Wiens-- Zislii-kibliviliek 1738S^ 8 - - D i e Schloßrninen im Walde, oder: Graf Rinaldo's fürchterliche Gestalt. Eine Rittergeschichte von Ludwig Dellarosa. Mit einem Titel!»pfer. Wien, 1822. Verlag von Singer und Goering OM -. r-K Die Schlohruinen im ÜZalde, oder: Rinalda'S fürchterliche Gestalt. - '———— Erster Abschnitt. ^^erzog Aftolph, mit dem Beinamen der Uebermüthige, beherrschte die reichen und fruchtbaren Gefilde Skandinaviens, als Roderich der Kühne seine Heldenbahn endete. Er hatte mit dem nachahmungswürdigften Eifer für fein Vaterland gefochten, und seine Waffen mit fast ununterbrochenem Glücke geführt. Dadurch erwarb er sich'den Namen eines Helden, und vergrößerte das Reiche seines erhabenen Gebieters.- Allein unter dem Getümmel des Krieges einem Greise gediehen war er in den Ränken und Kabalen des herzog, chen Hofes ein i - 4 unbewandeter Fremdling. Daher kam eS auch, daß, nachdem er der mühevollen Bahn des Ruhmes den größten und schönsten Theil seines Lebens aufgeopfert hatte, ihm doch das Lächeln des fürstlichen Beifalls entzogen wurde. Der weise Held gewahrte bald daS fürchterliche Gewitter, das sich über seinem Haupte aufzuthürmen begann; da traf er auch schon Anstalten, den Weg einzuschlagen, der ihm am wahrscheinlichsten Sicherheit gewähren, und ihn zu einer Freistätte leiten könnte, dem hervorbrechenden Ungcwitter ruhig und ohne Gefahr entgegen zu sehen. Er floh, da es noch Zeit zum Fliehen war, aus der Residenzstadt des Herzogs, in eines seiner Schlösser, welches er nahe an der Gränze einer neu eroberten Landschaft eigenthümlich besaß. Seiner Berechnung nach, war es unmöglich, daß Astolphs Grimm ihn hier erreichen würde. Nach diesem Zufluchtsorte entbot er seinen Sohn, den er beim Heere zurück gelassen hatte, zwar noch einen jungen Krieger, der aber an Muth und Ruhmbegierde seinem Vater wenig nachgab. 5 Rinaldo, so hieß der tapfere junge Mann, hatte die Zeit, welche zwischen jenem Feldzuge verstrich, meistens in Herzog Astolphs Pallaste hingebracht, hier erblickte er zuerst die reizende Prinzessin Ildegerte, eine Tochter des verstorbenen Herzogs, und Liebe schlich sich in sein Herz. Wahr ist es, selbst den kaltblütigsten Jüngling hätte es nicht wenig Ueberwindung gekostet, die Huldin zusehen, ohne gegen sie in die heißeste Liebe zu entbrennen. Ihre Augen verriethen hohen Sinn des Geistes, der mit einen sanften, gefühlvollen Herzen, in Harmonie und Eintracht stand. Majestät und Milde thronten auf ihren Lippen. Ihre Reize bezau- berten, ihr Betragen war edel und anmuths- voll, und der spmetrische Bau ihrer Glieder glich jenen der Grazien. Rinaldo war das würdigste Gegenstück— von ausgezeichneter, männlicher Schönheit, von gebildetem Geiste, von hohem, unbeflecktem Rufe, Eigenthümer eines Herzens ohne Furcht und ohneTadel, wie konnten also die wechselseitigen Vorzüge ihrem forschenden Auge ent- 6 gehen? Sie hatten täglich Gelegenheit einan- uer zu sehen und zu sprechen, und diese Gelegenheit war die Stifterin der unschuldigsten Liebe. Herzog Astolph gerieth in heftigen Zorn, als er die Entweichung des Grafen Roderich vernahm; noch denselben Tag, da Rinaldo dem Befehle seines Vaters gemäß, das Heer verlassen hatte, ihm aufsein Schloß zu folgen, kam strenge Ordre in's Lager, ihn seiner Würde zu entsetzen, und als einen Gefangenen nach der Hauptstadt zu führen. Zum Glück ging diesem Befehle ein Brief von Jldegcrten vorher, welcher Rinaldo vor der drohenden Gefahr warnte,— ein Brief, der ihm schon wegen dem darin erhaltenenBeweise ihres Edelmuthes schätzbar, aber theurer noch wegen dem-Gelübde unverbrüchlicher Treue. An dem Zufluchtsorte, welchen Roderich gewählt hatte, brachte Rinaldo den größten Theil der Zeit in wehmüthigem Nachdenken über seine geliebte, aber leider abwesende Jlde- gcrte zu. Vergebens suchte der Vater seine Gedanken von dem steten Gegenstände seiner Auf- 7^ nrerksamkeit abzulenken, vergebens spann, er Gespräche über die Wissenschaft an, in welcher der geliebte Rinaldo von der ersten Jugend an sein Schüler gewesen, und in welcher Beiden ein so großer Name zu Theil geworden war. Die Soldaten, welche Gras Roderich zum nicht geringen Verdrnße des Herzogs aufsein Schloß mitgenommen hatte, wetteiferten in ihren kriegerischen Uebungen Rinaldo's schlaffem Geiste neuen Schwung und neue Spannkraft zu geben, aber sein Herz fand jetzt Widerwillen dagegen, lieber mochte er im wohlthätigen Dunkel der größten Abgeschiedenheit seinen Schwärmereien nachhängen. Südwärts stieß ein großer, unwegsamer Wald an das Schloß. Dieser gewährte Rinaldo jene Abgeschiedenheit, es verging daher kein Tag, wo er nicht hier seine Einbildungskraft an den mannigfaltigen Reizen geweidet hatte, welche ihm das Bild seiner Jldegerte so reichlich darbot. Sein Vater entdeckte bald seine Abneigung gegen jede gesellige Unterhaltung, wahrscheinlich, daß er auch der Ursache davon auf die 6 Spur gekommen war; denn er ließ endlich, da alle Versuche fruchtlos blieben, ab, seinem Hange zur Einsamkeit und Schwermuth in den Weg zu treten. Von jetzt an, sahen sie sich nur bei der Tafel, die Rinaldo allezeit verließ, sobald es mit Anstand geschehen konnte, und in den Stunden, da die Pflicht der Religion sie in den benachbarten Kloster versammelte. Rinaldo befolgte ihre Vorschriften mit so strengen und unermüdeten Eifer, daß der Vater der Besorgniß sich nicht ganz erwehren konnte, es werde ihm sein Hang zur Melancholie den Gedanken einflößen, sich selbst zum Klosterbruder aufnehmen zu lassen. Auch beruhte diese Besorgniß eben nicht auf seichten, unbedeuten- den Gründen; denn die Mitglieder dieses Klo- sters, dreißig an der Zahl, hatten Alle die Waffen in damaligen Zeiten nicht ohne Ruhm getragen. Der Prior war ein alter Kriegsmann, welcher dem Grafen Roderich zum Anführer auf den Weg zur Ehre gedient hatte. In der Jugend an Mühseligkeiten und ermüdende Arbeit gewohnt, und im Alter der 9 Mäßigkeit treu, genoß er noch ungeschwächter Gesundheit. Allem nicht dieser Biedermann, sondern ein Eremit war die Ursache, daß Ri- naldo seinen Weg so oft zu dem Kloster nahm. Dieser Siedler hatte seine Zelle nicht weit von dem Kloster erbaut. Sowohl die Mönche als die Bewohner der umliegenden Gegend schätzten ihn wegen seinen unbescholtenen Lebenswandel und nachahmungswürdigen Charakter. Das Kloster St. Sebastian lag in der Nähe von Roderichs Schloß, kühn auf einem Berge erbaut! der die ganze Fläche umher beherrschte. Ein schmal sich dahin windender Weg von beträchtlicher Länge machte allein diesen Felsen zugänglich. Da der Abhang schroff und steil war, erforderte es keinen geringen Aufwand von Mühe, den Gipfel zu erreichen. Aus dem Thale her, hatte er ein so malerisches Ansehen, daß feurige Wünsche, ihn zu ersteigen, die Seele des Wanderers erfüllten. Die hohen Mauern des Klosters schienen in der Luft gegründet zu seyn, und ihre gothischen Thürme ragten über den Scheitel des Felsens in schauerlicher Pracht hervor. Man übersah von hier das 10 Schloß. Da das Kloster befestigt war, so hatte dieser Umstand eine eigene Wichtigkeit, und sobald ein Ueberfall dem Schlöffe bevorstand, strebte man aus allen Kräften sich dieses Platzes zu versichern und ihn mit hinreichender Besatzung zu versehen. Unter einem hervorragenden Theile des Felsens hatte der Einsiedler, dessen Umgang der junge Rinaldo so lieb gewann, seine Hütte aufgeschlagen. Seitdem er sich hier niederließ, war nach Erfüllung der Pflichten der Religion, Erweiterung und Verschönerung der kleinen Hütte seine tägliche Beschäftigung, bis er endlich eine Wohnung zu Stande gebracht hatte, deren einfache Schönheit und Bequemlichkeit selbst den flatterhaftesten Bewohnern der Welt beneidenswerth geschienen haben würde. Dieß war der Ort, wohin Rinaldo entfloh, wenn er sich dem lästigen Prunke entriß, welcher in des Grafen Roderichs Schlosse herrschte. Hier konnte er ungestört mit den trefflichen Eigenschaften und Vollkommenheiten der Geliebten seine Seele beschäftigten, hier 1L konnte er ohne kalten Spott, oder harte Verweise fürchten zu dürfen, das Geheimniß'sei- nes Herzens entfalten. Zwar war Vater Benjamin ein strenger Richter gegen sich selbst; aber mit den Schwachheiten Anderer hatte er Nachsicht und Erbarmen. Zweiter Abschnitt. HA>inige Monate waren verflossen, als eines Morgens Rinaldo den Befehl gab, die Zugbrücke niederzulassen, und von einem treuen Diener begleitet, den Weg nach der Hauptstadt einlenkte. Indem sie durch den dicken, ungebahnten Wald ritten, der sich viele Meilen weit an der südlichen Gränze hinzog, neigte sich der Tag, und in der Abenddämmerung erreichten sie erst das Ende. Die Nacht brach mit ungewöhnlicher Dunkelheit ein, und ein kalter Sturmwind, welcher aus Norden zu brausen begann, verkündete ein herannahendes Gewitter. Einige große Regentropfen fielen, die Finster- niß nahm immer mehr zu— man vernahm das Rollen des fernen Donners. Rinaldo ließ seinem Pferde die Zügel, und vertraute ganz auf die Sicherheit seines Lieblings. Er trabte langsamen Schrittes fort, und sein treuer Diener folgte ihm nach. Dann und wann öffnete sich ihnen die Aussicht in die wilde Gegend umher, denn Blitze folgten auf Blitze in größter Schnelligkeit. Auf einmal hielt Roger,(Rinaldo'S Diener) mit dem Pferde an, und rief seinem Herrn zu: ,/Eben entdeckte ich durch den Blitzstrahl die Mauern eines Hauses."— Rinaldo hielt.— -Roger bat ihn, rechts hinzusehen. Zwischen hohen Bäumen wähnte er, sich hoch erhebende Thürme wahrzunehmen. Sie lenkten mit ihren Pferden hin, und trabten behutsam der Gegend zu. Sie fanden ihre Vermuthung gegründet, als sie näher kamen. Endlich gelangten sie, nicht ohne viele Beschwerden, an ein altes Gebäude. Es war gleich den meisten Schlössern in diesem Lande, mit einem Wassergraben umgeben. Roger stieg vom Pferde und begann 14 langsam um den den Graben zu gehen, um die Brücke und das Thor zu entdecken, mittelst welcher sie in das Schloß gelangen, und vor dem Ungestüm der Nacht und des Wetters sich retten könnten. Er war noch nicht weit gegangen, so nahm er auch schon auf der entgegengesetzten Seite eine aufgezogene Brücke wahr. Dieß ließ ihn vermuthen, daß das Gebäude trotz seiner hin und wieder verfallenen, mit Epheu bewachsenen Mauern und aller Merkmale eines hohen Alterthumes, doch bewohnt seyn müsse. Jetzt fing er an, so laut um Einlaß zu rufen, als er vermochte, aber bei dem Heulen des Sturmes war es wahrscheinlich, daß er nicht gehört wurde. Nun setzte er längs des Grabens seinen Weg fort. Rinaldo, der indeß auch abgestiegen war, folgte gelassen nach. Bei ihren weitern Nachforschen fanden sie das Außenwerk in einem eben so verfallenen Zustande, als sie in der Folge das Innere des Schlosses antrafen. Das Aufziehen der Zugbrücke schien mehr ein Werk der Gewohnheit zu seyn, als daß der Nutzen davon abzusehen gewesen wäre. Roger stieß endlich auf eine halb zerfallen Treppe, die in den Graben führte, und stieg sorglos hinab. Er fand ihn feucht, und kletterte auf den Ruinen einer niedrigen, verwitterten Mauer der andern Seite an den Rand des Grabens. Nach dieser Entdeckung kehrte er zurück, seinem Herrn Nachricht davon zu geben, und ihn hinüber zu bringen. Rinaldo zauderte nicht lange. Das Pferd an der Hand, folgte er dem treuen Diener. Leicht sprangen die Thiere von den Trümmern auf die Uebcrbleibsel des verfallenen Bollwerkes. Sie selbst gingen langsamen Schrittes um die Mauer des Hauses, und kamen endlich zu einer großen, luftigen Halle, dicht mit Epheu umwebt. Hohes Gras drängte sich durch die Ritze der Steine, welche zum Pflaster gedient hatten. Jetzt banden sie ihre Pferde an einem Baume fest, welcher an einem Pfeiler emporgewachsen war, und dann suchten sie unter der dach- und wölbungslosen Halle vor dem Unwetter einen Zufluchtsort,— aber fanden ihn 16 nicht. Sie waren genöthigt, sich um ein anderes Obdach umzusehen. Rinaldo versuchte eine schwere eiserne Klinke, stemmte hier die Schultern gegen die Thür, und eröffnete sie ohne Mühe. Sie traten in einen Saal. Die Thür noch in der Hand, geboth der junge Abenteurer seinem Knechte, die Pferde herein zu führen, denn hier wollte er den Tag erwarten. Roger rieth ihm, doch erst zu untersuchen, ob das Gebäude wirklich unbewohnt sei oder nicht. Diesem wohlgemeinten Rath zu befolgen, hielt er endlich auch für's Beste. Er rief mit lauter Stimme, aber der Sturm schien seiner Lunge zu spotten. Daher wandelte er gemächlich im Saaleherum, plötzlich blieb er stehen, und rief:„Bist Du eS, Roger, dessen Fußtritt ich jetzt höre?" „Nein, Herr," war Rogers Antwort; „ich habe mich nicht vom Platze gerührt." „Da steigt Jemand eine Treppe herauf," fuhr Rinaldo fort.— Jetzt rief er noch stärker. „Stille, Thorl" erscholl es im rauhen, tiefen Tone.„Bist Du auch fähig und Mann 17 genug, ein Geheimniß von solcher Wichtigkeit zu empfangen. Noch war es finstere Nacht, der Schall der Fußtritte auf der Treppe' verhallte'allmä- lig. Unser Held gerieth in die größte Bestürzung. //Bleib' hier!" schrie er nach einer Pause feinem Roger zu, //bis ich wieder komme." Der Knecht stellte ihm die Gefahren vor, denen er sich durch seine Entfernung Preis gebe, aber sein Gebiether sprach entscheidend, und jener hatte im Felde gehorchen gelernt. „Ich werde behutsam zu Werke gehen," setzte Rinaldo mit sanfter Stimme hinzu, um der Unruhe seines getreuen Dieners zu steuern. //Auf alle Fälle sichert mir Dein Hierbleiben den.Rückzug, wenn mir etwas Widriges zustoßen sollte." Jetzt schlich er längs des Saales hin, und erreichte endlich die Treppe, woher die Worte kamen, welche seine Neugicrde so rege gemacht hatten. Sie war zwar hie und da verfallen, aber doch bequem und breit. Kaum war er halb hinaufgestiegen, da hörte er Fußtritte über sich, r als ob Jemand herab käme. Er stand still, in der Hoffnung, es würde, wer es auch seyn möchte, bei der Breite der Treppe vorbei gehen, ohne ihn wahrzunehmen. Das Geheimniß der Personen, welche so im Dunkeln wirkten, setzte ihm in größere Unruhe, als selbst die Rede, die er vernommen hatte. Nun däuchte es ihm, daß sich die Schritte näherten. Er that noch einen Schritt-nach der rechten Seite, um das Zusammentreffen zu vermeiden, trat aber gerade der Person in den Weg, welche herabkam, und an ihn stieß. „Kanutl" rief alsogleich eine Stimme; ,/warum redet Ihr nicht.— Alles liegt im Schlafe.— Jetzt könnt Ihr Licht anzünden. In zehn Minuten kommt zu mir ins Speise- gewölbe!" Rinaldo war unschlüssig, was er thun sollte. Ein Licht, dessen schwacher Schimmer von der Thür eines Zimmers kam, bewog ihn, die Treppe weiter hinauf zu steigen. Leise und vorsichtig verfolgte er seinen Weg. Bald verschwand das Licht, dem ungeachtet richtete er seinen Schritt nach dem Orte, woher es fchim-, merte. Es mußte daselbst ein geräumiges Zimmer seyn, denn durch eine Thür, welche auf der andern Seite auf einen Gang hinausführte, erblickte er wieder einen schwachen Lichtstrahl. Er eilte dem Gange zu, an Dessen Enoe er Jemand eine enge Treppe heraufsteigen sah. Rinaldo folgte unerschrocken, und bemerkte, wie jene Person in ein kleines Stübchen eintrat, und ein künstlich eingesetztes Feld aus dem Tä- felwerke zurück schob, einen Bund Schlüssel aus der Tasche nahm, und mit einem derselben eine große, stark mit Eisen beschlagene Thür öffnete. Dann stieg sie ein paar Stufen hinab, schloß hinter sich, und verschwand vor Rinaldo's Blicken. Jetzt sielendem kühnen Jünglinge dleWorte bei, die auf der Treppe zu ihm gesagt worden waren, er beschloß daher umzukehren, und seinen Knecht Roger herbei zu holen, vielleicht, daß sie gemeinschaftlich zu entdecken im Stande wären, was in dem Spcisegewölde vorgenommen werden sollte. Er tappte die Treppe hinunter, und fand seinen Diener am vorigen 2* 20 Platze. Sobald Rinaldo ihm näher kam, faßte ihn dieser bei der Hand und bath ihn mit leiser Stimme zu schweigen, und Acht zu haben. Sie standen kaum einige Minuten, da gewahrten ste einen schwachen Lichtschimmer, der aus einen gewölbten Gang des Saales kam. Zwei Gestalten erschienen, die eine mit einer ziemlich dunkeln Laterne in der Hand. Sie waren schlecht gekleidet, unserm Rinaldo fiel besonders die Leichenblässe auf, welche das Gesicht des Einen überdeckte, und mit dem schwarzen, üppigen Wüchse der herabhängenden Haare sonderbar kontrastirte. „Horch, da hör'ich etwas.'"— rief der Eine mit rauher, mißtönender Stimme, welche Rinaldo sogleich für dieselbe erkannte, die er auf der Treppe vernahm. „Nichts, als der Wind," erwiederte der Andere. „Still!" rief der Erste, und hielt inne. „Aber wo sind die Bedienten?" „In tiefem Schlafe'" antwortete sein Begleiter. Jetzt stellten sie das Licht auf einen Tisch, der in der Mitte stand, und der zuerst gesprochen hatte, hob gegen den Andern also an: „Aber warum gabst Du keine Antwort, als ich Dich auf der Treppe traf?" „Wenn?" entgegnete Jener. /,Eben jetzt, in diesen zehn Minuten." „Du irrst, ich bin nicht auf die Treppe gekommen." „Lügner!" rief der Andere bedeutend auS. „So will ich den Augenblick sterben, wenn ich aus dem Speisegewölbe gekommen bin." //Aber was fehlt Dir? Du zitterst." //Nichts, gar nichts," stotterte der Erste. „Das Fläschchen l" ' Dieser reichte ihm ein kleines in Stroh geflochtenes Fläschchen, woraus er trank. Er schien sich wieder zu erholen.— Nun nahm er die dunkel leuchtende Laterne, und einen ziemlich langen Dolch, und steckte ihn in seinen Gürtel. //Bin ich nöthig?" fragte der zweite Mann. //Nein!" war die Antwort des Ersten. „Entferne Dich, und warte auf meinen Herrn, L2 wir werde« Dich nicht eher brauchen, als bis der Leichnam weggeschafft werden muß." ,-Gott erbarme stch l" rief der Zweite, im schrecklichen, aber zitternden Tone. Der Erste murmelte einige Worte zwischen den Zähnen, und schritt langsam über den Saal, nach emen andern Dang, indeß der Zweite sich nach der Treppe begab und diese hinaufstieg. Rmaldo und Roger schlichen mit leisen Tritten dem Ersten nach. Er ging nach einen schwindenden Gang. Endlich stand er plötzlich still, und öffnete eine kleine Gewölbthür. Unser Held zog das Schwert, und drauq vorwärts, um zu hindern, daß sie wieder verschlossen würde. Allein dieß geschah nicht, und Rmaldo erreichte eben die Thür, als jener die Laterne aus den Boden setzte. Er schien in Gedanken vertieft und stand mit verschlungenen Armen, sein Gesicht gegen Rinaldo gekehrt. Nie war ein Antlitz so gräßlich und fürchterlich es verrieth ganz den teuflischen Plan seiner Seele. Er blieb einige Minuten in dieser Stellung, dann bückte er sich, fühlte an den Fußboden, und faßte einen eisernen Ring, durch 23 den er, mit vieler Anstrengung eine Fallthiw in die Höhe hob, wo man durch den Schimmer der Laterne eine zerbrochene Treppe gewahrte. Jetzt ergriff er die Laterne mit der einen, und begann mit der andern Hand die Thür haltend, hinabzusteigen. Hier war kein Augenblick zu verlieren, war der Meuchelmörder einmal unter der Fallthür, so konnte, wie Riualdo meinte, das Bubenstück leicht ausgeführt werden. Voll von dieser Vorstellung, sprang er vorwärts. Auf dieses Geräusch wandte sich der Mann um, und in denselben Augenblicke stieß ihm Riualdo das Schwert durch die Brust. Er seufzte tief und stürzte röchelnd in das Gewölb hinab. Die Laterne zerbrach in seiner Hand, die Fallthür hatte sich wieder geschlossen, und unsere Abenteurer befanden sich in der dichtesten Finsterniß. 'EMlEO-NA Dritter Abschnitt. ^§n dieser kritischen Lage würde vielleicht Jeden meiner Leser das Herz klein geworden sein, allein der wüthige, mit Gefahren vertraute Rinaldo sammelte sich sogleich wieder. Er griff nach der Laterne herum, fand sie mit der Leucht- seite der Erde zugekehrt, und siehe.' die Flamme war noch nicht erloschen. Roger machte das Licht darin zu Rechte, und durchforschte das Gewölbe. Es war eng, lang und niedrig. An seinem Ende befand sich eine Thür, die mit ungeheuern Riegeln vermacht war. Er stieß mit der Hand daran, und erschrack nicht wenig, da er darauf einen tiefen Seufzer vernahm. In diesem Augen- 25 blicke rief ihm sein Herr leise, und bedeutete. ihn, aufmerksam zu seyn. Er gehorchte, und sie hörten ganz deutlich, Jemand über sich mit raschen, unruhigen Schritten hin und her gehen. Dann und wann machte er eine Pause, gleich darauf aber vernahmen sie in gedämpftem Tone den Ruf:„Skiold!" Dieß erfolgte zu wiederholten Malen, und da Rinaldo endlich merkte, daß der Ruf gegen daS Gewölbe gerichtet sei, so antwortete er mit hohler Stimme:„Hier!" „Ist die That vollbracht?" erscholl es neuerdings von oben herab. „Ja," war Rinaldo's Antwort. „Nun wohl," nahm die Stimme von oben das Wort;„so bringe den Leichnam in das bestimmte Gewölbe, lege ihn auf den Tisch, und verhülle ihn mit dem Mantel, den ich Dir senden werde." Allmählich verhallte der Laut der Fußtritte. Rinaldo, jetzt begieriger als je, dem Geheimnisse auf die Spur zu kommen, faßte geschwind einen Entschluß. Roger half ihm, den Ermordeten Wams und Mantel ausziehen; 26 Beides legte er an, strich seine Haare über das Gesicht, und verstellte sich so künstlich als er nur konnte mit dem Blute, welches aus der beigebrachten Wunde floß. Rogers Hut, der flacher und größer war, bedeckte sein Haupt und machte ihn noch unkenntlicher. Als die Fallthür geöffnet war, brachten sie den Leichnam in das bezeichnete Zimmer, wo sie ihn, dem erhaltenen Befehl zu Folge auf den Tisch legten. Dieß war geschehen,, nun gingen sie zu Rathe, auf welche Art sie sich des Mannes, der mit dem Mantel abgeschickt werden sollte, versichern könnten. Nach ihrer Meinung würde es wahrscheinlich derjenige sepn, den sie zuvor mit dem Ermordeten gesehen hatten. Um dieß in's Werk zu setzen, stellte sich Roger mit gezogenem Schwerte dicht an den Eingang des Zimmers. Sein Herr trat vor den Tisch, auf welchem der Leichnam lag, und vor die Laterne, denn sie sollte nur einen schwachen Lichtschimmer verbreiten, daß der Hereinkommende nur die Figur eines Mannes zu erkennen vermochte, ohne unterscheiden zu können, wer es sei. Kaum hatten sie einige Minuten auf ihren 27 Posten zugebracht, da geschah, was sie vermu-^ theten. Die bewußte Person trat mit dem Mantel unter dem Arme ein. Sie schritt gerade auf Rinaldo zu und sagte:„Skiold! Ihr sollt meinen Herrn bis an die große Treppe begleiten." Diese Worte waren kaum über seine Lippen, als Roger von der Thür her auf ihm losstürmte, und ihn bei der Brust ergriff. Da Rinaldo nicht säumte, herbei zu eilen, so stürzte der Ueberbringer des Mantels vor Schrecken sprachlos zu Boden. Sie halfen ihm bald wieder auf, aber unser Held drohte ihm den Tod, so ferne er den leisesten Laut um Hilfe von sich hören ließ.» Der Unglückliche sank auf seine Knie, und bath sie inständig, nur seines Lebens zu schonen. „Du hast nichts zu befahren," sprach Rinaldo,„die Sicherheit deines Lebens hängt von Deinem Betragen ab. Vcrhel'uns nichts, und Du hast auch nichts zu befürchten." „Ich will Euch nichts verhelen," begann der Elende zitternd,„aber jetzt wartet mein Herr auf mich." 23 Rmaldo bedachte sich, und maß ihn mit seinen Augen.„Ich glaube Dir trauen zu dürft»," fuhr er fort,„Du sollst mich zu Deinen Herrn begleiten. Aber sei meinen Worten ein- gedenkl Sieh, ich schwöre, daß derselbe Augenblick, da Du durch Wort oder Miene mich zu verrathen suchest, auch der Letzte Deines Lebens ftpn soll." Nun warf er den Mantel über den Leichnam, gab dem Diener die Laterne, mit dem Befehl, ihn zu seinem Herrn zu bringen, einige Schritte vor ihm her zu gehen, und auf seine Gefahr jeden Schein des Lichtes von ihm zu entfernen. Sie gingen und Roger blieb in den gewölbten Zimmer zurück. Kaum hatten sie den Fuß der Treppe erreicht, da sahen sie einen Mann mit einer kleinen Fakel in der Hand, oben herum gehen. Er war reich gekleidet, aber seine wilde, stürmische Miene entging Rinaldo's Aufmerksamkeit nicht, der sich so weit hinter seinen Führer hielt, als er nur konnte. Der Mann an der Treppe wurde ihnen / 29 nicht so bald ansichtig, als er ihnen mit unge-^ duldigcr Stimme, ihm zu folgen geboth. Hastig wandte er sich, und wandelte die Gallerte entlang, wohin der Lichtschimmer Ri- naldo lockte, als er vorher die Treppe bestieg. Er nahm den Weg durch etliche Zimmer, kam endlich in eines, und schob ein Feld in dem Täfelwerk, womit meine Leser bereits bekannt sind, zurück, eröffnete die Thür, und enthüllte unsern Abenteurer eine Scene, vor der er erschrocken zurückfuhr. Einige Stufen hinab führten in ein luftiges, geräumiges Zimmer. Die innere Verzierung desselben mochte einst prächtig gewesen seyn, hatte aber jetzt ein veraltetes Ansehen. Aus einem Tische, welchen eine düstere Lampe erleuchtete, stand ein Kruzifix, an demselben saß eine Dame in prächtiger Kleidung, den Arm auf den Tisch, und den Kopf auf die Hand gestützt. Sie las. Hierauf wandte sich der Mann, welcher vor Rinalden herging, zu ihm und seinem Begleiter, und befahl, ihrer zu warten; er aber trat in das Zimmer. Die Dame heftete ihre Augen auf ihn, erhob sie flehend gegen den Himmel, und senkte sie dann wieder auf ihr Buch. Mit ernstem Schritte näherte er sich dem Tische, und befahl ihr mitgebietherischer Stimme, ihm zu folgen. „26elche Dualen warten noch meiner?" fragte sie in einem herzdurchbohrendem Tone. „Von welchen scheußlichen Auftritten wilder Grausamkeit soll ich noch Zeuge seyn?" Er winkte Rinalden und seinen Begleiter in's Zimmer. Die Gefangene fuhr erschrocken zurück, als sie ihrer wahrnahm. „Wohll" rief sie endlich mit sichtbarem Schmerze auf ihren Gesicht,„ist meine Stunde erschienen, so zaudert nicht, Eure Hände in meinem Blute zu waschen l" Hastig ergriff sie jetzt das Kruzifir, schloß essest an den Busen, und warf sich vor dem Buche auf die Knie, welches aufgeschlagen auf dem Tische lag. Der Unbekannte, der sie in diese Angst versetzte, ergriff sie an einem Arm, und gab Rinalden ein Zeichen, dasselbe auf der andern Seite zu thun. Ohne Murren ließ 81 sie sich führen, und richtete ihre Augen auf das. Kruzifix, welches sie in ihren Händen hielt. Von innigem Mitleid durchdrungen, ge- rieth Rinaldo in Versuchung, der unglücklichen Dame Trost zuzuflüstern; allein er glaubte, eine zu voreilige Entdeckung seines Vorhabens möchte wahrscheinlich jeden Versuch, ihr zu dienen, vereiteln. Jetzt hatten sie das gewölbte Zimmer erreicht. „Elende Heuchlerin. Schändliche Buh- lerin l" fuhr sie der Unbekannte an. „Ungeheuer!" rief sie,„schone wenigstens meines guten Leumunds.— Du weißt die Unwahrheit Deiner Beschuldigung." „Jener Mantel dort," hob er an, und zeigte auf den, welcher Skiolds Leiche bedeckte, „ist Deiner Hände Werk. Sieh l Du hast Deine Absicht erreicht. Es trägt ihn nun Jener, für den Du ihn bestimmtest." Bei diesen Worten wankte sie ein paar Schritte zurück. Ihre wilden Blicke verriethen Besorgniß und'Furcht. Sie näherte sich dem Tische, rang die Hände und sah begierig nach dem Mantel hin. 32 „Nein— unmöglich"— brach sie aus, „ihr könnt kein solches Ungeheuer seyn l" Mit wilder Hast riß der Unbekannte den Diener die Fakel aus der Hand, hielt sie vor ihr hin, und geboth Rinalden, den Mantel wegzunehmen. Er gehorchte. „Gott im Himmel l was soll das Alles?" rief die Dame mit zitternder Stimme, bebte vor dem scheußlichen Anblicke zurück und sank in Rogers Arme, denn dieser war herbeigetreten, um seinen Gebieter im Falle der Noth Hilfe zu leisten. Der Unbekannte selbst war vor Erstaunen außer sich, als er den Leichnam erblickte. Allein er faßte sich bald wieder, zog sein Schwert, und rief:„Schändlicher Bösewicht l" und stürzte aus Rinalden los. Doch dieser hatte sich vorgesehen, wehrte den mit Wuth und Hitze auf seine Brust gemachten Anfall ab, erwiederte ihn, und stieß seinem Gegner das Schwert in den Leib. Schwarzes Blut quoll wie ein Strom aus der beigebrachten Wunde, er stürzte entseelt zu Boden. Die Dame lag in einer tiefen Ohnmacht, 3 38 fle schien von Allen, was um sie her vorging, nichts zu empfinden. Roger und der andere Knecht brachten sie auf das Zimmer zurück, aus dem sie hingeführt worden war, und legten sie auf ihr Bett. Rinaldo erkundigte sich, ob weibliche Bediente im Hause waren, und da er erfuhr, daß sich daselbst zwei befanden, ging er, von dem Gefährten des getödteten Skiolds begleitet, sie aufzuwecken, und bald waren die Mädchen auch zur Bedienung der Dame bereit. Sie leisteten ihr allen möglichen Beistand, und Roger both seine ganze Beredsamkeit auf, sie zu trösten. Rinaldo richtete nun sein Augenmerk auf das Gemach, wo die Leichname der Getödteten lagen, und befahl Kanuten, so hieß der Bediente, ihm hierin hilfreiche Hand zu biethen. Als sie daselbst ankamen, entsetzte sich zwar Rinaldo ob dem gräßlichen Gegenstand; doch hielt er dem Entseelten die Fakel vor's Gesicht, und betrachtete seine Züge, die durch den Kampf des Todes entstellt waren. „Ist dieß nicht Graf Harald?" fragte er Kanuten. 34 Dieser bekräftigte seine Vermuthung. Ni- naldo schauderte,— doch untersuchte er den ganzen Körper— seine Mühe war vergebens, der Geist war entflohen. Hierauf verließen sie das Gemach, die Fallthür wurde geöffnet, und sie gingen den unterirdischen Gang längs hin, bis sie an die kleine Thür kamen, wo Roger kurz zuvor einige Seufzer gehört haben wollte. Ungeachtet der starken Riegeln ward sie endlich doch erbrochen, und sie kamen in einen finstern, stinkenden und scheußlichen Kerker, wie sich ihn die dunkelste Fantasie nur immer zu schaffen vermag. In einem Winkel entdeckten sie die Gestalt eines Mannes, der auf einen großen Stein saß, an welchem er angeschlossen war. Er wandte seine matten Augen gegen sie, und rief mit hohler Stimme:„So sollen sich denn endlich meine Leiden enden? Scheut Euch nicht, den erhaltenen Befehl zu vollziehen! Doch, wenn nicht jedes Gefühl des Mitleids und der Menschenliebe in Euern Herzen erloschen ist, so säumt nicht, den Ring an meinen Busen der Gema- lin Eures Herrn zu überbringen." 85 Rr'naldo that einige Schritte gegen ihn. „Kann ich mir gewiß," fuhr der Gefangene fort,„diese Gefälligkeit, diesen Liebesdienst von Euch versprechen?" „Tankred l" rief Rinaldo, überrascht durch die Stimme, welche er vernahm,„Tankred, mein Freund, mein"—— Der Gefangene sprang vor Erstaunen von seinem Sitze, aber von den Ketten zurück gehalten, sank er auf die Erde. „Kennt Ihr Rinaldo nicht?" sprach der Jüngling, und sprang hin, den Unglücklichen zu umarmen. Der Gefangene breitete seine Arme gegen den Freund aus, aber die Überraschung war zu mächtig; sprachlos sank er an Rinaldos Busen. In einer Frist von einigen Minuten kam er wieder zu sich.„Gütiger Himmel!" rief er dann aus,„Rinaldo an der Stelle meines Henkers!" „Hinweg mit den Fesseln des schändlichen Verbrechers," entgegnetc unser Held. Auf Kanuts Rath wurden die Schlüsse! zu den Schlössern der Ketten in Skiolds Taschen gesucht und gefunden. Kanut brachte sie 3* 36 sammt dem Dolche, der ihm beim Sturz zur Erde aus den Gürtel gefallen war, und in kurzer Zeit sah sich der unglückliche Tankred von der schändlichen Bürde befreit. „Wie und auf welche Art seid Ihr in diesen abscheulichen Kerker gerathen?" fragte Rinaldo. „Das sollt Ihr erfahren," erwiederte Tankred,„sagt mir nur erst, welch' ein günstiges Schicksal Euch hieher führte?,, „Darüber wird Euch Aufschluß werden," sagte Rinaldo, nahm ihn bei der Hand, und führte ihn aus dem Kerker. Sie kamen in das Gemach, wo die Ermordeten lagen. Tankred fuhr beim Anblick der Leichen erschrocken zurück. „Sind es nicht Eure Feinde," fragte Rinaldo.„Meine Todfeinde," versetzte Tankred. „Ha! Barbar!" sprach er weiter, als er sich GrafHaraldö Leichname genähert hatte,„warum war mir nicht Deine Bestrafung aufbehalten? Wie schön ist das eine Opfer, wie verachtet das andere."— Rinaldo selbst warf sich in einen Stuhl. 3? „Eine leichte Wunde, die ich erhielt, hat mich zu sehr abgemattet, als daß ich Euch die Treppe hinauf begleiten könntesagte er zu seinem Freunde Tankred.„Dieser da,"(auf Kanut zeigend)„wird Euch auf einen Ort bringen, wo Ihr vielleicht keine Langweile haben werdet.— Doch wartet! Es möchte nöthig sein, Euch wegen der Treue des Begleiters zu sichern," er zeigte auf Graf Haralds Schwert, das auf dem Boden lag. „Aber auch Ihr bedürft der Hilfe," sagte Tankred, indem er das Schwert von der Erde hob.— „Oben findet Ihr meinen alten Diener, Noger," war die Antwort;„schickt ihn zu mir in dieses Nebengemach." Graf Tankred schied nun von Rinaldo, und begab sich, unter Kanuts Leitung, in das Zimmer der Dame. Der Auftritt, der daselbst vorfiel, wird meinem Leser auf einem andern Orte bekannt und anschauend werden. Indeß war auch Noger bei seinem Gebieter wieder eingetroffen. Die Wunde war zwar von keiner Bedeutung, aber bei der nachfolgenden 38 Rcizung sehr entzündet. Er verband sie, so gut es sich auf der Stelle thun ließ, indem ihn Rinaldo im zuversichtlichen Tone also anredete: „Indem Zustande,in dem ich mich gegenwärtig befinde, bin ich nicht fähig meine Reise fortzusetzen. So höre denn aufmerksam zu, was ich Dir vortragen will. Mache Dich eilig nach der Hauptstadt auf. Rechter Hand im dritten Hause, in der engen Gasse, welche von dem kleinem Platze hinter den Pallastgarten führt, wirst Du Deinen ehemaligen Kriegsgefährten Torno treffen. Er wird für Dein Pferd sorgen; bleibe in seinem Hause, bis die Nacht einbricht. Hörst Du die Glocke zwölf schlagen, so begib Dich nach der langen Brücke; da wirst Du einen Mann dicht in seinen Mantel gehüllt, und den Hut tief irsis Gesicht gedrückt, erblicken. Sobald du ihm nahe bist, so sprich zu ihm: „„Ja, oder Nein?"" Antwortet er„Ja," nun so eile geschwind zu mir zurück. Ist„Nein„ seine Antwort, so folge ihm schweigend, und was Dir für mich ersprießlich scheint, setze schnell und kühn in's Werk.' Zwar weiß ich, daß meine Aufträge Geistesgegenwart und Unerschrocken 39 heit erfordern, aber ich habe genug Pro ben von Deinem Herzen und Geiste, um mich auf Dich verlassen zu können. Du wirst im Verfolge Deines Auftrages Geldes benöthigt sein, nimm d.-esen Ring!"(Hm solchen reichend.)„Sprich bei Ben Nephthali ein, der auf dem großen Platze westwärts wohnt. So bald er den Ring erblickt, wird er Dir Geld geben, Du magst brauchen, so viel Du willst." Rogcr wußte zwar nicht, was es heiße, seinen Herrn den Gehorsam versagen, doch konnte er sich nicht enthalten, zu äußern, wie schwer er daran gehe, ihn in seiner gegenwärtigen Lage, verwundet, im Hause meuchclmör- derischer Buben zu verlassen. Allein Rinaldo benahm ihm seine Besorgnisse, indem er ihm eröffnete, daß Graf Tankred sein Freund sei, und, wie er erfahren habe, überhaupt nur drei männliche Bediente sich noch im Schloße befänden. Jetzt führte Roger seinen Herrn die Treppe hinauf. Sie fanden Tankreden und die Dame in einem bequemeren Zimmer, als zuvor der Letzteren zum Aufenthalte gedient hatte. Die 40 zu ihrer Pflegung herbei gerufenen Mädchen waren so geschäftig, diese Veränderung zu veranstalten. Roger entfernte sich seinem Auftrage zu folgen. Er fand die Pferde noch an eben der Stelle, wo er sie gelassen hatte. Bei der anbrechenden Morgendämmerung sah er sich nach einem Platze um, wo sie gefüttert werden könnten. Bald nahm er ein Gebäude gewahr, das einem Stalle ähnlich sah. Zwar war das Dach hie und da schadhaft; doch both es noch hinreichenden Schutz dar. Er nahm die Pferde am Zaume, öffnete die Thüre, und sah zu seinem Vergnügen, daß er sich nicht betrogen hatte. — Doch fand er hier einen Mann, der beschäftigt war, einen Gaul zu satteln. Er fuhr zusammen, als er Roger erblickte, und ließ den Sattel fallen, den er eben über das Pferd schnallen wollte. Roger griffnach dem Schwerte, aber der Andere nahm das Roß beim Zaume, und zog es ungesattelt zur Thüre hinaus. Roger hatte mit seinen Pferden zu thun, daß er nicht gleich wußte, was er vornehmen sollte. Doch stracks verließ er beide, und eilte zu Fuß zur 41 Thüre hinaus, durch welche jener die Flucht nahm. Aber er hatte sich schon auf das Pferd geworfen, tummelte es um's Haus herum, und erreichte die Seite des Wassergrabens, wo Roger und sein Gebieter übersetzten. Entschlossen nahm er diesen Weg, kam glücklich hinüber, und verschwand in dem nahen, dichten Walde. Er wollte dem Flüchtling nachsetzen, aber bei reiferer Ueberlegung gab er den Vorsatz auf' Er begnügte sich daher Futter für seine Pferde zu suchen, und begab sich wieder zu seinem Herrn, ihn von dem bestandenen Abenteuer Kunde zu bringen. Als er die Treppe wieder erstiegen hatte, konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, sich zuvor in das gewölbte Gemach zu verfügen, vielleicht, daß er die Ursache des besondern, eben erfahrnen Umstandes entdecken könnte. Wirklich fand er auch Graf Haralds Leichnam nicht mehr in der Mitte, sondern an einem Fenster des Zimmers, welches geöffnet war, damit das Taglicht Zugang erhalten möchte, wahrscheinlich, um das Angesicht des Entseelten so gleich erkennen zu können. 42, Während Roger seinen Gebieter Rinaldo die Treppe hinauf begleitete, mochte sich ein Bedienter in daS Zimmer geschlichen haben, wo er des Grafen Haralds Ermordung wahrgenommen hatte. Für die Sicherheit seines Herrn dünkte ihm dieserUmstand wichtig. In allerGeschwindig- keit gab er ihm Nachricht davon. Dieser bezeigte seine Freude über die Treue, mit der ihm jener zugethan war, drang aber nichts desto weniger in ihn, seine Abreise zu beschleunigen. Nun begab sich Roger wieder in den Stall und führte sein Pferd, nachdem er jenes seines Herrn gut besorgt hatte, an die Zugbrücke; er ließ sie nieder, und ritt dem Theile des Waldes zu, woher sie, seiner Meinung nach gekommen waren, als das Unwetter sie bewog, in dem Schloße Zuflucht zu suchen. ^'' Vierter Abschnitt. ^raf Haralds Gemalin, denn dies war die gefangene, mißhandelte Dame, war nun von der Unpäßlichkeit größtenthcils wieder genesen, welche ihr die Schrecken der vergangenen Nacht zugezogen hatten. Obschon die sonderbaren Ereignisse einen tiefen, schrecklichen Eindruck aufsie machten, so äußerte sie doch keine große Bestürzung, als sie den Tod des Gatten vernahm. Sein grausames, wildes, unversöhnliches Herz hatte ihn allen denen zum Gegenstände des Abscheu gemacht, die ihn kannten. In der That schien ihre Gesundheit bei der unmenschlichen Behandlung, die sich der Barbar gegen sie zu 44 Schulden kommen ließ, gelitten zu haben. Die Rosen ihrer Wangen waren verblichen, und bei aller Verminderung ihrer Reize war sie doch immer liebenswürdig und schön. Ihr wohlwollendes Herz wurde durch die Dankbarkeit sichtbar, welche sie ihrem Retter zu erkennen zu geben nicht unterließ. Kaum daß ihr Kummer, welchen sie über seine Verwundung empfand, durch Tankred's liebevolle Aufmerksamkeit, und seine eigene Versicherung, daß sie unbedeutend sei, und ohne Folgen sein würde, gestillt werden konnte. Der Tag war nun völlig angebrochen. Die Gräfin that Tankreden und Rinalden den Vorschlag, nach den ausgestandenen Mühseligkeiten nun der Ruhe zu pflegen, aber die Nachricht von der Entweichung des Bedienten aus dem Stalle war ein zu ernster Gegenstand, als daß gegenwärtig nur ein Gedanke an Ruhe in ihrer Seele hätte entstehen können; und ob ihnen gleich Allen untereinander verlangte, die wunderbaren Begebenheiten der vergangenen Nacht näher zu entziffern, so waren sie doch genöthigt vor der Hand ihrer Neugierde Gewalt anzuthun, ^45 und sich über die Maßregeln zu berathen, welche in dieser, für sie so gefahrvollen Zeit ergriffen werden sollten. Indessen setzte Roger seine Reise mit möglichster Eile fort, und langte wohlbehalten rn der Hauptstadt an. Er traf in Torno's Hause ein, führte sein Pferd in den Stall, und wartete mit Unruhe auf die zwölfte Stunde. Endkch ertönte die Glocke des benachbarten Thurmes. Roger warf sich in den Mantel, schnallte sein Schwert um den Leib, und eilte der langen Brücke zu. Die Straßen waren ganz todt, alle Bewohner schliefen. Nun erreichte er die Brücke und inder Mitte derselben ging einMann,m einen Mantel gehüllt, langsam und bedächtig vor ihm hin. Er ging vor Roger vorbei und schien ihn nicht zu bemerken. „Ja, oder Nein?" fragte ihn der treue Knecht, dem erhaltenen Auftrage gemäß. „Nein!" erfolgte die Antwort. Der Mann hüllte sich tiefer in seinen Mantel, verdoppelte seine Schritte und ging fort. Roger folgte ihm durch verschiedene Straßen bis sie in Gäßchen kamen, wo sie von 46 dicker Finsterniß ganz umgeben wurden. Endlich erreichten ste einen Platz, der ganz verlassen zu sein schien. Der Boden war rauh, uneben und höckericht. Bruchstücke, Trümmer und Steine erschwerten den Weg. Der eckelhafte Geruch rings umher zeigte, daß hier der Aufenthalt der niedrigsten, gemeinsten Einwohner der Stadt sein müsse. Sie gelangten zu einem steinernen Gebäude, dem Anscheine nach war es von hohem Alter. Ein gothisches Thor öffnete den Eingang, er war niedrig und eng. Der Wegweiser klopfte an, und sogleich wurde der Riegel einer kleinen Gitterthüre in der Mitte aufgethan.Zwei Männer mit gezückten Dolchen erschienen inwendig, als Schildwache. Roger und sein Führer wurden hineingelassen, und alsobald schloß sich die Thüre. Durch einen langen, sich windenden Gang, auf einer engen, steinernen Treppe kamen sie an eine Thüre, die nach leisem Pochen geöffnet wurde. Ein großes, düsteres, meist leeres Zimmer, erleuchtet von einer einzigen Lampe, die über einem Tisch hing, nahm sie auf. Mehre Personen, die sich aber bei dem düstern Lampen- 47 scheine nicht unterscheiden ließen, gingen in Gesprächen begriffen, mit einander auf und ab. Rogers Führer nahte sich Etlichen, flüsterte ihnen etwas in das Ohr und entfernte sich. Aber er kam bald wieder zurück, von einem prächtig gekleideten Manne begleitet, der eine Fakel in der Hand hielt und eilig auf Rogern zuging. Als er ihm nahe genug gekommen war, daß er seine Züge erkennen konnte, blieb er stehen und rief mit sichtbarem Erstaunen: „Was ist das? Ist Euer Gebiether nicht hier?" Der biedere Knecht erkannte in dem Fragenden einen jungen Edelmann, der mit seinem Herrn in der innigsten Freundschaft stand, und eröffnete ihm in Kurzem das Abenteuer, welches Rinaldo's Ankunft gehindert hatte, setzte aber auch zugleich bescheiden hinzu, er hoffe mit Zuversicht, dasjenige standhaft ausführen zu können, was sie für seinen Dienst ersprießlich hielten. „Ich zweifle nicht daran," versetzte der Edelmann,„indeß muß uns immer die Abwesenheit Eures Herrn sehr nahe gehen, und bei 46 Entbehrung seines Rathes zu einem so wichtigen Unternehmen, ist immer ein Glied von unserer Kette getrennt." Das Licht der Fakel, sammt dem Scheine der Lampe gab Rogern Gelegenheit, die Anwesenden näher zu beobachten. Alle schienen zum unverzüglichen Kriegsdienste gerüstet zu sein. Nun wandte sich der junge Edelmann an Ro- ger und bath ihn, ihm nachzufolgen. Sie gingen zur andern Thüre hinaus und kamen in eine kleine Stube, worin sich ein Bett und zwei Stühle befanden. In einem Nebenzimmer trafen sie mehrere bewaffnete Männer an, von denen einige herum gingen, andere saßen, andere auf Bänken lagen. Verschiedene Rüstungen hingen an den Wänden, Schwerter, Picken und andere Waffen lagen auf dem Boden umher. „Kommt, Freundet" rief ihnen der Edelmann beim Eintritte zu,„unsere Stunde ist erschienen." Ihrer Zwölfergriffen sogleich die Waffen, und der unbekannte Freund Ninaldo's führte sie, von Noger begleitet, durch den Thorweg 4 49 durch welchen Letzterer in die geheimnißvolle Wohnung kam. Sie eilten über Trümmer eingestürzter Gebäude und Steine in tiefem Schweigen, bis zur langen Brücke, wanderten an der rechten Seite des Flusses, wo sie bald ein Boot sahen, in welchem zwei Männer saßen. Sie standen auf, als sie näher gekommen waren, der Edelmann lispelte ihnen einige Worte zu, und ließ sich dann zu Rogern also aus:„Ich muß Euch jetzt verlassen; denn meine Gegenwart ist anderwärts nöthiger.— Diese Männer werden mich nach den Gärten hinter dem Pallast bringen. Ist uns das Schicksal günstig, so trefft Ihr dort die Geliebte Eures Gebieters, Prinzessin Jldegerte. Tapferkeit und Geistesgegenwart werdet Ihr nöthig haben. Seid Ihr so glücklich, die Flucht der Prinzessin zu bewerkstelligen, so bringt sie in möglichster Eile nach dem Platze, den wir so eben verließen." 50 So sprach er und entfernte sich von den Gewaffneten.— Roger bestieg mit ihnen ohne Verzug das Boot, welches für ihn in Bereitschaft stand.— Jetzt sah er, daß die zwei Männer im Boote auch bewaffnet waren. Fünfter Abschnitt. ^Dchweigend glitten sie auf dem Strome dahin, und mit der größten Behutsamkeit bewegten sie die Ruder, damit das Geplätscher des Wassers ihre Fahrt nicht verrathen möchte.— Endlich langten sie an der Hintern Seite der Gärten des Pallastes, wo sich eine schöne, luftige Terrasse gegen den Fluß erhob, an. Sie erstaunten nicht wenig, hier den Schall mehrerer Stimmen zu hören, konnten auch wahrnehmen, daß Menschen auf der Terrasse hin und hergingen. Bei dieser Beobachtung legten sie die Ruder ins Boot, und da der Strom dasselbe 52 sanft von der Terrasse abwärts trieb, ließen sie keinen Laut von sich hören. Sie fuhren noch eine kleine Strecke, und glaubten sich sicher. Noger beschloß zu landen; denn eine ansehnliche Treppe, welche aus einer Gallerie um die Terrasse herumging, welches der bequemste Ort dazu zu sein schien; sie befestigten ihre Haken der Strickleiter an die eisernen Gitter, welches den Eingang mit der Brustwehre verband, und Roger stieg hinan. Ihm folgten seine Begleiter, nur die zwei Ruderer blieben in dem Schiffe zurück. Leise athmend schlichen sie sich längs der Terrasse hin, und kaum waren sie einige hundert Schritte gegangen, da erblickten sie zwei Frauenzimmer, die unter den Bäumen flüchtig hinwegeiltcn. Die Furcht schien sie beflügelt zu haben. Roger und sein Gefolge hatten kaum Zeit sie zu bemerken, als ein Trupp Bewaffneter den Lauf von Jenen hemmte. Der Anführer ergriff Eine bei den Armen, indeß die Andere sich von den Übrigen umrungcn sah. Rogcrn schwante es sogleich, daß es Prinzessin Jldegarte sei. Er befahl daher seinem 53 Gefolge, sich streitfertig zu halten, und ging entschlossen auf die Bewaffneten zu. Sie waren so glücklich, die Beute ihren Feinden zu entreißen, aber so, wie sie damit zur Terrasse gelangten, hatte das Getöse der klirrenden Schwerter die Zahl der zu Hilfe Eilenden so verstärkt, daß Roger und seine Gefährten, ungeachtet sie die Gallerie erreicht hatten, doch bei dem Gedanken, mit ihrem Schatze zu entkommen, alle Hoffnung aufzugeben begannen. Doch hatten sie mit Beihilfe der Männer im Boote eine der Frauen, die sie für die Prinzessin hielten, sicher in den Kahn gebracht, mit der die Schiffer forteilten. Die Zurückgebliebenen waren gefaßt, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Sie geriethen neuerdings mit ihren Verfolgern in ein Handgemenge, doch der muthige Roger hatte das Glück, unverwundet zu entkommen. Er wollte eben die Strickleiter am Ufer des Flusses hinabsteigen, als Jemand zu ihm trat, ihn bei seinen Namen nannte, und fragte, ob Prinzessin Jldegerte in Sicherheit sei. Roger erkannte sogleich den Freund seines S4 Herrn, den jungen Edelmann. Das Erstaunen, ihn hier so unerwartet wieder anzutreffen, hemmte ihn für einen Augenblick die Sprache. „Wir waren verrathen," fuhr Rinaldos Freund fort.„Unsere Truppen wurden hitzig empfangen. Mit den Übrigen schiffte ich mich hier ein, Euch zu Hilfe zu kommen.— Aber wo ist Prinzessin Jldegarte?" „In dem Boote," versetzte Roger, und Jener stieg unverzüglich die Leiter hinab. Sechster Abschnitt. langsam ritt Roger nach dem Ende eines Waldes hin, als er aber in einen Hohlweg kam, hörte er hinter sich den Hufschlag gallop- pirender Pferde. Er wandte sich um, und erblickte einen Haufen Reiter, welche in einer Entfernung in größter Eile ihm nachsprengten. Er hielt es nicht für rathsam, mit ihnen zusammen zu treffen, sondern trieb sein Pferd einem engern Fußsteige zu, welcher rechter Hand sich durch das Dickicht schlang. Mit eingesetzten Spornen jagte er fort, und verlor 56 balv die Heerstraße aus den Augen. So verfolgte er den Fußsteig, der, je weiter er ritt, immer breiter wurde, und sich endlich in eine grüne Wiese von amphitheatralifchem Ansehen öffnete, die rings herum von Gehölze umgeben war. Als er auf diesen Platz gekommen war, erblickte er einen Mann auf der andern Seite hinter die Bäume schleichen, und eben dachte er nach, welchen Weg er einschlagen sollte, als er sich von den Reitern so plötzlich umrungen sah, daß sie sich schon seines Schwertes und des Zaumes bemächtigt hatten, ehe er ihrer Annäherung gewahr wurde. Sie erklärten ihn für ihren Gefangenen, verlangten, daß er absteigen sollte, banden ihm die Hände auf den Nucken, und schleppten ihn durch das dickste Gehölz. 'Lein Pferd wurde langsam nachgefühlt. Nach einem ziemlich mühsamen und langen Weg durch das Dorngesträuch und in einander geschlungenes Unkraut kamen sie endlich an den Fuß eines Berges, der sich zu einer bewunderungswürdigen Höhe erhob. Der Gipfel war von hohen, majestätischen Fichten bekränzt, der 57 Fuß rings herum mit Strauchwerk bekleidet, unter welchen sich hie und da kleine Zwergbäume erhoben. Ganz unten am Berge erblickte man einige Hütten, nur von Baumzweigen geflochten, eine davon war kaum angefangen, mehrere Personen waren beschäftigt, sie zu vollenden, und ihre Waffen lagen zerstreut im Grase herum. Roger ward nun zu der größten dieser Hütten geführt. Sie war so erbaut, daß sie eine Art von Eingang zu einer Höhle zu bilden schien, welche die Natur in der Felsenwand angelegt hatte. Aus dieser Grotte kam ein stattlicher Mann auf ihn zu. Nach dem Betragen der Übrigen zu schließen, schien er mit einer gewissen Würde bekleidet zu sein. Jetzt meldeten ibm die Männer, welche unsern Roger gefangen hatten, daß sie ihn erwischt hätten, da er eben im Begriff war, ihren Aufenthalte nachzuspüren, vermuthlich um ihn, wie seine Kleidung klar beweise, dem Herzoge anzuzeigen, und ihn zu verrathen. „Führt ihn bei Seite," war die Antwort des Erschienenen,—„und bewacht ihn gut, 56 wir wollen bald aber sein Schicksal entscheiden." Roger bat, ihn anzuhören, allein der den Befehl gab, kehrte ihm den Rücken, und die Männer schickten sich eben an, ihn hinweg zu führen, als ein Offizier von edlem Anstande herbeikam. Er führte eine Dame am Arme, die zwar einfach, aber mit Geschmack gekleidet war. Wie hoch schlug nicht Rogern vor Freuden sein Herz, da er in ihm denselben Edelmann erkannte, auf dessen Rath und Befehl er in der vergangenen Nacht so viel gewagt hatte. Der Edelmann erkannte auch Rogern sogleich, befahl, ihm die Fesseln loszubinden, nahm ihn in die Höhle, wo er umständlich erzählen mußte, auf welche Art er bei ihrem mißlungenen Unternehmen der Gefahr entkommen sei. Nicht ohne lebhafte Äußerungen des Schreckens wiederholte nur der treue Knecht alles pünktlich, wovon meine Leser schon unterrichtet sind, und worüber sich Graf Tarafield, so hieß der Edelmann, nicht genug verwundern konnte. ,/Diese Dame," sprach der Offizier, //verdankt Euch ihre Rettung in der verflossene» öl) Nacht. Ihr hieltet sie für die Prinzessin Jlde- gerte, mit der sie nahe verwandt ist. Nach dem mißlungenen Ausgange unseres Unternehmens erreichte ich zu gutem Glücke das Boot, in welchem sie sich befand, und unter der Leitung eines noch günstigeren Gestirnes fand ich Gelegenheit, mit ihr unbemerkt zu entkommen»— Nur zitterten wir für Jldegerten's Schicksal, denn sie wurde nach Entdeckung unsers Anschlags in enge Verwahrung gebracht und in das Gefängniß am nördlichen Ende der Stadt geworfen, doch der Himmel sei gepriesen, es sind solche Vorkehrungen getroffen, die uns an ihrer Befreiung nicht länger zweifeln lassen.— Auch dazu müßt Ihr das Eurige beitragen, Roger. Der Dienst Eures Herrn ruft Euch noch einmal in die Stadt zurück. Aber bei der entstandenen Verwirrung ganz des Sieges gewiß zu sein, ist es nöthig, daß Ihr Eure Kleidung mit einer andern verwechselt. Wo ist der Waldmann, Dessen Gäste wir sind?" fragte er einen der Anwesenden. Sogleich ward ein Greis mit einem lan gen Barte in einem veralteten, abgetragenen 60 Gewände daher geführt. //Wechselt," sprach er weiter, //mit diesem Manne Eure Kleider, Reger. Und treibt in diesem Anzüge seine Pferde mit ihren Holzbündeln vor Euch her, ich bin überzeugt, Ihr werdet glücklich, ohne irgend ein Hinderniß zu finden, in die Stadt kommen.— Doch habt Ihr auch Auftrag irgendwo Geld zu erheben?" Roger zeigte den Ring vor, welchen er von Rinalden erhalten hatte. //Gut," ließ sich der Graf Tarafield vernehmen, //ersucht Ben Nephthali um tausend Kronen im Golde, wenn Ihr diese erhalten habt, so wartet geduldig, bis die Glocke Neun schlägt. In dieser Zeit verfügt Euch dann nach dem vor dem alten Pallaste befindlichem Säu- lengange, dort werdet Ihr den Mann treffen, den Ihr auf der langen Brücke sahet.— Seid bei allem, was Ihr vornehmt, äußerst vorsichtig! denn Euer Leben und das Glück Eures Gebieters hängen von Eurer Behutsamkeit ab. Wen Ihr auch sehen möget, wendet Euch an Niemanden, sondern lehnt Euch mit dem Rücken an dem fünften Pfeiler des Säulcnganges 61 rechter Hand. Sollte Euch von Jemanden die Frage Ja oder Nein vorgelegt werden,— seht, das ist dann Euer Mann.— Diesen bezahlt die tausend Kronen, und merkt auf die Aufträge, die er Euch geben wird." So unterrichtet machte sich Roger in der verwechselten Hülle auf den Weg, kam ohne Anstoß in die Stadt, und sobald er die Holz- bündel bei dem armen Einwohner abgeladen hatte, wohin sie der Waldbauer gewöhnlich zu bringen pflegte, schickte er sich an, Graf Tara- field's Befehl zu vollziehen. Er ließ sich das Geld von Ben Nephthali auszahlen, und verfügte sich mit dem Schlage Neun auf den angezeigten Platz. Kaum hatte er sich gegen den Pfeiler gelehnt, als der Mann, den er schon gesehen hatte, so dicht bei ihm vorbeischritt, daß er an ihn mit dem Mantel streifte. Bald aber kehrte er. wieder um, und Roger hörte die Frage, auf die er gefaßt war. Ohne Verzug zog er jetzt die tausend Kronen in einem Lein- wandsäckchen aus dem Busen hervor, und gab sie dem Fremden. Dieser nahm das Geld unter dem Mantel, und bestellte ihn nach Verlauf 62 von sechs Stunden, an den nämlichen Ort, wobei er ihn aber, so viel möglich, der Wache auszuweichen rieth. Der dienstfertige Knecht kehrte nun zu dem armen Mann zurück, und erwartete auf einem harten Lager die bestimmte Stunde. Sie rückte heran, er sprang hastig auf, und eilte auf den bezeichneten Platz.— Doch kaum hatte er einige Schritte gethan, als er an einem Ecke der Straße auf die Wache stieß.— Erschrocken lenkte er seitwärts ein, dem Offizier auszuweichen, aber der Umstand kam diesem so verdächtig vor, daß er auf ihn drang, Und bei der Brust ergriff. Ohne um die Ursache seines Betragens zu fragen, führte man ihn dem Aufenthaltsorte der Wache zu. Kaum waren sie einige Straßen mit ihm gezogen, als der Trupp, unter dessen Obhut er sich befand, auf einem andern stieß. Als sie hart an einander waren, machten sie Halt. Ein Mann sprang mitten aus dem eben angerückten Haufen hervor, ergriff Rogern, und riefdem Anführer zu: „Das ist der Verräther, das ist der Mann, den wir suchen, verhaftet und übergebt uns ihn." Die Offiziere der Wache sprachen einige 63 Worte leise mit einander, und Roger warb hierauf der letzten Trupp überliefert. Erschrocken, daß er so unschuldig in diese Schlinge gerathen sei, schwieg er still. Der Schrecken vermehrte sich, da er wahrnahm, daß die Person, welche ihn eines Verbrechens beschuldigte, der nämliche Mann sei, dem er vor sechs Stunden tausend Kronen ausgezahlt hatte. Er wähnte verrathen zu sein, und zitterte nicht so sehr für sein Leben, als für das Wohl seines Gebieters, der seinem Mißgeschicke zum Opfer würde fallen müssen. In diese Betrachtungen vertieft langten sie bei dem Gefängnisse am nördlichen Ende der Stadt an. Bei dem ersten Zimmer hielt die Wache, und legte die Wassen ab. Roger mußte dem Anführer der Mannschaft folgen, welcher ihn durch einen dunkeln, ziemlich verwickelten Gang führte. Sein Ankläger blieb immer hinter ihm. Sie gingen durch viele große Thüren, zu denen der Anführer die Schlüssel hatte. Endlich stiegen sie die Wendeltreppe eines Thurmes hinab, und erreichten ein kleines, genau ins Gevierte gebautes Gemach, welches das Tageslicht du>ch ein kleines Fenster einließ, daS in einer sehr dicken Mauer angebracht war. Es schien ein Gefängniß für Personen höheren Standes, die ihres Verbrechens noch nicht überwiesen waren, und gegen die man daher noch nicht nack der Strenge verfahren durfte. In diesem Gewölbe saß ein junger, einfach gekleideter Mann von edler Gestalt an einem Tische, worauf zwei Kerzen brannten. Er schien, wie Roger beim Eintritte zu bemerken glaubte, damit beschäftigt zu sein, sein Konterfait durch einen Spiegel, der vor ihm stand, abzumalen. Ein Anderer, ungefähr von seiner eigenen Größe, stand Jenem zur Seite, und war ihm bei der Arbeit behilflich. In dem Augenblick ihres Eintrittes in das Gemach erhob sich der Jüngling plötzlich von seinem Sitze, nahm von seinem Gehilfen Mantel und Hut, und schien ihre Befehle zu erwarten. Jetzt konnte ihn Roger in seiner ganzen Gestalt sehen. Er war noch jung, von schöner, edler Bildung und bräunlicher Farbe. Haare und Augenbraunen waren dunkel, jene ver- 65 hüllten einen Theil des Gesichtes. Meine Leser werden ohne meinen Wink leicht errathen, daß dieser reizende Jüngling keine andere Person, als die gefangene Prinzessin war, die auf dem Wege stand, in die Arme ihres geliebten Rinaldo geführt zu werden.— Doch ich will der Entwicklung der Katastrophe nicht vorgreifen. Der Anführer neigte sich mit Ehrfurcht vordem Jüngling, und redete ihn also an:„Die Zeit ist gekommen." Hierauf ergriff der Gehilfe des Jünglings einen kleinen Mantelsack, und übergab ihn Rogern, der über das, was er sah und hörte, wie aus den Wolken gefallen da stand. Alle Anwesenden folgten nun dem Anführer in das erste Zimmer. Das Gefolge, welches unsern Noger auf diesen Platz gebracht hatte, ergriff seine Waffen wieder, und der Zug ging einem Stadtthore zu. Nahe an demselben hielt der Offizier, entschuldigte sich mit dem Befehle, dem er gehorchen müßte, und ließ den Jüngling mit seinem Bedienten zusammen bin- 5 66 den. Ein gleiches Schicksal erfuhr Roger und sein Ankläger. An dem Thore meldete der Anführer dem wachhabenden Offiziere, daß er auf Befehl des Herzogs vier Gefangene nach einem festen Schlosse, dessen Namen er ihm nannte, zu bringen habe. Er gab ihm das Wort der Nacht, das Thor ward geöffnet, die Zugbrücke niedergelassen, und bald hatten die Flüchtlinge die Stadt im Rücken. — Siebenter Abschnitt. Unsere Reisenden lenkten sogleich, als sie die Stadt aus den Augen verloren hatten, von der gewöhnlichen Heerstraße ab, und schlugen einen Hohlweg ein, wo stein wenigen Stunden an das Ende eines Waldes gelangten. Hier wurden den Gefangenen ihre Fesseln abgenommen. . Roger's Ankläger entschuldigte sich bei ihm seines räthselhaften Betragens wegen und fügte hinzu, daß, da er ihn unglücklicher Weise in der Gefangenschaft des andern Trupps getroffen hatte, er ihn auf keine andere Art daraus zu befreien vermocht habe, als durch die An« klage, worauf er ausgeliefert worden sei. L* Eine Strecke außerhalb des Waldes stießen sie auf einen Haufen Reiter, an deren Spitze Noger den Grafen von Tarafield erblickte. Dieser sprang sogleich von seinem Pferde, wandte sich mit einer tiefen Verbeugung gegen den Jüngling, und bestand darauf, daß er den übrigen Theil der Reise zu Pferde zurücklegen möchte. Der Vorschlag ward ohne Einwenden genehmiget, und Graf Tarafield half dem jungen Manne in den Sattel. Unter traulichen Gesprächen setzten sie nun ihre Reise fort, bis sie durch einen engen Paß wieder die Stelle erreicht hatten, von der Roger den Tag zuvor nach der Stadt gesandt worden war. Der Graf führte seine Gaste in die Grotte, und Rinaldo's Knecht erstaunte nicht wenig, als er die Dame, welche er Tags vorher gerettet hatte, von ihrem Sitze aufstehen und dem Jüngling um den Hals fallen sah; allein seine Verwunderung schwand, da sich Graf Tarafield also gegen ihn äußerte:„Nun habe ich gegründete Ursachen, Euch meiner herzlichen Theilnahme an dem Glücke Eures Gebieters zu versichern. Erkennt 69 in diesem edlen Jüngling die reizende Prinzessin Jldegerte." Roger ließ sich auf ein Knie nieder, aber Jldegerte streckte ihre Hand aus, ihm aufzuhelfen, die er mit Ehrfurcht an seine Lippen drückte. „Wo ist Euer Gebieter?" begann sie nun, „warum abwesend zu einer Zeit, in der ich seines Beistandes so sehr bedurfte? Ist er in Sicherheit? Ist er gesund?" „Er ist gesund, und vor jedem Anfalle sicher, theuerste Prinzessin," erwiederte Roger. „Nur wenige Stunden, und wir werden bei ihm sein." Die sichtbare Unruhe über die Abwesenheit ihres Geliebten schwand nun von Jldegertcn'S Antlitz.— Jetzt wandte sie sich gegen vie Dame. „Geliebte Mathilde," sprach sie,„Euch hatte ich nie wieder zu sehen vermuthet, aber der Himmel sei gepriesen für dieses Glück.— Ich kenne mich selbst kaum vor Wonne. Ihr wißt, liebe Muhme, wie verhaßt mir die Zudringlichkeiten von Graf Haralds Sohne jederzeit waren. Der Abend zu meiner Flucht war bestimmt, 7l> allein den Tag zuvor war ich fest in meinen Zimmer verschlossen, vermuthlich auf Graf Gustav's Rath(so hieß Harald's Sohn), der meinen Entschluß von weiten gewittert haben mochte. Das Gerücht, wie ich später erfuhr, meinem Vater wieder zu dem entrissenen Eigen- thume zu verhelfen, hatte meine Verhaftung veranlaßt. Von meiner Entweichung weiß ich wenig. Ich hörte Feuer schreien, alsdann ein Getöse an meiner Thür, welche plötzlich aufgesprengt wurde. Zwei vermummte Männer ergriffen mich und mein Mädchen, und brachten uns in ein mir unbekanntes Gemach, wo wir vergangene Nacht auch noch die Kleider erhielten, in welcher ihr uns jetzt seht.— Ach, mein Vater!" seufzte sie.„GrafTarafield, ich beschwöre Euch,— sagt, ob mein Vater noch lebt, in welchem Winkel der Erde er lebt!" „Seid ruhig, Prinzessin," erwiederte der Graf,„und hört mich.— Daß Ihr aus Eurem Zimmer durch zwei Vermummte in ein anderes gebracht wurdet, ist auf meine Vorkehrung geschehen, denn Euch auf eine andere Art in Rinaldo's Arme zu bringen, schien mir unmög- 71 lich. Deßwegen traf ich mit einem Offizier von Astolphs Leibwache die Abrede, Euch in männlicher Kleidung mit Euren Mädchen als Gefangene davon zu führen, denn dieser Biedermann, der zuvor Eurem Vater gedient und gestern die Ordre erhalten hatte, einige Gefangene in ein benachbartes festes Schloß zu bringen, ließ sich auf meine Vorstellung bereit finden, Euch zu befreien, und Euch den wirklich Gefangenen zu unterschieben. Dreihundert Kronen, die ich ihm zustellte, und die er, meine Absicht zu begünstigen, dem wachthabenden Offizier verehrte, waren der Talisman, Kraft dessen Ihr Euch nun in Sicherheit befindet. Daß aber auch Nager Theilnahme an diesem Glücke geworden ist, hat er dem thätigen Verwenden dieses treuen Freundes eures Rinaldo(auf den Mann deutend, der von dem Knechte tausend Kronen empfing) zu danken. Was aber das Schicksal Eures Vaters betrifft, so laßt Euch mit der Versicherung begnügen, daß er lebt, und für jeden Unfall geborgen ist, daß wir es noch nicht für räthlich hielten, ihn aus seinemDunkel hervorzuziehen, zu seiner Zeit wird es geschehen." 72 Indeß Graf Taraffeld die Prinzessin mit den eben gemeldeten Trostgründen aufzurichten und zu beruhigen bemüht war, trat ein Bedienter von Graf Taraffeld's Gefolge in die Grotte, und meldete, daß man von verschiedenen Seiten durch das Dickicht des Waldes herzogliche Truppen daher sprengen gesehen, die es wahrscheinlich machten, daß man uns auf die Spur gerathen sei." Diese Nachricht war ein Donnerschlag für die Anwesenden, man berathschlagte nicht lange. Der Entschluß, sein Heil in der Flucht zu suchen, war schnell gefaßt. Entschlossen und ausgeführt war eins. Graf Taraffeld, Jldegerte, Mathilde und ihr ganzes Gefolge schwang ffch eiligst auf die Pferde, nachdem ein Jeder von den Letzten einen guten Theil der Lebensmittel, der aus wildem Ziegenfleisch bestand, zu ffch genommen hatte, und jagten davon. Mit, möglichster Eile beschleunigten sie ihre Reise, bis endlich die Schatten der Nacht dicht und schwer herabsanken, und ihre Fortschritte ziemlich hemmten. Sie nahmen nun / 73 einen langsamern Schritt an, wobei sie der Gedanke, daß ihren Verfolgern, wenn sie ihnen anders nachstellen sollten, gleiche Hindernisse in den Weg ständen, einigermaßen tröstete. Die Dunkelheit nahm jetzt zu, und wurde durch die in dichter Verschlingung sich erhebenden Zweige der Bäume immer vermehrt. Es hielt äußerst schwer, den Weg vor ihnen zu unterscheiden, nur die Berge, welche auf beiden Seiten hoch und schroff emporstiegen, dienten ihnen zum Wegweiser.— Der Wind erhob sich und pfiff durch die Wipfel der Bäume, die Dunkelheit ward zur dicken Finsterniß, der Regen fiel in großen Tropfen herab, und es donnerte fernher. Ihr Schrecken vermehrte das Geheul der Bären und Wölfe, von denen sich in diesem Walde eine ungeheure Menge aufhielt, sie mußten daher bei der großen Finsterniß von allen Seiten»«vermutheter Anfälle gewärtig sein. In dieser Lage hielten sie sich so dicht als möglich an einander, aus Besorgniß, von den grimmigen Thieren angefallen zu werden. Endlich nahmen sie in der Ferne durch eine lichte Stelle das Schimmern eines Lichtes wahr. 74 Ohne sich lange zu berathen, beschlossen sie darauf zuzureiten, und bis der Sturm nachließe daselbst Schutz und Sicherheit zu suchen. Sie nahmen daher ihre Richtung nach der Gegend, wo sie das Licht ihnen entgegen strahlen sahen, und befanden sich in kurzer Zeit an den Mauern eines großen, ansehnlichen Schloßes. Da ihre Meng- hätte Verdacht erregen können, so wurden sie einig, bloß Roger sollte mit Jldegerten, Mathilde, und dem Mädchen um Einlaß und Schirm gegen den Nachtsturm anhalten. Die Übrigen wollten sich vor dem Unwetter in den Außenwerken des Schloßes zu bergen suchen. Indeß sie nun in nächtliches Dunkel gehüllt ihren Entschluß auszuführen bemüht waren, bestrebte sich Roger mit Jldegerten und ihrem Gefolge Einlaß in die Burg zu erlangen. Er war mit einem Hüfthorn versehen, welches ihm Graf Tarafield mit dem Bedeuten gegeben hatte, im Falle er in Gefahr geriethe, damit Lärm zu blasen. Nach einigen Minuten wurde die Zugbrücke niedergelassen, das Thor geöffnet, und Roger bat um Aufnahme, bis sich der '?5 Sturm gelegt haben würde. Er erzählte, wie seine Gefährten in dem Walde von Wölfen angefallen worden wären, und ihnen ihre Pferde als Beute hätten überlassen müssen. Man bedauerte ihr Schicksal, und führle die Fremdlinge in eine geräumige Halle, die ringsumher mit Rüstungen behängen war. Alles im Schlosse schien bereits in den . Armen des Schlafes zu ruhen, nur einige Bedienten standen noch am Feuer und wärmten sich. Roger und sein Gefolge traten hinzu, ihre Kleider zu trocknen. Jetzt öffnete sich plötzlich die Thüre, zwei Bedienten mit Fakeln traten herein, ihnen folgte ein stattlicher Mann in tiefer Trauer. Die Knechte hatten bereits eine andere Thür aufgeschlossen, wovon eine Treppe in ein anderes Gemach führte, aber der Mann < folgte ihnen nicht, sondern näherte sich seinen Gästen, und durchmusterte sie mit forschenden Blicken.— Doch wie lassen sich Jldegertcn's Gefühle des Schreckens schildern, da sie in der unbekannten Person endlich den Mann erblickte, dessen Zudringlichkeiten sie auf immer entflohen zu sein wähnte?— Es war Graf Gustav, des 76 ermordeten Haralds Sohn.— Sie war vor Angst schier außer sich; denn Gustav sah sie immer genauer an, und ungeachtet der männlichen Kleidung kam sie ihm mit jedem Augenblicke bekannter vor. „Bei allem, was heilig ist," rief er endlich aus, schlug die Hände zusammen, und erhob sie voll Erstaunen,—„das übersteigt meine kühnsten Hoffnungen!— Prinzessin Jl- degerte! So hätte Euch ein günstiges Geschick doch in meine Arme geführt! Weder Himmel noch Hölle sollen Euch mir wieder entreißen." Muth und Unerschrockenheit erwachten in Jldegerteffs Seele wieder, mit einer Miene voll Unschuld und Würde begann sie also: „Laßt uns unsern Stab weiter setzen, Graf Gustav, und schreibt es dem Zufall zu, der Euch ungeladene Gäste zuführte." „Wir wollen Euch nicht länger lästig sein," sprach Mathilde.—„Und uns lieber den er glimmten Elementen vertrauen," fuhr Roger fort; nahm die Prinzessin und Mathilden bei der Hand und ging mit ihnen der Thüre zu. „Bei Eurem Leben! Laßt sie nicht fort!" 77 schrie der Graf seinen Knechten zu. Roger ließ jetzt die Hände der Damen sinken, zog sein Schwert und rief entschlossen:„Des Todes ist Jener, der sich uns in den Weg stellt." Die Damen eilten der Thüre zu, indeß der tapfere Roger Gustaven und seiner Dienerschaft die Spitze bot und sie aufhielt.„Weckt das übrige Gesinde," schrie der Burgherr erzürnt, und die Bedienten flohen, die Bewohner des Schlosses zu Hilfe zu rufen. Roger, des ungleichen Angriffs seiner Gegner ledig, nützte den freien Augenblick, und stieß in das Hifthorn. Obschon sich seine Feinde sichtbar vermehrten, so hörte er doch zu seiner größten Freude seine Freunde von außen an der Thüre, welche Jldegerten mit ihren Gefähninnen endlich zu entriegeln vermocht hatte. Wie ein wüthender Orkan stürzte Graf Tarafield mit seiner Mannschaft auf Roger's Gegner los, nahm die Damen in seinen Schutz und führte sie mit ihrer Begleiterin zum Schloßthore hinaus.— Nach einem blutigen Gefechte nahm auch Roger mit den Sein-igen die Flucht, 76 Gustav's Knechte stürzten den Flüchtlingen nach, da diese aber ihnen einen guten Vorsprung abgewonnen, und den Grafen mit den Damen erreicht hatten, nahmen sie zur Finsterniß des rauhen Waldes ihre Zuflucht. Gedrängt von einem zahlreichen Feinde, der ihnen auf der Fersen folgte, wußten sie nicht, wohin sie fliehen sollten, sondern zerstreuten sich in mehrere Haufen, und nahmen verschiedene Wege. Graf Tarafield, der die Prinzessin und ihre liebenswürdige Muhme nicht verließ, fand nach einigen Minuten sich außer ihnen von Niemanden als Nogern begleitet. Er suchte die Stelle, wo ihre Pferde zurückgeblieben waren; augenblicklich saßen Alle auf, ritten in großer Hast davon, und bald hörten jL von ihren Verfolgern nichts mehr. Achter Abschnitt. ^Iraf Tarafield hatte mit seinen schönen Gesellschafterinnen eine ziemliche Strecke zurückgelegt. Roger hielt sich vorsätzlich immer hinter ihnen, daß, wenn ihnen ja nachgesetzt werden sollte, er ihnen bei Zeiten Kunde davon geben könne. Auf einmal stürzte sein Pferd, welches er ritt. Zwar machte er sich sogleich los und versuchte, es wieder auf die Beine zu bringen, aber seine Kräfte waren erschöpft, es blieb todt auf der Erde liegen.— Vergebens bemühte er sich, dem Grafen seinen Unfall kund zu machen, das Brausen des Sturmes übertäubte sein Rufen. Er beschloß daher, sich nicht weit von der 80 Stelle, wo sein Pferd fiel, unter einem Baume zu lagern, und daselbst den Anbruch des Tages zu erwarten. Indessen ritten die Übrigen immer weiter fort, ohne von Roger's Unglücke die mindeste Ahnung zn haben. Endlich aber, als fie nicht länger den Hufschlag seines Hengstes vernahmen, hielten sie und horchten,— aber sie horchten vergebens. Sturmgeheul war das einzige Geräusch, welches in ihre Ohren drang. Sie wußten nicht, was sie denken sollten. Jede Vorstellung von Roger's Schicksal schien für ihn gefährlich ausfallen zu müssen. Lange hatten sie mit Schmerzen fruchtlos gewartet, und sahen sich endlich in der Nothwendigkeit, ohne ihn ihre Reise fortzusetzen. Nicht lange, da erblickten sie einen großen dunkeln Gegenstand, sie eilten darauf zu. Es war eine alte, verfallene Burg. Keine Spuren von Bewohnern waren daran sichtbar. Sie schien ihnen daher bequem zur Herberge die Nacht über dienen zu können. Zwar erfüllten diese ungewöhnlichen Auftritte unsern weiblichen Abenteurer mit Furcht und 81 Schrecken, aber sie folgten doch über die baufällige Zugbrücke, und ritten über den Hof nach der Hausthüre, die Graf Tarafield so eben geöffnet hatte. Das tiefe Schweigen, welches in und rings um die Burg herrschte, bestärkte sie in der Meinung, daß das Gebäude unbewohnt sein müsse. Der Blitz, welcher bisher rund um sie zn leuchten noch nicht aufgehört hatte, fuhr jetzt gerade durch ein großes, gothisches Fenster, und sie erkannten einen alten, leeren Saal.—- Sie fanden, daß der Regen den Ort selbst traf, wo sie waren, und der Wind pfiff unfreundlich durch die mancherlei Öffnungen dieser unwirth- baren Freistädte. Da ihnen diese Lage unangenehm und beschwerlich fiel, that Tarafield den Vorschlag, sich nach einem bessern Obdach umzusehen. Er ward genehmigt, daher begaben sie sich einige Stufen hinab an einen wärmeren Platz,— die innere Einrichtung und die Feuerstätte zeigten, daß sie sich in der Küche des Hauses befanden. Bei näherer Untersuchung nahm der Graf wahr, daß die Bewohner diesen Theil des Hau- 0 82 ses eben nicht zu lange verlassen haben mußten. Da fuhr ein Strahl der Hoffnung durch seine Seele, irgend ein Werkzeug anzutreffen, womit er Licht anschlagen könnte, um für die übrige Zeit, die sie etwa hier zubringen müßten, den Zufluchtsort erträglicher zu machen. Er suchte nicht vergebens, er fand ein Feuerzeug, und zündete das Stroh und Neisholz, das unweit des Herdes lag, damit an. Zitternd vor Frost lagerten sich seine Gefährten um das Feuer und trockneten ihre nassen Kleider. Aufgeleimter als vorher schwatzten sie nun, und wünschten einander Glück, Gustav's Händen entkommen zu sein. Endlich schliefen sie, ermattet von den Mühseligkeiten der Reise, sanft ein. Schlummernd lagen sie an der verglimmenden Asche, als sie plötzlich ein Geräusch erweckte, das sie in Furcht und Schrecken setzte, und selbst die Festigkeit und den Muth ihres Beschützers erschütterte. Ein langsamer, feierlicher Schritt und fürchterliches Ketten-Gerassel drang zu ihren Ohren. Es schien von einem langen Gange herzukommen, demjenigen gegenüber, durch den sie in die Küche gelangt waren. Die Damen 88 verkrochen sich hinter dem Grafen, und getrauten sich vor Angst kaum zu athmen. Tarafield aber erblickte einen Lichtschimmer in einiger Entfernung von den Wänden des Ganges, und bald hernach konnte er die Gestalt eines Mannes unterscheiden, welcher langsam daherwan- delte. Todtenblässe bedeckte sein Angesicht-hohl und tief lagen seine Augen— das Haar war von Blute zusammen gehalten— Blut hing an seinem Gewände— eine Fackel hielt er in der Hand. Dem Grafen starrte das Blut in den Adern Lei diesem Anblicke, seine Knie wankten, kalter Schweiß trat ihm vor die Stirne. Die fürchterliche Gestalt schritt immer wie ein Gespenst näher— endlich war sie ihm so nahe, daß der Fackelschein gerade auf ihn fiel. Da prallte das vermeinte Gespenst auf einmal zurück und machte Miene zur schnellen Flucht. Tarafielden siel der Umstand auf, er schickte sich an, jenem zu folgen, aber Jldegerten und Mathilde thaten einen lauten Schrei, und hingen sich mit dem Ausdrucke des lebhaftesten 6* 64 Schreckens fest an ihn. Auf den Schrei wandte sich die Gestalt wieder gegen sie. „Wer Du auch immer sein magst," rief der Graf laut,—>„steh' und gib Antwort auf meine Frage." „Tarasield l"— erscholl es mit hohler Stimme, aber im Tone der Verwunderung und des Staunens. Hohl, wie die Stimme war, glich sie doch Rinaldo's Stimme. Dieß rief Jldegerten zur Besinnung zurück.— Sie sah dem Sprechenden Ln's blasse, entstellte Antlitz— es war das Antlitz ihres Geliebten.— Sie sank ohnmächtig zu Boden.—„Helft, helft meiner Muhme Jldegerte!" rief Mathilde, die Händeringend aus. Die Gestalt stürzte zum Beistande herbei. — Tarasield stand starr und steif wie eine leblose Bildsäule vor Verwunderung da. Es dauerte lange, ehe man die Prinzessin wieder zu Sinnen brachte, und noch länger, ehe sie sich überreden konnte, ihr Rinaldo stehe wirklich vor ihr.— Endlich hoben sich ihre Zweifel»-Theilnahme an 9iinaldo's traurigen! «5 Schicksale trat an ihre Stelle. Mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und Schrecken fragte sie ihn nun um die Ursache dieses scheußlichen Aufzuges.— Der Geliebten seines Herzens zu will-, fahren, ließ Rinaldo seine eigene Neugierde unbefriedigt und erzählte, von seiner Ankunft in diesem einsamen Gebäude, von des Grafen Harald'sund seines Freundes des Grafen Tan- >- kred's Entdeckung und Befreiung aus dem Kerker.— Seine Erzählung spann sich folgender Gestalt weiter:„Roger hatte uns nicht lange verlassen, da entdeckten wir, daß die Flucht des Bedienten, welchen er, doch ohne Erfolg, aufzuhalten suchte, eben so mißlich für uns war, als er voll freundschaftlicher Bcforgniß geweis- sagt hatte." „Unverzüglich mußte sich dieser Knecht ^ nach einem nicht weit von diesem entfernten Schlosse seines Herrn begeben haben; denn wir waren mit dem Plane zu unserer Flucht beschäftigt, als auch schon die Knechte Harald's auf uns in dem Schlosse drangen. Zwar verrammelten wir es, so gut wir konnten, und bewogen die zurückgebliebenen Diener mit uns gemein- 66 schaftliche Sache zu machen, aber das Thor wurde eingesprengt, und die Feinde drangen mit Hitze auf uns ein. Graf Tankred und ich zogen die Schwerter, die Damen zu schützen.— Doch ich ward übermannt und niedergehauen, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich mit diesen Ketten beladen, und von einer Räuberbande umgeben, der ich zuvor nie ansichtig wurde.— Ich ward hierauf vor Gustaven geführt, er stand in einem Kreise bewaffneter Männer.— Sein Groll, den er immer gegen mich hegte, brach in die bittersten Schmähungen aus." //Er befahl, mich in den Kerker zu führen, aus welchem ich den Grafen Tankred befreit hatte. Seine Knechte gehorchten, ich ward ergriffen, und hörte bald die letzte Thüre meines Gefängnisses verschließen.— Vergebens wartete ich, sie wieder öffnen zu hören, allein die fürchterliche Stille des Kerkers wurde nicht unterbrochen. Der grausame, unmenschliche Gustav hatte mir den Hungertod zugedacht. Bald kostete ich die Erstlinge seiner Qualen.— Von einer Ohnmacht erwachte ich zum unerträglich- V 6? steil Durste. Zum Glücke hatten mich die Knechte, so gefesselt ich auch war, an irgend eine Stelle fest zu schließen vergessen. Ich lief in meinem Kerker wie ein Rasender herum, und kämpfte mit dem fürchterlichsten Feinde, dem brennenden Durste, der meine Kräfte verzehrte, und mich in Kürze aufzureiben drohte. In dieser Todesangst stieß ich mit meinem Fuße an etwas. Denkt Euch meine Freude, als ich fand, daß es der volle, irdene Wasserkrug war, der hier zurückblieb, als ich den Grafen Tankred aus seiner Haft rettete.— Doch ich will die Umstände alle übergehen, die nur Eure Herzen zerreißen würden." „Meine Wunden hatten zwar sehr geblutet, sonst aber spürte ich keine Folgen davon. Ich sah mich nun genauer in meinem Gefängnisse um, und konnte vermöge eines schwachen Lichtstrahls, der durch einen kleinen Spalt an der Decke herein fiel, wahrnehmen, daß ein Theil der Wand in Gestalt eines Schwibbogens ausgemauert war." „Mir fiel sogleich ein, daß hier ehemals ein Thorweg gewesen sein müsse, und diese «tt Wand nicht aus eben den Materialien bestehen möchte, als die andere. Auch fand ich den Dolch noch, dessen ich mich bei Tankred's Befreiung bediente, in einem Winkel hingeworfen. Damit versuchte ich ohne Verzug die Dicke der Wand. Freilich ging es Anfangs schwer von statten, aber nach und nach wurde mir die Arbeit immer leichter, da die Mauer nur dünne war und aus lockern Sandsteinen bestand." „Bald hatte ich das Vergnügen, eine E>ff- nung zu sehen, wodurch ich bequem durchkriechen konnte. Aber ich gelangte nur in einen noch scheußlicheren Kerker, als ich eben verließ. Er war niedriger als der andere; feucht, stinkend, gräßlich, wie man sich kaum einzubilden vermag. Einige Spuren von Fußtritten gerade unter der von mir gemachten Lffnung, überzeugten mich vollends, daß hier ein Thorweg gewesen war.— Bald aber wurde mir diese Wahrnehmung durch eine Entdeckung bestätigt, die den Lauf meines Blutes stocken machte." „Das schwache Licht durch die gemachte Öffnung ließ mich ein riesiges, eisernes, an die Wand gefesseltes Panzerhemd wahrnehmen. Ein 89 eiserner Ring, groß genug, den Leib eines Mannes zu umschließen, hing am Boden dicht darunter." „Unter rostigen Ketten erblickte ich das Gerippe des Unglücklichen, der hier unter seinen Fesseln verschmachtet war.— Der Schreck, mit welchem mich dieser Anblick erfüllte, hinderte mich doch nicht in der genauesten Untersuchung meines neuen Gefängnisses. Ich konnte keine Thüre finden.— Ach! das bedaurungswürdige Schlachtopfer war hineingeschleppt und die Thüre wahrscheinlich vermauert worden. Zitternd ging ich in dem Kerker herum. Der Wind stieß aus einem Winkel auf mich. Ich betastete die Stelle und bemerkte, daß die Wände hie und da Ritzen und Spalten hatten." „Ich ergriff meinen Dolch, und fing die eben geendete Arbeit wieder an. Daß sie mit vieler Schwierigkeit verbunden war, werdet Ihr mir gern glauben, denn die Wand war zwar halb verfallen, aber weit dicker als die erste. Vor nicht vielen Stunden habe ich glücklich den Weg in einen engen, sich windenden Gang gefunden, aus dem ich in das Haus heraufgestie-- 90 gen bin.— Ihr könnt denken, daß ich mit der größten Vorsicht zu Werk gehen mußte. In meiner schrecklichen Lage hielt ich mich so lange verborgen, bis ich merkte, daß Alle das Schloß verlassen hatten." „Jetzt hatte ich noch zwei fürchterliche Feinde zu bekämpfen, Hunger und Durst nagte« in meinen Eingeweiden, doch dem Himmel sei Dank! In einem der Zimmer, welche ich durchstrich, fand ich zu meinem unaussprechlichen Vergnügen eine brennende Lampe, wobei diese Fackel lag. Auf dem Tische befanden sich Reste von eingesalzenen Speisen und ein Krug mit Wein. Als ein ungeladener Gast setzte ich mich ohne Zögern an die Tafel und befriedigte die ungestümen Forderungen der Natur." „Was aus dem Grafen Lankred und aus der Dame geworden ist, weiß ich nicht.— Vermuthlich hat man sie auch hinweggeschlept und wenn ich nach meiner eigenen Lage schließen darf, so läßt sich kaum hoffen, daß sie noch am Leben sein sollten." Neunter Abschnitt dlmaldo hatte seine Erzählung geendigt, und Graf Tarafield begann Jenem von den Unfällen Kunde zu geben, welche sie bevogen hatten, an einem Orte ein Obdach zu suchen, der am allerwenigsten eine so glückliche Znsammentref- fung zu versprechen schien. Das Feuer wurde wieder angeschürt, Rinaldo brachte die Überbleibsel der Speisen, sammt dem Weine, die er in den Zimmern entdeckt hatte, und die müden Wanderer ließen sich das Mahl trefflich behagen.. 92 An Rinaldo's Brust gelehnt vergaß die zärtliche Jldegerte all der Leiden, die fle seit den, Augenblicke der Flucht ihres Geliebten ausgestanden hatte. Auch Rinaldo schien die Schmerzen seiner Wunden nicht zu fühlen, so sehr hatte sich die Freude über die glückliche Wiedervereinigung all seiner Sinne bemeistert. Graf Tarafield und die reizende Mathilde waren nicht minder mit einander beschäftigt, als sie Fußtritte mehrerer Personen, die sie in der Halle herum gehen hörten, aus ihrem Taumel weckten, und ihre zärtlichen Gespräche unterbrachen. Hastig sprang Taraficld vom Boden auf, zog sein Schwert, und Rinaldo, welchen die Bemühung seines Freundes von den Ketten befreit hatte, ergriffseinen Dolch, und so schritten beide nach de-Halle zu. Zwei Nänner kamen ihnen entgegen,— einer aus ihnen trug eine Fakel in der Hand. „Laßt uns alle Winkel dieses schrecklichen Ortes durchsuchen. Ich werde ihn finden, wenn er noch lebt." Rinaldo erkannte Graf Tankred's Stimme. „3hr, Tankred?— Und Ihr lebt?" rief er im 93 Tone des höchsten Staunens.—„Saget, welchem Wunder hab ich es zu danken, daß ich Euch wieder umarme?" „O Rinaldo!" stammelte Tankred vor Freude;„so ist mein Suchen doch nicht vergebens gewesen. Dem Himmel sei Preis, daß mein Retter noch lebt!" „Aber welcher Schußgeist entriß Euch unserer gemeinschaftlichen Gefahr?" fragte Rinal- do weiter. „Ach!" seufzte Tankred,—„ich bin mein elendes Leben dem besten, vortrefflichsten Weibe schuldig. O daß ich noch lange lebte, ihr diese Wohlthat zu vergelten,— und für sie zu sterben!" „Als ich Euch zum letzten Mal sah, waren wir beide beschäftigt, die Gräfin zu schützen. Nur eine zu zahlreiche Mannschaft hatten wir zu bekämpfen; indeß ergriffen Andere die Gräfin und schleppten sie fort." „Ich verließ Euch und floh ihr zu Hilfe. Ein Gegner stürzte mich— ein anderer Arm erhob sich, mir den tödtlichen Streich beizubringen,— die Gräfin hielt ihn ab. Sie 94 drückte dem Knechte eine Börse in die Hand. Er würde seine Gebieterin zu seiner Schuldnerin machen, sagte fle, wenn er mir das Leben schenkte. Sie versprach ihm die größte Erkenntlichkeit. Eigennutz, oder wie ich aus seinem gegenwärtigen Betragen Ursache zu schließen habe, Menschenliebe bewog ihn, meines Lebens zu schonen. Er that schnell einen Schritt über mich hinweg, indeß seine Gefährten die Gräfin fortzuschleppen bemüht waren." „Als er nicht mehr beobachtet zu sein glaubte, lud er mich auf seine Schultern und brachte mich in einem geheimern Theil der Burg." „Nach Gustav's Abreise erschien er mit seinem Vater, welcher im Walde wohnt und holte mich in seine Hütte. Die Wunden griffen mich so an, daß ich einige Stunden hindurch meiner Sinne beraubt auf den Bette lag, aber seine unermüdete Pflege hat mich bald wieder hergestellt. Seht da den edlen Mann! Er ist entschlossen, an meinem Schicksale, wie an seinem eigenen Theil zu nehmen." 95 Diese Erzählung wurde durch den Hufschlag von Pferden im Schloßhofe unterbrochen. „Wir sind verrathen, man ist uns neuerdings auf die Spur gekommen," schrie Graf Tarafield.„Auf, meine Freunde l Laßt uns wüthig dem Feinde entgegen gehen. Der Schatz, den er uns rauben will, ist unsers Lebens werth." „Wohl ist er unsers Lebens werth," erwiderte Rinaldo,„aber so lange noch ein leichteres Mittel vorhanden ist, ihn zu retten, wäre es Thorheit, das Leben aufs Spiel zu setzten." „Kommt, ich will Euch in ein Gemach führen, wo wir sicher sind. Unsere Feinde sollen eher erblinden, als daß sie uns entdecken. Kommt, dort wollen wir das Ende des Sturmes abwarten." Ohne Verzug führte Rinaldo seine geliebten Gäste in ein Zimmer, schob in dem Tafelwerk der Wand ein Feld zurück, öffnete eine eiserne Thüre, und befahl ihnen einige Stufen hinab zu steigen. Sie kamen in ein geräumiges, reinliches Gemach, Rinaldo preßte das Feld 96 wieder genau ein, verschloß die Thüre und begab sich zu seinen Freunden. Kaum waren sie in Sicherheit, da hörten sie auch schon im Schlosse ein Lärmen und Getöse, das sie auf eine große Menge ihrer Feinde schließen ließ. Sie schienen keinen Winkel des Hauses undurchsucht zu lassen. Vor Angst und Schrecken bebten die Damen, selbst den Rittern wurde nicht Wohl zu Muthe. Endlich nahm das Getöse allmälig wieder ab, es ward ruhiger, und in einigen Stunden hörte man keinen Wurm sich im Schloße mehr regen. Jetzt stieg Rinaldo aus dem Gemache, von dem Abzüge der Feinde zuverläßige Kunde einzuziehen und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß die ganze Burg davon gereinigt sei. Nach so willkommener Bothschast verließen sie unverzüglich ihren Hinterhalt, versahen sich in der Rüstkammer mit den abgehenden Waffen, und eilten dann fort auf immer aus diesen Aufenthalte des Schreckens und der unmenschlichen Oualen. Als sie glücklich und ohne Abenteuer den Wald erreicht hatten, drückte Rinaldo Jlde- gerten an sein Herz, Graf Tarasield schloß Mathilden in seine Arme. Alle weinten Thränen der Freude. Nur Graf Tankred weilte, in stillem Kummer versenkt, bei Betrachtung des geheimnißvollen Schicksals, welches seine Geliebte traf. Sie allein schien es werth zu sein, daß er sein ihm kürzlich wieder geschenktes Leben auch ferner zu erhalten suchte. Noch ehe ich diesen Abschnitt schließe, glaube ich meinen Lesern sagen zu müssen, daß zwischen Graf Tankreden und Haralds Witwe, noch ehe sie an den Letzter« wieder ihrem Willen vermählt wurde, schon ein Liebesverständniß bestand, das auch in ihrem Ehestände fort Lauerte, und der Stoff zu Haralds Eifersucht, und aller daraus entsprungenen Unglücksfälle wurde. Nähern Aufschluß wird der dreizehnte Abschnitt gewähren. Zehnter Abschnitt. ATinaldo war mit seinen treuen Gefährten zwar glücklich der letzten Gefahr entgangen, aber nun kostete es immer noch ernstliche Überlegung, auf welche Art sie ihre Reise fortsetzen sollten. Ein Bach, welcher sich von den Gipfel eines Felsens herabstürzte, und mit sanftem Ge- murmel an dem Fuße dahin floß, bewog sie auf eine Zeit Halt zu machen, und der Ruhe zu pflegen, welcher sie so sehr bedurften. Sie labten sich mit einem kühlen Trunk Wassers, ruhten aus und setzten ihre Reise fort. Zwar hatte 99 die Furcht, eingeholt zu werden, ihnen mepi, als gewöhnliche Kräfte verliehen, endlich fing die Natur doch an, erschöpft zu werden. Jlde- gerte zerfloß in Thränen und erklärte, daß sie sich außer Stande befände, weiter zu reiten. Sie sank in die Arme ihres Geliebten, er legte sie sanft ins weiche Moos, und kämpfte mit Verzweiflung und Liebe. Mathilde und die Zofe der Prinzessin waren von der Unbequemlichkeit der preise auch sehr geschwächt und ermattet. Der Zustand der ganzen Reisegesellschaft war beklagenswürdig. Die Furcht vor den nachsetzenden Feinden, und die Unentschlofsenheit,inder ste schwebten, lähmke vollends ihre Kräfte. Guter Rath war in ihrer Lage die theuerste Waare. Endlich that Rinaldo seinem Freunde Tankred den Vorschlag, den Gipfel des Felsens zu erklimmen, um von da aus die umliegende Gegend zu übersehen, vielleicht, daß Hilfe von dorther zu hoffen wäre. In dieser Absicht machten sie sich an die Ausführung ihres Vorhabens, und kaum hatten sie den Rand des Baches erreicht, da sahen sie mit gleich großer Verwunderung und Freude, uro wie sich, in einiger Entfernung von ihnen, die Anhöhe in einen sanften Abhang verlor, welcher hin und wieder wit Baumgruppen besetzt war. Der Bach schlangelte sich durch ein reizendes Thal, welches den Wald trennte, so weit ihre Augen reichten. Unten an diesem Abhänge nahmen sie eine Hütte gewahr. Sie eilten darauf zu um vielleicht von hier aus Hilfe zu erhalten. Ein Mann kam ihnen entgegen, und unsere Gesellschaft konnte sich vor Erstaunen kaum fassen, als sie in diesem Manne den treuen Roger erkannten. Der gutmüthige Knecht erfuhr die mißliche Lage seiner Gebieterin, die noch eine ziemliche Strecke zurück war, als er ihr auch schon blitzschnelle entgegen floh, und sie sammt ihren Begleitern und Begleiterinnen in die friedliche Hütte führte. Der Eigner derselben nahm sie zwar ländlich, aber mit gastfreier Biederkeit auf. Er rief sein Weib herbei, und diese ließ stchs nicht minder angelegen sein, ihre Gäste zu bewirthen. Sie bereitete ein einfaches Mahl, das unsern müden Wanderern trefflich zu statten kam. Nichts war natürlicher, als daß die Ent- kräfteten, nachdem die ersten Bedürfnisse der Natur befriedigt waren, aufdas bereitete Strohlager sanken und sanft einschliefen. Indeß untersuchte Roger Ninaldo's Wunden; sie waren von keiner Bedeutung und die ganze Natur des Letzter« hatte die Heilung schon so weit vollendet, daß der Knecht nur die Spuren des vergossenen Blrttes abzuwaschen hatte. Er verband ihn, so gut es die dürftigen Umstände zuließen, und rieth ihm zur Ergänzung der erschöpften Kräfte der Ruhe zu pflegen. Rinaldo befolgte den Rath seines treuen Dieners. Graf Tarafielden aber, dessen festes Körperbau am wenigsten gelitten hatte, und der unter einem Baume saß, erzählte er, was sich mit ihm zugetragen hatte, seitdem er imWalve von ihm abgekommen war. „Ich erwartete," sprach er,„unter dem Baume, den ich mir zum Obdach erkor, bis sich der Sturm gelegt hatte. Ich suchte hierauf mein Pferd neuerdings in die Höhe zu bringen, aber meine Bemühung war vergebens, da hörte ich mit einem Male mehrere Reiter des Weges herbei kommen? Mir schien es wahrscheinlich, 102 daß sie von Gustav's Gefolge wären.— Ich lenkte daher sogleich von dem Wege ab, und mein guter Stern führte mich endlich in diese Hütte." „Die wohlthätigen Alten, welche sie bewohnen, sind Graf Gustav's Unterthanen.— Dieß habe ich bei meiner Ankunft von ihnen selbst erfahren. Zwar scheinen es gutmüthige Menschen zu sein, aber ich kann Euch darum meinen Kummer nicht bergen, daß wir hier keiner langen Sicherheit genießen werden. Es ist nicht weit von hier, wö ich den Hufschlag der Pferde hörte, und sollte Gustav seine Knechte uns aufzusuchen, durch den Wald nachschicken, so werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach diese Hütte nicht undurchforscht lassen." Neu gestärkt durch einen süßen Schlaf erhob sich mit Anbruch des Tages Jldegerte von ihrem Lager und weckte Mathilden und ihre Zofe. Als auch das männliche Gefolge wieder gerüstet und die Pferde gefüttert waren, ging man gemeinschaftlich zu Rathe, wie und auf welche Weise den drohenden Gefahren am sichersten zu entkommen, und am zuverlässigsten aus- 103 znweichen wäre. Man kam endlich darin über- ein, Graf Roderich's Schloß als den bewährtesten Zufluchtsort aufzusuchen. Zwar wußten unsere Reisenden den Weg nicht genau, der dahin führte, aber doch war ihnen die Gegend nicht ganz unbekannt, in der es lag, vorzüglich da Neger sich anheischig machte, sie ohne Fährlichkeiten an Ort und Stelle zu bringen. Auf diese Erklärung belohnten sie die gastfreien Alten, versahen sich mit den nöthigsten Lebensbedürfnissen und verließen die Hütte.— Durch einen dichter» Theil des Waldes nahmen sie ihren Weg, der Gegend zu, wo Roger meinte, daß das Schloß des Grasen Roderich liege. Ruhig zogen sie eine große Strecke, ohne daß ihnen ein Abenteuer aufstieß, endlich hielten sie an einem schattigen, angenehmen Platze, erholten sich. und setzten dann ihre Reise so lange fort, bis das Dunkel der Nacht über ihnen einbrach. Voll Hoffnung, das Schloß bald zu erreichen, vergaßen sie der Unbequemlichkeiten, 104 aber Jldegertens beständiges Fragen nach der Burg und Rogens sichtbare Verlegenheit, der Prinzessin eine befriedigende Antwort darauf zu geben, siel endlich auch der übrigen Reisegesellschaft auf. Die Damen, wieder eine Nacht allem Ungestüm, allen Beleidigungen der Witterung ausgesetzt, dieß schien ihnen eine Nothwendigkeit, welche Rinaldo's und Tarafield's Brust mit doppelter Angst erfüllte. In düsterem Schweigen zogen sie des Weges weiter, Jeder schien mit seinen eigenen Vorstellungen zu sehr beschäftigt zu sein, um jenes unterbrechen zu können.— Nach vielen Umwegen kamen sie zu einer Anhöhe, auf welcher ein Stein errichtet war. Roger gewahrte dieß Zeichen kaum, als er auch schon freudig ausrief, daß ihm diese Stelle wohl bekannt sei.„Rechts," sagte er, „befindet sich eine Einsiedelei, welche zu dem Kloster St. Sebastian gehört, links führt der Weg nach Graf Roderich^s Schloß. Wir können kaum mehr drei Stunden davon sein." Graf Tarafield rieth den Weg nach der Einsiedelei, als den nächsten, einzuschlagen, aber die Damen schienen von Rogers Nachricht 105 neu belebt zu sein.— Voll Sehnsucht, an eine sichere Stätte zu gelangen, eröffneten sie ihren Rittern, daß sie im Stande wären, noch heute den Weg nach dem Schlosse zurückzulegen. Sie drangen deßwegen so eifrig in Rinaldcn, daß dieser Vorschlag(wie die Folge auswies zu ihrem größten Nachtheile) endlich angenommen wurde. Nachdem sie auf der Straße nach dem Schlosse schon eine ziemliche Strecke hinter sich hatten, und eben um die Ecke des Waldes herumlcnkten, siehe! da wurden sie von einem Haufen Reiter, die aus dem Gebüsche hervorbrachen, ehe sie sichs versahen, umrungen. An der Spitze des Haufens erschien Graf Gustav, er gebot seinen Knechten unsere Abenteurer zu entwaffnen, aber diese setzten sich augenblicklich zur Wehre. Rinaldo, fest entschlossen, seine Damen aufs äußerste zu vertheidigen, hieß seinen kleinen Trupp den Rücken dem Walde zukehren, und drang mit solcher Wuth auf Gustaven ein, daß er ihn mit seiner Streitaxt todt zur Erde gestreckt haben würde, wenn Jener dem 106 tödtlichen Streiche durch eine geschickte Wendung nicht ausgebeugt hätte. Von Leiden Seiten ward nun mit Bitterkeit und Hitze gefochten, endlich mußten unsere Reisenden dem überlegner» Feinde weichen, und ihm das Feld räumen. Die Damen wurden, ungeachtet ihres Widerstandes und Sträu- bens, ungeachtet ihres Weinens und Heulens, von den feindlichen Knechten ergriffen, und in der größten Eile hinweggcführt. Dieser Raub ging zwar nicht ohne Widersetzlichkeit von Seiten Ninaldo's und der Sei- nigen ab; auf das Jammergeschrei wagten sie noch einen Versuch, drangen noch einmal durch den feindlichen Haufen, aber ihr Bemühen war fruchtlos, die Damen waren verloren. Die Verzweiflung, in welcher Rinaldo und Taraft'eld nach diesem Unfälle waren, läßt sich durch keine Worte schildern.— Pläne und Entwürfe drängten schwer ihre Seele, die der Zorn aushegte, die Rache aber sogleich wieder verwarf. Sie wollten den Räubern, so groß und fürchterlich auch ihre Menge war, neuerdings nachsetzen, aber sie waren ihren Augen 107 entschwunden, und es war keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, sie einholen zu können. So wie ihr Geist wieder in etwas ruhiger ward, beschlossen sie, ihren Weg nach dem Schlosse zu verfolgen, und daselbst zur Rettung der Damen die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, da zog auf einmal Graf Tankred ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Er lag unter einem Baume, und war durch einen Lanzenstoß am Arme verwundet worden. Das Blut floß so häufig, und er wurde durch diesen Verlust so entkräftet, daß es ihm unmöglich war, den Weg nach dem Schlosse noch diesen Abend zurück zu legen. Roger verband die Wunde, und rieth, die Nacht in der Einsiedelei zuzubringen, morgen aber nach Graf Roderich's Burg zu reiten.— In ihrer gegenwärtigen Lage war dieser Rath zu heilsam, als daß man ihn hätte verwerfen sollen. Sie ritten nach dem Gränzsteine auf der Anhöhe zurück, und Roger geleitete sie glücklich zur Einsiedelei. Eiifter Abschnitt. o^er graue Bewohner der Hütte hatte noch nicht seine Lampe angezündet, sondern saß mit heiligen Betrachtungen beschäftigt vorder Thüre unter einer alten Eiche. Er empfing seine Gäste mit wohlwollenden Lächeln, und bot ihnen seine Hütte auf eine Art zum Abdache an, welche von genauen Umgänge mit gebildeten Menschen den deutlichsten Beweis abgab. Sobald er GrafTankreds mißlichen Umstand crfuh-r, holte er einige seiner Heilmittel herbei, welche ihn unter den armen Kranken der Nachbarschaft einen großen Ruf erworben hatten. 109 Er besah die Wunde, und legte einen Verband um, von dessen bewährter Güte er sich schleunige Besserung versprach, dann setzte er den Fremdlingen einige Gerichte aus dem Pflanzenreiche vor, dabei ließ es aber seine Gastfreiheit noch nicht bewenden; denn die benachbarten Landleute versorgten ihn auch aus Dankbarkeit mit andern Nahrungsmitteln, und auch von diesen Gaben tischte er unsern Reisenden einige Schüsseln auf. Der düstere Anmuth und die Kleinmüthig- keit eines Theiles seiner Gäste konnte seiner Beobachtung nicht entgehen. Wirklich vermochten sie auch nicht, trotz alles Bestrebens, seinen Diensteifer wenigstens mit einem heitern Gesichte zu lohnen, jenes finstere Wehen zu verbergen. Auch besaß der gute Greis Menschenkunde genug, um zu wissen, daß, wo Betrübniß eine Linderung durch freundschaftliche Mittheilung hoffen kann, sie sich selbst aufdringt, wo sie aber sich zu verbergen sucht, sie insgemein auch zu heftig ist, um durch Mittheilung gelindert werden zu können. Rinaldo wußte keinen Grund, weswegen 110 er in dieser Nähe des väterlichen Schloßes seinen Namen hätte verhehlen sollen, daher gab er sich dem Einsiedler zu erkennen; denn Kummer und Gram hatten ihn seit seiner Abreise von der Burg ganz unkenntlich gemacht, und'' stellte ihm die Grafen Tarafield und Tankred als seine Freunde vor. Der ehrwürdige Klausner empfing diese Nachricht mit der lebhaftesten Freude, aber die übrige Zeit des Mahles hindurch war eine gewisse Zurückhaltung in seinem Betragen sichtbar. Roger, der Unbefangenste unter den Gästen, war auch der Erste, welchen dieß auffiel. Dieses Benehmen des Siedlers, diese seine schnelle Verwandlung setzte den treuen Diener in keine geringe Verlegenheit, und er lauerte nur auf einen bequemen Augenblick, diese Beobachtung auch feinem Gebieter mittheilen zu können.— Allein in dieser Rücksicht wartete er umsonst. Sobald die frugale Mahlzeit geendiget war, bat der Einsiedler RLnalden, sich in seinen Garten, der in seiner Abwesenheit einige Veränderung erlitten hätte, ein wenig umzusehen. 111 Die Übrigen merkten, daß diese Einladung an ihrem Freunde galt, und ließen ihn, da er dieses Anerbieten angenommen hatte, allein den Einsiedler begleiten. Der Mond war eben aufgegangen. Welche Reize hätte nicht die Schönheit der Gegend in dieser Jahreszeit einen harmlosen Busen gewähren müssen? Aber Rinaldo's Herz war von Kummer und dem Verluste seiner Geliebten zu sehr zerrissen, als daß es für diese Reise hätte empfänglich sein können. Der Eremit machte im Allgemeinen einige flüchtige Bemerkungen, und wandte sich hierauf mit folgenden Worten an Rinaldo: „Graf Rinaldo, das Schicksal hat mich ausersehen, Euch von einen Vorfalle Kunde zu bringen, der Eure ganze Natur empören, der Euer Herz durchbohren wird. Er ist Euch, wie mir deucht, bis jetzt unbekannt geblieben." „Redet immer zu," rief Rinaldo gefaßt, //nach dem Streiche, welchen mir das Schicksal bereits versetzt hat, ist jedes andere Unglück, selbst der Einsturz der Welt, für mich nur unbedeutende Kleinigkeit." 112 „So wißt denn— GrafRoderich's Schloß ist in des Herzogs Händen," versetzte der Einsiedler. „Eine unerwartete Nachricht," erwiederte Rinaldo. „Unerwarteter wird Euch noch diese sein," fuhr der Einsiedler fort,„wenn ich Euch sage, daß Euer Vater Astolph's Gefangener ist,— — wenn er noch lebt. „Wenn er noch lebt,"— wiederholte Rinaldo mit wildem Ausdrucke, wankte zurück und ward blaß. „Astolph hat ihn überfallen," war des Eremiten Antwort.— Sobald der Anschlag, in welchen Ihr mit verwickelt wart, fehlschlug, eilte der Herzog nach den Grenzen. Er langte an, ehe man es wußte, und verlangte als Gast Eures Vaters auf einige Zeit Zutritt in's Schloß.— Dieser wußte von dem Entwürfe nichts, den Ihr und einige Andere hattet, Astolphs Bruder wieder in sein Eigenthum einzusetzen, dachte nichts Arges, gewährte sein Gesuch und nahm ihn mit schuldiger Ehrfurcht in der Burg auf." 113 „Eine große Menge seiner Krieger rückte unter dem Verwände seiner Bedeckung in das Schloß, und— ach! es war um den Grafen Roderich, es war um Euren Vater geschehen. Erlaßt mir die fernere Erzählung, wie und auf welche listige Art Astolph ihn wider alle Rechte der Gastfreiheit zu seinen Gefangenen erklärte. Eigentlich weiß ich es selbst nicht, aber Jhd werdet jeden Umstand davon an einem andern Orte deutlich erfahren." Rinaldo stampfte mit den Füßen, seine Augen rollten fürchterlich in ihren Kreisen— dann rang er die Hände, seufzte und fuhr also fort:„Und habt Ihr, ehrwürdiger Vater, seit dieser Zeit von dem Unglücklichen keine nähere Kunde erhalten?" „Außer dem traurigen, unstchern Gerüchte, das ich Euch vorher erzählte, noch keine," antwortete der Greis. Der Jüngling schien für einen Augenblick in tiefem Nachdenken verloren zu sein, nach einer Pause faßte er sich wieder und begann:„Und Ihr, Vater Benjamin?" „Und ich," versetzte der Klausner—„und 8 114 ich weiß nunmehr, wer ich bin, kenne die erhabenste meiner Pflichten, und bin sie mit meinem Blute zu versiegeln bereit." „Ringhold!" und seine Augen funkelten vom Jugendfeuer, als er diesen Namen aus- sprach.„Ringhold der Unglückliche, der aus seinem Eigenthume verdrungene Herzog, unser rechtmäßiger Gebieter, ist Befehlshaber der Krieger auf dem Berge St. Sebastian. Möchte doch das Glück seine Rechte begünstigen, seinen Unternehmungen einen guten Ausgang verleihen." „Ich verstehe Euch, Vater!" riefRinaldo —„welcher Biedersinn belebt Euer Herz, welches Feuer Eure Zunge— Ihr würdet Jünglinge beschämen." „Ach! daß ich mich bewaffnet mit meinen Brüdern auf dem Berge vereinigen könnte,"— fiel der Greis ein,„doch vielleicht kann ich auch hier irgend auf eine Weise nützlich sein." Jetzt begab sich Rinaldo wieder gedankenvoll zu seinen Freunden in die Hütte zurück. Der gutmüthige Wirth breitete einige Matten für sie aus, von Gras und Binsen geflochten. 115 sie waren das Werk seiner Hände, allein auch auf den wollüstigsten Eiterdunen hätte Rinaldo den Schlaf vergebens gesucht. Das Unglück seines geliebten Vaters, der. Verlust seiner Jldegerte gingen vor seiner Seele vorüber, aber sein inniger Schmerz, welchen er wegen der Letzteren empfand, schien durch den Zustand des erstem einen Theil seiner Bitterkeit zu verlieren. Vielleicht, dachte er bei sich, ist er unter dem Dolche der Meuchelmörder gefallen. Dieser Gedanke faßte die Qualen der Hölle in sich, er konnte das Peinliche dieser schrecklichen Vorstellung nicht länger ertragen, und beschloß, sich nach der Burg aufzumachen, um das Schicksal seines Vaters zu erfahren.— Im Falle er noch lebte, so wünschte er zu wissen, in welchem Winkel der Erde er sich befände, um ihn dem Kerker zu entreißen; wäre er gefallen, so wollte er seinen Tod schrecklich rächen, oder sich selbst dem mißlichen Ausgange dieses raschen, geheimnißvollcn Unternehmens aufopfern. Graf Tarafield hatte durch den Raub seiner Mathilde auch einen zu großen Verlust er- 8* 316 litten, als daß er eines ruhigen Schlafes hätte genießen können. Sobald es tagte, hob er sich von seinem Lager, er sah Rinalden nachdenkend hin und her gehen, und die schönen, noch in Dunkel gehüllten Zufluchtsörter überschauen, welche sich in der Nachbarschaft der Einsiedelei befanden. Hierauf machte ihm Riualdo begreiflich, was er in Betreff seines Vaters von dem Einsiedler vernommen hatte, und entdeckte ihm den Entschluß, sich zu verkleiden, und Zutritt in das Schloß zu verschaffen. Jetzt trat der ehrwürdige Klausner zu ihnen, und da er vergebens gesucht hatte, ihm das Übereilte seines Vorhabens zu zeigen, so ward er endlich genöthigt nachzugeben, und bot zur Ausführung dieses Planes seine treuen Dienste an. Tarafield nahm sich vor, zu Ringhold auf dem Berge St. Sebastian zu stoßen.— Der Siedler machte ihm einen Paß bemerklich, mittelst dessen er unbemerkt und ohne Gefahr seinen Vorsatz ausführen konnte. Ohne Verzug schritten sie zu Werke, den 117 Entwurf auszuführen. Rinaldo verschnitt sein Haar, daß kaum zu fürchten stand, daß er erkannt werden sollte. Darauf verwechselte er seine Kleider mit jenen von Tankred's Begleiter, und schied mit einem rührenden Lebewohl von seinen Freunden. Graf Tarafield und sein treuer Roger begleiteten ihn. Sie mochten ungefähr drei Stunden mit einander gezogen sein, da verließen die zwei Ersteren Rinalden in der Absicht, den von dem Eremiten angezeigten Paß einzuschlagen. Zwar hatte Roger seinen Herrn inständig gebeten, ihm die fernere Begleitung zu verstatten, dieser aber wollte ihn durchaus nicht an dem vorhabenden Unternehmen Theil nehmen lassen, damit nicht etwa durch seine Gegenwart eine Entdeckung veranlaßt würde. In tiefem Nachsinnen erreichte er auch in Kürze daS väterliche Schloß.— Seine Augen mit wehmüthigem Blicke auf die hohen Thürme desselben geheftet, stieß er plötzlich auf eine Wache von Astolph's Truppen, welche an einem der Zugänge der Burg ausgestellt war. litt Die Schildwache fragte, wer er sei, unv wohin er wolle.— Er war eben um die Antwort verlegen, als er den wachehabenden Unteroffizier wahrnahm, der eine Harfe jämmerlich mißhandelte. „Ich bin ein armer Harfner," gab er zur Antwort.—„Im Walde haben mir zwei Räuber mein Alles— meine Harfe genommen." Dieß war eine List, von der er Vortheil zu ziehen hoffte, und sie gelang ihm; denn er verstand sich sehr gut auf dieses Instrument, das ihm in seiner Jugend viel Vergnügen verschafft hatte. Der Unteroffizier hatte dieß nicht sobald gehört, als er ihm sein Instrument, mit dem Bedeuten, darauf zu spielen, reichte. Rinaldo hatte kaum ein paar Griffe dar auf gethan, als die Wache ob der Lieblichkeit seines Spiels alles Übrige vergaß. Man nahm ihn so gefällig auf, als wenn man ihn schon lange gekannt hätte. Alles lagerte sich rings um ihn herum und horchte auf die Töne, welche er dem Jnstru mentc entlockte, in stummen« Entzücken.— 119 Unser Abenteurer hielt sich besonders an den Unteroffizier, und da er so gefällig war, demselben einige Kunstgriffe zu zeigen, wurde der Soldat für ihn so eingenommen, daß, als er abgelöst ward, er hoch und theuer schwur, daß ein so werther Freund sich von ihm nicht trennen dürfe, und Rinalden mit nach dem Schlosse nahm. Bald wurde er auch mit den übrigen Soldaten bekannt, und sie drangen unablässig in ihm, sich unter ihnen anwerben zu lassen.— Aber Rinaldo erklärte seinem neuen Freunde, dem Unteroffiziere, mit offenem Herzen, daß er an diesem Stande kein Gefallen fände, und in die Hausdienste des Herzogs aufgenommen zu werden wünschte. Jener machte ihn hierauf mit dem ersten Bedienten von Astolph's Gefolge bekannt, und durch dessen Verwendung kam es dahin, daß er seinen Wunsch bald erfüllt sah. °—a-EO«Z-D H».-DLvvv— Zwölfter Slbfchnitt. ^/»inaldo war nun in seiner väterlichen Burg. Unbemerkt mischte er sich unter die Menge der Bedienten, deren Zahl er jetzt vermehren half. In seiner gegenwärtigen Eigenschaft hatte er ungehindert Gelegenheit, alle Zimmer des Schlosses zu durchstreifen, welche einst bei seiner Geburt von lauter Glückwünschen wieder- hallten, und wo man seiner ersten Jugend mit der zärtlichsten Sorgfalt pflegte. Die glänzenden Rüstungen, welche die Hallen schmückten, dienten zum redenden Beweise der Heldenthaten einer langen Reihe tapferer 12! Ahnen, und die darüber wehenden Fahnen waren Zeichen ihrer vornehmen Abkunft. Den Morgen nach dem Tage seiner Aufnahme in's Schloß war Rinaldo mit seinen Gefährten beschäftigt, die herzogliche Tafel zu bestellen, als Astolph in Begleitung der Vornehmsten seiner Lieblinge in den Saal trat. Er schien eben mit einem seines Gefolges im tiefen traulichen Gespräche begriffen, als Rinaldo in diesem Günstling den Räuber seiner Jldegerte, seinen Todfeind, Graf Gustaven erkannte. Wie Strahlen des Blitzes drängten sich nun tausend Gedanken in seine Seele, und streitendeLeidenschaften bestürmten seinen Busen, aber Wuth und Rache behielt die Oberhand. Ohne Waffen, ohne Beistand irgend eines Freundes war er schon im Begriffe, auf den schändlichen Räuber hinzustürzen, und ihm zum Lohne seiner Gräuelthaten in's Reich der Todten zu fördern, allein Jldegerte stellte sich seiner Einbildungskraft zur rechten Zeit so lebhaft dar, daß sich die wilde Wuth legte, welche ihn ergriffen hatte. Gustav befindet sich, dachte Rinaldo, auf 122 der Burg meines Vaters— wie? Könnte nicht Jldegerte sowohl, als er, daselbst Hausen?— Zwar hatte die Hoffnung nur einen schwachen Schein'auf ihn geworfen, daß er sich jetzt mit seiner Geliebten unter einem Dache befinden, und eine günstige Gelegenheit sich darbieten könnte, ihr einen wichtigen Dienst zu leisten, und sie, seinen kostbaren Schatz, den Händen des Räubers wieder zu entreißen.— Eitler Trost war dieser Gedanke für unsern feurigen Rinaldo, die Ruhe seiner Seele war dadurch nicht hergestellt, er begab sich, sobald es seine Dienstverrichtungen erlaubten, in sein Gemach, weidete sich an seinem Kummer, und hing einen Gegenstandenach, der so ganz seine Seele erfüllte. Ach l daß sich bald ein ungleich wichtigerer zum Nachdenken für ihn zeigen mußte l Zum Nachdenken bis zum Wahnsinn. Es war keinem Zweifel mehr unterworfen und man machte sich auf dem Schloße kein Geheimniß daraus, daß Roderich der Kühne, der Eigner des Schloßcs, daß Rinaldo's Vater ungefähr eine halbe Stunde von der Burg ermordet worden sei. Der Finger des Argwohns 123 deutete auf Astolph. Wirklich ließ sich auch, wenn man alle damit verbundenen Umstände zusammen nahm, an dem ganzem Vorgänge nicht zweifeln; denn Roderich war Niemanden zu Gesichte gekommen, seitdem er den Herzog willkommen hieß. Eine kurze Zeit hatte hingereicht, ihn mit Astolphs Vorhaben bekannt zu machen. Abends war der Herzog mit seinen Truppen in das Schloß eingerückt, und den Tag darauf bei der ersten Dämmerung, hatte Graf Roderich, in voller Rüstung mit einigen treuen Anhängern, den Abzug genommen. Allein er wurde von einem Theile der herzoglichen Mannschaft eingeholt, und durch den Stoß einer Lanze zu Boden gestreckt, daß kein Zeichen seines Lebens mehr wahrzunehmen war. Ein gleiches Loos traf seine Begleiter, keiner entkam. Vergebens wurde nachher sein Leichnam gesucht, denn er war, so wie die entseelten Körper seiner Getreuen, auf die Seite geschafft, und an einer geheimen Stätte bestattet worden. Diese schauderhafte Katastrophe empörte Ninaldo'S ganze Natur. Die Liebe, 124 die er gegen seinen Vater hegte, und die Rache, welche er seinem Mörder geschworen hatte, gerieten in einen fürchterlichen Kampf mit einander. Schwer, wie die Last der Erde, lag der Vorgang auf seinen Herzen, nur die Hoffnung der Rache munterte ihn auf, fein begonnenes Unternehmen fortzuführen, und keinen Augenblick die Entdeckung zu verschieben, an der das Glück seines Lebens hing. Aus dieser herzerschütternden Betrachtung weckte ihn eine Nachricht, die eine andere Leidenschaft aufstörte und in Bewegung setzte. Er erfuhr, daß seine Muthmaßung gegründet, daß Prinzessin Jldegerte wirklich auf dem väterlichen Schloße sei. Allein von denen, mit welchen er umgehen durste, hatte sie keiner gesehen. Auch trug man sich zu Rinal- do's größtem Verdruße und Schmerzen mit der Sage, Graf Gustav werde bald seine Vermählung mit ihr feiern. Rinaldo kannte die geheimstem Gemächer des Schlosses von den frühesten Tagen seiner Jugend an. War seine Geliebte wirklich daselbst, so konnte sie vor ihm nicht lange verborgen bleiben. Er beschloß also, mit 125 spähendem Blicke über Gustav's Gänge zu wachen. Herzog Astolph hatte eine starke Besatzung mit sich auf's Schloß gebracht, damit machte er ununterbrochene lebhafte Ausfälle gegen das Kloster St. Sebastian, wo sich Roderich's treuen Freunde gesammelt hatten; denn daß sich Ring- hold an ihrer Spitze befinde, war Astolphen noch ein Geheimniß. Allein abgerechnet, daß dieser Posten fast für unüberwindlich gelten konnte, vertheidigten ihn auch die wackersten, erfahrensten Krieger— dieß waren die Mönche alle, ehe sie ihre Tage der Religion widmeten, und der Welt entsagten. Die Wunde, welche Graf Tankreden in der Einsiedelei zurückhielt, erwies sich hartnäckiger, als man erwartet hatte. Seine Gemüthsverfassung hinderte Die Beschleunigung seiner Genesung, nur der Umgang mit dem ehrwürdigen Eremiten linderte ihm etwas seine Leiden.— Lange hatte der heilige Vater, mit einer ausgezeichneten Würde bekleidet, die mühevolle Bahn der Welt gewandelt, und die Menschen nicht ohne regen Beobachtungsgeist gesehen.— —«WTH-DDvvo 126 Sein Geist war daher in reichem Maße mit echter Weisheit ausgerüstet, welche aus unbefangenem Nachdenken und langer Erfahrung entsteht. Die erhabenen Wahrheiten der Religion flößten ihm Nachsicht gegen die Fehltritte und Schwachheiten seiner Ncbenmenschen ein, und verbreiteten überfeinen Busen jene Zufriedenheit und Ruhe, welche sie allein den Sterblichen zu gewähren vermögen. Dem Grafen Tarafield entging diese Bemerkung nicht, und er fand bald die größte Linderung seiner Schmerzen darin, wenn er vor dem heiligen Manne sein beklemmtes Herz eröffnen und seinen Kummer ausschütten konnte. In einer dieser seligen Stunden entdeckte er ihm die geheime Ursache des Grams, welcher nur zu sichtbar an seinem Herzen nagte. Dreizehnter Abschnitt. "«§ch weiß gewiß, ehrwürdiger Vater," hub eines Morgens Tankred an,„Ihr werdet Euch nicht länger über die Heftigkeit wundern, mit welcher der Kummer meine Seele niederdrückt, so daß alle meine Bemühungen, davon frei zu werden, immer noch vergeblich gewesen sind, wenn ich Euch die Geschichte meines unglücklichen Lebens mitgetheilt haben werde." „Zuverläßig ist es Euch nicht unbekannt, daß unser Herzog Astolph eine Schwester hat, welche viel jünger ist, als er, und die er aus 129 der Abgeschiedenheit, in welcher sie bis dahin begraben war, hervorzog, als er nach des edlen Ringholds Tode Besitz von dem skandinavischen Erbe nahm." „Die Prinzessin trat dazumal in ein Alter, in welchem man es nicht für räthlich hielt, sie lange in der Stadt zu lassen. Das Schloß Oldenholm, das an reizender Lage alle benachbarten Burgen übertraf, wurde zu ihrem Aufenthalte mit fürstlichem Aufwande eingerichtet. Sie ward der Aufsicht und Leitung einer Matrone, die des Herzogs Gnade in einem hohen Grade genoß, anvertraut, und ich hatte das Glück unter die Pagen der Prinzessin Koramane aufgenommen zu werden.— Erlaubt es mir, ehrwürdiger Vater, daß ich die Zeit mit Stillschweigen übergehe, in welcher der Saamen einer Leidenschaft sich zu entwickeln begann, die ich nun— ach! vielleicht unbefriedigt in mein Grab nehmen muß, mein Gedächtniß ruft mir jene köstlichen Augenblicke, die mir unter den süßesten Gefühlen dahin flohen, jetzt allein und gewiß nur darum zurück, um mich für das 129 Elend meines gegenwärtigen Zustandes desto fühlbarer und empfänglicher zu machen." „Hört, was sich weiter begab! Was erst Pflicht meiner Bestimmung war, wurde bald aus einem andern Beweggründe unternommen. Keine angenehmeren Empfindungen vermögen unser Herz zu durchströmen, als wenn die Pflichten des Berufes durch Zuneigung und Sympathie einen eigenen Sieg erhalten, und dadurch belohnt werden, daß sie dem theuren Gegenstände nicht unbemerkt bleiben." „Bald zeichnete mich Koromane unter den übrigen Pagen auf eine auffallende Art aus, ich liebte sie zärtlich, und meine Liebe wurde nicht verschmäht. Wir wuchsen mit einander auf, unsere Liebe wuchs mit den Jahren." „Laßt mich eilen, eine Erzählung zuschließen, die nur so viel Bitterkeit in sich faßt, als sie sonst Angenehmes für mich hatte." „O! sonst konnte ich mich nicht genug des unaussprechlichen Glückes, täglich um sie zu sein, erinnern. Ihr die Winke ihrer Augen abzulauschen, ihren leisesten Wünschen zuvorzukommen, ihr die schönsten, dankbarsten Dienste 13N zu leisten— war mein einziges Bestreben, war Alles, was mein zufriedenes Herz je zu wünschen wußte. Ich hielt mich für den Glücklichsten aller Sterblichen unter der Sonne."— „Aber ach!— dieses Glück, diese Wonne war bald zu ihrem Ende gediehen. Ich erreichte ein Alter, in dem es wider die Sitte des Landes war, mich länger unthätig zu lassen.— Durch die Verwendung meines Vaters ward ich als Offizier angestellt. Ich eilte zur Armee auf meinen Posten, eilte so schnell als man nur immer eilen kann, der nichts weniger als Alles, was seinem Herzen theuer ist, hinter sich zurück läßt. Ich kam zu derjenigen Abtheilung der Truppen, bei welcher sich Rinaldo befand.— Hier ward der Bund inniger, unzertrennlicher Freundschaft zwischen uns geschlossen. Als wir nach geendigtem Feldzuge nach der Hauptstadt zurückkehrten, entbot eben Astolph Koromanen nach Hofe. Jedermann, der sie sah, schien nicht Sinne genug für ihre Reize, Schönheit und Tugenden zu haben. Ihr Bruder selbst schien sie anzubeten, bis er auf einmal wider alle Erwartungen, ungeachtet des Abscheues vor dem 131 Gegenstände, ungeachtet ihres Bittens und Flehens, ihrer Seufzer und Thränen, sie seinem Günstlinge, dem schändlichen Grafen Harald, der bereits Vater eines Sohnes, des Grafen Gustafs war, aufopferte." „Übermüthig, rachsüchtig, gewissenlos, wie er war, schienen ihn alle ihre Vorzüge und Vollkommenheiten wenig zu rühren. Er ließ die Unglückliche auf ein altes Schloß nordwärts gegen den Wald bringen. Hier hatte sie Muße der Fülle in tiefer, ungestörter Einsamkeit das traurige Schicksal zu beweinen, zu welchem sie Astolph, unter dem Verwände, sie glücklich— überschwenglich glücklich zu machen— verdammte." „Ach l für die Leiden, welche ich diese Zeit über ausgestanden habe, gebricht es mir an Ausdrücken, sie zu schildern.— Ich konnte, trotz allem Zwange, meine Verzweiflung nicht bergen. Endlich wurde mein Gram so sichtbar, daß man sich einander die Ursache davon in die Ohren zu flüstern begann." „Meine schwärmerische Liebe wurde unaufhaltsam zu einer Handlung hingerissen, wel- 9* 132 che den Gegenstand, den fle betraf, und mich in das schrecklichste Elend stürzte." „Ich beschloß, nur noch einmal— zum letzten Mal, die Prinzessin zu sehen und zu sprechen. Im Kriege des Auslandes hätte ich dann den Tod gefunden, welchen mir der Friede meines Vaterlandes genugsam versagte." „O wäre dieser Gedanke doch nie in meine Seele gekommen. Meine Absicht zu erreichen, bestach ich das Gesinde, und wurde zu ihr gelassen. Sie befand sich in ihrem Zimmer, welches sie selten verließ. Ich traf sie damit beschäftigt, einen Mantel vollends auszuflicken, den sie ehmals für mich bestimmt hatte, denn ihr Bruder war so gefällig, ihr zu versprechen, mich zu einer hohen Würde des Reiches zu erheben, wozu mich meine Geburt allein so frühzeitig schwerlich berechtigt haben würde." „Sie weinte— weinte über mich, wie sie gestand, im Kampfe ihrer Leiden, sobald sie von ihrem Staunen über mein rasches Unternehmen wieder zu sich kam." „Doch ich will über die so glückliche als unglückliche Scene hinwsgeilen. Nur noch in 133 Kürze dieß:— Ich entdeckte der Unglücklichen meinen Entschluß, wir zerflossen in Thränen, ich lag zu ihren Füßen, das letzte Lebewohl auf meinen Lippen, drückte ich den letzten Kuß auf ihre Hand, als Graf Harald(sei's nun, daß die Bestochenen ihm einen Wink gaben, oder daß das allgemeine Gerücht ihn aufmerksam machte) mit einer Mengeseiner Knechte in das Zimmer stürzte." „Ich war im Begriff mein Schwert zu ziehen, als man über mich herfiel und entwaffnete.— Harald's Wuth überstieg alle Schranken." „Er riß einen Dolch hervor und wollte, vielleicht in meiner Gegenwart, seine Gemahlin morden, aber der Gedanke meiner grausamen Rache schien ihn plötzlich zu überwältigen. Er lächelte sie höhnend an, steckte den Dolch wieder ein, und befahl, mich in sichere Verwahrung zubringen." „Den Tag darauf, noch ehe der Morgen graute, wurden wir beide insgeheim nach einem verfallenen Schloße gebracht. Er folgte uns mit einigen seiner treuesten Knechte.— Die 134 Qualen, welche die unglückliche Koromane einem ganzen Monden über in der verlassenen Burg von der wilden, zügellosen Wuth des Ungeheuers erdulden mußte,kann sie Euch allein erzählen." „Man schleppte mich in einen fürchterlichen Kerker, und fesselte mich gleich einem Verbrecher an schimpfliche Ketten.-" „Aber Gottes Hand und Rinaldo's Muth haben mich davon befreit. Auf welche Art dieß geschah, wißt Ihr bereits aus dem Munde meines Freundes, auch ist Euch nicht unbekannt, wie uns Koromane wieder entrissen wurde.— Aber so namenlos mein Elend ist, so gränzenlos ist auch meine Rache. Ich muß den Räuber meiner Geliebten, muß Grafen Gustav, den würdigen Sohn des schändlichen Vaters, finden, und sollt' ich ihn in den Eingeweiden der Erde suchen. Eher will ich ihn mit blutigen Händen von Astolph's Seite reißen, ehe ich der Rache entsage, nach welcher meine Seele so lechzend dürstet." Vierzehnter Abschnitt» -AFater Benjamin gab sich alle Mühe, die heftige Gemüthsbewegung zu dämpfen, in welche die vorhergehende Erzählung den Grafen Tan- kred versetzt hatte. Nachdem durch überzeugende Gründe die Ruhe in seinem Busen wieder ziemlich hergestellt war, wandte er sich mit folgenden. Worten an ihn:„Mein Sohn, laßt Euch nicht von unbezähmter Wuth zu Handlungen hinreißen, die Euch in der Folge Reue kosten könnte. Harret als ein weiser Mann so lange, bis die Umstände Eure FeindedcrMacht berauben, die ihnen jetzt zu Gebote steht." 136 „Gustav hat sich in Astolphs Herz geschlichen und darin so fest gesetzt, als sein Vater. Ja, hätte der Herzog noch eine Schwester, er bliebe gewiß nicht unentschlossen, auch diese seinem Günstlinge zu opfern." „Von Rinaldo habe ich erfahren, daß Euch die Ursache, weßwegen der Herzog Gustaven so gewogen ist, als er seinem Vater war, unbekannt sei. Ihr seid ein Biedermann, und ich trage kein Bedenken, sie Euch mitzutheilen. So hört denn, was ich Euch eröffnen werde!" „Volle fünfzehn Jahre sind nun verflossen, daß Skandinavien an dem edlen Ringhold einen Verlust erlitt, von dem es sich noch nicht erholt zu haben scheint. Sein Halbbruder Astolph theilte sich in sein Eigenthum. Man stand allenthalben in dem Wahne, Ringhold habe bei einer Jagd sein Leben eingebüßt, wo er sich von seinen Begleitern verlor, und trotz aller Nach- suchungen in Verlauf ganzer vierzehn Jahre nie wieder hat ausfindig gemacht werden können. Die Vermuthung seines Todes hatte um so mehr Wahrscheinlichkeit vor sich, da sich gerade in den Theil des Waldes, wo er vermißt wurde, 13? eine Menge Wölfe und Bären großer und reißender Art aufhalten. Sein unerschrockener Muth, die Weisheit, welche jede Handlung seiner Regierung auszeichnete, seine Liebe zum Volke, sein sanftes,herablassendes Wesen, machte seinen Verlust zum Gegenstände des allgemeinen Bedauerns. Nicht ohne Murren und Mißvergnügen sah man Astolphen seine Ansprüche auf das Herzogthum geltend machen, und Ringholds Tochter, vbschon sie noch ein Kind war, mangelte es nicht an Freunden, die ihre Rechte auf das Erbe ihres Vaters ziemlich laut in Anregung brachten.— Doch Astolphs Partei erhielt die Oberhand, das Murren verstummte, und er ward zum Herzog ausgerufen." „Vierzehn Jahre waren denn verstrichen, als ein Fremdling in dürftigem Gewände, aber mit einer Miene voll Würde und Majestät in der Abenddämmerung im Kloster St. Sebastian anlangte, und vom Prior in die Bruderschaft aufgenommen zu werden begehrte, mit dem Bedeuten, sich kommenden Tags der an ihr zu ergehenden Forderungen zu entlediget." „Wer ein Bruder unsers Ordens werden 138 will," versetzte der Prior,„muß fünfzehn Jahre dem Vaterlande mit Muth und Treue und sonder Tadel gedient haben." Auf diesen Bescheid reichte man den Fremdling einige Erfrischung, und führte ihn in eine Zelle, wo er die Nacht hindurch der Ruhe pflegen konnte. Mit Anbruch des Morgens ließ ihn der Prior vor sich laden Er erschien und fragte:„Kennt Ihr mich, ehrwürdiger Vater?" Der Prior, nun schon dreißig Jahre in dieser Abgeschiedenheit, kannte ihn nicht mehr. „Vater!" rief der Fremdling aus,„wenn Euer Lehrling, der Euren Schritten in der Schlacht bei Löwenstein ziemlich ungleich folgte, noch am Leben wäre, dürfte er sich wohl des Schutzes der Bruder von St. Sebastian erfreuen?" Bei diesen Worten stand der Greis auf von seinem Sitze und trat hin zum Fremdlinge; denn bei seinem Alter begann es ihm schon vor den Augen dunkel zu werden. Er blickte ihn kurze Zeit genau an, warf sich dann ihm zu Füßen und umfaßte seine Knie.—„Nun habe ich genug gelebt," rief der ehrwürdig. 139 Kriegsmann aus,„da mir vom Himmel vergönnt ist, noch einmal meinen Herzog zu sehen, dessen Tod ich schon so lange beklagte." Ringhold, der Fremdling, hob den Greis von dex Erde, umarmte ihn und fragte, ob er auch den übrigen Vatern ein Geheimniß vertrauen dürfe, von welchem sein Leben abhinge. Daran war nicht zu zweifeln. Er kannte sie Alle, denn sie waren seine Jugendfreunde gewesen und hatten sich durch Muth und edle tapfere Handlungen rühmlich ausgezeichnet.— Sie wurden also versammelt, Herzog Ringhold gab sich ihnen zu erkennen, und machte von dem sonderbaren Schicksale, das ihn getroffen hatte, ungefähr folgende Schilderung. Fünfzehnter Abschnitt jenem unglücklichen Tage, welcher mich von meinem Reiche riß, und vierzehn Jahre zu einem schauervollen Gefängnisse verdammte, hing ich mit gewöhnlichem Eifer meiner Lieblingserholung der Jagd nach. Die Schnelligkeit meines Roßes machte, daß ich mich auf einmal von allen meinen Begleitern und Knechten verlassen fand, meine Halbbrüder Astolph und den Grafen Harald allein ausgenommen, welche nebst mir die besten Pferde hatten, und es also mit mir leicht aufnehmen konnten.— Wir 141 jagten einem Hirschen nach, und fanden uns bald in dem dicksten Theile des Waldes eingeschlossen. Wir stiegen von unsern Pferden und ruhten im weichen Moose einige Zeit aus, mit dem Vorsätze, sobald wir uns wieder in etwas erholt haben würden, den vorigen Weg einzuschlagen, und zu meinem Gefolge zurückzukehren. Aber eitel war unser Vornehmen; denn wir irrten beinahe^bis an den Abend im Walde herum, ohne den Verlornen Pfad zu finden.— Endlich schlug Graf Harald vor, auf einem seiner Schlösser, welches von dem Theile des Waldes, wo wir jetzt wären, nicht weit entfernt sein könnte, zu übernachten, wenn wir uns anders der Gefahr nicht aussetzen wollten, von Wölfen oder Bären aufgezehrt zu werden." „Seine Muthmaßung traf ein, und bald waren wir dort. Es war ein altes, geräumiges Gebäude, mit Spuren ehemaliger Pracht. Der Graf entschuldigte sich wegen der Bewirthung, mit der wir uns begnügen mußten, da er hier nur wenige Bedienten hätte, und sich selten daselbst aufhielte. Mich nahm es auch nicht Wunder, daß mir nur ein einziger Diener zu 142 Gesichte kam. Er erhielt Befehl, unsere Pferde zu besorgen, und uns dann einige Erfrischungen zu bringen. Indeß führte uns Harald in ein großes Zimmer. Die Mahlzeit, welche hierauf bald aufgetragen wurde, ward mit der größten Eßlust eingenommen, die unser mühsames Herumirren im Walde nicht wenig geschürft haben mochte." "Nach aufgehobenem Tische machte uns der Graf den Vorschlag, uns im Hause herum zu führen, weil, wie er sagte, darin manche Dinge, trotz ihres hohen Alters, unsere Aufmerksamkeit verdienten." „Wir hatten schon manchen Saal, manches Zimmer und manche Rüstkammer gesehen, da brachte uns unser Führer eine Treppe hinauf in ein kleines Behältniß. Hinter einem Felde des Täfelwerkes, das hinweggeschoben wurde, war eine starke eiserne Thüre verborgen. Sie leitete uns in ein geräumiges Zimmer, worin ein Bett, und andere Bequemlichkeiten zwar stattlich, aber nach ziemlich altmodischem Schnitte, befindlich waren. Ich gerieth in keine geringe Verlegenheit, als ich hier eines Mannes von 143 fürchterlicher Gesichtsbildung und riesenmäßiger Größe ansichtig wurde. Er war mit einem Kü- rasse angethan, hatte ein Schwert an der Seite, einen Dolch im Gürtel, und eine Hellebarde in der Hand. Was meine Angst vermehrte, war, daß er stumm und leblos, wie eine Statue dastand, als wir eintraten. Ich fuhr zurück, sah mich nach Astolphen um, und bemerkte, daß er nicht im Zimmer war." „Hier ließ sich die Zeit nicht mit Muthmaßungen verlieren; Harald schloß hinter sich die Thüre ab, wandte sich gegen den Mann, riß ihm die Hellebarde aus den Händen, setzte mir solche auf die Brust, und schwur, daß ich auf der Stelle des Todes sein sollte, wenn ich die mindeste Bewegung zu meiner Vertheidigung machte. Hierauf gebot er dem Geharnischten, seine Schuldigkeit zu thun, er gehorchte, nahm ein paar Handfesseln von der Wand, und trat herzu, mir sie anzulegen. So unbewaffnet ich auch war, überwältigte mich doch der Zorn über die schändliche Verrätherei zu sehr, als daß ich eine solche Beleidigung gelassen hätte ertragen können. Ich ergriff die Hellebarde, und 144 würde sie dem Verräth er aus den Händen gewunden haben, wäre ihm nicht sein Gehilfe mit gezücktem Schwerte zur Rettung herbeigeeilt." "Ich sah, daß fernerer Widerstand vergebens sei und ergab mich. Meine Hände wurden gefesselt, und nachdem ich die Versicherung erhalten hatte, daß mir kein Leid zugefügt werden, und ich an nichts Mangel leiden sollte, überließ man mich meinen Betrachtungen, die Thüre wurde verriegelt und verrammelt." „Die Empfindungen, die mein Herz nach diesem Vorfalle bestürmten, bin ich nicht im Stande Ench zu schildern." „Die ganzen vierzehn Jahre meiner Verhaftung über, bekam ich den geharnischten Henkersknecht nie wieder zu sehen. Nachdem was mir seitdem kund ward, ist es mir höchst wahrscheinlich, daß mein Bruder und Harald diesen schwarzen Buben bewogen, sie auf meinem Roße bis in den dicksten Wald zu begleiten, worauf sie ihn daselbst sammt meinem Pferde ermordeten. Wenigstens wurde mein Reitzeug, mein Mantel, den ich in der Hitze der Jagd dem Grafen übergab, und mein Hirschfänger 145 nicht weit von einander in dem Theile des Waldes gefunden, wo die Wölfe und Bären am meisten Hausen, denen der bestochene Helfershelfer wahrscheinlich zur Beute geworden sein mag." „ES vergingen einige Stunden, ehe ich meine betäubten Sinne so weit sammeln konnte, mich in dem Behältnisse umzusehen, in welches ich so unglücklich war, eingesperrt zu werden. Endlich geschah es doch, und ich fand jede er- sinnliche Bequemlichkeit, welche meine Gefangenschaft erträglich zu machen vermochte.— Mein erster Gedanke war nun meine Flucht, ich blickte allenthalben umher, aber je unermüde- ter ich war, desto gewaltsamer schlug mich die Überzeugung nieder, daß jeder Versuch, dieß zu bewirken, vergebens sein würde." „Die Fenster waren sehr hoch und so klein, daß man sich mit dem Körper schwerlich hätte durchzuringen können, wiewohl sie sich allmälig nach der innern Wand vergrößerten, welche von ungemeiner Dicke war." „Der Schornstein war sehr eng, so wie jeder Zugang zu diesem Zimmer. Ich fand bei 10 146 einem gewagten Versuche ein starkes, eisernes Gitter,— vielleicht mehr als eines— mir im Wege. Ja, hätte ich meinen Entwurf durchgesetzt, und selbst durch den Schornstein das Dach erreicht, oder mich durch ein Fenster zu zwängen vermocht, ich wäre kaum besser daran gewesen, als in meinem Zimmer; denn es war unabsehlich weit von dem Boden entfernt."— „Auf einem Tische fand ich für mich Nahrungsmittel, einige Krüge mit Wein und andere mit Wasser angefüllt. Sobald die traurigen Vorstellungen, welche meine höchst elende Lage aufregte, mir an die Forderungen der Natur zu denken erlaubten, nahm ich eine kleine Mahlzeit zu mir, warf mich auf mein Lager und überließ mich einem unruhigen Schlummer." „Dem Morgen darauf untersuchte ich die mit Eisen beschlagene Thüre, einige steinerne Stufen aus dem Zimmer führten zu ihr. Eben kam ich von dieser neuen Untersuchung zurück, welche meiner Hoffnung zur Flucht nicht minder ungünstig war, als ich unten bei diesen Stufen eine andere Thüre entdeckte." „Sie war zwar nur von Holz, aber sehr 147 stark, und mit einem tüchtigen Schloß und Riegel versehen. In der Mitte derselben befand sich eine Maschine, die in einen Angel ging, wodurch von außen den innerhalb befindlichen Personen Eßwaaren und andere Sachen zugebracht werden konnten." „Ich dachte nun darüber ernstlich nach, wodurch ich mein Elend erleichtern, und dem Gefängnisse entfliehen könnte, da hörte ich die Riegel der eisernen Thüre sich aufschieben.— Der Verräther Harald trat herein. Er war besser bewaffnet, als den Tag zuvor. Ich warf ihm in den bittersten Ausdrücken sein Verbrechen vor und nahte mich ihm, um ihn zupacken, aber er zog sein Schwert und betheuerte, daß Lch's mit meinem Leben büßen sollte, wenn ich mich an seiner Person vergriffe.—„Herzog fuhr er fort,„fügt Euch gelassen in Euer Schicksal, und es soll Euch Euer Gefängniß so erträglich und angenehm gemacht werden, als möglich ist. Ihr sollt an nichts Mangel leiden, erwartet aber nicht, so lange Euer Verhaft dauert, einen Menschen zu sehen. Feder und Dinte ist Euch gewährt— fühlt Ihr sonst ein iv* 146 Bedürfniß, so macht es kund, und es soll befriedigt werden. Legt Euer schriftliches Verlangen in die Büchse an der innern Thüre, es wird gewiß nicht lange unerfüllt bleiben."— Nach diesen Worten reichte er mir einen Schlüssel, womit ich meine Fesseln lösen konnte, und von diesem Augenblicke an sah ich ihn nicht mehr." „Mittelst dieser innern Thüre, welche er hinter sich verschloß und verriegelte, erhielt ich Alles, was ich nöthig hatte, und wie ich nicht ohne Grund glaube, von ihm selbst. Nur nach der Verschiedenheit des Ganzen zu urtheilen, meinte ich manchmal meines Bruders Tritte zu vernehmen, der seine Stelle versehen haben mochte." „Nichts von den unendlichen Planen, nichts von den verunglückten Versuchen, zu entkommen, während eines Zeitraumes von vierzehn Jahren!— Genug, daß es mir endlich auf folgende Art gelang." „Einst erweckte mich in der Nacht ein schrecklicher Sturm, der Wind erschütterte das Schloß in seinen Grundfesten, der Donner brach sich über meinem Haupte in betäubenden Schlägen, 149 unaufhörlich leuchteten Blitze, so daß mein Ker- ker davon ganz erhellt wurde." „Ich raffte mich von meinem Lager auf und ging in dem Zimmer umher, erfüllt mit den grausamen Scenen der Nacht.— Auf einmal schlug der Blitz iu das Gebäude, von einem so fürchterlichen Donnergepraffel begleitet, daß ich mich sammt dem morschen Schlosse schon in dem Schooß der Erde versunken zu sein wähnte.— Dieser Schreck warf mich zu Boden, und beraubte mich für eine Zeit meiner Sinne. Als ich wieder zu mir gekommen war, wollte ich meinem Lager zueilen, aber siehe— da stellte sich mir an dem andern Ende des Gemaches ein Gegenstand dar, der meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog." „Der Sturm schien sich ein wenig gelegt zu haben, als ich aber nach dem Winkel des Zimmers blickte, glaubte ich den Blitz durch die dicken Mauern leuchten zu sehen. Ich trat näher hin, und da ich die Mauern geöffnet, und mehrere Steine herausgerissen fand, ward ich vor Erstaunen schier selbst zu einem Stein. — So, wie ich mich wieder gefaßt hatt; t5tt räumte ich den Schutt in aller Eile weg, drängte mich durch den Riß, und sah mit unbeschreiblichem Entzücken meine Flucht aus dem Gefängnisse so gut als ausgemacht an, sobald ich nur den Versuch wagen würde." ,/Jetzt fiel ich auf meine Knie, und mitten unter dem Sturme stieg mein Dank zur Vorsehung empor, welche durch ein sichtbares Wunder, mich aus der langwierigen Gefangenschaft zu befreien, beschlossen hatte." //Der Donnerschlag, bei welchem ich vor Schrecken zu Boden sank, hatte einen Thurm des Gebäudes getroffen,'der mit meinem Kerker verbunden war, und das Dach, die Mauern, und einen großen Theil der Wand weggerissen. Durch diese Öffnung kam ich auf die Stufen der Treppe, welchejetzt ohne Wand und Gitterwerk auf der Außenseite des Schlosses sich hinab- wand. Der Anblick war schauderhaft, das Leuchten der Blitze zeigte mir die Ruinen der Burg sammt dem Graben in unabfichtbarer Tiefe. Glaubt mir, ehrwürdige Väter, nur der lechzende Durst nach Freiheit konnte mich dazu vermögen, daß ich es hinunter zu steigen wagte. 15t Wer wußte, welche Stufen der Sturm locker gemacht, oder gar hinweggerissen hatte." „So schrecklich diese Lage war, so bedachte ich mich doch nicht lange, und begann getrost den schauerlichen Abgrund hinab zu steigen. Die Treppe war schmal, wankelhaft, ohne Lehne, einen Theil der Wand ausgenommen, der noch hie und da an den Stufen hing." „Endlich war die Gefahr, mit welcher ich bei der Unsicherheit meiner Tritte und den heftigen Windstößen kämpfte, glücklich überstanden. Wohlbehalten erreichte ich den Boden. Ich tappte durch die engen Schlupfwinkel, in welche mich die Treppe geführt hatte, und fand mit Noth und Mühe das Thor des Schlosses. Niemand bemerkte mich, denn wenn sich auch Jemand in dem Hanse befunden haben sollte, so mochte ihn doch der Sturm verhindert haben, mich zu hören. Ich gelangte bald in den Wald, wo ich die Nacht über sanft im Grase schlief, trotz des Sturmes, der um mich heulte.— Des Morgens kehrte ich in einer Hütte ein. Die guten Leute glaubten gewiß nicht, daß sie ihrem Fürsten Obdach und Nahrung gaben» 152 Bin ich so glücklich, wieder zu meinem Eigenthum zu gelangen, so will ich ihre Gastfreiheit mit reichen Zinsen belohnen. Mein Schutzgeist führte mich aus der Hütte zu Euch, und ich hoffe hier den Schutz und Beistand zu finden, dessen ich so sehr bedarf." So erzählte Ringhold dem Prior und den Mönchen von St. Sebastian. Meine Leser werden es vielleicht sonderbar finden, daß Ringhold's Feinde ihm nicht lieber gleich das Leben nahmen, anstatt sich der immerwährenden Gefahr seiner möglichen Entweichung auszusetzen. Aber daran war Astolph's Aberglaube Schuld, eine Eigenschaft, welche nicht selten mit der kühnsten Unerschrockenheit verbunden ist, so sehr es auch im Widerspruch zu sein scheint. Astolphen war in seiner zarten Jugend von einem alten, berühmten Astrologen verkündigt worden, er würde seinen Bruder nicht lange überleben. Er hatte große Achtung für den Mann und setzte in diese Prophezeiung nicht den geringsten Zweifel. Dieser Wahn rettete Ring- holden aller Wahrscheinlichkeit nach sein Leben. 15S Vielleicht, daß Astolph auch, bei all seinem Ehrgeize, einen Grad von Zärtlichkeit gegen seinen Bruder nicht ganz unterdrücken konnte. Ringhold hatte ja immer sich so liebevoll gegen ihn betragen. Diese Vermuthung wird um so wahrscheinlicher, wenn wir sein Benehmen gegen die Prinzessin Jldegerte erwägen. Er hatte ihr eine so vortreffliche Erziehung gegeben, war für ihr Wohl immer so väterlich besorgt gewesen, daß dieß die Beweggründe seiner Politik kaum zu erheischen schienen. Während seiner vierzehnjährigen Regierung hatte sich Astolph so gut auf dem Throne seines Halbbruders befestigt, daß es leicht zu berechnen war, ein zu Gunsten Ringhold's gewagter, plötzlicher Einfall könnte nicht anders, als unglücklich ausgehen. Die Nothwendigkeit erforderte daher, daß sich Ringhold so lange sorgfältig verborgen hielt, bis die alle Geheimnisse enthüllende Zeit günstigere Umstände herbeiführen würde. Aus dieser Absicht ward beschlossen, er sollte die Kleidung, in welcher er entfloh, mit dem Ordcnöklcidc vertauschen und 254 sich unter die Mönche von St. Sebastian aufnehmen lassen. Mit diesen wackern, biedern Männern hatte er nun gegen zwölf Monate gelebt, und seine vorige Gesundheit wieder erlangt, die in dem Gefängnisse so sehr geschwächt worden war. Indeß trafen die Mönche, seine treuen Freunde, in der größten Stille mit unermüde- tem Fleiße und möglichster Vorsicht die nöthigen Vorkehrungen, ihm wieder zu seinem Ei- genthume zu verhelfen, dessen ihn Astolph so schändlich beraubt Hätte. Einen eifrigen Verfechter dieser gerechten .Sache glaubte man in dem feurigen, unternehmenden Rinaldo zu finden. Man vertraute ihm das Geheimniß und er gelobte Stillschweigen und seine Dienste.— Gerade zu dieser Zeit hatte ihn sein Vater aus dem Getöse des Schlachtfeldes nach seinem Schlosse beschicden. Daß dem thätigen Jüngling die Ruhe nicht behagte, daß er schwermüthig und düster umherirrte, und am liebsten bei den Mönchen von St. Sebastian weilte, wissen meine Leser be- 155 reits aus den ersten Blättern dieser Geschichte, und hier war es, wo er mit dem Klausner Benjamin, so nannte sich Ringhold als Siedler, bekannt wurde. Herzog Ringhold hatte zwar mit Graf Roderichen nicht im besten Einverständnisse gelebt, denn vor langen Zeiten hatte dieserseine Unzufriedenheit über eine Handlung von Jenem so freimüthig geäußert, daß er dadurch des Herzogs Gnade verlor. Aber jetzt entdeckte er in dem Sohne so viel selbflständige Tugend, so frühzeitige Weisheit in Art und Betragen, so einen festen Charakter, daß er ihn bald liebgewann, und endlich gar zum Vertrauten des Geheimnisses zu machen wagte; doch unter der Bedingung, nie seinem Vater etwas davon zu entdecken; denn er vermochte es nicht über sich, ihm einiges Zutrauen zu schenken. Wie mußte dem kühnen Rinaldo zu Muthe sein, wie hochmußte ihm sein Herz vor Freude und Entzücken schlagen, als er in Ringholden den unglücklichen Vater seiner geliebten Jlde- gerte erblickte. Er sagte dem würdigsten Fürsten ewige Treue und Ergebenheit zu, schwur für ihn sein Blut hundertmal zu verspritzen, und wurde 156 einer der wenigen Verbündeten, sich in geheim Astolphens zu bemächtigen, und Ringholden wieder auf den ihm entrissenen Thron zu setzen. Leider aber schlug das Unternehmen unglücklich aus.— Nichtsdestoweniger sind seine Freunde thätig und wirken im Stillen. Bereits haben sie eine Macht aufgebracht, welche Astolphen fürchterlich zu sein scheint: Gegenwärtig hält er sich in Noderich's Schloße, und hat schon einige lebhafte Anfälle auf den Berg gethan, aber all sein Bemühen war bis jetzt von ungünstigem Erfolge, und ich bin gewiß, daß der Himmel der gerechten Sache den Sieg verleihen, und sie mit einem glücklichen Ausgange krönen wird." So schloß der Einsiedler seine Geschichte, indeß Tankred's Brust wechselweise Unwillen, Liebe und Erstaunen erfüllte. Er vergaß eine Weile, was er für Koro- mane litt, und fühlte, daß er nur noch eine Ursache mehr habe, die Langsamkeit seines Gene sens zu becklagen. Sechszehnter Abschnitt. * Vß-inaldo gebrach es nun nicht an Gelegenheit, mit den Gemächern des väterlichen Schlosses bekannt zu werden. Jeden Tag war er Zeuge davon, wie Gustavs Ansehen bei dem Herzoge stieg, ein Umstand, der die schmerzhafte Betrübniß und den heftigsten Zorn erregte. Unaufhörlich mußte er Ringholden einen Betrüger schelten hören, zu welcher Verleumdung das nach vierzehnjährigen Stillschweigen erwachte Gerücht einigen Grund geben mochte. Er war überzeugt, daß Gustav der einzige sei, der das Schändliche und 158 Unwahre dieser Behauptung ans Licht ziehen konnte. Allein er nahm eines andern Nmstandes nicht wahr, welcher Astolphen weit sicherer, als er muthmaßte, in die Hände seines Günstlings lieferte. Nach Abnahme der fürchterlichsten Eide, wegen Verschwiegenheit, hatte Graf Harald seinem Sohne Gustav das wichtige Geheimniß vertraut, sich Astolphs Gnade auch forthin zu sichern, im Falle er den Grafen überleben sollte — aber das Glück hatte noch mehr für ihn gethan. In der Nacht, da Herzog Ringhold dem Gefängnisse entkam, hatte er unter andern Gerüche auch ein Buch zurückgelassen, worin er jeden Umstand, welcher ihm des Anmerkens werth schien, aufgezeichnet hatte. Da ein Tag dem andern sehr ähnlich war, konnte das Buch nicht sehr stark werden, aber es enthielt doch eine kurze Nachricht von seiner Ankunft im Schloße, und war so in gewissen Zwischenräumen bis an den Tag seiner Flucht von ihm fortgesetzt worden. Graf Harald fand dieses Tagebuch, als 159 er nach Entweichung des Herzogs wieder dieses Zimmer besuchte. Selbst mitten unter der Angst, welche die Flucht seines Gefangenen ihn verursachte, ließ er es nicht aus der Acht und betrachtete es als sein Eigenthum. Mit eigener Hand schrieb er an vielen Stellen Anmerkungen hin, welche die Wahrheit der darin enthaltenen Umstände bestätigten. Nach Harald's Tode fiel dieses Buch Gustaven sammt einem Ringe in die Hände, welchen die Arbeiter unter dem Schütte fanden, als sie den durch den Blitz angerichteten Schaden wieder ausbesserten. Wahrscheinlich war er den Herzog entfallen, als er fich mit Gewalt durch die Hffnung der Mauer drängte, um zu entfliehen. Da Harald's Sohn solche Beweise in seiner Macht hatte, so mußte Astolphen, welcher davonunterrichtet war, äußerst viel daran gelegen sein, sich des gutenWillens Gustavs zu versichern. Die schwärmerische Ergebenheit, mit welcher dieser Jüngling seinen Fürsten anhing, machte dieß Geschäft dem Letztem so wenig schwer, als unangenehm. 160 Rinalden konnte indeß der Entschluß, welchen Gustav auf den Herzog hatte, nicht anders als sehr gefährlich sein; denn dieß mußte ja eben Jldegerten ganz unter die Herrschaft dieses abscheulichen Nebenbuhlers bringen. Bald wurde er auch von dem Grunde seiner Besorgniß nur zu gewiß überzeugt. Bei seinen unaufhörlichen Bemühungen, zu erfahren, in welchem Theile des Schlosses sich die Prinzessin befinde, wurde er inne, daß zwei von Gustavs Bedienten, welche zu den Stunden der Mahlzeit häufiger um ihren Gebieter waren, als die Übrigen, ihn allezeit mit sechs Gedecken für seine Tafel versahen, ob er gleich Mittags und Abends mit dem Herzoge speiste. Auf diese Bedienten beschloß unser Abenteurer ein wachsames Auge zu haben, und Tags nach dem gefaßten Entschlüsse begleitete er sie zur gewöhnlichen Stunde nach den Zimmern ihres Herrn. Er sah sie mit den Gedecken in der Hand hineingehen, bald aber Gustav vor ihnen her wieder zurückkommen. Er stieg mit ihnen die große Treppe herein, und eröff-- 16 t nete die Thüre, an welcher er stehen blieb, indeß sie durch eine Reihe Zimmer ihren Weg nahmen. Rinalden war wohl bekannt, daß sie in ein großes Gemach führten, welches er ehemals selbst bewohnt hatte, und bis zur andern Seite des Gebäudes sich erstreckte.— Diese Spur war ihm genug, er begnügte sich mit der gemachten Entdeckung, zog sich zurück und ging über den Schloßhof, den andern Flügel zu erreichen. Dorthin rief ihn sein Dienst, denn er mußte an diesem Tage bei Astolphs Tafel die Speisen auftragen helfen. Zwar machte der Aufschub, welchen diese erniedrigenden Dienstleistungen veranlaßten, seine Galle in einem hohen Grade rege, allein er war verbunden, seinem Schicksale sich gelassen zu unterwerfen, und dieß Gefühl besänftigte seinen Unwillen. Mehrere Stunden verstrichen, ehe er wieder Luft bekam, seinen Plan weiter zu verfolgen; denn hätte er einen Theil seiner ihm zugetheilten Geschäfte unterlassen, so wäre er dadurch verdächtig und sein Vorhaben vereitelt worden, ja er hätte sich der Gefahr ausgesetzt abgedankt 162 zu werden, und seine schönsten Hoffnungen wären dahin gewesen. Der Abend war bereits eingebrochen, als er frei wurde. Zum zweiten Male schlich er jetzt über den Schloßhof, und gelangte an jenem Flügel, welcher schon so lange ein Gegenstand seiner ängstlichen Sehnsucht war. Langsam stieg er die Treppe hinan. Jeder Winkel war ihm bekannt, und von Seiten der gegenwärtigen Bewohner des Schlosses schien man wenig Gebrauch von diesem Theile des Gebäudes zu machen. Wirklich ward er auch von seinem Vater seit vielen Jahren sehr vernachlässigt, indeß auf den neueren Flügel der Burg große Kosten verwandt wurden. Auch schon bei seinem vorigen Aufenthalte hatte Ri- naldo öfters und gern diesen ehrwürdigen Theil des väterlichen Schlosses besucht. Gern weilte rr da, in einer langen Gallerie, wo die Bildnisse seiner Ahnen aufgestellt waren. Sie vermochten den Enthusiasmus Nahrung zu geben, welcher sich so oft zur jugendlichen Einbildungskraft gesellt; denn die kleinen, bunten Glasscheiben und die breiten Rahmen der gothischen 163 Fenster verbreiteten ringsumher ein heiliges Dunkel. In diese Gallerie begab sich jetzt Rinaldo. Er ging dahin beim Schimmer des Mondes, und erreichte die Thüre, welche der gegenüber stand, durch welche er eintrat.— Hier glaubte Rinaldo seine geraubte Jldegerte wieder zu finden, aber wie fuhr er vor Schreck und getäuschter Hoffnung zusammen, als er die Thüre verriegelt fand— umsonst suchte er das Schloß zu öffnen, oder zu sprengen— jetzt sann er, was er nun für Maßregeln ergreifen sollte.— Endlich fiel ihm ein, daß sich über derGaklerie noch ein anderes Zimmer von derselben Größe befinde, welches man sonst nur zu einem Behältniß unnützer, veralteter Geräthschaftcn gebraucht hatte. Durch dieses konnte er durch einen geheimen Gang zu den Zimmern kommen, welche auf dieser Seite im ersten Stocke des Schlosses waren. Leise schlich er sich also längs der Gallerie nach der Treppe zurück, und stieg einen engern Theil derselben hinauf, wo, da man sich dessen selten bediente, hin und wieder Schutt lag. Durch ein bis zwei kleine Bell* 164 hältrnsse kam er an die Thüre des Bodens, er ergriff die Klinke, stieß die Thüre mit Gewalt gegen den Schutt der Trümmer, welche im ersten Augenblicke ihre Öffnung verhinderten, und trat hinein. Beim Eintritte vernahm er am andern Ende ein Geräusch. Im Monden- schimmer wähnte er die Gestalt eines Mannes wahrzunehmen, welcher plötzlich von seinem Sitze auffuhr, und durch die andere Thüre entwischte.— Genau vermochte er den Gegenstand nicht zu unterscheiden.— Vielleicht war es auch nur ein Spiel seiner täuschenden Einbildungskraft.— Doch bei kälterem Blute war er nur zu fest überzeugt, gesehen zu haben, wie sich etwas am andern Ende des Zimmers bewegte.— Mochte sich bewegen, was da wollte, genug, daß auf der Fläche des Gegenstandes der Mond widerstrahlte, durch welchen er allein diese Entdeckung zu machen im Stande war. Einige Minuten lang vertiefte er sich ,'n Betrachtungen über diese sonderbare Erscheinung, endlich fiel ihm der erste Gegenstand seines Forschens wieder bei. Eine andere Treppe brachte ihn bald zu den Zimmern, von welchen 165 die Thüre der untern Gallerte ihn ausgeschlossen hatte. Er kam durch zwei kleine Stuben zu einer dritten, die an das Zimmer stieß, in welchem seiner Vermuthung nach, sich Jldegerte befinden mußte. Dieses hatte mit dem Gemach, in welchem sich jetzt unser Abenteurer befand, vormals durch eine kleine Thüre in Verbindung gestanden. Seit langer Zeit aber war diese vernagelt, und anf der inwendigen Seite des Einganges mit Mörtel überzogen, um ihn ein gleiches Ansehen mit der Wand zu verschaffen. Rinaldo horchte an dieser Thüre, aber er konnte nichts hören. Er untersuchte die Riegel, sie waren alt und verrostet, und fand, daß es mit Hilfe der nöthigen Werkzeuge nicht schwer halten würde, die Nagel heraus zu ziehen, und auf diese Art die Thüre zu öffnen. Diesen Versuch mußte er auf eine Zeit verschieben, da sich Alles im Schloße zur Ruhe begeben haben würde; denn alsdann wähnte er in diesen abgelegenen Theile des Gebäudes »«entdeckt sein Vorhaben ausführen zu können. Jetzt ging er zurück, und mischte sich unter 466 die andern Bedienten und Knechte des Herzogs, bis die Stunde des Schlafengehens heranrückte. Todesstille begann allmälig auf das Lärmen und Toben zu folgen, welches die Stunden des abendlichen Gelages erzeugten. Astolph und seine Lieblinge schlummerten bereits, und die Hausbedienten warteten nur noch, bis einige ihrer Unterauffeh er, die still und friedlich mit einander zechten, sich ebenfalls zur Ruhe begeben würden. In diesem Zwischenraume hatte sich Ri- naldo mit den nöthigen Werkzeugen versehen, und harrte mit Ungeduld, bis sie abgespeist hatten. Die Glocke des Schloßthurmes schluq zwölf, und Alle, als wenn sie der Schlag aus einem Todenschlafe weckte, stqnden auf, und jeder begab sich zu Rinaldo's geheimer Freude in fein Gemach. Auch er zog sich in das kleine Stübchcu zurück, welches ihm angewiesen war und weilte daselbst so lange, bis das ganze Schloß im tiefen Schlafe begraben lag. Dann ergriff er seine Werkzeuge, und schritt an die Ausführung seines Vorhabens. Als er in die Gegend der Gallerie kam, um durch selbe nach 167 dem Boden zu kommen, drang ein Geräusch zu seinen Ohren. Sogleich ward der Gedanke in seiner Seele rege, daß noch ein Theil der Dienerschaft wach sein könnte, er schlich also leise zurück, und hatte kaum einige Schritte gethan, als er vor Erstaunen wie angewurzelt stehen blieb. Der Mond schien in vollem Glänze durch die Fenster der Gallerie, und gab den gothischen Verzierungen des Ortes ein ehrwürdiges, feierliches Ansehen. Bei dem Lichte, das er verbreitete, erblickte Ninaldo unter dem Bildnisse seines Vaters dieselbe Gestalt auf einem Stuhle sitzend, welche er vorher auf dem Boden gesehen hatte. Er konnte genau unterscheiden, daß es ein geharnischter Mann war. Eben wollte er sich derErscheinung nähern, als sie schnell auffuhr/und in die andere Thüre verschwand. — Er eilte nach, aber die Thüre, durch welche die Gestalt schlüpfte, war verschlossen. Dieser Umstand setzte ihn in neues Staunen, ohne daß er sich bei aller Standhaftigkeit, des Schreckens hätte erwähl en können. Jetzt hatte er die Treppe des Bodens erstiegen, und sah neuerdings dieselbe Gestalt, 168 die er so eben unten in der Gallerte wahrgenommen hatte. Sie stand an eine Thür gelehnt, und entzog sich seinen Blicken, sobald das Geräusch seine Ankunft verkündigte. Rinalden stiegen die Haare zu Berge, tausend mannigfaltige Gefühle bestürmten seinen Busen. Er wähnte zu träumen, aber er fand zur Vermehrung feines Schreckens nur all' zu lebhaft, daß er wache. Unentschlossen, was er nun beginnen sollte, stand er eine Zeitlang da, endlich kehrte Gegenwart des Geistes, und der entflohene Muth zurück, er ging nach der Thüre zu, und setzte die angefangene Arbeit fort. Weil er besorgte, daß, wenn Jldegerte das anstoßende Gemach wirklich bewohnen sollte, sie das erregte Geräusch unruhig machen möchte,' so verfuhr er bei dieser Arbeit so vorsichtig, als nur immer möglich war. Es verging fast eine Stunde, ehe er völlig alle Schwierigkeiten besiegte, welche sich ihm entgegenstellten, und die Thüre zu öffnen im Stande war. Er that es so leise, als er konnte, damit nicht das Knarren der rostigen Schlösser gehört werden möchte. 169 Das größte Hinderniß war glücklich gehoben, denn nun befand er sich hart an dem Zimmer, welches er zu untersuchen gesonnen war. Die dünne Verkleidung des innern Eingangs mit Mörtel war noch die einzige Scheidewand, welche die beiden Behältnisse trennte. Er horchte— alles war still— was ließ sich auch zu dieser Stutrde anders erwarten? Er durchstieß mit einem der mitgenommenen Instrumente die Wand, zu erfahren, ob ein Licht in dem Zimmer brenne; aber die Tapete, welche die Wand deckte, hinterte diese Beobachtung. Jetzt setzte er mit fernerem Durchbrechen aus, und hörte in dem benachbarten Zimmer ganz deutlich den Tritt eines Mannes. Diese Bemerkung ließ ihn schließen, daß seine Muthmaßung in Betreff des Gemachs««gegründet sei, schon wollte er sich hinweg begeben, als er die Stimme eines Andern vernahm, welcher sich an dem Ersten mit folgenden Worten wandte:„Mein Gebieter! der Herzog verlangt Euch unverzüglich zu sprechen." „Verwünschtes Schicksal!" erwiederte 170 dieser mit einer Stimme, an welcher Rinaldo Gustaven erkannte,—„was soll ich in dieser Stunde bei ihm?" „Er ist durch einen Gegenstand in großen Schrecken versetzt worden," antwortete der Bote.„Hastig sprang er von seinem Lager auf. Schauder und Bestürzung sind sichtbar in seinen Mienen.— Er hat ohne Verzug nach Euch verlangt." Nun verließen sie das Zimmer, und Rinaldo, verdrießlich, für nichts so viele Mühe aufgewandt zu haben, zog auch wieder seinen Weg. «s»»»-Z-GH-««»«»- Siebzehuter Abschnitt. vl-achdem unser Held durch die zwei aneinander stoßenden Zimmer gegangen war, gelangte er an die Thüre der Gallerie. Hier erblickte er die nämliche Gestalt, welche ihm diese Nacht schon einigemal erschienen war, auf der Treppe gegen die Wand angelehnt. Durch ein kleines Fenster, welches diesen Theil der Treppe Licht verschaffte, fiel der volle Schein des Mondes auf das Haupt der Erscheinung. Den Augenblick, in welchem Rinalden das Gesicht anzuschauen vergönnt war(denn, sobald er herannahte, wandte sie sich schnell, und verschwand 172 seinem Blicke), hielt er sich überzeugt, das Antlitz seines ermordeten Vaters zu sehen. Es war sein Helm, der Federbusch war derselbe, welchen er trug, als er das letzte Mal mit ihm icks Feld zog. Kalter Schauer überlief ihn bei diesem Anblicke. Er fühlte sich einige Augenblicke an die Stelle gebannt, wo er stand. Bald aber erholte er sich wieder und stürzte der verschwundenen Gestalt nach, allein er sah nichts— erhorchte— Alles still; kein Lüftchen regte sich. Aus diesem Zustande der Ungewißheit ward er durch ein Gemurmel gerissen, das von unten herauf- zu kommen schien, auch däuchte es ihn, als ob die Bewohner des Schlosses bereits wach wären.— Sich dieses Zweifels zu entladen, ging er in den Saal hinab, und fand Mehrere von Astolphs Begleitern, und einige der Bedienten in verschiedenen Gruppen stehen. Sie drängten sich unordentlich zu einander, als ob sie eine schreckliche Geschichte vernähmen.— Er trat zu einem dieser Haufen hin und erfuhr, daß der Krankheitszustand des Herzogs die Ursache der Verwirrung sei. Plötzlich sei er aus 173 dem Schlafe in einem solchen Anfalle des Schreckens erwacht, daß dieß Benehmen allgemeine Unruhe verbreitet hatte.— Den Grund davon könne man nicht mit Gewißheit angeben; denn sobald er wieder seiner mächtig wurde, hatte er seine Unruhe einem Traume zugeschrieben, und seinem Gefolge befohlen, sich wieder schlafen zu legen. Allein die erste Nachricht lautete:„Graf Roderich, von dem man bisher geglaubt hatte, daß er aufsein Geheiß ermordet worden, sei ihm in voller Rüstung erschienen. Er habe die Vorhänge seines Bettes aufgerissen und einen Dolch gegen seine Brust gerichtet. Bald aber habe er mit einem verächtlich mitleidigen Blicke seine Hand zurückgezogen, und sei verschwunden." Keiner von des Herzogs Gefolge hatte die Gestalt wahrgenommen, da sie im Vorzimmer im tiefen Schlafe lagen, bis auf Einen, welcher etwas bei sich vorbeischlüpfen und die Thüre hinausgehen gesehen haben wollte.— Da aber dieser, so wie die Übrigen bei dem Abendschmausc des Weines nicht geschont hatte. 174 so schrieb man seine Aussage auf Rechnung des zu häufig zu sich genommenen Getränkes. Rinalden setzte diese Nachricht, welche ihn so nahe anging, und mit seiner, diese Nacht selbst gehabten Erscheinung in so offenbaren Zusammenhange zu stehen schien, in die größte Unruhe, und versenkte ihn in tiefes Nachdenken. Endlich zerstreuten sich die Gruppen all- mälig wieder, einer schlich sich nach den andern davon, nur Rinaldo blieb allein im Saale zurück. Da saß er nun, wie der Schmerz am Grabe, ganz in sich gekehrt, und sann nach, wie er sich bei dieser Geschichte benehmen sollte. Länger die Qualen zu ertragen, welche ihm die abwechselnden mannigfaltigen Gefühle verursachten, vermochte er nicht. Er ward also mit sich eins, noch einmal den Theil des Gebäudes zu untersuchen, wo er die sonderbare Gestalt wahrgenommeu hatte. Er wollte sie anreden, und— flöhe sie,— ihr folgen— kurz, auf alle Fälle dem schrecklichen Zweifel ein Ende machen, der ihn jetzt so sehr ängstigte. 175 Muthig und entschlossen stieg er also zum drittenmal hinauf in die Gallerie. Allenthalben herrschte Stille und Schweigen. Eben erreichte er die Thüre des Zimmers, in welchem er die fruchtlose Arbeit unternommen hatte, als er ein Geräusch hörte. Er trat näher hinzu, in der Hoffnung, die Gestalt wieder zu treffen, als auf einmal ein lautes, wiederholtes Geschrei von unten seine Schritte hemmte. Es war eine weibliche Stimme. Jlde- gerte war seiner Phantasie immer gegenwärtig, er wähnte ihre Stimme zu vernehmen. Einen Augenblick horchte er— seine Vermuthung gewann aber nur noch mehr Wahrscheinlichkeit.— Er flog die Treppe hinab, und der Schrei erschallte noch einmal. Schnell wie ein flüchtiges Reh, durcheilte er die zwei ersten Zimmer, im dritten befand sich die Thüre seiner Meinung nach in Ilde- gertens Gemach, welche er auch bereits, wie meine Leser wissen, durchbrochen hatte, so daß ihn nur eine dünne Scheidewand trennte. Das Geschrei ließ einige Augenblicke nach, endlich hörte er seine Jldegerte mit zitternder 176 Stimme erschrocken und flehend die Barmherzigkeit eines dritten ansprechen. „Schonet meiner," stöhnte sie,„schonet der Unschuld eines schwachen, wehrlosen Weibes! Sollte das Schicksal mich zu Eurer Gemahlin bestimmt haben, so will ich mich gern, durch gesetzmäßige Bande mit Euch verbunden, in EuremWillen fügen."—„GroßenDank," erwiederte Gustav, denn er war es, der ihre Tugend bestürmte, mit bitterem Hohngelächter,„großen Dank für deine ungebetene Einwilligung, mein Weib zu werden. Da noch Wahrscheinlichkeit vorhanden war, daß Du deinen Oheim beerben würdest, da ließ sich's noch darum danken. Aber das rasche Unternehmen deines Vaters hat Dich um seine Gunst gebracht." „Nun so fürchtet wenigstens," versetzte Jl- degerte entschlossener,—„meines Vaters und meines Oheims Rache!" „Was deinen Oheim betrifft," entgegnete Gustav im wegwerfenden Tone,„gutes Mädchen!— der wird nie mit einem Manne rechten, daß er deinen Übermnth beugte.-- Und dein Vater?— Entfernte Gefahren pflege ich 1?7 nicht zu fürchten. Nimm Dich in Acht, daß ich nicht wirksamere Vorkehrungen treffe."— Ein neues Geschrei erfüllte Rinaldo'sOhren, plötzlich durchriß er die Tapete, stürzte in das Zimmer und sah seine geliebte Jldegerte im Nachtge- wande ringen. Voll Wuth und Zorn sprang er wie ein Löwe auf ihn los, ergriff ihn mit beiden Händen bei der Brust, und riß ihn von seiner Geliebten hinweg. „Schändlicher, ehrloser Bube l" rief er schäumend aus,„entfernten Gefahren bietest Du Trotz? So zittre denn vor einer, welche unerwartet mitten unter deinen Gräuelthaten über Dich einbricht l"—„Ha, Bastard l Kennst Du mich?" rief Gustav.„Fort den Augenblick aus diesem Zimmer l" Riualdo hielt ihn noch, allein da er gewahrte, daß er init der Rechten nach dem Gürtel griff, so packte er sie fest, eben als sie einen Dolch erhäscht hatte, entwand ihr denselben, und ermähnte den Bösewicht, sich zum Tode zu bereiten. Ein Schrei von Jldegerten zog jetzt Ri- 12 17« naldo's Aufmerksamkeit auf sich, er warf den Dolch weg, floh ihr zu Hilfe, und führte sie, da sie einer Ohnmacht nahe war, in einen Lehn- stuhl. Das Zimmer, worin sie sich befanden, war der Prinzessin zu ihrem Putzzimmer angewiesen. Auf einer Seite befand sich ein kleines Kabinet, worin ein Bett stand, und welches mit dem ersten durch einen gewölbten Eingang verbunden war. Graf^Gustav, dem der Herzog die Aufsicht über Jldegerten anvertraut hatte, führte die Schlüssel zu ihrem Gefängnisse und sorgte dafür, daß die äußern Gemächer immer gut verschlossen wurden. Die Unglückliche war mit ihrem Gram und Kummer beständig allein, nur manchmal wurde Mathilden und der Zofe, die ihre Wohnung neben ihrem Zimmer hatten, der Zugang auf kurze Zeit verstattet. Diese gutmüthigen, theilnehmenden Geschöpfe wurden durch das Geschrei der Prinzessin aus ihrem Schlafe geschreckt, und eilten der Thüre zu, ihr beizustehen, allein da sie solche 179 verschlossen fanden, pochten fle stark an. Ri- naldo gebot seinem Nebenbuhler, sie herein zu lassen, er wagte es nicht, zu widersprechen, sondern eröffnete die Thüre, ließ die Ungestümen herein, und stahl sich unbemerkt aus dem Zimmer. Mathilde flog Jldegerten in die Arme und fragte ihr die Ursache des Schreckens ab. Die Prinzessin verschwieg den Vorgang nicht, äußerte sich aber auch zugleich, wie verbunden sie dem Fremdling fein müsse, welcher so plötzlich und unerwartet erschienen, und ihr Retter gewesen wäre. „Kennst Du mich denn nicht mehr, Geliebte meines Herzens?" rief jetzt Rinaldo, indem er zu ihren Füßen sank, und ihre Hand mit seinen,Lippen drückte. Rinaldo's Stimme schallte jetzt zum ersten Male wieder in ihre Ohren. Die im Zimmer brennende Lampe warhell genug, ihr seine Züge erkennen zu lassen. „Rinaldo!" stammelte das zärtliche Mädchen, kaum hörbar, und sank in die Arme ihres Geliebten. Eine Scene— unnachahmlich 12* 480 für Dichter und Künstler.— Es waren die glücklichen Augenblicke keuscher, reiner Mittheilungen der Freude und des Entzückens, wie es nur wahre, innige Liebe zu gewähren vermag. Es liegt in der Natur dieser Freuden, daß sie nicht lange dauern. Die Zofe brachte die Liebenden zuerst in Unruhe, indem sie Kunde gab, sie höre Jemanden sich dem Zimmer nahen. Rinaldo flog der Thüre zu und verriegelte sie. „O mein Rinaldo!" brach Jldegerte aus. „Zwar weiß ich nicht, wie Du hieher gekommen bist, aber bei allem, was heilig ist, fliehe, was Du nur fliehen kannst, fliehe vor einem Schicksale, was die übrigen Augenblicke meines — schon an sich elenden Lebens doppelt verbittern müßte, wenn Du ergriffen werden solltest." Graf Rinaldo aber erklärte im festen, entschlossenen Tone, zu bleiben, wo er sei,— seine Geliebte und ihre Freundinnen zu schützen. — Doch Mathilde und Jldegerte bestürmten ihn mit Thränen und Bitten. Sie stellten ihm vor, daß nach dem eben vorgefallenen Auftritte unmöglich sogleich eine andere Gefahr zu be- 181 fürchten wäre. Was aber künftige Unfälle be- träfe, so wären sie nur dann im Stande, ihn davon zu berichten, wenn er sich der Entdeckung seiner Person entzöge. „So fliehe doch," schluchzte Jldegerte, und ein Thränenstrom entstürzte ihren Augen,— „flieh und rette Dich, wenigstens um meinetwillen." Diesem Befehle vermochte Rinaldo nicht länger zu widerstehen. Sie hörten jetzt deutlich Mehrere in den Zimmern nebenan herumgehen. Er umarmte Jldegerten, und kehrte durch die Hffnung zurück, durch welche er hereingekommen war. Achtzehnter Abschnitt sU^er muthige, liebevolle Jüngling zweifelte nun nicht, daß in wenigen Minuten die Art, wie er das Zimmer verlassen habe, entdeckt werden würde. Er warf sich im nächsten Zimmer auf einen Stuhl, und bedachte sich einige Augenblicke, welchen Weg er zu nehmen hätte. Er vermuthete, von Gustaven nicht erkannt worden zu sein. Welcher Ort sollte ihm daher mehr Si- . cherheit gewähren, als sein eigenes Zimmer, sobald er nur unbemerkt in dasselbe kommen konnte? Bald darauf hörte er auch in Jldeger- 163 tens Zimmer mehrere männliche Stimmen!— und es war nun nicht länger eine Minute Zeit zu verlieren. Geschwind stieg er die Treppe hinauf, eilte über den Boden, und begann auf verändern Seite wieder hinab zu gehen. Er war bereits bei der Thüre der Gallerie vorbei, da vernahm er unten an der Treppe mehrere Stimmen, und hörte unter andern deutlich diese Worte:„Hier ist die Treppe, welche zu jener Seite des Schloßgebäudes führt."— Augenblicklich kehrte er um, wieder nach der Gallerie zu, und verriegelte die Thüre. Er vermuthete, daß die Leute diesen Weg nehmen und dann wieder umzukehren gezwungen werden würden, wenn sie die Thüre verschlossen fänden.— So hätte er Zeit gewonnen. Was er vermuthete, geschah. Sie nahmen ihren Weg nach der Gallerie und da sie die Thüre verriegelt fanden, sprengten sie solche ein. In der äußersten Bestürzung, entkam er durch einen geheimen Gang, den die Tapete des Zimmers verbarg, und sah sich nun nach einem Auswege um. Wohlbehalten erreichte ereilten kleinen viereckigen Platz, in einem Winkel 184 Desselben leitete eine kleine, vermoderte Thüre zu einer engen Wendeltreppe, welche dem Anscheine nach unter das Dach des Schlosses führte. Da hier keine Wahl statt fand, fing er an hinaufzusteigen, tappte längs der Wand mit den Händen hin, und gelangte endlich an eine andere Thüre. So wie er daran stieß, ging sie auf, wurde aber sogleich inwendig von Jemanden verschlossen und verriegelt. Ohne zu wissen wohin ihn sein Stern führen würde, tappte er im Finstern fort, und kam endlich zu einen klemm Fenster, dessen Flügel beinahe ganz zerfallen waren. Es ging auf die Schloßmauern, und war zum Glücke groß genug, ihn durch- zulassen. Er ergriff die Stange, welche es in zwei Flügel theilte, und sprang voll Vertrauen auf seine Kräfte ohne Hinderniß hindurch und befand sich nun auf einmal auf den Mauern des höchsten Theiles der Burg. Unverdrossen verfolgte er nun seinen Pfad, fand ihn aber durch die Trümmer etwas erschwert, welche von dem Thurme gefallen waren, aus welchem er sich rettete: denn das war der älteste Theil des 185 ganzen Schlosses, aber auch zugleich der am meisten vernachlässigte. Jetzt sah er sich in einem kleinem Thürmchen, mit welchen die Mauern der Burg hie und da besetzt waren, an der Spitze einer Wendeltreppe, über diese beschloß er hinab zu steigen. Sie war sehr alt und baufällig, die Mauern feucht, und überall äußerten sich Kennzeichen, daß sie Jahre lang nicht betreten worden sein müsse. Nach der Länge der Zeit, welche er mit Hinabsteigen zugebracht hatte, und nach der gewölbten Form zu urtheilen, mußte er sich unter den Gewölben unter dem Schlosse befinden. Ziemlich müde erreichte er jetzt eine niedrige Thüre, welche sehr stark zu sein schien, mit großen Nägeln beschlagen uud unter Schutt fast vergraben war.— Nun nahm er seinen Rückweg nach dem Thürmchen, er horchte, konnte aber nichts von seinen Verfolgern hören, welche wahrscheinlich ihre Nachsuchungen eingestellt hatten. Neuer Muth belebte sein Herz nun wieder, und da ihn die Neugierdc plagte, beschloß er nachzuforschen, wohin sich die Treppe immer 166 tiefer erstreckte, da fle ihn bereits nach seiner festen Überzeugung viele Klafter tief unter die Erde geleitet hatte. Er begann wieder hinab zu steigen, und gerieth jetzt in einem niedrigen, gewölbten Gang, der gegen dem obigen eine gegenseitige Richtung nahm. Die Mündung dieses Ganges schloß ein eisernes Gitter, welches schief nach dem Boden zu hing, und nur durch einen Angel noch befestigt war. Unser unterirrdischer Wandere'' warf das Gitter zu Boden, und ging weiter. In tiefer Finsterniß war er so eine Zeit lang fortgegangen, da schien es ihm, als ob der Gang sich allmälig senkte. Er dachte wieder umzukehren, da es ihm aber nach einer kleinen Strecke wieder vorkam, als ob der Weg wieder auswärts ginge, so nahm er sich vor, immer weiter fort zu traben. Die Neugierde spornte ihn dazu an, welche mit jedem Augenblicke wuchs. Der Weg schien ihm mehr und mehr sich zu erheben, bis er mit dem Fuße an etwas stieß, und fand eine steinerne Stufe, endlich eine förmliche Treppe. Rinalden fiel die feuchte Luft der unter- 167 irdischen Gewölber beschwerlich, er mußte einige Zeit rasten, neue Kräfte zu sammeln. Gestärkt durch Ruhe stieg er aufwärts, aber am Ende der Treppe befand sich eine Fallthüre, er stemmte sich mit dem Rücken daran, und nach einigen Versuchen gelang es ihm, sie in die Höhe zu bringen. Der Platz, auf den er sich nun befand, war feucht, eng und beschränkt. Er konnte mit sich nicht überein kommen, für was er ihn halten sollte. Behutsam schritt er umher, plötzlich sah er seine Tritte gehemmt. Er blieb stehen, die Ursache des Hindernisses zu erfahren, und seine Hand traf auf einen Sarg mit Sammt bedeckt, der auf allen Seiten dicht mit Nägeln beschlagen war. In Betrachtungen vertieft, welche diese besondere Entdeckung in ihm erzeugte, wandelte er ruhig fort, bis er an zwei Flügelthüren gelangte. Er versuchte sie zu öffnen, aber lange vergebens. Endlich gaben sie— alt, morsch und verrostet seinem starken, wiederholten Bestreben nach, zu welchen ihn die schreckliche Vor- 168 siellung, lebendig begraben zu werden, nöthigte. Er sah sich in dem eisernen Gitterwerk, welches ein prächtiges Begräbniß, in einer kleinen Kapelle rings umgab, die zu dem Kloster St. Sebastian gehörte. Er erkannte die Stätte, denn der Mond goß noch sein mildes Licht durch die bunten Fenster.— Es war das Grabmal seiner Ahnen, ein Begräbnißplaß, welches den Eigenthümern des Schlosses und umliegenden Gebieters vorzugsweise gehörte. Sein Entzücken über diese Entdeckung war unbeschreiblich. Er sah Astolphen den Händen des gütigen, liebevollen Herzogs Ringhold überliefert, sah seinen Vater gerächt, seine Jlde- gerte befreit. Hierauf öffnete er die andere Thüre des Gitterwerks, indem er die Hand zwischen die eisernen Stangen steckte und einen Riegel zurück schob, und befand sich nun in der Kloster-Kapelle. Allein, da er nicht hoffen konnte, eher gehört zu werden, als bis die Kapelle zur Frühmesse eröffnet würde, legte er sich indeß auf eine Bank, und im Nachsinnen über diese son 189 derbaren Ereignisse dieser Nacht überfiel ihn der Schlaf. Nur kurze Zeit hatte er geschlummert, als ihn der Schall von Fußtritten erweckte, indem Jemand langsam bei ihm vorbeischritt. Welche Empfindungen aber bemeisterten sich seiner, als er die nämliche gewaffnete Gestalt erblickte, welche ihm diese Nacht im Schlosse erschienen war. Jetzt hatte kein Zweifel mehr statt, daß es wirklich die Rüstung seines Vaters sei. Das Vistr des Helmes war aufgeschlagen, und des Vaters Blicke starr auf ihn gerichtet. Rinaldo sank auf die Kniee. Liebe und Ehrfurcht ergriffen ihn im wunderbaren Gemische. ,/Heiliger Schatten l" rief er aus, //der Du so ganz die Gestalt meines geliebten Vaters trägst, ich beschwöre Dich, laß mich die Ursache dieses feierlichen Besuches wissen." //Solltest Du mein Rinaldo sein?"— erscholl es wie Graf Roderich's Stimme.— //Steh' auf, mein Sohn, und sag an, wie kömmt eS, daß ich Dich hier treffe?" 190 Diese Worte beraubten Rinalden fast seines Bewußtseins. Sein Erstaunen überstieg alle Gränzen.— Sein Vater, der ermordet sein sollte— so unversehrt vor ihm. Er schien an den Fußboden gefesselt zu sein, auf dem er kniete. Roderich bemerkte den innern Kampf seines Sohnes, näherte sich, hob ihn auf, und umarmte ihn voll inniger Liebe. Jetzt kam Rinaldo wieder zu sich— er fiel ihm nochmals zu Füßen, ergriff die gepanzerte Hand, drückte sie an den Mund und benetzte sie mit Thränen kindlicher Liebe. Eine dritte Person vermehrte nun die Gruppe. Es war Hugo, des Grafen treuerKnecht. Unvermerkt verstrich die Zeit, indeß Roderich und sein Sohn ihr wechselseitiges Erstaunen über diese so unerwartete Zusammenkunft äußerten. Rinaldo setzte sich an die Seite seines Vaters, und erzählte ihm alle Umstände, welche ihn zu einen so wunderbaren Ausgange geleitet hatten. Auch Roderich befriedigte des Jünglings 191 F Neugierde, indem er ihm einen kurzen Abriß gab, wie es zugegangen sei, daß sie hier einander treffen mußten. Astolph's Absichten hatte er zwar schon gemuthmaßt, aber sich doch nicht im Stande befunden, ihnen zu widerstehen. Dieß bestätigte sich nur noch mehr bei seinem Einzüge in die Burg. Aber Roderich hatte sich fest vorgenommen, seine Beste nicht zu verlassen, sondern sich verborgen zu halten, bis sich eine schickliche Gelegenheit darbieten würde, sich entweder wieder seines Eigenthumes zu bemächtigen, oder wenigstens Rache an seinen Feinden zu nehmen. Dieß zu bewirken, hatte er sich dem Rathe und Beistande seines edlen Freundes Wolfhild überlassen. Dieser verließ mit Roderich's Rüstung angethan, von ausgewählten, muthigen Knechten begleitet, welche man, um der Täuschung noch mehr Anstrich der Wahrheit zu geben überredet hatte, sie begleiteten den Grafen des andern Morgens in das Schloß. Sein Plan ging nach seiner Absicht von statten, er wurde für Roderichen ge- 192 halten, von Astolph's Haffe und Tücke verfolgt und ermordet. Während dieses Auftrittes hielt sich Graf Roderich in dem alten Theile des Gebäudes in einem geheimen Gemache verborgen, sein Knecht Hugo versorgte ihn mit den nothwendigen Bedürfnissen, der sich, ohne daß man einen Verdacht auf ihn warf, unter die übrigen Diener im Schlosse gemischt hatte. Von diesem erfuhr der Graf Wolfhild's Tod, er gerieth bei dieser Kunde vor Wuth und Zorn außer sich, und schwur dieses Bubenstück an Astolphen zu rächen, doch sollte die Rache so lange aufgeschoben bleiben, bis ihm andere Umstände das Schloß zu verlassen nöthigen würden. Diese trafen bald ein; denn des Herzogs Knechte begannen sich leise in die Ohren zu lispeln, daß Hugo ein gedungener Ausspäher des ermordeten Grafen sein müsse, indem er sich zu gewissen Zeiten des Tages ihren Augen so listig zu entziehen wußte, ohne daß sie ihm aus die Spur kommen könnten. Es ward also beschlossen, den schändlichen Mord zu rächen, und dann die Flucht zu ergreifen. 198 Aus dieser Absicht bestach Hugo die Schildwache, daß sie früher als gewöhnlich abzöge. Zwei Rosse des Grafen standen gesattelt im Stalle. Roderich ließ sich nun seine Rüstung anlegen, und indeß der Knecht die Pferde in Bereitschaft hielt, und der abzuziehenden Wache harrte, schlich sich der Graf in Astolphs Gemach, denn das Gefolge lag im Vorzimmer in tiefem Schlafe, nahte sich leise dem Bette, öffnete die Vorhänge und zog den Dolch.— Astolph erwachte. Er starrte ihn mit offenen Augen an, bis ein eiskalter Schauer ihn ergriff. Sprachlos und blaß lag der Bösewicht, wie eine Leiche da, von den Qualen des nagenden Gewissens gefoltert. Roderich wollte seine Seele mit keiner Blutschuld eines Meuchelmordes beladen, er steckte den Dolch in die Scheide, und verließ langsam das Zimmer. Der abergläubische Herzog wähnte den Geist des ermordeten Roderich's gesehen zu haben, der erschienen sei, ihm Vorwürfe über sein Verbrechen zu machen. Diese Scene setzte das ganze Schloß in Bewegung. Bald darauf suchte man Rinalden 13 194 wegen den Vorfalle mit Gustav auf die Spur zukommen. Jeder Winkel der Burg wurde durchforscht, und hiemit auch der Flügel nicht verschont, wo sich Graf Roderich aufhielt. Zum Glücke war kurz vorher Hugo zu ihm gekommen. Da ihnen die Verfolger, welche Rinalden aufsuchten, auf der Ferse waren, glaubten sie nichts anders, als daß dieses Nachforschen ihnen gälte. Sie bedachten sich nicht lange, und nahmen den Weg, den Rinaldo vor ihnen gewählt hatte. Auch war er der einzige, den sie, der Gefahr zu entgehen, einschlagen konnten. — Roderich's Herzhaftigkeit ließ sich so wenig durch den schauerlichen, unterirdischen Gang abschrecken, als sein Sohn. Vielleicht war die Nothwendigkeit seiner Entweichung noch dringender.— Sie tappten in dem tiefern Gange fort, ohne daß sie wußten, wohin er sie führen würde. Denn lange vor dieser Flucht hatte man keinen Gebrauch mehr davon gemacht, und schien ganz in Vergessenheit gekommen zu sein, wiewohl er offenbar dazu gedient haben mochte, im Falle einer Belagerung dem Schlosse 195 Hilfe zu senden, indem der Zusammenhang mit dem Berge frei erhalten wurde. Endlich langten sie in der Kapelle an, als eben Rinaldo ermattet eingeschlafen war, bis ihn der Schall der männlichen Fußtritte weckte. Neunzehnter Abschnitt oVaum begann der Tag den blassen Schimmer zu vertreiben, welchen der Mond in der heiligen Stätte verbreitete, da entriegelte der Kirchner die Thüre und erstaunte nicht wenig, als er den Grafen Roderich und seinen Sohn erblickte. Auf ihr Verlangen brachte er sie zum Offizier der Wache, an welchem Rinaldo sogleich seinen Freund Tarafield entdeckte. Nach den wechselseitigen Umarmungen erzählte unser Abenteurer die wunderbaren Fügungen, welche ihn und seinem Vater an diesen Ort gebracht hat- 197 ten. Larafield führte sie nun zu dem Herzoge Ringhold, der bereits aufgestanden und in Waffen war. Der liebevolle Fürst empfing den Jüngling mit einer herzlichen Umarmung; denn er hatte, während er, mit verborgenem Range, als Vater Benjamin lebte, im genauen Umgänge mit ihm seine vortrefflichen Eigenschaften kennen gelernt, und ihn deßwegen liebgewonnen. Auch gegen seinen Vater betrug er sich frei und offen. Aller Argwohn, den er gegen denselben hegte, war verschwunden, jedes Mißvergnügen hatte aufgehört. Der kühne Geist, das ungeheuchelte, offene Wesen und Betragen, welches ihm den Beinamen des Kühnen erworben hatte, verschaffte ihm auch in Ring holdes Herzen den Platz wieder, den er vor dem besaß. Nun machte man dem Herzoge auch die wichtige Entdeckung des unterirdischen Ganges bekannt, und nach gehaltener Versammlung der Krieger wurde man eins, mittelst dieses Zuganges sich vom Schlosse Meister zu machen, wäh 198 renv alle Vorbereitungen zu einer thätigen, lebhaften Mithilfe von außen getroffen wurden. Noch hatte die Sonne die Thürme von Graf Roderich's Schloß nicht lange vergoldet, als ein gewaffneter Ritter ans Thor kam, und zum Herzoge Astolph gelassen zu werden begehrte.— Sobald dieser aufgestanden und ein Kriegsrath versammelt war, ward dem Fremdlinge der Zutritt gestattet. Stärke, Geschmeidigkeit und Anmuth vereinigten sich in seinem Wesen. Seine Rüstung war kostbar, ein großer, schwarzer Federbusch winkte von seinem Helme. Mit Anstand trat er hin zu dem Stuhle, auf welchem Astolph saß, beugte ein Knie bis an dem Boden, und verlangte Recht und Gerechtigkeit gegen einen seiner Kriegsgenossen. Auf eigene Gefahr wollte er beweisen, daß sein Feind ein Abtrünniger, treulos gegen Gott und dem Herzog sei, daß er das Geschlecht mißhandelt habe, dem er bei seinem Eide Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen versprochen. Astolph sagte ihm den Zweikampf zu und 199 fragte, ob sein Gegner anwesend sei, dabei mahnte er ihn, solchen frei und ohne Rückhalt zu nennen.- Dastand der Ritter mit dem schwarzen Federbusche ehrerbietig auf, öffnete das Vistr seines Helms, und gab sich als Graf Tankred zu erkennen. Er heftete seine Augen auf Gustaven, und sprach also zu ihm: „Da Du ein Ritter bist, Graf Gustav, so höre einen Ritter, der wider Dich auftritt. Du hältst die Prinzessin Koromane, die Schwester des Herzogs, in grausamer Gefangenschaft, wenn anders deine blinde Wuth ihr noch das Leben gelassen hat. Da steh ich, und will die Wahrheit meiner Beschuldigung auf dein Haupt zusagen, wann und mit welchen Waffen Du willst, vorausgesetzt, daß eS solche sind, wie sie einem Ritter ziemen." Nach dieser Erklärung warf er ihm den Handschuh hin, Gustav hob ihn auf, und betheuerte die Unwahrheit der Beschuldigung, nicht ohne sichtbare Zeichen der Bestürzung. Jn Astolph's Antlitze schienen alle Leidenschaften um die Herrschaft zu kämpfen. 200 Er stand auf und gebot die Schranken zu bauen, damit kommenden Morgen der Zwei- kampf vor sich gehen möchte. Darauf entfernte er sich aus dem Zimmer und entließ die Versammlung. Graf Tankred war im Schlosse mit allen Bedürfnissen hinreichend versehen, und bis zum Anbruche des kommenden Morgens ehrenvoll gehalten. Der Herzog befand sich indeß in nicht geringer Verlegenheit. Unter seinen vielen Fehlern konnte ihn doch nicht Mangel an Liebe gegen seine Schwester zur Last gelegt werden. Er liebte sie so innig, daß er einen harten Kampf kämpfen mußte, als er sie Haralden aufzuopfern sich genöthiget sah. Sein Zorn gegen den Grafen Gustav erreichte bei der Vorstellung, daß Tankred's Beschuldigung gegründet sein möchte, die höchste Stufe, aber das wichtige Geheimniß, das dieser Günstling in seinem Busen trug, zwang den geängstigten Fürsten, solchen hinter Lächeln zu verbergen. Eben nagten diese Vorstellungen an seinem Herzen, als er mit Verwunderung, Gu- 201 staven erblickte, welchem der Zutritt in sein Zimmer offen stand. Er konnte nicht gleich die Ursache errathen, welche zur ungewöhnlichen Zeit diesen Besuch veranlaßt haben möchte. Seine Verlegenheit hatte ein Ende, da er vernahm, daß der Graf nur in der Absicht kam, das ihm beigelegte Verbrechen zu läugnen, und von seinen Schultern zu wälzen. Mit den feierlichsten Bctheuerungen versicherte er zugleich, daß er seit seines Vaters Tode Koromanen nicht gesehen habe, und daß er sich durch den Zweikampf von jeden Schatten irgend eines Verdachtes zu reinigen suchen würde. Astolph nahm diese Erklärung sehr gnädig auf und gern hätte er sie für wahr genommen, nur daß einige Zweifel im Wege standen, welche er nicht unterdrücken konnte. Gustav's Tapferkeit stand bei ihm in keinem vortheilhaf- tem Lichte, und er konnte es sich nicht erklären, daß er Tankred's Antrage mit so fester Entschlossenheit entgegen ging. Allein, obschon diese Entschlossenheit kein Beweis seiner Unschuld war, so galt sie doch —— 202 dafür, daß er unschuldig scheinen wollte; ein Umstand, welche Astolphen viele peinigende Selbsterniedrigung ersparte. Er sah nicht ohne geheime Angst dem Ausgange des Zweikampfes entgegen. Fiel Gustav, so wurde er eines Günstlings ledig, welcher bereits zu mächtig geworden war, um ihn nicht manche unruhige Stunde zu machen, und die Furcht, von ihm verrathen zu werden, lag mit ihm im Grabe. Zwanzigster Abschnitt. Gustav hätte den Fehdehandschuh gewiß nicht angenommen, wenn er nicht im nämlichen Augenblick einen wirksamen Entschluß gefaßt gehabt hätte, die Entdeckung seiner Schandthaten zu hintertreiben. Es war ihm nichts weniger als Ernst, sich mit dem Grafen Tankred auf dem Kampfplätze zu messen.— Unerschöpflich in boshaften Ränken, hatte er einen Plan geschmiedet, den Zweikampf zu vereiteln, der seiner Meinung nach nicht fehlschlagen konnte. Dieser schändliche Entwurf 204 war dahin angelegt, seinen Gegner des Nachts heimlich ermorden zu lassen. Sezn verrätheri- sches, blutdürstiges Herz schauderte nicht vor einem Verbrechen, welchen die wilden, rohen Sitten jener Zeit so häufig erzeugten. Durch einige niedrige Knechte, die um ihn krochen, glaubte er sein Vorhaben unent- deckt ausführen zu können, auf alle Fälle war er bei sich erhebendem Argwohne durch Astolph's Schutz gesichert. Der einzige streitige Punkt war nur noch dieser, wie die Ermordung des Grafen Tankred am schicklichsten und sichersten bewirkt werden sollte. Nach den Gewaltthätigkeiten, welche er vergangene Nacht an Jldegerten versucht hatte, ließ sie ihren Oheim, Astolph, flehentlich angehen, ihr, wenn anders ein Gefängniß noch ferner ihr Loos sein sollte, doch dazu ein Gemach in der Nähe der seinigen anzuweisen.— Gustav, den die plötzliche Erscheinung und geheime Flucht Rinaldo's argwöhnisch gemacht hatte, widersetzte sich diesem Gesuche nicht.- Die Unglückliche bezog nebst Mathilden und 205 ihrer Zofe ein Zimmer, welches an Astolph's Schlafkabinet stieß. In diesem Falle war zwar Gustav seiner Absicht über die Prinzessin überhoben, doch war sein Einfluß noch immer zu groß, als daß er den Haushofmeister nicht hätte überreden sollen können, daß das von der Prinzessin eben verlassene Zimmer sich für den fremden Ritter am besten schicke.— Er erlangte ohne Widerrede was er so sehnlich wünschte. Jetzt sah Gustav seinen Todfeind in seinen Händen; denn, wie man Rinalden nachsetzte, entdeckte er die Thüre, durch welche Jener entkommen war. Der Zugang zu dem Gemache konnte für den harmlosen Bewohner sehr gut mit Tapeten verborgen werden. Durch diese Thüre sollte des Mitternachts der gedungene Meuchelmörder, der auch um Gustav's schändliche Absichten auf Jldegcrten wußte, mit zwei andere hereinbrechen, und ohne Gnade den Grafen und seinen Diener Hindar durch ihre Dolche in die andere Welt befördern, indeß Gustav selbst außerhalb des Gemaches warten wollte, 206 um ihnen beim Wegschaffen der Leichname behilflich zu sein. So war der Plan zu Tankred's Falle angelegt, und mit brennender Ungeduld harrten die Bösewichter der Stunde, in der sie die schwarze That vollbringen sollten. Der feige, verrätherische Gustav sah seinen Gegner, ohne daß dieser etwas Arges vermuthete, des Abends von einem mäßigen Mahle, welches er in Gesellschaft einiger Freunde genossen hatte, auf sein Zimmer gehen. Auch der Herzog begab sich zur Ruhe, der Lärm der Knechte bei ihren Gelagen verrauschte allmälig, und allenthalben herrschte tiefe Ruhe im Schlosse.— Gustav war allein auf seinem Gemache, alle Schrecken, die solch einen teuflischen Vorsatz begleiten, bestürmten sein Herz. Durch den Genuß geistiger Getränke befestigte er sich in seinem mörderischen Unternehmen, und ging, zitternden Schrittes, durch die entlegenen Gänge des Schlosses. Die Dunkelheit und feierliche Stille der Nacht erfüllten seine Seele mit doppelten Schrecken. Die Glocke auf dem Schloßthurme schlug 207 Zwei. Dieß war die Stunde, zu welcher ihn die Mörder treffen sollten. Er wartete einige Minuten, allein sie kamen nicht. Er glaubte daher, sie hätten seine Bestellung nicht deutlich verstanden, und wären vielleicht schon an dem Platze, welcher von ihrem Bubenstücke Zeuge sein sollte. Jetzt wandelte er die Treppe hinauf, ging durch die Gallerie und kam an die kleine Thüre. Niemand war da, die Thüre noch verriegelt, kaum hatte er sie geöffnet, da hörte er Einige an der Seite der Gallerie herkommen, leise schlichen sie daher, Gustav wandte sich gegen sie:„Kommt," sagte er mit zitternder und leiser Stimme,—„Ihr bliebt lange aus— kommt, die Thüre ist offen. Seid behutsam, aber entschlossen. Wenn die That vollbracht ist, bringt die Leichname, sammt allem, was eine Entdeckung veranlassen könnte, in's Zimmer hierher, wir wollen dann Alles wegschaffen." „Ruchloser, teuflischer Meuchelmörder l die Reihe ist an Dir— stirb!" erschallte Rinal- do's Stimme, und sein Schwert durchbohrte das schwarze Herz, als der Bösewicht kaum 206 ausgeredet hatte.— Er sank sprachlos zu Boden. Rinaldo hatte mit seinem Vater und seinem Freunde Tarafield vom Herzoge Ringhold den Befehl erhalten, einen Theil seiner treuen Knechte durch den unterirdischen Gang in das Schloß zu führen. Ohne wahrgenommen zu werden, erreichten sie den Thurm zu einer Stunde, da die Bewohner der Burg in tiefem Schlafe lagen. Da dem raschen, feurigen Jünglinge Jlde- gerte von ihrem Vater besonders zu Schutz und Sicherheit empfohlen war; so eilte er, von Wenigen begleitet, nach der Thüre, die, wie er wußte, mit ihrem Zimmer in Verbindung stand. Hier stieß er, wie meine Leser gehört haben, auf Gustaven, der auf dem Wege Andere zu ermorden, selbst seinen Tod fand. Rinaldo zog nun sein Schwert aus der Wunde des Entseelten, ging nach der Thüre, welche er offen fand, und trat von seinem Gefolge begleitet ins Zimmer. Er gerieth in Verwunderung und Erstaunen, wie er die Tapete aufhob, beim Schimmer 209 des in der Stube brennenden Lichtes, eine Person emsig beschäftigt zu finden, verschiedene zu einer Rüstung gehörige Stücke in Ordnung zu bringen. In nicht minderem Grade erstaunte die Person(es war Graf Tankred's treuer Knecht Hindar) Jemanden mit bluttriefendem Schwerte hinter der Tapete hervorkommen zu sehen. Es entfiel ihm der Helm, den er eben in Händen hatte, und der Schrei, welchen er plötzlich ausfliest, erweckte seinen Gebieter. Dieser sprang von seinem Lager auf, warf ein Gewand über sich, griff nach dem Schwerte, und kam aus dem Schlafgemache. Das wechselseitige Erstaunen benahm unsern Freunden auf eine Zeit lang die Sprache. Ninaldo meldete ihm endlich in der Kürze das nächtliche Vorhaben, ließ zwei seines Gefolges bei ihm, und ging mit den Übrigen, Jldegertc, die Geliebte seiner Seele aufzusuchen. Eilig flog er durch die Halle, wo er erfuhr, daß die Ausführung ihres Planes bereits ihren Anfang genommen hatte. Unweit der Treppe,'welche zu derjenigen Reihe Zimmer führte, welche Astolph bewohnte, 14 sah er einen feindlichen Trupp Knechte mit Tarafielden und seinem Vater im Gemenge; hastig vereinigte er sich mit ihnen, und schlug mit den Seinigen so tapfer darein, daß sich der Rest der Feinde in Astolph's Zimmer zu werfen gezwungen sah. Schnell, wie Pfeile, jagten sie ihnen nach, aber die Zimmer waren bereits leer, als sie eintraten, und bald erfuhren sie das traurige Schicksal des lasterhaften und unglücklichen Fürsten. Das Gesicht in der vorigen Nacht, wofür er Roderich's Erscheinung hielt, hatte so sehr seine Seele eingenommen, daß seine Phantasie unaufhörlich damit beschäftigt war. Den ganzen Tag über ging er in tiefen Gedanken melancholisch und düster einher. Als er nach der Abendmahlzeit sein Lager bestieg, suchte er die Verlorne Ruhe vergebens in den Armen des Schlafes. Nach mehreren in Angst und Schrecken zugebrachten Stunden stand er auf, ließ sich ankleiden, und sah mit Ungeduld dem Morgen entgegen. Aber der Geist des ermordeten Roderich's schien ihn allenthalben zu verfolgen, 21t nirgends fand er Rast und Ruhe. Er verfügte sich tn's Vorzimmer, und sah seine Leibwache sammt dem übrigen Gefolge munterer als sonst, aus Veranlassung der in der vorigen Nacht vorgefallenen Begebenheit. Auch hier verließ ihn der Dämon nicht, der in seiner scheußlichen Gestalt unaufhörlich vor seiner Seele schwebte.— Plötzlich fuhr er erschrocken auf, und glaubte von außen Fußtritte mehrerer Personen zu hören.— Sein Gemüthszustand machte ihn für jeden Argwohn empfänglich.— Er horchte aufmerksamer— nun war kein Zweifel mehr.—— In einem Anfalle der Raserei eilte er so schnell auf den Balkon seines Zimmers, daß ihm kein Bedienter erreichen konnte und stürzte sich unter gräßlichen Fluchen und Verwünschungen in den Schloßgraben hinab. Den Morgen darauf fand man ihn zerschmettert, und ohne irgend einem Zeichen des Lebens unter den Fenstern seines Schlafzimmers im Graben. Nachdem die feindlichen Knechte, welche sich der Grafen Roderich und Tarafield widersetzten, glücklich zurück geschlagen waren, so 14* 212 machte sich Rinaldo mit einigen aus dem Gefolge wieder auf, seine geliebte Jldegerte zu suchen. In diesen Gedanken sah er plötzlich aus der Thüre eines Zimmers, welches an Astolph's Wohnung stieß, drei Frauen in der größten Unordnung Herausstürzen und fliehen. Der wiederholte Ausruf von Jldegertens Namen hemmte ihren Lauf.„Rinaldo l ist es möglich," rief ihrer Eine, und stürzte in seine Arme. Es war seine Geliebte.— Ohne zu zögern brachte er sie nebst Mathilden und ihrem Mädchen nach Graf Tankred's Zimmer, und empfahl sie seinem Schutze, um sich wieder mit seinem Vater zu vereinigen. Aber seine Gegenwart war überflüßig. Herzog Ringhold hatte den Tag zuvor den Knechten, welche sich mit dem kühnen Roderich vereinigen sollten, den Befehl gegeben, die Nacht über sich auf den Weg zu machen, um wo möglich vor Anbruch des Tages die Thore des Schlosses zu erreichen, und die feindliche Wache daselbst zu überwältigen. Zu gleicher Zeit verließ er selbst das Kloster und überfiel an der 213 Spitze des Kerns seiner Getreuen, die ihm nächsten Posten. Astolph's Knechte, auf ein Mal von zwei entgegengesetzten Seiten angegriffen, widerstanden wenig, bald begannen sie auf allen Seiten zu weichen. Da nach getroffener Abrede zugleich Graf Roderich mit seiner Mannschaft das Schloß angefüllt, und die in denselben befindlichen Knechte Astolph's eingeschlossen hatte, so waren sie durch diese Vorkehrungen aus aller Fassung gekommen, und ergriffen, so gut als sie konnten, die Flucht. Ein großer Theil derselben kam glücklich bis anö Thor, aber zu ihrem Erstaunen fanden sie die Zugbrücke von Ringhold's Getreuen besetzt. Sie streckten ihre Waffen, und mit Tagesanbruch wehten Herzog Ringhold's Fahnen auf den Mauern der Burg. Ninaldo hätte nicht sobald seinen geliebten und verehrten Herzog darin willkommen geheißen, und seine Glückwünsche mit denen vereinigt, welche man ihm über den guten AuS- gang seiner Unternehmung abstattete, als er zu L14 Graf Tankred's Zimmer eilte, um Jldegerten ihrem Vater wieder vorzustellen, den sie, seit ihrer Kindheit, nicht gesehen, und schon lange als todt beweint hatte.— Er fand das Zimmer leer, bald aber vernahm er mehrere Stimmen in dem engen Zwischenraume hinter der Tapete. Er traf daselbst diejenigen, welche er suchte. Sie umgaben einen Unglücklichen, welcher tödtlich verwundet war. Er saß auf den Fußboden, mit dem Rücken gegen die Wand gekehrt, und auf der einen Seite von einem des Gefolges unterstützt. Graf Gustav war es, der stch wieder erholt, und dessen Gestöhn und Seufzer sie aus den innern Zimmer nach dem Flecke, wo er lag, gezogen hatte. Als Rinaldo hinzu trat, bath jener die Umstehenden, besonders aber Tan- kreden, ihm die Kränkungen und Beleidigungen zu vergeben, die er ihnen angethan, und eben noch zuzufügen gedacht hätte. Mit gebrochener Stimme gab er hierauf Graf Tankreden die Versicherung, daß die Prinzessin Koromane lebe, und in einem seiner Schlösser, welches er nannte, im Gefängnisse sei. Er zog einen Ring 7 215 von dem Finger, mit dem Bedeuten, sobald er ihn dem Haushofmeister vorzeigte, welchem die Aufsicht über das Schloß übertragen war, würde sie unverzüglich seinen Händen überliefert werden.— Er war ganz erschöpft. Rinaldo befahl, ihn auf das Bett des Zimmers zu bringen— es geschah mit vieler Mühe. Rogex verband seine Wunde, aber er starb den folgenden Tag, ausgesöhnt mit seinen Feinden und mit allen Zeichen der innigsten Reue. Herzog Ringhold, welcher nun wieder in seine Rechte eingesetzt war, äußerte mit jedem Tag gegen Rinaldo und seinen Vaterv neue Merkmahle seiner Gnade, da sie es vorzüglich waren, welchen er sein Eigenthum wieder zu verdanken hatte. Für Rinalven hatte er längst schon Vaterliebe gefühlt und sie laut gestanden. Er empfing seine so lange vermißte Tochter kaum aus dessen Händen, als er sie ihrem Geliebten auch schon wieder zurückgab, das köstlichste Kleinod, das er ihm geben konnte. Daß sie das wirklich war, davon überzeugte den würdigen Vater jede Stunde, welche LL6 er in ihrer Gesellschaft zubrachte, noch fester. Jetzt vereinigte flch Graf Tarafield mit dem glücklichen Rinaldo, seine Ansprüche auf Mathilden geltend zu machen. Sie wurden keinen Augenblick verkannt. Ringhold pries sich selbst glücklich, dem edlen Jünglinge die bewiesene Ergebenheit lohnen zu können. Gustav's letzte Worte erfüllten Tankred's Brust mit Furcht und Hoffnung. Sobald er dem Herzoge vorgestellt war, und die angesuchte Einwilligung um Koromanens Hand von ihm erhalten hatte, rüstete er flch nach dem bezeichneten Schloße zu reisen. Mit dem Ringe, welchen ihm der Entseelte gegeben, vereinigte flch nun ein fürstlicher Befehl. Unbeschreiblich war das Entzücken, welches die beiden Liebenden empfanden, als sie ihre so sehnlichen Wünsche endlich gekrönt sahen. Noch einige Zeit brachte die Prinzessin, aus Achtung für das Andenken ihres Gemahls, in Witwenstande hin, alsdann belohnte sie den trauten Geliebten mit ihrer Hand. Auch Roger, der in seinem Dienste so vie- len Muth und Eifer bewiesen, wurde von Ri- nalden nicht vergessen. Er verschaffte ihm einen ehrenvollen Posten mit einem reichlichen Auskommen. Badara, die treue Gefährtin^ldeger- tens in Leiden und Gefahr ward nun auch von ihr zur Theilnehmerin ihres Glückes erhoben, und als nach einer zehnjährigen glücklichen Regierung Ringhold's Tod Rinalden und Jlde- gertcn auf den skandinavischen Thron führte, hatten sie an diesem Paare muthige und eifrige Anhänger, wahre und getreue Unterthanen und beständige, redliche Freunde, so lange sie lebten. Die Stunden erduldeter Trübsale hatten Herzog Ringhold's Geist gestärkt, und durch seine langwierige Einsamkeit ward er zum Nachdenken gewöhnt worden. So oft er nun die Verbindung der Umstände betrachtete, welche eine so wunderbare Veränderung zu Wege brachten, drang sich ihm die Bemerkung auf, wie selten wir Ursache hätten, auf das Glück zu schmähen, welches in diesem Leben so oft das Laster begleitet; wofern wir nur geduldig den Ausgang abwarten wollten, und wie wenig Selbstständigkeit, wie viele Kurzsichtigkeit wir 218 verrathen, wenn wir uns über manche Ereignisse, als Übel beklagen, welche am Ende, obwohl auf unerforschliche Weise, uns die größte Wohlthat gewähren. Graf Roderich hatte noch das Vergnügen, einen Enkel zu umarmen, der alle Erwartung übertraf, und dem Biedermanne nach einem Zeitraume von vierzehn Jahren die Augen zudrückte.° In der Buchhandlung von Singer 8 Goering in Wien, (Wollzeile, im fürsterzbischöflichen Palais) sind noch nachstehende Geister- und Ritter- Romane zu haben: (Preise in Conv. Münze.) Ludwig Dellarosa's sämmtliche Nittrr-Nomanc: Aldolf der Kühne, Raugras von Dassel. Eine Rittergeschichte voll Schreckenöscenen aus den Zeiten des Faustrechts. Neu bearbeitet. 2 Thle. mit Kupf. brosch. 1 fl. 36 kr. Arnulf Schreckenwald, genannt der Eisenfresser, oder die Blutrache der Burg Aggstein an der Donau. Schauerliche Geister- und Rittergeschichte aus Oesterreichs Vorzeit. Mit 1 Kupf. 8. 1840. 48 kr. Astrubai der Löwenkopf, oder die Riesenschlacht bei Wiener- Neustadt. Historisch-romantische Erzählung aus den Zeiten Friedrich des Streitbaren, Herzogs von Oesterreich. Mit 1 Titelkupfer. 8. geh. 48 kr. Dellarofa, L., Zlstolfo,-er Guerilla- Hauptmann, oder; Das unterirdische Blutgericht in Barcellona. Schreckenöscenen aus dem spanischen Kriege.(Ein Seitenstück zum Centilles.) Mit 1 Titelkupfer. 8. geh. 48 kr. die Belagerung Wiens durch die Türken, oder Graf Rüdiger von Starhembergs Heldenmuth und Tapferkeit. Eine historisch- romantische Erzählung. 2 Thle. Mit 2 Kupfern. 1 fl. 48 kr. das Blutmahl um Mitternacht, oder das wandernde Gespenst in Wiener-Neustadt. Historisch-romantische Erzählung aus den Zeiten Friedrich des Streitbaren, Herzogs von Oesterreich. Mit 1 Titelkupf. 48 kr. Dagobert von Greifenstein, oder das Todtengericht um Mitternacht in den unterirdischen Schauerklüften der Burgfeste Theben in Ungarn. Historisch-romantische Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhunderte. Mit einem Titelkupfer. 48 kr. Ditmar von Arenstein, oder die Rächer in der Todtenhalle. 2 Thle. Mit Kupf. und Vign. 48 kr. Drahomira mit dem Schlangen- ringe, oder; Die nächtlichen Wanderer in den Schreckensgefängnissen von Karlstein bei Prag. Mit 1 Titelkupf. 8. brosch. 48 kr. Dellarosa, L-, Dunkan, der Höllendra- che, oder die gespenstige Felsenmutter auf Guten- stein. Mit 1 Titelt. 8. brosch. 48 kr. der Gottesgerichtskampf um Mitternacht, oder der wandelnde Geist in den Ruinen von Greisenstein. Mit 1 Titelkupfer. 8. 1841. brosch. 48 kr. Guido von Sendenstein, oder die Tempelritter in Mödling. Eine Rittergeschichte aus der österreichischen Vorzeit. Mit einem^Titclkupfer. 54 kr. Hawora der Träumer, oder die Schauernächte im Schlosse Krakow. Mit 1 Titelkupf. 8. geh. 48 kr. das Köhlermädchen aus dem Dornbacherwalde, oder die unterirdischen Gewölbe in Klosterneuburg. Volkssage aus den Zeiten Markgraf Leopold des Heiligen. Mit 1 Titelkupfer. 48 kr. Mahomed der Eroberer. Liebesund Gräuelscenen aus der blutbefleckten Zeit der Zerstörung des griechischen Kaiserreichs. Mit 1 Titelkupf. 48 kr. —— Marno der Schreckenvolle, und das Mädchen in der Löwenhöhle. Ein historisch- romantisches Gemälde aus der Geschichte Spaniens. 2 Thle. mit 1 Titelkupf. 1 fl. Dellarosa, L., Mathilde von Arenftein, die Löwenbändigerin in Palästina, oder das Todtengericht am Kreuzwege. Historisch-romant. Sage. Mit 1 Titelkupf. 54 kr. Mirandolo Pisani, oder: Die Blut- brüder des Feuerbundes auf Cypern. Schauerscenen aus der Schreckenszeit Sultan Selim des Zweiten.(Ein Gegenstück zum Admiral.) 8. Mit 1 Titelkupfer, brvsch. 48 kr. —— die Nymphe von Teplitz, oder die Geisterglocke im Räuberthurm zu Riesenberg. Mit 1 Titelk. 8. brosch. 48 kr. —— Qdomar von Dürrenstein und Bertha von Scharseneck, oder die Raubritter an der Donau. Historisch-romantischeErzählung aus den Zeiten Richards Löwenherz. Mit 1 Titelkupf. 48 kr. —— Qsmund von Felseneck. Eine Rittergeschichte aus Oesterreichs Vorzeit. Mit 1 Titelkupf. 8. geh. 48 kr. —— Peter Szapary, der Held im Sklavenjoche, oder die Rache im unterirdischen Gefängnisse zu Ofen. Historisch-romantische Erzählung aus der früheren Geschichte Ungarns. Mit 1 schönen Titelk. 48 kr. —— das Räubermädchen von Baden und die Teufelömühle am Wienerberge. Schauerli- che Schreckensscenen aus der österr. Vorzeit. In 2 Abtheil. Mit 1 Titelt. 54 kr. Dellarosa, L-, Radomar der Leopard, Bundeshaupt der Flammenritter, oder: Der Todtentanz im Wienerwalde. Schreckensscenen aus Oesterreichs Vorzeit. Mit 1 Titelkupfer. 8. broschirt. 48 kr. —— der Teufelsmüller, oder der Sturz des Bundes der Höllenritter. Mit 1 Kupfer. 8. geh. 48 kr. Gedruckt bei Leopold Gruud«- - ' . > i-^