Mkenöi' 8tslji-8ibli»illkl< 8vvö L I.W «6 MK «« G .. g - »M - M »s - -- "'-'LBKK--' « > >2- IM" ,d1! Wie KemnchvonEichenfelS zur Erkenntniß Gottes kam. Eine Erzählung für Kinder » n d Kinderfreunde v 0 Lk Christoph Schmid, Verfasser derbiblifchcn Geschich! eii, der Geuovefa, der Ö ftere p e r und anderer Kinder- und Jngendschriften. Grätz, 1L24, Im Verlage der Herausgeber der neuen wohlfeilen Biblioihek für katholische Seeleusorger und Religiousfreundr, MsS BKXX« Erstes Kapitel. Aufsicht über Kinder, ein Engels- ge schüft. b« Anfang des vorigen Jahrhunderts lebten auf cincm alterthünüichen, aber sehr prächtigen Schlosse, nahe an einem großen Walde, GrafFriedrich und Gräfinn Adelheid von Eichenfels. Ein zartes, wunderschönes Knä'blein, Nahmens Heinrich, daö sie unaussprechlich liebten, war ihr einziges Kind. Allein bevor das Kind noch den Nahmen Vater aussprcchen konnte, mußte der edle Gras fort in den Krieg. Die fromme Gräfinn blieb zurück auf dem Schlosse, und der einzige Trost über die Abwesenheit ihres Gemahls, die einzige Freude in ihrer stillen Einsamkeit war ihr geliebter kleiner Heinrich. Sie hatte sich vorgenommen, ganz der Erziehung desselben zu leben, und ihr ganzes Herz sehnte sich Nach dem seligen Augenblicke, da sie mit dem holden Knaben auf dem Arme ihrem theuern Gemahle würde entgegeneilen tonnen. -4 Eines Abends saß hie Gräfinn mit ihrem Kinde auf dem Schoofie in ihrem Zimmer. Margaretha, das Kindsmädchen, stand neben ihr und hielt dem Kinde freundlich- scherzend einige frischgepflückre Blumen vor. DaS Kind streckte lächelnd die kleinen Händchen darnach aus, und auch die Mutter lächelte sehr vergnügt, und ergetzte sich an der Freude des Kindes. Da trat auf ein Mahl ein Diener, der mit dem Grafen ins Feld gezogen war, herein, und brachte die traurige Nachricht: der Graf sey schwer verwundet, und verlange vor seinem Ende, das vielleicht nahe sey, seine Gemahlinn noch zu sehen. Die Gräfinu ward todtenblaß und konnte mit ihren zitternden Händen das Kind fast nicht mehr halten. Der Böthe machte, als er den Schrecken der Gräfinn sah, einige Hoffnung,-hr Gemahl könne wohl noch davon kommen; indeß konnte er doch nicht verhehlen, sie müsse Tag und Nacht ohne Aufhören fahren, wenn sie ihn noch sicher am Leben antreffen wolle., Die Gräfinn entschloß sich augenblicklich abzureisen.— Sie benetzte ihr Kind mit heißen Thränen. »Du guter kleiner Heinrich, sagte sie, ach! du weißt noch nicht einmahl, warum deine Mutter weinet.'Armes Kind, du verlierst deinen Vater, ohne ihn zu kennen! O, wir s schmerzt es mich, daß ich dich auf dieser weiten beschwerlichen Reise in das Kriegslager nicht mitnehmen kann!« »O, Margaretha! rief sie, indem sie sich zu dem Mädchen wandte, dir übergebe ich das Liebste, waS ich hier zurück lasse.—° Habe doch recht Acht auf das Kind! Laß es keinen Augenblick allein; auch nicht, wenn es schläft. Verpflege es so sorgfältig, als wäre ich zugegen. Trage es an jedem schönen Tage, besonders des Morgens, in den Garten an die frische Luft. Singe ihm ein Aedchsir vor, rede mit ihm, zeig« ihm öfters Blumen und andere schöne Dinge. Laß dem Kleinen nichts in die Hand, das ihm gefährlich werden, womit er sich stechen, oder das er verschlingen könnte. Am wenigsten wüst du dich unterstehen- ihm etwas zu leid z-r thun, und im Zorne und Unwillen über seine kindliche Unbshülfiichkeit empfinden zu lassen. Die Aufsicht über kleine Kinder ist ein Engslsgeschaft. Sey du dem Kinds ein guter Engel!— Die Beschließerinn, der ich das ganze Hauswesen übergebe, wird imr schon wiedererzählen, ob du alle meine Worte genau befolgt habest. Versprich es mir, diese meine letzten Ermahnungen nie außer Acht zu lassen, damit ich wenigstens in diesem Stücke außer Sorge seyn könne. Ich 6 werde alle Stunden zählen, bis ich wieder zurückkomme. Wenn du mir das Kind dann heiter und fröhlich in meine Arme zurückgeben wirst, so werde ich dich zu belohnen wisse». Auch werde ich dir etwas recht Schönes mitbringen, da« dir gewiß Freude machen soll.« Margaretha versprach alles. Die Gräfinn küßte das Kind, segnete eS, und blickte mit nassen Augen, indem sie innerlich bethete, lange zum Himmel, gab dann das Kind Margarethen in die Arme, und stieg hierauf unter dem lauten Weinen und Jammern ihrer Dienerschaft und Unterthanen in den Wagen, und fuhr noch bey einbrechender Nacht und einem heftigen Regen ab. Zweytes Kapitel. Grosses Unglück aus kleinem Ungehorsam. Älargaretha war ein armes, verwaistes Landmadchen. Sie hatte ein kindlich frommes Gemüth, einen heitern fröhlichen Sinn, und ein sehr liebliches, blühendes Ausse. den. Deßwegen hatte die Gräfinn sie zur Wärterinn des kleinen Heinrichs angenom- 7 nien Das gute fromme Mädchen befolg- i»-. b-f-hun... te, genau, und es verging keine Stund-, in der ihr die Ermahnungen der Grastnn nicht zu Sinne gekommen waren Denn sie lieble die Grasinn als ihre größte Woy thaterinn, und hatte a» dem holden KM- de die herzlichste Freude,>a sie ehrte n demselben schon ihren künftigen Grafen uns ^Eines Tages saß Margarstha neben dem schön geflochtenen Wi-g-nkorbe des schlafen- de»r Kindes, und strickte. Sie hatte den Korb, der sich über dem Haupte des Kindes zierlich emporwölbte, mit Rosen geschmückt, damit dem Kinde sogleich bey dem Erwachen etwas Schönes in die Augen falle. N« feiner weißer Flor schützte das Krnd, damit keine Fliege es im Schlafe störe- und lieblicher und schöner als die frischen Rosen schienen die rothen Wangen des schlafenden Kindes durch den zarten, durchflchtzr- gen Flor., Da kamen einige herumziehende MM- kanten vor das Schloßthor, und ließen sich da hören. Die Leute im Schloß- liefen alle zusammen, und riefen die Musikanten herein in die untere Stube, um s sich, weil die Herrschaft eben nicht zu H«u- ^"l'k und Tanz einen lusti- gen Nachnnktag zu machen. Margaretha bo'' u.chtS lieber, als Musik; dennoch blieb sie der Worte der Gräsi.m eingedenk, an dem W.egenkorbe des schlafenden Kindes ruhig sitzen. Da kam Gorge, der Gartneriunge, eilig in das Zimmer.»Gret- ryen, rief er, komm doch auch herben! Du glauost nicht, wie lustig es zugeht. Sok- habe ich noch nie ae- Eine hat ein Hackbret, und schlägt darauf zu, als wollte erS in Stücke zerschlagen. Ein kleiner Bube spielt den Triangel, der auch nicht Übel klingt; und ein groper, dickbakiger Zunge blast das Posthorn dazu, daß einem beyde Ohren klingen, fast lauter als der Triangel. Komm doch geschwind herunter.'» Margaretha sagte, sie dürfte daS Kind keinen Augenblick verlassen.»Sey nur nicht so kindisch, sag- re der leichtsinnige Bursche. Du wirst wohl nicht allein die Heilige machen wollen. Das Kind schläft ja, und du kannst -hm ,a nicht schlafen helfen. Komm, komm, und z.er dich nicht so. In einem Vier- telstundchen bist du wieder hier. Einen Reihen wirst du mir nicht abschlagen.« Margaretha ließj, wiewohl mit klopfen- 9 dem Herzen^ sich bereden, und ging mit hinab. Sie hatte aber wenig Freude; eine große Angst kam sie an. Sie wollte gehen; allein die klebrigen hielten sie auf. Zuletzt riß sie sich mit Gewalt los, und eilte zur Wiege des geliebten, ihr anvertrauten Kindes. 'Aber— welches Entsetzen ergriff sie! DaS Bettchen war leer— sie sah nichts Mehr von dem Kinde. Sie faßte sich zwar, und tröstete sich mit der Hoffnung, es habe wohl nur jemand von den Leuten im Schlosse das Kind zum Scherze in ein anderes Bett gelegt, um sie zu erschrecken. Aber schon der Gedanke, die Gräfinn könnte dieses inne werden, machte sie zittern- Sie eilte von Zimmer zu Zimmer— und sah nirgends etwas von dem Kinde. Eine wahre Todesangst ergriff sie. Sie eilte hinab und rief unter die Tanzenden:»Der junge Graf ist nicht mehr in seinem Bettchen; wer von euch hat mich so erschreckt, und das Kind hinweggenommen?» Niemand wußte etwas davon; kein Mensch war aus dem Zimmer gekommen. Alle hörten sogleich auf zu tanzen, und die Musikanten gingen fort, ohne das Trinkgeld abzuwarten. Alle, so viel ihrer in der Stube waren, eilten erschrocken hinauf, lü alles wurde durchsucht. Bald zeigte sich, daß außer dem Kmde noch allerley Kostbarkeiten fehlten. Was konnte man anders denken, als das Kind sey geraubt worden. Die allgemeine Lustbarkeit verwandelte sich nun in Weinen und Wehklagen. ES war ein Jammer, als trüge man eine Leiche hinaus.»Ach Gort! rief die Beschließerinn laut weinend, ach, die gute Gräfinn— wie wird es erst ihr seyn, wenn sie das hört! Das ist ihr Tod.« Maraa- retha aber wollte verzweifeln, sie wäre'im ersten Anfalle der schrecklichsten Verzweiflung fortgerannt, und vielleicht gar in den Fluß gesprungen, wenn man sie nicht aufgehalten hätte.»O du mein Gott! rief sie mehrmahls und voll des heftigsten Schmerzens, wer hätte das geglaubt, daß ein so kleiner Ungehorsam so große schreckliche Folgen haben könne!« Drittes Kapitel. Der größte Jammer einer guten Mutter.^ Andem nun alle Leute aus dem Schlosse voll Schrecken und Verwirrung, weinend und jammernd, in dem Zimmer des Kin- rr des beysammen waren, indem Margaretha, halb wahnsinnig, scheu und verwildert aus ihren schwarzen Augen blickte, und mit zerrauften Haare» neben dem leeren Beruhen auf dem Boden saß, auf dein die Rosen, die den Wiegenkorb geschmückt Hütten, zerstreut und zertreten umher lagen: da ging mit einem Mahls schnell die Zimmerthür auf — und die Gräfinn trat herein. Die Wunde des Graten war nicht so gefährlich, als es Anfangs geschienen hatte. Sobald er sich außer aller Gefahr befand, hatte die Gräfinn, auf Zureden deS Grafen und aus eigenem Antriebe ihres mütterlichen Herzens, die Rückreise angetreten, um nur recht bald wieder bey ihrem lieben Kinde zu seyn. Sie war nur aus der Kutsche gesprungen, und sogleich auf das Zimmer geeilt, wo sie den kleinen Liebling ihres Herzens zu umarmen hoffte. Alkes im Zimmer erschrack bey dem Anblicke der Gräfinn. Margaretha that einen kauten Schrey.»O Gott! rief sie, sey mir und ihr gnädig!« Die Gräfinn sah die todtenblaffen Gesichter— die rothgeweinten * Augen— Margarethens Verzweiflung— die leere Wiege mit Schrecken. Niemand wollte auf ihre Fragen antworten. Tausend bange Ahnungen, tausend schreckst -1L che Gedanken zuckten gleich Blitzen durch ihre Seele. Sie zitterte für das Leben ihres Kindes. Als sie endlich die Geschich- te halb erfuhr und halb errieth— da war es ihr, als brachen Himmel und Erde auf sie herein; sie sank in Ohnmacht, und wäre zu Boden gefallen, wenn nicht alles herbey geeilt wäre, sie zu halten. »O Gott, oGoft! rief sie endlich jammernd, als sie wieder zu sich selbst gekommen war, welch ein entsetzliches Leiden hast Du mir auferlegt! Ach, mein Kind, mein Kind, mein liebstes Kind! O mein Gemahl, mein theuerster Gemahl! Ach, diese Bothschaft wird dir tiefere Wunden schlagen, als das Schwert der Feinde! Ö du lieber, lieber, guter kleiner Heinrich, wo bist du wohl jetzt? In welche Hände bist du gefallen? O, wenn du von Räubern verführt werden und ohne Unterricht, ohne gute Sitten aufwachsen solltest— wie schrecklich wäre das? Ich kann nicht einmahl daran denken! Ach, lieber weinte ich an deinem kleinen Grabe! O dann wärest du ein schöner Engel an Gottes Throne, und ich hätte den Trost, dich dort einstens wieder zu sehen! Aber jetzt fehlt mir agch dieser einzige, dieser, süßeste Trost! Äch! was kann, 15 was wird unter solchen Menschen aus dir werden?« »O Gott! rief sie dann wieder, und fiel auf die Knie nieder, und blickte mit gerungenen Handen weinend zum Himmel. O guter Gott, Du einziger Trost in allen Nöthen! Mein Kind ist zwar meinen Armen entrissen, aber deiner Hand kann es nicht entzogen werden. Ich weiß nicht, in welchen finstern Wäldern, in weicher Räuberhöhle es sich befinde; aber dein Auge sieht es, wo es auch ist Ich kann ihm nichts Gutes und Liebes mehr erweisen; aber Du und nur Du allein kannst es erhalten. Du hörest ja das Schreyen der jungen Raben— o höre auch das Flehen dieses Kindes, das gewiß weint und wimmert, und sich nach seiner Mutter sehnt.— Mir und meinem lieben Gemahl aber gib die Gnade, die'en Verlust zu ertragen! Obwohl zunächst Unvorsichtigkeit und Boßheit der Menschen uns den kleinen Engel geraubt haben— so ließest doch Du es zu. Du fügtest es so; Dir will ich mein Kind mit vertrauendem, wiewohl blutendem Herzen, zum Opfer bringen. Ich weiß es gewiß, auch dieser Schmerz wird mir unter deiner Leitung einmahl z»,N Heile seyn.« So tröstete sich die trauernde Mutter. Margaretha aher war ohne allen Trost. Sie fiel der Gräfinn zu Füßen, und balh sie um Verzeihung.»Ach! sagte sie zur Gräfinn, wenn ich das Kind mit meinem Blute aus den Händen der Räuber befreyen konnte, ich wollte gern den letzten Tropfen vergießen. Lasset mich hinrichten, ich will gern sterben.« Die Gräfinn verzieh ihr.»Deine aufrichtige Rene verdient Vergebung, sprach sie; es soll dir kein Leid geschehen. Du siehst aber, wie gut ichs meinte, wie weise mein Befehl war; du hast eS nun erfahren, was Ungehorsam, Leichtsinn, Hang zu Lustbarkeiten für großes Unglück anrichten können. Unser aller Freuden auf dieser Welt sind nun für immer dahin, wie die Rosen hier, die welk und entblättert auf dem Boden umher liegen. Nachdem die Gräfinn sich von dem ersten Schrecken erhöhst und vernommen hatte, das Kind sey erst vor ein Paar Stunden geraubt worden, so schickte sie sogleich eine Menge Leute aus, eS aufzusuchen. Ein Böthe nach dem andern kam wieder zurück. Mar- garetha lief jedem entgegen, und weitste immer aufS Neue, sobald sie schon von weitem seine trostlose Miene sah. Endlich kam auch der letzte, ohne die geringste Spur von dem Kinde entdeckt zu haben, und Margaretha 15 weinte sich fast die Augen aus. Nach und nach wurde sie zwar ruhiger; allein sie war immer sehr blaß, und ging umher wie em Schatten. Jedermann hatte Mitleiden»nt ihr. Auf ein Mahl verschwand sie, und kein Mensch wußte, wo sie hingekommen war. Viertes Kapitel. Die Räuberhöhle. Eine Zigeunerinn, ein altes, häßliches Weib mit pechschwarzen Haaren und gelbbraunem Gesichte, hatte das Kind geraubt. Das Weib gab sich, leichtgläubige Menschen zu betriegen und zu bestehlen, mit Wahrsagen ab. Unter diesem Vorwande war sie schon früher ein Mahl in das Schloß gekommen, und hatte alle Gelegenheiten wohl ausgekundschaftet. Sie stand mit dem ältesten der drey Musikanten im Einverständnisse, und während dieser mit lärmender Musik alle Leute im Schlosse in die untere Stube lockte, war die Zigeunerinn durch ein kleines Thürlein in der Gartenmauer, daS der Gärtnerjunge auS Unachtsamkeit offen gelassen hatte, in den Schloßgarten, und auf einer wenig besuchten Wendeltreppe in das <6 Zimmer des Kindes geschlichen, hatte das Kind, und was sie sonst in der Gelchwin- digksit zusammen raffen konnte, genommen, und war damit durch den Garten schnell in den nahen Wald entflohen. Dort verbarg sie sich mit dem Kinde in ein Dickicht, bis es völlig Nacht war. In der finstern Nacht machte sie sich auf, imd trug das Kind weiter. Sie ging auf lauter abgelegenen, heimlichen Wegen. Mit Le- bcnsmitteln hatte sie sich hinreichend versehen. Den Tag über versteckte sie sich wieder in dichtes Gesträuch oder in daS Korn. So wanderte sie viele Meilen weit fort, bis inS Gebirge. Hier befand sich, tief unter der Erde eine schauerliche Höhle, die ein Theil eines eingegangenen, halb verschütteten Bergwerkes war. Der Eingang dazu war von Fel- ssntrümmcrn und verwachsenen Dornen so gut versteckt, daß ihn nicht leicht ein Mensch finden konnte. Nachdem die Zigeunerinn lange durch Gestein, Dorngssträuch und Brombeerstauden gekrochen war, kam sie an eine eiserne Thür, zu der sie den Schlüssel hatte. Sie öffnete die Thür, und kam denn durch einen langen Gang, der wohl eine Stunde dauerte, endlich in die Höhle. Diese Hohle war der Aufenthalt von Räubern. Hier verbargen sie sich,«m vor L7 der strafenden Gerechtigkeit sicher zu seyn. Hier verwahrten sie in großen schweren Kästen ihre geraubten Schatze— eine Menge prächtiger Kleider und kostbarer Gereiche, Gold und Silber, Edelsteine und Perlen. Die Räuber, furchtbare Männer, mit trotzigen Gesichtern und rauhen Bärten, saßen, als die Zigeunerinn mit dem Kinde ankam, eben beysammen, tranketi, rauchten Toback, und spielten in den Karten. Sie hatten eine große Freude, als sie vernahmen, dieses Kind sey der junge Heinrich von Eichsnfels, und sie überhäuften die Zigeunerinn mit Lobsprüchen über den gelungenen Raub. Ein solches Kind vornehmer Aeltern in ihre Gewalt zu bekommen, hatten sie schon lange gewünscht.»Du hast dich trefflich gehalten, alte Großmutter! sagte der Räuberhaupt- Nann. ,Nun sind wir vollkommen sicher. Wird einmahl einer von uns gefangen, so drohe er nur, daß wir übrigen, sobald wir hörten, man habe einem unsrer Svießgesel- ksn ein Leid gethan, dieses Kind gemäß unsrer Abrede schrecklich zu Tode martern würden. Da wird man seiner gewiß schonen, oder ihn vielleicht gar gehen lassen.« Der Hauptmann befahl hierauf der Zigeunerinn, die den Räubern kochte und die HauSivirkh- >8 schüft führte, wohl für das Kind ju sorgen, damit eS doch gewiß am Leben bleibe. In dieser schauerlichen Höhle kam nun das holde Knäblein zur Vernunft und lernte rede». Die Erinnerungen aus seiner ersten Kindheit erloschen. Es wußte nichts mehr von der Sonne, dem Monde, der ganzen schönen Erde Gottes. Kein Strahl des Tages fiel je in diese Wohnung des Schreckens. Nur eine Lampe, die Tag und Nacht brannte, hing von dein dunkeln, rusigen Gewölbe der Höhle herab, und erhellte mit ihrem trüben, rothen Schimmer die rauhen Felsen- wände. An Lebensmitteln war kein Mangel. Die Räuber brachten Brot, Fleisch, Gemüse, und besonders solche Speisen, die sich leicht aufbewahren ließen, und auch Wein in, Ueberffuffe. Ein großes Faß mit Wasser in einer Ecke der Höhle, das sie von Zeit zu Zeit frisch anfüllten, vertrat in dieser unterirdischen Haushaltung die Stelle des Brunnens. Da sie das Wasser aber weit hohlen mußten, so ging die Zigeunerinn sehr sparsam damit um, und schärfte eü dem Kleinen sehr ein, den Hahn immer wohl zu schließen. Eins Streu von Binsen, die jedoch mit prächtigen Treppichen bedeckt war, diente den Räubern zum Nachtlager. Die Zigeunerinn ließ dem Kleinen nichts abgehen. Sie gab ihm reichlich zu essen; allein sie unterrichtete ihn gar nicht in» Guten. Das Kind lernte weder lesen noch schreiben, und hörte aus dem Munde dieser bösen Menschen nie ein Wort von Gott. Nur einer unter den Räubern, ein Aüngling und der Sohn ehrlicher Leute, den aber die Lust zum Spielen zu dieser schrecklichen Lebensart verleitet hatte, unterhielt sich gern mit dem Kleinen, und brachte ihm, so oft er heimkam, etwas mit, ihm einen kleinen Zeitvertreib zu machen. Er schenkte ihm allerley von Holz ausgeschnitzte schön bemahlte Figuren, die Abbildung einer Schäferey mit vielen Schafen, nebst Schäfer und Schafhund, eines Gartens mit allerley Bäumen, an denen gelbe und rothe Früchte hingen, einen kleinen Spiegel, und andere dergleichen Spielwerke für Kinder. Ein Mahl kaufte er ihm eine kleine Flöte, und lehrte ihm ein Liebchen darauf spielen; ein anderes Mahl brachte er ihm einen Bund gemahlter Blumen, und lehrte ihn, selbst Blumen aus Papier ausschneiden, sie zusammen fügen und mit allerley Farben bemahlen. Der Kleine beschäftigte sich auf diese Art manche Stunde. Das Liebste aber aus allen seinen Spielsa- chsn war dem Kinde ein kleines Bildnis; sei- rc> nsr Mutier, das die Zigeunerinn in dem Schlosse entwandt hatte. Es war unvergleichlich schön und lieblich gemahlt, in Gold und geschliffenen Krystall gefaßt, und ringsum mit Diamanten besetzt. Die Zigeunerinn ließ es ihm, aber nur hier und da auf eine kurze Zeit, wenn sie besonders guter Laune , war. Der junge Räuber betrachtete das Bild öfter, gedachte seiner eigenen Mutter, und wischte sich eine heimliche Thräne aus dem Auge.»ArmeS Kind! sagte er bey sich selbst, es war doch grausam, dich einer solchen Mutter vom Herzen hinweg zu reißen. O, wieLsnz anders würdest du es bey ihr gehabt haben, als hier in diesem schauerlichen Aufenthalte! — Und deine gute Mutter, wie wird sie um dich weinen! Konnte ich dich in ihre Arme zurück bringen— wie gern würde ich eS thun! Aber ich selbst bin wie ein Gefangener, Hundert Mahle wäre ich schon entlaufen, wenn meine vorgeblichen Freunde mir getraut und mich nicht immer so sorgfältig bewacht hatten« Er führte mit dem Knaben allerley Gespräche, erzählte ihm mancherley, das dem Kleinen Freude machte, und seinen Verstand weckte; allein vonGott und Ewigkeit durfte er ,nicht mit ihm reden; das hätten die übri- 2t gen Räuber nicht gelitten, weil sie sich vor allem scheuten, waö ihr Gewissen aufwecken konnte. ^ Fünftes Kapitel. Versuch z» entrinnen. ,§)a der Knabe etwas älter wurde, war er - sehr neugierig zu wissen, wo die Männer denn s immer hingingen. Er bath sie öfter, ihn r mitzunehmen. Allein sie wiesen ihn alle ^ Mahl kurz und rauh ab, und vertrösteten ihn z, auf ein anderes Mahl. Einstens waren sie wieder auf den Raub ausgewogen. Die alte „ Zigeunerinn, die gar nicht mehr gut zu Fuße war, und immer zurück blieb, war dem mun- kern Knaben eine sehr traurige Gesellschaft» Sie war immer sehr grämlich, und saß, wein gen ihrer triefenden Augen, oft stundenlang id hinter einem grünen Lichtschirm und flickte al- tes Leinenzeug, oder zählte Geld, ohne ein Wort zu reden. Dann schlief und schnarchte- te sie wieder mehrere Stunden in einem ein sort- .„d Als sie nun wieder ein Mahl fest eingehe schlafen war, faßte derKnabe Muth, zündete bei- rine Wachskerze«n, ging in dem dunkeln 22. Gange/ durch den die Räuber alle Mahl fortzogen, immer weiter und weiter, und kam endlich an die eiserne Thür. Es gelang ihm aber nicht, sie zu öffnen, indem sie mit einem schweren Schlosse fest verschlossen war. Traurig kehrte er zurück. Allein, der Gang, durch den er gekommen war, hatte mehrere schmale Nebengä'nge, in denen man Stunden weit unter der Erde umher gehen konnte. Der Kleine ging in den ersten Gang, den er im Zurückgehen bemerkte, hinein. Nachdem er lange Zeit gegangen und seine Kerze bereits ausgebrannt und am Erlöschen war, schien es ihm, als sähe er in weiter Ferne ein brennendes Licht. Voll Neugier- de ging er darauf zu. DaS rörhlich strahlende Licht wurde immer großer und endlich so groß, daß es ihm als eine feurige, aufrecht stehende Gestalt vorkam. Er aber ging immer muthig vorwärts, und stand endlich an einem Felsenrisse, durch den die Morgenröthe herein schien, und durch den man bequem in das Freye hinaus gehen konnte— und mit Einem S puinge war der hocherfreute Knabe hinaus. Wie es ihm aber war, als er diesem dunkeln, nnlerirdische» Aufenthalt entronnen, nun daS erste Mahl unter GotteS schönem, blauen Himmel in einer xrachti- 23 gen Gegend voll waldiger Berge da stand— das kann keine Zunge aussprechen. Es war ein herrlicher Svmmermvrgen. Die Sonne wollte eben aufgehen, und der Morgenhimmel glänzte wie Glut, und auf Wald und Gebirg schwebte ein rothlicher Duft. Der Bode» war überall mit Gras und Blumen bedeckt; die Bögel sangen. bluten im Thals ruhte ein Heller See, in dem sich das Morgenroth und die grünen Gipfel der Berge umher init wunderbarer Klarheit abspiegelten. Der Knabe war wie vom Blitze getroffen. Er war vor Erstaunen außer sich— es war ihm, als sey er aus einem langen, tiefen Schlafe erwacht, und er taumelte wie schlaftrunken. Er konnte nur schauen— er fand lange keine Worte, sein Erstaunen auszudrücken. Endlich rief er:»Wo bin ich doch hingekommen? Wie weit— wie unermeßlich weit ist eö um mich her! O wie schon— wie herrlich ist alles!« Und dann staunte er wieder eine hohe Eiche oder einen Felsen voll grüner Tannen, oder den spiegelhellen See, oder einen blühenden Strauch von Waldrosen an. Jetzt ging über einen entfernten Tan- nenhügel zwischen goldenen Wolken die Sonne auf. Der Kleine sah mit starrenden 24 Augen hin; ihm war es, ein Feuer loder- ts empor, und er meinte wirklich, die Wolken, die er das erste Mahl sah, fingen an zu brennen. Unverwandt sah er hin— bis endlich die Sonne, von leichtem Morgenduft wie von einem zarten Flor bedeckt, golden, rund und schön über den Hügeln schwebte.»Was ist doch das? Welch ein wunderbares Licht!« rief der Knabe, und stand noch immer mit starrenden Bücken und vor Verwunderung ausgestreckten Armen— bis er endlich, von dem zunehmen, den Glänze geblendet, die Augen wegwenden mußte. Hierauf ging er ein wenig umher; er getraute sich aber kaum weiter zu gehen, aus Furcht, die schönen Blumen zu zertreten, mit denen der Boden überall wie besae4 war. Auf ein Mahl erblickte er ein junges Lamm, das sich unter einem blühenden Rosenstrauchs gelagert hatte.»Ey, ein Lamm, ein Lamm!« rief er freudig. Er eilte hin, und faßte eS an. Das Lamm regte sich, stand auf und blockte Der Kleine fuhr erschrocken zurück.»Was ist das? rief er. Das lebt ja! Es kann gehen— es hat eine Stimme! Die meinr- ge» sind alle stumm und todt, und keines rührt sich. Welch ein Wunder! Wer hat ihm SI ihin doch das Leben gegeben?« Er wollte l- sich mit dem Lamme i» ein Gespräch ein- N lassen; er that allerley Fragen an das Lhierchen— und ward zuletzt ärgerlich, daß es nur immer mit dem nähmlichen un- >> verständlichen Schrey antwortete. " Jetzt kam ein junger Hirt, ein schöner blühender Jüngling mit rothen Wangen und gelben Haaren herbey, der das n Lamm vermißt und gesucht hatte. Er hatte r- dem Kleinen schon lange zugesehen, und " wußte nicht, was er von ihm halten solle. >- Der Knabe crschrack zuerst über den Anblick des Jünglings. Da der Jüngling !v ihn aber sehr freundlich grüßte, so faßte , der Kleine Muth.»O wie schön bist du!« sprach er zu dem Jünglinge.»Und sage e mir doch, fuhr er fort, indem er mit weit n ausgebreiteten Armen auf Himmel und Erde deutete, gehört Liese große, große weite Höhle dein? Darf ich nicht hier bey dir und bey deinem Lamme bleiben?« Der Jüngling verstand das Kind nicht, und ss meinte Anfangs, es sey verrückt. Er fragte es, wie es hierher gekommen sey. Als nun der Kleine sagte, daß er aus dein Boden i- herausgekrochen sey, und dann von dcr alten Großmutter und den bärtigen Männern erzählte— da wurde es dem Hir- ^ K 2Ü ten unheimlich; es kam ihn eine große Furcht an. Er nahm indeß den Knaben doch voll Mitleidens auf den einen Arm, faßte sein Lamm unter den Andern,, und eilte so schnell davon, als setzten ihm die Räuber schon auf dem Fuße nach. Sechstes Kapitel. Die E i n si e d e l ey. A, dem Gebirge lebte ein alter, sehr ehrwürdiger Einsiedler, der. über achtzig Jahre zählte, und wegen seiner^Weisheit und Frömmigkeit unter den. Nahmen Vater Menrad weit mnher berühmt war. Zu diesen, dachte der Hirtenjüngling daS gefundene Kind zu bringen. Die Einsie- deley, zu der es nicht sehr weit war, lag an der Seite eines Berges nächst dem See, und glüh eine,,' Paradiese. Die kleine, mit Nebenblättern überkleidete, und mit einem bemoosten Schilfdachs bedeckte Klausner-Hütte stand zwischen schattichtcn Frucht- bäumen, mitten in einem Garten voll der schönsten Blumen und Kräuter. Hinter der kleinen Hütte erhob sich ein Weinberg, und seitwärts zog sich ein schmales Kornfeld längs dem Berge hin. Und wo sonst zwischen den Felsen ein übriges Plätzchen 27 war/ stand ein Baum, der die herrlichsten Früchte, oder wenigstens ein Strauch, der köstliche Beeren trug. Auf einem Felsen, der sich weit über den See hinausbog, ragte die Kapelle mit spitzigem Thürmlein empor, und eine Treppe, die in den Felsen eingshauen war, führte dazu hinauf. Der ehrwürdige Greis saß, als der Jüngling mit dem Knaben durch das vergitterte Pförtchen des Gartens herein kam, eben auf einer hölzernen Bank unter einem Apfelbaume, wo man die prächtigste Aussicht über den See hatte. Ein großes Blich, in dem er sehr andächtig las, lag vor ihm auf dem Tische. Die wenigen Haare, die seine kahle Scheitel umgaben, und sein großer Bart waren weiß wie Schnee, seine Wangen aber blühend roth, wie die Wangen eines Jünglings. Mit treuherziger Leutseligkeit stand er auf, grüßte beyde, hörte die Erzählung des Jünglings mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und fragte den Knaben um dessen Nahmen, indem er ihn voll des innigsten Mitleidens auf seine Arme nahm. Er abriete bald, das Kind sey vornehmen Gleitern von den Räuber» geraubt weiden. »Laßt den Kleinen bey mir, sagte er zu dem Jünglinge, und sage für setzt noch B 2 2S keinem Menschen davon. Ich hoffe, seine Aeltern sind noch aufzufinden— und hier ist er indeß gegen die Nachstellungen der Räuber am besten geschützt. Sie fliehen meine Zelle wie das Feuer. Gold und Silber ist bey mir nicht zu hohlen, und guten Rath und heilsame Ermahnungen, die freylich oft mehr werth sind als Gold und Silber, Haffen sie.« Zu dem Knaben aber sprach er:»Sey mir herzlich gegrüßt, lieber Heinrich! Ich will dein Vater seyn, und für dich sorgen, bis ich dich deinen: Vater und deiner Mutter wieder zurück geben kann. Nenne mich von nun an nicht anders, als Vater!« Der Alte bewirthete hierauf seine Gaste mir Milch und Brot, und nachdem der Jüngling sich erquickt hatte, ergriff er seinen Hirtenstab, um zu seiner Herde zurück zu kehren. Der Kleine wollte das nicht zugeben. Er weinte, und hielt ihn am Kleidet Allein da der Jünglmg versprach, bald wieder zu kommen, und ihm daS Lamm schenkte; so gab er sich zufrieden, und zeigte über das Geschenk, das in seinen Augen einen unermeßlichen Werth hatte, eine ganz ungemeine Freude. 2Y Siebentes Kapitel. Die Sonne und die Blumen. Da der Jünglina fort war, setzte der mitleidige Greis den Knaben, um sich m ein Gespräch mit ihm einzulassen, neben sich auf die Bank.»Lieber Heinrich! fing er an, weißt du denn gar nichcS von deinem Vater und deiner Mutter?« »O ja, sagte Heinrich, ich habe em« schöne Mutter— hier in meiner Tasche. Da sieh einmahl!« Er zog daS kleine Bildnis) heraus, daS er zu sich gesteckt halte, und daS in einem schönen Futterall von rothem Safian wohl verschlossen war. Der arme Kleine hatte das Bilduiß seiner Mutter noch nie am Sonnenlichts gesehen. Er erstaunte jetzt über die Klarheit und Schönheit desselben, und über den Glanz der blitzenden Diamanten, die es umgaben, vergingen ihm die Augen »Wie es doch bey dir so helle ist!« sprach er.»Aber sag' mir nur, fuhr er fort, und zeigte auf die Sonne,— wer hat denn die schöne goldene Lampe da droben angezündet, die alles rings umher so hell macht. Ich kann sie nicht einmahl ansehen vor Glanz. Die in unsrer Höhle war 30 dagegen nur trüb und armselig.— Und wie kommts denn, daß sie immer hoher und hoher hknaufrückt? Als ich sie zuerst sah, kam sie hinter den Bäumen hervor, und in kurzer Zeit war sie schon so hoch droben, daß ich sie nicht mehr hatte erreichen können, wenn ich auch auf dem höchsten Baum gestanden wäre. Wie ist doch dieß gemacht, daß sie so frey schwebt und sich so bewegt? Man sieht doch nirgends eine Schnur. Was treibt sie denn? Und wer steigt wohl da hinauf frisches Oehl nachzugießen?« Vater Menrad sagte ihm, daß man dieses große schöne Licht die Sonne nenne, und daß eS wohl schon tausend Mahl länger, als der kleine Heinrich lebe, immer so laufe, und i» Einem fort so brenne, ohne eines Tropfen Oehls zu bedürfen. »Das begreife ich nicht!« sagte Heinrich.»Aber was Du da für wunderschöne Blumen hast!« sing er wieder an, und stand auf, und sprang zu den Beetcheu hin, deren jedes einem vollen Blumenkörbe glich.»O wie unvergleichlich schön, roth und gelb und blau sie bemahlt sind! Und wie alle die unzähligen Blättchen so schön und zart, eines wie das andere, ausgeschnitten sind! Und auS was wohl alle diese Blattchen seyn mögen» Papier ist diest keines,-ja Seide ist nichts dagegen. Sag, hast Du alle diese Blumen gemacht? O da mußt du lange gebraucht haben! In einigen sind gar unbeschreiblich feine zarte Fa- serchen. Da gehörte eme seine Schesre dazu, und scharfe Augen. Ich habe wohl auch schon Bkumen gemacht; aber so schon kann ichs nicht« Menrad sagte, daß kein Mensch eme solche Blume machen könne, und daß sie alle voch selbst auS der Erde gekommen seyen. Allein Heinrich wollte das nicht glauben. »Das kann gar nicht seyn, sprach er; da will ich doch viel eher glauben, Du habest sie gemacht.« Der Greis zeigte dein Knaben die zierliche Samenkapsel der gefüllten Mohnblume, schüttelte ihm die winzigkleinen runden Körnleim auf die Hand, und sagte ihm: in jedem solchen Körnlein stecken eine Menge solcher großer purpurrothen Blumen, die daraus hervor kamen, wen» man die Körnlein in die Erde lege— und so seyen auch alle übrigen Blumen aus ähnlichen kleinen Körnlein gekommen. Der Knabe sah den Greis an/ob das sein Ernst sey, und sprach:»Aus einem solchen winzigkleinen Kügelein sollte eine so große, schöne Blume kommen? Da müßte ja ein solches Körn- Zr lein unendlich künstlicher eingerichtet seyn, als die künstlichste goldene Taschenuhr.« Das ist es auch, sagte Menrad.»Aber wer hat denn das Körnlein gemacht?« sagte der Kleine.»Es wäre, dünkt mich, dochnoch leichter, alle diese Blumen zu machen, als ein einziges solches Körnlein!« Er betrachtete die Blumen aufs neue, ging immer von einem Blumenbeetchen zum andern, und konnte sich nicht sattdaran sehen. Indeß wurde es ihm an der Sonne zu heiß, «Was diese Lampe für eine Hitze hat! rief er. Sie ist so weit weg, und macht einem doch so warm! ES ist ein wunderbares Licht!« Menrad führte den Kleinen wieder unter den Apfelbaum, der bereits Bank und Tisch lieblich beschattete.»Da ist es doch recht kühl und angenehm, sagte Heinrich, indem er zum Baume aufblickte. Der Baum ist gerade wie ein grüner Schirm, der nicht nur gegen das zu heftige Licht, sondern auch gegen die Hitze schützt. Wie groß er ist, und wie viele tausend Blattchen er hat! Der Stamm ist, wie ich sehe, wohl aus Holz gemacht Aber doch glaube ich bald nicht mehr, daß Du diese unzählige Menge von Blumen und Blättern gemacht habest. DaS Stück Arbeit wäre doch gar zu groß!« 33 Ä ch t e Ä K a p i t- l. Kräuter und Bäume. ^ndeß ging der Greis in die Hütte und besorgte ein kleines Mittagsmahl, Er brachte zuerst Milch und Bror, und dann für den Knaben Butter und Honig, und ein nied- licheS Körblein voll der schönsten Aepfel; für sich aber Wurzeln und Kräuter, eine große, goldgelbe Melone und etwas rothen Wein in einer hellen, gläserne» Flasche. Heinrich ließ es sich sehr gut schmecken, und sagte zu dem Greise:»Aber wo nimmst du denn alle die guten Sachen? Ziehst du bisweilen auch auf den Raub aus?« Vater Menrad erzählte ihm unter dem Esten, wie wunderbar alles gewachsen sey. »Sieh', sagte er, da er eben nach einem Apfel griff, ihn für Heinrich zu schälen und zu zerschneiden,— diese.Aepfel hier im Körblein bekam ich von diesem Baume. Aus den dünnen Zweiglein des BaumeS kommen von Zeit zu Zeit ganze Körbe voll solcher schönen Aepfel hervor,«»Ist daS aber auch wahr?»sagte Heinrich, indem er Menrad bedenklich ansah. Vater Menrad nahm den Knaben auf den Arm, beugie einen Ast herab, und zeigte ihm die kiei- mn, grünen Aepfelein.»Siehst du nun, sagte er, wie sie aus den Zweigtet» hervor kommen Sie werden nun immer größer und großer, und zuletzt so groß, und so schön gelb und roth, wie diese hierin dem Körbchen. Der ganze große Baum selbst aber, sagte Menard, indem er den Apfel zerschnitt, kam aus einem solchen kleinen Kernlein, wie hier an dem Messer eines hangt. Ich habe diesen Baum da noch als ein solches Kernlein gekannt. In einem jeden solchen Kerne steckt ein solcher Baum, ja wohl eine unzählige Menge solcher Bäume. Za aus dem einzigen Kernlein könnte man so viele Aepsel bekommen, daß sie die Welt nicht fassen würde, und daß ein Mensch, wenn er auch ewig lebte, sie nicht zählen könnte« »Auch das Brot hier kommt aus ähnlichen Kernlein, fuhr Menrad fort, indem er dein Knaben einige Getrcidekorn- lein zeigte, die er aus der Hütte mitgebracht harte. ES ist da wie mit dem Apfelkerns oder den Samenkörnlein der Blumen. Aus einem einzigen solchen Getreid- körnlein könnten wir viele taufende solche Brote bekommen, wie das hier auf der»? Tische.« Menrad beschrieb es ihm ausführlich, wie das zugehe, und zeigte wäh- 35 rend des Gespräches auf sein reiches Kornfeld, wo man vor Kurzem nichts als Erdschollen gesehen. Heinrich sprang hin, und fand zu seiner großen Freude bereits in jeder Aehre kleine Kernlei». »lind so, beschloß V^er Menrad, ist es mit allen grünen Gewächsen, die du weit und breit umher erblickest. Alle, das Gras hier zu unsern Füßen, die blühenden Rosenstrauchs dort, die unzählige» Kornähren, und die Reben, die dort die Hütte und den Hügel über der Hütte bedecken, die ungeheuern Eichen und Fichte» dort auf dem Berge, und das kleine Moos hier am Stamms des ApfelbaumS — grünten und blühten aus solchen Körn- lein auf, oder können wenigstens daraus gezogen werden. Alles, was du hier auf dem Tische erblickest, Milch und Butter, die aus Gras kommen, der Honig, der aus Blumen bereitet wirk, daS nahrhafte Brot und der stärkende Wein; alle die Krauter und Wurzeln und Früchte hier, die Kresse, der Rettich, die große, schöne Melone; auch die Zweige, aus denen Liese netten Fruchtkörblein geflochten, das Holz, aus^ dem Teller und Becher gedreht worden, jla sogar Lisch und Bank haben wir solchen kleinen Kernlein zu danken. Ich brauchte sie nur in die Erde zu legen, ZS UM hier einen Avfelbaum, lind dort hun- deritausende von Aehren aus der Erde her- vorkommen zu machen,»nd so meinen Aufenthalt, der vorhin eine Wüste war, init alle»!, was schön ist, reichlich auszuschmücken, und an allem, was zum Leben nothwendig ist, Ueberstuß zu haben.« De»! Knaben waren dieß lauter Wunderdinge. Wie er vorhin alles voll Erstaunen anschaute, so höchst erstaunt horte ersetzt der Erzählung des Einsiedlers zu. Neuntes Kapitel. Die Quelle und der Regen. Andeß hatte sich die Sonne gewendet; die Blumenbeete des Gartens lagen im Schatten. Einige Blumen, die Menrad vorzüglich liebte, waren an der Sonnenhitze etwas welk geworden. Obwohl er auf baldigen Regen hoffte, so wollte er dennoch aus weiser Vorsicht wenigstens seine Liebringsblumen etwas begiefien. Er nahn, seine Gießkanne, führte den Knaben an der Hand, und ging zur Quelle, die reichlich aus einem großen mit Moos bewachs- nen Felsen hervorbrach. 37 Heinrich schlug vor Erstaunen die Hau, ds zusammen.»Welch eine Menge Wasser das ist, rief er, die da aus dem Steine herausrinnt! Alle Augenblicke meine ich, es muffe aufhören, und immer fließt es gleich stark fort. Wer hat doch die Menge Wasser oben hineingegossen, und wo nimmt man Wasser genug her nachzufüllen d— Du solltest die Oeffnung verschließen und das Wasser mehr sparen; sonst geht es dir auS.« Men- rad sagte ihm, daß dieses Wasser wohl schon so lange, als die Sonne leuchte, in Einem fort, ohne Aufhören da heraus fließe, niemahls abnehme, und keines Anfüllens bedürfe. Er sagte ihm, daß der ganze See, den Heinrich für einen ungeheuern großen Spiegel angesehen hatte, nichts sey, als lauter Wasser. Das waren dem Kleinen wieder neue Wunder. Menrad kehrte mit der gefüllten Kanne zurück, und fing an, seine Blumen zu begie- ßen.»Ach, was machst du da? sagte Heinrich, da verdirbst du ja deine Blumen; jetzt wird die Farbe abgehen.« Menrad sagte lächelnd, daß Blumen und Kräuter, Kornhal- me und Reben, Sträuche und Baume, die auch auf eine gewisse Art lebten, das Wasser so nothwendig hätten, als der Mensch das Trinken.»Aber, sagte Heinrich, wer kann 58 denn allen diesen Gewachsen genug Wasser zutragen? Wer steigt da hinauf, und begießt die Bäume hoch dort droben auf der Spike jenes BergeS?« Menrad sagte ihn;:»Dafür ist schon gesorgt.«»Auf welche Art, siehst du vielleicht eher, als wir denken!« fügte er noch hinzu, indem er nach dem Gewölle blickte. Nach einer Weile kam wirklich eine Wolke über den Berg her—> und eS fing an, erst sehr sanft und dann sehr stark zu regnen. DaS war für Heinrich abermahls eine wunderbare Erscheinung.»DaS ist eine gute Einrichtung, sagte er; sie erspart dir viele Arbeit. DaS Wasser fällt so schön, in tausend und tausend Tropfen herab, als käme eS aus einer Gießkanne.— Aber wer ließ denn diese Wolke, wie du das wunderliche Ding nennest, kommen? Wer brachte das Wasser da so hoch hifiauf? Wie kommts doch, das; die Wolke so frey schwebt, und nicht herunter fällt?»Das sollst du schon noch hören!« sagte Menard. Der Kleine sah aber dem Gewolke noch lange zu, bis es sich verzog und der Himmel wieder hell und blau wurde. Unter dem Anstaunen lauter neuer Gegenstände, unter Freude und Bewunderung kam dem Knaben der Tag sehr schnell hergm. Denn hundert Dings, die andere 39 Menschen aus Gewohnheit gleichgültig ansehe»— ein goldgrünes Kaferlcin, daS auf einem Roscnblatte saß; ein gestreiftes Schneckchen, daS nach denr Regen am Baumstämme hinaufkroch; die funkelnden Tropfen, die gleich Diamanten an allen Blattchen hingen; eine Grasmücke, die auf einem Baumzmeige ihr herrliches Abenolied anstinnnte, und dann munter von Baum zu Baum flog; die Ziegen des Einsiedlers, die gegen den Abend aus den Bergen zurückkamen— waren dem Kleinen höchst wundervolle Erscheinungen, und gaben Anlaß zu mancherley Fragen und Antworten. Endlich ging die Sonne jenseits dsS See's unter.»O weh! rnef Heinrich erschrocken, jetzt taucht sich die Sonnenlam- pe dort in daS Wasser; dann löjcht sie aus, und alle unsre Freude hat ein Ende. Wenn wir gleich eine Lampe anzünden— die wird unS in diesem großen, weiten Raum wenig helfen.« Vater Menrad beruhigte ihn.»Habe keine Sorge, sprach er. Jetzt gehen wir bald schlafen. Dazu brauchen wir kein Licht. Bis wir ausgeschlafen haben, kommt die Sonne Port auf der entgegen gesellten Seite zwischen jenen Bergen wieder herauf. So lauft sie, ohne nur einen Augen- blick stille zu stehen, beständig im Kreise umher, und erleuchtet und erwärmet alles.« Zehntes Kapitel. Die wichtigste Frage, und die richtigste Antwort. Heinrich kam auf seine alten Fragen zurück, die der weise Mann mit Vorsähe nicht sogleich beantwortet hatte, sondern vielmehr die Wißbegierde des Knaben noch immer mehr reihte.»Ja, was macht denn, fragte er wieder, daß die Sonne immer so lauft? Und wer hat dieses große, große schöne Gewölbe da oben gebaut, uud es so schön blau bemahlt? Wer hat daS viele Wasser in jenen Felsenstein dort eingeschlossen, daß es so teichlich und ohne Aufhören herausfließt? Wer leitet den Lauf der Wolken, daß sie so frey in der Luft herbey schweben, und alle Gewächse mit so unzähligen funkelnden Tropfen befeuchten? Wer lehrte die Vogel, ohne daß sie eine Flöte habe», so schöne Lieder spielen? Wer hat Blumen und Bäume in so kleine KLrnlein verborgen, daß sie, an Ort und Stelle, wo wir es haben wollen, herauskommen, den Boden weit und 4i breit mit einem Teppiche von Gras und Blume» bedecken, und uns mit so herrlichen Geschenken überhäufen? Wer hat alles so gut und so schön eingerichtet?« »So meinst dll den» wirklich, sagte Vater Menard, das; Jemand sey, der diese schöne Einrichtung gemacht habe?« »O>a freylich, sagte Heinrich, das ist ganz gewiß. Wer daran zweifeln wollte, müßte ja gar keinen Verstand haben. Die Männer in der Höhle mußten lange arbeiten, wenn sie dieselbe nur ein wenig vergrößern wollten. Ein Mahl wollte die Höhle gar einfallen, und da hatten sie viele Mühe, sie zu stützen. Und an diesem schönen, großen Gewölbe sieht man nicht einmahl einen Pfeiler! Unsre Lampe in der Höhle zündete sich nicht von selbst an, und wenn wir nicht im Finstern sitzen wollte», mußten mir wohl auf sie Acht haben, und immer frisches Oehl nachgießen. Und das Wassergefäß mußte auch immer frisch gefüllt werden, wenn wir nicht Durst leiden wollten. Was eine einzige Blume auSzuschneiden für Mühe koste, Und was für ein richtiges Augenmaß man haben müsse, weiß ich gar gut. Daß dieß alles, was wir hier herum erblicken, nicht von Menschenhänden köunegemachtseyn, begreife ich wohl. Wer aber Derzeitige se^ 42 der dieses'Alles gemacht-habe, das möchte ich eben wissen.« Jetzt als der Knabe von der Größe, Schönheit und weisen Einrichtung der Welt so lebhaft gerührt, und von der Menge der Wohlthaten, die überall seinen Blicke» begegneten, gleichsam überwältigt war, und von Wißbegierde brannte, inne zu werden, wer denn dieser großer Wohl-- thäteg- sey, von dem Alles herrühre,— setzt war der Augenblick gekommen, da der ehrwürdige G-eis z„ dem Knaben von Gott— von Gottes Allmacht, Weisheit und Güte reden konnte. Mit tiefer Ehrfurcht, mit gerührter Stimme, mit Augen voll Thränen sagte ihm der Greis, daß Heinrich recht habe, daß Einer sey, der dieses Alles gemacht habe, und daß man diesen Allmächtigen, Allwei- sen, Allgütigen, der alle Dinge hervorgebracht, und der auch dem Menschen das Leben gegeben habe— Gott, unsern lieben Vater im Himmel, nenne. Ww es dem Knabe» diesen Morgen gewesen, als ihm die Sonne das erste Mahl aufging, und mit ihren lieblichen Strahlen alles rings umher vergoldete— so, ja noch wunderbarer war es ihm jetzt zu Muthe. Der Gedanke an Gott ging gleichsam als eine Sonne in seinem Inner» auf, die ihn von Innen heraus erleuchtete und erwärmte, und ihm die ganze Welt umher in einem schönern, freundlichern Lichte, als einen Inbegriff von unzähligen Wohlthaten eines liebevollen Vaters sehen ließ. »Ja, liebes Kind! fuhr Menrad fort, als er die Rührung des Knaben bemerkte, Gott ist Derjenige, der Alles/ was du siehst, gemacht hat. Er hat jenes schone, blaue Gewölbe, das wir Himmel nennen, gebildet. Er hat die Sonne angezündet, und leitet ihren Lauf; nicht nur enthüllt sie uns die Wunder, seiner Werke, und leuchtet unS bey unsern Geschäften; an ihren warmen Strahlen werden auch die Früchte reif und ausgekocht, wie die Speisen an dein Feuer. Er läßt reichliches Wasser aus der Erde hervorquellen, und aus den Wolken herabtröpfeln, uns zu tränken und alles zu erfrischen. Er breitete auf unserm Fußboden den farbigen Teppich von Gras und Blumen aus. Ergab den Blumen Farbe und Wohlgeruch. Er gibt uns aus der rauhen Erdscholle reichliches Brot, und läßt aus den Bergen köstliche!. Wein für uns hervorrinnen. Er beladet die Aeste der Bäume mit Früchten 44 oller Art, und läßtunS in den grünen Lhä'- lern gleichsam Bache von Milch fließen, und Felsen und hohe Bäume von Honig triefen.' Er schuf den Baum, der unS mit seine». Schatten kühlt, und mit seinem Holze wärmt. Er lehrte die Vogel ihre Lieder, mit denen sie und erheitern. Er bekleidete daS Lamm, das hier an deinen Füßen ruht, mit zarter Wolle, aus der dein und mein Kleid gemacht ist. Er gibt alles, waS wir zur Wohnung und zum Nachtlager bedürfen. Er machte alles so schön, damit mir Freude an seinen Werken haben, und Ihn lieben und bereit! st zu Ihm kommen möchten— in noch viel schönere Gegenden, als du hier um uns her erblickest, wo wir dann bey Ihm noch größere Freuden haben werden, lind obwohl wir Ihn jetzt noch nicht sehen können, so sieht Er doch uns überall, und hört jedes unsrer Worte, und weiß sogar unsre Gedanken. Mit Ihm können wir jeden Augenblick reden. Er leitet alle unsre Schicksale. Er erlöste dich auS jener Höhle, und ließ dich auf den Armen zu mir hierher tragen Er ilt unser größter Wohlthäter, unser bester Freund, unser liebreichster Vater.« Heinrich horte dem frommen Greise mit der größten Aufmerksamkeit, und mit gerühr- tem Herzen zu, und verwandte kein Auge ! von ihm. Es war unter diesen Gesprächen Nacht geworden, ohne das; der Kleine darauf geachtet hatte. Der Mond, der vorhin alS em kleines kaum bemerkbares Wölklein am Himmel schwebte, leuchtete jetzt im reinsten Glänze, und stand, von unzähligen, hcllfunkelnden Sternen umgeben, i hoch über dem See. Der See glich einem hellen Spiegel, und man glaubte dann einen zweyte» Himmel nnt Mond und Sternen zu entdecken, und in die Unendlichkeit zu ! blicken. K» neues, noch nie empfundenes Gefühl — das Gefühl der Andacht, der Anbethung, der Nähe GotteS regte sich in Heinrichs Herzen. Und nun faltete der ehrwürdige GreiS seine Hände und blickte zum Himmel, und bethete den; Knaben vor— auch der Kleine erhob seine Händchen das erste Mahl zum Himmel, und sprach ihm ein ledes Wort nach. Die Thränen flosien dem guten Knaben reichlich Über die Wangen, daß der Gott, den er bisher nicht kannte, ihm dennoch schon ! so viel Gutes erwiesen habe. Und als der Greis das Gebeth vollendet hatte, setzte Heinrich zur großen Freude des frommen alten Mannes aus eigenem Antriebe noch hin- zu:»Ich danke Dir auch noch/ lieber Gott! daß Du mich aus meiner finstern Hohle befreyt, und zu diesem guten Manne geführt hast, der mir so viel Schönes und Erfreuliches von Dir erzählte.« Vater Menrad nahm hierauf den Knaben bey der Hand und führte ihn in eins Zelle. Hier machte er ihm ein Nachtlager von weichem Moose, über das er einen Teppich breitete, und deckte den Knaben mit seinem eigenen Mantel zu. Eilftes Kapitel. Eine Reise in'S G e b i r g. Emter Menrad behielt den Knaben den Sommer über bey sich, um ihn noch mehr zu unterrichten, und ihm manche Ausdrücke und Unarten abzugewöhnen, die er unter jener schlimm» Gesellschaft angenommen hatte. Auch dockte er, hier bey der einfachen Nahrung und der gesunden Bergluft würde der Meine, den der Aufenthalt in der unterirdischen Wohnung sehr blaß gemacht halte, sich am besten erhohlen, und seine Aeltern würden dann eine desto grö-^ ßere Freude haben. Heinrich fing auch bald an wieder aufzublühen— schön und §? hold wie eine Rose am Strahle der Mor- gensonne. Gegen Mitte' des Herbstes beschloß Vater Menrad, der ehenwhls weit umher gekommen war, und viele Städte gesehen hatte, seinen Wanderstab noch ein Mahl zu ergreifen, und unter die Menschen zurück zu lehren, um die Keltern des Kindes aufzusuchen. Er hatte den Vater jenes Jünglings, der den Knabe» zu ihm gebracht harte, einen frommen und'klugen Landmann, der riefer in, Gebirge wohnte, ersucht, den Knaben zu sich zu nehmen, bis er ihn wieder abhohlen wurde. Dahin wollte er den kleinen Heinrwh zuerst bringen. An einem schönen, heitern Herbstmorgen, als kaum der Morgenstern aufgegangen war, weckte er den Kleinen, ging mit ihm zur Kapelle, und verrichtete ein inbrünstiges Gebeth, daß Gott diese Reise segnen wolle. Nachdem sie hierauf ein Frühstück genommen, und sich mit Lebens- mitteln auf die Reise versehen hatten, machte Menrad sich auf den Weg, und Heinrich begleitete ihn voll Freude. Sir gingen lauter einsame Fußüeige, die nur von Alpen!arten und Gemsjägern besucht wurden. Gegen Mittag kamen sie an eine Felsenwand, an der hoch über'ihnen äS Ziegen kletterten. Hier setzten sie sich in den Schatten, um auszuruhen, und ein kleines Mittagsmahl zu halten. Der Knabe des Zicgenhirten kam herbey dein ehrwürdigen Vater Menrad die Hand zu küssen. Der kleine Heinrich sprang auf, und schrie voll Verwunderung laut:»Je, ein kleiner Mensch, wie ich! O, daS ist schön I Das habe ich noch gar nicht gemusst, dass eS noch mehrere kleine Menschen gebe: ich glaubte, ich sey der einzige auf Erden. O, nicht wahr, du gehst mit uns?« Der Hirtenknabe erboth sich, dem Vater Menrad die Reisetasche zu tragen. Sie gingen mit einander weiter, und Heinrich redete mit dem Hirtenknaben so angelegentlich, daß er beynahe auf sonst nichts mehr achtete. Hierauf kamen sie in ein kleines grüneö Thal zwischen hohen Felsen, wo eine Herde Schafe weidete, die eben dem Manne gehörte, zu dem Menrad reiste. Heinrich hatte über ein Paar kleine Lammchen, die erst ein Paar Tage alt waren, eine ganz unbeschreibliche Freude, und streichelte sie unter allerley süßen Benennungen. 49 Indeß schaute sich der Greis nach dem Hirten um. Seitwärts unter einem überhängenden Felsen, aus dem eine klare Quelle hervorbrach, sah er das Hirtenmädchen sitzen, das in einer Hand den Hirtenstab, und in der andern, zu seiner Verwunderung, ein Buch hielt, und ganz in das Lesen vertieft schien. Er ging zu ihr hin. Sie war weis, gekleidet, und hatte einen grünen Hut auf. Ihre Gesichtsbildung war sehr sanft, und in ihren Miene» bemerkte man eine stille Schwermuth. Sie hatte den Vater Menrad noch nie gesehen; allein sie erkannte ihn sogleich aus der Beschreibung, stand auf und grüßte ihn freundlich, und mit sichtbarem freudigen Vertrauen. Menrad sagte zu ihr:»Du mußt diese Herde noch nicht lange weiden. Als ich den Mann, dem sie gehört, kürzlich sprach, sagte er mir nichts von dir.« Sie antwortete, daß sie schon mehrere Jahre im Gebirge die Schafe hüthe; allein in den Dienst dieses guten Mannes sey sie erst vor drey Tagengekommen.«Woher bist du denn, fragte er weiter, und warum bist du so traurig?« Das Mädchen brach sogleich in Thränen aus.»Ach! sagte sie, ich bin weit her. Eine jugendliche Unbe- so sonnenheit hat mich in das größte Unglück gestürzt. Ich war bey einer sehr guten Herrschaft im Dienste; aus Leichtsinn ließ ich ihr einziges, liebenswürdiges Kind nur einige Augenblicke allein. Da ward es von Räubern entwendet. Vor Jammer und Traurigkeit konnte ich es bey dieser guten Frau nicht mehr aushalten, und ihr Leiden nicht mehr ansehen, und flüchtete mich in's Gebirg. Hier lebe ich nun in dieser Einsamkeit, und bethe täglich zu Gott: Er wolle das Unheil, daS ich anrichtete, wieder gut machen, das Kind wieder an das Tageslicht bringen, und den unbeschreiblichen Jammer der Mutter wieder in Freude verwandeln. Gott wird sich ja doch noch meiner Thränen erbarmen, die nur Er und diese Felsen hier fließen sehen!« Vater Menrad sagte mit gerührter Stimme:»Ich denke, Gott hat dein Gebeth diesen Augenblick erhört.«Er zog das Porträt von Heinrichs Mutter hervor, das er, um die Mutter leichter zu entdecken, mit auf die Reise genommen hatte, zeigte es dein Mädchen, und sprach:»Kennst du dieses Bildniß?« Das Mädchen schrie vor Schrecken und Freuden laut aus:«O Gott! das ist das Bildniß der Gräfin» Sl von Eichenfeks, der Mutter deS geraubten Kindes!« Auf den Schrey des Mädchens kam der kleine Heinrich herbey gesprungen. Er betrachtete die neue Gestalt mit starren Augen, und sagte voll Midleidens-»Was weinest du, und was fehlt dir? Bist du vielleicht hungrig? Sieh, da hast du Brot und zwey Aepfel! ifi!« Menrad aber sprach zu dem Mädchen: »Sieh, dieser Kleine ist das Kind, das zugleich mit dem Bildnisse geraubt wurde.« Da war es dem Mädchen nicht anders, als brache der Freudcschrecken ihr das Herz. S ie sank auf die Knie, und rief mit hoch zum Himmel erhobenen Handen: Ja, guter, barmherziger Gott, du hast mein Gebeth, das ich Tag und Nacht zu Dir hinauf schickte, erhört! O sieh letzt auch meinen Dank gnädig an; aussprechen kann ich ihn nicht!« Und hierauf umarmte sie den kleinen Heinrich unter heißen Thränen.»O grüsi dich Gott, liebster Heinrich, sagte sie; so hat dich den» Gott uns wieder geschenkt! O, bist du es denn wirklich, oder träume ich nur?— Ja, du bist es; du siehst deinem Vater so ähnlich, wie ein Lhautropfen dem andern! O wie wird sich dsme Mutter freuen I O freue dich doch auch: sr sieh, mir gehen jetzt zu deinem Vater, und deiner Mutter.«, Vater Menrad wischte sich eine Thräne ad, und sagte:»Sey gepriesen, guter Gott! Deine heilige Vorsicht waltet sichtbar über diesen, Kinde. Du trocknest die Thränen dieser ar»ien Jungfrau, die ohne Unterlaß zu dir hinauf weinte. Du schenkest guten Aelcern ihr innig geliebtes Kind wieder. Du krönest sogleich meine ersten Tritte mit Segen, und ersparest mir altem Manne lange Nachforschungen. Deine Huld und Erbarmung sey ewig gepriesen!« Menrad ging hierauf mit Heinrich und Margaretha zur Hütte des braven Bauers, die nur ein halbes Stündchen entfernt war. Der kleine Ziegenhirt übernahm es, einstweilen die Schafe zu hüthen. »Ist dieß mein Vater und meine Mutter?«" fragte Heinrich, alü Bauer und Bäuerinn ihnen an der Hüttenthür voll Freundlichkeit entgegen kamen, und eS war ihm sehr leid, alü er hörte, sie seyen es nicht. »Sie sind so freundlich! sagte er. Mein Vater und meine Mutter können nicht freundlicher seyn. Ich wäre gleich bey ihnen geblieben.« Sie asten hier einiges Wenige; bann setzten sie von dem Hirtenjünglinge, Kein Sohne des guten Hausvaters beglei- 53 tet, ihre Reise weiter fort/ kamen gegen Abend aus den Berge» herab in ein WeitesThal, wo Heinrich über die vielen Häuser des gro-> ßen Dorfes sehr erstaunte, und fuhren»ut Anbruch des Morgens auf einem Bauernwagen, den der wackere Jüngling gut zu lenken wusite, ab, in der Hoffnung, etwa in drey Tage» in Eichenfels einzutreffen. Zwölftes Kapitel. Der n» er wartete Besuch. §)en ersten Tag ließ sich die Reise sehr gut an. Das Fahren, und die vielen Ortschaften, Schlosser und Dörfer, die an dem Wagen vorbeyflogen, machten dem kleinen Heinrich eine ganz unqemeine Freude, und so oft er wieder ein Ritterschlosi auf einen» entfernten Berge erblickte, fragte er alle Mahl, ob das»och nicht Eichenfels sey. Allein gegen Abend des andern Tages kamen sie an einen dicken Wald. Die Wege waren so schlecht, daß es kaum durchzukommen war. Dazu erhob sich ein fürchterlicher Sturmwind, und der Regen stürzte in Strömen herab. Die Nacht brach ein, und es wurde sehr finster. Sie waren genochiget, in einem Wirthshaus- mitten im Walde, der wegen Räubereyen sehr verschrien war, zu übernachten. Indeß asten sie etwas zu Nacht, und begaben sich zur Ruhe, u»i morgen recht frühe aufbrechen zu können. Mü-! de von der Reise schliefe» alle bald ein; nur Menrad, der den kleinen Heinrich zu sich in die Kammer genommen hatte, blieb noch auf, und kniete bis gegen Mitternacht an dem Tische, auf dem ein Kerzenlicht brannte, und las und bethete. Da entstand plötzlich ein großer Lärm vor dein Hause. Mehrere rauhe Männerstimmen ließen sich hören. Es wurde mit (siewalt an die Hausthür und Fensterläden gepocht. Alles im Hause fuhr erschrocken aus dem Schlafe auf. Vater Menrad trat aus seiner Kammer.»Ach Gott! rief ihm Gretchen entgegen. Ich fürchte, es sind die Räuber, und wollen uns den jungen Grafen wieder nehmen.« Menrad befahl ihr zu schiveigen, und ging hinunter. Auch dieWirths- keute schienen sehr erschrocken und sagten, sie getrauten sich nicht, die Thür zu öffnen. Die Männer draußen polterten aber in Einem fort, und drohten die Thür zu erbrechen. Menrad, der ein Mann voll Muthes war, sagte:»Die Thür kann uns nicht schützen; Gott aber wird unser Schutz und Schirm seyn. In seiner Hand. sind wir alle. Laßt uns sehen, ob wir mit den Männern nicht aütlich zurecht kommen können.« Er öffnete die Thür, vier baumstarke bewaffnete Männer mit Bärten traten trotzig herein, und einer derselben trug euw brennende Pechfakel.»Wir müssen alle Stuben und Kammern deS Hauses in Augenschein nehmen, sagten sie; unser Gebiether wird mit mehreren heuten sogleich nachkommen, und das ganze Haus muß ihm zu GebotheHehen« Menrad fragte, wer denn ihr Gebiether sey. Und ihre Antwort versetzte ihn in ein eben so großes als angenehmes Erstaunen. Lr war Graf Friedrich von Lichenfels, Heinrichs Vater. Der Graf habe, erzählten diese seine Dienstleute, nachdem er gar schwer verwundet, von seiner Wunde aber wieder hergestellt worden, das Heer nicht verlassen, sondern mitstreiten wollen, bis der Friede erkämpft wäre. Der Friede sey nun zu Stande gekommen, und der Graf sey wirklich und ihnen und seinen übrigen Leuten, die nicht an der türkischen Gränze begraben worden, auf dem Heimwege. Die Nachricht, daß es Friede sey, erfüllte alles mit Freude. Alle im Hause bs- eiferten sich, die braven Krieger zu bedre^ nen. Diese wurden auch sehr freundlich 86 und zutraulich, und entschuldigten ihr voriges ungestümes Betragen mit der schlech. ten Witterung. In einem solche» schrecklichen Sturme und Platzregen, sagten sie, sey es auch einem Krieger zu verzeihen, wenn er um Mitternacht nicht gern lange vor der Hausthür stehen möge. Auch erzählten sie, sie hätten sich in dem finstern Walde verirret, und das Haus sicher nicht gefunden; allein das brennende Licht habe ihnen zum Leitstern gedient, und ihnen wieder auf den rechten Weg geholfen. Der kleine Umstand, das; die brennende Kerze, bey der Menrad noch so spät bethete, den Grafen hierher leitete, war für den frommen Greis, der es gewohnt war, in allem die Spuren der göttlichen Vorsehung zu sehen, sehr rührend, und er dankte Gott herzlich für diese glückliche Fügung. DreyzehnteS Kapitel. Freude eines edlen Vaters. Andeß kam der Graf an, ein grofier, ansehnlicher Mann, von sehr edler GesichtS- bildung und einnehmendem, sanften Betraten. Er nahm den alten Vater Menrad sogleich mit auf sein Zimmer, hieß ihn Platz nehmen, befahl von seinem eigenen Weine zu bringen, schenkte dem edten Greise das erste Glas ein, trank auf seine Gesundheit, und hieß ihn nach altdeutscher Sitte mit dem Glase anstoßen. Seyd mir von Herzen willkommen, ehrwürdiger Vater! sagte der Graf. Nach einem solchen Ritte, und bey solchem stürmischen Wetter unter Dach, und ui eine warme Stube zu kommen, ist angenehm. Aber dennoch ist mir de-o Anblick eures frommen, treuherzigen Gesichtes noch lieber, und thut mir recht im Herzen wohl— und ich muß euch nun sogleich mein ganzes Herz öffnen. Alle meine Leute sind, wie ihr seht fröhlich und guter Dinge; weil eS nach vielen blutigen Auftritten wieder der Heimath zugeht. Allein ichz ihr Anführer— wie es denn in dieser Welt oft so geht—bin wohl der em° 53 zige Traurige unter ihnen. Ich fürchte, es steht bey mir zu Hause nicht alles so recht, wie es seyn soll! Meine Gemahlinn ist zwar gesund und wohl. Wegen meines einzigen SohneS aber bin ich sehr bekümmert.— Meine Gemahlinn schrieb mir schon lange Zeit her nichts Bestimmtes von ihm, und erst in ihrem letzten Schreiben meldete sie mir, ich werde ihn in dieser Welt wohl nicht mehr sehe».— Ihr seyd mit vielen Rittern bekannt, Varer Menrad; denn ihr wäret vor Zeiten auch ein tapferer Kriegsmann. Ihr seyd eben auf der Reise, und vielleicht weit herum gekommen. Wißt ihr nicht, wie es in Eichenfels steht? Wenn ihr nur keine gute Auskunft geben könnet, so gebet Mir wenigstens Trost.« Vater Menrad antwortete mit dem fröhlichsten Gesichte von der Welt:»Da kann ich euch die allerbesten Nachrichten geben. Euer Sohn ist gesund, und der liebenswürdigste Knabe, den ich in meinem Leben gesehenhabe.«»Ihr kennet ihn?« riefderGraf sehr begierig.»O sehr wohl! sagte Menrad. Indeß hat sich mit dem Kinde, wahrend ihr im Felde wäret, allerley zugetragen.« Menrad erzählte dem erstaunten Grafen alles, was er von der Geschichte des Kindes wußte. Er zeigte ihm zu mehrerer Bestätigung, dgs schone Bildniß der Gräfinn.»Ja, da ist jie, sagte der Graf, nach drin Lebengetroffen. Ob sie wohl jetzt noch so blühend aussteht? Ach, die arme Frau hat Vieles, Vieles ausgestanden!— Aber wo ist der Knabe denn jetzt?« »Hier im Hause!« sagte Menrad.« Hier im Hause! rief der Graf, und fuhr auf, daß der Stuhl umstürzte. O warum hast du mir dieses denn nicht sogleich gesagt, alter Vater? Aus der Stelle führe mich zu ihm.« Menrad nahm daS Kerzenlicht vom Tische, und der Graf folgte ihm in die Kammer an daS Bett seines SohneS. Der Kleine schlief so sanft wie die Unschuld, und sah so schön aus, wie ein Engel. Der Graf konnte ihn an dem Glänze des Lichtes nicht genug betrachten.»Da trifft es wohl zu, sagte Menrad, Gott gibt seinen Kindern ihr Glück in, Schlafe.« Dein Grafen aber traten die Thränen m die Augen.»Mein Gott! sagte er, als ich in den Krieg zog, war er ein weinendes Kindlein, und jetzt ist er ein holder Knabe. O meine gute, liebevolle Gemahlinn! Jetzt erst verstehe ich deine Briefe, und danke dir für die zarte Schonung, mit der du mir einen unermeßlichen Jammer erspartest.«»Heinrich, liebster Heinrich! rief er hierauf, und nahm den Knaben den der Hand, und küßte ihn sanft, wachs «iif, sieh, dein Vater ist da!« Der kleine Heinrich rieb sich die Augen, starrte seinen Vater an, und konnte nicht sogleich aus dem Schlafe kommen.»Du bist es?« sagte er endlich voll Freude, und mit dem freundlichsten Lächeln. O grüß dich Gott, liebster Vater! Ist meine Mutter auch bey dir?« Der Graf nahm den Kleinen in seine Arme, und weinte die süßesten Thränen.»Gottes heilige Vorsicht hat dich wunderbar gerettet, liebes Kind! sprach er. Ich kann Gott nicht genug danken, daß Er dich mir wieder schenkte.«»Ich auch nicht, sagte Heinrich. S der gute Gort; Er ist doch gar so liebreich und freundlich gegen uns, daß er uns solche große Freuden macht.« Der Graf war höchst erfreut, und als der Knabe erst vollends wach und munter geworden; so Hütte er über seine natürlichen lebhaften Antworten und Fragen ein Entzücken, das gar nicht zu beschreiben ist.»O Menrav, sagte er, wie vielen Dank bin ich euch schuldig! Meine ganze Grafschaft wäre zu wenig, euch für den Unterricht, den ihr dem Knaben gegeben habt, zu belohnen.« Margaretha war indeß auch in die Kammer gekommen, und stand schüchtern in der Ferne. Der Graf grüßte sie freundlich, both ihr die Hand, und sprach ihr Muth ein. Aber die Räuber, fuhr er mit großem Unwillen fort, sollen mir ihre Missethaten schwer büßen!« Er gab noch in der Nacht den Beherztesten seiner Leute Befehle und Vollmach. ten, sie in ihrem Schlupfwinkel aufzusuchen, und gefangen nach Eichenfcls zu bringen. Dann sprach er wieder mit seinem Sohne, und wäre die ganze Nacht bey ihm aufgeblieben, wenn Menrad ihn nicht erinnert harte, daß sie alle deS Schlafes bedürfen, um morgen bey Zeit, und frisch und fröhlich in E'chenfelS einzutreffen. Vierzehntes Kapitel. Diegetröftcte Mutter. Aie gute, edle Gräfinn lebte indeß auf ihrem Schlosse Eichenfels voll Traurigkeit und Bekümmernis;. Sie hatte die Friedens- bothschaft sogleich vernommen, und hoffte nun ihren Gemahl bald zu sehen. Sie brach darüber in Thränen aus.»Ach, du mein Gott, sagte sie, ich bin doch recht unglüß- kich! Was alle Welt mit Freude erfüllt, macht mir unaussprechlichen Jammer. Jede arme Söldnersfrau freut sich auf die Zu- rückkunft ihres Mannes;- und i ch kann an die Ankunft meines Gemahls nicht ohne 6r Schrecken henken. Ach! welch ein Jammer wartet auf ihn; wie werde ich ihm die schreckliche Geschichte beybringen! O für uns beyde schlagt in dieser Welk wohl keine freudige Stunde mehr!« Es war ihr immer ganz unbeschreiblich bange. Sie fand nirgends Rast und Ruhe. Sie ging bald von einen, Zimmer in das andere, bald in ihre Schloßkapelle; bald in den Garten. Wo sie ging und stand, bethete sie in ihrem Herzen zu Gott. Im Gebethe, in dem Gedanken, daß Gott alle Schicksale der Menschen lenke, und die verworrensten Begebenheiten zu einem glücklichen Ausgangs leiten könne, fand sie allein Beruhigung. »Du guter Gott! sagte sie, da sie sich eben wieder in die dunkelste Laube des Gartens zurückgezogen, und lange schmerzlich geweint hatte, o erbarme Dich doch meiner! erbarme Dich doch meines Gemahls!— mache Du dieser meiner schrecklichen Oual ein Ende— denn du kannst es allein! O las; unser Wiedersehen in Freude seyn. Du hast auS den weisesten Absichten Vater und Mutter und Kind von einander getrennt, und weit in der Welt zerstreut o schenke uns unser liebes Kind wieder, und führe unS alle drey wieder zusammen! Du hast schon unzählige Thränen getrocknet-— o trockne auch 65 die meinigsn! Du bist ja der Unbarmherzige, und Leid in Freude zu verwandeln ist dein liebstes Geschäft. O Vater, Vater, liebster Vater! so sündig ich bin, so bin ich doch auch deine Tochter, und darf dich Vater nennen— und nenne Dich auf daS Geheiß Deines Sohnes getrost Vater. O du liebst mich gewiß mehr, alS ich mein Kind! O höre — höre mich, und verstoße dein Kind, deine Tochter nicht, die keine andere Zuflucht hat, alS Dich!« Indeß sie so bethete, hörten sie einen Fußtritt. Sie blickte auf— und sieh! Margarethe die eben mit der übrigen Gesellschaft angelangt war, kam den langen, düstern Bogengang des Gartens herab, gerade auf die Laube zu. Ein Wtrahl von Hoffnung siel in das Herz der Gräfinn, alS sie Margarethen erkannte, und das heitere Gesicht deS Mädchens erblickte; eS war ihr, alS sähe sie einen Engel deS Himmels.»O beste, gnädige Gräfinn! fing Margaretha an, ich bringe euch die fröhlichsten Nachrichten von eurem lieben Heinrich. Er lebt— und bald werdet ihr ihn wieder sehen.« Margaretha hatte kaum angefangen zu erzählen; so trat Vater Menrad in die Laube, um bie Gräfinn auf die Ankunft ihres Sohnes und Gemahls vorzubereiten. Ker kluge Mann wuß» te alles sehr weislich einzulenken. Die Gräfinn war nun voll freudiger Hoffnung, ihren Gemahl und ihren Sohn in einigen Tagen zu sehen, und führte Vater Menrad in das Zimmer, das sie einst mit Heinrich bewohnt hatte. Als sie nun die Thür öffnete, sieh, da eilte ihr Gemahl mit ihrem Sohne Heinrich auf dem Arme ihr entgegen. Sie konnt« nichts als die Worte hervorbringen:»O mein Gemahl! O mein Kind!« und sank dem Grafen in die Arme. Sie weinte lauge sprachlos, und benetzte bald das Angesicht ihres Kindes, bald daS ihres Gemahls mit den süßeste» Thränen. Nun will ich gerne sterben, sagte sie endlich, da ich dieß noch erlebt habe! O wie wunderbar weiß doch Gott Alles zu lenken. Ich zitterte, dir, liebster Gemahl! ohne unsern Heinrich entgegen zu kommen; und nun bringst du im ersten Augenblicke deS Widersehens ihn mir auf bei- nen Armen entgegen!— O Gott! in meinem ganzen Leben kann ich Dir nicht genug danken, daß Du diese schreckliche Geschichte s» freudig geendet hast. Mein Lebenlang will ich in keinem Leiden mehr verzagen. Du weißt am Ende Alles recht zu machen. — O«nein Heinrich, was für ein lieber Knabe bist du indeß geworden! O mein Ge- 65 mahl! welch ein seliges Wiedersehen hat Gott uns allen Dreyen bereitet. Er hat uns alle Drey von einander getrennt; Er hat uns wunderbar wieder zusammen geführt. Ihm sey Anbethung, Lob und Dank!« Alle Drey weinten Thränen der Freuds und des Dan- kes gegen Gott; Margaretha weinte mit, und auch Vater Menrad konnte innigst bewegt sich der Thränen nicht enthalten. Nachdem sich die erste ungestüme Fre«> de etwas gelegt hatte, fin; Heinrich ander Mutter seine Geschichte zu erzählen. Er that es mit großer Lebhaftigkeit, und die Mutter mußte bald weinen, bald lächeln. Besonders lebendig schilderte er den Augenblick, wie es ihm war, da er durch den Felsenritz das erste Mahl in die Welt eintrat. Mit noch mehr Freude und Rührung sprach er aber von jenem unvergeßlichen Augenblicke, da Vater Menrad ihn, das erste Mahl von Gott sagte, und es standen ihm, wahrend er redete, immer die hellen Thränen in den Auge». »Wahrhaftig! sprach der Graf, ich wünschte bald, meine Kindheit auch in einer solchen Höhle zugebracht zu haben. Wir sind des Anblickes der herrlichen Werke Gottes zu gewohnt, und Gewohnheit ist der Tod des geistigen Lebens. O daß wir Gor- 66 tes Werke auch so, wie Heinrich, auf ein Mahl, und nachdem wir bereits zur Vernunft gekommen, erblicken könnten, welchen überwältigenden Eindruck würden sie auf unS machen! Du guter Gott! wie würden wir über deine Macht erstaunen, deine Weisheit bewundern, uns deiner Güte freuen— wie würden wir es bey dem Anblicke deines schönen Himmels, und deiner wundervollen Erde fühlen: WaS so zu Herzen geht, muß a»S irgend eineni liebevollen Herzen kommend Die Grasinn sagte:»Wie eS dem gute» Heinrich war, als er aus seinem unterirdischen Aufenthalte daS erste Mahl auf Gottes schöne Erde herauf kam: so wird es unS ein Mahl seyn, wenn wir auS diesem Er- denleben in den Himmel verseht werden. Denn ich denke, wie Heinrichs Spielzeuge— jene Blumen und Lämmer und Bäume, an denen er in seiner Höhle doch manche Freude hakte— nur sehr unvollkommene Abbildungen dieser herrlichen Werke Gottes selbst waren: so mögen wohl alle sichtbare Schönheiten, und alle Freuden dieser Welt kaum ein Schatten gegen die Schönheiten und Freuden des Himmels seyn. Nur die Freude auf Erden, unsere Geliebten nach langer schmerzlicher Trennung wieder zu sehen, mag uns ein wahres 6? Vorgefühl geben von jener Freuds des Himmels, unsre Geliebten dort wieder zu sehen; denn wirklich fühle ich mich in dieser Stunde des Wiedersehens so selig, alS wäre ich bereits in dem Himmel!« Fünfzehntes Kapitel. Das Gute belohnt, das Böse bestraft. 8?ach einigen Tagen kamen die heute des Grafen mit der Räuberbande, die sie glücklich in der Höhle beysammen gefunden hatten, in Eichenfels an. Die Räuber waren alle zwey und zwey zusammen geschloffen. Ein Wagen mit Küsten, worin sich lauter geraubte Kostbarkeiten befanden, folgte dem Zuge, und zu oberst auf dem Wagen saß die alte Zigeunerinn. Die Räuber hatten den entronnenen Knaben garnicht aufgesucht; denn da sie die eiserne Thür fest verschlossen fanden, und der Felsenriß, durch den er entkam, ihnen unbekannt war, weil ein höchst baufälliger, gefährlicher Gang, in den sie sich nie hinein gewagt hatten, dahin führte: so glaubten sie, Heinrich sey entweder in einen der unermeßlich tiefen Abgründe deS alten Bergwerkes ge- 6z fallen, oder von einem eingestürzten Gange lebendig begraben worden. Die Räuber waren daher sehr erstaunt, als sie bey ihrem Einzüge in Eichenfels den inngen Grafen neben seinem Vater unterdem Schlosithore stehen sahen, und sie konnte» gar nicht^begreifen, wie er durch die eiserne Thür heraus gekommen.»Wer glaubten, brummte der Hauptmann voll Verdruß, kein Mensch in der Welt sey unS an List und Tapferkeit gewachsen; und nun muß unS sogar ein Kind überlisten, und uns in Ketten und Bande bringen. Das ist sehr ärgerlich. Nun sehe ich es aber doch ein, was ich niemahls glauben wollte:»Wenn der Dieb reis ist, so höhlt ihn ein hinkender Büttel ein.« Jener Musikant mildem Hackbrete, der sich auch unter ihnen befand, sprach bey sich selbst:»Wir raubten dieses Kind, damit es uns dereinst zur Rettung dienen möge; allein, nun gereicht gerade dieses Kind uns zum Untergänge. Die Leute mögen wohl Recht haben, die dir sagen: Wer Böses thut, findet am Ende immer, daß er sich verrechnet habe.« Der Jüngling, der gegen den kleinen Heinrich immer so freundlich und gefällig gewesen, und kein ganz verdorbenes Geinüth hatte, sagte:»DaS hat Gott so gefügt, daß der Kleine entkam, und ich freue Mich, daß er lebt, obwohl das mein SS Tod seyn wird. Gott zeigt auch hier wieder seine Macht, die Unschuld zu retten, und die Schuldigen zu strafen. Nun geht an uns alle» in Erfüllung, was mir meine Mutter immer gesagt hat:»Wenn sich der Böse auch in den Mittelpunkt der Erde verkriechet! könn» te; so wüste ihn Gottes strafende Gerechtigkeit doch zu finden, und ihn zur verdienten Strafe zu ziehen.« Als Heinrich den Jüngling in seinen Ketten unter den Räubern erblickte, ging es ihm zu Herzen, und er bath seinen Vater inständig, dem armen Menschen, der ihm so viel Gutes erwiesen hat, doch kein Leid zu thun. Der Graf sagte, er könne für jetzt noch nichts versprechen; er werde ihn aber so gelinde behandeln, als eS in seiner Macht stehe. Da sich bey dem Verhöre fand, daß der junge Mensch niemahls Bluc vergossen, und mehr der Diener der Räuber, als selbst ein Räuber gewesen sey: so wurde er zwar nicht hingerichtet, aber dennoch zum lebenslänglichen Gefängnisse verurtheilt. Der Graf milderte aber die Strafe dahin, daß er so lange, bis er hinreichende Beweise von aufrichtiger Besserung gegeben habe, in ein Arbeitshaus geschickt werden solle; dann aber zu den Seinigen wieder zurückkehren dürfe.»Sieh, sagte der Graf zu ihm, als man ihn abführte, wie nichts Böses unbestraft bleibt, so wird auch alles Gute belohnt. Die Linderung deiner Strafe hast du deiner Freundlichkeit gegen meinen Sohn zu danken. Ja, waS du meinem Kinde gethan hast, will ich dir an deiner armen Mutter vergelten. Halte dich gut, und mache, daß ich dich bald zu ihr zurück senden könne.« Die übrigen Räuber bekamen indeß alle den blutigen Lohn, den sie durch ihre blutigen Thaten verdient hatten. Die Zigeunerinn kam auf immer in daS Zuchthaus. Das geraubte Gut wurde den Eigenthümern, die man noch entdecken konnte, zurück gegeben, von dem übrigen aber auf Verwendung des Grafen ein großes Waisenhaus gebaut. Margaretha blieb in den Diensten der Gräfinn, wie vorher, und hatte nun nach langem Leiden auch wieder frohe Tage. Den Gärtueriunge Görge hatte man wegen seines Leichtsinnes, und seiner Nachläßigkeit längst fortjagen müssen; er hatte sich überdies; noch dem Trunke und andern Schlechtigkeiten ergeben, und war in seinen schönsten Iugend- lahren bereits an der Auszehrung gestorben. Der Jüngling aus den; Gebirge reiste, von dem Grafen reichlich beschenkt, wieder zu seinen Aeltern zurück. 7t Den guten Vater Menrad hätte der Graf gern für immer auf seinem Schlosse behalten. Er blieb zwar einige Zeit; allein er ließ sich nicht bewegen, seine Einsideley ganz mit einem gräflichen Schlosse zu vertauschen.»Ich will den Rest meiner Tage vollends Gott widmen, sagte er, und das glaube ich am besten in der Einsamkeit thun zu können. Ich habe lange genug in der Welt gelebt, und weiß aus Erfahrung, was an ihr ist. Sich auf die bessere Welt vorbereiten, ist daS Beste, was wir in dieser Welt thun können.« Der ehrwürdige Greis segnete bey dem Abschiede, der sehr traurig war, den Grafen, die Gräfinn, und den kleinen Heinrich, der sich fast nicht von ihm wollte trennen lassen. Die gräfliche Familie begleitete den guten Mann herab unter das Schloßthor an den Wagen. Er stieg ein, blickte alle noch ein Mahl liebreich an, und sprach noch, bevor der Wagen abfuhr:»Lebet wohl, und der Friede sey'mit euch! Zm Himmel sehen wir uns wieder!« - s A»« HM A N? « LS E^' 7>> -?^zS M B LD M K 'M - Blk"»