4. Eingeschriebener Hf.9. Fabriksgatan. Jnr. 31, 1919 Mein lieber Namensvetter. Sie haben meine Karte v. 29!? Darin wurde Vor- liegendes angemeldet. Anbei 3 Einlagen. Sollten Ihnen mit meinem künftigen Br. an unsere Freundin zugehen. Bis es dazu kommt, könnte länger dauern, als für 2 dieser Einlagen erforderlich: ihrethalber keine Zeit zu verlieren. Betrifft die neue Anzengrb. Ausgabe. Daher kommt gegwrt. Brief, dessen Inhalt ganz persönlich. Wir haben die Folgen der von Preussen u. seinem Souverän erstrebten Gloire gründl. auszulöffeln. Möge die Menschheit endl. einsehen, welcher Blödsinn der Krieg ist. Sein Ansehen nur das hohe Alter einer kultur= widrigen Rückständigkeit. Der engl. Postbeamte R. Hill, der die Postmarke erfand, hat mit einem kl. Papiervier= eck "die Welt erobert" u. ihr eine Wohlthat erwiesen, mil- lionenmal mehr heilbringend als alle Welteroberer zusam= mengenommen. Um Das einzusehen, hätte es wahrlich nicht der 4 Schauerjahre bedurft, die Preussen über Europa heraufbeschworen. Hoffentl. wird unsereiner es überstehen. Aber bin über & über verekelt. In meinem Leben ist ein entscheidende Wendung eingetreten: ich muss mir künftig die Freude eines Wiedersehens mit meinen auswärtigen Freun= den, wie dieselbe mir durch meine Reisen ermög= licht wurde, versagen. Nachdem alle Lebenskosten ins Unabsehbare gesteigert werden und das blose Sattwerden zum Verschwenden zwingt, hat auch der Hausbesitzer, bei dem ich 12 Jahre ein bequemes Lokal innegehabt, den Preis dafür um mehr als 50% gesteigert. Weil Umzie- hen mit allem Drum & Dran zum Ärgsten gehört, womit man heimgesucht werden kann, habe ich in die Steigerung willigen müssen. Damit entfällt für mich jede Möglichkeit einer Reise. Meine Einkünfte, ohnehin bemes= sen, sind sonst auch stark in Anspruch ge= nommen. Für den Verkehr mit auswärtigen Freunden muss der Briefwechsel genügen. Das ist hart, aber ist zu ertragen. Ihnen wird nicht entgangen sein, in welcher Aufregung das soeben abgelegte Geständniss geschrieben ward. In meinem Leben habe ich keine solche Folter durchlebt, wie die Wochen, bis die Wohnungsfrage erledigt war. Ich war es meiner Beruhigung schuldig, die mir gestellten Bedingungen anzunehmen. Uebrigens gehörten meine Reisen den Zeiten im Jahre an, wo der Aufenthalt hier besonders angenehm, während die abscheulichen Wintermonate hierorts zu verbringen sind. Auch habe ich zu bedenken, dass der Verzicht, von dem ich betroffen worden, ein Glück ist im Ver= gleich mit dem, was in meinem hohen Alter leicht hätte eintreten können: Lähmung durch einen Schlaganfall. So habe ich mich einer leidlichen Gesundheit zu erfreuen, die mir hoffentl. nicht entrissen wird .... Eine an= dere Heimsuchung möge mir auch fernbleiben. Ich bin zum tägl. Gedeihen ganz & gar auf eine alte treue Dienerin angewiesen, die um 2 Jahre älter ist als ich und bisher nur gelegentlichem Unwohlsein verfällt, dem bald u. leicht abgeholfen ist. Die brave Person hat nahezu 45 Jahre bei mir zugebracht. Sie ist einwenig beschränkt & es bedarf bei ihr vieler Geduld, aber in ihren Leistungen u ihrer Sorgfalt um mich ist sie musterhaft. Etliche Tage seitdem Karte von unserer Freundin gekommen, die darin erwähnte ihr voraufgegangene immer noch ausstehend. Verkehr also immer noch sehr ungleichmäässig. Von Ihnen zuletzt die am 11. Jnr erhaltene Karte, für die ich sofort gedankt Eine abermalige dürfte im Anrücken sein. Werde schleunigst danken. Baldmöglichst lassen Sie mich wissen, dass Gegenwärtiges, namentlich das Anzengrübliche, Ihnen rechtzeitig zu Händen gekommen. Die Zustände in Europa werden sich doch schliessl. entwirren. Mit verbindl. Gruss von Walter herzlich Ihr Wilh. Bolin An W. Börner. Anzengruber: gesml. W:ke. Die vom Monopolisten besorgte Ausgabe eine Willkürleistung. Anzgbr. , von sich aus durchaus Dramatiker, wird als solcher erst in d. 2n Hälfte der Schriften vor= geführt, deren Reihe zudem mit seinem besten Roman eröffnet wird. Verkehrter kann nicht verfahren werden. Also dies durchaus zu meiden. Ebenso hat eine neue u. besser verfasste Biographie hinzuzukommen. Die vom Btlhm ein Machwerk mit stiller Vorliebe f. den entstell= ten "Schandfleck". Dessen ausge= schiedene Stücke, durch fremden Einfluss erwirkt, wurden, blossen Erwerbes halber, f. d. "Kamera= din" gerettet, die keinenfalls der neuen Gesammtausgabe beigefügt werden darf. Dagegen wären die ein= zelnen Bde mit Stücken aus der Sammlg. "letzte Dorfgänge, Ka= lendergeschichten" zu ergänzen wäre. Das ergäbe zusammen 12 Bde, wovon als Bd. 1. die neue Bio= graphie zu setzen wäre. Beide gr. Romane am Ende, als 11 & 12. Das beste zuletzt. Der umgearbeitete "Schandfleck" hat voraufzugehen. Es giebt noch eine ins Wie= nerische übertrgn Komödie deren Titel mir entfallen u. die Haupt= person in 3 Altersstufen vorführt nach einer von der Judic endlos oft gespielten, die französ. die Benennung "Lili" hat. Könnte fügl. wegbleiben. Ohne Ursprünglich= keit wie der ältere "Schandfleck". Ebenso: "Faustschlg".- "Tochter d. Wu= cherers" & "Aus´m gewohnten Gleis". - Kürzl. aufgefunden "Ein Geschworener". - An W. Börner. Mehr anlässl. Förster jnr. Rlgn ein wichtiger Faktor in der Kultur= entwicklung, aber deren Fortschreiten nicht durch, vielmehr gegen Rlg. Dies trifft bei Ethik so genau zu wie bei Heilkunde: beide standen unter Obhut d. Rlg. Förster will diesen Zusmmh. beibehalten. Dies ist Ro- mantik. Genau so verfuhr s. Z. die von Frb [W:ke Bd 7 S.154.] gekennzeichnete "Christl. Medizin". Genau so verfahren heute noch "Gesundbeter", die nette Ho= norare herausschlagen. - Soll die Heilkunde & Gesundheitspflege ihre endl. erworbene Selbständigkeit ausgeben? Hr. Förster könnte dies ebensogut verlangen wie die Unterodnung d. Ethik unter d. Rlgn. Kath. Rlg. hat die Künste in ihrem Dienst: die bildenden wie Musik u Poesie. Will man sie geniessen, muss es bei nichtstatthaben d. Gottesdienstes geschehen. "Rlg" weicht v. Kust als solcher, die hier in voller Unabhängigkeit stehen, während sie beim Gottesdienst Mittel bleiben. Eben- so ists mit d. Musik. Beim Gottesdienst verwendet, muss sich die Musik die ärgsten Unterbrechungen seitens pfäffi= schen Geplärrs gefallen lassen. Will man die Meisterwerke geistl. Tonkunst als solch geniesen, geht man in den Kon= zertsaal, um ästhetisch zu geniesen, und bleibt aller "Andacht" fern. Hr. Börner spricht anerkennend von Dr. Först Abhandg üb. d. Willen. Kann die Darstellung frei von den Mängeln, Widersprüchen sein, welche Kants Haltung üb. diesen Gegenstand kennzeichnen? Druckfehler. Jodl , allgem. Ethik S. 281: oben, 6e Zeile abwärts st. Lasten=lies Lastern. V. Lebensweg Bd. I. S.: 213. oben 1r Absatz steht 1851, offenbar 1815