Wiener Allgemeine Zeitung. Redaktion: I., Grünangergasse Nr. 2. - Administration: I., Schulerstraße Nr. 14. Telegramm-Adresse: "Allgemeine Wien". Telephone der Redaktion: Nr. 1214 u. 1215 Telephon der Administration: Nr. 1024 Wien, am 17. August 1919. XIII Hügelg. 7 Verehrter Meister! Sie fragen mich, warum ich nichts sende, und es ist mir peinlich Ihnen darauf zu antworten. Sie wissen, wie aufrichtig und warm meine Verehrung für Sie als Künstler und Menschen ist. Ich brauche sie hier nicht besonders zu betonen. Aber mit Ihrem Verleger kann ich mich nicht verständigen. Ich kann nicht weiter gehn als ich gegangen bin, ich habe ihm erklärt, daß ich in diesen Zeiten von der Hand in den Mund lebe und nicht ohne einen Vor- schuß mich an diese Arbeit machen kann. Er aber ist harthörig oder stellt sich so, und pocht darauf, daß aus Berlin ein ausgezeichnetes Textbuch für Sie bereit liegt im detaillierten Szenarium. Habeat sibi , sage ich mir und nichts liegt mir ferner als mich aufzudrängen. Beim "Kuhreigen" habe ich kein Buch= honorar bekommen. Gut, ich war ihm fremd. Aber bei der zweiten Oper kann sich das doch natürlich nicht wiederholen. Jetzt habe ich doch mindestens ein Recht, einen mir die Arbeit ermöglichenden Vorschuß auf das Honorar zu verlangen. Tut er's nicht, scheint ihm meine Arbeit nicht so viel wert, ei nun so laß er's bleiben. Jedenfalls wird er nicht verlangen, daß ich bestellte Arbeiten liegen lasse und Libretti schreibe, an denen ihm so wenig gelegen ist ... Sie und ich - das ist ein anderer Fall. Und die Kellersche Legende, die Sie mir vorschlagen - hab ich ja bereits gemacht, für Maestro Poldini, vor elf Jahren! Er aber wußte, wie er mir ehrlich bekannte, schließlich nichts Rechtes damit anzufangen, was ich bei ihm schließlich verstehe. Seither liegt es, anständig honoriert, bei ihm. Ich will es mir von ihm erbitten und Ihnen vorlegen, ob es Ihnen gefällt, und wenn dies der Fall wäre, könnte man sich leicht mit Poldini einigen. Einiges würde ich heute vermutlich ändern, aber im ganzen halte ich es für ein gelun- genes Produkt meiner Muse, das gerade Sie famos vertonen würden. Änderungen ganz nach Ihren Wünschen. Soll ich? Vom guten Erfolg des "Kuhreigen" in Berlin habe ich bereits ge- hört. Wenn nur auch Dresden zu machen wäre! Jedenfalls Dank für die Nachricht! Im "Vorwärts" soll man's sehr gelobt haben. Lasen Sie Näheres? Ich selbst arbeite jetzt an Übersetzungen ital. Opern und an einem Führer durch Schuberts sämtliche Werke für Ullstein, der sehr gut honoriert. Hoffentlich setzt mich diese Brotarbeit in den Stand, bald wieder nach freier Wahl zu arbeiten, was ich will. Meine Lage ist aber jetzt, wo ich von böser Krankheit u. schweren Gemütsaffekten langsam genese, eine solche, daß ich noch nicht Herr meiner Entschlüsse bin, zumal mir die natürliche Aufgabe zufällt, für eine erwerbsunfähige Schwester zu sorgen, falls mir was Menschliches begegnet. Haben Sie schon mit Weingartner gesprochen, seit er in Währing das Szepter führt? Schreiben Sie ihm doch ein paar Zeilen! Ich glaube bei aller stets mit Wärme betonten Gesinnung für Sie, oder gerade deshalb, will er ein bischen gebeten sein. Wenn er den Kuhreigen neu studierte oder gar selbst dirigierte, würde das das Prestige mächtig heben. Wenn Sie das erste Wort in dieser Sache zu ihm ge= sprochen haben, setze ich meinerseits gerne fort, und ich glaube, er gibt etwas auch auf meinen Rat. Bis in die zweite Novemberhälfte bin ich, wie gesagt, belegt. Dann wäre ich zu intensiver Arbeit frei. Hoffentlich sieht es Weinberger inzwischen ein, daß die Art, wie er mit mir verfährt, eine in der Person verfehlte ist. Ich schätze die vielen, vortrefflichen Eigenschaften des Mannes wahrlich nicht ge= ring, aber er müßte doch erkennen, daß er bei allem Wohlwollen, das ich gern anerkenne, mich in meinem Wesen verkennt und mich nicht richtig beurteilt... Vom ganzen Herzen wünsche ich Ihnen, lieber Meister, einen guten Sommeraufenthalt. Und wie es auch komme: wir bleiben die Alten. Mit kräftigem Handschlag darauf bin ich Ihr verehrungsvoll ergebener Batka