! ^ Wienen 8tgät-8ibliottie><. 6 '' von der Bruderliebe. Vorgetragen am Feste der heiligen Magdalene den arten Heumonak 1781, zu Prag in der Kirche der PP. Barnabi: ten auf dem Hradschin, von Joseph Edlen von Wendel, königl. Domherrn in der Kathedralkirche zu St. Stephan in LeutmeriH. Prag, bey Johann Ferdinand Edlen von Schönfelb. >* r A/. ^ V> r^> V>^ a 2 k.eMr'ttrmtrii-' er^>eecata^noir/an, L'/exE nrult»m. Es werden ihr viele Sünden nachgelassen/ weil sie viel geliebt hat. Luk. 7, 47. ie Geschichte, die im heutigen Evangelium vorkömmt, ist zu bekannt, als daß ich ihre Aufmerksamkeit durch eine weitläufige Erklärung derselben mißbrauchen sollte. Denn wie eine jede Vorsagung unsers göttlichen Lehrers auf das strengste erfüllt worden ist, so ist gewiß auch diese, daß, wo irgend in der ganzen Welt dieß Evangelium verkündiget werden, wird, man auch sagen wird, was diese zu seinem Gedächtnisse unternommen bat*), genau in das Werk gegangen. Nur muß ich Sie erinnern, daß ich in den sämmtlichen heili- gen Büchern einzige zween Fälle ausweisen kann, w» auf eine rechtschaffene Handlung gleich ein so offenbarer, und'glänzender Beyfall des Erlösers gefolgt wäre. Einen, da Petrus dem Herrn das Bekenntniß ablegte, daß er Gott ist, und den zweyten hier, da Magdalene die Füsse des Herrn mit ihren Thränen abwusch, und mit ihren Haaren trocknete. Die Liebe, welche die Sünderinn dem Leibe des Herrn erwies, war ihm so angenehm, als der übernatürliche Glaube, welchen Petrus mit einer so unerschrockenen Gewißheit äußerte. Und ich ziehe den Schluß daraus, daß, wie es unmöglich ist, ohne den Glauben selig zu werden, es auch unmöglich ist, ohne die Liebe«inen Anspruch auf die ewigen Wohnhüt- len machen zu können. Sie sehen schon vorhinein, ansehnliche Zuhörer, wohin meine Rede abzielt, und ich will Ihnen nur noch zween Gesichtspunkte, aus welchen meines Erachtens die Nothwendigkeit der Bruderliebe zur Erlangung des ewigen Reiches besonders erhellet, dadurch anzeigen, daß ich sage: erstens, die Bruderliebe ist das bewährteste Mittel, um die erlangte Gnade des Allerhöchsten in ihrer Wirksamkeit zu erhalten, und zweytens, die Bruderliebe ist das bewährteste Mittel, um die erloschene Gnade des Allerhöchsten wieder in ihre Wirksamkeit zurück zu bringen. Es sey, daß man die Gnade besitze, oder sie verloren habe, so ist sowohl zur Beharrlichkeit in der Gnade, als zur Wiedererlangung der Gnade die Bruderliebe vonNöthen. Dieß sind die zween Theile meiner Rede, die Ihre ganze Aufmerksamkeit verdienen. Erster Theil. E s läßt sich überhaupt unter den Gläubigen, die zur wahren Kirche sich bekennen, keine andere Abtheilung machen, als daß man sie theils in die Frommen, die mit der Gnade Gottes mitwirken, theils in die Trägen, die diese Gnade bey sich unnütz liegen lassen, und sie zuletzt gar verlieren, absondere. Aber weder jene, welche sich die Tugend eigen machen, können wahrhaft tugendhaft seyn, noch die, welche im Sündensiande sich befinden, von ihrem Schlafe aufwachen, wenn sie die Liebe nicht haben. Die Liebe ist also sowohl dem Gerechten zur Beharrlichkeit, als dem Sünder zur Bußfertigkeit unumgänglich vonnöthen. Lassen Sie uns, a. Z. das erste genauer überlegen. Wenn ich Ihnen sage, daß Gott die Bruderliebe zur Ausübung einer jeden Tugend zur Grundlage fodert, daß Gott den Werth aller Tugenden nach dieser Liebe abmißt, daß Gott sein Wohlgefallen, mit welchem er die Werke der Liebe begleitet, auch durch Wunderwerke bestätiget, so hoffe ich, daß Sie zum Beweise meines Hauptsatzes nichts weiter fodern werden. Erlauben Sie, a. Z. daß ich in einer so wichtigen Sache alle Schlüsse, die bloß Vernunftschlüsse sind, alle Folgerungen, die auch nur von dem Halsstarrigsten, oder Blödesten in Zweifel gezogen werden könnten, vorübergehen, und mich bloß an die Worte der ewigen Wahrheit selbst halten dürfe. Die Pharisäer, diese u.iversöbnlichenFeinde des Hern dachten in ihrem Wahnsinne, sie würden ihm eine unentgehliche Falle stellen, sofern sie ihn fragte»;: Geister, welchen ist das größte Geborh»in Ge- seye. Der Herr antwortete ihnen das,»ras sie am wenigsten vermutheten, und auch am wenigsten beobachteten. Der sollst Gott deinen Herrn aus Deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüthe lieben*). Dieß ist das größte, und erste Geboth. Das zweyte ist diesem gleist). Du sollst lieben dginen Nächsten wie dick selbst. In diesen zweyen Gebothen hanget das ganze Gest»;, und die Propheten. Die Worte sind so bestimmt, daß sie keine weitere Auslegung bedürfen; sie heißen eben so viel, als ob er gesagt hätte, wenn ihr wissen wollet, ob ihr der Gnade des Ewigen werth seyd, ob ihr euch mit Grunde irgend eines guten Werkes rühmen könnet, ob ihr in der That tugendhaft seyd, so gehet mit euch selbst zu Gerichte, leget eure Werke in die Waag- schaale; giebt die Liebe gegen Gott, und gegen den Nächsten den Ausschlag denselben, so habet ihr auch dgs Unterpfand von dem Wohlgefallen Gottes: ist dieses nicht, so nützen euch alle eure Werke nichts. Sie haben hier, a. Z. die Unterredung des Herrn mit den Pharisäern gehöret, und ist es wohl nothwendig, daß ich eine weitere Anwendung mache? Sagt Ihnen nicht schon ihr eigen Herz alles das, was der Beredsamste sagen könnte? Sind Sie es nicht recht von ganzer Seele zufrieden, daß Sie diese diese Worte, die so vielen Trost für Sie enthalten, in den heiligen Büchern aufgezeichnet finden? Würden Sie es nicht für die grüßte Einbuße hatten, sofern dieses Zeugniß von ihrer Gottseligkeit aus der göttlichen Schrift weggeblieben wäre? Sie lieben auch ihre geringsten Bruder, hievon habe ich Zeugnisse mit eignen Augen eingeholt; und welche ist die Folge davon? Daß Sie Gott lieben, und auch von Gott wieder geliebt werden. Denn sagt mir jemand, ichfaste täglich, oft so strenge, wie die ersten Einsiedler in der Kirche, ich bete unaufhörlich zu Gott, es sey, daß ich arbeite, oder esse, oder ruhe, so ist mein Herz an meinen Schöpfer geheftet, ich tödte mein Fleisch, ich bezwinge meine Leidenschaften, ich besuche die heiligen Orte: so werde ich ihm zwar nicht sagen,, daß er übel daran ist, aber ich werde mich auch hüten, ein entscheidendes Urtheil über alle diese Werke zu fallen; sagt er mir hingegen, ich habe einen Nackenden bekleidet, einen Hungrigen gespeisct, einen Irrenden zu Rechte geführt, o so werde ich an ihm die unverfälschte Tugend verehren, so werde ich ihm, wie Paulus den ersten gutherzigen Christen mit dem Namen eines Heiligen, der ihn mehr als alle irdischen Ehrentitel adelt, mit vollkommener Ueberzeugung zurufen, so werde ich ihm mit einem entscheidenden Tone sagen, daß er ein Frcnnd Gottes ist, weil ich schon vorhinein von meinem Herrn gelehrt worden bin, daß ich von dessen Gottjcligkeit keine weitere Zweifel tragen dürfe, der aus Liebe zu Gott seine Bruder liebet. Denn hierinnen hanget das ganze Gesetz, Isi einmal dieser Grund zur Gottseligkeit ge- leget, so dürfen Sie schon mit bessern Muthe zur Untersuchung der Größe von ihrer Gottseligkeit schreiten, weil die Bruderliebe, wie sie die Grundlage aller andern Tugenden seyn muß, so auch das untrüglichste Maaß von der Größe derselben ist. Und in der Lhat, a. Z. man darf die Schriften, welche von, Geiste Gottes zu unserm Unterrichte aufgezeichnet worden sind, nicht lange durchblättern, um hicvon überzeugt zu werden. Denn ich weis außer dem Glauben, und der Bruderliebe keine Tugend, welche Gott mit großem, Nachdrucke empfohlen, oder mit welcher sich die Gerechten in der Einfalt, und Aufrichtigkeit ihres Herzens vor dem Angesichts Gottes mit größerer Zufriedenheit gerühmt hätten. Die Ursache hievon ist auch ganz natürlich, Sie dürfen die wahre Beschaffenheit der Bruderliebe nur etwas naher betrachten, und Sie werden zugleich überzeugt seyn, daß sie hinlänglich ist, alle andere L.ugenden zu erheben, und gleichsam das Siegel, daß sie unverfälscht sind, darauf zu drücken. Denn erstens so lange Jesus Christus auf dieser Erde wandelte, hatten alle seine Handlungen kein anders Ziel als die Liebe gegen die Menschen, und hernach, wenn es unserePfiicht ist: in die Fußstapfen unsers Meisters zu treten, und ihm, so viel es schwachen Menschen möglich ist, gleich zu werden, können wir auch wohl diese Pflicht besser erfüllen, als sofern wir jene Tugend, welche bey Gott von dem größten Werthe ist, uns auf«ine besondere Art eigen machen; zumal, da wir wissen, daß auch jenes, was sonst Tugend wäre, wenn es nicht durch die Liebe erhoben wirb, beynahe alle Züge der Tugend verliert? Aus übernatürlicher Absicht fasten, ist Tugend; aber wird es auch Lugend bleiben, wenn man den hungrigen Bruder an seiner Seite darben sieht, ohne gerührt zu werden? Seine Gedanken unmerfort-mit Gott vereiniget haben, ist Tugend; aber wird es auch Tugend bleiben, wenn man sie niemals auf den Darbenden, welcher aller Hülfe beraubt ist, richtet? Die Wollust der Welt, die Vergnügungen der Müssiggänger, die Ueppigkeit aus Liebe zu Gott halsen, ist Tugend; aber wird es auch Tugend bleiben, wenn man nicht mit derselben Hand, mit weicher Man sich die überflüßigen Bequemlichkeiten entzieht, dem Dürftigen die nothwendigen ertheilet? Ich dürfte solchermaffeu alle Tugenden durchgehen, und Sie würden finden, daß, wo die Liebe mangelt, entweder die TugendenTugenüen zu seyn aufhören, oder im Dunkeln, und von den forschenden Augen Gottes unbeobachtet bleiben, da sie doch mit dieser vergesellschaftet mit einem unaufhaltsamen Schwünge zum Throne des Ewigen sich erheben, und den Beyfall von oben herabholen. Ich will Ihnen noch mehr sagen; ich sehe die Bruderliebe als ein Gepräge an, das ein jeder an sich tragen muß, welcher von den» Herrn als ein Miterbe des Reiches- das er durch seine Liebe den Menschen erworben hat, erkannt wer« den will. Der dieses nicht aufzeigen kann, wird, wenn er auch Wunder hicniede» gewirket hätte, nie- kmn Kpi* iV»»,- dem vielmehr, weil er das Mittel, welches Gott ihm, um die Gnade in ihrer Wirksamkeit zu erhalten, gegeben, nicht gebraucht hat, verurthcilet werden. Dieß sind nicht meine Worte, sondern die Worte desjenigen selbst, welcher uns richten, und an jenem fürchterlichen Tage den wahren Werth aller Handlungen genau bestimmen wird. Er sagt uns selbst, nach welcher Richtschnur sein Urtheil damals eingerichtet werden soll. Er spricht: nachdem der Richter die Frommen zu seiner Rechten, und die Sünder zu seiner Linken gestellt haben wird, so wird er zu jenen sagen: kommet ihr Gesegneten meines Vaters in das Reich, das er euch bestimmt hat*); denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeiset, ich war durstig, und ihr habt mich getrautet, ich war fremde, und ihr habt mich beherberget, ich war nackend, und ihr habt mich bedecket, ich war krank, und ihr habt mich besuchet, ich war im Kerker, und ihr seyd zu mir gekommen. Sollen sich aber die Gerechten, fährt er in seiner Beschreibung fort, sollen sich die Gerechten wundern, und zu mir sagen: Herr! wir haben dich nie hungrig, durstig, fremde, nackend, krank, oder im Kerker gesehen, und deinem Unglücke gewehrt, so werde ich ihnen antworten: aber ihr habt alles dieses einigen aus diesen meinen geringsten Brüdern gethan, und es war mir eben soviel, als ob ihr diese Liebe an mir selbst ausgeübt hättet. Sehen Sie, a. Z. wie an dem Lage der Belohnungen alle Tugenden von dem Schimmer dieser einzigen Tugend in ein Hellers Licht gesetzt werden. Ist aber dieses gewiß, o! so fahren Sie in dem heiligen Werke, das Sie mit so vielem Eifer angefangen haben,»»ermüdet fort. Gott giebt Ihnen schon hienicden einen Vorgeschmack von dem Werthe, welchen die Bruderliebe in seinen Augen hat, indem er Ihnen bey der Ausübung derselben eine Zufriedenheit, die Sie nicht leicht bey irgend einer andern Tugend in so vollem Maaße empfinden, in ihr Herz legt. Denn müßten Sie es nicht selbst gestehen, sofern nicht ihre Bescheidenheit Ihnen das Stillschweigen auferlegte, daß, so oft Sie einen Nackenden bekleidet haben, Sie sich mehr in dem Kleide des Armen, als in ihrem Golde, und Silber wohlgefielen, daß das Brod, welches der Hungrige aus ihrer Hand zu seinem Munde geführt, Ihnen mehr Lust erwecket hat, als je alle die niedlichsten Speisen ihren Gaumen reizen konnten, daß Sie auch über die einfachcste Einrichtung des Hauses, welches Sie zur Wohnung der Hcrumirrendcn bestimmt haben, mehr aufmerksam gemacht worden sind, als über die kostbarestcn Seltenheiten in den prächtigsten Pallästen? Gott will Sie nämlich lehren, daß Sie von dem Werthe, den Sie selbst von dieser Tugend einsehen, auf jenen schließen mögen, welchen die Bruderliebe vor Gott selbst hat. Kann ich Ihnen aber noch etwas überzeugende rs anführen, daß derjenige, welcher seinem darbenden Bruder zu Hülfe eilet, Gott gefällt, und folglich auch sicher hoffen kann, daß er die göttliche Gnade nicht unwirksam, und unthätig bey sich seyn *) Tob. ir, 12. läßt, als wenn ich Ihnen sage, daß Gott daß Wohlgefallen, welches er daran hat, selbst durch Wunder bestätiget? Was war die Ursache, daß der Name des alten Tobias unvergeßlich geworden ist, daß ein Engel v m Himmel kommen, dem Sohne des blinden Mannes zum Reisegefährten sich anbiethen, ihn in ferne Länder begleiten, ihm eine Arzney, deren Kenntniß nur aus dem Buche der ewigen Weisheit hergeholet werden konnte, bekannt machen, Saren seine Gemahlinn von dem Satan befreyen, das Gesicht dem Blinden wieder erstatten, der betrübten Mutter die vorige Munterkeit einflößen, das ganze Haus mit himmlischer Wonne, und Zufriedenheit erfüllen mußte? Hören Sie die Antwort von dem Engel selbst'*) da du, sprach er zu dem alten Manne, da su nur Thränen betetest, die Todten begrubest, dein Würtagmahl verließest, die Todten während des Tagen in deinem Hause verbargst, und sie in der Nacht zur Erde bestattetest, da hake ich dein Gehet zum Throne des Herrn gebracht. Was flößte dem Petrus eine solche Entschlossenheit ein, daß er, ohne sich lange zu besinnen, ohne nur im geringsten auf seine Ohnmacht zu gedenken, die abgeschiedene Tabitha beynahe in demselben Augenblicke, da er sie todt gesehen, zum Leben zurückgerufen hat? Die Wittwen**), heißt es in der Schrift, stunden um ihn herum, wiesen auf ihre Rocke, und Rleider, welche die verstorbene ihnen gemacht hat: und weil Petrus wußte, daß der her Herr im Namen der Armen nichts versagen könne, ss rief er die Heilige wieder zum Leben. Erlauben Sie mir, a. Z. daß ich zu diesen Wundern noch eines geselle, welches zwar auf den ersten Anblick nicht daS Erschütternde, wie die vorerwähnten an sich hat, aber unerachtet. dessen von allen Seiten die wunderthätige Hand des Allmächtigen verräth. Sie werden es wahrgenommen haben, a. Z. daß ich demselben während meiner Rede öfters nahe gekommen, aber allezeit von ihrer Bescheidenheit abgeschrecket, ohne meine Gesinnungen ganz hierüber zu äußern, wieder auf etwas anders hinüber geschritten bin, weil ich weis, daß Sie dasGeboth des Herrn nicht nur halb beobachten, sondern nebst dem, daß Sie ihren armen Brüdern geholfen, noch jenen Befehl, daß, wenn ihre Rechte Almosen giebt, die Linke nichts davon wissen soll, im strengsten Verstände erfüllt haben. Allein ich muß rechtschaffenen Handlungen ihr gehöriges Lob ertheilen; vielleicht gelingt es mir, daß ich den wenigen, die sich noch nicht zu dieser Hoheit der Seele erschwungen haben, neue Antriebe anlege. Es ereignete sich vor einem nicht ganz verflossenen Jahre, daß ich, um auf meinen Standort zu kommen, durch diese Hauptstadt reifen mußte, aber o Gott! wie ist jenes, was ich damals bemerkte, dem, was ich ttzt sehe, so gerade entgegen gesetzt! Ich gieng durch die Stadt, und überall zog mir das Winseln, und der Jammer der Nothlcidenden nach; hier ward ich von Waisen umringet, die ein Recht zu haben glaubten, von einem jeden die Vaters- „r pflichten zu fodern; dort drangen die in ihrem Un- glücke verjährte»/ mit wankenden Schritten, mir von immerflicßenden Thränen crstorbenen Augen, mit einem verzweifelnden Ungesiümme auf mich zu, und schrieen mit heiserer Stimme, die ihnen von niemals gestilltem Hunger gebrach, um wenige Pfen, ninge; hier lag einer im Wege/ schwieg, aber liest desto lauter seine unheilbare Krankheit, seine vom Blute triefenden Wunden/ seine Eiterbeule um Hülfe zu den Menschen, oder um Rache zu Gott rufen; dort kroch einer unter ermüdenden Bestrebungen zu meinen Füssen/ und wies, zu unglücklich/ als daß er die Hände nach dem Almosen ausstrecken konnte, auf die Erde, wohin man sein Mitleid legen sollte. -Würden Sie mir damals gesagt haben, daß ich diese Hauptstadt in wenigen Monaten von dem Lärmen der Armuth befrcyet sehen sollte, so würde ich es zwar für den heiligsten Wunsch, aber zugleich ohne ein besonders Wunder von Gott für unmöglich angesehen haben. Ich kam wieder, und fand, daß der Liebe nichts unmöglich ist. Ich sah diese Hauptstadt ganz neu umgeschaffen, nirgends ertönte mehr in meinen Ohren das Geheul der Unglücklichen, ich hörte die Einwohner von dieser Stadt, um ihr Werk in die Dauer hinauszusetzen, sich von wettern Mitteln berathschlagen, ich befragte sie um die Art und Weise, wie sie in kurzer Zeit so große Schritte gemacht haben, und ich fand an ihnen Meister issder Bruderliebe, und zerfloß vom Vergnügen, da ich sah, wie sie sich, um mich so auszudrücken, um das Reich der Himmel einander steigerten, ich zeigte eine Begierde die Armenhäuser diese unverwcs- lichen Trophäe» der Menschenliebe zu besuchen, und weine Wünsche wurden über alle meine Erwartung erfüllet. Denn hier sah ich Männer, und Weiber Arbeiten, die sie entweder durch einen langwierigen Untergang verwöhnt, oder aus Mangel des Unterrichtes niemals gekonnt haben, mit einer unbeschreiblichen Fertigkeit treiben; da Kinder nach den Fähigkeiten ihres Alters in der Lehre des Glaubens, und mit Beschäftigungen, die sie dem Staate nützlich machen würden, mit einer unsäglichen Unver- drossenheit sich üben, hier Kranke auf ihren Betten ruhig, und geduldig liegen, weil sie wüßten, daß ihnen unter der Aufsicht Gottes, und so vieler zärtlichen Väter nichts mangeln könne; hier andere, die eine Krankheit befürchteten, bey dem Arzte sich mit einer Art Aufmerksamkeit Rath erholen, welche hinlänglich zeigte, wie angenehm itzt ihnen das Leben ist, welches sie vormals tausendmal verfluchten; da wieder Knaben, und Mädchen zur Tafel, die ihnen die Menschenliebe gedeckt hat, unter den wärmsten Wünschen sich setzen, und mit jedem Bissen, den sie zum Munde führten, den Segen auf ihre Wohlthäter vom Himmel herabrufcn, und ich ward von dem Anblicke aller dieser heiligen Einrichtungen so sehr gerührt, daß ich glaubte, ich könne mich nicht anders schadlos halten, weil ich nicht auch an diesem heiligen Werke Theil nehme, als wenn ich theils als ein Abgeordneter von den Armen ihren Wohlthätern in ihrem Namen öffentlich, und im Angesichte der ganzen Kirche Dank zu sagen, und theils als von Gott gesenbet^Ht-LLMllL einem so herrlichen Beyspiele gefühllos geblieben sind, zu gleichen Unternehmungen anzueifern erschiene. Denn a- Z. so sehr mich ihre Bruderliebe versichert, daß Sie zeither mit der Gnade Gottes eifrig mitgewirket haben, so sehr fürchte ich, daß die wenigen Gefühllosen sie vielleicht schon verloren haben. Allein sehen Sie, eben diese Bruderliebe ist auch das bewährteste Mittel, um die erloschene Gnade Gottes wieder in ihre Wirk-» samkeit zurückzubringen. Zweyter Theil, ich hoffe, daß nur sehr wenige sind, welche zur Bußfertigkeit ermuntert werden müssen, und da der Eifer, welchen diese Hauptstadt gegen die Armen bewiesen hat, mir Bürge genug ist, daß sie genau über die Gesetze ihres Herrn hält, so werde ich in dem zweyten Theile meiner Rede nicht weitläufig seyn. Um aber doch meinem Versprechen einiger Massen nachzukommen, will ich zeigen, auf was Art die Bruderliebe das bewährteste Mittel sey, um den geradesten Weg zur Wiedererlangung der Gnade einzuschlagen. Diese Art aber ist so gewiß, und so unfehlbar, daß, wer irgend meinem Rathe zu folgen entschlossen ist, auch gewiß ehe als er es hoffet, bey seinem Ziele sich sehen wird. Denn kann man sicherer von der Wiedererlangung der Gnade Gottes seyn, als wenn man dazu das Gott angenehmste, das von Gott selbst verordnete Mittel erwählet? Nun dieses ist Bruderliebe. Ich dürfte zum Beweise dessen nichts als jenes, was ich schon gesagt habe, wiederholen. Denn, hat die Bruderliebe so viele Reize in den Augen Gottes, daß sie selbst die Tugenden des Gerechtesten zu verschönern vermögend ist, wie sollte sie nicht auch den Werken der Buße eine besondere Kraft ertheilen? Allein da die Wahrheit von Beweisen überfließt, so betrachten Sie sie noch von einer andern Seite, und zwar gleich von jener, von welcher sie uns in dem heutigen Evangelium vorgestellt wird. Magdalene, die bisher ihre Jahre in der Wollust, Ueppigkeit, Eitelkeit, und in allem Tande der-Welt durchgclebt hatte, wird plötzlich von der Gnade des Herrn gerührt, sieht die Abwege, die sie in die Länge, und Quere durchgelaufen ist, staunt über den Abgrund, auf dessen Rande sie sich erblickt, greift zur Buße, und, welches das wunderbateste ist, wird beynahe noch in demselben Augenblicke, wo sie eine Sünderinn ist, eine Heilige. Lassen Sie uns sie auf dem Wege der Buße verfolgen, um desto leichter die Art zu erkennen, welche die Gnade Gottes wieder in unsere Herzen zurückführt. Sie hört, daß der Herr in dem Haufe des Pharisäers ist, sie nimmt eine wohlriechende Salbe, vergißt der Urtheile der Welt, eilt in dasselbe Haus, tritt zu Jesu, wirft sich zu seinen Füßen, wäscht sie mit ihren Thränen, trocknet sie mit den Haaren, küßt, und salbet sie. Noch war sie in diesem Eifer begriffen, und der Pharisäer verdrossen, daß der Herr so mildreich auf die Sün- sius müsse kein Prophet seyn, weil er die Sünderinn nicht kennt. Allein kaum hatte er diesen Gedanken ausgebucht, so bestrafte ihn der Herr mit diesen Worten: siehst du dieses Weib, ich kam in dein Haus, und du gabst meinen Füßen kein Wasser, diese aber goß Thränen auf sie, und trocknete sie mit den Haaren: du gabst mir keinen Kuß, diese aber hat noch nicht aufgehört, seit daß sie gekommen ist, meine Füße zu küßen: du hast mein Haupt nicht mit Oele gcsalbet, diese aber salbte meine Füße mit der wohlriechendsten Salbe. Und sieh! deswegen sollen ihr viele Sünden nachgelassen werden. Sie kann noch kein anders Werk der Tuße aufzeigen, aber sie hat das mir angenehmste Mittel ergriffen, und ihre Liebe mir in vollestcnr Maaße erwiesen, und deswegen, weil sie viel geliebt, sollen ihr auch viele Sünden nachgelassen werden. Und wenn du siehst, daß einem wenigere Sünden nachgelassen werden, so schließe auch daraus, daß er weniger geliebt hat. Welche Folgen ziehen Sie a. Z. aus diesem Vorfalle? Scheint es Ihnen nicht, daß der Herr hiedurch hinlänglich zu erkennen gegeben hat, wie hoch er die Liebe achte, indem er weder die Reue, noch die Zerknirschung des Herzens, noch die heiligen Vorsätze, noch den Abscheu wider ihren vorigen Sündenstand, sondern die Thränen, die Küße, die wohlriechende Salbe als besondere Verdienste anführt? Wir haben ihn nicht mehr unter uns, wir können nicht mehr zu seinen Füssen uns hinwerfen, aber er führt uns an- siakt seiner die Armen vor, an welchen wir unsere Liebe zeigen sollen. Lassen Sie die schöne Gelegenheit nicht aus den Handen, eilen Sie in die Häuser der Armen, legen Sie da einen Theil ihres Vermögens hin, Sie werden ihn einstens in dem Schooße des Herrn mit vielem Wucher wieder finden, bekleiden Sie den Bloßen, und der Herr selbst wird mit dem Kleide, das Sie ihrem Bruder gegeben, prangen, nähren Sie den Hungrigen, und der Herr wird Sie mit seiner Gnade sättigen, Sie in seine Freundschaft wiederaufnehmen, und alle ihre Sünden nachlassen. Denn es heißt in dem Buche Jesu des C ohns Sprach: Das Wasser löscht das wüthende Lener, uns oas Almosen widerstehet den Sünden,*) Allein kann ich Ihnen wohl ein bewährteres, ein sichercrs Mittel, wodurch Sie die Gnade des Herrn wieder erlangen können, vorschlagen, als eben jenes, welches der Beleidigte selbst Ihnen vorschlägt? Sie haben gesündiget, und er sagt Ihnen, daß ihre Sünde nicht anders getilgt werden könne, als durch die Liebe gegen ihre armen Trüber. Vergeben Sie mir a. Z. wenn ich Ihnen, ohne weitere Umschweife zumachen, die bloße Wahrheit, wie sie ist, vor Augen stelle. Ist es gewiß, daß Gott die Bruderliebe als das unumgänglichste, oder doch als das kräftigste Mittel zur wahren Buße angiebt,wie ich Ihnen dann gleich Zeugnisse genug aus den göttlichen Schriften anführen kann, so folgt, daß, wenn Sie ihre Hand noch nicht zum Wohlthun gewöhnt haben, Sie auch noch nicht mit wahrem Ernste auf ihre Aussöhnung c 2 *) Tob. 4.1k. bedacht waren. Denn wer nach dem Ziele trachtet, wird auch die Mittel, die dahin führen, ergreifen. Doch meine Worte werden einen größeren Nachdruck bekommen, wenn ich ehe die Worte meines Herrn Ihnen vortrage', und dann meinen Rath, den ich aus ganzer Ueberzeugung gebe, darauf gründe. Das ganze Buch des Tobias ist nichts anders als eine Lobrede auf die Bruderliebe: denn außer jenen Stellen, worinnen die Bruderliebe als die größte Zierde des Gerechten an- gerühmt wird, findet man auch noch andere, wor- inncn sie als das untrüglichste Mittel wider die Sünde angeführt wird. So heißt es da ausdrücklich: Das Almofen befceyer von dem Tode, und es laßt die Seele nicht in die Finsternisse kommen.*) Hat die Gnade des Herrn so viel über Sie vermocht, daß Sie auf ihr unordentliches Leben aufmerksam geworden sind, daß Sie Antriebe zur Buße fühlen; o! so lassen Siesich weder durch die Größe, noch durch die Menge ihrer Sünden von dem guten Vorhaben abschrecken. Thun Sie den Armen Gutes, und das andere stellen Sie dem Herrn anheim. Denn das Almosen befreyet von aller Sünde. Dieß sagte auch der Engel zu dem gottseligen Tobias: Das Almosen befreyet von dem Tode,*') und dieses ist, welches von den Sünden reiniget, und den Weg zur Barmherzigkeit, und zum ewigen Leben zeigt. Wundern Sie sich darüber, daß die Schrift dem Almosen eine v so so große Kraft zueignet, so dürfen Sie es nur einmal versuchen, und nach der Vorschrift des Herrn Almosen geben, und Sie werden zugleich auch sehen, wie nothwendig diese Kraft mit dem Almosen verbunden ist. Denn nebst diesem, daß die Lugen Gottes an den mitleidigen Herzen besondere Reize entdecken, so ist schon diese Art des guten Werkes besonders dazu eingerichtet, daß sie uns heilige Gedanken einzustoßen fähig ist. Wir werden dadurch mit dem Unglücke näher bekannt, wir kommen auf Gegenstände, worauf zeither unsere Augen noch nicht gerichtet waren, und die doch besonders vermögen sind, unsere Augen zur Anschauung der Wahrheit zu eröffnen, wir stellen Betrachtungen an, wozu uns bis auf denselben Augenblick noch kein Gedanke geführt hat, wir lernen die Vergänglichkeit der zeitlichen Dinge kennen, wir erinnern uns an unsere ursprüngliche Schwachheit, wir sehen die Eitelkeit der Welt mit den lebhaftesten Farben abgemalt, wir finden, daß die Unglücklichsten in den Augen der Welt die Nächsten dem einzig wahren, und ewigen Glücke sind; wir befin? den uns, mit einem Worte, in der Schule der Gottseligkeit, und die Armen, die wir verpflegen, sind unsere Lehrmeister, sie sind es, die uns heftigere Triebe zur Lugend, und einen gewissen Abscheu von aller Sünde in das Her; legen, als es je alle Schriften der Philosophen thun können. Und glauben Sie nur nicht, a. Z. daß die Bruderliebe unrein Mittel zur Buße sey, welches im alten Bunde gegolten hat: es hat noch in dem neuen denselben Werth, und es wird von unserm Erlöser selbst als ein solches empfohlen. Gebet Almosen, spricht er, von dem, was eucli übrig r