Wien, 18. 4. 1915
liebster Freund, mach nicht irrsinnig glücklich mit der Zusicherung
solcher Freundschaft! Ich war selten so nahe am Weinen als jetzt beim Lesen Deines Briefes. Wie
war es möglich, daß alles so kam? So schnell und in so unsicherer
Zeit! Ich kann nicht ganz klar nachdenken, ich weiß es eigentlich
nicht genau, wie es kam. Als ich es wußte, war es schon da. Alles,
woraufich stolz war, mein Verstand, mein analysierendes Denken, meine
Beobachtungsgabe, alles wurde überrumpelt, ohne daß ich es wußte.
Es drückt mich schwer der Gedanke: Wie konnte ich so lange irren,
wieso konnte ich im Grundsätzlichen, im Fundamentalen fehlen!
Ich muß eine sehr langsame, kindliche Entwicklung gehabt haben, denn
das waren unreife Kindergewohnheiten, die ich hatte. Es scheint
mir die Gegenwart wie ein Traum; mein Glück ist, daß es keiner ist, ich will ja
Wirklichkeit. Mein Auge muß bisher blind gewesen sein; es hat sich
immer falsch eingestellt. Ich habe nie eine Frau oder ein Mädchen
gesehen, tatsächlich nicht, wörtlich nicht! Als ich heute bei der
Station Hietzing sie erwartete, war es das erste Mal, daß meine
Augen Kleider, Hüte, Bewegungen suchen mußten. Damit hat für
mich die Welt ein vollständig neues Bild bekommen. Ich könnte ver=
zweifelt lachen (aus Traurigkeit), daß ich immer dorthin sah, wo ich
nichts zu finden hatte. Die raffinierte Technik, zu der ich es gebracht
habe, muß ich nun auf das neue Geschlecht transponieren. Nachmittags
habe ich allein einen Spaziergang versucht und habe mir vorgenommen,
alle Frauen und Mädchen anzusehen. Ich habe mich gefreut wie ein
Kind über diese Neuheit. Zehn Jahre hindurch habe ich das über=
sehen müssen! Aber wie konnte ich auch wissen, daß es so etwas gab,
wie das, was nun mir gehören wird? Daß die Welt so etwas trägt!!
Ich bin nicht so ganz gewöhnlich verliebt; es ist anders als vor zehn
Jahren in Klosterneuburg; das gehörte damals auch zu meinen Irrtümern,
trotzdem ich mich im Fundamentalen nicht geirrt hatte. Aber vielleicht
gibt es noch etwas Größeres, das ich noch nicht kenne.
Nun muß ich wieder in Deinen Brief schauen, ich will Dir ja ant=
worten. Aber ich kann nicht, mir fällt immer etwas Anderes ein. Jetzt
verstehe ich das, wie einer „der Erotiker” heißen kann. Es ist zum Lachen
blöd! Gibt es denn so etwas? Entweder ist man ein Kadaver, ein
liebster Freund, mach nicht irrsinnig glücklich mit der Zusicherung
solcher Freundschaft! Ich war selten so nahe am Weinen als jetzt beim Lesen Deines Briefes. Wie
war es möglich, daß alles so kam? So schnell und in so unsicherer
Zeit! Ich kann nicht ganz klar nachdenken, ich weiß es eigentlich
nicht genau, wie es kam. Als ich es wußte, war es schon da. Alles,
woraufich stolz war, mein Verstand, mein analysierendes Denken, meine
Beobachtungsgabe, alles wurde überrumpelt, ohne daß ich es wußte.
Es drückt mich schwer der Gedanke: Wie konnte ich so lange irren,
wieso konnte ich im Grundsätzlichen, im Fundamentalen fehlen!
Ich muß eine sehr langsame, kindliche Entwicklung gehabt haben, denn
das waren unreife Kindergewohnheiten, die ich hatte. Es scheint
mir die Gegenwart wie ein Traum; mein Glück ist, daß es keiner ist, ich will ja
Wirklichkeit. Mein Auge muß bisher blind gewesen sein; es hat sich
immer falsch eingestellt. Ich habe nie eine Frau oder ein Mädchen
gesehen, tatsächlich nicht, wörtlich nicht! Als ich heute bei der
Station Hietzing sie erwartete, war es das erste Mal, daß meine
Augen Kleider, Hüte, Bewegungen suchen mußten. Damit hat für
mich die Welt ein vollständig neues Bild bekommen. Ich könnte ver=
zweifelt lachen (aus Traurigkeit), daß ich immer dorthin sah, wo ich
nichts zu finden hatte. Die raffinierte Technik, zu der ich es gebracht
habe, muß ich nun auf das neue Geschlecht transponieren. Nachmittags
habe ich allein einen Spaziergang versucht und habe mir vorgenommen,
alle Frauen und Mädchen anzusehen. Ich habe mich gefreut wie ein
Kind über diese Neuheit. Zehn Jahre hindurch habe ich das über=
sehen müssen! Aber wie konnte ich auch wissen, daß es so etwas gab,
wie das, was nun mir gehören wird? Daß die Welt so etwas trägt!!
Ich bin nicht so ganz gewöhnlich verliebt; es ist anders als vor zehn
Jahren in Klosterneuburg; das gehörte damals auch zu meinen Irrtümern,
trotzdem ich mich im Fundamentalen nicht geirrt hatte. Aber vielleicht
gibt es noch etwas Größeres, das ich noch nicht kenne.
Nun muß ich wieder in Deinen Brief schauen, ich will Dir ja ant=
worten. Aber ich kann nicht, mir fällt immer etwas Anderes ein. Jetzt
verstehe ich das, wie einer „der Erotiker” heißen kann. Es ist zum Lachen
blöd! Gibt es denn so etwas? Entweder ist man ein Kadaver, ein