Wisnei- 8tE-8ib>io1lieI<. 12726 - - . Wiener- Kunstbriefe I VII - Wien 18L6. Druk und Verlag des Franz Edlen von Schmid. I7.E, Ku nstli riefe. i. 26er glaubt, daß unser Publikum keinen Theil an bildender Kunst nimmt, irrt, und wer es glauben machen will, lügt. Mann sehe nur wie sich die Leute vor den Schaufenstern der Kunsthändler drängen, wie diejenigen öffentlichen Sammlungen, zu welchen der Zutritt ohne hemmende Formalitäten offen steht, besucht werden, wie zahlreiche Theilnehmer sogar unser Kunstverein zusammen- gewonnen hat. lind hört man nun das Urtheil dieser Menge, merkt man aus, wie sie die Darstellung sich und ihren Begriffen zurecht legen will, so wird man mit Erstaunen, aber mit freudigem gewahr, welch ein gesunder Kern des Derstehens und Eingehens gerade in dem unverschrobenen Mittelstände verborgen liege. Verborgen, denn freilich ist dieser Kern durch Unbildung und noch mehr durch Derbildung, durch die Bestrebungen französirter Erziehung und englifirten Gekenthums, durch die darauf basirte Spe- kulazion der Kunsthändler und die gewissenlose, weil pflichtvergessene Hingebung vieler Maler an die frivolen Launen eines rohen Luxus, tief eingewühlt und vergraben, aber er ist da, und es bedarf also nur einer Ausjätung des Nessel- und Unkrautgeflechtcs, um diesen gesunden Kern, diese.' verständige Theilnahme an echter Kunst zur Entwik- lung zu bringen, und dadurch der vaterländischen Kunst eine Stütze zu geben, an der einzig naturgemäß sie sich zu 2 erheben und den Beruf, der ihr in der Ordnung der Dinge angewiesen wurde zu erfüllen vermag; eine Stütze, die, selbst lebendig, noch vorhält, wenn das Treibhaus einseitigen Schutzes längst in Trümmern liegt, wenn die künstliche Mistbeetpflanzung der Kunstvereine längst auch nicht den verächtlichsten Pinselpilz mehr genießbar machen kann. Wollen wir den Versuch wagen, dieses Ausjätgeschäft zu beginnen? Wollen wir die Briefe, die wir uns über die neuen und alten Kunsterscheinungen im Vater lande bisher schrieben, künftig der„Gegenwart" zur öffentlichen Bestellung übergeben? Ich glaube lieber Freund, es wäre passend, daß Leute aus dem Publikum endlich auch ihr Meinen und Hoffen in allgemein verständlicher, schlichter und unverblümter Art äußerten. Wir sind seit unserer Jugend der bildenden Kunst im deutschen und insbesondere im österreichischen Vaterlands mit hingebender Aufmerksamkeit, mit nimmer müder Theilnahme gefolgt, wir haben uns bemüht, das Werden und Wachsen derselben genau kennen zu lernen. Wir halten uns nicht im Geringsten für Kunstkenner, wir hängen keiner Partei an als der der Wahrheit, wir kennen kein Lorurtheil für oder gegen künstlerische Persönlichkeiten, sondern das Interesse der Kunst geht uns jederzeit über das Interesse der Künstler. Ist das ausreichend, so lassen Sie uns ohne Weiteres beginnen. Nimmt das Publikum an unseren Briefen zustimmend oder cntgegnend Theil, so wird so mancher wahre Kunstfreund sich uns in diesen Blättern anschließen, so mancher ehrliche Gegner uns Gelegenheit geben, unsere oder seine Meinung zu berichtigen. Die wichtigsten Erscheinungen 3 in den Schaufenstern unserer Kunsthandlungen, in den Ateliers unserer Künstler, in Kunstausstellungen, an Bauwerken; die Kunst im Dienste der Industrie, Würdigung einzelner privater Sammlungen, kurz Veröffentlichung neuer und alter Kunsthervorbringungen wird einen Theil unseres Briefstoffes bilden. Ein anderer wird unsere Wünsche und Hoffnungen in Bezug auf das Gedeihen der Kunst und auf Hinwegräumung dessen, was ihm entgegensteht, kurz und ohne Schönpflästerchen, umfassen, und drittens wollen wir die neuesten Schriften und Aufsätze über Kunst dem Publikum anzeigen, und indem wir alles seichte, dünkelhafte oder liebedienende Kunstgcschwätz schonungslos aufdeken, vielleicht es endlich doch dahin bringen, daß solche aus Leichtsinn, linkenntniß, oder schlimmeren Gründen das Publikum verwirrende Irrlichter endlich verschwinden, und den eindringlichen Worten denkender Kunstkenner oder den redlichen Meinen dünkelloser aber warmer Kunstfreunde ihr Recht wiederfahre. Also lassen Sie uns vor die nächste Kunsthandlung treten, und ohne weiteres Vorreden unseren offenen Briefwechsel eröffnen. Der strebsame Kunsthändler Neumannam Kohlmarkt, der mit Nachdruk die moderne Kunst weiten Kreisen zugänglich zu machen versteht, hat ein großes geschabtes Blatt von W a gst afs nach einem Gemälde von B iard ausgestellt, vor dem es nicht leer von lebhafter Zuschau- crschaft wird. Der Gegenstand des Kunstwerkes ist auch darnach. Afrikaner werden an Europäer verkauft, Menschen werden zu Thieren erniedrigt durch Ungeheuer in menschlicher Gestalt, die Bande der Natur werden zerrissen 4 von Menschen der Zivilisazion, die heiligen Rechte der Menschheit mit Füßen getreten von Christen! Und das filan- tropische parfumirte Publikum des gesitteten Welttheils sieht ruhig zu, um ein eingebildetes Gleichgewicht nicht zu stören, das wenig Werth hätte, wenn die Erfüllung einer großen Menschenpflicht es erschüttern könnte. Die Darstellung ist trefflich, man sieht, der Maler war voll von seinem tragischen Gegenstände, den er in all seiner grausigen Eindringlichkeit ohne Übertreibung hinstellte. Das Blatt ist gut geschabt, nur hie und da der Contour weniger scharf, und der Mittelgrund etwas drükend. Wäre ich reich, ich kaufte fünf Exemplare— oder doch vier,— ich wüßte, wem ich sie als stummberedte Mahnung schenkte. Dieses schöne Kupferblatt ist natürlich mit Bor- wissen und Einwilligung des Malers herausgegeben worden. Nun ist auch in einer andern Kunsthandlung eine kleine hier lithografirte Nachbildung zu sehen, die nach untrüglichen Kennzeichen nach dem, noch dazu häufig mißverstandenen großen Kupserblatte nicht ohne Fleiß gemacht ist. Da nicht angenommen werden kann, daß Hr. Viard in Paris auch hiezu seine Einwilligung gegeben hat, so läge ein die Kunst wie die solide Geschäftsführung sehr benach- theiligender Fall vor. Sollte es dafür kein klares Gesetz geben? Ich bitte Sie sehr um Aufklärung. Schade, aber bei ihrer Kostbarkeit und wachsenden Seltenheit begreiflich ist, daß Neumann die Reihe trefflicher Kupferstiche nach Genrebildern Wilkies so schnell aus seinen Schaufenstern entfernte. Wi lk i e gehört zu den besten Malern des Volkslebens, voll Frische, Lebendigkeit, natürlicher Schönheit und ungezwungener Poesie. Man fühlt sich unwillkürlich hineingezogen in den Kreis seiner Darstellung, und wird aus einem staunenden Beschauer ein lebendiger Mit- handelnder. Für uns Österreicher aber hat dieser englische Meister noch überdies ein besonderes Interesse durch die Kunstverwandtschaft mit einem uns vor wenig Monaten verstorbenen Maler, mit Danhauser. Beide wählten ähnliche Stoffe; so entspricht die„einzige Tochter" Willi es dem„Augenarzt" Danha users, so des Engländers „Geiger" dem„Dorfmusikanten" des Wieners, so behandelten sie beide gleich meisterhaft die„Testamentscröffnung." Beide starben vor kurzer Zeit, beide ehe sie das gewöhnliche Ziel des menschlichen Lebens erreicht hatten. Aber Wilkie ausgezeichnet mit Ehren, Titeln, wohlhabend gekannt und anerkannt vom Throne bis zur Pächterstube; Danhauser ohne genügende äußere Stellung, arm, medergedrükt. Der eine war ein Engländer, der andere ein Deutscher. Brechen wir ab von diesem traurigen. verbitternden Lebensbilde.— Die Kunsthandlung Patern« am Neumarkt hatte ein gut geschabtes Blatt von Allais nach einem Bilde von Vetter ausgestellt „Der junge Jean Barth schwört den Tod seines VaterZ zu rächen." Etwas theatralisches oder besser französisches Pathos ist dem Bilde nun freilich eigen, aber doch auch eine Naturfrische und(bis auf eine Nebenfigur) llnmittel- öarkeit, die sich unsere zu viel überlegenden Künstler nur zu häufig wegklügeln. Ein im 1.1839 vollendeter Stich von Este v e nach einem großen Bilde Murillos:„Das Wasserwundcr Mosis," ist sehr fleißig aber zu unmalerisch 6 behandelt, um die Vorzüge des berühmten spanischen Meisters erkennen zu lassen, dem so figurenreiche Komposizionm überdies nicht besonders zusagen mochten. Ateliers zu be' suchen hatte ich diesmal keine Zeit und bin daher begierig, darüber Ihre Mittheilungen zu vernehmen. Die Kunstliteratur unserer Journale ist nicht müßig, aber sie bringt mitunter wahrhaft tolles Zeug. Sie werden den Bericht, den die ungarische Nazionalzeitung(klam- 2öti lftsgA) in Nr. 153 über ein angeblich byzantinisches Meisterbild bringt in Nr. 9„der Gegenwart" gelesen haben. Zuerst leidet der Vers. an verschiedenen stilistischen Dunkelheiten. Was heißt das, ich bitte, auf menschenverständ- lich:„Das(von dem vorzüglichsten Künstler der byzantinischen Schule Thomas D am utina(!) im Zahre 1340(!) gemalte) Marienbild verdankt seine Erhaltung nur dem Umstände, durch welchen es in den Besitz des Hrn. 8M omlei kam und dem Umstände, daß es über dem Grabe Christi hing." Zu deutsch ist das— Nichtstun; Sie sehen, ich weiß mich zart auszudrükcn.„So"(fährt die nazionalc Zeitung fort)„lag das Gemälde"(welches eben hing) „Zahre lang in einem Kasten(?!) bis vor ein par Jahren ein„berühmter" Londoner Kunsthändler kam und alsogleich das Meisterwerk des großen Künstlers erkannte, weßwegen er für dasselbe eine große Summe both."(Wie naiv!) Und Hr. 8x., der„ungarische Kunstkenner, der als Künstler und Kunstkenner in der Malerwelt bewandert ist," hatte von dem Werthe seines bald gehangenen bald gelegenen Schatzes keine Idee!! Das Bild ist nun gereinigt und„bewunderungswürdig herrlich," ja„es läßt sich kein 7 so gefühlloser Betrachter denken, welchen die andächtig schwärmerische Schönheit dieses Bildes nicht entzüken könnte!" Aber im Ernst, hier liegt ein Puff vor, entweder von eigener Ignoranz veranlaßt, oder auf fremde Ignoranz berechnet. Die Blüthe der byzantinischen Kunst fällt, wenn überhaupt die Rede davon sein kann, lange vor dem vierzehnten Jahrhundert, es gibt keinen byzantinischen Meister vamutinu, wohl aber einen alten italienischen, der Ikoinu8 äs ülulinu von seiner Geburtsstadt genannt wurde, und der in Deutschland durch seine Berufung an den Hof Kaiser Karl's IV. bekannt wurde. Die Wiener Gallerie und der Präger Dom besitzen Gemälde dieses Meisters, der allerdings ins 14. Jahrhundert fällt. Also ist das Sxvremltn sche Bild ein Werk Thomas von Modem, oder, und zwar seines Blechmaterials wegen viel wahrscheinlicher, ein viel späteres byzantinisches Bild. Möge künftig die ungarische Nazionalkunstkenuerschaft etwas leiser auftreten.— Einen erheiternden Aufsatz bringt ein sonst umsichtig redigirtes Pragerblatt, er ist„Venezianische Kunstausstellung" überschrieben und„W. Friedrich" unterzeichnet. Ich will nur ein par Stellen kommentiren. Wie schön sagt Hr. F.:„Die kühnste Fantasie in ihren glük- lichsten Träumen schafft kein geistvolleres Oval, als 8c1ij- rrvoni es auf die Leinwand zaubert." Das heißt den Mund voll genommen— voll Wasser. Ein geistvolles Oval geistvoll als Solches— das geht über meine Begriffe und ist ein deutliches Beispiel, zu welchen Albernheiten das Nachschwätzen von Gemeinplätzen führt. Wir haben hier in Wien genug von Solrmvum gesehen, um seine Kunst- 8 lerschaft beurtheilen zu können: weibliche, kokett reizende höchstens— und das selten— sinnliches Verlangen anregende Halbleiber mit verblasenen Formen und ungewaschenem Fleische, allenfalls eine höhere'Gattung Modebilderkunst, und damit basta. Fleisch gut zu malen, ist allerdings schwer, wenn aber Hr. F. uns hinausreden will, „nur auf 8olüuvoni und wenige Andere der neuen venezianischen Schule sei eine Tradizion aus der alten venezianischen Schule übergegangen, das große Geheimniß, Fleisch zu malen,"— so vergißt er, daß Maler wie Ri edl, Amer ling, Gallait, Deker undviele Andere eine schönere und mehr wahre Karnazion zu malen verstehen, als die gesammte neuvenezianische Schule. Bei der Gelegenheit gibt Hr. F. zu verstehen, daß vor Genrebildern mehr Beschauer zu finden waren, als vor den „Dichtungen" 8o!üuvoiii's; er macht da recht Miv dem venezianischen Publikum ein großes Kompliment. Jetzt geht F. zu den historischen Bildern über. Es ergriff ihn zumeist Lonu's:„kremoosoo kosouri, der die Gloke läuten hört, welche die Wahl des neuen Dogen verkündet." Ich bitte Sie, liebster Freund, ein Maler stellt dar, wie einer die Gloke läuten hört und sein Beurtheilen meint, dieser„posiereiche" Moment sei auch auf das Bild übergegangen und der Beschauer glaube in der That, die Gloke zu hören. Ja, wohl die Zügengloke des gesunden Menschenverstandes, wohl läuten, aber nicht schlagen! Lieber Freund, sie sehen wie unser guter Dr. Hiller in seinem Berichte über die diesjährige Wiener Kunstaus- 9 stellung*) groß Unrecht hatte, es den Akademien von Gab- litz und Zopfhausen zu verdanken, wenn sie Preisausgaben geben wie„Maria Stuart, an Frankreich denkend," oder:„Joses seinen Traum erzählend," oder„Diana Jupiter» bittend, daß er sie Jungfrau bleiben lasse" u. s. f. Sie sehen, die„neue venezianische Schule" geht weiter, sie malt, daß man etwas hört; nicht etwa das Schellenge- klingel ihres deutschen Enthusiasten, sondern veritable Glo- ken! Sind das vielleicht auch Geheimnisse, welche die neue von der alten Schule ererbt hat? Göttlicher Tizian, lebensfrischer Veronese, so werdet ihr gelästert! Zum Schluße noch eine Stilprobe des Hrn. F.:„die Menschen sind zwar nicht mehr(nähmlich in Venedig), deren Lei' denschasten die Welt erzittern machten,— die Ader der geheimnisvollen Romantik, die in ihrem schwarzem Blute schlug(die Ader im Blute!) ist lange von der gehörnten Mütze geborsten(das ist uv» plus Mru), aber äußere Pracht und inneres Elend haben nach wie v o r der La- gunenstadt durch ihren Kontrast jene poetische Größe verliehen, die noch jetzt mit dem Zauber einer Lorelei(!) aus dem nassem Grabe die schönen Arme nach jedem pilgernden Künstler strekt;(dieser Strich steht vermuthlich statt eines Gedankens) jene Menschen ließen uns kleinen Nachkommen ihre Werke,-- denSchneken die Tritonsmuschel!!" In der letzten Fräse ist nur das klar, daß Hr. F. sich für eine Schneke hält, die keine Tritonsschneke ist.„Ein lieber Schnek das," sagt man in Wien.— Doch lassen Sie mich mit An- ") In der Wiener Zeitschrift. 2 10 zeige zweier kleinen aber guten Kunstschriften, die noch dazu von Künstlern verfaßt wurden, den Brief beschließen. Die eine führt den Titel:„Andeutungen über die kunstgemäße Beziehung des Ornamentes zur rohen Form, von Eduard van derNüll, und behandelt ihre Aufgabe mit tiefem Verständnisse und geistreicher Kombinazion in gewandter unmuthiger Form, in einer Weise, die hoffen läßt, der Verfasser werde in einer weiter« Fortsetzung sein Thema ganz erschöpfen. Die andere Schrift ist von dem Bildhauerund Bronzegießer Demeter Petro- witsch und gibt„Andeutungen über die Bildgießerei nach der Methode der Alten in ihrem Verhältnisse zur Galvanoplastik und der Bildgußmethode unserer Zeit," welche für Leute vom Fache nicht allein, sondern für jeden Kunstfreund interessant find und die versprochene Fortsetzung derselben baldigst wünschen lassen. Daß beide Schriften polemischer Natur find, versteht fich bei unseren Kunstverhältnissen von selbst. Ihr Ernst Myller. II. Es ist kein leichtes Geschäft, unbefangen und unbeirrt von den verschiedenen Parteien, die fich mit ibren Ansichten und Forderungen herandrängen, sich auf den Standpunkt des Kritikers zu stellen und ihn zu erhalten. Noch eher in der Wissenschaft. Die hat ihre Geheimnisse, ihre Höhen und Tiefen, welche nicht jedem zugänglich sind, und die durch ihren Ernst den leichtfertigen Schwärm zurükdrängen; aber nicht so in der Kunst. 11 „Man gibt zwar zu, daß, um einen Schuh zu verfertigen, man dies gelernt und geübt haben müsse, obgleich jeder an seinem Fuße den Maßstab dafür, und Hände, und in ihnen die natürliche Geschiklichkeit zu dem erforderlichen Geschäfte besitze." Nur zur Kunstkritik soll dergleichen Studium, Lernen und Bemühen nicht erforderlich sein, da meint jeder mitreden zu können, wie er gerade geht und steht, wenn er nur gesunde Angen hat, zu sehen, ein Bischen Mutterwitz und einen guten Borrath ästhetischer Floskeln, womit er sein poetisches Gemüth warm hält. Treibt er sich aber nebenbei noch mit Künstlern um, oder ist er gar so beneidcnswerth, in seiner nächsten Verwandtschaft irgend ein Kunsttalent zu besitzen, dann will er den kritischen Kunstthron ungeschmälert und unbeirrt einnehmen, speit Feuer und Flamme, wenn seinen irrigen Ansichten und absichtlichen Entstellungen mit Ernst entgegen getreten wird, und hat noch immer Waffen genug, sich zu vertheidigen, etwa Verleumdung, Mißverständnisse u. s. w. Ist es nun von dieser Seite unerquiklich, das Geschäft der Kunstbeurtheilung zu übernehmen, so drängt doch anderseits unsere Zeitstimmung mehr als je dahin; unsere Gegenwart ist bereits zum Bewußtsein ihrer selbst herangereift, nicht der unverstandene Genuß ist es, den wir suchen, und wie Licht und Luft aufnehmen; wir wollen auch wissen, was wir genießen, und untersuchen, was man uns auftischt; die Öffentlichkeit der Meinung ist bereits eine Macht geworden, die sich nicht mehr übersehen oder vornehm abweisen Allein nicht blos das kunstliebcnde Publikum bedarf einer 2* st» 12 Leitung, wie Sie, mein werther Freund, eindringlich gezeigt; ich glaube, auch dem Künstler sollte eine wohlmeinende, nüchtern gewordene Kritik ein Bedürfniß sein. Wie wandeln doch unsere liebenswürdigen Künstlernaturen zwischen Dämmerung und Licht dahin! Wie selten vermag sich einer über das Geleistete Rechenschaft zu geben, wie selten versteht er seine Zeit und ihre Anforderungen, und wie trostlos schwanken— besonders die Jüngeren— zwischen widerstreitenden Ansichten und Parteiungen hin und her, bis eine leider oft traurige Erfahrung sie auf einen festen, stützenden Boden hinüberleitet, aber noch häufiger ihnen den betrübenden Ein- blik in eine unverbesserliche Schülerhaftigkcit eröffnet.— Doch da komme ich auf ein altes, oft gesungenes und ver- klungenes Lied zurük— Künstlerbildung. Lassen Sie uns davon abbrechen, genug, wer seine Überzeugung redlich ausspricht. Sie haben ohne Zweifel die Bilder des Herrn Wender gesehen, welche im Lokale des Kunstvereiirs im Volksgarten unentgeltlich zur Schau gestellt sind. Ein neuer Name ohne vorausgegangenen Ruf. Auch Pütt mann erwähnt seiner in bem Werke über die Düsseldorfer Malerschule nur nebenher, ohne auf eine nähere Würdigung einzugehen. Wir haben also in Hrn. Wender einen Künstler vor uns aus der noch vor wenigen Jahren viel gepriesenen und hierauf gesunkenen Düsseldorfer Schule. Aber sie hat sich wenigstens in einigen Vertretern und in dem jüngeren Nachwüchse von ihrer kränkelnden Romantik und ihrer blassen Gefühlsweichheit losgerungen. Die Zeit war gesünder, nüchterner geworden, frisch schritt sie über diese krankhaften 13 Auswüchse hinweg und drängte zum Bessern; diesem Zuge war nicht zu entgehen, und so trugen die Düsseldorfer schon auf der diesjährigen Aachener Kunstausstellung den Preis davon durch ihren zarten Natursinn und ihre tiefgedachte Auffassung. In welchem Verhältnisse aber, so ist es erlaubt zu fragen, steht Hr. Wender, der sich selbst einen Zögling dieser Schule nennt, zu ihr? Stammt er aus der frühern Zeit, oder hat er sich der verjüngten Richtung angeschlossen? Ist er überhaupt geeignet, uns Wienern durch seine Bilder irgend eine Einsicht in die Kunststuse der Düsseldorfer zu geben? Ich glaube, dies bestimmt verneinen zu können. Doch treten wir an die Bilder heran. „Rosen am Isßo muMoro," so nennt der Künstler ein Bild, welches uns ein Mädchen zeigt, in Lebensgröße, die, an einem Strauche halb aufgeblühter Rosen stehend, im Profile aus dem Bilde hcrausblikt und mit der linken Hand ihre Schürze hält, die voll Rosen ist, den tief liegenden Hintergrund bilden blaue Berge und Seen mit italienischen Bauten. Es ist dieses jedenfalls das beste unter den ausgestellten Bildern, und verräth einen ausgebildeten Farbensinn und Geschmak in der ganzen Anordnung. Allein es ist geziert und auf bloßem Effekt berechnet. Die Haare haben eine ganz eigenthümliche bläuliche Farbe, die sich in dem Maße durch keinen Reflex rechtfertigen läßt, die Haltung des linken Armes, der auch im Skurze verfehlt scheint, ist unnatürlich, die volle Schürze, die der Stellung des Mädchens gemäß vor dem Körper sein sollte, wird herüber gezogen zur Seite des Beschauers, blos aus dem Grunde, um die in ihr lie- 14 genden und mit großer Technik gemalten Rosen sehen zu lassen. Jedenfalls sind die Rosen das Beste am Bilde, der Maler mochte dies auch gewußt haben, indem er ihm die sonderbare Benennung„Rosen am Inga muKZiore" gab, da doch diese Rosen sich in nichts von den Rosen in unseren Wiener Gärten unterscheiden. Oder sollte in diesen Worten irgend eine zarte, lirikathmende Anspielung liegen, so gestehe ich, daß dies verbraucht und fade klingt. Der Preis dieses Bildes ist 400 fl. K. M. Wenden wir uns nun zu den Landschaften, deren 2 ausgestelltsind.„Der Gebirgsmorgcn" im kleinen Formate und ein großartiger„Sonnenuntergang." Klarer in Farbe und Auffassung, aber ohne landschaftlichen Reiß ist der Gebirgs- morgen(Preis 90 fl. K. M.) hingegen in greller Manier und Übertreibung, ohne alles Studium im Detail(man sehe nur die Stämme und Blätter, und das herbstliche Roth der scheidenden Sonne) ist der Sonnenuntergang(Preis 300 fl. K. M.) und fast glaubt man aus dem ersten Blik, eines jener Bilder vor Augen zu haben aus der Zopfzeit der idea- listenLandschafterei, mit ihren Auf- und Untergängen, Mondscheinen und Schafergruppen, wenn uns nicht der markige, halbfingerdike Farbenauftrag, diese fast handgreifliche Genialität eines Bessern belehren würde. Es gibt Alfabete für Blinde, wollte vielleicht der Künstler den Versuch wagen, in ähnlicher Weise für Blinde zu malen? Wahrlich, Herr » Bend er mußte mit den Leistungen der Wiener Künstler wenig bekannt sein, wenn er der Meinung war, mit solchen Erzeugnissen zu imponiren. Endlich die Portraits. Des Künstlers eigenes Bildniß ist 15 steif und hölzern in Farbe und Ausdruk, Löwes charakteristischer Kopf, ein Lieblingsthema der Künstler, entbehrt zwar nicht der Ähnlichkeit, allein die Formen sind verschwommen, die Farbe ist nicht wahr wenn auch glänzend, die Behandlung einzelner Theile, besonders aber des Nasenendes fast naiv zu nennen. Freilich wird es vielleicht die schaulustige Menge entzüken, und Hiebei wirkt die Vorliebe für den geachteten Schauspieler viel mit, allein dies kann weder den Maßstab der Beurtheilung abgeben, noch die Absicht des Schaustellers sein. Zwar fehlt dem Bilde noch die Retou- che; allein ist es dadurch mangelhaft, warum stellte es der Künstler aus? Wir verehren allerdings die Skizzen eines Rubens, Va n dhk rc., aber nicht die des Hrn. B end er. Nun noch einige Worte, die uns zu einer weiteren Erörterung in eigem spateren Briefe die Brüke bauen sollen. Hr. Bender kam mit dem Wunsche nach Wien, Aufträge zu erhalten, weshalb er auch jedem seiner Bilder seine genaue Adresse anschloß. Wien ist aber für Kunsthieran t en kein günstig gelegener Marktplatz, nicht wegen mangelnder Theilnahme, sondern weil wir im Portraitfache wirklich ausgezeichnete Künstler besitzen, mit denen sich schwer irgend einer der besten Deutschlands messen könnte. Wer daher nicht mit bedeutenden Empfehlungsbriefen in die vornehmen Kreise versehen ist, der hat, wie die Wiener sagen, die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Bon literarischen Kunstnovitäten erwähne ich Kinkel's Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern, wovon die erste Lieferung das erste Jahrtausend enthält. Es ist dieß nun im Verlaufe von 3 Jahren bereits das 16 dritte Werk, welches sich die Geschichte der Kunst zum Vorwürfe nimmt. Kugler eröffnete den Reigen mit seinem alle Zeiten und Länder umfassenden und besonders in den einzelnen Angaben sehr zuverläßlichem Handbuche, aber der wältige, zusammengedrängte Stoff erdrükt den Leser, obgleich es als Nachschlagebuch unübertrefflich ist. Nach wenigen Monaten schon folgte Schnaase mit seiner auf viele Bände angelegten Kunstgeschichte, er ist gei a-eich und gewandt, vollendet in der Form, der Stoff gesichtet nnd gut vertheilt, er führt die Kunst überall auf die gesummten Lebenselemcnte zurük, doch setzt er zum Verständniß schon einen tüchtigen Grad von Bildung voraus, weil er mit filo- sofischem Geiste aufbaut. Nun kommt Kinkel mit feiner Geschichte der Kunst bei den christlichen Völkern, und, in dem er sich engere Grenzen abstekte, macht er den Versuch, durch eine leichte, sehr anziehende Darstellung, die desun- geachtet der Gründlichkeit nicht entbehrt, und durch beige- gebene erläuternde Kupfertaseln, auch in die große Menge eimnal Kunstkenntnisse hineinzutragen. Und wahrlich, es wäre doch endlich an der Zeit, daß wir auf die Kunstleistungen unserer Vorfahren mehr Rüksicht nehmen, als wir bisher gethan. Zeder halbwegs Gebildete weiß über griechische und römische Kunst einigen Bescheid zu geben, wenigstens schweben ihm ihre Kuustkolosse vor Augen, er lernt sie kennen aus den Abgießen, die leicht zugänglich find, oder die im verkleinerten Maßstabe unsre Salons und Kaffehhäuser zieren. Kommt aber die Rede auf christliche oder deutsche Kunst, da sind die meisten völlig im Dunkel, und doch stehen noch die gothischen Bauten als 17 mahnende, unverwüstbare Zeugen einheimischer, durchaus deutscher Kunstblüte, wir haben sie tagtäglich vor Augen, wir staunen sie an, aber aus welcher Zeitlage sie entstanden, was ihnen voranging, worauf sie weiter bauten, das kümmert uns wenig. Und dieser geistlose Stumpfsinn findet sich nicht blos bei der großen, durch Tagsinteresscn hin- und hergetragenen Menge, leider— auch die Künstler theilen ihn. Sollte nicht unserer lieben Zugend Kenntniß der Kunstgeschichte wenigstens eben so noth thun, als das bischen Griechisch, das sie mühsam einlernt, um es nach wenigen Jahren als unnützes Zeug zur Seite zu legen? Gäbe dies nicht dem jugendlichen Geiste ein lebendiges Gegengewicht gegen die Prosa unsers sozialen Lebens, das so schnell jedes Streben herabstimmt, und aus thätigen, schwungvollen Menschen Kanzleimaschinen und Filister macht? Lassen Sie uns noch einige Blike werfen in die Auslagen unserer Kunsthändler. S. Bermann. Steinle's Verlorner Sohn. Litho- grafirt von Becker. Eines jener Tipenbilder der religiösromantischen Schule, die als Rcakzion gegen das frühere antikisierende und idealifirende Wesen von nicht geringer Bedeutung war, nun aber in sich leblos abstirbt. Steinle, ein gcborner Wiener, schloß sich in Rom an O Verb eck an, und ist nun in Deutschland hoch zu Ehren gekommen und vollauf beschäftigt. Aus ihm spricht die ganze Richtung, der er sich angeschlossen, und welche auch in Wien ihre Vertreter und ein Häuflein Anhänger hat, sie scheuen aber das Licht der Öffentlichkeit mehr, als sie es suchen. Ein vollkommener Gegensatz gegen die Simplizität dieser 3 18 Darstellung ist Gue's bei Paterno zur Schau gestelltes Bild, von Jazet geschahen, ein echt französisches Spektakelstük. Sonne und Mond am Himmel, dunkle Nacht dabei, Volk und Krieger in theatralischen Stellungen gruppirt, am Himmel Engelschöre, die sich anbetend niederbeugen, Schreien und Derwirruug allenthalben— das Seitenstük hiezu:„Die Auferstehung der Todten" ist bereits unsichtbar geworden. Blätter im gleichen Stile finden sich bei Neumann, vor dessen Laden es übrigens den ganzen Tag über von Beschauern wimmelt, denn— er hat neue Karrikaturen ausgestellt. Unsere Freude an solchen Zerrbildern wirst ein trübes Licht auf unsere krankhafte Zeit. Im Alterthum und Mittelalter kannte man sie in dieser Art nicht, weil die sozialen Zustände anders gestaltet waren. Wir sind zu verständig geworden, aber noch immer nicht, vernünftig. Bei I. Bermann sehen wir eine schwache Lithografie von Lessings trauerndem Räuber im Gebirge, der aber umgetauft wurde und nun sich„der Räuber und sein Kind" benamset. Das Original erschien im Jahre 1830, und bezeichnet vielleicht besser als irgend ein anderes Bild die individuelle, melancholisch romantische Stimmung des Malers sowohl, als der Zeit. Es ist jedenfalls ein schönes, durchdachtes Bild, aber was hat man nicht Alles aus diesem Bilde herausfinden wollen. Es soll darstellen den Kampf unserer unglüklichen Zeit mit dem-Dorurtheil, das erstere im den Zügen des Räubers, das letztere in den dunklen Schluchten und Steinmassen. Aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft soll das Bild versinnlicht zeigen, und zwar in zweifacher Verkörperung, einmal in dem wunder- 19 lieblichen schlafenden Kinde, dessen Augen, so weit dringt des Kritikers Scherkraft, wenn sie sich öffnen, groß, dunkel und feurig sein werden, und mit Wohlgefallen die schöne ausgebreitete Landschaft erbliken. Diese bildet den zweiten Gegensatz zu dem uuglüklicheu Räuber und dem grausigen Vordergründe, das Gemälde selbst soll von der Sonne der Zeit beschienen sein. Genug für diesmal. Ihr Karl Birkner. m. Ein treffliches Kupferblatt hatte die Kunsthandlung Patern« am Neumarkte ausgestellt, gestochen von Martine t nach dem Gemälde Delaroche's:„Karl I." Dasselbe, im Besitze des durch seine englische Übersetzung des Goethe'schen Faust bekannten Lord Eg ertön, stellt vor, wie Karl I. von England in der Gefangenschaft von seinen Wachen verhöhnt und mißhandelt wird, und der Rohheit und llnwürdigkeit verachtendes Übersehen und schiksalergebene Ruhe entgegensezt, während wenige Getreue, unfähig den geliebten Herrn zu rächen, Thränen des bittersten Unmuthes und der tiefsten Theilnahme vergießen. Diese drei Motive, durch seine psychologische Übergänge verbunden, treten uns mit einer Klarheit und Bestimmtheit entgegen, um deren willen allein D elaroche ein großer Künstler genannt werden müßte. Dazu kommt eine treffliche Komposizion, lebendig, frisch und doch nirgends unedel, nirgends unter der Würde historischer Kunst, man müßte denn nur in kalter Abgemesseuheit, in piramidaler Übcreinanderschachtelung aus- 3* 20 druksloser Gestalten historischen Stil finden wollen. Ich bedaure, daß der Zwek dieser Kunstbriefe mir nicht erlaubt, näher und breiter auf die vielen Schönheiten des Kunstwerkes einzugehen, und kann Sie und die kunstfreundlichen Leser dieser Zeilen nur bitten, aus eigener Anschauung den schönenKuvferstich kennen zu lernen, der fern von Manierirt- heit und buntem Durcheinander aller Behandlungsarten, im trefflichen Schnitte gleichmäßig durchgeführt ist, und zu dem Geistvollsten und Gediegensten gehört, das die neue Kupferstichkunst hervorgebracht hat. Vaterländische Darstellungen find in den Schaufenstern der Kunsthändler Müller am Kohlmarkt und Bermann am Graben zu sehen. Freilich sehr verschiedener Art. P. I. N. Geiger, den seine zahlreichen, vielfach gelungenen, immer aber anziehenden Kompofizionen einen großen und wohlverdienten Ruf verschafft haben, unternimmt im Verein mit dem vielseitigen Schriftsteller Weidmann eine Jllustrazion vaterländischer„Geschichte und Sage," von der bis jezt erst zwei Hefte erschienen sind, was durch die beschränkte Zeit des allenthalben in Anspruch genommenen Künstlers und durch den etwas hohen Preis der Hefte erklärlich ist. Bilder der Art können nur durch große Verbreitung ihren Zwek erreichen. Diese ist nur durch möglichst billigen Preis zu gewinnen. Denn nicht der größere Reichthum macht auch den größeren Patrioten. Das erste Heft enthielt vier Darstellungen; das zweite, eben bei Müller erschienene Heft enthält eine hübsche, etwas monotone Jllustrazion der bekannten Sage von der Himmelspförtnerin, dann unter dem in der Darstellung gar nicht gerechtfertigten 21 Titel:„Oberst Gerhard St. Hilaire," die bekannte Geschichte von der Rettung Ferdinand II. aus den Händen empörter Stände. Hier erlauben Sie mir eine Bemerkung. Billiger Tadel würde diese Komposizion treffen, wenn sie als historisch gelten wollte, während in einer Jllustrazion vaterländischer Sagen der Fantasie des Künstlers freierer Spielraum, seiner subjektiven, wenn auch auf schwacher Geschichtskenntniß basirten Privatansicht vom Verlauf einer geschichtlichen Begebenheit größere Willkür gegönnt wird. Eine wilde Rotte umgibt mit pöbelhaften Gebenden den bedrängten Fürsten, der ruhig dasteht, vornehm lächelnd, gnädig ablehnend. Freilich ist diese seltsame Auffassung auch der Sage nach unrichtig, und nach dieser wäre der Moment vorzuziehen gewesen, wo Ferdinand bei dem Bilde des Gekreuzigten Hilfe suchte, das ihm Trost zusagte; Augenbliks danach schmetterte die Fanfare der Kürassiere über den Burgplatz. Keinesfalls durfte aber der Oberst St. Hilaire als Titelheld des Bildes erscheinen, schon deshalb nicht, weil er auf demselben nicht eigentlich erscheint. Die Ausführung der beiden Blätter ist vortrefflich, in dieser Art von Steinzeichnung ist Geiger gewiß unübertroffen. Wir möchten dieses schöne Komposizionstalent vor Verschwendung warnen. Wie schade, daß unsere monumentale Kunst noch in den Windeln liegt. Doch auch das ist schon Übertreibung, es sind ja noch gar keine Windeln da. Wie würde Geiger dastehen, wenn er Gelegenheit hätte, seine ganze Kraft in großen historischen Gemälden zu sammeln; dem Besteller, dem Vaterlande und dem Künstler zur Ehre? 22 Wir haben keine athenische Poikile, wir haben keine Münchner Arkaden, unsere ganze monumentale Malerei besteht in Aushängschildern, unsere herrliche große vaterländische Geschichte hat nur in kleinen Bildern und Vignetten ungenügende fragmentirte Kunstorgane gefunden. Warum? Davon, so viel angeht, ein andermal. Eine Bereinigung von Künstler und Schriftsteller— ich meine von Zeichner und Schreiber— ist anderer Art. Ein gewisser Zampis hat, mit erklärenden Text von Wiest, Wiener Freskobilder herauszugeben begonnen. Sie wissen, wie wir uns freueten, als wir die Ankündigung in der Zeitung lasen. Wir glaubten der ekelhaften Gemeinheit „Original- und Lebensbilder" einmal karakteristische, die ganze Eigenthümlichkeit des Wieners humoristisch erfassende, vielleicht übertreibende, jedenfalls aber geistvolle und künstlerische Darstellungen entgegengesezt zu sehen. Wir haben uns geirrt. Treten Sie vor das Schaufenster in dem Schlossergäßchen, und Sie werden mit Unwillen sehen, daß ein ganz unfertiges Talent dieselbe Unbildung in seinen Bildern ausspricht, die in dem größeren Theile unserer Possenreißerei herrscht. Möchte wenigstens die Kunst nicht, auch auf ihrer untersten Stufe nicht, die Schmach auf sich laden, dem der geistlosen Juxmacherei, gehuldigt zu haben. Möchten aber auch die Kunstjünger einsehen lernen, daß zu jedem Zweige der Kunst ein gebildeter Geist die unerläßliche Grundbedingung ist. Die Journale sind voll von Kunstausstellungsberichten. Besonders hat die Augsburger Allgemeine Zeitung einen gutgeschriebenen Aufsatz über die Aachner Ausstellung gebracht, 23 so wie über die Neapolitanische. Der vierte Aufsaß über die Münchner ist trefflich, und ein Muster, schwierige Gegenstände umsichtig und^andeutend zur Sprache zu bringen. Er bespricht die kirchlich- christlichen Malereien.— Neues aus der Künstlerwelt kann ich Ihnen kaum melden. Meine Zeit war zu bemessen, um alte Bekanntschaften zu erneuen. In diesem Gebiete rechne ich vielmehr auf Ihre Mittheilungen. Amerling ist wieder nach Rom gewandert. Sogar die Portraitmaler fühlen sich nicht glüklich, sogar sie zieht es zurük nach der ewigen Stadt! Wie mögen erst die armen Historienmaler sehnend hinüberschauen nach den Stanzen, nach der Sixtina, nach all' den Orten, die Denkmale sind des Höchsten, was der Menschengeist in bildenden Künsten geschaffen. Der nicht nach Rom gekommen, beneidet den Künstler, der dort in dem erhabensten Genusse geschwelgt. Dieser aber ist der mehr Bedauernswerthe, denn nur zu wahr erklärt Dante für die größte Pein: die Erinnerung vergangenen Glükes in den Tagen des Jammers. O ihr schönen blauen Römertage, wo süditalische Luft, Lorbeern und Pinien, Orangenblüten und Ölzweige uns umsäuselten/ ernste Kolisseumsmauern und schwarzglutige Augen auf uns niederschauten, ein leuchtender Himmel wolkenlos lächelnd über uns sich wölbte,— wir in heiterer Lebensfülle, in freudigem Lebensmulhe so leicht auf alles Misere der Wirklichkeit, auf G eld, Verhältnisse, Rüksichten,— vergaßen, wo wir so rein menschlich uns fühlen durften, wie nie zuvor und wohl nie wieder— wo seid ihr?— Ich werde weich, und das ist das Dümmste, das einem Kritiker begegnen kann. Ich breche daher schnell ab. Ganz Ihr E. Myller. 24 IV. Ob unsere Zeit überhaupt Sinn hat für die Kunst? Wie wäre daran zu zweifeln? so höre ich die rasche Antwort. Spricht nicht Alles dafür? Sind nicht die Kunst- Ausstellungen für das ganze gebildete Publikum bereits zum Bedürfniß geworden? Zählt nicht unser Kunstverein über 2000 Mitglieder und Theilnehmer? Machen nicht unsere Kunsthändler brillante Geschäfte? Schmüken nicht reiche Private ihre Wohnungen mit den Erzeugnissen beliebter Maler? ja, entstehen nicht sogar kleine Gallerten moderner Künstler, worin fie sammt und sonders der Nachwelt und der Unsterblichkeit entgegenharren? Also— es ist eine ausgemachte Sache, daß wir Sinn haben für die moderne Kunst. Doch sollte uns nicht vieleicht schon die Benennung m o- derneKunst aufmerksam machen und einen Fingerzeig geben? Wie wäre es, wenn wir behaupten möchten, der Sinn für moderne K unst seiModesache, unsere Kunst größtentheils von der Mode ins Leben gerufen, ihren Launen huldigend, um mit ihr ins Meer der Allvergessenheit zurükzufallcn? Wie, wenn wir um einen Schritt weiter gingen und geradezu behaupten wollten, unsere ganze Zeitlage sei im Allgemeinen einer großartigen weit und breit erfassenden Kunstentwiklung nicht günstig? Die Kunst will nicht durch Opfer ins Dasein gerufen werden, wobei der Einzelne in der That mitwirkt, weil er etwa seinen Theil Steuern und Abgaben entrichtet, mit seinem innersten Denken und Fühlen ihr aber fremd bleibt. Jede Kunstblüthe muß aus dem G a n- ; e n emportrciben, aber nicht aus dem Ganzen als einer bloß kollektiven Einheit des Verschiedenen, sondern als die Blüthe eines einzigen Stammes, der aus sich herausdrängt und sproßt, nicht aus den partikularen Antreffen des A oder B, sondern weil sich eine ganze Nazion in ihr verherrlicht und dargestellt findet. Eine so vom Gesammtgeiste durchdrungene, allseitig sich gestaltende Zeit war bei den Griechen eingetroffen, als sie mit vereinter Kraft die zahllosen Scharen der persischen Söldlinge vertilgt hatten; jede Pulsader schlug sürs Ganze, jeder Gedanke des Einzelnen war nur der Widerhall der einigen Bestrebung, das Volk hatte sich begreifen gelernt; da gabs denn auch gar tüchtige Künstler und eine unsterbliche Kunst. So erwuchs auch die Lunsthöhe unserer Vorfahren nach den Finsternissen des Mitrelalters. Es öffneten sich die Thore einer neuen Zeit. die Überfülle des lebendigen Stoffes mußte zur Darstellung kommen, es stand ein gewaltiger Reichthum zu Gebot, der vom Volke ausging, zu ihm zurükkehrte. Ein großer Gedanke flog dnrch die Welt, gebärend und zerstörend, da blieb es nun nicht bei bloßen Worten oder dürren Reflexionen, es erstikte nichts in gesondertenJnteressen. Undunsere Gegenwart? Unsere Kunstausstellum gen und Kunstvereine? Wo ist überhanpt der innere allseitige Drang der Gestaltung? Und hat sich der Künstler hineingelebt in seine Zeit, fühlt er sich behaglich in seiner Umgebung, befriedigt in sich selbst?„Auch hier entfaltet sich, wie Pros. Kugler in einem geistreichen Aufsätze über den„Pauperismus auch in der Kunst" sich ausspricht, plötzlich das Bild beklemmender, peinlicher, düster drohender Zustände. Es sind mehr der Produzenten vorhanden als der Abnehmer; der Bildermarkt ist überfüllt, und nur zu häufig kehren du Arbeiten, die man hoffnungsvoll zur Reist durch die Kunstausstellungen hingab, in das leere Haus des Künstlers zurük., Die Kunstvereine haben eine Masse von Küchlern geschaffen, die ihr Geschäft frischweg auf eigene Rechnung gründeten: dem Privatbedarf an Bildern ist jetzt zum größeren Theil sein Genüge gethan. Manches Umfassende für die Kunst ist durch das Interesse und die Liebhaberei einzelner Hochstehender veranlaßt; mit Sorge muß man des Tages gedenken, wo der eine oder der andere unter den Mäzenaten vom Schauplatze seiner Thätigkeit abgerufen wird. Einzelne geniale Meister, einzelne verzogene Lieblinge der Zeit sieht man allerdings von den Geschenken der Glüksgöttin überschüttet; in die Thür anderer ist es oft nicht gar erfreulich hinein zu schauen. Bunte Bilder und glänzende Rahmen zeigen uns unsere Ausstellungen; könnten sie uns die Geschichte ihrer Entstehung erzählen, sie würden uns manchmal minder bunt bedünken. Man muß Künstler in Arbeit und Noth haben hinsiechen und hinsterben sehen,, um das Alles in seiner nakten Wahrheit empfinden zu können. Es ist dies zwar nicht eben ein Zustand, den die Welt erst heute kennen lernt;„Künstlers Erdenwallen" ist ein altes Kapitel. Aber so ausgebreitet, so häufig und so schmerzlich wie heut ist dieser Zustand vielleicht noch nicht dagewesen." 27 llm so dringender ist nun auch der Ruf nach Abhilfe. Kugler sucht im Verlaufe seines Aufsatzes Mittel anzugeben, wie diesem Pauperismus abgeholfen werden könnte, dessen hauptsächliche Ursache in der gegenseitigen Abgeschlossenheit von Kunst und Handwerk liege. Diese Abgeschlossenheit nun zu durchbrechen, die Kunst mit dem Handwerke auszusöhnen, die Künstler der Mittelklasse dem Handwerke zuzuführen, und in ihrer Bildung schon darauf Bedacht zunehmen, scheint ihm das geeignetste Mittel, womit auch wir vollkommen einverstanden sind, dagegen aber, daß Kugler die Hoffnung ausspricht, daß so das Kunsthandwerk am sichersten jene Gediegenheit wieder finden werde, die es seit dem Erlöschen der alten Znnungen eingebüßt hat, dagegen haben wir manche nicht unwichtige Bedenken. Der rasche Wechsel der Mode in Kleidung, Mobilien, Gerüche rc. zeigt zu klar, daß unsere Zeit sich nach außen hin noch nicht durchgebildet und künstlerisch entfaltet habe, im Schwanken und Schweben begriffen ringt sie nach ei» ner bezeichnenden Gestaltung ihrer sesbst, ohne sie zu finden; unbefriedigt wendet sie sich den erst jüngst erborgten Formen ab, um in neuen Nachahmungen zu ermüden. Zm Gefühle dieser Schwäche und Ilnselbstständigkeit geht nun das Handwerk einen armseligen, schleppenden Gang, huldigt dem Augenblik, um mit ihm abzusterben, und rächt sich an der Kunst durch seine Maschinen — ein trübseliger Ersatz für den schaffenden Künstler! Aber, wie stehts mit der Kunst, die dem Handwerke aufhelfen soll? Hat diese ihre Zeit begriffen und 4» 28 sich darnach gestaltet? oder ringt nicht auch sie sich in Formen ab, die sie nicht durchlebt hat? Haben selbst die begabtesten Künstler eine zeitgemäße Architektur geschaffen? oder wie stehts mit der hochgepriesencn Münchner Treibhauspflanze der historischen Kunst? Oder dürfen wir unsern Heiligenmalern, die sich abmühen, abgelebte Kunstti- pen als das Höchste und Einzige zu predigen und alle Andere mit Steinen und Koth bewerfen, irgend eine Gel- tung beilegen? lind in diesem Gewirre und Widerstreite soll es den mittelmäßigen Künstlern gelingen, das Handwerk wieder zu beleben? da sich doch kaum die ersten Meiüer unserer Zeit über die ererbten Formen emporgeschwungen. Was wird die Folge sein? Daß wir die gedie enen Formen vielleicht im rascheren Wechsel oder in korrekteren Mustern erhalten. Wenn nicht eine tüchtige Ursprünglich k ei t, die aber aus dem Ganzem der Nazion sich entwikeln muß, eine Wiedergeburt einleitet, so scheint der Bruch zwischen Kunst und Handwerk unheilbar und zerstörend. Deshalb muß aber auch das Bestreben, diesem Zustande durch eine tiefer gehende künstlerische Ausbildung thcilweise Abhilfe zu'leisten, rühmend anerkannt werden, und in jeder Beziehung erfreulich war die von der kais. Akademie der Künste veranstaltete Ausstellung der für die neuerrichtete Ornamentenschule bestimmten Vorlagen. Diese bestehen zum Theil aus einer reichen Auswahl der besten Kupferwerke, von Rasael angefangen bis auf die neuesten von Zahn, Heideloff. Manch, Metzmacher, Julien, Po lisch rc., 29 theils aber aus plastischen Vorlagen aus allen Kunstperioden, wodurch eine leichte Übersicht des verschiedenartigen Kunst, karakters erzielt, und das Auge des Schülers aus eine künstlerisch wirksame Weise herangebildet wird. Vorzüglich erwähnungswerth ist der vollständige Ankauf der architektonischen Ornamente der mittelalterlichen Baukunst von den schönsten romanischen und germanischen Bauten Deutschlands, welche herrliche Sammlung der Bildhauer Lehn- bart in Köln veranstaltete und in deren Besitz nur noch das königliche Museum in Berlin sich befindet. Durch eine so reiche, allen künstlerischen Bedürfnissen entsprechende Ausstattung, verbunden mit einer würdigen Leitung, kann mit großer Hoffnung aus nachhaltiges Gedeihen dem Ziele zugesteuert werden, welches Privatkräste in dem Umfange nur schwer anstreben können. Dr. Birkner. Anfrage. An die Herren Verfasser der Kunstbriesc. Das Vertrauen in Ihre Einsicht, meine werthen Herren, veranlaßt mich, Sie u n Ihre Meinung in einer Kunstangelegenheit zu bitten. Der Fall ist zwar an und für sich nicht bedeutend, allein die Prinzipien, auf die er sich stützet, sind für die Kunst von Wichtigkeit. Ein talentvoller deutscher Bildhauer in Rom hatte vor wenig Jahren ein Trinkgefäß modellirt, in Form der verhängnißvollen Pandorabüchse. Auf der einen Seite crblikte man den erschienen Epimetheus, wie er den Lastern und Sorgen, die er durch seinen Vorwitz entfes- selte,— die aber natürlich nicht zn sehen find, nach- blikt; aus der andern Seite war ein Faun angebracht, der über der Büchse herzersreuenden Wein ausdrükt. Der Künstler wollte damit sagen, wie der Herzcrfreuer Wein Gram und Sorgen verscheuchet. Dieser wahrhaft hochpoetische Gedanke fand, wie es sich erwarten ließ, unter den Künstlern zu Rom großen Beifall und ich glaube, nur ein für jede poetische Schönheit ganz abgestumpftes Gehirn könne dafür unempfindlich sein. Und dennoch hat es sich begeben, daß hiesige„Kunstästhetiker" dieser schönen Erfindung eines genialen Künstlers nicht die gebührende Anerkennung zollten, und den Grund zu diesem befremdenden Verfahren von der ohne besondere Erklärung unverständlichen Darstellung des Gedankens herleiteten. Das kommt mir aber sehr engherzig vor. Hat Jemand die Poesie der Neureuther'schenJllustrazionen klassischer deutscher Gedichte geläugnet? Staunt nicht die ganze Welt die Dstputa, die Schule von Athen in den Stanzen Rafaels an? Und find sowol jene poetischen Jllustrazionen als auch die Ra- fael'schen Meisterwerke ohne Erklärung verständlich? Oder wollen jene Ritter der Theorie die Poesie aus der Kunst verbannen?— Ich bitte Sie, meine werthen Herrn, um Ihre Meinung in dieser Sache, weil ich glaube, daß ein auf gesunden Menschenverstand und aufrichtiges Streben basirtes öffentliches Wort in der Sache an der Zeitsei. Ein Kunstjünger 3l V. (Beantwortung der Anfrage in Nr. 37.) Wenn wir die von uns geforderte Meinung über das Lrinkgcfäß mit der Pandoramithe nur ganz kurz hier abgeben, so wollen Sie uns mit dem Mangel an Raum und mit der Unmöglichkeit entschuldigen, hier zu den Elementen künstlerischer Ästhetik zurükzugehen. Das wäre aber nothwendig, um Ihnen nur einigermaßen begreiflich zu machen, warum wir über den poetischen Werth jener Zusammenstellung von Epimetheus und Faun durchaus Ihrer Ansicht nicht sein können, selbst auf die Gefahr hin, für Leute zu gelten,„deren Gehirn für poetische Schönheiten ganz abgestumpftist." Ob sich die Kunst unserer Zeit noch immer antiker und also jedenfalls in der Sinnesweise des Volkes abgestorbener Allegorien bedienen solle, ist eine Frage, die bei den geringen Anfängen einer modernen nazionalen Kunst nicht verneint werden kann. Nur ist zu wünschen, daß die Allegorie aus einem uns näher liegenden Kreise von Anschauungen genommen werde, z. B. dem alten und neuen Testamente. Jedenfalls aber muß die Anspielung eine vollständige und freiwillige sein, das heißt: sie muß den Gedanken, d.r bezeichnet werden soll, genau in sich fassen, ohne daß ihrem mithologischen Verlaufe etwas Wesentliches hinzugethan oder abgebrochen wird. Ist die Allegorie klar, vollständig und freiwillig einem an sich poetischen Gedanken angepaßt, dann, aber auch nur dann, kann sie poetisch oder auch unsertwegen„hochpoetisch" genannt werden. Denn das Gezwungene, Schiefe, Geschraubte hat kein Recht auf Poesie. 3^ Das in Frage stehende Trinkgefäß stellt imBasrelics die Mithe der Pandora vor; die Sorgen und Laster sind aus der Büchse entwichen, und nun kommt auf einmal ein Faun, drükt Trauben über das unsaubere Gefäß aus, und das soll heißen: der Wein verscheucht die Sorgen. Also schon das ist unpoetisch, daß der Künstler zu einer ganz willkürlichen und ungerechtfertigten Zusammenstükelung unzusammenhän- gender Ethischer Kreise seine gewaltsame Zuflucht nehmen mußte, um einen einfachen poetischen Gedanken auszudrüken. Daß er, um diesen einfachen poetischen Gedanken auszudrüken, den tiefsinnigen großartigen Mithus von Epime theus und seinem Sagenkreise in Bewegung setzt, ist fast lächerlich, also auch nicht poetisch. Zum linglüke wird aber trotz so gewaltiger Anstrengung und mithologischer Anstüke- lung der Gedanke des Künstlers durch seine Gefäßdarstellung gar nicht ausgedrükt. Denn Laster, Kummer und Sorge wurden durch ihr Entweichen aus der Büchse nicht verscheucht, sondern sie kamen ja eben dadurch unter das Menschengeschlecht, das sie früher nicht kannte. Ja man könnte viel eher aus den Gedanken kommen, daß Faun(also der Wein) die Laster und Sorgen aus dem Becher in die Welt getrieben habe. Das wäre aber das Gegentheil von dem, was der Künstler ausbrüten wollte. Brauchen wir mehr hinzuzufügen, etwa daß weder jener Künstler noch Sie die fragliche'Mithe nach ihrer Bedeutung und ihrem Verlaufe aufmerksam betrachtet haben? Ich glaube, es ist genug, um zu beweisen, daß wir das Vertrauen, das Sie in uns setzen, gehörig zu würdigen wissen. Die Verfasser der Kunstbriefe. 33 Vl> Bei Paterno sehen wir ein schönes Kupferblatt ausgestellt, die Rafael'sche„Fornarina," nach einer Zeichnung Martinet's, gestochen von L eis nie r. Das Original hängt in dem mit Werken ersten Ranges der antiken Skulptur und der neueren Kunst angefüllten Tribune der Gallerte, in dem Gebäude der öffentlichen Ämter(llegli ulliri) zu Florenz. Es ist merkwürdig, daß das Bild früher dem Gior gione vorgeschrieben wurde, und daß in der herzoglichen Gallerte zu Modem wirklich ein beglaubigtes Bild von Giorgione sich befindet, welches dieselbe Frau, nur vielleicht etwas jünger, vorstellt, und minder vorzüglich ausgeführt, auch übel restaurirt ist. Nicht minder merkwürdig ist, daß das florentinische Bild keine Ähnlichkeit mit den Zügen von Rafael's geliebter Fornarina hat, wie er sie in einem seiner herrlichsten Stafeleibilder im Pallaste Barberini zu Rom verewigt hat. Mit diesem ganz unzweifelhaften Bildnisse hingegen hat ein Gemälde in einem der Hinteren Zimmer der Gallerte Pitti zu Florenz die überraschendste Ähnlichkeit. Kopf und Hände davon find Rafael's würdig, nur hat ein späterer Pinsel den wenig bekleideten Körper mit einer weißen Drapperie umhüllt. Der Leser sieht daraus, daß die Autorschaft Rafael's in Bezug auf das im Eingänge erwähnte Bildniß der Tribune nicht ganz sicher ist, und dasselbe keinesfalls die Geliebte des llrbinaten darstellt, von der wir überhaupt wenig genug wissen. Noch steht das Haus der schönen Bäkerin und noch befindet sich, wie damals, in demselben eine Bäkerei. Sollte der freundliche Leser je die ewige Stadt besuchen, so wird er es in der Via Set- 5 34 timiana, Nr. 20, aufzusuchen haben. Morghens Kupferstich des Bildnisses in der Tribune gab hauptsächlich Veranlassung es für ein Werk Rafael's und für das Bildniß seiner Geliebten zu halten. Wenn auch in Delikatesse der Behandlung der Stich Leisnier's vielleicht dem StichelMorghen's vorzuziehen ist, so scheint mir doch die Zeichnung bei diesem viel richtiger als die des Franzosen. Aus den Tagesblättern werden Sie ersehen haben, wie die Frage, ob Kunstwer e fremdländischer Künstler von ge wissen deutschen Kunstvereinen angekauft werden sollen oder nicht, mit vielem Aufwande von Dorten und Fräsen ver handelt wurde. Da die Sache auch uns in so ferne berührt- als wir ebenfalls eine inländische Kunst und einen Kunst verein haben, dieselbe Frage also auch bei uns aufgeworfen werden könnte, so wollen wir gleich jetzt unsere schlichte Meinung darüber äußern, wie wir uns dazu verpflichtet glauben. Es scheint uns, als wenn die Lösung der Frage viel leichter wäre, als man sie macht. Was ist der Zwek des inländischen Kunstvereines? Hebung der inländischen Kunst. Der Zwek wird dadurch erreicht, daß einerseits der Verein tüchtige Werke talentvoller Künstler von ihnen erkauft, und anderseits seinen Theilnehmern die Möglichkeit verschafft, für einen verhältnißmäßig geringen Betrag ein gutes Kunstwerk zu erwerben. Hebung der inländischen Kunst und des Kunstsinnes ist also die Hauptabsicht der Kunstvereine. Die Zeit und Art ihrer Entstehung, ihre Programme, bestätigen es. Wenn hie und da Kunstvereine in einen größtenteils werthlosen Bildermarkt ausgeartet sind, andere sich her- 35 gegeben haben, die schlechteste Ware talentloser Pinselführer unter ein unverständiges Publikum zu bringen, oder um nur ein par Dutzend Theilnehmer mehr durch große Quantitäten ver lösbarer Gegenstände zu gewinnen, gewissenlos dem buntesten Bildertrödel nachgehen oder dem Künstler die drükendsten Preissätze abfeilschen,— so sind das eben nur traurige Ausartungen ursprünglich wolorganisirter Anstalten, sind Ausnahmen, die nirgends als Regel gelten können. Den eigentlichen Zwek der Kunstvereine also in's Auge gefaßt, ohne welchen sie vielmehr schädliche und hinderliche, als nützliche und förderliche Institute wären,— muß, we nigstens für uns im Vaterlande, der Ankauf von Werken nicht vaterländischer Künstler als eine, die Absicht eines vaterländischen und der heimischen Kunst förderlichen Kunstvereines geradezu aufhebende Maßregel von jedem gut vaterländisch Gesinnten bezeichnet und verworfen werden. Zur Empfehlung einer so verletzenden Maßregel wird vorgebracht, daß: Erstens eben durch die Konkurren; mit fremden Künstlern die inländischen noch mehr zur Aufbietung ihrer künstlerischen Kräfte angeregt würden. Zweitens: daß von den Werken fremder Künstler die einheimischen viel lernen, und zu ihren eigenen noch die Vorzüge Jener fügen könnten, mithin ihre Kunstentwiklung rascher und vielseitiger gedeihen würde. Was nun den ersten Punkt betrifft, so ist die Zahl unserer braven Künstler groß genug, um unter ihnen selbst den regsten Wetteifer und die lebhafteste Rivalität zu ver- 5* 36 anlassen. Beide könnten durch fremden Einfluß höchstens übertrieben und auf falsche Bahnen hingeleitet werden. Was aber aus dem Studium fremdländischer Kunstwerke zu erlernen ist, kann der Künstler um das viel billigere Lehrgeld eines einfachen Ersuch ms in unseren Privatsamm- lungen, in-welchen es an Werken aller modernen Schulen nicht fehlt, finden, ohne daß der Kunstverein Tausende der inländischen Kunst, die ihrer bedarf, entzieht. Jedenfalls ist es nicht seine, sondern wäre die Ausgabe der öffentlichen Gallerie oder der Akademie, fremde moderne Werke ersten Ranges den vaterländischen Kunstjüngern zugänglich zu machen. Ein nicht zu übersehender ilbelstand, den der Ankauf fremder Werke herbeiführen müßte, würde auch darin bestehen, daß die große Masse des Publikums nicht allein, sondern Alle, welchen die nicht öffentlichen Verhandlungen des Kunstvereines unbekannt find, zu der gefährlichen Meinung hingedrängt würden, daß unsere inländische Kunst gegenüber der Kunst des Auslandes eine ganz und gar ungenügende sein müsse, welche nicht einmal ausreichte, die bescheidenen Anforderungen eines so gemischten Publikums zu befriedigen. Daß die Theilnahme an dem Verein dadurch viel eher geringer als wachsender würde, ist nur folgerecht. Wenn es auch wirklich der Fall, wirklich die vaterländische Kunst so erbarmungswürdig gesunken wäre, so meine ich, wäre es vielmehr Aufgabe des Kunstvcreines, diesen traurigen Zustand zu beseitigen, nicht aber sich vor der ganzen Kunstwelt dazu zu bekennen. 37 Allein es ist nicht der Fall. Unsere Kunst ist frisch und gesund, nur unerwachsen.— Das Gesagte nochmals zusammengefaßt, scheint meine Behauptung gerechtfertigt: daß aus dem kunstvereinlichen Ankauf fremder Kunstwerke weder für unsere Künstler, noch für das Publikum ein Nutzen, sondern für die vaterländische Kunst nur Schaden und unverdiente Abwürdigung erwachsen, und daß somit der einzige Grund, womit Kunstvereine ihre Existenz rechtfertigen können, vernichtet würde. Denn Hebung vaterländischer Kunst und des Kunstsinnes ist und kann vernünftiger Weise nur der Zwek der Kunstvereine sein. E. Myller. VII. Wenig erfreulich ist die Nachricht, daß bei der Münchener-Kunstausstellung, welche durch eine wirklich großartige Aufstellung allen Reiz zu Zusendungen darbot, und auch wirklich eine ausgewählte Menge von Kunstwerken fast aus allen Ländern und Städten Europas zur Schau stellte,unsere WienerKunst auch nicht einmal durch einen einzigen Künstler vertreten wurde. Was mag der Grund hiezu sein? Nicht die Furcht, neben den Werken der Deutschen und insbesondere der Münchener Künstler in den Hintergrund gedrängt zu werden, denn der Schleier, den die gelehrte und befangene Kritik bisher über die deutsche Knnst gezogen, ist theilweise schon gelüftet, allenthalben regt sich ein gesunder Sinn, der besseres hoffen läßt, und bei dieser Stimmung durfte die Wiener Kunst, die, wenigstens in vielen Vertretern, auf einer natürlichen Entwiklung 38 weiterbaute, nicht befürchten, mißverstanden oder verkannt zu werden. Diese Bescheidenheit wäre also hier am unrechten Platze, wenn sie auch sonst gar Manchem anzuempfehlen ist. Und hat wohl das Ausland das Wenige, was Wiener Künstler hinausschikten, ungünstig aufgenommen? Man lese nur die Berichte über die Brüßeler Kunstausstellung, wo ein Bild des Malers Waldmüller in Wien in allen Kreisen so große Bewunderung hervorgerufen hat, daß es den Werken eines Wapers, Gallait rc. unbedingt vorgezogen wurde. Und dies Urtheil fällten Einheimische, denen ihre vaterländische Kunst gewiß auch sehr warm am Herzen liegt. Oder hat es das Ausland vielleicht im Bewußtsein einer höheren Kunststufe an allen Aufforderungen mangeln lassen? Nichts weniger. Als vor drei Jahren die viel bewunderten Bilder von Bieve und Gallait auch nach Wien verlangt wurden, ging von Brüssel aus an alle Wiener Künstler die dringende Aufforderung, die dortigen Kunstausstellungen zu beschiken, viele und sehr schätzenswerte Bortheile wurden angeboten, und dies Alles in einem Tone, der die volle Ächtung für unsere Kunstbestrebungen aus- sprach. Damals ging auch von mehren Künstlern der Vorschlag aus, ein Konnte zu bilden, an welches jeder Künstler das beste Bild, welches er gerade vollendet, abgeben sollte, über die Annahme sollte das Konnte entscheiden, und die ausgewählten Kunstwerke sollten nach Brüssel geschikt werden. Gewiß das beste Mittel um eine würdige Vertretung unserer einheimischen Kunst einzuleiten, und man hätte erwarten 39 sollen, daß alle Künstler sich gern und willig für einen so ruhmvollen Zwek dieser Zensur unterwerfen würden. Allein die augenblikliche Begeisterung verrauchte bald, beleidigte Eitelkeit wirkte dagegen und so blieb es bei dem bloßen Vorschlage. Allein gestehen wir es uns nur offen und ohne Vorbehalt eine solche Lauheit und Theilnahmslosigkeit für Alles, was außer den vier Wänden vorgeht, sollte den Künstlern vor allem Andern fremd bleiben, und wo einmal dieser gewisse Sinn für Ruhe und eine armselige Behaglichkeit, die mit beschränktem Horizonte sich gerade nur aus die Bedürfnisse des Tages erstrekt, in die Seele sich angeschlichen hat, da wird jedes Streben und Ringen zu Boden geworfen. Der goldene Regen, der sich in den Schoos des Schlafenden ergießt, ist schon gar lange zur Mithc geworden, und der Ehrgeiz, unsere vaterländische Kunst, die sich den Kräften nach, welche sie beschäftiget, wohl keines Vergleiches zu schämen braucht, auch bei unseren Nachbarn in Ansehen zu bringen— dieser Ehrgeiz sollte wach bleiben in der Brust eines jeden Künstlers, und ihn dahin treiben, auch die ihm zu diesem Zweke gebotenen Mittel in Anwendung zu bringen. Daß das Ausland unsere Wiener Kunst im Allgemeinen ignorire, ist eine Klage, die man tagtäglich hören kann, die aber eben so ungerecht, als bequem ist, denn man gibt sich nicht die geringste Mühe, sie dem Auslande zugänglich zu machen.— In Stuttgart wurde so eben ein neuer Abdruk von F. Kobells radirten Blättern, die zuerst im Jahre 1809 in Nürnberg gesammelt erschienen, mit einem einleitenden Vor- 40 Worte von Professor Franz Kugler herausgegeben. Der Preis für diese 178 Blättchen ist ein sehr mäßiger, nur schade, daß einige Platten schon etwas gelitten haben, obwohl die erste Auflage eine sehr kleine war. Kobell war eine durchaus künstlerische Natur. Geboren zu Manheim im Jahre 1740 bestimmte ihn sein Bitter für die juristische Laufbahn, obwol ihn Trieb und Neigung zur Kunst zogen. Aus mancherlei Rüksichten verfolgte er die ihm vorgezeichnete Bahn, wurde Hofkammersekretär und hatte seine Existenz gesichert. Allein ihm war damit nicht gedient, alle seine Mußestunden widmete er der Kunst, wobei er keine Leitung außer seinem eigenen Talente hatte, bis er durch mehre gelungene Leistungen die Aufmerksamkeit des kunst- liebenden Kurfürsten Karl Theodor auf sich zog. Dieser wollte ihn nicht auf halbem Wege,lassen, enthob ihn 1762 seines Dienstes mit Justierung einer Pension, damit er sich unbesorgt der Kunst widmen könne. Er besuchte nun die Manheimer Akademie, allein durch unverschrobenen Sinn bereits auf eine gesunde Bahn geleitet, fand er dort wenig Gelegenheit sich auszubilden, und keinen einzigen Lehrer, der i m in die Eigenthümlichkeit des Landschaftsfaches, wozu es ihn vor Allem drängte, hätte einführen können. Er wandte sich daher unmittelbar zur Natur und den besten holländi- scheu Meistern. 1!m das Jahr 1768 wurde er Professor an der Manheimer Akademie und Hofmaler; 1793 wurde er nach München berufen, und starb daselbst 1799, als Direktor. In seinen Radirungen schließt er sich den Leistungen an, welche die holländischen Meister uns hinterließen. Er 41 wandte sich jedoch mehr zur landschaftlichen Komposizion, als solcher, der Ilmzeichnung ihrer Formen, der Wirkung von Licht und Schatten, dem Spiel des Helldunkels, weniger tritt das reiche quellende Leben selbst hervor; sein glük- Liches Vorbild blieb Everdingen. Kobells Blrtter sind zugleich das schönste Zeichen für das neu erwachte sinnvolle Eingehen auf das stille Wirken der Natur in ihrer schlichten Reinheit, welches zu jener Zeit in Deutschland eben rege wurde, welches die Fesseln des französischen Ge- schmaks, der selbst in Wiese und Wald seine knechtische Unnatur mit hinausgetragen hatte, von sich warf, und den neuen Aufschwung einleitete, dessen wir uns heutigen Tags erfreuen. Kobell hat eine sehr entschiedene Vorliebe für die einfachsten landschaftlichen Situazionen; von jenen idealistischen Landschaften, wie sie Gehn er vorzüglich liebte, finden wir bei ihm nur vorübergehende Andeutungen in einzelnen Blättern. Dabei war er jedoch kein eigentlicher Naturalist oder Vedutcnzeichner, im Gegentheile wandte er sich, einzelne Studien ausgenommen, selten unmittelbar an die Natur, denn er hatte sie bereits lebendig im Kopf und Herzen, und holte daher als aus einer immer fließenden Quelle. Dies hat allerdings den Vortheil einer freieren künstlerischen Auffassung, läßt aber, da die Details selten jene Durchbildung erreichen, wie bei der unmittelbaren Na- ruranschauung, leicht in Manier gerathen, wie wir es auch bei ihm hie und da sehen, besonders wo er Laub und Bäume in größern Massen zusammen halten wollte. Die den Landschaften angeschlossenen Blätter mit Figuren sthließen sich mit allzugroßer Treue den gewählten 6 42 Mustern an, vorzüglich wird man an Ost ade erinnert. Sie bleiben aber hinter dem Vorbilde weit zurük und geben uns mehr das Zufällige der Darstellung, das Acußerliche, als diese im behaglich engern Kreise waltende Lebenslust und Lebensfreude, die uns an Ostade so frisch entgegentritt. Wo er sich aber davon losmacht und die eigene Anschauung wiedergibt, da wird er leer und manirirt; jedenfalls bleiben sie weit hinter seinen Landschaften zurük. Werfen wir nun einen Blik auf Kobell's ganze Bedeutung im Verlaufe der Kunstentwiklung, so finden wir, daß er seinem Wirken nach vermittelnd bei dem Bruche der alten und neuen Zeit stehe; er war ein nothwendiges Mittelglied zwischen der Troken- heit und Leblosigkeit der frühern Zeit und dem immer mehr um sich greifenden Natursinne der Neueren, welche bereits so schöne Früchte getragen. Dies sichert ihm einen nicht unbedeutenden Platz in der G esch ichte d er Entwik- lung unserer gegenwärtigen Kunst. Die bereits im Zahre 1821 erschienenen Kupferstiche nach den schönsten Gemälden der k. k. Gallerie im Belvedere werden dem Publikum noch immer gleichsam alsNovitäten zum Kaufe angeboten. Dieses Unternehmen mag zu seiner Zeit billigen Ansprüchen genügt haben, allein für die Gegenwart reicht es nimmer aus, die Kupferstiche sind größlen- rheils schlecht, wenige mittelmäßig und nur einige wirklich gut; auch das Format würde eher für Almanahbilderchen passen, ist aber zu klein, um größere Gemälde würdig in ihren Einzelnheiten darzustellen. Auch wußten sich die Kupferstecher selten auf eine geistreiche Art dem Maler unterzuordnen, und so gewähren 43 diese Abbildungen höchstens eine Einsicht in die Art nnd Weise der Komposizion, nicht aber in die Konzepzion des Malers, in die eigenthümliche Darstellung desselben. Dies aber ist ein Punkt, auf welchen wir ein großes Gewicht legen. Wie sich beides vereinen laste,»nd wie sehr die malerische Wirkung des Originals sich auch in den Abbildungen wiederspiegeln könne, beweisen uns die in jeden Beziehungen trefflichen Lithografien von H anfst an g l, Pilo th und W ölfle. Es wäre daher sehr wünschenswerth und eine lohnende Aufgabe, unsere an großen Meisterwerken so reiche Galle- rie doch endlich einmal in gelungenen Abbildungen erscheinen zu lassen. Wir sagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß fast alle andern Gallerten Europas, und darunter sehr viele, die sich mit unserer Wiener in keiner Beziehung vergleichen können, bereits in gelungenen und würdigen Abbildungen erschienen sind. Dem Bedürfnisse des Kunstforschers und Kritikers find sie unentbehrlich, dem Publikum halten sie die großen und einflußreichen Kunstcpochen der Vergangenheit lebendig vor Augen, und weken das bei unseren Verhältnissen ohnehin leicht schläfrige Kunstinteresse. Freilich stoßen wir hierbei auf Hindernisse, die nicht leicht zu überwinden sind; es fehlt uns nämlich an einer Schule tüchtiger Lithograsen, in deren Hände diese schwierige Aufgabe mit Beruhigung und der Hoffnung eines guten Gelingens gelegt werden könnte, allein— auch dies ist unsere eigene Schuld. Übrigens glauben wir, daß, wenn nur einmal der Anfang gemacht würde, sei es auch zum Beginne mit Beihilfe ausländischer Künstler, bald ra- 6* 44 lentbegabte Lithografen, deren Kräfte auf matte Tagser- zeugnisse versplittert werden, sich anschließen und die mangelnde Technik sich geläufig machen würden. Auf eine allgemeine Theilnahme des In- und Auslandes dürfte mit Zuversicht gerechnet werden. K. Birkner. VIII. Der Stoff, welcher sich der Kunstbesprechung darbietet, ist so groß, daß es uns nur allmälig gelingen wird— wollen wir wöchentlich nur einen Brief veröffentlichen—die verschiedenartigen Kunstleistungen auch nur flüchtig zu würdigen. Der Holzschneidekunst in ihrer Anwendung auf literarische Unternehmungen im Vaterlande gebührt gewiß um so viel mehr Berüksichtigung, als solche Mistrazioncn tief in's Volk dringen, und also zur Geschmaksverbesserung, zur Hebung des Sinnes für das Schöne und Tüchtige unendlich viel beitragen können. Sind solche Jllustraziouen noch dazu ganz insbesondere für das Volk bestimmt, so ist von Seite der Kunstfreunde gleich vom Beginne darauf zu sehen, daß sie ihren Zwek rechtfertigen, daß sie sich an das Naturell des Volkes anlehnen in ihrer künstlerischen Gestaltung, daß sie den Schattenseiten desselben, der Rohheit, Gedankenlosigkeit, der Trivialität nicht schmeicheln. Deshalb wollen wir den von J.N.Vogel herausgegebenen„Volks kalender"in Bezug auf die hundert Holzschnitte, die ihn illustrircn, zuerst in nähere Betrachtung ziehen. Die Zeichnungen zu diesen Holzschnitten find nach der Versicherung der Vorrede von einem„talentvollen Künstler" Hrn. Schö ller» Und in der 45 That ist wenigstens aus einigen dieser Zeichnnngen zu ersehen, das Hr. Sch. ein ziemlich gewandtes Zeichnentalcnt besitze, aber auch, daß dasselbe noch unentwikelt und in seiner Unbildung von echter Volksthümlichkeit weit entfernt ist, indem es im argen Mißverstände das Rohe(z. B> Seite 45), Gespreizte(S- 61), das Theaterhaste(S. 73), das Ekelhafte (S. 83), das Kindische(S. 100), das geistlos Fratzenhafte , S. 37, 183) für das Volksthümliche hält und zwischen Volk und Pöbel keinen Unterschied kennt. Wie kann man den großen Maximilian als Provinzialtheaterhelden in einem lächerlich irrigen Flitterstaat dem Volke vorführen, wenn man auch nur eine Ahnung von der historischen Bedeutung dieses Mannes hat? Die Darstellung seines Kampfes mit dem französischen Ritter ist für einen Bilderbogen, wie ihn die Kinder illuminircn, zu schlecht, kein Bild für das Volk u. s. w. Welche widerliche Darstellung algierischer Tänze, oder griechischer Volksfeste u> s. w. Welch reichen Stoff zu humoristischer Gestaltung gäben die verschiedenen Begrüßungsarten, und wie platt und geistlos sind sie dargestellt! Doch wollen wir gerne zugestehen, daß ein Theil dieser Gebrechen den Holzschneidern wird beizumessen sein. Denn so unbeholfene Linien, solche wahrhaft hölzerne Kontouren, wie z. B. die Holzschnitte S. 26,29, 52,69, 83, 100,102, 192, können dem Zeichner kaum zugeschrieben werden. Die Holzschnitte sind von verschiedenen Mografen und also von ungleichem Werthe. Allein durchgehends, nur mit kaum zwei Ausnahmen, ist daraus ersichtlich, daß die Mehrzahl noch durchaus zu keinem klaren Begriffe über das Wesen und das Eigenthümliche des Holzschnittes gelangt ist, und wähnt, je näher derselbe der Behandlung eines Kupferstiches steht, desto vorzüglicher sei er zu achten. Solches unverständige Bestreben muß natürlich total verunglüken, wie der mit vieler Mühe und Geschiklichkeit ausgeführte Holzschnitt„die Wahrsagerin" beweist. Wenn die Herren Holzschneider auch nicht so viel Zeit gefunden hätten, alte Holzschnitte zu beschauen, so können sie doch tagtäglich französische und englische Muster in den Schaufenstern der Buchhändler sehe», und daraus lernen, daß ihre mühselig Parallclstrich akernde Methode grundfalsch ist. Außer der Titelvignettc und dem Holzschnitte„die Faullenzer" sind die architektonischen Abbildungen, mit Ausnahme von S. 17, ziemlich befriedigend, z. B. der Koburgsche Pallast auf der Bastei, der als eine „großartige Kunstschöpfung" bezeichnet wird, was zugleich von der Reife des Kunsturtheiles, mit welchem hier das Volk versehen wird, erbauliches Zeugniß ablegt. Wir möchten den Herausgeber bitten, in der Wahl der Gegenstände künftig besonnener vorzugehen, die Zeichner und Holzschneider aber, mit mehr Respekt vor dem Volke und mit mehr Kenntniß des echt und wahrhaft Volksthümlichen ihre schöne, biennal ganz mißgriffene Ausgabe zu lösen. Was Sie über den Mangel eines künstlerische Anforderungen befriedigenden Galleriewerkes sagen, ist leider nur zu wahr. Die Galleric im Belvedere, die Liechtenstein'sche und Esterhazy'sche sind in der Gesammtheit ihrer vorzüglichsten Werke noch viel zu wenig bekannt. Während die bei Weitem weniger bedeutenden Kunstschätze anderer Sammlungen in würdiger Ausstattung dem kunstliebendcn Publi kum dargeboten werden, geschieht für die Herausgabe va- 47 inländischer Sammlungen gar nichts; nichts von Seite der Kunsthändler, die lieber Lithografien nach Kupferstichen zu wohlfeilen Preisen fertigen lassen, und zu jeder größer», künstlerwürdigen Unternehmung zu engherzig und klein- miithig sind, nichts von Seite der Besitzer, die lieber Hunderttausende für Modetand und Möbelstoffe dem Aus- lande zuwenden, statt mit geringem Aufwande dem Publikum den Genuß von Kunstwerken, die ihre patriotischen, kunstgebildeten Vorfahren erwarben, zu verschaffen, sich damit ein unsterbliches Denkmal zu setzen und die Achtung der Mit- und Nachwelt zu gewinnen. An Kräften, solche Sammelwerke auszuführen, fehlt es in Wien nicht. Wir haben viele sehr geschikte Litbografen, die bei den Rode- tandbestellungen der Kunsthändler kaum eine handwerksmäßige Existenz fristen, und freilich nicht aufgelegt sein können, alle ihre Geschiklichkeit»»anerkannt an unbedeutenden Trödel zu verschwenden. Lassen Sie mich dieses unerfreuliche Thema hier abbrechen und Ahnen über einige neue lithograsische Leistungen berichten. Da jetzt Hr. Berlioz am meisten Lärm in Wien macht, so ist es natürlich, daß er lithografirt wurde. Das ist ein alter und in Wien im weitesten Umfange ausgebildeter Brauch. Krieh über bat den französischen Kompositeur trefflich nachgebildet, und gezeigt, daß wenn er nur will, er noch so meisterhafte Köpfe zeichnen kann, als vor zehn Jahren. Desto mittelmäßiger hat ein von gewisser Seite her vielgepriesener Steinzcicbner, Herr Prinzhofer, den Wüstenreisenden Felicien D a- vid abkonterfeit. Eine so unreife, halb ängstliche, halb schleuderischc Leistung sollte dem Publikum nicht aufgcdrun 48 gen werde». Em„patriotisches Erinnerungsblalt" an die Herabsetzung der Kapitulazionszeit des k. k. Militärs macht Herrn E. Kaiser, der es erfunden und litbozrafirt, alle Ehre. Inmitten des großen Blattes ist die eichenbekränztc Büste unseres Kaisers, von Soldaten aller Waffengattungen umjubelt. Dieses recht lebendige Mittelbild ist breit von schönen Arabesken umrahmt, ausweichen sich gm erfundene und künstlerisch ausgeführte Szenen aus dem Volksleben, die auf den müden Geist und die Folgen des neuen Gesetz-s sich beziehen, motivirt entwikeln, während oben allegorische Personen aus das Mittelbild segnend niederschauen. Sie kennen, werther Freund, meine Antipathie gegen Allegorie. Das Blatt macht einen guten Eindruk und wird hoffentlich die Verbreitung finden, die es verdient. Warum unsere Medailleure diese würdige Gelegenheit, ihren Patriotismus und ihre Kunst zu zeigen, versäumt haben, sie, die jede neu befahrene Eisenbahnstreke, jedes Kindbett und jede Hochzeit verkupfern, ist mir nicht anders begreiflich, als durch Annahme, daß ihnen das wahre Wesen des Patriotismus noch so wenig klar geworden ist, als den aufdringlichen Reimern, die ihre Achtung und Verehrung vornehmen Personen durch die mühseligsten und plattesten Bersverschlingungen bei jeder noch so unfreiwilligen Gelegenheit darlegen, und diesen Sil- bcnzwang„patriotisches Gedicht" nennen, wenn es aber gilt, eine so beglnkende Aeußerung kaiserlicher Huld würdig zu preisen, und den Jubel der Völker in dichterischem Sckwunge Ausdruk zu heben,— da sind sie stumm!! E. Myller. 49 7 IX. Ich kann mich nicht enthalten, meinem letzten Briefe heute diese Zeilen nachzusenden. Ich habe eben in den Zeitungen zwei Nachrichten gefunden, die für die Kunst— wenn sie auch leider die vaterländische nicht betreffen— eben so ehrenvoll als wichtig sind, und die ich Sie ja nachzulesen bitte. Zuerst lesen Sie die Thronrede, welche der König der Belgier an die Deputirtrn der Nazion richtete. In solchen Thronreden werden nur die wichtigsten Ergebnisse des Staatslebens berührt. Und sie finden darin folgende Stelle: Die Ausstellung der schönen Künste hat die belgische Schule in dem Range aufrecht gehalten, den ihr die Bewunderung des Landes und die Gerechtigkeit der benachbarten Nazionen angewiesen haben. Wo die Kunst solche Anerkennung findet, wo sie nicht mehr als kostspielige Verzierung des Staates, sondern als eines seiner vollgil- tigen Elemente betrachtet wird, ist's da ein Wunder, daß sie blüht und gedeiht, daß das Volk den lebhaftesten Antheil an ihr nimmt? Daß auch Preußen der Kunst seine Stelle im Staatsleben einzuräumen gesonnen ist, und also der inländischen Kunst Mittel zur Anregung und Hebung verschaffen will, ist eben w weise als— klug. Der König von Preußen hat verordnet, daß bei künftigen Ausstellungen die vorzüglicheren Kunstwe.ke durch königliche Verleihung goldner Medaillen an ihre Meister ausgezeichnet werden sollen. Zugleich wurde eine Petizion der Berliner Maler, die als das sicherste Mittel zum Aufschwünge der Kunst würdige Beschäftigung durch öffentliche Werke beantragt, und die Betheiligung der inländischen Kunst an den bereits pro- 50 jektirten Fresken, deren Ausführung Münchner Künstlern, vorbehalten war, wünscht, von dem Könige sehr gut aufgenommen. lind gewiß ist nichts irriger als von der Unzulänglichkeit der inländischen Kunst zu reden, ohne ihr je Gelegenheit zu geben, zu zeigen, was sie vermag, und besonders dann vermag, wenn sie durch fortgesetzte Lösung großer Aufgaben erstarkt und selbstvertrauend geworden ist.. Man muß zum Lobe der Stadt Wien anerkennen, daß die wenigen monumentalen Kunstwerke, die wir,, meist in Brunnenstatuen haben, bis jetzt allesammtvon durch Geburt oder Einbürgerung inländischen Künstlern geschaffen wurden, und das zu einer Zeit, wo-Nazionalitat und Vaterlandsstolz noch nicht in Aller Mund und Herzen wiederklang, wie jetzt, wo die Kunst noch nicht, so wie jetzt, die Theilnahme des Publikums in Anspruch nahm. Doch wohin verirre ich mich? Ich wollte Sie ja nur auf belgische und preußische staatliche Kunstsortschritte aufmerksam machen. E. Wyller. X. Als ich in meinem letzten Kunstbrief Nr. VH. ein Urtheil über Waldmüllers Genrebild in der Brüsseler-Kunstausstellung anführte, geschah dies nicht aus dem Grunde, weil ich den dort aufgestellten Meinungen beipflichte, sondern lediglich als Beweis, daß uissere Wiener Künstler mit der Ausnahme, die sie im Auslande erfahren, sehr wol sich msrieden geben können. Die Eiuseingkeir und Befangenheit des von dem Brüsselerkunstreserentm gefällten Ausspruches ins wahre Licht zu stellen, schien mir um 51 so weniger nöthig, als wir selbst schon Gelegenheit hatten, Gallaits großes Talent mildem Waldmüllers zuver- gleichcn, und bei aller Achtung für die virtuose Technik unseres Landsmannes sind wir darum nicht blind gegen die Mangel desselben, die auch schon mehrfach bei Gelegenheit der öffentlichen Ausstellungen zur Sprache kamen. Dies mag hinreichen, nicht um Mißverständnissen vorzubeugen, sondern vielmehr wirklich eingetroffen zu beseitigen. Überhaupt muß es unsere Aufgabe sein, alle Mißdeutungen und Mißverständnisse, so weit dies über Haupt möglich ist, hintanzuhalten, um so mehr, als die Wirkungen, die.wir erzielen wollen, immer mehr oder weniger von Persönlichkeiten abhängen, die sich beiden neu- aufzubaucnden Zuständen betheiligen sollen. Bisher dürfen wir wenigstens die Befriedigung haben, nicht umsonst auf manches gedrungen zu haben, was unserer Kunst oder unsern Künstlern noth thut. lind gaben wir auch nicht die bestimmenden Anregungen, so haben wir doch Zeitsragen aufgegriffen, die durch ihre naheliegende Entscheidung einer öffentlichen Besprechung bedürftig waren. So sollen sich die Wiener Künstler bereits teilweise Dereinigthaben, die kommenden Ausstellungen in Leipzig und Brüssel mitBildernzu beschiken, und, um würdig und mit Ausschluß alles Mittelmäßigen dem Auslande gegenüber aufzutreten, sind sie gesonnen, aus ihrer Mitte ein EonM zu ernennen, welches über die Auswahl der Gemälde unparteiisch entscheiden soll. Eben so wollen sie zu Ehren des demnächst in Wien eintreffenden Kaisers von 7* 52 Rußland eine eigene Aufstellung der besten Gemälde veranstalten, welche sie entweder eben vollendet haben, oder die bereits in den Besitz von Privaten übergegangen find, welche fie zu diesem Behufe gewiß bereitwilligst überlassen werden. Wir erkennen in beiden Projekten, deren Verwirklichung wir lebhaft wünschen, einen regsamer gewordenen Geist unserer Künstler, der, über das handwerksmäßige Treiben hinaus, auf eine weitere Anerkennung losarbeitet und einen Wetteifer sowol unter ihnen als mit dem Aus- lande hervorrufen dürste, der höchst wohlthätig in alle Elemente künstlerischer Entwiklung eingreifen wird, bisher hat es leider an Bemühungen nach Oben und Un- t e n gefehlt, und auch diese könnten damit vielleicht ins «eben gerufen werden. Auf eine zweite Frage, welche Sie in ihrem vorletzten Briefe in der wohlmeinendsten Absicht und im Interesse der vaterländischen Kunst in Anregung brachten, ob nämlich ein inländischer Kunst-Verein auch Werke ausländischer Künstler ankaufen solle, und wogegen Sie die wenigstens für unsere gegenwärtigen Kunstverhältnisse, wie sie einmal sind, eindringlichsten Vorstellungen und Gründe erhoben haben, ist bereits praktisch geworden bei Gelegenheit der Ausschuß-Sitzung des Wiener-Kunstvereins. Wie sehr Sie die allgemeine Meinung aussprachen und auch kräftig zu vertreten verstanden, zeigte sich dadurch, daß der gestellte Antrag, auch ausländische Kunstwerke anzukaufen, mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurde. Unsere Kunst ist nach allen Seiten hin in einer Entwike- lungsperiode begriffe», bei welcher sie eben nicht stiefmütterlich im Stiche gelassen werden will, nachdem man sich einmal die Miene gegeben hat, ihren Bestrebungen nicht feindlich zu sein. Daß sich auch hier die Mittelmäßigkeit ein reiches Feld des Erwerbs zu eröffnen verstand, ist nicht zu läugnen, allein die Schuld scheint nur in der Stellung zu liegen, die den Künstlern gegenüber vertreten wurde. Die Mittelmäßigkeit schließe man unter allen Umständen aus, und halte sich blos an Talente, die schon bereits entwikelt find, oder bei einem ehrenhaften Streben gute und erfreuliche Leistungen und Fortschritte erwarten ließen und daher einer Aufmunterung würdig sind. Die Beurtheilung darüber ist für ein erfahrnes Auge bei einer freigehaltenen Stellung gar nicht schwierig. Aber dieser Grundsatz muß um so konsequenter durchgeführt werden, als jeder Kunstverein, er mag nun in Wien oder in Konstantinopel bestehen, ein Institut zur Belebung der Kunst und ihrer Interessen, der Vermittler zwischen Kunst und Volk, nicht aber eine Versorgungsanstalt für die Mittelmäßigkeit sein soll, wobei weder die ideellen Interessen der Kunst noch auch die mehr materiellen des großen Publikums gefördert, wol aber viele Künstler ins Dasein gerufen werden, die ohne wahren Beruf frsschweg zum Handwerk greifen, und im gleichen Geiste sich unwürdige Wege für ihre Afterprodukte zu ermitteln suchen. Ohne Hiebei ein bestimmtes Institut ins Auge zu fassen, gilt dieser Grundsatz ganz allgemein, die Nichtbeachtung desselben wird und muß um so nachtheüiger wirken, als jeder Kunstverein schon den Interessen nach, durch welche er ins 54 Dasein gerufen wird und die er befriedigen soll, nur ein beschränktes Feld der Wirksamkeit hat und leicht durch Begünstigung irgend einer falschen Richtung auch in das gesunde Fleisch und Blut verwundend eingreifen und dem ganzen jungen Nachwüchse eine erzwungene und erkünstelte Gestaltung geben kann. Die Vermittlung zwischen den Anforderungen des Publikums und dem Zwekc der Kunstbelebung wird nur dann ohne Kluft und Bruch vor sich gehe» können, wenn jenen nicht blindlings nachgegangen, dieser in den sie vertretenden Persönlichkeiten nicht zu schroff entgegengetreten wird. Aber als höchstes Prinzip bleibe immer die wahre Würde der Kunst vor Augen. Da den Kunstvereinen durchaus nach keiner Seite hin irgend ein merkantiles Interesse zu Grunde liegt, so hatten sie, wenn gleich eine größere Theilnahme auch reichere Mittel des Wirkens an die Hand gibt, doch nicht diese auf eine Weise zu erzielen, die dem höher liegenden Kunstzwcke zuwiderläuft. Kann daher auch ein Kunstverein durch die größere Menge der angekauften Bilder die Hoffnung aus Gewinn bei den einzelnen Theilnehmern und damit die Anzahl derselben selbst verhältnismäßig vermehren, so wird er doch seinem Zweke und seiner Ausgabe zuwider handeln, wenn er eine Menge unbedeutender und hoffnungsloser Sa- lonbilderchen um geringe Preise aufkauft, dagegen bedeutendere Kosten für würdige Kunsthervorbringungen scheut oder nur im beschränkteren Maße anwendet, oder endlich mir einer, bei einer Gesammtheit nicht leicht erklärlichen Eingenommenheit sich an einzelne Lieblinge wendet, viele der besten hingegen unbeachtet läßt. Es sind dies Gebrechen, über welche bei sehr vielen Kunst- vereinen Kla e geführt wird und die vor nicht gar langer M die Reorganisirung eines ausländischen, des Berliner Kunstvereines nämlich, nothwendig machten. Ist aber auf diese Art das wahre Kunstinleresse gewahrt und befriedigt, so kann durch würdige Nietenblätter immerhin auf eine Theilnahme in weiten Kreisen gerechnet werden. Wie sehr diese im Steigen begriffen sei, kann man schon daraus entnehmen, das trotz des sehr mittelmäßigen Kupferstiches von Passinis nach Hayez doch die Angabe der Lheilnehmer des Wiener Kunstvercins weit über 5000 stieg. Ob es übrigens angemessen sei, derlei unbedeutende Erzeugnisse in öffentlichen Blättern als hohe und beachtens- werthe Kunsthervorbringungen anzupreisen und so das ur- theilslose Publikum irre zu leiten, überlassen wir der Einsicht eines jeden wahren Kunstfreundes. Übrigens glauben wir, daß es gerathener und erwünschter wäre, wenigstens abwechselnd mit modernen Kunsterzeug Nissen auch würdige Abbildungen berühmter Galle riewerke zu bringen, die ohnedem bisher leider noch nicht abgebildet sind, und wir irren nicht, wenn wir behaupten, daß einem jeden Lheilnehmer mit einem Kupferstiche nach Rubens, Van Dpck, Rembrandt rc. mehr gedient wäre, als mit Fendi's Dachstübchen oder irgend einem andern Blatte, wie sie in den letzten Jahren geboten wurden. Die etwa bedeutenderen Auslagen würden jedenfalls durch eine gesteigerte Theilnahme gedckt; denn theils durch die bestimmte Angabe der ausgegebenen Exemplare, theils bei dem Mangel anderer Abbildungen wäre solchen 56 Blättern ein Werth gesichert, der immerhin genügenden Reiz zur Theilnahme darbietet, abgesehen von dem bessern Eeschmake, der damit ins Publikum gebracht werden könnte. Durch andere Mittel auf die leicht bewegliche Menge zu wirken, etwa durch einen erweiterten Ankauf best sen, was sich gerade den Launen der Mode schmiegt, aber in sich keinen Fortschritt einzuleiten vermag, wäre verfehlt. Überhaupt muß sich ein Kunstverein der Mode einschlagen und die tieferen Anforderungen der Gegenwarr von den seichten der Mode genau zu trennen wissen. Jedes Institut, und so auch die Kunstvereine, haben ihre Geschichte und als organisch gegliederte Gesammtheiten auch bestimmte Entwiklungsprozesse, sie dulden keinen Stillstand, unabweislich dringt ein regerer Geist über kurz oder lang in die veralteten Formen umgestaltend ein und legt sich die ganze Bildung seinen frischen Anforderungen zurecht. Aber auch die Künstler mögen nicht zurük- stchen und alles über sich ergehen lassen, wie das Grollen des Donners, dem Vorboten einer reineren und gesünderen Luft. Viel, sehr viel hängt bei dem Gedeihen eines Kunstvereines von dem lebendigen Antheile der Künstler ab, und sind sie gegen ein Institut, welches doch mit ihren eigenen Fortschritten innigst zusammenhängen soll, in eine schiefe Stellung gekommen, so leidet nothwendig jeder Theil darunter. Bildung, und zwar gediegene Bildung und das Bewußtsein der wahren Kuustwürde, dies find hier die Vermittler aller geselligen Zustände, an ihnen stoßen 57 8 sich die Härten des Egoismus und der beleidigten Eitelkeit ab, sie werden nicht kleinkrämerisch an Alles, den Maßstab der oft unbedeutenden Persönlichkeit anlegen, und darnach aburtheilen und verdammen. Ob in dieser Beziehung nicht die ausländischen Künstler einen höheren Standpunkt sich errungen, wird der beurtheilen können, der in beiden Kreisen sich bewegt hat. Damit fällt wohl auch jener Kaussmannsgeist hinaus, der blos zu Markt zieht um hohe Preise zu erschwingen sucht, so wie umgekehrt das unedle Feilschen und das Losschlagen um die niedrigsten Preise, diese Sünde der Mittelmäßigkeit. Wie sehr überhaupt die Preise bei unsern Künstlern differiren, und dies nicht immer nach dem Maßstabe des wahren Kunstwerthes, davon kann man sich tagtäglich überzeugen. Der Künstler möge immerhin einen gemäßen Preis für sein Bild bestimmen, allein dann bleibe er auch dabei. Nur auf diese Art wird sich ein achtenswerther Stand jedem weiteren Kreise gegenüber behaupten können, und alles mißlaunige oder scheinbar vornehme Zurükziehen wird dem wahren Kunstinteresse zu weichen haben. Wir wollen keinem Theile bestimmt die Sachlage, wie sie nun einmal ist, als Schuld aufbürden, hoffen aber, es werde eine Aussöhnung der verstimmten Gemüther nicht mehr ferne sein, und hoffen dies um so mehr, als diese Verstimmung nicht ohne Einfluß auf die Kunst bleiben kann. Ein reges Ineinandergreifen und Zusammenwirken thut wahrlich unserer Kunst mehr noth, als je. K. Dirkner. Endlich scheint es, daß die Dresdener Gallerte, mit welcher sich keine der Gemäldesammlungen Deutschlands, wenige Italiens messen können, eine würdigere und mehr sichernde Behausung erhalten werde, als das bisherige, zu andern Zwe- ken erbaute Stallhaus. Es ist unbegreiflich, wie man einen solchen Schaß so lange in einem weder durch Licht noch Lage vortheilhasten, wol aber nicht heizbaren, also jedem verderblichen Witterungswechsel ausgesezten, beschränkten, unbequemen, den ästhetischen Genuß größtenthcils aufhebenden Lokale dem Verderben preisgeben konnte, dessen Spuren an vielen und leider meist ausgezeichneten Gemälden deutlich wahrzunehmen sind. Eben so unbegreiflich ist, wie man Oelbilder, um sie vor den Einwirkungen des Staubes und Stcinkohlenrußes zu schützen, unter Glas stellen und sie so dem Sonnenlichte aussetzen konnte. Und nicht allein kleinere Kabinetsstüke, sondern z. B. Rafaels Sistinische Madonna, Ho lb eins großes Dotivbild. Ein weiterer Übelstand, dessen Schuld aber das unpassende Lokale trägt, ist, daß die Gemälde bis an die Deke hinauf hängen, was jede eingehende Beschallung hindert, und daß viele Hauptwerke, gegenüber den Fenstern so angebracht find, daß sie von gar keinem Standpunkt vollständig und ohne Reflex zu sehen sind,z. D. die Correggios. Zudem stört eine ganz unnö- thige Menge von Malern und kokettirenden Malerinnen, die meist um's liebe Brot kopiren, in allen Sälen vertheilt sind, die besten Bilder Jahr aus Jahr ein in Beschlag nehmen und der ungehinderten Beschallung entziehen. In Berlin sind die Normen für die kopirenden Künstler viel zwekmäßige 99 und mit Verüksichligung des kunstlicbenden Publikums bestimmt. Alle diese Mangel werden verschwinden, wenn die sächsischen Stände das ihnen vom Könige vorgelegte gründliche Projekt zur Erbauung eines neuen, allen Anforderungen der Kunst genügenden Galleriegebäudes genehmigen, woran bei einem so gebildeten und selbstbewußten Volke, wie das sächsische, kaum zu zweifeln ist. Um von dem Reichthumc des Dresdener Gemäldeschatzes einen Begriff zu geben, will ich nur anmerken, daß mehr als 2000 Werke aufgehängt sind, eine fast eben so große Zahl aber theils in Magazinen aufbewahrt, theils in königlichen Gebäuden der allgemeinen Beschallung unzugänglich ist. Unter den Gemälden der Gallerte befinden sich außer der wahrhaft göttlichen Madonna vonRafael, Sistina von der Gestalt des h. Sixtus genannt, die auf dem Bilde erscheint, sechs Correggios, darunter die„Nacht;"— vierzehn Tizian, fünfzehn Paul Deronese; zwei Van Eyk; drei Lukas von Leyden; achtundzwanzig Lukas Kran ach; drei Dürer; vierunddreißig Rubens; neunzehn Van Dyks; zehn Holbein; neunzehn Rembrandt; fünfundzwanzig Teniers; sechzehn Ruysdael; vierunddreißig Dreughel; sechsundzwanzig Mieris; zweiundsechzig Wouwermann u. s.w. u. s. w. Auch ist zu hoffen, daß nach der neuen Aufstellung ein Verzeichniß der Gemälde ausgearbeitet werde, welches den Standpunkt der Kunstwissenschaft mehr berüksichtigt, als das handwerksmäßig Verfaßte, mit welchen man sich jezt begnügen muß. Sehr lobenswerth ist die Einrichtung, daß die Dresdener Eallerie vom 1. Mai bis zum letzten Oktober t ä g l i ch von 9 bis 1 Uhr dem Publikum unent- 8* geldlich geöffnet ist.— Ein um den Kunstunterricht vielverdienter Meister, der Akademiker und Hofmaler Wach in Berlin, ist gestorben, und es geht das Gerücht, der kunst- sreundliche König wolle Kaulbach von München an die Stelle des Verstorbenen setzen. Das tiefinnige Künstlerwesen, die nervwe Reizbarkeit Kaulbachs scheint mir eben nicht nach dem Lichtherde an der Spree zu paßen, wenn auch diefcharfe dortige Kritik der unfruchtbaren Sini- bolsucht, die man in München Kunstfilosofie nennt, und der leider das schöne Talent Kaulbachs zu verfallen droht,, mit überzeugender Kraft ein Ziel setzen würde. Doch ist die Verlinerkritik, besonders gegen nichtpreußlsches Verdienst, zu schneidend, um zu nützen, und zieht es vor zu kränken und zu verletzen. Zudem scheint ein eigenes Verhängnis über den Münchenern zu walten, die nach Berlin berufen wurden; selbst bei der mildesten Ansicht kann man nur sagen, sie haben ihren Mmrchener Ruhm nicht vermehrt. Denken Sie an Küstner, Schelling, Cornelius.—Auch eine andere Kunstnotabilität ist vor einiger Zeit gestorben, der Direktor der königl. sächsischen Gallerten, Friedrich Mal- rhäi, und Schwind wird unter denen genannt, aus welchen sein Nachfolger gewählt werden dürfte. Schwind, wie Sie wissen, istunserLandsmann, ein genialer, herrlicher Künstler. Schon seit Jahren in Deutschland lebend, geehrt, berühmt, will er nun, scheint es, eine feste Stellung gewinnen, um den Gott, den er in seiner Künstlerbrust trägt, einem weiten Kreise von Schülern zu offenbaren. Daß die Dresdener Akademie die Nothwendigkeit einer Re- generazion durch Einverleibung einer so feurigen Kraft ein- 61 ficht, gereicht ihr zur hohen Ehre, daß Schwind seinem Vaterlande nicht erhalten, oder vielmehr wieder gewonnen wird, dessen Kunstzustände eines solchen Fermentes nochviel dringend er bedürften, als die Dresdens, ist, gerade in dem jetzigen Zeit- und Wendepunkte, sehr bedauerlich aber— leider nicht unbegreiflich. Schließlich erlaube ich mir, Sie auf den Bericht Ernst Försters über die in Florenz aufgefundene, höchst bedeutende Freske Ra faels, dasAbendmahl darstellend, aufmerksam zu machen, welchen das Stuttgarter Kunstblatt enthält. E. Myller. XII. Pros. Blafius H öf e l, der sich um die Holzschneidekunst in Oesterreich bedeutende Verdienste erwarb, hat schon seit längerer Zeit kostspielige Versuche gemacht, den Farbendruk mittelst der Vuchdrukerpresse auf eine höhere. Stufe der Vollkommenheit zu erheben, als es bisher der Fall war. Die vorliegenden Proben zeigen sehr erfreuliche Leistungen. Was sich überhaupt auf mechanischem Wege mit Beihilfe einer vorbereitenden Kunsttechnik leisten läßt, hat er in dem Blatte nach Führich geleistet, welches Maria mit dem Kinde darstellt, auf einem Throne sitzend und umgeben von zwei Engeln, welche zu ihrem Preise singen und mustziren, den Grund bildet verziertes Gold, eine reiche gcschmakvolle Einfassung umgibt das ganze Bild. Wer die große Schwierigkeit dieser Technik kennt, die für jede Far- benabstufung eine eigene Platte benöthigt(bei diesem Bilde sind deren 42 angewendet), die alle ohne linienbreite Abweichung zusammenstimmen müssen, wenn nicht die ohne- 62 hin nur sehr schwer zu erreichende Harmonie ganz gestört werden soll, der wird diesem Blatte seine freundliche Theil' nähme nicht versagen. Daß damit nicht die frei schaffende Kunst ersetzt werden kann und soll, ist leicht einzusehen, denn es fehlen nothwendiger Weise die letzten zarten Far- benübergänge, das leichte Spiel von Licht und Schatten an dem bloßen Stoffe der Farbe, womit der Maler sehr viel wirken kann, so wie die alle Mechanik ausschließende Individualität des Künstlers; allein mit solchen Anforderungen an die Bettachtung und Beurtheilung zu gehen, wäre jedenfalls unbillig, und immerhin ist ctwas ähnliches in diesem Fache gewiß noch nicht geleistet worden. Auch die beiden zur Einsicht mitgetheilten Blumenblätter sind in ihrer Art Meisterstüke. Auch find die Abbrechungen in den Farbentinten Hiebei viel weniger störend als in dem menschlichen Antlitze, was hiedurch nothwendig etwas Gealtertes und Lebloses zeigt. Höfel möge sich durch die glük lichen Erfolge seiner bisherigen Leistungen zu weiteren Fortschritten anregen lassen, die bei seinem energischen Eifer und bei seiner frischen Lust zum Schaffen gewiß sehr erfreuliche Resultate erwarten lüssen. Vielfache Anwendung versprechen wir uns für die Bedürfnisse des Tages, die im schönen Gewände auftretend bei weitem mehr ansprechen und loken, wie schon die Plakate für- die Güterlotterien aus der Kunstdrukerei des Hrn. Pros. Höfel, wovon uns ebenfalls drei sehr gelungene Stüke vorliegen, zeigen. Auch von Bogner liegt uns ein trefflich radierter Kopf eines Hundes vor, nach einer Zeichnung des in diesem Fache sehr verdienstvollen Malers Ranftl. Die vollendete 63 —S-H«- Technik hat in diesem Blatte das Leberr nicht erstikt, wie dies so häufig geschieht, und wir wünschen hiemit den Künstler zu bewegen, dieses geistreiche Blättchen auch der weiteren Theilnahme des Publikums durch die kunsthändlerische Verbreitung nicht zu entziehen. Ihr Karl Birkner. - O-- «ck *