8 9 Z 2/5/6-^ ^ 9- 8V 25- 062022-^ 21 8 Band R5-ischZ AMlolhck-Georg ' ! r- K« 4 -^^- 9 r. 5i>^ .x-^' r--j, n^,-^ k-l'-.^uV'.^'-: .-? jN k" r,r »''^ ,?'! i--^ .. l.r?^" -x,^: uLL 5" -K-r.. v> s^- c^^ »L i- i 2-- u^".^- /:?^,,-, JusrnLschriften von Ghristovtz Lchmiv. Domcapitular des Bisthums Augsburg im Königreiche Bayern. An rwanjig Wänvchen. jedes mit einem Kupfer. Dritte vermehrte, mit zwanzig Kupfern gezierte, gut lesbaren Lettern im größeren Formate gedruckte, durch C»rceclheit und Eleganz ausgezeichnete, allerwohlfeilste Wiener Ausgabe. Drittes Bündchen. Enthaltend: Jtha, Gräfinn von Toggenburg. DM i r rr. Anton Mausberger's Druck und Verlag. -- ->^ - - A t h», Eirästnn von Togsrnüurs. Eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte aus dem zwölften Jahrhunderte, neu erzählt für slle gute Shristrn, besonders für unschuldig Leidende. E i n Seitenstück zur Genovefa. Von EHristsxh Kchmid. Dritte Auflage. TM i r n. Anton Mausberg er's Druck und Verlag. - SH ''-' ,!'^^ r V s-^^^-:^^ '''/--7.>^''.-:- 7): .^A'9 Vorrede. besonders Euch, die Ihr um Eurer Necht- schaffenheit willen große Verfolgung leidet, oder von Gottes väterlich- weiser Vorsehung mit drückenden Widerwärtigkeiten heimgesucht werdet, ist dieses Büchlein gewidmet. In diesem werdet Ihr finden, daß schon vor mehreren hundert Jahren eine, nicht etwa arme und unbekannte, sondern von hochadeligem Geschlechte abstammende, mit Ehren und Reichthümern begabte rechtschaffene Frau eben so große, vielleicht noch weit größere Verfolgungen und Leiden zu erdulden hatte, als die Eurigen sind. Nun, die schöne Lebenögeschichte dieser stnadhaften christlichen Dulderinn sagt uns allen deutlich, wo der wahre Christ in Leiden und Verfolgungen Trost und Hilfe suchen, und sie jedes Mahl sicher finden könne, und wie ihn dieser innere Trost, diese himmlische Hilfe zurAus- übung jener schonen Tugenden fähig mache, welche ihn auf Erden wahrhaft zufrieden, und jenseits ewig selig machen werden. Und damit Schmid's Jugendsch. S. Bd. Jtsa. i 2 Ihr diesen innern Trost, diese wahre Zufriedenheit auf Erden, und jene seligen Freuden des Himmels in Ausübung christlicher Tugenden nicht nur suchet, sondern auch finden möget, wurde diese schöne Geschichte von mir wieder neu bearbeitet. Ich brachte fünf Ausgaben derselben, durch Hilfe guter Freunde, zusammen, von denen jene des wohlehrwürdigen Petrus Canisius die älteste ist; sie wurde von diesem frommen und gelehrten Manne im Jahre 15yo verfertiget, und vom Abt Christoph von Fischingen 1600 zum Drucke befördert. In der Hauptsache stimmen alle diese Ausgaben genau überein; nur einige unbedeutende Nebenumstände sind in der einen ausführlicher als in der andern behandelt, und so wurde es mir durch Zusammenstellung und Vergleichung derselben möglich, eine etwas vollständigere Lebensbeschreibung der heiligen Itha zu liefern, als die bisher erschienenen sind. Wird die Geschichte dieser heiligen Dienerinn Gottes bey einem oder dem andern ihrer Leser jene schönen Tugenden bewirken, die sie bey so manchem ihrer Augenzeugen hervorbrachten, so wäre dieß die schönste Belohnung für meine kleine Arbeit, durchweiche ich nichts anders suche, als die Verherrlichung Gottes in der wahren Verehrung der heiligen Itha zu befördern. Orstes Stammhaus der Jtha. Vor beyläufig achthundert Jahren, als in Deutschland das heilsame Licht des Evangeliums Jesu Christe schon ziemlich allgemein leuchtete, und durch seine göttliche Kraft und himmlische Klarheit die wilden Leidenschaften gezahmet, die rauhen Sitten gemildert, höhere Empfindungen und christliche Gesinnungen in den Herzen der Menschen erwecket, und Menschlichkeit und Liebe in ihre Gesellschaft ringe- führt hatte, lebten in dem schönen, an der Jller gelegenen alten Schlosse die edlen Grafen Hartmann und Otto von Kirchberg, welche wegen ihrer persönlichen Tapferkeit von ihren Fürsten geschätzt, und wegen ihrer Gerechtigkeit und Güte von ihren Unterthanen allgemein geliebt wurden. Diese zwey edlen Brüder von Kirchberg sogen nach damahliger Sitte mit dem ersten Kreuzzuge nach Palastina, um jene heiligen Orte wieder erobern zu helfen, in welchem sich die wichtigsten Begebenheiten unserer heiligen Religion zugetragen haben. Sie waren aber nicht nur für das allgemeine Wohl der Christenheit besorgt, sondern ihnen lag eben so sehr das Wohl ihrer Unterthanen, und ihr eigenes am Herzen, welches sie dann auch nach allen Kräften und ihren besten Einsichten zu befördern suchten. Weil nun damahls in Deutschland der Ort »»» 4— des heiligen Benedictus schon mehrere Pflanzschulen zahlte, in denen jeder unbefangene Mensch die tauglichsten Werkzeuge erblickte, welche unter der Leitung der göttlichen Vorsehung in die Herzen der Menschen den Samen des göttlichen Wortes, in den rauhen unfruchtbaren Boden der Erde aber den Samen nahrhafter Früchte mit dem besten Erfolge einzustreuen sich bemühten, und also recht eigentlich dazu bestimmt zu seyn schienen, die Herzrn der Menschen für Religion und Tugend, und den Boden der Erde für die Menschen und ihren Unterhalt urbar zu machen: so beschlossen die beyden edeln Kirch- berger, Hartmann und Otto, den Bau eines solchen Klosters in ihrer Grafschaft. Sie beriefen noch vor »hrer Abreise zum Kreuzzuge die nöthigen Arbeitsleute, bestimmten die zu einem solchen Baue nöthigen Geldsummen, erhielten auf gemachtes Ansuchen aus dem Kloster St. Blast im Schwarzwalde einige Ordensmänner, und brachten es durch ihre eifrigen Bemühungen und getroffenen Anstalten dahin, daß im Jahre>ogy die neue Klosterkirche von dem damahligen Bischöfe zu Constanz, Gebhard M., feyer- lich eingeweiht, und das Kloster von den Mönchen, welche den Werner zu ihrem ersten Abte wählten, bezogen werden konnte. So entstaub das Benediktiner-Kloster Wiblingen, welches von dieser Zeit an der Begrabniß-Ort der Grafen von Kirchberg war. Die neuen Bewohner dieses Klosters wendeten alle ihre Kräfte an, den frommen und gerechten Erwartungen ihrer Stifter zu entsprechen. Mit einem heiligen Eifer arbeiteten sie rastlos im Weinberge des Herrn, und suchten durch die segenvolle Lehre Jesu Christi die Menschen, und besonders auch die gräfliche Familie zuerst für die Sorge des Reiches Gottes zu gewinnen, und die wahre christliche Liebe an Gott und den Mitmenschen in ihren Herzen zu er- 5»»» wecken. Sie waren auch nicht weniger bemüht, die Liebe zur Arbeitsamkeit und besonders zum Ackerbau durch ihr eigenes Beyspiel hervorzubringen; und deßwegen zeigte sich sehr bald der gesegnete Erfolg dieses schonen Unternehmens nicht nur in der ganzen umliegenden Gegend, sondern auch vorzüglich in der gräflichen Familie. Diese suchte jetzt mit dem hohen Adel ihres Geschlechts den noch weit höheren, ja den höchsten Adel der Seele, Tugend und Gottesfurcht zu verbinden. Deßwegen waren dte Kinder Hartmanns, welcher als der altere die Grafschaft erbte, die Freude ihrer guten Aelrern, und die sichere Hoffnung des fortdauernden Glückes der Unterthanen. Die getreue Erfüllung der schönen Pflichten des Adels: Witwen und Waisen zu schützen, Unschuld und Tugend zu retten, und die heilige Religion bestmöglichst zu unterstützen, veredelten die Herzen der jungen Grafen, so wie Unschuld und Gottesfurcht d:e Zierde der jungen Gräfinnen waren. Und diese schönen Tugenden vererbten sich von den Aeltern auf die Kinder, und von diesen auf die Enkel und Urenkel fort. So wie aber in einem Garten, der voll schöner Blumen ist, sich eine oder die andere dieser Blumen ihrer vorzüglichen Schönheit wegen besonders auszeichnet, und unter den schönen die schönste ist, gerade so geht es auch in Familien. Wenn auch alle Familienglieder gut und lügenhaft sind, so ist doch eines oder das andere seiner vorzüglichen Tugend und Liebenswürdigkeit wegen noch besonders schätzbar, und unter diesen guten das beste. Und ein solches besonders schätzbares und gewiß das schätzbarste und beste Glied dieser gräflichen Falle fing um die Mitte des zwölften Jahrhunderts zu wachsen und zu blühen an, in der jungen Gräfinn von Kirchberg, die in der heiligen Taufe den XX» 6 XX» Nahmen Juditha erhielt, welcher nachher durch Zu- sammenziehung der Sylben in den Nahmen Jtha verändert wurde*). Lwrstes Ea-itel. Erziehung der Jtha. Obwohl man von den)leltern der Gräfinn Jrha gar nichts aufgezeichnet findet, als was uns die Geschichte ihrer Tochter über die Erziehung derselben aufbewahrte, so ergibt sich doch schon aus diesen we- dorten deutlich genug, daß Jtha fromme, rechtschaffene Aeltern gehabt habe, die in der besten Erziehung ihrer Kinder ihr eigenes wahres Wohl zu begründen suchten, die ihre Kinder als Geschenke Lottes ansahen, und ihre Familie als«ine Pfianr- schule des Himmels betrachteten, in welche der Herr des Himmels und der Erde nach seinem Belieben neue Sprößlinge einsetzt, die von ihnen mit alter- licher Sorgfalt gepfleget, genährec, vor allen schädlichen Zuflüssen bewahret, und zu seiner und ihrer Freude herangebildet werden sollen. Jtha wurde, wie uns ihre Geschichte sagt, mit aller Sorgfalt und Aufmerksamkeit erzogen. Schon in ihrer zartesten Jugend suchten die sorgfältigen Aeltern ihr alles das zu verschaffen, was die zarten Keime des Guten wecken und starken, die eben so schnell hervorspringenden Keime des Bösen unterdrücken und ersticken, und das Wachsthum der Leibes- und Geisteskräfte befördern konnte. ') So erzählt dieser der Wiblinger Geschichtschreiber m seinem Ehrentempel der Stifter des Klosters «n Nahmen."^^ er deßwegen auch ih- »»»» 7**** ^ie waren eben so weit entfernt, sie durch übertriebene Schonung und zu sehr gesuchte Nahrung zu verzärteln als durch zu viele Strenge und unverdauliche Speisen zu entkräften. Ihre-MM- Sorg- ,,nd alle rhre Bemühungen S'Ngen nur dahin, allen iknen Kindern, und also auch dieser^.och, ihrem Stande und ihrer künftigen Bestimmung angemessene Erziehung zu S^n-Die Frömmigkeit und Andacht der Aeltern weckten schon stuher d,e L.ebe zu diesen schonen Tugenden in den H"^n^ihrer Kinder, so wie auch Jtha schon frühe du) Levolle Anleitung und das anzlehende Bey me^ Mutter zu allen jenen nützlichen Arbe>ren und O Säften gewohnt wurde, die ihrem Alter und G- scklechte angemessen waren. An der Seite ihrer Mutter lernte sie die Spindel und das Spinnrad drehen, die Näh und Stricknadel führen, und rn der Kuch- ibres Schlosses mußte sie als ,u.,ge Köchinn>n der Familie und auch manchmahl angekommenen Ga- L L Speisen schmackhaft zubereiten lernem S.° -brachte also nicht muffig und tändelnd, somern a Leitsam und lernend ihre Jugendiahre zu. Besonders aber wurde das sur Wichtigste. die Religion, auch von diesen Aeltern als das Wichtigste für ihre Kinder angesehen--> h wurde deßwegen, sobald sie nur etwas ve st-hen md fassen konnte, auf ihren ersten und zugleich be ten Vater im Himmel aufmerksam gemacht.»Al es, was Du von uns bekommst,' sagten dw gotte.surch aen Aeltern,»hat uns der himmlische Vater geschenkt» Sdm m°«, Durechtdaftr d-ul-u. uu° ezhn um Alles das bitten, was Du nöthig h st. Äuck ezesum Christum, ihren Heiland und Erlöser, tind wenn man ihr ferne schaue te-echch Menschm zählte und sagte, wie er aus Liebe zu uns Mmj-Y — 8—. ^kommen, und in seiner Jugend ein lebevolles, gehorsames, frommes Kind gewesen sey »nk^^!"en spätern Zähren die Menschen seinen ik»e7/r^""mlischen Vater kennen gclehret, und so konnte äe n.^^7 H""mel i" kommen, mmer nock 2-^'"erklam genug zuhören, wollte noch mehr wissen, und Alles lernen, was<^e- su-ChrutuS den Menschen gesagt habe/damit-I- S°^Sie erlern//'^''7' H""mel kommen mö- A^l,o sehr bald alle wichtigen Re- knn und^au/7"""ernte jene schöne?Tugenden und hre^K üL'/""?lter, ihrem Stand uno iyrem Geschlechte angemessen waren Zu menscbaftSegen die Nachkam- menichaft ihrer Stifter dankbar zu zeigen, sebö v./ dieser^ q/ss/cken a/"/^ie bald nachher von I g asuchen Familie wieder erhaltenen Schenkungen noch mehr wahrscheinlich machen!^ terlick/? Beziehung, von Gottes va- „,,/// Segen unterstützet, legte in dem zarten den?u/S/ Herzen der lungen Ztha schon frühe den Giund zu allen Tugenden, und zu ,'e,er l/l- denmuthigen Geduld und Standhaftiqkeit' weaeü CHMe7'V°/7^? würdig befunden wurde, allen l-hiisten, und der spaten Nachwelt noch, als das schönste Vorbild einer christlichen H-ldin au? est?lt """" welche sie s/.ne.L. LK lÄe? und"/'/. L" 7^"'^lleS zu», Besten les ,7t?.««''chwache hinfällige Mensch Al- tra/t u-'f Gottes Hilfe ver- Ztba war seu'e St/ke sucht. Ant/Ir/ /"l'e schon ein schönes Vorbild der Andacht und Gottesfurcht; ste besuchte die Kirche fle-ß-g, und verweilte gerne im Hause GotteS; sie 9 liebte ihre Aeltern recht herzlich, und bewies diese ihre Liebe durch willigen und pünktlichen Gehorsam; ihre Liebe umfaßte auch alle übrigen Menschen, und die Dienerschaft ihrer Aeltern behandeltest- wieBrü- der und Schwestern; sie war nicht stolz auf ihren Adel, und half Jedem, auch den. Niedrigsten, wo sie helfen könnte. Sie war endlich die Zierde der Keuschheit und Unschuld, so daß sie vor jedem unanständigen Worte erröthete, und jede nur scheinbar böse Gelegenheit sorgfältig floh. Sie nahm zu, so wie an Jahren und Kräften, so auch an wahrer christlicher Vollkommenheit und Tugend, und die Gnade Gottes wurde immer mehr sichtbar m ihrem Thun und Lassen zur Freude der Aeltern und aller guten Menschen. Wie also Jtha den kostbaren Segen des Himmels in dieser ihrer besten Erziehung aus den Händen ihrer rechtschaffenen Aeltern empfing, so fanden diese wieder die schönste Belohnung ihrer von Gott gesegneten Bemühungen in ihrer- frommen rechtschaffenen Tochter. Drittes Ssxitel. Jtha wird an den Grafen Heinrich von Toggenburg vermählt. Nachdem die junge Gräfinn Jtha zu reiferem Alter gelangte, so wünschten ihre guten Aeltern diese ihre Tochter, so wie ihre übrigen Kinder durch eine gute anständige Versorgung glücklich zu sehen» und in dem Glücke ihrer Kinder Freude in ihrem Alter erleben zu können. Und Jtha, welcher der unbedingte Gehorsam gegen ihre Aeltern aus Liebe und Hochachtung gegen Gott, ihren ersten und besten Vater, das Heiligste war, bethete, wie sie, oft und 10 eifrig zum Himmel, daß er ihr seinen Segen wie bisher fortschenken, daß er ihr durch ihre Aelter» seinen väterlichen Willen bekannt machen, und in ihrer künftigen Versorgung die Freude und Zufriedenheit der Aeltern, und ihr eigenes wahres Heil begründen möge. Sie besorgte auch, voll von diesen schönen Gesinnungen, jetzt eifriger, als vorher, die Geschäfte einer Hausmutter in dem Schlosse ihrer Aeltecn, die sie immer besser kennen und ausüben zu lernen suchte, um einst ihrem eigenen Hauswesen als eine gute Hausmutter wohl vorstehen zu können. Doch lebte sie, wie vorher, in aller Stille und Ein- gezogenheit, und überließ alles Andere, so wie ihre guten Aeltern, der väterlichen Leitung Gottes. Gottesfurcht und Rechtschaffenheit bleiben aber nie lange verborgen; denn es gibt immer wieder wahre Freunde und Liebhaber dieser schönen Tugenden, die ihres Gleichen suchen, und in diesen Tugenden ihre wahre, nicht nur zeitliche, sondern auch, und vorzüglich ihre ewige Glückseligkeit zu finden hoffen. Deßwegen konnte auch die junge Gräfinn Ztha nicht lange verborgen bleiben, denn oft war sie in Gesellschaften rechtschaffener Grafen und Ritter der Gegenstand ihres Gesprächs und ihrer Bewunderung, und auf diese Art lernte sie bey dem Turniere zu Cölln, welches im Jahre»>97 vom Grafen von Hanau gehalten wurde, ein junger Graf Heinrich von Tog- genburg kennen, der bey allen seinen guten Freunden nichts anderes als Gutes und Lobenswürdiges von ihr erfahren konnte, und sie deßwegen schon damahls in seinem Herzen zur Gemahlinn wählte. Bald nach diesem Turniere zog er von Toggevburg nach Kirchberg, um alles, was er gehört hatte, mit eigenen Augen zu sehen, und dann zu erfahren, ob seine getroffene Wahl die Beystimmung der jungen Gräfinn und ihrer Aeltern erhalte. It Heinrich, ein schöner, junger Mann, stammte von alradeligem Geblüte, war>m Befftze der schönen und damahls sehr berühmten Granchafc^gg-^ kirra und wohnte dovt dem alten ne/Vorfchrer, welches unweit dem Kloster Frschm- gen auf einem hohen Felsen gelegen, vonNalurund Kunst wokl befestiget, den Stürmen des lobenden Windes, und den Anfallen feuidselige^ Mensche» trotzen konnte. Er hatte bey dem letzten furniere schöne Beweise seiner Geschicklichke't und männlichen Kraft abgelegt, und wußte sich bey seinem kurzen Aufenthalte zu Kirchberg durch sei» rechtschaffen, seinem Grande und Alter angemessenes Bettagcn, die Hochachtung und Liebe der ganzen Stichen F „rille in solchem Grade zu erwecken, daß"ihm letzt gar nicht schwer war, die junge Graffnn->tha mt vorzüglicher Einwilligung ihrer Aelcern und Freunde zur Gemahlinn zu erhalten. Denn all-sah ih, jenen rechtschaffenen Mann, der att Gemahl de» gottesfürchtigen Jtha ihre fronimenWunscheerfttU len, und diese gräflich« Tochter wahrhaft beglücken werde; so wie Heinrich in dieser frommen wohlg»- bildeten liebevollen Jungfrau eure rechtschaffene G». mahlinn zu erhalten und Mit ihr, als solcher, fröhliche Jahre zu erleben hoffen konnte. ^ H?inrüch erhielt also bald, nachdem-r d-r Jtha seine aufrichtige Liebe eröffnet, und den Aelternd- Absicht seines Besuches angezeigt hatte, von Se>te der Jcha die Versicherung ihrer herzlichen Gegenliebe "°r, T-s. n.»h.', u»°-'ch Jahre st"' Wunsch gänzlich"N-llt, d^e gräfliche Hochzeit feyerlich S^"en, und^ h durch das h.iligeSacrament der Ehe unausloslich n»t ihm, als seine Gemahlinn, verbunden wurde. Am Hochzeitstage übergab Heinrich seiner,ung n 12— Gemahlinn einen besonders schönen goldenen, nüt kostbaren Steinen besetzten Ring, der als Sinn- s>e an seine ewige Treue und yerzltche Liebe bey jedem Anblicke erinnern solle. So voll herzt,cherund unschuldiger Freuden auch dieseh" s-b^ lichen Wünsche erfüllet werden. Und^ztha s ers Anblick versprach ihnen Alles vollkommen. Denn r Schmid'sJugcndsch.S.Dd.Htha.^ — 18 ihrem schönen Gesichtchen fanden Alle, die sie sahen das vollkommene Bild der Unschuld, Sanftnn.ch und Gottesfurcht, undJrha^ herzliche Danksagung für ihre ausrichugen Wünsche die freundliche Er.vie derung ihres freudenvollen Grusies, ihre Herablassung gegen Jedermann, ihre ausharrende Geduld bey dem grossen Gedränge des Volkes, und die sicht- Hemr.ch's zu dieser seiner Gemahlinn. ^ ihnen mehr als wahrscheinlich, ihre schonen Hoffnungen werden in Erfüllung gehen, und sie haben sich„icht betrogen, r für die Dienerschaft des Schlosses die beste Hausmutter, wie dieses schon ihre gute Erziehung nicht anders erwarten laßt. Sie war un- ker ihren Hausgenossen nicht die stolz gebiethende Grasinn, sondern d-.e liebevoll sorgfältige Mutter, sie verlangte von keinem mehr, als er zu thun vermögend war, hielt Alle zur Arbeitsamkeit an, ermähnte ,,e oft zur brüderlichen Liebe, befahl ihnen, einanderzu helfen, und unterstützte durch ihr eigenes Beyspiel jedes ihrer wohlwollenden Worte. Sie hielt in ihrem ganzen Hauswesen auf Anstand, Ordnung und Reinlichkeit. Jede Arbeit hatte ihre te Drenstbothe hatte seine bestimm- te Arbeit, und überall war sie die sorgfältige Mar- tha, d-.e an einem Orte anordnete, am andern selbst Mitarbeitete; doch vergaß sie dabey nie daS vorzüglich und vor allem andern Nothwendige der Maria: H"land, und sein göttliches Wort^ sein heiliges Beyspiel.^ '"'k bätte wohl diejenige, die selbst die ^"^''^blicke jedes Tages im heiligen Gebethe tr opferte, die in den Anordnungen und Gebräu- !bre Än!,"I?^"^ie beste Nahrung für ae.i""b'N den Heilsmitceln unserer heilige» Religion die nothwendige Nahrung für ihre »»» 18 Seele fand: wie hätte sie dieses Allerwichtigste bey der Dienerschaft ihres Hauses vernachlässigen können; da sie als eine wohlunterrichtete Christinn gewiß wußte, daß sie eurst am großen Gerichtstage für jeden, auch den niedrigsten ihrer Dienstbothen, genaue Rechenschaft abzulegen schuldig sey^ In der Schloß- Capelle sah man also täglich ui der Frühe nicht nur den Grafen Heinrich und feine Gemahlinn, sondern auch ihre ganze Dienerschaft um sie versammelt bey der heiligen Messe, wo sie jenes kostbare Opfer zur Versöhnung der Sünden, Jesum Christum, in schuldiger Ehrfurcht und heiliger Andacht mit dem Priester dem himmlischen Vater darbrachten, um von ihm seinen väterlichen Segen für^ die bevorstehenden Arbeiten zu erflehen. Die Sonn-und Festtage wurden, als Gott geheiligte Tage, auch heilig gehalten, und Niemand vom Schlosse durfte, ohne wichtige Ursache, vom feyerlichen Gottesdienste wegbleiben. Im Gottesdienste selbst waren Aller Augen und Herzen zu Gott gerichtet, Alle hörten voll Aufmerksamkeit das Wort Gottes, und so, wie hätte es anders seyn können, bewirkte diese gottesfürchtige gräfliche Familie, von Gott dazu auf den Leuchter gestellt, durch ihr schönes Beyspiel die Verbreitung des wahren Guten, die Beförderung der wahren Andacht in und außer ihrer Grafschaft, und wurde besonders ihren Unterthanen zur reichlichen Quelle des himmlischen SegenS und unschuldiger christlicher Freuden. Diese Freuden waren noch um so vollkommener, weil Jtha durch ihre Liebe und Sanftmuth Heinrichs unbändige» Zorn zu beherrschen, und da, wo er schon ausgebrochen war, durch ihre kluge Dazwl- schenkunft seme schädlichen Wirkungen zu hindern, und der kalten vernünftigen Ueberlegung Zeit zu gewinnen wußte, in welcher dann sein rechtschaf- — 20 fenes liebevolles Vaterherz wieder zur Sprache kommen, und da, wo seine Uebereilung dem Unschuldigen Leiden bereiter hatte, dem Rechtschaffenen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Freude bereiten konnte; so daß weder im Schlosse noch in der Graf- schaft die drückenden Wirkungen seiner Uebereilung zu beklagen waren. Jtha's liebevolles Mutterherz wußte sogar manchem Schuldigen die Nachlaffung oder Milderung seiner Strafe durch ihre vielvermögende Fürsprache zu erwirken, und sie that dieses jederzeit gerne, wenn sie in dem Flehenden die sichern Merkmahle der Reue und ernstlichen Besserung wahrnahm. Sie war aber noch besonders gütig und wohlthätig gegen Rechtschaffene, die in Armuth und Elend schmachteten. Mütterlich sorgte sie für diese durch reichliche Gaben aller Art, woran sie Heinrich im geringsten nicht hinderte, weil er, Gottes Ebenbild in seinem Herzen tragend, eben so väterlich wohlthätig für seine Unterthanen seyn wollte, als Gott gegen ihn war, und dieses am besten durch seine fromme Jtha thun zu können glaubte! Und wie hätte jener, der selbst sagt: Selig sind die Barmherzigen, auch sie werden Barmherzigkeit erlangen; und jeder frische Trunk Wasser, einem Durstigen gereicht, so belohnt werden, als wenn ich ihn selbst empfange» hätte; wie hätte er die Fehler dieser gräflichen Ehegatten unbarmherzig bestrafen, und so große und viele Wohlthaten»»belohnt lassen können. Erhielt Irha Besuche von den Ihrigen, so waren jedes Mahl die schönsten Familienfeste auf Tog- genburg. Jedes freute sich von Herzen, das andere gesund und froh wieder zu sehen. Jedes hatte viel Gutes und Schönes zu erzählen; die halben Nächte war man in fröhlichem Gespräche beysammen, 21 und dankce Gott für seinen Allen reichlich zuflie- ßenden, väterlichen Segen. Die kleinen Mißgeschicke, welche eines oder das andere trafen, hatten immer wieder ihre guten, wohlthätigen Wirkungen und Folgen, wie alle Züchtigungen der Vaterhaus Gottes, und von dieser Seite wurden sie von allen angesehen, und dankbar alS Wohlthaten des Hrm« mels anerkannt...,< n Auch damahls noch, als Jrhas heimliche L-rden ihre unschuldige Seele schon marterten, trubre^re auch nicht mit dem leisesten Seufzer diese frügen a,a- ge, weil sie fest glaubte, nur Gott könne und werde helfen, wenn er es heilsam für sie finde. Und ,elbst Heinrich, der sein falsches Mißtrauen>m geringste» nicht rechtfertigen konnte, verbarg jorgfältig>edcn Anschein desselben, und zeigte sich überall als den rechtschaffenen, liebevollen Gemahl seiner ihm von Herzen ergebenen Itha. Aus dieser Ursache verlängerte dann die gute Gräfinn jetzt solche Besuche, so viel sie konnte, weil sie wahrend denselben wieder zum Theil die seligen Tage der Vorzeit genoß. Und die Kirchbcrger kehrten jedes Mahl mit der vollen Ueberzeugung— Jrha lebe froh, glücklich und zufrieden auf Toggenburg, nach ihrer Heunath, dem Schlosse Kirchberg, zurück. Sechstes Easitel. StandhaftigkeitderJthain gefährliche» Versuchungen. Wie aber der gute, weise Vater seinen Kindern so viele Freuden untersagt, und da seine wohlthätige Hand zuschließt, wo Freuden und Wohlthaten schädlich werden können, und oft strenge Verfügungen nur ihnen vornimmt, um ihre Liebe zu ihm zu 22— prüfen, und ihnen den Genuß folgender Freuden desto angenehmer und heilsamer zu machen, so macht es der beste, weiseste Vater, Gott, mit uns seinen Kindern; erreichet manchem Guten den Leidensbe- cher, wo zu viel Gutes schaden würde, und will, daß die Guten im Leiden geprüft immer noch besser werden, daß sie das wahre, bleibende Glück auf Erden: Tugend und Gottesfurcht, schätzen lernen, und zur noch bessern ewigen Seligkeit im Himmel heran reisen sollen. So machte es Gott mit Heinrich und Jtha; und in dieser nähmlichen, väterlichen Absicht ließ er den Leidensbecher auch im Schlosse Toggenburg aufstellen, und besonders Jtha mußte ihn bis auf den letzten Tropfen austrinken. Der Anlaß hierzu war folgender: Unter Heinrichs Dienerschaft befand sich ein gewisser Dominiko, aus W-lschland gebürtig. Dieser war ein sehr feiner Hofmann, sehr geschickt in seinen Arbeiten, im Umgänge artig und einnehmend; seine Reden waren sehr schmeichelhaft, und besonders geschickt die Herzen der Menschen zu gewinnen. Deßwegen erwarb er sich bald Heinrichs volles Zutrauen, und Alle schätzten und liebten ihn. Auch Jtha, die gottesfürchrige Gräfinn, hielt ihn für rechtschaffen, und konnte ihm deßwegen ihre Hochachtung nicht versagen. Doch sie betrog sich, wie Heinrich und alle Andere. Denn Dominiko war bey allen seinen übrigen Vorzügen ein Wollüstling, und ein wahrer Sclave dieser schändlichen Leidenschaft. Selbst die unschuldige Jtha wurde ganz gegen ihre Absicht die Zielscheibe derselben. Denn wie sie überhaupt alle ihre Dienstleute mit Liebe und Achtung behandelte, so behandelte sie auch den Dominiko; ja! weil er der Vertrauteste ihres Herrn war, so konnte — 23^ sie aus Klugheit nicht anders, als ihm noch mit besonderer Hochachtung begegnen. Aber gerade dieses Benehmen der Gräfinn fand Dommik» für seine herrschende Leidenschaft vorzüglich schmeichelhaft; er vermuthete daher in dem Herzen der Jtha Absichten, wie sie in dem seinigen waren, wurde gegen selbe immer zudringlicher und kühner. Aber Jtha, die Jedermann für eben so tugendhaft hielt, wie sie selbst war, wollte keinen bösen Argwohn aufkeimen lassen, sondern sah Alles nur von der guten Seite an, und suchte zu entschuldigen, so lange sie konnte. Da ihr aber doch sein Benehmen immer auffallender wurde, so ward sie im Unigange mit ihm immer behuthsamer, ernstlicher, und bestrafte jedes auch nur zweydeukige Wort mit Verachtung und Unwillen. Je mehr aber die Tugend des Rechtschaffenen an innerer Schönheit zunimmt, desto unbändiger wird die Leidenschaft des Bösewichts. Dom.niko gab daher seine bösen Absichten nicht auf, sondern wartete nur auf gute Gelegenheit, die ihm Heinrichs Zutrauen bald verschaffte. Und da machte er dann der gottes- fürchtigen Gräfinn so unverschämte Antrage, die jede ehrliebende, rechtschaffene Frau und Jungfrau^nt- setzen, und mit großem Schrecken und bangen Sorgen erfüllen mußten. Jtha wies ihn mit Unwillen und Abscheu zurück; er aber, in seiner Bosheit schon verhörtes, achtete nicht mehr auf ihre strafenden Worte, auf ihren gerechten Unwillen, und Jtha, verlassen von allen Menschen, (denn sie war auf dem Wege, der vom Schlosse nach der Pfarrkirche führt, in der Mitte des Waldes allein mit Dominiko) wendete ihr unschuldiges Herz, laut weinend und schreyend, zum Himmel, und rief zu Gott um Hilfe; und—wie hatte Gott, der sorgfältigste Vater aller und besonders seiner guten und 2 t frommen Kinder diese eifrige Dienerinn in die- fer größten Gefahr unerhört lassen können! ihre Stimme drang durch die Wolken, und die Hilfe kam noch zu rechter Zeit. Denn Kuno, Heinrichs Knappe, der eben auf der Jagd war, eilte schnell dem Geschrey Usch/ und hinderte durch seine Dazwischenkamst den Bösewicht an der Ausführung seines verabscheuungs- würdigen Vorhabens. Jtha erkannte in ihm den Bothen des Himmels, und dankte auf den Knieen dem Allmächtigen für seine väterliche Hilfe, wärend dem Kuno dem wilden Bösewicht Tod und Verderben drohte, und ihm bestimmt sagte, im finstersten Kerker werde er die gerechte Strafe für seine Schandthaten zu erwarten haben. Aber nicht so dachte die fromme Jtha. Nicht bloß in leeren Worten, sondern auch durch schöne christliche Werke wollte sie ihre herzliche Dankbarkeit ge- gen den Höchstgütigen beweisen. Und was konnte sie Größeres, was konnte sie Schöneres thun, als ihrem Beleidiger, ihrem Feinde verzeihen, wie Gott selbst seinen Beleidigern verzeihet, weil er nicht ihren Tod, sondern ihr Leben, ihre wahre Besserung will? Was konnte sie Heldenmüthigeres thun, als in diesem schweren Kampfe Jesu ihrem Heilande nachfolgen, der am Kreuze noch seinen Mördern verziehen, und zu seinem himmlischen Vater um Barmherzigkeit und Gnade für sie gebethen hat? Mit diesen heiligen Gesinnungen wendete sie sich seht als eine wahre und eifrige Nachfolgerinn Jesu Christi, voll von brennender Liebe zu Gott und allen ihren Mitmenschen, zuerstgegen Kuno, verwies ihm in sanftem Ernste seine übereilte Rachgierde dadurch, daß sie ihn an Gottes große Barmherzigkeit erinnerte, die er und sie und alle Menschen wegen den vielen und täglichen Fehlern so oft nöthig haben, und nach dem Ausspruche Jesu Christi am sichersten erhalten 25 werden, wenn sie gegen ihre Mitmenschen barmherzig seyen. Dann wendete sie sich auch voll Mitleid und mit Thränen rn den Augen an Dominiko, verzieh ihm sein schändliches Vorhaben ganz undvollkom- men mit der so schonen Bitre, er solle auch GotreS Barmherzigkeit und Verzeihung durch wahre Her- zensbefserung zu erwerben und zu verdienen suchen; befahl sodann dem darüber unwillig erstaunten Kuno, daß er weder ihrem Heinrich noch Jemand andern das Geringste vom ganzen Vorfalle entdecken solle. Auf Kuno wirkte besonders die Hinweisung auf GotreS väterliche Barmherzigkeit. Ehrfurcht gegen Gott, und Hochachtung gegen seine fromme, unschuldige Gräfinn erfüllten seine aufrichtige Seele, und so schwer eS ihn ankam, so versprach er doch zu gehorchen, weil-hm schon vorher, aber jetzt noch weit mehr, jedes Wort, und um so vielmehr die Befehle seiner Gräfinn heilig waren. Dominiko, der Bösewichc, machte aber den Heuchler, nahm den Schein des reu- mürhigen, Besserung gelobenden Sünders an, versprach alles Gute, dankte auS seiner schwarzen Seele für diese beynahe beyspiellose Nachsicht, für die große erwiesene Barmherzigkeit und Gnade, blieb aber dabey, waS er vorher war, der verruchteste, gottloseste Bösewicht, dessen Leidenschaft jetzt gegen Kuno, der ihre schändliche Befriedigung hinderte, die fürchterlichste Rache kochte. Wie schrecklich erweiset sich hier die Wahrheit des göttlichen Wortes: Weder Hurer, noch Wollüstlinge, noch Ehebrecher werden daS Himmelreich erhalten; (l. Kor. b, y.) weil die Wenigsten sich bessern und die Meisten in ihren Sünden und Lastern zu Grunde gehen. Wie herrlich steht aber im Gegentheil Jtha'S heldenmüthige Tugend vor unsern Augen, die nach GotteS heiligem AuSspruche, daß er die a.u- gend jederzeit schützen werde, nicht befleckt wurde, Schund'- Jugcndsch. 3. Bd. Jkha. 3 — 26— und ihrem Heilande getreu nachfolgend, gegen ihren größten Feind noch barmherzig seyn, und ihn auf seine eigene Rettung und nothwendige Besserung aufmerksam machen konnte. So kann freylich nicht der bloße Nahmen-Christ handeln, sondern nur jener Christ, ,n dessen Herz das Work Gottes lebt und herrschet, und in dessen Leben das wahre Christenthum wirksam sichtbar ist. Lie-rntes(Capitel. Das eheliche Glück der Jtha fängt schwinden. an zu Jtha änderte auch nach diesem abscheulichen Borfalle ihr Betragen gegen Dominiko nicht merk- lich; sie begegnete ihm, wie vorher, mit Anstand und Wurde, und suchte die nothwendig entstandene Abneigung ihres Herzens gegen ihn zu verbergen, um seine vermeinte Besserung nicht z» hindern, und keinen bösen Argwohn bey Andern zu erregen. Kuno konnte anfänglich seinem gerechten Unwillen gegen Dominiko nicht genug Einhalt thun, und nur auf wiederholten ernstlichen Befehl der Gräfinn war es 'hm endlich möglich, diese sichtbare Abneigung zu unterdrücken, und sonnt blieb d,e ganze Geschichte für jetzt verschwiegen.^^ , 2"d^" bErkie der feine Höfling Dominiko gar bald, daß^ztha in dem rechtschaffenen Knappen Kuno'hren Erretter von Sünde und Schande vor- zuglich hochschätze; hoffte aber gerade darin die sicher-' sten Mittel zu finden, seine geschworne fürchterliche ""b'vohl auch an der Gräfinn Jtha selbst ausüben zu können.^^ Wie einst auf den rechtschaffenen Job, mag der Vater der Sunde schon oft und viel Mahl neidisch 27— auf die m heiliger christlicher Eintracht und Lieb- lebenden Ehegatten auf Loggenburg seine schalkhaften Blicke gerichtet und Gelegenheit und Mittel gesucht haben/selbe durch seine höllischen Kunstgriffe unglücklich, und dadurch ihrem Gott untreu zu machen. Diese Mittel und Gelegenheit glaubte er, der due Bösen, wie Gott seine guten Kinder kennet, nun vollkommen in Dommlko gefunden zu haben, dessen Herz allen Rathschläge» der Holle offen, so wie sein Wille bereit war, selbe getreu zu erfüllen. Denn da Heinrich dem Dominiko beynahe mehr, als sich selbst traute und glaubte, so wußte er durch seine abscheulichen Lügen und teuflischen Ranke bald den Würgengel des ehelichen Friedens, die Eifersucht, im"Herzen des Grafen zu wecken, und nährte dann sogar in diesem vollkommen gelungenen Anschlage noch ein Mahl die Hoffnung, leine laste»haften Absichten auf Jtha»i Erfüllung zu bringen. Aber er betrog sich auch dieses Mahl wieder, denn die an Gott sich festhaltende Lugend kann durch die Anschläge der Bösen nie besiegt werden. Und so zersplitterten auch seine letzten Versuche an Jtha's heldenmüthiger ehelicher Treue und Liebe zu ihrem Heinrich, welcher jetzt der Lasterhafte gänzliches Verderben und Untergang schwur. Um alles dieses zu bewirken, durfte er nur die schon geweckte Eifersucht in dem Herzen des seiner Jcha sonst so guten Heinrichs immer mehr verstärken und nähren; dann konnte ihm der glückliche Erfolg nicht fehlen. Denn wie der Gute Alles von der guten Seite ansieht, und oft wirkliche gehler »och gut zu deuten weiß, so sieht der Eifersüchtige überall nur Böses, weiß Alles böse auszulegen, und sogar im wirklichen Tuten böse Absichten zu finden, wenn er nur darauf aufmerksam gemacht wird.^jedes unschuldige Wort, jeder freundluhe Blick, wo *** 28*** der gerade Sehende nur Nechtschaffenheit und Tugend finden müßte, sind dem schiefsehenden Eifersüchtigen verdächtig, und sogar manches Mahl sichere Beweise der Untreue. Und alle diese verderblichen Wirkungen der Eifersucht mußte der feine Bösewicht in Heinrichs Herzen hervor zu bringen, und durch seine fortgesetzten Bemühungen zu erhalten und so zu verstärken/daß sie in dem Umgänge mit seiner Gemahlinn Jedem sichtbar wurden. Denn seine Liebe zu Jcha erkaltete, sei» Betragen wurde steif, seine Worte wurden tro- c.en und gebiethersich, und seine Blicke wandten sich weg von^ leiner vorher so theuern Gattinn. Und wenn auch Jtha durch ihr gewöhnliches liebevolles und einnehmendes Betragen den Heinrich von ihrer Unschuld überzeugte, und diese größte Feindinn des ehelichen GlückeS in dem Herzen Heinrichs niederzuschlagen vermochte, so wußte sie Dominiko, der Alles als eine nothwendige Verstellung, als List und Betrug darstellte, nur wieder desto fürchterlicher aus ihrem Schlummer zu wecken. Jtha, die trug-und argwohntese Seele, wußte sich die Ursache dieses so schwer drückenden Leidens nicht zu erklären, saß manche Srunde voll Trauer und Bangigkeit bey ihrer Arbeit, suchte die Einsamkeit, und wußte dieses ihr Elend Niemand als ihrem Gott zu klagen, und nirgendswo, als bey ihm Trost und Hilfe zu suchen. Ihr reines Gewissen war der sicherste Zeuge ihrerUnschuld, und deßwegen konnte ihrem betrübten Herzen der göttliche Trost und der himmlische Beystand nie fehlen. Sie ertrug ihre ei- genen Leiden leicht und geduldig, weit schwerer aber drückten sie jene, die sie oft an ihrem lieben Heinrich bemerkte. Vielmahl wird sie auch für ihn zu Gott um Linderung gestehet, und ihn aufzuheitern gesucht habe» z aber ihre Worte fanden in seinem von der ^ 29 Eifersucht verschlossenen Herzen keinen Umgang,>"'d K°ct der rn diesem Leiden die wahre-Lugend pru- kn und ihr den herrlichsten S.eg über tue Laster un^Anschl^e der Boshett verlchaffen woll«, Ue,> das Bös- geschehe», weil es w.der die Absicht der Bösen den Triumph der Tugend bewirken mußte. Kvtt, und der Friede ihrer tugendhaften^eeie oer beste Ersalr dieses Verlustes, wahrend dem Heinrich von hunderterley trügerischen Ä-danken gei.iar rsi „nk Nvn der Bosheit immer darin bestärket murre, nvb ntete fleißig fort an Kuno s und^lha s Verderben, und wartete nur auf eure schickliche Gelegenheit, seine geschworn- Rache vollends ausüben zu können. Achtes GAPitel. Jtha verliert ihren Ehering- Jtha, die fromme sorgfältige Hausmutter, übersah m dieser für sie so traurigen^ iaes der ihr obliegenden Hausgelchafte. Die liebe volle Bedienung ihres Heinrichs war ihre«st-, und das aanre Hauswesen in guter Ordnung zu erhalten L--inlrg- Sorge- Für sich selbst wurde sie m mancher Rücksicht gle.chgilt.ger,?bw°hl fl-auch S' w,s, Nichts vernachlässigte, was für''-bderhreU' stände nöthig oder nützlich hatt- ,cyn können Dre e Gl-rchgtltigkeit zeigte sich besonders rn chr«''A»z- ge, der jetzt immer, zwar anstandig und ordentlrch, —* 30 aber ganz einfach und prachtlos war, obwohl sie auch vorher ihre sehr schönen und kostbaren Klei- E"nd Aufsehen zu erregen, bann anzog, wenn ihr Stand und ihre Verhältnisse selbe anzuziehen gebothen. Diese schK.- kostbaren Kleider waren ,etzt schon Jahr und ^ag m lhlen Kasten eingeschlossen, und die sorgfäl- t.ge Jrha fürchtete mit Recht, sie möchten Schaden leiden, und verdorben werden; daher sie beschloß, ^'ühl ngstage selbe der reinen auszusttzen^"Eichenden Sonnenstrahlen an /// erwünschter Frühlingstag, ^"^aben ausüben konnte, folgte bawi»^' lchöne Morgenroth verkündete die baldige Ankunfr der Sonne, als Jtha ihr Scklaf- gemach verlassen und d.e Schloßfenster ihren er war- menden S.rahlen und der reinen Morgenluft ge- a5n-°- betrachtete sie aufmerksam die ganze schone Gegend an der Morgenseite des Schloß- fts^°gg-nburg, sah alle Felder, Baume, Gesträu- noü?nnr^""b g'ünen, manchen Baum L'Honen Blüthe geziert; hörte den sÄ^"6>Nang--ermuntern Vögelschar, die tau- sendstimm.q ,n ihren lieblichen Morgengesängen das u"" b-e Ehle ihres großen allmächtige/Lchö- ne^,i /"'?"r- Und durch diesen ma,estätisch schö- ück^'7 Innersten bewegt, wm sie u^dÄnde//"'? b°b sich mit Aug!,, aüriae»^ ä'"" Hu"N'el, dankte dem höchst ^^ biesen ,o schönen und für alle Mack/Ä?"^benstage, bethete an seine All-- inacht, Weisheir und Vatergüte, flehte ru ibm„n, seinen görclichen Beyfland, daß sie an diesem schö- nen a^ag auch eben so christlich--schön, tugendhaft und ihm wohlgefällig leben und handeln möge. Und A-«>-h-'°°-,uchl-u, um l-->u durchlüften und zu erfrischen. offenen 2»" 57»"LwLL»»-»st.°h<-" ^?7?^rüä> wie die Sonne selbst glänzten, ihre ten den schönen Ehering, i s n Tage ihres der Vergangenheit, an dls s h^ s,e zum ehelichen Glückes ei-innei te Sei.f»en^^^^.venden Himmel, aber^"h'g k°nut^ y Edelsteine, weil von dem Glänze d-sG°ld s-nd dei^^^^, WMLMiW ?:r-rLLLEiDrZ7. SLWUZr- Hausarbeiten zurück, n Untergebenen, beitsame Hausmutter i.n Kre^"^^^en, und bekümmert- ,'ch"'^<"7 ,,,, Zi,„mer, und un- ATW^KZW scharfes Aug erblickte sie bald...'^"' Begierde-oq sen en^.....^'"'""geborne KrK^^^-L« rV«Z^L«L'8L -ch?ES-'L ^^WVchrs-- Ehe durch Eutfreuiduüa Vie'.a^lelchsam diele konnte je„i!t einem Ged.,.^^^'^»and ihrem Ehering ob'lk m""'"'"^daß Jtha Uebertragung des Ringes' si' den^Wal"d"^/^s^^ eine heilige Vorbedeut,,,,. e->. v-^ gleich,am selbst mit diesem Walde wird^v/,-m^ Gräfinn em f-Y-rliches Gelübde vollkommen den-verden, daß sie selbst ,,.-s,^»"t-hm verbun- ben konnte, als u, d5 E S'm,- trennen.^'"erde fie von ,hm d» s° barkeiten und Kleider iv'i'ede,^'^"^^'-Kost- ren. Alles war so«..- e°rdenrl,ch aufbewah-- war so, w.e„e es verließ,„ur ihr Ehe- 83— rina mangelte, und konnte sehr natürlich auch bey aenauerem Durchsuchen nicht mehr gefunden werden. Immer zunehmende Bangigkeit»"d Sorgen b-mach^ ügren sich ihres schuldlosen Herzens. Und da ,,e sich die Sache gar nicht zu erklären w»,;te,>° sie, die Bekanntmachung die,es schmerzlichen B- liisies möchte noch z» mehrArgwobn undLeidenAn. laß geben. Sie schwieg also, befahl d>e,e>hre Hep- 'ensanqelegenhe'r, wie alle andern,.h""' /eb' Gott„n herzlichen Gebethe, und uberüep sich voll- komnien seiner väterlichen Leitung. MlMNtes Der Jtha Ehering wird vom Jäger Kuno gefunden. Bald nachher, als Jtha ihren Ehering verloren hatte, ging Kuno, der Knappe, m den Nalenstet nee Wald, um zu jagen. Mehrere Stunden int mit seinen Jagd- und Spürhunden ,nd,e,-mWal^^ herum, und wurde unwillig, weil ei Nichts f den konnte. Endlich hört- er ziemlich entsn» das Geschrey lunger Raben, und we l er nichts Deutes me 7 u'findm hoffte, so beschloß er, dem Geschrey zu folgen, die Brüt aufzusuchen, und wenn sie reif fene. mit sich zu nehmen. Bald war er in der Nahe des Nestes, un erblickte es auf einer sehr hohe» Tanne. An die,er lotterte er hinauf, und fand die Jungen gan, nach seinem Wunsche, beynahe reif zum Ausflug-. Fre- dig machte er sich über diese errungene B"tte v, winde aber geschwind auf etwas be,anders Gla"»en- des>n der T.efe d-S Nestes a»smerk,am, und fand darin zu seiner größten Freude eine,, Steinen besetzten Ring,, dessen Werth er n.cht zu ^ 34 schätze» wußte. Diesen steckte er an seinen Finger, ohne vermuthen zu können, welche fürchterliche Folgen dieses ,che:nbare Glück nach sich ziehen werde. Sobald Kuno in S Schloß kam, erzählte er sei- umständlich, was er für ein g ß Gluck gehabt habe; zeigte ihnen den gesunde- "" ohne der Herrschaft etwas von Allem zu melden. Seme Kameraden, so einfältig und unvor- Ücht.g wie er, erinnerten ihn auch nicht daran, waS ste nothwendig hatten thun sollen; denn gefundene Sachen find und bleiben fremdes Gut, und dieses loll man dem rechtmäßigen Eigenthümer wieder ein- warten^'"'bst nachfragen, n.cht warten bis d-eler uns fragt. Und wo hätt- man den Eigenthümer einer solchen Kostbarkeit besser erfragen können, als bey der Herrschaft?^ Aber gerade-in der Unbehuthsamke t, in dem Ue- bersehen der Einfältigen suchen die scharssebend«,, Lunfa'l'/dÄ'Ä' fünden, und in der Einfalt des Redlichen weiß der schlaue Bösewicht seine sündhaften Absichten zu erreichen.^ lcka,?sÄ«i"^E-eg-nheit konnte also dem schlauen, Aaifsehenden Bojew.cht D°M,n,k° nicht entgehen. Bald sah auch er den Ring an Kuno's Finger, ver- dm"e^ Kbesehen, woran ihn der unschul- d)n Änderte, und erkannte sogleich den Ehering der Gräfinn, was er aber dem Kuno sieylich nicht entdeckte, sondern ihn nur fragte, wie er denn zu diesem Ringe gekommen seye, um auf ,eden F^l sein Ziel erreichen, und der wahren An-- .^""^^nnt würde, den Schein der Falschheit geben zu können.^ -. E'"e gwßere Freude konnte die Hölle nicht haben, nachdem Adam im Paradiese die erste Sünde egangen hakte, als sich Dommiko über diese Unvor- Ilg-tigkeit Klino'S freute, weil er in ihr die sichere — 35—* Gelegenheit fand, seine fürchterliche Rache an Ku- nn lind^tba ausüben zu können., Nickt schnell genug konnte er seine rachgierigen lanae Ueb^ileaung war ih>n nöthig, gleich b-g.bt er ^7!,n^rIn.d-r aus seinem ganzen Benehmen L NÄten erwarten konnte''Gnädiger ä so redete er den Grafen an,"ich°"te Euer gräflichen Gnaden allerunterthan.gst.'was besondnS ch es sage,? solle.« Der Graf befahl ihm frey zu ro- d7n, wZ er auf Alles gefaßt sey, und Dom Mit» fuhr fort:--Gnädiger Herr! ich besorge mehr alS,e mahls, die Sache stehe nicht gar gut 5'^" rer Frau Gemahlinn und dem Kuno, denn z "-»Ä«n g»>- x w S.L7L-".'---L-u d.n der Gräfinn am Finger, welchen ,i- am ge v?n Euer Gnaden erhalten hat-«^emr.ch er ch ack über diese Nachricht und s°Ste:»Dafür wolle r Gott bewahren! Jtha w.rd doch den Eher mg besser nermabret, und nicht an den Finger eines b ch gesteckr haben; einer so großen BoSheit halte rch mer- ne Gemahlinn nicht fähig.« Wert nun Dominiko seiner Sache gewiß war, saate er weiter:"Damit Euer Gnaden selbst sehen, und sich überzeugen können, daß ich Wahrheit rede, wüVnw! Zornes^n sichtbar.»Heinrich brennen — 36— Ve> Mahlung gegeben haben. Heinrich, der d^es.n Wr7'---r:.L-,L^L?L Nlko, de. ,e,nen Herrn genau kannte, und daöer ersten vorausfthen konnte. In der Wort?^>"NeS Jahzornö konnte der G.Ä kem L?LZ7'""-' MZIWLM WsWLM LZMMM ->en ünd'^st^^^"^'^" l'"ck-ter!ich an den Aei- todt schlepp^/'^'"' linderte, und endlich ehedem de Ehrend^er »»»» 37^ aen seines Herrn. Aber der Allerhöchste, der nicht nach dem Scheine urtheilt, weil er die geheimsten Gedanken unserer H-rz-n kenner, w.rd.ihm die n unwillkürlichen Fehler seiner Unüberlegtheit ver, e- hen, und ihn mit himmlucher Kraft in seinem,chloren Lodeskampfe gestärket haben. Lehrttes Savitel. Die unschuldige Jth» wird vonsHeinrich verstoffen. Heinrich,dessen wüthende Leidenschaft in der Vollziehung dieses fürchterlichen Urtheils aber noch nicht Sättigung fand, ging, von^uu verruchten Würgengel der Unschuld, Doniimko, bis a,/die Thüre begleitet, in das Znnmer seiner Geniablinn, die mit ihren Kammer,ungfrauen arbeitete, und von dem schrecklichen Vorfalle>»it Ku- no noch nichts wusste, aber schon beydem ersten An- blicke von der raschen, geräuschvollen Ankunft ihres ä->errn nichts anders vermuthen konnte, als den vol- ligen Ausbruch seiner heirschenden wildenLeidenschaft. Doch alles dieses brachte s,e nicht aus der Fassung, sie stand auf, ging ihm wie gewöhnlich entgegen, um ihn voll Ehrfurcht und Liebe zu bewillkommen, wurde aber zur Erwiederung wild von ihm zurück aestossen. Jtha, an allen Gliedern zitternd, und beynahe ohnmächtig, konnte kein Wort hervor brm- aen; aber Heinrich brach gegen sie>n die schädlich sten Schmähworte aus.»Ehrvergessene, treulose Ehebrecherinn!« so nannte er sie,»habe ich dieses um Dich verdient?« Diese Worte fuhren w>e der Blitz durch die niedergeschlagene Seele der unschuldige» Jtha, sie wollte ihre Unschuld vertheidigen,>h» e Ehre retten; aber. sie konnte nur halbe Worte heraus bnn — L8 burch Geberden und Seufzer beiveiftn Aber Heinrich, ganz rasend, überhäufte sie mit den abscheulichsten Beschimpfungen, er hörte n.cht ihre wehmüthig klagende Stim.ne, achtete nicht tue heiligen Becheuerungen seiner Gemahlmn. Zrha kE'Eck> vor.hm auf die Kniee, beschwört noch- ^ gehobenen Handen ihrcUn- schuld ror Gott dem Allmächtigen, bittet um Got- t^rer 4'" Bangigkeit um Anhörung ihrer Verantwortung. Aber Alles ist umsonst,?>ein- timr^aea-n"!"^""^".dungSlos gegen seine Gattinn, gegen dieses wehmüthige Flehe» der Unschuld, da» einen harten Stein hätte er,reichen können. S ine Leidenschaft ging in Wuth über, und grim- iiilg wie ein Sieger ergreift er seine Gemahlinn, diesen^" Worten:.Empfange den wohlver- dienlen Lohn Demer verübten Schandthaten,« von über den noch zehn Mäh" »nd a,' Schloßpeljen in den fürchterlichsten Abgrund, ., ü Gilbte ker Wutb seines Zornes, daß er durch diese widerrechtliche Handlung seine Ehre qe- babe M^^"aster nach seinem Verdienst bestrafet habe Nich. mehr nachfehen konnte er der Unschuldigen, wüthend verließ er ihr Zimmer, Thüren und Angeln krachten hinter ihm durch das ganze Schloß, d lwV'7'^'""N-rEck- s-.n°S Zunine^ sich'nL kem wüthenden Zorne vergönnte, sich seines Sieges zu freuen.^^ Alles lin Schlosse floh seine stürmischen Schritte und verkroch sich j„ d.e heimlichsten W.nkeü Deml Zeder, auch der Unschuldigste, Mußte fürchten, ein Kammes"" Wuth zu werden. Die stnn ös^«" 2"""'^"l-eßen halb ohnmächtig und dümn/^ Zimmer ihrer verflossenen Gräfinn. Eine Sckloö^ef- Stille herrschte durch das gane Schloß, Niemand getraute sich, etwas zu reden,. — 39 »diene aus der gräfliche" Dienerschaft, die von ^ba's so schnell erfolgte», Sturze noch mchts wuß- M,7 al neren ein großes Unglück aber an-,n solches dochten sie freylich n.cht. Auch ,.e flehenund „.-rki-ocken sich mit den andern, und erst nach vielen Fragen konnten sie die ganze chmmerliche Mordge- schrchke erfahren. Alle zerflossen in thränen, weil sie ihre fromme Gräfinn für unschuldig hielten, und glaubten, der Graf sey durch Andere, oder durch seinen unbändigen Zorn hintergangen wore„, We aber keinem aus allen d.e"ste Ursache(der Ehering) dieser graulichen Mordgeschlchte bekannt war, und jene wenigen, die die Ge,ch'chte des Ringes wußten, zu einfältig und truglos waren, als daß sie nur hatten vermuthen können/ dieser Ring sey die Ursache an den, Tode der Gräfinn,(denn Jedermann mußte sie für todt halten) und des Knappen Kuno, so wurde diese von ihnen als unwichtig angesehene Geschichte über dieser unmenschlichen Mordthat ganz vergessen. Dominlko konnte jetzt den Triumph leine, Rache feuern, und während dem das ganze Schloß trauerte, konnte nur er sich innerlich freuen, un unter den Fenstern des Schlosses noch an den blu- tiqen Spuren, die Kuno an den Fel,en und Gesträuchen zurück ließ, sein schalkhafres Auge w-.- den; er vermuthete gar nicht mehr, daß Unschuld und Tugend auch noch auf dieser Erde den Sieg über seine Schandthaten erhalten könne. , Doch lange konnte auch er den Anblick dieses un schuldig vergossenen Blutes nicht ertragen/welches um Rache über ihn zum Hunmel schrie. Nachdenkend verließ er die Fenster, und alle s-.ne Gedanken waren jetzt nur damit bejchäftigt, seinen Herrn in der festen Ueberzeugung zu erhalten, daß^lha «nd Kun°, alS Schuldige, diese fürchterlichen Stra- — 40— fen nach der Strenge der Gerechtigkeit wohl verdient haben. Und damit nicht etwa durch verschiedenes Hin- und Herreden die Falschheit seiner Angaben an den Tag komme, so erwirkte er bald von dem Grafen durch seine seme Beredsamkeit den ausdrücklichen Befehl, die Ursachen, wegen welchen Jtha und Kuno diese grau,amen Todesstrafen verschuldet haben, in und ausser dem Schlosse bekannt zu machen, und ließ diesen Befehl auch eben so geschwind vollziehen. Mehrere auS der Dienerschaft, und manche Unterthanen glaubten diefen falschen Angaben, denen man den Schein der Wahrheit sehr wohl zu geben wußte, weitste ihren Grafen liebten, ihn für einen rechtschaffenen, die Gerechtigkeit liebenden Herrn ansahen. Andere aber, welche Heinrichs herrschende Leidenschaft, und den feinen Günstling Dominiko besser kannten, und von Jtha's Tugend und Frömmigkeit überzeugt, sie keiner solchen Schandthaten fähig glaubten, konnten sich von der Rechtmaßig- kelt dieses Herganges nicht überzeugen. Ich« war ,n ihren Augen unschuldig, und manche Thräne floß ihrem frommen Andenken. «Uilftes Ssziitel. Der Jtha heldenmüthige Tugend ia Unglück und Elend. Jrha's Bitten blieben also auf der Welt unerhört, der beraubte Heinrich hörte nicht die Stimme seiner unschuldigen Gemahlinn, aber desto vollkommener erhörte Gott daS kindliche Flehen seiner getreuen Dienerinn, die sich und ihre gute Sache ihm anbefahl, und in Heinrichs Handen, und noch — 4L i« den Lüften schwebend gelobte, nur Gott, nur ->-su Christo,»leben und zu sterben, und ewig ^Anthun! zu bleiben, bis ihre Sinne und «-ÄSÄA-r«V»n°« mch...lf nenua zuin Genusse jener übergroßen, hnnmUichen Krenden, die d-r Höchstgüt'ge für siebereitethate, L?e ch7He suchen lermen. Der Allmächtige wuß- -ine ae reu Dienerinn Jtha auch jetzt noch zu r- dasten wo Menschen ihren sichern Tod voraus sa- ! we'il sie v°n der Hbh- des Schlosses in den eY Ellen tiefen Abgrund gestürzl wurde; damit sein Ältliches, durch den heiligen Paulus au g-- jein gorriiu-, e, G-sch'chre bestätiget, L7;"ne.Len. dlLegw-iser d-s Heils werde, und ihnen lebendig zeige, daß, wenn§ mit ihnen ist, Niemand etwas wider sie vernwge. Jtha e wachte von ihrem fürchterlichen ü»«- alle a s e nem schweren Traume, und wusste an- rÜas selbst" ob sie noch auf der Erde,, oder sckon in der Ewigkeit sich befinde. Nur lang,am erholte sie sich, ihre matten Augen sahen sich von G strä7chm und Bäumen auf einer Geste, auf Landern von hohen Felsen eingeschlossen; und erst nachdem sie ihre Augen zu den Spitzen dieser FAsen erhob, und T»gge"burg auf denselben erkannte erinnerte sie sich»ach und nach an ihre Geschichte, und konnte jetzt fast Nicht glauben, daß sie noch auf der Erde lebend sich befinde. Je mehr ,-.e sich Schmid'S Jugendsch. 3>Bd-^tha. 4 **** 4 2«—» leuiV gewisser wurde sse über. M^tus 7 noch, und sey durch Gottes unend- l.ch Allmacht lebendig erhalten worden,„n d"- .Lginrefie denn Gottes iinnennbareVatergü ün?me se.?-^77"'"'e/"7l°me Allmacht L dem Himmel mit^7 schwachen Knieen dankte sie größte all.!^„'^'unst.gem H"-°" für diese väterlich"sMe?^^'"b augenscheinliche geben?77m^ 777'""k dieser Erde über- ches Lebten tersichen^°de7'"ein zeitli- kindii-f. deßwegen wendete ich mein . ür D:??u l k^'7°u D-r, Allmächtig.' u? chen.^/7^^benhabe ich verspro- halten-^""d wunderbar er- n-cht meb7 der-7° 7"^"nd dem Himmel, dem e Dir, gütigster Gott! und gen Lebens°"""""ch alle meine noch übri- Menschen ,md^7'^""""bekannt den Ken u77. allen irdischen Schäden Rest meines 7 7'"^^^ d°r Einsamkeit furcht!,,den.'!' Andacht und GotteS- die Se^s-»> solche heilige Gedanken erfüllten die Seele der geretteten Gräfinn, so bethete diell Uiid>d- unschuldig-- H„j mil z,-bsm>i »uch d-r S-dauS-i-W-un mich -Ntzr mn, Vater, vergib uns allen unsere Schulden: 43»»» Du wirst vergeben, Du hast es versprochen, wenn auch wir vergeben. Sieh, deßwegen vergebe ich, und verzeihe gänzlich, vor Deinem Angesicht«, gütigster Gott! me>ne», Heinrich die zugefügte Mißhandlung; er war Mensch, wurde hintergangen, sonst wäre er einer solchen That nicht fähig gewesen; ich verzeihe auch allen Jenen, die ihn hinte^ gangen und mich verleumdet habe», verzeihe auch Du ihnen, Vater! denn sie wußten gewiß selbst nicht, was sie gethan haben, und noch ein Mahl rufe ich jetzt zu Dir: Vergib uns, vergib aber be- sonders n„r, Vater! die Fehler und Schulden, wie ich sie jetzt meinen Mitmenschen von Herzen vergeben und verziehen habe. Führe mich nicht mehr m sündhafte Versuchung, und bewahre mich väterlich vor jeder Sünde.. So war Gottes rettende Vaterhand Jtha s einzige Hilfe, und sein heiliges Wort der süßeste Trost ihres von der Welt verstoßenen Herzens, und das einzige, aber sichere Mittel zur Erhaltung ihrer Unschuld und Tugend.. Mitleidsvoll mag sie noch mehrere Mahl hinauf geblickt haben auf das stolze alte Schloß Toggen- burg, weil sie sich leicht vorstellen konnte, daß>hr lieber, und sonst immer so guter Heinrich, oey ruhigem Nachdenken von häufigen Gewissens Vorwürfen gemartert werden müßte, daß ihre und Heinrichs gut- Dienerschaft voll Kummer und Herzensleid über ihr Unglück seyn, und vielleicht auch man- che Thräne ihrem Andenken weihen, und manches: »Herr, gib ihr die ewige Ruhe!« zum Himmel abschicken werden. Und zufrieden, und mehr als zufrieden, war sie jetzt mit Gotres väterlichen Anordnungen, und ihrem in den Augen der Welt elenden Schicksale; denn sie besaß bey allem Mangel an zeitlichen Gütern, das weit größere Gut des Himmels, «»»» 4!—— das alle irdischen Leiden vergessen macht, sie hatte ein ruhiges Gewissen, und Gottes Gnade wohnte m ihrem Herzen, die sie gegen das glücklichste Leben auf ihrem schönen Schlosse nicht mehr vertauscht hatte. Zwölftes Taziitel. Jtha sucht ihren künftigen Aufenthalts- O r t. 3tha glaubte sich so nahe bey dem Schlosse Log- genburg nicht sicher, und fürchtete daher nicht ohne Grund, sie möchte entdeckt und an der Vollziehung ihres Entschlusses, der den Beyfall deS Himmels erhalten hatte, gehindert, oder vielleicht noch ar- ster mißhandelt und gequält werden. Sie machtesich alio auf, und ging, vom Himmel gestartet, j„ die Dicke des Waldes, überließ sich ganz der Leitung der göttlichen Vorsicht, und kam durch diesen rauhen, finstern, unwegsamen Wald mit einer solchen Leichtigkeit fort, daß ihr Gottes wunderbare Zeitung jetzt eben so sichtbar wurde, als ihr die wunderbare Erhaltung ihres Lebens durch ihn gewiß war. Und da sie immer, so gut sie eS vermoch- , l lief, so kam sie immer tiefer in den Wald, vis endlich die untergehende Sonne die Abenddämmerung herbey führte, und ihrem Weitergehen ein Ende machte. Nun^war die gute, unschuldige Gräfinn, die in ihrer fugend mit aller Sorgfalt erzogen, vor allen rauhen schädlichen Winden bewahret, mit al- len Bequemlichkeiten versehen, und ihrem Stande geiiiay,ehr ordentlich bedienet wurde, in einer öden Wildniß, wo sie anstatt den schönen mit kostbaren -rapeten behängten Zimmern, im matten Wieder- »»», 13--»«» schritte des Abendrothes nichts als schwarz Mit Epheu bewachsene Tannen und Buchen, rauhe mit Moos bs- hängte Felsen, und wild durch einander bewachsene Gesträuche erblickre. Sie, die vorher aufgepolsterten Sesseln ihre Arbeit verrichten, oder, wenn sie von der Hausarbeit ermattet war, ausruhen konnte, sah jetzt nur harte Steine oder faulende Stämme echter Bäume vor ihren Augen, und anstatt der schonen, mit nahrhaften geschmackvollen Speisen besetzten Tische ihres Schlosses, war jetzt nicht einmahl ein gtt? ter, kalter Trunk Wasser zu ihrer Labung vorhanden, und wäre er auch vorhanden gewesen, i» harre sie, ahn zu schöpfe», nicht einmahl das geringste Gejchirr. Wie vorher am Abende iveiche Federbetten zu ihre» Aufnahme bereit standen, in denen sie die morgen deS Tages verschlafen, und durch eine sanfte Ruhe wieder neue Kräfre für den kommenden Tag sammeln konnte, so lag jetzt nichts anderes, als die kalre, harte Erde unter ihren Füßen, auf der sie ihr Nachtlager nehmen, und ihre matten Glieder der Ruhe übergeben konnte, und wilde Thiere brumme ten und heulten nah und ferne um Jtha, welche sonst eine zahlreiche Dienerschaft gräflich bediente, und den leisesten ihrer Wünsche zu bemerken und zu erfüllen suchte., Die Nacht breitet- endlich ihre Finsterniß über die Erde, und Jtha, die unschuldigste, reinste Seele befindet sich also in der Mitte eines ungeheuern Waldes ohne alle Labung, ohne Obdach, ohne Wohnung, ohne menschliche Ruhestätte; ihr mangelte Alles das, was nach mcnschliche-n Urtheile ihren ermacteten Körv per harre erquicken, und ihre geängstete Seele hätte trösten können. Und Jtha litt Alles dieses, werl sie unschuldig und tugendhaft war, werl sie lieber selbst unglücklich seyn, als andere unglücklich machen wollte. Denn hätt» sie ihrem Heinrich den lasterhaften An* — 46— schlag des'Dominiko entdecket, so wären diese schreck- lichen Leiden gewiß nie über sie gekommen. Aberweil sie heldenmüihig, tugendhaft und christlich milde war, so wollte sie, wie Gott selbst, nicht Dominiko'S Untergang, sondern vielmehr seine Bekehrung und Besserung; erhielt aber dafür den gewöhnlichen Lohn der Welt, Verfolgung um ihrer Rechtschaffenheit willen. Aber auch Gottes heiliges Wort, durch Jesus Christus den Sohn Gottes ausgesprochen:»Alle jene, welche um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden, sollen nicht nur erst nach diesen, zeitlichen Leben die Freude des Himmels erlangen, sondern auf dieser Welt schon in wahrer Zufriedenhtit und himmlischem Troste die göttliche Seligkeit genießen.« Dieser große Ausspruch des Heilandes wurde an Jchr vollkommen erfüllet. Denn in dieser ihrer traurigen Lage, in welcher menschliche Einsicht den sichern Untergang vorher sah, und irdische Klugheit verzweifelt wäre, weiß sich die fromme, unschuldige Jtha männlich zu fasse». So sehr auch mancher quälende Gedanken über Heinrichs bittere Vorwürfe ihre Seele den Lag hindurch erfüllten, so sehr tröstete sie immer wieder ihr schuldloses, reines Gewissen, für welches sie am Abende von Herzen dankte, und von der Finsterniß der Nacht schon umgeben, noch einmahl ihrem Heinrich und allen denjenigen, die an ihrer Versto- ßung Antheil haben konnten, von Herzen verzieh, zu Gott um Verzeihung für sie flehte, und alle feindseligen Gedanken auf immer aus ihrem Herzen entfernte. Noch einmahl befahl sie auch sich selbst in den Schutz des Allerhöchsten, und sank dann vor Mattigkeit nieder auf die Erde. Eben so, wie einst der Heiland selbst von sich sagte, hatte sie nichts, worauf sie nur ihr Haupt hätte legen können; aberGot- teS Hilfe, Beystand und Trost ist besser, als alle — 47— Weichlichkeiten der Erde, und sein Schutz sichert mehr, alS die festesten Schlösser und tapfersten Menschen. Ein sanfter Schlaf schloß Jcha's märte Augen, während dem auf dem Schlosse Toggenburg bange Sorgen, Kummer und Mitleid die Unschuldigen, und brennende Gewissensbisse die schuldigen Schlaflosen quälten. DaS Heulen und Brüllen der Naubthiere verstummte, und keines von ihnen wagte cS, die Unschuld in ihrem sanften Schlummer zu stören, denn Gottes heilige Engel bewachten sie. Dreizehntes Capitel Jtha in der Einsamkeit. Mit aufsteigender Morgenröthe erwachte Jtha auS ihrem erquickenden Schlafe, und ihre erste Beschäftigung war wieder, wie immer, rhr frommes Morgengebeth, welches aber an diesem Tage mit besonderer Feyerlichkeit verrichtet wurde. Denn sanft stimmten alle zahlreich um sie her versammelten Vogel mrt ihren lieblichen Tonen m die dankbaren Her- zensergießungen der bethenden Jtha, und so leise ihre andächtige Seele das Lob Gottes anstimmte, so wurde es doch von allen, auch den kleinsten Vögelein, verstanden, und laut von ihnen aus Zweigen und Acsten verkündet, und beynahe eben so herrlich verkündet, als im Chöre der frömmsten Klosterjungfrauen, wenn ste in wahrer Andacht des Herzens ihre heiligen Gesänge dem Allerhöchsten weihen. Alle Bäume, Aeste, und Gesträuche waren so voll Vögel, daß es ganz das Ansehen hatte, jeder derselben sey heute gekommen, die neue Mitbewohnerinn des Waldes zu bewillkommen, ste zu grüßen, ihr durch den fröhlichen Gesang den Aufenthalt angenehm zu machen, und alle seyen zusammen gekommen, um ihr die so tröst» E— 48**** volle göttliche Wahrheit zuzurufen:»Sieh an unS schwache, unvermögende Vögelein, und lerne in unserer Erhaltung Gottes große Vatergüte und Sorgfalt kennen. Sieh, wir säen nicht, wir ernten nicht, wir sammeln nicht in die Scheuern, und dvch weiß unS unbedeutende Geschöpfe der gute Vater im Himmel zu erhalten. Warum sollte er denn Dich, die Du ihm weit lieber, weit schätzbarer, und weit köstlicher in seinen Augen bist, nicht auch und eben so väterlich erhallen?« Und wie hatte Jtha, die überall Gottes Allmacht, Weisheit und Vatergüte erblickte, bewunderte und anbethete, wie hatte sie diesen schönen Wink der göttlichen Vorsehung nicht vollkommen verstehen sollen? Sie, die immer und überall zuerst das Reich und die Ehre Gottes, und Rechtschaffenheit und Tugend suchte, fand», seinem heiligen Worte, an daS sie die munteren Vögel erinnerten, Trost und Erqui- ckung, und rechnete sicher darauf, daß ihr GotteS weise Vatergüte auch alles Nöthige geben werde. So beschloß sie ihr Morgengebeth, und fand eineZufris- denheit in ihrem Herzen, die gewiß nur selten in fürstlichen Pallästcn gefunden wird. Mir diesen heiligen Gesinnungen erfüllet, machte sie sich auf, um einen, so viel möglich, bequemen Ort für ihren beständigen Aufenthalt zu suchen. Nicht weit von ihrer letzten Ruhestätte rieselte über nackte Felsen krystallhelles frisches Qucllwasscr herab, und an dein Fuße dieser Felsen war ein ziemlich geräumiger Platz, der mit Gras und frischen Kräutern bewachsen, und von seiner andern Seite durch dicke Tannenbaume eingeschlossen war. Hier beschloß Jtha zu bleiben, und unter die dickste Tanne, die mit den Spitzen ihrer herab hängenden alten Aeste beynahe die Erde berührte, eine kleine Hütte zu bauen. Aber wie soll eine gräfliche Dame, mit ihren zarten Händen —— 49- und schwachen Armen, ohne alle Werkzeuge und Hilfsmittel, eine auch nur sehr kleine Hütte zu Stande bringen? Die Noth lehrt bethen, sagt ein altes deutsches Sprichwort sehr richtig, und eben so lehrt ste auch arbeiten. Jtha verlor also keine Zeit mit jorgvollen zweifelnden Gedanken, sondern durch ihr Morgengebeth im Vertrauen auf Gottes Hilfe gestartet, ging sie Baumaterialien zu sammeln, suchte von einem Orte zum andern, trug zusammen was sie fand, Aeste, Reiser, Gesträuche, Rinden, Alles trug sie zu ihrer alten Tanne, und fand an einem Orte, wo noch wenige oder gar keine Menschen hinkamen, taugliche Sachen in Menge und in der Nähe, so daß sie am ersten Tage schon einen ziemlichen Verrath zusammen brachte. Was war aber natürlicher, als daß sich bey dieser ungewohnten strengen Arbeit auch das Bedürfniß nach Nahrung regte, und nach und nach immer dringender wurde. Jtha, welcher am frühen Morgen schon die muntere Vögelschar alle Nahrungssorgen benommen hatte, kniete jetzt nieder, und mit dem festesten Vertrauen bath sie den Allmächtigen um seine Hilfe, und um seinen väterlichen Segen, bath mit solcher Zuversicht, als ob sie schon die bereitete Tafel vor ihr sähe; ging dann, von Gottes Vaterhand geleitet, ohne zu wissen, was sie erhalten wird, und sah sich nach wenigen Schritten an einen gegen die Mittagssonne sich neigenden Abhang hingestellt, auf dem die schönsten reifen Erdbeeren in großer Menge vorhanden waren. E o begierig auch ihr Körper nach dieser kostbaren Speise war, so wendete sich doch vorher noch einmahl ihre dankbare Seele zu Gott: O unendlich allmächtiger, weiser und gütiger Gott! nie hätte ich die Größe Deiner Allmacht, die Unerforschlichkeit Deiner Weisheit und die Unermeßlichkeit Deiner Va- Schmid's Jugendsch. 3. Bd. Jtha. 5 »»» 50—» tergüte in meinem Schlosse zu erkennen und so hoch schützen gelernt, wie ich sie heute in dieser Einsamkeit kennen und schätzen lerne. Ja, wunderbar, o Herr, bist Du, wunderbar sind deine Fügungen, und noch wunderbarer Deine gränzenlose Liebe zu Deinen Kindern!« Solche Gedanken erhoben sich aus ihrer heiligen Seele zum Himmel, als sie endlich voll herzlicher Freude sich über diese herrlichen Gaben Gotres hermachte. Bald fand sie auch Heidelbeeren in eben so zahlloser Menge, und hatte also jetzt für viele Tage hinlänglichen Unterhalt. Sie sammelte die schönen Erdbeeren begierig zusammen, die hohle Hand war ihr Eßlöffel, und Thränen der Freude und Dankbarkeit waren der Wein und Zucker, die ihr diese einfache Nahrung versüßten. Tausend Mahl besser schmeckte ihr diese von Gottes Vatergüte bereitete Mahlzeit, als vorher die durch die menschliche Kunst bereiteten Speisen an der gräflichen Tafel. Und wie herzlich muß wohl wieder Jthcks Dankgebeth nach erhaltener Sättigung gewesen seyn! Möchten doch alle Menschen die kostbaren Gaben und Geschenke Gottes so hoch schätzen, wie Jtha, und sie nicht durch so häufigen Mißbrauch entheiligen; möchten sie selbe doch auch mit einem so dankbaren Aufblicke zu Gott genießen! Der Segen des Himmels würde dann auch ihnen gewiß eben so reich» lich fließen. Jtha, durch diese vom Himmel gesegnete Nahrung aus's Neue gestärket, widmere den Ueberrest des schönen Tages noch freudig der Arbeit. Die einbrechende Nacht fand sie noch mit Auseinanderlegen und Ordnen ihrer gesammelten Sachen beschäftiget, und machte endlich ihrer Arbeit ein Ende. Die matten Glieder hatten Ruhe nöthig; aber Jtha's dankerfüllte Seele konnte diesen ersten Tag, in dem ihr -I 5! der Segen des Himmels so wunderbar und reichlich zugeflossen ist, nicht anders, als auf den Knieen liegend, mit herzlichem Gebethe beschließen. Und erst, als dieses geendet war, begab sie sich unter ihre alte Tanne zur Ruhe, wo sie dieses Mahl schon ein aus weichen Tannenästen und trockenem Moose bereitetes Kopfkissen hatte. Eben so sanft schloß auch der Schlaf das zweyte Mahl ihre matten Augen unter Gottes väterlichem Schutze. Nicht so heicer und schön stieg den folgenden Tag die Sonne hinter den hohen Alpengebirgen herauf. Das sie verkündende Morgenroth wurde finster, und ließ baldigen Regen vermuthen. Jtha aber erwachte heute wieder so heiter und frisch als gestern, und wie froh war sie jetzt bey dem Anblicke der röthlichen Sonne, daß der Himmel ihre gestrigen Bemühungen so reichlich gesegnet hatte. Nachdem sie ihr gewöhnliches Morgengebeth mit wahrer Andacht verrichtet, sich und ihre Arbeit Gott befohlen, und um seinen väterlichen Segen gebethen hatte, so fing sie in Gortes Nahmen den Bau ihrer Hütte an. Mehrere starke Tannenäste befestigte sib aufrecht in der Erde, so gut sie es vermochte, und verband sie oberhalb mit den überhängenden Aesten der alten Tanne, die ziemlich dicht in einander verwachsen waren, und schon ohne ihr Zuthun ein ziemlich gutes Dach bildeten. Sehr leicht konnte sie jetzt die größeren und kleineren Reiseraste und Rinden zwischen die Pfahle hinein legen, und mit einander durch Weiden und Reiser verbinden und verflechten, daß sie zu ihrer größten Freude eine Wand nach der andern zu Stande brachte, und sich sehr bald von vier Wänden eingeschlossen sah. Diese ihre neue Wohnung war freylich anfangs noch schwach und ziemlich durchsichtig, sie wurde aber täglich mehr befestiget, indem sie selbe immer mehr mit jungen Tannenästen durchstecht und mit gutem Mcos auS- schoppte, bis sie die rauhen kalten Winde vollkommen aufzuhalten und abzuweisen im Stande war. Auch das Dach, welches bey starkem, anhaltenden Regen noch nicht haltbar war, wußte sie mit den Sei- tenwänden gut zu verflechten und mit Rinden und dicken Aesten so ordentlich zu bedecken, daß schon vor ankommendem Herbste ihre Hütte ganz hergestellt, und sie in dieser neuen Wohnung vor Regen und Wind, vor Schnee und Kälte, und vor allen Stürmen des Winters vollkommen geschützt war. In jener Wand gegen die Mittagsseite war wohl oben eine kleine Oeffnung, durch welche das erquickende und erwärmende Sonnenlicht, und die Helle des Tages einfallen konnte. Unterhalb aber war eine etwas größere Oeffnung zum Aus- und Eingehen bestimmt, die aber doch so nieder war, daß man sich tief beugen, und jedes Mahl die vorhängenden mit einander verbundenen Aeste wegschieben mußte, wenn man aus-oder eingehen wollte, die denn durch ihren Rückfall die Oeffnung wieder selbst zuschlössen. Eine solche kleine, schlechte Hütte, ohne Thüre und Fenster in einem von aller menschlichen Gesellschaft weit entfernten rauhen Walde, ist also jetzt die Wohnung einer Gräfinn, die vorher durch künstliche Pforten durchgehen, in herrlichen Zimmern wohnen konnte, und von zahlreicher Dienerschaft, die sie beynahe anbethete, umgeben war. Aber Unschuld und Tugend lebt besser und zufriedener i„- der Einsamkeit unter der schlechtesten Hütte, als sie von Laster und Sünde verfolgt in Pal- lästen und Schlossern leben könnte. Deßwegen war Jrha in ihrer schlechten Hütte weit vergnügter, alS sie die letzte Zeit auf dem schönen Toggenburg seyn konnte. Das kleine Kreuz, welches sie aus zwey schönen geraden Stäblein zusammen band, und in ihrer »—» 53—— Hätte aufsteckte, erinnerte sie bey jedem Anblicke an die unaussprechliche Liebe ihres Heilandes, an seine höchste Tugend, und an seine ausgestandenen großen Leiden, und es war dann gerade, als ob er ihr selbst vom Kreuze zurief, daß sie durch ihre Leiden zu ihm in die ewigen himmlischen Freuden gelangen werde. Auch außer ihrer Hütte errichtete Jtha ein größeres Kreuz, vor welchem sie knieend bey schöner Witterung rhre Andacht verrichtete. Das Kreuz war also für Jtha der königliche Wegweiser zum Himmel, und der beste Trost auf Erden, und das ist es für jeden Menschen, wenn er es nach Gottes väterlicher Absicht zu erhallen suchr. So geduldig aber auch Jtha in ihren Leiden war, und so zufrieden sie alle, auch die größten Widerwärtigkeiten von Gottes väterlicher Weisheit annahm, so ließ sie doch auch jene Mittel nicht unbenutzt, welche ihr der gütige Gott an die Hand gab, um ihren Körper zu starken, und ihn recht lange zum Dienste Gottes erhalten zu können. Sie sammelte deßwegen sehr bald auch Vieles von dem überall wachsenden zarten Moos, trocknete es an der Sonne und bereitete sich damit eine Ruhestätte. Aber wo soll für den langen Winter Nahrung hergenommen werden, in welchem die Erde zusammen gefroren, mit tiefem Schnee bedeckt, und durch mehrere Monathe ganz unfruchtbar ist? Solche Gedanken hätten nur jene Menschen quälen können, welche vermefsentlich auf Gottes große Vatergüre den ganzen Sommer sorqenfrey durchgelebt, und nie an die unfruchtbare Winterzeit gedacht hätten, Nicht aber die immer gleich sorgfältige Hausmutter Jtha. Denn diese war schon vom Anfang des Sommers für den kommenden Winter beschäftiget, gleich der arbeitsamen Biene und Ameise. Eine große Menge derge- fundenen Heidelbeeren sammelte sie, sobald diese nach »»»»§1»»» und nach reif wurden, trocknete und dorrte selbe an der Sonnenhitze; auch viele Erdbeeren wußte sie auf diese Art für den Winter zu bewahren. A» mehreren grünen Kräutern fand sie dicke fleischige Wurzeln, diese grub sie mit einem spitzigen Holze fleißig aus, so gut sie eS vermochte, und was sie außer ihrer nöthigen Nahrung zusammenbrachte, bewahrte sie ebenfalls getrocknet für den Winter. Noch ergiebiger waren die Brombeeren und die noch spät reifenden schönen blauen Schlehenbeeren(Früchte des Schwarz- dorns), von welchen sie eine solche Mengezusammen brachte, daß ihr die Hütte beynahe zu klein wurde, sie alle aufbewahren zu können. Deßwegen konnte die sorgfältige Jtha dem Winter getrost entgegensehen; denn sie hatte Nahrung und Wohnung, war von Gottes Vaterauge bewachet, und wurde von seiner All- machthand gegen alles schädliche Ungemach geschützet. Auch im Winter konnte und wollte Jtha nicht unthätig bleiben; denn einerseits glaubte sie, noch manches Nothwendige und Nützliche selbst verfertigen zu können, anderer Seits wußte sie wohl, daß eine ordentliche Beschäftigung der Gesundheit sehr zuträglich sey. Sie sammelte daher noch im Spätherbste sehr viel zartes Moos, und weiche dünne Ruthen, auch viele frische Baumrinden löste sie mit schneidigen Steinschiefern von den Aesten unfruchtbarer Bäume und Gesträuche, die sie sodann im Wasser aufweichte, ihre zarten Fasern auseinander zog und an derLufr trocknete. So oft dann im Wmter die Witterung ler- dentlich war, saß sie an der Sonnenseite ihrer Hütte und arbeitete. Sie webte und strickte aus dem zarten Moose und den weichen Rindensasern mehrere'gute warme Decken, flocht wieder neue und bessere Körbe aus den gesammelten Ruthen, höhlte mit schneidenden Schiefern harter Steine kleine Stücke von weicherem Holze zu Trinkgeschirren aus, unh berei- 55—»» tete auf diese Art manche andere Dinge, die ihr in ihrer Einsamkeit sehr viele und gute Dienste leisteten. Sehr oft dachte sie bey solchen Arbeiten mit gerührtem Hermen voll des innigsten Dankes an ihre lieben Aeltern, die öfters zu ihren Kindern sagten: »Lernet, was ihr könnet, lieben Kinder! denn man weiß nicht,wo man hinkommt, und was man braucht.« Gewöhnet Euch an die Arbeitsamkeit, denn diese ist besser als Reichthum und Schätze, weil man leicht von diesen entfernt werden, und dann nur durch llei- ßige Arbeit seinen Unterhalt finden kann. Wie wahr fand jetzt Jtha die schönen Ermahnungen, die alle guten Aeltern ihren Kindern nicht zu oft an das Herz legen können, und die so manche leichtsinnige Kinder bemittelter Aeltern als übertriebene Strenge ansehen, und sich durch ihre Reichthümer und ihr Geld vollkommen gesichert glauben. Hätte Jtha in ihrer Jugend so gedacht, und die Zeit lieber mit Lustbarkeiten verschwendet, als mit Erlernung nützlicher Arbeiten gut angewendet, so hätte sie unfehlbar in diesem Walde zu Grunde gehen müssen. Wie gut ist eS also, wenn man in der Jugend fleißig lernet, und frühe schon zum Arbeiten gewöhnt wird, weil öfters nur Fleiß uud Geschicklichkeit den Menschen vor großem Elende, oder gar vor seinem gänzlichen Untergänge retten kann. Indessen konnte Jtha doch manchen Tag, ja oft wochenlange, wegen anhaltender Kälte beynahe nichts arbeiten, und war kaum im Stande, durch den tiefen gefallenen Schnee den Weg zu ihrer Wasserquelle, die nie ganz überfror, offen zu erhalten. Diele Tage widmete sie dann besonders der stillen heiligen Andacht, und war in dieser ganz nur mit Gott belästiget. Ihr kleines hölzernes Kreuz erinnerte sie bey jedem Anblicke an denjenigen, der auch für>>e an selbem sein kostbares Blut vergossen und sein Leben — SÄ— zum Heile der Menschen geopfert hat; es erinnerte sie an seine vielen heilsamen Lehren, in denen ihr frommes Herz jedesmahl so reichliche Nahrung fand, daß sie oft bey ihren vollen Körben die leibliche Nahrung zu nehmev vergaß. Auch in der todten Natur fand sie im höchsten W-nter überall jGegenstäudHzu heiligen Betrachtungen. Die leichte Schneeflocke, die harte Eisscholle, der glänzende Duft au Bäumen und Gesträuchen waren ihr eben so große Wunder und Wirkungen der Allmacht und Weisheit Gottes, als die grünenden Bäume und Blüthen des Frühlings, und die köstlichsten Früchte des Sommers und Herbstes, und stimmte» deßwegen nicht weniger ihr frommes Herz zur Anbethung und zum Lobe des Allerhöchsten. Doch die angenehmsten Tage waren ihr immer, wie ,edem anderen Menschen, die schönen Frühlingstage, an welchen in den warmenden Sonnenstrahlen ihre ganzeUmgebung wieder auf's Neue zu leben anfing. Denn, wenn sie die schönen grünen Kräuter der Erde, die frischen Zweige und wohlriechenden Blüthen der Bäume und Gesträuche bewunderte, so erfüllte die Betrachtung dieser herrlichen Werke Gottes ihre Seele mit einer solche» himmlischen Kraft und heiterem Frohsinn, daß gleichsam auch ihre Andacht, ihre Frömmigkeit und Gottesfurcht»»» Neuem auflebten und Jtha beynahe von den Seligkeiten des Himmels sich umgeben glaubte, so daß man von ihr recht eigentlich jene schönen Worte des Propheten Jsaias sagen könnte:»Der Herr macht ihre.Wüste zum Paradiese, zum Garten Gottes diese Wildnisse, rn ihm wohnt Freude und Fröhlichkeit, Danklieder und Lobgesäiige erschallen in ihm.» Nichts kam der guten Jtha anfänglich schmerzlicher vor, als daß siegar keine Kirche, keinen Gottesdienst mehr besuchen, und durch Empfangung der hei- — 57— ligen Sakramente sich der reichlich zufließenden göttlichen Gnade versichern konnte. Aber da sie bald jede Seite ihres Waldes als einen besondern Tempel Gottes betrachtete, und diesen von jeder Jahreszeit wieder mit andern kostbaren Werken der Allmacht, Weisheit und Vatergüte Gottes ausgeziert fand; da sie in diesen herrlichen Geschöpfen den Schöpfer erkennen und anböthen lernte; da sie endlich den reichlichen Zufluß der heiligmachenden Gnade Gottes bey jedem eifrigen Gebethe fühlte, und durch die eifrige Begierde unsichtbarer Weise mit Jesu Christo vereiniget zu weroen, ihr frommes Herz von der Fülle seiner göttlichen Liebe erfüllet und erleuchtet fand, so ersetzte bey ihr diese wahre geistliche Communion jene sichtbare am Tische des Herrn; und der herrliche große Tempel der Natur war ihr weit heilsamer, als manchem Christen die schönsten Kirchen. Menschlichen Trost konnte sie entbehren; denn der himmlische wohnte in ihrem Herzen. Dieser versüßte ihr jedes Leiden, und erhielt sie in jeder Jahreszeit zufrieden und fröhlich. Stunden und Lage, Monathe und Jahre verstrichen, wahrend dem Jtha zwar einsam auf Erden, aber auch beynahe schon selig im Himmel lebte; denn ihre Gedanken waren bey Gott, und ihre Seele in seinem Lobe mit den Engeln und Heiligen vereiniget. Merzrhtttes CKPitel Graf Heinrich auf dem Schlosse Toggea« bürg nach Verstoßung der Jtha. Ganz anders sah es auf dem Schlosse Toagen- burg aus. Sobald die Leidenschaft des unmenschlichsten Zornes in dein Grafen Heinrich ausgetobt harre, und die vernünftige Ueberlegung wieder in sei- —» 58—— ricin herzen erwachte, so stiegen auch schon Zweifel über die schnelle Verurrheilung und Verstoßung seiner Gemahlinn in seiner Seele auf. Wäre sie unschuldig, und doch so grausam von mir getödtet worden, wie gerecht wäre ihre Klage gegen mich vor Gottes strengem Richterstuhle, und wie fürchterlich müßte ihr unschuldiges Blut zu Gott um Rache über mich schreyen!— Doch der Gedanke, sie ist nicht unschuldig, sondern hat ihre wohlverdiente Strafe erhalten, beruhigte ihn wieder auf einen Augenblick. Aber bald kamen auch andere neue Zweifel: Unverhört ioll und darf ich keinen, nicht einmahl den geringsten meiner Unterthanen verurthei- len, und meine sonst so liebe Gemahlinn habe ich so widerrechtlich, und schlechter als den elendesten Sclaven behandeln und verurtheilen können, ja noch mit eigener Hand das Urtheil an ihr vollzogen. Wäre sie unschuldig, wie fürchterlich müßten Gottes gerechte Strafen meine Seele treffen, und mich in Zeit und Ewigkeit verfolge^. Dergleichen Gedanken marterten Heinrichs Seele, und konnten nicht ausbleiben, weil er sich wegen aller früheren Uebereilungen im Zorne die gerechtesten Vorwürfe zu machen hatte. Diese Gedanken und Zweifel konnte aber auch der feine MenschenkennsrDominiko bey seinem Herrn voraussetzen, und er sah wohl, daß sie bey reiferer Ueberlegung die verübte Ungerechtigkeit entdecken, und dadurch seinen Untergang herbey führen könnten. Doch Heinrich's Zutrauen zu ihm verschaffte ihm Geleqcnheit genug, der Ungerechtigkeit den Sieg zu erhalten, und sich selbst immer in größeres Ansehen zu setzen. Denn alle diese Herzensangelegenheiten eröffnete ihm Heinrich als seinem Vertrautesten, weil sein durch solche Zweifel gemartertes Herz Trost und Linderung nöthig hatte, und er glaubte, «»» 59»—» diese bey Dominiko finden ju können. Dominiko gab sich alle Mühe, konnte aber keinen dauerhaften Trost herbey führen, weil er der verübten Mordthat nur? den Schein der Gerechtigkeit geben, aber die quälenden Gewissens- Vorwürfe und Zweifels nie genügend heben und entfernen konnte. Wie könnten da noch vernünftige Zweifel Statt haben, wo so redende Beweise am Tage sind?— Wie hätte der Knappe den Ring bekommen können, wenn ihn nicht Jtha selbst an seinen Finger gesteckt hätte?— Wie hätte er den Ring öffentlich tragen dürfen, wenn er nicht von dem Scheine der Leidenschaft geblendet, geglaubt hätte, unter dein Schutze der Gräfinn sicher zu seyn? Wie hätte Kuno vor seinem Ende noch so vielmahl und ernstlich zu Gott um Verzeihung bitten und rufen dürfen, wenn er dergleichen Schandthaten nie begangen hätte?—Denn dieses ist ja eben so viel, als wenn er seine Schuld bestimmt eingestanden hätte. Hinter solchen wohl- ausgedachten Scheingründen suchte der listige Höfling seine Schandthaten zu verbergen, und mit ihnen das unruhige Gewissen Heinrichs zu bekriegen. Aber Alles dieses beruhigte den Grafen nur etwa auf einige Augenblicke. Immer und immer fürchterlicher erwachte in ihm der Gedanke:»Unverhört, und im Zorne habe ich sie verurtheilt und getöd- tet.« Dieser Gedanke raubte alle Fröhlichkeit und Munterkeit aus seinem Herzen, und verzerrte seine sonst so freundlichen Gesichtszüge. Oft war es ihm, als ob er es einigen aus seiner Dienerschaft an den Augen ansähe, daß sie ihm in ihren Herzen gerechte Vorwürfe machen; keinem durfte er mehr gerade und offen in s Gesicht sehen. Bald mahlte ihm seine Einbildungskraft die unschuldige Jtha als eine Heilige, voin Lichtglanze des Himmels umgeben, und unnennbare Reue und die heftigsten Schmerzen mar- »— 60—» terten seine Seele; dannkonnte er dem schlauen Bösewicht Dominiko doch wieder mehr Rechtschaffenheit als seiner Gemahlinn zutrauen, weil dessen listige Ranke sein Verfahren rechtfertigten, und Jtha abwesend sich nicht vertheidigen konnte. Jtha's Zimmer wurden von. Tage ihrer Versto- ßung an nicht mehr betreten, selbst Dominiko floh es, weil er bey jeder Annäherung durch heimliche Vorwürfe seines noch nicht ganz verstockten Gewissens gequält wurde. Dem Grafen war sogar der Aufenthalt in seinem Schlosse unerträglich, weil ihn jeder Schritt an seine Jtha erinnerte; er floh aus dem,elben, besuchte seine nähern, noch lieber aber seine entfernter» Freunde, und suchte seine qualen- vollen Leiden durch Reisen, Jagden und andere ge- rauichvolle Gegenstände zu unterdrücken und zu entfernen. Auf Loggenburg trauerte Alles. Die meisten Unterthanen bemitleideten ihre gute Gräfinn Jtha; und das Herz des Grasen glich, so lange er zu a^ause war, vollkommen einer zweifelhaften Wage, an welcher bald diese, bald jene Schale tiefer sinkt, und vor welcher immer ein feiner Betrieger steht, der seine Gewichte unbemerkt in jene Schale einlegt, die ihm das Zünglein günstig zuneigt. Vor der Abreise quälte den Grafen noch besonders der Gedanke: Was werde ich nach Kirchberg benchten? Wie dort mein Verfahren entschuldigen? Aber d-efes übernahm ganz der schlaue Dominiko! der dann bestimmt dorthin berichtete: Kuno habe alle Mit der Gräfinn verübte abscheuliche Schandthaten eingestanden, und Nitterehre und Gerechtigkeit hätten seinem Herrn nicht mehr erlaubt, eine solche Gemahlinn an seiner Seite länger zu dulden. So schwer es dem Grafen angekommen sey, so babe sie doch die gerechte Strafe für ihre Schandthaten mit ihrem Leben gebüßt. Der Graf habe das Schloß . 61 verlassen, und suche bey seinen nahegelegenen guten Freunden Erholung von diesen so großen erlit» kenen Unbilden. Die Kirchberger mußten sich bey dieser Nachricht wegen ihrer Jrha in der Seele schämen, und da sie ohne dieses der Grafschaft Toggen- burg bey weitem nicht gewachsen waren, so durften sie an keine Rache denken, und konnten, so berichtet, im Falle der Möglichkeit auch keine gerechte Rache nehmen. Wie der gewissenlose Dominiko in Heinrich's Abwesenheit auf Toggenburg gewirrhschaftet habe, läßt sich leicht denken. Auch er hatte Zerstreuung nöthig, und suchte sie in allen möglichen Freuden und Er- getzlichkeiten, die seinen Leidenschaften schmeichelten, auf Kosten seines Grafen, der beynahe jedes Mahl eben so niedergeschlagen zurückkam, als er weg ging, und deßwegen unfähig war, den Zustand seiner Grafschaft zu beobachten oder zu untersuchen, und dem Dominiko, so weit ersehen konnte, durch seine Schlauheit genugsam und befriedigend zu begegnen wußte. So verstrichen Tage, Monathe und Jahre auf Toggenburg. Heinrich war unglücklich und unzufrieden auf seinem schönen Schlosse, und bey seinen besten! Freunden, im Genusse der größten Schatze und ReichthüiiM, bey' allen Freuden und Ergetzlichkci- ten, weil ihn ein unruhiges Gewissen quälte; und Ztha war ruhig, zufrieden und glückselig in ihrer elenden Hütte bey aller Armuth und Verlassenheit, weil sie ihr gutes Gewissen der Unschuld und Tugend versicherte. Nur ein ruhiges, gutes Gewissen macht also wahrhaft zufrieden und glückselig, während dem das böse Bewußtseyn alle Freuden und Vergnügen der Erde verbittert; und der lasterhafte Freund weiß unsere Besserung immer zu hindern, so lange wir 62-»» ihm mchr als der redlichen Stimme des Gewissens glauben und folgen. Minfzrhntrs C^xitel. Jtha wird entdeckt., Bald nach dem Tode des unschuldigen Kuno bestellte Dominiko einen andern Knappen zum Jäger. Dieser war Kuno's vertrautester Freund, wußte auch die Geschichte des Ringes, und hatte seinen Freund Kuno vorher manchmahl auf der Jagd begleitet. Oft und vielmahl ging dieser neue Jager in den Wald Rabenstein aus die Jagd, kam aber, von Gottes weiser Vorsehung abgehalten, nie in die Nahe von Jtha s Aufenthalt, und Jtha blieb un- ter dem Schutze des Himmels bey 17 Jahren in ihrer Einsamkeit, ohne daß Jemand etwas von ihr erfahren oder entdeckt hatte. So viele Jahre mußte ihre Unschuld und Tugend durch anhaltende schwere Prüfungen von allen Makeln und Flecken geläutert, und durch anhaltendes Gebeth befestiget und bewähret werden, bis sie rein genug war, vor der Welt öffentlich?zu leuchten, und die Ehre ihres allmächtigen Erreters zu verkünden. So lange mußte der sonst so gute Heinrich durch die immerwährenden Gewissensbisse büßen, bis seine Fehler und Sünden getilgt, und Gottes Barmherzigkeit und Vatergüre ihm wieder vollkommen zu Theil wurden, und so lange ließ die väterliche Langmuth Gottes dem Böseivicht Dominiko Zeit zur Rückkehr von seinen Sünden, und zur Besserung seines Lebens, bevor diese sei le Sünden und Laster zu seiner größten Schande, und zu seinem völligen, zeitlichen und ewigen Verderben der Welt bekannt gemacht wurden. — 63 An einem schönen Tage ging der Jager Morgens frühe wieder in den Wald Rabenstein auf Beute aus/ und ließ/ sobald er den Wald betreten hatte, seine Jagd- und Spürhunde los, damit diese etwas auffinden, und ihm zum Erlegen antreiben möchten. Diese drangen bald in die Tiefe des Waldes, durchsuchten immer weiter die Hecken und Gebüsche, und führten den Jäger unvermerkt weiter, alS vorher noch nie, in den Wald hinein. Auf einmahl entdeckte er in der weichen Erde Fußtritte eines Menschen, und konnte sich darüber nicht genug erstaunen, daß da, wo er, der geübte Jäger, über Felsen und durch wilde Gesträuche kaum hinkommen konnte, und in einer so rauhen Wildmß Menschen seyn sollen. Ein Pfiff brachte die Hunde an seine Seite, und mit diesen verfolgte er jetzt die noch ganz frischen, - menschlichen Fußtritte. Bald kamen die voreilenden Hunde zu Jtha's Hütte unter der alten Tanne, tue auch der Jäger schon von ferne erblickte, aber sie für einen mit Moos bewachsenen Felsen hielt. Sobald er aber näher kam, fand er statt eines Felsens eine kleine alte Hütte, hielt sie für die Wohnung eines frommen Waldbruders, und getraute sich kaum, in die finstere Hütte hinein zu sehen. Jtha, von den Hunden erschreckt, rührte sich nicht, und befahl sich durch andächtiges Gebeth dem Himmel in dieser unerwarteten Stunde. Als der Jäger durch die kleine Oeffnung hinein sah, erblickte er einen erbärmlich gekleideten Menschen; denn der Jtha Kleider fingen nach so vielen Jahren am Leibe zu modern und zu zerfallen an, ihre Füße und Arme waren ganz unbedeckt, und nur durch fleißiges Zusammenheften mit zarten Rin- denfasern vermochte sie noch eine schlechte Bedeckung für ihren Körper zu erhalten. Jtha, im Gebethe »ertiefet, bemerkte den Jäger nicht, bis er sie nach — 64— damahliger Sitte freundlich grüßte, und fragte, waS sie hier mache. Sie fuhr auf seinen Gruß heftig zusammen, dankte nur durch eine stille Bewegung, und wußte nichts zu antworten. Sie war nicht besonders mager und abgezehrt, sondern hatte ein gutes Aussehen, nur die vielen Jahre hatten ihrem frommen Angesicht die Züge eines ehrwürdigen Alters mitgetheilt, ohne sie jedoch ganz unkennbar zu machen. Der Jager faßte sie scharf in die Augen, sah bald, daß ihm ihr Gesicht früher schon bekannt war, und doch wußte er nicht, für wen er sie halten sollte. Der Ueberrest ihrer zerfallenen Kleider, an welchen er eine Person von Stande erkannte, brachte ihn aber bald auf den Gedanken:»Wenn unsere Gräfinn noch leben könnte, so wäre sie dieses!» und ein wiederholter scharfer Blick in ihr Angesicht brachte ihm völlige Gewißheit, und löste seine Zunge:»Ja, Ihr seyd es, unsere liebe, von allen herzlich bedauerte gnädige Frau Gräfinn.— Wie ist es doch möglich, daß ich Euch nach so vielen Jahren in dieser Wildniß noch lebend finde, da Ihr doch von einer solchen Höhe herab gestürzt in Stücke hättet zerfallen sollen?— Jedermann glaubt Euch schon lange vermodert, und Niemand denkt mehr daran, daß Ihr noch lebt.« Jtha, die den Jäger auch wieder erkannte, und wohl sah, daß sie sich vor ihm nicht mehr bergen konnte, sagte endlich^»Es ist freylich wahr, man hat glauben müssen, ich sey, von einer solchen Höhe gestürzt, sicher in Stücke zerfallen, und todt geblieben; aber Gottes väterliche Barmherzigkeit, die meine Unschuld kannte, und das eifrige Flehen meines Herzens mit Wohlgefallen ansah, hat mich lebend und unverletzt erhalten. Und weil ich, von Gott so wunderbar erhalten, ganz ihm angehörte, ßZ— so beschloß ich sogleich in meinem Herzen, die noch übrigen Lage meines Lebens in dieser Wildnis; nur ihm zu weihen, und ihm zu opfern.« Der Jäger, der sie nicht genug sehen und hören konnte, nahm ehrfurchtsvoll wieder das Wort: »Gnädige Frau! Euer unverschuldetes großes Unglück war mir und vielen andern herzlich leid, und ist es noch, aber ich glaube sicher, auch der Graf wird jetzt Eure Unschuld völlig erkennen, und die Euch zugefügten großen Unbilden Euch tausendfältig zu ersetzen suchen. Ich werde heute gewiß eine erwünschte Bothschaft auf das Schloß brmgen, und will deßwegen eilen, so viel ich kann; Gott bewahre und beschütze Luch, bis ich wieder komme.« Bey diesen Worten ergriff er ihre Hand, küßte selbe, und eilte davon, ohne auf Jrha'S Antwort zu warten, die gar nicht wußte, was sie ihm antworten sollte, weil sie immer noch sehr erschrocken war, und sich kaum zu fassen wußte. Jebr fürchtete Jrha nichts mehr, als sie mochte an der Ausübung ihres Gelübdes: Von der Welt abgeändert nur Gott zu leben, gehindert werden. Sie wußte nicht, soll sie sich tiefer m den Wald verbergen, oder Heinrichs Ankunft abwarten- Aber, da sie bald einsah, daß sie aucy tiefer in dem Wald nicht verborgen bleiben würde, so beschloß sie zu bleiben, und befahl sich und ihre gute Sache in herzlichem Gebeihe dem Himmel. Sechzehntes C"KKitrl. Itha wird von Heinrich besucht. Der Jäger kam bald geflogen nach Loagcnburg, und eilte durch die Thore und bey Allen, die er an- traf, vorbey. Wer ihn sah, v-rmuchete m seiner Schmid's Jugendich. 3 Bd. Jtha. b — 66— fröhlichen Eile eine wichtige, freudenvolle Bo thschaft, aber an Jrha dachte freylich Niemand mehr. Der Jager kömmt m's Schloß, fragt nach dem Grafen, und trifft ihn zum Glück allein. Obwohl er kaum genug athmen konnte!,^ fing er doch schon unter der Verbeugung zu redech an: »Gnädiger Herr! ich bringe eine wunderbare, aber hoffentlich erfreuliche Nachricht.« Der Graf wurde begierig sie zu hören, und hieß ihn sogleich, sie zu erzählen. Der Jäger:»Eure gnädige Frau, die Gräfinn— ich habe sie gefunden— sie lebt noch«— und da erzählte er denn Alles, wie er sie gefunden, was er gesehen, wie er ihre Hand geküffet, wie sie sich unschuldig erklärt habe, wie sie so elend gekleidet sey, und was ihm einfiel, so durcheinander und untereinander, daß er Manches zwey Mahl sagte, und beynahe nicht fertig werden konnte. Der Graf, der immer noch begieriger zuhörte, und sein Erstaunen über diese Nachricht nicht bergen konnte, sagte endlich in seinem schon lange angenommenen ernstlichen Tone:»Es ist nicht möglich, daß sie, von einer solchen Höhe hinab gestürzt, noch lebe, sie»nist in Stücke zerfallen seyn,«— und obwohl ihm sein Herz jetzt mehr, als vorher, sagte, sie ist unschuldig, so setzte er noch bey:»Sie hat ihre wohlverdiente Strafe erhalten.« Der Jäger aber, der keinem Andern glauben durfte, sondern selbst gesehen, und mit eigenen Ohren gehört harte, bekräftigte hoch und theuer seine Nachricht, und setzte endlich dem Grafen sein eigenes Leben als Unterpfand für die Wahrheit seiner Aussage. Zu diesem wurde er durch die Worte des Grafen auch an die Geschichte des Ringes erinnert, die er jetzt auch erzählte, und diese brachte endlich den Grafen vollends zum Entschlüsse, die Sache selbst zu untersuchen, um volle Gewißheit zu erhalten. — 67—— Ohne einem Menschen ein Wort zu sagen, muß der Knappe den Grafen Heinrich durch den Wald zu Jrha's Hütte führen. Die seltsamsten Gedanken erfüllten jetzt se>ne in banger Erwartung schwebende Seele.»Was werde ich thun, wenn sie noch wirklich lebt, und unschuldig ist?— Lebt sie noch, so muß sie unschuldig seyn; denn eine Ehebrecherinn hätte der Himmel nicht so wunderbar und so lange erhalten.— Was würde ich thun, wenn sie aber doch schuldig wäre, und ihre Schuld selbst bekennen würde?— Nein, wenn sie lebt, kann sie nicht schuldig seyn.« In solchen Gedanken vertieft, kam Heinrich, ohne zu wissen wie, durch Gesträuche und Hecken, über Bühel und Felsen in die Liefe des Waldes, und unvermuthet zeigt ihm der stillstehende Jäger die Hütte der Gräfinn unter der alten Tanne. Jtha, in eben so banger Erwartung, bemerkt bald Heinrich's Ankunft, und geht ihm aus ihrer Hütte, in ihrer erbärmlichen Kleidung, ehrfurchtsvoll entgegen, grüßt und empfängt ihn mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit, Sanftmuth und Liebe. Heinrich, der sie gleich beym ersten Anblicke erkannte, und dem ihr unerschrockener sanfter Blick und ihr ganzes ehrwürdiges'Aussehen mehr, als selbst die wunderbare Erhaltung ihre Unschuld verbürgte, wurde durch ihren freundlichen, liebevollen Gruß so gerührt und so beschämet, daß er sich nicht getraute, sie anzusehen, und vor innigem Herzensleid und lautem Schluchzen und Weinen kein Work hervorbringen konnte. Er warf sich zu Jtha's Füßen, hob seine Hände zu ihr auf:»Verzeihet, theuerste, unschuldigeJrha!«—und als sie ihm ihre Hä». de sanft entzogen both, zog er die Seinen zurück. »Nein, Ihr könnet, Ihr sollet nicht verzeik-sn. Eure heiligen Hände sollen>ene eines BösewichtS, * — 68— welche von unschuldig vergossenem Blute befleckt sind, nicht berühren,— zu groß ist die zugefügte Unbild—in diesem Elende— und von diesem meinen eigenen Händen in ein solches Elend verstoßen — nicht mehr werth bin ich, Euch zu sehen, nicht mehr werth, diese Erde länger zu betreten!«—und ein Strom von Thränen befeuchtete den grünen Wase». Die gute mitleidsvolle Jtha weinte mit ihm; sie wollte ihn aufheben von der Erde, vermochte es aber nicht, und sagte dann:»Bester Heinrich! seyd doch getröstet, ich habe za nie auf Euch gezürnet, war Euch nie böse—ich wußte ja wohl, daß Euer gutes Herz keiner solchen Mißhandlung fähig gewesen wäre, wenn man es nicht hintergangen und schändlich betrogen hätte.— Höret doch Eure Euch noch immer liebende Jtha, wenn auch Ihr sie noch liebet—Sehet, ich bin ja gesund, von Gott erhalten und immer sehr wohl getröstet worden, und möchte auch Euch heute, da ich Euch das erste Mahl wieder sehe, gerne getröstet und zufrieden sehen.«— Aber Heinrich hörte vor Weinen und Herzensleid kaum die halben Worte seiner guten Jtha; er getraute sich kaum, sie anzusehen, und sagte dann: »Wie ein Engel des Himmels flehet Ihr unschuldig «nd heilig vor meinen Augen, während dem mich mein Gewissen folterr, und als den schändlichsten Bösewicht anklaget und verdammet.— Eure schöne Seele kann nur wohl verzeihen, aber— wird mir auch Gott, der jeden nach seinen Werken richtet, und dessen heilige Gerechtigkeit den Bösewicht verdammen muß— wird mir auch dieser gerechte Richter noch verzeihen können?« »Ja, Heinrich!--- sagte die gute Jtha,»auch er w rk Euch gewiß verzeihen, denn seine Barmherzigkeit ist gränzenlos gegen rcumüthige Sünder, — 69— lind seine Liebe unnennbar gegen alle seine Kinder, und er wird Euch nicht erst jetzt verzeihen; denn so gewiß, als ich, hat auch er es jchon gethan, hat auch er Euch schon vollkommen und gänzlich verziehen.— Es ist ja Alles nur durch seine Zulassung geschehen, und er hat Alles dieses zugelassen, weil er es als heilsam sür uns voraus sah.— Während dem wir vielleicht beyde auf unserem schönen Schlosse ihn selbst vergessen, den Weg der Tugend verlassen, und in ruhigen Genusse seines überfließenden zeitlichen Segens unsern ewigen Untergang gefunden hätten, wußte uns seine große Vatergüte, von einander getrennt, ihm und den, Himmel zu erhalten; wir lernten seine unendliche Allmacht, Weisheit und Güte immer besser erkennen, und müssen ihm für die vielen und unnennbaren Wohlthaten immer mehr und von Herzen danken, seinen großen Nahmen verherrlichen, loben und preisen. Mich besonders hat er in dieser Einsamkeit näher zu sich und zum H'.mmel geführt.« Diesen so freundlichen trostvollen Worten, die ihm die gänzliche Verzeihung des Himmels, und seiner Jtha zusicherten, konnte Heinrich nicht mehr widerstehen; sein Herz mußte glauben, was er kaum wünschen durfte, daß er nähmlich Barmherzigkeit und Ver,'« hung erhalten habe. Er erhob endlich seine Hände wieder zur Jtha, drückte die ihrigen in der Mitte der seiuigen, hob sie gefaltet zum Himmel:»Dank, Allmächtiger! ewiger Dank sey Dir für Deine unendliche Barmherzigkeit, für diese seligste Stunde meines Lebens. Noch cui Mahl bitte ich Dich, verzeihe, und erbarme Dich Deines unwürdigen Dieners.< Auch seine Jtha bath er noch ein Mahl von Herzen um Verzeihung, versprach ihr tausendfältige Ersetzung der zugefügten schrecklichen Unbilden, schwur aber Tod und Verderben dein- —70»*** jenigen, der ihn in dieses fürchterliche Elend gestürzt hatte. Jtha, die bey diesem gräßlichen Schwüre zurück- bebte, sagte hierauf freundlich zu ihm:»Erinnert Euch doch, lieber Heinrich! wie oft Ihr die im Zorne gefaßten und ausgeführten Anschlage bereuen mußtet — erinnert Euch doch daran, wie es uns schon manchmahl ergangen wäre, wenn Gott bey jedem unserer Fehler auch so schnell seine Strafen in seinem gerechten Ernste über uns verhängt hätte.— Ich bitte Euch also, höret heute das Flehen Eurer Jrha, lernet barmherzig seyn, wie Gott mit uns barmherzig ist. Ich habe Euch und Allen, die Ursache an meinem nur scheinbaren Elende waren, von Herzen verziehen, und deßwegen soll kein Tropfen Bluts meinetwegen vergossen werden. Verzeihet ihm also seine begangenen Fehler mit mir, und derbarmherzige Gott wird auch uns die unserigen verzeihen.« Heinrich konnte seiner Jtha nichts mehr versagen, und dieser ernstlichen Bitte nicht widerstehen. Jtha rettete also durch ihre Fürsprache demjenigen das Leben, der ihre Unschuld und ihr Leben morden wollte. Aber diese Rettung war von keiner Dauer. Denn beyder ersten Nachricht, daß Jtha noch lebe, und der Graf von ihrer Unschuld gänzlich überzeugt sey, gerieth Dominiko in völlige Verzweifln-g. Seine vielen verübten Schandthaten ließen ihn keine Barmherzigkeit von den Menschen mehr hoffen, und der Blick in die Ewigkeit, der Gedanke an Gottes strenge Gerichte bey so großen Lastern und Sündern, ließen ihn nicht mehr auf Gottes gränzenlose Barmherzigkeit denken. Wie so viele andere dergleichen verhärtete Bösewichte hat auch er sein schandvollcs Leben noch mir der größten Schandthat des Selbstmordes beschlossen, und sich nebst dem zeitlichen auch den ewigen Untergang bereitet. — 7t— So strafet, leider! nur zu oft, das eigene böse Gewissen den verstockten Sünder, bevor die weltliche Gerechtigkeit strafen kann oder will. Fürchtetsalso und fliehet, ihr Guten! die Sünde; und ihr Bösen! kehret zurück von dem Wege des Verderbens, so lang ihr noch könnet, damit euch nicht der Zorn des Himmels durch euer böses Gewissen den ewigen Untergang bringe, und wir den Dominiko m das schrecklichste Elend stürze. Lieberr^hmes SaKitrl. Jtha, die getreue Dienerinn Gottes. Nochmahl fing Heinrich an, dem Himmel von Herzen zu danken für die wunderbare Erhaltung seiner theuern Jtha, und er konnte nicht genug die wunderbar wirkende Allmacht und unermeßliche Vatergüte Gottes in ihrem gesunden heitern Aussehen bewundern. Aber letzt wollte er auch sein seyerlich gemachtes Versprechen erfüllen; Jtha nähmlich sollte mit ihm aus sein Schloß zurück kehren, und durch alle möglichen Ehrenbezeigungen, und seine eigene freudige Bedienung sollten ihr alle erlittene Leiden, so viel nur immer in seinen Kräften wäre, ersetzet werden. Jtha, die vermöge der früheren Aeußerungen des Grafen einem solchen Antrage entgegen sah, aber ihrem gefaßten Entschlüsse gemäß, lieber ungehindert selbst Gott dienen, als von den Menschen bedienet werden wollte, fand keinen Anstand, diesen ihren Entschluß dem Grafen zu eröffnen, weil sie sein gutes Herz kannte, und deßwegen auch auf seine Einwilligung rechnete. Sie sagte deßwegen, ihn liebevoll ansehend:»Lieber Heinrich! dieses zu thun steht nicht mehr in meiner Gewalt. Denn damahls, als ich von der Welt verstoßen, von Gott aber so väterlich aufgenommen und so wunderbar erhalten wurde, sah ich mich ganz als Gottes Eigenthum an, glaubte ganz ihm anzugehören, und Habs mich auch völlig ihm übergeben. Feyerlich habe ich destivegcn versprochen, alle meine noch übrigen Lebenstage nur Jesu Christo meinem Heilande und Erlöser zu weihen, und ihm, der mich zwey Mahl erlöset, gerettet und erhalten hat, abgesondert von der Welt zu leben, und nur ihm und den? Himmel zu dienen. Es könnte und würde Euch also nie heilsam seyn, wenn Ihr Gott se-n angehöriges Eigenthum entziehen, und mich wieder bey Euch haben wollet; so wie es von mir der schändlichste Undank märe, wenn ich die großen, mir so wunderbar erwiesenen Wohlthaten Gottes vergessen, mein heiliges Versprechen zurück nehmen, und Euch in Euer Schloß folgen würde. Ich bitte Euch also um Gotteswillen, hindert mich nicht an der Erfüllung dieses heiligen Versprechens, sondern helfet mir durch Eure Einwilligung die großen bey Gott habenden Schulden bezahlen.« Diese Worte drangen dem guten Heinrich freylich wie ein Schwert durch sein Herz, doch aber konnte er keine Sylbe davon widersprechen; sie machten die fromme Jtha nur noch ehrwürdiger und schätzbarer in seinen Augen. Er erkannte in ihr ein würdiges Eigenthum Gottes, er wollte und durfte daher in die Rechte des Himmels nicht eingreifen. Seilte Antwort war:»So sehr mich dieses Versprechen schmerzet, so heilig und lobenswürdig finde ich es selbst. Von mir— von Eurem Heinrich verstoßen, suchtetJhr bey Gott Hilfe, und fandet sie wunderbar; Ihm wollet Ihr also leben und gehöret ihm, nicht mehr mein, deßwegen kann und darf ich Euch an der. Erfüllung Eures Versprechens nicht hindern. Aber die Errichtung einer bessern Wohnung an einem —»» 73—— bequemern Orte, die Besorgung deS nöthigen Unterhalts für Euch, damit Ihr Gott und Jesu Christo desto eifriger uud ungehinderter dienen könnet, dieses Wenige werdet Ihr Eurem Heinrich doch gestatten, der so gerne hundert Mahl mehr für Euch thun würde, wenn er nur könnte. Jrha wiederholte von Herzen erfreut die Worte des Grafen:»Ich kann und darf Euch an der Erfüllung Eures Versprechens nicht hindern,« und sagte weiter:»So wisset denn, lieber Heinrich! ich habe nicht in einer bessern Wohnung und bey besterm Unterhalt, sondern in einer schlechten einfachen Wohnung, an einem einsamen Orte, und bey meinem schon durch siebenzehn Jahre so gesegneten Aufenthalt Gott zu dienen, und abgesondert von der Welt, zu leben versprochen. Wenn Ihr mich also an meinem Versprechen nicht hindern wollet, sv müsset Ihr mich auch nicht hindern, in dieser schlechten Wohnung, an diesem einsamen Orte zu bleiben, und meine bisherige Lebensart fortzuführen. Und glaubet mir, lieber Heinrich! es kommt nur auf die Gewohnheit an, und man kann bey der einfachsten Nahrung und in der schlechtesten Hütte so vergnügt und zufrieden leben, als bey den köstlichsten Mahlen in den schönsten Pallästen. Ihr stellet Euch meine Lebensart nur so elend vor, weil sie Euch, da Ihr eine bessere gewöhnt seyd, sehr beschwerlich fallen müßte- Aber gerade so würde mir jetzt die Eurige nicht weniger beschwerlich vorkommen, da mein Magen an einfache Nahrung, und mein Körper an die einsame Lebensart gewöhnt ist. Ich bitte Euch also noch ein Mahl, lasset mich, wo und wie ich bin, und hindert mich nicht, meinem größten himmlischen Wohlthäter die schuldige Dankbarkeit an diesem einsamen Ort« noch fernerhin zu erzeigen.». Heinrich machte ihr zwar noch Gegenvorstellun- Schmid'e Jvgendsch. 3. Bd> Jtha. —— 74—« gen, so gut er vermochte, aber der Gedanke: eine so gute, liebenswürdige, heilige Gattinn habe ich so unschuldig verstoßen, ließ seine Augen nicht trocken werden, und machte sein Herz zu gründlichen Einwendungen unfähig.— Jtha bestand wiederholt auf ihrem Vorhaben, und da sie das schnelle Sinken des Tages bemerkte, so bath sie den Grafen, er möchte noch vor einbrechender Nacht den Rückweg antreten, damit er nicht irre gehe, und sicher und wohlbehalten das Schloß erreichen könne. Noch ein Mahl bath sie der Graf, und mit ihm auch der Jäger, sie möchte doch seinen gemachten Antrag nicht verschmähen; aber Jtha erwiederte, dieses stehe, wie sie gehört haben, nicht mehr in ihrer Gewalt, und hiemit schied man für dieses Mahl von einander, wünschte sich wechselseitig von Herzen eine gute Nacht, und Heinrich empfahl sich in ihre heilige Andacht und ging mit seinem Jäger, noch vielmahl zurücksehend, wieder nach Toggenburg. Sobald der Graf daselbst ankam, fragte er nach seinem Schloß-Capellan, um bey ihm Rath und Trost zu finden. Er war der erste, dem Heinrich diese seine wichtigste Herzensangelegenheit eröffnete. Noch am nähmlichen Abende erzählte er ihm, oft vom Weinen und Schluchzen unterbrochen, die ganze Geschichte der Jtha, erzählte ihm besonders rührend, wie sie ihm großmüthig verziehen, und ihn so liebevoll empfangen und aufgenommen habe; wie sie aber, was ihn besonders schmerze, fest entschlos- en sey, in ihrer bisherigen Wohnung einsam im Walde zu leben und zu sterben; was er ihr für einen Antrag gemacht, und wie er sie gebethen habe, ihn doch nicht zu verschmähen, wie sie aber immer standhaft bey ihrem Vorhaben geblieben sey. Er bath dann diesen seinen Capellan recht angelegen, auf Mittel zu denken, welche das harte Schicksal der gu- teil Gräfinn doch in etwas erleichtern, und ihm die erwünschte Gelegenheit verschaffen könnten, seiner Zrha die zugefügten Unbilden durch recht viele Wohlthaten wieder ersetze» zu können: er bath ihn endlich noch, am kommenden Tage mit ihm die Gräfinn zu besuchen, weil er glaubte, sein gründliches Vorwort werde die Gräfinn ehender zur Annahme seines Antrages bewegen. Der Schloß-Capellan sagte dieses und alles Andere mit vielem Vergnügen zu, stützte seinen Trost auf jene schöne Tröstungen der Gräfinn, und da die Mitternachtsstunde schon heran nahte, so bath erden Grafen, sich zur Ruhe zu begeben, und in einem guten Schlafe, den er ihm von Herzen wünschte, noch einige Erholung zu suchen. Heinrich gehorchte, schlief aber wenig, und sobald die Morgenröthe sichtbar war, verließ er sein Bett, suchte noch gute Kleider für die Gräfinn, weil sie ihn um solche gebethen hatte, und bereitete sich eiligst zur Abreise nach dem Wald». Auch der Capellan erschien bald, und voll Freude und Verlangen, die Gräfinn wieder zu sehen. Der Jäger, der die Kleider und einige Lebensmittel tragen mußte, war wieder Wegweiser, und sonnt verließen alle drey das Schloß in aller Früh, ohne daß die Absicht ihres Weggehens bekannt ward. Jtha, die diesen Besuch zum Voraus erwartete, war auch schon sehr frühe in ihrem Morgengebethe mit Gott beschäftigt, und gerade dainit zu Ende', als der Graf mit dem Schloß-Capellan und dem Jäger bey ihrer Hütte ankam. Sie wartete in derselben auf die verheißene bessere Kleidung, die ihr Heinrich sogleich übergab, und sobald sie angezogen war, trat sie hervor, grüßte und bewillkommte alle drey, besonders aber den Schloß-Capellan voll sichtbarer Freude. Heinrichs erste Frage war, ob sie gut ge- —»» 76»»» schlafen, und sich noch nicht anders entschlossen habe. Ihre Antwort war:»Geschlafen habe ich gut, aber entschlossen bin ich noch wie gestern; weil, wie Ihr schon gehöret habet, die Abänderung meines Entschlusses nicht mehr in meiner Macht und Willkür stehet.« Nun bath der Caplan die Gräfinn, ihm bestimmt zu sagen, was für einen Entschluß, und wie sie ihn gemacht habe, um ihren Einwendungen desto gründlicher begegnen zu können. Ztha voll Hochachtung gegen diesen ehrwürdige» Geistlichen, erzählte ihm dann genau, wie sie schon gestern dem Grafen erzählt hatte, und schloß mit den Worten: »Er werde nun selbst deutlich einsehen, daß sie ihr so feyerlich gemachtes Versprechen, ohne sich gegen Gott schwer zu versündigen, nicht mehr zurück nehmen könne.« Der Schloß-Caplan erwiederte nach einigem Nachdenken:»Es ist wahr, dieß Versprechen ist billig und lobenswürdig, es soll und muß auch heilig gehalten werden. Aber, ob es an einem andern Orte nicht eben so, und vollständiger gehalten werde» könne, möget Ihr, nachdem ich Euch meine Gründe vorgelegt habe, selbst entscheiden. Ihr habet versprochen, in der Einsamkeit Gott zu dienen. Einsam und allein könnet Ihr aber auch an einem andern Orte leben, wo Ihr naher bey Euer» Mitmenschen seyd, und ihre Hilfe im Falle der Noth auch erreichen könnet. Ihr und alle Menschen sind schuldig, das Leben als ein Geschenk Gottes so lange, als möglich, zu erhalten; denn je langer wir leben, desto länger können wir auch Gott dienen, und wie manche, ja die meisten Menschen waren in schweren Krankheiten allein zu Grunde gegangen, während dem sie durch die thätige Hilfe ihrer Nebenmen- schen wieder gerettet und erhalten wurden. Es ist Euch also nicht nur erlaubt, sondern es ist jetzt, 77— da Ihr es wohl thun könnet, Eure Pflicht, einen nah7r bey Euern Mitmenschen gelegnen Ort zu Euerm künftigen Aufenthalt zu wählen, damit Ihr dem lieben Gott desto länger dienen könnet.« »Und was denn eigentlich,« erwiederte ferner der Schloß-Capellan,»der wahre und löblichste Dienst Gottes sey, wisset Ihr als eine wohl unterrichtete Christinn so gut, als ich. Erinnert Euch nur an je- nen Vorfall in den heiligen Evangelien, wo erzählt wird, daß ein Mensch den Heiland fragte: Was muß ich thun, um das ewige Leben zu erlangen? und zur Antwort erhielt: Liebe Gott über Alles— dieses ist das erste und größte; liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst— dieses ist das zweyte und dem vorigen ganz gleiche Geboth. Erfüllst Du diese zwey Geborhe, so wirst Du das ewige Leben erlangen. Dieses wiederholte dann Jesus an vielen andern Orten, und sagte deutlich, daß die Werke der Nächstenliebe, die Werke der Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit, der schönste, der nothwendigste, der Gott wohlgefälligste Gottesdienst seyen, weil der himmlische Vater keine größere Freude habe, als wenn wir unsern Mitmenschen, seinen Kindern, recht viel Gutes erweisen. Alles dieses könnet Ihr, verehrtest-Gräfinn! hier nicht thun; wenn Ihr also Euer schönes Versprechen—nur Gott die noch übrigen Lage Euers Lebens zu dienen—halten wollet, so ist es wieder heilige Pflicht für Euch, dielen Ort zu verlassen, und einen solchen zu wählen, wo Ihr auch Euern Mitmenschen dienen könnet.« So wenig Heinrich gestern den Einwendungen der Jtha widersprechen konnte, so wenig konnte sie heute diesen gründlichen Vorstellungen zuwider seyn; denn sie waren auf das klare Wort Gottes gcstützet, was ihrem Herzen das Heiligste war. Heinrich sah ihre Verlegenheit mit wahrem Vergnügen; aber Jtha faßte sich und erwiederte:»So wahr ich Eure Worte finde, ehrwürdiger Priester! so habe ich mich Loch durch diese vielen Jahre schon so gewöhnt, nichts zu unternehmen, ohne mich vorher in herzlichem Gebeths mit Gott selbst zu berathen. Ich bitte Euch also, erlaubet mir auch dieses Mahl meine Zuflucht zu diesem meinem besten Rathgeber zu nehmen, und morgen sollet Ihr sodann Alles bestimmt erfahren, was ich, von ihm geleitet, zu thun entschlossen seyn werde.« Dieses bewilligte ihr der Schloß- Capellan mit Vergnügen, weil er so eines gewünschten Erfolges gewiß seyn konnte. Er schickte sich deßwegen auch bald wieder zur Rückreise an, damit sie desto eher und ungehinderter dieses heilige Geschäft vornehmen könne. Obwohl Heinrich die Jtha nicht gerne so frühe wieder verließ, so wollte er doch nichts dagegen einwenden, war aber dafür desto früher schon wieder am andern Morgen mit seinen beyden Begleitern auf dem Wege, und fand zu seiner größte» Freude die Gräfinn entschlossen, den bisherigen Aufenthalt zu verlassen. Nicht schnell genug konnte er fragen, wo sie künftig zu leben wünsche, und wohin er ihr eine ordentliche bequeme Wohnung bauen sollte. Jtha, die auch dieses schon in der Beschäftigung ihres Herzens mit Gott wohl überlegr hatte, bestimmte die Au, unweit dem Kloster Fischingen, zu ihrem künftigen Aufenthaltsorte; dort in der Wiese, bey der Muttergortes- Capelle am Hörn- lrin, wünschte sie künftig zu wohnen, sagte aber dem Grafen Heinrich zugleich bestimmt, daß sie nur dann sein Anerbiethen annehmen werde, wenn er ihr nicht eine schöne, bequeme, sondern nur eine kleine nothdürftige Wohnung errichten würde. Heinrich versprach ihr dieses, obwohl er lieber viel mehr —. 79— aetbai, hatte, und der Schloß-Lapellan verbürgte K, dafür zu sorgen, daß chr Wunsch vollkommen "^Auch gute, kräftige Nahrungsmittel wollte si- gerne imd dankbar von dem Grafen annehmen, aber mit dieser bestunmken Bitte, wenn^ schlechter» begnügen, und diese bcffern d-n Annen, Kranken, Nothleidenden zutheilen wolle, daß sie daran nun und niemals"dert werd^ A nung, daß sie Nicht durch zu viele StrenM-chrem Rörßer zu sehr schwachen, sondern rhn durch nahrhafte Speisen starken, und ihr Leben recht lange zu erhalten suchen solle. Endlich hatte Jcha noch diese und zwar angelegenste Bitte:»Wenn ihre Wohnung>n der Au hergestellt und zu ihrer Aufnahme bereitet seyn rvcr- de/ so solle sie nur der Graf mit den. Schloß--Ca- pcllan, dem Jager und etwa noch euren Knappen, die ihre wenigen Gerarhschaften und ihren Vorrath an Nahrung rmtnehmen mochten, dorthin fuhren, und den Tag ihrer Uebersiedlung kerne»! ernzrgen andern Menschen bekannt machen, weil sie»r der Wclr kein Aufsehen machen, sondern nur rn aller Stille Gott und künftig auch ihren Manien,chen dienen wolle. Auch dieses mußte ihr von dem Grafen feyerlich versprochen, und vom Herrn Schlosi- Capellan bestätiget werden, so sehr ßch anfänglich beyde widersetzten. Und somit war das Wichtigste in Ordnung und Heinrich hatte rmt Hilfe des Herrn Capellans seine Absicht so ziemlich erreicht. Noch ein besonderes Bedürfnis; fühlte relzt dre fromme gottselige Jtha. So sehr sie sich bisher in der geistlichen Vereinigung mit Jesu Christo ihrem Heilande selig und zufrieden fühlte, eben so sehr wünschte sie jetzt auch wieder ein Mahl stchtdar lN ^0 dem allerheiligffen Altarssacramente mit ihm vereiniget zu werden, und vorher noch durch das heilige Buße ihre Seele von allen anklebenden Makeln und Fehlern zu reinigen. Sie eröffnete dleftn ihren herzlichen Wunsch dem Schloß-Capellan ,n Gegenwart des Grafen, und bath recht angele- ^fullunZ desselben zu verhelfen, was '"e?«'.'t Maßte,n Vergnügen zusagten, und ?» diesem Tage die Beicht KH» r»»nEwnio»r-emPfangen könne. Die Engel im Himmel können nicht zufriedener seyn im Genusse der ewigen Seligkeit, als Jtha bey diesem Antrage war, indem sie sogleich einwilligte, und sich deßwegen längere Zeit in ihrer Hütte zur heiligen Beicht vorbereirete, wahrend dem der Capellan, der Graf und der Jäger sich entfernten, und sie ihrer Andacht überließen, bis sie endlich den Capellan zu dieser heiligen Handlung zu sich rief. Mit eben so heiliger Andacht empfing sie am folgenden Tage in aller Frühe das allerheiligste Sacrament des Altars in Gegenwart des Grafen und des Jägers, welche den Herrn Capellan mit dem Allerheiligffen wieder zu ihr begleiteten, und sie fand in ihrem Heilande eine so reichliche Quelle des himmlischen Segens, daß die schönen heiligen Wirkungen in ihrem Angesichts, und in ihrem ganzen Thun und Lassen sichtbar waren, und alle drey Zeugen dieser'heiligen Handlu'ng eine verklärte Heilige Gottes zu sehen glaubten. Nun wollte man sich dieses Mahl länger aufhalten, Heinrich und der Capellan wollten Jtha's Wohnung in ihrem Innern sehen, und auch ihre Nah- rungsmittcl kennen lernen. Jtha öffnete also ihre Hütte, in die sie nur init vieler Mühe hinein kommen konnten. Da sahen sie denn erst das vollkom- «»>>» 81»»» mene Bild der wahren Dürftigkeit. Ein schlechtes Mooslager, das unter Tags auch zum S'tz diente, Mit ein Paar ziemlich ordentlich gemachten Decken, ausgehöhlte Holzstücke zu Trinkgeschirren, mehrere größere Körbe und Rindenbehältnisse für die Nahrung, und ein Paar sehr kleine ordentliche Korb- lein war Alles, was sie in der Hütte fanden. Das Kreuz, welches Heinrich an der Wand erblickte, flößte ihm mehr Ehrfurcht und Hochachtung ein, als vor- fronen moeruen SiuUssr- Bildern in seiner Schloß-Capelle empfunden harte, und auf den Knieen dankte er vor selbem demjenigen, der es durch sein Blut geheiliget, durch seinen Tod attchAhnr^Oerzrthllu^ seiner Sünden zugesichert, und die fromme Jtha so wunderbar beym Leben er- halten hat. Jtha übergab ihm dann, und dem Herrn Ca- pellan, der nicht weniger gerührt war, in einem der schönen kleinen Körbchen auch etwas von ihren gewöhnlichen Nahrungsmitteln, und besser als tue kostbaren Speisen aus dem Schlosse schmeckten ihnen heute die schlechten Beeren aus der schätzbaren Hand der srommen Jtha, die Heinrich jetzt nicht mehr bloß, wie vorher, herzlich liebte, sondern sie mit heiliger Ehrfurcht und größter Hochachtung wegen ihrer unüberwindlichen Tugend und reinsten Unschuld schätzte und verehrte. Noch hundert verschiedene Sachen hatten Beyde von Jtha zu fragen, und L, der Graf die Geschichte, wie der unschuldige Kuno den Ring erhielt, wußte, so wollte er auch erfahren, wie er der Gräfinn geraubt wurde. Sie erzählte ihm Alles, und Alles stimmte zusammen; sie sagte aber im Verlauf der Erzählung, wider ihre äbsicht, ein Wort, das den Ca- pellan aus eine frühere sonderbare Geschichte mit Do- miniko aufmerksam machte. Sogleich bath er um Er- **** 82 Mr-ling derselben, und Jtha's Verlegenheit, die das Dose ihrer Mitmenschen gerne verborgen hätte, ließ etwas Besonderes erwarten; sie wurde also bestimmt aufgefordert, Alles zu erzählen. Aus Hochachtung gegen die Befehle des Capelians that sie es, und erst jetzt konnten sich beyde den großen Haß des lasterhaften Donnniko gegen Jcha und Kuno erklären, und Jthas überaus große Tugend und Unschuld wurde ihnen immer verehrungswürdiaer»»!> schätzbarer. Unvermerkt rückte die Sonne wieder ihrem Untergang naher, und nur die sorgfältige Jtha bemerkte ihr schnelles Sinken. Sie erinnerte ihre lieben Gaste an ihre Rückkehr, uns bath sie, die noch übrige Togesheue zu benutzen, damit sie nicht irren, sondern sicher und wohl auf Toggenburg ankommen können. Alle drey sahen das Wohlwollen dieser herzlichen Bitte, und so gerne sie noch länger geblieben wären, schickten ssie sich doch zu ihrer Rückreiw an.^ Noch vorher bath der Graf diesJtha um Erlaubniß, sie während der Zeit, als ihre Wohnung gebaut werde, noch einige Mahl besuchen zu dürfen, und erhielt sie auch; worauf er ihr dann versprach, sie nie anders, als mit den, Herrn Capellan, von dein Jäger begleitet, izu besuchen, was sowohl die Gräfinn als seine Begleiter v°n Herzen freute. Nun empfahlen sie sich noch ihrem heiligen Gebethe, und kehrten.getrost wieder nach Loggenburg zurück. Achtzehntes Capitel. I sh a bezieht bald ihre neue Wohnung. Gleich nach seiner Zurückkunft befahl Heinrich der'ganzen Dienerschaft, sich in dem großen Saale ^ 83 des Schlosses zu versammeln, und eröffnete selbst allen die glückliche Entdeckung derDräfinn, sagte ihnen, daß sie noch lebe, und mit Thränen in den Augen, daß sie unschuldig und ungerecht von ihm verstoßen, aber wunderbar von Gott gerettet und erhalten worden sey. Freudenthränen glänzten in den Augen aller Anwesenden, währenddem Heinrich auch sie alle von Herzen um Verzeihung bath, daß er ihnen durch seine so strafbare Uebereilung so manchen großen Kummer und bittere Sorgen verursacht habe. Dann bestimmte er mehrere, die am folgenden Tage diese frohe Nachricht in der ganzen Grafschaft und besonders auch im Kloster Fischingen bekannt machen sollen. Noch besonders wurden einige Knappen zur Uc- berbringung dieser freudigen Nachricht nach Kirch- berg beordert, mit dem ausdrücklichen Befehle, so viel möglich zu eilen, damit diese frohe Bothschaft auch dort dem großen Herzenleid wegen der unglücklichen Jtha^ und der Schande, die deßwegen auf diese Familie fallen mußte, ein Ende machen möge. Nach Kirchberg wußte Heinrich nichts anders beyzusetzen als sein Verfahren sey zwar unverzeihlich, aber die gute Jtha habe ihm großmüthig vollkommen verziehen, deßwegen bitte er lind hoffe auch von ihnen Verzeihung, und erwarte alles dieses bey einem baldigen Besuche mündlich von ihnen selbst zu hören. Alles eilte am frühesten Morgen fröhlich vom Schlosse, um die Befehle des Grafen recht bald und pünctlich zu erfüllen, weil Alle wohl wußten, daß ihre Bothschaft überall unnennbare Freude verursachen werde. Heinrich schickte sodann in aller Frühe nach einem guten Baumeister, mit dem Auftrage, daß er recht bald mit mehreren Zimmerleutcn in der Au eintreffen möge. Auch mehrere Arbeiter ^ 81>»»» wurden dahin geschickt, wo Heinrich bald selbst eintraf, dem Baumeister seine Absicht eröffnete, ihm den Platz, die Größe und Beschaffenheit der künftigen Wohnung für die Gräfinn bestimmte, und ihn und alle Arbeitsleute dringend bath, sie möchten eilen, so viel sie könnten, und dafür auf eine reichliche Belohnung von ihm sicher rechnen. Schon die bloße Nachricht, die Gräfinn lebt, und hier sollen wir ihre künftige Wohnung bauen, war hinreichend, den Baumeister und alle Arbeitsleute mit doppeltem Eifer und Fleiße zu beleben; aber doch trug die meistens persönliche Gegenwart und sichtbare Theilnahme des Grafen nicht weniger zur baldigen Vollendung dieser kleinen Wohnung bey. Die wenigen Besuche, welche Graf Heinrich mit dem Herrn Schloß-Capellan und dem Jager der Jtha machte, dauerten nie lange, weil er sie gerne recht bald in ihrer neuen, bessern Wohnung gesehen hatte, und immer fürchtete, die Arbeit möchte in seiner Abwesenheit nicht schnell genug vorwärts gehen. Und er brachte eS wirklich durch seine Theilnahme dahin, daß diese neue Wohnung noch vor einem Monathe und bis zur Ankunft dcr Kirchberger, die zugleich mit den Bothschaftern auf Toggenburg eintrafen, ganz vollendet da stand. Schon früher sorgte Heinrich dafür, daß ein ordentlicher Garten bey der Wohnung angelegt, und so viel es in dieser kurzer Zeit geschehen konnte, auch angepflanzt wurde. Dann ließ er auch frische Samen der besten Gemüsarten in der Wohnung ^ssi^rlegen, und einen schönen Vorrath der besten stärkenden Nahrungsmittel dahin bringen, damit Jtha in dielen Nahrung und Starke für ihren Körper, und durch Wohlthun gegen Arme und Äoth- leidende auch Nahrung für ihre fromme Seele finden möge. Auf die erste Nachricht von der Ankunft der Kirchberger eilte der Graf erschrocken nach dem Schlos- se, weil sich sein Herz kaum getraute, etwas anderes, als bittere Vorwürfe von ihnen zu erwarten. Er warf sich zu ihren Füßen, bath sie von Herzen um Verzeihung, die er freylich nicht verdient habe, und fand die Kirchberger wider alles Verhoffen beynahe eben so zuvorkommend, als Jtha selbst war. Sie versicherten ihn ihrer vollkommenen Verzeihung, hoben ihn auf, und dankten ihm von Herzen für diese sobald ertheilte frohe Nachricht, die ihnen willkommener alS Alles in der Welt gewesen sey. Jetzt war die erst^Frage, wann sie denn ihre liebe Jtha sehen könnten, und Heinrich, dem die Befehle der Jtha das Erste und Wichtigste waren, entfernte zuerst alle bis auf den Schloß-Capellan und den Jäger, dann sagte er ihnen, daß ihm ihre Ankunft um so viel erwünschter sey, weil er den morgigen Lag zu ihrer Uebersiedlung in ihre neue Wohnung bestimmt habe, und sicher glaube, er werde ihr keine größere Freude machen können, als wenn sie auch ihre lieben nächsten Anverwandten an seiner Seite erblicken, und in ihrer Begleitung den Weg zu ihrer neuen Wohnung antreten könne. »Zwar hätte er,« fuhr er fort,»gerne größere und herrlichere Anstalten zu ihrer Ueberführung gemacht; aber Jtha, fromm, tugendhaft und demüthig ohne ihres Gleichen, habe ihm Alles dieses bestimmt untersagt, und ihn dringend gebethen, nur mit dem Schloß-Capellan, dem Jäger, der sie entdecket, und noch einem Knappen, sie in dem Walde abzuholen. Und weil er sie in seinem Leben nie mehr beleidigen, und alle ihre Wünsche nach Kräften erfüllen möchte, so habe er diesen Tag —— 86—— noch keinem Menschen eröffnet, als ihnen, indem er versichert sey, daß ihre Gegenwart sie gewiß recht herzlich erfreuen werde.« Heinrich erzählte und konnte nicht genug erzählen von der großen Frömmigkeit und den schönen Tugenden der Jcha, und die Kirchberger konnten ihm nicht aufmerksam genug zuhören, bis endlich der Schloß- Capellan Alle erinnerte, daß es schon auf Mitternacht gehe, und Zeit zur Ruhe sey, und so dem Gespräche ein Ende machte. Jtha dankte während dieser Zeit beynahe ununterbrochen dem allmächtigen Gott und besten Va- ter im Himmel, daß er das Herz des guten Heinrichs zur Beförderung ihres^heiligen Versprechens so geneigt gemacht, und ihr so schöne Gelegenheit verschafft habe, ihm in Zukunft desto eifriger und wohlgefälliger dienen, und ihren Mitmenschen recht viel Gutes erweisen zu können; sie dankte ihm, daß er für ihre späteren Lebenstage, wo sie vielleicht Alters und Schwäche h-lber ihre Nahrung selbst zu erwerben unvermögend seyn würde, wieder so väterlich gesorgt habe, und freute sich dann noch besonders, daß Heinrich ihre eifrige Bitte, sie nur niit dem Herrn Capellan, dem Jäger und noch einem Knappen nach der Au zu führen, so bestimmt zugesagt habe. Aber so genau auch Heinrich diese seine Zusage erfüllen wollte, so war es doch im Himmel ganz anders beschlossen. Dieser Tag sollte ein Festtag seyn, weil sich Gott in der Verehrung und Verherrlichung der Tugend selbst verehret und verherrlichet findet, und gerade dadurch die Tugend in ihrem heiligen Eifer zu stärken, und alle Guten zur eifrigen Nachahmung zu bewegen suchet. So sehr auch Heinrich sein Vorhaben verbarg, so fanden sich doch am frühen Morgen, als er mit — 87— den Kirchbergern und seine» Begleitern das Schloß Toggenburg verließ, am Eingänge des Waldes schon mehrere Menschen ein, die mit ihnen den nähmlichen Weg forteilten, und in ihrer fröhlichen Eile für ihre fromme Ahnung, daß Jtha heute nach der Au geführt werde, volle Gewißheit fanden. Immer Mehrere sahen sie von allen Seiten ihnen vor- und nacheilen, und Viele fanden sie bey ihrer Ankunft schon in einer kleinen Entfernung von Jtha's, Hütte versammelt, weil sie die fromme Gräfinn in' ihrer Hütte mit Gott beschäftiget glaubten, und sie in ihrer Andacht nicht stören wollten. Aber sobald sie den Grafen mit seinen Begleitern hinzu eilen saheM so strömten alle mit ihnen dahin, um die gute Gräfinn wieder einmahl zu sehen, um sie herzlich grüßen und ihr zu ihrer nahen Erlösung aus ihrem Elende Glück wünschen zu können. Man denke sich die Freude der Jtha bey dem so unerwarteten Besuche ihrer Blutsverwandten, und die große Freude der Kirchberger, als sie die fromme Jtha wieder sahen; keines konnte reden, Thränen der Freude erstickten ihre Worte, beym ersten Anblicke fanden sie AlleS vollkommen bestätiget, was ihnen Heinrich Schönes von ihrer Jtha erzählt hatte, und Alle, die sie erblickten, sahen in Jtha's Angesichte die schönste Anmuth der Tugend, und das vollkommene Bild der wahren Unschuld und Heiligkeit sichtbar hervor leuchten. Keines aus allen konnte sie mit trocknen Augen ansehen, denn Alle waren durch ihr bisher geführtes armseliges Leben im Herzen gerührt, und weinten vor herzlicher Freude über ihre baldige Erlösung, und Jtha's Hände, welche die Liebevolle und Sanftmüthige Jedem huldvoll entgegen reichte, wurden von tausend heißen Thränen der Freude und Theilnahme benetzt. Nicht genug konnte man sie 88 sehen, nicht genug bewundern, nicht genug ihre au- murhsvollen Worte hören, die, wie ihr Herz, alle auf Gott gerichtet waren.Kaum konnten ihre Anverwandten sich in ihrer Nähe erhalten, und nur einige Worte mit ihr reden, denn Alles drängte sich hinzu, und Jedes wollte noch näher bey ihr seyn. So war jetzt die gute Jtha, die diesen Wald, von der Welt verstoßen und von allen Menschen verlassen. armselig und elend bezog, von ihren nächsten Anverwandten und sehr vielen Menschen umgeben, die auf Veranstaltung des Himmels voll Jubel und Freude sie aus demselben nach ihrer bessern Wohnung in der Au begleiten wollten. Nachdem nun die Kirchberger Jtha's schlechte Hütte und ihre armseligen Geräthschaften ein wenig betrachtet hatren, brachte Jtha diese letzteren und ihre noch übrigen schlechten Nahrungsmittel hervor, vnd wollte sie Heinrich's Knappen zum Tragen über- gebe«. Aber hundert dienstfertige Hände wurden ihr dazu entgegen gestreckt; denn Jedes wollte für sie etwas thun, für sie erwas zu tragen haben. Endlich holte sie noch ihr hölzernes Kreuz, das ihr so manchen schweren Kummer benommen, und durch den, der an selben zum Heile der Welt sein Leben geopfert, so manchen himmlischen Trost gebracht hatte; sie nahm es, dankbar zum Himmel blickend, in ihre Hände, wendete sich nochmahls mit Thränen in den Augen gegen ihre Hütte, dankte dem Himmel für diesen von ihm so gesegneten Aufenthalt, und verließ dann mit Heinrich, den Ihrigen und allen Anwesenden, ihre durch siebenzehn Jahre bewohnte Hütte. Selbst die unschuldigen Vögel, die sich so zahlreich, wie bey ihrer Ankunft, wieder um Jtha versammelten, halfen dieses Freundenfest verherrlichen. Von nahen uud fernen Bäumen und Hecken stimmten — 89—» sie froh ihre sanften Töne in den Jubel des Volkes ein, gerade, als wenn auch sie der Gräfinn von Herzen Glück wünschten, und sich ihres künftigen Glu- ckeS freuten. Fröhlich schwangen sie sich durch die Lüfte, und begleiteten den festlichen Zug, den letzt der Jäger, so gut er konnte, durch die beste Gegend des Waldes, und endlich auf einem etwas bequemeren Weg der Au zuführte.^, Immer mehrere Menschen kamen von allen Werten herbey, und selbst die ältesten Greise sah man gestützt auf ihre Kinder oder Enkel dem Zuge entgegen wanken, um ihre Gräfinn noch einmahl zu w' he^ Auch sie weinten den Kindern gleich, wenn ihr matt sehendes Auge die holde demüthig- Jtha mtt dem hölzernen Kreuze in den Händen erblickte. Voll Freude dankten sie laut den, Allmächtigen für diesen schönsten Augenblick ihres sinkenden Lebens, ermähnten ihre Kinder und Enkel zur Tugend und Frömmigkeit, indem sie mit dem zitternden Finger aut Jtha hinzeigten, und hundert heilige Vorsätze wurzelten heute in den Herzen so vieler Menschen, wah- rend dem endlich der Zug unter Zubel und Freuden* thränen der Au näher rückte. Die Arbeitsleute errichteten ungeheißen noch all» nähmlichen Morgen einen schönen grünen Triumphbogen vor Jtha's, neuer Wohnung, und herrlich tonte der Glockenschlag von der Mutter Gotres-Cap-lle den Ankommenden entgegen, die kaum zu dieser Wohnung, wegen den vielen versammeltenMenschen durchkommen konnten. Sobald Jtha dieselbe erreichte, bezeigte sie allen Anwesenden durch eine tiefe Verbeugung den herzlichsten Dank für die großen erwiesenen Ehrenbezeigungen, und begab sich dann mit dem Grafen und den Ihrigen in ihr kleines Wohnzimmer, um da ein wenig ausruhen zu können. Ein kleiner Verweis war das erste, das den Schmid'sJugendsch.Z.Bd.Jtha. 8 90 Grafen traf, weil Jrha glaubte, diese Feyerlichkei- ten seyen auf seine Veranstaltungen geschehen; aber Heinrich konnte sie leicht vom Gegentheile überführen, und somit war alles fröhlich und zufrieden. Eine kleine Erfrischung stand schon in der neuen Wohnung bereitet; aber Jtha, Liefest entschlossen war, bey ihrer bisherigen Nahrung zu bleiben, so lange sich ihr Körper gesund und stark dabey befinde, begnügte sich mit einem frischen Trunk Wasser aus der nahe gelegenen Brunnenguelle, und einer Handvoll gedörrter Heidelbeeren. Den ganzen übrigen Tag unterhielt man sich mit der schönen Geschichte dieses festlichen llebcrganges, die sich immer wieder erneuerte, indem den Tag hindurch noch viele Entferntere ankamen, damit auch sie ihre Gräfinn sehen, und sich, von ihrer wunderbaren Erhaltung sichtbar überzeugt, recht herzlich freuen könnten. Noch bey der Abenddämmerung saßen Alle in fröhlichem Gespräche vertiefet beysammen; aber jetzt erinnerte sie Jrha im feyerlichen Ernste an das sie bindende Versprechen, und bath den Grase», den Herrn Capellan und die Ihrigen, sie möchten sie jetzt bald verlassen und in Zukunft mit keinen Besuchen mehr stören, weil sie der Welt gleichsam abgestorben Ich, und in Einsamkeit ihre Tage zu verleben fencr- lich versprochen habe, und deßwegen nur im stillen Umgänge Mit Gott ihre Unterhaltung suchen dürfe. Nur dann, wenn eines oder das andere glaube, daß sie ihm einen Liebesdienst, eine Wohlthat erweisen könne, sollen sie getrost bey ihr zusprechen, weil sie nebst Gott und Jesu Christo künftighin besonders auch ihren Mitmenschen dienen wolle, und ihnen unter diesen am ersten zu dienen schuldig sey; sie forderte Alle auf, ihr dieses fcyerlich vor Gott zu versprechen, was denn auf Zuthun des Schloß-Capel- lans auch wirklich und eidlich geschah. — 91— Dann bath sie noch den Grafen, er möchte ihr öfters durch eine ihrer früheren Kammerjungfrauen, die sie ihm bestimmt angab, einige Nahrungsmittel, und auch wenn er könnte, Wolle, Faden und dergleichen zusenden, damit sie den Armen und Noch- leidenden ihren Hunger stillen, und bisweilen einem Dürftigen ein Kleidungsstück verschaffen könnte. Heinrich sagte ihr, daß er zum Theile schon für Alles dieses gesorgt habe, und fernerhin ihre frommen Wünsche vollkommen erfüllen werde. Und somit schieden der Graf, der Schloß-Capel- lan, die Kirchberger, die nun ihre Jrha wieder unschuldig, an einem guten Orte und zufrwden wußten, am spaten Abende von der frommen Gräfinn. Jtha versprach für Alle zu bethen, und bath Alle auch um ihre Fürbitte;»dort oben,« sagte sie, indem sie ihre nassen Augen zum Himmel erhob,»werden wir uns auf ewig wieder und bald wieder sinken, indessen lebet Alle recht wohl-«—»Lebet wohl, fromme Jrha!« riefen ihr Alle im kläglichen Tone entgegen, und schieden von ihr auf dem Wege nach Toggenburg, von woher sie noch mehrmahls ihr lautes Schluchzen wahrnahm, während dem sie Alle durch eifriges Gebeth dem Schutze des Allerhöchsten anbefahl. Heinrich, durch Jtha's heiliges Beyspiel aufgemuntert, widmete seine noch übrigen Lebenstage der Frömmigkeit und Gottesfurcht, suchte daS Versäumte durch verdoppelten Eifer in allem Guten wieder einzubringen, soll aber nach wenigen Jahren, das Zeitliche segnend, der Jtha in ein besseres Leben voraus gegangen seyn. Lerm?ehrttes TsMLl. Der Jkha gottseliges Lebern in der Au- Nachdem Jtha die Nacht über ein wenig geruhet hatte, fand sie das kommende Morgenroth schon mit der Morgenandacht beschäftiget, und wie sehr freute sich ihr frommes Herz, als sie bey anbrechendem Tage in ihrem kleinen Zimmer ein schönes Crucisir, ein anmuthiges Marienbild und die Bildnisse mehrerer Heiligen erblickte. Diese waren ihr dann, was sie jedem Christen seyn sollten, die Leiter, auf der sich ihre unschuldige Seele in heiliger Andacht zu Gott erhob; ihre Augen waren auf die Bildnisse, ihr Herz aber auf Gott und diejenigen gerichtet, welche die Bildnisse vorstellten. Nicht genug konnte sie der göttlichen Vorsehung danken, daß sie ihre menschliche Schwachheit immer so väterlichweise zu unterstützen suche. Eine besondere Freude machte ihr auch das an ihrer Wohnung schon so ordentlich angelegte Gärt- chen; da, dachte sie, kann ich meinen Unterhalt größte« Theils selbst besorgen, und recht viele von Heinrichs wohlthätigen Gaben zur Unterstützung meiner Mitmenschen verwenden. Sie bath noch besonders den lieben Gott, daß er sie immer mehr und besser mit den Pflichten gegen ihre Mitmenschen bekannt machen, und ihr alle Mittel, selbe getreu zu erfüllen, an die Hand geben wolle. Denn sie wußte wohl, daß— den Armen und Nothleidenden beybringen, Witwen und Waisen unterstützen, die mit Leiden und Widerwärtigkeiten Geplagte trösten, und den Hiifbedürftigen Hilfe leisten— daß die Ausübung dieser Werke die heiligste, Gott wohlfälligste Andacht sey, und sie lernte diese schönsten Werke der Liebe des Nächsten, diesen herrlichsten Gottesdienst *** 93 in ihrer Einsamkeit weit höher schätzen, als sie die- ses auf dem Schlosse Toggenburg nie gelernt haben würde.. Denn damahls, als sie im Walde die quälenden Leiden des Hungers das erste Mahl fühlte, und in der Menge schöner Erdbeeren undHeidelbeeren so reichliche Sättigung fand, damahls dachte sie in ihrem dankbaren Herzen:--Wie gut ist doch die schlechteste Speise dem Hungrigen, wie großen Werth muß jenes Werk der christlichen Barmherzigkeit—die Hun- gerigen speisen— in Gottes väterlichen Augen haben, und wie leicht hatte ich noch so manchem Dürftigen diesen brennenden Schmerzen durch eine gute Gabe lindern können, wie ihn der gütige Gott mir heute gestillt hat?— Und wenn sie durstig an ihrer Quelle daS frische Wasser aus der chohlen Hand, oder ihrem hölzernen Trinkgeschirre einsürfelte, erinnerte sie sich dankbar an die schönen Worte deS Heilandes:»Kein frischer Trunk Wasser, einem Durstigen gereicht, wird unbelohnt bleiben;» und wie dankbar erkannte jel-t ihre fromme Seele die Wahrheit dieses göttlichen Ausspruches! Alle diese schonen Gedanken erwachten jetzt wieder auf einmahl in ihrem tugendhaften Herzen, als sie den schönen Verrath der von Heinrich herbey geschafften stärkenden Nahrungsmittel erblickte, und sie erweckten in ihr den schonen Vorsatz, AlleS dieses zur Unterstützung, zum Trost und zur Freude ihrer Mitmenschen zu verwenden, und sich selbst, so lange sie im Stande sey, ihren nöthigen Unterhalt zu sammeln und zu bereiten. Sie sammelte deßwegen in der An wieder viele Erdbeeren, Heidel- undSchle- henbeere, und lebte von diesen und den Erzeugnissen ihres Gartchens, das sie sehr fleißig und ordentlich bearbeitete, und war jetzt weit mehr, als vorher auf ihrem Schlosse, durch ihre vielen und großen Wohl- —«» 94 thaten eine wahre Mutter für die ganze umliegende Gegend. Sie war die Stütze der Armen, die Trösterin» der Leidenden, die Hilfe der Dürftigen, und besuchte oft selbst nahe gelegene arme Kranke, bereitete für sie stärkende Speisen, und vergaß sich oft selbst im Dienste für Andere. Sie kannte kein größeres Vergnügen, als recht viele Thränen getrocknet, recht viele Leidende getröstet, lind recht vielen Dürftigen geholfen zu haben. Viele Stunden widmete Jtha auch in der Au der stillen heiligen Andacht, und dein herzlichen Gebethe, in welchem sie oft im Geiste zu Gottes herrlichem Throne aufstieg, und vereiniget mit den seligen Himmelsbürgern sich dem Ewigen in Dank, Lob, Preis und Anbetbung opferte. Außer diesen Andachtsstunden aber waren ihre Hände immer nützlich beschäftiget, und kein Augenblick ging vorüber, wo sie nicht das Nothwendige für sich, oder etwas Nützliches für Andere arbeitete. Und da immer mehrere Nothleidende, Trost-und Hilfebedürftige zu Jtha ihre Zuflucht nahmen, und ihr, außer der Morgenstunde, den ganzen Tag wenig oder gar keine Zeit zur stillen Andacht übrig blieb, durch die sie immer wieder selbst höhere Stärke und göttliche Hilfe suchen mußte, so widmete sie jetzt einen großen Theil der nächtlichen Stunden dieser he.ligen Andacht. Jtha genoß nur einen kurzen Schlaf, und weil sie in dem frommen Beyspiele Anderer ihren Eifer zur Andacht gestärket und vermehrt fand, so begab sie sich oft um Mitternacht in die nicht gar weit entlegene Kirche des Klosters Fischingen, wo die dortigen Benedictiner-Mönche ihre Metten betheten, und durch das vielstimmige Gebeth, und den herrlichen Chorgesang die heiligsten Gesinnungen in ihrem Herzen weckten. Ihr frommes Herz fühlte mit, obwohl 9Z»»» ihr schwacher Verstand die Worte nicht fassen konnte: und deßwegen stimmte ihr Geist ganz in die Anbe- rhung und das Lob Gottes jener frommen Ordens- Mannerein, und empfand auch mit ihnen den reichlichen Zufluß der göttlichen Kraft, deS himmlischen Trostes; und von diesem erfüllet, eilte sie am frühen Morgen wieder fröhlich der Au zu. Viclmahl soll sie in finstern Nachten ein Hirsch auf diesem Wege geleitet, und ein himmlisches Licht aus seinen Geweihen ihr vorgeleuchccr haben. Denn der Himmel leitet den Tugendhaften, beschützet die Seinigen, und sein Licht leuchtet den Frommen auf dem Wege der wahren Tugend, und entzündet noch mehr die fromme Seele zur brennenden Liebe Gottes, in der sie sich>m Geiste mit Gott selbst vereiniget. Keinen Tag ließ Zrha mehr vorübergehen, ohne der heiligen Messe beyzuwohnen, in welcher sie sich bey dem Evangelium an das göttliche Wort, an die heilsamen Lehren Jesu erinnerte, bey dem Offer- torium sich mit Jesus Christus dem himmlischen Vater opferte; bey der Wandlung die größte Liebe Gottes und Jesu Christi in unserer Erlösung betrachtete, und in dem heiligsten Opfer des wahren Fleisches und Blutes Jesu Christi in tiefster Demuth anbe- thete, und sich denn bey der heiligen Communion geistlicher Weise mit ihrem liebevollsten Heiland vereinigte. Fühlbar war ihrem Herzen sodann am Ende der heiligen Messe der Segen Gottes durch die Hand deS Priesters, und von diesem begleitet, ging sie endlich zu ihrer gewöhnlichen Arbeit. Jtha lebte also wieder wie vorher ganz für Gott und Jesus Christus, suchte aber jetzt besonders in der eifrigen thätigen Liebe zu ihren Mitmenschen Gott ihrem Vater und Jesu Christo ihrem Heilande zu dienen und zu gefallen, und dadurch sich die Gegen-? S6 liebe Gottes und den nöthigen Antheil an den Verdiensten ihres ErloserS zu erwerben. Jene heiligen Worte:»Was ihr immer einem, auch dem Mindesten eurer Mitmenschen thut, das sehe ich an, als ob ihr es mir selbst gethan habet,« waren die Triebfedern aller ihrer Handlungen, die nicht menschliche Hochachtung suchten, sondern nur die Verherrlichung des heiligsten Nahmens Gottes befördern wollten. Lwamigsirs GADiiel. Jtha geht in das Frauerrklsster bey Fisch in gen. Mehrere Jahre brachte die gottselige Jtha in der Au zu, als eine wahrhaft fromme Dienerinn Gottes im Dienste der Menschen, seiner Kinder. Immer weiter verbreitete sich der Ruf ihres heiligen Lebens, und immer mehrere Menschen suchten Trost, Nath, Hilfe bey ihr, und besuchten sie deßwegen in ihrer Wohnung; und Alle, die sie besuchten, fanden mehr, als sie zu finden glaubten, denn ihre Demuth, ihre Sanftmuth, ihre herzergreifenden Lehren und Ermahnungen, ihr segcnvoller Trost, ihre mütterliche Hilfe übertrafen alle Erwartung. Jedermann mußte sie ehren und hochschätzen, der sie nur ansah, und allgemein wurde sie jetzt schon für eine wahrhaft heilige Dienerinn GorteS gehalten. Bey dem Kloster Fischingen stand damahl, wie in frühern Zeiten bey den meisten Mannsklöstern, auch ein Frauenkloster, welches zur selben Zeit mehrere fromme andächtige Frauen bewohnten- Täglich sahen diese die fromme Jtha in der Klosterkirche, bemerkten zur eigenen Erbauung ihre heilige Andacht, welche auf Gott gerichtet, durch keinen Men'chen, durch kein Geräusch gestörct werden konnte; von al- 9 7 len Seiten hörten sie nichts als die schönsten Beweise ihrer großen Tugend und Gottesfurcht, und wünschten deßwegen einmüthig, dieses so helleuchtende Beyspiel wahrer Tugend und Frömmigkeit in ihrem Kloster zu haben, damit ihre eigene noch schwächere Tugend im wohlthätigen Umgänge mit derselben gestärket werden und ihre Frömmigkeit und Gottesfurcht m Jtha Nahrung und Muth zur eifrigen Nachahmung finden möge. Diesen schonen frommen Wunsch machten dir guten Ordensschwestern der gottseligen Jtha bekannt, bothen ihr eine eigene Wohnung an, die ganz nach ihrem Wunsche bereit werden solle, versprachen ihr alle Unterstützung und Hilfe mit dem bestimmten Beysatze, daß sie ganz nach ihrem eigenen freyen Willen ihr Leben einrichten, und von ihnen im geringsten nicht daran gehindert werden solle, und bathen sie recht dringend und eifrig, sie möchte doch dieses aufrichtige Anerbiethen nicht verschmähen, und ihr sehnliches Verlangen nicht zurückweisen. Jtha wollte anfänglich dieses Anerbiethen nicht annehmen; da aber die Klosterfrauen nicht nachgeben wollten, so berieth sie sich zuerst in eifrigem Gebethe mit ihrem Gott und dann auch mit ihrem Beichtvater, und da fand sie nach reifer Ueberlegung dennoch, daß sie durch Annahme dieses aufrichtigen Anerbiethens ihre bisherige Lebensweise im geringsten nicht andern muffe, und ihren Mitmensche» auch im Kloster wieder rathen, helfen und beybringen könne. Sie fand es sogar für ihre damahligen Umstände und zur Beförderung ihrer eigenen Andacht sehr vortheilhaft; den» sie hatte schon ein ziemliches Alter erreicht, und fühlte besonders wegen ihrem armseligen Leben im Walde, mehr als manche andere Menschen die Gebrechen und Leiden des herannahenden höher» Alters. Es wurde ihr immer be- Schmid's Jiigendsch. 3. Bd Jlha. 9 —— 98»—» schwerlicher, täglich die Kirche in Fischingen zu besuchen, auch ihre Sinne und Kräfte wurden immer schwacher zur Verrichtung ihrer gewöhnlichen Arbeiten. Sobald sie nun in dem gutmemenden Antrage der Klosterfrauen den Wink Gottes erkannte, nahm sie ihn freudig an, und bezog deßwegen die für sie zubereitete Zelle zur größten Freude aller Mitbewohnerinnen. Im Kloster war ihr ganzes Leben der schönste Spiegel der Heiligkeit. Die Welt war ihr der Kampfplatz zur höhern Vollkommenheit, die wahre Religion war ihr der sichere Weg, dieselbe zu erlangen, und Jesus Christus war ihr Wegweiser. Diesen ihren besten Wegweiser ließ sie nie aus ihren Augen, nie aus ihrem Herzen weichen, damit sie den Weg ihrer Bestimmung nicht verfehle. Von ihm zu reden war ihr das liebste, ihn in dem allerheiligsten Sakramente der Altars zu empfangen, das angenehmste und süßeste, und andere Menschen, die ihn, wie sie, inbrünstig liebten, wie sie suchten, aber noch nicht so vollkommen, wie sie, gefunden h.tten, zu unterrichten, sie zu trösten, ihnen dazu verhilflich zu seyn, war ihr das wichtigste Geschäft auf Erden. Deßwegen sahen die frommen Ordensschwestern in Jtha's Beyspiel und Unterricht bald deutlich ein, wie viel ihnen noch mangle, bis sie der Jtha an Tugend und Frömmigkeit gleich kämen; sie wurden aber dadurch nicht muthlos, sondern vielmehr in ihrem heiligen Eifer gestärket, waren sehr oft und gerne bey ihr, hörten sie nichts lieber als die großen Wohlthaten Gottes erzählen, welche sie in ihrer Einsamkeit so reichlich genoß, bathen sie oft um Rath und Unterricht, hörten dann mit besonderer Aufmerksamkeit und bereitwilligem Herzen ihre heilsamen Lehren und Ermahnungen, und dankten vereiniget * — 99 tätlich dem Himmel, daß er diese seine große Dienerinn in ihre Mitte geführek habe. Die Landbewohner der ganzen umliegenden Gegend besuchten die fromme Jcha im Kloster eben so wie in der Au; und fanden in lbr immer die nähmliche liebreiche Dienerinn Jesu Christi, die tröstende Mutter, die Helferinn und Unterstützet"«», wo es in ihren Kräften stand, und die eifrige Fürsprecherinn im herzlichen Gebethe, wo nur Gott allein helfen konnte. Man findet zwar nirgends, daß Jtha in den Orden ihreS Klosters wirklich eingetreten sey, und die Ordcnsgelübde feyerlich abgelegt habe. Aber weil unS ihre Geschichte zuverlässig sagt, daß fie durch ihren frommen heiligen Lebenswandel die wirklichen Ordensschwestern sogar übertroffen, und durch ihre heilige Andacht, durch ihre freyw lüge gänzliche Entfernung von allen Schätzen und Vergnügen der Welt, durch ihre große Demuth und Sanftmuth die Or- denSgelübde gewiß so vollkommen, alS jedeS andere OrdcnSglicd erfüllet habe; so kann man wohl mit Gewißheit sagen, Jtha hat diese Gelübde in ihrem Herzen vor ihrem Gott gemacht, und mit Recht kann sie also auch unter die Ordensschwestern des Klosters gezählet werden, ivie fie auch wirklich von jeher dazu gezählet wurde. Und unter diesen steht sie alS eine der schönsten Zierden des OrdenS, alS eure der schönsten Zierden unserer heiligen Religion, die nicht bloß geschätzt und bewundert, sondern durch eifrige Nachahmung verehrt zu werden verdienet. «—» loo—— Gin und MKNziZstes Saxitel. Jtha in ihrem hohen Alter. Manche fromme Menschen damahliger Zeiten waren»och nicht zufrieden, wenn sie von der übrigen Welt abgesondert, in einem Kloster unter frommen Klostcrglieder» ihr Leben zubringen konnte», sondern sie wollten noch mehr entfernet von allem Zeitlichen ihrem Gott ganz allein dienen, und, nur mit ihm allein vereiniget, ihre Tage verleben. Viele ließen sich deßwegen in den Klöstern in besondere kleine Zellen einschließen, in denen sie nur auf einer Seite ein kleines Fensterlein hatten, durch welches ihnen die nöthige Nahrung gereicht wurde, und das Licht der Sonne eindringen konnte. Diese Menschen waren nun im vollkommenen Sinne Klausner und Klausnerinnen*), weil sie in ihre kleine Wohnung eingeschlossen, gleichsam von der Welt und allen ihren Bewohnern ausgeschlossen, lebten. Eine solche fromme gottselige Klausnerinn war ehemahls bey dem Kloster St. Gallen die Jungfrau, und Martyrinn Wiborad, und solcher Klausnerinnen gab es auch mehrere zu Jtha's Zeiten im Frauenkloster zu Fischingen. Jtha, die sedeS Mittel, das zu höherer Vollkommenheit führet, begierig ergriff, und in dem eifrigsten Dienste Gottes niemand nachstehen wollte, wählte späterhin auch diese strenge Lebensart für ihre noch übrigen Tage, ließ sich deßwegen unter den damahls in der katholischen Kirche gewöhnlichen Feierlichkeiten in eine solche sehr kleine Zelle ein-, und von aller Welt ) laclusi vel In< lasse. — wr ausschließen, und wurde also jetzt noch eine Klausnerinn. Die meisten Stunden des Tages brachte nunmehr die fromme Jkha in sich gekehrt, und in stiller heiliger Andacht, nur mit Gott beschäftigt, zu. Oft schwang sich ihr Geist, im heiligen Gebethe vertiefet, hinauf bis zum Throne des Allerhöchsten, und genoß schon zum Voraus in der Gesellschaft der Engel und Heiligen aus der Fülle der heiligsten Liebe und Gnade Gottes die himmlischen Seligkeiten in solchem Maße, daß sie sich schon auf ewig mit ihnen vereiniget zu seyn glaubte, und dem Leibe nach für die Welk gleichsam todt war. Bey ihrem Wiedererwachen(wie man es nennen kann) fand sie dann freylich ihren Körper, der sie noch an dieses Zeitliche fesselte, und an dem fortdauernden Genusse jener unnennbaren Seligkeiten hinderte, als eine große Beschwerde, von der sie recht bald erledigt zu werden wünschte, um ewig in Gott und Jesus Christus leben zu können. Weil sie aber diesen ihren Gorr und Vater im Himmel, und Jesum Christinn ihren Heiland und Erlöser so vollkommen und von ganzem Herzen und aus allen Kräften liebte, so suchte und wünschte sie auch nichts mehr, als seinen heiligsten Willen> ganz und vollkommen zu erfüllen. Sie lebte also wieder recht gerne und freudig auf Erde, weil es Gott so haben wollte; dachte oft an Jesus Christus am Oehlbeige, und bethete in seinem Geiste:»Vater! wenn es möglich wäre, möchte ich recht gerne bald bey Dir fern: aber Nicht mein Wille, sondern der Deinige geschehe,» und somit überließ sie sich vollkommen den weisen väterlichen Fügungen Gottes. Besonders aber suchte sie die bösen zeitlichen Begierden und Leidenschaften immer mehr zu schwa- ***** I 02»»** chen und ganz zu unterdrücken, durch anhaltende Abtödtung ihres Körpers, durch strenges Fasten und selbst auferlegte Bußwerke; vergas; oft, in heiliger Andacht vertiefet, die zeitlichen Speisen, weil ihr unsterblicher Geist die kostbare Nahrung des Him- mels in reichlichem Maße genoß, und sich deßwegen von der Quelle des göttlichen Segens nicht sogleich losreißen konnte, in der selbst der Körper eine höhere Labung fühlte, die ihm keine irdische Speise zu geben vermochte. Doch Alles dieses kann und wird der Verstand des weisen, klugen Weltmenschen nie glauben können, weil er es nicht fassen, nicht begreifen kann, da die ewige Weisheit einen für ihn undurchsichtigen Schleyer darüber hängte, der nur dem einfältigen, gottseligen Herzen des wahren Christen in heiligem Ahnen und frommen Gefühlen durchscheinend wird. Obwohl Jtha nun in ihre Zelle eingeschlossen, und von allen Menschen gleichsam abgesondert war, so konnten doch die frommen Klosterbewohnerinnen nicht ganz ohne sie, ohne ihren mütterlichen Rath, ohne ihre trostvollen Ermahnungen und heilsamen Lehren leben; sie besuchten sie also oft an ihrem kleinen Fensterlein, wie sich dann auch die guten Bewohner der umliegenden Gegend oft zahlreich dort einfanden, um die fromme Klausnerinn wieder zu sehen, und aus der Fillle^lhres'gotlseligern Her- zens zu hören. Und da Jtha, so lange sie lebte, auch für ihre Mitmenschen nützlich und heilsam leben wollte, so hielt sie den Versammelten die lehrreichsten Anreden über die wunderbaren Fügungen Gottes, über seine Allmacht, Weisheit und Vatergüte, wies sie hin zu Jesus Christus, der unerschöpflichen Quelle des himmlischen Trostes, der göttlichen Weisheit, s03 s»— der liebevollen Hilfe, und ihre aus dem frommen Herzen kommenden Worte des Lebens ergriffen auch wieder die Herzen aller Guten, die dann, dankbar zuni Himmel blickend, die gottselige Klausnerinn mit sichtbarer Zufriedenheit verließen. Lwey und zwanzigstes Caxitel. DerJthaUebergang in das himmlische Vaterland. Heilsam und kraftvoll glänzte die wahre Tugend und Gottesfurcht ui Jtha's frühern Lebenstagen, sanft und milde strahlte sie am Abende ihres Lebens, und rührend und trostvoll war noch der letzte scheidende Strahl, als sie für diese Welt unterging, um in einem bessern desto herrlicher aufgehen zu können. Einige Tage noch führte Jtha in ihrer Zelle als Klausnerinn das strenge Leben einer heiligen Büßerinn, welches ihre Liebe zu Gott, und ihr heiliges Verlangen ewig mit ihm vereiniget zu sehen, immer mehr entzündete. Deßwegen hat sie oft mit dem Völkerlehrer Paulus(Philipp, i, s3.) ge- wunschen, daß sie bald aufgelöst werde, um ewig mit Jesus Christus seyn zu können. Aber lange mußte sie streiten, und manchen schweren, bittern Kampf bestehen auf dieser Erde, und manchen Si-g über die Begierden und Leidenschaften der sündigen Welt erkämpfen, bis ihr derjenige, der zur Rechten des Vaters sitzet, die Siegeskrone der ewigen Seligkeit zuerkannte, und sie in seine ewigen Wohnungen aufzunehmen bestimmte. Doch er kain endlich, dieser wichtige Zeitpunct. Eine schwere Krankheit befiel die fromme Klausnerinn, und sie merkte bald, daß ihr sehnlicher Wunsch —— 101 nun in Erfüllung gehen, und der letzte Tag ihres Lebens bald heran rücken werde. Deßwegen suchte sie gleich in den ersten Tagen ihrer Krankhett die- wenigen Schatze Gottes auf dieser Erde noch zu gewinnen, die auf dem Wege in die Ewigkeit begleiten, stärken und unterstützen konnren, und brachte dann Alles auf der Welt in Ordnung, damit sie weder sich selbst, noch Jemand andern etwas schuldig bleibe. Vor Allem verlangte sie die heiligen Sterbsacra- mente, und empfing sie mit einer solchen heiligen Andacht zur Erbauung aller Anwesenden, die selbst diese nur empfinden, und in ihrem Herzen fühlen konnten, nicht aber zu erzählen oder zu beschreiben im Stande waren. Noch viel freudiger als einst der heilige Simeon konnte sie aus dem Innersten ihrer mit himmlischer Nahrung gesättigten Seele ausrufen: Laß nun, o Herr! Deine Dienerinn im Frieden von dieser Erde wegziehen, denn meine Augen haben ein höheres Heil gesehen in meinem Heilande, der sich in dem allerheiligsten Altarssacra- mente mit mir vereiniget hat, und mich selbst in seine ewigen Wohnungen führen wird. Mit den nähmlichen heiligen Gesinnungen wendete sie sich jetzt zu den guten Ordenschwestern, dankte ihnen von Herzen für alle erwiesenen Wohlthaten und Liebesdienste, und besonders noch für ihre überaus große Sorgfalt und Liebe, die sie ihr schon während der Krankheit erzeiget haben: dann erhob sie ihre Augen wieder zum Himmel, und flehte im heiligen Gebethe zu Gott dem Allmächtigen, und zu Jesus Christus, den sie in ihrem Herzen trug, daß er durch seine unermeßliche Güte im reichlichen himmlischen Segen ihnen AlleS tausendfältig wieder vergelten wolle, was sie ihr Gutes und Liebes erwiesen haben. 105 Die Klosterfrauen dankten ihr entgegen mit eben so aufrichtigem und wohlwollendem Herjen für die große Liebe, die sie ihnen dadurch erwies, daß sie ihre Mitbewohnerinn des Klosters geworden sey, und sie ihres so heilsamen Umganges gewürdiget habe; sie dankten ihr noch besonders für ihre mütterliche Sorgfalt um das Kloster, für ihre heilsamen Lehren, für ihre so wohl gemeinten Ermahnungen, und Thauen der innigsten Trauer, daß sie ihnen vielleicht jetzt bald entzogen werde, erstickten ihre fernern Worte.— Jkha, standhaft im Sterben wie im Leben, tröstete sie jedes Mahl wieder, erinnerte sie, daß der Tod dem Leiden das Ende, und ewigen, unaussprechlichen Freuden den Anfang bringe. Immer mehr nahm nun die Krankheit, und mit dieser Jcha's Schwäche zu, die frommen Klosterbewohnerinnen gingen ihr nicht mehr von der Seile; denn nahe bereitet sahen sie für Ztha die Krone der ewigen Seligkeit. Die wenigen Worte, die sie noch redete, waren lehrreich und tröstend. Aber bald verstummte ihr Mund. Noch ein matter, freundlicher Blick sagte den frommen Anwesenden das letzte Lebewohl auf baldiges Wiedersehen, mit diesem schloß sich ihr Auge, als ob sie m Andacht versinke, und ein sanftes Lächeln bildete sich in ihrem Gesichte. Alle bemerkten die zunehmende Schwäche, weinten und schluchzten laut an Jrha'S Sterbebette, glaubten aber immer, sie lächle ihnen»och lebend entgegen, während dem ihr Geist unbemerkt die sterbliche Hülle verließ, um unsterblich in Gott ewig leben zu können. Bald war ihr Uebergang in ein besseres Leben allgemein bekannt, und beynahe alle Häuser der ganzen umliegenden Gegend standen leer an Jcha'S Begräbnißrage; denn Alles eilte dein Frauenkloster Schund s Jagendsch. 3. Bd. Jtha.>o 106 zu, und versammelte sich um ihre zeitlichen Ueber- reste. linker lautem Weinen und Schluchzen! wurde Itha's Leichnam von einer zahlreichen Menge Menschen nach der Klosterkirche zu Fischingen begleitet, und vor dem Altare des heiligen Nicolaus feyerlich beerdigt. Tausend Thränen der Dankbarkeit befeuchteten ihre Grabstätte, und jedes wußte beynahe noch größere und mehrere Wohlthaten zu erzählen, die ihm Jtha erwiesen hatte. Einstimmig hörte man alle über den Verlust ihrer besten Mutter, ihrer größten Wohlthäterinn, klagen und trauern. Ein schönes aus gehauenen Steinen erhabenes Grabmahl umschloß ihre zeitliche» Ueberbleibsel, und war nach ihrem Tode der erste sichtbare Beweis der großen Verehrung und Hochachtung gegen diese heilige Dienerinn Gottes. Nicht harte Steine und tief eingcgrabene Buchstaben waren aber nothwendig, um Jtha und ihre Grabstätte bey den Menschen in Andenken zu erhalten; denn sie hatte sich selbst durch ihre großen heldenmüthigen Tugenden ein weit edleres und unauslöschlicheres Denkmahl in den Herzen der Menschen errichtet, das sie der frommen Nachwelt unvergeßlich machen, und manche gotresfürchtige, trostsuchende Seele an den Ort ihrer Ruhestätte führen mußte, weil sie an Itha's Grabe Linderung ihrer Leiden, und höhere Kräfte jur Ausharrung in ihren Widerwärtigkeiten zu finden hoffen konnte. Die ganze umliegende Gegend hielt die fromme Jtha schon in ihrem Leben für eine Heilige, und nach ihrem Tode wurde sie nie mehr anders, als die heilige Jtha genannt. Die katholische Kirche nahm sie endlich selbst in die Zahl ihrer Heiligen auf, und begeht ihr Fest alljährlich an ihrem Sterbtage den dritten Wintermonath. Viele fromme Aeltern suchen jetzt noch das Andenken dieser heiligen Diene- 107 rinn Gottes dadurch lebendig in ihrer Familie zu erhalten, daß sie einer ihrer neugebornen Töchter in der heiligen Laufe den Nahmen Jtha beylegen lassen. Und die frommen Bewohner der dortigen Gegend errichteten bald auch e»,e besondere Bruderschaft unter dem Nahmen, und zur Verehrung der 'heiligen Jtha, welche von der katholischen Kirche bestätiget, immer sehr viele Mitglieder zahlte. Möchten doch alle Bruderschafts-Mitglieder und alle jene Frauen und Jungfrauen, die ihren heiligen Nahmen führen, dieser heiligen Patronin» in allen jenen herrlichen Tugenden nachfolgen, durch welche sie uns Allen auf Erden vorleuchtete. Möchten sie sich eben so eifrig und christlich lieben, wie Jtha alle ihre Mitmenschen liebte; möchten sie in Leiden und Widerwärtigkeiten öfters an ihre Patroninn denken, und eben so geduldig wie sie, Alles von der Hand Gottes annehmen; möchten auch sie ihren Feinden von Herzen verzeihen, für diejenigen .bethen, die sie beleidigen und verfolgen, und nur in wahrer Andacht, Tugend und Gottesfurcht ihr ewiges Heil suchen, wie dieses Alles die heilige Jtha gethan hat: dann würden sie nicht bloß wahre Mitglieder der Bruderschaft der heiligen Jtha seyn, sondern sie würden auch, wie ihre heilige Patroninn, zu der noch weit größeren Bruderschaft Jesu Christi gehören, und als Miterben seines Reichs einst mit Jtha in ihm die Freuden der ewigen Seligkeit genießen können. Ich schließe die Geschichte dieser großen,, standhaften Dienerinn Gottes mit jenem schönen Gebethe, welches der wohlehrwürdigc Petrus CanisiuS zur Verehrung Gottes und der heiligen Jrha verfaßte, und der von ihm verfertigten Geschichte ihres heiligen Lebens beysetzte! Allmächtiger, ewiger Gott! der Du wunderbar —» 108—* und mächtig bist in Deinen Heiligen, und uns in dem Leben Deiner getreuen Dienerinn Jrha große Tugenden und herrliche Werke gezeiget hast: wir bitten Deine göttliche Majestät, daß Du ihren heiligen Elfer, ihre himmlischen Gesinnungen in unsern Herzen erneuerst, und um ihrer mächtigen Fürbitte willen unser Leibes- und Seelen- Heil befördern mögest; daß Du auch uns vor allen Reizungen zur Sünde und allem Uebel bewahren, und im wahren Glauben und allem Guten nut Deiner Gnade starken wollest. Um dieses bitten wir Dich, durch Jesum Christum Deinen eingebornen Sohn unsern Herrn. Amen. >-