihm gewesen; und hat mich auch wieder bestellt, ich soll ihm aus dem großen Buche vorlesen, wo die Seereisen drinn stehn. Warten Säe nur einen Augenblick, Mamsell, ich will Sie gleich melden. Lottchen. Gern, gern will ich warten. Fr. Griesigr.(tritt»»r die Thür.) Hans, er soll das bleiben lassen! ich will es nicht haben. Hans. Frau Griesgram, ich glaube sie hat den Teufel im Leibe.(Er schieln sie unsanft weg, tMl> geht in seines Herrn ZinNner.) Frau Grie.figram und Lottchen. Fr. Griefigr. Was?— mich so weg zu schieben? mir blaue Flecke in die Arme zu kneipen? Du Erzgrobian!— Nun Mamsell/ ich grarulwo!(mit einer höhnischen Vcrheugttng) Wisse»- Sie Ihre Rolle gut-auswendig? Gehn Sie dem lieben Oncle fein um den Bart, der hÄ Batzen— Lottchen. Ich verlange ja nichts als seine Liebe. Fr. Griefigr. Ja doch, das klingt zuckersüß; aber wir wissen schon, was dahinter steckt— «ine honette Berkeley. Lottchen. Lrebe Madam, was habe ich Ihnen zu Leide gethan? Fr. Griefigr. Sie? mir? nichts! mss der Welr gar nichts. Meine gute Mamsell, es gibt gewisse Lpute, die von gewissen Leuten gi» nicht beleidigt werden können, und wenn gewiss« Leute Alles sagen wollten, was die Stadt rot gewiffenLeuten spricht, so würden gewisse Leull vor Scham ihre Augen nicht aufschlagen könne». Aber wer in den.Koch greift, bejubelt sich, line gute Christinn kann weiter nichts thun, als Gott bitten, daß er die Sünder strafe. Ich empfehle mich, Jungfer Sreuereinuehmerinu. (Sie macht einen tiefen K„ix, und geht«!>,) Vierte Scene. Lottchen allein. Unsere alte Anne hat wohl Recht, das scheint eine bitterböse Frau zu seyn. Gut, daß sie ging, so kann ich freyer sprechen.— Ob es wahr seyn mag, daß mein Oheim so hitzig, so polternd— wer weiß, sie wollte mich wohl nur furchtsam machen.— Und wenn auch; es gilt meines Vaters Freude! S ey muthig, Lotte! eine böse Viertelstunde hac auch nur fünfzehn Minuten.— Ich höre gehn— ach! wie mir^ das Herz klopft!(.Sie bleibt schüchtern im Hinter, Made stehn.) Fünfte Seen e. Franz Bertram. Hans. Lottchen. Franz(setzt sich auf einen Stuhl, ohne sich nach Lottchen uminsehn.)-Die Jungfer Nichte? was will denn die bey mir? Hans. Ich weif; nicht/ aber sie sieht so liebreich aus, daß ich wetten wollte, sie bringt gute Bothschast. Franz(nach einer Pause.) Nun, wo ist>ik denn? H a ns. Da hinten steht sie. Fra nz. Ich sott chr wohl entgegen hinken? Hans. Kommen Sie doch naher, liebe Mamsell. Lottchen(wankt, und bleibt furchtsam auf rcm Platze.) Franz(horcht, ob sie näher kommt.) Ich hbtk nichts. Hans. Sie zittert. Fran z. Zum Henker! warum zittert sie denn? Lottchen(tritt einige Schritte näher.) Ich"" ich— Fran z(jU Hans, der neben seinem Stuhle sieht.) Nun? kann sie nicht reden? - H a n s. Sie weinr. Franz. Zum Teufel! Warum-,veint sie denn'! Loltchen(faßt sich ein Hnz.) Ich komme, ueber Oheim, Ihnen Gluck zu wünschen. Franz(raul,.) Wozu"!. Lottchen. Zu Ihrem Geburtstage. Franz. Großen Dank! Sie hat wohl erst seit Jahr und Tag gehen gelernt, weck sie heute zum ersten Machte kommt? Lottch e n. Seil ich fühlen und. denken kann, zog mein Herz.mich täglich hierher. Franz. So, so. Wie alt ist sie denn? Lvttchen. Siebzehn Jahr. Franz. Ja, ja, als ich vor sechzehn Jahren zurück kam, war sie ein Ding, so lang wie meine Hand. L o r t ch e n. Damahls hat mein guter Oheim mich auf seinen Armen getragen, und nur ge- liebkost. Ich habe mir das recht oft von der alten Anne erzählen lasten. -F.r a n z.' Ihr guter Oheim war damahls ei» guter Narr. Lottchen. Ich verlor meine brave Mutter so früh. F r a n z. Die, Mutter war brav, ja, sehr brav. l k k .Zö Lottchen. Wäre sie leben geblieben, es wir rc wohl vieles nicht geschehn. Franz. Kann wohl seyn; die hat ihren Vater von manchem dummen Strerche abgehalten. Lottchen. Mein Vater kann sich irren, böse Menschen konnten rhn irre sichre»; aber die Liebe zu seinem einzigen Bruder konnten sie nie aus seiner Brust rotten. Franz. Er hat mir seit fünfzehn Jahren saubere Beweise von seiner Liebe gegeben. Lottchen. Es ist vorbey! Das Gemissens- gericht hat einen Schleyer über die Vergangenheit geworfen. Geh zu meinem Brudär, sagte mein Vater, sey du der Friedensboche; dich wird er nicht von sich stoßen, du bist ja ganz unschuldig. Er hat dich als ein kleines Kind geliebt, er hat deine Mutter geliebt, er wird um deiner Mutter willen dir seine Hand reichen, und du wirst sie mit kindlicher Liebe an deine Lippen drücken. Franz(immer ohne sie anzufeh».) freylich, sie kann nichbs dafür, sie muß wohl frugen, wider Alte pfeift. Ich habe auch keinen Groll gegen sie. Geh sie in GoMS Nahmen. Wie heiß! sie denn? r5g Lottchen. Lottchen. Franz. Lottchen, ganz recht. Ich glaube gar, ich hab zu Gevatter bey ihr gestanden. Lottchen. O! der Mann, der mich in den Bund der Christen aufnahm, der mir Liebe versprach, als ich noch nicht lallen konnte, wird mich heute nicht ohne einen freundlichen Blick aus seinem Hause weisen. Franz< drein stächt,g das Auge nach ihr, doch ohne sie ins Gestcht zu fassen.) Schon gut, geh st? nur. Sie soll m meinem Testament nicht vergessen werden. Lottchen. Das war hart. Franz(auffahrend.) Hart? warum hart? Lottchen. Lieber, guter Oheim! In Ihrem Herzen wollte ich stehn, nicht in Ihrem Testamente. Fra nz(gutmüthig verlegen.) Nun, ja doch -- ich muß aber doch— weil ich ihr Pathe bin. und weil sie sich zu mir bemüht hat— (Er greift in die Tasche.) Lottchen(schmerzhaft.) Bemüht? Franz. Nehme sie da ein kleines Geschenk. .(Er reicht ihr mit abgewandtem Gesichte einige Goldstück!.) Lottchen(ergreift seine Hand mit Heftigkeit.> isio Ich sehe nur die Hand, die Sie mir reichen/ nicht Ihr Geschenk! Die Hand will ich behalten, Ihr Geschenk mit meinen Thränen netze», und Sie bitten, es zurück zu nehmen. Franz cerfchüttert.) Mädchen, du bist stolz! Lotrchen. Sto Vergessen? Also war doch da was ach zu vergessen?— Heraus mit der Sprache! ,tt!v Lottchen. Eines kränkte mich freylich tief. tast Sie sagte, ich käme UM—(mU mttertruckten Thra- i.as-^ m») um zu betteln! rmt Franz. Halt er an! Das war dünnn! i44 Han». Nein, es war schlecht. Franz. Du hast Recht, Hans, es war schlecht. Das muß ihr so einfahren seyn. Blu h m. Gleichviel, solche Regenwölkchen sollen uns diesen schönen Tag nicht trüben. Nur freuen wollen mrr uns, daß diese heitere Stunde, die Erinnerung an fünfzehn böse Jahre verschlungen hat. Der Leiden der Menschheit gibt es viele, aber wer konnte noch murren, wenn. er sieht, daß ein einziger Sonnenblick der Freude sie alle aufsaugt, wie einen schweren Regentropfen, der den Blumenkelch niederbog. Heute freuen sich Engel mit uns, denn heute wurden zwey, Bruder versöhnt! Franz..Halt er an! Das Mädchen da hab mir nichts zu Leide gethan. Sie ist meine Pa- the- und der Mutter Sanftmuth wohnt ihr zwischen den Augenbraunen— man kann der Hexe nicht gram seyn. Aber was den Herrn Bruder betrifft, ey, der mag ferne Straße wandeln, wenn w i r uns nur nie begegnen. Blnhm. Lieber Herr Capitain! am Ende der Reise, wo alle Straßen in eine zusammenlaufen, da muß man sich doch endlich begegnen. Franz. Nun, dann mag der die Auge» niederschlagen, den das Gewissen schlagt. Lott- 1-45 Dortchen. Bester Oheim!ich bitte fürmei nen'Nater. Franz, Nichts! nichts!— Seht doch! kaum habe ich ihr einen Winkel in meinem Herzen eingeräumt, gleich wirthschaftet sie darin, als ob ihr das ganze Haus zugehorte. Lottchen. Wenn ich es mit Blumen der Bruderliebe schmucke— Franz. Paperlapapp! die Blumen sind langst verwelkt. Hans. Denken Sie nur, wie das hinfort ganz anders hier im Hause seyn würde. Dann schmauchten Sie Ihr Abendpseifchen nicht mehr allein. Der alte garstige Kater würde vom Sofa herunter complimentirt. Ein Bruder säße Neben Ihnen, Sie letzten sich mit ihm an Ihren Zugendfreuden— Franz. Laß mir meinen alten Kater zufrieden, er hat nie mit mir proeessirt. Bluhm. Ich sehe wohl, wir müssen die Zeit zu Hülfe nehmen. O! wenn Liebe und Zeit m einen Bund treten, so stürzen sie ägyptische Pyramiden, und sprengen die Gräber, in welche gute Herzen sich einzuschließen strebten.(Zu Mönchen.) Gehn Sie, liebes Kind, Ihr Vater erwartet Sie. - A»tzkt„e's Theater, g. B». G 146 Franz. Blerben soll sie. Ich habe fünfzehn Jahre auf sie gewartet. Bluh m. Ihr kranker Vater bedarf ihrer. Lottchen. Ich darf doch wieder kommen? Franz. Dumme Frage. Freylich darfst du wieder kommen— sollst auch wieder kommen, — horst du? Lottchen. Mit Freuden. Franz. Nun, wann kommst du denn wieder? Lottchen. Morgen, alle Tage. Franz^ So geh in Gottes Nahmen! und weitn- du wieder kommst, so laß den Stolz zu Hause. Verstehst du mich?- Da liegen die Goldstücke noch auf der Erde, du wirst sie nicht aufheben, das weiß ich wohl. Lottchen. Sieht denn uneigennützige Luke deiy Stolze so ähnlich? Franz. Ja, ja, du nimmst sie nicht auch wenn du auch gleich wüßtest, daß du mir eme Freude damit machtest. Lottchen(»immt sie auf.) Ich danke Ihnen, lieber Oheim. Ich will meinem kranken Vater eine Erquickung dadurch verschaffen. Das erlauben Sie mir doch? Franz. Thu was du willst. ' Lottchen. Ein Gruß von Ihnen würde ihn freylich mehr erquicken. Franz. Nun, zum Henker! so grüße ihn. Lottchen(küßt ihm entzückt die Hand.) Leben f Sie wohl.(Ab.) Franz. Hans/ sieh nach, wo sie bleibt. Daß mir die flinke DirNe nicht etwa die steile Treppe herunter fallt.(Hans ab.) Sechste Scene. , FranzB ertr a m und Doctor Bluhm» Franz(wischt sich verstohlen eine Thrans aus dem Auge.) Was halten Sie von dem Mädchen? Blüh m. Ein Kind der Unschuld und Natur. Franz. Ja? meinen Sie? dann ließe sich jawohl etwas für sie chnN. Ich glaube wahrhaftig, die kleink Hers versteht besser als Sie, >"nne Füße j„ Respect zu halten. So lange sie ^ war, mucksten die rebellischen Unterchanen ""ht. Nun fangt er wieder an zu ziehen und zu schileiden Bluh m. Wenn der Himmel Ihnen ein so leichtes, süßes Mittel zeigt, Ihre Schmerzen Ä 2 zu mildern, so wurden Sie wohl thun, sich dessen immer zu bedienen. Franz. Immer» ja recht gern. Aber d« Vater wird mir das Mädchen nicht abtreten? wie?— Bluhm. Ey, Sie müssen den Vater dazu nehmen. Franz. Halt er an! Daraus wird nichts. Bluhm. Ich wünsche Ihnen Glück, der Proceß ist verglichen. Franz. Ist er? Haben Sie Dank! herzlichen Dank! Diese Arzeney, mag leicht wirksamer seyn, als Ihr Bad von Salzsäure. Ich frage nicht, wie er verglichen ist; es gilt nur gleichviel. Bluhm. Der Garten bleibt Zeitlebens^'hr Eigenthum. Franz. Ich schenke ihn dein Mädchen. Bluhm. Nach Ihrem Tode fällt er an Ihren Bruder, oder dessen Erben zurück. Franz. Aber ich sa,e: ich schenke ihn d« Mädchen gleich auf der Stelle. Bluhm. Desto, besser! das hätten S» langn thun sollen. Frau z- Warum kam die Dirne mcht früher. Bluhm. Danken wir dem Himmel, das ste nicht zu spat kam. Jetzt/ lieber Herr Capiteln, hören Sie die Bitte eines Freundes/und den Befehl Ihres Arztes. Sie haben heute so mancherley Gemüthsbewegungen gehabt/ Sie muffen sich zerstreuen/ die frische Luft genieyen. Franz. Herzlich gern., wenn Sie meinen/ daß es mir wohl thun wird. In die frische Lust läßt sich ein alcer Seemann nicht zwey Mahl einladen. Bluhm. Ich habe ein Paar gute Freunde zu einer Collation gebethen/ und der Ort/ wo wir diesen schonen Frühlingstag genießen wollen/ ist— werden Sie meine Kühnheit verzeihen i ist Ihr Garten. Franz. Mein Garten? Bluhm. Ich denke/ es soll Ihnen lieb seyn, nach fünfzehn Jahren den Ort in Frieden zu betreten/ wo die ersten Freuden Ihrer Jugend noch aus jeder Hecke schielen. Franz. Herr! es wird mir doch wunderlich jn Muthe werden/ wenn ich den Garten ksm- ms. Ist denn die alte Gartenthür noch davor? Ich habe einmahl als Knabe mit Rothstist einen Husaren darauf gezeichnet. Bluhm. Der Husar ist noch nicht ganz verloschen. Franz. Nicht?— ey, curios! es sind unterdessen so viele Menschen gestorben, so man-" che Freuden zu Grabe gegangen, und der Husar reitet noch immer frisch darauf los. Ja, ja, wir wollen hin, gleich jetzt. Es ist doch son- n derbar, ich habe ordentlich eine Sehnsucht, den Husaren wieder zu sehn.— Aber sprachen Sie nicht von Fremden, die Sie eingeladen haben? z Ich tauge nicht unter Fremde. Bluhm. Nur ein Paar gute freundlich- Menschen; denn in grosien Gesellschaften wird( die Freude stumm wie ein kluger Mann.> Franz. Wohlan! Hans!^ Siebente Scene. r Hans. Die Vorigen.-§ Fran z. stall den Wagen anspannen. l Bluhm. Ist nicht nöthig, mein Wagen iß vor der Thür. Franz. Hans, wir fahren aus; und kannst du rathen wohin?— in meinen Garten. Es ist Alles vorbey, Alles ausgeglichen. Ich sah" in meinen Garten. r5r Hans(zu Bluhm.) Schenke Ihnen der Himmel dafür den ewigen Paradicsgarten. Fran z. Gib mir meinen Hut» Hans. Hier im Hause wäre wohl vorher noch eine kleine Expedition zu machen. Franz. Eine Expedition? Hans. Der Advocat Eyterborn hat sich eben zur Frau Grießgram geschlichen. Franz. Ey, was geht es mich an? Hans. Mich aber sehr viel, werther Herr Capitain. AIS Sie mich diesen Morgen einen Lügner schalten, da hat mein Herz geblutet. Ich bin nur ein armer Teufel, aber es muß Ihnen deren liegen, zu wissen, ob ich ein schlechter Kerlen oder nichtz denn wenn ich Sie dreyßig Jahre lang betrogen habe, so rathe ich Jy- neu, in den nächste» dreyßig Jahren keinem Menschen wieder zu trauen. Drum lassen Sie sichs gefallen,unit mir aus meine Dachkammer zu steigen. Franz. Narr! ich glaube ja, daß du es ehrlich meinst» Hans. Sie sollen aber auch glauben, daß meine Ehrlichkeit mit der Wahrheit Brüderschmt getrunken hat. Lieber Herr Capitain! ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, bis ich Sie überzeugt habe. Franz. Nun, so komm! es wird mir sauer genug werden, die Treppe zu steigen. Bluhm. Ich gehe indessen voraus, meine Gaste zu empfangen. Auf Wicdersehn!(Ab.) A ch t e S c e n e. Franz Bertram und Hans Buller. Franz(bereits im Gehen begriffen, bleibt plSH- u» stehn.) Hans, ich denke eben, was kann das helfen?— Gesetzt den Fall- ich hörte mit iü-i- nen eigenen Ohren, das; die Frall Griefigrai» eine Bestie ist, was soll ich denn mächen? Hans. Sie aus dem Hause jagen. Franz. Hans, ich fürchte,'das wird mir weher thun als ihr. Ich bin immer acht Tage vorher verdriesslich, wenn ich Jemanden aus de»r Hause jagen soll. Wir sind doch alle arme Sünder, und der liebe Gott jagt Niemanden M» der Welt. Hernach denke ich auch: ich Habb st wenig zu verlieren; wenn ich mir einbilde, das ein-Mensch mich lieb hat, so thut nur der ei- ,G) nen schlechten Gefallen, der mich vom Gegentheil überzeugt. H an S. Heute können Sie schon was wagen; Sie haben eine Nichte gewonnen, die wohl besser ist, als neun und neunzig Frau Griesgrams. Franz(im Abgehn.) Du hast Recht, Hans. Sprich mir von dem lieben Mädchen, wahrend wir die Treppe hinauf steigen; so wird mirs nicht so sauer.(L»,-os ab.) (Der Vorhang fällt.) Fünfter Act. (Frau Griesgrams Schlafzimmer. 3m Hintergrund! ein Bett mit Gardinen. Rechts ein Tisch, woran! zwey volle Weinflaschen, ein- Torte und eingü machte Früchte; daneben ein eiserner Gsldkasten.) Erste Scene. Franz Bertrams lind Hans Bullert Stimmen/ oben über der Decke. Hansens Stimme. Wir sind entweder zu früh oder zu spat gekommen. Bertrams Stimme(etwas entfernter.) Wie so» Hansens St. Das Zimmer ist leer/ ich höre sie im Vorsaale murmeln. Bertr. St. So las; uns gehn. Hans. St. Halt! halt! sie sind noch nicht hier gewesen. Da stehen volle Flaschen/ uB ein ganzer Tisch voll Kuchen. iv5' B e r t r. S t. Laß mich das auch sehn. Hans. St.(entfernt sich.) Rechter Hans neben dem eisernen Kasten. Bertr. S t.(naher.) Ja, ja, ich sehe wohl, aber mich so bücken, und aus die Erde zu kauern, das ist keine Sache sür einen Podagristen.(Bey des letzten Worten entfernt sich die Stimme wieder etwas.) Komm du her. Hans. St.(näher.) Eine Torte, wie ein Maftkorb; Ihnen brachte sie eine, die kaum so groß war als ein Kompgßkästchen,— St! sie kommen. Bertr. St. Laß mich an das Loch. Zweyte Scene» Frau Griesgram und Eyterborn. Fr. Grießgr. Die heillosen Menschen! ich will Tag und Nacht bethen, daß der Zorn des Himmels erwache. Eyterb. Hochgeschätzte Frau Griesgram, mit dem Bethen werden wir nicht weit kommen. Fr. Grießgr. Ach! eö gab eine Zeit, wo man durch frommes Gebeth es dahin brin- i56 gen kennt?/ daß Feuer aus der Erde lodert?/ «nd ganze Rotten verschlang. Damahls waren schöne Zeiten! Eyterb. kuimus Iroe's! waren jend Zeiten noch/ so müßte vor allen Dingen die Schrittstellerrotte verschlungen werden.' Mas Hilft das Klagen? sie lachen ins Fäustchen. Der Vergleich ist geschlossen. Fr. Grisßgr. Setzen Sie Sich, mein trauter Seelsnfreund! wir wollen unsern Gram durch leibliche Wohlthaten ein wenig'zu mildern suchen.(Sie schenkt fleißig ei», und prascttiitt Kacheln -eyde lassen sinM gut schnitcken.) Eyterb. An dem lumpichten Garten wäre endlich wenig gelegen—- ein delicates Weinche» — aber das führt weiter. Der romanhafte Doetor wird es dabey nicht lassen— eine lieb-, liche Mandeltorte— er wrrd so lange Prediger und deelamiren/ bis er die gutherzigen Narre» zusammen gepredigt und declamirt hat. lind wenn das geschieht— gute Nacht, Erbschaft! Fr. Griesigr. Herzens M'aNn! Sie machen mir angst und bange. Wäs ist dabeh z» thun?^ E y t erH.' Sie müssen alle'Besuche' v»n dort her zu verhindern' suchen."" Fr.-Gri'e>ßgr. Je du lieber Gott! habe ich denn nicht die junge Dirne mit Spott und Hohn zurückgewiesen? Aber der Kettenhund- der Hans Buller, hat sie doch herein geführt, nnd ich glaube/sie sitzt noch bey dem Alten, und greint ihm was vor. Eyterb. Wer? F r. G'r ie-figru- Die Kulttzfer Steudrein- nehmcrinn.' Eyterb. Sie-ast bey ihm? F r. G r i e ß g r.-Leider ja i-tn»d»tte»d) iLne wollte dem lieben Oheim zum Geburtstag Glück wünschen.' Sytevb. Uitd Sie ließe!: sie' bey ihm allein? '' F'r. Grieß gr.<»nr iinein /ruiche,«' Sütm- Aicky-Weil ich meinen Nässten erwartete. ' Eyterb.'Servikenr'!''Hochgeschhtzts Fraü Gnestgram, da haben Sie einen Bock geschossen. Ich kenne daß Madch'en, es ist eine Schmeichel- Ms. Fr. Griesigr. Was? eins solche unreife Dirne sollte mich um den'Lohn meiner sechzehnjährigen Strapazen'bringen? Bin ich deßwegen dem'alten Narren so lang/ um den Bart gegangen? Habb ihm Süppchen gekocht, dre Arzeney M- meinem eigenen kleiness Fänger ernge- ,58 rührt, die kranke» Beins im Hasenfelle gewickelt und seine abgedroschenen Heldenthaten hundert Mahl erzählen hören— Bertr. St.(gedämpft) Bestie! Eyterb.(steht sich»»,.) Was war das? Es kam mir vor, als spräche Jemand. Fr. Grießgr. Nicht doch, hier sind wir ganz sicher. Dieß ist mein Schlafgemach. Kein Sterblicher ist so verwegen, ohne meine Erlaubniß in dieses Heiligthum zu dringen.(Sie zeigt auf den eisernen Kasten) Sehn Sie, hier steht mein kleiner Narr, mein Liebling, mein Geldkasten; der lacht in sorgenvollen Stunden mich immer freundlich an.(Sie schließt ihn auf, Eytcrbor» wirft gierige Blicke hinein) Die großen Sacke da unten, lauter Silber! und hier—(sie holt M? kleine Säcke heraus, und seht sie auf den Tisch) ei» paar liebenswürdige Narrchen, ganz voll Gold. Eyterb.(streichelt die Säcke.) Niedliche Dingerchen! man fühlt sich so sympathetisch angezogen. Fr. Grießgr. Das, mein süßer Freund, bringe ich Ihnen in die neue Wirthschaft. Aber was will das sagen? Ich hatte weitMa» Hort oben ein polterndes Geräusch.) Ey t erb.(springt ängstlich auf.) Fr.(Ä rießgr.(zittert.) Ach!— wie wird „str!— das war der Alte— er hat uns behorcht— wir sind verloren— der Satan ist im Spiele— mein Riechfläschchen— trauter See- lenfreund!— dort auf dem Fenster—das Spi- ritilSgläsche»—(sie sinkt ohnmächtig zurück. Ey t erb. Servilem'! Ich mache mich aus den. Staube. Aber umsonst will ich meine Zeit bey der, alten Heze nicht verloren haben. (Er nimmt eine» von den Beuteln mit Gold/ verbirgt ihn im Busen, nnd mischt davon. Nach einer kurzen Pause kehrt er wieder zurück) Alle Teufe?! sie sind schon unten an der Treppe. Nun ist guter Rath ihduer.(Er steht sich einen Augenblick zweifelhaft um) Da hat sie der Leistet schon im Vorsaale.(Er wirst sich auf das Bett du Frau Griesigram,»>ttd ziel t die Vorhänge zu.) i6i D r i t t r S c e n e. Fr,an z Bert r am. Hans Äulls Die Vorigen. Franz. Potz Element! ihr Korsaren!— — da'! da liegt das Beest, und streckt alle viere von sich. Wenn sie stirbt, so betriegt sie auch noch den Galgen,(s'r ficht sich in») Wo ist denw Orstaübei/e Helfershelfer Hebliebest? s.-'EVkann nicht entwischt seyn; ich «r! wie der Blitz untenan dsr--Treypee(-Er sucht im Zimm.-e.)' ' F^-U st Last ihn kaufen. Da's böse Gewissen E ihn ichon^inhoht'en.' Ha n S. Liehe da ein Schuh!(Er schlägt die MtgaeSme- ein'tventg ziiriick) Und in dennEchuy ein^usi. Wo einiFusi ist, da findet sich auch wohl mehr.(Sr zieht C'ytcrhorn!>e» den Beinen aus dem Bette) Gehorsamer Diener, Herr Advocat! Eyterb. Servilem-!-'--- Franz. Ey- ey, mein-wackerer Eyter- born! Wie kommen sie in-dieß keusche Wittwen- bekt?. '.-Eyt erb.-Es überfiel mich eine Schläfrig--- keit. Die Frau Griesgram hat mir da ein Gläschen alten Wein vorgesetzt— ich kam« nicht viel vertragen— Hans(wird dc» Zipfel des Beutels gewahr, und zieht ihm das Säckche» aus dem Busen.) VerMNth- lich haben Sie im Rausch dieß Beutelchcn ergriffen? E y te r b.(mit ängstlicher Standhaftigkeit.) Mein Freund, was untersteht er sich? ich bin ein ehrlicher Mnn, das weiß die ganze Welt., F- r a n z. Herr! er ist ein SchuMl, da?- weis; ich. Packe er sich aus dein Hause, und danke er es. meinem Podagrs, daß ich die be-, trogene Welt nicht fühlbar an ihm räche. Eyter b. Ein Schurke?' Ha! ha! ha! Servitenr! Versuchen Sie es einmahl, das laut zu sagen; es glaubt, Ihnen doch kein Mensch. Wer einMahl.reich nst, den ehrt die Welt, und Niemand fragt, wie er zu seinem Reichthum gekommen. Eben so auch mit dem Ruf der Ehrlichkeit. Franz. Leider. Ey t erb. Drum rathe ich Ihnen, zu schweigen. Die Frau Griefigram hat S ie betrogen, und ich hab die Frau Grießgram betrogen, denn ein Hagestolz und ein altes verliebtes Weib verdienen es nicht besser. >63 Hans(spuckt in die Hände.) Herr Cüprtam, ich bitte um Erlaubniß— Franz. Laß ihn laufen. Er hat mir zum ersten Mahle in seinem Leben die Wahrheit gesagt, und dafür bin ich ihm Dank schuldig. Eyterb. Ich könnte mich rächen; ich könnte den ganzen Vorfall zu ihrem Nachtheil verbreiten, denn mir wird die Welt mehr Glauben beymeffen als Ihnen; aber ich will großmüthig seyn, ich will schweigen. Servilem!(ad.) Vierte Scene. Die Vorigen, ohne Eyterborn. - Franz. Potz Element! der Spitzbube hat Recht. Unverschämtheit ist die beste Waffe gegen einen ehrlichen Kerl. Man wird verblüfft, man wird ganz cvnsiis— und ehe man sich noch besinnen kann, ob man lachen oder zuschlagen soll, hat der Schurke seinen Kopf schon aus der Schlinge gezogen. Hans. Was machen wir nun mit der? Franz. Ist sie todt? .Hans. Ey wärmn nicht gar! die hat ein Katzenleben. Franz. Wenn ich fort bin, so wirf sie aus dem Hanse. Horst du? daß sie mir nicht wieder vor die Augen kommt. Hans. Dem-Himmel sey Dank! das ist eine Commission/ auf die ich seit sechszeim Jahren gelauert habe. Aber wo bleibrder ungerechte Mammon? Franz. Den schenke ich dir. H a n s. Bewahre mich der Himmel vor dem Sundengut! Franz. Du kannst ein Hospital davon stiftsn. Hans. Damit der liebe Gott durch die Finger sehe, und gleichsam Theil am Ranke nehme!— Nein, der Teufel lacht ins Fäustchen, so oft gestohlues Geld zu frommen Stiftungen verwandt wird. Fran z. Nun, so thue damit was du willst. Jetzt hilf mir in den Wagen, und dann erpe- dir das Weibsstück. Deinen Rapport bringst du mir in den Garten. Peter soll mit mir fahren. Hans. Wohl.(Er begleitet seinen Herrn.) Franz,(bleibt an der Tbür noch ein Mahl stehn. r6:) m>d n-irit einen nnruhigen Blick auf Frau Griesizraw.) Hm es rst eurios. Glaubst-du mir/ Hans, daß er mir sauer wird/ das Beest zu verstoßen'! Hans. Die lange Gewohnheit— Franz. Die Gewohnheit ist des Schicksals Zaubertasche. 24 glaube/ um den Teufel lieb zu gewinnen/ darf man nur zwanzig Jahr mit ihm an Einem Tische essen.(B-ode ab.) Fünfte Scene. (Sobald Frau Grieüsram sich allein merkt, schlagt sie die Augen auf, schielt nach der Thür, dann nach den Beuteln auf dem Tische, dann nach d-tn ei sernkn Kasten. Endlich faltet sie andächtig die Hände.) Die Gottlosen triumphiern! Was ich durch Arbeit und Gebeth sauer erworben, damit sott der rohe Lümmel, der Hans Butter, thun,,, was er Lust hat?— ich dachte, ich.-müßte zum zweyten Mahle in Ohnmacht sinken, als ich das horte— Du lieber Gott! wenn du deiner Magd dieß Mahl gnädig dru'ckbilfst, so verspricht sie ein rorhsammtnes Altarmch »60 mit goldenen Frangen, in der Kirche der heiligen Ursula!— Sr! ich höre schon den plumpen Fußtritt.(Sie stellt sich wieder ohn- mächtig) Sechste Scene. Hans Buller. Frau Griesig raun Hans. Noch immer in Ohnmacht? da wollen wir bald helfen.(Er nimmt einen Beutel vom Tisch, und klingelt ihr damit IM! die Ohren. Hrau Gricsigram öffnet die Augen.) Aha! sie schlägt schon die Augen auf.(Er klingelt noch ein Wahl, sie streckt die Hand nach dem Beutel aut) Jeht toiUNlt sie zu sich. Fr. Griesigr. Wo bin ich? Hans. Wo sie sechzehn Jahre zu lange gewesen ist. Aber in fünf Minuten wird sie draußen vor der Thüre seyn. Fr. Griesigr. So werden treue Dienste belohnt? Hans. Dem Teufel hat sie gedient/ der wird sie schon belohnen. ,67 Fr. Grießgr. Gottloser Mensch! " Hans. Fromme Frau! packe sie ihren ge- stohlnen Kram zusammen, und gehe sie flugs aus dem Hause. Fr. Grießgr. Er ist ein Gro'bian! Von ihm lasse ich mir nichts befehlen. Hans. Frau Grießgram, sey sie gescheidt, wir wissen Alles, wir haben Alles mit angehört. Der Herr Capitain laßt sie freundlichst um die Gefälligkeit ersuchen, ihm nicht wieder vor die Augen zu kommen. Fr. Grießgr. Das mag er mir selbst sagen, wenn er Herz dazu hat. Hans. Er meint, sei» Herz sey dazu nicht »oimochen. Haus Bullers Mund, und im Nothfall Hans Bullers Fauste— Fr. Grießgr. Lieber HanS, er ist ein Epaßvogel. Hier hat er einen Gulden, trinke er auf meine Gesundheit. HanS. Lieber wollte ich verdursten, als auf ihre Gesundheit trinken. Marsch! fort! den Kasten da mag sie verschließen, und die Thüre versiegeln. Jetzt muß ich zu meinem Herrn und habe nicht Zeit, auf ihr Gepäcke zu warten. F r. G r.i e si g.r.(die ihren Kasten-u-tziattig m>-.< schließt-) Ic du Mein Gott! bis- morgen-früh^ i werde ich doch im Hause bleiben dürfen?: Hans. Nicht eine Minute langer. Es soll heute Abend noch geräuchert werden. Lichte si- l ihre Anker und packe sie sich aus unserm Hafen, s oder wir schießen aus der Festung. i F.r. Griefigr. Aber meine Habselighi- r teu, meine Geb-echbifcher—» H a n L. Schicke sie morgen nach dem gan-; zen Kram. Alles was den Geruch von ihm, Frömmigkett hat, soll richtig- abgeliefert werden.> F r. Grießgr. Das geht nicht, ich muß i selbst dabey seyn.> H a n s. Ich sage aber. Nein! es. lauft»i-, der meine Ordre.,- i! Fr. G riesig.r. 24 sage aber Ja!«int 1 gehe nicht von der stelle,! Hans. Was? sie geht nicht von der; Stelle? Fr. Grießg.r. Nein!.-! Han s. Auch wenn ich sie bitte? F r». G r. e ß g r. Und wenn er mir zu Füße»> siele. Ich null doch einmahl sehn". Haus. Unmöglich! die fromme Frau Griesgram sollte meinen Bitten widersteh,,?(Erg«»' auf auf sie zu, schließt sie fest in seine Arme, und spricht, indem er sie, trotz alles Sträubens, langsam nach der Thüre schiebt:) Meine-theure Frau Grießgram!— lassen Sie sich erweichen!— haben Sie die Güte sich aus dem Hanse zu packen!— O! ich sehe^ Ihr gutes Herz fangt schon an, gerührt zu werden— AbereilenSie nicht so— vergönnen Sie mir einen herzbrechenden Abschied— wie? Sie sind scho„ an der Thüre?— nun leben Sie wohl, meine holde Freundinn!— derTeufel wolle Sie gesund erhalten, und 3hnen noch viele Freuden schenken. Kotzekme's Theater. I. Bd. Fr, Grießgr>. (zu gleicher Zeit.) Untersteh er sich!— laß er mich zufrieden! — Hans, ich kratze ihm die Augen aus! — Hans! ich beiße ihn in die Nase!— lieber Hans! ich schenke ihm einen Louisdor— Guter Hans!— ehrlicher Hans!— Teufelskerl!— grobeHestie! —(Man hört die letzten Worte nur noch itr der Ferne.) H ..... 1^ ü"" Siebente Scene. (Sm Garten. Zu bcyden Seiten Lauben.) Philipp Bertram und Anne. Phil. Laß mich/ gute Anne/ laß mich bey jedem Schrat die Erinnerung an meine Jugendfreuden haschen. So manches Jahr war mir der Ort zuwider/ weil selbst an heitern Tagen/ der Bruderzwist/ wie eine Gewitterwolke/ üben diesem Garten schwebte. Endlich ist am Abend meines Lebens der Horizont entwölkt. Ich athme frey/ ich darf ihn wieder lieben! mir ist zu Muthe, als hatte ich hier im Herbst «in Kleinod verloren, der Winterschnee habe «s bedeckt, und nun, da die Frühlingssomis den Schnee weggsschmolzen, fände ich unverhofft mein Kleinod wieder. Anne. Er hat Mamsell öottchen so freundlich empfangen. Nun bin ich lh», auch wieder gut. Er ist doch noch der alte Franz. Phil. O, gewiß! er ist gut! er ist immer gut gewesen! Böse Menschen können eine,! Spiegel wohl anhauchen ,, Loch dre warme Hand der Liebe verwischt den giftigen Hauch über kurz oder lang, und er wirft dann, wie zuvor, das Bruderbild zurück.— Siehst du die Nahmenszüge in dieser Linde? Ist und Ist Sie sind seit dreyßig Jahren mit der Rinde verwachsen, doch ihre Spuren bleiben unver- tilgbar. Ann e. Auf diesem Platze habe ich oft Kaf- feh gekocht, und die jungen Herren suchten dürres Rnsigholz zum Feuer. Phil. Laß uns hier in der Laube sitzen,, wo ich so oft meinen Katechismus auswendig gelernt, und bey meinem Exercitium geschwitzt habe.(Sie gehen in die eine Laube, Philipp setzt sich. Pause.) Wer darf sagen, das Alter habe keine Freuden, wenn eS in der Rückerinneruug an, frohe Jugendtage schwelgt?— Die Jugend genießt weniger die Gegenwart, als das After- lie Vergangenheit. H 2' I?2 Achte Scene. Franz Bertram von einem Bedienten geleitet. Die Vorigen. Franz(noch im Hintergründe.) Halt er an! (Er sieht sich still and wehmüthig um, und ist bemüht, seine Niihnmg i« verbergen. Endlich sagt er zu dem Bedienten mit weggewandtem Gesichte:) Geh zuM Teufel! Ter Bediente(sieht ihn zweifelhaft an.) Franz(sanfter.) Geh, sage ich; bleib indessen vor der Thür. Ich kann nur schon allein helfen, bis Hans kommt. (Der Bediente geht ab.) Franz. Der Mensch soll meine Thränen nicht sehn. Solche Leute lachen, wenn ein alter Kerl weint.(Er sieht auf seine Krücke gelehnt, und beschaut den Garten»°» allen Seite».) Phil. So wohl war mir lange nicht. Franz(in die Ferne blickend.) Siehe da der «lte Birnbaum! Potz Element! der alte Birn- tzaum lebt auch noch— und ist voller Blüthen — wie oft habe ich mit meinem Bruder da oben gesessen— Verdammt! daß ich da» Po- dagra habe! ich mochte gar zu gern noch ein Mahl da oben sitzen. Phil. Spricht da nicht Jemand? Anne(schaut aus der Laube.) Ein alter Herr geht spazieren. Phil. Wird wohl Einer von des DoctorS Gästen seyn. Franz. War nicht hier meiner Mutter Blumenstück? Der Platz ist ganz verwildert. Sieh, da kriecht wohl gar eine Kröte. Kort! du Bruder Zwietracht!(Er schleudert sie mit der Krücke fort.) A n n e. Wie die Spinnen hier überall ihre Netze ausspannen. Phil. Wo Eintracht flieht, da nisten Spinnen. Franz. Ich will mich doch in die Laube setzen, wo ich immer den Robison las.(Ersetzt sich in die andere Laube.) Phil. Der Fremde wird auf den Doctor warten. Wo er nur bleiben mag? A n n e. Mamsell Lottchen sucht Veilchen auf der Wiese. Er wird ihr wohl suchen helfen. SSSM» Franz. Wer mag der arme kranke Mann seyn't Er sieht übel aus. Phil. Höre doch Anne! das Gesicht des alten Mannes dort kommt mir bekannt vor. ,F r a n z. Ich muß ihn sonst schon irgendwo gesehn haben. Phil. Kannst du dich nicht auf seine Züge besinnen? Franz. Auch die Alte sieht aus, als ob ich ein Mahl von ihr geträumt hätte. Anne. Es ist mir wohl so, als ob es ein alter Bekannter wäre. Da kommt der Doctor, der wird am besten wissen—> Neunte Scene. Doctor Bluhm. Die Vorigen. Bluhm(er geht zu Franz.) Willkommen, lieber, alter Freund; wie gefällt es Ihnen hier? Franz. ES gefällt mir so gut, daß ich wohl hier sterben möchte.(Er zieht ih» z« b-h! Hören Sie doch, Ueber Doetor, ist der kranke Mann dort Einer von Ihren Gasten? Bluhm. Ja. Franz. Ich glaube, Sie wollen hier ein Hospital anlegen? Haben Sie lauter Kranke gebethen? Bluhm. Um sie Alle gesund zu entlassen. Franz. Wer ist der Man»? Bluhm. Kennen Sie rhn nicht? Franz. Wenn Sie nur ihn nennen, so erinnere ich mich wohl wieder. Bluhm. Fragen Sie Ihr Herz um seinen Nahmen. Franz(stutzt.) Mein Herz? Zehnte Scene. Lottchen. Die Vorigen. Lottchen(kommt mit einer Schurze voll»tu- me„.), Franz. Sieh da, Lottchen! bist du auch hier? Lottchen(streut ihre Rlnwsn von einer staute t-ik- zur Ändern.) Franz. Was machst du das Phil. Lottchen! was machst du da? Lottchen. Ich streue Blumen auf einen Weg, der so lange mit Dornen bestreut war. Franz. WaS soll das heißen? Phil.(winkt Bluhm zu sich.) Lieber Doetor, sagen Sie mir um Gottes willen, wer ist der fremde Mann? Bluhm. Ich habe ihn eingeladen, weil heute sein Geburtstag ist. Phil.(erschüttert.) Sein Geburtstags Franz(unruhig.) Lottchen, komm her, Kennst du den Fremden dort? Lottchen. O ja, recht gut. Franz. Wer ist er? Lottchen. Vor fünfzehn Jahren hatte» Sie das nicht gefragt. Franz. Potz Element! wer ist er? Lottchen(fliegt hinüber nach der andern Laube, und wirft sich an ihres Bakers Halö.) Er iß mein Vater! (Stumme Pause. Die Bruder sind bewegt, anblicken verstohlen.nach einander hin. Bluhm betrachtet beyde forschend und mit geheimer Freude.) Franz(für sich.) Wie krank er aussieht! Phil.(für sich.) Wie alt er geworden! Franz(für sich.) Wie armselig sein Aufzug!— Er hat wohl Noth gelitten, indessen die Frau Grießgram mich bestrahl. Phil.(für sich.) Pfny, der falschen Scham, die mich abhält, in seinen Arm zu sinken. Lottchen(knieet in der Mitte der Bühne auf die Blumen, streckt ihre beyden Hände nach den Lauben aus, und blickt wechselweise mit freundlicher Wehmuth auf Vater und Qheim.) Phil.(steht auf, nnd thut einen Schritt aus der Laube.) Franz(sehr unruhig.) Potz Element! ich glaube, er kommt. Lottchen. Zu mir! lieber Oheim! Franz(sieht auf.) Zu dir?— was soll ich denn bey dir? Lottchen. Zu mir! mein Vater! Phil. Gern, meine Tochter.(Er tritt zu ihr. and faßt ihre Hand.) Lottchen(mit süßer, bittender Stimme.) Zil mir! lieber Oheim! Franz. Nun, ja doch!(er tritt näher.) Lottchen. Ihre Hand— Franz(wegsewaudt.) Da ist sie ja. Lottchen. Naher! näher!(sie zieht beyde Hände zusammen.) Philipp(mit tiefster Wehmuth.) Bruder! Franz(sieht ihn am wirft die Krücke weg, und breitet die Arme aus.) Philipp(sinkt an sein Herz.) Lottchen(springt auf und wirft sich i» Bluhms Arme.1 Dank! guter Mann! Franz(faßt Philipps Kopf mit»ei-d-n Händen.) Sieh mich an, Bruder! Auge in Auge! Laß mich sehn, ob da noch ein Funke von Groll unter der Asche glimmt? Phil. Siehst du Nicht die Thräne, die den letzten Funken auslöschte? Franz(immer in heftiger Bewegung, faßt ihn hon beyde» Armen.) Mensch! du siehst aus, wie ein Jammerbild. Du hast Noth gelitten, deine Gestalt wirft mir das vor. Phil. Ich bin krank gewesen. Franz. So sey nun wieder gesund, sonst komme ich dir nicht über die Schwelle. Phil. Guter Bruder! du hast, trotz unserer Verhältnisse, mich wohlthätig unterstützt! *79 Franz. Was?— willst du mich verhöhnen?— Phil. Bist du es nicht/ der meine Rech» nungen bezahlte? Fran z. Halt er an! Phil. Den Hauszins/ die Apotheke— Franz. Philipp/ schlag mir lieber ins Gesicht! Bluhm. Verzeihen Sie mir/ bester Vater/ den frommen Betrug. Ich dachte auf Mittel/ Ihre Herzen einander zu nähern/ und handelte im Nahmen Ihres Bruders. Franz. Herr! Sie strafen mich hart/aber ich danke für die Lection. Philipp. O/ Tochter? welch'einen Sohn hast du mir geschenkt! Franz. Sohn? was ist das? Phil. Dieser edle Man«/ dem Unschuld und Herzensgüte für Reichthum gelten— Franz. Ich verstehe. Das ist brav! Aber arm ist das Mädchen nicht. Sie ist ja menie einzige Erbinn. Nicht wahr/ Lottche»? O/wir kennen uns schon.(Ant Anne» deutend.) NUN/was heult denn die dort? Phil. Die gute Alte freut sich. i3o Franz. Es ist doch wohl nicht gar— die alte Anne? Phil. Freylich ist sie es. Franz. Anne! bist du es? gib mir die Hand/ die mir so manches Butrerbrod geschnitten hat. Hast redlich ausgehalten— nun dafür sollst du auch gefüttert werden, wenn dir k-m Zahn mehr übrig ist. Anne(schluchzend.) Ich kann— noch'nicht reden— Franz. So halt das Maul! man sieht e- ja wohl, daß dir die Thränen aus dem Herzen kommen.— Aber/ zum Henker! HerrDoctor/ wo ist denn mein Podagra geblieben? Ich glaube/ das ist in die Krücke gefahren. Letzte Scene. Hans. Die Vorigen. H a n s. Glück zu! Herr Capitaiii/ die Frau Grießgram ist transportirt. Franz. Ist sie?— Glück auf die Reift! i8r NUN/ ehrlicher Hans/ habe ich Niemanden ? mehr als dich. P h l l. Und mich. Lottchen. Und mich.. Blühm. lind mich. Franz. Ja?— euch Alle?— kommr doch einmahl her— laßt sehen, ob ich euch Alle mit einem Arme umfassen kann?— was schadet das? mein Herz umfaßt euch! Hans. Herr Capitain, seh ich recht? Ihr Herr Bruder? Franz. Freylich, alter Knabe! Alles vergessen! sie haben mich Alle wieder lieb!— weißt du noch, wie>ch die französische Prise nahm? wie ich in Einer Stunde so reich wurde?— O! ich bin jetzt in Einer Minute weit reicher geworden!— Komm her, Bruder Philipp!(er nimmt ihn in seinen Arm.) Nenne mich auch einmahl wieder Franz. Phil. Mein Franz! Franz. So ists recht! herzu mir, Lott- chen!(er nimmt sie in den andern Arm.) Du weißt, was ich deiner Mutter versprochen habe?— was meinst du, Philipp? ich hoffe, sie ist hier mitten unter uns.,(Er blickt andächtig gen Himmel.) 102 Bltthrn(mit hoher Rührung.) O! wenn doch alle Menschen^ wusiten,>vie selig belohnend es ist, Fei eben zu stiften! Hans< voll wehmüthiger Zrcnde zu Annen.) Nehme sie mirs nicht übel— sie mag seyn, wer sie will-— ich muß ihr um den Hals fallen. (Er umarmt die schluchzende Anne.) (Der Vorhang sän t.) D i e Verwandtschaften. Ein Lustspiel i n fünf A u f z ü g e n. (Erschien 1798.) Personen: -Hans Voll Muth, ei» Lauer- Marthc, sein Weib. Anton, ihr Sohn. Peter V o l l m n t h. Greichen, seine Tochter. Gottlieb Vollmnth, fürstlicher Rath, Max, sein Sohn. Frau Morgan, seine Haushälterinn. Ein Schierer. Der Wirth zum goldnen Schiff» Matrosen. Einige H er r« n, Damen und Kinder. Die Scene ist theils auf einem Dorfe, theils ist ner benachbarten Seestadt. l»5 Erster Act. Erste!L> c e n e. (Eine Stube in Hans Bollmuths-Zause, die einen wohlhabenden Bauer verräth. Rechts eine Kammerthür. Links führen einige Stufen nach dein obern Stockwerk. Im Hintergründe ei» grosser Kachelofen.) ^retch-SN(sitzt am Spinnrad, und sucht sich des Schlafs zu erwehren; sie spinnt und nickt-dazwischen. Eine Lampe brennt am Tische.) Marshe(kommt aus der Kammer, sieht dem Diuge eine Weile ärgerlich zu, nähert sich Grctchen lrise, und drückt ihr, da sie eben wieder nicken will, den Kops »l>f den Busen.) Greschell(fährt erschrocken in die Höhe, und steht Marthen mit grossen, starren Augen und offnem Munds an.) -86 Marthe(um zu spotte», thut das Nähmlich!.) Gretchen(bestniit sich endlich, und fängt rsB an zu spinnen.) Marthe. Guten Morgen/ Jungfer. Gretche». Guten Abend/ liebe Muhme. Marthe. Fein fleißig, wie man sieht? Greichen. Ich war ein wenig eingeschlummert. Marthe. Kaum fliegen die Hühner ach so fallen die Augen zu. Gretche n. Daran ist die DämmeriiH Schuld. Marthe. Und Nachmittags die Hitze, nicht wahr? Faulheit verkriecht sich vor Sonne, Mo»d und Sternen.— Reiche Leute müssen schlafen, dazu sind sie auf der Welt, und es wäre zu wünschen, sie thäten nichts Schlimmeres; aber eine arme Dirne muß wachsam seyn, wie die klugen Jungfrauen.'— Laß doch sehn(sie besick die Arbeit) Mädchen! schämst du dich nicht? rauh and ungleich, Faden so dicke als des AmtsmanNS Zopf G r e t ch e n. Ey, der Ancon war hier. Marthe. Nun, waS hat denn Anton mit deinem Spinnrad zu schaffen? Gretchen. Er war muthwillig. Ball riß er mir die Schnur cntzwey, bald schnitt e- mi S°' H K rech «i iß ?! W N I n si mir den Faden ab. Ich schlug ihn auf die Finger, da trieb er's noch ärger. Marthe. Hinter die Ohren härtest du ihn schlagen sollen. Gretchen. Warum nicht gar? ich war ja richt im Ernst böse. Marthe. Aber du bist ihm wohl im Ernst recht gut? Gretchen. Das versieht sich, recht vom Herzen. Marthe(spöttisch.) Wirklich? Grerchcn. Und er mir auch. Marthe. Ey!— und du schämst dich gar nicht, mir das so unter die Nase zu sagen? Gretchen. Schämen? wofür den? Anton ist ja mein Vetter. Marthe. Kind, ein Vetter ist eine Mannsperson, und der böse Feind verstellt sich auch zu-- weilen in einen Vetter. Gretche n. Er thut mir nichts zu Leide, er neckt mich nur.> Marthe. Hüthe dich vor dem Necken. Zungen Katzen und neckenden Burschen traut man nichts Böses zu; aber ehe man sich's versieht, hat man eine Schmarre weg. Gretchen. Aber das heilt wieder. iW Marthe. Ja doch, wenn der Neid nichi jede Narbe aufspürte, und noch nach fünfzig Jahren sich bey Gevatterschmäusen in die Ohr« zischelte, wie es damit zugegangen. Gretche n. Man laßt ihn zischeln. Marthe. Ja, wenn man vornehm iß, kann man thun, was man will; die Leute verachten Einen, und bücken sich doch. Aber ei» armes Bauermädchen von fünfzehn Jahren mq gar nicht wissen, daß es Mannspersonen aufd« Welt gibt. Gretchen. Sind sie doch nun einmahl da. Marthe. Leider! Greichen. Und sind unsere Nebenmen- schen— Marthe. Das ist eben schlimm. Unter uns sollten sie stehen, und nicht neben uns. Anton ist auch so ein wilder Bursche, der wird nicht eher vernünftig werden, bis er eine wse ckere Frau bekommt. Gretchen. Anton? eine Frau? Marthe. Allerdings. Ich komme ebenvo» unserm Nachbar, dem Schulzen. Merkst d» waS? Gretche n(schüttelt den Kspf.' >ßd tsn »ich hro Ba! was Gel B!i licht lfi'S hres iß, ver ei» »>q fdn da >en- ter ms. oird wae Marthe. Des Schulzen Tochter. Morgen >ß die Verlobung. Eretchen(laut auflachend.) Zwischen Anten und der rothköpsigen Liese? Ach warum nicht gar! Marthe. Nun, was hast denn du ein ihr auszusetzen? Eretchen. Sie ist ja bucklig. Marthe. Ey, das war ihre Mutter auch« Eretchen. Sie har krumme Beins. Marthe. Desto, besser! so werd sie nicht alle Sonntage in der Schenke tanzen. Greichen, lind orele Tausend Sommersprossen— Marthe. Aber auch viele Tausend Thaler. Bah!— wer reich ist, hat das beste Waschfässer f,w Sommersprossen. Erstehen. Sie ist boshaft wie eine Katze. Marthe. Aber die Katzen haben kein Held. von d« Eretchen. Hochmüthig, aufgeblasen— M arth e. Das sind alle reiche Leute. Eretchen. lind dumm dabey. Marthe. Warum soll sie sich denn die Mhe nehmen, etwas zu lernen? Die Mcn- igc» scheu bücken sich vor vollen Tauchen, und nicht vor vollen Kopfe». Gretchen. Die nimmi Vetter Anton gewiß nicht. Marthe. Er soll sie aber nehmen/ und soll froh seyn, wenn sie ihn nimmt. Gleichen. Mit der bann er ja kein vernünftiges Wort reden.' Marthe. Aber essen und trinke» kann ek mit ihr, und das recht viel. Gleichen. Und wenn er satt ist? Marthe. Dann saullenzi er, wie die großen Herren. Gr eichen(lacht und schüttelt den Kopf.) Marthe. Nun, was schüttelst du den Kopf? he? Gleichen. Ich verwette meinen neuni Strohhut mit dein blauen Bande, Vetter An- ton thut es nicht. Marthe. Und ich setze ein Dutzend Ohrfeigen dagegen, er thut es. Geh uud hohle des Abendbrod für Anton herein, aber sey sparsam mit der Butter. Gleichen(indem sie aufsieht und geht.) Weil» ich mir das Hochzeitskränzchen auf den rochen Haaren denke. Ha! ha! ha!(sie geht ab.) SUN e§ l §ni tt? dir öde Zei !t>>! 191 Ulid i Zweyte Scene. Se-I >»ü^ >cr- . ek de» j »^n i >l»- -hr- das au> mn' -c»! Marthe allein. Hernach Hans Voll- m u th. Marthe. Naseweises Mädchen! ist blut- «m, und rasonnirt in den Tag hinein, als ob es Geld die Hülle und die Fülle hätte.— Krumme Deine— Sommersprossen—> was M das sagen? Ich wette, wenn' e unserm Schulmeister einen harten Gulden gibt, so macht tt Verse auf ihr? Schönheit.(Sie geht an d>« treppe.) Heda! Hans! wo steckst du? Hans(von oben.) Wasgibts? Marthe. Komm herunter, ich habe mit dir zu reden. Hans. Ich kann nicht, die Franzosen sind "der den Rhein gegangen. Marthe. Was geht es dich an? Hans. Ich musi dem Herrn Pfarrer die Zeitungen wieder bringen. Marthe. Komm nur, ich habe dir auch "was nagelneues zu sagen. Hans. Etwas Neues? ich komme gleich. Marthe. Alter Narr! mit Neuigkeiten lecke ich ihn bis in die Pferdeschwemme. Immer 2 9 2 wollen die Menschen wissen,. was sich auf hundert Meilen weit zuträgt/ aber was im Hause vorgeht, darum bekümmert sich keiner. Hans(komme.) Nun, Marthe? ist etwa ein Courier durch unser Dorf gegangen? Marthe. Ach Possen! Hans. Possen! ein Lo,irrer! wichtige Depeschen! Marthe. Muss denn eben Alles wichtig seyn, was r. ,i Courier bringt? Ging doch ei» Mahl Einer hier durch, und brachte eine Paste!! aus Frankreich, die sollte warm bleiben bis nach Wren. Die reichen Leute bezahlen ihre Mattheiten doppelt, damit sie sie früher haben, all andere Menschen. Hans. Ha! ha! ha! Siehst du, Marthe? das verstehst du nicht. Die Pastete— das war vermuthlich nur ein Pfiff— und in dek Pastete lag die Depesche versteckt. Marthe. Da haben wirs! wenn die Vornehmen dumme Streiche machen, so suchen wu tiefe Weisheit dahinter, wenn auch die Albernheit«och so klar am Tage liegt. Hans. Ey, das kann ich Niemanden verdenken, das; er Couriers kommen läßt, wenn ers bezahlen kann. Denke dir nur die Freude! die di! au dr 8- hä »> du pe les la N de da pe de p- die Ehre!.— ei» Courier reitet die Straße herauf/ und blast: ,, Schnetterdeng.' Schnetter- deug!" Die Leute fahren mit den Köpfen an die Fenster— was gibts Neues?— Der Courier- halt nun zum Exempel osr meiner Thür— prr! - gleich sammeln sich die Menschen um ihn her —»lurmeln— fragen— er ist stumm wie ein W). Jetzt trappt er mit den großen Stiefeln die Treppe herauf, und überreicht mir seine Depesche. Ich trete gravitätisch an'S Fenster, und lese. Die Leute unten auf der Straße machen lange Hälse— Marthe. Und sehen deine langen Ohren, Narr! Hans. Nun lege ich die Briefe langsam dty Seite, und bleibe gleichsam in tiefen Gedanken stehen— Marthe. Bis dich deine Frau in die Rippen stößt.(Sie thut eS.) Hans. Marthe, das schickt sich nicht. Marthe. Es wäre besser, du dächtest an dein Hauswesen. HanS. Ich bin ein Weltbürger. In Europa sieht es bunt auS. Marthe. In deinem Hause noch bunter. A»tzkbUt's Theater. 9. Bd.' I *94 Hans. Die Menschen wollen klüger sey«/ als ihre Vorfahren— Mark h e. Anton und Gretchen werden bald klüger seyn als wir. H a n S. Man muß ihnen Zaum und Gebiß anlegen. Marthe. Man muß den Anton verhei- rathen. Hans. Ach! da hast du wohl Recht. Wenn man alle Menschen verheirathen konnte, es wurde nie eine Revolution entstehen. Marthe. Weil die Weiber auf Ordnung halten. Wenn ihr uns nicht hattet, ihr ginge! zu Grunde. HanS. Schwimmen wir denn jetzt oben auf? Marthe. Das sollt ihr auch nicht. Man muß euch den Kopf-in wenig unter Wasser halten. Der Anton ist auch so ein Sausewind, drum habe ich ihm eine vernünftige Frau ausgesucht. F,anS. Was nennst du vernünftig? Marthe. Was die ganze Welt so nennt. Hans. Also reich? Marthe. Allerdings. Hans. Laß doch hören. M arth e. Des Schulzens Tochter. Hans. Hm! hm! Das gesollt mir nicht. Ma rthe. Das wundert mich, es ist doch eine Neuigkeit. Hans. Aber sie taugt nicht viel. Marthe. So?— Du Weisheitsfresser! Darf man fragen, was du daran ausruselrm hast? Hans. Erstens: ist der Vater ein Simplex, der keine Zeitungen liest, und neulich meinte, wenn die Spanier Gibraltar angreifen wollten, so müßten sie durch Deutschland marschieren. Marthe. Laß sie marschieren, wo sie Lust Haien. Hans. Sie können aber unmöglich Lust Haien, durch Deutschland zu marschieren; denn— Marthe. Denn ich will nichts weiter von den Spaniern wissen. Hans. Zweytens: ist die Tochter einsTan- tippe—» Marthe. Aber sie hat Geld. Hans. Und ein loses Maul— M arth e. Und Geld. Hans. Und einen Buckel—- 32 Marthe. Und Geld. i Hans. Geld! Geld! sind wir denn s° arm, das; wir unser einziges Kmd ins Fegefeuer k jaaen müssen?^ " Marlh e. Wer Geld hat, kann sich auch§ im Fegefeuer einen guten Tag pflegen, und der Teufel selbst hat Respect vor ihm. H a n s. Dann hast du Drillens das Wichtig-, sie vergessen., Marthe. Freylich habe ich vergessen, daß du ein Narr bist, den ich gar nicht hatte u« j Rath fragen sollen. a n s. Du weißt doch, daß der Schluss! nur ein Findelkind ist? Marthe. Da Hort man den Dumrum. Der Schulze ist seit zwanzig Jahren ein reich« Mann, und folglich seine Herkunft ohne Tadel. Hans. Aber mein Bruder Göttlich in dn Stadt ist fürstlicher Rath, und halt auf Ehre. Marthe. Und des Schulzens fürstlich- Thaler werden hochgeehrt. Ich habe manche junge Herren vom Hofe zu ihm schleichen fth»' Da standen sie fein demüthig Mit dem Hut»' d r Hand, und der Schulze rückte kaum sm« Mütze. Hans. Wenn man vornehme Verwandte hat, so mus! man behuthsam gehn. Marchs. Dein vornehmer Herr Bruder bekümmert sich wenig um uns. Kur- und gut, Anton muß verheirarhet werden, ehe ein Unglück geschieht. Hans. Ein Unglück? M ar the. Allerdings. Der Bursche ist zwanzig Jahre alt, und Gretchen sechszehn. Hans. Nun? was folgt daraus? Marthe. Daß du ein Dummkopf von sechS- zig Jahren bist, der das nicht begreift. Hans. Bruders Kinder!— wo denkst du hm? War the. Bruders Kinder haben Fleisch und Blut, wohnen unter Einem Dache, können Dispens erhalten. Hans. Die unschuldigen Geschöpfe! Marthe. Desto schlimmer! man macht die dümmsten Streiche manchmahl in aller Unschuld. Hans. Ich Habs doch nicht gemerkt, daß— Marthe. Weil du immer der Letzte bist, der etwas merket. Hans. Ey, ey, Marthe! hab' ich nicht lange voraus prophezeyt, daß die Franzosen— M arthe. Halt das Maul mit deinen Franzosen. Ich sage dir, die jungen Leute stecken immer beysammen. H aus. Was machen sie denn beysammen? M arth s. Sie necken sich. Hans. Wenn es weiter nicht» ist.— Marthe. Sie vertändeln die Zeit. Hans. Das mag auch noch hingehn. Marthe. Neulich Abends hörte ich Gret- chen sagen:„Anton! wenn du mich nicht zufrieden lässet, so werde ich dich kitzeln." Hans. Kitzeln? Ah! das ist zu viel! kitzeln muß sie ihn nicht. Nein, nun hast du ganz Recht. Marthe. AlS ob eins Frau nicht immer . Recht hatte. Hans. Kitzeln ist gefährlich: denn weißt du noch Marthe, vor vierzig Jahren— Marthe. Halt das Maul. Hans. Ich werde ihr den Text lesen; ich werde ihr sagen, daß Kitzeln— Marthe. Dachte ich's doch, daß er eine lange Brühe darüber gießen würde. Kein Wort -99 sollst du ihr sagen; das macht's Übel. nur arger. HanS. Aber— Marthe. Aber ich will's nicht haben! verstehst'du mich? H a n s. Nun, wenn du eS nicht haben willst, so mögen sie sich meinetwegen zu Tode kitzeln. Dritte Scene. Gretchen. Die Vorigen. Gretche n(mit einem Laib Vrsd unter dem Arm md einen Teller mit Butter in der Hand. Als sie in die Thüre tritt lasit sie den Teller fallen.) Ach! die verzweifelte Katze! Marthe(fliegt heröey, und gibt ihr eine Shr- tch«.) Ich will dich lehren, die Augen aufsperren. Gretchen(weinend.) Die Katze kam mir zwischen die Füße. Ma r th e. Lauter Unglück richtet dir Dirne im Hanse an. Gretche n. Die Katze— Haus. Höre Gretchen! wenn mau von gutherzigen Verwandt»» das Gnadenbrod ge- meßt, so muß Einem nie eine Katze zwischen die Füße kommen. Gretche n. Es war dunkel. Hans. Und wenn die ägyptische Finsterniß hereinbräche, so sollte man stets darauf denken, dem Vetter und der Muhme ihre Wohlthaten zu vergelten. Gleichen. Was kann ich armes Mädchen thun!— Wenn einst mein Vater zurück kommt— Hans. Dein Vater? Ja,, der wird nicht zurück kommen. Marthe. So ein Landstreicher— Gretchen. Ich bitte euch/ Muhme/ gebt mir lieber noch eine Ohrfeige, aber schimpft nicht auf meinen Vater. Marthe. Seht doch! du willst mir verschreiben? Gretchen. Ach nein! aber mein armer Vater— M arthe. A r m. Da steckt es eben. Hans. Hatte er sein Erbtheil nicht verpraßt, so könnte er eben so wohlhabend seyU, als wir. Aber da fuhr ihm der Hochmuths- teufcl in den Kopf, wie meinem jüngsten Bruder, dem gestudierten Herren; da wellte er em M W Künstler werden, ein Uhrmacher; da ging.er auf die Wanderschaft, lebte herrlich und in Freuden; als er zurück kam, heirathese er eine arme Dirne, und. machte Uhren, die Niemand kaufen wollte. Die Uhren schlugen, und sein Stündlein schlug auch. Fort mußte er nach Amerika, oder Gott weiß wo sonst hin. Da ließ er uns denn das Mädchen auf dem Halse— Gretchen. Er wird mich gewiß noch einmahl abhchlen. Hans. Meinst du? ja, wenn er nicht so ein leichtsinniger Patron wäre. Sitzt da in Indien, und meldet nicht einmahl Neuigkeiten von Hyder Ali und den Maratten. Das sind verzweifelte Kerls. Marthe. Was gehen uns die Indianischen Ratten an? wir haben deren genug auf dem Kornboden. Hans. Ha! ha! ha! Marthe. Geld sollt' er schicken, das wäre vernünftiger, so konnte man dem Mädchen einen Mann verschaffen; denn für Geld ist Alles zu haben, auch Männer. Aber wer weiß, wie lange der saubere Herr Bruder schon von den Walisischen oder Croeodillen gefressen worden. 2o2 Gretchen(schluchzend.) Wenn mein Vater todt ist/ so laßt ihm doch wenigstens Ruk im Grabe.«, Vierte Scene» Anton. Die Vorigen. Anton» Gott grüß' euch, Vater! guten Abend, Mutter! Gretchen, was ist das? Du weinst? M arthe. Wie siehts auf dem Felde? Anton. Der Wurm frißt.— D» weinst, Gretchen? M arth e. Was macht die Gerste? Anton. Sie ist verhagelt. Gretchen, ich bitte dich— Marthe, Unk das Vieh? Anton. Es hustet. Sage mir, liebes Gretchen— Marthe. Ey, laß sie zufrieden? Anton. Was ist dir widerfahren? Gretchen(schluchzend.) Deine Mutter— Marthe. Wenn du eS denn durchaus uns- sei! musst; sie hat einen Teller zerbrochen, und eine Ohrfeige bekommen. Anton. Um eine solche Kleinigkeit— Greichen. Ach! his Ohrfeige that weh, über sie hat meinen Vater geschimpft, und daS that noch weher. Auto n. Pfui, Mutter! Marthe. Ich soll ihm wohl eine Lobrede halten? Anton. Die Armuth drücken, steht nacht fein. Man kann heute oder morgen selbst arm werden, und dann wird man von Niemand bedauert. Marthe. Ja, ja, du bist der allzeitfsrtige Fürsprecher, wenn man der Dirne zu. nahe tritt. Anton. Es soll ihr auch Niemand zu nahe treten. Sie ist meine Base. Weine nicht, Grctchen. Die Mutter wird es nicht wieder thun. (Er trocknet ihr die Thränen.) Marthe. Solche Vertraulichkeiten last in Zukunft bleiben. Wenn deine Braut es sieht, ss wird sie eifersüchtig. A n t o n. Meine Braut? Marthe. Hu! was er für Augen macht. Mündlich.) Ja, ja, Anton, ich habe kür dich gesorgt. Ich habe schon mit dem alren Schul- l' zen von der Sache gesprochen; es ist so gut als richtig. Anton. Ich werde doch den alten Schulzen nicht heirathsn sollen? Marthe. Narr! seine Tochter, die blonde Liese. Anto n. Blond? ihr Haar brennt wie eins Theertonne am Zohannis-Abend. Ihr scherzt, Mutter. Hans. Nein, nein, Anton, es ist der Mutter völliger Ernst, und du weißt, wenn sie es ernstlich meint, so— so— Marthe. So spaßt sie nicht, und damit Holla! Auto n(in sich lachend.) Ha! ha! ha! Marthe. Nun, was lachst du? Anton. Sagt mir doch, rann lch denn wirklich schon heirathen? Hans. Warum denn nicht? Du wirst a»f Lichtmeß ein und zwanzig Jahr. Ich könnte dir Beyspiele aus der Chronik anführen, daß Prinzen und Prinzessinnen weit früher geheira- thet haben. Anton. Wirklich? Nun, das ist mir ließ. Curios, ich habe in meinem Leben noch nicht daran gedacht, daß ich heirathen könnte. Marthe. Das thut nichts. ES heirathsn viele Menschen, ohne daran zu denken. Morgen sollst du hinüber gehn und deine Worts anbringen. Anton. Hinüber zum Schulzen? Nein, Mutter/ daraus wird nichts. Habt Dank, daß ihr mir auf die Sprünge geholfen; für die Braut werde ich wohl selbst sorgen. Marthe. Ey ja doch! das würde was schönes werden. Solche Bursche freyen nur mit den Augen. DaS meint, wenn der Roggen nur lang aufgeschossen ist, so muß die Ernte trefflich ausfallen. Ob aber auch die Köpfe voll, und die Körner schwer sind, darauf kommt es an. Anton. Ich verspreche euch Mutter, ich wähl« mir ein braves Mädchen^ Marthe. Brav Geld, Anton, brav Geld. Hans. Laß ihn Marthe. Er ist neulich in der Stadt gewesen, vielleicht hat er sich was vornehmes ausgesucht. Marthe. Dann schlage ich ihm die Thüre vor der Nase zu. Eine Stadtjnngfer in eins Bauerwirthschafr, das ist gerade so, als ob man einen Canarienvogel in einen Taubenschlag setzte. Bewahre mich derHimmclvorVerwandt- schaften mit vornehmen Leute!,? ich habe an deinem Bruder genug, Hans. Last mir meinen Herrn Bruder Gottlieb/ den fürstlichen Ratb, zufrieden. Marthe. Dein Herr Bruder Gottlieb ist ein hoffartiger Mann, steuert mit feiner Nase in den Wind, und steht seine Verwandten über die Achsel an. Als ich das letzte Mahl auf dem Jahrmarkt war— Herr d» mein Gott! ich werde es nun wer vergessen— sehe ich ihn da herum traben mit seinem Sohnchen, wie eine Kalekntische Henne, die eine junge Ente ausgebrütet hat. Ich denke, Ehren halber musit du ihn doch grüßen; ich verneigte mich tief: eine» schonen guten Morgen, Herr Bruder!—„ Ah!" schniffelts er durch die Nase:„sieh da, Frau „Marthe! wie steht'« zu Hause? wie ist die „Ernte ausgefallen? wie wird Heuer das Obst „gerathen?" und damit drehte erstich um, ehe ich noch ein Mahl antworten konnte, nahm eine Prise Tabak, und sah die Affen tanzen. Hans. Nun siehst du Marthe, wenn eben die Affen tanzten, so hat er Pich nicht Zeit gehabt, viel mit dir zu reden, den» so etwas sieht man nicht alle Tage. Marthe. O, in der Stadt kann man es 207 Mc Tage sehn. Kurz und gut/ bleib mir mit den vornehmen Verwandtschaften vom Halse? Ja, am Kirchwsihfest/ wenn sie uns beschman- sen, dann heißt es wohl: Herr Vetter hier, Frau Muhme dort;- aber hinterdrein/ wenn sie satt sind/ lachen sie ins Fäustchen, und thun als kennten sie uns nicht.(Zu Auto» und Streichen, dir m tiefen Gedanken neben einander standen, und sich mn zuweilen verstohlen anblickte») Na? was sieht ihr denn da, wie ein paar Meilenzeiger?(Zu Anton) Woran denkst du? he? An t o n. Ich denke ans Heirathcn. Marthe(zu Gretchcn.) llnddn? Gretchen. Ich?— Ich denke an gar nichts. Marjhe. Das ist recht. Ein sittsames Mädchen muß auch an gar nichts denken. Du Bursche, geh zu Bette, und morgen früh kämme deine Haare sein glatt, du sollst mir hinüber z»m Schulzen. Anton. Ja, Mutter, wenn das Herz nicht will, so helfen weder glatte Haare noch glatte Worte. Schlaft wohl.u meine Frau werden wollte? Marthe. So?— ey!—und was hs Gretchen denn geantwortet? Anton. Sie hat Ja gesagt. 2 iH Marthe. Wirklich? das ist ja allerliebst. Anton. Sie ist jung/ hübsch, fleißig, gut; sie hat mich lieb— und nun frage ich euch, ob ihr's zufrieden seyd? Marthe. Und meinst wohl, ich werde auch Za sagen? Anton. Allerdings. Marthe(lanzsam und mit Nachdruck.) Ich sage aber Nein!— nein!— nein!—(Sehr schnell) Nein, nein, nein, nein, nein! Anton. So bitte ich den Vater, daß er seine Autorität sehen läßt. Marthe. Er? seine Autorität? er soll sich unterstehen! das wäre doch zum ersten Mahle in vierzig Jahren. Anton. So laufe ich davon. Marche. Glück auf die Reise. Anton. So spring ich in's Wasser. Marthe. Desto besser, so wird-die Lie- besglmh sich ein wenig abkühlen.<— Und du unverschämte Drrne! ist das mein Dank?(Sie sM auf Gretchen los.) Anton(tritt dazwischen.) Mutter, ich bitte euch— Marthe. Hab' ich dich nicht zu Bette geschickt? Greichen(zitternde) Er kam an mnneTH-r und klopfte. Marthe. Eine saubere Entschuldigung! In meiner Jugend sind viele juuge Bursche an meine Thür gekommen/ und haben geklopft und gewinselt/ dasi es einen Stein in der Erde hatte erbarmen mögen/ aber bewahre der Himmel, daß ich jemahls Einem aufgechan hatte. Klopft du bis übermorgen. Gretchen. Als er klopfte, war er mir noch mein Vetter. Marthe. Und wird es auch bleiben ewiglich. Fort in die Kammer! die am längste» deine Kammer gewesen ist; denn daß duck nur weißt/ morgen mit dem Frühesten packst du dich aus dem Hause. A nto n. Ich gehe mit. Marthe. Dich sperre ich ein. Anton. So hange ich mich am Thürpfosten. Marthe. Die Stricke leihe ich dir dazu. — Nun Jungfer Nichte, steht sie noch immer da? Sie meint mich wohl mit ihren Thränche» zu kirren? Nein, Gott sey Dank! ich bin hart wie ein Oliveukeru, und unbeweglich wie ein Gränzstein. Geh sie, Jungfer, schlage sit .2>5 sich die Heirathsgrilleu aus dem Köpfchen, denn solange meine Augen offen stehn, wird nichts daraus, versteht sie mich?— Marsch, fort! und morgen mit Tages Anbruch schnürt sie ihr Bündel. Greichen(schluchzend.) Ich danke euch, liebe Muhme, für alles Gute, das ihr mir erzeigt habt. Leb wohl, Anton!(Sie geht in die Kammer.) Anron. Mutter! ist das euer Ernst? ihr wollt mir das Mädchen nicht gebe»? Wart he. Nein. Anton. Gewiß nicht? Marthe. Nein! nein! . Anton. Gute Nacht!(Er geht ab.) Marthe(allein.) Nichts als Ärger und Berdruß! wo ein paar junge Lcure im Hanse l>nd, rhate es Noth, man stellte Schildwachen bor jedes Mauseloch. Ja, ja, die Liebe hat der böse Feind erfunden. Ist man jung, so hat man genug a» sich selbst zu hüthen, wird man alt, so muß man andere hüthen. Aber Geduld, für heute will ich euch wohl den Paß Verrammeln(sie verschließt Gretchens Kammerthür.) kommst incht heraus.(Sie schiebt einen Rie- Stt r«r die Sttchenthür) Und du kommst nicht 2i6 herein. Morgen schaffe ich die Dirne aus dem Hause; dann mag sie nach Indien laufe«/und ihren saubern Vater aussuchen.(Sie geht ab.) Siebente Scene. Anton. Gr eichen. Anton(steigt über den Ofen wieder in die Stube.) Gute Alke! wenn du einen jungen Burschen einsperren willst, der ein Mädchen lieb har, so mußt du früher aufstehen.(A tappt herum, bis er vor Gretchens Thür kommt, dann legt er den Mund an das Schlüsselloch und ruft:) Gretchen! G reich en(inwendig.) Ach Anton! bist d» wieder da? Anton. Was machst du? Gret che n. Ich weine. Anton. Weine nicht, es soll noch Alles M werden. Komm heraus. Gretchen. Ich kann nicht, die Thüre iß verschlossen. Anton. Verdammt! Gretchen. Geh schlafen. Ich zittre und bebe. An- 3II Anton. Nur noch ein Wort. Ich habe »nr etwas ausgedacht; wenn dn es zufrieden kist— Greichen. Was denn? Anton. Morgen gehn wir in die Scadt zn «einem Oheim, dem fürfflrchen Rath. Gr etchen. Kann der uns helfen? Anton. Narrchen, wenn er dem Fürsten »Gen kann, so wird er ja wohl für uns auch Rath wissen. Nun willst du? Gretchen. Ist es auch Recht? Anton. Das soll uns der Pfarrer sagen./ Z-tzt ist keine Zeit zu verlieren, ich höre die Mutter mit den Pantoffeln schlurfen. Gretchen. Ach so geh! ich bitte dich. Anton. Sage erst, daß du willst. Gretchen. Ja! ja. Anton. Gute Nacht, liebe Braut!( Rath. Laß hören. Max.,Ich brauche nothwendig hundert Tu- raten. Rath. So? das freut mich. Max. Desto besser! so darf ich hoffen— N a- h. Daß ich dir nichte geben werde. M a x. Und doch freut es Sie? R a th. Weil ein Mensch, derGeld b raucht, Geld zu verdienen sucht. Max. Das will ich auch. Die hundert Du- caten sollen mir hohe Zinsen tragen. Rath. Ey du mochtest mich wohsgar überreden/ du wollest sie auf Zinsen legen? Max. Hören Sie nur, auf welche Art. Ich lernte vor einigen Wochen Fräulein Amalie von Vollborn kennen— Räch. Vollborn? die Familie ist gut. M a x. Das Mädchen ist hübsch. Rath. Mädchen! wer wird so gemein spreche»: ein Fräulein ist kein Mädchen. Max. lind reich. Nach. An gnädigen Onkels und Tanten. Max. Desto besser! In Zukunft wird es heißen:„der junge Mensch macht seinen Weg, er hat eine Frau aus der Familie Vollborn." — Wer auf Fortunens Strasie im Staube einer niedern Herkunft stecken bleibt, der muß eine vornehme Frau heirathen, damit er gelegentlich ein halbes Dutzend handfeste Onkels, oder ein paar schnatternde Tanten vorspannen kann. Rath. Ja^ ja, die Speculation ist nicht übel. Es frägt sich nur, ob das Mädchen— bas Fraulein wollt' ich sagen— Geschmack an dir findet? Max. Ich habe Proben ihrer Zuneigung— Ra/h. Zum Exempel? Max. Sie nimmt im Schauspiel Apfelsinen von mir an. Rath. Das beweist höchstens, daß sie Geschmack an Apfelsinen findet. Max. Als der Regen neulich Abends die Terrasse schlüpfrig gemacht hatte, ließ sie sich von mir herunter geleiten. Rath. Vermuthlich, weil sie nicht fallen wollte. Max. Kurz, lieber Papa, ich stehe für den Erfolg. ES käme nur darauf an, daß ich mir einen wohl klingenden Titel kaufte. Rath(lebhaft.) Einen Titel? Junge, INI» seh' ich, daß du mein Blut bist—- ü es trait je um:»iuioüc inow suiilf. Max. llnd da die Weiber nebenher auf Kleinigkeiten sehn, so bedarf ich einiger eleganten Fraks, einiger nipxes— Rath. Das laßt sich hören. Frau Morgan! da werden wir doch wohl dem Burschen aushelfen müssen. Fraulein vön Vollborn meine Schwiegertochter!— es ist die Erste vernünftige Idee, die der Junge in seinem Leben L2g gehabt hat. Wo mir recht ist, so kamen wer auch mit der Familie Sonnenheim in Verwandtschaft t— und ich glaube gar, der alte General von Wunderkerg würde unser Vetter!— Ein General mein Vetter!— Komm her Junge, laß dich küssen.(Er nimmt ihn beym Kopf, und küßt ihn.) Thu dein Bestes, und wenn du bey ihr bist, so erwähne ja nicht deines Großvaters. Horst du? Max. Bewahre der Himmel! Rath. Frägt.sie nach deiner Familie, so kannst dunux sagen: wir hatten ehemahls große Guter besessen, aber im sächsischen Bauernkriege, zum Exempel, waren sie verwüstet worden, und so weiter, du verstehst mich schon. Max. Vollkommen, und wegen der hundert Ducatsn— Rath(die Achseln zuckend.) Frau Morgan, was soll man thun? mein Vaterherz bricht. Da nehmen Sie diesen Ring; es ist das letzte'Andenken von meiner wohlseligen Gemahlinn. WaS opfert man nicht, um das Glück eines Kindes zu befördern. Leihen Sie hundert Ducaten darauf, damit der Bursche sich ein wenig heraus staffiren kann. Wenn er reüssirt— das Fräulein hak Vermögen-— wir lassen uns adeln—> r5o den Großvater im Grabe mit— und meine Urenkel werden stiftssähig!— Stistsfahig!— l Fühlst du daS große Wort?— Max! Max! s wenn ich die Freude an dir erlebe! wenn ich dich d als Baron Maximilian von Vollmuthshausen erblick^!— Denke nur; du kannst es wahrhaft r tig dahin bringen/ daß dein Sohn noch einst die Ehre hat, Braten bey Hofe vorzuschneiden.(Er geht ab.) l Dritte Scene. Max und Frau Morgan. Max. Etsch! Etsch! F'r. Morg. Herr Baron Maximilian von Vollmuthshausen, Sie sind ern großer Spitzbube. Max. Wie so? Fr. Morg. Mir werden Sie doch nicht weiß machen/ daß Sie wirklich das Fräulein zu herrschen gedenken? Max- Warum nicht? Fr. Morg. Aber da kennt der iungeHett seine,r Vater, faßt rhn bey der schwachen Seite. sZi Max. Sollen denn die Frauenzimmer allein das Recht haben, die Männer bey der schwachen Seite zu fassen? ist es nicht genug/ daß sie sie am besten aufzuspüren wissen. Fr. Morg. Der schöne Ring/der wandert nun auch— Max. In deinen Kasten. Fr. Morg. Wo sollt ich arme alte Frau das Geld hernehmen? M a x. Aus deinem Kasten. Fr. Morg. Da liegt wohl ein Häufchen Ducaten, aber es gehört einer guten Freundinn/ die es mir in Verwahrung gegeben. Max. Vermuthlich eine Zwillingsschws- st-r?— Fr. Morg. Heute gegen Abend—- Max. Jetzt gleich auf der Stelle, oder ich erzähle der ganzen Welt, dass ich dich mit der Brille aus der Rate gefunden habe. Fr. Morg. Immerhin!— gibt eS doch Menschen, dio ihrc Brillen nie ablegen, wenn sie gleich nicht drey Schritte weit dadurch sehen kennen. Max, Dukaten will ich,;iind keine Moral. Fr. Morg. Freylich muß man nur solchen Leuten Moral predigen, in deren Taschen mchts 2 s) 2 mehr klingelt, die sind am willfährigsten zuzuhören. Nun, nun, junger Herr, die Zeit wird auch bald kommen. Max(im Abgehn.) Weißt du, was ich thue, wenn alle Stricks reißend Fr. Morg. Nun? Max. Ich heirathe dich. Fr. Morg. Ich bin ja kein Fräulein. Max. Gehn wir nicht eben, um ein Bleichen von deinem Stammbanm zu pflücken? (Vcyde ab.) Vierte Scene. Anton und Gr eichen treten schüchtern herein. Anton. Hier ist auch Niemand. Gretchen. Ach Anton! ich zittre. Anton. Warum denn? Gretchen. Wir haben einen dummen Streich gemacht. Anton.'Wir konnten uns ja nicht ander» helfen. Gretchen. Mein Gewissen sagt: mm> muß sich lieber gar nicht helfen, als auf eine schlechte Weise. Anton. Dein Gewissen ist scheu, wie eine Holztaube. Was haben wir denn verbrochen? Du bist von einem Oheim zum andern gewandert; das ist es Alles. Gretchen. Ich bin undankbar gegen den Mann, det Vaterstelle bey mir vertreten hat. Anton. Umgekehrt, du bist sehr dankbar, denn du willst es ihm an seinem Sohne vergelten, willst mein braves Weib werden, nicht wahr? Gretchen. Nein, Anton, ohne die Einwilligung deiner Älter» kann das nimmermehr geschehen. Anton. Hab ich nicht dein Wort? Gretchen. Ach!—> gestern Abend!— das hat mich so überrascht,— ich wußte gar nicht,-daß ich dich liebte, und nun erfuhr ich das so plötzlich— da hatte ich, Gott weiß! was versprochen. Aber diese Nacht, als ich nicht schlafen konnte— Anto n. Du hast nicht geschlafen? Curios! ich auch nicht. Gretchen. Da dachte ich: du hast von der Muhme wohl manche Ohrfeige bekommen, aber 2Z4 doch mehr Wohlthaten als Ohrfeigen, und wen» du ihr nun das Herzeleid anthust— Ach! das wird sie mehr schmerzen, als Mich ihre Ohrfeigen. Anton. Sey nur ruhig; der Vetter ist fürstlicher Rath, wenn der der Mutter ein gutes Wort gibt— ist es doch so still hier im Hause, als ob die Menschen alle zum Heums- chen oder Roggenschnitt gegangen waren.(Er sieh« sich um.) Potz tausend! was für schöner Haus- rath! das strotzt alles von Golde. Der Vetter mi-st recht reich seyn. Sich nur, Gretchen, den großen S piegel. Gretchen. Ich mag nicht hinein schauem Ich wurde doch nur sehn, wie mir die Backen glühn. Anton(macht Kratzfüße vor dem Spiegel.) Ha! ha! hü! Komm doch her, Gretchen. Gretchen. Mas willst du? Anton. Thu mir den Gefallen, mach einmahl einen Knix, hier auf dieser Stelle. Gretchen. Nun?(sie tritt rar den Spiegel und knixt; Auto» steht hinter ihr, und macht. Kratzfüße. Beyde fangen laut und immer lauter an zu lachen.) 235 Fünfte Scene. Max und Frau Morgan treten herein, und sehen dem Dings mit Verwunderung zu. Die Vorigen. Max(nach einer Pause.) Was sind das für Leute? Anton u. Gretchen(prallen zurück, und Minen sich.) Max. Ein hübsches Mädchen. F r. M o rg. Ein wackerer Bursche. Anton(treuherzig,) Guten Tag, Herr Vetter! Gretchen(verschämt.) Guten Tag, Herr Vetter! Max. Vetter? wie komme ich zu der Ehre? Anton. Ey, ich bin ja der Vetter Anton. Gretchen. Und ich bin Muhme Gretchen. Max. Wirklich? hab' ich doch nicht gewußt, das; ich ein so hübsches Mühmchen hatte. Anton. Nicht wahr, sie ist hübsch? Fr. Morg.(welche Allton mit Wohlgefallen l'-trachiet.) Willkommen/ Herr Vellmukh! Au ton. Serviteur! Max(zu Grctchen.) Wie kommt es denn, daß wir uns noch gar nicht kennen? Gretchen. Das macht, weil wir uns noch gar nicht gesehn haben. Max. Aber in Zukunft müssen wir uns öfters sehn. Anton. Nicht wahr, Herr Vetter, sie gefallt ihm? Max(sehe kalt.) Er ist ja recht groß und stark geworden. A n t o». Gott sey Dank, ich bin gesund. Fr. Morg.(zu Anton.) Ein seltner Gast, ein lieber Gast. Anton. Serviteur! Wer ist sie denn? daß ich so frey bin, zu fragen. Fr. Morg. Eine gute Freundinn aus dem Hause. Max(ironisch.) Frau Morgan, eins junge Witwe. An t o n. Nun, so gar jung ist sie wohl eben nicht. Max. Frauenifmmsx und Mispeln werden reifer, wenn sie lange liegen. Fr. Morg. Versuchen Sie das mit Jh"» Spöttereyen, die sehr unreif sind. Da nehme» § ii § >t u d -i k 287 Sie ein Beyspiel an Ihren, Vetter, der ist ein lieber, bescheidner, junger Mann. Max. Mütterchen, mir ist bange, du wirst ihn bald gar zu bescheiden finden. Anton(mit einem Krayfiitz.) Bewahre der Himmel, Herr Veecer, er ist allzu gütig. Max. Ha! ha! ha! Glück zu! ich halte mich an die liebe kleine Base, die so schüchtern unter ihrem Strohhut hervor schielt, und doch den Schalk Amor in den Ksrnblumenstrauß am Busen versteckt hat. Anton. Was hast du da verstecker, Gret- cheiis— Gretchen. Ichs nichts. Fr. Mo rg.(zu Anton sehr zuthntig.) Warum kommt er so selten nach der Stadt? Anton. Weil mir die Stadt nicht gesellt. Max. Sagt mein hübsches Mühmchen such so? Gretchen. Ich sage alles, was Anton sagt. Max. Ist denn Anton Ihr Orakel? Gretchen. Orakel? er ist mein Vetter. Fr. Morg.(zu Anton.) Wo man gerne gesehen wird, dahin sollte man auch gerne Sehn. 2ZÜ A Nt 0 N(der nur halb auf ihre Worte Hort, wnl er Max und Gretchen unruhig beobachtet.) Ich bedanke mich. Max(zu Gretchen.) Wo ist denn Ihre Wohnung? A nton( der das Wort nimmt.) Im goldne» Schiff in der Vorstadt, da haben wir uns ein wenig abgestäubt. Max(ungeduldig.) Mein lieber Vetter, ich finde ihn noch sehr staubig. Anton(besieht sich.) Wo? Fr. Morg. Wenn doch ein Jeder vor seiner Thür fegte. Max. Missen Sie auch,liebes Mühmchen, das schickt sich nicht, daß Sie mit dem jungen Menschen in Einem Wirthshaus» wohnen. G r e tch e n.-Warum schickt sichs denn nicht? Wir wohnen ja seit fünfzehn Jahren unter Einem Sache. Max. Testo schlimmer! ich rathe Ihnen, nehmen Sie hier bey uns Quartier; wir haben ein niedliches Ammer für Sie in Bereitschaft. Anton. Servireur, Herr Vetter, wenn der Papa es erlaubt, so wollen wir recht gern— 23q Max. Für ihn, mein Freund, ist kein Platz. Fr. Morg. Es wird sich auch schon ein Plätzchen rinden. Max. Ey, ey, Mütterchen, hüthe deine unbefleckte Tugend. Fr. Morg. Wer kann sich vor Ihrer,Zunge hüchen? Max. Papa kommt. Sechste Scene. Der R a t h. Di e V o r i g e n. Anton u. Gret.(machen eine Menge Vertilgungen.) Rath. WaS wollen die Bauern's Wer seyd ihr? Max. Vetter Anton und Muhme Gretchen. Rath(m,t einer Mischung von Schrecken, Verlegenheit und Stolz.) Ah!— wohl gar— ja, ja, ich entsinne wich.(Er nickt vornedm mit dem Haup- und reicht seine beyden Hände hin, um sie küssen zu Wn.) Anto N(schüttelt ihur treuherzig die Hand.) Got! grüß ihn, Herr Vetter! Gretchen(macht es eben so.) Gott grüß ihn, Herr Vetter! Rath. Gott grüß ihn? Seyd ihr toll? — Kinder, was wollt ihr in der Stadt?— ihr wißt nichts voll Lebensart. Wenn das ein Fremder mit angehört hatte! Gott grüß ihn! ha! ha! ha! Anton. Nehme er es nur nicht übel, Herr Vetter, wir meinen es gut. Gretchen. Ja gewiß, lieber Herr Vetter! Rath. Vetter, Vetter! Könnt ihr nicht wenigstens Herr Oncle sagen? Anton. Wir wissen nicht alle seine Titel, Herr Vetter Oncle., Rath. Einfältiges Zeug! wenn man so ganz verbauert ist, so sollte man nie einen F»ß in die Stadt setzen. Was wollt ihr? wo sind seine Altern? Anton. Zu Hause., Rath. Seyd ihr beyde ganz allein gekommen? An t o n. Ganz allein. Rath. Eine saubere Wirthschaft. Anton- Schi Anton. Noch haben wir keine Wirthschaft, s'M wir wollten den Herrn Vetter Oncle um n»e„ guten Rath bitten, wie wir es anfangen mäffen, um eine Wirthschaft zu bekommen« Rath. Was gehe das mich an? Auto n. Er ist doch unser leiblicher Vater- ^ iruder. R a t h. Leider! Anton. Ich habe Gretchen gar sehr lieb. iIretchen! sage, daß du mich auch lieb hast. Rath. Was sollen mir eure Conßdencen? ^reichen. Nein, mit solchen Sachen fassen wir uns nicht. Ich bin ein ehrliches Mädchen. Anton. Die Mutter will, ich soll die roth- ^pßge Liese heirathen. Rath. Heirathe meinetwegen, wen du LH hast. ^ Anto n. Ich habe aber gar keine Lust dazu. EUk ist zwar reich, aber ei» Saran. Rath. So schicke sie in die Holle. A nton. Bewahre der Himmel! ich wünsche A die ewige Seligkeit, nur zur Frau mag ich >>e nicht. Rath Himmel! verleihe mir'Geduld! K°tz-k»n-'L Theater. 9. Bd. L 2 /ß 2 Anton. Muhme Gretchen wäre mir weil lieber. Rath. So sage mir nur in Guckucks Nahmen! was mich das angeht? Anton. Herr Vetter Oncle, wir wollten ihn freundlichst gebethen haben, ein gutes Wort für uns einzulegen, daß Vater und Mutter ihren Willen drein geben. Rath. Ich wollte, sie hatten dich eingesperrt. Anton. DaS hat die Mutter auch gethan/ «ber ich bin aus dem Fenster gesprungen. Rath. So wollt' ich, du hättest den Hals Apbrochen.. Ante n. Das ist nicht christlich— Rath. Christlich? ha! ha! ha! sind wir tenn hier auf eurem elenden Dorfe? Geh' er/ mein Freund, grüße er den Herrn Pfarrer, und sage er: in der Residenz hätten wir ander« Dings im Kopfe. Anton. Wir haben nichts im Kopfe, aber Gott sieht unsere Herzen. Rath. Kindergeschwätz! geht mir aus de» Augen, und kommt mir nicht wieder über ti« Schwelle. Anton. Komm, Gretchen, der Mann ist »Ht wie unser Einer. Gott bezahle uns unser chrlichcs Zutrauen!— leb' er wohl. Er mag wohl ein recht guter Oncle seyn, oder wozu ch» sonst der Fürst gemacht hat, aber zum Vetter taugt er gar nicht.(Er geht ab mit Grctche,,.) Siebente Scene. Der Rath. Max. Frau Morgan. Rath. Warum hat man das Pack ins Haus Baffen? Fr. Morg. Je nun, sie gehörten doch zu Herrn Raths werrher Familie. Rath. Hohl der Henker meine Familie! D-r Mann von Kopf, der emporstrebt, hat bine Verwandte. ür. Morg. Der junge Bursche ist ein ^»ig roh, aber von einnehmender Treuherzigkeit. Rath. Treuherzig? ich muß lachen. M» jemahls einen treuherzigen Menschen ge- aus dem etwas Rechtes geworden wäre? kann man die Treuherzigkeit gebrauchet'.? bi— bey Hofe? da ist sie contreband; in den L 2 244 Richtcrstuhlen?— da ist sie verklausulirt; in der Armee?— da verursacht sie Händel; auf der Kanzel? da schmälert sie die Beichrpfcnuige. Folglich macht sie eins Ausnahme von der Regel, und gilt nur da, wo sie geboren wurde, das heisst: auf dem Dorfe. F r. Morg. Aber alle Menschen rühmen sie doch als eine Tugend? Rath. Nun ja, alle Menschen rühmen auch das arkadische Schaferleben, es geht aber doch keiner hin, die Schaafe zu hüthen. Fr. Morg. Je nun, wenn ein treuherziger Mensch zu nichts weiter zu gebrauchen ist, so wäre er doch noch immer gut genug zum Ehc- mann.(Sie geht ab.) Rath. Zum Ehemann? ja, das laß ich gelten. Max. Mein Cousin ist ein Bengel und behagt mir nicht; aber die Cousine ist verzweifelt hübsch. Rath. Max! Max! denke an das gnädige Fräulein von VoUl orn. 'Max. Ich kann doch nicht immer anst! denken. Ist es denn nicht genug, wenn ich st heirathc? Rath. Allerdings, mehr als zu viel. Ab« 245 öis das geschehen ist/ musit du alle unedle Neigungen verbergen. Denke dir die Schande-, wenn sie einst einem solchen Auftritte beywohnen müsire. Sie wäre zum Exempel hier im Hanse, und stattete bey mir, ihrem künftigen Schwiegervater, einen Besuch ab. Ich sahe hier, und spreche von meinen Gütern— von meiner Verwandtschaft— es würde geklopft— (man hört wirklich draußen klopfen)— ich stehe auf—„verzeihen Sie, gnädiges Fräulein" sage ich mit Reverenz:„es wird der Graf T. oder der Baron U. seyn— gute Freunde, die mich zuweilen überraschen"— nun geh' ich nach der Thür— offne sie— und finde den verdammten Vetter Anton!(Indem er eine Be- «ezung nach der Thür macht, trete» Achte Seen e. Hans und Marthe herein.) Max(lachend.) Nein, dießmahl ist es Bnr- der Hans in eigener hoher Person. R a t h(ganz versteinert.) Bruder Hans! s Hans. Guten Tag/ Bruder/ fürstlicher Rath! Marthe. Guten Tag, Herr Schwager, eS ist mir lieb/ ihn bey gutem Wohlseyn anzutreffen. Rath. Sagt mir doch: ist etwa euer Dorf abgebrannt? Hans. Bewahre der Himmel! Rath. Warum kommt ihr dann mit Sack und Pack nach der Stadt? Marthe. Mit Sack und Pack? wir komme»/ wie wir stehn und gehn. Ha ns. Anton, der böse Bube, ist uns davon gelaufen. Math. Was kümmcrts mich? H a n s. Er ist dein Path-e. Rath. Ich wollte er liefe zu cke» Hottentotte»/ und ihr hinterdrein/ so wäre ich euch alle auf einmahl los. Hans. Bruder Gottlieb/ was soll da? heißen? Marthe. Herr Schwager/ das steht nicht fei»/ seine nächsten Blutsverwandten so schnöde zu empfangen. Wenn Er auf unser Dorf kommt, so stehen alle Buttertopfe offen/ und mein Maiw nöthigt Ihn auf den ledernen Sorgestuhl. Rath. Nun da setzt euch! setzt euch!(bey Leite) wenn nur kein-vornehmer Freund dazu kommt. Marthe. Mein alter Hans ist freylich kein fürstlicher Rath, aber er hat seine Batzen. Rath(bey Seite.) Batzen s was für Ausdrücke! M ar th e. Bey uns flimmert und flammert es freylich nicht so von Golde, aber wir haben em feines Gut, und keinen Heller Schulden. Rath(bey Seite.) Keine Schulden! da Hort man den Bauer! Hans. Las; den Bruder Gottlieb zufrieden. Wer weiß was für Staatsgeschäfte ihm im Kopfe herumgeht:. Nicht wahr, Bruder fürstlicher Rath, ich habe es getroffen?— Höre, du könntest mir eine große Freude machen,, wenn du mir so ein Bißchen erzähltest, was mcht alle Leute wissen; so ron politischen Umstan den— vom General Cla- ir- fa-it, oder Be- au- li- eu. Marthe. Da haben wir den alten Narren! der einzige Sohn ist ihm davon gelaufen, und statt nach Anton zu fragen, fragt er nach der hohen Generalität, ..." I Rath. Recht/Frau Schwester! Sie habe« kein Zeit zu verlieren. Anton ist hier gewesen. M a r t h e. Der Bösewicht! Rath. Eilen Sie, ihn einzuhohlen. Marthe. Was will er denn anfangen? Aath. Er will— er will— Marthe. Heirathen, nicht wahr? Rath. Ganz recht/ heirathen will er.(Mai: hört klopfen) O weh! da wird geklopft. Ja/ wenn Sie ihm nicht schnell nachsetzen/ so heirathet er auf der Stelle. Marthe. Ich will nicht hoffen— wo ging er denn hin? Rarh. Er ging>— er ging—(man hört «bernnibls klopfen) O weh! schon wieder!— er ging in die Kirche. Marthe. Er wird doch wohl nicht so gottlos seyn/ sich über Hals und Kopf kopuliren zu lassen. Rath. Über Hals und Kopr! Eilen Sie! eilen Sie!— Du mein Himmel! da wird schon wieder geklopft— Herein!— Leben Sie wohl,/ Frau Schwester!— herein!— leb wohl/ Bruder Hans!—(bey Seite) Das ist gewiß der Graf Selten. Ich bin des Todes. 249 Neunte Scene. Peter Vollmuth. Die Vorigen. Peter. Erwünscht. Da finde ich Sie ja beysammen.(Seine Bruder wschselsweise betrachtend) Die Knaben sind beyde alt geworden. Rath(sich von seinem Schrecken erhöhte,id.) Wer ist er? was will er? Peter. Bruder Gottlieb! kennst du mich nicht mehr? Rath. Was?— schon wieder ein Bruder -bey meiner armen Seele! Marthc. Ich will nicht hoffen— Hans. Es wird doch wohl nicht gar— Peter. Bruder Peter seyn? Freylich, freylich Bruder Hans! laß dir nach fünfzehn Iah. ren wieder einmahl die Hand schütteln. Rath(bey Seite.) Hat denn der Satan heute noch nicht genug Verwandte über mein Hans herabgeschnttelt, daß er den letzten sogar M Indien hohlen mußte? Mar(der sich an dieser und der vorhergehenden Trens iunia. ergötzt.) ha! ha! hat d Hans. Bist du es denn wirklich/ Bruder Peter? Marthe. Dummrian! freylich ist er's. Rath(bey Seite.) Leider ist er's. Max(lachend.) Ja, er ist's. Hans. Wo kommst du denn her? Marthe. Alberne Frage! aus Indien. Rath(bey Seite.) Aus der Holle. Peter. Ja/ ich komme aus Indien. Vor ein paar Stunden ging mein Schiff auf der Rehde vor Anker. Hans. Dein Schiff? M arthe(freundlich.) Sein eigenes Schiff, Herr Schwager? Peter. Wollte der Himmel! nein/ Frau Schwester/ so gut ist niir's nicht geworden. Ich bin nur ein elender Passagier auf dein Schiffe. Marthe(in ihrer Erwartung getauscht) Elend? Rath(halb für sich.) Passagier? M ax(in sich lachend.) Ein elender Passagier. Hans. Aber Neuigkeiten wirst du doch wohl mitgebracht haben? Peter. Neuigkeiten? die größte und wich- tigste für euch ist die: daß ich ein armer Teufel bin. Marthe. Das ist ja nichts neues. Rath Mir sich.) ein Teufel? Max(wie oben.) Ein armer Teufel! Peter. Vor allen Dingen sagt mir: lebt meine Tochter noch? Hans. O ja, sie lebt. Marthe. Sie ist recht sehr lebendig. Max. Und recht sehr hübsch. Peter. Gott sey Dank! Marthe. Wofür denn? wenn man ein armer Teufel ist, sollte man eher wünschen sein Kind im Grabe zn finden. Peter. Hort einmahl, es scheint mir beynahe, als ob ihr über meine Ankunft keine große Freude empfändet. Hans. Du hast ja gar nichts mitgebracht; keine Neuigkeiten— M arthe. Kein Geld— Rath. Keinen Titel— Peter. Ja so, Herr Bruder, ich höre, du bist unterdessen fürstlicher Rath geworden? Tratulire von Herzen. Rath(vornehm.) Sehr verbunden. Peter. Was macht dein Sohn? Rath. Da steht er. Peter. Ist er das? nun, Herr Vecrer, er tonnte seinen Oheim doch wohl willkommen heißen! Max. Die Freude hat uns alle stumm gemacht. Rath. Sage mir nur/ wie es zugeht/ daß du in fünfzehn Jahren nicht verhungert bist? Peter. Die Braminen sind wohlthätig. Rath. Warum bist du denn nicht bey den Braminen geblieben? Peter. Weil ich hoffte/ meine Bruder noch wohlthätiger zu finden. Ich freue mich/ Bruder Gottlieb/ über den Wohlstand/ der in deinem Hause zu herrschen scheint/ und bitte dich um ein schlechtes Zimmerchen zur Wohnung. Rath. Ein Zimmer? In meinem Haust? Hier ist kein Platz. Peter. Ich sehe doch da eine Reihe von Gemächern. Rath. Gesellschaftszimmer/ Speisesaal/ Schlafzimmer/ Studierstube/ Boudoir— Peter. So könnte dein Sohn vielleicht— Max. Ich bedaure/ lieber Oheiw/ ich habe selbst nur drey Zimmer/ und muß mich eng behelfen. ^55 Peter. In drey Zimmern will ich schon kinen Winkel finden. Rath. Bruder/ das geht nicht— er empfangt Gesellschaften— er geht mit Edelleuten in,___ Du verstehst mich, man muß gewisse Rücksichten nehmen— Peter. Ja, ja, ich verstehe. Nun dann geh' ich mit Bruder HanS nach unserm Dorfe. Räch. Das ist eine vernünftige Idee. Mar th e. Ey, seht doch, unsere Hütte rst seit fünfzehn Jahren nicht gewachsen, und da nun vollends unser Sohn Anton nächstens Heimchen wird-- Peter. Vielleicht nimmt der Kettenhund mich quf. Im Ernst, liebe Bruder, wenn ihr mich nicht beherbergen konnt, so leiht mir wenigstens etwas Geld. Rath, Ha ns und Marth e(zugleich.) Geld« Peter. Nur so viel, daß ich dem Schiffs- Capirain Überfahrt und Kost bezahlen kann, erlaßt mir sonst meine wenigen Habseligkeicen nicht verabfolgen. Rath. Mit Geld kann ich dir nicht dienen, Herr Bruder. Hattest du dir wenigstens vom großen Mogul einen Titel zu verschaffen ge- wußt/ daß man dich in Gesellschaften produci- ren könnte— Peter. Mein Gott/ ich bin dein leiblicher Bruder, ist das für dich nicht Titels genug? Rath. Für mich wohl— aber ich bin fürstlicher Rath— du verstehst mich— man hat Connepionen— man hat eAuucks zu beobachten— P e der. Und dein Herz? Rath. Bruder-/ du kommst aus Jndie-i/ wo die Herzen noch ihren Preis gelten mögen; wer aber in Europa sein Glück machen wich dem muß das Herz im Kopfe pulsiren.(Er' geht ab.)- Peter. Nun ehrlicher Hans/ so wirst dir^ mir helfen. Hans. Keine Neuigkeiten/ Bruder! wo hast du hin gedacht? was wird der Herr Pfarrer sagen? fünfzehn Jahre in Indien zu lebeiy und von des großen Moguls Hofe nichts mehr und nichts weniger zu wissen/ als meine Gänse — das ist zu arg! ey/ ey! das ist zu arg.(Er geht ab.) Marthe. Alter Narr! so lange in Indien zu leben/ und kein Geld mitzubringen/ das ist noch weit arger.(Sie geht«b.) 2 vX) M c> x. Getrost, Herr Vetter! mit einer hübschen Tochter ist man in.Europa nicht arm.(Ab.) Zehnte Scene. Peter Vollmuth allein. So? da wäre ich denn ganz allein?— Ich fürchte, mein alter Bramme wird Recht behalten. Der Arme, sprach er, hat keine Verwandte; Elend ist sein Bruder und Verachtung seine Schwester; wer sein Geld einbüßt, der kann sagen: meine Verwandten sind gestorben.— Ey, ey! der Erste Versuch lief traurig ab. Wenn das so fort geht, so werde ich meinen Affen und meine Papagayen bald vermissen. Tochter! Tochter! auf dir beruht je.tzt meine ganze Hoffnung. (Er geht ab.) (Der Vorhang fallt.) 256 Dritter Act. (Straffe in der Vorstadt. Rechter ober üuker Hand das Wirthshaus zum goldnen Schiff.) Erste Scene. Gret ch e n und der Wirth. Wirth. Wie gesagt, Jüngferchen, wenn sie und ihr lieber, scharmanter Vetter kein Geld haben, so thut ihr besser, euch nach einer andern Wohnung umzusehen; denn mein Hans ist, Gott sey Dank! Eins der Ersten in Stadt und Vorstadt, und betriegen lasse ich mich nur von vornehmen Leuten, versteht sie mich? 7 es nicht fein, wenn man grob gegen sie ist.— Anton kommt noch nicht. Hier gehen so viele Menschen vorbey, und alle gaffen mich an- Gewiß kann man mirs ansehen, daß ich davon gelaufen bin.— Meine Backen glühen— wenn die Leute nur nicht glauben, ich habe gestohlen.— Anton! Anton! ich war weit ruhiger, als du nur noch mein Vetter warst. Zweyte Scene- Max und Gretchen. Max. Endlich, mein schönes Mühmchen! Grecchen. Seine Dienerinn, Herr Vetter! Max. Ich bin herum gestrichen, wie ein Jagdhund. Finde ich Sie allein t Gretchen. Ich warte auf Anton. Max. Wo ist ert Gretche n- Er geht in der Stadt herum, u»d sucht einen Dienst für mich. Max. Indessen meldet sich»»gesuchtein gehorsamer Diener. Gretchen. Pfuy, Herr Vetter, spotte Er nicht einer armen Waise. Max(bey Seite.)'Noch weiß sie nichts reii ihres Vaters Ankunft. Desto besser!(laut.) Im Ernst/ liebes Mühmchen/ es schickt sich nicht/ daß Sie hier so ohne Schutz und Schirm aufder Straße herum wandeln. Gretchen. Wer wird mir denn etwas zii leide thun? Max. Sie sind eine Fremde/ Ihr guter Ruf leidet. Gretchen. Ruf? was ist das? Ich Haie keinen Ruf. Max. Als ein naher Verwandter liegt mir Ihre Ehre am Herzen. Gretche n. Wer kann mir meine Ehre nehmen/ wenn ich nichts Böses thue? Max. Menschenzungen richten nach dem Schein/ und strafen ihn gewöhnlich härter/ als die Wirklichkeit. Daher rathe ich Ihnen/ kommen Sie in unser Haus. Gretchen. Ich habe des Herrn Vetter On- cle's Empfang nach nicht vergessen. Max. Ey/ der Herr Vetter Oncle braucht gar nichts davon zu wissen. Sie kommen heimlich. Gretchen. Soll ich denn Alles heimlich thun? Heimlich bin ich dem Einen Oheim barem gegangen, und heimlich soll ich mich dem andern wieder aufdringen? Max. Sie wohnen bey mir; ich habe ein .niedliches Zimmer, versorge Sie mit Allem— Gretchcn. Je nun, wenn Anton es zufrieden ist. Max. Ich leiste Ihnen Gesellschaft— G reichen. Vetter Anton wird mir schon Gesellschaft leisten. Max. Kind, ich habe keinen Platz für ihn. Gre tchen. Was soll denn aus ihm werden?.— Max. Freylich darf er nicht unversorgt bleiben. Er ist ja mein leiblicher Vetter, und ich liebe ihn, als ob er mein Bruder wäre. Gretchen. Wirklich? nun.hin ich Ihm recht gut. Max.-Wie-wäre es, wenn— ja das wird gehn—ich habe einen guten Freund, der ist Lieutenant, den will ich bitten, daß er Vetter Anton zum Grenadier mache. .Gretchen(lachend.) Anton ein Grenadier! die hohe Mütze mußte ihn recht gut kleiden. Max. Allerdings. Überreden Sie ihn dazu. Gretchcn. Da.kommt er eben. Dritte Scene. Anton. Die Vorigen. Gretchen. He, Anton! hast du Lust, Grenadier zu werden? Anton. Grenadier? bist du wunderlich? Gretchen. Ja, sieh nur, da ist der Herr Vetter. Anto n(sehr k,nt.) DaS seh' ich. Gretchen. Der will dafür sorgen. Anton. Großen Dank. Gretchen. Und mich will er unterdeffenzii sich nehmen. Anton. Wirklich? Gretchen. Sein garstiger Papa soll nichts davon wissen. Anton. Immer bester. Gretchen. Ich werde in einer hübschen Stube wohnen— Anto n. Ey! Gretchen. Der Vetter leistet mir Gesellschaft— Anton. Sehr gütig. Max. Ja, Vetter, wenn Er Lust hat— Anto n. Ihm den Hals zu brechen hab' ich große Lust. M a x. Ist das Spaß oder Ernst? Anton. Brechen sich die Leute hier in der Stadt zum Spaß die Hälse? Max. Bedenke er doch nur, Gretchen ist versorgt— Anto in Eine feine Versorgung. Max. Er kann in einem halben Jahre Cor poral seyn, dann hcirathet er die Muhme. Anton. Wenn sie ein halbes Jahr bey ihm versorgt gewesen ist. Gut ausgedacht. Tausend Sapperment! junger Herr, wenn ihm seine Knochen lieb sind— Max. Anton! Anton! wir sind ja leibliche Bettern. A n t o n. Ich wollte lieber mit einem Türken verwandt seyn, als mit Ihm.^ Sein Papa ist ein häßlicher, hoffärtiger Mensch, aber Er ist doch noch schlechter, als sein Papa. Jener sagt doch gerade heraus, wie er's meint; Er schleicht um den Brey wie eine Katze. M a x. Grobe Baucrnsprache. Anton. Wenn Ihm die Wahrheit nicht ansteht, so packe Er sich fort. Max. Kerl! die Straße ist breit genug für dich und mich. Anton(sucht nach eilicm Stacke.) Ö ja, Platz 2 o 2 genug/ um dem vornehmen Herrn Vetter. daS' verbrämte Wamms auszuklopfen. M ax. Warte/ Burschel ich will dich mores lehren.(Er retirirt sich.) Vierte Seen e. Greichen und?lnton. Anton. Unschuldige Dirnen betriegen/das nennen sie in der Stadt moros. Gretchen. Anton/ was hast du gemacht? Nun hast du es ganz mit dem Herrn Vetter verdorben. Anton. Ein großes Unglück. 6) r e t ch e n. Er meinte es doch so gut mit uns. Anton. Er? Verführen wollt' er dich. Gretche n. Geh doch. Er weiß ja/ daß rch deine Braut bin. A nto n. Gestohlne?ipfel schmecken am besten. Gretchen. Und daß ich dich liebe. Anton. Aus den Augen/ aus dem Sinne. Ein halbes Jahr ist lang. Wer stände mir dafür— Gretchen. Anton, rede nicht aus, ich «rde böse. Anton- Kurz und gut, ich trenne mich nicht wieder von dir, und sollte ich mit dir bet- kkn gehn. Gretchen. Hast du denn nichts für uns Pfunden? Anton. Gar nichts. Der Eine lachte mir ins Gesicht, der Andere schlug mir die Thüre »er der Nase zu. Gretchen. Ach Anton! was soll aus uns werden? Anton. So Gott will, ein Paar. Die Äe Madam, die heute so freundlich war, hat es wohl anders im Sinne. Gretchen. Die alte Madam? was küm- Mrt's die? Anton. Ha! ha! ha! rathe einmahl. Ich Pug von unaefächr durch die Straße, wo unser liebwerthester Herr Vetter wohnt, da stand die Nie vor der Thür, und winkte, und bach mich, "»her zu treten. Ich that's. Sie führte mich in ihre Kammer, tractirte mich mit Danziger Goldwasser, schwatzte ein Langes und ein Breiig, ging mir um den Dart— und kurz— wa§ 264 meinst du wohl? sie legte mir'S ziemlich nahe,- daß ich üc heirathen sollte. Gretchen. Heiratyen? Anton. Sie ist reicher, als die rothkäpM Liese. Ein großer eiserner Kasten voll Silber und Gold— Greichen. Der Mammon wird dich doch nicht bleirden? An t o n. Sie will mir ein Pachtgnth verschaffen. Ich soll nicht mehr Bauer seyn, ich soll ein großer Herr werden, und folglich die Hände in den Schooß legen. Gretchen. Ach, Anton? du wirst doch nicht— Anton. Ja, wenn du zum Vetter ziehst, so hcirathe ich die Alte. Gretchen. Nein, nein, ich will nicht zum Vetter ziehn. Anton. Topp! wir bleiben beysammen. Gretche n. Aber was fangen wir an? Anton. Je nun, fürs erste hungern wir ein Weilchen. Gretchen. Du um meinetwillen hungern? Nein, Anton, ehe Ich das zugebe, lieber lauft ich in die weite Welt. Anto n. Ich laufe hinterdrein. Gret- Z65 Gretchen. Ich verstecke mich vor dir. An ton. Ich will dich schon finden. Gretchen. Ich nehme einen fremden Nahmen an. Anton. Du kannst doch kein fremdes Gesicht annehmen? Gretchen. Ich verschließe meine Thür. Anton. Ich lege mich wie ein Pudel auf die Schwelle. Gretchen. Ach Anton! ich bitte dich, Köe mich nicht so entsetzlich lieb. Ich dachte dir d-s Leben froh zu machen, und nun muß ich Schuld an deinem Unglück seyn.(S>- fangt au !«weinen.) Anton. Hm! wenn einem Unglücklichen "icht schlimmer zu Muthe ist, als mir. Ich tausche nicht mit unserm Amtmann. Gretchen. Hungern sollst du auS L-ebe zu- "M?(Lauter weinend.) Hungern? ach! das ist so kläglich. Anton. Pfuy, Gretchen, meine nicht, machst mir das Herz ganz weich, und am ->w-weine ,ch mit, ohne zu wissen warum. Gretchen. Ursach genug! ich bin viel- «cht schuld, daß deine Ältern dir fluchen. Das V em gräßlicher Gedanke! Lieber wollt' ich ein Ketzebue's Theater. H. Bd. W 266 Gespenst sehen, als so etwas denken.(Schluchzend.» Es wird mich hindern, meinen Allen.! legen zu ', bethen— es wird mir jeden Bissen uu Munde versalzen. Anton(fängt auch an zu weinen.) Da haben wir'S!— daS dachte ich wohl— das, ich am Ende würde mirweinen müssen— was hast dll nun davon— daß du einen armen Kerl auf öffentlicher Straße zum Kinderspott machst? » in te >v gi w tr Fünfte Scene. Peter Vollmuth. Die Vorigen. Peter(der eben in das Wirthshaus gehe» woltich Waö gibtö hier? was fehlt euch? Anton. Nichts. Peter. Er weint ja, mein Freund? IU I'ch INI Ä t« Anton. Das geht Ihn nichts an. Peter. Du auch, mein Kind? waS iß das? hat dir der Bursche da etwas zu leide ge- than? Gretchen. Der? Nein, gewiß nicht. Der hat mich so lieb,— so lieb— daß er M N. A mi nid.) , z» mde ha- i-h was wen pstk iü«. ist Zecht, uin meinetwillen hungern will.(Sie bricht«ufz„e^ in Thräne», aiiü.) Anton. Warum mußt du das fremden Leu-- ken auf die Nase binden? Wenn ich hungern will, so hungere ich auf meine eigene Hand, und es hat Niemand darnach zu fragen. Peter. Trotzkopf! du machst mich neugierig. Sagt mir doch, Kinder, wer seyd ihr? was habt ihr vor? macht mich zu eurem Vertrauten, vielleicht kann ich helfen. A n t o n.. Wenn er das könnte— Greichen. Was meinst du, Anton? der, Mann hat ein ehrlich Gesicht. Anton. Ich habe heute schon Manchen >»n Hülfe angeshrochcn, der ein ehrliches Gesteht hatte. Wir Bauern bringen unsre Hühner «>'d Gänse zu Markte, und die Stadrleute ihre Gesichter. Peter. Noch so jung und schon so mißtrauisch? das gefällt mir nicht. Anton. Man kann in Einem Tage sehr viel Mies lern-n. ete r. Mit Ihm habe ich nichts zu schaffen, dch halte mich an dich, liehe Kleine; du wirst j"ur jagen, wo euch der Schuh drückt. Nr eichen(stockc„d.)Zch und mein Vetter. M 2 268 Peter. Ist er dein Vetter? Gretchen. Ja, wir sind Bruderskinder; aber Anton spricht, das hatte nichts zu sagen, wir konnten uns doch hewathen. Peter. So, so, ihr wollt euch heirathen? Gretchen. Ach Herr, wir haben uns so l^b— wir haben das selbst erst gestern erfahren; aber seit dem ist-s noch zehn Mahl arger geworden. Peter. Wie erfuhrt ihr es denn? Gretchen. Je nun, er sollte die roth- kopsig- Liese heirathen. Peter. Und da ging ihm em Licht anst Anto n. Es war, als ob ein- Heuscheune angezündet würde. Gretchen. Liese ist reich. Pete r. Und du vermuthlich arm? Anton. Aber Herr, sie ist ein Kernmädel, das glaub' Er mir aufs Wort: fromm unk flerßia, und hübsch ist sie auch, das sieht Ä wohl. Gretchen. Schäme dich, Anton, M meine Backen noch nicht roth genug? Peter. Ja, ja, hübsch bist du, da hat tt ganz recht. Auto N(auf einmahl zutraulich.) Nicht wahr, »MMW -r; n. II? s» ah- g-r th> r riu A, uid Er! s!-'d^ > h» Herr, ich habe recht? seh' Er nur die Lippen, wie reife Erdbeeren, und die Augen, wie Kornblumen. Mit den Blitzaugen kann sie machen, war sie will. Jetzt zum Exempel, har sie geweint, da sehen die Augen so fromm aus wie ein Psalm. Aber wenn sie vergnügt ist, dann schaut sie so schelmisch unter den langen Wimpern h».vor G reichen. Anton, ich laufe davon. Peter. Bravo, mein Freund! über die hübschen Augen vergißt Er ja alle seine Noch? A n to n. Ja, Herr, ich wünsche jedem ehrlichen Manne ein paar solche Augen, in die er hinein schauen kann, weun'S ihm übel geht» Kurz! die Mutter mag sagen, was sie will, mein Gretchen laß' ich nun und nimmermehr! Peter. Also die Mutter will nicht? Anton. Sie sieht aufs Geld. Meine Muhme ist arm. Ihr Vater ist vor vielen Jahren davon gelaufen, und hat sie als eine arme Waise zurück gelassen. Peter(stutzt.) Gretchen?— und ihr Va>- ter davon gelaufen?— warum? Anton. Was weiß ich? er hat sich nicht anders zu helfen gewußt. Er soll sonst ein braver Mann gewesen seyn. Gretchen. Ja gewiß! alle die ihn kaun- 2^0 ten, haben ihn bedauert. Er war gottlosen Wucherern Geld schuldig, sie druckten ihn bis aufs Blut, und nahmen ihm endlich sogar sein Handwerksgerath. Sie wollten ihn ins Gefängniß werfen, da mußte er sich einschließen, sein Glück in der Fremde z>u suchen. Petrr(mit steigender Erwartung.) Wohin floh' er? Greichen. Nach Indien, überS Meer. Peter. Nach Indien? Gleichen. Ich war damahls ganz klein. l?ins atte Nachbarinn hat mir erzählt, wie er mich in seine Arme genommen, und bittere Thränen über mich vergossen. Dann ging er zu Schiffe, und nsir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Gewiß ist er ertrunken, mein guter Vater!(sie weint.) P e ter(sehr bewegt.) Du nennst dich Gleichen? Greichen. Ja. Peter. Und dein Vater? Greichen. Peter Vollmuth. Peter(an sich haltend.) Du würdest dich also wohl recht sehr freuen, wenn dein Vater unverhofft zurück käme? Gleichen, Ach Herr! ich wollte auf Der- 271 neu knieen rrnd wilde Wurzeln essen, wenn ich die Wohlchat von Gott erbitten konnte. Peter. Aber wenn er nun eben so arm wiederkehrte, als er wegging? Gretche». Dann wollt' ich mich gar nichd mehr des Vetteln» schämen, Straße auf, Straße ab, wollte ich für ihn betteln gehn. Peter(breitet seine Arme aus.) Gretchen! ich bin dein Vater— Gretchen(erschrickt.) Er? er scherzt! Peter. Sieh', die Thränen laufen mir übst die Vacken— Gretchen, ich bin dein Vater! Gretchen. Anton— der fremde Mann weint— Anton— mein Herz zittert ich glaube wahrhaftig, er ist Mein Vater. Peter(schließt sie in s.-inc Arme.) Ja i'v bin s — Gott! wie herrlich hast du jede Prüfung mir vergolten! Gretchen(in frohem Wahnsinn, küßt ihm die Sünde, streichelt ihn, füllt Anton um den Ha», und stürzt sich Lau» wieder in ihres Vaters Arme.) Vater! — Anton! Vater! ich ersticke. Anton. Herr Vetter!— ist Er auch gewiß mein Herr Vetter?— ja- ja, ich seh s> er weint so herzlich, er ist Gretchen» Vater. 2^2 Juchhe! sey er mir tausend Mahl willkommen! Hab' Er mich auch ein Bisichen lieb. Peter(reicht ihm die Hand.). Ehrlicher Bursche! Gretchen. Anton! Anton! nun hat alle unsre Noth ein Ende! ich bin keine Waise mehr— ich habe einen Vater! Peter. Den hast du, mein Kind, einen zärtlichen, aber blutarmen Vater. Gretchen. Ich will arbeiten, ich will spinnen Tag und Nacht. Anton. Ich will Holz hacken, ich will Wasser tragen. Peter. Gute Kinder, ich danke euch. In der Zukunft will ich mix durch meine Kunst schon forthelfen. Aber heut«—' heute!— wer kann mich rettend Ich muß dem Schiffer für Kost und Überfahrt bezahlen, und habe keinen Heller. Anton. Das ist schlimm! Gretchen. Lieber Gott! waö fang ich and Peter. Habt ihr denn gar nichts? Anton. Bey meiner armen Seele! ein paar lumpichte Groschen.(Er kehrt seine Taschen um.) Da sind sie, lieber Vetter, wenn Ihm damit gedient ist—' G reichen. Vater, ich habe nichts als die silberne, Halskette von meiner seligen Mutter, die Er mir zurückgelassen hat, da ist sie! Peter(nimmt die Halskette und betrachtet sie »ehmiithig.) Seh' ich dich wieder!—(für sich.) Was sind meine Diamanten gegen dieses Kleinod! —(„ach einer Pause gibt er sie zurück.) Nein, Oret- chen, da! die mußt du behalten, zum'Andenken an deine brave Mutter. Uberdieß reicht das auch noch lange nicht hin. Gretchen. Ich will den Schiffer knieend um Erbarmen bitten— Peter. Ach Kind! der ist ein harter Mann; er droht mir mit dem Schuldthurm. Da kommt er eben. Nun sey mi-r der Himmel gnädig! Sechste Scene« Der Schiffer. Die Vorigen. Schiffer. Da bin ich! die erste Arbeit iß vollbracht. Das Schiff siegt an der Brücke. Glück auf! nun laßt uns fröhlich zechen. Peter(gibt ihm einen verstohlen Wink.) Vergiß deine Rolle nicht.- Schiffer(plötzlich.) Schon gut. Peter(demüthig.) Herr Capitain, das ist meine Tochter, rmd dieser junge Mensch mein Vetter. Schiffer(rauh.) So? Wird wohl auch so ein Bettelpack seyn, wie der Vater. Anton. Herr! ein Mann, der so weit gereift ist, und har nicht einmal höflicher spreche» gelernt. Schiffer.' Höflich?— habt ihr Geld? Anton. Wenn wir auch kein Geld haben, so sind wir doch ehrliche Leute. Schiffer. Was kümmert mich das? vor der Ehrlichkeit zieht Niemand den Hut ab; aber klappert einmahl mit dem rollen Beutel, husch! fliegen Hüte und Mützen von den Köpfen.' ' Anton. Mein Hut bleibt sitzen. Schiffer. Bursche, dann bleibst du auch fitzen, und kannst dich neben der Ehrlichkeit begraben lassen.(Leise zu Petern.) Mache ichs so recht? Peter. Du mußt mir besser zusetzen. Schiffer. He! alter Knabe! dein Vetter hat ein großes Maul, aber kartn er auch für dich bezahlen? Gretchen» Lieber Herr Capitain, ich will 2^5 Ihm als Magd dienen— ich-will meines Vaters. Schuld nach und nach tilgen— ich will viel arbeiten und wenig essen— wenn er Kinder hat, so will ich seine Kinder warten und pflegen, und die werden Ihn einst auch so lieb haben, wie ich meinen Vater. Schiffer(heimlich j» Priem.) Freund, das geht nicht; das Mädchen kamt ich mcht anfahren. Peter(leise.)-Ich bitte dich, sey hart. Schiffer(wendet sich zu Gleichen.) Ja, meine liebe Jungfer—(er kehrt sich plötzlich von A.) Hohl' der Henker! ich darf sie nicht ansehn, sonst stirbt mir das Wsrr auf der Zunge.(Laut, «».-r abgewendet.) Jüngferchen, bleib sie mir mit ihre,, schonen Redensarten vom Halse, schaffe sie Geld, sonst wandert ihr Vater in den Schuld- thurm. Greichen. Laß Er mich an seiner Stelle gehn. Anton. Nein, Herr Capitain, nehme Er mich. Schiffer: Was kann mir das helfen? ich brauche Dncaten und keine Menschen. Kur;! wenn das(Reld nicht binnen einer Stunde hier ist, so nehme ich den Vater wieder.mit nach Indien; dort muß er in den Bergwerken arbeiten. Gretchen. Guter Gott! sey Er doch menschlich! der alte Mann hat ja keine Kräfte— Schiffer. Die Peitsche soll ihm schon Kräfte machen. Gretchen(in größter Angst.) Was? Er will meinen Vater schlagen? Schiffe r. Das versteht sich. Gretchen. Wie viel Ducaten ist er Ihm schuldig? Schiffer. Fünfzig. Gretchen. Habe Er nur noch eine kleine Geduld— lieber Herr Capitain!— mir ist: etwas beygefallen—> ich schaffe Ihm die fünfzig Ducaten.(Sie läuft f-rt.) Anton. Herr, wenn Er die Schuld will abarbeiten lassen, so ist er ein Narr, das; Er nicht lieber mich nimmt, ich bin jung und habe Kräfte wie ein Bär. Schiffer. Das ist nun so meine Caprice, ich behalte lieber den Alten. Peter. Ich danke dir, guter Vetter! du siehst, ich bin nicht zu retten. Anto n. Nicht zu retten?— Gretchen sagte doch, ihr sey etwas beygefallen.— Was ''' mag das seyn?— Curios! daß.die Weiber immer zuerst an alles denken— ich sinne hin und her/ mir will nichts beyfallen.—(Er denkt „ach.) Hm! hm!— halt— halt einmahl!— eS konnte doch wohl seyn/ daß ich such etwas Vernünftiges ausheckte.— Eine kleine Schelmerei) mochte wohl mit unterlaufen—(leise auf den Schiffer deutend.) Ader wie soll man den großen Schelm da sonst los werden?— AufWie- dersehn/ lieber Vetter! sey Er gutes Muths; ich schaffe Ihm das Geld.(Er läuft fort.) Siebente Scene. Peter Vollmuth und der Schiffer. Schiffer. Glück zu/ Herr Bruder! wie kisr du mit deinem Empfang zufrieden? , Peter. Ich habe die süßeste Stunde meines Lebens genossen. Aber Freund, ich habe sie theuer erkaufen müssen!—-Meine Bruder— ich mag nicht mehr daran denken. Schiffer. Hab'.chch's doch vorher gesagt. Es bleibt immer ein gerahrlichgr Versuch, sich arm zu stellen; so gar zwischen Verliebten gelingt er nicht immer. Peter. Ich habe noch eine Menge weit- lauftiger Verwandten in der Stadt; was konnte ich von Ihnen erwarten, da meine Bruder mich verleugneten? die Armen zuckten die Achseln und bedauerten mich; die Reichen warfen mir vor, ich sey selbst Schuld an meinem Unglück, und trösteten mich->t kNnrieinsprüchen. — Verwandtschaft! was bist du'für ein elendes, gebrechliches Ding!—Der Eine affectirt Zuneigung für seine Verwandten aus Eitelkeit, weil er sagen kann:„mein Vetter, der geheime Rath— mein Oheim, der Minister. — Der Andere aus Sp ccu la kio nsg,e ist, weil er auf eine fette Erbschaft lauert; der 2 rirre aus Gef ü hl seiner R ich-ti g k e ir, weil er ohne seine Verwandten gar nichts seyn würde. Kurz, die Bande des Blutes sind Mir Bande des Eigennutzes, wer sich auf Verwandte verlaßt, der stützt sich auf einen morschen Stab." Schiffer. Mensch! was declamirst du? haben die gutherzigen Geschöpfe mit der Gluth ihrer kindlichen bitbe deinen kalten Sentenzen nicht die Flügel versengt? Pete r. Sie sind jung und verliebt. Nur Zugend und Liebe knüpfen ohne Eigennutz an die Menschheit. Je älter man wird, ,e stumpfer für die Liebe/ je eigennütziger in der Wahl die Verbindungen. Schiffer. Grübler! verdienst du auch eine solche Tochter? Das Mädchen ist ein Kind der reinsten Unschuld/ nur einem Herzen voll himmlischer Güre. Peter. Gott hat meine Freudenthränen gesehen. Schiffer. Willst du das arme Kind noch länger quälen? Peter. In der letzten Prüfung mußt du mir die Hand biethen. Schiffer. Verschone mich. Ich bin zwar nur ein Seemann/ aber ich will lieber dem Speer eines Neuholländers in den Wurf kommen, alldem Auge eines solchen Mädchens. Peter. Desto besser! um so natürlicher wirst du deine Rolle spielen. Schiffer. Welche Rolle? P e ter. Du sollst dich verliebt stellen. Schiffer. Bist du toll?— ein alter Kna- be, der seine sechs Kreuzer auf dem Rücken trägt— das Mädchen wird mir in die Zähne lachen— Peter. Gleich viel. Ich muß wissen/ ob sie im Stande ist/ der Rettung ihres Vaters auch ihre Liebe aufzuopfern. Das Geld wird sie schwerlich herbey schaffen. Du mußt ihr sagen: die Schuld sey getilgt/ wenn sie sich entschließt/ dich zu heirathen. Schiffer. Pah! weißt du auch/ daß das gefährlich ist? wenn sie nun Ja sagt? Peter. Je nun/ Herr Schwiegersohn— Schiffer. ,Von Herzen gern! wenn ich nicht noch einen Satan vom Weibe am Halse hätte. Peter. Wie? du bist verheirathet? Schiffer. So halb und halb. Ich verliebte mich vor zwanzig Jahren in eine Witwe, und heirathete sie frisch weg. Drey Monathe nachher glaubte ich für meine Sünden genug gebüßt zu haben, und empfahl mich in der Stille. Peter. Zwanzig Jahr? dann ist sie wohl schon längst gestorben? Schiffer. Ich bin so glücklich gewesen, nie weiter ein Wort von ihr zu erfahren. Vielleicht hat der Satan sich in sie verliebt, und sie 28t »ls Braut heimgeführt. Komm, Bruder! die Kehle ist mir verdammt trocken, und wenn ein sechzigjahriger Kerl den Verliebten spielen soll, so muß er wenigstens vorher ein paar Flaschen leeren. Peter. Auf die Gesundheit meiner braven Tochter. Schiffer. Hnrrah! sie soll leben!(Sie zehn Am, i„ Arm ab ins Wirthshaus.) (Der Boe-«» 4 fallt.) 282 Vierter Act. <2» dem Hause des Raths.) Erste Seen e. Frau Morgan allein. Der junge Mensch gefällt mir über die Maßen. Er ist unschuldig zum Küssen, und dumm zum Entzücken. Es ist erstaunlich, welchen Effect die Dummheit in der Liebe macht. Ein solcher Neuling ist reihender, als der Verfasser des Buches: über Liebe und Ehe. Drum laßt uns ein sauberes Netz stricken, um den seltensten Vogel des achtzehnten Jahrhunderts, einen unschuldigen Jüngling zu sahen. Die Jahre fliehen. Der Sommer ist vorüber, manmuß auf die Ernte denken. Ach! der Herbst naht; sammelt Früchte für den Winter.— Was soll ich auch langer hier im Hause? wir haben da» Faß so fleißig angebohrt, daß nur, noch die Ha- 2ÜZ st» nbrrg geblieben sind. Wie lange wird es iliuern, so geht die ganze Wirthschaft zu Grunde, und wohl dem, der ein sicheres Obdach erreicht, ehe der Sturm los bricht. Ja, wird es dann heißen, so lange Frau Morgan im Hause war, so lange hielt es sich noch; aber kaum hat sie den Rücken gewandt— Zweyte Scene. Anton und Frau Morg an. A n t o n(naht sich schüchtern.) Mit Gunst, liehe Madam— Fr. M o rg. Ey,ey, Herr Vollmuth, wie Serufen. Was bringt Er mir Gutes? Anton. Jchbringe nichts, aberhohlcnmochte ich gern etwas. Fr. Morg. Hat er meinem heutigen Vorschlage nachgedacht? Anton. Das Denken geht bey mir sehr langsam, dazu nehme ich mir wohl Zeit auf künftigen Sonntag. Fr. Morg.(gestern) Ich will denn auch auf den Soniltag in die Kirche gehn, und mich mir Gott berathen. Anten. Unterdessen, liebe Madam, habe ich Etwas auf dem Herzen. Fr. M o rg. Auf dem Herze»?(verschämt nach ihm schielend) der Schelm! An ton. Wenn ich ein Schelm bin, so bin ich es wahrlich heute zum ersten Mahle in meinem Leben. F r. M o rg. Rede Er, mein Freund. Wenn er nicht wider Zucht und Ehrbarkeit lauft, so bin ich bereit, Ihn anzuhören. AIIton(den Htt« drehend.) Als wir heute in Ihrer Kammer waren— Fr. Morg. Ich wagte freylich viel. Anton. Da habe ich Etwas gesehn— Fr. Morg. Gesehn? ich will nicht hoffen —(sie legt ihr Halstuch in Ordnung.) Anton. Wornach ich großes Verlange» trage— Fr. Morg. Pfuy doch, loser Schalk! Anton. Wenn sie sich meiner erbarmte. Fr. Morg. Wie süß er bettelt. Anton. So wünscht' ich wohl eine Hand voll— Fr. Morg. Eine Hand voll? was? 285 Anton. Ducaten, aus Ihrem eisernen Kasten zu haben. Fr. Morg.(plötzlich erkaltet.) Eine Hand voll Ducaten? so, so. Ich dachte Wunder, was da heraus kommen würde. Nun es freut mich, zusehen, daß ich einen züchtigen, bescheidenen Burschen vor mir habe. Anton. Ja, liebe Madam, ich gebe Ihr mein Wort darauf, daß ich immer in allen Lhren—- Fr. Morg. Schon gut, schon gnt. Bey mr wäre das auch Verlorne Mühe. Aber was will Er denn mit den vielen Ducaten anfangen? Anton. Ich habe einen armen Vetter, der sus Indien kommt, und so kahl ist, als eine »eugeborns MauS. Fr. Morg. Ja, ja, die Mäuse und die kehlen Vettern sind überlästige Geschöpfe. Anton. So bald ich etwas verdiene, zahle ich es mit Dank zurück. Fr. M o r g.(Sey Seite.) Neüi, guter Freund, dü müssen wir vorher wissen, wie wir eigentlich zusammen stehen. A nton(bey Seite.) Ich muß die alte Katze >vohl ein Bißchen streicheln. Uf! das wird mir sauer.(Er««itzert sich ihr/ und macht ihr einig« tropische Liebkosungen.) Mar(lauscht an der Thiir.) Anton. Liebe Madam. Sie ist so eine hübsche, drollige Madam— Sie ist fein dick— und man sieht es ihr noch gar nicht an, daß sie so alt ist— Fr. Morg. Ey, ey, Herr Vollmuth, er wird verwegen. Anton. Ja, liebe Madam, wenn ich wüßte, daß ich damit weiter käme— ich wäre im Stande—(mit verzogenem Gesichte.)— pro! — ihr einen Kuß zu geben.(Er krisie sie auf»>« Backen.) Fr. Morg. Ach! der böse Mensch.'ich werde schreyen. Anton. Herzens-Madam, rücke Sie heraus!— Fünfzig Ducatchen was will das sagen?— es ist ein wahrer Bettel für den großen eisernen Kasten; das merkt er gar nicht; das ist, als ob ich fünfzig Stachelbeeren von meinem großen Busche Mücke. Fr. Morg.-Ja, wenn ich wüßte, daß eS Gottes Wille wäre, uns in eine nähere Verbindung zu bringen— Anton. Je nun/ wenn er Gottes Wille ist, so muß es ja wohl geschehen. Fr. Morg. Wenn er mir über das Geld ein paar Zellen ausstellte— Anton. Einen ganzen Bogen/ wenn sie will— Fr. Mor g. Und ein Wortchen von unserm christlichen Vorhaben mit einstießen ließe— Dritte Scene. Max. D ie Vo eig en. Max. Bravo/ Mütterchen! nun weiß ich doch/ welcher Weg zu deinen Kasten führt. Fr. Morg. cärgerlich.) Sie, junger Herr, werden ihn doch nicht finden. Max. Nun, auf Ehre! er ist mir auch gar ju dornicht, und wahrlich! Vetter, ich bewun- ^ dere seinen Muth. Fr. Morg.(-» Anton.) Komm Er, mein Freund, kehre Er sich nicht an den Sausewind. Komm Er auf mein stilles Kammerlein; dort wollen wir sein Geldnegoz in Richtigkeit zu bringen suchen. 266 Max. Ein feines Nsgoz. Anton(tritt ihm näher.) Nicht Müht/ Vetter, es geht Ihn nichts an? Max(jurückiveichend.) Mich? Anton(rückt ihm auf den Leib.) Ich frage, oh Er etwas darein zu reden hat? Max(sehr höflich.) Bewahre der Himmel! nicht das Geringste. Anton. So recht, Vetter! Leb Er wohl! (Er drückt und schüttckt ihm die Hand so heftig, daß Max schreyt. Anton und Frau Morgan gehn ab.) Max(allein.) Grober Bauer!— Geh nur, wenn dich die Mre fangt, so ist meine Rache gesättigt.—'Ha! ha! ha! kommt mir das Weib doch beynahe vor, wie der Herr Urian; wenn der einem Menschen Geld leiht, so muß er ihm dagegen seine arme Seele ver schreiben. Vierte Scene. G reichen und Max. Max. Willkommen, liebes Mühmcheii!-- welch unverhofftes Glück führt Sie in unser Haus? Vret- """ 28^ Greichen. Ach nein, ein Unglück. Mein Krater ist aus Indien gekommen— Max(bey Seite.) Hat der Spürhund sie doch gefunden? G reiche n. Ein bojer Schiffscapitain verengt fünfzig Ducaten von ihm— Max(bey Seite.) Warum sperrt er ihn nicht ein? Greichen. Wenn Er ihm nicht hilft, lieber Vetter, so musi mein armer Vater in den Bergwerken arbeiten. Max. Ich soll helfen? Gretch en. Anton meint zwar, Er wollte mich nur verführen, aber so erzschlecht kann ich mir Ihn doch nicht denken. Da habe ich mir em Herz gefaßt in meiner Noth, und bin zu 3hm gekommen— Max. Das ist nicht recht von Anton, daß or mir böses nachredet. Gretchen. Beschäme Er ihn, lieber Vet- ter, leihe Er mir die fünfzig Ducaten. Ich höbe„och ein feines Stück Leinwand, das will verkaufen, und auf den Winter will ich Tag und Nachr spinnen, bis ich so viel verdient hebe— Ksytdue'S Theater. 9. Vd. N 2^0 Max. Ey, wozu das? wenn Gretchen mich nur ein wenig lieb haben wollte. Gretchen. Ein wenig? ja, recht gern, wenn es nur nicht gar zu viel seyn soll. Max. Ich bäthe zum Exempel um einen Kuß— Gretchen. Den darf ich nicht geben, Anton ist mein Bräutigam. Max. Anton? Za doch! eben ging er hin, um mit der alten Frau Morgan emen Kauf- und Heirathscontract zu schließen. Gretchen. Vetter, Er ist doch ein böser Mensch; da lügt Er mir so häßliche Dinge vor— Max. Bey allen Göttern! ich rede wahr. Waren Sie zwey Minuten früher gekommen, so harten Sie die vollständigste Liebeserklärung mit angehört. Gretchen. Ich glaube Ihm nicht em Wort.,, Max. Anton rühmte die Alte, daß sie ftm, dick und rund sey. Gret ch e n. Das ist nicht wahr. Max. Er applicirte ihr euren Kuß. Gretchen. Ach Gott! das ist nicht wahr! Max. Endlich gingen sie zusammen fort in der Frau Morgan Schlafkammer; da sitzen sie noch. G reichen. Ich weiß recht gut, daß das alles nur eine häßliche.Erfindung ist, aber ich muß doch weinen, wenn ich das so mit anhöre. Max. Rochen Sie sich, vergelten Sie Gleiches mit Gleichem. Kuß um Kuß.. Gr e t ch e n. Vetter, kann Er mir nicht helfen, oder will Er mir nicht helfen, so sey Er wenigstens so gut, und quäle Er mich nicht. Max. Wollen Sie mich küssen, wenn ich Sie hikiführe, und mit eigenen Augen sehn. lasse? Gretchen. Nein, ich würde es doch nicht glauben, und küssen würde ich Ihn auch nicht. Max. Richt? kleiner Trotzkopf? so muß ich wohl mein Hausrecht gebrauchen.(Er will sie- Murmen, sie sträubt sich und schreyt.) Fü n f te See n e. ^ln t o>1. Fr. Morgan. Die Vo r i gen», Anton(stürzt auf Max„uö schleudert ihn sott.) Bursche! wenn Ihm seine Ohren lieb sind, so lasse er mir das Mädchen jitfrieden: N L 8 Max«Ich in die Brust werkend.) Bursche! weil» ich meinen Kammerdiener rufe, so spazierst du aus dem Fenster. A»ton(geht auf ihn los.) Rufe-du den Satan zu Hülfe, ehe ich dir den Hals breche. Max(indem er sich retirirt.) Sey du nur erst ein halbes Jahr mit der Frau Morgan vcrhei- rarhet, so wirst du zahm werden, wie ein Pudel, und üonx eoinme un xurisien nmire. (Er laust davon.) Anton. Dein Gluck, daß du gehst. Verdient hast du es wohl nicht, Gretchen, daß ich mich deiner annehme. Gretchen(schnippisch.) Je nun, wer hat es dich geheißen? Anton. Mit solchen Windbeuteln zu kosen— Gretchen. Was geht es dich an? Anton. So?.st das dre Liebe und Treue, die du mir gelobtest? F r. Morgan. Eine seine Zucht, zu jungen Herren ins Haus zu laufe», sich küssen zu lassen— Psuy, Jungfer! schäme sie sich! im Hause gehl es honett zu, hier leide» dergleichen nicht. Gretchen(weint.) je H de Nr wi ist nr M da G wi h° ist sie en ho ni U! An ton. Nun, nun, liebe Madam— Fr. Morgan. Sie wird wohl thun, sich je eher je lieber fort zu packeg, sonst laßt der Herr Rath sie durch die PoUzey heraus fuhren, denn mit solchen Dirnen mögen wir nicht verwandt seyn. Anton. Halt! halt! Sie hat ja ein Maul wie eine Sage. Fr. Morgan. Was? ich ein Mauls was ist das für eine Sprache? Anton. Das ist deutsch. Die Galle lauft wir über. Warum untersteht Sie sich, meine Muhme anzufahren wie eine Betteldirns? Fr. Morgan. Lieber Herr Vollmuth— Anton. Ey was! lieber Herr Vollmuth, damit ist mir nicht gedient. Behalte Sie Ihr Geld,'denn was Sie im Sinne hat, daraus wird nichts, und folglich sage ich Ihr die Wahrheit kurz und rund heraus. Meine Muhme ist ein ehrliches Mädchen und keine Dirne, versteht Sie mich? Wenn Sie vor dreyßig Jahren eine Dirne war, und Händel mit der Polizey hatte) so muß Sie das vergessen, wenn Sie "üt ehrlichen Leuten spricht. Fr. Morgan. Unverschämter Bursche! Er unterfängt sich— Anton. Ein eiserner Kasten voll Geld ist eine schöne Sache, aber Ehrlichkeit ist doch noch Z bester. Diese gibt Much, jener llbermuth. Fr. M>o rg a n. Auf der Stelle geh' ich zum§ Herrn Rath, der soll mir das Gesinde! ins Zuchthaus setzen lasten.(Sie geht wüthend ab.) u i, Sechste Scene. Greichen und Anton.^ (Sie stehen in verschiedenen Winkeln und maulen. Wenn der eine herüber schielt, so schlägt die andere die sk Auge» nieder.) Gretche n(ohne Anton anzusehn.) Wer das g so anhörte, und es nicht besser wüßte, der sollte glauben, Müsse Anton und die alte Madam g würden sich die Augen auskratzen. ! l Anton(eben so.) Wer ein gewisses Gretchen Z nicht besser kennte, der sollte sie für das unschuldigste Mädchen halten. Gretchen. Wenn man aber weiß, daß sie zusammen in der Schlafkammer stecken— A n t o n. Wenn man sie aber in den Armen ü eines jungen Herrn überrascht— Greichen. Dann laßt man sich durch das Schelten nicht irre machen— Anton. Dann kehrt man sich nicht an das Schreyn— Gretchen. Die alte Madam ist fein, dick mid rund— An t o n. Der junge Herr ist ein Milchbart— Gretchen. Ehen werden im Himmel geschlossen— A n to n. Liebeleyen schmecken süß— Gretchen. Nimm es nur nicht übel, daß ich dich gestört habe. Anton. Vergib mir nur, daß ich den Gelbschnabel zur§hür hinaus warf. Gretchen. Wie weit ist es denn nun schon gekommen? wenn es erlaubt ist zu fragen. Anton. Gerade so weit, als ich es hier gefunden habe. Gretchen. Kann man sich bald ein neues Mieder zur Hochzeit bestellen? Auto n. Auf künftige Weihnachten. Gretchen(weinend.) Ungetreuer! Anton. Ungetreue! Gretchen. Ein armes Mädchen sitze» M lassen. Zlnton. Eins» ehrlichen Kerl so bey der Nase herum zu führen. Grecchen. Ich habe dich so lieb gehabt— Anto n. Ich harte mein Blut für dich gegeben— Gretchcn. Nun ist es aus mit uns! A n l o n. Rein aus! G r etchen. Ganz aus! An t o n. Aus und aus. G retch en. Ich meine es gut/ komme hierher, will vom Vetter fünfzig Ducaten leihen, für meinen armen bedrängten Vater— Anton. War denn das nicht auch meine Absicht bey der Alten? Gretchen Und da singst du mit einer Liebeserklärung an. Anton. Ich mußte ihr ja wohl um den Bart gehen. G reichen. Und versprachst ihr die Ehe— Anton. Das ließ ich wohl bleiben. Gretchen. Sonst härte sie dir das Geld gewiß nicht gegeben. An ton. Sie hat mir auch nichts gegeben. Gretchen. Was thatest du denn bey ihr? Anton. Nichts. Gretchen. Schwöre. An ton. Wer mir ohne Schwur nicht traut, der liebt mich nicht. Gretchen. Und wer dir traut, der ist betrogen.—(Weinend.) Ich armes Mädchen! daß ich mir auch einbildete, mein reicher Vetter meine es ernstlich mit mir. Ich will nur gehn, und für meinen Vater betteln, und wenn ich das Geld nicht zusammen betteln kann, so fahre ich mit ihm nach Indien, und arbeite für ihn in den Bergwerken— und des Sonntags will ich für dich bethen, daß der liebe Gott dir deine Untreue verzeihen möge.(Sie will fort.) Anton. Gretchen— du bist wohl nicht gescheidt. Gretchen. Ich werde wohl bald sterben, aber ich mache mir gar nichts daraus. Und sey nur nicht bange, daß ich in der Geisterstunde kommen werde, dich zu quälen; vor mir sollst du Ruhe haben. Leb wohl!(sie geht.) Anton(halt sie bey!» Rock.) Gretchen— Gretche n. Warum hältst du mich? Anton. Muhme Gretchen— G reichen. N nn, was gibt'S? Anto n. Braut Gretchen— Gretchen. Geh zu der alten Madam. Anton. Höre, Gretche»,-laß esLut seyn; sey du meine alte Madam. Gret ch e n. Ich habe keinen eisernen Kasten voll Geld. Anton. Aber ein Herz, das mich liebt. G reichen. Nein, ich liebe dich gar nicht mehr. A n ton. Sieh mich an, ist das wahr?^ Greichen. Allerdings. Anton. Du kannst mich doch nicht dabey an se hn. Greichen. Wenn ich dich noch liebe, so ist das sehr dumm von mir, denn du verdienst es nicht. A n t o n. Weil ich deinem Vater helfen wollte? Gretche n. Wen hast du betrogen? mich oder die Alte? Anto n. Wunderliche Frage! ich wollte lieber zehn alte Weiber bekriegen, als ein hübsches Mädchen. Gr eichen. Bekriegen und stehlen, das kommt immer auf eins heraus. Anton. Freylich, du versteht? das besser; der Herr Pfarrer hat dich immer vor uns allen gelobt. Gretche n. Schäme dich. s- «i V z s- g 299 Anto,n. Nun ja, Gretchen, wenn du es so haben willst, ich schäme mich. Gretchen. Bitte es mir ab. Anto n. Ich bitte— Gretchen. Gelobe mir Besserung, s Anton. Ich will es nicht wieder thun. Gretchen. Gib mir die Hand darauf. Anton. Hand und Mund.(Er will sie tüsse».) Gretchen(sträubt sich.) Antoit! Anton! Siebente Scene. Der Rath. Max. Frau Morgan. Die Vorigen. .Max. Sehen Sie, lieber Papa! Fr. Morg. Schauen Sie, Herr Rath. Rath. Ja, ja, ich sehe, ich schaue.—> Unverschämtes Gesindel! wollt ihr mein Haus zur Mördergrube machen? A n t o n(zu Gretchen.) Siehst du, warum schreyst du so? Nun hat der Vetter wohl gar geglaubt, ich wollte dich ermorden? Grerch. Nein, er wollte mich nur küssen. ^ Fr. Morg. Küssen? ach du>« in Himmel! Max. Schreyt denn das Mühmchen, auch wenn Anton sie küßt? Rath. Und küßt man denn hier im Hause? Anton. Wenn man hier im Hause nicht küssen darf, so inag ich das ganze Haus nicht geschenkt haben. Rath. Wer hat such erlaubt, diese Schwelle wieder zu betreten? Anton. Die Noth— Rath. Ey, die Noth findet überall verschlossene Thüren. Gretchen. Mein Vater ist gekommen— Rath. Was kummerts mich? Gretchen. Er ist so arm— Rath. Eine herrliche Empfehlung. Anton. Herr Vetter Oncle, er ist sein leiblicher Bruder— Rath. Das ist nicht meine Schuld. Gretchen. Mit fünfzig Ducaten konnte >er ihm aus der Noth helfen— Rath. Nicht fünfzig Erbsen hat er von mir zu erwarten. Anton. Komm, Gretchen, der Mann ist eine Erbsenstange. Rath. Eine saubere Verwandtschaft! Je- 3sr ,ier kommt in mein Haus um zu betteln, und dieser um zu küssen. Meint ihr, man könne bch einem fürstlichen Rath so aus- und einlaufen, wie in einer Dorfjchenke? Packt euch fort! M a x. Packt euch fort! F r. Morgan. Packt euch fort! Anton. Gemach, gemach, so barsch muß der Herr Vetter Oncle nicht kommen. Ich furchte mich weder vor seinem Milcybart, noch vor den Flügeln der Alten« Wir find seine Bru- ! derrkinder, wir werden gehn, weil wir in solch einem Hause so nicht langer bleiben mögen; aber fortpacken werden wir uns nicht. Max. Der Unverschämte! Fr. Morg. Der Bauernbengel! Rath. Bube, ich schicke nach der Wache, und lasse dich öffentlich vrostituiren. Anton. Um sich zu prostituiren braucht man eben keine Wache, das beweist der Herr Vetter Oncle jetzt. Komm, Gleichen, laß uns für unsern durchlauchtigsten Fürsten bethen, daß ihm der liebe Gott nicht viele solche Räthe gebe. R a-t h. Ich ersticke. F r. M o r g. Mir wird g-anz schwittdlicht. 3«s Max(Sey Seite.) Wenn ich mich nur auf meine Faust verlassen dürfte.. Ant. u. Gretch.(gehn, und stoße» in der THiie auf den Wirth zum goldenen Schiff.) r' Achte Scene. Der Wirth. Die Vorigen. Wirth(mit vielen Kratzfüßen gegen Anton und Gretchen.) Ganz gehorsamer Diener/ meine lieben/ scharmanten jungen Leutchen. Wenn Sie Belieben tragen, sich nach Hause zu verfügen/ ich habe ein paar niedliche Zimmerchen für Sie in Bereitschaft seyen lassen. G r etchs n(hält sich einen Augenblick an der Thür auf.) Ey, Herr Wirth, er ist ja wieder recht höflich geworden. Wirth. Nicht mehr als. Schuldigkeit, sub- misse Pflicht, pflichtmaßige Submission. Anton. Komm, Gretchen, er ist besoffen. (Beyde ab.) Rath. Wer ist der Mann? was will er? Max. Ei» guter alter Bekannter. Der Wirth aus dem gsldnen Schiff. Rath(»»-nehm.) Ja, ja, ich erinnere mich seiner. Wirth. Der Herr Rath haben in alle« Zeiten manches Dejeuner bey nur einzunehmen geruhet, und der Herr Sohn in neuern Zeilen. Rath. Damahls stand sein Haus, so viel ich weiß, nur vornehmen Leuten offen. Wirth. Je reicher, je vornehmer. Rath. Wie kommt es denn, daß Er mit dem Bettelvolke so viel Umstände macht? Wirth. Bettelvolk? die beyden jungen Leutchen, die eben heraus gingen? Ja diesen Morgen waren sie noch Bettelvolk, aber jetzt sind sie liebe, scharmante Kinder. Max. Ey, wie das? Wirth. ES hat sich zugetragen, daß der Herr Bruder aus Indien zurückgekommen. Rath. Der Landstreicher. Wirth. Dafür hielt ich-ihn auch, aber seit einer Stunde weiß ich, daß er ein lieber, scharmanter Mann ist; denn er hat Goldstan- gen, mehr als ich Schwefelholzer in meiner Küche. Max. Wie? er ist reich? Fr. Morg. Er hat Geld? Wirth. Ich habe ihn belauscht, SlS er mir 3osi dem Schiffscapitain bey ber Flasche saß. Nun, Herr Bruder! sagte der Capital»: was wirst du mit deinem vielen Gelde anfangen? wirst du Fabriken anlegen, oder Landgüter kaufen? Fr. Morg. Fabriken? das ist sehr ein- Nath. Landgüter, das ist adelich. Wirth. Der» Herr Bruder erklärten sich auch für das letztere. Rat h. Wirklich' das freut mich. Der brave Peter! er ist immer ein Mann von noblen Sen- timents gewesen. Wirth. Ferner sagte der Capitain: da du eine so ansehnliche Charge bey der ostindischen Compagnie bekleitest.— Rath. Eine Charge? Wirth. So wirst du dich auch wohl bey Hofe prasentiren lassen? Rath(außer sich.) Bey Hofs? was Herr Wirth? hat er auch recht gehört? mein Bruder bey Hofe prasentirt? Wirth. Prasentirt und repräsentirt. Rath(entzückn) O du mein liebster Bruder! Du, mit dem ich unter Einem Hermen gelegen! den ich immer so zärtlich geliebt!— Ach Kinder! ihr wißt nicht, was ein Bruderherz empD« dst, wenn es den Geliebten seiner Seele bey Hofe präsentiren sieht. Max. Papa/ ich theile Ihr Entzücken, ich vergesse das Fraulein von Vollborn, hinweg mit ihr! Muhme Gretchen sey hinfort die Königinn meines Herzens! Rath. Sie ist freylich die einzige Tochter eines würdigen Bruders—> Max. Und hat mehr Goldstangen, als Cchwefelhölzer. Rath. Recht, mein Sohn! der Gedanke ist vernünftig. Zwar ist sie kein Fraulein, doch für indisches Gold machen wir sie zur europäischen Gräfinn. Max. Und Ancon, der Bauerbengel muß sich trollen. Fr. Mo rg.(bey Seite.) Desto besser! wir wollen ihn schon entschädigen. Wirth(bey Seite.) Desto besser! so komme ich auch zu meinem Gelde. Rath. Kinder, wir muffen dem Herrn Bruder unsere Aufwartung machen. Das muß geschehn, ehe er noch bey Hofe praseutirt wird. Geh' er, Herr Wirth, bestell' Er ein prächtiges Coupes auf diesen Abend, wir werden bey meinem Herrn Bruder speisen. 3r»6 W i r t h. Und die Zeche?» f-Rath. Natürlich aufRechnung seines hohe» Gnstes. Wirth. Sehr wohl. Ich eile, alles einzukaufen. Nebenhin werde ich bey diesem und jenem meiner Kundleure einsprechen, und ehe eine Stunde vergeht, soll die.ganze Stadt wissen, das; Herr Peter Vollmurh ein lieber, scharmanter Wann ist.(Cr geht ab.) R.arh. Frau Morgan, meine gestickte Weste, und meinen silbernen Degen.(Er geht ab.) Max. He da! Mütterchen! nun wird ge- heirathet!(Er hüpft fort.) Fr. Worg.(allein.) So Gott will, j«. r Ich sollte dem jungen Burschen freylich gram l seyn, aber in meinen Jahren läßt man sich t leicht besänftigen. Hoffentlich wird er es übel^ k nehmen, daß man ihn um seiner Herkunft willen hintansetzt, und in der Bosheit wird er sich! in meine Arme werfen.(Mit einem zärtliche» Seufzer.) j Ach! in meine Arme!—(Sie geht ab.) (Der Vorhang fällt.) Zo^ Fünfter Act. (Der Platz vor dem Wirthshaus«.) Erste Scene. Peter. G reichen. Anton. Der Schiffer. Peter(<>«» Gr-lchrn in seinen Armen und Anton bey der Hand.) Grämt euch nicht zu sehr, lieben Kinder. Ihr habt gethan, was ihr konntet, und so arm ich bin, so tausche ich doch mit keinem meiner Bruder. G reichen. Vater, wenn der böse Mann dort euch durchaus mit fortschleppen will, so ziehn wir mit euch. Anton. Ja, Vetter, das thun wir. G reichen. Und arbeiten für euch. Anton. Unter der Erde und über der Erde. Peter. Kind, der Mann ist so böse nicht, als er aussieht. Es gibt noch ein Mittel ihn zu besänftigen, mid dieses Mittel, Gretchen— steht in deiner Gelvalt. Gretchen. In der Meinigen. Peter. Wenn du willst, so ist dein Vater nicht allein Schuldenfrei), sondern auch für die Zukunft geborgen. Gretchen. O geschwind! wie fang ich das an? Peter. Nun, Herr Capitaiu, da ist sie; reden Sie selbst mit chr. S chisfer(komisch vorlegen.) Ja— kommen Sie naher mein liebes Jüngferchen— (st reichen(will näher lrrrcn.) Schiffer. Nein, nein, nein, bleiben Sie stehn! bleiben Sie stehn! ich muß zu Ihnen kommen, und das will ich auch, ob gleich der Wind contrar ist. Gretche n. Lieber Herr Capitain— Schiffer. Lieb? das glaube Ihnen der Henker. Ich meine, Sie sehen mich lieber'anf einem Korallenrief sitzen, als da vor Ihnen herum lavi-ren. Thut nichts, ich nehm- Ihnen das nicht übel. Wenn ich nur die Worte besser herauf zu pumpen verstünde. Gretchen. Wie kann ich meinem Vater helfen? Anton. Ich möchte auch gern dabey seyn. Schiffer. Höre er, mein Freund, wenn er sich auch darein mischt, so wird aus der ganzen Sache nichts, denn vor seiner Theilnahme ist mir eben bange,— Schönes Gleichen, wir muffen das allein unter einander abthun. Gretchen.. Recht gern, wenn nur meinem Vater geholfen wird. Schiffer. Auf der Stelle, und nun will ich auch gleich sagen wie?—> Wenn ich mich aber so ungeschickt dazu anstelle, als ein Wilder, der zum ersten Mahle mit Messer und Gabel esse» soll, so denken Sie, dass Sie einen Mann vvr sicy haben, der besser ein Schiff zu regieren versteht,'— als eine Liebeserklärung zu thun.— Potz Werter! nun war's heraus. Gleichen. Ich verstehe ihn nicht. Anton(der während dieser Scene Höllenangst aussieht.) O! ich verstehe ihn recht wohl. Schiffer. Curios! ein junger Bursche darf nur die Augen aurthun. so weiß man schon was er haben will; aber ein alter Kerl kann schwatzen ein langes und ein breites— man versteht ihn nicht. Jungfcrchen, Sie gefallen nur gar sehr. Ist das verständlich? Gretche». O ja, und es freut mich. Zia Schiffer. Ich bin freylich alt—^ Greichen. Ja, das ist er>— Schifse r. lind habe die Gicht— Gleichen. Das thur mir. leid. Schiffer. Aber bey alle dem bin ich doch noch immer ein rüstiger Seemann, und wenn Sie Lust haben, es mit mir zu wagen. Gre ich e n. Was denn? S ch i ff e r. Wenn ich sage: eine Fahrt an den Nordpol des Ehestandes, so versteht sie mich wieder nichk. Ich muß mich also wohl deutlicher- erklaren. Ihr Vater ist mein Schuldner, und bleibt es so lange, bis er auch mein Vater, wird. Verstehen Sie mich nun? Greichen. Er meint doch wohl nicht, gar—(lachend.) Ach nein, das kann nicht seyn. Schiffer. Was'denn? Gleichen. Er will mich doch wohl nicht gar heirathen? Anton(hastig.) Freylich will er das. Sch iff e r. Warum denn nicht? Greichen. Geh' Er doch! Er spaßt! Per er. Nein, Gleichen! es i) sein Ernst. Er ist ein wackerer Mann; du warst versorgt, und ich hatte.auch Brod im Alter, 3ri Gretchen. Ach Vater! das geht nicht. Anton. Nein, das geht nicht. Gleichen.. Las soll denn aus Anton werden? Peter. Willst du um des jungen Burschen willen deinen allen Varcr im Kerker, oder in einer Bleygrube verschmachten lassen? Gretchen. Anton— horst hu?— was soll ich thun? Anton(weinerlich.) Höre Er, Herr Capital», wenn Er das Mädchen mit Gewalt hei- rathet, so schlage ich Ihn todt. Schiffer. Wirklich? Anton. Mausetodt, und das muss Er mir hernach nicht übel nehmen; denn ob Er mir das Mädchen nimmt, oder. mein Leben, das ist einerley. Und wenn ich Ihn todt geschlagen habe, so gehe ich hin, und lasse mich rädern in Gottes Nahmen^— Aber weiss Er was, ick will hinaus zu meinen Ältern, ich will aufweinen Knien herum rutschen, und Zhm die fünfzig Ducaten s-i äffen; und wenn das nicht geht, so will ich Ihm als Matrose zehn Jahre umsonst dienen. Mag ich dann ersaufen, oder mögen die Wilden mich treffen, so habe ich doch den Trost, daß Greichen nur treu geblieben ist.Kom- 12 me ich aber lebendig zurück/ nicht wahr/Vetter, dann gibt Er nur sie zum Weibe? Gr eichen. Da harr Er nun selbst/ Vater wie lieb Ancon mich har. Ach/ Herr Capital»! erbarme Er sich unserer Noth! Schiffe r. Ein feines Compliment! ich soll mich erbarme»/ und sie nicht heirarhen. Gretch^n. Was wird es Ihm helfen?^lit- ton wird»sich doch alle Tage besuchen— Schiffer. So, so. G re tch e n. Und wir werden immer beysammen sitzen und weinen. Schiffer. Nun/ wenn ihr es nur dabey laßt. Peter. Genug, Kinder. Ich habe euch hinlänglich geprüft. Verzeiht mir die Neckerei). Seyd gutes Muths! Ich bin ein reicher Äami. Greichen. Gewiß, Vater? ach Varer!— Anton. Im Ernst, Vetter? Er ist dem da nichts schuldig? Pecer. Nicht einen Heller. G r e t ch e n. Ich brauche den Ccoitain nicht zu hdirarhen? Peter. Wenn du keine Lust dazu hast Grerchen. Nein, tch habe wahrhaftig keine Lust dazu. Peter Peter(lachend.) Ich glaube dir ohne Schwur. Schiffer. Sehr obligirt. Es war auch nur mein Scherz. Ein alter Mann, der ein junges Mädchen heirarhet, wagt mehr, als ein Schiffer, der bey schlechter Jahreszeit um das Cap H o r n segeln will. Gretche n. Freue dich, Anton! Anton. Wie ist mir denn? darf ich mich auch so recht freuend— Vetter, ist Er lehr reich? Peter. Sehr reich. Anton. Hm! das ist auch wieder nicht Zut. Da werd Er woh! die Nase hoch tragen, wie dre reichen Leute zu thun pflegen. Und wenn ich zehn Mahl spräche: gebe Er mir Grerchen, nach seinem Gelde frage ich nicht, so viel—'>22 Alle. Sem Weib- Schiffer(kläglich.)'Ja/ mein Weib! Max. Mütterchen, ist das Einer von deinen Männern? Fr. Morg. Hat Niestiand ein Riechflasch- chen bey der Hand? Schiffer. Laß es gut seyn, Sybille; wir wollen thun, als kennten mir uns nicht. Fr. Morg.(sehr schwach.) Wirst du bald wieder abreisen? Schiffer. In vierzehn Tagen. Fr. Morg. Ich lebe wieder auf. Fünfte Scene. Eine große Gesellschaft von Männern, Frauen und Kindern drangt sich herzu. Alle durcheinander. Willkommen, Herr Vetter!— willkommen!— seht da, Kinder, der Herr Vetter!— das ist der liebe Herr Vetter! Die Kinder. Willkommen, HerrVetter! Die Alteii^ Tausend Mahl willkommen! Peter. Meine Herren und Damen— und ihr lieben kleine» Püppchen—> ich habe nicht d,ie Ehre— 325 Ein Herr. Wir sind nahe Verwandte. Die Frau meines BruderssohneS rst eine Schwester- tochter von der Muhme Ihrer seligen Frau Schwiegermutter— Karlchen, küsse dem Herrn Vetter die Hand» Peter. Sehr verbunden.(Ja einer Dame.) Und, Sie? Die Dame. Meine Urgroßmutter war eins geborne Vollmuth— Matchen, verneige dich vor dem Herr» Vetter. V Peter. Gehorsamer Diener.(Zu einem Drit» ten.) Und Sie? Der Dritte. Mein Ältervater hatte eine» Stiefsohn, welcher ein« Stiefschwester von der Stiefmutter Ihres seligen Herrn Vaters heiratete.— Gottliebchen, wirf dem Herrn Vetter ein Kußhandchen zu. Peter. Bravo! nun regnet es auf einmahl Verwandte aus fedsr Wolke.(Mit guter Laune.) Es ist wohl überflüssig, daß ich mein Examen fortsetze. Sie sind sammt und sonders auf Treue und Gl-auben meine lieben Vettern und Basen. Sechste Scene. Der Wirth und die Vorige». Wirth(zu Peter.) Ein liebes, scharmantes Soupee von zwanzig Converts erwartet Dero Befehl. Peter. Ein Soupee? Wer hat es bestellt? Rath. Ich, Bruder, habe es für nöthig erachtet, in deinem Nahmen die Honneurs zu machen- Ein Mann von deinem Range— Peter. Sehr wohl. Wenn es einmahl fertig ist, so soll es auch nicht unverzehrt bleiben. Meine Herren und Damen! Sie sind sämmtlich meine Gäste. Freylich bin ich ein Narr, daß ich Euch tractire. Zwar gleiche ich darum allen reichen Vettern,, die kein Mensch ansehen würde, wenn sie kein Geld hätten; aber ich bin ein doppelter Narr, weil ich Euch geprüft habe, und Euch doch zu essen gebe. Indessen, es geschieht meiner Tochter Verlobung zu Ehren. Herein! Herein! Alle(folgen jauchzend.) Es lebe der Herr k Wetter! (Der Vorhang fällt.) D i e ir g l ü ck l i ch e n. Ein L u s t"s p i e l in Einem Auf z u g° (Erschien»79^. j Person«n. Peter Falk. Johann Falk,«in Prediger. Tranzisca Falk. Gustav Falk, ein Jage«. Eduard Taube» ein Dichte«. Baron Adolph von Falke»bürg. Kammerjunker Hcrrmann», Salkena«, Em» niiel Falk. ein Philosoph. Madam Herbst, gebsrne Falk. Madam Freude, eine geborne Falk. clrurle« ein Tanzmeister. Emilie Falk. Falk, genannt Geyer,«in Reeensenk. Senf, Peter Falks Diener. (Der Schauplatz ist in Holland. auf dem Landgut« Peter Falks, unweit dem Haag.) 3Z7 Erste Scene. Peter Falk(sehr einfach gekleidet, in einer runden Perrücke, sitzt am Theetisch, und schmaucht eine Pfeife Tabak. Senf tritt herein, und wischt sich den Schweig von der Stirn.) 6'a lk. Guten Morgen, mei-n lieber Senf, was bringt er mir? Senf. Nichts. F alk. Er hat geschwitzt? Senf. Kein Wunder. Falk. Brav gearbeitet? Senf. Wie ein Pferd. Falk. Aber ich wette, er hat es gern-gethan. Senf. O ja— wenn nur— Fält. Was? Senf(heraus platzend.) Wenn ich nur wüßte, wofür? Falk(lächelnd.) Wofür? Senf(cifng.) Ja, wofür? Falk. Hm! ein Fremder sollte denken, mein lieber alter Senf thäte nichts umsonst. Senf. Ich lasse mich auch gern bezahlen — freylich nicht mit Gelde— Falk. Mit Vertrauen, nicht wahr? Senf(gekränkt, aber mit Herzlichkeit.) Ja, mit Vertrauen. Falk. Nun, warum fragt er nicht? Senf. Nein, das thue ich nicht: Sie konnten mir einmahl antworten: Senf, darnach hat er nichts zu fragen! und dann schämte ich mich zu Tode. Falk. Gut, so will ich fragen. Was möchte er denn gerne wissen? Senf. Ich möchte gerne wissen, warum seit acht Tagen alle Zimmer im Schlosse gewaschen und aufgeputzt werden, da der Herr doch kaum Drey oder Vier bewohnen? Falk. Ich bekomme Gäste. Senf. Warum der Koch die ganze Nacht Braten gespickt, und Pasteten einge-mengt hat, da der Herr doch nie mehr als von drey Schüsseln speisen? Falk. Ich erwarte Gaste. Senf. Wärmn der Kellermeister ein ganzes Regiment WeinbouleMen m Parade stellt? Falk. Das thut er für die Gaste. Senf(in den Bart brummend.) Freylich, das hätte rch auch wohl errathen können. Falk. Und wer die Gasts sind, das wird er vennuthltch schon wissen? Senf. Woher sollt ich's denn wissen? Falk. Well es in den Zeitungen gestanden hat. Senf. In den Zeitungen?— ich lese keine Zeitungen. Aber Potz Wetter! das müssen .vernehme Gäste seyn. Falk(lachend.) Nein, mein lieber Senf, ich glaube schwerlich, daß sich viel Vornehmes darunter finden wird. Geh er in mein Schlafzimmer, rechter Hand auf dem Tische liegt ein Zeitungsblatt, bringe er das her.(Senf ab.) Falk. Vornehm ist gar nicht vonnöthen; wenn sie nur ehrlich und lustig sind, sollen sie mir Alle willkommen seyn.(Senf kommt zurück.) Falk. Hat er es gefunden? Senf. Ja. 53s Falk. Nun, so lese er. Senf(fängt a>l ju lesen.)„Paris, den l5- Septsmber— FalZ. Nein, nein, auf der letzten Seite, unten. Senf.„Aus dem Haag, vom 3. August—'' (Er geht seine» Hern, fragend an.) Falk. Richtig. Senf(lieg.)„Gestern starb auf seinem „Landgute Birkenholm, drey Meilen von hier, „der reiche westindische Pflanzer—(er wischt sich die Augen klar.)„Peter— Peter Falk—" Bey meiner armen Se«lePeter Falk.— Was zum Henker! sind Sie gestorben? Falk(nickt.) Mausetodr» Senf. Ha! ha! ha.' wie die Zeitungsschreiber lügen können. Falk. Diesmahl haben sie nicht gelogen. Les' er nur weiter. Senf. Nicht gelogen?—(er liest weiter.) „Peter Falk, der weder Frau noch Kind, aber „ein unermeßliches Vermögen hinterlaßt. Er ist „aus Westphalen gebürtig, wo selbst noch viele „seiner Anverwandten zerstreut leben sollen."— Ist daS wahr? Falk. Ja. 55r Senf(liest.)„In seinem Testamente hat „er denjenigen von ihnen zum Universalerben „eingeseht, der beweisen wird, daß er der Unglücklichste sey."— Ist daS wahr? Falk. Ja. Senf(u-st.)„Der erste October dieses „Jahres ist zum Termin anberaumt, in wel- „chem ein Jeder, der seine Ansprüche zu rechtfertigen vermeint, sich auf dem Schlosse Dir- „kenhokm in Person zu melden hat."— Der erste October? der ist ja heute!, Falk. Heute. Senf. Aha! nun merke ich. Falk. Was merkt er? Senf. ES wird ein Familienschmaus. Falk. Richtig. Senf. Ich verstehe das Ding aber doch nur HM. Falk. Welche Hälfte fehlt ihm denn noch? Senf. Sie sind ja nicht todt? Falk. Gott sey Dank! noch nicht. Senf. Wollen Sie sich denn bey lebendigein Leibe beerben lassen? Falk. Nein. Aber den Unglücklichsten vock meinen Verwandten wollen wir hier behalten, der soll mir die Augen zudrücken, , 332 Senf. Kennen Sie denn Ihre Verwandten?— Falk. Wie sollte ich? kam ich doch schon als ein Knabe von vierzehn Jahren nach West- indien. Senf» Sind ihrer viele? Falk. Vermuthlich. Ein reicher Mann hat immer viele Verwandte. Senf. Potz Wette'!die werden die Auge» aussperren, wenn sie den todten Herrn Vetter seni Pfeifchen schmauchen sehn. Falk. Vor der Hand, mein lieber Senf, will ich todt seyn und bleiben. Die Ankömmlinge sollen mich nur als;inen Freund des Verstorbenen, als Lxeeutor lestamenli kenne» lernen. Senf. So, so. Falk. Mit zwey Worten: ich habe ein halbes Saculum allein auf der Welt gelebt, das fangt an, mir Langeweile zu machen. Ich habe mirs sauer werden lassen, und für wen? DaS will ich wenigstens wissen, ehe ich sterbe; ich will mein Vermögen dem Würdigsten unter meinen Verwandten, das heißt, dem Unglücklichst e n zuwenden. Sonst kommt mir d'a ein Hans Liederlich, erbt ak inlesluto. weil er mir 333 einen Grad naher steht, gibt seinen armen Vettern und Muhmen nicht einen Heller, und mir keme Thräne in s Grab. Senf. Ader wenn sie nun Alle glücklich sind? Falk. Alle glücklich? Guter Senf, die Glücklichen sind so rar, als die Tugendhaften. Senf. Es mag wohl beydes zusammen gehören? Falk. Nicht immer.— Horch!— man klopft.' Sind es welche von unsern Gästen, so führe er sie herein. Doch immer nur einen auf ein Mahl. Hört er? Senf. Ganz wohl.(Er geht ab.) Falk(allem.) Nun, Perer Falk, laß sehn, wie viel Menschenkenntniß du in fünfzig Jahren gesammelt hast. Zweyte Scene. DerDichter Taube und Peter Falk. Taube(mit einer Verbeugung.) Mein Herr— Falk(steht auf.) Gehorsamer Drener. 334 Taube. Vermuthlich der seltne Freund, dem mein verstorbner Vetter die Ausführung seiner edlen Absichten übertragen? Falk. Der Nähmliche. Ihr Nahme, wenn ich bitten darf? Taube. Ich heiße eigentlich Jeremias Falk. Aber die Lesewelt kennt mich unter dem Nahmen Eduard Taube. Falk. Die Lesewelt? Also wohl gar ein Schriftsteller? Taube. Aufzuwarten. Falk. Ein Schriftsteller muß nie aufwarten. Was haben Sie denn geschrieben? Taube. Kleine niedliche Beytrage zu kleinen niedlichen Musen- Almanachs, politische Abhandlungen in Journale, und seit den letzten drey Jahren sieben und zwanzig Ritter» Romane. Falk. Sieben und zmanzig Ritter-Romaue in drey Jahren? bravo! Taube. Jetzt bin ich mit Gefpenster- Mahrchen beschäftigt, die ich in Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten einkleide. Falk. Warum haben Sie denn Ihren Nähmen verändert? 335 Taube. Weil der Vornahme Jeremias allzu unsonorisch klingt, und der Zunahme Falk keinen andern Reim hüt, als' Schalk. Falk. Man kann allenfalls auch Schalk heißen, und dsck ein ehrlicher Mai seyn. Taube. Ferner wird es jetzt Mode unter beliebten Schriftstellern, sich umzutaufen. Wir haben einen Ancon Wall, Veit Weber, Jean Paul, Eduard Taube. Falk. Sie kommen also, um die Erbschaft z»r heben 2 Taube. Das ist mein feurigster Wunsch. Falk. Sie kennen doch auch die Bedingung?__ Taube. Allerdings kenne ich sie. Nur Ler Unglücklichste wird ein glücklicher Universalerbe. Ein artiger Stoff zu einem Romane. Falk. Aber, zum Henker! hier ist nicht von Romanen die Rede. Sind Sue denn unglücklich? Taube. Diese Hagern Wangen, diese dürftige Hülle mögen für mich zeugen. Falk. Also arm? Taube. Blutarm. Falk. llnd doch ein beliebter Schriftsteller? Taube. Die Ehre ist kein Pudding. Die 336 gottlosen Verleger zahlen wenig. Mein werther Herr, wenn die Ritter- Romane nicht wären, so hätte ich schon längst verhungern müssen. Dreyßig Meilen bin ich zu Fuße hierher gewandert, und selbst diese Fußreise würde ich nrcht haben vollbringen können, wenn nicht ein großmüthiger Buchhändler mir einige Thaler vorgeschossen hätte, gegen das Versprechen, ihm zur nächsten Ostermesse historische, statistische und sentimentale Bemerkungen auf einer Reise nach Holland zu liefern. Der Prännme- rationspreis auf zehn Bände ist ein vollwichtiger Louisd'or. Falk. Ein reicher Erbe muß nicht um Brod schreiben. Taube. Recht, mein Herr! verschaffen Sie mir die Erbschaft, so lasse ich Sie von Lips i» Kupfer stechen. Falk. Was wollen Sie denn mit dem vielen Gelde ansangen? Taube. Meine erste Pflicht sey Dankbarkeit gegen meinen wackern Vetter. Falk. Das ist brav. lind wie werden Sie diese Dankbarkeit äußern? Taube. Indem ich seine Biographie schreibe, und selbige auf Velin-Papier nur D- ot- lchen """ 33 7 scheu Lettern drucken lasse. Die Vorrede ist bereits fertig. Falk. Sehr wohl. Belieben Sie einstweilen hier herein zu trete». Sie werden da em Frühstück finden— Taube(sehe freundlich.) Ein Frühstück? ey! Falk. Und ein gutes Glas MalagazurEr- Dickung für einen Fußgänger. Taube. Eine vortreffliche Einladung zu er- nein anakreontischen Liedchen.(Er geht in das ihm «ngewiescnc Zimmer.) Falk. Mein guter Freund! du wirst es wohl bey der Vorrede bewenden lassen.( Den K°pf schüttelnd.) Ey, ey, der Anfang verspricht wenig. Dritte Scene. Madam Herbst und Peter Falk. M a d. Herbst. Mein Herr, Sie sehen hier das unglücklichste Frauenzimmer vor sich. Falk. Wenn das ist, Madam, so begrüße ich Sie als die Erbinn meines verstorbenen Freundes. Ihr Nahme? Kstzebue'? Theater. 9. Bd. P 338 Mad. Herbst. Juliane Herbst, geborn- Falk. Falk. Und Ihr Ungmck? Mad. Herst. Drückende Armuth ist das kleinste meiner Leiden. Falk. Diese Kleidung sagt mir, daß ein schmerzhafter Verlust— Mad. Herbst. Ich bin seit zwey Jahren Witwe. Falk. Und noch immer in Trauer? Mad. Herbst. Die Trauer—je nun- mein Mann war ein guter Mann— ein Herzens guter Man»— und Sie wissen wohl, daß Schwarz Blondinen am besten kleidet. Falk. So, so. Haben Sie auch Kinder? Mad. Herbst. Gott sey Dank! nein.Das einzige Kind, was ich hatte, wurde mir von der Amme im Schlaf erdrückt.^ Falk. Vermuchlrch waren Sie zu schwach, um selbst zu stillen? Mad. Herbst. Selber stillen? Bewahre der Himmel! Sie wissen nicht, wre ruck körperliche Reitze eine Mutter durch das Selbststillen aufopfert. Es gibr ohnehin genug Zerstörer der weiblichen Schönheit. Das leidige Alter— M !0s ein ttN er- >aß r ch, rh- ele ,sterbe Falk(ungeduldig.) Nun, Madam! Ihr Unglück— M a d. Herbst. Ich habe es so eben genannt. Falk. Das Alter! Mad. Herbst(mit einem tiefen Seufzer.) Ach.' ja. F a l k. Hm! Eine wohlgenutzte Jugend pflegte doch sonst Blumen in graues Haar zu flechten. Mad. Herbst. Wer kann sagen, daß er seine Jugend besser genutzt habe, als ich? Stutzer und Philosophen haben mich umgaukelt, von Grafen und Baronen wurde mein Triumphwagen gezogen. Falk. Und nun hat die Zeit sie ausgespannt? Der Wagen will nicht mehr fort? M a d. Herb st. Die Undankbaren! Falk(spöttisch.) Sie müssen Ihre Zuflucht jlir Frömmigkeit nehmen. Mad. Herbst. Ach, mein werther Herr! das war freylich vormahls eine Ressource; aber M hilft heut zu Tage alles bethen? Ich habe es versucht, habe Altare und Kanzeln gekleidet, eine Gesellschaft von frommen Matronen errichtet, auf Predigten prauumerirt, und über die P 2 5/,o gottlose Welt geseufzt— aber die Leute achte» nicht mehr darauf— spotten wohl gar. Falk. Daran ist die leidige Aufklärung Schuld. Mad. Herbst. Kurz, mein Herr, ich will wein ganzes Elend in ein einziges Dort zusammen fassen: eS heißt Langeweile. Was soll ich anfangen? wie soll ich die Zeit todten? nichts interessirt mich? nichts macht mir Freude. Die jungen Leute ärgern mich durch ihre Jugend, und die Alten durch ihren Stumpfsinn. Schöne Weiber kann ich nicht leiden, und die Häßlichen können mich nicht leiden, weil ich einst schön war. Die Jünglinge haben zu viel Ehrfurcht vor mir, und die Greise zuwenig. Mein Mund war sonst f» klein, daß man ihn mit einem Ducaten bedecken konnte, jetzt rst er durch das viele Gähne» ganz breit geworden. Ach! die Laugewcile foltcrt mich so grausam, daß ich schon einige Mahle auf dem Puncte gewesen bin, zu wünschen: möchte Loch die Amme das Kind nicht erdrückt haben. Falk. Schon genug, Madam! Beliebe» Sie in dieses Zimmer zu treten, wo Sie Gesellschaft gegen die Langeweile finden werden. s-ll ivn so wü IM lch. schö Mad. Herbst. Gesellschaft? was für Gesellschaft? Falk. Ein Dichter. Mad. Herbst. Ein Dichter? Ach! das wird mich an die schönen Zeiten erinnern/ wo so manches Madrigal auf meine langen Zlugen- wimper, so manches Sonnett auf meinen Kanarienvogel gedichtet wurde.(Sie geht seufzend «l>.) Falk(allein.) Ey/ ey, mein lieber Peter Falk! du hast eine saubere Verwandtschaft. Vierte Scene. Franzisea Falk und Peter Falk. Franz(verbeugt sich schüchtern an der Thür.) Falk. Wollen Sie nicht naher treten,mein schönes Kind? Franz(tritt einige Schritte näher.) Fal k. Wie heisien Sie? Franz. Franzisea Falk. Falk. Sie sind unglücklich? Franz. Ja, ich bin recht unglücklich. Falk. Vertrauen Sie sich mir. 342 Franz. Ich bin eines wackern Landpredi- gsrs Tochter. Mein Vater ist sehr arm— meine Mutter starb früh. Falk. Sendet Ihr Vater Sie hierher? Franz. Ach nein! ich habe eine böse Stiefmutter, die hat mich schon vor Jahr und Tag aus dem Hause gestoßen. Jetzt bin ich Kammer- jungfer bey einer Dame im Haag. Falk. Aber liebes Kind, so jung und hübsch, darf man einer bösen Stiefmutter wegen noch nicht über Unglück murren. Franz. Ach! ich habe ihr auch schon längst verziehen— aber—> Falk. Noch ein Aber? Franz. Ich habe einen Vetter— der Falk. Der auch unglücklich ist? Franz. Gewiß ist er es!— denn er liebt mich— er liebt mich so herzlich-— Falk. Nun, wenn er wieder geliebt wird, so möchte ihn das wohl nicht zum Erben cmali- ficirsn. Franz. Ja, ich liebe ihn wieder, denn ek meint es so ehrlich und brav. Falk. Nun, so Heirathot euch, das ist besser, als die Erbschaft des großen Moguls. Franz. Freylich wäre das besser. Aber wir sind beyde arm— er ist jung— ohne Dienst, wovon sollen wir leben? Falk. Ihr müßt arbeiten. Fran z. Herzlich gern. Er hat die Zägerey erlernt, lieber Herr! verschaffen Sie ihm einen Forsterdienst. Ich verstehe mich auch auf die Land- wirthschaft. Falk. Das laßt sich hören. Ist denn Ihr jetziger Dienst einträglich? Franz. Ja. Falk. So sollten Sie etwas sparen für die klüftige Haushaltung. Fran z. Das kaun ich nicht. F a l k. Warum nicht? Franz. Mein Vater ist so arm— was ich verdiene, schicke ich ihm. Falk. Thust du das, Mädchen? Nun? ss etwas bringt Segen. Franz. Meines Vaters Segen und meines Gustavs Liebe sind mein ganzer Reichthum. Falk. Zum Henker! dann bist du reicher, als manche Fürstinn. Also Gustav heißt er? es werden wohl fleißig Briefchsn gewechselt?"j Franz. Briefchen?Wie meinen Sie das? Falk. Nun, mein Kind, versteh», Sie, mich dann nicht? zärtliche Briefchen, Betheu- rungen ewiger Liebe. Franz. Pfuy! das lvürde sich nicht schicke». Und der Betheurungen bedarf es zwischen uns nicht. Falk. Ss? seyd Ihr Eurer Sache so gewiß? Franz. Es ist nun ein Jahr, zwey Monath und eilf Tage, daß ich ihn nicht gesehn habe— Falk(lächelnd.) Wie viel Stunden? Franz(ernsthaft und naiv.) Sieben Stunden, aber ich weiß, daß mein Gustav mir treu bleibt bis in den Tod. Als ich fort mußte, da haben wir im Baumgarten zusammen geweint, UNd da—(mit niedergeschlagenen Blicken) da habe ich ihm auch einen Kuß gegeben. Falk. Nicht mehr als billig. Gehn Sie, gutes Kind, gehn Sie in dieses Zimmer. Wie wollen nachher mehr mit einander plaudern. Franz(freundlich.) Von meinem Gustav? Falk(lächelnd.) Ja, ja, gehn Sie nur. (Er öffnet ihr die Thüre feines CabinetS.) F ranz(im Abgehn.) Wenn ich von ihm reden darf, so bin ich nicht unglücklich. 845 Falk(Mein.) Ich glaube/ sie thäte Verzicht auf die Erbschaft/ wenn sie nur den ganzen Tag von ihrem Gustav reden könnte. Fünfte Scene. Emilie Falk und Peter Falk. Falk(für sich, als er sie Herei,ttreten sieht.) Schon wieder ein Frauenzimmer? Die weibliche Sippschaft ist verdammt groß. Emilie. Ach! Falk. Wer sind Sie/ meine schöne seufzende Dame? Emilie. Emilie Falk/ die leidende/ betrogene/ gemißhandelte/ zertretene— Falk. Das klingt fürchterlich. Emilie. Nicht wahr/ es tönt wie Grab- gesang/ Ha! mein Herr! ich sehe/ Sie haben ein weickgsschaffnes Herz. Falk. Wo es Noth thut/ 0 ja. Emilie. Die Munterkeit ist meinen Wangen, Den Augen Gluth und Sprach entgangen. Der Mund will kaum ein Lächeln wagen. Kaum noch der welke Leib sich tragen. 346 Falk. Und woher diese grausame Veränderung? Vielleicht drückende Armuth? Emilie(das Haupt schüttelnd:) Dem Reichthum, bleicher Sorgen Kinde Schleicht stets die bleiche Sorge nach; Sie braust wie ungestüme Winde Durch euer innerstes Gemach. Falk. Also nicht Armuth? /o mus; ich bitten/ mir auf die Spur zu helfen. E m i l r e. Die Leiden der Liebe sind vielfach und groß, Wer zählte die Thränen, die Liebe vergoß? Oft reicht sie mit Weruutth den Becher ge- füllt, Wohl gülden von außen in Liebe gehüllt. Falk. Aha! nun versteh ich. Der Schalk Amor hat Sie geneckt? Emilie. ——>— des Frühlings verschwendete. Gaben, Die um uns duften und fließen, sind arm dem Kranken vor Liebe. Falk. Und wer ist der Barbar/ der— Emvlie. Halten Sie ein! ach! ich liebe ihn noch! Falk. In Gottes Nahmen/ aber wo ist er denn? E m i l i e. Er fliehet fort! es ist um mich geschehen! Ein weiter Raum trennt meinen Carl von mir. Falk. Also eine Dirlone LliLnüvniiLtn? E m i l i e. Vier trübe Monden sind entfloh»< Seit ich getrauert habe; Der falbe Wermuth grünet schon An meinem offnen Grabe. Falk. Das bedaure ich von Herze»/ aber Sie sollten den Undankbaren laufen lassen. E m i l i e. Ach! wie soll, wie kann ich's zahmen Dieses hochempörte Herz? Wie den letzten Trost ihm nehme» Anszuschreyen seinen Schmerz. Falk. Könnte vielleicht Ihres Vetters Erbschaft diesen Schmerz lindern? Emilie(sehr freunblich H Wenn der Himmel mir Ewig, ewig doch vergönnte. Daß ich braver Mann, mit dir. Meine Tage leben komrte. 348 Falk. Gehorsamer Diener. Ich zweifle nur/ ob es möglich seyn wird, Ihnen, als der Unglücklichsten, die Erbschaft zuzusprechen. Emilie. Wie? Ist nicht das Herz der einzige Schöpfer unsers Glücks und Unglücks? Mir thuts so weh im Herzen, Ich bin so matt und krank, Ich schlafe nicht vor Schmerzen, Mag Speise nicht und Trank. Falk. Wer wollte sich mit Grillen plagen, So lang uns Lenz und Jugend blühn? Wer wollt' in seinen Dli'ithenkagen Die Stirn in düstre Falten ziehn? Emilie. Seh' Alles sich entfärben, Was Schönes mir geblüht. Ach! Liebchen will nur sterben; Das ist mein Schwanenlied. Falk. Die Freude winkt auf allen Wegen, Die durch dieß Pilgerleben gehn, Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen, Wenn wir am Scheidewege stehn. 549 Emilie. Bald wird e§ von mir heißen: Schwermuthsvoll und dumpfig hallt Geläute Vom bemoosten Kirchenthurm herab, Vater weinen, Kinder, Mütter, Bräute, Und der Todtengräber gräbt ein Grab. Falk. Rosen auf den Weg gestreut, Und des Harms vergehen: Eine kurze Spanne Zelt, Ward unS zugemessen. Es thut mir leid, Mademoiselle, daß die kurze Spanns Zeit, die mir auch heute zugemessen wurde, mir nicht erlaubt, dieß poetische Gespräch langer fortzusetzen. Gehn Sie i» dieses Zimmer, Sie werden daselbst einen Dichter finden, der indessen meine Stelle vertreten mag. Emilie. Ei-ien Dichter? O: Muse sen gegrüßet, Last unter Nachtigallen Dein süßes Lied erschallen! (Sie geht al>.) Falk(allein.) Das Mädchen hat den Verstand verloren. Welch ein Unterschied zwischen der prosaischen Franzisca und der poetischen Emilie! welche von beyden wohl herzlicher lieben mag? 55o Sechste Scene. EManuel Falk und Peter Falk. Emanuel. Mein Herr, Sie sehe» einen Mann vor sich, der dreyßig Jahre hindurch un- ermüdet nach Wahrheit forschte. Falk. Ist denn die Wahrheit so schwer zu finde»? Eman. Leider! sie wohnt nicht auf diesem Erdball. Hier ist alles Täuschung. Falk. Zwey Mahl zwey ist vier. Sollte das auch Täuschung seyn? Eman. Die wenigen mathematischen Satze ausgenommen, ist alles übrige leerer Wortschall. Das grausamste Geschenk, welches die Natur uns verlieh, ist die Vernunft. Falk. Die Vernunft? Ich habe immer gehört, sie unterscheide uns von den Thieren. Eman. Eben deßwegen. Die Thiere sind glücklicher, als wir. Sie genießen die Gegenwart, und fürchten die Zukunft nicht. Falk. Das ist gerade mein Fall auch. Eman. Wie? Sie denken nicht mit bangen Kittern an den Tod? 551 Falk. Keinesweges. Ich habe immer gelebt als ein ehrlicher Mann. Eman. Aber das schreckliche Wort Vernichtung!— Falk. Was kümmert mich das Wort, wenn ich nur nicht an die Sache glaube. Eman. Wo ist der Beweis für die Fort- ^ dauer Ihrer Existenz? Falk(auf sein Herz deutend.) Hier.. Eman.(>mf den Kopf deutend.) Hier sollte er seyn! hier! und da findet er sich leider nicht. Falk. Ey nun, so muß man ihn auch dort ! nicht suchen. Eman. Das Denken ist aber so unwill- . kuhrlich, als der Pulsschlag unsers Herzens. Werden Sie den Mann für unglücklich halten, der von Wolf zu Leibnitz floh, bald Spinozist, ^ bald Kantianer war, und nirgends Ruhe, nirgends Überzeugung fand? Der den Pöbel um seinen Köhlerglauben beneidet, und den letzten Heller mit Freuden gäbe, wenn er an alle Heiligen glauben könnte! der seine müden Augen so gerne schließt, um seine Denkkraft einzuwiegen, und den mit dem ersten Morgenroth der graßüche Gedanke an ein ewiges Nichts aus 352 schweren Träumen weckt. Werden Sie den Mann für unglücklich halten? Falk(ernst.) Wahrlich! ja! für sehr unglücklich! Eman. Dieser Mann bin ich, Emanuel Falk. Mir lächelt umsonst der Frühling/ denn ich sehe in ihm nur die Mechanik der Natur. Mir winkt umsonst die Freude/ denn sie steht über meinem ewig offenen Grabe. Ich bewundere keinen großen Geist, denn ich ahne in ihm nur eine leicht zerstörbare Organisation. Liebe und Freundschaft sind mir Truggestalten, die ein Blutstropfen mehr oder minder auf Augenblicke schuf, wie ein warmer Regen kraftlose Pilse hervorlockt. Falk(gerührt.) Armer Mann! Eman.(i„ sich gekehrt.) Armer, armer Mann! Falk. Was kann in dieser Stimmung Ihres Vetters Erbschaft Ihnen nützen? Eman. Wenig. Aber doch Betäubung könnte sie mir gewähren. Ich würde, wie die Reichen zu thun pflegen, Speichellecker und Hofnarren um mich sammeln, sie sollten mir, so oft der Dämon der Philosophie sich nahte, Mährchen von meiner Mutter Gans erzählen? 553 sollten mit.kousous und UUKo^iaetz vor mir herum hüpfen. Kurz, alles thun, nur nicht Denken! Falk. Das läsit sich hören. Eman. Dann würde ich ein Wohlthäter der elenden Menschheit werden: ich würde Philosophen fürstlich belohnen/ damit sie nichts schrieben; ich würde Buchhändler reichlich bezahlen/ damit sie nichts druckten; ich würde alle Exemplare aller vorhandenen Systeme aufkaufen, um einen Scheiterhaufen daraus zu machen. Falk. Bravo!— Belieben Sie nur vorläufig in dieses Zimmer zu treten, Sie werden da einige Menschen finden, die gar nicht denken. Eman. Um so mehr werde ich die Glücklichen beneiden.(Er geht ab.) Falk(aTem.) Armer Grübler! du bist in der That zu beklagen. Doch Reichthum hilft dir nicht. Nur Tod oder Wahnsinn können dich vor dir selbst retten. 354 Siebente Scene. Herrmann v. Falken au und Peter Falk. Herrmann. Nun eker ami soulkrer cjue je vous emkrasse. Falk. Olrer:«mr? Wir sehen uns heute zum ersten Mahle. Herrm. Der Hofton, inon elrer ami. bey Hofe ist die Freundschaft auf allen Lippen, Ich nannte den geheimen Rath: mein gelehrter Freund, den Hauptmann von der Garde: mein tapferer Freund, den Beichtvater: mein frommer Freund, und die Bedienten schlechtweg, mein Freund. Falk. Wohlan, mein Freund, was steht zu Ihren Diensten? Herrm. Wissen Sie auch, inon«streu ami, das; Sie eine plr^sioZuoiuie tres spirituelle besitzen? ülais tres spirituelle. Falk. Lerviteur! Herrm. Ein air noirle, ein je ue sair quoi— ich wette, Sie haben sich bey Hofe formirt. 555 Falk. Außer dem Hofe des Königs von Bantam, auf der Insel Ceylon, bin ich in den fünfzig Jahren meines Lebens nie an einem Hofe gewesen. ^H e r r m. Fünfzig Jahr!— wer sahe Ihnen das an? Sun rnon Iionneur! Sie sehen nicht viel alter aus, als ich. Falk. Das kommt daher, iirorr elien nml, weil ich nie ohne Hunger aß, und nie ohne Durst trank, und weil ich, um gut zu schlafen, am Tage brav arbeitete. Herr m. Schön gesagt! ein Kon inot plcnn cke sei. Falk. Aur Sache, wenn ich bitten darf, der Gegenstand Ihres Besuchs? Herrm. Non eksr nun, fs suis nn Ue- sespoii'! Ich darf Ihnen nur zwey Worte sagen, um die Größe meines Unglücks zu schildern. Ich war Oentilkomme cls(Ummkrs bey dem Fürsten von Flachsenfmgsn, und waS noch mehr ist, sein Favorit. Se. Durchlaucht konnten nicht ohne mich loben. Sollten Sie glauben, das; Se. Durchlaucht Dero Gnade so weit trieben, daß Sie oft aus meinen Handen Dero Nachthemd empfingen? Falk. Unglaublich. 3ä6 H e rrm. Dero Nachthemd/ sur mou Könnern-, war wollen Sie sagen—(er zieht etwas aus der Tasche, das sorgfältig in mehrere Papiere eingewickelt ist.) Dieß Stück Confect hat mir der Fürst einst selbst anf den Teller gelegt. Höchst eigenhändig, sun mon Iiouiieur!— nun, was geschieht!—ich Dummkopf! der klügste Mann hat Augenblicke, wo erkvtisen macht.—Der Fürst ist ein großer Liebhaber von Musik, ein Dilettant, er componirt selbst, und natürlich sehr schon. Eines Tages wird eine neue Symphonie aufgeführt, ich weiß nicht, daß sie cie main äo maitre ist, ich halte sie für ein Product des Capellmsisters, den ich,eutre nc)us soit ciit, nicht wohl leiden konnte. Der Fürst fragt mich: wie gefällt Ihnen die Symphonie?— ich zucke die Achseln.— Nun heraus mit der Sprache. —» parier Irnuekement, mon priuee, eile est äetestnkle. Se. Durchlaucht sehen mich an, mit einer Miene— ich verstumme— Se. Durchlaucht drehen mir den Rücken— ich bin versteinert— Da flüstert mir der Hofmarschall ins Ohr: ruon ami.vous etes une kete, der Fürst hat die Symphonie selbst componirt — ich denke, ich muß in die Erde sinken!— 357 Auf der Stelle bekam ich Nasenbluten vor Schrecken— Falk(lächelnd.) Sie müssen sich damit trösten/ daß Sie Ihr Blut für Ihren Fürsten vergossen. Herrin. Den andern Morgen schreibt mir der Hofmarschali ein Billet— ich denke/ der Schlag soll mich rühren— Se. Durchlaucht ließen mir andeuten/ in zwey Mahl vier und zwanzig Stunden den Hof zu quiltiren— Da bin rch nun vis ü-vis äe rren, ohne Aussichten/ ohne Brod. Falk. Die nähmlichen Talente/ die Sie zum Günstling des Fürsten von Flachsensingen erhöbe»/ werden vermuthlich auch an andern Höfen gelten. H e rr m. Knlus mon clron anii! Die Fürsten schlagen heut zu Tage ganz aus der Art; es gibt wenig Hofe wie den von Flachsenfingen. Ich kann pfeifen wie eine Nachtigall/ miauen wie ein Kater/ und belldn wie ein Schooßhund. Ich kann vortanzen und vorschneiden. Ich bin bewandert in der Oünonicnrs sv-uiclukcuse von ganz Europa. Ich weiß meine Histörchen mir ^ Nalieo zu würzen. Dabey lasse ich mir Asles gefallen/ Alles! Alles! Man kann mit mir 358 machen, was man will, ich bin zu Allem zu gebrauchen. Will der Fürst seinen Witz üben, so diene ich zum^,1-istron, und bin der erste, der pflichtschuldigst lacht. Gefallt ihm ein hübsches Mädchen, so hat er keinen treuern Spürhund als mich. Kurz, ich bin ein Keule universal Pour In Lour, und mnlgre tont nein, habe ich meine Dienste schon au zwanzig Hosen vergebens angetragen. Falk. Das thut mir leid. Herrin. Hains>ri»u smi! wenn man einzig und allein von der Gnade des Fürsten lebt, und das Unglück hat, sie zu verlieren, so darf man wohl sage-, dasi man nu vonikle An mni- Iievr ist! Ich hoffe daher, saus eoulneUit, der nächste Erbe zu seyn. Falk. Ein(iientUIlomme Ue 6k>nmdre? ein fürstlicher Günstling s mein verstorbener Freund hat mir nie etwas von einem solchen Verwandten erzählt. Herrm. Ich heiße Herrmann von Fal- kenau. Falk. Und er heißt Peter Falk. Herrin. O'est eKnI, e'est eKal. Ich denke so: zu den Zeiten der Kreuzzüge ging irgend ein Falk nach Palästina, kämpfte wacker gegen die Ungläubigen, und wurde ein Ritter—> Falk— Falkenau. Die Familie ist doch immer dieselbe. Falk. Auf diese Art gerathen wir endlich in Noahs Kasten! Herrm. Schade, daß der ehrliche Mann nicht mehr lebt, dann, nion ulier ami, dann sollten Sie ein Probchen von meinen Talenten sehn. In Zeit von vier Wochen würde ich ibn überredet haben, daß ich sein leiblicher Sohn sey, wenn er auch von den Tungusen und ich , von den Angelsachsen abstammte. Falk. Sie werden in diesem Zimmer einige Vettern und Muhmen finden, deren Bekanntschaft ich zu machen bitte. Auch können Sie dort Ihre Transchirkunst an einem Kapaun beweisen. Herrin. Ein Kapaun? o! die versteh ich selbst zu schneiden, selbst zu mästen, selbst zu braten. Sie erstaunen?—Ja, ja, mon osier ami, Sie sollen noch ganz andere Dinge von mir sehn. Lassen Sie nur erst meine Talente sich nach und»ach entwickeln. A imvoir! kann ich ' Ihnen worinnen dienen, so befehlen Sie nur, ein Mann wie Sie kann jeder Zeit auf meine Prodection rechnen. (Er geht in ras Zimmer.) Falk. Ha! ha! ha! Das Protsgiren vergißt der Hofmann nie, wenn ihm auch nichtS übrig bleibt, als ein Stück Confect. Achte Scene. 0 ün s 1 6 Z V a 1-e n u und PeterFal k> Vala. In tiefster Unterthänigkeit— Falk. Die können Sie sparen. Vnlo. Ich bin ein unglücklicher, alter Mann— Falk. Ihr Nahme? Vule. Okarles Vatoau, eigentlich aber Karl Falk. Falk. Warum haben Sie sich denn fran« josirt? V al l!. Ich bin ein Tanzmeister. Vor vierzig Jahren würde ich mit meiner Kunst wenig Glück gemacht haben, wenn ich mir hatte merken lassen, daß ich ein Deutscher sey. Damahls hielt 36i hielt man die Deutschen zu nichts tauglich, und am wenigsten zum Tanzen. Falk. Worin besteht denn Ihr Unglück? Vulc. Ach mein Herr! können Sie mich das noch fragen? Ein alter Tanzmeister ist eine elende Crearur. Die übrigen freyen Künste geben freylich auch kärgliches Brod, aber sie nähren doch bis in's Alter. Die Tanzkunst hingegen lächelt nur jungen Zöglinge». Man tanzt sich an den Bettelstab. Neue Moden, alte Beine. Ein menuet st la keine und steife Gelenke. Es geht nicht mehr. Gelernt hab ich sonst nichts. Ich wollte gern meine letzte Kraft zusammen raffen, und mit einem 80I0 ins Grab tanzen. Aber da muß ich lnder noch unmev beym Todtentanz figuriren, und warten, lus die Reihe an mich kommt. Das wollte ich auch herzlich gern, denn wer lebt nicht gern, wenn er auch nicht mehr tanzen kann? Aber wenn mir Niemand Brod gibt, so muß ich die Saiten von meiner Violine schneiden, und mich daran aufhängen. Falk< gutmüthig lächelnd.) Armer Mann? gehn Sie in dieses Zimmer, ich werde für Sie sorgen. Kotze-ue's Theater. 9. Bd, Ä 562 Valc. Mein gnädiger, lieber Herr! das vergelte Ihnen der Himmel in dem letzten Au-^ genblicke, wenn Sie den Salto mortale ma-^ chen.(Er geht ab.) Falk(allein.) Ist es ein Wunder, daß die Menschen so wenig an die Ewigkeit den- ken? da sie nicht einmahl bey der Wahl ih-^^ res Gewerbes, auf das nahe Alter Rücksicht-^ nehmen. NeunieScene. Peter Falk und Gustav Falk. Gustav(treuherzig.) Guten Tag! Falk(eben ss.) Großen Dank! Gustav. Sind Sie der Herr, der mir die Erbschaft auszahlen soll? Falk. Wenn Sie der Unglücklichste unter Ihren Mitbewerbern sind? Gustav. Nun, das sehen Sie ja wohl. Falk. Sehen? Nein, wahrhaftig, sehen kann man das nicht. Sie sind jung und ge-^ sund— v, st m ! dc ^ icl Sl S 36Z Gustav. Jung? ja, das bin ich, aber gesund, ne, Herr! ich bin krank, schon über Jahr und Tag. Falk. Was fehlt Ihnen denn? Gustav. Mir fehlt Alles, Summa Sum- marum. Alles. Ich hatte ein Mädchen, das ging heyda! in die Welt, und seit das Mädchen fort ist, komme ich mir vor, wie ein Kerl von Lumpen, der die Sperlinge von den Kirschen verscheucht. Haben Sie mich verstanden? nur heraus mit der Erbschaft! Falk(lächelnd.) Mein lieber junger Herr, das geht nicht so rasch. Vor allen Dingen muß ich wissen, wer Sie sind? Gustav. Habs ich Ihnen denn das nicht gleich gesagt? ich bin Gustav Falk, des Försters Sohn von Winzingerode. Falk. Gustav? eines Försters Sohn? Gustav. Ja doch. Peter Falk und mein Vater waren leiblich Geschwisterkind. Falk. So, so. Aber Ihr Unglück?-- vielleicht arm? Gustav. Herr, Sie sehen, daß ich ein j Paar Fäuste habe, die arbeiten können. Denken Sie etwa, ich käme hierher, um zu. betteln? Q 2 564 Falk. Also der Verlust einer Geliebte» ist Ihr ganzes Unglück? Gustav. Nun, ist denn das noch incht ^ Falk. Es gibt ja der Mädchen mehr. Gustav. Herr, das versteh» Sie nicht, rs gibt nur die Eine. Falk. Aber ein Mädchen, daß Sie verlassen konnte, verdient Ihre lüebe nicht. Gustav. Ja? meinen Sie das? Links um, mein werther Herr. Dre arme Franzisca wäre aerne blieben, aber- da war eine böse S-'ef- mutter im Hause- Ach! es wäre viel davon E«den-nun, das garstige Weib istrorv.er Wochen gestorben. Todten soll man"ichrs Übels nachsagen-. Falk. Wo ist denn Ihre Franzrsca? G ust« v. L o ist sie?»ch! weiß es nicht. Aber üh will es schon erfahren. Mit meiner Erbschaft gehe'ä) U- ihrem Vater, und wenn er d.e Tatzen sehen wnd, da wird er Mit der Nachricht schon heraus rücken. Falk. Und wenn das Mädchen indessen untreu geworden? Gustav. Ach! Hoffen! 365 Falk. Freylich, weim Sie als ein reicher Erbe vor sie treren— Gustav. Hören Sie, mein werther Herr, darnach fragt meine Franzisca nicht so viel,(er schlägt ein Schnippchen,) und ich auch nicht. Ästest neu Sie, ich wäre hergekommen, wenn ich mir ein Stück Brod zu verdienen wußte, an dem wir beyde genug hätten? Die Jägerey habe ich aus dem Grunde gelernt, Dobels Jager-Prac- tica weift ich auf den Fingern her zu sagen. Aber die Dienste sind rar bey uns. Ich wollte in den Krieg ziehen, da ließ mich die Mutter nicht. Was sollte ich machen? Das Mädchen hsirathen muß ich nun einmahl, sonst höre ich den Gukuk mein Seel nicht wieder rufen. Das Leben ist mir lieb, ich mußte mich also schon entschließen, meinen Vetter zu beerben. Falk(lächelnd.) Freylich, ein schwerer Entschluß— Gustav. Hören Sie, Sie haben chn ja wohl gekannt? Falk. O ja! Gustav. Es soll ein lustiger Kautz gewesen seyn, und ein ehrlicher Kerl dabey. Falk. So sagt man. Z66 Gusta v. Den Henker! das wäre ein Mann nach meinem Sinne gewesen. Schade, daß er todt ist. Falk. Wen» er noch lebte, so könnten Sie ja nicht von ihm erben? Gustav. Gleichviel, ich wäre zu ihm gegangen, und hatte gesagt: Herr Vetter, so und so geht eö mir, Sie sind reich, borgen Sie mir ein paar hundert Thaler, daß ich meine Muhme heirathen kann, wir wollen Sie auch recht lieb dafür haben. Herr, was gilt die Wette, der ehrliche Kautz hätte geantwortet: Vetter Gustav, sey willkommen! hier hast du das Geld, und birts mich fein zur Hochzeit. Falk. Mit einer so geringen Summe wäre Ihnen auch wenig geholfen. Gttsta v. Was? ein Paar hundert Thaler und Franzisca?— Falk. Ich muß Ihnen nur gestehen, mein lieber Herr Falk, daß Ihr Vetter noch eine geheime Bedingung für seinen künftigen Erben festgesetzt hat. Gustav. Eine geheime Bedingung? Lassen Sie hören. Falk. Sind Sie entschlossen, sie zu erfüllen? MWMWMW Gustav. Wenn es nicht wider Gott und meinen König lauft, warum nicht? Falk. Er hat eine arme weitläufige Ver- wandtinn hinterlassen, die müssen Sie hei- rathen. Gustav. Wer? ich? Falk. Ja, Sie, oder auf die Erbschaft Verzicht thun. Gustav. Ist das Ihr Ernst? Falk. Mein völliger. Gustav. Leben Sie wohl! Falk. Wohin? Gustav. Nach Winzingerode, zu meinem Vater. Falk. Aber Sie könnten doch das Frauenzimmer vorher sehn. Vielleicht gefällt es Ihnen. Gustav. Was hilft denn das, wenn Sie mir auch gefällt? heirathen werde ich sie doch nicht. Falk. Bedenke» Sie nur! das große Vermögen so im Stich zu lassen? Gustav. Soll ich denn meine Franzisca im Stich lassen? Falk. Wenn Sie nicht einwilligen, s» kommt ei» Anderer— Gustav. O fa^ es werden sich Narren ge- 368 ring finden, und wenn das Frauenzimmer der leibhaftige Satanas wäre. Aber wenn sie auch so viel Dncacen hätte, als ein Auerhahn Federn am tieibe, mich bekommt sie nicht. Gott befohlen! Falk. Sie werden doch nicht ohne Frühstück von mir gehn? Gust.av. Mein Frühstück ist ein Glas Wasser.(Er will fort.) Falk. Halt! halt! junger Mann! es läßt sich vielleicht noch ein Mittelweg treffen. Gehn Sie hier in dieses Zimmer, wir wollen sehn, was sich thun läßt. Gustav. In Gottes Nahmen! ich kann wohl noch ei» Stündchen warten. Aber nur keine Hsirath, hören Sie, daraus wird nichts. (Er geht in das Zimmer z» den übrigen.) Falk(allein.) Mein lieber Vetter, du wirst schon gelindere Saiten aufziehn.— Der Bursche gefällt mir. Glück zu, Peter Falk! das Schicksal meint es gut mit dir. Hast du auch nie ein Weib gefunden nach deinem Herzen, so wird es dir doch auf deine alte» Tage nicht an Kindern fehlen. 56^ Zehnte Scene. Baron Adolph von Falkenburg und Peter Falk.^ Baron. Ist dieß der Ort/ wo Baron von Falkenburg sein Verlornes Glück wieder finden soll? Falk. Falkenburg? und Baron?— Ew. Hochwohlgeb. werden sich irren. Mein verstorbener Freund war ein ehrlicher Bürger/ und hatte meines Wissens keine hochadeliche Verwandte. Baron. Doch mein Herr. Eine Branche der Familie hat sich erhoben/ und obgleich seit langer Zeit keine Gemeinschaft zwischen denen Freyherr« von Falkenburg und den übrigen gemeinen Falks Statt gesunden hat, so zwingt mich doch ansetzt die Noth— Falk. Ich verstehe, Ihr Herr Vater war—? Baron. Hans Falk/ ein reicher— Falk. Kornsude, ich habe von ihm gehört. Baron. Was ihm vielleicht an edlen Ei- gsnschaften'mangelte, das hat ein Diplom schon langst ersetzt. Falk. Welches Unglück hat denn Ihre erhabene Familie betroffen? Baron. Mein hochseliger Herr Vater hatte den unglücklichen Einfall, sich mit seinen Reichthümern in Frankreich niederzulassen. Freylich waren seine Gründe wichtig, denn das undankbare Vaterland sah weder aus Geld noch auf Adel. Man forderte von seinen Söhnen allerley bürgerliche Wissenschaften; mau versagte ihnen diejenigen Ämter, auf welche sie durch Rang und Vermögen den gerechtesten Anspruch machen durften. Was blieb ihm übrig, als nach Frankreich zu ziehen, wo man damahls beydes zu schätzen wußte. Er kaufte meinem Bruder ein Regiment und mir die Stelle eines Parlamentsraths. Falk. Vortrefflich. Baro n. Bald darauf entspann sich die gottlose Revolution. Wir verloren Alles, und retteten kaum das Leben. Sage» Sie mir, mein werther Herr, was soü ich anfangen? Falk. Haben Sie denn nichts gelernt? Baron. Gar nichts. Bey einem Vermögen von achtzig tausend Thaler, wer hatte da denken solle»/ daß es nöthig wäre etwas zu lernen. Falk. Das ist schlimm. Baron. Ich kann wohl ein wenig Silhouetten ausschneiden, aber das schickt sich nicht für mich. Fal.k. Freylich, ein Parlamentsrath, der Silhouetten ausschneidet, ist nicht gewoh.nlich hier zu Lande. Baron. Auch habe ich wohl in meiner Jugend Kanarienvogel pfeifen gelehrt, aber damit verdiene ich kaum das liebe Brod. Falk. Ihre Lage ist übel. Baron. Nehmen Sie noch dazu, daß die Ehre mein Tyrann ist, und Sie werden den ganzen Umfang meines Elends fühlen. Ich bitte Sie daher, mich so bald als möglich, in den Besitz der Erbschaft meines Vetters zu setzen.—> Vetter— ja— ich schäme mich nicht ihn so zu nennen. Mein Aufwand soll seinem An- i denken Ehre machen. Selbst den kleinen Flecken seiner Geburt, soll meine Dankbarkeit unverzüglich wegwaschen; denn der erste Gebrauch, den ich von seinen Reichthümern zu machen gedenke, wird der seyn, ihn noch in seinem Grabe adeln zu lassen. Falk. Dann wird er sich gewiß vor Freuden im Grabe umkehren. Gehn Sie, Herr Baron, Sie werden in diesem Zimmer ein Frühstück und Gesellschaft finden. Die letztere ist freylich nicht zum besten gewählt. Es sind lauter bürgerliche. Baron. Bürgerliche? So? Falk. Nur auf ein Stündchen lassen Sie sichs gefallen. Baron. Ach, Freund! seit dem ich von meinem Parlaments; vertrieben worden, habe ich mir schon manches müssen gefallen lassen. (Er geht ab.) Falk(allein.) Der arme Teufel dauert mich. Was kann er für seine Erziehung? danke doch ein jeder, aus dem etwas Rechtes geworden ist, dem Himmel, daß er ihm arme Ältern gab. Wer von der Noth gezwungen wird, sich hier (auf den Kopf deutend) etwas zu sammlcn, der darf keine Revolution fürchten. 373 E i lft e S e e n e. Senf. Madam Freude. Peter Fall. Sen f. Nur hier herein. M ad. Freude(macht an der Thür eins tiefe Verbeugung. Pann nähert sie sich langsam mit dem Schritt eines Franzosen im Trauerspiel, und als sie per Kalk steht, macht sie eine zweyte Verbeugung.) Falk. Vermuthlich auch eine unglückliche Verwandte meines verstorbenen Freundes? Mad. Freude(im hohe» tragischen Ton, mit Lüfte durchschneidenden Geberden.) Unglücklich! ja! noch gestern auf einem Throne von kriechenden Schmeichlern umringt/ heute eine Tochter deS Jammers, ein Opfer der Kabale!—- Noch gestern zitterten Essex und Macbeth vor meinen ernsten Blicken/ mein Lächeln entzückte Don Carlos; und selbst das Gespenst im Hamlet hatte Ehrfurcht vor mir.— Was bin ich heute! herab geschleudert aus den papiernen Wolken! entblößt von Flittergold und bohmi- schen Steinen/ irre ich verlassen am Gestade der Elbe. Falk. Was soll dar heißen? M a b. Freude(im natürlichen Tone.) Das soll heißen, mein Herr, daß ich bis jetzt l'ri- rnn clonnÄ bey einer herumziehenden Schau- sprelergesellschaft war. Noch vor Kurzem spielte ih im nächsten Dorfe die Königinn Elisabeth im Essex; weil ich mich aber mit der Gräfinn U u t I n n c! auch außer dem Theater nicht vertragen konnte, und ich ihr aus Zerstreuung, auf der Bühne die Ohrfeige gab, die Essejr bekommen sollte, so zwang mich unser Direc- teur, der Vater der Gräfinn, mein Bündel zu packen. Der Undankbare! er wird es bereuen! denn wo findet er wieder ein Universalgenie, das so in alle Fächer paßt? Ich habe ein Mahl im Hamlet die Königinn und die Ophelia zugleich gespielt. Wollen Sie eine Probe von meiner Kunst? eins zärtliche, schmachtende Rolle? eine Julie zum Beyspiel? wendet sich an Scnf.) O mein Romeo! schon schlägt die Glocke zwölf, die Sterbestunde unserer Liebe! Wo bleibst du so lange? siebst du nicht wie der Mond die Wipfel der Fichten versilbert? hörst du nicht das Klagen der liebefletenden Nachtigall? Komm! komm an meinen Busen. Senf. Laß sie mich zufrieden! Mad. Freude. Oder wollen Sie eine 575 Eulalia? Hier liegt die reuige Verbrechen»« zu Ihren Füßen! Sie gaben ihr ein Plätzchen auf welchem sie leben durfte, Sie werden ihr auch das Plätzchen nicht versagen, auf welchem sie sterben darf!— Falk(lächelnd.) Schon gut mein Kind! stehn Sie nur auf. Mad. Freuds. Oder wollen Sie eine Gurli?— Alcer Herr, mit der struppigten Perücke, willst du mich heirathett? Senf. Herr, die ist impertinent. Mad. Freude. Ja, das sagen die Rezensenten auch- Vielleicht gefallt Ihnen Klara von Hoheneichen besser?me Rose aus di>» Haar reißt, und zerpflückt.) Ebedem gab es noch Vater, die, um ihr Kind von der Schande zu retten, ihm den ersten besten Dolch in die Brust senkten.— Ich habe auch Blut,^ mein Vater, warmes Blut; meine Sinne sind auch Sinns— Senf. Ja daS glaub' ich^ wohl. Falk. Schon genug mein Kind, ich bin von Ihren Talenten überzeugt. Darf ich jetzt frage» wer Sie sind? Mad. Freude. Von Geburt Lisette Falk, und so hieß ich bis in mein fünfzehntes Jahr, seit der Zeit habe ich drey bis vier Nahmen geführt; jetzt bin ich Madam Freude. Falk. Drey bis vier Nahmen? Mad. Freude. Nun ja, man muß ja wohl die alberne Mode mitmachen, den Nahmen des Ehegemahls zu führen, wie ein Überwindet' der die Sitten des Überwundenen annimmt. Falk. Alsodrey bis vier Mahlvcrheirathet? und immer Witwe geworden? Mad. Freude. Bewahre der Himmel! Meine Männer leben Gott sey Dank alle noch, und befinden sich wohl. Von zweyen bin ich geschieden, den dritte» hab ich verlassen, der vierte hat mich verlassen, und deS fünften bin ich schon herzlich überdrüfiig. Falk. Diese Lebensart scheint so lustig, daß ich mir Sie unmöglich als eine Mitbewerberinn um Ihres Vetters Erbschaft denken kann. Mad. Freude. Doch mem Herr, denn ich werde bald mit sammt meiner Lustigkeit Hungers sterben wie VZoinno. Falk. Bey Ihren Talenten? Ihrer Figur? Mad. Freude. Ja, wenn die Direc- teurs seit einiger Zeit nicht die Grille hatten, Ihre Buhnen zur Schule der Sitten erheben zu wollen, wenn sie fein bedachten, daß eine Aspasia zur Erziehung runger Staatsbürger mehr wirken kann, als zehn Socrateffe; wenn sie mit dem Spiel auf dem Theater zufrieden waren, und sich nicht um das Spiel hinter den Coulissen bekümmerten; wenn ein undankbares Publicum nicht zuweilen ein armes Mädchen auspsiffe, das genug gethan zu haben glaubt, wenn es drey, bis vier Stunden eine unschuldige Rolle spielt— Falk. Ich versiehe. Solche überspannte Forderungen, darf man weder an die Bühne noch an die Kanzel machen. Gehn Sie in dieses Zimmer, Madame, Sie werden dort Gesellschaftfinden, und da Sie Ihres fünften Mannes doch bereits überdrüssig sind, so können Sie hier vielleicht den Sechsten wählen. M a d. Freude. Sehr gern. Ich wünschte ,» doch endlich einen Mann zu finden, mit dem man es langer als drey Monathe aushalte konnte.>v (Sie geht ab.)^ lÜ S e n f. Das ist ein Jesabel! Falk. Hm! sie will wenigstens nicht mehr scheine» als sie ist. S' te R si^ Zwölfte Scene. »! Falk genannt Geyer und Peter Falk. Senf(entfernt sich in das Zimmer wo die Gäste se versammelt sind.)-,^ Geye r. Mein Herr! ich heiße Falk genannt u Geyer, und bin ein Rezensent. Falk. O, weh! T Geyer(stoli lächelnd.) Zittern Sie nicht, es gibt Mittel auch uns zu zähmen. Falk. Und welche? te Geyer. Wenn man sein Gefühl unter den^ Glauben an uns gefangen nimmt, wenn man in einem rührenden Drama, dessen Verfasser wir den Tod geschworen, seine Thränen unterdrückt, und gehorsam zu sich selbst spricht:^ """>^79 ,, pfuy! schäme dich! hier mußt du nicht weinen, die Literaturzeitung will. es nicht haben:" wenn man immer die große Wahrheit vor Augen hat/ daß der Beyfall des Publicnms gar nichts beweist, sondern vielmehr zur Schande gereicht; daß nur das Geschmack oder Gefühl genannt werden darf, was jener eritische Richterstuhl dafür anerkennt, und daß, außer den Rezensenten, alle übrige Menschen Grützköpfe sind. Falk. Diese Sprache ist uns in Holland noch nicht recht geläufig. Geyer. Sie muß es werden! Darum lassen wir unsere Rezensionen mit lateinischen Lettern drucken, damit die ganze Welt sie lesen und sich bilden könne.— Hier mein Herr, sind zwey fertige Rezensionen über meines Vetter» Testament. Falk. Haben Sie das Testament gelesen? Geyer. Das ist nicht vonnöthen. Da hätten wir viel zu thun, wenn wir alle Bücher lesen wollten, die wir beurtheilen. Genug die Rezensionen sind fertig. Falk. Und wie lauten sie? Geyer. Die eine enthält das erhabenste Lob. Und wäre das Testament auch nur eins Octavssite lang, so gebe ich Ihnen mein Wort, die i!obposaune soll durch vier Blatter hindurch errönen.' Die andere hingegen ist in unsrer ge- d wohnlichen Manier, das heisit: absprechend—" kurz— perüflirend— letzt wählen Sie. Falk. Ich wähle natürlich die Erstere.>! Geyer. Sehr wohl. Wenn ich die Erb- v schaft erhalte, so soll sie in drey Wochen gedruckt erscheinen. Falk. Aber um zu erben, müssen Sie vorher beweisen, daß Sie der Unglücklichste von der Familie sind.°^ Geyer(hitzig.) Mein Herr, ein Rezensent s ist nicht gewohnt etwas zu beweisen. Widerspruch können wir gar nicht dulden, merken Sie sich das. Wir behalten immer das letzte Wort. Beweisen?— ja doch! das wäre mir eben recht. Ich sage das Testament ist unter aller Kritik und damit Holla! Falk. Nun, nun ereifern Sie sich nur nicht. Hier im Nebenzimmer ist ein Frühstück, und wenn Sie das mit Galle mischten—^ Geyer. O! die Rezensenten mischen alles» mit Galle, und befinden sich wohl dabey. Das hat nichts zu bedeuten. Ich lasse Ihnen Zeit meinen Vorschlag zu überlegen, und folge in- 38r dessen Ihrer Einladung. Aber der Himmel sey der holländischen Kochkunst gnädig, wenn es mir nicht schmeckt. Ich lasse sogleich drucken:„die „Nachwelt wird erstaunen, wenn sie Hort, daß „der holländische Käse einst berühmt war, da „doch nur der verdorbenste Geschmack ihn reihend „finden konnte."(Ab.) Falk allein. Pfuy! und abermahls pfuy! ein Geschöpf das von Neid und Aufgeblasenheit strotzt. Ein einzelner unverschämter Mensch, der Tausende geradezu für Dummköpfe erklärt, weil sie Behagen an einer Sache finden, die Nicht das Glück hat ihm zu gefallen. Dreyzehn 1 e Scene» Johann Falk und Peter Falk. Joh. Falk. Verzeihen Sie mein Herr, ich fand Niemanden im Vorzimmer mich zu melden. Falk. Für jeden Unglücklichen ist diese Thüre offen. Joh. Falk. Ich heiße Johann Falk, bin 38r em Dorfprediger, Vater von acht unerzogenen Kindern, und seit vier Wochen Witwer. Falk. Mich dünkt ich kenne Sie schon. Joh. Falk. Schwerlich. Falk. Haben Sie nicht auch eine erwachsene Tochter? Joh. Falk(mit Enthusiasmus.) Meine Fran- zisca! meine Wohlthäterinn! braucht em Vater mehr zum Lobe seines Kindes zu sagen. Falk. Nein mein Herr, das ist vor Gott und Menschen genug. Joh. Falk. Sollte ich so glücklich seyn, um des guten Kindes willen, einen Theil von meines Vetters Erbschaft zu erhalten— Falk. Sie kennen die Bedingung? Joh. Falk. Ich kenne sie, und wenn Sie der Mann sind, der mich versteht,— begreift— meine innere und äußere Lage mit dem Blicke des Seelenkennerö zu durchschauen vermag— Falk. Ich hoffe der Mann zu seyn. Reden Sie aufrichtig. Joh. Falk. Ich bin sehr arm, und Armuth ist freylich ein Geistlähmendes Unglück. Aber durch Fleisi und Sparsamkeit und die Kunst zu entbehren, die ich seit sechzig Jahren lernte, 3L5 würde ich dennoch meine armen Kleinen von dem äußersten Mangel schützen und mir redlich durch- helfen. Aber mich drückt ein anderes schwereres Leide«/ das ich Niemanden vertrauen konnte, und das mich auch vielleicht iu Ihren Augen der Hülfe unwerth macht, die ich nicht erschleichen mag. Falk. Sie spannen meine Erwartung. J oh. Falk. Einer frommen Großmutter zu Liebe, studierte ich Theologie und wurde Prediger. Seit dreyßig Jahren verwalte ich ein Amt, für das ich nicht geschaffen wurde; seit dreyßig Jahren verkündigen oft meine Lippen, woran mein Herz zweifelt. Ich weiß, daß viele meiner Amtsbrüder mit mir in gleichem Falle sind, aber das beruhigt mich nicht. Mein Gewissen macht mir Vorwürfe, und flüstert mir unaufhörlich zu, daß, wenn gleich die Moral mich nicht verpflichtet, die von mir erkannte Wahrheit laut zu sagen, sie doch den Häuchler ohne Erbarmen verdammt. Seit dreyßig Jahren, mein Herr, bin ich ein Häuchler—und habe die zarte Achtung vor mir selbst verloren— können Sie sich in drese Lage versetzen, so richten Sie mich. Falk. Warum legten Sie Ihr Amt nicht nieder? Job. Falk. Daraufmogen meineachtkleine Kinder antworten— ich habe nichts anders gelernt— freylich sollte ich lieber betteln gehn, aber betteln ist auch sehr schwer. Falk. Und doch oft die einzige Zuflucht einer Tugend, die so wenig für unsere Zeiten paßt, als Adams Feigenblatt. 2 oh- Falk. Mein Schicksal ist in Zhren Händen. Mißbrauchen Sie mein Vertrauen, so ist ein Mann mit acht Kindern verloren. Falk. Ich verzeihe dem Fremdling diese Erinnerung. Sie sollen Mich besser kennen lernen. (Man hört im Nebenzimmer auf eurer Violine eine Polonaise spielen.) Was lst das? Vierzehnte Scene. Senf. Die Vorigen. Senf. Ha! ha! ha! der Malaga ist den Leuten in die Kopfe geflogen. Das geht drnnter und drüber. Erst war Hader und Zwietracht, nun ist Freude und Wonne. Falk. Zwietracht t Weßwege»? S e»f, 385 Senf. Was weiß ich! Da ist ein Kammer- junker, der hat dem Baron seinen neugebackuen Adel vorgeworfen, und der Baron hat ihn auf ein paar Pistolen gefordert. Dann ist da eine Madame Herbst, die hat sich über eine hübsche, empfindsame Mamsell geärgert, und ihr g then, eine Reise in den Mond zu machen, und endlich hat der Dichter Taube den Rezensenten geprügelt. Falk. Daran hat er sehr wohl gethan. Senf. Der Tanzmeister und die Komödiantinn haben alles wieder ins Gleis gebracht. Nun sind sie alle lustig und froh. Der Tanzmeister spielt auf, und die übrigen tanzen. Falk. Bravo! tanzt der junge Mensch auch?' Senf. Der Jäger? nein, der sitzt im Winkel und kaut an den Nageln. Falk. Ruf' ihn hetz,(Senf ab.)^ Falk. Herr Pastor, die ganze Erbschaft' kann ich Ihnen nicht zuwenden, aber Ihre Kinder will ich versorgen, und Ihr Gewissen beruhigen. Joh. Fa'k(hebt dankbar die Made zu-ih«^ Kotzebue'L Theater, g. Bt>. R 566 Fünfzehnte Scene. Gustav Falk. Senf. Die Vorigen. Gustav. Da bin ich.— Ey! Ihr Diener- Herr Vetter. <^oh. Falk. Willkommen Vetter Gustav. Gustav. Sind Sie allein hier? Joh. Falk. Ganz allein. Gustav. Hatten auch wohl FrLnzchen können mitbringen. Falk. Nun junger Herr, haben Sie sich entschlossen das Frauenzimmer zu heirathen? Gustav. Ist das alles, was sie mir zu sagen haben? Falk. Alles. Gustav Ha! ha! das ist blutwenig. Hören Sie nur lieber Herr Vetter, Sie wissen wie lieb ich Franzchen habe. Der Mann da will mich reich machen, aber Aota dene. er muthet mir zu ein anderes Mädchen zu heirathsn. Joh. Falk. Und du willst nicht? Gustav. Ne, ich will nicht. Joh. Falk. Wenn das Mädchen sonst ohne Tadel ist— Gustav. Ey/ und wenn es die heilige Barbara wäre. Falk. Sehen konnten Sie sie doch wenigstens. Gusta v. Meinetbalben/ ich will sie besehen wie einen Raritarenkasten/ aber dann geh ich meiner Wege/ denn hier gefallt es mir nicht. Falk. Ich glaube das arme Ding hat so schon Langeweile genug ausgestanden.(Er öffnet die Thür s-weS Cabiuets.) Kommen Sie naher liebes Kind. Sechzehnte Scene. Franzisca. Die Vorigen. Gustav(bleibt mit offenem Munds und Augen und ausgespreizte» Fingern stehen.) Franzisca(fliegt in ihres Vaters Arme.) Mein Vater! Joh. Falk. Meine Franzisca! wie kommst du hierher? Franz,(mit niedergeschlagenen Blicken.) Vetter Gustav auch hier. 388 Gustav(winkt Falk zu sich, and zieht ihn aufdie Seite.) Ist sie das? Falk. Das ist sie! Gustav. Hören Sie, ich will Sie nehmen. Falk. Ja nun ist es zu spat. Gustav. Ach gehn Sie weg! warum wäre rS denn nun zu spät?— Wissen Sie was? ich nehme sie auch ohne Erbschaft. Falk. Kinder, ich muß euch aus dem Traume helfen. Peter Falk ist nicht gestorben. Gustav. Desto besser! wo ist er? ich will selbst mit ihm reden. Falk. Ich bin Peter Falk. Gustav. Sie? Falk. Als ein Knabe ging ich nach Westindien. Reich an Schätzen! aber arm an Freunden kehrte ich zurück. Das Alter klopft an, der Tod steht hinter ihm. Da ich keine Kinder habe, so wollte ich doch gern meine Familie kennen lernen, um mir ein paar gute Kinder zu wählen. Nun frage ich dich FranziLca und dich Gustav, wollt ihr meine Küider seyn? Gustav. Za— aber— doch nicht Bruder und Schwester? Falk(lächelnd.) Sie ist meine Tochter und Du mein Schwiegersohn. Gustav. Topp! lieber Vetter! das hat er recht gescheit gemacht. Falk. Bist du es zufrieden gute Franzisca? Gustav. Sage ja, liebes Franzchen. Falk. Und Sie Herr Vetters Joh. Falk. Staunen und Freude machen mich sprachlos. Falk. Sie legen Ihr Amt nieder. Sie kommen mit allen Ihren Kindern in das Haus eine^Bruders. Joh, Falk(drückt ihm stumm die Hand.) Gustav. Juchhsy! es ist alles richtig! Nun,/ Franzchen, nun darf ich dich doch küssen? Franz. Bin ich denn wirklich deine Braut? Gusta v. Freylich! und morgen meine Frau, (zu Falk.) nicht wahr? Falk(lächelnd.) Geduld! Geduld! Sieöenzehnte S c e n r. (Die Thür des Zimmers öffnet sich. Vieles» Mit der Violine tanzt voran. 2bm folgen Paarweise Baron Sa> kcüv's r g und Madame Herbst, der ita mm e rj u n ter und Madam Freude, her Dichter Taube und Emilie Falk, der P y> l o s o p h und i»r Rezensent. Nachdem sie k'nmah! die Hahne umkreist» spricht) Falk. Meme Herren und Damen! dem Willen.Zhres verstorbenen Vetters zufolge/ kann keiner von Ihnen sein Universalerbe werden. Alle durch einander. Der böse Vetter! der garstige Vetter! der gemeine Vetter! Falk. Um Sie indessen für die Reisekosten und zum Theil auch für die getauschte Erwartung zu entschädigen/ habe ich den Auftrag einem Jeden von Ihnen dreihundert Ducatcn auszuzahlen. Alle durch einander. Dreihundert Tu- catsn? Der liebe Vetter! der brave Vetter! der edle Vetter! Falk. Jetzt wollen mir bey einer frohen Mahlzeit seine Gesundheit trinken. Alle. Er soll leben! er soll leben! Valoau(sangt wieder an zu geigen. Sie tanze» in obiger Ordnung ab.) Gustav undFranzisea(schließen sich an.) Falk und Joh. Falk(folgen.) (Der Vorhang fällt.) 39- Neue Gcenr zu diesem Lustspiele.*) Peter Falk und Ulrich Falk. (Ein Landkartenhandler.) Ulrich. Mein hachzuverehrender Herr, unter allen armen Teufeln bin ich der ärmste. Peter. Das ist schlimm, doch Armuth ist nicht immer Unglück. Ulrich. Ew. Hechedlen scheinen wenig in der Welr bekannt zu seyn? Peter. O ja, ich kenne alle die Gemein« spräche; die muß ein edles Gemüth verachten. ») In der Berliner Zeitung bat Jemand die richtig« Bemerkung gemacht, das, mehrere Scene» in den Unglücklichen veraltet sind, und dass, da es doch ein Stück»tiroir ist, ic!> wohl thun würde, dann und wann neue Scenen einzuschalten, wofür man alte weglassen könnte. Der Nath ist gut, und ich liefere hier einen Beweis, das? ich gesonnenem- Hn zu befolgen. Ulrich. Mit Vergnügen, wenn das noble Gemüth zu essen hat. Lieber Gott! ich weiß recht gut, daß alle Spruche heut zu Tage verachtet werden: Gemeinsprüche, Sitrensprüche, bcklijche Spruche; allein von wem, mein Herr? Von wem? Nur von Reichen oder Gewaltigen; die können ihrer Verachtung gehörigen Nachdruck geben, gebührendes Ansehen verschaffen.— Aber ich!— Wer fragt darnach, ob ein bankerutter Landcharteiihändler die Gewaltigen verachtet oder nicht? Peter. Bankerutr? Ulrich. Total. Peter. Vielleicht durch eigne Schuld? Ulrich. So pflegt man immer zu vermuthen, wenn man nicht Lust hat, zu helfen. Peter. Sie haben Recht. Ich danke für die Erinnerung. Erzählen Sie. Ulrich. Ich nährte mich fleißig und redlich, brachte nie leichce Waare zu Markte, bezahlte die berühmtesten Professoren mit schwerem Gelde, tun stets die zuverlässigsten Charten von allen Lander,, und besonders von dem lieben deutschen Vaterlands, zu liefern. Ach, mein hochzu- chrender Herr! das liebe deutsche Vaterland hat mich rumirt! Seit ein paar Jahren sind 5g5 nicht weniger als vier und fündig neue(Charten von Deutschland aus meiner Offizin hervorgegangen; sie taugen aber alle nichts mehr. Pete r. Wie so? Ulrich. Mein Gott, wie so! Heute wurde ein Frieden geschloffen auf ewtge Zeiten;— (denn Ew. Hvch?dien ist bekannt, das; alle ssrie» densschliiffe mit der lieben Ewigkeit anheben) — morgen ließ ich alsobald, den Tractaten gemäß, eine neue Charte verfertigen, übermorgen gab es wieder Krieg, und jn der folgenden Woche neue Gränzen. Hier wurde ein Land erobert, dort ein anders vertauscht, ein drittes genommen, oder, nach der neuen Sprache, ver einigt,, und so verging s-lcen ein Monath, in dem ich nicht eine nagelneue Charte wegwerfen mußte. Ick ließ m,ich nicht abschrecken, ich wurde eigensinnig, und dachte: die Ewigkeit ist doch kein Frauenzimmerkopfzeug, sie muß doch endlich einige Jahre dauern; aber vergebens! Ich konnte meine Charten kaum so schnell illu- miniren, als die Lander ihre Herren wechselten. Ich hatte gut Gränzen machen; es gab Leute, die gar keine Gränzen kannten. Und so ist es endlich mit mir dahin gekommen, daß ich ein Haus von Landcharten bauen kann, die zu Maculatur geworden; aber mein eigenes Haus habe ich den Erediroren räumen müssen. Peter. Das bedanre ich. Doch Sie werden wohl erfahren haben, daß der Krieg viele Lausende weit unglücilicher gemacht hat, als Sie. Darum inogte ihr Bankerutt, wenn gleich unverschuldet, Sie schwerlich zu Ansprüche» auf die Erbschaft berechtigen. Ulrich. Ew. Hochedlen haben Recht. Ich würde mich auch langst darein gefunden, und sonst auf eine ehrliche Weise ernährt haben. Ich illuminire, ohne Ruhm zu melden, ganz vortrefflich, und da es jetzt so viele neue Wappen gibt, so könnte dieser Nahrungszweig mir allerdings ein reichliches Auskommen verschaffen. Aber ach! mich drückt noch ein schwereres Leiden! ein Unglück, dem ich nur durch Flucht in ferne Lander, wo nicht entrinnen, doch einigermaßen aus dem Wege gehen kann; und dazu bedarf ich der Erbschaft meines Vetters. Peter. Erklären Sie sich deutlicher. Ulrich. Ich bin ein Deutscher, und habe das schwere Unglück, mein Vaterland zu lieben. Peter. Armer Mann! dann sind Sie in der That beklagenswerth!—(Er steht auf.) Doch z k l- 5g5 fassen Sie Muth! Friedrichs Zögling und Friedrichs Heere sind aufgebrochen, allen Deutschen, allen, wieder ein. freyes Vaterland zu erkämpfen.— Ulrich. ES lebe der König! Peter. Er lebe und Sein Heldenheer!— Gehen Sie dort in jenes Zimmer; ich werde Ihrer gedenken. Ulrich. Meine Dankbarkeit— Peter. Ist nicht vonnöthen. « W « - S -L>.: W WU f r8 W W8 WR V W U W s -KB M MZ W N UM M « 88 - « L''K ..., — V>^? 7-777-7 r-7 7, '? F ^. ' H*-- A^.' L^ M^,.'"'^^-"4 7^ Mv WUE / M < Z .> -^ i. F»- -G-». 7 E M ?! '' i d' -7^7 - i ?s --'L