4 ' 7 «» L L, > .-^ SRX»- ^V>>' 5 ?^. ^ .» . -»»» - .M. . ^ » . . >7. .D/' M!/ v->' Der Roman in zwei Thcilcn von Wien 18S5. 5c»rr rlrr Litt Truck und Verlag deS „Jllustrirten Wiener Extrablatt". Herausgeber: Edgar Spiegl. Beilage zum „Jllnstrirten Wie»».'? Extrablatt" der UotlMntltr. Roman in zwei Theilen von Erster Theil: Freunde und Rivalen. - »o»8»o. — Mn improvisirtes Duell. An einem Jännerabend des Jahres 1746 fand in Paris der erste Opernball der Saison statt. , Der ganze Hof wird da sein, sagte sich Frau Marion, die Maskenverleiherin, welche in der Rue Jeux NeufS wohnte und über ihrem Laden ein Schild „zum lustigen Harlekin" hängen hatte. ^ Komm' Tony, fügte sie zu einem jungen Burschen gewendet hinzu, triff Deine Anstalten, um mich hinzubegleiten. Ich verwandle Dich in einen Edelmann, daß Dich kein Mensch von einem echten unterscheiden kann. Und als was wollen Sie gehen? Ich kostümire mich als Marquise mit solchen Paniers. - . . Frau Marion beschrieb einen großen Kreis, um die Weite ihrer künftigen Paniers anzudeuten. Die MaSkenverleiheriu war eine hübsche, rundliche Brünette von vierunddreißig Jahren, die man aber höchstens für achiundzwanzig gehalten hätte. Frau Marion war Witwe und kinderlos und hatte es verschmäht, sich nochmals zu verheiraten. Eines Morgens fand sie an ihrer Thürschwelle einen kleinen, ungefähr acht Jahre alten Knaben, der bitterlich weinte und vor Kälte zitterte, und' die gutmüthige Frau nahm das Kind bei sich auf. Das verlassene Kind wußte weder den Namen seiner Eltern, noch irgend Etwas anzu- geben, das auf die Spur seiner Herkunft hätte leiten können. Das Einzige, was man aus ihm herausbringen konnte, war, daß er Tony heiße und» daß verkleidete böse Männer ihn hatten ermorden wollen. Die brave Frau nahm das Kind zu sich und von diesem Augenblicke an war eS für Marion beschlossene Sache, sich nicht wieder zu verheiraten. > Anfangs munkelte man allerhand über die Beziehungen deS Kindes zu Frau Marion und böse Zungen wollten behaupten, daß es die „Der Schwur der Rothmitutlrr." Leite 2 Iiiu8trirtes wiener HxtrMatt klr. 6 Frucht einer Jugendsünde war, von der Frau Marions Gatte nie Etwas erfahren hatte. Da aber die wackere Frau sich nicht weiter am das Geschwätz der Klatschbasen zu kümmern schien, so verstummte dieses nach und nach und man nahm das Hinzukommen des neuen Bewohners im Hause Frau Marions als etwas ganz Selbstverständliches hin. Zur Zeit, wo unsere Geschichte beginnt, war Tcny sechzehn Jahre alt, aber weit über sein Alter hinaus entwickelt. Er war von prachtvollem, kräftigem Wüchse und hatte ein reizendes Gesicht, aus dem Verstand und Schalkhaftigkeit sprach, und im ganzen Quartiere nannte man ihn deshalb nicht anders, als den „schönen Commis" der Frau Marion. Es ist Ihnen also Ernst damit, auf den Opernball zu gehen? fragte Tony seine Pflegemutter. Gewiß, und warum denn nicht? meinte die hübsche Frau, indem sie einen selbstgefälligen Blick in den Spiegel warf, der über ihrem Schreibtische hing. Ich schmeichle mir, für eine Frau von zweiunddreißig Jahren noch gut genug auszusrhen, und ich möchte sogar behaupten, daß sich nicht alle Marquisen eines gleich hübschen Teints rühmen können. Fran Marion, die, wie man sieht, nicht eben die Bescheidenheit in Person war, wendete sich jetzt ihrem Commis zu und musterte auch diesen vom Scheitel bis zur Sohle. ' Weißt Tu, Kleiner, sagte sie mit beifälligem Kopfnicken, daß Du in dem schönen himmelblauen Rocke, der rothen Weste und den weißen Atlasbeinkleidern, die ich letzthin für den Edelmann aus der Provinz anfertigen ließ, reizend aussehen wirst? Ach ja, sagte Tony, ich weiß schon! Er hat Ihnen das ganze Kostüm gelassen, indem er vorgab, daß Sie ihm nicht creditiren wollten. Ganz richtig. Und Sie glauben also, daß mir der Anzug passen wird? O, entzückend. Jetzt war die Reihe an Tony, sich dem Spiegel zuzuwenden und das Resultat der Prüfung schien nicht zu seiner Unzufriedenheit ausgefallen zu sein, nach dem Lächeln zu schließen,' das seine Mundwinkel verzog. Du wirst ja zum Anbeißen aussehen, bemerkte Frau Marion mit unverhohlener Bewunderung, wobei sie ihre Blicke mit Wohlgefallen auf der schlanken Gestalt des Jünglings ruhen ließ. Soll ich mich vielleicht auch pudern? Aber gewiß. Um wie viel Uhr gehen wir? ^Gleich zum Beginn, um Mitternacht. Ich will doch hoffen, daß Du mit mir tanzen wirst? Das weiß ich noch nicht so ganz bestimmt, lautete die schalkhafte Antwort. Na, warte nur! Wer wird aber ans den Laden achtgeben? Wer denn anders, als Babette? Babette war die einzige Magd Frau Marions, ein ältliches, rechtschaffenes, aber sehr griesgrämiges Frauenzimmer, das stets die Augen senkte und sich zu erröthen bemühte, wenn ein Mann zufällig in ihre Nähe kam. Während Frau Marion und ihr Pflegesohn mit einander scherzten, trat eine Kunde in den Laden. Es war dies ein Mann von ungefähr dreißig Jahren von elegantem, stattlichen Aussehen, dessen Hand mit einem gewissen Selbstbewußtsein auf seinem Degen ruhte. Er begrüßte Frau Marion mit einer halb familiären, halb gönnerhaften Handbewegnng und faßte sie freundlich unter dem Kinn. Immer noch gleich hübsch und immer noch Witwe! sagte er. Ich bitte, Herr Marquis, sagte die Maskenverleiherin, die die Freiheiten,diesich der Edelmann ihr gegenüber herausnahm, nicht übel aufzunehmen schien, Sie haben mir diese Worte an dem gleichen Tage wie heute schon so oft wiederholt, daß ich darin einen Beweis sehe, wie alt ich werde und wie jung dagegen Sie immer bleiben. Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sie sprechen in Räthseln, meinte kopfschüttelnd der Edelmann. Sie verstehen es ja, Phrasen zu drechseln, daß man nicht klug aus Ihnen wird. Das ist ja so leicht zn erklären, lachte die junge Frau, ich merke eben, daß ich älter werde, weit es schon so lange Jahre her ist, daß Sie Nr. 6 lltustrirtes wiener LxtrablLtt Leite 3 mir immer dasselbe wiederholen, und Sie dagegen bleiben immer jung, weil Sie sich regelmäßig bei mir einstellen, wenn ein Opernball abgehalten wird. Marion neigte den Kopf zur Seite und blickte schalkhaft auf den Edelmann. Wir unterhalten uns also noch immer? sagte sie. Die Frauen sind noch immer nicht sicher vor uns. Ruhig, Madame, antwortete der Edelmann, die Hand wie zur Abwehr von sich streckend, das war einmal gut genug für mich, aber jetzt . . < Nun - Jetzt bin ich verheiratet. Frau Marion hob mit kläglicher Gebert« beide Hände zum Himmel auf. Ach, die Unglückliche! Sie wissen nicht, was Sie sagen, beste Frau Marion, in mir hat sich eine Wandlung vollzogen; ich bete meine Frau an. Ist sie jung? Zwanzig Jahre. ' ' Hübsch? Wie ein Engel. Gerechter Himmel! Und Sie gehen doch auf den Opernball? Denn da Sie hier find, muß ich doch glauben ... Nur Geduld, sagte der Marquis, ich bin allerdings wegen des Opernballes gekommen, aber nur im Aufträge meiner Frau und ihrer Schwester. » . Ach so! - : Die beiden Damen, fuhr der mit „Marquis* Angeredete fort, haben es sich in den Kopf gesetzt, den heutigen Opernball, als Schäferinnen vev» kleidet, mitzumachen. Sie werden Sie doch gewiß begleiten? Selbstverständlich. Auch im Schäferkostüm? Vielleicht als Faun, ich bin darüber mit mir noch nicht ganz einig. Ich bitte Sie aber jedenfalls, Frau Marion, mir einige vollständige Kostüme baldmöglichst zur Auswahl zu schickem Die Damen werden ihre Entscheidung treffen. Die Maskenverleiherin sah nach Tony um, der seit dem Eintritt des Marquis unbeweglich im dunkelsten Winkel des Ladens saß. , Du wirst zum Herrn Marquis gehen, Herzchen, wendete sich die Frau Marion an ihren Pflegesohn. Aber es wäre ja viel besser, wenn der junge Bursche gleich mit mir ginge, wendete der Marquis ein. Wie es Ihnen angenehm ist, Herr Marquis, sagte Frau Marion mit einer leichten Neigung des Kopfes. In wenigen Minuten hatte die junge Frau unter den Kostümen, die ihr am geeignetsten schienen, ihre Auswahl getroffen und sie in einige Schachteln gelegt und winkte nun von der Schwelle ihrer Ladenthür einen Commissionär herbei, der an der Mauer des gegenüberliegenden Hauses lehnte. Dann neigte sie sich zu ihrem Gehilfen nieder und flüsterte ihm in's Ohr: Komm' nur sobald als möglich zurück, Du mußt Dich ja pudern lassen und ankleiden. Der Commissionär stellte die Schachteln auf sein Tragreff und schickte sich an, dem Kunden Frau Marions zu folgen. Wohin gehen wir, Herr Marquis? fragte Tony. Auf die Insel Saint-Louis, lautete die Antwort. Der junge Mann wollte dem Marqnis die Unannehmlichkeit ersparen, den Weg in Gesellschaft des Kommissionärs znrückzulegen, und forderte deshalb diesen Letzteren auf, in die Parallelstraße einzubkegen; er wollte ihn am Eingänge der Straße Saint-Louis erwarten. Unterwegs zog der Marquis Tony in's Gespräch und fragte ihn über Das und Jenes aus. Der junge Mann, der einen anfgeweckten Verstand besaß und sich durch den Verkehr mit den vornehmen Kunden eine gewisse Sicherheit im Auftreten und gefällige Umgangsformen an- geeignet hatte, beantwortete mit großer Unbefangenheit alle an ihn gerichteten Fragen. Der Marquis sah Plötzlich schärfer nach ihm hin und sagte: Du hast ja ein merkwürdig feines Profil und wahrhaft aristokratische Hände und Füße. Tony erröthete leicht. Ach, wenn mich nicht Alles tZuscht, verdankst Du der Jugendsünde irgend eines vornehmen Mannes Dein Dasein. keilo 4 lllustrirtes wiener 8Ltr»b!»tt «r. e Dos weiß ich nicht, erwiderte achselzuckend der Jüngling, aber was ich wohl weiß, da- ist, daß ich gleich zum Militär gehen würde, wenn ich Frau Marion nicht so sehr liebte. Schau, schau. Zu welcher Waffengattung möchtest Du denn gehen? Zu den Leibgardisten, lautete die Antwort, und in einer für sein Alter verzeihlichen Anwandlung von Eitelkeit fügte er hinzu: Man sieht "in dem weißen Rock mit den blauen Schnüren gar so hübsch aus. Der Marquis lachte. Du scheinst gar nicht zu wissen, daß ich selbst Hauptmann bei den Leibgardisten bin. Wirklich, Herr? Ja, und wenn Du Dich anwerben lassen willst ... Tony war gerade im Begriffe, zu antworten, daß er an Frau Marion mit zu inniger Liebe hänge, um sich von ihr trennen zu können, als eine dritte Person sich zu ihnen gesellte und ihm die Möglichkeit einer Erwiderung benahm. Der Marquis und Tony halten in diesem Augenblicke das Ende der Straße Saint-Louis au Marais erreicht und schickten sich an, in die Place Royale einznbiegen. Obschon die Dunkelheit bereits ringebrochen war, hatte ein Edelmann, der ihnen entgrgenkam, den Marquis erblickt und schritt auf die Beiden zu. Bei dem Anblick des Mannes, der einen rothen Mantel von sonderbarem Schnitte trug, trat der Marquis einen Schritt zurück und legte die Hand an den Degen. Guten Abend, Marquis. Guten Abend, Graf. In dem Tone der beiden Edelleute lag etwas Feindseliges, Herausforderndes. Ich wußte nicht, daß Sie in Paris sind, Graf, kam es nach kurzem Stillschweigen von den Lippen des Marquis. Ich bin's auch erst seit einer Stunde. Ah! Und Sie errathen wol, daß ich Ihretwegen gekommen bin. Selbstverständlich. ....... Ich sehe, daß wir unS ausgezeichnet verstehen, meinte der Unbekannte in höhnischem Tone. ' Gewiß. Welche Stunde bestimmen Sie mir, Graf? Ich bin gleich jetzt bereit. Der Ort? Der Platz ist menschenleer. Wir werden wie zu Hause sein. Ach, Vergebung, sagte der Marquis, ich möchte den Zweikampf lieber auf morgen verschieben. / Unmöglich, Marquis. Ich habe meiner Frau versprochen, ste heute auf den Opernball zu führen. Der Unbekannte erwiderte trocken t - Es thut mir wirklich leid. Aber nachdem ich Sie vier Jahre in Böhmen, Spanien und weiß Gott wo gesucht habe und Sie endlich finde, will ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Sie endlich zu tödten. Sie schlagen mir die kleine Gefälligkeit also ab? Es geht nicht anders. Sei's denn. Aber wir haben ja keine Secun- danten. Es muß auch ohne diese gehen. Kommen Sie, Marquis, ziehen Sie vom Leder. ' Inzwischen hotte der Marquis ganz an Tony vergessen, der etwas abseits stand und der Herausforderung beigewohnt hatte. Die beiden Gegner erreichten jetzt den dunkelsten Winkel des Platzes. Tony hatte schon oft von verständigen Leuten sagen hören, daß kleine Leute gut daran thun, sich von den Streitigkeiten der Vornehmen möglichst fernzuhalten. , Er gedachte jetzt dieser Ermahnung und blieb in einiger Entfernung von den Duellanten ruhig stehen. Da aber seine Neugierde die Vorsicht überwog, verlor er den Marquis und seinen Gegner nicht aus den Augen. Beide hatten ihre Degen gezogen und da» Waffengeklirr drang bis zu Tonys Ohr. Der Kampf dauerte lange; von Zeit zu Zeit vernahm er einen zornigen Aufschrei, der auf eine erhaltene Wunde schließen ließ. Zuletzt hörte Tony einen lauten Schrei und gleich darauf Iah er, wie einer der Kämpfenden wankte und endlich auf den Rücken fiel. Der Andere steckte seinen Degen ein, hüllte sich sorgfältig in seinen Nr. 7 IUu8trirtss VVisasr LltrsdlLtt Leits 5 Mantel und entfernte sich eiligen Schrittes, als ob gar Nichts vorgefallen wäre. Tony lief hinzu: . , Frau Marions Kunde lag in einer Blutlache. 2 . Das Ebenholzkästchen. Tony neigte sich über den Edelmann, der noch athmete, nahm ihn in seine Arme und lehnte ihn gegen eine Säule. Mein lieber Freund, stammelte der Marquis, ich bin auf den Tod verletzt. Tony schrie um Hilfe, aber weit und breit zeigte sich Niemand. Sei still, sagte der Marquis, mir kann Niemand mehr helfen. Höre mich lieber an und schwöre mir, zu thun, was ich von Dir verlange. Der Jüngling gelobte es und der Marquis fuhr fort: In meinem Schlafzimmer steht ein Schrank, dessen Schlüssel ich bei mir trage; darin wirst Du ein Ebenholzkästchen finden, versprich es mir zu . . . Ein Schluchzen, wie es dem Tode vorausgeht, unterbrach den Sterbenden, der den Satz unvollendet ließ und auf etwas Anderes überging. Vor Allem sage meiner Frau heute Nichts, erst morgen. Sie will den Opernball besuchen. Ach, es ist der letzte Wunsch, den ich sie aussprechen hörte. Der wenigstens soll ihr nicht unerfüllt bleiben. Geh' gleich in's Hotel. Mein Kammerdiener Joseph wird ... wird Dir öffnen, zeige ihm den Schlüssel, er wird Dir die Chatouille übergeben, trage sie zu meinem Freunde, dem Baron . . . ' Der Marquis fand nicht mehr Zeit, den Namen seines Freundes auszusprechen ; er richtete sich Plötzlich heftig auf, stieß einen tiefen Seufzer aus und sank leblos zu Boden. Er ist todt! rief Tony schmerzlich aus. Zum ersten Male in seinem Leben befand sich der junge Mann in einer jener Lagen, die gebieterisch Vorsicht und Energie zugleich ver- „Ter Schwur der Rothmäntler." langen. Und er war doch schon in einem Alter, in dem die Vereinigung dieser beiden Eigenschaften noch zu den Seltenheiten zählt. Unser Held entwickelte in diesem entscheidenden Augenblicke eine Umsicht und Thatkraft» die man seinen sechzehn Jahren nicht zugetraut hätte. Zuerst durchsuchte er die Taschen des Marquis und fand eine gefüllte Börse und den Schlüssel, dessen der Marquis Erwähnung ge- than hatte, und steckte Beides in seine Tasche. Die Börse gebe ich den Angehörigen des Tobten zurück, sagte er sich, den Schlüssel behalte ich einstweilen, um das Kästchen zu öffnen, das ich dem Baron übergeben soll. Der Tod hat dem armen Marquis den Mund geschloffen, bevor er mir den Namen seines Freundes mittheilen konnte. Vielleicht gibt mir der Inhalt dieses Kästchens darüber Aufschluß. Tony wußte wol, daß der Marquis auf der Insel St. Louis wohne, aber er kannte weder seinen Namen, noch seine genaue Adresse. Um das zu erfahren, war er also gezwungen, noch einmal nach Hause zurückzukehren. Hier fand er Frau Marion emsig mit ihrer . Toilette beschäftigt. Ah, da bist Du ja endlich! rief sie ihm freundlich entgegen. Ja! Madame. Aber wie blaß Du bist! Ach, das hat Nichts zu bedeuten! Aber es muß Etwas vorgefallen sein, Dein Aussehen verräth es. Plötzlich stieß sie einen Schreckensruf aus. Mein Gott, an Deinen Händen klebt ja Blut! Tony konnte nun nicht länger ausweichen und erzählte seiner ängstlich aufhorchenden Pflegemutter die schreckliche Scene, deren.Zeuge er gewesen war. Frau Marion hatte Tony zitternd zngehört, und als er mit seinem Berichte zu Ende war, forderte sie ihn auf, die Familie des Gefallenen von dem Unglücksfalle zu verständigen. Lauf' schnell zu seiner Gattin, der Marquise von Vilers, rief sie in größter Aufregung, sie wohnt in der Straße Saint-Louis-en-Jsle. Tony machte eine abwehrende Geberde. Das wäre ganz gegen den Wunsch des Verstorbenen; er wollte nicht, daß seine Frau Leite 6 lilnstrirtee wiener Lxlradiatt Nr. 7 gleich die Todesnachricht erfahre; und bevor er starb, hat er es mir auf die Seele gebunden, sie so lange als möglich über sein Schicksal in Unwissenheit zu lassen. — Meinetwegen also, aber die Schatulle . I I Ich werde den letzten Willen des Verstorbenen vollstrecken, sagte feierlich und ernst der Jüngling, den die letzten Stunden zum Manne gereift zu haben schienen. Frau Marion schüttelte mißbilligend den Kopf. Mein armes Kind, es thut nie gut, wenn einfache Aute, wie wir, sich in die Angelegenheiten der Vornehmen einmischen. Ich habe geschworen und ich werde meinen Schwur halten, sagte Tony mit einer Festigkeit, die jeden Widerspruch ausschloß. Ich gehe jetzt in's „Hotel Vilers". Was willst Du dort? Ich möchte den Kammerdiener des Marquis benachrichtigen. Es war wol das erste Mal in seinem Leben, daß Tony sich den Vorstellungen seiner Pflegemutter gegenüber taub zeigte. Er entfernte sich, nachdem er sich nochmals die Adresse des Marquis wiederholen ließ, und schlug den Weg in der Richtung gegen die Insel Saint- Louis ein. Frau Marion ließ sich in einen Stuhl nieder und beklagte seufzend ihre entschwundene Hoffnung auf den Operuball, auf den sie sich so sehr gefreut hatte. Tony lief, so rasch er konnte und gelangte endlich athemlos auf die Insel Saint- Louis. Der Commissionär erwartete ihn, auf sein Tragbrett gestützt, das er zu Boden gestellt hatte. Komm' mit mir! rief ihn Tony an. Meiner Treu, lautete die Antwort, mir fing schon an, die Geduld auszugehen, aber wo ist der Herr? Frage nicht und komm' nur mit mir. * Der junge Mann hielt es nicht für nöthig, sich dem Manne gegenüber in Erklärungen einzulassen und so gingen sie denn schweigend bis an das Thor des Hotel Vilers» wo Tony den Commissionär aufforderte, seine Trage nieder- zustellen und den Pförtner zu rufen, damit dieser dem Kammerdiener Joseph mittheile, daß Tony ihn unten erwarte. Nachdem die Befehle ausgeführt waren und Tony noch eine Zeit lang unten gewartet hatte, sah er endlich einen alten Lakai auf sich zukommen. Sind Sie es, der mich zu sprechen wünschte? fragte er, indem er Tony neugierig betrachtete. Ich bin cs. Was wünschen Sie von mir? Ich komme im Aufträge Ihres Gebieters, des Herrn Marquis. Ah, sagte aufmerksam werdend der Diener, Sie haben ihn also gesehen? Ja. Die Frau Marquise hat schon dreimal geklingelt, um zu erfahren, ob er schon heimgekehrt sei. Er wird nicht heimkehren. Wie? Hör' ich recht? Ohne eine Muskel zu bewegen, antwortete Tony: Er hat sich auf eine längere Reise begeben. Aber das ist ja unmöglich; die Frau Marquise erwartet ihn, um in seiner Gesellschaft auf den Opernball zu gehen. Das weiß ich, ich bringe auch die Kostümx. Tony wies mit der Hand auf die Cartons, die auf dem Tragbrett des Commissionärs übereinander aufgestellt waren. Das ist aber merkwürdig, meinte der Kammerdiener. Jetzt ergriff der junge Mann die Hand des Alten und drückte sie innig. Sie haben Ihren Herrn wol sehr geliebt? fragte er. Ich liebe ihn noch und werde ihn ewig lieben, sagte der Alte, indem er Tony verwundert anblickte. Mein armer Freund, Ihre Freundschaft und Ergebenheit kann ihm nicht mehr nützen. Der Diener unterdrückte einen Schrei: Was ist geschehen, um Himmels willen? Er ist todt! Todt, todt! kam es in herzzerreißenden Tönen von den Lippen des treuen Dieners. Tony blickte traurig vor sich nieder. Nr. 7 H1u8trirte3 Wiener Nitr»dis,tt Leits 7 , Es ist ja ganz undenkbar, rief Joseph wieder. Es ist leider doch so. Er ist todt... seit einer Stunde, gefallen in einem Duell auf der Place Royale. Im Duell? Mit einem Edelmann? Ja. Kennen Sie dessen Namen? Nein, aber ich weiß, daß er überall nach Ihrem Gebieter suchte, um sich mit ihm zu schlagen. Ah! rief jetzt der Diener aus, der in die Geheimnisse seines Herrn eingeweiht war; das könnte einer der Rothmäntler sein, von denen konnte man es erwarten. Und er brach wieder in ein schmerzliches Schluchzen aus. Tony wartete, bis er sich ein wenig beruhigt hatte und erzählte ihm dann von der schrecklichen Scene, der er beigewohut hatte und von den letzten Verfügungen des Marquis. Er will also, daß seine Frau heute den Ball besucht? Ja. Aber mein Gott! Was ist da zu thun? Sie werden den Damen sagen, daß der König, der sich jetzt in Versailles befindet, nach dem Marquis geschickt hat und daß dieser ver- muthlich noch heute Nacht zurückkommen werde. Gut, ich werde den Rath befolgen. Ja, aber was ist 'S mit dem Kästchen? Richtig! Daran hätte ich beinahe vergessen. Kommen Sie mit mir. Der Kammerdiener ließ Tony in den Hof des Hotels eintreten, nahm dem Commissionär die Schachtel ab und verabschiedete ihn, nachdem er ihn entlohnt hatte. Dann übergab er die Cartons einem auderen Diener, mit der Weisung, sie der Frau Marquise zu bringen und ihr zu sagen, daß Frau Marion sie eben geschickt habe. Während der Diener sich anschickte, sich feines Auftrages zu entledigen, führte Joseph den Tony über eine Hintertreppe in's erste Stockwerk des Hotels. Dort öffnete er eine Thür und stellte den Leuchter, den er vom Schweizer mitgenommen hatte, auf einen Stuhl. Das ist das Zimmer meines armen Herrn und hier steht der Schrank. Suchen Sie nach der Schatulle, ich gehe indessen die Marquise zu benachrichtigen, daß ihr Gatte in Versailles ist. Der Diener, der nur mit Mühe seine Verzweiflung zu verbergen suchte, ließ den jungen Mann an der Schwelle des Cabincts stehen, das er als dasjenige seines Herrn bezeichnt hatte. Es war ein geräumiges Gemach, das mit einer dunklen Tapete versehen war und einen düsteren Eindruck machte. Tony blieb einen Augenblick wie festgcbannt an der Schwelle des Gemaches stehen, dann aber trat er mü einer raschen Bewegung zurück und schloß die Thür hinter sich ab. Unser Held hatte in seinem ganzen Leben keine so bewegte Stunde gehabt, wie die eben verflossene, auch war er noch niemals mit einer so ernsten Mission betraut gewesen. Man muß annehmen, daß ihm der Ernst der Verhältnisse in seinen Augen eine große Wichtigkeit verlieh, denn er schwor sich zu, gewissenhaft den letzten Willen des Edelmannes zu erfüllen, der ihn zu seinem Vertrauten gemacht hatte. Der junge Mann betrachtete nun den Schrank, der ihm vom Kammerdiener bezeichnet worden war. Das massive Möbel stammte aus der Zeit der Renaissance; es war mit Kupferbeschlägen versehen und wies ein fingerbreites Schloß auf, wie man es damals anzufertigen pflegte. Er nahm den Schlüssel, den der Marquis ihm übergeben hatte und steckte ihn in das Schloß. Der Schlüssel paßte; er drehte ihn um und der Schrank sprang auf. Nun erblickte er ein hübsches, geschnitztes Elfenbeinkästchen, in dem ein Schlüssel stak. Weniger von der Neugierde, als von dem ernstlichen Wunsche getrieben, in der Schatulle i^,end ein Anzeichen zu finden» das ihn auf Fie Spur des Freundes des Marquis führen konnte, beeilte er sich, diese zu öffnen. Zur größten Ueberraschung des jungen Mannes enthielt die Schatulle Nichts weiter, als einen Brief und ein Pergamentblatt, das mit großen Lettern beschrieben war. Der Brief war ungesiegelt und trug fol» gende Aufschrift: Leits 6 Hluztrlrtss Mover LrirMatt ^r. 7 „An den Baron von C. oder an den Auffinder der Schattulle!" Tony, dem tiefer Anfangsbuchstabe keine Aufklärung zu geben vermochte, entschloß sich nach kurzem Zögern, den Brief zu lesen. „Mein theurer Freund! Der nächste Tag schon kann mir den Tod bringen. Der Artillerist, der eine Kanone abfeuert, der Bergmann, der unter der Erde gräbt, der Fischer, der weit weg vom sicheren Hafen vom Sturme überrascht wird, kann dem Tode nicht näher sein, als ich. Zn jeder Stunde bedroht der Dolch meine Brust. Das Damoklesschwert schwebt fortwährend über meinem Haupte, und in Erwartung einer Katastrophe schreibe ich diese Zeilen nieder. Du oder Derjenige, der das beiliegende Heft liest, das meine ganze Lebensgeschichte enthält, wird mich rächen, wenn ich sterbe." Tonl/s lebhafte jugendliche Phantasie wurde von dem geheiiunißvollen Briefe dergestalt angeregt, daß er Frau Marion, den Kammerdiener, den Ort, an dem er sich befand, vergaß und nur darauf bedacht war, den geheimnißvollen Inhalt des Pergaments zu erfahren. Er schob den Nikgel vor, stellte die Schatulle auf einen Tisch und begann mit gespannter Neugierde das Manuskript des Marquis zu lesen, das den einfyHen Titel „Mein Geheimniß" trug. 3. Tas Geheimnis; des Marquis von Vilers. ^ Das Manuscript des Marquis, welches i in großer, gut lesbarer Schrift geschrieben war, begann also: „Ich zähle nunmehr 3) Jahre. Vier Jahre . sind cs her, daß sich die Ereignisse zugetragen i haben, welche ich hier erzählen will. Ich war damals also 26 Jahre alt. .r * Wir waren unser vier Freunde, Officiere im Regimente Flandern, welches die kleine kaiserliche Veste Jngersheim an der Donau belagerte. Der Erste nannte sich Gaston de Lavenay, der Zweite Albert de MauresailleS, der Dritte Mare de Lacy, der Vierte war ich. Die Belagerung zog sich in die Länge und der Marschall von Belle-Jsle, welcher den Beginn der Operationen geleitet hatte, war nach acht Tagen abgezogen, nur drei Regimenter Infanterie, eine Escadron Reiter und zwei Feldbatterien zurücklassend. Jngersheim war in dem Operationsplane des Marschalls nur ein Punkt von untergeordneter Bedeutung, und es genügte ihm, ein Beobachtungscorps dazulassen. Es kam der November. Die Tage waren kurz, das Wetter abscheulich und die Langeweile begann uns zu quälen. Da erhielt eines TageS der Marquis de Langevin, welcher unsere kleine Belagerungsarmee befehligte, ein Schreiben des Commandanten von Jngersheim, welches folgendermaßen lautete: „Herr Marquis! Das Fest Allerheiligen ist nahe: Allerseelen wird folgen und nicht lange nachher werden wir Weihnachten und Neujahr feiern. Ich will Ihnen daher folgenden Vorschlag machen. Schließen wir einen Waffenstillstand für alle Sonn- und Feiertage. Ihre Officiere mögen sich dann in der Stadt vergnügen; die weinigen werden sie in jenem Theile Ihres Lagers besuchen, welchen Sie hiefür bestimmen werden. Das soll für beide Theile ein Mittel bieten, um die Zeit todtzuschlagen. Auf Ihre freundliche Antwort, wartend, bleibe ich, Herr Marquis, Ihr ergebener Diener Major Berghei in." Der Marquis erwiderte: „Herr Major! Ich nehme Ihren Vorschlag dankbar an und lade Ihre Officiere für den Allerheiligentag zu einem Diner innerhalb unserer Verschanzungen. Ich werde an diesem Orte ein Zelt errichten lassen, würdig, unsere tapferen Gäste Zu empfangen und bin, die Ehre Ihres Besuches erwartend Ihr Sie hochschätzender Marquis de Langevin." Am Tage Allerheiligen begegneten die österreichischen und französischen Officiere einander zum ersten Male außerhalb der Stadt. Marquis - Nr. 8 Itlustrirtes wiener klxtrMLtt 8etts 9 de Langcvkn, der ein großes Vermögen besaß, hatte ein köstliches Diner Herstellen lassen und die Damen der Stadt waren zum Tanze geladen worden, welcher in einem reich beleuchteten Zelte stattfand. Am Tage darauf waren wir bei dem Major Bergheim zu Gaste. Des Allerseelentages wegen wurde nicht getanzt. Am nächsten Sonntag aber gab uns ein fabelhaft reicher ungarischer Magnat ein großes Fest in seinem Landhause, das an der Donau unter dem Schutze der Kanonen der Festung gelegen war. Von diesem Feste datirt eine Reihe von seltsamen und schrecklichen Begebenheiten, welche eines Tages meinen Tod herbeiführen werden. Ich sagte bereits, daß wir nur Freunde waren, vier Waffenbruder, welche in demselben Regimente dienten. Wir duzten einander, hatten keine Geheimnisse voreinander und theilten auch unser Geld untereinander. Man nannte uns die vier Rothmäntler, und zwar aus folgender Ursache: Wir hatten eines Tages mit etwa zwanzig Mann eine Nedoute zu vertheidigen. Zwei Stunden lang hatten wir ein mörderisches Feuer auszuhalten und unsere zwanzig Mann waren einer nach dem andern gefallen. Obgleich selbst verwundet, entschloß sich Marc de Lach mit uns Uebrig- gebliebenen den Kampf fortzusetzen. Wir überließen es ihm, die Musketen zu laden, während wir Feuer gaben. Eine Stunde noch hielten wir ganz allein die Belagerung ans und ein Haufe von Leichen der Kaiserlichen umgab die Bastion. Da rief uns Marc plötzlich zu, daß wir nur mehr vierundzwanzig Patronen zur Verfügung hätten und forderte uns auf, mit den Schüssen zu sparen. Es lebe der König! riefen wir, entschlossen, nur unsere Leichen den Kaiserlichen zu überlassen. Zum Glücke für uns fiel nun ein dichter Nebel ein, wie er an den Ufern der Donau so häufig vorzukommen pflegt. Die Nackt sank herab und entzog uns gleichzeuig den Anblick der Stadt und des Lagers. Das Feuer hörte gänzlich auf. Es war die höchste Zert, sagre Marc, Ihr habt alle Eure Patronen verschossen. Wir verbrachten einen Theil der Nacht auf dem Bauche liegend hinter einem Leichenwalle. Es war uns unmöglich, die Bastion zu verlassen. Der Feind hatte einen Cordon von Wachen um uns gezogen. Von Zeit zu Zeit zischte eine Kugel über unsere Köpfe hinweg; in längeren Zwischenräumen crepirte auch eine Granate innerhalb der Bastion. Nun, meine Freunde — sagte Maurevailles, während wir so dalagen — es ist Zeit, uns zum Sterben zu bereiten. Wenn der Tag anbricht, wird unsere letzte Stunde geschlagen haben. Wie sich der Nebel zerstreut, wird man uns an- greifen, und da wir keine Patronen mehr haben . . . So werden wir sterben oder geratet sein, warf ich ein. Ei, Freundchen, sagte Marc lachend, Du bist ein großer Optimist. Jede Hoffnung auf Rettung ist ausgeschlossen. Wer weiß? Es sei denn, daß Du Dich ergeben willst. Ihr seid Narren. Nun, dann mache Deine Vorbereitungen für die Reise in eine bessere Welt. Meine Herren, erwiderte ich ruhig, bei dem Lichtschein, welchen die Granate, die unlängst einsiel und die mich beinahe getödtet hätte, bei ihrem Platzen verbreitete, habe ich eine riesige Blutlache bemerkt, die sich neben einem Leichen- haufen angesammelt hat. Nun, und was weiter? Diese Blutlache soll unsere Rettung bewerkstelligen. Habt Ihr nicht bemerkt, daß ein Theil der kaiserlichen Truppen mit blutrothen Mänteln versehen ist? Jawol, was soll uns das aber nützen? Das werdet Ihr gbich sehen, erwiderte ich und machte mich daran, Licht zu machen. Unglücklicher, schrie mich Maurevailles an, wenn man drüben das Licht bemerkt, so wird man uns sofort mit Kugeln überschütten. Ich kann nicht das Gegentheil behaupten, aber wir müssen das Aenßerste wagen. Bei dem schwachen Scheine meines Lichtes durchsuchten wir den Platz, bis wir zu der Blutlache kamen. Wir tauchten unsere Mäntel darein, bis sie vom Blute getränkt waren, und „Der Schwur der NvthmUutlcr." Leits 10 . Hinetrirtss ^Visosr IHtrablLtt ?7. 6 ' nahmen sie dann um. Mittlerweile hatten die Kaiserlichen auch unser Licht bemerkt und fünfzig ^ Kugeln schlugen rings um uns ein, glücklicher- weise ohne uns zu treffen. ^ Ich verlöschte das Licht und wir warfen f! uns wieder auf die Erde nieder. Wir hielten nun kurzen Kriegsrath. Un- ^ gefähr fünfzig Schritte von der Bastion entfernt, umgab uns ein Cordon kaiserlicher Wachen. Ich >l vermuthete, daß sie uns in dem herrschenden j Nebel für ungarische Rothmäntler halten und i uns passircn lassen werden und machte meinen Kameraden den Vorschlag, cs auf gut Glück zu '! wagen. So abenteuerlich mein Plan auch war — Z er gelang. Wir schlichen uns gegen den Cordon, und i! als wir in die Nähe der ersten Wachen kamen, setzten wir uns zu Zwei und Zwei in resoluten Marschschritt. i ' Wer da! rief die Schildwache. 8 Patrouille! rief ich zurück und wir ^ marschirten ruhig weiter. Ein Soldat, der in j! einem der Laufgräben arbeitete, hob seine Laterne. - Er sah unsere rothcn Mäntel und wir konnten « anstandslos passireu. 8 Zehn Minuten später langten wir im I- französischen Lager an, wo man uns nicht mehr A zu sehen erwartet halte, j § Seit jenem Tage hießen wir bei unseren !, Truppen immer „die Rothmäntler". i Bei dem Feste, von welchem ich oben ?! gesprochen habe, begann für mich eine Reihe von ! Ereignissen, die für mich so verhängnißvoll ! werden sollten. Ein junges Mädchen, schön wie der junge u Tag und in ein pittoreskes ungarisches Kostüm 1! gekleidet, zog die Ausmerksamkeit unserer kleinen . Gesellschaft vor allem Anderen auf sich. Bei Gott! rief ich, ich wäre im Stande, ^ ihr ein Königreich zu erobern, wenn sie mich > lieben wollte. i s Meine drei Kameraden erschöpften sich in ^ ähnlichen Betheuerungen. Znm ersten Male über- kam uns eine Art von Eifersucht gegeneinander. I ' Ei, meine Herren, sagte endlich Gaston de i Lavenay, es scheint, als ob wir alle Vier im Begriffe wären, um die Gunst dieser Schönen zu rivalisiren. Das ist schon möglich, murmelte ich. Du liebst sie? Ich bin Feuer und Flamme für sie. Und Du, Manrcvailles? Ich bete sie an. Und Du, Lacy? Ich werde sie Euch mit dem Degen in der Hand streitig machen. Ihr seid Thoren! entgegnete Lavenay. Ich schlage Euch vor, das Los entscheiden zu lassen. Das ist eine Idee! rief Manrcvailles. Ich bin einverstanden. Ohne lange zu überlegen, stimmte Marc de Lacy zu und ich nickte wie geistesabwesend mit dem Kopfe. Wir wollen uns gegenseitig zuschwören, fügte Lavenay erust hinzu, daß wir als Ehrenmänner uns verpflichten, jenen Glücklichen, für welchen das Los entscheidet, zu dem Besitze der Dame zu verhelfen, welche wir alle Vier lieben. Sei's drum, erwiderten wir. Derjenige, der den Eid bricht oder sich der Entscheidung des Loses nicht fügt. . . Er sei gezwungen, erklärte Maurevailles, sich mit den anderen Drei auf Tod und Leben zu schlagen. 4 . Alte Bekannte. Tony, den das Manuscript immer mehr interessirte, las weiter: Wir beschlossen, Zettel mit unseren vier Namen in einen Hut zu lege» und die schöne Ungarin selbst über unser und ihr Schicksal entscheiden zu lassen. Sie sollte den Namen Desjenigen ziehen, der sie zu besitzen bestimmt war. Dieser Name sollte uns Allen aber unbekannt bleiben, bis uns ihre Entführung geglückt war — denn auf nichts Geringeres hatten wir es abgesehen. Da wir Nichts weiter über die junge Dame wußten, übernahm ich es, mich zu erkundigen, wie wir uns ihr nähern könnten. Nr. 8 Illustrirtss wiener 8v'Ns 11 Ich kannte zufällig den Adjutanten des Majors Bergheim, des Commandanten von Jngersheim, einen prächtigen, jungen Lieutenant namens Hinch. Ick schritt auf ihn zu und fragte ihn nach dem jungen Mädchen. Der Ton, in welchem ich meine Frage stellte, mochte ihm ausgefallen sein. Lachend sagte er: Also, Sie sind auch schon Gefangener? Trösten Sie sich, Sie theilen Ihr Schicksal mit fast sämmtlicheu kaiserlichen Officieren, die heute in diesem Saale sind. Ah! sagte ich, also ohne Zweifel auch mit Ihnen? Glücklicherweise nicht, meinte der Lieutenant, und das habe ich wol nur dem Umstande zu verdanken, daß ich in Wien ein blondes Mädchen besitze, das ich innig liebe. Das trifft sich also sehr gut. Weßhalb? Weil ich schon fürchtete, daß wir Rivalen werden könnten. Ach, mein lieber Freund, antwortete der Lieutenant, was das aubelangt, so glaube ich, daß weder Sie, noch sonst Jemand auf der Welt die geringste Aussicht auf Erfolg bei der Dame hat. Das wäre nicht übel! meinte ich mit dem Selbstbewusstsein eines sechsundzwanzigjährigen Officiers. Wie heißt denn Ihre Ungarin? Haydöe Gräfin Mingreli. Der Name gefällt mir. Sie ist die Tochter des alte» Grasen Mingreli, der sich dort auf eine Säule stützt, um dem Tanze znzusehen. Ich habe ihn schon einmal gesehen. Sie sagen also, daß man Haydöe nachsagt . .. Sie trage eine geheimnißvolle Neigung im Herzen ... Ah! Wer Derjenige ist, den sie liebt, hat man niemals erfahren, man weiß nur, daß sie die Heiratsanträge der reichsten und vornehmsten Cavaliere des Reiches zurückgewiesen habe. Lebt sie in Jngersheim? Nein, sie kommt nur selten hieher. Sie wohnt in einem Schlosse ihres Vaters, das an den Ufern der Donau liegt. Aber, fuhr der Lieutenant lachend fort, wenn Sie das Schloß vielleicht belagern und die Gräfin zu entführen versuchen wollen, so werden Sie wahrhaftig nicht der Erste sein, dem so Etwas einfällt. Wirklich? Ein Magnat aus der Umgebung, der um ihre Hand angehalten hatte, aber ausgeschlagen worden war, verföchte eine regelrechte Belagerung des Schlosses. Und ist zurückgeschlagen worden? Der alte Graf Mingreli hat ihm auf hundert Schritte Entfernung von einem hohen Thurme herab eine Kugel in den Kopf gejagt. Wenn Sie daran noch nicht genug haben . . . Alles, was Sie da sagen, lieber Freund, steigert nur meine Leidenschaft, statt mich zn ent- muthigen. So geht es gewöhnlich. Könnten Sie mich nicht vorstellen? Dem Grafen? Nein, seiner Tochter. Recht gern. Sie dürfen sich sogar einer guten Aufnahme versichert halten. Die Gräfin ist mir nämlich dankbar, daß ich nicht wie alle Andern mich in Liebe für sie verzehre. Kommen Sie, der Walzer ist eben zu Ende. Der Lieutenant zog mich mitten in den Vallsaal hinein. Die Gräfin empfing den Lieutenant Hinch mit freundlichem Lächeln. Gestatten Sie mir, Gräfin, redete sie dieser an. Ihnen den Marquis v. Vrlers vorznstellcn, einen Freund, dem ich von Herzen zuge- than bin. Sie übertrug den freundlichen Blick und das Lächeln, mit dem sie den Lieutenant begrüßt hatte, nun auch auf mich. Ich habe schon von Ihnen gehört, Herr Marquis, sagte sie. Wirklich, Gräfin? Ich weiß, daß Sie zu den Nothmäntlern gehören, wie man Sie seit der rühmlichen Cin- nahme der Rtdonte nennt, nicht wahr? Ja, Gräfin. Und außerdem habe ich Sie schon in Paris gekannt. In Paris? wiederholte ich mit Erstaunen. Lieutenant Hinch hatte sich bereits in dis- cretcr Weise zurückgezogen. Still, flüsterte mir Haydee zu, ich erzähle 8<üt6 12 Il'ustrirtes IViener Nr. 9 Ihnen das später, wenn Sie mich nicht zum Tanze engagiren wallen. Ich bitte Sie auf den Knien darum, rief ich leidenschaftlich, geblendet von dem Zauber ihrer Schönheit und ans den Klang ihrer Stimme horchend, die sich melodisch wie Gesang anhörte. Sprechen Sie ungarisch? fragte sie. Sie hatte mich zuerst französisch angeredet und sie sprach dieses so rein wie eine Pariserin, die in Versailles erzogen worden war. Ein wenig, lautete meine Antwort. Die Introduktion zu einem ungarischen Tanze wurde in diesem Augenblicke vernehmbar. Haydöe legte ihre fein behandschuhte Hand in meine Rechte und ich zog sie in das Gewirr der Tanzenden hinein. Sie waren also schon in Paris, Gräfin? fragte ich. Vergangenen Winter. Die Feindseligkeiten waren da aber schon ausgebrochen. Ja, aber mein Vater besaß einen Geleitbrief von dem General Belle-Jsle. Das ist etwas Anderes. Aber dennoch. Ich weiß, was Sie mir sagen wollen, unterbrach sie mich lächelnd. Vielleicht. Sie wollten sagen, da ja auch Sie in Versailles und Paris waren, es unmöglich scheint, daß Leute wie wir einander nicht begegnet sein sollten. Ganz richtig. Sie sind so schön, daß man Sie nicht vergessen kann, wenn man Sie einmal gesehen hat. Schmeichler! Sie sprach dieses Wort ohne Zorn und in einem Tone, der eher bewegt als spöttisch klang, und ich fragte mich, ob dies wirklich das Weib sei, das allen Huldigungen gegenüber unempfindlich sein sollte. Ja, nahm sie wieder das Wort, ich war in Paris und habe Sie dort gesehen. Verzeihung, aber das ist unmöglich! Sehen Sie nur meine blonden Haare genau an. Ich fuhr zusammen. Das ist Alles, was Sie von mir gesehen haben ? O, rief ich, ich erinnere mich jetzt, also Sie waren es . . . Um den Sinn dieser Worte, die wir rasch wechselten, zu erklären, muß ich ein Abenteuer mittheilen, das ich vergangenen Winter erlebte. An einem Decemberabend begab ich mich auf einen Opernball und meine Sänftenträger gingen die Straße Saint-Denis entlang. In der Rue aux Ours angekommen, hörte ich Plötzlich ein Geschrei und Hilferufe, mit einem Worte, den ganzen Tumult eines nächtlichen Ueber- falles. Einige Räuber hatten eine Sänfte umringt, in der sich eine junge Dame verzweifelt wehrte und um Hilfe rief. Wenn Sie all' Ihr Geld und Ihre Schmucksachen herausgeben, geschieht Ihnen Nichts zu Leide, sagte einer der Räuber. Die junge Dame war maskirt und wollte sich offenbar ans den Opernball begeben. Beim ersten Angriff hatten sich die Träger der Unbekannten geflüchtet. Ich verließ meine Sänfte und mit geschwungenem Säbel drang ich auf die Banditen ein, ihnen zurufend, daß ich lange genug die Waffen führe, um mit solcken Hallunken bald fertig zu werden. Ich tödtete einen der Angreifer, die anderen ergriffen die Flucht. Ich bot der Dame meine Sänfte an und schritt nebenher bis zur Oper. Sie dankte mir auf's Wärmste, legte aber ihre Larve nicht ab und bald hatte ich sie im Gewühle des Ballsaales aus dem Gesichte verloren. Ich suchte sie die ganze Nacht. Ihre blonden Haare hatten einen tieferen Eindruck auf mich gemacht, als ich es mir selbst gestehen wollte. Meine Nachforschungen blieben vergebens. Sie war verschwunden . . . und ich vergaß sie. Ich blickte jetzt mit Entzücken zn der Gräfin auf. Also Sie waren es, murmelte ich. Ja, ich selbst. Sie sehen also, daß wir alte Bekannte sind. Es kam mir vor, als ob ihre Stimme einen bebenden Klang hätte und c.ne leise Hoffnung zog in mein Herz rin. Nr. 9 lllustrlrie» wiener Litrsblütt ' l8oito 13 Wer weiß, sagte ich zu mir, ob ich nicht der Mann bin, den sie liebt und dessen Name aller Welt unbekannt ist. In diesem Augenblicke aber sah ich Gaston von Lavenay's spöttisches Gesicht vor mir auf- tauchen, das mich aufmerksam zu beobachten schien, und ich fühlte mein Blut erstarren. Ich erinnerte mich des verfaßten Eides, den ich geschworen hatte! 5 . Das Los. Die schöne Ungarin, so sagte das Schriftstück weiter, hatte weder die mir zugeschleuderten Blicke, noch die Aufregung bemerkt, in die mich Gaston's Ueberwachung versetzt hatte. Der Tanz war zu Ende. Wollen Sie, daß ich Sie meinem Vater vorstelle? fragte mich die Gräfin. Sie werden mich sehr verbinden, meine Gnädige, antwortete ich. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und ließ sich von mir zu der Säule geleiten, an welcher der Graf lehnte, seit seine Tochter zu tanzen begonnen hatte Lieber Vater, sagte das junge Mädchen, hier stelle ich Ihnen den Marquis von Vilers vor. Der Magnat begrüßte mich mit.der Höflichkeit, eines wohlerzogenen Mannes, aber weder in seiner Stimme, noch in seinem Blicke lag Etwas, das mich hätte schließen lassen können, daß mein Name schon vorher genannt worden wäre. Tie junge Gräfin scheint es nicht für an- gemessen erachtet zu haben, ihm gegenüber des kleinen Dienstes zu erwähnen, den ich ihr in Paris zu erweisen Gelegenheit gehabt hatte. Dann, als der Magnat einige Worte an mich richtete und ich anzunehmcn glaubte, daß er mit seiner Tochter allein zu sein wünsche, rer- abschiedete ich mich von Vater und Tochter. Darf ich auf die Ehre hoffen, Gräfin, sagte ich, mich zurückznziehcnd, heute Abends mit Ihnen zu tanzen? Mit Vergnügen, antwort te sie und begleitete die Worte mit demselben Lächeln, das mich schon einmal bezaubert hatte. Sie zog aus ihrem Gürtel ein kleines Sträußchen und gab es mir mit der Bemerkung, daß ich es ihr zurückbringen solle. Dies bedeutete nach Landessitte, daß sie meine Aufforderung zum Tanze angenommen habe. Ich entfernte mich und wollte mich im Gewühlt verlieren, als mir Gaston v. Lavenay einen leichten Schlag auf die Schulter versetzte. Sieh da! sagte er, es sieht aus, als ob Du Deine persönlichen Angelegenheiten mit etwas zu viel Eifer betreiben würdest. Ich? Was bringt Dich auf solche Gedanken ? Du bist der Dame vorgestellt; jetzt stelle Du uns vor. Selbstverständlich, sagte Maurevailles, der mit Marc von Lacy näher getreten war. Meinetwegen, war meine Antwort. Auch wir sind mittlerweile nicht müßig gewesen, sagte Gaston von Lavenay. So! Die Schöne liebt Jemanden. Ich erschrak heftig. Wie man erzählt, soll der Glückliche ihr Cousin sein. Diese Worte hatten für mich die Wirkung eines Blitzschlages. Ich fühlte meine Pulse hämmern. Seid Ihr dessen gewiß? Man erzählt so Mancherlei. Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Sie wird sich schon entschließen müssen, denjenigen von uns zu lieben .... Maurevailles unterbrach ihn. Ich habe noch viel Wichtigeres in Erfahrung gebracht. Laß hören. Die schöne Ungarin bewohnt ein Schloß am linken Donauuser, hart an der österreichischen Grenze. Ich weiß ... Wartet nur. Ihr Vater ist ein Passionirter Jag r, der manchmal zwei oder drei Tage wegbleibt. Halt! sagte Marc von Lacy. Diese Nach» richt ist sehr kostbar. Während der Abwesenheit „D,r Schwur der Nc>tk,mäntlcr.- Leits 14 Hlustrlrtsz Wiener LitrMatt Nr. 9 des Vaters kann die Tochter leichter entführt werden . . . Wie, meine Herren, wendete ich mit Schärfe ein, Sie wollten aus Ihrem Scherz gar Ernst machen? Wie beliebt? fragte Gaston spöttisch. Machst Du Dich etwa über uns lustig? Ah, meine Herren! sagte hier Marc von Lacy, unser Freund ist pfiffiger, als man ihm Zutrauen könnte. Aber ich schwöre, daß . . : Er hat seine Angelegenheit gefördert und möchte uns jetzt beiseite schaffen. Mir fällt Etwas ein, sagte Gaston. Nun? Bitte Du sie selbst, ans Maurevaillse' Hut den Namen des Siegers zu ziehen. Das müßte ich ihr aber doch erklären! Ganz unnöthig, Du brauchst ihr nur zu sagen, daß es sich um eine Wette handelt, die vorläufig noch Geheimnis; bleiben muß. Ich stand wie auf Nadeln und wagte es dennoch nicht, „Nein" zu sagen. In diesem Augenblicke hörte man die Introduktion eines Walzers, den die Gräfin mir zugesagt hatte. Meine Herren, sagte ich, indem ich mich zu einem Lächeln zwang, ich gehe jetzt daran, meine Angelegenheit weiter zu fördern. Ich verabschiedete mich mit einer raschen Bewegung und eilte zur Gräfin Haydee, die mich an der Seite ihres Vaters erwartete. Ich verneigte mich vor ihr und sie ergriff lächelnd meine Hand. Zweimal tanzte ich mit ihr im Saale herum und konnte vor Erregung kein einziges Wort Hervorbringen. Es lag mir viel daran, mit Ihnen zu tanzen, begann jetzt die Gräfin, weil ich mit Ihnen etwas Wichtiges zu besprechen habe. Ich fühlte, wie mir bei diesen Worten all' mein Blut zu Herzen drang. Mit Tagesanbruch, fuhr sie fort, hat der sonntägliche Waffenstillstand ein Ende und Sie kehren in's französische Lager zurück. Bis zum nächsten Sonntag dauert es aber noch sehr lange und ich muß vorher dringend mit Ihnen reden. Ihre Stimme zitterte vor verhaltener Bewegung, als sie fortfuhr: Dringend und lange, unsere Unterredung wird mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Ich stehe zu Ihren Diensten, Gräfin. Aber, fuhr sie zögernd fort, wir müßten allein sein. Ein Gefühl des Unbehagens beschlich mich bei dem Gedanken an meine drei Freunde. Ich verlasse in einer Stunde den Ballsaal, sprach die Gräfin wieder; wenn Sie die Vorstadt hinter sich haben, gehen Sie die Richtung gegen die Donau; dort werden Sie ein kleines weißes Häuschen bemerken, das ganz vereinzelt liegt. Ich kenne es. Das Haus ist unbewohnt. Setzen Sie sich auf die Thürschwelle und erwarten Sie mich dort. Je länger die Gräfin sprach, desto heftiger klopfte mein Herz. Ach, mein Gott, seufzte das junge Mädchen wieder, als der Tanz zu Ende war, ich kann nur zu Ihnen Vertrauen fassen. Als ich Sie um Aufklärung über diese geheimnißvollen Worte bat, sagte sie leise: Fragen Sie nicht, in einer Stunde werden Sie Alles erfahren. Ich wollte sie zu ihrem Vater zurückführen und den Ballsaal verlassen, als ich Maurevailles, Lacy und Lavenay ans mich zukommen sah. Maurevailles Hand ruhte auf dem Dreispitz, der unsere drei Namen enthielt. So stellen Sie uns doch vor, raunte er mir zu: Ich fühlte, wie ich erblaßte, aber es gelang mir wenigstens, mich so weit zu beherrschen, daß ich lächelnd zu dem jungen Mädchen sagte: Gestatten Sie mir, Gräfin, Ihnen meine drei Freunde, die rothen Männer, vorzustellen. Sie verneigte sich mit der Anmuth, die ihr eigen war. Madame, redete sie jetzt Maurevailles an, meine drei Freunde und ich sind eine Wette eingegangen. ES handelt sich nämlich um eine zu unternehmende Expedition. Einer von uns muß sich opfern. Ach, mein Gott, sagte sie, aber wir haben ja jetzt Waffenstillstand, meine Herren! Nr. 9 lllllglrirtes V^ievsr 8sito 15 Die Angelegenheit hat mit dem Kriege Nichts zu schaffen. Das ist dann etwas Anderes. Wir haben unsere vier Namen in einen Hut geworfen und suchen jetzt eine Hand, die die Rolle des Schicksals zu spielen hat. Es wäre unmöglich, eine reinere und schönere zu finden. Sie brach in ein Helles Gelächter aus. Wie Sie wollen, sagte sie und steckte ihre weiße Hand in Maurevailles' Hut. Eine tiefe Erregung bemächtigte sich meiner drei Rivalen; ich sah sie alle erbleichen, Gaston de Lavenay besonders war aschfahl geworden. 6 . Das Rendezvous. Was mich betrifft, las der Commis der Frau Marion weiter, so empfand ich, als die Gräfin ihre schöne Hand in dem Hute Manre- vailles verschwinden ließ, ein Zagen, das sich nicht beschreiben ließ. Das junge Mädchen zog ruhig lächelnd ihre . Hand wieder heraus und zeigte uns eines der Papierröllchen. Hier ist der Name des Gewinners, sagte sie. Sie wollte das Papier aufrollen, aber Gaston de Lavenay hielt sie mit einer Handbewegung zurück. Noch nicht! murmelte er. Die junge Gräfin blickte verwundert zu ihm auf. Ich bitte Sie, Gräfin, wendete sich Maurevailles an die junge Gräfin, das Zettlein noch einen Augenblick zu behalten. Er näherte sich dem Kamin, warf die drei anderen Namen in's Feuer und kam zu uns zurück. Können Sie mir dieses Räthsel erklären, fragte mich die schöne Ungarin. Maurevilles schnitt mir das Wort ab. Wir haben uns alle Vier ein bestimmtes - Ziel gesetzt, sagteer, und Derjenige, dessen Namen sich unter Ihren reizenden Fingern zusammengerollt befindet, soll der Sieger sein. Aber Jeder von uns soll dem Ziele zustreben. Ich verstehe Sie nicht, antwortete unschuldig das junge Mädchen. Es klingt allerdings räthselhaft, sagte jetzt lächelnd Gaston de Lavenay, der seine Fassung wieder erlangt hatte, aber ich bitte Sie, uns acht Tage Zeit zu lassen, um Ihnen Aufklärung zu geben. Recht gern. Bis dahin behalten Sie den Zettel, ohne ihn zu öffnen. Ich gelobe es bei der heiligen Haydoe, meiner Schutzpatronin. Meine drei Freunde ließen das Billet in den Händen der Gräfin zurück und empfahlen sich. So blieb ich mit Haydoe noch einige Minuten allein. Was soll dieser mystische Scherz bedeuten? Ich weiß es nicht. Wirklich? Oder vielmehr, setzte ich rasch gefaßt hinzu, kann ich es Ihnen heute noch nicht erklären. Das ist ganz in der Ordnung, da Sie wahrscheinlich durch einen Eid zum Schweigen verpflichtet sind. Ja, Gräfin. Sie lächelte mir zu/ Behalten Sie Ihr Geheimniß für sich, aber vergessen Sie nicht, daß ich Sie erwarte. Leben Sie wohl! Sie reichte mir nach halborientalischer Sitte die Fingerspitzen und verließ mich, um ihren Vater aufzusuchen. Ich wollte mich in der Menge verlieren und unbemerkt den Saal verlassen, aber Gaston de Lavenay hatte mich schon erblickt. Er legte seinen Arm auf den meinigen. Ich habe mit Dir zu sprechen, Marquis. Was willst Du von mir? Wir haben wieder etwas Neues über die Gräfin in Erfahrung gebracht. Was ist's? Sie hört jeden Sonntag Morgens vor Tagesanbruch in einer kleinen Kapelle, die mitten im Walde liegt, die Messe. Ein Gelübde zwingt sie dazu. So? sagte ich mit erheuchelter Gleichgiltigkeit. Leite 16 lllustrirtee wiener Litrsdlstt Nr. 9 Ein einziger Diener begleitet sie; Du begreifst also, daß dieser Augenblick günstig ist. Günstig? Für was? Nun, um sie zu entführen. Ganz richtig, stammelte ich verwirrt. Du bist ja seit einer Stunde ganz unzurechnungsfähig, Du scheinst ja bis zur Tollheit verliebt zu sein. Du doch auch l Zugegeben! Aber ich habe wenigstens an unser Uebereinkommen nicht vergessen, während Du . . . Ich scheine mich nicht daran zu erinnern, willst Du sagen? Ganz richtig. Ich machte eine gewaltsame Anstrengung und sagte dann: Entschuldige, aber mir ist etwas sehr Unangenehmes zugestoßen und mich beschäftigen jetzt ganz andere Dinge als unsere Liebesaffaire. Was hast Du denn? Ich habe auf dem Balle einen österreichischen Osficier bemerkt, den ich in Paris vor dem Ausbruch des Krieges kennen lernte, und ich möchte ihn aufsuchen. Ein Duell? Vielleicht. Aber es ist ja Waffenstillstand. Der erstreckt sich nicht ans Privatangelegenheiten. Die Veranlassung ist eine sehr Wichtige. Willst Du, daß ich Dich begleite? Das ist überflüssig, ich danke Dir. Auf Wiedersehen. Dank dieser Ausflucht befreite ich mich von Gaston's Gesellschaft; ich begab mich in das dichteste Gedränge hinein und es gelang mir, glücklich die Thür zu erreichen. Zehn Minuten später saß ich auf der Schwelle des kleinen Häuschens, das mir Haydse als den Ort des Rendezvous bezeichnet hatte. Ich wartete ungefähr eine Stunde in größter Bangigkeit. Weßhalb hatte die junge Ungarin mich hieher bestellt? Warum war cs ihr so wichtig, mich zu sprechen, und warum hatte sie nur zu mir Vertrauen? Zu der Aufregung, welche diese Erwägungen in mir erweckten, gesellte sich die peinliche Erinnerung an den schmachvollen Eid und an das unwürdige Spiel, zu dem ich meine Einwilligung gegeben hatte. Seit einer Stunde waren meine Freunde mir verhaßt geworden. Ich hatte die Empfindung, daß diese drei Männer zwischen ihr und mir eine unübersteigliche Schranke aufgerichtet hatten. Al? diese tnmultuarischen Gedanken marterten.mein Hirn, als ich von ferne eine menschliche Gestalt sich bewegen sah. Die Nacht war ziemlich dunkel und ich konnte nicht gleich unterscheiden, mit wem ich es zu thun hatte. Bald darauf hörte ich einen leichten Schritt auf dem gesrornen Boden uud es dauerte nicht lange, so konnte ich mich überzeugen, daß die Person, die auf mich zukam, weiblichen Geschlechtes war. Sie war in einen weiten Mantel gehüllt, dessen Kapuze auch ihr Gesicht verbarg. Ich glaubte, daß es die Gräfin selbst sei und ging ihr entgegen. Aber eine mir unbekannte Stimme fragte in schlechtem Französisch: Wer sind Sie? Ich bin der Marquis von Vilers. Gut denn. Sie werden erwartet. Wo? Folgen Sie mir. S i e konnte nicht selbst kommen. Die Unbekannte nahm mich bei der Hand und führte mich am Donanufer entlang gegen die Stadt hin, wo wir in ein finsteres Gäßchen einbogen. Wohin führen Sie mich? Kommen Sie nur, sagte die Frau. Wir gingen so eine Viertelstunde von Gasse zu Gasse, dann blieb meine Begleiterin plötzlich stehen. Ich versuchte, mich zurecht zu finden und zu erkennen, wo ich mich befand. Ich stand an der Schwelle einer mittelgroßen Thür, unter den Mauern eines Hauses von düsterem Aussehen. Eine zeitlang glaubte ich an eine mir gestellte Falle, aber ich gehörte nicht zu Denen, die sich leicht abschrecken lassen, und ich beschränkte Nr. 10 lUustrirtes wiener Lxtr»dtLtt Leite 17 mich blos darauf, unter meinem Mantel die Hand an den Degen zu legen. Die Frau hob den Hammer, der im Innern des HauseS ein dumpfes Geräusch verursachte; eine Minute verstrich, daun wurde die Thur geöffnet. Kommen Sie, wiederholte die Unbekannte. Ein dunkler Corridor nahm uns auf. Die Frau im Mantel faßte mich wieder bei der Hand und zog mich fort. In diesem Augenblicke kam mir ein wunderlicher Einfall. Vielleicht hatte irgend ein unglücklicher Nebenbuhler gehört, wie mir Gräfin Haydoe ein Stelldichein bewilligte, und wollte mich, von Eifersucht getrieben, in' eine Falle locken. Wie die Dinge aber nun standen, wäre ich bis an's Ende der Welt gegangen, und ich setzte deshalb unerschrocken meinen Weg fort. Wir waren am äußersten " Ende eines Corndors augelangt und standen jetzt vor einer Thur. Die vermummte Frau stieß die Thür auf und geblendet blieb ich an der Schwelle stehen. 7 . Haydee. Ich befand mich, stand weiter in dem Papier, an der Schwelle eines reizenden Boudoirs in französischem Geschmacke. Die Wände waren mit einem schweren Seidenstoff bekleidet, der auf Hellem Grunde buntes Gezweig und Vögel aller Arten aufwies. Zierliche Sessel, mit kostbaren Gobelins bedeckt, luden zum Sitzen ein und die Bilder und Statuetten, welche die Wände und kleine Seiten - tischchen schmückten, zeugten von auserlesenem Geschmack. Die vermummte Frau forderte mich auf, einzutreten und zu warten. Ich machte einige Schritte in dem Gemache, daS von zwei Armleuchtern, in denen je drei Wachskerzen brannten, erleuchtet war, und setzt: mich auf ein Sopha zum Kamin, in welchem ein lustige» Feuer flrckerte. »Ter Schwor »er Nirttzoriintter." Wenn ich wirklich in eine Falle gegangen bin, sagte ich zu mir, muß ich gestehen, daß Derjenige, der mir sie legte, zum mindeste» sehr artig dabei zu Werke gegangen ist. Kaum hatte ich dies gedacht, als im Hintergründe des Zimmers eine Portiere zurückgeschoben wurde. Ich erhob mich ungestüm und ein Ruf freudigster Ueberraschung entschlüpfte mir. Die schöne Ungarin war eingetreten und kam auf mich zu. Verzeihen Sie mir, redete sie mich an, daß ich zu dem Rendezvous, das ich Ihnen gab, nicht selbst gekommen bin. Die Schuld liegt nicht an mir, sondern an den Verhältnissen. Ich fürchtete, überrascht zu werden, und zog diesen Ort hier vor. Was liegt mir daran, sagte ich, da ich ja nun doch das Glück habe, Sie zu scheu. Ein trauriges Lächeln glitt über ihre Züge und sie fragte: Woher sind Sie gekommen? Von hier, antwortete ich, mich gegen die Mauer umwendend, erkannte aber jetzt mit Erstaunen, daß diese Mauer nicht die geringste Spur einer Thür auswies. Sie schlug die Portiere jetzt ganz zurück. Das hier ist mein Boudoir, sagte sie zu mir; es hängt mit dem Stadthause zusammen, daß wir in T. besitzen, aber statt durch diese Thür einzutreten, sind Sie durch eine andere gekommen, die nur mir allein und der Frau, die Sie hieherführte, bekannt ist. Ach Gott, fügte sie traurig hinzu, wissen Sie, daß, wenn man Sie hier fände, Sie verloren wären. Ich lächelte geringschätzig. Und ich mit Ihnen, fügte sie mit gesenkter Stirne hinzu. Jetzt erst wurde ich unruhig und sah mich ängstlich um. Gräfin Haydee setzte sich zu mir und sagte: Lassen Sie mich Ihnen wiederholen, Herr Marquis, daß Sie der einzige Mensch sind, zu dem ich Vertrauen habe. Dann gestatten Sie mir auch, mich als den stolzesten der Menschen zu fühlen. Ich wagte es, mich an Sie zu wenden, denn Sie sind ein Ehren ma.in und haben cS mir schon bewiesen. Leite 18 illv.8ti-irteg wiener üxtrabiatt Nr. 10 Gräfin . ; ? Ach, fuhr sie fort, Alle, die mich jung, schön, reich, von aller Welt verehrt sehen, müssen mich für sehr glücklich halten. Andere wieder, die mich alle Bewerbungen zurückweisen sehen, glauben, daß ich kein Herz habe. Ach, beide Theile sind im Jrrthum. Vor Ihnen allein will ich den Schleier lüsten, der mein Dasein umhüllt. Das junge Mädchen sprach mit würdevollem Ernst. Ich ergriff ihre Hand und führte sie ehrerbietig an meine Lippen. So schrecklich auch das Gcheimniß sein mag, das Sie mir mitzuthcilen haben ... Ich weiß, daß es bei Ihnen wie im Grabe ruht, unterbrach sie mich. Sprechen Sie, Gräfin. Herr Marquis, ich bin nicht die Tochter des Grafen ... Ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr mir. Auch bin ich keine Ungarin. Bei dieser Enthüllung war mein Erstaunen auf's Höchste gestiegen. Ich bin in Paris geboren und bin nicht Gräfin von Miugreli. Der Graf ist gar nicht mit mir verwandt, aber er liebt mich mit einer heftigen Neigung, die mir verhaßt ist und mich auf's Tiefste empört. Ach, mein Gott, rief ich erschrocken aus, was werde ich hören müssen! Sie schien mich verstanden zu haben, denn ihr Gesicht verdüsterte sich, während sie weiter sprach: Beruhigen Sie sich! Ich bin meiner würdig geblieben. Nachdem mich der Graf lauge als Vater geliebt hatte, bekam seine Neigung einen anderen Charakter; er wollte, daß ich seine Gattin werde. Aber, wie ich schon sagte, dieser halbwilde Greis flößt mir Abscheu ein und bis jetzt ist es mir gelungen, ihn in den Schranken zu halten. Aber ach, noch weiß ich nicht, was mir die Zukunft bringt, wenn man mir nicht zu Hilfe kommt. Ich werde Sie beschützen! rief ich begeistert. Ich danke Ihnen, sagte sie mit holdseligem Lächeln, aber hören Sie weiter. Ich blickte auf die Gräfin, deren Stimme zitterte. Sie fuhr fort: Hören Sie meine Geschichte. Ich heiße Haydee von Tresnoel und bin die Tochter des Grafen Armand von Tresnoel. Des ehemaligen Obersten? Ja. Aber ich habe ja unter seinem Commando gekämpft. Ich weiß es, sagte sie lächelnd. Fahren Sie fort, Gräfin, und sagen Sie mir ... Geduld ... Mein Vater hatte sich lange in Oesterreich aufgehalten. Hier hatte er den Grasen von Mingreli kennen gelernt und innige Freundschaft mit ihm geschlossen. Eines Tages, ich war damals zehn Jahre alt, kam der Graf nach Paris, um meinen Vater zu besuchen. Als er meiner ansichtig wurde, stieß er einen furchtbaren Schrei aus. Ich glich zum Verwechseln einem Kinde, das der Unglückliche vor sechs Monaten verloren hatte. Bei ihm sind alle Neigungen excentrischer Natur; er hatte seine Tochter leidenschaftlich geliebt und so erfaßte ihn auch zu mir, die ich ihr merkwürdig ähnelte, eine heiße Zuneigung. Ein ganzes Jahr blieb er in Paris. Er wohnte bei meinem Vater, er lebte mit uns, er wich nicht mehr von meiner Seite. Er hatte in mir seine Tochter wieder- gefnnden. Mein unglücklicher Vater siel, wie Sie wissen, in einem Duell, fuhr das junge Mädchen in ihrer Erzählung fort. Meine Mutter hatte ich schon früher verloren. Nach dem Tode meines Vaters sollte ich der Obhut meiner Verwandten übergeben werden. Der Graf nahm mich nun zu sich» aber er that es unter einer Bedingung, die für mich verhängnißvoll werden sollte. Er adoptirte mich nicht, sondern ließ mich einfach für seine Tochter gelten, Dank der täuschenden Aehnlichkeit, die ich mit der Verstorbenen besaß. In Ungarn hält mich Jeder für seine Tochter und nur unter diesen Umständen kann er mir sein ungeheures Vermögen znsichern, falls er mich nicht heiratet. Xl-. 10 Illustrirtes Wiener Leite 19 Das junge Mädchen hielt einen Augenblick inne und blickte mich schweigend an. Sie war bewegt und eine Thräne hing an ihrer Wange. Also, nachdem er Sie als Tochter geliebt hat... Mochte er mich zu seiner Gattin machen. Dieser Greis! rief ich entrüstet. Zur Zeit, wo er mir zum ersten Male seine Liebe hätte gestehen können, war ich fast noch ein Kind. Ich liebte ihn mehr als Alles ans der Welt und hätte in Alles gewilligt, was er von mir verlangt hätte, aber seither . .. Sie hielt ein zweites Mal inne und seufzte. Zum zweiten Male fühlte ich, ich wußte selbst nicht warum, ein süßes Erschrecken. War es eine Ahnung? Ein Name und ein Geständnis; schwebten auf ihren Lippen, aber sie bezwang sich und sagte kurz und abgebrochen: Würden Sie glauben, daß die Leidenschaft, die der Graf für mich fühlt, so heftig ist, daß seine Eifersucht jeden Tag, jede Stunde meines Lebens vergiftet. Eines Tages machte mir ein Husarenofficier einen Heiratsantrag. Der Graf wies ihn ab. Der junge Mann wagte es, mir zu schreiben, ja mehr noch, er strich unter meinen Fenstern herum. Eines Morgens fand man ihn todt in einem der Schloßgräben. Der Graf hatte ihn in der Nacht getödtet. Welche Scheußlichkeit! rief ich. Ein anderes Mal, erzählte das junge Mädchen weiter, wagte es der Tyrann, mir zu sagen: Du willst durchaus nicht meine Frau werden . . . Gut, Du sollst aber auch keinen anderen Gatten haben; ich werde Jeden tödten, der es wagt, seine Blicke zu Dir zu erheben. Haydee stockte, und eine Thräne rann langsam über ihre Wange. Ich ergriff mit beiden Händen ihre Rechte, die sie mir widerstandslos überließ. Wolan, was soll ich thun? Was erwarten Sie von mir? Netten Sie mich, sagte sie leise. Ich stieß einen Schrei aus. Erinnern Sie sich, licß sich Haydee wieder vernehmen, des Abends, wo ich mich in die Oper begab und Sie mein Lebensretter wurden? Ja. Nun, seither . ^ I Sie wurde verwirrt, ihre Stimme zitterte und ihre Augen hefteten sich zu Boden. Sagen Sie mir Alles» ich beschwöre Sie darum, rief ich außer mir. Nun, an jenem Abende wurde eS mir klar, daß ich nie die Gattin des Grafen werden konnte. Die letzten Worte des jungen Mädchens hatten mir den Himmel aufgethan. > Sie liebte mich! Haydee und ich saßen zwei Stunden beisammen und tauschten süße Schwüre aus. Wir entwarfen den Plan zur Flucht, denn ich wollte Haydöe um jeden Preis der Tyrannei des Grafen entziehen, sie nach Frankreich führen und sie zu meiner Gattin machen. Ich hatte den schmachvollen Vertrag vergessen, der mich an die Rothmäntler band. 8 . Verrath an den Freunden. Der Zeiger auf der Pendeluhr, fuhr Tony zu lesen fort, wies auf 3 Uhr Morgens und entriß das junge Mädchen und mich unserem überschwänglichen Glücke. Sie müssen nun fort, sagte sie, der Graf ist noch auf dem Balle geblieben und spielt, aber er wird über kurz oder lang zurückkommen und mich dann rufen lassen. Wann sehe ich Sie wieder? Ach! Der abscheuliche Krieg! murmelte sie dumpf. Der Waffenstillstand geht mit Tagesanbruch zu Ende. Es ist aber unmöglich, daß wir bis nächsten Sonntag warten. Gewiß. Bezeichnen Sie mir einen Oct, wo ich Sie morgen Wiedersehen könnte. Hier zum Beispiel. Was fällt Ihnen ein! Leits 20 Hluztrirtes IVleasr LrtrLblLtt Nr. 10 Ich werde schon Gelegenheit finden, unbemerkt in die Stadt z» gelangen und sie ebenso zu verlassen. Gut dann, auf morgen. Ich wiederholte ihre Worte, indem ich ihr traurig die Hände küßte. ^ Als ich einen Schritt gegen die geheimniß- volle Thür gemacht hatte, rief sie mich zurück. Bald hätte ich an den Zettel vergessen, den Ihre Freunde mir anvertrauten. Die Erinnerung daran kam mir wieder und ließ mein Blut erstarren. . Ach, das ist ja ein bloßer Scherz, stammelte ich, aber dessenungeachtet können Sie ihn bis morgen hier behalten und ich werde Ihnen dann Alles sagen. Sie führte mich bis zur Thür, die sich geräuschlos öffnete. Wir tauschten Abschiedsküsse aus und ich stand Plötzlich im Finstern. Kommen Sie, sagte eine Stimme zu mir, die ich als diejenige der vermummten Frau erkannte, und fragte dann, ob ich den Weg wieder finden würde. Gewiß, antwortete ich, gute Nacht! Ich wendete mich dem Hause des Magnaten zu, wo noch immer getanzt wurde. Als ich eintrat stand ein Mann an der Schwelle der ersten Salons — es war Gaston de Lavenay. Man sucht Dich überall, redete er mich an, und Maurevailles behauptet, daß Du ein Rendezvous mit der schönen Gräfin gehabt hast. - Ich wurde aschfahl. Maurevailles irrt sich, brachte ich endlich mühsam hervor. In diesem Augenblicke bemerkte ich ihn am Arme Lacy's auf uns zukommen. Ich machte eine gewaltsame Anstrengung, meiner Aufregung Herr zu werden und warf dann nachlässig hin: Wo, zum Teufel hast Du gehört, daß ich ein Rendezvous mit der Gräfin hatte? . Das war ein Scherz, antwortete Maurevailles, aber Du bist schon auf so gutem Fuße mit ihr, daß wir wirklich ein bischen eifersüchtig sind. ES wurde mir klar, daß ich um jeden Preis den Argwohn meiner Freunde beschwichtigen mußte, und sagte deshalb lächelnd: Ich arbeite für daS allgemeine Wohl, meine Herren. . Das wird aber dann sehr traurig für Dich sein, wenn Du nicht der Auserwählte bist, murmelte Lacy. Ich muß mich fügen .. I Jetzt aber, meinte Maurevailles, wäre es doch gut, wenn wir uns eingehender damit beschäftigen würden, wie die Entführung in's Werk zu setzen wäre. Bei dem niederträchtigen Vorschläge, die Gräfin zu entführen — das Mädchen, das ich schön so innig liebte, erbleichte ich und fühlte den Boden unter mir wanken. Gaston de Lavenay zeigte uns jetzt an, daß er schon Etwas wisse. Laß hören! Ich sagte Dir schon, daß wir die Gräfin nächsten Sonntag, wenn sie die Messe in der kleinen Kapelle im Walde hört, entführen sollen. Bis zum nächsten Sonntag ist's aber noch sehr lange, wendete Maurevailles ein. Und was geschieht dann, .fragte Mare de Lacy. Wir bringen sie in's Lager. Und dann? Dann erklären wir, daß wir sie alle Vier lieben, und bitten sie, den Zettel anzuschauen und uns zu sagen, wen daS Los zu ihrem Gatten bestimmt habe. Wie, wenn Sie aber einem von uns den Vorzug gäbe, warf ich jetzt ein. Umso schlechter für sie, eine entführte Frau kann nur den heiraten, der sie entführt. Ein französischer Osficier trat auf uns zu mit der Meldung, daß cs an der Zeit wäre, in's Lager zurückznkehren. Ich gehe schon, antwortete ich, und versichere Sie, daß ich sehr gerne unter meinem Zeltdache schlafen werde. Der Officier, der sich unS genähert hatte, war noch ganz jung und in einem burgundischen Regiment Cornet; er war in der Armee noch fremd, kannte wenig Leute und war deshalb erfreut, sich uns anschließen zu können. Seine Gegenwart hinderte uns, die Entführung weiter zu besprechen. Wir verließen Alle den Ballsaal. Vor Tagesanbruch wendeten wir der Stadt den rlr. 11 Llllstrlrtss ^Vioasr LrtrLbI»tt Zelts 21 Rücken und eine Stunde später waren wir im Lager. Unterwegs zog ich den Cornet heimlich bei Seite und flüsterte ihm zu: Ich bitte Sie um eine Gefälligkeit. Ich stehe zu Ihren Diensten. Vor Allem, können Sie schweigen? Gewiß, wenn ich mein Wort gebe. Wolan, so geben Sie mir Ihr Wort, daß das, was ich jetzt von Ihnen verlangen werde, ans ewig ein Geheimniß zwischen uns bleiben wird. Hier mein Wort. Unser Regimentschef, der Marquis von Langevin, hat heute einen Gichtanfall bekommen und ist noch T ... abgereist. Ich weiß. Sie sind mit ihm entfernt verwandt? Er ist ein Cousin meiner Mutter. Ihr verwandtschaftliches Verhältniß verschafft Ihnen wol jederzeit Zutritt in sein Zelt? Beinahe. Gut denn, suchen Sie den Marquis gleich beim Kommen auf und sagen Sie ihm: General, der Marquis von Vilers hat Sie um eine Gunst zu bitten. Wollen Sie die Güte haben, ihn gleich durch einen Ihrer Adjutanten rufen zn lassen, wie wenn es sich um dienstliche Angelegenheiten handelte, etwa um Depeschen, die aus Frankreich angekommen sind. Es soll nach Ihrem Wunsche gehen, antwortete bereitwillig der Cornet. In der That war ich kaum in das Zelt zurückgekommen, das ich gemeinsam mit meinen drei Freunden bewohnte, als ein Adjutant des Marquis von Langevin bei uns erschien. Herr von Vilers, redete mich dieser an, der General hat aus Frankreich wichtige Nachrichten erhalten, die Sie angehen. Ich spielte den Erstaunten und folgte dem Officier. Meine Freunde schöpften nicht den geringsten Verdacht. Der Generaloberst Marquis von Langevin wurde viel von der Gicht geplagt und hatte gerade heute einen Anfall seines Leidens, der ihn bettlägerig machte. War zum Teufel wollen Sie denn von mir, redete er mich in seiner brttEn Art an, als' er meiner ansichtig wurde. »Der Schwur »er Roth«S«tler." Ich bin gekommen, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, Herr General. Lassen Sie hören, Marquis, antwortete er freundlich. Eine Gefälligkeit, wiederholte ich, die mir so wichtig ist, daß ich im Nothfalle mein Leben dafür hingeben würde. Ja, zum Henker, Sie machen mich neugierig. Brauchen Sie mich nothwendig in T .. . ? Nun, meinte der Marquis, nicht mehr als jeden Anderen. Könnten Sie mir einen Urlaub geben? Ohne Umstände. Auf zwei Monate? Meinetwegen. Ich brauche nur meinen Secretär zu rufen. Ich bitte, das nicht zu thun. Wie meinen Sie? fragte erstaunt Herr von Langevin. Darauf erklärte ich dem General, daß ich, wenn ich das Lager verlasse, dies in einer wichtigen Sendung habe thun müssen. Weßhalb diese Geheimnißthuerei? forschte Marquis. Die Ehre einer Frau ist hier im Spiele. Der Marquis war Cavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn es sich um eine Dame handelt, sagte er, bestehe ich nicht länger darauf. Näheres zu erfahren. Behalten Sie Ihr Geheimniß für sich und reisen Sie mit Gott. Das ist aber noch nicht Alles, General, sagte ich zögernd. Was wollen Sie noch? Ein Paar Worte für Major Bergheim, der den Oberbefehl in F ... hat. Das Wichtigste für mich ist, mich dort unbehelligt drei Tage aufhalten zu dürfen, ohne als Feind behandelt zu werden. Der Marquis ließ sich Papier und Feder bringen und schrieb folgenden Brief: „Herr Major! Einer meiner Officiere, der gleichzeitig mein Freund ist, hat in Jugersheim sein Herz verloren; er braucht drei Tage, um es wiederzufinden, und ich verpfände mein OfficierSehren- wort, daß seine Angelegenheit mit dem Dienste gar Nichts zu thun hat. Leite 22 lUustrirte» Wiener LxtrLdintt ^r. 11 Ich zeichne mich, Herr Major, als Ihr za uz ergebenster Marquis v. Langevin, Generaloberst und Platzcommandant." Auf diesen Brief hin können Sie in Jngersheim ganz nach Ihrem Belieben leben. Ich danke, Herr General. Es ist wol überflüssig, zu fragen, ob ich über diese Angelegenheit Schweigen beobachten soll? Absolutes Schweigen, wenn ich bitten darf, Herr General. Gehen Sie, lieber Freund, Sie haben mein Wort. Ich verabschiedete mich von dem General und kehrte zu meinen Freunden zurück. Meine Herren, rief ich ihnen zu, die Nothmäntler werden jetzt auf drei zusammen- schrumpfen. Wieso das? fragte Maurevailles. Ich reise ab. So! Ja, und zwar gleich jetzt, mein Pferd wird schon gesattelt. Ah! Und wohin geht die Neise? Das ist ein Gcheimniß zwischen und dem General. Gehst Du auf lange fort? Das weiß ich noch nicht. Bis zur Belagerung von Jng^rsdeiu, y.-iteii wir einander wie Brüder geliebt. Wir standen in der Schlacht neben einander und waren nicht im Stande, von einander getrennt zn leben. Jetzt aber leuchtete es freudig in den Augen meiner Kamradeu auf, als sie von meiner Abreise erfuhren. Sie sahen in mir nicht mehr den Freund, sondern ich war nur noch der Rivale. Ich entfernte mich und ihrer Meinung nach hatt-m sie jetzt freien Spielraum. Pah auf! sagte Gasion von Lavenay, wenn Du bis zum Sonntag nicht hier bist, entführen wir die schöne Ungarin. Ich kann bis dahin noch nicht zurück sein, aber ich rechne darauf, daß, wenn das LoS mich bezeichnet hat.., Wir unfern Schwur halten werden, sagte Maurevailles, da kannst Du ruhig sein. Diese Worte verursachten mir vorübergehende Gewissensbisse. Mar ich nicht nahe daran, meine Kameraden zu verrathen? Aber ich hatte eine Entschuldigung: Gräfin Haydee liebte keinen von ihnen, sie liebte ja nur mich! Ich hatte im Lager einen Kammerdiener mit Namen Joseph bei mir, der noch immer in meinem Dienste steht und mir mit beispielloser Treue ergeben ist. Joseph hatte mein Pferd gesattelt, meinen Handkoffer befestigt und begleitete mich. Eine halbe Stunde später war ich wieder in F.. .. Als ich mich der Vertheidigungs-Linie näherte, steckte ich mein Taschentuch an die Spitze meines Degens, mich auf diese Weise als Parlamentär ausweisend. Das Thor Jngersheims öffnete sich mir, als ich den Brief des Generals vorwies, der für den Platzcommandanten bestimmt war. Major Bergheim ließ mich sogleich vor; er öffnete den Brief, las ihn einige Male und blickte mich schließlich lächelnd an. Ich wollte wetten, sagte er, daß mir Ihr Geheimniß zur Hälfte bekannt ist. Ich fuhr zusammen. Ah, weuu's das ist, was ich glaube, fuhr er fort, so können Sie gewiß sein, daß ich Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen werde. Ich schwieg hartnäckig. Lange schon, ließ sich der Major wieder vernehmen, wünsche ich dem Grafen von Mingreli ein kleines Mißgeschick. Ein leichtes Roth färbte bei Nennung dieses Namens meine Wangen. Major Bergheim war ein alter Galan, der in Wirn bei Frauen viel Glück gehabt hatte und auch in Paris, wo er in seiner Jugend der Gesandtschaft zugethcilt gewesen war, manches galante Abenteuer bestanden hatte. Man konnte stets auf ihn zählen, wenn es galt, bei einem Liebrshandel Vorschub zu leisten. Mit mir können Sic schon aufrichtig sprechen, sagte er ermunternd. Ich weiß Alles und bin stumm wie das Grab, ich sehe Alles nuü drücke die Augen zu. Xr. 11 lUuZtrirtes bleuer Dxtr»blLtt Sott« 29 So ist mir auch nicht entgangen, daß Sie vergangene Nacht sich rasend in Gräfin Haydöe verliebt haben. Herr Major! Machen Sie sich Nichts daraus, ich werde Sie nicht verrathen. Ich verabscheue den Grafen und wünsche Ihnen bei seiner Tochter recht viel Glück. Ich dankte dem Major für seine freundliche Gesinnung und bat ihn, mich verabschieden zu dürfen. Mit einem Geleitsbriefe versehen, logirte ich mich in einem Hotel der Vorstadt ein, wo ich mich schleunigst umkleidete und mir ein ganz anderes Aussehen gab. Ich nahm einen falschen Bart um, legte die Tracht eines ungarischen Bauers an, und Dank meiner Kenntniß der ungarischen Sprache gab ich mich für einen reichen Grundbesitzer aus dem Banat ans, welcher nach F . . . gekommen war, um seinem Lchensherrn seine Stenern zu ' entrichten. Tagsüber beschäftigte mich der Gedanke, wie ich die schöne Ungarin am leichtesten der Tyrannei des Grafen entziehen könnte. Bei Einbruch der Nacht begab ich mich unter dem Schutze meiner Verkleidung in die dunkle Straße, durch die ich schon einmal zu dem jungen Mädchen gegangen war. Die vermummte Frau erwartete mich wieder an der Thürschwelle, und wie das vorige Mal zog sie mich durch den dunklen Corridor bis zu dcr geheimen Thür, die in's Boudoir der Gräfin führte. 9. Das Geheimnis ves Marquis. Das junge Mädchen erwartete mich mit Ungeduld. Als sie meine Stimme hörte, ließ sie einen Freudenschrei vernehmen, der mir in die Seele drang. Ah! Kommen Sie schnell, rief sie 'mir entgegen, ich habe gute Neuigkeiten! Sprechen Sie, erwiderte ich, ihr die Hand küssend. Der Graf verreist. Wohin denn? Nach Wien, wohin ihn der Kaiser berufen hat. Und er nimmt Sie nicht mit? Er wollte es anfangs; allein heute Früh gab ich vor, krank zu sein. . . . Und er willigt ein, daß Sie hier bleiben? Das nicht, er schickt mich in sein Schloß an der Donau, wohin ich in Begleitung meiner Gouvernante und eines seiner Diener, in welchen er unbedingtes Vertrauen fetzt, noch heute gehen soll. Ich sehe aber noch immer nicht . . . Die Gouvernante ist die Frau, welche Sie hieher geführt hat. Aber der Diener? Ich habe ihn mit Gold erkauft; er wird unsere Flucht begünstigen. Das trifft sich ausgezeichnet, beeilte ich mich nun zu erklären; ich für meinen Theil habe Alles für dieselbe vorbereitet. Eine Barke, welche uns die Donau hinabbringen wird, ist bereits gemiethet. Zwei Bulgaren werden die Bemannung bilden . . . Aber, warf sie ein, wohin uns wenden, wenn wir den Fluß verlassen. Vor Allem nach der Türkei, damit man . unsere Spur verliert. Und dann? Nach Frankreich. O! Paris, rief sie mit naivem Enthusiasmus, Paris!... Das Paradies meiner Träume! Dort will ich leben. Ich verließ Haydee erst gegen drei Uhr Morgens. Am nächsten Morgen reiste der Graf nach Wien und seine vorgebliche Tochter bestieg mit ihrer Gouvernante eine Sänfte, um nach dem Schlosse an der Donau gebracht zu werden. Eine Meile von K . . . . wurde die Sänfte angehalten. Die Straße kreuzte hier den FE nnd eine Barke lag im Schilfe verankert. Vier Männer in der Tracht ungarischer Bauern hielten am Ufer. Es waren die beiden bulgarischen Schiffer, ich und mein' Diener. Der 8sits 24 lüugtrlrtss Wisosr Lxtr»b!»tt r^r. 11 Begleiter Haydöe's ließ dieselbe ohne Widerstand die Barke besteigen und entfernte sich mit den Sänftenträgern. Wir Anderen schifften uns gleichfalls ein und fuhren stromabwärts bis in die Nähe der Mündung. In einem wallachischen Hafen fanden wir ein französisches Handelsschiff, ' welches die Segel nach dem Bosporus gelichtet hatte. Wir bestiegen dasselbe und landeten zwei Monate später in Marseille. Bald darauf waren wir in Paris. Ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln erfuhren meine Freunde dennoch, daß ich sie verrathen und Haydöe entführt hatte. Wir lebten in geheimer Ehe, verborgen und von aller Welt zurückgezogen. Nach vier Jahren war ich unvorsichtig genug, meine Heirat öffentlich bekannt zu machen. Ich glaubte nicht, daß meine drei Freunde in Fräulein Haydoe de TreSnoel, nunmehriger Marquise de Vilars, die junge ungarische Gräfin von Mingrelien erkennen würden. Ich habe mich schrecklich getäuscht . . . Vor acht Tagen erhielt ich in mein Hotel auf der Insel St. Louis folgendes Schreiben zugeschickt, welches ich wörtlich hiehersetze: „Marquis k Erinnerst Du Dich noch an Jngersheim? Dein plötzliches Verschwinden erweckte den Verdacht in uns, daß Du uns verrathen und die Gräfin Haydee entführt habest. Heute haben wir die Gewißheit Deines Verrathes und Du kannst unseren Besuch erwarten. Wir, Deine früheren Freunde, haben einen neuen Eid geschworen, den Eid r Dich zu tödten. Gasion von Lavenah reist als der Erste nach Paris. Erwarte ihn in acht Tagen. Wenn Gaston nicht reuffirt, so wird Marc kommen und nach Mare erscheine ich auf dem Plane. Manrevailles." Ich kenne sie. Sie werden kommen und ich erwarte sie! Es ist ein Unglück, mein Freund, aber ich kann es nicht ändern. ES gibt nur ein Mittel für mich, um mit meiner Frau und ihrer jungen Schwester, welche in Paris geblieben war und nunmehr bei unS wohnt, in Frieden leben zu können. Ich muß diese drei Männer tödten, einen nach dem andern ... Haydöe weiß von Nichts." Hier endete das Manuskript, welches die Unterschrift des Marquis von Vilers trug. Einen Augenblick war der Commis der Frau Baronin ganz vernichtet. Die Zeilen, die er soeben gelesen hatte, hatten so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, daß er sich wiederholt fragte, ob er nicht träume. Dann erwachte seine jugendliche Phantasie und gleichzeitig fühlte er, daß ihn die letzten Stunden zum Manne gereift hatten. Er dachte darüber nach, wie schön wol die Gräfin sein müsse, da sie von den vier Officieren so heiß begehrt worden war und wie nothwendig ihr wol ein männlicher Schutz sei. Wer wird den Marquis rächen, sagte er sich, dessen Tod ich mitangesehen habe, und wo soll ich den Baron finden, dem die Aufzeichnungen des Marquis zugedacht waren. Plötzlich schlug sich Tony an die Stirn. Er erinnerte sich, daß diese ganze lange Zeit über Herrn von Vilers' Leiche im Straßenkoth der Place Royale lag. Er öffnete rasch die Thür de- kleinen Gemaches und nahm die Schatulle mit sich. Im Corridor begegnete er dem alten Kammerdiener, der sich die Augen wischte und übermenschliche Anstrengungen machte, um nicht laut zu schluchzen. Tony versuchte den alten Mann aufzurichten. Ach, mein junger Freund, seufzte der treue Diener, es gehört viel Muth dazu, um das zu tragen, was mir zugestoßen ist. Sie haben keine Ahnung davon, wie gut mein Herr war! Um seinen letzten Wunsch zu erfüllen, habe ich die Kostüme für den Opernball meiner Herrin gebracht, aber ich fürchtete jeden Augenblick, daß meine Thränen mich verrathen würden. ES ist nothwendig, daß Sie mir Muth zusprechen, in meiner Lage brauche ich ihn wahrhaftig, sagte bekümmert der alte Mann. Und Sie werden ihn noch nöthiger haben, mein armer Freund. Sie begreifen, daß zwei ^ 12 IUa8tr!rie» «Vleaer LrtrLblatt 8eits 25 anständige Damen nicht allein auf den Opernball gehen können. Legen Sie das Kostüm an,- lieber Joseph, das für Ihren Herrn bestimmt war, und begleiten Sie Ihre Gebieterin. ^ Wollen Sie denn, daß ich unterwegs zusammenbreche? stöhnte der Alte. - Ich will gar Nichts und habe auch gar nicht das Recht, zu fordern, sagte Tony. Ich beschränke mich blos darauf, Sie um den Schutz der Dame zu bitten, die ihren rechtmäßigen Beschützer verloren hat. Diese Worte wurden in so überzeugendem Tone vorgebracht, daß Tony sich ihrem Eindruck nicht entziehen konnte. Sie haben Recht, ich werde thun, was Sie von mir verlangen. Gut denn, auf morgen! Wie der Marquis es wünschte, komme ich erst morgen, um- der Marquise die furchtbare Neuigkeit mitzutheilen, nachdem sie noch das letzte Vergnügen ausgekostet hat, das ihr begehrenswert!) erschien. Der junge Mann entfernte sich in der Richtung gegen die Place Royale; er wollte die Leiche bis zum nächsten Tage bei Frau Marion lassen. Zn seiner größten Ueberraschung befand sich ans dem sonst so menschenleeren Platze eine große Menschenmenge. Das Hans, in dessen unmittelbarer Nähe der Marquis den todbringenden Haß empfangen hatte, war beleuchtet und zahlreiche Gruppen umstanden in lebhafter Unterhaltung die geöffnete Thür. Tony kam näher und horchte. In Paris ist man wahrhaftig nicht mehr seines Lebens sicher, meinte rin ehrsamer Bürger, bedächtig den Kopf schüttelnd. Es soll aber ein Duell gewesen sein, warf rin Anderer ein. Und ich behaupte, daß ein Mord vorliegt, sagte wichtig der Erste. Instinktiv dacht.- Tony, daß es für ihn ein Gebot der Klugheit sei, zu schweigen. Wenn ich irgend eine Aenßirung thue, schleppt mich die Polizei mit und hält mich mit Kreuz- und Querfragen ans und ich habe Loch noch eine Pflicht zu erfüllen. Er wand sich bei den Vers hiedenen Gruppen durch und sing bie und da ein Wo:t auf. Nach cv Ech« >>r rer Ä r." einigen Minuten hatte er in Erfahrung gebracht, daß die Leiche deS Marquis von einigen Passanten aufgefunden worden war und diese die Bewohner der Place Royale alarmirt hätten, und daß die Leiche gerade nach der „Todtenhöhle" transportirt worden war. „Todtenhöhle" hieß man damals die heutige ' Morgue und diese befand sich in dem Souterrain des Chatelet-Gefängnisses. > In TonyS Alter hat man noch flinke Beine und Tony kam im Chatelet gleichzeitig mit den Trägern an. Ein Gedanke beunruhigte ihn. Wie wenn man in den Taschen des Marquis ein Papier fand, das Aufschluß über den Todten gab? Man würde sich beeilen, der Marquise in brutaler Weise von dem Unglücksfalle Mittbeilnng zu machen. Das mußte um jeden Preis - verhindert werden. Es gelang ihm, unbemerkt von den Po- licisten hinter diesen in die „Todtenhöhle" zu schlüpfen und vor einer der zahlreichen Trag« bahren, die im ersten Saale aufgestellt waren, wartete er, bis sich die Polizei entfernt hatte. Nachdem der Wächter sie mit einem Lichte in der Hand bis zur Thür geleitet hatte und diese verschließen wollte, suchte Tony, um ihn nicht zu schrecken, sich durch ein leichtes Hüsteln bemerkbar zu machen.j Der Wächter hob den Kopf und blickte sich um. Tony hustete stärker. Ter Aufseher trat in seine Loge, wo seine Frau stch schon zur Ruhe begeben hatte und forderte sie auf, auf das sonderbare Geräusch zu achten, das er vorhin vernommen hatte. Wieder versuchte Tony, die Aufmerkscrinkeit der beiden Eheleute auf sich zu lenken. Am Ende ist der Herr, den man hieher gebracht hat, gar nicht todt, meinte die Frau. Soll ich vielleicht aufstehen. Die gute Frau schien in der Tha.t in den Muth ihres Gatten kein sonderliches Betrauen zu sitzen, aber Frau Manon's Commis, der ihr eine Erkältung ersparen wollte, verließ sein Versteck und zeigte sich schüchtern an der Logenthür. Zu Hilfe! schrie der Aufseher. Fürchten Sie Nichts, beruhigte ihn Tony, ich führe nichts Böses im Schilde. 8o!ts 26 vlustrirtss Mvnvr Litr»blLt( Nr. 12 ^ Der Junge sieht ja ganz nett aus, meinte die Aufsehersfrau. Wir können ihn schon au- hören. Nachdem ihnen Tony erklärt hatte, wie er hieher gekommen war, fügte er hinzu: Ich kenne den Edelmann, den man vorhin in die „Todtenhöhle" gebracht hat. Schon recht, brummte der Aufseher, aber um diese Stunde werden keine Angaben gemacht. Ich bin ja auch gar nicht deshalb gekommen. Was wünschen Sie also denn? Aus ganz besonderen Gründen darf die Frau Marquise, die Gattin des Verstorbenen, seinen Tod nicht erfahren, bevor ich Sie nicht davon verständigt habe. O! der Todte ist ein Marquis! rief die Aufsehersfrau. Ja, und noch dazu ein sehr reicher. Ich verspreche Ihnen im Namen der Gattin eine bedeutende Summe, wenn Sie es so einzurichten wissen, daß man die Identität der Leiche vor morgen Mittag nicht feststellt. Bedenken Sie doch, wenn man ihr ihn so plötzlich daherbringt! Stellen Sie sich den Schmerz der armen Frau vor, die ihren Gatten vollkommen wol glaubt. Tony führte so ausgezeichnete Argumente in's Treffen, die er durch lockende Versprechungen unterstützte, daß das Ehepaar, von dem Wunsche getrieben, ein vortheilhaftes Geschäft zu machen und gleichzeitig eine gute That zu vollbringen, in Alles willigte, was man von ihm verlangte. Noch eine letzte Bitte, fügte der junge Mann hinzu. Erlauben Sie mir, ihn noch einmal anzusehen. O, das ist leichter, als das andere, meinte zustimmend der Ausseher, der in der Aussicht auf reichliche Belohnung seine Dienste zu überschätzen begann. Er ließ den jungen Freund des Marquis in die Todtenhöhle treten. Auf den Steinfliesen ruhte neben fünf oder sechs Leichen der Unglückliche, in dessen Geheimnisse Tony eingeweiht worden war. Leichenblaß, mit noch geöffneten Augen hatte des Marquis' Gesicht den Ausdruck der Sanftmuth und Güte beibehalten, der auf den Zeugen seiner letzten Stunde einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte. Tony drückte ihm die Augen zu, dann umarmte er ihn und kniete vor ihm nieder. Während seines kurzen Gebetes schien ihm eine Eingebung von oben gekommen zu sein. Ich weiß jetzt, rief er fast laut, indem er aufsprang, wer Deine Witwe beschützen und Dich selbst rächen wird! Ich will es selbst sein. Und indem er die Hand gegen die Leiche ausstreckte, sagte er feierlich r Ich gelobe es Dir. Dann drückte er noch einen letzten Kuß auf die bleiche Stirn des Getödteten, dankte noch einmal dem Aufseher und entfernte sich aus der Todtenhöhle. Eine Viertelstunde darauf trat Tony in das Zimmer der Frau Marion und erklärte ihr, daß er jetzt bereit sei, den Opernball zu besuchen. Die Maskenverleihcrin stieß einen Freudenschrei aus. Die gute Frau hatte keine Ahnung von den düsteren Ereignissen, die sich daselbst abspielen sollten und sie beeilte sich so sehr mit ihrer Toilette, daß es ihr sogar entging, wie ihr Commis sich zu einer alten Truhe hinschlich, zu der er den Schlüssel immer bei sich trug und dort das Kästchen verwahrte, mit dem er gekommen war. 10 . Tonys erster Ball. Ein Opernball war in der Zeit, wo unsere Geschichte spielt, das Rendezvous des Hofes und der vornehmen Bürgerschaft. Die Zugänge zur Oper waren an diesem Abende von Sänften, Kutschen und einer dichten Menschenmenge belagert. Zwei Sänften erschienen fast gleichzeitig und hielten vor der Vorhalle. Zwei junge Damen und ein allem Anscheine nach alter Mann, der sich in seiner Verkleidung unbehaglich zu fühlen schien, entstiegen der einen, während ein noch ganz junger Mann in Gesellschaft einer beleibten Dame der zweiten Sänfte entstieg. Nr. 12 Illustrirtes Wiener LxtrsdlLtd Leite 27 l Die beiden jungen Damen und ihr Begleiter trugen Kostüme, welche der beleibten Frau und ihrem Begleiter bekannt waren, denn sie stammten aus dem Laden Frau Marions und der in Rede stehende junge Mann war Niemand anders, als unser Freund Tony. Aber Tony hatte sich verwandelt. Statt seiner gewöhnlichen Kleidung trug er einen goldgestickten Rock, eine geblümte Weste und seidene Beinkleider. Sein Haar war gepudert und den Dreispitz hatte er unter dem Arme. Er hatte ganz und gar das Aussehen und die Manieren eines echten Cavaliers. Für alle Jene, welche ihn eintreten sahen, war Tony ein blasirter Aristokrat, der es für überflüssig hielt, sich zu maskiren, und auf den Ball gekommen war, um Eroberungen zu machen. In der Frau, der er den Arm gab, wird der Leser längst schon Frau Marion erkannt haben. Frau Marion hatte, wie es ursprünglich beschlossen worden war, das Kostüm einer Marquise gewählt. Ihre Arme waren bis zu den Schultern entblößt und eine ganz kleine Gesichtstarve ließ ihre schönen Zähne sehen und gab die glänzenden Augen und das schelmische Grübchen frei. Tony führte sie in den Saal. Frau Marion sah ihn an und fand ihn reizend. Du siehst wahrhaftig wie ein Cavalier aus, sagte sie freudestrahlend. Ich werde stolz sein, mit Dir tanzen zu können, fuhr Frau Marion fort. Schon? meinte unvorsichtig Tony. Das Wort schien die empfindliche Frau schmerzlich zu berühren. Wie? sagte sie, Du willst mich schon verlassen ? Jetzt noch nicht, aber . . . Ach, siehst Du, ich bin auf meinen Cavalier etwas eifersüchtig. Frau Marion zeigte ihre weißen Zähne, entfaltete ihr kokettestes Lächeln und, wahrscheinlich zum ersten Male in ihrem Leben, warf sie glühende Blicke auf ihren jungen Freund. Frau Marion, sagte Tony ganz leise zu ihr, ich will ja gerne mit Ihnen tanzen. Sehen Sie, dort wird gerade ein Mrnuet arrangirt. Frau Marion nahm die Hand ihre Commis und flüsterte ihm zu: Nimm Dich in Acht und nenne mich nicht Frau Marion. Da wir Leute von Rang vorstellen, so müssen wir auch ihre Manieren annehmen. Nenne mich lieber Baronin. Tony nickte. Ah Pardon, ich versprach, mit Ihnen zu tanzen, sagte jetzt der junge Mann. Ja, das ist schon abgemachte Sache. Aber unter einer Bedingung. Wie, Du kleiner Schelm, jetzt stellst Du mir gar noch Bedingungen? Ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen. Ah! Eine Testamentsclausel des Marquis vou Vilers. Um was handelt es sich? Das ist ein Geheimniß, Frau Ma . . Baronin wollte ich sagen. Der angeblichen Baronin blieb keine Zeit mehr zu antworten, denn die ersten Klänge des Orchesters nöthigten sie, sich an ihren Platz zu begeben. Eine der beiden Schäferinnen, welche gleichzeitig mit Tony und seiner Pflegemutter in den Saal getreten waren und die von einem Osficier der Leibgarde geführt wurde, bildete das Vis-a-vis Frau Marion's und Tony's. Das Menuett begann. Während Tony tanzte, beschäftigten sich seine Gedanken unausgesetzt mit seinem Gegenüber und er fragte sich, ob die Dame die Marquise selbst oder vielleicht deren Schwester sei. Da kam ihm ein Einsall. In dem Augenblicke, wo er die Tänzerin zu wechseln hatte und sich statt an Frau Marion's Seite mit seinem Gegenüber im Menuettschritte drehte, sagte er leise zu seiner Tänzerin: Erinnern Sie sich noch an Jugersheim? Die Unbekannte fuhr zusammen, gerieth in Verlegenheit und Tony fühlte, wie ihre Hand in der seinen zitterte. Er wußte jetzt, wer die Dame war. Jugersheim? wiederholte bewegt die arme Frau. Sie wissen von Jugersheim? Und vom Marquis von Vilers? Sie erbebte von Neuem und blickte auf den schönen Jüngling, der wehmüthig lächelte und in dessen Blicken es wie verschleierte Melancholie lag. Keile 28 lllustrirtes wiener LxtrLblM Wer sind Sie denn? fragte sie in einem Tone, der mehr Neugierde, als Furcht verrieth. Ein Freund . . . Ihr Name? Chevalier Tony antwortete der Commis mit einer Kühnheit, die ihn selbst überraschte. Sie kennen also meinen Gatten? Ja. Ist er hier? Nein, aber er schickt mich zu Ihnen. Mein Gott, sagte unruhig geworden die Marquise, wo ist er denn? In Versailles beim Minister. Aber er wird doch heute Abends kommen? Wenn'S ihm möglich ist. Er hat Sie zu mir geschickt? Ja, gnädige Frau. Tony konnte Nichts mehr sagen, eine neue Tanzfigur trennte sie und er kam wieder zu Frau Marion. Das Menuett war zu Ende und eine Flut Hon Masken drängte sich zwischen Tony und die Marquise, die einander für einige Zeit aus den Augen verloren. Ein Musketier, der sich Urlaub genommen hatte, um auf den Opernball gehen zu können, umflatterte Frau Marion, ange;ogen von ihren schönen Schultern, den vollen Formen und dem feingeformten Fuße und sagte ihr tausend Schmeicheleien. Tony benützte diesen Umstand, um Frau Marion zu entschlüpfen und sich auf die Suche nach der unglücklichen Witwe zu begeben. Aber -aS Gedränge war so dicht, daß man nur mit - Mühe sich seinen Weg bahnen konnte, und unser junger Held irrte eine gute Viertelstunde herum, bevor er Diejenige bemerkte, die er suchte. Plötzlich stieß er auf einen Mann, der un- maskirt war und den ein rother Mantel umhüllte. Tony erkannte in ihm denselben Edelmann, ' der den unglücklichen Marquis getödtet hatte, ' Gaston de Lavenay. Er scheint die Marquise zu suchen, dachte Tony und ging ihm nach. Er sah, wie er im Ballsaale herumschweifte und dann plötzlich stehen blieb. Tony machte ebenfalls Halt. Der Graf ging etwas nach vorwärts und grüßte. Er befand sich der Marquise gegenüber, deren Larve sich ein wenig verschoben hatte. Er hatte sie sofort erkannt, obschon er sie zum ersten Male wiedersah. Guten Tag, sagte der Graf in höhnischem Tone. Unterdessen hatte sich Tony unbemerkt hinter sie geschlichen. Ich kenne Sie nicht, mein Herr. Wenn Sie erlauben, werden ' wir unsere Bekanntschaft erneuern. Ich heiße Graf von Lavenay und Sie sind die Marquise von Vilers. Die arme Frau warf einen geängstigten Blick um sich, sie schien sich nach Hilfe umzu- sehcn. In Wirklichkeit erinnerte sie sich seiner nicht mehr, denn ihr Mann hatte ihr niemals von dem Eide Mittheilung gemacht, der ihn an die rothen Männer band, und da die Erinnerung ihn peinlich berührte, so hatte er es ängstlich vermieden, ihre Namen auch nur zu erwähnen. Die Marquise glaubte cs lediglich mit einem jener Galans zu thun zu haben, die die Frauen in unverschämter Weise behelligen und es war ihr durchaus nicht wünschenswerth, die Heldin eines Ballabenteuers zu werden. Sie werden mir zugeben, Madame, fuhr der Graf fort, daß ich rücksichtsvoll genug war, um ihre Flitterwochen nicht zu stören. Mein Herr! Jetzt aber möchten zwei meiner Freunde und ich ein gewisses Papier wieder haben, das wir Ihnen eines Abends in T. übergaben. Jetzt erst erwachte die Erinnerung jener Begebenheit während der Kriegsperiode, und da die Marquise nicht wußte, daß sie einen der ärgsten Todfeinde ihres Gatten vor sich habe, antwortete sie leichthin: Ach, entschuldigen Sie, mein Herr, das Papier, das sie mir in Jngershenn übergaben. Sic erinnern mich an eine längst entschwundene Geschichte. Sie haben doch das Papier wenigstens aufbewahrt? Wo denken Sic hin? Ich dachte nicht mehr daran, als mein Gatte cs bei mir fand. Hat er cs angesehen? Ja, und er bät es zornig iu's Feuer geworfen. Niemals wollte er mir sagen, w.^s ihn Nr. 13 Illuslrlrtes «Viener LrirsblLtt Lolts 29 so aufgebracht habe. Aber Sie können ihn ja morgen selbst fragen; vielleicht wird er Ihnen gegenüber weniger zurückhaltend sein. Ihr Gatte wird uns Nichts sagen, sprach der Graf mit schneidendem Hohn. ^ Warum? Der^Graf lachte kurz und spöttisch auf und war im Begriffe, zu erwidern, daß Herr von VilerS Nichts mehr sagen könne, weil er, der Graf, ihn getödtet habe; aber es blieb keine Zeit mehr übrig. Tony, dem kein Wort der Unterredung entgangen war und der die Marquise nicht aus den Augen gelassen hatte, richtete sich jetzt stolz auf und warf dem Grafen den Handschuh in'S Gesicht. - Sie sind ein Feigling! rief er ihm zu. Der Graf schien durch den Schimpf vernichtet. Er stieß einen Schrei aus und wich einen Schritt zurück. Dann blickte er auf seinen Angreifer. Tony war fast noch ein Kind, aber seine Augen sprühten Feuer, seine Lippen waren blaß geworden, und die Hand auf den Degen gestützt, den er zum ersten Male trug, blickte er mit so viel Stolz und Festigkeit auf den Grafen, daß es diesem klar wurde, welchen gefährlichen Gegner er vor sich habe. ' . ' Sie sind ein Feigling, wiederholte Tony. Die Marquise hatte ihr Gegenüber von vorhin erkannt. Ah, Chevalier! rief sie bestürzt. Dieser Titel, den ihm die Marquise gab, vollendete die Täuschung. . . ' Der junge Mann war schön und von edlem Anstand ; er : trug seinen Degen mit ^ solcher Sicherheit, daß der Graf keinen Augenblick daran zweifelte, einen Mann von edler Geburt vor sich zu haben. Schon gut, mein Herrchen, sagte er, ich werde Ihnen gleich die Ohren abschneiden. Kommen Sie, erwiderte Tony, und bitten Sie Gott, daß er Ihnen beistehe. Er warf der Marquise^ einen bekümmerten Blick zu und folgte stolz dem Grafen, sich im Inneren beglückwünschend, daß er Joseph veranlaßt hatte, auf den Ball zu kommen. Er traf ihn einige Schritte von der Stelle, wo sich die geschilderte Scene abgespielt hatte, und übergab die Marquise seiner Obhut. Frau Marion hatte weder Etwas gesehen, noch gehört. Sie schwelgte in den Artigkeiten des Musketiers, der sie mit „Baronin" ansprach. 11 . , Cine unangenehme Überraschung. Der Graf und Tony wendeten sich der Thür zu und verließen den Ballsaal. Sie ginge» bis zur nächsten Straßenlaterne, wo der Graf seinen Degen zog, worauf Tony das Gleiche that. Bevor sich der Graf jedoch kampfbereit machte, betrachtete er seinen Gegner genauer. Merkwürdig, sagte er, ich habe Sie ja niemals gesehen. Aber ich kenne Sie, erwiderte Tony. Wer sind Sie? Das hat Sie Nichts zu kümmern. Soll ich Ihnen vielleicht'nochmals wiederholen, daß Sie ein Feigling sind? Der Graf brüllte vor Wuth. Ein Feigling, wiederholte Tony, und ein Meuchelmörder. - Ziehen Sie vom Leder! schrie der Graf außer sich. ' Ich bin der Testamentsvollstrecker des Marquis von Vilers, den Sie heute Abends getödtet haben, sagte Tony, indem er den Degen mit seinem Gegner kreuzte, und ich habe mir zu- geschworen, Sie zu tödkn, und nach Ihnen Maurevailles und Marc de Lacy. Und Tony, der nie eine Waffe in der Hand gehabt hatte und einem der besten Haudegen seiner Zeit gegenüber stand, drang auf seinen Gegner mit dem Ungestüm und der Tapferkeit eines Mannes ein, der in die Feinheiten der Fechtkunst nicht eingeweiht ist. Es hatte auch ganz das Ansehen, als ob er mit seiner Jugend und Unerfahrenheit den Tod in dem ungleichen Kampfe'finden sollte, den er heraufbeschworeu hatte. . Der Graf Gaston von Lavenay war ein sicherer und vorsichtiger Duellant, der sich als »Der Schwur der Rothmiintler." Leite 30 üiustrirte« wiener Nr. 13 solcher in den französische Garden ein furchtbares Nenommse crworbcn hatte. Von seiner Hand war der Marquis Van Hop gefallen, ein berüchtigter Holländer, der unter den französischen Edelleuten Furcht und Schrecken verbreitet hatte. Der Tod schien Tony also sicher zu sein. Inzwischen aber hatte Frau Marion, die nur auf den Ball gekommen war in der Absicht, sich gut zu unterhalten, mit großem Wohlgefallen den Worten des schönen Musketiers gelauscht, der sie mit Ausdauer als eine Frau von Stand behandelte. Nach einer halben Stunde, während welcher sie eifrig dem Tanze gehuldigt hatte, fiel es Frau Marion auf, daß Tony nirgends zu sehen war. Sie sah sich überall nach ihm um und ein sonderbares Gefühl der Eifersucht beschlich sie. Wie, segle sie, sollte der Schlingel es wagen, sich ohne mich zu amusiren? Sie durchlief die Säle, durchstöberte alle Winkel, jede einzeln: Gruppe musternd. Wir wissen, daß in diesem Augenblicke Tony iahe daran war, das Los des Marquis von Liters zu Lheilcu. Mit einem Male, als Frau Marion an die Stelle angelangt war, wo die Herausforderung stattgcfunden hatte, sah und hörte sie eine Menge Leute, die sich lebhaft von dem Vorfall unterhielten und sich ihn, Jeder auf seine Weise, zurechtlegten. Sie schrak zusammen, und mit beiden Armen die Leute zurückstoßeud, drängte sie sich in die ' erstaunte Gruppe, und sich an einen Herrn wendend, der am besten unterrichtet schien, fragte sie beklommenen Herzens: Sie behaupten, daß ein junger Mann vorhin einem Edelmann den Handschuh in's Gesicht geworfen habe? Ja, ich stand zwei Schritte daneben. War der junge Mann nicht ein schöner Bloudiu mit blauen Augen? fragte Frau Marion. Ganz richtig, im Kostüm eines Musketiers ? Sind die Beiden mit einander fort? Ja, durch die linke Eingangsthür. Ebenso wie früher stieß Frau Marion auch )etzt mit ihren Ellenbogen die Gaffer zur Seite und lief eilends die Treppen hinab. Es war 3 Uhr Morgens. Keiner der Ballbesucher hatte noch an die Heimkehr gedacht und deshalb konnte Frau Marion auch Niemanden fragen, wohin sich die Beiden gewendet hatten. War es Instinkt, war es die Vorsehung, welche sie leitete? Es dauerte nicht länger als zwei Minuten und Frau Marion fuhr wie der Blitz zwischen die beiden Gegner, die sie im Eifer des Kampfes gar nicht hatten kommen sehen. Den einen Arm um ihren Pflegesohn schlingend, mit der andern unter der Nase des bestürzten Grafen herumfuchtelnd, schrie sie diesen an : Glauben Sie, mein lieber Herr, daß ich mir ihn so ohneweiters von Ihnen umbringen lassen werde? Eher bringe ich Sie selbst um; verstehen Sie mich? Sie drückte ihren Herzensliebling an ihren Busen und ihm den Degen aus d:r Hand reißend, stellte sie sich selbst seinem Gegner gegenüber. Der Graf fand die Scene jetzt sehr komisch und brach in ein schallendes Gelächter aus. Die resolute Frau ließ sich aber dadurch nicht beirren, sondern rief ihm mit funkelnden Blicken zu: Sie mögen wissen, daß dies mein Adoptivsohn und Commis ist. Ich lasse mir ihn nicht tödteu. Sie schüttelte drohend ihre Faust gegen den Grafen, der selbstverständlich bereits den Degen gesenkt hatte und lustig weiter lachte Ein Commis! rief er,' und ich habe ihn für einen Edelmann gehalten. Das ist zu drollig. Die Marquise nannte ihn Chevalier. Mein kleiner Freund! Mit Commis schlage ich mich nicht. Beschimpfungen von Deinesgleichen können Leute unseres Schlages nicht beflecken. Tony schäumte vor Wuth, aber der linke Arm Frau Marions war in der That ein Schraubstock, von dem er sich nicht loszureißen vermochte. Unterdessen hatte sich der Graf noch laut lachend entfernt. Frau Marion umarmte ihren Commis und blickte ihm beim Schrine der Straßenlaterne liebevoll in's Gesicht. Tony weinte. Er hatte Recht, sagte er schluchzend, ich bin doch Nichts weiter als ein elender Ladenjunge. Da schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen. Die Geschichte, die er vorhin gelesen hatte, hatte ihn zum Theile mit den Sitten und der Lebensweise -es Adels bekannt gemacht. Erfühlte, daß auch die Marquise von VilerZ, wenn Nr. 13 Hlustrlrtes IVieusr Netradlstt 8sits 91 sie ihn erkennen würde, in ihm Nichts Witter als den Commis sehen würde und sagte sich, daß das anders werden müsse. Von diesem Augenblicke schien die Laufbahn des Jünglings besiegelt. Er innerle sich, daß er die Marquise schutzlos im Ballsaale verlassen habe und fühlte, daß es seine Pflicht war, zu ihr zurückzukehren. Er theilte Frau Marion kurz seine Absicht mit, ordnete seine in Unordnung geratenen Kleider und ging auf den Opernball zurück. Frau Marion folgte'ihm in einer Entfernung von zehn Schritten. 12 . Röjaue's Retter. Die Marquise von Vilers war auf einen Sessel gesunken, der sich nicht weit von der Stelle befand, wo Gaston de Lavenay gewagt hatte, sie anzusprechcn. Ihre jugendliche Schwester, die von Joseph begleitet war, hatte sich neben ihr niedergelassen. Tony ging geradewegs auf sie zu. Madame, flüsterte er, Sie haben von Gaston de Lavenay Alles zu fürchten. Sie blickte zitternd zu ih n auf. Bis ich ihn gctödtet habe, ergänzte Tony seine Rede. Die junge Frau unterdrückte einen Schrei. Aber, wer sind Sie denn, daß Sie sich meiner so warm annehmen? Ein Unbekannter, der Ihre ganze Lebens- geschichte kennt. Die Marquise erbleichte unter ihrer Maske. Sie waren also in T... Oder hat mein Mann Ihnen Alles erzählt? Tony sah die Marquise wehmüthig an: Statt einer dirccteu Antwort sagte er. Madame, ich bin zwar noch jung, aber ich würde mir erlauben, Ihnen einen guten Rath zu geben. Verlassen Sie so schnell als möglich den Ballsaal. Ach, mein Gott, seufzte die Marquise, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß mein Genial nicht kommen würde. , ' Gehen Sie nach Hanse, Madame, und beten Sie, fügte -Tony langsam und nachdrücklich hinzu. Die Marquise war noch um einen Schatten blässer geworden. Gehen Sie nach Hause, drängte Tony. Gott ist barmherzig und beschützt die Schwachen gegen die Starken, die Guten gegen die Bösen. Die bestürzte Frau heftete ihre fragenden Blicke auf Tony, wagte eS aber nicht, Etwas zu sagen. Komm, Rejane, sagte sie zu ihrer Schwester. Sie war genöthigt, sie ein zweites Mal anzurufen. Das junge Mädchen saß traumverloren da und schien der Wirklichkeit ganz entrückt zu sein. Sie hatte, bevor die Marquise nach Paris übersiedelt war, im Kloster gelebt und hielt sich jetzt bei ihrer Schwester auf. Rejane wachte mit Aengstlichkeit darüber, daß alle Befehle ihres Schwagers und ihrer Schwester mit der größten Genauigkeit befolgt wurden. Sie las ihnen ihre Eigenheiten und Wunsche von den Augen ab und so kam es, daß der Marquis und seine Gattin nie in die Lage kamen, ihr gegenüber einen Wunsch auszusprechen. Sie war deshalb nicht wenig erstaunt, zu hören, daß die Marquise sie jetzt so dringend zum Gehen aufforderte. Was war denn vorgefallen? Der Leser wird es bald erfahren, da Nöjane in.dem furchtbaren Drama, daß wir zn erzählen im Begriffe sind, eine zu wichtige Rolle spielt, als daß wir sie länger unbeachtet lasssn können. Der Graf von Lavenay war nicht allein ans den Opernball gekommen. Seine Freunde Albert von Maurevailles und Marc von Lacy spazierten gleichfalls mit ihren rothen Mänteln mitten im Menschengetümmel, um die Marquise zu suchen. In dem Augenblicke, wo die Marquise und Tony einander im Tanze gegeuüberstanden, wurde die Erstere durch einen Strom von Neugierigen von Röjane und Joseph getrennt. Der alte Kammerdiener wurde gegen die Wand gedrückt, während daZ geangsiigte Kind vor der schiebenden Menge in einen Seitengang Leits 32 lllustrirtss wiener Lrtr»blstt 8r. 13 flüchtete. Ein riesenhafter, schon etwas ergrauter Tambonrmajor stolzirte dort vor den -ihn bewundernden Frauen herum. Er sah daS Mädchen kaum, als er seinen Stock dem ihm zunächst Stehenden übergab, dann erfaßte er Röjane und schwang sie in der Luft, wie einen Federball. Die Menge jauchzte ihm zu, RHane aber, im höchsten Grade erschreckt, war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. Plötzlich bekam der Tambourmajor einen heftigen Schlag gegen die Brust. Elender! rief ihm eine Stimme zu, Der Mann, welcher den Tambourmajor geschlagen und ihm das Schimpfwort zugeschleudert hatte, fing daS Mädchen in seinen Armen auf und trug eS, sich mit den Ellbogen Bahn brechend, in den Nebensaal» wo, ein Buffet aufgestellt war, und ließ ihr eine Erfrischung reichen. Dieser Herr war Albert von MaurevailleS. Ach, wie gut Sie sind, mein Herr, sagte das Mädchen. Wie muß ich Ihnen danken. Während sie sprach, ließ sie lange ihren Blick auf ihn ruhen, wie um sich die Züge ihres WohlthäterS fest einzuprägen. Ach, es war um sie geschehen. Das Bild MaurevailleS' hatte sich mit unauslöschlichen Farben in ihr Herz eingeprägt. Das zarte Wesen, das bis zu diesem ver- hängnißvollen Augenblicke Nichts von der Liebe gewußt hatte, war es zu ihrem Unglücke be- schieden, einen der Männer zu lieben, die einen Eid geschworen hatten, Herrn von VilerS zu tödten, um seine Gattin zu besitzen. Einige Minuten später übergab er, sie der Fürsorge Josephs, bevor sie es gewagt hatte, nach seinem Namen zu forschen. .Und daS war eS, worüber sie sich Vorwürfe machte, während ihre Schwester sie vergeblich rief. Endlich erkannte sie die Stimme der Marquise und stand rasch auf. Tony war den beiden Frauen und ihrem Begleiter beim Verlassen des Ballsaales behilflich. In dem Augenblicke, wo sie in die Sänfte stieg, ergriff die Marquise lebhaft seinen Arm. Sagen Sie mir Alle-, bat sie. Ich will die ganze Wahrheit wissen und wenn sie auch noch so furchtbar ist. - " Heute kann ich ^ eS nicht, gnädige Frau, sagte Tony ausweichend. Weßhalb nicht? Er zögerte nicht, sich einer Lüge zu bedienen, denn der Ort, wo sie sich befanden, schien ihm ganz und gar nicht geeignet, um der * Marquise die schreckliche Botschaft mitzutheilen. So antwortete er denn mit gütgespielter Ruhe: Ich weiß heute noch, nichts Bestimmtes. Sobald ich aber morgen Näheres erfahre, will ich Ihnen sofort Mittheilung machen. Das verspreche ich Ihnen. Da er sich nun sicher fühlte, daß die Roth- mäntler der Marquise Nichts anhaben konnten, weil er sie beim Verlassen des Ballsaales noch in demselben beisammen gesehen hatte, verneigte er sich, Abschied nehmend,- vor seiner Schutzbefohlenen und stellte sich an die Eingangspforte, um ihre Widersacher nötigenfalls zu verhindern, ihr zu folgen. Wie groß war aber sein Erstaunen, als. er im Säulengange Frau Marion fand. Die arme Frau that für ihn dasselbe, was er für die Marquise gethan hatte. Ach, mein Gott! rief sie ihm ganz entsetzt zu. Wenn Du wüßtest, was ich gehört habe! Sie zog ihn, der nun keinen Widerstand mehr versuchte, mit sich fort. Unterwegs fragte der junge Mann, den die kräftigen Arme seiner Pflegemutter fest umklammert hielten, nach der Ursache ihrer Angst. Ach, mein armes Kind! sagte sie. In welche Abenteuer hast Du Dich verwickelt? Gerade als Du die beiden Damen hinausbegleitetest," gesellten sich zwei Männer zu dem Galgenvogel, der Dich tödten wollte. Nun? Was hat das zu sagen? Was das zu sagen hat? Du bringst mich zur Verzweiflung.'Du rennst in, Dein Verderben, so viel ist gewiß. Sie hatten rothe Mäntel, wie der Andere. Roth? fragte Tony. Dann waren es die Herren von MaurevailleS und Lacy. Wie genau Du ihre Namen weist, rief Frau Marion verwundert. Sie wissen nicht, wie Du heißest. Aber wenn Sie eS wüßten! Was haben Sic denn gehört? Also, pass' auf! Wie Du an ihnen vorübergingst, erzählte der, mit dem Du das Nr. 14 illlustrirtss wiener UrtrMatt Leite 33 Scharmützel hattest, den Anderen die ganze Geschichte. Weißt Du, was der Große darauf geantwortet hat? Er sagte: Da uns der Junge durchaus im Wege sein will, thätest Du Unrecht, ihm nicht den Garaus zu machen. Worauf der Andere erwiderte: Soll ich mit ihm Händel suchen? In einer Sekunde ist es geschehen. — Nein, erwiderte darauf der dritte Galgenvogel. Ich denke anders darüber. In Paris gibt es einen Polizeidirector, der die Sache schlecht auffasten könnte. Warten wir deshalb eine günstigere Gelegenheit ab. — Ich hoffe, daß Du Dich jetzt ruhig verhalten wirst, schloß Frau Marion ihre Geschichte, Tony apostrophirend. Dazu habe ich nicht das Recht, erwiderte dieser. Du treibst mich noch zur Verzweiflung, jammerte die arme Frau und erging sich in laute Klagen über das, was sie den Unverstand und die Tollkühnheit ihres Pflegesohnes nannte. 13. Im Hotel Vilers. Nachdem Tony endlich sein Zimmer erreicht hatte, ließ er, noch ganz unter dem Einflüsse von Frau Marion's Angst, die Ereignisse an sich vorüberziehen, die er mit angesehen und bei denen er theilweise eine Rolle gespielt hatte. Für einen Jüngling von sechzehn Jahren, der an eine ruhige und etwas spießbürgerliche Existenz bei Frau Marion gewohnt war, mußten die Vorgänge der letzten Stunden einen ungewöhnlich tiefen Eindruck zurncktastm. Tony fragte sich wiederholt, ob er nicht das Alles geträumt habe und ob die Geschichte mit den Rothmäntbrn, das Duell und endlich die Vorgänge auf dem Opernballe nicht am Ende auf ein Alpdrücken zurückzuführeii sei. Unglücklicherweise war an die Wirklichkeit deS Erlebte» nicht zu zweifeln. Was soll ich jetzt anfangen? fragte sich der junge Mann, indem er sich, um bester Nachdenken zu können, auf dem Rande seines Bettes niedertirß. Es war ihm klar, daß es seine nächste Pflicht sei, die Marquise von Vilers von dem Tode ihres Gatten zu verständigen. Da siel ihm aber ein, daß eS noch zu früh sei, um jetzt scbon im Hotel zu erscheinen. Die junge Frau, die kurz vorher vom Balle heimgekehrt war und viele Aufregungen mitgemacht hatte, werde gewiß angegriffen sein und der Ruhe bedürfen. Er sagte sich, daß es besser sei, ihr noch einige Stunden zu gönnen. Wenn daun der Tag angebrochen war und die Marquise einige Stunden geschlafen hatte, würde es weniger Gefahr laufen, ihr die furchtbare Neuigkeit zu überbringen. Endlich forderte auch bei Tony die Natur ihre Rechte. Die müden Augenlider sielen ihm zu. Er dachte daran, daß seine Aufgabe noch nicht erfüllt sei, wenn er die Gräfin von dem Tode ihres Gatten in Kcnntniß gesetzt haben werde, und daß ihm dann noch sehr viel zu thuu übrig bleibe. Demnach konnten auch ihm dre wenigen Stunden Schlaf nicht schaden; sie mußten ^ ihm im Gegentheile Kraft verleihen, die übernommenen Verpflichtungen weiter zu erfüllen. Von diesen Gedanken beherrscht, legte er sich ganz angekleidet anf's Bett und schlief ein, allerdings mit der Absicht, nur einige Stunden der Nnhe zu pflegen. Aber der arme Junge war von Müdigkeit erschöpft und da man sich in seinem Atter gewöhnlich eines gesunden Schlafes erfreut, so ging der Tag zu Ende, als Tony endlich erwachte. Ach, mein Gott, rief er erschrocken, wie spät mag es jetzt sem und wie lange mag ich wol geschlafen haben ? Ob ich jetzt nur nicht schon zu spät komme ! Ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen, sein Musketierkostüm abzutegen, das ihm, nebenbei bemerkt, bei seiner schlanken und stolzen Figur ganz ausgezeichnet.zu Gesichte stand, sprang er rasch die Treppe hinab und stürzte auf die Straße hinaus. Bald hatte er die Insel St. Louis erreicht; ober er fand die Thüren des Hotels verschlossen. Er klopfte an, Niemand öffnete ihm. Was mag denn da Vorgehen? fragte er sich angsterfüllt. Von Neuem ergriff er den Hämmer Leits 34 INubtiirtss Wiener üxirLbiatt Nr. 14 und schlug mit aller Gewalt gegen die Thüre. Niemand rührte sich. Nur einige Bürger aus der Nachbarschaft öffneten ihre Fenster, um zu sehen, was der Lärm zu bedeuten habe. Als sie aber sahen, daß es sich um das Hotel Vilcrs handle, zogen sie sich vorsichtig zurück. Tony ließ sich nicht abschrccken. Er mußte die Ursache ergründen, weßhalb ihm nicht geöffnet wurde. Das Hotel hatte vielleicht einen anderen Ausgang. Er suchte nach einer zweiten Thüre und cs glückte ihm bald, sie zu finden. Wie viele Herrschastshäuser der damaligen Zeit war das Hotel Vilers rückwärts an einem großen Garten angebaut, der sich bis zum Quai von Bcttumc ausdehnte. In der Mauer, welche ihn umschloß, war eine Thüre, die allerdings auch verschlossen war, aber die Mauer war an jener Stelle ohne besonders große Beschwerde zu übersetzen. Während seine Blicke prüfend längs der Gartenmauer hinglitten, bemerkte er am anderen Ende der Gasse einen mit zwei Pferden bespannten Wagen, der dort unter Aufsicht eines Kutserchs hielt. Da er es sehr eilig hatte, warf er nur einen flüchtigen Blick auf den Wagen, eine jener ungeheuren Carroffen, wie sie damals gebaut wurden. Die Vorhänge waren hinter den Wagcn- fenstern dicht zugezogen, der Kutscher hatte wahrscheinlich, um sich gegen die Kälte zu schützen, den Kragen seines Ueberrockes über die Ohren gezogen und die Locken seiner Perrücke verbargen den größten Theil seines Gesichtes. Tony hatte nicht viel Zeit, sich mit dem Wagen zu beschäftigen; er hatte Dringenderes zu thun. Als er einen Punkt ausfindig gemacht hatte, der ihm geeignet schien, mit Hilfe eines außenstehenden Baumes die Mauer zu erklettern, schritt er zur That. Bald saß er auf einem Aste, der über die Mauer reichte. Er brauchte nur noch hinunter zu springen. Von seinem Standpunkte aus übersah er den ganzen Garten. Während er die Alleen prüfend überblickte und sich die Frage vorlegte, welche wol znm Hanse führen könnte, hörte er unter sich in geringer Entfernung einen erstickten Schrei, dem das Geräusch von Fußtritten folgte. Dann knackten die Zweige im Gebüsche, wie wenn sie von dem Falle eines schweren Körpers eingebrochen wären. Mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens sprang Tony von seinem Aste herab und stürzte der Richtung zu, von welcher das Geräusch gekommen war. In der That fand im Gebüsch ein Kampf t zwischen zwei Männern statt. Der eine von > ihnen, der sein Knie auf den anderen gesetzt hatte und im Begriffe war, sein Opfer zu . knebeln, war in einem großen, rothen Mantel ' gehüllt. Erbleichend sah der junge Manu beim blassen Mondlicht die Farbe jenes Mantels. Der Angreifer war einer der rothen Männer. Auch den Mann, der geknebelt werden j sollte, erkannte Tony auf den ersten Blick. Es war Joseph, der Freund und Kammerdiener des Marquis. Tony wollte schon dem alten Manne zu Hilfe eilen, da fiel ihm noch rechtzeitig ein, daß die Marquise wahrscheinlich auch der Hilfe bedürfe und daß er vor Allem bedacht sein müsse, die junge Frau zu retten. Der Elende, der mit seinem Opfer beschäftigt war, hatte den jungen Mann nicht bc- ' merkt und so gelang es ihm, unbemerkt zu entkommen. ' Als er die Schwelle des Hauses überschreiten wollte, richtete sich eine Gestalt vor ihm ! auf. Es war ein Mann, gleichfalls in einen rothen Mantel gehüllt. Er stellte sich vor Tony j hin und versuchte ihm den Eintritt in das Haus ! zu verwehren. Tony hatte in diesem Augenblick s den Muth und die Thatkraft eines Löwen gefunden. Mochte daraus entstehen, was da wolle, er mußte um jeden Preis hinein. Mit einem kräftigen Stoß warf er die Gestalt zu Boden und mit leuchtenden Augen und fieberhaft schlagenden Pulsen stürzte er in das Haus. Der Mann, den Tony umgeworfen hatte, schnellte gleich wieder empor und eilte ihm nach. Der wackere junge Mensch aber ließ sich dadurch nicht anfechten. Ec hatte sich vor- geuommen, bis zur Marquise vorzudringen, den rothen Männern und ihren Helfershelfern zum Trotz. Nr. 14 IIIu8irirte8 Wiener NxtravIrUt 8sit« 95 Und wenn cs unvermeidlich war, sich in einen Kampf einzulassen, er schreckte davor nicht zurück. War doch diesmal glücklicherweise Frau Marion nicht hier, um ihn davon abzuhalten. Tony war wie verwandelt. In diesen Augenblicken hätte er, ohne einen Fuß breit zurückznweichen, den Kampf mit einem Heere aufzunehmen. Kaum hatte er das Vestibüle erreicht, als er des Dritten der drei rothen Männer ansichtig wurde, der, wie er, im Begriffe war, zu den Gemächern der Marquise zu gelangen und jetzt zweifelte, welchen Weg er ein- schlagen sollte. Tony ging auf ihn los; der Andere zog seinen Degen. Aber der junge Musketier hatte ebenfalls einen Degen an der Seite und er brannte vor Begierde, die nngesühnte Beleidigung zu rächen. Mit geschwungenem Säbel drang er auf den Gegner ein. Dieser hatte den raschen Angriff nicht erwartet und wich einen Schritt zurück. Da kam aber auch schon der zweite der rothen Männer; Tony sprang einen Schritt nach rückwärts und hieb ihm mit der Rückseite seines Rapiers in's Gesicht. Der Neuangekommene stieß einen kräftigen Fluch aus und zog ebenfalls vom Leder. Der arme Tony war demnach von zwei Seiten bedroht und schien verloren. Was konnte er, der in der Führung der Waffen ungeübt war, gegen zwei Männer aus- richten, die in der ganzen Armee als die tapfersten Haudegen bekannt waren? Aber wenn er schon sterben mußte, so wollte er wenigstens sein Leben thener verkaufen: Einer feiner Gegner müßte es mit dem Tode büßen. Er zog sich in eine Mauerecke zurück, die ihm den Rücken wenigstens Leckte, und erwartete muthig die Angreifer. In dem Momente gesellte sich noch ein Dritter zu ihnen, derselbe, der schon früher Joseph geknebelt hatte. Statt aber gleich den Anderen den Degen zu ziehen, rief er ihnen bestürzt zu: Man hat die Marquise entführt! Diese Worte fuhren wie ein Blitzstrahl zwischen die Gegner Tonys. Die Marquise entführt! wiederholten sie wie ans einem Munde. Und noch dazu in meinem eigenen Wagen, fügte der Letztere hinzu. Sie entführt? murmelte jetzt auch Tony, wer konnte das gethan haben? Auch die drei rothen Männer begannen jetzt zu überlegen, wer die Marquise entführt haben könnte. Es war jedenfalls höchst sonderbar. Wie konnte dieser Unbekannte ausfindig gemacht haben, daß in dem Wagen alles für eine längere Reise Nöthige enthalten war? Einen Augenblick kam ihnen der Gedanke, ob nicht der junge Mann, der sich so dreist in ihre Angelegenheiten gemengt hatte, der Schuldige war. Ein Blick aber in das Gesicht Tony's, auf dem Schmerz, Ueberraschung und Angst ausgeprägt waren, überzeugte sie von der Unrichtigkeit ihrer Vermnthung. Ohne sich aber um den jungen Mann zu kümmern, den die Ucberraschung auf den tSitz festgenagelt zu haben schien, verließen die drei Verbündeten das Haus, in dem sie nun Nichts weiter zu suchen hatten. Ihre Pferde hatten sie auf dem Quai, unweit des Hotel Vilers gelassen. Sie schwangen sich jetzt in die Sättel. Jetzt heißt's rasch überlegen, was zu thun ist, sagte Lavenay. Am besten ist es, wir trennen uns und verfolgen einzeln den Entführer ! Der Vorschlag behagt mir nicht, brummte Manrevailles. Aber wir sind ja mit den Reitknechten Sechs, wenn wir nach sechs verschiedenen Richtungen .. . Maurevailles unterbrach ihn: Weißt Du so gemißt daß der Wagen nicht nach einer der hundert anderen Richtungen fährt? In unserer Lage darf man sich nicht blos auf den Zufall verlassen, da hätten wir wenig Aussichten. Kennst Du ein besseres Mittel, um der Marquise wieder habhaft zu werden - Lass' mich nur Nachdenken. Leite 36 IIIu»tl-Irtes wiener LxtradlLtt Nr. 14 Die drei Reiter verharrten ein: zeitlang schweigend, sie dachten über einen geeigneten Answeg nach, aber vergebens. Ah! Tony hätte leichtes Spiel gehabt, wenn er statt in dem öden Saale ruhig auf seinem Stuhle sitzen zu bleiben, sich die Muhe genommen hätte, zu suchen. Aber der Arm war halbtodt vor Müdigkeit, die Aufregungen der letzten Stunden hatten ihn völlig erschöpft. Den Tag zuvor hätte er bei dem bloßen Rufe: Die Marquise wird entführt! nicht einen Augenblick gezögert, sich aus dem Fenster gestürzt, die Näder des Wagens umklammert, wenn dieser schon im Begriffe war, fortzufahren, jedes Hinderniß besiegt. Aber die Kräfte eines Jünglings haben ihre Grenzen. Während eine tiefe Erschöpfung seiner Herr zu werden anfing, hatten seine Feinde Zeit, nachzudenken und ihre Maßregeln zu treffen. Lavenay fuhr plötzlich auf: Ich hab's gesunden! Der Mann, der die Marquise entführt hat, wird nicht in Paris bleiben. Was bringt Dich auf diesen Gedanken? Vor Allem scheint er uns zu kennen und weiß, wessen wir fähig sind. Haben wir Gräfin Haydee doch aufgefunden, trotz aller Vorsichtsmaßregeln ViterS. Hier würden wir sie jedenfalls entdecken und wenn ihr Entführer Himmel und Erde m Bewegung setzen sollte, um sie zu verbergen. Er wird also Paris und vermuthlich auch Frankreich verlassen. Lavenay hat Recht, winkte zustimmend de Lacy, aber was soll das Alles? Nur Geduld. Höre weiter. Eiue so lange Reise macht man nicht so ohne alle Vorbereitung, besonders wenn man mit einer Dame fährt. Unser Gegner hat sich also höchst wahrscheinlich in seinem Hotel aufgehalten, um etwas Reisegepäck mitzunehmcn. Er ist also jetzt noch in Paris. Wenn wir wüßten, welches Thor er benützen wird, könnten wir ihn leicht dort erwarten. Aber Pari- hat fünfzehn Barriöreu, «nd wir sind uar Sech-, darunter drei Mann zu rechnen, schloß ec mit einer verächtlichen Bewegung gegen die Dimer. Was ist also zu thnn? Da heißt's einen raschen Entschluß fassen, zum Polizeidirector laufen und ihn davon verständigen. Wie ich ihn kenne, wird er gar keinen Anstand nehmen, seine Leute nach den verschiedenen Stadtthoren zu schicken; wenn der Wagen vorüberkommt, wird er aufgehalten, ist er schon fort, so wird man die Richtung in Erfahrung bringen, die er eingeschlagen hat. Mit unseren schnellen Pferden haben wir dcn schwerfälligen Reisewagen dann bald eingeholt. Lavenay hat Recht, sagte Mare de Lacy, aber meines Erachtens wäre es besser, den Polizei- director nicht ganz einzuweihen. Vielleicht wäre es auch ungeschickt, wenn wir uns alle Drei bei ihm zeigten. Gut, sagte Lavenay, es soll sich also nur Einer auf die Polizei begeben. Und wer soll das sein? Ich, wenn's Euch recht ist. Gehen wir miteinander. Ans der Place Vendome erwartet mich. 14 . Beim Polizeidirector. Zu der Zeit, wo unsere Geschichte spielt, war Herr Feydcau von Marville, ehemaliger Parlamentsrath, Polizeidirector von Paris. Er war ein Mann von strenger Rechtlichkeit, hatte aber weder die Herbheit, noch die inquisitorische Art seines Vorgängers. Herrn von Marville's Bestreben ging im Gegentheile dahin, sich durch seine Thätigkeit aller Welt ohne Unterschied des Ranges und des Staubes nützlich zu machen, und er hatte bereits mehrere Beamte entlassen, die in ihrer gewohnten Machtvollkommenheit Mißbrauch mit ihrer Amtsgewalt getrieben hatten. So war der Mann beschaffen, den jetzt Herr von Lavenay aufsuchte. Trotz der vorgerückten Stunde empfing Herr von Marville den Edelmann, deff n Name ihm sehr bekannt war. Lavenay erzählte ihm die EntführungS- -eschichte, ohne jedoch zu erwähnen, welche Rolle Ar. 15 Illustrirtez wiener LxtrLdl»tt Leibs 7 er und seine Freunde dabei zu spielen Willens gewesen waren. Er gab ganz im Gegcntheil als Beweggrund seines Dazwischcntretens die alte Freundschaft an, die ihn mit dem Marquis von Vilers verband. Herr von Marville hörte ihn aufnurk- sam an. Nachdem Lavenay zu Ende war, ließ der Polizeidirector seine Blicke forschend über dessen Gesicht gleiteu und er fragte anscheinend unabsichtlich : Was hat aber dann die ganze Zeit über der Marquis von Vilers gethan? Lavcnay, - der' auf diese unerwartete Frage nicht vorbereitet war, weil man häufig auf das > Nächstliegende vergißt, verlor einen Augenblick die Fassung, aber auch nur einen Augenblick. Bald gewann er seine Geistesgegenwart wieder und antwortete heiter: Vilers? Aber der ist ja abgereist. Seit wann? Seit einigen Tagen. Das ist aber merkwürdig! Ich glaubte ihn gestern beim L ver gesehen zu haben und es kam mir sogar vor, als ob ich ihn sagen hörte, daß er gar nicht daran denke, Paris zu verlassen. Einer von uns muß sich entschieden irren, Herr Polizeidirector! Thatsache ist, daß Herr von Vilers zur Zeit der Entführung nicht anwesend war. Zugegeben; was aber bringt Sie auf den Gedanken, daß auch der Unbekannte, der die Marquise entführt haben soll, Paris verlassen haben müsse? Die Antwort wurde Herrn von Lavenay jetzt ^ schwer ; er konnte Herrn von Marville doch nicht von der unerbittlichen Verfolgung Mittheilung machen, mit der er und seine Freunde die Marquise bedrohten. Es fiel ihm aber noch etwas Anderes ein und so entgegnete er denn: Sollte der Entführer nicht von der Furcht geleitet werden, daß Sie allzufrüh seiner habhaft werden? Sie können sicher sein, Herr Polizeidirector, daß sein ganzes Augenmerk darauf gerichtet ist, aus dem Bereiche Ihrer Macht zu kommen. ' Diese Erwägung war's auch, die mich bestimmte, zu so unpassender'Stunde bei Ihnen vorzusprecheN. ' .Der Schwur der Stothmiiutlrr.' Der Beamte setzte sich an seinen Schreibtisch und warf fluchtig einige Zeilen hin. Darauf schlug er auf eine kleine Hammerglocke. Eu Magistratsdiener trat ein und Herr von Marville gab ihm die Ocdre, die er vorhin geschrieben hatte. Von jetzt in einer Viertelstunde, sagte er, müssen alle Posten an den Stadtthoren benachrichtigt werden, daß man die Carosse, welche vorüberkommt, anfhält und, falls sie schon weg wäre, ihr schleunigst nachsetzt. Lavenay biß sich auf die Lippen. Das war mehr, als er verlangt hatte. Wenn die Behörde sich mit der Verfolgung des mysteriösen Unbekannten befaßte, so hatte dieser die besten Aussichten, mit seiner kostbaren Eroberung zu entkommen. Sollte es aber der Polizei gelingen, ihn festzunehmeu, so würde die Marquise in ihr Hotel zurückgebracht und jedenfalls für längere Zeit vor den Ränken der Nothmäntler geschützt sein. Indessen, dachte Lavenay. wäre es mit so guten Pferden, wie sie Lacy und Maurevailles besaßen, gewiß ein Leichtes für sie, den schweren Pferden der Polizisten zuvorzukommeu. Mit einem Lächeln auf den Lippen erbat er sich die Erlaubniß, auf die Unterweisungen zu warten, die der Polizeidirector ihm geben würde, um len Spuren des Verfolgers folgen zu können. Der Beamte schüttelte verneinend den Kopf. Was Sie da verlangen, Herr Graf, ist unmöglich. ! Unmöglich! Weßhalb? ^ Weil ich Sie verhafte. Wie, Sie wollen mich verhaften? Als verdächtig an der Ermordung Ihres alten Freundes, des Marquis von Vilers. Lavenay wurde todtenbleich. Woher mochte Herr von Marville erfahren haben, daß er den Marquis getödtct hätte, da doch Tony, der einzige Mitwisser des Duells unter seinen Feinden, geschwiegen hatte. Der Polizeidirector war auch seiner Sache , nicht ganz gewiß, er hatte blos Verdachtsgründe und keine Beweise und wollte sich Letztere erst . verschaffen. ^ -- - . > In Folge der zahlreichen Verbrechen, die in Paris - des Nachts begangen wurden, hatte f ' Leite 38 li In striktes wiener blxtradisltt ^r. 15 Marville eine für die damalige Zeit sehr wichtige Maßregel in's Leben gerufen. Diese Maßregel, welche vom 17. Mai 1743 datirte, legte jeden Wundarzt die Pflicht auf, binnen vierundzwanzig Stunden der Polizei Namen, Wohnort und die Natur der Verwundung der Leute, die man ihrer Behandlung übergeben hatte, anzngcben. Wenn daher zwei Edelleute einander im Duell bekämpften, war es dem Verwundeten nicht möglich, sich im Verborgenen pflegen zu lassen und den Zweikampf zu verheimlichen. Die Polizisten hatten hinsichtlich solcher Affaircn sehr strenge Verhaltungsmaßregeln; so konnte es nicht mehr, wie früher Vorkommen, daß, wenn sich irgendwo blutige Leichname fanden, sic achtlos an solchen Vorfällen vorübergehen konnten, indem sie dachten, daß das die Opfer eines Duells waren. Es wurde ihnen im Gegenthcile zur Pflicht gemacht, sich in solchen Fällen genau nach der Ursache und den näheren Umständen des Duells zu erkundigen. Wenn auch nicht Alle, so thaten doch die Meisten von ihnen gewissenhaft ihre Pflicht. Der Polizist, welcher die Ueberführung der Leiche in's Chatelct veranlaßt hatte, war ein junger und energischer Beamte, aber trotz seines Eifers war es ihm, Tank den Vorsichtsmaßregeln Tony's, nicht gelungen, die Identität Tony's festzustellen. Er hatte alle Portiere der Place Royale ausgeforscht und hatte bei dieser Gelegenheit in Erfahrung gebracht, daß ein Mann, der in einen rothen Mantel gehüllt war, zur Zeit, als dos Duell ungefähr stattgefunden haben mußte, den Platz ruhig betreten, ihn aber einige Zeit darauf eilenden Schrittes verlassen hatte. Der Beamte hatte dem Polizeidircctor Meldung von dieser Thatsache erstattet, nnd als dieser Lavenay, der seinen rothen Mantel noch nicht abgelegt hatte, erblickte, stand es bei Herrn von Marville fest, daß dieser und kein Anderer der Mörder sein müsse. Eine sonderbare Jdeenverbindung führte ihn jetzt auch auf den Namen des Opfers. Lavenay erklärte, aus d.'m Hotel Vilers zu kommen, von wo man die Marquise entführt hatte, und es hatte den Anschein, als ob er für diese ein tieferes Interesse hege, als gerade noth- wendig war. Der Gatte derselben war verschwunden .. I offenbar war das Opfer des gestrigen Abends der unbekannte Edelmann, nach dessen Namen man forschte, Niemand Anderer, als der Marquis von Vilers. Herr von Marville wollte Lavenay auf den Zahn fühlen und wir sehen, wie dieser in die Falle ging. Der Wechsel in seinen Gesichtszügen bewies zur Genüge, wie gerechtfertigt der Verdacht des Polizeidirectors gewesen war. Nachdem der erste Schrecken vorüber war, ermannte sich der Graf. Man hat in der That Recht, Herr Polizei- director, sagte er, wenn man behauptet, daß Ihnen Nichts verborgen bleibt. Ich hoffe jedoch, Ihnen baldigst Aufschlüsse geben zu können, die Ihnen genügen werden. Jetzt erwarten aber Herr von Lacy und Herr von Maure- vailles mit fieberhafter Ungeduld meine Rückkehr, um zu erfahren, wie sich das Schicksal der Marquise und mein eigenes gestaltet. Ich habe im ehrlichen Zweikampfe ihren Gatten ge- tödtet, der mich tödtlich beleidigt hatte. Jetzt weiß ich, daß sie von einer großen Gefahr bedroht ist, und wenn ich schon den Spuren ihres Entführers nicht selbst folgen darf, so gestatten Sie mir wenigstens, daß meine Freunde, die von aller Schuld frei sind, bitte, an meiner Statt Alles zu versuchen, um sie ihrem Bedränger zu entreißen. Statt aller Antwort drückte Herr von Marville zum zweiten Male an die Glocke. Der Polizeidiener erschien. Sagen Sie Herrn La Riviere, daß er hieherkommen möge. 15. Dcr Entführer -er Marquise. Einige Minuten darauf erschien Herr La Riviere, ein großer, dicker Mann von spießbürgerlichem Aussehen, mit einem rothen, auf- Nr. 15 Illuslrirtcg wiener 8eite 39 gedunsenen Gesichte und einem blöden Lächeln, ganz das Gegentheil von dem, was man sich gewöhnlich unter dem Polizisten des alten Regime vorstcllte. Freilich blitzten seine kleinen, perlgrauen Angen eigenthumlich hinter den blauen Augengläsern, die sie beschatteten. Wenn man diese Augen nicht sah, hätte man La Riviere für einen Einfaltspinsel halten können, aber unter dem Blicke dieser Augen mußte man erbeben. La Riviere verneigte sich tief und wartete ruhig, bis Herr von Marville ihn anredcte. La Riviere, fragte der Polizeidirector, sind meine Befehle hinsichtlich der Barrivren aus- gcführt worden? Der Polizist zog eine große, silberne Uhr hervor. Etwas vor 11 Uhr sind sie befördert worden, um 11 Uhr müssen sie abgegangen sein, in drei Minuten werden alle Posten benachrichtigt sein, die Meisten sind es ohnedies schon, Monseigneur. Und wenn sie Erfolg gehabt haben? konnte Herr von Lavenay nicht umhin, zu fragen. La Riviere antwortete: Wenn sie Etwas ausrichten werden, können es Monseigneur in einer Viertelstunde erfahren. Mit einer Handbewegung verabschiedete Marville den Polizisten und wandte sich dann an Lavenay. Sie sehen, Graf, daß Alles vorbereitet ist. Die strengsten Maßregeln sind getroffen, für die Marquise ist demnach Nichts zu fürchten. Was Ihre Freunde betrifft, so möchte ich diese nicht gerne umsonst auf dem Vendome-Platz warten lassen und werde Befehl geben, sie zu holen. Ich bitte um Vergebung, Herr von Marville, erlaubte sich der Graf zu fragen, aber woher wissen Sie denn, daß meine Freunde mich auf dem Vendome-Platz erwarten? Statt aller Antwort reichte Marville dem Frager einen Zettel, den La Riviere unbemerkt auf den Schreibtisch niedergelegt hatte, Lavenay las. Zwei andere Rothmäntler gehen auf dem Vendome-Platze auf und ab. Das ist aber wirklich bewunderungswürdig, sagte Lavenay mit einer Verbeugung. Jetzt aber erzählen Sie mir, so lange wir allein sind, wie's gekommen ist, daß Sie Ihren Freund, den Marquis von Vilcrs, tödtetcn. Lavenay begann seine Erzählung und tlieilte dem Polizeidirector alle Thatsachen mit, die wir aus dem Manuscripte des Marquis bereits kennen. Der Polizeidirector hatte mit lebhaftem Interesse die romantische Erzählung angehört. Und was sollte mit Gräfin Haydöe geschehen? fragte er endlich. Es wurde beschlossen, daß in Bezug auf sie Alles beim Alten bleibe, nämlich, daß die Gräfin Demjenigen von uns zufallcn solle, dessen Name auf dem von uns gezogenen Zettel stand. Weiter! Entweder hat der Marquis den Zettel vernichtet oder dieser ist in den Händen der Gräfin geblieben. Im zweiten Falle würde die Sache ihren natürlichen Verlauf nehmen, denn cs ist zweifellos, daß wenn der Name des Marquis auf dem Zettel gestanden wäre, dieser gewiß die Gräfin nicht entführt hätte. Wenn aber der Zettel vernichtet wurde? Er ist vernichtet, und da der Marquis jetzt todt ist, besteht die Uebereinkunft zwischen uns Dreien. Sie wissen aber doch, daß Gräfin Haydee Sie nicht liebt, sonst hätte sie nicht Herrn von Vilers gewählt. Gewiß, das soll aber auch ihre Strafe sein. Sie wird den Tod Desjenigen erfahren, den sie liebte und wird Demjenigen von uns angehvren, den das Los bezeichnet. Wenn dies aber nun Herr von Lacy oder Herr von Maurevailles ist? Dann werde ich mich bemühen, ihnen behilflich zu sein, wie ich es mir angelegen sein ließ, den Marquis zu verfolgen und ihn zu tödten. Das ist ja aber Thorheit! Da wir durch unseren Eid gebunden sind, so ist es für uns Ehrensache. Ein Geräusch wurde an der Thür vernehmbar. Der Polizeidiener meldete Herrn von Marville die Ankunft der beiden Edelleute, die er hatte holen lassen. Leits 40 Illuztl'irtss IVIsaer Lxtr»dlLtt Nr. 15 ^ Der Director erhob sich, um den Herren entgegnrzngehen. Die Letzteren waren lange in der Nähe ihrer Rosse, die von den Reitknechten lose am Zügel gehalten wurden, auf dem Vendome- Platze auf- und abgeaangen, als ihnen die Einladung zukam. Sie begriffen sofort, daß es sich um Wichtiges handeln müsse, und nachdem die übliche Begrüßung vorüber war, warteten sie ungeduldig ' auf eine Erklärung. Ich habe vorhin, begann jetzt Herr von Marville, eine lange Unterredung mit Ihrem Freunde gehabt, der mir von Ihrer Uebereinkunft - Mittheilung machte. Er hat mir auch nicht verheimlicht, daß diese eigentlich schon zum Thule erfüllt ist dadurch, daß er den Marquis gelobtet hat. Ja, aber im Duell, riefen zu gleicher Zeit die beiden Edelleute. Er hat mich versichert, daß der Zweikampf ein ehrlicher gewesen ist. Dafür stehen wir mit unserer Ehre ein, rief hastig Manrevailles. . Und wir verlangen auch unseren Theil an der Verantwortlichkeit, fügte Lacy hinzu. Herr von Marville dachte nach. Der Fall war in der That sehr ernster Natur. Es war ein Mord begangen worden und das Opfer war ein Officier, der bei Hofe und in der Stadt wohlbekannt war. Das konnte peinliches Aufsehen erregen. Andererseits aber war der Polizeidirector nur durch List dahin gelangt, den Namen des Todten zu erfahren. Für alle Welt war der Leichnam, der da unten in der Todtenhöhle ruhte, derjenige eiUes Unbekannten, und im ärgsten Falle würden die drei Osficiere, wenn man später zufällig doch erfahren sollte, daß der Marquis getödtct worden war, die Verantwortung übernehmen. Sie hatten es ihm zugesagt, und Herr von Marville war überzeugt, daß sie ihr Wort halten würden. Uebrigens konnte er sie .im Nothfalle auch dazu zwingen. Trotz der Verbote begegnete man zu damaliger Zeit dem Zweikampfe mit großer Nachsicht. Es war also keine Gefahr dabei, wenn man über das Geschehene ein Auge zudrückte, und was den Polizeibeamten anlangte, der die Urüersuchung eingeleitct hatte,' so war es ein Leichtes, diesem den Mund zu schließen. Meine Herren, sagte Herr von Marville, ich nehme Ihr Ehrenwort an, Sie sind frei. Und j tzt warten wir das Resultat der Nachforschungen ab, die hinsichtlich der Flüchtigen angcstellt wurden. Gerade kommt ein reitender Eilbote; vielleicht erfahren Sie gleich Etwas. Man vernahm auch wirklich Pferdegetrappel auf dem holperigen Straßenpflaster und bald darauf hielt Pferd und Reiter vor dem Polizei- gebäudc. Ein Soldat, dessen langer Säbel über die Stufen schleppte, stieg die Treppe hinauf. Herr von Marville, ebenso ungeduldig wie die drei Freunde, wartete gar nicht die Meldung ab, sondern stürzte in's Vorzimmer hinaus. Der Reiter hielt ein großes versiegeltes Schreiben in der Hand. Herr von Marville nahm es ihm ab und . kehrte damit in sein Arbeitscabinet zurück, im Gehen die Aufschrift des Briefes lesend. , Von dem Stadtthore Saint-Antoine, sagte er. Er brach das Siegel und überflog rasch Las 'Schreiben. Ah, das ist doch wirklich sonderbar, ^ murmelte er. Was ist denn vorgefallen? fragten Lacy, Maurevailles und Lavenay zu gleicher Zeit. . Sehen Sie selbst, meine H.rren. Meiner Vorschrift gemäß hat man den Wagen bei dem Stadtthore Saint-Antoine angehalten. Es waren zwei Personen in demselben, ein alter Mann, der mit einem Pelzrocke bekleidet war, und eine junge Dame. Bei der Aufforderung der Wachen hat sich der Mann mit einem Lächeln verneigt und man hat ihn passiren lassen. Die Marquise hat sich zur Wagenthür hinausgeneigt und den Hauptmann ersucht, ihrer Reise keine Hindernisse in den Weg zu legen. Unmöglich! Lesen Sie selbst. Sie erklärt, daß sie freiwillig mit ... Mit wem? unterbrachen die drei Männer, deren Blicke voll Spannung an den Lippen des Directors hingen. Mit ihrem Vater! ' Die drei Edelleute fuhren wie vernichtet zusammen. . Marc de Lacy war der Erste, der seine Geistesgegenwart wieder gewann. Hlustrirtes «Vioner 8x1rsdl»tt gölte 41 Nr. 16 Aber wohin mag er sie denn führen? ' Danach zu fragen kommt Niemandem zu. 16 . Die Bestattung des Marquis. Nach einer Stunde physischer und moralischer Erschlaffung stand Tony erfrischt auf und war jetzt mehr als je bereit, der Marquise rettend und rächend zur Seite zu stehen. Vor Allem war es ihm klar, daß er erfahren mußte, was geschehen war, seitdem er dem armen Joseph beigesprungen war. Aber die ungestüme Weise, mit der er in das Haus gedrungen war, hatte ihn verhindert, auf den Weg zu achten. Er wendete sich auf's Geradewohl in den ersten besten Corridor, ging immer gerade aus und stieß endlich auf einen Fensterflügel, der offen stand. Trotzdem das Mondlicht nur einen sehr schwachen Schein verbreitete, so konnte er doch ungefähr die Entfernung abschätzen, die ihn vom Boden trennte. Er befand sich im Erdgeschoß und konnte einen Sprung schon wagen. Mit einem Satze befand er sich auf dem Boden, vor ihm standen große Bäume, er war also im Garten. Nachdem er eine Zeit lang herumgeirrt war, bemerkte er Joseph, der noch ganz betäubt in dem Gebüsche lag, in das ihn sein Angreifer geworfen hatte. Der arme alte Mann war so ohne Fassung, daß er unseren jungen Freund nicht erkannte, und fürchtete, daß dieser gekommen war, um ihn zu tödten. Gnade, thun Sie mir Nichts zu Leide! rief er, als Tony den Knebel entfernt hat. Haben Sie keine Angst, ich bin's ja. Sie, Herr Tony, wie gut Sie sind. Der Alte küßte die Hände, die seine Fesseln lösten. Aber was ist denn vorgefallen? Ich selbst weiß nichts Bestimmtes. Dem Greise, dessen Glieder unter den Stricken, die sie zusammenschnürten, steif geworden waren, zitterten die Knie. Sie müssen sich zusammen nehmen, mahnte freundlich Tony. Ihre Herrin ist entführt worden. Madame entführt? O, die Schufte! Sie waren's nicht. Wer war's denn? Das werden wir hoffentlich erfahren. Kommen Sie. Die Gefahr, in der Josephs Meinung nach die Marquise sich befand, gab dem alten Manne seine ganze Rührigkeit wieder. Sehen Sie zuerst nach, sagte Tony, woher es kommt, daß man mir auf mein Klopfen nicht öffnete und daß kein einziger Beamte auf all' den Lärm herbeikam. Ich dagegen werde in der Nachbarschaft Umschau halten. Wir treffen uns bei dem Hauptthore. Tony übersprang wieder die Gartenmauer und erreichte mit einigen Sätzen die Straße Femme-sans-Tete, wo er ohne Bedenken mehrere Hausmeister weckte. Er hatte das Geld bei sich, das er dem Marquis abgenommen hatte, und er wußte, dast er es ohne alle Gewissensbisse im Dienste der Marquise verwenden konnte. Das Geld, das er aus vollen Händen ausgab, verfehlte auch seine Wirkung nicht. Was er erfuhr, war im Ganzen ungefähr Folgendes : Bei Einbruch der Nacht hatte ein Wagen an der Straßenecke gehalten, dem sich nach einigen Minuten ein Mann genähert hatte, der, in einen dicken Pelz gehüllt, sich dem Kutscher näherte, ihm Geld in die Hand drückte und lange mit ihm sprach. Dann war er der Thür des Hotels zugeschritten, die offen stand. Bald darauf sah man ihn wieder herauskommen, und zwar in Begleitung der Frau von Vilers. Die Marquise hatte einen großen Reisemantel umgeworfeu. Obschon sie keinen Widerstand entgegensetzte, schien es doch, als ob sie nicht aus eigenem Antriebe folgte. Auf dem kurzen Wege vom Holel zum Wagen führte sie mehreremal das Taschentuch an die Augen. In dem Momente, als sie einsteigev sollte, schien sie zu zögern, aber ihr Begleiter schob sie, »Der Schwur der Rothmäntler." Lslttz 42 Illnstrirtes wiener Lrtr»d1»tt Nr. 1« rasch entschlossen, hinein, setzte sich neben sie und der Wagen fuhr im Galopp davon. Tony hatte genug erfahren; er kehrte jetzt in das Haus zurück, wo ihn, wie verabredet, Joseph erwartete, der bei seinem Anblicke die Arme zum Himmel erhob und sie lebhaft bewegte. Nun, fragte Tony, den die Erregung des alten Mannes beunruhigte. Ach Gott, meine Herrin ist verloren. Joseph erzählte jetzt, was vorgefallen war, wurde aber immer wieder durch Thronen und Schluchzen unterbrochen. Der aufhorchcnde Tony vernahm jetzt, daß der treue Diener, als er sich in den Zimmern und Wirthschaftsgebäuden umgtsehen, Alles in tiefstem Schlafe gefunden hatte. Endlich war es ihm gelungen, einen Lakai zu wecken, dem er Wort für Wort folgende Einzelheiten entreißen mußte. Gegen drei Uhr Nachmittags war ein Kammerdiener, der vorgab, Tags zuvor den Dienst im Hotel de Chevreux verlassen zu haben und vom Marquis engagirt worden zu sein, in die Kchche^gekommen. Er war übcrmüthiger Laune, erzählte die tollsten Geschichten und forderte schließlich d^e Leute auf, ein Gläschen mit ihm zu leeren — und das auf so gewinnende Art, daß die Lakaien, die Schweizer und die Kammerfrau der Marquise der Reihe nach mit ihm anstieß n. Mehr konnte er aus dem Lakai nicht herausbringen. Dieser hatte mit dem neuen Ankömmling so viel getrunken, daß ihm allmählich der Kopf schwer geworden war und er einschlief. Allen Anderen war es wahrscheinlich eb.n so ergangen. Tony wußte nun genug. Der angebliche Exlakai des Herzogs von Chevreux war von den Nothmäntlern gedungen. Zum Unglück für diese hatte ihnen ein Anderer vorgearbeitet. Gerade als Joseph mit seiner Erzählung zu Ende war, fiel der Hammer mit dröhnendem Geräusch auf die Platte. Der alte Diener beeilte sich, zu öffnen. Herr Joseph? fragte die Person, die geklopft hatte. Ja, ich bin's. Hier ist ein Brief für Sie, ich warte auf Antwort. Allerdings erwartete er eine Antwort und noch dazu eine von Bedeutung, denn der Brief enthielt folgende Zeilen: „Ich bitte Sie, lieber Joseph, dem Uebcr- bringer Dieses 10.000 Livres zu übergeben. Marquis von Vilers." Sonderbar, murmelte Joseph, mein armer Herr, der mir doch sonst Alles mittheilte, hat mir davon Nichts erzählt. Was soll das bedeuten ? Freilich konnte man den Brief nicht leicht für gefälscht halten; die Schrift war die des Marquis, sogar die Schnörkel an der Namensunterschrift, so wie er sie anzubringen pflegte, das Siegel war in Ordnung. Der Brief war von der vorigen Woche datirt. Joseph bedeutete den Boten, zu warten. Joseph bezahlte die zehntausend Livres und versuchte bei dieser Gelegenheit zu erfahren, unter welchen Verhältnissen dies Bonmot aus- gcfertigt worden war. Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, antwortete der Ueberbringer des Briefes. Ich führe blos den Auftrag aus, den ich empfangen habe. Joseph begleitete den Boten bis zum Thor und als er sich anschickte, dasselbe zu schließen, lief ein Junge auf ihn zu. Warten Sie, Herr, machen Sie noch nicht zu, ich bringe Ihnen Etwas. Ter Junge war in Schweiß gebadet und ließ sich athemlos auf einer Bank vor dem Hause nieder, indem er Joseph rin Papier hin hielt. Für wcn ist dies? fragte der alte Diener. Für . . . den Marquis von Vilers, brachte der Knabe stoßweise hervor. Josephs Brust entrang sich ein Seufzer. Ter Junge fuhr fort: Der Brief ist von einer sehr schönen Dame, die in einem Wagen saß. Sie schrieb ihn, während der Herr in ihrer Gesellschaft mit dem Koffer zu thun hatte. Sie . . . sagte mir, daß man mich gut bezahlen werde. O, gewiß, sagte Joseph, der den Inhalt seiner Börse in die Hände des erstaunten Nr. 16 lllustrirts» Wiener Zelts 43 Bürschchens gleiten ließ und in's Hotel zurückkehrte, wo er sich zu Tony begab. Trotzdem der Marquis todt war und der Brief wichtige Aufschlüsse enthalten konnte, wagte es Joseph in seiner Ehrerbietung nicht, ihn zu öffnen. Er drehte ihn lange zwischen den Fingern hin und her; das Billet trug kein Siegel und war nur mit einer Stecknadel geschloffen, die Adresse mit Bleistift geschrieben. Nun? ließ sich Tony endlich ungeduldig vernehmen, werden Sie einmal damit fertig werden? Ich möchte für mein Leben gerne den Inhalt des Billets wissen, aber ich wage nicht, cs zu öffnen. So werde ich den Muth dazu haben! Der energische junge Mann bemächtigte sich des Briefchens, entfernte die Stecknadel und las mit lauter Stimme die gleichfalls mit Bleistift geschriebenen Worte: „Lieber Freund! Der Magnat führt mich an den Ort, der Dir bekannt ist. Wenigstens brauche ich Frankreich nicht zu verlassen. Gib auf Rejane Acht! Das arme Kind hat sich gerade zur Ruhe begeben. als ich abreiste. Sage ihr, daß ich sie im Schlafe umarmte und küßte. Vertraue mir, wie ich Dir vertraue. Marquise v. Vilers." Nun, fragte Tony, nachdem er das Billet zu Ende gelesen hatte, wohin führt der Magnat Ihre Herrin? Sie müssen das doch wissen. Joseph stand bestürzt da. Er hatte von den Besitzungen des Magnaten nur ein Schloß an der Donau erwähnen gehört. Und die Marquise schrieb doch, daß sie Frankreich nicht verlasse. Tony verlor von Neuem den Math. Der Leitfaden, den er gefunden zu haben glaubte, um sich iu diesem Labyrinthe zurechtznsinden, riß hier plötzlich ab. Was sollte er jetzt beginnen ? Nachdem er einige Zeit überlegt hatte, war er zu dem Entschlüsse gelangt, gleich den drei Feinden der Marquise in die französische Leibgarde cinzntreten. Er fühlte, daß er für die eintönige, spießbürgerliche Existenz, die er bei Frau Marion führte, nicht geschaffen sei. Er brauchte daS geräuschvolle Leben, die bunte Abwechslung des Feldlagers, den tosenden Lärm der Schlacht. Zu dieser Erkenntniß war er gekommen, als seine Hand zum ersten Male den Degen führte, als sein Herz aufjauchzte, wie er ihn zum ersten Male mit einem anderen kreuzen durfte. Aber sein Entschluß hätte auch andere Vortheile. So könnte er immer in der Nähe der Rothmäntler leben, sie beobachten und ihre Anschläge gegen die Marquise vereiteln. Das Regiment ist wie eine große Familie, in der Nichts geheimgehalteu wird. Wenn es also den Rothmäntlern gelang, die Zufluchtsstätte der Marquise ausfindig zu machen oder irgend Etwas gegen die Witwe ihres Freundes zu unternehmen, so werde Tony alsbald Kcnntniß davon erhalten. Ich bleibe nicht immer einfacher Soldat, sagte sich Tony mit der Zuversicht, die sich seit seiner Bekannschaft mit dem Marquis in erheblicher Weise ausgebildct hatte, ich muß meinen Weg machen und werde über kurz oder lau- denselben Officiersrang haben, wie meine Feinde. Dann darf sich der Graf nicht länger weigern, sich mit mir zu schlagen. Zuerst muß die Beleidigung, die dieser mir zugefügt hat, mit seinem Blute abgcwaschen werden und dann werde ich den Tod des Marquis rächen. Bevor Tony sich anwerben ließ, wollte er früher noch eine Pflicht erfüllen. Die Leiche des Marquis lag noch im Chatelet. Tony theilte dies Joseph mit und forderte ihn auf, mit ihm zu gehen. Da die Marquise nicht mehr da war, um die letzten Pflichten gegen ihren Gcmal zu erfüllen, so siel diese Aufgabe zunächst den beiden Freunden des Marquis, Tony und Joseph zu. Gleich bei Tagesanbruch begaben sie sich in's Chatelet, wo man ihnen, um jedes Aufsehen zu vermeiden, in einem reichen Eichenholzsarg die irdischen Ueberreste des Marquis übergab. In der Kirche S. Louis en Ist« wurde eine feierliche Messe gelesen und der Sarg dann irr der Familiengruft des alten Geschlechtes bei- gesetzt. Selts 44 Illustrirtök, Vv lener LxirsblLtt Nr. 16 Mein armer, armer Herr, schluchzte Joseph, als sich das Grab geschlossen hatte, jetzt werde ich Dir nicht mehr dienen können !! Aas Wagnatenschloß. i. Die französische Garde. Am Tage nach dem Begräbnisse des Marquis ging es vor dem Stadtthore in einer Schenke äußerst lebhaft zu. Etwa hundert Leute im Alter von 18 bis 24 Jahren, die zu zwei Dritteln der Arbeiterklasse angehörten und deren anderes Drittel aus dem Bürgerstande und der Geschäftswelt von Paris hervorgegangen zu sein schien, drängte sich zu den Thüren des Wirthshauses. Ein Tambour der französischen Leibgardisten in weißer Uniform mit blauen Schnüren, den Dreispitz auf der gepuderten Perücke, schlug die Trommel und immer zwischen ein paar Trommel- schlügen las er mit schnarrender Stimme von vnem Anschlagezettel Folgendes vor: Der Marquis von Langevin, Regiments- oberst, Ritter des königlichen Ludwigordens u. s. w. macht bekannt: 1. Daß durch die allerhöchste Verfügung des Königs auf Betreiben Sr. Excellenz des Kriegsministers das französische Leibgarde- Regiment um zwei Compagnien verstärkt werden wird. 2. Daß die jungen Leute, welche Soldaten werden wollen, sich entweder selbst an den Marquis v. Langevin oder an die Herren Hauptleute Bressuire und Vauxcoulenrs, oder auch ohneweiters an Pivoine, den Rccruten- werber, wenden wollen, der ihnen sofort zehn Pistolen auf die Hand gibt, wofern sie ihr Engagement unterzeichnen. X 3. (Für die Richtigkeit dieses Passus können wir wirklich nicht bürgen, da ihn Humbert, genannt Pivoine, nach dem Gedächtnisse herunterlas, ohne den Zettel anzusehen.) Das französische Leibgardisten-Regiment ist das angenehmste aller Regimenter. — Sonntag wird bei Geigen- und Flötenspiel getanzt; der Sold ist gut und wird pünktlich ausbezahlt; die Soldaten haben die Erlaubniß, bis 10 Uhr, an Sonntagen bis 12 Uhr Mitternachts aus- znbleiben. Der Oberst verbietet den Soldaten, vorausgesetzt, daß der Dienst darunter nicht leidet, weder Liebschaften, noch das Wirthshaus. Hübschen Burschen wird der Vorzug gegeben, da das Leibgardisten-Regiment Etwas darauf hält, sich einen Ruf der Galanterie zu erhalten. Die verschiedenen Ausschmückungen, welche Pivoine dem 3. Paragraphen hinzugefügt hatte, sammelten eine große Menge vor dem Wirthshaus „zum Recrutenwerber". Pivoine war ein Mann, der die Fünfzig schon überschritten hatte. Er war läng, hager, sehnig und ans seinem rothen Gesicht, das ihm den Spitznamen „Pfingstrose" eingktrageu hatte, prangte ein mächtiger Schnurrbart, dessen Spitzen sorgfältig nach oben gedreht waren. Er stammte aus der GaZcogne und war ein Aufschneider ersten Ranges. Er war tapfer bis zur Tollkühnheit und ein leidenschaftlicher Trinker; sein rothes Gesicht und seine Kupfer - uase bewiesen zur Genüge, daß er von der Toleranz, deren sich die französischen Leib- gardisten bezüglich der Wirthshäuscr erfreuten, den ausgedehntesten Gebrauch gemacht hatte. Kommt her, Ihr Kinderchen, Zuckerpüppchen, rief er jetzt wieder, indem er die Goldstücke, die in einem Ledersäckchen vor ihm lagen, verheißend klingen ließ. Wer will dem Könige dienen? Wer will zehn Pistolen haben? Zehn Pistolen! Bei Belze- bub! Ein hübsches Sümmchen, das findet man weder unter dem Pferdehufe, noch in der Mönchskapuze. Zehn Pistolen! Beim Blute Christi! Wenn ich zehn Pistolen hätte, zehn funkelnagelneue, glitzende Pistolen, so würde ich auf der Stelle eine vornehme Dame heiraten, die eine Equipage und livrirte Diener hat. Zehn Pistolen! Hölle und Verdammniß! Nr. 17 Hlügtrlriss wiener HxtrLdl»tt Leits 45 Das ist viel Geld, damit kann man acht'Tage lang sich die schönsten Vergnügungen schaffen. Von Zeit zu Zeit unterbrach der Sergeant seine Ausrufungen, um einen der Freiwilligen unterschreiben'zu lassen, der die Feder zitternd ergriff, Namen und Adresse aufschrieb und dann fünf Pistolen einsteckte. Dann begann der Sergeant von Neuem: Es gibt kein schöneres Handwerk, als das des französischen Leibgardisten, meine Engerln! Man kann spät aufstehen, macht keine Waffenübung mit, wird gut genährt, bekommt guten Wein zu trinken. Bei Tag unterhält man sich auf verschiedene Art, Abends wird Karten gespielt. . / Die Weibsbilder sind Alle närrisch in uns verliebt. Seht mich an, ich habe in meinem Leben mehr Weiber unglücklich gemacht, als ein Koch Hühner auf seinen Spieß steckt. Die jungen Burschen drängten sich an den Freiwerber heran, Unterzeichneten und nahmen die Hälfte ihres Handgeldes in Empfang, das sie zum größten Theile gleich in der Schänke vertranken. . Plötzlich brach sich ein junger Mensch durch die Menge Bahn. Es war fast noch ein Kind, er hatte nicht den mindesten Anflug eines. Bartes im Gesichte, das zart roth und weiß war wie das eines jungen Mädchens. Was willst Du, Fräulein ? fragte „Pfingstrose", als er ihn nähcrkommen sah. Ich will mich anwerben lassen. Bei den französischen Leibgardisten. La. - . Tu bist noch zu jung. Ich bin sechzehn Jahre alt. Du bist ein verkleidetes Mädchen und willst wahrscheinlich.Deinem Geliebten nahe sein. Der junge Mann erröthete bis an die Ohrläppchen. Sergeant, sagte er drohend, ich habe mich diese Woche mit zwei Männern geschlagen, die Beide größer waren als Sie, und wenn Sie Lust haben, sollen Sie bald erfahren, welchem Geschlechte ich angehöre. V." - Du, kleiner Kerl. Ja,, ich. - .7 .D,r Schwur der RothmUntler - Der Sergeant lachte aus vollem Halse. Der junge Mann fragte wieder: Wollen Sie mich anwerben, ja oder nein? Nein, Du bist zu klein dazu. Der Jüngling war kreideweiß geworden. Sergeant, sagte er, ich gehe jetzt zum Marquis von Langevin, heute Abends noch bin ich Soldat und morgen sehen wir uns wieder. Der junge Mann, in dem unsere .Leser wol bereits Tony erkannt haben, verließ hoch erhobenen Hauptes und flammenden Auges das Wirthshaus. An der Thür wendete er sich nochmals an ^>en Tambour: Wo finde ich den Marquis von Lau- gevin? Wo finde ich den Marquis von Langevin ? fragte er nochmals, als er keine Antwort erhielt.. In seinem Hotel, Rue des Minimes in der Nähe der Place Royale. Er entfernte sich und ging den Wall entlang. Das Hotel des Marquis lag links gegen die Mitte der Straße zu. An dem Eingaugsthor bemerkte Tony einen ebensolchen Anschlagzettel angehestet, wie ihn der Trommler vorhin im Wirthshause vorgelesen. An der. Schwelle der Thür stand ein Lakai. Ist der Marquis zu Hause? Was wollen Sie bei ihm? Tony überlegte rasch, daß auch der Lakai ihn möglicherweise für zu jung finden könnte, und er erinnerte sich, daß auch der Marquis von Vilers vom Negimente der Leibgardisten gewesen war. Er theilte deshalb dem Diener mit, daß er mit einem Schreiben von diesem an den Marquis von Langevin komme. ' Geben Sie her, sagte der Djener. Nein, nein, rief hastig Tony, ich muß eS dem Herrn persönlich übergeben. ° ' 2 /' ' Corporal Tony. , Der Diener führte Tony durch. mehrere luxuriös ausgesiattete Säle, bis sie in ein geräumt ges Arbeitscabinet gelangten. Leits 46 lNustrlrtss wiener üxtrablLtt Nr. 17 Ein sehr bejahrter Mann mit ergrautem Schnurrbart, dessen Augen aber noch im Feuer der Jugend glänzten, saß an einem Tische. Es war der Commandirende, Marquis von Langeviu. Das hübsche Gesicht und die sichere Haltung Tonys nahmen den Marquis sofort für ihn ein. Was wünschen Sie von mir, mein junger Freund, fragte der Marquis in freundlichem Tone. Herr Oberst, antwortete Tony, ich möchte Soldat werden. Glauben Sie hinlänglich stark für diesen Beruf zu sein? Ich werde dem Stande Ehre machen. Wie alt sind Sie? Sechzehn Jahre. Sie wollen also dienen. Noch mehr, ich will Officier werden. Oho! Und Tony fügte mit männlichem Stolze hinzu: Ich bin überzeugt, daß ich eines Tages das St. Ludwigskreuz tragen werde. Ah, zum Teufel, rief der Marquis, der von der kriegerischen Haltung des fast noch mädchenhaften Jungen höchlichst belustigt war. Vorläufig, nahm dieser wieder das Wort, möchte ich so schnell als möglich Sergeant werden! Hat das solche Eile? Ja, cs hat Eile, denn ich muß mich mit dem Recrntenwerber Pfingstrose schlagen. Wirklich? Urber Aufforderung des Marquis erzählte nun Tony, was sich zwischen ihm und dem Sergeanten zugctragen habe. Der Marquis hörte ihm lächelnd zu. Können Sie lesen und schreiben? fragte er jetzt. Ja, Herr Marquis. Der Marquis reichte ihm Feder und Tinte hin. — Lassen Sie Ihre Schrift sehen! Tony warf den Satz auf's Papier, den ihm der Marquis dictirte. Er hatte eine sehr schöne, leserliche Schrift, und was damals selten war, er schrieb orthographisch. Nun, sagte beifällig nickend der Marquis, vorderhand mache ich Dich zu meinem Secretär. Tony stieß einen Freudenschrei aus. Das bedeutet, fügte der Oberst hinzu, im Regiment Corporalsrang. Darf sich ein Corporal mit einem Sergeanten schlagen? Nein, lautete des Marquis Antwort. Tony biß sich ärgerlich auf die Lippen. Außer, fügte der Marquis hinzu, wenn der Sergeant einwilligt. Uebrigcns, wenn man einmal Corporal ist, braucht es nur die erste Schlacht, um zu avanciren. Und wird man sich bald schlagen? Vielleicht schon in acht Tagen. Tony konnte in seiner Freude nicht umhin, sich vor Vergnügen die Hände zu reiben. Herr von Langevin nahm ein Werberegister heraus und Tony Unterzeichnete, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war jetzt französischer Leibgardist. Am nächsten Tage trommelte der Sergeant „Pfingstrose* seine neu angeworbenen Rccruten zusammen. Plötzlich verzog er seine buschigen Augenbrauen und sein aufgedunsenes, kupferrothes Gesicht wurde noch um eine Nuance dunkler. Er glaubte, eine Ohnmachtsanwandlung zu haben. Wie mir scheint, habe ich den Staar. Pivoine irrte sich, er war nicht blind, sondern hatte ganz richtig gesehen. Was er gesehen hatte, war ein ganz junger Mann, der in der weißblauen Uniform steckte, auf deren Aermeln die Corporalslitzen prangten. Der junge Mann war niemand -Anderer, als unser Tony. Der Sergeant nagte ingrimmig an seinem Schnurrbarte und seine Nase leuchtete in allen Farben. Er hielt sich aber noch zurück und rief zum Appell, und erst als dieser vorüber war, schritt er auf Tony zu. Dieser ging ihm keck entgegen. Guten Tag, Sergeant! Guten Tag, mein Bübchen! Tony blickte stolz auf Pivoine. Haben Sie nicht bemerkt, was ich auf dem Arme trage, Sergeant? Ja. Und setzt Sie das in Erstaunen? Ein Bischen, kleiner Jntriguant! Wie hast Du's denn angestellt, gleich Corporal zu werden, Nr. 17 lllustrirles Mover DrtrM»tt während ich, Pivoine, volle zehn Jahre gebraucht >abe, um zu avanciren. Marquis von Langevin hat mich zu seinem 3ceretär ernannt. Der Sergeant zuckte verächtlich mit den -lch'esn. Ah! sagte er, so ist es freilich leicht, die dessen zu kriegen, da braucht man gar nicht in's euer zu gehen. Sergeant, sagte kaltblütig der junge Mann, der Herr Marqnis hat mir in Aussicht gestellt, oaß wir in acht Tagen in die Schlacht ziehen. Wirklich? Ja, und ich hoffe, meinen Mann zu stellen. Pivoine lachte höhnisch auf. Um schneller die Sergranttressen zu bekommen, sagte wieder Tony. Der alte Soldat lachte höhnisch auf. Ah, da schau! Du schneidest ja großartig auf. Willst Sergeant werden, ohne ein Härchen am Kinn! Ob ich bald einen Bart kriegen werde, weiß ich nicht, aber was ich gewiß, das ist, daß ich an dem Tage, an dem ich Ihresgleichen werde, Ihnen meinen Degen durch den Leib renne. Wenn Du's versuchen willst, jetzt versuchen willst, Du Grünschnabel, polterte der Sergeant, so verzichte ich meinetwegen ans Deine Sergeants- tresscn. Sie wollen sich also mit mir schlagen? Sogleich. Pivoine war carmoisinroth geworden. ^ Tony war noch mit Niemandem aus dem Regiments bekannt, aber seine Corporalslitzen mußten ihm als Empfehlung dienen. Er wendete sich also an zwei Soldaten, die, nachdem der Appell vorüber war, ruhig ihre Pfeifen in einem Winkel des Kasernenhofes rauchten, und fragte sie in entschlossenem Tone, der seine Wirkung ans die alten Haudegen nicht verfehlte, ob sie seine Secundanten sein wollten. Die Angeredeten sahen den Jüngling mit unverkennbarem Wohlgefallen an. Mit wem wollen Sie sich denn schlagen? Mit Sergeant Pivoine. Ah! Da nehmen Sie sich in Acht, der führt einen guten Degen und hat in seinem Leben schon zwei Dutzend Menschen getödtet. ^ Holte 47 >-— Und ich werde ihn tödten. ^^ In diesem Augenblicke betraten dieOfficierö Maurevailles, Lacy und Lavenay, die gerade Befehle für die nächste Revue ausgegeben hatten, den Kasernhof. 3. Eine neue Entdeckung Tonys. Tony hatte mit solcher Sicherheit gesprochen, daß die beiden Soldaten keinen Anstand nahmen, ihm als Zeugen zu folgen. Der Sergeant hatte gleichfalls zwei von seinen Kameraden bestellt. Wo schlägt man sich? fragte der junge Mann. O, in der Kaserne nicht. Wir gehen gewöhnlich nach der Seite der Grande Barriere hin oder zu den Percherons. Also, wie es Ihnen beliebt. Die Dinge waren mit solcher Raschheit vor sich gegangen, daß keiner von den Osficieren die Aufforderung bemerkt hatte. Um auf die Straße zu gelangen, mußte man an den drei Freunden vorüber. Sieh einmal her, sagte Maurevailles zn Lavenay, das ist ja der kleine Beschützer der Marquise, der ist jetzt gar Leibgardist geworden. Lavenay war ein Mann von Erfahrung, der ans den ersten Blick erkannte, um was es sich bei der kleinen Gesellschaft handelte. Ja, er ist's, sagte er ruhig, Du Haft den Wunsch geäußert, von diesem ehemaligen Commis befreit zu werden, der alte Sergeant hier wird Dir diesen Wunsch erfüllen. Die drei Freunde begaben sich zum Rapport, ohne sich weiter um Tony zu kümmern. Pivoine, außer sih vor Wuth darüber, daß er von einem bartlosen Jungen beleidigt worden war, verließ zuerst den Hof. Tony folgte ihm. Als man auf der Straße draußen war, wandte der Sergeant sich an die Zeugen: Gehen wir nur so nahe, als möglich, gleich Leits 48 HIuZtlirtss ^Vieser LrtrsdlLtt Ilr. 17 hinter dem Wall, ich brenne vor Begierde, diesem Jungen einen Denkzettel zu geben. Er beschleunigte seine Schritte, so daß ihm die Anderen kaum zu folgen vermochten. He, Sergeant! rief ihm Tony zu, Sie haben's aber furchtbar eilig, in die andere Welt befördert zu werden. Der Sergeant antwortete mit einem gräulichen Fluche und schritt nur noch rascher weiter. Da die Kaserne sich in der Nähe des Louvre befand, war noch ein hübscher Weg bis zu den Wällen. Man brauchte eine gute Viertelstunde, um das Stadtthor Montmartre zu erreichen. Da aber Leute auf den Wällen waren, schritt Pivoine ärgerlich auf die Rückseite eines kleinen Hauses zu, das Marschall Richelieu hatte aufführen lassen. Hier fanden die beiden Gegner ein sandiges Fleckchen, das von einigen Bäumen umgeben war und an die Gartenmauer des kleinen Hauses grenzte. Der Ort war menschenleer und für ein Duell geeignet. Zum Henker, murmelte Pivoine, während er sein Hemd auszog, tödten will ich das Bürschchen nicht, weil ich kein Kindermörder bin, aber drei Daumen tief soll es mein Eisen im Arme haben und das Gesicht will ich ihm zeichnen, daß er an mich denkt; das soll ihm für nächstens zur Lehre dienen. Der Sergeant ist stark und ich kann nicht einmal fechten, dachte Tony, aber Gott ist gerecht, er wird nicht zugeben, daß der Trunkenbold mich ,umbringt. . Wird's werden, Fräulein, brüllte Pivoine, dessen Zorn sich von Secunde zu Secunde steigerte, oder sollen wir vielleicht noch eine Messe singen, bevor wir vom Leder ziehen? Sie haben eine sehr häßliche Stimme, Herr, und ich muß trachten, daß sie nicht gar zu laut wird. , Tony zog seinen Degen. Seine Haltung und sein Muth waren in der That bewunderungswürdig, und die Zeugen, die anfangs den'Kopf geschüttelt hatten, machten jetzt aus ihrem Erstaunen kein Hehl. . , Wer weiß, sagte der Eine zum Andern, ob diesmal nicht der Sergeant eine Lcction empfängt? Tony hielt sich zuerst in der Defensive. Pivoine drang mit großer Gewalt auf ihn ein und versetzte ihm einen Stoß, den er geschickt auffiug. Dann stieß Tony und berührte den Sergeanten an der Schulter. Der alte Soldat stieß ein Wuthgeheul aus. Ich wollte Dich schonen, aber jetzt sieh Dich vor! Er trieb Tony in die Enge und dieser begann langsam zurückzuweichen. O Du Lump! Du Schuft! Du bekommst ietzt genug, Du fängst an, mir auszuweichen, brüllte der Sergeant. Und mit geschwungenem Säbel drang er auf ihn ein. Die Zeugen Tony's schlossen die Augen, denn sie glaubten, daß der arme Junge jetzt todt wäre; aber Tony war rasch zur Seite gesprungen, Pivoine's Säbel sauste durch die Luft, und als Tony zum zweiten Male zum Stoß ausholte, stieß er ihm seinen Degen in die Kehle. Ihre Stimme mißfiel mir, sagte er ruhig. Der Sergeant fiel wie eine leblose Masse hin, ein Blutstrahl quoll aus. seinem Munde. Man hob den Armen auf. und trug ihn in aller Eile in das uächstgelegene Wirthshaus. ' ' Tony, der ja im Grunde des Herzens ein guter Junge war, vergaß angesichts des besiegten Feindes allen Zorn und erwies dem Verwundeten alle mögliche Sorgfalt. Mau schickte nach einem Wundarzte, der die Wunde untersuchte und darauf erklärte, daß diese nicht tödtlich sei, aber daß dem Sergeanten höchst wahrscheinlich ein gänzlicher Verlust der Stimme zur Folge bleiben werde. Der Transport des Verwundeten und das Verbinden der Wunde hatte ungefähr eine Stunde in Anspruch genommen. Die beiden Soldaten, welche Tony als Secundanten gedient hatten, waren ihm nicht von der. Seite gegangen und hatten, ihn in seinen Bemühungen um den Verwundeten unterstützt. Der Eine von ihnen war ein Gascogner und hatte den Spitznamen La Rose. Es war ein Mann von 40 Jahren,; ein großer Aufschneider, aber ein wackerer Kumpan, der, so ruhmredig er war, doch bei ernsteren^Dingen nicht im Stande war, zu lügen. Xr. 18 Hlustrirte» Mever Litrsdlatt Zelts 49 Der Andere stammte aus der Normandie, es war ein schweigsamer Mann, der wenig trank, aber seinen Sold schon im Vorhinein verspielte. Der Normanne hatte eine innige Zuneigung zu dem Gascogner gefaßt und sie waren durch innige Freundschaft verbunden, trotz ihrer Charakter« Verschiedenheit, denn der Eine war mäßig im Sprechen und Trinken, der Andere ließ sich gern hören und trank oft Eines über den Durst. Der Normann, der den Gascogner weit an Verstand überlegen ansah, hatte die Gewohnheit angc- nommcn, Nichts ohne den Rath des Freundes zu unternehmen. Das waren die beiden Männer, die Tony als Zeugen gedient hatten. Wahrhaftig, mein Junge, das war ein Prachtvoller Stoß! sagte La Rose, indem er traulich den Arm in den Tony's schob, als sie das Wirthshaus verließen und den Verwundeten dem Arzte und seinen beiden Secun- danten überließen. Ein prachtvoller Stoß! wiederholte in schleppendem Tone der Normanne. Der Normanne — man kannte ihn im Rcgimente nur unter diesem Namen — war das getreue Echo des La Rose. Das wird Ihnen Ehre machen, junger Freund, fuhr La Rose fort, man wird im ganzen Regiments davon sprechen. Ach ja, wiederholte der Normanne — Alles wird davon sprechen. Bei den Hörnern des Teufels, nahm der Gascogner jetzt wieder das Wort, während sie mit großen Schritten den Weg längs der Wälle durchmaßen ; in dem Wirthshaus, in dem der Verwundete liegt, konnte man anstandshalber kein Glas Wein verlangen, da man doch Rücksichten auf den Verwundeten nehmen mußte. Ach ja, sagte der Normanne. Aber deshalb bin ich jetzt doch durstig, sehr durstig noch dazu, und wenn es Ihnen recht ist, junger Freund, so gehen wir jetzt, unseren Durst löschen. Aber mit Vergnügen, Kameraden, sagte Tony, und Sie müssen mir sogar gestatten, Sie zu bcwirthen. La Rose nahm eine gönnerhafte Miene an. Meinetwegen sei es, junger Freund, es soll Ihnen gestattet sein Wohin gehen wir also? Ich kenne ein ausgezeichnetes Gasthaus, daS nur zwei Schritte von hier liegt. Am Ende das Gasthaus zum „Recruten- werber" ? Pfui! schüttelte sich der Gascogner, das ist eine abscheuliche Spelunke. „Ekelhaft!" ließ sich das Echo vernehmen. Ich meine das Gasthaus „zum Kürbis - Männchen", das von Frau Nicolo und ihrer Tochter Bavette geführt wird. Sonderbare Namen das, sagte Tony. Was den Namen Nicolo betrifft, kann ich Ihnen nicht sagen, woher er kommt, aber Bavette . . . Das wissen Sie. Nicht schlecht, sagte La Rose wichtig, ich bin .'a der Pathe der Kleinen. Ach, Sie sind der Pathe? Ich kann Ihnen ihre ganze Geschichte erzählen, fuhr der Leibgardist fort, es ist eine ganz merkwürdige Geschichte. Tony hatte eine Pistole in der Tasche. Es drängte ihn, seinen Einstand zu bezahlen, und er dachte, daß das geeignetste Mittel dazu wäre, sich so rasch als möglich Freunde zu erwerben. Nun hatte ihm die Lection, die er Pivoine gegeben, schon die Achtung der beiden Freunde erworben, und er combinirte, daß er ihre Freundschaft auf's Schnellste gewinnen könnte, wenn er sie freihielt und sie geduldig anhörte, wenn sie ihre Geschichten erzählten. Jst's weit? fragte er. Nein, ich sagte ja schon, daß es ein paar Schritte von hilw sind, ich habe gerade noch Zeit, Ihnen die Geschichte zu erzählen. Es macht mir großes Vergnügen, Ihnen zuzuhören, murmelte Tony, der sich der größten Höflichkeit befliß. Vor fünfzehn Jahren, junger Freund, begann jetzt La Rose, da Bavette jetzt vierzehn Jahre alt ist und ich damals fünfnnd wanzig Jahre zählte — heute, bin ich vierzig Jahre alt. Man sieht es Ihnen gar nicht an, unterbrach Tony, dem es willkommen war. eine kleine Schmeichelei anzubringen. La Rose drehte seinen Schnurrbart mit selbstgefälliger Miene. Ja, ich sehe allerdings gut erhalten aus. »Der Schwur der Rothmiintlcr.* Loits 50 INustrk-ttzs wiener LrtrMM Nr. 18 Der Normanne warf seinem Freunde einen Blick der Bewunderung zu. Aber kommen wir jetzt zu unserer Geschichte zurück, begann La Rose wieder, wie ich also schon sagte, zählte ich damals fünfundzwanzig Jahre. Wir führten Krieg in Flandern, unsere Marketenderin war Frau Nicolo, zu der ich Sie jetzt führen will. Frau Nicolo war eine schöne Frau, die Witwe eines Tambours, der in einem Vorpostengefecht gefallen war. Böse Zungen behaupten, daß sie ihre dreißig Jahre auf dem Rücken hatte, nichtsdestoweniger war sie sehr schön und im ganzen Regiments war kein Mann, der nicht in sie verliebt gewesen wäre. Frau Nicolo war, wie gesagt, eine schöne Frau, in die wir Alle verliebt waren, und zwar ohne alle Aussicht. Nicht möglich! rief Tony. Sie war höchst anständig und gab Niemandem Gehör. Sie hatte für uns immer nur die eine Antwort: Ich betrauere noch meinen Gatten. Sie lachte uns Alle aus. Eines Tages aber erschien ein junger Fähnrich beim Regi- mente, schön wie ein Gott. Wenn auch, unterbrach Tony, 'was konnte er einem Manne wie Sie auhaben? Warten Sie nur! Der Fähnrich war, wie Sie wol denken können, ein Edelmann. Er war siebzehn oder achtzehn Jahre alt und sah wie ein verkleidetes Mädchen aus. Wir belagerten damals gerade eine kleine Stadt in Flandern und cam- pirten im Freien. Als Markedeuterin hatte Frau Nicolo ein großes Zelt und wir kamen dort allabendlich zusammen und unterhielten uns mit der liebenswürdigen Mithin. Der Fähnrich kam auch hin und war bald in sie ebenso verliebt, wie wir Anderen. Drei Tage nach seiner Ankunft im Lager traf den Fähnrich eine Kugel in die Schulter und er blieb auf dem Schlachtfelde liegen. Wie, er wurde getödtet? rief Tony, der sich seit seinem Duell für den Fähnrich zu inter- essiren begann. Nein, die Wunde war nicht tödtlich, man fand ihn bewußtlos liegen und transportirte ihn in das Marketenderzelt. Ich errathe . . . Frau Nicolo pflegte ihn, wie wenn sie Krankenwärterin von Profession wäre, und drei Wochen darauf war er auch wirklich wieder hergestellt. Aber statt sich darüber zu freuen, wurde Frau Nicolo, die sonst so gerne lachte und ihre schönen Zähne zeigte, von einer Plötzlichen Melancholie befallen. Sie behauptete, krank zu sein und verabschiedete ihre Kunden schon immer um neun Uhr Abends. Das gab den Leuten wol zu denken, 'aber Niemand kannte den wahren Sachverhalt. Der Fähnrich war so verschwiegen, daß kein Mensch im ganzen Regiments wußte, was vorgefallen war. Ich aber hatte mir vsrgenommen, um jeden Preis herauszubringen, was mit Madame Nicolo vorgefallen war, und so schlich ich denn des Nachts in der Nähe der Cantine herum, um die nächtlichen Vorgänge im Hause beobachten zu können. Ungefähr um Mitternacht bemerkte ich in der Nähe des Zeltes einen Mann, der in einen Mantel gehüllt war. Sein Gesicht war verhüllt und überdies war es finstere Nacht, so daß man Nichts erkennen konnte. Ich beschloß also, bis zum Morgen zu warten. Bei Tagesanbruch verließ der Unbekannte vorsichtig das Zelt, jetzt konnte ich ihn erkennen. Es war der Fähnrich Marquis von Vilers. Marquis von Vilers! rief Tony überrascht. Ja, kennen Sie ihn? Er ist der Vater Bavetlcs. Ach, mein Gott, murmelte der junge Mann bestürzt, wie sonderbar sind doch die Fügungen des Schicksals. 4 . Die erste Liebschaft des Marquis von Vilers. Der Gascogner betrachtete Tony, dessen Gesicht die lebhafteste Ueberraschung ausdrückte, eine zeitlang sehr aufmerksam. Ach, sieh' einmal, was gibt's denn dabei so Sonderbares? Tony machte eine lebhafte Bewegung. Und wie Sie der Name der Marquise in Aufregung versetzt hat. Bitte, fahren Sie doch fort. Ich fragte noch einmal, was denn so Nr. 18 lllustrlrtsa ^rsusr L.rtr»blLtt Solto bl Sonderbares daran ist, wenn der Marquis Bavettes Vater ist? Ich werde Ihnen das schon sagen, bis Ihre Erzählung beendet ist. Also, meinetwegen will ich weiter erzählen. Ja, wie ich Herrn von Vilers erkenne, rede ich ihn an: Nun, Herr Ofsicier, Sie verstehen es, die Pflege, die man Ihnen angedeihen läßt, gut zu bezahlen, das lasse ich mir gefallen. — Er erröthete bis an die Haarwurzeln, wie ein junges Mädchen. Kannst Du schweigen? fragte er. Wenn Ihnen daran gelegen ist. Außerordentlich viel! Mein Onkel, der Chevalier, der mein Compagniechef ist, würde es mir niemals verzeihen, daß ich eine Marketenderin liebe. Gut, Herr Officier, seien Sie ohne Sorge, von mir haben Sie Nichts zu fürchten. Und Sie haben doch Wort gehalten? Selbstverständlich! Eines Tages war im Lager große Bewegung, Frau Nicolo hatte ihre schöne Taille verloren. Um meines Schweigens sicherer zu sein, nahm mich Herr von Vilers in seine Dienste. Ich hatte seine Kleider zu bürsten und sein Pferd zu besorgen. Eines Tages sagte er zu mir: Die Marketenderin ist im Begriffe, Mutter zu werden, Du mußt der Pflegevater des Kindes sein. Du wirst für seine Erziehung sorgen und ich werde Dir im Geheimen das nöthige Geld geben. Der Vorschlag sagte mir zu und ich nahm ihn an. Da ich nun oft in das Zelt der Marketenderin kam, wurde es alsbald im Regiment bekannt, daß ich der begünstigte Liebhaber der Frau Nicolo sei. Sie genaß eines Kindes und ich wußte es so einzurichten, daß Alles mich beglückwünschte. Das Neugeborene war ein kleines Mädchen, das hell und munter in die Welt blickte. Sobald es im ganzen Lager bekannt war, daß ich der Vater wäre, spielte ich den Bescheidenen und versuchte zu leugnen. Da mir Niemand glaubte, dachte ich, nichts Besseres thun zu können, als das Kind aus der Taufe zu heben. Aber auch das nützte Nichts. Mau nannte mich Vater und Pathe zugleich, und a^s der Pfarrer dem Kinde die Taufe gab, fragte er mich, wie eS heißen solle. Bavette, sagte ich. Das ist ja gar kein Kalendername, meinte er. Nein, war die trotzige Antwort, aber bei uns, in der Gascogne, heißen viele Mädchen so, und wenn Sie das Kind nicht auf den Namen taufen wollen, so trete ich von der Gevatterschaft zurück. Der Schädel brummte dem armen Mann, und während er nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte, sagte er feierlich: Ich taufe Dich Bavette im Namen - > Vaters . . . Und so weiter, unterbrach Tony. Ist Ihre Geschichte damit zu Ende? Diese einfache Frage stimmte den Soldaten auf einmal nachdenklich. Ja, sagte er; sttzt sind's vier Jahre, daß ich meinen armen Capitän — der Fähnrich ist nämlich inzwischen Capitän geworden — nicht gesehen habe; damals ist er aus dem Regimente ausgetreten. Ich weiß es. Aber woher wissen Sie denn das? Sie kennen ihn also? Sie können mir also sagen, wie es ihm geht? In der Stimme des Gascogners zitterte eine unbeschreibliche Angst. Ja, ich kenne ihn, antwortete Tony nicht minder bewegt. Aber, sagen Sie mir, Sie scheinen Ihren Capitän sehr geliebt zu haben? Ich hätte mein Herzblut für ihn vergossen? Und wenn ihm Jemand nach dem Leben getrachtet hätte? O, rief der Gascogner, unwillkürlich an den Degen greifend, der bekäme eS mit mir zu thun. Tony richtete sich hoch auf und mit der Würde eines Mannes sagte er ernst und feierlich: Kamerad, Marquis von Vilers ist todt. Todt, wiederholte La Rose, der bestürzt einen Schritt zurückwich. Todt, sage ich, es sind noch keine vierzehn Tage her. Vor einer Minute glaubte ich sein einziger Rächer zu sein, jetzt aber . . . Jetzt, rief ingrimmig und bleich wie der Tod der Gascogner, jetzt sind wir unser zwei t Drei, sagte der Normanne, der bisher respektvoll geschwiegen hatte, einfach. Aber wie ist denn das zugegangen? fragte jetzt der Gascogner mit Thräncu in den Augen. beite 52 INnstrirtee wiener Extrablatt Nr. IS Er ist umgebracht worden. Von wem? Ruhig! Es gibt Namen, die man nicht so hinausschreien darf. Es wird vielleicht einmal heißen, daß er im Duell getödtet wurde. Das ist aber nicht wahr. Von einem aus drei Männern bestehenden Bunde ist er dem Tode geweiht worden. Sie wollten ihn Einer nach dem Anderen fordern, bis er fiele. Sie sehen, daß das nichts Anderes als Mord ist. Er soll gerächt werden, sie müssen Alle sterben. In diesem Augenblicke befanden sich Tony und seine Kameraden, die während des Sprechens ihren Weg fortgesetzt hatten, vor der Schänke der Frau Nicolo. Ach, ich habe keinen Durst mehr, sagte La Rose. Ich auch nicht, sagte der Normanne. Ich zwar auch nicht, meinte Tony, aber gehen wir doch hinein, ick) möchte gerne seine Tochter sehen, und dann läßt sich's im geschlossenen Raume besser plaudern. Sie traten in die Schänke. Sonderbar, meinte La Rose, ich sehe weder Frau Nicolo, noch ihre Tochter. Die Schänke war leer. Ein robuster Schankbursche, der am Zahltische thronte, erkannte den Soldaten, und mit der Mütze in der Hand herbeieilend, bewies er durch seine Haltung die Ehrerbietung, die man in diesem Locale dem Pathen Bavette's entgegenbrachte. Die Frau und die Mamsell, sagte er, sind in Paris, aber sie müssen ehestens zurückkommen. Sie sind schon seit Früh fort. Womit kann ich dienen, Herr? Ich will gar Nichts, fertigte ihn La Rose kurz ab. Er setzte sich in ein Cabinet, das an die große Wirthsstube stieß. Tony und der Normanne folgten ihm. Der junge Gardist neigte sich zu den beiden Soldaten und fragte leise: Bestrafen die militärischen Gesetze nicht den Soldaten mit dem Tode, der seinen Officier tödtrt? - Gewiß. Ihr .seht also, murmelte der Jüngling, daß das, was Ihr zu thun gedenkt, unausführbar ist. Wieso? Weil die Mörder des Marquis Officiere unseres Regimentes sind, Kameraden. Die beiden Soldaten fuhren erschrocken zusammen. Sie heißen Albert von Maurevailles, Gaston de Lavenay und Marc de Lacy, fuhr Tony fort. Zum Teufel! Das sind ja unsere Vorgesetzten. Auch die meinigen, seit heute Morgens, nahm der junge Gardist wieder das Wort. Aber sie haben unseren braven Capitän nicht als unsere Vorgesetzten getödtet, ebensowenig sind sie unsere Vorgesetzten, wenn sie die Henker seiner Witwe werden wollen. Sobald wir unter Waffen stehen und sie uns commandiren, haben wir als Soldaten zu gehorchen. Es gibt aber auch Gelegenheiten, wo Officiere und Soldaten einander als einfache Menschen gegenüberstehen. Das haben wir vor Allem im Auge zu behalten. Sie sind ihrer Drei und wir? Wie ich schon sagte, auch unser sind Drei, rief lebhaft La Rose, indem er heftig Tonys und des Normannen Hände ergriff. Lange noch unterhielten sich die künftigen Rächer des Marquis und warteten ungeduldig auf Bavctte und ihre Mutter. Endlich ging die Thür auf und die langersehnte Frau Nicolo kam zum Vorschein. Man merkte der ehemaligen Marketenderin an, daß sie einmal sehr hübsch gewesen sein mußte. Neben ihr stand ein junges Mädchen, die sogleich die Aufmerksamkeit Tonys auf sich zog und in der er Bavette erkannte. Sie war so schön, daß der ehemalige Commis der Frau Marion starr vor Bewunderung stehen blieb. Sie hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit ihrem Vater, flüsterte der junge Mann La Rose in's Ohr. La Rose und der Normanne aber runzelten die Stirne. Es kam ihnen vor, als ob auf dem Gesichte der beiden Frauen ein Schatten läge. Ah! Was gib's denn! fragte der Gas- cogner. Das geht uns allein an, antwortete Frau Nicolo in mürrischem Tone. Frau Nicolo, mich fertigen Sie nicht so leicht ab, sagte La-Rose. Ich werde bald heraus- bringcn, wo Sie waren. Nr. 19 INustrlrtss ^Visnsr Lxtr»d1»tt Lcito 53 Das werden Sie nicht. Wie, Sie haben Geheimnisse vor mir? Ja, lautete die barsche und kurze Antwort. 5 . Das Ultimatum. Lassen wir jetzt den Gascogner und den Normannen bei der Frau Nicolo, aus der sie vergeblich Etwas herauszubringen suchten. Das Geheimniß der Marketenderin mußte wirklich sehr ernsthafter Natur sein, da sie ihren alten Freunden gegenüber so verschlossen blieb. Auch Bavette blieb stumm und unbeweglich, trotzdem die beiden Kameraden das Aeußerste versuchten, um sie zum Reden zu bringen. Statt Zeugen dieses vergeblichen Scharmützels zu sein, folgen wir lieber dem Wagen der Frau von Vilers und dem Magnaten, der sie entführt hatte. > Trotzdem der Ungar von Poststation zu Poststation einen Courier vorausschickte, der die Aufgabe hatte, für frische Pferde zu sorgen, ging die Reise doch nur langsam von Statten. Die Straßen in Frankreich waren so schlecht, daß man täglich nur fünfzehn bis zwanzig Meilen zurücklegen konnte. Ueberdies schlug der Magnat bei jeder Poststation eine falsche Richtung ein, da er von der Furcht getrieben wurde, verfolgt zu werden, und seine Verfolger auf falsche Fährte lenken wollte. Die Reise wollte demnach kein Ende nehmen, so wenigstens schien es der Marquise, die seufzend in der Wagenecke lehnte. . Sie war von der Seite ihres Mannes, den sie innig geliebt hatte, gerissen worden und fand sich nun dem gefürchteten Greife gegenüber, den sie seit vier Jahren nicht gesehen hatte und der ihr nur eine Zeit lang als Vater erschienen war, bis sie erkannte, daß seine Gefühle für sie andere, als väterliche wären. Es war ihr klar geworden, daß ihre Ehre in der Nähe dieses vor Leidenschaft tollen Greises nicht mehr sicher war, und sie hatte diese in die Hand eines Mannes gelegt, von dem sie wußte, »Der Schwur der Rothmttutler." daß er durch und durch Edelmann wäre und zu dem sie überdies ihr Herz hinzog. Sie hatte vor dem Magnaten die Flucht ergriffen, in der Hoffnung, daß sie ihm niemals mehr begegnen werde. Und nun war sie wieder in seiner Gewalt und sie wußte weder, wohin er sie führte, noch, was er mit ihr vor hatte. Der Leser wird sich unwillkürlich fragen, warum die junge Frau ohneweiters ihr Haus verließ, wo sie doch in Sicherheit war, um dem Magnaten zu folgen, den sie doch verabscheute. Es war nicht Furcht vor einem Scandal, der sie dazu bewog, war sie doch die rechtmäßige und geachtete Gattin des Marquis v. Vileck, noch Dankbarkeit für die Fürsorge, die der Graf ihr in ihrer ersten Kindheit erwiesen hatte, denn die Marquise kannte die niedrigen Triebfedern zu gut, die ihn bei seiner Handlungsweise geleitet hatten. Als sie ihm folgte, geschah es aus Furcht, aber nicht für sich, sondern für ihren Gatten. Der Marquis war auf einige Stunden ausgegangen und statt seiner war ein Com- Missionär gekommen, der ihr mittheilte, daß ihr Gatte gezwungen war, in einer wichtigen Angelegenheit abzurcisen, und daß er daher auf das Vergnügen, sie auf den Opernball zu führen, verzichten müsse. Dem Wunsche ihres Gatten zufolge, war sie auf den Opernball gegangen und dort war sie einem Manne begegnet, an den sie sich von früher nur dunkel erinnerte. Der Mann hatte sie beleidigt und da war plötzlich ein Jüngling aufgetaucht, 'den sie früher nie gesehen, der sie aber zu kennen schien, und hatte sich ihrer als Cavalier angenommen. Der junge Mann hatte nur wenige Worte an sie gerichtet, aber diese enthielten den Wink, daß ihr von irgend einer Seite Gefahr drohe. Anfangs waren ihr die Rothmäntler eingefallen, als sie aber den Magnaten erblickte, glaubte sie, daß die Gefahr in dieser Richtung zu suchen sei. Und sie begann die möglichen Folgen zu erwägen, die die Rückkehr des Magnaten für ihren Gcmal haben könnten. Sie kannte die furchtbare Leidenschaft, die sie dem alten Manv eingeflößt halte, und sie wußte, daß er vor keinem Mittel zurückschrecke, wenn es galt, die Hindernisse zu beseitigen, die ihn von Haydöe trennten. Sie erinnerte sich nur ' Leite 54 lUustrirte« wiener klrtrLblrtt ^r. 19 ollzngut an den jungen Mann, den mau im Schloßgraben mit einer Kugel im Kopf gefunden hatte, und sie zitterte deshalb für ihren Gatten. Gewiß hatte Graf von Mingreli ein ganzes Heer von Meuchelmördern gedungen, denen der Marquis nicht entgehen konnte, wenn sic nicht durch scheinbare Unterordnung unter den Willen ihres Pflegevaters von dem geliebten Mann den Dolch abwenden würde. Und als nun der Graf vor ihr stand und mit scheinbarer Ruhe ihr, auf den Wagen zeigend, ' andentete, daß sie eine längere Reise machen würden, da hatte der Gedanke, daß sie nur durch blinden Gehorsam ihren Mann retten könne, sie in ihrem Trennungsschmerze aufrecht erhalten. Sie war in den Wagen gestiegen und nach kurzem Aufenthalte im Hotel mit ihrem Pflegevater abgereist. Es bleibt nur noch zu erklären, wie der Magnat von der von den Rothmäntlern geplanten Entführung Kcnntniß erhalten hatte. Er war vor einigen Tagen in Paris angekommen und hatte sogleich sein Augenmerk auf das Hotel Bikers gerichtet, um einen Augenblick zu erspähen, der zur Entführung jener jungen Frau günstig wäre, für die sein Herz in unwürdiger Liebe schlug. Er kam jedoch zu spät, denn die Rothmäntler, die er auf den ersten Blick erkannte, hatten sich bereits der Marquise genähert. Er verfolgte sie, um auf diese Weise etwas für seine Zwecke Günstiges zu erfahren. Als er vernahm, daß ein Wagen für die Entführung der Marquise bereit stehen werde, beschloß er, diesen für sich selbst zu verwenden; es war ihm gelungen und jetzt genoß ec seinen Triumph. Die Reise war lang und dünkte der armen jungen Frau im fortwährenden Alleinsei» mit ihrem Entführer als die entsetzlichste Marter. Und dennoch sah sie mit noch größerem Bange» dem Ende der Fahrt entgegen. So lange sie. durch bewohnte Strecken fuhren, hatte sie von dem Magnaten nichts Ernstliches zu befürchten. Aber wie sollte es werden, wenn sie allein und ganz in seiuer Gewalt, iu einem öden, abgelegenen Schlosse lebte? Die Zärtlichkeit, die der Graf an den Tag legte, die Versuche, die er r machte, um sie der melancholischen Starrheit zu ' entreißen, die sie den ganzen Weg gefangen hielt, steigerten noch ihre Angst. Welches Los erwartete sie? In ihrer Be- drängniß hielt sie nur der Gedanke aufrecht, daß sie ihrem Gatten geschrieben hatte und dieser also von ihrer Lage in Kerintniß gesetzt war. Endlich hatten sie das Schloß, das Ziel ihrer Reise, erreicht, der Wagen hielt vor der Zugbrücke, deren Fallgitter rasselnd niederfiel. Nachdem der Wagen m den Hof eingefahren, klirrten die Ketten der Brücke noch einmal und die Marquise war eine Gefangene. Der Magnat wies ihr ihre Gemächer an und führte ihr zwei Frauenzimmer zu, die zu ihrer Bedienung bestimmt waren. Die Marquise fragte eines der Mädchen, wo sie sich befände und was mit ihr geschehen würde, aber statt aller Antwort schüttelte die eine nur traurig den Kopf und die andere legte mit melancholischem Lächeln den Finger an den Mund: Sie waren beide stumm! A Sie bedeuteten der Marquise mittels Zeichen, daß ihr Bett gemacht sei, und diese verabschiedete darauf die beiden Mädchen durch eine Hand- bcwegung. Aber trotzdem sie von der Reise sehr ermüdet war, wagte sie es doch nicht, sich niederzulegen, aus Furcht vor einer Überraschung. Zwei Stunden darauf kam eines der Mädchen mit einem Manne zurück, der einen vollständig gedeckten Tisch trug. Als die Marquise sich mit einer Frage an ihn wendete, gab auch er ihr zu verstehen, daß er stumm sei. Alle Dienstleistungen im Schlosse wurden von Stummen besorgt, Creatureu des Grafen, die er aus Ungarn mitgebracht und die ihm in blinder Anhänglichkeit ergeben schienen. Frau von Vilcrs wies die Speisen zurück, wie sie das Lager verschmäht hatte. Einige Augenblicke darauf trat der Graf bei ihr ein. Haide'', sagte er zu ihr, merke wohl auf das, was ich Dir jetzt sage! Du bist iu meiner Gewalt, vollständig iu meiner Gewalt. Aber Du liebst Frankreich, mochtest es nie verlassen. Wolan! Willige ein, die Meine zu werden und Du kannst hier bleiben. Ich würde es so einrichten, > daß - ich für die Welt noch immer als Nr. 19 Dlurtrlrtes Misnsr Nxtr»dl»tt Leits 55 Dein Vater gelte, nur für Dich will ich etwas Anderes sein. Weigerst Du Dich, so reisen wir wieder ab in mein Schloß am Donauufer, wo Dn erzogen worden bist. Ich habe Macht genug, um Deine Ehe zu lösen und Dich zu meiner Frau zu machen, auch gegen Deinen Willen. Ich lasse Dir acht Tage Bedenkzeit. Erwäge meinen Vorschlag gut! Nach Ablauf dieser Frist fordere ich Antwort! 6 . Es geht Ln den Krieg. In Paris war große Bewegung. Ludwig XV. hatte nach einem langen Waffenstillstand den Entschluß gefaßt, den Krieg in Flandern wieder auszunehmen. Das Leibgardisten-Regiment, das aus 8000 Mann ^stand, zog als eines der ersten schon zeitlich Früh in's Feldlager. Die Straßen von Paris waren von einer dichten Menschenmenge besetzt und hatten ein festliches Gepräge. Die Häuser waren mit dreifarbigen Fahnen geschmückt und in den Straßen, durch die das Regiment zog, waren die Fenster von Neugierigen dicht besetzt. Vivat Frankreich! Vivat die Leibgardisten! scholl es von allen Fenstern. Und Vivat die Leibgardisten! wiederholte die begeisterte Menge, bei der die blaue Uniform mit den weißen Schnüren sehr beliebt war. Ludwig XV. war aus Versailles nach' Paris gekommen, einzig und allein, um das prächtige Regiment zu begrüßen. Der Ausmarsch war auf 10 Uhr festgesetzt, aber schon um halb 10 Uhr war das Gedränge ein ungeheures. Der Marquis von Langevin, der alte, gichtische Soldat hatte, die Elasticilät und Frische der Jugend wieder gefunden. Wer ihn so sah an der Spitze seiner Truppen ' in der kleidsamen, tadellos sitzenden Uniform auf einem feurigen Hengst, der Hütte ihn für höchstens 40 Jahre alt gehalten. . Noch vor dem Ausmarsch trat ein Jüngling auf ihn zu, der am linken Arme die Corporals- treffen trug. Wollten Sie die Güte haben, Herr Oberst, mir auf dreiviertel Stunden Urlaub zu gewähren ? Der Marquis blickte den jungen Mann an. Wie, Du bist's» Tony. Zu Befehl, Herr Oberst. Und wozu brauchst Du die Erlaubniß? Um von der Frau Abschied zu nehmen» die an mir Mutterstelle vertrat. Geh'! sagte der Marquis einfach. Tony salutirte und wollte sich entfernen, als ihm der Marquis noch nachrief, daß er nicht vergessen solle, daß das Regiment in einer Stunde abmarschire. Ich werde mich an das Regiment beim Stadtthore Monmartre anschließen. Gut, sagte der Oberst, der in den acht Tagen, die Tony als Secretär bei ihm diente, den jungen Mann genug kennen gelernt hatte, um zu wissen, daß man auf ihn mit Bestimmtheit rechnen könne. Tony verließ raschen Schrittes den Kasernhof und eilte durch die Straßen, bis er in dk Straße de Jeux-Neufs kam. Dort blieb er plötzlich stehen, ein heftiges Herzklopfen überfiel ihn. Wie alle anderen, war auch diese Straße decvrirt, überall sah man Leute an Fenstern und Thüren stehen, nur ein einziges Haus, das der armen Frau Marion, blieb schmucklos und verschlossen. Schon von Weitem begrüßte man ihn mit einem Hurrah! der Bewunderung. Wie lauge war es her, daß Tony als Commis bei Frau Marion gedient hatte, und was hatte sich seither Alles zngetragen! Er war nicht mehr der schüchterne Jüngling, den ein Blick der Pflegemutter außer Fassung brachte und den die Nachbarn ein hübsches Püppchen nannten. Tony war ein stolzer, junger Mann geworden, der den Kopf hoch trug und der-in seiner Leibgardisten-Uniform sich ungemein stattlich ausnahm. Tony! Tony! rief eS von allen Seiten. Die alten Leute nickten ihm freundlich zu, die Hlustrlrtss Msaor LxtrLblstt ^r. 19 i jungen Mädchen streckten ihm erröthend die Hand entgegen. Er erwiderte alle Grüße, ging aber geradenwegs auf das Haus der Frau Marion zu. Er klopfte an, die Thür wurde geöffnet und Frau Marion erschien im Rahmen derselben. Ais sie Tony erkannte, stieß sie einen Freudenruf aus und flog in seine Arme. Ach, wie gut von Dir, daß Du nicht ab- r.ereist bist, ohne von mir Abschied zu nehmen! rief sie immerfort und ein Thränenstrom floß über ihre Wangen. Ach, liebe Mutter, murmelte Tony, ich bin nicht undankbar. Sie werden sehen, ich komme eiust als Officier zurück und »dann werde ich mit Stolz sagen, daß Sie Mutterstelle an mir vertreten haben. Jedes dieser Worte drang wie ein Dolchstoß ^in das Herz der armen Frau. Tony mißverstand ihre Neigung zu ihm, wie auch sie sich lange über deren wahren Charakter getäuscht hatte. Sie öffnete jetzt einen Schrank und entnahm demselben ein Medaillon, daß sie Tony um den Hals hing. Behalte das, es wird Dir Glück bringen. Dann nahm sie noch ein Ledersäckchen, das 30 Pistolen, ihre Ersparuisse enthielt. So, nimm das auch noch, mein Kind! Er wollte sich weigern, aber sie schloß ihm den Mund mit den Worten: Bist Du nicht mein Sohn ? Jetzt aber gehe, mein Kind! Ich höre schon die Trommeln deS Regiments. Gehe mit Gott und komme als Officier zurück. Noch eine Umarmung und Tony verließ die Stätte seiner Kindheit. Zehn Minuten darauf hatte er das Regiment wieder eingeholt, das mit klingendem Spiele zwischen der Spalier bildenden Menge hindurch marschirte. Eine Frau theilte die Menge und als sie in der ersten Reihe war, sah sie mit Spannung auf jeden Zug, der vorbeimarschirte, endlich, als sie an der Ecke eines Zuges den schönen Corpora! Tony bemerkte» winkte sie ihm mit den Händen ein letztes Lebewohl zu und murmelte dann, während sie mit äußerster Anstrengung einen Schmerzensschrei unterdrückte: Mein Gott, Du weißt, wie ich ihn liebte! Auf einem der Krankenwagen, die dem Regimente folgte, lag ein Mann, der fluchend sein Schicksal verwünschte, das ihn hinderte, an der ausgelassenen Fröhlichkeit der Kameraden theilzunehmen. Es war der Sergeant Pivoine, dessen Genesung, wie es der Wundarzt prophezeit hatte, wirklich rasch vorwärts ging. Aber auch die zweite Prophezeiung des Wundarztes war eingetroffen, er hatte wirklich seine Stimme eingebüßt. Obschon er wegen seiner Krankheit noch in der Kaserne hätte bleiben sollen, zeigte er ein so unwiderstehliches Verlangen, an diesem Tage seine Kameraden zu begleiten, daß man ihm es nicht abschlagen wollte. Von Zeit zu Zeit versuchte er in den Gesang der Kameraden einzufallen, aber vergebens, er brachte keinen lauten Ton hervor. Singend und jubelnd zog das Regiment jetzt in Chantilly ein, und gleich bei der Ankunft gratulirte sich Langevin zu seiner Idee, Maure- vailles vorausgeschickt zu haben. Der Oberst hatte nämlich mit Recht befürchtet, daß sein Regiment bei der Ankunft nicht die nöthigen Hilfsmittel vorfinden werde, da andere Regimenter, die früher durchgezogen waren, die Bevölkerung bereits ausgesogen hatten und die Begeisterung des Volkes für den Krieg und die Soldaten schon sehr gesunken war. So hatte der Oberst denn Maurevailles vorausgeschickt, damit er das Land durchquere und den Commandanten von allen aufzutreibenden Hilfsmitteln in Kenntniß setze, so daß die achttausend Mann ohne große Schwierigkeiten das Land pasiiren konnten. Selbstverständlich erhielt der Secretär Tony zu allererst Kenntniß von dieser Verfügung des Marquis, die-Maurevailles entfernte. Anfangs achtete er nicht darauf; daß der Capitän im Aufträge des Marquis fortgeschickt wurde, war nichts Außergewöhnliches. Groß war aber sein Erstaunen, als er eines Tages sah, wie die Rothmäntler sich in einer abgelegenen Ecke des Hofes leise mit einander unterhielten und wie zum Schluffe der Unterredung die beiden Anderen dem Maurevailles ihre Börsen einhändigten. Nach kurzer Ueberlegung kam Tony zu folgendem Resultat: Maurevailles hatte jetzt volle Freiheit, also die beste Gelegenheit, die Marquise von Vilers aufzusuchen. Damit er nicht der zu ihrer Verfolgung nöthigen Mittel entbehre, ver- >r. 20 lllagtrlrt« Moa-r 8rtr»dl»tt Seit« 57 sahen ihn die Anderen, die unthätig beim Regiments Zurückbleiben mußten, mit Geld. Tony sah, daß die Aufgabe, die er sich gestellt, nämlich die Marquise zu schützen, nun noch schwerer geworden war, da auch er im Regiment« bleiben mußte, aber er vertraute auf Gott und sein gutes Recht! 7 . Die Liebe eines Greifes. ES waren ungefähr acht Tage vergangen, seitdem der Magnat die Witwe -es Marquis mit sich fortgenommen hatte, als am Saume deS Waldes, der das einsame Schloß umgab, ein Reiter sichtbar wurde. Er mußte schon einen weiten Weg zurückgelegt haben, denn Roß und Reiter schienen sehr ermüdet. Beim Waldeingang, eine Viertelstunde vom Schlosse, standen einige Häuschen, deren eines durch den üblichen Tannenzweig anzeigte, daß es ein Wirthshaus sei. Es war ein recht trübseliges WirthshauS, das nur selten Gäste beherbergte, denn selten kamen Leute durch die öde, trostlose Gegend. Aber schließlich konnte man doch dort eine Lagerstätte und ein gutes Feuer finden und immerhin war man dort vor dem Regen geschützt, der draußen in Strömen niederfiel. Das dachte der einsame Reiter wol auch, stieg ab, klopfte an und trat ein. Und er hatte recht daran gethan. Um ein warmes Kohlenfeuer saßen einige Bauern, die beim Anblick des Fremden, der wie ein Edelmann aussah, ehrerbietig Platz machten. Hollah! rief der Reiter, wo ist der Wirth? Der Wirth, ein Greis mit weißem Barte, nahm seine Fachsfellmütze ab und verneigte sich vor dem Gaste. Ich bin ein französischer Officier und habe mich auf Euren verteufelten Wegen verirrt, weiß Gott, ob ich mich wieder zurecht finde; doch darum handelt es sich jetzt nicht. Könnt Ihr mir eine Lagerstätte für mein Roß anweisen? DaS Thier ist von edelster Race und ich möchte nicht, daß eS sich erkältet. Wenn es Euer Gnaden recht ist, führe ich/' das Pferd selbst in den Stall, das Thier solld bei mir gut aufgehoben sein. /b /xN Es ist gut! Für mich genügen ein p/^ Eier, das heißt» wenn Ihr etwas Wein dazu Ob ich einen habe! Und was für einet^?' meinte der Wirth und schnalzte mit der Zunge. Euer Gnaden können überall fragen, ob ein Wirth einen besseren Wein führt, als Meister Carrigon von Chante-Caille! Auf-keinen Fall gibt es Einen, der seine Waare besser anzupreisen versteht, meinte lächelnd der Fremde. Er setzte sich an das Feuer, wo er seinen Filz und die großen Reiterstiefeln zu trocknen versuchte, und hörte auf das Gespräch der Bauern. Du behauptest also, Jean, sagte der Eine, daß das Schloß bewohnt ist? Jawol. Der Schloßherr ist seit einige,! Tagen zurück. Aber er hat doch schon so lange keinen Fuß in unsere Gegend gesetzt. Mehr als zwanzig Jahre. Sein Rechtsanwalt hat das Schloß verwaltet. Ja, die Sache ist sehr sonderbar. Denke Dir, im Schlosse sind überall Klingeln angebracht, an jeder Thür ist ein Messingdraht angebracht, der mit einer Klingel in Verbindurrg steht, die im Zimmer des Schloßherrn ist. Was soll das Alles bedeuten? Nun, damit Niemand ohne Vorwissen des Herrn das Schloß betrete oder verlasse und damit der Graf gleich weiß, durch welche Thür der Besucher eingetreten ist. Ja, aber woher weißt Du denn das Alles? Der Schmied hat mir's erzählt. Er wollte den Arbeitern, die die Drähte befestigen sollte«, zusehen und ist deshalb auf's Schloß gekommen. Dabei hat er bemerkt, daß an allen Thürcn Glöckchen sind. Es ist überhaupt merkwürdig im Schlosse. Der Herr wird von lauter Taubstummen bedient. Er habe es versucht, von ihnen Etwas zu erfahren, aber sie haben ihm bedeutet, daß sie nicht reden könnten. DaS ist schade, ich hätte für mein Leben gern gewußt,'was das Alles zu bedeuten hat. Der Schwur der Stuthmitutler.' Leite 58 vlustrirtes wiener 8xtrLbI»tt I^r. 20 Du brauchst da ja nur auf's Schloß zu gehen. Es würde Dir so ergehen, wie dem Wilddieb Bonifaz. k Was ist's mit dem? Er hat sich Abends in den Garten schleichen Frvllen, um zu spioniren, aber da ist er von den Ais 'bstummen erwischt und tüchtig durchgeprügelt rubrden. Ein ähnliches Schicksal hat der Schuster Sebastian gehabt, als er Nachts in den Gräben herumschlich. Er hörte den Hahn eines Gewehres knacken und hat sich schleunigst geflüchtet, aber nicht schnell genug, um nicht noch eine Kugel vorbeisausen zu hören. Was, zum Teufel! erzählt Ihr denn da? fragte plötzlich der Cavalier; hat sich das wirklich zugctragen oder tischt Ihr Euch Märchen auf? Das ist die Wahrheit, Herr, erwiderte ernsthaft der Gefragte. Wo liegt denn dieses Schloß? Am Ende der St. Pauls-Allee; Sie können es von hier aus sehen. O, da muß ich doch selbst hingehen und mich von diesen Dingen persönlich überzeugen. Was, Sie, Herr Officier! rief der entsetzte Wirth, Sie haben gar keine Ahnung, wie gefährlich ein solcher Ueberfall ist. Sie haben wol Angst um Ihre Zeche, Herr Wirth, meinte spöttisch der Officier, übrigens haben Sie Recht, diese Dinge gehen mich ine Grunde gar Nichts an. Ich will jetzt lieber zu Bett gehen und mich von dem langen Ritte aus- ruhcn, damit ich morgen wieder abreiscu kann. Im Schlosse von Berincourt stand mittler- tveile Frau von Vilers schreckliche Qualen aus. Der Magnat überschüttete sie zwar mit Aufmerksamkeiten, aber Alles, was von diesem Mann kam, war ihr in höchstem Grade verhaßt. Er hatte der Marquise zehn Tage zur Ueberlegung gelassen, so lange wollte er sie in Ruhe lassen. Er hatte aber noch mehr gethan. Damit Hahd^e sich nicht langweile, hatte er einen Boten nach Paris geschickt, um Rejaue zu holen, die ihr Gesellschaft leisten sollte. Es war blos mehr eine Stunde übrig und die ihr gewährte Frist war abgelaufen. Vor wenigen Tagen hatte der Magnat die Marauise um- Erlaubniß gebeten, seine Mahlzeiten mit ihr theilen zu dürfen. . Auch hinsichtlich der Mahlzeiten schöpfte sie keinen Verdacht, da sie hoffte, daß er blos durch Ueberredung auf sie einzuwirken trachten und an kein Gewaltmittel denken würde. An dem Abend, von dem in unserer Erzählung die Rede ist, speisten der Graf und die Frau von Vilers zusammen in den Gemächern der Letzteren. Beim Dessert erhob sich der Magnat. Der zehnte Tag ist abgelaufen, sagte er mit einer Stimme, die vor Aufregung zitterte. Haydee, wie hast Du Dich entschlossen? Willst Du die Meine sein? Nein, antwortete sie entschlossen. Denke noch darüber nach! Sie flößen mir Entsetzen ein! Dann habe ich also Recht gehabt, so zu handeln, wie ich es gethan habe! Was wollen Sie damit sagen? schrie die junge Frau außer sich. Daß Du ein Schlafmittel genossen hast, das Dich in wenigen Minuten auf Gnade und Ungnade mir überliefern wird! O, das ist entsetzlich! Das ist nur ein ehrlicher Krieg. Du hast mich zurückgewiesen, als ich Dich anflehte und trotz Deines Stolzes und Deines Hasses wirft Du doch die Meine sein. O, Elender! Elender! wiederholte Frau von Vilers, indem sie ein Messer ergriff und versuchte, sich auf den Grasen zu stürzen. Aber ihre Kräfte versagten; eine unbesiegbare Erstarrung überkam sie. Sie fiel auf ihren Lehnsessel zurück. Der Greis blickte mit ironischem Lächeln auf sie. Du siehst, meine liebe Haydöe, sagte er, daß Du besser daran gethan hattest, nachzugeben. Dn wirst trotz Allem mir gehören. Er nahm sie bei der Hand. Sie versuchte cs vergeblich, ihn zurück- znstoßen. Dn hast keine Ahnung, sagte er zu ihr, während er seinen zitternden Arm um ihre schlanke Taille legte, Du hast keine Ahnung, was die Liebe im Alter bedeutet, Du weißt nicht, wie Nr. 20 lUvsirlri«« V^tznvr Nrtr»bl»tt 8«!ts 69 bei Deinem Anblick schon eS wie glühende Lava durch meine Adern rollt, was für Stürme mein Herz bewegen. Hayd6e, Niemand, hörst Du, Niemand von all den jungen Leuten, die um einen Blick von Dir buhlten, hatten ihn durch eine Liebe verdient, die der meinigen im Entferntesten gleicht. Und mit rothem Gesicht, feuchten Lippen, glühenden Augen, hervortretenden Adern beugte sich der alte Mann über die junge Frau, die nicht mehr die Kraft hatte, zurückzuweichen, um sich vor dieser befleckenden Berührung zu schützen. Haydee, murmelte er nochmals, Haydäe, endlich gehörst Du mir und Niemand kann Dich meinen Armen entreißen. Er hatte sich über sie gebeugt und seine Lippen berührten die der jungen Frau, da hörte er plötzlich den Klang einer Glocke. Der Greis fuhr empor. Wer wagt es, meinen Befehlen zu trotzen, schrie er, und das Schloß gegen meine ausdrückliche Erlaubniß zu betreten? Er stürzte in das Vestibüle und stand plötzlich einem jungen Mädchen gegenüber. Es war Nejane, die gerade aus Paris angekommen war. Er führte sie auf ihr Zimmer und bat sie dann, Toilette zu machen und ihre Schwester zu erwarten. In äußerster Aufregung kam er dann zur Marquise zurück, die ihm in kürzester Zeit zum Opfer fallen sollte. Als er aber das Zimmer betrat, in dem sich alle seine Wünsche und Hoffnungen erfüllen sollten, stieß er einen Schrei der Ucberraschung und Wnth aus. Das Zimmer, in dem ein paar Minuten zuvor die Marquise leblos hiugesunken war, das Zimmer war — leer. 8 . Der sprechende Stumme. Als die Marquise nach ihrer verhängniß- vollen Erstarrung ihre Vernunft wieder erlangt, saß sic auf einem feurigen Rosse, das sie in sausendem Galopp durch den Wald dahintrug. Sie wurde durch einen Mann gestützt, der neben ihr saß und sich zärtlich an sich schmiegte, während er mit der anderen Hand sie vör den Aesten, die sic sonst gestreift hätte, schützte. Nach und nach kamen ihr die Vorgänge im Schloß wieder in Erinnerung, sie gedachte des Magnaten und ein Schauder durchlief sie. Als sie die Augen zu dem Manne aufhob, der sie trug, bemerkte sie, daß dieser die Uniform der Leibgardisten trug. Was war geschehen, wie ging eS zu, daß ein Edelmann sie schützend umfing. Wir haben gesehen, wie MaurevailleS in dem Gasthause des Meister Garignon ankam und wie er die Unterhaltung der Bauern belauschte. Mehr war nicht nöthig, um seinen Verdacht auf die richtige Fährte zu lenken, und Maurevailles nahm sich vor, sich Gewißheit zu verschaffen. Am Abend, als das Schloß bereits in tiefer Dunkelheit lag, begann er das Terrain zu recognosciren. Es begegnete ihm zwar kein Unfall, aber er überzeugte sich bald, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, in das Schloß einzudringen. An Gewalt war nicht zu denken, denn er würde dann in die Hände der Taubstummen fallen, die ihrem Herrn mit Leib und Seele ergeben waren. Ebensowenig war eine Ueberrumpelung möglich, da die Glocken sofort den Eindringling ver- rathen würden. Vor Allrm hätte er einen versteckten Weg suchen müssen, wie sie in alten Bauten Vorkommen, da die früheren Architekten die Nothwendigkeit eines solchen in Berechnung zogen. Wie aber die Zeit und Möglichkeit finden, um den Gang ausfindig zu machen? Während Maurevailles noch überlegte, bemerkte er einen Schatten, der an der Mauer etwa zwanzig Schritte vor ihm erschien und plötzlich wieder verschwand. So viel Maurevailles bemerken konnte, war es eine kleine Gestalt, vermuthlich ein Kind. Wo sollte aber ein Kind Herkommen? Maurevailles untersuchte die Stelle, fand aber weder eine Thür, noch ein Loch. *»its 60 Hlurtrirts» VVisnsr Lrtr»bl»tt Lsr. 20 Zum Henker, dachte er, ich werde mir schon Klarheit verschaffen. Der nächtliche Spaziergänger muß wieder in seine Wohnung zurückkehren. Er beschloß also zu warten. Er mochte schon zwei Stunden dort gesessen haben und fing an, ungeduldig zu werden, als ein eiliger Schritt hörbar wurde. Gleichzeitig glitt eine Gestalt längs der Böschung hin bis in die Nähe deS Officiers. Dieser ergriff ihn beim Kragen. Gnade, wimmerte der Kleine, Gnade, Barmherzigkeit, gnädiger Herr! Manrevailles besah sich seinen Fang jetzt genauer. Es war ein groteskes Wesen. Er war nicht ganz drei Fuß hoch, er hatte einen großen Kopf, der mit struppigem Haare bedeckt war, die Arme waren unverhältnißmäßig lang, die Beine auseinanderstehend, mit einem Wort, ein häßlicher, mißgestalteter Zwerg. Wer bist Du und was thust Du hier? fragte der Officier. Ich gehöre zu der Dienerschaft des Schlosses, antwortete der Zwerg, der sich nach und nach erholte, als er bemerkte, daß er es mit einem Fremden zu thun habe. Du bist also nicht stumm, was? Ich bitte Sie, lieber Herr, verrathen Sie mich nicht, ich habe so gethan, als ob ich stumm wäre, damit ich nach Frankreich mitgenommen werde, weil ich zuhause keine Beschäftigung fand. Und dann vergöttere ich den französischen Wein, er verursacht so schöne Träume. Und darum gehe ich jede Nacht ein bischen fort, um zu trinken und ein bischen mit guten Freunden zu plaudern. Manrevailles lächelte. Du hast also die französischen Weine so gerne? Vielleicht verschmähst Du auch das französische Gold nicht? Das Gesicht des Zwerges hellte sich auf. Möchtest Du mehrere solche Goldstücke? fragte der Officier wieder, indem er dem Zwerge einen Louisd'or in die Hand drückte. Was soll ich dafür thun, gnädiger Herr? Nichts weiter, als daß Du mir den Weg zeigst, auf welchem Du in's Schloß zurückkehrst. Ein Zittern durchflog den Körper des Zwerges. Nicht möglich, der Magnat würde mich umbringen. Aber geh', wer wird Dich denn verrathen, lockte Manrevailles, indem er ein zweites Gold» stück in die Hand deS Kleinen gleiten ließ. Die Wirkung des Goldes war eine magische, der Zwerg hatte seinen Entschluß gefaßt. Kommen Sie mit. - Er ging zur Mauer hin, drückte den Daumen auf einen Nagel, den man selbst bei Hellem Tage nicht bemerkte; durch diese Bewegung wurde ein riesiger Stein zur Seite geschoben und eine Oeffnung wurde sichtbar, groß genug, um zwei Mann bequem durchzulassen. Treten Sie nur ein, ich habe die Klingelschnur durchschnitten, sagte der Kleine. Nein, gehe nur Du voraus, damit ich . Dir bei dem geringsten Laut den Degen durch den Leib stoße. Der Zwerg gehorchte. Die Oeffnung führte zu einer Wendeltreppe, die in der Mauer angebracht war. Wie hast Du diesen Gang entdeckt? fragte jetzt Maurevailles. Es war mir langweilig, immer in Gesellschaft von Stummen zu sein, ich, der ich so gern plaudere. Da ist's mir eingefallen, daß bei uns am Rhein die alten Burgen immer solche geheimen Ausgänge haben und ich beschloß, auch hier einen zu suchen. So habe ich diesen gefunden. Wohin führt der Gang? Zu meinem Zimmer, aber es gehen auch Seitengänge aus. Führt vielleicht einer von diesen zum Zimmer der Gräfin Haydäe? Wie, das wissen Sie? Nun begreife ich, warum Sie in'S Schloß wollen . . . Gewiß, mein Herr,. gibt'S einen solchen. Wenn Sie wollen,^ will ich Sie heute Abends dort hinführen. Also gut,^ heute Abends. Maurevailles drückte einen dritten Louisd'or in die Hand des Zwerges und stieg die Treppe wieder hinab. Es gelang ihm, die Thür geräuschlos zu öffnen und zu schließen, und er trat in's Freie. ^ Nr. 21 lllvstrlrt», tUisser 8rtr»bl»tt 8«ü« 61 Zur bestimmten Zeit fand et sich im Gange wieder ein, wo ihn der Zwerg schon erwartete. Dieser empfing ihn mit den Worten: Alles bereit! Ich habe ein Loch in die Wand von der Gräfin Zimmer gemacht, Sie können Alles beobachten. Er führte MaurevaillcS hin und dieser sah durch das Loch den Grasen an der Seite der Marquise sitzen. Da er das Gesicht der Letzteren nicht sah, glaubte er, daß auch diese dem Grafen auf freundlichste Weise begegnete. Wuth im Herzen, hätte er hineinstürzeu und Beide erdolchen mögen. Als der Graf sich über die junge Frau neigte, konnte er fast nicht mehr an sich halten, da ertönten die Klingeln und der Graf verließ das Zimmer. Wie wir wissen, hatte der Magnat in aller Eile Rejane auf ihr Zimmer geführt, halte dann noch einige Befehle gegeben und war daun in's Zimmer zurückgekehrt. Aber wie er auch eilte, Rejane, die vor Begierde brannte, die Schwester zu umarmen, war ihm zuvorgekommen. Und was sah Rejane, als sie die Portiere zurückschob? Sie sah den Mann, den sie liebte, den Gegenstand ihrer Träume, über ihre leblose Schwester gebeugt, sie sah, wie er glühende Küsse auf ihre geschlossenen Lippen drückte und sie dann in die Arme »ahm und hinaustrug. , Das war furchtbar für ihr armes Herz! Doch das junge Mädchen gewann bald ihre Fassung wieder. 5 . Sie brachte Alles wieder in Ordnung, waö der Eindringling bei seinem hastigen Eintritt verschoben hatte, und verbarg sich dann in den Falten der Portiöre. 9. Die Begegnung im Walde. Im Sturmschritt sauste da- Pferd durch den Wald, das den französischen Gardeofficier und die Marquise von VilerS auf dem Rücken trug. Wer sind Sie? schrie die junge Frau und machte eine Bewegung, sich zu befreien. Er drückte sie noch fester an sich und sagte: Ich bin einer Derjenigen, die Dich lieben, die mit Freuden ihr Blut für Dich verspritzen wollten, ich bin einer der Rothmäntler, der Chevalier Albert de MaurevailleS. Die entsetzte Marquise stieß einen Schrei aus. Diesem Schrei antwortete ein anderer Ruf. Das Gebüsch theilte sich und zwanzig Schritte von den Beiden wurde ein anderer Mann sichtbar, der ebenfalls die Uniform der Gardeofficiere trug. Er stürzte vor, um MaurevailleS den Weg zu versperren, aber dieser drückte seinem Thiere die Sporen in die Weichen, das Pferd holte zum Sprunge aus und der unberittene Sold»? hatte wenig Aussicht, es einzuholen, da kam ihm eine Eingebung: Er zog den Säbel und warf ihn nach den Beinen des Rostes. Das Pferd sank in die Knie, er hatte ihm die Kniekehle durchschnitten. Man wird errathen, daß der junge Man« kein anderer als Tony war. Der junge Mann war über die Absichten und Aussichten MaurevailleS im Klaren und er brannte vor Ungeduld, um ihm nachsetz'N zu könne». < Eine Gelegenheit fand sich bald. Einen Tag nach der Abreise MaurevailleS* erhielt Marquis von Langevin den Befehl, do.S Gros der Armee 35 Meilen von Paris auf der Straße von Flandern zu erwarten. Tony erbat sich von dem Obersten die Erlaubniß, die Botschaft zu überbringen, daß er seine Reise, nicht üher 35 Meilen ausdehne «nd für den Generalstab für passende Wyhnunge« zu sorgen. .. Obschon der Marquis von Laugevin sich ungern von dem ihm liebgewordenen Sccretär trennte,^ brachte er er doch nicht über'- Hirz, Tony die Bitte abznschlagen. , So reiste er denn in der Richtung ab, die MaurevailleS eingeschlagen. hatte. , Stothmä»tlrr." Leite 62 liivstrüttzs wiener LitrLblait Nr. 21 Im Fallen hatte das Roß seinen Gebieter und die Marquise mitgerissen. Der Erstere sprang sogleich wieder auf, die Marquise aber ließ sich leicht zu Boden gleiten. Tony sprang hinzu, um sie aufzuheben. Aber schon hatte Maurevailles den Säbel gezogen und mit einem Satz stellte er sich vor die Marquise. Tony aber war unbewaffnet, denn das Pferd war auf seinen Säbel gefallen. Jetzt drang Maurevailles mit gezogenem Säbel auf Tony ein, der noch kaum Zeit fand, zurückzuweichen. Die Marquise rief um Hilfe. Da schau, höhnte Tony, es scheint, als ob Sie im Nothfalle auch zum Mörder werden, Herr Capitan. Vertheidige Dich, brüllte dieser. Verteidigen? Womit denn? rief Tony. Es gelang ihm, den Hieben und Stößen seines Gegners in dein ungleichen Kampfe mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens auszu- weichen. Die Marquise fuhr fort, um Hilfe zu rufen, so wenig Aussicht sie auch hatte, gehört zu werden. Ich werde Dich an einen Baum nageln, rief der Capitän in höchster Wuth. Sie werden Niemanden annageln, erwiderte Tony spöttisch; was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen eine Ordre vom Obersten überbringe? Ein Säbelhieb, der ihm den Nock zerschnitt, war die Antwort. Zum Teufel, Sie müssen ein Loch hineingerissen haben, schön empfangen Sie die Boten des Cominandanten. Mit diesen Worten sprang er hinter einen Baum, ergriff einen Stein und warf ihn auf den Feind. Der Stein, von sicherer Hand geschleudert, traf ihn mitten in die Stirn. Maurevailles stieß ein Schmerzgeheul aus und hielt sich beide Hände vor's Gesicht. Tony benützte den Augenblick, um herbei- ,uspringtn und ihm die Waffe abzunehmen. Aber diese Bewegung war für ihn verhängnißvoll, er glitt aus und fiel zu Boden. Maurevailles bezwang seinen Schmerz, setzte ihm den Fuß auf die Brust uud erhob den Degen zum Stoße. Die Marquise schloß *-itsetzt die Augen. 10 . Die Todesnachricht. Tony's letztes Stündchen schien geschlagen zu haben. Schon wollte Maurevailles zustoßen, da hörte er ein Geräusch und überrascht und entsetzt sah er sich Plötzlich von allen Seiten von den Leuten des Magnaten umzingelt, die der Spur der Pferdehuse gefolgt waren. Er überließ Tony seinem Schicksale und war nur auf seine Verteidigung bedacht. Da er sich aber der Ueberzahl nicht gewachsen sah, griff er zu einem letzten Mittel: Er stieß Einen nieder, schwang sich auf dessen Roß und ergriff die Flucht. Aber im Scheiden rief er der Marquise zu: Diesmal sind Sie mir noch entgangen, Frau Marquise, aber triumphiren Sie nicht! Sie sollen nicht glücklicher sein, als ich cs bin. So wissen Sie denn: Ihr Gemal, der Marquis ist todt. Wenn Sie es nicht glauben, so fragen Sie Ihren Freund, den Ladenhüter. Und mit einer verächtlichen Handbewegung wies er auf Tony und verschwand. Tony hatte sich erhoben. Von Maurevailles war er zwar nun befreit, aber nun schaarten sich die Leute des Magnaten drohend um ihn und bedeuteten ihm, daß es ihm schlecht gehen werde. Wenn der junge Mann eine Waffe bei sich gehabt hätte» würde er sicherlich das Vorgehen des Marquis von Maurevailles, der sich ganz gegen alle Erwartung des Pferdes eines der Taubstummen bemächtigt hatte, nachgeahmt haben, trotzdem es nicht rathsam erschien, dasselbe Experiment zu wiederholen. Aber Tony war wehrlos und es lag die Gefahr nahe, daß er gezwungen sein würde, sich dem Gegner auf Gnade oder Ungnade zu übergeben. Bei diesem Gedanken fühlte der junge Soldat, wie sein Blut zu sieden begann. Und doch mußte es sein. Es handelte sich ja doch um die Marquise, die wieder in der Gewalt des Magnaten war und der überdies von Seite Maurevailles und der beiden anderen Roth- mäntlern Gefahr drohte. Nr. 21 Hlustrirtes wiener Lxtr»dl»tt 8vits 63 Sie bedurfte mehr als je eines Verteidigers und ihr zu Liebe wollte Tony am Leben bleiben. Das waren Tony's Gedanken, während der Magnat, der sich seines Gefangenen sicher fühlte, sich mit der Marquise beschäftigte. Er ließ sie von zwei Männern ergreifen, die sie auf eine Sänfte brachten, welche rasch aus Zweigen und Mänteln improvisirt worden war. Dem jungen Sccretär des Herrn von Langevin kam plötzlich ein rettender Gedanke. Er näherte sich dem Magnaten, zog seinen Hut mit einer tiefen Verbeuung und sagte: Würden Sie mir gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen gegenüber erkläre? Der Magnat neigte zum Zeichen, daß er einverstanden sei, den Kopf. Sie halten mich wahrscheinlich, begann Tony wieder, für den Mitschuldigen des Mannes, welchem Sie nachsetzen. Da sind Sie aber in einem großen Jrrthume befangen, denn ich kam gerade auf meinem Wege nach einem nahegelegenen Schlosse hier vorüber, als ich ihm begegnete, und es fiel mir auf, daß die Dame, die er mit sich führte, sich mit allen Kräften gegen seine Umarmung sträubte. Ich hielt es für meine Pflicht, der Dame beizuspriugen, und es gelang mir auch, indem ich sein Pferd tödtete, das Sie da am Boden liegen sehen. Dafür aber trachtete er mir nach dem Leben und ohne Ihr Dazwischentreten wäre es ihm wol geglückt, seine Absicht zu erreichen. Sie sehen also, fuhr er nach einer kleinen Panse fort, daß wir weit davon entfernt sind, Spießgesellen zu sein. Der Magnat brauchte nicht lange nachzudenken, um sich von der Richtigkeit des Gehörten zu überzeugen. Die verzweifelte Lage, in welcher. er bei seiner Ankunft den französischen Leibgardisten angetroffen, bestätigte vollauf die Aussage des jungen Mannes. Wenn Sie, nahm Tony wieder das Wort, wie ich vermuthe, der Herr dieses Schlosses sind, habe ich Ihnen eine Ordre vorzuzeigen, die mich ermächtigt, Ihr Schloß für die Einquartierung der Garde-Officiere in Anspruch zu nehmen. Hier ist die Ordre. Tony sprach laut und mit Festigkeit. Er zog aus seiner Uniform das versiegelte Schreiben des Marquis von Langevin heraus, dessen Inhalt wir bereits kennen. Der Magnat wagte keine Widerrede. Kommen Sie also, sagte er> Tony zog unter dem todten Pferde seinen Säbel hervor, setzte sich auf das Pferd eines der Taubstummen, welche die Sänfte trugen, und folgte dem Zuge bis zum Schlosse. Die Ordre des Marquis von Langevin gab Tony das Recht, sich als officielle Persönlichkeit im Schlosse einzuführcn, und obschon der Magnat mit den Sitten des Landes nicht sehr vertraut war, fühlte er seinerseits die Verpflichtung, dem Bevollmächtigten des Commandauteu die Honneurs seines Hauses zu machen. Ueberdies hatte der alte Graf nicht vergessen, daß es seinen Leuten nur durch das Dazwischentreten des jungen Mannes gelungen sei, den Entführer einzuholcn, der einen großen Vorsprung vor ihnen gehabt hatte. Zudem sagte er sich noch, daß Tony von Maurevailles bald ge- tödtet worden wäre, und rief sich die Abschiedsworte des Letzteren iu's Gedächtniß zurück, die ein grelles Streiflicht auf das feindselige Verhältnis; warfen, das allem Anscheine nach zwischen Maurevailles und dem jungen Manne bestand. Es war also auzuuehmen, daß bei dem tödtlichen Hasse, den Tony für den Marquis empfand, der Magnat mit Sicherheit darauf rechnen konnte, bei einem etwaigen zweiten Angriffe Maurevailles' an Tony einen Bundesgenossen zu haben. Aber mehr als alle diese Erwägungen war für den Magnaten bei der Aufnahme seines Gastes die Wahrnehmung ausschlaggebend, daß Tony bei seiner Ankunft im Schlosse mit rücksichtsvoller Zartheit für den Obersten und sein Gefolge einen Flügel des Schlosses wählte, der abseits von dem lag, welchen die Marquise bewohnte. Es waren noch nicht zwei Stunden vergangen und Tony war es bereits freigestellt, sich im Schlosse nach seinem Beliebeu umzuthun. Er benützte diese Erlanbniß, sich zur Marquise zu begeben. keit«. 64 lllustrirte» Msasr Lltr»b!»tt -—-—- Nr. 24 Er fand sie in ihrem Boudoir auf den Knien liegend, sie hatte schon Trauergewänder angelegt und weinte. Als sie Tony erblickte, stieß sie einen Schrei aus und stürzte ihm entgegen. Ach! Sie haben mir schon zweimal das Leben gerettet, Sie haben meinen unglücklichen Gatten an seinem Todestage gesprochen, ich bitte Sie, erzählen Sie mir Alles, Sie wissen, was vorgegangen ist. Der junge Mann nickte traurig mit dem Kopfe. Ja, gnädige Frau, ich habe den letzten Seufzer Ihres Gatten gehört. In dem furchtbaren Augenblicke schwebte Ihr Name auf den Lippen des Marquis, und blos um seinen letzten Willen zu erfüllen, habe ich Ihnen seinen Tod verheimlicht. Heiße Thronen entströmten den Augen der unglücklichen Frau; sie ergriff Tonys Hände und drückte sie innig. Wer aber, schrie sie plötzlich in einem wilden Schmerzensausbruch auf, hat ihn denn gelobtet? Der Mann, mit dem ich mich vor einigen Stunden schlagen wollte, antwortete Tony und erzählte in seiner schlichten Weise Alles, was auf den Tod des Marquis Bezug hatte. Die Marquise hörte ihm mit fieberhafter Aufmerksamkeit zu. Wer sind Sie, fragte sie, nachdem er mit seiner Erzählung zu Ende war, daß Sie sich so wa°rm für uns intercssiren? > Die Frage brächte den jungen Mann in , Verlegenheit und er neigte einen Augenblick dm Kopf. Gleich darauf aber richtete er sich wieder auf und sagte bescheiden: Vor drei Wochen war ich, wie Herr von MaurevailleS richtig sagte, ein armer Ladenjunge, der in seiner Kindheit von einer Kostüm- Verleiherin aus Gnade und Barmherzigkeit ausgenommen worden war. Die Marquise blickte erstaunt auf. Im Austrage meiner Gebieterin, fuhr Tony fort, folgte ich Herrn von .VilerS, um Ihnen Kostüme für. den Opernbak zu bringen. In meiner Gegenwart wurde Ihr Gatte angegriffen und' sein brechender Blick traf den meinen, sein Mörder aber entstoh. In diesem Augenblicke war eS mir, als /)b ich eine Eingebung vom Himmel empfangen hätte. Ich glaubte wissen, daß mir eine wichtige Aufgabe zugefallen war, die Aufgabe, den Ermordeten zu rächen und seiner Frau beizustehen. Deshalb, gnädige Frau, vollendete der junge Mann mit Wärme, begegneten Sie mir Abends in der Oper und deshalb auch ließ ich mich tagsdarauf anwcrben, weil der Soldatenstand die Niedrigkeit der Herkunft auszulöschen im Stande ist. Der junge Manu hatte nach und nach eine stolze Haltung angenommen, in seinen Angen hlitzte es und etwas Feierliches lag über seinem ganzen Wesen. Die Marquise blickte ihn wohlgefällig an und lächelte durch ihre Thronen. Ich gehe bald wieder mit meinem Regiments fort und hoffe vor Ablauf eures Jahres Officier . zu sein, sagte Tony, aber was auch immer geschehen möge, so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß weder Herr von MaurevailleS, noch Herr von Lacy oder Herr von Lavenay Sie irgendwie behelligen dürfen. Die Marquise reichte ihm dankend die Hand hin. Jetzt aber, gnädige Frau, sei eS mir gestattet, sagte Tony nach kurzem Stillschweigen, Sie zu fragen, wieso es kam, daß ich Sie in Gesellschaft des Mannes traf, den Sie mehr noch als ich verabscheuen? Die Marquise^ setzte ihm darauf aüseinaüder, wie sie, in der Hoffnung, den'Marquis auf diese Weise zu retten, den sie damals noch am Leben glaubte, eingewilligt hntte, dem Grafen von Mngreli zu folgen, und machte ihm in taktvoller Weise von den schändlichen Vorschlägen des Magnaten Mittheilung. O! Dir Elende, schrie Tony auf. WaS wird jetzt aus Ihne» werden? Beruhigen Sie sich, mein Entschluß ist gefaßt. Ich werde jede Nahrung zurückweise». Mein Gatte ist todt und auch ich will nicht länger leben. . ^ Der junge Mann glaubte, daß jetzt der -Zeitpunkt gekommen war, wo er der Witwe des Marquis Mittheilung von Bavettes Existenz machen sollte. Xr. 22 Lluslrirte» «wiener LitrLblaN Lsito 65 Sie dürfen nicht sterben, sagte er. Ihnen ist ein großer Trost geblieben, denn Derjenige, den Sie beweinen, hat ein Kind zurückgelassen. Wie, was sagen Sie? Ja, eine Tochter, die lange bevor er Sie kennen lernte, zur Welt kam und jetzt fünfzehn Jahre alt ist. Sie ist sein leibhaftiges Ebenbild und Sie sollen Sie bald sehen und umarmen. Die Marquise fühlte Ihr Herz heftiger schlagen. Sie sollte also den Trost haben, sein Kind, sein Fleisch und Blut an. ihr Herz zu drücken, wenn es ihr auch für immer versagt - war, ihm selbst in die liebenden Augen zu sehen und ihre Lippen an die seinigcn zu pressen. 11. Das Verhör. Vier Tage darauf erweckte wieder Trommel- gewirbel und Säbelgeklirr das Echo des Waldes von Blerancourt, der lange schon an die tiefste Ruhe gewöhnt war. ' Die Leibgardisten waren angekommen und die Avantgarde, die ihnen vorausgeeilt war, hatte, da die uöthigen Wohnungen fehlten, auf Tonys Nath Verfügungen getroffen, um für achttausend Mann Feldlager herzurichten. . Jede Compagnie beeilte sich, gleich bei ihrer Ankunft unter der Aufsicht eines Unterofficiers ihre Zelte aufzuschlagen. Einige alte Ossiciere, die von der Pike auf gedient hatten und ihre OfficierZ-Epauletten zwanzig Dienstjahren und eben so vielen Wunden verdankten, blieben zurück, um die Vorkehrungen für die Bivsuacs zu überwachen, während sich die llönnesss äores des Regimentes, die schmucken Hanptleute, welche eine Zierde des Hofes von Versailler bildeten, direct in's Schloß begaben, wo, wie man sich erinnert, Tony für die Ein- quart.erung gesorgt hatte. Der Obyst selbst blieb ebenfalls zurück; er ging mit langen Schritten auf und ab und beobachtete, sich um das physische und moralische Wohl der Mannschaft kümmernd, mit größter Gewissenhaftigkeit, was sich im Lager zutrug. Nach kaum einer Stunde war das Regiment vollständig eingerichtet und vor den lustig flackernden Lagerfeuern überwachten die Köche mit aufgeschürzten Aermeln die Fleischtöpfe, in denen das Mittagmahl kochte, während die Marketenderinnen im Vorhinein die Flaschen und Schoppen zählten, um dann rascher bn der Hand zu sein, wenn der große Augenblick der Mahlzeit da war. Der Oberst warf noch einen letzten zufriedenen Blick ans das Lager und entfernte sich dann, um sich in's Schloß zu-begeben. Als er sich niederließ, um den Rapport entgegenznnehmen, ließ er Tony rufen. Der junge Corporal folgte unverzüglich dem Befehle seines Commandanten, den er inmitten seiner Officiere antraf. Der Marquis von Langevin empfing ihn mit strenger Miene, an die der junge Mann nicht gewöhnt war. Tony vermuthete, was sich zugetragen hatte, Nach dem Kampfe im Walde war Mau- revailleS zum Obersten zurückgekehrt und hatte ihm in seiner Werfe mitgetheilt, was geschehen war. Selbstverständlich war die Erzählung nicht zum Vortheile Tonys ausgefallen, da ihn Mau- revailles als undiSciplinirt dargestellt hatte. Gaston von- Lavenay und Marc von Lacy hatten sich mit Maurevailles verbündet, um den jungen Leibgardisten um die Gunst seines Beschützers zu bringen. Dem Obersten waren die drei Freunde schon lange bekannt und schätzte sie um ryrer Tapferkeit willen. Er wußte nicht^daß ein wilder Haß sie antrieb, sich Tonys um Dden Preis zu entledigen, und er war fest entschlossen, mit aller Strenge gegen den Soldaten vorzugehen, der die Güte, mit der mau ihn behandelte, mißbraucht hatte, um den ihm Vorgesetzten Officier zu beschimpfen und sogar den Degen gegen ilch zu ziehen. Seine Härte kam dem Marquis sehr schwer an, denn er hatte seine» jungen Secretär ganz besonders in's Herz geschlossen, aber es galt hier vor Allem die Disciplin zu wahren und der Gerechtigkeit freien Laus zu lassen. »Der Schwur der Rolbmüutter." beite 66 Ulnstrü'tes wiener LLtrsblatt Nr. 22 Er begann sein Verhör, indem er den jungen Mann barsch fragte, wie er seine Zeit angewendet, seit er Paris verlassen, um sich seines Auftrages zu entledigen. Herr Oberst, antwortete Tony, ich habe, so wie es mir befohlen war, denselben Weg eingeschlagen, wie Herr von Maurevailles, und habe in diesem Schlosse hier für Sie und Ihren Generalstab Quartier gemacht, wie auch für den nethigen Muudvorrath gesorgt. Sie wissen ganz gut, das; davon jetzt nicht die Rede ist, unterbrach ihn barsch der Marquis/ keine Umschweife, kommen Sie zur Sache. Tony schwieg, der Marquis nahm wieder das Wort. Ich krage Sie, mit welchem Rechte Sie sich in die Privat-Angelegenhciten Ihres Capitäns einmischen. Der junge Mann erbleichte. Herr Oberst, sagte er, diese Frage kann ich nur Ihnen allein beantworten. Es handelt sich hier um ein Disciplinar- vergehen und diese Herren hier müssen ebenso aufgeklärt werden, wie ich selbst. Dann, Herr Oberst, lassen Sie mich gleich süsilircn. Es gibt Dinge, die ich selbst in Gegenwart eines KriegZrathes nicht zur Sprache bringen würde. Also rin neuer Trotz, kleiner Spitzbube! rief wüthend der Oberst. Verzeihung. Herr Oberst, aber jie fragen wich in einer Ehrensache von höchster Delicatesse aus und Sie sind in diesem Punkte zu zartfühlend, um mir lücht ZlrZugestrheu, daß ich vollkommen Recht habe, so zu handeln, wie ich eS thne. Der alte Marquis drehte ärgerlich seinen grauen Schnurrbart, rvas bei ihm immer als ein Zeichen galt, daß er unentschlossen war. Erdachte einen Augenblick nach und sagte dann: Ich glaube gar. Du hoffst mich Zu erweichen, indem Du mir schmeichelst, du Nichtsnutz! aber tvenn Du mich täuschest, wird es Dich theuer zu stehen kommen. Er wendete sich au seine Officiere, die ihn neugirieg ansahen, und sagte: Ich bitte Sie, meine Herren, die F-rennd - lichkeit zu haben, mich mit diesem Gelbschnabel allein zu lassen, der mir ein Gestündniß abzn- lcgen hat. Ich werde gleich sehen, ob ich ihm Absolution ertheilen oder ihm eine harte Strafe auferlegen soll. Ich fürchte, daß das Letztere der Fall sein wird. Die Officiere zogen sich zurück und der Marquis blieb mit Tony allein zurück. Was hast Du mir also zu sagen ? Sprich! befahl der Marquis. Tony erzählte nun, kurz, aber ohne irgend eine Einzelheit wegzulasseu, die Geschichte des Eides der Rothmäntler, wie sie ihm aus den hiuterlassenen Papieren des Marquis von Vilers bekannt geworden war, und die Ereignisse, die - sich in der Folge daran knüpften. Als Herr Langevin erfuhr, auf welche Weise und durch welche Hand sein Waffengefährte gefallen war, fuhr er in die Höhe, machte aber Tony ein Zeichen, sich nicht zu unterbrechen. Ah! znm Teufel sagte er, als dieser mit der Erzählung der Scene zu Ende war, die sich zwischen ihm und Maurevailles zugetragen hatte, ah! jetzt begreife ich, warum diese Herrn dem armen Vilers nach dem Leben trachteten, aber was hattest Dn in dieser Angelegenheit zu thun? Nun Herr Oberst, da ich dem sterbenden Marquis einmal die Zusage gemacht habe, seiner Witwe beiznstehen.... Unglücklicher Junge, Dn setzt Dein Leben auf's Spie!! Wie. Herr Oberst, darf ein französischer Lcibgardist den Tod fürchten? Ja, den Tod angesichts des Feindes, für Frankreich, auf dem Schlachtfelde, aber das hier ist etwas Anderes. Dich bedroht der Tod von der Hand des Meuchelmörders, der Dir im Dunkeln auflauert. ! Denke an die Lieben, die Dn in Paris znrück- ^ gelassen und die sehnsüchtig Deiner Ankunft cutgegenharren, denn wenn ich nicht irre, hast Dn ! ja vor Deiner Abreise von einem Angehörigen Abschied genommen.. Ja, .Herr Oberst, von Frau Toinon. Wer ist diese Frau Toinon? Deine Mutter? Nein, Herr Oberst. Ich liebe sie, wie wenn ich wirklich ihr Sahn rväre. denn sie hat so viel für mich gethau, wie wenn sie meine rechte Mutter gewesen wäre. Und wo ist Deine wirkliche Mutter? Nr. 22 Hlustrirtes Uivner LxirMM 8vito 67 Tony zuckte die Achseln und erwiderte traurig: Ich habe meine Eltern nie gekannt. Wo bist Du erzogen worden? Ich glaube, daß ich meine früheste Kindheit in einem kleinen Dorfe in der Nähe von Paris verlebte. Was veranlaßt Dich, das zu glauben? Ich erinnere mich, daß ich in meinen ersten Kinderjahren auf dem Lande bei Bauern lebte, und daß die Frau, die mich erzog, oft nach Paris kam. Wo war das? Sprich, Du machst mich neugierig. Ach, Herr Oberst, ich weiß nicht mehr von der Sache. Der Marquis von Langevin, der seit einer Weile den jungen Manu aufmerksam betrachtete, ging mit großen Schritten auf und ab und schien in größter Aufregung zu sein. Ich bitte Dich, denke doch nach, sagte er in fast flehendem Tone. Du mußt ja doch einige Erinnerungen ans Deiner Kindhnt haben . . . Sag' mir Alles, was Du weißt. Vor Allem, wie waren die Leute, die Dick erzogen'? Sie waren sehr gut gegen mich, Herr Oberst, das ist Alles, was ich weiß, antwortete Tony, der von der Bewegung des Obersten auf's Höchste überrascht war. Aber such' doch, denk' doch nach, drang der Marquis in ihn. Weißt Du gar Nichts, irgend ein Anzeichen, ein Wort, das Dir im Gedächtnisse geblieben ist? Der Marquis hatte bei diesen Worten stürmisch Tonys Hände ergriffen. Lachen Sie aber nicht über mich, sagte der Jüngling, und sagen Sie nicht, daß ich Ihnen ein Märch-m mitthcile, wenn ich Ihnen Etwas erzähle, was sich meinem Geiste tief eingegraben hat. Eines Abends, es war noch im Dorfe. . . wir hatten unsere Mahlzeit eingenommen und meine Pflegenurtter ließ mich mein Gebet hersagen. Ich sollte mich niederlcgeu. Plötzlich wird die Thür stürmisch auf- gcrissen, maskirte Männer dringen in den Raum, wo wir uns befinden. Rette Dich! Sie wollen Dich tödten! schreit mir die wackere Bäuerin zu, indem sie sich zwischen mich und die Eindringlinge wirft. Ich entfloh durch eine Thür, die in den Vaumgarten hinausging, nachdem ich noch den, den ich bis dahin Vater genannt, durch seinen Angreifer um-- werfen und blutend, verwundet zu Boden sinken sah. Ich war damals höchstens sechs Jahre alt. Aber, unterbrach sich hier der junge Mann, was haben Sie, Herr Oberst? Ich? Nichts . . . nichts . . . fahre nur fort. Die Reise hat mich ermüdet. In meinem Alter ist das nichts Ungewöhnliches. Aber erzähle mir weiter, Du hast mich sehr gespannt gemacht. Mein Gott, Herr Oberst! Es bleibt mir nur sehr wenig zu sagen übrig. Ganz verwirrt ging ich auf's Geradewohl durch die Felder und wendete mich den Lichtern, die ich von Weitem erblickte und die zu den Linien von Pbris führten ... ich kam in die Stadt und ging planlos weiter, bis ich vor Schlaf und Müdigkeit znsammenbrach. Da erbarmte sich meiner die brave und würdige Frau Marion, die Trödlerin der Straße des Jenx-Nenfs, nahm mich bei sich auf und erzog mich wie ihr eigenes Kind. Aber Sie wanken ja, Herr Oberst . . . In der That erschütterte ein heftiges Zittern den Körper des Marquis und er war todtenbleich geworden. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und murmelte mit großer Anstrengung: Nein, nein, cs ist Nichts .... gar Nichts ... Der Oberst heftete seine Blicke nochmals prüfend ans das Gesicht Tonys, wie wenn er in seinen Zügen eine Arhnlichkeit finden wollte. Endlich gewann er seine Fassung wieder und sagte kühl, fast trocken: Es ist gut, Tony. Sie bleiben mein Secretär und ich nehme Sie in meinen Schutz. Ich werde Sie gegen alle Angriffe beschützen und Diejenigen vernichten, die Ihnen schaden wollen. Tony siel es ans, daß der Marquis ihn nicht dilzte. Ich werde mich auch Ihrer Schutzbefohlenen an die Seite stellen, fuhr der Marquis fort, wie es mir meine Pflicht als französischer Edelmann verschreibt. Wenn die Herren von Lavenay, Maure- vaikes und Lacy finden, daß eine zu große Ent- 'Leits 66 lilustlirtes wiener LxtrLblatt Nr. 22 fernung ihre Degen von dem Ihrigen trennt, so werde ich den Raum zwischen meinem Degen und dem dieser Herren abzukürzen wissen. Gehen Sie seht, Tony, fuhr er fort, Sie sind vollständig gerechtfertigt. Aber bevor Sie gehen, schwören Sie mir, daß Sie niemals zu jemand Anderem wiederholen werden, was Sie vorhin gesagt, und daß Sie auch die Fragen, die ich an Sie gestellt, zu vergessen trachten werden. Und als Tony die Hand zum Schwure erhob, fügte der Oberst ' gütig hinzu, indem er wieder zu dem ,Du" zurückkehrte: Geh', mein Kind, geh' ! . .. T»ny entfernte sich gerührt. 12 . . Ter Beschützer der Marquise. Tie Ankunft des Leibgarden-Regimcntes in Blenancourt war dem Grafen von Mingreli sehr unangenehm. Als er Haydee in das Schloß brachte, hoffte er, sie den Blicken aller Welt zu entziehen. Das Schloß von Blenancourt lag ganz abseits und war seit langer Zeit unbewohnt; wie der Graf also glaubte, war keine Gefahr, daß man die junge Frau daselbst suchen würde. Die Ankunft Manrevmlles' und die Entführung der Marquise lieferten dem Grafen den ersten Beweis, daß er sich geirrt hatte. Ebenso wie den Rothmäntlern, war es auch dem Magnaten bald klar geworden, welche Rolle Tony zu spielen berufen war. Er sah Alles, kümmerte sich um Alles nud war überall zu finden. Es war eine Folge seiner NathschlSge, daß die Marquise nach der entsetzlichen Scene mit dem Elenden, der für ihren Vater galt, einem Alleinsein mit diesem ängstlich auswich. Die Gegenwart Tonys hatte ihr überdies Muth eingeflößl. Der Graf hatte es paffend gefunden, den Secrctär deS Marquis ciuzuladen, als er das erste Mahl in Blenancourt einnahm. Schon beim Dessert sagte die Marquise zu Tony: Es wird uns eine Ehre sein, wen» Sie von jetzt an immer unsere Mahlzeiten theilen. Aber, versuchte hier der Magnat cinzu- wenden, der Herr wird es gewiß vorziehen, auf seinem Zimmer zu speisen. .Ach nein, erwiderte die Marquise, er ist ' ein zu höflicher Mann, um uns d/s Vergnügens seiner Gesellschaft berauben zu wollen. Der Magnat hatte auch .bemerkt, daß die junge Frau weder Speipm noch Getränke be- s rührte, wenn er selbst nicht davon genossen hatte. Die Marquise, die ganz in ihrem Schmerze aufging, sprach nur dann, wenn sie mit einem ' Worte sich des Magnaten erwehren konnte. Der alte Genf war zu der Ueberzeugung gekommen, daß er es jetzt nicht mehr mit einem einzelnen Feinde, sondern mit einer großen Gegner- "schaar zu thun hatte. Alle drei Rothmüntler kannten den Zu- - fluchtsort der jungen Frau und eS war anzunehmen, daß ffe bald im Gefolge ihrer Soldaten erscheinen würden, und was worin diesem Falle zu thun? Einen Augenblick dachte er daran, ob es nicht am geratensten wäre, eine Postchaise anspannen zu lassen und in der Nacht heimlich mit Haydee in sein Schloß an der Donau zu flüchten. Da aber schon die Kriegserklärung erfolgt war, hatte er Bedenken, ob er unterwegs nicht angehalten und dann möglicherweise von seinen Gegnern ein geholt werden könnte. Wenn er im Gegenteile ruhig blieb, hatte er Nichts zu fürchten; er brauchte nur seinen Schatz zu bewachen, so lange das Regiment da war. Wenn die Rothmüntler in den Krieg zogen, so war er sie vielleicht für immer los . . . Das Beste also war, sich in Geduld zu fassen. Es kam ihm auch der Gedanke, ob er nicht Haydee verstecken sollt?, aber er verwarf ihn gleich wieder, weil er sie am besten behütet glaubte, wenn man sich so wenig als möglich den Anschein gab, sie zu bewachen. Nr. 23 ülilllrlrtes Mensr LitrsblE Leits 69 Und anstatt die Marquise allen Blicken zu entziehen, beschloß er noch am selben Abend, den französischen Officieren ein Fest zu geben, wo sie, strahlend in Jugend und Schönheit, erscheinen sollte. , Die französischen LeibArdisten sahen mit der Sorglosigkeit des lustigen Kriegsvolkes einem angenehmen Abende entgegen. Die Einen hatten sich in's feuchte Gras gelagert^-und rauchten aus ihren kurzen Pfeifen, wobei sie von den Lorbeeren Plauderten, die sie auf dem Schlachtfelde zu pflücken hofften, Andere saßen in Gruppen um eine Trommel und spielten Karten. Der größte Theil jedoch hatte sich in die Cantineu begeben und leerte auf Frankreichs Wohl fleißig die Flaschen. Frau Nicolo's Zelt insbesondere war belagert und sie und ihre reizende Tochter Bavette konnten nebst zwei provisorischen Gehilfen die Kunden kaum befriedigen. Tony hatte nämlich, gleich nachdem er der Marquise die Eröffnung von der Existenz einer natürlichen Tochter ihres Gatten gemacht hatte, sofort einen Boten an La Rose abgeschickt. Der Brief, den er ihm übermitteln ließ, enthielt die Bitte, unverzüglich einen Urlaub von vierundzwanzig Stunden zu nehmen und nach Paris znrückzukehren. Dort sollte er Frau Nicolo um jeden Preis zu bestimmen suchen, ihre Marketenders wieder aufzunehmen und vor Allein Bavette mitzubringen. Die Sache war noch viel leichter, als sie Tony gedacht hatte, denn noch am selben Abend, als das Leibgarde-Regiment fortzog, übelschlich Frau Nicolo, die an „ihre Kameraden", wie sie sie nannte, gewöhnt war, eine solche Bangigkeit, daß sie ihre Schänke znsperrte, mit Bavette nach Chantilly zog und den Marquis von Langcvin um die Erlaubniß bat, dem Regimente folgen zu dürfen. . Der Marquis hatte eingewilligt, und so war Frau Nicolo einige Stunden, nachdem Tony sich gegen Blevancourt gewendet hatte, zu den Gardereitern zurückgekehrt. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß sich an dem Abende, -von welchem in unserer Er- zählrmg die Rede ist, La Rose und sein Frenud, der Normanne, sich gleichfalls im Zelte der Marketenderin einfanden. Sie saßen vor einem alten Eichenstamme, der ihnen als Tisch diente, und plauderten von alten Zeiten, als mit einem Male ein Jüngling in Corporalsuniform sich durch die Trinker drängte, nicht ohne sich wegen seines^UngestümS einige derbe Verweise von Seite der Soldaten zuzuziehen. Er ging rasch bis zu der Stelle, wo Frau Nicolo saß, und sagte hastig zu dieser: Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu sprechen, es handelt sich um den Marquis von Vilers. Die Marketenderin war purpurroth geworden. Der Name hatte eine magnetische Wirkung auf sie geübt. Was hast Du mir zu sagen, mein Junge, fragte sie und näherte sich Tony. Sie waren seine Freundin, nicht wahr? Ja, und ich darf wol sagen, eine ihm treu ergebene Freundin! Sie wußten, daß er sich verheiratet hat? Er hat es mir selbst an dem Tage mit- getheilt, wo er vom Obersten seine Entlassung verlangte. Der Capitän wußte, daß in Mama Nicolo ein tapferes Herz schlug, fugte sie mit dumpfer Stimme hinzu. Sie hassen seine Frau also nicht? fragte Tony und richtete seine Blicke forschend auf das Gesicht der Marketenderin. Frau Nicolo erröthete wieder, hielt aber dem Blicke Stand. Du scheinst mehr zu wissen, mein Junge, als sich mit Deinem Alter verträgt, sagte sie. Wenn Du übrigens glaubst, mich zum Reden zu bringen, bist Du im Jrrthum. Ich frage nicht nach Ihren Geheimnissen, Frau Nicolo, sagte Tony lächelnd. Aber ich möchte wissen, ob Sie im Nothfalle der Marquise einen Dienst erweisen würden. Ach, die arme, liebe Seele! rief die Marketenderin. Wenn sie mich braucht, soll sie's nur sagen. Nun also, Frau Nicolo, sagte Tony, Frau von Vilers ist hier, hier! Und sie schwebt in großer Gefahr .... Ah! Potztausend! Und das hast Du nicht gleich gesagt! Bei Sanct Nicolaus, meinem Schutzpatron, Frau Nicolo stellt im Nothfalle ,Der Schwur der Nvthuriirrtler." Leits 70 lllvstrirtes wiener Lxtrakls,tt Nr. 23 ihren Mann, die schlechten Kerle vom Regiment wissen Etwas davon zu erzählen. Sprich, sprich, Kamerad, was soll ich thun? Vorläufig haben Sie nichts Anderes zn thun, als mit Ihrer Tochter zur Marquise zu kommen, um sie zu trösten und zu behüten, wenn ich nicht mehr da bin. Anton?! Baptiste! rief die Marketenderin mit Donnerstimme ihren beiden Gehilfen zu. Hopp! Kinder, die Bude wird geschlossen. Und Euch, meine Lämmchen, wendete sie sich an die erstaunten Gäste, muß ich gleich sagen, daß wir hier nicht in der Garnison sind; wenn der Oberst wüßte, daß so eifrig getrunken wird, würde er einen schönen Spcctakel machen. Nasch also den letzten Schluck, und dann das Feld geräumt! . . . Eins, zwei, drei, aus ist's! Mährend die Marketenderin sprach, stieß sie ihre Gäste vor sich hin und entfernte sie von ihrem improvisieren Zahltisch. In einem Augenblicke war das Zelt g> leert. 13 . Mutter Nicolo. La Kote und der Normanne hatten ihren Eichenklotz nicht verlassen. Die laute Stimme Frau Nicolo's hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Was hat denn heute Frau Nicolo, fragten sie sich, und dann, als sie Tonys Anwesenheit bemerkten, meinte La Nose, daß es etwas Neues geben müsse. Als Mutter Nicolo, Bavette und Tony vorüber gingen, um sich in's Schloß zu begeben, erhob sich La Nose und berührte leicht die Schulter Tonys. Ter flrnge Mann wendete sich um. Kamerad, sagte Nose, Du weißt, daß Du hier Jrmandcn hast, auf den Du zählen kannst, wenn Du Etwas brauchst und wenn Du wünschest. Wir wünschen, daß Ihr Eure Absätze herumdreht und Eure Mäuler hält, unterbrach ihn zornig Frau Nicolo. Lassen Sie sie, beschwichtigte Tony die Frau. Im entscheidenden Augenblicke sind zwei tapfere Herzen und zwei gute Degen nicht überflüssig. Für jetzt aber, liebe Freunde, danke ich Euch. Wenn ich Euch brauche, weiß ich, wo Ihr zu finden seid. Er drückte den beiden Leibgardisten die Hand und entfernte sich mit Mutter Nicolo und Bavette. Haydee war allein und gab sich ganz ihrem Schmerze hin. Beim Diner hatte ihr der Magnat angekündigt, daß ihm die Anwesenheit des Garde-Regiments eine willkommene Veranlassung sei, ein Fest zu geben und ihr den bestimmten Befehl gegeben, mit ihrer Schwester Rejane bei demselben zu erscheinen. Sie sollte einen Ball besuchen, einige Tage, nachdem sie den Tod ihres Gatten erfahren, für den sie sich aufgeopfert hatte! Und mehr als das sollte sie den Roth- müntlern wieder gegenüberstehen, deren Liebe ihr so verhängnißvoll geworden war und die noch immer an der Hoffnung festhielteu, sie zu gewinnen und unter denen sich der Mörder ihres Galten befand. Wieder tauchte der Gedanke an Selbstmord in der Seele der jungen Frau auf, der das Leben von jetzt an fürchterlich erschien. In diesem Augenblicke, trat Tony ein, gefolgt von den beiden Frauen. Beim ersten Blicke entstand eine tiefe Sympathie zwischen Bavette und der Marquise. Wir sagten schon, daß Bavette ganz dem Marquis glich. Ohne sich eine Zurückhaltung aufzuerlegen, zog die arme Witwe die Tochter Frau Nicolo's an ihr Herz und b. deckte sie mit Küssen. Sie weiß Alles, dachte die Marketenderin, die als Frau das Nichtige herausfühlte und sich zu Haydöe nur umsomehr hingezogeu fand. Die Marquise erzählte ihr unter Thräuen von dem harten Befehle des Magnaten, dem Feste beiznwohneu, jetzt, wo sie ihren Gatten beweinte. Da rief Frau Nicolo Plötzlich, wie wenn sie gegen ihren eigenen Willen fortgerisscn worden wäre: Nr. 23 Hlustrirtgg Msnor üxirLblLtt Leits 71 Und Wer sagt Ihnen denn, daß er auch wirklich todt ist? . . . Die Wirkung dieser Worte war eine magische. Ans dem Herzen der Marquise drang eine Blutwelle in die Wangen derselben, die jetzt Bavette frei ließ, um stürmisch die Hände der Marketenderin zu ergreifen. Was sagen Sie? O, wiederholen Sie was Sie eben gesagt haben! Mutter Nicolo biß sich auf die Lippen. Ich wollte nur sagen, stammelte sie, daß, so lange man sich nicht selbst überzeugt hat, man die Hoffnung nicht aufgeben soll. Sie wissen also Etwas'? Mein Gott ... ich möchte keine falschen Hoffnungen in Ihnen erwecken. O! Madame, ich bitte, ich beschwöre Sie, reden Sie. Potztausend! rief die Marketenderin, man soll nicht sagen, daß Mutter Nicolo einer so herzigen Frau gegenüber, wie Sie es sind, erbarmungslos gewesen ist! Ist da irgendwo ein Ort, wo man ungestört mit Ihnen plaudern darf, ohne fürchten zu müssen, gehört zu werden? Die Marquise zog die beiden Frauen in ein kleines, ausgepolstertes Boudoir, schloß sorgfältig die einzige Thür desselben und sagte: Jetzt können Sie sprechen. 14 . Bflvette. Wir haben gesehen, wie der Gascogner Rose und der Normanne in der Schänke „znm Kürbiß " ärgerlich waren, als Mutter Nwolo und Bavette von ihrem geheimnißvollen Gange zurückkehrtcn. Trotz der so innigen Freundschaft, die den Gascogner und die Marketenderin verband, hatte diese sich ernstlich geweigert, ihrem alten Kameraden zu sagen, wo sie gewesen war. Tie Marquise sollte nun erfahren, was für Bavettes Pathen ein Geheimniß geblieben war. Ich bitte, sprechen Sie, wiederholte die arme junge Fran, indem sie mit ihren heißen Händen die fleischigen Fäuste Frau Nicolo's drückte. Ah, da wäre ein Langes und Breites zu sagen, seufzte die wackere Frau. Und das ist das erste Mal, daß es hier herauskommt, fügte sie hinzu, indem sie eine Hand losmachte, um sie au ihren vollen Busen zu legen. Na, in den Schänken wird so Manches gesprochen und da bekommt man Vieles zu hören, begann die Marketenderin. Ganz davon abgesehen, daß Bavette mit ihrem Geplauder es versteht, die Zungen zu lösen. Ans diese Weise erfuhr ich denn, daß Ihr Gatte todt sei. Ein Schluchzen begleit.te die Worte der Marketenderin. So weinen Sie doch nicht, nahm die wackere Frau wieder das Wort. Wenn ich Ihnen schon sage, daß Ihr Gatte ebensowenig todt ist, als Sie oder ich. Um Gottes willen, erzählen Sie. Ich bin ja nur deshalb da. Wie ich also von dem Duell und seinem Ausgange höre, sage ich leise zu Bavette, sie solle ihren Hut nehmen und fort ging's. Ich hatte so meine eigene Idee. Wir kommen in Ihr Hotel, wo ich vorsichtig nach Herrn Joseph frage, der mich gut kannte. Er pflegte mir öfter von Seite Ihres Gatten kleine Geschenke für Bavette zu bringen, die er sehr liebte. Herr Joseph kam. Er war in Thronen gebadet. Ach mein Gott, sagte ich zu nur selbst, es scheint also doch wahr zu sein. Er erzählt mir Alles, wie Sie von dem alten Affen, der der Herr dieses Schlosses ist, entführt worden sind und wie er mit Tony ganz allein seinen armen Gebieter beerdigt hat. Selbstverständlich vereinige ich meine Thronen mit den seinen und dann kommt mir ein Einfall. Sie werden das gleich begreifen, meine liebe gnädige Frau. Bei meinen Eltern, die brave Leute waren, schwöre ich Ihnen, daß ich dieser Kleinen hier früher niemals das Geheimniß ihrer Geburt enthüllt habe, so lange ihr Vater lebte. Leute, Leits 73 Illastrirtss wiener Lltrsblstt Rr. 23 die über Einem stehen, compromittirt man nicht gerne. Aber jetzt, wo er todt war, standen die Dinge anders. Sie kannte ich damals noch nicht und es war mir auch zuwider, diesem Kinde weiszumachen, daß eS keinen Vater habe. Ich sagte also zu Joseph, daß es jetzt kein Geheimniß mehr zu verbergen gäbe und daß er mich zum Friedhofe führen möge. Er willfahrte meiner Bitte. Er öffnete die Thür zu der kleinen Kapelle, wo man Ihre Familie beisetzt. Ich schließe sorgfältig die Thür. Herr Joseph läßt uns jetzt ungefähr zehn Stufen hinabsteigen. Ein schwaches Licht brannte in der Grube. Er selbst hatte die Kerze Früh angezündet und sie warf ihren vollen Schein auf einen ganz neuen Sarg, vor dem Joseph weinend niederkniete. Die Marquise, die zu weinen aufgehört hatte, sog mit geöffnetem Munde und ängstlichen Blicken gierig jedes Wort der Marketenderin ein. Mutter Nicolo fuhr fort: Beim Anblick des Sarges wende ich mich zn der Kleinen da und sage: Bavette, seit gestern ruht Dein Vater hier. Wird das Mädel bei diesen Worten nicht auf einmal toll und wirft sich wie eine Wahnsinnige über den Sarg. Sie weint und schreit, daß ich die größte Mühe habe, sie zu beruhigen. Armes Kind! sagte die Marquise, das junge Mädchen an ihr Herz drückend. Du bist von heute an auch meine Tochter. Bei unserem Geschäfte, fuhr Mutter Nicolo fort, muß man immer ein Messer in der Tasche haben. Was sagen Sie dazu, auf einmal zieht das Mädel ihres heraus. Wir, das heißt Joseph und ich, sehen einander ängstlich an und in unseren Blicken ist die Befürchtung zu lesen, daß das Kind geistesgestört ist und sich tödten will und wir versuchen, ihr das Messer zu entwinden. Ich bin doch gewiß, was man so sagt, aus derbem Holz geschnitzt und fürchte mich nicht vor zehn Leibgardisten. Und trotzdem gelang es mir nicht, mit Herrn Josephs Beihilfe Herr über die Kleine zu werden. Sie war wie aus Eisen. Aber sie dachte nicht'daran, sich zu tödten, denn sie neigt sich plötzlich über den Sargdeckel und bohrt ihr Messer in das Holz. Ich will ihn sehen, sagt sie energisch. Ich will meinen Vater umarmen. Das ist ja eine Entweihung, ruft entrüstet der gute Joseph. Eine Entweihung? antwortete sie kopfschüttelnd. Sind wir denn hergekommen, um zu stehlen oder einzubrechen? Sie setzt mit aller Kraft ein, ehe wir sie daran hindern können. Das Holz knarrte. Das verursachte Geräusch brachte eine furchtbare Wirkung auf den armen Herrn Joseph hervor, der glaubte, den Tödten klagen zu hören. Hören Sie doch auf, unglückliches Kind, rief er ihr zu. Ah! Ach was! Auf einmal hebt sich der Sargdeckel in die Höhe und eine weite Oeffnung bleibt zwischen ihm und den anfrechtstehenden Hölzern des Sarges. Sie faßt innen den Deckel mit beiden Händen und reißt ihn heftig weg. Ich war zu Stein erstarrt und schaute ängstlich dem Treiben Bavette's zu. Merkwürdig! Der Körper des Tödten war mit einer Schichte Erde bedeckt. Was soll das bedeuten? schrie der atme Herr Joseph. Indessen nach der Höhe des Leichnams und des Raumes, den er in dem Sarge einnehmen mußte, zu urtheilen, konnte die Erdschichte nicht dick sein. Die Kleine war ganz ruhig geworden und begann vorsichtig die Erde zu entfernen. Herr Joseph, der seine Fassung nach und nach wieder erlangt hatte, half ihr schließlich. Die Erdschichte wurde immer dünner und der Körper des Marquis kam noch immer nicht zum Vorschein. Mit einer Hast, deren ich ihn niemals fähig gehalten hätte, steckte Herr Joseph jetzt seine Hand in die Erde und traf den Boden des Sarges. Dieser war voll Erde. Ah! rief Herr Joseph, mein Herr ist also nicht todt! Dahinter steckt ein neues Geheimniß. Er dachte ein wenig nach und sagte: Halt! Wenn hier ein Geheimniß vorliegt, so ist der Marquis vielleicht damit einverstanden und hat es vielleicht selbst verlangt. Wir müssen also seinen Willen respectiren und schweigen. Seine Feinde müssen glauben, daß von ihm Nichts mehr zu befürchten ist. Gehen Sie ruhig nach Nr. L4 Nlusirirtss »Visier 8sity 73 Hause und thuu Sie vor de» Leuten, als ob Sie an seinen Tod glauben würden. Wenn der Marquis es für gut erachten wird, wieder zum Vorschein zu kommen, bürge ich Ihnen dafür, daß er Sie in seine Arme schließen wird. ^ Ich verspreche eS Ihnen auch, rief die Marquise, die wol wußte, daß sie auf Frau Nicolo nicht eifersüchtig zu sein brauchte. Und Bavette nochmals an's Herz drückend, sagte sie mit inniger Zärtlichkeit: O, mein liebes Kind, Du kannst Dir gar 'nicht denken, wir ich Dich liebe und wie dankbar ich Dir bin, - 15 . Vorbereitungen. Das Fest, welches den Gardeoffickeren vom Grafen Mingreli gegeben wurde, war glänzend ausgefallen. Der Magnat hatte seinen Gästen beweisen wollen, daß es ihm trotz der Abgeschiedenheit, in welcher er lebte, und der mannigfachen Schwierigkeiten möglich war, mit dem Glanze und dem Luxus der Feste von Versailles zu wetteifern. Wie um ihm zu Hilfe zu kommen, hatte auch das Wetter sich Plötzlich geändert. Trockene Kälte war dem Regen gefolgt und die Soldaten konnten vom Lager aus mit Muße den Anblick genießen, den die feenhafte Beleuchtung des Schlosses und ParkeS ihnen bot. Die Osficiere waren um den Marquis von Langevin im großen Empfangssaale versammelt, dessen verwittertes Täfelwerk durch reiche Tapeten geschickt verborgen war. Ihnen gegenüber stand der Graf mit seinen b.'iden »Töchtern^ Haydse und Arlane und schien sich um zehn Jahre verjüngt zu haben. ' Als des Marquis Secretär oder vielmehr Liebling war Tony die besondere Bevorzugung geworden, dem Empfange beiwohnen zu dürfen. Da ihm aber sein Corporalsrang nicht gestattete, sich der glänzenden Gruppe der Adeligen anzuschließev, blieb er unbeweglich bei der Thür ,Ter Schwnr der Stothmüntlcr/ stehen, mit dem Dreispitz unter dem rechten Arm und der linken Hand auf dem Degen. Er sah in dieser Attitüde so allerliebst au-, daß ihn mancher Officier mit silbergestickter Uniform um die Art und Weise beneidete, wie er seine einfache weiße Uniform mit blauen Aufschlägen trug. . Während er sich aber bescheiden zur Seite hielt, beobachtete er indessen eifrig, was im Saale vorging, und ließ insbesondere Maurevailles, Lach und Lavenay, die den Magnaten und die Marquise begrüßten, nicht aus den Augen. ' ' Beim Anblicke Maurevailles' hatte der alte Gras ein Stirnrunzcln nicht unterdrücken köl^eu. Haydäe wechselte die Farbe und Rejane war pnrpurroth geworden. Tony waren diese Dinge nicht entgangen. Er nahm sich vor, das Thun und Treiben der Rothmäntler genau zu überwache«. Indessen hotten sich nach den üblichen Vorstellungen die Osficiere nach rechts und links zerstreut und bildeten unterschiedliche Gruppen, die sich plaudernd unterhielten. ES fehlte wol hier der Kranz von schönen Frauen, der de» Festen in Jngersheim ihren Glanz verliehen hatte, aber der Magnat suchte diesem Mangel abzuhelfen, indem er mit Hayd6e und Rejane bei jeder Gruppe stehen blieb, die, gute Miene zum bösen Spiele machend, den Gästen ihr freundlichstes Lächeln zeigten. Tony bemerkte mit einem gewissen Erstaunen, daß in Haydöe'S Augen eine Freude blitzte, die' zu lebhaft war, um erheuchelt zu sein. Sollte deS Marquis Witwe sich schon getröstet haben ? Tony überlief eS kalt bei diesem Gedanken. Die stummen Diener des Magnaten, deren ungarische Kostüme dem Feste einen besonderen Charakter verliehen, reichten Erfrischungen herum. Der junge Secretär benützte einen Moment, wo sich Niemand um ihn bekümmerte, um davonzuschleichen und sich in die Richtung des Treibhauses zu begeben, wohin er Maurevailles, Lacy und Lavenay einen nach dem anderen sich hatte entfernen sehen. Das Treibhaus, wo der Magnat die seltensten Blumen für Haydöe pflegen ließ, war von einer einfachen Rerhe von Wachskerzen erleuchtet, aber trotz des herrschenden Halbdunkels beite 74 INnötrirtes Wiener Lrtrs.bl»w !?r. 24 erkannte Tony deutlich seine drei Feinde. Als er sich hinter einem Gebüsche versteckte, bemerkte er, daß der Wintergarten an ein anderes Treibhaus stieß, das von dem ersten nur durch ein Gitter- Werk getrennt war nnd ganz im Dunkel lag. Er schlich sich in dieses „Retiro" und lehnte sich an das Gittenverk. Tie Rothmäntler waren nur drei Schritte von ihm entfernt. Maurevailles hat Recht, da muß ein Ende gemacht werden, sagte Lacy. Ein Ende machen, das wäre mir schon rech:, aber wie? Wir können sie doch nicht von Etappe zu Etappe bis nach Flandern mitnehmen? antwortete eine Stimme, welche Tony als die Lavenay's erkannte. Aber sie hier lassen, mein Lieber, ist gleichbedeutend mit ihrem Verluste. Ach nein, hier ist sie uns sicher. Sieh nur, wie der Magnat ihr mit den Augen folgt. Er beobachtet sie wie wir in früheren Zeiten. Und wenn er seinen Vortheil mißbraucht!... ries Lacy. Dn weißt doch, was Maurevailles mit- angesehen hat. Wer bürgt uns dafür, ob nicht noch heute nach beendetem Feste . . . Das ist ganz richtig, antwortete Lavmay mit gesenktem Kopfe. Dieser Mann ist nicht mehr der Vormund, dem wir ruhig seine Mündel anvertrauen konnten. Das ist ein Rivale, ein gefährlicher Rivale, den ich hasse nnd verabscheue. Ich muß Euch nämlich gestehen, meine Herren, daß ich di: Gräfin noch weit stärker liebe, seit ich ste wiedergesehen habe. Mir grht's ebenso, sagte Lacy. Und ich, sagte Maurevailles mit dumpfer Stimme, ich habe Augenblicke, wo ich mich fast versucht fühle, diesem armen Vilers zu verzeihen. Vilers war ein Benäther und hat seine gerechte Strafe empfangen. Doch nicht um ihn und Vergangenes handelt es sich jetzt. Wir müssen jetzt au die Zukuuft denken, die Zeit drängt. Heute muß noch Alles in Ordnung gebracht werden, sagte Lacy, nnd wenn Ihr mir folgen wollt ... Was hast Dn vor? Der Marquis von Langevin wird mir einen achttägigen Urlaub nicht abschlagen . . . Wo denkst Dn hin? Jetzt in KriegszcitM einen Urlaub ... Du träumst . ? ? Ich träume nicht. Meine Familie wohnt einige Stunden von Nancy entfernt, auf dem Wege, den wir zu nehmen haben. Unsere Leute brauchen sechs bis acht Tage, um hinzukommen. Mein Pferd dringt mich in der Hälfte der Zeit hin. Ich kann also verlangen, dem Regiments vorausznreiten und meine Mutter zu umarmen, indem ich Eure Ankunft abwarte. Das ist wahr, so würde es gehen. Statt aber meine Mutter aufzusuchcn, führe ich die Marquise an einen sicheren Ort nnd wenn mich der Oberst in Nancy sieht, wird weder er, noch rgend Jemand. Etwas vermachen. Gar nicht schlecht ausgedacht! rief Lavenay. Aber, im Namen des Eides, der uns verbindet, wirst Dn das Vertrauen nicht mißbrauchen, das wir in Dich setzen? Alle für Einen, Einer für Alle, sagte feierlich Lacy. Und soll mich das Schicksal Vilers' treffen, wenn ich, wie er, meinen Schwur breche. Ah! Zum Teufel! sagte Lavenay, ich möchte wie er sterben, wenn ich nur viernnd- zwanzig Stunden das Glück gekostet hätte, das er vier Jahre genoß. Also, Dein Officiers- Ehrenwort, Lacy? Ich schwöre ans meine Ehre, daß ich sie Eurch wieder so übergebe, wie. sie mir von Euch anvertrant worden ist. Und jetzt muß sie um jeden Preis heute Nacht unser sein und koste es auch Ströme Blutes. - Es wird gar nicht znm Blutvergießen kommen, meinte Maurevailles- Ich habe Euch schon gesagt, daß ich hier meine Spione habe. Laßt mir nur eine Viertelstunde Zeit. Du, Lavenay, sieh' nach, ob der Magnat die Marquise nicht vielleicht ein bischen ans den Augen gelassen hat, nnd Du, Lacy, verlange vom Obersten Deinen Urlaub. Ich gehe indessen zu meinem Vertrauensmann und will sehen, ob er sich von mir nicht bestimmen läßt, uns am Schlüsse der Soiree ohne jede Schwierigkeit und Gefahr in's Zimmer der schönen Haydöe zu führen. - Und wo finden wir uns wieder? Nr. 24 Illnstrlites lVisnsr VxtrublLit In den Schloßgräben, an der Stelle, wo ein vom Blitze getroffener Baumstamm liegt; in einer Stunde bin ich dort. Also gut, in einer Stunde! Die drei Officiere entfernten sich und Tony blieb in der größten Bestürzung allein zurück. Was ist jetzt zu thun, fragte er sich, wie soll Hayd^e gerettet werden? Soll ich den Magnaten benachrichtigen? Das hieße seine Wachsamkeit verdoppeln und sich für später die Möglichkeit benehmen,-ihr zu Hilfe zu kommen. - Den Marquis von Laugevin um seinen Beistand angehen? War es nicht etwas zu viel, wenn man ihn in die intimsten Angelegenheiten emweihte und lief man nicht Gefahr, einer Unterstützung verlustig zu werden, die Einem später kostbar werden konnte. Ach, wie bedauerte Tony jetzt, das Anerbieten von La Rose und dem Gascogner aus- geschlagen zu haben. Aber was, tröstete er sich bald, ich habe ja noch eine Stunde vor mir. In einer Stunde kann so Vieles geschehen. Vor Allem werde ich sie jetzt benachrichtigen. Er lief nun, was er konnte, um seine beiden Freund« anfznsuchen. Als sie ihn ganz athemlos auf sie znlausen sahen, verlangten die wackeren Leute keine weiteren Erklärungen; sie schnallten ihre Degengehänge um und folgten dem jungen Manne. Tony führte sie wortlos bis in den Hof des Schlosses, den sie Dank dem Durcheinander, den das Fest veranlaßt hatte, unbemerkt betreten konnten. Erwartet mich einen Augenblick hier. Er lief, so rasch er konnte, in das Gemach der Marquise, wo sich noch irnnur Bavette und ihre Mutter befanden. Mit einigen Worten verständigte er sie von dem Vorgefallenen. Die beiden Frauen schworen, daß man mir über ihre Leichen hinweg zur Marquise gelangen sollte. Uebrigens, fügte Tony hinzu, kenne ich den Versammlungsort der Nothmäutler und ich werde vor ihnen dort sein. Ich weiß nicht, ans welche Weise sie in die Keller-raume gelangen wollen, Leite 7b von wo ans Herr von Maurevailles schon einmal bis zn Frau von Liters eingedrnngen ist; hier liegt ein Geheimniß vor, das ich noch nicht lüften kann. Aber ich werde es erfahren, fügte der junge Mann energisch hinzu, und wir selbst werden hoffentlich von dem Complot Nutzen ziehen, das sie angezettelt haben. Seien Sie vorsichtig ! ries Bavette mit allen Zeichen der Angst bei dem Gedanken, daß dem jungen Manne Gefahr drohen sollte. Geben Sie Acht, der alte Herr scheint furchtbare Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben. Wenn Sic in eine Falle gerathen sollten . . . Was wollen Sie damit sagen? Wie Sie, muß auch er bemerkt haben, das; die Nothmäutler das Schloß verlassen haben, denn vorhin hat er seinen Haushofmeister rufen lassen, trotzdem er ihm zuerst den Auftrag gegeben hat, die Zimmer, in denen wir sind, nicht ans den Augen zu verlieren. Ich fürchte mich nicht, bemerkte das junge Mädchen mit verächtlichem Anfwerfen der Unterlippe und habe mich vorhin ans den Fußspitzen bis an's Ende des CorridorL geschlichen. Nun? Und da habe ich gesehen, wie sich eine Menge von Stummen mit der Pistole in der Fanst in dem großen Corridor ans der anderen Seite ausgestellt hat, wie es scheint, beim ersten Signale bereit, loszuschlagcn. Uebrigens haben auch Alle, die im Saale bedienen, eine Waffe im Gürtel stecken. Der alte Schloßherr scheint sehr- wild zn sein. Ach, wenn es bei der geringsten Unruhe zu einer allgemeinen Schlägerei kämet Es wird aber nicht einmal zu einem Lärm kommen! Für den Augenblick spielt sich Alles zwischen uns und den Nsthmäntlern ab. Wir sind in gleicher Anzahl und kämpfen für die gute Sache. In einer Stunde soll die Gräfin Nichts mehr von ihnen zu fürchten haben. Und wenn daS Wasfengekiirr die Diener des Schlosses aufmerksam macht. Was liegt daran? Die Sache ist schon so weit vorgeschritten, daß man nicht mehr zchzern darf. Mutter Nicolo, Bavette, noch einen letzten Händedruck. Ach, Du lieber Gott, Du sollst mehr haben, mein Junge! rief die Marketenderin in ihrer gnt- müthigen Derbheit. Komm', laß Dich umarmen plustrirtss Wisasr LrirLklLtt tkr. 24 §^i1s 76 und umarme auch Bavette. Ich, ihre Mutter, erlaube eS Dir. Bavette reichte die Wange hin, die. roth wie eine Kirsche geworden war. Als Tony seine Lippen darauf drückte, hatte er ein sonderbares Gefühl, das er bis dahin noch nicht gekannt hatte. All' sein Blut drang znm Herzen und eS überkam ihm eine nie gefühlte Seligkeit. Aber rasch warf er den Kopf wieder zurück und ging schnellen Schrittes zu seinen Freunden La Rose und dem Normanrim zurück, die ihn im Hofe^erwarteten. Kameraden, sagte er, heute Nacht wird'S Arbeit geben. Dir Mörder des CapitäuS bedrohen seine Witwe. Er muß gerächt werden. Zum Hmker! Du kannst auf uns zählen, rief der Gascogner, aber wo sind denn unsere Gegner? Kommt nur, wir werden sie auf ihrem RliidezvouSplatze erwarten. 16 . In den Schlotzgriitzen. Zehn Minuten darauf waren Tony, La Rose und der Normanne nicht weit von der Stelle ansgestellt, die MaurevailleS bezeichnet hatte. Ein jeder der drei Vertheidiger der Marquise hatte sich so gut als eS ' ging postirt, um im Dunkeln zu bleiben und zu sehen, ohne gesehen zu werden. Mit bloßem Degen, bereit, jeden Augenblick hervorzuspringen, mit vorgestrecktcn Hälsen, spähten sie in die Finsternih hinan- und hielten den Athem au, um besser zu hören. Der Plan, dm sie entworfen, war sehr einfach; sie wollten nacheinander die drei Verbündeten überfallen, sie za Boden werfen, ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre Angreifer zu erkennen,' Lavenay und Lacy mit zu dieser« Zwecke bereit- gchalteoeuTaschentüchern knebeln und MauvevailleS mit Gewalt das Geheimnis abringen, wie man Ln's Souterrain gelangen könne. Falls man ihrer nicht Herr werden könnte, ohne dabei Geräusch zu verursachen, sollten sie getödteL werden. Sie befanden sich seit einigen Minuten hier, als in der Nähe des Normanne» rasche Schritte zu vernehmen waren. Ei» Marm näherte sich. Als er dem Soldaten gegenüberstand, stürzte sich dieser ans ihn. Der Mann machte einen Satz nach rückwärts uud zog feinen Degen, der in der Dunkelheit anfblitzte. Verfehlt! brummte der Normanne mit Bedauern, umso schlimmer für ihn. Ich. muß ihn also lobten! Mit gezogenem Degen griff er ihn an. ; - Der Unbekannte parirte den Stoß und rief: Ah! ich habe schon einen! ^ ' DaS wollen wir doch sehen, sagte der Normanne, indem er einen zweiten kräftigen Hieb führte, der den rothen Mantel durchlöcherte, welchen der Manu über seine linke Schulter geworfen hatte. O, diese Stimme! rief der Unbekannte. Normanne, bist Du's? Sie wissen, wer ich bin? Umso schlimmer. Das ist ein Grund mehr für mich, Sie zu tödten. Du erkennst mich also nicht, wie? Ja, zum Teufel, Sie sind ei» Officier. Aber das geht mich weiter Nichts an. Hier find wir weder Officier, noch Soldat, sondern zwei Männer, von denen der Eine den Anderen tödten wird. Und der Andere, das werden eben Sie sein, denn ich muß den Tod meine- braven CapitänS rächen. Da flog Plötzlich der Degen de- Normannen auf zehn Schritte weit fort. Statt aber zuzustoßen, ergriff ihn der Mann am Arme und raunte ihm einige Worte in'S Ohr. Sie! Sie! Sie sind'S! rief dreimal hintereinander der bestürzte Gardist, Sie, Herr. . . Ruhig k sagte der Unbekannte, indem er den Soldaten umarmte. Gewisse Namen darf man nicht laut aussprechen.' Aber jetzt, lieber Freund, sage mir, was Du eigentlich hier gethau hast. Ich paßte drei Männern auf, die hier vorüberkommeu sollten, um die Marquise von Vilers gewaltsam zu entführen- Da ich Ihren Mantel sah, glaubte ich, daß sie Einer von ihnen wären. Nr. 25 Ulustrirtes wiener LitrablLtt Leits 77 Sie, immer sie! Und sie entführen! J,ch hatte mich also nicht getäuscht, sagte der. Unbekannte in größter Aufregung. Aber Du bist doch nicht allein? Allein? Nein. La Rose ist da unten. Sie wissen doch, der Gascogner? Ein großer Schwätzer aber, ein wackerer Haudegen. Ihn hätten Sie trotz Ihrer Geschicklichkeit nicht so entwaffnet, wie mich. Und weiter unten steht der kleine Tony, Sie kennen ihn ja, der wird seinem Gegner auch eine harte Nuß aufzuknacken geben. Man würde glauben, daß er mit einem Säbel in der Hand geboren worden ist . . . Mittlerweile hatte La Rose von seinem Platze aus dem Kampfe Angesehen. So lange er das Waffengeklirre hörte, wich er nicht von seinem Posten, als er aber des Normannen Degen einen leuchtenden Bogen beschreiben sah, konnte er ein unwilliges „Potztausend" nicht zurückhalten und trat ein Bischen aus seinem Berstecke hervor. Wie groß aber war seine Ueberraschung, als er die beiden Gegner einander in den Armen liegen sah. Bei allen Teufeln, dieser Dummkopf von einem Normannen hat das Bischen Verstand verloren, das noch in seinem großen Gehirnkasten war, sagte ärgerlich La Rose und näherte sich rasch der Gruppe. Als ihn der Unbekannte kommen sah, hob er mit Absicht den breitrandigen Hut, der sein Gesicht bis jetzt beschattet hatte, in die Höhe und der Mondschein sie! auf dasselbe. Ah! rief der Gascogner, Sie hier, lebendig st Ja, ich selbst, mein guter La Rose, ich komme in derselben Absicht wie die Nothmäntler. Wirst Du mich auch bekämpfen? fragte er lächelnd. Der Gascogner glaubte zu träumen und rieb sich die Augen. Der Mann mit dem rothen Mantel begann wieder: Wir haben nun Zeit genug verloren. Das Geheimniß, das Ihr Euren Gegnern entreißen wolltet — ich habe den Schlüssel dazu. Wie, Sie kennen also den Eingang zu den Kellerräumen? Vor einer Stunde erst ist er mir durch einen häßlichen Zwerg verrathen worden, der, durch meinen Anzug irregeführt, mich für Herrn von Maurevailles gehalten hat und mir selbst den Eingang zeigte. Kann der Zwerg Sie aber nicht verrathen ? Er ist fest an den Baum gebunden, den Du da siehst. Aber jetzt gilt es, rasch handeln. Da sie die Marquise entführen wollen, muß man ihnen zuvorkommen. La Rose, geh', hole Deinen Kameraden, und vor Allem Ruhe und rasches Vorgehen. Der Unbekannte näherte sich bei diesen Worten einer kleinen schwarzen Oeffnung, die ihnen unheimlich entgegcngähnte. Wie, hier müssen wir hinein? fragte zögernd der Normanne. Ja. Haben Sie zum Mindesten Licht bei sich? Nein. Na, das macht Nichts. Hier ist schon La Rose. Der Gascogner kam in der Thal, gefolgt von La Rose. La Rose, sagte der Normanüb, mache Licht. Der Gascogner holte sein Feuerzeug hervor und gehorchte seinen Kameraden. Jetzt müssen wir die Rollen vertheilen, nahm der Unbekannte wieder das Wort. Du, Normanne, bewachst mit Deinem jungen Freunde diesen Eingang. Da die Nothmäntler keine Ahnung von Eurem Hiersein 'haben, wird es Euch ein Leichtes sein, sie znrückzuschlagrn, sobald sie sich zeigen. Du, La Rose, kommst mit mir. Also vorwärts! Und mit einem Satze sprang der Gascogner in den Gang. Der Unbekannte hatte fast Mühe, ihm zu folgen. Als die Soiröe zu Ende war, war die Marquise mit Nejane in das Zimmer zurück- gekehrt, wo, wie wir wissen, Mutter Nicolo und Bavette sie erwarteten. Als sie ihnen erzählt hatten, was Tony der Marketenderin vorhin mitgetheilt hatte, war ihr Schrecken kein geringer. -Der Schwur der Siothmiiutler." Leits 73 HIuZtrirtes Wiener LxtrLblatt Nr. 25 Wol an die zwanzigmal an diesem Abend war Hayd6e versucht gewesen, sich von dem Magnaten loszureißen und sich dem Marquis von Langevitt zu Füßen zu werfen, um ihn zu bitten, daß er sie von ihrem Tyrannen befreie. Aber Bavette hatte Gelegenheit gesunden, sie rou den schrecklichen Vorkehrungen in Kennt- niß zu setzen, die der Magnat für den Fall eines Kampfes getroffen hatte, und die Furcht vor einem solchen hielt sie von ihrem Vorhaben zurück. Es konnte ja geschehen, daß inmitten des Tumultes einer der Nothmäntler sie ergreifen und fortschleppen würde, und Haydee fürchtete diese noch weit mehr, als den alten Grafen. Die Officiere hatten sich nach und nach zurückgezogen und der Magnat führte sie in ihre Zimmer. Und jetzt theilten ihr Bavette und ihre Mutter mit, daß ein neuer Angriff auf sie geplant war und daß zwischen Tony und ihren Verfolgern voraussichtlich ein heißer Kampf entbrennen würde! Wenn Touy diesmal unterlag! So lagen die Dinge, als Plötzlich rasche Schritte in dem Gauge vernehmbar wurden, der durch das Bild verdeckt war. Die Marquise zitterte. Bevor wir Angst haben, rief muthig Ne- jane, sehen wir nach, wer es ist. Und zum großen Erstaunen der Marquise zog Rejane das Bild zurück, das sich hinter Maureyailles -geschlossen hatte. Die Marquise erblickte das gutmüthige Gesicht La Rose's, stieß einen Freudenschrei aus und stürzte dem Soldaten als ihrem Retter entgegen. Aber zehn Schritte hinter dem Gascogner, im Dunkel des Corridors wurde eine zweite Person sichtbar und bei dem ungenügenden Lichte, das der Soldat in der Hand hielt, konnte man von dieser Person nur Eines sehen, nämlich den rothen Mantel, den die Marquise so sehr zu fürchten gelernt hatte. l Sie glaubte die entsetzliche Wahrheit zu begreifen. Tony und seine Freunde waren getödtet worden und die Nothmäntler kamen nun, um den Siegespreis zu holen. Sie stürzte der Thür zu, riß sie hastig auf und rief hinaus: Zu Hilfe, Graf! Zu Hilfe! Maurevailles will... Weiter kam sie nicht. Wie ein Sturmwind waren schon die Stummen in das Gemach eingedrungen. Der Magnat stieß La Rose bei Seite, der den Eingang zum Corridor vertreten hatte, und stürzte, gefolgt von seinen Häschern, dem Unbekannten nach, der allein nicht gegen die große Uebermacht kämpfen konnte. Ach, mein Gott! rief La Rose ganz entsetzt, was haben Sie gethan, gnädige Frau? Sie haben den Capitän, Ihren Mann, den Marquis von Vilers, an's Messer geliefert! Die Marquise stieß einen durchdringenden Schrei aus und sank ohnmächtig zusammen. In dem geheinen Gange wurde der Kampf fortgesetzt ! 17 . Von den Todten auferstanden. Es war in der That der Marquis von Vilers und unsere Leser haben ihn gewiß wiedererkannt. Man wird sich zu erinnern wissen, daß, als Tony das Gruftgewölbe im Chatelet betrat, dem Wächter daselbst gesagt hatte, daß der Todte, der da auf den Fliesen liege, ein Marquis sei. Das Wort hatte auf den Wächter und seine Frau eine tiefe Wirkung geübt. Ein Marquis und wahrscheinlich ein sehr reicher Mann auf den Steinfliesen des Todten- gewölbes, so Etwas sah man nicht alle Tage. ' Die Leichen, welche in das Todtengewölbe gebracht wurden, waren zumeist die sterblichen Neste von armen Teufeln, die vor Elend umgekommen waren, oder deren Tod ein Unglücksfall herbeigesührt hatte und auch von Solchen, die man in der Seine anfgefischt hatte. Nur die unteren Volksclassen kamen in die Morgue, daß sie diesmal einen Marquis beherbergen sollte, war etwas Unerhörtes. Die Frau des Wächters konnte auch nicht länger an sich halten, sie wollte ihren neuen Nr. 25 Hlustrirtes wiener NxtrMatt Leits 79 Miether in der Nähe sehen und ihre Lampe von der Wand herunterlangend, näherte sie sich den Steinfliesen, auf welchen der Marquis lag. Der Marquis lag unbeweglich, mit geschlossenen Augen da und sah aus, als ob er schliefe. Armer Junge, sagte mitleidig die Frau. Er sieht ganz und gar nicht böse aus, im Gegen- theil! Wie schade um ihn! Dieser Todte flößte ihr durchaus keinen Abscheu ein, wie gewöhnliche Leichname. Es machte ihr sogar Vergnügen, ihn zu betrachten. Gewiß hat fich's hier um eine Dame gehandelt, sagte sie. So ein hübscher Mann muß sicherlich Glück bei der Damenwelt gehabt haben. Wie fein er aussieht, und was für hübsche kleine Hände er hat. Ohne an Etwas zu denken, hatte die Frau des Wächters sich über ihn gebeugt und die Hand des Marquis in die ihrige genommen. Aber sonderbar! Diese Hand war nicht eisig wie derber anderen Tobten; sie fühlte sich sogar warm an. Plötzlich ließ die Frau die Lampe fallen und schrie auf: Herr Gott! er hat sich bewegt! Ihr Geschrei hatte ihren Manu herbeigelockt, welcher glaubte, daß sie v.rrückt geworden sei. Aber sie hatte vollkommen Recht; der Marquis hatte sich in der That bewegt. Er hatte sich jetzt aufgcrichtet und blickte sich verwundert um, wie Jemand, der ein Räthfel aufzuklären sucht. * Er fragte sich, wo er sich befinde. Ec war dem Leben wiedergegeben. Maurevailles' Degenstoß hatte einen sehr starken Bluterguß herbeigeführt, der in Verbindung mit der durch sein unerwartetes Erscheinen hervorgerufenen Aufregung eine starrkrampfühuliche Ohnmacht im Gefolge hatte. Da er leblos in todtenähnlicher Erstarrung dalag, bot er alle Anzeichen des Todes dar. Ueber seinen Zustand herrschte kein Zweifel und man hatte ihn deshalb in das Chatelet überführt. , Der Anfall von Starrkrampf war vorüber und Vilers kam wieder zu sich. Der Aufseher wußte, was ec zu thun hatte, und schickte sich an, dem Beamten des Chatelet die Meldung von oem Vorgefallenen zu machen, als seine Frau ihn zurückhielt. Du bist verrückt, sagte sie, ihn in einen entlegenen Winkel ziehend. Was heißt das? Hängst Du gar so sehr an Deinem Posten, daß Du ihn um keinen Preis der Welt aufgeben würdest? Ach geh! Du weißt ja, daß gerade das Gegentheil der Fall ist. Wär's Dir nicht viel lieber, an einem ruhigen Orte in der Nähe von Paris zu leben, als in diesem furchtbaren Hause, das mir mit seinen Insassen den Schlaf raubt? Gewiß, wo ist aber der Zusammenhang.:^ Dummkopf, der Du bist! Man muß das Glück beim Schopfe zu fassen wissen. Ein großer Herr, der gewiß sehr reich ist, füllt in unsere Hände . . . man bringt ihn für todt her, er erwacht wieder zum Leben . . . willst Du, daß er jetzt wirklich stirbt? Gewiß nicht, deshalb gehe ich jetzt auch zum Verwalter . . . Ausgezeichneter Einfall das! Aber verstehst Du denn nicht, daß, wenn der Marquis nicht in seine Wohnung getragen wurde, daß, wenn ihn Niemand agnosciren kann und wenn der hübsche junge Mann, der gestern Abends hier um ihn weinte, es nicht wagte, seine Herausgabe zu verlangen, irgend ein Geheimnis; dahinter stecken muß. Wahrhaftig, schau, Du hast ganz Recht, sagte der Biedermann, der über den Scharfsinn seiner Frau staunte. Wenn Du ihn also dem Verwalter übergibst, so wird die Geschichte von sich reden machen, man wird erfahren, daß er lebt und das wird am Ende dem Marquis selbst unangenehm werden. Und was haben wir schließlich davon? Was ist da zu thun? meinte rathlos der Aufseher. - Wir sagen Nichts, sondern verbergen und pflegen ihn. Seine Feinde — er scheint ja solche zn haben — halten ihn für todt und da sie sich von seiner Seite sicher glauben, wird es ihm möglich werden, etwaige Ränke zu vernichten. Selbstverständlich wird er in diesem Falle sich dankbar zeigen . . . Jetzt aber begreifst Du? Leite kV lilvstrirtvs Meoek LxtrLdistt ^r. 25 Gegen so ausgezeichnete Schlußfolgerungen war nicht aufzukommen, der Aufseher schloß sich deshalb der Ansicht seiner Frau an. Herr von Vilers wurde in ihre Wohnung getragen. Dank der Pfleg-, die sie ihm angedeihen ließen, kam er schnell wieder zu Kräften und nach einigen Stunden war er schon im Stande, zu spreche». Die Gattin des Aufsehers fand ihre Ver- muthungen bestätigt. Dem Marquis war es, schwach wie er war, sehr darum zu thun, daß man weiter an seinen Tod glaube, da er sich als Kranker nicht ver- theidigeu konnte. , Den wackeren Leuten aber, die ihn dem Leben wkedergegcben hatten, wollte er nicht zur Last fallen und deshalb trachtete er, sich die Mittel zu verschaffen, um das Chatelet verlassen zu können. Er nahm Papier und Feder und schrieb einige Zeilen. Nehmen Sie dies Papier und gehen Sie damit in's Hotel Vilers, in der Straße Saint Louis-en-l'Jsle, dort fragen Sie nach Joseph. Der Aufseher schickte einen seiner Bekannten, dem er als Erklärung eine erfundene Geschichte beifügte. Wie uns schon bekannt ist, kam eine halbe Stunde später der Bote mit zehntausend Livres zurück. An demselben Abende füllte der Aufseher den für den Marquis bestimmten Sarg mit Erde an, gab dem Direktor an, daß er krank sei und bat um seine Entlassung. In der Nacht übersührte er mit Hilfe seiner Frau den Verwundeten nach Palaiseau, wo ihn die frische Luft bald so herstellte, daß er es versuchen konnte, sich hinauszuwagen. Mittlerweile blieb der alte Joseph im Hotel Vilers und obschon er jetzt nicht mehr weinte, so wurde er doch von den furchtbarsten Zweifeln gequält. Seit er mit Mutter Nicolo und Bavette in der Gruft seines Herrn gewesen war, hatte er Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um zu erfahren, was aus seinem geliebten Herrn geworden war, und den Aufenthaltsort der Marquise zu entdecken. Seine Bemühungen waren bisher erfolglos geblieben, erst am sechsten Tage zeigte sich ihm ein Hoffnungsschimmer. Ein Mann, der wie ein Courier gekleidet war und eine lange Reise gemacht zu haben schien, erschien im Hotel und fragte nach Joseph. Er brachte ihm einen Brief, der die Schriftzüge der Marquise trug. Ein Brief! Er sollte also von ihr hören, vielleicht erfahren, wo sie sich befinde. Ueber den letzten Punkt aber schwieg der Brief. Die Marquise schrieb nur, daß sie sich wohlbefinde, daß sie sich nicht unglücklich fühle, und gab ihm den Auftrag, Nejane dem Ueber- bringer des Briefes anzuvertrauen, der den Auftrag habe, sie zu der Marquise zu bringen. Offenbar war dieser Brief unter den Augen des Magnaten geschrieben worden. Wo war die Marquise? Der Bote verweigerte ßde Auskunft darüber und es war da nichts Erstaunliches dabei. Der Magnat, welcher glaubte, daß der Marquis noch am Leben sei, konnte ihm ja begreiflicherweise nicht den Aufenthaltsort der Marquise verrathen. Mein Gott, dachte Joseph, zum Mindesten wird meine arme Herrin den Trost haben, Nejane um sich zu sehen. Cr bat also Rejane, der Marquise den Tod ihres Gatten zu verschweigen. Er hatte es auch dem jungen Mädchen' gegenüber für klug erachtet, der Geschichte mit dem leeren Sarge nicht zu erwähnen. Noch ein Wort, sagte der Bote, als er Rejane in den Wagen hob. Ich habe den Auftrag, dem Fräulein zu Pferde zu folgen und sie sofort in's Hotel zurückznführen, sobald ich bemerke, daß man mir folgt. Der Wagen rollte davon. In der Einsamkeit konnte das junge Mädchen wenigstens mit Muße über die frommen Lügen Nachdenken, mit welchen sie ihre Schwester zu trösten beabsichtigte. In Vlenancourt selbst würde der Magnat über Rejane dieselbe Gewalt haben, wie über ihre Schwester. Das junge Mädchen mußte gleichfalls nur in seiner Gegenwart schreiben. Selbst die Nr. 26 Hluslrirtss Msner LrtrsdlLtt Lslts 91. Gegend, in der sich das Schloß befand, mußte ein Geheimniß für sie bleiben. Aber der Magnat hatte an Tony nicht gedacht, dessen erste Sorge nach seiner Unterredung mit der Marquise war, Joseph vor Allem Mitteilung zu machen, was er erlebt hatte für den Fall, daß der Marquis wieder zum Vorschein kommen würde. Joseph erhielt gerade den Brief Tony's, als ein bäuerisch gekleideter Mann an dem großen Eingangsthor des Hotels klopfte. Der Bauer, dessen Gesicht unter einer schwarzen Binde halb verschwand, bestand darauf, zu Joseph geführt zu werden. Als er den Kammerdiener erblickte, entfernte er die Binde. Gottes Barmherzigkeit! schrie der alte Diener auf, das ist ja der Herr. Ruhig! sagte der Marquis, denn er war es. Führe mich in Dein Zimmer, ich habe mit Dir zu reden. Ich werde Dir gleich Alles erklären, aber gib Acht um Himmelswillen, vdaß man mich nicht gleich sieht. Meine Frau würde furchtbar erschrecken. Also komm. Joseph führte seinen Herrn über die 'Dienertreppe. In Josephs Zimmer angelangt, erzählte ihm der Marquis, was sich zugetragen und wie er nur durch ein Wunder noch am Leben sei. Aber meine Frau, meine Frau, sagte er hastig zu Joseph. Du mußt sie langsam vorbereiten. Der arme Alte blieb stumm. Nun, auf was wartest Du denn noch? fragte erstaunt der Marquis. » Jetzt mußte sich der alte Diener entschließen, dem Marquis Mittheilung von dem Vorgefallenen zu machen, und er schloß seine Erzählung, indem er die beiden Briefe der Marquise und des jungen Corporals vorzeigte. Blenancourt! rief der Marquis, als seine Blicke auf die Briefe fielen. Sie ist in Blenancourt! Rasch, mein Pferd und meinen Degen. Morgen schon bin ich dort. Und der Marquis hielt Wort. 18 . Blut und Wasser. Ihr Gatte also war's gewesen, ihr Gatte, der auf so wunderbare Art gerettet worden war, den die Marquise dem Magnaten ausgeliefert hatte. In dem Augenblicke, wo er zu ihrer Rettung herbeikam, hatte sie ihn dem Verderben preisgegeben. Wie eine wilde Meute waren die Taubstummen dem Marquis von Vilers nachgestürzt. In ihrer verzweiflungsvollen Lage alle Rücksicht bei Seite lassend, warf sich Hayd6e dem Magnaten zu Füßen und bat um Gnade, aber dieser stieß sie mit teuflischer Bosheit zurück. Sie täuschen sich Madame, sagte er, höhnisch lachend, wenn Sie glauben, daß ich Sie jetzt anfgebe, jetzt weniger als je! Rasend vor Schmerz, stürzte die Marquise in den geheimen Gang hinaus, fest entschlossen, mit ihrem Gatten zu sterben. In dem Corridor setzte sich die zügellose, unheimliche Jagd fort. Die Diener des Grafen hatten Fackeln angezündet, deren röthlicher Schein unheimliche Schatten auf die schimmeligen Wände warf, so daß es das Aussehen hatte, als ob höllische Teufel sich an dieser Verfolgung betheiligten. Vilers und La Rose flohen vor den Taubstummen, die sie hart bedrängten. Dem Marquis war es darum zu thun, die kleine Oeffnung zu erreichen, durch die er hereingekommen war. Hier verengte sich der Gang und wurde so schmal, daß nur zwei Personen mühsam hindurchkonnten. Wenn es ihm und La Rose gelang, diese Stelle zu erreichen, so waren sie gerettet. Hier konnten sie dem Magnaten und seiner ganzen Dienerschaft Trotz bieten. Aber um dahin zu gelangen, dürfte man nicht früher von den Taubstummen erreicht werden und diese rückten immer näher. Bei einer Biegung des Ganges hatte einer von ihnen bald den Mantel des Marquis gefaßt. .Der Schwur der Rothmäutler." Leits 82 Illustrirtss Wiener Lrtradlatt Nr. 26 Wir sind verloren, sagte leise der Marquis zu La Rose, ohne jedoch im Laufen innezuhalten. Potztausend, meinte der Gascogner, wie wär's, wenn wir Einen oder Zwei davon Niederschlagen würden, vielleicht möchte das die Anderen ein bischen von unserer Verfolgung abschrecken. Halten wir ihnen Stand? Meinetwegen. Die beiden Männer machten eine rasche Wendung nach rückwärts; die Degen blitzten bei dem Scheine der Fackel auf und zwei Taubstumme fielen, mitten in die Brust getroffen, leblos nieder. Ein Dritter hielt dem Marquis seine Pistole entgegen, aber La Rose kam ihm zuvor und mit einem Degenstöße streckte er ihn zu Boden. Ich danke Dir, sagte einfach der Graf. Jetzt aber rasch vorwärts. Sic machten Kehrtum und eilten davon. In diesem Augenblicke aber wurden schnelle Schritte hinter ihnen vernehmbar. Der Normanne, der den Lärm des Kampfes gehört hatte, der durch das Echo vervielfältigt war, eilte herbei, um dem Marquis zu Hilfe zu kommen. Ah! rief Vilers, hier ist ja Succurs für uns, mein wackerer La Rose. Zum zweiten Male drangen der Marquis und La Rose auf die Taubstummen ein und tödteten die zwei Ersten, die in ihre Nähe kamen. Der Normanne streckte ebenfalls Einen nieder, und so hatte sich neuerdings zwischen ihnen und ihren Verfolgern eine Schutzmauer von Leichen aufgerichtet. Plötzlich ertöntm wieder Schritte hinter dem Normannen, und La Rose fragte unruhig, lver das wol sein möge. Gewiß ist das Tony. Da mußte er also Jemanden bei sich haben. Nach dem Geräusche zu schließen, sind das Schritte von mehreren Personen. Umso besser. Eiue Verstärkung würde uns gerade uoththun, um mit diesen Canaillen fertig zu werden, sagte der Marquis, seinen Degen in die Kehle eines Taubstummen pflanzend, der sofort leblos zu Boden fiel. Hieher, hieher! rief La Rose und wendete sich zu Jenen, welche er für Tony und seine Helfer hielt. Aber mit einem Male stieß er ein Wuth- geheul aus. Es war nicht Tony, der zu ihrer Verteidigung herbeigekommen war, sondern die Rothmäntler, die in dem Gange erschienen und sich zum Angriffe bereit machten. Der Marquis, La Rose und der Normanne waren zwischen den Taubstummen und den Roth- mäntlern eingeklemmt. Wir müssen uns in unser Schicksal ergeben, meinte Herr von Vilers, aber wenn wir schon sterben müssen, wollen wir zum Mindesten unser Leben theuer verkaufen. Der Marquis stellte sich also den Roth- mäntlern gegenüber, während die beiden Leibgardrsten den Kampf mit den Taubstummen aufnahmen. La Rose hatte bereits seinen Degen in den Leib eines der Angreifer gestoßen, der Normanne zwei Köpfe zerschmettert, ohne daß eine Aussicht war, die Flut aufznhalten, die auf sic einstürmte. Sie waren von allen Seiten umringt. Während des Wirrwars waren die Fackeln erloschen, aber nichtsdestoweniger wurde der Kampf mit noch größerer Heftigkeit fortgesetzt. Man konnte die Degen nicht mehr gebrauchen, da mau in einem Knäuel beisammensteckte. Aber trotzdem suchte man sich, würgte, er- , drückte, erstickte einer den Anderen. Plötzlich ging eine Bewegung durch die Schaar der Angreifer. Man hörte tiefe Seufzer und das Geräusch des Falles mehrerer Körper. Jetzt sind wir wieder um Zwei, Drei, Vier weniger, sagte eine frische Stimme, welche die Gardisten als diejenige Tonys erkannten. Es war in der That der ehemalige Commis Frau Marion's, der von feinem Posten aus, wo er zurückgeblieben war, die Rothmäntler ein- dringen gesehen hatte. Erstaunt, daß weder La Rose, noch der Normanne sie anfgehalten hatten, stürzte er in den Gang hinein, da er aber wohl wußte, daß Maurevallles der geheime Gaug bekannt war, Nr. 26 Hlustrlrtes bleuer Lxtr»bl»tr Üstts 63 hatte er einen Umweg gemacht und tauchte jetzt hinter dem Trosse des Magnaten auf. Tony, rief La Nose, bist Du's? Ah! Der Gascogner, antwortete vergnügt Tony. Gottlob, daß ich nicht zu spät komme. Aber wo seid Ihr denn? Hier, in der Mitte mit dem Marquis von Vilers. Der Marquis von Vilers! rief Tony ebenso bestürzt wie die Anderen. Der Marquis von Vilers! Aber jetzt war nicht die Zeit, seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, es blieb noch sehr viel Anderes zu thun übrig. Durch den ungestümen Angriff Tonys überrascht, hatten die Taubstummen nicht die Zeit gefunden, sich gegen diesen unerwarteten Feind zur Wehre zu setzen. Aber bald erlangten sie ihre Fassung wieder und wendeten sich zu Tony. Dieser wagte es nicht mehr, auf's Gcrathe- wol zuzuschlagen, wie er es vorhin gethan hatte, da er fürchten mußte, einen seiner Freunde zu treffen. Dieser Zwischenfall hatte unterdessen Vilers die Möglichkeit- geboten, ein wenig Athem zu schöpfen. Mit der Faust Lavenay von sich haltend, der ihn fast schon berührte, lehnte sich der Marquis an die Mauer des Ganges. Aber siche da ! Die Wand gab unter dem Drucke nach. Vilers fühlte, wie sie sich langsam hinter ihm verschob; es mußte dahinter ein neuer Weg sein, der jedenfalls den Rothmäntlern unbekannt war. La Nose, Normanne, sagte er, sich zu ihnen neigend, halblaut, kommt . . . Und er zog sie in den Durchgang hinein, den er soeben entdeckt hatte. In diesem Augenblicke aber erschien der Magnat mit neuen Leuten, die Fackeln in der Hand trugen, und diese warfen einen Hellen Schein auf die sich flüchtenden Gardereiter und den Marquis. Die Rothmäntler, die Stummen, der Magnat und selbst Tony — aber in entgegengesetzter Absicht — stürzten ihnen nach. Diesmal hatten die Flüchtlinge einen Vorsprung und es war unmöglich, ihnen den Weg zu versperren. Tod und Teufel! brüllte der alte Graf und feuerte zwei Pistolenschüsse auf seine Gegner ab. Der Verbindungsgang machte jedoch große Biegungen, und die Kugeln prallten an den Wänden desselben ab. Die Flüchtlinge setzten ihren Weg fort. Mit einem Male stieß Vilers, der voranging, einen furchtbaren Schrei aus und verschwand. Was ist Ihnen, Capitän? Wo sind Sie? fragte La Rose, sich der Stelle nähernd, wo er den Marquis glaubte, doch auch er fühlte den Boden unter sich wanken und versank ebenfalls. Die Galerie, in welche sie sich geflüchtet hatten, lief oberhalb des ungeheueren Reservoirs, dessen Wasser im Nothfalle die Schloßgräben füllen konnte. Zu welchem Zwecke mochte der Wasserbehälter gebaut worden sein ? ^ Vielleicht um den Schloßherrn im gegebenen Falle die Möglichkeit zu bieten, sich auf diese Weife ohne Gefahr für sich selbst eines unbequemen Gastes oder eines gefährlichen Zeugen zu entledigen. Gewiß war, daß die Unglücklichen, welche Gerechtigkeit oder Rachsucht diesem Abgrunde überlieferte, nie mehr das Licht der Welt Wiedersehen sollten. Selbst für die Stummen war das Verschwinden des Marquis und seiner Genossen ein so unerwarteter Anblick, daß sie in ihrer Verfolgung innehielten. Alles schaarte sich um den Rand des Brunnens, um die Tiefe des Abgrundes mit den Augen zu messen. Da stieß eine Frau die Menge bei Seite und stellte sich in die vorderste Reihe. Diese Frau war die Marquise. Sie war in höchster Aufregung den Wechselfällen des Kampfes gefolgt und da sie jetzt nichts Anderes, als Ausrufe des Erstaunens hörte, wollte sie sehen, was sich zugetragen hatte. Mein Gatte! schrie sie außer sich. Was habt Ihr aus meinem Gatten gemacht? Der Magnat öffnete den Mund, um ihr zu antworten, aber Maurevailles kam ihm zuvor: Leite 81 lllustrirtos Wiener Lxtrablstt Nr. 26 Ihr Gatte, gnädige Frau, sagte er mit abscheulichem Lächeln, hat uns für diesmal die Mühe erspart, ihn zu bestrafen, und mit den Fingern auf die Tiefe weisend, fügte er hinzu: Da drinnen ist er. O! rang es sich verzweiflungsvoll aus Hayd6e's gequälter Brust; nun, dann sterbe ich mit ihm. Und sie schickte sich an, ihrem Gemal in die Tiefe zu folgen, als Maurevailles' Arm sie zurückhielt. Aber mit der Kraft, welche die Verzweiflung verzehnfachte, hätte sie ihn mit sich in den Abgrund gezogen, als Tony, der jetzt hervorsprang, ausrief: Warten Sie, ich werde sie retten oder sterben. Während Lavenay und Lacy Maurevailles behilflich waren, die Marquise zurückzuhalten, sprang Tony in den gähnenden Schlund. - 7 Unwillkürlich verstummte Alles. Trotz der herrschenden Feindseligkeiten fühlten der Magnat und die Rothmäntler, wie sich eine heftige Bewegung ihrer bemächtigte. Sie hätten in diesem Augenblicke gern Diejenigen gerettet, die sie vorhin noch Peinigen wollten. Sich über den Rand des Brunnens neigend, versuchten sie mit ihren Fackeln auf den Grund zu leuchten. Unter ihnen wälzten sich die schwarzen Wassermassen dahin, und inmitten des Gurgelns, das durch seinen Fall verursacht wurde, schwamm Tony stark und vertrauensvoll. 19 . Tie Stimme -es Herzens. Nachdem die SoirLe zu Ende war, hatte der Marquis von Langevin vom Grafen von Mingreli Abschied genommen und hatte sich mit seinen Officieren zurückgezogen. Einige, die der Dienst in'S Lager rief, halten das Schloß verlassen, die Anderen waren in's Schloß zurückgekehrt, wo sie die für sie bestimmten Gemächer auffuchten. Der Marquis von Langevin hatte gerade sein Zimmer betreten und schickte sich schon an, sich zu entkleiden, als ein dumpfes und anhaltendes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte. Er horchte und bald war dem alten, in Waffen ergrauten Soldaten klar, daß es sich hier um einen Kampf handle. Einige Schritte von ihm entfernt schlugen sich Leute mit erbitterter Heftigkeit. Was soll das bedeuten? fragte sich ängstlich der Oberst. Sollte die Soirae ein Hinterhalt gewesen sein, in dem man meine Leute gelockt hat, um sie zu überfallen? Er kleidete sich in aller Eile an und rief dem Diener, der im Corridor die Wache hatte. Dieser hörte seit einigen Minuten wie der Oberst Waffengeklirr und Pistolenschüsse, aber auch er konnte sich die Ursache nicht erklären. Der Marquis schickte ihn fort, um nachzusehen, was cs gäbe, doch der Soldat kehrte bald darauf bestürzt zurück und erklärte, absolut Nichts gesehen zu haben. Und ich bin überzeugt, daß ich nicht geträumt habe, sagte der Marquis. Herr Oberst, sagte schüchtern der Soldat, Sie werden mich vielleicht für verrückt halten, aber ich halte dafür, daß das Geräusch von der Mauer herrührt. Der Marquis, dessen Neugierde auf's Höchste gestiegen war, schnallte sein Degengehäng um und begab sich zu dem Magnaten, um möglicherweise von ihm die Aufklärung über das sonderbare Vorkommuiß zu erhalten. Der Ungar befand sich in dem Gemache, wo wir ihn an dem Tage sahen, als Haydöe von Maurevailles entführt wurde. Herr von Langevin brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, um zu erkennen, wie ihn der Besuch des Obersten in Verlegenheit brachte. In der That konnte die Einmischung des Marquis Herrn von Mingreli's Pläne durchkreuzen. Der Magnat hatte gehofft, daß der Lärm des Kampfes nicht bis zu dem Obersten dringen würde, sah sich aber in seinen Erwartungen getäuscht. Als er des Obersten Stimme vernahm, hatte er in der Ecke das Bild wieder verschoben, das den Eingang in den Corridor verdeckte, und Nr. 27 üluslrirtes Msner LxtrM»tt Leits 85 ftagte sich nun, welche Antwort er dem Marquis geben solle. Sein Entschluß war indessen bald gefaßt und er beschloß, die Sachlage klar darzulegen. Es ist mir peinlich, Her? Oberst, begann er, Ihnen sagen zu müssen, daß sich unter Ihren Officieren Verräther befinden. Verräther! rief entsetzt Herr von Langevin. Ja, Verräther, wiederholte der Magnat, welche, die Gastfreundschaft mißbrauchend, die ich ihnen gewährte, diese benützten, um mir meine Tochter zu rauben.... Der Marquis zitterte vor Zorn. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie den Geheimnissen dieser Wohnung ans die Spur kamen. Sie haben erfahren, daß Verbindnngs- gänge, die durch die Mauern führen, in diesen Raum hier münden, und nächtlicherweile sind sie wie Räuber und Banditen hier eingedrungen, um meine ä teste Tochter zu entführen. Sie haben die Marquise entführt! rief schäumend vor Wuth Herr von Langevin, dem unwillkürlich die Rothmäntler und Tonys Befürchtungen einfielen. Glücklicherweise war ich auf meiner Hut und meine Leute verfolgen die Hallunken auf demselben Wege, den sie einschlugen, um mir mein Theuerstes zu rauben, und lassen sie für ihre Frechheit büßen. Das ist ein Gerechtigkeitsact, dem sich Ihre bekannte Loyalität, Herr Oberst» gewiß nicht hindernd entgcgenstellen wird. Der Marquis war in größter Verlegenheit. Welches .auch ihre Beweggründe gewesen sein mochten, jedenfalls hatten die Entführer sich eines Vertrauensbruches schuldig gemacht, wenn sie die angebotene Gastfreundschaft mißbrauchten und der Marquis durfte ein solches Vorgehen nicht gut heißen. Andererseits aber waren diese Männer seine Officiere, und vielleicht seine besten, und er war dem Vaterlande gegenüber für sie verantwortlich, da man zu Beginn des Krieges tüchtige Officiere brauchte. Er wollte zum Mindesten wissen, wer sie seien. Wie heißen die Schuldigen, Herr Graf, die einer solchen Niederträchtigkeit fähig waren? fragte er mit anscheinender Gleichgiltigkeit. Ich kenne sie nicht. , »Der Schwur der Rothmüntler." Dann muß ich sie selbst sehen, ich will sie in eigener Person richten. Ersparen Sie sich diese Mühe, Herr Oberst, meine Leute werden das schon besorgen. Ich habe die Uniform Ihres Regimentes gesehen; wenn die Leute, die sie trugen, sie stahlen, dann überlassen Sie mir die Sache. Wenn sie aber, wie ich bestimmt glaube, wirklich Ihre Waffengefährten sind, so werden Sie bald die Namen Derjenigen erfahren, die die Ehre Ihres Regimentes besudelt haben. Aber der Marquis war nicht einzuschüchtern. Der Lärm wurde immer größer, das Geschrei der Kämpfer ward immer deutlicher. Eine fieberhafte Ungeduld bemächtigte sich seiner. Dahinter steckt Etwas, rief er jetzt los- brechend. Ich will jetzt wissen, um was es sich handelt, hören Sie mich, ich will es! Der Magnat gab keine Antwort. Der Marquis war kreidebleich geworden. Die Gleichgiltigkeit des Mannes angesichts eines Kampfes, der nur einige Schritte von ihnen entfernt stattfand, steigerte seine Wuth auf's Höchste. Zum zweiten Male, Herr, sagte er, mit dem Fuße stampfend, befehle ich Ihnen, mir zu sagen, wo sich der geheime Gang befindet. Der Magnat zuckte die Achseln. Wenn es so ist, nahm der Oberst wieder das Wort und stürzte der Mauer zu, so werde ich mir ihn selbst suchen. Er tastete an den Tapeten und der Magnat sah ihm mit ironischem Lächeln zu. Ah! rief der Magnat Plötzlich, das Bild! Unter der Hand, die die Leinwand befühlte, hatte er Etwas wie Schwingungen gefühlt . . . Hinter dem Bilde fehlte das Mauerwerk. Der Magnat machte eine Bewegung, um ihn aufzuhalten, doch schon war es zu spät. Der Oberst hatte mit einem Säbelhieb das Bild von oben bis unten gespalten. Eine Oeffnung zeigte sich seinen Blicken und ohne Zögern stürzte er sich hinein. Von dem Lärm und einem schwachen Lichtschimmer geleitet, durchmaß er mit großen Schritten den Verbindungsgang. Der Weg war übrigens leicht zu finden. Er war durch Blutlachen bezeichnet und in gewisser Entfernung lag immer ein Knäuel Verwundeter, die sich im Todeskampfe wanden. ?? '' ' ' Leits 86 lilustrirtss Wiener ^xtrabiatt Nr. 27 So rasch er ging, bemerkte der Oberst, nicht ahne Genugthuung, daß keiner der in Todes- zuckungen Daliegenden die weiße Uniform der Gardereiter trug. So kam er bis an den Rand des Abgrundes, über welchen sich die Marquise geneigt hatte. Was ist geschehen? fragte er ängstlich. Haydee zeigte mit dem Finger in die Tiefe, wo sich noch das Wasser bewegte. Da drinnen sind drei Männer, antwortete hinter ihm eine Stimme. Der Oberst drehte sich um. Er erkannte den Normannen, dessen Uniform von Degenhieben ganz durchlöchert war und unter Blutflecken völlig verschwand. Drei Männer. Wer? Zuerst der Marquis von Vilers . . . Der Marquis, der ist schon todt? Vielleicht jetzt, Herr Oberst, aber ich schwöre Ihnen, daß er noch vor ganz kurzer Zeit. .. Und wer noch? La Rose. .. Mein armer Gascogner, ein so guter Soldat und ein so wackerer Mann... O! Der Magnat soll mir dafür büßen, murmelte der Oberst, der eine Thräne zerdrückte, aber wer ist der Dritte? Corporal Tony. Tony! Er versuchte die Anderen zu reiten und .. . Der Marquis hörte Nichts mehr. Er war blaß wie eine Leiche geworden und taumelte zurück, als ob er die Besinnung verlieren sollte. Aber mit einer übermächtigen Anstrengung raffte er sich auf. Tony! wiederholte er mit herzzerreißender Stimme. Tony verloren! Ah! Schnell. Bringt Stricke und Leitern und Jemand soll sich in das Wasser hinunterlassen und es durchsuchen.. . Zehntausend Louisd'or Demjenigen, der mir Tony wiederbringt! Von der Stimme des Obersten angefenert kam Leben in die Umstehenden; auf einen Wink waren die Taubstummen mit den gewünschten Leitern und Stricken da. Aber in dem Augenblicke, wo sie in den Schlund hinnnterstcigen sollten, begannen sic zu zögern. So beeilt Euch doch, bat der Marquis händeringend. Bedenkt doch, daß jede Minute Zögerung ihn dem Tode nähe bringt. Rettet ihn! rettet ihn um Gottesmillen . .. Alles sah ,ihn an, erstaunt über diesen Schmerzensansbruch, der so gewaltig und so unerwartet war. Ah! Feiglinge! stöhnte der Marquis, elende Feiglinge! Wenn Niemand von Euch das Herz hat, hinunterzugehen, so gehe ich selbst, trotzdem ich ein alter Mann bin, dessen Kräfte durch das Alter zerstört sind, ich gehe selbst und werde ihn retten. Und den Worten die That hinzufügend, ergriff er einen Strick und wollte sich Hineinstürzen. Eine kräftige Hand hielt ihn zurück. Es war der Normanne, der sich ihm genähert hatte. Lassen Sie das, Herr Oberst, sagte der brave Bursche, ich gehe selbst. So wie ich von Anbeginn an mit ihnen verbunden war, so folge ich ihnen bis an's Ende. Sie würden mit ihnen zu Grunde gehen; .ich dagegen werde trachten, sie Ihnen zurückzubringen. Er schlang sich den Strick um den Leib und stieg hinunter. Jetzt, wo das Beispiel gegeben war, folgten ihm auch Andere. Sechs Stumme schlossen sich ihm an. Einige Leitern wurden oben befestigt und dann in den Brunnen hinabgclassen. Die Stummen ließen sich unerschrocken hinunter und mit Fackeln versehen durchsuchten sie die Oberfläche des unterirdischen Sees. Aber soweit der Blick reichte, war Nichts zu sehen, Nichts, als das Wasser, das träge dahinfloß. Der See hatte sich über seinen Opfern geschloffen. 20 . Ein neuer Moses. Der Normanne und seine Gefährten kamen Einer nach dem Anderen mit enttäuschten Gesichtern herauf. Xi-. 27 Dlustrirtes wiener Leito 87 Als sie dem Marquis Mittheilung von dem Resultate ihrer fruchtlosen Bemühungen machten, wurde der alte Mann immer blässer. Als der Letzte von den Männern, welche die Nachforschungen nach den Verschwundenen angestellt hatten, wieder zum Vorschein kam, sank der Oberst in die Knie und ein dumpfes Stöhnen entrang sich seiner Brust. Ohne seinen ungeheuren Schmerz zu begreifen, hatten die Umstehenden in ehrerbietigem Schweigen verharrt. Nach einigen Minuten jedoch erlaubte sich der Normanne, seinen Obersten aus diesem Zustande der Verzweiflung zu reißen, und zog ihn am Arme mit sich fort. Als ec ihn in seine Gemächer geführt hatte, verabschiedete sich der brave Soldat, der Eile hatte, aus seinen durchnäßten Kleidern herans- zukommen und vor Kälte zitterte, vom Marquis und lief in sein Zelt. Herr von Langevin hatte langsam sein Schlafzimmer aufgesucht. Trotz der Anstrengungen des Abends war er gar nicht schlafbedürstig, da die Aufregungen der letzten Stunden zu mächtig gewesen waren. Er öffnete das Fenster und warf eine» zerstreuten Blick auf den Theil des Parkes, der sich vor seinen Blicken ansdehnte und auf welchem das Feldlager errichtet worden war. Plötzlich bemerkte er auf 'dem Wege, der den Seitenflügel des Schlosses begrenzte, zwei Männer in der weiß-blauen Uniform der Gardereiter auf sich zukommen. Der Mond warf nur ein schwaches Licht auf die Straße, trotzdem glaubte der Oberst die zwei Gestalten zu erkennen, La Rose nud Tony. In der Noth klammert man sich an den geringsten Hoffnungsschimmer. Der Marquis stürzte aus dem Zimmer. Der Weg, den die Beiden einschlugen, um zum Feldlager zu gelangen, machte um die Gräben herum eine große Biegung und streifte beinahe die Fenster des Obersten, so daß es ihm ohne Mühe gelang, sie einzuholen. Es waren in der That der junge Corpora! und sein wackerer Freund, der Gascogncr. die von Wasser trieften ünd vor Kälte klapperten. Wie der Normanne liefen auch sie iri's Lager, um ihre nassen Kleider zu wechseln. Als der Marquis Tonys aüsichtig wurde, konnte er seine Freude nicht verbergen. Er ging stürmisch auf ihn zu, zog ihn in seine Arme und führte ihn in sein eigenes Zimmer. Tony, der sich eher auf eine Strafpredigt des strengen Obersten gefaßt gemacht hatte, konnte diese Zärtlichkeitsausbrüche nicht begreifen. Ach, Herr Marquis, protestirte er, das ist wahrhaftig zu viel Ehre für mich. Der Marquis riß ihm die nassen Kleider vom Leibe und gab ihm seine eigenen. Ich bitte Sie, Herr Oberst, stammelte der arme Junge ganz verwirrt, wie habe ich so vi»l ^ Güte verdient? Warte, das wirst Du später erfahren. Jetzt ' aber erzähle mir, wie Du diesem verdammten Abgründe entgangen bist. Wie, das wissen Sie? Ich weiß Alles, jetzt aber rede, schnell! ... Gut, Herr Oberst. Also, als ich in den See sprang, in dem Herr von Vilers verschwunden war, sank ich zuerst in die Tiese, da ich aber ein sehr guter Schwimmer bin, kam ich rasch wieder an die Oberfläche. Von den beiden Männern, die ich hinein- fallen sah, bemerkte ich nur den einen. Dieser Eine konnte fast gar nicht schwimmen ; er kämpfte ! nrit dem eisigen Wasser und wäre sicherlich zu Grunde gegangen. Ich schwamm in seine Nähe und forderte ihn auf, sich mit seinen Händen .auf meine Schultern zu stütze». Er verstand mich aber nicht und versuchte es instinctiv, sich an meine Beine zu klammern. . Ah! rief der Marquis, bei dem Gedanken znsammenschauernd, in welcher Gefahr Tony geschwebt hatte. Ich machte mich darauf gefaßt, Herr Oberst. Alle Menschen, lvelche in Ertrinkungsgefahr sind, thlln das Gleiche. Mit einem Fußstoße zwang ich ihn, mich frcizugeben; er sank unter, ich aber faßte ihn bei den Haaren und indem ich ihn mit einer Hand hielt und mit der anderen das Wasser theilte, steuerte ich auf einen Vorsprung zu los, den ich einige Schritte von mir entfernt bemerkte. Und Du erreichtest ihn? Ich war nahe daran, als ein entsetzlicher Wirbel sich in dem bis jetzt so ruhigen Wasser Leits 88 Hlustrirtss wiener §rtrLdI»tt Nr. 27 bemerkbar machte. Wir wurden mit schwindeliger Raschheit fortgerissen und passirten einen schmalen Abzugskanal, dessen Wände sich immer mehr verengten. Jeden Augenblick glaubte ich, daß mein Hirn an den hervorstehenden Felsenspitzen zerschellen würde. Der Marquis war in einen Lehnsessel gesunken und horchte athemlos auf die Erzählung des jungen Mannes. Ich tauchte immer rechtzeitig unter und so gelang es mir, der Gefahr zu entgehen, aber mir drohte noch eine andere, schrecklichere. Wenn sich die Seitenwände der Rinne fortwährend zu- sammenschoben, mußten sie am Ende nicht so eng werden, daß es unmöglich war, unsere beiden Körper durchzuzwängen? Und würde das Wasser, das uns mit reißender Geschwindigkeit foritrug, uns schließlich nicht in diesem Engpässe zermalmen? Wie hast Du um Gotteswillen Hich doch noch retten können? Bei einem heftigen Stoße ließ ich wider Willen meinen Gefährten los, wir Beide sprangen über einen hervorspringenden Rand, noch ein Sprung und ich erblickte über meinem Haupte den freien Himmel ... ich befand mich in den Schloßgräben. In den Schloßgräben? - Ja, gerade dem Feldlager gegenüber . ^ . Die Mauer, an welcher ich mich gestoßen, war nichts Anderes als das Schleusenthor, dessen Ziehschütze Plötzlich in die Höhe gehoben worden war und den Wirbel verursacht hatte, der uns fortriß. Und Dein Leidensgefährte? Nachdem ich ein wenig Athem geschöpft hatte, dachte ich an ihn. Während wir von dem Wasser getragen wurden, hatte er die Besinnung verloren, aber nachdem ich ihm ein wenig die Schläfen gerieben hatte, kam er zu sich. Wir befanden uns noch immer im Dunkeln, da die Festungsmauern ihren Schatten auf uns warfen, ich konntx also sein Gesicht nicht ordentlich sehen. Erst als ich ihn auf das Glacis zog, erkannte ich ihn . . . VilerS? unterbrach ihn lebhaft der Marquis. Nein, La Rose, den Sie vorhin mit mir gesehen haben und der sich in's Lager begab, wo* ihn vermuthlich der Verhaftsbefehl erwartet. Der Oberst zuckte die Achseln, wie um Tony zu beruhigen. Und der Marquis von VilerS? fragte er. Nicht eine Spur von ihm.... Herr Oberst, ich bin wahrhaftig nicht abergläubisch, aber meiner Treu, ich habe etwas so Merkwürdiges gesehen. Was denn? Wie ich La Rose zum Bewußtsein zurückzurufen versuche und mich hilfesuchend umschaue, höre ich über meinem Haupte ein satanisches Lachen. Ich blicke auf und sehe ein phantastisches Wesen auf dem Walle sich bewegen. Es hatte einen riesigen Kopf und ungeheuer lange Beine trugen einen Rumpf, von dem zwei ungewöhnlich lange Arme herabhingen. Was war's? Wie soll ich das wissen. Als das sonderbare Wesen sah, daß ich zn ihm aufblickte, sprang es vom Walle auf die Erde und verschwand. Meiner Treu, ich glaubte einen Augenblick, daß eS der Teufel selbst gewesen war, der, um uns in's Verderben zu locken, die Züge des Marquis von Vilers angenommen hatte und sich jetzt, wo er uns trotzdem gerettet sah, sich wieder in sein höllisches Reich zurückzog. Das ist in der That merkwürdig, sagte nachdenklich der Marquis. Bist Du aber auch gewiß, Vilers gesehen zu haben? Gesehen und berührt, Herr Oberst, auch die Taubstummen im Schlosse wissen davon? Aber wie wurde die Schleuse gerade um diese Zeit geöffnet? Das weiß ich auch nicht . . . Was ich aber besser weiß, ist, daß La Rose, der Normanne und ich unglücklicher Weise den Degen gegen unsere Officiere gezogen haben und daß diese uns aller Wahrscheinlichkeit nach die Folgen ' tragen lassen werden. In den Augen des Marquis blitzte es zornig auf. Daß sie sich ja nicht unterstehen, donnerte der wackere Oberst. Ich habe auch noch eine furchtbare Rechnung mit den Herren Maure- vailles, Lacy und Lavenay zu begleichen. Vor Allem müßten sie mir sagen, was sie in den unterirdischen Räumen des Schlosses zu suchen Nr. 28 IIlQ8tr!itvs wiener UitrsblLtt Zcr'ltü 89 hatten, wo Ihr ihnen begegnet seid. Geh' nur, mein Sohn, Du und Deine Freunde, Ihr habt absolut Nichts zu fürchten. Danke, Herr Oberst, rief Tony ln freudiger Erregung. Aber da Ihre Güte gegen mich so groß ist, würden Sie wol die Gnade haben, mir die wahre Ursache des Wohlwollens mitzutheilen, das Sie mir gegenüber an den Tag legen. Ja, mein Sohn, Du hast ein Recht, mich darnach zu fragen. . . Ohne dieses würde ich cs Dir nicht gesagt haben ... Es ist ein furchtbares Geheimniß, das ich mit mir in's Grab zu nehmen dachte. Und dieses Geheimniß geht mich an? Ja. Höre mich an. 21 . Tony's Mutter. Höre, sagte der Marquis , von Langevin, indem er sich Tony näherte und unwillkürlich die Stimme senkte, das, was Du mir über Derne Kindheit mitgetheilt hast, verhält sich doch in Alllm so? Aber gewiß, Herr Oberst, stammelte Tony, d.r über diese Entdeckung ganz verdutzt war. Du hast mir doch erzählt, daß Du von einer Bauerssamilie in der Umgebung von Paris erzogen worden bist? Ja. Erinnerst Du Dich nicht an den Namen der Gegend? Ich weiß nicht, ob ich ihn je wußte. Aber das Haus, das Haus Deines Pflegevaters, wo lag das? Marttn Sie ... ich glaube es Ihnen schon geschildert zu haben. Vorne waren Wiesen und rückwärts der Garten, durch welchen ich flüchtete . . . Ist das Alles? hat sich nicht irgend eiu Gegenstand Deinem Gedächtnisse eingeprägt? Ein Gegenstand, fragte uachsinnend Tony. An dem Kreuzwege, der an das Haus stieß? Tony legte die Hand vor die Augen, wie um in seinem Innern nach den Erinnerungen zu forschen, die der Marquis zu erwecken suchte. Ah ! Jetzt erinnere ich mich ! rief der junge Mann ... Ja, ja, am äußersten Ende des Weges war ein steinernes, ganz mit Moos überwachsenes Kreuz, wohin mich meine Pflegemutter oster führte, damit ich dort spiele . . . Meinen Sie das, Herr Oberst? Der Marquis blieb die Antwort schuldig. Zwei tiefe Furchen zogen sich durch seine Stirn; auch vor seinem Geiste schienen die düsteren Bilder der Vergangenheit vorüberzuzichew Du hast mir doch gesagt, nahm er nach einem kurzen Schweigen wieder das Wort und er sprach langsam und feierlich, daß es neun Jahre her seien, daß Männer mit Larven vor den Gesichtern in das Haus drangen, um Dich zu todten? Ja, so ist's, Herr Oberst. Ach mein Gott, wie kommt es, daß ich Dich nicht gleich am ersten Tage erkannte, als Du Dich mir vorstelltest, um in's Regiment ausgenommen zu werden ... Ja, doch... ich errieth, wer Du bist, eine geheime Macht zog mich unwiderstehlich zu Dir hin. Tony, mein armes Kind, das Geheimniß, das über Deiner Geburt schwebt, ist düster und traurig und es wäre vielleicht besser für Dich, wenn es niemals gelüftet würde. Aber Herr Oberst, eiu Kind soll doch . .. Du hast Recht; das unselige Gebeimniß gehört mir nicht mehr allein. Aber ich kann cs Dir doch nur unter einer Bedingung mittheilen .. . Und die ist? Daß Du Dich mit dem begnügst, was ich Dir zu sagen für gut finden werde und daß Du nie mehr zu erfahren suchst, als was Du von mir gehört hast. Tony reichte ihm die Hand hin. Auf mein einziges Gut, sagte er feierlich, auf meine Soldatenehre verpflichte ich mich, mich ganz Jh en Wünschen zu fügen. Höre, mein Sohn, sagte mit bewegter Stimme der Marquis, ich war nicht immer der trockene, frostige Soldat, als den man mich heute kennt. In den Wechselfällen des Krieges, im Gewirre des Lagcrlebens ist mein Herz ver- »Ter Schwur der Stothmäutler." Leite 90 liinbtrirtes wiener ürtrMatt Nr. 28 trocknet. Aber einstmals, da schlug es noch warm für Liebe und Freundschaft in meiner Brnst. Der Marquis fuhr sich mit der Hand über die Augen. Es sind jetzt achtzehn Jahre. Achtzehn Jahre, die mir wie ebensoviele Jahrhunderte Vorkommen ! Da hatte ich eine Frau, die ich verehrte, eine Tochter, deren Schönheit mein Stolz und meine Freude war! O furchtbare Erinnerung! Der Marquis senkte den Kopf. Den Athem anhaltend, hörte ihm Tony in größter Erregung zu. Kind, fuhr der Oberst fort, es gibt in Deinem Leben Abschnitte, die ich nicht aufhellen will . . . Begnüge Dich mit meinem Worte: Die Frau, die ich so sehr liebte, war .. . Deine Mutter! Ich Ihr Sohn ! rief Tony, indem er sich in die Arme des Marquis stürzte, ich habe also doch eine Familie, ich habe Jemanden, den ich ohne Hintergedanken lieben darf! Ach, mein guter Vater, wie werde ich Sie lieben! Er bedeckte die Hand des Marquis mit Küssen und Thränen. Dieser stieß ihn sanft zurück. Laß' es sein, Kind, murmelte er, laß' cs gut sein. Habe ich Dir nicht gesagt, daß mein Herz in wärmeren Regungen zu schlagen aufgehört hat? Laß' mich, Deine Küsse thnn mir weh ... Der arme Tony wich bestürzt zurück. Und meine Mutter ... wagte er es, endlich zu fragen. Werde ich meine Mutter zu Gesicht bekommen? Ach mein Gott, wie werde ich sie lieben! Du wirst sie nicht mehr sehen. Wie? Aber sie lebt doch? Der Oberst war aschfahl geworden. Er zögerte noch, dann aber sagte er mit dumpfer Stimme: Sie ist todt! Todtl wiederholte Tony schluchzend. Todt, ohne daß ich ihr Lächeln sehen, ihren letzten Kuß empfangen konnte! O! Herr-Oberst, Sie, der sie kannte, der sie liebte und von ihr geliebt ^ wurde, erzählen Sie mir doch von ihrer Güte und Schönheit und lassen Sie mich Ihnen sagen, wie glücklich ich wäre, wenn ich sie auf meinen Knien verehren könnte! Meine Mutter! Meine Mutter. . . Ach, was das für ein Glück wäre, eine Mutter zu haben, die man liebt! . .. Tony war auf die Knie gesunken und hob seine großen, in Thränen schwimmenden Augen zum Himmel auf, wie wenn er gehofft hätte, daß durch ein Wunder ihm die Mutter erscheinen könnte, nach der er sich so lange gesehnt und von der er jetzt zum ersten Male gehört hatte, nur um gleichzeitig zu erfahren, daß er sie für immer verloren habe. Genug .. . genug ... Kind, Du erweckst Erinnerungen in mir, die mich zermalmen. Ich habe meiner Pflicht Genüge geleistet, indem ich Dir sagte, welche Gefühle mich zu Dir hinzogen, welchen Kummer mir Dein Tod bereitet hätte und welche Freude ich empfinde, daß Du am Leben bliebst. Aber jetzt bitte ich Dich, fuhr der Oberst mit Anstrengung fort, von der Vergangenheit nicht mehr zu sprechen, und besonders nicht von Deiner Mutter! .. . Wenn ich sie nur ein einziges Mal hätte sehen können, murmelte Tony flehend. Wenn ich nur ein einziges Mal ihr Bild betrachten könnte! Schau her. Der Marquis zog aus seinem Unisormrocke ein Medaillon hervor, das an einer Goldkette hing, und reichte cs Tony hin. Dieser griff hastig danach und öffnete es. Er erblickte einen Frauenkopf von ungewöhnlicher Schönheit. Lange, blonde Locken umrahmten ein Gesicht, auf dem ein cngelgleicher Ausdruck lag. Sonderbar! Es kam Tony vor, als ob er sie schon gesehen hätte! War's ein Traum, oder war's bloS eine Erinnerung? Hatte sich dieses Antlitz nicht über ihn geneigt, als er noch Kind war, um sein Lächeln aufzufangen? Ah! Wie schön sie ist, sagte er bewundernd, viel schöner, als ich cs zu träumen 'wagte . . . Und dennoch, je mehr ich sie ansehe, desto besser erkenne ich sie. .. Ich muß sie schon gesehen haben... bitte, sagen Sie mir doch, daß ich sie schon gesehen habe. Nr. 23 Nlustrirtes Hxtradlatt Zelts 91 Aber wie von einer plötzlichen Eingebung beherrscht, entriß ihm der Oberst rasch das Medaillon und verbarg cs an seiner Brust. Du hast sie nie gesehen, stieß er hastig hervor; sagte ich Dir nicht schon, daß sie todt ist.. . daß sie starb, als sie Dir das Leben gab . .. O, mein armes, geliebtes Kind, verzeihe Deinem Vater Deine Ungerechtigkeit gegen Dich, gegen seinen Sohn . .. Jetzt aber laß mich, Tony, laß mich! Ich sagte Dir, daß diese Erinnerungen mich umbringen, mir das Herz zerreißen. Geh' Dich ausruhen, Du bedarfst der Ruhe. Tony führte die Hand des Greises an seine Lippen und zog sich langsam zurück. Da schritt der Marquis rasch auf ihn zu und bat ihn, sich seines Versprechens zu erinnern. Tony neigte mit wehmüthigem Lächeln den Kopf. Ich habe keine Hoffnung mehr, meine Mutter zu sehen, sagte er traurig, was bleibt mir demnach zu wünschen übrig? Tony entfernte sich. Der Marquis horchte auf das Geräusch der verhallenden Schritte und als er Nichts mehr vernahm, sank er erschöpft in einen Lehnstuhl... Er soll jetzt ruhen, um wieder zu Kräften zu kommen, murmelte er; die Jugend überwindet Alles... Ich aber werde nicht mehr schlafen... Gerechter Gott, das ist die Strafe! 22 . Tie Heldenthaten des Zwerges. Wenn der Marquis von Langevin in dieser Nacht nicht schlief, so erging es dem Magnaten nicht besser. Vor Allem beschäftigte ihn Eines: wie es den Rothmäntlern und den Leibgardisten möglich geworden war, in den geheimen Gang des Schlosses zu dringen. Er ließ sofort durch seinen Haushofmeister das ganze Schloßpersonale vor sich rufen, um eine Untersuchung einzuleiten. Die Stummen stellten sich der Reihe nach vor ihm auf, gaben alle Zeichen des Erstaunens von sich und betheuerten durch Handbewegungen, daß sie Niemandem geöffnet hatten. Sie hatten auch wirklich buchstäblich den Befehl des Magnaten befolgt und konnten sich in der That nicht erklären, wieso die Officiere, die sie in großer Uniform das Schloß hatten verlassen sehen, eine Viertelstunde später daselbst wieder in rothen Mänteln erschienen. Ein Einziger hätte die Dinge aufklaren können und das war der Zwerg, aber dieser hütete sich wol, cs zu thun und leugnete noch hartnäckiger, als die Anderen. Die Untersuchung schien demnach zu keinem Resultate zu führen, als einer der Taubstummen auf's Papier die Frage hinwarf, wie man denn hätte öffnen können, da die Wolfsgrube voller Wasser war? Nun hatte der Haushofmeister am selben Tage s stgestellt, daß alle Schloßgräben fast aus- getrocknet waren, und man hatte demnach das Wasser des unterirdischen Sees in die Gräben abgeleitet. Dadurch gestaltete sich die Sachlage völlig anders und es handelte sich jetzt vor Allem darum, zu erfahren, wer die Gräben mit Wasser gefüllt hatte. In diesem Falle gab der Zwerg die nöthige Aufklärung. Seiner Rolle als Taubstummer treu schrieb er nieder: Ich sah während des Tages Leute um das Schloß herumschleichen. Ich zitterte für den gnädigen Herrn, da ich ihn aber nicht stören wollte, weil er sich bei seiner ältesten Tochter befand, sagte ich mir: Wie wär's, wenn ich die Wolfsgrube unter Wasser setzen würde! Auf diese Weise fallen die Leute, wenn sie in der Nacht kommen sollten, in's Wasser und ertrinken. Ich öffnete also die Schleuse und das war keine Kleinigkeit für mich, der ich nicht sehr stark bin, aber der Gedanke, meinem guten Herrn nützlich zu werden, hat meine Kräfte verdoppelt. Des Magnaten Blicke waren, nachdem er die ersten Zeilen gelesen, fest auf den Zwerg gerichtet. Auf den Zügen desselben lag ein freudiger Leits 9Z Hlustrirtos ZVisner Lxtradlatt Nr. 28 Ausdruck, der der Befriedigung über gewissenhafte Pflichterfüllung zugeschrieben werden konnte. Der Magnat hatte demnach keine Ursache, au der Treue seiner Untergebenen zu zweifeln. Indessen log der Spitzbube in frechster Weise, denn er hatte in ganz anderer Absicht die Schleuse geöffnet. Als er den Rothmäntler, den er für Maurc- vailleS hielt und der ihn an einen Baum gebunden hatte, in das Souterrain treten sah, begann der Zwerg unruhig zu werden. '--A 'rl Das Erscheinen der drei anderen Roth-- mäutler und Touy's, dann die Verfolgung und der Kampf, der sich entwickelte, hatten ihn mit Schrcck.n erfüllt. Ich bin verloren, sagte ec sich. Man wird die Leute scheu und sie fragen, wie sie da hinein- gekomiuen sind, und daun werden sie sagen, daß ich ihnen den Eingang verrathen habe. Da er selbst eine feige Memme und ein Verräther war, setzte er auch voraus, daß die Anderen ihn verrathen würden. Er machte sich also unverzüglich an's Werk, um der Deuunciation zuvorzukommen. Vilers hatte in der Eile ihn nicht sehr fest gebunden. Der Zwerg besaß eine große Geschmeidigkeit und indem er sich wand und wie eine Blindschleiche abzuflachen suchte, gelang es ihm, sich in Freiheit zu setzen. Während dieTaubstummen sich im Souterrain schlugen, war er in die Wolfsgrube gesprungen, hatte den Zugang zu dem geheimen Gange geschlossen und die Schleuse geöffnet. Was weiter kam, weiß man. Von der Schloßterrasse aus sah der Zwerg zu, wie das Wasser in die Gräben eiuströmte. Plötzlich bemerkte er inmitten des Strudels einen Mann, der die größten Anstrengungen machte, um sich auf der Oberfläche zu erhalten. Er war vor Freude außer sich. Da schau, sagte er, das ist ja ausgezeichnet. Sie wollten offenbar den Stein entfernen, um zu entfliehen, und sind ertrunken. Jetzt habe ich von ihnen Nichts mehr zu fürchten. Er neigte sich tiefer, um den Todeskampf des Anglücklichen zu sehen, dessen Körper auf ihn zukam. Es lag für den Krüppel, über den sich Jeder lustig machte, eine eigeuthümliche Genug- thuuug in dem Gedanken, Jemanden getödtet zu haben. Wenn sie nur so Einer nach dem Andern in den Graben fallen würden und ich sie mit ^ ihren Pistolen und Degen ertrinken sehen würde. Das. wäre eine Freude für mich! Der Manu, der dem Ertrinken nahe war, kämpfte immer schwächer mit dem Wasser. Der Zwerg sah ihm mit wilder Freude zu. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er hatte Maurevaillcs zu erkenne» geglaubt. Dummkopf, der ich bin, sagte er, das ist ja der Mann, der mir das schöne Gold gegeben hat. Und ich hätte ihn bald wie einen Hund ertrinken lassen. Vorwärts, da heißt's gescheidt sein. Ich brauche ihn vielleicht nur zu retten und mein G.ück ist gemacht. -Er stieg rasch hinunter, faßte den Marquis von Vilers beim Mantel, der, durch seine Wunde erschöpft, die Besinnung verloren hatte, und zog 'ihn an's Ufer. Mit einer Kraft, die man dem schwächlichen Körper nie zugetraut hätte, schleppte er den Marquis zu einem Gebüsch, das nicht weit von ihnen lag. Die Stöße, welche auf dem kurzen Wege den Körper des Ohnmächtigen erschütterten, wirkten besser, als alle möglichen Einreibungen. 'Vilers öffnete die Augen. Wer sind Sie? murmelte er. Ruhig,' sagte der Zwerg, indem er den Finger an die Lippen legte. Sie wollen mich doch nicht zu Grunde richten! Der Zwerg! sagte Vilers, ihn erkennend. Ich danke Dir, das werde ich Dir nicht vergessen. Erwarten Sie mich hier ... ich muß jetzt fort. Wenn man meine Abwesenheit bemerken .würde, wäre mein Leben nicht ein Schuß Pulver wcrth. Der Zwerg entfernte sich eilenden Schrittes und es war auch schon die höchste Zeit. Die Diener des Magnaten, die von allen Seiten herbeikamen, drangen auch in diesen Theil des Parkes.- Sie hatten den Auftrag, jedes Gebüsch genau zu durchsuchen. Der Gnome gesellte sich zu ihnen, ließ sie eine falsche Richtung einschlageu und kehrte dann Nr. 29 Hlustrirtes Msaer 8rtr»dlLtt 8oito 93 nach einer vergeblichen Jagd in daS Schloß zurück, wo sie der Leibwächter des Magnaten erwartete, um sie Einen nach dem Anderen zu ihrem Herrn zu fuhren. 23 . Der Secretär des Commnudanten. Da der Graf von seinen Taubstummen Nichts erfahren konnte, beschloß er, eine zweite Untersuchung einzuleiten. Er schrieb dem Marquis von Langeviu und bat ihn, ihm die Officiere zu schicken, die sich an dem nächtlichen Kämpfe be- theiligt hatten, damit er sie selbst einem Verhöre unterziehe. Der Oberst gerieth über dieses'Verlangen außer sich. Wie, dieser Mann hat die Frechheit, meine Osficiere einem Verhöre unterziehen zu wollen! Mit welchem Rechte? Glaubt er denn, daß er sich noch immer auf seiner ungarischen Herrschaft befindet, wo er selbst Gerichtsbarkeit übt? Der Marquis ging mit großen Schritten auf und ab und schäumte vor Wuth. Der Stumme, der ihm den Brief übcrbracht hatte, sah ihn erstaunt an, da er Nichts von seiner Rede verstanden hatte. Niemand als der Marschall von Sachsen hat über meine Regimenter zu bestimmen! eiferte, der Marquis, dessen Zorn sich steigerte. Sagen Sie Ihrem Herrn, wendete er sich an den Taubstummen, daß . . . Der Stumme unterbrach ihn durch eine ausdrucksvolle Geberde. Er legte einen Fiugec an sein Ohr, einen zweiten an seinen Mund und - schüttelte traurig den Kopf. Des Marquis Zorn war schon verraucht. Ganz Recht, sagte er, sich würdevoll ans« richtend. Ich vergaß, mit wem ich sprach. ' Er ging zu seinem Schreibtisch, nahm einen großen Bogen Papier ' heraus und schrieb mit ' simer dicken Schrift: . „Herr Gras! Die Vorgesetzten allein haben ein Recht, einen Osficier oder selbst einen gewöhnlichen Sol- »Der Schwur dev Aothwäirtter.- daten zu verhören. Ich kann also eine Forderung, die Sie an mich richten, nicht erfüllen. Da ich aber wünsche, daß der Gerechtigkeit Genüge geschehe, werde ich selbst einen KriegSrath einbernfen, um Licht in die Angelegenheit zu bringen. Das Resultat der Untersuchung werde ich die Ehre haben, Ihnen mitzntheilen. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung, mit der ich mich zeichne Marquis von Langevin, Generaloberst der französischen Garden." Zwei Stunden später war in dem Saale, in dem TagS vorher die Soiree abgehalten worden war, der Kriegsrath versammelt. Der Marquis von Langevin präsidirte in großer Uniform mit dem Kreuze der Ehrenlegion, ans der Brust. Zn beiden Seiten des Marquis saßen zwei höhere Officiere, alle Waffengefährten des Obersten, als Beisitzer und an einem kleinen Tischchen links saß Tony und führte das Protokoll. Auf Befehl deS Obersten waren Herr von MaurevailleS, Herr von Lacy und Herr von Lavenay vorgeladen. Sie erschienen hocherhobenen Kopfes. Herr von Lavenay, begann der Marquis, der seine Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte und mit der Ruhe und Würde sprach, wie sie vom unparteiischen Präsidenten verlangt wird. Herr von Lavenay, ich habe Sie über wichtige Dinge zu befragen, die die Ehre des Armeecorps angehcn,' welchem Sie angehören. r Fragen Sie, Herr Oberst, antwortete Lavenay, sich verneigend. Wenn eS in meiner Macht liegt, zu antworten, bin ich bereit, es zu thun. Ein Osficier des Leibgarde-Regiments hat sich des Nachts in's Schloß geschlichen, um eine Fran zu entführen '? Das weiß ich nicht, antwortete ruhig Lavenay. ' ' So erfahren Sie eS von mir. Sie haben gar Niemanden in Verdacht? Niemanden. ' Haben S>e vielleicht Etwas von den Kämpfe» gehört, die ^ heute'Nachts in de» Schloßgängen stattfanden? 8«ito 94 lllustrirtss Wiener ürtrMLtt Nr. 29 Lavenay verneigte sich. Das kann ich nicht in Abrede stellen. Ich war unter Denen, die an dem Kampfe theil- nahinen. Ich weiß es und deshalb frage ich Sie nach der Ursache desselben. Die ist bald gefunden, sagte Lavenay und legte die Hand an seinen Degen, den man ihm nicht abgenoinmen hatte, da es sich einfach um eine Untersuchung handelte. Sprechen Sie. Wenn Sie mich nicht hätten rufen lassen, meine Herren, begann Gaston von Lavenay mit Sicherheit, hätte ich diese Untersuchung selbst gefordert, um zn erfahren, ob das Leben der königlichen Osficiere im Regiments wo sie zn commandiren haben, oder in den Etappen, wo sie Aufenthalt nehmen, sicherer sei. Was soll das heißen? Daß, während wir einem Feste beiwohnten, bei dem Alles aufgewendet wurde, um uns in Sicherheit einzuwiegrn, uns eine Falle gelegt wurde; daß während wir uns unterhielten, auf die Gastfreundlichkeit unseres Wirthes vertrauend, dieser seine Meuchelmörder bewaffnete und sogar Soldaten unseres Regimentes warb, um uns in rinen Hinterhalt zu locken, dem wir mit Gottes Hilfe, Dank unseren Degen, freilich nicht ohne Anstrengung, entgangen sind. So viel Sicherheit überraschte den Obersten. Er fuhr aber dennoch fort: Erklären Sie sich deutlicher, Herr von Lavenay und erzählen Sie die Dinge, so wie sie sich zugetragen haben. Wir verlassen das Fest, Maurevailles, Lacy und ich, erstaunt über die wunderbare Schönheit der beiden Töchter des ungarischen Grafen, der sich uns freundschaftlich gezeigt hatte, als sich ein Taubstummer uns näherte und uns ein Zeichen gab, den beiden Frauen zu folgen. Sie begreifen unser Erstaunen, Herr Oberst, nicht wahr? Aber wir Osficiere wissen, was wir den Damen schuldig sind und folgten unscrem Führer. In den geheimen Gang? Ja. Ich mnß gestehen, daß bei längerer Ueberlegung sich unser Erstaunen verminderte. Der Magnat, der uns beherbergt, ist uns von unserem Aufenthalte in F. her bekannt und zur Zeit, als der Marquis von Vilers unserer Verbindung noch angehörte, tanzten wir oft mit der ältesten Tochter des Grafen. Sie werden sich dessen erinnern, Herr Oberst? Sie sprechen vom Marquis von Vilers, Capitän, wissen Sie, was aus ihm geworden ist? Er hat einen Urlaub genommen, wie Sie sich erinnern werden, und sich dann ganz vom Dienste zurückgezogen. Ich war schmerzlich berührt, als ich von seinem Tode hörte, ich, der... Ein zorniger Aufschrei schnitt dem Capitän - das Wort ab. Tony, durch die Frechheit des Mannes zum Aeußersten getrieben, konnte sich nicht länger zurückhalten und erhob sich flammenden Auges, um dem Capitän Alles in's Gesicht zu schleudern, was er von ihm und seinen Mitschuldigen wußte. Ein strenger Blick des Marquis verwies ihn in die gehörigen Schranken. Was gibt's, Corpora! ? fragte Herr von Langevin. Entschuldigen Sie, Herr Oberst, eine un-; willkürliche Regung der Ungeduld. Meine Feder hat sich gespalten . . . stammelte Tony, der sich wieder seiner Aufgabe als Sekretär bewußt wurde nud den Zorn niederkämpfte, der in ihm kochte. Die jungen Leute sind Heißsporne! lächelte Hrrr von Langevin. Fahren Sie nur fort, Herr Capitän. Sie glaubten also, daß die Damen eine Unterredung verlangten? Ja, Herr Oberst. Wir folgten also dem Boten, der an einer Stelle, die ich nicht mehr aufsinden konnte, augelangt, uns in den geheimen Gang treten ließ, wo sich die Asfaire zutrug. Plötzlich bleibt unser Füh er stehen, öffmt eine Taprtenthür — Und dann? Dann, als wir in das Gemach treten wollten, das er uns bezeichnet?, stürzt ein Haufen von Taubstummen mit dem Degen in der Hand auf uns zu. Wir wollen flüchten, aber siehe da, was bemerken wir jetzt? Hinter uns blaue Uniformen, Soldaten des Leibgarderegimentes, die uns den Weg versperren. Wir können an solche Frechheit gar nicht recht glauben, dringen auf sie ein und jagen sie in die Flucht. Bei Nr. 29 Illnstrirtvs Wiener LxirMatt Leite 95 dieser Verfolgung sind Drei von ihnen in den Abgrund gestürzt, wo sie vermutlich die Strafe für ihren feigen Verrath gefunden haben. Die Namen dieser Männer wissen Sie nicht? Ich glaubte auf dem Aermel des Einen von ihnen, sagte La Vena y mit Festigkeit, die Ser- geantentressen zu erkennen. Wenn ich mich nicht irre, fuhr er, Tony anblickend, fort, war der Andere Corporal. Schreiben Sie, Secretär, sagte der Marquis. Ein — Zweiter — war — Corporal, wiederholte Tony, ohne mit den Angen zu zwinkern. Beim heutigen Appell wird man zweifellos ihre Namen erfahren, bemerkte Lavenay. Gewiß, sagte der Oberst, der wiederholt in seinen grauen Schnurrbart biß, und wenn die Leute schon Chargen sind, so ist ihr Vergehen nur um so ärger. Zum Teufel! Unterofficiere, die ihre Vorgesetzten tödten wollen, das ist kein Spaß! Haben Sie gar keinen Verdacht, Capitän? Lavenay zögerte einen Augenblick und warf Tony einen Blick zu, der, die Feder haltend, ruhig auf die Antwort wartete, ohne daß es den Anschein hatte, als ob er sich im Geringsten für die Sache interessiren würde. Es war schon zu dunkel, meinte Herr von Lavenay, ich habe Niemanden erkannt. Ich danke Ihnen für Ihre Aussagen, Capitän. Jetzt ist an Ihnen die Reihe, Herr von Lacy. Marc von Lacy war sehr bleich. Mit dumpfer Stimme bestätigte er, was Lavenay erzählt hatte. Des Obersten Schnurrbart verschwand ganz in seiner Unterlippe, die Falten auf seiner Stirne wurden immer tiefer. Er brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um an sich zu halten. Als aber Manrevailles an die Reihe kam, brach das Gewitter loS. Ah! Krenzdontterwetter, das ist zu viel, rief der Oberst, indem er Tonys Händen die schriftlichen Aussagen der Officiere entriß und sic in Stücke riß, das dürf-.n Sie nicht unterzeichnen, meine Herren-, denn das ist Alles falsch und erlogen. Man hat Sie weder in eine Falle gelockt, noch sind Sie von Ihren Soldaten angegriffen worden; auch ist cs nicht wahr, daß Ihnen die Namen Ihrer Gegner unbekannt sind. Sie sind Feiglinge und Lügner, die sich unter dem Vorwände einer befreienden That die Henker einer Frau werden wollten! Wenn wir nicht am Vorabende einer Schlacht stünden, würde ich meinen Rang vergessen und Ihnen den Handschuh in's Gesicht werfen l Oberst! schrien die Rothmäntel in drohendem Tone. Lavenay insbesondere konnte sich nicht mehr zurückhalten. Oberst, sagte er im Tone des Hochmuths, Sie scheinen zu vergessen, daß wir vor Allem Edelleute sind und daß der Chevalier von Manrevailles und die Grafen Lavenay und Lacy etwas mehr Rücksicht zu beanspruchen haben. Sol Respectiren Sie Ihr Wappenschild selbst etwas mehr, wenn Sie wolle», daß es Andere respectiren sollen, antwortete der Marquis. Sie müssen berechtigt sein, sich Ehrenmänner nennen zu dürfen, bevor Sie sich mit Ihrem Geburtsadel brüsten. Aber brechen wir diese peinliche Unterredung ab, meine Herren, sie hat ohnedies schon lange gedauert. Was mich anbelangt, so will ich Ihre lügenhaften Aussagen ignoriren; zwingen Sie mich nicht, strengere Maßregeln anzuwenden. Wir sind zu Beginn eines Krieges und Frankreich bedarf Ihrer Degen. Ich empfehle Ihnen, in Hinkunft tapferer zu sein, als Sie in diesem Falle waren. Oberst, rief Manrevailles, wir bedürfen Ihrer Ermahnung nicht, um unsere Pflicht zu thun. Vor Allem war es nicht nvthig, daß Sie an uns im Beisein dieses Knaben diesen Appell richten, unter dessen Einfluß Sie zu stehen scheinen. Wir wären strafbar, wenn wir für diese Beleidigung von Ihnen Rechenschaft forderten. Aber es gibt Leute auf der Welt, deren Existenz weniger werthvoll ist, als die Ihrige, und deshalb wird Ihr Secretär, unser eigent- licher Ankläger, für das büßen, was hier gesagt worden ist. Wie der unglückliche Pivoine, sein erster Gegner im Regiment»', werde ich meinen Rang vergessen, um mich in ehrlichem Kampfe mit ihm zu schlagen. Seine Tapferkeit und sein erster Erfolg ermächtigen mich dazu. Ich wrcbe ihn tödten ! Siel ri«f der Oberst, indem er sich auf Manrevailles stürzte. Leite 96 Illustnrtvs wiener LxtrMLtt Nr. 29 Aber Tony war ihm zuvorgekommen. Würdevoll näherte er sich den Rothmäntlern und sagte : Mich heute schlagen? Mn, meine Herren. Ich war schon thöricht genug, einer Nichtigkeit wegen mein Leben gegen Pivoine in die Schanze zn schlagen. Mein Leben gehört mir nicht mehr. Wie Sie, gehe auch ich nach Flandern. Wenn ich aus dem Kriege zurückkehre, stehe ich zu Ihrer Verfügung. Ich hoffe, daß Sie es dann nicht mehr nöthig haben lverden, den Rangunterschied zn vergessen, der uns trennt, da dieser mit Gottes Hilfe dann nicht mehr bestehen wird. Gut, Tony! sagte beifällig der Marquis. Und jetzt, meine Herren, gehen Sie, ich habe alle Ursache, zn glauben, daß ich in dieser Angelegenheit auf Ihr Schweigen rechnen darf. Die drei Officiere zogen sich, Wuth im Herzen, zurück. 24 . Der Vergessene. Sobald sich die Thür hinter ihnen geschloffen hatte, ließen Maurevailles und Lacy ihrem Zorn ' freien Lauf. Lavenay, obschon sehr düsterer Laune, schien etwas ruhiger zu sein. Was wollen Sie jetzt thnn, meine Herren? , fragte er seine Freunde. , - Ich kehre in'S Lager zurück, sagte. Marc von Lacy. ich will nicht eine Minute länger in diesem verwünschten Schlöffe bleiben. Ich auch nicht! rief Maurevailles. Kommen Sie mit mir, sagte Lavenay, ich habe Ihnen einen Vorschlag zn machen. Er zog sie in einen entlegenen Saal. Wir haben drei Versuche gemacht, die alle drei mißg'ückt sind. Das erste Mal war er der alte Magnat, der uns die Marquise entführte, während wir in nutzlosem Kampfe unsere Zeit vergeudeten. Das zweite Mal probirtest Du Dein Glück, Maurevailles, fuhr Lavenay fort, und es ist au einem Sandkorn gescheitert. Dieses Sandkorn war der elende Bursche, den der Marquis von Langevin in einer merkwürdigen Laune zu seinem Günstlinge gemacht hat. Der soll mir noch büßen, murmelte Manre- vailles. Vorläufig spottet er Deiner; er hat sich fast zum Herrn des Schlosses gemacht und das Vertrauen der Marquise erschlichen. Der dritte Versuch wurde von uns gemeinschaftlich unternommen und hat uns mit Schmach bedeckt. . , , 4Nan -muß wahrhaftig glauben, »daß der TeuM diese Frau gegen uns in Schutz nimmt, sagt?Marc von Lacy. Verlieren wir nicht die kostbare Zeit mit Klagen, nahm Lavenay wieder das Wort. Äjr müssen an's Ziel kommen. Ich will Euch deShatjlr einen Vorschlag machen. ; Lassen Sie hören. ' < Alle Welt glaubt n»S durch upserr Nieder-' läge herabgestimmt, halten wir un^also ruhH bis zum Abmarsch des Regiments und wenn des Oberst au der Spitze der Truppen steht und der Magnat nicht im Entferntesten an einen lieber-' fall denkt, bemächtigen wir uns derMkrguise. —r Der Plan wäre gut, meinte Lacy, aber wir ihn ausführen? . ,, - ^ Bah, das wird sich finden, der Magnat ist von der Beerdigung seiner Taubstummen vollauf in Anspruch genommen und von ihm ist Nichts zu fürchten. Wir sind doch drei... : Einen haben Sie vergessen, ließ sich jetzt eime Stimme vernehmen und eine Portiere wurde znrückgeschobcn und ein Mann im rothen Mantel' wurde sichtbar. Es war der Marquis von Vikers. Er war noch blaß von der erhaltenen Wunde, aber in seinem Gesichte lag feste Entschlossenheit. Er! riefen die drei Rothmäntler und faßten nach ihren D'gen. VilerS wehrte ihnen durch eine Hand- bewegung. Einen Augenblick, meine Herren, sagte er langsam, Sw wissen nicht, was mich hierher- geftthrt. Wenn ich feindselige Absichten gegen Sie hegte, wäre es mir ein LeichtcS gewesen, die . Juterveution des Marquis von Langevin an- zurufs«. Ich komme im Gegenthcile in redlicher Nr. 30 rllustrirtss 'iVleiE NrtrMstt Leits 97 l Absicht und strecke Euch meine Härrd) entgegen. Ich habe über mein vergangenes Betragen viel nachgedacht. In meinem Leben ist ein dunkler Punkt; ich habe meinen Eid gebrochen und meine Freunde verrathen. Das ist ein Flecken ans meiner Ehre, der mein Glück vergiftet und den will ich auslöschen. Also Gewissensbisse? murmelte ironisch Laveney. Es ist wie Du sagst, Chevalier. Wenn Dein Degen mir das Leben geraubt hätte, wäre meine Strafe eine gerechte gewesen. Wenn mich der Himmel aber trotzdem am Leben erhalten hat, so - geschah es, um mir Gelegenheit zu geben, meinen Treubruch wieder gut zu machen. Wir hatten uns ' dem Schicksal anvertraut . . . eines der vier Zettel sollte entscheiden. Auf dem Zettel stand ein ' Name, und wie Ihr Euch wol denken könnt, war es nicht der meinige. Welcher stand darauf? Was liegt Euch daran? Weßhalb sollte ich den betrüben, den das Los begünstigte. Ich gestehe es, daß ich schlecht an Euch handelte. Meine einzige Entschuldigung ist die Liebe... Ich bete Hayd»e an und auch sie liebt mich ... Die Stimme des Marquis hatte sich verändert, aber er machte eine gewaltsame Anstrengung und sagte: > Hört mich an. Das Opfer, das ich zu bringen gewillt bin, ist furchtbar. Ich habe Euch verrathen, vergebt mir. In diesem Augenblicke ^büße ich schrecklich für die vier glücklichen Jahre, die ich verlebte. Wollt Ihr, wie ich, diese vier Jahre aus Euerem Gedächtnisse streichen? Wir wollen von Neuem losen. Wenn das Los mich bezeichnet, habt Ihr mir Nichts mehr vorzuwerfen. Und wenn nicht... Er hielt einen Augenblick iune und sagte dann mit dumpfer Stimme: Wenn das Los mich verdammt, habe ich immer noch Zeit, meine Stelle in der Armee ciu- zunehmen. Ich gehe dann fort, ohne Haydöe wiederzusehen, und ich schwöre es Euch . . in der ersten Schlacht lasse ich mich tödten. Sind Sie damit einverstanden, meine Herren? Schreiben wir die Zettel? > - »Der Schwur der Rothmüntler.* 25 . Die neueu Lose. Die Ueberraschnng der drei Rothmäntler bei dem Vorschläge des Marquis war, wie vorauszusehen war, eine nicht geringe. Sie blickten einander an und fragten sich, ob ihr ehemaliger Freund nicht scherze. Er aber stand düster und schweigend da und wartete auf ihre Entscheidung. - Marc von Lach war. der Erste, der das Schweigen brach und auf ihn zuging. Ist das Dein Ernst? fragte er bewegt. Ich sagte es Euch ja schon. Ich hatte der Liebe die Ehre geopfert und jetzt gebe ich die Liebe für die Ehre hin l Ah! rief Marc von Lach, Dein Opfer söhnt uns vollkommen mit Dir aus: Alles sei vergessen! Komm' an mein Herz, alter Freund! - Maurcvailles und LaveNay ahmten das Beispiel Lacy's nach und gingen mit weit- geöffneten Armen auf den Marquis zu. Ich habe meinen Degen mit dem Deiuigen gekreuzt, sagte Lavenay, aber zum ersten Mate in meinem Leben bin ich froh, daß mein Stoß fehlgegangen ist. Die vier Freunde von Jngersheim, die „Unzertrennlichen", wie man sie genannt hatte, waren wieder vereint. Nach der Versöhnung herrschte ein düsteres Schweigen; die drei Männer begriffen, welches furchtbare Opfer Vilers gebracht uud, cs war peinlich, den Gegenstand zu berühren. Der Marquis selbst kam auf ihre Verabredung zurück. Wolan! Ihr habt meinen Vorschlag gehört. Seid Ihr bereit? ' Maurrvailles und Lach zögerten mit der Antwort. Marc von Lacy murmelte: Wär's denn nicht möglich, den verhängniß- vollen Schwur zu Nichte zu machen? Nein, rief Vilers, cs ist die Wiederherstellung meiner Ehre, die ich von Euch zu fordern gekommen bin. Lange genug habe ich Euch das Recht gegeben, mich einen Verräther zu nennen . . ^ Leits 99 IHustrirtqs wiener Lxtradlatt Nr. 90 Jetzt Will ich mein Haupt frei tragen, und sollte ich diese Ehrenschuld mit meinem Leben befahlen . . . Schreib' die Zettel, Lavenay! Gleich, ich bitte Dich. So wie schon ein- ' mal soll der Zufall über mich entscheiden. Ich bin hiehergekommen, um Haydäe wiederzusehen; ' wenn mir das Geschick nicht günstig ist, werde ich fortgehen, ohne sie gesehen zu haben. Für sie bin ich tobt und werde es bleiben. Lavenay, schreib' schnell. Maurevailles riß aus seinem Notizbuche einige Blätter und reichte diese, sowie einen Bleistift Lavenay hin. l Dieser beschrieb die Blätter und legte sie dann sorgfältig zusammen. r Aber in dem Augenblicke, wo er sie in den Hut werfen wollte, besann er sich eines Anderen. ! Einen Moment, liebe Freunde. Auch ich empfinde Gewissensbisse. Wenn Vilers schuldig war, so — ich muß es gestehen — war ich es auch. Als ich den Degen zog, um Vilers zu tödtcn, so geschah es eher im eigenen Interesse, als in dem der Anderen. Ich glaube deshalb, daß wenn wir die Angelegenheit schon einmal nicht ungeschehen machen können, wir den Schwur doch wenigstens abändern könnten. I' Wo willst Du hinaus? unterbrach ihn Maurevailles. > Ich glaube nämlich, daß, wenn Vilers auf sein Glück verzichtet, wir an Opferfreudigkeit auch nicht Zurückbleiben dürfen. Ich schlage Euch also vor, daß wir gleichzeitig mit dem Zettel, der einen Namen trägt, auch ein unbeschriebenes Blatt-hineinwcrsen sollen. Wenn der unbeschriebene Zettel herauskommt, bleibt Alles beim.Alten. Vilers, der seinen Fehler gutgemacht hat, behält seine Frau. Wir, die wir nicht mehr wie früher das Recht haben, ihn anzuklagen, setzen in ehrlicher Weise den Kampf fort. Was sagt Ihr zn meinem Compromiß? Jedenfalls sehr fein ansgedacht, lächelte Marc von Lacy. Ich für meinen Theil bin dabei. Ich auch, sagte Maurevailles. Und Du, Vilers? Ich stehe zu Eurer Verfügung. Was Ihr beschließt, ist für mich Gesetz. Also acht Zettel in Gottes Namen! rief Lavenay. Er riß noch vier Blätter aus Maurevailles' Notizbuche, legte sie wie die andern zusammen und warf sic in den Hut, wo sich schon die vier beschriebenen Zettel befanden. Wer soll diesmal ziehen? fragte Mare von Lacy. Ganz richtig, diesmal können wir uns nicht an die Marquise wenden. Was thun wir also? Wartet einen Augenblick, sagte Maurevailles. Er öffnete die Thür und warf einen Blick in den Corridor. In der Ferne zeigte sich eine Gruppe, die dem Gemache zuzuschreiten schien, in welchem sich die vier. Männer befanden. Rejane war auch darunter. Sie war gerade äufgestanden, und da sie von den furchtbaren Vorgängen, die sich während der Nacht zugetragen, Nichts ahnte, begab sie sich, von einigen stummen Dienerinnen begleitet, in die Gemächer ihrer Schwester. Maurevailles ging auf sie zu. - Sie erröthete, als sie seiner ansichtig wurde, aber er bat sie mit ausgesuchter Höflichkeit, einen Augenblick stehen zu bleiben, um ihnen eine Gefälligkeit zu erweisen. Was wünschen Sie von mir? fragte lächelnd das junge Mädchen. . Nichts Anderes, als daß Sie mit Ihrer kleinen Hand in den Hut greifen, den mein Freund Herr von Lavenay hält und einen der Zettel herauszichcn, die sich darin befinden. Also eine Lotterie? fragte R6jane. Ganz richtig. Nejane inachte den Frauen, die sie begleiteten, ein Zeichen, im Corridor zu bleiben, und trat in den Salon, dessen Thür Maurevailles geöffnet hatte. Bei ihrem Eintritt hatte sich Vilers das Gesicht mit einem Ende seines Mantels bedeckt, so daß sie ihn nicht erkennen konnte. Gaston von Lavenay reichte ihr den Hut hin, in dem sich die Zettel befanden. Sie nahm einen heraus und wollte ihn schon übergeben, als sie iune hielt. Aber was ist" der Preis? fragte sie. Xr. 30 Hlustrlrtes Wiener LxirLdlLtt 8e!ts 99 Die Ungeduld der Rothmäntlcr war unbeschreiblich. Sie hätten schon gerne gewußt, was es für ein Zettel war, den Rejane zwischen ihren feinen Fingern hielt, und welchen Namen er trug. Sie hatten Mühe, sich zurückzuhaltcn, um dem jungen Mädchen den Zettel nicht zu entreißen. Da sie jedoch die Bedeutung des vermeintlichen Spieles nicht ahnte, hatte sie es gar nicht eilig und wollte durchaus wissen, welchen Preis der Gewinner davontragen würde. Fräulein, sagte Lavenay. von diesem Papiere hängt Leben oder Tod von Einem unter uns ab. Ach, mein Gott, schrie Rejane entsetzt. Sie entfaltete den Zettel und las mit lauter Stimme: Maurcvailles! 26 . Das Geftäudnitz. Maurcvailles stieß einen Freudenschrei ans, dem ein dumpfes Stöhnen des Marquis folgte. Ich danke, mein Fräulein, sagte Lavenay zu Rejane, wir wollten Sie nur um diese kleine Gefälligkeit bitten und möchten Sie jetzt nicht langer aufhalten. Rejane verstand den Wink und entfernte sich. Lavenay ließ die Portiöre hinter ihr nieder- sallen und näherte sich Vilers, der ganz gebrochen schien, um ihm Muth zuznsprechen. Du begreifst, daß mein Herz blutet, antwortete der Marquis mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer. Meinen Eid aber werde ich diesmal halten. Haydee hält mich für todt und von heute an bin ich es für sie. Das Regiment wird bald abmarschiren und ich schließe mich der Avantgarde an. Beim ersten Scharmützel wird eine feindliche Kugel meinem Leben und meinen Leiden ein Ende machen. Noch einmal, meine Herren, Ihre Hände. Die Teinige besonders, Manrevailles. Maurevailles zögerte, dann legte er seine Hand in die des Marquis. Lavenay nahm jetzt das Wort. Ich habe Vilers geschlagen, sagte er, und glaube ein Recht zu haben, ihm einen neuen Vorschlag zu machen, bevor er uns für immer Lebewohl sagt. Sprich! Vilers opfert sich und geht, ohne Hayd6e wiederzusehen, die trotz Allem ja doch seine Frau ist; wär's nicht recht und billig, daß Maurevailles ebenso handelt. Es wäre doch entsetzlich, wenn er jetzt zur Marquise gehen würde, um ihr zu sagen, daß ihr Gatte todt sei und sie ihm abgetreten habe. Du hast Recht, gehen wir Alle fort, ohne uns ihr zu nähern, rief Maurevailles. Vor Ablauf eines Jahres soll sie nicht erfahren, für wen das Los entschied. In einem Jahre, fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, um nicht Vilers' Aufmerksamkeit zu erregen, der in seinem Schmerz versunken war, in einem Jahre ist die Marquise lange genug Witwe, als daß ein Heiratsautrag nichts Verletzendes oder Befremdliches in sich birgt. Vor Ablauf dieser Zeit wäre cs eines Edelmannes unwürdig, ihren Schmerz zu erneuern. Ich danke Euch nochmals, sagte jetzt Vilers und drückte seinen Freunden nochmals die Hand. Dann trennten sich die vier Männer. Maurevailles entfernte sich zuletzt. Als er über die Schwelle treten wollte, glitt ein Schatten hinter ihm. ^ Er wendete sich um und erblickte Rejane. Das junge Mädchen hatte anfangs in der Bitte, welche die Officiere an sie gestellt hatten, blos einen Scherz gesehen, aber der Ernst, mit mit welchem man vorging, brachte sic auf andere Gedanken. Der Zufall hatte es gewollt, daß der Name, den sie zog, gerade derjenige des Mannes war, der ihr am nächsten stand, denn der Marquis, der sein Gesicht verhüllt hatte und im Dunkeln stand, hatte sie nicht erkannt. Also Maurevailles war's, den das Los bezeichnet«?, Maurevailles, dem ihre neuerwachte jungfräuliche Liebe gehörte. Leits 100 lllugtrirtss wiener HxtrLdlatt Nr. 30 Sie fragte sich, was Maurevailles bevorstünde, welches Schicksal ihm zugedacht war. Sollte das Los ihn retten oder vernichten, hatte es die Aufgabe, ihn zu rechtfertigen oder zu verurtheilen. Rejane zitterte vor Aufregung. Sie wollte Alles wissen. Schnell entschlossen verabschiedete sie ihre Dienerinnen und drückte sich gegen den Vorhang, der das Zimmer abschloß, um zu horchen. Hiebei erfuhr sie das Geheimniß. Vilers, Haydses Gatte, lebte, wollte aber auf sie Verzicht leisten und sterben und Maurevailles sollte sein Nachfolger werden, wenn die übliche Trauerzeit vorüber war! O, das war furchtbar, das durfte nicht geschehen! Rejane ergriff die Hand Maurevilles' und zog ihn in ein Zimmer. Sie werden dieses niederträchtige Bündniß nicht halten, sagte sie in flehendem Tone. Wer sagte Ihnen denn . . . Ich weiß Alles, ich habe gehorcht. Sie!! ES handelt sich nicht um mich, es handelt sich um einen Officier, um einen Edelmann, der zum Mörder werden will, denn es wäre wirklich ein Mord, wenn man den Marquis zwingen wollte, in den Tod zu gehen. Wenn Sie aber Alles gehört haben, so müssen Sie ja auch wissen, daß ein unumstößlicher Eid uns bindet. So muß man ihn brechen. Geht daS? Sie sehen ja, daß sogar Vilers, der es bereut, ihn gebrochen zu haben, uns um Verzeihung bat und den Eid e^ neuern ließ. Aber ich sage Ihnen, Sie werden ihn nicht halten! Sie glauben wol. .. Ich wiederhole Ihnen, daß es unmöglich ist. Und doch muß es sein! Möchten Sie die Ursache sein, daß meine Schwester, ihr Leben lang unglücklich ist? Ich werde im Gegentheil Alles aufbieten, um sie glücklich zu machen. Sie liebt Sie ja nicht l Sie wird es lernen. Sie haßt Sie. Maurevailles wollte Etwas erwidern, da bemerkte er plötzlich zu seinem ErOaunen, welchen Eindruck seine Worte auf das junge Mädchen hervorgebracht hatten. Sie war bleich geworden, ihre Pulse flogen und sie rang die Hände bei jedem Worte, das er sprach.» Aber was haben Sie denn? fragte er, unruhig geworden. Ach, mein Gott, rang es sich mühsam aus der Brust des jungen Mädchens, Sie wollen also, daß ich sterbe? . . >, . . Sie? ? Die Thränen, die Rejane bis jetzt mühsam zurückgehalten, flössen nun reichlich aus ihren Augen, die sie vor den Blicken des Chevaliers gesenkt hatte. Sie wankte und Maurevailles fand kaum Zeit, rasch auf sie zuzugehen, um sie in seinen Armen aufzufangen. Bei der Berührung des Officiers, an dessen Schulter Rejane ihren Kopf gelehnt hatte, schauerte sie zusammen. Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich seinen Armen zu entwinden, und ließ sich halb ohnmächtig in einen Sessel fallen. Was haben Sie, Rejane, um Gotteswillen, was ist Ihnen? Ach! murmelte das arme Kind, Sie haben mich also nicht crrathen, daß ich ... daß ich... Sie liebe! Der Käfig. Beschämt über das Geständniß, das ihr wider Willen entfahren war, zog sich Rejane an das äußerste Ende des Gemaches zurück und wagte cs nicht mehr, Maurevailles anzusehen. Diesen schien die Ueberraschung an seinen Platz festgenagelt zu haben und er zögerte mit der Antwort. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dieses Kind zu lieben. Es genügte schon, daß sie die Schwester HaydeeS war, um jeden Gedanken,' an Liebe zu ersticken. 5 Mirötrlrtes Möller Lrtrsdl»tt 8«ita 101 Nr. 31 Und gerade jetzt, wo ihn das LoS zum künftigen Gatten Haydses bestimmt hatte, konnte er weniger als je über sein Herz verfügen. .Ich kann nicht, sagte er mit Bedauern, ich habe die Verpflichtung auf mich genommen, Haydses Gatte zu werden. ' Vilers geht in den Tod, um sein Wort einzulösen, und ich darf keine andere Frau lieben, ohne mein Gelöbniß zu brechen. Plötzlich wurde ein sonderbares Geräusch in ihrer Nähe vernehmbar. Es klang, wie ein Aneinanderreiben von Eisen. '' Rejane drehte sich um und stieß einen Schrei aus. Von der Decke glitten langsam vier riesige Eisenplatten abwärts, die mit rechten Winkeln aneinander befestigt waren. Was soll das bedeuten? rief Maurevailles und lief zur Thür. Diese aber leistete Widerstand, da sie von Außen geschlossen war. Die Eisenplatten glitten langsam weiter, immer mit demselben dumpfen Geräusch ... Maurevailles versuchte, die Thür einzuschlagen, aber diese war zu fest. Er hätte mehr als eine Stunde gebraucht, um damit fertig zu werden. Und währenddessen senkte sich die eiserne Mauer immer tiefer. Langsam, aber unaufhaltsam sich bewegend, stand sie schon über der Thür. In einigen Minuten mußte diese hinter dem eisernen Panzer verschwinden, der Rejane und ihren Gefährten einzwängte. ' . Das junge Mädchen hatte Maurevailles in seinen fruchtlosen Bemühungen unterstützt. Athemlos, fiebernd vor Aufregung/ hatte sie versucht, das Fenster zu öffnen. Die eiserne Mauer hinderte sie daran. Sie zerbrach eine Scheibe und verletzte sich die Hand an den Glassplittern. Auf der anderen Seite waren dicke Eiscnstangen, die in die Wand eingemauert waren. Freilich waren die Stangen alt und verrostet aber es hätte einer kräftigen Anstrengung bedurft, um sie abzulösen und zu zerbrechen. Aber woher die Zeit nehmen? Die entsetzliche Mauer sank mit fürchterlichem Kreischen immer tiefer; schon bedeckte sie zwei Dritttheile das Fenster. »Der Schwur der Nothmävtter/ ^ Noch einige Minuten und die Scheibe, die Rejane eingedrückt hatte, war verschwunden. Es existirte dann kein Fenster mehr hier l Mit einer letzten Anstrengung war eS Maurevailles gelungen, ein Brett aus der Thür zu reißen, aber was half das? . . . Die unerbittliche eiserne Mauer setzte ihr Werk fort und hatte fast schon die Oeffnung verdeckt, die durch die Entfernung des Brettes entstanden war. Sie waren verloren, ganz verloren ! Wenigstens, rief Rejane verzweiflungsvoll, werden wir zusammen sterben. Ach. mein Gott, wenn ich sterben könnte in dem Gedanken, mich geliebt zu wissen! Ein höhnisches Gelächter, das wie das Gebrüll eines wilden Thieres klang, antwortete ihr. Sie erhob die Augen zur Zimmerdecke, von der das Gelächter kam, und erblickte durch eine offene Fallthüre das Gesicht des alten Magnaten, das durch ein widerliches Grinsen verzerrt wurde. Das arme Kind schrie auf und sank zu Boden. . Die vier eisernen Wände waren jetzt am Boden angelangt. Ah! Ah! höhnte der Greis, glaubt Ihr, daß man mir entgeht? Hier geschieht Nichts, ohne daß ich es erfahre. Ihr hattet kaum diesen Saal betreten, als meine Glocke mich davon benachrichtigte. Seit einer Stunde bin ich Zeuge Eures Liebesduettes. Ah! Herr Maurevailles, Sie haben also in der Lotterie meine Haydäe gewonnen. Aber Ihr Glück dürften Sie doch nicht genießen... Ha, ha, ha! Und Sie, mein schönes Täubchen, nahm der Greis wieder das Wort, indem er sich an Rejane wendete, Sie bleiben ;a mit dem beisammen, den Sie lieben. Adieu, meine Tochter, leben Sie wohl, Maurevailles, ich kehre jetzt zu Haydöe zurück. Sie werden mir jetzt nicht mehr im Wege sein.... Maurevailles rang verzweiflnngsvoll die Hände. In blinder Wuth rannte er gegen die eiserne Mauer, die er zu zerbrechen versuchte. Ah! höhnte von Neuem der Graf, nutzen Sie Ihre Kräfte doch nicht so unnöthig ab, Sie 8oittz 102 IIIusirirlW IVivE LxtrMs-ti Nr. 31 werden sie noch später brauchen. Sie würden Ihre Nägel nur au dem glatten Eisen zerreißen. Auch Ihr Schreien wäre unnütz, denn ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Stimme nicht bis zu Ihren Freunden dringen kann. Meine arn e kleine R jane, Dich hätte ich gerne verschont, aber es geht nun nicht anders ... mache Dcinem Liebhaber doch begreiflich, daß er sich umsonst an strengt... Nejane saß unbeweglich am Boden und sch eu nicht mehr zu begreifen, was um sie her vorging. O! Ter Elende! brüllte Maurevaillcs! Sie sind gar böse?. Und warum? Haben Sie mir gegenüber nicht List angewendet, als Sie sich in mein Schloß stahlen, um Diejenige zu entführen, die ich wahnsinnig liebe. Sie nolltc.i den Kampf mit mir anfnehmen, weil Sie glaubten, mit dem gebrechlichen Greise leicht sei i i zu w rden. S e täuschen sich . . . Mir blewl voraussichtlich noch eine lange Lebensdauer. . . Ihre Tage sind gezählt. Elender! Elender! wiederholte der Chevalier. Ich schlage Sie mit Ihrer eigenen Waffe, der List, fuhr der Magnat fort, welcher sich seiner Rache freute, Sie wollten durchaus die gehkimuißvolle Einrichtung dieses Schlosses kennen lernen, aber das Geheimniß wird auch mit Ihnen begraben werden. Meine Freunde werden furchtbare Rache an Ihnen nehmen, drohte Maurevailles. Ihre Freunde? lachte der Graf höhnisch. Ihre Freunde glauben, daß Sie in ihrer Liebe zu Hahdoe auf Alles Verzicht geleistet haben. Sie werden sich Ihrer nur erinnern, um Sie zu verachten. Endlich ist der Augenblick gekommen, wo die verwünschten Garden das Land verlassen werden. Morgen können Sie von Ihrem Gc- sängniß ans Trommelwirbel und lustigen Soldatengesang hören . .. Nichts, gar Nichts wird Ihnen entgehen, wenn die Regimenter ab- zikhen, alwr für Sie wird von Stunde an der Todeskampf beginnen. Gestehen Sie, Chevalier von Maurevailles, ' daß ich mich zu rächen verstehe! Aber sie! sic! stöhnte Maurevailles, auf Rejane deutend, die noch immer ans dem Boden saß und gleichgiktig der Sccne znzusehen schien. Sie! Mas hat sie Ihnen gethan? Lassen Sie mich sterben, aber retten Sie Nejane! Aber gehen Sie! Sie möchten die Gelegenheit benützen, um mit ihr zu entfliehen. Nein, bei meinem Seelenheile schwöre ich es Ihnen! ... Was kümmert mich Ihr Eid? Nein, nein, ich glaube Ihnen nicht. Leb' wohl, Maurevailles, ich wünsche Dir eine glückliche Brautnacht. Bei diesem Worte löste sich die Erstarrung des jungen Mädchens. Brautnacht? wiederholte sie. Wer spricht hier davon? Ach ja, ich bin's ja, die heiratet ... O, welches Glück! Sie stand auf und ihre Augen leuchteten. Mein Gott! murmelte Maurevailles, was sagt sie? Nejane streckte die Hände nach einem unsichtbaren Gegenstände aus. * O,' die schöne Kapelle! sagte sie mit Entzücken, Alles ist bereit . . . die Kerzen brennen und beleuchten das Schiff. Der Geistliche ist im vollen Ornat . . . jetzt betritt er den Altar . . . ich rieche schon den Weihrauch. . . Komm' schnell, mein Geliebter, wir dürfen uns nicht verspäten, das l ringt Unglück. Ah! rief entsetzt Maurevailles, das unglückliche Kind ist wahnsinnig geworden. Sichst Du? höhnte der Magnat, wenigstens wird sie unter ihrer Einsperrnng nicht leiden und ich habe eine Last weniger ans meinem Gewissen. Aber Du, Chevalier,, wirst eine angenehme Gesellschaft haben. Ha, ha, ha! ' , Meine gute Schwester, sagte jetzt Nejane, wie danke ich Dir. Trotzdem Du selbst so mz- g'nckiich bist, freust Du Dich meines Glückes! Da sichst Dn, Chevalier, wie glücklich sie ist . . . hohnlachte der widerliche Alte. Ah, schweigen Sie doch, Elender, fügen Sie nicht Spott und Hohn Ihrer Grausamkeit hinzu! Warum singen Sie denn nicht? fragte schmerzlich das junge Mädchen. Heute ist ja doch ein Festtag. Sie wollen wol, daß ich beginne. Also gut! Und sie tcäi'erte ein Liedchen, das eine eigen n kg Melodie hatte. R^a ie, liebste R jrne, rief Maurevailles außer sich. Nr. 31 Qlnstrirtos Wlonsr LxirLdlatt Ssiis 103 Kommen Sie jetzt tanzen, sagte das junge Mädchen, ihn bei der. Hand fassend, ich tanze gar so gerne! Erinnerst Du Dich noch, auf dem Opernballe sah ich Dich zum ersten Male . . . O, dieser Mann, dieser Dämon, sagte Maurevailles, die Faust ballend. Entferne Dich doch wenigstens, Schurke! Du hast Recht, man darf ein junges Brautpaar nicht so beobachten, spottete der Greis. Uebrkgens ist's genug für heute. Morgen, Chevalier, besuche ich Dich wieder, darauf kannst Dn rechnen. In diesem Augenblicke aber richtete sich eine Gestalt hinter ihm auf. Der Magnat stieß einen furchtbaren Schrei ans und sieb zu Maurevailles' Füßen nieder.. . 28 . Ter Geier im Käfig. Der Graf, wnthend vor Zorn, versuchte vergeblich auszustehen; er batte sich das rechte Bein- gebrochen. . Jnstinctiv. sah Maurevailles nach, wer der unerwartete Rächer sein mochte. Der zerzauste Kopf des Zwerges kam in der O/ffnung der Fallthüre zum Vorschein. C Darauf waren Sie wol nicht vorbereitet, mein süßer Herr, wendete ,cr sich au den Magnaten, Sie, der so gerne Andere einsperrt, dachte» wol nicht, daß Ihnen ein Gleiches wider? fahren könnte? Der Zwerg! rief erfreut Maurevailles. Nun sind wir gerettet. Schnell, schnell einen Strick! Wec ist denn da unten? fragte die Mißgestalt, indem sie die Hände über die Augen beschattete, um besser zu sehen. Ah, zum Teufel, das ist ja der Herr im rothen Mantel, der so schöne Louisd'or. hat! Und das Fräulein aus Paris ! Da schau! Also Sie wollte, der Alte, einsperren? - Ein Seil, eine Leiter, irgend einen Gegeu-^ stand, um.von hier fortzukommen, riest von Neuem Maurevailles, ohne aus das Geschwätz des Kleinen- zu hören, der sich jetzt für sein gezwungenes Schwelgen schadlos zu halten suchte. Schnell, und rechne auf meine Dankbarkeit. Der Teufel, ob ich darauf rechne! Lassen Sie mich nur machen, Sie werden schon sehen. Ich bin sehr boshaft, und wenn ich dem Alten da Etwas eitttränke, so soll nur er allein darunter leiden, aber kein Anderer. Während der Zwerg sprach, war er nicht müßig geblieben; er hatte einen Strick herausgesucht, der fest genug war, um eineu Mann zu tragen, dann riß er von einem Himmelbette im Nebenzimmer eine polirte Säule, die dasselbe trug, und legte sie quer über die Fallthür. Das wird wie geschmiert gehen, sagte er, indem er über das glatte Holz die Mitte des Strickes legte, so daß die beiden Enden bis znm Boden reichten. Jetzt, Herr,, brauchen Sie nur das eine Ende an Ihrem Degengehüng zu befestigen' und Sie schwingen sich so leicht hinaus, wie ich ein Glas Rheinwein hinunterstürze. Maurevailles hatte den Strick ergriffen. Der Magnat erhob sich und suchte sich ihm zu näher». Gebe» Sie Acht! rief ihm der Zwerg zu, der znsah, wie sich der alte Graf bis zum Capitän- schleppte. Schnell, schnell, steigen Sic heraus! Zuerst muß Rojane angeseilt werden, sagte der Chevalier, der mit einem Fußtritte den Magnaten zur Seite schob. Rejane, das arme Kind, sah ohne das geringste Verständnis; der Scene zu. In ihrem nmnachteten Geiste sah sie phantastische. Bilder. Was thust Tu denn, mein Heißgeliebter? murmelte sie im Tone sausten Vorwurfes. Benimmt man sich so am Hochzeitstage? Schau, unsere Freunde nnd die Gäste erwarten uns ja schon. Rejane, thcures Mädchen, wir müssen fort von hier, verstehen Sie mich nicht? Fort? Warum denn? Sind wir. hier denn nicht zu Hause, in unserem eigenen Schlosse?- Wir müssen fort von hier, sage ich Ihnen, wiederholte Maurevailles, indem er versuchte, dem Strick um den Leib des jungen Mädchens zu schlingen.. Ich will aber nicht . . . lasst» Sie mich. Leite 104 ülustnrtes wiener LLtrLblatt Ar. 31 Sie entfloh an die entgegengesetzte Seite des Zimmers, Maurevailles folgte ihr. Ah! sagte sie triumphirend, Sie werden mich nicht fangen! ... Mit der Irren eigenen geistigen Beweglichkeit vergaß sie die Gedanken, die sie einen Augenblick vorher beherrscht hatten, um in dieser Verfolgung Nichts weiter als ein Spiel zu sehen. Sie werden mich nicht fangen, wiederholte sie, indem sie mit der Behendigkeit einer Gazelle jedesmal entschlüpfte, wenn Maurevailles sie schon zu fassen glaubte, ich laufe besser, als Sie. Und wieder begann sie eine heitere Melodie vor sich Hinzusummen. - Mein Gott! was ist da zu thun? fragte sich Maurevailles, dem diese uuzeitige Heiterkeit schmerzlich au's Herz griff. ^ Du wirst sie von hier nicht fortbringen, triumphirte der Magnat, der sich am Boden wand, sie wird mit mir sterben ... und ich werde gerächt sein! - ^ Lassen Sie sie doch, kommen Sie allein ^ herauf, mahnte jetzt der Zwerg, der sehen mußte, ^ wie Maurevailles sich vergebens abmühte, um Rejanes habhaft zu werden. Nein/ das wäre Feigheit ..., ich werde sie retten oder mit ihr sterben! Die Verfolgung begann auf's Neue und ^ endlich gelang es dem Chevalier, sich des jungen Mädchens zu bemächtigen. Er befestigte ihr den Strick unter den Armen und versuchte sie wegzuziehen. > Aber halbtoll vor Wuth hatte der Magnat - trotz des Schmerzes, den ihm die Wunde verursachte, sich bis zu ihnen geschleppt. In dem Augenblicke, wo sich Nejane vom Boden erhob, ergriff er sie bei den Falten ihres Kleides und klammerte sich verzweifelt an dasselbe. Trachten Sie, daß er losläßt, rief der Zwerg hinunter, der von der Fallthüre ans dem ganzen Vorgang mit gespannter Aufmerksamkeit . gefolgt war. ' Der Magnat hielt den Stoff krampfhaft fest, so daß es Maurevailles nicht möglich war, dagegen anzukämpfen. Wir werden miteinander gerettet werden ^ und ich lasse Euch dann Alle aufhängen, brüllte ^ der Alte, oder Ihr werdet hier gemeinsam mit mir umkommen. --^ Er griff hastig nach Rejanes Arm, der diese Berührung einen Schreckensruf erpreßte. Elender Schurke! schrie der Officier, der sich bemühte, ihm seine Beute zu entreißen. Maurevailles zerdrückte mit seinen nervigen Händen beinahe die Faust des alten Grafen. Es war ein furchtbarer Kampf, der nur hie und da von zornigen Rufen unterbrochen wurde. Während der Capitän seines Feindes Herr zu werden suchte, war er gleichzeitig gezwungen, sein Augenmerk auf Rejane zu richten', die, immer mehr eingeschüchtert, Anstrengungen machte, von Neuem zu entfliehen. - Endlich gelang es dem Chevalier, sich des Magnaten zu, entledigen, den er heftig zu Boden warf. Er zog an dem Stricke hinauf und hob Rejane bis zu der geöffneten Fallthür. Nimm sie in Empfang und hilf ihr hinaufzusteigen, rief er dem Kleinen zu. Aber statt zu antworten schrie dieser angstvoll auf: Hüten Sie sich! Der Graf hatte sich vom Boden erhoben und, daran verzweifelnd, sich noch retten zu können, hatte er einen langen. Dolch gezogen und wollte ihn Maurevailles in den Leib stoßen. Dieser hatte keine Hand frei, da er den Strick hielt, an dem Rejane hing, und konnte sich nicht zur Wehre setzen. / Ich bin gerächt l brüllte der Greis uud senkte seine Waffe, um Maurevailles zu tödten. Er fand nicht mehr Zeit, um zuzustoßen; rasch wie der Blitz hatte sich der Zwerg eines schweren Tabourets aus Eichenholz bemächtigt und gut zielend, um weder den Chevalier, noch das junge Mädchen zu treffen, hatte er dasselbe auf den Kopf seines ehemaligen Herrn geschleudert. Der Magnat fiel schwer zu Boden. Ohne Zeit zu verlieren, ließ der Chevalier Rejane bis zur Zimmerdecke hinauf, wo sie von dem Zwerge lv?gebunden würde, der nun den Strick Maurevilles zurückgab. Der Magnat stöhnte entsetzlich. Maurevilles wurde von Mitleid ergriffen. ' Trotz seiner Falschheit und seiner Verbrechen, sagte er, habe ich nicht den Muth, ihm Nr. 62 - Llustrirtes wiener Lrtr»blstt 8e!is 105 dem Schicksale verfallen zu lassen, das er uns zugedacht hat. Um Gotteswillen, was thun Sie denn? rief bestürzt der Zwerg. Kommen Sie, kommen Sie doch! Wir wollen nicht länger hier bleiben, die Anderen werden uns überraschen. Was liegt daran? sagte Manrevilles und faßte den Magnaten bei den Schultern, um ihn gleichfalls an dem Seile zu befestigen. Thun Sie das nicht, sagte der Zwerg, welcher die Absicht des Chevaliers errieth. Um Gotteswillen, thun Sie's nicht, er würde uns Alle umbringen lassen. Ich schwöre es Ihnen, in dem Augenblicke, wo Sie ihn hinaufziehen, schneide ich den Strick durch. Er zog aus seiner Tasche ein Messer und schickte sich an, seine Drohung auszuführen. Maunvailles fügte sich seufzend und schwang sich allein bis zu der Oeffnung. Als der Greis sah, wie er sich von ihm entfernte, machte er einen Versuch, sich zu erheben. Aber seine Kräfte verließen ihn und mit einem Stöhnen fiel er zurück. Mit boshafter Freude blickte der Zwerg auf-den Magnaten, der auf dem Boden aus- gestreckt lag. Er rührt sich nicht, sagte er, sollte er vielleicht todt sein? Ein Stöhnen bewies ihm, daß seine Be- sorgniß unbegründet war. Ah! brummte der wackere Kleine; er ist fest, dieser Alte, es kann noch lange mit ihm dauern. Das kann eine Unterhaltung werden! Der Geier ist im Käfig, schließen wir die Thüre. Er ließ die Falle hcrabgleiten und entfernte sich pfeifend. 29 . Flucht. Auf Befehl des Magnaten hatte sich der Leibtrabant mit der Beerdigung der Stummen i ' beschäftigt, die bei dem nächtlichen Kampfe gefallen waren. Selbstverständlich wollte man nicht viel Lärm von der Sache machen, aber der Graf von Mingreli konnte billigerweise den Leichen der Unglücklichen die priesterliche Einsegnung nicht verweigern. ' Nachdem in einem entlegenen Theile des Parkes einige Gräber gegraben worden waren, hatte der Haushofmeister den Ortspfarrer ersucht, einen Gottesdienst abzuhalten. Er begab sich mit dem Geistlichen zum Magnaten, um neue Befehle entgegenzunehmcn. Da der Magnat nicht in seinen Zimmern war, machte sich der Haushofmeister auf die Suche nach seinem Herrn. Bei der Marquise war er auch nicht und man warf sich jetzt die Frage vor, wo man ihn finden sollte. Der Leibtrabant des Magnaten begab sich darauf zum Marquis von Langevin, in welchem, da er die Absichten der Rothmäntler kannte, die Befürchtung erweckt wurde, daß diese sich an dem Magnaten gerächt hätten. Er gab Befehl, sie unverzüglich zu rufen, während man aber nach ihnen suchte, ließ ihn Maurevilles um eine Unterredung bitten. Der Chevalier war todtenblaß. D>.r entsetzliche Vorgang, in welchem er eine so hervorragende Nolle gespielt hatte, hatte ihn furchtbar angegriffen. So lange er den Magnaten zu bekämpfen hatte und auf Nejane's Rettung bedacht war, hatte seine Energie ihn nicht verlassen. Jetzt aber, wo die Gefahr vorüber war, trat ein Rückschlag in seinen Empfindungen ein. Obschon der Magnat Alles aufgeboten hatte, um. ihn dem Verderben zu weihen, so konnte er sich doch nicht dazu entschließen, einen Menschen lebendig zu begraben. Das würde ihn Zeitlebens gefoltert haben. Er erzählte nun Alles dem Marquis von Langevin und bat ihn, Befehle zu geben, daß ^ man den Magnaten seinem vorzeitigen Grabe entreiße. Maurevailles' Erzählung machte einen furchtbaren Eindruck auf den Oberst. Er rief seine Leute und forderte den Chevalier auf, ihn in das Zimmer zu führen, welches oberhalb des Käfigs lag. .Der Schwur der Rolhmilutler." Koits 106 Illustrlrtss Wiener LLtradlLtt Als man aber in das Zimmer kam, suchte man vergeblich nach der Fallthüre. Der Boden war glatt und gleichförmig und zeigte nirgends i einen Sprung oder eine Unebenheit. ! Das ist doch merkwürdig! rief Maurevailles, und doch weiß ich, daß es hier war. Er unterbrach sich. Obschon das Gemach dem Anscheine nach dem ganz ähnlich war, durch i welches er sich gerettet hatte, so fiel ihm doch ^ ein kleiner Unterschied in der Anordnung der Möbel auf. Man verließ es also, um sich in r das nächste zu begeben, das dem vorigen voll- ^ ständig glich. So durchsuchte man einige Räume . mit demselben mangelhaften Erfolge. Es war unmöglich, sich hier zurechtzufinden, ' und Maurcvailles konnte beim besten Willen nicht mit Bestimmtheit den Saal angeben, in welchem sich die Falle befinden mußte, i Es bleibt nur noch Eines übrig, sagte der Marquis von Langevin. Fragen wir Fräulein Nejane. Vielleicht wird sie sich besser erinnern können als Sie. » Ach, das arme Mädchen hat ja den Ver- ^ stand verloren. WaS muß ich hören? Aber ich bin doch dafür, daß wir sie befragen. Vielleicht findet sie instinctiv die Stelle, wo sie der furchtbare Schlag ^ traf, der sie um ihren Verstand brachte. Gehen , wir zu ihr. r Sie begaben sich in die Wohnung der Marquise, wohin Maurevailles das junge Mädchen geführt hatte. l Es war unmöglich, Etwas aus ihr heraus» zubringen. Bei der Nennung des Magnaten bekam sie furchtbare Nervenzustände, die nur vorübergingen, um vollständigem Stumpfsinn zu weichen. Jetzt blieb nur noch der Zwerg übrig. Dieser, der alle Geheimnisse des Schlosses kannte und den Magnaten in die Falle geworfen hatte, mußte wissen, wo sich dieser befand. « Aber der Krüppel war nicht zum Sprechen zu bringen. Er beharrte dabei, daß der Magnat ihn über kurz oder lang aufhängen lassen würde, wenn er wieder zurückkommen würde, und diese Aussicht war so wenig verlockend, daß er es vorzog, sein Geheimniß für sich zu behalten. Nr. 32 Er glaubte überdies, mit seinem Schweigen Maurevailles und Rejaue zu dienen, und seinen großen, wolligen Kopf schüttelnd, antwortete er: Nein, nein, der häßliche Vogel ist im Käfig und muß darin bleiben, er ist ganz gut ausgehoben. Als man ihm vorstellte, daß er verwundet sei, ja vielleicht im Sterben liege, meinte er gleichgiltig: Ach was, der hat ein zähes Leben. Wenn Du Furcht vor ihm Haft, mischte sich hier der Marquis von Langevin ein, so werde ich Dich gegen ihn in Schutz nehmen, es wird Dir Nichts geschehen! Ach, ich fürchte mich vor Niemandem, Herr Oberst, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wo er ist . . ich erinnere mich nicht mehr! Es war unmöglich, Etwas aus ihm heraus- zubringen, Bitten, Drohungen, Vorstellungen, Alles hatte denselben Erfolg. Da es so ist, meinte der Oberst, bleibt uns nur noch eine Pflicht zu erfüllen. Ich kann mich nicht länger mit Nachforschungen aufhalten, da mich der Abmarsch meines Regimentes in Anspruch nimmt. Aber in Abwesenheit des Magnaten ist die Marquise unumschränkte Gebieterin des Schlosses und sobald sie von dem Verschwinden des Grafen unterrichtet ist, wird es au ihr liegen, zu entscheiden, was jetzt zu thun ist. Vielleicht auch wird sie auf den Zwerg mehr Einfluß haben, als wir, tröstete sich Maurcvailles. Sie begaben sich zur Marquise. Wenn sie eine Stunde früher bei Frau von Vilers erschienen wären, hätten sie sie ganz aufgelöst in Schmerz gefunden, da sie sich als die Ursache des Todes ihres Gatten zu betrachten veranlaßt war. Hatte sie nicht eingewilligt, dem Magnaten in das verhängnißvolle Schloß zu folgen, wo der Marquis sie suchen mußte, und hatte sie später von blindem Schrecken erfaßt, nicht selbst die Henker ihres Gatten auf diesen gehetzt, da sie ihn nicht erkannte, ihn, der Wunder vollbracht hatte, um zu ihr zu gelangen. Eine Einzige hätte die Marquise anfklären und beruhigen können, und dies war Rejane, die den Marquis gesehen hatte. Aber Rejane war Illustrtrtss V^isuer LrtrsdlLtt 8vrts 10? I^r. 32 wahnsinnig und die stummen Dienerinnen der Marquise, die vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben Mitleid empfanden, hatten es nicht gewagt, dies der Marquise zu zeigen. Frau von Vilers saß beim Fenster und blickte achtlos auf das Landschaftsbild, das sich vor ihren Augen entrollte. Frau Nicolo und Bavette, die immer noch bei ihr waren, achteten ihren Schmerz. Plötzlich erhob sich Haydee rasch von ihrem Sitze. Frau Nicolo, sagte sie mit zitternder Stimme, nicht wahr, Sie sind mir eine wahre Freundin, auf die ich zählen kann? O? Madame, können Sie daran zweifeln, sagte betheuernd die wackere Frau und fuhr sich mit der Hand über die feuchten Augen. Und Du, meine kleine Bavette? Bavette warf sich weinend an ihren Hals. Nun denn, fuhr Frau von Vilers fort, so bleibt einige Tage hier, um über Rejane zu wachen und sie vor dem Zorn dcs Grafen zu schützen, ich vertraue ganz auf Euch. Und was geschieht mit Ihnen? Ich gehe auf einige Tage fort ... in wichtiger Angelegenheit, ich benütze die Freiheit, die ich durch die augenblickliche Aufregung im Schlosse genieße. Sie gehen fort? rief Mutter Nicolo, und wohin? Das werden Sie später erfahren. Nachdem die Marquise die beiden Frauen innig an ihr Herz gedrückt hatte, ließ sie rasch ein Pferd satteln, das im Stalle stand, und ritt davon. Niemand achtete auf sie, da das Begräbniß des Stummen und das Verschwinden des Magnaten alle Gemüther beschäftigte. Mutter Nicolo und Bavette waren noch am Fenster und schauten der Marquise nach, als der Oberst und Maurevailles an die Thür klopften. Bavette erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte. Maurevailles erbleichte. Plötzlich stieg ein entsetzlicher Gedanke in ihn auf. Wenn die Marquise erfahreu hatte, was sich zwischen Vilers und den Rothmäntlern zugetragen hatte. Wenn ihr der Einfall gekommen wäre, sich in einem Kloster zu vergraben, daß man Nichts mehr von ihr erfahren würde? Und jetzt war's unmöglich, ihr nachzueilen. Das Regiment hatte den Befehl zum Abmarsch erhalten und jetzt gab's keine Verzögerung, da man jeden Augenblick einen Zusammenstoß mit dem Feinde erwarten mußte. Wie sollte mau erfahren, wohin Haydee sich begeben hatte? 30. Die Rache des Zwerges. Trompetenschall ertönte im Lager. Von einem Ende des Parkes bis zum anderen packten die Gardisten ihre Sachen, schlugen ihre Zelte zusammen und schnallten ihre Tornister. Das Signal zum Abmarsch war gegeben. In dem Schlosse, welches Herr von Langevin und sein Generalstab verlassen hatten, herrschte tiefes Schweigen. Die Bewohner ruhten von den Anstrengungen und Aufregungen der letzten Tage aus. Der Zwerg war der Einzige, der nicht schlief. Er öffnete mit großer Vorsicht die Thür der Kammer, in die man ihn verbannt hatte und schlich sich hinaus in den Gang. Er trat auf die Fußspitzen auf und blieb jeden Augenblick stehen, um sich zu vergewissern, daß er nicht gehört werde, dabei umspielte ein boshaftes Lächeln seinen großen Mund. So kam er bis zur Speisekammer, wo er ein Stück Brod und einen Krug holte, den er mit Master anfüllte. Eine frugale Mahlzeit, murmelte er und verzog seinen Mund zu einem häßlichen Grinsen. Er nahm nun wieder seinen Weg durch die verödeten Corridore. An der Thürflügel angelangt, wo Maurevailles Tags vorher vergeblich den eisengepanzerten Saal gesucht hatte, stellte er seinen Krug Lsito 108 lllllstrirtss ^Visnsr LrirsdlLit V l^r. 32 / > nieder und sah sich prüfend um. Dann untersuchte er sorgfältig das Getäfel der Thüren. Bei der dritten Thür blieb er stehen und sah mit Selbstzufriedenheit vor sich hin. Ah, hier lst's, murmelte er, so habe ich's doch gefunden. Wenn der Chevalier so wie ich die Vorsicht gebraucht hätte, einen Einschnitt in die Thür zu machen, so hätte er sich nicht so sehr abmühen müssen, um schließlich Nichts ziz finden ... Er öffnete die Thür und holte dann das Brod und den Wasserkrug. Ich bin klüger als sie Alle, fuhr er mit sich selbst redend fort. Wer hätte hier wol eine Fall- thür vermuthet! In der That war die Fallthür so gut versteckt, daß sie sehr schwer von den übrigen Parquetten zu unterscheiden war. Er ging auf den Kamin zu, der ungewöhnlich groß und mit reichen Holzschnitzereien versehen war. Wenn ich dem Magnaten nicht gefolgt wäre, sagte er, hätte ich nicht zugesehen, wie er an den Kopf drückt. .. Aber wo ist er denn, zum Teufel! Ah, da ist er schon ! ... Hm, wie schwer das geht! Er drückte mit aller Kraft auf eine Stelle des Schnitzwerkes im Kamin. Die Fallthür begann, sich in ihren Angeln zu drehen. Sie wollten ihn in Freiheit setzen, fuhr der Kleine mit Entrüstung fort. Nichts da, jetzt gehört er mir. Die Falle war jetzt ganz offen. Er neigte sich über die Oeffnung. Heda, Herr Graf, schrie er. Keine Antwort. Zum Teufel! Sollte er am Ende todt sein? Das würde mich gewaltig ärgern. Ich bin ein guter Kerl und möchte ihm Zeit lassen, sich ein wenig da unten zu unterhalten. He! Gnädiger Herr! Schlafen Sie? Die rauhe Stimme des Magnaten wurde vernehmbar, Zorn und Wuth erstickten sie fast. Wer ruft mich? Ach! Du blst's, elender Hallunke. Sehr gut, sagte der Kleine, ich sehe, daß Sie die Kraft haben, zu schreien, und das ist ein gutes Zeichen. ... - Elender Schurke! wiederholte fast ohnmächtig vor Wuth der Magnat. Lassen Sie nur Ihren Zorn an mir aus, das wird Ihnen Erleichterung verschaffen, höhnte der Zwerg. Ich weiß noch, wie es mir wohl that, mich ein Bischen auszuschreien, als ich noch gezwungen war, den Stummen zu spielen. Ich werde Dich aufknttpfen lassen, Du Scheusal! Ach, dieses ewige Einerlei. Das haben Sie mir ja schon einmal gesagt. Und wissen Sie, daß Sie, im Grunde genommen, eigentlich sehr undankbar gegen mich sind? Sehen Sie nur her, was ich Ihnen für Leckerbissen mitgebracht habe. Sie müssen ja doch Hunger haben, nicht? Ein dumpfes Wuthgeheul antwortete ihm. Wie groß auch der Zorn des Magnaten sein mochte, den man wie ein wildes Thier ein- gefangen hatte, so gewannen doch die Physischen Bedürfnisse die Oberhand. Gib her! sagte er zu der Mißgestalt, die ihm Etwas bot, womit er Hunger und Durst stillen konnte. Ein prächtiges Brödchen und ein so hübscher Krug mit frischem Trinkwasser, sagte der Kleine, indem er Beides an einem Bindfaden hinuntcr- ließ, den er aus seiner Tasche gezogen hatte. Es ist gerade genug, um eine gute Mahlzeit abzu- gebcn, zwar etwas frugal, aber ausgiebig! Der Magnat gab keine Antwort. Er griff hastig nach dem Gebotenen und verschlang gierig das Brod. Wenn Sie vernünftig sein wollen, fuhr der Zwerg fort, werde ich Ihnen von Zeit zu Zeit Fleisch und Wein mitbringen, das heißt, wenn es mir glückt, aus der Speisekammer Etwas wegzutragen. Aber dann müssen Sie ganz besonders artig sein, sonst gibt's Nichts als Wasser. Das Wasser beruhigt die Nerven, während der Wein Sie anfregen könnte. Höre, sagte der Graf, der Versuche machte, seinen Kerkermeister zu erweichen. Wenn Du mich von hier fortlaßt, schwö.e ich Dir, daß Dir kein Leides geschehen soll. Ach, gehen Sie. Ihr Erstes wäre, daß Sie mich aufhängen lassen würden. So wie cs jetzt ist, bin ich Ihrer sicherer. Du irrst Dich, fuhr der Alte fort, ich vw- spreche Dir sogar, Dein Glück zu machen. Du Nr. 33 lüustrirtes IVionsr Extrablatt Seite 109 liebst das Geld, Du sollst so viel haben, als Du nur verlangst, befreie mich und Alles, was ich besitze, gehört Dir. Ist das gewiß? Ich schwöre es Dir bei meiner Seele. Bei Ihrer Seele! Das ist mir nicht Garantie genug. Sie würden mir den Mond versprechen, wenn ich ihn verlange. Aber versprechen und halten ist Zweierlei. .. und ich habe kein Vertrauen zu Ihnen. Er änderte jetzt plötzlich den Ton. Wollen Sie, daß ich Ihnen die eigentliche Wahrheit sage? Seit Langem schon fühle ich das Bedürfniß, irgend Jemanden zu martern. Wir Menschen sind schon einmal so. Seit ich auf der Welt bin, hat man mich wie einen Hund herumgestoßen, verachtet. Und warum? Weil ich häßlich und arm bin. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich mich für jahrelange Erniedrigung schadlos halten kann. Sie müssen mir dazu dienen, meine Rache zu nehmen, und deshalb lasse ich Sie jetzt nicht mehr los. O, verruchter Räuber! brüllte der Graf. Sie hören also nicht auf? Wie Sie selbst sagten, ist der Käfig fest und ich habe Nichts von Ihnen zu fürchten. Drohen Sie nur zu, hier bin ich Herr und ich bleibe Ihnen Nichts schuldig. Triumphire nicht zu früh. Man wird ja doch endlich meine Abwesenheit bemerken und mich suchen. Darüber können Sie ganz ruhig sein; man hat Sie schon bemerkt und man hat auch schon nach Ihnen gesucht. Aber Ihr Mechanismus ist eine so gute Arbeit, daß man Nichts entdeckt hat. Man wird schließlich annehmen, daß Sie abgereist sind und sich nicht länger mit Ihnen beschäftigen. Aber der Marquis von Langevin, mein Gast . . . Der Marquis ... der hat auch gesucht, ohne das Geringste zu finden. Der ist ja nicht wie ich, der ich Alles aufspüre. Das muß ich Ihnen doch noch erzählen, um Sie in Ihrer Gefangenschaft ein bischen aufzuheitern. Also ich war's, der Herrn von Maure- vailles den Zugang zu dem geheimen Corridor zeigte, damit er die Marquise entführe; ferner war ich es, der die Schleuse öffnete, und so dem Marquis und dem Corporal Tony die Gelegenheit bot, durch Schwimmen ihr L«ben zu retten ... Ha, ha, nicht wahr, ich packe eine Sache gut au, wenn ich Lust dazu habe, wie? Der Graf von Mingreli schäumte vor Wuth. Aber, aber, regen Sie sich doch nicht so auf, meinte der Zwerg, Sie werden sich noch Schaden zufügen. Sie werden noch ganz andere- Dinge erfahren. Halt, vor Allem hören Sie? Ein dumpfes und regelmäßiges Geräusch wurde aus der Ferne vernehmbar. Das sind die Trommler der französischen Garden, nahm der Krüppel wieder das Wort. Wenn sie näher wären, würden Sie sogar ihren lustigen Gesang hören . . . wie Sie zu Maure- vailles sagten, erinnern Sie sich noch? Sie marschiren lustig ab und Herr von Vilers ist auch unter ihnen. Der Name macht Sie wüthend, was? Sie werden sich aber noch mehr ärgern, wenn Sie hören werden, daß die Marquise, die Sie Ihre Tochter zu nennen belieben, auf und davon ist. Der Schrei, der sich jetzt der Brust des alten Grafen entrang, glich dem Geheul eines Wilden Thicrcs. Wahrhaftig, Sie werden sich noch Etwas zerreißen, wenn Sie so schreien, mahnte der Kleine. Also, wie ich Ihnen sage, die Marquise ist fort. Ueberhaupt haben sich, während Sie hier eingeschlossen sind, mancherlei Dinge ereignet. So zum Beispiel haben die Rothmäntler untereinander Frieden geschlossen. An dem Tage, wo der Marquis von Vilers seine Hrau zurück- uimmt und Herr von Maurevailles Fräuilein Nejane heiratet, mit den anderen Herren als Zeugen, werde ich mir gütlich thun. Aber sind Sie nur ruhig, Sie sollen auch nicht leer aus- gehen. Bevor ich mich an die Tafel setze, bekommen Sie Ihre zwei Brode und zwei Krüge mit Wasser. Sie sollen auch einen Festtag haben. Der Kleine wußte gar wohl, daß man von der V-rwirklichUng der Pläne, von denen er seinem ehemaligen Herrn gegenüber sprach, noch weit entfernt war, aber es bereitete ihm ein unsägliches Vergnügen, durch solche Reden den Magnaten noch mehr aufzureizen. ,Der Schwur der Rothmitntler." Leits 110 Illustrirtss Wiener LxtrablLtt Nr. 33 Unglücklicherweise mußte er bald erkennen, daß er zu weit gegangen war. Der Magnat hörte er ihn nicht mehr. Er war das Opfer seiner unsinnigen Wuth geworden und wälzte sich in gräulichen Zuckungen auf dem Boden, wobei er in einemfort unarticulirte Laute ausstieß. Zum Teufel, sagte sich der mißgestaltete Schurke, sollte ich doch etwas zu viel gethan haben? Wenn der Alte verrückt wird, so ist's kein Vergnügen mehr, mich mit ihm zu unterhalten. Und dann, wenn er so schreit, wird man ihn bald im ganzen Hause hören. Da möchte mir's dann schlecht ergehen! Während er noch mit sich sprach, hörte man schleunige Schritte im Corcidor. Das Geschrei des Magnaten wurde immer ärger. Ah! sagte der Zwerg, jetzt ist's Zeit, daß ich die Falle schließe. Er lief zu dem Kamin, um an dem Knopf zu drücken, der die Feder in Bewegung setzte. Es gelang ihm aber nicht mehr. In dem Augenblicke, wo er die Hand darauf legkn wollte, wurde die Thür rasch geöffnet. 31 . Tie letzte Stunde in Bleuancourt. Tie Aufklärungen, die der Zwerg dem alten Grasen gab, waren nur zur Hälfte richtig. Er hatte behauptet, daß das Regiment schon im Abmarsche Gegriffen war; dem war aber nicht so. Der Trommelwirbel und Trompetenklang, der, die eisernen Mauern durchdringend, auch den Grafen erreicht hatte, war nicht^das Signal zum Abmarsche, sondern galt der Ankunft des Marschalls von Sachsen, der die zwei Regimenter, welche der General-Oberst von Langevin unter seinem Commando hatte, mitnehmeu wollte. Bei seiner Ankunft im Lager sah der Marschall auf den ersten Blick, daß das Regiment reisefertig wär. Di« Soldaten hatten ihre Degen umgeschuallt, die Zelte waren zusammengclegt und die Gepäcks- und Proviantwagen angespannt. Ein Lächeln der Befriedigung glitt über das Gesicht des Marschalls, der, als er des Marquis von Langevin ansichtig wurde, sich zu ihm führen ließ, um ihn zu der guten Haltung seiner Regimenter zu beglückwünschen. Moriz von Sachsen litt nämlich damals schwer an Wassersucht, welche ihn hinderte, ein Pferd zu besteigen oder selbst zu marschiren, und die ihn gezwungen hatte, sich ein kleines Wägelchen anfertig-n zu lassen, in welchem er sich rollen ließ. Während der Marschall und der General- Oberst sich miteinander unterhielten, hatte der Zwerg dem alten Grafen von Mittgrell den letzten Stoß beigebracht. Er hätte sich noch länger an seinen Qualen geweidet, wenn er nicht plötzlich gestört worden wäre. Wer mochte wol der Eindringling sein, der vielleicht gekommen war, um ihm sein Opfer zu entreißen und den Magnaten zu rächen. Als der Kleine sah, wie die Thür geöffnet wurde, schlüpfte er in den Kamin. Die Nähe der Gefahr hatte ihm den Gedanken cingegebcn, in den Schornstein zu kriechen, wo er» klein und schmächtig, wie er war, leicht sich hinein- zwängen konnte. Aber in der Mitte der Röhre waren zwei große Eisenstangen, die ein Weiterkommen unmöglich machten. Der Neuangekommene war niemand Anderer als Maurevaillcs. Wie wir schon sah-m, konnte der Chevalier nicht ohne Widerstreben den Magnaten, den er, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, mit seinem D'gen nicdergestoßeu hätt-, einem so entsetzlichen Tode, wie dem Hungertode, preisgeben. Er benützte also die Stunde, die dem Re- gimente bis zum Abmarsche vergönnt war, um seine Nachforschungen wieder anfzunehmen. Als er sich der verhängnißvollen Thüre näherte, vernahm er furchtbare Schmerzensrufe, die von dem Magnaten auszugehen schienen. - Er zögerte nicht lange und öffnete die Thür, durch welche das Geschrei zu kommen schien. Der Chevalier bemerkte, daß die Fallthür geöffnet war, und neigte sich durch dieselbe hinunter. Herr Graf! rief er dem Greise, Herr Graf, ich bin gekommen, um Sie zu retten. Nr. 33 Illustrirtss wiener NrirLdlLtt Lslts 111 Er prallte zurück, von Entsetzen ergriffen. Der Magnat wälzte sich unter furchtbaren Zuckungen, augenscheinlich ohne sich der Schmerzen bewußt zu sein, die ihm sein gebrochenes Bein verursachte, aus dem von Zeit zu Zeit ein Strom schwarzen Blutes drang. Blutiger Schaum stand auf seinen Lippen; seine starren Augen traten aus ihren Höhlen hervor und auf seinem kahlen Scheitel sträubten sich einzelne weiße Haare. Mit einer Stimme, die fast unverständlich geworden mar, richtete er an Personen, die nur er allein sah, abwechselnd Bitten und Drohungen und hieb mit der Faust auf die eisernen Mauern ein, um dann, furchtbare Verwünschungen ausstoßend, entinuthigt zurückzufallen. O, wie furchtbar! rief Maurevailles entsetzt über diesen Anblick. Als der Zwerg die Stimme des Chevaliers hörte, kroch er aus seinem Verstecke hervor und ging auf ihn zu, in der Hoffnung, Maurevailles Anerkennung zu hören. Eine Leiter! Rasch eine Leiter! befahl Maurevailles. Was wollen Sie damit? Das geht Dich Nichts an, schnell, die Zeit drängt. Von dem gebieterischen Tone getrieben, beeilte sich der Zwerg, eine schmale und lange Leiter herbeiznholen, die er durch die Fallthüre hinabgleiten ließ. Der Kleine hatte nicht lange gebraucht, um sie zu bringen, dennoch druckten den Magnaten die Minuten Jahrhunderte. Als er die ersten Sprossen sah, stieß er einen Freudenschrei aus und' streckte die Hand entzückt nach ihnen aus. Endlich war die Leiter so weit unten, daß der alte Mann sie erreichen konnte. Wie von dem Anblick elcktrisirt, erhob sich der Verwundete auf seinem gesunden Beine und streckte die Hand danach aus und klammerte sich fieberhaft an die erste Sprosse. Aber plötzlich gaben seine überreizten Nerven nach. Ein Heise,er Ton entrang sich seiner Kehle, er schlug mit den Händen in die Luft und fiel leblos nieder. Er war todt. * Die Aufregung, welche die Fruchtlosigkeit juner Bemühungen und die Beschimpfungen des Zwerges verursacht hatte, sowie die Anstrengungen, die er machte, um sich zu befreien, hatten seinen Zustand verschlimmert. Hier ist Nichts mehr zu thun, sagte Maurevailles. Schließlich aber ist's besser, daß es so gekommen ist. Ich habe zum Wenigsten Alles gethan, um ihm Hilfe zu bringen, und sein Tod wird mein Gewissen nicht belasten. Meines auch nicht, meinte achselzuckend der Kleine. Im Uebrigen, dachte der Chevalier, ist es meiner Meinung nach überflüssig, daß man erfährt, was sich hier zngetragen. Das Regiment geht fort und ich kann nicht länger bleiben. Der Magnat ist todt und verdient es wahrhaftig nicht, daß man sich irgend welche Unannehmlichkeiten bereitet, um ihn begraben zu lassen. So wie er hier ist, soll er bleiben, fügte er laut, zu dem Kleinen gewendet, hinzu. Amen, sagte der Zwerg und stieß die Fallthüre zu, und dann folgte cr Maurevailles, der schon bei der Thür war. Wenn man ihn je wieder findet, will ich Cardinal werden, lachte der Kleine beim Hinaus- gehen. Der Capitän entfernte sich schnell, um seine Compagnie zu erreichen. Der Zwerg blieb allein. J°tzt ist der Herr begraben und Niemand weiß, wo er ist. Der Haushofmeister wird glauben, daß er mit der Marquise fort ist, und sich bald bei seinem Branntwein trösten. Die eigentlichen Herren des Schlosses werden aber jetzt wir sein. Er lachte laut ans und rieb sich vergnügt die Hände. Dann begab er sich in die Küche, wo er, die allgemeine Verwirrung benützend, ein Glas Wein nach dem andern leerte. Während die Leibgarden nach der Grenze abmarschirten, schickten sich Frau Nicolo, Bavette und Rejane an, nach Paris abzureisen. Da der Oberst von Langevin nicht wußte, was mit Frau von Viters geschehen war, und das wahnsinnige Mädchen nicht in der Obhut des Haushofmeisters lassen wollte, hatte er seinen Wagen Frau Nicolo angeboten, die das arme Kind nach Paris in's Hotel Vilers bringen sollte, wo sich noch immer Joseph befand, dessen die Kranke häufig Erwähnung that. Wenn sich die Marketenderin ihrer Aufgabe entledigt haben Leits 112 IIIuZtrirtes wiener LxtrLblatt Nr. 33 wurde, sollte sie mit ihrer Tochter die Armee einholen. Als der Marquis von Langevin unterwegs den armen Tony, der von Paris so enthusiastisch w.ngewgen war, traurig und niedergeschlagen ne' en sich herschreiten sah, fragte er ihn in neckendem Tone: Denkst Du vielleicht an Bavette? Tony errcthete, antwortete aber dann rasch: Jetzt nicht, jetzt beschäftigt mich nur der Gedanke, wohin die Marqmse'Pch gewendet hat. Zur selben Zeit sagte Lavenay zu Maure- vailles : Jetzt bist Du aber wo! zufrieden? Zufrieden? Zwischen mich und die Marquise drängt sich immer das Bild der armen kleinen Rejane, die wahnsinnig geworden ist. Ach, ich wollte, daß die erste Kugel mir bestimmt wäre. Wer weiß, fügte Lacy ernst hinzu, ob wir nicht bei unserer Ankunft in den Niederlanden erfahren, daß der arme Vilers sich unseretwegen tödten ließ. Und zwischen durch diese Gespräche klang hell und fröhlich der Gesang der marschirenden Truppen, die sich über jeden Schritt freuten, der sie dem Feinde näher brachte. Ende dcS ersten TheileS. Roman in zwei Theilerr von rlrr Zweiter Theil: De? Baron von C . . . ... ^ ..ÜÄK... -- 1 . Tonys zweites Avancement. Man hatte sich den ganzen Tag tapfer ge- geschlagen trotz des kalten und durchdringenden Regens, der seit dem Morgen anhielt. ES war in den Niederlanden und die Festung Cinq-Etoiles war nach einem heißen Kampfe von den Franzosen genommen worden. Bei einbrechender Nacht ließ der Marschall von Sachsen die Festung von Marquis von Langevin besetzen, indem er ihm mit wenig Worten empfahl, dieselbe unter allen Umständen zu halten. Der Marquis nahm mit seinem Regiments von der Festung Besitz; eine Batterie Artillerie, befehligt von Capitän Richoufft, und die erste Escadron des burgundischen Cavallarie-Negimentes wurden ihm beigegeben. Bald nach dem Eintreten in die Festung versammelte der Marquis seine Officiere zu einem Kriegsrathe. l Meine Herren, sagte er, wir sind ungefähr ! fünftausend Mann und fünfundzwanzigtausend stehen uns gegenüber. Wenn die Kaiserlichen den Versuch machen, uns die Festung wieder ab- zujagen, so werden.wir sie nur fünf bis sechs Tage zu halten im Stande sein, da es dem Feinde nunmehr, wo der Marschall von Sachsen weitergegangen ist, um uns hier auf verlorenem Posten zu belassen, leicht werden wird, uns von der Verbindung mit Frankreich abzuschneiden. Am Ende des sechsten Tages wird uns, wenn wir uns nicht ergeben wollen, Nichts übrig bleiben, als mit der Festung in die Luft zu fliegen. Dann werden wir in die Luft fliegen, sagte Capitän Richoufft energisch. Einen Augenblick, meine Herren, unterbrach ihn der Marquis. Berathen wir, wenn's beliebt. Der Marquis von Langevin hatte oft genug seine strategischen Kenntnisse bewiesen und deshalb gab es in der ganzm französischen Armee keinen einzigen Officier, der nicht unbedingtes Vertrauen in ihn gesetzt hätte. Meine Herren, sagte der Marquis, im Westen, eine Meile von hier ist eine Festung, die 7«Der Schwur der Rothmitutler.* Leite 114 Illustrirtes Wiener Üxtradlatt I^r. 34 I weit wichtiger ist, als das Eulennest, in dem wir uns befinden und das ist die Burg des Markgrafen, die tief versteckt im Walde liegt. Das ist in der That so, sagten mehrere Officiere, die bereits den Krieg gegen die Kaiserlichen mitgemacht hatten und die entlegensten Schlupfwinkel der Niederlande kannten. Das Markgrafenschloß, fuhr Herr von Lan- gcvin fort, ist eine Festung, die auf einen Felsen gebaut ist. Eine Besatzung von tausend Mann wäre, wenn sie genügend mit Lebensmitteln versehen ist, im Stande, allen Armeen der Welt Trotz zu bieten. Folglich, meinte kopfschüttelnd ein Officier des Generalstabes ist nicht daran zu denken, der Festung habhaft zu werden. Und ich sage Ihnen, meine Herren, sagte entschlossen der Marquis, daß ich mir's in den Kopf gesetzt habe, die Burg in unsere Hände zu bekommen. Das ist schwer, sehr schwer, meinte bedächtig ein alter Officier. Meine Herren, es muß sein, und zwar noch bevor die nächste Nacht anbricht. Und Sie sollen die Festung auch haben, hörte man jetzt eine frische, jugendliche Stimme sagen, aus der Muth und Entschlossenheit klang. Der Sprecher war ein einfacher Cadet des burgundischen Regimentes, ein junger Bursche von kaum zwanzig Jahren, dessen frische Lippen kaum noch ein Flaum bedeckte. Der Marquis blickte ihn erstaunt an. Ah! Sie find's, du Clos. Der Fähnrich du Clos war ein sehr reicher junger Edelmann, der sich schon mit achtzehn Jahren in zwei Schlachten ausgezeichnet hatte. Und Sie wollen die Festung nehmen? fuhr der Marquis von Langevin lächelnd fort. Ja ich, Herr Oberst, erwiderte der junge Mann mit großer Sicherheit. Nun, meinte der Marquis, Unmögliches ist Nichts dabei. Die Aussicht auf einen außergewöhnlichen Sieg hat schon manchen jungen Heißsporn zu Heldenthaten augefeuert. Die alten Officiere zwirbelten an ihren Schnurrbärten und lächelten ungläubig. Also gut, sagte jetzt der Oberst, der sich auf seine Leute verstand, wir werden über die Art und Weise Nachdenken, du Clos, wie wir den Angriff bewerkstelligen. Nichts für ungut, Herr Oberst, aber wenn Sie mir gütigst gestatten wollten, so möchte ich ganz nach eigenem Gutdünken Vorgehen, sagte rasch und entschlossen du Clos. So! so! Und ich bitte nur, mir zehn Mann mitzugeben, die von einem Sergeanten befehligt werden. Die alten Officiere, die den Marquis umstanden, lachten jetzt laut auf. Welchen Sergeanten wollen Sie? fragte unbekümmert um die Spottlust seiner Officiere der Marquis. Ach, Herr Oberst, mein Sergeant ist eigentlich noch keiner, er ist bis jetzt nur Corporal, aber ich bitte Sie, ihn bei dieser Gelegenheit avanciren zu lassen. Wie heißt er? Statt einer direkten Antwort sagte der Fähnrich: Er ist zwar erst siebzehn Jahre alt, aber er hat sich heute wie ein Löwe geschlagen. Nun, aber wie heißt er denn? fragte er nochmals ungeduldig. Ich werde mir gleich erlauben, ihn Eurer Gnaden vorzustellen, sagte der Fähnrich und befahl dem dienstthnenden Soldaten, den Corporal Tony zu holen. Wie, Tony? Der ist ja noch beinahe ein Kind. Trotzdem der Marquis diese Einwendung machte, glitt dennoch ein Lächeln der Befriedigung über sein Gesicht. Er war stolz auf den, den er seinen Secretär nannte. Wahrhaftig, murmelte rin Hauptmann mit schon ergrautem Haar und Bart, die Welt wird jetzt auf den Kopf gestellt. Mit siebzehn Jahren wird man Sergeant und als Fähnrich wird Einem die Aufgabe zutheil, eine Festung zn erstürmen. Während der Alte noch brummte, trat Tony ein. Tony, redete ihn ruhig der Generaloberst an» Lcr Fähnrich Du Clos hat Sie im Feuer gesehen und bittet mich, Sie znm Sergeanten avanciren zu lassen. Er soll Recht habe». Herr Oberst! rief feurig der junge Mann. Hlustrirtes Clever LxirMatt gelte 115 > Kr. 34 ^ Sie Werden mir danken, indem Sie sich auch Ihres neuen Ranges würdig zeigen. Und zu dem Fähnrich gewendet, fügte der Marquis hinzu: . Nehmen Sie Tony und die verlangten zehn Mann mit. Ich überlasse es Ihnen, aus Ihrem Unternehmen mit Ruhm gekrönt hervorzugehen. Du Clos verneigte sich zum Zeichen des Dankes und zog sich zurück, um sich seine kleine Truppe auszuwählen. 2 . Gefährliche Erdäpfelsäcke. Wenn Fähnrich Du Clos sich weigerte, dem Marschall oder dem Marquis von Langevin seinen Plan mitzutheilen, so geschah dies ebenso aus Bescheidenheit, als aus Eitelkeit, trotzdem diese beiden Eigenschaften einander vollkommen entgegengesetzt sind. Wieso das kam, wird man bald erfahren. Bei der Ankunft des burgundischen Regimentes in Cinq-Etoiles war es dem jungen Manne alsbald klar geworden, daß der Ort trotz seines hübschen Namens wenig Verlockendes an sich hatte. Die Waldpromenaden ans dem Escant waren nicht nur gefährlich, sondern anch höchst eintönig, und da Du Clos weder Spieler noch Trinker war, wußte er nicht, was er außer den Tagen, wo eine Schlackt geliefert wurde, mit seiner Zeit anfangen sollte. Ta begegnete er eines Abends in der Nähe des Feldlagers einem rosigen Mägdelein mit lang herabhängendcn blonden Flechten, das die Augen züchtig zu Boden senkte, nachdem Du Clos noch rasch Gelegenheit gehabt hatte, zu bemerken, daß diese Augen sehr schön waren. Zam Henür! dachte der junge Mann bei sich, unsere Kameraden von den Gardereitern sollen uns nicht nachfagen, daß wir vom burgundischen Regimente es nicht verstehen, hübschen Mädchen die Köpfe zu verdrehen. Der Teufel hole mich, wenn ich mit Ter da nicht gleich Bekanntschaft geschlossen hätte! Unternehmend drehte er seinen Schnurrbart in die Höhe und folgte raschen Schrittes dem hübschen Kinde. Sie, Mamsell Gertrud! rief er ihr nach, auf's Geradewohl einen der landesüblichen Namen wählend. Das junge Mädchen drehte sich lachend um. Nicht Gertrud, Lisbeth, sagte sie, ihre Weißen Zähne zeigend. Wohin gehen Sie, schöne Lisbeth, nahm er in gebrochenem Deutsch das Wort, wollen Sie mir nicht mein Herz zurückgcben, das Sie mir im Vorbeigehen gestohlen haben. Das kühne Compliment schmeichelte dem jungen Mädchen, welches stehen blieb, um mit dem hübschen Jungen zu plaudern. Du Clos sprach, wie gesagt» nur ein mangelhaftes Deutsch, aber es genügte, um sich verständlich zu machen, umsomehr, als Lisbeth als Znhörerin den besten Willen zeigte und über das Kauderwälsch des jungen Mannes jeden Augenblick laut auslachte, wobei sie ihre schönen Zähne zeigte. Nach fünf Minuten waren der Fähnrich und die Blondine die besten Freunde. Fräulein Lisbeth hatte ihrem Verehrer das Geständnis; gemacht, daß sie nur eine einfache Küchenmagd im Dienste des Markgrafen Carl von Lichtberg war. Sie erzählte, wie heiter und zuversichtlich man im Schlosse war, da man gar nicht daran dachte, daß ein Einfall der Franzosen möglich wäre. Du Clos dagegen schwor der Schönen, daß ihre b.scheid ne Stellung seinen Gefühlen gar keinen Eintrag thue und so dauerte es nicht .lange und schon hatte mau ein Rendezvous vcr- abndct, dem bald ein zweites und ein drittes folgte. Während eine kleine Garnison die Burg besetzte, versorgten Lisbeth und ihre bediensteten die Approvisionirung und kehrten dann wieder, da sie von den Franzosen Nichts' zu befürchten hatten, vorsichtig in die Bürg zurück. Nach und nach war es demjenigen Fähnrich gelungen, sie zu überreden, daß er sie im Schlosse besuchen dürfe. Ans ihre Zustimmung hatte er den Plan gebaut, den er nun den Gefährten seiner Unternehmung auseinandersetzen wollte.' beit» IIS l!lu8trirte» dieser 8rtr»l»lLtt Nr. 34 Wie wir schon bemerkten, wollte er demnach au- Bescheidenheit nicht verrathen, daß er der Liebe eines Mädchens den Zutritt in'- Schloß zu verdanken haben sollte, andererseits widerstrebte es seinem Stolze, einzugestehen, daß dieses Mädchen einer untergeordneten Classe angehörte. Du CloS versammelte seine Leute um sich. Ich habe Mittel und Wege gefunden, erklärte er den Soldaten, in das Schloß zu gelangen, wann es mir beliebt, selbstverständlich in einer Verkleidung. Aber es genügt mir nicht, wenn ich allein hineinkomme; ich muß Euch ebenfalls hinein«: bringen. Wenn ich mich darauf beschränke, nur da- Nothwendigste zu sagen, so kann ich allenfalls für einen Einheimischen gelten, so weit reicht mein Deutsch schon. Deshalb denke ich, mich als Bauer zu verkleide» und fünf von Euch, die Größten und Stärksten, müssen das Gleiche thun. . Von diesen Fünf muß Jeder einen Sack auf den Schultern tragen, in dem ein Mann steckt. Wenn das geschehen ist, komme ich bei embreckenrer Dunkelheit an die Dienstpoterne. Man wird wahrscheinlich nach meinem Begehr fragen, Ihr aber dürft Euch nicht rühren. Ich werde sagen, daß ich Erdäpfel zu liefern Hab', die Fräu ein Lisbeth gekauft hat, und da man dann vermnthlich sich erkundigen wird, wo ich den Wagen habe, werde ich antworten, daß ich keinen habe und daß meine Diener die Säcke tragen. Dann gehen wir ohneweiter-- hinein, ohne: um Erlaubniß zu fragen, und sind wir einmal drin ... Machen wir die Säcke auf, rief lustig Tony dazwischen, und der Tanz beginnt. Meiner Treu, Herr Du C:os, Sie sind ein großer Mann. Also mein Plan hat Ihren Beifall? Ob er meinen Beifall hat! Ich würde mich vor Zorn erhenkt haben, wenn ich nicht, hätte dabei sein können. Wolan, Sergeant Tony, denn Sie sind ja jetzt Sergeant. Ja. Dank Ihnen, Herr Du CloS, der Sie morgen Lieutenant oder Hauptmann sein werden. Oder todt, lachte der junge Mann. O, rcden wir davon nicht. Ach was, darauf müssen Alle gefaßt sein, die das Kriegshandwerk gewählt haben. Aber jetzt zu unserer Expedition. Wen verkleiden wir als Bauern? Komm' her, Du, sagte Du CloS zu einem der Leibgardisten, Du siehst mir auS, als ob Du etwas Tüchtiges leisten könntest. Wie heißest Du? Das ist der Normanne, sagte Tony, ein wackerer Haudegen, für den ich gut stehe, und zudem so schweigsam, daß er uns durch sein Reden nicht verrathen wird. - Der Gascogner La Rose stand neben seinem Freunde und schickte sich wie dieser an, den Bauernanzug zu nehmen. Tony hielt ihn zurück. Nein, nein, rief er, - das ist Nichts für Dich, mein Freund La Rose, Du hast eine zu lose Zunge. Hinein in den Sack mit Dir, Kamerad. Alle Soldaten lachten. Mit einem Wink wurden die übrigen Rollen vertheilt. Uebrigens, Kinder, sagte jetzt ernsthaft Du Clos, an Tonys Bemerkung anknüpfend, dürft Ihr Euch nicht verhehlen, daß die Rolle als Erdäpfelsack heute so viel gilt, wie ein Ehrenposten. Wenn es schlecht geht, können die Anderen davonlaufen, Diejenigen aber, die eingeschlossen sind, sind rettungslos verloren. Nicht eingerechnet, fügte Tony hinzu, daß es Einem dieser deutschen Querköpfe einfallen könnte, in einen der Säcke hineinzustechen, um sich zu überzeugen, ob die Erdäpfel von guter Qualität sind. Daß daraus nicht am Ende ein „Gott verdamm' mich" oder ein „Kreuzdonnerwetter" herausklingt, hörst Du, Gascogner. Zum Teufel! rief La Rose, sie können mich kochen lassen oder in der Asche braten, von mir werd-n sie keinen Laut hören! 3 . An's Werk. Alles war bereit. Die verkleideten Soldaten trugen ihre Säcke, in welchen ihre Gefährten Nr. 35 IHu8lrlrtes «Vwaer 8rtrk»d!.'»tt Felto 117 staken, die nebst ihren Waffen auch die ihres Trägers bei sich hatten. Einige Schritte von dem Ansfallthore entfernt, gebot Du Ctos Halt. Ihr versteht mich also wol, sagte er leise. Wenn wir einmal im Schlosse sind, stellt Ihr die Säcke nieder. Auf das Signal, das ich Euch geben werde, schneidet ein Jeder von Euch die Leinwand durch und stellt sich auf, die Träger greifen nach ihren Waffen und wir stürzen uns Alle auf die Besatzung. Wer Widerstand leistet, wird niederg'macht, die Anderen werden gefangen ' genommen. Dann ging Du Clos einige Schritte vorwärts und klopfte an das Thor. Wer ist da? fragte eine weibliche Stimme. Ich bin's, meine Liebe, antwortete Du Clos. Es war LiSbeth, die, von Weitem den Fähnrich in seiner Verkleidung erkennend, den Haushofmeister bis znrn Thore begleitet hatte. Da es nicht in ihrer Absicht lag, ihren Liebhaber zu verrathen, so ging es Alles so, wie es der junge Officier vorausgesehen hatte. Lisbeth staunte wol über die Gegenwart der fünf anderen Zeugen bei einem Besuche, den sie für ein verliebtes Stelldichein hielt, aber sie glaubte, daß dies nur geschehen war, um den Schein besser aufrecht zu erhalten.. Kommt herein, sagte der Haushosineister. Kommt herein, rief Du Ctos gleichfalls seinen Leuten zu. - Die fünf Bauern kamen an der Schildwache vorüber, die sie anglotzte, und dann schloß -sich die Thür wieder hinter ihnen. Die Franzosen waren an Ort uud Stelle. Legt Eure Säcke hier nieder, meine Lieben, sagte Lisb.th, die vor Begierde brannte, mit ihrem Liebhaber allein zu sein. In der Küche bekommt Fhr guten Most und Euer Herr wird sich indessen bezahlen lassen. . ' . / Die fünf Säcke wurden längs der Wände behutsam nüdergestellt. Der Haushofmeister ergriff schon seine Geldtasche, da erscholl ein kräftiges Drauf loS! ans dem Munde Du CloS' und der. Fähnrich stürzte auf den wehrlose» Deutschen zn,^ Der Haushofmeister wollte um HÜfe rufend doch fand er nicht mehr die Zeit dazu. Das »Der Schwor der Stvehmitoeler." Taschentuch deS Officicrs, das schon zu diesem Zwecke bereitgehalten worden war, verschloß ihm hermetisch den Mund, während gleichzeitig zwei Soldaten ihm fest die Hände banden. Und wie durch Zauber kamen jetzt aus den Säcken die fünf bis auf den Zähnen bewaffneten Soldaten zum Vorschein. Lisbeth konnte sich von ihrem Erstaunen gar nicht erholen. Gewonnenes Spiel! sagte fröhlich Du Clos. Die Hauptsache ist geschehen. Nur ein wenig Geschicklichkeit und der Markgraf ist in unserer Gewalt. Es war aber auch schon die höchste Zeit, meinte La Rose, ich wäre bald schon erstickt. ' Ruhig, und beeilen wir uns, sagte Tony. Wo ist das Gemach deS Markgrafen? Lisbeth wird es uns sagen. Komm Lisbeth.. Das Mädchen war mehr todt als lebendig; indessen liebte sie Du Clos zu sehr, um ihm widerstehen zu können. Sie zeigte ihm also den Weg, den er einzuschlagen hatte. Der junge Officier ging voraus. Aber kaum hatte er im ersten Corridor um die Ecke gebogen, als er einen Schrei aussticß. Ein Mann, der im Dunkeln stand, stieß ihm seinen Dolch mitten in'S Herz. Gleichzeitig drangen von allen Seiten Bewaffnete hervor, indem sie ,Tod den Franzosen ! riefen. . - Die Besatzung, die man zu überrumpeln gedacht hatte, war auf ihrer Hut. Man war verrathen worden, aber durch wen? ^ Ach! Die Liebe Lisbeth's, die Du CtoS bei seiner Unternehmung von Nutzen gewesen war, hatte ihm gleichzeitig, ohne daß er's ahnte, einen Todfeind geschaffen. In der Burg war ein Unterossicier von den Landsknechten, der sich heftig in die hübsche Köchin verliebt hatte. Früher schien eS ihm, als ob sie seine Neigung erwiderte, aber eines schönen Tages erklärte sie ihm rnnd heraus, daß er sich gar keine Hoffnung zu machen habe. . Der verzweifelte Uuterofficier zerbrach sich den Kopf darüber, was wöl die Sinnes- Leits 118 Illusiririeg wiener Hxtrablatt Nr. 35 ünderung Lisbeth's herbeigeführt haben mochte, und folgte ihr auf Schritt und Tritt. Da sah er sie einmal mit einem französischen Officier in vertraulichem Gespräche und das steigerte seine Erbitterung auf's Höchste. Er ließ sich aber Nichts merken, sondern beschloß bei sich, Rache an den Beiden zu nehmen. Da er fortfuhr, dem jungen Mädchen auf- zulauern, sah er auch, wie sie dem angeblichen Bauern aufpaßte und sich dann mit dem Haushofmeister zu dem Ausfallthore begab. Er folgte ihr und fand, daß seine Ver- muthnng ihn nicht getäuscht habe: der Führer der Bauern war niemand Anderer, als sein Rivale. Schnell entschlossen, rief er die kleine Besatzung zusammen. Kameraden, sagte er, ohne des jungen Mädchens Erwähnung zu thun, Kameraden, wir sind verrathen. Jemand hat den Franzosen das Schloßthor geöffnet. Es ist zu spät, um sie am Hereinkommen zu hindern, aber keiner von ihnen darf wieder heraus. Ta die Deutschen ganz richtig voraus- setzten, daß der erste Angriff dem Markgrafen selbst gelten würde, postirten sie sich an dern Eingänge zu den Gemächern desselben. Der arme Du Clos war der Erste, der von der Hand des eifersüchtigen Verehrers Lis- beths fiel. Der eigenen Gefahr nicht achtend, stürzte sich Tony auf den blutüberströmten Körper Du Clos', um ihm womöglich noch Hilfe zu bringen. Nutzlos, lieber Freund, murmelte der Verwundete, ich sagte Dir ja, daß ich fallen würde» Laß mich und denke an die Soldaten, die vielleicht noch zu retten sind, denke an das Vaterland. Und sich aus den Ellbogen stützend, rief er mit schwacher Stimme: Es lebe der König! dann sank er, von der Anstrengung erschöpft, auf den Rücken, um sich nie mehr wieder zu erheben. Durch den unerwarteten Angriff der Deutschen überrascht, waren die französischen Soldaten einen Augenblick bestürzt zurückgewichen. Als aber Du Clos seinen letzten Seufzer aushauchte, ließ La Rose einen gräulichen Fluch vernehmen. Kreuzdonnerwettcr! schrie er, der Blitz soll mich gleich niederschmettern, wenn ich nicht ein halbes Dutzend vorher tödte, bevor ich einen Schritt zurückweiche. Vorwärts! Vorwärts! wiederholte der Normanne. Die Soldaten sammelten sich wieder. Tony hob den Degen auf, der den starren Händen des armen Du Clos entfallen war, und sagte mit fester Stimme: Soldaten, unser Führer ist eines ehrenvollen Todes gestorben. Als Sergeant trete ich an seine Stelle und auch ich werde zu sterben .wissen, wenn's noththut. Vorher aber muß er gerächt werden. Vorwärts, Kinder, für König und Vaterland! Tod den Franzosen! antworteten die Deutschen. Nun entwickelte sich ein heißer, verzweifelter Kampf. Die Besatzung des Schlosses, die allmählich vollzählig geworden war, schnitt den Franzosen den Rückzug ab und diese hatten eine wirkliche Belagerung anszuhalten. Aber sie drangen auf ihre Gegner mit solcher Heftigkeit ein, daß sich die ersten Reihen bald lichteten und drei Deutsche tödtlich getroffen zu Boden fielen. Ein einziger Franzose, ein Soldat des burgundischen Regimentes, namens. Ledrange, war bei diesem Zusammenstöße verletzt worden. Ein Schuß hatte ihm das rechte Handgelenk zerschmettert, aber er faßte nun seinen Säbel mit der linken Hand und ging mit erneuerter Kampflust zum Angriff über. Zum zweiten Male drangen die Franzosen auf die deutsche Mannschaft ein, die sie nicht mehr erwartete, und nach allen Richtungen die Flucht ergriff. Ihre Angreifer folgten ihnen; Einige, die in der Hast zu Boden gestürzt waren, wurden getödtet, die Anderen ergaben sich. Tony pflanzte trunken vor Freude die französische Fahne auf den Schloßthurm, um dem Marschall von Sachsen nnd dem Marquis von Langevin auf solche Weise anzudeuten, daß sie von der Festung Besitz ergreifen könnten. Nr. 35 Hlustrlrtes Wiener LxtrMkUt 8sito 119 Eine Viertelstunde später hatte sich die Okkupation desselben regelrecht vollzogen und dem ehemaligen Ladcndiener der Frau Marion, dessen Ruhm die Gefährten verkündeten, wurden vom Marschall von Sachsen die schmeichelhaftesten Glückwünsche dargebracht. Ohne zu antworten zeigte der junge Sergeant auf die Leiche des armen Du Clos, bei welcher Lisbeth in Thränen aufgelöst kniete. Du Clos ist als Held auf dem Felde der Ehre gefallen, sagte feierlich der Obercommandant. Man wird ihm ein Begräbnis; veranstalten, das seiner Tapferkeit würdig ist. Was Sie aber betrifft, Sergeant Tony, so haben Sie den Gefallenen so würdig im entscheidenden Augenblicke vertreten, daß Sie auch im Regiments an seine Stelle treten können. Meine Herren, ich gebe Ihnen hiemit bekannt, daß Sergeant Tony zum Fähnrich avan- cirt ist. Was, ich, schon Officier! . . I Warum denn nicht? Sie haben sich des Officiersranges würdig gezeigt und Ihre Auszeichnung ist nicht mehr als billig. Marquis von Langevin trat freudig erregt auf den neuernannteu Fähnrich zu und drückte ihm beglückwünschend die Hand. Ach, wenn Frau Marion mich jetzt sähe! dachte Tony bei sich. In diesem Augenblick hörte man Lärm an der Thür. Die Officiere, die Tony umringten, wurden Plötzlich bei Seite geschoben. Eine Frau, die wie ein Sturmwind hereingestürmt war, hing sich an Tony's Hals, den sie geräuschvoll umarmte. Wir brauchen wol nicht hinznzufügcn, daß die Dame, die in so auffallender Weise ihren Einzug hielt, Niemand anders als Frau Marion war. Seit dem Abmärsche deS Regimentes lebte die hübsche Maskenvcrleiherin fast gar nicht mehr. Sie dachte an Tony, ihren lieben Tony, der sich nun jeden Tag schlagen konnte und den sie nicht mehr wiederzusehen fürchtete. Die Frage, wo er sich jetzt befinde, was er jetzt mache und ob er auch an sie denke, beschäftigte sie unausgesetzt. Ihre Straße Jeux-Nenfs, die sie sonst so gern hatte, war ihr ganz verleidet und erschien ihr öde und traurig, seit Tony sie nicht mehr bewohnte. Ihr Laden kam ihr wie ein Gefängniß vor, jetzt, wo Tony nicht mehr neben ihr darin waltete. Also, sagte sie, nachdem sie das Alles ihrem Pflegesohn erzählt hatte, ich machte nicht viel Umstände und begab mich iu's Hotel Vilers ... Jn's Hotel Vilers? unterbrach Tony den Redefluß seiner Pflegemutter, was geht dort vor? Ich kam gerade in dem Augenblicke, als Frau Nicolo und ihre Tochter das arme Fräulein, das den Verstand verloren hat, nach Hanse brachten . . . Armes Kind! Ist das ein Unglück! . . . Aber ich mußte vor Allem wissen, wie es Dir gehe, und zum Glück erfuhr ich von Dir . . . und wie Gutes! Die beiden Frauen sollten zur Armee zurückkehren ... im Wagen war noch ein Platz . . . Meiner Treu, was konnte ich da Klügeres thun, als dem Quartier Montmartre Lebewohl zu sogen und hier bin ich nun! . . . Die vortreffliche Frau drückte einen schallenden Kuß auf die Wange des jungen Mannes. Tony war feuerroth geworden; nicht als ob er sich Frau Marion's geschämt hätte, aber er fürchtete, daß die Officiere diese Zärtlichkeit einer jungen Frau einem Gardisten von siebzehn Jahren gegenüber etwas befremdlich finden würden. Aber Frau Marion sah trotz ihrer etwas derangirten Toilette ungemein appetitlich aus und hübschen Frauen sieht man gerne Manches nach. Hinter Frau Marion kamen Mutter Nicolo und ihre Tochter. Mit ihrem gewöhnlichen Ungestüm war Tony's Pflegemutter vorausgeeilt und wie eine Bombe in's Schloß gefallen. Mutter Nicolo wartete ehrerbietig, bis der Marquis von Langevin sie zu sich bescheiden ließ. Bei ihrer Ankunft hatte man ihr von dem Scharmützel erzählt, dessen Helden Tony und seine Leute gewesen waren. Als Bavette von der Gefahr hörte, in der Tony geschwebt hatte, fing sie zu weinen an . . . dann, als sie von seiner Beförderung zum Fähnrich vernahm, war sie plötzlich nachdenklich ge- worden. Gewiß, sie war für ihn stolz über dieses unerwartete Glück. Aber wenn sie daran dachte, Leits 120 Nlustrlrtss iVieoer LltrsblLtt _ Ar- 35 daß, wenn auch der Marquis von Vilers ihr Vater war, sie doch auch blos eine einfache Marketenderin zur Mutter hatte, überkam sie ein ängstliches Gefühl, ob Tony, der jetzt ein glänzender Officier geworden war, nicht zu hoch über ihr stünde. Wird er den Bastard nicht verachten? sagte sie sich mit einem Seufzer ... ^ 4 . Die Verfolgung. Während des Marsches des Armeekorps beschäftigten sich Lacy, Lavenay und Maure- vailleS mit der Frage, was auS Vilers geworden sein möge. Er war fort mit der Absicht, sich tobten zu lassen. Hatte er sein unheimliches Versprechen gehalten? Bei den ersten Etapen konnten sie feststellen, daß er sich gegen die Grenze gewendet hatte, denn an jedem Orte fanden sie Zeichen, daß er Vornbergekommen war. Ja, bestätigten die Bauern und Gastwirthe, bei denen sie sich der Reihe nach erkundigten, es kam hier ein Officier der Garden vorüber und schien es sehr eilig zu haben, denn er erkundigte sich genau nach den Entfernungen, damit er, wie er sagte, die Etapen verdoppeln könnte. VilerS schritt also dem Tode möglichst rasch entgegen. ... , ' ' Die Freunde konnten nicht umhin, ihn zu . bedauern. So gut, so tapfer einer geliebten Frau entsagen, um dtn Tod in deu feindlichen Reihen zu suchen...'. Ach, wäre nur nicht ihr Eid gewesen, dieser furchtbare Eid, der in F. feierlich geleistet und in Blenancourt erneuert worden war. Ohne diesen Eid, den^ sie nicht verletzen durften, wären sie VilerS nachgecilt. und hätten ihm zugerufen: „ - Opfere Sich nicht, bleibe bei NnS, die wir wie ehedem Deine Freunde sind! ' ' Beim fünften Marschtage verlor man seine . Spur. Ein Bauer bemerkte, daß es einen viel näheren Weg gebe, a's den, den sie tingeschlagen, der aber allerdings auch viel schlechter war. Offenbar hatte Vilers, der nur von den Vortheilen, die der Weg bot, sprechen gehört hatte, diesen eingeschlageu. Die Officiere sagten sich, daß sie ve» muthlich bei ihrer Ankunft an den Ufern der Schelde erfahren würden, daß der Marquis eiurS ruhmvollen Todes gestorben sei. ' Dennoch ^ erfuhren Lavenay, Lacy und Maurevailles, die nach verschiedenen Seiten auseinander gegangen waren, Nichts, waS ihre Ver- muthung, daß Herr von Vilers gekostet worden sei, bestätigt hätte. Freilich hatten bis jetzt nur Vorpoften- gefechte und kleine Scharmützel stattgefundeu und vielleicht hatte eS der Marquis von Vilers seiner nicht für würdig erachtet, bei einem solchen zn fallen, meinte Lacy. Wenn er uns nicht zum Narren gehabt hat, warf Maurevailles ein. Was hätte er davon gehabt? gab Lavenay zur Antwort. Was kann also aus ihm geworden sein? . Das weiß ich nicht. Vielleicht ist ihm ' unterwegs ein Unfall zugestoßen. ^ _ W,artet, bemerkte Marc von Lacy, mir -'fällt Etwas ein. Am Ende hat Vilers nicht als Hauptmann, sondern als einfacher Soldat seinen Tod gefunden. ' "Das wäre leicht herauszubringen'. Seit der Verfügung' des Herrn von Vauban wird der Harne eines jeden Einzelnen veröffentlicht, der gefallen ist, ob er nuu Officier oder gewöhnlicher Soldat ist? Bis jetzt ist gottlob die Zahl der Leute» die wir verloren haben, nicht so groß, als daß ,eS uns nicht ein Leichtes wäre, die Liste nachzusehen. ' Sie holten Erkundigungen ein und ließen sich die Totztenlisten zeigen. Von Vilers keine Spur. ^ ° Es war auch kein Grund, anzunehmen, baß . er unter falschem Namen umgekommen wäre. Die gefallenen waren?- lauter alle Soldaten? die ^ ihrm 'Mmeratzen bekannt waren und deren Identität die Letzteren Nachweisen konnten. Nr. 36 Illustrirtes Wiener üxtrLdl»tt Leite 121 Wahrhaftig, rief Lavenay, Vilers muß sich unterwegs irgendwo aufgehalten haben, da ihn Niemand gesehen hat. Jedenfalls ist er hier nicht getödtet worden, fügte Marc von Lach hinzu. Hört, sagte Maurevailles, ist Euch nicht das Zusammentreffen der Abreise der Marquise mit der seinigen ausgefallen? Du kannst meiner Seel' Recht haben, rief Laveney. Wenn er mit ihr vielleicht an einem Orte zusammengekommcn ist, der schon früher bestimmt war? . . . Das ist nicht möglich. Weßhalb denn nicht? Weil ich nicht einsehe, was für einen Beweggrund er gehabt haben könnte, uns die sentimentale Scene vorzuspielen. Welchen Beweggrund? Das ist sehr einfach: uns vor Allem in Sicherheit eiuzuwiezen und noch einmal das Glück zu versuchen, um vielleicht die erste Entscheidung zu annnlliren, und dann, um Dank dieser vorgeblichen verzweifelten Resignation den Gewinner Maurevailles zu bestimmen, ein Jahr Aufschub zu beantragen, das der Verräther, welcher von uns für todt gehalten werden soll, lustig mit seiner Frau verbringen wird, indem er sich über unsere Leichtgläubigkeit lustig macht . . . O nein, das ist unmöglich, das wäre eine zu große Perfidie. Spricht sein erster Verrath nicht gegen ihn ? Nur scheint er diesmal geschickter als wir gewesen zu sein! Aber wehe ihm, wenn wir ihn treffen! Die Nvthmäutler waren nicht betrogen worden. Vilers halte in gutem Glauben gehandelt, als er schwor, daß er seinen Tod in der Schlacht suchen wolle. Er war zu diesem Zwecke abgereist und suchte, mit verhängtem Zügel reitend, die kürzesten Wege auf, um so rasch als möglich znm Heere zu stoßen. Wenn die Rothmäntler sich aber bei den Bauern genauer erkundigt hätten, so würden sie erfahren haben, daß vor ihnen eine Frau vorüberkam, die, ebenso wie sie, einem Officirr nachforschte, der denselben Weg eingeschlagen haben sollte. Daß die Frau die Marquise war, wird man bereits errathen haben. Sie hatte von dem Fenster, an dem sie saß, Vilers bemerkt, der im Galopp davonritt. Da kam ihr ein Einfall. Der Magnat war nicht da, um sie zu überwachen . . . wie wär's, wenn sie es versuchte, zu entfliehen, und sich mit ihrem Gatten wieder zu vereinen? Schnell raffte sie ihr Geld und ihre Schmucksachen zusammen nnd ließ sich ein Pferd satteln, um Demjenigen zu folgen, dem ihr ganzes Herz gehörte. Aber der Marquis hatte einen ziemlichen Vorsprung und überall, wo sich Haydöe erkundigte, erfuhr sie, daß ein Officier, dessen Beschreibung auf den Marquis paßte, vor einigen Stunden vorübergekommen war. Frau von Vilers reiste fast ununterbrochen drei Tage und zwei Nächte, und machte nur Rast, um ihr Pferd füttern zu lassen und ihm einige Stunden Ruhe zu gönnen, ohne welche das arme Thier nicht seinen Weg hätte fortsetzen können. Am Morgen des dritten Tages erfuhr sie, daß der beschriebene Officier vor einer Stunde in dem Dorfe, wo sie sich aufhielt gewesen, war. Ich sah ihn vorbcikommen, sagte ein Bauer. Sein Pferd war fast lahm und schleppte sich nur noch mit Mühe. Ich glaube, daß es Ihnen nicht schwer fallen wird, ihn eiuzuholen. Haydie spornte ihren Gaul au und da? war sehr unvorsichtig von ihr, denn wenn des Marquis Pferd müde war, so war's das der jungen Frau nicht weniger. Nach Ablauf von zwei Stunden fiel es erschöpft zusammen. Aber Frau von Vilers war weit davon entfernt, ihre Sache deshalb aufzugeben. Sie begab sich zu Fuß in das nächstgelegeue Dorf, mit der Absicht, um jeden Preis ein Arbeitspferd zu kaufen, mit dem sie ihre Reise fort- setzen wollte. Die erste Person, an die sie sich zu diesem Zwecke wendete, stieß einen Ausruf des Erstaunens aus. Ah, Sie auch! Wie, auch? fragte Haydee überrascht. Ja, weil Sie heute die zweite Person sind, die sich in gleicher Absicht an mich wendet. »Der Schwur der Rothmüntler." lilusNirtes wiener LxtradlLit ^ Keil« 122 " Das Herz drr jungen Frau schlug zum Zerspringen. Wer war die erste? fragte sie. Ein Edelmanu, ein Officier. In wrißblauer Uniform. Ja. Das war also er, dachte Haydee und fugte laut hinzu: Hatte er denn kein Pferd? Sein Pferd hat das Bein gebrochen, als er gerade in's Dorf kam. Es war übrigens ganz hin und hielt sich kaum mehr auf den Füßen. Und da habt Ihr ihm ein anderes verkauft, fragte Haydöe in athcmloser Spannung. Nein» ich hatte keines, aber ich wies ihn an den großen Jacob, den Hufschmied, der ihm vielleicht eines verschaffen kann. Wo wohnt der Mann? Ta unten rechts das letzte Haus. Sie können es scheu, das Schmiedefeuer brennt. . . Frau v. Vilers lief in die Schmiede. Dort erfuhr sie zu ihrer größten Freude, daß das gewünschte Pferd nicht geliefert worden war. Ich bekomme es selbst erst morgen, sagte der Hufschmied, und der Herr kommt cs Früh abholcn. Wo ist der Herr jetzt? In dem Gasthause „zur Krone", es gibt hier nur das e u . Gehen Sie durch das Gäßchen rechts, dann wenden Sie sich nach links. Es ist das dritte Haus nach dem Marktbrunnen und hat einen Tanneuzweig ober der Thür, das ist das Gasthaus Meister Gatiuais'. Haydöe ging so schnell sie ihre Füße trugen in das ihr bezeichnet Wirthshaus und stieß hallig die Thür auf. In der großen Wirthsstnbe saß ein Mann in der Nähe des Kamins und stützte den Kopf mit beiden Händen. Bei dem Geräusche der sich öffnenden Thüre blickte er sich um. Es war der Marquis von Vilers. ?lr. 86 ^ o. Liebe für Tod. Beim Anblicke der Frau, die er so sehr geliebt hatte und noch immer glühend verehrte fuhr der Marquis in die Höhe. Manu und Frau stießen gleichzeitig einen Schrei der Freude und des Entzückens aus und eine Sccnnde später lagen sich Beide in den Armen, indem sie abwechselnd lachten und weinten. Es kam ihnen vor, als ob sie einander zum ersten Male küßten, als ob die Vergangenheit ansgelöscht wäre. Die Stimme des Wirthes Gatinais führte sie in die Wirklichkeit zurück. Wo waren Sie? In einer ordinären Torf- schäuke, auf halbem Wege nach den Niederlanden, wo Vilers gelobt hatte, sterben zu wollen. Schnell, dem Herrn Capitän sein Diner, rief Meister Gatiuais, dessin breiter Rücken die Thür fast verdeckte, seiner Magd zu. Lassen Sie es in meinem Zimmer auf- tragen, befahl der Marquis. Der Wirth drehte sich jetzt erst um und erschöpfte sich in Verbeugungen gegen die Marquise. Wie Sie befehlen, Herr Capitän, sagte er. Und ich hoffe, daß die gnädige Frau zufrieden sein wird. Das blaue Zimmer, das Sie bekommen werden, ist das Schönste, was man weit und breit sehen kann. Alle Möbel stammen aus dem Nachlasse unseres verstorbenen Pächters. In der Residenz wird man keine schöneren finden. Wir werden ja sehen, meinte lächelnd drr Marquis, indem er die großthuerischen Anpreisungen des Wirthes unterbrach. Vorläufig danke ich Ihnen. Führen Sie uns in Gottesnamen in das vielgerühmtc blaue Zimmer und lassen Sie auftrageu, sobald ich läuten werde. Meister Gatiuais beeilte sich, den Befehlen des Capitäns nachzukommen und zog sich zurück, sobald der Tisch gedeckt war. Du wußtest also, daß ich Dich für todt hielt, sagte die Marquise vorwurfsvoll, als sie mit ihrem Gatten allein war, und statt mich - Nr. 96 v Hlvstrütes IV jener Hxtr»dlLtt Zelts 123 zu beruhigen, weichst Du mir aus. War das recht von Dir? Haydöe, antwortete ihr Gatte, lnklage mich, statt mich zu verurtheileu. So sprich doch wenigstens, rechtfertige Dich. Der Capitän, der, wie wir wissen, der Marquise bisher Alles verschwiegen hatte, was sich auf den Eid in D . . . bezog, um sie nicht zu betrüben, erzählte ihr nun Alles, was sich seit dem verhängnißvollen Tage, an welchem die vier Freunde sich unbedachtsamerweise durch ein Gelübde gebunden, zugetragen hatte. Die Marquise weinte, aber nicht blos ans Entsetzen über das Schreckliche, was sie hören mußte. Du liebst mich nicht, sagte sie, indem sie mit Schluchzen innehielt, sonst hättest Du nicht in so unwürdiger Weise an mir gehandelt Wenn Du Dich damals in Jngersheim zu einem so frevelhaften Spiele hergabst, so will ich das noch hingchen lassen in Anbetracht dessen, daß Du mich zu dieser Zeit noch nicht so genau kanntest. Aber wie konntest Du später, in Bleuanconrt, diesen schmachvollen Eid erneuern, mich sozusagen nochmals auszuspiclen. und was das Schlimmste ist, Dich verpflichten, mich zur Witwe zu machen, zur Witwe nach Dir, den ich so heiß geliebt habe! Dennoch will ich Dir verzeihen, aber Du mußt Dich am Leben erhalten, für mich, Deine Haydee. Nick/ wahr, Tn wirst's? Sie hatte stürmisch feine Hände umklammert und blickte ihm flehend in die Augen. Der Marquis stieß sie sanft von sich. Sie würden mir niemals vergeben, es geht nicht. S'e, immer sie! Warum sollen wir den» immer au sie denken? Dachtest Du au sie, als wir auf der Insel St. Louis lebten, auf dem kleinen Flecken Erde, wo wir so glücklich waren? Ach, wie soll ich sie vergessen? . . . Sie haben mein eingeschläfertes Ehrgefühl wieder erweckt . . . Die Verachtung meiner selbst würde, mich tödten. Dich tödten? In meinen Armen? Aber gehe doch! Ich bitte Dich, schweige. Deine Worte berauschen mich und machen mich meiner Pflicht abtrünnig. Lebe wohl. .. Du liebst mich also nicht mehr, da Du mich einem Wahne opfern willst! Ich bete Dich an! Dein Name, nur Dein Name allein wird auf meinen Lippen schweben, wenn ich in den Kampf ziehe und wenn ich falle. Ich gehe mit Dir. Die Welt ist so groß! Wir werden uns verbergen und die Erinnerung an die schreckliche Vergangenheit auszulöschen suchen, die uns nur wie ein Traum erscheinen wird. Und die Ehre, ist die auch nur ein bloßer Traum? Es wurde still nach diesem einen Worte, das eine so große Tragweite hatte. Plötzlich erhob sich die Marquise, kreuzte die Arme über der Brust und stellte sich vor den Capitän hin. Ach so! Und ich? Ich bin in dieser ganzen Angelegenheit so gar Nichts, eine einfache Null, über die man nach Gutdünken verfügt, die man so ohne Weiteres seinem Freunde vermacht. Und Sic wagen es, von Ehre zu sprechen! Gut, reden wir jetzt davon. Sie wollen dem Eide treu bleiben, der Sie an Ihre Freunde bindet. Aber diese Treue ist sehr rühmenswerth nnd verspricht eine schöne Garantie, denn auch mir haben Sic am Altäre vor Gott und Menschen Treue gelobt. Sie haben geschworen, mich zu lieben, mich zu beschützen bis zur letzten Stunde, die Gott Ihnen gibt. Damals sprachen Sie nicht davon, diese Stunde willkürlich hcrbeiznsühren. Eid dann gegen Eid! Machen Sie sich das mit Ihren Freunden aus, wie Sie glauben, ich aber fordere von Ihnen, daß Sie mir Wort halten in dem, was Sie nur versprachen. Ich habe einen Gatten, dem ich ganz angrhöre und von d.m ich will, daß er mir angehören soll. Während die Marquise sprach, hatte sie sich mit wogendem Busen und flammenden Angen über Vilrrs geneigt, nnd wie ein Geizhals, der seinen Schatz ängstlich bewacht, streckte sie die Arme ans, als ob sie ihn ergreifen, verhindern wollte, daß man ihn ihr nimmt. Frau von Vilrrs war in der That unwiderstehlich. Bei der Berührung ihrer heißen Hand streckte der Marquis, den ihre Reize berauscht nnd ihre Beredsamkeit besiegt hatten, die Arme nach ihr aus und indem er sie leidenschaftlich Lsits 124 llluztrlrtsg Wiener LxirablLtt Nr. 36 an sein Herz drückte, rief er hingerissen von seinen Gefühlen: Ach, was liegt mir an den Anderen! Was kümmert mich die übrige Welt! Dn liebst mich und ich bete Dich an. Ich habe Dir meinen Namen gegeben und Du gehörst jetzt mir. Was kann es Heiligeres geben als das Band, das uns aneinander knüpft. Ach, mir kommt es vor, als ob ich wieder zum Leben erwachen würd". Ihre Lippen begegneten sich in heißen, brennenden Küssen und sie hielten sich lange und fest umschlungen. - Die drei Freunde, Blenaucourt, Alles war für sie vergessen, für sie gab es nur zwei Wesen, die sich des wiedergefundeneu Paradieses freuten! Unten brummte Meister Gatinais, der Gastwirth „zur Krone", der sich lange abmühte, um sein schönstes Huhn am Spieße goldgelb zu braten, weil cs Niemandem einfiel, nach dem Produkte seiner Kochkunst zu fragen. 6 . Der geheimniszvolle Held. Der Feldzug hatte begonnen. Moriz von Sachsen, der, bevor er nach Blenaucourt ging, in Versailles mit allen Ehren eines Siegers empfangen worden war, hatte die Kaiserlichen für die halben Repressalien, die sie, verwegen geworden, während seiner Abwesenheit genommen hatten, thener bezahlen lassen. Wenn der Herzog von Lothringen, der die österreichische Armee befehligte, Verstärkungen erhalten hatte, so führte auch Moriz von Sachsen solche den Franzosen zu. Uebrigens war seine Gegenwart allein schon von Wichtigkeit für die Armee. Dieser Mann, den wiederholte Fieberanfülle geschwächt hatten, der, von der Wassersucht gepeinigt, sich kaum bewegen konnte, war ans dem Schlachtfelde von einer an's Wunderbare grenzenden Hellseherei. Die Strategie ließ ihn alle seine Leiden vergessen. Die französische Armee hatte sich vor Brüssel vereinigt. Ein Corps von achtzig Eskadronen und zwanzig Bataillonen unter Anführung des Vicomte von Chayla campirte in Dendcrmonde. Der Prinz von Conti commandirte die Rheinarmee, von der Moriz von Sachsen vicrnnd- zwanzig Bataillone und siebennnddreißig Eskadronen abtrennte, um Mons, Namur und Charlcroi zu beunruhigen. Die Cavallerie und die Dragoner hielten die rechte Seite des Lagers besetzt, die Carabiniers waren links und in der Mitte war die Artillerie und die französischen Garden. Die Vereinigung der Truppen hatte sich nicht vollzogen, ohne daß die Kaiserlichen einige Anstrengung gemacht hätten, um sie zu verhindern. Zu wiederholten Malen waren ihre Husaren bis zu dem Lager vorgedrungen, um den Versuch zu machen, sie zu überrumpeln. Sie waren jedesmal zurückgeschlagen worden. Bei jedem neuen Angriffe, wo die französischen Truppen hervorbrachen, um den Feind zu verjagen, brach immer rin Mann in den ersten Reihen hervor, der mit wahrhafter Wuth kämpfte und alsbald verschwand, wenn der F.ind ans der Flucht war. Niemand wußte, wer er war und woher er kam. Einige Male schon hatten die Officiere, an deren Seite ec kämpfte, ,es versucht, seiner habhaft zu werden, um ihn^zu beglückwünschen. Alles umsonst, er war wie -om Erdboden wcg^-' gefegt. ' ' Im Lager hatten sich verscksiedene Gerichte über den geheimnißvollen Fvemdljng^ verbrätet. Die Einen erzählten, daß dör unbekannte Held ' ein österreichischer hoher Aristokrat war, der dem Herzog Carl simdlich gesinnt war. Andere wieder wollten wissen, daß er ein belgischer Patriot wäre nnd mit Frankreich sympathisire, und da er seine politische Anschauung nicht öffentlich bekennen wollte, ihr auf diese Weise Ausdruck gab, indem er sich für Frankreich mit hartnäckiger Erbitterung schlug. Tie ganze Geschichte streifte an's Legendenhafte und der Umstand, daß der Unbekannte immer Plötzlich anftauchte, um dann rasch wieder zu verschwinden und daß er immer von den feindlichen Kugeln verschont blieb, trotzdem er gerade immer da war, wo der Kampf am heftigsten tobte, hatte im Lager den Glauben Nr. 37 Illustrlrtes wiener 8xtr»d1»tt 8slts 125 erweckt, daß man eS mit dem Teufel selbst zu thun hatte. Thatsache war, daß der Fremde den Tod zu suchen schien und trotzdem unverletzt blieb. Maurevailles, Lacy und Lavenay hatten von dem geheimnißvollen Fremden sprechen gehört, ohne ihn zu Gesichte zu bekommen. Sonderbarerweise hatte der Fremde noch nicht Gelegenheit gehabt, in den Reihen der französischen Gardisten zu kämpfen. Als das Lager am 3. Mai von den Panduren des Baron Trenk angegriffen wurde, war der „Teufelskerl", wie man ihn nannte, bei den Regimentern Sanitonge und Nivernois. Am 6. Mai, als es zwischen dem Grafen v. Lowendal und den feindlichen Husaren zum Handgemenge kam, war er cs, der in den Reihen der sächsischen Freiwilligen mit eigener Hand den österreichischen Hauptmann tödtete. Die kaiserliche Armee, die vor Louvain eine dicht geschlossene Colonne bildete, hatte, von den Franzosen getrieben, den Deiner passirt. Als Louvain besetzt wurde, war der erste Soldat, der daselbst einzog, niemand Anderer, als der unbekannte Held, den ein mysteriöser Nimbus umgab. Das Vordringen der Franzosen dauerte einige Tage. Sie überschritten La Dyle, besetzten Malines, die Fahrstraße und die Stadt Antwerpen, dann belagerten sie die Citadelle, wo die Verbündeten bei ihrem Rückzuge fünfzehnhundert Mann gelassen hatten. Sechzehn Cavallerie-Escadronen und neun- undzwanzig Bataillone, unter welchen sich die Truppen des Marquis von Langevin befanden, hatten die Aufgabe, die Citadelle von Antwerpen einzuschließen. Die Laufgräben wurden in der Nacht vom 25. zum 26. Mai vor dem Dorfe Kiel begonnen, wo Tony seine Officiers-Epauletten erworben hatte. Zehn Tage wurde ununterbrochen gearbeitet. In der Nacht zum Dreißigsten, da die Arbeiten beendet waren, wollte der Graf von Clermont-Prince, der die Belagerungsarbeiten leitete, eine erste Probe machen. . Der Festungswall hatte eine Bresche, durch die man aus- und eingehen konnte. Es handelte sich darum, zu erfahren, ob die Feinde, die sich in eine bestimmte Entfernung vom Walle zurückgezogen hatten, noch länger den schwachen Punkt halten konnten. Der Graf von Clermont verlangte zwanzig Mann, die vom guten Willen beseelt waren und einen Officier, der sie führen sollte. Die zwanzig Mann kamen, geführt von einem Fähnrich. Der General warf auf diesen einen überraschten Blick. Da scheint . ein Jrrthum vorzuwalten, murmelte er verlegen. Tony, denn dieser war es, lächelte, und that so, als ob er seinen Schnurrbart, der ihm indessen noch fehlte, drehen würde. Wahrscheinlich schreckten Sie vor meinem mädchenhaften Aussehen zurück, aber fürchten Sie Nichts, Herr General, sagte mit Selbstbewußtsein der junge Fähnrich. Ich bin zwar erst achtzehn Jahre alt, aber fragen Sie den Marschall von Sachsen, der mich selbst im Markgrafenschlösse zum Fähnrich avanciren ließ, ob ich Ihres Vertrauens würdig bin. Ah! Sie sind der junge Held von damals, meinte wohlwollend der General. Dann allerdings gestaltet sich die Sache anders und ich glaube, die wichtige Angelegenheit in Ihre Hände legen zu dürfen. Es handelt sich jetzt darum, fuhr er nach einer Pause fort, bis zur Bresche zu gelangen, ohne gesehen zu werden. Ja, Herr General. Dann in die Citadelle zu gelangen und die Umgegend so weit als möglich zu erforschen. Es soll Alles geschehen, wie Sie es wünschen, Herr General. - Tony entfernte sich, gefolgt von seinen Leuten. Die Bresche war leer. Die Faschinen wurden ohne Unfall in die Gräben hinabgelässen, die Leitern an die Mauern gelehnt.. . Nicht ein feindlicher Soldat kam zum Vorschein. Die zwanzig Mann mit der Muskete im Bandelier, den Säbel zwischen den Zähnen, stiegen leise hinauf, Tony war der Erste. Ein burgundischer Sergeant schloß die Reihe, bereit, Demjenigen seinen Degen in den Rücken zu pflanzen, der zurückgewichen wäre. Leits 126 INvsirines Vviener ürrradlatt v Nr. 37 > Ter Aufstieg vollzog sich gleichfalls glücklich und man kam unversehrt auf dem Walle au. Die zwanzig Franzosen näherten sich langsam, indem sie mit den Blicken das Dunkel zu durchdringen suchten. Plötzlich bog sich die Leiter unter der Last eines neuen Ankömmlings. Ein Mann kam keuchend und athemlos hinanfgestürmt. Flieht, schrie er, flieht. Der Boden, auf dem Ihr sieht, ist unterminirt... Bei dem Klange der Stimme drehten sich alle Soldaten um. Der geheimnißvolle Soldat, murmelte einer von ihnen. Der Marquis von VilerZ! sagte Tony bestürzt. Sie sind's, Sie! Es war in der That der Marquis von Vilers. Wenn er ein gewöhnlicher Mensch gewesen wäre, hätte er nach seiner Begegnung mit der Marquise die Ereignisse sich vollziehen lassen, so wie sie an ihn herangetrcten waren, und hätte mit der geliebten Frau, die ihm ein Zufall neuerdings in den Weg geführt hatte, sich in ein weltvergessenes Nest zurückgezogen, um seiner Liebe und seinem ehelichen Glücke zu leben. Vilers aber war kein gewöhnlicher Mensch. Soll ich von Neuem mein Wort brechen, sagte er sich, bin ich nur dazu da, um als Vcrräther und Feigling zu gelten! Ich habe versprochen, Haydee reicht mehr wiederzuschen, doch es lag nicht an mir, daß es anders kam. Aber- mein Geschick soll sich vollziehen, denn der Eid, den ich meinen Freunden geleistet, ging dem Schwure voraus, der mich an Haydee band, und ich Witt als Ehrenmann sterben. Und trotz der Bitten der Marquise, die darauf bestand, ihm folgen zu wollen, entschloß er sich, nach Paris zu gehen, wo, wie er wußte, der gute Joseph sie in seinem Hotel freudig willkommen heißen würde. Tort wollte er sich mit einem guten Pferde versehen und langsam und traurig seinen Weg nach dem Schlachtfelde einschlageu, wo der Tod ihn erwartete. Ja, ich bin's, sagte er zu Tony, der ihn soeben erkannt hatte, aber ich wiederhole es Euch, rettet Euch um Gotteswillen. Ich habe von unten die brennende Lunte gesehen und in wenigen Augenblicken hatte sie das Pulver . . . Er hatte nicht mehr Zeit, den Satz zu vollenden. Eine furchtbare Explosion erfolgte. Tony, seine zwanzig Mann und der Marquis wurden inmitten der Stein- und Holztrümmer in die Luft geschleudert, bevor sie, furchtbar verstümmelt und sterbend oder todt, in den Trümmerhaufen zurücksanken. Die Kaiserlichen, die sich in die Noth- wendigkeit versetzt sahen, zu capituliren, wollten wenigstens noch einen letzten Streich versuchen. Die geschleifte Bastei war von ihnen unterminirt worden. Sie hofften auf einen allgemeinen Ansturm gegen dieselbe und beabsichtigten ans diese Weise, mit ihrer Bastei einen Theil der französischen Armee und vielleicht des Generalstabcs in die Luft zu sprengen. Ihr Plan war gescheitert, denn nur wenige Leute hatten ihr Leben dabei verloren. Unter diesen Wenigen waren, wie wir gesehen haben, der Fähnrich Tony und der mysteriöse Kämpfer, der eine Zeit lang so viel von sich reden gemacht. Die Gefühle, mit denen die Franzosen den nächsten Tag in der Citadelle von Antwerpen ein- zogeu, waren die denkbar wchmüthigsten, als man sich der auf so furchtbare Weise Getödteten erinnerte. Wie alle Welt, so hatten auch Lavenay, Lacy und Maurevailles -von der Explosion ans der Bastei und den Opfern, die sie gefordert, gehört und jetzt war auch das Näthsel gelöst, das so lange unaufgeklärt geblieben war. Der burgundische Sergeant, der der Letzte in der kleinen Truppe war, welche Tony com- maudirt hatte, war nicht todt. Er hatte das Glück gehabt, in die Gräben der Citadelle zurückzufallen und das Wasser hatte den Fall abgeschwächt. Als er ansgeforscht wurde, erzählte er von dem Erscheinen des Unbekannten und wie dieser von Tony genannt worden war. Nr. 37 lllusirirles ^Vicuer HxtrsblAtt ' Lüito 127 Sie begriffen jetzt, warum ffe den Marquis niemals gesehen hatten und glaubten zu crrathen, weßhalb er nicht in den Reihen der Gardisten gejochten hatte. Seine letzte That war ein Act der Hingebung, sagte feuchten Auges Laveney. Ehre seinem Andenken. Ich hätte ihm gerne noch einmal die Hand gedrückt, murmelte Maurevailles düster vor sich hin, aber er schien uns zu fliehen. Ja, er hatte Recht. Vilers floh seine Freunde, weil er bei der Erinnerung, daß er zum zweiten Male nahe daran war, seinen Schwur zu brechen, hätte erröthen müssen. Er zog es vor, den Rothmäntleru aus- zuweichen. Erst als er die Soldaten, an deren Spitze Tony stand, den er wie einen Freund und Bruder liebte, die Bresche hinaufsteigen und einem gewissen Tode entgegeneilen sah, entschloß er sich, zum ersten Male das Lager der französischen Garden aufzusuchen. Als der erste Schmerz vorüber war, dachte man daran, die Tobten zu suchen. Der Marquis von Langevin, der der Verzweiflung nahe war, wollte der Leiche Tonys die gebührenden Ehren erweisen lassen, während die drei Freunde beabsichtigten, Vilers' irdische Ueber- reste feierlich dem Grabe zu übergeben. Aber trotz der genauesten Untersuchung war cs unmöglich, in dieser blutigen Masse von Fleischfetzen und Trümmern die beiden Leichen zu erkennen. 7 . Nuter den Todteu. Wenn es dem Marquis von Langevin und den drei Freunden nicht gelang, die Körper des Marquis und des Fähnrichs herausznfindeu, so lag die Ursache darin, daß sie zu spät gekommen waren. Sie hatten in der That erst am nächsten Morgen nach der Räumung der Citadelle ihre Nachforschungen beginnen können; in der Nacht aber, die der Explosion folgte, war eine Frau, die von dem furchtbaren Ereignisse gehö-t hatte, auf der Uuglücksstätte erschienen. Die Frau war Madame Marion. Sie hatte von der Entfernung Tonys mit einem Häuflein Freiwilliger gehört und sic wußte, daß er wieder ans eines jener Wagnisse ans- gezogen war, wie sie seit zwei Monalen fürchtete. Wenn es auf sie angekommen wäre, so hätte die arme Frau, deren Herz bei dem Gedanken an die Gefahren blutete, denen ihr Adoptivsohn sich anssetzte, Tony gewiß zurückgehaltcn. Aber Frau Marion wußte nur zu gut, daß jeder Versuch, Tony zu überreden, fruchtlos wäre. Sie begnügte sich demnach, für ihn zu beten und ängstlich und voller Spannung auf seine Rückkehr zu warten. Ein schrecklicher Knall machte die arme Frau bis in's Innerste erbeben. Sie stürzte ans dem Hause, in dem sie wohnte und lief in's Lager. Da hörte sie, wie die Soldaten davon sprachen, daß die Citadelle in die Luft gegangen sei und daß Alle todt wären. Todt! Alle. Und Tony hatte sie angeführt! Tony war todt. Ach! rief sic verzweiflungsvoll. Ich ahnte es ja, daß cs ihm diesmal an's Leben gehen würde. Die Soldaten hielten sich in der Defensive, da man überlegte, ob nach dieser Explosion die Garnison nicht einen verzweifelten Ausfall versuchen würde. Was aber bedeuteten für Frau Marion die Citadelle, die Kaiserlichen, die Belagerung? Tony, nur Tony allein hatte Interesse für sie. Ich muß ihn scheu, sagte sie sich, koste es, was es wolle. Sie ging, unbekümmert um alles Andere, fort und gelangte zur Bresche. Der Anblick, der sich ihr bot, war furchtbar, herzzerreißend. Unter den Steinen, die von weit her durch die Kraft des Sprengpulvers hergcschleudcrt worden waren, lagen Bruchstücke von Leichen, menschliche Ueberreste, denen noch Leben innc- zuwohueu schien, abgerisfl-ne Arme, Rumpfthkile, plattgedrückte Brüste und Köpfe, die vom Rauch geschwärzt waren und ans denen der Tod ihr cntgkgengrinste. 6eits 128 H1u8trirte8 Wiener LrtrablLtt Nr. 37 Frau Marion irrte inmitten dieser unkenntlichen Leichenreste herum und erschöpfte sich in Bemühungen, um Steine und Balken anfzu- heben. Nach )edem vergeblichen Versuche hielt sie zwar enttäuscht, aber nicht entmuthigt inne. Arme Frau! Welche Seelenstärke mußte sie aus ihrer Liebe schöpfen. Es wäre übrigens nicht schwer gewesen, Tony von den Anderen zu unterscheiden. Er war ja der Jüngste und der einzige Offtcier, aber das Pulver hatte die Uniformen geschwärzt und Blut und Koth hatten sie befleckt. Dennoch suchte Frau Marion noch immer. Plötzlich glaubte sie in der Nähe einer eingestürzten Kasematte einen schwachen Klagelaut zu hören. - Sie rief: Tony, Tony, bist Du's? Ein erneuertes Stöhnen antwortete ihr. Im Halbdunkel bemerkte Frau Marion einen Soldaten, dessen Brust unter einer Diele lag. Es war zu dunkel, um ihn zu erkennen, aber was es auch sein mochte, Frau Marion war entschlossen, ihm zu helfen. Es war für eine Frau eine schwierige Aufgabe, das schwere Stück Holz in die .Höhe zu heben, das auf dem Verwundeten lag. Ihre Kräfte brauchten sie nur einen Augenblick lang zu verlassen und sie mußte ihn erdrücken. Mit Anspannung aller ihrer Kräfte gelang es Frau Marion, den Balken zu entfernen. Ah! kam es wie ein Seufzer der Erleichterung aus dem Munde des Verwundeten. Wer sind Sie? Wo haben Sie Schmerzen, fragte die Retterin. Der Angesprochene antwortete nicht; er war ohnmächtig geworden. Frau Marion hatte nicht umsonst sich so angestrengt, um den armen Burschen schließlich im Stiche zu lassen. Sie nahm ihn in ihre kräftigen Arme und zog ihn zum Licht. Plötzlich stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Ihre Finger berührten eine Schnur, die um den Hals des Soldaten geschlungen war und an der eine Medaille hing. Sie kannte dieses Medaillon, das sie Tony umgehängt hatte, als er sich bei den Gardisten anwerben ließ. Tony, Tony, Du also bist's! Er sprach nicht; aber sie fühlte, wie die Lippen ihre Hand berührten. Er hatte sie ebenfalls erkannt. Sie umschlang ihn mit ihren Armen und trug ihn fort, wie wenn er ein Kind gewesen wäre. Aber es war nur die augenblickliche Aufregung, die ihre Kräfte gestählt hatte, bald ließen diese nach und sie fühlte sich außer Stande, ihre kostbare Bürde weiter zu schleppen. Sie mußte sie zu Boden sinken lassen und ließ sich weinend neben Tony nieder. Mußte sie denn ihr Theuerstes auf der Welt in demselben Augenblicke wieder verlieren, wo sie es kaum wieder gewonnen hatte. Frau Marion wollte in ihrer Verzweiflung um Hilfe rufen, auf die Gefahr hin, die Aufmerksamkeit der Kaiserlichen zu erregen, die Tony zum Kriegsgefangenen machen würden, als ein leises Geräusch sie veranlaßt?, sich umzudrehen. Einige Schritte von ihr entfernt, schlich vorsichtig ein Mann hin, der sich von Zeit zu Zeit bückte, um die Leichen genauer anzusehen und ihre Taschen zu durchwühlen. Frau Marion sah gleich, mit wem sie cs zu thun hatte. Der Mann in ihrer Nähe war einer jener Leichenmarder, die der Armee folgen, um alsdann die Todten auf dem Schlachtfelde zu plündern. Wie oft man diese auch festhielt und auf's Strengste bestrafte, immer fanden sich wieder Neue, die der Gewinn anlockte. In der furchtbaren Lage, in der sie sich befand, hatte Frau Marion Nichts zu fürchten. Halloh! lieber Freund! rief sie ihn an. Der jNann' fuhr in die Höhe und schickte sich an, die Flucht zu ergreifen; als er aber bemerkte, daß er es mit einer Frau zu thun habe, schien er sich zu beruhigen und blieb stehen. Hört, mein Lieber, sagte Frau Marion, Ihr übt da ein elendes Handwerk aus, das Euch zudem wenig einbringt. Wollt Ihr nicht lieber ein gutes Werk thun, das Euch drei Lonisd'or tragen wird? Vr. 38 ülustrlrtes Wiener Lrtrad!»tt Leite 129 Um maS handelt es sich? fragte der Mann, der sich bereits ganz von seinem Schrecke» erholt hatte. Die Soldaten, die hier liegen, antwortete Frau Marion, haben keine großen Schätze in ihren Taschen: laßt sie in Ruhe und Heist mir lieber düsen jungen, verwundeten Offner in die Stadt tragen. Recht gern. Der Leichenräuber war im Grunde des Herzens eigentlich kein schlechter Mensch. Er hob zwei Musketen vom Boden auf und legte sie kreuzweise übereinander, dann breitete er seinen dicken Mantel darüber und legte Tony behutsam auf die improvisirte Tragbahre. Könnt Ihr ihn ein Stück Weges tragen, fragte er, als er Tony'aufhob. Ob ich kann! rief die wackere Frau. Geht nur und seid gewiß, daß Ihr Eure Nacht nicht verloren habt. . . - . Frau Marion hielt Wort. Eine halbe Stunde spater lag Tony in einem guten Bette und der Leichenräuber zog sich mit wohlgefüllten Taschen zurück. Auf diese Weise erklärt es sich, warum der Marquis von Langevin den Körper seines Enkels nicht auffindeu konnte. Frau Marion war nicht die Frau, die eine Sache halb that. Deshalb machte sie sich sofort auf, um einen Arzt zu holen, da sie aber nicht wollte, daß man ihr ihren Tony wieder raube, mochte sie sich an keinem" Felvarzt wenden, sondern ließ einen Arzt aus der Stadt holen. Der Mann der Wissenschaft zog bei der ersten Untersuchung die Stirn besorgt zusammen. Sind Sic die Schwester des Verwundeten? fragte er. Nein. Also seine Frau? Er ist noch nicht achtzehn Jahre alt. Seine Geliebte? Frau Marion fuhr entrüstet zusammen. Der Doctor nahm nun an, daß er es mit einem der großmüthigen Geschöpfe zu thun habe, die sich zu allen Zelten der Pflege der Verwundeten widmen. * So kann ich also frei heraus reden. Sie können jetzt einen anderen Soldaten pflegen, dieser hier hat nur zwei Stünden zu leben. , Die arme Frau- stieß einen Schrei aus und fiel ohnmächtig auf das Bett des Sterbenden nieder. Was aber war aus Herrn von VilerS geworden ? Man erinnert sich, daß er von der Explosion in dem Momente überrascht worden war, als er den Anderen zurief, sich zu flüchten. Er war in dieselbe Richtung geschleudert worden, wie Tony. Wenn Frau Marion ihre Nachforschungen fortgesitzt und sich nicht ausschließlich mit ihrem Pflcgesohn beschäftigt hätte, würde sie bemerkt haben, daß unter demselben Balken, der Tony anfangs ihren Blicken entzog, noch ein zweiter Mann lag. Dieser Mann war der Marquis. Indem sie das Holz entfernte, daß To»ly erdrückt hätte, verschaffte sie auch ihm Erleichterung. Die frische Luft und der Morgenwind thaten ein Uebriges, da der Marquis durch den Fall nur leicht ver'etzt, keine ernstliche Verwundung davongetragen hatte. Er schleppte sich mühsam bis in die Nähe des Lagers, wo er Stimmen hörte. Zwei Soldaten unterhielten sich gerade von ihm. Weist Du, wer der Fremde war, den man überall sah ? Ja, es war der Marquis von Vilers. Der Capitän erzählte es gerade dem Herrn von Lavenay. Er ist auch umgekommen. Wie schade! Sein Tod ist wirklich be> klagenswerth! Ein solcher Held! Die Soldaten entfernten sich. Vilers wollte ihnen schon "Nachrufen, da besann er sich eines Anderen. Man hält mich für todt! Gut, ich will es dabei lassen. Es scheint, daß es Gottes Wille ist, daß man mich todt glaubt, und so soll es denn auch dabei bleiben. 8 . Seltsame Neuiglelten. Der Tod hatte eine reiche Ernte gehalten, aber die Franzosen waren Sieger geblieben. , .Der Lchwur der Rothmitntler." Leits 139 Hlustrirtss wiener LrtrLblLtt ' König Ludwig XV. zog triumphirend in Antwerpen ein und nahm die Glückwünsche Derjenigen entgegen, die ihm eigentlich zum Siege verholfen hatten. Die französische Armee setzte ihren Marsch, nur hie und da von einigen Scharmützeln aufgehalten, fort und hatte sich unterwegs Mons bemächtigt, dessen Besatzung sich bald ergab und Saint-Guislain, Sombreff, Enheven besetzt. Endlich war auch die Besatzung Charlerois' trotz der Hilfstruppen, die ihr geschickt wurden, am zweiten August gefangen genommen worden. Das Armeecorps des Prinzen von Conti hatte seine Operationen beendet und vereinigte sich mit dem des Marschalls von Sachsen, der sich anschickte, Namur zu blokiren. Die drei Freunde waren in Charleroi beisammen, wo ihr Regiment einige Stunden ausruhte. Sie prüften die Lage, in der sie sich befanden, und bemerkten, daß sie sich durch den Tod Tonys, der immerfort ans ihren Fersen war, wesentlich gebessert hatte. Auch Vilers ist todt, er hat sein Wort gehalten, sagte Lavenay. Maurevailles' Lage ist nun klar. Er braucht sich jetzt nur der Marquise zu nähern. Ah, das ist nicht so leicht, wie Ihr denkt, sagte Maurevailles. Das ist Deine Sache. Ich an Deiner Stelle hätte bei dem Prinzen Conti, der uns verläßt, um sich einige Tage in Paris aufzuhalten, um die Erlaubniß nachgesucht, ihn begleiten zu dürfen. Das thue ich nicht, sagte Maurevailles. Und weßhalb nicht? Weil ich gleich nachdem ich den Tod des Marquis erfuhr, zwei Boten abschickte, einen nach Blenancourt, den anderen nach Paris. Nun? Der Bote aus Blenancourt ist schon zurück und theilte mir mit, daß von der Marquise daselbst keine Spur ist. Den anderen Boten aus Paris erwarte ich noch und wird er mir sagen, ob Frau von Vilers, wie ich vermuthe, sich zn ihrer Schwester Röjane begeben hat. Ach, die arme Röjane, sagte mitleidig Lacy. In so jungen Jahren von einem so furchtbaren Unglücke getroffen zu werden! Ich bitte Dich, schweige! rief Maurevailles? Du erweckst Gewissensbisse in mir. Ja, ja, das arme Kind liebte mich. Ach, meine Herren, ich frage mich bisweilen, ob das, was wir thun, nicht frevelhaft und sündig ist, ob ein Beginnen, dem zwei tapfere Männer zum Opfer fielen, das einem unschuldigen reinen Kinde den Verstand raubte, nicht verdammenswerth ist! Nun, es liegt ja nur an Dir, Verzicht zu leisten. Nein, ich habe geschworen und ich werde meinen Eid halten. Höre, sagte Lacy, liebst Du Rojane? Wenn dies der Fall ist, gebe ich Dir für meinen Theil, da Vilers todt ist, mein Wort zurück. Wenn Du im Gegentheile für das arme Mädchen nur Mitleid empfindest, wie es ja in ihrer Lage begreiflich ist und Du sie ohne Eifersucht als die Gattin eines Anderen sehen kannst, dann sage ich, Marc von Lacy: Du kannst ganz ruhig sein, ich werde Alles thun, was in meiner Macht steht, um sie zu trösten und sie glücklich zu machen. In diesem Augenblicke wurde heftig an die Thüre des Hauses gepocht, in dem sie sich befanden. Ein Bote, der mit Staub bedeckt war, kam von Paris an. Es war derselbe, den Maurevailles abgeschickt hatte. Die Freunde umringten ihn. Nun, Luc, fragte Maurevailles, was bringst Du für Nachrichten? Luc zögerte und warf einen raschen Blick auf Lavenay und Lacy. Du kannst in Gegenwart dieser Herren sprechen, sagte Maurevailles, sie sind in die Sache eingeweiht und haben ebenso viel Interesse, die Ergebnisse Deiner Reise zu erfahren, wie ich selbst. Wenn dem so ist, begann der Courier, so wollen der Herr Chevalier die Güte haben, mich anzuhören. Wie Sie es mir besohlen, bin ich nach Paris geritten und in einem Gasthofe ab- gestikgen. Da es mir freigestellt war, so fiel meine Wahl auf * die „Waffenbrüder der Bretagne", deren Wirth mein Landsmann ist. Fasse Dich kürzer, unterbrach ihn ungeduldig Maurevailles. Nr. 38 lllustrlrtss Msusr Ditr»dlLtt -Leits 131 ^ Außerdem daß der Wirth dort den besten Wein ausschänkt, hat das Gasthaus auch noch den Vortheil, daß es ganz in der Nähe des Hotel von Vilers liegt. Vielleicht gar zu nahe für unsere Zwecke, bemerkte Maurevailles. Deine Anwesenheit könnte Verdacht erregen. Luc lachte. Ich hoffte, daß der Herr Chevalier mich besser kennt. Bevor ich mich im Gasthause zu den „Waffenbrüdern der Bretagne" blicken ließ, habe ich mich unkenntlich gemacht, indem ich mich meiner Perrücke entledigte, mich ä 1a maleontent frisirte und mir das Aussehen eines biederen Provinzbewohners gab, der in Paris eine Stelle suchte. In diesem Aufzuge präsentirte ich mich Vater Le Noux, den ich bat, mich mit den Herren Bedienten des Nachbarhauses bekannt zu machen. Eine gute Idee! Ja, und ich bin auch stolz darauf. Ich konnte umsomehr auf Erfolg hoffen, als ich wußte, daß die Dienerschaft jeden Abend vor dem Schlafengehen dort ein Gläschen leert und dann ein Langes und Breites über ihre Herrschaft erzählt. Du schloffest also Bekanntschaft mit den Dienern. Aber wie! Ich war bald ihr unzertrennlicher Gefährte. Wie schade, sagte eines Abends der Piqueur des Hotels zu mir, daß der Herr Marquis nicht mehr hier ist. Ihr hättet ihm gewiß zugesagt. Wo ist er denn? fragte ich ihn. Ah! Das ist eine merkwürdige Geschichte. Er hat lange für todt gegolten und die Frau Marquise ist fort von hier. Eines schönen Tages ist sie wieder gekommen und der alte Kammerdiener Joseph, der das Vertrauen der Familie genießt, hat uns gesagt, daß der Herr nicht so todt ist, als wir glauben. Dann wird er also bald zurückkommen? fragte ich mit unschuldiger Miene. O! Nicht so bald, erst nach Beendigung des Krieges, wenn er bis dahin noch lebt. Gegenwärtig schlägt er sich wie ein Löwe bei der Armee Moriz' von Sachsen. Zum Teufel! Woher wissen sie denn das? fragte Maurevailles überrascht. Vilers muß also trotz seines Versprechens die Marquise wiedel- gesehen haben. Warten Sie, Herr Marquis, das Beste kommt noch. Sprich schnell! Die Marquise, die in der That nicht au den Tod ihres Gatten zu glauben scheint, da sie keine Trauer trägt, lebt sehr zurückgezogen jn ihrem Hause. Deshalb können auch die Bedienten nach Belieben des Abends außer Haus sein. Sie läßt Niemanden zu sich als den alten Joseph, mit dem sie lange Unterredungen zu halten pflegt. Und Du hast nicht herausbringen können, was der Gegenstand dieser Unterredungen ist? Unmöglich, Herr Chevalier. Joseph ist, wie Sie ja wissen, der Marquise mit Leib und Seele ergeben und außerdem ist er unzugänglich. Das ist also Alles, was Du weißt? Nein, ich bringe eine Nachricht, die ich für sehr interessant halte. Wenn die Marquise nicht mit Joseph beisammen ist, hat die Frqu Marquise ihre Dienerinnen alle um sich und da wird fleißig zugeschnitten, genäht, kurz und- gut — Kinderwäsche angefertigt. Was sagst Du da, rief Maurevailles bestürzt, von einer dunklen Ahnung getrieben, für wen sollte diese bestimmt sein? Für wen anders, als für das Kind, dqs sie in einigen Monaten in die Welt setzen wird, sagte langsam und mit Nachdruck der Courief, der sich der Wirkung seiner Worte bewußt war. Haydöe — Mutter! riefen wie aus einest! Munde die drei Verbündeten. Das ist ja unmöglich ! Und doch ist's so. Und sie sieht der Wiederkehr ihres Gatten entgegen? Dann hat Vilers uns ja schändlich betrogen. Er hat die Marquise wiedergesehen, bevor er an die Grenze ging. Deshalb also wqr er verschwunden. Und die angeblichen Gewissensbisse wurden nur vorgeschützt, um uns zum Narren zu haben. Da er sicher sein konnte, daß wir schließlich nie ihn ob seines unwürdigen Vorgehens zur Rechenschaft ziehen würden, schläferte er unsere Wachsamkeit ein, und während wir uns über seine" Resignation betrübten und ein armes Opfer ip 8«ite 132 Llristrirtvs IVivnvr Litrsblatt Nr. 38 ihm sahen, lachte er in den Armen der.Marquise h über unsere Leichtgläubigkeit. Wie die Sachen jetzt auch stehen, sagte Lavenay. bleibt uns nichts' Anderes übrig, als die Beendigung des Krieges abzuwarten und in Paris der ganzen Geschichte ein Ende zu machen. 9 . Das Erwachen. Der Courier hatte die reine Wahrheit, gesprochen, die Marquise von Vilcrs sah Mutterfreuden entgegen. Das Glück, welches ihr während der ersten vier Jahre ihrer friedlichen Ehe versagt geblieben war, sollte sie einigen Augenblicken verstohlenen Beisammenseins zu danken haben, das den Marquis auf kurze Zeit den Wechselfällen. des Kampfes entzog. Aber mit welchen furchtbaren Empfindungen war diese Freude untermischt! Wird das Kind, dem sie das Lehen schenken sollte, seinen Vater kennen oder hatte ein grausames Geschick dasselbe vielleicht schon zur Waise^gcmacht? Die Marquise wußte noch Nichts von den Folgen der Explosion in Antwerpen. Sie glaubte, daß ihr Gatte, der der Armee als Freiwilliger folgte, in den Reihen der Truppen kämpfte. Daß sie keine Nachricht von ihm hatte, erschreckte sie nicht. Wußte sie doch, . daß er sich vor den Rothmäntlern verbarg und durch Absendung eines Briefes verrathen haben würde, daß er sie wieder gesehen habe. . , Wenn ihm ein Unglück zugestvßen wäre, tröstete' sich: Frau von Vilers, so würde' der Marquis von Langevin'mich gewiß benachrichtigt haben.- - l - - - Sie betete um die Beendigung des Feldzuges und die glückliche Rückkehr ihres Gatten, und das Gebet flößte ihr Math und Hoffnung rin. Die Marquise hatte übrigens mit ihrer Schwester Mjane vieNzu'thun, die noch immer wahnsinnig war. Rejane freute sich über die Vorbereitungen, die man zum Empfange d>s Kindes traf. Ihrer Meinung nach waren das weiße ^«.unen, das man Zuschnitt, und die Stickereien und Spitzen, die sie verwenden sah, zu ihrer Ausstattung brstinunt. Der Gedanke an ihre Verheiratung mit Maurevailles war nicht von ihr gewichen. Sie blieb ganze Stunden in dem Boudoir ihrer Schwester, probirte die kleinen Kindersachen» prüfte sie eingehend und freute sich mit ihnen. So verging die Zeit. Eines Tages, als die Marquise unter dem Schutze des allen Joseph angegangen war, um sich in die Kirche Saint-Louis zu begeben, erschien eine Frau, die anscheinend den unteren Ständen angehörte, im Hotel von Vilers und verlangte mit der Frau Marquise zu sprechen. Den strengen Befehlen gemäß, die der Portier erhalten hatte, verweigerte er der Frau den Eintritt. Diese ließ sich aber nicht abweisrn. Sie habe, sagte sie, der Frau von Vilers etwas Wichtiges zu übergeben. Aber die Ereignisse, die sich seit der Entführung der Marquise durch den Magnaten zugetragen hatten, hatte» den Schweizer vorsichtiger gemacht. , Ich habe den bestimmten Befehl, ohne die ausdrückliche Erlaubniß des Herrn Joseph Niemanden vcrzulassen, sagte der Schweiz'r. Wo ist dieser Herr Joseph? fragte die Frau. Er ist mit der gnädigen Frau ausgegangcn. Kommen Sie in einer Stunde wieder. Wiederkommen, brummte die Frau, die nicht von^sehr sanfter Gemüthsart zu sein schien. Glauben Sie, daß ich nichts Anderes zu thun habe? Ich komme her, um Jemandem eine Gefälligkeit zu erweisen, und zum Dank empfängt man mich so! Fällt, mir nicht ein, nochmals zu kommen. Sagen Sie Herrn Joseph, daß er sich heute Abends in die Straße des Jenx-Neufs be< mühen soll,' daß Babette,. die Magd der Frau Marion, der Frau Marquise etwas sehr Wichtiges mitzütheilen hat. . EL war in der Thal Babette, die alte Magd Frau Marion's, die in ihrer Abwesenheit das Haus hütete. Xr. 39 Vlustrirtss wiener Extrablatt 8slta 133 Wie sich unsere Leser erinnern werden, hatte Babette, obschon sie eine herzensgute Person war, nicht die angenehmsten Umgangsformen. Wie nun der Schweizer ihr erklärte, daß Herr Joseph wahrscheinlich Wichtigeres zu thun habe, als zu ihr in die Straße des Jeux-Neufs zu kommen, gerieth sie in Hellen Zorn. Ihr Geschrei zog die Aufmerksamkeit Nejane's auf sich, die, durch den Lärm herbeigelockt, bis in den großen Hof herunterkam. Sobald Babette ihrer ansichtig wurde, lief sie trotz der Bemühungen des Schweizers, der sie daran zu verhindern suchte, auf sie zu. Nicht wahr, rief sie, liebes Fräulein, dieser alte Dickwamst da hat Nichts zu schaffen, die Frau Marquise von Vilers wird mich schon empfangen, wie? Nejane blickte verwundert auf sie, dann kam ihr ein plötzlicher Einfall. Nuhig! sagte sie und legte den Finger an die Lippen. Kommen Sie nur. Gewiß schickt e r Sie? Und das arme Kind, das unaufhörlich nur an Maurevailles denken mußte, zog die alte Babette mit sich fort. Der Schweizer, der den Auftrag hatte, das junge Mädchen nicht durch Widerspruch aufzuregen, zuckte die Achseln und kehrte in die Loge zurück. Babette folgte Rejane in ihr Boudoir. Hier können Sie ungehindert sprechen, sagte das junge Mädchen. Was wünschen Sie von mir? Ich bringe ein Paket für Frau von Vilers. Für Frau von Vilers, wiederholte enttäuscht das arme Mädchen. Was enthält es? Ein Kästchen. Die Geschichte ist so. Ich sagte Ihnen, daß ich die Magd der Frau Marion, der Maskenverleihen», bin, die mir die Obhut ihres Hauses übergab, als sie fort ist. Das ist natürlich im Quartier bekannt geworden und heute Nacht sind Diebe bei mir emgebrochen, die Alles zerbrochen, rumirt und was ihnen einigermaßen von Welt!) schien, mitgenommen haben. Nun, sagte Rejane, der Alles, was sich nicht auf Maurevailles bezog, gleichgiltig war, womit kann ich Ihnen dienen, meine Liebe? O, mit gar Nichts, Fräulein. Gott sei Donk, die Werthgegenstände meiner Herrin, die ich an sich rem Orte versteckt habe, sind nicht mitgenommen worden. Aber jetzt hören Sie, weß- halb ich gekommen bin : unter den Gegenständen, welche die Diebe znrückgelassen haben, befindet sich ein Kästchen, dessen Schloß sie sprengten. DaS Kästchen, das ich bei Frau Marion früher niemals gesehen, enthält ein Manuscript, das mit Marquis von Vilers gezeichnet ist. Selbstverständlich ist es mir nicht eingefallen, cs zu lesen. Die Sache geht ja mich Nichts an, aber da ich Frau Marion oft von Herrn Marquis von VilerS sprechen hörte und auch wußte, daß Tony sein Freund war, bringe ich das Kästchen und die Papiere. Babette hielt die Schatulle Rejane hin, die mechanisch danach griff. Plötzlich fuhr das junge Mädchen zusammen. Ah! rief sie, danke, danke, -hier ist Etwa- für Ihre Mühe, liebe Frau. Sie nahm ihr Armband ab und reichte eS der erstaunten Babette hin. Danke, Fräulein, sagte diese mit verlegener Miene, ich bin nicht wegen einer Belohnung hergekommen. Gott sei Dank, ber Frau Marion fehlt es Einem an Nichts. Ich bitte Sie, behalten Sie das Armband als ein Andenken von mir, ich werde Ihnen dankbar dafür siin. Diesmal konnte Babette ein ihr so freundlich dargebotenes Geschenk nicht zurückweisen und entfernte sich mit wiederholten Bücklingen. Als sie bei der Loge des Schweizers vorbeikam, wandelte sie die Lust an, hinemzugehen und ihn ein wenig dafür zu demüthigen, daß er sie in großem Uebereifer daran hatte hindern wollen, in das Haus zu kommen, doch begnügte sie sich, ihm im Vorbeigehen einen Blick verächtlicher Schadenfreude zuznwerfen. Als Rejane allein war, beeilte sie sich, da- Manuscript hastig zu durchfliegen. Im ersten Momente, als ihre Blicke auf dasselbe gefallen waren, siel ihr der Name ^er Schwur der Vtothmäntlcr." 8e!ts 134 H1uktr!r1e8 wiener LrtrMatt Nr. 39 Maurevailles auf, der zu wiederholten Malen vorkam. Dieser Name hatte für sie einen unaussprechlichen Werth. Wenn sie Geld bei sich gehabt hätte, würde sie Babette Alles gegeben haben, um das Manuskript in ihre Hände zu bekommen, da ihre Taschen aber leer waren, bot sie der Alten ihr Armband an. Jetzt las sie in höchster Aufregung, mit größter Anspannung aller ihrer Kräfte, um zu verstehen, was die Erzählung enthielt, mit welcher der Gegenstand ihrer Liebe so eng verknüpft war. Zuerst waren es nur unverständliche Sätze, denen ihr Auge begegnete, aus denen sich blos einige Eigennamen für sie abhoben, nach und nach begann es in ihrem umnachteten Geiste Licht zu werden. Das Manuskript, das unsere Leser bereits kennen, erzählte die Geschichte des ErdeZ, der in F... geleistet worden war und erklärte die Ursache Maurevailles' Kälte jeder anderen Frau gegenüber, da er an Haydee gebunden war. Während sie las, vollzog sich eine sonderbare Wandlung in ihrem Geiste. Als sie zu Ende war, hatte ihr Verstand beinahe seine frühere Klarheit wiedererlangt. Sie wußte es: Haydee liebte Maurevailles nicht und würde ihn niemals lieben, ihre Sache war es also jetzt, Maurevailles' Neigung sür sich selbst zu erwecken. Nachdem Rejane das Manuskript gelesen hatte, überflog sie den Brief, der auf dem Boden der Schatulle geblieben war. Auf dem Briefe war, wie mau sich erinnern wird, die Adresse unr durch einen Anfangsbuchstaben bezeichnet und die Aufschrift lautete: „An den Baron v. C . .. oder den, der dieses Kästchen findet." Letztere Bemerkung hatte Tony veranlaßt, das Siegel zu erbrechen und.ihn somit in alle Geheimnisse des Marquis eingeweiht. Rejane aber war besser unterrichtet als Tony und sür sie war der Anfangsbuchstabe des Barons genügend, um sie über die Persönlichkeit desselben aufzuklüren. Baron v. C... ? ricf sie. Aber das ist ja niemand Anderer, als der Baron von Chartille, der, nachdem er der intime Freund des alten Marquis von Vilers gewesen war, die Freundschaft auf den Sohn übertrug. Wem konnte mein Schwager seine Geheimnisse anvertrmren, wenn nicht dem alten, bewährten Freunde? Ja, ja, nur an ihn ist das Schriftstück gerichtet und er soll's auch haben. Er, das Muster eines Edelmannes, so gut, so wacker, wird uns gewiß Allen bci- stehen. Haydee kam in ,diesem Augenblicke nach Hanse zurück. Ihre Ueberraschung war grenzenlos, als sie ihrer Schwester Rejane ruhig sagen hörte: Schwester, entkleide Dich nicht und lasse nicht ansspannen. Ich bitte Dich, führe mich zu dem Baron von Chartille; er allein kann uns in unserer gegenwärtigen Lage helfen und diesen Wirrnissen ein Ende machen. 10 . In Sinnt-Germain. Dcr Baron von Chartille war eine jener Gestalten, wie sie in unserer raschlebigen Zeit immer seltener werden. Mit seinen sechs Fuß Höhe, seiner breiten, gewölbten Brust erinnerte er an Bildnisse des allen Hercules, dessen Kraft und Gestalt er hatte. Sein eigentliches Alter wußte man nicht und er selbst behauptete, es vergessen zn l)abcn, aber man schätzte ihn ans neunzig. Das hinderte ihn aber nicht, fest und stramm wie die alte» Eichen von Saint-Germain zu sein, die seine Zeitgenossin und Freunde waren. Wenn wir des Waldes von Saint-Germain erwähnen, so geschieht es deshalb, weil der Baron in letzterem Orte den größten Thcil seines Lebens v.rbrachte. In der Nähe des Parkes bewohnte er ein altes Haus, in dessen weiten Räumen sich sein großer Körper wohl fühlte. Eine besondere Vergünstigung, die er seinen Diensten und seinen Beziehungen znm Hofe Nr. 39 Itlnstrirtes wiener LxtrsdlLtt 8«it« 135 zu verdanken hatte, gestattetes ihm, in den königlichen Waldungen zu jagen. Er machte von dieser Gunst ausgedehnten Gebrauch. Schon bei Tagesanbruch konnte man ihn mit der Büchse auf der Schulter die Alleen durchstreifen sehen, auf der Suche nach Rehen und Damhirschen, blos von einem einzigen Hunde gefolgt, den der Baron unter Tausenden gewählt hatte. Mit diesem Hunde rühmte sich der alte Baron, der einer der erfahrensten Jäger seiner Zeit gewesen war, mehr auszurichten, als alle Edclleute des Hofes mit ihrer gesammten Meute. Die Bewohner von Saint-Germain, die ihn fast jeden Tag mit einem Stück selbstcrlegten Wildprets auf der Schulter nach Hause znrück- kehren sahcn, fühlten sich von der Nichtigkeit dieser Behauptung überzeugt. Die Jagd war der einzige Zeitvertreib des alten Herrn und es schien, als ob er immer frische Kräfte aus demselben schöpfte. Abends pflegte er einige Kapitel aus einem Buche, das militärische Abhandlungen enthielt, oder einige Gedichte von Malherbe zu lesen. Dann legte er sich bald darauf nieder, um bis zum Morgen zu schlafen. Da sein Leben derart geregelt war, kam der Baron selten nach Paris, wo er Nichts zu suchen hatte. Er pflegte zu sagen, daß er zu alt sei, um sich aus seiner gewohnten Ordnung zu reißen, und daß Diejenigen, die ihn sehen wollten, seine Wohuuug wußten, wo ihrer jederzeit ein freundlicher Empfang harre. Das war der Mann, au den der Marquis von Vilers sein Testament gerichtet hatte. Da er voraussetzte, daß die Schatulle in die Hände irgend eines Mitgliedes seiner Familie fallen würde, welche die ganz besondere Freundschaft annte, die ihn mit dem alten Manne verband, hatte er es nicht für nothwendig erachtet, den Baron von Chartille anders als mit seinem Anfangsbuchstaben zu bezeichnen. Man hat gesehen, welche Folgen diese Nachlässigkeit hatte. Was den Baron von Chartillc anbelaugt, so fuhr dieser zu jagen fort, ohne sich über die Abwesenheit des Marquis Gedanken zu machen. Anfangs meinte er, daß Vilers ihn vernachlässige, und nahm sich vor, ihm nächstens Vorwürfe darüber zu machen, daß er über die Vergnügungen des Hofes seinen alten Freund ganz vergesse. Dann, als der Krieg ausbrach, dachte er, daß Vilers abgereist sei, und tröstete sich damit, bei seiner glücklichen Rückkehr gute Nachrichten von ihm zu empfangen. Als Rejane ihrer Schwester das Schriftstück zeigte und ihr von der Nothwendigkeit sprach, den Baron von Chartille aufzusuchen, ging der Marquise ein Licht auf. Sie wunderte sich, daß sie selbst nicht schon früher daran gedacht hatte, mit dem würdigen Freunde sich zu berathen. Rejane war also nicht wahnsinnig. Sie sprach im Gegentheil ganz vernünftig; es schien, als ob der Glaube an den Baron» die Hoffnung, doch noch mit MaurevailleS verbunden zu werden, ihr neues Leben eingehaucht hätten. Die wenigen Minuten, während k welcher die Marquise sich mit ihrer Schwester unterhielt, genügten, um ihr die Ueberzeugung beizubringcn, daß sich in dem unmachleten Geiste ihrer Schwester eine günstige Wandlung vollzogen hatte. Sie gab Befehl, daß man sie augenblicklich nach Saint-Germain fahren solle. Der Weg schien den beiden Frauen sehr lang, da sie Eile hatten, den alten Baron wiederznsehen, um zu erfahren, was er in ihrer Angelegenheit beschließen würde. Endlich kam mau in's Hotel von Chartille. Ter Baron saß, seiner Gewohnheit gemäß, in seinem Lehnstuhle und ans seinen Knien lag ein offenes Buch. Als er der beiden Frauen ansichtig wurde, klappte er rasch das Buch zu und erhob sich, militärisch grüßend. Gcvriesen seien alle Götter! rief er mit einem feinen Lächeln, da sie mir au einem Tage so reizende Gesellschaft bringen. Das ist ja sehr hübsch von Ihnen, Marquise, daß Sie den alten Soldaten nicht vergessen haben und ihn in seiner Einsiedelei besuchen. Als er aber plötzlich die Traurigkeit bemerkte, die sich wie ein Schleier über das Gesicht der Gräfin gesenkt hatte, rief er erschrocken : Mein Gott, was ist denn geschehen? Sollte Leits 136 Hlustrirtss wiener Extrablatt Nr. 39 Ihr Besuch mir Unheil verkünden? Was ist mit Vilers? Statt aller Antwort reichte ihm Rejane das Schriftstück hin. Er durchflog es mit fieberhafter Aufregung. Ja, ja, ich kannte schon einen Theil der Geschichte, murmelte er, aber ich war weit davon entfernt, die ganze Wahrheit zu ahnen. Er kam zum Ende. Armer VilerS; imm-r derselbe; aber da ist Nichts zu ttiun. Ich war ebenso wie er, wenn nicht arger in feinem Alter... Aber, fuhr er in heftiger Erregung fort, ich will doch hoffen, daß Lavenay ihn nicht ge- tödtet hat. Jetzt setzte ihn die Marquise von den Ereignissen in Kenntniß, die sich seit dem Duell Vilers' und Livenay's zugetragen hatten. Der Greis hörte, in seinem Lehnstuhl zurückg lehnt, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, aufmerksam zu. Ais sie zu Ende war, streckte er die Hand na h der Klingelschnur aus, die neben ihm hing, und läutete: Ein Bedienter erschien. Lepierre, sagte Herr von Chartille, sage dem Kutscher, daß er sofort den Reisewagen vorspannt. Währenddessen richte einen großen Nlisekoffer her und packe Deine Sachen ein, um mich zu begleiten. Seit undenklichen" Zeiten an unbedingten Gehorsam gewöhnt, verneigte sich der Bediente und ging, um die Befehle seines Herrn zu voll- strrcken. Wohin wollen Sie? fragte Frau von Vilers erstaunt Nun, in die Niederlande. Wie, Sie wollten? . . . Sie sagen, daß Vilers mich braucht. Ich gehe also zu ihm. Und wenn er jetzt noch lebt, so stehe ich Ihnen dafür ein, daß er lange leben wird. Was gedenken Sie denn zu thun? Ihm die Leute vom Halse zu schaffen, die ihm lästig sind. Wenn sie nicht mehr da sind, wird er seines Eide- ihnen gegenüber entbunden sein. Der alte Baron sagte dies mit überraschender Ruhe und Einfachheit, daß man hätte annehmen können, es handle sich um die einfachsten Dinge der"W«lt. Sie kennen aber die anderen Rothmäntler nicht, warf schüchtern die Marquise ein. Einen kenn? ich, die anderen werde ich bald kennen lernen. Gegen den Zungen Lavenay hege ich übrigens einen alten Familiengroll. Ich hatte seinerzeit mit seinem Großvater eine Affaire, in welcher sich dieser ziemlich schlecht benommen hat. Er verweigerte es, sich mit mir zu schlagen, unter dem Vorwände, daß ich zu jung sei. Später hatte ich auch einen Ehrenhandel mit seinem Vater Gaetan von Lavenay, der damals Lieutenant war. Dos war ein Kampfhahn sondergleichen, aber damals hinderte man die Austragung des Streites unter dem Vorwände, daß ich zu alt sei. Ich wäre entzückt, diesmal mich mit einem aus der Familie zu schlagen, für eigene Rechnung! Man sagt von ihm, daß er ausgezeichnet den Degen zu führen versteht, wendete Rejane ein. O, zu meiner Zeit zählte das nicht viel. Warten Sre, vor fünfzig Jahren, mehr, es sind mindestens sechzig, gingen wir zehn Edel- leute eine Wette gegen die besten Fechtmeister des Regimentes ein. Es waren darunter Chaverny, de Pous, Bressac, Maurevailles, der vielleicht der Großvater oder Großonkel des jetzigen Maurevilles ist. Das Rencontre fand am Hellen Tag auf der Place Royale statt. Nun, wir verwundeten die zehn Profoßen. Von den -Unseren war blos Bressac am-Schenkel verwundet worden. Das war eine prachtvolle Partie. Fast einen Monat wurde bei Hofe davon gesprochen. Während der alte Baron plauderte, hatte ' er seinen Degen, seine Pistolen und den Neisemantel genommen. Der Wagen war angespannt und der Kutscher ließ im Hose die Peitsche knallen. Lapierre stellte den Koffer seines Herrn und den Mantelsack, der seine eigenen Sachen enthielt, auf den Wagen. Leben Sie wohl, meine Damen, sagte der Baron, die Hand der Marquise und des jungen Mädchens galant küssend. Kehren Sie nach Nr. 40 llluslrirtes wiener 8rtr»dlLtt Lelis 137 Paris zurück, in einigen Tagen werden Sie Nachrichten haben. Während sich aber die Marquise anschickte, sich von ihm zu verabschieden, blieb R jane in auqenscheinlicher Verlegenheit wie festgenagelt auf ihrem Sessel sitzen. Nun, mein Kind, nahm der Baron freundlich wieder das Wart, es sch int. als ob Sie Ihr Herzchen noch nicht ganz ausgeschüttet hätten. Sprechen Sie ohne Scheu mit mir. Sie stamm.lte einige unverständliche Worte, schwieg aber dann plötzlich. Ah! Jh begreife, sagte die Marquise. Die Sache ist die, daß sich unter unseren Gegnern Einer befindet, den sie liebte. Ach so! rief der Baron. Immer die alte Geschickte von Romeo und Julie. Und wie heißt denn Ihr Romeo? Der Chevalier von Maurevailles, murmelte Nejane. Sind Sie ohne Sorge, mein Kind, sagte der alte Baron, indem ec die Hände des jungen Mädchens ergriff und sie zu ihrer Sckwester führte. Ihrem Romeo soll Nichts geschehen, und wenn Sre es wünschen, wird man ihn sogar zu Ihnen znrückführen. Rcjane konnte nicht umhin, sich in die Arme des vortrefflichen Mannes zu werfen, der ihre Erwartungen nicht getäuscht hatte, i>id entfernte sich unter Danksagungen mit ihrer Schwester. 11 . Einer weniger. Während Frau von Vilers und Nejane nach Paris zurückkehrten, legte der Baron von Chartllle die Reise in's Feldlager mit größter Eile zurück. Endlich kam er an und nachdem er sich vorgestellt hatt<-, verlangte er eine sofortige Unterredung mit Moriz von Sachsen. Sein Name war dem Marschall wohlbekannt und er beeilte sich, den würdigen Greis zu empfangen, indem er sich angelegentlich nach der Ursache erkundigte, die den alten Mann bestimmt haben konnte, eine so weite Reise zu unternehmen. Einige Minuten darauf waren Lach, Lavenay und Maurevailles zur Stelle. Der Baron wollte ihnen den Beweggrund seiner Reise mittheilen, aber schon bei den ersten Worten unterbrach ihn Maurevailles mit den schrecklichen Worten: Vilers ist todt. Todt! rief schmerzlich der Greis. Todt.. . ermordet vielleicht. Das Alter und den Schmerz des Barons respectirend, achtete Maurevailles nicht auf dabeleidigende Wort. Moriz von Sachsen aber, der sich jetzt einmischte, beeilte sich zu antworten : Der Marquis von VilerS ist als Held gefallen: er ist bei der Einnahme Antwerpen- getödtet worden. Wir Alle ' könnten uns einen gleichen Heldentod wünschen. Wenigstens ein Trost für die Witwe, sagte feuchten AngeS der Baron von Chartille, man wird ihr sagen können, daß ihr Mann ein tapferer, wackerer Officier war. Aber Lavenay. der noch unter dem Eindrücke der durch den Courier empfangenen Nachrichten stand, rief heftig: Nein, das war er nicht, er war ein Ver- räther. Ja. ein Verräther, wiederholten wie ein doppeltes Echo die beiden anderen Officiere. ' Was sagen Sie, meine Herren, rief voll Entrüstung der Baron, wollen Sie ihm noch über das Grab hinaus eine Jugendsünde vorwerfen, für die er in so ehrenvoller Weise gebüßt hat! Er war ein Verräther, rief nochmals Lavenay. Ah ! Ich danke Ihnen, daß Sie mich Lügen strafen, Herr von Lavenay! rief der Greis, den der Zorn fortriß. Ich möchte endlich erfahren, ob sich in Ihrer Familie Jemand befindet, der seinen Degen mit dem meinigen kreuzen möchte. Hüten Sie sich, Herr, hüten Sie sich, sonst zeichne ich Ihnen das Gesicht» daß Sie für die ganze Armee als feiger Verleumder gekennzeichnet sind. Der alte Baron hatte sich hoch aufgerichtet. Seine vor Aufregung zitternde Hand spielte mit dem Degen, den er aus der Scheide gezogsn -Der Schwur der Rothmiintlcr.' Leite 193 Hluktriries wiener Nr. 40 hatte. Moriz von Sachsen glaubte sich in's Mittel legen zu müssen. Lieber Baron, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch. Herr von Lavenay bedauert aufrichtig, Sie durch Ausdrücke verletzt zu haben. Nein, nein, sagte der eigensinnige Alte. Marschall, Sie, der Sic die verkörperte Ehrenhaftigkeit sind, dürfen mich nicht daran hindern, diesen Quälgeist einer edlen Frau zu züchtigen. Wir brauchen aber Zeugen, wendete La- venay ein. Hatten Sie Zeugen, als Sie Vilers auf der Place Royale forderten? Aber meinetwegen sollen Sie Ihren Willen ' haben. Chevalier von Maurevailles, mit Ihnen habe ich später wegen eines unglücklichen, jungen Mädchens zu sprechen, kommen Sic an meine Seite. Sie, Lacy, können Ihrem Freunde secundiren. Jetzt aber, in Gottesnamen! Da war Nichts mehr zu erwidern. Lavenay zog seinen Degen, aber die Sicherheit schien ihn verlassen zu haben. Seine Gegenstöße auf die wüthenden und gleichzeitig geschickten Angriffe des Barons waren matt und schwerfällig und verstiegen sich kaum zur Ablenkung des Hiebes. Zweimal schon hatte der Degen des Barons seine Brust gestreift und Tuchfetzen von dem Uniformrockc abgerissen. Baron von Chartille war in der That ein nicht zu verachtender Gegner. Die Zeugen dieser peinlichen Scene folgten ängstlich den Wechselfälleu des Kampfes. Plötzlich beschrieb der Degen des Barons einen Kreis rmd die Waffe Lavcnay's flog in die Luft. Die Klinge seines Gegners senkte sich tief in die Brust des jungen Mannes, der schwer um sank. Er war todt. Ich bitte Sic um Vergebung, Marschall, daß ich Sie zum Zeugen dieser Scene machte, sagte kaltblütig Herr von Chartille, indem er seinen Degen wieder einsteckte. Sie, meine Herren, können sich mit Ihrem Freunde beschäftigen. Ich sagen Ihnen nicht Adieu, denn ich bleibe noch hier, da meine Aufgabe noch nicht zu Ende ist. 12. Das Bild der Mutter. In dem besten Zimmer des kleinen Häuschens, das Frau Marion in einer entlegenen Vorstadt Antwerpens gemiethet hatte, wachte die wackere Frau am Bette ihres Tony. Obschon tief erschreckt durch das brutale Todesurtheil des Arztes, der bei der ersten Untersuchung Tony für rettungslos verloren erklärte, konnte Frau Marion sich dennoch nicht dazu entschließen, den Ausspruch des Mannes der Wissenschaft als end- giltig hinzunehmen. ' Es ist eine sehr glückliche Eigenthümlichkeit der menschlichen Natur, daß man häufig die guten Nachrichten ohne genauere Prüfung hin- nimmt und an die schlechten dagegen erst nach längerer Untersuchung glaubt. Der zweite Wundarzt, den die Krämerin holen ließ, war viel hoffnungsfreudiger als der erste. Ihr Soldat hat ordentlich Schaden gelitten, sagte er mit unzweideutiger Miene, aber der Kasten ist fest, und in diesem Alter hat man immer Etwas zuzusetzen. Sie geben also noch Hoffnung, fragte Frau Marion mit zitternder Bewegung. Potztausend! das habe ich nicht gesagt, antwortete der Arzt, der zu der Classe der gutmütigen Griesgrame gehörte. Ich sage Ihnen, daß wir sehen werden, und weiter gar Nichts. Die Haut des armen Jungen ist nicht übel mitgenommen worden. Aber bis jetzt zum Glück nichts Gebrochenes. In einigen Tagen werde ich Ihnen Bescheid sagen . . . Bis dahin werden wir ihn ordentlich pflegen. Das war Alles, was sie aus ihm heraus- briugen konnte,, aber ihr war es schon genug. Sie setzte sich an's Bett ihres Pflegesohnes und nahm sich vor, dasselbe nicht eher zu verlassen, als bis er außer Gefahr war. So vergingen einige Tage. Jeden Tag kam der Arzt und nickte zufrieden niit dem Kopfe. Da er wie der andere über die Natur der Neigung, die die junge Frau mit Tony verband, irriger Meinung war, brummte er: Nr. 40 Olnstrlrtes IVlevsr 8xtrLbl»tt 8«iis 133 Man wird ihn Ihnen erhalten» Ihren Geliebten. Zeit und Geduld sind die besten Heilmittel. " An Geduld fehlte eS der braven Frau wahrhaftig nicht. War sie nicht, um ihn wieder- zusehen, aus Paris hiehcr geeilt, und hatte ihr Geschäft, ihren Laden, kurz Alles, was sie besaß, im Stiche gelassen, um in seiner Nähe leben zu können ? In den langen Stunden, während sie an dem Krankenlager wachte, fielen ihr unwillkürlich die Aeußerungen der beiden Aerzte zu wiederholten Malen ein. Jst's Ihr Gemal oder Ihr Liebhaber, hatte der Eine gefragt. Man wird Ihnen Ihren Geliebten am Leben erhalten, rief der Andere. Es wäre also doch möglich gewesen! Trotz des Altersunterschiedes, der sie trennte, hätte Tony dennoch, ohne die Welt gar zu sehr in Erstaunen zu verfitzen, ihr Liebhaber, ihr Gatte werden können? Wider Willen mußte sie sich eingestehen, daß das mütterliche Gefühl, das sie bestimmt hatte, Tony aufzunehmen und zu erziehen, im Laufe der Zeit eine Arnderung erfahren hatte, deren sie sich selbst nicht bewußt wurde. Sie hatte das Kind zum Jünglinge heranreifen sehen und nach und nach hatte ihre Neigung eine andere Gestalt angenommen. Mit welchem Stolze hatte sie beobachtet, daß Tony zu einem sehr schömn jungen Mann sich entwickelte, und wie oft hatte sie ein seltsames Unbehagen, ein eifersüchtiges Weh in sich aufsteigen gefühlt, wenn Tony mit diesem oder jenem jungen Mädchen des Quartiers scherzte. In diesem Augenblicke, wo sie bereit war, ihr Leben hinzugeben, um das seinige zu retten, in diesem Augenblicke konnte sie eS nicht länger sich verhehlen: Das, was sie fühlte, war nicht die Hingebung der Mutter für den Sohn, sondern die tolle Leidenschaft des Weibes für ihren Geliebten. Aber er, liebte er sie auch? - Ach, er lag ja da, ohnmächtig, ganz verbunden, in furchtbarem Fieber, unfähig zu sprechen, ja selbst Etwas zu begreifen. War sie wenigstens gewiß, ihn zu retten? Sollte sie Gott um die Liebe Tonys anflehen, jetzt, wo sie noch nicht sicher war, sein Leben zu erhalten? Aber Plötzlich fiel ihk ein, wie Tony bei seiner Auffindung vor der Citadelle halb ohnmächtig seine Lippen auf ihre Hand gepreßt hatte. Diese Erinnerung war süß und schmerzlich zugleich. Sie hätte sie gerne ausgelöscht und doch wied'er suchten ihre fiebernden Lippen immerfort die Spuren dieses Kusses auf ihrer Haud. Ach dieser Kuß! Sie hätte das Paradies hingegeben, um diesen nochmals zu empfangen. Es war elf Uhr Abends. Von Erschöpfung übermannt, war die wackere Frau auf ihrem Lehnstuhl eingenickt. Eine Bewegung des Kranken rüttelte sie auf. Tony hatte Convulfionen. Das Fieber war stärker geworden, das Delirium trat ein. Der junge Officier murmelte halblaut unverständliche Worte. Was hast Du, Tony, mein Schatz, sprich, sprich? fragte die junge Frau. Meine Mutter! rief der Verwundete, dessen Gesicht einen glückseligen Ausdruck angenommen hatte. Also seine Mutter nannte er sie! Er selbst wollte nur das Kind Frau Marions sein. Und die arme Thörin, die durch dieses einzige Wort zur wahren Sachlage zurückgesührt wurde, fand den Muth, die Gefühle des Weibes zu ersticken, um jetzt nichts Anderes, als die Mutter zu sein. Was willst Du, mein theuereS Kind? fragte sie heftig, die thörichten Träume gewaltsam zurückdrängend, die kurz vorher nach ihr Denken ausgefüllt hatten. Mutter! wiederholte Tony. Aber das Fieber des Kranken wurde immer stärker. Er machte gewaltige Anstrengungen, um sich zu erheben, die jedesmal von einem dumpfen Stöhnen begleitet waren; es schien, als ob ec sich gegen einen unbekannten Feind zur Wehre setzen wollte. In seinen Fieberphautasien schrie er fürchterlich, rief seine Freunde zu Hilfe und stieß Frau Marion zurück, die sich vergeblich bemühte, ihn zu beruhigen. Die arme Frau, die ausis Höchste erschrocken war, schickte sofort nach einem Arzte. Als er des keit« 140 Hlustrirtes wiener Litr»bl»tt - 8r. 40 Kranken ansichtig wurde, schüttelte er bedenklich den Kopf. DaS ist die Krise, deren Eintritt ich fürchtete, sagte er. Sie kann ihn retten, sie kann ihn aber auch tödten. Können Sie dieses furchtbare Fieber nicht «eruhigen? Hm! Ich wage den Versuch nicht; aber hören Sie, Sie sagten doch, Sie hätten Geld? 9a, Doctor, nnd wenn's nölhig ist. schicke ich nach Paris und mache Alle- zu Gelbe, waS ich besitze. Sagen Sie nur rasch, was geschehen soll. Ich will Ihnen nur Vorschlägen, meinen berühmten College», den Doctor Van Hülfen kommen zu lassen. Er ist eine Spccialität für Gehirnerkrankungen und kann uns von großem Nutzen sein. Nur muß ich betonen, daß er als alter Gelehrter sich nicht gerne stören läßt, wenn man ihn nicht sehr gut bezahlt... Ach, gehen Sie nur schnell, Doctor, laufen Sie, er soll verlangen, was er will, er soll mir ihn nur retten! Der Wundarzt entfernte sich und kam bald in Begleitung des Doctor Van Hülfen zrrück. Tony's Delirium hatte den höchsten Grad erreicht. Der Gelehrte sah den Kranken mit Aufmerksamkeit an und nicht ohne Schwierigkeiten gelang es ihm, Tony's Handgelenk zu fassen. Hm! hm! sagte er, auf eine dicke, silberne Uhr blickend, die an einer massiven Kette hing, hundertzweiundachtzig Pulsschläge in der Minute... Das ist viel, sehr viel... Das muß herabgemindert werden. Dann wendete er sich zu Frau Marion: Geben Sie mir ein großes Tuch, ein Leintuch ist am besten. Die Krämerin beeilte sich, seinem.Wunsche nachzukommen. Und jetzt kaltes Wasser, eiskalt, wenn möglich. Im Hause war ein tiefer Brunnen und man lief, einen Eimer Wasser daraus zu holen. Der Doctor tauchte das Tuch darin ein und, von seinem Collegen unterstützt, schob er es unter Tony. Sie werden ihn so tödten, er ist ja doch ganz in Schweiß! rief entsetzt Frau Marion. Ohne der Furcht der guten Frau zu achten, wickelte ^>er alte Gelehrte, der den mod ruen Ideen zuvorgekommen war und eine neue Heilmethode entdeckt hatte, Tony in daS nasse Tuch und hielt ihn trotz seines Widerstandes in der eiskalten Hülle fest. Achtzig! sagte er, nachdem er vier Minuten später den Puls des Kranken befühlt hatte. Das Delirium ist vorüber. In der That schien Tony ruhiger geworden zu sein. Lassen Sie ihn in dem Tuche, sagte der alte Arzt. Da aber der Umschlag mit der Zeit warm wird, müssen Sie ihn alle drei Stunden wechseln. Halten Sie ein zweites Tuch bereit. Und jetzt Adieu, liebe Frau, und auf Wiedersehen, Herr Collega, Sie brauchen mich jetzt nicht mehr! Frau Marion versuchte ihn zurückzuhalten, um ihn die Bezahlung aufzudrängen. Lassen Sie, es nur gut sein, pflegen Sie Ihren Kranken und bezahlen Sie mich, wenn er auf ist... Sie haben wol verstanden. Alle drei Stunden frisches Wasser und so fort bis morgen. Auf Wiedersehen! Er entfernte sich und der Wundarzt folgte ihm. Frau Marion blieb mit Tony allein. Vierundzwanzig Stunden vergingen und nach Ablauf dieser Zeit war das Fieber vollständig geschwunden. Dennoch wiederholte Tony mit demselben glücklichen Ausdrucke immer: Meine Mutter! Ja, ja. sagte Frau Marion, Du hast Recht, ich bin eigentlich Deine wirkliche Mutter. Der Kranke lächelte. Sie? sagte er. O nein, ich weiß es, daß Sie mich lieben und ich werde es Ihnen niemals zurückzahlrn können, was Sie an mir gerhan haben, aber meine Mutter sind Sie nicht... Jv habe meine wirkliche Mutter gesehen oder wenigstens ihr Bild, denn sie selbst ist ja todt l Ich kann sie nur noch im Traume Wiedersehen! Ach, mein Gott, wie glücklich war ich vorhin. Mein Gott, er phantasirt schon wieder, rief erschrocken Frau Marion. Illustrirtsg wiener LrtrMstt Leits 141 »r. N — — -» Nein, sagte Tony, ich spreche nicht im Fieber, ich habe das Bild meiner Mutter wirklich gesehen . . . Und er erzählte der anfhorchenden Frau Marion, wie er dazu gekommen war, seine Verwandtschaft mit dem Marquis von Langevin zu entdecken, wie ihm dieser das Medaillon mit dem Bilde seiner Mutter zeigte, ihm aber zugleich mittheilte, daß diese nicht mehr am Leben sei. Frau Toinon war ebenso ergriffen, wie er. Ja, sie ist todt, antwortete Tony, und ich werde ihr wol bald Nachfolgen. Du sterben? rief die junge Frau, o nein, nein, Du darfst nicht sterben. Du bist ja im Gegcntheile außer aller Gefahr. Der gute Doctor hat Wunder an Dir vollbracht und ich werde sein Werk fortführen, das schwöre ich Dir. Die wackere Frau war trunken vor Freude. Nicht nur, daß es ihrem Tony sichtlich besser ging, aber er hatte auch nicht sie gemeint, als er von seiner Mutte»' sprach. Er liebte sie also dennoch! 13. Das Todtenamt. Als wir unsere Leser mit dem Baron von Chartiüe bekannt machten, erwähnten wir, daß seine Lebensweise eine sehr geregelte war. In seiner Zeiteintheiluug hatte auch die Religion ihren Antheil. Ebenso wie man sicher sein konnte, ihm jeden Morgen mit der Flinte auf der Schulter zu begegnen, ebenso gewiß war man, ihn jeden Sonntag in der Kirche von Saint-Germain zu sehen, wo er seinen Kirchenstuhl hatte und die große Messe anhörte, um Kopfeslänge die Gläubigen überragend, die in seiner Nähe waren. Darum war denn auch seine erste Sorge, nachdem er seinen Freund Vilers gerächt hatte, eine Messe für sein Seelenheil lesen zu lassen. Der Marschall von Sachsen gab gerne die Erlaubniß und befahl seinen Soldaten, der Ceremonie in großer Zahl bbizuwohnen, welche in der Mitte des Lagers vor einem improvisirten Altar vbgehalten wurde. Die Soldaten waren der Aufforderung gerne gefolgt. Auch Mutter Nicolo und Bavette befanden sich unter den Trauergästen, welche dem Todtenamte beiwohnten. Sonderbarerweise fehlte Frau Marion. Ihre Abwesenheit mußte bald auffallen. Mutter Nicolo insbesondere konnte des aufrichtigen Schmerzes, den sie empfand, nicht umhin, sich von Zeit zu Zeit umzuseheu, und Bavette benützte natürlich die Gelegenheit, um ein Gleiches zu thun. Das ist aber sonderbar, murmelten die beiden Frauen, nachdem sie keine Spur von der Gesuchten entdeckten. Dem Baron von Chartille fiel die Haltung der Beiden auf und er erklärte sich auch die Ursache derselben. Da kam ihm ein Einfall. Er hatte beim Marschall von Sachsen und dem Marquis von Langevin Nachforschungen nach Vilers angestellt, die das Ergebniß hatten, daß er von Vilers' Tode erfuhr, ohne daß ihm materielle Beweise dafür erbracht worden wären» Nun dachte er, daß er vielleicht mehr erreichen würde, wenn er sich an die Frauen wenden würde, als an die großen Herren Ec nahm sich vor, nach der Todtenseier Mutter Nicolo und ihre Tochter auszuholen. Der Gcisiliche hatte seine Rede beendet und die Truppen zogen sich zurück. Der Baron verabschiedete sich vom Marschall und vom Obersten von Langevin und näherte sich Mutter Nicolo. Aber unterwegs fiel ihm die Unterhaltung zweier Männer auf. Und wenn es doch so wäre, wie das letzte Mal, Alterchen, sagte der Gaskogner La Rose. Meiner Treu, meinte der Normanne, dieser Mensch hat die Eigenthümlichkcit, immer wieder von den Tobten aufzuerstehen. Von wem sprecht Ihr denn? fragte, sich nähernd, Herr von Chartille. Zum Henker, Herr Baron, vom Capitän von Vilers. Weiß der Teufel, ich kann den Gedanken nicht los werden, daß der Marquis nicht todt ist. Der Baron konnte eine freudige Bewegung nicht zurückhalten. Was veranlaßt Euch, so Etwas zu glauben? »Der Schwur der Rothmilntler.' Leite 142 Illustrirtes Wiener LxtrLblatt Nr. 41 Alles, was bisher vorgefallen ist. Hören Sie nur. Das erste Mal wird Herr von Vilers tödlich verwundet, man bringt ihn in das Todtcn- gewölbe, legt ihn in einen Sarg, setzt ihn in der Gruft bei . . . und auf ja und nein kommt er in Blenancourt zum Vorschein, um dort Unglaubliches zu leisten. Davon habe ich gehört. Was weiter? Dann verschlingt ihn ein Abgrund, eine Art bodenloser Brunnen — man glaubt ihn verloren, da rettet er sich durch eine Rinne, durch die auch Tony und ich entkommen. Wirklich merkwürdig! Dann geht er fort, um sich tödten zu lassen, und alle Welt glaubt ihn todt. — Da auf einmal sieht ihn Tony auf dem Walle der Cita- delle von Antwerpen und der Todtgcglaubte warnt Tony vor der Explosion . . . und wenn ich das Alles überdenke, Herr Baron, ist's da rin Wunder, wenn sich mir der Gedanke aufdrängt, daß im entscheidenden Momente der von uns Beweinte plötzlich vor unseren Blicken auftauchen wird. Was der gute La Rose sagte, klang allerdings unwahrscheinlich, allein es summte so sehr mit den Wünschen des Barons überein, daß dieser nicht mehr umhin konnte, neuen Hoffnungen Raum zu geben. Wie es seine Absicht gewesen war, bevor er die beiden Soldaten angesprochen halte, näherte er sich j.tzt dem Zelte Mutter Nicolos, auf die man ihn schon früher aufmerksam gemacht hatte. Hier war aber von ganz anderen Dingen die Rede, als der Boron erwartet hatte. Die kleine Bavette, die von Natur sehr redselig war, erzählte dem Baron von der Liebe, die Frau Marion für Tony hegte. Bavette, deren Herz vom ersten Augenblicke an für Tony geschlagen hatte und die für ihr Glück zitterte, als sie Tonys schnelles Avancement sah, Bavette hatte nicht ohne eine heftige Regung der Eifersucht die Art und Weise beobachtet, wie Frau Marion mit ihrem Pflegesohn umging. Ihr weiblicher Jnstinct hatte sich nicht einen Augenblick über die wahre Natur der Zuneigung, die Tony seiner Pflegemutter eingeflößt hatte, im Unklaren gelassen. Frau Marion konnte sich über ihre Empfindungen täuschen, nicht so Bavette. Deshalb war sie auch sehr erstaunt, Frau Marion nicht bei der Leichenfeier zu sehen. Dieser Umstand gab ihr zu denken und erinnerte sie, daß man sie seit dem verhängnißvollen Tage nicht mehr gesehen hatte. Was war geschehen? War sie nach Paris zurückgekehrt? Das konnte sie doch nicht annehmen. Aber sie hat sich auch gar nicht an den Nachforschungen betheiligt, die man bezüglich der Leiche Tonys angestellt hat, meinte Frau Nicolo. Eine solche Gleichgiltigkeit ist bei ihr gar nicht anzunehmen, Frau Marion ist durchaus nicht die Frau, die in solchem Falle sich derart benimmt. Dem muß etwas Anderes zu Grunde liegen. Ja, Frau Marion's Wcgbleiben, ihre anscheinende Gleichgiltigkeit mußten tiefere Beweggründe haben, aber weder Frau Nicolo, noch Bavette kamen bezüglich der Ursache des plötzlichen Verschwindens Frau Marion's über bloße Ver- muthuugen hinaus. Doch auch der Baron konnte sich nicht verhehlen, daß es mit der Entfernung Frau Marion's, die mit der Katastrophe zusammenfiel, eine eigene Bewandtniß haben müsse, und er nahm sich vor, die Pflegemutter Tonys zu suchen. Da er sie aber selbst nicht kannte, brauchte er Jemanden, der ihm helfen würde. Er überlegte bei sich, ob er nicht gut daran thun würde, einen der Soldaten, die heute Früh bei ihm gewesen waren, mitzunehmen und von Moriz von Sachsen einen Urlaub für denselben zu erbitten. Während er sich in dieser Absicht nach - Hause begab, bemerkte er drei Männer, die mit einer sonderbaren Gestalt bei Tische saßen, welche mit ihrer winzigen Figur einen merkwürdigen Gegensatz zu dem hohen Wüchse der Soldaten bildete. Diese Persönlichkeit war, wie man wol errathen haben wird, der Zwerg von Blenancourt, der seine schon damals geäußerte Absicht, seine Freunde im Leibgardc-Regimente zu besuchen, zur Ausführung brachte. Es ist also gar keine Aussicht, bei Euch unterzukommen, fragte ernsthaft der Zwerg. Pivoine lachte und schlug auf den Tisch, daß die Gläser zitterten. Meiner Treu, das ist kein schlechter Spaß, der Kleine möchte gar Soldat werden. Nr. 41 Illusklrtes UVIvvtzr Nxtr»b1»tt ZM 143 Ah, das ist ärgerlich! brummte der Zwerg. Ich weiß nicht, was ich beginnen soll, das Leben auf dem Schlosse sagt mir nicht mehr zu. Seit der Alte nicht mehr da ist, ist der Haushofmeister noch unerträglicher geworden. Er spart bei Allem, überwacht Alles, sperrt alle Schränke zu, kurz, es ist nicht mehr auszuhalten. Wenn ich nur wüßte, wo ich eine Unterkunft finde, fügte er nachdenklich hinzu. In diesem Augenblicke klopfte dem Kleinen Jemand auf die Schulter. Er drehte sich um und sah Herrn von Chartille in's Gesicht. Der Baron hatte sich plötzlich gefragt, ob der mißgestaltete Fremde nicht der Mann sei, den er brauchen könne. Der Zwerg war in Blenan- court bekannt, hatte mit dem den Buckligen innewohnenden Scharfsinne alle Vorgänge daselbst beobachtet und könnte den Baron vielleicht auf die richtige Fährte bringen. Herr von Chartille winkte dem Kleinen, ihm zu folgen. Auf ein Zeichen, von La Rose erhob sich der Zwerg und schloß sich Herrn von Chartille an. Du kennst wahrscheinlich auch den Marquis von Vilers? fragte Herr von Chartille. Nicht wahr? Ja freilich, ob ich ihn kenne! War ich's doch, der ihm das Leben gerettet hat, indem ich die Schleuse öffnete. Und den Corpora! Tony kanntest Du auch? Gewiß, der war ja auch dabei und wäre ohne mein Zuthun ertrunken. Gut, bringe mir die Beiden, ob todt oder lebendig, zu Stande und Dein Glück ist gemacht. Äh! jubelte der Kleine, das war also eine glückliche Eingebung des Himmels, die mich hieher geführt hat. Zählen Sie auf mich, gnädiger Herr, und halten Sie Ihr Geld bereit. Sie sollen sehen, daß Sie sich in mir nicht getäuscht haben. 14 . Wir Schlag mit der Muskete. Gleich den anderen Ofsicieren hatten auch MaurevailleS und Lacy der Leichenfeier für Herrn von Vilers beigewohnt und nach derselben ihrem Freunde Lavenay das letzte Geleite gegeben. Nun überlegten sie, was sie angesichts des neuen Gegners, der ihnen in der Person des alten Barons erstanden war, zu thun hätten. Sollten Sie den Tod Lavenay's rächen und den Greis neuerdings fordern? Das war eine Ehrensache, die schwer zu lösen war. Gewiß führte der Baron trotz seines hohen Alters eine gute Klinge, das hatte Lavenay ja an sich selbst erfahren müssen. Aber cs konnte ja doch geschehen, daß Herr von Chartille im Duell fiel, und dann setzte man sich der Mißachtung aller ehrlichen Leute aus, wenn man einen Mann, der so nahe dem Grabe war und den Jeder achtete und schätzte, tödtete. - Meiner Ansicht nach, sagte Maurevailles, wäre es das Beste, ihm auszuweichen, um einem neuen Conflicte aus dem Wege zu gehen. Ich glaube, wir sollten den Marfchall um Urlaub bitten und nach Paris gehen. Jetzt, wo die Operationen eingestellt worden sind, wird man uns die Vergünstigung nicht verweigern. Und dann? Dann muß ich trachten, an's Ziel zu gelangen. An Mjane kann ich entschieden nicht denken. Die Neigung des jungen Mädchens für mich ist eine Laune, die sich bald verflüchtigen wird. Die, die ich will und die mir vom Schicksal zugedacht ist, ist Haydec. Der erneuerte Beweis von Liebe, den sie ihrem Gatten gegeben, ist weit davon entfernt, mich abzustoßen, ine Gegentheil, er reizt und zieht mich an. Aber jetzt wird sie schon gar nicht an eine Heirat mit Dir denken wollen, wendete Lacy ein, denn wenn sie einmal Mutter geworden, wird sie ganz in ihrem Kinde aufgehen. Ein Grund mehr für mich, meine Sache nicht aufzugeben. Gerade die Mutterliebe soll mir behilflich sein, um zum Ziele zu gelangen. Es handelt sich jetzt nur darum, den ' Augenblick abzuwarten, wo das Kind zur Welt kommt, um uns mit dem Kinde zugleich der Mutter zu versichern. Du hast Recht, sagte Marc von Lacy. Uns bleibt keine andere Wahl. Wenn das Kind in unserer Gewalt ist, wird die Mutter nachgeben. Leite 144 NIuZtrirtss ^Visner krtrsdlLtt Nr. 41 Sie begaben sich zu dem Marschall, um von diesem einen Urlaub zu erwirken, den er ihnen auch bewilligte. Die beiden Officiere betrieben nun in größter Eile ihre Nkiscvorbereitungen, als ein Soldat ihnen meldete, daß der Baron von Chartille sie zu sprechen wünsche. Sie wechselten einen Blick. Schon wieder dieser Mann! rief der Eine. Er erscheint gerade in dem Augenblicke, wo wir ihm zu entgehen hofften. Er soll in Gottes Namen nur kommen. "' Wir müssen doch wissen, woran wir sind. Der Baron trat in aufrechter Haltung und ' ernster Miene ein. Nachdem er die beiden Herren gegrüßt hatte, warf er einen raschen Blick in das Gemach und die bereitstehrnden Koffer konnten ihn über ihre Absichten nicht täuschen. Wenn ich nicht irre, meine Herren, sagte er mit einem leisen Anflug von Ironie, wollen Sie das Lager verlassen? Manrevailles nickte bejahend. Das ist mir sehr unangenehm, denn da ich selbst für einige Zeit sortgehe, hätte ich gern gewußt, wo ich Sie finde. Muß ich Sie denn Beide tödten, wenn ich es hindern will, daß Sie in meiner Abwesenheit fliehen. Bei diesen herausfordernden Worten war . es mit der Zurückhaltung der beiden Officiere zu Ende. Sie stürzten mit flammenden Blicken auf den alten Mann zu. . Nur gemach, gemach, sagte der Baron, backen Sie an Ihren Freund. Gerade weil ich an ihn denke, schrie bleich vor Zorn Maurevilles, will ich ihn rächen, oder wie er sterben. Sie, Herr von Maurevailles, sind unglücklicherweise der Letzte, den ich mit meinem Degen berühren würde. Ich glaube selbst, daß ich Sie retten würde, wenn Sie in Gefahr wären. Ihr Leben ist mir heilig, ja, ist eine Noth- wendigkeit für mich. Und ich? fragte Lacy. O, was Sie betrifft, antwortete der Baron von Chartille, so bin ich bereit, Sie zu tödten, wenn eS beliebt, nur glaube ich, schon hinlänglich Blut vergaffen zu haben. Im gegenwärtigen - Momente, meine Herren, schwöre ich Ihnen, daß mir Nichts lieber wäre, als friedlich mit Ihnen ' 'äuszukomrnen, unter der Bedingung, daß Sie mir Ihr Wort geben, sich nicht von hier zu entfernen. Mit welchem Rechte verlangen Sie ein solches Versprechen? Mit dem Rechte des Ehrenmannes, der die " Lösung einer Jntrigue wünscht, von der die wirkliche Ehre und das Lebensglück einer Frau abhängt. Ich weiß nicht, was Sie jetzt im Schilde führen und muß sicher sein, daß Sie im Lager sind. Meine Herren, versprechen Sie mir, nicht abzureisen!... ^ - Peter! rief Maurevailles. Der Soldat, der den Baron angemeldet ' hatte, trat ein. Lege die Koffer hinten ans unsere Pferde. Wir werden uns gleich auf den Weg ' machen. Bei diesen Worten war der Baron aschfahl geworden. Ich sagte Ihnen ja, meine Herren, daß ' Sie hier bleiben sollten, sagte er mit trockenem Tone. Und wir antworten, Baron, daß wir ab- reisen wollen. Ich werde Sie schon daran zu - hindern wissen!.. Wie das? Mit diesem hier, brüllte der Baron, indem er nach seinem Degen griff. - Ich glaubte zu verstehen, bemerkte Maure- - vailles gelassen, daß ein uns unbekanter, aber sehr zwingender Beweggrund Ihnen verbiete, sich - mit mir zu schlagen. Mit Ihnen ja, Herr von Maurevailles, aber nicht mit Ihrem Freunde. Nun, Herr Baron, dann antworte ich Ihnen, daß, so lange Sie Ihren Degen nicht - mit dem meinigen gekreuzt haben, mein Freund Lacy mir die Freundschaft erweisen wird, sich nicht mit Ihnen zu schlagen. Oder wollen Sie ihn tödten, wenn er sich nicht vertheidigt? Ah, das ist zu stark, rief der Baron, sich selbst vergessend, und wollte mit seinem Degen auf Mauievailles eindringen. Dieser aber hatte rasch wie der Blitz nach einer Muskete gelangt, die in einem Winkel des Zimmers hing. Mit einem Schlage hieb er .Nr. 42 lüustnrte» IVionsr Litr»b1»tt 8eito 145 den Säbel des alten Mannes in zwei Stücke. Dieser stieß einen Schrei der Wuth aus. Feigling, Feigling! knirschte er zornerfüllt. Komm', sagte Maurevailles, die Thür öffnend. Herr Baron, Sie sind jetzt zu Hause. Sind Sie ruhig, wir kommen wieoer! 15 . In der Laube. Der Baron von Chartille war ganz bestürzt über die Flucht Lacy's und Maurevailles', denn er hatte einen anderen Ausgang erwartet. Einen Moment lang dachte er daran, den Flüchtigen zu folgen, doch der Gedanke, daß er seine Nachforschungen nach Villers und Tony noch nicht begonnen habe, hielt ihn von seinem Vorhaben ab, Er entschloß sich denn, noch Hause zurückzukehren, wo der Zwerg seiner Befehle harrte. ES drängte ihn, sich mit dem sonderbaren Wesen in's Einvernehmen zu setzen und in Gemeinschaft mit dem Buckligen einen Feldzngsplan zu entwerfen. Es war Hochsommer und der Sonnenschein gab dem Greise wieder jugendliche K^aft. Es war ihm, als ob er zum ersten Waffengange gehen würde. Sie sollen nur nach Paris rennen, sagte er munter. Sie werden die Marquise gut behütet finden. Ich werde ihr einen Verteidiger zur Seite geben, dessen Hilfe anzurufen mir schwer fällt, aber eS bleibt mir eben keine Wahl. Er drückte seinem Pferde d:e Sporen in die Weichen und sprengte davon. Dieselbe Julisonne und die köstliche Luft, die den alten Baron so sehr erfrischt hatten, hatten auch belebend auf eine andere Person gewirkt, die geeigneter gewesen wäre, der Marquise schützend zur Seite zu stehen, wir meinen nämlich unseren Freund Tony. Dank der wunderbaren Behandlung des Doctors Van Hi'ufen war der junge -Officier glücklich ans der entscheidenden Krise hervor« gegangen und seine Kräfte nahmen seither täglich zu. Eines schönen Tages drückte er Frau Marion gegenüber den Wunsch aus, in's Freie hinauszngehen. Fühlst Du Dich aber auch stark genug? Fürchtest Du nicht, daß das Gehen Dich ermüden wird? fragte besorgt die junge Frau. O, nur einen kleinen Spaziergang möchte ich machen. Gut denn, kleide Dich also an. , Der Verwundete und seine Krankenwärterin gingen nun fort, und zwar ging's anfangs recht langsam. Tony stützte sich auf den Arm , seiner Begleiterin, welche bei jedem unwillkürlichen Drucke seiner Hand zusammenschauerte. Dann begann unser Held, der in vollen Zügen die würzige Luft einathmete, rascher zn gehen. und entwand sich dem schützenden Arme seiner Pflegemutter. Tony! Tony! Du wirst müde werden! rief die junge Frau halb lachend, halb ärgerlich. Tony, laus' doch nicht so! - - Sie lief hinter ihm her und vergaß in der Freude, ihn so munter und beweglich zü sehen, ihren eigenen Kummer. Tony, ich bitte Dich, ruhe doch aus. ' Sie ergriff ihn beim Arme und hielt ihn zurück, er aber entschlüpfte ihr wieder und lies weiter. So hatten sie unter fortwährendem Scherzen die Stadt hinter sich gelassen, ohne es bemerkt zu haben. Es war nicht weit von Mittag, die Zeit war ihnen im Fluge vergangen. O, ich habe Hunger, sagte Tony, indem er stehen blieb. Zwei Schritte von ihnen war ein Wirtshaus mit einer grünen Laube. In der Thür stand die Wirthin, eine dicke Brabanterm, bereu breites Vollmondgesicht lächelte, während sie d-n Beiden zusah. Du hast Hunger, rief Marion. Wahrhaftig, ich vergaß, daß es schon lange her ist, daß Du Deine Tasse Milch getrunken Haft. Wo werden wir frühstücken? ' Nun, hier unter der Laube. ^ ' - Er winkte der Mithin, chief- eiilr gute ,Dkr Schwur »er Ruthuiitntler.' Leit« 146 Zeche voraussetzend, sich beeilte, den Tisch zu , decken. Mit kindischer Freude pruste Tony das blendend weiße Tischtuch, die großgeblumtrn Teller und die zinnernen, blankgepntzten Kannen, die man vor sie hinstrllte. Wie reizend wir da frühstücken werden ! rief er entzückt aus. Die Freude, ihren Tony so glücklich zn sehen, verdoppelte das Vergnügen Frau Marions, die sich gleichfalls unter dem grünen Laubdache, in der frischen, klaren Luft sehr behaglich fühlte. l Das Frühstück nahm seinen Anfang. Tony schwatzte lustig fort, aber das hinderte ihn nicht, tüchtig zuzngreifcn. Er aß mit dem Appetit der Reconvalescenten, die weder im Essen, noch im Trinken Maß halten können. Zuerst war Frau Marion ganz entsetzt darüber. Iß nicht zu viel, Tony, sagte sie und vor Allem trink nicht so viel. Tu weißt, daß der Doctor Dir aufgetragen hat, Dich zu schonen. Aber da war jede Warnung vergeblich . .. der junge Mann hatte immer so gute Gründe anzuführen, daß die gute Frau schließlich sich überzeugen ließ. Mußte er nicht wieder zu Kräften kommen? Und der Wein blinkte so ver- lockend in dem Glase und erfreute das Herz! Ich bin so lauge zu Medicinen verurtheilt gewesen, schmeichelte Tony, sein Glas von Neuem hinhaltend. Nach und nach begann Frau Marion, von Tonys Beispiel angelockt, ebenfalls dem ländlichen Frühstück Ehre anzuthun. Während das Paar frühstückte, erging es sich in den wunderlichsten Plänen. Ich verkaufe mein Geschäft, sagte die junge Frau. Ich mag nicht mehr in die Straße des Jeux-Ncufs zurückkehren. Wir suchen den Marquis von Langevin auf und fordern ihn auf, Dir Deinen Vater zu nennen; wir suchen dann Deine neue Familie und da ich Dir doch nicht mehr genügen kann ... O, wie können Sie nur so Etwas sagen, rief Tony hastig dazwischen, sie zärtlich bei der Hand fassend. Also meinetwegen. . . aber Deine Verwandten mußt Du doch jedenfalls schon im >'r. 42 Interesse Deiner Zukunft kennen lernen, und weißt Du einmal, wer Deine Eltern sind . . . So heirate ich Vavette! entschlüpfte es den Lippen des jungen Mannes. Das Wort fiel wie eine Bombe auf die Luftschlösser, die Frau Marion gebaut hatte. Das Erwachen aus dem schönen Traume war furchtbar. Sie wurde todtenblaß, wankte und trotz ihrer Bemühung, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, fiel sie ohnmächtig nieder. Tony, der sehr erschrocken war, stürzte auf sie zu und fing sie in seinen Armen auf. Er rieb ihr die Hände, wusch ihre Schläfen mit frischem Wasser und machte alle Wiederbelebungsversuche, von denen er glaubte, daß sie ihre entflohenen Lebensgeister zurückrufen würden. Endlich gelang es ihm, sie zu sich kommen zn sehen, aber da brach sie auch schon in ein heftiges Schluchzen aus. Marion, was ist Ihnen denn, um Gottes- Willen ? fragte er erregt, da er nicht wußte, was dieser unerwartete Schmerzensausbruch zu bedeuten habe. Ach, was ihr fehlte, konnte sie Tony doch nicht sagen. Wie hätte sie es auch über's Herz gebracht, ihm ihre gescheiterten Hoffnungen, die Enttäuschungen ihres gebrochenen Herzens ein- zngestehen? Unser Held aber, dessen Unruhe und Aengstlichkeit zunahm, wurde immer dringender und bestand darauf, daß sie ihm die Ursache ihres Kummers mitthcile. Da konnte sie nicht länger an sich halten! Unter Thränenströmen bekannte sie ihm Alles, was seit dem Tage, wo ihr die wirkliche Natur ihrer Neigung zu ihm klar geworden war, in ihr vorging. Sie verbarg ihm weder die Kämpfe, noch die Hoffnungen, die ihr Herz bewegt hatten. Sie hatte ganz leise gesprochen, aus Furcht, gehört zu werden . . . Ihre Wangen streiften das Gesicht des juugen Mannes, ihre schönen Augen, die in Thränen schwammen, hatten einen feuchten Glanz . . . Tony, dem sich ihre Leidenschaft Plötzlich mitgetheilt hatte, verlor den Kopf. Berauscht, sinnestrunken, neigte er sich über die junge Frau und schloß sie in seine Arme. Da sieh nur! rief er aufgeregt, sie zum ersten Male in seinem Leben dutzend, ich war ja mit Blindheit geschlagen ... ich habe Dich nicht Ulnstri'rtes Wiener RxtrabiLtt »2 Illnstriites wiener 8eits 147 Verstanden, ich Undankbarer habe Nichts gesehen. . . . Deine Güte hat mich Deine Schönheit vergessen gemacht! . . . Vcrgicb mir, versieb mir! Versteh' ich recht? Du könntest mich also doch lieben? fragte zitternd, mit angehaltenrm Athem Marion. Du wirst es sehen! Aber Du darsst mir nicht wegen der Vergangenheit zürnen. Ich war ein Kind, Du hast mich zum Manne gemacht! Du hast mir die Augen geöffnet! Ach, jetzt kann ich es Dir sagen, ich liebe Dich, ich liebe Dich. Die heiße Julisonne senkte ihre glühenden Strahlen durch die Zwischenräume des Blätterwerks und blickte auf zwei glückliche Menschen, die sich in der dunklen Laube zärtlich umschlungen hielten. Marion glaubte vor Seligkeit vergehen zu müssen. Ihr Blut kochte, ihre Augen glänzten, ihre Blicke hatten sich umschleiert. Ich ersticke! flüsterte sie. Eine Stunde später trat das Liebespaar den Heimweg an, doch diesmal ohne zu laufen. Marion, die sich ganz ihrem Glücke hingab, an das sie'sich nicht zu glauben traute, lehnte sich träumerisch an die Schulter ihres Begleiters. Tony, in dem ganz neue Empfindungen erwacht waren, blieb von Zeit zu Zeit stehen, um die Liebesbetheuerungen, die ihm unwillkürlich entschlüpften, mit einem Kusse zu besiegeln. Unter solchen Umständen achteten die Liebenden nicht auf den Weg und so kam es denn, daß sie sich in einem Gehölz verirrten und da es schon ziemlich spät war, waren sie gezwungen, eine alte Holzsammlerin, die ihr Bündel Reisig auf dem Nucken trug, nach dem richtigen Wege zu fragen. Die Alte blinzelte listig mit den Augen. Den Weg wollt Ihr wissen? Geht, macht Euch doch nicht lustig über mich! Ihr seht mir ganz danach aus, als ob Ihr Euch lieber verirren möchtet. . Die Alte lachte und Marion, die ihr im Herzen Recht geben mußte, konnte nicht umhin, ebenfalls zu lächeln, während Tony verschämt zu Boden blickte. Plötzlich hörte er aus dem Gebüsch eine Stimme. Soll ich Euch den Weg zri-gen ? Der junge Mann erbebte. Er glaubte, das schrille Organ schon eiumal gehört zu haben. Er lief dem Gebüsch zu und bog die Zweige desselben auseinander. Seine Vermuthung hatte ihn nicht betrogen, denn das häßliche Gesicht des kleinen Buckligen von Bleuancourt grinste ihm aus der grünen Umrahmung entgegen. Der Zwerg war vor einigen Tagen in Antwerpen angekommeu uud hatte die Stadt nach allen Richtungen durchstreift. Einer flüchtigen Laune nachgebend, hatte er, um etwas mehr Abwechslung in seine Beschäftigung zu bringen, heute einen Gang durch die Vorstädte und die umliegenden Dörfer gemacht. Da ihm schließlich die Hitze zu drückend wurde, trat er in das WirthShaus, in dem zufällig auch Marion und ihr Liebhaber gewesen waren. Selbstverständlich erzählte die geschwätzige Wirthin, die nur auf eine Gelegenheit lauerte, um Jemandem ihre Beobachtungen mitzutheilen, dem Neuangekommenen Gaste von dem sonderbaren Liebespaare, das kurz zuvor dagewesen war, und konnte nicht genug die Schönheit des jungen Gardisten und die Zärtlichkeit seiner Geliebten rühmen. Der Kleine machte einen Luftsprung vor Freude, er wußte, daß er nicht weit von den Gesuchten war. Es wurde ihm nicht schwer, sie einzuholen. Ja, ja, ich bin's, sagte er fröhlich zu Tony, der ihn bestürzt anblickte; ich suchte Euch und habe Euch endlich gefunden. Wer ist dieser Mann? fragte Frau Marion Tony ein wenig erschreckt. Einer der Leute, die im Schlosse deS Magnaten dienten. Ah, Sie wissen aber noch nicht Alles, meine schöne Dame, und brauchen durchaus nicht zu erschrecken. Wenn ich Sie suchte, so geschah es in bester Absicht. Bei diesen Worten kam der Zwerg ganz aus dem Gebüsch heraus und verneigte sich vor Ksito 148 Hluslrirtss wiener LrtrMatt Nr. 42 den Beiden, indem er dabei eine freundliche Grimasse schnitt. Wenn dies der Fall ist, sagte stirnrunzelnd Tony, warum lauertest Du uns denn auf und beobachtetest Du uns? Wenn Sie mir erlauben, Sie zu begleiten, werde ich Ihnen das auf dem Rückwege nach der Stadt erklären, vorausgesetzt, fügte er mit widerwärtigem Grinsen hinzu, daß es Sie nicht stört, einen Dritten in Ihrer Gesellschaft zu haben. . Meinetwegen, sagte Tony, dessen Gesicht sich bei der Anspielung des Kleinen purpurroth färbte. Sie richteteten ihre Schritte gegen Antwerpen. Auf dem Wege erzählte ihnen der Kleine zuerst von seiner eigenen Pilgerfahrt und wie ihn diese in's Lager geführt hatte und dann, wie sich der Baron von Chartille der Angelegenheiten der Marquise annchme, und endlich, wie das Fehlen Frau Marions bei der Leichenfeier Hoffnungen erweckt hätte, die sich zum Theile schon erfüllt hatten. ' Er hat eine glückliche Hand, der Alte, bemerkte drr Kleine zum Schluß. Er hat das Nichtige getroff n, als er sich an mich wandten Ich versprach ihn, Sie aufzufindtn. und schon habe ich mein Wort gehalten. Wenn ich nur auch mit dem Marquis so leichtes Spiel hätte. Wer weiß, meinte Tony, dein plötzlich eine Ahnung kam, als ob der Marquis am Leben wäre. Der Baron hat Recht. So gut, wie ich am Leben geblieben bin, kann's ja auch mit dem Ma'.q ris der Fall sein. Und jetzt sind wir Drei zum Suchen, denn auch Frau Marion wird uns behilflich seir^'-die Spur meines edlen Freundes aufznfinden. Komm', Kleiner, führe mich zu dem Baron, cs drängt mich, ihn so bald als möglich Z!l sprech n. 16 . Auf Vefehl des Polizeidirectors. Lassen wir den Baron von Chartrlle, Tony, Frau Marion und ihren Spürhund, den Zwerg, sn Antwerpen und folgen wir j tzt Maurrvailüs und Lacy, die, wie wir wissen, sich nach Paris gewendet hatten. Die beiden Männer machten nur Raft, um ihren Pferden die unun.gä"glich nöthige Ruhe zu gönnen und in Eile eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Sie gingen von der Voraussetzung aus, daß der Baron seine Niederlage nicht gleichgiltig hin- nehmen und die erste Gelegenheit ergreifen würde, um ihnen zu folgen. Wenn er aber auch ein verteufelt gutes Pferd haben sollte, meinte Lacy. so wird es ihm doch schwer werden, uns zu erreichen. Du weißt, daß wir ein gänzlich ruinirtts Land passirrn, wo die P nnderer nicht einen Bund Heu oder eine Maß Hafer zurückgelasseu haben. Wir selbst werden das Nöthige für unsere Pferde mit Gold auf- wiegen muffen, wer aber nach uns kommt, wird das Nachsehen haben. Die Voraussetzung der Beide» erwies sich als eine irrige. Den Beiden folgte allerdings Jemand, aber es war nicht der Baron von Chartille, sondern sein treuer Diener Lapierre. Er war ein alter Soldat, der den Krieg unter der früheren Regierung mit seinem Herr» mitgnnacht hatte und von einer Zähigkeit und Ausdauer, wie man sie bei seinen Jahren nicht vermuthet hätte. Er stieg nirgends ab, um sich mit Essen und Trinken aufzuhalten, mit seiner vollen Kür bisflasche und dem Weizenbrode im Mantelsacke hatte er zwölf Stunden auf dem Pferde zurückgelegt. Was die Schonung seines Rosses aubelangt, so war ihm wenig daran gelegen, war er doch reichlich genug mit Geld versehen, um nn Noth- falle den Bauern ihre Klepper abzukaufen. Es lag aber auch nicht in der Absicht Lapierre's, die zwei Edeileute rinzuholen, sondern er wollte ihnen zuvorkommen. Deshalb schlug er auch die Seitenpsade ein, während Lacy und Manrevailles auf der Hauptstraße dahinritten. Während nun die beiden Edelleute sich fast sicher vor der Verfolgung des Barons glaubten, war ihnen Lapierre nach Paris vorausgeeilt. Ihre Reise ging ohne Unfall von Statt n. In Paris angekommen, begaben sie sich sofort in's Hotel VilerS, dessen Thür sie geschlossen Nr. 43 IHastrlrtss ssisller LrtrLblstt Lsito 149 fanden. Maurevailles klopfte heftig und gleich darauf erschien der Schweizer, der nach ihrem Begehr fragte. Wir haben der Frau Marquise eine wichtige Mittheilung zu machen, sagte Lacy. Bringen Sie einen Brief? fragte der Schweizer. Dann geben Sie ihn her. Wir müssen selbst mit ihr sprechen. Unmöglich. Der Eintritt ist nicht gestattet, rief der Schweizer. Aber wir kommen vom Marquis! Gleichviel, Niemand darf herein. Dummkopf, rief Maurevailles, weist Du, daß Du durch Deinen Eigensinn ein großes Unglück heraufbeschwören kannst? Der Herr muß mir verzeihen, stammelte der unglückliche Thürhüter, aber ich darf nicht gegen den ausdrücklichen Befehl handeln... Er fand nicht die Zeit, zu vollenden. Während Maurevailles mit ihm unterhandelte, hatte Lacy sein Sacktuch ans der Tasche gezogen, es fest zusammengerollt und einen ordentlichen Knebel daraus geformt. In dem Augenblicke, wo der Schweizer seinen Kopf durch die halb offene Thür steckte, faßte ihn Maurevailles am Halse und Lacy steckte ihm einen Knebel in den Mund, so daß er nicht schreien konnte. Nun trugen sie den armen Schweizer, den sie auf diese Weife unschädlich gemacht hatten, in seine Loge und gingen weiter. Der Vorflur des Hotels war offen, aber die verschiedenen Thüren, die in das Vorzimmer mündeten, waren alle zugesperrt. Die Beiden stießen eine Thür ein und drangen in ein Zimmer. Bei dem Geräusche, das das gewaltsame Oeffnen der Thür verursacht hatte, lief eine Kammerfrau entsetzt herbei und als sie der Beiden ansichtig wurde, ergriff sie schreiend die Flucht. Mit zwei Sprüngen hatte sie Maurevailles eingeholt. Sei still, befahl er, indem er sie rauh bei den Händen faßte. Gnade! murmelte das junge Mädchen. Fürchten Sie Nichts, mein Kind, mischte sich Lacy ein, wir meinen es gut. Sie meinen es gut und schlagen die Thüren ein? bemerkte zweifelnd die Zofe. Darauf kommt es nicht an, sagte Maurevailles. Wir sind gekommen, um uns der Marquise nützlich zu machen und uns blieb kein anderer Ausweg, um zu ihr zu gelangen. Sag' schnell, mein Kind, wo ist Deine Herrin? Sie ist für Niemanden sichtbar. Wir müssen sie aber gleich sprechen. Sie ist in großer Gefahr. Führe uns nur rasch zu ihr, wiederholte der Chevalier. Damit Sie sie von Neuem quälen, nicht wahr? Nein, nein, tausendmal nein, rief das muthige junge Mädchen. Ah, steht es so, sagte Lacy, die Thür eines Wandschrankes bemerkend, der im Holzgetäfel angebracht war. Willst Du uns gehorchen oder nicht? Nein. Dann . . . Sie stießen sie in den Wandschrank hinein und schlossen diesen doppelt ab, dann drangen sie in den Gang, an dessen Ende eine zweite Thür war. Diese war nur verriegelt. Sie schoben den Riegel zurück und befanden sich in einem weiten Gemache, das mit Möbeln angefüllt war, aber in dem Niemand sichtbar war. Endlich sind wir Herren der Situation, rief Lacy frohlockend. Wie wenn dieses Wort ein Signal gewesen wäre, wurde es mit einem male in dem anscheinend leeren Raume lebendig. Aus Schränken und hinter den Portiören hervor, ans allen Winkeln stürzten bewaffnete Männer auf sie. Verrath! brüllte Maurevailles, indem er versuchte, seinen Degen zu ziehen. Aber schon hatte ihn einer der Männer bei den Ellenbogen ergriffen, während ein zweiter ihn um den Leib faßte und ein dritter vom Kopfe bis zu den Füßen band. Ebenso verfuhr man mit Lacy. Elende Räuber, schrie Maurevailles außer sich, Ihr sollt Eure Schurkerei theuer bezahlen. Ganz schön, Herr Chevalier, sagte einer der Umstehenden und näherte sich den Gefesselten. Er hielt eine Tabaksdose in der Hand, aus der er bedächtig eine Prise nahm. Wer sind Sie und was berechtigt Sie zu einem solchen Verfahren uns gegenüber, fragte Marc de Lacy. ^er Schwur der Rothmäutler." 8«its lüO Illustrirtes bleuer Hxtrablatt ' Nr. 43 Mit welchem Rechte ich vorgehe? Nun, im Aufträge des Polizei-Lieutenants, wenn Sie es durchaus wissen wollen. Und wer ich bin? Ein armer Teufel, dessen sich die Herren wahrscheinlich nicht erinnern, der es sich aber zur Ehre und zum Vergnügen anrechnet, mit den Herren schon einmal auf dem Kapuzinerplatze zu- sammengetroffcn zu sein ... Er machte bei diesen Worten den zwei Officieren eine ironische Verbeugung. Ah! rief Maurevailles, jetzt erkenne ich Sie . . . Sie sind . . . La Riviera Sebastian Gottlieb, Polizei- Agent; in diesem Augenblicke beauftragt, Sie, koste es, was es wolle, vor Herrn Feydeau von Marville zu führen, und da Sie mir durchaus nicht gewillt scheinen, ans freien Stücken zu kommen, so müssen Sie entschuldigen, wenn ich Gewaltmaßregeln brauche. Er verneigte sich zum zweiten Male vor den Gefangenen, dann wendete er sich zu seinen Leuten und befahl, die Ersteren wegzuführen. Trotz alles Widerstrebens wurden Lach und Maurevailles jeder von einigen Agenten erfaßt und einen Wagen geworfen, der in einiger Entfernung wartete. Eine Viertelstunde später waren sie bei dem Polizeidirector. Wie La Riviere und seine Leute hieher- gekommen waren, ist nicht schwer zu errathen. Lapicrre, den sein Herr mit einem Briefe an den Polizeidirector versehen hatte, war gleich bei seiner Ankunft in Paris bei diesem erschienen, um ihn von der Gefahr zu benachrichtigen, der die Marquise durch die beiden Offiziere aus- gesetzt war. In der Voraussetzung, daß ihr erster Besuch dem Hotel. Vilers gelten würde, hatte Herr von Marville seine Agenten hingeschickt und die Folge lehrte, wie sehr er Recht gehabt hatte. 17 . Wieder im Lager. In Antwerpen ging indessen der Baron von Chartille ungeduldig ans und ab und wartete auf 'die Rückkehr des Zwerges. Der Trunkenbold wird in irgend einer Schänke sitzen, sagte ingrimmig der Baron und wird dann, wie gestern, berauscht zurückkommen, um mir irgend ein Märchen aufzutischen. Er soll sich aber heute in Acht vor mir nehmen. In diesem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und der Bucklige trat ein. Er sah so vergnügt und selbstzufrieden ans, daß des Barons Zorn im Momente verrauchte. Nun, Goliath ! rief ihm Herr von Chartille entgegen, hast Du gute Nachrichten? Es gehört sich eigentlich nicht, daß Leute, die Etwas sind, sich selbst lohen, begann der Kleine mit feierlicher Betonung, aber diesmal muß ich wirklich eine Ausnahme machen «yd Ihnen nur sagen, daß Sie wirklich einen glücklichen Griff thaten, Herr Baron, als Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrten. Mach's kurz, unterbrach ihn der Baron, der ein Feind von vielem Sprechen war und lieber Thatsachen wollte. Hast Du endlich Etwas ausfindig gemacht? Etwas? Ich könnte, wenn ich ruhmredig wäre, sogar sagen: Sehr viel. Du bist also auf der Spur? Das ist zu wenig gesagt ... ich habe den Vogel eingefangen. Vilers! rief der Baron und taumelte fast vor Erregung. Mit einem Sprunge war der Bucklige draußen und führte an der einen Hand Tony, an der anderen Frau Marion herein, die in großer Verlegenheit war. Ah 1 Sie möchten gar zu viel verlangen, Herr Baron, sagte der Kleine beim Zurück- kommen. Ich glaube, daß ich schon sehr viel gethan habe, wenn ich Ihnen Herrn Tony und seine Freundin Fran Marion bringe. Gewiß, gewiß, sagte Herr von Chartille, ich lasse Deiner Geschicklichkeit Gerechtigkeit widerfahren, aber einen Augenblick hoffte ich, daß ... Hoffen Sie nur zu, Herr Baron. Das Schwerste ist ja doch schon gethan. Jetzt, wo wir so Viele sind, werden wir ja doch auch ans- kundschaften, ob der Marquis noch am Leben ist und wo er sich befindet. Gewiß, rief Tony feurig, ich schwöre es Ihnen, Herr Baron, daß ich den Marquis tvdt oder lebendig zur Stelle schaffe. Illnsirirtes Wievvr 8xtradlLtt Selts 151 Nr. 13 Auf dcZ Barons Begehr thkilte Tony Herrn von Chartille mit, auf welche wunderbare Weise er dem Tode entronnen war. Er sprach zuletzt die Hoffnung aus, daß Herr von Vilers, dessen Leichnam ja nicht gesunden worden war, möglicherweise ebenso wie er gerettet worden war. Ich glaube Ihnen, junger Mann, sagte der Baron, als Tony zu Ende war, und zum Beweise dessen lege ich die Sorge um die Nachforschungen nach dem Marquis ganz in Ihre Hände. Ich selbst muß eiligst nach Paris zurückkehren, wo, wie ich glaube, meine Anwesenheit dringend noth» wendig ist. Ich fürchte, daß die beiden Freunde die Marquise und ihre Schwester bedrängen werden und erachte es als meine Pflicht, ihnen schützend zur Seite zu stehen. Sie aber bitte ich, in Ihren Nachforschungen fortzufahren und weder Geld, noch Mühe zu schonen. Der Baron reichte Tony freundschaftlich die Hand, verneigte sich ehrerbietig vor Frau Marion und warf dem Kleinen eine goldgesnllte Börse zu. Dann ries er den Wirth und befahl ihm, seinen Wagen anspanncn zu lassen. Tony wußte, daß es vergeblich gewesen wäre, den Baron von seinem Vorhaben abzu- bringen und er machte deshalb nach dieser Richtung keine Versuche. Unterstützt von dem Buckligen, begann er alsbald Erkundigungen einzu- ziehen, die auf eine Spur nach dem Marquis führen sollten, doch blieben diese resultatlos. Tony beschloß nun, von der Erwägung geleitet, daß seit seiner, Herstellung sein Leben und Wirken wieder dem Vatcrlande gehöre, sein Regiment aufzusuchcn; er hoffte überdies, bei der Armee doch Etwas über Vilers erfahren zu können und sprach sich auch in diesem Sinne dem Zwerge gegenüber aus. Höre, sagte Tony zu seinem kleinen Freunde, durchsuche Alles, gehe an keinem Hause vorüber, ohne Dich darin auszuhalten; wenn Du aber binnen vierzehn Tagen keine Spur von Vilers anfgcsunden hast, dann benachrichtige mich im Lager davon. Vielleicht bin ich glücklicher. Ich kann nämlich den Gedanken nicht los werden, daß Vilers am Ende bei der ersten Schlacht wieder zum Vorschein kommt und in die Reihen der Unserigcn tritt. Das ist nicht unmöglich, meinte nachdenklich der Bucklige. Wir werden ja sehen, sagte Tony, und fügte lächelnd hinzu, jedenfalls empfehle ich Dir noch Eines: nicht gar zu viel zu trinken. Den nächsten Tag begab sich Tony, gefolgt von seiner unzertrennlichen Freundin, in's Lager, wo er sich dem Marquis von Langeviu und dem Marschall von Sachsen vorstellte. , Moriz von Sachsen beglückwünschte den jungen Mann zu seinem Avancement zum Lieutenant. Sobald Ihre Lage geregelt ist, wird Seine Majestät, dem ich sofort darüber berichten werde, Ihre Ernennung bestätigen. Tony verneigte sich und entfernte sich freudestrahlend. Die Nachricht von dem Wiedererscheinen des jungen tapferen Fähnrichs hatte sich bald im ganzen Lager verbreitet und als Tony den Marschall verließ, ward er von Freunden umringt, die sich drängten, um ihm die Hand zu drücken. An ihrer Spitze waren La Rose und der Normanne. Alles Glück auf einmal, sagte der brave Gascogner, indem er auf die neuen wollenen Tressen wies, die seine Aermel zierten. Gestern bin ich zum Corpora! avancirt und heute finde ich Sie wieder. Wollen Sie mir die Hand geben, Herr Tony, obschon Sie jetzt mein Vorgesetzter sind? In meine Arme! rief der junge Fähnrich, ihn um den Hals fassend. In meine Arme, alter Kamerad, nnd Du auch, Normanne. Seid Ihr nicht meine ersten Lehrmeister im Waffenhandwerk gewesen? Und ich Ihr erster Gegner . . . und Ihr erstes Opfer, fügte Pivoine mit heiserer Stimme hinzu. Ah! mein guter Pivoine, ich hoffe, daß Du mir nicht länger gram bist? Ihnen gram sein, alle Donnerwetter! Aber ganz im Gegentheile — seit diesem Tage verehre ich Sie. Wirklich? sagte Tony, ihm herzlich in die Augen blickend, Du bist ein wackerer Kerl, Pivoine. Und wenn Sie uns jetzt als Officier die rkito 152 HIu8trirte3 wiener LrtrLblatt Nr. 43 Ehre erweisen wollten, Eines mit uns zu trinken, wie damals, als Sie zum Regimente kamen . . . Warum denn nicht? rief fröhlich der junge Officier. Zeigt mir, wo man ein gutes Glas Wein bekommt, und ich gehe mit Euch. Tony wußte im Lager keinen Bescheid, er Keß sich daher von La Nose führen und dieser zog ihn in das Zelt von Mutter Nicolo, wo ihre Freundschaft sich befestigt hatte und wo sie erneuert werden sollte. An die Marketenderin dachte Tony nicht. Die Ereignisse und Aufregungen der letzten Zeit hatten Bavette und ihre Mutter in den Hintergrund gedrängt. Als ihm die Erinnerung an die Beiden wiederkehrte, stand er schon an der Schwelle der Schänke. Die Marketenderin hatte ihn kaum erblickt, als sie fast närrisch vor Freunde die Hände zum Himmel erhob, während Bavette, sich selbst und ihre Umgebung vergessend, über und über er- röthend dem jungen Officier au den Hals sprang. Und gerade in diesem Augenblicke erschien Frau Marion, die Pivoine herbeigeholt hatte. Arme Marion! Sie beobachtete Tony, sie sah, wie der junge Mann, in dem die Erinnerung an seine erste, unschuldige Liebe zu Bavette wieder aufzuleben begann, beim Anblick Bavettes beschämt die Augen senkte, um die Thränen zu verbergen, die sie benetzten. Arme Frau! Tony war nicht mehr der muntere, lachende Gesellschafter, wie damals in Antwerpen, wo sie in der grünen, schattigen Laube saßen. Er wagte kaum zu sprechen, er trank fast gar Nichts; man sah ihm an, daß sein Herz schwer war und daß er über Etwas nachdachte. Frau Marion sah das Alles und begriff, was im Herzen des jungen Mannes vorging. Tonys Traurigkeit steckte sie an und sie versuchte vergebens zu lachen. Umsonst nahm sie mit erzwungener Heiterkeit einen unmöglichen Kampf auf; ihre fünfunddreißig Jahre konnten den Vergleich mit der siebzehnjährigen Jungfrau nicht aufnehmen, der Tony die glücklichen Regungen einer ersten Jugendliebe verdankte. Der junge Officier hätte sich gerne von seinen Kameraden verabschiedet, es drängte ihn, mit feinen Gedanken allein zu sein. Er machte der Unterhaltung daher-bald ein Ende, indem er Müdigkeit vorschützte. Er schlug mit Marion den Weg nach dem Gasthause ein, wo sie abgestiegen waren. Tony ging schweigend an ihrer Seite. Zwei- oder dreimal versuchte feine Gefährtin, die Unterhaltung in Gang zu bringen, aber Tony gab kaum eine Antwort. Und als sie, die Müdigkeit, von der er in der Cantine gesprochen, zum Vorwand nehmend, ihn unter dem Arme fassen wollte, stieß er sie zurück, indem er sagte: Ich danke.« Ich muß mich jetzt daran gewöhnen, ohne Hilfe zu gehen, wenn ich daran denken will, meinen Dienst im Regimente wieder aufzunehmen. Ach, seufzte die arme Frau, als sie in das Gasthaus zurückkam, ich war närrisch, an die Dauerhaftigkeit einer Laune zu glauben . . . Meine schönen Tage sind zu Ende . . . Mein beseligender Traum ist zerronnen! . . . Sie begab sich in ihr Zimmer, das von demjenigen Tonys nur durch einen schmalen Gang getrennt war. Hier faß sie bis zum Morgen, in schmerzliche Gedanken versunken, immer auf das Wort wartend, das ihr die Hoffnung wiedergeben sollte, die Augen starr durch die weitgeöffnete Thür auf das gegenüberliegende Zimmer gerichtet. Ach, das Wort wurde nicht gesprochen. Die Thür blieb verschlossen. 18 . Rejane. Es war ein glücklicher Einfall des Barons von Chartille gewesen, als er Herrn von Mar- ville durch Lapierre von der Anwesenheit der beiden Officiere in Paris verständigen ließ. In dem Zustande, in welchem sich die Marquise befand, hätte das gewaltsame Eindringen der Ofiiciere für die junge Frau leicht verhängnißvoll werden können und Herr von Marville fand eS für gerathen, die Maßregeln, 44 _ Llustrlrte, Msüer,NltkLd1»tt Leits 153 die er ergriff, sowol jhr, als Rejane za verschweigen. ' Mit der Sorge, die Angelegenheit möglichst ohne, Aufsehen durchzuführen, hatte er La Riviere betraut, dessen Takt und Geschicklichkeit ihm zur Genüge bekannt waren. Der alte Joseph war übrigens der Einzige im ganzen Hause, der eingeweiht worden war. Wenn es auf den alten Kammerdiener angekommen wäre, würde über die ganze Angelegenheit das tiefste Schweigen beobachtet worden sein, damit die Marquise einige Zeit wenigstens sich in vollkommener Sicherheit glauben könnte. Unglücklicherweise hatte das Erscheinen der beiden Männer sich nicht so geräuschlos vollzogen, als er gehofft hatte. Was man auch immer thun mochte, es war nicht anzunehmen, daß der alte Thürhüter oder das Kammermädchen Snzette von den Vorfällen plaudern würden- deren Opfer sie geworden waren. Deshalb hielt es Joseph für angezeigt, dem Geschwätze der Beiden zuvorzukommen und die Marquise selbst von dem Borgefallenen zu benachrichtigen. Die Marquise dankte ihm herzlichst für seine Treue und die Geschicklichkeit, die er bewiesen hatte, indem er La Riviere's Leute untergebracht hatte, und Joseph entfernte sich befriedigt, ohne darauf zu achten, daß Rejane, die sich bei Josephs Erzählung an der Seite ihrer Schwester befand, dem Berichte des Kammerdieners mit außerordentlichem Ingresse gefolgt war. Trotzdem Rejane wußte, was vorgefallen war, und trotz Allem, was sie von Maurevaillcs' Charakter wußte, hatte das arme Kind nicht ausgehört, den Chevalier zu lieben. Als sie hörte, daß er verhaftet worden war, erbleichte sie, doch bezwang sie ihre Erregung» damit ihre Schwester Nichts davon bc-, merke. Kaum hatte der alte Diener das Zimmer verlassen, als Rejane sich gepreßten Herzens bei ihrer Schwester entschuldigte und sie um die Er- laubniß bat, sich in ihr Zimmer zurückzieh.n zu dürfen. Jhr Entschluß war gefaßt. Sie wartete, bis die Nacht hereingebrochen war, um sich von ihrer Kammerfrau entkleiden zu lassen. Dann, als sie sicher war, daß Niemand sie mehr stören könne, kleidete sie sich eiligst wieder an und schlich auf den Fußspitzen hinunter. Das große Hausthor war geschlossen, aber > Rejane wußte, daß, wenn man auf den Knopf der kleinen Thür drückte, die im Hausthore angebracht war, die Erstere sich in ihren Angeln drehte. Ein leiser Druck und die Thür öffnete sich, . um sich gleich darauf wieder zu schließen. Rejane war auf der Straße. DaS junge Mädchen zitterte anfangs und zögerte, sich in die öde und schlecht beleuchtete Straße hinauszuwagen, aus Furcht, sich unangenehmen Abenteuern auszusetzeu. Doch bald schöpfte sie Kraft in ihrer Liebe und wurde kühner; dann schlug sie mit schnellen Schritten die Richtung gegen den Vendomeplatz ein. Sie begab sich in das Polizeigebäude, um den Polizeidirector zu sprechen. Man mußte nur so unerfahren sein, wie daS junge Mädchen, um an ein so waghalsiges Unternehmen zu denken. Rejane lief tausendmal Gefahr, entweder von Räubern oder frechen Kerlen, die auf galante Abenteuer ausgingen, angehalten oder gar von der Wache verhaftet zu werden. Aber der Zufall schützte das junge Mädchen. Ohne unangenehmen Zwischenfall erreichte sie die Kapuzinerstraße. Hier war noch Hundert gegen Eins zu wetten, daß ihr Unternehmen scheitern werde. Wie leicht konnte cs geschehen, daß die ^ Thürchütcr ichr. den Eintritt verweigerten oder daß im besten Falle die Polizei-Agenten, die sich . im Vorzimmer befanden, sie für eine Straßendirne oder eine Verrückte hielten und sie aus eigener Initiative auf'S Fort l'Eveqne oder auf die Madelounettes bringen ließen. Ein glücklicher Zufall aber wollte, daß der wachhabende Soldat ein intelligenter Junge war, der auf den ersten Blick bemerkte, mit wem er es zu thun habe. Er begriff, daß es eine Sache von höchster Wichtigkeit sein müsse, die das junge Mädchen, das offenbar den besten Ständen anaehörte, zu so ungewöhnlicher Stunde zum Poli^idirector führte. Er rief den Postenführer herbei und ohne ,Dcr Echwur der Stothmitutler.* Lsits 154 lllustrirtos Mövsr LxtrM»tt Nr. 44 . Weitere Belästigung gelangte Rejane in das Vorzimmer Herrn von Marville's. Hier schrieb sie ihren Namen auf einen Zettel, welchen sie durch einen Thürsteher dem Polizeidirector übergeben ließ. Herr von Marville blickte bestürzt auf den Namen, der auf dem Papiere stand, und gab dann Befehl, das Fräulein unverzüglich ein- zuführen. Rejane trat ein. Womit kann ich Ihnen dienen, mein Fräu- lein, fragte, sich verneigend, Herr Marville. Mein Herr, sagte Rejane mit Sicherheit in Stimme und Haltung, ich bin gekommen, Sie um eine große Gunst zu bitten. Was wünschen Sie von mir? Sprechen Sie ohne Scheu, liebes Fräulein. Herr von Maurevailles ist vorhin von Ihren Agenten im Hotel VileK verhaftet worden. Ja gewiß, mein Fräulein, weil er bei einem Einbrüche ertappt worden ist, anders kann ich's nicht nennen. Nun also, ich bin gekommen, um Sie zu bitten, ihn in Freiheit zu setzen. In Freiheit setzen? rief der Polizeidirector, der seinen Ohren nicht traute. Was fällt Ihnen ein? Aber selbst wenn ich es wollte, wäre cs mir unmöglich. Bedenken Sie doch, daß der Chevalier von Maurevailles, von dem mir mitgetheilt worden war, daß er verdächtig erscheine, einen Hausfriedensbruch im Sinne zu führen, von einer Abtheilung Polizeidiener überrascht worden ist, gerade als er einen Manu knebelte, ein Mädchen gewaltsam eiuschloß, eine Thüre einbrach, lauter Dinge, die eines Car- tonche würdig gewesen wären . . . Den in Freiheit setzen? Nein, nein, das geht nicht. Welchem Stande die Schuldigen auch angehöreu mögen, vor dem Gesetze sind Alle gleich. So wollen Sie ihn denn vor's Gericht bringen, fragte Rejane, verzweiflungsvoll die Hände ringend. Er selbst hat mich dazu gezwungen. So werden Sie mir doch wenigstens erlauben, ihn zu besuchen? Um ihm vielleicht zur Flucht zu verhelfen, fragte lächelnd der Polizeidirector. Wenn ich es könnte, gewiß! . . Diese Worte wurden mit solcher Festigkeit und mit so kühnem Freimuth gesprochen, daß Herr von Marville sich besiegt fühlte. Hören Sie, mein Kind, sagte er in väterlichem Tone, Sie scheinen die Person, der Sie ein so lebhaftes Interesse zuwenden, nicht recht zu kennen, erlauben Sie, daß ich Sie anf- klare. Das ist überflüssig, sagte frostig Rejane, ich danke Ihnen für Ihr Wohlwollen, aber ich weiß Alles, was Sie mir zu sagen beabsichtigen. Wie, Sie würden den Chevalier auch dann noch lieben, wenn Sie Alles wüßten, was ich Ihnen sagen könnte? Ja, antwortete ruhig Rejane. Das gestrige Attentat des Chevaliers war nicht das erste, wollen Sie sagen. Er wollte meine Schwester entführen, er hat es versucht, meinen Schwager zu tödten . . . Das Alles weiß ich und vielleicht noch Anderes, was Ihnen unbekanrrt ist. Und trotzdem sage ich Ihnen: Was liegt mir daran? Ich will ihn sehen, und, fügte sie hinzu, indem sie sich Herrn von Marville zu Füßen warf, ich gehe nicht eher fort von hier, bevor Sie mir diese Gunst nicht gewährt haben! Sie wollen ihn sehen? O, mein Gott, das kann ich Ihnen ja erlauben, sagte lebhaft Herr von Marville, indem er gerührt das junge Mädchen aushob. Kommen Sie, mein Kind. Obschon, wenn ich meine Pflicht gethan hätte, die beiden Herren eigentlich schon im Chatelet sein sollten, so habe ich es auf mich genommen, sie noch einige Stunden hier zu behalten. Dieser Umstand hat mich in die glückliche Lage versetzt, Ihre Bitte erfüllen zu können und ich freue mich jetzt darüber. Er nahm Rejane bei der Hand und führte sie selbst zu dem Gefangenen. Maurevailles saß in seinem Sessel zurück- gelehnt und dachte verdrießlich über die üblen Folgen nach, die diese Angelegenheit möglicherweise nach sich ziehen konnte. Er sagte sich, daß cs das zweite Mal sei, wo Herr von Marville über seine Handlungsweise der Marqnise gegenüber Rechenschaft forderte und er fürchtete, daß die Sache diesmal nicht so glatt ablaufeu würde. Ar. 44 HiMrirtss Wiener ürtrME Feite 155 AlZ er Herrn von Marville und Rejane eintreten sah, erhob er sich lebhaft von seinem Sitze. . Ich lasse Sie einen Augenblick allein, sagte der Polizeidirector zu dem jungen Mädchen. Herr von Maurevailles, ich halte es für überflüssig zu bemerken, daß Sie strengstens überwacht werden, und daß jeder Fluchtversuch scheitern und zudem Ihre Lage noch verschlimmern würde. Herr von Marville verneigte sich und zog sich zurück. Als sich Nejane mit dem Gegenstände ihrer Liebe allein sah, war sie anfangs verwirrt, doch als sie sich erinnerte, daß ihr die Zeit nur knapp zugemessen war, erzählte sie Maurevailles aufrichtig, was sie gethan hatte, um zu ihm zu gelangen. So viel Liebe und Ergebenheit verfehlten auch auf Maurevailles ihre Wirkung nicht. Einen Augenblick dachte er daran, sich ihr zu Füßen zu werfen und um Verzeihung zu bitten, indem er ihr versprach, mit der Vergangenheit gänzlich zu brechen, aber der Haß gegen Vilers und der Wunsch, sich an ihm zu rächen, gewannen gleich wieder die Oberhand. Er sagte sich, daß die Liebe Rejane's ihm eine willkommene Handhabe böte, um seinem Nachebedürfniß Genüge zu thun. und sein Plan hinsichtlich Rejane's war rasch entworfen. Um das junge Mädchen irre zu führen, sprach er von seiner Reue, von seiner Sinnesänderung und flüsterte Nejane Liebes- worte in's Ohr, die das arme Kind vollends be- thvrten. Seit dem Tode Lavenay'S, betheuerte er, betrachte ich mich meines Eides entbunden und mein ganzes Streben geht jetzt dahin, gntzumachen, was ich an der Marquise verbrochen habe. In dieser Absicht begab ich mich gestern in's Hotel Vilers, wo ich so unfreundlich behandelt wurde. Rejane verlangte nichts Anderes, als an die Unschuld Desjenigen zu glauben, der sie liebte, und Maurevailles wurde es deshalb nicht schwer, sie bald zu überzeugen. Als sie sich zurückzog, glaubte sie mit Bestimmtheit an die Ungerechtigkeit Derjenigen, die Maurevailles verhaftet hatten und, sich Herrn von Marville nähernd, sagte sie entschlossen: Sie wissen, daß ich schon einmal geisteskrank gewesen bin. Wenn Sie Herrn von Maurevailles noch länger als Gefangenen zurückhalten und ihn den Gerichten übergeben wollen, tödte ich mich vor Ihren Augen. Sie hatte bei diesen Worten einen Dolch ergriffen, den sie unter anderen Beweismitteln auf dem Tische des Polizeidirectors liegen gesehen hatte. Die blitzenden Augen Rejane's bewiesen, daß es ihr mit ihrer Drohung ernst war. Nach dem, was sie schon gethan hatte, konnte man bei ihr voraussetzen, daß sie auch diese Absicht ausführen werde, und Herr von Marville war deshalb in großer Verlegenheit. . Rejane hielt noch immer den Dolch gegen ihre Brust gerichtet. Da kam dem Polizeidirector ein Einfall. Hören Sie, mein Kind, sagte er, indem er seine Worte abwog, vielleicht gibt eS ein AnS- kunftsmittel, das uns Beide befriedigen würde. Rejane athmete freier auf. Ich kann, wie ich Ihnen schon sagte, meine Gefangenen nicht so ohneweiters freigeben. Aber es ist mir möglich, einen Vorwand zu finden, um sie länger hier zu behalten, statt sie in'S Chatelet überführen zu lassen. Nun, und? fragte Nejane. Der Baron von Chartille war's, der mir Mittheilung von dem Complot machte und mich bat, die Marquise zu schützen. Nun glaube ich, daß wir die Rückkehr des Barons abwarteu sollen, die nicht lange auf sich warten lassen wird. Ich werde mit ihm über die Angelegenheit sprechen und wenn er darein willigt, sie noch einmal zu unterdrücken und wenn die Herren Maurevailles und Lach mir versprechen, sich sofort zu ihrem Regiments zu begeben, so würde die Sache ganz gut gehen. Genügt Ihnen das, mein Kind? Ja, sagte Nejane. Ich werde es Versuches, den Baron günstig zu stimmen, und ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird. Aber Sie versprechen mir, daß mittlerweile Herr von Maurevailles Nichts von Ihnen zu fürchten hat? Ich stehe Ihnen dafür ein. Und jetzt, Fräulein, erlauben Sie, daß ich Sie nach Hause Illustrü-tv» wiener Litr»bl»tt 41 ' Leit« 156 begleite, denn ich kann nicht zugeben, daß Sie um diese Zeit allein zurückkehren.' ^ Herr von Marville ließ seinen Wagen anspannen und setzte sich an die Seite Rejane's hinein, die überglücklich war, bas Einstellen der Untersuchung gegen Maurevailles erreicht zu haben. Das arme Kind konnte die furchtbaren Ereignisse nicht voraussehen, die Herrn Marville's Nachgiebigkeit zu Folge haben sollten. Einige Tage darauf kam Baron von Chartille in Paris an. Der alte Mann nahm sich kaum die Zeit, seine Reisekleider zu wechseln und eilte unverzüglich in's Hotel VilerS, um zu hören, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte. ^ Nachdem er von der Marquise das erneuerte Attentat der beiden Officiere gehört hatte, zog ihn Rejane bei Seite und sichte ihn so lange an, Maurevailles und Lacy die Freiheit wieder- zugeben, bis sich der Baron endlich erweichen ließ. Rejane frohlockte und sah' dankerfüllt dem Baron nach, der sich sogleich zu dem Polizei- director begab. Seit Maurevailles und Lacy hinter Schloß und Riegel waren, hatten sie Zeit gehabt, über den Ernst ihrer Lage nachzudenken, und sie waren daher auf's Freudigste bewegt, als sie erfuhren, daß ihre Gefangenschaft zu Ende gehen sollte. Ich hoffe, meine Herren, sagte ernst der Baron, daß diese Lection Ihnen genügen wird. Diesmal bin ich nicht gewillt, Ihren muthwilligen Streich so zu bestrafen, wie er es verdient hätte. Ich komme von der Armee in den Niederlanden, wo die Feindseligkeiten wieder ausgenommen worden sind. Wenn Sie nun auch in Ihrem Privatleben unvernünftig handeln, so kann ich Ihnen doch andererseits die Anerkennung als Soldaten nicht versagen. Gehen Sie denn in Gottes Namen zu Ihrem Regimente zurück, wo man zwei tapfere Officiere gut brauchen kann. Verwirrt und beschämt gaben die beiden jungen Leute das Versprechen, unverzüglich abzu- reiscn, worauf sie von Herrn von Marville in Freiheit gesetzt wurden. Als der Baron, befriedigt über den Ausgang der Angelegenheit, in das Hotel von Vilers zurückkehrte, fand er Rejane in Thronen aufgelöst. ' .. Der, den sie liebte, ging in. den Kampf und ohne ihr ein Abschiedswort und ein Zeichen der Dankbarkeit zukommen zu lassen! Sollte ihre Liebe dennoch unerwidert bleiben ' und durfte sie hoffen, den Chevalier überhaupt wiederzusehen? 19. Lieutenant! Kehren wir nach Antwerpen zurück, wo der kleine Bucklige unablässig nach dem Marquis suchte. Sobald der Tag anbrach, lief er durch alle Straßen, kehrte unter diesem oder jenem Vorwände fast in jedem Hause ein, ohne jedoch seine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sehen. Während dessen blieb Tony auch nicht un- thätig, aber es ging ihm nicht besser, als seinem Verbündeten. Dieser Mißerfolg drückte ihn vollends nieder. Er litt ja ohnedies unsäglich unter seiner falschen Position Bavette und Marion gegenüber. Er wagte es kaum, die Augen zu der hübschen Frau aufzuschlagen, deren Gedanken er rrrieth und die ihn schwer trafen und seine Gewissensbisse erweckten. Er mußte es sich jetzt zngestehen, daß nur das Ungestüm seiner achtzehn Jahre Schuld trug an der vorübergehenden Leidenschaft, die er für sie empfunden hatte. Seine Liebe, seine wahre Liebe gehörte Bavette, die er im wilden Taumel der Leidenschaft einen Augenblick vergessen konnte, die er aber nie zu lieben ausgehvrt hotte. Noch weniger konnte er die Blicke des jungen Mädchens ertragen, deren große blaue Augen ihm zu sagen schienen, daß sie Alles errathen Nr. 45 Hlusü-Irts, Mover Lrtr»l»lstt Ls'lttz 157 habe, und deren Gegenwart allein ihm seine Schwäche zum Vorwurf machte. Glücklicherweise entriß die freudige Nachricht, daß der Marschall von Sachsen Tony zu sprechen wünsche, diesen für einige Zeit seinem trüben Sinnen. Er begab sich schleunigst in's Hauptquartier. Die Oesterreicher, die in Namur fest eingeschlossen waren und denen eS an Lebensmitteln fehlte, hatten zu wiederholten Malen Versuche gemacht, sich wieder zu verproviantiren, die in Folge der Wachsamkeit Moriz' von Sachsen gescheitert waren. Die Deserteure, die die Hungersnoth in's feindliche Lager trieb, hielten überdies den Marschall auf dem Laufenden über alle Bewegungen der Alliirteu. Namur, das auf seine eigenen. Hilfsmittel angewiesen war, hatte endlich capitulirt und es war Grund, anzunehmen, daß man daselbst das Winterquartier aufschlag§n würde. Man schickte sich also an, die Absicht auszuführen, als der Marschall erfuhr, daß das Lager, das die Alliirten gewählt hatten, günstig gelegen und daß es seicht und von zwei Gießbächen durchzogen war, von denen der eine in den Jaar, der andere in die Meuse mündete und die die einzige Verbindung der Armeekörper untereinander waren. Der Marschall beschloß nun, sich von der Wahrheit des Gehörten zu überzeugen. Dazu brauchte er einen Vertrauensmann, der geschickt und tapfer zugleich war, und seine Wahl fiel sogleich auf Tony, der schon wiederholt Beweise für seine Brauchbarkeit und.Tüchtigkeit geliefert hatte. Tony traf Moriz von Sachsen beim Kriegsrath an, dem er präsidirte. Ah, da sind Sie ja, sagte freundlich der Marschall, ich habe eine gute Nachricht für Sie. Freuen Sie sich nur nicht zu früh, mein Sohn, es ist noch nicht das, was Sie wünschen. Wenn Sie rasch vorwärts kommen wollen, bietet sich Ihnen jetzt die Gelegenheit dazu. Ich habe bis heute von Seiner Majestät noch nicht die Urkunde errhalten, die Sie wieder unter die Lebenden aufnimmt. Aber wir brauchen ^er Schwur der Rothmüntler.' tüchtige Arme und unerschrockene Männer. Meine Compagnie von Croaten ist decimirt worden, der Capitän de l'Estang, der sie befehligte, ist umgekommen. Glücklicherweise liefern uns die Deserteure, welche uns der Hunger zuführt, einen Ersatz für die verlorene Compagnie. Es sind prächtige Recruten, die aber im Zaum gehalten werden müssen. Ich habe an Sie gedacht. Wie wär's mit einer Lieutenantsstelle? Paßt Ihnen das? Ah, Herr Marschall! rief Tony mit dankerfülltem Tone. Der Posten ist gefährlich, denn ich habe nicht die Absicht, Ihre Leute- zu schonen, meinte Moriz von Sachsen und auf der feindlichen Seite hat man im Falle einer Niederlage kein Quartier zu erwarten. Aber halten Sie sich gut, das ist eine vorzügliche Gelegenheit, wieder in das Garderegiment einzutreten, wo mein Freund, der Marquis von Langcvin, Sie zu haben wünscht. Gehen Sie, man wird die Expedition gleich ausrüsten. Tony war außer sich vor Freude. Lieutenant! Er war also Lieutenant! Und der Marschall von Sachsen selbst hatte ihtn Hoffnung gemacht, daß er bald in die Reihen der Gardisten ausgenommen werden würde. Er brauchte nur in der neuen Unternehmung, mit der man ihn betraute, Glück zu haben und sich des Vertrauens würdig zu zeigen, das mau in ihn setzte, um endlich seinen Feinden, den Rothmäntlern, gleichgestellt zu sein. Die Truppen stellten sich auf, um sich zu den Brücken zu begeben. Der Marschall entfernte sich, gefolgt von seinem Generalstab. Fähnrich Tony, sagte laut und feierlich Moriz von Sachsen, ich halte eS für meine Pflicht, Ihnen öffentlich zu Ihrer Wiederherstellung und Ihrer Rückkehr zu uns Glück zu wünschen. Vor Allem aber beglückwünsche ich Sie zu der edlen Haltung, die Sie in Antwerpen gezeigt haben. Einmal schon sind Sie durch Ihre ungewöhnliche Tapferkeit auf außerordentliche Weise ausgezeichnet worden, heute zwingen Sie mich wieder, mich über die Rücksichten bezüglich des Alters und der Geburt Leits 158 Illustrlrtes wiener Extrablatt Ikr. 45 hiuwegzusetzen . . . Lieutenant Tony, umarmen Sie mich. Zn Thronen gerührt, verneigte sich Tony, ohne ein Wort zn sprechen, gegen den Helden von Fontenoy, der ihm den Bruderkuß gab. Seine Bewegung steigerte sich noch, als er hinter dem Marschall den Marquis von Langevin bemerkte, der ihm beide Arme entgegenstreckte. Ich bewundere Dich, mein Sohn, sagte ihm der Marquis leise in's Ohr und fügte dann mit gedämpfter Stimme hinzu: Morgen wirst Du bei den Garden ein- trcten. Die Officiere gratulirten Tony und die Soldaten jubelten ihm zu. Ah, rief er begeistert, warum habe ich nur ein Leben zu vergeben für so viel Glück, das mir heule zutheil geworden. Du sollst im Gegentheil auf Dein Leben achten, sagte der Marquis von Langevin, das Vaterland braucht solche Leute, wie Du bist, mein Sohn. Die Zeit drängte. Tony zog mit seiner halben Compagnie aus und hatte das Glück, seine Aufgabe zn erfüllen, ohne einen Mann zu verlieren. Die Nachrichten, die er brachte, bestätigten in Allem die Auskünfte, die man dem Marschall von Sacksen über die Beschaffenheit des Landes gegeben hatte. Dieser beschloß, nun sogleich eine entscheidende Schlacht zu liefern, und die Armee erhielt den Befehl, gegen Varoux und Rocoux vorzurücken. 20 . Rocoux. Es gehört nicht in den Rahmen unserer Erzählung, von der berühmten Schlacht zu berichten, die unter dem Namen des Sieges von Rocoux bekannt war und dem Feldzüge ein Ende machte, sondern wir müssen vielmehr zu den Helden unserer Erzählung zurückkehren. Der Marquis von Langevin war überall zu finden, wo der Kampf am heftigsten tobte, und Tony focht wie ein Löwe an seiner Seite. Aber der Marquis sollte seine Tapferkeit theuer bezahlen. Einer der Oesterreicher wendete sich plötzlich mit geschwungenem Säbel gegen den Marquis, der, mit einem anderen beschäftigt, seinen Angreifer nicht bemerkte. Tony jedoch hatte die Gefahr gesehen, die den Marquis bedrohte. Uebrr Todte und Verwundete hinwegspringeud, eilte er dem Marquis zu Hilfe, um den todbringenden Streich abzuwenden, doch leider zu spät. Als er seinen Degen in die Brust des Feindes stieß, hatte dieser sich schon im Vorhinein gerächt, indem er den Marquis von Langevin tödtlich an der Schulter verwundet hatte. Ach, ich bin verloren, rief der Oberst, indem er in Tonys Arme fiel. Trotzdem der Kampf jetzt am heftigsten tobte, hatte der ehemalige Schützling des Marquis jetzt eine neue Pflicht zu erfüllen. Herr von Langevin war in so großer Lebensgefahr, daß es Tony geratheu schien, ihn in's Lager zurück- zubriugen. Er trug ihn in seinen Armen bis zur nächsten Ambulanz, wo die Wundärzte ihm kopfschüttelnd einen Verband anlegten, von dem sie wußten, daß er von keinem Nutzen sein könne, dann legte er ihn auf die Tragbahre und half selbst, ihn bis in's Lager tragen. Hier legie man den Marquis auf ein improvisirtes Bett, das aus Brettern, Decken und Wagenpolstern zusammengefügt worden war. Der Marquis, welcher fühlte, daß sein letztes Stünd- lein nahe sei, bat, daß man seinen Degen und das Großkreuz des St. Ludwig-Ordens neben ihn lege, damit er iu dem Augenblicke, wo er seinen letzten Seufzer aushauchen würde, den Inhalt und die Belohnung seines Soldatenlebens vor Augen habe. Obschon die Schlacht ihren Fortgang nahm, umringte ihn eine Schaar von Officiere», die düster und traurig vor sich hinblickten. Nr. 45 Illustrirtskl Vi^iensr LrtrablLtt 8«it6 159 Ich bitte Sie, meine Herren, sagte der Marquis, indem er ihnen dankbar die Hände drückte, kehren'Sie an Ihren Posten zqrück und Kissen Sie mich allein. Und als die Offickere sich, wenn auch widerstrebend, zum Gehen anschickten, sagte der Marquis mit erlöschender Stimme zu Tony: Du bleib', mein Sohn. Ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht und ich habe Dir gegenüber eine heilige Pflicht zu erfüllen ... Du mußt meine Beichte anhören. Mein guter General, mein zweiter Vater, Sie dürfen nicht sterben, o nein, nein, rief Tony schluchzend. . Wenn Du das wirklich glaubst, so kehre doch in das Getümmel der Schlacht zurück. Aber siehst Du, Du bleibst... Ich habe nur noch höchstens eine Stunde zu leben, wenn ich mich Nicht anstrenge, und wenn ich nicht spreche, vor Allem! Aber ich wiederhole Dir, daß ich sprechen muß, ach! Tony kniete neben dem Bette nieder. Höre mich aufmerksam an, . sagte der Marquis halblaut zu dem jungen Manne.. . Niemals hat Jemand eine schrecklichere Beichte abznlegen gehabt, bevor er vor Gott erschien! Siehst Du, ich verdiente es nicht, so auf dem Schlachtfelds zu sterben, inmitten des Sieges- Iriumphs . . . denn ich bin einmal in meinem Leben feig und niederträchtig gewesen. O, das ist unmöglich! rief Tony, den die Neigung zu dem alten Manne fortriß. Sei ruhig und unterbrich mich nicht. Ich habe kaum Zeit, Dir Alles zu erzählen, und ich will ein umfassendes Geständuiß ablegen. Ach, mein armes Kind, halte Dir nur immer Eines vor Augen: Die Ehre ist eine große' und edle Sache... es ist das erste Gesetz, dein der Mensch zu gehorchen. hat, aber man darf auch da nicht übertreiben ... Man darf nicht für die Stimme der Ehre halten, was blos ein Schrei des empörten, beleidigten Stolzes ist . .. Ich verfiel in einen solchen Jrrthum und er hat mich dem Verbrechen in die Arme getrieben. Ich sägte Dir eines Tages, > wie groß die Liebe zu meiner Tochter, Deiner Mutter war. . . Nun . .. unter dem verhängnißvollen Einflüsse meines Stolzes habe ich . .. habe ich . .. sie getödtet! stöhnte der Marquis mit erstickter Stimme, indem er seinen Kopf in seinen Händen barg. Sie! schrie Tony, und wich unwillkürlich entsetzt zurück. Ach! Fluche mir, tödte mich! Zermalme unter Deinen Füßen dieses Herz, das nur noch einige Minuten zu schlagen hat. Aber vorher höre mich noch bis zu Ende an, damit ich Deine Vergebung erflehen kann. Ich bin als Soldat ausgewachsen und in den Principien des Soldatenstandes erzogen worden. Dir Ehre galt mir als das Höchste und' ich wollte, daß die meine fleckenlos bliebe. ^ Ich verheiratete mich mit einer edlen Frau, welche starb, als meine Tochter das Licht der Welt erblickte. Auf dieses Kind übertrerg ich meine ganze Liebe, meiuen ganzen Stolz. Das Kind wuchs heran und wurde schon, wie ihre Mutter. Ich bewunderte sie und sie war mein größter Stolz. Ich wollte, daß sie rein blieb, rein und fleckenlos, wie meine Soldatenehre. Um bis zu meinem Kinde zu gelangen, hätte man mich zuerst tödlen müssen!... Ach! So glaubte ich, als ich eines Abends... eines Abends die Unterhaltung von einigen Hofleuten anhörte, die nicht wußten, daß sie belauscht wurden. Ich erfuhr ein furchtbares Gc- heimniß .. . Meine Tochter, in die ich unum- schbänktes Vertrauen setzte ... meine Tochter hatte sich freiwillig einem Manne hingegeben ... sie war im Begriffe, Mutter zu werden! Wie ein Wahnsinniger fiel ich über die vermeintlichen Verleumder her, die ganz bestürzt über meinen Angriff waren. Ich erfaßte Denjenigen, der zuletzt gesprochen hatte, bei der Gurgel und warf ihn mit solchem Ungestüm gegen die Mauer, daß er sich bald die Schäüeldecke zertrümmert Hütte . . . dann stürmte ich außer mir in meine Wohnung und stieg zu dem Zimmer meiner Tochter hinauf. Furchtbare Erinnerung! stöhnte der Marquis, sich trotz seiner tödtlichen Wunde auf seinem Lager erhebend. Ach, wie viel Gewissensbisse hat mir seither dieser Augenblick der Ver- Leite 160 HIuLtrirteg Msusr LrtrLblatt Nr. 45 blendung verursacht! Meine Tochter, sagte man mir, hätte, da sie leidend war, die Thür abgeschlossen. Ueber diesen Widerstand, der die Aussagen der Verleumder zu bestätigen schien, beunruhigt, stieß ich das bestürzte Kammermädchen bei Seite und öffnete die Thür . . . Der Sterbende hielt einen Augenblick inne und trank aus einem Fläschchen, das neben ihm stand und eine Hrrzstärkung enthielt, einige Tropsen. Sie lag bleich auf ihrem Bette, fuhr er fort . . . Hier und da lagen zerstreut Wäschestücke herum . . . Wäsche, die einem Kinde angehörte . . . Alles bestätigte die entsetzliche Mitteilung . . . Meine Tochter, meine Tochter, die ich rein und unschuldig glaubte . . . hatte soeben einem Kinde das Leben gegeben. Ich suchte mit den Blicken den verhaßten Beweis unserer Schande, um ihn mit den Füßen zu zertreten . . . aber glücklicherweise, mein armer Tony, hatte man Dich schon entfernt ... Das war ich? sagte mit gesenkten Blicken traurig der junge Mann. Ja, Du, mein liebes Kind. Ach, verzeihe mir! . . . Aber lasse mich jetzt zu Ende kommen. Du warst nicht mehr da ... An wem sollte ich mich rächen? In einem Anfalle von Wuth packte ich Deine Mutter, riß, sie in die Höhe, drohte ihr und fluchte, daß sie mir meine Ehre geraubt hatte. Erschöpft von ihren Leiden, entsetzt durch meinen Zornesansbruch, ach, mein Gott! hauchte sie unter meinen Händen ihr Leben aus l Der Marquis wurde immer schwächer. Er mußte von Neuem zu dem Fläschchen seine Zuflucht nehmen, um in seiner Erzählung fortfahren zu können. Als meine Tochter todt war, nahm er seine Erzählung wieder auf, blieb ich einen Augenblick wie vernichtet. Dann aber gewann mein Stolz wieder die Oberhand. Er flüsterte mir zu, daß mein Werk nicht vollendet sei, daß meine Ehre verlange, daß das Kind ebenso zu Grunde gehe, wie Diejenige, die es in die Welt gesetzt. Ein Arzt, dessen Schweigen ich theuer erkaufte, gab für den Tod meiner Tochter eine Erklärung, die man von Jedermann bedauern ließ. Aber ich, ich sagte mir, daß meine Aufgabe noch nicht zu Ende sei. Ich mußte um jeden Preis erfahren, wo man die Frucht des verbrecherischen Verhältnisses verborgen habe. Lange suchte ich nach Dir. Es vergingen sieben Jahre, während welcher Zeit ich es nicht wagte, meinen Kopf in der Höhe zu tragen» da ich fühlte, daß mein Wappenschild befleckt sei. Endlich entdeckte ich Deine Zufluchtsstätte. Du erinnerst Dich, daß maskirte Männer Dich verfolgten und Dich tödten wollten . . . und ich war's, der an ihrer Spitze stand. Die Stimme des Marquis war immer schwächer geworden. Er mußte innehalten und nach einer Pause murmelte er: O, ich sterbe; Tony» mein Sohn, ich habe Dir mein Verbrechen gebeichtet... ich konnte Dir nicht . . . sagen, was ich litt . . . Verzeih' mir! . . . Tony blieb stumm. Ach, mein Gott, rief der Sterbende, indem er in diesem Schrei Alles zusammenfaßte, was ihm an Kräften übrig blieb, ich flehe Dich an, mein Sohn! Willst Du mich sterben lassen, ohne mir vergeben zu haben? Mit einer hastigen Bewegung riß er das Medaillon von seiner Brust, das er schon einmal in Blönancourt Tony gezeigt hatte. Er drückte seine Lippen darauf und reichte es jetzt dem jungen Manne hin. Hier nimm, murmelte er mit so schwacher Stimme, daß sie kaum hörbar war, nimm . . dieses Andenken. . . Aber aus Erbarmen . . . beim Andenken an S i e . . . Das Verbrechen habe ich gebüßt.. mit achtzehn Jahren voll Gewissensbissen und Schlaflosigkeit . . . Tony, verzeih''mir, damit Sie und Gott mir verzeihen mögen ... Tony blickte auf das Bild; es hatte den Anschein, als ob er es zu Rathe ziehe» wollte. . Endlich, wie einem Befehle gehorchend, warf er sich in die Arme des alten Mannes und richtete sich dann hoch auf. Xr. 46 INustririss UVisnsr Ürtr»d1»tt 8e!t« 161 Im Namen meiner Mutter, sagte er feierlich, möge Gott Ihnen verzeihen, wie ich Ihnen verzeihe. O, danke, sagte der Marquis, über dessen Gesicht ein matter Schimmer von Freude flog, .. jetze . . . kann ich in Frieden sterben. Ah, um Gotteswillen, noch eine kleine Anstrengung. Meine Mutter ist todt, aber mein Vater! Sagen Sie mir wenigstens den Namen meines Vaters! Dein Vater? Ah! Andere als ich wären glücklich und stolz gewesen, ihm ihre Töchter geben zu können . . Dein Vater . . . Ein Todesröcheln schnitt ihm das Wort ab, der Todeskampf, den er gewaltsam bezwungen hatte, begann jetzt in furchtbarer Weise. Tony rief entsetzt Osficiere und Aerzte. Aber jede Hilfe kam zu spät. Der Marquis war todt. 2l. Eine neue Spur. Am Morgen des 12. Oktober schickte sich die französische Armee an, ihre Zelte im Lager von Houlö aufzuschlagen. Tony, den sein Dienst bei der Garde zurückhielt, mußte Ihränenden Auges die Leiche deS Marquis von Langevin nach Paris abgehen lassen. Glücklicherweise zerstreute ein Zwischenfall ein wenig seinen Schmerz. Kaum war er im Lager angelangt, als ihn Mutter Nicolo benachrichtigte, daß der kleine Bucklige, der Tag- vorher angekommen war, ihn in ihrer Schänke erwartete. Obschon ihm Bavettes Antlitz peinlich war, folgte er Mutter Nicolo. Er hatte nicht das Recht, etwaige wichtige Nachrichten, die der Kleine ihm bringen wollte, um seiner persönlichen Empfindungen willen unbeachtet zu lasten. Der, den man scherzweise Goliath nannte, saß vor einer Flaschenbatterie mit verschiedenen Etiquetten und schien entsetzlich betrunken zu sein. Als er Tony erblickte, erhob er sich rasch und klatschte lebhaft in die Hände. Ich weiß etwas Neues, ich weiß immer etwas Neues, lallte der Betrunkene. Laß hören, sagte ungeduldig Tony, und mach'1 kurz vor Allem. Wie Sie wollen. Gott sei Dank, wenn icf auch andere Fehler habe, geschwätzig bin ich nicht . . . Schon gut, schon gut, aber komme zur Sache! Ich komme schon, werden Sie nur nicht ungeduldig. Nur durch Geduld und Ausdauer bin ich, der ich mit Ihnen jetzt rede, dahin gelangt, Erfolg in meinen Unternehmungen zu haben . . . Tony, der einsah, daß er gegen die Redseligkeit des Kleinen Nichts ausrichten würde, begnügte sich, mit den Achseln zu zucken, und wartete ruhig ab, bis der Wortschwall de- Kleinen erschöpft war. Also, begann der kleine Bucklige, fangen wir von vorne an. Sie wissen, daß e- mein Vergnügen am Trinken war, das mich auf Ihre Spur brachte. Auf diese Erfahrung gestützt dachte ich mir, vielleicht gelingt es Dir, auf diese Weise auch den Marquis von Vilers ausfindig zu machen . . . Beeile Dich, um Gotteswillen, Du mußt doch sehen, daß ich nicht in der Laune bin, Deine Albernheiten anzuhören. Wahrhaftig, Sie haben Recht. Ich werde mich kurz fasten. Uebrigens strengt mich das viele Reden an und Macht mir von Neuem Durst. Also, nachdem ich umsonst zwei-, dreimal die Stadt Antwerpen durchsucht hatte, fing ich schon an, zu verzweifeln, und da ich müde vom Laufen war, setzte ich mich in eine Schänke. Und da. . Da war ein ausgezeichnetes Bier zu haben, an das ich mich schon zu gewöhnen anfing, um ein bischen Abwechslung zu haben. Wie ich nun da- erste Seidel getrunken habe, höre ich auf einmal einen Streit, der bald »Der Schwur der Rothmitntler.' Leits 162 Iiin8trirtes Msoer Hxtrabistt Nr. 46 in eine förmliche Schlacht ausartet. Ehe ich noch recht begreifen kann, um was es sich handelt, kommen Hellebardiere und nehmen die ganze Gesellschaft und mich ebenfalls fest und führen uns in's Arrestzimmer. Was aber hat diese Arretirung mit dem Marquis zu thun? Das werden Sie gleich hören ... Man verhört mich, ich sage, daß ich gar nichts weiß. Selbstverständlich. Aber die Anderen, die gerauft haben, erzählen ihre Geschichte. Es handelte sich um ein Pferd, das gestohlen zu haben einer der Beiden beschuldigt wurde. Er klärt die Sache auf, und was glauben Sie erzählt er? Ich kann's nicht zurückgeben, sagt er in seinem Kauderwälsch. Ich hab's verkauft. Au wen? Das weiß ich nicht. Man wundert sich, verlangt einen Beweis, und nach langem Hin- und Herredeu schildert er den, dem er das Pferd verkauft hat. .. Ein französischer Officier mit weißem Rock und rothem Mantel. Vilers! rief Tony. Ja Vilers, der in Eile von hier sortritt. Aber wohin? Zum Teufel, wahrscheinlich nach Paris. Wenn er hrrgekommen wäre, hätten Sie während Der Schlacht von ihm reden gehört. Ich bin gewiß, daß er in Paris ist. In Paris? Und gerade jetzt hieß es, daß wir nach Paris zurückkehren sollen. Gott fei Dank! Goliath, ich nehme Dich mit. Nach Paris? Mich? Ach welches Glück! Mutter Nicolo, meine würdige Freundin, noch eine Flasche, um dieses glückliche Ereigniß zu feiern! Trink nur zu, mein braver Goliath, -sagte fröhlich Tony. Ich gehe jetzt in's Hauptquartier, um mich zu erkundigen, was an dem Gerüchte, daß wir abmarschiren sollen, Wahres ist. Und Tony entfernte sich und überließ eS dem "Buckligen, die vor ihm stehenden Flaschen zu leeren. . 22 . Ein Liebesbrief. Man hatte Tony nicht getäuscht. Die Schlacht bei Roucoux war eine entscheidende gewesen. Der Marschall von Sachsen hielt es für rathsam, den Feldzug hier zeitweise abzubrechen. Er ließ die eroberten Städte besetzen, trennte von seiner Armee dreizehn Bataillone und neun Escadronen ab, die er unter Anführung der Herren Contades, Saint-Peru und Coetlogon in die Bretagne schickte, um die von den Eng» ländern angegriffenen Küsten zu vertheidigen, dann bereitete er seine Winterquartiere im eroberten Lande vor. Das königliche Haus, die Gendarmerie und die Brigade, die aus zwei Regimentern der französischen Garden bestand, gingen am siebzehnten October nach Paris ab. In den ersten Tagen des November im Jahre siebzehnhundertsechsundvierzig schien es, als ob sich alle Überlebenden der tragischen Katastrophen in Paris versammelt hätten. Frau Marion war in ihr Haus in der Straße Jcux- Neufs zurückgekehrt, da- sie nicht mehr wieder- zusehen gehofft hatte. Dort fand sie die alte Babette vor, die noch immer treu das Haus hütete und deren mürrisches Gesicht vor Freude strahlte, als sie ihre Gebieterin kommen sah. Selbstverständlich lief die ganze Nachbarschaft herbei, theils durch die Anhänglichkeit an Frau Marion angezogen, theils aus Neugierde, um zu erfahren, was sich während der Dauer ihrer weiten Reise ereignet hatte. Aber die' guten Leute wurden in ihren Erwartungen getäuscht. Frau Marion war in der That nicht mehr die fröhliche, redselige Person, als die wir sie im Anfänge unserer Erzählung kennen gelernt haben. Seit ihrer Flbreise hatte sich eine große Veränderung mit ihr vollzogen. Sie war traurig, verschüchtert, in sich gekehrt. Marion hatte gleich bei ihrer Ankunft eine bittere Enttäuschung erfahren. Nr. 46 Vlustrtrtes wiener DrtrLvt»rr Leits 163 Sie hatte gehofft, daß Tony, wie früher, sich wieder in der Straße Jeux-Ncufs einquartieren würde, und beeilte sich, das beste Zimmer des Hauses für ihn herzurichteu und zu schmücken. Ihre Mühe war vergeblich. Tony lehnte ihr Anerbieten ab. Sie begreifen, sagte er zu ihr, daß ich nicht so weit von der Kaserne wohnen kann, wohin mich mein Dienst jeden Augenblick ruft. Ich werde oft, sehr oft in die Straße Jeux-Neufs kommen und jede freie Stunde dazu benützen, um Sie aufzusuchen, aber hier wohnen kann ich nicht. Die arme Marion hatte es nicht gewagt, darauf Etwas zu erwidern. Tony kam in der That fast alle Tage in die Straße Jeux-Neufs, wo seine glänzende Uniform jedesmal Aufsehen erregte, aber seine Besuche wurden immer kürzer und frostiger. Wenn er fortging, bemerkte die klatschsüchtige und neugierige Nachbarschaft jedesmal, daß Frau Marion aussah wie Jemand, der Lust hatte zu weinen. Dann später hellte sich ihr Gesicht wieder auf und sie schien einige Stunden guter Laune zu sein. Man war versucht, zu glauben, daß sie ein Geheimniß in sich trug, das ihr abwechselnd Schmerz und Freude zu bereiten schien. Die Bewohner der Straße Jeux-Neufs wären für ihr Leben gern der Ursache dieser wechselnden Laune auf die Spur gekommen, aber sonderbarerweise schloß sich Frau Marion jetzt gänzlich von jedem Verkehr ab. Eine Persönlichkeit, die gleichfalls die Bewohner der Straße Jeux-Neufs in Athem hielt, war Goliath, der zwerghafte Bucklige. Tony hatte ihn mitgenommen und ihn zu seinem Diener gemacht. Halb militärisch, halb bürgerlich gekleidet, stolzirte der Kleine durch das Quartier, thcils im Aufträge Tonys, theils aus eigenem Antriebe. Sein Vorhaben, den Marquis aufzufindcn, hatte er noch immer nicht aufgegeben, aber seine Bemühungen blieben nach dieser Richtung hin fruchtlos. Im Hotel von Viters war die Situation immer die gleiche. Die Marquise stand im Begriffe, das Kind, das sie unter dem Herzen trug, in die Welt zu setzen, und der Marquis kam noch immer nicht zum Vorscheine. Was mochte aus ihm geworden sein? War er todt oder verbarg er sich blos? Manchmal ging Haydee ganz in dem Glücke auf, Mutter zu werden, und die Freude an dem kleinen Wesen, das sie bereits liebte, verschlang die Sorge um den abwesenden Gatten. Dann .aber fragte sie sich, wie sich dar Los des Kindes gestalten würde, das in die Welt treten sollte, ohne seinen Vater zu kennen, und heiße Thronen stoffen über die Wangen der unglücklichen Frau . . . Sehen wir jetzt, was aus MaurevailleS und Lacy geworden war. Wir lernten den Charakter der beiden Qsficiere schon zur G.nüge kennen, um zu wissen, daß sie sich nicht für geschlagen ansahen und nur auf eine Gelegenheit warteten, um Rache zu nehmen. Sie erschienen nur selten im Quartier, und nur daun, wenn ihre dienstlichen Angelegenheiten ihre Anwesenheit dringend forderten. Eines Abends hatten Maurevaillcs und Lacy den Courier Luc ausgesucht, denselben, der ihnen in den Niederlanden Äittheilung von dem Zustande der Marquise gemacht hatte. Du weißt also mit Bestimmtheit, wendete sich Maurevaillcs an seinen Spion, daß die Marquise oft ausgeht. Ja, es ist so, antwortete Luc, die Aerzte haben ihr Bewegung verordnet und sie geht meist in Begleitung des alten Joseph oder des Barons von Chartille gewöhnlich gegen die Porte Saint Antoine zu. » Und weißt Du vielleicht, wohin sie heut: geht? Das kann ich bald erfahren. Ich bin mit dem Lakai sehr gut und er hat keine Geheimnisse vor mir. Dann geh' und benachrichtige uns bald. Luc entfernte sich und ließ die beiden Freunde allein. Du verzichtest also noch immer nicht auf die Marquise? fragte nach kurzem Stillschweigen Lacy seinen Frcund. Niemals. Man hat mich zum Narren gehabt, hat mit meinem Vertrauen ein frevel- 6s!ts 164 Hlustrlrtss ^Vlsvsr 8x1r»d1»tt Nr. 46 hafte- Spiel getrieben, mich sogar deswegen ge- fangen genommen. .. Jetzt begehre ich sie nicht mehr aus Liebe, sondern um mich an ihr und ihrem Gemal zu rächen. Ihr Gatte ist todt. Wer weiß? Und wenn. Dann trifft mein Haß sie allein. Wenn Du so denkst.. Nun, auf mich kannst Du zählen, ich habe doch geschworen, Dir beizustehen. Was aber willst Du jetzt thnn? Vor Allem muß ich sie und ihr Kind in meine Gewalt zu bekommen suchen, um den Baron von Chartille und seinen ganzen Anhang in Schach halten zu können. Und Dein Dienst? Ich verlange meine Entlassung, die ich für diesen Fall schon bereit halte. MaurevailleS wollte noch Etwas hinzu- fügen, wurde aber durch die Ankunft Luc's unterbrochen. Gnädiger Herr, rief er ihm schon von Weitem entgegen, die Marquise ist gerade mit ihrer Schwester Fräulein Rejane ausgefahren. Weißt Du wohin? Sie begaben sich in die Richtung gegen die Porte Saint Antoine und dehnen ihre Spazierfahrt bis zum Schlößchen von VincenneS aus. Ausgezeichnet, rief Maurevailles, finster vor sich hinblickend, sie konnte keinen Ort wählen, der meiner Absicht günstiger gewesen wäre. Diesmal, Lacy, sind wir dem Ziele nahe! Die Pferde waren bereit und die Officiere, die ihre Uniformen gegen eine elegante bürgerliche Kleidung vertauscht hatten, sprangen in den Sattel, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, daß die Halftertaschen ordentlich versehen waren. Sind Sie auf Ihrer Hut, Herr Chevalier, bemerkte Luc. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Wagen der Frau Marquise überwacht wird. Der Wink ist nicht zu verachten, meinte MaurevilleS, aber wir haben ja auch unsere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Sie gaben ihrem Pferde die Sporen und ritten in die Richtung gegen die Bastille, wo sie den Wagen, der sehr langsam fuhr, einzuholen hofften. Die Gegend, die die Marquise gewählt hatte, war sehr schön. Längs der Straße zogen sich kleine Villen hin, wohin die Leute vom Hofe sich manchmal zurückzogen, um fern von neugierigen Blicken sich zu belustigen. Die Gärten, die diese Häuschen ein- * schloffen, strömten betäubende Wohlgerüche aus; die letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die Straße, an deren Ende daS Wäldchen winkte, das dem Naturfreunde eine willkommene Zuflucht bot. Der Graf und der Chevalier hatten den Wagen eingeholt. Als Maurevailles die Marquise erblickte, die trotz des leidenden Zuges im Gesichte noch immer von wunderbarer Schönheit war, fühlte er, wie sein Herz heftig pochte. Seine Liebe zu der schönen Frau erwachte mit wachsender Stärke. Lacy betrachtete das anmuthige Köpfchen Rejanes, die traurig zum Wagenfenster hinausblickte, und sagte sich: Wie kann Maurevailles nur die Liebe dieses reizenden Kindes, das eine so tiefe Neigung für ihn hegt, unerwidert lassen. Ach, wie glücklich wäre ich, wenn ihr Herz mich gewählt hätte, statt sich Maurevailles hinzugeben. Die beiden Reiter ließen ihre Pferde langsamer gehen; es kam jetzt darauf an, nicht bemerkt zu werden. Die Stelle, wo sie sich jetzt befanden, war für eine Entführung nicht günstig genug, da auf der Straße Leute waren und dann wurde auch, wie Lue bemerkt harte, der Wagen zu gut bewacht. An der Seite des Kutscher- saß der alte Joseph auf dem Kutschbocke und warf prüfende Blicke nach allen Seiten. Hinten hingen zwei handfeste Lakaien in den Steigriemen, bereit, jede Überrumpelung zu verhindern. Rechts und links vom Wagen gingen fünf oder sechs Männer, allem Anscheine nach Arbeiter oder Bauern, die sich miteinander unterhielten, aber den Wagen nicht aus dem Gesichte zu verlieren schienen. Nr. 47 lllustrirtse wiener Lrtr»bls !8sUa 165 Warten wir, bis wir im Wäldchen sind, sagte Lacy zu Maurevailles, der vor Ungeduld mrt den Zähnen knirschte. Bei allen höllischen Teufeln, wird denn der Wagen mcht schneller fahren, damit diese Banernlümmel endlich Zurückbleiben. ES sieht gerade so aus, al- ob sie dem Wagen folgten. Ach. gehe doch. Da sich' nur selbst. Da nähert sich Einer und spricht mit dem alten Joseph. Wenn ich nur sein Gesicht sehen könnte. . . . ' Der Bauer hatte in der. That mit dem Kammerdiener ein paar Worte gewechselt. Auf einen Wink Josephs verlangsamten er und sein Gefährte ihre Schritte und ließm den Wagen vorausfahren. Was soll daS bedeuten ? fragte ärgerlich Lacy, der den ganzen Vorgang beobachtet hatte. Die beiden Officiere ritten schneller und bald waren sie nur „wei Schritte wert von den Bauern entfernt, die sich an ihre Seite hielten, während die Anderen neb'N dem Wagen einhergingen Zum Henker! Jetzt Hab' ich'S, murmelte Lacy und neigte sich zu Maurevailles' Ohr. Wahrend die Uebrigen den Wagen bewachen, scheinen diese Beiden unS auf's Korn zu nehmen. Was meinst Du damit? Rühre Dich nickt und schau' Dir, ohne Etwas merken zu lassen, den an, der neben Dir geht. Nun? Erkennst Du das Gesicht nicht wieder? Du hast aber ein kurzes Gedächtniß. ... Erinnerst Du Dich an unsere Gefangennahme im Hotel Vilers? Ob ich mich daran erinnere! rief wüthend Maurevailles. Hast Du den Menschen vergessen, der Dich band ? Alle Wetter! Jetzt erkenne ich ihn wieder k Diesem Kerl muß ich den Schädel zertrümmern. Das wirst Du nicht thun! Du wirst im Gegentheile ganz ruhig sein. Du siehst ja, um was eS sich handelt. . . . Joseph hat dem Polizri- director von der Ausfahrt der Marquise Mittheilung gemacht. Wir habe» La Rivierc und stine Leute vor unS. Und glaubst Du. daß wir nicht gut daran thun würd n, diese Kerle niederzuschießen ? Was fällt Dir ein! Der Llst können wir wieder nur List entgegensetzen. Wir müssen eine Gelegenheit abwarten, um zuzuschlagen. Meinetwegen, sagte Maurevailles, seinen Zorn niederkämpfend. Wir dürfen uns jetzt Herrn von Marville nicht an den Hals Hetzen. ' Nur ist'S für heute mit unserem Unternehmen vorbei und wir würden gut daran thun, nach Paris zurückzukehren. Das fällt mir gar nicht ein. Du hast eS ja silbst gesagt, daß man mit List Vorgehen muß und ick habe jetzt Etwas gefunden, was unS zum Ziele führt. Was denn? Das wirst Du gleich sehen. Aber reiten wir jetzt im Trabe. Wir brauchen jetzt nicht mehr dem Wagen zu folgen und eS ist mir sogar nickt unangenehm, wenn die Herren von der Polizei etwas weiter weg von uns sind. Die beiden Reiter spornten jetzt ihre Pferde an und setzten sich, einen Seitenweg einschlagend, in Trab, zur größten Ü berraschung der zwei Polizeiagenten, die sie überwachten. ES waren in der That Polizeiagenten, welche Herr von Marville auf Verlangen de- Barons von Chartille der Frau von VilerS zur Verfügung gestellt batte. Die armen Polizisten fragten sich einen Augenblick, ob sie den Reitern nicht folgen sollten, da aber ihr Auftrag vor Allem dahin ging, ihr Augenmerk auf den Wagen zu richten, so holten sie ihre Kameraden ein. Maurevailles und Lacy hatten einen Umweg gemacht und waren zuerst im Walde an» gekommen. Sie banden ihre Pferde an einen Baum« Pfahl und verbargen sich in einem Gebüsche. Dort zog Maurevailles sein Notizbuch heraus und begann zu schreiben. Was zum Teufel machst Du da? fragte verwundert Marc von Lacy. DaS wirst Du gleich sehen. Jetzt kam auch der Wagen an. Haydäe und Rejane stiegen aus. »Der Schwur der Rothmiintler/ Leits 166 Hlustrirtss wiener Urtrsdlütt Nr. 47 Nachdem sich Joseph eine Weile umgesehen hatte, entfernte er sich, um die beiden Damen, die im Walde spazieren gehen wollten, sich selbst zu überlassen. Die PoLizeiagenten zogen sich gleichfalls zurück. So vergingen einige Augenblicke; Lacy und MaurevailleS rührten sich nicht von ihrem Platze. Nach und nach wurden Haydee und Rejane, da sie nichts Verdächtiges sahen, muthiger, und Joseph, welcher glaubte, daß die Beiden nach Paris zurückgekehrt seien, ließ in seiner Wachsamkeit nach. Das war'S, worauf MaurevailleS seinen Plan gebaut hatte. Er folgte, durch das Gebüsch geborgen, Schritt für Schritt der Marquise und ihrer Schwester. Einen Augenblick benützend, wo die Letztere den Kopf nach ihm umwandte, zeigte er sich ganz ihren Blicken. Rejane unterdrückte einen Schrei der Ueber- raschung. Was ist Dir? fragte Haydee, die besorgt anfblickte. Nichts, ich habe mir nur den Fuß an eine Wurzel gestoßen. Der Chevalier hatte jetzt die Gewißheit, daß er bemerkt worden war und es war mit Wahrscheinlichkeit anznnehmen, daß Rejane heimlich sich nach ihm umsehen würde. MaurevailleS faltete das Billet, das er geschrieben hatte, auseinander und zeigte es Rejane. Sie wurde über und über roth. Sie hatte ihn also verstanden. Er wickelte das Papier um einen Kieselstein und nachdem er Beides dem jungen Mädchen zu Füßen geworfen hatte, versteckte er sich vom Neuen. Ach, rief sie, da sind ja noch Blumen im Grase. Sie bückte sich,- hob schnell das Billet auf und verbarg es hastig in ihrem Busen. Währenddessen sagte MaurevailleS zu Lacy: Gehen »vir jetzt. Wir haben nun eine Verstärkung erhalten. R jane brannte vor Ungeduld, den Inhalt des Billets kennen zu lerne», und bediente sich eines neuen VorwandeS, um sich für einige Augenblicke von ihrer Schwester zu entfernen. Mit brennenden Wangen las sie folgende Zeilen: „Sie können Demjenigen, dcr sie liebt, behilflich sein, von Ihnen eine ihr drohende Gefahr abznwenden. Ich werde heute Abends um zehn Uhr bei der kleinen Gartenpforte sein. Verschwiegenheit!" 23 . Rejane's erstes Rendezvous. Der Abend war hereingebrochen. Sorgfältig in einen großen, dunklen Mantel gehüllt, näherte sich MaurevailleS dem Hotel Bilers. Er vermied es, an dem großen Eingangsthore vorüber- zukommen, da er dasselbe von den Leuten Herrn MaurevailleS' bewacht glaubte und begab sich direct auf den Quai von Bethune, an die Stelle wo wir zu Anfang unserer Erzählung Tony die Mauer überspringen sahen. MaurevailleS wußte, daß er es nicht nöthig haben würde, auf solche Weise in das Hotel einzudringen. Er kannte die Alles bei Seite setzende Liebe Rejane's und das vertrauensvolle Wesen des jungen Mädchens und konnte sicher sein, daß sie das Rendezvous emhnlten würde, zu dem er sie bestimmt hatte. Er hatte sich nicht getäuscht. Das Briefchen MaurevailleS' hatte in der That in der Seele deS jungen' Mädchens eine lebhafte Bewegung hervorgerufen. Es ist also wahr! Ihr Traum sollte in Erfüllung gehen! Sie war von dem geliebt, dem die ersten Schläge, ihres jungfräulichen Herzens gehört hatten. Er hatte also die niederträchtigen Anschläge verworfen, die er in Blenancourt, wie sie selbst gehört hatte, geschmiedet, er wollte ihr jetzt ganz allein gehören und statt Haydäe zu verfolgen, wie es früher in seiner Absicht lag, setzte er sich selbst einer Gefahr aus, um diese von Haydee abznwenden. Nr. 47 Nlustrirte, Menet Litrnvttar Seite 167 Rejane fühlte sich stolz und glücklich in dem Glauben, die Ursache von Maurevailles' Umkehr zu sein. Trotz alledem aber kamen ihr Bedenken, ob seine Bekehrung auch echt war und ob man ihr nicht eine Falle gelegt hatte. Gleich darauf wies sie diese Zweifel als ihrer und Maurevailles, unwürdig zurück. Maurevailles ist großmüthig und gut» herzig; man hat ihn in einem Augenblicke der Schwäche mißbraucht und er wollte einen Schwur halten, den er leichtfertigerweise geleistet. Jetzt sieht er sein Unrecht ein und will es wieder gut machen. Sie erinnerte sich an die Anstrengungen, die er gemacht hatte, um sie zu retten bei Gelegenheit der furchtbaren Scene, die ihr den Verstand geraubt hatte. Es fiel ihr gleichzeitig ein, daß er sich geweigert hatte, ohne sie sich aus der entsetzlichen Lage zu befreien, in der sie sich Bride befanden. Dennoch zögerte sie, daS Rendezvous einzn- halten, und sie, die den Muth hatte, Maure- vaiüeö' Befreiung von dem Polizridirector zu erflehen, hatte jetzt Angst, mit ihm allein zu fein. Je weiter die Zeit vorwärts schritt, desto mehr zögerte Rejane. Sie blickte ängstlich auf die Pendeluhr, deren Zeiger sich sonst so langsam bewegte und jetzt mit Pfeilgeschwindigkeit vorzurücken schien. Sie hatte bereits einen Mantel umgehängt und warf ihn jetzt wieder weit von sich, wie um di? Versuchung von sich zu weisen. Rejane öffnete ein Buch, in der Hoffnung, die Gedanken zu verjagen, die auf sie ern- stürmten, aber sie las nur mit den Augen, ohne zu begreifen, ihre Gedanken weilten bei etwas Anderem. Plötzlich ertönte der silberhelle Klang der Pendeluhr. Das arme Kind warf hastig das Buch von sich, hing ihren Mantel um und legte den Finger an den Thürdrücker. ' Noch zögerte sie, aber das Schwierigste war schon geschehen; die Thür öffnete sich und daS junge Mädchen stürmte zitternd und purpurrvth vor Verlegenheit und Freude zugleich in die finsteren Alleen des Gartens hinaus. Leichtfüßig wie eine Sylphide huschte sie durch die Anlagen, vor Allem erschreckend, selbst wenn es nur das Geräusch des Sandes war, der unter ihren Füßen knirschte, oder das Krachen eines abgestorbenen Baumzwekges und das Rascheln der abgcfallenen Blätter. So kam sie an die kleine Thür, hinter welcher Maurevailles sie erwartete. Sie horchte. Zuerst tiefes Schweigen, dann das Geräusch dumpfer Schritte. Sie wurde von Furcht ergriffen. Wenn darin Dieb wäre, der sich in's Haus einschleichen wollte und sie da allein und wehrlos, wie sie war, überraschte. Hinter der Thür - hörte man ein leises Husten. Das war Maurevailles. Wieder überkamen sie neue Bedenken. Sollte sie bleiben oder entfliehen? Wider willen seufzte Rejane tief und der Seufzer wurde auf der anderen Seite vernommen. Rejau-, sind Sie's? fragte eine Stimme. Das junge Mädchen gab keine Antwort. Ich bin's, ließ sich die Stimme wieder vernehmen, ich, der Ihnen schrieb. Rejane fand nicht den Muth, zu öffnen. Ich sagte Ihnen ja, fuhr die Stimme, die das liebende Mädchen erkannt hatte, fort, daß cs sich um Ihre Schwester handelt. Jetzt war es mit dem Widerstande Nejane'S zu Ende. Die Thür wurde w»it geöffnet. Maurevailles stand auf der Schwelle. Hier können wir nicht bleiben, sagte er» als er sich dem jungen Mädchen gegenüber befand. Hier läßt sich's schlecht sprechen, der erstbeste Vorübergehende könnte uns bemerken. Rejane wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Chevalier trat in den Garten, schloß die Thür hinter sich und zog deu Schlüffe! ab, den er einsteckte. Es war eine schöne Herbstnacht, eine jener Nächte, wo man schon das Heranuahen de- Winters fühlt und die, obfchon sie klar und hell wie die Sommernächte, kalt wie im December sind. Leits 168 Nr. 47 lllirnrirtss wiener ^ Aber Rejane fühlte keine Kälte. Ihr Herz schlug zum Zerspringen und das Blut hämmerte in ihren Schläfen. Ihre Stirne war brennend heiß, als sich MaurevailleS über sie neigte und einen Kuß auf sie drückte. Sie erschauerte unter diesem Kusse. Es war der erste, den sie jemals von einem Manne erhalten hatte. Ebenso wie sich MaurevailleS gesträubt hatte, bei der Thür stehen zu bleiben, so fand er auch den Aufenthalt im Garten nicht angenehm. Es ist kalt, Rejane, sagte er zu dem jungen Mädchen mit einer Stimme, die sie wie himmlische Musik durchdrang, er ist kalt und Sie glühen, Sie können hier nicht bleiben, Er blickte sich nach allen Seiten um und bemerkte einen kleinen Gartenpavillon, der ganz nlit MooS überwachsen war. Ist da drinnen Niemand? fragte MaurevailleS. Es wird nie von Jemandem betreten, antwortete Rejane. Kommen Sie mit mir hinein, dort sind wir vor der rauhen Nachtluft und insbesondere vor Neugierigen geschützt. Ich könnte eS mir nie vergeben, wenn Sie durch mich compromittirt würden, bevor ich um Ihre Hand ungehalten habe. Diese Worte übten eine magische Wirkung ans das junge Mädchen, das sich gern überzeugen ließ. MaurevailleS zog sie mit sich in daS Garten- häuSchen. Rejane war leichtgläubig und unverdorben und MaurevailleS stand die Erfahrung und die sinnberückende Sprache der Lc'remänner jener Zeit zur Seite. Er bestrickte sie durch sein liebenswürdiges Wesen und es dauerte nicht lange und er hatte das junge Mädchen ganz in seiner Gewalt, das mit Entzücken den LiebeSworten lauschte, die für sie etwas Neue-, UngekannteS waren. Aber, fragte sie, indem sie sich nur mit Widerstreben von dem Zauber loSriß, der sie gefangen hielt, Sie wollten ja doch von meiner Schwester sprechen. Ja gewiß, sagte MaurevailleS. Sie kennen Marc von Lach. Er und Lavenay haben mich in die unselige Lage hineingedrängt, in die ich nie gerathen wäre, wenn ich Sie früher gekannt hätte. Lacy liebt Ihre Schwester und da er keine Aussicht hat, von ihr wiedergeliebt zu werden, hat er ihr Verderben beschlossen. Er rechnete auf mich, aber Ihnen» h iß- geliebte Rejane, verdanke ich es, daß ich mich seinem unheilvollen Einflüsse entzogen. Sie waren mein guter Engel! Da sich Lacy meines Beistandes nicht mehr versichert halten konnte, so suchte er nun allein an'S Ziel zu gelangen. Um Gotteswillen, war hat er vor? fragte zitternd Rejane. ES ist vielleicht Unrecht von mir, sagte heuchlerisch MaurevailleS, daß ich memen ölten Freund verrathe, aber was würde ich nicht um Ihrer Liebe willen thun! Nur bitte ich Sie, da-, was ich Ihnen sage, als Geheimmß zu bewahren. Hier meine Hand, sagte einfach Rejane. Nun, Lacy will sich des KindeS bemä ütigen, dem Ihre Schwester in einigen Tagen da- Leben geben wird. O, das ist entsetzlich! Sie haben Recht, es ist abscheulich, denn der Schmerz kann Frau von VilerS tödten. Aber Lacy gibt sich mit dem Kmde nicht zufrieden. Er weiß, daß wenn er daS Kind in seiner Gewalt hat, ihm auch die Mutter nicht entgehen kann. WaS ist da zu thun? fragte ängstlich Rejane. DaS weiß ich selbst noch nicht, antwortete langsam MaurevailleS. Ich wollte Sie nur benachrichtigen, damit Sie im entscheidenden Augenblicke auf Ihrer Hut sein mögen. Wir haben bis dahin doch noch einige Tage? Ja, wenigstens eine Woche, hat der Arzt gesagt. Bis dahin müssen wir Etwas ersonnen haben und wenn es Ihnen recht rst, tauschen wir morgen um die gleiche Stunde unsere Gedanken über die Pläne zur Vereitlung seines schändlichen Anschlags auS. Jetzt aber ziehe ich mich zurück, sagte MaurevailleS, eS ist spät und ich möchte nicht, daß man Ihre Abwesenheit merkt. Sie verließen daS Gartenhäuschen und kamen zu der kleinen Thür, die MaurevailleS mit dem mitgebrachten Schlüssel aufsperrte. Nr. 43 Mustrirtos «Vieaer 8rtr»b1»tt 8sUa 169 Ich muß Ihnen ja den Schlüssel zurück- gcben, meinte Maurevailles, fügte aber nach einer kleinen Pause, sich anders besinnend, hinzu: Aber neu,, erlauben Sie mir, ihn zu behalten, es wird Ihnen die Unannehmlichkeit erspart, mir zu öffnen. Sie brauchen mich nur in dem Pavillon zu erwarten. Nejane war zu bewegt, um n ächz »denken, und gab ihre Zustimmung. MaurevaillcS behielt den Schlüssel. Nachdem er noch einen zweiten Knß auf ihre Stirn gedrückt hatte, entfloh er, die Thür . hinter sich schließend. Wenn Maurevailles weniger siegesgewiß gewesen wäre und sich umgeschant hätte, würde er zwei Gestalten bemerkt haben, die sich gegen die Wand drückten. — Der Chevalier war nicht allein zum Rendezvous gekommen. Hinter ihm warteten zwei Männer, vis die Thür geöffnet wurde, und hatten sowvl sein Kommen, als sein Fortgehen beobachtet. In dem Augenblicke, wo er sich entfernte, näherten sich die beiden Männer, um ihn beim Klagen zu fassen, als ein Wort aus seinem Munde sie bejtimmte, mne zu halten. Dieses Wort war die Lüge, die er mit dem letzten Kusse Nejane zu sagen wagte: Sei rumg, Re;ane, ich werde Deiner Schwester Nichts geschehen lassen. Als dre beiden Fremden das hörten, schienen sie über die Absichten des i-ächtttch-n Be)uchers ' beruhigt zu sein und nahmen ihren Nundgaiig - um das Hotel Bikers wieder ans. Es waren dies die zwei Agenten La Niviöres. 24 . ' - Der kleine Polizist. - — Der Gedanke, daß Marquis von VilerS poch am Leben sein müsse, hatte unseren Freund Goliath nicht einen Augenblick verlassen und er - hielt ihn mit solcher Zähigkeit fest, daß er Tag und Nacht daran wandte, um dem Verlorenen nachzuspüren. Er war zu der Schlußfolgerung gelangt, daß, wenn der Marquis sich in Paris befinde, wo er sich ja am leichtesten verbergen konnte, dieser gewiß, geschützt von dem Dunkel der Nacht, sich in die Nähe seines Hauses begeben würde, zu erfahren, wie es um seine Gattin stünde. Von diesem Gedanken geleitet, beschloß unser Buckliger, das Hotel Vilers nicht ans den Angen zu verlieren. Ohne irgend Jemanden davon zu verständigen, begab sich der Kleine allein ans den > Quai von Bethnne, um seinen Triumph vollständig zu genießen. Da bemerkte er von dem Winkel der Thür aus, in die er sich gedrückt hatte, zwei Männer, die vorsichtig vorbechuschten, so, als ob sie fürchteten, gesehen zu werden. Das ist aber ungeschickt, meinte ärgerlich der Kleine. Goliath, dem die Einrichtungen der Großstadt vollständig fremd waren, harte keine Ahnung von der Exlttenz der Geheimpolizei und das'Erscheinen der beiden Männer.ennruhlgte ihn daher auf's Höchste. Das scheinen Leute zu sein, die es auf d,e Margul e abgesehen haben, ja,che er sich ängstlich. Die erste Mcht folgte er mit geheimem . Granen jeder ihrer Verve rurgen und mit einer wahrhaft-» Erleichterung sah er sie der Tagesanbruch scheiden. Wahrscheinlich haben sie keine gü nstige Gelegenheit gefunden, und das ist em Glück, meinte er, beim ich hätte es doch nicht mit ihnen auf- uehmen können. Goliath aber wußte sich zu helfen, und sobald eS völlig Tag war, suchte er ferne Kameraden, die Gardisten, auf, um ihnen seinen Verdacht mrt- zutheil-n. ' Ich bin klein, sagte er, nachdem er die Vorfälle der Nacht erzählt hatte, und kann mrch überall durchzwängen. Laßt mich deshalb das Wrld arrfspüren. Ihr bleibt in der Nähe und beim ersten Zeichen, das ich Euch gebe, kommt Ihr! »Der Schwur der Rothmäntlcr." 8 Nachdem Lacy die Thür hinter dem Chevalier geschlossen hatte, der zur Uuthätigkeit »Der Schwur der Srothmüntler.* Keils 178 Illustrlriss wiener LxtrMrtt Xr. 60 verdammt war, wendete sich Lacy zu der kleinen Gartenthür, um sie halb zu öffnen und sich einen Ausgang zu sichern, falls er überrascht werden sollte. Aber in dem Augenblicke, wo er hinkam, erschienen zwei Männer auf der Mauerböschung. Lacy hatte kaum noch Zeit, zur Seite zu springen, um sich hinter einem Baume zu verbergen. Die zwei Männer sprangen in den Garten und hinter ihnen tauchten zwei andere auf. Gleichzeitig sah Lacy in der Richtung des Hauses Fackel» glänzen und bemerkte eine Schaar bewaffneter Leute, unter welchen die hohe Gestalt des Barons von Chartille hervorragte. Der Zwerg war von seinem Beobachter- Posten aus Zeuge des Streites zwischen Lacy und Maurcvailles gewesen. Er hatte sich beeilt, die Agenten zu verständigen und Einer derselben lief, die Gardisten zu holen, während der Andere den Baron von Chartille im Hotel benachrichtigte. Kurz, Tony und La Rose waren gerade in den Garten gesprungen, während der Normanne und Pivoin auf der Mauer blieben, um ihnen im Nothfalle beizustehen. Draußen bewachten Polizisten und Goliath die kleine Thür und den Quai. Der Baron von Chartille kam an der Spitze der Bediensteten des Hotels, um die Eindringlinge festzunehmen. Lacy kennte nicht mehr entfliehen. Und in dem Augenblicke, wo die Verfolgung begann, schenkte die Marquise von Vilers einem Sohne das Leben. 36 . Im Tode vereint. Nejane, die in größter Aufregung dem Hotel zngreilt war, hatte dasselbe in dem Augenblick erreicht, wo das Kind Vilers' zur Welt kam. Erschreckt über die Verfolgung, deren Gegenstand sie vorhin gewesen war, entsetzt über die Begegnung mit Lacy, den sie für ihren Todfeind hielt und dessen Anwesenheit im Garten Maur'- vailles' Beschuldigungen' zu rechtfertigen schrei. dachte sie an nichts Anderes, als das Kind in Sicherheit zu bringen. Sie wartete gar nicht die Amme ab, die sie begleiten sollte, sondern benützte den Augenblick, wo Alles um Hayd6e beschäftigt war, um das Kind zu ergreifen und mit ihm zu flüchten. Unten fand sie den Baron von Chartille, Tony und die Gardisten, die, den entblößten Säbel in der einen, eine brennende Fackel in der anderen Haud, raschen Schrittes den Garten durcheilten. Rejane war es vor Allem darum zu thun, ihnen auszuweichen, und mit ihrer kostbaren Bürde beladen konnte sie, wenn sie sich an die Parkmauer hielt, ohne Unfall die kleine Thür erreichen. Ach! Das Herz schlug ihr zum Zerspringen. Wenn Maurevailles nicht die Zeit gehabt hätte, sich zu flüchten? Wenn das Kind, dessen Wohl ihr am Herzen lag, doch in die Hände ihres Todfeindes fallen sollte? Es galt jetzt, rasch zu handeln; die Fackeln kamen immer näher. In einigen Minuten würden der Baron und seine Freunde bei ihr sein. Sie wagte es, leise an die kleine Thür zu klopfen. Diese wurde halb geöffnet. Sind Sie da? murmelte Nejane leise. Ja, antwortete eine Stimme. , Gleichzeitig erschien auf der Schwelle ein Manu, der in einen rothen Mantel gehüllt war. Rejane zweifelte nicht, daß dies Maure- vailles war, er allein hatte den Schlüssel zu dieser Thür. Sie gab ihm das Kind und wollte sich auf demselben Wege flüchten, wie sie gekommen war. Aber kaum hatte sich die Thür hinter ihr geschlossen, als ein Geräusch sic erbeben machte. Auf der anderen Seite der Thür vernahm sie das Geräusch von Schritten, die von mehreren Männern herznrühren schienen, dann einen unterdrückten Schrei und zuletzt Säbelgeklirr. Athemlos drückte sich Nejane gegen. die Rr. 50 » Nlastrirtsb Meuer IÄr»dI»tt Leits 179 Thür. Ein Mann stand da in der Thüröffnung und vertheidigte sich gegen mehrere Andere. Maurevailles war also draußen angegriffen worden. Aber der Kampf dauerte nicht lange. Bald hörte sie mehrere Stimmen rufen: Wir halten ihn! Das ist nicht ohne Mühe gegangen! Thut ihm Nichts zu Leide, aber laßt ihn diesmal nicht entkommen, sagte eine heisere Stimme. Es blieb kein Zweifel übrig. Maurevailles, der sich nicht ordentlich zur Wehre setzen konnte, weil er durch das Kind gehindert war, das er in den Armen hielt und das er durch seinen Körper zu decken suchte, war draußen von Leuten angefallen worden, wahrscheinlich von den Helfershelfern Lacy's. Das Kind war in die Hände eines Ver- räthers gefallen. Bei diesem Gedanken entfloh Rejaue entsetzt durch den Garten und lief in ihr Zimmer, das im zweiten Stockwerke des Hotels lag. Aber gerade als sie keuchend, mit hochklopfendem Herzen dort anlangte, ertönte im ganzen Hanse ein Schrei der Verzweiflung: Das Kind ist verschwunden, das Kind ist entführt worden! Tod und Teufel, sagte der alte Baron, dieser Räuber hat sein Verbrechen dennoch vollbracht ! Er ist im Garten. Wir müssen ihn haben, ob todt, ob lebendig. Und das Treibjagen begann von Neuem, nur noch heftiger als früher unter den Augen Rejane's, die halb todt vor Schrecken war. Indessen tröstete sie sich mit dem Gedanken. daß, wenn schon das Verhängniß gewollt hatte, daß das Kind von den Leuten Lacy's ergriffen worden war, doch zum wenigsten Maurevailles Nichts geschehen war. Sie hatte gehört, wie Einer, der der Anführer zu sein schien, Befehl gegeben hatte, ihn zu schonen . . . Wenn Maurevailles am Leben ist, sagte sie sich vertrauensvoll, wird er, der die Anschläge Lacy's kennt, diese zu Nichte machen und meine Schwester vor ihm schützen. Aber plötzlich hörte sie im Garten einen triumphireuden Schrei, der, sie wußte nicht weshalb, ihr Blut erstarren machte. Hieher, hieher, rief Tony, wir haben ihn. Lasset ihn diesmal nicht entschlüpfen, antwortete der Baron, dieser Schuft muß bestraft werden. Bei dem Scheine der leuchtenden Fackeln sah Rejane den Mann im rothen Mantel, der durch die Gardisten in die Enge getrieben wurde, während Tony und der Baron sich anschickten, ihm den Rückzug abzuschneiden. Ah, sagte sich die arme Rejane. Es ist Maurevailles, der seinen Feinden entgehen konnte und zu uns kam, um uns von dem Verschwinden drs Kindes Mittheilung zu machen. Ihr erster Gedanke war, sich zwischen ihn und seine Henker zu werfen. Sie wollte des Barons Knie umklammern, ihm Alles gestehen und ihren falsche» Geliebten rechtfertigen. Aber der Mann unten hatte eine verzweifelte Anstrengung gemacht und sich zwischen Tony und dem Baron durchzwängend, entfloh er in der Richtung, wo das Hotel lag, nicht ohne an ihren Degen Fleischfetzen zurückzulassen. Ach, Gott ist gerecht, er entkommt, er flüchtet hieher, dachte Rejane. Zum Henker, bin ich denn zu gar Nichts mehr gut, ^ brüllte der Baron mit zornentflammten Blicken. Tony, Sie sind, jung, schnell, gebrauchen Sie Ihre Beine! Die Verfolgung begann auf's Neue. Es war aber nicht Maurevailles, dem der Baron und Tony uachsetzten, sondern Marc von Lacy. Mau erinnert sich, daß Marc, nachdem er Maurevailles in den Pavillon gebracht hatte, es versucht hatte, zu flüchten und durch dir Ankunft der Polizisten gezwungen war, sich zu verbergen. Die Gardisten hatten ihn von seinem Posten vertrieben. Im ersten Augenblicke hätte er ihnen entkommen können, aber sie trieben ihn in die Enge und als die Nachricht von der Entführung des Kindes bekannt wurde, machte sie diese wüthend und sie beschlossen, ihn um keinen Preis mehr losznlassen. Lacy, der auf's Geradewohl durch die Alleen floh, kam bis zum Hotel, fast unter das Fenster, wo sich Rejane aufhielt. 8oits 180 Illustrirtss wiener LrtrLdIs.it Nr. 50 Hier wurde ihm der Rückzug zum zweiten Male abgeschnitten. Elender! rief ihm Tony zu, der auf ihn kindrang. Wo ist das Kind? Das Kind? fragte Lacy überrascht, da er sicher war, daß Maurevailles, der von ihm selbst eingesperrt worden war, nicht den Raub hatte vollbringen können. Ja, das Kind Vilers', das Du eben geraubt hast. Gib es zurück, wenn Dir Dein Leben lieb ist. Ich schwöre bei meinem ewigen Seelenheil, daß ich es nicht habe. Gehen Sie doch, sagte der Baron von Chartille, der jetzt ebenfalls herbeikam. Keine Ausflüchte, mein Herr. Sie haben mir schon einmal im Lager bei Namur übel mitgespielt, aber ich habe Ihnen bewiesen, daß man sich nicht ungestraft über mich lustig macht. Ich frage Sie jetzt zum letzten Male: Was haben Sie mit dem Kinde gethan? Lacy war jetzt vollständig eingeschlossen. La Rose, der Normanne und Pivoine standen in drohender Haltung vor ihm. Der Baron und Tony drangen weiter mit Fragen in ihn ein. Noch einmal, nahm Herr von Chartille mit eisiger Kälte das Wort, die sonderbar gegen seine Wuth abstach, noch einmal fordere ich Sie auf, zu antworten. Bedenken Sie, daß Sie sich hier Nachts eingeschlichen haben, daß Sie über die Mauer kletterten, wie ein Dieb oder Meuchelmörder und daß wir das Recht haben, einen solchen Menschen ohne Gnade oder Barmherzigkeit zu tödten. Ich weiß ja aber von Nichts, rief Lacy verzweifelt, ich schwöre es Ihnen. Ich bin im Gegentheil gekommen, um den abscheulichen Raub zu verhindern. Du! rief Tony, den der Zorn fortriß. Du wärst gekommen, um uns zur Seite zu stehen? Betrüger, Schuft, Du scheinst also Deine Ver- gangenheit vergessen zu haben ? Du erinnerst Dich weder des Eides, den Du geschworen, Herrn von Vilers zu tödten, noch Deines schändlichen Attentats in diesem Garten, wo wir uns zum ersten Male grgenüberstanden. Du erinnerst Dich nicht, daß wir uns in den unterirdischen Gewölben BlcuancourtS begegneten, Du, um die Marquise zu entführen, ich, um sie zu ver- theidigen. Daran denkst Du nicht, daß, wenn die Marquise nicht ihren Gatten neben sich hat, der sie beschützt, sie es Dir verdankt. Du hast Alles, Alles vergessen, auch den letzten Angriff im Hotel, wo die Polizei Dich wie einen gemeinen Räuber überrascht hat! Und wenn wir Dich heute iu üaZranti ertappen, zwei Schritte von dem Zimmer, wo eine unglückliche Mutter den Verlust ihres Kindes beweint, hättest Du die Frechheit zu leugnen, Mörder und Kindesräuber! - - Ruhig, Tony, sagte der Baron mit derselben feierlichen Ruhe. Lassen Sie sich nicht vom Zorne Hinreißen. Richter, denn als solche stehen wir hier, dürfen den Angeklagten nicht beschimpfen, wie groß auch seine Schuld sein möge. - ^ Bei dem Andenken an meine Mutter, bei meinem ewigen Seelenheile, sagte Lacy mit fester Stimme, ich bin an dem Verbrechen unschuldig, das Sie mir zur Last legen. Da lügst Du wieder, sagte Tony, man hat Dich seit acht Tagen jeden Abend hieher kommen sehen? Mich? Ja,' mein Herr, sagte der Baron, Tony ein Zeichen machend, daß er ihn sprechen lassen solle. Und wollen Sie, daß wir Ihnen sagen, weßhalb Sie hergekommen sind? Um einem armen Kinde, das einen Anderen liebt, von Liebe zu sprechen, um sie zu betrügen, zu verführen, damit Sie Ihr Ziel, den heutigen Raub erreichen. Lacy öffnete den Mund, um sich zu verantworten. Es war ein Leichtes, sich zu rechtfertigen, da Maurevailles noch hier im Pavillon war. Aber Maurevailles ausliefern, bedeutete so viel als Nejane zu tödten, Rejane, welche er, Lacy, von Tag zu Tag mehr liebte, mit hoffnungsloser, verzehrender Leidenschaft. Er sagte sich, daß sein Leben jetzt keinen Zweck habe und daß es besser sei, zu sterben. Er hatte sprechen wollen, jetzt aber schwieg er. Uebrigens, begann Herr von Chartille wieder, merken Sie sich Folgendes: Wer auch die Person sein möge, der Sie das Kind übergeben haben, sie kann nicht weit damit kommen. Alle Xr. 51 Hlustrlrtes »Vioner LxtrLblatt Zugänge des Hauses sind von Polizisten bewacht, in deren Händen das Kind jetzt sein muß. Lacy schwieg beharrlich. Und jetzt, rief Tony, indem er seinen Degen ergriff, sind genug Worte gewechselt worden. Marc von Lacy, vertheidige Dich, wenn Du noch den Muth hast, eine Waffe zu tragen! Ich wiederhole cs Ihnen, Sie thun Unrecht, sagte der Baron, Tony bei Seite schiebend. Dieser Mann, der nicht einmal den traurigen Muth hat, sein Verbrechen einzugestehen, verdient es nicht, den Tod durch einen ehrlichen Degen zu empfangen. Ich sagte Ihnen, daß wir hier zu Gerichte sitzen, und nicht ohne Absicht habe ich diese wackeren Soldaten mitgebracht,, deren Ehrenhaftigkeit den Mangel eines Wappenschildes deckt. Sergeant Pivoiue, Corporal La Rose und Sie Normanne mache ich zu Richtern dieses Mannes. Ich habe die Anklage vorgebracht, dem Angeklagten die Möglichkeit gelassen, sich zu ver- theidigen, an Ihnen liegt es jetzt, das Urtheil zu sprechen! Die drei Soldaten sahen einander unschlüssig an. Es war eine schwere Verantwortung, die sie jetzt auf sich zu ladeu hatten. Wenn man's genau besah, war Lacy ja doch Officier, freilich befand man sich auf neutralem Gebiete, wo jeder Rangunterschied aufhörte. . Macht's schnell und ermordet mich ohne lange Umschweife, sagte Lacy mit schlecht verhehltem Zorn. Ich bin des Lebens überdrüssig und diese ganze Komödie hier hat keinen Sinn. Das ist durchaus keine Komödie, sondern ein wirkliches Gericht. Wäre es Ihnen lieber, dem Polizeidirector ausgeliefert zu werden, der Ihre Epauletten abreißen lassen und Sie auf die Galeeren schicken würde? Sie sind Soldat und ich will Ihnen die letzte Gunst gewähren, wieder von Soldaten gerichtet zu werden. Zu welcher Strafe verurtheilt Ihr diesen Mann? r Zum Tode, sagte Pivoine, dessen Stirne sich verdüstert hatte. Zum Tode, wiederholte La Rose. Zum Tode, ertönte es von den Lippen des Normannen. „ Das TodeSurtheil ist gesprochen, Herr von Lacy, sagte feierlich, jedes Wort betonend, der Baron von Chartille. Es bleibt uns Nichts zu ,s Ssits 181 thun übrig, als Sie aufzufordern, Ihre Seele Gott zu empfehlen. Haben Sie noch irgend einen letzten Gang zu thun oder eine wichtige Angelegenheit zu erledigen? Ich schwöre Ihnen, daß Alles treu und gewissenhaft besorgt werden soll. V q Lacy antwortete nicht. Nun denn, es muß ein Ende gemacht werden, die Zeit drängt. Auf die Kure und verrichten Sie Ihr Gebet. Nein, nein und nochmals nein! rief Lacy, indem er sich in seiner ganzen Höhe aufrichtete. Nein, so will ich nicht sterben, mit Schmach bedeckt . . . wenn ich mir auch meines früheren Betragens wegen Vorwürfe zu machen habe. Heute wäre die Strafe eine ungerechte, denn ich kam in der Absicht, der Marquise beizustehen. Tödten Sie mich, wie Sie wollen, denn mir liegt Nichts mehr am Leben, aber mein Blut komme über Sie, denn ich habe diesen Tod nicht verdient. Rejane, die von ihrem Fenster von Anbeginn dieser Scene gefolgt war, versuchte zu hören, was gesprochen wurde. Zum ersten Male drang die Stimme Lacy's zu ihr hinauf. Lacy sprach, wie Maurevailles an seiner Stelle gesprochen hätte. Ich kam, um der Marquise beizustehen. Dasselbe hatte Maurevailles einige Augenblicke früher gesagt. Dieses letzte Wort überzeugte sie vollends. Elender! sagte Tony. Und Rejane? Rejane, ah! Sprechen Sie nicht von ihr! rief Lacy in schmerzlicher Erregung. Sie beschuldigen mich, sie verführt zu haben, aber obschon ich Sie mit ganzer Seele liebe, habe ich ihr diese Liebe niemals gestanden. Ah, das ist zu viel' der Lügen! sagte Tony und machte den Gardisten ein Zeichen. Die Soldaten richteten ihre Waffen gegen Lacy. Drei Schüsse wurden abgefeuert. Lacy streckte die Arme aus/drehte sich um sich selbst und rollte auf dem steinigen Boden. Aber den Schüssen folgte ein furchtbarer Aufschrei und eine Frau fiel vom zweiten Stockwerke zerschmettert zu den Füßen des BaronS nieder. Er neigte sich über sie und rief entsetzt: Rejane! .Der Schwur der Stottzmüutler." Leite 162 INuLtrütes Wiener LrtrkblLtt dlr. 51 Es war iu der That Rejane, die nochmals wahnsinnig geworden war, wahnsinnig vor Verzweiflung. als sie Denjenigen tödten sah, den sie für Maurevailles hielt. Sie hatte ^sich vom Fenster gestürzt, um mit dem zu sterben, den sie liebte, und war neben ihn gefallen, sein Blut mit dem ihrigen vermischend. So vereinigte der Tod Lacy mit der, die er im Leben vergeblich geliebt hatte. Die Erbschaft. Tony, der Baron und die anderen Zeugen der Katastrophe blieben zuerst vor Schrecken wie an den Boden genagelt stehen, dann aber beeilten sie sich, dem jungen Mädchen zu Hilfe zu komme». Aber ihre Bemühungen blieben fruchtlos ... das arme junge Mädchen war todt. Welch'furchtbarer Unglücksfall! sagte klagend Tony. Der alte Baron, der auf's Tiefste erschüttert war, schien nachzudenken. Ein Unglücksfall? ... nein, antwortete er, sagen Sie lieber, ein freiwilliger Tod, an dem wir unseren guten Theil Schuld haben. Wir haben nicht an die Anwesenheit des Mädchens gedacht, als wir diesen Ort wählten, der dem Hause so nahe ist, um über den Mann abzu- urtheilen, den sie nach seiner Kleidung für Maurevailles halten mußte . . . Aber, mein Gott, da fällt mir etwas Furchtbares ein! . . . Wenn wir uns getäuscht hätten, wenn Lacy die Wahrheit gesprochen hätte! , . . Was wollten Sie damit sagen, fragte ängstlich Tony, dem sich des Barons Besorgnisse mit- zutheilen schienen. Daß es Maurevailles war, der seit acht Tagen herkam, daß er cs war, den Sie von Liebe zu dem armen Kinde sprechen hörten, das jetzt als Leiche zu unseren Füßen liegt, und daß, während wir Lacy zusetzten, der vielleicht wirklich in guter Absicht kam, der wirkliche Verführer uns entwischte. Das ist unmöglich! Es ist so, ich fühle es jetzt. Mein Gott, was haben wir, oder vielmehr, was habe ich gethan? Ich war es ja, der Alles leitete, und alle Verantwortung fällt auf mich zurück! Hoffentlich hat der Lärm der Schüsse nicht noch, um das Maß voll zu machen, die Marquise erschreckt, die ohnedies schon schwer geprüft ist. Tony, gehen Sie rasch und veranlassen Sie Joseph, rasch ein Märchen zu ersinnen, um der Kranken den Tod ihrre Schwester sorgfältig zu verheimlichen. Dann entfernen Sie die Leiche Rejanes. Was diesen anbelangt, so werden die Diener das schon besorgen. Und wir müssen jetzt unsere Jagd wieder beginnen. Gerade den 'Strafbarsten waren wir nahe daran, uns entgehen zu lassen. Und jetzt insbesondere, fügte der Alte mit blitzenden Augen hinzu,.habe ich eine furchtbare Rechnung mit ihm zu begleichen. Die Nachforschungen wurden wieder ausgenommen und nicht ein Gebüsch blieb nndurch- sucht. Der Baron hatte richtig gerathen. Während mau sich mit Lacy beschäftigte, hatte Maurevailles, in der sicheren Voraussetzung, daß man sich nicht um ihn kümmern würde, die Thür des Pavillons eingeschlagen und war in den Garten hinaus. Als man den Pavillon erreichte, fand man seine Spuren, die Thür war aus den Angeln gerissen und ein Fetzen scharlachrothen Tuches hing an dem Geländer der Stiege. Es mußte also ein Rothmäntler da gewesen sein. Da nun Lavenay in seinem Grabe in Holland ruhte, Lacy am andern Ende des Gartens in seinem Blute lag, so mußte dies Maurevailles gewesen sein. Man sah ihn übrigens in einer Entfernung von hundert Schritten aus dem Halbschatten hervortreten. Alle liefen ihm nach, aber er war verschwunden. -Maurevailles kannte sich nur zu gut in dem Parke aus. Wie eine Eidechse glitt er in das dunkle Dickicht und kam nur hie und da zum Vorschein, wenn er gerade eine Lichtung oder eine Allee passiren mußte. Nr. 51 lllnstrjrtes wiener LrtrLblstt 8oi1o 183 - Zwanzig Mal trieben ihn der Baron und seine Leute in die Enge und glaubten, ihn zu halten; zwanzigmal verschwand er wieder wie ein Dämon in dem Augenblicke, wo sie die Hände ausstreckten, um ihn zu ergreifen. Wenn man es gewagt hätte, zu schießen, würde der Flüchtling nicht weit gekommen sein, aber die letzte Katastrophe hatte den Baron vorsichtiger gemacht. Er fürchtete, daß der Lärm der Schüsse der Marquise vielleicht tödtlich werden könnte. Als eifriger, gewandter Jäger kam er allen Andern zuvor, blickte in jedes Gebüsch und schwor, daß er nicht eine Handbreit Erde undurchsucht lasten werde, um Maurevailles wiederznfinden. Jetzt erblickte er ihn, wie er einen Baumgang entlang schlüpfte. Er lief ihm nach und maß mit den Blicken die Entfernung, die ihn von Maurevailles trennte, als plötzlich die Gardisten, die ihn erreicht hatten, ihn mit einem schmerzlichen Aufschrei zurücktaumeln sahen. Ein Degen hatte ihm die Brust durchbohrt.'' - ^ Sie wollten sich nicht mit mir schlagen, Baron, ließ sich eine höhnende Stimme vernehmen, welche die Gardisten als di jenige Maurevailles' erkannten, gut denn, so habe ich Sie von rückwärts angefallen. Außer sich vor Zorn, vergaßen die wackeren Leute den Befehl, den sie erhalten hatten, und schoßen in der Richtung, ans der die Stimme gekommen war. Die Kugeln prallten jedoch an einem starken Baume ab, der niitten in dem Gebüsche stand, und sardonisches Hohngelächter antwortete auf die Schüsse. Diesmal entwischte der Räuber. ' Bei dem Geräusche, das die Schüsse verursachten, lief Tony, neues Unheil ahnend, herbei, nachdem er Rejanes Leiche den Dienerinnen der Marquise übergeben hatte. Er wollte sich an dem Kampfe betheiligen, Nejane rächen, wenn noch Zeit dazu war. Ach, er kam gerade recht, um den letzten Willen des Barons zn hören. Als Herr von Chartille ihn sah, erhob er sich mühsam. Tony, sagte er, ich sterbe. . . . Möge mein Tod denjenigen sühnen, den ich, ohne cs zu wollen, verschuldete. Ich bedauere es nicht, sterben zu müssen ... ich habe lange genug gelebt. Aber ich bedauere, Rejane nicht rächen und den eigentlichen Urheber ihres Todes nicht bestrafen zu können. Diese Aufgabe, Tony, fällt jetzt Dir zn und deshalb ... gib mir mein Notizbuch» das sich hier in meiner Tasche befindet. . . . Danke . . . Bringe eine Fackel, ich sehe Nichts mehr . . . Richte mich ein wenig auf. . . . Und mit der Festigkeit, die ihn während seines ganzen Lebens ausgezeichnet hatte, las der Baron laut, während er schrieb: „Ich vermache dem Lieutenant Tony im Garde-Rkgimrnte mein ganzes Vermögen, damit er den von mir bestimmten Gebrauch davon mache, da ihm meine letzten Willensäußerungen bekannt sind. Paris, 15. December 1746. Anton Baron von Chartille." Und, sagte er, indem er Tony das Papier hiuhielt, nicht wahr. Du wirst auch an unsere braven Freunde nicht vergessen, die uns so treu beigestanden sind, auch den kleinen Goliath vergiß nicht, ich habe ihm versprochen . . . sein Glück .zu machen. . . . Während dieser Rede versuchte der Baron zu lächeln, aber das ging über seine Kräfte und mit einem nervösen Zusammenziehen der Gesichtsmuskeln röchelte er: Wasser, Wasser . . . ich ersticke . . . Einer der Lakaien war fortgelaufen, um einen Arzt zu holen. Aber bevor dieser noch kam, war der Baron immer schwächer geworden und als der Doctor den Verwundeten sah, schüttelte er traurig den Kopf. Der Sterbende fing den Blick auf. Es ist also zn Ende . . . murmelte er. . . ja . . . lebt wohl! La Rose, Pivoine, Normanne, vcrgeßt nicht! Und auch Du nicht, Tony! . Die Rache ... die Rache! . . . Eine Blutwelle ergoß sich aus seinem Munde. Der Baro» von Chartille war todt. "kelts 184 Itlnstrirtes Wiener LxtrLbiett Nr. 51 ' ' 28 . Traum oder Wirklichkeit? Sehen wir jetzt, was sich inzwischen draußen zugetragen hatte. Wer war denn der Mann mit dem rothen Mantel, dem die arme Rejane das Kind übergeben hatte und der gleich darauf von Goliath und seiner kleinen Schaar angehalten worden war. Als er den Unbekannten, dem ' er schon so lange nachspürte, in seine Hände fallen sah, konnte sich Goliath vor Freude nicht fassen. Daß das Kind, das in so großer Gefahr geschwebt hatte, in Sicherheit war, vergrößerte noch seine Befriedigung. Alles ich l Alles ich ! wiederholte er, sich zufrieden die Hände reibend. - Mir entgeht doch i Nichts! Die Anderen reichen mir nicht bis an die Knöchel! ^ ? Unterdessen war der Rothmäntler, der von, zwei Polizisten festgehalten wurde, in das Gasthaus „zu den Waffenbrüdern aus der Bretagne" gebracht worden. , Um sich freier zu bewegen, hatte man den. ^ Wirth gebeten, sich niederzulegen, und hatte für , die Bedienung einen jungen, rothhaarigen Burschen mit einfältiger Miene, der auf den melodischen Namen Barrabas hörte, sorgen lassen. Barrabas, der über das Schauspiel, das sich ihm bot und das für ihn ganz neu war, . schon ganz erstaunt war, ließ den Krug mit Wein, den er in der Hand Hielt, zu Boden fallen, als er einen Herrn, der ganz das Aussehen eines Edelmannes hatte, von zwei Polizisten führen sah und hinter diesen einen Dritten erblickte, ' der mit aller möglichen Vorsicht ein neugeborenes Kind trug. Herrgott! rief der arme Junge, was hat das zu bedeuten? . : Barrabas, halt'Dein Maul und verschütte nicht den Wein Deine- Herrn! rief der Zwerg mit wichtiger Miene. - Geh', mein Sohn, öffne uns da- große Zimmer und dann mache Dich auf die Beine! Barrabas gehorchte; man trat in da- große Zimmer. Der Mann mit dem rothen Mantel blickte sich mißtrauisch um. Warum führen Sie mich hieher? fragte er die Polizisten, die ihn noch immer festhielten. Wir haben strenge Befehle erhallen. Nun denn, sagte der Mann mit Hoheit, so befehle ich Ihnen, mich gleich zu Ihrem Chef zu führen. ^ Sie zuckten die Achseln, wie Leute, die an solche Dinge gewöhnt waren, und gaben keine Antwort. Der Mann im rothen Mantel stieß vor Ungeduld mit dem Fuße auf den Boden. ' Bei diesem Geräusch brach das Kind in klägliches Wimmern aus. Der Gefangene zuckte zusammen und warf dem kleinen Geschöpfe einen liebevollen Blick zu, das der Polizist mit linkischer Zärtlichkeit in den Armen wiegte. Sind Sie Vater? fragte er diesen schmerzlich. ' Ja, antwortete lächelnd der Polizeiagent. ^Dann beschwöre ich Sie im Namen Ihres Kindes, auf dieses hier zu achten. Wollen Sie mir erlauben, es zu küssen? . ^ Seine Stimme hatte einen zitternden Klang, als er das sagte. Der Polizist war gerührt und fragte Goliath mit den Blicken. Dieser schüttelte den Kopf. Er will es vielleicht erwürgen, sagte er sich. Der Gefangene drang nicht weiter in seine Aufsehen, aber sein zärtlicher Blick traf wieder das Kind. Goliath hatte den Blick aufgefangen. Er sieht wirklich nicht wie ein Menschenfresser aus, sagte er sich, indem er sich verlegen den Kopf kratzte. Wer zum Teufel mag er wol sein?. Das Kind begann wieder zu wimmern. Der im rothen Mantel machte eine unwillkürliche Bewegung, um sich diesem zu nähern, aber die zwei Agenten, die ihn bewachten, ließen ihre Hände schwer auf seine Schultern uiederfallen. O!. es ist ganz überflüssig, .mich so gut zu hüten, sagte er mit traurigem Lächeln, ich denke gar nicht daran, zu entfliehen. Ich bedauere nur die Zeit, die man hier mit mir verliert. Jeder hat seine eigenen Geschäfte, sagte Nr. 52 Illastrirtvs Wiener LrtrLd1»tt Leits 185 Goliath mit einem Ernst, der in grellem Widerspruche zu seinem Gesichte stand. Der Fremde sah ihn erstaunt an und verfiel dann in dumpfe Gleichgiltigkeit. Der Zwerg versank in Nachdenken. Auf keinen Fall, sagte er sich, ist dieser hier bei den Gardisten gestanden. Ich kenne dort doch alle Leute und habe niemals sein Gesicht gesehen. Aber warum trägt er einen rothen Mantel? Außer den Dreien, die ich kannte, hat doch . . . Barrabas, unterbrach er sich, mit der Faust ans den Tisch schlagend, Du Höllenbrut, einen Krug vom Besten! Barrabas, dessen Erstaunen immer zunahm, beeilte sich, zu gehorchen. Ah! der Teufel! murmelte der Kleine, laßt uns einmal Nachdenken. Diese geheimnißvolle Miene . . die Zärtlichkeit . . der rothe Mantel . . Halloh! Barrabas! . . ich hab's . . Tummle Dich, wir sind hier in nobler Gesellschaft! — Werden Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu trinken, Herr Marquis? Während Goliath sprach, sah er starr auf den Fremden. Dieser zuckte zusammen. Mit mir sprichst Du? Du kennst mich also ? Eh! Das kommt darauf an! Zwischen Marquis und Marquis ist ein Unterschied. Es gibt solche, die ich verabscheue, aber einen, den ich liebe uud das ist der, dessen Haus sich da gleich neben uns befindet. Ob Du nun die Wahrheit sprichst oder lägst, mir liegt wenig daran; ich habe jetzt Nichts mehr zu verbergen. Ich bin der Marquis von Vilers! Wie es geschah, können wir nicht sagen, aber über die Krüge hinweg warf sich mit einem Male der unehrerbietige Goliath wie von-einem Schwungbrett geworfen, mit offenen Armen an die Brust des Marquis, den er zehnmal umarmte, ehe dieser cs hindern konnte. Endlich fiel Goliath,, eben so rasch zu Boden, als er an den Hals des Marquis gesprungen war. . . Es lebe die Freude! ries er, ich habe ihn" gefunden! , , Und sich an die Polizisten wendend, sagte er zu diesen: Kameraden, die Arbeit ist gethan, kommt mit mir. Herr Marquis, entschuldigen Sie meine maßlose Freude, aber wenn Sie wissen werden, wer ich bin! . . Ah, man wird Ihnen schon von mir erzählen, Herr Marquis, nehmen Sie Ihr Kind wieder, das dieser große Lümmel da eigentlich wie eine wichtige Kindsfrau behandelt. Kommen Sie in's Hotel . . Man erwartet uns dort! Er machte tolle Luftsprünge, während er sprach. Der Marquis war auf's Höchste erstaunt, aber da er an der Freude des kleinen Mannes sah, daß er es mit einem Freunde zu thun habe, nahm er das Kind in seine Arme, breitete schützend seinen Mantel darüber und machte sich auf den Weg nach seinem Hause. Aber dort erwartete sie ein trauriges Schauspiel. Der Tod Rejanes hatte eine schmerzliche Bestürzung hervorgerufen. Die Dienerschaft war fast vor Schrecken gelähmt über die Ereignisse, die fick in so kurzer Zeit und in so rascher Aufeinanderfolge abgespielt hatten. Trotz der Anwesenheit Goliaths achtete man kaum auf die Neuangekommenen. Aber der Zwerg trug das Hochgefühl der Wichtigkeit seiner Entdeckung in sich. Wo ist der Baron von Chartille? fragt er mit erhobener Stimme. Die Diener sahen ihn verlegen an. Ah ! Versteht Ihr mich nicht oder seid Ihr stumm geworden? rief Goliath. Der Baron? sagte zögernd einer der Diener. Der Baron? Der ist todt! Todt? Mein Herr ? rief erschüttert der Zwerg. Chartille todt! wiederholte Vilers. Himmlische Barmherzigkeit! Der Herr Marquis! schrie eine der Dienerinnen auf, die Vilers erkannt hatte. Wie, er ist todt? Laßt hören, wie ist das so schnell gekommen, sagte ungeduldig der Marquis. Ermordet, im Garten ermordet. Schnell hin zu ihm! . Das Erscheinen des Marquis hatte die Be- stürzuug im Hause auf's Höchste gesteigert. DaS Kind war geraubt, der vermeintliche Räuber nach einer tollen Jagd im Garten gerichtet, Rejane todt an seiner Seite, und endlich der Marquis .Der Schwur der Rothmitntler.' Leite 186 H1u8trirte3 wiener Lxtrabl»tt Nr. 52 von Vilers, der mit dem Kinde wieder zum Vorschein kam: es war zu viel, was auf die guten Leute eiustürmte und sie glaubten, unter dem Einflüsse eines bösen Traumes zu stehen. Die Nachricht von der Rückkehr des Marquis verbreitete sich mit großer Schnelligkeit. Der alte Joseph kam blaß vor Erregung, um seinen Herrn zu begrüßen. Ah, mein guter Herr! Welche Freude nach so viel Kummer! Das arme Fräulein, der arme Herr Baron! Mein Gott, mein Gott! Es war schon die höchste Zeit, daß Sie kamen, nm uns vor Verzweiflung zn bewahren. Kommen Sie schnell! Ach, wie wird die gnädige Frau glücklich sein. Aber bevor Vilers zu seiner Gattin ging, wollte er noch seine Freundespflicht erfüllen. Führe mich zuerst zu der Leiche des Barons, gebot er Joseph. Der alte Diener gehorchte und der Marquis begab sich zu dem leblosen Körper des treuen Freundes, der in seiner Abwesenheit der tapfere Venheidiger seiner Familie gewesen war. Er senkte die Knie nnd drückte einen Kuß auf die kalte Stirn des Todten. Dann erhob er sich. So peinlich der Tod des Barons und das tragische Ende des jungen Mädchens waren, die Rückkehr des Marquis, der sich wohl befand und das Kind zurückbrachte, hatten den Schmerz ge indert. Es war nur noch eine Schwierigkeit da, die Marquise von der Rückkehr ihres Gemals zu benachrichtigen. Wenn man auf den Buckligen und Joseph geachtet hätte, so würde man den Marquis schnurstracks zu seiner Gemalin geführt haben, da diese behaupteten, daß das Glück nicht schaden könne. Aber Vilers und Tony waren anderer Ansicht. Denn sie wußten, wie empfindlich die Marquise war und man mußte eine Aufregung vermeiden, die sie hätte tödten können. Tony nahm es auf sich, die Marquise vor- zubrrriten. Er empfahl Allen, sich auf's Strengste zu hüten, von dem Marquis zu sprechen und trat in das Gemach der Wöchnerinnen, da ihm seine Ergebenheit die Rechte eines Bruders Haydee gegenüber eingeräumt hatte. Die Marquise freute sich, ihn zu sehen. Ich komme, Sie zu fragen, gnädige Frau, ob der Lärm, der heute Nacht in der Nähe des Hauses war, Sie nicht erschreckt hat. O! Herr Tony, Sie werden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich Nichts gehört habe, so gut habe ich geschlafen. Geschlafen! Jst's möglich? Ja, und ich habe so schön geträumt. Denken Sie sich, mein lieber Freund, daß mir träumte, daß mein Gatte hier war und diesmal für immer. Tony erbebte. Haydöe hatte also eine Ahnung gehabt l Er ergriff die Gelegenheit, die ihm ein glücklicher Zufall in die Hände spielte. O, gnädige Frau, sagte er heiter, Sie wollen sich über mich lustig machen, indem Sie mir als Traum erzählen, wtks ja in Wirklichkeit ist. Die Marquise blickte erstaunt auf. Ich weiß wol, daß Sie den Marquis gesehen haben; nach einer so langen Abwesenheit war cs ja natürlich, daß sein erster Besuch Ihnen galt. Wie, sein Besuch? Wäre es also wahr? Er wäre hier? Da Sie ihn gesehen haben! Ach, leider nur im Traume. Machen Sie sich doch nicht lustig über mich ! Ich schwöre Ihnen, Tony, daß cs ein bloßer Traum war. Und ich, gnädige Frau, schwöre Ihnen, daß es Wirklichkeit war, O, sagen sie mir das nicht, erwecken Sie nicht trügerische Hoffnungen in mir. . . eine solche Enttäuschung wäre zu schmerzlich. Wird man eine Wöchnerin täuschen ? Nein, gnädige Frau, ich lüge nicht. Vielleicht haben Sie durch eine sonderbare Verirrung der Phantasie die beglückendste Wahrheit für eine Traumerscheinung gehalten? Da könnte ja der Herr Marquis dorthin zurückkehren, woher er gekommen ist. O, sagen Sie das nicht! Dann leugnen Sie nicht länger. Sie müßten sich doch sehr glücklich fühlen. Stellen sie sich das vor! Ihn in dem Augenblicke wiederzusehen, wo ich ihm seinen Sohn zeigen kann. Den er schon liebt. Er kennt ihn schon? Xr. 52 IIIn8trnies wiener Hxtrablatt Leits 167 Ob er ihn kennt? Jedesmal, wenn das Kind weint, erhebt sich der Marquis, um es zn wiegen. Wie konnten Sie sagen, daß Sie Ihren Gatten im Traume wiedergesehen hätten? Er hat mir ja selbst gesagt, daß seine Unterredung mit Ihnen drei Stunden dauerte. Das ist wahr . .. Mein Gott, wie konnte ich mich nur so irren, sagte die junge Frau, die jetzt vollständig überzeugt war. Aber wo ist er jetzt? Schläft er? Nein, ich glaube ihn im nächsten Zimmer zu hören. Wahrscheinlich trägt er das Kind herum. Ach, sagen Sie ihm doch, daß er rasch kommen soll, um mich noch einmal zu umarmen. Tony, der jetzt über den Ausgang der Unterhaltung mit der Marquise völlig beruhigt war, stürmte in das Zimmer, um den Marquis zu rufen. Aber dieser, der dem ganzen Gespräche von dem angrenzenden Gemache gefolgt war, hatte schon seinen Mantel, seine großen Stiefel, seinen Degen abgelegt und seinen Hut von sich geschleudert und stand nun da gekleidet, wie wenn er zu Hause wäre. Mit Mühe die Bewegung niederkämpfend, die ihm die Kehle zuschuürte, sagte er mit erzwungener Heiterkeit: Sie umarmen, einmal, zehnmal, wenn Sie es wünschen, Madame. Die Marquise stieß einen Freudenschrei ans und schlang ihre beiden Arme um seinen Hals. Wirst Du mir glauben, sagte sie lachend, daß ich vorhin noch dachte, daß Deine Rückkehr ein bloßer Traum sei? Aber jetzt werde ich mich nicht mehr irren. Ach, ich bin so glücklich, so glücklich! Theure Haydöe! sagte Vilers, dessen Augen vor Bewegung und Freude feucht geworden waren. Jetzt aber lege Dich nieder, mein theurer Freund. Geh' zu unserem Kinde — Deinem Sohne. Ich werde weiter träumen, lächelte die Marquise mit glückstrahlendem Antlitze. Vilers und Tony verabschiedeten sich von der Marquise, da nach dieser Richtung Nichts mehr zu fürchten war. Aber anstatt sich zur Ruhe zu begeben, wollte der Marquis die Leichenwache bei seinem Freunde, dem Baron von Chartille, halten, zur großen Enttäuschung der Gardisten, die vor Begierde brannten, zu erfahren, wie der Marquis, der nochmals glücklich dem Tode entronnen war, gerade zu rechter Zeit erschien, um seinen Sohn einem Räuber zu entreißen. 29 . Bei Herrn von Marville. Die Ereignisse dieser furchtbaren Nacht hatten noch immer nicht ihren Abschluß gefunden. Es galt jetzt, ans eine natürliche und glaubwürdige Art den Tod der drei Opfer darzustellen. Bezüglich des Barons und Nejane fand sich bald eine Erklärung. Die Verwirrung, welche die Niederkunft der Marquise verursachte, hatte einige Schurken in Versuchung geführt, im Hotel einzubrechcn. Der Baron von Chartille hatte unvorsichtigerwcise die Räuber allein verfolgt und war von ihnen er» mordet worden. Nejane, die der Lärm hcrbei- lockte, hatte sich zum Fenster hinausgebeugt und dann hatte sie, von Entsetzen erfaßt, das Gleichgewicht verloren und war in den Garten gefallen. Soweit ging Alles gut. Aber wie sollte Lacy's Tod erklärt werden? Vilers und Tony kamen überein, sich gleich Früh zum Polizeidirector zu begeben. Dieser war schon durch seine Policisteu von einem großen Theile dieser Nacht unterrichtet worden und sah daher dem Besuche Vilers' entgegen. Nach dem ersten Höflichkeitsaustansch mußte Vilers sein Wiedererscheineu erklären. Das war übrigens nicht schwer. Ta der Marquis sich eines neuerlichen Ver- rathes von Seite der Nothmäntler versah, so be- nützte er den Umstand, daß man ihn für todt hielt, um seine ehemaligen Freunde nicht aus den Augen zu verlieren und ihr ganzes Thun und Lassen zu beobachten. In allerhand Verkleidungen folgte er ihnen auf Schritt und Tritt, ohne je erkannt zu werden. Er war zugegen gewesen, als der Baron von Chartille Lavenay tödtete; er war auf der Straße von Vincennes nur zwei Schritte von den Policisten entfernt, um im entscheidenden Augenblicke cinzugreisen. Auch bei dem Streite Lacy's und Maurcvailles' war er Ohrenzenge, 8-ito 188 llluztrirtsg Wisasr Lrtr»dl»tt Nr. 52 und dem Unistande, daß er hie und da Bruchstücke ihrer Auseinandersetzung auffing, war es zu danken, daß cr im richtigen Augenblicke erschienen war, um die Rolle der Vorsehung zu spielen. Und jetzt, schloß Herr von Vilers seinen Bericht, nehmen wir neuerdings unsere Zuflucht zu Ihrer Unterstützung, die uns in den wichtigsten Augenblicken nie versagte, um die Geheimnisse dieser entsetzlichen Nacht mit ewigem Schweigen zu decken. Wahrhaftig, sagte nach einigen Augenblicken der Ueberlegung Herr von Marville, Ihr Märchen von dem Tode des Barons und Fräulein Rejane's ist ausgezeichnet erfunden, und ich sehe nicht ein, warum nicht auch Lach, der seinem alten Freunde, dem Baron, zu Hilfe gekommen war, ebenfalls von den unbekannten Räubern getödtet worden sein sollte. Das ginge ganz gut, wendete der Marquis hier ein, aber Maurevailles? Glauben Sie denn, daß dieser Schurke wieder zum Vorschein kommen wird? ' Wer weiß? Bei seiner Frechheit ist es möglich, daß er den Generaloberst Biron ausgesucht hat, der Nichts von den vergangenen Ereignissen weiß und ihm die Dinge ganz anders darstellte. Bedenken Sie doch, daß eS Gardisten waren, die Lach, ihren Officier, tödteten, und was immer zu ihren Gunsten geschehen würde, ein Kriegsgericht könnten wir nicht hindern. . Wenn er es wagen sollte, sie anzuklagen rief heftig Tony, würde ich ihm meinen Degen durch den Leib rennen. Dann würden auch Sie dem Kriegsgerichte verfallen, denn Maurevailles ist Capitain und Sie nur Lieutenant. Nein, mein lieber Tony, an Gewaltmittel darf nicht gedacht werden. Was ist also in diesem Falle zu thun? fragte Tony eingeschüchtert. Warten Sie doch ein wenig, sagte der Polizeidircctor, indem er auf seine Hammerglocke schlug. Das gntmüthige Gesicht La Riviere's kam zum Vorschein. Sie wissen, von was die Rede ist, fragte ihn Herr von Marville. . Der Polizist lächelte befriedigt und nickte bejahend mit dem Kopfe. Wir müssen erfahren, wo sich jetzt Herr von Maurevailles befindet. La Riviere lachte und rieb sich vergnügt die Hände. Wenn dem gnädigen Herrn durchaus darum zu thun ist, sagte er schalkhaft, so wird man da- Möglichste thun, um Sie zu befriedigen, aber es wird nicht leicht fallen, denn so wie Herr von Maurevailles reist, wird man ihn nur schwer einholen können. Was wollen Sie damit sagen? fragten die drei Herren gleichzeitig. Daß der Chevalier um vier Uhr FrüH auf der Straße nach Deutschland zu Pferde gesehen worden ist und daß man allen Grund hat, an- zunehmeu, der Chevalier habe die Absicht, Frankreich für immer den Rücken zu kehren, da er vor seiner Entfernung alle Verfügungen hinsichtlich seines Vermögens getroffen hat. Dann geht Alles ausgezeichnet und ich habe wahrhaftig große Lust, dem Chevalier alle Verbrechen zuzuschreiben, deren eigentliche Ursache er gewesen ist. In keinem Falle haben Ihre Soldaten Etwas zu fürchten ; Maurevailles wird Sie nicht klagen. Vilers und Tony dankten dem Polizei- director auf's Innigste und zogen sich zurück, um im Hotel eine traurige Pflicht zu erfüllen. Der tapfere Baron von Chartille hatte in der That für den Marquis und Tony, als er sie todt glaubte, eine schöne Leichenfeier abhalten lassen und es war nicht mehr als billig, daß die beiden Männer ihm Gleiches mit Gleichem vergalten. Die Leiche des Barons wurde auf einen Leichenwagen gelegt und von vier Pferden nach Saint-.Germain überführt, - wo seine Ahnen beigesetzt waren. Am selben Tage holte man aus dem Hotel die Leiche Rejanes, die in die Kirche Saint-Louis getragen wurde. Die Begräbniß-Ceremonien wurden geräuschlos abgehalten, damit ^die Marquise in ihrem Wöchnerinnenzimmer Nichts davon erfahre. Auf die Fragen nach ihrer Schwester antwortete man ihr, daß Rejane sehr leidend wäre, und ihr Zimmer nicht verlassen könne. Ueberdieß war ja Vilers jetzt da und seine Abwesenheit war lange und schmerzlich genug gewesen, als daß daS Nr. 53 lllastrtrts» «wiener 8«Us ISS Glück, ihn wieder zu besitzen, seine Gattin nicht sie übrige Familie hätte vergessen lassen. Erst als sich die Marquise nicht länger abhalten ließ, ihre Schwester zu besuchen, mußte man ihr die Wahrheit eingestehen. DaS war für sie eine furchtbar schmerzliche Entdeckung, aber ihr Kummer milderte sich mit der Zeit angesichts i des Glückes, ihr aufblühendes Kind und den ^ lange vermißten Gatten um sich zu haben. - Tony, der jeden Tag in's Hotel VilerS kam, brachte, um theilweise die Lücke auszufüllen, die durch Rejanes Tod entstanden war, Bavette ? mit, die schon einmal in traurigen Verhältnissen ^ Frau von Vilers' Trost gewesen war. ? Pivoine, der Normanne und La Rose, die k zuerst trotz des ihnen zugesagten Schutzes Herrn ! von Marville'S Angst gehabt hatten, daß der I Wichtige Sachverhalt dem Herzog von Biron, ^ Mm Generalobersten, bekannt werden würde und daß man sie als arme Teufel für die nächtliche Expedition büßen lassen könnte, waren jetzt ^ vollständig beruhigt, und da Tony bei ihnen ^ mit dem Gelde nicht sparte, lebten sie in SauS i und Braus und hielten sich für die Aufregungen der letzten Zeit durch manchen guten Trunk schadlos. Tony, der deS Barons von Chartille Erbe j geworben, war in der That jetzt ein reicher Mann. § Die Vorsehung, die dem Marquis von Langevin ^ nicht Zeit gelassen hatte, sein Vermögen seinem ' Enkel zu vermachen, hatte ihr Unrecht gut .gemacht, indem sie dem Baron von Chartille den- ^ selben Gedanken eingab. - Es hatte unserem Freunde nun gar Nichts > zum vollständigen Glücke gefehlt, wenn nicht die Erinnerung an Maurevailles, den er als einen ^ Abwesenden noch immer grenzenlos haßte, das- selbe getrübt hatte. Noch ein anderer Kummer nagte an seinem Herzen und das war der Gedanke ' an Bavette, die er täglich heißer liebte und der er sich doch nicht zu nähern wagte, weil er wußte, daß das junge Mädchen sein Verhältniß zu Frau Marion durchschaut hatte. Er mußte also auf sie verzichten, und dazu Wie er sich nicht stark genug, oder dieser Situation ein Ende machen, indem er bei Frau Nicols mn ihre Hand anhielt. Er entschied sich für das Letztere und die Wackere Frau war außer sich vor Freude. Sie . schickte ihn zu Bavette, die sich im Hotel befand, um auch ihr Jawort zu holen. Bavette empfing ihn mit stolzer Würde und sagte einfach: Herr Tony, Sie wissen, daß Sie nicht mehr das Recht haben, mich zu Neben. Für alle Anderen bezogen sich diese Worte auf die Scheidewand, die Tony'S Rang und Reichthum zwischen ihm und der Tochter der Marketenderin aufgerichtet hatten. Unser Held allein begriff den wahren Sinn derselben und die Hand auf sein Herz legend, sagte er schmerzlich bewegt: Ja, gewiß, sie hat Recht. Die Erinnerung an Frau Marion überkam ihn mit schmerzlicher Gewalt. Wenn wir Frau Marion's so lange nicht erwähnten, so geschah es, weil man sie fast nicht mehr sah. Die arme Verlassene suchte sich den Blicken der Welt zu entziehen und sie hatte dazu ihre guten Gründe. Tony, den Bavette in würdevoller Weise zurückgewiesen hatte, erinnerte sich, daß in der Rue Jeux-Neufs einer Trösterin seiner harrte, die in unendlicher Güte sein wundes Herz heilen würde. Er begab sich zu Frau Marion. Wir müssen gestehen, daß er schon seit geraumer Zeit seine frühere Beschützerin nicht besucht hatte, da er von seinem Dienste und den Ereignissen im Hotel von Vilers ganz in Anspruch genommen worden war. Er kannte aber Frau Marion zu gut, um sich nicht ihrer Verzeihung sicher zu fühlen. Er lief rasch dem Hause zu, in dem er seine Kindheit verlebt hatte, war aber sehr erstaunt, als er um die Straßenecke bog, alle Fenster ge- - schlossen zu sehen. Fest entschlossen, zu erfahren, was das zu bedeuten habe, trat er ein. 30 . Frau Marion. Die erste Person, der er begegnete, war die griesgrämige Babette, die ihn von der Seite ansah. Ah, da sind Sie ja endlich, Sie schöner Herr, brummte sie. Alle Wetter! Seit Sie ein ^er Schwur der Stothmäntler.* -r-r k V», .-rvUFW' Leit« 190 lUusirü-tes wiener Lrtr»dlLtt r^r. 53 so großer Herr geworden find, machen Sie sich sehr HUten! Meiner Treu, in früheren Zeiten waren Sie nicht so stolz! . . . Schön, schön, sagte Tony, liebe Babette, der an die Ausbrüche ihrer schlechten Laune gewöhnt war, wo ist Frau Marion ? Frau Marion ? Sie erwartet Sie, die arme Seele! . . . Sie wartet schon längst auf Sie! Er trat in's Zimmer. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er sah, wie Frau Marion an einer Wicgendecke stickte. Sie erhob sich bei seinem Erscheinen. Er sah sie und verstand Alles. Marion, sagte er zaghaft, ich bin es . . . können Sie mir verzeihen? Dir verzeihen, sagte die arme Frau mit traurigem Lächeln, was hätte ich Dir zu verzeihen ? Ich bin lange nicht gekommen . . . aber wenn ich Dir erklärt haben werde . . . Erklären Sie mir Nichts, lieber Freund, ich habe Sie nicht mehr erwartet. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, um mir zu beweisen, daß Sie mich nicht vergessen haben. O nein, niemals! Mein ganzes Leben lang werde ich Ihnen für diese Freundlichkeit Dank wissen. Höre mich an, Marion, rief der junge Officier, denn vor einigen Monaten sagten wir ja einander nicht Sie und ich weiß nicht, warum Du jetzt diesen kalter; Ton anschlägst. Marion, meine gute Marion, Du bist im Begriffe, Mutter zu werden, Mutter eines Kindes, das auch mein Kind ist. Gut denn! Ich bin jetzt reich, sehr reich. Der arme Baron von Chartille hat mich im Sterben zu feinem Erb^n eingesetzt . . . Heiraten wir einander! . . . Aber die jnnge Frau schüttelte den Kopf. Niemals, niemals, Tony, sagte sie sauft. Heiratet eine arme Frau, wie ich, einen so großen Herrn, wie Du jetzt einer bist? Siehst Tu, jetzt lächelst Du selbst ... Ich darf Dir in Deiner Laufbahn nicht hinderlich fein. Geh' nnd mache Dir keine Gewissensbisse ... ich zürne nicht, nein, ich biu Dir im Gegenrheile nur unendlich dankbar für den Vorschlag, den Du mir machtest ... Ich bitte Dich nur um Eines . . . Laß mir Dein Kind. Ich werde es gut erziehen, das schwöre ich Dir, und cs Deiner würdig machen, aber ich möchte es bei mir behalten bis zu dem Alter, wo es in's Leben zu treten hat. Wenn es ein Sohn ist. werde ich es Dir geben und ich werde dafür sorgen, daß er uns Beide liebt und achtet. Tony zögerte. Das Opfer der jungen Frau, das ihren guten Ruf vernichtete, erschien ihm so groß, daß er Bedenken trug, es anzunehmen. Endlich ward er durch ihre flehende Miene besiegt nnd sagte: Da Du es durchaus willst, da es Dein ganzes Glück auszumachen scheint, so behalte es . . . aber erlaube mir. mir stets vor Augen zu halten, daß ich sein Vater bin! Er entfernte sich nachdenklicher und in düsterer Stimmung. Nun, sagte er, da es schon mein Ver- hängniß zu wollen scheint, daß Niemand mich begehrt, so will ich jetzt nur eine Geliebte haben, und zwar das Vaterland. Wenn nicht Bavettr noch anderen Sinnes wird, konnte er nicht umhin, in Gedanken hin- zuzufügen, wobei ein Lächeln sein Gesicht aushellte. Und Goliath? Dieser sitzt jeden Abend entweder in der Schänke der Gardisten oder in der Cäntine der Fran Nicolo, für die er eine kleine Schwäche hat. Der kleine Mann besitzt immer eine wohlgefüllte Börse und hält nicht nur seine Freunde Pivoiue, La Rose und den Normannen frei, sondern auch alle anderen Gardisten, die ihn mit ihrer Freundschaft beehren, und wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, müssen wir- sagen, daß es ihm nie an Freunden fehlt. Nach jedem Gelage predigt Goliath seinen Zech ge ii offen : Das allerbeste ist der Wein, der hellt den Kopf ans, der macht erfinderisch. Vielleicht fällt mir während des Trinkens noch einmal ein, aus welche Weise ich es zu Stande bringe, unseren tapfersten Officier mit der Tochter Mutter Acolos zu verheiraten. DaS gebe Gott! antwortete Pivoine mit seiner heiseren Stimme. Ende. l' 7^^». *V «L » . >- ' :;>Ä