Wisnö!' ZikM-NbSiMwk. MM ^^^'7.-" 7v', - - M - - M 8 - M 'l. Theater von K o H e b u e. Sechs und zwanzigster Theil. Die Beichte. Die gefährliche Nachbarschaft. Das Köstlichste. Eulenspiegel. Die VrandschaHung. D as Verlorne Kind. Wien, 1811- In Commission bey Anton D o ll. >Äoi Theater »« n K o tz e b u e. Sechs und zwanzigste? Theil. Vorberich t. ^jch Habs bey diesem vierten Jahrgang meines dramatischen Almanachs nichts weiter zu bemerken, als daß er dieses Mahl keine Nachbildung aus irgend einer fremden Sprache, soii-. dern lauter Originale enthält. Das erste, die Beichte, mag als Pendant zu dem artigen kleinen Lustspiele, Valiancs et rrialicp, dienen, welches vom Herrn Stoll sehr glücklich verdeutscht worden. Für das zweyte, die gefährliche Nachbarschaft, habe ich den Stoff aus einem komischen Ballet geschöpft, welches ich in Neapel aufführen sah. Das dritte, das Köstlichste, wünsche ich an Geburtstagen guter Ehefrauen in frohen Familien-Zirkeln dargestellt. Das vierte, Eul e nsp i eg e l, war A 2 »»»»»SWW WWW» einst j» einer kleinen Oper bestimmt; ich fand über nachher, daß die Musik den leichten Scherz zu sehr ausdehnt, daß er dadurch langweilig wird, und ganz zerrinnt. Sollte dennoch ein Componist sich daran wagen, so erinnere ich bloß, daß, wenn er hoffen will, mit dieser Kleinigkeit Beyfall zu ernten, in seiner Musik durchaus garkeine, auch nicht die kleinste Wiederhohlung vorkommen darf, sonst sind wir beyde verloren. Bey dem fünften und sechsten habe ich nichts zu erinnern. Der Verfasser. D i e B e- i ch t e. Ein Lustspiel in gereimten Versen und in. einem Auszug. (Erschien-8oS.> Personen. Baron A>» m e r. Henriette, seine Gem>thlinn. Ein Kind. Die Scene ist ein freyer Platz mit Baume». 2m Hin- tergrunde steht eine Emsicdlcrklause, und seitwärts eine Vauerhütte, ihr gegenüber ein Gartenjaun- Erste Scene. Hsnriette(tritt auf mit einem Brief« i« der Hand). ^olgt mir der Herr Gemahl?— Nein, ich bin ungestört.— Verdammter Brief, der mich gar saubre Dinge lehrt! Das also war die Treu, mit der so oft wir prahlen? Nun warte, guter Freund! dich will ich schon bezahlen.— O Männer-Tiefe, die kein Bley ergründen kann— Was fürchten wir den Teufel? ist er mehr als Mann?— Ja, könnten wir ein Weib dem Fürst der Hö! le geben,. 8 Ein braves Weib, was gilt's, er besserte sein Leben; Denn einer klugen Frau, die auch ein wenig schon. Wird selbst der böse Feind vergebens widersteh»; Doch Männer sind ganz unverbesserlich geboren, An ihnen ist der Hopfen wie das Malz verlo reu! Viel fordern sie von unS, für eigne Fehler blind; Am ärgsten schreyen die, die selbst die Ärgsten sind. So muß vom Herrn Gemahl ich mich betrügen lassen. Und dennoch quält er mich trotz einem türk'schen Baffen.— Was nutzt die Klage?— komm hervor, du saubrer Brief, Den ich das erste Mahl nur flüchtig überlief. ten Sie aber will ich plötzlich aus dem Taumel wecken. --(Er geht in di« Einsiedlerhiitte.) ue- ^" V i e r t e S c e n e. Henrik tte(schlüpft herv»r). n, er- Ha! ha! ha! ha! der läuft mir selber in die Falle. er- So sind die Männer nun, ja, ja, so sind sie alle! lm An ihren Weibern bringt sie jeder Schein in Wuth; n- Doch sie vermeiden nichts, und was sie thun, ist gut. e- Stets strafbar wollen sie dir armen Weiber finden, m Doch kein Gedächtniß haben sie für eigne Sünden; Bey unsrer Schuld sehr laut, bey ihrer eignen stumm, K«tz«hu/» Thraftr 36. Band. B sb Sie selber machten sich das Privilegium. Nicht seufzen dürfen wir/ nicht murren/ auch nicht sprechen.— Halt! ich will mein Geschlecht an einem Manne reichen! Zwar wissen diese Herrn der Schöpfung nichts von Scham, Allein den Herrn Gemahl/ was gilt's/ ich mach' il/n zahin. Da kommt er/ ha! ha! ha! vermummt bis an die Zähne.— Verbirg den Schalk/ hervor du heuchlerische Thräne! Fünfte Scene. Der Baron(in kiN!» Einsiedler-Kutte, die Kapp« liber den Kopf gezogen). Henriette. He nriette. ffhrwÜrd'ger Vater! seyd mir kindlich fromm gegrüßt! Ihr sehr ein Weib/ das schwer der Liebe Schwachheit büßt! Mit Reuezähren laßt mich eure Hand befeuchten/ Vergönnet/ was mich drückt/ euch tief zerknirscht zu beichten. Ich habe einen Man«/ der meines Kummers lacht/ Er quält mit Eifersucht mich Ärmste Tag und Nacht. Ich darf nicht vor die Thür/ kaum darf ich noch an's Fenster/ Denn sein verbrannt' Gehirn sieht überall Gespenster. Geh' ich in Garten/ so belauscht er jeden Schritt; Fahr' ich spazieren/ ängstlich fährt er mit; Ruh' ich im Grase und es raschelt eben Ein' Eidechs' in der Näh'/ so kostet's ihr das Leben. Liebhaber sucht er oft in jedem hohlen Baum/ Und wenn ich schlaft/ so bewacht er meinen Traum. Dann weiß er sinnreich jedes halbe Wort zu deuten/ Das mir im Traum entschlüpft; er zerrt von> allen Seiten So lange d'ran/ bis er das Böse'raus geklaubt/ B 2 28 Die Ruhe sich und mir auf Wochen lang geraubt. Mit jedem Tage macht er mir das Leben trüber,— Und dennoch dieser Unhold wird mir täglich lieber; Wie geht daS zu? ich glaub', er hat mir's angethan. Warum bin ich so schwach? ist's nicht ein Rausch, ein Wahn, Solch einen Mann noch immer liebenswerth zu finden? Nicht wahr, das zahlt ihr selbst zu meinen schweren Sünden? Baron(mu«erstellter Stimme). Das eben nicht. H e n r i e t t e. Wie meint ihr? soll ich ferner noch Ihn lieben? Baron. Allerdings! Henriette. Doch wenn das Ehestands-Joch 8>r schwer miü wird— 2H Baron. Die Liebe hilft das Schwerste tragen. H e n r i e t t e. Ja, von zwey Liebenden läßt sich das freylich sagen; Doch eines Schultern sind zu schwach für solche Noth. Bars n. Er wird sich bessern.— Henri e tte. Wird er? nun das gebe Gott! Doch fetzt, ehrwürd'ger Vater, wollet mir vergönnen. Was sonst mein Herz noch drückt, euch offen zu bekennen: Ihr wißt es, meine Eh' blieb leider unfruchtbar, Doch bin ich Mutter. Baron(«affahrenr). Wie? HLnriette.^ Schon sind es fast neun Jahr. Baron(bey Seite). Kaum halt' ich mich—(Laut.) Neun Jahr? Henriette. So viele sind verflossen. Seit mir durch einen Fehltritt dieses Kind entsprossen. Baron. Es lebt» Henriette. O ja, es lebt, ist munter und gesund. Bars n. Wahrhaftig?(Vey Seit«.) Ey, das ist ein allerliebster Fund. Henriette. Hier wohnt die Bäuerinn, die es bis jetzt erzogen. Baro n.- Scharmant! der Herr Gemahl natürlich wird betrogen. Henriette. Betrogen wird der Herr Gemahl, wie er'S verdient. Weil er mit Eifersucht zu quälen sich erkühnt. Baron(bey Seite). Ja, es geschieht ihm Recht, dem aberwitz'ge» Thoren! Er kannte daS Geschlecht, man wäscht ja keinen Mohren. (Laut.) Neun Jahre?— Dieser Fehltritt— also gar— geschah Nachdem Sie schon vermählt mit ihm? Henriette. Ach, leider ja! Baron. An die Erziehung ist wohl auch viel Geld verschwendet r Henriette. Es wurden art'gs Summen heimlich hingesendet. Baron, Das kommt ja immer besser.(Laut.) Und was denken Sie Am Ende mit dem Bastard anzufangen? wie? >""« 32 Henriette. Ich werd' ihn i» die 2lrme meines Mannes führen, Ihn bitten, dieses Kind als Sohn zu adop.- tiren. Baron(sey Seile). Brav»!(Laue.) Der Herr Gemahl wird sich ge wältig freu'n. Henriette. Das hoff' ich, und dann setzt er es zum Erben ein. Baron. Wenn er ein Esel ist. Henriette. Was sagen Sie? Baron. Ich finde Es doch ein wenig stark, wenn man mit einem Kinde So artig überrascht wird— Henriette. Leider ja! Bars n. Bequem Zwar für den schuld'gen Theil, doch traun! nicht angenehm Für den, der, selber treu, mit Treue sich geschmeichelt. Henriette. Ja wohl! Bars n. Und schändlich ist es, wenn man Treue heuchelt. Henriette. Ja wohl! ja wohl! Baron. Wenn man mit Tugend prunkt, sich stellt, Als trübe man kein Wasser; o, auf dieser Welt Zst nichts so schändlich— Henriette. Ach, ja wohl, ja wohl! Baron. Im Schlafe Den Gatten morden, wäre besser; keine Strafe Ist hart genug. Henriette. Das mein' ich auch. Baro n. D rum fort/ Madam! Verbergen Sie Ihr Antlitz unter Reu' und Scham. Ich will indessen mit dem Himmel mich berathe,,/ Aufrechter Wage wiegen Ihre Greuelthate«, Die Büß' ersinnen— doch, wie büßt man hier genug! H e n rie tt e. Ich unterwerfe mich in Demuth Ihrem Spruch. Baron. Geh'n Sie! was mir der Himmel mochte offenbare»/ DaS sollen Sie mit Zittern heute noch erfahren. Henriette. A?ur schonen Sie den Gatten. Baron(»«« Sem). O du Heuchlerinn? 35 Henriette. Er war mir stets so treu.— Zcrknirrschte Dienerinn! (Geht ab hinter den Zaun.) Sechste Scene. Der Baron allein. O Weiber! Weiber! ha, ich wüthe, ich ersticke! Was ist der Katzen Falschheit, was ist Tiegert Tücke! Nichts, nichts, als Pfuscherey; denn gegen die- > se Brnc Ist eine Katze ehrlich, und ein Tieger gut. So soll ich denn die Freude unverhofft genießen. Ein wohlerzognes Sohnlein in den Arm zu schließen? Nein, nein, die Rechnung wurde ohne Wirth gemacht, Vom Halse schaff' ich mir den Burschen noch vor Nacht. Nicht einen Lumpen soll der Bastard von mir erben. 36 Und sein verdammter Vater, der, ja der muß sterben! Ich gebe schnell dem Klausner das Gewand zurück, Dann kurz und gut, dann brech' ich beyden das Genick! (Geht in die Klause.) Siebente Scene. Henriette(schlüpft hervor). Ha! ha! ha! ha! soll ich den Helden parodi- ren? O Männer! Männer! warum müßt ihr existi- ren! Begabt mit allen Tugenden— vom Krokodill! Wer schilt den Schmetterling? wer lästert den Aprill? Ha, gegen Männer sind sie beyde noch beständig. In Männern ist kein Funke treuer Lieb' lebendig! Ja, wenn sie schmeichelnd biethen ihre falsche Hand, Da mahlen sie so schon, so bunt den Ehestand, Bestreuen sehr geschickt den Weg mit lauter Rosen; Allein, in Lug und Trug, da sind sie Virtuosen. O, wär' ich minder gut, so wünscht' ich allenfalls. Dem Nero gleich, den Männern einen einz'gen Hals, Um von den Deutschen an bis zn den Hottentotten Durch einen einz'gen Streich sie alle auszurotten; Doch, da einmahl der Himmel Männer auf der Welt, Als ein nothwend'ges Übel, unS hat zugesellt. So wollen wir uns nur durch edle Großmuth rächen, Und ohne weitem Groll mit unserm Schiller sprechen: Auch die Bösen sollen leben! Schwestern, trinkt und stimmt mit ein: Allen Sündern soll vergeben Und die Hölle nicht mehr seyn! (Sie geht in die Vauerichütte.) 38 A ch t e Scene. Der Baron(komiiu ohne Kutte Muck). Nun soll das Weib den Buben mir zur Stelle schaffen. Und nennen soll sie mir den Bosewicht, den Lassen, Der meiner Gattinn Herz mir teufelisch entwandt! Den Bastard jag' ich fort, die Hexe wird verbrämt t. Und den Verrather, der die Ruhe mir gestohlen, Den pack' ich bey der Brust, und fordr' ihn auf Pistolen. Flieht er, so folg' ich ihm, so weit der Himmel blau. Was aber mach' ich denn am End' mit meiner - Frau? Die sperr' ich ohne Gnad' in einen düstern Keller, Bey einem Wafferkrug und Brot auf ihrem Teller. Ja, solche Züchtigung verdient Treulosigkeit. Wer die erduldet, nein, der ist nicht wohl gescheit,. (Klopft stark an die Thüre der Bauernhütte.) He! hollah! he! H e u r i e t t e. (inwendia mit verstellter Stimme.) WaS gibt's? Baro n. Heraus, du Kupplerinn. Neunte Scene. Henriette. Der Baron,(irrster-«i» eine alte Bäuerinn verkleidet und vermummt.) Henriette. Wer klopft so ungestüm? Baron. Ich! Weißt du wer ich bin? Henriette. Ey! ep! ich werde ja den gnad'gen Herren kennen. Baron. So? kennst du mich? nun gut! ich lasse dich verbrennen! 4» Henriette. Bewahre mich der Himmel! Baron. Ja/ du alter Bär! Wo ist der Bube/ den du aufziehst? schaff' ihn her! H e n r i e t t e. Ich that ja meine Pflicht/ er ist gesund und munter, Baro n. Ist er? das Teufelskind! Henriett«(rufe In die Hüne). Komm/ Heinrich/ komm herunter! Baron. Mir wird das Blut bey seinem Anblick kochen! (Der Knabe kommt heraus.) Henriette. Da! Da ist er! Geh' mein Kind/ und grüffe den Papa! Kind. Ist das der Herr Papa? Baron. Satan/ bleib mir vom Leibe! 4» Zuvor ein Wortchen noch mit diesem alten Weibe Kennst du die Mutter dieses Burschen? Henriette. Freylich! Baro n. Nun« Wer ist sie« H e n r i e t t e. Wie der Herr Baron so fremde thun! Sie haben ja die Mutter einst geliebt? Baro n> Ja leider! Ich war ein solcher Narr, ich hatte wohl gar Neider, Indessen sie, die Heuchlerinn— Doch, schon genug. Jetzt Hass ich sie; gottlob! entlarvt ist der Betrug. Geschwind Beweise schaff', ich will Beweise haben, Daß sie die Mutter ist von diesem Bettelknaben. H e n r i e t t e. Ein Brief von eigner Hand. Baro n. Schon gut, den hohle mir, Und wer ist Vater? sicher nannte sie ihn dir. Henriettc. Ein braver Herr— B aron. Ein Schuft! H e n r i e t t e. Den Nahmen weiß ich nicht. Doch sein Portrait— Baro n. Wo ist's? H e n r i e t t e. Er hat ein hübsch Gesicht. B a r o n. Um seine Tücke zu verbergen. Eile! eile! Hohl'mir Portrait und Brief, indeß ich hier verweile. Henriette(geht in die Hütte). Baron (geh! auf und nieder, und betrachtet wüthend den Knaben). (Bey S-ii-.)'s ist ihre Nas, ihr Mund, es ist ihr ganz Gesicht. traut.) Hör' Bursche, kannst du schwimmen? Kind. Nein, das kann ich nicht. Bars n. Nun desto besser.(Bey Seite.) An den Fluß will ich ihn führen, Und in das tiefste Wasser lass' ich ihn spazieren;— Wozu noch Briefe? Klar ist alles, unbestritten; Wie aus den Augen ist er meiner Frau geschnitten. Zehnte Scene. Vorige. Henriette. Henr rette. Hier bring' ich beydes. Baron (nimmt Portrait und Brikf-, Her damit! (wirft einen Bück auf das Portrait.) Wie? was?— was seh' ich? Mein Bild! der Brief— (Er entfaltet ihn.) O weh!— ich bin— Was nun? da steh' ich He nriette (die Verkleidung abwerfend). Recht jämmerlich. Baron(erblickt sie). Mein Weib! H e nr i e tte. Betrog'ne Gattinn, ja.— (Pause, in der sie ihn schalkhaft betrachtet.) Sie dauern mich, Sie steh'» verzweifelt komisch da. Baro n. O Henriette! H e n r i e t t e. Dort Ihr SLHnlein! Baron. Darf ich's wagen? Die schuldbewußten Augen vor dir aufzuschlagen? Henriette. Umarme flug« dein Kind, gib Segen ihm statt Fluch; Und dann erwarte km'eend deinen Urtheilsspruch. Baron(umarmt das Kind). Mein Sohn! Du nimmst ihn an? o beste aller Frauen! (Wirst sich ihr zu Füßen.) HA""V Henriette. Halt! halt! der Delinquent soll schweigen und vertrauen. (Sie riiufprrt sich und sprich« mi« drolliger Amtsmiene.) Nachdem Beklagter förmlich überwiesen ist, Daß er sein treues Weib nicht stets allein, geküßt, So hat er cum axpensi» den Prozeß verloren! Doch sintemahl die Männer alle schlecht geboren, Und alldieweil auf Erden keiner dafür kann, Taß leider die Natur ihn schuf zu einem Mann; So möge Delinquent auf seinen Füßen stehen, (Hebt ihn auf.) Die richterliche Gnade soll für Recht ergehen, Doch wird er alles Ernstes ein für alle Mahl Verwarnt, daß Eifersucht hinfort nicht neue Qual Der Gattinn zubereite; sonst folgt auf den Regen Die derbe Traufe, vixi und von Rechteswegen! Baron. O Henriette! höre was mein Herz dir schwört! 46 Henriette. Schon gut, schon gut, dergleichen Schwüre sind nichts werrh. Den Korken auf Champagner gleicht der Männer Eid: Begierde schüttelt, und der Kork fliegt weit!' weit! weit! Doch, Frauentreue ist noch unerreicht geblieben. Warum? Sie schwatzen nicht, sie schwören nicht,- sie lieben. (Der Verhäng füllt.) D i e gefährliche Nachbarschaft. E i n Lustspiel einem Auszug e. P e r so n e>r. Schneider Fips. Liesch en, sein Mündel. Madam 3 ephyr, eine Modehändlcrinn. Hall mann, ein junger reicher Kaufmann. Johann, sein Bedienter. Die Bühne ist der Lange nach getheilt, welches auf Hanstheaiern sehr le,«t mittelst einer spanischen Wand geschehen kann. Man bückt rechter Hand in das Zimmer des jungen Hostmnnn. im Haufe der Madam Zepbyr; linker Hand in des Schneiders Wohnzimmer, in dessen eigenem Hause. Jenes hat zwey Thüren, dieses nur Eine- An der Scheidewand zwischen beyden Häusern hängt, aus Holl- manns Seite, ein großes Bild, auf des Schneiders Seite, Lieschens Kl-idervorrath mit einer vorgezogenen Gardine, 4Z Erste Scene. (Auf der rechten Seite sitzt H 0 l l M a N N„eben dem Bild- und liest; man merkt ihm aber Zerstreuung an, und er gibt oft Zeichen von Ungeduld. Auf der linke», zunächst der Wand, sitzt Lieschen und stricht emsig. Ihr gegenüber, hinter einem Tische, näht Fips/ schielt aber oft verliebt nach seinem Mündel.) Fips. d?ein Manschen sieht mich ja gar nicht an? Lieschen (Unschuld und Einfalt heuchelnd). Ach/ lieber Herr Vormund! wenn ich Sie »st ansehe/ so lasse ich Maschen fallen. Fips. Laß fallen in Gottes Nahmen/ hat nichts zu bedeuten. Kotze»««'» Th««t«r r6. Ban». E Lieschen. Ey ,a doch, da würde es heißen: das alberne Ding will schon heirathen, und kann noch nicht einmahl einen Strumpf stricken! Fips. Ha! ha! hä! willst du denn heirathen, meiir Spitzmäuschen? Lieschen (nach der Wand blickend und seufzend). Ach ja! Fips. Die liebe Unschuld! wie sie vor lauter Scham das Köpfchen nach der Wand dreht. H o l l m a n n. Wird der verdammte Schneider denn nicht bald ausgehn? Fips. Warum schielst du denn so auf die anders Seite? Da sitzt doch der Bräutigam nicht? Lieschen. Ich fühle wohl wie wahr er mir ist, F i p s. Fühlst du, Herzenskind? Na, habe nurnoch Geduld bis Pfingsten, länger will ich dich nicht schmachten lassen. Lieschen (ficht auf und verneigt sich). Ich bedanke mich.(Seht sich wieder.) Fips(bey Veite). Das gute Kind bedankt sich. Mit der werde ich eins Ehe führen, wie die Engel im Himmel. Die ist, Gott sey Dank! passabel dumm, die betrügt mich nicht. H o l l m a n n. Vielleicht ist der Kerl aber auch schon ausgegangen.(Er klopft leifr an die Wand.) Lieschen (erschrickt, und schielt Vcrstvhlen nach dem Schneider, um zu sehn, ob er es auch gehört habe)» Fips. Mir war's doch— Liesche n. Morgen ist Sonntag, da hange ich meine C 2 52 neue Saloppe um, die mir der Herr Vormund zum heiligen Christ beschert hat. Fips. Lhn' das, mein Mäuschen. Willst du denn in die Kirche gehn? Lieschen. Freylich. Wer etwas Neues zu zeigen hat, darf ja die Kirche nicht versäumen. Fips. An neuen Kleidern soll es meinem Lieschen nicht fehlen. Ich bin ja der erste Damenschneider in der Stadt; bey mir wird kein Negliges gemacht, von dem nicht ein Abschnitzel von fünf bis sechs Ellen unter den Tisch fiele. H ol l m a n n. Ich mochte vor Ungeduld des Teufels werben!(Er klsxft stärker.) Fips. Was'zum Henker— Lieschen(schnell einfallend). Soll ich wieder Borstdorfer Äpfel braten, Vormund? sie haben Ihnen gestern Abend so gut geschmeckt. Fips. Thu' das, mein Hermelinchen.— Aber ich möchte doch wissen, was der Lasse, der da neben uns an bey der Putzmacherinn wohnt, alle Augenblick an die Wand zu klopfen hat? Lieschen. Er wird wohl einen Nagel einschlagen. Fips. Das soll er bleiben lassen. Die Wand ist leider dünn genug. Als Madam Zephyr das HauS baute, habe ich ein ganzes Jahr prozes- firt, denn sie machte sich's bequem, und führte von dieser Seite keine Mauer auf. Den Prozeß habe ich leider verloren, aber ihr ist ausdrücklich verbothen worden, meine Wand auf irgend eine Weise zu beschädigen oder zu mole- stiren. H o l l m a n i'l. Der Langfinger ist ja sonst immer um diese Zeit schon auf den Straßen? Sollte Lieschen eingeschlafen seyn?(Er klspsi stärker.) Fips. Schon wieder.' Faustdicke Nagel schlagt mir der Mensch in die Wand. Lieschen. Er wird vielleicht ein Horn daran hangen. Ich meine, sein Waldhorn, das blast er recht artig. Fips. Verfluchte Töne quakt er hervor. Ich glaube/ er sieht mein Haus für die Stadt Jericho an, und will mir die Mauer umblasen. Lieschen(b-y Sru-). Beynahe errathen. Fips. Es mag mir überhaupt ein sauberer Passagier seyn. Da laßt er mir neulich rufe,!/ gibt nur ein kostbares Stück Zeug/ und bittet mich, ein Frauenzimmcrklcid nach der neuesten Mode daraus zu verfertigen. Ich sehe mich nach der Dame um, und will ihr das Maß nehmen; da zuckt er die Achseln, und lacht wie der Satan, und spricht: er habe ihr selber das Mast genommen. Lieschen. Ist er denn ein Schneider? Fips. Den Teufel mag er seyn! ein Pfuscher ist er. In sein Maß kann sich kein Mensch finden. 55 Papierstreifen hat er freylich zusammengenäht/ aber die schönen krausen Hieroglyphen/ die wir mit der Scheere hineinkneifen/ die versteht er nicht zu machen. Ich wollte schon die ganze Arbeit von der Hand weisen/ aber das Zeug war so wunderschön, und ich bemerkte auf den ersten Blick/ daß da ein acht bis zehn Ellen für mein Zobelchen abfallen würden. Verstanden? Lieschen. Zu meinem Brautkleids, nicht wahr? Fips. Freylich. Die Gesellen haben es in der Arbeit, es ist bald fertig. Ich will hernach mit der Anprobe hinüber. Sieh, da liegt das Maß—- ungefähr deine Länge. Steh' doch einmahl auf. Aus Curiosität—(Er hält da« Motz an sie.) Ja wahrhaftig, deine Länge.—(Er umspanne sie.) Ey alle Hagel! auch die Dicke.—(Er mißt den An»> Ey potz Velten! auch dein Arm! das ist doch eurios. Lieschen(rech! einfältig). Vielleicht läßt er das Kleid gar für mich machen E 56 Fips. Närrchen, rede doch nicht so dumm; er Hot dich ja in seinem Leben nicht gesehen. Du bist mein liebes Hauskätzchen, du kommst gar nicht vor die Thür. Lieschen. Nein, das habe ich nicht nöthig. Fips. Das gute Kind hat es nicht nöthig, o ich glücklicher Fips!— Cnrios märe ich doch zu wissen, wer das Dämchen ist, das sich von einem solchen Gelbschnabel daS Maß nehmen läßt. Vielleicht bekomme ich sie zu sehen, wenn ich mit der Anprobe hinübergehe. Mag mir auch so Eine seyn— ich will sie nicht schimpfen— aber wenn ich ihr Vormund wäre— Lieschen(sehr uns-rmrig). Za wenn die arme Person einen so klugen Vormund hätte, wie der Herr Vormund— Fips. Na, Lieschen, jetzt muß ich dich auf ein Viertelstündchen verlassen. Lieschen(b-y Gott sey gedankt! Armes Kind, wirst lange Weileshaben. Lieschen. Ich will mir die Zeit schon vertreiben. F i p s. Jst's denn wahr, was die Gesellen sagen, daß du immer die Thür zuschließest, wenn ich ausgehe? Lieschen. Freylich, ich lasse keinen Menschen zur Thür herein. Fips(b«y Seite). DaS prächtige Kind! es läßt keinen Menschen zur Thür herein. Ein Phönix! ein raris- «iinus I?Iroenix!— Adieu, mein Mäuschen! bald bin ich wieder bey dir.—(Bey Seite.) Nun schließt sie sich ein, und, während ich meine Kunden besuche, wird hier in aller Stille an meinem Glücke gearbeitet,'s ist eine Perl! eine Perl!— Adieu, mein Hermelinchcn! Pfingsten! Pfingsten! denke nur immer an Pfingsten!(m.) 5« Zweyte Scene. Lieschen und Hollmann. Lieschen. Ist er endlich fort?(Sie schließt die rhkre hinter ihm zu, dann klopft si« an die Wand.) HollmaNN(springt auf). Endlich!(Er. hebt dai Bild»o» der Wand.) Lieschen (zieht den Vorhang weg und wirft einige Kleider herunter. Eine große Äffnung in der Mauer wird sichtbar). Hollmann(springt herüber). Endlich, mein geliebtes Mädchen! dießmahl hast du mir die Zeit recht lang gemacht. Lieschen. War es denn meine Schuld? Der alte Narr ging ja nicht von der Stelle. Fips(klopft draußen). Lieschen! Lieschen! mach'geschwind auf! ich habe noch etwas vergessen. Lieschen. Da hat ihn der Henker schon wieder! Fort! fort!(G-g-n d>- rhitt.) Ich komme gleich.(S°a- mann schlüpf« hinübrr. Lieschen he« kaum so viel Zeit, den DorhMig zuMi-bn» die Kleider bleiben liege».) Lieschen(schließt auf). Schon wieder da/ mein lieber Herr Vormund e Fips. Meine Elle hab' ich vergessen. Du kleine Hexe, bey dir vergißt man ja alles.(Er nimm« di» Elle von, Tisch.) Warum Haff du denn die Kleider alle herunter geworfen? Lieschen. Ich suchte einen Rock. Es hing so vielerlei Zeug drüber— Fips. Glaub' dir's/ mein Zobelchen/ glaub' dir's, du Haff ja eine Garderobe wie eine Fürstinn. Der Platz va wird zu klein. Laß doch einmahl sehen.(Will hin.) Lieschen(heftig). Nicht doch, Herr Vormund, unter meine 6-, Kleider muffen Sie mir nicht kommen, das ist meine eigne Wirthschaft. Fips. Nun, nun, werde nur nicht böse. Gib mir noch ein Küßchen auf den Weg. Lieschen (hält ihm den Backen hin, er gibt ihr«inen Schmatz). Hollmann (welcher horchte, sehr taut). Daß du den Hals auf der Treppe brächest! Fips. Höre nur, wie der da drüben schreyt. Man versteht jedes Wort. H o l l m a n n. Verdammter Hasenfuß. Lieschen. Er zankt vermuthlich mit seinem Bedienten. H ollmann. Wird der Esel sich bald fortpacken? Fips. Ha! ha! ha! schöne Ehrentitel. Lauter Zank »nd Hader. Nein/ da geht's auf dieser Seite ganz stille zu/ ganz stille. Nicht wahr/ mein Mäuschen? mein Hermelinchen? Hähähahähä! (Er nickt ihr freundlich j» und geht ab.) Lieschen (hinter ihm zuschließend). Fataler Mensch! Wenn er noch einmahlum- kehrt/ so mach' ich ihm nicht wieder auf.(Sie zieh« den Vorhang weg.) Jetzt/ lieber Hollmann/ find wir allein. Dritte Scene. Hollmann. Lieschen. Hollmann (herüber springend). Diesen Zwang/ bestes Lieschen/ ertrage ich nicht länger. Lieschen. Wer leidet am meisten dabey? Hollmann. Wenn ich recht gehört habe, so hat das Ungeheuer dich gar geküßt? Lieschen- Nur auf den Backen. Hollman n. Gleichviel! solche unhnlige Lippen sollen diese Rosenwange nicht berühren. Lieschen. Kann ich's andern/ so lange ich in seiner Gewalt bin? Mein Vater war ein Dorfprediger, er starb in Dürftigkeit; ich mußte noch froh seyn/ bey diesem reichen Vetter ein Unterkommen zu finden. H o l l m a n n. Was er auf dich verwandt hat/ will ich ihm bezahlen; aber er soll meine Braut nicht mehr küssen/ auch nicht einmahl auf den Backe»/ auch nicht einmahl auf das Ohrläppchen. Lieschen. Deine Braut? bin ich eS denn? Hollmann. Du bist es. Gestern erhielr ich Briefe von meinen Ältern; sie willigen in alles. Lieschen. Wirklich? Hollman n. Ich flog zum Notarius. Der Contraet wird in einer Stunde fertig seyn. Lieschen. Wenn mein Vetter nur einwilligt! Hol> mann. Er muß. Lieschen. Ich zweifle. Meines Vaters Testament gibt mich ganz in seine Gewalt. Hollmann. Wir wollen ihn überlisten, und geht daß nicht, so entführe ich dich. Lieschen. Gott bshüthe. Hollmann. Du wolltest mir nicht folgen? Liesche n. Nimmermehr! Hollmann. Auch dann nicht, wen» ich aus diesem Hause dich gerade zum Altare führte? Lieschen. Der Weg zum Altare— pflegte mein Vater zu sagen— ist kein Nebenweg. Am hellen Tage, auf breiter Strasie muß man dahin wandeln. Holl mann(sie umfassend). Du liebst mich nicht? Lieschen. Wohl mehr als ich sollte, daS beweist das Loch in der Mauer. Hollmann(,u ihren Siisien). Meine Geliebte! meine Braut! Lieschen (sich järttich zu ihm hsrabhrugend). Mein guter Hollmann! 65 Vierte Scene. Madam Zephyr(inn in HollmannS Zimmer.) Die Vorigen. Mad. Zephyr. Der junge Herr nicht zu Hauset Die Thür offen gelassen t Hier kann ja alles gestohlen werden.(Air erblickt das Loch.) Himmel! was seh ich, LGie schaut hindurch.) Ey! ey! steh da! HollmaNN(springt ans>- LieSchen(fahrt Mück). Ich bin verloren! Mad. Zephyr (steigt herüber). Das ist ja eine allerliebste Entdeckung. Hollmann. Verdammt! ich vergaß die Thür zu verriegeln. Mad. Zephyr. Die Nachbarschaft gefällt mir nicht übel. Hollmann. Nun, nun, Madam Zephyr, machen Sie nur keinen Lärm. Mad. Zephyr. Ich keinen Lärm machen? Seht doch! er schlägt mir ein Loch in die Mauer, so groß, daß man mit einem Heuwagen durchführen konnte, und ich soll nicht lärmen?— Mir macht erweist, er sey verliebt in mich, während er nach Belieben zu dem hübschen Schneidersmädchen schleicht? Und ich soll nicht lärmen? Das ganze Haus will ich zusammen poltern! Zeter Mordio will ich schreyen! Hollmau n. Lassen Sie doch nur erst ein vernünftiges Wort mit Sich reden, dann thun Sie was Sie wollen. Mad. Zephyr. Vernünftig? Als Sie mir die Cour mach, ken, haben Sie nicht von Vernunft gesprochen, sondern von Liebe. H o l l m a n n. I nu, damahls war ich auch in Sie verliebt, LaS kann ja nicht ewig dauern. 6? Mad. Zephyr. Nicht eine Minute sind Sie in mich verliebt gewesen, das merke ich jetzt recht gut. Meine Wohnzimmer wollten Sie mir nur abschwatzen, um solche Teufelsstreiche darin anzufangen. Aber warten S ie, mein junger Herr! warten Sie", mein schönes Aüngferchen! in einer Stunde soll die ganze Stadt davon sprechen. Hollmann (jieht ein«» Beutel hervor). WaS wird Ihnen das helfen? Werde ich Ahnen dann wohl die fünfzig Louisd ors geben, die ich hier in der Hand habe? M a d. Z e p h y r. Fünfzig Louisd'ors? die wollen Sie mir geben? Hollman n. Und noch hundert dazu, wenn Sie mir bey- stehen. Mad. Z-Phyr. Beystehen?— J nu, wenn es in allen Ehren geschehen kann? denn ich halte auf Ehre H o l l,n a n n. Versteht sich. Wie alle Putzmacherinnen. Aber seyn Sie ruhig, ich will das liebe Mädchen heirathen. Mad. Zephpr(spöttisch). Heirathen? Hollman n. Sie ist eines Predigers Tochter, ich bin Kaufmann. Die Erlaubniß meiner Ältern Habich bereits. Nur den Schneider müssen wir noch übertölpeln. Dann sollen Sie ein Brautkleid verfertigen, einen Kopfputz— Alles nach der neusten Mode, und so theuer als Sie nur selber wollen. Mad. Zephyr(sefänftigtj- Das läßt sich hören. Aber— Liesche n. O Madam! nehmen Sie sich einer armen Waise an! Mad. Zephyr. I ja doch, man hat auch eiu Herz— und —> wie blieb es denn mit den fünfzig Louis- d'ors? 6<^ Holt>nann. Da nehmen Sie- Mad. Zephyr. O, das wird sich nicht schicken. Hollma n n. Ohne Umstände. Mad. Zephyr. Ja, wenn Sie mich zwingen.(Ti- m>m»e den Veulel.l H 0 llMaN N. Und noch eins, Madam Zephyr! haben Sie mir nicht erzählt, Sie hätten selbst einmahl so eine kleine Speculation auf den reichen Schneider gemacht? Mad. Zephyr. I nu, das war damahls, als wir den Prozeß mit einander führten. Da dachte ich so: wie es Gottes Wille ist! da unsere Häuser neben einander liegen— Hollma nn. Freylich, so konnten auch wohl die Betten neben einander stehn. 7» M a d. Zephyr. 2ch ließ ihn sondiren durch die dritte Hand 7 der ungeschliffene Mensch hat gesagt: ich märe ihm zu alt. H 0 l l m a n n. Vorwand! Sie sind ja noch in Ihren besten Jahren, eine wohlhabende Frau, mit guter Kundschaft. Haben sich etwas in der Welt versucht. M a d. Zephyr. A ja, das hab' ich. H 0 llma» n. Ware Herr Fips nur nicht so verliebt in mein Lieschen gewesen, er hatte sicher mit beyden Handen zugegriffen. Mad. Zephyr(«erschaun). Ach, pfuy doch! wer wird denn so zugreifen! mit beyden Händen! H 0 l l m a 11 n. Wir svrechen ja unter uns. Wenn er nun sieht, daß das Mädchen doch für ihn verloren 7> ist, was gilt die Wette, dann legt der reiche Schneider seine Scheere zu ihren Füsse», und Siebrauchen dann höchstens nur noch ein Kopfzeug zu machen. Mad. Zcphyr(schmunzelnd). Sie sind ein großer Schelm. Hollmann. Topp! ich werde Ihr Frcywerber. Mad. Zephyr. Sie haben eine solche Überredungsgabe— Ich hatte zwar beschlossen, meine seligen vier Männer in der Stille zu beweinen— aber wenn ich Gottes Finger sehe— Hollmann. Und des Schneiders Hand, nicht wahr? Wohlan, der Handel ist geschloffen. M a d. Z eph yr. Wer Hütte daS gedacht! des Schicksals Wege sind dunkel. H o l l m a n n. Besonders in den Brautkammern. Lieschen(die am Fenster stand). Um'S Himmels willen! da kommt mein Vor- mund die Straße herauf. H o l l m a n n. Geschwind hinüber!(Er schiebt Madam Zeptzyr durch die Lffnung.) Auf Wiedersehe»/ liebes Lieschen!(Er schlüpft hinter drein.) Lieschen fhangt schnell die Kleider auf und»letzt die Gardine vor). Fünfte Scene. Fips(klopft draußen). Die Vorigen. Lieschen-. Wer klopft? Fips. Ich bin es/ mein Mäuschen! dein Vormund, dein lieber kleiner Fips. 7 5 Lieschen(macht auf). Sind Sie schon wieder da? Fips. Ja/ mein Zobelchen/ dn jammerst mich/ dir hast ohne mich gräßliche lange Weile. Hollma n n (der drüben horcht). Was der Narr sich einbildet. Lieschen. I NU/ ich suche mir die Zeit so gut als möglich zu vertreiben. Fips. Womit den»/ mein Schäfchen? womit denn? Lieschen. Ich arbeite— Hollm an n- An dero Kopfschmuck. Fips. Das ist recht. Lic scheu. Ich schwatze— Kotzebui'z Tdcatir atz. Band. D Hollmann. Mit meinem Geliebte». Fips. Das ist brav. Lieschen. Ich denke— Hollmann. Daß Sie ein Narr sind. Fips. I n»/ das ist auch gut. Aber nicht wahr, am Ende wirst du doch von der Sehnsucht über wältigt? Lieschen. Freylich sehne ich mich oft— H ollmann. Aber nicht nach Ihnen. Fips. Das entzückt mich! Liesche n. Wenn Sie gar zu lange wegbleiben, so bethe ich auch wohl— Hollmann. Um Ihren Tod. Fips. Ach, das gute Kind! Lieschen. Zuweilen graut mir recht— Hollm a nn. Vor Ihrer Zurückkunft. Fips. Ja, das glaub' ich. Liesche n. In der Dämmerung kommt es mir vor> sähe ich Gestalten. Da drückt es mich— H o l l m a n n. In die Arme. Fips. Das kommt vom Blute. Lieschen. Da preßt es mich— Holl mann. D 2 An di« Lippen. Fips. Das hat nichts zu bedeuten. Lieschen. Aber plötzlich treten Sie dazwischen— H o l l m a n n. Wie ein Gespenst. Fips. Scharmant! Lieschen(verschämt lächelnd). Ich erblicke in Ihnen— Fips. Nur heraus damit! H o l l m a n n. Den größten Esel! Fips(schmmijelnd)» Ich verstehe dich schon. Lieschen. Die Scham verschließt mir den Mund, aber Mein Herz— H o l l m a n n. Lacht sie aus. Fips. Recht/ mein Mäuschen/ solche Gesinnungen habe ich auch um dich verdient. Sechste Scene. Johann. DieVorigen. Johann (der in HsllmaiinS Zimmer tritt). Da schickt der Notarius den Contract. H o l l m a n n. Stille! stille! Fips. Es soll auch nun nicht lange mehr mit»ns währen. Lieschen. Das hoffe ich. Fips. Deine zärtlichen Wünsche sollen hald in Erfüllung gehen. Bald? Recht bald. Lieschen. Hollmann- Fips. Recht bald/ mein Kind. Dann soll dich nur der Tod von deinem Geliebten trennen— Hollmann. Von mir. Lreschen(halb für jichs. Von ihm? FipS. Nähmlich von mir. Jetzt muß ich dich nur noch auf einen Augenblick allein lassen. Ich eile mit der Anprobe hinüber zu dem Springinsfeld. Will doch sehen/ ob das Dämchen heute sichtbar ist. Du brauchst die Thüre nicht zu verschließen/ ich komme gleich wieder. Dann soll der Abend dir in süßen verliebten Tändeleyen/ an der Seite deines getreuen Fips dahin fließe»/ wie ein Bach unter Rosen. sträuchen.(Nimmt die Anprobt und wirft LieSche» Küff- zu.) Unsere Herzen wollen wir einfädeln in die Nähnadel der Liebe; mit der Scheere der Verlangens wollen wir alle Hindernisse aus dem Wege schneiden; zu kleinen niedlichen Püppchen wollen wir das Maß nehmen, und emsig an un» serm Glücke nähen, bis es eine Naht gibt, die nur des Todes Sense aufzutrennen vermag. Adieu! du mein immerwährender blauer Mon 1! Adieu! (Ab.) Lieschen. Adieu, du mein FastnachtSdienstag!— Jetzt naht der entscheidende Augenblick. Geschwind hinüber!(Sie zieht d«n Wortzang weg und springt»u Hsllmsnn.) 6o Siebente Scene. Die vorigen Personen(in Hollmanns Zimmer). Lieschen. Da bin ich. Mein Vormund wird den Augenblick hier seyn. Hollman n. Mit der Anprobe. Ich habe alles gehört. Lieschen. Mir klopft daS Herz. Wenn es nur gut abläuft. Hollma n n. Sey unbesorgt. Madam Zephyr, nehmen Sie die schüchterne Braut mit in Ihr Zimmer/ werfen ihr schnell ein anderes Kleid über/ setzen ihr ein Kvpfzeug auf/ und begleiten sie dann zurück. Mad. Zephyr. Kommen Sie/ Mamsellchen. Der Spasi ist zum Todtlachen.(Zieh« si« mu sich f-rt.) Hollman n. Hilf mir/ Johann.(Sir setzen das Bild vor d>e Qffnung.) Fips(klopfe draus,-,i>. Ioh a n n. Da klopft er schon. Hollmann (wirft sich auf einen Stuhl, ergreift ein Buch und stcsir sich, alS ob er lese). Herein. Achte Scene. Fips. DieVorigeII. Fips. Ew. Gnaden unterthänigster Diener! Be- fohlner Maßen bringe ich allhier die Anprobe von dem scharmanten Kleidchen/ welches der gnädige Herr für eine scharmante Dame bestellt haben. Hollmann. Sehr wohl, Herr Fips. Mit dem gnädigen Herrn verschonen Sie mich. Ich bin ein Kaufmann. Fips. Ey was! Ew. Gnaden haben Geld, das will sagen: viel Geld, und folglich gebührt Ihnen der gnädige Herr von Gott und Geldes wegen. Unsere Vorfahren waren gute Leute, Gott tröste sie! nur etwas einfältig. Adel und Ehre, Brot und Salz— so hieß es bey ihnen; Adel und Geld, Fleisch und Butter— so heißt es bey uns. H o l l m a n n. Sie sind ein Politieus, mein werther Herr Fips. Fips. Ist, so zu sagen, meine Passion, von Kindesbeinen an. Schneid' ich ein Kleid zu, s» kommt es mir immer vor, als theilte ich ein Land. 85 Holl m'a n n. Dabey werden Ihre Kunden osH übe! wegkommen. Fips. Ach»ein, ich arrondire mich nur ein wenig. Hollma n n. Das ist billig. Fips. Bey diesem Kleide muß ich, als ehrlie- bendcr Künstler zu bemerken geben, wie das mir überlieferte Maß nicht von meiner eigenen erfahrnen Hand, sondern von einem Halte ihn noch ei» wenig auf.(rlb.) Zehnte Scene. FipS. Madam Zephyr. Johann. Fips. Alls Hagel! da geht er zu meinem Lieschen l Ja, ich will hinüber, ich will mich überzeugen — ach Gott! ich bin ja schon überzeugt!(Will sor«.) Johann(hält ihn au§). Schämen Sie sich doch, Herr Fips; beben- ken Sie die Ehre Ihres Standes. Der erste Schneider in der Welt war ein Damen-Schnei- der, denn Vater Adam nähte eine Chemise von Feigenblättern für seine Frau Gemahlinn. Fips. Hohl' ihn der Teufel! Lass er mich loF! Johann. Was meinen Sie wohl? womit hat Adam die Feigenblätter zusammengenäht? Zwirn gab es damahls n»ch nicht. Fips. Ich frage den Henker darnach!(Sucht sich um wer loszureißen.) I 0 haN II. Sollt' er etwa von Baumrinde— oder wohl gar von Spinnwebe— Fips. Lass' er mich zufrieden!(Reiße sich los, wir» ober sogleich von Modem Zephyr ergriffen.) Mad. Zephyr. Mein werther Herr Nachbar, ich habe wegen unserer Dachrinne mit Ihnen zu sprechen. Fips. Ein anderes Mahl, Frau Nachbarinn, ein anderes Mahl.(Reisn sich loS; Johann hat sich indessen so gestellt, daß er ihn gleich wieder empfängt.) Johann. Man konnte sagen: Adam habe Riemen au» einer Haut geschnitten— F i p s. Wollte Gott/ eS wäre Seine Haut ge- Wesen! Johann. Das kann aber auch nicht seyn/ weil noch kein Thier gestorben war. Fips. Ich sterbe/ wenn er mich nicht losläßt. (Reißt sich los, fallt aber Madam Zephyr wieder in die Hiinde.f Mad. Zephyr. Sie muffen die Dachrinne repariren/ der Regen läuft mir in die Stube. Fips. Barmherzigkeit! ich stehe ja unter der Traufe! Johann (faßt ihn von der andern Seite). Die Gelehrten sind noch nicht einig— Fips. Pack' er sich zum Teufel!(Sr reißt sich mit der größten Anstrengung von beyden loS, und springt fort.) Mad. Zephyr und Johann. Hahahahaha! Eilfte Scene. Lieschen(in ihren gewöhnlichen Kleidern) und -Hollmann(kommen lachend aus dem Eabinet). Die Vorigen. Hollina n n. Nun muffen wir den Spaß vollenden. Geschwind hinüber! aber zum letzten Mahl. Lieschen. Fast dauert er mich. (Das Bild wird weggeschoben. Lieschen schlüpft hinüber, bringt alles in Ordnung, setzt sich auf ihren gewöhnlichen Platz und strickt. Die übrigen horchen an der Wand und kichern unter sich.) Zwölfte Scene. Fips. Die Vorigen. FipS. (kommt athemlcs in sein Zimmer. Lieschen hat ihm den Rücken zugekehrt. Ais er st- erl-lickt, stutzt er, und ruft (mit dem höchste» Erstaunen:) Lieschen! Lieschen (ihn freundlich ansehend).- Willkommen, lieber Herr Vormund? Fips. Bist du es wirklich 2 Liesche n. Was wollen Sie damit sagen? Fips. Bist du gar nicht aus der Stube gekommen? Lieschen. Nicht von der Stelle. Sehen Sie, ich bin wahrend Ihrer Abwesenheit recht fleißig gewesen, ich habe acht Mahl herumgestrickt. Fips (sich nach und nach erhohlend). Lieschen— sage mir doch—'merkst du nichts an mir? Liesche n. Sie sehen ein wenig echauffirt auS. Fips. Aber sonst doch noch wie ein Mensch? Lieschen. O ja, so ziemlich. Fips. Mir sind Dinge begegnet— Wunderdinge! Lieschen. Ey, erzählen Sie doch. Fips. Ein anderes Mahl. Jetzt hab' ich keine Zeit, keinen Äthem.(Wedelt sich mit ixn, Tuche Luft zu.) Gott sey Dank! es war nur ein Traum, ein böser Traum, ein wunderlicher Traum. Wir wollen ihn vergessen. Da sitzt ja mein Mäuschen, und strickt ihr Strümpschen, wie die heilige Penelope. Lieschen. Ich kann gar nicht begreifen— Fips. Ich begreife es selber nicht, dn Herzenskind. Die Natur hat Geheimnisse, Räthsel, Wunder. Auf den Abend will ich dir schon erklären. Jetzt muß ich wieder fort, ich habe die Anprobe drüben gelassen. Lieschen. Wie? Sie wollen schon wieder fort? Ich armes Mädchen! muß immer allein sitzen. F i P s. Nur noch eine kleine Geduld— Lieschen(wiimnd). Ich hatte mich so darauf gefreut, daß Sie nun endlich zu Hause bleiben würden— Fips. Das gute Kind! wie es an mir hängt.—- Sey ruhig, mein Zobelchen, in zwey Minuten bin ich wieder bey dir. Dann wollen wir unsere gebratenen Kartoffeln mit einander essen, und ich will dir den Kaiser Octavianus vorlesen, und beym Schlafengehen will ich einige keusche Küsse auf deine süßen Lippen drücken. Kohibm'r rheairr 26. Band. E L i e s ch e n. Ach/ Herr Fips! es wirb mir ganz ohnmächtig/ wenn ich daran denke. Fips. Die Ohnmachten sotten schon noch besser kommen/ warte nur bis Pfingsten. Für dieses Mahl/ mein Hermelinche»/ wirst du mir nicht übel nehmen/wenn ich beym Weggehen die Thut verschließe. Lieschen. Sie wollen mich einschließen? Fips. Nur dieß einzige Mahl. Es geschieht nicht aus Mißtrauen/ bewahre der Himmel! es be- trifft eine Wette. Lieschen. Meinethalben. Mir kann es gleich viel gelten, ich verriegle ja die Thür ohnehin von innen. Die Ursach mag ich gar nicht wissen. WaS mein lieber Vormund thut/ das ist wohlgethan. Fips. Ach, das prachtigb Kind! Sey du ganz ruhig. Husch! husch! bin ich wieder bey dir.(Er geh» i-rrlchli-ß! lerMIig ti« Thür.) 99 Lieschen(springt auf). Husch! husch! bin ich hinüber.(Sie zieht den Vorhang weg, und springt in Holtmannt Arme.) Er kommt! er kommt! M a d. Zephyr- Wir haben alles gehört. Hollman n. Geschwind, kleide dich um. Mad. Zephyr. Fort, auf mein Zimmer!(Das Bild wird vor, gkseht.-ssllm.) Fips. Werden Ew. Gnaden unsere Stadt mit Dero fortdaurender Gegenwart beglücken? H o l l m a n n. Allerdings, ich denke meine Wohnung hier aufzuschlagen. Sie würden an meiner Frau eine gute Kunde haben, denn sie braucht monathlich wenigstens zwey neue Kleider. Fips. Die Annalen der Schneiderkunst sollen Ihren Nahmen verewigen.— Und die Hochzeit? wenn ich so kühn seyn darf, darnach zu fragen. Hollmann. Wird morgen gefeyert werden. Hier liegt schon der Contract. Apropos, mein lieber Herr Nachbar, es fehlt eben noch die Unterschrift eines Zeugen; wollten Sie wohl so gut seyn, Ihren Nahmen mit darunter zu setzen? Fips. Ü, das würde sich nicht schicken. In so vornehmer Gesellschaft— H o l l m a n». Mein lieber Herr Fips, da kennen Sie mich noch gar nicht. Den großen Künstler schätze ich, wo ich ihn finde, und wenn er vollends mit leiner Kunst so viele Recütschaffenheit verbin-i det.—, 102 Fips. Ew. Gnaden beschämen mich ganz. Rechtschaffen bin ich, das muß wahr seyn. Meine Kunden bevortheile ich nicht um den kleinsten Lappen. Hier, zum Beyspiel, ist ein großes Stück Zeug, welches übrig geblieben, und welches ich zu treuen Händen überliefre.(Er»erreicht einen kleinen Lappen.) Hollmann (psn Lappen hoch aufhebend). Ihre Ehrlichkeit entzückt mich, und erregt nur noch heftiger den Wunsch in mir, den Nahmen eines solchen Biedermannes unter meinem Ehe-Contract zu lesen. Geschwind, hier ist Feder und Tinte— ohne Umstände, unterschreiben Sie. Fips. Ich bi» stolz auf die Ehre—(Erunterlchr-ibt). Hollmann (steck! den Eontract zu sich). Ich danke Ihnen, mein lieber Herr Nachbar, und werde nicht ermangeln, Sie zur Hochzeit einzuladen. io3 Fips. O, zu viele Gnade! ich werde gebührender Maßen zweymahl vier und zwanzig Stunden vorher hungern, um meinen Magen zu dem vornehmen Hochzsitschmause zu qualificieren. Hollmann. Da kommt meine Braut. Vierzehnte Scene. Lieschen(in anderer Kleidung). Die Vorigen. Fips (steht absrmahlS versteinert Sey ihrem Anblick)..- Hollmann. Komme» Sie, liebe Amalie. Herr Fips hat seinen Jrrrhum eingesehen, er bittet Sie um Verzeihung. F ipS(stotternd). Allerdings— mein gnädiges Fräulein—> Nein, es ist entsetzlich!— ich habe die Ehre -- SatanS Blendwerk!— die Anprobe— Es ist aber doch Lieschen! Hollmann. Nun, Herr Nachbar? Sie scheinen schon wieder in Verwirrung? F-ipS. O, keines Weges. Den Schlüssel habe ich ja in der Tasche— aber— je mehr ich sie betrachte— es ist, hohl' mich der Teufel, Lieschen! Lieschen. Der gute Mann radotiert schon wieder. H o l l m a n n. Herr Fips, machen Sie mich nicht böse. F iPs. Lieber Gott! es wäre kein Wunder, wenn ich von Sinnen käme!— Lieschen— mein Fräulein— Sie verzeihen—(er E-ri sich ihr). Ich will verdammt seyn, wenn sie es nicht ist! Da ist ja auch der kleine braune Fleck am Halse- Lieschen. Bleiben Sie mir vom Leibe! Fips. Was! ich dir vom Leibe bleiben? bist du nicht meine Braut? sollen wir nicht auf Psmgsten ein ic>Ü Leib luid eins Seele werden? O Jemine! o Jemine! ich verliere mein Bißchen Verstand. H o l l m a n n. Sie haben es schon verloren. Man muß Mitleid mit Ihnen haben. Ich will großmüthig seyn: gehen Sie nach Hause, hohlen Sie Ihr Lieschen selbst hierher. Fips. Ach! wenn Sie das erlauben wollten— H o l l m a n n. Ja, ja, ich erlaube es. Ich bin doch selbst neugierig, die wundervolle Ähnlichkeit zu betrachten. Fips. Sie werden erstaunen. Ich eile, ich springe, in zwey Minuten bin ich wieder hier.(rrb.) Fünfzehnte Scene., ollmann. Lieschen. Nachher Madam Z e p h y r. Lieschen. Ach! wie wird eS nun ablaufen! Hollmann. Sey ganz ruhig, den Contract hat er bereits unterschrieben. Lieschen. Hat er?— Dem Himmel sey Dank! Hollmann(ruft hinaus). Madam Zephyr! geschwind! wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Mad. Zephyr (in Lieschens Kleidung). Da bin ich schon fix und fertig. Hollm a n n. Spielen Sie Ihre Rolle gut. Ich wünschte wohl, daß wir am Ende Alls zufrieden waren. (Er hebt das Bild weg. Madam Zephyr springt hinüber, zieht den Vorhang vor, und letzt sich an Lieschens Stelle.) HollMan n. Jetzt last uns lauschen. L i e s ch e>s Ich bin doch ängstlich. HoIImann. Er hat gutwillig unterschrieben. Du bist unwiderruflich die Meinige. Sechszehnte Scene. Fips. DieBorigen. (Fips schliegt die Thür auf, tritt hastig ein. Madam Zephyr kehrt ihm den Rücken zu.) Fips. Wahrhaftig, da sitzt sie wie angenagelt. Mein Lieschen, mein Mäuschen, komm geschwind— Mad. Zep h y r (springt auf und dreht sich zu ihm). Da bin ich! lieber Herr Vormund. (Pause. Komisches Entsetzen.) Fips (der lange vergebens zu sprechen versuchte). O Satan! Deine Macht ist grosi! ^ 08 Mad. Zephyk. Pfuy! was wollen Sie mit dem Satans Fips(übersprudelnd). Wo ist mein Lieschen? Wie kommen Sie hierher? Was soll das heißen?(§»tze seinen K°pf mit beyden Händen.) Habe ich noch einen Kopf? bin ich noch auf der Welt? oder spielt derTem fel Versteckens mit mir? Mad. Zephyr. Fassen Siesich, mein werther Herr Nachbar, ich will Ihnen Alles erklären.(Mir Carrica- eur.) Schon ist es über ein Jahr, daß ich Sie im Stillen liebe. Fips. Gehorsamer Diener! wo ist Lieschen? M a d. Z e p h y r. Das gute Kind! ihr vertraute ich meine Leidenschaft, sie wurde gerührt, gab ihre Ansprüche auf. Fips. Das kann sie nicht! Das darf sie nicht! M a d. Zephy r. Entschloß sich sogar, den jungen Herrn Holt mann ju heirathen. Fips. Das soll sie wohl bleiben lassen. M ad. Zephyr. Doch unter der Bedingung, daß ihr lieber Vormund darein willigen werde. Fips. Nimmermehr! Mad. Zephy r. Nun haben Sie den Contraet unterschrieben— Fips. Ich Esel! Mad. Zephy r. Haben versprochen zur Hochzeit zu kommen— Fips. Ich Rindvieh! habe selbst das Brautkleid gemacht! Mad. Zephyr. Da ich nun noch in der Blüthe meinerIah- re stehe— Fips. Gehorsamer Diener! 11<) Mad. Zephy r. Da ich ei» schuldcnfreyes Haus besitze— Fips. Schuldenfrey?— Wo ist die Dirne? Mad. Zephyr. Auch ein Paar tausend Thaler bares Geld— Fips. Bares Geld?— Ich erdrossele Sie! Mad. Zephyr. So habe ich geglaubt, daß eine Verbindung zwischen uns— Fips. Gehorsamer Diener!—- Das verdammte Mädchen!— Schuldenfrey ist Ihr Haus? Mad. Zephyr. Und verassecuriert oben drein. Hollmann(leise). Er legt sich zum Ziels. Fips ia«ht auf und niwer). Höllischer Betrug! Niederträchtige Seele!--- Ei» Paar tausend Thaler bares Geld? Mad. Zep h y r> Zwey tausend drey hundert. Lieschen(leise). Das wirkt. Fips(«ach«wer Paus-). Freylich/ meine werthe Frau Nachbarinn/ wenn ich Ihre Gesinnungen früher gekannt hotte— Auch ich habe Sie schon langst im Stillen verehrt— Tragt das Geld auch Zinsen? Mad. Zephyr. Fünf Procent. Fips. Das Mädchen ist da so unter meinen Augen aufgewachsen— ein junges, glattes Ding— Mit einer so reifen Schönheit-konnte sie freylich nicht verglichen werden— dabey blutarm— Wie viel Miethe ziehn Sie aus Ihrem Hause? Mad. Zephy r. Nahe an zwey hundert Thaler. Fips. Wahrhaftig! Nun, wissen Sie was? der albernen Dirne zum Possen will ich eine ganz enorme Liebe zu Ihnen fassen! ich will Sie hei- rathen wie sich's gehört und gebührt, und wenn die leichtsinnige Creatur vor Verdruß gelb und grün würde. 112 Lieschen(leise). Roth vor Freude ist sie schon. M ad. Zephyr. Darf ich Ihnen trauen, kleiner Schelm? Fips. Da ist meine Hand. M a d. Z e p h y r. Wie lieblich werden die Jahre unserer Jugend verstreichen! Fips. Ach lieber Gott! ja! wir wollen so viele Zinsen als möglich aus dem Gelde machen. Aber jetzt erklären Sie mir auch die verdammte Hexerey! Wie es damit zugegangen? Mad. Zephyr. Das sollen Sie auf den ersten Blick gewahr werden.(Sie jlehk den Vorhang weg. Lieschen und Hollma>. n stehen vor der Öffnung, und verbeugen sich tief.) Fips. Lieschen! vermaledsytes Lieschen!(Er wsil hinüber.) Hol! m a n n (hält ihm eine Pistole vor). Halt/ mein Herr! Diese Öffnung ist Amors Werk; nur glückliche Liebende dürfen hindurch schlüpfen. In einer Stunde wird Hymen unsern Bund krönen/ und in zwey Stunden soll die Mauer wieder in Ordnung seyn. F i P s. Ich möchte rasend werden. Lieschen. Lieber Herr Vormund/ verzeihen Sie mir/ eS war mir unmöglich bis Pfingsten zu warten. Fips. Hättest du eS nicht sagen können? Ich hätte ja auch wohl auf Ostern Anstalt getroffen. Lieschen. Sie haben den Contract unterschrieben; reichen Sie mir auch nun die Hand zur Verssh nung. M a d. Z e p h y r. Thun Sie es/ um unserer Liebe willen. Fips(trübselig). Um unserer Liebs willen!— o ja!— Was sott ich machen?— Da, da ist meine Hand. (Er reicht li- durch das Loch.) Ich hoffe, du wirst deine Kleider bey niemand anders machen lasten, als bey mir. Lieschen. Das versteht sich. Hollm an n. Jetzt komm' in meine Arme! Die Liebe hat gesiegt.(Er umfaßt sie.) Mad. Zephyr(»>, Fips). Wollen Sie nicht auch in meine Arme kommen? Fips. O ja, wenn Sie befehlen.(Er umarmt sie um geschickt, schielt aber daiey nach Lieschen.) Eine gute Lehre mag sich jeder daraus nehmen: ein jungem Herr bleibt immer eine gefährliche Nachbarschaft, selbst wenn eine Mauer dazwischen wäre. (Der Vorhang fällt.) D a S Köstlichst E i n Schauspiel i n einem Auszug- e- Personen. Aldar, ein indischer Sultan, Kosru, 1 Vabil».!- I-'ne Söhne. Korasmin,! Ellina. Zambuc. Ein Geniui, Ein Priester. Ein Gesandter, Der Schauplatz ist ein Saal in Aldsr'S Pallast. "7 Erste Scene. Aldor allein. ^ir, Brama, Dank und Preis! der schöne Morgen tagt. An dem die Söhne mir die Heimkehr zugesagt. Ein Jahr, ein langes Jahr ist schleichend mir verflossen. Seit Götterspruch sie fern in fremdes Land gestoßen. O damahls— herber Tag!— mahnt' ich m meinem Schmerz: Zum setzten Mahle drück' ich sie an's Vaterherz! Denn wer die Abschiedsstunde mit Geliebten feyert, Dem wird die bange Brust von Ahnungen um- schleyert; i>6> Was Zufall fügen kann, das fernste Hinderniß, Die Angst erschafft es schnell— ihm scheint es nah— gewiß— Er sieht Gefahr und Noth um die Geliebten schweben, Er zittert für die Unschuld, zittert für das Leben! Ihm dünkt sein eignes Ziel nicht fern— er seufzt und spricht: „Ein fröhlich Wiedcrsehn, ach! ich erleb' es nicht!"— So schmerzhaft tauscht und quält derTrennung frische Wunde. Doch sieh, dem Hoffenden verrinnet Stund um Stunde, Es reiht sich Tag an Tag, es wechselt still der Mond, Ein Jahr ist hin— Triumph! sein Hoffen wird belohnt— Sein Schmerz ein Traumgefühl— er eilet mir Entzücken, Die Wiederkehrenden an seine Brust zudrückend "S Zweyte Scene. Ellina. Aldor. Ellina. Dem edlen Sultan bring' ich meinen Morgengruß. Gewahr'ihm dieser Tag der Freude Vollgenuß! Aldo r. Es sprach dein Herz den Wunsch, du theilest mein Verlangen/ Ich sehe dich geschmückt die Söhne zu empfangen. Doch nicht der Zofe Kunst/ die, weiblich schlau, sich müht; Dich schmückt der Liebreitz mehr,, der auf der Wange glüht, Die frohe Ungeduld les' ich in deinem Blicke.— Oft hast du mich befragt: warum ich dem Geschicke Der Söhne Heil vertraut? w.a r u m in fernes Land Ich plötzlich meines Alters Freud' und Trost gesandt t Ich schwieg, um deine Ruh nicht vor der Zeit zu stören: Die Zeit ist da— ich will— ich muß dich Wahrheit lehren. Zwey Jahre sind es nun, als du, auf banger Flucht, An meinem Hofe Schutz und Sicherheit gesucht. Ich weiß nicht wer du bist, ich will es auch nicht wissen, Genug, ich sah dein Herz von tiefem Gram zerrissen. Das meine that sich auf, du nahtest kindlich mir. Und ein geheimes Streben zog mich sanft zu dir. Ich fragte nicht, ich half.— Gerecht war mein Vertrauen, Den» ich erkannt' in dir die Edelste der Frauen. Wetteifernd mit den Söhnen, hast du jeder Zeit Kindlicher Liebe Blumen sorgsam mir gestreut. Ellina. Dein hoher Edelmuth— O Brama! Herr der Welten! l8r Warum bin ich zu schwach dem Greise zu vergelten! Er fragte nicht, er half. Geschützt, gepflegt, geliebt, Nie durch Erinnerung an mein Geschick be- trübr, Ward ich mit zarter Schonung stets von ihm behandelt, Er hat der Zukunft Nacht in Morgen mir verwandelt. Mehr als mein Leben dank' ich diesem edlen Mann! 2 Brama! nimm mein Leben, wenn's ihm nützen kann' Aldo r. schweig, Kind. Was bliebe mir, wenn streng wir rechnen wollten? Durch Liebe hast du mir die Liebe reich vergolten- Leicht offnen Herzen sich der Jugend Lieblichkeit, Doch selten nur ein Ohr, das sich dem Alter leiht! Du helltest ohne mich den Retter wohl gefunden, Kohebue's Theattr 26. Band. lz- 12L Wo aber ohne dich der Greis die schönen Scmu den?— Jetzt höre weiter. Dir— mit Seelenreitz geschmückt/ Mit Schönheit hoch begabt, die jedes Aug entzückt-- Dir konnten ungestraft die Jünglinge nicht nahen. Die, brüderlich vertraut, dich täglich hörten, sahen; Dich lieben m usite n sie, die Flamme brach zugleich In dreyen Herzen aus— die Wangen wurden bleich; In fast erloschnen Augen flehte das Verlangen— Doch, was erzähl' ich viel? Dir ist es nicht entgangen, Wie jeder seufzend, stumm an deiner Seite saß, Den Bruder neben sich mit scheuen Blicken maß Wie jugendlicher Frohsinn schwand, das Auge, . klagte. Und doch die Zunge nicht es auszusprecheN wagte;! >25 Wie plötzlich jede Freud' aus meinem Hause wich, llnd ein verhaltner Groll in Bruderherzen schlich. Du sahest leidend, was den frohen Greis ver^ stimmte. Ich sah erschrocken, was in ihren Herzen glimmte. Auch deinem Herzen hab' ich sorgsam nachgespürt, Und— sah ich recht— so war's von Korasmin gerührt. Gern wollt' ich einen Sohn durch deine Hand beglücken. Allein zu Boden nicht zwey andere Söhne drücken, Den Bruderhaß entzünden, der, so angefacht, manchen Königsstamm Verderben schon gebracht.— Was mich ss ängstete, wem sollt' ich's offenbaren?— Dem Schutzgeist nur allein, der schon seit grauen Jahren Mein königlich Geschlecht mit treuer Obhuth schirmt. 124 Nie ferne bleibt, wenn Zweifel mir die Brust bestürmt. Einsam, um Mitternacht, ging ich im Palmen- haiue, Und flehte heiß zu ihm, daß er mit Rath erscheine! Der Genius erschien, erneuerte den Bund, Und freundlich tröstend sprach zu mir sein holder Mund: Ein Mittel nur heilt Liebe, geh' es zu versuchen, Inferne Ländersende flugs die Söhne fort, Gebiethe jedem streng das Köstlichste zu suchen; Entfernung, Sorge, Fleiß, verhütt) e n Brudermord. Er lächelte, verschwand— ich eilte zu gehorchen, Aus Reisen fand die Söhne schon der nächste Morgen, Und grübelnd wiedcrhvhlte jeder mein Geheiß: Zu forschen nach dem Köstlichsten mit Sorg' und Fleiß. I2Ü Was aber sey das Köstlichste auf dieser Erde: Ob einer meiner Söhn' es wirklich finden werde? Ob er's gefunden hab'? ob er es bringen mag? Das alles, Ellina, entscheidet dieser Tag. Es nah'n die Jünglinge bereits mit hast'gen Schritten. Ellin a. Gewiß erhörte Brama frommer Liebe Bitten! Aldsr. Das Köstlichste für mich ist ihre Eintracht nur! D'rum forsch' ich alsobald, ob noch der Liebe Spur Im scheuen Blick sich zeigt? ob jener Groll verschwunden? Ob endlich das Vertraun sich wieder eingefun- den, Das herzliche Vertraun, das gute Drüder schmückt? Gewahr' ich das, o dann— dann bin ich hoch beglückt! " 126 Ellina. Und war' es nicht— o Greis/ den ich darf Vater nenn«»/ Dann heischst Dankbarkeit/ mich schnell von dir zu trennen. Dann laß mich fliehen— flieh'»/ wohin mein Schicksal ruft/ War's auch in eine Wüste/ war's in meine Gruft; Denn ich ertrag' es nicht—(wie dürft' ich selbst mich schonen?) Dir Wohlthat/ Liebe/ Schutz/ mit Undank nur zu lohnen! Aldor. O schweig! noch kümmr'uns nicht/ was künftig unser harrt. Genug der trüben Stunden hat die Gegenwart/ Warum durch Ahnungen der Zukunft sie vermehren? Ellina. Doch auch das eitle Herz durch Hoffen nicht bethoren! Ald o r. Es dünkt mich fast, die Sonne stehe heute still. Wie doch der Sehnsucht nie die Zeit gehorchen will! Voraus eilt sehnende Liebe nach fernen Freuden jagend, Schwer folgt die ernste Zeit, den schweren Fittig schlagend.—- Wie füllet Ungeduld die lästigen Stunden aus, Bis sich die Sohne nahn dem jubelnden Vaterhaus?— Doch zu Geschäften steht mir ja die Zuflucht offen. Ein Abgesandter ist am Abend eingetroffen. Von Coromandels Küste ward er hergesandt, Ellina(bey Seite). Von Coromandel? Gott! A l d o r. Sein Herr, Bukdur genannt, Ein mncht'ger Sultan, der, in Ubermuth ver^ stricket. I2U -Auf mancher Völker Nacken schweren Zepter drücket. Von meinen Gränzen steht sein furchtbar Heer nicht fern. D'rum nachbarlichen Zwist vermeid' ich sorgsam gern, Und/ nicht von Unruh frey, erwart'ich sein Begehrn. (Er rüst hinaus.) Der Fremdling trete ein, ich will sogleich ihn hören. Ellina. Erlaube mir indeß in mein Gemach zu gehn. Aldo r. Bleib Ellina, du sollst mir immer nah- stehn. Ellina(hei) Seite). O Brama! schütze mich! (Sie wirft den Schleyer über). Dritte Scene. DerGesandte. Die Vorigen. Der Gesandte. In Freundschaft und in Frieden Laßt dir der mncht'ge Bukdur seinen Grusi entbiethen. Aldor. Sag' an des Sultans Wort. Der Gesandte. Zwey Jahre sind es schon, Seit eine junge Fürstinn heimlich ihm ent- flohn. Er reicht' ihr seine Hand, weil es die Götter wollten. Doch hat die Liebe sie mit Undank ihm vergolten. Schon rief der Priester laut zum feyerlichen Mahl, Als sie verkleidet sich aus dem Pallaste stahl. Dem königlichen Herzen schlug sie tiefe Wunden; 100 Es tobt' des Sultans Zorn, umsonst, sie war verschwunden. Vergebens forschte man nach ihr, die Pflicht verletzt, Vergebens ward ein Preis, ein hoher Preis gesetzt. Doch Bukdur— welchen Trost auch Zeit ihm zugemessen— Nie fand er Ruhe mehr, nie konnt' er sie vergessen. Ein unbefriedigt Lechzen quält die stolze Brust, Der Purpur drückt ihn schwer, ihm ekelt jede Lust. Erwacht ist die Begier, noch heißer als vor Jahren, Seit er den Zufluchtsort der Treulosen ersah- ren. Sie ist an deinem Hof, du hast ihr Schutz gewährt— Unwissend, hofft mein Herr, der gern zum Besten kehrt. Doch jetzt, o Sultan, bist du gnügsnd unterrichtet. Und Ellina mir auszuliefern schnell verpflichtet. Aldo r. Wie! Ellina! Ellina (den Schleyer zurück werfend). Ich bin's. Der Gesandte. Heil mir! es ist erreicht, Der Sendung fernes Ziel. Aldor. Halt, Fremdling! nicht so leicht Darf solch' Begehren hier die Gastfreundschaft beleid'gen. Ich habe dich gehört, auch Sie darf sich ver- theid'gen. Sprich, Ellina, ist's wahr, was er geklagt? sprich frey. Nicht Drohung schrecke Unschuld. Rede ohne Scheu. Ellina. Das will ich. Möge mich des Vaters Geist umschweben! Er war ein tapfrer Fürst, dem Sultan treu ergeben, Der Feinde Schrecken stets/ daheim ein Bieder mann— Ihn mordete aus Neid der neidische Tyrann! Er haßt den fremden Ruhm, er haßt den Edlen—- Guten— Läßt unterm Henkerbeil die, so er fürchtet, bluten. So fiel mein armer Vater, und mit blut'ger Hand Reicht Bukdur seiner Tochter frech das Brautgewand. Wohl mir, daß meine Flucht den Vater konnte rächen!— Jetzt, Sultan, wollest du der Tochter Urtheil sprechen. Der Gesandte. Verdient war das Geschick, das deinen Vater traf. Ein StaatSverrather— E lli n a. Ha! so spricht nur Bukdur's Sclav. Aldo r. Mir ziemt es nicht, was dort gescheh'n, hier zu entscheiden. r33— Doch schuldlos oder schuldig/ mit gerechten Leiden Erfüllt des Vaters Tod der frommen Tochter Herz, Und seines Mörders Lieb' ist Hohn für ihren Schmerz. Nur so viel seh' ich hell/ d'rum kann ich dein Begehren/ Den Schütz ihr zu entzieh'»/ dem Sultan nicht gewahren. Der Gesandte. Wie/ Aldor? hör' ich recht! du wolltest blut'- gen Zwist Um eine Dir»' erheben— Aldor. Die mir Tochter ist. Der Gesandte. Gedenke deines Volks! ein Krieg wird sich entzünden— A ld o r. Geschieht's/ so werd' ich Muth in meinem Rechte finden. Der Gesandte. Ungleiche Kraft hast du gewogen und bedacht? l d o r. Wo mir die Pflicht gebeut, da wieg' ich nicht die Macht. Der Gesandte. Viel wagst du! Deinen Thron kann dieser Krieg erschüttern. Aldor. Wer Recht thut, muffe nie vor Rechtes Folgen zittern. E l l i n a. Halt! es gescheh' was Brama über mich verhängt. Verzweifeln müßt, ich Ärmste, sah' ich dich bedrängt. Den Trost, dir zu vergelten, kann ich nicht erwerben, Doch deine Ruhe stören— lieber will ich sterben! Ich folge, zürnender Gott! wohin du mich auch treibst. Aldor. Du hast auf mich vertraut— ich schütze dich— du bleibst. i35 DerGesandt e. So magst du alsobald das Schlachtschwsrt ziehn und wehen. Aldor. Es sey! doch nimmer werd' ich Gastfreundschaft verletzen. Wo die verfolgte Unschuld bebend Hülfe heischt. Da treffe Fluch den Mann, der ihr Vertrauen täuscht. Und nun genug davon! kein Wort mehr will ich hören! Die Freude dieses Tags soll keine Drohung stören. Der Gesandte. Wohlan, ich geh'. Du magst dich ungestört er- freu'n, Doch denke meines Worts: zu spät wirst du be- reu'n. (Geh« ab.) iä6 Vierte Scene. Ellina. Aldor. Ellina. O Vater!— ja du bist's!— Doch deine Groß- miith— A ldor. Schweig! Dich überliefern! ha! das wäre mehr als feig. Wenn selbst mir minder nah dein Glück am Herzen läge, Abtrotzen lässt sich Aldor nichts auf solchem Wege. Ellina. Jetzt weißt d»/ wer ich bin/ du kennst mein ganz Geschick. Aldor. Und theurer machte dich mir dieser Augenblick. Dein Vater will ich seyn— doch horch! welch' ein Getümmel! Die Söhne sind es— ja— sie sind eS!—gut'« ger Himmel! —. ,5^ Du hast erhört des Greises unablässig Flehn! Tragt mich ihr Füße! Fort! ich soll sie wieder sehn! l.ul>.) Fünfte Scene. Ellina allein. O warum darf auch i ch dir nicht entgegen fliegen/ Mein Korasmin! warum in einem Arm nicht liegen! Verhaßter Zwang! Es strebt das Herz— doch ihm verbeut/ Sich fröhlich aufzuthun/ die strenge Sittsam- keit. Der Mann darf jubelnd laut das Glück der Liebe feyern/ Doch zehnfach muß das Weib Brust/ Auge, Herz verschleyern. -33 Sechste Scene. Zlldor. Kosru. Babilo. Korasmin. Zainbuc. Ellina. Aldo r. Herein! ihr heiß Ersehnten! Tochter! sie sind da! Empfange deine Bruder, gute Ellina. Kosr II(naht sick ihr). Dein Bruder, ja. Was thöricht einst mein Herz beschlichen, Zst vor der Künste Reitz im fernen Land gewichen. Babilo(«r-!i so). Dein Bruder, ja. Was mehr sich einst dem beygemischl, Das hat durch ihre Wunder die Natur verwischt. Korasmin(z wenn du's nicht bist? Kotzcdu/s Theater, rs. Band. G Aldor. Wohl schön ist's, wenn, für heitre/ wie für trübe Stunde»/ Der Jünglinge verwandte Seelen sich gefunden; Doch Freundschaft ist d'rum nicht der köstlichste Genuß/ Denn ach! noch immer schweigt der holde Genius! Du/ meines Stammes Freund/ wenn alle sich geirret/ So lose du das Räthsel/ das uns hier verwirret. Siebente Scene. Ein Priester. Die Vorigen. Der Priester (einen Pteil tragend). Sultan! mit schwerer Klag' auf Tod und Leben/ hat Man mich zu dir gesandt. A l d o r. Sprich/ welche Frevelthat/ Ehrwürd'gcr Priester trug sich zu in meinem Reiche? Was störte eure Ruh'? die heiligen Gebrauche? Der Priester. Bey Brama's altem Tempel/ den der Wald verbirgt/ Ward ein geheiligt Reh durch Mörderfaust gewürgt. Durch diesen Pfeil von kühner Frevlcrhand geschossen, Ist auf geweihten Boden schuldlos Blut geflossen. Die Gottheit zürnt, es blitzt, des Tempels Säulen beben, Zur Sühne fordert Brama stracks des Mörders Leben. Aldor. Auf! nenn' ihn mir. Die Rache folge schnell dem Greu'l, llud das verfluchte Haupt fall' unter Henkers Beil. Der Priester. 'stes selbst auf dem Geschoß den Nahmen einge- schnitten. (Überecicht den Pfeil.) G 2 Aldor(Heft). Ha! Korasmin! mein Sohn! Der Priester. Er ist's. K o r a s m i n. Ich bin es.— Mitten In jenem dunkeln Walde, stieß im vollen Lauf, Das GraS berührend kaum, ei» flüchl'ges Reh mir auf, Und, jüngst noch in der Fremde dem Gesetz entzogen, Legt' ich, fast unbewußt, den Pfeil auf meinen Bogen, Von Zagdlust überwältigt, von Begier umgarnt, Drück' ich ihn los, zu spät durch Freundes Ruf gewarnt. Wenn ernste Reue gleich mir schwer die Brust beengt. Doch leid' ich ohne Murren, was das Gesetz verhängt. Der Priester. Den Tod! Aldo r. Halt Priester, sprich das Schreckenswort nicht aus! Erfülle nicht mit Jammer dieses Freudenhaus! Der Priester. Ich thue meine Pflicht. A l d o r. Erbarmen! o Erbarmen! Reiß nicht den liebsten Sohn aus eines Greises Armen! Es war nicht böser Will', es war ja Frevel nicht, Ein fröhlicher Muthwill nur, der aus dem Knaben bricht. Er leidet— schweigt— doch ich— ich darf Verzeihung heischen! Soll i ch der Henker s-yn? mein eignes Kind zerfleischen? Kamst du, gesandt von Brama, das zu fordern her. So bin ich zehnfach harter ja bestraft, als er. Den heil'ge Bande der Natur mit mir verketten! i5« Der Priester. Wohlan! ein Mittel noch kann ihn vom Tode retten. Aldor. Nenn' es geschwind! Ellina. Nenn' es! Der Priester. Wenn ihr den Edlen wisit, Der ihm das Köstlichste zu opfern willig ist, So sey die Schuld»erziehn. Aldo r. Gern! gern! Doch wie erkennt Der blinde Sterbliche, was Brama also nennt! >Der Priester. Wird des Orakels Spruch erfüllet, so erscheint Der holde Genius, deS Fürstenstammes Freund. Kosr u. Wohlan! was mir die Kunst, die himmlische, gegeben, Es sey geopfert willig für des Bruders Leben. (P«,use<) i5r Der Priester. Die Gottheit schweigt. B a b i l o. Mein Glück, die Schätze der Natur, Ich opfre sie, erhalt' ich mir den Bruder nur. (Pause.) Der Priester. Wohl löblich ist der Eifer, den ihr Bruder zeigt. Allein die Gottheit fordert mehr, und Brama schweigt. A>d o r. Schön ist das Loos, der Völker Glück am Her^ zen tragen; Doch ihn zu retten, kann ich auch dem Thron entsagen. Der Priester. Die Götter bleiben stumm. (Pause.) Zambut. Mein eignes Leben nimm! Dem Freunde fließt mein Blut, versöhnend Brama's Grimm. (Paule-) Der Priester. Umsonst! der Gönner Zorn hat sich noch nicht gewendet. Ellina. Dem Bothen, großer Sultan, den dir Buk- dur sendet. Sollst du mich überliefern, das ist mein Begehr. Aldo r. Dich, dem Tyrannen? ich, dein Vater? Nimmermehr! Ellin a. O Sultan! gönne mir, was das Geschick s» selten Dem Dankbaren gewährt: Wohlthaten zu vergelten. Das Köstlichste zu opfern fordert Brama's Spruch; ,55 Nicht Schatz«, Thron noch Leben waren ihm genug; Wenn Schatze, Thron und Leben ihm so wenig galten, O dann ist mir vielleicht die Rettung vorbehalten! Die Freyheit, die ich hier an deinem Hofe fand. Den Abscheu vor des Wüthrichs blutbefleckter Hand, Die Rache meines Vaters, Unschuld meiner Triebe— O laß mich alles sagen— meine heiße Liebe! Sie ist mein Köstlichstes! Gib nach dem Ungestüm Von Bukdur's Forderung— denn alles opfr° ich i h m! (Auf Korasmi» deutend.) (Lin Donnerschlag.) »54 Achte Scene. Der Genius. Die Vorigen. Der Genius. Genug! der Götter Zorn hat milde sich gewem det. Was Männer nicht vermochten, hat ein Weib vollendet. Wer fern das Köstlichste nur sucht, der ist ein Thor; Es liegt ihm nah, ein jeder Welttheil bringt'S hervor. Gleich Brama's Völkern kennt's der wilde Ka- raibe; Es ist ein gutes Weib! es ist die treue Liebe! Sie ebner jeden Pfad, sie heitert jede» Blick, Sie mindert jeden Schmerz, sie mehret jedet Glück, S i e schlinget um den Mann die süßen Rose»' banse. Dem Greise streut sie Blumen oft am Grabes- rande. Mit zarter Schonung trägt, bewegt und hebt sie still. Was dem Geliebten droht, sein Herz verwunden will. Ja, wenn sie Opfer bringt und fremdes Glück behüthet, So thut sie unbewußt, was ihr das Herz gebiethet. Sie scheint sich stets gering; von Selbstsucht keine Spur; Die Freundschaft ist verschwistert, doch ihr Schatten nur! Sie ist das zarteste, gewaltigste der Wesen! Zum Tempel hat sie sich der Frauen Brust erlesen; Da wird in ihrer Füll' und Reinheit sie verehrt: Heil Korasmin! ihm ist das Köstlichste beschert. (Er legt Ellina'» Hau- in dir des Jüngling«.) Korasmin j-iuzück!). Wie dank' ich dir! Daß nie die Wohlthat dich gereue! Der Genius. Hör' auf mein Wort. Bewahr' das Kleinod stet» mit Treue. Behandle zart/ was zart gestaltet/ leicht entflieht/ Wenn der gemeine Sinn es zu sich niederzieht. Nie raube ganz— entflammt von einem wilden Feuer— Der holden Sittsamkeit den jungfräulichen Schleyer/ Der Liebe engster Bund entsaget nicht der^ Scham.— Theilst du die Freude gern/ so theilt sie gern den Gram; Wirst dU/ was dich ergeht/ nie ohne sie genieße«/ So wird auch deine Thräne ungemischt nie fließen; Legst d«/ vertrauend/ alles gern in ihre Brust, So bleibt Verheimlichung auch ihr stets unbewußt. Nicht um ein trübes Wölkchen darf der Mann verzagen, Wenn du mit Schonung trägst, wird sie mit Schonung tragen. Za, störte Laune gleich im Anbeginn die Ruh, So deckt ein süß Gewöhnen alles freundlich zu. l!nd willst du täglich neu der Liebe Nahrung geben. So laß nie unbemerkt der Liebe sanftes Streben. Erkennst du willig laut, was sie im Stillen thut. So gäbe sie für dich im Stillen gern ihr Blut. Nie müsse für erworbnes Recht dein Glück dir gelten. Nie schweigende Gewohnheit gähnend dich durchkälten, Daß du dich glücklich fühlest, sag' ihr oft dem Mund, So dauert ewig neu der schöne Wechselbund l >53 Wo fandst dir nicht allein die köstlichste dst Freuden, Du wirst sie wahrlich auch bewahren bis zum Scheiden! (Alle drängen st» dankend um den Genius, er streckt segnend seine Hände über sie aus.) (Der««»hang fällt.) E u l e n s p i e g e l. E i n dramatischer Schwank einem Aufjug, und in zwanglosen Reime». Personen. Brumm ser,«in Marktschreyer und Quacksalber. Nettchen, fein Mündel. Eulenspieqel, sein Knecht. Frölich, ein junger, reicher Kaufmann. Ein Notarius. Der Schauplatz ist der innere Hofraum«on Brumm» serS Landhause. Links, das Haus selbst; über der Thür ei» Valcon. und neben derselben ein Fenster. Weiter vorwärts noch e,n kleineres Gebäude, VrummscrS Laboratorium, Mit eiserner Thür und vergittertem Fenster. Diele», qe» genüber ein Taubenschlag, mit angelegter Leiter. De» Hintergrund schlief,! ein hohes eisernes Stocket, mit einer verriegelten Pforte. Neben derlelben ein Ziehbrunnen. Erste Scene. Nettchen(kommt au» dem Hause). ^ein, das ist nicht auszustehen! Lieber lauf' ich in die weite Welt! Schlimmer kann es mir doch nicht gehen, Ärger werd' ich nirgend gequält. Immer brummen/ zanken/ schmähten/ Hier verbiethen/ dort befehlen/ Jeden meiner Schritte belauern/ Oder mich sperren zwischen vier Mauer» O die Holle mit allen Teufeln Ist so reich an Bosheit nicht!— Aber dann muß ich gar verzweifeln/ Wenn er vollends von Liebe spricht. 162»ww Zweyte Scene. Frölich. Nettchsn. Fröli chj (erscheint hinter den, eisernen Etacket). Pst! pst! pst! Nettchen(shne Ihn zu hören), Ich arme Dirne! Ob ich weine, klage, zürne. Ist ihm alles einerley. Frölich. Pst! Pst! Pst! Nettchen. O, war' ich frey! Dürft' ich mit der Schwalbe ziehen! Mit der Heidelerche fliehen— Frölich. Nimm mich mit, ich bin dabey. Nettchen(Eckt ihn). Frölich! bist dn es? Frölich. Ja, ja. Nettchen. Ey! bist du lange schon da? Frölich. Wären auch nur Minuten verschwunden. Ach! für mich waren es Stunden Ohne mein Nettchen! Flugs mach' auf! Nettche n. Ey ja doch, womit? Meinst du, man finde Die Schlüssel hier um leichten Kauf? Bey uns sind offne Thüren Sunde. Frölich. O der verdammte Riegel, Der meine Schritte hemmt! Nettchen. Geduld! vielleicht daß Eulenspiegel Zu Hüls uns kömmt. (Sie geht an die Hausthür und ruft hinein!) Eulenspiegel! Eulenspiegel(inwendig). Wer ruft? Nettchen. Fein munter! Nettchen ruft, komm eilig herunter! Eulenspiegek. Ja, ja, ich komme schon. Brummser(inwendig- Wohin; Eulenspiegek. Die Jungfer hat gerufen. Nettchen. Schmer wie Bley ist der Patron, Doch ich hör' ihn auf den Stufen: Tapp! tapp! tapp! tapp! Wie sich daS langsam vorwärts schiebt. »65 Dritte Scene. Eulensp leget. Die Vorigen. Eulenspiegel. Da bin ich. WaS sott ich': Was beliebt! N e t r ch e n. Lieber, süsier Eulenspiegel— Eulenspiegel. Ey, das klingt ja wunderschön! Nettchen. Schieb' hinweg den bösen Riegel, Laß die Pforte offen stehn. Eulenspiegel. Daß ich ein Narr wär'! offen t warum? Nettchen(ihn streichelnd). Du bist so schön, du bist so hold— Eulenspiegel. Ja, schwatzen Sie nur, man ist nicht eitel, Und auch nicht dumm. Frölich (klappert mit einem vollen Beutel durch das kracket). Horch! horch! was klingelt da im Beutel? Eulen sp iegel (wird freundlich). Es klingt wahrhaftig beynah wie Gold. Nettchen(lachend für sich). Die allgemeine Sprache, Die jeder versteht und liest. Von Peking bis nach Brüssel; Der große Wunderschlüssel, Der alle Schlösser schließt. Eulcnspiegel (hat den Beutel genommen und aufgeschlossen). Frölich(springt herein). Endlich ist die Pforte offen! Nahe, nahe bin ich dir! Eulenspiegel (zählt das Ge.a). Eins, zwey, drey, vier. Nettchen. Laß uns lieben, laß uns hoffen. Frölich. Za, du Theure/ hoffe«/ lieben. Eulenspicgel(»äh«). Fünf/ sechs/ sieben. Brum m s e r. (erscheint auf dem Balcon). Ey/ ey, was muß ich sehn! E u l e n s p i e g e l. Acht/ neun/ zehn. F r ö l i ch. Dein verdammter Vormund soll/ Würd' er auch toll/ Unsre Liebe nicht stören. B r u mmse r. Ey/ ey/ was muß ich hören. (Er»erläßt den Baleon, und schleicht aus dem Hause). ,6Ü V i e V t e S c e n r. Brummser. Die Vorigen, Nettchen. Den alten Gecken zu berücken. Schwör' ich dir laut! Frölich. Lasi mit Entzücken Zins Herz dich drücken, Geliebte Braut! (Er will sie umarmen, Vrummser steckt den Kopf dazwischen,) B r u in m ser. Gehorsamer Diener! Frvlich(prallt zurück). Gehorsamer Knecht! Nettchen. O weh uns! mein Vormund— Eulenspiegel <»k>ne Verlegenheit). Da ist ja der Alte. B r u m m s e r. Was steht zu Befehl? Frölich. Meine Gesundheit ist schlecht, Ich hab' ein Fieber. Brummser(spöttisch). Doch wohl nicht das Kalte? Frölich. Das Hitzige, das Kalte, das Gelbe. D Nlin bin ich eilig hieher gekommen, -^cn„ ich habe mit Rühmens vernommen Vom großen Brummser! Sie sind doch derselbe? Bruinmse r. 6rumms6ru8 Magnns! so werd' ich genannt, 3» ganz Europa bin ich bekannt. Arölich(leise). kü ummsorus AIsFnus! so nennt er sich keck. Nettchen(leise). Nutze die Schwachheit, ertrage den Geck. Kotzetüc's Tbeatee 26. B.md. H Eulenspieget. ljiumMseru» Vlaxnus! wie herrlich das klingt! Viel Segen das Klappern beym Handwerke bringt. B r u ni inse r. Sie scheinen mir ein schwerer Patient. Ach sehe wie in Ihre» Augen Die Muth des Fiebers brennt. (Bey Scitk.) Weil, nnta Kenn, Er meine schone. Nur allzu schöne Mündel kennt. (Laut.) - Doch soll ich ein Recept verschreiben. So bleiben Sie mit mir allein. ^- Frölich. Bald sanfter Art, da sing' ich zierlich; Bald heftig, da gerath' ich in Wuth! Brummser(furchtsam). Ey! ey! § röli ch. Zum Beyspiel:(Er singt.) Süße Triebe Erfüllen oft den Busen mir, Du holdes Mädchen, das ich liebe, D i r gelte dieß Bekenntniß, dir! (Er wirft Nettchen verstohlen einen Kuli zu 1 B r u m IN s e r. Scharmant! das Ding recht artig klingt; Ich mag wohl leiden wenn Tollheit singt. Frölich. Ja, blieb' es nur immer dabey. So wäre mir's einerley; Denn wenn ich plötzlich wüthe— Brummss r. Ein Furor! Gott behüthe! Frölich. Dann faßt mich die Wüth! Ich lechze nach Blut! Ich balle die Faust, Der Kopf will bersten. Es saust und braust, Ich packe den ersten, Mir unbewußt. Und schüttl' ihm die Brust! (Er schüttelt Bruwmscr.) Bru!ii in s e r. Auweh! auweh! Frolich(sehr HSlüch). Sie werden verzeihen. B r u m m s e r. Mag sich der Henker zur Probe leihen, Fröli ch. Sie sehn, was Paropismus thut; Vergeben Sie den Schrecken. B r u m m s e r. Schon gut, schon gut. Ich habe blaue Flecken. Froli ch. Auch dieses Fieber Geht bald vorüber. »77 Von meinem Mädchen ein holder Blick/ Und schnell kehrt die Besinnung zurück. Dann kommt der lust'ge Wahnsinn: 2ch scherze, lache, singe, Hüpft/ tanze, springe. Gleich einem trunkenen Faune, Walz' ich in fröhlicher Laune. (Er ergreift Brummser und walzt mit ihm.) Brummser(außer Athem). Blitz und Hagel! ohne Zweifel Hat Sie eine Tarantel gestochen? Frolich(sehr höflich). Bitt' um Vergebung— Brummse r. Hohl' Sie der Teufel! In vier Wochen Fühl' ich kaum wieder Die verrenkten Glieder. Frolich. Sie kennen nun ganz den Jammer, Von dem ich vollgepfropft; Sie sehen, wie der Hammer Des Schicksals mich zerklopft. Ich puhste wie der Frosch im Schilfe, Mein Leben ist eine taube Nuß; Von Ihnen allein erwart' ich Hülfe, O großer LrummsariiS. B r u m m s e r. Sehr wohl, doch Eines beding' ich mir aus Wollen Sie mich finden In Dero eignem Haus, So lassen Sie vorher sich binden. Frolich (»ach Neitchen blickend). Ich bin schon gebunden. Auf ewig gebunden! Seit einem Jahr. B r umm se r(bey Seit«). Wollte der Himmel, es wäre wahr. Frolich. Und ich liebe meine Fesseln. Brummser(bey Seite). Der Paroxismus meldet sich. Frolich. Hier allein ist Trost für mich. >79 Sitz' ich zu Hause wie auf Nesseln, Darf ich nur an Brnmmser denken, Und zu ihm die Schritte lenken, Und mit neugebornen Kräften Auf sein Haus die Blicke heften— (Er blickt zärtlich nach dem Valcon.) Brummser (folgt der Richtung seiner Augen, und wird plötzlich Nett, che» gewahr). Heda! he! was soll das seyn? Unverschämte Dirne! Zu der Nadel, zu dem Zwirne Packe dich sogleich hinein! Nettchen(verschwindet). Brummser(zu Eulenspiegel). Und du Esel stehst daneben? He! befahl ich dir nicht schon Aufzupassen? Acht zu geben? Eulenspiegel. Auf die T h tt r, nicht auf den Balcon. B r u m m s e r. Du bist ein Schovs! wirst nimmer lernen Zu rechter Zeit blöken. lütt Euleuspi egel. Warum nicht? bah! Brummser(z„ Frölich). Sie bitt' ich, mein Herr, sich zu entfernen. Ich leide Sie nicht in der Nah'. Frölich. Sielassen mich hülfloS? Ihr Blick ist höhnisch? Mein Zustand kann Sie nicht bewegen? B r u m m s e r. Geh'n Sie nach Haus. Ihr Übel ist sthenisch, Sie müssen sich zu Bette legen; Viel Wassersuppen, viel Limonade, Spanische Fliegen auf die Wade, Rhabarber, Magnesia,^paritivum, Llectuavium lanitnurn, Drey Stunden des Tags im warmen Bade— F roli ch. Gnade! Gnade! B r u mmse r. lind will das alles noch nicht helfen Aus der Verlegenheit, So hohlen Sie in einem Monath oder zwölfe» Den ferneren Bescheid. Frölich. Ich drücke Sie, großer Hippokrates, An meine dankbare Brust entzückt! Wie einst der starke Herkules Den Bengel Antheus hat gedrückt. (Er umarmt ihn heftig.) B r u m m se r. Au weh! au weh! schon genug! schon genug! Frölich. Für meine Dankbarkeit viel zu wenig. O war' ich ein Fürst! o war' ich ein König: O konnt' ich mahlen! o schrieb ich ein Buch! B r u m m s e r. Schon genug! schon genug! Frölich. So leben Sie wohl! B r u m ni s e r. Ihr Diener, mein Herr. Fröli ch. Ich geh— B r u m m s e r. Ich bedaure— Frölich. Wie, Sie bedauern? So will ich noch bleiben. Brum>11 s e r. Nicht doch, mein Herr, Sie müssen zu Bette; ich würde betrauern, Wenn Ihre Genesung Aufschub litt. Frölich. So geh' ich nach Hause Schritt vor Schritt. Brummser(bey Seite). O, war' er nur schon fern! F r 0 l i ch. Doch möcht' ich zuvor noch gern Dem schönen Mündel mich empfehlen. Brummser(bey Seite). Will mich der Satan ewig quälen? F r ö l i ch. Erlauben Sie— (Er macht Miene in das Haus zu gehn.) B r u m m s e r. Mit nichten! mitnichten! Ich will den Gruß schon selber ausrichten. r85 FrLlich. Sie selbst? Großmüthiger! wohlan, Belieben Sie ihr zu sagen: Ich liebe sie! ich bethe sie an! Bru m m s e r(bey Seite). M i r so etwas aufzutragen! Fröli ch. Bald klingen die Hochzeitlicher, Bald träufelt auf Hymens Gefieder Der Liebe Honigseim; Dann führ' ich als meine Braut sie heim. B r u in in se r. Der Paroxismus kommt schon wieder. Gehn Sie, gehn Sie! F r ö l i ch. Ich gehe schon. B ru m m ser(bey Seite). Der Schelm wird immer kühner, Er spricht mir Hohn. F r o l i ch. Gehorsamer Diener! Ich gehe schon.(Geht lachend ab.) '«4 Sechste Scene. Brummser und Eulenspiegel. B r u mmse v. Geh du zur Hölle! Uf! endlich bin ich den Satan los. Mir soll er nicht wieder über die Schwelle. He! Eulenspiegel! Du Erdenkloß! » Eulenspiegel. Herr Doctor— B r u m m s e r. Rindvieh! Eulenspiegel. Doctor Rindvieh? B r u m m s e r. Sprich! bist du taub.und blind? Wie? Warum hast du, statt aufzupassen. Den Menschen herein auf den Hof gelassen! Eulenspiegel. Sie haben mir's ja nicht verbothen. B r u m mse r. Nun seh' mir Einer den Hottentotte»! Muß ich dir denn alles verbiethen? E u l e n s p i e g e l. Alles. B r u mmse r. Wohlan, so hör' und gib wohl Acht, Sonst magst du dich vor Schlagen hüthen. Eulenspiegel. Ich hör' und gebe Acht. Wenn man mir's nur deutlich macht. Brum m s e r. Erzeigt er mir noch einmahl die Ehre, Läßt er mein Mündel nicht in Ruh, Und will er in's Haus, so schlag' ihm— höre Schlag' ihm die Thür vor der Nase zu! Eulenspiegel. Vor der Nase zu! B r u mmse r. zeig' ihm den Weg zur Pforte. Eulenspiegel. Da! Brummser. Hast du mich jetzt verstanden? Eulenspiegel. Ja. Brummser (herumgehen- für sich). Willst du, bey strenger Wachsamkeit, Nicht Wasser schöpfen mit dem Siebe, So halt' die Herrchen weit! weit! weit Gelegenheit macht Diebe. Es sträubt sich manche schöne Frau Wohl gegen Kuß und Liebe, Doch, Amor ist so schlau, so schlau— Gelegenheit macht Diebe! Was hilsk's, wenn hochgelahrt und klug Man dicke Bücher schriebe? Ein Blick sagt mehr als manches Buch, Gelegenheit macht Diebe! Lest nur vom Kobold Rübezahl Das Mährchen von der Rübe; Glatt ist die Unschuld wie ein Aal, Gelegenheit macht Diebe! 187 D'rum, wer verständig ist/ gleich mir/ Der stell' eine Schildwach vor die Thür. (Er geht in's HeuS.) Siebente Scene. Eulenspiegel allein. Ich thue/ als ein guter Christ/ Nicht mehr als mir befohlen ist/ Wie es gebührt dem treuen Knechte/ Und dabey komm' ich immer zurechte. Achte Scene- Fr 0 lich. Eulenspiegel. Frölich(herbeyschteicheud). Ist endlich dein Brummbär fort? Eulenspiegel. O ja. Ey/ ey/ sind Sie schon wieder da? Ich dachte/ Sie lägen schon längst im Bette. i6Ü Frölich. Hilf mir in's Brauche«, so will ich dich segne», So soll es Thaler auf dich regnen, Auch wohl Ducaten um die Wette. Eulenspiegel. In Gottes Nahmen! regnet's Ducaten, So kann ich des Regenschirms entrathen. F r L l i ch. Nun wohl, der Handel ist geschloffen, ^zetzt laß mich schnell in's Haus hinein. Eulenspiegel. Zu dieses Haus? F r ö l i ch. Wozu die Possen? In welches andre? Eulenspiegel. Sie wollen herein? So treten Sie naher, ich gehe mit Ihnen, Und werde Sie sogleich bedienen. Frölich. Geschwind Eulenspiegel (führt ihn an die Thür, öffnet sie ein wenig, und als Vröüch hineinschüivfcn will, schlägt er sie zu). Frölich. Was machst du Schurke? Eulenspiegel. Ich schlage Die Thür Ihnen vor der Nase zu. Frölich. , Was soll das heißen? Du Grobian/ du! Eulenspiegel. An meinen Herrn thun Sie die Frage/ Der hat's befohlen. Frölich. Erfüllst du alle Befehle so gewissenhaft? Eulenspiegel. kp/ das versteht sich/ in jedem Falle. Frölich. Auch wenn er dir Prügel dadurch verschafft? Eulenspiegel. Auch dann. Frölich. Doch, wenn man dir Gold verspricht* Eulenspiegel. Gold und Prügel rühren mich nicht. F r ö l i ch. Und wenn man dich todt zu schlagen droht? Eulenspiegel. Je nun, da schlag' ich wieder todt. Frölich(k>e„ Seite). Verdammter Kerl!— was hilft mein Fluchen Ich muß es auf andere Weise versuchen. (Laut.) Ich könnte dich würgen! ich könnte dich morden Doch höre! Thust du auch wohl mehr. Als dir ausdrücklich befohlen worden? Eulenspiegel. Nicht mehr und auch nicht weniger, Ich geh' die grade Straße. F r ö l i ch. Nun wohl, die Thür vor der Nase Schlugst du mir zu? EII l e n sp i eg e l. Ganz recht. Das hab' ich gethan als ein ehrlicher Knecht. Frölich. Freylich, mehr hast du nicht übernommen. Erfüllt ist deine Pflicht. Eulcnspiegel. Vollkommen. Frölich. Wie aber, wenn es sich zutrüge, Daß ich hinein durch's Fenster stiege? E u l e n s p i e g e l. Durch's Fenster? Meinetwegen! verbothen ist das nicht. F r ö l i ch. Habe Dank, du breites Gesicht, Empfange den goldnen Regen: (Er gibt ihm Geld.) lind NUN das Fenster auf, geschwind! Eulenspiegel (indem er das Fenster öffnet). Wenn Sie ein lockerer Zeisig sind. Was kümmert's mich? was geht's mich an r Ich habe meine Pflicht gethan, Und wenn man seine Pflicht nur thut— Frolich (indem er sich fertig macht einzusteigen). Ey freylich, dann ist alles gut. (Er versuch« hinauf zu klimmen, es geht«her nicht.) Das dumme Fenster ist doch Verzweifelt hoch. E u l e n sp i e g e l. Wissen Sie was, ich will mich bücken.' Steigen Sie mir auf den Rücken. (Er stutzt die Hände auf die Knie, und kauert sich vor dem Fenster.) Frölich (klettert ihm auf den Rucken, und von da hinein). Bravo! das geht! Eulenspiegel. Wenn man sich nur versteht. Frolich (schwingt sich vollends hinein). Dir soll man Lorberkranze flechten, Du Muster von treuen Knechten! (Er macht da« Fenster zu und verschwindet.) Neunte S e e n Eulenspiegel allein. Da hat er ein wahres Wort gesprochen. Denn eher laß' ich mich braten und kochen, Eh' sich, um einen Finger breit. Den Abweg mein Gewissen verzeiht. Der Herr befiehlt und ich gehorche. So will es meine Pflicht; Wie dann es geh', ist seine SolHe, Ich räsonnire nicht. Das viele Räsonniren Kann leichtlich irre führen; Mit eitlem Demonstriren Die schöne Zeit verlieren, Statt Fuß und Hand zu rühren, Nach dem Warum stets spüren. Das Darum prätendiren, ^ud so den Herrn verirrn. Das will sich nicht gebühren, Nein, nein, nein, nein. Das will sich nicht gebühren. Ksh«ruk'e keiner atz. Band. ig4 Zehnte Scene. Brummser. Frolich. Eulenspiegel. B r u mmse r (den ungebethsnen Gast berausnöthigend). Belieben Sie nur heraus zu spazieren. Frolich. Beliebe der Herr Doctor voran zu gehn. B r u m m se r. O machen Sie keine Complimente. Frolich. Daß ich zu leben weiß, sollen Sie sehn. Brummser (stößt ihn ungeduldig heraus). Fort! üben Sie anderwo Ihre Talente. Frolich. Zch merke, Sie sind ein Genie, Da fehlt es an göttlicher Grobheit nie. Brummser. Em Kraft-Genie zu dienen; Sir aber sind ein Kniff-Genie, Und vor Genie's gleich Ihnen, Sollte man bethen in allen Kirchen! Sie schleichen wie ein Marder herein Mein armes Täubchen zu erwürgen. Fröli ch. Erwürgen? Wer möchte so grausam seyn! Nur füttern— D r u mmse r. Wird ohnehin nicht vergessen. F r ö l i ch. Ein Täubchen aber will nicht bloß essen, Man muß ihm schmeicheln, man muß es kirren,; Es will auch schnäbeln, es will auch girren. Brummse r. Das kann sie alles bey mir daheim, D'rum sparen Sie Ihren Vogelleim. Frolich. Bey Ihnen? warum nicht gar! Da hat es keine Gefahr. Sie, großer Mann und alter Knabe, Sie werden sich nicht mit Mädchen befassen, Gar bis zum Girren herab sich lassen? I 2 Brummser. Und wenn ich girren will wie ein Rabe, Oder wie eine Rohrdommel klagen, Oder wie eine Nachtigall schlagen. So hat kein Mensch darnach zu fragen. F röli ch. Sie sind ein Philosoph, ein Denker! B r u m m s e r. Gehn Sie, Herr Naseweis,, zum Henker Frolich. Sie müssen wie Hippokrates, Nach hohem Dingen zielen, Und dürfen nicht, wie Herkules, Mit Spinnerocken spielen. Brum m fe r. Zch werde thun was mir beliebt, Verlorne Müh' der Herr sich gibt. F r ö l i ch- Ein zweyter Xenokrat, So kalt wie eine Büste, Verachten Sir die Lüste, Befolgen Sie den Rath. 197 Brummser(b«y Seite). Ertappt auf frischer That/ Will er mich noch vexiren! (Laut.) Ich bitte zu spazieren/ Das ist ein guter Rath. Frölich. Sie stoßen Freundes Hand zurück? Brummser(s«y Seite). Brach' ihm der Satan das Genick Frölich. So leben Sie denn ewig wohl! Brummser(be, Seite). O/ saß er auf dem Eis am Pol! Frölich. Ich sehe von Liebe berückt. Ich sehe von Netzen bestrickt. Den Philosophen, den Denker! Es ist nicht meine Schuld. Brummser. D, gehn Sie doch endlich zum Henker: Es reißt mir die Geduld. Frölich(,m Abg-Hn), O weh! o weh! B r u mmse r. Adieu? Adieu! ELlfte Scene. Brttmmser. Eulenspie gel. B r u mmse r. Ha, welch' ein Spott! ha, welch' ein Trotz Möcht' ihn der Satan lebendig hohlen! Doch jetzt zu dir, du dicker Klotz! Hab' ich dir nicht ausdrücklich befohlen, Du sollst dem verdammten jungen Herrn Die Thüre vor der Nase sperr'n! E u l s n s p i e g e l. Nun ja, ganz recht. Ich hab' es gethan. B r u m in s e r. Unnützer Knecht! Laß hören, wie singst du es an? *99 E u l e n sp ieg e l. Er kommt/ ich stehe; er plappert/ ich verstumme; Er bittet/ ich schweige; er drohet/ ich brumme; Er spricht: ich will hinein! Ich spreche: es kann nicht seyn; Er läßt mir keine Ruh/ Ich schlag' ihm die Thür vor der Nase zu. B r u m m se r. Unverschämte Lüge! Eulenspiegel. Meint Zhv/ ich» betrüge? Bru m mser. Ey/ so erkläre mir doch/ Ist er/ wie die Gespenster/ Durch's Schlüsselloch gegangen' Eulenspiegel' Der Maurer ließ ein Loch. Das nennet man ein Fenster/ Da ist er hineingegangen. Brummse r> Und das bekennst du ohne Scheu? 2ov Eulenspiegel. Ja, felsenfest ist meine Treu. B r u m msc r. Hast wohl gar zugesehn? Eulenspieg es. Ich blieb nicht müßig stehn. Das Fenster war hoch, ich mußte mich bücken; Er klettert' empor, ich lieh ihm den Rücken, B rummse r. Bravo! bravo! Du Bosewicht! So tanzest du nach fremden Noten? Und leihest ledem Narren die Pfoten? E u l e n f p i e g e l. Ihr habt ja nur die Thür verbothen. Allein, das Fenster nicht. B r u m m s e r. Ich lasse dich köpfen und hängen, Ich lasse dich brennen und sengen. Ich lasse in Ketten dich schmieden, Ich lasse dich braten und sieden— E u l e n sp i e g e l. Du lieber Gort! warum? """ LOI BruNImser. Weil du so dumm bist, dumm! dumm! dumm. E u l e n sp i e g e l. Ey, ich begreife doch sonst ganz leidlich; Habt nur die Güte klar und deutlich Cure Befehle kund zu machen. Brum m s e r. Soll ich mich ärgern? soll ich lachen llber den dicken Knoll? Begreifst du Tölpel denn nicht. Daß jener junge Wicht Mein Haus gar nicht betreten soll? Eulenspiegel (lehr»erwandert). Gar nicht! B r u m m s e r. Gar nicht, mein Allerschönster! Weder durch die Thür, noch durch das Fenster, Noch über den Söller da, Noch durch den Schornstein, Noch durch die Mauer, schlüg' er etwa Ein Loch hinein. Jetzt wird es ooch verständlich seyn? Eulenspiegel. K ja/ o ja. Nunmehr versteh' ich's bald. B r u m m s e r. Und kam' er mit Satans- Gewalt Dem Mädchen doch zu nah/ So darfst du es nicht leiden/ Mußt immer zwischen Beyden stehn/ Horst du? E u l e n s p i e g e l. Ich stehe zwischen Beyden. Bruinmse r. Leicht konnt' er ihr das Köpfchen verdrehn/ D'rum laß sie kein Wort mit einander reden. Eulenspiegel. Kein Wort. B r u m m sc r. Und wollt' er sich gar entblöden Sie zu beschenken— Eulenspiegel. Ey bewahre! 5o3 B r u mmse r. Ein Ringelchen von seinem Haare§ Oder sonst dergleichen Verliebte Zeichen; So schneid' ihm ein gräßlich Gesicht/ Und leid' es nicht. Eulenspiegel. Nun, Herr Doctor, ist's verständlich. B r n m m se r. Endlich! endlich! Jetzt muß ich zu meinen Patienten gehn. Noch einmahl, keine Katze Laß über meine Schwelle! Du magst hier wandeln, sitzen, stehn/ Nur weiche nicht von diesem Platze. Eulenspiegel. Nicht von der Stelle. Brummser(für sich). Das gelbe Fieber zu curiren. Ist eine schwere Kunst, Doch leichter als den Herzgeschwüren Vorn Gift der Liebe nachzuspüren. Da gibt es blauen Dunst. 20^ » Schelling! Röschlaub! ihr sublimen Geister! Im Reiben und Erregen seyd ihr Meister! Doch wie die Potenz der Liebe zu entfernen, DaS inüsit ihr noch vom großen Drummser lernen.(m.) Zwölfte Scene. Eulenspiegel allein. Undank ist der Welt Lohn. Thu' ich gleich pünctlich was mir befohlen. So hör' ich doch nichts als Schelten und Drohn, Er laßt mich wohl gar vom Teufel hohlen. That' ich nun vollends mehr als befohlen, Du lieber Himmel! Dann gab' es Getümmel! Nein, ich wanke nicht aus dem Gleise, Und bleibe bey meiner alten Weise.— Hier darf ich auf- und niedergehen. (Er thut es.) Zwölftausend Schritt auf eine Meile.— Das macht mir aber lange Weile.— 2ü5 Ich darf auch stehen. (Er steht.) Was soll das nützen? Man steht sich müde. Das ist das Ende vom Liede.—- Ich darf auch sitze». Das ist die beste Uralte Mode. (Er setzt sich auf eine Bank vor dem Haufe.) Knöpf' auf die Weste. Mach' dir's commode. Ein wenig schlummern darf ich auch. Das ist beym Sitzen so mein Gebrauch; Das hat mir Niemand untersagt, D'rum sey's gewagt.— (Er fängt an zu schlummern,) Ihr liebe» Engelein— Ich schlummr' auf diesem harten Stein Laßt mich die Zacobsleiter— Im Traume sehn— Und alle Bärenhäuter— Tanz still vorüber gehn— (Er schnarcht,) 2o6 Dreyzehnte Scene. Nettchen(erschemt mit einer Guitarre auf dtt» Daicoii und singt). Vor eines Mädchens Thüre stand Freund Amor wohlgezogen; Er schien zu schlummern, seiner Hand Entfiel der schlaffe Bogen. O trau ihm nicht! Er schlummert nicht, Der Schalk ist immer munter. Herr Plutus klingelt früh und spät Mit Gold ihm um die Ohren; Allein wo Amor Schildwach steht. Hat Gold die Kraft verloren. Nein, nein, nein, nein! Das Mägdelein Schaut spottend aus dem Fenster. Der Gott der Ehre locket ihn, Will Kranz und Krön' ihm leihen Doch wo der Liebe Rosen blühn, Kann Lorber nicht gedeihen. 2o7 Ein niedres Dach Am klaren Bach— Zufrieden ist die Liebe. Darum/ wo Amor Wache halt/ Ist jede List vergebens. Die Liebe trägt in sich die Welt/ Und den Genuß des Lebens. Weg Gold und Ruhm Vom Heiligthum Der ewig treuen Liebe! Vierzehnte Scene. Frolich. Die Vorigen. Frölich. Nettchens Stimme hab' ich vernommen. Nettchen. Willkommen! willkommen! Frolich. i O eil' herab zu mir! Nettche n- verschlossen ist ja die Thür. Frölich. Wo ist dein Vormund? Nettche n. ?lusgegangen. Fröli ch. Erwünscht! Wie komm' ich hinauf? Wie hab' ich's anzufangen? Ne ttchen. Sieh dich zuvor nach Eulenfpiegel um. Frölich. O, der ist stumm. Da liegt er und schnarcht. N e t t ch e n. Er schlaft? desto besser! Dann wecket ihn kein Ungewitter. F r o l i ch. Ja, war' ich nur ein Schlösser! Verdammte Thür! N e t t ch e n. Du blinder Ritter, Siehst du nicht die Leiter stehn. Drüben am Taubenschlage? Frölich. Herrlich! herrstch! mm wird's gehn. (Er höhlt die Letter.) Nettchen. Ist sie schwer? Frölich. Wie gern ich trage! N ettche n. Nimm dich in Acht. Frölich. Wie gern ich's wage! (Er legt die Leiter an.) Ein wenig kurz— wird sie auch stehn? Doch Muth gefaßt— es muß schon gehn. (Als er den F„S auf sie Sprosse setzt, glitscht die Leiter ob, und er fallt mit sammt der Leiter auf Eulenspiegel.) Eulenspiegel(schreyt). Au weh! au weh! au weh! Frölich. Still! still! Nettchen. Ich bin des Todes. E u l e»sp i ege l. Au weh/ meine Nase! Frolich. Ob er das Maul wohl halten will? Eule ns pieg el. Au weh, meine Rippen! F r ö l i ch. Furchtsamer Hase! Du liegst ja bequem im weichen Grase. Eulenspiegel(steht auf). Der ganze Balcon, ein Dutzend Pilaster Sind mir herab auf die Nase gefalle». N e t t ch e n (läßt an einem Bindfaden eine Bouteille Champagner herunter). Hier ist Balsam. Frölich(gibt ihm Geld). Hier ein Master. Eulcnspiegel (plötzlich beruhigt). Ja so! so last' ich mir'ö gefallen. Frölich. Jetzt offne die Thür. Eulenspieg el. Es darf nicht seyn. Frolich. So laß mich wieder zum Fenster hinein. Eulenspiegel. Ist auch verbothen. F r ö l i ch. Doch auf den Balcon Zu klettern^ daS erlaubst du schon? Komm her, du sollst die Leiter halten. Eulenspiegel (schütte!! den Kops). Thür, Fenster, Schornstein, Mauer, Balcon Ist alles streng verbothen vom Alten. F r ö l i ch. 3ch darf also gar nicht in das Haus? Eulenspiegel. Gar nicht. Frölich. Doch, Nettchen darf heraus? Enl e»sp i eg e l. Heraus? O ja. DaS kann geschehn, Das hat der Alte nicht untersagt. Nettchsn. Ich komme. Frölich. Schließ auf. Eulenspiegel (schließt die Thür auf). Frölich. Jetzt unverzagt! Nettchen(kommt heraus). Frölich («M ihr mit offenen Armen entgegen eilen). Mein Nettchen! Eulenspiegel. Halt! ich muß dazwischen steh»- Auch sollen Sie sich nicht erfrechen, Ein einziges Wörtchen mit einander zu sprechet. Frölich. Nicht sprechen? Bist du von Sinnen? 2l5""" Eulenspie gel. So lautet mein Befehl. F r ö l i ch. Hier sind Ducaten zu gewinnen/ Oder Prügel, wähl'! Eulenspiegel. Ich wähle keines von beyden. Nettchen. Du Stvrer unsrer Freuden! Frolich. Er meint/ er drohe Kindern z Du Thor sollst mich nicht hindern, Daß ich mein Glück genieße. Sprich, Nettchen, ohne Scheu. E u l e n s p i e g e?, Dann erheb' ich ein Geschrey, Als steck' ich am Spieße. F r ö l i ch. Verdammter Kerl! Den zur Vernunft zu bringen Wird nie gelingen. Doch kchre> Sprechen dürfen wir nicht? List Eule»spiegel. Durchaus nicht. F r ö l i ch. Aber singen? Das läuft nicht wider deine Pflicht? Eul en sp ieg e l. Das Singen? nein, ist nicht verbothen, Ja, singen mögen Sie nach Note». Frölich(singt). So möge mein Gesang Dir meine Leiden klagen. Ncttchen(s-ng«). So möge Iiein Gesang Dir, was ich fühle, sagen. F röli ch. Das Hetz, das treu dich liebt. Verzehren keusche Flammen. Eulenspiegel(spricht- Singtihr was euch beliebt! Nur redet nicht zusammen. Nettchen(gnzi). Wie lösen wir den Knoten, Eh' mir der Gram das Herze bricht? Li5 Ettle n spleg el(spricht)^ Das Rede» ist verbothen. Allein das Singen nicht. Frölich^stngt). Entflieh' an meiner Hand Dem Unhold der dich peinigt. Nettchen(singt). Ja, durch ein süßes Band Werd' ich mit dir vereinigt. Eulenspiegel(spricht). Ich bleib die Scheidewand, Sonst werd' ich todt gesteinigt. Frölich. Was soll das bedeuten? Stets zwischen ihr und mir? Unnütze Höflichkeiten Erspare dir. Eulen spie gel. Ey höflich hin und höflich her! Ich thu' nur meine Pflicht. Verliebte hüthen ist gar schwer, 2ch weich' und wanke nicht. Frölich. Eulenspiegel, hab' Erbarmen Ll6 Mit meiner Qual! Laß mich nur ein einziges Mahl Die Geliebte umarmen. Eulenfpiegel. Meinetwegen hundert Mahl. Frölich. O du prächtiger/ goldener Freund! (Er will auf N-ttchcn zugehen, sie zu umarmen.) Eulenspiegel (stößt ihn zurück). Halt! halt! so war es nicht gemeint. F r ö l i ch. Wie? sprachst du nicht selber/ es könne geschehen? Eulenspiegel. O ja/ doch muß ich dazwischen stehen-. Frölich. Dickwannst! wenn du dazwischen stehst/ Und wie ein Frosch dich blähst. Wie meinst du, daß ich's möglich mache? E ulenspi eg el. Das geht mich nichts an, das ist Ihre Sache- 217 Frolicb. Deine Treu' entzücket mich. Aber sprich: Wie lautet der Befehl doch eigentlich? E u l e n s p i e g e l. Damit will ich dienen: „Kommt der junge Herr etwa „Meinem Mündel doch zu nah, „So bleibe immer zwischen ihnen." F r ö l i ch. Gut, aber was soll das Stehe n nützen? Du bist ein wenig schwer bey Leibe, Darfst du nicht auch sitzen? Eulenspiegel. Gleich viel, wenn ich nur zwischen Ihnen bleibe. F r o l i ch. D setze dich, mach' dir's bequem, Dann schmeckt auch der Champagner besser. E u l e n s p i e g e l. Ja, ja, das Sitzen ist angenehm, Und auch die Lust am Trinken grosser. (Er seht sich auf den Boden und trinkt. Frölich und Nett! He» stehen ihm zu beyden Seiten, und umarmen sich über feinem Kopf) Kohebus's Theater rtz. Ban». K Frölich. Trotz allen Hindernissen Darf ich dich endlich küssen. Eulen spiegel (den Kopf üvcrbieaend und freundlich hinauf hlinzend). Ha! ha! ha! ha! Was seh' ich da d (Er seht die Flasche an.) Glu! glu! glu! glu! Nur immer zu. Frolich(Netichen küssend). Auch in der Liebe Paradies Schmeckt das Verbothne doppelt süß. E u l e n s p i e g e l. Nur zu! nur zu! 2 l c) Fünfzehnte Scene. Brummser. Die Vorigen. (Brummscr tritt plötzlich auf, und sieht die Wirthschaft Mit an. Er will schreyen und kann nicht; er will hinlaufen> der Schrecke» hat ihm die Fülle gelähmt. Endlich schreyt er, die Liebenden fahren auseinander, Eulenspie- gel bleibt sitzen.) BruIN INse r. Heda! Krieg! Pestilenz und Flammen! Hat der Teufel euch wieder beysammen? Froli ch. Ey/ ey/ besinnen Sie sich doch! Ist Amor ein Teufel? B r u in ,n ser. Schlimmer noch! Denn lieber will ich den Satan begrüßen. Mit Hörnern und mit Bocksfüßen, Als den Buben mit Köcher und Pfeil. N e t t ch e n. Ich sehe siebeyde vor mir stehen. B r u m m se r. die Geduld ist's nun geschehen! K 2 220""" Frolrch Sie Jupiter mit dem Donnerkeil! B r ii m m s e r. Die Sanstmmh brachte keine Frucht/ Jetzt wird die Autorität versucht. Dich/ Jungfer Naseweiß sperr' ich ein. N e t t ch e n. Sehr wohl. B r u mmsc r. Ich gebe dir Wasser und Brot. N e t t ch e n. Auch gut. Mir wird vergebens gedroht. Brummse r. Und morgen soll unsre Hochzeit seyn. N s t t ch e n. Au weh! dann häng' ich mich! Bru m m s e r. Bekommst keinen Strick. Nettchen. Ich springe zum Fenster hinaus/ Und breche mir das Genick. B r!i mmse r. Dafür weiß ich Rath. Nicht in mein Haus, Dort in das Laboratorium Wirst du fein sauber eingeschlossen, Da sind die Fenster um und um Verwahrt mit dicken eisernen Sprossen. (Er schließt die Thür des Laboratoriums auf.) N e t t ch e n. Ich schlage Ihnen alle Retorten entzwey! Frölich. Amor spottet der eisernen Stäbe. Brummser. Nach Belieben, das steht ihm frey; Doch, so wahr ich Lrummgorus lebe! Meine Riegel wird er nicht sprengen. (Er ergreift Nettche» und zieht sie nach dem Laboratorium. FrSlich will ihr zu Hülfe kommen, Eulenspieget tritt dazwischen und streckt ihm die geballte Faust entgegen.) Nettchen. An mein Strumpfband will ich mich hangen' B r u m m s e r. Das ist nur so eine Redensart. 222 Wird sich schon geben bey glänzenden Festen, Die ich zur Hochzeit aufgespart. F r ö l i ch. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Brummser. Marsch! fort! hinein!. Frolich. Geliebtes Nettchen! Um meinetwillen seh' ich dich leiden! Nettchen(>»> Abgehen). Fasse Muth, mich wird dein Bild 'Auch in den Kerker begleiten. B r u m mssr (indem er fsrgkältig verschließ«). Fein wild! fein wild! Mit Worten mögt Ihr spielen. Hier mag sich die Hitze ein wenig kühlen. Nett ch e n (steck! hinter seinem Rücken die Hand durch das Gitter, die Frvlich schnell ergreift und küßt). Brummser(wird es gewahr). Wollt ihr aus einander! gottloses Pack! 223 Jetzt, Herr, tragen Sie Ihren neuen Frack Wo anders hin, Gott soll mich verdammen! Sonst ruf' ich meine Leute zusammen. F r ö l i ch. Laß sehn, du altes Brummeisen, Wer hat die größte Macht auszuweisen? B r u m m s e r. Mein Gärtner— Frö li ch. Meine Liebe— B r u m m s e r. Mein Kutscher— Frölich. Mein Muth! Brummser. Der Hausknecht— Frölich. Die Hoffnung—- Bruw mser. Der Koch— Frölich. Die Beharrlichkeit— kurz und gut! 224 Nennen Sie mir ein Dutzend noch. Und wenn Sie ersticken und vergehen In Ihrer Galle, So überlist' ich dennoch sie alle. Brummse r. DaS wollen wir sehn! das wollen wir sehn! F r ö l i ch. Hört meinen Schwur, Ihr Götter! Auch du Geliebte, höre! Ich schwöre, ja ich schwöre. Die Liebe wird dein Retter! Es spotten unmcichtiger Wuth Die Liebe— die List— der Muth! Wer lahmet Amors Flügel? Nicht Brummser noch Eulenspiegel! Nicht Gitter noch Riegel, Nicht Sabomon's Siegel, Bellerophon's Zügel, Hippokrates Tiegel, Besitzen der Kräfte genug, Lu hemmen der Liebe gewaltigen Flug! (Er geht ab.) 225 Sechszchnte Scene. Die Vorige» ohne Frölich. Bru in l» se r. Geh' Prahler! Noch hast du nicht die Beute. Doch musi ich eilen, hier ist Gefahr, Denn ach! mein Mündel erreicht schon heute Das ein und zwanzigste Jahr; Ist morgen meiner Gewalt entzogen, Und dann wär' ich verdammt betrogen. Zum Glücke weist sie nichts davon. Weil unter verliebten Frauenzimmern Sich wenige um dergleichen bekümmern. Doch werd' ich wohl thun, heute schon Mit ihr-zu theilen das Hochzeitlager, Dann hat ein Ende alles Geschnatter, Den Apotheker, meinen Schwager, Den Todtengraber, meinen Gevatter, Lad' ich ein; Sie sollen des Bundes Zeugen seyn.— He! Eulenspiegel! so fleistig beym Trunke? Eulenspiegel. Leer ist die Flasche! 22Z B r u»i m s e r. Affengesicht! Ach sollte dich prügeln, du Halunke! Eulenspiegel. Incommodiren Sie sich nicht. Bru m m se r. An dir und deinen langen Ohren Ist Hopfen unv Malz verloren. Doch bald bedarf ich keines Wächters mehr. Die widerspenstige Braut Hab' ich dem eisernen Gitter vertraut, Da mag sie bis zu meiner Wiederkehr Seufzen, girren, winseln, klagen, Fluchen, bethen, verzweifeln, verzage». Es lacht der kluge Lrumm86rus, Und höhlet den Notarius. (Er will gehen.) Doch halt! der kühne Ritter Lauert in allen Ecken, Könnte wohl durch's Gitter Ihr ein Briefchen zustecken?— Hör', Eulenspiegel! hier bleib'! Eulenspiegel. Ich bleibe. B rummse r. Dem Laboratorium da Kommt, mährend ich Geschäfts treibe. Auf zehn Schritt kein Mensch zu nah. Eulenspiegel. Kein Mensch. Drummser. Auch wird nichts zugesteckt. Und nichts geworfen, heraus, hinein. An Stangen gebunden nichts hin gereckt. Auch nichts gewickelt um einen Stein, Oder geblasen durch ein Rohr. Eulenspiegel. Nicht das geringste. B r u m m s e r. Sieh dich vor! Denn wo du dieß Mahl mein Geboth Nicht streng erfüllst, so schlag' ich dich todt! (Er geht ab.) 228 Siebenzehnte Scene. Eulenspiegel allein; gleich darauf Frölich. Eulenspiegel. Sehr wohl! nicht werfen, nicht stecken, Nicht blase>,, nicht wickeln, nicht recken. Von diesen Pfiffen und Kniffen Hab' ich schon alles begriffen. Frölich(schleiche Herkey). Geschwind! geschwind! Laß mich mit Nettchen sprechen. Hilf mir die Thür erbrechen— Eulenspiegel. Sachte! sachte! Herr Sausewind. Zehn Schritt vom Leibe Der Herr mir bleibe. So hat der Doctor befohlen. Frölich. Mög' ihn der Teufel hohlen! Du sollst hinfort in meinen Diensten ffehn. Ich gebe dir doppelt Solarium. 229 E u l c n sp i e g el. Sehr wohl, das kau» geschehn. Mein Jahr ist auf Weihnachten um. Doch bis dahin der Doctor gebiethet. Ihm hab! ich meine Treue vermiethet. Frölich(hitzig). Treues Vieh! Geh mir aus dem Wege, Oder es setzt Schläge! Eulenspiegel (ballt die Faust). Herr! ich zermalme Sie! Frölich(bey Keile). Was soll ich machen? Der Sieg ist schwer, Der Kerl hat Kräfte wie ein Bär. Nettchen(am Gitter). Erlöse mich, Frölich! erlöse mich! Frölich. Zuvor muß ich den Dickkopf erschlagen. N e t tch en. Eile! eile! Viel Neues hab' ich dir zu sagen! 23» Gekramt hab' ich, aus langer Weile, Hier unter meines Vormunds Papieren,- Und denke nur, da find' ich: Noch heilte werd' ich mündig! Dann lass' ich mich entfuhren. Darf, trotz dem grämlichen Alten, Mit Hand und Herzen schalten und walten. Fr blich(entzückt). O, das belebt mein Hoffen auf's Neue! (Er zieht einen Ring»ein Finger.) Empfange flugs das Unterpfand Der ewigen Treue. Nettchcn (streckt die Hand durch daS Gitter). Komm, steck' es selbst an meine Hand. Frölich(will hin zu ihr). Eulenspiegel (stöst! ihn zurück). Halt! halt! Sie haben unbedacht Die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Dem Laboratorium da Kommt Niemand auf zehn Schritt zu nah. Lor Frolich. Nun gut, auch das, du Henkcrsbüttel! Aber zuwerfen darf ich ihr doch? Eulenspiegel. Nichts werfen! N s t t ch c n. Frolich, ich weiß ein Mittel, Ein treffliches Mittel bleibt uns noch. Frolich. Geschwind! N e tt ch e n. Hör', Eulenspiegel, mich an! Du darfst keine Menschen zu mir führend Aber Thiere dürfen sich nah'n? Eulenspiegel. Ja, Katzen und Hunde mögen paffiren. Davon steht nichts in der Jnstrnction. Nettchen(»»§rSi,'ch). So klettre schnell auf den Taubenschlag, Mein weißes Täubchen, dir kennst es schon, Ts sitzt auf dem Neste den ganzen Tag; Doch pfeift man ihm, so wird es munter. 2^2 lind kommt herunter. Das Futter zu hohlen aus meiner Hand. Steig' hinauf, schling' ein Band Mir dem Ring ihr um den Hals, Lasi sie fliegen, Und gib Acht, wir siegen. Frölich (indem er auf den Tanbenschlaa klettert). Herrliches Mädchen! schon, o schön! EuleNspiegel(lacht l,erM1> Das bin ich doch curios zu sehn. N e t t ch e n. Du, Eulenspiegel, tritt her zu mir, Und pfeife, daß mein Taubchen dich hört. Eulenspiegel. Ey, den Gefallen thu' ich ihr. Der Spasi ist schon was werth; Lauft auch nicht gegen meine Pflicht, Verbothen hat der Alte das Pfeifen nicht. (Er stell« sich»eben das Fenster und pfeift der raube.) Frolich(,m Taubknschtag-1. Zch habe sie gefunden, Der Ring ist fest gebunden, 233 Gib Acht, jetzt lass' ich sie los. Flieg', Taubchen, flieg' und bring'. (Die Taube fliegt beraus, und gerade zu Rettchen in's Fenster) E u l e n s p i e g e l. Ha! ha! ha! ha! curios! curios! Nettchen(inwendig). Ich habe sie! ich habe den Ring! Mit ihm das Pfand von meinem Glück! Frölich. So schicke mir schnell den Deinen zurück. Nettchen. Mehr noch, Geliebter, mehr! Wird es nur der kleinen Taube Nicht zu schwer, So send' ich dir auch ein wichtiges Blatt, Das meine Neugier gefunden hat. Eu le n sp i eg e l. Das Pfeifen und Flattern ich gern erlaube, Denn davon sprach der Doctor kein Wort. Nettchen. Ein fertiger Heirarhscontract, Wohl eingepackt. 234 Lag am verborgensten Ort, Vermuthlich bestimmt, um mich Mit diesem Unhold zu vermahlen. Nur noch die Nahmen fehlen. Ich unterschreib' ihn schnell für dich. Und sende dir, vertrauend dem Geschick, Den kleinen geflügelten Bothen zurück. Frölich. O Liebe! Deine Macht ist groß! Was wäre dir nicht schon gelungen! Eulenspiegel. Curios! curios! N e t t ch e n. Gib Acht, ich lasse die Taube los, Sie fliegt gewiß zu ihren Jungen. (Man sieht die Taube, mit einem Papier am Hals«, in den Taubenschlag fliegen.) Frölich(inwendig). Glücklich hat sie die Luft durchschifft, Ich habe den Ring, die Unterschrift. Wer will mir Nettchen rauben? Wer trennt dieß schöne Band? 255 Die Liebe hat ihre Tauben UnS her zu Hülfe gesandt! Netichen. ES siegen Lieb' und List, Es siegen Muth und Glaube! Der Liebe Sinnbild ist Die kleine weiße Taube. FröIich. Daß sie knüpfte unser Band Werd' ich nie vergessen! N e t t ch e n. Immer soll aus meiner Hand Hie ihr Futter essen. E u l e n s p i e g e l. Ha! ha! ha! den Alten seh' ich kommen. Frölich(fleht sich um). Ja wahrlich, er kommt. N e t t ch e n. Es starret mein Blnt E u l e n s p i e g e l. Hat auch den Notarius mitgenommen. N e t t ch e». Ich zittre, Frölich— Frölich. Fasse Muth! Er komme nur an! Hier ist mein Talisman. (Ring und Papier enipochalttnd- Achtzehnte Scene. Brummser. Ein Notarius. Die Vorigen. Brummser. Domino suavissime! Notarius. Domino stoctissime! Frölich(leise). Domino stultissimo! B rummse r. Hier sehen Sie mein Haus, Wir sind an Ort und Stelle. Notarius. Viel Glück zum Hochzeitschmaus Und Segen dieser Schwelle. B r ir mmse r. Nun, Eulenspiegel, Du stehst noch da? Eulenspiegel. Ich steh' noch da. Brummser. Kam diesem Riegel Kein Mensch zu nah? Eulenspiegel. Kein Mensch zu nah. B r u mmse r. Wohlan, so nutzen wir die Zeit, Denn mein Contract ist fertig. Notarius. Sie sehen mich bereit cknd des Befehls gewärtig. Brummser(schließt aus>. Heraus, heraus, du kleine Spröde, Heraus zum Traualtar! 258 Warum so still? warum so blöde? Du liebst mich doch, nicht wahr? Nettchen(herauskommend). Ja ich bekenn' es ungescheu't: Mein Herz ist ewig d i r geweiht. (Sie wirft mit der linken Hand Frölich einen Kuß jli, im dessen Brummser die rechte Hand liebkost.) B r u m ni se r. Ach wie sie mich entzückt! Frölich(leise). Ach wie sie mich beglückt! Eulenspiegel(schmun-eind). Ich seh' wohin sie blickt. Notarius(leise). Das Mädchen ist verrückt. B r>l m mse r. Ihr Herz hab' ich gestohlen. Jetzt schnell hinein! Um den Contract zu hohlen, Dann ist sie ewig mein. (Er geh« ,n das Laboratorium) Nettchen (schließt schnell hinter ihm zu). Husch! den Riegel vorgeschoben, Husch! den Schlüssel umgedreht; Magst du fluchen, magst du toben, Biö der Athem dir vergeht. Frölich. Der Fuchs im Eisen. E u l e n sp i e g e l. So fangt man Meisen. Notarius. Was soll das heißen? Brummser(am Gitter). 3e! was ist das? Ein dummer Spaß. 8m! aufgemacht! N e t t ch e n. Ein Spaß? nicht doch. Der Fuchs im Loch Wird ausgelacht. Brummse r. Warum, mein Kind, mich quälen? Die edle Zeit mir stehlen? ES ist dein Hochzeittag. N e t t ch e n. Ich will mich nur mit dem vermählen. Den Herz und Auge wählen. Dort sitzt er auf dem Taubenschlag. B r u mmse r k8rölich erblickend). Was seh' ich? ha! Notarius. Ey, sitzt er da? E u l e n s p i e g e l. Dort sitzt er, ja. Frölich und Nettcheil. Ha! ha! ha! ha! B r u m m s e r. Hülfe! Mörder! Diebe! N e t t ch en. Heute bin ich mündig. Der Contract ist bündig. Uns vereinigt treue Liebe. 2Hi Brummser. Hülfe! Mörder< Diebe! Eulenspiegel, sey gewandt. Nimm den Schlüssel ihr aus der Hand. (Eulenspiegel will gehorche», Nettchen läuft. er folgt ilw schwerfällig.) N e t t ch e n. Kannst du laufen? Hohl' mich eilt. B r u in m s e r. Hinterdrein! Nettchen(ihn neckend). Hohl' mich ein. B r u in m s e r. Laufe! laufe hinterdrein! Frölich(hcradkletternd). Ha! mir leuchtet Hymens Fackel! Notarius. Welch' ein komischer Spectakel! Nettchen (nachdem sie Eulenspiegel eine Weile geneckt hat, wirft sie plötzlich die Schlüssel in den Brunnen). Plump! da mögen die Schlüssel Tief im Brunnen ruhn. Kötzedue'S Theater 2ss. Band. L 242 Eulenspiegel. Plump! da liegen die Schlüssel! Was ist nun zu thun? B r u Ni m s e r. Hinterdrein! Eulenspiegel. Warum nicht gar? B r u»i m s e r. Spring' hinein! Eulenspiegel. Ich bin kein Narr. B r u m m s e r. Soll ich mir das Haar ausraufen? Eulenspiegel» Soll ich etwa gar ersaufen? Frolich. Welche wüthende Gebcrden! Notarius. Was soll endlich daraus werden? Frölich. Hier der Contract, mein Herr Notar-, In bester Form der Rechte, 245 Was etwa fehlen möchte. Wird hier zu finden seyn, (indem er ihm lächelnd einen Venkel in die H»nd steckt.) Nicht wahr? Notarius (den Beutel wiegend). Ja, nun versteh' ich endlich. Brummser(in V«rjweiflung>. Ich sage nein! Es soll nicht seyn! Ich schlage d'rein! Notarius. Ja, nun versteh' ich endlich. B r u mmser. Ha! der Betrug ist schändlich! F r ö l i ch. So geht es, will um Rosen Der rauhe Nordwind kosen, Nur ZephyrS laue Frühlingsluft Entlockt der Rose den lieblichen Duft. B r u m m se r. Ich will die Riegel sprengen! Ich will am Gitter mich hängen! L 2 Nettchen. Ein jeder Stand hat seine Freuden, Ein jedes Alter seine Lust. Der Liebe Glück, der Liebe süße Leiden, Bewohnen nur die junge Brust. Brummser(polternd). Verspritzen will ich mein Blut! Ersticken will ich vor Wuth! F r ö l i ch. Der Jüngling wird durch Lieb' ein Gott! Der Greis durch sie zum Kinderspott. (DerDorhangfällt.) D i e B r a n d s ch a tz u n g. E i n Lustspiel i« einem A u f z i»-- Personen. Major vonThurneck, Commandeur eines Regiments leichter Infanterie. Klippfisch, Bürgermeister einen kleiner Gränjstadt, Marie, sein« Tochter. Marder, ein Kaufmann, vormahls Handlungsdiener be» Klippfisch. Gut man«, ein Tischler. Der Schauplatz ist ein Äorsaal in Klippfisch'« Hause. Erste Scene. Major von Thurn eck(fleht an der Thür u«d »edet hinaus). ^)as Regiment sott in's Quartier rücken. Das erste Bataillon bleibt in der Stadt. Das zweyte wird auf die Dörfer verlegt. Dem Bauer Scho-^ nung so viel möglich; aber hier im Städtchen wögen die Bursche sich gütlich thun.(F««eilt »°r.> Seltsame Laune des Schicksals! In Armuth und Verzweiflung wanderte ich vor sieben Jahren auS den Thoren meiner kleinen Vaterstadt:— reich an Geld und Hoffnung kehre ich heute zurück. Allein, unbemerkt, schlich ich h i n- aus,— herein zieh' ich an der Spitze ei-" nes Regiments, von Tausenden empfangen. Und dieses Haus, in dem Bürgerstolz mich einst so schnöde aufnahm, aus dem der Ubermuth des 24Ä Reichthums mich verwies— als ein hochgeehrter Gast betrete ich es wieder.— Beo bist du, Marie? Du Einzige, die mit Liebe an mir hing! Warum eilst'du mir nicht entgegen l l^ptzt darfst du dein Gefühl bekenne». Es ist nicht mehr der arme Franz Willig, dem man seine Herkunft spottend vorwarf, als er sein Auge bis zu dir zu erheben wagte; der»er- gebens Kopf und Herz gebildet hatte, weil jener elende Marder, jene spitzbübische Wucherseele, deinem Vater mehr galt, als des Jünglings ehrlicher Fleiß. Es ist nicht mehr der arme Franz Willig, den man ungestraft verleumden und verhöhnen durfte:— zum Helden erhob ihn die Liebe! Die Liebe hat ihn geadelt, und seine Brust mit diesem Bande geschmückt.— Aber gedenkst du seiner noch, Marie? Wirst du die durch Narben zerstörten Auge wieder erkennen? O Mutter! Mutter! Du hättest den Sohn gewiß erkannt; aber deine Hütte fand er öde, schon deckt Rasen dein Grab!— nicht meinen a.riumps sollten du erleben— nicht meine Rache!— Rache? Ja, sie steht in meiner Gewalt; Loch nur ftnien Feind beschämend rächt sich der s/sg Edle. Ohnehin schwang der Krieg seine Geißel über das arme Städtchen. Diese Rache vermag ich nicht abzuwenden. Zweyte Scene. Klippfi s ch. v. L h u r n e ck. Klippfisch. Darf ein untsrthäniger Sc-lav hereintrcten? v. Thür neck(b-y G-ue). Ha!'Sclavenseele! Vor sieben Jahren rücktest du deine Nachtmütze kaum, wenn ich tief mich bückte.(Laue.) Nur näher, mein Freund; wer sind Sie? Klip psisch. In Dero Gegenwart bin ich gar nichts; sonst aber Bürgermeister dieser Stadt, auch Kauf- und Handelsherr. v. Thurneck. Was wollen Sie? Klippfisch. Das arme lStädtlein an Dero großmüthi- s5o Hes Herz legen, auch sämmtliche Einwohner sammt Kirchen und Schulen, in Dero Schooße versammeln. v. T hurn eck. Halt! halt! Herr Bürgermeister! für eins so ansehnliche Versammlung ist mein Schooß wahrhaftig zu klein. Klippfisch. Vi it nichten— daß ich unterthanigst zu widersprechen wage.— Ew. Excellenz der Herr General haben da unten noch. ein Paar tausend Schöße! wenn die sich huldreich aufthun— v. T hurn eck. Ich bin weder General noch Excellenz: Major von Thurneck, Commandeur des Regiments, nichts weiter. K.l ippfisch. Ey, was nicht ist, kann werden Erlauben Ew. Gnaden immerhin, Hochdieselben, im Nahmen unserer Stadt, einstweilen zum General zu avanciren. v. Thurneck. Tchne weitere klmstände, was wollen Sie? Klipp f i s ch. : Mikleid, Schonung, Großmuth, Erbarmen. v. T hurn eck. Haben meine Leute geplündert? Klippfisch. Nicht so eigentlich, was man Plündern nennt; haben nur mit aller Höflichkeit eine Brand- Ichatzung von zwanzig tausend Thaler gefordert, v. Thurneck. Dazn habe ich Ordre. Klippfis ch. Wenn Ew. Gnaden die ganz: Stadt, sammt dem Kirchthnrm, auf die Spitze stellen, so falle» keine zwanzig tausend Groschen heraus, v. Thurneck. Possen. Es gibt hier reiche Kaufleute. Klippfisch. Krämer, nichts als Krämer; eine Elle Tuch, ei»'Pfund Zucker, etwas holländischen Käse und neue Häringe. v. Thurneck. Nicht doch, wir sind besser unterrichtet. Es M Kaufleute hier, welche zwanzig beladen« ürachtwagen auf ein Mahl heimlich über die Gränze schicken. Verstehn Sie mich? Klippfisch. Zwanzig Frachtwagcn! Ach lieber Gott! damit könnte man das sämmtliche Hausgerath deS ganzen Städtchens wegführen. v. Thurneck. Das würde der Mühe nicht verlohnen; aber dem Feinde Fourage zuführen— versieh» Sir mich? Klippfisch. Verleumdung, gnädigster Herr, boshafte Verleumdung. Wir Lebensmittel! Du wem Gott! wir hungern, ohne Ruhm zu melden, exemplarisch für alle getreue Unterthanen. Unsers Straßen wimmeln von Bettlern; auch iß bereits der Vorschlag gethan, Mehl aus Baumrinde zu mahlen, und sothanss Jammerbrot mit unsern Jammcrthränen zu befeuchten. v. Thür neck. Ich höre doch, daß ein gewisser Klippfisch ein steinreicher Mann seyn soll. Klipp f i s ch. Steine genug draußen auf dem Acker, sonst arm, blutarm. Ich thue selber dieser mttertha- nige Klippfisch seyn. v. Thurneck. So, so.— Dann auch noch ein gewisser Marder— Klippfisch. Gleichermaßen ein armer Teufel. Nichts als Hunde, Cw. Gnaden, arme Hunde, die sich ein Knöchlein auf derStraße suchen. v. Thurneck. Für dieß Mahl muß ich Sie bitten, Spür« Hunde zu ser>n, und mir binnen drey Stunden die zwanzig tausend Thaler auszuwittern. Klipp fisch. Nicht capabel, und wenn wir alle Nasen im ganzen Städtchen zusammenbinden. v. Thurneck. So werde ich Ihnen wohl mit hundert Nasen von meinem Regiment zu Hülfe kommen müssen. Klippfisch. Ach! tapferster Herr General-Feldmarschall! Schöpfen Sie doch ein Tröpflein Barmherzigkeit aus dem Ocean Ihrer Gnade! Eben heute soll in meinem Hause ein Freudentag, ein Eh- 25? rentag gefeyert werden: wollten Ew. Excellenz mieden so grimmig versalzen? v. Thurneck. Was gibt's denn heute in Ihrem Hause? Klippfisch. Mit Respect zu melden, die Hochzeit meiner einzigen, eheleiblichen Tochter. v. Thuen eck. Himmel- Kreutz- tausend- Sappermeut! das nntersteht sich der Herr m i r zu sagen? Klippfisch. Bitte allerdemüthigst um Verzeihung! Muß. te nicht, daß Ew. Excellenz eine solche Aversion vor Hochzeiten haben. v. Thurneck. Mit wem? Herr! Tod und Teufel! mit wem? Klippfisch. Mit Elias Marder, vor Zeiten ein getreuer Diener in meiner Handlung, nachmahls Compagnon, jetzt unter eigner Firma Handel und Wandel treibend. v. Thurneck. Mit dem Spitzbuben?, Also wider Willen Ihrer Tochter? 255 Klippfisch. Halten zu Gnaden! In unserm Städtchen herrschen noch die alten reinen Sitte»; die Töchter werden gar nicht gefragt. v. Thurneck. Tod und Teufel! ich will Sie fragen lehren, drey Stunden, Herr, schassen Sie die zwanzig tausend Thaler zur Stelle, oder ich will eine Hochzeitfackel anzünden, daß Ihre Stadt an ollen vier Ecken leuchten soll.(<5r geht in da« an. stoßende Zimmer.) Dritte Scene. Klippfisch allein. Das ist der leibhaftige Satanas! O ich elendes Burgemeisterlein. Möchte doch meinethalben die ganze Stadt untergehen, aber wo bleibe i ch dann mit meinen sauer erworbenen -Habseligkeiten?— die stupendeste Höflichkeit habe ich verschwendet, bin so zu sagen recht bnechend gewesen— ach! daS Kriechen ist sonst kluge Gewohnheit, die haben wir den Hirn- 256 den abgelernt; wen» die in der Angst sind, so kriechen sie auf dem Bauche, und legen sich endlich gar auf den Nucken. Ach! ich wollte mich gern auf den Rücken legen, wenn ich nur meinen lieben Mammon zu retten wüsite. Aber mit dem Maccabäer ist gar nichts anzufangen. Als ich vollends der Hochzeit erwähnte, da war es plötzlich, als ob ein Stück brennender Speck zum Schornstein hinausführe. Ob meine Tochter den Elias Marder gern oder ungern heirathet, was geht das ihn an?— sinnt na».) Ey, wenn er so großen Theil an hübschen Mädchen nimmt— Bravo! wird es doch auf einmahl so hell in meinem Kopfe, als hätte mein Gehirn Wachslichter angezündet. Meine Tochter will ich zu ihm schicken, die soll ihm was vorwinseln. Das Mädchen ist hübsch— die soll ihn so weich machen, als die Maculatur von einem Predigtbuche.—> Zwar— das konnte wohl gefährlich seyn?— Der Herr Kriegsmann scheint mir verdammt brennbar— Je nun, sie soll ja ohnehin heute Abend verheirathet werden.— He! Marie! Marie! Vierte Scene. Marie. Klippfisch. M a r i e. Was befiehlt mein Vater? Klippfisch. Ich glaube gar, du hast geweint? Marie. Das wundere Sie? Heute ist mein Hochzeitstag. Klip pfisch. Pinseley! Dir steckt noch immer der elende Bursche im Kopfe, der schon langst Gott weiß hinter welchem Zaune verhungert ist. Marie. Ist er todt, ach! so ist er glücklicher als ich! Klippfisch. Du bist eins Närrinn, und eine Raben- tschter oben drein. Du weißt, daß ich den größten Theil meines Vermögens eingebüßt habe, weil mir neulich die große, herrliche Enteprise zu Wasser wurde— Zwanzig Wagen mit der 258 schönsten Contrebande! Alle auf der Gränze ertappt! Alle weggenommen! und ich durfte nicht einmahl mucksen, durfte mir nur ganz im Stillen die Haare ausraufen— mußte noch obendrein froh seyn, daß sie dem Eigenthümer nicht auf die Spur kamen; sie wären papabel gewesen, mich aufzuhängen wie einen gemeinen Spitzbuben. Mari e. Ach! leider weiß ich das von meinem Vater! Klippfisch. Folglich sollte dein kindliches Herz dir bluten, Mari e. Za es blutet, aber nicht um den Verlust. Klippfisch. Weil du eine abgeschmackte, moralische Crea- tur bist. Aber höre und schaudere! Ein feindliches Regiment ist in die Stadt gerückt, wir werden gebrandschatzt, wir sollen zwanzig tausend Thaler geben; wo hernehmen? Die Bürgerschaft hab' ich längst ausgepreßt wie eine Citrone. Da werden sie mich vollends plündern,' da wird mir am Ende nichts übrig bleiben, als ein schneeweißer Bettelstab;— und geschieht das, gib Acht, so läßt Marder dich noch obendrein Uen. M a r i e. Ach, mein Vater! wie gern wollte ich Sir mit meiner Hände Arbeit ernähren! Klippfisch. Sehr obligirt. Aber da würde eS verdammt schmähte Bissen setzen. Nein, nein, wer mir mein Geld nimmt, der reisit mir die Seele aus dem Leibe, der henkt mich, der rädert mich! — D'rum höre, Marie! willst du deinen alten Vater von einem schimpflichen Tode retten, so gehe da hinein zu dem Eisenfresser, gib ihm glatte Worte, süsis Worte, beweg' ihn, daß er von der Brandschatzung absteht, laß reichliche Wasserströme aus deinen Augen fließen— du sollst ja hübsche Augen haben, sagen die Leute— Wofür hat der weise Schöpfer dir solche Augen an den Kopf gesetzt, wenn es nicht geschehen ist, um in allerley Kriegsgefahren die wilden Panduren zahm zu machen?— Also geschwind, Manschen, versuche dein Heil. Hier m die rothe Stube hat der Unhold sich einquar- Üert. M arie. Ist er ein alter Mann? Klippfisch. Den Teufel auch! Er ist jung und rüstig» d'rum laßt sich eben hoffen. Mari e. Aber schickt sich das für mich/ zu einem jungen Officier auf das Zimmer?— Klippfisch. I Narr! wenn sich's schickte/ so würde eS auch nichts helfen. Glaub' du mir/ am meisten richtet man in der Welt mit Dingen aus/ die sich nicht schicken. Wenn's nur gelingt/ so hat sich am Ende doch alles geschickt. D'rum keine Bedenklichkeiteii/ denn hier ist von Geld die Rede. Verstehst du mich? von Gelde!—' Mache deine Sachen klug; denn das schmor' ich dir/ bewegst du den vier und zwanzig Pfänder nicht/ so schmelze ich meine letzten hundert Du- caten zusammen/ und gieße sie mir in den Hals Dann bin ich mausetodt/ und wenn sie mich nur nicht seciren/ so nehme ich doch wenigstens etwas mit mir in's Grab.(m.) 2ÜI Fünfte Scene. Marie allein. Lieber Gott! das vierte Geboth ist nicht immer leicht zu befolgen!(Sie klopft schüchtern an Thurnecks Thür.) Sechste Scene, v. Thurneck. Marie. Mari e. «verbeugt sich tief mit niedergeschlagenem Blicke), v. Thurneck. verbirgt mühsam sein Entzücken, sie wieder zu sehen. Er spricht mit»erstellter Stimme.) Was wollen Sie, mein schönes Kind? Marie. Zch komme auf Befehl meines Vaters, Sie um Schonung für unser armes Städtchen an- Mehn.. v. Thür neck. Ich verstehe— Sie fürchten, daß Ihre Hochzeitfreuden möchten unterbrochen werden? Mari e. Ach nein, gnädiger Herr, davon ist nicht die Rede. v. Thurneck. Ich denke doch gehört zu haben, daß Sie diesen Abend sich vermählen? Mari e. Ja— mein Vater verheirathet mich diesen Abend— v. Thurneck. Ihr Vater?— Sie gehorchen nur ihm? Marie. Ich gehorche. v. Thurneck. Sie lieben Ihren Bräutigam nicht? M a r i e. Ich werde meine Pflicht erfüllen. v. Thu r n e ck. Und das Glück Ihrer Zukunft opfern? Marie. Ich habe kein Glück mehr zu erwarten. v. Thurneck. Bey Ihren Vorzügen darf man auf Liebe Anspruch machen. Marie(verneigt sich sittsam). v. Thurneck. Sie antworten mir nicht? Marie (nach einer Pause, sittsam frevmi'tthig). Warum nicht?— Ich bin geliebt worden, und habe geliebt; der Mann meiner Wahl konnte nicht mein Gatte werden; jeder andere ist mir gleichgültig. D'rum gehorche ich meinem Barer ohne Murren. v. Thurneck. Allerdings sehr brav.— Fürwahr, es werden gute Menschen in diesem Städtchen gebotn. Ich hatte vor mehreren Zähren einen Fähnrich unter meinem Regiment, der auch von hier gebürtig war. Ein wackerer junger Mann, nur sehr schwermüthig. So viel ich merken konnte, nagte eine unglückliche Leidenschaft an seinem Herzen. 2 64 Marie(mit bebender Stimme). Darf ich fragen— was aus ihm geworden? v. Thürneck. Ach Gott! er ist ertrunken— beym Baden, wie es hieß; allein ich fürchte, er habe vorsätzlich— Marie. Sein Nahme? v> Th irrn eck. Franz Willig. Marie (vermag sich kaum auf den Füllen zu e>halten). Verzeihen Sie, ich muß mich entfernen— «Sie will gehen.) v. T h u rneck(bey Seite). Sie liebt mich noch!—(Laut.) Wohin? Fast scheint es, als ob Sie großen Antheil an dem jungen Mann nehmen? Marie (sinkt in einen Sessel). Warum sollte ich meine Thränen um ihn verbergen! Ja, ich habe ihn geliebt! ich werde nie« einen andern lieben! 265 v. T h u rnsck(bey Seite). Kaum halte ich mich noch(Laut.) Ich bekäme, diese Wunde aufgerissen zu haben. Doch der wahrhaft Liebende laßt gern die Wunde bluten. Auch er— so wenig Hoffnung er sich auf Ihren Besitz machte,— sprach doch am liebsten von Ihnen, und immer nur von Ihnen. Ich hatte sein Vertrauen, daher weiß ich Manches. Marie (faltet bittend die Hände). 'Sprechen Sie, gnädiger Herr! Ach! was ich von ihm höre, wird die einzige Freude meines Hochzeittages seyn. v. Thür neck. Oft erzählte er mir den kummervollen Abschied von Ihnen, und wie er gefürchtet, vergessen zu werden. Mari e. Nie! nie! v. Thurneck. Wie er Sie oft gefragt: ob Sie ihn auch wohl wieder erkennen würden, wenn er, nach vielen Jahren, ganz verändert zurück käme? Kotzrbue'» r,b?at«r 2b, Band. M Mari e. Ach! wäre er nur zurück gekommen' in>e »er Gestalt würde ich ihn erkannt haben. v. Thurneck. Das möchte doch wohl schwer geworden seyn. Sie müsse» wissen, daß er sich brav gehalten. Er hatte einst das Glück, auf dem Vorposten, durch ein kühnes Wagestück, die ganze Armee zu retten, die eben überrumpelt werden sollte. M arie(wehmüthig froh). Ich war immer stolz auf meinen Franz! v. Thurneck. Aber freylich wurde er bey der Gelegenheit auch so zusammen gehauen, daß man ihn für todt von der Wahlstatt trug. Marie(ängstlich). Und dann?— v. Thurneck. Nun, er wurde zwar wieder hergestellt, allein der Feldscher hatte ihm das Gesicht st zusammen genäht und geflickt, daß seine eigenen Cameraden beym Regiment ihn nicht eo kannten. M a r i e. Aber ich? Die Liebe sieht schärfer— ich hätte ihn erkannt. v. Thurneck. Eine Narbe lief ihm so herüber, wie diese. Kk jeigt auf sei» eigenes Ä-sicht.) Eine zweyte und dritte glichen dieser. Ja, glauben Sie mir, er ist recht häßlich geworden. Marie(fahr« uisammen). Er i st geworden!?— ach! er>v ar! v. Thurneck (seine natürliche Stimme wieder annehmend). Es ist ihm nichts übrig geblieben, als seine alte Stimme. M a,rie. Großer Gott! v. Thurneck. Dieselbe Stimme, mit der er Marien tau- stnd Mahl Liebe schwur. Marie (bedt und starrt ihn athemlos an)^ , M 2 v. Thür neck (breitet die Arme anS). Erkennst du auch sie nicht wieder? M arie (stürzt in seine Arme). Franz! v. Thurneck. Ich bin dir treu geblieben. Marie. Mein Franz! v. Thurneck. .Ware ich einen Tag spater gekommen Mari e. Ich bin unschuldig. v. Thurneck. Du liebst mich noch? Marie. S frage nicht! v. Thurneck. Trotz meiner Narben? Mari e. Dein Herz— ach lasi mich weinen! reden kann ich noch nicht! v. Thür ii eck. Laß uns handeln. Ich bin gekommen meine Braut heim zu führen. Jetzt sage deinem Vater wer ich bin.— Tausend Mahl habe ich mein Leben gewagt, man pries meine Tapferkeit, es war nur Verzweiflung. Ja Marie, der verzweifelnden Liebe zu dir verdanke ich Ehre und Reichthümer.— Die Brandschatzung kann ich nicht erlassen, aber gern will ich aus, eignem Beutel sie tragen helfen, wenn dein Vater die Verbindung mit Marder zerreißi. Sag' ihm das. Jetzt rufen mich Dienstgeschäfte. Leb' wohl Marie! meine Marie!(sr g«hr in sei« Ammer.) Siebente Scene. Marie allein. (Nach eine» Pause.) Es war kein Traum? Ich sah ihn wieder— er blieb mir treu— ich darf ihn lieben— er wird der Meinige— zu viel! zu viel!(Sie sinkt bethend auf ihre Knie.) Achte Scene. Klippfisch. Marie. Klippfisch. Nun wie steht's? Was soll das heißen? Hast du vor ihm auf den Knieen gerutscht? Marie(steht auf). Ach, Vater! es ist Franz Willig! meist Franz! Klippfisch. Wer? der Oberste? der Maeeabiier? M arie. Er liebt mich noch! Klippfisch. Tausend Sapperment! jetzt geht mir ein Licht auf. Die Stimme kam mir gleich so bekannt vor. Run, den haben sie nichtig zer- 27* hackt. Ey, ey! ja, ja! der Feldwebel hat mir schon erzählt, sein Herr Major sey vormahls nur ein bürgerlicher Fähnrich gewesen, habe sich aber durch unmenschliche Tapferkeit unmenschlich hinauf geschwungen. Nun, da waren wir ja auf einmahl aus aller unserer Noth. Ja, wenn der dich jetzt noch wollte— Mari e. Er liebt mich noch! Sie sollen nur die Verbindung mit Marder abbrechen, Sie sollen uns Ihren Segen geben, so will er selbst einen Theil der Brandschatzung tragen. Klippfisch. Der wackere Mann! also reich ist er auchs ^iel)' Manschen, wie brav man wird, wen» man erst zu Gelde kommt.— Meinen Segens lieber Gott! von Herzen gern, daran soll's nicht fehlen; wenn wir nur den Etias Marder mit Zuter Manier los waren. Neunte Scene. Marder. Die Vorigen. Klippfisch. Da ist er ja. Gut, daß Ihr kommt. Hier gehen wunderliche Dinge vor. Marde r. Ich weiß alles. Einquartierung, verdammte Einquartierung! Ich habe auch so ein Paar Lieutenants im Hause, die meinen besten Wein saufen, und kein hübsches Mädchen ungeneckt vorbey gehen lasten. Was meint Ihr, Schwieger- papa? ich werde meine junge Frau für's erste auf den Kornspeicher logiren, bis die Schnapphähm wieder fort sind. Zwar gibt es da eine Menge Ratzen, aber ich will lieber zehn Ratzen bey meiner Frau wissen, als einen Officier. Klippfisch. Ja, wenn Ihr die junge Frau nur schon hattet. Marde r. Wie so? was wollt Ihr damit sagend Klippfisch. Die junge Frau will Euch nicht. M arde r. Das war' der Henker! hat aber nichts zu bedeuten, die m u ß wollen. Klippfisch. Ach, Freund Marder! ich kaun es Euch nicht länger verhehlen: der Franz Willig ist wieder da. Marde r. Der Franz Willig? der arme Studiosus? der Schlucker, der vor lauter Hunger Verse machte? Mari e. Derselbe. M arde r. Der nackend im Bett liegen mußte, während sein einziges Hemd gewaschen wurde! Klippfisch. Ja, ja, derselbe. M arde r. Der sein volles Herzchen präsentirte, während sein leerer Magen Zeter schrie. M a r i e. Ganz recht. Ew. Hochedeln haben ihn nicht vergessen. M arde r. Werde ja das Männlein nicht vergessen. Ist mir alle Augenblicke über den Weg spaziert wie «in Häslein. Habe ja selbst damahls ein wenig in die Hände geklatscht, um ihn aus meinem Reviere zu vertreiben. Klipp fisch. Jetzt läuft er aber nicht mehr, wenn Ihr klatscht. Marder. Ist wohl ein großer Herr geworden? Marie. Errathe». Marde r. Vermuthlich Musketier, oder höchstens Cor- poral, unter dem hochlöblichen von Thurneck'- schen Infanterie- Regiment. M arie. Hoher hinauf. M arde r. Fahnenjunker vielleicht? Klippfisch. Hoher hinauf. M arde r. Hat er's bis zum Fähnrich gebracht? M arie. Höher hinauf! Marde r. Ey, laßt mich ungeschoren! Zch frage den Henker darnach, und wenn er der Commandeur selber wäre. Klippfisch. Er ist auch der Commandeur, und fragt den Henker nach Euch, desto mehr nach meiner Tochter. Marder(gen, verblüfft). Er ist?— er wäre?— Schwiegerpapa, mit solchem Scherz bleibt mir vom Leibe. Marie. Bitterer Ernst, hochedler Herr. Klippfisch. Der Kerl hat gefochten wie ein Löwe. M arie. Ist zerhaue» und zerschossen. Klippfisch. Vier Mahl aus dem Schlachtfelde avanciert. Mari e. Tragt einen Orden. M arde r. Hat er auch Geld? Klippfisch. Das weiß ich nicht. Aber er verlangt Geld von uns. Marder(«schrotn). Von uns? Klippfisch. Viel Geld. Marder. Da soll ihn ja der Teufel— Klippfisch. Still! still! er commandirt zwey tausend Mann, die können wir nicht alle von, Teufel hohlen lassen. M arde r. Nun, was kann er denn fordern? Brand- schatzung? was kümmert's mich? ich gebe pro rar», und bin so ehrlich wie zuvor. M a r i e. Ja, so ehrlich wie zuvor. Klippfisch. Aber so laßt Euch doch bedeuten; er fordert zwanzig tausend Thaler. Marder(erstarrt). Zwanzig— Klippfisch. Und wenn die in drey Stunden nicht zut Stelle geschafft werden, so steckt er die Stadt in Brand. Marder. Meine Fabriken auch? Marie. Freylich, auch Dero Fabriken. Marder. Hätte ich dem Hungerleider doch kaum so viel Consequenz zugetraut. Allons Schwieget- ^ 2^8 papa, was ist anzufangen? matt muß die Bürgerschaft auspfänden. Klippfisch. Er verlangt ja keine Betten, keine zerbrochene Stühle; Geld will er habe»/ und das hat ja im ganzen Städtchen kein Mensch, als Ihr. Marder(lächelnd). Als ich, Gott sey Dank! Aber ich werde nicht heraus rücken, kro imta, nichts weiter. Klippfisch. Er wird Euch die,-ata schon mit dem Bajonett vorschreiben. Kurz, Freund Marder, es gibt nur ei» Mittel uns alle zu retten: Ihr müßt ihm eure Braut abtreten. Marde r. Alle Hagel! das ist eine verfluchte Proposition. Wißt Ihr auch daß ich zwey Mahl sieben Jahre um sie gedient habe, wie der heilige Jsaac um die schone Nahel? Vor seinen Drohungen fürchte ich mich nicht. Ich weiß Mittel mein Schäfchen in's Trockne zu bringen. Kurz und gut, darauf wird nichts. 279 Klippfisch. Kann Euch nicht helfen/ Freund Elias, eS muß werdet. Bey so bewandten Umständen thue ich mein Wort zurück nehmen. Marder. Im Ernst? Klipp fisch. Ist mir leid/ aber—> Marder. Also in vollem Ernst? Marie. Ja doch/ ja/ Ew. Hochedeln belieben sich darein zu finden. Marder (Mit satanischem räche!»). Warum nicht? von Herzen gern. Nur noch «n Wörcchen in's Ohr.(Er flüstert Klippfisch etwas zu.) Klippfisch(erschrocken). Ihr werdet doch nicht des Teufels seyn? M arde r. Ich werde des Teufels seyn! verlaßt Euch darauf. Klippfisch(ängstlich»erlegen). Höre Marie/bey so bewandten Umständen— Marder, Bleibt's beym Alten. M arie. Ich will nicht hoffen.— Mardc r. Ergeben sich die hochedle Jungfer Braut in Ihr Schicksal. Heute Abend ist Hochzeit. M arie. Redet er wahr, mein Vater? Klippfisch(juckt di« Achl-ind Ich kann dir nicht helfen. Mari e. Und die Brandschatzung? Klippfisch. Ich sehe schon brennen an allen vier Ecke». Marder. Wird nicht brennen. Der Herr Franz Willis haben immer eilt grosses Maul gehabt, aber wenn man Dieselben mit etwelcher Empßnd» samkeit kitzelte, so thaten Sie die Augelein j» wie eine Katze, die man am Kopfe kraut» De- rohalben ist mein Rath, man lasse den Tischs Gutmann rufen; ei» ehrlicher Pinsel, der war ja immer der Herzensfreund:'gleich und gleich gesellt sich gern. Der musi von Rathswegen den Auftrag erhalten/ von Vaterlandsliebe und von alter Freundschaft recht lang und breit mit ihm zu conversiren/ bis er weich wird wie eine frische Semmel. Man darf ihn nur an jei- ue Herrn Vetter»/ die Häringskramer, und an seine Frauen Muhmen- die Hökerweiber erinnern/ gebt Acht/ so vergießt er heiße Thränen, und begehrt keinen Groschen. Klipp fisch. Der Rath ist gut. Geh' sogleich/ Marie, und laß' mir den Tischler Gutmann rufen. M arie. Aber ich begreife„icht, warum mein Vater so furchtsam— M arde r(hämisch lächelnd). Ha! ha! ha! Klippfisch. Genug, wenn ich eS begreife. Geh' und thu' was ich dir-befohlen. Marie. Sogleich. Aber ich denke es wird genug seyn. 2Ü2 jil erklären, daß ich den armen Franz Willig noch immer liebe, und ewig lieben werde. Marde r. Davon ist ja nicht die Rede. Lieben die Jungfer meinethalben das ganze hocklobliche Regiment, aber heute Abend werden dieselben mit mir cvpulirt. Mari e. Lieber mit dem Teufel,(üb.) Marder. Ha! ha! ha! Mit dem Teufel nehmen wir es auch auf, dem treten wir sie auch nicht ab. Zehnte Scene. Klippfisch. Marder. Klippfisch. Aber Freund Elias, es wäre doch honett von Euch, wenn Ihr Eure Ansprüche aufgabt; so wären wir aus einmahl aus aller Angst. M arde r. Ich thu' es nicht. Will ich denn honett handeln? Wer bezahlt mir das? Auslachen würden sie mich noch obendrein. Kurz/ Schivis- gerpapa/ ich verlasse mich auf Euch. Wenn Ihr wankt/ so zeige ich an/ das Ihr seit fünfzehn Jahren eine schmähliche Contrebande getrieben. Klippfisch. Stille! stille! Marder. Daß Ihr dem Feinde Fourage geliefert— Klippfisch. Stille doch! Marder. Daß Ihr das leere Magazin selbst in Brand gesteckt— Klippfisch. Plagt Euch der Teufel? Marder. Und es Euch aus der königlichen Kriegscaffe für voll bezahle« lassen. Klippfisch (hält ihm den Mund zu). Um Gottes ,Villen! Aber bedenkt Ihr denn nicht, daß Ihr alle die Pfiffe und Kniffe mir selbst an die Hand gegeben? daß Ihr den Gewinn getheilt? Marder. Wer kann mir das beweisen? Ich war nur Handelsdiener; ich mußte gehorchen, wenn Ihr befahlt. Klippfisch. Aber seit Ihr aus meinem Hause seyd, ist dergleichen nicht mehr geschehen. Marder. Deßhalb geht Ihr auch den Krebsgang. Klippfisch. Und seit Ihr Eure eigne Handlung führt, macht Ihr es ja zehn Mahl toller als ich. Marde r. Beweist mir daS einmahl! Etsch! Ihr könnt mir nichts beweisen. Klippfisch. Ich treibe Euch zum Schwur. Marde r. Ich schwöre. O darauf kommt mir's gar nicht an. Kurz, Ihr werdet mein Schwiegerpapa, oder ich bringe Euch an den Galgen. Klippfisch. So schweigt doch nur. Es bleibt beym Alten. Marder. So sprecht Ihr vernünftig. Heute Abend ist Hochzeit, weschalb ich ansetze mich nach Hause verfügen, und in den gehörigen Staat werfen will. Auf Wiederseht!, Schwiegerpapa. Denkt nur immer an den Gevatter Dreybein, und seyd auf Eurer Huth. snb.) Eilfte Scene. Klippfisch allein. Maliciöse Bestie!. Hatte ich nur mit den Kleinigkeiten, von welchen er sprach, mich gar nicht abgegeben, ich wollte aus einem andern Tone mit ihm reden. Aber die Justiz nimmt alles gleich so übel— ich muß schon nach sei- Z86 ner Pfeife tanze».(Geufz„,d.) Ach! so geht es wen» man von Grundsätzen sich entfernt! Spitz- bübereycn muß man niemahls in Compagnie verrichten. Zwölfte Scene. Tischler Gutmann. Klippfisch. Gutman n. Der Herr Bürgermeister haben mich rufen lassen— Klippfisch. Ja, mein lieber, ehrlicher Gutmann, ich habe ihn ausersehen der Retter seiner Vaterstadt zu werden. G utma n n. Die Jungfer Tochter hat mir scholi gesagt, wovon die Rede ist. Klippfisch. Desto besser. Wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Ich habe das Vertrauen zu ibm, mein lieber Meiner, weil ich ihn als einen wackern Mann kenne—- G u t m a n n. In der That! Das freut mich; denn bis jetzt habe ich geglaubt, der gestrenge Herr Bürgermeister kennt mich gar nicht. Klippfisch. Ey warum das? Ich werde ja meinen bravsten Bürger nicht aus den Augen verlieren. Gutman n. Ich meinte nur, Sie hatten mich niemahls in die Augen Maßt; denn so oft ich auf der Straße den Hurh tief abzog, haben der gestrenge Herr Bürgermeister nur Dero eigne Nase betrachtet. Klippfisch. Zerstreuung, lieber Meister, pure Zerstreuung. Die wichtigen Geschäfte— LaS Wohl der Stadt— Gutman n. Auch gut. Jetzt bin ich ja auf einmahl ein wackerer Mann, und ein lieber Meister hinten und vorne. Ist mir alles gleich viel, ich bleibe der ich war, und— frey herausgesagt— für Ew. Gestrengen thäte ich nichts; weil aber noch senst gute Menschen in der Stadt wohnen, und 266 weil ich es für Bürgn Pflicht halte, so will ich mir dem Commandeur sprechen. Wenn's nur was hilft. Klippfisch. Die Vaterlandsliebe soll euch vergolten werden; auf dem Rathhause wollen wir es zu Protokoll nehmen. Gutman n. Ist nicht vonnöthen. Wenn nur meine Mitbürger es in ihre Herzen schreiben. Klippfisch. Eure Sohne sollen Freystellen in der Stadtschule bekommen. G u t m a n n. Danke, danke. Sie sollen keinem Ärmer« den Platz wegnehmen, so lange ihr Vater noch arbeiten kann. Wie gesagt, wenn's nur was hilft. Ich höre, der Franz Willig ist ein vornehmer Herr geworden; wer weiß denn da, vo er mich noch kennen will? Klippfisch. Versucht's nur. Ihr wißt ja, er war ja immer ein edler Jüngling. """" 289 ^etzcbm s Theater 2Z. Band. N Gutman,1. Haben Ew. Gestrengen das endlich auch begriffen? Klippfisch. Ich war stets sein Freund, habe ihm ja noch Metzt einen Paß ausgefertigt. Gutmann. Den Laufpaß, ja. Klippfisch.. Er war nur ein wenig eigensinnig. Hatte er »°ch fünfzehn oder zwanzig Jahr warten wollen, die Schulmeisterstelte hatte ihm gar nicht entgehen können.— Nun, lieber Meister, '»acht eure Sachen gut, und habt ihr etwas ausgerichtet, so kommt nur gleich auf mein Hin- terstübchen, da wollen wir eine Flasche alten Werrhheimcr mit einander ausstechen—ist du denn nicht mehr mein Jugendfreund/ der sein Bißchen Armuth/ wie sein Herz/ mit mir theilte? der mir heimlich die Reisetasche füllte, als ich den Wanderstab ergreifen mußte? der meiner alten Mutter Stütze blieb?— und dieser Mann empfängt mich wie einen vornehmen Herrn?— Mach' es gut, ehrlicher Paul! mach' ^ geschwind wieder gut!(Er breitet dir Arme aus.) N 2 Gutman ii. Ich weiß nicht— ich wollte wohl gern— iVtw-gi.) Sind Sie denn wirklich noch der alte Franz Willig? v. T h n r n e ck. Fühl' es an meinem Herzen, und gib mir auch das brüderliche Du wieder, das du am Morgen unserer Trennung mir segnend nachriefst. G u t m a n n. Ach Gott! von Herzen gern! Aber— der Orden— v. Thurneck. Brave Männer bezeichnet mein Fürst mit diesem Orden. Konnte ich brav seyn, wenn ich dich vergessen hätte? Gutman». Franz! Franz! wenn ich wieder du sage, ch sage ich's für ewig! und wenn— wenn Ew- Gnaden noch zehn Mahl höher stiegen. v. Thurneck. O lass mich nicht länger darauf warten! Gutmann (stürzt in feine Arme). Franz! bist du denn wirklich mein lieber alter Franz? v. Thür neck. Endlich thut sein Herz sich auf. G u t m a n n. Weit auf! bey meiner armen Seele! und alle Jugendfreuden ziehen scharemveis wieder hinein. Sie haben dich tüchtig zerhauen, aber ich kenne dich doch wieder. Das ist dein ehrliches Auge; und die kleine Narbe da oben, die hast du nicht aus dem Kriege gehöhlt; die bekamst du, als du auf ein- Eisspitze fielst, weil du mir aus dem Wasser helfen wolltest. Juchhe! mein Franz ist wieder da!— O ich habe oft um dich getrauert. Jedes Mahl, wenn ich einen Sarg machen mußte, dachte ich bey mir selbst: mein Franz liegt auch wohl schon im Sarge. Dummer Schnickschnack! Juchhe! er ist wieder da! v. Thür neck. Wie wohl, wie innig wohl mir deine Freu- de thut! Gutm a n n. Daß wir aber nicht Eines in's Andere reden: ich darf mich noch nicht freue»/ muß erst meinen Auftrag ausrichten. v. Thür neck. Auftrag? von wem? Gutman n. Herr Oberster/ der Magistrat hat mich gesendet— Franz! ich stehe hier im Nahmen deiner guten Mitbürger— du willst deine arme Vaterstadt brandschatzen? Thu' das nicht. v. Thür neck. Ich muß. Ich habe strenge Ordre. Die Stadt hat dem Feinde Vorschub geleistet. Und bin ich denn hier so behandelt worden, daß man von mir Schonung erwarten darf? G u t m a n n. Was den ersten Punct betrifft, davon weiß ich nichts. Was aber den zweyten anlangt— Franz, du hast mir erlaubt, dich wieder zu du- tzen, so mußt du auch die Wahrheit von nur hören. v. Thürn eck. Rede, mein Freund. Gutman n. So wie du jetzt vor mir stehst, ziemt dir keine Rache. Hast du verdient, ein vornehmer Mann zu werden, so handle auch vornehm. v. Thür neck. Ach Paul! ich liebe Marien noch immer wie vormahls, und heute soll sie mit dem Spitzbuben Marder vermählt werden! Gutman n. Was gehen dich die Mädchen und die Spitzbuben an? Du stehst hier an deines Königs Statt, so handle auch, wie dein König handeln würde. Franz! ich bin auch Bürger, ich soll auch beysteuern zu der Brandschatzung—^ aber ich kann nicht, denn ich habe meinen letzten Bissen mit deiner alten Mutter getheilt- bis an ihren Tod. v. Thür neck. (druckt ihn an sein Herz). Bruder! wie kann ich dir vergelten? 296 Gutman n. Durch Schonung deiner Vaterstadt. v. Thurneck. Wohl, um deinetwillen. Erlassen kann ich von der Brandschatzung keinen Heller, denn ich habe gemessene Befehle; aber ich selbst zahle die Hälfte. Mehr kann ich nicht thun. G11 tman n. Zuchhe! der ganze alte Franz ist wieder da! Habe Dank, ehrlicher Knabe! Die andere Hälfte schaffe ich. v. Thurneck. Wie kannst du—? Gutman n. Laß mich nur machen. Komm diesen Abend fröhlich zur Hochzeit, da soll alles berichtigt werden. v. Thurneck. Ich'? zu Mariens Hochzeit? Gutman n. Geh', hohle dir Muth auf dem Grabe deiner Mutter. Ich habe der wackern Frau selbst ein einfaches Kreutz gezimmert; ihren Nahme» 297 und-inen Trostspruch habe ich selbst hinein ge,. schnitten. Geh', laß' mich indessen hier schalten und walten, und vertraue auf den, der Edel- muth vergilt. v. Th u r n e ck. Bruder, dein- Gewalt über mich ist„och die alte. Mit deiner herzigen Einfalt kannst du mit mir machen was du willst. Ja, auf dem Grabe meiner Mutter will ich den Muth suchen, dessen ich heute mehr bedarf, als je in der heißesten Schlacht, sm.) Fünfzehnte Scene. Gutmann allein. Lieber Gott! wenn du alle meine Hobel- jpane in Gold verwandelst, so machst du mir nicht halb die Freude, die mir des Freundes unverdorbenes Herz gewahrt! Willst du vollenden, so laß mich das Werkzeug der Vergeltung den! wer- Sechs zehnte Scene. Marder(ho«z«>»u» herausstafflrt). Gut mann. N, arde r. Sieh da, mein Freund. Wie steht's? hat er geredet? Gutman n. Ich Habs geredet. Die Halste derBrandlcha- hung überninimt der Commandeur selber— Marder. Das ist sehr närrisch, aber gut. Gutman n. Er will auch auf den Abend zu Ihrer Hochzeit kommen. Marde r. Das ist sehr närrisch, aber auch gut. Gutman n. Und morgen früh will er Sie hängen lasten. Marder. Wie? was? hängen? Gutm a n n. Das ist sehr närrisch, aber auch gut. M arde r. Mein Freund, mach' er sich nicht so gemein Solchen Spaß verbitte ich mir. Gutman n. Ey, ich werde mich ja nicht nnterstehn, mit dem reichen Herrn Mas Marder zu spaßen. M arde r. Was soll das heißen? Erklär' er sich. Müsse. G u t m a n n. Sehn Sie nur, die Husaren haben einen Transport Kisten aufgefangen, die hatten doppelten Boden! oben lag Flachs, unten falsche Banconoten. Marder (erschrickt, fasst sich aber). Was geht das mich an? G ut m a n n. Die Kisten sotten Ihnen zugehören. ' Marder. Wer kann das beweisen?(Sehr patzig.) Ich frage, wer kann Las beweisen? Gutman n. Ich, Tischler Paul Entmann; denn Sie selbst haben die doppelten Boden bey mir bestellt. Marder(b,y Seite). Alle Wetter! G u t m a n n. Zn Ihrem Hause habe ich sie einleimen müssen, Sie meinten wohl, ich hatte nicht gemerkt, was d'rin verborgen lag'i— Aus der Stelle geh' ich hin und zeige es an. M arde r. Lieber, scharmanter Herr Entmann, Sie werden doch einen ehrlichen Mann nicht unglücklich machen wollen! Gutman n. Hören Sie, Herr Marder, ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Die Kisten sind noch gar nicht abgegangen, denn ich habe meinen Schwager, den Fuhrmann, bey Zeiten gewarnt. Aber wenn Sie nicht diesen Augenblick versprechen, waS ich von Ihnen fordern werde, so hangen Sie noch diesen Abend am lichten Galgen. Sie wissen, im Kriege macht man kurz Federlesen, und die Spitzbübcrey ist klar. 3oi Marder(bey Seile). Das ist ein Teufelskerl!(L«m.) Reden Sie, allerliebster Herr Entmann! Sie, ehrlicher Fremid, womit kann man Ihnen dienen? Gutman n. Mir? mit gar nichts. Sie zahlen, erstens: die Hälfte der Brandschatzung— M arde r. Gott bewahre! da war' ich ja rninirt. Gutman n. Sie sind nicht rninirt. Wäre es aber auch, so ist es doch immer noch besser, als zwischen Himmel und Erde baumeln? Marder(in großer Angst). Freundchen! Kieselherzchen! das ist eins harte Nuß. G u t m a n n. Sie haben noch gute Zähne, beißen Sie nur d'rauf los. Zweytens— Marde r. Noch mehr? Will mich der Herr ganz zum Bettler machen? Nein, lieber lass ich mich aufhängen. kein Gutman n. Nur ruhig. Das zweyte soll Ihnen Geld kosten/ sondern sparen. M arde r. Sparen? G u t m a n n. Zweytens entsagen Sie Ihrer Braut. M arde r. Herr! ist er des Teufels? G utmann. Ganz und gar nicht. Sie aber sind des Teufels gewesen/ als Sie falsche Banconoten fabri- cirten. Marder. Red' er doch nicht so laut. G u t m a n n. Wer A sagt/ muß B sagen. Entschließen Sie sich kurz und gut. M a rder. Nun ja/ in's Teufels Nahmen! Er setzt mir ja daS Messer an die Kehle. ------ Zo5 G u t>11 a n n. Oticht doch/ den Strick an den Hals. Sie mögen sich übrigens stelle«/ als ob eS auS purer Großmuth geschähe. Marde r. Aus Großmuth? Ach Gott ja! ich will verdammt großmüthig seyn. Gutman n> Topp! Herr Marder-/ der Handel ist geschlossen. Marde r. Kann ich aber dann auch auf seine Verschwiegenheit bauen? G u t m a n n. Ich gebe Ihnen meine Hand/ fürwahr nicht gern/ aber da ist sie; ein Wort/ ein Mann. . Marde r. Ach! das ist der theuerste Handschlag/ den ich in meinem Leben empfangen habe. Gutinan n. Ist aber keine falsche Münze. Marder. Du mein Himmel! warum habe ich mich denn so geputzt? G u tm a i! n. Still, ich höre kommen. Erklären Sie selbst Ihren Willen. Marder. Ja, ja, meinen Willen, meine vermaledey- te Großmiith! Siebenzehnte Scene. Klippfisch, v. Thurneck. Marie. Die Vorigen. Klippfisch(im Eintreten). Verlassen sich der Herr Commandeur darauf, es soll der tugendbelvblen Frau Mutter ein prächtiger Grabstein auf gemeinsame Kosten errichtet werden, weil sie einen Helden geboren hat, der seine Vaterstadt mit Ruhm krönet, kränzet und überschüttet. v. Thurneck(zu Äutmann). Habe Dank für daS kleine Denkmahl von Freundes Hand. So5 Gutm a ii„(iM). Du bist bewegt? v. Thuen eck. Aber gefaßt. Gutman u. Nun/ Herr Marder? M arder. Ja, meine Herrn— sintemahl ich vernommen, daß unserer lieben Vaterstadt-ine schwere Brandschatziing droht— und weil die Groß- muth immer eine meiner Schwachheiten gewe- s»n— so habe ich beschlossen— einen Theil dieser Brandschatziing— Gutmann(drohend). Sage, die Halste. Marde r. Richtig— wenn es nicht anders seyn kann, «uch die Hälfte— ex propriid vorzuschießen— Gutmann(dr»h-„!>). Und zu schenken. Marde r. Ja, ja, zu schenken. G u tm a n n. Wir alle sind Zeugen. v. Thür neck. Ich selbst zahle die andere Halste, und so wäre dieses böse Geschäft glücklich abgethan. Klippfisch. Mir fällt ein Mühlstein von, Herzen. M arie(bn, Eelic). Meine letzte Hoffnung schwindet! Klippfisch. Übrigens, mein werther Elias Marder, ist das ein Kennzeichen von eurem nahen Tode. Gutmann. O, der Herr Bürgermeister wissen noch gar nicht, wie weit Herr Marder seine Großmuth treibt. Marder(ängstlich). Ganz verflucht weit. G u t m a n n. Geben Sie es von sich. Der Apfel ist einmahl angebissen, nur immer frisch d'rauf los. 3«7 Marder(heraus würgend), Sintemahl ich auch vernommen— daß der Herr Oberste meiner Jungfer Braut noch immer mit Liebe zugethan-- so wie auch die- selbige vics versL— so— so— will ich noch überlegen— Gutmann(drohend). Ey, ey, Herr Marder, besinnen Sie sich, Sie haben ja schon überlegt. Marde r. Das wohl, man darf aber doch in wichtigen Dingen nicht zu rasch verfahren. G u t in a n n. Sagten Sie nicht ausdrücklich— als wir von den Kisten sprachen— Marde r. Stille! stille! jetzt besinne ich mich. Ganz recht, ich habe schon überlegt und beschlossen— meine wohlgegründeten Ansprüche auf besagte Jungfer Braut— besagtem Herrn Obersten— Gutman n. Förmlich abzutreten. M arde r. Abzutreten.(Sr wischt sich den Schweiß von der Gtlrn.) Marie(«ntziickt). Ist es möglich! Klippfisch. Bravo, Marder! v. Thurneck (schließt Marien in seine Uewe). Marie! Meine Marie! Marde r. Jedoch müssen der Herr Oberste mir eine» Schein ausstellen. Klippfisch. Einen Empfangsschein? Marder. Nicht doch— ja doch— nein doch— Mache mich der Herr Er-Schwiegervater nicht vollends confus! Einen Schein/ will ich sagen, daß der Herr Oberste, sammt allen Husaren, mich für einen ehrlichen, großmüthigen Mann halten thun. v. Thür neck. Herzlich gern. Marder. Und daß dieselben nie das Geringste gegen mich unternehmen wollen. v Thnrneck. Nicht mehr als billig. Mardc r. Nun, so gebe Gott seinen Segen zu Der» Verbindung/ und tröste mich in meiner Groß- muth. Klippfisch. Meister Entmann/ Ihn soll bey nächster Vacanz die Stadt zum Rathsherrn wählen. v. Thurneck. Freund/ erkläre mir/ durch welche Zauberkünste— Gut m a n n. Ist alles ganz natürlich zugegangen. Ja, wenn man immer den Grund von allen schönen Handlungen wüßte— doch wozu auch? daßt uns das Gute ohne Grübeln genießen; v 3> o und können wir das Böse verhindern/ ohne den Bösen selbst unglücklich zu machen/ so lasst uns auch das thun: vielleicht bessert ihn die ausge-^ standeue Angst. (Der Vorhang fällt.) IS' D a s Verlorne Kind E i» Schauspiel einem A u fz u g Personen. Lord Allhorst. William- sei» aller Haushofmeister. Georg, ein Landmann. ArabelIe, sein Weib. Tony, ihr Sohn» ein Knabe von s bis 6 Jahren Der Schauplatz ist ein offener Platz im Walde; im Hintergründe das Meer. Erste Scene. Tony(liegt schlummernd zwischen großen Steinen am SNeeresuftr). Lord All horst(tritt aus dem Walde). Der Lord (sich schüchtern umsehend, mit unheimlicher Wildheit). "^ier ist's still und öde— keines Menschen Fuß verirrt sich wohl hierher— auf diesem Platze will ich sterben— hier sollen die wilden Thiere meinen Leichnam aufzehren.—(c?r blicke forschend um sich.) Dicker Wald überall. Keine ^ Wohnung in der Nahe. Nur eine Köhlerhütte wucht in der Ferne. Der Wind treibt den Rauch herwärts. Desto besser/ so wird man auch dort den Schuß kaum vernehme,!/ keine lästige Menschenliebe meinen Tod verzögern.— Zwar, Meine Leute/ mein alter treuer William/ sie Kotzebue's Theater 26. Band. O 5i4 werden emsig meine Leiche suchen; doch zu fem vom Schloss- trieb mich das Gewissen auf die unwegsamsten Pfade; hier fänden nur lichtscheue Verbrecher meine Spur, nicht jener biedre Alte, der mit heitrer Frömmigkeit, wie Sonntags zur Kirche, durch's lange Leben ging.— So weit ist es mit dem stolzen Lord Allhorst gekommen! Sein letzter Wunsch: ein einsamer Tod, stille Verwesung unter den abgefallenen Herbstblärtern! Wozu noch Worte? mein Leos ist geworfen.(Er greif«„ach der Pistole in seiner Tasche.) Doch !— was rührt sich dort zwischen den Bäumen?— Muß ich auch hier vor lästigen Zeugen fliehen?—(Sr blickt scharf hin.) William!— ver- dammt!— ist dennoch der Alte mir nachgeschlichen.— William! komm hervor! was machst du da? wie kommst du hierher? 5.5 Zweyte Scene. William. Vorige. William. Die Sorge um meinen guten Herrn— Lord. Geh'/ ich will allein seyn. Gegen Abend erwarte mich zu Hause. Nun? hast du mich verstanden? Geh'/ ich befehle es dir. William. Mylord/ machen Sie mit mir was Sie wollen, aber heute weiche ich nicht von Ihrer Seite. L-o r d. Bist du von Sinnen? Was kommt dich an? William. Ach! ich hab' es wohl gesehn— gestern den ganzen Abend— gleich nachdem der junge Herr war begraben worden— und die halbe Nacht— O 2 5i6 Lord. Was hast du gesehn? William. Wie Sie mit wilden düstern Blicken in Ihrem Cabinet auf und nieder rannten, dann einige Briefe schrieben, versiegelten— und endlich— L o rd. Nun? was endlich? William. Endlich gar eine Pistole luden. L o r d. Narr! hast du mich zum ersten Mahl in deinem Leben Briefe schreiben und Pistolen laden sehn? William. So noch niemahls. Ach! die gleichgültigste Sache erhält Bedeutung durch die Art wie der Mensch sie thut. Lord. Kannst du dich wundern, wenn ich das Gewöhnliche gestern nicht auf die gewöhnliche Weise that? Ein Vater, der eben seinen Sohn begraben hat— William. Einen Sohn— verzeihen Sie Mylord des alten Dieners Freymuth— einen Sohn, der Ihr Herz nur mit Sorge und Kummer füllte— Lord. Gleichviel. Bey Kummer wohnt Hoffnung. Er konnte sich bessern. Jetzt hab'ich keinen Kummer mehr— auch keine Hoffnung! William(bedeutend). Keine? L»rd, Ich bin ein Greis, und habe an der Leiche meines einzigen Sohnes gestanden.— Keine! William. Ihres einzigen Sohnes k Lord. Willst du mich noch durch Vorwürfe martern? W ill iam. Das sey ferne von Ihrem alten treuen Diener. Nie habe ich jenes Unglücklichen erwähnt, den Sie verstießen. Doch heute, da Ihnen der 5iL Toi, die letzte Stütze, Ihrem Nahmen den letzten Erben raubte, heute wage ich, Ihr strenges Geboth zu übertreten; heute nenne ich zum ersten Mahle wieder den guten George! Lord (mit bitterer Wehmuth in sich gekehrt). Mein guter George! William. Rufen Sie ihn an Ihr einsames Vater- herz. Lord. Du bist sinnreich mich zu guül«,». Ich fliest ihn in's Elend— Ach! er ist langst todt! William. Nein, ich glaub' es nicht, und will es nicht glauben. Die verworrene Nachricht, die Ihnen vor fünf Jahren der Amerikaner brachte — ich mag nicht sagen was ich denke. Lord. Nur heraus damit. Du haltst sie für eine Erfindung seines Bruders? William. Ja, Mylord. George trug eine reine Liebe zu einem edlen Mädchen in der Brust; er wurde wieder geliebt,— d'rum konnten weder Ap muth noch seines Vaters Zorn ihn ganz zu Boden drücken. Mir sagt mein Herz, er lebt! gewiß, er lebt! Lord. Gesetzt, ich sey getäuscht worden; gesetzt, mein verstoßener Sohn Habs England nie verlassen; soll ich dir seine Geschichte mahlen?— Wohl mag ihn die Liebe eine Zeit lang über den Wellen erhalten haben; das Mädchen, um deßwillen er des Vaters Segen, Rang und Reichthümer entsagte, ist sein Weib geworden; er hat Monathe, vielleicht Jahre lang, fröhlich mit der'Armuth gekämpft, und allein hätte er nie der finstern Gewalt unterlegen;— aber ein geliebtes Geschöpf an seiner Seite dem drückenden Mangel Preis gegeben— das hat mein George fünf Jahre lang nicht ausgehalten; das hat ihn vernichtet!— Glaube mir, er ist todt. William. Theuerster Lord! Warum wollen Sie mir verbergen l— Sie selbst glauben noch an die Möglichkeit seiner Wiedererscheinung. L o r d. Ich» William. Unter den Briefen, welche Sie gestern schrieben, und die mich so sehr beunruhigen, ist ja auch einer an Ihren George. Lord. Du hast dich unterstanden— in mein Ca- hinct— William. Es war offen, und die Liebe untersteht sich vieles Lord. Genug. Du meinst es gut. Das erkenne ich, und beweise es dir durch die Geduld, mit der ich alles von dir höre, trage— dir auf Dings antworte, die— doch jetzt laß mich allein. Willia m. Nimmermehr! Lord: Ich befehle es dir. Zum ersten Mahle muß ich ungehorsam seyn. Sie haben die geladene Pistole zu sich gesteckt. Wollen Sie heute ohne mich bleiben, so mirs- se» Sie mich todten. Lor d. Nur die geladene Pistole macht dich so be sorgt um mich? William. Wozu das Gewehr in Ihrer Tasche? Es gibt leine Räuber in diesem Walde. Lord(»ach einer Pause). Nun ja, William, ich will es dir nicht leugnen; ein Gedanke an Selbstmord fuhr mir durch den Kopf, doch nur ein Gedanke. Wirst du ihn strafbar nennen?— Ein blinder Vater, der einen guten Sohn in die fremde Welt hinaus stieß, um alle Schätze auf einen Unwürdigen zu häufen— ein bestrafter Vater, der seinen Götzen, ein Opfer der Ausschweifungen, welken und sterben sieht— ein bereuender Vater, der zwischen den Gräbern seiner Söhne steht, die er vielleicht beyde grub— der, ohne Freude noch Hoffnung, einsam einer Gruft zu- 522 Wankt, die nur von seinen eigenen kalten Thränen feucht ist— ein solcher Elender fände nicht Entschuldigung/ wenn er seinem Gewissen und der Verzweiflung auf dem einzigen noch offnen Wege zu entrinnen sucht?— So dacht' ich, lieber William/ so fühlt' ich/ als ich diesen Morgen mein Schloß verließ; allein die schone/ stille Natur/ der heitere Himmel haben mich neu erquickt. Mir ist wohl geworden. Die herauf steigende Sonne hat trübe Wolken und schwarze Gedanken vor sich her gejagt. Hier, nimm die Pistole.(Kr reicht sie ihm.) William(nimmt sie). Gott sey Dank! L o r d. Aber laß' mich immer noch eine Weile allein in diesem Walde. Seine Stille ist mir so behaglich. Das sanfle Rauschen in den Wipfeln/ das Murmeln der Meereswellen sollen jede Lei-' denschaft in den Schlummer wiegen. Geh'/ guter William. WilliaIN(zweifelhaft). Wenn Sie mich alten Mann tauschen könn- ten— Lord. Ich gab dir die Pistole— du siehst meine Ruhe— was willst du mehr?— Geh'. William. Ich gehorche.(Leise.) Doch weit entferne ich mich nicht,(rlb.) Dritte Scene. Lord Allhorst. Tony(schlafend). Lord. Endlich ist er fort. Leichtgläubiger! Das ist noch das Beste am Leben, daß keine Gewalt den Menschen hindern kann, das aufgedrungene Geschenk von sich zu werfen. Tausend Wege führen aus der öden Steppe. Geh' nur, und knöpfe sorgfältig die Pistole in deinen Busen; ein Sprung in s Meer befreyt nicht minder schnell von der lästigen Bürde.— Rasch! ohne weiteres Bedenken.(Er«in dem Se-uf-r»u, uu» erblickt Tony.) Was ist das?— ein Kind?— ein schlafendes Kind!— so nahe am Meeresufer?— Wenn nun die Fluch herauf schwillt und esweg- spühlt?— Was kümmert's mich!— Glücklich, wem der Tod mit kalter Hand schon in den Traum der Kindheit greift, daß er zu des Lebens Qualen nie erwacht! Laß' ihn liegen.(Er null»ach dem Meere, verweilt aber wider Willen.) Es ist fürwahr ein holder Knabe, mit Zügen, die mich seltsam ansprechen.—Wie kommt er in diese öde Gegend?— Gleich viel!(Will abermahls fort.) Sonderbar! Mir ist, als könnt' ich nicht sterben, bevor ich den Knaben nicht gewarnt vor der nahen Fluch.— Er scheint ängstlich zu träumen.— Vielleicht, daß liebende Ältern ihn vermisse».— Was geht das mich an? Fort! dem er„ach dem M«re will, ruf«) T 0 Np(im Traum). Vater! Lord. Welch' ein Ton schlug an mein Herz! Höhnt mich der Knabe mit dem Verlornen Nahmen? —(Nach ihm hinblicknid.) Ihn hat's beruhigt, er lächelt. Tony(streckt beyde Hände aus). Komm'! Lord(ergriffen). Ha!(Er strebt hm neck dem Knaben, Loch schneit wiederum zurück weichend.) Thor! er meint ja nicht dich. Nicht nach dir streckt er seine Arme aus. Eine andere Gestalt schwebt vor ihm. Die mei- nige würd' ihn schrecken. Fort! waS kümmert mich der Knabe. Tony(immer noch schlafend). Bleib'! Lord. Welch' ein Gaukelspiel treibt der Zufall mit mir!— Wohlan, ich will ihn wecken, erwirb den alten fremden Mann schüchtern fliehen, das wird mich ärgern, und so ist's recht; so werd' ich die Empfindung los, die unwMührlich meinen Fuß noch fesselt.(Er schütten Tony.) Erwache, Knabe! 5s6 Tony (schlägt die Augen auf und lacht ihn an). Lord. Er lächelt— sonderbar!— steh', auf. Tony (steht auf Uttd sieht sich befremdet um) Lord. Wie bist du hieher gekommen'! Tony. Ich weiß es nicht. Doch ja, nun weiß ich's. Ein Eichhörnchen wollt' ich haschen, es hüpfte von Baum zu Baume, ich lief ihm»ach von Baum zu Baume, und endlich, und endlich — war eS doch entschlüpft, und eS wurde Nacht und ich war so müde— Lord. Da legtest du hierher dich schlafen! Ton y. Ach nein! ich weinte lange noch— wollte heim zu Vater und Mutter, aber wo ist der Weg? Recht laut hab' ich geweint, gerufen, Vater und Mutter haben mich aber nicht gehört. Es wurde recht dunkel. Ich habe mich sehr gefürchtet, sehr. Schreyen konnt' ich nicht mehr, und weil es auch so dunkel war, so wurde ich ganz still, und habe mich lange lange ganz still gefürchtet! da bin ich wohl endlich eingeschlafen. Lord. Was willst du jetzt anfangen? Tony. Ey nun ist es hell, und du bist hier, nun fürchte ich mich nicht mehr. L o r d. Nicht vor mir? Tony. Vor dir? Warum? Liebst du meinen Vater nicht auch? Alle Menschen lieben ihn. Lord. Wer ist dein Vater. Tony. Alle Nachbarn nennen ihn den guten Nachbar. Wenn sie ihn auf der Straße sehn, oder 3s8 wenn sie zu uns komme»/ so sprechen sie immer: Grüß' euch Gott/ guter Nachbar! Lord. Hat er denn sonst keinen Nahmen? Ton y. Das weiß ich nicht. Lord. Wie heißest du denn? Tony. Tony. Lord. Wo wohnt dein Vater? Tony. Gleich neben der Kirche/ in dem grünen Häuschen/ wo der Kirschbaum vor dem Fenster steht. O wir haben auch»och viele Obstbäume im Garten. Ach ich bin recht hungrig. Gib mir was zu essen/ lieber alter Mann. Lord. Ich habe nichts. Tony. So führe mich geschwind zu meiner Mutter. Ach ich bin recht müde. L o r d. Geh' nur, du wirst den Weg wohl finde». Ich muß hier bleiben. Tony(steht stH um). Viele Bäume, lauter Bäume? Wo ist denn der Weg? Zeig' ihn mir doch, lieber alter Mann; bring'mich zu meiner Mutter, sie wird dir so herzlich danken. Lord. Ist deine Mutter auch so gut als dein Vater? Tony. O, manchmahl noch besser. Der Vater ist zuweilen traurig, dann wird die Mutter noch einmahl so sreundlich, bis es bey ihm vorüber geht. Lord. Warum ist dein Vater traurig? Tony. Das weiß ich nicht. Lord. Seyd ihr arm? Tony. O nein! Wir essen alle Wochen zweymahl .....,) ä^, Fleisch, und Weihnachten und Ostern backt die Mutter Kuchen. Ach Kuchen! mich hungert sehr! Gib mir etwas zu essen. Lord. Ich habe nichts. Tony. Ach, lieber Gott! so bring' mich doch zu meine» Ältern. Du siehst ja so ehrwürdig aus. Die Mutter hat mich gelehrt: zu alten Leuten soll man Vertrauen haben. Sieh', ich habe Vertrauen zu dir, du wirst mich nicht verlassen, lieber alter Mann.(Süßt drm Lord die Hand und schmiegt sich kindlich an ihn.) Lord (bewegt, für sich). Wer sagt, daß Kinder wehrlos sind? Die bittende oder klagende Stimme ist ihre unwiderstehliche Waffe. Wärmn sollt' ich meinen Tod nicht noch um eine Stunde verschieben, um Trost und Glück in die Hütte geängsteter Altern zu bringen, deren einziges Kind vielleicht der Knabe ist.— Höre Tony, hast du noch Geschwister? T o n y. Ach nein! ich habe die Mutter wohl oft gebethen/ sie soll mir ein Schwesterchen schenken; aber sie thut es nicht. Lord. Der einzige Sohn!— In welcher Angst wogen deine Altern diese Nacht um dich gewesen seyn! Tony. Bin ich denn die ganze Nacht hier gewesen Lorv. Freylich/ und nun ist's bald Mittag. Tony. Ach, guter alter Mann! so bitte ich dich, führe mich doch geschwind nach Hause. Ich habe ein Paar schöne Tauben, die will ich dir schenken, du kannst sie deinen Kindern mitbringen. Lord(seufzend). Meinen Kindern!(Er fnsu 6-h) Wohlan, Tony, ich will dich führen, wir wollen dein Dorf suchen. Kannst du dich besinnen, von welcher Seite du kamst? .... 332 T o n y. s O ja, von dorther/ denn auf dem großen l Raume dort sah ich das Eichhörnchen zum letzten Mahle. Lord. So lass uns diesen Weg nehmen. Doch zu. vor— es könnte weit seyn/ und du bist so hungrig. Ton y. Recht hungrig. Lord. So wollen wir zuvor nach jener Köhlerhütte wandern/ uns Brot und Milch auskitten. Tony. Ach ja/ Brot und Milch! Aber ich habe(< kein Geld. Lord.. Komm nur/ ich habe Geld. j^ Tony. d Guter/ alter Mann! ich will dich auch so L lieb haben/ immer lieb haben! und wenn ich n einmahl groß werde/ und du recht alt/ recht^ st 323 sehr alt bist/ so alt, das, du nicht mehr gehen kannst, so will ich überall dich führen. Lord(umarmt ihn bewegt). Wolltest du das? Ton y. Gewiß! gewiß! Lord. Komm', holder Knabe(sr fuhr« ihn fort.) (Die Bühne bleibt eine kurze Zeit leer.) Vierte Scene. Ära belle allein. (Mit blasser Wange und zerstreutem Haar wankt sie von der entgegen gesetzten Seite aus dem Walde hervor.- Ich kann nicht mehr!— ich habe keine Stimme mehr um zu rufen— auch tragen mich die Füße Nicht weiter—(Sie sinkt unter einen Baum.) Gott! Gott! soll ich mein Kind nicht wieder finden, so laß' mich auf diesen, Platze sterben! Georg (i» sehr weiter Entfernung) Tony! Arabelle. Hör' ich nicht rufen? Georg (nach einer Pause, etwas naher). Tony! Arabellc (versucht sich aufjmasien) Meines Kindes Nahmen! Georg (nach einer Pause, wiederum etwas näher.) Tony! Arabelle(sinkt jurüH. Ach! die Stimme meines Gatten! So hat auch er ihn nicht gefunden!— Meine Angst, mein Elend steigen mit jeder Minute- 235 Fünfte Scene. Ar ab ekle. Georg. Georg (tritt auf am Meeresufer). Tony!(Er erblickt s-in Weib.) Arabelle! bist du es? Arabelle. Ich konnte nicht weiter. Georg. Du hast keine Spur gefunden? Arabelle. Würd' ich hier liegen? Georg. Auch mein Suchen war vergebens. Ich habe den ganzen Wald durchkreuzt, umkreist; ich habe alle Thiere durch mein Geschrey verscheucht, alle Menschen herbeygelockt; Niemand weiß von ihn»! Arabelle (mit der gräßliche» Kälte der Verzweiflung). Er liegt todt im Walde, oder im Wasser. Nicht einmahl, begraben sollen wir ihn! Georg. Um Gottes willen! Arabelle, gib die Hoffnung noch nicht auf. Es sind ja erst siebenzehu Siunden seit er sich verlaufen hat. Noch bleibt mir eine Strecke zu durchsuchen übrig, hier am Strande, bis zu jenen Klippen; da liegen eine Menge bunter Muscheln; dort vielleicht— ich eile dahin, bleib' hier so lange, erwarte mich, versprichst du mir das? Arabelle. Du siehst, ich muß wohl bleiben, auch wenn ich es nicht verspräche. Georg. Ich fliege das Ufer entlang. Bethe, Arabelle, bethe!(Ab.) Sechste Scene. Arabelle allein. Bethe»?— ich kann nur ächzen! Aber was wäre Gott, wenn nahmenlose Mnttera.ngst ihm nicht mehr gälte, als das inbrünstige Gebeth!— Wie ist mir alles so gleichgültig geworden— selbst mein guter Mann— ja, mich quält ein grollendes Gefühl— er kann noch die Stunden zählen— siebenzehn Stunden, spricht er, wäre der Knabe fort— ach! ich habe ein ewiges Leben gelebt, seit er fort ist. Siebente Scene. William. Arabelle. William. Gute Frau, habt ihr nicht einen alten Herrn hier gesehnt Arabelle. Nein. Habt ihr nicht ein Kind gesehnt William. Nein.(Saßt sich.) Gott, ich hab' ihn doch zu lange allein gelassen. Wohin hat er sich gewandt? Kohebui't Theater 2S. Band. P Arabelle. Er ist todt! Willia m. Mein Herr todt?! Ärabelle. Ach! was kümmert mich euer Herr! Ich bin eine unglückliche Mutter, deren Kind sich verlaufen! Mein Tony ist fort! mein einziges Kind ist todt! Todte mich, du fremder Mann, wenn du barmherzig seyn willst! William. Arme Frau! Neues Elend! Wohin lenk' ich meine Schritte? Dort ein trostloser Greis; hier eine verzweifelnde Mutter— Pflicht und Menschenliebe reißen mich hin und her. A r a b e l l e. Geh', fremder Mann; hast du kein Messer mir in die Brust zu stoßen, so laß' mich allein. Tony (in der Lerne rufend). Dort! dort! A r a b e l l e. Ha! was war das! Achte Scene. Lord Allhorst. Tony. Die Vorigen. Tony (läuft in Arabellens Arme). Mutter! Mutter! Arabelle (immer noch unter dem Baume liegend, schließt ihn fest an sich; ihre Freude gränzt an Wahnsinn, sie betrachtet ihn wild-freundlich, dann preßt sie ihn auf's neue an ihr Herz). Tony(fast schreyend). Mutter/ du thust mir weh. Arabella. (läßt ihn loS, umklammert kniend den Baum mit beyden Arme», und schreyt gen Himmel). Gott! Gott! ich— ich—(Sie sinkt«äst ohnmächtig am Baume nieder.) Tony. Mutter/ bist du krankt Hast du Angst um mich gehabt? Sey nicht böst/ freue dich! Da. bin ich ja wieder gesund und frisch. P 2 William. Gott sey Dank/ gnädiger Herr/ daß ich Sie finde. Lord (im Anschaun»er Truppe perioren). Stills! stille! Arabelle. Mein Kind! Dich hab" ich wieder! Nun möge unsre Hütte brennen, der Hagel unsre Felder verwüsten— Mein Tony! mein alleö! Tony. Wo ist der Vater? Lord(dey Seite). Welch' ein interessantes junges Weib! Tony. Sieh', Mutter, dieser gute alte Mann hat mir zu essen gegeben, und wollte mich nach Hause führen. A rabelle (ihre Hände sattend). Mein Herr— ich brauche Ihnen nicht zu danken— dieß Schauspiel muß Sie belohnen. Lord. Ihr wißt nicht- gute Frau, wie viel ich dem Kinds verdanke. Ich hab' es lieb gewonnen, sehr lieb. Es konnte mich wieder an das Leben, fesseln. Hört! ich will Euch einen Vorschlag thun. Ich bin ein reicher Lord, habe keine Kinder, keine Verwandte; laßt mir den Knaben, ich will ihn erziehen, sein Glück gründen. A r a b e l l e. Ich? meinen Tony lassen? Lord. Ich will ihn an Kindesstatt annehmen, ihll zum Erben einsetzen. Arabelle (schlugt den Knabe» ängstlich in die Arms). Gibt es auch einen Preis in der Welt, um den eine Mutter ihr Kind weggibt? Lord. Ich reicher Mann! wie arm ich bin! Tony. Mutter, der alte Mann könnte ja in unser Dorf zieh»! """ 5-42 Lord. Wäre dir das lieb, Tony? Tony(ihm liebkosend). S gewisi, recht lieb. Du bist so gut gegen mich gewesen, ich wollte auch wieder recht gut seyn gegen dich. Lord. Wohlan, du holder Knabe, ich zu Euch, oder ihr zu mir. Ich will mit deinem,Vater sprechen. Wo ist Ihr Mann? A r a b e l l e. Ach Gott! Tony, dein armer Vater sucht dich noch immer mit Todesangst. Nach den Klippen ging er.(Sie eilt an's Ufer.) George! George! Lord(stuhi). George? Tony (ruft und winkt). Vater! Vater! Arabelle (winkt mit dem Tuche) George! George! 345 Lord (seufjcnd zu sich). So hieß auch mein verstoßener Sohn! A r a b e l l e. Er kommt— er fliegt! Tony (lauft ihm entgegen). Vater! Vater! A r a b e l l e. Jetzt hat er ihn erreicht— ach/ welche Freude! Neunte Scene. Georg. Die Vorigen. Georg (Tony auf den Armen tragend). Daist er ja! Tony! Tony! Juchhe!(Er hebt ihn hoch in die Luft.) Lord(aufschreyend). Mein Sohn! Georg (blickt aus den Alten, steht erstarrt, wankt, läßt öcn Knaben in der Mutter Arme fallen). Mein Vater! A rabell e. Was ist das! William. Gott sey gelobt! Lord. George! Vater! Georg. L o r d. Das dein Weib? Dein Kind? Georg. Mein Weib, mein Kind. Lord (breitet die Arms auk) Mein Sohn! Georg. Darf ich? Lord. An mein Herz!(Er schN-gr den T°hn in die Arm-.) Du bist mein einziger Sohn— dein Bruder starb— ich war hart gegen dich—> ich hab' es bereut— von Verzweiflung hat dein Kind mich gerettet— meines Sohnes Kind war mein Engel!—(ga«n>bkll-n.) O, nicht so schüchtern, du holdes Weib! hat er dir viel Böses von mir erzählt? Komm, komm in meine Arme, ich will alles wieder gut machen. Arabelle(schüchtern). Mylord— Lord. Vater sollst du mich nennen. Ha! ich bin wieder Vater! Legt mir den Knaben auf den Arm, daß ich ihn segne. Georg. Vater, ich habe noch keine Worts— Tony. Mutter, ist der gute alte Mann mein Großvater? O, nun war es doch gut, daß ich dem Eichhörnchen nachlief. Ich habe den Großvater gefunden, ich hab' ihn gefunden! 3^6 Lord (in fei,irr Kinder Mitte). Meine Kinder!— Verzweifelnd wähnt' ich, in ein offenes Grab zu schauen, und plötzlich hat die Liebe es mitRosen gefüllt.—(Sie umarmend.) Vorsehung! wer darf dich läugnen?! (Der Vorhang fällt.) Wien, gedruckt bey Anton Strauß. 4" ' L. -'»^^^ r >?«-^^- V" ^-5«.->^ '^WE?- W c^ M *.. K^ > ^-d ^> !?- '^i,^ ,» 'As,« H.«- E - i«»./.' -i-- dk' .> F v«..M 'E»/' i. »."<>, M-^K- ^ h' V D-